
                                 Gutzkow, Karl

                              Der Zauberer von Rom

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                                  Karl Gutzkow

                              Der Zauberer von Rom

                                  Erster Band

Auf seiner Harzesfeste jubelte Heinrich der Lwe, als Friedrich Barbarossa, wie
schon einmal vor ihm selbst in Chiavenna, so in Venedig vor Alexander dem
Dritten die Kniee beugte und der Stellvertreter Christi die Worte der Schrift
ber den gedemthigten Kaiser sprechen durfte: Ueber Nattern und Vipern will
ich deine Schritte fhren!
    Jetzt freilich, und in diesem Jahre erst, sah der Verfasser einen erlauchten
ritterlichen Prinzen des sterreichischen Kaiserhauses unter demselben
Baldachin, der des Patriarchen Haupt bedeckte, in Venedig friedlich
dahinschreiten am Tage des Fronleichnam. Die schmetternden Klnge der Hrner,
Posaunen und Ophikliden der deutschen Regimenter hallten an den Wnden des
Marcusplatzes wider. Schlachtengebrunte Generale, den Hut unterm Arm, folgten
dem Zuge, den ein weies, vor wenig Tagen geworfenes Lamm, mit rothen und blauen
Bndern geschmckt, erffnet hatte. Ein blonder Knabe in weien,
schleifenbesetzten Atlasschuhen, angethan wie einer jener spanischen Infanten,
die auf frstlichen Familienbildern Tizian malte, fhrte das Symbol der Kirche
an einem rothen Gngelbande.
    Und dennoch ist der Streit der Welfen und Ghibellinen noch unbeendet!
    Unausgefllt die Kluft der deutschen Einheit und der lateinischen und
germanischen Welt berhaupt!
    Diejenigen Cabinete kennen wir, denen wenig damit gedient gewesen, als die
Schlacht von Bronzell nur eine traurige Caricatur wurde!
    Wir haben die Liga, haben die Union! Was verbrgt uns, da nicht das
Vaterland eine zweite Schlacht von Mhlberg erlebt, die einst gefahrvollste
Stunde unserer Geschichte ... Nur selbstverstndlich wird der Kaiser, der
beruhigend den knieenden Frsten zuruft: Nicht Kopf abe! kein Spanier sein.
    Das alte blut- und thrnenreiche deutsche Vermchtni, die Spaltung in Sd
und Nord, kann noch immer die Bresche werden, ber welche hinweg unsere
Heiligthmer, Sprache, Bildung, Nationalitt, Volkswohl, im Vlkersturm genommen
werden, und frher oder spter ist die Stunde da, wo entschieden wird, ob die
Welt den Slawen, Celto-Romanen oder Germanen gehrt.
    Die nachfolgende Dichtung will, soweit dem Worte eine Wirkung zukommen kann,
beitragen helfen die vaterlndische Einheit zu frdern. Sie will warnen, will
ermuntern. Sie will die Gefahren aufdecken einer trgerischen Lockung. Sie will
den lieblichen Ton der Pfeife des Vogelstellers nachweisen selbst in dem
Busch, wo Tannenzapfen, nicht Orangen reifen. Sie will einem groen,
sehnschtigen, auch von ihr heilig gehaltenen Hang und Drang der christlichen
Vlker wrdigere Ziele zeigen, als sie sich bisher in der fernen Fata-Morgana
spiegelten. Sie will fr jene heraufziehende Entscheidung den germanischen
Kampfesmuth schren, tausendjhrigen Siegerstolz nhren helfen, will den
Verrthern unsers eigenen Heerlagers auf ihren geheimsten und nchtlichsten
Pfaden folgen. Sie will -
    Doch spreche die Absicht des Buches aus ihm selbst!
    Der Verfasser widmet es seinem Volke und seiner Zeit.
    Er stellt diese Widmung mit ruhiger Ergebung in die Aufnahme, die von einer
Seite aus nur die feindseligste werden kann. Hufe sie Schimpf und Schmach - ein
Theil der angestrebten Wirkung wird dann erreicht sein.
    Wohlwollenden aber, Uebereinstimmenden, Gerechten den innigsten Gru zuvor!
Der Verfasser kennt aus schner Erfahrung das Glck, fr Gemther zu schreiben,
die den Autor gleichsam nur bevollmchtigten das zu sagen, was schon lange ihnen
selbst auf dem Herzen brennt. Eine der seligsten Wonnen - Uebereinstimmung! Ein
nur leise angeschlagener Ton und die Hingebung und Liebe fhren ihn weiter!
Wissen: hier lchelt der Leser wie du: hier feuchtet sich sein Auge wie dir:
hier errth er dein Rthsel, noch ehe du zu Ende warst es zu stellen: hier
knnte er deiner einfachen Andeutung eine Flle eigener Erfahrung an die Hand
geben: welche Kraft entstrmt diesem sichern Bewutsein! Findet ihr zu viel
grelles Licht, ihr seid gewi, der Schatten wird nachkommen; dunkelt es zu
lange, ihr vertraut, da es bald am Licht nicht fehlen wird! Was ist hier Gutes,
was Bses? rufen wol schon im Beginn die, die gewohnt sind nur sich selbst zu
hren. Ihr ermdet nicht, die Anklage oder Vertheidigung der Charaktere
allmhlich erst sich aufsummen zu sehen. Nur schwarze oder weie Menschen haben
wir Engverbundene in unserm Erfahrungsbuche nie finden knnen und ... stelle
doch, du gefallenes Titanengeschlecht, Menschheit genannt, dem Weltenrichter
einst groe Aufgaben! Sprche urtiefer Weisheit fallen am Jngsten Tage, nicht
Schulcensuren ...
    Das erste der neun Bcher ist nur ein Vorspiel, der erste, schwere
Jugendtraum eines in solcher Art gemischten Charakters. Der Roman selbst,
sowol in Form wie Bedeutung nach den Anforderungen an einen Roman des
neunzehnten Jahrhunderts, wie ihn der Verfasser in seinen Rittern vom Geist zu
definiren wagte, beginnt erst mit dem zweiten Buche. Die kleinen Funken, die
dort erst zu znden bestimmt sind und die in den Vorgngen des ersten Bandes,
dem jungen Dmmerleben einer weiblichen Seele, nur spielend auf- und
niederhpfen konnten, wird des Kenners Auge leicht herausfinden. Sei ihre
Irrlichtsnatur auch dafr Brge, da jetzt wie frher der Verfasser nichts um
der nchsten Deutung willen schrieb oder mit grober Absichtlichkeit dem freien
Schwebegang der Muse Zwang anthun wollte! Wie sonst wird auch hier das Gesetz
des Lebens walten und jede freie Lust am Dasein, jede Regung der natrlichen
Empfindung den Keim ihrer hhern Deutung in sich selbst oft vllig unbewut
tragen. Denn in solchem Humor leben wir. All unser Denken und Handeln ahnt die
Schatten nicht, die es im Licht der Wahrheit wirft.

                             Dresden, im Juli 1858.


                                  Erstes Buch

                                       1.

Langen-Nauenheim ist eines jener nordhessischen Drfer, die mitten im Herzen
Deutschlands liegen und denen dennoch nicht so warm gebettet ist, wie es an der
Brust einer so groen Mutter, wie das Vaterland, sein sollte.
    Sieht man die verfallenen Htten mit ihren Stroh-und Schindeldchern, die
dnngeseten wie frierenden Halme auf den Feldern, das sptreifende Steinobst an
den wenigen Bumen oberhalb eines der vielen Bche, die da- und dorther von den
rothen Felsen des Gebirges so behend niedereilen, als suchten auch sie, wie
andere Murmelquellen, blumengeschmckte grne Matten, so begreift man nicht, wie
noch all der Kummer und das Elend es hergeben, da in der Landeshauptstadt jeden
Mittag Schlag zwlf Uhr eine so prchtige Wachparade mit goldgestickten
Uniformen und stolzberittenen Husaren aufziehen kann.
    Aber Langen-Nauenheim ist darum auch so gut regiert wie Klein-Bockenheim und
Ober-Heddersheim, und hat am Eingang und Ausgang seinen bunten Pfahl mit den
Landesfarben und den Namen des Regierungs- und Steueramtsbezirks, zu dem es auf
Gottes Erdboden gehrt, hat sein Amthaus, seine Spritzenordnung, seinen
Feuerversicherungszwang, seinen Bttel, seinen Nachtwchter und seinen sogar
landesherrlich salarirten Schulmeister.
    Letzterer heit Gottlieb Schwarz.
    Gerade jedoch sein Huschen ist keines von den schmuckern.
    Es lehnt sich fast an die Kirche an, die selbst so grau und geflickt
zwischen zwei kleinen Hgeln liegt wie ein groes Storchennest zwischen den
Hrnern eines Strohdachgiebels. Es hat sogar Fenster, wo die Scheiben mit alten
Schulheften geflickt sind; der Regen corrigirte die Schreibfehler und falschen
Grundstriche der bildungsbeflissenen Jugend. Ein Grtchen liegt dicht in der
Nhe mit einem Staket von drrem Reisig, zwischen dem im Juni manchmal einige
Erbsen blhen, falls man im April sie zu sen nicht vergessen hat, was auch
schon vorgekommen ist.
    Vor Jahren ... ja, damals war es noch anders.
    Damals war Gottlieb Schwarz selbstverstndlich noch jung, noch mit rosigen
Hoffnungen aus einem hochlblichen Landes-Schullehrerseminar hervorgegangen. Wie
herrlich hatte sich das ausgenommen, wenn die jungen Volks-Lehramtscandidaten im
Seminargarten Rosenstcke veredelten und se Birnen auf sauere Quitten
pfropften! Auch Seidenzucht trieb man, versandte auch - wenigstens im Geiste -
den kstlichsten Honig an die Lebkchler von Frankfurt am Main und Nrnberg! In
der Theorie bewhrte sich alles prchtig und vielleicht auch einige Jahre in der
Praxis, wenigstens zu Langen-Nauenheim, am Diemel-, Demel-, Donners- und
Dustersbach ... die Geographen haben unter vier Bchen, an denen sie
Langen-Nauenheim knnen liegen lassen, die Auswahl ... dann aber ... ja dann
folgte vorzugsweise ein Weib, das nicht richtig gewhlt war, folgten Kinder,
sieben lebendige, nchstdem keine Befrderung, keine Aufbesserung, immer die
aschgraue Zukunft und das vielbesprochene Leid eines deutschen Schullehrers,
eines Berufes, den pltzlich eines schnen Morgens in Deutschland, dem
Vaterlande des Gedankens, der Buchdrucker- und Buchmacherkunst, niemand mehr
gewhlt haben wird, weil allerdings bei der Locomotive den Ofen heizen
eintrglicher ist.
    Gottlieb Schwarz erntete, vollends als Witwer, Brennesseln, wo er einst von
oculirten Rosen getrumt hatte ... von jenen saftigen, lnglichen, so schn, so
schn rthlich angesprenkelten Birnen, die man beim Dessert eines frankfurter
Bankiers Tafelbirnen nennt und die selbst die eingeladenen Diplomaten nicht
verschmhen in die Tasche zu stecken und sie ihren Kindern vom Diner mit
heimzubringen ...
    Doch um von Kindern zu reden ...
    Gottlieb Schwarz wird soeben von seinen sieben Lebendigen eines los.
    Das ist die Lucinde, die Aelteste! Dies mit der damals noch nachschimmernden
Romantik des Seminars getaufte Kind Maria Ludovica Lucinda ist eben dreizehn
Jahre alt und im Begriff die Kinderlehre zu absolviren. Ein nach dem
unpoetischen Vergleich eines Fuhrmanns wie eine langhalsige Flasche
aufgeschossenes Mdchen steigt in eine Kutsche zu einer vornehmen alten Dame,
die sie nach der Residenz entfhren will.
    Maria Ludovica Lucinda, die mit solchem Staatsnamen Getaufte, die htte der
Vater eigentlich lieber behalten sollen. Sie war in seiner spt geschlossenen
Ehe das erste sptgekommene Kind gewesen (als eines den Anfang gemacht, ging das
Niederkommen rascher, die Natur hat ihre wunderlichen Gesetze); sie war noch,
wie ihr Name zeigte, von leuchtenden Hoffnungen begrt gewesen, und Ida, Clara,
Estrella, Balduin, Hugo, Achilles, Patroklus, was sollte nicht noch alles ihr
nachfolgen! Doch blieb der hoffnungsvolle symbolische Aufschwung nur bei der
Erstgeborenen, und die Sptern hingen schon alle von den Namen derer ab, die
ihnen ein Pathengeschenk ins Tauftuch binden konnten. Lucinde, die Romantische,
ein Nachhall verklungener Jugend-Zaubertne, - goldenes Morgenroth des Lebens,
da wir dein Bild einst nur noch einmal wiedersehen, im Abendroth! - Lucinde
verwerthete sich dem Witwer noch am besten von seinem reichen Kindersegen. Die
Lange hatte Neigung zum Schulmeistern. Sie konnte zwar keinen Eierkuchen
backen ohne ihn anzubrennen, aber sie stand dem Vater in seiner schon
sogenannten Schulfuchserei bei. Sie sprach gerade nicht englisch, nicht
franzsisch, aber an einer alten Wandlandkarte, die sich staatsinventariumsmig
im Langen-Nauenheimer Schulhause erhalten hatte aus einer Zeit, wo man noch
einige Inseln der Sdsee und das Innere Afrikas nicht entdeckt hatte, konnte sie
stundenlang stehen und ihrer Zuhrerschaft Wunder vortragen von den Pyramiden,
die sie nach Amerika, von den Porzellanthrmen, die sie nach Afrika versetzte.
Alle die Gegenden, wo es noch Bren und Wlfe gab, wurden der Langen-Nauenheimer
Jugend von ihr im hintersten Indien gezeigt, womit freilich im Widerspruch
stand, da der Revierfrster der zwei Drfer weiter wohnenden Herrschaft dann
und wann noch einen von da drben herber, dem Rhngebirge, kommenden Wolf
gegen Weihnachten geschossen hatte.
    Gottlieb Schwarz war schon lange in der Stimmung, zu allem, was ihm das
Leben bescherte, nur zu lcheln. Die wilden Verzweiflungen, wo der Mensch sich
in die Haare fhrt und Gott! Gott! Gott! ist's denn mglich! oder dergleichen
dumme Redensarten ausstt, hatte er hinter sich. Er lchelte zu dem Abschied
seiner Lucinde. Muten die Kinder einmal versorgt werden, so fngt man ja von
oben mit der Latte an. Die Nchste nach der Latte, ein Kind, das schon mit
irdischerm Namen nach der Frau jenes Revierfrsters Luise hie, verstand sich
zwar nicht so gut auf Geographie wie Lucinde, aber sie rechnete besser und ihre
Eierkuchen brannten nicht an; Hannchen vollends, die Dritte - wieder nichts
Mythologisches - war erst zehn Jahre alt, hatte aber mehr Sinn fr die
Wirthschaft als die beiden Aeltesten zusammengenommen; sie lie sich nie die
Mhe verdrieen, nach den geheimen Orten zu suchen, wohin die Hhner ihre Eier
legten, sie pflanzte gern und hielt ihre kleinern Geschwister zum Kleiderschonen
und Nasenputzen an. Endlich bestand der Rest der Nachkommenschaft des frh
gealterten Mnnleins aus Knaben, und von denen konnten sich erst zwei die Hosen
zuknpfen.
    Das Rathsame, warum erst Lucinde weggegeben werden mute, lag besonders
darin, da sie sehr hbsch und etwas hoch hinaus war. Sie hatte kostspielige
Liebhabereien. Schwarz von Namen und von Haar und Augen, pflegte sie sich gerade
gern mit irgendeinem zinnober- oder purpurrothen Stck Zeug zu putzen, mit
Bndern und Lappen, und htten diese ringsum die Pachterstchter oder die Frau
Pfarrerin selbst schon nahe am Wegwerfen gehabt; die flocht sie in das dunkle,
schwere und etwas rauhe, ja romatratzenmige, weil ungepflegte Haar. Sie hatte
ferner die Liebhaberei, unendlich trge, gerade herausgesagt faul zu sein, sich
den Sonnenschein so in den offenen kleinen, rothlippigen Mund scheinen zu
lassen, da dabei die weien Zhne wie Perlen blitzten. Sie hatte die
Liebhaberei, sich in einer Luke des verwitterten Hausdaches einen Taubenschlag
zu halten. Kurz, der Vater lie die Lucinde ziehen, und sie ging gern: ihre
Leidenschaft war die Geographie und ihre Trume spielten jenseit der Berge.
    Das halbe Dorf umsteht den Wagen, mit dem Lucinde in die Residenz fhrt.
    Man sieht, was ihr auf ihre Lebensbahn mitgegeben wird ... Zwar nicht die
vier Hemden, die sechs Taschentcher, das Dutzend Strmpfe, ihr Sonntagskleid,
die ein zugeknpftes Bndel machen; aber den selbstgefertigten Seidenhut, fr
dessen Form ein urweltliches Modell von der Frau Pfarrerin, fr dessen Besatz
Bnder und Lappen von allen Honoratioren, die hier im Bereich der vier Bche
wohnten, entlehnt worden waren. Ihre Toilettegerthschaften waren in einem
wunderlichen Korbe beherbergt, dessen Erscheinen ein allgemeines Gelchter
hervorruft. Es ist ein drahtgeflochtener Bienenhelm, in dem Gottlieb Schwarz,
ehe er sich verheirathet hatte, in seinem damals erfreulichern Gartenwesen noch
nach dem Leben und Weben in seinen Bienenkrben geschaut und Verwirklichung
seminaristischer Ideale getrieben hatte. Manche von den Aeltern, die
herumstehen, wissen noch, da das Klima bald uerlich bald innerlich fr
Bienenzucht hier zu Lande zu rauh wurde. Dann hatte Lucinde oft diesen Helm
benutzt, um der Schuljugend poetische Schauer und Schrecken einzujagen. Als
praktische Erluterung ihres Geschichtsunterrichts ber das Mittelalter rannte
sie mit vermummtem Kopfe den Kindern nach und veranlate Turnierschauspiele, bei
welchen mancher Ente der Fu verrenkt wurde. In diesen dorfbekannten Helm hat
Lucinde alle ihre Geheimnisse verpackt, auch ihre Nh-, Strick- und
Stickapparate, die ihr leider in jeder Beziehung zu sehr Geheimnisse geblieben
waren. Dann kommt ein Sack mit gedrrten Zwetschen von jener Langen-Nauenheimer
Art, die erst sechs Stunden im Wasser quellen mu, bis sie ans Feuer kommen
darf, und auch dann noch wie ein Gericht Kieselsteine schmeckt; ferner ein Kober
voll Eier, die sehr behutsam im Innern des Wagens untergebracht werden, und
zuletzt auf die Hhe des Gefhrts, ber dem Verdeck, ein groer Waschkorb, den
Lucinde sehr feierlich zurckzuschicken versprechen mu. In ihm gurrt, gluckst
und gurgelt es durcheinander. Es ist ihr Taubenschlag. Ohne ihre Tauben mochte
Lucinde nicht mit in die Stadt, und die vornehme Dame hatte gerade fr diese die
bequemste und passendste Unterkunft versprochen.
    Die Abreise Lucindens war gewi etwas Merkwrdiges und Seltsames. Sie
erregte Staunen genug, jedoch nur Staunen. Keine Thrne flo, beim Vater nicht,
bei den ltern Geschwistern nicht; die jngsten weinten nur, weil sie nicht
mitgenommen wurden. Die Hauptsorge des Vaters war das baldige Zurckschicken
des Waschkorbes; er schlug den Nacht-Eilwagen, die Fahrpost, die Briefpost, die
Diligence und mehrere landeskundige Hauderer als auszuwhlende beste
Retourgelegenheit vor. Die Tauben gab er leichter hin; die kosteten ihm ein
Schreckliches an Erbsen und dem ganzen Hause an Zeit. Wer sich Tauben hlt,
ist immer ein verdorbener Millionr, war einer von den Stzen, wie er
dergleichen vor dreiig Jahren in sein Tagebuch zu schreiben pflegte.
    Die Kutsche fhrt ab; die Leute sehen ihr nach wie der Thurn und Taxis'schen
Post. Das Fremde kommt, das Fremde geht ... Gottlieb Schwarz steht vielleicht am
lngsten. Dann nimmt aber auch er erst nachdenklich noch eine Prise, die er sich
auch noch zu seinem Verderben angewhnt hat, und geht nun - es ist Sonnabend
Nachmittag, die seligste Zeit des Schullehrerlebens - in die am Ende des Dorfes,
vor dem groen Berge liegende Fuhrmannsausspannung. Da pflegten die Fuhrleute
und mehrere Conducteure der Thurn und Taxis'schen Postcurse Vorspann, geistigen
und leiblichen, zu nehmen. Es war immer eine muntere Welt dort; auch eine
frankfurter Zeitung lag auf, die Lucindens Vater eifrig studirte, um auf den
Ausbruch besserer Zeiten gerstet zu sein. Die Zeiten, wo er im Beiwagen
derselben gesucht hatte, ob nicht endlich seine letzten Einsendungen, die
Ferienphantasieen eines deutschen Dorfschullehrers, seine Jubel-Vorschlge
zur Verbesserung der Volkserziehung, seine Beobachtungen ber die merkwrdige
Entwickelung eines Hagebuttenpfropfreises zur Erzielung veredelter Dornrschen,
sein Aufruf an die deutsche Nation zur Abschaffung des berflssigen
Dehnbuchstabens H, zum Abdruck gekommen waren, die lagen weit schon, weit, weit
... hinter ihm ... Um die Erinnerungen zu stopfen und sich gleichsam ber die
Versorgung seines Kindes zu freuen, trinkt er wol heute einen Schoppen mehr von
dem etwas schweren Bier, das die Fuhrleute lieben, ehe sie ber den groen Berg
machen ... Wol war es bedenklich, da Gottlieb Schwarz unter ihnen mehr
verkehrte, als seiner Stellung und besonders dem spten Heimwanken gut war, wenn
Nachts die lieben Sterne blinkten und die vielen Brcklein von vier Bchen
beachtet werden muten, die da alle so still und khl mit dem Leid der Menschen
dahinflieen.

                                       2.


Und nun, da sitzt sie denn, die lange Latte, die Aufgespillerte, die
Dreege (Magere), mit ihren um den kleinen Kopf gewundenen schwarzen Zpfen,
ganz das Abbild ihrer Mutter, einer Feldwebeltochter, deren Vater in der
Residenz ein silbernes Portepe hatte tragen drfen und der sich unter dem
dummen Bauernvolk als civilversorgter
Kreissteueramtscontrolschreibereiassistent einen Steuerrath selbst gednkt
hatte. Trotzig und scheu, ngstlich und fest, nicht mit Absicht, sondern von
Natur so gemischt, hockte das halbreife Mdchen in einem verwaschenen ehemals
rthlich gewesenen Kattunkleide, das ihr schon lange zu kurz und zu eng geworden
war, in der Ecke der Kalesche, die langsam die Anhhen hinaufschleicht, gefhrt
von einem halbwchsigen Burschen, der die Gule - sie waren gemiethete, wie der
Wagen - schonen soll.
    Die alte Dame, die ihr zuspricht sich nicht zu frchten, sondern der
glnzendsten und besten Schicksale gewi zu sein, ist einem Nachtmahr nicht
unhnlich. Wenigstens hat sie eine Nase, die in einer bestndigen Neigung
scheint auf das vorgestreckte Kinn einen zrtlichen Ku zu drcken.
Zwischendurch ist nach den allgemeinen Gesetzen der Natur, insoweit sie sich auf
die Bildung eines menschlichen Antlitzes erstrecken, bei dieser edeln Frau ein
Mund anzunehmen; doch suchte man vergebens nach etwas, was wie zwei Lippen
ausgesehen htte. Sind wirklich die Versinnlichungen solcher Begriffe zwischen
der liebevollen Nasen- und Kinnbegegnung der fremden Dame vorhanden, so pret
sie doch die glckliche Inhaberin derselben so zusammen, da sie nach oben in
der Nase, nach unten im Kinn gleichsam mit aufgegangen scheinen. Versucht die
Dame ferner, was sie oft thut, ber die Oeffnung, die man Mund nennt, ein
Lcheln zu zaubern, so sieht man einige Zhne, die wie die einsamen, gekpften
Weidenstumpfe an den Bchlein standen, die man hier zu passiren hatte. Die
Sprache der Dame ist hochdeutsch, soweit ein gewisses Rcheln und Schnurren
unartikulirter Zwischentne es erkennen lt, sonst sogar was man gewhlt nennt
und nicht frei von Bildung. Leider kommt diese Sprache aber so seltsam zu
Gehr, als wenn jeder Satz sich in den innern Gngen der Brust verliert. Wie die
herabgelassene Eimerkette eines groen Ziehbrunnens verrollten die hbschesten
Anfnge ihrer Reden fr das aufmerksame Ohr des sie zuweilen ebenso unheimlich
anschielenden Kindes in dunkle und unverstndliche Abgrnde.
    Den Namen ihrer Wohlthterin und ihren Stand kannte Lucinde, die bereits
hinter Langen-Nauenheim der Bequemlichkeit wegen kurzweg in Henriette und hinter
dem ersten Nachbardorfe schon noch krzer in Jette umgetauft wurde. Sie fuhr mit
der verwitweten Frau Hauptmnnin von Buschbeck. Die Dame behauptete in der
Nhe auf irgendeinem Rittergute Kapitalien liegen zu haben, welches Liegen
sich Lucinde (oder mssen wir nun auch sagen Henriette?) ganz figrlich
vorstellte. Beim Vorbeifahren an Langen-Nauenheim wollte die Frau Hauptmnnin
sich ber den Dorfsegen ergtzt haben, der gerade aus dem Schulhause strmte, an
den lachenden, frhlichen Kindern, und am meisten htte ihr Lieb-Jettchens
Erscheinung gefallen, die die Kinder gerade aus der Thr entlie und jedem, der
nicht Ordre parirte, tchtig - sie erzhlte das soeben lebendig und mit manchem
wohlwollenden, leider im Husten erstickenden Hi! Hi! wieder, - einen
Starnicksel mit auf den Weg gab. Denn Ordnung mu sein! rchelte die
Hauptmnnin, als der Eimer ihrer Stimme wieder aus dem Brunnen herauskam, und
fgte dann nach und nach hinzu:
    Sitz aber gerade, Kind! Schlag nicht die Beine so bereinander, du langes
Ding! Ja, sauge doch nicht an den Ngeln, Kerl! Guck mir doch nicht zum Schlag
hinaus, wenn ich dir's nicht befohlen habe, du -! Ach was, ach was! Nenne mich
meine liebe gndige Frau! Hm, Hm! Lieb-Jettchen! Zieh mir einmal die Schuhe aus,
ich glaube, es ist mir ein Stein hineingekommen! Kind, kratz mir ein bissel den
Rcken, ich glaube, ich habe was aufgegriffen unter euch verfluch - oder s'ist
mein gewhnlicher Rhevmatismus! So, Jette! So! Ha! ha! Ein solcher Name!
Lucinde! Wer soll das aussprechen! Solche Schullehrermucken! Halt dich gerade!
Sitz nicht so krumm! So! Brav! Wir werden schon einig werden!
    Lucinde that mit Ergebung alles, was ihr befohlen wurde.
    Die gndige Frau von Buschbeck hatte bei ihrer letzten Bewunderung des
Langen-Nauenheimer Kindersegens dem Vater den Vorschlag gemacht, diese unter
allen hervorragende Erscheinung in die groe Stadt mitzunehmen, sie wie ihr Kind
zu behandeln, sie ausbilden, erziehen, in Musik und Sprachen, schnen Knsten
und Wissenschaften unterrichten zu lassen.
    Lucinde hatte dem berraschten und geschmeichelten Vater gelobt, dieser
wunderbaren Frau, die auf den Feldern hier Kapitalien liegen hatte, unbedingt
zu folgen und sich zu fgen, in allem, in jedem, und so ihr Glck zu machen,
was man in Langen-Nauenheim bekanntlich nicht machen knne, wie er dann selbst
hinzusetzte. Lucinde hatte dabei gedacht: Wie weit Amerika ist (wo manche
Langen-Nauenheimer schon versucht hatten ihr Glck zu machen) wei ich! Sie
dankte daher auch, nach dem Ausdruck ihres Vaters, ihrem Schpfer, da eine
solche Frau sich gefunden, die sie so ohne weiteres und geradezu innerhalb fnf
Stunden aus dem Nest mit sich heraus und in die Welt nahm. Um elf Uhr hatte die
fremde Dame den oft bewunderten Kindersegen wieder bewundert, um ein Viertel
auf zwlf Uhr die Vorschlge gemacht, um vier Uhr kam sie von den Gtern zurck,
auf denen sie Kapitalien liegen hatte, die Bedenkzeit, die sie gelassen, war
verstrichen, der erste Widerstand Lucindens nicht hartnckig, ausgenommen was
ihre Tauben anbelangte. Diese, wie gesagt und wie wir auf dem Verdeck hren
knnen, nahm sie mit, und so hatte Lucinde nicht einmal vorher noch dem Pfarrer,
bei dem sie in Kinderlehre ging, oder der Frau Pfarrerin Abschied gesagt, ja
nicht einmal gegessen und getrunken. Das Letztere war vorlufig das Schlimmste.
Sie suchte der gndigen Frau den Stein aus dem Schuh, sie kratzte ihr den
Rcken, sie hrte nicht blos auf Jettchen, sondern sogar schon auf Jette, nun
aber bekannte sie auch, da sie nichts gegessen und getrunken htte. Na, das war
ja gerade das, wonach die Frau Hauptmnnin schon lange hatte fragen wollen, denn
ihrerseits behauptete sie auch, zwar nicht Hunger, aber Durst zu haben, doch im
nchsten Orte gbe es ein vortreffliches Wirthshaus, und daselbst ein
vortreffliches Bier; und als sie nher kamen, entdeckte sie, da sie einen
andern Ort gemeint hatte ... das Wirthshaus da, das kenne sie, - da wre alles
schlecht, das Bier, die Milch, und da ihr selbst der Durst inzwischen vergangen
war, so schickte sie die Jette blos an den Brunnen. Die hatte nun wieder kein
Gef und trank aus der hohlen Hand. Da sie auch Hunger hatte, war in der
liebevollen und grndlichen Errterung ber ihren Durst vergessen worden.
    Es war schon Abend, als die Kutsche endlich in der Residenz anlangte. Die
Laternen brannten schon; nach Ansicht mancher Opponenten der Communalverwaltung
dster und sparsam; fr Lucinden war es Feenbeleuchtung. Der arme Tropf sah sich
wirklich an den himmelhohen Gebuden, an den Lichtern, an den Carrossen und
vielen Menschen satt, wenn auch die Frau Hauptmnnin, als die mde Kalesche so
schlaftrunken ber das Straenpflaster hintaumelte, jetzt ein Nachtessen, das
sie sogar ins Franzsische bersetzte und Souper nannte, in glnzende Aussicht
stellte.
    Die Passagiere hielten dann in einer der lebhaftesten Straen an. Lucinde
und der junge Wagenlenker luden das Gepck ab, auch die Eier, auch die
Zwetschen, auch den Bienenhelm, und vor allem den Taubenschlag. Alles kam durch
gemeinschaftliche Anstrengung drei Treppen hinauf. Niemand oben empfing sie.
Lucinde mute vor einer verschlossenen Thr die Herrlichkeiten hten, bis die
Frau Hauptmnnin nachgekommen war. Sie kam mit den heftigsten Verwnschungen
ber die Hhe des Trinkgeldes, das der kleine Knirps von Kutscher gefordert
hatte. Dazu die drei Treppen; sie brauchte Zeit, bis sie sich sammeln und das
Vorlegeschlo ihrer Wohnung prfen konnte. Nachdem dies geschehen, genug
gerttelt und gerasselt war, schlo sie auf. Lucinde trat in einen kleinen Gang,
zu dessen Rechten die Kche lag. Hier machte die vornehme Dame Licht und
beaufsichtigte den weitern Transport des Mitgebrachten. Beim Verschlieen der
Eier im Kchenschrank beleuchtete sie einen steinhart gewordenen Laib Brot. Ja
so! sagte sie. Unser Souper! Da, Jettchen, rasch! Flink! Drben im Laden! Wo ist
denn meine Brse! Hole - hier!
    Lucinde sollte rasch hinunterspringen und gegenber in einem Laden frisches
Brot holen, auch von nebenan Butter und von noch weiter nebenan aus einem Keller
Rettiche, die sehr delicat schmeckten, wenn man, sagte Frau von Buschbeck, einen
Salat draus machte mit Essig und Oel ...
    Wie das alles so wonnig mundete!
    Als aber Lucinde schon im Gehen war und noch einmal zurckkam, weil sie ja
das Geld vergessen hatte, sagte die freundliche, liebevolle Dame:
    Kindchen, bist doch wol zu mde, auch zu fremd, und wirst es nicht finden!
    Und nun schnitt sie schon von dem alten Brote vor und holte aus einem andern
Schranke mit kostbarem Porzellan von buntgemaltem meiener Rococo ein
allerliebst geformtes Npfchen, freilich nur mit Salz gefllt. Aber Salz und
Brot macht die Wangen roth! sagte sie, und - Lucinde a Salz und Brot.
    Aber da purren und gurren ja noch die Tauben in dem Waschkorbe! Den armen
Dingern mu drinnen recht bang geworden sein und verschmachtet sind sie gewi
auch. Morgen sollte der Tischler kommen, hatte es auf der Landstrae geheien,
und sollte auf dem Dache eine wundervolle Vorrichtung treffen, einen
Taubenschlag, der nie einen Marder zulassen wrde. Einstweilen aber wurde jetzt
die Hhlung unter dem Feuerherde ausgerumt und eins nach dem andern von
vierzehn der trefflichsten veredelten Feldflchter in diese unbequeme Wohnung
eingelassen. Einen Vorbau machte man aus umgekehrten Schemeln, Besen,
ausgebreiteten Scheuerlappen. Die gndige Frau lachte ganz vergnglich ber
die lieben Thierchen, nahm den Sack mit Zwetschen und ging erst jetzt in ihre
vordern Zimmer. Auch hier die Prfung der vorgelegten Schlsser. Auch hier ein
behutsames Aufschlieen und ebenso sorgfltiges Wiederanziehen der geffneten
Thr. Lucinde wurde nicht aufgefordert zu folgen.
    Da stand sie nun, todmde, in der linken Hand ihr hartes Brot, in der
rechten eine Kchenlampe. Sie durfte nicht nher kommen, weil erst gestern
gescheuert worden war, und die Decken lagen noch nicht wieder, die kostbaren,
zusammengerollten, ber die Lucinde einigemal im Vorsaal schon gestolpert war.
Es verging wol eine Viertelstunde, bis die Frau Hauptmnnin zurckkehrte und
Licht gemacht hatte. Wie sie sah, da Lucinde so im Vorsaal stand und
unntzerweise den leeren Wnden leuchtete, sagte sie:
    Donnerwetter, das Oel ist theuer! Du kannst jetzt zur Ruhe gehen!
    In der Kche gab es noch einen gemthlichen Verschlag in die Mauer hinein.
Dort ffnete die gndige Frau und zeigte Lucinden etwas, was wie ein Bett
aussah. Jettchen allerdings war so mde, da sie nicht einmal ihre Bewunderung
vor diesem Bette, das man wieder unsichtbar machen konnte durch zwei Thrflgel,
aussprach. Sie war nur froh, den mitgenommenen Vorrath von Erbsen, den sie
vorhin ausgeschttet hatte, unterm Feuerherde verknuspert zu hren; ein paar ihr
sehr liebe Kropftauben gurgelten ihre Atzung ganz hrbar hinunter.
    Na, und nun kleide dich aus! Gute Nacht! Schlaf nicht zu lange! Trume gut!
Sage: Ich wnsche Ihnen wohl zu schlafen, meine liebe gndige Frau! Na, wird's?
Nein, ordentlich! Ich - wnsche - Ihnen - wohl - zu - schlafen, - meine - liebe
- gndige - Frau! So! Das war recht! O, wir verstehen uns schon! Wir passen
zusammen! Um fnf Uhr aber Reveille! Verstanden? Gute Nacht!
    Ahnend, was Reveille sagen wollte, und etwas ungewi, ob sie wirklich am
Ziel der verheienen Seligkeiten war, ging Lucinde, sich reckend und dehnend,
barfu und im Hemde noch einmal nach vorn und sah durch die Glasthr. Der
Vorhang lie ein Ritzchen offen, durch das sie hindurchschielte. Ei, kaut nicht
die gndige Frau gerade ihre Zwetschen frisch aus dem Sack heraus? Es mu doch
wol sein, wenn's auch ein Anblick war, als wenn zwei concentrische Mhlrder
sich umeinander drehten, nur jedes nach entgegengesetzter Richtung hin ... Und
wie die Zwetschen auch schwierig zu schroten waren, so mundeten sie der gndigen
Frau doch vortrefflich, soda sie schon einen Haufen Steine vor sich hin und
zwar sehr sauber auf ein Papier gelegt hatte. Sie hielt offenbar ihr Souper
und blinzelte dabei so listig mit den Augen ringsum wie eine Katze, die sich auf
ihre nchtliche Wanderung nach Musen freut, und sonderbar - auch mit den
Steinen liebugelte sie, als wenn sie der lockendste Speck wren, an den jemand
anderes noch anbeien sollte. Und endlich gar noch sonderbarer! Wenn die
schwarzen Augen der gndigen Frau einen recht stechenden Glanz bekamen, dann
schien sie ganz blind zu werden. Lucinde wute das schon aus Vorkommnissen der
Reise; auch sie beobachtete scharf. Jetzt bewegte sich der Vorhang. Rasch
schlich sie zur Kche zurck, wo sie sich ihren Bettkasten heraustappte und
zusammengekrmmt auf einen Strohsack sich niederwarf. Die Lade war zu kurz fr
ihren aufgeschossenen Wuchs. Doch entschlummerte sie und hatte sogar die
angenehme Ahnung - morgen in der Frhe doch noch Wonnen des Paradieses zu
entdecken.

                                       3.


Von dem Morgen an, wo Lucinde erwachte und im Auffahren fast lebensgefhrlich an
die spitze Nase der Frau von Buschbeck stie, die sie ein fr allemal bedeutete:
So lange drfe sie niemals schlafen! (es schlug eben eine Uhr mit heiserm Tone,
nicht unhnlich dem Bellen eines alten asthmatischen Mopses, fnf!) - von diesem
Morgen an blieb Lucinde ein Jahr, neun Monate, funfzehn Tage und drei Stunden
bei der Frau Hauptmnnin von Buschbeck und in den seltsamsten Verhltnissen.
    Schon von der Frau, die fnfeinviertel Uhr die Milch brachte, hrte Lucinde
ein lautes Lachen:
    Wieder einmal eine in die Falle gegangen!
    Weiter war die Milchfrau nicht gekommen, denn schon schlorrte die Frau
Hauptmnnin im Nachtjoppel und mit einer Haube, deren Spitzen sich in die uns
schon bekannte liebende Umarmung von Kinn und Nase als Drittes im Bunde
einzumischen suchten, aus der vordern Stube heraus und verwies Lucinden jeden
unntzen Aufenthalt mit den Leuten, die ins Haus kmen. Ins Haus nannte sie
ihre Wohnung, bestehend, wie Lucinde sah, aus der Kche, einem dunkeln Entre
mit Guckloch durch die Thr zur Hausflur, einer Schlaf-, einer Wohn- und
Putzstube. Ueberladen aber war die Mblirung der kleinen Etage allerdings. Fr
ein zweistckiges Haus wrde sie ausgereicht haben. Was am ersten Abend Lucinde
schon beim Beobachten des Zwetschenmahles befremdet hatte, waren eine Menge
ausgestopfter groer Vgel, einige aus Steinen gemeielte hliche Kpfe, die
Gtzen vorstellten, ein Porzellan-Chinese mit einem groen Pfauenwedel, auch
eine Lanze, die quer an der Wand hing, mit einem Kcher voll Pfeile, die, wie
sie spter erfuhr, vergiftet sein sollten. Alle diese Dinge hatte der Herr von
Buschbeck aus Indien mitgebracht. Er war Hauptmann in niederlndischen Diensten
gewesen, und seine Witwe lebte von einer Pension, die sie, wie sie sagte, aus
dem Haag bezog ... die Gelder ausgenommen, die sie auf dem Lande liegen hatte.
    Diese vergifteten Pfeile beschftigten Lucinden so sehr, da sie gleich in
der zweiten Nacht von der gndigen Frau trumte, die ihr im Schlaf erschien und
einen dieser Pfeile gerade aufs Herz setzte. Sie schrie im Schlaf auf, und wie
sie aus ihrer Bettlade in die Kche blickte, huschte auch etwas dahin und
klappte nach der Entrethr zu. Sie horchte lnger, entdeckte aber nichts. Als
sie am Morgen erwachte und nach ihren Tauben sah, - der Tischler war noch nicht
bestellt worden, weil Lucinde nicht frher ausgehen sollte, als bis ihre
Garderobe ganz in Ordnung war; sie hatte daran den ganzen Tag nhen mssen -
da lag ja eine von ihnen todt! Das Opfer war glcklicherweise keiner ihrer
Lieblinge. Frau von Buschbeck bedauerte den Unfall, fand es aber angemessen, da
man die Taube nicht ganz umkommen lie. Sie wurde zu Mittag von ihr selbst,
wie sie's nannte, au gratin zubereitet. Da Lucinde von einem ihrer Tubchen
selbst nichts essen mochte, that ihr leid, denn sie sagte, sie htte darauf
gerechnet. Lucinde mute sich deshalb mit einer einfachen Milchsuppe begngen.
    Schwerlich wrde Lucinde von der Milchfrau ein ferneres berraschendes Wort,
das wir gleich berichten wollen, vernommen haben, wenn sie nicht die Schlauheit
gehabt htte, schon durch das Guckloch zu beobachten, wann diese kam. Denn kaum
hatte im glcklich ersphten Moment, als sie ohne zu klingeln geffnet bekam,
die Milchfrau gesagt: Was? Sie sind noch da? und dies Noch hchst scharf betont,
als auch schon wieder Frau von Buschbeck in Halbnglig, Joppel und Spitzenhaube
erschien und eine weitere Conversation unterbrach. Lucinde war eine Gefangene.
Die gndige Frau besorgte die inzwischen nothwendig gewordenen Ausgnge selbst
und schlo ihren Pflegling ein. Glcklicherweise glaubte dieser, solche Vorsicht
wre in der Ordnung, da ihr die Stadt als eine Hhle aller Laster und Verbrechen
geschildert worden war. Nur da sie ausschlielich in der Kche und auf dem
Entre verbleiben mute, wurde ihr zu schwierig. Sie rttelte wenigstens an dem
Eingang zur Wohnthr, aber die vordere Herrlichkeit mit den Erinnerungen an die
Wilden fand sie immer verschlossen.
    Der Taubenschlag, der auf dem Boden hergerichtet werden sollte, kam nicht.
Die Tischler wren viel zu theuer, hie es, und vor Mardern blieben die
Thierchen unterm Kchenherde gesicherter. Es war ein trauriger Anblick, die
armen Luftbewohner in dem engen Raume sich drngen und einer dem andern auf die
ohnehin bei Tauben schon so schwerflligen Fe treten zu sehen. Lucindens
liebste Freude war sonst gewesen, an der Dachluke zu sitzen und die kreisenden
Bewegungen ihrer Pflegebefohlenen mit ihren scharfen Augen, die sie bis in die
weiteste Ferne verfolgen konnten, zu beobachten. Sie verbrachte eben damit die
Zeit, die besser fr die Erlernung des Eierkuchenbackens wre angewendet
gewesen. Einzig den paar Krpfern, die sich Lucinde aufgezogen, that die Ruhe
wohl. Die hlichen Thiere saen wie die Puterhhne und vergruben die Schnbel
in ihre Krpfe. Leider aber muten sie hungern, was diese vornehmen Prlaten am
wenigsten vertragen knnen. Es starben aber - fast konnte man sagen
glcklicherweise - in nchster Nacht noch zwei von den armen Gefangenen. Es
war eine Taube darunter, deren Verlust Lucinden unendlich nahe ging; eine halb
braun und weie Taube von ganz besonderer Zierlichkeit, mit einem Halse, dessen
Federn auf die wunderbarste Art in smmtlichen Farben des Regenbogens spielten,
ohne da man eigentlich unterscheiden konnte, wo die grnen und die blauen
Schattirungen anfingen; es sind die Farbenspiele der Taubenhlse eben Wunder,
die noch kein Chemiker hat erklren knnen. Lucinde wute wohl, da zu ihrer
Wirkung das Licht des blauen Himmels gehrte, von dem in die nach einer
Brandmauer hinausgehende Kche leider sehr wenig hereinfiel.
    Auf dem Boden, das entdeckte sie dann allmhlich auch, war gar kein Platz,
um daselbst einen richtigen Taubenschlag bauen zu knnen. Sie entdeckte das,
wenn sie von dorther Holz holen mute. Es war das fr sie immer eine groe
Entdeckungsreise, auf der sie vielerlei Neues sah. Es schmerzte sie daher auch
nicht zu sehr, als eines Tages die Alte mit einem ganz besonders
charakteristischen Tone sagte:
    Sackerlot! Die Tauben fressen einem ja das Hemd vom Leibe weg! Das sind
theure Kostgnger! Wir wollen sie verkaufen! Was sie einbringen, leg' ich zu
deiner Toilette an fr den Winter, Jettchen!
    Lucinde hatte aus dem Fenster, wenn sie vorn rein machte und nhte -
letzteres mute sie jeden freien Augenblick - und wenn es in der Kche zu
finster wurde, in der Vorderstube, schon manche wunderschne Frau auf der Strae
gesehen und trumte dann, wenigstens einen neuen Hut tragen zu knnen, wenn auch
ohne Federn. Sie gab also ihre Einwilligung zum Verkaufe. Die Alte brachte einen
Koch aus einem der vornehmen Gasthuser mit, der smmtliche Tauben an sich nahm.
Wie viel sie dafr lste und wie viel fr ihren Winterstaat verbraucht werden
konnte, erfuhr Lucinde nicht; denn der Koch kam gerade in dem Augenblick, als
ihr die gndige Frau befohlen hatte auf dem Boden zu bleiben und zwei Trachten
Kleinholz zu machen.
    Da sie nur eine Magd bei der gndigen Frau war, das hrte sie dort oben
denn endlich auch. Auf dem Boden trafen sich die Mgde aus dem ganzen Hause
zusammen, und da erfuhr sie desgleichen, da Frau von Buschbeck in der ganzen
Stadt den Namen hatte, keinen Dienstboten mehr, aber absolut auch keinen mehr,
bekommen zu knnen. Sie plage und qule ihre Leute so sehr, da niemand lnger
als einige Tage bliebe. Die Miethweiber schickten niemand mehr, vor der
Polizei bekme sie gegen keine Anklage mehr recht; sie wre verurtheilt gewesen
sich selber zu bedienen, wenn sie nicht auf den Einfall gekommen wre -
    Bei dieser Erffnung mute Lucinde schon wieder hinunter. Frau von Buschbeck
rief sie selbst ab und fuhr die Magd an, die in einem Nebenboden Holz spaltete
und wol ihre Dienstboten verfhren wolle? Vor ihren Augen mute Lucinde zwei
Trachten Holz aufpacken und in die Kche tragen. Jetzt war Platz wieder unterm
Feuerherd. Die Tauben waren fort. Die gndige Frau behauptete, schlecht bezahlt
worden zu sein; sie gab von dem, was sie von dem Koch empfangen, nur die Hlfte
an, und Lucinde hrte es kaum; sie berlegte sich nur, was sie gehrt: Frau von
Buschbeck hatte in der Stadt keine Magd mehr bekommen knnen und holte sich
deshalb - eine doch wol vom Lande? Ihr Rthsel war gelst.
    Ehe sie dabei mechanisch das Holz verpackte, wollte sie doch erst die vielen
kleinen Federchen wegnehmen, die von ihren Tauben zurckgeblieben waren. Sie
waren so blau, so wei, so goldbrunlich, und jede Feder erinnerte sie gerade an
die Verschwundene, der sie angehrte ...
    Das gibt ein schnes Nadelkissen! sagte die Frau Hauptmnnin. Es war eine
dieser Frau eigene Kunst, da sie die Phantasie ihrer Pflegebefohlenen immer
anzuregen wute. Erst der Winterstaat, nun das Nadelkissen! Was sind dem
Kinderherzen nicht alles Eingnge zu den herrlichsten Feenschlssern!
    Allmhlich aber kam Lucinden das Vollgefhl ihres traurigen Looses. Da hatte
sie schon in einer Nacht vor dem letzten Braten, den sie gehabt (Taubenbraten),
selbst gesehen, da die gndige Frau, die an Schlaflosigkeit zu leiden schien,
an ihre Bettlade kam, sie berleuchtete, das Licht auf den Feuerherd stellte und
eine der Tauben nahm und ihr mit raschem Griff eigenhndig den Hals umdrehte.
Dann legte sie sie wieder ruhig zu den brigen und stellte, als wre nichts
geschehen, die Zuber vor. Lucinde glaubte zu trumen. Aber es war ganz wirklich
so gewesen. Der Augenschein des Morgens besttigte es. So gingen anfangs die
Tauben fort, so gingen die Eier, so die Zwetschen. Auch den Korb schickte sie
nicht an den Vater zurck, worber Lucinde sie zum ersten mal etwas trotzig zur
Rede stellte. Aber die Alte wute zu zhmen; vorzugsweise durch Hunger. Abends,
als auch Lucinde zum ersten mal ihre Krallen gezeigt, brachte die Hauptmnnin
einen Haufen trockener Zwetschensteine. Lucinde bekam die Anweisung, sie mit
einem alten Ziegelsteine, der vom Feuerherd losgegangen war, aufzuschlagen und
sich die kostbare Mahlzeit der Kerne fr den Abend munden zu lassen. Ein Trunk
Wasser dazu wrde die Kerne besser aufquellen lassen ...
    Lucinde gehorchte wol, doch in den schwarzen Augen der Schulmeisterstochter
brannte mehr als nur Gehorsam. Sie muten sich nur immer erst orientirt haben,
und dann geriethen diese Augen in eine Glut, die von seltsamen Gedanken geschrt
werden konnte. List weckt Gegenlist, Tyrannei Widerstand. Und wer wei, ob
Lucinde ein Wesen ist, das sich berhaupt nach sanfter Rede, Gte des Herzens,
Liebe und schonender Obhut sehnt! Schon knnen wir sagen, da ihr nie die Zhne
weh thaten, da ihr nie ein Schnupfen Fieber machte, nie eine Zurcksetzung
Thrnen kostete. Sie half sich immer gerade so weit durchs Leben, als sie das
Leben verstand, und ihre Waffen waren in frhester Zeit schon die geballte
Faust, dann die spitze Rede, jetzt die Verschlagenheit ... Sie fngt mit der
gndigen Frau, die sie nun bald weg hat, wie sie den Mgden des Hauses, die
sie aufhetzten, eingesteht, einen Kampf an, nicht etwa auf Leben und Tod,
sondern einen Guerrillakrieg innerhalb der von der gndigen Frau selbst
gezogenen Schranken. Sie hat allmhlich dabei die schne Stadt sich
herausgeluchst, die herrlichen Grten, die groen denkmalgeschmckten Pltze,
die Soldaten, die Offiziere, die schnen Umgebungen und die bezaubernden
Fernblicke in sonnenbeschienene Ebenen und nach neuen blauen Hgelrndern hin;
sie erwischt aus dem Bcherschranke des, wie sie gehrt hatte, noch gar nicht
verstorbenen niederlndischen Hauptmanns Bcher; sie dringt darauf, da sie,
noch immer nicht eingesegnet, wenigstens in die Kirche gehen darf; sie schreibt
seitenlange Briefe nach Langen-Nauenheim, worin sie freilich das Ausbleiben des
Korbes entschuldigen und eine Menge Erfindungen mittheilen mu, weil die gndige
Frau die Briefe erst liest, ehe sie sie abgehen lt. Und nun macht es ihr
gerade Spa, die komischsten Erdichtungen zu schreiben, nur damit die Alte
sich rgert oder in jene Blindheit verfllt, die sie berkommt, wenn ihre
unruhigen und gespenstischen Gedanken ganz nach innen gehen. Lucinde schreibt
von Bllen und Gastereien, und die Alte liest es, als hrte sie die Geigen
rauschen und die Schsseln klappern. Sie lt den Brief abgehen und ist sogar
milder als sonst, weil sie dann stundenlang nicht aus einem wie somnambulen
Zustande herauskommt.
    Um so grlicher ihr Erwachen! Dann war's doch, als beschuldigte sie
Lucinden, der schwarze Teufel, wie sie sie nannte, wolle sie erwrgen. Dann
hatte die menschenfeindliche, geizige Frau Blicke so voll Gift wie ihre
javanischen Pfeilspitzen. Wie der Taubenfalk scho sie hinter Lucinden her, wenn
diese nur einmal gelacht hatte; sie krallte mit ihren drren Fingern in sie ein
wie jener, wenn er aus Himmelshhen niederschiet. Die bse Frau hatte keinen
Schlaf. Sie frchtete entweder Gespenster oder sich selbst. Sie leuchtete um
Mitternacht in die Winkel. Kam sie an die Bettlade Lucindens, so hielt sie das
Licht ber die Halbschlummernde und schrie sie an: Das kann schlafen! Das kann
die Augen zuthun! Oft mute Lucinde aufstehen und ihr um zwei Uhr Morgens
vorlesen, Reisebeschreibungen, Erzhlungen von den Wilden, zuweilen auch
Legenden. Frau von Buschbeck ging jhrlich einmal zur Kirche; sie war
katholisch. Wenn aber Lucinde um ihre Einsegnung drngte, nahm sie alle Bcher
fort und sagte: Unser Herrgott ist der Satan! Sie war so geizig, da sie sich
eine alte Guitarre, auf der sie in den Abendstunden klimperte, nicht einmal neu
mit Saiten beziehen lie. Auf zwei Saiten spielte sie alte sentimentale Lieder
und pfiff dazu. Da sie dies ohne Lippen thun mute, so klang es wie leiser
klagender Nebelwind auf der Heide. Der Anblick dieser grotesken Scene war
Lucinden nicht vergnnt, denn Frau von Buschbeck schlo sich ein, wie sie fast
immer that, besonders nach jedem Ersten im Monat, wo der Postbote eine
ansehnliche Summe in einem mit adeligem Petschaft versiegelten Briefe brachte.
Da mochte sie zhlen, was ihr Geiz aufhufte. Oft lauschte Lucinde und hatte die
listigen Augen an die Fensterscheiben der Stubenthr gedrckt. Sie unterlie
aber auch das, als eines Tages auf der entgegengesetzten Flche der Scheibe das
volle Antlitz der pltzlich hinter dem Vorhang auftauchenden Hauptmnnin sie
angrinste. Sie war von dem Anblick so entsetzt, als htte ihr eine Fledermaus
auf der Nase gesessen. Sie bebte so, da sie nicht einmal entfliehen konnte,
sondern ruhig geschehen lie, da die Thr sich ffnete und sie zur Strafe ihre
gewhnliche krperliche Zchtigung erhielt.
    Dabei liefen Tag und Nacht zusammen. Hatte Lucinde bis drei Uhr nach
Mitternacht vorgelesen, so meinte die Hauptmnnin, bis vier wre nur noch eine
Stunde und man knnte gleich aufbleiben und ans Tagewerk gehen, worunter sie
Nhen und Stricken verstand. Die Hemden und Strmpfe, die Lucinde lieferte,
gingen und kamen: sie behauptete, fr eine Anstalt, die gut zahle; sie spare
alles fr Lucindens Zukunft. Oft wurde sie, wenn gar zu bse Stunden kamen, so
tckisch, da Lucinde manche Arbeit dreimal thun mute, nur damit ihre
Peinigerin ber dies und jenes ihren Willen hatte.
    Eines Tages klingelte ein Polizeiagent und verlangte Einla.
    Er erklrte rundweg, Frau von Buschbeck sollte auf dem Amte erscheinen und
sich wiederum rechtfertigen wegen unmenschlicher Behandlung ihrer Dienstboten,
wie schon fters.
    Eine Menge Menschen aus dem Hause und der Nachbarschaft drngte nach.
Beinahe wre ein Act der Volksjustiz ausgefhrt worden, denn man fand wirklich
Lucinden an Hnden und Fen gebunden in einer dunkeln Seitenkammer der Kche,
in welcher Frau von Buschbeck ihr altes Gerth aufbewahrte. Dort lag sie schon
seit zweimal vierundzwanzig Stunden und bekam nur Wasser und Brot, weil sie, wie
sie beschuldigt wurde, aus Bosheit zwei chinesische Tassen zerschlagen htte
mit der Drohung, alles Zerbrechliche auf der Servante zu zertrmmern, wenn sie
noch ferner jedes kleine Misgeschick, das sie beim Abstuben oder Putzen
betrfe, mit knftigem Abzug von ihren Ersparnissen ben msse ... Im Hause
hatte man das Jettchen der Frau Hauptmnnin zwei Tage lang nicht bemerkt,
Anzeige gemacht, und so kam es zum Durchbruch.
    Lucinde machte auf dem Amte dem Polizeirichter, Stadtamtmann genannt, einen
wunderlichen Eindruck.
    Sie war trotz Kasteiung und Entbehrung jeder Art fast vollkommen entwickelt.
List und Verschlagenheit waren unverkennbar der Ausdruck ihres Wesens, der ihr
aber schn stand, wenn ihre dunkelbeschatteten Augen glhten, ihre Lippen
trotzig sich aufwarfen und dabei ein stndiges scheues und ironisches Lcheln um
den kleinen zierlichen Mund spielte. Das schwarze Haar war in Flechten geordnet,
die voll und schwer um die Stirn gingen. Selbst die Hnde, die doch soviel
schaffen und schanzen muten, waren nicht eben rauh. Sie sagte, da die in
einem Fiaker folgende Frau von Buschbeck sich auf die Feinheit und Schonung
derselben berief, da sie es bei ihrem Vater nicht nthig gehabt htte. Nur
ihre Haltung entsprach nicht dem schlanken Wuchse. Sie senkte den Kopf ... so
aber, wie wenn eine schwere Aehre sich an einem langen Halme wiegt.
    Der Stadtamtmann sprach von ihrer Familie .... Erst jetzt erfuhr sie ein
schreckliches Unglck aus Langen-Nauenheim.
    Drei ihrer Geschwister, und das liebe Hannchen darunter, waren schon seit
Jahresfrist todt! Im Zeitraume von drei Tagen hatte sie das Scharlachfieber, das
in der Gegend wthete, hinweggerafft ... Die Alte hatte den Brief des Vaters
aufgefangen und den Inhalt verschwiegen, weil sie die Wirkung des Kummers auf
den Flei und die Arbeit frchtete!
    Wie Lucinde diese Nachricht hrte, strzten ihr seltsamerweise keine Thrnen
aus den Augen ... Nur schrecklich erblate sie ... Der Stadtamtmann lie das
wankende Mdchen sich auf einen Stuhl setzen; man konnte eine Ohnmacht
befrchten ... Der Blick, den Lucinde bei dieser Nachricht auf die bse Frau
warf, war furchtbar ... Ihre sonst so dunkeln Augen sahen in diesem Moment wei
aus, und die bse Zunge der stadtberchtigten Frau, die der Verzweiflung nahe
war, kein Mdchen bekommen zu knnen, und in diesem Fluche fast mit wirklichem
Schmerz eine angezettelte Verschwrung sah, war gegen sie vllig verstummt.
    Als der Stadtamtmann Lucinden erstens einen Lohn und die Auszahlung ihrer
Ersparnisse gesichert, dann die Frau Hauptmnnin, die er indessen
sonderbarerweise immer nur Frulein von Glpen nannte, aufs entschiedenste
ermahnt hatte, die Langmuth der berhaupt gegen sie so duldsamen stdtischen
Behrden nicht zu erschpfen, wurde Lucinde von ihm befragt, ob sie nicht zu
ihrem Vater und zu ihren Geschwistern zurck wolle?
    Sie sa starr und antwortete nicht.
    Dann erwhnte der Stadtamtmann unter den Unterlassungssnden, die sich
Frulein von Glpen gegen sie hatte zu Schulden kommen lassen, auch die
unterbliebene und doch von ihr versprochene anstndige Confirmation. Gleichsam
aber, als wenn sich Lucinde frchtete, nun in Langen-Nauenheim noch erst
confirmirt und dort unter die ihr wohlbekannten Buben und Mdchen gesetzt zu
werden, antwortete sie auf die wiederholte Frage, ob sie mit der immerhin
betrchtlichen Summe von nahezu funfzig Thalern, die ihr zuerkannt wurde, nach
Langen-Nauenheim zu ihrem Vater und ihren auf drei zusammengeschmolzenen
Geschwistern zurckkehren wolle, mit einem ernsten, bedachtsamen und fast kalten
Kopfschtteln: Nein!
    Das ist's ja! brach die zitternde Tyrannin aus. Das Leben auf der Strae,
die Promenaden, die Offiziere, das Schlendern, das Gaffen ...
    Ruhe, Frulein! unterbrach der Stadtamtmann.
    Frau von Buschbeck oder Frulein von Glpen mute sich entfernen, nachdem
sie mit zitternden Hnden einen Revers zur Zahlung von funfzig Thalern und
Auslieferung aller Sachen Lucindens unterschrieben hatte. Sie ging mit
krampfhaftem Zusammenschlagen ihrer Ober- und Unterkiefern, doch nicht ohne eine
Art von Wrde und Vornehmheit. Man hatte ihr da, wo man ihre Lebensverhltnisse
nher zu kennen schien, zwar den Titel einer Frau geraubt, den einer Adeligen
aber lassen mssen.
    Drauen empfing sie das Hohngeschrei zusammengelaufener Menschen. Sie war
die Bekannte, Stadtkundige, die Frau: bei der niemand dienen wollte!
    Sie strzte in ihren Fiaker, doppelt schwer aufseufzend; denn ihr Geiz sagte
ihr wieder: Himmel, du hast den Fiaker vorher zu bezahlen vergessen! Nun rechnet
dir der auch noch die halbe Stunde an, die er vor dem Stadthause hat warten
mssen!

                                       4.


Der Stadtamtmann war in der Lage, gerade ein Mdchen zu bedrfen.
    Er bot Lucinden an, zu seiner Frau zu ziehen. Fr die Confirmation versprach
er unverzglich Sorge zu tragen.
    Sie nickte einfach: Ja! sa bis auf weiteres im Nebenzimmer des Amtssaales
eine halbe Stunde allein, setzte im Geiste einen Brief auf, den sie an ihren
Vater schreiben wollte, und folgte dann dem Stadtamtmann, als er sein
Vormittagsgeschft hinter sich hatte, in einiger Entfernung in seine Wohnung.
    Die Polizeidiener ersparten ihr die Gefahr, noch einmal zur gndigen Frau,
wie sie lachend titulirt wurde, zurckzukehren, und versprachen ihr alles Ihrige
abzuholen und nachzubringen.
    Lucinde schaute und hrte hinein wie in eine fremde Welt. Da sie einer
schrecklichen, abscheuerregenden, wie es hie und auch spter im Wochenblatt
unter der Rubrik Polizeibericht zu lesen war, zuchthauswrdigen Behandlung
entronnen war, ... das fhlte sie eigentlich selbst nicht so lebendig. Sie lie
sich's von den Leuten nur sagen und nahm's dann hin, wie die es wollten.
    Die Frau Stadtamtmann hatte nichts gegen die Anordnungen ihres Gatten
einzuwenden. Nur schien ihr die Zumuthung, das neue Mdchen erst confirmiren
lassen zu mssen, umstndlich. Indessen sagte sie zu. Henriettens Anblick -
dieser vernderte Name blieb auch hier - that ihr wohl. Die Frau Stadtamtmann
war gerade in der Hoffnung und sorgte dafr schnen Formen zu begegnen. Der
Anblick des anziehenden, schlanken und gesunden Mdchens that ihr wohl.
    Es kommt oft vor, junge Confirmandinnen zu sehen, die nur gleich am Altar
stehen bleiben sollten, um sich den Ehesegen geben zu lassen. Auch Lucinde war
auf besondere Bitte des Amtmanns schon nach vier Wochen ein solcher Sptling
unter den lieblichen weigekleideten Kindern mit ihren Rosaschrpen und
Myrtenstruchen. Der Superintendent gestattete die schnelle Befrderung, da er
von der Schulmeisterstochter religise Bildung voraussetzte. Er wute wol nicht,
da man sich nirgends mit dem lieben Gott weniger Sorge macht als in Pfarr- und
Schulhusern. Da steht man mit dem Himmel auf dem Fu des Empfangens im Nglig.
Gebetet hatte Lucinde auer vor und nach der Schule nur beim Eierkochen.
Pflaumenweich liebte der Vater die Eier und dafr gengten zwei Vaterunser.
    Der Wildling stand nach vier Wochen unter den Confirmandinnen.
    An Wuchs ragte sie hier nicht mehr vor allen hervor; es gab ebenso
aufgeschossene Blondinen und Brnetten wie sie, zu denen sich der Herr
Superintendent nicht gar zu sehr zu bcken brauchte, wenn er ihnen Sonntags
darauf den Kelch reichte; aber Lucinde war schon voll, krftig in den Schultern,
stark in den Hften, und wenn auch im allgemeinen ihr scharfgeformter Kopf
selbst noch nichtssagend war, so reizte sie das kindliche Wesen ihrer Umgebungen
doch zu einem Umblick in der Kirche, der ihr ganz vorwitzig und weltlich stand.
Manchem mute sie auffallen. Sie stand wie ein Heidenkind, zerstreut und ohne
Andacht, obgleich ihre schwarzen Bnder auf Trauer deuteten. Zugegen war
niemand, den sie kannte, auer einer alten Magd aus dem Hause, das der
Stadtamtmann bewohnte. Diese hatte ihr ein vergoldetes Gesangbuch geliehen und
sie auf ihrer Kammer geschmckt, soda sie hernach zur Frau Stadtamtmann
hintreten konnte und deren ganzen Beifall erntete. Diese neue gndige Frau
schenkte ihr ein schwarzes Halsband von Sammt mit einer Stahlschnalle, die auf
dem brnetten Halse funkelte wie eine Broche von Diamanten. Ja, als sie aus der
Kirche zurckkam, wurde sie sogar mit Chocolade empfangen. Man war gut und
freundlich gegen sie.
    Es war eine sonderbare Welt, in die das nun fast funfzehnjhrige Mdchen
hier stndlich einblicken konnte. Die Gensdarmen gingen ab und zu, und der
Stadtamtmann, der zwar ein fr allemal im Hause und wenigstens bei Tisch mit den
Vorkommnissen seines Berufes verschont sein wollte, konnte es nicht dahin
bringen, da er ohne Behelligung bis zum Dessert kam. Lucinde bediente; auch
wenn Gste geladen waren. Sie besa zwar nicht viel Geschick und machte vieles
verkehrt, doch wurde das alles nicht mehr mit der frher erlebten Strenge
gergt. Zerstreut mute sie schon dies ewige Rapportiren machen von dieser
Dieberei und jener Gewaltthat. Ihre Phantasie, die sehr lebhaft war, sah ringsum
- sie brauchte schon nur an die doppelten Namen der ihr vorerst entschwindenden
Frau Hauptmnnin zu denken - die Welt voll Lug und Trug, und da sich's dabei
doch so behaglich essen und trinken lie, so erschreckte sie keine Thatsache,
selbst kein Diebstahl, kein Mord mehr; sie schttelte den Kopf darber, da die
Dinge des Lebens alle so glatt, so hflich und vergnglich vorwrts gingen,
whrend tausend Hnde daran arbeiteten sie zu verwirren, man sah's nur so nicht
auf den Promenaden, wenn sie mit den Kindern des Stadtamtmanns ausging und die
Leute stillstanden und die Kinder bewunderten, d.h. sie selbst und ihre
auffallende Erscheinung.
    Eines Tages erlebte sie aber auch auf der Promenade, da ein junges Mdchen,
das halb buerisch, halb stdtisch, aber schwarz gekleidet war, auf sie
zustrzte.
    Es war ja ihre nchstlteste Schwester Luise!
    Sie trauerte. Um die Geschwister noch?
    Um den Vater! Das liebe, freundliche, immer lchelnde Mnnlein war nicht
mehr ... Luise weinte so laut, da es ihr Lucinde verbot, weil ja die Leute
still stnden ... Sie selbst war wieder nur erblat wie damals, als sie
pltzlich nicht mehr ihre drei Geschwister hatte. Indem kamen noch zwei andere
beflorte Kinder von der andern Seite. Es waren August und Gustav, ihre Brder.
Die hatten das Haus des Stadtamtmanns aufgesucht, dort gehrt, ihre Schwester
wre auf der Promenade mit zwei Kindern; nun hatten sie sich vertheilt, und eins
hatte von hier, das andere von dort gesucht. Der Vater war todt ... Und wie
schmerzlich hatte er geendet! ... Er war in einen der vier kleinen Bche
gefallen, mit denen Langen-Nauenheim gesegnet ist ... Spt von dem Vorspann war
er heimgekommen ... Kein Stern blinkte ... es war ein groer Nebel gewesen, und
da hatte er eine von den Brcken verfehlt. Erst Morgens hatten sie ihn gefunden,
wie er dalag im khlen Grunde, aufgehalten von den Wurzeln eines alten
Weidenstamms.
    Lucinde schttelte dster den Kopf. Dann rief sie mechanisch des
Stadtamtmanns Kindern, die sie fhrte, ein scheltendes Wort; darauf fragte sie,
ob die Geschwister schon gegessen htten. Luise versicherte es und kam auf das
schmerzliche Ende des Vaters zurck. Lucinde fragte, was aus dem Hause, aus dem
Garten, aus dem Gerth, den Hhnern, der Ziege, der groen Wandkarte geworden
wre! Sie erfuhr, da alles das theils dem Staate, theils dem Dorfe, theils dem
Wirth zum Vorspann und einer alten Frau gehrte, bei der sie schon lange oft
ihre Betten in Versatz gegeben hatten, wenn sie auf ein paar zusammengerckten
Schulbnken hatten schlafen mssen. Luise die wollte nun auch dienen, und die
Kinder brchte man vielleicht in einer Fabrik unter. So hatte es der
Gemeindevorstand in Langen-Nauenheim gesagt; sie sollten's einmal so versuchen,
und ging' es nicht, so wrde wol anders gesorgt werden. Gustav war acht Jahre.
In einer Spinnerei vorm Thore suchte man Kinder schon von acht Jahren an; es
hatte das in der Zeitung gestanden, in derselben Zeitung, die der Vater immer
auf bessere Zukunft zu studiren pflegte, und in deren Beiblatt einst seine
Phantasieen ber den Beruf eines deutschen Volksschullehrers gestanden hatten.
    Nec impavidum ferient ruinae ...
    Latein konnte Lucinde nicht, aber der Stadtamtmann bersetzte so etwas
einmal bei Tische, und sie glaubte, es hie: Was schadt's!
    Es war ein Wahlspruch gewesen, den ein alter Ritter gehabt. Sie nahm ihn
schon oft an, und heute nun mute sie schon. Sie nahm die Kinder, die alle
zunchst doch noch Hunger und Durst genug hatten, mit sich; der Schwester sagte
sie gleich die Miethsfrau, wo die wohnte, und wie sie mit der sprechen msse.
Die Frau Stadtamtmann war noch nicht am Ende ihrer Hoffnung, die zwei kleinen
Buben vom Lande waren prchtige Jungen, sie gefielen ihr. August und Gustav
blieben einen Tag und kamen dann nicht in die Fabrik. Der Stadtamtmann sorgte
dafr, da sie ins Waisenhaus aufgenommen und gut erzogen wurden.
    Und nun sind kaum drei Jahre von dem Langen-Nauenheimer Auszug vergangen,
und welche Vernderungen haben wir!
    Lucinde fand sich in alles. Sie hatte etwas Whlendes, Unruhiges und
beherrschte jede Situation. Bei Tische wartete sie nicht mehr auf. Der
Stadtamtmann fand, da es kaum noch schicklich war. In die Hhe wuchs sie nicht
mehr, dafr that es ihr Geist, und sie regierte eigentlich das Haus, das sie
aufgenommen. Selbstverstndlich da, als die Frau Stadtamtmann eines Jungen
genesen war, aber auch spter. Durch ihre sichere, herausfordernde Ruhe, ihr
spttisches Lcheln, ihren Flunkergeist nur verdarb sie sich zuweilen ihre
Autoritt. Lange Ruhe um sie her ertrug sie nicht, und bermiges Glck oder
allzu frohe Selbstzufriedenheit verdarb sie gern, indem sie Schicksal spielte.
Der Amme gegenber lobte sie das schne Aussehen anderer Kinder, eine Handlung,
fr die man bekanntlich von jeder Amme vergiftet werden kann. Einem Bedienten,
der etwas schwach von Begriffen war und seine Bestimmung verfehlt zu haben
glaubte, weil er eine leserliche Hand schrieb, gaukelte sie bald diese, bald
jene glnzende Aussicht vor. Hager! rief sie, wenn sie die Zeitung gelesen
hatte, in Amerika ist ein Vetter Ihres Namens gestorben, man fordert alle Hagers
auf sich zu melden! Mute Hager gerade die Schuhe oder Messer putzen, so hatte
sie, wenn er frei war, die Zeitung verlegt und jagte den beschrnkten Menschen
wochenlang mit seinen Vermuthungen, welcher von seinen Anverwandten jener in
Amerika verstorbene Hager gewesen sein konnte, im Kreise umher. Von ihrem
Koboldgeist blieben dann selbst die bei einem Kaufmann dienende Schwester und
ihre Geschwister im Waisenhause nicht verschont. Ihr bei aller uern Ruhe
innerlich unruhiger Sinn wuchs mit dem Besuch des Theaters, das sie durch den
Stadtamtmann frei hatte, jedoch nur im dunkeln Hintergrunde einer Loge dritten
Ranges, whrend die Herrschaft im zweiten sa. Immer mit leuchtenden Augen kam
sie vom Theater heim. Man glaubte natrlich, da es die Stumme von Portici
gewesen, die sie so auerordentlich aufgeregt hatte; aber es waren die
Zuschauer, die Logen, die glnzenden Toiletten, die frstlichen Herrschaften.
Die Tischgesprche berichteten dann nach wie vor von vornehmen Spielern, von
zankschtigen vornehmen Herrschaften, von allem, was sich nur zur Kenntninahme
des Polizeirichters einer so ansehnlichen Stadt drngte, und dergleichen Leute
sah sie dann wieder frhlich und wohlgemuth und mit Lorgnetten spielend in den
elegantesten Logen.
    Eines Tages that sie einen tiefen Einblick in das innerste Lebensgetriebe
...
    Das glnzendste Waarenmagazin der Stadt war ein sogenannter Bazar, in
welchem alle Modeartikel und Bedrfnisse einer eleganten oder auch nur
comfortablen huslichen Einrichtung, soweit sie Stoffe betraf, verkauft wurden.
Ein unternehmender Kaufmann im Anfang der mittlern Jahre leitete dies Geschft,
wie man sagte, nicht ganz mit seinem eigenen Gelde. Sein Savoirfaire kam ihm
jedoch zu statten, um die ganze hchste, hohe und mittlere Gesellschaft an sich
zu ziehen. So gefllig die Formen des Mannes waren, der in seinem schwarzen
Frack mit weier Halsbinde die Honneurs seines mit mindestens einem Dutzend
Commis ausgestatteten Geschftes machte, so entschieden wute er doch ebenfalls
in geeigneten Fllen aufzutreten. Schon oft war in seinem groen und schwer zu
beaufsichtigenden Geschft gestohlen worden, sogar whrend des Verkaufs, und oft
schon hatte er, wenn entweder der Stadtamtmann bei ihm oder er bei jenem zu
Tische war, erklrt, er wrde niemand schonen, wenn er einen jener eleganten
Diebe beim Handverkauf entdeckte, und sollte es der Vornehmste sein. Schicken
Sie nur sofort zu mir, hatte der Polizeirichter erwidert. In solchen Fllen mu
man der Schlange gleich auf den Kopf treten!
    Und eines Tages schickte der Kaufmann; der Stadtamtmann mchte eiligst, aber
selbst kommen, hie es, er mchte einen seiner Gehilfen, aber vorlufig nur in
der Ferne, bereit halten ...
    Der Stadtamtmann war nicht gegenwrtig. Und da auch Hager, der Diener, nicht
zugegen war, so mute Lucinde die Mantille umwerfen und auf das Amthaus laufen.
    Aber auch dort fand sie ihren Herrn nicht.
    Da sie ihn auf dem Casino vermuthete, so eilte sie ins Casino und nahm
sofort einen der Polizeidiener mit.
    Ihr Weg fhrte sie aber an dem groen Magazin des Kaufmanns selbst vorber,
in dessen obern Rumen dieser auch wohnte. Da ihre Herrschaft in die letztern
beschieden war, so glaubte sie sehr vernnftig zu handeln, wenn sie die Stiege
hinaufging und dem Kaufmann wenigstens den Polizeidiener anbot, der ja so lange
unten, wie zufllig, bei einer glnzenden Carrosse, die am Hause stand, warten
konnte ...
    Da das ganze Haus nur allein von dem Kaufmann bewohnt wurde und oft der
Verkehr in den obern Rumen mit dem Magazin, das zwei Stockwerke einnahm, der
lebhafteste war, so konnte es Lucinden nicht wunder nehmen, den Eingang der
Wohnung offen zu finden. Auch stand auf der Treppe ein Bedienter in Livree, der
auf seine Herrschaft zu warten schien und nicht unmglich der unten harrenden
Carrosse, die ein Wappenschild schmckte, angehrte.
    Aber noch mehr Thren standen offen, und augenscheinlich herrschte in der
Wohnung die grte Verwirrung, wie sie wol nach aufregenden Entdeckungen
stattzufinden pflegt.
    In dem hintern Zimmer glaubte Lucinde einen Wortwechsel zu hren. Niemand
war zugegen, auer einigen Kindern des Kaufmanns, die sorglos umherrannten. Ist
der Vater da? fragte Lucinde. In seinem Bureau! hie es. Die Bedienung schien
ausgeschickt zu sein; auch die Mutter war nicht anwesend.
    Lucinde kommt nher; die Teppiche dmpfen ihren Tritt, und schon bersieht
sie im Geist, was drinnen vor sich geht. Sie zieht die Thren hinter sich zu und
steht unentschlossen, ob sie klopfen soll oder nicht ...
    Nein! ruft der Kaufmann. Sie wieder, Frau Baronin! Sie sind es jetzt fnfmal
gewesen! Ich schwre Ihnen, da ich keine Rcksicht mehr kenne! Eine Dame Ihres
Standes! Schmen Sie sich! Aber ich schone Sie nicht mehr, mgen Sie auf ewig
gebrandmarkt sein! Nicht fnf Minuten noch, so werden Sie vor dem Richter
stehen! Einen Kaufmann systematisch zu bestehlen, wie Sie es jetzt schon seit
Jahren thun! Pfui der Schande!
    Inzwischen hrt man eine weibliche Stimme Beschwrungen und Betheuerungen
ausrufen, die von Thrnen erstickt werden ...
    Lassen Sie! Ich habe kein Mitleid mehr! ruft der Kaufmann. Seit Monaten
beobachte ich Sie! Seit Monaten bemerk' ich, da jedesmal nach Ihrem Besuch im
Magazin ein Packet Spitzen, eine Lage gestickter Taschentcher oder Seidenzeuge
oder Foulards fehlen. Ich habe die Discretion gehabt, den Verdacht meiner Leute
von Ihnen abzuwenden! Nur allein ich habe mit Ihnen verkehren wollen, so oft Sie
das Magazin betraten! Heute endlich seh' ich die rasche Handbewegung, als Sie
eben einen Ihrer maskirten Kufe abschlieen! Ich folge Ihnen, Sie verlassen den
Laden, ich begleite Sie und am Wagen entdeck' ich, was Sie inzwischen unter
Ihrem Mantel verbargen! Pfui der Schnde! Aber ich kenne keine Schonung mehr!
    Lucinde hrte, da der ungeduldige Kaufmann sich nherte, um zu sehen, ob
nicht endlich der requirirte Stadtamtmann kam. Jetzt aber auch vernahm sie
pltzlich ein heftiges Fallen und die herzzerreiende Klage einer Schluchzenden:
    Auf meinen Knieen beschwr' ich Sie, Herr Guthmann! Ich werde alles
erstatten! Machen Sie mich nicht unglcklich!
    Es whrte der Auftritt noch eine Weile fort, bis sich die Vorwrfe und
Drohungen milderten, das laute Schluchzen der Dame sich legte, zuletzt alles
still wurde ... Es wurde sogar so still, so unheimlich still, da es Lucinden
vor Schreck kalt berrieselte. Sie konnte nicht ganz den Vorgngen mehr folgen
und dachte sich irgendeine Gewaltthat. Leise, athemlos, unsicher auftretend
zieht sie sich an die Thr, klinkt sie wieder leise auf und schleicht sich durch
die Zimmer nach vorn auf den Vorplatz zurck, wo der galonirte Bediente wartet.
    Eine so anziehende Erscheinung wie Lucinde brauchte hier nicht zweimal zu
fragen, um den Namen seiner Herrschaft zu erfahren. Der Diener nannte eine der
ersten Damen der Stadt.
    Nicht lange dann whrte es, so kam der Kaufmann mit der Herrschaft des
Bedienten aus seinem Bureau zurck. Es war eine schlanke, magere, noch junge
Dame, die Lucinde schon oft im Theater gesehen hatte, eine Frau, noch von
Jugendreiz und Anmuth berstrahlt. Sie lchelte verlegen ... Auch der Kaufmann
lchelte ... Sie schienen etwas verabredet zu haben, etwas besprochen, was
vielleicht nicht ganz erledigt war. Die Dame zgert ... Der Kaufmann beruhigt
sie mit einem sen Bitte! Bitte! ... Dann steigt die Dame die Stufen nieder.
Lucinde wird jetzt kurz und barsch befragt, was sie wolle? Der Kaufmann kennt
sie doch sonst, sah sie oft, war immer sehr artig gegen sie ... in diesem
Augenblicke ist er wie abwesend.
    Als Lucinde in stotternder Unsicherheit die Meldung macht, da der
Stadtamtmann nicht zugegen gewesen wre, da sie aber vom Amte jemand
mitgebracht htte, der unten warte, entschuldigte sich Herr Guthmann mit sich
findender Artigkeit wegen vergeblicher Bemhung. Mit einem auszurichtenden
Grue an ihre Herrschaft und dem Auftrag, einen stattgehabten Irrthum
anzudeuten, steigt Lucinde die Treppe nieder. Unten rollt eben die prchtige
Carrosse ab. Den mitgebrachten Gensdarmen mu Lucinde gehen heien.
    Diese Scene veranlate in ihr Aufregungen, die sie kaum beherrschen konnte.
So hatte ihr noch nie das Herz geschlagen, so war ihr noch nie das Blut durch
die Adern gerollt!
    Sie verschlo das Erlebte in sich. Nicht Schonung oder vielleicht eine
angeborene Discretion war es, was sie zu dieser Verschwiegenheit bestimmte.
Entweder frchtete sie, zu verrathen, da sie schon trotz ihrer Jugend eine
solche Scene verstanden hatte, oder man darf glauben, da sie einen Genu darin
fand, ein so wunderbares Erlebni ganz allein fr sich zu besitzen, ganz allein
fr sich zu genieen und berhaupt Dinge zu kennen, die die Nacht mit Grauen
bedeckt.

                                       5.


In jedem Leben ist der Augenblick entscheidend, wo uns die Dinge anfangen
objectiv zu werden.
    Unsere Kraft fngt von dem Augenblick an, wo wir etwas wissen, was endlich
einmal feststeht, endlich einmal fixirt ist wie der Schmetterling unter der
Nadel, nicht mehr auffliegen, nicht mehr wieder lebendig werden, uns widerlegen,
irren, wieder zu Anfngern machen und in alle Weiten treiben kann.
    Die Leute nannten Lucinden allmhlich stolz. Ihr Stolz bestand darin, da
sie sich selber emporhob, es versuchte mit ihrer mangelhaften Bildung ihrer
immer reichern Erfahrung gleichzukommen. Sie wute so vieles mehr und besser als
viele andere, und da sie doch an formeller Bildung zurckstand, auch zu trge
und zu unstet war, vielerlei noch zu lernen und nachzuholen - ihre Herrschaft
wrde ihr dazu, wenn sie's begehrt htte, die Mittel geboten haben -, so trug
sie geistig den Kopf mit Bewutsein ihrer Lcken hoch und erfand sich allerlei
Ersatzmittel und Beschnigungen fr das, was ihr fehlte.
    In diesen Erfindungen war sie so glcklich, da man sie bald das poetische
Hessenmdchen nannte und sie bewunderte. Sie war naiv mit Bewutsein. Sie
konnte den Blick so senken, wie die Andacht selbst. Sie konnte ihn aber auch
wieder aufschlagen, wie jene Medusen, die gerade darum so grausam mit ihren
Blicken tdten, weil sie so anziehend sind, so regelrecht in ihrem Antlitz alle
Linien der Anmuth haben. Lucindens Kopf wurde immer mehr ein Gemmenkopf, den
ebenso der blumendurchflochtene Aehrenkranz der Ceres wie das Schlangengeringel
einer Phorkyde schmcken kann. Der Stadtamtmann, der zu den eigenthmlichen
Naturen gehrte, die eine wahre Cerberusbissigkeit im Amte mit einer huslichen
trumerisch weichen und fast lyrischen Art verbinden knnen, erklrte es fr
einen radicalen Unsinn, als auf dem Casino davon die Rede war, sein
vielbesprochenes schnes Kindermdchen sollte er die Tracht annehmen lassen, in
der Van Embden seine berhmten blumenzupfenden Dorfmdchen gemalt hat. Er htte
sie, wenn's nach ihm gegangen wre, in eine Pension schicken mgen, soviel
Respect hatte er vor ihren Gaben. Nur seine Frau theilte den Enthusiasmus nicht.
Sie hrte seit lange nur auf die vielen Klagen, die ber Lucinden einliefen.
Alle jungen Mdchen der Bekanntschaft oder Verwandtschaft des Stadtamtmanns
waren eine Zeit lang von ihr entzckt; kaum aber hatten sie einen Vertrauensbund
mit ihr geschlossen, so nannte man sie treulos, verrtherisch und warnte vor ihr
die, die sie empfohlen hatten, und die, die sie noch beschtzten. Die einen
hoben sie zwar dann in den Himmel, die andern verwnschten sie aber schon. Sie
war oft in dem Grade der Gegenstand der allgemeinen Discussion, da sich der
Stadtamtmann die Ohren zuhielt, seine Gattin aber, um dem Dinge ein Ende zu
machen, ihre Entlassung beantragte.
    Nichts ist so verderblich fr die Jugend, als ungestraft bses Beispiel
hingehen sehen.
    Lucinde sah die vornehme Dame, die eine Diebin war, sehr oft wieder. Sie sah
sie auf der Promenade, im offenen Wagen, sie sah sie, von Cavalieren umgeben, im
Theater; ja, eines Tages, eine halbe Meile von der Stadt entfernt, sah sie in
einem ffentlichen Lustgarten des Frsten, nach dem man Partieen zu machen
pflegt, die schne Frau in der Begleitung eben desselben Kaufmanns, der sie
htte vernichten knnen. Sie bedauerte damals, das seltsame, die dunkeln Alleen
suchende Paar nicht genauer beobachten zu knnen, denn der, der sie selbst
begleitete, war gerade ein junger Mann aus dem Geschftspersonal des Herrn
Guthmann und schien gerade seinen Principal hier am meisten vermeiden zu wollen.
Kaum hatte der junge Mann die vornehme Dame mit dem in den Formen hchst
gewandten Herrn Guthmann durch die grnen Laubgnge des Parkes daherkommen
sehen, als er auch Lucinden sofort in eine Nebenallee zog und den Tag ber
vermied, sich drauen im Freien zu zeigen. Oskar Binder wute nichts von den
Ursachen dieser so auffallend intimen Annherung, und Lucinde errthete noch,
wenn sie darber nachdachte, wie sie es anstellen sollte, zu verrathen, was sie
belauscht hatte, und den Preis zu nennen, um den die Baronin ihre uere Ehre
gerettet hatte ...
    Der schne Oskar Binder selbst aber gehrte einer achtbaren Familie an und
war, wie man behauptete, der zuverlssigste und anstelligste unter smmtlichen
Commis im Bazar Guthmann. Das Vertrauen seines Principals berlie ihm die
Verwaltung der Kasse. Durch sein Aeueres ebenso empfohlen wie durch Namen und
Herkunft, kam er in die Kreise des Stadtamtmanns, und viele der jungen Mdchen,
Tchter von Rthen und angesehenen Beamten, zeichneten ihn aus. Dennoch warf er
sein Auge nur auf die halb schon als Pflegekind im Hause des Stadtamtmanns
befindliche Henriette. Da sie eine Schwester hatte, die noch diente, hatte
schon aufgehrt; Lucinde verschaffte ihrer Schwester eine Stelle in einer
groen, von einem Verein untersttzten Nhanstalt; ihre Geschwister im
Waisenhause sollten zum Militr gebildet werden. So den Uebrigen fast schon
ebenbrtig, ergnzte sie, was ihrer Stellung mangelte, durch die Geltendmachung
ihrer Persnlichkeit. Der junge Buchhalter hrte, was allmhlich alle jungen
Mnner von den andern Mdchen ber Lucinden hrten, da sie die Strerin des
allgemeinen Friedens, eine gefhrliche, zu jedem Mittel greifende Kokette wre.
Da sie aber den Reiz des Eindrucks fr sich hatte und berdies im Gegentheil
kein Wasser zu trben schien, zog sie alle an. Sie hatte eine Art, bei
gemeinschaftlichen Spaziergngen allein zu bleiben, irgend nach einer Blume zu
suchen, einen Kranz zu winden, die jeden, den sie mochte, in ihre Kreise zog.
Wenn sie den Schein des Dienens annahm, so half man ihr; wnschte sie selbst
etwas, so vollzog man es. Die noch lndliche Betonung ihrer Worte stand ihr
besonders naiv; sie war anziehend in ihren Aeuerungen, und wenn sie lachte, so
konnte sie, wenn sie gerade nicht zu weit darin ging, alles mit sich fortreien.
Nur zu weit durfte sie nicht gehen. Schttete sie sich vor Lachen, wie man zu
sagen pflegt, so hatte es den Ausdruck bser Schadenfreude, und all die jungen
Mdchen schienen dann recht zu haben, die zuweilen wnschten ihr geradezu die
Augen auskratzen zu knnen.
    Der junge Buchhalter folgte an jenem Tage, der ein auf die Woche fallender
Feiertag war und ihm wie dem sonst sehr fleiigen Principal Urlaub gegeben
hatte, lieber Lucinden als den brigen Teilnehmern und Teilnehmerinnen einer
groen Partie, die einige Verwandte des Hauses, in dem sich Lucinde befand,
veranstaltet hatten.
    Ihre Gegnerinnen behaupteten, da sie die Kunst, sich in einem Parke
pltzlich zu verirren, weidlich verstnde; aber die, die fr sie als Naturkind
und Hessenmdchen schwrmten, nannten sie einen Elfen, ein romantisches Wesen,
das die gewhnlichen Gleise des Alltglichen nicht zu wandeln brauche.
    Heute hatte sie es auf Eichktzchen abgesehen, deren sie mehrere schon
aufgehuscht hatte. Die jungen Mnner folgten fast zu strmisch, fast zu
auffallend. Lucinde hatte ebenso das Talent, die Mnner fr sich allein zu
haben, wie das andere, wenn sie wollte, niemand aus der groen Ringkette des
gemeinschaftlichen Vergngens herausfallen zu lassen; sie sagte dann jedem
etwas, was ihn zur Anknpfung eines Gesprchs ermuthigen konnte. Schon war der
junge Buchhalter darber eiferschtig, und eben, als er seinen Principal
entdeckte, hatte er es wirklich durchgesetzt sie zu isoliren. Als er nun doch zu
den andern zurckkehren mute, fragte sie:
    Warum fliehen Sie denn nur vor dem Herrn Guthmann?
    Der junge Buchhalter blieb die Antwort schuldig, worber sie theils aus
Neugier, theils aus Laune in Verdru gerieth. Aber rings gab es nun Augen, die
wuten, da Lucinde zu den Naturen gehrte, die ihr Gefhl da, wo sie zanken und
Vorwrfe machen, mehr offenbaren als da, wo sie schmeicheln und gut scheinen.
Jetzt sah man aus ihrem Schmollen, da Oskar Binder, der schne Buchhalter, der
Bevorzugte war. Als Lucinde sechzehn Jahre geworden, sprach man von ihrer
Verlobung mit ihm.
    Der junge Mann schien eine glnzende Situation zu besitzen. Er berhufte
Lucinden mit Geschenken, und dennoch versicherte er seinen nchsten Freunden
(auf Dinge, die ihm und ihnen sehr heilig waren, in der Form, z.B. auf Taille
oder Ich will hier nicht gesund stehen!) da er von Lucinde noch nie auch nur
die Hand gedrckt bekommen htte. Auch der Stadtamtmann erfuhr diese
Versicherungen und rstete sich alles Ernstes auf eine Aussteuer seines
geliebten Findlings, auf den er einen Theil der Sympathieen fr Glaube, Liebe
und Hoffnung bertrug, die er sich in einem Beruf voll Mistrauen und Verfolgung
als seine geheimste Lebenspoesie doch zu erhalten suchte. Da aber kam eines
Tages seine Gattin und war ber die teuflische Natur eines Mdchens im Reinen,
das die Neigung ihrer Nichte, der Hofraths-Eveline, zu irgendeinem andern jungen
Manne, dem Lieutenant Wallbach, durchkreuzen konnte und mit diesem einen ganzen
Abend lang in der Schtzengesellschaft in einem Winkel gelacht haben sollte. Die
Hofrthin kam, der Hofrath kam, Eveline wurde krank, der Lieutenant fhlte sich
ber die vom Hofrath fr ihn zur Verheirathung zu stellende Caution und durch
die Erwhnung derselben in einem Wortwechsel beleidigt und nahm seine Werbung
zurck; kurz, der Stadtamtmann, Evelinens Onkel, mute diesem Familienunglck
eine Satisfaction bieten: sie bestand in der endlichen Verabschiedung Lucindens.
    Lucinde, die sich, wie man bitter genug gesagt hatte, einen andern Dienst
suchen sollte, machte einige Versuche, den Ernst in Humor zu verwandeln. Sie
gelangen nicht. Der Stadtamtmann mute den Schein vermeiden, selbst von ihr
bezaubert zu sein. Seine Gattin sagte, ihr Ma wre voll.
    So zog Lucinde zu ihrer Schwester, der Nhterin ...
    In dem Behagen ihrer eigenen Interessen that es ihnen allen nichts, ob da
ein Leben in seiner Entwickelung unterbrochen wurde oder nicht.
    Acht Tage darauf war aber Lucinde fr die ganze Stadt verschwunden.

                                       6.


Wir finden sie in einer Extrapostchaise wieder, die eines frhen Morgens in jene
zaubervolle, sonnenglanzverklrte Ebene niederfhrt, die man von einer groen
Terrasse der Stadt aus nur mit dem Hochgefhl der Sehnsucht und des Entzckens
betrachten kann.
    Berge ringsum; aber nichts mehr, was bedrckt oder beengt, wie daheim, wo
die vier verhngnivollen Bchlein niedergingen. Ein groer freundlicher Strom
schlngelt sich durch Wiesen und Felder hin, und erst die uersten Rnder
desselben sind mit waldigen Hhen umkrnzt. Ueber das ganze groe Panorama hin
die bunteste Abwechselung. Hier grne junge Saaten, dort die gelben groen
Tcher der nordischen Oelpflanze; dann ein dunkler Eichenforst, hinter dem
wieder die blauen Wogen des Stromes aufblitzten; die Huser so schmuck mit
rothen Ziegeldchern, die Herrschaftssitze mit langen Pappelalleen, die in
miger Verwendung jeder Gegend einen ganz besonders vornehmen Ausdruck geben,
und so auf Stunden und auf Meilen hin.
    Die Berge da, sagte Lucindens Begleiter, sind die Weserberge! Dahinter
geht's nach Bremen und dann - nach Amerika!
    Es war ein wunderschner Junimorgen. Die Sonne brannte, und gern htte
Lucinde die Glasfenster des Wagens geffnet.
    Ihr Begleiter wollte erst die nchste Station abwarten. Auch dort noch bat
er, die Schwle des engen Raumes lieber noch eine Weile zu ertragen.
    Erst gegen zehn Uhr, als sie wol schon fnf Meilen von der von ihnen
verlassenen Stadt entfernt waren und es eine waldige Anhhe hinaufging, ffnete
er und lie das Fenster ganz zurckschlagen.
    Viel lieber htte Lucinde die Aussicht genossen, die sich frher dargeboten
hatte, Fernblicke auf die rothgedachten Meiereien, altersgraue, aus Busch und
Baum hervorblickende Thrme alter Edelsitze und Abteien, Mhlenwerke und
Fabriken, deren hohe Schornsteine die blaue Luft mit kruselnden Nebelwolken
erfllten, wunderliche Kirchthrme, die bald den Minarets der Moscheen glichen,
bald aber auch ganz verbuttet aussahen, wie alte Bchsen und Flaschen fr
Pferdemedicamente ... Jetzt lag nur zur Rechten ein fast undurchdringlicher
Tannenwald, zur Linken ging es eine kleine Anhhe mit niederm Gehlz hinauf, an
das sich zuletzt eine Buchenwaldung lehnte. Belebt war's ringsum. Fink, Drossel
und Pirol lieen ihren frischen Waldruf ertnen. Aus dem Tannendickicht zur
Rechten hrte man dann und wann ein hallendes Gerusch, das die Nhe von
Holzschlgern verrieth. Zur Linken fiel die Sonne so gnstig ber die grnen
Baumkronen, da sich ganz jene lieblich magischen Lichtwirkungen erzeugten, die
eben auch nur den Buchenwldern eigen sind.
    Nach Amerika!
    Das war weit von diesen summenden Kfern, diesen um die Rosse des Postillons
schwrmenden Brummfliegen, weit von diesem selbst, der die Anhhe zu Fu
nebenher ging und mit einem aus dem Vorholz zur Linken gebrochenen Birkenzweige
ber das lichtbraune Glanzhaar seiner schweigebadeten Thiere hinfchelte!
    Bei so fernem Reiseziel mochte wohl gerechtfertigt sein, da der junge
Buchhalter - denn Oskar Binder ist Lucindens Begleiter - schon seit fnf Uhr
Morgens, wo sie ausgefahren, so auerordentlich nachdenklich ist und immer nur
eine kleine Kassette betrachtet, die er auf dem Schoose hlt.
    An und fr sich war er fast gekleidet als ging' es zum Balle ...
    Als Lucinde vorm Thore, wo sie seiner Weisung zufolge ohne irgendein anderes
Gepck, als das sie selbst in der Hand tragen konnte, an zwei einsam am Wege
stehenden Pappeln erscheinen sollte, seiner in einem harrenden Wagen ansichtig
wurde, erkannte sie ihn kaum. Er blickte hinaus und winkte heftig, da sie rasch
auf den Tritt der Chaise und durch die von ihm gehaltene Thr einsteigen mchte.
Er hatte sich von gestern, wo sie kurz und rasch erklrt hatte, es wre sicher
am besten, wenn sie sich ihm zur Reise nach Amerika anschlsse, bis heute frh
seinen schnen Bart sowol um Mund wie Kinn und Wange abnehmen lassen, und hatte
eine ganz curiose Physiognomie bekommen, die frher aus der Bartwaldung heraus
kaum erkennbar gewesen war.
    Htte sie nicht ihr Wort gegeben und wre des nun doch verpfuschten Lebens
in der Residenz berdrssig gewesen, so htte sie umkehren mgen, so wenig
gefielen ihr jetzt die Nase, der Mund und die Ohren des jungen Buchhalters, denn
auch diese hatten frher nicht so grell hervorgestanden, als seit heute frh, wo
auch seine schnen langen, zierlich ber den Hemdkragen in einem einzigen Strich
herabfallenden dunkelbraunen Haare von der Schere vertilgt worden waren. Die
gelben Glachandschuhe trug er wie immer. Fr den schwarzen trug er einen grnen
Reitfrack mit goldenen Knpfen, dazu elegante carrirte Beinkleider, eine hohe
Mtze von schottischem Zeuge mit einer Troddel, und einen Plaid, den er sofort,
als frstelte ihn in allen Gliedern, ber seinen ganzen Krper ausbreitete,
sorgfltig aber dabei der Knpfe seiner Glachandschuhe achtend und diese selbst
ab und zu ungeduldig niederstreifend wie beim Anprobiren ...
    Dafr, da auch Lucinde sich, nach seinem ausdrcklichen Wunsche, ja Befehl,
gnzlich metamorphosirt hatte, schien er im ersten Augenblick kaum ein Auge zu
haben, und doch bot sie eine phantastische Erscheinung dar.
    Ein kleines kurzes Strohhtchen nahm sie ab, und da fielen ihr die vollen
Haare, die sie sonst nur in Flechten getragen, in langen dunkeln Locken ber die
Schulter bis in den Nacken herab. Von gestern Abend sieben bis neun Uhr hatte
sie von ihrer Schwester, die in diese Reise eingeweiht war, sich ihr Haar so
ordnen lassen, hatte die Nacht geschlafen mit funfzig Papilloten um den Kopf,
die von Luisen mit einer groen, ber zwei Talglichtern glhend gemachten
Ofenzange gebrannt worden waren. Alle Liebesbriefe, die beim Ausrangiren der so
leicht wie mglich herzustellenden Bagage auf dem Boden der kleinen Dachstube
ausgebreitet lagen, waren zu diesen Papilloten benutzt worden.
    Zu dem reizenden Kopfschmuck gesellte sich fast eine Balltoilette, ein
luftiges, bauschiges, weies Kleid, das schnste, das sie hatte, bestehend aus
einem geblmten Musselinstoff. Die vor Eile fast athemlos klopfende Brust
bedeckte eine rothe Florecharpe mit langhngenden seidenen Fransen. Dazu zwar
hohe Schnrstiefel aus Seidenzeug, keine Schuhe, wohl aber helle Handschuhe und
Manschetten von langen weien Spitzen. Es htte zu dieser Erscheinung ein mit
Seide ausgeschlagener offener Landau, nicht die auf jeder Station gewechselte
schmuzige Postchaise gehrt.
    Aber sowol fr diese Toilette wie fr das dagegen auffallend genug
abstechende Bndel, das Lucinden beim Tragen bis zum Thor fast zu schwer
geworden war, hatte der junge Mann stundenlang keine Augen. Ueber seine eigene
Metamorphose lchelte er mit gezwungener Leichtigkeit, und befahl dann immer nur
mit einer seine Begleiterin mehr erschreckenden als ihr imponirenden Barschheit
dem Postillon die grte Eile.
    Jetzt erst, um zehn Uhr, als Lucinde doch auch einmal aussteigen und sich
etwas dehnen und recken wollte, bemerkte er, wie sie seine Weisung, sich vornehm
und anders als gewhnlich zu kleiden, bis zum Auffallenden misverstanden
hatte; er bat sie, lieber im Wagen zu bleiben. Sie hatte gedacht, er wrde
endlich sagen: Nein aber wie schn! Wie entsprechend der gegebenen Anweisung!
Und vollends waren jetzt sogar die Locken aufgegangen und hingen ihr, wie einer
Genoveva, lang ber den Nacken herab, ein wildromantisches Aussehen gebend ...
Aber Oskar Binder zankte sogar.
    Die Vgel werden nicht vor mir erschrecken! sagte sie spitzig, als er sich
dabei ngstlich umsah. Sie lie sich nicht abhalten und stieg aus.
    Wie wohl that ihr's, endlich im Walde die beklommene Brust ausdehnen zu
knnen!
    Oskar Binder gefiel ihr heute nicht. Sie wute nicht, wie sie so schnell und
unberlegt in diese Gelegenheit nach Amerika hatte einwilligen knnen. Sah
diese Reise doch einer Erhrung seiner Huldigungen nicht unhnlich, und doch
hatte sie Oskar'n bisjetzt keine Zrtlichkeit gestattet. Wre er ihr heute frh
fnf Uhr bei den beiden Pappeln gleich um den Hals gefallen, dann htte es mit
ihrer Zukunft seine Richtigkeit gehabt, der Augenblick htte sie berwunden, sie
htte sich liebkosen lassen und nach Gefhl erwidert; jetzt aber war der
Augenblick verfehlt, und wenn bei den beiden Stationen, die sie hinter sich
hatten, jedesmal beim Weiterfahren der junge Mann einen Anflug von
Zutraulichkeit bekam und ihre Hand ergreifen wollte, zog sie sie zurck. In dem
zornigen Temperament, das ihrem Blute eigen schien, bei dem schwachen Talent
zur Treue, wie sie es selbst nannte, berlegte sie schon bei den ersten
ahnungsvollen Blicken in die nchste Ferne, ob denn in der That nicht Amerika
auch zu weit liegen mchte; denn nach ihrem Princip mochte sie hier in jedem
Dorfe gleich halten und in jedem Schlosse gleich die Leute kennen lernen.
    Den Bitten des nur mit seiner Kassette beschftigten Oskar, im Wagen zu
bleiben, gab sie kein Gehr. Der Weg ging bergauf, der Postillon schritt auch zu
Fu und sie wollte sogar noch weiter links in den Buchenwald hinein. Das dort
noch gehufte Laub vom vorigen Jahre lockte sie. Das raschelte so gleichfrmig
zu ihren Fen hin, und sie wollte dabei an Amerika und das groe Weltmeer
denken, das sie mit dem jungen Manne und seiner thrichten Liebe zu ihr zu
durchschiffen hatte. Und wie gebieterisch er schon wurde! Er rief einmal ber
das andere in englischer Betonung: Mary! Mary! Als wenn auch er ihren Namen
Lucinde zu verleugnen htte! Sie staunte dabei, da Oskar, wie sie bei den
zurckgelegten Stationen schon bemerkt zu haben glaubte, sich mit den
Posthaltern und Wagenmeistern in gebrochenem Deutsch unterhielt. Mehr aus
gereiztem Spott als aus guter Laune war es, da sie von ihrem Laubmeer, das ihr
bis an die Knchel ging, zur Landstrae hinber antwortete:
    Yes, my dear! Yes, my dear!
    Die englische Conversation that Oskar'n wohl und schien zu seiner Beruhigung
zu dienen. Whrend der Postillon horchend mit seinem Birkenzweig die Gule
kitzelte, fing jener laut einen englischen Discurs an, der im Walde hben und
drben nachschallte.
    Lucinde verstand ihn freilich nicht mehr als der Postillon; sie sagte immer
nur: Yes, my dear! Yes, my dear! Ihr Augenmerk war auf Eichkatzen gerichtet,
deren sie nicht wenige aus dem Laube, unter dem noch manche vorjhrige Buchecker
lag, aufschreckte.
    Wie sie so hin- und herrannte und die Thierchen die Stmme hinaufschossen,
mute sie sonderbarerweise der lngst vergessenen und aus der Stadt
entschwundenen Frau Hauptmnnin von Buschbeck gedenken. Diese stand ihr
pltzlich in dem Nachtkamisol mit der groen Haube ber der Nase und dem
aufgebundenen Unterrock vor Augen und vergegenwrtigte ihr besonders den Moment,
wenn sie auf den Musefang ging. Fand nmlich Frau von Buschbeck auf ihrem Boden
der Kartoffeln zu viele zernagt, so hatte die seltene Frau auch das Talent,
Muse aus freier Hand zu fangen. Lucinde war ihr oft nachgeschlichen, wie sie
auf der Hhnersteige, die zum Dache fhrte, auf der Lauer lag, listig um sich
blickte und mit raschem Griff sich eines ihrer Opfer bemchtigte. Hing dann am
Morgen in der Kche immer ein halb Dutzend Muse an den Schwnzen aufgereiht und
htte die Jgerin gesagt, es wre ein Vorurtheil, so reinliche und leider von
den besten Dingen sich nhrende Thierchen nicht zu speisen, in den ersten
Wochen, wo Lucinde von Langen-Nauenheim zu ihr gekommen war, htte sie voll
staunender Bewunderung und in ihrer damaligen Dummheit nicht widersprochen,
sondern sie auf Befehl gegessen, gesotten oder gebraten, wie die Frau
Hauptmnnin nur gewollt. Warum ihr aber das gerade jetzt so entgegenkam? Hier im
Walde? In dieser Einsamkeit? Sie sah die Alte deutlich, sie sah sie zwischen den
Bumen hinhuschen und Muse fangen; sie mute sich schtteln; sie kannte sich
noch darauf nicht, was es ist, vom Fieber durchschauert zu werden. Sie war vor
Aufregung seit gestern Abend mit dem Lockenbrennen und Frhaufstehen und nach
Amerika Reisen nicht zur Ruhe gekommen und eine Krankheit drohte.
    Der junge Anglo-Amerikaner merkte nicht, wie gespenstisch bla sie sah, als
sie mit hngenden Locken ber das raschelnde Buchenlaub zu ihm zurckkehrte und
in den Wagen stieg, der jetzt bergab und schneller fuhr. Nur wieder seine
Kassette, sein gedrucktes Reisehandbuch und die Entfernung bis zur nchsten
Station hatte er im Kopfe.
    Eine wundervolle Gegend! sagte er dann einmal ganz gedankenlos und bemerkte
kaum, wie sich Lucinde in die Ecke des Wagens drckte, seinen Plaid um sich zog,
den er ihr schon nach der zweiten Station bergelegt hatte, als es sie dort
schon trotz der Schwle des geschlossenen Wagens frstelte.
    Ich will schlafen! sagte sie jetzt und zog den Plaid bis ber die Stirn.
    Htte der Entfhrer eines den wunderlichen Widerspruch von Gescheidt und in
vielem noch vllig Beschrnkt verbindenden Mdchens Gefhl gehabt fr
irgendetwas anderes als die Sorge, fr seine Reise einen groen Vorsprung zu
gewinnen, so htte er bemerken mssen, wie ihr Antlitz in Wachs sich verwandelt
hatte, ihre Lippen bebten, ihre Hnde schlaff hingen, das Kleid sich verschob
und die Schultern marmorkalt hervorsahen. Es war auch wol ein solches Fieber,
wie man es nach geistigen wie leiblichen Geburten hat. Sie begriff allmhlich,
wie es doch mit dieser schnellen Reise zusammenhngen mochte. Oskar Binder hatte
Ursache zur Eile. Lucinde war, einfach in die Sprache der tglichen Welt
bersetzt, erstens von ihm entfhrt, und zweitens war sie es von einem Diebe.
    Da sie in ihrem Zustande keine Erquickung, keine Mittagsrast begehrte, kam
dem Flchtling ganz genehm. Er eilte nur und wetterte auf allen Stationen im
gelufigsten Englisch oder gebrochenen Deutsch. Gegen Mittag kaufte er kalte
Kche, sie im Wagen zu verzehren.
    Lucinde wollte nur einen Trunk Wasser.
    Jetzt bemerkte er erst ihren Zustand ...
    Ich bin das Fahren nicht gewohnt, hauchte sie.
    Ihre Zunge war trocken. Wenige Tropfen Wassers lschten den Durst nur auf
einen Augenblick; und doch schauderte sie, mehr zu trinken. Sie drckte sich
wieder in ihre Ecke.
    Da sie die Versicherung gab, da ihr nichts fehle, beruhigte sich der
Flchtling.
    Es war zwei Uhr, und man hatte wol schon acht Meilen zurckgelegt. Die
Gegend nahm einen neuen Charakter an. Oskar Binder fing an zu trllern; er pfiff
sich einige Arien, die er sonst wol auch mit einer schnen Tenorstimme zu singen
verstand. Er bekam die unternehmende Haltung wieder, die ihm sonst gelufig war,
strich sich das Gesicht an den Stellen, wo sonst sein Bart gestanden hatte, und
lachte einmal ber das andere laut auf.
    Jetzt interessirten ihn kleine Dinge am Wege, ein Dorf, ein bellender Hund,
dem er nachahmte und ihn damit nur noch heftiger reizte, die Landestracht. Auch
den falschen Englnder hielt er nicht mehr so consequent fest und gegen Lucinden
wurde er aufmerksamer. Er setzte sich rcklings und lehnte die Halbschlummernde
ber den Rcksitz bequemer aus, schlug ihre Fe in seinen ausgebreiteten Plaid,
strich die langen Haare von der kalten feuchten Stirn zurck, kte die Hnde,
deren Handschuhe schon abgezogen waren, und kniete sogar nieder, um von dem
Glck seiner Eroberung, von der Zukunft, von der baldigen Ruhe in einem guten
Hotel und den Bequemlichkeiten eines ersten Kajtenplatzes auf einem
deutsch-amerikanischen Dampfer zu sprechen.
    Lucinde hrte allem in trumerischer Abwesenheit zu. Die Ksse, die ihr
Begleiter auf ihre Hnde drckte, schien sie nicht zu fhlen. Ruhig lie sie ihn
auch ihre Locken streicheln. Zu lange auch verweilte er bei seinen
Zrtlichkeiten nicht; immer wieder fuhr er auf, das kleinste Gerusch konnte ihn
erschrecken. Kehrte er dann von einem Blicke aus dem Wagenschlage zurck, so
griff er erst nach seinem Reisehandbuche und verglich das, was er las, mit dem
was er eben drauen gesehen.
    Seltsam genug mochte ihm sein, in seinem Guide vielleicht zu lesen: Nun
ffnet sich das groe Becken, wo einst die Rmerwelt mit den Germanen
zusammenstie, Varus seine Schlachten verlor, Arminius das Schwert des Rchers
ber die vernichteten Legionen schwang, bis dann um achthundert Jahre spter die
Rmer wiederkehrten, mit dem Kreuze voran, dem Schwerte Karl's des Groen
hintennach. Hier an diesen Strmen vollzogen sie an den Sachsen die Bluttaufe
...
    Von den Wonnen des Geschichtskundigen, der hier zwischen diesen Bergketten
und Lngenthlern die ersten deutschen Klster errichtet wei, die damaligen
ersten Pflanzsttten der Bildung, der das Auge dort nach einem sagenreichen
Hgel, hier nach einer waldverlorenen Kapelle richtet und sieht, wie zwischen
Katholicismus und Protestantismus das Land getheilt wellenartig dem grnen
Landmeere, Westfalen genannt, und von dort den groen geschichtsmagebenden
Strmen und Meeren zu sich windet ... davon hatte nach Bildung und Gefhl das
starre Auge des jungen Verbrechers keine Ahnung.
    Um drei Uhr war es wieder eine Waldung, in die die Reisenden einfuhren ...
    Diesmal eine von Birken. Geisterhaft standen die blendendweien schlanken
Stmme, die Zweige hingen nieder wie an den Trauerweiden. Kein Herbstlaub war
von den drftig geschmckten Kronen mehr auf dem Boden sichtbar, Moos und
Flechtengewchse zogen sich, von blauen Blumen unterbrochen, weithin zwischen
den sonnenbeschienenen, feenhaft winkenden Stmmen. Hielt der Wagen, so
flsterte es von den Espen, die zwischen den Birken standen, wie ein Suseln der
Allnatur, und Wsserchen sickerten da und dort aus dem Moose hervor und
benetzten die ihrem Laufe schon folgenden Vergimeinnicht wie in der Idylle
eines Traumes.
    Lucinde lag in Betubung ... Ihr Auge war geschlossen, doch schlief sie
nicht. Sie fhlte wohl, da die immer gewecktere Laune, immer frhlichere
Stimmung ihres Begleiters angefangen hatte nur ihr allein sich zu widmen; sie
duldete es, um nur Ruhe zu haben. Sie wute und fhlte wol etwas von der
Berhrung ihrer Lippen. Sie war machtlos, geistig und krperlich ohne Willen.
    So ging es eine Weile wie im Traume fort ...
    Da pltzlich springt sie auf, wie von einer Natter gestochen. Der Muth des
jungen Mannes hatte mehr gewagt. Krampfhaft stt sie ihn zurck und sieht ihn
mit starren, weit aufgerissenen Augen an ...
    Aber auch ihm war gerade in demselben Augenblicke mehr geschehen als nur der
Widerstand eines ihm zu hlflos geschienenen Opfers.
    Die fnf Finger jeder Hand streckte er krampfhast vor sich ihn, wie einer,
der eine Scene unterbricht mit pltzlicher Anstrengung seines Gehrs, und kaum
hatte diese Bewegung eine Secunde gedauert, kaum Lucinde ihr eigenes Entsetzen
vor dem starren Schreck des Frevlers vergessen, als dieser nach einem Griff auf
seine immer zur Hand stehende Kassette den Schlag geffnet hatte, Halt!
donnerte, ohne Mtze aus dem Wagen sprang und fr sie verschwunden war.
    Lucinde sank vor dem pltzlich haltenden Wagen in den Sitz zurck, erhob
sich aber wieder, wickelte sich aus dem Plaid heraus und machte Miene,
instinctmig dem Flchtling zu folgen.
    Indem schlug ein Gerusch an ihr Ohr wie von Pferdehufen.
    Sie blickte zum Schlag hinaus, den der Postillon voll Erstaunen ber das
Benehmen seines Passagiers auch auf seiner Seite, der linken, geffnet. Man sah
zwei Gensdarmen mit klapperndem Seitengewehr in noch ziemlicher Entfernung
daherjagen. Lucinde, wie in der Ansteckung des Augenblicks, springt hinunter,
die Pferde halten aber nicht recht, scheuen und wollen auf den Fuweg. Dadurch
gibt ihr der Instinct des Moments den Gedanken, nicht zur Rechten, wo Binder
verschwunden war, zu entfliehen, sondern nach der linken Seite. Ein Fluch der
Verwunderung von seiten des Postillons folgt ihr. Sie rennt das niedrige
Gestrpp quer hindurch. Haselgestruche und Brombeerhecken biegt sie zurck,
luft, wie von Furien verfolgt, in der ganzen athemlosen Hast der
fieberhaftesten Erregung, mit Krften ausgerstet, die sie im Augenblick
hernimmt, sie wei nicht woher, luft durch Heck' und Moos, durch weiche,
versinkende Stellen, Struche zurckbiegend und keinem Verstecke, der sich
darbietet, vertrauend. Wie von der Luft getragen, fliegt sie dahin, und erst,
als sie nicht mehr kann, reicht das Entsetzen ber Gefahren, die sie sicher
nicht zu gro sich ausgemalt, nur noch so weit aus, auf die Zweigstmme eines
rings von hohen Bschen umgebenen Baumes zu klettern, die Zweige des Umwuchses
zurckzudrngen, die hhern Wipfel an sich zu ziehen, sich fest an sie
anzuklammern und mit einem einzigen khnen Sprunge auf die Astgabel des Baumes
zu springen, wo sie dann leichtere Mhe hat hher zu klimmen und athem- und
kraftlos, mit herabhngenden Hnden und niedergebeugten Hauptes
zusammenzusinken.
    
    So lugt der Luchs mit starren Augen aus grnen Zweigen und harrt des
nahenden Jgers.

                                       7.


In dieser Stellung blieb Lucinde wol eine Stunde.
    Sie hatte oft schon auf Bumen gesessen, aber so in Angst und Kraftlosigkeit
noch nie. Mit den ber einen gewaltigen Ast ausgelegten Armen hing sie mehr, als
sie auf einem untern mit den Fen stand. Der Schwei, der ihr von der Stirn
troff, mute ihr gut thun; sie behielt wenigstens die Besinnung, und diese lieh
dem Krper Kraft.
    Lang hingen die Haare, das weie Kleid war zerfetzt, ihr rother Shawl war
irgendwo hngen geblieben. Ihr ganzer Sinn spitzte sich nur auf das Gehr zu.
Wenn ihr Auge ber etwas funkelte, war es ein Blatt, das rauschte, ein Kfer,
der summte.
    Sie besann sich sogleich darauf, da sie ungewi sein konnte, ob sie mehr
vor den Hschern als vor ihrem Begleiter so geflohen war.
    Als sie nichts hrte, keine Menschentritte, kein Gerusch von Waffen, konnte
sie endlich die Miene so verziehen, da die weien Zhne eine Weile
hervorstanden, wie immer, wenn sie spttisch lachte ... Es war ein Lachen, das
allmhlich in ihrem Innern so platzgriff, da es sich auch uerlich geltend
machte. Sie lachte, wie die Verzweiflung pflegt, wenn sie nicht mehr aus noch
ein kann. Sie berlegte, was nun alles kommen konnte! Wenn sie aus dieser Lage
nichts Neues und Unerwartetes erlste, sah sie Demthigungen entgegen, die
grauenhaft waren.
    Alles blieb still ...
    Sie traute sich die Kraft zu, niederzusteigen ...
    Der Gedanke: Wie, wenn sie durch die Nacht so hinwandern knnte, durch die
Wlder, die Berge, ber die Meere - bis Amerika! der stand ihr so lange bei, bis
sie wieder auf ebenem Boden war und dann freilich vor Erschpfung bald
zusammensank. Sie hatte seit dem gestrigen Tage keine Nahrung genommen. Nun lag
sie kraftlos und griff nach den Zweigen der Strucher ber sich und beugte sie
zu sich nieder, hoffend auf Erquickung. Nirgends eine Frucht. Erdbeerbsche sah
sie etwas weiter, aber die Frchte waren abgestreift. Dies bewies ihr wenigstens
Menschennhe. So lag sie lange; sie legte den Kopf ber die gekreuzten Arme und
schmachtete so hin ...
    Seit lange hatte sie solche Einsamkeit auch ihres Innern nicht gefhlt.
    Doch mit Thrnen konnte ihre Natur sich nicht helfen. Vor acht Tagen - da
htte sie beinahe geweint, als sie das Haus des edeln Mannes, des
Stadtamtmanns, verlie. Sie weinte auch wirklich, als die alte Kchin ber ihr
trstend und doch kopfschttelnd gesagt hatte: Jettchen, Jettchen, Sie werden
noch Traurigeres in der Welt erleben, als das ist! Sie hatte schon seit lange
nicht mit der Alten gesprochen, weil sie zu stolz geworden war. Aber lange hatte
die Rhrung nicht gedauert. Sie whlte schon damals nach einer Genugthuung. Da
sich keine fand, da ihr berall der Weg versperrt war nach der Seite hin, wo
allein ihrem Stolze gengt werden konnte, so war sie bereit gewesen, das Netz,
das sie berspann, zu zerreien und mit Oskar Binder in die weite Welt zu gehen.
Wie das so war und werden konnte, hatte sie nicht viel berlegt. Nun sah sie's
und neu genug waren die Folgen ... Jetzt blickte sie in einem Walde einsam
hinein in Moos, Farrnkruter, Struche mit Blten und Beeren, die zum Herbste
reiften ... Was dieser ihr wol bringen wird!
    Die kleinen Kfer und Insekten um sie her konnte sie noch verfolgen, wie sie
sprangen und sich kugelten und auf Halme kletterten, die am Gewichte derselben
zusammenknickten ...
    Es regt sich doch alles, es nhrt sich doch alles! Das zu denken, auch jetzt
zu denken, war lngst ihre Art, und so elend ihr zu Muthe blieb, aufstehen wrde
sie doch, wenn nicht gleich jetzt, doch noch vor Abend; und zurckdenken mochte
sie am wenigsten; aufrichtig beklagen, sich etwas vorwerfen, bereuen, das hatte
sie nie vermocht, und wenn sie sonst gestraft worden war, Thrnen kannte sie
auch da nicht. Ihr Vater weinte wol dann statt ihrer und seufzte: Die Mutter!
    Nach einer halbstndigen Ruhe raffte sie sich wieder in die Hhe. Sie
ordnete ihr Haar, soweit es ging, erschrak zwar ber den Zustand ihres Kleides,
versuchte aber weiter zu kommen.
    Sie hielt sich an die Zweige und Stmme. Einen Weg fand sie nicht. Sie war
gauz im Dickicht, und doch war ihr's manchmal, als lutete von irgendwoher eine
Glocke. Dann war's blos wieder ein Summen im Grase oder im Ohre. Einige hundert
Schritte brachte sie so vorwrts; weiter trug sie ihre Kraft nicht mehr ...
    Es war an einem wunderschnen Platze, wo sie zusammensank. Der Wald wurde
lichter, die Birken ragten wieder, Erlen, auch Weiden kamen. Sie sah sogar in
der Ferne Schilf, dicht verwachsen; nun mute doch ein Wasser kommen. Sogar
Schwalben schossen daher, die sonst im Walde nicht wohnen. Auch eine Lerche
wirbelte ein Abendlied in der Luft. Aus dem Schilfe blickte manche dunkelblaue
Blume ihr entgegen. Weie Nymphen sah sie auf kleinen Wsserchen. Das Gras um
sie herum war von Vergimeinnicht gezeichnet ...
    Immer mder und mder wurde ihr. Rings der groe schweigende Kranz des
Waldes, hier ein kleines Wassereiland, drber der blaue Himmel mit einigen wie
durchsichtigen Rosawlkchen in allerhchster Hhe. Sie blickte noch einmal
empor, dann fate sie, wie um sich zu halten, einen Bschel blauer
Glockenblumen, und lag dann so, diese in der Hand haltend, ohne Bewutsein. Eine
grne, behend dahinschlngelnde Eidechse, die sie im Sinken unter einem
feuchten, moosbewachsenen Steine aufscheuchte, sah sie wol noch, aber frchtete
sie nicht mehr.
    Als Lucinde erwachte, war es dunkler Abend.
    Ihre Ohnmacht war in Schlummer bergegangen. Sie erwachte an derselben
Stelle.
    Obgleich sie schwer getrumt hatte und im Traume weit entrckt gewesen war
in ferne Lande, so erkannte sie doch sogleich den Ort wieder trotz der
Dunkelheit.
    Nur Gesellschaft hatte sich eingefunden. Es sa ein Mann neben ihr.
    Es war ein ihr vllig Fremder, und doch erfllte er sie nicht im mindesten
mit Schrecken.
    Seine Geberde war auch zu sprechend fr die Gefahrlosigkeit seiner Nhe und
seiner Absicht. Er lag auf den Knieen, faltete die Hnde, die er lssig
niedergleiten lie, und betrachtete die Erwachende, wie wenn er eine
berirdische Erscheinung angebetet htte.
    Ihr Erwachen schien den Fremden mit groer Freude zu erfllen.
    Er war hoch und stark, ein Mann eher noch in jungen als in mittlern Jahren.
    Sein Antlitz, soweit es der schon nchtlich gedunkelte Abend erkennen lie,
war voll, gerthet, beides fast im Ueberma.
    Die Art und Farbe der Augen lie sich vor dem Schirm einer leichten
Sommermtze, die er trug, nicht erkennen.
    Auch seine brige Tracht war von leichtem, hellem Sommerstoffe, bis zu
Gamaschen hinunter, die er trug.
    Das Halstuch war mit einem Ring zusammengebunden, dessen weie Steine
wunderbar funkelten. Eine schwere goldene Kette hing ber die offene Brust
hinweg ber ein sauber geflteltes Hemd. Von der grnen Waldeseinsamkeit stachen
die weien Glachandschuhe ab, die auch dieser Fremde wie Oskar Binder trug und
trotz seines Knieens und seiner wie anbetenden Geberde nicht ausgezogen hatte.
    Noch ehe Lucinde sich in diesen seltsamen Anblick gefunden, wurde sie von
dem fremden Manne angeredet. Es war in einer fremden Sprache, die aber einige
deutsche Laute untermischt hatte, und das so richtige und volltnende, wie wenn
ihm jene doch nicht recht gelufig war.
    Die sich gleichbleibende Stellung und ehrfurchtsvolle Anrede des Fremden
berraschte Lucinden jetzt so, da sie sich erhob und einige Worte sprach:
    Wer sind Sie? Wo bin ich?
    In diesem Augenblicke kamen aber auch schon aus dem Walde einige Leute und
brachten einen groen Tragsessel.
    Ein lterer, schwarzgekleideter Mann fhrte sie und nherte sich mit
Anweisung der Stelle, wohin sie ihm mit dem Sessel folgen sollten. Da er
Lucinden schon aufgestanden und jetzt wie auf der Flucht fand, rief er ihr
entgegen:
    Mein junges Kind! Frchten Sie sich nicht! Sie sehen hier nur die Sorge des
Herrn Kammerherrn! Wir waren im Begriff, Sie auf diesem Stuhl in meine Wohnung
zu bringen!
    Lucinde war sich ihrer eigenen Abenteuerlichkeit zu gut bewut; wie htte
sie von den Mnnern, statt Aufklrungen zu geben, welche verlangen knnen!
    Sie mssen ermdet sein! Setzen Sie sich! Diese Leute sind stark genug, Sie
den Weg, der nicht zu kurz ist, in meine Wohnung zu tragen!
    So sprach wiederholt der Neuhinzugekommene, ein hagerer, langer Mann, von
gelassenem Wesen. Sie mute nach Tracht und Haltung in ihm einen Dorfgeistlichen
vermuthen.
    Der als Kammerherr Bezeichnete war aufgestanden und hielt sich immer nur in
einiger Entfernung, faltete die Hnde und betrachtete Lucinden wie ein Wunder,
das sie in dieser Umgebung, in ihrem wilden und doch eleganten Aufzuge
allerdings auch war.
    Ermdet und schwach bis zum Umsinken, lie sie sich die Dienstleistungen der
Leute gefallen, duldete, da man sie auf den Sessel hob, diesen dann krftig
erfate und sie so aus dem jetzt schon vom Monde beschienenen und von
Leuchtkfern und schwrmenden Phalnen belebten Schilfmoor in den dunkeln Wald
zurcktrug.
    Die Trger sprachen nichts als was zur Verstndigung des bessern Handhabens
des Stuhles gehrte; auch die beiden andern, der Kammerherr und der, den sie fr
einen Geistlichen hielt, folgten schweigend.
    Lucinde, so dahingetragen den schmalen dstern Waldweg, glaubte noch immer
zu trumen, und doch war alles Wirklichkeit. Diese geisterhaften Lichter, die
der Mond zwischen die hohen Stmme warf, waren zu natrliche.
    Aber das Gefhl, einer Gefahr entgegenzugehen, konnte hier nicht aufkommen.
Die beiden Mnner blieben zwar in lebhaftem, wie sie hrte, jetzt in
vollkommenem Deutsch gefhrten Gesprch zurck, aber die gutmthigen Mienen
ihrer Trger lieen auf ehrliche Dorfbewohner schlieen.
    Lucinde war so angegriffen, da sie mit sich geschehen lie, was man thun
wollte. Sie lehnte den Kopf an die Rckenlehne des Sessels und hrte nur.
Endlich vernahm sie das Schlagen einer Thurmuhr und Hundegebell. Sich ein wenig
aufrichtend, sah sie einige Lichter blinken, auf die man in gleichmiger
Bewegung zuschritt.
    Der kleine Zug kam in ein stilles, schon in nchtlicher Ruhe sich wiegendes
Dorf. Die hintern Begleiter hatten eine Strae abgeschnitten und waren den
Trgern voraus. An der Kirche lag ein stattliches Haus, dem letztere durch ein
zur Seite liegendes groes Hofthor schneller beikommen wollten; doch der
Kammerherr sprang heran und rief ein gellendes: Nein! indem er auf den
Haupteingang des Hauses selber zeigte. Seine Gestalt und Stimme bot in diesem
Augenblicke einen ngstlichen Eindruck. Lucinde htte gewnscht, von ihm minder
geruschvoll geehrt zu werden.
    Da sie sich in einem evangelischen Pfarrhause befand, bemerkte sie bald an
der Umgebung, die immer lebhafter und zahlreicher wurde. Eine freundliche Frau
beklagte sie, erklrte sie ohne Zweifel fr verirrt, fr krank, und rhmte den
Kammerherrn, der die Unglckliche entdeckt htte, die an jener Stelle im Walde
unfehlbar die Nacht wrde haben verbleiben und sich vollends verderben mssen.
    Man trug Lucinden eine Treppe hinauf, in ein zwar niedriges, aber
freundliches und sehr gerumiges Zimmer, neben welchem ein Cabinet mit Bett sich
befand. Alles war schon hergerichtet zu ihrem Empfang. Jeder griff zu, jeder bot
ihr Hlfleistung; nur der Kammerherr stand unausgesetzt von fern und
betrachtete, was er sah, wie eine Mrchenerscheinung. Jetzt bersah Lucinde die
ganze lange, starke, breitschulterige Persnlichkeit, deren zartes, fast ses
Benehmen mit diesem Aeuern in einem fast komischen Contraste stand.
    Ihre Erklrung, da sie sich verirrt htte, gengte vorlufig und
verhinderte alle weitere Nachforschung. Man war bedacht, sie mit Speise und
Trank zu versorgen und ihr die Ruhe eines weichen Lagers zu gnnen. Sie
unterwarf sich auch jedem, was man zu ihrer Strkung und Bequemlichkeit ersann.
Sie war nur das willenlose Echo jedes gesprochenen Wortes bis auf das: Gute
Nacht! das man ihr zurcklie und das sie ebenso erwiderte. Sie hrte noch etwas
wie den gezogenen Ton eines Wchterhorns und entschlief.
    Die weniger krftige als zhe Natur Lucindens hatte sich am folgenden Morgen
vollstndig wieder erholt. Von einem wohlthtig ber Nacht ausgebrochenen
Schweie merkte sie jetzt kaum noch etwas, als die gewonnene Strkung. Sie
richtete sich, wie die Sonne hell in die sehr niedrigen, aber wohnlichen Zimmer
schien, hoch auf und lachte schon wieder ber die Situation, in der sie sich
befand. Man war schon um sie her beschftigt gewesen. Sie fand schon Kleider,
Wsche, Hlfsmittel ihre Toilette zu machen, erfrischendes kaltes Wasser. Sie
konnte annehmen, da sie mit Oskar Binder in den von ihm so hochgerhmten Hotels
der Seestadt Bremen angekommen und eine Grfin war, als welche er sie berall
behandeln zu wollen versprochen hatte. Bei dem Gedanken, ob der junge Mann nicht
schon auf dem Wege ins Zuchthaus war, berlief sie eine peinliche Furcht. Sie
erwog indessen ihren Antheil an seiner Schuld und durfte sich freisprechen bis
auf den verlorenen Ruf. Letztere Betrachtung strte sie nicht zu lange: ihrer
Natur widersprach es, sich um irgendetwas allzu viel Sorge zu machen.
    Die Kleider, die sie vorfand, entsprachen freilich der Vorstellung von einer
reisenden Grfin sehr wenig.
    Es waren leichte, vielfach gewaschene und von der Sonne ausgebleichte
Kleider der Frau Pfarrerin.
    Sie zog einen der Rcke an und lachte ber sich selbst, als sie in den
Spiegel geblickt, von dem sie erst zwei sich kreuzende Pfauenfedern und eine
Anzahl Visitenkarten und geschriebene Einladungen zu Mittagessen und
Kaffeegesellschaften in der Umgegend wegnehmen mute.
    Wie eine Gromutter! sagte sie, von diesen Familienbezgen angeregt, zu sich
selbst. Sie sann hin und her, wie sie sich helfen konnte, denn vollkommen
gegenwrtig war ihr die Anwesenheit eines Mannes, den man Kammerherr genannt und
der ja vor ihr anbetend auf den Knieen gelegen und sie wahrscheinlich spanisch
oder arabisch begrt hatte. Leise hatte sie auch schon die an den Fenstern
dicht herabfallenden gemusterten und roth umsumten Musselingardinen gelftet
und richtig schon ihren Verehrer in dem kleinen Garten vor dem Hause auf- und
abwandelnd erblickt.
    Lucinde war eitel genug, die glnzende Toilette, in der er erschien, auf
ihre Veranlassung zu setzen. Er trug eine hellblaue Uniform mit goldgesticktem
Kragen, mehrere Orden auf der Brust und einen dreieckigen Tressenhut auf dem
schon wieder sehr rothen Antlitz. In gravittischer Wrde ging der Kammerherr
durch die zierlichen Wege des kleinen Blumengrtchens auf und nieder und brach
nur dann und wann zu einem Bouquet, das er schon in Hnden hielt, noch eine Rose
oder aus den Einfassungen der Beete eine Federnelke.
    Zunchst ordnete sie ihr verwildertes Haar. Sie legte es wie sonst wieder in
Scheitel und Flechten. Um Locken zu machen, fehlte die Feuerzange ihrer
Schwester.
    Diese Umwandlung dauerte lange. Sie wurde ihr aber angenehm durch eine ganz
wunderbare Unterhaltung, die pltzlich durch das Haus ertnte. Eine Musik
erfllte die nicht unansehnlichen Rume desselben, und zwar mit einem Wohllaut,
der hhern Sphren angehrte. Jedes Glas auf dem Tische, die Fensterscheiben,
die Bilder an der Wand, ja, die klappernde Thr eines gueisernen Ofens, alles
schien von dieser Musik mit ergriffen, so mchtig brausten die Accorde
durcheinander, ob sie gleich nur von einem einzigen Instrumente, etwa von einer
riesigen Fltenuhr, zu kommen schienen.
    Was ist das? fragte Lucinde die Magd, die sie in seltsam fremder, ihr nicht
gelufiger, plattdeutscher Sprache um das Frhstck anging, das sie zu haben
wnschte.
    Der Herr Pfarrer spielt! hie es.
    Ja, aber was? worauf?
    Die Magd lchelte verlegen; ihr guter Wille, Aufklrung zu geben, scheiterte
an einem schweren fremdartigen Namen.
    Die Tne schwollen inde und lsten sich ab mit einer Weihe und Erhabenheit,
die der feierlichsten Kirchenmusik gleichkam. Bald waren es Flten, bald Oboen,
bald die Tne eines Violoncells. Nur einmal hatte Lucinde hnliche Eindrcke
gehabt, damals, als sie zur Osterzeit gelegentlich die kleine katholische Kirche
der Residenz betreten, um zu belauschen, wie sich die Frau Hauptmnnin
anstellte, im Beichtstuhl zu sitzen. Sie erfuhr spter, da die geizige Frau,
die den Satan ohnehin fr den wahren Herrgott hielt, nur deshalb alle Jahre
einmal zur Beichte ging, um ein monatliches gnzliches Fasten zu motiviren, das
sie darauf als eine ihrem Hause fr ihre Snden dictirte Strafe einfhrte.
Lucinde dachte auch bei dieser Musik an jene Zeit der bittersten Entbehrungen.
    Da ihr schnes Kleid einer grndlichen Ausbesserung bedurfte, wenn es nicht
gar ganz verdorben war, so blieb ihr nichts brig, als fr ihr Costm sich den
Umstnden zu ergeben. Sie bat um eine Haube und erhielt sie. An dem Schnitt
ihres Antlitzes, an dem Reiz ihrer Formen war nichts zu entstellen, sie konnte
den Eindruck einer eben verheiratheten jungen Frau machen. Sie nahm dann ein
leichtes Frhstck von Milch und eilte an die Quelle der berauschenden Tne, die
das ganze Haus verzauberten.
    Man empfing sie unten sehr freundlich und wnschte ihr Glck zu ihrer
schnellen Erholung. Ihre Toilette fand man erfindungsreich und entschuldigte
sich, ihr nicht mehr bieten zu knnen. Die Musik hatte denselben Augenblick
aufgehrt. Auf ihr Befragen, welchem Instrument man verstanden htte diese
wunderbaren Tne zu entlocken, zeigte der Pfarrer auf einen Kasten, in welchem
eine Reihe von Glsern, eins ins andere gesteckt, an einem Bande in der Schwebe
gehalten lagen. Durch eine mechanische Vorrichtung bewegten sie sich, geriethen
durch stndiges Drehen in Schwingungen und wurden nun mit den Fingerspitzen je
nach ihrer Stimmung berhrt. Diese Art des Spielens schien anstrengend. Man
mute die Glser durch Friction in Umschwung erhalten. Der Anblick selbst war
lange nicht so poetisch wie die Wirkung. Es war eine, jedenfalls verbesserte,
jener alten und echten Harmoniken, die Benjamin Franklin erfunden haben soll,
und die schon lange aus dem Gebrauch des Virtuosenthums gekommen sind und nur
hier und da noch von einem Freunde ernster und weihevoller Musik gespielt
werden. Der Pfarrer und die Pfarrerin, beide waren gleich geschickt darin.
    Das nchste Gesprch, an welchem in bescheidener Zurckhaltung einige
freundliche Kinder, zwei Mdchen und zwei Knaben, theilnahmen, betraf natrlich
das gestrige Finden der Verirrten.
    Der Pfarrer hatte mit dem Kammerherrn, der immer noch im Garten, harrend und
seinen Strau vervollstndigend, auf- und niederging, kurz vor Sonnenuntergang
noch einen Spaziergang gemacht. An dem Riedbruch, wie die bezeichnete Gegend
benannt wurde, hatte man Lucinden berraschend genug und im Schlummer
hingestreckt gefunden. Ihr zerrissenes Kleid, die aufgelsten Haare hatten
keinen Zweifel gelassen, da es sich um eine Kranke handelte, und schnell war
der Pfarrer zum Dorfe geeilt, whrend der Kammerherr zur Aufsicht
zurckgeblieben war.
    Zwei fast gleichzeitige Fragen, die ihrerseits nach der wunderlichen Art des
letztern, und die Frage der Pfarrersleute, wie und woher sie denn in diese
misliche Lage gekommen, durchkreuzten sich eben, als man vorm Hause einen
frchterlichen Lrm hrte, Schimpfreden und Drohungen wildester Art.
    Ja, was ist wieder? sagte ruhig der Pfarrer und ging hinaus.
    Lucinde sah, da sich der Kammerherr wie ein Tobschtiger geberdete und in
einige Entfernung hinausschrie:
    Schlingel, nichtswrdiger Schurke, Tagedieb! Wo bleibt mein Degen? Wie lange
soll ich nach meinem Degen rufen? Bin ich der Kammerherr von Wittekind oder
nicht?
    Da auch die Pfarrerin auffallenderweise sehr ruhig in den Garten ging, so
nahm Lucinde keinen Anstand zu folgen. Sie hatte schon die Thr in der Hand, als
ihr auffiel, wie schnell das lteste der Mdchen an die Harmonica sprang und
einige der Glser mit dem mhsam ausgebreiteten Spann ihres kleinen Hndchens zu
reiben sich mhte.
    Was ist das alles? fragte sie sich und war um so mehr betroffen, weil der
Name Wittekind sie an die monatlichen Geldsendungen der Frau von Buschbeck oder
des Fruleins von Glpen erinnerte. Auf den fnf Siegeln hatte sie einmal die
Worte: Freiherrlich Wittekind'sche Kameralverwaltung gelesen ...
    Die Kleine spielte wohlgeordnet einen Choral. Der Kammerherr ri dazwischen
sein Blumenbouquet auseinander, rannte ber die Beete, zertrat alles und schlug
sogar gegen den Pfarrer, der ihm zuzureden und ihn ins Haus zurckzufhren sich
bemhte, mit geballter Faust. Leuten, die drauen am Staket gaffend stehen
blieben, winkte der Pfarrer zu gehen.
    Meinen Degen! Meinen Degen will ich haben! rief der Ungeberdige unausgesetzt
und drohte nach einer Seite hin, wo sich jemand zu befinden schien, der diesen
zu bringen von ihm beauftragt war.
    Aber den Degen? rief die Pfarrerin, jetzt doch auch erregter ins Haus
zurckkehrend. Wie kann man ihm einen Degen lassen!
    Lucinde begriff nun, da der Kammerherr geisteskrank war. Nie hatte sie
Menschen in diesem Zustande gesehen und frchtete sich, trotzdem da man
versicherte, die Musik wrde allmhlich seine Tobsucht mildern. In wunderbaren
Tnen spielte auch jetzt die Frau Pfarrerin, eine kleine, zarte, aber geistig
durchleuchtete und willensstarke Frau.
    Wie Lucinde nun auch auf dem Sprunge war auf die Treppe zu eilen und sich in
den obern Stock zu flchten, traf sie durch die noch geffnet gebliebene
Hausthr der Blick des Tobenden. Kaum war er ihrer ansichtig geworden, als er
augenblicklich in seinen Schimpfreden innehielt, die Hnde nach ihr ausstreckte
und halb die Knie beugte.
    Diese Aenderung der Scene war das Werk eines Augenblicks. Die zaubervollen
Accorde, die die Pfarrerin dem Instrument entlockte, hoben eine Situation, deren
Feierlichkeit von dem Schrecken und Staunen der Nherstehenden untersttzt
wurde; die entfernter Lauschenden freilich lachten.
    Lucinde blieb eine Weile unbeweglich.
    Dann aber fate sie sich Muth und ging auf den Kammerherrn zu, ihm einen
freundlichen: Guten Morgen! wnschend.
    Er erhob sich, sprach nichts und lchelte voll Ehrfurcht.
    Da Sie mich noch wiedererkennen! fuhr Lucinde wie in unbefangenster Laune
fort. Ich habe mich seit gestern verndert, nicht wahr?
    Sie gehren jetzt der Erde an! sprach der wie in einem Bann Befindliche
feierlich, langsam, mit sonderbar hochliegender, fast weiblicher Stimme.
    Nicht wahr, fuhr Lucinde scherzend fort, Sie glaubten gestern, ich wre vom
Himmel gefallen?
    Und nun suchte sie die zerstreuten Blumen auf, wobei ihr der Kammerherr
behlflich sein wollte.
    Aber diese steife Uniform! fuhr sie fort. Pfui! Pfui! Wie garstig dieser
hohe Kragen! Das mag sich wol bei Hofe schn ausnehmen, aber hier ... Die armen
Rosen und Nelken! Nein, kommen Sie, Herr Kammerherr von Wittekind! Ziehen Sie
Ihre gestrige leichte Kleidung an, und wir richten den Garten wieder in Ordnung!
    Ich wollte Ihnen meine Ehrfurcht bezeugen! sagte der Kranke und verbeugte
sich wie vor einer Frstin.
    Nun gut! So denken Sie nur, da ich auch ganz incognito hier lebe und wir
uns eines dem andern nichts vorwerfen wollen!
    Der Kammerherr verbeugte sich und ging, ohne weiter nach dem Degen zu
fragen, ins Haus, um sich umzukleiden. Er bewohnte die andere Seite des
Erdgeschosses.
    Alle standen in Verwunderung vor diesem unerwarteten Besnftigungsmittel.
Der Pfarrer besonders schien sehr erfreut und sagte leise:
    Die Musik war bisjetzt das Einzige, was die zuweilen ausbrechende Tobsucht
des geistesschwachen Mannes mildern konnte. Nun kommen Sie und schon Ihr Anblick
entwaffnet seine Wuth! Sie sind uns ja wie ein Geschenk von Gott gegeben!
    Lucinde erfuhr, da der Pfarrer von Eibendorf, dem das trauliche Nest von
Kindern sich fllte, vom Ertrag seiner Pfarre aber kaum die Scheuer, sich
erboten hatte, einen geisteskranken vornehmen, sehr reichen Mann in Obhut zu
nehmen. Es war, er gestand es aufrichtig, eine ganz einfache Speculation auf die
Besserung seiner eigenen Existenz. Er wollte diese Ersparnisse anlegen fr die
knftige Ausbildung seiner Kinder. Offen sagte er das; aber man sah wohl, sein
eigener redlicher Wille und die Herzensgte seiner Frau konnten sich nicht
entschlieen, diese Pflege wie das Amt eines Miethlings auszufhren. Sie
unterzogen sich ihrer schweren Aufgabe, die sie in diesem mislichen Umfange, wie
sich bald herausstellte, kaum geahnt hatten, mit aufrichtiger Hingebung, wachten
Tag und Nacht ber den launischen, oft bsartigen und in der groen Welt in
vielen Dingen grndlich verdorbenen Mann, der schon an die Vierzig gerckt
schien und doch kaum dreiig zhlte.
    Freiherr Jrme von Wittekind entstammte dem Geschlechte, das sich fr die
Nachkommen jenes edeln und tapfern Wittekind hielt, der in diesen Gegenden,
tiefer abwrts nach Westen zu, lange Jahre Karl dem Groen die Spitze geboten.
Einem Geschlechte der Hnen schien auch noch immer dieser entartete Enkel
anzugehren. Der Kammerherr war der jngere Sohn des groen Landbesitzers und
eines der ersten Glieder hierlndischer Ritterschaft, des Kronsyndikus von
Wittekind; der ltere stand in Diensten des nordwrts liegenden groen Staats.
Dieser jngere, von frh beschrnkt und schwachsinnig, hatte sich den
Kammerherrnschlssel eines der kleinen Hfe geben lassen, die in der Gegend der
Externsteine liegen. Seine Reisen und Aufenthalte in groen Stdten waren die
Veranlassung zu so vielen Thorheiten und Verschwendungen geworden, da der Vater
seinem Wesen Einhalt thun mute. Die Beschrnkung, die er erfuhr, reizte seine
Wildheit noch mehr, und als der Vater, der selbst ein determinirter Mann war und
im Nothfall, wie Lucinde spter kennen lernte, mit geschwungener Hetzpeitsche
dreinfahren konnte, ihn vollends einengte und, um den Geisteszustand seines
Sohnes nicht zu verrathen, ihn gar wie einen zweiten Kaspar Hauser einschlo,
lie die Elasticitt dieser schwachen Geisteskrfte immer mehr nach und ein oft
bsartiger Bldsinn war die Folge, die nur noch die gewohnte Art der Haltung und
der hochgetragene Nacken des adeligen Stolzes in der stattlichen Erscheinung des
Kammerherrn verdeckte.
    Obgleich Katholik, hatte man ihn, um seinen Zustand ganz aus dem Bereich der
Controle der ihm ebenbrtigen Adelsgeschlechter zu bannen, zu einem
protestantischen Geistlichen, zehn bis zwlf Meilen von den groen Gtern des
Vaters entfernt, gegeben. Den Vorwand dafr gab seine Liebe zur Malerei. Er
besa ein wirkliches Talent zum Copiren und streifte durch die Gegend meist mit
der Zeichenmappe. Sein Diener sagte dann jedem, sein Herr halte sich deshalb
beim Pfarrer auf, weil nichts der Umgegend von Eibendorf gleichkme. Wald, Berg,
Wiese und Grund schmckten das Thal allerdings mit den reichsten Farben; die
Malerei und Musik wurden zu Hlfsmitteln, den Zustand des Kranken zu mildern.
    Von dem Augenblick an, wo der Kammerherr in seinen Sommerkleidern
zurckkehrte und mit Lucinden, die sich einen Strohhut gegen die Sonne entliehen
hatte, die Beete zu ordnen und die Pflanzen wiederherzustellen begann, entspann
sich ein Verhltni, das ein Jahr dauerte und mehr als Lucindens sechzehntes
Lebensjahr fllte.

                                       8.


Lucinde blieb auf der Pfarrei, hier Pastorat genannt.
    Man fragte sie allerdings nach ihrer Herkunft, ihrem Namen und dem Stande
ihrer Aeltern. Sie gab auch dem Pfarrer und dem Schulzen (dem Meier des
Dorfes) einen Namen an. Erst war sie Johanna Stegmann, aus dem Thringischen
gebrtig. Kam der Pfarrer und drohte lchelnd mit dem Finger und sagte, er htte
nach Vacha, das sie als Wohnort angegeben, geschrieben und die Nachricht
bekommen, da man dort nichts von einer Johanna Stegmann wisse, so nannte sie
sich Luise Starkin, aus der Gegend von Fulda ber die Rhn hinaus, wo ihr Vater
ein Oberfrster des Knigs von Baiern wre. Schttelte man nach vier Wochen
wieder den Kopf, so erwiderte sie:
    Will man, da ich bleibe, so qult mich doch nicht so!
    Man mute nmlich wirklich wnschen, da sie blieb. Sie war dem Frieden des
Hauses fast nothwendig geworden. Was zur Besnftigung des Kammerherrn die
Harmonica nur annhernd erreicht hatte, das lste Lucinde vollstndig. Der
Kammerherr wurde durch sie ein Kind, das an ihrem Leitseile unter Blumen
spielte; er zeichnete, malte, sprach leidlich vernnftig und verhie eine
wirkliche Heilung.
    Ohne phantastisches Ueberma und manche Wunderlichkeit ging es dabei
freilich nicht ab.
    Es blieb dem Kranken von Lucinden die Vorstellung wie von einer in der That
feenhaften Erscheinung. Er lie sich den Wahn nicht nehmen, da Lucinde eine
Tochter der Waldesknigin, vielleicht sie selbst wre, und Lucinde that nichts,
ihm diesen Glauben zu nehmen. Sie lie sich von ihm ganz so schmcken, wie er
sie sehen wollte, wenn er sie malte. Es waren dies diese wunderlichen Malereien
der Geisteskranken, die durch ihre technische Vollendung oft berraschen und
doch immer etwas nur mechanisch Wiedergegebenes und Seelenloses darstellen. Es
waren in seinen Landschaften immer derselbe Eichbaum, immer derselbe
Felsengrund, immer dasselbe Haus, derselbe Kirchthurm, derselbe Bach und
dieselbe Mhle wiederzufinden, nur wechselte die Vermischung und die
Beleuchtung. Auch seine Portrts drckten, er mochte den Pfarrer oder den Meier
im Dorf oder den einzigen Bekannten, der ihn zuweilen besuchte, einen Grafen
Hans von Zeesen whlen, immer denselben Charakter aus, eigentlich ihn selbst.
Nur fr Lucinden suchte er Abwechselung, bald in dieser Situation, bald in
jener. Er verschwendete Summen Geldes, um sie bald als Griechin, bald als
Zigeunerin, bald als Salondame oder Amazone malen zu knnen. Von jenem
Residenzstdtchen, wo er sich einst den Kammerherrnschlssel gekauft hatte,
waren bestndig Cartons mit kostbaren Stoffen unterwegs. Selbst theuere
Schmucksachen wurden angekauft. Und der Kronsyndikus, der Vater, der zuletzt
doch auch von diesem Treiben hren mute, widersprach diesmal nicht. Einmal
drckte ihn der geheime Vorwurf, das Uebel des Sohnes selbst durch seine
Erziehung gemehrt zu haben, dann nhrte er die Hoffnung, ihn wieder in die
Gesellschaft zurckzufhren. Es wurde sogar eine Adelige genannt, die nach einem
Familienstatut mit ihm vermhlt werden sollte, nachdem eine Verbindung mit einem
Frulein Monica von Ubbelohde vor geraumen Jahren gescheitert war.
    Lucinde geno diese Lage eine Zeit lang mit der ganzen Behaglichkeit ebenso
eines sichern und geschtzten Aufenthalts wie geschmeichelten Selbstgefhls ...
Eibendorf lag dem Winkel zu, wo sich das Eggegebirge mit dem Teutoburger Walde
kreuzt; es war umgeben von jenen Waldzgen, die so dichtbelaubt, so frei und
urstmmig sich sonst nur im Sden Deutschlands wiederfinden. Von mancher
aufsteigenden Anhhe aus sah man in das ganze Tiefthal der Weser hinab. Ein
entzckender Anblick! Jeder Hgel bewaldet und umgeben von unabsehbaren Feldern
und Wiesen, denen sich in frischen Farben Drfer, weiterhin ansehnliche Stdte
entwinden. Die schroffern und die Seele mit mchtigen Ahnungen erfllenden
Partieen mute man im Gebirge suchen; diese Ebene hier bot den Charakter der
Milde und Lieblichkeit. Nach Osten hin sah man an besonders lichthellen Tagen in
dunkler Frbung die Nadelholzcontouren des Harzes. Dabei waren die Volkssitten
lebhaft, ja keck und herausfordernd. Es gab Aufzge und Feste aller Art, sogar
ein Schtzenfest fr Frauen. Morgens in erster Herbstfrhe ziehen die Ehefrauen
der Gemeinde, unter ihnen manche Anmuthige, von irgendeinem Hofe aus, in
goldenen landblichen Hubchen und Stirnbinden, mit Bndern und Blumenstruen
geschmckt, mit den Gewehren ihrer Mnner in den Hnden. Der Kammerherr hatte
verlangt, da Lucinde die Schtzenknigin spielte, die mit dem Zeichen ihrer
Wrde, den Sbel an der Seite, vorausmarschirte. Da sie nicht verheirathet war,
so setzte man die uerste Anstrengung daran, ihn von diesem Verlangen
abzubringen. Sie begngte sich dann auch mit der Rolle des Fhnrichs. Die Fahne
aber, die er sie tragen lie, war eine wunderliche Curiositt, die er selber
erfunden hatte. Er beschftigte sich nmlich mit der hier landesblichen
gelehrten Spielerei, in den Nachrichten der Alten ber den Aufenthalt der Rmer
in Deutschland Thatsachen und Namen aufzufinden, die mit den Sitten und Namen
der Gegenwart noch in irgendeinem Zusammenhange stehen. Der Kammerherr wute
genau, wo Varus von Hermann dem Cherusker geschlagen war, er behauptete, dicht
bei Neuhof, dem Schlosse seines Vaters. Er war auch selbst in Rom gewesen und
vermeinte, dort in den Alterthumsschtzen des Vatican Dinge gesehen zu haben,
die die Rmer nur auf der heiligen rothen Erde Westfalens gefunden haben
konnten. Dortige alte Trinkgefe wren nur aus Glashtte gekommen, einem
Vorwerk seines Vaters, alte Wurfgeschosse nur aus einem ganz bestimmten Holze,
dem Dsternbrook hinter Neuhof, geschnitzt, alte Waffen aus einer uralten
Schmiede hervorgegangen, die seit Jahrhunderten die Hufe der Rosse seines Hauses
beschlug. Nur in einem wich er von dem Urtheil seines Vaters ab. Er las den
Tacitus ziemlich gelufig und hatte die besondere Ueberzeugung, da der Tempel
der Tanfana, wo die alten Deutschen angebetet haben sollten, nicht etwa die
groe Dmpfpfanne der Saline Hallenstein seines Vaters war, wie dieser selbst
und alle Pastoren der Umgegend glaubten, sondern nur eine Tannenfahne, nmlich
der alte deutsche, weiland heidnische, dann so grndlich getaufte, bekehrte und
christlich gewordene liebe Weihnachtsbaum, den in der That Lucinde mit bunten
Bndern geschmckt und mit allerlei zierlichen Vergoldungen bei jenem
Schtzenfeste als Fhnrich tragen mute. Da auch in diesem Weihnachtsbaume,
Tanfana, Tannenfahne, dem Palladium der alten Deutschen, goldene Ringe, Ketten,
Schaumnzen hingen, die die Siegerinnen im Schieen gewinnen sollten, so lie
man sich diese Verbindung des alten heidnischen Rom mit Deutschland und dem
berwiegend protestantischen Eibendorf (katholische Einwohner waren in einem
Nachbardorfe eingepfarrt) gefallen. Es waren Geschenke von dem sogenannten
tollen Kammerherrn.
    Auf die Lnge mute freilich den Pfarrer die unsichere Herkunft und das
lngere Verweilen Lucindens beunruhigen. Er hatte dem Kronsyndikus nach Neuhof,
dem Stammsitze der Wittekinds jenseit des Gebirges, wiederholt seine Bedenken
mitgetheilt. Da aber die Wirkung der Abenteurerin eine so vortheilhafte fr den
Kammerherrn war, so befahl der Vater, an diesem Erziehungsplane, den der Zufall
an die Hand gegeben, vorlufig nichts zu ndern. Seine Briefe waren kurz und
bestimmt, wie die Art des Mannes berhaupt sein sollte. So duldete man das, was
nach und nach anfing auch seine Mislichkeiten nach sich zu ziehen. Denn weder
die vom Gewhnlichen abweichende Situation des Geisteskranken, seine einsamen
Wanderungen mit der Fremden, seine Ausbrche von Eifersucht, noch Lucindens mehr
zum Zerstren als zum Schaffen geneigte Natur blieben lange unverborgen ...
Schon fing sie an, als es zum Winter ging, sich an dieser sich gleichbleibenden
Lage nicht zu gengen: selbst der Bann einer solchen Huldigung, wie sie sie
hier, allerdings ohne die geringste intimere Belstigung fand, wurde ihr zu
enge, der Gang der Tage wurde zu gleichfrmig, die Welt, in der man hier seine
Befriedigung gefunden hatte, brachte selten eine andere Unterhaltung als eine
Thorheit des Kammerherrn mehr. Die Menschen, die es da und dort noch zu gewinnen
gegeben htte, hielten sich in scheuer Ferne, selbst Graf Zeesen, der alle zwei
Monate einmal von seinen nahe liegenden Gtern kam, um einige Stunden lang die
sonderbarsten Gesprche mit dem Kammerherrn zu pflegen. Wre Graf Zeesen nicht
ausgesprochen katholisch gewesen und im Pfarrhause dieser Punkt des Kammerherrn
wegen mit groer Zurckhaltung behandelt worden, die Familie htte vielleicht
auch den Grafen mindestens tiefsinnig genannt.
    Dieser noch junge Cavalier war nach den Aeuerungen des Kammerherrn zu
Lucinden, die von ihm alle seine Familienbeziehungen erfuhr (nur nie etwas ber
die Frau Hauptmnnin von Buschbeck oder das Frulein von Glpen, eine
Persnlichkeit, die er nicht zu kennen behauptete), sein zweitbester Freund. Der
erstbeste hie Doctor Heinrich Klingsohr. Doch fgte er regelmig mit einem
Kreuze, das er dabei in die Luft malte, hinzu: Klingsohr ist mein bester Freund,
aber er hat mich verrathen! Vom Grafen Zeesen, mit dem er studirt hatte und in
Rom gewesen war, lie er eine aufrichtige Hingebung gelten, beklagte aber ein
unglckseliges Geschick desselben, das er nie genauer angab. Die Pfarrerin
verrieth es eines Tages Lucinden, indem sie erzhlte:
    Der Graf hat sich mit einem Freifrulein von Seefelden verlobt, leidet aber
darber an Gewissensscrupeln, seitdem er ein altes Familienstatut in Erfahrung
gebracht hat. Vor hundert Jahren hat nmlich ein Ahn seines Hauses die
Bestimmung gemacht, da, wenn ein ltester Sohn der Nachkommenschaft sich
entschlieen sollte, nicht zu heirathen, die von ihm und seiner spter
geisteskrank gewordenen Frau reich vermehrten Gter der Zeesen dazu angewendet
werden sollten, ein groes Landes-Irrenhaus zu begrnden. Hundert Jahre lang
haben die Nachkommen vorgezogen zu heirathen. Erst dieser Hans von Zeesen, der
viel Frmmigkeit besitzt, wurde ber jene nun hundertjhrige Unterlassung eines
guten Werkes stutzig, und sonderbarerweise ist seine Braut, die ihn ebenso hei
liebt wie er sie, von gleicher Seelenstimmung. Ich zweifle gar nicht, da der
Graf seinen kranken alten Freund nur deshalb so oft besucht, um sich in dem
heroischen Vorsatze des Entsagens zu bestrken.
    Lucinde horchte hoch auf. Hier kamen Ideen, die sie an sich vollkommen
verstand, in eine Verbindung oder in Conflicte, die sie noch nicht fassen
konnte. Doch hrte sie aufmerksamer zu, wenn der kleine blasse, schmchtige
Mann, der Graf, in schlichter, fast priesterlicher Tracht kam und sich mit dem
Kammerherrn unterhielt. Nie hatte sie so viel von Gedanken, Meinungen, ideellen
Beziehungen gehrt wie in den Gesprchen eines Halbirren mit einem Manne, der so
fromm war, da er selbst unter der protestantischen Pflege seines Freundes zu
leiden schien.
    Wie eigenthmlich nach dem Wunderbaren und Fremdartigen hier zu Lande fast
berall ausgegangen wird, erfuhr Lucinde bei vielen Gelegenheiten, unter andern
bei einer Erinnerung an den alten Bienenhelm ihres Vaters, den dieser nie
zurckbekommen hatte; die Hauptmnnin hatte ihn, scheinbar zu Gunsten Lucindens,
an einen Trdler verkauft. Sie besuchte nmlich aus alter Neigung oft die
Dorfschule und gab in ihr Unterricht auf ihre Weise. Beim Schulmeister fand sie
ein geregelteres Hauswesen als bei ihrem Vater, und in der Gartenwirthschaft
auch einen Bienenhelm, den gerade ein Knecht aus dem Orte vom Schulmeister
borgte, um den Bienen das Leid vom eben verstorbenen Herrn anzusagen. Ueber den
sonderbaren hierlndischen Gebrauch, da man mitten in die Bienenstcke hinein
den Tod des Hausvaters anzeigen und den Knecht den Bienen melden lt: Einen
schnen Gru von der Frau und der Herr wre todt! konnten sich der Kammerherr
und der gerade anwesende Graf in Mittheilungen verlieren, die alle Seiten der
Geschichte und der Philosophie berhrten. Lucinde staunte ber den Glauben, der
annahm, da ohne diese Leid-Ansage die Bienenstcke in Jahresfrist ausgehen
wrden; aber der Kammerherr und der Graf, beide warfen verklrt ihre Blicke
empor und sprachen jetzt sogar anerkennend von dem frher gemeinschaftlichen
verrtherischen Freunde, Heinrich Klingsohr, der auf die Darstellung des
Zusammenhangs der Bienen mit den Staats- und Rechtsbegriffen der Menschheit in
Gttingen Doctor geworden war.
    Und so dunkel es nun auch in des Kammerherrn Begriffen aussah, so wurde er
doch auf diese Art Lucinden ein Lehrer. Auf Partieen, die er in einem von seinem
Diener gefhrten Einspnner machte, sprach er mit Lucinden, ob sie es nun
verstand oder nicht, nur franzsisch, ein andermal nur englisch, ein drittesmal,
wenn er gerade auf Tacitus und die alten Germanen oder auf eine Sammlung alter
Marienlieder, die Graf Zeesen zum Druck vorbereitete, kam, nur lateinisch. Sie
erwiderte mit dem Wenigen, was sie frher von Englisch und Franzsisch
aufgegriffen hatte, und bewundernswerth war die Geduld, mit der der Kammerherr
sich mhte, einer der Erde nicht angehrenden Erscheinung allmhlich die
Sprachen derselben beizubringen. Die Sprache, die er an dem Riedbruch damals im
Walde beim ersten Finden an sie gerichtet hatte, war ein Gemisch von Lateinisch
und Plattdeutsch gewesen.
    Diesen Gewinn an Kenntnissen lie sich Lucinde, die unter all dem Dster
ihre Heiterkeit nicht verlor, wohl gefallen. Der Gewinn mehrte sich, als die
langen Abende kamen und der Pfarrer sich gleichfalls geneigt erklrte, die
Civilisation des Wildlings zu untersttzen. Auch im Klavier, dessen Grundlagen
Lucinde schon im Hause des Stadtamtmanns gelegt hatte, vervollkommnete sie sich
unter Leitung des musikalischen Mannes, der seine Kinder, ja selbst noch seine
an sich hierin geringer talentirte Frau unterrichtete. Der Herbst und ein
langer, schnee- und frostreicher Winter wurde auf diese Art fr Lucinden eine
Studienzeit, die bei der Leichtigkeit ihrer Auffassung und der geringen
Zerstreuung dieses Aufenthalts reiche Frchte trug. Der Kammerherr selbst, dem
es an wissenschaftlichem Material nicht mangelte und dessen liebstes Thema sich
immer an die Erinnerungen von Rom oder Gttingen hielt, docirte ihr oft
Geschichte und Philosophie, die er mit der Mathematik und, sonderbar und fr die
Schrullen jener Provinz unsers Vaterlandes kennzeichnend genug, auch mit der
Kunst des Drechselns verband.
    Wie die Adeligen Westfalens in ihrer Erziehung und lndlichen Beschftigung
an den Hofbllen von Berlin und in Mnster nicht zu erkennen sind, so wird man
seltsam finden, da es berhmte Geschlechter unter ihnen gibt, die neben ihrem
angeblichen Berufe, die unerschtterlichen Erben Karl's des Groen zu sein und
in Demuth vor Gott, dem Papst und dem Landesherrn ihre Renten zu verzehren, auch
ein Handwerk lernen. Manche, die nicht gut schreiben knnen, aber schon in
Potsdam ein Portepe fhren und in Verlegenheit kommen zu bekennen, da sie
nicht viel mehr wten, als was auf ihren dstern, einsamen Kampen der
Hauspape ihnen zu lernen zugemuthet, verstehen sich vortrefflich auf den
Hufbeschlag der Pferde oder arbeiten sich das Sattel- und Riemzeug derselben
selbst aus. Das Drechseln aber in grobem und seinem Holze ist eine so weit
verbreitete Kunstfertigkeit des westflischen Adels, da Lucinde sich nicht
htte zu verwundern brauchen, neben dem Maleratelier ihres Freundes auch eine
Kammer anzutreffen, die zu einer vollstndigen Drechslerwerkstatt eingerichtet
war. Ihr aus Kirschbaumholz allerhand Bchsen und Ringe zu drehen, war
selbstverstndlich seine liebste Aufgabe; aber er drehte auch Blle, Kegel,
Pyramiden, konische Ausschnitte und Figuren aller Art, von denen er nicht nur
mathematische Auslegungen gab, sondern auch philosophische und religise. Oft
sprach er dabei von einem in der Nhe seiner vterlichen Gter wohnenden
Philosophen, der aus den einfachsten Grundbegriffen unserer mathematischen
Anschauungen die tiefsten Wahrheiten der Religion hergeleitet htte.
    Je geheimer diese Gesprche vor dem Pfarrer gefhrt wurden, desto reizvoller
wurden sie fr einen Verstand, der sich aus den verworrenen Begriffen eines
Narren manches Krnlein Vernunft entnehmen konnte. Dennoch wnschte Lucinde
diese Lage gendert. Das Aufsehen, das sie in der ganzen Gegend mit dem tollen
Kammerherrn machte, war nicht gering. Auch hatte der Pfarrer erleben mssen, da
ein Brief, den Lucinde an ihre Schwester geschrieben und eine Meile weit erst
von ihr auf die Post gegeben war, zurckkam, mit der vollstndigen und wahren
Adresse seines Schtzlings, ja, da der Meier von Eibendorf ihm Mittheilungen
machte, die jetzt den Zustand, wie man Lucinden im Riedbruch gefunden,
vollkommen erklrten.
    Eine scheue Besorgni des ganzen Hauses vor Lucinden hatte sich schon lngst
gesteigert, sie wurde zur Abneigung, als man sie bei Ueberreichung des von der
Post geffnet gewesenen und wieder von der Post verschlossenen Briefes wol aufs
uerste ber die offene Angabe ihres Namens erschrocken fand, weniger aber ber
den von einer ungebildeten Hand gekritzelten Zusatz: Ist vor vier Wochen am
Nervenfieber gestorben.
    Der Tod ihrer Schwester Luise, einer einzigen, wie sie fter gesagt hatte,
erschtterte sie weniger als die richtige Angabe ihres Namens! Da mit so viel
Schnheit, jeweiliger Liebenswrdigkeit, immer mehr sich herausstellendem Geist
und zunehmenden Kenntnissen so viel Gefhllosigkeit verbunden sein konnte, als
sich jetzt erst offenbarte, nahm vorzugsweise die Pfarrerin gegen den lngern
Aufenthalt Lucindens ein, und offen wurde dem Kronsyndikus von Wittekind nach
Neuhof die Anzeige gemacht, da sie ohne Lucinden den Kammerherrn nicht mehr bei
sich behalten knnten, mit ihr aber lnger nicht mehr mochten.
    Lucinde bersah das alles. Ihrem whlerischen Umblick entging selten etwas,
whrend sie alles an sich zu verbergen wute, selbst den Schreck und ihr
wirkliches geheimstes Erschttertsein durch den Tod der Schwester. Trotzig warf
sie die Lippen auf und erklrte, sie ginge jeden Augenblick, wenn man's
wnschte. Man irrte sich keineswegs, wenn man voraussetzte, da sie auch vom
Kammerherrn sich trennen wollte, wenn nicht eine andere Festsetzung ihres
Verhltnisses zu ihm stattfnde. Die Aussicht sogar, die Gattin desselben zu
werden, schien ihr keineswegs zu hoch. Sie besa einmal die Formel, die diesen
verdunkelten Geist einigermaen zu erhellen vermochte. Sie sagte sich, da der
vornehmen und stolzen Familie wenig daran liegen knnte, sich bei einer doch
schon aufzugebenden Persnlichkeit auch noch gegen diese Ausnahme von der Regel
zu stemmen.
    Darin irrte sie sich aber, wie sie von der hierin entscheidenden
Persnlichkeit selbst erfuhr.
    In den ersten Tagen des April erschien der Kronsyndikus, der Vater des
Kammerherrn.

                                       9.


Freiherr von Wittekind-Neuhof, Kronsyndikus des ehemaligen Knigreichs
Westfalen, setzte durch seinen Namen schon das ganze Pfarrhaus in Furcht und
Schrecken.
    Als der Kammerherr den am Wirthshause haltenden vterlichen Reisewagen
gesehen, der ber und ber bespritzt, langsam durch die morastigen Straen des
Oertchens zog, fuhr er wie ein wildes Thier auf, das seinen Wrter am Kfig
vorberstreifen hrt. Er rannte im Hause hin und her, rollte die Augen, hielt
den Mund geffnet, wie in seinen Wuthanfllen, packte, als wollte er sich mit
seinem Theuersten schtzen, seine Farben, seine Pinsel, seine philosophischen
Kugeln, Kegel, Dreiecke zusammen, griff nach einem Crucifix, das er sich selbst
geschnitzt und nach vielen kunstgeschichtlichen Controversen mit dem Grafen
Zeesen und einem eingeholten Gutachten der Verlobten desselben, des
Freifruleins von Seefelden, selbst bemalt hatte, rief den Diener und schien
sogar Lucinden vergessen zu haben.
    Die Kinder im Hause liefen ebenfalls auf und ab. Die Pfarrerin suchte nach
Lucinden, die sich versteckt auf ihrem Zimmer hielt, zugeriegelt hatte und keine
Antwort gab.
    Der Pfarrer griff in die Glser der Harmonica. Der ganze alte Zustand der
Wildheit schien beim Kammerherrn wieder zurckgekehrt, dieser Zustand, der seit
fast einem Jahre, so oft er sich whrend dessen gezeigt hatte, durch einen
einzigen Ruf, durch ein getrllertes Liedchen der von der Treppe
herabspringenden Lucinde schon aus der Ferne sich besnftigen lie.
    Die ngstlichen Kinder riefen vom Garten aus zum Fenster: Frulein!
Frulein! Sie klopften, als keine Antwort kam, an die Thr. Lucinde lie nichts
von sich hren. Mit ngstlicher Unruhe blieb sie in ihrem Versteck, trat leise
mit den Zehen auf und hrte mit listig aus Fenster gehaltenem Ohr das Toben des
Kammerherrn. Dieser entfaltete seine sonst gewohnte Art, die die eines wilden,
auf der Universitt alt gewordenen Burschen war, die Natur eines nie anders als
mit einem riesigen Neufundlnder das Trottoir der Strae beherrschenden
Pauk-Senioren alten Stils - er konnte stundenlang von seinen Suiten und den
Paukereien auf der Mensur und dem besten, aber verrtherischen Freunde Klingsohr
erzhlen -; johlend rief er ber den Garten, schlug die Thren, rttelte am
Fensterkreuz und redete die Rosse und die Kutsche seines Vaters hhnend und
herausfordernd an.
    Bald erschien der Kronsyndikus selbst. Es war eine Gestalt von gleichem
Wuchse wie der Sohn, hnenhafter Hhe und trotzigfesten Schrittes, so wei auch
schon sein Haar schimmerte.
    Er trug einen grnen Jagdrock, hohe Stiefel mit Sporen und lie eine
Reitgerte schon in der Ferne bedenklich in der Hand hin- und hertnzeln. Doch
lachte er, am Gartenzaun schon vom Pfarrer empfangen, zum Fenster empor und
schien besserer Laune als sein Sohn, den er schon drauen, zum Parterrefenster
zu, mit folgenden Anreden seiner vterlichen Huld versicherte:
    Pinselheld! Ha! ha! ha! Stubenhocker! Trifft man dich endlich einmal?
Farbenkleckser! Schm' er sich! Treibt sich in der Welt herum! Mu ihn 'mal
wieder mit Gewalt holen!
    So tndelte er mit fingirter Ueberraschung, den Sohn hier zu finden, und als
wenn der Kammerherr hier aus freien Stcken lebte. Dieser ging auch auf den Spa
ein. Der Vater tndelte mit dem Sohn, wie mit einem Hunde, den man zum Wedeln
und Springen reizen will. Und im Hause wurde es nun ngstlich stiller; die
Furcht des Sohnes vor dem Vater war die des Thieres. Man behauptete, da der
Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof trotz seiner Jahre noch im Stande war, den
baumstarken, jngern Mann niederzuwerfen und ihn auch schon oft mit beiden
Hnden eine Viertelstunde lang auf der Erde gehalten hatte Auge in Auge, Mund
gegen Mund den Trotz desselben bndigend.
    Mit einem kurz zusammengeschleiften, liebkosenden Hui-hu! Hui-hu! Hui-hu!
trat der Kronsyndikus ins Haus.
    Die Verstndigung im Erdgescho, die Begrungen und Auseinandersetzungen
hrte Lucinde nicht. Aber das vernahm sie, da es nicht sanft herging, da die
Kinder, der Pfarrer, die muthige Frau Pfarrerin wie immer thtig sein muten,
die Vermittler und Beruhiger zu machen. Zuletzt kam der Diener des Kammerherrn,
mit dem Lucinde schon lange conspirirte, auf den Zehen zu ihr geschlichen und
theilte ihr flsternd mit, da es sich um die Abreise des Kammerherrn, seine
alte doch noch beschlossene Vermhlung mit einem Freifrulein handelte, aber
auch von seiner Weigerung und dem unwiderruflichen Entschlu, nur Lucinden zu
seiner Gemahlin zu erheben ...
    An dem wilden Lachen des Vaters, das dann und wann heraufschallte, merkte
man den Eindruck dieser Erffnungen des Kammerherrn, der immer stiller wurde und
zuletzt sogar in das gewhnliche Schlustadium seiner Wuthanflle fiel, in ein
an diesem starken und mchtigen Manne ganz besonders schreckhaftes feiges
Verzagen, das sich bis zum Weinen und lauten Wehklagen steigern konnte.
    Wie dies stoweise Schluchzen schon vernehmbar wurde, hrte man von unten
heraufkommen.
    Fort! rief Lucinde dem Diener zu und stand auf dem Sprunge, die Thr zu
schlieen.
    Der Diener ging und that, als wr' er im Begriff gewesen eben auf den Boden
zu steigen.
    Die Pfarrerin aber war's, die kam. Sie klopfte leise an und bat Lucinden mit
weicher Stimme herunterzukommen, der Vater wnschte sie zu sehen.
    Er kann heraufkommen! antwortete sie in beklommener Angst.
    Ich bitte Sie, Frulein Schwarz! sagte die Frau und drngte.
    Nein! Nein! Ich komme nicht!
    Damit verschlo sie auch noch ihre Thr. Verriegelt hatte sie sie gleich
beim ersten Hineinschlpfen.
    Nach einer Weile, whrend die Pfarrerin seufzend gegangen war, hrte Lucinde
den schweren, sporenklirrenden Tritt eines Mannes auf der Stiege.
    Eines der Kinder zeigte ihm den Weg; und bald hrte sie ein Klopfen, das
unfehlbar mit keinem menschlichen Finger, sondern mit dem Knopfe der
Reitpeitsche erfolgte.
    Zitternd stand sie und wagte nicht zu ffnen.
    Als das Klopfen mit einigen freundlichen Worten wiederholt wurde, ffnete
sie und mute staunen, den Kronsyndikus ohne Stock oder Reitpeitsche zu sehen;
wirklich waren es nur seine Finger gewesen, die geklopft hatten.
    Die groe Gestalt trat ein.
    Auffallend war die Aehnlichkeit mit dem Sohne, nur hatten Wuchs und Kopf
nichts Gedunsenes wie bei diesem. Wettergebrunt, mit leisen Pockennarben
berlaufen und hier und da mit Warzen besetzt war das Antlitz; rothe Flecken um
die stumpfe Nase und die knochigen Wangen verriethen die Liebe zum Wein; die
dicken Augenbrauen waren gelbwei, die Haare noch stark und von gleicher
gelbweier Farbe. Man sah das Bild eines auf seinen Namen, seinen Rang, seine
Verbindungen, vielleicht auch auf seine eigenen Meinungen und Entschlieungen
sich mit unerschrockener Festigkeit sttzenden Adeligen, das Bild eines Mannes,
den Widerspruch erbitterte.
    Lucinde hatte aber kaum einige Worte von ihm gehrt, so bemerkte ihre
Klugheit auch sogleich, da diese Art Menschen dann ungefhrlich, ja sogar
zuvorkommend und liebenswrdig werden kann, wenn man allen ihren Gedanken
nachgiebig folgt und sie ganz fr etwas ebenso Groes und Vorzgliches nimmt,
als wofr sie gehalten sein will ...
    Auf die ersten von ihm statt drohend sogar im Gegentheil schmeichelnd
ausgesprochenen Begrungen des schnen Mdchens, auf seine Versuche zur
Courtoisie und sogar eine Befangenheit, die von Lucindens Erscheinung geblendet
war, gewann sie bald den Muth, seinen Worten Stand zu halten.
    Sie war in der gewhlten Tracht, die der Kammerherr, der sie noch nie unzart
berhrt hatte, und sie nur anschauend und bewundernd liebte, an ihr besonders
gern hatte. Sie trug ein schwarzseidenes Kleid, hatte in ihr geflochtenes,
offenes Haar einige bunte Bandschleifen gesteckt, die ihr weit bis in den Nacken
hingen, und benahm sich mit der ihr eigenen und, wie alle, die sie nher
kannten, es nannten, ihr siegreich zu Gebote stehenden trumerischen
Kindlichkeit, die den Eindruck eines Wesens sogar voll Poesie und Unschuld
machte.
    Der wilde Freiherr war sogleich gewonnen und rhmte den Geschmack seines
Sohnes mit vielen humoristischen Donnerwettern, Sackerlots und zudringliche  la
bonne heures.
    Ohne viel Umschweife zu machen, erklrte er, da der Kammerherr eine
Baronesse von Tngel heirathen msse; er wisse sehr wohl, und auch seiner
knftigen Gemahlin wrde es nicht verborgen bleiben, da der Junge seine tollen
Stunden htte, doch lasse er sich leiten, wie ja dieser Aufenthalt hier in
Eibendorf bewiesen htte. Ferner: Er wisse auch, da ihm selbst die Kunst
abginge, mit einem Menschen, der ganz aus der Art geschlagen, richtig zu
verkehren; da Jrme das Pulver nicht erfunden, sei bekannt; der Titel eines
Kammerherrn wre die Gnade eines benachbarten Frsten gewesen, in dessen Gebiete
einige seiner Gter lgen; sein lterer Sohn, der Regierungsrath, htte dafr
des Verstandes nur zu viel; die Natur gliche gern aus, und ein Unglck wr' es
nicht, wenn der Bund mit den Tngels zur Ausfhrung kme; Kinder wrde es
schwerlich geben; wie viel eine richtige weibliche Behandlung zu thun vermchte,
htte ja Lucinde bewiesen, und er wre ihr von Herzen dankbar dafr. Da er
seinen Dank, wie er gleich aufrichtig hier bekennen wollte, bis zur Adoption
einer solchen Schwiegertochter, wie sie wre, steigerte, davon knnte natrlich
keine Rede sein. Der groe Narr weine zwar und wolle nicht von ihr lassen; es
wrde sich aber auch das bei ihm geben. Einstweilen mchte er selbst nicht allzu
lange in dem Hause hier verweilen: er msse bekennen, weder allzu viel
Weihrauchduft noch luthersche Pfarrhausluft wre sein besonderer Geschmack;
leider htte er einen katholischen Pfarrer nicht whlen knnen, da es ja den
armen Kuzen an einer Pflegerin und zerstreuenden Kindern fehle. Das Beste
wre, sie folgten ihm einmal vorlufig alle beide, der Kammerherr und Lucinde.
Schlo Neuhof wre sehr gro, htte nicht nur zwei Seitenflgel, sondern im Park
auch noch ein paar Pavillons, von denen sie den einen ganz allein beziehen knne
und zwar so lange, bis das Arrangement mit den Tngels getroffen wre und sie
sich dann in aller Stille eines Tages entfernen oder sonstwo auf seinen Gtern
etabliren knne. Fr ihre Existenz so oder so solle schon gesorgt werden; denn
die Undankbarkeit wre einer der letzten von den alten Fehlern der Wittekinds
...
    Und nun schlo er, auch von der Bndigkeit seiner eigenen Darstellung
geschmeichelt, mit einem Gelchter, da die ganze Stube schtterte. Er zog dabei
Lucinden an sich, um sie zu kssen, was auch erfolgt wre, wenn ihn in seinem
gewaltigen, selbstzufriedenen Lachen und dem Versuch, seinen rauhen Backenbart
an der Sammtwange des Mdchens zu reiben, nicht ein Husten berkommen wre, den
er auf die verdammte Witterung, das heurige zu spte Eintreffen des Frhlings
und allerlei sonstigen niedertrchtigen Aerger schob ...
    Lucinde hatte keine Veranlassung, diesen Anordnungen Widerstand zu leisten.
Sie selbst sehnte sich aus einem Hause hinweg, in dem sie die frhere
Werthschtzung vermite. Die Schraube mit dem Kammerherrn und der Mglichkeit,
sich in eine glnzende Lebensstellung zu versetzen, ging ja noch fort. Vorlufig
standen die neuen Verhltnisse, die der Kronsyndikus in Aussicht stellte, schon
so lebhaft vor ihrer Phantasie, da sie den Gedanken, in einem groen schnen
Park einen eigens fr sie eingerichteten Pavillon zu bewohnen, sich schon ganz
mit allen mglichen Farben, ausmalte.
    Ihre ngstliche Schchternheit aber legte sie nicht ab. Diese war auch
vielleicht nicht ganz gemacht. Noch hatte berhaupt das Leben die wirren Stoffe,
die in ihrem Innern lagen, nicht verarbeitet bis zur klaren Unterscheidung von
Gut und Bse. Ihr Instinct sagte ihr jetzt, da sie sehr anspruchslos und
ungefhrlich erscheinen msse, wenn sie die gute Meinung, die der Kronsyndikus
von ihr gefat zu haben schien, behaupten wollte. Da sie sich mit dem, was er
in Aussicht stellte, nicht ganz zufrieden geben wrde, wute sie schon. Damit
sie aber dahin gelangte, mehr zu gewinnen, war es nothwendig, alles mit sich
geschehen zu lassen, was der Kronsyndikus vorschlug. Sie erkannte gleich seine
Art, als sie ihm wegen dieser weisen Anordnung ganz besonders innig gedankt und
ihn damit noch wohlwollender gestimmt hatte. Sein ganzes Leben war, nach der
gewhnlichen Vorstellung solcher Charaktere, eine einzige groe Erfahrung von
Undank. Lucinde gefiel ihm immer mehr, und er sagte auch unten, da in ihren
schwarzen Augen etwas lge, was ihn, so alt er wre, selbst noch thricht machen
knnte.
    Der unruhige und strmische Geist des Mannes verlangte die allgemeine
Abreise schon vor Ende des Tages.
    Der Kammerherr lie alles geschehen, was man anordnete, blieb ihm doch sein
Liebstes auf Erden, das Ideal seiner Trume, die ewig gleiche Belebung seiner
Bilder, seine Schlerin, seine Heilige.
    Wie ein Kind nahm er Abschied von dem Hause des Pfarrers und den nchsten
Umgebungen. Noch an den Riedbruch in dem Walde war er, bis an die Knchel
versinkend, gegangen und hatte an derselben Stelle, wo er einst Lucinden
gefunden, einige schon sprossende Grser und Schneeglckchen gepflckt. Schon
lange verkndete hier ein Wrfel aus Sandstein mit einigen Emblemen des
Philosophen jener kleinen Stadt, dessen System er an der Drechselbank und auch
aus einigen bei demselben persnlich nachgeschriebenen Heften so bewunderte, und
auf diesem Wrfel das eingegrabene griechische Wort: Heureka! (Ich habe
gefunden!) allen Blumen und Vgeln und Schmetterlingen und Kfern sein Glck -
diesen wol allein, denn Menschen verirrten sich des sumpfigen Weges nicht.
    Der Pfarrer selbst, dem eine bedeutende Einnahmequelle versiegte, sah den
oft so unholden Gast mit Rhrung scheiden. Die Pfarrerin meinte: Man gewhnt
sich so bald an das, was tgliche Pflicht geworden, selbst wenn Plage und Qual
damit verbunden ist. Den Verlust der Einnahme mute man zu verschmerzen suchen,
mischte sich doch auch das angenehme Gefhl in den Scheideaugenblick, erlst zu
sein von einem Alp wie Lucinde. Einen Misbrauch ihrer Schnheit, ein bles
Beispiel, das sie den Kindern im Genu ihrer Triumphe gegeben, konnte man ihr
nicht nachsagen. Da sie aber die gewohnten und allgemeinen Wege in keinem Dinge
gehen mochte und an kleinen Verwirrungen, die sie schon genug in den nchsten
Beziehungen des Hauses angerichtet hatte, frmlich Freude zu empfinden schien,
so sah man sie mit erleichtertem Herzen ziehen. Lucinde wute das und machte von
ihrem Gehen keine Umstnde. Nur den Kindern im Hause und manchem Fleiigern in
der Schule lie sie zurck von ihrem Ueberflu an Kleinigkeiten und hunderterlei
Bagatellen, die ihr der Kammerherr verehrt hatte.
    Die Reise ging ber das Eggegebirge der westflischen Abdachung zu.
    Obgleich der Kronsyndikus mit der Mehrzahl seiner Gter der groen
norddeutschen Monarchie angehrte, schien sein Herz doch mehr an Hannover, an
Braunschweig, an Lippe, Bckeburg, Detmold zu hngen, in deren Gebieten er
gleichfalls angesessen war. Ja, bis in den hhern Norden hinauf, bis Hamburg,
bis Kiel hin besa er einzelne, durch Verschwgerungen und alte
Familienbeziehungen ihm zugefallene Gter.
    Der Kammerherr schien dabei trotz alledem sein Lieblingssohn. Des ltern,
des Regierungsraths, wurde nur mit Gereiztheit gedacht, ja, in den Spott, in den
er zuweilen ber die Welt, in welcher jener lebte, ausbrach, stimmte der
Kammerherr mit ein, soda man beide dann in ein mit ganz gleicher Tonart
gesetztes Lachen sich ausschtten hren konnte.
    Die freie, ungebundene, ja zgellose Art des Vaters fiel Lucinden bald genug
auf. Der Kammerherr war viel sittsamer. Sein Vater gab ihm das Zeugni, da der
alte Schafskopf, wie er ihn nannte, immer nur Hunde und seine sogenannten
guten Freunde geliebt, immer nur vor den Damen wie ein Duckmuser gestanden
htte und zu seinem hchlichsten Erstaunen nun doch noch in den Apfel der
Erkenntni beien wollte ... Wenn er eine solche Vergleichung brauchte, lachte
er sich selbst Beifall, und Lucinde wute schon, wie gern er sah, wenn sie
darber auch den Mund in Lcheln verzog. Sie erntete dafr ber ihren Verstand
und ihre Zhne Schmeicheleien so derber Art, wie sie der Kammerherr nie
auszusprechen gewagt hatte.
    Diese Reise whrte eine halbe Nacht und einen halben Tag. Man fuhr mit vier
Pferden Extrapost. Am Wege sah man dann und wann Crucifixe und Heiligenbilder.
Die an historischen Erinnerungen so ahnungsreiche Gegend war jetzt gemischter
Confession. Bei der Frage nach Lucindens Herkunft, sonderbarem Vornamen,
religisem Bekenntni kam es zu einigen Errterungen ber die Stadt, aus der sie
entflohen war. Und nun fragte der Kronsyndikus von Wittekind selbst, ob Lucinde
dort nichts von einer gewissen Glpen oder Buschbeck, wie sie sich nenne, gehrt
htte. Und trotzdem, da sie ja auch dem Kammerherrn schon diese Namen
ausgesprochen hatte, antwortete sie: Nein! Sie frchtete weitere Fragen ber
ihre Herkunft und die Ursache der Bekanntschaft mit jener unheimlichen Frau.
    Der Kammerherr htte sich der frhern Frage Lucindens nicht erinnert, aber
er war auch in dem Augenblick gerade beschftigt, mit einem Perspectiv die
Fenster eines Herrensitzes zu fixiren, an dem sie in einiger Entfernung
vorberfuhren. Er entdeckte dort seinen zweitbesten Freund, den Grafen Zeesen,
der trotzdem, da es erst April war, schon Fliegen zu jagen schien. Lucinde
brauchte das Glas nicht, um zu sehen, da der Graf alle Fenster im ersten Stock
seines Hofes offen hatte und mit der Fliegenklatsche die dort demnach ganz
unglaublich frhzeitigen Strenfriede hinausjagte ...
    Der Kronsyndikus war offenbar ber seine eigene Frage nach der Hauptmnnin
in Gedanken verloren, sonst htte er um einige Meilen weiter nicht so unbefangen
von einer jungen Dame gesprochen, die sie auf den Wiesenwegen, die einen kleinen
Edelhof umgaben, einsam und, wie es schien, tief nachdenklich spazieren gehen
sahen. Es war dies Therese von Seefelden, die Verlobte jenes Grafen Zeesen ...
    Kaum begann der Kammerherr von den vortrefflichen Eigenschaften seines
Freundes, des Grafen, und hatte eine Parallele zwischen ihm und dem Verrther,
dem Doctor Klingsohr, zu ziehen angefangen, als der Kronsyndikus mit dem Fu
aufstampfend rief:
    Schweig! Nenne mir den hundsfttischen Namen nicht!
    Man erfuhr jetzt, da der leidenschaftliche Mann in diesem Augenblick nicht
nur von der Zukunft seines Sohnes, sondern von vielen andern Dingen,
vorzugsweise aber von seinen Beziehungen zu dem Vater jenes Klingsohr, seinem
Generalpachter, auf das heftigste gereizt war.

                                      10.


Immer und immer schon war ein gewisser Deichgraf genannt worden, ein Titel,
nach dessen Bedeutung Lucinde nicht fragen mochte.
    Wie sicher sie zwar in allem, was zur Bildung gehrte, jetzt schon Stand
hielt und einen ber Geldangelegenheiten vom Vater in franzsischer Sprache
begonnenen Discurs mit der endlos belachten Bemerkung unterbrach, ob sie nicht
lieber polnisch sprechen wollten, was sie weniger verstnde als franzsisch, so
htete sie sich doch, auf Gebiete einzugehen, wo sie in keiner Weise heimisch
war. Sie bildete sich da jenes bekannte aufmerkende und geheimnivolle Schweigen
aus, das bei Leuten, denen Bildung berhaupt zugestanden werden mu, immer
annehmen lt, da sie ber jeden vorliegenden Fall, und betrfe er die
Inschrift einer gyptischen Pyramide, vollkommen au fait sind.
    Bald merkte Lucinde aus den Drohworten, die der Kronsyndikus ausstie, da
es mit dem Deichgrafen eine besondere Bewandtni hatte. Dieser Graf schien nur
ein Brgerlicher zu sein. Es war der erste Pachter des Freiherrn von Wittekind.
Der Kronsyndikus nannte ihn unausgesetzt bald einen Hund, bald einen Schurken;
ja, er erklrte, da er ihm bei erster Gelegenheit und, wie er sagte, stanta pe
 eine Kugel vor den Kopf brennen wrde. Der Kammerherr wnschte neue
Vorkommnisse des Zwistes zu wissen, aber der Vater schien von denselben so
ergriffen zu sein, da er zuweilen die an ihn gerichteten Fragen ganz berhrte
...
    Das Terrain war eine Zeit lang nur eben gewesen. Auf den Gtern des
Freiherrn, die von der Strae ostwrts lagen, wurde es wieder von Anhhen
unterbrochen, und auf der hchsten Hhe lag Schlo Neuhof wie eine leuchtende
Krone der ganzen in Saatengrn, Wald und Wiese prangenden Gegend. Diesem Schlo,
diesen reichen Fluren nach zu schlieen, mute der Kronsyndikus frstliche
Einnahmen beziehen, womit freilich sein Dingen und Zanken mit den Postillonen
und Wirthen in Widerspruch stand. Lucinde hatte den Muth, ihn seines Geizes
wegen aufzuziehen, wozu er ganz beistimmend schmunzelte und ihr in die Wangen
kniff mit den Worten, da er von solchen hbschen Kindern wie sie in seinem
Leben leider nur zu oft solche Wahrheiten htte hren mssen.
    Ehe man auf die bedeutende, aber sanft aufsteigende Anhhe gelangte, von
welcher das im vorigen Jahrhundert gebaute Schlo herniederleuchtete, hatte sich
in die jeweiligen Auseinandersetzungen des Kronsyndikus ber die Ernte, die
neuen Wegebauten, die Kirchen und Klster, die man in der Ferne aufragen sah,
ber einen oft citirten Landrath von Enckefu, den sein Auge da und dort zu
ersphen glaubte, dann wieder ber den Reichthum und die hohe gesellschaftliche
Stellung der Tngels und ber die Vorzge der freilich nicht mehr ganz jungen
Baronesse Portiuncula, die Jrme heirathen sollte, wieder der Zorn gemischt auf
jenen Deichgrafen. Man sah, aus den heftigen Rgen ber diesen Acker, jene
Hecke oder Anpflanzung, berall die Schpfungen dieses Mannes, der seit einer
langen Reihe von Jahren mit dem Freiherrn aufs innigste befreundet gewesen,
jetzt aber, wie sein Sohn mit dem Kammerherrn, in Bruch gekommen war. Der
Kammerherr suchte die Neigung seines Vaters zu gewinnen durch bestndiges
Schren dieses Hasses, durch Uebertreibungen und Flche, die die des Vaters
zuweilen noch an Kraft und Umfang bertrafen. Zwei verwhnte, durch ihren Namen
und Besitz sich fr unantastbar haltende Mnner scheuten sich nicht, dem
Deichgrafen im Geiste bald die Peitsche zu geben, bald smmtliche Hunde ihrer
Frster auf ihn zu hetzen.
    Lucinde erfuhr jetzt, da der Generalpachter Klingsohr den altblichen Namen
eines Deichgrafen von einer frhern Anstellung bei den Deichen der
hannoverischen Niederelbe fhrte, dort die Bekanntschaft des zuweilen nach
seinen mecklenburgischen und holsteinischen Gtern durchreisenden Freiherrn
machte und von diesem bereits vor beinahe dreiig Jahren in diese Gegend als
sein Pachter berufen worden war. Lange htten sie in dieser Lage
freundschaftlich verkehrt, sogar die Shne des Freiherrn und des Deichgrafen
wren zusammen aufgewachsen und erzogen worden, der Kammerherr htte mit
Heinrich Klingsohr, dem jetzigen Doctor, in Gttingen studirt und bei alledem
war eine Feindschaft ausgebrochen, wo einer denn doch noch, wie der Kronsyndikus
sagte, dran glauben wrde.
    Die Ursache dieser Feindschaft lag in einer neuern Ernennung des
Deichgrafen. Der alte Klingsohr, der sich als groer Pachter im
landwirthschaftlichen Verein, ja als Kenner der Volkszustnde auf dem
Provinziallandtage einen Namen gemacht hatte, war Commissar der Regulirung
buerlicher und grundherrlicher Verhltnisse geworden. Erst jetzt wurden in
dieser Gegend die letzten Reste der Leibeigenschaft aufgehoben. Die Regierung
bestimmte Theilungscommissare, denen sie ihr Vertrauen schenkte, um jedes
streitige Recht zwischen Bauern und Grundherren, zwischen den Gemeinden und
Einzelpersonen zu prfen und schlielich nach bester Ueberzeugung die Ablsungen
zu schtzen. Man konnte nicht bemessen, da ein Macchiavellismus darin lag, zu
einem unter Umstnden so unpopulren, ja gefhrlichen, der Bestechung wie der
Anfeindung ausgesetzten Posten einen Oppositionsmann zu whlen. Im Gegentheil
lie sich annehmen, da gerade in der gesunden, offenen und ehrlichen Politik
des Deichgrafen, die der Regierung schon viel zu schaffen gemacht hatte, eine
Brgschaft gefunden wurde fr die Gerechtigkeit, mit der er sich seinem
schwierigen Amt unterziehen wrde. Er kannte die Gegend seit beinahe dreiig
Jahren, hatte die Interessen derselben mannichfach studirt und war unstreitig
der geeignetste, der die Unparteilichkeit einer so wichtigen Procedur verbrgte.
Lucinde gewann diese Einsicht in ihr keineswegs fremde Verhltnisse vollstndig
erst von ihrem Pavillon im Schlopark zu Neuhof aus. Jetzt war es nach des
Kronsyndikus Meinung eine teuflische, hllenmige und bis an die Throne
diesseits und jenseits zu verfolgende Undankbarkeit des Deichgrafen, auf seinem
neuen Posten fortwhrend seinem Pachtgeber, langjhrigen alten Freunde, ja
Wohlthter, wie er sagte, in fast allen streitigen Fragen Unrecht zu geben, ihm
Rechte zu entziehen auf Wald und Flur, die er seit Urgedenken besessen haben
wollte, die Summen, die er von seinen frhern Lehnsassen zu empfangen, gering,
die aber, die er selbst an die Gemeinden zu zahlen htte, hoch anzuschlagen.
Durch diese nun schon seit zwei Jahren dauernde Ablsung, die den Deichgrafen
zum Wohlthter des ganzen Kreises machte, waren beide in Streitigkeiten
gerathen, die leicht auf Thtlichkeiten bergehen konnten, denn auch der alte
Klingsohr war, wie Lucinden aus dem plattdeutschen Examen, das der Kronsyndikus
bald mit Postillonen, bald mit Gensdarmen ber etwa Vorgefallenes oder
Vorkommnisse des Feldbaues anstellte, vernehmlich wurde, eine heftige Natur, zh
und eigensinnig in seinen Ueberzeugungen. Der Pacht, der nur noch einige Jahre
lief, war ihm vom Freiherrn gekndigt worden ... Und gib Acht, Jrme, schlo
der Vater in seinen Anklagen, wir werden erleben, da er uns noch allen als
Zuchtruthe gesetzt wird, denn Enckefu will und mu versetzt werden! Geschieht
das, so kauft sich Klingsohr ein Eigenthum, lt sich whlen, und unter den drei
Candidaten angesessener Bewohner des Kreises, die wir vorzuschlagen das Recht
haben, wird von oben her kein anderer zum Landrath gewhlt werden als der
erprobte Herr Theilungscommissar!
    Lucinde hrte allen diesen Gesprchen mit der Erwartung zu, im Verlauf
derselben wrde vielleicht der Name der Schreckgestalt, der Musefngerin und
Giftpfeilbesitzerin genannt werden. Doch war der Umfang an Lebensbezgen und
Erinnerungen des Kronsyndikus so auerordentlich gro, da er unausgesetzt Neues
aufs Tapet brachte und zum Alten, wo es nicht den Deichgrafen betraf, selten
zurckkehrte. Der Kammerherr setzte dabei seinen gewohnten Unterricht Lucindens
durch Erklrungen fort. Auseinandersetzen, erlutern, dociren war sein
Steckenpferd. Frsten, Grafen, Bischfe und Erzbischfe wurden dabei wie die
gewhnlichsten Menschen sogar einfach mit Vornamen genannt. Alles, was Lucinden
bisher hoch und unerreichbar geschienen, zeigte sich ihr hier ganz menschlich
und von den allgemeinen Leidenschaften aller beherrscht. Fr ihre Bildung und
Lebensauffassung mute daraus, wie durch die Erfahrungen im Hause des
Stadtamtmanns, sich mancherlei ergeben. Wer den ersten Blendzauber, den die
Groen der Erde verbreiten, auszuhalten oder ihn allmhlich in nchster Nhe
erblinden zu sehen Gelegenheit gehabt hat, wird leicht fr alle
Lebensverhltnisse eine Entschlossenheit und Thatkraft bekommen, die vor keinem
Ziel des Ehrgeizes mehr zurckschreckt.
    Schon lange, ehe man, langsam die sanft aufsteigenden Anhhen zum Schlosse
emporfahrend, an diesem angekommen war, hatte man zur Rechten den zwar noch
laublosen, aber schon von Spatzen, Amseln, Goldammern belebten groen Park neben
sich liegen. Die Umwandelung eines Waldes in diese regelrechte und kunstmige
Zierlichkeit, mit zuweilen durchschimmernden Erlenbrckchen, kleinen von
Hngeweiden bestandenen Inseln, knstlichen Felsgrotten, Wasserfllen, stammte
schon aus dem vorigen Jahrhundert. Auch die erwhnten Pavillons mit Galerieen
und chinesischen Dchern wurden sichtbar. Ein solcher, der auf der andern Seite
lag und im untern Gescho von einem alten Schlodiener bewohnt wurde, sollte
ganz fr Lucinden eingerichtet werden, falls sie nicht vorn bei Vater und Sohn
im Schlosse wohnte. Die sittlichen Vorstellungen des Kronsyndikus schienen von
sogenannten Vorurtheilen vllig frei zu sein. Selbst wenn sein Sohn zu Lucinden
in Verhltnissen gestanden htte, in denen dieser nicht stand, wrde er darber
mit Unbefangenheit gescherzt haben.
    Schlo Neuhof bot in seinem Hofe und in den Seitenbauten ein groes
Oekonomiewesen. Den einen Theil seiner Besitzungen verwaltete der Freiherr
selbst. Da gab es Stlle voll Rinder und Schafe, in der Ferne Ziegelfen, eine
Branntweinbrennerei, eine Brauerei, deren Grundstoffe und Ertrge im bestndigen
Verkehr um das Schlo herum kamen und gingen und die nchsten Rumlichkeiten
desselben so unschn wie mglich erscheinen lieen. Menschen umgaben den
Besitzer von allerlei, aber durchgehends untergeordneter Art. Ihm mute man nur
dienen, nur gehorchen; Weisungen von andern anzunehmen war seine Sache nicht.
Von jeher hatte er auch deshalb Frauen lieber um sich leiden mgen als Mnner.
Gleiches, Ebenbrtiges, Hheres, zu dem er aufblicken mute, duldete seine hohe
Meinung von sich selbst nicht. Seine tyrannische Art schlug mit einer
Handbewegung um sich und scherzte mit der andern. Ihm kam nichts auch nur, wie
er's zu nennen pflegte, bis an den Nabel. Er hatte immer recht, ob nun eine
andere Ftterung fr verkommene Schafe oder der Bau eines neuen Ofens fr die
Ziegelei beantragt wurde. Die Mgde, die Knechte, die Verwalter der vielen
Zweige, in denen gearbeitet und Gewinn angestrebt wurde, alle standen in der
Regel in den Fllen, wo's, wie er sagte, auf Grtze im Kopf ankam, wie die
Heuochsen und waren die Dummkpfe selbst. Er nur wute alles und entschied
alles. Und dann, wenn Er den rechten Zapfen eingeschlagen hatte, Er den Nagel
auf den Kopf getroffen, Er irgendeinmal den Karren wieder aus dem D.
geschoben hatte, mute alles den Kopf schtteln und ohne viel Worte gleichsam
nur ein: Aber man mu sagen, unser gndigster Herr - mit den Augen andeuten.
Wer das verstand, traf den Ton, in dem er die Menschen mit sich verkehren haben
wollte. Es war dann schon vorgekommen, da er in solchen Fllen, wo Er allein
dem Ding auf die Beine geholfen, die Brse zog und einen Thaler austheilte,
nur damit sich die Ochsen, die Esel, die Rindviecher dafr, da sie sich ihm
gegenber als solche bewhrt und bekannt hatten, einen guten Tag machten.
    Lucinde wurde unter zahlreichen neuen Menschen eingefhrt als eine durch
Familienbekanntschaft Empfohlene, der das Land ntzen und die wiederum auch dem
Lande ntzen sollte. Da der Kammerherr nicht aufhrte, seine Liebe mit einer
niemand an sie heranlassenden Eifersucht zu schtzen und seine Sorgfalt, Obhut
und Zartheit gegen sie die gleiche blieb, so durchkreuzte er die Plane des
Vaters, der nicht wenig Lust bezeugte, der Rival seines Sohnes zu werden.
Lucinde wohnte im Schlosse selbst nur bis zu dem Tage, wo mit dem mchtig
hereinbrechenden Frhling eine Menge benachbarter Adelsfamilien erschienen und
sie in den fr sie bestimmten Pavillon des Parks zog. In dieser Zeit der Besuche
mute sie sich vom Schlosse sogar ausdrcklich fern halten.
    Vom Pavillon aus beobachtete sie die vornehmen Gste, die kamen und gingen.
Liebliche junge Mdchen, auch Kinder umschwrmten einige Stunden lang, whrend
der Hof sich mit Livreen fllte, einen Weiher im Park. Besonders anmuthig war
eine Comtesse Paula von Dorste-Camphausen, eine zarte, schlank aufgewachsene
und, wie es schien, krnkelnde Blondine mit langem goldenen Haar, kaum zwlf
Jahre alt und schon zur Reife entwickelt. Ihre treueste Begleiterin war ein
kleiner schwarzer Lockenkopf, den man Armgart von Hlleshoven nannte. Auch
flchtig sah Lucinde jene Portiuncula von Tngel, aus dem Geschlecht der
Tngel-Appelhlsen, die in diesen Tagen und bei diesen Berathungen und
Bewillkommnungen durchaus die Kammerherrin von Wittekind, die Gattin eines
Geistesschwachen, werden sollte. Sie sah sie eines Tages wieder, als sich der
Park pltzlich mit Menschen gefllt hatte. Sie war nicht auf diese Ueberraschung
gefat gewesen. Sie hatte sich in trumender und verdrielicher Langeweile fr
sich allein in ihrem Pavillon geschmckt und mute an den Parkweiher, weil der
Kammerherr, wie sie von den alten Leuten, bei denen sie wohnte, erfuhr, ihr im
Vogelhause alle ihre Nhapparate versteckt hatte. Dorthin wagte sie sich. Sie
hatte sich in einem vom Kammerherrn mit Goldlackfarbe bemalten schngeformten
Kahn, zu dem ein zierliches mit Goldfarbe gleichfalls berzogenes Ruder gehrte,
an das in der Mitte befindliche Haus voll trkischer Enten, Tauben und Schwne,
die in drei Stockwerke vertheilt waren, hinrudern wollen, indem gerade die ganze
Gesellschaft vom Schlosse kam. Alles eilte voll Staunen nher. Es war die
phantastischste Ueberraschung, die man sehen konnte. Der Teich, der goldene
Kahn, die schne Schifferin ... Und der Kammerherr selbst konnte, da der Vater
nicht sogleich in der Nhe war, dem Drange nicht widerstehen, der Welt seine
wahre Liebe genauer zu zeigen. Lucinde erschrak und flchtete sich in das
Vogelhuschen. Es besttigte dieser Anblick die Sage, da sich der Kammerherr
Jrme auf Schlo Neuhof ein Elfenkind htete.
    Es folgte aber eine heftige Scene mit dem hinzukommenden Kronsyndikus. Die
phantastische Schifferin stieg ber den Lrmen in die Pagode hoch hinauf und
kletterte bis an die obere Spitze, die in einem buntgemalten Taubenschlage
endigte. Da flatterte es, als sie dort richtig ihr Nhzeug entdeckte, von allen
Oeffnungen heraus, whrend der Kahn, den sie nicht befestigt hatte, inzwischen
ans Ufer schwamm. Nun wollten die Herren der Gefangenen zu Hlfe eilen; aber der
Kronsyndikus machte dem Vorfall durch kurze und entschiedene Befehle ein Ende.
Er kndigte auch die eben erfolgte Ankunft seines ltesten Sohnes an.
    Alles mute jetzt den Park verlassen und den Regierungsrath von Wittekind
begren ...
    Lucinde bekam so die Freiheit.
    Bis die Bediente den Kahn zurckgerudert hatten zur Insel, sa sie unter den
Tauben, die allmhlich wiederkehrten, und konnte Betrachtungen anstellen ber
alles, was zwischen ihrem Taubenschlag auf dem geflickten Schindeldach in
Langen-Nauenheim, dem Taubenschlag unter dem Kchenherd der Frau Hauptmnnin und
dem hier auf der chinesischen Pagode im Park von Schlo Neuhof fr sie an
Erlebnissen in der Mitte lag.

                                      11.


Schon war fr Lucindens Ehrgeiz eine Zurcksetzung, wie sie sie jetzt erlebte,
wenig geeignet. Manchmal, wenn sie bei offenem Fenster in ihrem Pavillon sa,
war es ihr, als wenn sie sich in der That doch nur eine aufs Land hin
vermiethete Nhterin erschien. Sie sa und besserte wirklich nur Wsche aus. Es
war allerdings ihre eigene. Sie hatte um ihre Schwester fortgesetzt noch Trauer
anlegen wollen und begehrte neue schwarze Kleider; der Kronsyndikus hatte sie
ihr abgeschlagen, da der Anblick seinen Augen nicht wohlthte, eine Aeuerung,
die sie den alten Leuten wiederholte, bei denen sie wohnte, und die von diesen
mit einem tiefen Seufzer aufgenommen wurde ... Ueberhaupt fiel ihr der Druck,
unter dem hier auf dem Schlosse und in seiner nchsten Umgebung alles lebte,
immermehr auf. Ja, sie selbst empfand ihn schon. Als sie wegen der verweigerten
Garderobe wollte zu schmollen anfangen, rief der Kronsyndikus ein so starkes und
drohendes Halloh! da sie erbebte und diesen Ruf, dies Zusammenziehen der
gelbweien buschigen Augenbrauen nie wieder heraufbeschwren mochte.
    Whrend auf dem Schlosse eines Tages wieder eine glnzende Gasterei
stattfand, trieb es Lucindens Ungeduld und verletzte Eitelkeit ins Freie.
    Hinter dem Park gab es erst ein Feld und eine Reihe von Obstbumen zu
durchstreifen, dann ffnete sich ein grner Grund, und tief hinab ging in
allmhlicher Abdachung eine enge Bergspalte, die sich erweiterte zum
schattenreichsten Waldesgrn, wieder dann enger wurde und sich so in gleicher
Abwechselung fortzog bis zur Ebene hin, aus der zunchst die Thrme eines
Franciscanerklosters, Himmelpfort genannt, herbersahen, dann die des Stifts
Heiligenkreuz und der Dom der uralten Stadt Witoborn.
    In diesem Einschnitt zwischen zwei oben ganz wie in der Ebene liegen
bleibenden Saatfeldern wucherte die Pracht des Waldes. Im Winter mute diese
Spalte mit Schnee berfllt sein. Auch jetzt im Frhjahr, wo berall der Boden
schon trocken, glnzte hier noch alles feucht. Von den Felswnden tropfte es
zwischen Moos und Farrnkrutern hin. Ein Bchlein bildete sich unversehens. Es
rieselte unter Haselnubusch und Schlehdorn ber ein verworren steiniges Bett.
Mancher Felsblock schien den Lauf des Bchleins ganz zu versperren, doch
pltzlich brach es irgendwo mit stiller, sich gleichbleibender Strke wieder
hervor. Dann aber wurde die Spalte weiter, die Bume wurden hher und hher,
Tannen ragten mit geradlinigem Wuchse, tiefer ab kamen Eichen, die von einer
kurzen Strecke des weiesten Sandes, dann Buchen, die von kurzem Grase umgeben
waren. Querdurch gingen Fuwege von da und dorther und zuletzt ein schmaler
Reitweg dicht vor dem Eintritt in eine riesige Gruppe uralter Eichenstmme, die
man den Dstern Bruch oder den Dsternbrook nannte. Von hier aus konnte man
bequem wieder die Seitenwnde des Grundes emporklimmen und kam dann wieder in
der Hochebene an, wo ber grnen Saaten die Lerchen stiegen und die Gegend sich
hinzog, so gleichfrmig, so eben als wenn dieser Grund gar nicht vorhanden war.
Und doch fhrte er allein, wie die groe Hauptstrae, die vorm Schlosse
vorbeiging, auf das allgemeine Niveau des Landes zurck. Ueber dem fernen
Tiefland lag das Schlo wol gegen tausend Fu hoch. Fnf Regierungen besaen
hier Enclaven; nur nach Westen zu gehrte alles ausschlielich jener Krone, in
deren Diensten der lteste Sohn des Freiherrn, der Regierungsrath, stand und
sein, wie es schien, einziger nchster Freund, der Landrath, ehemalige
Husarenrittmeister von Enckefu, gewhnlich der schne Enckefu߫ genannt.
    Vor der stechenden Nachmittagssonne boten die Schatten des Dsternbrook
heute den erquickendsten Schutz. Es rieselten zwar noch die kaum geschmolzenen
Schneereste, die sich in den Felsspalten festgefroren hatten, jeder Schritt war
glatt und gefahrvoll; aber Lucinde hielt sich an den schon allmhlich ihr Laub
treibenden Bschen und suchte das von wrzigen Krutern duftende niedere Thal zu
gewinnen. Belebt war es von allem, was nur in den ersten Frhlingstagen auf den
Bumen mit Gurgeln, Zwitschern, Schnabelwetzen der allernrrischsten Art wieder
die Wonne erprobt, sich von dem Nochvorhandensein seiner alten Stimmittel
berzeugen zu knnen.
    Lucindens Sinn ging dabei brtend auf irgendeinen zu fassenden Entschlu. So
wie sie jetzt da war, den runden Strohhut mit schwarzem Band in der Hand, in die
Weite zu gehen und gar nicht zurckzukehren, war noch das Leichteste, was sich
ausfhren lie gegen eine Lage, in deren Erwartungen und Aussichten sie sich
betrogen hatte. Da ihr Sinn Gedanken der Rache nicht unzugnglich war, wissen
wir. Dster zogen sich ihr die dunkeln Augenbrauen zusammen, manche rasch
gebrochene Blte zerri, ja zerbi sie, manches junge, kaum ganz entrollte Blatt
zerkaute sie, so bitter es schmeckte ... Immermehr gerieth sie in einen Zorn, wo
die bei dunkeln Augen eigenthmlich schon vorhandene leichte Entzndlichkeit der
obern Wangen sich immermehr steigerte und den heien Lichtern noch dunklere
Schatten gab.
    Vom Dsternbrook her strte sie jetzt Gerusch. Bald waren es Axtschlge,
bald der gleichmig klingende Ton einer Sge.
    Als sie nher kam, bemerkte sie einen Arbeiter vom Schlohof. Sie neckte
sich zuweilen mit ihm. Es war ein fremder Arbeiter vom Westen her, ein gelernter
Kfer, der auch fr die Brauerei, Brennerei und die Milchwirthschaft des
Kronsyndikus mit Flei und Geschick groe Gefe baute, Bottiche von gewaltigem
Umfang, Tonnen in allen Gren. Rstig arbeitete er vom Morgen bis zum Abend und
zog sich seine Hlfsgesellen selbst; er hie Stephan Lengenich und war
landeinwrts einer der eifrigsten Kirchenbesucher. Auf dem Schlosse selbst gab
es eine Kapelle, doch wurde in ihr nie die Messe gelesen, obgleich der
Kronsyndikus von sieben Pfarreien und dem Kloster Himmelpfort selbst
Patronatsherr war. Seit Jahren stand er mit seiner Kirche auf gespanntem Fu und
duldete auch z.B. nie, da die Franciscaner Schlo Neuhof betraten, eine
Maregel, die durch die Auslegung der Polizeigesetze ber das Terminiren der
Bettelorden von seinem Freunde, dem Landrath, dem schnen Enckefu߫, nach
Krften untersttzt wurde.
    Ei, Herr Lengenich! rief Lucinde mit ihrer etwas tiefliegenden, nicht
starken Stimme; schon wieder eine von den heiligen Eichen des Bonifacius
umgehauen? Wenn Ihnen nur nicht einmal so ein alter Heidengott dabei erscheint
und Ihnen was anthut!
    Stephan Lengenich sah auf und meinte in der That:
    Machen Sie keine Scherze, Mamsell Schwarz! Aber es mu ja sein! Die alten
Fsser faulen und es geht mit dem Brennen der Kartoffeln ins Weite ...
    'S ist recht, sagte Lucinde in der treuherzig derben und ruhig sichern Art,
die den ihr gelufigen Volkston jetzt schon mit Bewutsein festhalten konnte, s'
ist recht! Man soll nicht neuen Most gieen auf alte Schluche!
    Stephan Lengenich horchte ...
    Lucinde zeigte, da sie eine Schulmeisterstochter war, auch ein Jahr bei
einem Pfarrer gelebt hatte, und fuhr weiterschreitend mit knstlichem Pathos
fort:
    Niemand flicket auch ein altes Kleid mit einem Lappen von neuem Tuche, denn
der Lappen reiet doch wieder vom Kleide und der Ri wird rger. Adjes, Stephan!
Betet ihr einmal ein Ave Maria fr eine andere arme Seele als die der Lisabeth,
so schliet auch unsereins ein!
    Damit ging sie, ohne die Antwort des Arbeiters abzuwarten, den sie an ein
allbekanntes Verhltni mit der ersten Beschlieerin des Hofes erinnert hatte.
    Lucinde schlug den krzern Weg jetzt wieder zur Anhhe ein. Es war ein
steilerer, aber von Steinen untersttzter Pfad, der zur obern Anhhe der
Schlucht fhrte.
    Sie war auf der Hlfte dieses etwas mhseligen Weges, als sie hinter sich
laut reden hrte.
    Sie wandte sich und sah, da Stephan Lengenich mit einem nach ihr Gekommenen
in einem lebhaften Gesprch begriffen war. Widerhallte so schon in dieser Stille
an den Bergwnden jedes gesprochene Wort, wie viel mehr noch ein Zank, der
allmhlich heftiger gefhrt wurde.
    Eine schlanke Gestalt in schwarzem Sammetkittel, weiten Sommerbeinkleidern
und einem grauen, mit einem Zweig geschmckten Hut konnte von ihr nicht im
Gesicht betrachtet werden, da der Sprecher rckwrts stand. Aber der Stimme nach
war es ein junger Mann, nicht, wie sie im ersten Schreck ber den Lrm vermuthet
hatte, der Deichgraf selbst, der als Theilungscommissar, wie sie wute, ber den
Dsternbrook und die dortige Baumfllberechtigung mit dem Kronsyndikus in Streit
war.
    Hat es der Freiherr befohlen? Ausdrcklich befohlen? fragte der
Hinzugekommene mit heftiger Entrstung.
    Guten Morgen! war Stephan Lengenich's Antwort, whrend er weiter sgte.
    Gestern noch stand die Eiche! Das mu erst die Nacht geschehen sein! Sie
haben keinen Auftrag dazu gehabt!
    Guten Morgen! sagte der Kfer und sgte weiter.
    Will man uns mit Gewalt aufs Aeuerste bringen? Antwort! Red' Er!
    Herr! richtete sich jetzt der Arbeiter zornfunkelnd auf und deutete auf den
rothen Strich einer Mtze, die er trug, womit er andeuten wollte, da man einen
noch in der Landwehr befindlichen Soldaten nicht mit Er anredete. Sich aber
beruhigend, fgte er dann weiter arbeitend spttisch hinzu:
    Guten Morgen!
    Vom Dsternbrook gehrt nicht eine Eichel der Herrschaft! Es ist
Gemeindewald und seine Privatnutzung ein Misbrauch, der nicht fortbestehen kann!
    Nicht eine Eichel? Suchen Sie hier Eicheln?
    Stephan Lengenich sprach diese Anzglichkeit auf Thiere, die man mit Eicheln
fttert, ganz im boshaften Geiste seiner Herrschaft.
    Im ersten Augenblick trat der junge Mann einige Schritte vor und rief: Kerl!
Dann besann er sich wol auf den ungleichen Kampf und sagte sich langsam
entfernend:
    Nehmt euch vor meinem Vater in Acht! Er legt nchstens den Grenzstein und
dann werden ihn die Gensdarmen zu bewachen wissen!
    Damit schritt er, verfolgt von einem Hohnlachen des Arbeiters, langsam
weiter.
    Bei der Gewiheit, endlich des mehrfach besprochenen frhern Freundes und
Studiengenossen des Kammerherrn, der durch eine Abhandlung ber das sogenannte
Bienenrecht Doctor der Rechte geworden war, ansichtig zu werden, wandte sich
Lucinde, ihn doch nun auch deutlicher zu sehen.
    Dabei glitt einer der Steine aus, die sonst das Aufsteigen erleichterten.
    Der Fall weckte die Aufmerksamkeit des Doctors, wie er gewhnlich im
Gesprch auf Neuhof genannt wurde. Auch er wandte sich und bemerkte die Nhe
eines jungen, in dieser einsamen Umgebung berraschend auftauchenden Mdchens.
    Er zog den breiten Krempenhut und grte.
    Beide schritten weiter, er den Weg, den sie eben zurckgelegt, den Grund
hinauf, sie den parallelen, aber oben auf der Hochebene.
    Sie hatte den Eindruck keines schnen Mannes empfangen. Der Doctor mochte
wenig ber einige Zwanzig zhlen, hatte aber schon das Ansehen eines Dreiigers.
Der Kopf war ausdrucksvoll, aber das kurzlockige, etwas rthliche Haar war an
den Schlfen und der Stirn schon ausgegangen. Der Bart war gepflegter, aber noch
rther als das Haar. Er hing ber Lippe und Kinn herab wie bei einem Soldaten;
und an entstellenden Schmarren fehlte es auch nicht auf Wange und Stirn, ja
sogar auf der Nase, Schmarren, deren Ursprung sie gleich hinzubringen wute.
Nach den Erzhlungen des Kammerherrn waren es Duellnarben.
    Die Tracht des Doctors war die leichteste; kaum da um den magern Hals ein
dnnes Tuch gelegt war. Die Brust stand fast offen. Handschuhe fehlten ganz.
    Lucinde hatte seit den Erinnerungen an Oskar Binder und dessen Freunde in
der Residenz einen Abscheu vor allen Stutzern und geschniegelten Mnnern. Viel
Aeuerlichkeit war berhaupt bei den Herren nicht Sitte, die auf Schlo Neuhof
kamen; die Gewohnheiten der reichsten Leute hier waren in diesem Punkte einfach.
Grafen gingen wie Bauern. Nur der Landrath, der schne Enckefu߫, hielt die
Erinnerung an die Zeiten, wo er wirklich schn gewesen sein mochte, durch eine
gesuchte Toilette, festgeschnrte Taille, gefrbte Haare, Bart, Augenbrauen, ja,
wie man behauptete, gemalte Wangen und Schlfe aufrecht ... er konnte seine
Triumphe als Rittmeister der Husaren nicht vergessen und blieb, ob er gleich
schon einen groen Sohn hatte, der Beau der Gegend, der Petit-matre von der
Stadt Witoborn an bis auf Schlo Neuhof.
    Die studentische Art der Erscheinung des Doctors pate vollkommen in den
Rahmen der verworrenen Erzhlungen, die der Kammerherr, wenn er in seinen
renommirenden Erinnerungen kramte, von dem akademischen Leben desselben zu geben
pflegte.
    Bald gingen Lucinde und der Doctor in ganz gleicher Linie.
    Lucinde konnte sich oben nur am schmalen Rande des Grundes halten, denn zu
ihrer Linken hin gab es kaum einen Weg; die junge Getreidesaat ging bis dicht an
den Rand des Abhangs.
    Es entspann sich trotz der ansehnlichen Distanz ein Gesprch ber das
Misverhltni der Ansprche, die sich bei der Regulirung der buerlichen und
grundherrlichen Verhltnisse ergeben hatten. Der Doctor fragte, als Lucinde
darber sich ganz unterrichtet zeigte, ob sie denn zu den auf Neuhof oben
versammelten Herrschaften gehre?
    Nicht zu den Herrschaften! Zu den Dienern! antwortete sie und balancirte auf
dem schmalen Pfade hin, wohl wissend, da sie nicht wie eine Dienerin aussah.
    Sie sind doch nicht etwa gar das Elfenkind, das mein alter Freund, der
Kammerherr, jenseit der Wlder an einem Schilfteich gefunden hat?
    Ja freilich! Das bin ich! sagte sie und sprang nun mehr als sie ging.
    So werden Sie, sagte der Doctor, trotz der Tngel'schen Familie, deren
Appelhlsener Linie zurckgekommen ist, Frau von Wittekind werden! Ich
gratulire! Einen bessern Mann kann sich eine Frau nicht wnschen! Dann mssen
Sie aber zu uns nach Gttingen ziehen! Lernen Sie reiten! Oder knnen Sie's wol
gar schon? Um so besser! Wir machen Sie zur Conventsseniorin, falls Ihr Mann
nicht aus Rcksicht auf die gttinger Fensterscheiben sofort wieder relegirt
wird! Denn er bekannte Ihnen doch wahrscheinlich seine alte Leidenschaft, in
Gttingen keine ganzen Fensterscheiben und Laternen sehen zu knnen? Nacht mu
es sein, wo Wittekind's Sterne strahlen! Die gttinger Laternen, ohnehin nicht
die hellsten, kosteten ihm einen Theil seiner glcklicherweise guten Wechsel.
    Diese Liebhaberei, erwiderte Lucinde, ist noch immer nicht so schlimm
gewesen wie die einiger seiner Ahnen, die keinen Dachdecker auf einem Thurm
sehen konnten, ohne nicht das Gelst zu haben, ihn herunterzuschieen.
    Aha! rief der Doctor. Sie sind eingeweiht! In deutsche Staats- und
Rechtsgeschichte!
    Lucinde verschwieg, da es der Kammerherr mit Vgeln noch so machte. Man
lie ihm deshalb nur eine Windbchse; in schlimmen Anfllen richtete er auch mit
dieser die grausamsten Verheerungen an.
    Der Doctor schien aufmerksamer geworden und suchte Lucinden nher zu kommen,
was ohnehin durch seinen aufsteigenden Weg von selbst geschah ...
    'S wre ganz gut, sagte er, wenn einmal in diese Menschenrasse frisches Blut
kme! Ich bin an und fr sich ganz fr diese alten Geschlechter und mag sie
leiden, aber sie sollten sich nicht untereinander kreuzen, sondern zur
Inoculation des Volks benutzen; das gbe einen Nachwuchs wie der der alten
Angelsachsen und Normannen, der jenseit des Kanals noch immer so stattlich ist.
Wenn wir Deutsche ein Princip haben, das vernnftig ist, wie die Adelsidee, so
reiten wir's leider auch immer gleich zu Tode!
    Lucinde erwhnte ganz dreist seine Abhandlung ber die Bienen.
    Was? Wie? Wissen Sie davon? rief der Doctor. Nun ja! Im Bienenstaat liegt
mehr Weisheit als in Dahlmann's Politik, zu der er keinen zweiten Theil
schreiben kann. Auch die Bienen pflanzen sich mit vernnftiger Aristokratie
fort. Ein Ei, aus einer schlechten Arbeitszelle in eine Kniginzelle gebracht,
gibt eine Knigin. Wir werden erst die Probleme der Geschichte dann lsen, wenn
wir ein Mikroskop erfunden haben, gro genug, das Leben und Weben eines
durchsichtigen Bienenkorbs zu gleicher Zeit zu beobachten. In China, in Indien
ist es mir manchmal als wenn man das Bienenleben schon seit Jahrtausenden besser
kennt als bei uns.
    Da Lucinde von dem schmalen Rasen immer ausglitt, rief ihr der jetzt ganz
Nahegekommene:
    Sie gehen schlecht da oben! Ich biege hier die Zweige zurck, so kommen Sie
herunter!
    Dann mt' ich wieder wie Sie steigen! sagte sie und blieb.
    Bei dem Versuch, den der Doctor machte, ihr zum Niedersteigen das Gestrpp
der Bsche wegzubiegen, fiel von oben her das Licht auf ihn gnstiger. Der Hut
wurde ihm gerade von einem zurckgehenden Zweige weggenommen; so sah sie einen
scharfen, durchgeistigten Kopf. Da in ihm Leidenschaften zuckten, da in dem
groen wie luftblauen Auge eine Unbestimmtheit schwamm, so gro und weit, wie
eben die Luft und das Meer selbst, konnte sie mit ihren jungen Jahren noch nicht
unterscheiden, aber das Gefhl einer auerordentlichen Kraft strmte ihr aus
diesem an sich harten und unschnen Antlitz, aus diesen unabsehbar weiten,
hellen und wie schwimmenden Glaskugelaugen entgegen.
    Warum sind Sie aus Gttingen hier? fragte sie. Stehen Sie Ihrem Vater in
seiner undankbaren Arbeit bei?
    Schon da Lucinde fragen konnte, schien ihren Begleiter hoch zu erfreuen.
Mit den meisten Mdchen dieser jungen Jahre kann man ja stundenlang gehen, und
sie wissen nichts als ein empfindsames Ja! oder Nein! Sie lcheln
halberschrocken zu allem und jedem und nennen auch spterhin noch die eigentlich
eitelste Versunkenheit in sich selbst ihr schweigsames Gemth.
    Der Doctor erzhlte, da sein Vater aus dem Pachtverhltni zu dem
Kronsyndikus sich zu lsen und ein eigenes Gut zu kaufen beabsichtigte. Zu dem
Ende glaubte er des einzigen Sohnes Beistand nthig. Leider, fgte dieser hinzu,
bin ich kein so fermer Advocat geworden, wie er hoffte. Grau, Freund, ist alle
Theorie, und grn des Lebens goldener Baum, nmlich der, auf dem die
vollwichtigen Pistolen wachsen!
    Lucinde wute schon von Eibendorf und Neuhof her, da man hier zu Lande die
Goldstcke Pistolen nennt. Jeder Gegenstand, den der Kammerherr taxirte, wurde
nach Pistolen berechnet.
    Vielleicht knnten Sie den Streit zwischen dem Kronsyndikus und dem
Deichgrafen beilegen? sagte sie.
    Unmglich, mein Frulein! erwiderte der Doctor. Das sind Gegenstze, die
uralt sind. Schon an dem den Strand der Elbe, wo sich beide kennen lernten,
soll mein Vater sich durch das Abzhlen der hannoverischen Sandkrner gegen die
holsteinischen als Deichgraf unmglich gemacht haben. Es gibt solche groe
Charaktere, die gerade zwei Minuten vor halb sieben und zu keiner Secunde anders
einen Gegenstand abgemacht sehen wollen. Sie halten die Hand aufs helle, lichte
Feuer wie Mucius Scvola, nur um ihren Muth zu beweisen. Vershnung? Mein Vater
konnte sehr leicht von Napoleon eine Kugel vor den Kopf bekommen, denn er fing
die Befreiungskriege nach seiner Uhr an. Gerade zwei Minuten vor halb sieben!
Der Tugendbund hatte gesagt: Zwei Minuten vor halb sieben steht jeder Patriot an
der Spritze, und mein Vater hielt sich an die Ordre. Ob nun die Umstnde
bewiesen, da die Schlacht bei Dresden ganz unzweifelhaft fr Napoleon gewonnen
war, ob es noch ganz im Unklaren blieb, ob die Oesterreicher in die Allianz
treten wrden - mein Vater nahm die Schlacht bei Leipzig schon fr geschlagen
und gewonnen an. Der Deichgraf sammelte Mannschaften, bewaffnete sie und strmte
die Zollhuser der westflischen Regierung. Zwei Tage lang war Deutschland frei
vom Tyrannenjoch; dann aber eine Gewehrsalve von bckeburg-westflischen
Grenadieren, die Napoleon's Arriregarde bildeten, und die Patrioten waren
auseinander gesprengt. Mein Vater hinkte mit verwundetem Fu in den Teutoburger
Wald, wo er jede Stelle kennt, an der einst Arminius bivouakirt hat und sich an
dem Meth erquickte, den ihm Thusnelde bereitete. Da irrte er proscribirt umher.
Auf hundert Thaler hatte man seinen pnktlichen Kopf angeschlagen.
Glcklicherweise half ihm aber der Geist des alten Arminius und Mutter
Thusnelde. In den Schluchten blieb er unentdeckt und war dann wieder der Erste,
der nach der Schlacht bei Leipzig auf die Externsteine zum Aufruf des ganzen
westlichen Deutschland eine blutrothe Fahne steckte. Mein Vater machte trotz
Weib und Kind den Krieg mit und soll die Lieder von Max Schenkendorf in unserm
alten burschenschaftlichen Commersbuch auswendig gewut und berall vorgesungen
haben, wie auch ich, als ich noch etwas grn zuerst in Erlangen studirte. Spter
hat er nicht mehr viel davon wissen mgen und von Vershnung ist bei ihm in
principiellen Gegenstzen nie die Rede!
    Ueber diese Mittheilungen waren beide Wanderer oben zusammengekommen. Sie
gingen unter den blhenden Obstbumen hin dem Park zu.
    Da Lucinde durch die akademischen Reminiscenzen des Kammerherrn in vielen
der von ihrem Begleiter angeregten Verhltnissen heimisch war, so konnte dieser
auf ihren wiederholten Vorschlag, eine Vermittelung zu versuchen, in der
Charakteristik seines Vaters fortfahren.
    Nein, mein Frulein! sagte er. Mein Vater ist trotzdem, da er nicht mehr
den Schenkendorf singt und wir jetzt 1832 schreiben, in der Exaltation von 1813
stehen geblieben. Schwarzrothgold kam er aus Frankreich zurck und mute 1817
wieder etwas anzetteln da drben im Teutoburger Walde bei dem groen Christoph,
den sie jetzt dort auf die Hhe stellen wollen, das germanische Rcherschwert in
Hnden. Fr den deutschen Kaiser und dessen Wiederherstellung sa er drei Jahre
in Magdeburg. In dieser Zeit war der frhere westflische Kronsyndikus, d.h.
Vertreter der Krone des ehemaligen Weinreisenden und sptern Knigs Hieronymus
bei der westflischen Landschaft, d.h. den Stnden und Deputirten der ihm
unterwerfenen Provinzen, Freiherr von Wittekind-Neuhof, immerhin so zu sagen
unser Wohlthter. Das Pachtverhltni ging fort, ohne da der Vater damals die
vollstndigen Summen auftreiben konnte. Der rstige Grundherr trieb sie sich
eben selber ein. Meine Mutter starb darber, der Vater kam aus Magdeburg zurck
und warf sich jetzt in die ergrimmteste Provinzialopposition. So hat Demosthenes
nicht ber Philipp von Macedonien gedonnert wie mein Vater - lieber Gott, noch
dazu bei verschlossenen Thren! - ber Brcken und Vicinalstraen. Harry Heine
spricht von einem Mirabeau der Lneburger Heide. Mein Alter war einer von der
witoborner. Und wirklich, er allein mit seinen zwei Minuten vor halb sieben
war's, der hier Groes durchsetzte in Ermangelung von Grerm. Ueberall, wo Sie
hier einen Hemmschuh an einen Pfahl gemalt sehen und einen Finger darber mit
dem Avis: Bei einem Thaler Strafe! berall, wo an einem Kreuzweg ein Pfahl mit
vier Armen steht: Hier geht's nach Mlln, nach Schppenstedt, Schilda oder
Krhwinkel! bei jeder Verbesserung in Luft, Feuer, Wasser und Erde ringsum kann
er mit stolzem Bewutsein wie ein Sattelmeier aus Karl's des Groen Zeit
vorbergehen. Und nun ist er denen, an welchen er sich eigentlich fr Magdeburg
rchen wollte, der Regierung selbst, zum Bedrfni geworden! Der vielbefhigte
unruhige Mann, dem sein nchster Beruf schwer genug aufliegt, bernimmt die
Regulirung der grundherrlichen Verhltnisse und fhrt diese richtig wieder nach
dem Mastabe: Zwei Minuten vor halb sieben! durch. Nichts schont sein Zollstock.
Er zerstrt den schnsten Ameisenbau, wenn die eine Seite an Hinz, die andere an
Kunz gehrt. Er steckt den Spaten gerade mitten durch, er trennt die Blte vom
Ast, den Schwanz der Kuh vom Kopf, es ist und bleibt der alte Deichgraf, der
Mathematik und Wasserbaukunst studirte, bei Stade die Sandkrner zhlte, die
sich ins hannoverische Fahrwasser verloren und Holstein gehrten, und der jetzt
noch Landrath werden wird, ja, zu alledem vielleicht einen Orden bekommt und zur
Anerkennung fr den friedlichen Verlauf aller seiner patriotischen Landstrme
und schwarzrothgoldenen Revolutionen eines Tages in Sanssouci zu Mittag speist!
    Lucinde wute nicht, wie sie dazu kam, auf diese im Grunde unkindliche, aber
offenbar gleichfalls aus einem Ueberzeugungseifer (nur fr andere, ihr
unbekannte Auffassungen) herzuleitende Auslassung fragend zu erwidern:
    Sind Sie katholisch?
    Der Doctor schwieg erst erstaunt und sagte dann:
    Du sprichst ein groes Wort gelassen aus! Nein, wir sind es nicht, mein
Frulein!
    Am Ende des Parks durchkreuzten sich einige Wege und ein steinernes
Christusbild hing ber einer Ruhebank.
    Lucinde war ermdet. Sie setzte sich.
    Der Doctor lehnte sich an einen Baumstamm ihr gegenber.
    Sie nahm den inzwischen wieder aufgesetzten Hut ab. Schon lange trug sie
wieder ihr Haar in Flechten. Eine davon war losgegangen. Es machte ihr gar
nichts, so vor einem Fremden ihre Toilette zu machen, ja sogar eine Haarnadel im
Munde, zwischendurch zu sprechen:
    Nein, Sie schren nur noch den Ha! Das ist aber unrecht! Sie sollten
Vershnung stiften!
    Heinrich Klingsohr war jetzt verstummt und weidete sich an dem Anblick.
Lucinde sah nicht lter aus als sie war. Sechzehn Jahre und eine solche Reife
des Urtheils! Fast kindische Bewegungen, die Beine bereinander geschlagen, im
Schoose den Hut, die Nadel im Munde, ein Kamm aus der Kleidestasche zu Hlfe
genommen, um losgegangene und verworrene Hrchen im Nacken hinten zu einer
kleinen Welle zu runden, und, als der Strohhut dabei zur Erde fiel und Klingsohr
hinzusprang ihn aufzunehmen, den Hut ruhig auf die Fe des Steinbildes ber
sich gehngt ... Alles das allerdings mit bestimmtem und bewutem Wohlgefallen
an der immermehr erglhenden Theilnahme der neuen Bekanntschaft und doch ganz
wie zufllig und absichtslos.
    Klingsohr hatte sich jetzt gleichfalls auf die Bank gesetzt, so aber, da
er, bald das Steinbild, bald sie betrachtend, elegisch improvisiren konnte:

Am Fue des Erlsers
Hngt ihr pariser Hut -
Und ihre dunkeln Locken
Netzt heil'ger Wunden Blut ...

Kennen Sie Heine? unterbrach er seine Parodie ...
    Gewi! sagte sie. Der Kammerherr kann ihn auswendig!
    Der Kammerherr! fuhr Klingsohr, jetzt hingerissen von der Schnheit und
Lieblichkeit der Erscheinung, auf: Ist es denn mglich! Jrme -
    Er stockte in seiner Rede, ergriff Lucindens Hand, zog sie an sich und sah
ihr mit seinen jetzt weit geffneten groen Augen ins errthete, von der
Wanderung und dem Schreck ber sein Benehmen doppelt erglhende Antlitz ...
    Und nun ein ganz kokett strafendes, kindisch mdchenhaftes: Aber Herr
Doctor! womit sie aufsprang und in rascher Handbewegung den Hut ergreifend
weiterging.
    Klingsohr folgte wie bebend. Er konnte annehmen, da Lucinde ihm entfloh und
die Nhe des Parks benutzte, vor den Gefahren einer Fortsetzung dieser einsamen
Begegnung sich zu sichern ...
    Wie aber, als wenn nichts geschehen wre, wandte sie sich pltzlich und
lenkte auf das frhere Gesprch zurck mit den Worten:
    Ja! Lassen Sie uns beide Frieden stiften zwischen Neuhof und - wohnen Sie
auch auf der Buschmhle?
    Klingsohr, ber dies Vergeben und Vergessen selig und von den Knsten, die
eben auch so nur Lucinde kannte, schon umstrickt, wie alle, die ihr bisher
begegneten, wiederholte, wie wenn er sich auf nichts besinnen konnte:
    Frieden? Was? Buschmhle?
    Ja, half sie nach, zwischen Ihrem Vater und ...
    Unmglich! fuhr er sich besinnend und wild auf. Die Welt mu in Flammen
stehen! Krieg! Krieg! Aller Dinge Vater ist der Krieg! singt Pindaros. Und ich
respectire sogar diese alte Hnennatur des Kronsyndikus! Dies Geschlecht ist
schon seit dem Tage, da Karl der Groe seine Vorfahren gebunden in die Weser
jagte und mit Gewalt taufte, Hadern und Streiten gewohnt und hat eine Natur
dafr, auch den alten reichsunmittelbaren und kaiserebenbrtigen Dnkel, der
immer hoch zu Ro sitzt und sich in seinen Rstkammern sogar noch die Schwerter
aufbewahrt, mit denen ihre Ahnen gelegentlich in Regensburg, Gotha oder Soest
drben als Landfriedensbrecher hingerichtet wurden! Die haben solche Aufregungen
nthig! Nur wir Plebejervolk verlieren immer gleich den Athem, sind zu kurz, zu
dick, zu untersetzt stmmig fr solche Fehden ... Kennen Sie meinen Alten?
    Lucinde hatte den Deichgrafen oft reiten und fahren sehen und erkannte aus
des Doctors Schilderung die kleine, corpulente Persnlichkeit eines Charakters,
der, wie sie sah, vom Sohne selber aufgegeben wurde ...
    Aber drfen Sie denn drben berhaupt sagen, da Sie mit mir gesprochen?
fragte er.
    Sein Ton war wieder so zrtlich, da Lucinde sich seiner Annherung entzog.
Und jetzt hatte er zwei Bltenzweige von einem Obstbaum ber sich abgebrochen
und legte den einen stumm in ihre Hand, den andern senkte er ohne ein Wort zu
sagen in die Erde. Er bezeichnete damit eine Stelle, wo Lucinde seitwrts vom
Wege eine Weile gestanden hatte. So redete er fast die Sprache seines Freundes,
des Kammerherrn.
    An dergleichen demnach gewhnt, widersprach sie gar nicht, sondern lie
ihrer neuen Eroberung ruhig lchelnd auch diese Huldigungsform. Der Doctor
pflanzte den Zweig und schwieg bewunderungsvoll.
    Als die Procedur vorber war, kamen sie an die kleine Pforte des Parkes, zu
der Lucinde den Schlssel hatte.
    Ringsum war alles still, niemand kam des Weges ...
    Das Schweigen ist der Gott der Glcklichen! flsterte Klingsohr rings um
sich blickend, und dann wieder seufzend rief er:
    Jrme! Jrme! Wie ist es nur mglich, Jrme!
    Verdrielich ber die Anspielung auf ihr Verhltni zum Kammerherrn
erwiderte sie kurz:
    Ich verstehe Sie gar nicht! Adieu!
    Klingsohr folgte, blieb dann pltzlich stehen und sprach laut:

Die Linde blhte, die Nachtigall sang,
Sie Sonne lachte mit freundlicher Lust;
Da ktest du mich und dein Arm mich umschlang,
Da pretest du mich an die schwellende Brust!

Die Bltter fielen, der Rabe schrie hohl,
Die Sonne grte verdrielichen Blicks;
Da sagten wir frostig einander: Lebwohl!
Da knixtest du hflich den hflichsten Knix!

    Lucinde erwiderte lachend:
    Ein so gelehrter Mann und fremde Citate?
    Hten Sie sich, mein Frulein, rief Klingsohr, wenn ich Original werde!
    Dabei streckte er wild die Arme aus. Es war eine Geberde, wie wenn er den
Himmel auf die Erde herabziehen knnte.
    Sie erschrak und entschlpfte.
    Am Gitter, wo sie aufschlo, wendete sie sich noch einmal ...
    Ihr Begleiter war nicht mehr weiter gefolgt. Auf sechs oder sieben Schritte
blieb er zurck, wie wenn er seiner Kraft nicht traute weiter zu gehen. Nur
leise lispelte er ihr nach:
    Engel! Seh' ich Dich wieder?
    Dabei hob er die Hnde empor, wie anbetend, gerade so wie der Kammerherr
einst gethan.
    Sie winkte, da er gehen mchte ...
    Aber es war ja ihre Sache, zu gehen ...
    Klingsohr rief wieder:
    Heilige!
    Dann sprach er leise und innig:
    Bitt' fr mich! ...
    Erlse mich! setzte er dringender und fast feierlich hinzu.
    Das die Umzunung bildende geschnittene Zwergholz des Parkes verbarg sie
jetzt. Sie schritt unter den hohen, noch fast durchsichtigen Ulmen, die sich
ber sie mit ihren halbbelaubten Zweigen wlbten, hin gleichsam wie in Lften.
Auf so ergreifende Worte, wie ihr da eben nachklangen, Erwiderungen zu geben
hatte sie noch keine Schtze des Geistes, des Herzens und der Phantasie in sich.
    Es war die erste Begegnung ihres Lebens mit einem Manne, die sie
vernichtete.

                                      12.


In ihrem Pavillon fand Lucinde den schon ngstlich auf sie harrenden Jrme.
    Er hatte ihr Wunderdinge zu erzhlen und sie blieb aus!
    Nun aber auch bestrmte er sie mit seinem Lachen, das er in der Gewohnheit
hatte, wenn ihm irgendetwas nach seiner Voraussetzung besonders Kluges gelungen
war.
    Der Versuch, ihn bei dem groen Familien- und Nachbarsessen, das um vier Uhr
begonnen hatte, und in Gegenwart des Regierungsraths, seines ltern Bruders, der
Welt als einen zurechnungsfhigen Menschen vorzustellen, war vollstndig
gescheitert.
    Nach der Mittheilung, die er von dem beln Verlauf eines seiner gewohnten
Streiche erzhlte, merkte man wohl, da sein eigener Bruder, der Regierungsrath,
ihm die Gelegenheit erleichtert hatte, aus der erzwungenen Rolle zu fallen, die
er unter den stechenden Augen und der zusammengezogenen Stirn seines Vaters
spielen mute.
    Fr Lucinden, die kaum die Besinnung hatte zuzuhren, war auch noch die
Ueberraschung aufgespart, da, wie es schien, in frhlicher Weinlaune und im
Triumph eines eroberten Sieges der Regierungsrath selbst erschien und zum ersten
mal sie zu sehen verlangte.
    Der von der Tafel angeregte Mann, der mit dem Vater und Bruder wenig
Aehnlichkeit hatte, kam in Begleitung des schnen Enckefu߫, der in weinseliger
Laune den Arm um den Regierungsrath geschlungen hielt und der Verwilderung
seiner knstlichen Verjngungen nicht mehr zu achten schien.
    Beide kamen die schmale Stiege des Pavillons herauf und reizten die
Eifersucht des Kammerherrn nicht wenig durch ihre verfnglichen Gre und Reden.
    Ihren Pa, mein - Frulein -, lallte der Landrath mit galanten Verbeugungen,
die das Mobiliar des kleinen Zimmers in Gefahr brachten. Ihre Legitimation -!
Carte du sjour! Ich bin -
    Der Regierungsrath analysirte schon die Bestandtheile des fehlenden Passes,
der fr Lucinden bereits einige male lstig genug zur Sprache gekommen war ...
    Augen schwarz, unterbrach er selbst den Landrath und mit staunender
Ueberraschung - Nase mittel - Mund klein - Zhne - allerliebst -.
    Der Landrath wollte die Beschaffenheit der Zhne untersuchen und griff nach
den Lippen des ngstlich sich in eine Ecke drckenden Mdchens ...
    Der Kammerherr stimmte zwar scheinbar in diese Lucinden dargebrachte
Huldigung ein, wehrte aber denn doch die Hand des Rittmeisters jetzt mit einer
Entschiedenheit zurck, die diesen zu dem Ausruf veranlate:
    Sacre bleu! Herr, das ist grob!
    Der Regierungsrath kam in diesem Augenblick zur Besinnung. Der Landrath war
in jungen Jahren einer der wildesten Offiziere gewesen und hatte namentlich den
Stolz des Landes, einen jungen Grafen von Truchse-Gallenberg, kurz nach der
Besitznahme dieser Provinzen durch die jetzt ber sie herrschende Krone im Duell
erschossen. Zum Landrath hatten ihn die Umstnde, sein bei aller alten
Husarenwildheit hchst leutseliges Wesen gemacht; sein Ehrgeiz war aber gerade
jetzt um so empfindlicher gereizt, je mehr seine hervorragende Stellung durch
seine Neigung zur Galanterie, seine geringen Kenntnisse von administrativen
Dingen, seine Schulden und vorzugsweise die zunehmende Abschlieung des
Provinzialgeistes in der adeligen Sphre auf Schwierigkeit ber Schwierigkeit
stie ...
    Kommen Sie, Rittmeister! sagte der Regierungsrath ablenkend. Mein Bruder ist
zu beneiden! Aber er hat sein Glck verdient! Seine Genie hat sich heute die
Krone aufgesetzt! Kein Trauring, Jrme, nein, fr Trck ein goldenes Halsband!
    Ha, ha, ha! brach der Landrath beschwichtigt aus und konnte sich vor Lachen
kaum fest auf der Treppe erhalten, die man wieder niederstieg. Whrend er auf
Lucinden fortwhrend Kufinger und schmachtende Blicke warf, wie sie auch nur
ihm, dem ewigen Jeune homme und sechzigjhrigen Adonis zu Gebote standen,
verhtete der Regierungsrath durch krftige Haltung der andern Hand des
Schwankenden ein Unglck, wie es beim schnen Enckefu߫ oft schon vorgekommen.
Er war fr seine Jahre immer noch so unternehmend, sein Reiten war von solcher
Khnheit, da der Effect seiner stundenlangen Toiletten ihm alle Augenblicke
einmal durch ein schwarzes Pflaster auf Nase oder Stirn verdorben wurde.
    Die Lust und Freude im Kammerherrn war zu gro, um nicht nach Entfernung der
beiden Neugierigen ganz zu ihr zurckzukehren. Er hatte whrend der Tafel einen
Bindfaden aus der Tasche genommen gehabt, diesen heimlich um einige in seiner
Nhe befindliche Flaschen geschlungen, dann Trck, einen der Hunde des Vaters,
die immer in der Nhe des Mittagessens schnupperten, an sich gelockt, an den
Faden ein Stckchen Fleisch befestigt und dies dann dem Thiere heimlich
zugesteckt. Trck wrgte daran, blieb aber noch ruhig auf seinem Platze, in
Hoffnung auf mehr. Endlich aber vom Kronsyndikus aufgejagt, ri er alle Flaschen
und Glser um, bergo das elegante neue Seidenkleid Portiuncula's von
Tngel-Appelhlsen mit Rothwein und machte, da ihre Mutter, die hineingriff, um
das theuere Kleid zu retten, sich mit den Scherben einer zertrmmerten Flasche
empfindlich in die Hand schnitt. Die Verwirrung war so gro, da nicht viel
gefehlt htte, der Kronsyndikus wre seinerseits aus der Rolle gefallen und
htte nach dem ihm der Hunde wegen immer nahe liegenden Kantschu gegriffen und
den Sohn vor allen Leuten durchgeblut. Denn da dieser der Anstifter, war
sogleich erkannt ... Die Tafel war zu Ende. Die Tngel-Appelhlsens reisten ab,
die Tngel-Aus-dem-Winkel folgten, dann die Hlleshoven, die Ubbelohdes, Graf
Mnnich, die vornehmsten von allen, die Dorste-Camphausens, eines nach dem
andern ...
    Lucinde, die von ganz andern Gedankenreihen bewegt war, hatte zu alledem
noch die lstige Aufgabe, die Furcht des Kammerherrn, der sich nun nicht
getraute ins Schlo zurckzukehren, zu beschwichtigen. Der Vater lie sich nicht
sehen, ein Omen, worber der Schuldbewute in Angst gerieth. Zuletzt mute sie
sich selbst entschlieen, in der schon eingebrochenen Dunkelheit den weiten Weg
nach dem Schlohof ihn zurckzubegleiten und ihn unter vielen Umstndlichkeiten
und gewagten Scherzen ihrerseits mit dem Alten auszushnen.
    Glcklicherweise war aber der Kronsyndikus nicht allzu heftig ergrimmt. Bei
solchen Familienconventen gab es immer Zank; ihm kam jede Lebensuerung der ihm
doch Gleichgestellten anmaend vor. Da wurden Erinnerungen durchgesprochen, die
ihn verstimmten; alte Wunden ri man auf, die kaum nach einer Generation ganz
vernarbt waren; wieder sah er, wie alles ihn hate und frchtete. Dann
beschftigte ihn mit Meldungen aller Art die Regulirung, die schon zu einem
Schreckgespenst fr ihn und das ganze Schlo geworden war, da sie ihn in Sinnen
und Brten bis zur Abwesenheit mehr treiben konnte als die Narrheit seines
Sohnes.
    Die gute Stunde, von dem Doctor Klingsohr zu sprechen, war noch nicht
gekommen, wenn auch der Abend leidlich vorberging und die Aeuerungen des
Kronsyndikus: Ja, Lucinde, mit Portiuncula ist's nun nichts! fter wiederholt
wurden und ganz harmlos herauskamen.
    Klingsohr jedoch erschien wieder und wieder ...
    Noch mehr, er machte seine Drohung wahr, sich auch als Original zu zeigen.
    Welches die geistige Verwandtschaft zwischen ihm und dem Kammerherrn war,
begriff Lucinde nicht: aber seltsam genug, da auch bei dieser ihr dargebrachten
neuen Verehrung ein Bedrfni zu Grunde zu liegen schien, in ihr mehr zu sehen,
als sie sich selbst erscheinen konnte. Auch Klingsohr schmckte sie phantastisch
aus und berhufte sie mit dem Reize von Schnheiten, die sie trotz ihrer
Eitelkeit als reine Erdichtung erkennen mute. Auch ihm wurde sie zur
Erscheinung, die bald dem Reiche der Luft, bald dem Wasser angehrte. Bald war
sie Sylphe, bald Undine. Sie sollte wol glauben, da es ihr eigener Werth war,
der sie den Mnnern so erscheinen lie.
    Es brach die Zeit eines wunderbaren Rausches fr sie an, eines Zustandes,
den sie in dieser Art noch nicht gekannt hatte. Sie hatte die ble Wirkung
beobachtet, die schon die Nennung des Namens Heinrich Klingsohr im Schlosse
hervorbrachte. Der Kammerherr lohte in Eifersucht auf, der Kronsyndikus sprach
nur von der undankbaren Bande und besttigte nicht nur alles, was Heinrich ihr
von der Vergangenheit ber ihn und den Vater gleich beim ersten Zusammentreffen
erzhlt hatte, sondern was sie auch aus dunkeln Andeutungen des verschwiegenen
alten Paares, bei dem sie wohnte, von vergangenen und vielbewegt gewesenen Tagen
entnehmen konnte.
    Ja! ich habe den Schlingel auf meinen Knien geschaukelt! sagte der
Kronsyndikus, als vom Doctor die Rede war. Ich habe auch die Frau erhalten, als
der Elende in die Wlder lief und Aufruhr predigte. Ich habe den Pacht mir durch
meinen Eifer selber verdienen mssen. Und dieser Hund will jetzt Herr ber das
ganze Land werden? - Fritz - er meinte den Regierungsrath - Fritz nimmt ihn auch
noch in Schutz! Alle die Leute hier! Mein eigener Schwager, Graf Joseph! Aber im
Dsternbrook, das sag' ich, lass' ich mich nicht um eine Hand breit aus dem
alten Nutzen bringen, das schwr' ich, oder ich will in alle Ewigkeit nicht aus
dem Lutterberg bei Witoborn herauskommen!
    Er meinte damit: aus dem Fegfeuer; denn man glaubt in jener Gegend, da in
diesem Berge fr den westflischen Adel der Eingang zum Fegfeuer liegt.
    Die Begegnung mit Stephan Lengenich war ihm natrlich auch sogleich bekannt
geworden. Dieser arbeitete aber tglich frisch unten fort, fllte Stmme nach
wie vor und hatte in dem Dsternbrook eine ganze Werkstatt eingerichtet. Planken
und Bodeneinstze lagen ringsum, frisch erst aus dem Walde herausgehauen und
gesgt.
    Da Lucinden, die einige Gestndnisse gemacht hatte, jede fernere Begegnung
mit dem Doctor, der zu allem nun auch noch seinen gelehrten Senf hinzugbe,
verboten wurde, so konnte sie mit ihm nur geheim zusammenkommen. Leider fand sie
unter der Aufsicht der Alten, die mit ihr den Pavillon bewohnten und im
allgemeinen mrrische und strenge Leute waren, Schwierigkeiten. Diese wuchsen
so, da sie ihren Entschlu, von allen diesen Fesseln, mchten sie fr die
Zukunft versprechen welches Glck sie wollten, sich frei zu machen, immermehr
reifen lieen.
    Ist denn das nicht die eigentliche und wahre Natur des Mannes? sagte sie
sich, wenn sie sich im Geiste Klingsohr's Bild entgegenhielt. Sind denn die
Mnner, die das Leben zu bezwingen verstehen, wirklich solche, wie sie uns in
schnen Bildern begegnen?
    Klingsohr war nicht schn; er vernachlssigte sich in seiner Kleidung, er
hatte etwas Sorgloses, sogar Verwildertes. Sie erfuhr, da sein Gang durchs
Leben unregelmig gewesen, kometenartig; sie erfuhr, da er die Hoffnungen des
immer rhrsamen Vaters tuschte und sich der Uebereinstimmung mit demselben und
seines Beifalls nicht rhmen konnte. Aber, was sie sogleich bei der uern
Unhnlichkeit dieser Natur mit der eines Oskar Binder gefhlt hatte, da das
Auge hier geistige Schnheiten finden wrde und diese dann auch allmhlich das
Aeuere heben, traf immermehr zu. Wenn dieser seltsame junge Mann im
Mondenschein an der Parkpforte mit ihr auch nur einige Minuten verweilte - die
Eifersucht des Kammerherrn war jetzt aufgeregt und sein heimtckischer Sinn
gefiel sich in den hinterlistigsten Anschlgen -, das Bild, das sie von ihm
empfangen, verklrte sich immermehr zu der Vorstellung von dem Muthe, der
Thatkraft der Mnner berhaupt und der auch die Frauen hebenden heroischen
Bestimmung derselben. Und wie verstand auch Klingsohr sein ganzes Sein mit einem
poetischen Nimbus zu umgeben! Mitten in den kurzen Begegnungen, die sich allein
mglich machten, brach er in Verse aus und verband dann mit der Wildheit eines
Titanen, der noch die ganze Welt zusammenzurtteln gedachte, etwas Naives,
Trumerisches, Kindliches wieder. Manches, was die gemessene Zeit zu sagen
verbot, sprach er in geschriebenen Blttern aus, die er ihr in die Hand drckte,
und schon hufte sich ihr durch Bauerknaben, Bettler und fahrende Musikanten ein
geheim besorgter Briefwechsel. Da sie auf seine Hlfe und Befreiung aus ihrer
gegenwrtigen peinlichen und unbestimmten Lage rechnete, das stand damals fest,
als er ihr das unwrdige und schimpfliche Loos schilderte, welches zuletzt denn
doch noch ihrer im Schlosse Neuhof warten wrde; Vater und Sohn, sagte er,
wrden zuletzt um ihren Besitz streiten und der Alte wrde siegen. Sie
schauderte. Klingsohr versprach, sie mit nach Gttingen zu nehmen, um sich dort,
wenn der Vater die Mittel gbe, als Docent zu habilitiren. Sie sollte sein Weib
sein.
    Es war gegen Ende Juni. Schon lange war die erwnschte Regenzeit angebrochen
und dauerte anhaltender, als sie der Landmann nun wieder haben wollte. Die auch
durch strmenden Regen nicht zu tilgenden Reize des Landlebens, der Anblick der
grnen und gelb gefrbten Fluren und der berauschende Duft der Linden und Tannen
blieben sich gleich; besonders von dem Schlosse Neuhof selbst aus; nach vorn bot
der volle Anblick in eine Landschaft voll Mannichfaltigkeit und Schnheit
malerische Fernsichten, in nchster Nhe dufteten der Park und die nahe
liegenden Wlder. An dem offenen Fenster, in der linken Eckspitze des Schlosses,
im ersten Stock, sa Lucinde des Tages jetzt fast ununterbrochen und suchte sich
in ihrer wunderlichen Lage, die der der Sklavin in goldenen Fesseln nicht
unhnlich war, zu beschftigen, so gut es bei ihrem geringen Arbeitstriebe und
den aufgewhlten Stimmungen ihres Innern gehen wollte. Wieder war sie ganz auf
die Unterhaltung des Kammerherrn, auf seine Pflege angewiesen, denn der geistig
Leidende krnkelte auch krperlich. Er gehrte dabei ganz zu den Kindern, die
eine Tasse Milch nur von dieser Schwester, einen Teller Suppe nur von jener Magd
wollen gereicht erhalten. Er nahm nichts als nur von Lucinden. Sonst trieb er
sein altes Wesen. Er zeichnete, malte, portrtirte Kpfe, die ersten besten vom
Oekonomiehofe oder aus der Brennerei, sogar Hunde und vor allen jetzt Trck, den
nun von ihm besonders bevorzugten. Mishandelte er nicht die schnen Knste, so
drechselte er, und wiederum verband er damit die stereometrische Philosophie des
Sehers und Zukunftsphilosophen Laurenz Pttmeyer zu Eschede, einem kleinen
Stdtchen nrdlich von Witoborn, rechtsab vom dem sogenannten groen nach dem
Westen fhrenden Hellwege, der auch in der That in manchen Dingen der einzige
helle Weg, die Strae des Lichts, durch eine groe gyptische Finsterni genannt
werden kann.
    Das Eckzimmer gehrte zu einer Suite von Zimmern, die dem Reichthum und den
gesellschaftlichen Ansprchen der Wittekinds entsprachen. Das Schlo war
gerumig, aber nicht eben luxuris gebaut. Die nchterne Stimmung des vorigen
Jahrhunderts hatte in baulichen Dingen nur das Ntzlichkeitsprincip im Auge.
Desto gewhlter war aber theilweise die Ausstattung. Einige dieser Zimmer waren
geradezu frstlich, sowol in der Tapezirung wie in der brigen Ausschmckung
durch Marmor, Bronze und Glas. Nicht nur die Spiegel, auch die Tische, die auf
geschweiften Fen standen, boten die reichste Vergoldung; die Platten waren von
kstlichen Marmorarten und spiegelblank. In den Ecken standen Spieltische mit
getfelter und ausgelegter Arbeit von seltenem Geschmack und hohem Werthe. Das
Schnitzen in Holz und Elfenbein ist von jeher in diesen Gegenden mit
Meisterschaft getrieben worden. Die alten Bilder, wie die gelbsammtenen
Ueberzge der Mbel waren mit Staubvorhngen bedeckt. Diese Zimmer, wol fnf bis
sechs an der Zahl, jedes in einem andern Geschmack, verzweigten sich nach den
Seitenflgeln und nach der Hinterfronte mit Corridoren, die an den Wnden in
ganzer Hhe, von der Erde bis an die Decke, mit Spiegeln bekleidet waren. An den
Plafonds waren Malereien angebracht von einem keineswegs nazarenischen
Geschmack. Einzelne Vasen, die auf Marmorgestellen die Einfrmigkeit dieser
Corridore unterbrachen, zeigten vortreffliche Malereien aus der Schule Albano's.
Da diese Corridore an den Wnden von rings hinlaufenden Divans, die gleichfalls
mit gelbem, blumenartig gepretem Plschsammt berzogen waren, begrenzt wurden,
bewies, wie sie einst zu groen Gesellschaften gedient hatten. Auch fehlten alte
Kronleuchter von langhngenden Krystalltropfen und Glasberlocquen nicht. An den
Wnden waren Vorrichtungen angebracht zu Girandolen, immer zu fnf und fnf
Flammen. Man sah es, da hier einst ein regierender Minister eines der nahe
gelegenen Frstenthmer, dann ein quiescirter sterreichischer Feldzeugmeister
gewohnt hatten, dann und wann ein Erzbischof zu lngerm Besuch gekommen war,
alles Vorvordere, Angehrige und Verwandte des Hauses, zunchst bis auf die
Mitte des vorigen Jahrhunderts zurck. Der jetzige Stammhalter liebte nicht mehr
den Luxus. Doch hatte es auch bei ihm einst Zeiten gegeben, wo alles im
Lichterglanz schwamm. Es waren nicht die Zeiten gewesen, wo noch die
frhverstorbene Mutter des Regierungsraths und des Kammerherrn lebte, wohl aber
unmittelbar darauf, wo es zuweilen hie, die Damen, die eine Zeit lang hier
hausten, wren Cousinen des regierenden Stammherrn oder Tanten und Nichten
desselben. Meist aber waren es ber Kassel gekommene Franzsinnen oder
Italienerinnen, die eine Zeit lang blieben, mit Freudenfeuern empfangen wurden
und pltzlich ber Nacht verschwanden, ohne da man je wieder von ihnen erfuhr.
Gewhnlich hrte man kurz vor diesen Abreisen in den eleganten Zimmern oben eine
Scene, deren Charakter, um ihn volksthmlich zu bezeichnen, Mord und Todtschlag
war. Dann wurde es pltzlich still; aber auch so pltzlich, wie mit Geistern im
Bunde. Zuweilen zuckte noch irgendein Laut auf, irgendwo in einem der dstern
Pavillons des Parks, in irgendeinem der tiefgelegenen Keller des Schlosses; dann
war's fr immer still. Verschlossene Wagen entfernten Nachts die von ihrem Glanz
Herabgestrzten. Mit diesen Vorgngen stand, wie Lucinde im Pavillon erfahren
hatte, der Name des Fruleins von Glpen oder der Frau von Buschbeck in
Verbindung. Diese Rthselhafte war unverheirathet geblieben, war allerdings die
Verlobte eines in Java dienenden Kriegers gewesen, lebte aber von keiner
niederlndischen Pension, sondern von einer Rente des Kronsyndikus, bei dem sie
vor vielen Jahren mindestens ebenso viel gewesen war wie jetzt die Lisabeth, die
von allen mit Respect behandelt wurde, obgleich sie nur eine Buerin war und
vollkommen fr Stephan Lengenich pate. Der Kronsyndikus hatte sich nach den
erinnerungsreichen Verirrungen der Vergangenheit ganz den Kreisen zugewandt, die
nur unter ihm standen.
    Was Lucinde von allen diesen Dingen allmhlich herausbekam, verdankte sie
theils Klingsohr'n, theils den alten Stammers, bei denen sie wohnte,
vorzugsweise aber, da auch diese von der Vergangenheit bitter berhrt zu werden
schienen, dem selbst schon grauhaarigen Sohne derselben, einem buckeligen
Musikanten, der im Lande herumstrich und der vorzglichste Bote war, dessen sich
Klingsohr fr seinen Briefwechsel bediente.
    Der Kronsyndikus wohnte im Parterre, wo sein unruhiger Sinn gleich ins Freie
konnte, wenn er bei den vielen Rathschlgen und Hlfen, die er leisten mute und
die auch Er nur allein leisten konnte, rasch zur Hand sein wollte. Manchmal
blieb er des Nachts ganz aus. Seine Gter erstreckten sich weit, und obgleich
bei einem Theil derselben die unmittelbaren Beziehungen durch das
Pachtverhltni des Deichgrafen unterbrochen waren, so lie er doch als
eigentlicher Herr sich seine Laune, da und dort hineinzureden, nicht nehmen;
bald kehrte er dann hier, bald dort ein, auf eigenem oder fremdem Gebiet.
    Eines Tages war er wieder einen weiten Weg ausgeritten. Es handelte sich
darum, gegen den Deichgrafen, der, um vielleicht wirklich Landrath zu werden,
schon einen kleinen Gutskauf abzuschlieen suchte, zwei maskirte Gegengebote zu
veranlassen. Die Regierung unausgesetzt um Befrderung oder Versetzung
anzugehen, drngte den schnen Enckefu߫ eine von Jahr zu Jahr sich mehrende
Schuldenlast. Nun gab's Hin- und Herritte, Verhandlungen mit der Geistlichkeit,
den Advocaten im nahen zum Kreis gehrenden Stdtchen Ldicke, Umtriebe, um,
wenn es zum Whlen eines neuen Landraths kommen sollte, den Wahlmodus durch
Zusammenlegung dieser oder jener heterogenen Districte zu paralysiren, und was
sonst dergleichen Knste des Regierens und Politisirens jetzt geworden sind, von
der Wahl eines Gemeindeschulzen auf dem Dorfe an bis zum Landstand und Mitglied
eines Herrenhauses. Zunchst den Gutskauf des Deichgrafen rckgngig zu machen,
war ein Ziel des Schweies der Edeln werth. Der Ha des Kronsyndikus gegen
seinen alten Freund kannte keine Grenzen, und die Vorflle im Dsternbrook, wo
der Deichgraf inzwischen mit Gensdarmen einen Grenzstein aufgestellt hatte, den
jedoch der Kronsyndikus schon wieder hatte wegnehmen lassen (wofr ihm eine
Citation in die Kreishauptstadt geworden), hatten das Feuer immer noch mehr
geschrt.
    Es war vier Uhr. Der Kammerherr sa und portrtirte seinen Hund, seinen
Retter von der wie der Tod gefrchteten Ehe. Trck war von den vielen Hunden,
die auf dem Schlosse knurrten und bellten, gerade derjenige, den Lucinde nicht
leiden mochte. Sie nannte ihn gerade so, wie der Kronsyndikus zuweilen den
Deichgrafen nannte, einen Calfacter, ein Wort, dessen Ursprung ihr der
Kammerherr im Begriff war mit dem ganzen ihm eigenen Aufwand seiner noch haften
gebliebenen Schulkenntnisse zu erklren.
    Calefacio, calefeci, calefactum, calefacere, wiederholte er und fing an,
indem er malte, mit sich selbst, wie er sagte, zu certiren und sich gleichsam
von diesem oder jenem seiner alten Mitschler bertreffen zu lassen.
    Imperfectum zweite Person Singularis! rief er mit befehlender Stimme.
    Dann mit lispelnder und schchterner: Calefixis!
    Falsch! donnerte er. Klingsohr, Sie!
    Calefaxisti!
    Falsch! Plddemann, Sie!
    Calefeceritis!
    Falsch! Wer kommt! Der Folgende! Der Folgende! Herr von Wittekind, Sie!
    Calefaciebas!
    Bravo, Herr von Wittekind! Setzen Sie sich ber Plddemann, Klingsohr,
Katerkamp und Vincke!
    Diese Selbstgesprche und Selbstlobeserhebungen war Lucinde schon lange
gewohnt. Oft mute sie Zumpt's Grammatik nehmen und ihm berhren. Sie lernte
selbst dabei. Frher that sie es sogar ganz gern. Jetzt aber, seit Klingsohr in
ihrem Herzen lebte, unterhielt es sie wenig. Da auch Klingsohr zu den
Mitschlern gehrt haben sollte, die ein wie es schien doch geborener Dmmling
immer bertraf, so sprach sie heute ihre Verwunderung darber aus, erntete
jedoch fr die Anerkennung des Doctors eine Flut von Beschuldigungen gegen den
alten Kameraden; er wisse gar nichts, er htte auf der Universitt nachholen
wollen und sich nun erst recht lcherlich gemacht, da die Andern schon ihre
Freiheit genossen htten; dann htte ihm der Deichgraf kein Geld mehr geschickt,
allen wre er verschuldet gewesen und htte sich, wenn er nicht bezahlen konnte,
nicht anders loskaufen knnen als durch Wetten, zum Beispiel: Zwlf Ma Goslarer
Bier an einem Abend zu trinken und dann doch noch in eine Gesellschaft zum
Justizrath Bauer oder zum Pandektisten Hugo zu gehen und mit den elegantesten
Damen dort ber den Begriff des Romantischen oder Die bezauberte Rose von
Ernst Schulze zu streiten.
    Das Bild einer wsten Vergangenheit war Lucinden schon lange an Klingsohr
nicht fremd; aber er klagte sich ja selbst an! Und zu hell leuchteten seine
klugen Augen im letzten Mondenschein, zu s war seine Rede in dem flchtigen
Augenblicke gewesen neulich, wo er zum ersten mal leise ihre Stirn gekt hatte,
zu tief und anregend war alles, was sie schriftlich von ihm durch den
verschmitzten Musikanten besa und auf dem Herzen trug, um es in jeder
unbelauschten Minute zu durchfliegen. Heute hatte Klingsohr versprochen, Abends
gegen sieben Uhr einen solchen Umweg zur Wohnung seines Vaters zu nehmen, da
er, heimkehrend von der Kreisstadt, wo er den Gutsankauf zu betreiben helfen
sollte, am Schlo vorberreiten mute. Einige Blumen, die sie in demselben
Augenblick, wo er an ihrem Fenster vorber mute, ihm entweder zuwerfen oder,
wenn dies nicht mglich wre, wenigstens an die Lippen drcken wollte, standen
schon, frisch aus den Beeten des Vorparks genommen, in einem Glase bereit vor
ihr.
    Ihre sich kreuzenden Gedanken nicht zu verrathen, unterbrach sie den immer
noch fortcertirenden Kammerherrn mit der Frage, wie denn nur sein Vater einen
doch immerhin so rstigen, thtigen, energischen und charaktervollen Mann wie
seinen Pachter, den Deichgrafen, so oft Calfacter nennen knnte?
    Plddemann! Was ist ein Calfactor? fiel der Kammerherr zur Antwort ein.
    Mit vernderter Stimme antwortete er:
    Calefactor, Warmmacher, ist ein Pedell -
    Pudel! unterbrach er sich selbst ...
    Pudel? Wer sagt das? Klingsohr! Wer nannte hier den Pedell einen Pudel?
    Groe Untersuchung ... (immer spricht der Kammerherr). Kein Resultat ...
    Ein Calefactor ist ein Ofenheizer, ein Mann, der's statt cale, welches
bekanntermaen nicht kalt, sondern warm heit, warm macht, id est im Ofen ...
    Katerkamp flstert: Auch an andern Orten ...
    Allgemeines Gelchter. Auch der Conrector lacht. Sintemalen vor kurzem erst
sieben Quartaner bergelegt worden sind und ab calefactore warm gemacht bekamen
cum Bim-Bam-Bam-Bum-Baculo!
    Nun sang der Geistesschwache Studentenlieder ... mit dem Refrain des
Crambambuli ...
    Wie pat das aber alles auf den Deichgrafen? fragte Lucinde, an dergleichen
gewhnt und durch das offene Fenster forschend.
    Calfactor, sagte der Kammerherr, am Trck wieder fortmalend, Calfactor ist
ein Subject, ein dienendes Instrument, ein Farbenreiber, ein Pinsel, eine
Drechselbank, ein Pudel, der apportirt ...
    Nein, nein, nein! unterbrach Lucinde. Einen Calfacter nennt man bei uns zu
Hause einen Hund, ganz wie Ihren Trck, den man jeden Augenblick daran erinnern
mu, wer sein Herr ist, der an jedem Stein stillsteht und schnuppert, was unter
ihm stecken mag, der, wenn man ihn freundlich anredet, den Schweif zwischen die
Beine klemmt und wie mit bsem Gewissen davonluft, einen elenden Ueberlufer,
der im Stande ist, nach einem halben Jahre seinen eigenen Herrn nicht mehr zu
erkennen und ihn anzufallen ...
    Bravissima! rief der Kammerherr. Recht, meine Heilige! So handelte der
Deichgraf am Vater! So vergalt er seine Wohlthaten! Heinrich mu mir mindestens
noch hundert Pistolen schuldig sein oder er hat sie wenigstens nur mit einer
ausgetrunkenen Tonne Goslarer Bier bezahlt, die ich dann auch wieder auf meine
Rechnung habe nehmen mssen! Sind das keine Calfacters? Der Alte war sonst ein
Demagog und nun will er Landrath werden. Sind das keine Calfacters?
    Lucinde erwiderte Partei nehmend:
    Die Regierung ist aufgeklrter geworden; sie braucht die Untersttzung der
Vernnftigen gegen die Unvernnftigen. Die Gensdarmen machen es dabei nicht
allein, und wie ich gehrt habe, Ihr eigener Bruder, der Regierungsrath, soll ja
ganz ebenso denken und dem Deichgrafen einen Besuch gemacht haben ...
    Was? Wie? Mein Bruder? schrie der Kammerherr und sprang auf.
    Ich hre es wenigstens, lenkte Lucinde ein.
    Man htte erwarten sollen, der Kammerherr wrde nach einer Flinte,
mindestens nach seiner Windbchse gesucht haben. Jetzt zeigte sich der
schwachwillige Charakter des Kranken in dem bloen Verweilen bei der Thatsache,
in der bloen Freude, dies dem Vater - anzeigen zu knnen! Lachend rief er:
    Schne Zeiten das! Ein Wittekind unter den Gensdarmen! Aber - Roma nondum
locuta est setzte er feierlich hinzu.
    Was heit das? fragte Lucinde rgerlich.
    Der Kammerherr wollte wieder Plddemann und Vincke und seine andern
detmolder Schler diese Phrase bersetzen lassen, als er vom Hufschlag eines in
galopirender Eile dahersprengenden Pferdes unterbrochen wurde. Lucinde sah
schnell zu dem nach der Fronte des Schlosses fhrenden Fenster hinaus, denn von
daher kam das Gerusch. So verwegen durfte von den Leuten des Schlosses niemand
in dessen Nhe reiten!
    Es war aber Klingsohr nicht, sondern der Kronsyndikus selbst.
    Wie kam der heute schon so frh heim? Wie kam er von einer Gegend heim, die
keinen andern Zugang bot als den nach dem Dsternbrook? War er wol gar den Grund
selber hinaufgeritten?
    Das Pferd schumte, und fast flog dem Reiter die grne Mtze ab, als er mit
einem gewaltigen Ruck in das offene Seitenthor des Schlosses schwenkte.
    Nach dem ersten Augenblicke des Erstaunens, wie der Kronsyndikus diesen
beschwerlichen Weg hatte whlen knnen, wollte man zur Arbeit und Uebersetzung
der Worte: Roma nondum locuta est! bergehen, als Trck voll Unruhe an die
geschlossene Thr sprang, die Schwelle bekratzte und hinaus wollte.
    Der Calfacter! murrte Lucinde, whrend ihm der Kammerherr schmeichelte, um
ihn zum Bleiben zu bringen.
    Man mute aber ffnen; das Thier heulte vor Ungeduld, hinauszukommen.
    Bald vernahm man ein Rennen und Laufen im Hause, ein Rufen durcheinander.
    Man erfuhr, da der Kronsyndikus befohlen hatte, einen Wagen anzuspannen.
    Darin lag an und fr sich nichts Auffallendes, es kam oft vor. Aber die Eile
war nie so dringend wie eben. Lucinde ging in ein Zimmer, das in den Hof fhrte.
Sie sah den Kronsyndikus, bis an den Hals zugeknpft, in seinem grnen Reitrock
und in den hohen, schweren Stiefeln im Hofe stehen und mit stummen Geberden zur
Eile winken. Sonst pflegte er solche Befehle mit einer Flut nicht eben gewhlter
Commandowrter zu untersttzen; heute ging alles still, mit Winken und nur
zuweilen mit einem ungeduldig aufgestoenen Fue zu. Er wandte, im Hofe stehend,
dem Schlosse den Rcken. Den Hirschfnger, ohne den er nie ausritt, selbst in
Zeiten, wo es keine Jagd gab, mute er schon abgeschnallt haben, und doch
tastete er immer nach demselben hin und schttelte den Kopf, wie wenn er
erstaunte, vergessen zu haben, da er schon abgelegt war.
    Nun wandte er sich und schritt wie taumelnd wieder zum Schlosse zurck, wo
er in seinen Zimmern schon gewesen zu sein schien.
    Lucinde erschrak. Das sonst so gerthete Antlitz des Greises war so
auffallend bleich, da die rothen Flecke, die es immer hatte, wie Wunden
aussahen. Die Mtze war ihm entweder bei dem Schwenken in den Thorhof wirklich
noch entfallen oder auch schon abgelegt worden. Grell stachen die weien Haare
von der Luft ab; sie schienen sich zu bumen; der weie Backenbart ging
grauenhaft auf und nieder, wie wenn die Kinnladen frstelnd aneinanderschlugen.
Das weibliche Personal der Bedienung und ganz besonders die Lisabeth, immer voll
Umsicht und groer Rhrigkeit, war ngstlich um ihn her beschftigt. Wie er
wieder auf die wenigen Stufen, die zum Schloeingang fhrten, treten wollte,
glitt er fast aus; er hatte, da die Hnde immer an der obern Klappe seines
Frackes knpften, vergessen sich am Gelnder zu halten.
    Lucinde eilte jetzt selbst hinunter.
    Als sie ankam, hie es, der Kronsyndikus htte sich in seinem Zimmer
eingeschlossen.
    Was ihm wre? fragte sie.
    Er ist mit dem Pferde gestrzt!
    Ist er den Grund hinaufgeritten?
    Man wute keine Antwort. Manche sagten:
    Das doch wol nicht!
    Inzwischen donnerte die gewohnte Stimme gleichsam wie mit jetzt erst
hervorgelassener, bisher zurckgehaltener Kraft:
    Wird's mit dem Wagen?
    Schon zog man die Kalesche heraus. Und wie er ihrer ansichtig wurde, befahl
dieselbe Stimme:
    Der Kammerherr soll mitfahren! Nach Eggena!
    Es war eines seiner Vorwerke, auf dem er gern in der Jagdzeit verweilte.
    Damit schlug er die Fenster so heftig zu, da eine Scheibe zerklirrte.
    Alles das konnte allerdings an sich nicht anders als Lucinden sehr erwnscht
kommen. Es war ber sechs Uhr; gegen sieben Uhr sollte sie Klingsohr'n erwarten,
mit dem sie nun vielleicht sprechen, ihn eine Strecke begleiten konnte, so sehr
auch jeder ihrer Schritte von den Spionen des Schlohofs oder des Parks bewacht
wurde ...
    Dem Kammerherrn kam der Befehl hchst ungelegen. Da dieser Befehl jedoch von
einer der Mgde wiederholt wurde - die sogenannte Dienerschaft, auch der Diener
des Kammerherrn, arbeitete in den verschiedenen Branchen der Wirthschaft und
legte nur bei besonderer Veranlassung Livree an -, so half kein Widerstand. Am
Hufschlag des Rosses hatte der Furchtsame schon vernommen, wie sein Vater in
einer Stimmung war, bei welcher ihm Stock oder Peitsche nicht zu entfernt lagen.
Er sah ngstlich nach dem Wetter. Es hatte sich leidlich mit dem Regen beruhigt,
aber dster hingen die grauen Wolken und weit, weit ber der ganzen Gegend hin.
    Whrend der Kammerherr sich nun im Nebenzimmer ankleiden mute und Lucinde
ganz schon nur dem Wunsche lebte, da die Minuten doch lieber langsamer
verrinnen mchten, nur damit Vater und Sohn erst auf dem Zweispnner sen und
weiter auf dem Wege nach Eggena voraus wren, hrte man pltzlich den allgemein
ausgestoenen entsetzlichen Schrei:
    Feuer! Feuer! Feuer!
    Lucinde strzte wieder hinunter und fand den ganzen Hof in Verwirrung.
    Die Ursache des Rufes mute ihr beim Herabspringen von der steinernen Treppe
selbst sogleich begreiflich werden an einem brandigen Geruch, der sich im Hofe
verbreitete und verbunden war mit einem leise aus der zerbrochenen Scheibe des
Wohnzimmers des Kronsyndikus hervordringenden Rauche ...
    Man schlug heftig an die von innen verschlossene Thr des Parterre und
wiederholte den Ruf:
    Excellenz! Es brennt ja!
    Keine Antwort.
    Er ist erstickt! hie es.
    Die Beschlieerin war auer sich und rief nach den Knechten. Ihr erster Ruf
galt dem Stephan Lengenich, jenem Kfer, der von ihr begnstigt wurde. Von
diesem aber hie es, er arbeite irgendwo im Walde, vielleicht im Dsternbrook.
    Nach einer Weile machte der Kronsyndikus das Fenster auf und sagte mit
matter Stimme, sie sollten sich alle - alle zum Teufel und an ihre Arbeit
scheren. Er htte ja nur - er htte Papiere verbrannt ... Wo der Kammerherr
wre? ... Es ginge nach Eggena! ... Ob der Wagen bereit stnde? ... Wo das
Frulein Schwarz wre?
    Lucinde meldete sich, indem sie von den Stufen des Eingangs sich vorbeugte
...
    Ein erzwungenes Lcheln begrte sie von einem Kopfe, den man kaum
wiedererkannte.
    Vom Verbrennen der Papiere im Ofen mute ihm der Ru ins Gesicht geschlagen
sein.
    Der Contrast des geschwrzten Antlitzes, der weien Haare, des Bartes, der
Augenbrauen und des Hauptes mit einem vornehmen Staatskleide, das der Aufgeregte
pltzlich wie in der Zerstreuung angezogen, mit einem Kleide, auf dem bestndig
das goldene, achtspitzige Kreuz des Welfenordens haftete, wre burlesk gewesen,
wenn nicht die Situation selbst etwas Schreckhaftes gehabt htte.
    Ich komme noch hinauf, sagte er. Gehen Sie, Liebe! Gehen Sie! Ich bitte!
    So artig hatte der Tyrann nie mit ihr gesprochen. Durch seinen Paroxysmus
war er wie umgewandelt.
    Lucinde hatte nur die siebente Stunde im Kopfe ...
    Der Kammerherr, der an Ordrepariren gewhnt war, kam schon mit Regenschirm,
Hutschachtel und sogar einem Pelze ...
    Lucinde fragte ihn lachend, ob er nach Sibirien reisen wollte?
    Sie holte dem Halbweinenden einen Ueberzieher und behielt den Pelz zurck.
    Der Brandgeruch zog sich inzwischen durchs ganze Haus. Es war ein Geruch
weit mehr von verbrannten Haaren oder Tuch als von Papier. Da der Dampf so gro
sein konnte, um durch alle Oefen zu dringen, mute aus dem Verschtten von
Wasser auf die Flammen entstanden sein.
    Zuletzt kam der Kronsyndikus wirklich in den ersten Stock und schlo, wie
sie erstaunend bemerkte, alle Staatszimmer auf.
    Welches Bedrfni konnte er haben, eine gestickte Uniform, seinen liebsten
Orden zu tragen und seine Staatszimmer zu ffnen und hin und her zu
durchschreiten?
    Alle Lden ri er auf. Er lftete vielleicht nur. So kam er in das
Eckzimmer, wo Lucinde schon am Nhtisch stand, so stand, als mte sie ihre
Blumen bewachen. Der Greis bot den seltsamsten Anblick. Das Gesicht war jetzt
gereinigt. Aber zu seiner Landstandsuniform mit dem hannoverischen Orden der
Welfen stand im sonderbarsten Contrast der Hirschfnger, den er wieder
umgeschnallt hatte. Die Hnde waren mit den weiesten Handschuhen geschmckt,
als wenn er zu Hofe gehen wollte. Voll Unruhe blickte er um sich und stotterte:
    Lftet doch! Lftet doch! Wie erstickend! Wie dumpf! Wie rauchen die Oefen!
Verbrenne nur ein bischen Papier und es riecht gleich wie der lebendige Satan!
    Dabei zuckten ihm seine ohnehin schon unheimlichen Augenbrauen krampfhaft
auf und nieder ...
    Der groe, baumstarke Mann stand wie von einer Ohnmacht bedroht. Und indem
er mit den Fingern der linken Hand immer in seinen Bart, bald da, bald dort, wie
in einer kreisenden Bewegung griff, sagte er, als wollt' er Gleichgltigkeit
zeigen:
    Hab' mich wieder 'n mal gergert! Ueber den verd - Landrath; nein - ja - den
- Rittmeister! Und diese Briefe vom Fritz ... In den Ofen damit! ... Immer
Aerger! Immer Aerger! ...
    Lucinde, die kaum merkte, da er die Grnde seines Aergers offenbar
fingirte, war ihm, um ihn nur zu beruhigen, so zuthunlich, wie er sonst
wnschte. Sie bewunderte die prchtige Uniform, besah das wunderschne
Comthurkreuz mit seinen goldenen Kugeln, seinem welfischen Lwen, seinem weien
Ro und seinen Eichenzweigen; sie wute schon, was die alte deutsche Geschichte
zu erzhlen hatte von dem Lwen des mchtigen braunschweiger Herzogs Heinrich
Welf und dem Kniefall des Hohenstaufen vor dem Lwenherzog und von den
Rmerzgen und der gespaltenen Einheit des deutschen Vaterlandes ...
    Der Alte lchelte jetzt zu all diesem Kram, wie er's eben nannte, und
suchte ber das zu scherzen, was ihm in seinen jeweiligen Wuthanfllen auf die
Regierung und den Deichgrafen sonst ein blutiger Ernst war. Welfen und
Ghibellinen! rief er oft. Ihr Ghibellinen mit euern Kaisern, wir Welfen mit
unserm Rom! ... Heute aber hielt er das Nchste fest. Wieder und wieder rief er
mit uerster Ungeduld: Ob nun bald gepackt wre, der Koffer auch, Kleider fr
ihn und den Kammerherrn? Dabei sah er nach der Uhr, brummte vom Landrath heute
in Ldicke, Eggena nach Ldicke drei Stunden und hnliche Berechnungen. Dann
starrte er in die Gegend hinaus, nahm ein Fernglas, dessen sich sein Sohn zu
bedienen pflegte und das auf dem Nhtisch Lucindens lag, und zog es auf und
nieder.
    Dies that er eine Weile wie gedankenlos, wie mechanisch. In dem mehrfach
hervorgestoenen Namen Enckefu schien eine groe Beruhigung fr ihn zu liegen.
    Pltzlich aber rief er:
    Was? Wie? Wer kommt denn da?
    Er deutete auf einen leichten Wagen, den man bei einiger Aufmerksamkeit auch
mit bloem Auge sehen konnte.
    Lucinde blickte erschreckend hinaus.
    Es war erst wenig vor halb sieben, ja gerade die Stunde, die der Deichgraf
nach dem Urtheil seines Sohnes im Handeln immer einzuhalten pflegte, zwei
Minuten vor halb sieben. Der Wagen ging bergan, und die Strecke von unten herauf
war lang und steil, der Wagen fuhr langsam; gegen sieben konnt' es sein, wenn er
endlich auf der Hhe war. Sollte Heinrich, statt zu Ro, im Einspnner kommen?
Und durch den kleinen Taschen-Frauenhofer hatte der Kronsyndikus schon erkannt,
da es wirklich der Doctor war.
    Die Wirkung dieser Entdeckung war bei dem Greise die allerauffallendste.
    Lucinde htte noch deutlicher bemerken knnen, wie der Kronsyndikus
krampfhaft sich am Nhtisch hielt und, da dieser leicht war, fast mit ihm
umstrzte. Um ihre eigene Unruhe und Verlegenheit zu verbergen, hatte sie sich
nur in diesem Augenblicke selbst zum Seitenfenster gewandt.
    Was will denn der Doctor? sprach der Kronsyndikus immer tonloser und krzer
athmend ... Der Junge - der Junge - der - was will denn der? Was soll denn der?
Wozu kommt denn schon der?
    Es schienen ihm Gedanken durch den Kopf zu schieen ganz anderer Art, als
die er gewhnlich ber das Volk da unten in der Buschmhle aussprach.
    Der Wagen kam nher. Es war ein Einspnner, den wirklich der junge Klingsohr
fhrte.
    Was will er denn? Was hat er denn? fuhr der Alte auf und wandte sich dabei
nicht an Lucinden, die ganz nur mit ihrer eigenen Besorgni beschftigt war und
sich abwandte, um ihr Errthen zu verbergen.
    So nur konnte es geschehen, da sie die zunehmende Unruhe des Greises nicht
bemerkte, nicht sein Hin-und Wiederrennen, nicht sein Oeffnen des nach der
Seitenfronte gehenden Fensters, nicht sein erneutes Blicken durch das Fernrohr,
das er zitternd aus- und einzog.
    Endlich, als er in das Pfeifen eines Liedes ausgebrochen war und in den
geffneten Prachtzimmern die Decken von den gelben Sammtmbeln ri und wieder
kam und wieder ging, lachte er pltzlich laut auf, rief Lucinden in die
Staatszimmer und sagte mit der ihm eigenen faunischen Miene:
    Lucinde! Lucinde! Hre, Kind! Ich sag' dir etwas!
    Herr Kronsyndikus! rief diese und eilte nher.
    Satan, schwarzer -!
    Excellenz -
    Engel! Schlechte Person - liebst den Kerl, den Doctor!
    Er lachte dabei convulsivisch.
    Hast recht! lie er sie kaum zu Worte kommen und umarmte sie. Hast recht! Er
kann's einem schon anthun!
    Aber Excellenz -
    Wei alles, verdammte Hexe! Ihr saht euch in dem gottverfluchten Grunde,
saht euch im Park ... hinterm letzten Pavillon ... am Fasanennetz ... im
Mondschein ... Glaubst du, der buckelige Stammer geigt mir nicht auch um
funfzehn Silbergroschen oder eine Tracht Hiebe die Wahrheit? ... Aber ... aber
hast recht ... sollst recht haben, Kind ... Wie kann man einen Narren lieben? Da
... den ... Und ... einen ... Greis dann noch dazu? Halt ihn fest ... den Doctor
mein' ich ... Gleich auf der Stelle! Hier ist der Schlssel zum Keller! Et,
trinkt! La deine Knste los, Zigeunerin! Ich gnne ihn dir ... Sieh, Kind, wie
er das Ro zgelt! Da dich ... Seine Mutter war schn ... Lucinde, hre - aber
leise - sag' ihm was ... hier, da ... auf dem Sopha ... sag' ihm was ... Hol'
ihn dir ... halt' ihn dir fest und plausch' ihm ins Ohr ... hrst du ... ob er's
denn noch nicht wei ... nie gehrt hat ... nie erfahren ... da ... da ... Na,
was? ... Ha, ha, ha! ... Wer ihm den Riegel aufschob ... als er in die Welt
gekommen ... Hm? Verstehst du ... Lucinde, sag's ihm beim fnften, sechsten Glas
Champagner ... Lisabeth! Lisabeth! Kche, Keller, alles geffnet! ... Sag's ihm
... drei Shne hatte der alte Wittekind, einer ist Candidat zum Premierminister,
einer Candidat zum Tollhaus ... und der da? ... Der Gott, der Eisen wachsen
lie߫ sangen sie damals - ha, ha! - als sie den Tugendbund schlossen und in den
Teutoburger Wald geheime Reisen machten und die Weibsen zurcklieen ... ha, ha,
ha! ... Verstehst du, kleine schwarze unschuldige Schlange?
    Ein tolles Lachen, ja, das ihr bekannte Lachen der Selbstzufriedenheit ber
seine pltzlichen Lichtblitze der Klugheit und Verschmitztheit, erstickte die
Rede des wie wahnsinnigen Greises.
    Lucinde stand sprachlos und konnte um so weniger zu Worte kommen, als der
Kammerherr, der seither unten gewartet hatte, jetzt zurckkehrte und eine
Aenderung der ihm gegebenen Befehle zu hoffen schien.
    Lucinde verstand vollkommen das schreckliche Gestndni, das der
Kronsyndikus gemacht hatte.
    Die Dazwischenkunft des Kammerherrn hinderte eine weitere Errterung. Der
Vater zog Lucinden mit sich hinunter. Wie er auf der Treppe sich auf sie
sttzte, raunte er ihr immer heimlich und mit emporgestreckten, zitternden
Fingern Worte der frivolsten Enthllungen zu ... Auf der Treppe noch, wo er sich
am Gelnder festhielt, sagte er der Beschlieerin:
    Lucinde kriegt die Schlssel! Was die von jetzt an befiehlt, geschieht!
Verstanden! Was hab' ich gesagt?
    Lisabeth, mit einem berraschten Blick voll Gift und Zorn, mute wrtlich
wiederholen, was ihr Herr gesagt hatte; erst wollte sie's nicht und betrachtete
Lucinden erstaunend, dann mute sie ihr Verstandenhaben der Verfgung laut
wiederholen und feierlich Unterwerfung geloben. Hierauf sah er fast mit Mitleid
auf den wartenden Kammerherrn, drehte den Hirschfnger vor sich hin und stieg in
die Kalesche. Lucinden flsterte er noch aus dem Schlage ans Ohr:
    Sag' es ihm! ... Aber schweigt beide ... so wahr ein Gott im Himmel lebt!
    Zur Lisabeth sich wendend, wiederholte er:
    Zeig' auch du, was ich dich lernen lie bei Wessel in Hannover! Brate,
koche! Haltet ihn fest! Trinkt auf mein Wohl! Um acht Uhr ist Verlobung oder
sieben Schsseln! 's war ein altes Stck zu meiner Zeit! Lustig! Ich will die
Augen zudrcken ... ber alles ... will Frieden haben mit dem - Deichgrafen ..,
Frieden ... Jesus aber, jetzt fort, Hannes!
    Der letzte, fast tonlose Ruf galt dem Kutscher.
    Die Pferde zogen schon an, und nach der entgegengesetzten Seite hin, wo
Heinrich Klingsohr herkam, rollte der Kronsyndikus aus dem Seitenthor und den
Berg hinunter.
    Sein Sohn ahnte glcklicherweise Klingsohr's Nhe, die entscheidende Gefahr
fr seine Neigung nicht. Nur die uere hatte er jetzt im Auge - den Hemmschuh,
den der Kutscher anlegen sollte! Von allen Schrecken war ihm der des
Bergabfahrens einer der haarstrubendsten. Trck, der Calfacter, lief nicht, wie
er sonst pflegte, dem ankommenden Wagen bellend und wedelnd entgegen, sondern
schlo sich der Kalesche an, der er mit eingezogenem Schweife nachlief. Betrbt
und zaghaft waren die Mienen, die der Kammerherr Lucinden noch beim Abschied
zuwarf. Morgen! sagte er kleinlaut; aber der groe Kasten fiel ihm auf, den noch
der Kronsyndikus wie fr eine lngere Reise hatte in der Vache unterm
Kutscherbock einschlieen lassen. Nur da sein Bedienter zurckblieb, schien ihm
einige Hoffnung zu geben.
    Zum Besinnen ber die Wahrheit dessen, was der Kronsyndikus ihr zugeraunt
hatte, blieb Lucinden keine Zeit ... Heinrich Klingsohr, der natrliche Sohn des
mchtigen Mannes, grte schon, da er zu seinem Jubel die davonfahren sah, denen
er hier zu begegnen frchten mute.
    Bei einer pltzlichen Lebensgefahr, sagt man, schsse wie an einem
elektrischen Leiter blitzesschnell die ganze Vergangenheit eines Menschen an
seinem letzten Bewutsein vorber ...
    Umgekehrt bte die Flle von Vorstellungen, die sich fr Lucinden auf wenig
Augenblicke jetzt zusammenzudrngen hatte, die Wirkung, da sie ihr das
Bewutsein vllig nahm, ja, sie in einen traumhnlichen, bacchantischen, von
hchster Freude, von Lust und Schmerz ebenso gehobenen wie wieder vernichteten
Zustand versetzte.
    Diese rthselhaften Vorgnge mit dem Kronsyndikus, diese Feuersgefahr, sein
Benehmen am Fenster, der verzweiflungsvolle Humor und die Furcht vor Heinrich
Klingsohr, dann sein mit den dunkeln Gerchten ber ihn und eine groe Anzahl
illegitimer Kinder bereinstimmendes Geheimni, die pltzliche Vershnungslust,
die sich beim Besteigen des Wagens auch noch in dem ausdrcklichen Befehl
gezeigt hatte, da die Lisabeth die Diener in Livree stecken und augenblicklich
die ganze Gre des Wittekind'schen Hauses entfalten sollte ... dann der
heranrollende Wagen des wiederum seinerseits mit den unglaublichsten
Ueberraschungen Erwarteten, alles das verursachte in seiner schnellen
Aufeinanderfolge ihr einen fast physischen Schmerz, wie wenn sie wirklich den
Tod des Ertrinkens erleiden sollte.
    Und doch rief auch wieder zu gleicher Zeit alles in ihr - wie die ersten
rauschenden Accorde einer Ballmusik - zu Lust und Freude.

                                      13.


Whrend Lucinde das Staunen der Lisabeth auf die natrliche Voraussetzung einer
Vershnung mit dem Deichgrafen verwies, lief sie schon ber den marmorgetfelten
Estrich des untern Schlosses an die hohe, schwere Thr, schlo diese mit dem
immer von innen steckenden Schlssel auf und trat auf den Perron hinaus, um
Klingsohr'n anzurufen.
    Dieser hatte auch seinerseits einen Blumenstrau in der Hand und suchte sie,
langsam fahrend, am Fenster. Wie erstaunte er, als sie selbst erschien, ihn
anredete und aufforderte auszusteigen!
    Sie werden alles erfahren, kommen Sie nur! sagte sie. Der Kronsyndikus ist
eben abgereist, der Kammerherr mit ihm, ich bin allein und ausdrcklich
beauftragt, Sie zum Bleiben einzuladen!
    Da geht ja die Welt unter! sagte der Doctor, sprang vom Wagen und bergab
sein Gefhrt einem schon in Livree, die er eben noch zuzuknpfen im Begriff war,
herbeispringenden Gehilfen der Branntweinbrennerei.
    Es war auch inzwischen Feierabend. Der Hof war in voller Bewegung. Die
Inspectoren und Arbeiter aller der verschiedenen hier zu beaufsichtigenden
Branchen begriffen nicht, wie sie den Sohn des Deichgrafen konnten auf Schlo
Neuhof einkehren sehen. Aber Lucinde zog den verwunderlichen Gast die groe
steinerne Stiege hinauf in die Staatszimmer, wo man bereits anfangen wollte
einen Tisch zu decken, Lucinde sollte nur bestimmen welchen. Sie whlte einen
der glnzendsten mit einer Decke von Lapis Lazuli, achteckig, mit geschweiften,
vergoldeten Fen, dicht vor einem Kanapee, das in der Nhe eines Kamins stand
...
    Dazu luteten von allen Tiefen her die Glocken das Ave Maria ... der trbe
Regenhimmel lie im Westen vom Sonnenlicht einige rothe und blaue Streifen
hindurch ...
    Klingsohr kannte aus seiner Knabenzeit alle diese Zimmer ...
    Wie konnte es geschehen, da er seit Jahren und bei der jetzigen Lage der
Dinge hier wieder so wie einst aufgenommen, ja, gerade von Lucinden, dem
Wettpreis zwischen Vater und Sohn, ohne alles Hinderni so empfangen wurde!
    Er ahnte einen Hinterhalt und sprach sich auch dahin aus, da er der bsen
Tcke des Kronsyndikus alles zutraue. Ich wre der Erste nicht, sagte er, den er
wie ein Ritter des Faustrechts behandelt hat! In seinen Kellern saen schon
Mnner und Frauen aus aller Herren Lndern, und ich wette, da es da unten
aussieht wie in der Blaubartskammer!
    Wie es in seinen Kellern aussieht, erwiderte Lucinde, werden Sie bald
erfahren! Sie sollen bewirthet werden wie ... wie ein Sohn des Hauses.
    Behandelt ihr mich hier, parodirte Klingsohr mit Stellen aus Shakspeare,
nach Verdienst, so bin ich vor Schlgen nicht sicher! Aber bitte, keine
Unarten! Das Mittelalter hat einige Schattenseiten, die ich nicht vertheidigen
werde!
    Lucinde suchte ihm die Furcht zu nehmen und zog ihn in ein Zimmer, wo sie
unbelauschter waren. Wie im Traume folgte Klingsohr. Zum ersten male sah er auch
seine Liebe in so prchtigem Rahmen. Sie trug ein leichtes dunkelblaues Kleid;
seidene Bnder von gleicher Farbe senkten sich in den braunen Nacken. Schwarze
Florspitzen zierten das Haar und bedeckten ebenfalls, zu halben Handschuhen
geformt, die jetzt sehr gepflegten Hnde. Auf der Brust hatte sie sich den
Rosenstrau befestigt, den Klingsohr mitgebracht, whrend sie ihre eigenen
Blumen theilte, seinen Rock, seinen Hut damit schmckte und noch fr den Tisch
brig behielt, um eine kostbare Vase damit zu fllen.
    Sie erzhlte ihm auf sein staunendes Schweigen alle soeben erlebten Vorgnge
bis auf die letzte Enthllung, die sie sich, weil sie ihr noch schwer zu
formuliren war, vorbehielt. Sie kamen berein, da der Kronsyndikus in dem
Doctor einen Verbndeten gegen den Vater gewinnen wollte, einen Vermittler und
Beileger des Streites. Lucinde untersttzte vorzugsweise diese Annahme und hatte
die Freude zu hren, da Klingsohr versicherte:
    Nun, was ich thun kann, dieser Voraussetzung zu entsprechen, soll geschehen!
Sie kennen meine Abneigung gegen meines Vaters Lehre vom Zollstock und der
geraden Schnur, Lucinde! Das Leben wird schon ohnehin tglich immer mehr so
regelmig wie die manchmal recht monotone Natur! Ihm Freiheit abzugewinnen, die
Tyrannei des Gesetzes abzuschtteln, das ist unser schnes Ziel, und wenn ich
ganz sicher wre, da nicht diese Thren pltzlich aufgingen und einige
Geharnischte hereintrten und mich als Geisel festhielten, so wrde ich meine
Sympathieen fr den wilden Freiherrn ganz offen aussprechen. Darauf hin und
vorausgesetzt, da es bald alles, nur nicht Prgel gibt, will ich auf sein Wohl
trinken und geloben, den Alten von der Buschmhle soweit es irgend mglich zur
Raison zu bringen.
    Sie standen jetzt beim Durchschreiten der prchtigen Zimmer gerade an der
Stelle, wo der Kammerherr den Trck gemalt hatte. Noch hing das Bild an der
Staffelei und Klingsohr brach in komische Bewunderung des neuen Hondekoeters
aus, wie er ihn nannte.
    Der ist mit verreist? rief er aufs neue kopfschttelnd. Und man wei, da
Sie mich aufnehmen? Was ist hier nur vorgefallen!
    Der Kammerherr wei nichts! Nur der Vater! Machen Sie sich's bequem! Sie
werden noch mehr, erleben ...
    Noch mehr?
    Lucinde antwortete nur dadurch, da sie hin und wieder rannte, ordnete und
befahl. Nicht umsonst hatte der Kronsyndikus von einem Festgelage gesprochen.
Sie lie nun ein solches fr den Doctor mindestens ebenso herrichten wie fr die
adeligen Gste. Der Kronsyndikus selbst war im Essen mig, aber die hufigen
Besuche des schnen Enckefu߫ hatten das Haus mit den Nothwendigkeiten eines
schnellen und einladenden Tischlein deck' dich eingerichtet.
    Geliebte Lucinde, sagte Klingsohr, wie er sie dann wieder pltzlich still
stehen und ber ihre eigentliche Aufgabe grbeln sah, es gibt eine Erbsnde und
es gibt eine Erbtugend! Man spricht davon, da jene uns um unser Seelenheil
gebracht hat und verketzert die vernnftigen Unvernunftslehrer, die diese
tiefste und humanste aller Lehren vertheidigen!
    Welche Snde? fragte Lucinde und dachte nur an das Ordnen des Tisches, ber
dessen acht Ecken lngst ein blendend weies Damasttuch gebreitet war, das sich
schon mit Tellern, Gedecken, Glsern, Flaschen, einem Champagnerkhler und
Dessertaufstzen fllte.
    Die Erbsnde, die mit dem ersten nicht verschmhten schnen rothwangigen
Apfel in die Welt gekommen! sagte Klingsohr. Wir knnen ja die Nichtigkeit
dieser Erde gar nicht schner erklren als durch unsere eigene Schuld! Ihr
jammert, da der Frhling seine Blten verwehen sieht, da Blte, Frucht und
alle Schnheit der Erde, der Schmetterling und der Mensch, zu Staub verwehen!
Ist nur unsere Snde schuld daran, so hat ja die Vergnglichkeit dieser Erde
ihren erklrlichsten Grund in uns und nicht in der Schpfung selbst! Man kann ja
dann immer noch hoffen auf die Sonne, auf die Gestirne, auf etwas, was jenseit
dieser Bezirke, von wannen niemand wiederkehrt, liegen wird, Lucinde, und
wren es nur Ihre Augen, die als Sterne an den Himmel versetzt werden sollen!
    Lucinde sagte zu allem: Ja! Ja! Ja! Ja!
    Sie hrte kaum; zu schn wollte sie alles machen. Der Doctor sollte
wenigstens hinter dem Landrath nicht zurckstehen.
    Klingsohr musterte die nach franzsischer Auffassung in Alabaster
ausgefhrten griechischen Statuen des Zimmers, die Landschaften aus der Schule
Claude Lorrain's und Berghem's ...
    Kein anderes Gnadenbild hier, sagte er, als Sie selbst, Lucinde!
    Lucinde besttigte, da auf Schlo Neuhof die Religion nur in den
Wirthschaftsgebuden und den hintern Wohnungen vertreten sei, den Kammerherrn
ausgenommen, der noch immer mit dem schwermthigen und gewissenskranken Grafen
Zeesen in Briefwechsel stand ...
    Beide reisten in Italien! sagte Klingsohr. Jrme hoffte schon lange durch
Beten ein groer Maler zu werden wie Fr Fiesole!
    Nun waren alle Vorrichtungen des Abendimbisses aufs prchtigste getroffen.
    Klingsohr streckte sich mit Behagen in einem Fauteuil, vor dem eben von zwei
ber alles wie verblfften Dienern angerichtet werden sollte. Bei jeder
Gelegenheit, wo diese Zeugen fehlten, ergriff er Lucindens Hand, diese an sich
ziehend, mit Kssen bedeckend und seine Unmglichkeit, sich in die Mrchenwelt
zu finden, aufs neue versichernd.
    Eben kamen die Diener zurck, lauschend, horchend ...
    Lucinde fragte, nur um zu sprechen:
    Jetzt aber Ihre Erbtugend? Was ist das?
    Erbtugend, sagte Klingsohr in einem ihm beim Aussprechen von Gedanken und
Versen eigenen singenden Tone; Erbtugend! Die ist der ewige Rckschlag des
Geistes gegen die Natur! Sie ist die Flut, wenn die Snde die Ebbe! Sie ist
vielleicht auch nur das ewige Philisterium, an dem selbst die Titanen litten,
wenn sie zu viel Kaukasuswein getrunken hatten! Mglich, da dieser Erbtugend
jene eingeimpfte Furcht vor der Hlle zum Grunde liegt oder die Furcht vor einer
Tracht Prgel, jene Furcht, von der bekanntlich die romantischsten Liebhaber
Boccaccio's und Bandello's nicht frei sein konnten ... Ja! Lucinde! Ich wei
doch, da ich hier ein Romeo bin, auf den pltzlich zehntausend Tybalts
eindringen werden mit einigen Doubletten der allbekannten neuhofer
Hundepeitsche!
    Lucinde widerlegte jetzt ungeduldig werdend seine erneuerte Furcht und
erklrte das festere Schlieen aller Thren durch das Wetter, da es unheimlich
dunkel wurde. Der Abend schien ein Gewitter zu bringen. Dunkelbraune und rothe
Wolken zogen immer dichter von Westen her. Zwischen dem Luten der Abendglocken
hrte man schon die fernher rollenden Donner.
    Klingsohr ergriff Lucindens Hand und sprach, da sie jetzt allein waren und
nur noch das zu servirende Mahl fehlte, mit dem eigenen Aufschlag seiner groen,
wenn er wollte, festen und bestimmten Augen:

Wer in der romantischen Zeit nicht Frau Venus mied,
Wol gar einem Eheweib sein Herz verschenkte,
Dem geschah's, da man ihn manchmal briet
Oder an einen neuen Galgen henkte!

So hrt sich noch jetzt, minnt man ein schnes Weib,
Besonders vom Nachbarn Herrn Philister,
Selbst im holdseligsten Zeitvertreib
Ein feurig Geknatter, ein flammend Geknister.

Gibt sie ein Lcklein zum Liebespfand,
Und steckst du's zu bergen zur Tasche,
Fhlst du doch dabei was wie Henkershand
Und um den Hals die vergeltende Masche!

    Das ist das Gewissen! sagte Lucinde scharf betonend. Da er sie kssen
wollte, hielt sie ihn zurck.
    Nein, Erbtugend - wollte Klingsohr in seiner gewohnten Phantastik fortfahren
-
    Aber indem wurde das Nachtmahl hereingetragen. In dem noch allgemein
nachdauernden Schreck vor dem Benehmen des Kronsyndikus geschah dies mit
denselben Frmlichkeiten wie bei dem vornehmsten Besuche.
    Was ist das nur alles? rief Klingsohr aufs neue, wie irr sich an die Stirn
greifend ...
    Lucinde versicherte, da allerdings irgendetwas Groes geschehen sein msse,
um den Kronsyndikus so fr ihn einzunehmen. Nicht nur, da er diesen Empfang
angeordnet htte, auch fr die Entdeckung, da beide schon lange sich shen und
sprchen - der buckelige Stammer htte geplaudert - wre seine Milde
bewundernswerth gewesen. Er dchte daran, setzte sie hinzu, sie ganz so
glcklich zu machen, wie er ... wie sie ... selbst es zu werden wnschte.
    Lucinde! rief Klingsohr voll Entzcken und warf Gabel und Messer fort. Wann
wirst du mein? Bald! Bald! Balde auch du! singt Goethe. Warum kommt mir das
traurige Ueber allen Wipfeln ist Ruh in diesem Augenblick! Nicht wahr? Die
Speisen - sind vergiftet?
    Als Lucinde ein Ja! nickte und dabei auffuhr, um nach der Fortsetzung des
Mahles zu klingeln, verfolgte er sie.
    Hexen, sagte er, Giftmischerinnen gab es von je auf Neuhof! Du selbst bist
eine von diesen alten Alraunen, diesen Zauberweibern ... gerade so eine Hexe,
wie meine Mutter von einer erzhlte, die sie das Frulein Glpen nannte ...
    Au! unterbrach er sich selbst mit einem leisen Schrei.
    Was ist? fuhr sie doppelt betroffen zurck. Klingsohr hatte den Namen der
Hauptmnnin in dem Augenblick ausgesprochen, wo er seine rthlichen kurzen
Locken an ihr Brusttuch drckte ... Er antwortete:

Wenn ich dich kssen soll, mein Kind, was soll es taugen,
Da du mit Nadeln dir besteckst die Brust!
Den Liebenden war immer nur bewut:
Gott Amor sticht ins Herz und keinem in die Augen!

    O! rief Lucinde und sah ihr Vergehen ... An der Wange, dicht neben einer
seiner vielfach schon zwischen ihnen besprochenen Narben, hatte eine Nadel ihm
eine leichte Schramme gerissen.
    Lucinde ri die Nadel vom Tuche, griff nach der Krystallflasche voll Wasser
auf dem Tische, go Wasser in die hohle Hand, tauchte ihr Taschentuch ein und
drckte es ihm auf die wunde Stelle.
    Dabei war ihr das Brusttuch entfallen und ihr langer dunkler Nacken
schimmerte unbedeckt bis zu den Schultern, ihr brunlicher Hals bis zu den hohen
Wlbungen ihrer Brust.
    Eben brachte man zwei Leuchter, je drei brennende Kerzen.
    Als dann Klingsohr und Lucinde wieder allein waren und sich, auch um ruhiger
zu werden, aufs neue zum Mahle gesetzt hatten, richtete sie eine Frage an ihn
ber Klingsohr's Mutter, ber die Glpen, ob er diese gekannt htte und was er
von ihr wisse ...
    Er beantwortete sie mit einer Apostrophe an die Speisen:
    Frulein von Glpen? Ich kannte sie nicht. Aber sie nennen und fragen: Was
mag in dieser Spargelsauce enthalten sein, ist eins! Recht so, Lucinde! Nehmen
Sie nichts davon! Diese jungen Erbsen haben eine grnliche Farbe, die ber das
Pflanzenreich hinaus sich in das Mineralreich verliert; ich wette, man kochte
sie in derjenigen kupfernen Pfanne, die seit dem letzten der unerklrten
Todesflle auf Schlo Neuhof noch immer nicht verzinnt worden ist. Diese Hhner
hrt' ich noch vor einer halben Stunde im Hofe gackern! Sie erwecken
unwillkrliche Mordgedanken, und nur der Champagner weckt mir kein Jugendmrchen
auf von der alten westflischen und Tugendbundzeit, in der ich 1809 geboren
wurde. Da gab es hier, whrend mein Alter im Walde geheim mit den Rchern
dingte, Corinnen in griechischen Gewndern, die ber Kassel aus den Spielhllen
Venedigs und Neapels kamen, Spanierinnen, die wie Amazonen ritten, Creolinnen,
deren Mnner ihren Kopf auf den Schaffoten der Franzsischen Revolution gelassen
hatten und mit dem ihrigen doch noch den Bruder Bonaparte's, was sag' ich, ihn
selbst verrckt machten ...
    Aber die Glpen?
    Die soll an diesem Minnehof nur die Ceremonienmeisterin gewesen sein! Der
buckelige Landstreicher mit der Geige hat geplaudert? La dir von dem erzhlen
oder von seinen Alten hinten ... nein, die sind seit den grauen Tagen stumm
geworden ...
    Worber?
    Die Glpen, oder wie sie sich von einem Jger, der sie heirathen wollte,
nannte, Buschbeck -
    Einem Jger?
    Jetzt einem Mnche! Drben im Franciscanerkloster Himmelpfort! Hast du nie
vom Bruder Hubertus gehrt?
    Die Mnche drfen nicht auf Neuhof ...
    Der Jger war ein Soldat in hollndischen Diensten ...
    Hauptmann ...
    Feldwebel, Kind! Vielleicht als Lieutenant entlassen! Er ist Laienbruder
drben ...
    Und war nie verheirathet ...
    Mit wem?
    Der Hauptmnnin - Was sag' ich ...
    Der Bruder Hubertus kam von den Wilden und ging zu den Wilden! Hier galt
keine Ordnung und kein Gesetz und kein Priester! Hast du nicht gehrt, da der
Kronsyndikus noch eine Frau am Leben hat?
    Wie? Wer? Noch eine Frau? Der Kronsyndikus?
    In Italien! Man sagt es ... Kinder gibt es aller Orten genug von ihm ...
oder er spielte wenigstens ohne zu wissen den Landesherrn, in dessen Bildni auf
den Groschen sich alle Frauen in gewissen Umstnden versehen mssen!
    Sie essen ja nicht, Doctor! lenkte Lucinde errthend ein.
    Ich trinke! antwortete Klingsohr. Sto' an, sagte er, wie immer je nach der
Stimmung abwechselnd mit Du und Sie; sto an, Lucinde! In Italien schickte er an
Jrme pltzlich einen Kurier, da er nach Hause kommen sollte ... Graf Zeesen,
sagte man, htte ihn bereden wollen, in ein Kloster zu gehen ... Der Musikant
meint, seine Alten htten als Grund des Zurckmssens immer etwas von der
zweiten gndigen Frau gemunkelt!
    Die noch lebe? Nein, der Freiherr ist nur einmal verheirathet gewesen!
    Ganz recht! unterbrach Klingsohr. Die Schwester vom Grafen Joseph drben,
dem Letzten des Hauses Dorste-Camphausen auf Westerhof! Sie starb frh, nachdem
sie zwei Shne geboren; sie starb, sagt man aus Gram ber die Aufnahme jener
Glpen ins Haus. Diese regierte. Als die Baronin starb, geno der Witwer seine
Freiheit, bis pltzlich Ruhe kam mit dem Sturz Napoleon's. Doch bei alledem ist
landbekannt, da die Klster und Beichtsthle hier ringsum ber den Kronsyndikus
die tiefsten Geheimnisse verschlieen ... Auch mein Vater wei manches, hlt
sich aber stumm drber wie die alten Stammers hinten ber die Glpen.
    Lucinde wagte nicht, ber letztere weiter zu forschen. Sie frchtete, da
sie htte sagen mssen, woher und aus welcher Situation sie die Hauptmnnin
kannte. Aber mit sphendem Blick stellte sie jetzt die Frage:
    Und Ihre Mutter?
    Klingsohr erwiderte:
    Ich kannte sie wenig! Sie starb, als ich sieben Jahre alt war. Nur da sie
ein Bild des Leidens gewesen sein soll, wei ich. Als der Vater in Magdeburg
sa, wurd' ich in dies Schlo genommen und mit Jrme erzogen.
    Lucindens Unruhe mehrte sich, je nher sie ihrer Erffnung kam. Sie wute
nicht, was sie that, als sie fortwhrend den Champagner trank, den ihr Klingsohr
einschenkte.
    Unsere Zukunft, Lucinde! Der Traum einer Sommernacht! rief er.
    Die Gegend war inzwischen nachtdunkel geworden. Rabenschwarze Schatten
hatten sich niedergesenkt, ein immer nher rckendes Gewitter entlud sich ...
    Das Nachtmahl war bald zu Ende. Nur dem schumenden Weine sprach noch
Klingsohr immer erregter zu. Er weckte dadurch in Lucinden die Erzhlungen des
Kammerherrn von seiner Unmigkeit und den Trinkwetten.
    Erzhlen Sie von Ihren Knabenjahren! sprach Lucinde.
    Klingsohr betrachtete lange die aufsteigenden Perlen des Schaumweins und
erwiderte mit dem ihm eigenen halb knstlich, halb natrlich elegischen Tone:

Wo seid ihr hin, ihr heilig hehren Tage,
Wo mir ein Stern noch wie ein Engel sprach!
Wo ich geglaubt, ein Regenbogen sage,
Da immer noch des Himmels Langmuth wach!
Wo in dem Blitze, in der Donner Rollen
Nur eines Vaters Zrnen lag, - der Liebe Grollen!

    Der Regen schlug an die Scheiben. Der Sturm tobte ... Fenster und Thren,
die nicht geschlossen gewesen, schlugen klirrend und krachend an ...
    Aber Lucinde drngte:
    Nein! Beginnen Sie anders! Ihre Mutter ...
    Ha, ich wei, sagte er, du willst von meiner ersten Liebe hren, Lucinde!
Ja,

Wenn sie leicht und zierlich
Mir vorberflog -
Und ich hbsch manierlich
Meine Mtze zog -

    Nichts, nichts von dem - sagte Lucinde ...
    Das Lied ist nicht lang, Lucinde! unterbrach er sie. Nur den Schlu will ich
dir sagen. Diese Liebe endete, als Amanda eines Tages keine Hosen mehr trug; das
hbsche Ding war in dem Augenblick fnf Jahre lter geworden und kannte mich
nicht mehr. Schlerliebe!
    Gut! Gut! Aber wo sind Sie geboren?
    In der Buschmhle!
    Und Ihre Mutter? Erzhlen Sie von ihr!
    Ein Donnerschlag erschtterte in diesem Augenblicke das Schlo, da es bis
auf den Grund erbebte. Die Diener kamen nicht mehr ... Klingsohr rckte seinen
Sessel dem Divan nher und zog Lucinden an sich und streichelte ihr Haar und sah
ihr in die scheu und ngstlich umblickenden Augen und hielt die Hand ber ihre
dunkeln Brauen, gleichsam als wenn er das Rollen der schwarzen Sterne in dem
weien Emailgrunde beruhigen, das Zucken der Wimpern beschwichtigen wollte.
    Jetzt begann er von seiner Mutter ...
    In einem langen weien reinen Gewande, sagte er, mu diese Edelste ihres
Geschlechts aus der Welt emporgestiegen sein! Ringsum lag die Snde - sie allein
erhob sich aus ihr, sie, die einzig Reine! Eine Natter klammerte sich noch an
ihren Fu, die zertrat sie! Wie ich geboren wurde, verlor jene Glpen die
Herrschaft im Schlosse -
    Schon 1809? unterbrach Lucinde ... Sie sah, wie viel Jahre es gebraucht
hatte, ihre Peinigerin so geistig und krperlich zu zerstren, wie sie sie
gefunden hatte!
    Wie das alles zusammenhngt, fuhr Klingsohr fort, wei ich nicht ...
    Lucinde fate sich jetzt Muth und sprach:
    Ich will es Ihnen sagen!
    Klingsohr horchte auf. Lucinde erzhlte noch umstndlicher den Vorfall, den
man heute mit dem Kronsyndikus erlebt hatte. Sie erzhlte das Verbrennen von
Papieren, seine Unruhe, seine eilige Abreise, den Eindruck, den ihm die Ankunft
des Doctors gemacht, seine Erffnung ber die Art, wie sie ihn aufnehmen sollte
...
    Eben zuckte durch das Zimmer ein Blitzstrahl.
    Klingsohr erhob sich und wurde aufgeregter ...
    Wie Lucinde fortfuhr und das Ziel ihrer Erffnungen immer leiser sprechend
schon vllig verstndlich angedeutet hatte, ergriff er ein Glas, schleuderte es
wild zu Boden, da es zersplitterte, rieb sich die Stirn und rannte zum Fenster,
als mte er mit dem Kopfe durch die Scheiben hindurch in die tobende Nacht und
die Donner hinaus.
    Ihr seid wahnsinnig! schrie er. Alle, alle hier seid ihr's!
    Lucinde nahte sich, bat ihn, sich zu migen; sie sagte ihm, er mchte sich
fassen, mchte ruhig hren ...
    Nein! rief er und schleuderte nun auch sie zurck mit den Worten:
    Circe! Machst du Menschen zu Eseln? Zu Mauleseln? Bin ich verrckt?
    Jetzt ri er das Fenster auf, da der Regen nur so hereinstrmte.
    Lucinde lie ihn erschreckt erst gewhren.
    Ich liebe meinen Vater! rief er, und sog die Tropfen ein und bestrich sich
mit dem Regen Stirn und Wange. Ich liebte ihn von jeher dann, wenn ich mich
hassen mute. Und nun vollends ... meine Mutter!
    Lucinde schlo das Fenster.
    Klingsohr rannte auf und nieder ...
    O ich wei jetzt, wozu ich hergelockt bin! Zur Rache gegen meinen Vater!
Geistigen Rache! Zur Demthigung unsers Namens! Schndung einer Asche unter der
Erde!
    Ihr Vater ist der Kronsyndikus! sagte Lucinde mit einer Festigkeit, als
sprche sie von Dingen, die ihrer Jugend vllig angemessen waren.
    Ein convulsivisches Gelchter erstickte den ersten Aufschrei des zu seiner
brigen Erregung nun auch noch halb Berauschten.
    Ruhig fuhr Lucinde fort:
    Darum sorgt er fr unsere Zukunft!
    Ha, ha! Und nun sprach Klingsohr pltzlich, wie sich und die ganze Situation
parodirend, plattdeutsch, dem ohnehin schon eine komische Wirkung beiwohnt. Er
parodirte ihren feierlichen Ernst. Sie wandte sich zum Schmollen ab und lie ihn
stehen.
    Klingsohr warf sich in seinen Sessel und blickte geisterhaft vor sich hin
...
    Das in der Natur tobende Wetter hatte sich etwas gemildert. Man hrte nur
den gewaltig strmenden Regen. Dann setzte er sich ruhiger zu Lucindens Fen
auf eine Fubank und das Haupt auf beide Hnde sttzend sprach er dumpf:
    Bastard! Glaube das nicht, du innerer, allzu eitler Dmon! Ja eitel! Wir
werden die Ursachen dieses tollen Spukes erfahren! Nur allzu sehr fhl' ich in
mir - das dienende Blut! Altes Sachsenblut? Auch ich? Wie wurden die groen
athletischen Gestalten mit den hngenden rothen Haaren unter dem Brenkopf in
die Weser getrieben, um von ihrem Odin und von ihrer Freyja zu lassen! Wie saen
sie hoch zu Ro, als sie dem Banner ihrer Herzoge folgten! Wie dingten sie mit
dem Kaiser und den Bischfen um ihr Recht und loderten auf um einen Strohhalm,
der ihrer Ehre im Wege lag! Und selbst noch im brocatenen Kleide mit der Perrke
und dem steifen Degen an der Seite, wie sie da unten den Westflischen Frieden
schlossen, schritten sie gravittisch einher, langsamer, schwerflliger, aber
fester auch auf ihre grne Hufe vertrauend als irgendwer im brigen Deutschland!
Dem englischen Lande gaben sie die rechte Volksmischung und tausend Jahre spter
einen Knig. Und wie haben sie diese vier- und sechsspnnig fahrende Weise
bewahrt bis auf den heutigen Tag! Ob sie platt- oder hochdeutsch reden, sie
lispeln nur und jedes Wort ist Schiepulver, wie Heinrich Percy's! Schlank ist
ihr Wuchs, behend ihre Haltung! Wenn auf der Universitt alle andern deutschen
Stmme durcheinander fahren, der Bayer phlegmatisch, der Franke windig, der
Schwabe der andern Stichblatt, der Thringer von ewiger Wehmuth durchdrungen ist
trotz des allerdnnsten Biers, der Obersachse schwtzt, der Mrker aus
Bldigkeit, die er nicht eingestehen will, grob und malicis wird, ... stehen
wir Niedersachsen und Westfalen da wie die schlanken Tannen am Bergesrand, fest
und sicher wurzelnd; ein Wort ein Mann, von einer Vornehmheit, der kein
deutscher Stamm sich gleichstellen kann! Man mu uns handeln sehen um ein Ro!
Kurz und bndig! Sechzig Pistolen ohne Halftergeld! Spitz, scharf, weich der
Ton! Fest die That! Ach, vergib mir, Geist meiner guten, vielgeprften Mutter,
da ich dich Arme, die Witwe eines mit dem Geist der Zeit Vermhlten, der dich
einsam daheim lie am Spinnrocken, lstere! Loreley, nein! Hrtest du's? Ich
wrde mir leider, leider nichts draus machen! Mag ich immerhin um eine Minute
vor halb sieben statt zwei zu frh auf die Welt gekommen sein, aber es ist ein
schlechter, elender, gemeiner Spa deines frevelmuthigen Alten, und du thust
recht, arme Glubige, da du entschlummerst. Die Brde dieser Lge war zu schwer
fr dich!
    Ermdet vor Aufregung, eingelullt durch den Wein und die gespenstische Weise
des wie immer dergleichen im Prophetenton vor sich Hinsprechenden, lie Lucinde
es geschehen, da der dstere Trumer, in dessen Seele es gleichfalls schon
lange mehr zur Nacht als zum Lichte sich zu wenden schien, ihre Hnde ergriff,
diese kte, nher und nher seine Wange an die ihrige schmiegte und sie in
ganzer Lnge auf den schwellenden Divan ausstreckte.
    Eine Weile betrachtete er sie mit gefaltenen Hnden ...
    Dies sah sie noch ... ihr Auge blieb offen oder blinzelte doch ... Ihre
Mienen waren in ein Lachen wie erstarrt ...
    Jetzt ein Ephenkranz um dein Haupt, flsterte Klingsohr, der Thyrsusstab mit
Weinlaub in deiner Hand, ein Pardelfell unter dir, und die Bacchantin erwartet
ihren Praxiteles!
    Lucinde verstand nichts. Sie hauchte nur:
    Doch! Doch! Doch!
    Doch hat der Kronsyndikus recht! war ihre Meinung.
    Klingsohr verstand, was sie sagen wollte, und gerieth in Sinnen. Seine
Phantasie malte sich die Mglichkeit aus - und wie bei solchen Naturen dann
geschieht, sah er allmhlich die Wirklichkeit. Jetzt als wenn ihn Furien
peitschten, er mte und sollte glauben, erhob er sich und sprach unausgesetzt,
wol ein halb Dutzend mal, vor sich hin:
    Wr' es denn mglich? Wr' es denn mglich?
    Indem meldeten die Diener das Nachlassen des Regens ... ...
    Spannt ein! rief Klingsohr wild und erhob die Flasche.
    Und wieder schenkte er voll und nicht mehr in die kleinen spitzen Glser,
sondern in Wasserglser. Er credenzte ebenso Lucinden, die trank, weil sie
Wasser zu nehmen glaubte ...
    Drei Spne aus dem Thor der kleinen Buschmhle! lallte Klingsohr und zog den
Ton wie durch die Zhne, soda es schneidend hmisch und bitter erklang. Ich
wette, da ich sie unten finde, du alter Freigraf der Feme! Am nchsten besten
Baum kann der Freirichter Wittekind keinen jetzt mehr henken, so hat er dem
Vater einen andern Streich spielen wollen! Ist nicht eine Schlange das Wappen
der Wittekinds? Nein, ein Lindwurm! Aber ich will Feindschaft sen unter den
Samen der Schlange, spricht der Herr! Ich werde mich nach diesem Schurkenstreich
mir meinem Alten ausshnen. An der Mhle wollen wir sitzen und wenn das Rad
klappert, nehmen wir das Gesangbuch zur Hand, wo die Mutter deutlich
eingeschrieben: Den 13. August 1809 geboren mein Heinrich Otto Alexander!
Alexander! Mein Alter hoffte auf Ruland damals! Heil von Moskau! Und warum
nicht auch! Nur - Gott ist gro und der Zar ist weit!!
    Seufzend wankte er zu Lucinden, beugte sich ber sie und sprach jetzt leise
und wie singend:
    Trume! O trumtest du:

Es rauschen die Bltter, es flstert der Wald,
Wer regt sie der Winde so mannichfalt?
Nur Einer!

Es blitzen die Farben im hellen Krystall,
Sind's tausend der Strahlen vom Sonnenball?
Nur Einer!

    Ich, ich, ich erwidere dir, Mdchen:

Es klopfen viel tausend Schlge der Brust,
Wer fhrt sie, die Hmmer in Schmerz und in Lust?
Nur Eine!

Was hebt dir die Seele, was sprengt dir das Sein?
Ist's Himmel? Ist's Erde? ... Allein, allein
Nur Eine!

    So sprach Klingsohr.
    Fiebernd, im Taumel der entfesselten Sinne hatte er sich ber die
Halbschlummernde gebeugt ... zurckgesunken und halb auf dem Divan ausgestreckt,
hielt sie den linken Arm rckwrts unter das Haupt gelehnt ... mit dem rechten
wehrte sie kraftlos strmischere Zrtlichkeiten ab ... das Bewutsein verging
ihr ... die Augen schlossen sich, mde wie damals im Walde mit Oskar Binder.
    Sie trumte schon, ehe sie ganz entschlummert war.
    Selbst eine heftige Erschtterung, die sie annehmen lassen mute, da
Klingsohr pltzlich aufsprang, erweckte sie diesmal nicht.
    Sie hrte ein fernes Brausen wie an einem Wasser. Es konnten Thren,
Schritte, Stimmen durcheinander sein ... sie trumte von bunten Wolkenwagen, von
Farben des Regenbogens ... sie sah ihre Tauben wieder, die den Wolkenwagen
zogen, sie sah alle die glnzenden Shawls, Teppiche, Kleiderstoffe aus dem
Magazin des Herrn Guthmann rings drapirt ber dem Regenbogen und kleine Gnomen
trugen alles ab und zu, und wieder waren es doch die lcherlichen Modegecken im
Bazar Guthmann, und ein langes Ma von Papier zog der eine und dem andern wurde
unter der Hand eine Reihe von Sternen daraus ... und dann waren es die
Blumenbschel und blauen Glocken, die sie im Walde am Fue des Eggegebirges
einst im Sinken am Riedbruch in der Hand gehalten, und alles um sie her wurde
dann grn und immer grner und mit zwei funkelnden Augen lag pltzlich jene
Eidechse auf ihrer Brust, die damals unter dem moosbewachsenen Steine
aufschlpfte ...
    Nun erwachte sie.
    Um sie her war es still. Die Lichter waren ausgelscht bis auf eines, das
fast niedergebrannt war.
    Sie mute so schlummernd, erst heiter, dann angstvoll trumend, mindestens
schon eine Stunde gelegen haben.
    Sie richtete sich empor. Was war geschehen? Hatte sie Klingsohr verlassen,
ohne sie zu wecken?
    Nichts war zu hren als das Klappern einer fernen nicht geschlossenen Thr.
    Die Reste der Mahlzeit, die leeren Flaschen und halbgefllten Glser standen
unabgerumt, wirr durcheinander. Sie boten jenen Anblick, der nach einer Orgie
die Sinne so ernchtert, die Empfindung so beschmt und emprt ...
    Unendlich mde, wie zerschlagen an allen Gliedern, durchfrstelt von der
khlen Luft des Zimmers, das geffnet gewesen sein mute, suchte sie nach
Menschen, die noch wach waren. Alles war wie ausgestorben ... Von Klingsohr war
ihr doch gewesen, als htte sie im Traum gehrt, wie er laut ber sie
hinweggerufen, an ihr gerttelt htte, und Menschen muten im Zimmer gewesen
sein, alle Sthle standen ja in Unordnung, der getfelte Fuboden knirschte
sogar von frmlichem Schmuz ... Sie sah zum Fenster hinaus ... Es war tiefe,
stille Nacht ... Die groe Wlbung der fast unermelichen Fernsicht ber Wiese,
Wald und Feld hin eine einzige schwarze Finsternis, die kein Stern erleuchtete
... Die Regenwolken hingen trb und schwer. Sie ffnete, streckte die Hand
hinaus; sie fhlte, da die Luft khl war, doch nicht mehr tropfte ...
    Sie gedachte jetzt deutlicher Klingsohr's, gedachte erschreckend seiner
letzten Zrtlichkeiten, die sie mit schon geschwundenem Bewutsein hingenommen,
seiner wilden, vermessenen, wie ein schneidender Luftzug noch durch ihre Seele
gehenden Reden. Ihr war nur am Muthe des Mannes gelegen, an seinem Trotz, an
seiner Herausforderung gegen Menschen und Geschick, und in dem, was sie heute
und schon oft von Klingsohrn gehrt, lag doch eher eine Thatkraft, die sich nur
knstlich aufstachelte ... Sie gedachte schreckhaft des Kammerherrn; sie glaubte
die Thr sich ffnen zu sehen und das kratzende Scharren eines Hundes zu hren.
Nun fate sie den Gedanken, ob sie noch zu dem Pavillon in den Park knnte, wo
sie doch eigentlich wohnte. Hatte man sie vergessen? Sie nahm das Licht, um auf
die Treppe und dann ber den Hof zu schreiben.
    Erst mute sie durch die langen Corridore, wo rings an den Wnden die
Spiegel ihre eigene Gestalt wiedergaben. Wie sah sie aus! Wie aufgelst hing das
Haar! Wie lag das Kleid von den Schultern herab! An die Spiegel mit dem Lichte
tretend, bebte sie zurck, weil sie pltzlich der Sage gedachte, da es mit dem
Glockenschlage zwlf unheimlich wre mit einem Licht sich im Spiegel zu sehen
...
    Doch bis zum Hofe kam sie nicht, nicht einmal bis zur Treppe; die offen
stehende Thr machte einen Zugwind, der ihr das Licht ausblies.
    Nun stand, sie vollends erschreckt. Sie rief:
    Lisabeth! Lisabeth!
    Keine Antwort, als das Echo des langen Corridors ...
    Sie tastete sich zurck zu den vordern Zimmern. Hier aus dem Fenster zu
rufen war den Sternen gesprochen ...
    Nun wankte sie dem Divan wieder zu und hielt sich an der kalten
Marmorbekleidung des Kamins ... verwnschend die Rcksichtslosigkeit, die sie
hier so preisgeben konnte.
    Als sie sich aber niederlassen mute, weil es sie fieberisch frstelte,
fhlte sie etwas wie einen Mantel. Erschreckt fuhr sie zurck. Es war eine
Decke, eine der gesteppten, die unter die Federbetten gebreitet werden.
    Man hatte also doch an ihre Ruhe gedacht und vorausgesetzt, da sie hier und
auf dem Divan die Nacht, zubringen wrde.
    Ihr Fu stie auch an ein Federkissen, das hinuntergeglitten war. Sie konnte
es unter ihren Kopf legen und that es.
    Sich in ihr Loos ergebend, streckte sie sich, um zu schlafen, drckte den
Kopf in das untergelegte Kissen und zog die Decke ber sich.
    Es wurde ihr wrmer; aber die Bilder der erregten Phantasie wichen noch
lange nicht ... Immer sah sie Leben und Bewegung um sich her. Jede zufllige
Berhrung weckte eine Vorstellung. Klingsohr's Gestalt konnte sie nicht sehen,
aber hrbar blieb ihr seine Stimme. Immer noch glaubte sie ihn reden zu hren
und zwischendurch ffnete der Kronsyndikus die Thr und fragte: Schlfst du? ...
Auch den Deichgrafen sah sie durchs Zimmer schreiten und die Ahnenbilder in den
goldenen Rahmen stumm betrachten ... dann wurde die Reihe der Gestalten immer
ferner, nebelhafter wurden ihre Umrisse ... Sie sah die Frau Hauptmnnin Tauben
morden und Muse fangen aus freier Hand und vor schnen Prinzessinnen knixen und
sie dann in den Keller sperren, wohin sie ihnen in der Nacht Besuche machte, mit
der Lampe ber ihnen hinwegleuchtend und lachend, wenn eine Ratte an ihnen nagte
... gerade wie sie ihr einst gethan ... Die eine Schlummernde war ihre todte
Schwester; die erhob sich aber und setzte sich an ihren eigenen Nhtisch, kleine
Hemden zu nhen, die wol den beiden noch lebenden Geschwistern im Waisenhause
gehren sollten ... auch diese erschienen und winkten so seltsam und so abwrts
... und die drei andern kleinen Geschwister, die am Scharlach gestorben, sah sie
mit Blumen bekrnzt und eine wundervolle Musik begann ... es waren die
Fltentne der Harmonica ... es war die Kirche in Eibendorf ... die Kirche der
Residenz dann wieder ... das Gesangbuch der Magd im Hause des Stadtamtmanns
blitzte in seinem Goldschnitt und schlug sich hell auf ... sie las Warnungen,
Mahnungen, unterdrckte und hier offen ausgesprochene Vorwrfe ihres Gewissens
... bis sie daran fester einschlief, aber doch immer noch in der Vorstellung,
den Vater zu fhren, alle die schmalen Brckenstege von Langen-Nauenheim
entlang, und dem schwer dahintaumelnden kleinen Mann, der seinen Hut verloren
und, mit den weien Haaren im Winde, immer nach dem Kopfe griff, zuzurufen:
Vater hier! Vater hier!
    So war ihre letzte Erinnerung ...
    Am folgenden Morgen weckte sie die Lisabeth und brachte die schreckliche
Kunde, da man gestern Nacht im Dsternbrook den Deichgrafen in seinem Blute
schwimmend und - ermordet gefunden htte.

                                      14.


Als Lucinde dies grauenvolle Wort hrte, sprang sie empor.
    Sie verstand nicht einmal gleich, was sie hrte.
    Sie wute anfangs kaum, wo sie war.
    Die Mgde hatten schon aufgerumt und ber dem gelben Plschsammt hingen
schon wieder die grauen Ueberzge. Nur sie hatte man den erquickenden Schlaf
noch genieen lassen.
    Die Lisabeth wiederholte die grauenvolle Mittheilung:
    Der Deichgraf ist todtgestochen! Gestern! Im Dsternbrook!
    Aber der Doctor? fragte Lucinde erblassend und sich auf alles Gestrige jetzt
erst besinnend.
    Sie schliefen gerade, hie es, als die Leute, die auf der Buschmhle
arbeiten und den Weg ber Neuhof nehmen, wenn sie nach Hause wollen, die
Nachricht brachten. Es war um neun Uhr.
    Ermordet! wiederholte Lucinde schaudernd und sich auf das, was damit
zusammenhngen konnte, besinnend ...
    Abgestochen mit einem Messer, gerade wie man einen Karpfen absticht, dicht
am Kiemen! fuhr die Lisabeth fort. Im Regen lag er hart am Grenzstein bei der
groen Eiche. Mit dem Menschen, der's gethan hat, mu er gerungen haben auf
Leben und Tod!
    Aber wer war es denn?
    Die Lisabeth wute niemand zu nennen, erzhlte aber von der Bewegung auf dem
Hofe und in der ganzen Gegend ...
    Und der Doctor?
    Dem htte man's gestern Abend sogleich gesagt. Er htte wie versteinert
gestanden, sie erst wecken wollen, dann wre er hinuntergeschlichen in seinen
Wagen, wie ein Schatten. An den Glaswnden htte er sich wie ohnmchtig gehalten
und wie er sein Antlitz drin gesehen, htt' er sich an den Kopf geschlagen und
einigemal gelacht, gelacht nmlich vor Schmerz ...
    Die Lisabeth erzhlte, wie es auch ihr immer ginge, da sie vor Schmerz
lachen mte und da sie schon einmal drum einen Doctor gefragt htte. Die
Aerzte wissen, was sie alles dem Volke leisten sollen! Sie werden gefragt, ob
sie nicht Trnke htten, da man gerade nur dies oder das trume, und zu manchem
Arzt schon kam eine Mutter und verlangte ihrem Kinde etwas verschrieben, weil es
so leicht schrecke.
    Von den Nerven Lucindens wissen wir schon, da sie gegen den Schreck
gesthlt sind.
    Was aber sagte denn nur der - Doctor? fragte sie.
    Der wollte Sie nur wecken, hie es weiter, und als Sie nicht hrten, schlich
er davon und in den Wagen war er und sein Gaul zog ihn fort, wir wuten selbst
nicht wie. Hernach sagte Stephan, der spt aus dem Wirthshaus kam, es wre
besser gewesen, es htte ihm eins sein Ro gefhrt: er htte auf die Nacht ein
Unglck haben knnen ... es geht schroff ab bis zur Buschmhle.
    Dort fand er schon den todten Vater? fragte Lucinde kopfschttelnd.
    Stephan, fuhr die Lisabeth fort, war der erste, der den Deichgrafen gefunden
hat. Es fehlte ihm ein Stemmeisen. Da war's ihm doch, als ob er's im Grund htte
liegen lassen an der groen Eiche. Nun ging er hinunter und im Schummer schon.
Gleich sah er, wie da alles durcheinander lag an seinem Werkplatz. Der Stein mit
dem Adler war weggeschoben, rundum alles zertreten, und wie wenn es Streit
gegeben. Und nun, Marie Joseph! da fand er denn auch den Deichgrafen gerad' auf
dem Gesichte liegend. Hier, sehen Sie, hier am Hals, da wo schon manche ein
neugeboren Kind mit einer Stecknadel umgebracht hat, gerade da hatt' er's
weggekriegt; nicht drei Zoll tief war der Nickfnger hineingefahren, sagte
Stephan.
    Der Nickfnger? fragte Lucinde. Woher wei man denn von ...? Was wird der
Kronsyndikus sagen? fgte sie jetzt noch ganz harmlos hinzu.
    Die Lisabeth sah Lucinden gro an. Sie schien zu erstaunen ber eine Frage,
die geringe Menschenkenntni verrieth. Lucinde war in der That von den sonstigen
Dingen, die in ihr lebten, so erfllt, da sie kaum noch an die auffallende
gestrige Rckkehr des Kronsyndikus dachte.
    Die Lisabeth erklrte zunchst das spte Ausbleiben Stephan Lengenich's. Er
htte im Wirthshaus den Vorfall wol zehnmal wiederholen mssen. Die Leiche war
in die Buschmhle getragen worden und jetzt se schon ein Actuar aus dem Amte
Ldicke unten und im Dsternbrook wrde alles nach Befund aufgenommen. Da es in
dem ganzen Kreis eine nicht geringe Zahl von Menschen gab, die mir dem
Theilungscommissar in Streit lagen, und da man ihm gerade an dem einsamen
Dsternbrook hatte aufpassen knnen, stand fest. Ein Verdacht auf diesen oder
jenen, der der Thter htte sein knnen, wurde nicht ausgesprochen; die Lisabeth
selbst war zu klug, die Gedanken, die der ganze Hof schon ber den Kronsyndikus
theilte, Lucinden mitzutheilen.
    Es war eine dumpfe Schwle, die den Vormittag ber Schlo Neuhof und allen
seinen Bewohnern lag. Die Arbeiten gingen lssig. Jeder hatte die
schreckensvolle Thatsache zu wiederholen und zu errtern. Lucinde begriff dann
allmhlich, da die sonderbare, allen ersichtlich gewesene Ausshnung des
Kronsyndikus mit dem Sohn des Deichgrafen allgemein in einen Zusammenhang mit
dem Vorgefallenen gebracht wurde. Die Unruhe und das Geheimnivolle wuchs, als
Stephan Lengenich, der allerdings im offenen Kriege mit dem Deichgrafen gelebt
hatte, auf gerichtliche Requisition abgerufen wurde und am Abend nicht
wiederkam. Die Vorstellung, die schon auf dem ganzen Schlo feststand, da der
Kronsyndikus der Mrder gewesen, theilte sich endlich auch Lucinden mit, und als
erst der Inspector der Brennerei, die wichtigste Person auf der Oekonomie,
erklrte, es wrde doch wol nothwendig sein, da der Kronsyndikus auf Eggena
durch einen Expressen von dem Vorgefallenen in Kenntni gesetzt wrde, und dabei
die Miene eines Mannes machte, der wie von etwas an sich ganz Ueberflssigem
sprach, wandte sie sich erblassend ab und ging dem Parke zu, berlegend, ob sie
nun nicht selbst zur Buschmhle sollte. Die Wege dorthin waren aber bermig
vom Regen aufgeweicht und Beistand mochte sie nicht begehren. Schon war ihr, als
wre sie eine Mitschuldige, die vor allem den Kronsyndikus zu schonen htte! ...
Darum war Heinrich sein Sohn! Darum wollte er ihm gleichsam die Hnde binden! So
sprach sie mit sich im Pavillon und blickte gedankenvoll in den dstern Park.
Der Sturmwind peitschte wieder die Zweige der hohen Ulmen und bog selbst die
Stmme. In ihrem Innern sah es nicht anders aus.
    Einer Nachricht von dem Doctor harrte sie mit jeder Minute entgegen. Diese
kam aber nicht. Der Tag ging ber das grauenvolle Ereigni hinweg, auch eine
aufgeregte, halb schlaflose Nacht. Von dem Doctor war nichts zu hren und zu
sehen; selbst dem gewhnlichen Boten, dem buckeligen, grauhaarigen Sohn der
Alten, bei denen sie wohnte, dem Musikanten, htte sie seinen Verrath verziehen,
wenn er nur eine Mittheilung gebracht htte. Als dieser aber kam, den Vorfall
wiederholte und obenein noch hmisch lachte und seinen nun auch wie aus ihrer
Lethargie erwachenden und grinsenden Alten von einem Schaffot sprach, ber das
erst ein Sammttuch gebreitet werden mte mit einem geflgelten und gekrnten
Lindwurm - dem Wappen der Wittekinds - da ergrimmte sie aufs heftigste, verbot
ihm im Pavillon zu bleiben, ri, da er nicht gehen wollte, das Fenster auf, warf
seine Geige weit in die Nacht hinaus, zwang ihn, seinem Instrumente, das er auf
allen Kirchweihen und an jedem Sonntage in den Schenken um Witoborn strich,
nachzulaufen und schlo indessen, mit einigen Stzen von der Treppe ihm
nachspringend, die Thr des Pavillons. Die Alten vergegenwrtigten sich
inzwischen, welchen Stein im Brete Lucinde vorn im Schlosse hatte, und lieen
sie aus Furcht gewhren.
    Auf dem Hofe fehlte das Auge des Herrn. Der Bote hatte vom Vorwerk Eggena
die Nachricht gebracht, der Kronsyndikus wrde in der Frhe zurckkommen. Er kam
aber noch am Mittag nicht. Am Abend traf er dann endlich ein. Er allein, ohne
den Kammerherrn. Lucinde hrte das von den Alten, die beim Hofkehren ihn hatten
aussteigen und vom Landrath, der ihn begleitete, Abschied nehmen sehen ... noch
immer war er in seiner glnzenden Uniform. Jetzt drngte sie's, zu ihm zu eilen,
und doch frchtete sie sich, dem Entsetzlichen entgegenzutreten. Auch mute sie
nach dem Vorgefallenen, nach dem Beweise des hchsten Vertrauens, das er ihr
geschenkt, glauben, er wrde bald aus eigenem Antriebe entweder selbst kommen
oder um sie schicken.
    Da es endlich dunkel wurde und sich niemand bei ihr sehen lie, auch vom
Doctor immer noch keine Kunde kam und nur erzhlt wurde, am folgenden Morgen
wrde auf einem der nchsten Kirchhfe, der zu einer kleinen evangelischen
Gemeinde gehrte, der Deichgraf bestattet werden, und als dann auch Abends von
dorther klagend und fast wimmernd zwei kleine Glcklein aus dem Thale
heraufklangen, hielt sie es so nicht lnger aus. Sie wagte sich ber den groen
Weiher des Parkes, dessen gefiederte Bewohner schon lngst die Stockwerke ihres
Thurms bezogen hatten, hinaus, sie wollte sich in den Zimmern des Kammerherrn zu
schaffen machen und so den Vater an ihre Gegenwart erinnern.
    Wie erstaunte sie aber, als sie dasselbe Gefhrt, in welchem vor zweimal
vierundzwanzig Stunden Heinrich Klingsohr angekommen gewesen, an der hintern
Aufgangstreppe des Schlosses stehen sah und erfuhr, der Sohn des Deichgrafen
wre oben mit dem Kronsyndikus allein und niemand drfte sie stren!
    Sie traute ihrem Ohre kaum. Jetzt sah sie jedenfalls die Besttigung erst
der Unschuld des Kronsyndikus berhaupt, dann aber auch wieder, aufs neue
grbelnd und die Vorgnge vergleichend, die so nahe Verwandtschaft zwischen
beiden.
    Von den Leuten erfuhr sie, da die Aussichten auf Entdeckung des Mrders
sich gemehrt hatten. Theils behauptete man, da von einem Morde berhaupt nicht
die Rede sein konnte, sondern nur von den Folgen eines Wortwechsels. Hatte der
Deichgraf beim Streite sich gewandt und war ein gezcktes Messer (ein gezogener
Hirschfnger, wagte schon niemand mehr hinzuzusetzen) so unglcklich gewesen,
gerade im selben Augenblick in den Nacken zwischen die Halswirbel zu fahren, so
drehte er sich noch einen Augenblick ein wenig um und weg war er, wie Kenner
versicherten. Man erzhlte, da so die Jger mit dem Nickfnger dem Todeskampfe
eines erlegten Hirsches im Nu ein Ende machen. Alle aber wuten, da sich die
Umstnde, wie es hergegangen, immer mehr lichteten, seit man einem Fetzen Tuch,
den sicher im Ringen das Opfer seinem Mrder vom Kleide gerissen, diese
einstimmige Erklrung gab. Man wute auch, da der Tuchfetzen von Farbe grn
gewesen. Allen stand freilich, ohne da eine Silbe laut wurde, dabei der
Kronsyndikus vor Augen, der so ngstlich vorgestern seinen grnen Jagdrock bis
oben hin zugeknpft gehabt hatte, allen war begreiflich, da der Geruch, der
sich so pestilenzialisch im Schlosse nach seiner Rckkehr aus der Gegend des
Grundes her verbreitet hatte, nur von einem verbrannten Kleide herrhren konnte
... aber niemand verweilte dabei ersichtlich, die einzige Lisabeth ausgenommen,
die wie sinnlos hin- und herrannte, seitdem Stephan Lengenich aus Ldicke nicht
wiederkam.
    Indem klingelte es beim Kronsyndikus aufs heftigste ... jeder glaubte, dort
wre Hlfe nthig ... Lucinde bebte ... die Lisabeth suchte nach Fassung ... sie
schickte einen Diener, um die Befehle des gndigen Herrn zu holen.
    Nach wenig Augenblicken kam der Diener zurck ... Das Ro sollte
ausgeschirrt werden!
    Ausgeschirrt? war nur ein Ton, den alle zugleich sprachen. Man zerstreute
sich kopfschttelnd. Auch Lucinde zog sich zurck, dem Vorpark zu.
    Wieder aber klingelte es ...
    Der Diener kam aufs neue und brachte die Nachricht, man htte Licht verlangt
und - zwei Flaschen Burgunder!
    Jetzt wute Lucinde nicht mehr, woran sich halten. Sie fragte nach dem
Kammerherrn, von dem niemand etwas wute, dann schwankte sie, da nach ihr nicht
begehrt wurde und sie auch nicht wute, wie sie in eine so geheime Zwiesprache
eintreten sollte, ihrem Huschen zu, jetzt sich selbst mit ihrer Jugend und
Lebensunerfahrenheit bescheidend. Sie sagte sich, da sie bei ihren Jahren alles
das schon zu verstehen - zu dumm wre.
    Im Pavillon war es dster und gespenstisch. Der Sturm tobte, Zweige brachen.
Die Mitbewohner schliefen schon. Sie glaubte immer noch, man wrde sie nun wol
nach vorne rufen. Es geschah aber nicht. Es verging die zehnte Stunde. Endlich
suchte sie fiebernd das Lager ...
    Das Leid der Prinzessin Ilse aus dem Liederbuch von Heine, in dem sie eine
Weile gelesen, rauschte ihr noch lange im Ohr:

Es bleiben todt die Todten,
Und nur das Lebendige lebt;
Und ich bin schn und blhend,
Mein lachendes Herze bebt.

Und bebt mein Herz dort unten,
So klingt mein krystallenes Schlo,
Dort tanzen die Frulein und Ritter
Und jubelt der Knappentro.

    Bilder wie vom Hause im einsamen Tannenwald, Bilder vom ledernen
Grovaterstuhl und der am schnurrenden Spinnrad sitzenden Gromutter, Bilder vom
wilden Jger und seinem Liebchen, vom Mondschein, vom Galgen, von Gretchen in
ihrem Wahnsinn gaukelten um so mehr um sie her, als die Lebensschicksale der
alten Stammers und einer ihnen frhgestorbenen Tochter sich trotz der
Dunkelheit, die fr sie auf ihnen lag, gespenstisch einmischten. Der Refrain
Dort oben auf dem Schlosse blieb sich immer gleich und dazu geigte der
buckelige junge Stammer unter ihrem Fenster und wisperten die Alten nebenan.
Es war ihr, wie wenn irgendwo Hochzeit gefeiert wurde mit Gsten aus der
Unterwelt.

Blanke Ritter, Frau'n und Knappen
Schwangen sich im Fackeltanz ....

    Am folgenden Morgen klagten dann wieder die ihr wohl bekannten, sonst aber
selten von ihr beachteten kleinen Glcklein, die evangelischen; die groen, die
katholischen schwiegen.
    Vom Doctor erfuhr Lucinde, da er Nachts zwlf Uhr erst vom Schlosse
abgefahren, und vom Kronsyndikus, da er schon um fnf Uhr in der Frhe wieder
vom schnen Enckefu߫ abgeholt und nach Eggena zurckgekehrt war. Nach ihr war
nicht gefragt worden, und sie hrte dies gern, weil es ihr anzudeuten schien,
da zwischen den Menschen, die ihr werth waren, Friede herrschte.
    Auch auf Schlo Neuhof war groe Bewegung, denn um acht Uhr sollte der
Deichgraf begraben werden.
    Aus der Nhe und Ferne, zu Fu, zu Ro, zu Wagen strmten Theilnehmende
herbei.
    Es war ein Mann! Nehmt alles nur in allem! klang seine Nachrede - erst am
Grabe von der aufgeschtteten Erde aus, dann aber selbst bis in die fernsten
Gauen des Vaterlandes.
    Man legte Eichenkrnze auf seinen Hgel. Sie wurden auch im bildlichen Sinne
ihm gewunden, in Nachrufen aller Art, in Versen, in ungebundener Rede ... Man
pflckte die Bltter zu diesen Krnzen auch bildlich aus den Schluchten des
Teutoburger Waldes, durch die der Edle damals als Flchtling geirrt, wie er sich
in der Befreiungsstunde des Vaterlandes so gefahrvoll verrechnet hatte. Auch
seine Tage von Magdeburg wurden gerhmt. Schon war ja die Zeit angebrochen, wo
auf den Thronen Herrscher saen, die die Bltentrume auch ihrer Jugend wollten
reifen sehen. Und so wie jetzt bei diesem vielbesprochenen Ende eines Patrioten,
gehen ja noch zuweilen durch das Vaterland segnende Geister und schwingen die
Fahnen unsers wahren Ruhmes ... Zu den Posaunen, ber welche die weien
Ehrentcher des Friedens, nicht die blutigen des Streites festlich niederhngen,
horchen wir dann noch einmal wieder empor, wie zu den Herolden unserer wahren
vergangenen und knftigen Gre. O da es so oft nur die Todten sind, um die wir
uns die Hnde reichen! Da es fast immer nur eine Erinnerung, ein Lied, ein
Gedicht ist, um das eine kurze Weile das vielstimmige Durcheinander der Parteien
verstummt, eine Weile der groe Ri, der durch das deutsche Herz geht, nicht im
eigenen empfunden wird! ... Man pries des Geschiedenen Muth, seine
Charakterstrke und Rechtlichkeit. Sein letzter Uebergang in die Formen der
Bureaukratie war ein so natrlicher gewesen. Er war von denen, die die antike
Tugend hatten, den Staat bis in die innersten Fingerspitzen zu fhlen. Man
verurtheilt so oft schon wieder diese Tugend! Ja wie habt ihr sie gefhrlich
gemacht! Nach dem, was wir schaudernd alle erlebten, welch ein Verbrechen ist es
nicht geworden, auf den Ruf der Lrmtrommel zu hren, die durch die Straen
wirbelt! Wer nur hinaussieht, wer nur je ein Wort in eine freie Luftwelle gab,
dem wurde die Zeichnung vor den Mchtigen gewi! Nun mssen wir uns schon so
erziehen, da wir in einem allgemeinen Brande auf keinen noch so starken
Hlferuf mehr hren, sondern kalt nur unsere eigene Habe bergen. Was geht euch
das Andere an! Wehe, wehe euch, wenn einst die Stunde der groen Gefahr
schlgt, die dem Vaterlande immer nher rckt! Dann werden wir in die Straen
und Pltze hinaussprechen sollen und niemand wird es knnen oder wagen! Dann
werden wir gerufen werden von den Signalen, die uns trgerische erscheinen
mssen, seit ihr die, welche ihnen schon einmal gefolgt sind, so unerbittlich
straftet! Wehe dann euch - und auch uns!
    Klingsohr, der Alte von den Externsteinen, hatte diese Selbstbeherrschung
nicht und sein lebendiges Ergriffensein von der Zeit rhmte man damals an ihm.
Man nahm die Lieder von Arndt und Schenkendorf zu Eingangs- und
Schlu-Blumenpforten seiner Nekrologe, die sich bis in die fernsten kleinen
Volksbltter verloren. Auch sein Bild verbreitete man. Es war nur ein kleiner,
kurzer, dicker, untersetzter Mann, gar kein Gracchus oder Timoleon der Phantasie
gewesen. Die Stirn war sogar so gro, wie man sie bei Narren zeichnet, die Augen
blinzelnd klein, die Backenknochen vorstehend, wie bei Baschkiren, der ganze
Mann einem modernen Bacchus nicht unhnlich, und doch trank der Mann nur das
klare Wasser des Buschmhlbaches, so oft er auch den Vater Rhein beim
jhrlichen Erinnerungsfest der Freiwilligen und der Grndung der Stdteordnung
leben lie. Er war entzndet vom Feuer nur seiner freien und berzeugungsreinen
Seele. Er hatte die Schnheit des Gedankens. Einige Sptter rgten, da er nicht
nur kein Vermgen hinterlie, sondern das, was er besa, sogar in Zerrttung.
Doch hatte er Glubiger, die ihm dennoch auch noch den Gutsankauf hatten mglich
machen wollen. In einigen Stdten sammelten die Liederkrnze fr sein Grab und
zu einem Denkstein.
    Um den Anla seines Todes loderte erst ber jeder Bergspitze und nach allen
Richtungen des Vaterlandes hin eine groe Flamme des Zornes und gedrohter Rache.
Dann aber kamen in den Zeitungen wieder die berhmten Snger, die Tnzer,
Tnzerinnen, Festlichkeiten in Paris und London, man hatte einige
Mammuthsknochen ausgegraben, die neuen Eisenbahnen erfllten alles mit
Bewunderung und Speculationseifer; eine Flamme nach der andern erlosch und
zuletzt blieb kein anderer Rcher brig als das langsame und geheime
Gerichtsverfahren jenes mehreren Dynastieen angehrenden Stdtchens Ldicke und
der ber die Buschmhle verhngte Sequester.
    Stephan Lengenich, der Kfer und Arbeiter im Dsternbrook, blieb indessen
eingezogen. Er galt bereits in wenig Tagen fr den muthmalichen Mrder.

                                      15.


Zwei Tage nach dem Begrbni seines Vaters sah man den Doctor Heinrich Klingsohr
mit dem Kronsyndikus nach der Buschmhle fahren und daselbst das versiegelte
Inventarium besichtigen.
    Zwei stattliche Mecklenburger, die besten des Stalles und herbergekommen
erst krzlich aus den norddeutschen Besitzungen der Wittekinds, waren dem
leichten, eleganten Wagen vorgespannt.
    Wieder einige Tage, und der Freiherr von Wittekind-Neuhof und Doctor
Heinrich Klingsohr reisten gemeinschaftlich nach der groen Stadt, in welcher
der Regierungsrath Friedrich von Wittekind eben zum Oberregierungsrath ernannt
worden war ... Auch ihm waren dstere Gerchte zu Ohr gekommen ber den Tod des
Deichgrafen. Um so freudiger berrascht mute er sein durch den Besuch des mit
seinem Vater so traulich verbundenen Sohns desselben.
    Man sprach mit Unbefangenheit von dem Vorgefallenen. Als jenes grnen
Tuchkragens Erwhnung geschah, der an der Mordsttte wre gefunden worden, hie
es, da durch eine Nachlssigkeit unbegreiflicher Art so wichtige Hlfsmittel
der Entdeckung pltzlich wren abhanden gekommen.
    Alle diese Gesprche fanden in Gegenwart der neuen Frau von Wittekind statt.
Es war eine Heirath, die erst jetzt die Billigung des Kronsyndikus erhalten.
Eine nicht mehr junge, unvermgende, aber dem Sohne durch Gewohnheit und manche,
wie man sagte, schmerzliche Erinnerung werth gewordene Witwe eines geliebten
Freundes und Amtscollegen, eines Herrn von Asselyn ...
    Der Oberregierungsrath fand einen Vorschlag, den sein Vater machte, sehr
annehmlich. Doctor Klingsohr sollte die mecklenburgischen und holsteinischen
Gter der Familie bereisen und sich in Altona nach der Lage von Processen
erkundigen, deren die Familie ber diese Besitzthmer mehrere zu fhren hatte.
    Der Doctor kannte Hamburg und freute sich auf einen ihm bekannten
zerstreuenden und anregenden Aufenthalt, dessen Kosten der Kronsyndikus trug.
    Den Kammerherrn hatte der Kronsyndikus zum Grafen Zeesen geschickt und zwar
schon am Tage nach seiner strmischen Abreise auf das Vorwerk Eggena. Da der
Unglckliche Widerstand leisten wollte, verschwieg der Vater nicht, ebenso wenig
wie den Zwang, den man anwendete, den Widerstand zu brechen. Er hatte ihn
kurzweg binden lassen. Der spter nachgeschickte Diener des Kammerherrn meldete,
Graf Zeesen bte alles auf, seinen Herrn zu zerstreuen und zu fesseln. Er snge
ihm geistliche Lieder und besprche die Visionen, die der Kammerherr zu haben
glaubte. Inzwischen wre der Kammerherr freilich bettlgerig geworden, aber die
Verlobte des Grafen, das Freifrulein von Seefelden, sorgte fr seine
Verpflegung.
    Alle diese Vernderungen gingen auch an Lucinden nicht spurlos vorber. Sie
erschtterten sie nicht minder wie den Doctor und den Kronsyndikus. Der Doctor,
der ihr unter allen Umstnden jetzt wirklich als des letztern natrlicher Sohn
erschien, wiederholte mit scheuem Niederblicks ernst und verstrt, wie er jetzt
fast immer war, Betheuerung seiner Liebe ber Betheuerung; der Kronsyndikus
hatte Ursache, die Vertraute eines Geheimnisses, das beide im stillen Verkehr
wiederaufnahmen, mit Aufmerksamkeit und Schonung zu behandeln. Sie erhielt
Beweise einer Freigebigkeit, die an dem sonst so geizigen Manne auffallend genug
war. Da nicht gezweifelt werden konnte, da sie das Ziel ihrer Herzenswnsche in
einer Vereinigung mit Heinrich Klingsohr finden mute, so wurden die Aenderungen
ihrer Lebensstellung dahin getroffen, da sie ihm nahe bleiben, aber vorlufig
doch noch so weit von ihm getrennt sein sollte, um keinen Ansto zu erregen.
    Vor allem fehlte ihr noch manche Vervollstndigung ihrer Bildung. Es war
hohe Zeit, das Chaos ihrer Fhigkeiten und Kenntnisse zu lichten. Diese
Anordnung wurde mit Frsorge getroffen. Man hatte eine Familie ausfindig
gemacht, bei der sie, nicht sogleich in Hamburg selbst, wol aber dicht in der
Nhe auf dem Lande wohnen sollte.
    Da Heinrich Klingsohr erst nach Gttingen zurck mute und bei allen diesen
Anordnungen von seiten des wie verwandelten und ganz auerordentlich milde, zahm
und nachgiebig gewordenen Kronsyndikus eine Zartheit und Schonung der Sitte und
des Anstandes beobachtet wurde, wie wenn es sich wirklich um eine knftige
Schwiegertochter desselben handelte, so gab man Lucinden sogar bis nach Hamburg
eine Begleiterin mit, die in der vom Oberregierungsrath bewohnten Stadt gewhlt
wurde und ihr auf halbem Wege entgegenkam, an dem Tage, wo der Kronsyndikus und
Klingsohr sie auf ihrer Abreise vom Schlosse begleiteten.
    Die Abreise fiel mancherlei Umstnde wegen auf einen Tag, wo der
Kronsyndikus und Klingsohr in Ldicke einen Termin abhalten muten in
Angelegenheiten des, wie es schien, sehr gravirten Stephan Lengenich, an dem
selbst die Lisabeth irre geworden war, seitdem der Kronsyndikus von seiner Reise
zum ltesten Sohn zurckgekommen war und ihr eine funkelnde, schwere goldene
Kette mitgebracht hatte, zu der, wie der Alte hinzufgte, jetzt nur noch die
Uhr fehle. Sie that das Ihrige, sich auch diese zu verdienen ...
    Diesen Termin in Ldicke hatte man fr kurz gehalten, aber es dauerte fast
eine Stunde, da Lucinde auf dem Marktplatze der kleinen Stadt in ihrem vorn und
hinten bepackten Wagen harren mute. Sie konnte bei dem immer gleichrinnenden
Strom eines schn geformten alten Rolandsbrunnen, an dem sie hielt, bei seinem
nicht endenden, immer gleichmigen Wasserstrahl recht der Zeit gedenken. Was
hatte ihr diese nicht alles gebracht! Was hatte sie nicht schon alles
ausgelscht! Auch das Bild eines auf schaumbedecktem Rosse den steinigen Grund
hinterm Park vom Dsternbrook Emporstrmenden, auch das Bild von der Waldhtte,
den Tannen, dem Monde, der Gromutter, ihrer selbst am Spinnrade, dem durch die
kleinen bleigefugten Scheiben hereinlugenden wilden Jger mit der rothen Feder
am Hute, der dann wieder der Franciscanerbruder Herr von Buschbeck aus Java war
... Alles hatte sich ihr schon gebleicht. Denn zu oft hatte ja auch der Doctor
bestimmt und fest wiederholt und dann der zu Gnaden wieder angenommene buckelige
Musikant, vorzugsweise aber der seit einigen Wochen ganz besonders elastische
schne Enckefu߫ besttigt: der Kronsyndikus war allerdings am Platze der
grauenvollen That gewesen und hatte gesehen, wie der Deichgraf dort getdtet
lag; das Entsetzen, man knnte ihn, der ihn in Gedanken allerdings auch
tausendmal erschlagen hatte, fr den Mrder nehmen, hatte ihn von dannen gejagt,
und wenn es geschienen, als jagten ihn selbst die Furien, so wre es die alte
Freundschaft fr den Deichgrafen gewesen, die in seinem Herzen trotz des sptern
Zerwrfnisses doch in der That unerstickt geblieben wre ...
    Und wenn Lucinde den Doctor dann selbst fragte: Bist du wirklich der dritte
Sohn? so sagte dieser geheimnivoll: Stre die Ruhe der Todten nicht! ...
    In seiner Liebe war der Ausdruck strker und leidenschaftlicher noch als
sonst geworden, wenn auch mit einer mehr unheimlichen als beglckenden Wirkung
fr sie.
    Vom Amte kamen damals beide Mnner sehr bleich zurck. Sie behaupteten, der
Querfragen doch endlich mde geworden zu sein und lieen den Wagen einem
Gasthause zurollen, um sich zu erfrischen. Lucinde stieg nicht aus. Sie musterte
vom Wagen aus das Wirthshaus, den Garten desselben und eine gewisse
kleinstdtische Zierlichkeit in den bemalten Staketen, in einer mit grotesken
Wandgemlden geschmckten Kegelbahn, in einem ausgestopften Uhu innerhalb einer
von Singvgeln belebten Volire. Bei einer groen schwarzlackirten Kugel, die im
Garten als Reverbre fr die schne Aussicht gelten sollte, gedachte sie des
armen um sie betrogenen philosophischen Drechslers, der den Grafen Zeesen recht
eindringlich jetzt an sein Familienstatut, die Stiftung eines Irrenhauses,
erinnern mochte! Im Hinblick auf diese beiden Mnner athmete sie wahrhaft auf,
endlich jetzt in gesundere Lebensluft zu kommen. Ja es that ihr sogar wohl, im
Saale des Gasthauses durch die geffneten Fenster, unter ausgestopften Vgeln,
Kfern, gespieten Schmetterlingen, Kupferstichen von englischen Pferden und
hnlichen Herrlichkeiten eleganter Wirthsstuben jener Gegend, da so traulich
hinterm Champagnerglase zwei feste, kraftvoll verbundene Mnner zu sehen. Sie
liebte Trotz und Khnheit. Auch ihr war Stephan Lengenich lngst der Schuldige.
Seinen bsen Sinn hatte sie ja selbst gekannt, sein Drohen ja selbst gehrt. Sie
hatte alles das gerichtlich hier in Ldicke in einem frhern Termine bezeugt und
beschworen.
    Trotz des Champagners stiegen ihre beiden Begleiter zu ihr schweigsam und
ernst ein. Sie blieben noch einige Stunden an ihrer Seite bis zu einer Station,
wo sie Extrapost nahmen und zurckreisten. Von der groen Stadt, wo der jetzige
Oberregierungsrath wohnte, sollte ihr auf einige Meilen schon eine Begleiterin
entgegenkommen, die sich ihr anschlieen wrde bis Hamburg, wo sie unter
Klingsohr's Augen ihre Ausbildung vollenden sollte.
    Der Abschied des Kronsyndikus von Lucinden war inniger fast als der des
Doctors. Dieser gab nur die Hand und sprach, wie wenn Abschiede nicht zu seinem
System gehrten, vom baldigen Wiedersehen. Jener hatte Thrnen im Auge. Der
Kronsyndikus weinte! Er war seit Wochen um Jahre lter geworden. Seine
Augenbrauen sahen nicht mehr so gelblichwei aus wie sonst, sie hatten sich ganz
gebleicht. Die hohe Gestalt schien, wenn sie sich unbemerkt glaubte, kaum Kraft
zu haben, sich so zu halten, wie dem Wappen des gekrnten und aufgebumten
Lindwurms geziemte. An Geld und Gut war Lucinde so ausgestattet, da sie sorglos
in die grne Weite fahren konnte. Nach acht Tagen schon versprach Klingsohr in
Hamburg bei ihr zu sein.
    War das alles, wie es so kam, ging und was es bedeutete, rthselhaft genug,
so konnte sie durch ihre Begleiterin, die nach einigen Meilen Alleinfahrens ihr
entgegenkam, erinnert werden, da alles im Leben nur Bild und Gleichni ist. Sie
war, wie Klingsohr und der Kronsyndikus ihr schon gesagt hatten, die Braut des
Sehers von Eschede, jenes Dr. Laurenz Pttmeyer, der auf die Philosophie des
Pythagoras zurckgekehrt war und aus mathematischen Figuren das Weltall
erklrte. Sie hie Angelika Mller, war eine hohe, schmchtige, blasse Blondine
am Ende der zwanziger Jahre. Bei jeder Anrede errthete sie. Sie schien ein
Gemth von Weihe und Innigkeit. In Hamburg war sie von einer dort wohnenden
katholischen Familie als Erzieherin berufen worden und gestand sogleich mit
grter Sicherheit, da sie den Dr. Laurenz Pttmeyer von Eschede fr den
einzigen berufenen Denker unserer Zeit halte und da sie gelobt htte, nicht
frher seine Hand anzunehmen, bis er nicht in Berlin den erledigten Lehrstuhl
Hegel's erhalten htte. Lucinde glaubte sehr an diesen hohen Geist. Auch der
Kronsyndikus hatte oft erklrt, da die Drechselbank fr den Kammerherrn eine
Quelle lehrreicher Unterhaltung geworden, seitdem er auf ihr die Wrfel und
Pyramiden Laurenz Pttmeyer's herstellte.
    Mit dieser Begegnung auf mancherlei neue Eindrcke angewiesen, fuhr Lucinde
in ihrem schwer bepackten Miethwagen die schon wieder staubig gewordene
Landstrae hinunter. Die Lerchen wirbelten zwar, aber von Westen kamen dstere,
den Athem benehmende Wolken, der jenen Gegenden eigene Haar-oder Hhenrauch.
Doch schienen die Menschen der Ebene diese Dnste gewohnt. Sie arbeiteten im
Felde. Lucinde glich selbst diesen Fluren, auf denen schon so voll geerntet war
und ber welche schon wieder die Pflugschar ging, um noch in diesem Jahr der
Natur neue Triebkraft abzugewinnen.
    Noch vllig war sie sich unklar. Man htte sie in Hamburg in die Schule
schicken knnen, sie wrde gegangen sein und mit der Mappe unterm Arm.

                                      16.


Von jenem Uferrande aus, an welchem der Deichgraf in seinen jngern Jahren, nach
dem Ausdruck seines Sohnes, die Sandkrner zu zhlen pflegte, gewhrt Hamburg
einen groartigen Eindruck.
    Eine zweite nicht unansehnliche Stadt, Altona, ist ihr eng verbunden.
Thrme, hohe Giebel, Dampfessen, Krahnen und zahllose Schiffsmasten ragen
fernhin im wirren Durcheinander empor. Auf der Woge kreuzen sich mit rothen
Segeln die kleinen Ever, die, von kraftvollen Ruderern gefhrt, die
Kauffahrteischiffe behend umschlpfen.
    Beim Landen tritt man in eine Welt, die sich ihrer Geschichte und Bedeutung
bewut ist. Diese Straen und Pltze, diese Vorstdte und Hafenkais sind Lungen,
die ihre Luft nicht aus dem kleinen Binnenleben der Nachbarschaft, sondern aus
dem unermelichen Ocean schpfen, aus den Verbindungen mit England und Amerika
und mit diesem im Norden und im Sden.
    Bringe niemand die Anschauungen einer deutschen Residenz oder
Provinzialstadt mit! Der Matrose, der Everfhrer, der Schiffsablder, der
Packknecht, der Hausirer, der Karrenschieber nehmen die nchste Bequemlichkeit
der Strae fr sich in Anspruch und schleudern mit eingestemmten Armen den, der
etwa auf sein Spazierstckchen mit goldenem Knopf oder seine Glachandschuhe als
Berechtigung zu Ausnahmezustnden verweisen mchte, in souverner
Machtvollkommenheit auf die Seite; glcklich, wer noch dabei in einen Kram
getrockneter Feigen oder frischer Orangen fllt, nicht in eine der englischen
Gesundheitsgeschirr- und Wedgewoods-Niederlagen, die man an den offenen
Straenecken oder auf ambulanten Karren feil hlt.
    Vor dem Brande lag die Brse in dem jetzt verschwundenen engen Gewhl jener
alten Straen am Burstah und Rdingsmarkt, deren Huser manches Menschenalter
gesehen hatten. Die Naivett Hamburgs, die sich so gut mit londoner
Civilisationszustnden vertrgt, eine Naivett, die in dem unendlich
unschuldigen, sozusagen schmigen Dialekt, auch selbst beim Blas, sich wie die
Unbefangenheit einer champagnertrinkenden Gurli anhrt, war durch manchen
verwitterten und nur noch an einigen Aesten zum Blhen und Grnen kommenden
alten Lindenknorren ausgedrckt, der mitten unter Import und Export, unter
Lotteriecomptoiren, Galanterielden und Austernkellern wie ein Symbol der
Unschuld stehen geblieben war. Dieselbe Idylle wiederholte sich beim Anblick der
Gemsekrbe der Vierlanderinnen und des verschwenderischen Ueberflusses, mit dem
aus rothen Blechkbeln die Milch durch die Straen zu flieen scheint. Auch
dicht an der alten Brse suselten noch einige Linden- und Akazienbume in die
Ueberschreibungen von Mark Banco hinein, und mancher gefhlvolle Wechselsensal
nahm nach vollbrachter Feststellung der Tagescurse seiner Gattin noch einen
Canarienvogel oder Dompfaffen mit heim, den vaterstdtische Gemthlichkeit am
Eingange der alten Brse zu verkaufen gestattete. Es sah ringsum eng, alt,
hollndisch aus. Nicht des stark vertretenen jdischen Elements, sondern der
Bauart einer vor dem Regen schtzenden Halle und des im Freien liegenden
Parquets wegen glaubte man in den Vorhof einer alten Synagoge zu treten.
    Zu den Gemthlichkeiten Hamburgs oder den hamburger Ironieen des Satan,
wie Dr. Heinrich Klingsohr gesagt haben wrde - an dergleichen Kraft- und
Schlagworte waren auch dort seine Freunde gewhnt - gehrt im Sommer das
idyllische Wohnen der Geldleute unter Gras und Blumen vor den Thoren der Stadt.
    Es ist wahr, die Atmosphre Hamburgs bekommt im Sommer etwas Mephitisches.
Aehnelt sie auch nicht ganz dem Dufte der pariser innern Stadt, wo die Gewrze,
Kaffeebohnen, Pfeffersorten, Zimmetarten aller Zonen zusammenzukommen scheinen
und die Kehle zum Ersticken zusammenschnren wrden, wenn die penetrante und vom
pulverisirten Theriak erfllte Luft nicht mit den Gerchen von ranziger Butter
und altem Kse wieder gemildert und gefeuchtet wrde, so gesellen sich zu den
ganzen und zerstoenen Gewrzen in Hamburg noch die Ausathmungen der Kanle oder
Fleete, vorzugsweise aber jene sonderbaren Oelgerche, in die vom 52. Grad
nrdlicher Breite an alles in Europa eingehllt scheint, was da lebt und webt.
Das ist von diesem Breitengrade an ein Malen und Klecksen mit Oelfarbe an jede
Wand, jedes Holz, jeden Stein! Der Nordlnder liebt die grelle Farbe mehr als
der Sdlnder. Wir glauben wunder, welche Farbenreize der Spanier fr seine
Kleidung sucht. Die andalusische Tnzerin kleidet sich in Gelb und Schwarz. Der
Nordlnder aber will rothe Halstcher, malt sich grne Huser, bestreicht seine
Windmhlflgel, seine Segel, seine Milchkannen, seine Gartenzune, schlft in
gold- und grnlackirten Bettstellen, hat berall den Farbentopf und den Oelkrug
in der Hand, bepinselt und beglnzt Diele und Treppe und Fuboden und
Fensterrahmen. Kein Wunder, da die beengte Lunge sich in jenem frischen
Wiesengrn ausathmen will, das dem Hamburger glcklicherweise bis dicht unter
die Thorsperre wchst.
    Die groen Kaufleute fahren um drei Uhr in ihre prchtigen Villen, die an
der Elbe liegen; aber ein solcher kleiner Exporteur in Kleesaat, wie Herr
Carstens, geht nach vollbrachtem Tagwerk erst eine Stunde in die Brsenhalle, wo
er in die Schiffslisten Australiens blickt, um sich nach Susanna Maria, einer
gesunden, vollwangigen, frischen Bark, zu erkundigen, die nach Adelaide einige
hbsche Dosen jener Panacee der Ackerwirthschaft bringen soll. Sie ist noch
nicht angekommen am Orte ihrer Bestimmung, die Susanna Maria, aber ein anderes -
wir reden in der Naivett dieser oft so unschuldig verkannten Geldseelen -
nettes und schoines Ding, die Meta Carstens, ist sehr guter Dinge in
Baltimore eingelaufen und bringt den dortigen Farmern das, was ihnen auf ihren
Acres jetzt lieber ist als etwa eine Kunde von der endlich errungenen Freiheit
Germaniens. Kleesaat ist ein specifisch europischer Artikel, ohne den es keine
ausfhrbare Brache und keine Hebung des Viehstandes gibt; denn wie am Neckar, so
am Missouri: die Khe werden, wenn sie frisches Heu im Stall bekommen, schner,
als wenn sie drauen im Freien sich das beste Gras zerzupfen und nebenbei immer
etwas dabei verschlucken, was ihnen nicht bekommt, wenn es auch nicht der
belberufene Duwock ist, ber den sich eben noch bis halb vier Uhr Herr Carstens
in eine noch nicht aufgeschnittene und bei Hoffmann und Campe erschienene
Broschre vertieft.
    Die Kleesaat ist eine der ergiebigsten Branchen des europischen und
namentlich des deutsch-bhmischen Exports, eine Entdeckung, die nur leider von
Herrn Carstens nicht allein gemacht wurde.
    Er wrde die Broschre ber den Duwock sicher lieber Sonntag Vormittag
zugleich mit einer verbotenen Schrift von Harry Heine, letztere natrlich mit
entschiedener Indignation, doch theilnehmend, bei sich zu Hause gelesen haben,
wenn ihn nicht eine Reihe verfehlter anderweitiger Branchen, Leder, Thran,
Gerbstoffe, Talg, zuletzt auf die Kleesaat gefhrt htte, einen Artikel, dessen
groe Erfolge schon andere voraus hatten, diejenigen nmlich, von welchen
bereits einige in zierlichen Cabriolets zu ihren Villen am schnen Ufer der Elbe
dies- und jenseits Teufelsbrck gefahren sind.
    Indessen eine Sommerwohnung zu besitzen, erlaubte Herrn Carstens doch sein
jhrlicher Umschlag. Sogar sich an Tagen, die, wie der heutige, sich auch gar zu
heier Strahlen des Sonnengotts zu erfreuen haben, einer Droschke zu bedienen,
um wenigstens durch die schwlen Straen bis zum Dammthor zu kommen, gestatteten
ihm seine Verhltnisse, die gar nicht so ganz unrespectabel sind. Herr
Carstens hat nur die unglckliche Manie, alle zwei Jahre, wenn die Kleesaaten
ringsum im Vaterlande in schnster Blte stehen, sich und seinen beiden
Schwestern, die ihn in Ermangelung einer Gattin die Wirthschaft fhrten und da
Leben versten, eine Erholungsreise von sechs Wochen zu gnnen, bei welcher
er, wie weiland die im December mit ihren Herren wechselnden rmischen Sklaven
Saturnalien feierten, so die ersten Gasthfe besuchte und sogar tglich Cliquot
nicht verschmhte, den er an den Ufern der Elbe des nebeligen Klimas wegen dem
Portwein entschieden unterordnete. Auerdem sparten seine liebevollen Schwestern
an einer Mitgift, die sonderbarerweise mit den Jahren zwar zunahm, aber an Werth
und Reiz fr Mnner, die etwa danach heirathen wollten, zu verlieren schien; es
scheint leichter, 18 Jahre mit 20000 Mark an den Mann zu bringen, als 45 mit
50000.
    Herrn Carstens unendliche Liebe fr seine Schwestern, welche ihm diese
jhrlich in der Jahreszeit, in der wir uns befinden, mit Erdbeerkaltschale oder
seinem tglich aufgesetzten Leibgerichte, jungen Erbsen mit Swesern, ein fr
allemal vergolten haben wollten, unterlie nicht, diese Mitgift seiner
Schwestern - er hatte ja nur diese beiden - bis auf eine Hhe zu steigern, die
ihnen allenfalls auch nach seinem Tode erlaubt htte, die Ertrgnisse des
Kleesaatexports entbehren zu knnen. Es war immerhin ein ganz respectabler
Mann von 100000 Mark Banco jhrlichen Umschwungs, von welchem schon ca. 6-7000
Nettoniederschlag brig blieben.
    Dennoch mute er vorziehen, interessante Broschren lieber auf der
Brsenhalle zu lesen, als sich deren zu Hause aufzuschneiden. Er mute
vorziehen, nur alle zwei Jahre von Celle bis Wien und von Wien zurck,
vielleicht der Abwechselung wegen, diesmal bis Lneburg, fr einen hamburger
Kaufmann zu gelten, sich in seiner Privatliebhaberei, dem Sammeln alter, auf
die hamburgische Geschichte bezglicher Mnzen, zu migen, ja er mute sich
sogar die Unbequemlichkeit aufbrden, seinen Schwestern eine Gesellschafterin zu
halten, die jedoch fr Kost und Logis und den von Meta Carstens ertheilten
classischen Pianoforteunterricht ein Supplement hinzu zahlte ... Alles das, um
nur zwei geliebte Wesen nicht mit Sorgen und schrecklichen Aussichten auf
Entbehrungen, z.B. eines Sommerlogis und der winterlichen Anwesenheit bei jeder
zehnten oder elften Vorstellung eines neuen Stcks im Stadttheater (das Stck
mute sich erst bewhrt haben) zu hinterlassen, sintemalen sein Unterleib von
frherer leichter Auffassung des Lebens geschwcht war und sein Muskel- und
Knochenbau - eine natrliche Folge des hamburger Winterklimas - an Rheumatismus
litt, zwei Krankheitsbedingungen, die, wenn sie sich begegneten und den
Rheumatismus auf einen der edlern Theile des Herrn Carstens - und die edelsten
waren sein Herz und sein Magen - werfen sollten, allerdings seinem Leben
pltzlich ein Ende machen konnten.
    Hier nun, in der vor dem Dammthore in Hamburg gelegenen Sommerwohnung des
Herrn Nikolaus Carstens treffen wir Frulein Lucinde Schwarz wieder,
herausgenommen aus Lebensverhltnissen vllig anderer Art, in neuen Umgebungen,
neuen Anschauungen, neuen Empfindungsweisen.
    Lucinde verdankte diese Uebereinkunft jenen Gtern des Kronsyndikus, von
denen das eine in Holstein, das andere in Mecklenburg verpachtet war. Die
Kleesaat war auch hier die grne Spur, die von dem Teutoburger Wald, ber den
Haarrauch und die Heidschnucken hinweg, mit einem Umwege ber die Marschen und
Geeste des rechten Elbufers, nach einem noch volle zwanzig Minuten vom Dammthor
gelegenen Landsitze fhrte, der unter hnlichen Landsitzen mit Nr. 33 kenntlich
gemacht war und aus einem Vorgarten von etwa auch dreiunddreiig Schritten,
jedoch keineswegs in quadrater Potenz, sondern nur etwa zwanzig Schritten der
Breite nach, einem Hause von anderthalb Stockwerken ohne Keller und einem
Hinterhofe und Hintergarten bestand, der seinerseits nur zehn Fu lang und fnf
Fu breit war, einen Holzschuppen enthielt mit einer Hundehtte und die Grube
zur Inempfangnahme alles berflssigen Niederschlags irdischen Daseins. Nach
hinten war alles das von einem schon abgeblhten Hollunderbusch umzunt und
trennte auch dies Gebsch diesen Tummelplatz lndlicher Erholung von einem
ditto, der mit gleichen luxurisen Bequemlichkeiten seine Fronte in einer andern
Strae hatte und vielleicht dort an einer Nr. 76 oder 77 bemerklich war, wo
wiederum in gleicher Weise auch nach vorn dreiunddreiig Schritte bis zum
Straenstaket Raum geboten wurde dem Flgelschlage einer freien Seele.
    Der Vorgarten in Nr. 33 war zum grten Theile grner Rasen, an dessen
Frische und Ueppigkeit es bei einem landwirthschaftlichen Samenhndler nicht
fehlen konnte.
    Dicht an dem Hause, dessen Fenster so niedrig gingen, da man sich bequem
auf ihrem Simse htte niederlassen knnen, wenn nicht die hanseatische
Gewohnheit die Fenster statt nach innen nach auen ffenbar angebracht htte,
war eine, wie sich von selbst versteht, grnlackirte hlzerne Laube befindlich,
durchzogen von einer einzigen, bereits von unten her in emporschlngelnder
Entwickelung begriffenen Weinranke, deren bisjetzt noch mangelnde Ausdehnung und
Bltterflle einstweilen ein in der Hhe von anderthalb Fu ppig wuchernder
Wald von trkischen Bohnen und Kresse ersetzte.
    Vorn und am Rande der Breterwand links und der Breterwand rechts lief eine
grne Wand von spanischem Flieder hin, einigen Weidenstumpfen mit keck
ausschieenden Zweigen und vorn am Eingang zwei duftenden, weil noch in der
Nachblte befindlichen kleinen Akazienbumen.
    Mangelte es an Schatten, so lie sich von zwei Drittel Hhe des Huschens
eine groartige Markise von roth- und weigestreiftem Segeltuche niederlassen,
die auch ber die allzu jugendliche Entwickelung der Laube den Mantel der Liebe
breitete.
    Im Erdgescho gab es drei Zimmer: eins zum Speisen, eins zum Wohnen, eins
zum Schlafen. Dazu eine Kche. Oben wohnte Herr Carstens. Seine Statur war
glcklicherweise nicht zu hoch. Er konnte in der zweiten Etage vollkommen sicher
sein, die Decke so unbeschdigt zu lassen, wie . 7 des Miethcontracts es
bedingte.
    Die Hauptsache an einer solchen Hamburger Sommerwohnung ist nur, da ein
Raum vorhanden ist, wo der Kohlencomfort stehen und der Theetopf sieden kann.
Die grnen Erbsen und gebackenen Sweser mochte man im Hause verzehren,
Speisegeruch ist berhaupt der Nachbarschaft wegen nicht genteel; aber der
Theetopf hat sein unbestrittenes Recht. Auch in Nr. 33 stand er um 7 Uhr Abends
auf dem eisernen Kohlengerst; das Tischtuch wird in der Laube ausgebreitet, die
Markise in die Hhe gezogen und das altschsische Ich bin Herr in meinem Hause
in einer Weise geltend gemacht, da man sich vor den Augen der Welt weder im
Nhen, noch Stricken, noch Sticken, noch Lesen, noch Schlafen, noch Rauchen,
noch Wiegen m einem amerikanischen Wiegestuhl, noch Erscheinen in einer
glnzenden Hausjacke von Pferdehaartuche irgendwie stren lt. Den
Vorbergehenden fllt nichts auf, weder eine grne Brille noch eine graue Katze,
weder ein schwarzer Hund noch ein rother Papagai, weder ein gelber Strohhut von
vier Ellen Umfang noch eine schlangenartig gewundene Cigarrenspitze von
schnster hellrother genueser Korallenarbeit ... Letztere war eine Neigung zur
Koketterie des Herrn Carstens, wie jene sogenannten Nizzahte eine der mehreren,
doch erlaubten seiner beiden Schwestern.
    Wir finden Lucinden wieder, wie sie sich schon am Millernthor von Angelika
Mller, die zu einer hier etablirten reichen Handelsfamilie aus Antwerpen zog,
um dort im Hause Lesen, Schreiben und Rechnen nach confessionellen Bedingungen
zu lehren, getrennt hatte. Die Braut Dr. Pttmeyer's, des Hegelstuhl-Aspiranten,
wurde von einem eleganten Wagen im Hafen in Empfang genommen. Lucinde aber fuhr
in einem Fiaker ins Comptoir des Herrn Nikolaus Carstens am Rdingsmarkt, einer
dstern, mit Bumen besetzten hollndischen Gracht. Hier im Lrmen der sich
durch den Kanal fluchenden Schiffer, der Krahnenwinder, der Fhrer von
schwerstampfenden, schellenbeladenen Lastrossen wohnen bleiben zu sollen, htte
ihr die Sinne benommen. Sie wurde sofort in die schne Natur vor's Dammthor
dirigirt und fuhr dorthin, erwartungsvoll, was ihr das Schicksal an neuen
Prfungen und luternden Vorbereitungen frs Leben bescheren wrde.
    Anfangs kam sie sich in ihrer neuen Lage wie eine Gefangene vor.
    Man hatte ihr gesagt, ein lterer Herr, Junggesell mit zwei Schwestern,
pflegte, obgleich alle drei in sehr respectablen Verhltnissen lebten, doch
zur Zerstreuung und Belebung des Hauses bald eine junge Baronesse vom Lande,
die sich in Sprachen und Musik vervollkommnen sollte, bald eine Englnderin, die
an der besten Quelle deutsch zu lernen beabsichtigte, bald eine Binnenlnderin,
die zu viel Thee und Zwieback und zu wenig Rostbeef genossen und der berdies
Wasserluft, Milch und Wiesengeruch gut thun sollte, liebevoll in die
Gemeinschaft einer stillen Familie aufzunehmen.
    Mit jenem hamburger Schein der urweltlich angeborenen Soliditt und einer
Gemtlichkeit, die selbst in Geldsachen nicht aufhrt, mit jenem kindlichen sich
wie von selbst verstehenden Fallenlassen des Tons, werden dabei auch einige
hunderttausend Mark Banco genannt, mit jenem gewissermaen weiter nicht zur
Sprache kommenden zuflligen Schluschnrkel eines gleichfalls nur der Form
wegen aufgesetzten Contracts war eine Pension von 1500 Mark Courant fr sie
bewilligt worden. Diese leichte und gracise Behandlung des Geldes, das nur vor
dem Wechselgericht oder bei der ersten und zweiten Prtur eine ernste und dann
zuweilen recht grobe Bedeutung annehmen kann, imponirte Lucinden ebenso sehr,
wie die schnell eroberte Freundschaft, die ihr zwei Damen entgegentrugen, die
das se Mdchen behandelten, als htten sie sie schon aus Langen-Nauenheim
gekannt, wie sie noch barfu unter den Enten in den Bchen herumkrebste, an
welchen gerade auch solche Weiden standen, wie sich zwei hier hinter das Staket
her verirrt hatten, zum Beweise, wie feucht die Luft und der Boden war. Ja, es
war im Verkehr gleich alles hier so sicher, so fest, so unbeschreiblich
gediegen, solid, leidenschaftslos, gewiegt, so ganz in ihr neuer Art und
unendlich imponirend. Selbst die groen Nizzahte, die einem Schattengeber, den
auf Schlo Neuhof auch die Lisabeth trug, fast gleichkamen, machten Lucinden
eine Weile sprachlos. Doch ngstigte sie es bald, da beide Schwestern, Sophia
sowol wie Meta, mit ihren Hutkrempen fast die ganze Sommerwohnung unter Schatten
setzen konnten.
    Lucinde wute einige Tage lang im wrtlichen Sinne weder aus noch ein. Schon
gleich, als sie den Winkel sah, in dem sie schlafen sollte, kamen ihr die Tage
bei der alten Buschbeck in Erinnerung. Das Erwachen, Ankleiden hinter
Bettschirmen, die erste Anlage und sptere Vollendung der Toilette zu dreien in
demselben Zimmer, und das alles verbunden mit dem im lndlichen Neglig
eingenommenen ersten Frhstck nebst Fleisch und Eiern, dazu Herr Carstens im
Sommerrock, mit der gewundenen Korallenspitze im Munde, dann das Rhmen des
rings von den allerdings vorhandenen Wiesen in die Grten hereinwachsenden
grnen Gras-Gottessegens, das unleugbare Klingeln wirklich vorhandener Khe und
die allgemeine Bewunderung dann beim gebildeten Gesprch, das berhaupt in
Aussicht gestellt wurde, vor drei alten hamburger Kupfermnzen, die Herr
Carstens als Perspective knftiger geistiger Gensse gestern mitgebracht hatte,
dann der umstndliche, zrtliche Abschied des Bruders, wenn er ins Geschft
ging, und alle diese tglichen Vorgnge in einer sich immer gleichbleibenden
Cadenz des Gemthlichen, des Sichvonselbstverstehenden und gleichsam Uraltewigen
und auch noch nach Jahrtausenden Sosichgleichbleibenden ... das machte ihr einen
Eindruck, als htte sie mssen in die eingehegten Wiesen hinberspringen und
zunchst gleich bei den Melkerinnen drben, die vor den groen
rothangestrichenen Kbeln saen, Hlfe und Unterhaltung suchen.
    Allmhlich aber fand sie sich dann, besonders als die jngere Schwester -
mit welcher Bezeichnung indessen ihr Alter nicht etwa aus dem Beginn der
Vierziger zurckverlegt werden soll - ihre Hauptforce entwickelte, das Spiel am
Piano.
    Das stand im Wohnzimmer, dicht in der Nhe der in der Entwickelung
begriffenen Laube.
    Man konnte die Sonate pathtique nicht schmelzender, die Eroica nicht
feierlicher vortragen als dies Meta Carstens that. Lucinde fhlte, was sie hier
lernen konnte. Sophie handelte wol unterdessen mit einem jungen buerlich
gekleideten und an einem Schulterquerbalken ein Dutzend Gemsekrbe tragenden
Burschen um junge Erbsen und ein fliegender Metzger brachte die vielbesprochenen
Sweser. Das Plattdeutsche, dem Lucinde auf Schlo Neuhof kaum entronnen zu
sein glaubte, tauchte dabei aufs entschiedenste wieder auf. Es stand indessen
den Schwestern, besonders wenn sie mit den Vierlndern verkehrten, ganz zierlich
und erhhte den Eindruck des Gelassenen, Soliden, Leidenschaftslosen und
Respectabeln, welches letztere Wort immer das dritte war. Die kalte Ruhe aber
wieder, mit der die Schwestern - Meta stand dann zur Untersttzung der Debatte
mitten aus dem dritten Satz der Eroica auf - die grnen Erbsen auf die Hlfte
hinunterbieten und mit einem: Ne, Ne, Ne, min Jong! Hol di jo nich op, min
Jong! den Handel abbrechen konnten, stand in so seltsamem Widerspruch mit der
Se des Tons, da sie immer nur schwieg und horchte und ber so seltsamer
Gegenwart fast die Vergangenheit verga.
    Klingsohr kam dann endlich auch aus Gttingen an. Da sie die Verlobte eines
Doctors der Rechte war und dieser selbst ein mit der Durchfhrung wichtiger
adeliger Processe betrauter Advocat, der eine Zeit lang in hiesiger Stadt wohnen
wollte, wurde schon in der Correspondenz ber die Marschen und Geeste hinweg von
Schlo Neuhof aus nach dem Rdingsmarkt berichtet.
    Klingsohr besa selbst etwas von der eigenthmlichen Art der Studirten, die
in hanseatischen Stdten den Ton angeben. Er hatte meist seine Ferien bei
hamburger Freunden verlebt und verkehrte in Gttingen berhaupt nur mit
Studenten, die unter ich plattdeutsch sprachen. Selbst ist der Mann! scheint
die Devise aller dieser jungen hamburger Aerzte und Advocaten zu sein. Klingsohr
fand hier die liebsten Genossen seiner Studienzeit wieder. Gleich den ersten
Abend, wo er zum Thee in der hoffnungsvollen Laube blieb, fand er auch bei den
Damen und Herrn Carstens einen auerordentlichen Anklang. Bei Herrn Carstens
besonders, seitdem er mit ihm ber den alten Seeruber, den Strtebeker,
gesprochen. Als die Hinrichtung desselben erzhlt werden sollte, brach zwar
Klingsohr ab, versprach aber Herrn Carstens einige Mnzen ber die Einfhrung
des soester Stadtrechts in Hamburg zu bringen, die er noch von seinem Vater aus
der Deichgrafenzeit her besa. Eben schwamm Herr Carstens darber in Entzcken
und notirte sich den Gegenstand zum Nachschlagen in den reichen Bcherschtzen
der Brsenhalle, und schon hatte er auch Meta gewonnen durch eine Parallele
zwischen Mozart und Beethoven, indem er jenen mit Rafael, diesen mit Correggio
verglich und dadurch bei den Schwestern die Schleusen wegzog von verhaltenen
seligsten Erinnerungen an die dresdener Galerie, Terrasse und Schsische Schweiz
... Ein Wort gibt dann eben das andere. Sophia Carstens bewunderte des Doctors
Kunst, sich plattdeutsch auszudrcken. Man merkte dies bei der Plage der
Sommerwohnungen, den Bettlern, die er plattdeutsch ber ihre Herkunft und
sonstige Poesie des Zigeunerthums examinirte. Sophie fand, indem sie trotz
dieser Poesie doch lieber die Thr des Gartens abschlo und mit wenigen
Schritten wieder hinterm Theetopf sa, eine Brgschaft seines Gemths darin, da
er die lieblichste und sanfteste Sprache von der Welt ber seinen Reisen und
gelehrten Studien nicht vergessen htte.
    Mein guter Vater, sagte der Doctor mit melancholischem Ausdruck der Mienen
und eine Weile die Cigarre aus dem Munde nehmend, mein Vater hate die
plattdeutsche Sprache. Er duldete schon nicht, da sie drben in Stade, wo er
wohnte und meine Mutter geheirathet hatte, in seinem Hause gesprochen wurde.
Auch auf der Buschmhle, wo alles plattdeutsch spricht, mochte er sie nicht
hren. Er nannte sie eine faule und bequeme Bauernsprache, nur gemacht fr das
Ideal des zufriedenen feudalen Schlaraffenthums. Wenn er ber irgendeine
Trgheit in seiner Nhe in Zorn gerathen konnte, ber ein Gehenlassen wichtiger
Dinge, ber Gesinnungslosigkeit in groen patriotischen Fragen, so rief er:
Sitt ick in gooder Roh', rook min Piep Toback dat! Er glaubte damit das ganze
Wesen des Plattdeutschen getroffen zu haben.
    Die drei Geschwister Carstens kannten das unglckliche Ende des berhmten
Mannes und verriethen nur durch Achselzucken ihr Bedauern ber diesen Mangel bei
soviel anderweitigen Vorzgen.
    Lucinde aber konnte nicht umhin, die gleiche Abneigung auszusprechen.
    Das ist ja eine Sprache, sagte sie, die eines Mannes gar nicht wrdig ist!
Man glaubt sie nur im Winter hinterm warmen Ofen oder aus einem groen Backtroge
heraus hren zu knnen, in den man sich mit der gestreiften Schlafzipfelmtze
gelegt hat, um noch die Wrme nachzugenieen. Plattdeutsch ist eine Sprache, mit
der man nur ber saure Milch und ob die Gurken schon blhen, reden kann. Will
man einen Gedanken aussprechen, so lt sie uns gleich im Stich. Jeden
Buchstaben, der Kraft und Energie erfordert, lt sie aus ihrem Alphabet
herausfallen; alles schlorrt darin wie in niedergetretenen alten Pantoffeln.
Schleppt das und schlendert und ist dabei so kalt, so eingebildet! Der Buchstabe
S wird T, Ch wird K, das A vernergelt sich in E. Ganze Buchstaben und Silben
fallen weg, um nur schnell wieder zum Ofen zu kommen. Geschlagen ist Sln,
aufgestanden ist upstn. Von den erhabensten Dingen spricht diese Sprache
wie von Kinderspielzeug, und dabei liegt doch wieder eine Malice, eine
Gereiztheit, in ihr, die uns z.B. vor den Mgden, wenn diese hier pltzlich
hochdeutsch zu sprechen anfangen, einen blanken Schrecken einjagen kann.
    Das war freilich eine entsetzliche Anklage! Um so mehr, als die
Schulmeisterstochter in solchen Dingen ganz auf ihrem Felde war! Die Schwestern
sahen sich nur um, da sie weder Nr. 32 noch Nr. 34 belauschten, dort eine
Maklerfamilie, die unter sich immer nur plattdeutsch sprach - man konnte die
Erwachsenen dann allerdings von den Kindern kaum unterscheiden - hier ein
Professor vom Johanneum, der diese Mundart wissenschaftlich behandelt hatte und
fr den Strtebeker und das soester Stadtrecht dem Kleesaathndler von groer
Wichtigkeit war, da er die vaterstdtische Neigung desselben wissenschaftlich
untersttzte.
    Man blickte schweigend und um Widerlegung mit flehentlichen Blicken bittend
auf den Doctor, der seinerseits die groen Wasserseen seiner Augen wie
bertreten lie und geschmeichelt ber Lucinden staunte, die den Vortheil geno,
den die Verpflanzung aus einem alten in neuen Boden mit sich bringt. Nichts hebt
die geistige Kraft so sehr, als sich in Vergleichung bringen knnen mit neuen
Eindrcken, sich abheben von einer grndlich vernderten Folie.
    Wie Lucinde auch so gar bitter und fest sprach, merkte der Doctor erst, da
sie sich auch uerlich verndert hatte. Er musterte sie, immer noch schweigend,
mit staunender Bewunderung. Ihr Krper hatte sich wie zum Abschlu entwickelt
unter dem Einflsse des Erlebten. Immermehr gewann vielleicht der
charakteristische Ausdruck ber den ideal-schnen die Oberhand. Ihre Zge
glichen jetzt jenen seltsamen Kpfen, die uns aus irgendeiner hervorspringenden
Besonderheit sogleich unvergelich sind, die aber auch Gefahr laufen knnen, da
sie mit der schwindenden Jugend die Anmuth verlieren. Hier, wie sie eben noch zu
gleicher Zeit eine Fliegenjagd erffnet hatte, dabei einen gleichfalls runden
Hut, der jedoch um einen Fu weniger Umfang hatte als bei den Frulein Carstens,
abri und ihn zum groen Schrecken derselben sogar auf eine Wespe warf, blieb
der Eindruck einer Amazone, die Kraft mit Verschmitztheit verbindet. Der leise
geffnete Mund zeigte die Zhne; das Haar war, weil eine Toilette in dem engen
Raum nicht mehr mglich wurde, fast um die Hlfte von ihr gekrzt worden; sie
trug es nun in groen und cylinderfrmigen Wellen zusammengebunden um Scheitel
und im Nacken. Um den Hals lag ein Collier antiker Form, das ihr der
Kronsyndikus von den Schtzen mitgegeben, die angeblich seiner Frau, vielleicht
einer seiner Italienerinnen gehrt hatten, und den halbentblten Arm schmckten
zwei gleiche reich mit Perlen und Rubinen besetzte alterthmliche Armbnder. Sie
besa eine ziemliche Auswahl solcher alter Schmuckgegenstnde, und jenes
Frulein Angelika Mller, mit dem sie gereist war, hatte beim zuflligen Anblick
des geffneten Kastens, der sie enthielt, gesagt: Alles alt, aber gerade jetzt
sehr modern!
    Das Unvergeliche an Lucindens Aeuerm waren vorzugsweise ihre schwarzen und
wie von einer Entzndung aller feinsten Aederchen bis in die Wangen rings
umschatteten Augen, ein plastisch gleichmiges Oval des Kinns, dann ein stetes
Lcheln am kleinen Munde und in der Haltung ein fortwhrend grbelndes
Niederblicken, wie wenn sie auf dem Boden etwas suchte, was sie verloren. An
diese Einzelzge dachte man, wenn sie genannt wurde, ebenso schnell wie bei den
Frulein Carstens an die Nasen derselben. Man htte allerdings glauben knnen,
diese Damen stammten aus dem urweltlichen Geschlecht der Saurier, von welchem
bekanntlich nur noch das Krokodil, das Chamleon und die Eidechse als Reste
brig geblieben sind.
    Klingsohr sah zwar auf die Uhr und sprach von einem Spaziergang an dem Rande
der Alster, des nahe gelegenen Flchens, an dessen Ufern sich zwar nur Sand
aufwellt, aber auch alte, schne, sturmerprobte Eichen stehen in einer Pracht
und Flle, als htten sie schon den hier einst lebenden Klopstock zu seinen
Bardengesngen begeistert ... Aber die Familie hatte die Freude, da er doch
noch erst den schwebenden Kampf aufnahm und im Plattdeutschen gerade statt
Schlfrigkeit und Trgheit Energie und Thatkraft fand.
    Wenn, liebe Freundin, sagte er, diese Ihre Holzpantoffeln und gestrickten
blauweien Nachtmtzen rasch zum Ziel kommen wollen und die Sprache kurz nehmen,
so ist damit nicht der Ofen gemeint, sondern die Sache selbst, um die es sich in
der Gemeinde, auf dem Acker oder auf dem Schlachtfelde handelt. Man nimmt bei
uns die deutsche Sprache gerade so, wie sie so auch der Englnder nur brauchen
konnte, der allerdings das, was noch fr die Ideenwelt meines Vaters fehlte, aus
der Bretagne herbernahm. Gibt es schlagfertigere Volksstmme, als es die
Dithmarsen und Friesen waren und es noch sind? Hat diese rasche und behende
Sprache, die sich mit keinem weitlufigen und unbeholfenen Aufgestanden
aufhlt, sondern rasch und flink vom Upstn spricht, nicht die schne
Eigenschaft, Bauer und Edelmann fast gleichzustellen? Sie macht aus den
Bekennern dieser Mundart fast eine einzige Familie. Wenn sie vielem
Philisterhaften einen Vorschub zu leisten scheint, so leistet sie ihn in
Wahrheit doch nur der Einwurzelung des persnlichen Stolzes auf eigenen Besitz,
eigenen Grund und Boden. Die Neuerung, deren Ideen sich freilich nicht nach
plattdeutschen Lauten ausdrcken lassen und, wollte man von Verfassungen und
Aehnlichem darin sprechen, eher wie Spott klingen wrden, ist diesen Stmmen
fremd; aber hat es nicht sein Gutes, da wir noch im Vaterlande Schanzen und
Wlle der frei bewahrten Selbstndigkeit gegeneinander aufwerfen knnen? Die
Einheit ist ein schner Klang; aber sie gewinnen auf Kosten unserer bessern
Natur? Wer mchte das befrworten um solchen Preis! Der Deutsche bildet nur ein
geistiges Volk. Seine Kraft liegt auf der Scholle, die er vertheidigt, seiner
Sitte, seiner Sprache, seinen Ueberlieferungen. Mit dem berall aufgepflanzten
einheitlichen Banner, einem schwarzweien oder schwarzgelben oder
schwarzrothgoldenen sogar, wrden wir unsern besten Gehalt verlieren, und so ist
auch die plattdeutsche Sprache nur Hemmschuh zu desto sichererer Fahrt.
Nivellirenden Staatsmnnern gegenber schtzt gerade sie Person und Gemeinde.
    
    Wenn die Damen Carstens Romane lasen, so suchten sie glcklicherweise immer
gerade das, was andere berschlugen. Sie strichen sich gern sogenannte schne
Gedanken an und schrieben sie hernach in ihre Sammlungen ber zur erhebenden
Lectre in Augenblicken der Sehnsucht und des Sichnichtverstandenfhlens oder
zur Stammbcherbenutzung. Diese Errterung, die der Doctor ihnen anzuhren
zumuthete, nahmen sie fr eine ihrem Geiste dargebrachte groe Huldigung. Schon
weckte dieselbe die berraschte Aufmerksamkeit der Nachbarschaft. Fernerhin war
der Uebergang in die gerade schwebende Frage des Zollvereinsanschlusses die
leichteste Folge dieser Meinungsuerung, fr welche freilich Lucinde keinen
Widerspruch hatte. Sie lie den beiden Damen den Triumph, durch die Festhaltung
ihrer heimischen Sprache auch den Kaffee, den Zucker und den Wein vor den
Gefahren des Untergehens in deutscher Allgemeinheit gerettet zu sehen. Lauschte
nebenan der Professor vom Johanneum, so mute er seine Freude gehabt haben an
Klingsohr's Rede. Er wrde nicht Anstand genommen haben, ihn zu einem Bekenner
der Schule Justus Mser's zu machen, einer Schule, die bekanntlich keine
Wiedergeburt Deutschlands zulassen wrde, wenn nicht auch in ihr Rechnung
getragen wrde dem Ewig-Osnabrckischen.
    Der Abend wurde khl, wie es die vielen Wiesen nach Untergang der Sonne mit
sich bringen.
    Klingsohr wollte an die Alster und bat um Lucindens Begleitung ...
    Diese warf ihre Mantille um, einen Hut ber und begleitete ihren Freund,
wohin er sie zu fhren gedachte.
    Es gab trotz der volkreichen Stadt, die zu einer bestimmten Stunde auch wie
im Nu durch die theuere Thorsperre die Bevlkerung in ihre Wlle und Mauern
zurckdrngt, hier drauen einsame und stille Wege. Sie waren lndlicher Art,
fhrten durch Weidenalleen ber Wiesen an Bchlein entlang, fhrten durch kleine
Birkengehlze und endeten in parkhnlichen Vergngungsorten, die jetzt von
Menschen ganz entleert waren.
    Der Himmel wurde dunkler und dunkler und lie schon einzelne Sterne blicken.
Die Sichel des Mondes stand schon lnger, aber sie war noch matt und fllte sich
mit vollerm Lichtglanz erst gegen Mitternacht.
    Das stille, heimliche Kferleben in Bschen, an Hecken und Zunen regte
sich; es war kurz nach Johannis. Die Phosphorfunken, die man haschte, wurden auf
der Hand zu kleinen Kfern mit punktirten Flgeldecken. Der sumpfigen Natur
konnten die Frsche nicht fehlen, diese Kukuks der Wasserwelt, die ihr Einerlei
zum besten zu geben nicht mde wurden. Friedlich ernst rauschten, von einem
leisen Luftzug erregt, die berhmten Eichen der Alster. Fernher brauste das
Gewhl der groen, in der Abendstunde die durch die Arbeit gebunden gewesenen
Sinne entfesselnden Stadt; Musik tnte herber von einem Kranze von Lichtern,
der um das Bassin des Jungfernstiegs immer reicher und voller sich hinzog.
    Gerade hierher nun nach soviel Erlebtem versetzt zu sein, war fr beide
wunderbar genug. Klingsohr legte den Arm um Lucinden und wiederholte die
Betheuerung seiner Liebe.
    Er htte, sagte er, ein reiches Feld von Thtigkeit in den verwahrlosten
Processen der Wittekind'schen Familie gefunden, es knnte sich bis zum Winter
hinziehen, da er hier bliebe ...
    Und dann? fragte Lucinde, die eine gleiche Wrme wie damals auf Schlo
Neuhof fr den Freund nicht mehr fhlte.
    Was wir erlebten, erwiderte dieser, kam so unglckselig strend, kam so die
nchste Besinnung raubend, da ich noch keinen Plan fr die Dauer gefat habe.
Ach, und wie oft ist mir's wieder, als sollt' ich dich umfangen und dich mit mir
hinabziehen in Tod und Vernichtung! Sieh den geisterhaften Schein der Wellen!
Wie still und geheimnivoll sie dahinflieen!
    Lucinde wandte den Kopf zu dem Sprecher empor. Er hatte ihr den Hut
abgenommen, weil der Rand desselben ihn hinderte, sich fester an sie zu
schmiegen. Letzteres that er mehr als sie dessen erwiderte. Sie fand ihn
schwankender, haltloser, als sie von Mnnern seiner Art geglaubt hatte. Und bei
dem geisterhaften Schein der Wellen auch ihres unglcklichen Vaters gedenkend,
schttelte sie's fast wie Frost. Sie sagte fast wie mit bewutester Prosa:
    Warum denn sterben!
    Ein Seufzer entrang sich seiner Brust ...
    Wie drben in der Stadt die Wagen rollen! fuhr sie fort. Wie die Musik so
lustig klingt! Das alles ruft und will genossen sein!
    Klingsohr lftete den Sommerhut und fuhr sich erregt durch sein krauses
rthlich schimmerndes Haar. Die Narben an Stirn und Wangen zuckten.
    La uns von dem Schilf da fort! sagte er und zog Lucinden vom Ufer mehr der
Baumallee zu ...
    Blicke auf Vergangenheit und Zukunft muten sich jetzt von selbst ergeben.
    Klingsohr sprach viel und schnell durcheinander vom Tode seines Vaters, von
der Schuld des Stephan Lengenich, die sich immer erwiesener herausstellte. Er
wiederholte wie schon oft:
    Der Schrecken ber den einsamen Anblick des Erschlagenen, das Entsetzen, da
man ihm htte die That zuschreiben knnen, hatten den Kronsyndikus in Verwirrung
gebracht, und, was mehr ist, hinter dem Hasse gegen meinen Vater barg sich
Freundschaft. Vom Schicksal desselben erschttert, unfhig, der Erste zu sein,
der es anzeigte, sprengte er nach Neuhof zurck, konnte die Todesnachricht nicht
ber seine Lippen bringen, verbrannte in einem Anfall von Gromuth, was er von
Schuldforderungen noch in der Buschmhle geltend machen konnte und bot mir
seinen Schutz und sogar den Vaternamen an und mein ganzes Glck in dir! ...
Stephan Lengenich ist der Mrder ... Die Feinde meines Vaters waren ja zahllos.
Auf jedem Waldwege begegneten ihm Mnner, die ihm den Gru verweigerten. Ich
hrte ihn einmal klagen, da man auf der Buschmhle Feuer angelegt gefunden. Man
verschwieg es, weil gerade ihn der Verlust der Popularitt schmerzte. Hoch immer
auf dem Schilde aller wollte er getragen sein. Er konnte keine Gegner dulden,
ohne sie nicht von der Nichtigkeit ihres Hasses berzeugen zu wollen. That er's
dann, so verwirrte sich der Hader nur erst recht. Feindschaft, die auf
Antipathie beruht, vermittelt sich schon bei einer gnstigen Gelegenheit zum
leidlichen Auskommen; tauscht man aber mit ruhiger Ueberlegung Warum gegen Warum
aus, so treten erst recht Verletzungen ein, die unheilbar sind. Diese Tage sind
dster, aber sie liegen hinter uns. Vor uns winkt die Zukunft. Kehr' ich nach
Gttingen zurck, so sollst du die Muse meiner Studien sein. Lass' ich mich von
Freunden, deren ich hier nur zu viele fand, bereden, hier zu bleiben, so findest
du dich in diese neuen Anschauungen. Komme, was kommen mag,

Wenn ich dich nur habe,
Wenn du mein nur bist!

    Nun war Klingsohr im gewohnten Zuge und drckte sie, dichtend und
phantasirend, wilder an sich, als ihr, der nur Horchenden, wohlthat.
    So gingen sie bald wieder am Schilf des Ufers oder suchten, um nicht im
Sande zu versinken, grne Stellen. Weiter kam ein Weidengebsch. Da blieben sie
stehen und Klingsohr ergab sich mit neuen Betheuerungen seinem ganzen Gefhl,
das jetzt ein keckes und herausforderndes wurde.
    Lucinde schwieg nur. Es war ihr nicht als wre sie die Mitschuldige eines
Mitschuldigen; aber irgendetwas blieb im Dunkeln ... Eine gewisse Kluft zwischen
Klingsohr und ihr konnte sie nicht mehr ausfllen. Sie wute nicht, woran es
lag, da sie sich ihm pltzlich gewachsen fhlte, ja ihn bersah. Die Zauber des
Fesselnden waren ihm pltzlich fr sie abgestreift, und so bedeutsam seine Rede
blieb, seine Thatkraft vermite sie, und selbst seiner Rede, seinem Humor,
seinen Versen, hrte sie Gebundenes, Unfreies ab, ja, eine Gefallsucht, fr die
sie nur keinen Ausdruck hatte.
    Und doch gerade in ihm hatte sie Ausdehnung und Raum zu finden gehofft wie
im Universum, das er sonst auf seinen Schultern zu tragen schien! Nun gefiel ihm
sogar diese enge, begrenzte Welt, in die man sie versetzt hatte. Es war eine
Freiheit, die ihr Zwang erschien. Und die Zumuthung, da sie ihm Stab, sie ihm
Sttze sein sollte!
    Er begleitete sie an das kleine Haus zurck, in die Mausefalle, wie sie es
nannte. Sein Abschied war strmisch; sie sagte ihm khl eine Gute Nacht!
    Zehn Uhr Abends war's. Dennoch sieht man Klingsohrn noch nicht in seine
Wohnung gehen, sondern in einen der Pavillons eintreten, die sich am
Alsterbassin befinden.
    Musikklnge, Tabackrauch, die Dfte von Grog und Punsch wirbeln in allen ...
    Hier begegnen sich der Einheimische und Fremde ...
    Drauen vor der Thr stehen Sessel, auf welchen man, wenn die des Nachts
sich zuweilen sanft wieder mildernde Wasserluft es gestattet, die wogenden
Menschenmassen an sich vorberziehen lt, wol auch die auf dem Wasser noch mit
chinesischen Lampen dahinrudernden Gondeln verfolgt und ein Bild voll Leben und
Bewegung in sich aufnimmt, das nur in der Ferne eine einzige groe Windmhle
unschn, aber doch charakteristisch begrenzt.
    Diese Pavillons sind so bequem gelegen, da man sich ihrer kleinen Ecksitze
im engern innern Raum gern als Stelldicheins fr Freunde bedient. Manche Tische
werden immer von derselben Gesellschaft in Beschlag genommen, entweder bei
schnem Wetter drauen oder bei unfreundlichem drinnen. Im Winter ist man
jedenfalls sicher, immer eine Gruppe von Bekannten an einer und derselben Stelle
zu finden.
    Der Kreis, in dem sich Klingsohr hier bewegte, ist ein den Hansestdten ganz
eigentmlich angehrender.
    Der Kaufmann ist dort der bestimmende und magebende Theil der Bevlkerung,
aber zu seinen Ergnzungen gehrt der Arzt, der Advocat, auch der Schriftsteller
und Gelehrte berhaupt, denn an dem Bedrfni des gedruckten Buchstabens fehlt
es durchaus nicht, und eine diesen Stdten ganz ausschlielich angehrende
Literatur beeifert sich es zu befriedigen. Die Achtung vor der Wissenschaft ist
nicht gering. Man kann aber auch sagen, da die, welche zu ihren Bekennern
gehren, nichts unterlassen, was ihre Geltung mehren kann.
    Nirgends uert sich der Arzt, der Advocat und Schulmann mit solcher
Bestimmtheit wie unter Kaufleuten, und niemand unterwirft sich ihnen auch so
unbedingt wie diese. Englands Parlament ist ein Beweis, wie der Nimbus der
gemachten Studien sich vorzugsweise in einer groen geschftlichen Welt erhlt.
Diese Aerzte und Advocaten sind es vorzugsweise, die den ffentlichen Geist
bestimmen und das Endurtheil auch in den Familien abgeben, denn, wie jene die
Frauen regieren, so werden diese zu jeder Berathung von grerer Wichtigkeit
hinzugezogen. Die einen von ihnen folgen dem allgemeinen Geiste des Erwerbs und
nehmen frh eine praktische Richtung an, streifen den Idealismus ab, reden mit
dem gemeinen Mann in seiner Sprache und nehmen die materielle Welt ganz wie sie
ist; die Wissenschaft wird ihnen eine melkende Kuh; sie verschmhen selbst die
Intrigue nicht, und werden in der oft bis zum Lieblosen gehenden Entfaltung des
schroffsten und einseitigsten juristischen Verstandes untersttzt von denen, die
ihre Spitzfindigkeit in Anspruch nehmen, bewundern, rhmen, reichlich belohnen.
Die andern sind, wie die menschlichen Entwickelungen einmal durch ihre
angeborenen Anlagen bestimmt werden, von einer idealen Haltung. Sie scheinen das
Alltgliche zu verachten, vertreten die Gedankenwelt, hllen sich in einen
heiligen Nebel mystischen Eingeweihtseins, sind entweder Freimaurer oder
Pietisten oder Poeten oder alles zu gleicher Zeit und in verschiedenen Lagen,
nur benehmen sie sich berall wie ein Besonderes, Vornehmes und ewig
Akademisches, und man darf hinzufgen, da auch diesen Mnnern der Erfolg nicht
fehlt. Jetzt, wo die materielle Richtung berwiegt, mag das Huflein dieser
vorzugsweise mit dem Rufe des Geistreichen ausgezeichneten Adepten der
Wissenschaft geschmolzen sein. Noch in den dreiiger Jahren aber war der
Zusammenhang Hamburgs mit den edelsten Richtungen des Vaterlandes ein sehr
inniger, und die schne, mahaltende, sich selbst beschrnkende Weise manches
dort gefeiert gewesenen Namens wird noch jetzt bei den Nachlebenden nicht
verklungen sein.
    So scheiden sich beide Richtungen im Alter. In der Jugend aber gehen sie
noch mehr zusammen. Der Scharfsinn des einen findet seinen Widerpart am Wissen
des andern, der Rabulist der sptern juristischen Praxis streitet sich noch mit
Hartnckigkeit fr Schelling oder Hegel, denen er die Schrfe seiner
Unterscheidungen zugute kommen lt. Allen aber gemeinsam ist auf lange Zeit,
oft bis in die ersten Jahre der Verheirathung hinein, das lebendige Festhalten
des akademischen Lebens. Die von Gttingen oder Heidelberg mitgebrachten
Anschauungen werden nicht nur in den Kaffeehusern festgehalten, sondern oft
auch noch in dem Wldchen hinter Wandsbeck, in den Hohlwegen hinter Eppendorf.
Man setzt die Feindschaften, die man von der Hirschgasse in Heidelberg, von
Ulrici in Gttingen mitbrachte, in der Vaterstadt fort und wechselt auch oft
noch im nahen holsteinischen Sachsenwalde Kugeln um dieselben Bagatellen, um
welche man am Neckar und an der Leine auf krumme Sbel losgegangen war.
    In diesen Kreis seiner Freunde kehrte Heinrich Klingsohr, mit Enthusiasmus
empfangen, zurck. Die grngelbweie Farbe hatte mit der rothweien immer
harmonirt; gehrten doch beide dem groen Bunde des Plattdeutschen an.
    Klingsohr traf junge Advocaten und Aerzte, Assistenten am Krankenhause,
gelehrte Speculanten, die sich durch irgendein Organ, das Ohr, das Auge, oder
als Juristen durch Wechsel- oder Staatspapiergeschft eine Specialitt zu
schaffen suchten, andere, Juristen, die auf eine Anstellung in der Verwaltung
rechneten und sich mit Statistik der Ein- und Ausfuhr beschftigten,
Schulmnner, die vor drei Herren und siebzehn Damen Vortrge ber Spinoza
hielten, andere, die eine alte Neigung zum Schriftstellerthum nicht lnger zu
verbergen brauchten, sondern durch irgendein Angebot der vielen hier
erscheinenden Zeitungen Redactoren wurden, sie wuten nicht wie, Candidaten, die
noch nicht nthig hatten, das Haar zu scheiteln und den Blick zu Boden zu
schlagen, da die Aussicht zu einem Pfarramt in der Stadt erst ber eine lange
Probezeit auf dem Lande oder ein mhseliges Lehramt geht ... kurz, in diesen,
natrlich unausgesetzt von Cigarrenwolken eingehllten Kreis trat Klingsohr ganz
so wieder ein, wie er ihn von seinen frhern Besuchen her kannte. Selbst in
Gttingen als Privatdocent hatte er den Zug zum ewig Studentischen nicht
aufgeben knnen. Er fand hier alle alten Anekdoten wieder, alle alten
Stichwrter und Stichbltter des Witzes, alle alten Spitznamen; man lachte
ebenso auf gegenseitige Kosten wie bei Bethmann in Gttingen, mit der gleichen
oft sehr nahen malicisen Anstreifung an die touchirende Grenze und mit
derselben Empfindlichkeit, wenn diese wirklich berschritten und eines jener
Worte gesprochen wurde, in deren Entgegennahme der Mann von Ehre sich in
Deutschland vom Philister unterscheiden soll. Zwischendurch galten die
Gesprche der aufgeregten Zeit, den Streitigkeiten des Tages, den Vorkommnissen
der innern stdtischen Verwaltung, den Persnlichkeiten der einzelnen
Theilnehmer des Kreises und vorzugsweise den Frauen.
    Letztern widmete man ganz den Antheil, der ihnen berhaupt gebhrt; erhhen
aber mute er sich im Munde junger Mnner, von denen selbst die, welche den Reiz
des Frauenthums mehr als sich gebhrt htte schon auf sich hatten wirken lassen,
nicht in eine souverne Verachtung desselben, die den Blasirten eigen ist,
versunken waren, sondern aus dem Wsten und Wilden sich ganz so wie Heinrich
Klingsohr selbst zu einem Bedrfni aufschwangen, in den Frauen das
Madonnenhafteste, von der Welt zu finden und sie anzubeten wie die eigene
verlorene Unschuld und Jugend. Die dem Fremden fast unglaubliche Mglichkeit,
da sich in Hamburg berhaupt Sitte und Unsitte in strengster Geschiedenheit
erhalten knnen, war auch in diesem Kreise bewiesen. Man konnte der tollsten
Phantasie und einer grauenerregenden Kenntni aller Nachtseiten im Frauenleben
den Zgel schieen lassen und war wiederum, wenn der Name einer Unbescholtenen
genannt wurde, einig in dem Preise ihrer seidenen, dem Bilde einer Katharina von
Siena entsprechenden Augenwimpern, dem Preise ihrer Hnde, deren
Durchsichtigkeit und Weie nicht anders als mit der Zierlichkeit der Hnde eines
van Eyck und Memling verglichen wurde, dem Preise ihrer Augen, die wegen ihrer
etwaigen trumerischen Unbewutheit und glubigen Zuversicht geradezu
katholische genannt oder ihrer irrenden, rein nur innerhalb des instinctiven
Lebens bleibenden Unschuld wegen mit den sanften Augen einer Gazelle verglichen
wurden. Ein Drngen aus dem zu reich genossenen, in seinen Untiefen zu sehr
erkannten Alltglichen zum reinern Licht empor besaen alle, und die Art, sich
ihre luternden Flammen zu entznden, war seltsam genug. Mancher betete in
diesem Sinne die Tochter eines Millionrs der Grninger Strae an, mancher aber
auch nur die eines armen Handwerkers an den Vorsetzen oder Raboisen.
    Auch jenes hehre Gnadenbild, zu dem Klingsohr aufblickte, war gleich nach
seiner Ankunft allen bekannt geworden.
    Da es sich um die Pensionrin einer respectabeln Familie handelte, wute
man.
    Man machte an der Sommerwohnung des Herrn Carstens Fensterpromenade, um den
Schatz zu sehen, der einem Abadonna noch vor seinem gnzlichen Fall oder
seiner Luterung vom Himmel beschert werden konnte; denn in diesem Kreise galt
Klingsohr fr einen jener gefesselten Titanen, die frher oder spter den ewigen
Gttern des Olymp den Garaus machen konnten. Er hie einer von denen, die eine
unberechenbare Zukunft besen. Ein einziges Publikum hatte er in Gttingen
gelesen, das aber von einigen Hundert Studenten besucht wurde, whrend er eine
Vorlesung ber Privatrecht nicht zu Stande bringen konnte. Aber in jener
Vorlesung ber Dante's Zeit-und Weltanschauung elektrisirte er seine Zuhrer
in einem Grade, da man an Klingsohr nicht anders dachte als wie an einen
Evangelisten, der immer ein wildes Thier neben sich sitzen hat. Die Drachen und
Greife Dante's zogen seinen Ruhmeswagen, sein Schweigen war so bedeutungsvoll
wie die Geheimnisse der Apokalypse, sein Reden war Prophetenthum. Da er
arbeitete, stand fest. Wenn er um zwlf Uhr von der Kneipe gekommen war, sah
man bis drei und vier Uhr noch Licht bei ihm. Seine Versicherung, er wrde ein
neues System des Staats-, des Natur-, des Vlkerrechts, eine neue Philosophie
der Geschichte, eine neue Geschichte der Literatur, eine neue Ausgabe des
Sachsenspiegel, eine Zusammenstellung der Fragmente des Ciceronischen Buchs 
De Republica bringen, eine Geschichte der italienischen Stdtebnde, eine
Abhandlung ber die Verjhrungsfristen, eine neue Begrndung des Steuerwesens
und eine Kritik Adam Smith's nach dem System der Bienenkrbe, alle diese
Verheiungen fanden den vollstndigsten Glauben. Fr jedes dieser
epochemachenden Werke hatte er die leitenden Gesichtspunkte schon fertig und
wute sie an geeigneter Stelle so anzubringen, da man jahrelang von dem
Gedanken sprach, den Sie, wissen Sie, Klingsohr, damals auf dem Ritt nach
Mnden, am Zusammenflu der Werra mit der Fulda, auf der reizenden kleinen Insel
(dem Taufkissen der neu entstandenen Weser, konnte er einwerfen) aussprachen?
Klingsohr strich sich die kurzen rthlichen Locken und lchelte dann nur. Er
lchelte nicht etwa geschmeichelt - die Werthschtzung verstand sich schon von
selbst - er lchelte voll Wehmuth, wie ein Trumer, dem man von einem Mrchen
aus alten Zeiten sprach. In solchen Wehmuthsaugenblicken konnte er, war es
Abend und sa man im Freien, stundenlang auf ein einziges Sternbild blicken, die
Kassiopeia, und ohne eine Miene zu verziehen so viel Bier oder Wein oder Grog
vertilgen, wie ihm auf ein Klappern mit dem Zinndeckel, oder das Rtteln einer
leeren Flasche, oder das Anklingen mit dem Stahlbgel der Cigarrentasche an ein
leeres Glas von einem kundigen Gleich-Gleich-Herr! nur hingestellt wurde.
Begann er dann endlich nach solchen Pausen zu reden, so war es gewhnlich eine
neue Lesart im Tacitus, die er solange berdacht hatte, oder ein Irrthum in
Vega's Logarithmischen Tafeln. Je seltsamer, je abstruser seine Aeuerung, desto
mehr imponirte sie.
    Jetzt wieder sa Klingsohr im Alsterpavillon bis zwlf Uhr Nachts mit
derselben Beharrlichkeit und in demselben Wechselverkehr mit den
Gleich-Gleich-Herr!'s wie sonst. Aber zerrissener und wster als sonst war
seine Art, bitterer sein Humor; die Scherze, die er oft bis zur Ausgelassenheit
ber einen und denselben Gegenstand zusammenjeanpaulisiren konnte, flossen
nicht mehr von seinen zuweilen krampfhaft zuckenden Lippen. Man brachte bei
Beobachtung dieser Vernderung den ihn betrbenden Tod des hochgefeierten Vaters
in Rechnung, dann die Liebe zu dem Elfenkinde vor dem Dammthor, das alle gesehen
und wegen ihrer fremdartigen, der hier zu Lande blichen Weise nicht
entsprechenden Art des Aussehens und Benehmens bewunderten. Einige schlechte
Witze, die dieser oder jener sich erlaubt hatte, waren fast bis an die
touchirende Grenze gegangen und ein fr allemal beseitigt worden. Klingsohr
hatte sich, als man von einem bei dem Kleesaatmakler Carstens in Correction
gegebenen Rslein auf der Heiden sprach und das Rauhe Haus erwhnte, vom
Tische erhoben, wie wenn ein jeder Zoll an ihm auf zwei hinauswchse und er
geradezu bis zu seiner Kassiopeia hinauf wollte; er sprach kein Wort, aber sein
sonst ausdrucksloses Auge starrte und von Stund' an war das Gesprch ber diese
Liebe rein und unentweiht, wenn man auch nicht begriff, wie sie den von einem
solchen Besitz Beglckten nicht mehr beleben und erheitern konnte.
    Des Geldes, das allerdings sonst, wenn es mangelte, dem Weltschmerz
Vorschub zu leisten pflegte, besa Klingsohr genug. Wie kam er zu dieser
verstimmten Laune, diesem schlendernden, dicht an den Husern entlang gehenden
Gang, diesem Niederblicken, diesem heftigen Aufschlagen der Glser, da sie oft
in Scherben zersplitterten, diesem erbitterten Angriff auf Richtungen, denen man
ihn verwandt glaubte, dieser gehssigen Verfolgung alles dessen, was lebensvoll
und frhlich sich um ihn her tummelte?
    Einige Aufstze schrieb er damals fr Bltter, die seine Freunde redigirten.
Die doctrinren Behauptungen darin gingen selbst diesen zu weit. In einer
Republik von Brgern rhmte er den Adel, nannte ihn von Gott eingesetzt, stellte
ihn wie Leuchten hin, die das Dunkel der Zeiten erhellen sollten, pries ihn
seiner Einseitigkeit wegen, in der die Brgschaft seiner Kraft lge, ja schlo
damit, da kein Denker besser die Zeit erfat htte als jener Ludwig von Haller
zu Winterthur in der Schweiz, derselbe, der Luthern einen sittenlosen,
entlaufenen Mnch genannt hat.
    Diese Artikel erregten Widerspruch. Sie wrden in dem Kreise, der Klingsohrn
bewundernd umgab, eine Spaltung hervorgerufen haben, wenn nicht seiner
Vergtterung des Adels eine Nemesis der schneidendsten Ironie gefolgt wre.
    Sie erregte das Aufsehen der ganzen Stadt.

                                      17.


Eines Tages, an einem schnen Nachmittage, sa Klingsohr am Alsterpavillon
wieder unter seinen Freunden.
    Sie waren heute zahlreicher denn je vertreten, da man auf dem wallenden
blauen Bassin ein Wettrudern veranstalten wollte, zu welchem einige von ihnen
als Comitmitglieder gehrten und sich ber mancherlei dabei zu beobachtende
Vorschriften vor der entscheidenden Sitzung zu verstndigen wnschten. Schon
baute man ein Gerst auf einigen Khnen, das in bunter Ausschmckung in der
Mitte des Bassins als Festtribne vor Anker liegen sollte. Die Massen der
Bevlkerung wogten hin und her. Klingsohr war vorm Thore gewesen und hatte, wie
schon oft, Lucinden nicht gefunden.
    Diese konnte das Einerlei der Beethoven'schen Sonaten, der grnen Erbsen und
vaterstdtischen Mnzen nicht lnger ertragen und hatte nach rechts und links
ihr Terrain erweitert. Menschen, die von einer frischen und lebenskecken Kraft
sich bestimmen lassen, finden sich berall. Lucinde hatte die ganze Reihe der
Sommerwohnungen von Nr. 25 bis 40 diesseit der abgeblhten Hollunderhecke und
jenseit von Nr. 45 bis 60 durchbrochen und dort durch Vermittelung von Kindern,
hier durch einen entflogenen Papagai, da durch ein am Buschwerk des Gitters beim
Vorberstreifen hngen gebliebenes Tuch, dem man von innen Abhlfe spendete,
eine Bekanntschaft nach der andern geknpft. Zum Schrecken der beiden Damen
Carstens war sie berall einheimisch geworden, sowol bei Menschen, die jhrlich
10000 Mark einnahmen, als bei solchen, die vielleicht nur auf 4000 kamen und
sogar den Winter ber die Sommerwohnung nicht verlieen; ja bei Juden sogar,
bei Lotteriecollecteuren und Hausmaklern sprach sie ein und wute alle
Geheimnisse der jungen Mdchen und jungen Frauen, der Matronen, sogar der
Ehemnner und Greise. Ihre Zutraulichkeit befremdete erst, dann entzckte sie.
Die fremdartige, halb sddeutsche Aussprache, der geringe Werth, den sie auf
ihre Anmuth legte, ihre Neigung zum Necken gefielen so ausnehmend, da
Eifersuchtsscenen ausbrachen, und schon darber, wer sie am lngsten und am
ftersten besitzen konnte. Lucinde erkannte sich kaum selbst wieder in diesen
Erfolgen. Die alte Erfahrung, da in ein steifes, allzu geregeltes Treiben ein
glcklich organisirter Geist mit den leichtesten Mitteln Leben und Bewegung
bringen kann, besttigte sich aufs neue. Sie staunte ber das, was sie zu Stande
brachte. Alle Herzensgeheimnisse von einem Dutzend junger Mdchen kannte sie,
und Mnner, die sonst auf Spaziergngen kalt vorbergingen, wurden ihr jetzt in
ihrem geheimsten Charakter entrthselt. Sie half, wo sie konnte. Ja, sie selbst
erntete Huldigungen in solchem Ueberflu, da sie nicht wute, was damit
anfangen. Noch entdeckte sie alles Klingsohrn und nahm dessen Warnungen auf.
Bald aber stellte sie Vergleiche an und gerieth in Neckereien und
Versteckspiele, ganz in der ihr eigenen Weise, die allen und keinem gehrte.
Bald folgte dann freilich auch die Reaction. Hier war eine Eitelkeit verletzt,
dort ein Verdacht bertrieben worden; schon gab es Vorwrfe, schon
Verfeindungen; Freundschaften lsten sich im Lauf eines einzigen
Abendspazierganges durch die thaufeuchten Wiesen in entsetzliche Enthllungen,
Racheplane und Warnungen auf. Htet euch vor der! riefen die einen, whrend die
andern noch das treueste und edelste Herz liebkosten und nur ein Kind der Natur
in Lucinden sahen, dem niemand gram sein knne, selbst wenn es unberlegte
Streiche machte ... Kein Wunder, da in diesen immermehr zunehmenden Wirren
Klingsohr oft stundenlang bei der Erbsen lernenden Sophia oder der Lieder ohne
Worte spielenden Meta oder dem in der Geschichte der hamburger Brgermeister
verlorenen Nikolaus verweilte alten und sich von seiner in Feld und Wald
verflogenen Liebe nichts finden wollte.
    In der durch eine solche Nachricht von einer wieder in die Sumpf-, Moor-,
Wald- und Sandsteppenwelt hinter Eppendorf hinausgegangenen Wanderung erzeugten
Mistimmung war Klingsohr an jenem Nachmittage zur Stadt zurckgekehrt. Da das
auf der Alster vorbereitete Vergngen ein aristokratisches war, so fanden sich
in dem Kreise, den er betrat, gerade diejenigen anwesend, die ihr Patricierblut
in denselben Wallungen kund zu geben pflegten, wie wenn sie zu den Granden der
Ukermark oder zu Mecklenburgs Vollblut gehrten. Zu den Hofschlittenfahrten
unter den berliner Linden knnen die Farben, die die Vorreiter tragen, die
Farben der Federn, die auf den Kpfen der Rosse wehen sollen, nicht sorgfltiger
nach den heraldischen Thatsachen der Familienwappen bestimmt werden, als hier
die jungen Doctoren aus den Familien der Millionre und die knftigen Senatoren
und Gesandten der Republik von den Emblemen ihrer Wimpel, den gestreiften Farben
ihrer Ruderboote und Ruderer sprachen. Die Ehre war in ihrer ganzen, so
empfindlichen und bekanntlich nur geringen Elasticitt angespannt, und Heinrich
Klingsohr gab seine Rathschlge in einem Tone, als wenn er in der That ein
rechtmiger Sohn jenes Freiherrn von Wittekind war, dessen Processe er nur
fhrte.
    In diesem Augenblick geschah ihm aber etwas Entsetzliches.
    Eine schlanke, hohe Gestalt in schwarzem Frack, mit einem hierorts
auffallenden Ordensbande im Knopfloch, drngte sich durch die dichten und dem
Alsterspiegel zugewandten Menschenmassen an den von den geachtetsten jungen
Mnnern der Stadt besetzten Tisch, rief ein lautes, fast kreischendes: Hab' ich
dich, Schurke! einem derselben, dem er den Hut vom Kopfe schlug, entgegen und
schlug mit einer Reitpeitsche auf Schultern, Kopf, Hnde desselben so
unbarmherzig zu, da im Nu blutige Striemen auf Stirn und Wangen sichtbar
wurden. Man htte noch Aergeres befrchten mssen, wenn dem Rasenden, der Sthle
und Tische umwarf, um noch rger ber sein Opfer herzufallen, andere nicht im
Augenblick in die Arme gesprungen wren und mit der uersten Anstrengung seinem
Beginnen ein Ende gemacht htten.
    Der so Getroffene war Klingsohr. Den Angreifer erkannten sowol dieser
selbst, soweit er die Besinnung behielt, wie mehrere in der Gesellschaft
sogleich wieder. Es war kein anderer als ein lterer gttinger Studiengenosse,
der Freiherr Jrme von Wittekind.
    Der Kammerherr nannte auch sogleich seinen Namen und warf zum Ueberflu eine
Karte auf den Tisch. Andere rissen ihn fort. Das rege Rechtsgefhl und das
schnell entschlossene Naturell der Bevlkerung machte sich in der Beihlfe
geltend, die der Mishandelte erfuhr; man ri den Strer des Stadtfriedens fast
nieder. Die Mitglieder der Gesellschaft aber, die sein Ueberfall so urpltzlich
gestrt hatte, hinderten sowol die Volksjustiz wie die Arrestation. Alle
erkannten, da hier ein Vorfall stattfand, der einem Ehrengericht angehrte,
nicht der Polizei. Klingsohr blutete. Sowie er zum Bewutsein gekommen, wollte
er sich entfernen. Kein Wort sprach er, ja er schien dem Ueberfall eine
Bedeutung zu geben, die diesen gnzlich dem Bereich fremder Einmischung entzog.
Um den Angreifer, dessen stattliche Gestalt imponirte, ja der sofort eine
Erfrischung bestellte und die Brse zog, hatte sich sofort eine Gruppe gebildet.
Es stand bald fest, da eine solche Selbsthlfe hier nur die Folge eines
uersten Zwanges gebotener Umstnde gewesen war, und wenn auch Mnner und
Frauen riefen: Er ist toll! wenn auch einige der Herren am Tische es berdies
auch schon gesagt hatten: Es ist der tolle Wittekind! so erblickte man doch
zunchst in seiner Handlungsweise nur das Ma, wie weit Rache und langgeschrte
Wuth vielleicht begrndetermaen einen Menschen fortreien knnen. Den Angreifer
begleiteten ber die Strae einige seiner alten Commilitonen auf einige Zimmer,
die er, vor einer Stunde angekommen, im ersten Stock der auf zwanzig Schritte
nahe gelegenen Alten Stadt London genommen und auf Befehl der Polizei nicht mehr
verlassen durfte. Man erfuhr von dem ohne alle Begleitung Angekommenen, da ihm
Klingsohr seine Braut entfhrt htte.
    Wirr genug waren die nhern Angaben des Racheschnaubenden; aber kannte nicht
jeder das Rthselhafte der Persnlichkeit, mit der Klingsohr in Hamburg
aufgetreten war? Der Kammerherr konnte, wenn er einen tobschtigen und bsen
Gedanken unausgesetzt verfolgte, mit Consequenz verfahren wie ein Vernnftiger.
Jetzt war er ganz heiter, lachte, lie Champagner kommen, behielt seine alten
Freunde zurck und widersetzte sich der Anordnung eines Ehrengerichts
keineswegs. Die Satisfaction, die als dem so Gezchtigten gebhrend sogleich
genannt wurde, versprach er ohne weiteres geben zu wollen, drang aber auf Eile,
wobei er sich benahm, als drohten der Verzgerung Gefahren fr ihn und andere.
Niemand begriff dabei aus seinem Benehmen, wie der lngst als schwachsinnig
Bekannte mit einer gewissen lachenden Geberde immer auch die Freude ber seine
Flucht aus einer, wie es schien, gewaltsamen Absperrung kund gab.
    Klingsohr wurde sofort in seine Wohnung gefahren. Ihn begleitete der andere
Theil der gemeinschaftlichen Freunde. Als man von der Entscheidung durch die
Kugel sprach, sprang er auf, stie das Gef mit kaltem Wasser, aus welchem man
die Umschlge anfeuchtete, die die Striemen seines Antlitzes khlen sollten,
zurck und blickte starr ins Leere, wie schaudernd vor einer grlichen
Gedankenverbindung. Dann sank er in einen Sessel zurck, dumpf vor sich
hinbrtend, das Haupt aufgesttzt und den Kopf schttelnd wie ber das
Unerklrlichste der Welt. Die Beschimpfung, die er vor einer ganzen Stadt
erlitten, war so gro, da man diesen starren Ausdruck, der sich bis zum
Ausbruch eines jeweiligen bittern Lachens steigerte, nur allein seinem
Schamgefhl zuzuschreiben brauchte. Nannte man jedoch den Kammerherrn verrckt,
so schttelte er den Kopf und that, als wre sein Beleidiger der Weisesten einer
und von Gott selbst gesandt.
    Da Jrme von Wittekind in dem Grade schwachsinnig war, wie es Lucinde
kannte, wute man in diesem Kreise noch nicht; man hatte vor Jahren in Gttingen
des Verkehrten genug von ihm erlebt, aber selbst Klingsohr kannte ihn nicht in
seinem ganzen Zustande. Einem der Freunde, einem Arzt, der lange bei dem Thema
der Narrheit des Beleidigers verweilte, unterbrach er die Rede. Man mute es
seiner Aufregung und dem Mismuth, zur Herstellung seiner mihandelten Ehre - wie
einmal die Logik des Duells mit sich bringt - nun noch sein Leben preiszugeben,
zuschreiben, wenn seine Aeuerungen herauskamen wie ein Schauder vor den
Fgungen des Geschicks. Dumpf sprach er in Stellen aus den Tragikern aus, da
das Schicksal seine Verhngnisse durch unsere eigene Thorheit und Leidenschaft
vollziehen lasse.
    Ebenso wichtig, wie die Vorbereitung eines Duells, die Klingsohr als den
Abschlu des die ganze Stadt erfllenden Vorfalls ruhig geschehen lie, war die
Frsorge, die man zu treffen hatte, um Lucinden vor dem Kammerherrn zu sichern.
    Sofort wurde eine Mittheilung nach der Sommerwohnung des Herrn Carstens
gemacht mit der Warnung, Frulein Schwarz nicht einem Ueberfall blozustellen,
der bei dem Charakter einer solchen Leidenschaft, wie sie der Kammerherr zur
Schau trug, leicht in einer gewaltsamen Entfhrung bestehen konnte.
    Die Damen des Hauses erschraken nicht wenig, theils ber den Vorfall an
sich, theils ber die in Aussicht gestellten Folgen. Sie beklagten, eine Person
aufgenommen zu haben, die nun in der ganzen Stadt ein solches Gerede veranlate.
Hatte sich Lucinde bereits unter einem Dutzend Familien die verschiedenartigsten
Beurtheilungen zugezogen, so gab sie denen, die ihrem Charakter mistrauten, sie
der Koketterie und Intrigue beschuldigten, jetzt eine Thatsache an die Hand, die
ihr Urtheil rechtfertigte. Sie war die Geliebte eines vornehmen Adeligen und
diesem von Klingsohr entfhrt ... Schreckensworte fr das Ohr der Damen
Carstens, die von Lucindens spt dauernden Spaziergngen und Landpartieen und
ihrem Abends spt bis zum Dunkelbraunwerden ziehenden Thee genug indignirt
waren.
    Als Lucinde die Kunde von dem Vorfall am Alsterpavillon vernahm, berfiel
auch sie ein Grauen bei dem Gedanken, dem Kammerherrn zu begegnen. Nimmermehr!
rief sie und sah um sich, wie einst ihre Tauben, wenn sie den Stovogel
erblickten. In dem engen Raum dieses Hauses, selbst wenn man Herrn Carstens
htte veranlassen wollen unten zu schlafen, war kein Versteck zu finden. Auf dem
Rdingsmarkt gab es nur herabgelassene Vorhnge, jetzt keine Betten, keine
Bequemlichkeit, und doch erklrte sie, gern auf der Erde schlafen zu wollen, nur
nicht sich der Gefahr auszusetzen, diesem Verfolger zu begegnen. Aber jedem der
drei Geschwister fiel irgendeine Bagatelle ein, die in seinem Nichtbeisein in
der Stadt beschdigt werden konnte. Sie erklrten, dann lieber auf einige Zeit
alle mit in die Stadt zurckgehen zu wollen, wodurch natrlich der Versteck
wieder aufgehoben wurde. Endlich bot sich ein anderes Auskunftsmittel. Die rasch
geschlossenen und rasch wieder abgebrochenen Freundschaften mit der
Nachbarschaft hatten bei zwei Interessen Stand gehalten, einem materiellen und
einem geistigen. Ein Modehndler vom Neuenwall hatte in der jetzigen Saison
morte keinen bessern Kunden als die junge Pensionrin des Kleesaatmaklers
Carstens. Lucinde war reichlich vom Kronsyndikus und Klingsohr mit Geld
ausgestattet. Zu ihren Liebhabereien gehrte es nicht nur, sich zu schmcken,
sondern mehr noch, in der Stadt von Laden zu Laden zu gehen und Einkufe zu
machen. Sie hatte die Liebhaberei des Schenkens. Manche von denen, die nichts
mehr von ihr annehmen wollten, behaupteten, sie wollte sich damit nur das Recht
erkaufen, die Menschen dann auch verletzen und rgern zu knnen. Die Damen
Carstens nannten sie eine Verschwenderin und begriffen nicht, wie sie bei einer
Beschwerde darber von Klingsohrn die Antwort bekommen konnten: Feen schenken
gern! Er wute, da Lucinde darben, auf Stroh liegen konnte ebenso wie in
goldenen Palsten wohnen. Sie hatte bis jetzt mit dem Leben nur gespielt; fast
schien sie zu wollen, da auch das Leben nur mit ihr spiele. Etwas selbst und
lange zu erwarten und zu erhoffen, wre ihr das Drckendste gewesen. Htte sie
damals die Volksjustiz nicht von der Frau Hauptmnnin von Buschbeck erlst, sie
wrde vielleicht noch bei ihr gedient, noch die Zwetschenkerne sich zerschlagen
und sie fr eine Delicatesse verspeist haben, glcklich, da es nicht die
gefangenen Muse waren.
    Es gibt einen groen Bund in der Gesellschaft, der seine eigenen Mysterien
hat. Es ist dies der Bund der Notenkundigen, der einer Verschwrung gegen die
musikunkundige Welt nicht unhnlich sieht. Dieser Eifer, sich zu Duetten und
Trios zu verbinden, bei welchem Madame Mller und Frulein Wulff sangen, Lucinde
spielte - der Gesang war ihr vllig versagt -, dann einmal Herr Mller mit der
Violine, Herr Wulff mit der Flte begleitete, dieser Fanatismus, bei keinem
Streichquartett der Dilettantenwelt, bei keinem Concert durchreisender
Berhmtheiten zu fehlen, dies ewige geheimnivolle Verbundensein mit Felix
Mendelssohn-Bartholdy auf dem Wege der Tonschlssel in A-dur und C-Moll ... das
ist ein ganz eigener Cultus, der, wie es die Dissonanz des Lebens und der Genu
an etwas mehr oder minder rein gestimmter Harmonie einmal mit sich bringt, bis
zur souvernen Verachtung aller Uneingeweihten fhrt und aus Notenkundigen schon
die grten Aristokraten und Tyrannen gemacht hat. Madame Mller hatte bei einer
zuflligen Anwesenheit in Leipzig von einer Schlerin Mendelssohn's singen
gelernt, was so viel war als von ihm selbst. In den Rumen der Sommerwohnung
Mller und Wulff hatte man Musikauffhrungen gehalten, deren Wichtigkeit zwar
nicht ganz, aber doch annhernd den Sitzungen des deutschen Bundestags gleich
erachtet wurde, auch Meta Carstens schlo sich an, einige junge Buchhalter oder
Gelehrte spielten Bratsche, Cello oder entwickelten guttreffende Stimmen. In
diesem Kreise war es, wo sich Lucinde am lngsten hielt. Sie begleitete nur,
spielte nur zweite Stimmen und lachte dabei innerlich sowol ber die langen
Hlse der Singenden wie ber die allgemeine menschliche Eitelkeit.
    In das dieser Familie gehrende Haus auf dem Neuenwall flchtete sich
Lucinde. Madame Mller und Frulein Wulff schliefen zu ihrem Schutze in der
Stadt. Aus dieser verschwiegenen Einsamkeit entstand freilich eine Frequenz,
welche die des im Parterre befindlichen Sommergeschfts bertraf. Herr Noodt
hatte den Aufenthalt bald erkundschaftet und gnnte Herrn Wulff nicht die
bestndige Nhe Lucindens und machte Besuch und Frulein Smidt frchtete das und
machte sich selbst bei Madame Mller zu schaffen und Frulein Jansen frchtete
wieder, Herr Gensler wrde demselben Triebe folgen, und suchte die Fhrte auf,
die auch endlich nicht nur Herr Gensler, sondern auch Herr Burmester, Herr
Johannsen und Herr Wilckens gefunden hatten. So verstrichen drei Tage in einem
nicht endenden Klingeln der Dielenthr und einer Aufregung der an der
Verborgenheit betheiligten Personen, die sich nur durch Musik beschwichtigen
lie; man sang, man stritt ber Noten und Tonarten und da der Flgel fehlte,
sang man Scalen und Solfeggien und stritt ber den grern Werth der
Schumann'schen oder der Mendelssohn'schen Lieder.
    Um ein Wesen, das sich in dieser Lage so benehmen konnte und nur auf das
dringendste Verlangen der Damen Carstens zu bewegen gewesen war, einige Zeilen
des Bedauerns an Klingsohr zu schreiben, ihm ihre Flucht, ihre Sicherheit, ihren
Antheil an seinem schmerzlichen Erlebni auszudrcken, scho sich dann zwei Tage
nach der erhaltenen ffentlichen Beschimpfung Klingsohr mit seinem Jugendfreunde
hinter Ottensen auf zehn Schritt Barrire.
    Man hatte vieles erwogen gehabt. Klingsohr hatte sich mit den Secundanten
vorher eingeschlossen, hatte von seinen Verpflichtungen gegen den Kronsyndikus
gesprochen; immer aber trat allen Abmahnungen das Bild entgegen: Vor einer
ganzen Stadt mit der Reitpeitsche durchgehauen! Die Satisfaction konnte nur in
einem Duell bestehen.
    Man hatte die Formen des Duells so leicht wie mglich gemacht, die Distanzen
nach den grten Maen genommen und dennoch scho Klingsohr seinen Beleidiger,
nachdem dieser, ohnehin abgekhlt und von der Gefahr erschreckt, einen
verfrhten Schu ohne zu avanciren blindlings abgefeuert hatte, mit dem seinigen
auf einen einzigen Anschlag nieder.
    Die Kugel drang zwischen die untern Rippen in Blutgefe, die sich
augenblicklich zu entleeren begannen. Eine Secunde stand noch Jrme, entfrbte
sich, suchte sich zu wenden und sank entseelt zu Boden.
    Nach vollbrachter That wurde Klingsohr von seinen Freunden dringend
aufgefordert, den im Gehlz befindlichen Wagen zu besteigen.
    In dieser menschenbeseten und gutbewachten Gegend muten zwei Schsse
selbst in der ersten Morgenfrhe auffallen.
    Der mitgenommene Arzt erklrte, jeder Versuch, den Gefallenen ins Leben zu
rufen, wre vergeblich.
    Klingsohr zeigte einen dumpfen Schmerz. Er stand wie erstarrt und mochte
sich von der Leiche nicht trennen.
    Lat mich! rief er und schleuderte die, die ihn fortziehen wollten, zurck.
    Wir beschwren dich! rief man. Klingsohr! Die Flurschtzen kommen!
    Klingsohr blieb starr und schauderte ...
    Der Frevel ist bestraft, wie er's verdiente! rief man. Komm!
    Klingsohr beugte sich mit einem Knie, stemmte das Haupt auf das andere und
fate die erkaltete Hand des schon Verblichenen. Die lange herculische Gestalt
lag marmorbla, die Lippen waren krampfhaft geffnet, wie wenn ein Wort noch von
ihnen htte kommen sollen, das der pltzliche Tod abschnitt.
    Da jeder Lebenshauch geschwunden war, so nahmen die Secundanten die
wichtigsten Dinge aus den Taschen der Leiche, um sie selbst bis auf weiteres
liegen zu lassen, gerichtliche Rencontres zu vermeiden und vorlufig nur sich
selbst zu flchten.
    Mit Widerstreben wurde Klingsohr in den Wagen gezogen.
    Man sah Menschen dem Gehlz zueilen, glaubte aber den Vorsprung noch frei.
Die Rosse zogen an, der tiefe Sand gestattete kein schnelles Ansprengen. Kaum
aber hatte man das Gehlz hinter sich, als der Flurschtz mit einigen schnell
herbeigerufenen Landleuten ihnen schon in die Zgel fiel.
    Jetzt, wie zur Besinnung kommend, springt Klingsohr auf, reit die eine der
noch geladenen Pistolen an sich und erschreckt dadurch seine Freunde so, da sie
sich nur beschftigen knnen, ihm die gefhrliche Waffe zu entwinden. Darber
verlieren sie den Vortheil entweder zu entkommen oder, wie wol in solchen Fllen
geschieht, sich durch Bestechung loszukaufen.
    Sie muten ihre Namen nennen und versprechen, mit dem Wagen dem Flurschtz
zu folgen.
    Auf dem Stadthause in Altona wurde ein Protokoll aufgesetzt. Klingsohr, dem
nur zunchst an der wrdigen Bestattung seines Opfers lag, mute zurckbleiben.
Die andern entfernten sich auf Ehrenwort.
    Nach einer so ernsten Wendung war fr niemand der Boden unter den Fen mehr
hinweggenommen als fr Lucinden.
    Sie kehrte auf die erste Schreckenskunde zur Carstens'schen Familie zurck,
aber der Fall wurde so vielfach errtert, mindestens so allgemein besprochen,
da sie der Gegenstand der allgemeinen Neugier und keines ihr gnstigen Urtheils
wurde.
    Der Schimpf, der Klingsohrn angethan gewesen, war bestraft; ihn erwartete
ein Spruch der Richter; nur sie, die Veranlassung dieser blutigen Scenen, ging
frei aus, und jetzt konnte selbst die Musik nicht mehr ihren klingenden Schild
ber sie legen. Sie fhlte ihre Lage und zum ersten mal war ihr Nr. 33 gerade
recht; die zwei Bettschirme, die sie von den Schwestern trennten, lieen ihr
gerade so viel Raum, wie sie auf einige Tage bedurfte.
    Da in solchen Lagen Naturen, wie die ihrige, allein stehen, aber auch ganz
allein, das erfllte sie mit Bitterkeit. Sie machte sich Gestndnisse ber sich
selbst, ihre Umgebungen und ber ihre Grausamkeit gegen Klingsohrn. Sie liebte
ihn nicht mehr. Was traf sie da nach ihrer Meinung weiter fr eine Schuld! Diese
ganze Umgebung war ihr peinlich geworden, da schon lange alles das es wurde, was
von ihr durchschaut werden konnte. Sie hatte angefangen, sich fortgesetzt
einzureden, da diese Welt eine ganz nichtige, nur dem Schein huldigende, da
diese Menschen alle, die sie bevlkern, nur Puppen wren, die an den Drahtseilen
einiger kluger Matadore tanzten. Welche Narrheiten rechts und links! Diese
Schwestern, die einen Bruder tyrannisirten, nur um ein gesichertes Alter zu
haben! Pedantinnen in jedem Worte, das sie sprachen, in jedem Schritt, den sie
thaten, immer nach dem Wetter lugend, auch in geistigen Dingen, immer bedacht:
Was werden die Leute dazu sagen! Und Herr Carstens selbst, eitel auf eine
Liebhaberei, zu der er nur die Geduld, nicht die Kenntnisse besa, sonst
stundenlang beschftigt mit dem Selbstrasiren seines Bartes, dem Knpfen seiner
Halsbinde! Dieser Professor links, bei jedem Worte, das er sprach, sich
umsehend, wie wol dessen Wirkung wre, die Silben zhlend, als wenn er die
deutsche Sprache erfunden htte und sie schonen und nicht allzu gemein machen
msse! Diese Frauen berall von Haus zu Haus; jede versunken in ihr eigenes
Interesse, in ihre Kinder, ihre Mbel, ihre Tassen, ihre Kleider, ihre etwaige
Schnheit! Des Prahlens mit Gefhlen da, mit Gedanken dort kein Ende! Die
Musiknrrinnen vollends schon die lcherlichsten von allen! Nun entdeckte sie,
da sie ja viel mehr wute als sie alle, da sie Gesichtspunkte hatte, whrend
alle im Nebel tasteten; denn keines wute vom Leben selbst so viel, als wie sie
doch schon erkannt hatte oder wie sie Klingsohrn verdankte, der so viel Ahnungen
und Lichtblicke in ihr entzndet hatte. Doch auch fr diesen ergriff sie kein
reines Mitgefhl mehr. Sie hatte die Vorstellung von sich, da ihr im Leben
irgendein weit greres Ziel beschieden wre und da alle diese Begegnungen, die
sie bisjetzt erlebt htte, nur dazu dienten, ihre Entwickelung zu frdern. Nur
Schlangenhute waren es, die sie abstreifte. Seit dem Tode Jrme's rechnete sie
tiefinnerlich auch schon Klingsohrn zu dem, was fr sie abgethan war.
    Was aber beginnen? Zurck mochte sie in nichts! Das Verhltni zum
Kronsyndikus mute nun doch wol aufhren! Ihr Verlobter war ja der Mrder seines
Sohnes geworden! Jetzt erkannte sie wohl, da Klingsohr nicht des Kammerherrn
Bruder sein konnte! Die Rolle, die sie in jener Schreckensnacht auf Schlo
Neuhof angefangen zu spielen, war zu Ende! ... Diese unbestimmte Gegenwart
konnte indessen nicht bleiben. Und sollte sie mit ihren seidenen Kleidern und
Hten betteln gehen, sie dachte an Flucht. Sie schrieb einige Briefe. Einen an
ihre Geschwister, die aus dem Waisenhause zu Meistern gegeben worden waren, um
Handwerke zu erlernen, einen sogar nach Eibendorf an den Pfarrer, einen wagte
sie auch an den Kronsyndikus. Die Empfindungen, die die Situation der Anzeige
des erlebten Schrecklichen mit sich brachte, waren ihr gelufig, sie schrieb sie
mit der grten Gewandtheit nieder. Auch dachte sie an jene Angelika Mller, mit
der sie nach Hamburg gereist war. Irgendwo hoffte sie auf Rath, nur nicht in
ihrer nchsten Umgebung oder von Klingsohr.
    Von diesem bekam sie aber tglich einen Brief. Die Sprache darin war
besonnen. Er sagte, da seine jetzige Lage ihm wohlthte; es lge ein
unendlicher Trost darin, sich einmal so recht von dem Gesetz des Lebens, wie es
ist, von den eisernen Armen der natrlichen Folgen unserer Handlungen gehalten
zu sehen und keinen freien Willen mehr zu haben. Er bat sie, eine Weile
auszuharren, bald wrde sein Geschick entschieden sein; ein Jahr Festung wrde
nicht ausbleiben; er wrde diese Strafe in einer schnen Stadt am Busen der
Ostsee zu verben haben; wenn er wte - und er wisse es ja! - da ihm in sein
dunkles Leben nur der Glanz ihrer Liebe schiene, so knnte er sein Loos nur
preisen. Es liegt, schrieb er, ein Zauber im Dulden und Gehorchen; es liegt
ein Zauber im Mssen, die wahre Freiheit im Sichgefangengeben! Schon mit dem
entstrmenden Blut meines unglcklichen Opfers wurde mir leichter! Ich htte mit
seinen rinnenden Tropfen selbst sterben knnen! Da ich diese That auf dem
Gewissen habe, drckt mich nicht zu sehr. Die Beschimpfung, der ich vor
hunderten von Zeugen ausgesetzt war, berschritt jedes Ma. Der Kammerherr war
nicht in dem Grade geistesschwach, da er nicht mit kluger Berechnung einen so
boshaften Plan ausfhren konnte. Alle meine Richter sind voll Theilnahme und
schon meine Freunde geworden. Der Greis auf Schlo Neuhof wird seinen Sohn von
mir nicht fordern, ... von mir nicht, Lucinde! ... Ich schrieb ihm nicht. Theile
Du mir mit, was er Dir antworten wird, falls Du ihm den Vorfall anzeigst, wie
schon andere thaten. Sag' ihm, da ich ihm das Vaterherz, das er mir einst
schenken wollte, jetzt zurckgegeben htte und meinen Weg auch ber die Wlle
einer Festung hinweg finden wrde; irgendwohin komm' ich schon, wo ich mit Dir,
Lucinde, meine Htte bauen kann! Lies Bernardin de St.-Pierre! Und lerne dann
englisch! Diese britische Literatur hat Freude an den Dingen, wie sie sind! Es
geht nichts ber die Ergebung, nichts ber die Geduld, die sich mit einer Blume
und einem einzigen Sonnenstrahl beschftigen kann! Sieh, hier hab' ich ein
Zimmer, angenehm, gerumig, aber das Licht fllt von oben, die untern
Fensterladen sind geschlossen und nicht zu ffnen. Zwischen den Ritzen stiehlt
sich ein Sonnenstrahl hindurch. Ich beobachte ihn stundenlang. Er geht wie der
Schatten eines Sonnenuhrzeigers im Kreise. Es ist ein Nichts, ein Schein und
doch wie wesenhaft! Die Atome zittern und tanzen in ihm! Ohne diesen Strahl
wrden die Atome sinken und nicht, fr mich wenigstens, dasein, aber in ihm
wirbeln und erhalten sie sich und immer rundum. So halten sich die Welten! In
einem hhern Sonnenstrahl werden wir einst das selber sehen, selber fhlen! Wie
berflssig alles Wissen, wenn man das wei! Ich brauche kein Buch mehr. Man hat
mir Bcher und Schreibpapier angeboten. Ich will nicht mehr haben als ich
brauche, um an Dich zu schreiben. Lesen ist mir verhat. Jeder Buchstabe, der
nicht aus der Welt jenes meines einzigen Sonnenstrahls kommt, thut mir weh.
Menschen! Menschen! Ihr dnkt euch so viel! Ich knnte alles hingeben wie ein
Mnch, wenn nur im Klostergarten ihm sein kleines Blumenbeet bleibt!
    Fr Lucinden waren diese Klagen nicht im mindesten rhrend. Sie schrieb,
aber sie beantwortete gerade diese Klagen nicht. Sie berlie sich scheinbar
Klingsohr's Anordnungen, besprach aber eine Reise nach England mit Herrn
Carstens, der schon, um sie zu entfernen, in Correspondenz mit jenem Pachter
stand, dessen Bekanntschaft er die Pensionrin verdankte. Nach dem Glauben der
Nachbarn war Lucinde schon fort und manchem ihrer Nekrologe oder gyptischen
Todtengerichte, die ihr vor dem Fenster und hinter herabgelassenen Vorhngen
drauen in der Laube von einem Einsprechenden gehalten wurden, konnte sie selber
zuhren.
    Am Tage nach dem Begrbni des Kammerherrn war ihrer Ungeduld kaum noch
einzuhalten. Die Verantwortlichkeit des Hauses fr sie hatte sich aufs hchste
gesteigert. Die Damen Carstens schliefen nicht mehr. Sie schlossen Lucinden am
Tage ein, sie versagten sich selbst den Genu der Natur, gingen nicht aus,
verschlossen sogar das Piano, nur damit sich Lucinde nicht durch Spielen
verrieth.
    Noch den dritten, vierten Tag lie sie sich durch eine Reisebeschreibung
ber England beschwichtigen. Am fnften aber drohte sie mit einem Sprunge aus
dem Fenster. Sie hatte gerade beide Schwestern, die sie verzweiflungsvoll an den
Kleidern zurckhielten, hinter sich, als ein eleganter Wagen drauen am Staket
vorgefahren kam mit zwei Bedienten, von denen einer die Livree des Schlosses
Neuhof trug.
    Der Schlag ffnete sich und ganz in Schwarz gekleidet trat, untersttzt von
dem andern Diener, eine lange, hagere Gestalt aus dem niedergelassenen Schlage.
    Excellenz, der Kronsyndikus! rief Lucinde und wre fast aus dem Fenster und
dem Ankommenden an den Hals gesprungen.
    Um alles in der Welt von den Schwestern um Anstand und sittliches Betragen
ersucht, hielt sich Lucinde zurck und bedeutete die Wchterinnen, da sie denn
doch eilends selber Seiner Excellenz entgegengehen mchten.
    Die Schwestern, zwei Seelen und Ein Gedanke, drngten sich schon vor einem
Spiegel, um ihre Frisur, ihre Kleider zu ordnen. Dies whrte lange. Der
Kronsyndikus war inzwischen im Garten und pochte schon an die seither immer
verschlossen gewesene Hausthr.

                                      18.


Htte Lucinde den Ankommenden nicht schon beim ersten Schritt aus dem Wagen
erkannt, aus diesem leisen und zurckhaltenden Pochen wrde sie es nicht gekonnt
haben. So pflegte sonst der Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof nicht zu pochen.
    Er nahm, da nicht geffnet wurde, den Stab, auf den er sich im Gehen
gesttzt hatte, und pochte wiederholt an die Thr, doch aber auch mit dem Stabe
ebenso zurckhaltend wie zuvor mit der Hand.
    Als die Frulein Carstens in ihrer Toilette so weit vorgeschritten waren,
sich einem solchen Besuche vorstellen zu knnen, ffneten sie und baten wegen
der Verzgerung um Entschuldigung.
    Das Auge des Greises, der leise irgendetwas Verbindliches brummend
erwiderte, suchte nur Lucinden.
    Als sie vortrat, umarmte er sie mit Innigkeit. Eine Thrne stand ihm in den
weien Wimpern; er bedurfte iniger Erholung, bis er sprechen konnte.
    Thrnen kannten Lucindens Augen in dieser Situation nicht, aber sie sprach
mit Innigkeit zu dem gebeugten Greise, der jetzt einen Stuhl suchte, sich zu
sammeln. Lucinde wrde mit noch grerer Herzlichkeit seinen Gru erwidert
haben, wenn die Redseligkeit der Frulein sich nicht in einen Wettstreit von
Beileidsbezeigungen ergangen htte. Da so vier Sthle jetzt zusammengerckt zu
sehen zum ceremoniellen Errtern des Unglcks und des bejammernswerthen
Vaterschmerzes u.s.w., das benahm ihr jede Lust, sich ihrerseits an dem Beileid
zu betheiligen.
    Der Kronsyndikus schien die gleichen Gefhle zu hegen.
    Nach einigen Klagen ber sein schmerzliches Geschick, einigen
Berichterstattungen ber die nach Schlo Neuhof bereits von einem andern der
mitgebrachten Diener abgesandte Leiche seines Sohnes erhob er sich und forderte
Lucinden auf, in den Wagen zu steigen und mit ihm in den Umgebungen der Stadt
spazieren zu fahren.
    Diese Veranlassung, die Gefangene wieder in die ffentlichkeit zurckkehren
zu lassen, war zu gebieterisch. Die Frulein trugen selbst Hut, Sonnenschirm,
einen Ueberwurf herbei und erschpften sich in Zrtlichkeiten und Schmeicheleien
fr Lucinden, als wre nie etwas zwischen ihnen vorgefallen.
    Der Kronsyndikus bot Lucinden den Arm. Es war eine Artigkeit; aber eher
htte sie sich veranlat fhlen knnen, ihm den ihrigen anzubieten. Denn wie
schritt er langsam und hinfllig! Seine Augen lagen tief in den Hhlen! Das
Antlitz war so wachsbleich und mit einem Netz von Runzeln und Furchen nach allen
Richtungen hin berzogen, wie ein Kopf von jenem Denner, der in dieser Stadt
gemalt hat. Die weien Barthaare standen auf den hohlen Wangen wie zum Zhlen.
    Der in der groen Livree der Wittekinds harrende Diener war noch zu dem
Commissionr des Hotels, der durch die Stadt den Fhrer machte, hinzugesprungen,
um seinen Herrn beim Einsteigen in den Wagen zu untersttzen. Lucinde erkannte
ihn wohl. Es war der gewhnliche Diener des Kammerherrn ... Jrme war dem
Grafen Zeesen pltzlich entsprungen gewesen. Wer ihn mit den Vorgngen auf
Schlo Neuhof bekannt gemacht, ihm Lucindens und Klingsohr's Aufenthalt
verrathen, die Mittel zur Flucht verschafft hatte, war unbekannt. Erst zwei Tage
darauf, nachdem man ihn vergebens in Eibendorf beim Pfarrer gesucht, entdeckte
man die Spur, die nach Hamburg fhrte, und die schnell nachgeschickten beiden
Diener kamen zu spt. Diese waren es gewesen, die noch frher als Lucinde und
die Behrden an den Kronsyndikus das traurige Ende seines Sohnes berichtet
hatten.
    Nach vollstndiger und so auf alles Erlebte wiederholt zurckkommender
Errterung sagte der Kronsyndikus:
    Lucinde! Du kennst meine Anhnglichkeit an den Doctor! Du weit, wie mich
der Tod seines Vaters erschtterte! Ich trug ihm, wie du weit, gleich denselben
Abend meine Hand zum Schutz und Beistand an, ja, bot ihm sogar den Vaternamen!
So schmerzhaft er mir diese Gesinnung vergolten hat, so will ich sie ihm darum
doch nicht entziehen. Die ihm von Jrme angethane Mishandlung war die
schimpflichste, die ein Mann erleben kann. Eine Genugthuung mute ihm werden.
Da freilich seine Hand dazu bestimmt war ...
    Nun stockte der Greis; die leise zitternden Kinnladen schienen die Kraft
nicht zu haben, seinen Gedanken zu folgen. Er vernderte seine Rede und sagte:
    Da seine Hand so unglcklich war, Jrme bis auf den Tod zu treffen! Es ist
aber einmal Gottes Fgung so gewesen, nun mu es verschmerzt werden! In unserm
Kloster Himmelpfort werden wir Jrme beisetzen und im Park will ich ihm an der
Stelle, wo er dir damals, als die Verwandten dich entdeckten, zum Pavillon
hinaufrief - da will ich ihm noch eine kleine Pyramide setzen lassen, so eine,
wie er zu drechseln pflegte, das Bild der jenseitigen Sehnsucht - nach Pttmeyer
... Jrme ist ohne Beistand seiner Kirche gestorben. Das Frulein Angelika
Mller sprach ich schon. Du hast sie arg vernachlssigt!
    Lucinde schtzte Mangel an Zeit und Interesse vor. Das Verweilen bei
religisen Erwgungen war ihr am Kronsyndikus neu ...
    Der Wagen fuhr, wie befohlen worden war, langsam ber die Wlle der Stadt
... Manche Spaziergnger in den Alleen erkannten Lucinden und diese hielt sich
denn auch gerade so, als sollte alle Welt die Genugthuung bemerken, die ihr
soeben wurde ...
    Der Kronsyndikus fuhr fort:
    Auch Klingsohrn sah ich schon! Er hat nur den einen Schmerz, nicht in deiner
Nhe zu sein. Die groe Stadt hat dich zerstreut, Lucinde! Ich hoffe nicht, da
du mir den Schmerz anthust und deinen Freund vernachlssigst! Ich habe
versprochen, euer beiderseitiges Glck im Auge zu behalten, werde aber meine
Hand unerbittlich von dir abziehen, wenn du Heinrich tuschen knntest! Es ist
einer von den Mnnern, die des weiblichen Umgangs bedrfen, die aber nicht die
Geduld haben, sich einen wrdigen Gegenstand ihrer Liebe langsam zu erobern. Mit
Geist und Charakter wollen die Frauen selten einen Mann. Sie wollen fast immer
nur, wer ihnen schmeichelt oder amsant ist oder im besten Falle Gemth verrth,
worunter sie etwas verstehen, was so viel wie unbedeutend ist. Klingsohr wrde
in der Wahl seiner Liebe immer nur fehlgreifen. Er ist tief gebeugt. Du wirst
ihn durch deine Heiterkeit und Unbefangenheit wiederaufrichten. Also? Ich rechne
auf deine Bestndigkeit!
    Nicht aus Schonung fr den wie verwandelten Greis, sondern aus Furcht vor
seiner, wie es schien, sehr ernst gemeinten Drohung gab Lucinde Versicherungen,
von denen ihr Herz nichts wute.
    Man wird deinen Freund, fuhr der Kronsyndikus fort, zu einer Festungshaft
verurtheilen. Er wird sie abzuben haben in einer Stadt, die ich in meinen
jngern Jahren wohl gesehen habe. Sie liegt an einem schnen Busen der Ostsee.
Ja, der liegt mir so blau vor Augen, als wre ich erst gestern dagewesen! Der
Menschenkreis dort ist klein, aber traulich. Eine Universitt, eine Besatzung
beleben den kleinen Ort. Familien, die dich in ihre Obhut nehmen, werden sich
finden lassen wie hier. Heinrich sitzt dabei auf der Festung. Anfangs wirst du
ihn wol in der Festung sehen knnen, spter wird er, denk' ich, auf Stunden sie
verlassen und in der Stadt sich aufhalten drfen. Man ist gegen Gefangene dieser
Art nachsichtig; nach einem Jahre schon ist die Strafe, wenn sie auch vielleicht
auf drei Jahre verhngt wrde, abgebt. Ich, als Vater des Erschossenen, werde
in Kopenhagen selbst um Gnade bitten, das wird die Haft krzen. Dann bin ich
dafr, da Heinrich seinen Schatz von Gelehrsamkeit in Gttingen zur Anerkennung
bringt und dort um eine Professur wirbt; du hast all die Fhigkeiten, die ihm
fr die strenge Verfolgung solcher Plane mangeln. Du wirst ihm durch die Ehe
berhaupt erst die Erziehung geben, die er eigentlich nie bekommen hat. Seine
Mutter starb frh ... Was ich dir einst von ihr sagte, war ... Eingebung - des
Augenblicks! Nichts weiter! Er hat dir davon erzhlt?
    Lucinde nickte. Sie versprach alles, was der Kronsyndikus nur zu hren
wnschte. Sie war schon glcklich, aus der Gesellschaft der Frulein Carstens
erlst zu sein. Sah sie doch jetzt, auf einer Spazierfahrt, wie sie sie nie
gemacht, zum ersten mal erst das schne Hamburg! Und nun schon wieder das neue
Bild der See, einer Universitt, einer Besatzung - Vorstellungen, die ihre
Phantasie ganz in Beschlag nahmen. Nur mit Widerstreben kehrte sie in ihre
Klause zurck, an welcher der Kronsyndikus nach einer Stunde vorfuhr. Von den
Frulein am Staket empfangen, gab sie sich unbehindert den staunenden Blicken
aller Nachbarn preis. Der vornehme Herr, der sie so ehrte, war ja der Vater
ihres erschossenen ersten Verlobten.
    Am folgenden Tage sah sie, wieder in Begleitung des Greises, auch Klingsohrn
im altonaer Stadthause. In der Sehnsucht, ihre gegenwrtige Lage gendert zu
bekommen, ging sie auf alles ein, was man von ihr voraussetzte. Sie war, vom
Kronsyndikus, der indessen eine Weile am Ufer der Elbe auf- und abfuhr, mit
Klingsohrn allein gelassen, ganz so hingebend, ganz so vertrauend, wie der
Gefangene nur verlangte. Sie konnte ihn in der Voraussetzung zurcklassen, da
er auf die Treue seines Mdchens wie auf Felsen wrde bauen knnen. Vor ihrer
Kunst, sich in die Umstnde zu schicken, auf eine Erinnerung an den Kammerherrn
den Blick zu umfloren, auf ein strmisches: Sieh mir ins Auge! fest und sicher
die schwarzen Sterne Klingsohrn entgegenzuhalten, erschrak sie selbst. Klingsohr
gerieth in einen Ausbruch von Wonne, wie damals in der verhngnivollen
Abendstunde auf Schlo Neuhof. Sprang er auch wol mitten aus einer Liebkosung
auf, trat vor sie hin, streckte die Hand aus wie um sie zu erwrgen und sagte:
Schlange! Bist doch falsch! Falsch! Ich wei es! ... so entwand sie sich ihm
leise, wendete ihm ihren Nacken zu, versteckte den Kopf wie schmollend in die
Ecke des Sophas, und erst dann, wenn er sie dennoch in dieser Lage umfing, mit
den Armen gewaltig ihren schlanken Leib umspannte, den Ku seiner Lippen auf
ihre Schultern drckte, zog sie diese wie furchtsam ganz in die Hhe und wandte
sich leise und allmhlich erst mit dem Kopfe herum, allmhlich die brennenden
Augen erhebend, dann sprang sie auf und warf ihn scherzend zurck, gerade so,
wie im Kfige die Panther zu spielen pflegen.
    Vierzehn Tage brachte Lucinde dann noch mit dem Kronsyndikus zu, um mit ihm
allem die Gter desselben zu bereisen.
    Der Abschied von den Damen Carstens war ein einziger Jubel ihrer endlich
befreiten Seele. Da sie den trauernden Greis, wie es auch dieser ihr
ausdrcklich dankte, mit ihrer Heiterkeit erfreute, so lie sie ihrem Humor ganz
den Zgel schieen ... Sie parodirte alle Erinnerungen an Schlo Neuhof, an die
Lisabeth, an alle Inspectoren, an die Arbeiter, und nur vor Stephan Lengenich
mute sie Halt machen. Der Arme sa noch immer und kmpfte gegen die
Verdachtsgrnde, die ihn gravirten, vergebens. Seine wichtigste Entlastung,
jenes grne Stck Tuch, das man gleich anfangs bei der Leiche des Deichgrafen
gefunden hatte, war, rthselhaft genug, abhanden gekommen. Auch von ihren neuern
Erfahrungen erzhlte Lucinde und stellte so viel Caricaturen auf, da sie den
Greis zu der aufrichtigen Versicherung veranlate, nur mit schwerem Herzen trte
er sie an Klingsohrn ab, sie wre wie geschaffen, ihm den Rest seiner Tage zu
vertndeln. Auch von seinem jetzt alleinigen Erben, dem Oberregierungsrathe,
sprach er wieder mit der alten Erbitterung. Dieser war ein Anhnger des
Gouvernements in einem Grade, da er ihn, nach einer in seiner heimatlichen
Gegend gelufigen Erinnerung an Hermann den Cherusker, immer nur den neuen
Segest nannte; Lucinde besa Kenntnisse genug, darunter einen Verrther zu
verstehen.
    Die holsteinische Reise bot Natureindrcke und Abwechselungen, wie sie sich
von diesen Flachlndern kaum erwarten lieen. Sanfte Hgel und Thler wechselten
mit Seen, letztere von prachtvollen Buchenwldern eingerahmt, fischreich und
berflattert von wildem Geflgel. Die Glocken von stattlichen Rinderheerden
luteten auf Wiesen, die sich hinzogen wie Alpenmatten. Jede Blume, die auf den
Stoppelfeldern noch zurckgeblieben, mute mitreisen. Lucinde stieg aus und wand
Krnze, den Greis zu schmcken, der sich's gefallen lie, wenn ihn sein
Rundblick ber die landwirthschaftlichen Eindrcke zu ernst stimmte. Die
Besitzungen, an denen man vorberfuhr, waren schlohnlich, von groen, massiven
Wirthschaftsgebuden umgeben, mit Grten und Parks geschmckt. Die Bauernhuser
standen denen ihrer Herrschaften nicht nach. Alles zeugte von Wohlhabenheit und
bestritt die Ansichten, die Lucinde vom Plattdeutschen als dem Ausdruck der
Lssigkeit und Trgheit hatte. Die Krone aller dieser Eindrcke, die noch ber
den Eindruck der in sonnenglnzenden Wldern still verborgenen Seen ging, war
das letzte Ziel der Reise, die Hafenstadt am Busen der Ostsee selbst.
    Wo kamen in diesen Flachlndern pltzlich diese dunkelgrnen hohen Ufer her!
Diese bewaldeten Hhen, von deren Fu sich die grellrothen Dcher der
Fischerdrfer abhoben, wie wenn im gleichen Landschaftsgefhl Natur und Kunst
sich begegneten! Auf dunkelblauer Flche weie Segel, Mven im flatternden
Neckspiel, der Spiegel des Wassers so blau, so krystallen, wie eine riesige
Schale von Saphir, und darber her der Himmel, so durchsichtig und ahnungsschwer
die nahe gerckte Ferne verrathend, Ufer so vieler Inseln, Skandinaviens wie
gesehene Kste! ... Auch die Festung mit dem hochragenden Danebrog, auch die
Stadt mit ihren Promenaden und Alleen trug den Charakter, als betrte man einen
einzigen ppigen groen Garten.
    Hier in Kiel, wo man spter noch jahrelang von Lucinden sprach, wurde sie
einer Professorenfamilie bergeben. Als die Bedingungen geschlossen waren und
ihr Einzug gehalten werden konnte, rstete sich der Kronsyndikus, von ihr
Abschied zu nehmen. Er hatte seine Bereitwilligkeit, ihren Wnschen zu gengen,
auch noch darin bewhrt, da er in dem Hause des Professors seiner
Pflegetochter, wie sie beinahe genannt wurde, eine grere Freiheit erwirkte,
als sie in Hamburg geno. Sie hatte ihre eigenen Zimmer. Die Nachricht, da sie
die Braut eines Festungsgefangenen war, hatte sich bald verbreitet. Der seltsame
Umstand, da der eigene Vater des vom Dr. Klingsohr erschossenen Herrn von
Wittekind es war, der seine Hand schtzend ber sie ausgestreckt hielt, wurde
romantisch genug ausgeschmckt.
    Am Abend vor der Abreise des Kronsyndikus hatte sie mit ihm noch eine
herzbeklemmende Scene ... Sie hatte, da er ganz in der Frhe reisen wollte, die
Nacht ber wieder in dem Gasthofe bleiben wollen, wo sie gleich anfangs mit ihm
abgestiegen war. Sie konnte ihn erst in spter Abendstunde erwarten, wo er
zurckkehrte von einer Unterredung mit einigen sterreichischen Offizieren, die
sich in dieser roprangenden, an Gestten reichen Gegend zum Ankauf von
Pferden befanden. Schon oft hatte sie auf Schlo Neuhof von jener kindlichen
Blondine, der Grfin Paula von Dorste-Camphausen, einer Nichte des Kronsyndikus,
gehrt, da ihr unermelicher Reichthum nach dem Tode ihres krnkelnden Vaters,
des Grafen Joseph (Schwagers des Freiherrn), Anla zu einer groen Vernderung
geben wrde auf Antrieb einer in Oesterreich ansssigen zweiten Linie des alten
Grafengeschlechts der Camphausen. Der Kronsyndikus, der Oheim, vielleicht der
knftige Vormund der beiden letzten Augen, auf welche die eine Linie stand, der
schnen sanften Augen jener Kleinen, die einst Zeuge gewesen war, wie sich
Lucinde in die Pagode des Wassergeflgels auf Schlo Neuhof geflchtet hatte,
war mit dem Vertreter der sterreichischen Linie, Grafen Salem-Camphausen, hier
zusammengetroffen zu Besprechungen, in die Lucinde, wie in die vielen andern
Beziehungen, in deren Chaos der Kronsyndikus lebte, keine nhern Einblicke
erhielt. Diese Besprechungen fanden in einem Badeort bei Kiel statt, dessen Name
dem Kronsyndikus Erinnerungen wecken mute, unheimlich genug - Dsternbrook.
    Gegen neun Uhr kam der Kronsyndikus von einem Diner heim, bei welchem wider
Vermuthen eine Anzahl von Offizieren der Garnison zu Ehren der fremden Gste
zugegen gewesen war. Graf Hugo von Salem-Camphausen, ein stattlicher junger
Cavalier, begleitet von seinem Freunde, einem Baron Wenzel von Terschka, wie
Lucinde schon wute, fhrte den Kronsyndikus die Stiegen des Hotels hinauf. Sie
sprang in ihr frher schon innegehabtes Neben- und Schlafzimmer, merkte aber
wohl, da der Greis in der Gesellschaft frhlicher Lebemenschen sein Leid
vergessen und dem Weine zugesprochen hatte in altgewohnter Art. Dennoch blieb er
still und verabschiedete sich von dem Grafen mit einem Tone, der seiner
gedrckten Situation angemessen war.
    Als die Cavaliere sich entfernt hatten und zu einigen Wagen voll Offizieren
(unter ihnen ein Prinz von einer Seitenlinie des regierenden Hauses)
zurckgekehrt waren, um, wie Lucinde spter erfuhr, noch in die heute
stattgefundene Erffnung der Theatersaison zu fahren und dort die Kritik der
neuen Truppe mit einigen Demonstrationen zu verbinden, die das aufgefhrte Stck
unterbrachen und einen Conflict mit der im Parterre befindlichen Studentenschaft
herbeifhrten, klopfte sie an und trat zum Kronsyndikus ein. Dieser sa bereits
am geffneten Schreibbureau. Er hatte ein Kstchen geffnet, aus dem er
Schmuckgegenstnde hervorgenommen hatte ...
    Wie er Gerusch hrte, sprang er auf und rief:
    Wer da?
    Es whrte einige Augenblicke, bis sich der heftig erschrockene Mann in die
Nhe Lucindens gefunden hatte.
    Der Diener brachte noch einige Lichter mehr, da sich der Kronsyndikus beim
Herauskommen, trotzdem, da zwei schon brannten, ber die groe Dunkelheit
beklagt hatte.
    Lucinde erklrte den Grund ihrer Anwesenheit: Die Abreise ihres Wohlthters
in erster Morgenfrhe und ihr Bedrfni, den Abschied noch bis dahin zu
verschieben.
    Auffallend langsam fand sich der Greis in dem, was sie sagte, zurecht und
erwiderte wie abwesend:
    Gut! Gut!
    Jetzt winkte er dem Bedienten und sagte, da er zu Bett gehen wollte.
    Lucinden einfach zunickend, ging er ins Nebencabinet und drckte die Thr
desselben zu.
    Nach einer Weile kehrte der Diener zurck und flsterte Lucinden zu, die mit
Spannung gewartet hatte:
    Es mu ihm was in die Quere gekommen sein ...
    Wo aber? fragte sie ebenso leise.
    Bei den Offizieren!
    Diese wuten doch, da er trauerte, und dennoch -
    Lucinde wollte sagen, wie unrecht man gethan htte, ihn in den Zustand zu
bringen, wie sie ihn gefunden ...
    Der Diener erzhlte aber, da die Offiziere im Gegentheil in grter Ruhe zu
Tisch gesessen htten, da von dem Grafen Salem-Camphausen ein Glas ergriffen
und gesagt worden wre, sie wollten es leeren ohne anzuklingen und dabei eines
unglcklichen Vaterherzens gedenken. Feierlich htten da alle die Glser
ausgetrunken und sie niedergestellt wie aufs Tempo. Es htte einen
schauerlichen Eindruck gemacht. Da nun aber wre der Kronsyndikus selbst
gesprchig geworden und htte, aus Dankbarkeit und wol auch Rhrung ber die
Schonung, die Herren ermuntert, es nicht so ernst zu nehmen. Nun wre die Rede
auf Lucinden gekommen -
    Auf mich? fragte sie erstaunt.
    Der Diener konnte auf ihr Drngen, was man von ihr gesagt htte, nichts
erwidern; denn da er beim Aufwarten geholfen, htte er sich gerade entfernen
mssen.
    Wie ich aber zurckkomme, fuhr er flsternd fort, lachen sie alle, sprechen
aber franzsisch und der Alte zieht aus der Tasche eine von den Kostbarkeiten,
deren er Ihnen schon viele geschenkt hat ...
    Warum aber das?
    Er hat noch eine Menge fr sie auf morgen zum Abschied ausgesucht! Da
drinnen im Secretr!
    Das wird er doch den Offizieren nicht gesagt haben?
    Verstanden hab' ich blos, wie er das Armband - ein Armband war's -
herumzeigte ... da sagten sie alle: Superb! Charmant! Nmlich auf franzsisch!
    Aber warum nur zeigt' er's denn?
    Ich meine gar ... und ganz gewi ... sie stritten ber Ihre ... Ihre Nase,
Frulein!
    Dummer Schnack!
    Mein Seel', wirklich! Ob die spanisch oder italienisch wre ... oder ... Da
sagte der eine, der den Grafen aus Wien mit hierher begleitet hat ...
    Herr von Terschka ...
    Der sagte, das Bild auf dem Armband - das nmlich auch ganz Ihre Nase haben
sollte - wre eine Italienerin, die er kenne ... aus Rom ... und genannt hat er
sie auch ... Jetzt fiel der Graf ein und sagte auf deutsch: Ja, Terschka, das
ist ja halt die leibhaftige ... Nun nannte der wieder einen Namen ... aber einen
deutschen, den ich nicht behalten konnte ... aber eine Kunstreiterin war's ...
das schnste Mdchen in Wien ... und whrend nun wieder die Offiziere zwar in
Lachen ausbrechen wollten, aber sich zurckhielten und doch nicht zu lebendig
werden wollten ... wegen der Trauer ... hielt sich der Alte gerade am wenigsten,
redete allerlei durcheinander, schenkte die Glser rings um sich her voll,
schnackte vom Hundertsten ins Tausendste, und wenn er nun die Nacht nicht
ordentlich schlafen kann, so ist's seine eigene Schuld. Um vier Uhr soll ich ihn
wecken.
    Der Diener ging.
    Lucinde schttelte den Kopf, dachte aber bald nur noch an das schne
Armband, an den Streit der Offiziere, ging ins Nebenzimmer, sah sich beim
Entkleiden im Spiegel, forschte nach der Nationalitt ihrer Nase und ging zu
Bett.
    Kaum mochte sie, mde vom Warten, eine Stunde geschlafen haben, als sie
erwachte. Der Mond schien hell ins Zimmer, sie hatte vergessen die Laden zu
schlieen ... Der Wchter rief die elfte Stunde ... einige vereinzelte Rufe und
Liederintonationen kamen von den vom Wirthshaus heimkehrenden Studenten, in
deren Leben sie sich durch Jrme's und Klingsohr's Erzhlungen schon lngst zu
versetzen gewut hatte. Der Theaterlrm hatte die Kpfe vollends erhitzt ...
    Wie es dann wieder still wurde und sie eben im Begriff war, auch wieder
einzuschlafen, hrte sie im Nebenzimmer Gerusch.
    Ein harter Gegenstand fiel nieder und rollte auf dem Fuboden hin.
    Sie erhob sich ...
    Jetzt hrte sie Schritte und laut reden ...
    Sie sprang auf ... sie hatte vergessen, die Verbindungsthr zuzuriegeln ...
    Es war aber der Kronsyndikus selbst, der ohne Zweifel mit seinem Bedienten
sprach, den er durch eine Klingel wecken und vom Corridor zu sich herberrufen
konnte.
    Als sie aber die Riegel leise zugeschoben hatte, hrte sie, da der
Kronsyndikus allein sein mute. Er chzte und sthnte und sprach mit sich selbst
...
    Jetzt durfte sie annehmen, da ihm etwas zugestoen war ...
    Rasch warf sie sich einen Rock ber, hielt einen groen rothen Shawl in
Bereitschaft und trat wieder an die Thr ...
    Der Greis war allein und, wie sie hrte, in groer Aufregung ...
    Sie unterschied Worte, die er sprach ...
    Jetzt war es ihr, als wenn er um Hlfe rief ...
    Nun hielt sie sich nicht lnger, sondern drckte die Thr auf und trat, so
wie sie war, vom Shawl verhllt, in ihrem von einem Hubchen zusammengehaltenen
Haar, im weien Unterkleide ein.
    Wie entsetzte sie sich aber, als der Kronsyndikus mit einem Stockdegen in
der Hand aufrecht im Zimmer stand, bei ihrem Anblick auslegte und sie mit
aufgerissenen Augen anstarrend anfuhr:
    Gespenst! Zurck! Was sagst du, da du mein Weib bist! Rmische Schlange!
Ich -
    Lucinde stie einen Schrei aus, denn mit dem gezckten Degen kam der
Fieberkranke, Halbnackte dicht auf sie zu. Den Irrthum seiner Phantasie
erkennend, lie er in demselben Augenblicke den Degen fallen. Dieser klirrte auf
ein Glas nieder, das vom Nachttisch des Nebenzimmers gefallen sein mute, seines
starken Bodens wegen aber nicht zerbrochen, sondern bis in das Wohnzimmer
gerollt war, als dessen Thr von dem Aufgeregten geffnet wurde.
    Lucinde, sagte der Greis, sie erkennend und seiner Erscheinung in einem
Nachtkamisol und mit nackten Fen nicht achtend, Lucinde, komm her! Steh mir
bei, ich sehe nichts als Blut - ich habe mich verwundet -
    Nein, Nein! beruhigte ihn Lucinde, die sich im Mondenschein leicht
orientiren konnte und einer Nacht gedachte, wo sie ebenso ihren Vater einmal,
als er spt aus dem Vorspann gekommen war, zur Ruhe bringen half, whrend alle
Geschwister um den Wahnsinnigscheinenden herumstanden und schrieen ... Sie
achtete seines Aufzugs nicht.
    Der Fieberkranke lie sich nicht bedeuten und sagte:
    Doch, Kind! Sieh doch nur! Da! Und nun huschen diese Kerle alle um mich
herum und stehen mir nicht bei! Hunde, was schnuppert ihr denn nur an meinen
Beinen! Jesus Marie, lat doch die Menschen aus der Stube! Lisabeth, was soll
denn der Mnch da in der Kutte? ... Fort mit dem Buschbeck! Sind Sie des
Teufels, Herr! Und schieen ihre giftigen Pfeile auf mich ab, Mensch? Halt!
Halt! Fort, brauner Teufel! - Hier, - ha, was liegt denn da im Wege? Worber
fall' ich denn ewig? Wieder der Dicke? Jesus! Bringt ihn mir doch fort! Was
liegt denn der Dicke mir ewig im Weg und lt so die Menschen ber sich fallen!
    Lucinde that das Mglichste, den mit herzzerreiendem Jammer Phantasirenden
zu beruhigen ...
    Zu wild aber jagten die Bilder vergangener Tage an dem Verzagten vorber.
Kaum hatte er Lucinden erkannt, war sie ihm doch schon wieder eine andere und
vorzugsweise jene Schreckgestalt, die er erst zu sehen geglaubt hatte. Den
rothen Shawl nannte er einen Knigsmantel, die Haube die Krone der Semiramis -
Mitten in seine Angstrufe mischten sich italienische Laute, die Lucinde nicht
verstand ... Auch die Kunstreiterin schien vor seiner Phantasie auf- und
abzugaukeln.
    Endlich hatte Lucinde den Klingelzug erreicht und zog diesen aufs heftigste
...
    Vor dem Ton fuhr der Greis zurck. Es mute ihm sein, als htte ihm mit
diesem schrillen Laut jemand einen Schlag gegeben, so taumelte er und blieb eine
Weile starr. Die Besinnung kehrte wieder. Lucinde klingelte zum zweiten mal. Er
sah um sich, verglich den Ort, wo er war, sah rckwrts auf sein dunkles
Cabinet, und wie Lucinde unerschrocken zum dritten mal geklingelt hatte, winkte
er ihr zu mit vollkommenem Bewutsein, sie sollte das nur lassen und jetzt
gehen.
    Da sie zgerte, schttelte er den Kopf, besah seinen Aufzug und sprach
wiederholt und aufs bestimmteste:
    Geh, geh, Kind! Ich habe schwer getrumt ... Das Mahl mit den Herren ... ich
htte nicht dabei sein sollen ... geh, geh!
    Indem hrte man schon eilende Schritte auf dem Corridor, schon das Einsetzen
des Schlssels, den der Diener, um frh den Herrn wecken zu knnen, mit sich
genommen hatte.
    Als der Diener eintrat, fand er seinen Herrn schon allein und bekam in
ruhiger, wie Lucinde noch zitternd und bebenden Herzens belauschte, klar
zusammenhngender Rede die Erklrung, da er sich unwohl gefhlt und selbst
geklingelt htte, jetzt war' es vorber. Der Diener machte Licht, deutete auf
die Splitter des Glases, auf den Degen. Es war gefhrlich, den Kronsyndikus noch
lnger so im Zimmer in bloen Fen zu lassen; er ging zu Bett, nachdem er dem
Diener die Weisung gegeben, die Verbindungsthr des Cabinets anzulehnen und
nebenan im Wohnzimmer auf dem Sopha zu schlafen.
    Jetzt erst verriegelte Lucinde.
    Sie hrte Zurstungen, wie sich der Diener einiges Bettzeug holte und auf
dem Sopha Platz nahm. Gepreten Herzens ging sie auf ihr Lager zurck, wo sie
bei ihrer Jugend und noch von der Reise nachhaltenden Ermdung bald wieder in
den Armen des Schlafes lag.
    Um vier Uhr weckte man sie. Schon war der Kronsyndikus nebenan hrbar.
    Als sie sich angekleidet hatte, hrte sie schon das Blasen des Postillons.
    In aller Freundlichkeit klopfte ihr Wohlthter an die Thr und steckte den
Kopf herein ...
    Lucinde fand ihn vollkommen beruhigt und zur Abreise gerstet ...
    Des nchtlichen Vorfalls wurde keine Erwhnung gethan.
    Noch bergab ihr der Abreisende Geld, wirklich auch einige Schmucksachen und
ermahnte sie, den nun bald eintreffenden Doctor so zu empfangen, wie sie es
ihm, versprochen htte.
    Mit einem Ku auf ihre Stirn, einem langen Blick auf ihre ganze Erscheinung,
als wollte er sagen: Seh' ich dich wieder? Und was wird wol aus dir alles noch
werden? ging er ...
    Sie folgte bis in den Corridor und wollte weiter; an der Treppe aber hielt
er sie schweigend zurck ...
    Unter den Kleinodien, die kostbar, aber wiederum von alter Facon waren,
befand sich keines, auf welches die Erzhlung des Bedienten gepat htte.
    Er wird es zurckbehalten haben ... das Bild seiner - zweiten Frau! sagte
sie sich, legte einige der Brochen und Armbnder an, nahm sie dann wieder ab und
ging noch einmal zu Bett.
    Sie schlief bis gegen neun Uhr. Dann begab sie sich in ihre neue Wohnung.

                                      19.


Ha und Bewunderung, Fluch und Segen setzte sich auch auf dem neuen Schauplatz
seines Lebens an die Fersen eines Mdchens, das durch stetes Verpflanzen aus
einer Lebenssituation in die andere eine seltene geistige Kraft gewinnt.
    Jetzt achtzehnjhrig, entwickelte sich Lucinde nicht mehr in ihrer
Aeuerlichkeit. Im Gegentheil nahmen die sanften und runden Formen, die dem
halben Kinde schn gestanden hatten, einen scharfen Charakter an. Schultern und
Hften gewannen eine hervorspringende Bestimmtheit; ja, sie fing an zu magern,
wodurch das Feuer ihrer Augen um so brennender wurde.
    Die ganze Stadt war mit ihrem Erscheinen beschftigt. Man definirte ihren
Reiz nicht, man nahm ihn als den einer aparten Natur hin. In den
Offizierskreisen sagte man: Sie hat Rasse! Das deutsche Pferde-Arabien,
Mecklenburg, lag nahe genug und entschuldigte einen Ausdruck, der vom Stalle
kam. Fr eine Spanierin besa sie zu wenig Schwrmerei im Aufblick der Augen.
Fr eine Italienerin hatte sie das Phlegma und die uere Klte nicht. Einer
Griechin entsprachen, wie es bei den Frauen allgemein hie, die falschen Augen.
Ein Wort wurde eine Zeit lang entscheidend. Ein dnischer Offizier, Dichter und
Freund jenes Prinzen, hatte sie eine knftige Sibylle genannt. Ihre Feindinnen
machten sogleich eine Hexe, Indifferente, eine Zigeunerin daraus. Sie trug sich
in grellen Farben, liebte schwere Stoffe, bunten Schmuck. Bald zeigte sie sich
zu Wagen, bald zu Ro. Als Amazone durch die Alleen des Schlogartens
hinsprengend, begleitet von den Mnnern, die sich um eine weibliche Erscheinung,
die sich fhlt und zu geben wei, von selbst finden, ohne gesucht zu werden,
machte sie einen Eindruck der fesselndsten Art. Ein runder Herrenhut sa ihr
tief im Nacken. Ein langes silbergraues Tuchkleid hing fast bis zu den Hufen des
Rosses herab.
    Endlich kam Klingsohr.
    Da er bald nach dem Wiedersehen innerhalb der Festung in Verzweiflung
gerieth, lt sich denken bei einem solchen Genu ihrer Freiheit, wie ihn
Lucinde sich gestattete. Die Eifersucht verzehrte ihn. Obgleich auf die Festung
beschrnkt, hatte er die volle Freiheit bekommen, Besuche zu empfangen. Auch
stellte sich Lucinde anfangs fast tglich bei ihm ein, wandelte mit ihm auf dem
Glacis Arm in Arm, bald aber verdro sie die Beobachtung und der auf den Mienen
der Offiziere sichtbare Spott.
    Als Klingsohr nach einigen Wochen schon die Erlaubni bekommen hatte, einige
Stunden des Tags auf Ehrenwort in der Stadt zu verweilen, gab es, wenn er in
ihrer Wohnung vergebens auf sie wartete, bald die aufgeregtesten Scenen. Mute
er mit dem Glockenschlag Neun seine Rckwanderung antreten und sie war von
irgendeiner Zerstreuung noch nicht wieder da, wie ergrimmte er in Zorn und
Verzweiflung! Jener Prinz war es vorzugsweise, der Lucinden mit Leidenschaft
auszuzeichnen angefangen hatte. Sie lie sich seine Huldigung wie die der andern
gefallen. Aus dem angenommenen System, keinem zu gehren, trat sie um so weniger
heraus, als sie den Ruf des Hauses, in dem sie wohnte, zu schonen, die bereits
begonnene Empfindlichkeit ihrer nchsten Beschtzer zu vershnen hatte.
    Klingsohr wollte sie in Anfllen seiner Eifersucht oft einschlieen, wie
nach seinem Ausdruck jener Ritter seiner Melusine that. Er nannte sie in
wthenden Zornausbrchen ein Weib ohne menschliches Blut, ein Halbgeschpf von
Feuer und von Wasser, eine Fischnatur; er htte sie tglich in einen Kasten
schlieen mgen, dessen Schlssel er zurckbehielt und mit sich in die Festung
nahm. Die Verzweiflung, sich nach allen Seiten hin gebunden zu fhlen, trieb
ihn, wenn sie im Theater war, wo er nicht erscheinen sollte, wieder zu der alten
akademischen Lebensweise zurck. Wieder gab es auch hier, in der Stadt und in
der Festung, Bewunderer, die seinen Orakelsprchen lauschten. Wieder schrieb er
zwanzig Bcher zu gleicher Zeit. Wieder hatte er Systeme erfunden, die noch um
einige Jahre zu frh gekommen wren, wenn er sie jetzt schon htte
verffentlichen wollen. Ost mute ihn die Ronde aus der Festung noch in der
Stadt aufsuchen und fand ihn schon wieder da, wo die Staaten beim Klopfen der
zinnernen Deckel erschttert werden. Wie hate sie ihn, wenn sie davon erfuhr
oder er selbst noch kam, sie in den Folgen solcher Geselligkeit zu gren! Gab
sie ihre Fischnatur vollkommen zu, so war es, weil sie sagen konnte: Ich mache
mich anheischig, vierzehn Tage lang nur von Wasser zu leben!
    Der Winter brachte Gesellschaften, Blle ...
    Allgemein erzhlte man sich von einer Geschichte, die anfangs nur zu lachen
gab ...
    Lucinde hatte jenen Prinzen so sicher gemacht, da sie ihm sogar die Zusage
zu einem von ihm aufs dringendste erbetenen Stelldichein gab. Der Prinz bewohnte
eine Villa, eine halbe Stunde von der Stadt entfernt. Briefe, mndliche
Botschaften, Vermittelungen von Beauftragten sollten an einem bestimmten Abend
an dem Thor, das nach Bellevue, von dort nach der Villa des Prinzen fhrte,
einen Wagen harren lassen, welchem eine Verschleierte zur bestimmten Stunde sich
nhern wrde. Der Wagen wrde dann dem in der Villa harrenden Prinzen die so
dringend und hei ersehnte Eroberung zufhren ... Schon seit einigen Wochen
hatte dieser Kampf gegenseitiger Bitten und Ablehnungen gedauert. Lucinde, die
keine Uebereilung der Sinne kannte, legte eine Intrigue an, die ihrer Lust an
Spuk und Schadenfreude entsprach. Eine groe Vorliebe, die sie fr das nicht
ganz schlechte Theater der Stadt gefat, hatte sie mit einigen Mitgliedern
desselben bekannt gemacht. Unter dem weiblichen Personal befand sich eine
Sngerin fr jugendliche Partieen, eine Erscheinung vom allerkleinsten Wuchse,
aber um so grerer Gefallsucht. Sie hie Henriette und wurde von den Studenten
spottweise in Beziehung auf die berhmte Henriette Sontag Henriette Montag
genannt. Dieser theilte sie unter vernderter Adresse schon lange jene Briefe
des Prinzen mit, die an sie selbst gerichtet waren. Am Schlu schrieb sie
regelmig mit nachgeahmter Handschrift einen Ort, an welchem der Prinz seine
Antworten zu erhalten wnschte. Wie vorauszusehen war, kamen die
geschmeicheltsten von der Welt. Diese stellte sie wieder dem Prinzen als die
ihrigen zu. So gingen diese Briefe hin und her. Immer nher durfte der Prinz
sich seinem Ziele gekommen glauben, und so war der Briefwechsel zwischen ihm und
Lucinden eines Tages so weit, da jenes Rendezvous vorzuschlagen gewagt wurde.
Auch dieser Brief ging an die Sngerin ... Um die siebente Abendstunde stieg
eines Tages an dem genannten Thore eine verschleierte Dame in den bewuten dort
harrenden Wagen und fuhr ohne Zweifel einem demthigenden Schicksal entgegen zur
Villa.
    Demthigend hatte Lucinde gedacht ...
    Was erlebte sie aber?
    Der gespielte Streich kam zwar zur allgemeinen und belustigenden Kunde; der
Prinz jedoch, dem Spott sich entziehend, verschwand auf einige Zeit, nahm auch
zuletzt seinen Abschied, lie aber auch die kleine Henriette Montag von der
Bhne zurcktreten, kaufte ihr in entlegener Gegend des Landes eine Besitzung,
verschaffte ihr einen adeligen Namen und heirathete sie zuletzt in der
legitimsten Form.
    Der Eindruck, den Lucinden diese unerwartete und schnell aufeinander
folgende Wendung machte, war auerordentlich genug. Er steigerte sich bis zum
offenbaren Verdru. Der Neid, der sie erfllte, legte sich mit der Zeit. Sie
verweilte weit lnger bei der Ueberlegung, worin das Fesselnde hier hatte liegen
knnen, in welchem weiblichen Reize, in welcher Kunst des Gefallens, in welcher
Macht, die Frauen auf Mnner, allerdings hier von nur wenig Geist, auszuben im
Stande sind? Dann aber wurde denn doch das allgemeine Aufsehen, das dieser
Vorfall nach sich zog, und das ungnstige Licht, in dem sie dabei schon durch
die gespielte Intrigue selbst erschien, Veranlassung zu Mismuth jeder Art. Sie
erhielt den lngern Aufenthalt in der achtbaren Familie, die sie aufgenommen
hatte, gekndigt. Sie konnte froh sein, da wenigstens Klingsohr ber den Scherz
mit dem Prinzen lachte. Ihm that der Vorfall als Beweis ihrer Treue wohl.
    Klingsohr's Haft, die in der That auf Gnadenwege bis zu einem Jahre gekrzt
wurde, nahete sich ihrem Ende - aber auch in Lucindens Leben trat eine
entscheidende Krisis ein.
    Gefahrvoll ist es einer geradezu auf die Wollin zugehenden Lebensbahn, wenn
sie in den Motiven ihrer Handlungen einmal wechselt. Wer immer mit dem Verstande
vorauswhlt, wohin er mit Hand und Fu zur That nachschreiten soll, der
verschttet sich den Weg, wenn er pltzlich den Einfall bekommt, nicht dem
Verstande, sondern dem Herzen folgen zu wollen. Eins darf man nur festhalten,
entweder den Ruhm oder die Ueberzeugung. Alles zugleich erstreben, verdirbt eins
das andere. Wer den Ruhm will, soll - die Weltphilosophie lehrt es - das
Gewissen nicht hren; wer das Glck will, mu auf die Ueberzeugung verzichten.
So ist das Dasein. Die Menschen, die wie auf den Rennbahnen des Alterthums mit
vier Rossen zu gleicher Zeit dahinsprengen knnen, von denen eins die
Begeisterung, das andere die Migung, das dritte die Tapferkeit, das vierte die
Tugend ist, und die, so verschiedenartig auch die Rosse anziehen, doch zu einem
groen Ziele kommen, gibt es nicht, auer sie wurden auf Thronen geboren.
Geborene Herrscher knnen alle Krnze des edelsten Strebens zu gleicher Zeit
gewinnen. Wie beklagenswerth, wenn sie den groen Vorsprung, den ihnen die
Ordnung der Dinge fr das Groe, Gute und Ideale zu gleicher Zeit gelassen,
nicht zu benutzen wissen und sie entweder nur beim Beschrnkten stehen bleiben
oder beim Gewaltthtigen! ... Die Vortheile aber einer Lebensstellung, die
Lucinden schon bis zur Gattin eines Prinzen erheben konnte, verlor sie, als sie
einmal statt aus dem Verstande - aus dem Herzen handelte.
    In jener Schauspielertruppe, der die zur Gemahlin eines Prinzen erhobene
Zwergin angehrte, zeichnete sich eine nicht mehr junge Schauspielerin aus,
die sich Madame Serlo nannte, obgleich sie, wie man sagte, mit dem Helden und
Liebhaber der Truppe dieses Namens nicht verheirathet war.
    Madame Serlo war gro, von majesttischer, fast zu imposanter Haltung; denn
nicht jede Rolle stand ihr und fr die majesttischen fehlte ihr doch wieder die
Gre der Empfindung, der Phantasie, des Schwunges. So blieben ihr nur die
kalten Salondamen, in denen sie theilweise wirklich bewundert wurde ... Und in
der That hatte das ehemalige Frulein Leonhardi oder Madame Serlo eine Art, im
Lustspiel mit einfachen Mitteln Wirkungen hervorzubringen, die ihr das Ansehen
einer Knstlerin gaben. Mit zwei oder drei Rollen des Conversationsstcks
blendete sie alles und manches groe Hoftheater war schon in die Falle gegangen
und hatte diese unbertreffliche Frau von Waldhll im Letzten Mittel, diese
Baronin von Wiburg in Stille Wasser sind tief engagirt, bis sich nach der
vierten oder fnften Rolle die gnzliche Unbrauchbarkeit einer Semiramis ohne
Leidenschaft herausstellte. Zu ihrer Figur pate schon ein zu kleiner Kopf
nicht. Die etwas stumpfe Nase, das gespaltene Kinn, die blauen Augen, alles war
ausdruckslos. Bei alledem machte das Ensemble ihrer Erscheinung sich noch immer
im Salonstck interessant und war fr jeden eine Weile in dieser Sphre
einnehmend. Man rhmte berall ihre Formen, man verglich sie mit den Gestalten,
die Tizian als Venus malte. Ihr Haar war blond, ihre Haut hatte eine
Incarnation, auf die der Ausdruck Mischung von Milch und Blut im vollkommenen
Sinne pate.
    Gezwungen, niederzusteigen in die Sphre, wo man sich kalt und
empfindungslos dargestellt auch eine Jungfrau von Orleans, eine Julia, eine
Luise Millerin gefallen lassen mu, wenn nur die Gestalt gengt und Costme
sowol wie eine gewisse Tournure die andern Mngel vergessen lassen, hatte Madame
Serlo einen jungen Mann mit sich in ihre Sphre hinuntergezogen, der einen
kurzen Augenblick zu glnzenden Hoffnungen berechtigt schien.
    Serlo war aus einer der ehemaligen geistlichen Residenzstdte Deutschlands
gebrtig und zum Priester bestimmt gewesen. Aus dem Seminar war er kurz vor der
letzten Vorbereitung zum Empfang der Weihen entflohen und hatte theils aus
Abneigung gegen den Stand berhaupt, fr welchen ihn seine armen Aeltern
bestimmt hatten, theils aus Unvermgen, irgendwie einen andern Beruf zu whlen,
der ihn erhielt, theils endlich aus wirklicher Neigung die Laufbahn der Bhne
eingeschlagen.
    Serlo's Wege waren anfangs die allerdornenvollsten. Nur um ein Mittagbrot zu
gewinnen, schlo er sich reisenden Gesellschaften an, die in Scheunen
Vorstellungen gaben; selbst bei Gauklern und Taschenspielern leistete er auf
Tage und Wochen Beihlfe, nur um nicht zu verhungern. Von Hause mit dem
vterlichen Fluch und mit Steckbriefen verfolgt, mute er schon deshalb bald in
dieses, bald in jenes Verhltni treten, nur um den Verfolgern seine Fhrte
abzuschneiden. Mit der Zeit milderte sich dann der Ha der Seinigen, die
Vexation der Behrden. Er fand einige Gesellschaften, die in etwas anstndigern
Formen auf Rechnung der dramatischen Kunst das Leben ihrer Mitglieder
fristeten.
    Serlo's schne Mittel gewannen ihm allmhlich ein Vertrauen, das er freilich
durch sein Talent noch nicht rechtfertigte. Er war schlank gebaut, hatte dunkle,
feurige Augen, schwarzes Haar, eine frische Farbe, die sich nur leider bald,
auch infolge der Entbehrungen und Anstrengungen, als trgerisch erwies und der
lachende Widerschein einer kranken Brust war. Schon in diesen ersten Anfngen
seiner Laufbahn geschah es ihm zweimal, da er auf der hessischen Bergstrae,
ein andermal in der Gegend zwischen dem badischen Freiburg und Basel - wo
wandern nicht diese armen Heloten der dramatischen Muse! - von einem Blutsturz
befallen wurde und hlflos und verlassen in kleinen Stdtchen liegen bleiben
mute. Die vornehmste Bhne, auf der er, leidlich genesen, im Fache der
Liebhaber zum ersten mal wieder auftreten konnte, war St.-Gallen gewesen.
    Serlo spielte in St.-Gallen den Mortimer. Er erlebte dabei, da selbst eine
so kleine Stadt wie diese schweizerische ihn auslachte. In Lindau am Bodensee
ging es ihm nicht besser. In den kleinsten Stdten werden jetzt schon
Recensionen und nach auswrts Correspondenzen geschrieben. Um diese seine beiden
Niederlagen zu decken, whlte er statt seines eigentlichen Namens Firmian
Neumeister den Namen Serlo und gerade Serlo mit Bewutsein aus Gthe's Wilhelm
Meister. Gebildet durch Schulunterricht und die Vorbereitungen zum
Priesterstande, hatte er vorzugsweise die beiden male, wo nach seinen
Blutstrzen Schonung ihm anempfohlen wurde und die Pflege guter Menschen ihm
eine Zeit lang Mue gewhrte, sein Wissen zu erweitern und zu vervollkommnen
gesucht. Er ragte durch seine geistige Bedeutung unter seinen Standesgenossen
bei weitem hervor und konnte sich endlich mit dem Namen Serlo in Passau,
Regensburg, ja selbst mit der Zeit in Nrnberg behaupten.
    Hatte Serlo einen Erfolg errungen, so warf ihn leider immer wieder sein
krperliches Befinden zurck, nahm ihm feste Stellungen, zwang ihn, monatelang
zu pausiren und in den Bdern wieder Erholung und Strkung zu suchen. Seine
Gemthsstimmung erfllte sich dabei mit groer Bitterkeit. Er konnte dieser
Bitterkeit einen geistigen Ausdruck geben. Er sah berall die Erfolge der
Talentlosigkeit, der Intrigue, des schlechten Geschmacks. Er, mit ungleich
grern Ansprchen auf die Gunst der Musen, mute zurckstehen. Schon war ihm
geschehen, da er an irgendeinem glcklichen Abend irgendeinem durchreisenden
Kunstkenner in kleinen Stdten aufgefallen war und einen Ruf nach einem groen
Hoftheater bekommen hatte; kaum dort angelangt, berfiel ihn eine Heiserkeit,
die ihm entweder das Auftreten ganz untersagte oder ihn, wenn er spielen konnte,
auer Benutzung seiner Mittel setzte. Und doch hatte sich darauf etwa fnf Jahre
lang seine Lage ziemlich gnstig gestaltet. Er bekleidete erste Fcher an groen
Stadttheatern und hatte Erfolge, Erfolge sowol auf der Bhne wie in der
Gesellschaft. Es umgab ihn ein eigener Reiz des Geheimnivollen, den seine
liebenswrdige und angenehme Persnlichkeit untersttzte. Serlo gehrte
keineswegs zu denen, die sich der bsen Welt gegenber unbewaffnet betreffen
lieen. Das Unglck hatte ihn lngst mehr scharf als schartig gemacht und im
Glck gab er seine Weise keineswegs auf und verwundete wol auch zuerst, da ihm
Urtheil und Ueberzeugungseifer nicht fehlten. Die Macht, die er berall durch
Intrigue erstrebt und wirklich auch durch sie erobert sah, reizte ihn sogar,
auch seinerseits nicht die Hnde in den Schoos zu legen oder unter Gaunern, wie
er zu sagen pflegte, der einzige ehrliche Mann zu bleiben. Serlo schien sogar
vielen gefhrlich; er rhrte sich nach Krften, zerri hier eine Fessel, um dort
eine andere zu vortheilhafterm Dienst sich anzulegen, stie fort, was ihm im
Wege stand, und unterdrckte mit Gewalt Gemth und Reue, zwei Begriffe, die fr
diese elende und erbrmliche Welt nicht paten und die Krhen da einlieen,
wo die Adler wohnen sollten, wie er oft mit Shakspeare sprach. Geist, Bildung,
Intrigue, Talent und ein bei alledem nicht zu verwindender gemthlicher Zug
gaben in Serlo eine Erscheinung, die zum Hchsten berufen schien, wenn nur die
Natur und das Glck gewollt htten.
    Die Natur hatte Firmian Neumeister, genannt Serlo, zu einem frhen Tode
bestimmt. Er war glcklich zu einem der ersten Hoftheater emporgeklommen, hatte
sich drei Jahre behauptet, begehrte einen Contract, der ihn nach fernern fnf
Jahren htte pensionsfhig machen mssen; man wollte ihm nur einen krzern
geben, der diese Pensionsfhigkeit ausschlo. Bei dem Streite, der darber
entstand, verga sich Serlo in den Formen, in denen sein Chef sich behandelt zu
sehen berechtigt war. Serlo erhielt seine augenblickliche Entlassung. Damals
traf er in gleicher Stimmung jenes Frulein Leonhardi. Man hatte an demselben
Hoftheater geglaubt, nach einer von ihr gespielten Donna Diana in ihr eine der
ersten Knstlerinnen zu gewinnen, und fand bald, da sie eine Rolle wie die
andere gab, die Lady Macbeth von demselben zuckersen Lcheln begleitet, wie
sie Bauernfeld'sche junge Witwen spielte. So verlieen beide zu gleicher Zeit
dieselbe Stadt mit denselben Empfindungen, den Empfindungen der Bitterkeit, und
auch mit demselben Uebermuth, der die Verzweiflung wegzulgen sucht. Serlo
sprach spter oft von dieser Verbindung mit Lionel's Worten: Glck zu dem
Frieden, den die Furie stiftet!
    Nach einem halben Jahre, wo beide zusammen Gastrollen gaben, mute Serlo
schon fr seine Begleiterin sorgen, als wre sie seine Gattin. War sie dies oder
war sie es nicht, sie konnte kein Engagement annehmen. Serlo mute sie und ein
erwartetes Kind ernhren.
    
    So nahm er die erste beste Stellung, die nur etwas Brot gab. Er nahm sie in
einer Form, die sich spter nur zu oft wiederholte ... Es ging zum Herbst. Die
Entbehrungen, die von einem Gastspielreisen ohne Ruf und Resultat unzertrennlich
sind, hatten ihn aufs Krankenlager geworfen. In einer Mittelstadt
Norddeutschlands, wo Frulein Leonhardi noch Verehrer von sonst besa, traf sie,
ihren Zustand mglichst verbergend, bei einem derselben mit einem durchreisenden
Director einer Bhne zusammen, der einen Liebhaber zu engagiren wnschte. In
einem Augenblick, wo der Director nach irgendeinem Gegenstand auf der Strae zu
sehen ans Fenster trat, besa sie die Geistesgegenwart, dem alten Freunde rasch
zuzuflstern: Schicken Sie in unser Hotel! Serlo soll sich ankleiden! ... Wie?
fragte der Director und wandte sich. Sie sprachen ja eben von Serlo? Ist Serlo
hier? ... Im Goldenen Adler! hie es ... Schade, da er krnkelt! antwortete der
Director ... Krnkelt? erwiderte die Leonhardi. Serlo ist so gesund wie ein
Fisch! ... Ich mchte ihn wol sprechen; ich knnte ihn brauchen ... lie
berlegend der Director fallen. Der alte Verehrer des Fruleins, ein
wohlhabender Theaterliebhaber, der sich darin gefiel, im Orte die seltensten
Weine zu haben, hielt ihn zurck: Nein, nein, nein! Sie bleiben! Ein Glas
Tokayer! Der Director schtzte Eile vor, blieb jedoch, um wenigstens auf
baldiges Wiedersehen anzustoen. Damit fand der Kunstfreund einen Moment,
hinauszuspringen und seinem Bedienten zu sagen: Lauf in den Goldenen Adler! Herr
Serlo soll sich ins Zeug werfen, ein Director kommt ihn zu engagiren! Nachdem
bietet er der Knstlerin und dem Director ein improvisirtes Frhstck. Dem
Director, der frchtete, mit Frulein Leonhardi, die er schon einmal sechs
Wochen im Engagement gehabt, auf neue Errterungen zu stoen, ergab sich bald,
wie Serlo zu Frulein Leonhardi stand. Madame Serlo? Ei der Tausend! - Ja
Madame Serlo! Doch nimmt mein Mann auch Engagement allein an. Eine halbe Stunde
verfliet. Zuletzt begleitet der Director Madame Serlo in den Goldenen Adler.
Dort, wo noch eben im abgetragenen Schlafrock, mit einem groen wollenen Tuch um
den leidenden Hals, ein armer Kranker, leichenbla, auf dem Bett gelegen hatte;
dort, wo alles ringsum in der grten Unordnung gewesen war, wo Arzneiglser am
khlenden Fenster standen, Wsche am Ofen hing, um erwrmt zu werden; dort, wo
ein hinflliger Kranker, einem Greise hnlich, das dunstige Zimmer mit Seufzern
und Verwnschungen ber sein Geschick erfllt hatte, hatte nach der Meldung des
Dieners im Nu eine Verwandlung stattgefunden. Die Glser waren entfernt, das
Bett durch einen Schirm verdeckt worden, die Wsche hinweggenommen, die grte
Ordnung herrschte. Der Kranke, der Lebensberdrssige, Hinfllige, Hustende
stand in dem einzigen Frack, den er besa, mit eng anschlieenden Beinkleidern,
gefirniten Stiefeln, weier Weste, ber welche eine Lorgnette niederhing,
buntem, lose umgeschlungenen Halstuche, eben den Hut aufsetzend, eben helle
Handschuhe anziehend, eben noch die Cigarre im Munde, um sie rasch gleichsam
auszurauchen, ein Liedchen trllernd und die Thr ffnend. Wohl hatte er das
Gefhl, als wenn ihm die Fe versagten, die Hnde flogen noch vor Fieberfrost,
die Lippen zuckten, der ganze Krper zitterte ... dann aber hrt er kommen,
jetzt eine Arie getrllert, laut eine Tirade gesprochen und nun: Was zum Henker,
Sie Herr Director? Was fhrt Sie in dies verdammte Nest, wo ich einen alten
Freund besuchen mute? Bravaden folgten auf seine Kraft, Bravaden ber den
langweiligen Aufenthalt, die baldige Abreise ... man plaudert, man scherzt, man
bietet Cigarren ... Der Director engagirt den unverwstlichen, interessanten
Serlo fr die Wintersaison. Die Contracte waren, wie gewhnlich, gleich zur Hand
in der Rocktasche; noch einige Debatten ber die Gage, dann Unterschrift ...
Beim Scheiden sagte der Director scherzend, mit einem feinen Blick auf Madame
Serlo: Serlo! Serlo! Die grauen Hrchen an den Schlfen! Schonung! Schonung! ...
Diese grauen Hrchen hatte der Leidende in der Eile zu frben vergessen. Madame
Serlo versprach zu sorgen, da die Hrchen nicht um sich griffen. Das Uebrige
ist Ihre Sache! sagte sie mit der Sigkeit jenes Conversationstons, mit dem sie
ihre Eroberungen machte. Als der Director fort ist, sinkt Serlo, der eine Stunde
lang mit der uersten Anstrengung die Rolle eines Gesunden und Frohgemuthen
durchgefhrt, ohnmchtig zusammen. Die Gefhrtin seines Lebens sprach den ganzen
Tag nur - von dem Glck, solche Freunde zu besitzen wie sie in jenem
Kunstfreund! Es war, sagte Serlo, als er diese Scene eines Abends, als seine
Gattin spielte, Lucinden erzhlte, nicht das erste mal, da ich gut gespielt
hatte und - ohne Beifall blieb.
    In eine Verbindung mit diesen Schauspielern trat Lucinde durch Zufall.
    Voller Unmuth ber die ihr gewordene Kndigung hatte sie eine Wohnung
gesucht. Sie erhielt das Anerbieten derjenigen, die Serlo verlassen wollte; die
Saison war zu Ende, mit ihr das Engagement.
    Es machte ihr damals einen wunderlichen Eindruck, die Menschen, die sie in
dem von ihr immer hei geliebten Theater nur im bunten Flitter, geschminkt und
in wallenden Locken gesehen hatte, hier unter lrmenden Kindern, trotz artiger
Formen verdrielich und aller Hlfsmittel zu tuschen entkleidet,
wiederzufinden.
    Die stadtkundige Geschichte des Prinzen und der Soubrette hatte eine
Anknpfung nhern Gesprchs gegeben. Serlo sagte, da sich daraus ein Lustspiel
machen liee und Madame Serlo vertheilte schon die Rollen. Lucinde hrte. Der
Einblick in diese neue und, wie sie sogleich sah, leidenschaftlich bewegte Welt
reizte sie. Sie miethete zwar die Wohnung nicht, kam aber wieder und machte
sich, wie dies in ihrer Art war, mit den Kindern zu schaffen. Diese waren hbsch
und von viel aufgeregterer Natur, als Kinder in solchem Alter zu sein Pflegen.
Sie waren selbst schon Schauspieler.
    Auch Klingsohr hatte anfangs Gefallen an dieser Bekanntschaft, die ihm
Lucinde mittheilte und in die sie ihn einfhrte. Ihm hatte diese Sphre ganz
bewut und in poetischer Wahrheit den Reiz, der im Wilhelm Meister nur zu
knstlich um sie gebreitet ist. Lucinde fhlte sich tastend, doch desto
verhngnivoller hinein. Bedrngt und verurtheilt von der ffentlichen Meinung,
hatte sie bei Madame Serlo ein Asyl gefunden, wo sie sich aussprechen und in
ihrer Art ganz gehen lassen konnte. Ihr Scharfsinn entdeckte bald den geheimen
Schaden dieser unglcklichen Knstlerverbindung. Serlo litt unter der Klte und
Herzlosigkeit seiner Lebensgefhrtin bis zur Verzweiflung. Das ganze Leben
dieser Frau war nur ein einziger Vorwurf gegen den Vater ihrer Kinder. Sie
behauptete, um ihn die glnzendste Laufbahn verfehlt zu haben, whrend Serlo
doch nur ein Opfer seiner Begegnung mit ihr geworden war. Lucinde wurde, wie das
geschieht, die Vertraute, die Rathgeberin beider, die Vermittlerin zweier
Gegenstze, die mit hchst ungleichen Waffen kmpften. Dort die kalte frischeste
Gesundheit, hier ein Siechthum, das Schonung und Liebe bedurfte.
    Lucindens Empfindungen ber Klingsohr wurden von der listigen Madame Serlo
bald errathen. Sie verurtheilte den Doctor, wie sie ihrerseits alle Mnner
verurtheilte, ausgenommen die, die ihr huldigten. Lucinde fand fr alles das,
was sie an Klingsohrn nicht mochte, den weltgewandtesten Ausdruck. Kaum stand es
fest, da sie Klingsohrn nicht mehr liebte, so hatte Madame Serlo auch schon den
Plan fertig, das rthselhafte, schne und aus unbekannten Hlfsquellen reich mit
Mitteln ausgestattete Mdchen an sich zu ziehen. Sie schmeichelte ihr zunchst
mit dem unverkennbaren Urtheil, das sie ber die Bhne htte, dann sogar mit
einem Berufe fr sie. Sie lste Lucinden immer mehr von den Beziehungen ab, die
sie noch hier und da in der Gesellschaft hatte. Als der Augenblick der Auflsung
des Theaters heranrckte und von einem kleinen Seebade gesprochen wurde, in dem
die Trmmer der Gesellschaft im Sommer Vorstellungen geben wollten, bedurfte es
bei Lucinden keiner langen Ueberredung. Sie entschlo sich eine Stadt zu
verlassen, die ihr durch Klingsohrn sowol wie durch die stete Errterung ihrer
Intrigue mit dem Prinzen unertrglich geworden war.
    Ueber Klingsohrn hatte ihr Madame Serlo, die das Leben kannte, ein Bild
entworfen, dessen Wahrheit sich nicht widerlegen lie. In voller Gewiheit ging
ihr auf, da die Ueberschwenglichkeit dieses zu so Edelm berufenen und
bedeutsamen Mannes eine Folge der Aufregung war, die ihren Ursprung in der
Gewohnheit unmigen Trinkens hatte. Die Trunksucht war bei Klingsohrn
entstanden wie im Traume, wie bewutlos, wie die natrliche Begleiterin genialer
Ueberspannung. Wie sie auch gekommen, sie war da, und Madame Serlo schonte die
Farben nicht, diesen Zustand auszumalen. Sie kannte die Nachtseiten des Lebens
und sparte keinen Zug an dem Bilde der Zukunft, das sie fr Klingsohrn
aufrollte. Sie behauptete, schon gehrt zu haben, da er Opium nhme; sie
schilderte die Folgen dieser Neigung in einer Weise, die die zum ersten male von
solchen Dingen Hrende nicht an der Wahrheit des Gerchts zweifeln lieen. Sie
hatte ja Klingsohrn oft genug schon gesehen, wie er, wenn er mit ihr ging, sie
starr betrachtete und sie ihn unmuthig anrufen mute, um ihn nur zur Besinnung
zu bringen. Die Abneigung, die sie immer tiefer gegen ihn empfand, bekam jetzt
Grund und Ausdruck. Da sie wute, wie er nach ihr verlangen, sie verfolgen
wrde, so hllte sie die Entfernung von Kiel, die sie in der That drei Monate
vor Ende der Gefangenschaft Klingsohr's ausfhrte, gerade so weit in Dunkel, als
ihr mit Beistand jener verschmitzten Frau nur irgend mglich wurde.
    Mit ihren noch ausreichenden Mitteln, mit dem reichen Schatze ihrer Kleider
und Schmucksachen war sie Madame Serlo willkommen wie ein Engel des Lichts. Die
andern Schauspieler reisten ab, geradeswegs nach jenem Bade. Nach einigem Hin-
und Herreisen, um ihre Spur zu verbergen, erschien auch Lucinde in jenem noch
menschenleeren Strandorte. Sie war nun in diesen neuen Kreis, eben aus Furcht
vor Klingsohrn, wie gebannt. Von ihrer eigenen Vergangenheit deckte sie nicht
viel auf, wie berhaupt Verschwiegenheit zu ihren Tugenden gehrte. Da sie aber
schon ein bewegtes Leben gefhrt, wurde sogleich erkannt, wie auch der Name des
Kronsyndikus haften blieb als desjenigen, vor dem sich Lucinde zu rechtfertigen
htte und auf dessen Gunst und Untersttzung hier alles ankam. Die sich
mehrenden Spuren der Nachforschungen, die um sie angestellt wurden, veranlaten
das engste Zusammenwohnen Lucindens mit der Serlo'schen Familie. Sie gab dabei
uneigenntzig, was sie besa. Madame Serlo war eine Meisterin in der Kunst des
Schmeichelns. Sie hatte jetzt das sehnschtigste Ziel wieder eines Engagements
an solchen Pltzen, wo sie den reichen Schmuck und die kostbaren Kleiderstoffe,
die ihr Lucinde gern zu Gebote stellte, verwerthen konnte.
    Die eigentliche Fessel aber, die diese Eroberung festhielt, war in der That
der von Lucinden gepflegte und gegen die Klte der Frau geschtzte Mann. Serlo
hatte etwas Vergeistigtes. Er besa ganz jene verklrte Schnheit, die bei
Brustleidenden bis an das Ende ihrer Tage sich noch zu steigern pflegt. Sein
Auge blickte voll sanfter Glut, wenn er am wenigsten beobachtet wurde. Die
Formen seines Antlitzes waren so edel, da sie den Meiel des Bildhauers
herausfordern konnten. Das Haar hing in den Nacken mit seinem grauen Schimmer,
wenn es nicht gefrbt wurde der Komdie wegen. Alles, was Serlo sprach, war
der Brust wie mit Anstrengung abgerungen, darum aber auch gewichtvoll und fest
und nie unntz. Einen Ueberflu an Worten, wie ihn seine Gattin sich
wohlbekommen lie, kannte er nicht. Die Bitterkeit seiner Aeuerungen zog
Lucinden tief an; sie war in hnlicher Stimmung. Dazu die Furcht, sich von
Klingsohrn entdeckt zu sehen oder dem Kronsyndikus sich verantworten zu mssen.
Da Madame Serlo sie darum drngte, hatte sie an letztern geschrieben und um neue
Geldmittel gebeten. Dieser Brief war aber entweder nicht an seine Adresse
gekommen oder wurde absichtlich unbeantwortet gelassen.
    In der unendlich elegischen Stimmung, die Serlo tglich beherrschte,
ironisirte er sich und sogar die Anhnglichkeit der Familie an Lucinden. Wenn
sie ihm dankte fr alles, was er in stillen Stunden von seiner Jugend ihr
erzhlen mute, von Menschen, Gegenden, die er gesehen, sagte er bitter
lchelnd: Kind, wir ziehen uns gegenseitig aus! Darber hatte sie die ganz klare
Vorstellung, da Madame Serlo die Klugheit alternder Theaterdamen befolgte, sich
an ein frisches, aufblhendes Talent anzuklammern, stets es zu bewundern und
solange als nur irgendmglich die Ertrgnisse desselben fr sich zu behalten.
Aber es irrte sie darum nicht. Sie durchschaute alles, nur zu wenig die
Schmeichelei ber ihr Talent. Sie wollte wirklich noch die Bhne betreten.
Madame Serlo begann eine Art Unterricht; sie glaubte vielleicht aufrichtig, der
Geistesschrfe ihres Zglings, dem Wagemuth, dem noch zuweilen aufsprudelnden
Humor desselben entsprche das gleiche Vermgen auch auf der Bhne. Selbst Serlo
glaubte dies und ergnzte in geistvoller Rede die Anleitungen, die seine
routinirte Gattin gab.
    Von Klingsohrn unbehelligt, ging dies pltzlich vernderte Leben einige
Monate hin. Von ihrer Hhe war Lucinde vllig herabgestiegen. Wo war die Amazone
hin, die auf den Rossen des Universittsstallmeisters geprangt hatte! Serlo
fhlte dies und sagte zu ihr:
    Bestes Frulein, wie beklage ich Sie! Wie hat das alles mglich werden
knnen! Du sublime au ridicule il n'y a qu'un pas!
    Napoleon sagte das! erwiderte sie, stolz den gesenkten Kopf erhebend.
    Das ist wahr, entgegnete Serlo erglhend. Die groen Geister wandeln
regellos!
    Bitter lchelnd setzte er hinzu:
    Nur die Hofrthe fallen nie aus der Rolle! Die sind ewig erhaben!
    Die Familie reiste mit ihrer Eroberung hierhin und dorthin. Die Seebadsaison
war des schlechten Wetters wegen nicht eingeschlagen. Der Kronsyndikus
antwortete nicht. Madame Serlo schrieb zuletzt selbst. Sie that sich auf ihr
Talent, mit den Groen zu verkehren, etwas zugute. Es erfolgte aber auch fr sie
keine Antwort. Man wollte in Neuhof entweder ganz abbrechen oder strafen ...
durch Schweigen vielleicht auf Besserung hoffend.
    Eines Tages erschien aber Klingsohr. Es war in Lneburg auf der Heide. Man
hatte gehofft, fr den Winter dort eine Unterkunft zu finden.
    Von dem Versiegen ihrer Hlfsmittel, den Anstrengungen der Reise und den
Erlebnissen innerhalb der Familie Serlo war Lucinde schon so muthlos geworden,
da sie Klingsohrn in das kleine Gasthofzimmer, das sie bewohnte, mit einem
leisen und furchtsamen Aufschrei eintreten sah. In frherer Zeit wre sie
ruhiger gewesen und htte ihn entweder mit Verstellung oder mit einer offenen
Kndigung begrt.
    Klingsohr trat auf sie zu, gleichsam um sich zu berzeugen, ob sie es denn
wirklich wre ...
    Dann fragte er, whrend sie langsam aus der Sophaecke sich erhob:
    Warum hast du mir das gethan?
    Sie begann keine Errterungen, sondern erwiderte kleinlaut und durch die
Schule des Lebens gedemthigt:
    Wann bist du angekommen?
    Auf einem Felde gleichgltiger Gesprche fand man sich zuletzt so leidlich
wieder zurecht. Ja auch aus der Theatersphre und Verstellungskunst heraus war
dieser scheinbare und so schnell geschlossene Friede zu erklren. Wenn Madame
Serlo eben noch jemand im Geiste vergiftet hatte, konnte sie, wenn er zufllig
selbst erschien, ihm den Stuhl hinrcken, diesen abstuben und das ganze Arsenal
ihrer Liebenswrdigkeiten spielen lassen ... Und das Beste, sagte Serlo oft, ist
dann die wirkliche Freundschaft fr diese vergiftete Person, wenn sie zuletzt
geht! Die Judasksse wurden echte, wenigstens auf so lange, als der
Nachgeschmack des dabei genossenen Kaffees und das gemeinschaftliche Interesse
einer bei dieser Gelegenheit geschlossenen gemthlichen Intrigue dauert!
    Fr solche von dem Kranken, der dabei lang auf dem Sopha ausgestreckt lag
und das schne bleiche Antlitz aufsttzte, immer mit schneidender Bitterkeit
hingeworfene Aeuerungen erntete er von seiner Lebensgefhrtin Schmhungen, von
Lucinden ein vertrauliches Zunicken der Uebereinstimmung.
    Klingsohr kam ohne Geld.
    Die kluge Madame Serlo bekam bald heraus, da er in einem Briefe, in welchen
der Kronsyndikus endlich auch einen und diesen voller Mahnungen an Lucinden
eingelegt hatte, dessen bergenug empfangen. Das Suchen nach Ihnen, liebe
Lucinde, sagte sie spitz, mu viel Ausgaben verursacht haben!
    Klingsohr hatte schon immer eine Zuneigung fr die Familie gehabt und hatte
ihr Leben oft genug romantisch genannt. Man verstndigte sich, vergab sich
einander, was etwa gegenseitig gefehlt war, und bald entspann sich auf einige
Tage ein Zusammenleben, in dessen Hintergrunde der Entschlu Lucindens zu stehen
schien, da sie Klingsohrn wieder nach Schlo Neuhof begleiten wollte. Es
bekmmerte sie, da der Kronsyndikus so kalt geantwortet hatte.
    Schlo Neuhof betret' ich mit keinem Fue mehr! sagte Klingsohr. Doch will
ich dich bis Ldicke begleiten!
    Madame Serlo horchte nur immer. Sie sollte ihre Eroberung aufgeben? Lucinde
besa noch Kleider und Schmuck genug, um davon ein ganzes Jahr lang sie alle
erhalten zu knnen ... Die Frau blinzelte ihr Standhaftigkeit zu.
    Drei Tage war Klingsohr in Lneburg, als er auch dort sein gewohntes Leben
begann ...
    Er fand gttinger Freunde, er entzckte durch den Dmmer der Poesie, mit dem
er sich theils durch Reminiscenzen aus den beliebtesten Dichtern, theils durch
die Gabe der eigenen Improvisation zu umgeben wute, er erntete, wenn er sprach
oder schwieg, die gewohnte Bewunderung, er streifte die Aermel seines Rockes
wieder im hei gewordenen Gesprch empor wie einer, der auf die Mensur zu treten
bereit ist, und war der Titane, dessen Zukunft noch niemand berechnen konnte.
    Madame Serlo beobachtete scharf. Am Nachmittag des vierten Tages ffnete sie
leise das Zimmer, in dem Lucinde eben an den Kronsyndikus schreiben wollte,
winkte bedeutungsvoll und rief wispernd Lucinden auf die Nummer, die Klingsohr
bewohnte.
    Das Zimmer fanden sie unverschlossen.
    Madame Serlo hatte es aufgedrckt und zeigte auf Klingsohrn, der ber sein
Bett auf den Rcken ausgestreckt lag, eine kleine Cigarrenpfeife in der Hand
hielt und zu schlafen schien.
    Er hat Opium geraucht! sagte Madame Serlo. Sehen Sie nur! Nun trumt er! Er
ist im siebenten Paradiese!
    
    Lucinde beobachtete den Unglcklichen, der mit offenen Augen lag, aber
vllig abwesend war. Er hatte den rechten Arm unter den Kopf gelegt, der linke
hing schlaff vom Bette nieder mit der kleinen Pfeife, aus der er leicht ein
Opiat geraucht haben konnte. Auf dem Fuboden lagen die Gedichte Coleridge's,
jenes englischen Dichters, der am Opium zu Grunde gegangen ist.
    Lucinde war vollkommen berechtigt, an diese Deutung zu glauben. Diese
offenen Augen, diese blassen und krampfhaften Gesichtszge, verbunden mit einem
zuckenden Hpfen der Nerven, besttigten, was sie von beiden Serlos ber die
Wirkungen dieser Betubung schon vernommen hatte. Sie wurde darber von einem
Grade von Abneigung gegen Klingsohrn ergriffen, da sie bat, den Ort, der
ohnehin keine Hoffnungen fr die Bhne bot, sofort, aber auch augenblicklich,
ohne sein Erwachen abzuwarten, zu verlassen.
    Madame Serlo hatte erreicht, was sie wollte.
    Serlo, den man hinzurief, sprach mitleidiger und rieth zur Vershnung, zur
Heilung des Unglcklichen. Er hatte dem Klosterleben, dem Leben der Entsagung
nahe gestanden, er kannte die Verirrungen der Phantasie ...
    Lucinde nahm keine Beruhigungen an. Sie forderte die Rechnungen ein, gab
einen werthvollen Ring von den Geschenken, die ihr der Kronsyndikus noch beim
letzten Abschied in Kiel gegeben, zur Ausgleichung der Zeche und wollte schon
fort in einer Stunde.
    Von Madame Serlo wurde sie aufmerksam gemacht, da man Klingsohrn
einschlieen sollte ... er knnte bestohlen werden. Damit zeigte sie auf ein
Portefeuille, das ihm aus der Brusttasche entglitten war und neben ihm auf dem
Bette lag.
    Es war ein Geschenk, das Lucinde ihm selbst gefertigt; eine Stickerei von
ihrer Hand zierte die beiden Deckel. Nichts vom Inhalt, nur das Portefeuille
selbst wollte sie an sich nehmen. Sie ffnete, warf einiges Geld, einige kleine
Schlssel, Bleistifte, sogar zerknitterte Briefe, alles, was darinnen lag,
hinaus, warf es ungeprft und ungelesen auf die Bettdecke, behielt ihr Geschenk,
das Portefeuille, schlo die Thr zu und lie, wie sie bitter wiederholte,
Klingsohrn im siebenten Paradiese. Es wird schner sein als das Dante'sche!
setzte sie zu Serlo hinzu. Sie wuten beide, da Klingsohr ber Dante gelesen
und des Florentiners Hlle fesselnder und anziehender genannt hatte als dessen
Himmel.
    Serlo hatte seiner Gattin gegenber aus physischer Schwche keinen Willen.
Er sorgte nur immer, auch beim Reisen, Ankommen und Abgehen, fr die Kinder. Der
Handel mit dem Wirthe wurde abgeschlossen. Man hatte noch einen guten Ueberschu
und accordirte einen Wagen. Er sollte sie der obern Elbe zufhren.
    Schon war man im Packen begriffen, als sich in Klingsohr's Zimmer ein
entsetzliches Pochen vernehmen lie.
    Man gab dem Kellner den Schlssel, mit dem geffnet werden konnte.
    Zugleich sprang Lucinde in ihr Zimmer, Madame Serlo folgte, beide
verriegelten sich.
    Auf dem Corridor hrte man Klingsohrn jetzt nach seinem Portefeuille rufen.
Da er den Inhalt gefunden hatte, konnte er von keinem Diebstahl sprechen. Er
rief Serlo; dieser wies ihn von seinem Zimmer aus an die Frauen.
    Am Schlsselloch des Nebenzimmers lauschte Madame Serlo.
    Lucinde betrachtete ruhig ihre Stickerei auf dem Portefeuille. Es war
Winter; sie sah sich nach dem Ofen um, um das Portefeuille zu verbrennen.
    Madame Serlo hinderte sie und ffnete wenigstens noch einmal das schne
Geschenk.
    Alles das geschah, whrend Klingsohr an der Thr rttelte, pochte und im
wildesten Ungestm sein Eigenthum zurckverlangte.
    Serlo erklrte ihm das Vorgefallene und machte ihm in lateinischer Sprache
Vorwrfe ber seine Verirrung, die Klingsohr nicht in Abrede stellte. Ihr habt
gut sprechen! entgegnete er. Wer das Bedrfni des Glckes hat, sucht es, wo
er's findet! Ich wnsche Euch nicht meine Nchte oder die Trume, die mir mein
kurzer Schlaf schenkt!
    In mildern Worten bat er Lucinden jetzt um die Rckgabe des Portefeuille.
    Klingsohr! sprach diese mit fester Stimme dicht an der Thr nebenan, wo
Klingsohr im Zimmer war, wandeln Sie Ihre Bahn! Wir sind geschieden! Auf ewig!
    Lucinde! lautete sein Flehen.
    Das Portefeuille wird auf Ihrer Brust entweiht! Ich behalte es!
    Nimmermehr! rief Klingsohr und schlug gegen die Thr.
    Was ist denn nur ein so besonderer Werth daran? flsterte Madame Serlo und
betrachtete es wiederholt nher.
    Sie las auf dem inwendigen und befestigten Pergament eine Menge kurzer
Bemerkungen, Namen, abgerissene Titel von Schriften, Citate, gelehrte Dinge, die
ihren Horizont berstiegen.
    Dennoch hielt sie diese Bltter nicht fr unwichtig. Wer wei, flsterte
sie, welche Geheimnisse sie enthalten!
    Als Klingsohr nicht endete und behauptete, er wrde das Haus in Brand
stecken, wenn er das Portefeuille nicht zurckbekme - schon wurde durch den
Lrm der Wirth herbeigezogen -, las ihm Madame Serlo hhnend einige Worte vor,
die vielleicht die Seite des Pergaments bezeichneten, an der ihm vorzugsweise
gelegen wre.
    Weib, schweige! rief er und schien nur aus Rcksicht auf Serlo, der mit den
ngstlichen Kindern hinter ihm stand, weitere Bezeichnungen zu unterdrcken.
    Bitter hhnend klang es, als Madame Serlo buchstabirte:
    Weltordnung - Dante's Hlle - Buschbeck - siebentes Paradies - Johannes von
Zeesen - Regina Coeli - neun Zeitalter - Schn Hedwig - Hubertus - Rom - die
Katakomben - -
    Tod und Teufel! schrie Klingsohr und schlug jetzt mit einem Stuhl gegen die
Thr.
    Er zeigte sich in der ganzen Wildheit, in der ihn Lucinde kannte. Serlo bat,
der Wirth befahl Ruhe, Lucinde selbst rieth zum Nachgeben.
    Was ist ihm nur so gelegen an dem Ding? wiederholte Madame Serlo. Sie
untersuchte, whrend Lucinde die herausgenommenen Bltter berflog, den brigen
Inhalt. Da fand sie denn, da eins der kleinen Tschchen verschlossen war. Sie
bog das Leder etwas zurck und fhlte, da man nichts sehen konnte, hinein. Hin-
und herstreifend mit dem kleinen Finger, der allein Platz hatte, entdeckte sie,
da drinnen etwas lag, was sich rauh anfhlte ... vielleicht ein Stck Tuch ...
    Seltsam! sagte Madame Serlo zu Lucinden. Was kann ihm an einem Fetzen Tuch
gelegen sein?
    An Lucinden lief jetzt eine Erinnerung hin wie das Wort am elektrischen
Drahte. Der Gedanke, da sich hier der Tuchstreifen vorfand, der einst an der
Leiche des Deichgrafen gefunden wurde und spter durch sein pltzliches
Verschwinden den erst vor kurzem, wie sie gehrt, wegen mangelnden Beweises
freigesprochenen Stephan Lengenich ins Gefngni gebracht hatte, zuckte in ihr
auf. Die Farbe des Tuches lie sich nicht erkennen, nur der Stoff fhlen ...
    Sie stand trumerisch und auch Madame Serlo merkte die jhe Flucht der
Gedanken, die ihr eben durch den Kopf schossen.
    Klingsohr hatte inzwischen sein Benehmen gendert. So war er immer. Eben
noch ein Ungethm, vor dem man alles entfernen mute, was sich etwa zertrmmern
lie, wurde er pltzlich weich wie ein Kind, ja sogar feig und lie sich auf
Nachgiebigkeiten betreffen, die mit seinem sonst so reizbaren Ehrgefhl im
vollsten Widerspruche standen.
    Lucinde! sprach er mit weicher Stimme und durch's Schlsselloch. Gib mir
mein Portefeuille zurck! Es hngt daran die Ruhe meines Lebens!
    Gut, Klingsohr! sagte Lucinde, die die Gedanken an die Schreckensscenen von
Schlo Neuhof nicht festhalten mochte, weil sie zu ihren qulendsten
Erinnerungen gehrten; wenn das ist, so geb' ich dir's unter der Bedingung
zurck, da ich's behalte, bis wir in dem unten befindlichen Wagen sitzen und
abfahren! Du versprichst mir aber auf deine Ehre, mich von diesem Augenblicke an
nicht mehr zu kennen, nie und nirgends, hrst du, nie und nirgends, und mich
meine Lebensbahn ziehen zu lassen, wie und wo ich will! Leiste mir diesen
Schwur! Thust du es nicht, so ist hier noch so viel Glut im Ofen nebenan, da
dein Portefeuille im Augenblick von den Flammen verzehrt ist!
    Um Gottes willen nein! rief Klingsohr.
    Dann schwieg er eine Weile. Er schien nicht zu bezweifeln, da Lucinde wahr
gesprochen, und berlegte, welchen Werth fr ihn die beiden Gegenstze der
gestellten Alternative hatten.
    Lucinde wiederholte mit fester Stimme, was sie eben gesprochen, whrend
Madame Serlo's listiges Auge vergebens in so wunderbare und unglaubliche
Geheimnisse des Tschchens zu dringen suchte ...
    Serlo antwortete jetzt statt Klingsohr's. Man hrte das leise und
schmerzlich ausgestoene Wort des letztern:
    Ich gebe - mein Ehrenwort!
    Nun verlangte Lucinde, da sich Klingsohr bis zur Abreise, die sogleich
erfolgen wrde, entfernte. In die Brieftasche lie sie die Neugier der Madame
Serlo nicht weiter einblicken.
    Die Anstalten der Abreise waren zu Ende. Klingsohr stand am Wagenschlag und
nahm sein Portefeuille mit einer Hast zurck, als hinge die Ruhe seines Lebens
daran. Dies mute sein, wenn er um einen solchen Preis Lucinden entsagen konnte.
    Er wollte noch mit der Geliebten reden, reichte ihr die Hand in den
Rcksitz, den sie so lange einnahm, bis sie die Stadt verlassen - spter duldete
sie nicht, da Serlo irgendeine Bequemlichkeit entbehrte -, aber sie lehnte
diese Hand ab.
    Klingsohr bat wiederholt um die Hand und zog die seine nicht zurck.
    Damit seine dargereichte Rechte nicht ohne Erwiderung blieb, nahm sie die
Hnde des einen der Kinder und legte diese beide in die seinige.
    So wurde diese von ihr so hei ersehnte Trennung wirklich vollzogen.

                                      20.


Zu dem Fluche, der mehr auf dem Theaterleben ruht als Segen, gehrt die
Unmglichkeit, sich ein Leben lang aus dem Banne desselben zu befreien, wenn in
ihm auch nur einige wenige Augenblicke genossen wurden, die glckliche waren.
    Man hat es gesehen und sieht es tglich, wie derjenige, dem ein kurzes Glck
in diesem Wirkungskreise lchelte, ewig von demselben zehrt, immer hofft, da es
wiederkehren msse, immer glaubt, da es nur durch zufllige Umstnde, die sich
beseitigen lassen wrden, am Wiedererscheinen verhindert wre. Ein Leben voller
Entbehrung und Enttuschung, ja ein Leben voller Schmach und Entwrdigung kann
an diese trgerische Hoffnung verloren gehen.
    Lucinde betrat noch die Bhne nicht und blieb dem Verkehr der brigen
Theaterwelt schon um deswillen fern, weil Madame Serlo sich bei allen
Entbehrungen fr zu erhaben dnkte ber die niedere collegialische Sphre, der
sie jetzt immer mehr und mehr angehren mute. Um so enger war Lucindens
Verbindung mit den Serlos selbst. Manche Gelegenheit, manche Huldigung bot sich,
diesen Bann zu brechen. Sie konnte nichts mehr muthig ergreifen. Sie schleppte
sich mit den kummervollen Zustnden dieser Familie so hin und Serlo bedurfte
ihrer. Sie htte nie von sich selbst geglaubt, da sie einer solchen
Anhnglichkeit fhig war.
    Zwischen ihr und Madame Serlo mute zuletzt offene Feindschaft ausbrechen.
Der Kronsyndikus antwortete auf keinen Brief; die Kleinodien und werthvollen
Kleider waren verkauft; jetzt mute schon Lucinde das Brot der Armuth theilen.
Sie nahm es in Anspruch mit dem Versprechen, alles gut zu machen, wenn sie einst
als Schauspielerin auftreten wrde; einstweilen unterrichtete sie die Kinder,
sie besorgte die Wirthschaft, sie pflegte Serlo.
    Gerade aber in diesem letztern immer nthiger werdenden Amte begegneten sich
beide Frauen, die Alternde, die die Jugend log, und die Jugendliche, die mit
neunzehn Jahren schon die Stirn wie eine Matrone runzeln konnte, mit Ha und
Eifersucht.
    Lucinde hatte vom Arzt gehrt, da Serlo's hinfllige Gesundheit noch lnger
gefristet werden knnte bei sorgsamer Pflege. Madame Serlo war selbst davon
berzeugt, besa aber jene schroffe Weisheit der ewig Gesunden, die in jeder
Klage eines Kranken Uebertreibung sieht. Sie selbst war kaum jemals krank
gewesen, sie erklrte das Kranksein fr eine dumme Angewhnung. War sie selbst
wie ein Fisch im Wasser, so sollte alles um sie her ihr Element theilen. Hatte
sie sich gebadet, mit Staubregen berrieseln lassen, kam sie trotz ihrer Vierzig
frisch und strahlend zum Frhstck, so sollte die ganze Welt nur ihrem Beispiel
folgen und es wrden alle Husten, Kopfwehe, Katarrhe, besonders aber die
eingewurzelten, aus denen doch wol Serlo's ganzer Zustand allein herzuleiten
wre, fr immer verschwinden.
    Serlo lchelte dazu und Lucinde sagte:
    Wenn aber gerade die eingewurzelte Einbildung schon den ganzen Menschen
regiert und ihm nur noch manchmal wohl wird in der Gewiheit, da man diese
seine Schwche schont?
    Das eben darf man nicht! erwiderte Madame Serlo. Man darf keine Irrthmer
bestrken, darf keinen beln Gewohnheiten Vorschub leisten! Wenn sich Serlo nur
herausreien knnte, nur wollte, es wrde ihm und uns allen geholfen sein!
    Dies kalte Wort vom Herausreien, vom Emporraffen war das grausam ewig
wiederholte, das in Serlo's Ohr schon seit sechs Jahren mit bohrendem Schmerz
whlte.
    Er liebte glcklicherweise das Leben selbst und versuchte es, ihm
Wohlbefinden und Kraft abzugewinnen, abzutrotzen. Brach er nach einer solchen
Anstrengung, in der er sogar spielte und sich zu Feuer und Begeisterung zu
entflammen suchte, wieder zusammen, untersuchten Aerzte das Gerusch seiner
Lungen und entfernten sich mit ernsten Mahnungen an die Gattin, an die
Erzieherin der Kinder, wie Lucinde genannt wurde, so traten Augenblicke einer
vlligen Muthlosigkeit ein und Serlo ergriff dann oft, wenn er mit Lucinden
allein war, ihre Hand und sagte fast weinend:
    Wenn ich nur nicht noch in meiner letzten Stunde hren mu, da ich mir zu
viel nachgbe! Das Wort: Rei' dich heraus! wird mein Grablied werden!
    Lucinde versicherte:
    Ich werde bei Ihnen bleiben!
    Was sie an diesen bemitleidenswerthen Mann fesselte, war sein Unglck und
seine Bitterkeit. Sie befand sich in einer Stimmung, die der seinen nicht
unhnlich war. Ihr ganzes Leben war ja gleichsam in einen pltzlichen Stillstand
gerathen, in einen jhen Sturz, wie in eine Versandung. Wo war sie hingerathen?
Aus solcher Hhe des Glcks! Auch die ersten Reize desjenigen Eindrucks, den man
an ihr den elfenartigen genannt, waren geschwunden; sie war jungfrulich
geblieben, aber nicht mehr so gefllig, so naiv, so lacertenhaft wie einst. Sie
legte keinen Werth mehr auf ihr Aeueres, sie schmckte sich nicht mehr; die
Abneigung gegen die Wassertheorie der mit Fischblut, wie sie sagte, belebten
Madame Serlo lie sie die Vorschriften der Ordnung sogar mehr vernachlssigen
als billig. Ihre Gestalt bekam etwas Lssiges. Wochenlang verlie sie das Haus
nicht oder sah nur zu dm Kindern nieder, wenn sie diese beim Spazierengehen
fhrte. Sie war muthlos geworden und so vergrmelt wie ein Mdchen, das jeden
Augenblick den Stundenschlag erwartet, an welchem es dreiig Jahre zhlt.
    Zwanzig zhlte sie schon; denn zwei Jahre fhrte sie das herumziehende
Leben, das sogar Reiz fr sie bekam in den tglichen kleinen Abwechselungen der
Bhnenchronik, in der lebhaften und feurigen Anwaltschaft fr das uere
Interesse der Familie, der sie sich angeschlossen hatte, endlich innerlich in
der Parteinahme fr Serlo gegen seine Frau. Es gab Scenen der Erbitterung. Ost
genug wurde das Wort gesprochen, da entweder die Gattin oder Lucinde gehen
mte. Serlo, der auf liebevolle Hingebung keine Ansprche mehr gemacht hatte,
der glcklich war, da noch einmal ein Blick, der Handdruck eines teilnehmenden
Wesens ihn lohnen konnte fr sein Dulden, Serlo vermittelte diesen Zwiespalt, so
gut es immer ging. Um den Frieden wiederherzustellen, hatte er gewisse
Hlfsmittel, die nicht fehlschlugen. Er rhmte, was die Kinder in der Musik fr
Fortschritte machten; Lucinde unterrichtete sie. Er lie Lucinden Scenen aus den
classischen Stcken recitiren. Sie sprach sie mit Verstndni, wenn auch kalt
und schwunglos. Die Begeisterung wird der Abend und der Anblick der Zuschauer
geben! sagte der Kranke. Er deutete auf die groen Vortheile hin, die ihnen
allen wrden geboten werden, wenn endlich Lucinde sich entschlieen knnte, in
das so verwaiste und so theuer bezahlte Fach der Liebhaberinnen von Gestalt
und Schnheit einzutreten.
    War der Friede auf diese Weise wiederhergestellt, so erzhlte er mit
Gemthlichkeit von seinem vergangenen Leben. Die Schrfe, die er frher
besessen, hatte ihn in der Schule der Leiden immer mehr verlassen, nur die
bittere Ironie war ihm geblieben, das Salomonische: Alles ist eitel! Er wollte
seine Philosophie des Lebens, da alles Wahn, alles Verkehrtheit und Narrheit
wre, von seinen frhesten Anfngen her beweisen. Besonders lange verweilte er
in der Schilderung seiner ersten Anlufe zur geistlichen Laufbahn ... Serlo
schilderte Menschen mit derselben Lebhaftigkeit wie Gegenden. Seit Jahren fhrte
er Tagebcher und las daraus Stellen vor, ber deren Bitterkeit und Satire er
oft den Kopf schttelte, gleichsam als wenn er nicht begreifen konnte, wie er
einst so htte denken und fhlen knnen. Er nannte dann das, was er las,
abgeschmackt, wahnbethrt, oft aber auch wieder, offen von sich selbst
gestanden, klug und treffend. Manchmal, wenn er beim Blttern auf Thorheiten
stie, auf Racheplane, Anfeindungen, die er selbst erlitten oder angezettelt
hatte, sagte er mit vollem Ernst: Ich war damals verrckt! Wir alle sind
verrckt! Jeder ist's innerhalb seines eigenen Interesses! Und wir wissen es
sogar selbst sehr gut! Mindestens, wenn wir zurckblicken und uns
vergegenwrtigen, wie wir damals waren, damals das sagen, das thun konnten! Bei
anderm, was er erzhlte oder las, sagte er dann wieder ganz offen von sich
selbst: Wie gut das von mir war, wie edel! Ja, darf man sich denn nicht selber
lieb haben? ... Wenn Madame Serlo zuhrte, was selten geschah - sie hatte zu
jeder Zeit, nicht blos Abends, einen Schlaf, der nur: Ich will! zu sagen
brauchte und sie schon schnarchen lie - sagte diese: Nein, lies lieber aus dem
allen heraus, da du einst mehr Courage hattest! Und die knntest du noch haben,
wolltest du dich nur herausreien!
    Herausreien! ... Es war das ewige Wort ... Es schnitt dann wieder alles
entzwei.
    Einige betrgerische Directionen hatten die Familie bis an den Rand des
Elends gebracht. Lucinde mute das Opfer, das sie immer in Aussicht gestellt
hatte, jetzt endlich vollziehen und einen Schritt thun, der ihr innerlich
widerstrebte. Man unterhandelte mit einem ansehnlichen Theater ber ihr erstes
Auftreten. Die Umstnde hatten es gefgt, da sie den ersten Schritt an die
Lampen gerade in jener Stadt thun sollte, in welcher sie einst von der Frau
Hauptmnnin von Buschbeck in diese wirre Welt war eingefhrt worden.
    Diese Stadt wiederzusehen, flte ihr Schauder ein.
    Jahre waren vergangen, seit sie dort gelebt. Wie mancher konnte ihrer
eingedenk geblieben sein! Ein dunkles Gercht hatte ihr von ihren beiden letzten
Geschwistern kein glckliches Wiedersehen in Aussicht gestellt. Beide Knaben
sollten aus dem Waisenhause zu Lehrherren gekommen sein, dann aber sich schlecht
bewhrt und sogar schon den Gerichten Gelegenheit gegeben haben, sich mit ihnen
zu beschftigen. In der Schweigsamkeit ber ihre Angelegenheiten, die ihr eigen
war, sprach sie Serlo nur obenhin vom Vergangenen, kein klares Wort von ihren
Besorgnissen, sonst wrde dieser sie entweder widerlegt oder die Anknpfung mit
der Bhne gerade dieser Stadt widerrathen haben. Die Verhandlung mit dem
Vorstande war schriftlich erfolgt; die persnliche Vorstellung fiel nicht
ungnstig aus; Lucinde hatte sich Gewalt angethan und machte einen Eindruck, der
etwas versprach. Nach Madame Serlo's kecker Aussage hatte sie sogar bereits auf
kleinen Bhnen sechs bis sieben mal mit glnzendem Erfolg gespielt. Sie bekam
die Zusage, da sie als Jungfrau von Orleans auftreten durfte. Auch die Bitte um
einen vernderten Namen wurde gewhrt.
    Madame Serlo konnte diese Entscheidung, die sich noch vierzehn Tage
hinziehen konnte, im Orte selbst nicht abwarten. Einmal htte man des bessern
Eindrucks wegen eine gute Wohnung nehmen mssen, deren grere und fr alle
ausreichende Ausdehnung die vorrthigen Mittel berschritten haben wrde; dann
aber auch war ihr eine Stellung angeboten worden bei einem jungen Frsten, der
erst vor kurzem sein Regiment angetreten hatte und fr sein Land eine neue Aera
beginnen wollte durch Verbesserung des Ballets seines Hoftheaters. Schon war
diese unglckliche Familie so weit gekommen, da sie auf den Erwerb durch ihre
Kinder sehen mute. Diese entschlo sich die Mutter jenem jungen Frsten fr
sein Ballet anzubieten. Lucinde verstand genug von der Welt, um den Seufzer und
das bittere Lcheln sich deuten zu knnen, als Serlo dies hinter seinem Rcken
gemachte Arrangement erfuhr. Zu krank, um die Reise schon jetzt weiter
fortzusetzen, nahm er Abschied von den Seinigen. Als er die Kinder kte,
standen ihm Thrnen in den Augen. Er schien die Ahnung zu haben, entweder da er
sie nicht mehr wiedershe oder welcher Zukunft sie entgegengingen.
    In dieser Stadt nun mute ber Lucinden alles, was an ihrem Lebenshimmel
sich dster und unheildrohend zusammengezogen hatte, zu gleicher Zeit
ausbrechen.
    Sie suchte erst niemand auf, verbarg sich auf ihrem Zimmer, studirte mit
ngstlicher Spannung ihre Rolle. Ob sie nach der alten Magd sich erkundigen
sollte, die ihr zur Einsegnung einst das Gesangbuch geliehen? Ob sie suchen
sollte von ihr manches in Erfahrung zu bringen, was sie und die Ihrigen betraf?
Es war gefahrvoll fr die Stellung, die sie jetzt in der Gesellschaft einnehmen
mute, und doch htte sie gern von diesem gehrt und von jenem, vom
Stadtamtmann, von Herrn Guthmann, von der bewuten Dame aus der Gesellschaft,
von der bsen Buschbeck, von Oskar Binder, von der Heimat, vor allem von ihren
beiden Brdern. Sie wurde letzteres endlich Serlo schuldig, der ihr die Pflicht,
sich um diese erst jetzt von ihm in Erfahrung gebrachten Geschwister zu
bekmmern, als unerllich vorschrieb. Sie erwiderte: Warum gerade diesen Kelch,
Serlo? Wir sind ein Nest wilder Wasservgel gewesen! Wir flogen aus und hatten
keinen Trieb, zusammenzugehren! An unserer Mutter lag's! Wir liebten den Vater,
haten die Mutter, aber unserer aller Art war und ist dennoch nach ihr! ...
Wenigstens zu jener Frau versprach sie zu gehen, bei welcher ihre Schwester
gestorben war.
    Hier erfuhr sie vielerlei. Der Stadtamtmann war aus politischen Grnden in
den Zeiten einer ewigen Ghrung beungnadet und versetzt worden; die Frau
Hauptmnnin war aus der Stadt verschwunden und vielleicht an den Rhein gezogen,
wo sie eine Schwester gehabt haben sollte. Der junge Commis, mit dem sie vor
fnf Jahren in die Welt gegangen, verbte noch sein Verbrechen des
Kassendiebstahls und der Wechselflschung im Zuchthause; der Kaufmann Guthmann
hatte fallirt und war mit der bewuten vornehmen Dame, da er sich von seiner
Frau, sie aber von ihrem Gatten hatten scheiden lassen, in die weite Welt
gezogen ... Ihre eigenen Geschwister? Die hatten nicht gutgethan. Von ihren
Meistern kamen sie in eine neu errichtete Besserungsanstalt im Innern des Landes
... Bei allen diesen herzzerreienden Mittheilungen trommelte es in den Straen
wie sonst und die Querpfeife schrillte und die Commandos der Wachparade hallten
wider und die Brunnen gingen wie sonst und auf dem grten Platze der Stadt
riefen die Kinder wie sonst ein berhmtes Echo wach und glnzende Carrossen
rasselten aus den Gasthfen heraus, weil in dem Lustparke des Frsten, dem
Schauplatze der ersten Triumphe des Hessenmdchens, heute, wie sonst, die
berhmten Wasser sprangen.
    Lucinde kam zu Serlo und sagte:
    Ich bringe trockenes Reisig zum Einheizen! Winterholz! Ganz wie die alte
Lene, die im Langen-Nauenheimer Forst frei sammeln durfte!
    Sie erzhlte dann. Serlo erwiderte:
    Das ist die Welt!
    Der Tag kam heran, wo an den Straenecken zu lesen war: Die Jungfrau von
Orleans. Romantische Tragdie von Schiller. Jeanne d'Arc: Frulein Konstanze
Huber, als Gast. Sie hatte, sie wute selbst nicht warum, den Namen des
Pfarrers von Eibendorf angenommen.
    Ihre Befangenheit steigerte sich am Morgen vor dem verhngnivollen Tage bis
zur zaghaftesten Furcht.
    Man hatte sie im Bureau und auf der Probe mit einer scheinbar
zuvorkommenden, dem Erfolg aber jedenfalls mistrauenden Artigkeit behandelt.
    Da man den Versuch berhaupt wagte, war eine Geflligkeit gegen Serlo, der
aus frhern bessern Verhltnissen unter dem Personal einige theilnehmende
Freunde hatte.
    Lucinde brachte von der Probe keine erfreuliche Stimmung heim und erzhlte,
was sie aus dem Benehmen der Mitspielenden herausgefhlt.
    Serlo lag auf dem Sopha ausgestreckt; gerade von Tag zu Tag wurde sein
Befinden bedenklicher, - er sprach mit einer eigenthmlich peinlichen Aufregung:
    Nehmen Sie's doch, liebe Freundin, ganz so wie es ist! Gerade da, wo man aus
der Verstellung eine Kunst gemacht hat, lt man sich im gewhnlichen Leben ganz
so gehen, wie man ist! Es gnnt Ihnen eben niemand einen Erfolg, selbst die
nicht, die Sie um meinetwillen protegiren! Hchstens eine alte gutmthige
Person, die Sie ankleidet und dabei an ihr Trinkgeld denkt! In dieser Laufbahn
mu man sich eben alles selbst erobern!
    Lucinde, sprach die Befrchtung aus, da ihre frhern Verhltnisse hier
bekannt geworden sein drften und gegen sie sprechen wrden ...
    Sie werden selber fr sich sprechen, erwiderte Serlo, wenn Sie nur in Ihrer
ersten Scene gefallen haben! Man braucht ja in dieser Rolle nur laut und
deutlich das zu sagen, was vorgeschrieben steht!
    Lucinde war am Tage der Vorstellung in der Stimmung, die sie selbst mit der
Erwartung verglich, hingerichtet zu werden. Htte sie nicht den unabweislichen
Zwang gehabt, schon auf die kleine Summe rechnen zu mssen, die sie fr diesen
Abend als Ehrensold zu erwarten hatte - Serlo bedurfte gerade jetzt wieder der
sorgsamern rztlichen Pflege und mancher bessern Auswahl in seiner Kost -, sie
wrde, wie sie sagte, diesen Kelch an sich haben vorbergehen lassen.
    Wie sie um vier Uhr sich rstete, ihre Wsche durch ein gemiethetes Mdchen
ins Theater schickte und sich dann halb zgernd selbst auf den Weg machen
wollte, war Serlo ein wenig eingeschlummert. Sie blickte aufs Sopha. Seine Augen
waren geschlossen. Er athmete schwer. Der Husten, dem nachzugeben die Brust kaum
noch Kraft hatte, machte sich nur in stoweisen Krmpfen bemerkbar, wie bei den
intermittirenden Athemzgen eines Sterbenden. Dieser Zustand beunruhigte sie
nicht ... Sie hatte ihn schon oft erlebt, schon oft hatte man das Erlschen der
Lebensflamme ganz nahe geglaubt. Sie legte dem Schlafenden ein Kissen unter den
Kopf, rckte einige Sthle dem Sopha nher und wollte jetzt gehen, so sehr ihr
auch fast die Sinne schwanden.
    Da blickte der Kranke empor.
    Ich habe Sie ganz wohl gehrt, gute Freundin! hauchte er leise. Ich werde
Sie doch so nicht gehen lassen - ohne meinen Segen?
    Nun richtete er sich ein wenig auf und sprach mit erhhter Stimme:
    Lucinde, wenn Sie spielen, denken Sie nur nicht an die paar Menschen, die
Sie vor sich sehen, sondern allein an die Menschheit im groen und ganzen!
Verachten Sie die, die Sie sehen, und lieben Sie die, die Sie nicht sehen!
Lassen Sie die Hrer fhlen, da Sie eine Prophetin sind, die in diesem
Augenblick jeden beschmen will, der im Gemeinen und Geringen lebt! Das Auge
sieht den Himmel offen - und hrt keine Dissonanz dieses elenden Lebens mehr!
Dort oben, so glauben Sie wenigstens, wird alles Harmonie werden! Dort werden
wir erfahren, warum wir hienieden die volle schne Ahnung des Glckes haben
durften und doch so viel leiden muten! So hab' ich als Kind immer den Mrtyrern
nachgefhlt, wenn die um ihren Glauben so Grauenvolles erfahren muten. Knien
mut' ich dann in der Einsamkeit und denken: Nun kommt nur heran, ihr rmischen
Landpfleger und Proconsuln alle! Gebt mir nur die tdtliche Wunde! Das wird mich
gleich in die Freuden des Paradieses versetzen! Dieser Glaube ist hin ... aber
wenn er uns irgend noch einmal aufleben kann, ist es in der Poesie. Blicken Sie
nur immer empor und thun Sie sich nichts auf den schnen Harnisch zugute! Mein
ist der Helm und mir gehrt er zu! Wer da auf Bertrand zuspringt und sich wie
eine Amazone geberdet, hat schon verloren! Fr diese Seherin, die ihre Zukunft
kennt, ist das Ueberbringen dieses alten kriegerischen Schmuckes eine ganz
einfache, sich von selbst verstehende Besttigung ihrer Vision der Gottesmutter.
Von da an beginnt in ihr die festeste Zuversicht und eine einfache, demthige
Unterordnung unter den Rath des Verhngnisses! Mit dem Himmel spricht sie, wie
andere mit sich selbst. Vergleicht sie dann ihre schwache Menschenkraft mit der
Gre der ihr gestellten Aufgabe, dann darf sie einen elegischen Ton anschlagen,
zu dem jedoch die Musik der Verse nicht zu viel verleiten darf. Mitleid mit sich
selber fhlt sie, sie spricht es aus, wenn sie Lionel sieht. Warum sie gerade
den liebt, nachdem sie Tausende von Mnnern gesehen, ... ich wei es nicht,
beste Freundin! Ist es, weil Lionel einmal vom ersten Helden und Liebhaber
gespielt werden mu - obgleich die Rolle undankbar ist - der Dichter wollt' es
einmal so. Es ist kein Werk des Genius, dies Drama; es lag dem Schpfer im
Gemth, nicht im Verstande; es will einfache kindliche Hingebung bei allen -
beim Publikum und beim Spieler. Aus diesem Geist heraus sprechen Sie! Dann:
Leichte Wolken heben mich! und geben Sie Acht,

Der schwere Panzer wird zum Flgelkleide!
Hinauf - hinauf - die Erde flieht zurck -
Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude!

    Jetzt kte er ihr noch, da Lucinde sich zu ihm niederbeugte, die Stirn,
lchelte, neckte sogar, sprach von der Art, wie sie beim Hervorruf sich zu
verneigen htte, rieth ihr Vorsicht an im Gefecht mit Lionel ... dann winkte er
mit stummer Handbewegung ... so ging sie.
    In der Garderobe war man freundlich. Darsteller geringerer Rollen machten
ihr Lobsprche ber ihr Aussehen als Hirtin; aber schon war es ihr bedenklich,
da sie irgendwo zwischen den Coulissen hrte, sie wute nicht von wem: Ganz
das Hessenmdchen!
    Sie sa dann, ehe noch der Vorhang aufging, schon unterm Drudenbaume. Aus
den Coulissen wurde sie lorgnettirt. Gestalt, Kopf, Auge, alles war
bedeutungsvoll, wenn nicht zu scharf, zu stechend, auch zu widersprechend der
uern Befangenheit.
    Der Director ermunterte sie.
    Als der Vorhang aufgezogen und der Dialog im Beginn war, durfte sie
schweigen. Sie konnte sich Muth fassen, die zahlreich versammelte Menge zu
bersehen.
    Statt jedoch jetzt nach Serlo's Anweisung mit aller Gewalt an die Abwesenden
zu denken, in die Hhe und gen Himmel zu blicken, unterschied sie gerade die
Anwesenden. Ihr scharfes Auge zeigte ihr diese Persnlichkeit und jene, sie sah
die Pltze, wo sie frher selbst gesessen. Ihr Sinn wurde zerstreut und der
erste wohlthuende Eindruck, den sie machte, hielt sich nicht. Man fand sie
hager, eckig, unsicher, man sah Verstand, wo man Gefhl erwartete. Die
begeisterte Kraft eines hohen Willens schien ganz zu fehlen ...
    Das Vorspiel ging wol ohne Strung vorber, der Ton hinter der Scene wurde
jedoch schon spttisch. Um ihr gleichsam zu schmeicheln und sie fr den
ausgebliebenen Beifall zu trsten, sprach man luat von der Indolenz des
Publikums. Hier und da hrte sie Worte aus der bekannten Parodie des Abschieds
Johannens von ihrer Heerde. Auch die Schluworte wiederholte jemand: Johanna
geht und nimmer kehrt sie wieder!
    In Harnisch und Helm sah Lucinde imposant genug aus. Dies schne natrliche
Haar in schwarzen Locken, diese dunkeln Augen, dieser schlanke, jetzt fr die
Kriegerin nicht mehr zu hohe Wuchs ... Sie htte sich nur zu ermannen, die
Stimme zur Kraft und Entschiedenheit zu erheben brauchen und wrde sich vor
Demthigung gerettet haben. Aber sie blieb zerstreut, muthlos, auerhalb der
Situation, versumte die Stichwrter, sah und hrte nur auf das, was sie umgab.
Von allem, was Serlo ihr angerathen, that sie das Gegentheil. Sie liebte auch
die Menschheit nicht, sie hate sie ja! So schleppte sie sich durch den ersten
Act, schwunglos, und bei aller Schrfe ihres uern Ausdrucks, ihres Verstandes,
bei allem Reichthum ihrer Lebenserfahrung erschien sie ein groes, unreifes
Kind.
    Der Schlu des Actes blieb ohne Beifall, ja er erweckte im ganzen Theater
das laute Ausbrechen einer Verwunderung ...
    Hatte sich ihre erste Jugendgeschichte verbreitet, ihr Ursprung von einem
Dorfe der Nachbarschaft, ihr Dienstverhltni im Hause des frhern, exilirten
Stadtamtmanns, oder war das Publikum durch eine Darstellerin der Isabeau zur
Heiterkeit gestimmt ... im zweiten Acte wurde die Aufnahme bedenklich. Das Lager
der Englnder wird vorgefhrt, der Streit der Heerfhrer folgt, ihre Ausshnung.
Nun mu dem Darsteller des Lionel einfallen, zu betonen: Glck zu dem Frieden,
den die Furie stiftet! Es war dies eine von den feinen Nuancen, die entstehen,
wenn unsere Knstler zu denken anfangen. Alles lachte hellauf. Jeder sah die
Erscheinung der corpulenten und so grimmigen Isabeau im Geiste als Furie vor
sich. Nun kam die Verwandlung. Johanna sollte Burgund und Frankreich vershnen.
Kein Ton war jedoch Lucinden fremder als der, Streitende zu vershnen. Bei den
schwach gehauchten Worten: Und einen Donnerkeil fhr' ich im Munde klatschte
jemand ironisch. Man lachte aufs neue, sie verliert die Besinnung und kann sich
zu den letzten Worten nicht mehr sammeln. Der Vorhang fllt, ehe sie die Scene
ganz beendet hatte. Sie taumelte in die Garderobe zurck ... Der Gaukeltraum
ihres Lebens war zu Ende.
    Als der Vorhang wieder aufgehen soll und alles um sie her grauenhaft still
ist, kommt der Vorstand der Bhne, ein freundlicher, wohlwollender alter Herr,
dem die jngere Generation den Ruf verschaffen wollte, da er einen Misgriff
nach dem andern beging, und lie die Frauen aus der Garderobe treten. Er sagte
Lucinden mit mildem, aber entschiedenem Tone:
    Liebes Kind! Sie werden nicht weiter spielen! Auf den Proben konnt' ich
diese Unsicherheit nicht erwarten! Sie sind entweder nicht bei der Sache oder
talentlos! Unsere gewhnliche Darstellerin hat sich bereits angekleidet und wird
die Rolle zu Ende fhren!
    In dem Augenblick hrte man auch schon den strmischen Beifall, mit dem die
echte Johanna empfangen wurde.
    An Selbstbeherrschung fehlte es Lucinden nicht. Nun bekam sie Haltung! Doch
wenn sie auch htte in Vorwrfe oder Klagen ausbrechen wollen, der Director
wrde sie nicht angehrt haben. Er wurde in die frstliche Loge gerufen.
    Hohn verfolgte die Unglckliche nicht, als sie sich umgekleidet hatte, ihrem
Mdchen ihre Sachen gab und in Begleitung desselben nach Hause ging. Sie mute
die ganze Lnge der hintern Bhnenwand passiren und vor allen denen, die zu dem
kommenden Krnungszuge gehrten, vor mehr als hundert Menschen, vorbergehen.
Der Spott schwieg: massenhaft verhhnt der Mensch den Unglcklichen nicht.
Einzelne lassen sich zwar den Hufschlag des Esels auch dann nicht nehmen, und so
sagte einer: Gute Nacht! Da lachten denn freilich alle, aber nur ber den Muth,
jetzt einen solchen Witz zu machen ... man sah, als sie durch die Leute ging,
auf den Sprecher, nicht auf sie.
    Lucinde war auf der Strae, in der Dunkelheit der Gassen. Die Menschen, die
ihr begegneten, wuten nichts von ihrem Geschick und darin fand ihre starke
Natur schon wieder Kraft, schon wieder Anhalt. Nur Serlo wiederzusehen, zu dem
so zurckkommen zu mssen ... das benahm ihr den Athem. Sie fhlte, da sie, die
sich der Zeit nicht mehr entsinnen konnte, seitdem sie geweint, jetzt in
Thrnenstrmen sich baden mte, wenn sie in sein Zimmer trte, der Schein der
kleinen Lampe, bei dem er zu schlafen pflegte, auf sein Antlitz fallen wrde und
sie ihm berichten mte, wie es ihr ergangen!
    Mhsam stieg sie, keuchend, an der Lehne der Treppe sich haltend und die
erstaunten Fragen der Dienerin, die aufrichtig gemeinten Trostgrnde derselben,
die von einer angelegten Kabale sprach, nur mit Stillschweigen aufnehmend, in
ihre Wohnung hinauf. Je nher sie dem dritten Stocke kam, desto schneller ging
sie. So hatte sie noch nie das Bedrfni nach einer Stelle, um niederzusinken,
so noch nie nach einem Menschen, dem sich auszuweinen, so noch nie die Wonnen
des Trostes geahnt, der in einer einzigen rein, aber auch ganz rein und
selbstlos mitfhlenden Seele liegen kann ...
    Niemand von den Wirthsleuten, bei denen sie wohnte, hrte sie kommen. Alles
war im Theater! Sie drckt die Thr auf, sie strzt auf das Sopha zu, sie hat
ihre ganze Kraft in dem Hlferuf: Serlo! gesammelt ...
    Der aber lag, von der kleinen Lampe beschienen, auf dem Sopha ... Er schlief
nicht mehr ... Stirne, Wange, Hand waren kalt ...
    Er war todt.

                                      21.


Die Schauspieler haben die schne Art, in uersten Lebenskrisen sich von der
herzlichsten Seite zu zeigen.
    Es ist dann fast, als gedchten sie der alten Zeit, wo sie noch zu den
Verfemten gehrten, gedchten ihres eigenen, meist so schwankenden Looses.
    Serlo war freilich schon so verbittert gewesen, da er auch diese Erfahrung
anders erklrte.
    Er hatte zu Lucinden schon vor lngerer Zeit einmal gesagt:
    Wir Komdianten kennen die Wirkung, die auf der Bhne Edelmuth macht! Immer
Schlangen im Herzen haben, erstickt uns auch zuletzt selbst. Wir athmen ja auf,
einmal fr unsere bessere Empfindung ein Zeugni aufstellen zu knnen. Da uns
dann aber auch der Beifall, nicht nur des Gewissens in aller Stille, sondern
auch der ffentliche und der Hervorruf nicht fehle, dafr sorgen wir schon! Gilt
es ein bewiesenes Herz, gilt es unser Mitleid, unsere Aufopferung, dann wird
sogar ein College einmal zum Claqueur des Collegen und das - will viel sagen!
    Dieser bittern und menschenfeindlichen Aeuerung erinnerte sich Lucinde, als
sie den Eifer sah, mit dem man Serlo bestattete, seine Angelegenheiten ordnete,
fr seine Anerkennung sogar durch die Presse sorgte. Jetzt hatte jeder das
Ringen des Armen beobachtet, jetzt hatte jeder gefunden, da er eines bessern
Looses wrdig gewesen war. O diese Grabredner! sprach Serlo einst schon frher
einmal wie in Vorahnung. Man mchte diese Kerle immer fragen, warum sie nicht
frher das Maul aufthaten?
    Fr alle diese Liebesdienste wurde ein Comit niedergesetzt und Lucinden
selbst der Ueberschu einer Subscription angeboten.
    Sie nahm fr sich nur, was fr das unterbrochene Opferfest, wie ein
bewunderter Witzbold und beliebter Zeitungsreferent von der Vorstellung der
Jungfrau gesagt hatte, von der Direction gezahlt wurde. Sie wohnte dann noch dem
Begrbni und der theilweisen Versiegelung der Verlassenschaft bei, schrieb an
Madame Serlo und die Kinder, lie, was sie noch entbehren konnte, dem
Todtengrber zurck, um einige Jahre lang Serlo's Grab zu schmcken, und reiste
ohne Plan, ohne Ziel blindlings in die weite Welt hinaus.
    Zunchst nur ber die dstern Berge hinweg, die waldigen, dunkeln
Fichtennadelhhen ... Nur in freundlichere, sonnigere Thler! Sie wollte
womglich die Stadt sehen, in der Serlo geboren war und noch Anverwandte hatte.
Dann hoffte sie irgendwie und wo weiter zu kommen ...
    Was das Leben zur Schule machen kann, glaubte sie hinter sich zu haben. Eine
Schlerin im groen Lehrgange des Schicksals erschien sie sich nicht mehr. Sie
mute schon wieder bitter lachen, als sie so im Eilwagen ber die Schluchten des
Rhngebirges fuhr, dabei an die Wlfe des Revierfrsters, an ihre
Langen-Nauenheimer Wandlandkarte dachte und ihr immer die Klnge ihrer Rolle im
Ohre summten. Auch andere Rollen wurden lebendig. Wie viel hatte sie nicht
auswendig gelernt und studirt!

Fahr' hin, lammherzige Gelassenheit!
Zum Himmel fliehe, leidende Geduld!

    Diese Worte wiederholte sie am ftersten. Verirrung schien ihr alles, was
sie bisher erlebt. Sie sah neue Strme, neue Thler, neue Ebenen; sie fhlte
wieder die Kraft, ihr Schicksal sich selbst zu gestalten.
    Wie aber und womit? Wo den Handschuh hinschleudern zur Fehde gegen Natur,
Menschen, Erde, Himmel? Nach Schlo Neuhof zurckkehren? Dort dem Kronsyndikus,
wenn er noch lebte, ein Wachtauf! Wachtauf! rufen? Thatsachen geltend machen,
die nicht ganz aus ihrem umflorten Gedchtni entschwunden waren? Dann htte sie
freilich nach Norden zurck mssen und schon hatte sie's unwiderstehlich nach
dem Sden gezogen.
    Als man Serlo auf dem Friedhofe, dem katholischen, begraben hatte, war sie
zugegen gewesen und hatte von fern gestanden. Sie gehrte dem Dahingegangenen
zwar am meisten an, aber das auf der Bhne Erlebte zwang sie, an den Grabeshgel
erst dann heranzutreten, als alle sich entfernt hatten, der Weihrauch verduftet,
die schnen Gesnge des Theaterchors verklungen waren. Da hatte sie noch eine
Thrne in ihrem brennendheien Auge gehabt. Dann warf auch sie drei Hnde voll
Erde auf das Grab, nahm jene Rcksprache mit dem Todtengrber und war nur noch
eine Weile unter den Grbern gewandelt. In der Nhe lag der Kirchhof, auf dem
ihre Schwester begraben sein mute ... Er stand offen ... Sollte sie
hineingehen? ... Ueberall las sie: Friede und Glck ... Wo es so viel Grber
gibt, so viel mde, gequlte, betrogene Herzen, Glck? Ja, Glck, unter der Erde
im Nichts sich ausruhen! Im Nichts! So glaubte sie schon. Alles schien ihr Traum
und Wahn. Verwirrung, Krieg, fester Wille nur, und den Fu gesetzt auf jeden
Nacken, der sich nicht beugen will! Das schien ihr eine Aufgabe, allein des
Lebens wrdig ... Sie ging nicht auf den Friedhof.
    In eine altberhmte Stadt kam sie und fand Verwandte Serlo's. Diese fragten
nach seinem Nachla.
    Sie sagte, sie htte nichts, ging und belchelte ihre Anwandlung von Gefhl.
    Mit sich kmpfend, ob sie an den Kronsyndikus, vielleicht an seinen Sohn,
den Oberregierungsrath, schreiben, bitten, vielleicht drohen sollte, las sie in
der Zeitung des Orts folgende Aufforderung:
    Man sucht im orthopdischen Institut ein gebildetes junges Frauenzimmer
katholischer Confession, das der Sprachen und Musik vollkommen kundig sein mu.
Nheres bei dem Director.
    Ein orthopdisches Institut! Eine Erziehungsanstalt fr die Unarten des
Krpers; eine Correctionsanstalt der Natur! Die hier gemeinte war weit berhmt.
Sie war eine der ersten gewesen, die man in Deutschland berhaupt anlegte; sie
wurde vom Landesfrsten kniglich untersttzt. Es strmten ihr aus allen
Gegenden, selbst aus England und Amerika Pfleglinge, grtentheils junge Mdchen
zu, von denen nicht einmal alle an ganz auffallenden, durch das Streckbett zu
heilenden Fehlern litten; die Neigung, dem Krper seinen natrlichen Wuchs zu
entziehen, ist ja leider tief in die erste Erziehungs- und Bekleidungssitte
unserer Zeit eingerissen, so tief, da bei einer Untersuchung, die jener Frst
einmal in einem adeligen Tchterinstitut anstellen lie, fast die Hlfte von
hundertachtzig jungen Mdchen keinen richtigen Wuchs oder Gang hatte!
    Lucinde stellte sich dem Director vor und gab allerlei Auskunft ber ihr
vergangenes Leben. Da sie sich gewandt franzsisch ausdrckte, etwas Englisch
verstand, vollkommen fertig Klavier spielte, war die Prfung bald geendigt. Auch
ihr bestimmtes Wesen gefiel. Man wurde ber die Bedingungen einig. Von den
Kennzeichen, die ihr sonst noch etwa mangelten, hatte man nicht gesprochen; da
sie katholisch war, schien sich von selbst zu verstehen.
    Gleich schon am Tage darauf sollte sie beim Institut eintreten.
    Da der Vorstand und Besitzer der Anstalt Arzt war, der seine Zeit geregelt
hielt, so wurde die genaue Stunde angegeben, wo er Lucinden in die Sle
einfhren wollte. Morgen in der Frhe um punkt neun Uhr wurde sie erwartet.
    Es war um die Osterzeit. Der morgende Tag war, wie sie im Gasthause hrte,
ein Quatembertag. Schon frh wurde sie vom Gelut der Glocken geweckt und als
sie sich angekleidet hatte, hrte sie, da in der Kathedrale vom Bischof heute
eine Priesterweihe vorgenommen wurde. Drei junge Diakonen sollten die letzten
Weihen erhalten.
    Nach acht Uhr stieg auch sie, von Unruhe und Ungeduld getrieben, die Anhhe
empor, auf welcher die Kathedrale lag, umgeben von Resten alter Bauwerke. Hier
sollten deutsche Kaiser einst eine Pfalz, einen Palast gehabt haben, an
derselben Stelle, wo jetzt nur eine Schwadron Chevauxlegers einkasernirt lag in
allerlei Anbauten, die mit Galerieen hinausgingen auf einen Platz, den man den
Schlohof nannte und wo allerdings an einer Stelle ein alter Thurm mit
Wendeltreppe und ein steinernes Portal, ber welchem der Thierkreis abgebildet
war, unmittelbar um tausend Jahre aus der Gegenwart hinausversetzten.
    Die Kathedrale selbst war in byzantinischer Form angelegt, aber von dem
Geschmack spterer Jahrhunderte mannichfach ergnzt durch Neubauten, Rundkrnze
und Thrme allerlei Stils. An den obern Stockwerken der Thrme sah man Sulen
und Statuen, die Thren waren nicht eben hochgewlbt, aber reich geschmckt mit
Bildwerken. Die Nhe der kaiserlichen Burg chien Einflu gehabt zu haben auf die
Gegenstnde dieser Reliefs; man sah Allegorieen mit den Attributen der
Gerechtigkeit, Salomo, den Richtenden, eine verhllte Gestalt mit der Wage in
der einen Hand und dem Schwert in der andern ihm zur Seite. Dazu gesellte sich
in noch nicht allzu kirchlicher Ausdrcklichkeit der wunderlichste Schmuck von
Thieren und manche humoristische Ausgelassenheit, die man am Eingang so heiliger
Sttte am wenigsten gesucht haben wrde ... Ein Silen reitet auf einem
Ziegenbock, ein Affe schreitet gravittisch in Gewndern daher, ein Lwe spielt
mit jungen Hasen ... Es ist als wenn sich das alte Leben der Zeit in Markt und
Wald nur in Stein verwandelt htte und sich seinerseits der trauten Nhe des
Allerheiligsten auch erfreuen, vielleicht aber auch an der Pforte andeuten
wollte, wessen man alles, die heiligen Rume betretend, vom Ungeistlichen
drauen uneingedenk werden sollte.
    Ostern war spt gefallen, aber die reichen Blumenspenden, die Lucinde in den
Straen getragen fand, waren doch zu kostbar fr die Jahreszeit. Hier muten
ganz besondere Opfer der Liebe stattfinden, wenn man diese Krnze und Kronen
sah, die, aus den schnsten Blumen gewunden, noch wie versptet eilends in die
Kathedrale nachgetragen wurden. Die Menschen drngten sich, vorzugsweise eilten
die Frauen. Eine Priesterweihe ist einer der anregendsten Vorgnge des
kirchlichen katholischen Lebens, gleichsam eine geistliche Hochzeit, fehlt doch
bei Ertheilung der ersten Grade selbst eine sichtbare Braut nicht, ein kleines
Mdchen, dem der entsagende Priester angetraut wird, als dem Symbol der reinen,
unentweihten, jungfrulichen Kirche. Hier handelte es sich um drei junge
Diakonen, die schon die letzten Weihen erhielten und sozusagen nicht ein-,
sondern, wie Lucinde auf Erkundigung vom Volke erfuhr, ausgeweiht wurden.
    Lucinde machte erst einige Gnge durch die alte Pfalz, betrachtete die
geheimnivolle Wohnung des Bischofs, hinter der ein Garten mit schon Blten
ansetzenden edeln Bumen sich erhob, und umschritt die Kathedrale, die wie ein
Sinnbild des Lebens selbst, abwechselungsreich und fast in ihrem ursprnglichen
Zweck berladen und erdrckt erschien ... fehlte doch selbst an einem Ausbau ein
Schalter mit frischem Backwerk nicht, in der Kirche ein Bckerladen! Einer alten
Sitte zufolge mute hier jeder neu gewhlte Domherr weies Brot kaufen und an
die Schuljugend, die ihm Glck wnschte, selbst vertheilen ... So bot die Kirche
Brot des Lebens, geistiges und leibliches.
    Lucinde, gedenkend, da sie in ihrer neuen Lage die ihr mangelnde und von
ihr als unwesentlich vorausgesetzte Bedingung ganz verschwiegen hatte, wollte
das geistige wenigstens am Geschmack versuchen und trat in die Kathedrale ein.
    Das Innere derselben war trotz der Sonne von Kerzen erhellt, mit
Blumenkrnzen durchzogen, von Orgelklngen durchbraust; Stimmen redeten laut und
so voller neugierig sich drngender, auf den Zehen stehender Menschen war der
Raum, da Lucinde nur auch sogleich von dem, was vorging, angezogen wurde und
der Betrachtung des Baues selbst, seiner hohen Gewlbe, seiner bunten Fenster,
seiner Kapellen und Grabmler sich jetzt nicht widmen konnte.
    Die heilige Handlung war schon in vollem Gange. Der Bischof stand am
Hochaltar in prchtigen Gewndern. Rings um ihn her eine Reihe junger Priester
niederkniend, vor ihm drei andere, die, welche eben die letzten Weihen
empfingen.
    Eben redete der Archidiakon den Bischof mit den Worten an:
    Die heilige Mutter Kirche verlangt, da die gegenwrtigen Diakonen zur Wrde
des Priesterthums geweiht werden!
    Der Bischof sprach:
    Weit du, da sie wrdig sind?
    Der Archidiakon erwiderte:
    Soweit es die menschliche Gebrechlichkeit zu erkennen vermag, wei ich es
und bezeug' es!
    Nun wurden die Namen der drei zu Weihenden genannt, die mit Kerzen in der
Hand vor dem Bischofe standen:
    Joseph Niggl, Beda Hunnius, Bonaventura von Asselyn.
    Der letzte Name machte die Hrerin lebhafter aufblicken. Dieser Name Asselyn
war auf Schlo Neuhof nicht selten genannt worden. Der Sohn des Kronsyndikus,
der Oberregierungsrath, hatte die Witwe eines Herrn von Asselyn geheirathet. Sie
erinnerte sich, da sein mitbernommener Stiefsohn Bonaventura von Asselyn
genannt wurde, doch war er fr den Militrstand bestimmt gewesen und htte jetzt
Offizier sein mssen.
    Sie blickte nher ...
    Jetzt berfiel sie ein Schauer ...
    Alle ihre Umgebungen wandten sich, als sie einen zwar unterdrckten, aber
doch genugsam hrbaren ngstlichen Schrei ausstie ...
    Das ist ... hatte sie erst ganz laut gesagt, ... leiser aber und schon
verklingend auf ihren pltzlich erbleichenden Lippen hinzugefgt: ja - Serlo!
    Der Bischof sprach soeben von der Brde und Wrde des geistlichen Amtes ...
    Lucinde hielt sich an einen der dicht besetzten Kirchensthle im Innern des
Schiffes. Sie starrte auf den jungen Priester, den man Bonaventura von Asselyn
genannt hatte. Er war wie Serlo! Serlo, wie er vor zehn Jahren hier htte knnen
gestanden haben! Derselbe schlanke Wuchs, dieselbe wrdige Haltung, dieselben,
als er sich wandte, ganz sichtbaren edeln Gesichtszge, derselbe feine Schwung
des Profils, dieselben dunkeln Augen, das Haar, das schon die Tonsur empfangen
und ringsum rabenschwarz war ...
    Aller Augen theilten das Interesse fr diesen jungen Novizen des
Priesterthums. Wre dies nicht gewesen, die Unruhe, die Lucinde verrieth, htte
noch strender auffallen mssen.
    In der Litanei der Heiligen, die jetzt vom Bischof vor den niederknienden
Priestern und whrend er selbst kniete, begonnen wurde und deren wiederholtes:
Bitte fr uns! die dichte Menschenmasse volltnend und durch die nicht endende
Gleichmigkeit fast die Sinne verwirrend nachmurmelte, fand Lucinde Zeit sich
zu sammeln und die krankhafte Aufregung ihrer Gefhle zu beschwichtigen.
    Als sich endlich die Betenden erhoben und wieder die lange schlanke Gestalt
Serlo's wie aus dem Grabe erstanden vor ihre fieberhaft erregte Phantasie
getreten war, htte sie sich den mit Blumen bestreuten Aufgngen zum Hochaltar
noch mehr genhert, wenn nicht einige das Gewlbe mchtig durchdrhnende Schlge
der Thurmuhr sie zur Besinnung gebracht htten. Neun schlug es, die Stunde, wo
sie schon im Institut erschienen sein sollte.
    Noch einmal sah sie an den Hochaltar, dann ringsum ... es waren Hunderte von
jugendlich erblhenden Mdchen anwesend, ganze Schulen, ganze Pensionate, ...
konnte nicht auch jenes Institut ... nein, sie besann sich, die knftigen
Pfleglinge, zu denen sie eilen mute, fhrten ein Leben, das dem der andern
nicht glich ... sie lagen auf Betten, bewegten sich in Bndern und Maschinen ...
diese arme Kinder fehlten.
    Nun ri sie sich los. Noch im Gehen war sie nur zu dem Priester hingewandt,
der ihr Serlo schien ... Serlo, wie er einst gewesen sein konnte, sein mute!
    Eben streckte der Bischof die Hand ber die zu Weihenden aus, sprach Worte
des Segens, begann die Ceremonieen an dem ersten der drei, indem er die Stola,
die er als Diakon von der linken Schulter zur rechten trug, ihm kreuzweise ber
die Brust hngte und dann sprach:
    Nimm auf dich das Joch des Herrn! Denn sein Joch ist s und seine Brde ist
leicht!
    Wie sie, mit dem Nachklang dieser Rede, der Anstalt zuflog und dort
glcklicherweise noch nicht versptet ankam, wute sie kaum ...
    Das groe Gebude des orthopdischen Instituts nahm sie auf. Es war
geschmackvoll und sogar luxuris eingerichtet. Hinterwrts hatte man den Blick
in einen Garten, wo der Rasen schon in ppigem Grn stand. Durch eine geffnete
Glasthr trat man in einen groen Saal, den zierliche Treibhauspflanzen
schmckten ... Dann freilich kamen die trbern Eindrcke ... Saal an Saal ...
Bett an Bett. Kinder darunter, die die Hoffnung ihrer Mtter auf Schnheit ganz
betrogen hatten; aber doch viele auch, die sie wol noch einst erfllen werden
... Ein Jahr, und eine Neigung der Hfte oder der kaum sichtbare ungleiche Wuchs
einer Schulter ist geheilt! Einige dieser jungen ringsum liegenden Mdchen
werden vielleicht ein wenig, ganz leise nur und unscheinbar mit dem einen Fue
weniger behend durchs Leben schweben; aber was thut das ihrem rosigen Lcheln?
Was thut das ihrer neckischen Lust, die einen ganzen Kreis in gleicher Lage
Befindlicher ringsum auf den Prokrustesbetten eben zum Lachen bringt! Diese
schelmischen Augen dort, diese sinnigen hier, diese Rosen auf den Wangen, diese
Lilien auf Arm und Nacken, jede eine Knospe voller Hoffnung fr die Zukunft,
jede so ganz das schne, liebevolle, reiche Geheimni eines jungen
Mdchenlebens! ... Wer kann sonst schon solche junge Mdchen im traulichen
Verein spielend, harmlos dem Augenblick dahingegeben sehen, ohne nicht zu
gedenken: Was wird euch allen noch einst beschieden sein? Welche Flammen werden
in euren Herzen lodern? Wo waltet jetzt wol die Hand, die liebend einst die
eurige erft? Vor welchem Munde, der von Liebe spricht, wird euer Jugendmuth
verstummen, und ach! welcher von euch allen sind noch die grten Leiden
aufgespart? Der vielleicht, die jetzt die Glcklichste scheint? Der vielleicht,
die ihr alle wie eure Schwester liebt, mit der ihr eure Freuden, eure kleinen
Geheimnisse theilt und der ihr, so oft ihr unter den Blumen des Feldes sein
drft, sein knnt, die schnsten bringen mt, die ihr am Wege gefunden? -
bringen selbst dann, wenn der Geliebten ein Fu nicht so schnell gehorcht wie
der andere?
    Eine solche Knigin unter dem jungen Volke, eine schon emporragende Lilie
unter Maiblumen und Veilchen, ein Wesen schon voll Seele, whrend ringsum nur
noch Gemth, Verstand und Phantasie sich entwickelten, war die junge, zu frh
emporgeschossene und deshalb in ihrem Wuchse ngstlich berwachte
Sechzehnjhrige, welche vorzugsweise der Obhut, der Gesellschaft, der
Unterhaltung Lucindens angewiesen werden sollte.
    Der Vorstand des Instituts hatte die neue Lehrerin und Gesellschafterin des
Hauses im Wandeln durch die Sle laut eingefhrt. Erst hatte er sie allen
flchtig vorgestellt, dann aber mit besonderm Vorzug einer unter ihnen, die in
einem abgesonderten Zimmer lag und von ihm Comtesse Paula von Dorste-Camphausen
genannt wurde.
    Wie Lucinde auch diesen Namen hrte, erschrak sie. Auch diesen kannte sie ja
schon! Es war ja jene Grere von den Mdchen gewesen, die sie am Weiher im Park
von Neuhof beobachtet, jene Grfin Paula, die reiche Erbin, die Nichte des
Kronsyndikus, die vielleicht einst mit jenem sterreichischen Offizier vermhlt
werden konnte, den sie vor zwei Jahren in Kiel gesehen ... Kam das alles hier so
wieder zusammen? Wie fgte sich Ring an Ring? Sollte sie die Kette festhalten,
sich binden, aufs neue sich in das groe, bewegte, thatsachenreiche Leben um
Schlo Neuhof und die uralte Stadt Witoborn hinberziehen lassen?
    Auf einem schrgliegenden Ruhebett, von einigen Gurten und Bandriemen,
einigen eisernen Klammern in fester Lage gehalten, lag, weigekleidet, das
schlanke junge Mdchen, eine Gestalt zart, wie durchsichtig, ganz von jenen
lnglichen Formen, sowol im Oval des edeln griechischen Profils, wie des
Oberkrpers und der Hnde, die wir gelernt haben als Ausdruck des Seelischen zu
nehmen.
    Die Comtesse, die ihr eigenes Zimmer hatte, schien zu schlummern.
    Der Director sagte leise:
    Sie ist krank und mir ganz besonders empfohlen! Sehen Sie nur! ... Sie neigt
zum Traumschlafe ... Sie spricht! Ganz deutlich! Und doch schlft sie!
    Lucinde trat nher ... Ihr Herz pochte ...
    Murmelnd sprach das junge Mdchen Worte, die einem Gebet gleichkamen.
    Der Director schlo die Thr, die zu den lauten Slen fhrte ...
    Nimm hin, sprach das junge Mdchen, leise und langsam betonend, nimm hin -
das - priesterliche - Kleid - welches - die Liebe bedeutet! - Gott ist mchtig -
genug in dir - die Liebe zu vermehren und sein Werk - zu - vollenden -!
    Der Director horchte hoch auf; so zusammenhngend hatte die Kranke noch nie
gesprochen.
    Lucinde trumte noch von Neuhof, von der Kathedrale ...
    Die Schlferin schwieg eine Weile, dann fuhr sie deutlich fort:
    Du willst, o Herr - diese Hnde - weihen und heiligen - - durch die Salbung
- damit alles, was sie weihen - geweiht und geheiligt sei im Namen unsers Herrn!
    Dann setzte sie mit einer andern, fast mnnlichen Stimme hinzu:
    Amen!
    Was mag sie beschftigen? fragte der Director erstaunt.
    Lucinden aber war es, als wre sie an den Hochaltar zurckversetzt, wo sie
Serlo gesehen zu haben glaubte, wie er von den Todten erstand.
    Der Director winkte, da sie nicht sprche; eben wollte sie an die
Priesterweihe erinnern.
    Die Schlafende fuhr fort:
    Nimm hin - den Heiligen Geist! Welchen - du die Snden - erlassen wirst,
denen - sind sie erlassen! Welchen - du sie - behalten - wirst, denen - sind -
sie - behalten!
    Sie spricht dem Bischof nach, der in diesem Augenblick in der Kathedrale die
Priesterweihe hlt! ... flsterte Lucinde.
    Sieh! Sieh! bemerkte jetzt der Director kopfschttelnd und setzte dann leise
und fast lchelnd hinzu: Es ist ein Verwandter ihrer Familie darunter, Zgling
des hiesigen Convicts, ein junger ehemaliger Offizier, ... er wird in diesem
Augenblick ausgeweiht ...
    Ein Herr von Asselyn!
    Ganz recht!
    Der Director flsterte nach einer Weile:
    Sie hat eine groe Verehrung vor diesem ihrem Landsmann ... sie leidet
entweder darunter, der Feierlichkeit nicht beiwohnen zu knnen, sieht sie aber
im Geiste vor sich ... oder ... sie wnscht wol gar ...
    Auf dieses bedeutungsvoll gezogene: Wol gar, in dem Lucinde die Vermuthung
erkannte, die Kranke litte darunter, da der ihr Theuere berhaupt Priester
wurde und Frauenliebe nun ein ganzes Leben lang nicht mehr erwidern durfte,
schienen pltzlich die Empfindungen der Schlummernden Inhalt und Ausdruck zu
verndern. Die Mienen verdsterten sich, die Hnde hoben sich als wollten sie
irgendetwas Strendes verhindern. Der Rcken, den sie nicht bewegen konnte,
schien sich erheben zu wollen. Zurckgehalten von dem Mechanismus des Bettes,
mehrte sich ihre Angst. Seufzer entrangen sich der Brust, die sich mchtig hob.
Der Mund blieb starr geffnet als wollte er: Nein! Nein! Nein! rufen ...
    Da fuhr der Director sanft ber ihr Antlitz und weckte sie.
    Befremdet sah sie um sich, als htte sie hier zu erwachen nicht
vorausgesetzt.
    Als dann der Director ihr die neue Pflegerin vorgestellt hatte, vernderten
sich ihre Zge allmhlich zur frhern Milde. Sie schien Lucinden nicht von
frher zu erkennen. Sie lchelte gelassen, ergeben, sanft, ja dies Lcheln war
wie jener lichte Hauch, jener sanfte rthliche Schimmer im Innern einer weien
Rose. Tief andachtsvoll, glubig der Gru ihres schnen Antlitzes. Sie bewegte
sich nicht, aber in den Augenwimpern lag etwas, wie wenn sie sich im Geiste
verneigte. Sie verneigte sich wie einem Engel der Verkndigung.
    Kommt aber wol der Engel, der sich in freundlicher Anrede jetzt ber Paula
von Dorste-Camphausen niederbeugt, aus den reinen Regionen des Lichtes?
    Ihr Kinderseelen ringsum! Mgen lichtgeborene gute Engel ber euch wachen,
Hter und Schirmer vor dem nachtdunkeln Gefieder, das an Lucindens Haupte, wie
einer Tochter Lucifer's, dmonisch aufzurauschen scheint!
    Nachdem sie ihr Zimmer angewiesen erhalten und ihren Einzug geordnet hatte,
machte sie einen ihrer ersten Ausgnge zum Bischof.
    Sechs Wochen spter holte sie fr ihre neue Stellung die Bedingung nach, der
katholischen Kirche anzugehren.

                             Ende des ersten Buchs.


                                  Zweiter Band

                                  Zweites Buch

                                       1.

Den Strom zu nennen, auf dem ein in erster Morgenfrhe ausgefahrener Dampfer
soeben seine schumenden Furchen zieht, drngt es unser ganzes Herz.
    Doch sei von ihm nur gesagt, da er von den Frage- und Ausrufungszeichen
seiner ersten Alpen-Jugend an bis zu den letzten versandenden Gedankenstrichen
und Stirnrunzeln des Alters gro und bedeutsam ist wie das Menschenleben selbst
... Wie gren uns die Zinnen der Thrme, die rings auf deinen Felsenufern
ragen, du bei Sonnenschein und Nebel gleich Geliebter! Wie schlgt die Welle an
deine Wehre und Buchten! Wie kruselt sich ber gesprengtem Felsenriff in deinem
offenen Bett jetzt spielend die Woge, wo sonst die Strmung tdtliche Opfer
forderte! ... Und in diese grne Gegenwart ringsum, diese blaue ber uns, in
dies Singen und Rufen von den Gestaden, in dies Luten von uralten Thrmen in
grauen Stdten und Weilern spricht Sage und Geschichte herein so lebendig, so
gegenwrtig, als wenn auf den Kanten der Felsen immer noch die verlockenden
Geisterjungfrauen sen und ihre goldenen Locken im Mondlicht strhlten, auf den
Sllern immer noch die Ritterfrulein mit ihren Schrpen winkten, die sie dem
Kmpen zum Lohne gestickt, immer noch der schwere Tritt der schellenbehangenen
Rosse, der vom Felsen drben zum Felsen hben das Echo weckt, kommen knnte von
einem Banner Geharnischter, nicht von den Fuhrleuten mit ihren zweirdrigen
Karren und den an den Stirnen mit einer groen rothen wollenen Agraffe
geschmckten, ber den Hufen so langzottig behaarten Thieren, die in unsere
Keller nur den Wein verfhren! Nur den Wein! Nur deinen goldensten Hort! ...
Wir Undankbaren und so schon durch deinen Reichthum Verwhnten!
    Bunt und lustig drngen sich die Passagiere des Dampfboots ... Nennt ihr den
Gehalt der Gegenwart leer und flchtig, so ist gewi das Leben auf Eisenbahnen
und Dampfschiffen dem kurzen Moussiren zu vergleichen, das die Weinperlen oben
zum flchtigen Kranze vereinigt. Nrrische Blasen, die da aufgeworfen werden von
Ost und West! Moden, ihr tollen, wer hat euch erfunden! Trgt man die Mtzen
jetzt so flach, die Burnusse, die Plaids, die Abd-el-Kaders mit dieser khnen
Schwenkung um die Schulter? Was welscht und radebrecht der Zeitgeist im Gesprch
zusammen, nicht nur uerlich barock dem. Ohre nach, auch innerlich dem Geiste?
Sind wir schon auf dem Hudson oder Delaware, da uns so yankeehaft, zu Muthe
wird? Und mssen wir wirklich der Versuchung widerstehen, diese Kellner mit
ihren carrirten Halsbinden und grotesk gestreiften Inexpressibles nicht fr
Affen zu halten? Groer Saturn, verspeise deine eigenen Kinder und nimm uns alle
hin zu deinen urewigen Frhstcken, wenn diese Reisewelt der Dampfschiffe,
Eisenbahnen und Hotels mehr sein wollte, sein drfte als der kurze Schaum, den
unser Zeitalter aufwirft, wenn sein hoffentlich tieferer innerer Gehalt im
ersten Anschu an die Atmosphre tritt!
    Auch auf der Prinzessin Marianne - Albums, Panoramas, Plaids, blaue,
grne, rothe Schleier, Firnistiefel, Cotteletts, Beefsteaks ... Schooshndchen
... hinterpommersche Welt- und Zeitansichten ... Dnste und Nebel ber
Baumwolle, Bundestag, Whigs und Tories, Louis Philippe's neueste bombenfeste
Kutschen, Thalberg und Liszt ... alles was sich nur dem Streit des Zeitalters
der Revolutionen mit dem Horror vacui des immer siegreichern Systems der
materiellen Interessen entbinden und entwinden kann ...
    Dann aber von Station zu Station scheidet sich von diesem kosmopolitischen
Durcheinander doch Sonderleben um Sonderleben ... Die ausgesteckte Fahne auf
einem Huschen am Ufer bringt neue Passagiere, ein Zeichen vom Schiffe kndigt
den Nachenfhrern Abgehende an. Ja, es gibt noch einzelne in der Welt! Man
schwimmt und schwatzt oder schweigt nur so eine Weile im Allgemeinen mit.
Abseits sich wendend bleibt jedem wieder sein eigenes Herz, sein eigenes
Schicksal, sein eigenes angstvolles Mhen, im allgemeinen Drngen sein Ziel
nicht zu verlieren.
    Schon seit der in den engern Umgebungen des Stromes abgehaltenen
Mittagsmahlzeit hatte eine Dame zu fterm den Steuermann nach der baldigen Nhe
eines Ortes gefragt, wo sie abzusteigen gedachte.
    Schon lange stand sie an der kleinen Thr, an welcher die Stiege aufgezogen
hngt, ber welche die Abgehenden in Khne steigen mssen, die von den kleinern
Stationen dem Dampfschiff entgegenkommen.
    Manchem schon mochte die Dame wegen des unausgesetzten Vorbehaltens ihres
blauen Schleiers aufgefallen sein. Ein einfacher gelber Strohhut schtzte sie
gegen die senkrecht fallenden Strahlen der Augustsonne. Den trotz der Hitze
zuweilen heftig aus den Biegungen des Stromes hervorbrechenden Windsten hielt
ein schottischer Mantel Stand von grn und roth carrirtem Muster und leichtem
Baumwollzeuge. Neben der schlanken Gestalt stand schon in Bereitschaft ein
Koffer von ganz neuem hellbraunen Leder, ein Koffer, der so klein und handlich
war, da er nur auf die nothwendigsten Bekleidungsgegenstnde schlieen lie;
selbst eine Hutschachtel fehlte; man mute annehmen, da der gelbe Strohhut, den
die Dame trug, der einzige war, den sie fr ihre Reise nthig hielt. In der Hand
hielt sie noch eine kleine buntgewirkte Bgeltasche ...
    Frauen und Mnner, denen solche indiscrete Prfungen ebenso nahe lagen wie
uns, gab es schon seit einige Stunden genug. Die Dame a nichts, trank nichts,
sah nur starr und stumm in die Abwechselungen der Gegend, setzte sich zuweilen
mit groer Sicherheit auf diejenige Seite des Schiffs, die vor der Sonne Schutz
bot, und brtete unter ihrem blauen Schleier und schottischem Mantel und
Sonnenschirm ber Dinge, die schon mancher gern errathen gehabt htte.
    Entgehen konnte niemand, da die Reisende jung war. Durch den dichten
Schleier funkelten sogar zwei brennende Augen von halb scheuer, halb klug
prfender Unruhe. Richtete man dann pltzlich auf sie selber entweder zu lange
den Blick oder ein Glas, das scheinbar die alten Burgen und Stdte, in der That
aber nur die Zge der seltsamen Unbekannten musterte, so entzog sie sich der
Neugier durch eine rasche Wendung, die zugleich verrieth, da sie niemals
gnzlich in die Abwesenheit ihrer Gedanken versank, die sie scheinbar zeigte,
sondern gegenwrtig blieb allem, was sie rings umgab, vorzugsweise dem
Interesse, das sie einflte.
    Die Ungeduld, die die verschleierte Dame bei alledem zu beherrschen schien,
war offenbar auf den Augenblick gerichtet, wo sie das Schiff zu verlassen hatte.
    Der grte Theil der Passagiere, sa noch an der auf dem Verdeck
aufgeschlagenen Tafel und bewunderte gerade beim Dessert - Stachelbeeren, die in
dieser himmlisch ppigen Gegend so gro wie Zwetschen gereift waren, als man
endlich jene Station erreicht hatte, nach der die Verschleierte schon mehreremal
den Steuermann reglementswidrig angeredet und gefragt hatte.
    Eine neugebaute Kirche, die auf einem Vorsprung des linken Ufers stand, war
schon lange als Merkziel derselben in Sicht. Hier erweiterte sich der Strom und
nahm die mildern Linien der Umgebungen eines Sees an.
    Endlich hielten die Schaufelrder in ihrem gleichmigen Takt, das Schiff
kam in eine schwebende Bewegung, der Kahn vom jenseitigen Ufer tanzte schon in
den aufgeregten Wogen nher, das Seil wurde vom Bord den Schiffern zugeworfen,
die Brcke herabgelassen und mit sicherer Haltung, den Sonnenschirm einlegend,
stieg die Dame in den Kahn. Ein kurzes Brausen der Rder, ein geschicktes
Auffangen des nachgeworfenen Koffers, ein Augenblick des bedenklichen Schwankens
des noch gleichgewichtlosen Kahns und der Dampfer scho weiter, der Kahn dem
Ufer zu.
    Die neugebaute St.-Maximinuskapelle wurde sonst vom Dampfschiff aus stark
besucht. Heute traf es sich, da die Schiffer nur diesen einzigen Passagier ans
Ufer setzten.
    Wie weit ist es bis St.-Wolfgang? fragte die Reisende, den Sonnenschirm
wieder ausspannend und mit einem bestimmten und sichern Tone.
    Zwei Stunden!
    Bekomm' ich einen Einspnner dorthin?
    Gewi!
    Wo?
    Im Weien Ro!
    Wollen Sie mich ins Weie Ro fhren?
    Da liegt's am Wasser!
    Die kurz angebundene Sprecherin blickte hinber und sah das Hotel Au Cheval
Blanc in groen Buchstaben angekndigt.
    Den Schleier hatte sie jetzt zurckgeworfen, den Mantel abgenommen, den ein
Schiffer beim Aussteigen ber den Arm behielt, whrend der andere das Kofferchen
auf die Schulter lud. Die ber ein ausgelegtes Bret behend das Ufer Betretende
zeigte sich zu Land und Wasser von gleicher Sicherheit.
    Der Garten des Weien Rosses geht fast bis dicht an das Ufer des hier mit
besonderer Schnheit sich erweiternden, im Sonnenlicht glnzenden Stromes. Mit
wenig Schritten durch den Sand war er erreicht.
    Als alle drei in den Garten getreten waren, warteten die Schiffer weiterer
Befehle ...
    Ein dicht an der Thr auf einer geebneten Terrasse unter einem anmuthigen,
schattenreichen Baume gelegener Tisch schien diese zu entscheiden.
    Die Dame bezahlte, lie den Koffer neben sich hinstellen, befahl aber wegen
eines Wagens den Wirth zu rufen. Noch rief sie dem einen der Schiffer, der
deshalb ins Haus ging, nach, er mchte ihr auch eine Kleinigkeit zu essen
bestellen. Sie hatte an der Table d'hte des Dampfschiffs nicht theilgenommen.
    Einige Augenblicke war sie allein. Vor der steinernen Balustrade ber die
Terrasse auf- und abgehend und jetzt auch den Hut sich freier bindend, um wie
von einer langen Gefangenschaft in der himmlischen Luft aufzuathmen, musterte
sie die Gegend, die sie ohne Zweifel zum ersten mal sah und vom Lande aus noch
viel entzckender finden mute als vom Dampfschiff, das immer nur Panoramen
gibt, in denen man sich, weil man eben zu viel sieht, meist ohne Befriedigung
verliert ... Nur die Gegend ist ja schn, die Eines gibt und das Andere ahnen
lt.
    Die Schiffer kamen zurck mit dem Wirth.
    Es wurde ein Einspnner behandelt, der die Dame nach dem zwei Meilen tiefer
ins Innere hinein gelegenen Orte St.-Wolfgang fhren sollte.
    Bis zum Anspannen wnschte die Reisende ein miges Mahl zu nehmen, dann die
St.-Maximinuskapelle zu besuchen und von dort mit dem Wgelchen abgeholt zu
werden. Sie erkundigte sich genau nach den blichen Preisen, bedingte sich das,
was sie zahlen wollte, mit groer Bestimmtheit und erklrte, das kleine Mahl,
das sie in allen Einzelheiten specificirte, unter dem schnen fruchtbeladenen
Apfelbaum da und an jenem Tisch einnehmen zu wollen.
    Der Wirth ging. Die Reisende nahm jetzt den Hut vollends ab und warf ihn auf
den ehemals wei angestrichen gewesenen Tisch. Ihr Antlitz glhte. Mantel und
Hut und Schleier hatten ihr hei gemacht. Mit der ganzen Behaglichkeit, sich
allein zu wissen, warf sie sich auf die harte Bank. Einem auf schwellender
Ottomane Ruhenden konnte es nicht bequemer sein.
    An die Reize der Natur schien sie sich bald gewhnt zu haben, von einem
langen Erstaunen berhaupt nicht viel zu halten. Nur zur Maximinuskapelle warf
sie zuweilen einen prfenden Blick. Dazu las sie, doch ohne besondern Eifer,
dasjenige aus einem Fhrer, den sie aus ihrer kleinen, jetzt aufgeschlossenen
Handtasche nahm, was ber die Oertlichkeit, auf der sie sich befand, dort gesagt
sein mochte.
    Das Haupt aufsttzend, zuweilen umbltternd, zuweilen nach einem Gegenstande
auf dem Flusse, zuweilen rckwrtsblickend, wo ein Tellergeklapper die Anstalten
zu ihrem Mahle verrieth, erkennen wir sie. Es ist Lucinde ... Drei Jahre lter,
als wir sie verlassen haben.
    Sie trgt das dunkle Haar in Flechten wie sonst, aber mit einem hohen Thurm,
wie eine Krone; ihr Wuchs ist hoch wie sonst, aber elastischer in der Haltung;
ihre Augen sind glhdunkel, doch etwas spitz und stechend; ihr Lcheln verschnt
noch immer die frhern plastischen Formen der Nase, der Lippen, des Kinns, aber
zuletzt verliert es sich in eine Bitterkeit um die Mundwinkel; ihr
Unternehmungsgeist scheint wiedergekehrt, wie in der Zeit, wo sie zu Pferde sa;
das ganze Wesen hat die alte Unreife und Unfertigkeit verloren, womit freilich
auch der Reiz des Mdchenhaften abgestreift ist. Lucinde ist eine Dame geworden,
zu deren Erscheinung unzertrennbar die Glachandschuhe zu gehren scheinen, die
sie selbst whrend des Essens nicht abzieht.
    Mit einer an ihr uns ganz neuen Versunkenheit in sich selbst, die auf eine
mchtige innere Gedankenarbeit schlieen lt, hat sie bald das bestellte und
von Kellnern gebrachte Mahl mechanisch eingenommen.
    Zur letzten Schssel war der Wirth zurckgekehrt und hatte auch den
verlangten Wagen in Aussicht gestellt.
    Kennen Sie den Pfarrer von St.-Wolfgang? fragte sie.
    Von St.-Wolfgang? Gewi!
    Es ist ein Herr von Asselyn?
    Von Asselyn!
    Was wissen Sie von ihm?
    Man nennt ihn einen Heiligen ...
    Ist er's nicht?
    Einen jungen Mann kann noch keiner einen Heiligen nennen!
    Warum nicht? Wer heilig genannt werden will, mu sich's in der Jugend
verdienen; im Alter sind wir alle Heilige!
    Ein curioses Gesprch, das den Wirth lachen machte.
    Der Wirth sprach fort, nur um zu sprechen oder die Fremde ferner so spahaft
antworten zu machen. Er erzhlte, da die Dame in St.-Wolfgang zu einem
Leichenbegngnisse ankommen wrde.
    Kein gutes Omen! Wer ist gestorben? fragte sie.
    Ein Husler, den die Leute in der Gegend fr reich hielten, ohne da er
einen Pfennig mehr hinterlassen hat, als zu seinem Begrbni nthig sein wird.
    So werden an seinem Grabe keine lachenden Erben stehen!
    Lucinde war mit ihren Speisen schon fertig und whlte sich bereits von dem
schnen Obst aus, das ihr auf einigen Tellern zum Dessert gebracht worden war.
    In der kurzen, ihr jetzt eigenen inquisitorischen Art fragte sie, eine Birne
schlend:
    Wie konnte man einen Husler fr reich halten?
    Man schickte ihm, erzhlte der Wirth, was er brauchte, aus Welschland oder
der Schweiz. Das bertrieben dann die Leute! Er hinterlie nichts als einen
Sarg, den er sich selbst gezimmert hat. Er war nur in die Sechzig gekommen.
    Seinen eigenen Sarg? fragte Lucinde und bi in die Birne.
    Man erzhlt's, berichtete der Wirth. Den Sarg hat der alte Mevissen, so hie
er, in St.-Wolfgang in seiner eigenen Stube gehabt, hat auch drinnen schon seit
Jahren geschlafen. Der Pfarrer hat ihm feierlich versprechen mssen, ihn auch in
diesem Sarge zu begraben und zu weihen. Er hat ihn wirklich sich selbst
gezimmert! Da nichts Unheiliges dabei sein soll, so wird er wol heute gegen
Abend in die Erde kommen in diesem seinem selbstgezimmerten Sarge.
    Hm! Hm! Ei! Ei! sagte Lucinde.
    Der Wirth bemerkte, da sie ein scharfes Lcheln durch ihre Mienen spielen
lie.
    Warum lachen Sie? fragte er.
    Wenn der Mann vermgend war und sich um keine Erben kmmern wollte, so wrd'
ich die Wnde des Sarges untersuchen lassen. Es gab schon manchen Geizhals, der
seinen Mammon in die andere Welt auf diese Art mit hinbergenommen hat!
    Damit whlte sie zum Schlen eine zweite Birne. Sie warf sie weg, weil sie
darin einen Wurm fand. Als sie von Wrmern murmelte, konnte es ebenso sein als
sagte sie: Die andere Welt ... ich meine die Wrmer!
    Der Wirth mute seine Teller, die er eben wegnehmen wollte, niedersetzen vor
Befremden ber diese Erklrung wegen des Sarges. Der Einfall der so kurz
angebundenen Dame kam ihm nicht unwahrscheinlich vor und schon hatte er eine
weitere Ausfhrung der Vermuthung begonnen, als er durch einen langgezogenen Ruf
dicht in der Nhe unterbrochen wurde.
    Man hrte die Worte rufen:
    Figuri kauf! Figuri kauf!
    Ein italienischer Gipsverkufer ging mit einem Knaben unten an der
Balustrade vorber und bot hinaufgrend seine Waare an, die er und sein
Begleiter auf den Kpfen trugen. Diese Leute setzen bekanntlich voraus, da man
in einem Postwagen selbtsechs reisen kann und doch noch Platz findet, sich die
Gruppe des Laokoon mitzunehmen. In Venedig rennen die Fischer den Fremden nach
und bieten ihnen Frutti di Mare an, Seespinnen, Quallen und Krebse, die man,
frisch wie sie vom Lido kommen, in ein Taschentuch binden und in seinem Hotel
sich kochen lassen soll.
    Miracolo! rief Lucinde den ltern Italiener an, ihres Gesprchs ber den
Sarg und die Wirkung auf den Wirth vom Weien Ro nicht weiter achtend,
Miracolo! Si vede che venite direttamente dalle Santa Casa di Loretto!
    Sie deutete auf die nur mit Gegenstnden religiser Verehrung geschmckten
beiden Tragbreter der Verkufer.
    Und noch ehe der Italiener erwiderte, fuhr sie fort:
    Nessuna Minerva! Ne Amore col arco! Tutti santi del Cielo!
    Nach der keine Antwort schuldig bleibenden Weise seines Volks erwiderte der
Figurenhndler bejahend und lchelnd:
    Si! Si, Signora! Siamo in un mondo pieno di peccati!
    Sein Kleiner rief dazwischen:
    Figuri kauf!
    Lucinde erhob sich und betrachtete die Heiligen und Muttergottesbilder, die
theils von geringem knstlerischen Werth und bunt bemalt waren, theils aber auch
schnere Leistungen darboten, unter anderm die heilige Agnese aus der Kirche
Santa-Agnese vor den Thoren Roms, den Moses Michel Angelo's, auch den
altberhmten fast schon um seine Zehen gekten Apostel Petrus aus der
Peterskirche in Rom, der indessen leicht ein alter Janus sein kann mit dem
Schlssel nicht des Himmels, sondern des Tempels zu Krieg und Frieden.
    Lucinde machte ihn gar zu einem Jupiter, worauf der Italiener in seiner
Sprache erwiderte:
    Mag sein, Signora! Aber jetzt ist er getauft und ein so guter Christ wie
wir!
    Inzwischen gingen beide schon einem Trupp Englnder entgegen, der soeben von
der Maximinuskapelle herunterkam.
    Der Wirth hrte allen diesen kurzen, aphoristischen Aeuerungen mit erhhtem
Interesse zu. Als er Lucinden einige bessere Birnen ausgesucht hatte und anbot,
fragte sie:
    Gibt es heuer ein gutes Jahr?
    Schon setzte sie sich den Hut auf.
    Die Frucht war leidlich! hie es. Aber der Wein misrth! Die Leute
erwarteten nichts Besseres!
    Wie so? fragte sie und band sich die blauen Bnder in eine Schleife.
    Wir haben hier einen Aberglauben, antwortete der Wirth. Am Himmelfahrtstage
wird ein Crucifix vom Grunde der Kirche mit einer eisernen Kette in die Hhe
gezogen. So viel mal die Kette dabei knackt, so viel Thaler wird der Malter
Weizen kosten. Heuer knackte es achtzig mal. Es wird eine theuere Zeit!
    In welcher Kirche geschieht dergleichen?
    Aufrichtig, in keiner! Aber immer in jeder benachbarten! Ueberall nennt man
eine andere Kirche und geschehen ist's in keiner!
    Brav! sagte Lucinde lachend. Das ist ja das ganze Wesen der Offenbarung und
des Wunders auch!
    Ohne aber diesen Satz weiter auszufhren, fragte sie nach ihrer Zeche, ihrem
Fuhrwerk und dem Wege auf St.-Wolfgang.
    Der Wirth wre gern auf alle diese ihre sprungweisen Andeutungen,
vorzugsweise aber auf das Begrbni in einem mit Tresorscheinen und
Staatspapieren gefllten Sarge zurckgekommen ...
    Jetzt gab es aber wieder eine neue Strung.
    Es schlich ein Knabe die Stufen des Gartens herauf und veranlate nun ihn
selbst zu dem Anruf:
    Scher' er sich weg mit seiner Fuchserei!
    Der barfige Knabe zog sich eine Stufe zurck.
    Dabei hielt er einen kleinen, nicht sogleich erkennbaren Gegenstand hin und
suchte die Fremde dafr zu interessiren.
    Was hat er denn? fragte Lucinde. Fuchserei? Armer Junge! Was kann er fr
seine rothen Haare!
    Da sitzt ihm der Fuchs nicht! fiel der Wirth ein, dem selbst die Rthe
seines Antlitzes und der gute Wein, wie in jener Gegend vielen, bis in den Bart
und in die Spitzen seines nur noch dnnen Haupthaars gedrungen zu sein schien.
    Die Dame ist keine Englnderin! Mach' er nur fort! fgte er hinzu.
    Was hat er denn? fragte Lucinde.
    Der Wirth wollte verhindern, da Lucinde von dem Knaben in einem
projectirten Handel betrogen wurde.
    Der Spitzbube, sagte er, whrend der Knabe noch immer stand, verkauft alte
rmische Mnzen, wie sie die Leute hier finden wollen. Sie sind aber nicht echt!
    Lucinde, sogleich voll Heiterkeit der Nikolaus Carstens'schen Liebhaberei in
Hamburg gedenkend, rief den Knaben zurck Schon hatte sie einige wie uralt
erscheinende mit grnem Rost beschlagene Kupfermnzen in der Hand und fand sie
von einem so unbezweifelbaren Schein der Echtheit, da sie fr den Knaben Partei
nahm und dem Wirth die Mnzen entgegenhielt mit den Worten:
    Die wren nicht echt? ...
    Woher sind die Mnzen? wandte sie sich an den Knaben zurck.
    Der Knabe zeigte in die Berge, die sich mit dem grnen Schmuck des Rebstocks
bekleideten ...
    Da hast du sie gefunden?
    Mein Vater! hie es leise und unsicher.
    Der Wirth drohte und meinte:
    Wenn Sie's glauben wollen, mir recht! Fr zehn Groschen lt er ihnen das
ganze Mnzcabinet seines Alten!
    Der Knabe hatte fnf Mnzen. Lucinde betrachtete sie und fand sie smmtlich
tuschend antik. Sie hatte ja eben gelesen, wie in diesen Gegenden sich auf
Tritt und Schritt noch die Spuren der alten Rmerzeit verrathen. Kirchen sind ja
hier aus den Trmmern alter Castelle gebaut; Thrme, aus denen jetzt der Krahnen
der Zollwage und das Wappenschild des stdtischen Octrois hervorragt, waren
einst die Brustwehren der Besatzungen, die die Legionen des Drusus in den
neubegrndeten Niederlassungen zurcklieen; Aschenkrge zertrmmert tglich der
Spaten des Weingrtners, der seinen Berieselungen in den Bergen ein neues Bett
graben will; Mnzen, die Augustus und Constantinus schlagen lieen, werden das
Spielzeug der Kinder, denen es ganz gleichst ist, ob sie Fasseln mit Kieseln
spielen oder mit Erinnerungen, die den Geschichtsforscher in Entzcken
versetzen.
    Der Wirth berichtete jedoch, da es hier jetzt ganz schon wie in Italien
wre. Die Arbeiter im Felde entdeckten mehr Mnzen, als zu den Zeiten der
Legionen in Umsatz gewesen wren. Eiserne Tpfe voll knnte man in einer groen
Stadt, auf deren Lage er hinunterzeigte, bei einem Juden finden, dem sie die
Verschmitztheit der Bettler wieder abkaufte und, als eben aufgefunden und vom
Pflug, dem Spaten, der Egge entdeckt, bei den Reisenden in Umlauf brchte.
    Lucinde hielt die zerbrckelten, halb erdfahlen, halb grnen Mnzen gegen
das Licht, buchstabirte DRUS.. und AUGUS.. und DIV. und verglich die fast allein
nur noch hervortretenden gewaltigen Nasen der Brustbilder mit den Vorstellungen,
die man ber Rmerkpfe hat. Sie fand alles so hnlich, so zutreffend, da sie
erstaunt erklrte, nicht an Verflschung glauben zu knnen.
    Und doch! setzte der Wirth hinzu. Die Mnzen da knnen gestern noch ganz neu
gewesen sein!
    Gestern noch? rief Lucinde erstaunt.
    Gestern! besttigte der Wirth. Man drckt eine solche von dem Juden
geschlagene Mnze in einen Teig und nudelt damit die Gnse!
    Was? Wie? Die Gnse?
    Ich sage Ihnen, die Gnse! Und heute frh knnen die Dinger da den Gnsen
erst abgegangen sein! So, wie sie jetzt da sind, kommen sie dann zum Vorschein!
Grn und rostig und halb zerschmolzen!
    Der Wirth schilderte, ohne weitern Anstand den chemischen Proce, nach
welchem diese Mnzen durch einen Gnsedarm hindurch binnen vierundzwanzig
Stunden achtzehnhundert Jahre alt wurden.
    Lucinde war aber schon in ein solches Gelchter ausgebrochen, da er eine
noch ausfhrlichere Erklrung nicht nthig hatte.
    Sie gab dem auf dem Sprunge stehenden Knaben ein Geschenk, nahm seine Mnzen
und rief:
    Das mu ja der Ahasverus selber sein, der in der Stadt da drben so die
Jahrhunderte machen kann! Sie kennen doch die Sage von dem bsen Schuster, der
einst dem Heiland die Erquickung des Ausruhens abschlug, als er sein Kreuz auf
Golgatha tragen mute? War das ein Herren- oder Damenschuster, ich kann es nicht
sagen; aber in der Stadt da unten wohnt er jetzt und macht Mnzen, die von
gestern auf heute tausend Jahre alt sind! Und mit Hlfe des Vogels der Dummheit!
Sehen Sie, wieder, wie schon einmal auf dem Capitol! Die Gnse sollen leben! Die
Gnse! Es ist nicht ohne, da der Doctor Martin Luther an dem Tage geboren
wurde, wo man die erste Gans auf den Tisch bringt!
    Dem Wirthe mochte der Ausbruch dieses Humors unverstndlich, ja an einer
Dame, der sich auf der Brust, wie sich eben beim Lachen gezeigt hatte, ein
groes goldenes Kreuz an einem Bande aus der Chemisette losnestelte, fast
unheimlich erscheinen. Dennoch machte er keine auffallend betroffene oder etwa
den Vermittlerinnen des chemischen Processes, wodurch Neuestes zu Aeltestem
werden kann, verwandte Miene, sondern bemerkte, da er selbst ein Freund alter
Mnzen wre, eine schne Sammlung echter htte und sie der jungen Dame, wenn sie
es wnschte, vorlegen knnte.
    Nein, nein, nein! rief sie in ihrem alten, wie wir wissen, die Grenze
berschreitenden Humor. Wer brgt mir fr die Unschuld Ihrer Gnse? Sie nudeln
sie auch mit Jahrhunderten! Sie sind unecht! Gewi, gewi!
    Bitte! bemerkte der Wirth ... Ich fand den grten Theil selbst.
    Man hat sie Ihnen hingelegt, frisch aus dem Gnsestall!
    Ich fand sie an ganz unzugnglichen Orten!
    Sie irren sich! Was entscheidet denn an diesen fnf alten rmischen
Kupferdreiern, die ich hier in der Hand halte und mir zum Andenken in meine
Tasche schliee, da sie nicht echt sind! Ihre Mnzen, Herr Wirth, haben alle
denselben Weg gemacht! Ob der Rost von der Magensure einer Gans kommt oder von
den allerdings lngern Gedrmen wirklicher Jahrhunderte, ist all eins! Lassen
Sie's nur so und - glauben wir's!
    Jetzt setzte sie ihren Hut auf und band den Schleier darber.
    Beim Bezahlen ihrer Zeche erscholl pltzlich aus der Ferne ein lieblicher
Gesang. Sanfte Accorde wallten durch die sonnige Luft. Es war ein Kirchengesang
von jener getragenen Einfachheit, die etwas Kindliches und in den kurzen,
zwischen den Strophen liegenden Pausen etwas Lndliches hat, nach Art der
Schifferlieder auf den italienischen Seen.
    Woher kommt denn das? fragte Lucinde.
    Es sind die jungen Mdchen aus dem Englischen Fruleinstift auf der Insel
Lindenwerth drben! sagte der Wirth und zeigte auf einen weit ber den Spiegel
des Stroms hinweg aufragenden Kirchthurm. Die Englischen Frulein, setzte er
erklrend hinzu, halten das Stift seit ein paar Jahren. Sie kommen oft mit den
Kindern herber in die neue Kapelle oben!
    Lucinde blickte auf den schnen Bau, erinnerte an ihren Einspnner und
wollte gehen.
    Das Erbieten des, wie sie sah, nicht ungebildeten Wirthes, sie zu fhren,
lehnte sie mit der ihr wiederkehrenden Bestimmtheit ab. Der freundliche, von
seinem Gaste, wie selten von einem solchen flchtigen Ankmmling unterhaltene
Mann htte sie gern htte gern, wie er selbst sagte, noch vom Sarg des alten
Mevissen mit ihr gesprochen; aber sie hatte gezahlt, bergab zur Verladung vorn
auf das Gefhrt ihren Koffer, sah sich noch um, ob sie nichts vergessen hatte,
und verlie, ohne weitere gemthliche Anknpfung mit der neuen Bekanntschaft,
den Garten. Sie begab sich zwischen einer Reihe kleiner Strucher und dem mit
ruhigem Sonnenglanz berwobenen, von berg- und thalwrts gehenden Schiffen
belebten Strom auf den am Ende des Ortes liegenden Hgel zur Kapelle des
heiligen Maximinus. Fast war's, als htte der fromme Gesang sie gemahnt, ihrem
bizarren und skeptischen Humor endlich Einhalt zu thun.
    Vor einem am Aufgang zur Kapelle am Kreuz hngenden Erlser wollte sie sich
auch in Andacht verneigen, sah aber auf der unter ihm befindlichen Bank den
Gipsfigurenhndler und seinen Sohn sich ausruhen.
    Jener rief ihr freundlich winkend und die Stirn trocknend zu:
    Fa caldo!
    Kommt Ihr nicht ins Land hinein? fragte sie und zeigte ber die Berge.
    Si, Signora!
    Nach Kocher am Fall?
    Si! Si!
    Kennt Ihr dort die Dechanei? An der Kathedrale St.-Zeno?
    Der Italiener schien aufs angenehmste an einen seiner besten Kunden
erinnert, den Dechanten von Asselyn.
    Un compratore dei Santi? fragte sie scherzend.
    Der Italiener schttelte den Kopf und machte eine schlaue Miene, als wenn
der Dechant einen vllig andern Geschmack htte.
    Lucinde horchte der Charakteristik des Dechanten von Kocher am Fall, sagte
aber jetzt fast wie eine Fromme:
    Kommt zu Lucinde Schwarz in Kocher am Fall! Ich wohne in der Dechanei des
heiligen Zeno! Ich will Euch den Moses da des Michel Angelo abkaufen!
    Der Italiener nickte befriedigt.
    Lucinde stieg zur Kapelle empor.

                                       2.


Wie sie den wiederbeginnenden Klngen des Marianischen Lobgesangs folgend an
noch einigen Leidensstationen vorberging, mute sie den schnen und malerisch
gelegenen neuen Bau bewundern.
    Alles, was nur die gothische Architektur zugleich an bedeutungsvollen wie
lieblichen Elementen besitzt, war hier in einer reizenden Gesammtwirkung
vereinigt. Wie hingehaucht stand das halb rthliche, halb hellgrne
Sandsteingebilde und verlor sich mit vier schlanken Thrmen, als wre es
befiedert, in die blaue Luft. Spitzbogenfenster, Spitzgiebel, Spitzdcher, alles
war verziert mit steinernen Blumen und Blttern. Groe durchbrochene Steinrosen
schmckten die Thren und Seitenwnde. Ein terrassenfrmiger kleiner Garten
umgab die obere Spitze des Kreuzes, in dessen Form auch der ganze Bau sich
erhob. Dieser Garten lud den mden Wanderer ein in den Schatten breitstiger
Linden. Bienen summten, Kfer schwirrten. Einem Schmetterlinge nur brauchte
Lucinde nachzugehen, der sie mit seinem Flatterfluge an die Pforte des
festgegrndeten schnen Gottestempels, des Asyls des Unsterblichkeitsglaubens,
fast ausdrcklich zu geleiten schien.
    Die kleinen Sngerinnen waren verstummt. Sie befanden sich in der Kirche,
die auch Lucinde betrat. Der Raum war drinnen eng. Zusammengedrckt schien das
Ganze noch mehr zu werden durch eine fast zu reiche Verschwendung von Gold und
Farbe. Lucinde fhlte sogleich, da alles hier fast zu sinnlich, zu laut, zu
unmittelbar auf den Eintretenden eindrngte; sie schlug inde die Augen nieder,
besprengte sich mit dem geweihten Wasser und kniete, fast geruschvoll, an den
Marmorstufen des Altars nieder.
    Nachdem sie, wie andachtversunken, ihr Gebet verrichtet, erhob sie sich und
musterte die Malereien. Auch zu einer Krypte stieg sie nieder, die ihr nicht
minder beengend, fast furchterregend vorkam. Eine besondere Aufforderung zur
Gottesandacht lag nicht in dem Eindruck dieses Innern eines so geflligen
Aeuern. Doch senkte sie die Wimpern und verrieth keine Kritik.
    Die kleinen Mdchen der Pension von Lindenwerth, wol ihrer zwlf bis
sechzehn an der Zahl, lieen den engen Raum des Gotteshauses von ihrer Neugier
und Zerstreutheit nicht wenig widerhallen. Eine dem Orden der Englischen
Frulein angehrende Nonne und eine weltliche Lehrerin waren ihre Fhrer.
Zuletzt verloren sich alle in eine Seitennische, in der sich noch das Gerst
eines Malers befand, dessen Pensum in der Ausschmckung der Wnde hinter dem der
andern Knstler zurckgeblieben war. Auch er malte um die Heiligen groe goldene
Teller in jenem Geschmack der sich in seiner Absicht allzu sehr verrth. Will
man durch die Vorgnge der heiligen Geschichte das Gefhl der Andacht wecken, so
mssen sie uns nicht als Wunder, sondern mit dem Zauber der Natrlichkeit und
noch heute tglich mglichen Wirklichkeit entgegentreten.
    Bei nherm Hinblick auf das Pensionat, das sich neugierig an den arbeitenden
Maler wie verlor, schrak Lucinde zusammen. So nahe schon hatte sie sich ihren
nchsten Zielen nicht geglaubt! Diese fhrten sie, wie sie ausdrcklich gewollt
hatte, mitten in alles wieder zurck, was sie in ihren ersten Jugendtagen, vor
dem Sinken ihres Sternes und dem neuen Aufgang in der orthopdischen Anstalt
halb bewutlos erlebt hatte. Nun erkannte sie schon in der weltlichen Lehrerin
jene Angelika Mller, mit der sie einst vor sechs bis sieben Jahre ihre Reise
nach Hamburg gemacht hatte. War also der Prophet von Eschede, Dr. Laurenz
Pttmeyer; noch immer ohne Hegel's Lehrstuhl fr seine mathematische
Philosophie? Beim Anblick dieser damals schon nicht mehr jungen, jetzt vollends
verblhten, armen geistigen Tagelhnerin trat ihr der todte Jrme vor die
Augen, wie er sitzen konnte und Wrfel und Dreiecke schnitzelte und ber jenes
bekannte Pentagramm, das wir als Bierzeichen adoptirt haben, sich in die alten
Wlder verlor, in denen einst dem Wodan Menschenopfer gebracht wurden ... Die
Lehrerin schien auch auf Veranlassung der obenerwhnten goldenen Teller eben mit
dem Erlutern der Symbolik des Kreises beschftigt und sah Lucinden nicht.
    Diese fhlte sich vielleicht noch nicht stark genug, das volle Antlitz ihrer
Vergangenheit wieder zu ertragen .. sie verlie die Kapelle und flchtete sich
fast in die warme und erquickende Luft zurck.
    Ihr Wagen war noch nicht zu erblicken. So wandte sie sich der Altane der
Kirche zu und nahm Platz auf einer der steinernen Bnke, die die schnste
Aussicht boten. Sinnend ber den Muth, den sie haben wollte, dicht so wieder an
alles anzustreifen, was schon einmal fr sie verhngnivoll geworden war, sah
sie kaum, wie nah unter ihr der belebte Strom mit seinen malerischen Ortschaften
sich schlngelte, wie in der Ferne die Berge in ansehnliche Hhen stiegen und
links und rechts zwei schroff emporgethrmte Felsen mit den Trmmerresten zweier
alten Burgen wunderherrlich aufragten.
    Nach einer Weile und whrend die Schlerinnen des Pensionats in der Kirche
wieder einen neuen Gesang angestimmt hatten, bemerkte sie, da sie auf der
Altane nicht allein war.
    Dicht an der von Epheu beschatteten Mauer der Kapelle standen in eifrigem
Gesprch ein Soldat und ein ohne Zweifel zu dem lindenwerther Pensionat
gehriges junges Mdchen. In einiger Entfernung hielt sich ein Aelterer, nicht
gerade ein Diener, auch kein Erzieher, aber jemand, der gleichsam zu wachen
schien, da das Zwiegesprch der beiden andern weder gestrt noch vielleicht zu
vertraulich wurde.
    Das junge Mdchen trug die Kleidung des Pensionats, einen dunkelblauen
leichten Sommerstoff, einen runden italienischen Strohhut und eine Tasche zur
Aufbewahrung wahrscheinlich der Dinge, die das Englische Frulein unterwegs
nicht zum Unterhalt kaufen mochte; berm Arm hing noch ein leichter Sommershawl.
Sie war eine von den ltern der kleinen Karavane, deren Mitglieder, sah man sie
einzeln, gereifter erschienen als in der Gesammtheit. Das Gute haben ja richtig
geleitete weibliche Pensionate, da die jungen Mdchen durch ihr Beisammensein
sich lnger kindlich erhalten und jene gefhrliche Krisis der ersten erwachenden
Temperamentsvorgnge glcklicher berwinden als in der die Frhreife
zeitigenden, wenn auch traulichern Wrme des lterlichen Hauses.
    Auch das junge Mdchen, das vielleicht sechzehn Jahre schon zhlte, machte
Lucinden einen Eindruck, als mte sie es schon gesehen haben. Es war eine
Erscheinung von eigenthmlichem Reiz; nicht zu gro, aber wohlgebaut und von
einer Lebhaftigkeit im Auseinandersetzen, einer Innigkeit im Genu dieser
vertraulichen Zwiesprache mit dem jungen Krieger, die Lucinden sogleich so
bitter lcheln machte, als htte sie sagen mgen: Du kleiner Fratz, dergleichen
erlebten wir einst ja auch! ... Sie mochte jedoch die Glcklichen, die sich
vielleicht vor dem Englischen Frulein und Angelika Mller sicher glaubten,
nicht stren ... auch kamen ihr die Zge des Mdchens bekannt vor. Auf dem
Streckbett konnte sie sie nicht gesehen haben und doch fiel ihr sogleich Paula
von Dorste-Camphausen ein.
    Der Soldat war kein Offizier, sondern ein gewhnlicher Gemeiner; aber
Lucinde wute schon, da es hier zu Lande sogenannte Freiwillige gab, die nur
eine kurze Zeit der allgemeinen Militrpflicht gengten. Ihnen schien der junge
Mann mit seinem schwarzen Brtchen auf der Oberlippe und dem kurzgeschnittenen,
aber vollen Haarwuchs anzugehren. Er war gro, hatte etwas Festes und
Bestimmtes und erinnerte Lucinden an den seither verschollenen Klingsohr, nur
hatte er nicht das Wste und Unschne desselben. Etwas Studentisches schien ihr
noch das grngelbweie Band, das er trotz der Montur, die offen stand, ber
seiner weien Piquweste hinweg trug; doch konnte er wol kaum noch der
Universitt angehren, falls berhaupt die Voraussetzung der sogenannten
Freiwilligkeit die richtige war.
    Der Wchter in der Ferne schien jedenfalls ein Stck vom echten Soldaten,
aber auch zugleich ein Stck vom Jger, ein Stck vom Landwirth, vom Bauer,
selbst vom Bedienten, von allem etwas. Mit einem zusammengerollten
Militrmantel, an dem ein Sbel befestigt war, ohne Zweifel Requisiten des
jungen Kriegers, stand er an dem Eingange zum kleinen Garten, rechts und links
lugend auf die Landstrae und nur im geheimen auf das plaudernde Paar. Im Regen
und Sturm scheint er noch besser an seinem Platze zu sein; sein gerthetes
Antlitz hat das Viereckige der Kopfform eines mit Ohrringen geschmckten
Steuermannes auf hoher See. Wer wei, ob diese Unruhe, die sich bald auf das
eine, bald auf das andere Bein stellen mu, nicht von der Gewhnung an die
Schwankungen eines Schiffs kommt! Der Blick, den der Wchter, so eigenthmlich
prfend und den Mund in Falten ziehend, ber den Strom auf einem neuen Dampfer
wirft, der gerade anhlt, um mehr Besucher der Maximinuskapelle auszusetzen, als
heute die Prinzessin Marianne gebracht hatte, ist gerade wie der eines Mannes,
der die vollkommene Berechtigung gehabt htte, ebenso gut wie der geschniegelte
Kapitn drben, der Salzwasser vielleicht nie gekostet hat, Stop zu rufen.
    Lucinde suchte auch diese Gestalt irgendwo in ihrem Jugendwahntraume, wie
sie ihr vergangenes Leben nannte, unterzubringen. Wie mute sie erstaunen, als
sie bemerkte, da sie selbst es werden sollte, durch die pltzlich das stille
harmonische Concert dieser drei Menschen unterbrochen wurde! Sie erblickte eben
in der Ferne ihren Einspnner, erhob sich von der Bank, auf der sie ausgeruht
hatte, und streifte an dem durch die kleinen Gartenanlagen daherkommenden Paare
vorber. Noch fielen einige der Worte des Gesprchs, das sich von seiten des
Mdchens in einer kindlich harmlosen Welt zu bewegen, schien, in ihr Ohr, als
sie nicht wenig berrascht wurde von dem pltzlich innehaltenden Flu der
kleinen Sprecherin, die, die schnen dunkelbraunen Augen aufgerissen, auf sie
zutrat und sie mit einem nur durch Verlegenheit abgebrochenen lauten und
erschreckten: Ach! fast anredete.
    Der Muth weiter zu sprechen fehlte zwar, die Verlegenheit etwas Ungehriges
gethan zu haben berwog, aber die Kleine wandte sich im Weitergehen dem Soldaten
so vertraulich und schnell zu, da Lucinde wohl sah, wie sie entweder mit jemand
anderm eine auffallende Aehnlichkeit hatte oder auch dieser Kleinen wirklich
bekannt sein mute.
    Indem kamen die brigen Pensionsmitglieder zurck. Lucinde mochte zunchst
dem an sich fr sie selbst interesselosen Frulein Mller nicht begegnen. Sie
zog vor, sich zu entfernen. Das junge Mdchen aber, das sich denn also doch, wie
man nun sah, in keiner verbotenen Zwiesprache befunden hatte, sprang in die
Reihen ihrer Gefhrtinnen zurck und steckte so den Kopf mit den Kpfen der
andern zusammen, da sie nun smmtlich neugierig auf Lucinden hinblickten; alle
thaten, als mten sie in ihr eine ihnen lngst bekannte Erscheinung
wiederfinden.
    Das war Lucinden jetzt zu viel. Whrend die Fhrerinnen mit dem eleganten
Soldaten sprachen, der mit Zuvorkommenheit und Lebhaftigkeit Auskunft ber die
Kapelle und die Gegend gab, suchte sie, von Frulein Mller unbemerkt, den
Ausgang.
    Dem drauen harrenden Wchter sagte sie:
    Geschwister waren das doch wol nicht?
    Nein! war die einfache, kurze Antwort.
    Der Kleinen scheint an mir etwas aufzufallen. Wer ist sie?
    Ein Frulein von Hlleshoven ...
    Hlleshoven? Armgart von Hlleshoven?
    Armgart von Hlleshoven! besttigte der Gefragte.
    Dann ist der junge Mann Benno von Asselyn?
    Zu Befehl!
    Ich denke, Herr von Asselyn ist Advocat?
    Allerdings.
    Wie kommt er zur Uniform?
    Herbstbung ...
    Damit brach der Mann ab. Man hatte ihn entweder gerufen oder er glaubte
vielleicht nur, da man dies gethan. Von dem jungen Paar schien er kein Auge zu
verlieren.
    Lucinde war wie in einer Betubung. Ihr Entschlu war allerdings: Du wagst
dich noch einmal in dein altes Leben zurck, siehst heller, was dir frher
dunkel erschien, erschrickst vor keiner Begegnung mehr und wr' es vor der der
alten Hauptmnnin von Buschbeck, ja vor der Oskar Binder's nicht - in ihrem
neuen religisen Bekenntni lag die auerordentlichste Kraft dieses
Sichsicherfhlens - und dennoch wlzte sich ihr schon centnerschwer aufs Herz,
sich zu sagen: Armgart von Hlleshoven gehrte dem Kreisen von Schlo Neuhof an!
Sie war eine der innigsten Beziehungen der Comtesse Paula! Sie kann noch den
Kindeseindruck bewahrt haben von jener Pagode im Schloteich, in die ich damals
zu dem Federvieh aufgestiegen bin! ... Benno von Asselyn war ein Cousin des
Pfarrers zu St.-Wolfgang, jenes Bonaventura, bei dessen verhngnivoller
Priesterweihe sie vor einigen Jahren mit einer Entscheidung fr ihr ganzes Leben
zugegen gewesen war.
    Am Fue des Hgels fand sie ihr Wgelchen. Es war leichtester Art, nur fr
zwei Personen, die sich im Fall eines Regens vorn durch ein aufgeschlagenes
Halbverdeck schtzen konnten. Inde behielt das Wetter seine gleiche Anmuth. Nur
die Sonne senkte sich allmhlich. Schon mochte es inzwischen ber fnf Uhr
geworden sein.
    Ein Knecht aus dem Weien Ro fhrte das leichte Gespann. Erst ging es um
den Ort herum und die Anfnge der landeinwrts gehenden Strae rasch hinaus. Den
vollen Genu der ppigen, wie ein Garten ausgebreiteten Gegend konnte nur der
Staub hindern. Die Bume am Wege trugen schwer an ihrer Aepfellast. In den
Grten prangten jene Blumen, die im Sptsommer durch Glut der Farbe ersetzen,
was ihnen schon an Duft fehlt. Bienenstcke standen unter Bedachungen mit jener
geheimnivollen Bienenkorbstille, die nicht ahnen lt, was alles, und vollends
nach Klingsohr's Theorie, in ihnen vorgeht. Wonnig war der Rckblick auf das
verlassene Oertchen, den im Luftther blauglnzenden Strom, der sich in immer
anmuthigern Windungen dem Auge darbot, je mehr sich die Strae emporzog.
    Jetzt wurde die Strae steiler. Die Berge, die zwischen dem Strom und
St.-Wolfgang lagen, waren hher, als sie das Ansehen gehabt hatten. Der Knecht
stieg aus und zuletzt auch Lucinde, so sehr der Knecht versicherte, da es nicht
nthig wre. Doch war im Gehen und Stillstehen der Rckblick auf den immer noch
sichtbaren Strom besser zu genieen.
    Inzwischen bemerkte Lucinde, da zwei der Bekanntschaften, die sie an der
Maximinuskapelle gemacht hatte, ihr folgten. Auf krzerm, die Landstrae
durchschneidenden Fuwege waren ihr Benno von Asselyn und sein Begleiter schon
ziemlich nahe gekommen.
    Sie unterhielten sich mit einer Reisegesellschaft, in der Lucinde den
Gipsfigurenhndler, seinen Sohn und ein junges, schlank aufgeschossenes Mdchen
erkannte, das Armgart von Hlleshoven nicht sein konnte. Ihre Vorrthe hatten
die Verkufer nicht mehr bei sich und fast schien es, als wenn ein langsam vor
ihrem eigenen Wagen hinziehender Einspnner den Italienern gehrte. Dieser Wagen
war so wei gepudert wie die kurze graue Jacke und die Manchesterhose, die der
Alte und sein Knabe trugen. Das junge Mdchen aber war geschtzt von einem
groen breitrandigen Strohhute und schien die Frau oder die Tochter des
Italieners zu sein, der seine lebhafte Rede mit Gesticulationen untersttzte.
    Ueber das kahle Gestein hinweg, das mit dnnem Heidekraut und sprlichem,
von weidenden Ziegen ausgerupften Grase bedeckt war, gab es fr die fnf
Fuwanderer leicht zu erklimmende Nebenwege, auf denen in kurzer Zeit wenigstens
Lucindens Gefhrt erreicht sein konnte; ja, wenn die Wanderer die in die Felsen
rundum gehauene Landstrae jetzt ganz vermeiden wollten, konnten sie bei der
Unabsehbarkeit des immer bergan gehenden Weges quer ber eine groe, hier von
kleinen Wasserrinnen, dort von Felsblcken bedeckte Wiese Lucinden ganz den Weg
abschneiden und ihr zuvorkommen.
    Sie schlugen auch diesen Weg ein, scheinbar unbekmmert um die bald
berholte Wandererin auf der staubigen Landstrae. Lucinde pflckte vor
Aufregung am Wege Kreuzkruter und Rispengrser zu ihrem gewohnten Zerzupfen,
das ihre Natur immer als Ableiter zu bedrfen schien, um die in ihr arbeitende
Unruhe zu dmpfen. Sie zog die Grser und ihre Samenkolben durch die Finger, bi
sogar ihre Spitzen ab, warf sie weg und pflckte dann wieder neue. Der
Sonnenschirm, der ihr zur Sttze diente, schleuderte manchen Stein aus dem Wege;
manchen andern, wenn er ein hbsches Geder zeigte, hob sie auf, betrachtete ihn
eine Weile und lie ihn gedankenlos wieder fallen.
    Mit dem Knecht war sie schon lange in einem Gesprch. Menschen neben sich zu
haben, ohne zu wissen, was sie sind, treiben, wollen, denken, war nie ihre Art
gewesen. Allem Stummen mute sie irgendwie eine Sprache abgewinnen. Und der
Knecht nahm an ihr ein gleiches Interesse. Auch ihm schien diese junge
energische Dame eine Merkwrdigkeit. Wie Lucinde zerstrte aus Kraftgefhl und
ungeduldiger Spannung auf ihr nchstes Schicksal, jetzt auf die schon hoch ber
ihr hinwegschreitenden Wanderer, so auch dieser. Blatt um Blatt zerzupfte er
einen Zweig, den er in der Hand hatte, machte erst eine Ruthe daraus und warf
sie zuletzt weg, auch sich, wie es schien, aus grbelnden Gedanken aufraffend
und wieder dann zur Peitsche greifend ...
    Die Umgebungen wurden waldig. Die Hhen endeten nicht; sie umkrnzten mit
dunklern und hellern grnen Schattirungen den des Stromes jetzt pltzlich
beraubten Blick. Die Tannen waren vorherrschend und einzelne Auslufer der
Waldungen gingen quer ber den Weg und durchschnitten ihn.
    Das ist der St.-Wolfgangberg! sagte der Kutscher, klatschte mit der Peitsche
und grte ein Marienbild, das am Wege stand. Dann lud er das Frulein zum
Sitzen ein. Sie wrde ermden und es ginge so wie eben noch viel zu lange fort.
    Lucinde entdeckte aber gerade jetzt in ziemlicher Nhe die Wanderer, deren
Mittelpunkt das junge, schlank aufgeschossene Mdchen geworden war. Schon wute
sie vom Kutscher, da der Italiener mit zwei Shnen und einer Tochter reiste;
der zweite Sohn fhrte den Wagen, in dessen Kisten und Kasten die Figuren
verpackt waren. Ihre krzern Wege hatten sich an den Waldecken verfangen; sie
muten Schwenkungen machen, die sie aufhielten, und bald zwang sie die
Landstrae, mit ihr auf gleicher Linie zu bleiben. Endlich stieen sie mit
Lucinden zusammen und grten.
    Sie haben gar keinen Vortheil von Ihrem Wagen, Signora! sagte der Italiener
in gebrochenem Deutsch und hielt eine Zeit lang, die Wanderlustige grend, die
Mtze in die Hhe.
    Aber da seht, mein Gepck hat Vortheil! erwiderte Lucinde zurckzeigend. Ist
das Ihre Tochter?
    Meine Tochter, Porzia Biancchi!
    Porzia Biancchi? Ein stolzer Name! Freilich, sie wird in Rom geboren sein!
    Nein, Signora! und sich an die Tochter wendend, fragte er italienisch:
    War das schon in Castellungo?
    Castellungo! erwiderte das junge Mdchen und errthete unter dem braunen
Incarnat ihres nicht schnen, aber geflligen Antlitzes.
    Wie? nahm, Lucinden grend, der junge Soldat, Benno von Asselyn, das Wort.
Ihr wit nicht einmal, Meister Biancchi, wo Eure Tochter geboren wurde?
    Nein, Signore! sagte der Italiener in gebrochenem Deutsch. Als sie zur Welt
kam, waren die Zeiten schlecht fr mich! Ich lebte nicht in Italien!
    Aha! Ihr wart auf der Flucht! sagte der Fragende, der etwas Festes, Sicheres
und bei aller Lebendigkeit des Auges wieder Gelassenes hatte. Ich merke schon,
da Signor Biancchi ein alter Carbonaro ist! Trotzdem, da er auf deutsch Wei
heit und so weie Pierrotkleider trgt, da mein Knigsrock ganz an ihnen
abfrbt, gehrte er doch ohne Zweifel zu der schwrzesten Carbonarosorte, zu der
Loge der sogenannten Kesselschmiede! Nicht wahr?
    Der zwischen Freund und Diener noch gnzlich unbestimmt schwankende Trger
des mit dem Sbel, wie ein Portefeuille mit dem Bleistift, zusammengehaltenen
Mantels putzte die Gipsflecken ab, die der Sprecher allerdings schon auf seiner
Uniform trug.
    Biancchi aber sah diesen ber seinen ihm imputirten Carbonarismus gro an,
schien davon betroffen und half sich mit dem dem Italiener eigenen klugen und
pfiffigen Ausdruck der Mienen und einem Gestus, der nicht mehr und nicht weniger
sagen wollte als: Das ist einer! Der hat eine scharfe Nase!
    In der That verdiente Benno von Asselyn eine Wrdigung, die, sozusagen, ber
seine Uniform hinausging. Es ist ein Nachtheil des Soldaten, da auf ihn zu sehr
das Horazische Nos numerus sumus (Wir zhlen nur) angewandt wird. Das Auge
haftet an dem bunten Rock; der Mensch, das Individuum, das in ihm steckt, der
Charakter, wird bersehen. Die Entwicklung des letztern, das ist wahr, ist beim
Krieger gehemmt, aber darum fehlt sie nicht. Dieser Freiwillige und Gemeine sa
vielleicht erst heute unter der Schere des Friseurs, der ihm die Haare so kurz
aus dem Nacken schnitt; sein Barbier rasirte ihm einen Kinnbart fort, den er
ebenso wenig nach Kocher am Fall zum Stabe mitbringen durfte wie seine weie
Weste; aber einer im Dutzend ist dieser junge Mann nicht. Die Ironie, die in der
Betonung seiner Worte liegt, ist das Zeichen eines geistigen berschusses. Er
spricht aus der Flle, nicht aus der Armuth. Sein dunkelblaues Auge spricht
statt seiner, auch wenn er schweigt. Es spiegelt die ruhige Herrschaft ber
einen schon angesammelten Erfahrungsschatz. Fein, vornehm und doch natrlich ist
sein Benehmen. Die Art, wie er jetzt seine Cigarrentasche zieht und um die
Erlaubni zum Rauchen bittet, hat einen so weltmnnischen Schliff, da sein
Begleiter unversehens zu seinem Bedienten wird, obgleich er ihn wie einen
intimsten Freund behandelt.
    Da auch Benno von Asselyn bei der Errterung ber die Gegend, wo Castellungo
lge, sich italienisch auszudrcken anfing, so wurde Biancchi sicherer und
gestand allmhlich, da es ganz so im Ernst wre, wie der Herr es im Scherze
vermuthet htte. Er selbst wre ein Rmer, seines Zeichens ein Bildhauer und der
lteste von drei Brdern, die allerdings alle mit ihm in die Gefahren gerathen
gewesen wren, die pltzlich den Carbonaris gedroht htten. Er hatte sich
anfangs nach Piemont geflchtet, in die Thler, die sich vom Col de Tende
nordwrts bis nach Turin und Aosta an den Fu der Alpen ziehen.
    Die Waldenserthler! warf zu Lucindens Erstaunen der Begleiter Benno's von
Asselyn mit halber Stimme hinein.
    Si! Si! sagte Biancchi mit schnellem Ton und erstaunend, dies Wort hier und
aus solchem Munde zu vernehmen. In Castellungo bei Coni! Ganz recht, in einem
Dorfe, wo nur Ketzer wohnen? Bis 1821 ging's soso ... (er hielt die Hand vor die
Augen und blinzelte durch die Finger, wie wenn er das Zeichen der Toleranz
machte), aber Madre de Dio! Da Donner und Blitz in unsere Baracca! Die
Vendita geschlossen - Napoleone Biancchi reiaus! ...
    Ihr heit Napoleone? fragte Benno von Asselyn und trat in Rcksicht auf
seine der Heiligen Allianz angehrende Uniform zurck, als wollt' er ihm den
Kampf anbieten.
    Und mit derselben schlagenden Geberde, gleichsam die Kriegserklrung
aufnehmend, wiederholte der alte Biancchi mit Nachdruck:
    Napoleone Biancchi!
    Als der Friede zwischen dem Kaiserreich und den hohen Verbndeten durch das
Lachen der Frauen wiederhergestellt war, erzhlte der Alte, da er seine Frau
und Kinder htte in Italien zurcklassen mssen. Er wre erst nach der Schweiz
geflchtet, htte sich dort zu ernhren gesucht, so gut es gegangen; seiner Frau
htte er nach Castellungo geschickt, was er erbrigte; dann, nach der
Julirevolution, htte er nach Italien zurckzukehren gewagt; er htte sich zwar
nicht aufs neue compromittirt, htte aber doch, da es auch in Italien nur Ein
Rom gbe, vorgezogen, wieder sein Wanderleben anzutreten. Nach Rom htte er
nicht gedurft: so wre er nach Deutschland gekommen, wohne bei Frankfurt am Main
und verdiene sich so viel, da er sich ein solches Pferd halten knne wie das,
das da eben seine Vorrthe bergan ins rechtglubige Land zge.
    Euere Frau kam Euch nicht nach? fragte Lucinde.
    Signora, nein! antwortete Biancchi. Sie ist in Castellungo, hat einen Garten
mit Oliven- und Maulbeerbumen und einen Weinberg. Das Haus ist nicht gro genug
fr alle ihre Seidenwrmer. Sie verdient und spart fr die Kinder. Frankfurt am
Main hat ein schnes Klima, aber keine Seidenwrmer. Giuseppina schickt mir alle
zwei Jahre einen Sohn herber, erst den Camillo, der in Frankfurt das Geschft
fhrt, dann den Hortensio, der da die Peitsche in der Hand hlt, jetzt den
Catone, der hier mit mir geht und sich die Schuhe so schief tritt - Ecco,
padrone, fa attentione! - und jetzt vor einigen Tagen erst die Porzia, die noch
wenig Deutsch kann, ob sie's gleich von einem Einsiedler in Castellungo htte
lernen knnen. Wie heit der Heilige unter den alten Eichen von Castellungo?
wandte er sich an seine Tochter.
    Signore Federigo! antwortete diese. Sie hatte die den Italienern eigene
tiefe, fast rauhe Stimme.
    Benno von Asselyn bemerkte lchelnd und halblaut, aber fr Lucinden
hinlnglich vernehmbar:
    Ja, Freund Biancchi, zhltet Ihr denn auch die Kinder richtig, da Euch die
Giuseppina nicht einmal mehr aus Italien herausschickt, als Ihr bei ihr
zurckgelassen habt?
    Biancchi versicherte, da er ein vortreffliches Weib htte, aber ihrer
Seidenwrmer wegen mten sie getrennt leben.
    Nein, nein, Napoleone! fuhr Benno von Asselyn in seinem Scherze fort. Ich
bewundere Euere Ruhe! Knnt Ihr zufriedene Nchte haben? Dieser Federigo! Wer
ist das? Ein Deutscher, der unter den heiligen Eichen von Castellungo wohnt?
    Sein Auge suchte dabei Porzia. Diese verstndigte sich in dem wenigen
Deutsch, das sie von jenem Einsiedler gelernt hatte, gerade mit dem Manne, der
ein Diener schien und doch etwas von den piemontesischen Waldensern gewut
hatte.
    Der seine Stiefel schief laufende Catone schien dem Alten fr etwaige
vterliche Besorgnisse nicht ausreichender Wchter genug. Er suchte seiner
Tochter nher zu kommen. So hrten diese kleinen scherzhaften Reibungen auf.
    Benno von Asselyn wandte sich jetzt verbindlicher zu Lucinden. Er begann von
der Maximinuskapelle und bald war Armgart von Hlleshoven erwhnt.
    Ein liebliches Kind! Wie alt mag sie sein?
    Ich denke, vierzehn ... fnfzehn Jahre ...
    Von einem Mdchen, das man liebt, wei man die Minute, wann sie geboren ist!
    Das man liebt? In meiner Heimat drben gibt es gar keine Liebe, Frulein!
Man hat sich gern und bleibt hbsch vernnftig!
    Sie sind also auch aus dem Land des Plattdeutschen?
    Kennen Sie das?
    Lucinde schwieg. Sie merkte, da man sie an der Maximinuskapelle entweder
fr eine andere gehalten haben mute oder wenigstens an Benno von Asselyn nicht
mitgetheilt hatte, was allenfalls Angelika Mller von ihr wute. Hatte doch
Paula von Dorste-Camphausen ein Jahr lang, wo sie auf dem Streckbett lag, nie in
ihr die ehemalige Bewohnerin von Schlo Neuhof erkannt. Wie htte dies Armgart
thun knnen, die um fnf bis sechs Jahre jnger war?
    Wenn Sie, sagte Benno, Armgart's Heimat kennen, so werden Sie berall, wo
der Himmel graublau, die Luft von einem ewigen brandigen Nebel erfllt ist,
einem Nebel ...
    Ha! Was ist das? unterbrach er sich pltzlich und rief:
    Hedemann! Hedemann! Man mchte ja glauben, wir wren hier auf der rothen
Erde?
    Er deutete auf die Landschaft hinaus.
    Linker Hand drang den Wanderern aus einer Abdachung des Berges ein brandiger
Geruch entgegen. Hinter den Bumen sah man den Himmel weither von einem grauen
Nebel berzogen.
    Hedemann! wiederholte Benno, sich seinem wandernden Begleiter zuwendend. Wo
kommt hier Haarrauch her?
    Der angerufene Hedemann erluterte, da die Leute hier das verkrppelte
Knieholz der Eichen abbrechen, abrinden, die Rinde den Gerbern als Lohmaterial
verkaufen; die Wurzeln der Stmme, diese selbst, die Abflle, das Gras und das
rings wachsende Kraut wrden dann verbrannt und die Asche als Dnger
ausgestreut, soda wenigstens fr Gerste und Hafer ein knftiger Anbau auf
solchen mit doppeltem Nutzen ausgerodeten Walddistricten sich ermglichen lie.
    Also kein Haarrauch! sagte auf diese Erluterung hin Benno fast elegisch.
    Man sah die Feuerstellen, von denen aus sich der Rauch verbreitete.
    Mein Frulein! nahm er darauf seine Rede wieder auf; Sie wissen vielleicht
nicht, da bei uns drben die Smpfe nicht austrocknen knnen, ohne nicht oft in
Brand zu gerathen. Die Flammen sieht man nicht, aber die Erde dampft und brennt
immer fort von diesem unterirdisch glhenden Torf. Ihnen wrde es drben sein,
als wenn Sie verurtheilt wren, Ihr Leben lang in einer Stube mit einem
rauchenden Ofen zu leben. Uns aber ist dieser Rauch ein Arom wie Patschouli. Wir
ziehen ihn schon mit der Geburt ein und wenn wir in der Ferne strben, wrden
wir glauben Paradiesesluft zu athmen, wenn pltzlich neben uns ein Kohlenbecken
hingestellt wrde und man darauf etwa ein Stck alten Pappendeckels langsam und
feierlich anzndete. Wenn unsere Landsmannschaft auf der Universitt jhrlich
ihren groen Commers abhielt, bestand das Bouquet des Abends, nachdem der
Landesvater gesungen, darin, da wir die Fenster aufrissen und den Qualm eines
drauen angezndeten Haufens Torf einathmeten. Dann fielen wir uns in die Arme
und stieen zwischen Thrnen und Schluchzen Ausrufungen und Freudengeschreie
aus, als wenn die Rmer sich dem Teutoburger Walde nahten und wir unsere Aexte
und Streitkolben um die langen blonden Locken schwngen, weil es zum Kampfe ging
fr Freiheit, Vaterland und Buchweizengrtze! Das ist nmlich unser
Nationalessen, Frulein! Schon Thusnelde soll es gekocht haben, wenn sie
wnschte, da Arminius guter Laune war.
    Lucinde glaubte Klingsohrn zu hren; selbst Jrme stand vor ihr ... Dennoch
war Benno von Asselyn ein vllig anderer. Auch die Erwhnung der blonden Locken
pate gar nicht auf ihn, da sein Haar schwarz war und sein ganzes Wesen eher
sdlndisch als nordisch schien.
    Sie wollte dies auch aussprechen, aber der Rauch, der von dem verwsteten
Felde herberdrang, erstickte ihr fast die Stimme. Auch setzten sich eben die
Italiener smmtlich in ihren Wagen und auch Lucindens Kutscher hielt, weil der
Weg nun bergab ging, sein Ro an und ffnete den Schlag. Ihre Einladung an Benno
und Hedemann, sich mit einzusetzen - soweit es neben ihr und auf dem Bocke Platz
gab - wurde von diesen artig abgelehnt.
    So rollte sie von dannen.
    All ihr Denken schien jetzt tief innenwrts gewandt. Sie schlug den Schleier
ber ihren Hut, weniger um sich gegen den vom raschen Herabrollen des Wagens
aufwirbelnden Staub zu schtzen, als um ungestrter denken und trumen zu
knnen.
    Ja, es war ihr doch, als begann sie jetzt zum zweiten mal zu leben,
aufzuwachen im Grabe, eine Auferstehung von den Todten!
    Drei Jahre einer nicht etwa erfahrungsarmen, aber doch sehr in sich selbst
bedingten Zeit lagen hinter ihr. Sie hatte sie an den Streckbetten der Jugend
zugebracht. Eine Dulderin war sie nicht; sich beugen, sich gefangen geben htte
sie nur da gekonnt, wo ein strkerer Arm sie fate, wenn auch nur ein Serlo, der
sie regiert hatte, obgleich er ein Sterbender gewesen ... Eine Zeit lang reichte
aus den Wolken ein solcher Arm; sie suchte ihn zu fassen, sich an ihm zu halten;
es war das erste leidenschaftlich bewegte Jahr ihres Wirkens im
Correctionshause der Natur gewesen. Diese Hoffnung schlug fehl und die
Getuschte brauchte zwei Jahre, sich zu sammeln und ins Leben zurckzufinden.
Man hatte sie unter den Kindern gewhren lassen, nachdem sie ber die Krisis, um
Paula's von Dorste-Camphausen willen entfernt zu werden, durch den pltzlichen
Tod des Vaters derselben, des Grafen Joseph auf Westerhof, glcklich
hinweggekommen war. Denn Paula, die die Menschen in zwei Klassen schied, in
solche, die ihre Nerven gleichsam mit der Hand von oben nach unten strichen und
sanft auf sie wirkten, und solche, die sie von unten nach oben strichen und sie
aufregten und beunruhigten, Paula erkannte in Lucinden zuletzt ein Wesen, das
sie, wenn sie lnger vereint blieben, zum Steine htte umwandeln, ja tdten
mssen ... Sie sagte dies selbst niemals, nur die Beobachtenden fhlten dies,
und vor allem entschied Bonaventura von Asselyn, der junge Priester, die
Trennung, entschied sie in demselben Augenblicke, wo sie sich durch die Rckkehr
Paula's zu den Ihrigen und unter die Vormundschaft des Kronsyndikus von
Wittekind, ihres Oheims, von selbst vollzog ... Zwei Jahre brauchte Lucinde, um
diese Kmpfe zu verwinden, und es war vielleicht ihre beste Zeit, die Zeit
wenigstens, wo man ihr Wesen ertragen konnte; sie war die eifrigste
Kirchengngerin, wurde von den Geistlichen in Schutz genommen und hatte sogar
Gnnerinnen, was ihr von Frauen bisher im Leben noch nicht geschehen war. Da
schlug eines Tages der Name einer Frau von Glpen an ihr Ohr. Frulein! rief sie
berichtigend in ihrer Erstarrung auf. Aber: Frau von Glpen! hie es. Sie war
die langjhrige Freundin eines Dechanten von Asselyn zu Kocher am Fall, einem
Stdtchen ltesten Ursprungs und zwanzig Meilen weit von dem Ort ihres
gegenwrtigen Wirkens ... Asselyn! war der zweite elektrische Schlag. Der Onkel
jenes erstandenen Serlo? ... Frau von Glpen suchte fr Kocher am Fall eine
Gesellschafterin ... Die Gesellschafterin der Gesellschafterin eines Geistlichen
... Er hie Asselyn! Sie Glpen! ... So entschied sie sich und alle ihre Pulse
schlugen und tausend wilde Stimmen riefen in ihr: Ja, rauschet noch einmal auf,
ihr Pforten der Vergangenheit! Jetzt will ich unter euch hintreten wie eine
Knigin! Will Trotz bieten jedem Auge, das verwundert mich anstarrt! Dies Kreuz
hier auf der Brust entshnt jede Schuld! Das geweihte Wasser an jeder
Kirchenthr reinigt meinen Ruf von jedem Flecken! Wiedergeboren bin ich und
gesetzt durch das Blut des Erlsers und der Martyrer! Wer mich anschuldigt, der
sehe, ich breche zuerst den Stab ber mich! Nichts berhrt mich vom Vergangenen
auch nur bis zum Saum meines Kleides! Wo ist eine Anklage wider mich? Ich will
sie hren! Dann aber habe ich Anklagen wider euch! Entlarven kann ich Mrder,
aufstbern aus Schlupfwinkeln Heuchler ... Eine Siegerin komm' ich, nachdem ich
so tiefe Niederlagen erlitten ... Und die letzte Niederlage, an die sie dabei
dachte, war nicht etwa jener Tag, wo sie die Jungfrau von Orleans gespielt.
    So gestimmt trat sie noch heute vom Dampfboot.
    Klopfte ihr aber schon das Herz, als sie hrte, St.-Wolfgang lge zwei
Meilen ins Land hinein, erschreckte sie der bloe Anruf eines Kindes, das sie
wiederzuerkennen schien, wogte und strmte es in ihr bei der Begegnung mit
Benno, beugte sie alles, was ihr fremd, neu war und doch mit dem, was sie
wiedersehen wollte, im Zusammenhange stand, so kam sie sich jetzt schon wieder
als eine Magd, nicht als Knigin vor, jetzt, wo sie sich dem Orte nherte, von
dem man ihr aus Kocher am Fall geschrieben hatte:

        Sie werden, meine Liebe, nur nthig haben, vom Dampfboot aus einen
        Einspnner bis S.t-Wolfgang zu nehmen. Dort ist schon unser Neveu, Herr
        Pfarrer von Asselyn, unterrichtet und hlt einen Wagen in Bereitschaft,
        Sie in unsern Kreis zu fhren! Gewisse Bedingungen gleich anfangs
        mndlich! In der Hauptfrage sind wir einverstanden.

                                                          Petronella von Glpen.

    Die Glpen, die sie kannte, hatte Brigitte geheien ...
    Jetzt blickte sie auf. Die Gegend hatte sich verndert. Vor ihr lag, von den
Abendsonnenstrahlen nur noch in seinen obern Rndern erhellt, ein schnes tiefes
Thal, das wie eine Muschel mit grnen Streifen in die rings sich verlierenden
Berge auslief. Aus dem tiefsten grnen Kern des freundlichen Anblicks ragte die
Spitze eines Kirchturms, von dem ein Luten ertnte. Je mehr, vom Hemmschuh
aufgehalten, der Wagen niederwrts rollte, desto reicher wurde wieder die
Vegetation, desto voller und edler der Baumschlag, desto weiter die Flche, von
der schon lngst das in gleichmigem Anbau gewonnene Getreide geerntet war. Die
Landschaft trug nicht den fast italienischen Charakter derjenigen, die sich um
den groen poetischen Strom ausgebreitet; aber auch der betrbende Anblick eines
rings von Bergen umschlossenen Gebirgsdorfes, den man fast auf der Herfahrt
htte erwarten drfen, besttigte sich nicht. Grten kamen wieder und
Bienenstcke, mit ihnen Blume und selbst die Rebe schmiegte sich nicht nur an
einem Spalier den Husern an, sondern wuchs an sonnigen Abdachungen selbst noch
in mancher geflligen Einzelpflanzung.
    Das Luten bedeutete ohne Zweifel, da jenes schon im Weien Ro besprochene
Begrbni in vollem Gange war. Auch Stimmen singender Kinder drangen aus dem
Thal empor, zuweilen unterbrochen von einem Klingeln, das den Moment der wol
gerade vor dem Altar bei geffneten Kirchthren stattfindenden Einsegnung der
Leiche bezeichnete.
    Indem riefen ihr die nachrollenden Italiener hinterwrts ein Lebewohl zu.
Sie deuteten auf ein Wirthshaus am Wege, wo sie ihren schwerer ziehenden Gaul
fttern wollten.
    Vergessen Sie nicht - Il Michelangelo! rief Napoleone als guter Kaufmann ihr
nach.
    Beim Dechanten! antwortete sie, aber schon unvernehmbar.
    Catone zog seine kalkige Mtze, Porzia verneigte sich und machte eine
Handbewegung. Sie jedoch sah nichts mehr. Ihr schwindelten die Sinne ...
    An dem Wirthshause standen Handwerksbursche, Bauern in Kitteln und Blousen,
manche mit Militrmtzen, die sich wie Benno von Asselyn zu den Uebungen
einstellten; ein Gensdarm revidirte von seinem Gaule aus Wanderbcher und
Passirscheine. Die Italiener zogen schon ihre Papiere in der Ferne ...
    Beim Anblick der Fuhrleute, die wol hier, um ber den Wolfgangsberg zu
kommen, Vorspann nahmen, kam ihr eine Erinnerung an die Bche von
Langen-Nauenheim ...
    Sie nahm ihre Handtasche, ffnete und zog ein schwarzes Buch mit Goldschnitt
hervor, schlug es auf und schickte sich an zu lesen.
    Die Worte des heiligen Bernhard las sie:
    Unsere Gedanken an selig Entschlafene sind Funken, durch welche unsere
eigenen Seelen gehoben und entzndet werden ... Worte, die den Anfang einer
Betrachtung ber die Todten bildeten.
    Sie ganz zu lesen war sie zu erregt.
    Die Litaneien wurden in dem Ausdruck ihrer Stze immer deutlicher.
    Schon war der Leichenzug aus der Kirche auf dem Gottesacker angekommen,
schon war eine zahlreiche Bevlkerung um den aufgeworfenen Grabeshgel
versammelt ...
    Lucinde befahl mit stockender Stimme, da whrend der heiligen Handlung sie
still hielten ...
    Jetzt trennte sie nur noch eine niedrige Mauer von dem Friedhofe ...
    Der Wagen hielt unter dem bergenden Schatten eines breitastigen Nubaums ...
    Vor ihr stand im weien Megewande, unter Knaben im Chorrock, die brennende
Kerzen trugen und das dampfende Weihrauchfa schwangen, Bonaventura von Asselyn.
    Seit drei Jahren sah sie, an ihn gedenkend, nicht mehr Serlo.
    Lngst war er - Er selbst!

                                       3.


Nach den Segnungen, die dem Sarge schon in der Wohnung des Verstorbenen zu Theil
geworden, nach den Weihen vor dem Altar spricht soeben eine sanfte wohllautende
Stimme noch vor der Einsenkung in die Grube Worte, die zu dem Ceremoniel der
Kirche die eigenen Empfindungen des Redners bringen.
    Man konnte die Rede, die der am Fuende des Sarges stehende, von dem letzten
Abendsonnenglanz beleuchtete Priester sprach - der Entschlafene selbst mute dem
Brauche der Kirche gem gen Osten blicken -, deutlich vernehmen.
    Sein Aeueres hatte sich wenig verndert. Es waren dieselben, nur
gefestigtern Zge, die Lucinden vor drei Jahren an eine Geistererscheinung, an
Serlo's Tod als Traum oder an dessen Auferstehung, glauben lieen.
    Es war dieser mildeste aller Priester, den sie selbst hatte weihen sehen mit
Joseph Niggl und Beda Hunnius - sie hatte diese Namen so fest behalten wie die
Unterscheidungslehren der Confessionen, in denen sie sechs Wochen spter geprft
wurde zu ihrem Uebertritt.
    Heute standen keine jungen Kleriker, sondern weigekleidete Kinder, Knaben
und Mdchen, um Bonaventura.
    Er war es wieder, Er, ein Jahr lang die Liebe und das Entzcken der ganzen
Stadt, aus der sie nun erst kam, kommen durfte!
    Selten lag auch wol auf dem Antlitz eines Jnglings so viel Adel, so viel
Glanz und Glorienschein schon in jungen Jahren ...
    Bonaventura von Asselyn, der einst angesehenen, weitverbreiteten und aus dem
Friesischen stammenden Familie dieses Namens angehrend, hatte aus einer durch
Familienverhltnisse, vorzugsweise ein unglckliches Ende seines Vaters und die
Neuvermhlung seiner Mutter, deren einziger Sohn er war (mit dem
Oberregierungsrath Friedrich von Wittekind-Neuhof), genhrten Schwrmerei den
Offizierstand, in den er, bisher Zgling der nahe gelegenen Universitt, eben
eintreten sollte, mit dem geistlichen Seminar vertauscht und war nach dem
sdlichen Deutschland gegangen, um in Kreisen strengerer und ungehinderterer
Katholicitt seine Bildung zu vollenden. In der Stadt, wo ihm der Bischof die
Weihe gab, htte er am Altar und im Beichtstuhl die grten Erfolge gewinnen
knnen, aber er zog erst die Kaplanei bei seinem edeln Wohlthter, dem Dechanten
von St.-Zeno im nahen Kocher am Fall, dem Bruder seines Vaters, dann eine kleine
bescheidene idyllisch gelegene Landpfarre vor.
    Lucinde fand dieselbe Erscheinung wie sonst, nur mnnlicher, fester,
ernster. Sein Wuchs war schlank wie die Tanne, das Haupt leise bergebeugt, doch
edel und freiblickend und auch jetzt in die mit rosigen Wolken sich sumende
Ferne wie in das Jenseits schauend. Wie weich und wei muten diese Hnde sein,
die in mavoller Bewegung die bedeutendern Gedanken seiner Rede untersttzten!
Wie schn stand dem leise gertheten Antlitz der milde Schwrmerblick, der aus
dem tiefsten Innern der Seele zu kommen schien! Wie schien er in glubiger
Zuversicht das Ewige leibhaftig vor sich zu sehen!

Ein sinnend Haupt! Ein edel Angesicht!
Ein Auge, das sogleich zum Herzen spricht!
Das Haar wie Rabenfedern! Unbeschnitten
So weit es strenge Priesterregeln litten!

Ein Leiden in der Miene, still entsagend!
Ein Bitteblick wie des Erlsers Flehn,
Da er zum Vater sprach im Garten klagend:
Lass' diesen Kelch an mir vorbergehn!

Die Stirne rund, die Wange ein Oval!
Bald bla, bald von der Seele Glutenstrahl
Mild berhaucht mit frischen Rosenlichtern!
So leuchtend nur bei Denkern und bei Dichtern!

    So stand Bonaventura einst vor des Erzhlers Auge, als er sein Leben in
Versen schildern wollte und, bermannt vom Stoffe, die Feder niederlegte ...
    Bonaventura von Asselyn sprach von dem Verstorbenen wie von einem
heimgegangenen Freunde. Er nannte den alten Joseph Mevissen, dem zu Liebe, weil
gerade der hier wohnte, er diese Pfarrei besonders gern gewhlt, einen Fhrer
seiner Jugend, nannte ihn den Diener seines verstorbenen und, wie alle Welt um
ihn her wute, auf einer Alpenreise so furchtbar unglcklich verkommenen Vaters.
Jene Thatschlichkeit, die in den Reden katholischer Geistlichen oft malos die
Grenzen des Schicklichen berschreitet, die aber auch, richtig angewandt, ebenso
das oft nur allzu Allgemeine der protestantischen Predigtweise vermeidet, war
hier begrndet durch den allgemeinen Antheil und die eigene dankverpflichtete
Stellung des Redners zu dem Abgeschiedenen.
    Mevissen war ein armer Husler gewesen, lebte von kleinen Arbeiten der
Tischlerei, die er in jungen Jahren gelernt hatte, ehe er dem Vater
Bonaventura's auf jener Reise folgte, von der Friedrich von Asselyn nicht wieder
zurckkehrte. In leiser Andeutung und nicht etwa sein eigenes Leid zu sehr
hervorstellend, kam der junge Redner auf diese allen ihn Umstehenden bekannten
Vorgnge. Er pries den Antheil, die Hingebung, die Treue des Verstorbenen, die
er dem Vater und dann ihm selbst bewiesen. Er sprach, angeregt von der
Erinnerung an jene Zeit, wo ihm als Knaben zum ersten mal das Bild seines in
einem Schneeabgrunde des groen St.-Bernhard todtgefundenen Vaters entgegentrat
und seine Neigung fr den geistlichen Beruf entschied, ber die dunkeln
Kerkerwnde des Todes, ber die stille Gemeinsamkeit, in der die Leiber ruhen
und einst schon so in alter rmischer Zeit, in den Katakomben, die Gebeine der
heimlich begrabenen Mrtyrer ruhten ... ber den Sarg, den sich der alte Freund
seiner Jugend und des ganzen Dorfes selbst gezimmert und in dem er wie in einem
Bett nchtlich schon gleich manchem Heiligen geschlafen htte; - er verglich den
Tod mit dem Schlummer, seiner Erquickung, seinen Trumen, seinem Erwachen. All
diese Gedankenreihen folgten sich natrlich, ohne Prunk, mit einfachen Bildern,
in jener sich auf Sprche der Bibel und der Kirchenvter sttzenden Redeweise,
die den Zusammenhang des eigenen Ichs, das sich nicht vordrngen soll, mit der
Lehre und den Beispielen des kirchlich Gebotenen nicht vergit und allem
Abschweifen persnlicher Einflle durch bestimmt vorgezeichnete Formeln und
Gebete ein Ende macht.
    Dreimal besprengte dann der Priester den Sarg mit Weihwasser, schwang ber
ihm das Rauchfa, warf drei Hnden voll Erde auf ihn und endete mit den Worten:
    Aus der Erde hast du mich gebildet; mit Fleisch hast du mich umkleidet;.
erwecke mich wieder, mein Erlser!
    Nach dem Amen! war die Handlung vorber; die Menge zerstreute sich; der
von Bonaventura unter den niederhngenden, weitschattenden Wallnusten kaum
bemerkte Wagen rollte weiter; Lucinde wute nicht, wie sie unter den Eindrcken,
die ihr Inneres bestrmten, in dem Wirthshause des Ortes ankam.
    Aus Blech geschnitten, hing ber der Thr desselben neben der groen
Einfahrt des bescheidenen Hauses ein Stern ...
    Das Verlangen nach einem Zimmer war bald befriedigt, der Kutscher wurde
bezahlt und Lucinde war mit ihren Reiseeffecten, aber auch mit der schweren
Aufgabe allein, dem Priester, der sie kannte, aber auch ganz kannte, wie sie
war, wie sie sich selber vielleicht nicht kannte, nach zwei Jahren wieder
entgegenzutreten.
    In dem kleinen Raume, hinter dem Fenster mit den zerkritzelten grnblauen
Scheiben, in der Umgebung an den Wnden hngender Schildereien, die in
Lithographieen und mit Wasserfarben jene berschwenglichen mystischen
Anschauungen eines durch alle Himmel ausgebreiteten Rosenkranzes als einer
Weltherrschaft der ber der Erdkugel und dem Monde thronenden Mutter Gottes, mit
der Sonne selbst als Strahlenkrone, darstellten, lange zu verweilen, wre ihrem
unruhigen Charakter nicht mglich gewesen.
    St.-Wolfgang war ein freundliches, angenehmes, jetzt sogar durch die sich
zerstreuende Menge belebtes Dorf.
    Das war in allen Winkeln und den vor dem Wirthshause zum Stern ausmndenden
Gchen des Ortes eine Rckkehr zur Freude am Dasein! Doch verwunderte sie diese
nicht. Auch diese Eigenschaft ihres neuen Glaubens kannte die Convertitin schon,
da in ihm nach dem Tribut, den man den himmlischen Pflichten gezollt, eine
muntere Rckkehr zur Freude am Irdischen gestattet sein sollte.
    In einem an das Wirthshaus sich lehnenden Obstgarten mit Bnken und Tischen
bemerkte sie schon manche Gruppe, die sich gebildet hatte, um an dem trefflichen
Wein der Gegend sich zu erquicken. Auch der Knecht, der erst am andern Morgen
zurckkehren zu wollen erklrt hatte, da er behauptete, sein Gaul htte sich
unterwegs einen Stein eingetreten und bedrfte der Ruhe, stand schon mit
angezndeter Pfeife unter den Gsten, zu denen sich, in leichter gelfteter
Kleidung, wie wenn er entweder hier wohnte oder doch bernachtete, und
gleichfalls mit brennender kurzer Pfeife, der Gensdarm gesellte, der oben am
Berge die Passirscheine revidirt hatte.
    Die Sonne vergoldete nur noch die Zifferbltter des Kirchthurms und zeigte
die Abendstunde, die bald auch von der Glocke zur Abhaltung der Vespergebete
gemeldet wurde. Lucinde hatte gelernt, da in diesem Augenblick des
Angelusgebets ringsum die ganze Erde, so weit katholische Christen wohnen,
gleichsam ein Grtel von Gebeten walle, dem sich kein Glubiger entziehen
drfte. Sie kannte das Angelus sogar in lateinischer Sprache. Doch folgte sie,
da sie sich allein wute, dem Beispiel des zuweilen zu ihr hinaufschielenden
Gensdarmen unten, der seinerseits, der Landeskirche angehrend, mit seiner
Pfeife ruhig an die Salatbeete schritt, die den Obstgarten begrenzten, whrend
die Mnner an den Tischen die Hupter neigten. Auch sie betete nicht, sondern
ordnete vor dem in jedenfalls unabsichtlicher Satire wie vor Jahren in Eibendorf
mit einer kleinen Pfauenfeder geschmckten matten Spiegel ihre Toilette, band
die Flechten ihres Haares fester, glttete einen groen, weithngenden
Spitzenkragen, unter dessen Fall die zierlichste Taille sich verbarg, legte ihr
goldenes Kreuz in passende Ordnung, whlte ein weniger zerknittertes Taschentuch
aus dem geffneten Koffer, entnahm ihm einige gesiegelte Briefe, steckte diese
zu sich, setzte den Hut auf und schickte sich zu einem unendlich seligen und
doch ebenso wieder schweren, vielleicht tief demthigenden Gange an.
    Beim Pfarrer konnte inzwischen vielleicht auch schon durchs Bonaventura's
Vetter und seinen Begleiter Hedemann ihr Kommen angezeigt worden sein; denn die
Ceremonie, ihre Toilette, ihr Kampf mit sich selbst hatten lange gedauert.
    Das Pfarrhaus lag dicht an der Kirche und dem Gottesacker.
    Von letzterm trennte es nur ein bescheidener Gemse- und Obstgarten.
    Die Grenze, eine Mauer von grnen Hecken, war unverschlossen.
    Nicht gering war die Neugier, mit der Lucinden Jung und Alt betrachtete.
    Nur eine alte Frau, die im Pfarrgarten Kerbel und Salat zum Nachtessen
sammelte, erhob sich von ihrem Bcken nicht. Ihr schienen vielleicht die Besuche
elegant gekleideter Frauen bei ihrem Herrn weniger auffallend.
    Und doch konnte Lucinde vor Bangen nicht zur Hausthr hinein.
    Der Eingang zum Garten stand offen.
    Ungesehen betrat sie einen Theil desselben, einen gewhltern, wo abgeblhter
Jasmin und wilde Geisblattbsche sich fast zu einem Laubengange einten ...
    Hier war ein Sitz, auf dem noch Bcher lagen ...
    In Bienenstcken, an denen sie vorber mute, schien es still, wenn auch
ihrem scharfen Ohr nichts von dem Summen entging, von dem sie drinnen belebt
waren ...
    Im fast verstohlenen Vorberhuschen wagte sie die Bcher, die Bonaventura
vergessen zu haben schien, anzusehen ...
    Sie schlug sie auf, neugierig auf die jetzige Geistesfhrte des innern
Lebens dieses ihres - Feindes? War das Asselyn? Er liebte, wenn er liebte,
Paula! Er hate, wenn er hate, Lucinden!
    Sie fand einen Band von Goethe's Gedichten. Dann eine ltere Liedersammlung:
Trutz-Nachtigall, von dem alten edeln Dichter Friedrich von Spee, einem
Jesuiten.
    Sie kannte einige der Weisen dieses letztern Sngers, der sich durch seinen
geistlichen Stand nicht hatte beirren lassen, die Sprache der Blumen, der
Farben, der Tne und des eigenen Herzens als die gemeinsame Muttersprache aller
geschaffenen Creatur mit den Weltlichen mitzureden und unter den Huldigungen,
die seine inbrnstige Phantasie der berirdischen Liebe brachte, auch ein gut
Theil der Wonnen mitzufhlen, die die irdische gewhrt.
    Ertappt! lag in dem fast listigen Blick ausgesprochen, mit welchem Lucinde
beide Bcher an sich nahm und, um sich Muth zu fassen, beschlo, sie dem Pfarrer
beim ersten Gru einzuhndigen.
    Im Hause vorn, das nur aus einem, aber hochgelegenen Stockwerk und vielen
bewohnbaren Dachkammern bestand, kndigte sich in der Kche schon die grte
Regsamkeit an.
    Die eigentliche Fhrerin des Haushalts war wohl die ber dem Salatbeete
gebckte Matrone. Aber hier in der Kche stand, vom prasselnden Feuer
beschienen, ein jngeres dienendes Wesen und gab, angeredet um den Herrn
Pfarrer, aus der Ferne kaum verstndliche Antwort; Eierspeisen, um die es sich
allein bei einem improvisirten Abendimbi handeln konnte, gebieten
Aufmerksamkeit auf Pfanne und Lffel; das wute Lucinde wohl von ihren frhern
miglckten Versuchen in diesem Fache.
    Nun folgte sie der eigenen Fhrung und verlie sich auf ihr Ohr, das durch
die Thr zur Rechten auch schon Mnnerstimmen hrte. Lauschen konnte sie nicht,
wenn sie auch wollte, denn im gleichen Augenblick ffnete sich die Thr und
Hedemann trat ihr entgegen, mit Schsseln in der Hand und mit Gedecken. Er half
an den Zurstungen zum Nachtimbi.
    Wie staunte er, als ihm Lucinde alles ohne weiteres aus der Hand nahm und
damit in die Kche ging!
    Hedemann blieb stehen, hielt die Thr auf und sagte, zugleich besttigend,
da man eben von ihr gesprochen:
    Da ist ja jetzt das Frulein!
    Bonaventura hatte Lucinden nach der Mittheilung der Frau von Glpen zu
Kocher am Fall schon in der Frhe erwarten drfen.
    Und wie ein Priester, der nach der Beichte einer noch so groen Snde dem
Snder begegnen kann als htte er nicht ein Wort von ihm vernommen, schritt er
jetzt hinaus, begrte freundlich lchelnd Lucinden in der Kche, beschwichtigte
das Erstaunen der alten, aus dem Garten zurckgekehrten Frau und fhrte sie dann
wie eine unverfngliche, ihm willkommene alte Bekanntschaft mit Wohlwollen an
der Hand in das Wohnzimmer zurck.
    Ihre Hand zitterte in der ruhigen seinen.
    Sie wollen zu meinem Onkel! begann er mit dem milden und weichen Tone, den
Lucinde eben auf dem Friedhof gehrt, dem Tone, den sie aus frhern Zeiten
kannte, ja aus Zeiten schon, wo sie ihn selbst noch gar nicht gesehen; denn so
konnte Serlo sprechen, wenn er auf dem Sopha lag, unbehelligt von seiner Frau
und wehmthig auf die Vergangenheit und Zukunft blickend. Aber diese sanfte
Stimme kam hier vom Leben, von der Gesundheit, von einer Zukunft, die eine
sichere und verbrgte war.
    So wissen Sie -? erwiderte sie und schlug die Augen nieder, als wre sie
sich der Glut derselben bewut ...
    Sie reichte die Bcher dar und erzhlte ihren Einfall in den Garten.
    Dann gab sie Briefe ab, die sie von Priestern und Freunden Bonaventura's
mitbrachte.
    Dieser erbrach die Briefe, las sie und berlie Lucinden den weitern
Erkennungen und Ueberraschungen und Verstndigungen zwischen ihr und Benno.
    Ob Bonaventura mit ganzer Theilnahme las? ... Ob er dies mit dem Gefhl
that: Da ist sie die Abgesandtin des Himmels oder - der Hlle?
    Man rstete das Mahl. Benno plauderte ber Armgart, ber das Erstaunen
derselben, da sie Lucinden blos aus den Schilderungen ihrer Freundin Paula
erkannt und dann von Angelika Mller, der Lehrerin, die Richtigkeit ihrer
Vermuthungen besttigt erhalten hatte, ber diese Lehrerin, die wenig mehr ber
Lucinden gewut zu haben schien, als da sie einst auf einer Reise sie begleitet
htte - wute sie mehr, so pate es schwerlich fr die jungen Mdchen - ber den
Doctor Laurenz Pttmeyer, ber Hegel's Lehrstuhl, ber die metaphysische
Drechselbank ...
    Bonaventura behielt Zeit, beim Lesen auch sich zu sammeln und vielleicht
jenes Bildes in seinem Gedchtni zu gedenken ...
    Er war seit acht Wochen Priester und sa zum ersten mal im Beichtstuhl ...
    Es war ein uralter, von Eichenholz kunstvoll gearbeiteter. Ein alter
Holzschnitzer hatte die Zierathen dieses Stuhles aus der Geschichte des
Sndenfalls entnommen. Der Stuhl drckte die Versuchung aus und die Erlsung.
Adam und Eva standen links und rechts an den beiden Eingngen; der Priester sa
wie im Baume der Erkenntni; ringsum ihn windet sich die Schlange. Ueber ihm
erhebt sich die Erlsung, der siegende Christus mit dem Kreuz und jene Maria,
von der Friedrich von Spee, der Snger der Trutz-Nachtigall, erzhlt hat, da
sie einst zu ihrem Sohne gesagt haben soll: Mut du so leiden, so bitte den
Vater, da er mich frher hingehen lt; aber der Heiland erwiderte: Zwei
haben im Paradiese gesndigt, Adam und Eva! Zwei mssen auch die Marter leiden,
ich und du! ...
    Und in diesem Beichtstuhl war es gewesen, da beim ersten Beichthren die
erste Stimme, die zu Bonaventura gesprochen, ohne da er die Beichtende sah,
nach dem ersten Anmelden ihn anredete: Ehrwrdiger Priester! Ist es wahr, da
alles in Erfllung geht, was wir, whrend ein Priester geweiht wird, von Gott
erbitten? ... Bonaventura, ohne der Stimme zu achten, die er hrte, versenkt in
die ihm so heilige Bedeutung des Amtes, Mitwisser fremder Fehle und Mittrger
fremder Schuld, Mittrger fremder Reue und Bue zu sein, hatte erwidert: So Sie
um ein ewiges Gut gebeten haben, gewi; doch wrde es Ihnen Gott auch erfllen
in jeder andern Lage, wo Sie in Andacht zu ihm beten! Darauf hatte die Stimme
erwidert: Ich bat um ein Unmgliches, die Wiedererweckung eines Todten, oder
darf man annehmen, da der Geist sich auch auf Erden schon unsterblich erneuert
und in wechselnden uern Gestalten doch derselbe bleibt, dieselben Wunder
wirkt, dieselbe Liebe entzndet? ... Bonaventura hatte erwidert: Der Geist, der
heilig ist, ist ausgesandt in alle Welt und ist nur einer! ... Wodurch heiligen
wir eine Liebe? hatte die Stimme noch scheuer gefragt; aber deutlicher kannte er
die Sprecherin schon, als er das Wort gesprochen: Durch Entsagung! ... Er hatte
diese Stimme schon oft gehrt, wenn er die ihm so dringend empfohlene Grfin
Paula besuchte. Er hatte ihr Interesse beobachtet, ihr Erglhen, wenn er nahte,
ihre Eifersucht auf Paula. Er hatte sich in den Beichtstuhl gesetzt, ausgerstet
auf die schwierigsten Flle, die die Moraltheologie fr das wichtigste und
schwerste Amt des Priesters vorhergesehen, ausgerstet auf alle Vorkommnisse der
Herzenserleichterung, auf Ausreden und Ausweichungen aller Art, auch auf jene
Zudringlichkeit der Mittheilung, die eine der lstigsten Erfahrungen gesuchter
Seelsorger ist, auf die Plaudersucht, auf die Geheimnikrmerei, auf ein sich
mit der Wollust des Schmerzes selbst Preisgeben und die sich selbst geiselnde
Vertraulichkeitssucht, ja auf die Eitelkeit auf die Snde - er kannte alles, was
sich schaudervoll Menschliches im Beichtstuhl zu enthllen pflegt; - aber da
ein zitternder, ihm bekannter und mit fhlbarem Athem sprechender weiblicher
Mund so jetzt ihm in unverkennbarer Andeutung von einer ihn doch nur selbst
betreffenden Liebe und mit einem fast herausfordernden Spott wieder, der ihn
erbeben machte, davon in dieser Lage reden konnte, das war sogleich die strkste
Prfung gewesen, die ihn traf ... Lehren Sie mich entsagen! war die Aufforderung
Lucindens gewesen. Er hatte sie ermahnt zum innern Gebet. Kennen Sie das innere
Gebet? ... Nein! hatte die ermattende Antwort gelautet ... Es ist die Sammlung
aller Ihrer Gedanken auf Einen Punkt, die Ausmalung Ihrer Betrachtungen, als
wren Sie bei dem, was Sie lesen, gegenwrtig! Whlen Sie dazu das Gebet des
Herrn im Garten von Gethsemane und nehmen Sie Veranlassung zur steten Wiederkehr
Ihrer Betrachtungen bei dieser Stelle selbst bis zur Vergleichung der
Darstellung, wie sie sich bei den verschiedenen vier Evangelisten findet! Setzen
Sie diese innern Betrachtungen ber diese eine Stelle der Leidensgeschichte so
lange fort, bis eine kleine Altarkerze niedergebrannt ist, die Sie an der
Kirchenthr drauen kaufen mgen! ... Dann sprach er sein Absolvo und die
Gestalt, die er nicht gesehen, war verschwunden. Zur Mehrung aber seiner harten
Prfungen, und doch ihn unendlich beglckend, kniete auf der andern Seite dann
als zweite seiner ersten Beichteroberungen Paula Camphausen ... Sie hatte einen
ihrer freien Tage ntzend, sein erstes Beichtkind sein wollen! ... Lucinde war
ihr zuvorgekommen ... Paula klagte sich des Stolzes an auf die Bilder, die ihr
zuweilen im Traum erschienen. Ich habe verboten, liebe Comtesse, erwiderte er,
da man Ihnen wiedererzhlt, was Sie infolge einer krankhaften Verstimmung Ihrer
Nerven im Schlafe sprechen! ... Es geschieht doch! erwiderte sie, und ich hr'
es zu gern und es ngstigt mich! ... Auch hier verlieen Bonaventura gleich im
Beginn dieser Wirksamkeit alle Vorgnger in der Kunst der Ertheilung geistlicher
Rathschlge ... und seltsam genug nimmt sich die Kirche auch aus in den Lcken,
die ihre reiche Vergangenheit fr die reichere Gegenwart offen lassen mu! Was
soll sie sagen, wenn nicht die groen Mnner der alten Kirchengeschichte, ein
Gregor, ein Bernhard von Clairvaux in Dingen, die diese begreifen konnten, zu
ihr sprechen, sondern solche neueste Erlasse der ppstlichen Curie, bei denen
man immer frchten mu, Galileo Galilei und die Bibel fallen sich wiederum an
und ringen im Kampfe! Der Magnetismus als Heilmittel war damals vor der heiligen
Pnitentiarie noch Streitfrage; jetzt hat ihn ein Erla derselben verworfen.
Bonaventura half sich damals in seiner Erwiderung an Paula mit der Erinnerung an
das Hochgefhl der Mrtyrer und sagte, wie einst der arme verbitterte
Schauspieler Serlo gesagt hatte, da man Freude empfinden drfe an sich selbst,
setzte aber hinzu, nur msse man ber jedes Verdienst die Ehre Gott geben. Um
die ihm unendlich werthe junge Freundin von der gefhrlichen Sehergabe, deren
Ruf schon die ganze Stadt erfllte, ja die ihn selbst zum Spott der Neider und
Feinde, die er schon hatte, sogar mit dem Bischofshut geschmckt hatte, zu
heilen, rieth er ihr an, kein einziges geistliches Werk mehr zu lesen, auch kein
einziges Werk der nur den religisen Sinn exaltirenden barmherzigen Liebe zu
ben, sondern weltliche Schriften und weltliche Beschftigungen - - So hatte er
in wahrhafter Versuchung und wie zwischen Himmel und Hlle damals in der Mitte
das wichtigste Werk seines Berufs begonnen, sich selbst darauf eine schwere
innere geistliche Strafe fr etwa dabei obwaltende eigene Schuld auferlegt ...
und in diesem Augenblick fuhr diese Erinnerung und die an das ganze Jahr
berhaupt, das er noch in jener Stadt verleben mute, wie mit einem einziges
schrillen Septimenaccord durch seine Seele.
    Und zwischen alledem klapperten im Nebenzimmer Teller, kam die alte Renate,
die Wirthschafterin, und lie ihre Gebcke duften - sie hatte fr beiderlei
Geschmack gesorgt: Eierkuchen mit und ohne Schnittlauch - wurden die Sthle
herangerckt und die Pltze vertheilt und auch schon der Kork einer Weinflasche
wurde von Hedemann gezogen ... Das Leben fat oft das Unscheinbarste in Gold und
Silber und wie oft die wahren Glanzgeschmeide unsers Innern in Kupfer und Blei!
    Beim ersten Zuspruch zum bescheidenen Mahle ergab sich, da Lucinde einen
Wagen finden wrde, der sie morgen frh nach Kocher am Fall bringen sollte.
    Benno und Hedemann erklrten sie begleiten zu wollen.
    Benno hatte sich nur bei dem Stabe des Truppentheils, zu dem er gehrte,
einige Tage zu stellen; lange Uebungen fanden in diesem Jahre der Theuerung und
einer in der ganzen Provinz herrschenden Aufregung wegen nicht statt. Er
erklrte sich davon um so befriedigter, als er bei einem der ersten Advocaten
der Gegend, in der Residenz des Kirchenfrsten der Provinz, arbeitete und seine
juristische Laufbahn mit Eifer zu verfolgen schien.
    Bonaventura kam auf die ihm von Lucinden mitgebrachten Schreiben zurck und
auf deren Verfasser. Entweder nahmen sie seine Aufmerksamkeit wirklich in
Anspruch oder sie gaben ihm nur willkommene Gelegenheit, sich ber die
Wiederbegegnung mit Lucinden zu sammeln. Lucinde hatte, noch ehe sie sich zu
Tisch gesetzt, schon mit Renaten einen Strau angebunden ber einen Spiegel, von
dem sie einige Fliegenflecke mit dem Taschentuch abwischte. Frau Renate bemerkte
diese Einmischung in ihre eigene Lebensaufgabe ohne besonderes Wohlgefallen ...
Morgen wre Putztag und das Frulein brauchte sich nicht zu incommodiren, sagte
sie spitz ... Lucinde replicirte, sie mchte sich beruhigen, ein Spiegel knne
ja in einer Pastorei nur ein wenig beachteter Gegenstand sein ... Worauf
wiederum Renate: Ei sie mchte doch nicht glauben, da sie die einzige Dame
wre, die hier schon vorgesprochen! ...
    Benno, dessen scharfes Auge das Interesse Lucindens fr seinen Cousin bald
bersah, flsterte Renaten das schwerlich von der Matrone verstandene Wort
Mephisto's zu: Du ahnungsvoller Engel du!
    Man hatte auf den Tisch noch eine kleine Studirlampe gesetzt. Ihr Deckel
warf einen dunkeln Schattenring ber die Mienen der dem bescheidenen Mahle
Zusprechenden.
    Renate sa nicht darunter, wohl aber Hedemann. Dieser war, wie der Knecht
beim Bauer, wie der Edelknappe beim Ritter, Diener und Freund zugleich, ganz im
Charakter jenes Landes, das nach Benno's Erzhlung im Hhenrauch seinen ewig
blauen ionischen Himmel findet. Hedemann durfte ebenso das Wort fhren, wie er
auch das Brot vorschnitt. Von den Italienern, die durch den Ort durchgefahren
waren, sagte er:
    Sie sind aus Frankfurt eigens mit ihren Waaren verschrieben worden!
    Hedemann! rief Benno. Mit ihren Waaren! Gegenstnde heiliger Verehrung
Waaren! Man sieht, wie lange Sie sich im ketzerischen Amerika umgetrieben haben!
Hoffentlich kehren Sie an Porzia's Hand zur Rechtglubigkeit zurck! Bona, hast
du nicht noch eine alte italienische Grammatik brig? Ich glaube, Hedemann
verlegt sich auf Lingua Toscana in Bocca Romana. Porzia Biancchi scheint es ihm
angethan zu haben!
    Lucinde schrte den Scherz und erbot sich, da Hedemann in Kocher am Fall
wohnte, wenn er wollte, zum frmlichen Unterricht.
    Hedemann erwiderte seufzend:
    Ein Schler von fnfundvierzig Jahren!
    Wer mit fnfundvierzig Jahren noch lieben kann, ist zu allen Dingen
gelehrig! erwiderte Lucinde, die ein sittsames Verschleiern und nur leises
Berhren zarter Gegenstnde nicht in ihrer Art hatte.
    Hedemann verweilte in der That mit Antheil bei den Lebensverhltnissen
dieser Italiener, bei ihrer leichten Art, das Leben aufzufassen, ihrer Kunst, wo
und wie nur irgendmglich, dem Leben Gewinn zu entlehnen, und wieder kam er bei
der Thatsache an, da sie eigens wren aufgefordert worden, gerade jetzt ins
Land zu wandern und berall die Erzeugnisse ihrer Industrie zu den wohlfeilsten
Preisen anzubieten.
    Nun ja, sagte Bonaventura, gerade jetzt, wo man wieder beweisen mu, da es
in unserer Kirche eine unsterbliche Ehre ist, die Mrtyrerkrone gewonnen zu
haben!
    Durch eine Ideenverbindung, die nicht ausgesprochen zu werden brauchte, weil
jeder sie fr sich selbst ergnzte, kam man auf Vorkommnisse des kirchlichen
Lebens berhaupt. Hedemann fragte, ob nicht Bonaventura der morgenden, zu Kocher
am Fall stattfindenden Besprechung einer groen Anzahl von Geistlichen beiwohnen
wrde?
    Bonaventura erwiderte zgernd mit der einfachen Frage:
    Bei Beda Hunnius?
    Sein Vetter verstand, was er sagen wollte, und unterbrach die Angabe der
Grnde, warum sich der Pfarrer solchen Verschwrungen gegen die Regierung
entzge, mit den parodirten Worten des Tell:

Doch, was ihr thut, lat ihn aus eurem Rath!
Er kann nicht lange prfen oder whlen;
Bedrft ihr seiner zur bestimmten That,
Dann ruft den Tell, es soll an ihm nicht fehlen!

    Diese Worte erheiterten die etwas gedrckte Stimmung.
    Auch Bonaventura sagte mit einem Lcheln, das seinen Zgen einen
unwiderstehlichen Ausdruck vertrauenerweckender Gte gab:
    Htt' ich gedacht, da ich heute noch bei Erwhnung der Schweiz lachen
wrde! Den ganzen Tag ber war ich in die Erinnerungen verloren, die sich an
unsern alten braven Mevissen knpfen!
    Das bereits gleich nach erster Begrung von Benno und Hedemann berhrte
Thema wurde aufs neue aufgenommen. Man sah, da es sich um den Tod eines Mannes
handelte, der einer ganzen, weitverzweigten Familie werth gewesen war. Da er
aber auch an den Tod Friedrich's von Asselyn, des Vaters Bonaventura's, Gemahls
der jetzigen Frau von Wittekind-Neuhof, erinnerte, so konnte sich niemand
gedrungen fhlen, bei dem Gegenstande allzu lange zu verweilen. Nur Lucinde ...
diese hatte schon seit lange das System, keine Wunde zu schonen, keinen Schmerz
zu umgehen, alles gerade so zu nehmen, wie es ist. So sprach sie auch hier, ohne
die geringste Besorgni, ihre Umgebungen zu verwunden oder aufzuregen.
    Ich hre ja auch, da dieser Mann in einem Sarge begraben ist, den er sich
selbst gezimmert hat?
    Ja, sagte Bonaventura, er fing diese Arbeit an nach einer Predigt, die ich
am letzten Allerseelentage hielt! Wir leben den Tod! - diesen Spruch eines
Weisen behandelte ich und ich mag es wol in zu lebhaften Bildern gethan haben!
Unser ganzes Dasein verwandelte meine leider oft noch gar schulmige Rhetorik
in ein groes Leichentuch. Die Sterne waren die silbernen Verzierungen
desselben, der Mond die Krone auf dem Grabe, ja alle Blumen, selbst die Rosen
und Lilien, verwandelten sich in Palmenzweige und Todtenkrnze. Von da an traf
ich ihn in seinem Hfchen beim Hobeln von Bretern und wie ich ihn einmal ber
den Zaun fragte, was es geben sollte, war's erst ein Bett; am Tage darauf sah
ich, da es ein Sarg wurde. Nun mute man ihn in seiner Grille gehen lassen. Das
Alter lt sich nicht viel mehr von seinen Vorstzen ausreden, am wenigsten den
Ausdruck seines Kummers.
    Unwillkrlich mute Lucinde bei diesen Worten ihres Pavillons in Schlo
Neuhof gedenken und der alten Stammers, bei denen sie gewohnt hatte.
    Auch Hedemann nickte Beifall ...
    Benno wandte sich, nach dessen Aeltern zu fragen ... den Aeltern eines
Fnfundvierzigjhrigen ...
    Um die aus ihr unbekannten Ursachen nach wenig ausweichenden Worten
entstehende drckende Stimmung freier zu machen, erwhnte Lucinde das im Weien
Ro vernommene Gercht von Schtzen, die wol gar der alte Mevissen knnte mit
sich genommen haben.
    Dafr erntete sie aber eine strafende Erwiderung der gerade im Abrumen
begriffenen Renate.
    Ei was, sagte diese, wer spricht denn solche Lsterungen nach! Schtze mit
ins Grab nehmen! Wer nur das gottlose Gercht aufgebracht hat! Sein ganzer
Schatz ist sein gutes Herz gewesen! Mit dem ruht er in Gottes Schoos und Schutz
... und wenn man in den Wirthshusern anders spricht, sollt' es wenigstens hier
bei einem geweihten Priester nicht wiederholt werden und ber einen solchen
Schimpf so still bleiben wie drben - im Grabe!
    Mit der peinlichen Stille, die auf diese entrsteten Worte Renatens, die
gleichfalls eine alte Dienerin des Hauses Asselyn gewesen war wie der
Verstorbene, folgte und von Bonaventura eben unterbrochen werden sollte, um der
so abgetrumpften Lucinde eine Genugthuung wenigstens des Anstandes zu geben,
stand in fast gespenstischem Widerspruch ein Klopfen, das pltzlich vernommen
wurde.
    Frau Renate, die am ehesten gegen die Voraussetzung einer unheimlichen
Thatsache htte gerstet sein sollen, lie vor Schreck fast einen ihrer Teller
fallen.
    Hedemann und Benno waren schon aufgestanden.
    Sie gingen ans Fenster, wo sich das Pochen erneuert hatte.

                                       4.


Der am Fenster Pochende war aus dem Stern der Gensdarm gewesen.
    Der Wachtmeister! hie es schon beruhigter. Der ganze kleine Kreis kannte
ihn.
    Was bringen Sie uns, Herr Grtzmacher? fragte Bonaventura, whrend man schon
die Hausthr ffnete.
    Der eintretende Gensdarmenwachtmeister Grtzmacher bildete in seiner
wohlgenhrten breitschulterigen Gestalt, seinem blondgrauen Knebelbart, glnzend
gebruntem Antlitz, seinem klirrenden Sarras und seinem Helm zu dem stillen
Abendimbi eines katholischen Priesters einen schroffen Gegensatz.
    Da Herr Grtzmacher sich auf einem Standpunkte wute, der selbst bei gering
nachhaltender Kraft seiner Katechismuserinnerungen, bei etwas grndlich
vergessener Geometrie aus seiner, als er noch bei der Artillerie stand, weiland
besuchten Compagnieschule, bei einem dunkeln Gefhl verklungener Sagen ber die
Lehre von den Brchen benannter und unbenannter Zahlen, dennoch unendlich
erhaben war ber die Sphre, in welche er Schlag neun Uhr Abends in irgendeiner
wichtigen Function hier eintrat, lag auf der Hand.
    War doch allen denen, die z.B. auch zu Kocher am Fall auf dem Amthause wie
einst die ghibellinischen Landsknechte in Italien unter den conspirirenden
Welfen saen, ein gewisser Zug des Antlitzes gemeinsam, den man den einer
stereotyp gewordenen Ironie nennen darf.
    Dieser Zug, der dem Gefhl der Toleranz gegen ein absolut sich
Ueberlebthabendes entsprach, milderte sich hier und dort schattirte sich, ja
mischte sich z.B. bei dem Chef des Herrn Grtzmacher, bei dem Gensdarmeriemajor
Schulzendorf, der die Tafel des Dechanten zu St.-Zeno mit einer auerordentlich
feinen Zunge zu wrdigen verstand, sogar mit einer Ergebenheit, die bis zu einer
offenbaren Unterwrfigkeit gegen Rmisches ging ... Denn wiederum ist es eine
ganz eigenthmlich besttigte Thatsache, da jener aufgeklrte blonde, urewig
beamtische Menschenschlag zwischen Elbe und Oder auf fremdem Boden seine Kraft
nicht immer mit besonderm Geschick zu behaupten versteht. Im Glck leicht
bermthig, in Schwierigkeiten vor Ueberma entweder des Muthes oder der
Einsicht nicht selten unentschlossen bis zum Zaghaften oder klug bis zum
Ueberklugen, lt sich diese angeborene, alles wissende und alles knnende Art
oft von dem Fremdartigen imponiren, ja hat bei aller Hitze des Anlaufs und aller
Sicherheit des steten Gutsagens fr sich selbst oft schon in ltern und neuern
Geschichten vollstndig den Kopf verloren. Aber Grtzmacher gehrte nicht zu
diesem berluferischen Geschlecht. Ihm war es nicht so ergangen wie hier
manchem schon der aus dem Lande des absolut Blonden kam, in grerm oder
kleinerm Umfange diese Lnder, die mit Rom noch etwas enger verwachsen sind als
durch die Gipsfiguren Napoleone Biancchi's, regieren sollte und die Festigkeit
des Willens allmhlich verlor, indem er seine rauhe Art an dem schnsten aller
Strme, an den sanftesten Thlern, frhlichsten Menschen, an Burgen und
Nebengelnden, und vor allem an dem Chrisam, zu dem alle Menschen geschworen
haben, selbst die Trken und Heiden, der Blume des kstlichsten Weines,
abmilderte. Aus vielen Grnden sollte ja gerade jetzt dem unverbesserlichen
Geiste dieser Provinzen nicht geschmeichelt werden, sollte keine
Widersetzlichkeit gegen die Anordnungen der Behrden ungergt bleiben. Der
Wachtmeister von Kocher am Fall, ohnehin ein geborener Jterbogker, aus dem
Lande, wo Tezel einst seinen Ablahandel so empfindlich abgebrochen bekam, hielt
unter allen rmischen Verfhrungen einen festen protestantischen Widerstand,
obgleich er nur auskommen mute mit monatlich 20 Thalern Lhnung, etwas
Montirungsgeld und einem jhrlich durch 80 Thaler gutgethanen, d.h. selbst zu
stellenden Pferde.
    Sich umsehend und die fr einen ehelos lebenden Geistlichen immerhin
anmuthig gemischte Gesellschaft mit jterbogker Anti-Ablaironie wrdigend,
sagte er, es fiele ihm doch sehr auf, da im Wirthshause die Leute beisammen
sen und von dem Begrbni des alten Mevissen in einer Weise munkelten ...
    Ob er denn hier laut sprechen drfte? unterbrach er sich selbst.
    Herr Wachtmeister! sagte der Geistliche, Sie brauchen hier auf niemand
Rcksicht zu nehmen!
    Herr Grtzmacher wiederholte nun die Vermuthung, die bereits am Fue der
Maximinuskapelle Lucinde ausgesprochen. Dieselbe Vermuthung war entweder durch
den Knecht aus dem Weien Ro hierher verpflanzt worden oder war aus den Kpfen
der Bewohner von St.-Wolfgang selbst entstanden.
    Ist es mit dem Sarge, schlo Grtzmacher, nicht richtig, Herr Pfarrer, na,
so erleben wir die Nacht Unrath!
    Wie so? Was erleben wir? fragte Bonaventura.
    Na! Na! lautete des Wachtmeisters vieldeutige Antwort.
    Sie glauben, da der Sarg erbrochen wird? hie es allgemein.
    Na natrlich! war die Antwort jterbogker Logik.
    Und es wrde doch schade sind, fuhr Grtzmacher, sich den Knebelbart
streichelnd, fort, wenn man det olle Mnniken da unten in der ewigen Ruhe
stren wollte!
    Gewi! sagte Bonaventura ernst, bestritt aber sowol die Annahme, da der
alte Diener seines Vaters mehr besessen htte, als was ihm von den Seinigen
zuflo, wie die Mglichkeit einer Entweihung des Friedhofes von irgendwem in
seiner Gemeinde.
    Hren Sie mal, Herr Pfarrer, bestritt Grtzmacher mit grerer
Entschiedenheit, det alte Mnniken soll oft was aus Italien 'rausgekriegt haben!
Der Wirth vom Stern als Posthalter thut auch so und druckst als wenn er manchmal
gar von Papstens - bitte um Entschuldigung, Herr Pfarrer - eine Anweisung auf
hundert Zecchinen, heit es ja wol in Rinaldo Rinaldini, herausgekriegt hat ...
    Und was wnschen Sie denn nun, Herr Wachtmeister! fragte der Pfarrer, wider
Willen lchelnd.
    Eine frmliche Rubergeschichte! flsterte Lucinde und Benno fiel ironisch
ein:
    Was kann er wnschen als Kant's Kritik der reinen Vernunft!
    Der Wachtmeister betrachtete beide Sprecher von oben bis unten.
    Lucinde, die jetzt in dem Wachtmeister fast einen alten Bekannten von Schlo
Neuhof zu erkennen glaubte, beugte sich ins Dunkel nieder.
    Aber Benno betrachtend, musterte der Wachtmeister das militrische Kleid
desselben und sagte nicht ohne Schrfe:
    Herr Musketier! Wie meinen Sie das?
    Herr Wachtmeister! erwiderte Benno einlenkend und sich besinnend, da er,
wenn er zehnmal auch den Justinian studirt haben mochte, hier als Gemeiner einem
Manne gegenbersa, der ein silbernes Portepe trug.
    Er griff wie zum Salutiren an die Stirn ...
    Ich meine, sagte er, Sie wnschen sowol den klaren Beweis, da die Leute
sich geirrt haben, wie die Vorbeugung eines polizeilichen Frevels! Sie
beantragen ganz einfach die Ausgrabung der Leiche!
    Nimmermehr! rief Bonaventura mit gertheter Wange. Der Greis ist in allen
Formen der Kirche und mit Ehren in die Grube gefahren! Er hatte den Sarg sich
selbst gezimmert, hat darin aus einer Grille, die in seiner Frmmigkeit ihren
Grund hatte, geschlafen ... Als er verblichen war, nahmen freundliche Hnde -
Da! Ich brauche nur auf Frau Renate zu verweisen! - ihn von seinem gewohnten
Lager, ordneten die rohe Polsterung ... alle senkten wir ihn in die Grube mit
dem Segen und den Weihen der Kirche ... wie kann ich jetzt um eines thrichten
Wirthshausgeredes willen einen heiligen Vorgang gleichsam wieder rckgngig
machen wollen!
    Na! Na! Na! Na! beschwichtigte Grtzmacher gutmthig den Eifer des
Geistlichen und die allzu dstere Auffassung.
    Warten Sie es doch ab! vermittelte Hedemann.
    Abwarten, Hedemann? Die Polizei soll vorbeugen! sagte Grtzmacher zu
Hedemann fast vertraulich.
    Dann aber, um den Pfarrer nicht zu erzrnen und sich selbst beherrschend,
fuhr er fort:
    Herr Pfarrer, berlegen Sie sich, was da am Ende das Beste sein wird!
Entweder Sie buddeln den ollen Jungen selber heraus oder es thun's hernach
andere ... Und geschieht dieses, na dann, dann sehen Sie, krieg' ich wieder 'ne
Nase - so lang, wie neulich von wegen Mittwoch nach Jubilate!
    Sie sind ein vortrefflicher Staatsdiener, Herr Wachtmeister! sagte Benno.
    Ja, Herr Musketier, erwiderte der Wachtmeister, der Ironie nicht achtend,
sagen Sie lieber, ich habe blos Nachsicht mit dem Herrn Pfarrer, weil er frher
selber doppeltes Tuch getragen hat als Lieutenant!
    Fhnrich! Fhnrich! verbesserte Bonaventura. Weiter bracht' ich es nicht,
Wachtmeister! Jetzt bin ich noch immer Fhnrich! Ich trage die Fahne meiner
Kirche!
    Den scherzhaften Ton der Erwiderungen festhaltend, trat Grtzmacher dem
Pfarrer nher, klopfte ihm auf die Schulter und sagte wie in intimster
Vertraulichkeit;
    
    Lassen Sie ihn ausbuddeln! Was?
    Nein, lieber Wachtmeister!
    Ich bekomme eine Nase wie wegen Jubilate -
    Ich theile sie dann ...
    Sie haben gut theilen! Ihnen gibt der Heilige Vater in Rom Zulage! Je mehr
Sie von uns Nasen kriegen, desto schner stehen Sie auf dem seiner
Conduitenliste! Aber unsereins! Fnf lebendige Kinder! Eine krnkliche Frau!
Zwei hintereinander gefallene Pferde! Das bringt einen Gensdarmen Matthus am
letzten! ... Buddeln Sie ihn aus!
    Wachtmeister! Sie htten ruhig den Vorfall von Mittwoch nach Jubilate melden
sollen! sagte Bonaventura.
    Ne, Herr Pfarrer! Warum ewig die Stnkereien machen!
    Man htte dann oben gesehen, wie die Leute es aufnehmen, wenn wir Feiertage
bekommen, die gar nicht in unserm Kalender stehen!
    Also danken Sie mir's nicht einmal? Machen Rebellion und ich zeige Sie nicht
an, Herr von Asselyn? Sie wissen, wie gut wir in Kocher standen, als Sie bei uns
Kaplan waren! Neulich sagte noch Frau Ley - lieber Gott, das arme Twall1 wird
nicht mehr lange machen! - als die Rede davon war, da sie schon ein Dutzend mal
gethan hat als wenn sie sterben wollte: Ich wache auch nur darum immer wieder
uf, weil mir 's ist als mt' ich die letzte Zehrung (so heit's ja wol?) vom
Herrn von Asselyn, d.h. junior ... bekommen! Senior - dem wnsch' ich's nicht,
da Mutter Ley sich in der Nacht empfiehlt oder gar Morgens, wo die Federn am
wrmsten sind!
    Ihre freundliche Gesinnung thut mir und uns allen sehr wohl, lieber Herr
Wachtmeister! sagte der Pfarrer und gab Grtzmachern die Hand. Aber melden Sie
nur ruhig meine Fehler! Es ist trostlos genug, da alle Schwchen, alle
Gebrechen, die, da wir alle Menschen sind, bei den Geistlichen von sieben
Millionen Katholiken nicht ausbleiben knnen, an den Centralsitz eines
andersglubigen Regiments gemeldet und dort in den Archiven aufbewahrt werden
zum Amusement Ihrer Consistorialrthe! Knnen wir etwas dafr, da die Leute
jeden Mittwoch nach Jubilate an den Kirchthren stehen und lrmen und sich
weigern dem Rufe der Glocken zu folgen, und Drohungen ausstoen, die ich diesmal
erst beschwichtigte, als ich im Ornat unter sie trat und ihnen sagte: Ein
Hochamt ist zu jeder Zeit dem Herrn genehm und wir werden unsere Knie dann gewi
beugen, wenn wir Gott um eine gute Ernte und um die Abwendung von Unwetter und
Hagel bitten wollen!
    Da kam aber, fuhr Grtzmacher fort, mein Kamerad Mller von Stockhofen
drben und hrte, wie geschrieen und gelrmt wurde und wie sie riefen, da die
richtige Hagelschadenmesse erst in ein paar Wochen stattfnde und wie sie sich
von Ketzern keine Feiertage vorschreiben lieen! Ich ritt gerade auf Inspection
durch, bekomm's von Mllern brhwarm, soll's plng carrire Landrathn anzeigen
und hab' das nun nicht gethan! Wie gesagt, die Nase war so lang! Und deshalb ...
buddeln Sie den Alten heute lieber noch als morgen 'raus! Thun Sie mir's zu
Liebe!
    Bonaventura bot Grtzmachern wiederholt die Hand, dann auch ein Glas Wein,
blieb aber bei seiner Weigerung.
    Grtzmacher hatte schon lange Lucinden fixirt.
    Und noch mehr, als diese mit einer fast herausfordernden Miene sagte:
    Was ist denn aber das? Ein neuer Feiertag?
    Benno erklrte:
    Es ist merkwrdig mit unserm allergndigsten Knig und Herrn! Es ist gewi
ein ganz vortrefflicher Monarch und man mu ihm nachsagen, da er fr sein
tragisches Schicksal von 1806 bis 1813 die gegenwrtige Heilige Allianz-Ruhe
verdient hat! Aber wenn er sie doch nur mit seinem herrlichen Kriegsheer, seinen
schnen Bauten und seinem vortrefflichen Theater allein genieen wollte!
Metternich sorgt ja fr Schlummer in der ganzen Welt! Was mu denn nun ewig
unsern Knig so der Geist Gottes drngen, wie ein byzantinischer Kaiser, den
Theologen zu machen! Da er in seinem ehrenwerthen Glauben die Gegenstze, die
dreihundert Jahre alt sind, beim Luten der Reformationsglocken 1817 vershnt zu
haben meinte und auch einige vershnte, ist an sich ganz brav von ihm; nun aber
glaubt er, wenn man nur schn gebunden die neue Agende auf die Altre legt, so
wre sie auch deshalb ins Leben getreten und berall eine Wahrheit geworden!
Meinetwegen drben! Aber hben? Ausgleichungen auch mit uns? Sein Gemth gefllt
sich in dem Gedanken, neue Festtage zu erfinden, die in seinen smmtlichen
Staaten mit derselben Gesinnung zu gleicher Zeit gefeiert werden, z.B. einen
Bu- und Bettag! In seiner ganzen Monarchie soll zu einer einzigen gewissen
Stunde, wie bei uns das Angelus gebetet wird bei Sonnenuntergang, so in allen
seinen Staaten Kirche sein, sowol in den Garnisonskirchen, bei den Feld- und
Divisionspredigern wie in unsern alten Domen und neuen Kapellen. Schmuggeln sie
uns durch einfachen Gubernialerla einen Hagelschadenfeiertag in unser
Kirchenjahr, nur damit der liebe sentimentale Herr in seinem Schlogarten
spazieren gehen und sagen kann: Heute zieht die ganze Natur und alle Menschheit
in meinen Landen ihren alten Winterrock aus und legt sich uerlich und
innerlich neue Sommerbeinkleider an! ... Und nach zehn Jahren werden wir wieder
weiter kommen, glaubt er, und nach wieder zehn Jahren noch weiter ... und wenn
alles gut geht, geben die Consistorialrthe ein bischen heraus und der Papst
gibt ein bischen heraus und die schnen Unionstage, die einst Leibniz in
Charlottenburg getrumt hat, gehen in Erfllung!
    Hren Sie mal, Herr Freiwilliger! Herr Freiwilliger! drohte Grtzmacher mit
knstlicher Entrstung, indem er von seinem Portefeuille aufblickte, wo er in
Papieren bltterte und mit scharfem Blick wiederholt auf Lucinden, diese
musternd, gesehen hatte. Das ist ja gerade als wenn man einen langhaarigen
Demagogen reden hrte von Anno Kpenick, Herr von Asselyn!
    Das Gemth regiert die Welt nicht! warf Lucinde ein.
    Drei Monarchen stiften eine Heilige Allianz! fuhr Benno fort. Schon ihre
Minister standen damals hinter ihnen und putzten sich nur die Nase, whrend jene
Thrnen vergossen!
    Grtzmacher opponirte nicht lnger. Er war die gutmthigste Seele von der
Welt und ohnehin zerstreut durch einige Notizen seines Portefeuilles.
    Endlich erschreckte er Lucinden nicht wenig, als er sie anredete:
    Na, Frulein Schwarz! Jetzt haben Sie doch wol endlich Ruhe vor uns von
wegen dem Pa, den ich Ihnen, ich glaube schon vor sieben Jahren, immer bei
Witoborn vergebens abverlangte! Wissen Sie denn noch, auf Schlo Neuhof! Na, was
macht denn Excellenz der Kronsyndikus? Und mein oller Landrath, der schne
Enckefu߫! Gerade vor der dustern Geschichte dazumal mit dem Deichgrafen bin ich
hierher versetzt geworden! Meine Nachfolger sollen keine Seide dabei gesponnen
haben, da sie nichts merken wollten, wer den dicken Mann, den
Theilungscommissarius, dazumal, freilich auf Nachbargebiet, todt geschlagen hat!
Einer von meinen Collegen, der ritt so lange um den Dsternbrook und Schlo
Neuhof herum, bis er sich einmal den Hals dabei gebrochen hatte - wirklich den
Hals ... das kommt so, wenn der Gensdarm immer blos geradeaus sieht, whrend
sein vernnftigerer Gaul links und rechts in die Bsche will. Der andere war
noch zu grn und fand sich erst ins Geschft, als es mit der rechten Spur nach
dem rechten Hirschfnger zu spt war. Jetzt ist ja wol der Freiherr von
Wittekind auch ganz verdreht und dummelig geworden wie dazumal sein Herr Sohn,
der - ja so, bitte um Entschuldigung, Herr Pfarrer von Asselyn!
    Grtzmacher besann sich erst jetzt auf die Verwandtschaft des Pfarrers mit
dem Freiherrn von Wittekind-Neuhof. Er war ja dessen Stiefenkel.
    Das Wiedersehen der jungen schnen Dame, fuhr der Wachtmeister mit
ironischem Nachdruck fort, htte ihm diese Erinnerungen zurckgerufen. Er hoffe
sie aber bald in Kocher am Fall zu sehen, wohin sie ja, wie er gehrt, als
Nichte der Frau von Glpen reise und um ihren Pa woll' er sie diesmal gar nicht
qulen! Er wre vollkommen ber sie ins Klare ...
    Bonaventura, Benno und Hedemann richteten whrend aller dieser Reden
berrascht ihre Augen fast zu gleicher Zeit auf Lucinden. Sich auf diese
unerwartete Art im Zusammenhang mit Vorgngen genannt zu hren, die sie um
vieler Grnde willen hier von sich fern zu halten wnschen mute, durfte sie
nicht wenig erschrecken. Selbst Bonaventura erfuhr zum ersten mal diese
Beziehungen und fragte erstaunt:
    Schon vor sieben Jahren kannten Sie Schlo Neuhof und waren somit schon
damals in der Nhe der Grfin Paula?
    Sich sammelnd erwiderte sie:
    Die Erinnerungen des Herrn Wachtmeisters treffen theilweise zu! Nur die
Ehre, mich eine Nichte der Frau von Glpen nennen zu drfen ...
    Werden Sie doch wahrhaftig nicht ablehnen? unterbrach sie Benno mit
Entschiedenheit. Ihre Tante sollte das hren!
    Diese Worte wurden so fest, so bestimmt gesprochen, von Benno mit einem so
ausdrucksvollen Blick begleitet, da Lucinde verstummte und ihn nur fragend und
gro ansah.
    Grtzmacher schlo sein Portefeuille und nahm wieder die lchelnde Miene
jener aufgeklrten berlegenheit an, die gewissermaen hier als landesblicher
Regierungsausdruck gelten konnte und geradezu so viel sagte als: Wir dulden euch
und die wunderlichen Schwchen eurer Kirche und thun dies, weil ihr ja eben
nichts dafr knnt!
    Da auch Hedemann, der erst den lebhaftesten Antheil verrathen hatte, jetzt
an die dunkeln Fenster getreten war und an die Scheiben trommelte, stand
Grtzmacher gewissermaen als Sieger ber allen.
    Meine Meldung, sagte er denn auch vollkommen befriedigt, meine Meldung ist
Ihnen zu rasch gekommen, Herr Pfarrer! Beschlafen Sie's noch! Morgen reden wir
weiter davon! Ich wnsche ja selbst, da die Leute Vernunft annehmen! Ich will
noch 'mal ins Wirthshaus hinber und sagen, was Sie ber den Sarg des alten
Mannes denken! Vielleicht nehmen die Menschen auf Ihr Wort Raison an, Herr
Pfarrer! Also, gute Nacht denn allerseits! ... Gute Nacht, Hedemann! warf er
noch hintennach hinein wie zum Zeichen besonderer Vertraulichkeit mit einem ihm
gewissermaen Gleichgestellten.
    Renate leuchtete und fragte ihn wahrscheinlich drauen um Nheres ber die
Nichte der Frau von Glpen.
    Als sein Sbel- und Sporenschritt verklungen waren, hrte man nur, da
Renate von auen die Fensterladen anlegte. Hedemann schlo sie von innen.
    Die drckende Schwle, die in dem kleinen Zimmer in der Luft wie geistig
herrschte, veranlate Benno zu dem Ausruf:
    Ich stecke mir eine Cigarre an und wache die Nacht drauen auf dem Grabe!
    Da wir so thricht wren! sagte Bonaventura. Da wir durch unser Beispiel
einen solchen Glauben bestrkten!
    Dennoch traten sie alle hinaus in den Hof und dann in den Garten, von wo aus
man zum Friedhof gelangen konnte.
    Die Sptsommernacht war mild und geheimnivoll. Ringsum war es still
geworden; nur irgendein schlafgestrtes Kind machte ein Nachbarhaus lebendig
oder von den Bergen her chzte der Hemmschuh eines verspteten Fuhrwerks. Im
Bienenhause schlief alles wie in den Gebschen ringsum; nur die kleine Welt der
auf Raub gehenden Insekten huschte vor den Futritten der Vorbergehenden scheu
am Boden hin.
    Auf dem Friedhofe lagen die Grber mit ihren berdachten weien und
schwarzen, von welk gewordenen Blumen geschmckten Kreuzen und vergoldeten
Glorienstrahlen schweigsam und feierlich. Seitab lag der im ersten Aufwurf
begriffene neue Hgel, bewacht nur vom flimmernden Sternenheer, dem wir die
Todten so nahe gerckt glauben.
    Bonaventura, Benno, Hedemann, Lucinde fanden alles, wie sich erwarten lie,
ungestrt.
    Die Eingangspforte war geschlossen.
    Ihre Empfindungen muten die verschiedenartigsten sein; nur darin einigten
sich alle, da diese stille Welt um sie her sicher fr immer mit dem Leben
abgeschlossen hatte.
    Unter diesen Schlfern sollte noch einer etwas vergessen oder mitgenommen
haben, was zu den Sorgen und Mhen dieser Erde gehrte?
    Bonaventura sagte:
    Im ersten Augenblick der sich nahenden Todesgewalt mag die Verzweiflung, da
man noch mit dem Leben so tausendfach sich verwickelt wei, mit uerster
Anstrengung gegen den kalten Engel ringen, der uns dem Dasein entreien will;
hat er aber einmal die gewaltige Rechte um uns geschlungen und fhlen wir, da
wir keinen Widerstand mehr leisten knnen, so erscheint uns gewi jeder Besitz
und jedes Entbehren gering! Der alte Mevissen erwartete schon seit sechs Wochen
mit Bestimmtheit seinen Heimgang!
    Die feierliche Stimmung gab Lucinden Zeit, sich in Benno's Worte zu finden,
da sie eine Nichte der Frau von Glpen wre. Sie war erfahren genug, bald
einzusehen, da damit nur ein Deckmantel gemeint sein konnte, unter dem sie
unter dem Dache eines Geistlichen wohnen durfte. Sie hielt jetzt diese
Angelegenheit keiner Frage mehr werth.
    Htten wir die Grfin Paula bei uns! sagte sie, als sie sich von dem Grabe
entfernten und Bonaventura Benno's Vorhaben, die Nacht ber wirklich das Grab zu
hten, entschieden ablehnte.
    Warum? hie es.
    Dann se der alte Mevissen vielleicht leibhaftig auf dem Hgel dort und man
knnte ihn fragen, ob er dem wirklich in seinem Stroh soviel Geld versteckt
htte!
    Die ekstatischen Zustnde der Grfin Paula waren allen bekannt genug und
auch Bonaventura besttigte die Fhigkeit derselben, ber Grbern Schatten zu
sehen, die andere Augen nicht shen.
    Dabei berraschte den Pfarrer keineswegs die Mglichkeit, da Lucinde nach
allem Vorangegangenen so kurzweg den verhngnivollen Namen aussprechen und, wie
wenn nichts mit ihm wre, ihn ins Gesprch ziehen konnte. Er wute, wie weit
Lucindens Verstellungskunst ging. Er war auch nach Empfang der berraschenden
Anzeige aus der Dechanei zu Kocher am Fall in der That von ihr wieder auf alles
gerstet.
    Wissen Sie nicht, wie es der Grfin geht? fragte er Lucinden, als man sich
nach einigem Staunen ber eine so weit gehende Sehergabe der Grfin in der
Annahme einer Tuschung und der Unmglichkeit, berhaupt Geister in sichtbarer
Gestalt anzunehmen, bald geeinigt hatte.
    Stehen denn Sie in keiner Verbindung mit ihr? fragte Lucinde erstaunt und
mit schneidender Schrfe.
    Wie sollte ich? erwiderte Bonaventura gelassen.
    Seit zwei Jahren erfuhr ich nichts mehr von ihr! fuhr er fort. Sie wird auf
Westerhof wohnen und sich vorbereiten, die Gattin des Grafen Hugo von
Salem-Camphausen zu werden!
    Alle schwiegen wie zur Besttigung.
    Lucinde entgegnete:
    Also eine Altarkerze im Dome der Heiligen, eine Rose von Jericho will dem
Glauben ihrer Vter verloren gehen! Wie? Der kalte Luftzug des Verstandes, der
Frost des Zweifels soll sie tdten! Ich hrte, da man alles aufbietet, diese
Verbindung mit einem Lutheraner unmglich zu machen!
    Bonaventura verharrte im Schweigen und blickte fragend auf Hedemann, der
soeben von jener stlichen gemeinsamen Heimat herbergekommen war.
    Auch Benno verstand diesen Blick und antwortete statt des achselzuckenden
Hedemann:
    Aus dem bringt niemand etwas heraus! Die Mhle, die er sich in Witoborn
gekauft hat, mu ihn taub gemacht haben fr alles, was uns sonst von dort htte
interessiren mssen! Er war nicht auf Schlo Neuhof, womit er jetzt vielleicht
dem Frulein gedient haben wrde, er war vielleicht nicht einmal in Westerhof,
nicht im Kloster Himmelpfort, nicht im Stift Heiligenkreuz - nirgends! So
verschlossen ist er wie die Offenbarung Johannis, in die er sich, glaub' ich, in
Amerika ganz verlesen hat!
    Hedemann legte hie und da einen herabgefallenen welken Kranz auf eines der
Kreuze, lchelte und sagte mit gelassener Ruhe:
    Wie htt' ich nicht Westerhof besuchen sollen nach den Erfahrungen und
Auftrgen des Obersten!
    Je schlagender diese Antwort schien und je gengender sie die beiden
Asselyns aufklrte, desto unsicherer und dunkler tastete Lucindens aufgeregte
Combination. Wer war der Oberst? Welche Erfahrungen desselben htten Hedemann,
der nun wieder pltzlich ein Mller wurde, von dem Schlosse Westerhof entfernt
halten knnen?
    Sie kennen Schlo Neuhof, Frulein, fragte Benno, und wissen von dem
Interesse, das das ganze Land an den Vorgngen in der Camphausen'schen Familie
nimmt?
    Lucinde kannte auf Schlo Neuhof jeden Winkel im Schlosse, im Park jeden
Baum, auf dem Plateau, das zum Dsternbrook fhrte, die Stelle, wo Klingsohr
einst zwei Bltenzweige in die Erde senkte, die freilich der nchste Sturm schon
verweht hatte, sie war auch eines Tages zum Fronleichnamsfest in Witoborn
gewesen und hatte dort eine Mhle gesehen, die die reiende Witobach mit einer
Gewalt trieb, da man allerdings an ihr taub werden konnte; aber von den Dingen,
die um sie her lebten, hatte sie nichts als das durchschaut, was mit dem Cultus
ihrer eigenen Person zusammenhing.
    Was ich von den Verhltnissen Paula's wei, sagte sie, kenne ich nur aus den
Tagen her, wo sie meiner Pflege anvertraut war. Die Zeit, wo ich auf Schlo
Neuhof war und die Wibegierde der Gensdarmen durch meinen Pa nicht befriedigen
konnte, war kurz und gehrt meiner frhesten Kindheit an!
    Ein Eingehen auf den Tod des Deichgrafen und die dunkle Gestalt des
Kronsyndikus schien in diesem Kreise vermieden zu werden. Man verblieb bei den
nachbarlichen Beziehungen.
    Benno schilderte als nicht gering die Gefahr, die sich der engern Heimat aus
dem Uebergange der reichen Besitzthmer der Linie Dorste-Camphausen in die Linie
Salem-Camphausen ergeben wrde.
    De Kirchenfrst unserer Provinz selbst, sagte er, nimmt den lebhaftesten
Antheil an einer Entscheidung, fr welche sogar mein gewiegter Principal, der
Procurator Dominicus Nck, keine andere Hlfe hat als die des Aufschubs. Die
Grfin ist neunzehn Jahre. Sie hat noch zwei Jahre Zeit, sich zu erklren, ob
sie vielleicht den geistlichen Stand whlt oder mit Entsagung ihrer groen
Besitztmer irgendeine andere Wahl trifft. Auf alle Flle gehen mit dem
Aussterben der mnnlichen Erben die Gter dieser ltern Linie an jene jngere
ber, die in den Zeiten der Wiedertufer den alten Glauben abschwur, dann nach
Ungarn auswanderte und seither nicht wie die andere Linie, die ihrem Beispiele
gefolgt gewesen war, wieder zur Kirche zurckgekehrt ist.
    Bonaventura, der alle diese Erinnerungen und Beziehungen seit einigen Jahren
nicht mehr genhrt und gepflegt hatte, durfte Benno nach Paula's jetziger
Leitung und Fhrung fragen.
    Dieser fuhr fort:
    Der Kronsyndikus von Wittekind, den Sie nach seinem schlimmen Rufe kennen
werden, Frulein, hat die Vormundschaft vor zwei Jahren nur formell antreten
knnen; sie war einmal vom Grafen Joseph, dem letzten der Dorste-Camphausen, so,
ehrenhalber, fr seinen Schwager bestimmt und konnte, ohne diesen vor aller Welt
zu compromittiren, nicht zurckgenommen werden. Alt und schwach an Geist und
Krper, hat er sie jedoch factisch seinem Sohne berlassen mssen, dem
Prsidenten - deinem Stiefvater! Ein so loyaler Unterthan wie dieser bietet
natrlich alles auf, sowol etwaige Ideen vom Kloster zu unterdrcken, wie den
der ganzen Anzweiflung an dem Rechtsbestande dieser Familienanordnungen
gewidmeten Scharfsinn meines Principals zu Schanden zu machen. Einstweilen wohnt
Paula auf ihrem Sitze Westerhof und wird von dem Onkel und der Tante Armgart's
so gehegt und gepflegt und geliebt, wie man bei uns zu lieben pflegt, Frulein!
Alles nur durch ein unendlich seelenvolles Schweigen und das gemthvollst
Bloserrathenlassen! Wenn die Leute bei uns achtzig Jahre alt geworden sind und
bald in die Grube gesenkt werden, rufen sie sich noch erst vom Todtenbett aus
die vergessene Liebeserklrung nach. Gelebt haben sie nach der Liebe, gesprochen
davon nie. Nicht wahr, Hedemann? Als Sie noch fr meinen seligen Vater
Borkenhagen bewirthschafteten, ich glaube nicht, da er Ihnen je ein: Ich danke!
gesagt hat.
    Er hatte nicht Ursache dazu! erwiderte Hedemann. Unsere Abschlsse waren
schlecht genug!
    Ein khler Lufthauch fuhr durch die Bume, die den Friedhof begrenzten, und
mahnte, dem Rufe des Wchters zu folgen, der die zehnte Stunde rief.
    Bonaventura stellte der so in alte und neue Verhltnisse mit der grten
Spannung einblickenden Lucinde zur morgenden zeitigen Abfahrt das bereits im
Stern bestellte Gefhrt nochmals in Aussicht und bat sie den Onkel zu gren;
in einigen Tagen wrden Geschfte auch ihn vielleicht nach Kocher hinauffhren.
    Benno begleitete Lucinden bis zum Stern. Er versprach, sich mit Hedemann
derselben Fahrgelegenheit zu bedienen und in der Frhe sich bei ihr einzufinden.
    Dann kehrte er ins Pfarrhaus zurck, wo er bernachtete.
    Whrend Lucinde auf ihrem Zimmer allein war und wieder die Pfauenfeder am
Spiegel sah und die kleinen Heiligenbilder, die ber dem Bette hingen, in das
sie, wie sie war, sich legte; whrend sie fast bermthig die Wonne geno,
wieder in der Nhe von Menschen zu sein, auf welche der Stempel des
Ungewhnlichen gedrckt war; whrend in ihr die einzige Aufgabe, der zu Liebe
sie noch berhaupt leben mochte, mit tausend Stimmen rief: Bonaventura, sammle
dich in deiner Kraft! Werde mehr als nur der Pflegling dieser alten Renate!
Gedenke eines Zieles, das dir hher hinaus liegen sollte als der Kirchthurm
dieses armseligen Dorfes! Wie find' ich dich wieder! Im Beginn der
Grmlichkeiten alle, an denen ihr armen Entsagenden allmhlich zu Grunde geht!
Noch wallst du auf wie Petrus, der dem Malchus ein Ohr abhieb! Wie lange wird
diese Tapferkeit dauern! Frau Renate wird dich vor jeder Abendluft schtzen!
Ihre Mdchen werden so viel braten und kochen und backen, bis du ihre kstlichen
Speisen nicht mehr verdauen kannst! Welche Thorheit, hier nur unter den Bauern,
Fuhrleuten, Steinklopfern ein Heiliger zu sein, hier nur vor einem Gensdarmen
den Bonifacius und Ambrosius zu spielen! ... Und whrend sie sich dann vorkam,
als mte sie einem neuen Gregor dem Siebenten seine Grfin Mathilde von Toscana
werden, seine Feuerseele, sein Cherubswchter mit dem flammenden Schwerte ...
whrenddem rief Benno, vom Stern zurckkehrend, Hedemann und seinem Vetter, die
zum Abschiednehmen vor dem Schlafengehen noch auf ihn gewartet hatten, die kurze
Charakteristik entgegen:
    Ja, das ist ja wahrhaftig der lebendige Satan! Die wird in der Dechanei und
in Kocher am Fall eine schne Revolution anstiften!
    Frau Renate schlief schon, sonst htte sie fr das Wegputzen der
Fliegenflecke und das Bedienenwollen in der Kche sicher eine Revanche genommen,
die krftiglich mit eingestimmt htte.
    Und doch, sagte Bonaventura, indem er Hedemann ein Licht reichte, das beim
aufgegangenen Mondschein kaum noch nthig war, um ihnen beiden in den obern
Stock den Weg zum Fremdenstbchen zu leuchten; doch glaub' ich, da sie fr den,
den sie liebt, ins Feuer geht!
    Kein Wunder! rief Benno. Ihr Element ist die Hlle!
    Armer Vetter! setzte er leiser hinzu. Welchen Versuchungen seid ihr Pfaffen
doch ausgesetzt! Das seh' ich ja schon - hier kommt ein alter Roman zu Tage!
    Bonaventura gab nur zur Antwort:
    Ich bin begierig, wie sie mit dem Onkel fertig wird!
    Mit dem gewi! erwiderte Benno. Ich glaube, dem gefllt sie! Aber Tante
Glpen! Die gewhnliche Probezeit besteht sie nicht vierundzwanzig Stunden!
    Alle drei Mnner muten lachen ...
    Man trennte sich in behaglicher Uebereinstimmung.
    Benno und Hedemann sollten zusammenschlafen oben in dem Fremdenstbchen,
dessen saubere Betten schon aufgedeckt waren ...
    Whrend sie hinaufstiegen, sagte Benno, aber so, da Bonaventura, der ihr
Verschwinden abwartete, es theilweise unten noch hren konnte:
    Nun glaub' ich an die sieben Schwerter, die Armgart beim bloen Begegnen an
der Kapelle oben sogleich aus ihr herausgehend gefhlt haben wollte, ganz wie
Paula gesagt haben soll, als die Arme auf dem Streckbett liegen und den
frchterlichen vollen Feuerstrahl fhlen mute, der von der Person ber sie
ausging! Und das alles mu man nun ruhig hinnehmen, blos weil sie, hr' ich,
eine Convertitin ist, ein goldenes Kreuz auf der Brust trgt und wahrscheinlich
zu irgendeiner Erzschwesterschaft gehrt! Wozu sich unsere Kirche nicht alles
hergeben mu! Wenn sie nicht in der Lage wre, schlaffe Gemthlichkeit, die
alles geduldig hinnimmt und geschehen lt, aufrhren zu mssen durch solche
Weckhhne ... Hedemann, da wir morgen frh nur die Zeit nicht verschlafen!
    Hedemann nahm, da sie inzwischen oben angekommen waren, die Uniform, die
Benno ausgezogen hatte, legte Brieftasche und Geld heraus und versicherte dem
sich Entkleidenden, mit dem Aufwachen zur rechten Zeit wre keine Gefahr; ihm
rauschten die Rder seiner neuen Mhle und die Sorgen, die er sich aufbrdete,
genug im Kopfe ...
    Und dabei verwechseln Sie wirklich schon unsere Stiefel und stellen zwei
Paare zusammen, wie wenn jeder von uns immer halb mit den Beinen des andern
liefe!
    Hedemann, der in der Nebenkammer schlief, hatte die Stiefel und Kleider vor
die Thr gestellt, damit die Magd in der Frhe alles fand und reinigte.
    Benno, schon auf den Strmpfen, stellte die Paare in Ordnung, nahm noch
einen von Hedemann vergessenen Brief aus der Tasche seiner Uniform, schlo die
Thr, legte den Brief auf den Nachttisch neben sich zu Uhr, Geld und
Portefeuille und sagte mit herzlichem Tone:
    Freilich, so ist's ja auch immer gewesen! Was wr' ich ohne Ihre Arme und
Beine, Hedemann! Ich glaube, ich htte alle schon gebrochen und auf mein khles
Grab setzten Sie ein Denkmal, das ich mir in Gestalt eines Fragezeichens
ausbitte, Hedemann, wenn Sie mich berleben sollten, hren Sie? Der Friedhof hat
mich ganz melancholisch gemacht!
    Warum ein Fragezeichen? fragte Hedemann, lschte das Licht und wollte die
Thr anlehnen.
    Lassen Sie doch auf, Hedemann! Es ist so dumpf und stickig in der kleinen
Stube! Warum ein Fragezeichen? Bin ich nicht ein verkrpertes Fragezeichen? Was
sagt das Kirchenbuch von Borkenhagen ber mich? Haben Sie denn nachgeschlagen,
wie ich Sie gebeten?
    Ich sagte gleich, da da nichts zu finden ist! Sie waren schon fast ein Jahr
alt, als Sie Ihr Vater aus Spanien mitbrachte!
    Aus Sevilla! Aus Sevilla! Wo die letzten Huser stehen ... sang Benno mit
elegischem Humor.
    Dann fuhr er fort:
    Ich wundere mich nur, wie ein Zigeunerkind sich so acclimatisiren konnte!
Sprach ich heute nicht von Buchweizen, Haarrauch und dem Landesvater, wie wenn
ich wirklich ein Asselyn wre, kein Pseudo-Asselyn, kein unberufener
Eindringling in die Wallhecken und Moore und Kampe eurer Ahnen!
    Sie sind der rechtmige Sohn des weiland Erb-und Gerichtsherrn zu
Borkenhagen!
    Und sein Erbe! Hedemann, da ich doch nur den kleinen Tmpel geerbt htte,
der um unsere Hundehtte ging, Burg genannt, jene majesttische See, wo Sie mir
die kleinen bewimpelten Schiffchen schnitzten, die ich durch die grnen
Wasserlinsen fahren lie!
    Ich ahnte damals meine Reise nach Amerika!
    Und den Finkenfang, Hedemann, im Schlehdornbusch, wo Sie die prchtigen
Schlagnetze legten! Ach, ich habe als Student spter nie mehr aus einem
Weichselrohr rauchen knnen, ohne nicht daran zu reiben und zu reiben und aus
dem kstlichen Geruch des Rohrs mir unsern Finkenfang wieder zu
vergegenwrtigen!
    Graf Mnnich hat ihn niederhauen lassen ...
    Und htten uns die Glubiger nur den einen groen Ebereschenbaum gelassen,
auf der Wolfshhe! Wenn wir sonst dahin wallfahrteten, war's mir immer nur um
die rothen Beeren zu thun und die Bank darunter war mir nur eine bloe Hlfe, um
die schnsten Bschel herunterzukriegen und an die Mtze zu stecken! Spter als
Student, kam ich einmal wieder in die Gegend und wollte Freunde und sogenannte
Verwandte begren. Da merkt' ich fast, da die Wolfshhe mir nur eigentlich
deshalb gefallen haben mute, weil der knftige Herr von Asselyn-Borkenhagen
sein ganzes kleines Knigreich dort am schnsten htte bersehen knnen. Die
herrliche Aussiht! In weiter Ferne die Wlder! Aus ihnen herausblickend Schlo
Neuhof, golden wie die Landeskrone, Kloster Himmelpfort, Witoborn mit seinem
ewigen Armensndergelut ... Werden Sie das denn aushalten, Hedemann?
    Meine Mhle berrauscht es ...
    Und rechts hinber Westerhof mit Paula und Armgart, die damals Kinder waren
und mich Vetter nannten, den armen, abgeblitzten Herrn von Borkenhagen ... Es
war gerade Kirchweih im Ort ... Eine Spielbande zog von den Bergen herunter; ein
buckeliger Geiger voran ...
    Stammer! Der lebt noch!
    Bnder und Fahnen flatterten ... alles war lustig ... im Wittekind'schen
hatt' es ein groes Erntebier gegeben ... es war damals kaum ein paar Wochen
ber die grauenvolle Geschichte mit dem erschlagenen Theilungscommissar hinaus
...
    Der Alte vom Berge, der Kronsyndikus, lt noch jetzt draufgehen, hr' ich
... frher war er geizig genug ...
    Gerade des Weges ritt der Landrath! Ich fragt' ihn nach dem Vorfall. Der
wies mich schn zurecht! Wie ich den Herrn auf dem hellen Schlo da oben zu
nennen wagen knnte ...
    Das wollt' ich meinen, der schne Enckefu߫! ...
    Nun aber ging ich in den vielgrnen Wald, an meinen Vogelherd - damals,
Hedemann, standen noch all die lieben hellen Buchen - am Ende der Wildschonung
lag der kleine Hof Ihrer Aeltern ... Sie erzhlten mir ja noch nichts von denen
... Sie leben doch noch? ...
    Hedemann antwortete nicht.
    Benno sprach vor sich hin:
    Er schlft wol schon!
    Nach einer Weile des Schweigens hrte Benno seinen Nachbar laut aufseufzen
...
    Was seufzen Sie denn, Hedemann? fragte Benno, den inzwischen selbst der
Schlaf berkam.
    Als Hedemann nicht antwortete, sagte er ghnend:
    Sie waren - damals in England -
    Amerika! verbesserte Hedemann.
    Amerika! antwortete Benno und legte sich, um nun wirklich fest
einzuschlafen.
    Doch sprach er noch vor sich hin, aber in einzelnen, unterbrochenen Worten:
    Sie sind im Stande - und heirathen ... als Mller Hedemann ... die weie
Gipsitalienerin ... natrliche Ideenassociation ... Mllerin Biancchi ...
Hedemann ... nicht wahr? ...
    Ja, gute Nacht! erwiderte Hedemann, der ihn nicht mehr verstanden ...
    Benno's Empfindungen muten noch eine lange Zeit gegen den Schlummer
kmpfen. Seine Phantasie verweilte auf den lachenden Bildern seiner Jugend, auf
dem grnen Wolfshgel, unter dem Ebereschenbaum und bei dem Rundblick in der
Ebene von Witoborn. Sie hielt dann Stand bei Paula und bei Armgart. Armgart von
Hlleshoven hatte er damals vor sieben Jahren zum ersten mal gesehen. Sie war
die Tochter des krzlich aus England als pensionirter englischer Oberst
zurckgekehrten Herrn Ulrich von Hlleshoven. Ihre Mutter war jene Monika von
Ubbelohde, die die erste gewesen, die einst dem Kammerherrn Jrme von
Wittekind-Neuhof einen Korb gegeben. Die hatte keines Hundes, des Calfacters
Trck, bedurft, der ihr erst ein seidenes Kleid verderben mute, wie Portiuncula
von Tngel-Appelhlsen, um von den Wnschen der Familie sich zu befreien. Aber
da man es ihr, einer armen und vllig gterlosen Adeligen, mit den Antrgen und
Vorschlgen und Zwangsmaregeln zu bunt und zu gefhrlich gemacht hatte, nahm
sie gleichsam aus Desperation, wie damals die Leute sagten, die die Rache des
Kronsyndikus und seinen Einflu auf zehn Meilen in der Runde und, wenn er
wollte, noch etwas weiter hinaus, kannten, den jungen Offizier Ulrich von
Hlleshoven, der gerade in der Stadt, wo Bonaventura's Aeltern lebten, in
Garnison stand und ihr den Hof machte, wie ihre Schnheit und ihr Geist
verdienten. Diese Naturen erkannten sich aber erst nach geschlossener Ehe. Sie
stieen sich unheilvoll ab und als Monika eines Kindes, jener Armgart, genesen
und Ulrich gerade versetzt worden war, erklrte die Gattin, ihm nicht folgen zu
wollen. Sie selbst hatte eine Schwester, ihr Gatte einen Bruder. Jene hie
Benigna, dieser Levinus. Auch diese gaben ein Paar, eines vielleicht mit klgerm
Instincte. Sie liebten sich schon lange, schon zehn Jahre vor dem Zeitpunkt, wo
sie Schwger wurden durch die Verheirathung Monika's mit Ulrich, heiratheten
sich aber nicht. Levinus, ohne Vermgen, verwaltete die groen Gter des Grafen
Joseph, des letzten der Dorste-Camphausen, whrend Benigna, die Schwester
Monika's, die intimste Freundin der verstorbenen Grfin und Mutter Paula's, der
Schwester des Kronsyndikus, und die zehnjhrige Verlobte des Onkel Levinus in
dem Stift Heiligenkreuz, dicht bei Westerhof und Witoborn, lebte. Beide
Schwger, emprt ber das Benehmen des jungen Ehepaars, rissen wie nach einem
Spruch des Femgerichts der rothen Erde das Kind desselben, ihre Nichte, an sich
und straften mit der Vorenthaltung desselben den unwrdigen Vater wie die
unwrdige Mutter. Sie versteckten die kleine Armgart in Wlder und Schluchten,
in Keller und auf Heubden und vorenthielten sie den beiden Ehegatten, denen sie
es nur zurckzugeben erklrten, wenn sie beide kmen Arm in Arm, in Liebe und
Treue und Einigkeit, frei von der Schmach einer ganzen Familie, frei von der
Verletzung der Sitte des ehrbarsten Landes und tugendhaftesten Volksstammes.
Diese standesmige, gleichsam altschsische Bedingung erfllten die Ehegatten
nicht. Beseelt von gleichem Trotze, suchten sie einer dem andern Armgart
abzugewinnen, offen zu erobern, geheim zu stehlen sogar ... vergebens, Onkel
Levinus und Tante Benigna hatten das ganze Furioso, den ganzen Sturm, der ber
diese sonst so stillen, ruhigen, mavollen Menschen kommen kann, wenn eine
Ueberzeugung sie ergreift. Ihre Maregeln waren so sicher, da sie in der Jagd
auf Armgart Sieger blieben und der Mutter, die nicht zu ihrem Manne wollte, dem
Vater, der sich der Gattin verschlo, ein Kind vorenthielten, mit dem sie nicht
in die weite Welt gehen sollten. Levinus und Benigna gedachten sich jetzt noch
weniger zu verheirathen. In der Liebe zu dem Geschwisterkinde, das sie erzogen,
waren sie bereits wie ehelich verbunden. Ulrich und Monika gingen verdstert und
verbittert ohne das ihnen vorenthaltene Kind wirklich in die weite Welt. Zwlf
Jahre war Ulrich von Hlleshoven theils in England, theils in Britisch-Canada
Soldat gewesen, ihm zur Seite Remigius Hedemann, einst in dem Regiment, in dem
Ulrich exerciren gelernt, sein Unteroffizier, dann ein tchtiger Landwirth, der
einen Versuch machte, die letzten Besitzthmer der verarmten Familie derer von
Asselyn, die sich vor mehr als hundert Jahren aus dem Friesischen ins Land
geheirathet, zu heben und dem dritten von drei Brdern (die ltern waren Franz
von Asselyn, der Dechant, Friedrich von Asselyn, der Vater Bonaventura's), Max
von Asselyn, Benno's Adoptivvater, in der Bewirthschaftung derselben
beizustehen. Letzter Versuch war nicht geglckt. Max von Asselyn starb bald nach
dem unglcklichen Ende, das Friedrich von Asselyn auf einer Schweizerreise in
den Alpen fand. Hedemann, geschtzt in allen diesen so eng verbndeten Familien,
folgte seinem militrischen Zgling, Ulrich von Hlleshoven, der als
Premierlieutenant seinen Abschied nahm, trug zwar nicht selbst die englische
Uniform in Quebec und am Lorenzostrom, war aber dem bis zum Obersten
Emporsteigenden immer zur Seite und kehrte, mehr als sein Freund, denn als sein
Diener, mit ihm nach Europa zurck. Zu Kocher am Fall, in der Nhe des
gutmthigen, alle schroffen Gegenstze dieser Familie mit unendlicher Gte und
Milde ausgleichenden Dechanten zu St.-Zeno, einem alten, reich dotirten Stifte,
einem der wenigen, die in ihrem alten Glanze durch die neuen Zeitlufe deshalb
unberhrt geblieben waren, weil der Kaiser von Oesterreich einen Theil der
Patronatsrechte besa, siedelte sich der Oberst Ulrich von Hlleshoven zunchst
an und man versuchte nun von dort aus, soweit es der schroffe, dstere und der
Ausshnung wenig geneigte Sinn desselben gestattete, die so gewaltsam
zerrissenen Familienbande wieder anzuknpfen. Hedemann war nach Westerhof und
dem Institut der Englischen Frulein entsendet gewesen, um den Onkel Levinus und
die Tante Benigna zur Ausshnung, Armgart aber zu einem Besuch des Vaters, den
sie nie gesehen und der seinerseits aufgesucht sein wollte, zu bewegen. Statt
der Ausshnung und statt Armgart's brachte Hedemann, der mit Benno von Asselyn,
dem von ihm fast erzogenen Adoptivsohn des verstorbenen Max von Asselyn, in der
Residenz des Kirchenfrsten zusammengetroffen und von diesem nach Kocher am Fall
auf dem Dampfboot und zu Fu begleitet worden war, einen Brief der Lehrerin
Angelika Mller an den Dechanten. Was er enthielt, wuten Hedemann und Benno
nicht, der ihn fr die Dechanei an sich nahm. Als jener dem jungen Kinde gesagt
hatte, der Vater nhme Anstand, sie in Lindenwerth selbst zu besuchen, so
sehnschtig er nach ihr verlangte, er wnsche und hoffe aber, da sie, wenn
nicht ihn, doch den Onkel Dechanten, wie Franz von Asselyn in allen diesen
Familien hie, besuche; da hatte Armgart nichts erwidert als da sie zwar von
namenlosester Sehnsucht zu ihrem nie gesehenen Vater erfllt wre, jedoch erst
mit dem Pfarrer zu Drusenheim in dem der Insel Lindenwerth gegenberliegenden
Enneper Thale, dann mit den beiden Englischen Frulein, dann mit Angelika
Mller, dann vor allem mit ihren wahren Aeltern, Tante Benigna und Onkel
Levinus, ber einen so wichtigen Schritt Rcksprache nehmen mte. Mit
schwrmerisch andachtsvollem Emporblick hatte Armgart hinzugefgt: Auch meine
arme Mutter hat Rechte auf meine Liebe und ich glaube nicht, da meine Bitte fr
sie zur seligsten Jungfrau unerhrt an der Gnadenreichen vorbergeht! ... Ihre
Mutter, Monika von Hlleshoven, lebte zu Wien noch vor kurzem in einem Kloster,
in das sie sich, aus Unmuth, ermdet vom Kampf mit ihrer Familie, entsagend
selbst auf das eigene, aus Strafe ihr geraubte Kind, vor zwlf Jahren zu einer
Freundin geflchtet hatte ... Armgart begleitete bis an die Maximinuskapelle mit
dem ganzen Institute den guten Hedemann (der Wunderdinge von den Wilden und den
Wldern und Wasserfllen Canadas, auch bei der Hinreise nicht oft genug eine
groe Rettungsthat des Vaters, die einem jungen, im Institut durch Verwandte
bekannt genug gewordenen Kaufmann aus der nahe gelegenen handelsreichen Residenz
des Kirchenfrsten gegolten, wiederholen konnte - auf der Rckreise war er
schweigsamer geworden -); dort aber war sie freilich von ihrer lblichen
Absicht, ganz und allein nur den Fragen nach Vater und Mutter zu leben,
abgekommen; denn am Ufer und schon am vielbesungenen Hneneck sah sie Benno und
den noch dazu zum ersten mal in Uniform! Benno war erst als Student dem Kinde
bekannt geworden. Sieben Jahre spter wurde er von Westerhof aus gebeten, sich
um die nach Lindenwerth zu den Englischen Frulein gegebene Armgart in sorgsamer
Obhut zu bekmmern; er wohnte dafr nahe genug in der Stadt, wo er bei Dominicus
Nck, dem groen Rechtsgelehrten, arbeitete. Seit sechs Monaten sah er sie fast
jeden Sonntag; heute aber zum ersten mal im bunten Rock, der alle
Mitpensionrinnen an ihre Brder und Vettern erinnerte. Da gab es Vergleiche,
Erkundigungen, Erinnerungen fr diese glckliche junge Welt und so viel wurde
nach dem 40., 36., 22. Linieninfanterieregiment, nach den Jgern, Husaren,
Premier-, Secondelieutenants und Fhnrichen und der Dauer der diesmaligen
Uebungen und den in einfachen Gemeinenuniformen steckenden Assessoren,
Referendaren, Doctoren und Kaufleuten gefragt, da das eine der beiden
Englischen Frulein, die das Institut dirigirten, den Verlust der Sammlung zur
Andacht in der Kapelle befrchtete und dann nur noch Armgart gestattete, ber
ihre Familienangelegenheiten, dans ses affaires, wie sie sagte - sie war eine
Strasburgerin -, mit dem so ehrbaren oder doch seinen Humor unter Ernst
versteckenden Freiwilligen sich zu necken und auszuscherzen. Diese Freiheit war
dann auch vollstndig von Armgart benutzt worden bis zum Abschiede, den Lucinde
gestrt hatte. Benno brauchte sich nicht zu stolz zu dnken auf Armgart's
Vertraulichkeit. Sie liebte im Grunde nur ein Wesen, ihre fr sie ganz
seraphische, immer nur wie in Marienkrnzen, die durch weie und rothe Wolken
gingen, eingerahmte Paula. Benno sah das aufs neue an der augenblicklichen
Erkennung eines Wesens, von dem ihr Paula nur erzhlt hatte! Von ihrer eigenen
Anwesenheit auf Schlo Neuhof wute sie nichts mehr - Hhner und Tauben und
Schwne und trkische Enten konnten in Armgart's Seele nicht haften bleiben, das
mochte geringere Naturen fesseln. Armgart hatte im Stift Heiligenkreuz eine fast
klsterliche Erziehung genossen. Frhzeitig hatte diese auch sie zur
Traumwandlerin gemacht; nicht so, wie man bei Grfin Paula in Wirklichkeit
gefrchtet, da sie's bis zum Wandeln im Schlafe bringen knnte - seitdem sie
das Streckbett verlassen, waren der Hochschlaf und die Sehergabe entschwunden -
nein, nur figrlich; Armgart sah auf jeder Wolke einen Heiligen ruhen, sah in
jeder Blume einen Elfen schlummern, sprach mit dem Monde, mit der Welle, mit dem
Steine, womit nicht alles, ohne doch darum dem Lachen und Necken abgeschworen zu
haben! Es war ein Duft um Armgart her, soviel Unwiderstehlichkeit, da Benno sie
auch bis zum Erobernmssen geliebt und angebetet haben wrde, wenn ihn nicht
zwei Mchte zurckgehalten htten. Einmal die Freundschaft fr den jungen
reichen Kaufmann Thiebold de Jonge, dem in Canada Armgart's Vater und Hedemann
das Leben gerettet hatten und der, jetzt in seine Vaterstadt, die Residenz des
Kirchenfrsten, zurckgekehrt, zu Armgart von einer wahrhaft leidenschaftlichen
Liebe verzehrt wurde. Dann aber zweitens die tiefste Verstimmung ber sein
eigenes Lebensschicksal selbst, die dunkeln Anfnge seines Daseins, mancherlei
Erfahrungen von frhester Jugend her, das bittere Gefhl, immer nur durch Andere
und Fremde erhalten worden zu sein und eine darauf sich grndende Welt- und
Lebensauffassung, die eine vllig negative und alles, was bestand, in Nichts
auflsende war. Auch die Religion war ihm Menschenwerk. Wenn Benno gegen
Grtzmachern opponirt zu haben schien und von den Vorkommnissen innerhalb seiner
Kirche mit warmer Theilnahme sprach, so war es nur aus politischen Grnden und
um der Abneigung gegen das ganze damals herrschende Regierungssystem willen.
    Whrend Benno schon von der lieblichen Armgart trumte, noch ehe er
entschlief, glaubte Hedemann nach ihm rufen zu hren.
    Er richtete sich auf und sagte:
    Hedemann! Wnschen Sie noch etwas?
    Hedemann murmelte nur ...
    Wieder drckte Benno seinen militrisch kurzgeschorenen, ihm selbst wie
nicht angehrenden Kopf in die Kissen. Waren aber auch seine Augen bald
geschlossen, so gaukelte doch Armgart vor ihnen, wie wenn sie wachten. Armgart
hatte die Elasticitt des Rehes und schelmisch standen ihr vorzugsweise drei
Dinge. Am Kinn ein Grbchen; zwei wunderlich ein wenig hervorstehende Zhne, die
man nur dann nicht sah, wenn der Mund ganz fest geschlossen war, die aber sonst
immer ein klein wenig mit ihrem blendenden Email hervorblitzten; drittens die
weder rmische noch griechische, sondern weit eher stumpfe, aber hchst
schelmisch geschwungene Nase. Ihre Augenbrauen waren so dunkel wie das Haar,
auch die Augensterne dunkelbraun mit schwarzen Punkten ... Und nun tnten
immerfort die dummen Worte, wie: Hren Sie doch, Benno! oder Was meinen Sie,
Asselyn? oder Sie Vaterlandsvertheidiger, was glauben Sie, gibt es Krieg?
oder Warum wollen Sie denn nicht General werden? oder Was? In unserer Armee
gibt es keinen einzigen katholischen Obersten? oder Wie sieht mein Vater aus?
oder Ich sticke ihm einen Cigarrenbecher, aber sagen Sie ihm nichts, Benno!
geradezu wie Musik in sein Ohr, bis er jetzt wirklich eingeschlafen wre, wenn
er nicht den wunderlichen Hedemann nun allerdings noch ganz laut htte reden
hren.
    Hedemann hielt sein Nachtgebet. Doch wute er dabei schwerlich, da es Benno
hren konnte.
    Hedemann sprach:
    O du mein Herr und Heiland! Erleuchte meinen Sinn und la mich wandeln, wie
dir wohlgefllig ist! Thu abe von mir die Werke der Finsterni und la mich
kmpfen den guten Kampf des Glaubens!
    Benno sagte sich:
    Den haben die Englnder schn in der Mache gehabt!
    Nun entschlief auch er ...
    Die Sonne schien schon hell auf sein Lager, als er erwachte.
    Er sprang auf und fand das Lager seines Mitschlfers in der Kammer bereits
leer.
    Seine Kleider hingen schon gereinigt vor ihm ber einem Stuhl ...
    Rasch schlpfte er in sie hinein und staunte beim Waschen und Haarbrsten
ber die Unruhe im Orte ...
    Er kannte doch die tgliche Lebensordnung in St.-Wolfgang und erkundigte
sich durch ein Hinabrufen im Hause nach der Ursache der Bewegung.
    Von Hedemann, der schon fertig angezogen eintrat, von Renaten, die hinter
diesem her ihn schon lange mit dem Frhstck zu erwarten erklrte, erfuhr er,
da wirklich in der Nacht der Friedhof entweiht worden war.
    Grtzmacher hatte Recht gehabt! Man hatte das Grab aufgegraben, den Sarg
heraufgezogen, ihn erbrochen, die Leiche geradezu hinausgeworfen und gierig das
Stroh durchwhlt, auf dem sie gebettet gewesen.
    Von einer ganzen Bande sprach man und von gefundenen Schtzen und
Grtzmacher war dem Knechte nachgeritten, der Lucinden gestern gefhrt hatte,
und andere waren den Italienern nach, die die Nacht in einem Orte eine halbe
Stunde weiter campirt hatten, und der Ortsgensdarm Mller war von Stockhofen
drben bereits requirirt worden und alles, hie es, forsche und jage und suche
und renne ...
    St.-Wolfgang war in wildester Bewegung und wie im Aufruhr.

                                    Funoten


1 Mrkisches Mitleidswort fr armes Ding.


                                       5.

Wo ist mein Vetter? rief Benno von Asselyn, eilends die Stiege
hinunterspringend, und vergegenwrtigte sich den Schmerz, den Bonaventura ber
ein solches Ereigni auf dem Friedhofe seiner Kirche empfinden mute.
    Er erfuhr sogleich, da Bonaventura auf dem Friedhofe die Ordnung schon
wieder uerlich hergestellt hatte und mit dem Schulzen des Ortes eine genaue
Darstellung der Vorgnge, wie sie auf dem Friedhofe gefunden worden waren, eben
schriftlich aufsetzte.
    Gern htte ihm Benno beigestanden, aber Hedemann, ein alter Soldat,
erinnerte ihn, da er heute Nachmittag Schlag fnf Uhr in Kocher am Fall zum
Appell auf dem Marktplatze stehen mte.
    Der bestellte Wagen fuhr auch schon aus dem Stern vor.
    Von Lucinden hie es, sie wrde sogleich zur Hand sein; sie htte gesagt,
man sollte nur erst die Herren abholen.
    Benno entsann sich seiner militrischen Pflichten. Hatte er doch heute schon
die weie Weste ausgelassen. Aber Bonaventura mute er wenigstens einen
Augenblick sprechen!
    Er eilte auf den Friedhof und fand den Vetter in der Sakristei der Kirche
beschftigt mit den Anordnungen einer noch im Laufe des Vormittags von ihm
bezweckten neuen Einsegnung der entweihten Begrbnisttte.
    Bonaventura war nicht nur von dem Fall an sich aufs heftigste erschttert
und von der Hoffnung, der Thter wrde nicht zu seiner Gemeinde gehren, in der
grten Aufregung, sondern er war es noch mehr von einigen Gegenstnden, die
man, als dem freventlich erbrochenen Sarge in der That entfallen, ringsumher
zerstreut gefunden hatte ....
    Mit dem allen fand ihn Benno so beschftigt, da er von seinem Freunde
gebeten wurde, sich in der Fortsetzung seiner Reise nicht stren zu lassen.
Bonaventura setzte mit der ganzen Erregung einer Natur, die in nervser
Anspannung zu leben nicht gewohnt ist, hinzu, da er nach der vollzogenen Shne
der heiligen Sttte und einer Predigt, die er zur Erschtterung der Herzen,
vielleicht zur Entdeckung des Thters halten msse, wahrscheinlich den Abend
noch selbst in der Dechanei eintreffen wrde. Einmal, sagte er, handelte es sich
um eine Anzeige beim Amte in Kocher, dann aber vorzugsweise - um einige Andenken
an seinen unvergelichen Vater, die sich denn also wirklich in dem Sarge
vorgefunden htten ... Andenken, ber welche er mit dem Onkel, dem Dechanten, zu
sprechen die Zeit nicht erwarten knne.
    Freund, dich macht der Vorfall krank! Beruhig dich! rief Benno.
    Erzhle nichts dem Onkel! erwiderte der Pfarrer. Du kennst seine Abneigung
gegen alles, was aufregt ...
    Benno mochte nicht lnger forschen, worin die gefundenen Andenken an den
Vater bestanden. Er wute, da diese Gedankenverbindung um so mehr Trbsinn in
dem reinen und kindlichen Gemthe Bonaventura's wecken mute, als sich dieser
seit einiger Zeit die Meinung gebildet hatte, sein Vater lebe noch. Bonaventura
hatte sich diese Meinung mit um so ngstlicherer Ungeduld gebildet, als er sogar
voraussetzte, der Vater wre freiwillig aus der Reihe der Lebenden geschieden,
nur um seiner Mutter mglich zu machen, seinen jetzigen Stiefvater, Herrn von
Wittekind-Neuhof zu heirathen. Wenn er dann gedachte, da die Kirche die Ehe,
auch die unglcklichste, auch die seit Jahren auf einer gegenseitigen
Unfhigkeit, die Leidenschaften zu unterdrcken, beruhende und unmglich
gewordene in keiner Weise freigbe und lste, so hatte schon Bonaventura
geglaubt, sein Vater htte sich den Schein des Todes gegeben, nur um zwei
Menschen glcklich zu machen, die auf eigenthmliche Art und, wie er aus den
Erzhlungen der alten Renate sich entnehmen zu mssen glaubte, keine mehr zu
vermeidende Weise in die engste Beziehung gekommen waren. Sieben Jahre waren
seitdem vergangen. Jetzt erst kamen ihm diese Zweifel, jetzt in verstrkterer
Gewalt. Benno kannte sie und mochte sie um so weniger wecken, als sie mit den
wichtigsten und zartesten Lebensfragen im Gemth des seinem Berufe so begeistert
hingegebenen Priesters zusammenhingen und schon oft Gegenstand von Differenzen
zwischen ihnen beiden gewesen waren. In der sichern Hoffnung, ihn vielleicht
schon am Abend beruhigter in der Dechanei wiederzusehen, nahm er Abschied,
setzte sich in den Wagen, mit dem Hedemann auf den Friedhof nachgekommen war,
und fuhr, um Lucinden abzuholen, nach dem Stern.
    Auch diese war von der Meldung des in der Nacht Vorgefallenen nicht wenig
berrascht gewesen.
    Sogleich fragte sie nach dem Gensdarmenwachtmeister. Dieser war schon
unmittelbar nach dem Lrm, der beim ersten Morgendienst des Meners entstanden
war und das Frhluten zum Sturmluten gemacht hatte, auf die Landstrae
hinausgesprengt, dem Knechte nach, der sie gestern gefahren hatte. Man
behauptete, da der Knecht die Nacht im Stall geschlafen, lange Licht gehabt
htte und sich eines Spatens aus dem Garten des Wirthshauses bedient haben
mte, den man nicht finden konnte. Die herkulische Kraft, die zu der Ausfhrung
des Frevels gehrte, lie sich ihm zutrauen.
    Nun gab das einen Schwung der Spannung und Erregung! Lucinde wusch und
erfrischte sich so schnell, als knnte sie einen Auflauf versumen. Ehe noch die
Mgde ihre Oberkleider, Hut und Schleier gelftet und entstubt hatten, war sie
schon mit dem schnell geordneten Kopfe aus dem Fenster. Der Zweispnner, eine
stattliche Chaise, stand schon vor dem Hause, ein Kutscher klatschte, Hedemann
und der Freiwillige grten.
    So zeitig schon? rief sie zum Fenster hinaus und zog ihre stehen gebliebene
kleine Taschenuhr auf, stellte sie nach dem glnzenden Zifferblatt des
Kirchthurms, hing ihr Kreuz um und drngte zur Eile. Nur Milch trank sie, etwas
schwarzes Brot a sie dazu und nach einigen Minuten, obgleich Benno von Asselyn
einmal um das andere hinaufrief: Uebereilen Sie sich nicht! stand sie unten am
Wagen.
    Nachdem sie vor der Hausthr ihre Zeche berichtigt hatte, stieg sie an der
Hand Benno's ein. Hedemann sa auf dem Bock neben dem Kutscher, der dem Stern
angehrte. Fr fremde Herrschaften war er ein Postillon, fr diejenigen, die
unter der Taxe reisten, blieb er in seinen gewhnlichen Kleidern; heute aber
hatte er sein Horn zu sich gesteckt und blies lustig mit hinein in das
allgemeine Juchhe. Es kostete das Strafe, hrten es die Gensdarmen. Grtzmacher
aber und Mller jagten dem Leichenruber nach.
    Nein! rief jetzt Lucinde, an die Erzhlung der Vorflle sogleich anknpfend.
Mein Kutscher wr' es gewesen! Ich glaub' es nicht! Ich wette, der Thter war
Herr Grtzmacher selbst! Er hat dem Pfarrer zeigen wollen, da die Polizei nicht
an Phantasieen leidet!
    So gefllig auch Benno war, ihr den Vorfall in aller Ausfhrlichkeit
mitzutheilen, verschwieg er doch seines Vetters persnliche Aufregung durch die
gefundenen Erinnerungen an dessen Vater.
    Lucinde warf dem Dorfe und dem Pfarrhause einen langen hoffnungsvoll seligen
Abschiedsblick zu ...
    Hedemann schaute unverwandt in die Ferne. Wie wenig er auch glauben konnte,
da die Italiener an dem Frevel betheiligt waren, bekmmerte ihn doch die
Belstigung, der die friedlichen Passagiere ausgesetzt sein konnten.
    Allmhlich gab sich auch der Postillon sowol mit dem Blasen zufrieden, wie
mit seinen Mittheilungen ber den neu erst im Weien Ro eingetretenen Knecht,
den Vorfall mit der Stallaterne und dem Spaten, der fehlte ...
    Lucinde schlug, da der Staub zunahm, ihren Schleier ber und forderte Benno
auf, seinen Cigarren zuzusprechen. Sie war in ihrem Leben von Jrme, vom
Kronsyndikus, Klingsohrn, Serlo genug eingeruchert worden.
    Benno folgte ihrer Erlaubni, indem er sagte:
    Mein Onkel, der Dechant, ist galanter! Sie werden bei ihm von Tabackrauch
nie belstigt werden!
    Wie alt ist der Dechant? fing sie nach einer Weile an.
    Ah, ah! erwiderte Benno. Wie alt! Fragen Sie das nie in der Dechanei! So alt
wie Methusalem ist er nicht, aber so jung auch nicht, wie - von der guten Frau
von Glpen, die nun schon dreiig Jahre seine Wirthschaft fhrt, seine
Geburtstage numerirt werden!
    Dreiig Jahre? unterbrach Lucinde.
    Eher mehr als weniger! erwiderte Benno.
    Und zu Hedemann hinaufrufend, fuhr er fort:
    Nicht wahr, Hedemann, als Sie vor zehn Jahren nach Amerika gingen, schwankte
der Onkel um das Ende der Sechziger herum? Er mte demzufolge jetzt siebzig
sein! Aber ich will nicht gut dafr sagen, da nicht Frau von Glpen seine
nchste Geburts-oder Namenstagstorte nur mit sechzig kleinen Wachsendchen
besteckt!
    Lucinden machte der Name Glpen in Verbindung mit einer Geburtstagstorte
einen fast mrchenhaften und in der Wirklichkeit kaum mglichen Eindruck.
    Hat Frau von Glpen, fragte sie, nicht eine Verwandte, die sich Frau von
Buschbeck nennt?
    Benno versicherte, diesen Namen nie gehrt zu haben.
    Hedemann! rief er; hat die Tante eine Verwandte, die sich Frau von Buschbeck
nennt?
    Lucinde ergnzte: Eine Schwester vielleicht?
    Hedemann oben zuckte die Achseln.
    Das Jahr 1809, wo ihre ehemalige Peinigerin von ihrer Lebenshhe gestrzt
sein sollte, lag ber die Erinnerungen der sie umgebenden Generation hinaus.
    Benno drckte am Wagenschlag die Asche seiner Cigarre ab und sagte ironisch:
    Wir sind vielleicht an eine zu groe Anzahl von Verwandten unserer verehrten
Frau von Glpen gewhnt! ... Ihre Nichten wenigstens ... Nicht wahr, Hedemann,
die Nichten der Tante -
    Erstes Kennzeichen Ihres Onkels, schnitt Lucinde die zweideutige Anspielung
auf den Deckmantel fr die weibliche Bewohnerschaft einer geistlichen Wohnung ab
- Erstes Kennzeichen also Eitelkeit!
    Eitelkeit? sagte Benno. Vielleicht auf seine weien Hnde! Und doch nicht!
Diese Selbsttuschung ber den Geburtstag gehrt zu des Onkels Philosophie!
    Zweites Kennzeichen: Philosophie! Welche Philosophie? Die, welche dem Dr.
Laurenz Pttmeyer zu Eschede noch immer nicht den Hegel'schen Lehrstuhl und
Frulein Angelika Mller einen Mann verschafft hat?
    Sie sind unterrichtet! lachte Benno. Nein, keine von unsern
Haarrauch-Philosophieen, die die Dogmatik trigonometrisch beweisen wollen und
zuletzt doch an einem Breve des Papstes zu Grunde gehen, wie die da, die seit
ein Paar Tagen auf unserer Universitt drben zu leben aufgehrt hat!
Allerliebst, wie in unsere schne deutsche Kunst und Wissenschaft hinein ein
solches rmisches Kapitel sein Kannichverstan hineinsprechen und sogleich so
in ihr herumwhlen und aufrumen darf, wie hoffentlich jetzt die Bauern von
St.-Wolfgang nicht unter den Gtterbildern des guten Napoleone aufrumen ...
Sehen Sie nichts, Hedemann?
    Nichts! ... war die Antwort des zuweilen seine zusammengelegte Hand wie ein
Perspectiv gebrauchenden Gefhrten.
    Napoleone erzhlte mir, der Dechant liebe die Antike! fuhr Lucinde fort. Ein
Sohn Ihrer Heimat und ein Liebhaber der Kunst? ...
    Indem rief Hedemann einige Bauern an, die eilends des Weges kamen.
    Sie waren aus St.-Wolfgang und sagten aus, da bei den Italienern nichts
gefunden wurde, was auf ihren Antheil an dem nchtlichen Verbrechen htte
schlieen lassen knnen.
    Wie mag man die Armen belstigt haben! sagte Lucinde nach einer Weile und
summte, da Benno ber die von ihr angedeutete Unvereinbarkeit seiner zweiten
Heimat mit dem Schnen in Nachdenken verfiel, vor sich hin die Worte Mignon's:

Es glnzt der Saal, es schimmert das Gemach,
Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
Was hat man dir, du armes Kind, gethan!

    Fr den da oben scheint allerdings Porzia zur Mignon geworden! flsterte
Benno und deutete auf Hedemann, der ber die Unschuld der Italiener Zeichen der
grten Genugthuung gab.
    Die Gegend gewann inzwischen einen bestimmter ausgeprgten Charakter. Man
befand sich auf der Absenkung eines groen Thalbeckens, das viele Meilen weit
sich in wellenfrmigen Senkungen und Erhhungen hinzog bis zu den Gebirgen, die
Deutschland von Frankreich trennen. Der Naturforscher kennt diese Gegend als
eine, die ihre urweltlichen Bildungsformen nicht verleugnet. Graue Basaltkegel
stehen oft in der Mitte dieses Hgellandes als Reste vulkanischer Ausbrche.
Einsam ragen die abgestumpften Felsgestalten, von dnnem Zwergholz berwachsen.
Oft steigen sie schroff bis zu den schrfsten und dann und wann mit einem Kreuz
gezierten Spitzen hinan. Von einem hhern Punkte gesehen ist der Fernblick
meilenweit, aber er ist nicht mehr wohlthuend durch Saatengrn und lichthelle
Waldungen, das Land wird unfruchtbar und wie von Steinen berstreut. Vulkane
mssen hier einst einen feurigen Hagelregen aus dem glhenden Innern der Erde
geschleudert haben. Bei einzelnen etwas grnen Stellen, aus denen ein Kirchthurm
hervorragt, kann man immer annehmen, da sich dort das stete unterirdische
Sieden und Kochen auch an einer wohlthtigen Quelle verkndigt, deren Wasser an
Ort und Stelle zum Baden dient, erkaltet in Krgen weiter ins Land gefhrt wird.
Kleine Seen finden sich viele; desto weniger Bche. Der einzige grere ist
jener Fall, an welchem Kocher liegt, eine von jenen uralten, schon in die
Rmerzeit zurckreichenden Stdten der sagen- und erinnerungsreichen Gegend.
    Hatte man weniger den zuletzt vom Hundsrck und den Ardennen begrenzten
dstern Hhenblick, so fehlte es abwrts in den Kesselthlern nicht an
Abwechselung. Die Cultur hatte dem steinigen Boden abgerungen, was diese nur an
Fruchtbarkeit, wenn auch nur fr Gerste und Hafer, irgend hergeben wollte. Und
belebt war bei alledem die Gegend doch. Selbst auf der Landstrae begegnete man,
auer Landbewohnern, Soldaten, die wie Benno sich beim Stabe einstellen muten,
manchem Geistlichen zu Fu, manchem im Wagen; des Verbeugens vor Heiligenbildern
und vor offenen Kirchthren wurde fast kein Ende und selbst vor einer Procession
mute der Wagen halten. Jetzt nach der Ernte begannen die Wallfahrten zu manchem
wunderthtigen Gottes- oder Heiligenbilde. Auch war man ziemlich nahe schon
jener hochbegnadeten Stadt, die den heiligen Rock des Herrn selbst besitzen will
und allerdings die ltesten Mrtyrer und Heiligen aufzuweisen hat, ja die den
heiligen Athanasius einst beherbergte, als er aus Aegypten vor den Arianern
floh. Die Zeit war herangekommen, wo gerade des Athanasius' Andenken lebhaft
erneuert werden sollte; mancher hohe Wrdentrger, ja der Kirchenfrst der
Provinz selbst eiferte ihm nach.
    In einem Drfchen wurde gefttert.
    Als man gegen zehn Uhr weiter fuhr, fiel es auf, da die Reisewagen mit
hhern Geistlichen sich mehrten ...
    Benno erinnerte wiederholt daran, da in Kocher eine geheime Verabredung
sollte getroffen werden, der selbst Dominicus Nck, sein Principal, nicht fremd
war.
    Er meinte jenes Rtli, auf dem Bonaventura als Tell fehlen durfte, ob
Lucinde gleich, zur Mehrung ihrer Erregung, allmhlich vernommen hatte, da der
Pfarrer vielleicht doch noch diesen Abend gleichfalls in der Dechanei eintreffen
und so sich schon sobald ihr seliges Hoffen erfllen knnte, wie oft - wie oft
Ihm nahe zu sein! ...
    Mit dem Steigen der Sonne wurde es schwler und schwler. Gegen elf Uhr
kndigte sich ein Gewitter an. In der Gegend von Kocher her lagerten sich schon
dunkle, tief graublaue Wolken ...
    Benno fing allmhlich an in seiner schroffen Beurtheilung Lucindens
nachzulassen. Einzelne ihrer Redewendungen, das Mitleid mit den Italienern, die
vor einigen Stunden fast mit Rhrung gesprochenen Goethe'schen Verse hoben ihm
immermehr ihre Erscheinung. Da sie die schwle Luft bestimmte, den Schleier
zurckzulegen, so musterte er mit geringerer Abneigung auch ihren heute fast
vornehm sich gebenden uern Eindruck. Lssig und wie hingegossen lag sie in der
Ecke des Wagens. Der schottische Mantel war ihr von den Schultern geglitten und
so krampfhaft auch der jetzt eingeschlagene kleine Sonnenschirm von ihr auf die
grauen Zeugstiefelchen, die den kleinen Fu bedeckten, gestemmt wurde, der
Eindruck war der der Ruhe und fast einer hhern Ergebung. Gestern hatte sie von
der Anstrengung und Ermdung der Reise lter ausgesehen als sie war. Heute gab
ihr eine geringere Rthe des Antlitzes, ja ein wachsbleicher Teint etwas
Vergeistigtes. Die langen schwarzen Wimpern bedeckten die unruhigen Augen. Die
Athemzge wurden ersichtlich aus der hoch sich hebenden Brust. Es war wie ein
Hauch ber ihr ganzes Wesen gekommen, der ihre Formen anschwellen und sie in
plastischerer Vollkommenheit erscheinen lie.
    Benno spielte mit seiner Cigarre den Gleichgltigen und war es schon lange
nicht mehr. Er sah hierhin und dorthin und gab sich, wie absichtlich, den Schein
der Gewhnlichkeit und prosaischsten Nchternheit; dennoch hielt er bei alledem
den Gedanken fest: Wenn sie sich nur nicht rhrt! Wenn sie nur in dieser
Stellung verharrt, die Augen, die kalten, nicht aufschlgt, nicht redet, ganz so
bleibt, wie sie dasitzt, fast liegt, trumerisch, ohne Berechnung, ohne
Koketterie und Bewutsein von ihrem sich mehrenden Reize!
    Lucinde merkte aber schon das Interesse, das sie einflte. Leise blitzte
unter den Wimpern ihr Auge. Fast seitwrts schielend sah sie auf. Die Magie des
Eindrucks war zerstrt.
    Woran dachten Sie eben, Frulein? fragte Benno erschreckend vor einem so
immer in Thtigkeit verbleibenden Verstande.
    Lucinde blieb in ihrer hingegossenen Stellung, rckte und rhrte sich nicht,
senkte die Augen und sagte:
    Ich sehe Bilder vor mir, die mir Mignon und der Harfner weckten ...
katholische Bilder ...
    Malen Sie sie aus!
    Benno blies den Dampf seiner Cigarre fort.
    Ich sehe ein Schlo und sehe Menschen ... die ganz wie in Mondschein
getaucht sind ... Ein schner Park umgibt das altmodische Gebude ... Es hat
epheubewachsene Thrme und Galerieen ... Kleine Buchsbaum- und Taxushecken
ziehen sich unter den Fenstern hin ... Springbrunnen rieseln ... Pfauen schlagen
ihre schnen Rder .... Bildsulen lauschen versteckt aus Jasmin- und
Geisblattbschen ... Dazu ertnt vom Sller die Mandoline ... Ein Pilger schlgt
sie ... Auf der Altane werden von einer Dame Lieder gesungen aus einem alten
Pergamentbuch ... ein Mnch, der Liebling und Erzieher des Hauses, steht hinter
ihr und schlgt die Noten um ... Und wenn dann fernher die Glocken klingen oder
ein Jger im Walde ein Ritornell verhallen lt, geht alles zur Ruhe ... Nun
steigen die lieben Englein nieder ... Die kleinen bausbackigen Jungen schleppen
Violinen und groe Contrabsse herbei ... sie musiciren und das so, da die
Frsche mit Jubel einfallen, die Heimchen mitschrillen ... Alles neckt sich ...
Blume und Kfer ... bis endlich die Sonne am fernen Horizont mit rosigen
Streifen sich ankndigt ... Willkommen o seliger Morgen ... Alles blitzt im Thau
... es lutet zur Messe ... dann Wagengerassel ... es kommen vornehme Abbates
und Prlaten ... die Kinder des Hauses spielen mit ihnen nach der Andacht,
spielen selbst mit dem Strick des Franciscaners, der am Abend die Noten
umschlug, und lassen ihn Pferdchens springen ... dazu summen die Bienen,
schwirren die Kfer ... und wenn bei Tisch auch noch soviel Wein aus schnen
hochgespitzten bunten Glsern getrunken wird und braunglnzende Braten hoch
aufgetragen werden, wie in den Bildern des Paul Veronese ... es geht doch heilig
und weltlich immer in eins ... die Reste des Mahls und Wein, diesen in einer
hohen strohumwundenen Flasche, schickt man dem frommen Eremiten Federigo unter
den Eichen von Castellungo, der dafr die Kinder mit Bildchen beschenkt, die er
in seiner einsamen Htte malt ... oder sie das schwere, wie Steine rasselnde
Deutsch lehrt, wenn es zufllig Kinder eines italienischen Conte sind ... oder
ihnen in seinen hohlen Eichen Rendezvous vermittelt, wenn sie grer werden und
verliebt sind ... Doch sehen Sie nur, unterbrach sie sich in ihrer Schilderung
pltzlich selbst; es gibt wirklich ein Wetter!
    Sie Glckliche, lachte Benno, Sie knnen Ihre Phantasie zu Hlfe nehmen,
wenn nicht alles auf der Dechanei so zutrifft, wie Sie's sich gedacht und
ausgemalt haben!
    Ganz recht, besttigte Lucinde, eben die Dechanei, die dacht' ich mir so ...
mutatis mutandis -
    Mutatis mutandis? wiederholte Benno und sah sie, erstaunend ber ihr Latein,
an.
    Ich meine die Kinder ...
    Verstehe! Verstehe!
    Es trat eine Pause ein, in der Lucinde den Triumph genieen konnte, sich
sagen zu drfen: Du kalter, eingebildeter junger Mensch, glaubtest mich so ber
die Schultern ansehen und nach den Aussagen der alten Renate, Grtzmacher's und
wer wei, ob nicht auch deines so grausamen, so tugendkalten und mich
glcklichunglcklich machenden Bonaventura beurtheilen zu knnen!
    Und auch Benno fhlte vollkommen, was sie dachte. Nach einer Weile sagte er:
    In der Hauptsache werden Sie es wirklich so in der schnen Dechanei finden!
Sie knnte allerdings ganz in ein Gedicht von Clemens Brentano passen! Selbst
die Pfauen fehlen nicht! Noch mehr, der Onkel hat einen alten Diener, dem er
gestattet in den Sternen zu lesen ...
    Das ist schlimm fr seine Teller! unterbrach sie. Aber?
    Frau von Glpen ...
    Frau von Glpen?
    Benno zuckte die Achseln und deutete an, da mit diesem Namen die in Kocher
am Fall zu erwartende Poesie ein Ende htte.
    Lucinde verstand diese Geberde. Mit tiefschneidender Ironie sagte sie:
    Also Frau Renate die Zweite!
    Und wie sie dann hinzufgte: O Mnner! Mnner! ... so war dies doch ein Ton,
als htte Benno aufspringen mssen, ihre Arme zu fassen und sie niederzudrcken
mit den Worten: Schwaches Weib, glaubst du denn allmchtig zu sein? ... Es war
der Glutenstrom, den Armgart gestern aus ihr herausgehen gefhlt hatte, der
Glutenstrom, unter dessen Gewalt vielleicht die Grfin Paula vergangen wre,
wenn sie nicht Bonaventura durch ihre Entfernung gerettet htte; aber auch der
Glutenstrom wieder, der ihm sympathische Naturen heben und zum Gefhl der
Unsterblichkeit htte beleben knnen und von dem sich trennen zu mssen einst
Klingsohrn zur Verzweiflung brachte.
    Zum Glck fr Benno's sich mehrende Aufregung gab es Zerstreuungen am Wege
und bald auch khlte er sich ab durch Lucindens rckkehrende Koketterie. Sie
sprach von Armgart und verrieth ihre Absicht, ihren Begleiter zu Vergleichungen
zu veranlassen. Nun war es aber doch wie eine sanfte Musik, die ber Benno sich
ergo, als er Armgart so nennen hrte. Mit jener ironischen Schrfe, die seinen
Zgen nicht bitter oder gar faunisch wie Klingsohrn, nicht elegisch wie Serlo
stand, sondern die eine groe Anmuth in dem mnnlichen, edelgeformten Antlitz
verbreitete, die schnsten Zhne zeigte und den Augen eine schelmische
Gutmthigkeit lieh, sagte er:
    Lieber Himmel, mein Frulein! Sind Sie denn wirklich schon so alt, da Sie
sich an Armgart's Jugend ewig rchen zu mssen glauben! Lassen Sie doch die
Kleine noch so kindisch sein wie sie ist! Hedemann, wie oft haben Sie ihr die
Rettungsthat aus Canada erzhlen mssen?
    Hedemann wandte sich und sagte, er selbst htte das nur einmal gethan, aber
Herr de Jonge wol ein Dutzend mal.
    Herr de Jonge! fuhr Lucinde, die Vennon ber seine Aeuerung nicht zrnte,
fort. Wer ist Herr de Jonge? Ein Reisegefhrte des Herrn Hedemann? Erzhlen Sie!
Wir genieen das Gefhl, noch im Trockenen zu sitzen! Sehen Sie nur dort drben,
oberhalb der schwarzen Berge, wie es da schon niedergiet!
    In Kocher am Fall! besttigte Benno mit nachdenklichem und zerstreutem Tone.
    Also, Herr Hedemann! Die Rettung aus Canada! Wer ist Herr de Jonge?
    Sie werden ihn vielleicht in der Dechanei finden! erwiderte Hedemann und um
gleichsam auf diese Art der Erzhlung berhoben zu sein.
    In der Dechanei? Um so mehr mssen wir auf ihn vorbereitet sein! Wer ist
gerettet worden? Wer hat gerettet? Erzhlen! Erzhlen!
    Diesem Humor lie sich nicht widerstehen ...
    Benno zndete sich eine neue Cigarre an und begann:
    Das beste Schiffsbauholz -
    Hedemann hielt sich auf dem Bock die Ohren zu, als wollte er sagen: Diese
tausendmal wiederholte Geschichte! Ich kann sie nicht wieder hren!
    Das beste Schiffsbauholz, fuhr Benno mit um so grerm Nachdruck fort ...
    Die Cigarre war noch nicht im Gange ...
    Das beste Schiffsbauholz - wiederholte Lucinde, um gleichsam den Faden
festzuhalten ...
    Bieten die Urwlder Canadas! Sie wissen doch, Frulein, wo Canada liegt?
    Lucinde dachte an ihre Langen-Nauenheimer Wandlandkarte und zeigte mit dem
Sonnenschirm fest und sicher nach Westen hinaus.
    Mutatis mutandis! bemerkte Benno ... Es konnte heien: Wer Latein kann, wei
auch das! Oder: Da so herum ist allerdings richtig, aber Amerika besteht nicht
aus Canada allein!
    Das beste Schiffsbauholz, fuhr er fort, bieten die Urwlder Canadas, und die
bequemste Gelegenheit, es auf dem Lorenzostrom und von da ins Weltmeer und nach
England und Holland zu transportiren, findet man bei den vielen Nebenstrmen des
Lorenzo durch die furchtbaren Flle derselben. Ich wei nicht, ob sich unser
Freund Thiebold de Jonge, Sohn der groen Handels- und Holzfirma De Jonge's
Erben drben in der Residenz des Kirchenfrsten, auf dem St.-Moritzstrome quer
ber die tausendjhrigen Eichen setzte und mit ihnen die drei- bis fnfhundert
Fu strzenden Flle hinunterschwamm in seinen carrirten schottischen
Inexpressibles; nur so viel ist geschichtlich bekannt geworden und in
Lindenwerth der abendliche Geisterspuk, wenn die Englischen Frulein ber die
Lectre des Telemaque einnicken, da eines Tages, Sonntags, nicht wahr,
Hedemann? ...
    Sonntags ... antwortete dieser kopfschttelnd ...
    Eines englischen Sonntags also, wo die Englnder auch in Canada daheimsitzen
und keine Landpartieen aus Quebec oder Three Rivers in jene Gebirge hinauf
machen, aus denen der St.-Moritz mit den tausendjhrigen Eichen der Firma De
Jonge's Erben niederstrzt - zwei so melancholische Hypochonder wie der Oberst
von Hlleshoven und sein Freund und Rathgeber da, Remigius Hedemann aus
Borkenhagen bei Witoborn, nach Montreal wollten oder nach Isle de Jesus, wo man
noch eine gute und richtige rmische Messe zu hren bekommen kann in dem
abtrnnigen ketzerischen Amerika ...
    Hedemann schttelte den Kopf ...
    Nicht? fuhr Benno fort. Sieh! Sieh! Euch denuncir' ich doch noch der
Inquisition! Ihr kommt mir beide schon lange so vor, als wenn Ihr in den alten
Wldern, wo die Indianer dem groen Gotte scalpirte Menschenkpfe zum Opfer
bringen, heiligere Schauer versprt haben wollt als in unserer alten
borkenhagener Dorfkirche! Schmt Euch! Steigen die beide da nun herum ber die
Felswnde in der Nhe des kleinen Patersonsees und trumen von vergangenen Tagen
und knftigen englischen Halbsoldpensionen. Da scheu sie pltzlich einen jungen
lustigen Dandy gerade unter dem letzten Sturz des St.-Moritz herumhpfen, wie
wenn er htte eine von den Tchtern der hochmgenden Frau Walpurgis Kattendyk
zum Tanze fhren wollen! Die reichste Familie drben in der Residenz des
Kirchenfrsten, Frulein!
    Keine Ausschmckungen! sagte Lucinde.
    Der Oberst, fuhr Benno fort, zeichnet gerade den malerischen Sturz, Hedemann
raucht eine transatlantische Originalcigarre, da verschwindet pltzlich der
Tnzer und beide wissen nicht, war es ein absichtlicher oder unabsichtlicher
Entrechat, nach dem die beiden Firnistiefel pltzlich aufhrten in der Sonne zu
glitzern. Von einem Hlferuf konnte nicht gut die Rede sein, denn der St.-Moritz
donnert dort zwar nicht wie der Niagara, spricht aber doch immer noch
vernehmlicher als unser immer zahmer und kleinlauter werdender Rheinfall bei
Schaffhausen ... (ob man sich gleich auch noch jetzt bei dem in der Taxe fr die
Ueberfahrt verhren und drben einen Franken zahlen kann, wenn man hben nur auf
einen halben bedungen zu haben glaubt). Ringsum, wie gesagt, englischer Sonntag!
Man wute, da in einem Orte Namens Forges eine Colonie von Flern wohnt, die
jedoch auf keine sonntgliche Wasserpartieen begierig schien und daheim trotz
der Hitze vielleicht irgendeinen soliden Gin-Punch braute. Nur jenen einen
Tnzer hatte man bemerkt. Da er nicht wieder zum Vorschein kam, wurden unsere
Menschenfeinde denn doch ein wenig unruhig, und der rgste aller Timone, dort
unser Hedemann, beliebte zu uern: Wenn nur das Brschchen nicht in den Sturz
gefallen ist! In den Sturz nmlich, von dem man die ganze Ausdehnung von dem
Orte, wo sie sich befanden, nicht bersehen konnte! Man macht sich nun
allmhlich auf, klimmt empor, erreicht den Rand der Felsen, durch die der
St.-Moritz sich hindurchdrngend in einen Kessel niederstrzt, aus dem hochauf
eine riesige Schaumkrone sich erhebt und dann pfeilgeschwind weiter gleitet dem
Lorenzo zu. Sie entdecken da nichts. Alles still; nur wilde Vgel fliegen quer
ber den Sturz, dessen Schaumtropfen hoch hinaufspritzen, da die Dinger wie
taumelnd mit benetzten Flgeln das Weite suchen ... Da pltzlich entdeckt
Hedemann's scharfes Auge unten an einem Felsenvorsprung eine Mtze, eine so
elegante, wie sie nur Herr Thiebold de Jonge getragen haben konnte. Nun stand es
fest, da der Tnzer verunglckt war. Zu sehen war nichts. Man rief englisch,
deutsch, franzsisch. Keine Antwort. Aber die Mtze lag da auf der Felsenkante
und erst von dieser an konnte man senkrecht in die Tiefe blicken. Nun wuchs die
Besorgni. Sie steigerte sich mit dem immer gleichen Donnern und Zischen der
aufspritzenden weien Strudel, die ihr Opfer verschlungen hatten, wenn der
Gestrzte nur einen Fu breit von der Felswand weiter entfernt lag und sich im
Niedergleiten nicht an der Wand irgendwie noch hatte halten knnen. Wer stieg
die Wand zuerst hinunter, Hedemann?
    Der Oberst!
    Erzhlen Sie selbst, Herr Hedemann! unterbrach jetzt Lucinde. Herr von
Asselyn, scheint es, brodirt die Geschichte, wie wenn sie in den Exercices des
strasburger Englischen Fruleins gestanden htte zum Uebersetzen ins Deutsche!
    Da Benno es des drohenden Nherkommens der aus zwei Richtungen
heraufziehenden Gewitter wegen fr gerathen halten mute, vorlufig das
Hinterdeck der Chaise aufzuschlagen, wobei ihn der Quasi-Postillon
hinunterspringend untersttzte, so nahm Hedemann nach Benno's Ausdruck nicht nur
die Leine, sondern auch den Faden der Erzhlung auf und berichtete schmuckloser.
    Er erzhlte, da anfangs der Oberst und er, beide zu gleicher Zeit, den
Entschlu gefat gehabt htten, sich gegenseitig untersttzend bis zu dem
Vorsprunge niederzusteigen, wo die Mtze lag. Freilich war damit schon
Lebensgefahr verbunden, doch rollte kein Steinchen von der fast senkrecht
niedergehenden Felsmauer. Bedenklich wre schon das Wagni gewesen, sich nur
berzubeugen und weiter in die Tiefe zu sehen. Der Oberst htte das aber gethan,
whrend Hedemann, sich mit den Fingern in die Wand einbohrend, ihn krampfhaft
gehalten. Lautlos htte er nach erstem Bekmpfen des Schwindels sich wieder
zurckgelehnt und nur mit dem Kopfe genickt, als knnte schon der Schall der
Worte die Kraft haben, die schmalen Steine, auf denen sie sich hielten,
loszubrckeln. Mit Lebensgefahr wre man emporgeklommen und nun htte der Oberst
berichtet, da ein junger Mann dicht am Rande des tosenden Sturzes anscheinend
todt lge. Er wre dann gerettet worden ...
    Was? Wie? fuhr Benno auf. Wer erzhlt so!
    Zerschmettert vom Niedersturz, fuhr er mit pathetischer Stimme fort;
zerschmettert vom Niedersturz konnte der Verunglckte nicht gewesen sein, denn
der Fall war dicht an der Felswand entlang; ein Beweis, da der Gefallene
anfangs die Besinnung behalten hatte und an der Felswand niedergeglitten war.
Unten aber konnte die Erschpfung, ja schon der Luftdruck des niederstrzenden
Flusses, der bereits an dem kleinen Pavillon zu Lauffen beim Rheinfall den Athem
benehmen kann, ihn vielleicht nicht mehr zur Besinnung kommen lassen -
    Sie muten wol, fragte Lucinde zu Hedemann, wie zu einer authentischem
Quelle hinauf, nach jener Colonie, wo die Holzschlger wohnten?
    Sehr richtig, mein Frulein! sagte Benno. Eine halbe Meile, und des
beschwerlichsten Weges! Es vergingen drei Stunden, bis man an der einzigen
Stelle, wo die Rettung mglich war, mit Stricken, Leitern und Stangen ankam. Der
Schrecken war nicht gering in der Colonie. Der junge respectable Herr Thiebold
de Jonge hatte diesen Spaziergang auf eigene Hand gemacht, whrend zwei Commis,
ein Diener und einer der besten Holzmesser des Geschfts, der die jungen Leute
auf dieser Gewinn versprechenden Unternehmung begleitet hatte, in der
Niederlassung zum Studium canadischen Gin-Punsches zurckgeblieben waren. Die
Verzweiflung derselben verdreifachte die Anstrengungen, die man zur Rettung
machte, und doch wrde sie nicht gelungen sein, wenn das schwierige Anbringen
der Leitern, der Stricke und Stangen nicht von den beiden tapfern Soldaten
geleitet worden wre. Der Oberst war der erste unten. Der Verunglckte lebte
noch. Er war allmhlich von einer Betubung erwacht, um mit Schaudern zu
gedenken, da er, wenn ihn niemand hier aufsuchte, des elendesten Todes htte
sterben mssen. Eine Stunde verging in dieser grauenvollen Vorstellung. Sein
Rufen verhallte im Wassersturze. Endlich kam Rettung. Sie war schwierig, aber
sie gelang, wie Sie heute noch an meinem Freund de Jonge sehen werden. Sie
gelang auf folgende Art. Erstens...
    Genug! Genug! sagte Lucinde und wandte sich an Hedemann: Das gab gewi eine
glckliche Scene!
    Des Dankes? Der Rhrung? Im Gegentheil! antwortete pathetisch fr diesen
Benno. Unsere zwei Shne der Moorheide enthllten nur oberflchlich ihr
Incognito, nahmen vor zwei Jahren den gleichgltigsten Abschied von ihrem ewigen
Schuldner, nicht einmal einen schnen Gru bestellten sie durch ihn nach
Borkenhagen oder Westerhof oder Kocher am Fall. In Quebec erfuhr der Gerettete
die Namen des deutschen Obersten und seines nicht im activen Dienste stehenden
Gefhrten; er wollte ihre Rckkehr in Garnison abwarten, aber sein Schiff war
klar, er reiste ab mit Hinterlassung einer Menge von Danksagungen und
Geschenken. Erst hier in Europa sahen sie sich zufllig in der Residenz des
Kirchenfrsten wieder. Heute in Kocher am Fall bei diesem Wolkenbruch werden sie
sich an die Strudel des St.-Moritzflusses zurckversetzt fhlen!
    In der That brach jetzt das Wetter auch ber die Reisenden mit furchtbarer
Gewalt aus.
    Man bot Hedemann an, da auch das Vorderverdeck aufgeschlagen wrde und er
schleunigst hereinkme.
    Hedemann ffnete aber nur den Soldatenmantel Benno's und lehnte einen
Aufenthalt um so mehr ab, als ein in der Nhe liegendes Wirthshaus bei schnellem
Zufahren sofort erreicht sein konnte. Dort wollte man Rast halten und den Wagen
vollends verschlieen.
    Das Wirthshaus lag an einem Kreuzpunkte mehrerer Landstraen.
    Immer grer wurde die Zahl der sich eilenden soldatischen Kameraden, die in
Blusen und Kitteln gen Kocher zogen. Manche Bekanntschaft gab es in der jhen
Flucht der sich Bergenden mit winkender Hand zu gren. Auch der Major der
Gensdarmen, unter dem Grtzmacher stand, wurde auf einem Gaule dahinjagend
ersichtlich... Von der nrdlichen Strae kam ein geschmackvolles Reisecoup
herangesprengt... Zwei Uniformen saen darin, die aus dem Wagen sich vorbeugten,
eine, die einem Offizier, eine andere, die, wie Benno, einem Gemeinen
angehrte....
    Letzterer sprang in dem Gedrng an dem Wirthshause noch vor dem Offizier
heraus.... Und wie fast zu gleicher Zeit auch das Gefhrt aus St.-Wolfgang
anhielt und der Soldat den im triefenden Mantel sitzenden Hedemann erkannt
hatte, kam er zu diesem herangesprungen, ihm die Hand zu schtteln und ihn fast
zu umarmen. Jetzt hielt ein Diener in Livree einen Regenschirm ber dem Soldaten
- ein wunderlicher Contrast zu seiner Jacke als Gemeiner. In dem Durcheinander
des Erkennens, dessen Reihe nun auch an Benno kam, des Verfahrens, der
Begrungen da und dort, des aus dem herabgelassenen Schlage Hinausspringens und
unter das schtzende niedere Dach Eilens auch von Seiten Lucindens war ihr
vernehmbar und ersichtlich geworden, da der neue Ankmmling Herr Thiebold de
Jonge war.
    So eilig sie in die dumpfe, von Menschen berfllte Wirthsstube lief, sah
sie doch, da der am Wasserfall von St.-Moritz Gerettete eine schlanke Gestalt
von lebhafter Beweglichkeit und dreisten und geflligen Formen war. Er trug
helle Glachandschuhe, Firnistiefel, eine Piquweste unter der nur am obern
Knopf geschlossenen Uniform vom feinsten Tuche und eine carrirte Reisemtze, wie
sie mehr einem reisenden Englnder als einem Landwehrmann angehren konnte.
    In der Wirthsstube sah man Soldaten, Bauern, Viehtreiber, Hausirer,
Geistliche, alles was der Regen nur hereinfegte. Lucinde hrte bald, da der
Vorfall mit dem Grabe in St.-Wolfgang schon allgemein bekannt geworden war ...
Major Schulzendorf errterte ihn drauen mit den eben Angekommenen und dem
Landwehroffizier, dem Begleiter Thiebold's ... Hedemann war inzwischen
verschwunden. Ohne Zweifel suchte er die nicht sichtbaren Italiener auf. Da sie
zugegen waren, sah Lucinde an ihrem ausgespannten Wagen vorm Hause.
    Angegriffen von der Fahrt, erregt von allen neuen Mittheilungen und
Eindrcken, fast erstickend von der Schwle des kleinen Saales und betubt von
den lrmenden Stimmen der vielen Menschen, stand sie am Fenster. Die Blitze
warfen ber die ganze Ebene hin ein magisches Licht. Seltsam glnzte und
strahlte das graue Gestein der vulkanisch zerrissenen Gegend.
    Ihre Begleiter kamen nicht in den Saal und sie selbst mochte sie nicht
aufsuchen. Sie erfuhr, da es bis Kocher nur noch eine halbe Stunde zu fahren
war.
    Schon nach kurzer Zeit hatte im Regen der Kutscher den Wagen drauen ganz
geschlossen, wie sie am Fenster stehend beobachtete. Die Pferde wurden nicht
ausgespannt und Lucinde konnte annehmen, da ihre Begleiter sofort weiter zu
fahren wnschten.
    Doch kamen sie lange nicht zurck ...
    Sie wartete und wartete ...
    Es verging fast eine halbe Stunde.
    Endlich lieen sich drauen schon die Italiener sehen.
    Auch der Regen hrte auf. Die Wolken theilten sich. Die Italiener schienen
an ihre Weiterreise zu denken.
    Lucinde trat jetzt aus dem Saale hinaus, wo sie so lange am Fenster sinnend
und trumend gestanden hatte.
    Sie suchte nach ihren Reisegefhrten, die sie so auffallend vernachlssigten
...
    Eben war sie im Begriff, den Alten, Napoleone Biancchi, zu gren, als sie,
unter dem Thorwege stehend, nach dem Hofe und Garten zu einen lauten Wortwechsel
und pltzlich aufs allerheftigste eine Stimme: Hedemann! rufen hrte.
    Sie wandte sich. Mehrere andere folgten ihrem Beispiel. Einige der Hausirer
sprangen hinzu nach der Gegend hin, wo der Ruf hergekommen war.
    Das war ja Benno's Stimme! sagte sich Lucinde.
    Wie sie dem Beispiel der andern folgend sich wandte, um dem Hofe zuzueilen,
kreuzte ihre Schritte, wie auf der Flucht, leichenbla und mit furchtentstellten
Zgen, Porzia ... Ihr jngerer Bruder Catone lief hinter ihr her und trug ihren
Hut, der ihr entfallen gewesen schien.
    Trug diese Begegnung schon den Charakter eines Moments - denn ebenso schnell
war Porzia verschwunden und auf dem Wagen bei ihrem staunenden Vater und ihrem
ltern Bruder, der schon die Peitsche in der Hand hielt -, so war der Anblick,
der sich allen nun schnell herbeigekommenen Beobachtern im Hofe darbot, wie die
pltzliche Versteinerung der lebendigsten Scene.
    Der Hof und Garten gingen in Eins ... Unter der Kegelbahn schienen die
Italiener ein einfaches Mahl gehalten zu haben ... Auch vom Hause aus konnte man
in die Kegelbahn eintreten, wo man einen gedeckten Tisch sah ... Hedemann,
Benno, Thiebold de Jonge und der Landwehroffizier bildeten eine
charakteristische Gruppe ... Hedemann's breitkrmpiger Sommerhut lag auf dem
nassen Boden im Garten drauen, er selbst stand wie wutschnaubend und wie zum
Angriff ... Benno vor ihm, ohne ihn zu berhren, doch in der Geberde, die den
gewaltigen Ruf: Hedemann! begleitet haben mute ... Thiebold de Jonge stand
schtzend vor dem Offizier, dem seinerseits die Mtze gleichfalls entfallen war
und ein pltzlicher Schreck alle Farbe geraubt hatte ...
    Wie die Menschen neugierig herzugelaufen kamen, ri Benno den in jeder Ader
zu einem Angriff gersteten Hedemann in den hintern Garten. Er folgte gelassen
jetzt wie ein Kind und willenlos und nur noch das eine Wort kam allen hrbar von
seinen bebenden Lippen:
    Herr - von - Enckefu!
    Jede Silbe war betont ... in jeder Schwingung der wenigen Worte lag die
Andeutung, als wollte er sagen: Wir beide kennen uns doch wol?
    Ein Aufenthalt in der Beurtheilung und Vermuthung ber alles das war nicht
mglich, denn Thiebold de Jonge trllerte soeben laut eine Arie und zog den
Lieutenant, wie wenn nichts vorgefallen wre, gleichsam tnzelnd fort. Er fhrte
den Erschrockenen, der seine Mtze aufhob, auf einem andern Wege gleichfalls in
die grnen Gebsche hinaus ...
    Bald kam Benno, der Lucindens ansichtig geworden war, aus einem, wie man
sah, mit den lebhaftesten Demonstrationen gefhrten Gesprch mit Hedemann nach
vorn und sagte zu Lucinden:
    Bestes Frulein! Sie werden gutthun, lieber allein vorauszufahren! In der
Dechanei kommen Sie gerade noch zu einem Mahle an, das heute zu Ehren der
fremden Geistlichen stattfindet! Eilen Sie! Sie finden den Onkel und die Tante
dann im besten Humor! Wir andern - wir bleiben noch eine Weile zurck -
Gelegenheit, sehen Sie, gibt es genug nach Kocher am Fall und mein
Absteigequartier ist ohnehin nicht in der Dechanei, sondern seitwrts in einem
kleinen Weinberge, den der Oberst bewohnt!
    Aber Hedemann? ... fragte Lucinde forschend und um so teilnehmender, da sie
der Name von Enckefu߫ an die alten dstern Begegnungen ihres Lebens, an den
Rittmeister, den schnen Enckefu߫, erinnerte ...
    Fhrt mit uns oder geht nach dem Regen lieber zu Fu ... Sehen Sie nur,
dieser Thonboden saugt eine Ueberschwemmung ein, so durstig ist er! Adieu,
Frulein! Heut Abend oder morgen in der Dechanei! Viel, viel Glck!
    Diese Willennsuerung und Verabschiedung waren zu bestimmend.
    Benno begleitete schon Lucinden an den Wagenschlag und half ihr mit
Artigkeit einsteigen.
    Ehe sie sich noch gesammelt hatte, ehe sie nur ihre Frage: Aber was ist denn
nur vorgefallen? ausgesprochen, fuhr sie schon von dannen.
    Eine Aufklrung konnten die Italiener geben. Diese aber hatten schon eine
andere der vielen hier sich kreuzenden Straen eingeschlagen, nicht die, auf
welcher sie nun selbst nach Kocher fuhr.
    Vom Kutscher konnte sie nichts Anderes ber den Vorfall erfahren, als da
jener Herr von Enckefu aus der Residenz des Kirchenfrsten und zu den
Landwehrbungen kam wie alle andern.
    Bald aber glaubte sie den Vorfall so zu verstehen: Der Offizier verfolgte
Porzia, Hedemann trat dazwischen, ein Wortwechsel entstand, ein Streit, Benno
aber hielt Hedemann zurck, einem Offizier in Uniform eine Beschimpfung
anzuthun, die diesen htte zwingen mssen, vielleicht Hedemann zu - durchbohren
...
    In dem Ton, wie Hedemann den Namen: Herr von Enckefu! gerufen, lag eine
Andeutung, da sie sich kennen muten. Was hinderte sie, anzunehmen, da sie dem
Sohne des schnen Enckefu߫ begegnet war, desselben Landraths und Freundes des
Kronsyndikus, vor dem sie selbst oft genug ebenso, wie jetzt Porzia, entflohen
war?
    Nach einer halben Stunde, gegen halb zwei Uhr, sah sie am Rande eines
eigenthmlich geformten, schroffen, fast sarghnlichen, dunkeln Bergrckens das
Stdtchen Kocher am Fall.
    Eine hohe Kuppel mit vier Thrmen ringsum gehrte ohne Zweifel dem Dom von
St.-Zeno an ...
    Auf ihrer Brust wurde es schwerer und schwerer, je mehr sie hinberblickte
zu der Kathedrale, die mig hoch auf einer terrassenfrmig sich erhebenden
Anhhe lag. Diese kleine Anhhe beherrschte auf dieser Seite die Stadt, whrend
auf der andern der dstere Sarg des Gebirges lag.
    Jetzt fuhr sie auf gekieselten Wegen durch smaragdgrne, vom Regen funkelnde
Wiesen; dann lenkte der Wagen in Baumalleen ein, die von geschnittenen Hecken
durchbrochen wurden ...
    Unmittelbar um ein im Quadrat liegendes kleines Schlo zwar nicht so
phantastischen, wie sie in ihrer Vision gesehen, doch geflligen alten
Geschmacks zogen sich Blumen- und Gemsegrten ... alles hatte einen vornehmen,
sehr gepflegten Anstrich ...
    Das Schlo war mit mancher Bildhauerarbeit geziert.
    An der Pforte, wo zwei gewaltige Karyatiden einen Balcon mit einst vergoldet
gewesenem Eisengitter trugen, fuhr der Wagen an, ohne sogleich empfangen zu
werden.
    Der Kutscher mute absteigen und klingeln.
    Es scholl weithin wie mit doppelten Zgen, die den Klang der ersten Glocke
nach einer zweiten bertrugen.
    Ein alter freundlicher Diener in weien langen Haaren - wahrscheinlich der
in Aussicht gestellte Sternseher - erschien, spitzte klug die Augen, orientirte
sich, lchelte wohlwollend und fein und ffnete den Schlag.
    Er hatte eine Serviette ber dem Arm, zum Beweise, da man im Hause mit dem
Diner beschftigt war.

                                       6.


Am Nachmittag desselben Tages stehen weit geffnet die Flgel eines an der
andern und gerade der Pforte entgegengesetzten Seite der Dechanei befindlichen
hohen Fensters.
    Dicht beschattet sind sie von den Zweigen einer Linde, die sich von den fast
mhsam durch das Laub hindurchdringenden Strahlen der wieder am blauenden Himmel
hervorgetretenen Sonne die nassen Zweige und Bltter trocknen lt.
    Die Vgel zwitschern, Kfer, die an den Simsen und in den Cannelirungen des
Hauses vor dem Regen ihre Zuflucht gesucht hatten, summen wieder, und wirklich
trottet ein Pfau unterm Fenster ber die unten rings hinlaufenden feuchten
Sandsteinvliesen und wiegt und hebt den bunten Schweif, fast wie um ihn nicht
na werden zu lassen und ganz wie eine Dame ihre Kleider schont.
    She man nicht da und dort ein heiliges Emblem, am Eingang des engern Parks
ein Marienbild, am Ausgang zur Kathedrale hin ein Crucifix, unter den
Stuccaturen an dem Hause eine ehemals vergoldet gewesene Strahlenkrone, ein
Kreuz, ein Dornenhaupt; man wrde den Eindruck haben, als mte man sich hier
umschauen nach einem Marmorbilde der Flora, nach einer Gruppe versteckter Satyrn
oder Nymphen entfhrender Centauren.
    Am offenen Fenster gibt es einen traulichen grnen Winkel zwischen den fast
hineinlangenden Zweigen der Linde und einem Studirtische, dessen Vorsprung den
Vgeln ebenso zugnglich scheint wie eine Anzahl aus Fenster gerckter Sessel,
auf deren Lehnen sie sich wagen.
    Der Greis, den die Vgel schon kennen und den sie sogar auf seinem
Schreibtisch besuchen - er lockte sie durch seinen Morgenzwieback und sein
Mittagsdessert - nennt diesen Winkel seine liebste Sakristei und seinen
segensreichsten Beichtstuhl.
    Man sieht auch Bcher in glnzenden Einbnden mit geffneten
Kupfersticheinlagen in der Mitte des Zimmers auf einem runden Tische. Man sieht
einen in Guache gemalten Christuskopf von Guido Reni ber dem Schreibtisch. Die
bunten Lithophanieen, die die Fensterscheiben verdecken, sind jetzt, da die
Fenster offen, an die Wand gelehnt. Man sieht in Alabaster das Abbild der
speerbewaffneten Gttin der Weisheit vom Parthenon auf einem kleinen weien
Porzellanofen. Auf dem eleganten Mahagonischreibtisch mit Fchern und kleinen
durchbrochenen Galerieen aller Art liegen und stehen in Bronze
bunterleigestaltete Nippsachen, Briefbeschwerer, Streusandschalen,
Federgestelle, Federwischer von bunten Farben, ein gewaltiges Tintenfa in
Gestalt eines sein schwarzes Gift ausspritzenden Drachen, zierliche silberne
Leuchter, ein Lichtschirm von grner Seide ...
    Der ehrwrdige Bewohner lehnt den einen Arm auf ein grnsammtenes
Fensterkissen und athmet den kstlichen Duft der Linde ein. Er lockt einen der
Vgel, die sich in seinem stillen und dunkeln Zimmer unter ihren Zweigen zu sein
trumen ... und am liebsten beschied er ebenso von seinen Beichtkindern alle
die, die ihm gar zu oft kamen oder zu umstndlich sich ausplauderten oder die in
ihrer Sndhaftigkeit sich so auerordentlich wichtig machten, hierher an diese
stille Sttte ... In neuerer Zeit freilich kamen wenige. Die Dechanei stand nie
im Geruch der Heiligkeit, jetzt vollends nicht, seitdem Beda Hunnius,
Bonaventura's damaliger Mitgeweihter, nach mancherlei anderweitiger Verpflanzung
in Kocher Stadtpfarrer geworden war und berhaupt in vielen Kirchen rings in der
Provinz tglich die Posaune Zions mchtiglicher geblasen wurde, als zu seiner
Zeit hier Sitte war. Manche jetzt predigten doch, als wollten sie die Trommeln
bertnen, die da eben jetzt auf dem Marktplatz drinnen zu Kocher am Fall
gerhrt wurden zum Appell des 35. Landwehrregiments. Sie lrmten, als sollt' es
an eine neue Bartholomusnacht gehen, an ein Pour l'amour de dieu mit
geschwungenem Schwerte, falls nur der Herr Kirchenfrst im Kampf mit der
Regierung, mit der Philosophie und den gemischten Ehen die Parole dazu geben
wollte ... Der gute Onkel Bonaventura's und Benno's von Asselyn nahm die Sache
der Religion von einer milden Seite. Auch hier an seinem Lindenbaum Pflegte er
jedesmal schnell mit dem selbstgeschilderten tiefen Verderben seiner
Beichtkinder fertig zu werden, zog dann gern sein goldnes Dschen, ging auf
Krieg und Frieden in der Trkei, auf Kunst, Natur, Menschenleben in Rom,
Griechenland und Kocher am Fall ber und endete gewhnlich mit den besten
Zusprchen zum Entschlu, auf Gottes Gnade zu vertrauen, und mit den
zuversichtlichsten Hoffnungen auf das nach Leibniz ja prstabilirte Glck und
die Heiterkeit des ganzen Universums.
    Dabei entbehrt jedoch der Greis, der, zurckgelehnt in einen bequemen
saffianenen Voltaire, ein violettes Sammtkppchen auf dem mit weien Lckchen
umwallten Haupte trgt, keineswegs einer gewissen Schrfe. Etwas Schlaues sogar,
wenigstens Markirtes, fehlte dem Dechanten keineswegs. Seine Nase war lang und
habichtartig, das Auge dunkel und sogar listig. Und stochert er sich eben die
wenigen Zhne, die ihm noch geblieben sind, so ist es mit jener feinen Miene,
die mehr einem Diplomaten htte angehren knnen, allerdings einem Diplomaten
aus der alten Schule, jener, die noch am Wiener Congre um ein Bonmot vom
Frsten de Ligne sich ebenso exaltiren konnte, wie unsere jetzige Diplomatie
sich nur um eine neuconstruirte Jagdflinte exaltirt. Auch des Dechanten Kinn war
ausdrucksvoll schn geschweift und lnglich, die ganze Erscheinung, auch in den
weien wohlgepflegten Hnden, entschieden vornehm und aristokratisch; ja, statt
des kleinen weien Streifens unter der schwarzen Halsbinde htte ebenso gut ein
blaues oder rothes Band irgendeines Comthurkreuzes hervorschimmern knnen. An
den schngeformten Schlfen, an der Stirn und dem Scheitel konnte man Geist und
Phantasie erkennen. Nur ein etwas zu weicher, ja schlaffer Zug am Munde verrieth
Bequemlichkeitsliebe, ein bekanntes Erbbel alter Garons, vornehmlich derer von
der langen Robe.
    Seiner geistigen Richtung nach gehrte Franz von Asselyn zu den wenigen noch
Ueberlebenden aus der Zeit Wessenberg's, der sich damals, als das gesammte
Vaterland fr alle seine Lebensbezge eine Vereinigung trumte und sich diese
ehrlich verdient hatte durch die Jahre der Napoleonischen Knechtschaft, verdient
durch den Aufschwung der Befreiungsjahre, auch fr die katholische Kirche
Reformen mglich gedacht hatte. In jener Zeit htte Franz von Asselyn rasch
emporsteigen knnen zu einem Bisthum; er htte jetzt Erzbischof sein knnen;
denn waren auch die drei Brder von Asselyn, Franz, Friedrich und Max, an Gtern
nicht gesegnet, hatte jener den Priesterstand, Friedrich die Beamtencarrire und
Max die Bewirthschaftung der wenigen und nach seinem frhen Tode ganz
veruerten Besitzthmer der Familie gewhlt und traten sie dabei ohne andere
Ausstattung als die ihres Herzens und ihrer Bildung in die Welt, so fehlte es
doch an Verbindungen nicht. Franz lie sich, nach einer lebhaften Antheilnahme
an der westflischen Zeit und einem damals hufigen Einspruch auch auf Schlo
Neuhof, wo er in der That Frau von Glpen kennen gelernt hatte, in der
Friedenszeit eine gute Pfrnde gengen, das Dechanat zu St.-Zeno. Obgleich in
einer wenig freundlichen Gegend gelegen, war sie doch die eintrglichste und
reichstdotirte auf fnfzig Meilen im Umkreise. Man wrde sie, wie alle diese
Stifter, wenn nicht nach dem Wiener Congre scularisirt, doch in ihren
Einknften beschnitten haben, wenn nicht von alten Tagen her die deutschen
Kaiser auf die alte Kathedrale ein Patronatsrecht gehabt htten, das infolge
eines damals von Franz von Asselyn entwickelten auerordentlichen Eifers auf das
Haus Oesterreich bertragen wurde. So erhielt sich die Dechanei zu Kocher am
Fall in ihren alten Einknften, whrend die Amtsverpflichtungen sich nur auf den
Kirchendienst beschrnkten; denn zum wirklichen, der Bureaukratie
verantwortlichen Dechanten machte man spter den Stadtpfarrer eines benachbarten
Ortes, nachdem eine kurze Zeit hindurch Franz von Asselyn die wirkliche
Superintendentur verwaltet und ber Geburten, Hochzeiten, Sterbeflle,
Disciplinarvergehen, Kirchenbauten und Reparaturen, Verbrauch von Wein, Brot,
Oel, Wachs u.s.w. an die Regierung seine Berichte gemacht hatte. Es war freilich
nur ein kurzer hitziger Anlauf gewesen. Franz von Asselyn war seiner Unfhigkeit
zu solchen Relationen schon damals inne geworden, als ihn der kurze, befehlende
Ton der Regierungsbescheide verletzte. Sowol sein freiherrlicher Sinn wie der
dem Priester mit der ersten Weihe eingepflanzte Stolz, der bei manchem
bekanntlich in Hochmuth bergehen kann, konnte sich in diese Erlasse, in die
Form dieser Fragen und Antworten nicht finden. Als er im Unmuth ber den
officiellen Regierungsstil einmal fast gegen ein Viertelhundert Briefe im
Zeitraum von zwei Monaten gar nicht geffnet hatte und ihm doch ber die Dinge,
die er nun versumte, ber die Menschen, die er durch die Nichtbeachtung ihrer
Angelegenheiten in die peinlichste Noth versetzte, zuletzt so himmelangst wurde,
da ihm die Briefe in Gestalt hnderingender Weiber und Kinder Nachts am Bette
erschienen und er nicht mehr schlafen konnte, da schickte er smmtliches
aufgehufte Material an den damaligen Kirchenfrsten der Provinz mit der Bitte,
ihn vor dem hohen Gubernium zu entschuldigen oder ihm wenigstens fr sein
kurzgefates Mittel, sich nicht rgern zu wollen, die mglichst lindeste Strafe
zu erwirken. Der damalige Kirchenfrst war im Sinne der Regierung gestimmt, doch
nicht ohne Wohlwollen fr seine Angehrigen; so erfolgte eine friedliche
Vermittelung. Die Dechanatsgeschfte wurden dem Freiherrn Franz von Asselyn
einfach abgenommen gegen eine Vergtung an seinen Stellvertreter.
    Der nominelle Dechant war indessen bei alledem doch feinen freiern
Anschauungen ber die Stellung der Kirche zur Religion, Wissenschaft und zum
Vaterlande nicht untreu geworden. Fr die jetzt angebahnte mittelalterliche
Reaction fehlte ihm alle verwandte Gemthsstimmung. Er sah sogar etwas in ihr,
dem der Stolz und die dynastische Treue des deutschen Adels sich fern halten
sollte. Er mochte nicht den Protestantismus, htte aber gern eine katholische
Kirche gehabt, in der Licht und Aufklrung, alle Knste und Wissenschaften, die
den Menschengeist, vorzugsweise den deutschen, ehren, Platz behalten htten.
Diese Gesinnung mit Eifer zu verfolgen, fr sie zu kmpfen, zu leiden, dazu
fehlte ihm leider der Aufschwung. Er begngte sich, seinerseits das zu sein und
auch zu scheinen, was er war. Er lie sich die Minerva nicht von seinem Ofen
wegnehmen, bis des Winters, wenn geheizt wurde. Da es darber Anfeindungen gab,
verstand sich bei der zunehmenden Liebe zur Dunkelheit und Angeberei von selbst.
Einstweilen vershnte er die Gegner durch sein edles Herz. Seine Wohlthtigkeit
war grenzenlos und wenn man an seiner Rechtglubigkeit zweifelte, konnte er
sagen: Ich erzog euch ja einen Heiligen und wer wei ob nicht auerdem noch
einen St.-Georg, wenigstens einen vorm Appell- und Cassationsgerichtshofe! Er
meinte Bonaventura und Benno, die er beide hatte ausbilden lassen und wie seine
Shne liebte.
    Diese Aeuerung hatte der Dechant auch noch heute wiederholt gethan, als er
bei seinem immer gewhlten, heute sogar festlich gewesenen Tische mitten unter
Donner, Blitz und Regen mehrere der tonangebenden Geistlichen der Umgegend zu
Gaste hatte. Mit Einschlu der Frau von Glpen, seiner nunmehr schon fast der
goldenen Hochzeit, wie er oft scherzte, sich nhernden Wirthschaftsfhrerin,
htte die Tafel beinahe aus dreizehn Personen bestanden. Sein alter Diener, der
Sternseher - er hie Joseph Windhack und hatte einst bei einem tchtigen Lehrer
der Astronomie, einem sterreichischen Exjesuiten in Wien, seine Carrire im
Dienen und im Sternsehen begonnen -, htte diese Herausforderung der
Schicksalsmchte ebenso wenig geduldet wie Frau von Glpen. Es waren an die
immer offene Tafel des Gastfreiesten der Gastfreien heute statt neun elf
geistliche Herren gekommen, unter ihnen sogar ein Mnch. Jetzt blieb der Oberst
von Hlleshoven, der mrrische Sonderling, aus. Nun half nichts, Frau von Glpen
mute die zwlf Herren allein lassen und sich von der Tafel ganz zurckziehen,
wodurch sie insofern einen Vortheil gewann, als sie desto umsichtiger erstens
die Ordnung der verschiedenen Gnge dirigiren und zweitens die gerade zwischen
einem pikanten Hors d'oeuvre und dem Rindfleisch ankommende Lucinde empfangen
konnte.
    Auf eine kurze Vorbereitung und erst einleitende Anweisung fr ihre Stellung
war Lucinde gleich in dem oben citirten Briefchen angewiesen gewesen. Da diese
so kurz ausfallen wrde, htte vielleicht Petronella von Glpen selbst nicht
geglaubt; denn Lucinde war ber die Aehnlichkeit der Gesellschafterin des
Dechanten mit ihrer alten verschollenen Frau Hauptmnnin sogleich wie
sprachlos geworden, hatte allem zugestimmt und sich nur erst auf ihrem Zimmer zu
sammeln gesucht ...
    Das Diner war vorber. Der Dechant erschpft von Tischgesprchen, wie er sie
nicht liebte. Hatten diese Collegen sich heute nicht gerstet zu der Conferenz,
die Nachmittags beim Stadtpfarrer stattfinden sollte, als glt' es einen
Wettkampf mit den Kriegsmanvern! Es waren nicht einmal die Zeloten, die der
Dechant bei sich sah, aber alle standen unter dem Druck der Eiferer ... und der
Mnch, ein Franciscaner, den einer der Herren mitgebracht hatte, war einer der
berhmtesten unter den Drngern und Strmern und ein geistvoller Mann dazu. Wie
griff das alles den Dechanten an, ihn, der die Gewohnheit des alten
Exjesuitenschlers, seines einst aus Wien mitgebrachten Dieners, Joseph
Windhack, Abends auf einer Plateforme des Schlchens sich um den Lauf und die
Stellung der Gestirne zu bekmmern, so gern zum Anla nahm, von ihnen beiden zu
sagen, da sie ja berhaupt mehr im Sirius lebten als auf dieser kleinen Erde,
dieser Tellus, die nicht einmal ein eigenes Licht htte, sondern das ihrige von
der Sonne und dem armseligen Monde borgen mte, ja da die Sonne wieder ein
Fixstern untergeordneten Ranges wre und mit dem Sirius in gar keine
Vergleichung kommen knnte, welcher Sirius wiederum seinerseits ... Weiter ging
er wenigstens in seinen Ketzereien heute an der Tafel nicht, wo das Gesprch auf
den Sirius gekommen war und den Mnch veranlat hatte, ber die Kassiopeia und
die Farbe der Sterne berhaupt zu sprechen, worber sich Windhack beinahe
vergessen und beim Serviren ins Gesprch gemischt htte.
    Bis zur Conferenz beim Stadtpfarrer, wo der Dechant nicht fehlen durfte,
hatte es noch einige Zeit ... Nach dem Diner waren die Gste entlassen worden,
weil sie den Kaffee beim Stadtpfarrer nehmen sollten. Der Dechant hatte ein
wenig in seinem Voltaire geschlummert, hatte den sen, weichen Lindenduft
eingeathmet, hatte das Zwitschern der Vgel belauscht und den Pfau vom Simse
oben auf die untern Vliesen gejagt, diesen Lolo, den er nur Frau von Glpen zu
Liebe duldete; denn Lolo war ein gar bser Vogel, wie alle Pfauen. Eitel von der
hohen Bschelkrone bis zu den bunten Augen seines Schweifes hinunter, fuhr er
herzlos auf alles Lebendige zu, dem er nur irgend mit seinem krummen Schnabel
beikommen konnte. Ein unsteter Nachtunhold, hielt er nie sein Nest im gerumigen
Hofe inne, sondern hatte Lagersttten berall, oben auf Windhack's Sternwarte,
beim Hhnerstall, in der Nische eines steinernen Marienbildes, an den
Eingangssulen des Portals, auf einem Zweige da, in einer Hecke dort. Lolo war
ein Nachtschwrmer, ber den der Dechant in mancher schlaflosen Nacht oft bitter
seufzen mute, mehr noch als ber das allgemeine Weh der Welt, bis er regelmig
bei solchen Strungen doch zuletzt rgerlichst an die spanische Wand klopfte und
der in Sorge um den Lolo nebenan noch wachen Petronella von Glpen zurief: Aber
liebste, beste, theuerste Freundin! Was hat denn nur Ihr verfluchter hoffrtiger
Satan heute Nacht schon wieder vor? Gewi wieder nichts als Zorn und Aerger auf
die Hennen, die still und sanft ber ihren Jungen sitzen! ... Dann pflegte Frau
von Glpen seufzend zu erwidern, der Lolo grme sich, weil er im grnen Parke
allein leben msse ... Der Dechant entgegnete aber: Ei, der niedertrchtige Kerl
mordet uns ja jedes Weibchen, das wir ihm schon bei allen Gutsbesitzern der
Umgegend bald erbettelt, bald mit schwerem Gelde erkauft haben! Glauben Sie
mir's, beste Freundin, um das Glck der Ehe wrdigen zu knnen, ist der Mensch,
wollt' ich sagen der Vogel zu lange Clibatr gewesen! Gerade wie bei uns! Heben
Sie heute das Clibat auf, ich glaube, wir heirathen gar nicht einmal! ... Frau
von Glpen war dann, statt auf solche Blasphemieen schlafloser Verzweiflung zu
antworten, gewhnlich schon in ihrer Kontusche, hatte die Fenster geffnet und
sprach in die finstere Nacht hinaus mit dem auf einem Baumzweige wach sitzenden
und vielleicht, wie der Heine'sche Fichtenbaum, von seiner eigentlichen
Gangesheimat, wo eben allerdings die Mittagssonne hellglnzend in die Kelche der
Lotosblumen schien, trumenden Vogel sanfte und still begtigende Worte.
    Trotz solch schrecklicher Nachtreden war aber der Dechant die Sanftmuth und
Herzensgte selbst und am Tage von den gewhltesten Ausdrcken.
    Zur Besttigung dessen htte man nur seine zierlichen Billetchen zu lesen
brauchen, z.B. die Zeilen, die er schon heute frh geschrieben hatte, um vom
eigengezogenen Obst des heutigen Desserts ein Krbchen voll an Frau Majorin
Schulzendorf (die Gattin des Chefs unsers braven Wachtmeisters Grtzmacher) zu
bersenden. Unter einem Briefbeschwerer von Achat lagen die beantworteten, unter
einem andern von Marmor die noch zu beantwortenden Briefe. Das waren allerdings
keine Regierungsschinken, wie sie gewhnlich genannt und frher zum Ruchern
gleichsam in den Schornstein gehngt wurden: zierliche, duftende Billetchen
waren es, und manche darunter weit her und hin, besonders aus und nach Wien, das
er alle drei Jahre zu besuchen verpflichtet war.
    Heute fesselte ihn ein Brief, den er lange in der Hand behielt ...
    Es war eine vor Tisch erst empfangene Antwort ...
    Er hatte an einen geistlichen Freund geschrieben, der sich mit dem Ausdeuten
von Handschriften beschftigte und darin ebenso viel Vergngen fand, wie
seinerseits der Dechant in seiner Kupferstichsammlung, seinen Gemmen und den
Alterthmern von Herculanum, Pompeji, Babylon, Ninive, die er alle um sich
breitete und in Dutzenden von Mappen sammelte.
    Diesem Freunde hatte er einige Zeilen einer Handschrift vorgelegt, die ihm
vor einigen Wochen in einem anonymen Briefe mit mehreren Poststempeln aus dem
Canton Tessin in der Schweiz, aus Chur in Graubndten, aus Lindau am Bodensee
zugekommen war ...
    Der Chirogrammatist schrieb ihm, die bezeichnete Handschrift wre eine
verstellte und gehre einem Manne an, der mindestens fnfzig Jahre zhlte, einen
melancholisch-phantastischen Charakter htte, niemals Brsengeschfte zu machen
im Stande wre, im Jahrhundert des Yankeethums sich unheimisch fhlte, am
liebsten in einer kleinen verschwiegenen Villa am Lago di Lugano, am Fue der
Alpen oder in einem dstern Eichenwalde in den Thlern Piemonts wohnen knnte,
einem Manne endlich, der, wenn er ein Feldherr gewesen wre, wie Cincinnatus
hinterm Pfluge die Gesandten wrde empfangen haben, die ihm das Consulat bringen
wollten, einem Manne, der, wenn er ein Frst wre, doch wie Dionysius nach
seinem Sturze in Korinth einen Schulmeister htte spielen knnen, einem Manne,
der Staaten lenkte und dabei junge Mdchen unterrichtete im Griechischen,
Hebrischen, auch wol Abends beim Thee mit einer Schere zierlich ausschneiden
knnte ... wie dergleichen Thatsachen die Handschriftdeuter bis zur Beantwortung
der Frage, ob der betreffende Schreiber gern auch Sauerkraut e und die
unlbliche, doch vielen groen Geistern eigene Gewohnheit htte, sich die Ngel
zu kauen, herauszubringen wissen.
    Ja, der Correspondent trieb seinen Scherz noch weiter. Der Dechant las, da
der anonyme Briefschreiber Werther's Leiden auswendig wte, keinen Monat bis
zum Dreiigsten mit seiner Gage auskme und sich in jeder Stadt gefallen wrde,
nur in keiner, die zu gleicher Zeit Festung wre oder an einem schiffbaren
Flusse lge ...
    Und nun zog der Dechant, lchelnd und kopfschttelnd, aus einem der
Schubksten seines Mahagoni-Schreibbureau einen Brief, an dessen vielfach
gestempeltem Couvert man die Veranlassung dieser chiro-und einfach romantischen
Deutungen und Ahnungen erkannte.
    In anonymen Briefen liegt, wenn sie uns nicht aus feigem Versteck mit
Grobheiten regaliren oder die Ansicht eines einzelnen Dummkopfs zu einem Es
geht das Gercht aufblasen, ein eigener Reiz, zumal wenn sie, wie dieser, ein
verschwiegenes Abenteuer provociren, ein Stelldichein, das freilich in dem
vorliegenden Briefe aus dem Canton Tessin in der Schweiz (so gern der Dechant
alle drei Jahre an die Ufer der Donau reiste und sich in seinen
St.-Zeno-Angelegenheiten einige Monate lang von den Wirbeln und Strudeln des
wiener Lebens wie der Jngsten einer und dann ohne alles Uebergewicht treiben
lie - Frau von Glden blieb daheim -) etwas beschwerlich war und ber das
ohnehin im Dunkeln gehaltene Alter des Dechanten hinauslag.
    Der anonyme Brief hatte gelautet und lautete immer noch, wie er ihn auch
kopfschttelnd betrachtete:

                           Sub sigillo confessionis.

    Fiat lux in perpetuis! Quando quis tibi occurrit fidei romanae sacerdos, qui
...

Oder geben wir die Uebertragung:

        Unter dem Siegel der Beichte. Es werde Licht in Ewigkeit! Sollte Ihnen
        ein rmischer Priester bekannt sein, der nicht den Tod eines Hu,
        Savonarola, Arnold von Brescia scheuen wrde, um unsere Kirche von ihren
        Fehlern zu reinigen, so theilen Sie ihm unter dem Siegel der Beichte
        mit, da sich am 20. August 18** unter den sogenannten Eichen von
        Castellungo zwischen Coni und Robillante am Fu des Col de Tende aus
        allen Theilen der Welt eine Versammlung gleichgesinnter Freunde und
        Wetteiferer um die Ehre unsers neuen Martyriums einzufinden gedenkt. Es
        werde Licht in Ewigkeit!

    Als schon vor lngerer Zeit der Dechant diese rthselhaften Zeilen erhalten
hatte, war seine erste Regung keine wie ber einen Scherz gewesen. Er hatte
wirklich eine Religion, den Aberglauben. Es gab ganz wichtige Dinge, deren
Ausfhrung er von der geraden oder ungeraden Zahl seiner Rockknpfe abhngen
lie. Die Ferne, die Zumuthung an sich, ein mit so vielen Stempeln versehener
Brief, alles das machte ihm einen geheimnivollen Eindruck, ja in dem Briefe lag
etwas, was ihn im ersten Augenblick erschreckte. Nicht gerade die Zge der
Handschrift erinnerten ihn an seinen theuern Bruder Friedrich, doch der
schwrmerische Geist des Inhalts. Spter legte sich der erste Reiz dieser
Zuschrift. Die gewohnte Bequemlichkeit sagte ihm: Dieser Briefschreiber ist
entweder ein Narr oder es liegt dem Ganzen eine Fopperei zum Grunde! Man wei
sehr gut, da ich am wenigsten Lust habe, einen Scheiterhaufen zu besteigen,
selbst wenn ich bis zu dem Versammlungstage neunzig Jahre zhlen wrde, wo ich
mir vielleicht aus der Krankheit nichts mehr machen wrde, an der ich strbe!
Aus allen Theilen der Welt! Auch aus dem Sirius? ... Der Dechant besa von
allen irdischen Dingen die Meinung, da sie sich ganz von selbst machen mten,
wie die Gletscher, die sich seit Jahrtausenden aus kleinen Zuflligkeiten der
Lokalitt und Atmosphre bilden und still und unhrbar von Jahrhundert zu
Jahrhundert fortschieben und die Gestalt verndern ... Er nahm dann spter an,
da sich's, der Briefschreiber ein schreckliches Geld hatte kosten lassen,
diesen oder hnlich abgefate Briefe an hundert andere zu schicken ... Er
schonte das Geheimni, er nahm an, da es ihm in der Beichte mitgetheilt war,
und horchte, hierhin und dorthin, ob nicht aus den Gesprchen seiner Amtsbrder
Anklnge an diese auch an sie ergangene Einladung sich heraushren lieen;
indessen war ihm nichts aufgestoen. Das hatte ihn dann wieder aufs neue
erschreckt und zu der Nachforschung bei dem Freunde veranlat, den er die
Handschrift aus einigen auf dnnem Papier nachgepausten Worten beurtheilen lie
... Erst heute war ihm aber doch wieder die Ahnung gekommen, als wten wol auch
andere um den Brief. Zufllig war der 20. August erwhnt worden, der Tag des
heiligen Bernhard von Clairvaux, - einige Fanatiker, unter ihnen der
Franciscanermnch, tadelten an diesem gelehrten und gottseligen Theologen sein
gegen das unbefleckte Geborenwordensein auch der Mutter Gottes abgegebenes
Votum, - er sah bedeutungsvoll im Kreise um, er forschte auf den Mienen; aber
selbst als whrend des Gewitters und vor dem Essen der Speisesaal zu dunkel
wurde und der alte Windhack an den Fenstern die Vorhnge hher hinaufzog mit den
harmlosen Worten: Fiat lux in perpetuis! achtete von den Anwesenden niemand der
von Windhack's Seite nur zufllig gegebenen Anspielung weiter, als die
Anerkennung der brigens schon bekannten Bildung des alten Bedienten mit sich
brachte. So fiel denn wieder die Frage schwer auf sein Inneres: Wer hat nun
gerade dich erkoren, einen solchen Mrtyrer aufzusuchen? Kennt man die
Hoffnungen, die wir alle auf Bonaventura setzen? ... Dann mute er sich freilich
sagen, da Bonaventura zu einer Richtung gehrte, die an Rom irgendetwas ndern
zu wollen fr leere Freigeisterei hielt.
    Wie der Greis so sann und sann, gesellte sich allmhlich zu dem Zwitschern
der Vgel noch das Gerusch eines ber die Teppiche des Fubodens im Zimmer
selbst still hin und wieder Wandelnden.
    Es war Windhack, der vor einigen Stunden das Frulein Lucinde Schwarz
empfangen hatte.
    Wollte das kleine graue Mnnlein, dem eine spitze Nase und eine stark
gewlbte Stirn das unverkennbare Geprge eines ins Detail gehenden Forschers
gaben, sich lieber mit der Thatsache beschftigen, da in diesen gegenwrtigen
Augustnchten die reichste Ausbeute von Sternschnuppen zu erwarten war, oder
untersttzten sein stark gerthetes Antlitz und gewisse klare, glckselige
Augen, die auf einen grndlichen Verwahrer der brig gebliebenen Weinreste des
Diners schlieen lieen (da die dem Keller des Dechanten zu bergebenden Weine
vorher grndlichst durchkostet und kennerhaft geprft waren, gehrte nchst der
Haarwuchsbehandlung des Hauses und aller Freunde desselben zu den unbestrittenen
langjhrigen Vorrechten des alten Exjesuitenzglings), wir sagen, untersttzten
diese uern Merkmale seine Kritik des, wie das ungeduldige Mnnlein sich
uerte, berstandenen Diners oder schmunzelte und lchelte er darum so
behaglich, weil ja nun Frau von Glpen's neueste Nichte angekommen wre ...
Genug, er begann sich bemerklich zu machen und wie ein guter Diener ganz leise,
ganz nur zufllig, nicht etwa hereinplatzend und die Stille der Betrachtung
seiner Herrschaft strend. Er brachte eine Zeitung, griff dann nach einem an dem
Porzellanofen hngenden eleganten rothen Staubwischer und wedelte sanft ber die
Minerva hin, ber den Guido Reni, ber die Kupferstichmappen, mehrere nach
hinten versteckte und jetzt erst sichtbare Carlo Dolces und einige noch etwas
mehr versteckte und von freistehenden Bcherrepositorien verborgene Torsis alter
heidnischer Erinnerungen, zu denen selbst die Venus von Milo gehrte.
    Der Dechant wute nun, da Windhack etwas zu melden hatte.
    Hm! sagte er. Schon fnf? Zeit zur Conferenz?
    Noch eine Viertelstunde, Herr Dechant!
    Das Getrommel in der Stadt wird die ganze Nacht dauern ...
    Hier hren Sie's ja nicht!
    Benno angekommen?
    Doch wol ...
    Hedemann?
    Gesund und munter! Auch der junge Thiebold de Jonge -
    Und -?
    Assessor von Enckefu ...
    Armgart nicht?
    Nein, aber das Frulein ...
    Welches Frulein? Ah! besann sich der Dechant. Und?
    In diesem Und lag viel, sehr viel, und wenn man will lag in dem lchelnd
wiedergegebenen: Je nun! des alten Dieners fast noch mehr. Es lagen zwei
Lebensgnge in diesen Worten. Einer durch die schnen Tage auf Schlo Neuhof
unter den Tnzerinnen, Sngerinnen, Marquisinnen und Vicomtessen des
Kronsyndikus bis nach Wien und Paris ... Der andere Lebensgang von da zurck in
diese stille Klause hier zu Kocher am Fall, einer Stadt an einem Bergstrome, der
wie von einem ungeheuern Sarge hierniederzugleiten schien.
    Und eben wollten beide ihr Und? und ihr Je nun! auf die ihnen gelufige
Weise erlutern und ausfhren, als eine leichte, unsichtbare und auch fast
unhrbare Rollenthr in der Tapete aufschnurrte und Frau von Glpen eintrat.
    Auch Frau von Glpen machte die Anzeige, da Frulein Schwarz angekommen
wre und dem Dechanten ihre Aufwartung machen knnte ...
    Petronella von Glpen war allerdings die jngere Schwester Brigittens von
Glpen, der bereits im Jahre 1809 auf Schlo Neuhof entthronten Beherrscherin
des Kronsyndikus. Beide Schwestern gehrten einem Familiensystem an, das sich
durch Jahrhunderte in der Nhe geistlicher Sitze in einer Weise fortgepflanzt
hat, die, wie man von einem Fahnenadel spricht, ebenso von einem Krummstabadel
sprechen liee. Es ist immer eine und dieselbe Familie, wenn auch die Namen
wechseln. Die weiblichen Bestandtheile dieser Familie sind diejenigen, auf
welche es am meisten ankommt; die dazu nthigen Mnner sind mehr zufllig und
die Verbindungen schlieen sich oft geheimnivoll und unerklrlich. Die Mutter
der beiden Schwestern von Glpen war die Wirtschafterin eines Frstabts; ihr
Vater war ein Unteroffizier Friedrich's des Groen gewesen, der in der aus
hundertzwanzig Mann bestehenden Armee des Frstabts eine Stellung als Lieutenant
gefunden hatte. Ueber Witoborn, eine Priesterstadt, hinweg waren sie auf Schlo
Neuhof gekommen, Brigitte als die Aelteste und eine ganz in der Schule eines
ehemaligen Unteroffiziers Erzogene, Petronella um zehn Jahre jnger und
allmhlich zur Freundin des Dechanten erkoren und demzufolge von einem hhern
Aufschwunge der Bildung, ja mit den Jahren sogar theilhaftig geworden aller
Feinheiten eines in solchem Grade gewinnreichen Umgangs. Tyrannisirt von ihrer
Schwester, war sie frh ebenso zum leidlich Guten geartet, wie es jene zum
Schlechten war. Der schon 1803 scularisirte Frstabt, ihr Vater, wir meinen ihr
Landesvater, hatte nichts fr sie thun knnen und den ehemaligen Unteroffizier
Friedrich's des Groen hatte schon in der Reichsarmee, die 1793 gegen die
Sansculotten zog, noch vor der Kugel eine zu volle Ladung jungen Weines in
irgendeinem geistlichen oder weltlichen, jedenfalls neutralen Keller getdtet
... Seit Jahren waren beide Schwestern voneinander getrennt. Obgleich sie sich
haten und nichts voneinander wissen mochten und jetzt wol auch kaum noch etwas
wuten, hatten sie doch manches gemein. Petronella mute man nur in jenen
nchtlichen Augenblicken sehen, wo sie, in der Kontusche, mit einer
spitzenverzierten Dormeuse ber die ganze Stirn und einer das Kinn fast
einhllenden weien Tllbandschleife, dem unsteten Lolo Worte der Liebe und'
Beruhigung sprach; man mute sie sehen bei den vielen andern tagscheuen
Gelegenheiten, z.B. da, wo sie, allerdings hchst liebevoll, den Schwchen aller
geschaffenen Creatur zu Hlfe kam ... Frau von Glpen wrde, das ist wahr, keine
Barmherzige Schwester abgegeben haben fr ein groes Spital von allerlei
wildfremden Schneidergesellen oder vom Gerst gefallenen Maurern und
Zimmerleuten; dazu htte es ihrem jetzt so vornehmen Sinn und ihrer Neigung fr
Exclusives durchaus an Stimmung gefehlt ... sie begriff nie - und sagte das auch
-, wie es jetzt wieder Grfinnen und Personen von Distinction geben knnte, die
ganz so wie im Alterthum unter die Barmherzigen Schwestern trten und fr
allerlei fremden, unsaubern Pvel Kamillenthee und Haferumschlge machten und,
wenn dergleichen Bagage gestorben wre, sogar deren Leichen wschen ... aber -
bei einem einzelnen Herrn, bei einer geliebten Persnlichkeit, und wre diese an
Bedrfnissen selber ein ganzes Spital, ein Scr Coeur oder eine lebendige
Charit gewesen, da konnte sie sich den schwierigsten Pflegen des menschlichen
Leichnams unterziehen. Da gab es kein Seitenstechen, fr das sie nicht eine
passende Flanellreibung gehabt htte, kein Magendrcken, dem sie nicht
Erleichterung durch irgendeinen Thee verschaffte, keinen Frostballen, dem sie
bei verschlossener Thr und die Brille auf der Nase nicht sogar eigenhndig mit
einem scharfen Messer, wenigstens an der sterblichen Hlle des Dechanten, zu
Leibe gegangen wre. Nur muten die Menschen, denen sie die edeln
Liebesrathschlge widmete - die Liebeswerke gehrten lediglich nur dem Dechanten
- zu dem Kreise ihrer nchsten Beziehungen gehren. Sie muten durch Distinction
und Namen in der Gesellschaft eine Stellung einnehmen. Es war das schne
Lebensprincip der Frau von Glpen, da Natrliches niemanden schnde und um so
weniger schnde, als es einmal im Plane der Schpfung gelegen hat, den Menschen
aus einem hchst erbrmiglichen Stoffe zu bilden, einem Stoffe, der bei jedem
schnen Abendspaziergang sich eine Erkltung und von der wohlschmeckendsten
Truthahnpastete eine Indigestion zuziehen kann. Den Lebensberuf der Frauen fand
diese Dame darin, da sie fr die Mnner, die sie lieben, in einem ewigen Kampfe
gegen die Unzulnglichkeit von Kraft und Stoff liegen sollten. Ihre Waffen
waren dabei ein Arsenal von Leibbinden, Wrmsteinen, Fuscken, Kruterkissen,
Senfteigen, Theevorrthen aller Art, sowol schweitreibender, wie beruhigender,
luftfrdernder und lufthemmender Art, nicht eingerechnet die vielen Pillen,
Pulver, Tropfen und noch unausgefhrten Recepte, die sie zu huslichen
Vorkommnissen sich aus guten gemeinntzigen Schriften oder aus bewhrten
klsterlichen oder Familientraditionen niederzuschreiben pflegte, selbst fr
Flle, die nur in der Mglichkeit lagen, z.B. die Hundswuth. Aber die
erschaffene Creatur auch in ihrem behaglichen Befinden hatte in Frau von Glpen
ihre treueste Befrderin. Man mute sie sehen an jedem Montag bei der groen
Revision der alten und neuen Wsche; an jedem Dienstag unter den Nhterinnen,
die sie, ein liebes Mdchen, Treudchen Ley, an der Spitze, flicken und stopfen
lie; an jedem Mittwoch auf dem wichtigen Mittwochmarkte zu Kocher, wo sie mit
der prfenden Uebersicht eines Feldherrn die vorhandenen Vorrthe an Wild und
Geflgel musterte; an jedem Donnerstag, wo es regelmig in der Dechanei ein
Diner gab; an jedem Freitag, wo die heilige Fastenordnung und ihre specielle
intimste Vertrautheit mit der Kunst des Backens und der hhern Fischsaucen sie
fast selbst zur Kchin machte; an jedem Sonnabend, wo sie dafr zu sorgen hatte,
da sie nur selbst obenauf blieb und nicht krank wurde, aus Angst, da es der
Dechant werden knnte, der an diesem Tage frh die Schulen zu inspiciren hatte
und dann oft von drei Uhr Nachmittags bis spt Abends im Beichtstuhl
festgehalten wurde und trotz aller Vorsichtsmaregeln, trotz Fusack, Pelz und
Kohlentopf im Winter, nach Hause immer so ermdet kam, so geistig
durchschttert, so von der hochwichtigen Function des Anhrens fremder
Seelenbekenntnisse um alle eigene Lebensstrke gebracht, da er erklrte, nur
die schnste, seelenvollste Musik in einem Nebenzimmer, eine Musik wie von
Seraphshnden gespielt, knnte ihn wieder in den Zusammenhang mit Gottes
harmonischer Weltordnung bringen! Essen konnte der Dechant Sonnabend Abends
nichts. Denn, sagte er, von dem, was ein katholischer Priester alles in der
Beichte zu Gehr bekommen mu, wrde wenigstens ihm immer so weh und schlecht
ums Herz, so tief jmmerlich um Seele und Magen herum, so vollstndig und
unendlich satt zu Muthe, da er dann nur Appetit nach Himmelsspeise haben
knnte, nach Eliaskost, von Raben oder geradezu Engeln oder sonstigen Boten
Gottes credenzt ... Glcklicherweise kam darauf immer der stolze, feierliche,
hochherrliche katholische Sonntag mit seinen brennenden Lichtern, mit seinen
gestickten Megewndern, mit seinem duftenden Weihrauch, mit seinem erhebenden
Orgelton, seiner sichern jahrtausendjhrigen Regelmigkeit ... Der hob, der
trstete, der erquickte ihn dann wieder ... Wenn er auch durch vierzigjhrige
Gewohnheit das Heiligste verrichtete, ohne davon eine andere Vorstellung zu
haben, als die eines Traumes, getrumt mit wachem Auge, so fing er denn doch am
Sonntag Abend wieder an sich Mensch und von dem Ernst des Lebens minder
schmerzhaft berhrt zu fhlen.
    Jene Sphrenmusik aber, jene Lcke am sonnabendlichen Thee, die die gute
Frau von Glpen nicht ausfllen konnte, jenes Bedrfni nach Eliaskost war die
Veranlassung, da seine treue Freundin in fernen Gegenden eine so weit
verbreitete Verwandtschaft hatte. Seit dreiig Jahren sagte man zu Kocher am
Fall, da die nie schne, aber immer wohlgesinnt gewesene Seitenverwandte der
Asselyns fr die Ihrigen doch auch das mildeste Herz von der Welt htte. Eine
Nichte nach der andern zog sie an sich, sorgte, wenn sie nicht gleich beim
ersten Eindruck misfiel und oft schon nach vierundzwanzig Stunden abreiste, fr
deren Ausbildung, lie sie in der Dechanei wohnen und verschaffte ihr den Schutz
und den Beistand des wohlwollenden und gtigen Herrn, dessen Pflege sie ohne
hhere Ansprche fr sich selbst und mit einer in der That klsterlichen
Entsagung seit so langen Jahren schon bernommen hatte. Nur bse Zungen waren
es, die da behaupteten, da die Familie der Frau von Glpen merkwrdigerweise
einen hchst unbestimmten Typus htte. Denn bald wren die Nichten aus einer
blonden, bald aus einer braunen Seitenlinie, bald htten sie schwarze, bald
blaue Augen, bald gehrten die Nasen dem griechischen Profil an, bald sen sie
mit zierlichem Trotz stumpf auf Gesichtern, die indessen alle, das blieb
unbestritten, hbsch waren. Mesalliancen gab es in dieser weitverbreiteten
Familie der Glpens leider sehr viele, denn einige Nichten trugen adelige,
andere nur brgerliche Namen. Darin aber waren sich alle gleich, da sie
erstens, wenn sie lnger als einige Wochen blieben, smmtlich anmuthig, zweitens
gebildet, drittens musikalisch sein muten, viertens da keine lnger bei der
Tante blieb als zwei Jahre. Ueber letztern Umstand gingen verschiedene Gerchte
... Die einen behaupteten, fr ein geistliches Haus htte ein lngeres
Verweilen, da alle ohnehin mit der Absicht kamen, nur die Tante auf einige Zeit
zu besuchen, anstig erscheinen mssen. Die andern sagten, Frau von Glpen
htte mit dem Dechanten die feierliche Abrede getroffen, da sich keine von
ihren Nichten jemals drfte einfallen lassen, irgendwie in ihre Rechte
einzutreten, was allerdings bei einem zu langen Verweilen in der Nhe des fr
alles Schne so lebhaft empfindenden Mannes zu besorgen war. Man sagte ferner,
da diese Trennungen oft schmerzliche Scenen herbeigefhrt htten, deren
Nachklnge der Dechant nur durch seine jeweiligen wiener Reisen vergessen zu
knnen vermochte ... Lucinde war etwa die zwanzigste Nichte, die schon nach
Kocher am Fall gekommen war. Ihre Vorgngerin war Angelika Mller gewesen, jene
Lehrerin, in deren Persnlichkeit entweder eine arge Verwechselung stattgefunden
hatte oder die dem, der sie empfohlen - es war nicht der Philosoph Doctor
Laurenz Pttmeyer selbst gewesen -, zu sehr verklrt erschienen gewesen sein
mochte durch die Schnheit ihres Geistes und Herzens. Dennoch war Angelika
Mller bei der Tante sechs Wochen gewesen.
    Der Dechant verstand den eigenthmlich aufgeregten und freudvoll-leidvoll
gemischten Blick seiner langjhrigen Freundin, mit dem auch sie jetzt, aber tief
aufseufzend, die neue Acquisition ankndigte. Geschah dies doch regelmig mit
demselben unheilverheienden Tone, demselben Unkenruf des Mistrauens und der
Furcht vor einer solchen wildfremden Person wieder, der niemand ins Herz
blicken knne, und die sogleich bei erster Begrung fr das scharfe Auge der
Kennerin gewhnlich irgendeinen bedenklichen Fehler hatte. Die eine sprach ihr
gleich zu rasch, die andere zu rauh, die dritte hatte keine Lebensart, die
vierte zu viel, die fnfte war naseweis, die sechste simpel ... und schon an der
Toilette, an der Wsche, an der Frisur konnte sie unterscheiden, we Geistes
Kind die von auenher, durch allerhand Vermittelungen empfohlene Person war
... und wenn auch eine allen Kennzeichen, die nur der Dechant verlangte, noch so
vollkommen entsprach, fr Frau von Glpen konnte sie irgendetwas, vielleicht
einen Odeur haben, der ihr einen Horreur verursachte ... kurz, der Dechant
und Windhack, beide waren die erste Verurtheilung schon gewohnt.
    Regelmig aber fanden beide hintennach bei eigener Anschauung, da die so
verfehlt geschilderte Acquisition im Grunde gar nicht so bel war ... Nur
heute bedauerte der Dechant, da er jetzt sich eilen mte in die Conferenz zu
kommen. Ja da der neue Ankmmling nicht sogleich mit Frau von Glpen schon
eintrat, da man erst nach Lucinde Schwarz klingeln mute, da des gefallenen
Regens wegen Frau von Glpen auch noch auf eine warme Fubekleidung fr den
Dechanten drngte, so wurde beschlossen, die Vorstellung zu lassen bis zur
Zurckkunft. Fand sie dann auch, da sich zum Thee jeden Abend Gesellschaft auf
der Dechanei einstellte, vielleicht vor Zeugen statt, so konnte man ja dann
gerade am ehesten beweisen, da der Besuch nur der Gesellschafterin des
Dechanten galt, nicht ihm selbst.
    Indem Windhack seinem Herrn jetzt behlflich wurde, sich zum Ausgange wrmer
anzukleiden, begleitete er die Aeuerung der Frau von Glpen, Windhack htte sie
ja auch schon gesehen! in seinem sanften Redeton, der ihn dem Dechanten
besonders werth machte, mit den Worten:
    Ja, halt ganz wie die Berenice!
    Der Dechant wute, da Windhack mit dieser Vergleichung nur die Figur eines
Sternbildes meinen konnte.
    Wie so? Berenice? fragte er, eine weie Halsbinde unter die schwarze legend,
whrend Frau von Glpen aufhorchte.
    Wenn Sie sich die fnf Sterne der Berenice durch Linien verbunden denken und
den obern sozusagen als den Kopf, so kommt halt ungefhr das neue Frulein
heraus!
    Hoffentlich, bemerkte der an solche Schilderungen gewhnte Dechant, heit
das nicht, da die Dame einen Buckel hat?
    Frau von Glpen meinte schon.
    Sie geht etwas sehr bergebeugt!
    Frau von Glpen dachte an ihren eigenen geraden Wuchs und da man bei etwas
Tournure selbst als Sechzigerin immer noch etwas vor der Jugend voraushaben,
knne ... Sie wute nicht, da die Vergleichungen mit ihrer alten Hauptmnnin
Lucinden sogleich mehr als sonst in Furcht und Nachdenken versetzt hatten.
    Sonst sehr anmuthig! fuhr Windhack fort. Sehr freundlich! Mit jedem schon
so, als wenn sie jahrelang mit ihm bekannt wre! Mich hat sie gleich gefragt,
was es fr Menschen im Monde gbe? Sie arrangirt sich jetzt halt oben ihre
Kammer!
    Der Dechant verfolgte diese Andeutungen nach der Richtung hin, wie ein
derartiges neues Wesen in dem nicht immer ganz stillen Frieden der Dechanei sich
knftig wieder bewhren wrde. Er erschrak, als Frau von Glpen bereits daran
erinnerte, die Nichte wisse, da sie nur vorlufig auf drei Tage zum Besuch,
d.h. zur Probe da wre.
    Hm! Hm! sagte er, Menschen im Monde! Sie kennt also schon unsere Schwchen -
wollt' ich sagen - ja - ei - Windhack, eine Nichte, die Astronomie verstand, die
hatten wir ja wol noch nicht? Richtig! Die Mller'n! Aber die trieb mehr
Mathematik! Lieber Gott, sie war selbst wie 'ne gerade Linie! Hm! Berenice!
Hatte die Berenice nicht ein schnes, berhmtes Haar? Das Haar der Berenice!
Blond, lichtblond, wie der Name andeutet, Lucinde? Nicht?
    Mit diesen Worten schritt der Dechant schon die steinernen Treppen hinunter.
    Windhack begleitete ihn und sagte:
    Im Gegentheil, Herr Dechant! Schwarz wie die Novembernacht! ... Ein
Regenschirm ist nicht nthig, Frau von Glpen!
    Frau von Glpen war bis zur Hlfte der Treppe mit hinuntergegangen. Sie
blieb da stehen, wo sich eine Thr zu einem Wirthschaftsentresol befand. Dort
wollte sie noch einen Regenschirm mitgeben, den der Dechant auch ruhig genommen
haben wrde. Er htte auch einen Sonnenschirm genommen, wenn man ihm einen in
die Hand gesteckt htte; er wrde hchstens gefragt haben: Sind jetzt so kleine
Regenschirme Mode?
    Windhack begleitete ihn bis an das hohe Hausportal.
    Als er zurckkehrte, rief ihn Frau von Glpen in die Wschkammer und wollte
wissen, was da die zweideutigen Anspielungen mit Berenice htten sagen wollen?
Die Vertraulichkeiten des Dechanten mit seinem alten Diener gingen zuweilen auf
ihre Kosten. Beim Haar der Berenice hatte der Dechant einen so scharfen Blick
auf ihre Frisur geworfen ... behauptete sie wenigstens ...
    Windhack erzhlte mit Harmlosigkeit, da es einst einen berhmten alten
Astronomen, Namens Kanon, und eine gyptische Knigin, Namens Berenice, gegeben
htte und letztere htte ihren Mann in die Schlacht schicken mssen, htte aber
gelobt, kme er gesund heim, so wrde sie den Gttern - der Venus, Frau von
Glpen, sagte Windhack - ihre Haare opfern, d.h. in ihren Tempel stiften, wie
wir Wachskerzen stiften oder silberne Herzchen; und nun, fuhr Windhack fort,
hatte der Astronom Kanon das Haar der Berenice zwar vielleicht abgeschnitten,
aber nicht in den Venustempel abgeliefert, sondern gleich gesagt: die Gtter
htten es in die Sterne versetzt, dicht an die Mhne des Lwen - auch halt ein
Sternbild, Frau von Glpen! - Nun wisse man nicht recht, mit wem der Kanon unter
einer Decke gesteckt htte, vielleicht mit der Knigin selbst, die ihr schnes
Haar, zuletzt nicht gern hergegeben htte und dann so lange vielleicht die
Hauben erfand, bis es ihr wieder htte gewachsen erscheinen knnen, oder mit den
Venuspriestern, die diese Haare vielleicht zu ihren Perrken verwandten und
keine Rechenschaft htten darber ablegen wollen ... Kurz, wenn man den Kanon
nach dem Haar der Berenice fragte, Frau von Glpen, so zeigte er halt immer auf
die Sterne, woher auch vielleicht mit der Zeit die Redensart: Mondschein
entstanden sein mag fr einen ausgegangenen oder dnnen oder halt sehr kahlen -
    Genug! Genug! unterbrach Frau von Glpen mit Entschiedenheit.
    Windhack verstand sich aufs Frisiren wol noch sicherer als auf das Angeben
bevorstehender Mondfinsternisse. Er besorgte nicht nur die mathematisch richtige
Form der Tonsur des Dechanten, sondern auch die gewellten knstlichen und so
schn kastanienbraunen Scheitel der Frau von Glpen; jedoch so umstndlich
berhaupt von Haaren zu sprechen, widersprach aller Conduite und feinen
Lebensart ...
    Sie suchte fr Lucinden, deren grerer Koffer erst mit Fuhrgelegenheit
nachkommen sollte und die sich etwas von dem Regen durchnt gefhlt hatte und
von der Wsche der Frau von Glpen einiges bis auf weiteres in Anspruch nahm,
allerlei Frauenzimmerliches aus, von dem sie dann gleichfalls sagte, da auch
das ihn nichts anginge ...
    Gehen Sie! Gehen Sie! sagte sie, Sie mit Ihrem Kanon! Heute bei Tische ist
so viel von Kanonen gesprochen worden, da ich jeden Augenblick erschrecke, von
der Stadt schieen zu hren!
    Das rauschendste Trommeln hrte man jetzt allerdings ...
    Windhack lie Frau von Glpen zu der in der Weizeugkammer arbeitenden
Nhterin, Treudchen Ley, eintreten, er selbst verfgte sich, um fr die
Auguststernschnuppen seine Glser zu prfen, auf die Sternwarte.
    Der Dechant schritt inzwischen zur Stadt ...
    Er hatte die Gewohnheit, auf den gekieselten Wegen, die unmittelbar um die
Dechanei her durch den kleinen Park sich schlngelten, und auch noch auf den
Stufen, die zum Dom emporfhrten, ganz besonders freundlich zu gren. Ernster
aber wurde er schon oben um den Dom selbst herum. Vollends vornehm und etwas
kalt sogar war seine Art, wenn er die Stufen niederwrts zu Kocher am Fall
selbst hinunterschritt.
    Man sagte, er entblte nicht gern sein Haupt. Die einen meinten, weil er
die Schwche besa, seine Tonsur zu verbergen, andere, weil er die Zugluft
frchtete, und wieder andere, weil ihn ein ewiges Grenmssen von Krethi und
Plethi bei aller Freundlichkeit des Herzens verdro.
    Heute aber wurde er kaum beachtet; denn es wimmelte von Soldaten und vor
Aufregung in der ganzen Stadt ...
    Unter den einfachsten bunten Rcken steckten aus der Gegend ringsum achtbare
Brger, Hausbesitzer, Handwerker, junge Oekonomen, Frster, Studirte ... Und nun
rannten die Frauen und die Kinder und wollten auf dem Marktplatz die Parade
sehen und die Handwerker hatten ihre Arbeit eingestellt und standen in den
Hausthren, viele gewrtig auch der Einquartierung, die sie auf drei Tage
bekommen konnten; auf dem Marktplatz nach dem Appell und der Revue wurden dazu
die Billets ausgetheilt ... Und an Ausspannungen und Gasthusern waren
Laubpforten errichtet, Fahnen wehten aus den Fenstern ... Teppiche hingen sogar
nieder, wie bei einem Kirchenfest ... Und dazwischen spielten selbst die Kinder
Soldaten, rasselten mit Trommeln, kokettirten mit Dreimastern aus Zeitungspapier
... Und die Khe muten denn doch auch noch durch die engen Gassen hindurch und
sogar eine ganze Hammelheerde ber den Brckensteg am Fall ... ja, des Ho! Ha!
He! 's war kein Ende ... bis auf den Marktplatz schallte es, wo schon die
Glieder antraten und auf allen Budendchern die Straenjugend sa, knftige
Rekruten des groen Militrstaats auch ... und Bataillon schwenkt! commandirte
jetzt der Major vom Stabe, der glckseligst wieder die Seinigen beisammen
hatte, seine Jungen, seine Kinder - er zog das doppelte Tuch nicht aus -
und nun htte einer ber diese kerzengeraden Colonnen sagen sollen: Das sind
Handwerker, Bauern, Oekonomen, Frster, Studenten, Referendare? Nein! Es waren
Krieger so gut, wie die bei Leipzig und Waterloo gefochten haben!
    Und auch der Dechant nickte hchst befriedigt, als es so ein donnerndes
Halt! galt. Er suchte und suchte ... richtig! da fand er den schlanken, heute so
extra-brnetten, sonnenverbrannten, wol zu spt gekommenen Herrn Neveu mit dem
gestutzten Bart- und Kopfhaar, der jetzt nicht einmal lcheln, nur mit den Augen
blinzeln durfte, um ihn zu gren, und fnf Mann weiter stand der Blonde ... der
Thiebold de Jonge, dem Hedemann und Ulrich von Hlleshoven das Leben gerettet
hatten ... und des Dechanten Herz schlug doch freudiglichst, da so unter der
Masse die herauszuerkennen, die ihm bekannt, lieb und unendlich werth waren.
    Auch er respectirte die militrische Ordnung und grte nur mit einem
holdseligen Lcheln und einem hchst ironischen Zuge um die Lippen, als wollte
er sagen: Na, da werdet ihr denn jetzt gedrillt, ihr jungen Weltstrmer und mt
wie die Gliedermnner zappeln und Fu und Hand heben, nicht wie eure
hochherrliche, freie, beneidenswerthe Jugendlust es will, sondern wie der alte
Major da von Pritzelwitz es commandirt und ihm der Polizeiassessor, heute
Lieutenant von Enckefu, euer Zugfhrer, nachdonnerwettert! Euch schon recht,
euch schon recht!
    Und in seinen Spott und seine Freude rasselten nun die Trommeln ... die
Pickelpfeifen schrillten ... die Ladestcke klingelten ... Schulzendorf, der
Gensdarmenmajor, jagte mit einer Suite Gensdarmen hinter den Marktbuden weg, um
Platz zu machen ... auch Grtzmacher war schon wieder da, vielleicht ohne den
Leichenruber; jetzt aber fegte er die Straen rein von allem, was die
Entwickelung der Kraft und Gre seines Vaterlandes hemmen konnte.
    So aus dem Lager der Ghibellinen trat der Dechant in das der Welfen.
    In einem engen Gchen ging es zur Stadtschule und zur Stadtpfarrei.

                                       7.


Die Straen zu Kocher am Fall sind ganz so gebaut, wie das gemthliche
Mittelalter berall baute.
    Huserzeilen, die nicht geradeaus laufen, sondern die den Wind berzwerg
durch Winkel und Einbiegungen behaglich abfangen ...
    Da ein kleiner schiefer Platz mit einem Brunnen ... dort eine Sackgasse, die
in einer in Sandstein gehauenen alten Kreuzesabnahme endet ...
    Zwischendurch strzt und wogt und wallt der Fall, ein wilder Bergstrom von
miger Breite, der das Stdtchen in zwei Theile schneidet, ohne da man
zuweilen die Brcken bemerkt, auf denen man steht. Der Fall ist hier und da ganz
berbaut und schiet durch Frbereien oder unter einer donnernden Mhle hin, man
sieht ihn nicht.
    Am untersten Ende der Stadt liegt an ihm ein Judenviertel. In Kocher am Fall
gibt es eine starke Judengemeinde, die schwunghaften Handel treibt, vorzugsweise
mit Vieh und dessen Abfllen. Aber auch Hausirer gab es genug in ihr und
Fruchtmakler, die Geschfte auf zwanzig Meilen Weges und weit ber die Residenz
des Kirchenfrsten hinaus machten. Herr Lb Seligmann von Kocher am Fall war
sogar einer der berhmtesten Gtermakler.
    Zwei so stattliche Kirchen, wie der uralte Dom von St.-Zeno und die
Stadtkirche, reichten vollkommen fr die christliche Bewohnerschaft aus. Es
waren aber noch fnf bis sechs andere Kirchen vorhanden. Sie wurden zu
Vorrathshusern fr Militr- und Verwaltungszwecke benutzt. Eine der kleinern,
die Minoritenkirche, gehrte den Protestanten, die nur in geringer Zahl in
Kocher am Fall wohnten, in geringerer noch als die Juden ...
    Auf der Conferenz sprach eben jemand, als der Dechant eintrat, die Worte:
    Und dennoch, dennoch hat die hiesige kleine Gemeinde von noch nicht hundert
Lutherseelen einen Geistlichen, der besser dotirt ist als der Kaplan in der
Stadtkirche, der neben seinem schweren Amte auch noch den Kirchendienst in den
Drfern der Umgegend zu versehen hat!
    Abwechselnd mit den Pfarrern von Blick, Hilkum und den Mnchen zu
Gottesthal! htte der Dechant gleich hinzusetzen mgen, um eine der von jenen
Tagen an immermehr in Umlauf kommenden Tendenzunwahrheiten zu berichtigen.
    Doch frchtete er, seinen Amtsbrdern die Phantasiegebilde zu zerstren, die
jetzt vor ihnen im Qualm ihrer Tabackspfeifen bunt und wirr genug auf und
niederzogen.
    Immer traf ihn beim Eintreten in den groen Schulsaal - - die glckliche
Jugend hatte heute frei - sogleich der ihm besonders unangenehme Blick des an
der Spitze der zusammengerckten Schultische sitzenden Beda Hunnius, dieser
doppelsichtige Blick, der der wahren Gesinnung des Mannes gegen ihn entsprach.
Der kurze, gedrungene, breitschulterige Herr Stadtpfarrer schriftstellerte. Er
redigirte den Kirchenboten, theologisch und poetisch. Der Dechant konnte den
Mann nie sehen, ohne noch an einen andern Beda Hunnius zu denken, der im
Augenblick nur nicht gegenwrtig war. Beda Hunnius, den er vor sich sah, und
der, den er gedruckt kannte, der, auf den er, wie er sagte, abonnirt war, waren
zwei ganz unvereinbare Gegenstze. Der Dechant wute, da bei seinen Amtsbrdern
das Schriftstellern sowol berhaupt aus der Leichtigkeit entsteht,
Erbauungsbcher zu schreiben, die immer gut verkauft werden, wie im Besondern
aus einer heftigen Mittheilungslust, die durch den polemischen Eifer geschrt
wird. Auch das Gefhl der Einsamkeit lie Franz von Asselyn als die Muse des
katholischen Geistlichen gelten. Obgleich ihn sein Amt mehr in Anspruch nimmt
als den protestantischen Pfarrer, fehlt doch die Familie, ihre Zerstreuung, ihre
Sorge. Einsamkeit ertragen knnen ist eine hohe Lebenskunst! Sie ist der
wonnevollste Genu, ja der Luxus des Denkers! Eine Qual ist sie fr den migen
Kopf. In diesen trben Winterabenden, wo der katholische Geistliche auf dem
Dorfe niemand zum nhern Umgang hat, unterhlt ihn die Feder, die
Druckerschwrze, die Beziehung zur Literatur, der Antheil an ihren Hndeln.
Schreiben darf er nichts, was nicht im Sinne seines groen Ganzen ist, und so
hilft sich die trbe Laune durch Abfassung von Predigten, Gebeten, polemischen
Ausfllen; sie schreibt und eifert sich in allerlei mehr oder minder
wohlthuenden Lrm hinein. Der Dechant wute, da, wenn die niedere Geistlichkeit
aus dem Bauernstande hervorgeht, das geistliche Convict ihm eine abschleifende
Berhrung mit der Welt nicht gewhrt. Beda Hunnius, von Geburt ein Bauernsohn,
untersttzt durch Stipendien, auf besondere Empfehlung in dem Convict jener
Stadt gebildet, wo er mit Bonaventura die Weihen empfing, htte immerhin nach
seiner Meinung strmen und lrmen mgen, soviel er wollte; aber er dichtete
auch! Er dichtete in einer berschwenglichen Manier, die dem Schauspielerstande
gleicht, der eben hinter den Coulissen ein Seidel Bier getrunken haben kann und
dann hinaustritt und von dem Duft der Palmen spricht, von der Gtter altem
Heiligthume, der ewigen Roma Majestt und Capitole ... Jerichorosen hieen
Beda Hunnius' poetische Erstlinge, Lacrymae Christi seine zweite Sammlung. Es
folgte eine dritte und vierte und immer wurde der Dechant an sich selbst irre,
wenn er seinen Collegen sah, wie der mit pfundschweren Stiefeln durch die
Straen von Kocher schritt, oder ihn hrte, wie er mit der gewaltigen Hand auf
das Kanzelpult schlug, sich an seine Zuhrer z.B. mit den Worten wendend: Um
ein fr allemal euer Nasenschneuzen whrend meiner Worte abzuschaffen, behaltet
ihr euer Sacktuch so lange in der Tasche, bis ich sage: Putzt jetzt eure Nasen!
... und dann von derselben Hand, von demselben Munde eine zarte Purpurviole
auf das Grab eines Mrtyrers niedergelegt in Tnen und in Weisen der
Ueberschwenglichkeit! Beda Hunnius waren ihm zwei Menschen.
    Dennoch wrde der Dechant, eingedenk seiner Siriusreligion, auch das
ertragen und gelchelt haben, selbst ber die unablssige geheime Polemik im
Kirchenboten gegen ihn selbst, gegen seine gesinnungslose und weltverdorbene
Richtung - vor allzu bsen Umtrieben schtzten ihn die reichen Geldspenden, die
man in der Dechanei fr alles und jedes, selbst zum Ankauf von Kohlen zu
Scheiterhaufen, wie er sagte, zu jeder Zeit erhalten konnte - aber bei den
Conferenzen, die Hunnius eingefhrt hatte, konnte er oft gar verdrielich werden
ber die vielen Erdenschlacken des Himmlischen, ber den Sauerkrautsduft auch
sogar der Seraphskost und noch auf der letzten Conferenz vor sechs Wochen hatte
er wie ein Zelot gesprochen:
    Wo ist euch je das Rauchen gestattet worden? Auf welchem Concil? Durch
welchen Apostel, Mrtyrer oder Bekenner?
    Es war nicht Scherz, wenn er auch heute wieder beim Eintreten in die schon
mit dichten Dnsten und Nebeln gefllte Schulstube den sich theilweise
Erhebenden entgegenrief:
    Meine Herren! Der Geist heit doch, wie Sie wissen, auf hebrisch Ruach und
Sie machen regelmig, wenn Sie zusammensitzen, Rauch daraus!
    Auf den Schulbnken und die Schulsitze entlang lchelten zwar ber zwanzig
Geistliche, aber sie blieben bei ihren langen und kurzen Pfeifen und die jngern
sogar bei ihren Cigarren ...
    Vlker und Geistliche, die den Wein genieen drfen, fuhr der Dechant sich
setzend und brummend fort, sollten den Taback den trkischen Derwischen
berlassen!
    Er suchte sich einen Platz am Fenster und lehnte den Wein ab. Jeder der
Herren hatte vor sich ein Glas mit funkelndem Rebengolde stehen.
    Beda Hunnius nahm die schon im vollen Gange befindliche Debatte des Tages
wieder auf.
    Er billigte eines Redners Vorsicht, die eben angerathen hatte, nicht blind
in das Messer der Bureaukratie zu laufen. Aber, setzte er auf den Tisch
schlagend hinzu, die Zeit rckt immer nher, wo wir mit allem, und wr's mit
Freiheit und Leben, fr unsere Mutter, die Kirche, werden einstehen mssen! Da -
er zeigte auf den Franciscaner -, der ehrwrdige Pater Sebastus dort berichtet
uns, da in der Residenz des hochwrdigsten Kirchenfrsten die Dinge immermehr
auf die Spitze getrieben werden - auf die Spitze der Bajonnete!
    Von drauen hrte man das Klingeln der Ladestcke; der Dechant ffnete sich
das Fenster, an dem er sa.
    Ihr junges Volk! sprach er murmelnd vor sich hin und drckte ein
Sammetkppchen auf sein Silberhaar. Wer in Zeiten gelebt hat, wo wirklich die
Bajonnete herrschten -!
    Beda Hunnius lie sich nicht stren. Er gab die damals allbeliebte
Schilderung der geistlichen Zustnde des unter protestantischen Sceptern
schmachtenden katholischen Deutschland. Er sah das Volk Gottes in der
babylonischen Gefangenschaft. Er sah vollends auf dem Throne, unter dessen
Gewalt sie durch eine Laune der Geschichte hier leben mten, einen
assyrischen Knig.
    Ist es nicht, rief er und sah dabei zuweilen auf ein Papier, als wenn wir
die Worte Actorum 7,43 hrten: Ich will euch wegwerfen jenseit Babylonien!
Meine Freunde, noch ber Babylonien hinaus! Ist das nicht das schwerste Elend
unsers Fluches! Noch ber Babylonien hinaus! Denkt das Herz nicht mit Schaudern
an Ruland? Wie in Ruland steht es schon mit unserm Glauben, mit unserm Cultus,
unserer Selbstregierung! Nicht genug, da die Kirche ihres jahrtausendjhrigen
Schmuckes beraubt worden ist, da man die Pfrnden und Stifte einzog, die
Bisthmer plnderte, die Klster aufhob, den Schulen, unsern niedern und hhern,
die alte Form nicht nur, sondern die ganze Existenz nahm: selbst bis in das
innerste Leben unsers Glaubens dringt die Tyrannei des weltlichen Armes! Wo ist
noch irgend, auer im Beichtstuhl, ein freier Verkehr des Seelenhirten mit
seiner Gemeinde! Wo ein ungehinderter Verkehr des Unterhirten mit dem
Oberhirten! Wo kann sich ein Wunsch, eine Bitte, eine Mahnung aussprechen
innerhalb unserer eigenen Angelegenheiten, ohne da nicht die weltlichen Rthe,
deren Mehrzahl unserer Kirche nicht angehrt, ihr Ohr hinhalten und die letzte
Entscheidung geben! Wir sind Fremdlinge im eigenen Lande, Parias, die der
Botmigkeit herrschender Rajahs unterworfen sind! Und womit herrschen sie? Mit
unserm eigenen Gut und Blut, mit den Besitzthmern der Kirche, die sie
scularisirten, mit dem Schwei unserer Arbeit, mit dem Erwerb unserer Hnde,
mit den Steuern, die wir reichlicher zu zahlen haben als die Provinzen, die man
im Osten bevorzugt! Darf es mitten in unsern Landen eine Universitt geben, in
der nicht alle Wissenschaften, die sie lehrt, in unserm Glauben wurzeln? Darf
eine Philosophie gelehrt werden, die Rom verworfen hat? Darf noch lnger ein
hundert Meilen von uns entlegenes Ministerium, in dem nur ein einziger, mit
Titeln und Orden verfhrter Rath unsers Glaubens sitzt, unsere Lebensfragen
ordnen und entscheiden? Soll fr die Besetzung der Stellen der Bischof kaum ein
Vorschlagsrecht ausben und die Bureaukratie den Ausschlag geben? Soll jedes
schadhafte Dach, das ber dem Hochheiligsten auszubessern ist, jedes nothwendige
neue Megewand, jeder auergewhnliche Schmuck eines mit besonderer Vorliebe
gerade an diesem Orte und gerade auf jene heilige Erinnerung gerichteten Festes
einer weltlichen Bewilligung bedrfen? Soll sich keine Fahne mehr mit dem
hochheiligsten Bilde der gnadenreichen Gottgebrerin zu einer Procession
entfalten drfen, ohne da diese Gensdarmen dem Priester, der mit seinen frommen
Seelen ber die thauigen Wiesen dahin zu einem Gnadenorte wallfahrtet, seinen
Erlaubnischein abverlangen, wie einem reisenden Handwerksburschen sein
Wanderbuch? Sollen diese ehernen Zungen, die in den Lften die Lebenden rufen,
die Todten beklagen, den Blitzen Halt gebieten, nicht reden drfen, wenn die
Lust und Wonne unsers hochheiligsten Kirchenjahrs, die weihevolle
Erinnerungsfreude, der heilige Budrang, die Mrtyrerandacht und das Bittgebet
glubiger Seelen Gleichgestimmte in die heiligen Kirchenhallen ruft? Soll uns
der Wein zugemessen werden und geaicht die heilige Kanne, soll das Brot des
ewigen Lebens halbirt und zerschnitten werden wie das Brot in den Kasernen? Soll
das von dem Hochheiligsten trpfelnde Wachs gesammelt werden, wie von den
Bedienten geiziger Herrschaften das Wachs gesammelt werden mu nach den Orgien,
die sie mit Tanz und Musik feiern? O da das Ma unserer Leiden noch immer nicht
voll ist zum Ueberflieen fr die Feigheit und Muthlosigkeit dieser Zeiten! Wir
haben als Kirchenfrsten einen Geharnischten des Herrn, einen Michael im
Panzerkleide unter dem Pallium der hchsten Kirchenwrde, einen Streiter, der
die Mitra trgt wie den dreimal umbuschten Helm eines Gottfried von Bouillon!
Und mehr! Rom, das endlich den Muth wiedergewonnen, sich von einer langen
Ohnmacht und aus dem Stande der Erniedrigung aufzuringen zu seiner groen
Stellung, wieder mitzureden im Rath der Groen mit blitzendem Bannstrahl und
donnernder Bulle, Rom hat ihn gesegnet, diesen Streiter des Herrn, hat ihm das
rothe Kreuz des Gotteskampfes auf die Schulter geheftet ... Und doch -! Wie
zaghaft ist bei alledem der Beistand, den er sogar unter uns selbst findet! Wie
angstvoll noch unser Umblick auf diesen Heerbann der Hof- und Land- und Steuer-
und Kriegs- und Staats-und Regierungs- und Kirchenrthe! O da die Stunde uns
gerstet finden mge, die Stunde der Entscheidung! Sie wird hereinbrechen wie
ein Dieb in der Nacht, wie ein Weib die Wehmutter ruft, wie die zum Tod
Erkrankte den Priester, ungeahnt, unerwartet! Unser frommer Bruder da berichtet,
da die Frage der gemischten Ehen fr unsern gottseligen Kirchenfrsten an
Ketten und Banden streift!
    Die brennende Frage des Tages war ausgesprochen.
    Mehrere der Pfeifen gingen aus, andere wurden beiseite gelegt. Der
Gegenstand wurde zu ernst. Eine drckende allgemeine Stille war die Folge dieser
zuletzt ganz abgelesenen Anrede. Der Sprecher, der sich somit offen als
Mitverfasser so vieler damals in Wrzburg und Augsburg zuerst auftauchender
Schriften enthllte, sah sich im Kreise rundum. Seine Augen funkelten, die
starken Zge des Antlitzes waren gerthet; die rechte Hand, zur Faust geballt,
hatte mehrmals auf den Tisch gedonnert ...
    Man kann wirklich nichts sehnlicher wnschen, als da dieser schwierige
Gegenstand seine endliche Erledigung finden mge ... sprach eine schchterne
Stimme ...
    Rom hat gesprochen! riefen andere ...
    Aber das Breve mu uns erst durch die Regierung zukommen! erwiderte der
factische Verwalter der Dechanatsgeschfte von St.-Zeno.
    Das ist es eben! ertnte von mehr als einem Drittel der Anwesenden.
    Auch Ruhigere klagten, da die Seelsorge in der bittersten Bedrngni wre.
Der Staat verbte die Weigerung der Einsegnung ohne Vorbehalt der Religion der
Kinder und Rom wolle doch diese Weigerung ...
    Schon erhoben sich einzelne und drckten in ihren Mienen den Schmerz aus,
da man nicht zweien Herren zugleich dienen knne.
    Hunnius ermahnte zum Sitzenbleiben.
    Da diese Protestanten, sprach und las er weiter, nicht einsehen, was es
denn eigentlich mit unserm Glauben ist! Herr Gott im Himmel! Es ist ja nicht die
Unduldsamkeit, es ist ja nicht die Proselytenmacherei, die uns gebietet, eine
Ehe zwischen Rechtglubigen und Heterodoxen nur dann einzusegnen, wenn ein
Versprechen vorangegangen ist, da die Kinder, gleichviel welchen Geschlechts,
katholisch werden! Fhlt ihr uns denn die tiefe Verpflichtung nicht nach, die
wir haben, gleichsam aus dem katholischen Dasein erst das wirkliche menschliche
Leben berhaupt zu machen und das blos natrliche, thierische, irdische,
unerlste, durch Christi und der Mrtyrer Blut nicht erkaufte Leben aufzuheben!
Menschen, was ist denn die Weihe! Fhlt ihr denn nicht, da in unsern heiligen
Handlungen Consequenzen liegen, die, gleichviel ob berechtigt oder nicht,
mathematische Beweiskraft fr uns haben! Fr uns! Gerade fr uns! ... Da unser
College Bennrath, unterbrach er sich, hat einem Protestanten das Begrbni auf
dem Friedhof von Nennhofen verweigert und ihn hierher auf den protestantischen
schaffen lassen ...
    Zu meinem uersten Entsetzen! warf der Dechanatsverweser dazwischen.
    Es war aber eine That! rief Hunnius. Eine That, die Bennrath von Nennhofen
in das Buch der Bekenner schreibt! Wo ist gesagt, da eine Ausweisung von der
geweihten Erde unserer Kirche nur vom Standpunkte des reinen Menschenthums zu
fassen ist? Menschenthum! Seid ihr Christen? Nicht einmal Juden sprechen vom
Menschenthum! Mensch ist dem Juden Goim, Heide! Auch die Juden leben nur in der
Ordnung und Harmonie geoffenbarter Zustnde! Ein Gottesacker hat nach unserer
Lehre eine Segnung empfangen, die ihn zu einer Gemeinde macht, wo sogar die
Todten den Herrn lobpreisen, sogar die Todten im Chore stehen und, wenn nicht
frher, doch am Auferstehungstage um einen dann errichteten Altar wandeln
werden, an dem ein anderes Bekenntni nicht theilhaben kann und mag es selbst
ein solches sein, dem nicht die ewige Verdammni zuzusprechen ist. Wie ist das
so leicht gesagt: Intoleranz! Werdet ihr auf euern Bllen Gste haben wollen,
die ihr nicht einludet? Werdet ihr an euern eigenen Altartischen Andersglubige
dulden? Die katholische Kirche will ja nur bei den Todten wie bei den Lebenden
unter sich sein! Oder hrt euch die Religion mit dem Begrbni auf?
    Sprecht! donnerte Hunnius hinterher, gerade wie in seiner Kirche, wo er
natrlich Schweigen voraussetzte.
    Bennrath von Nennhofen griff den Faden auf und fhrte ihn weiter.
    Was erleben wir nicht alles in unserer nchsten Nhe! sagte er mit
gemigterm Tone, aber nicht minder sicher und spitz und scharf. Ich will davon
nicht sprechen, da nun drauen wieder unsere eigenen Landeskinder und Mitbrder
mit dem bunten Rock, den sie eben tragen, ganz das Kleid ihrer Heimat, ihrer
Familie, ihres Glaubens ausziehen und in die Gemeinschaft des groen
protestantischen Ganzen treten mssen, ich mchte sagen, wie die Polen, die
russisch commandirt werden! Ich sehe diese Offiziere wieder, diese Enckefu und
andere uns wohlbekannte Shne von Beamten oder Offizieren! Es wird noch die Zeit
kommen, wo diese armen Seelen in die ketzerischen Garnisonskirchen commandirt
werden, zunchst nur anstandshalber, weil ein Austreten aus Reih und Glied
militrisch zu auffallend wre! Ich sehe sie auf den Bnken, wo ihnen die
Divisionsprediger das Licht ihres sogenannten Evangeliums aufstecken werden,
dies Lichtstmpfchen, das die in Goldschnitt gebundene neue Agende des
Landesvaters beleuchtet! Wo man hinblickt, irgendein Schmerz fr unsere
liebevolle Mutter, die Kirche! In unserer ganzen Armee gibt es keinen einzigen
General unsers Glaubens; ich kenne nur einen einzigen katholischen Obersten, es
ist ein englischer hier in unserer, Nhe! Zu hhern militrischen Graden
gelangen unsere Brder und Verwandte nicht! Nicht minder in der Bureaukratie!
Und welche Macchiavellismen! Weil sie auf unsere menschliche Schwche rechnen,
werden berall gleichsam Preise ausgestellt fr die, welche sich gefgig zeigen!
Ist eine Pfrnde eintrglicherer Art erledigt, so lt man ihre Besetzung
monate-, ja jahrelang anstehen, um den Wetteifer dafr zu entznden, da man sie
sich durch die Gesinnung erobere! Ist es dann wol ein Wunder, da wir ganz
durchwhlt sind von der wie die bunten Adern durch ein Marmelgestein sich
hinziehenden Protestantisirung? Die Beamten heirathen unsere Schwestern,
Nichten, die Tchter unserer Angehrigen! Wo eine reiche Hand zu vergeben ist,
gewinnt sie sich einer von drben. Selbst in der Residenz des Kirchenfrsten ist
der Schwager unsers hochherzigen, scharfsinnigen kanonischen Streiters, des
Herrn Dominicus Nck, ein Protestant und wird, wie Pater Sebastus dort uns
berichtet, infolge seiner gemischten Ehe demnchst eine Tochter im hochmgenden
Piter Kattendyk'schen Hause bestimmen, protestantisch taufen zu lassen! Ja
selbst von dem heiligen Lande Oesterreich, einem Lande, das mehr als Wrtemberg
verdient sich Gottes Augapfel zu nennen, mu unserer rechtglubigsten Provinz
drben das Geschick drohen, die reichsten Lnder, die Besitzungen der
Dorste-Camphausen, an die protestantische Linie der Salem-Camphausen bergehen
zu sehen! Was bleibt uns brig? Gewalt gegen Gewalt!
    Dies Wort lehnte man ab.
    Ein Kaplan warf ein:
    Unsere Gewalt ist nur das Wort!
    Das Wort war bei Gott und Gott ist das Wort! rief Hunnius. Es ist der Geist,
die Gesinnung und deren ffentliche Bewhr! Erheben wir uns aus unserer
Schlaffheit! Ziehen wir den Harnisch des Glaubens an! Seien wir gerstet und
verschmhen wir selbst die kleinere Waffe nicht! Bedrngte Belagerte greifen zu
allem, was helfen kann! Ich empfehle Ihnen jetzt die Vorschlge, die Pater
Sebastus uns aus den nhern Umgebungen des Kirchenfrsten bringt!
    Nur diejenigen beobachteten unausgesetzt den schweigsamen Franciscanermnch,
die mit ihm heute noch nicht an der Tafel des Dechanten zusammengetroffen waren.
Er ergriff auch jetzt noch nicht das Wort, sondern hielt den geschorenen
rthlichen, wunderlich geformten, mit Schrammen und Narben bedeckten Kopf in die
Hand gesttzt und lie statt seiner seine eigenthmlich hellen, fast
schwimmenden Augen, dann einige Zettel sprechen, die herumgingen und die Mittel
enthielten, die man anwenden sollte, um den kirchlichen Oppositionsgeist zu
mehren. Vorzugsweise wurde die schon vor Ankunft des Dechanten besprochene
Stiftung einer neuen Bruder- und Schwesterschaft des Athanasiusvereins und
gerade zur Erinnerung an einen um den Glauben bedrngten, flchtigen,
verfolgten, hier zu Lande liebevoll aufgenommenen Kirchenlehrer wieder
aufgenommen ... Die Regierung hatte schon lange ein mistrauisches und
abgeneigtes Auge gerichtet auf die groe Zahl geistlicher Vereine, die scheinbar
nur dem gottseligen Leben und einer gegenseitigen sittlichen Aufsicht gewidmet
waren, mehr aber noch eine Organisation des Zusammenhangs auch fr
oppositionelle Zwecke wurden. Es lie sich voraussehen, da dieser neue
Athanasiusverein von obenher den entschiedensten Anstand finden mute.
    Der Dechant hrte allem, was zur Durchsetzung dieser wichtigen Angelegenheit
in hiesiger Gegend nun beschlossen werden sollte, nur seufzend zu und war um so
mehr zerstreut, als er nur immer offen vor sich ausgebreitet seine Brieftasche
liegen hatte, die er an solchen Conferenztagen schon frhmorgens mit Fnf- und
Zehnthalerscheinen zu fllen pflegte, um nur immer schnell durch seine Spenden
zu den Gemeinzwecken sich vom Reden oder ausdrcklichen Beistimmen loszukaufen.
Er hatte diese Klagen schon so oft gehrt! Er hatte sie so oft gelesen! Er war
auf zehn Exemplare des Kirchenboten abonnirt! Er kannte diese immer gleiche
Rhetorik der Rmlinge! Er kannte den Inhalt dieser verbotenen Broschren und las
sie nicht mehr. Von allem, was man an Thatsachen vorbrachte, gab er die Hlfte
zu, aber die Erledigung der andern schien ihm ganz an einer andern Stelle zu
liegen als im fernen Rom. Heute, wie man nun sogar von fehlenden katholischen
Obersten sprach, mute er gar auflachen und sagen:
    Aber ihr wunderlichen Leute! Ihr berlegt gar nicht, ob in unsern
katholischen Adels- oder Brgerfamilien berhaupt das Bedrfni da ist nach
einer ffentlichen Bewhr, das Bedrfni des Emporsteigens nach Ehrenstellen und
Auszeichnungen! Wo ich noch hinsah und ich habe die Jahre, hingesehen zu haben,
haben wir hier zu Lande und drben unsere eigene Art, uns das Leben zu
gestalten! Am liebsten hocken wir auf unserer Hufe und suchen das nicht, was wir
demgem auch nicht finden knnen.
    Wenn ihn Hunnius widerlegen wollte, so strte diesen jetzt das allgemeine
Aufstehen aller, um die Zeichnung zu sehen, nach der zehntausend zinnerne
Medaillen gegossen werden sollten. Der Mnch hatte die Zeichnung mitgebracht:
Maria mit dem Kinde ffnet ein Gitter, hinter welchem ein Bischof, es sollte
Athanasius sein, gefangen sitzt ... Der Mnch war dabei aufgestanden und zeigte
sich von einem langen, magern Wuchse. Die braune Kutte, von der weien
Grtelschnur festgehalten, ging bis zu den nackten, nur von einer Sandale
geschtzten Fen. Es war viel, da der Mnch sich jetzt zu einigen
Erluterungen herbeilie. Er hatte bisher ab und zu nur seinem Glase
zugesprochen, hatte eine Cigarre nach der andern von einem vor ihm stehenden
Teller, der deren eine Anzahl enthielt, weggeraucht und immer geschwiegen. Sein
Schweigen war gebieterisch. Es sagte zu denen, die da sprachen, fast soviel als:
Entwickelt euch! Steckt getrost eure kleinen Lichter auf, bis Ich kommen werde!
    Pater Sebastus mochte etwas mehr oder weniger als dreiig Jahre zhlen. Je
lnger er sa, rauchte oder trank, desto blasser wurde er. Alle wuten, da der
Gast ein Convertit war, eine hohe Bildung genossen hatte, mit Feuer und Geist
schriftstellerte und in der Residenz des Kirchenfrsten seit kurzem zu hoher
Anerkennung gekommen war. Wenn die weien lnglichen Finger der magern, doch
hbschen Hand zuweilen auf dem Tische leise trommelten, so war es, wie im Takt
zu einem inwendigen Rhythmus seiner Gedanken, die laut gesprochen ohne Zweifel
bedeutsam gewesen wren. Als er jetzt mit einer eigenthmlich leisen, fast
heisern, aber auerordentlich sichern Stimme zu sprechen anfing, bot Hunnius
allgemeine Ruhe. Jeder setzte sich, und selbst der Dechant war gefesselt von
einer Weise, die ihm heute an seiner Tafel bei der Redseligkeit seiner brigen
Gste weniger aufgefallen war.
    Einige Mitglieder unsers hochwrdigsten Domcapitels, begann fast
silbenzhlend Pater Sebastus, wohnten krzlich einer Vorlesung bei, die von
einem der auf der nahe gelegenen Universitt angestellten und zu diesem Zweck
herbergekommenen jngern Professoren vor einem gemischten Kreise der Residenz
des Kirchenfrsten gehalten wurde ...
    Der Mnch pausirte. Er zerdrckte die Asche seiner Cigarre und legte diese
fort.
    Der Gegenstand derselben - fuhr er fort -
    Das zufllige Rcken eines Stuhls schien ihn zu stren. Er sah nach der
Gegend des Gerusches und wiederholte, whrend Hunnius ein scharfes St! wie auf
seiner Kanzel beim zu frhen Nasenputzen ertnen lie:
    Der Gegenstand derselben war an sich ein unverfnglicher, lie aber einen
historischen Rckblick auf die Kmpfe der Welfen und Ghibellinen zu.
    Pater Sebastus stockte von neuem. Aber ein Blick rundum bewies ihm, da
alles jetzt in einer Weise an seinen Lippen hing, wie er dergleichen noch
vielleicht von Gttingen, wo er docirt haben sollte, gewohnt war ...
    Der Redner, fuhr er mit immer gleicher Gelassenheit, doch pointirt und fest
fort, sprach in einer Stadt, die fast ausschlielich nur unsern Glauben bekennt;
und doch hatte er jenen Standpunkt, den die protestantische Wissenschaft mit der
ihr eigenen Einseitigkeit fr die Wrdigung des Mittelalters aufgebracht hat.
Alles, was in einem Zusammenhange mit Rom steht, ist nach dieser Lehre Tyrannei
und Finsterni; alles, was dagegen die deutschen Kaiser wollten, ist Vernunft
oder Freiheit. Dem anwesenden berwiegenden Theil der Gesellschaft, den Damen,
war der von dem Professor entwickelte Gegensatz vllig unbekannt; so dmmern
jetzt die Gemther in ihren wichtigsten Lebensfragen hin! Sie nahmen die Welfen
fr den unheiligen, teuflischen Gegensatz der Ghibellinen, diese fr die
lichtreine, sonnenhelle Partei; dort herrschte nur der finstere Ahriman, hier
der lichtstrahlende Ormuzd. Mnchthum, Pfafferei, Sonderbndlerei, Hierarchie
sind die Kennzeichen der Welfen; Aufklrung, Ordnung, nationale Hoheit und Gre
die der Ghibellinen. Rom soll die natrliche Residenz nur der Nachfolger Karl's
des Groen und des Julius Csar sein. Die Hohenstaufen sollen nichts als nur die
Befreiung der Welt von den Anmaungen der Hierarchie bezweckt haben. Da die
Welfen in Italien vor allem ihr Vaterland vertheidigten, da sie sich in
einzelne Stdte und Genossenschaften trennten, um nicht durch die Unterwerfung
unter Einen die eigenthmlich bedingte, jahrtausendjhrige Freiheit des
vterlichen Bodens zu verlieren, da dabei der Priester, wie immer, der Freund
und Beistand des einzelnen gegen den Druck der Masse blieb, der Priester der
Freund und Beistand der bangen Seele gegen die Anfechtungen der Welt, der
Priester derjenige, der noch auf dem letzten Gange zum Schaffot den Verbrecher
begleitet und wenigstens noch vor Gott, nachdem die brgerliche Genossenschaft
ihn lngst ausgestoen hat, sein Anwalt bleibt, ja da diese geistliche Hlfe
den Bedrngten auch in den politischen Nthen beisprang und sich Vaterland,
Freiheit und Glaube gegen die Anmaungen der fremden Eindringlinge hochherzig
verbunden hatten - dafr, ich sage dafr hatte der Redner keine andere
Ausdrucksform als die bei der jenseitigen Wissenschaft bliche geringschtzende
und verdchtigende ...
    Der Mnch hielt einen Augenblick wieder inne, alles horchte gespannt, selbst
der Dechant.
    Ruhig und mit immer sich gleichbleibender Stimme fuhr der Franciscaner fort:
    Gut! Die Vorlesung lenkte wieder ein, kam auf Unverfngliches, war vorber.
Die Offiziere, Beamten, Damen waren entzckt. Doch zugleich entstand um die
Herren vom Kapitel, die sich sogleich entfernt hatten, ein von Vorwrfen und
Ausbrchen des Unwillens gemischtes Murmeln. Die Veranstalter dieser Vorlesung
wurden von gesinnungsvollen Personen zur Rede gestellt und ohne Zweifel wr' es,
wie billig, zu Errterungen gekommen, die die gedankenlose Nachahmung solcher
inhaltleeren nordischen Residenzgensse verdient htte, wre nicht der
Gegendruck der Anwesenheit unserer weltlichen Oberbehrden und der hohen
Militrs zu stark gewesen. In einigen Abendcirkeln, zu denen ich zugelassen zu
werden mir zur besondern Ehre rechnen darf, kam die strenge Unterscheidung, die
die Geschichte zwischen Welfen und Ghibellinen aufgestellt hat, zur Sprache und
es stellte sich heraus, da wir uns eigentlich alle noch auf dem Standpunkte
jener wilden und blutigen Tage befinden. Ist nicht jede Erfahrung, die wir in
unsern tglichen Conflicten machen, eine Besttigung, da dieser unselige Kampf
immer noch nicht ausgekmpft ist? Das Ghibellinenthum ist der Herrscher des
Tages. Die Gewalt nicht der Frsten und Herren etwa allein, sondern des
bureaukratischen Staats ist der siegreiche Hohenstaufe, der berall in
unzugnglichen Felsenburgen thront. Verwaltung, Unterricht, Erziehung,
Wissenschaft, Gewerbe, Brse, Handel, alles hat die ghibellinische Frbung
angenommen, die Frbung der Centralisation, des Aufsaugens aller Sfte und
Krfte der Gesellschaft. Was ist diesem Mechanismus noch der Mensch? Der hat nur
noch Werth, soweit er Brger ist! Und um ihm das Gefhl nicht ganz zu rauben,
da sein Dasein auf diese Art seinem wahren Zusammenhange mit Gott und der Natur
entrckt wird, hat man ihm auch zur Noth noch einige religise Veranstaltungen
gelassen, eine Kirche, einen Geistlichen, die Formen eines alten Cultus; man
gibt sich die Miene, diese Veranstaltungen, ob man sie gleich im geheimsten
Einverstndni fr berlebt erklren msse, doch heilig halten zu wollen und
sogar vor Anfechtung zu schtzen; und doch, bei jeder Frage, die nur irgendeine
des Lebens ist, bei jedem Zusammensto zwischen dem Ewigen und dem Irdischen hat
die Gewalt des Irdischen die Oberhand. Wir sind, wo wir hinblicken, in grberer
wie in feinerer Form, durch und durch ghibellinisirt ... So ist denn erklrlich
die von keiner uern Veranstaltung, sondern aus einem natrlichen Drange der
Glubigen aller Zonen ausgehende Bewegung unserer Zeit, innerhalb nicht nur
unserer, sondern aller Kirchen, die unter Staatsbevormundung stehen, sich ihr
eigenes, selbstbestimmtes und selbstbestimmendes Leben wieder zurckzugewinnen.
Das neue Welfenthum ist es in den Abendcirkeln Sr. Eminenz offen und ehrlich
genannt worden. Wie sogar die protestantische Kirche, wenn sie diesen Namen
verdient, sich tglich mehr ablst und ablsen wird von dem Staate, dem sie
freilich dafr in seinen brigen Nthen und Bedrfnissen hlfreiche Hand zu
leisten verspricht, so hat vor allem die katholische ihren innigsten
Zusammenhang wiederherzustellen mit Rom. Thrichter Wahn, der in dieser
Forderung nur Botmigkeit unter ein herrschschtiges Priesterthum und eine
fremde Autoritt sieht! Rom ist und war und bleibt zu allen Zeiten der Ausdruck
des Ewigen, Unvergnglichen und im Wandel Wandellosen. Es ist die Warte der drei
in sich verbundenen groen Festlandswelttheile. Es war die Knigin der alten und
mittlern Welt, es mu die Knigin der neuen bleiben. Worauf grndet sich Roms
Herrschaft? Auf Schlauheit italienischer Rnke? Auf Verdummung der Geister?
Thrichte Anklage, die an den Grundfesten unserer Kirche gerttelt zu haben
glaubt, wenn sie die Schwche der Menschennatur aufdeckte, die auch unter dem
geweihten Kleide des Priesters sndige! Als wenn irgendeine Menschenseele ein
ganz reines Gef fr die Gttlichkeit der Ideen sein knnte! Als wenn die Ideen
selbst etwa darunter leiden knnten, da ihre Trger dem allgemeinen
Menschenloose erliegen mssen! Da ein Bekenner strauchelt, entwrdigt das sein
Bekenntni? Da Priester unvollkommen sind, entwrdigt das das Sakrament, dem
sie administriren? Rom ist das Ewige in der Geschichte! Rom ist die Zunge an der
Wagschale der Welt! Rom ist, gerade als wenn es auch nur deshalb die Bewegung
der Erde geleugnet htte, ihr fester Grund, ihre granitene Wurzel, ihr Compa,
ihr Steuer auf dem schwankenden Meere steter Neuerungen und Revolutionen! Was
vertritt denn seine Anmaung? Was gewhrt denn die heilige Roma den Vlkern? Das
ewige Heil im zeitlichen Unheil! Die Ble und Hlfsbedrftigkeit des
natrlichen Menschen allen Purpurgekleideten der Erde gegenber! Die Schpfung
des Menschen, das Paradies, die diesseitige und jenseitige Hoffnung aller
Erdgeborenen gegenber der millionenfachen Verdrehung unsers Erdenberufs durch
millionenfache zu dringenden Nothwendigkeiten gewordene Zuflligkeiten! O du
heilige untheilbare, ewige Kirche! Stehe fest in deinem gegliederten Bau! Bist
du nicht selbst wie der hohen gothischen Dome einer? Gegrndet bis an die Tiefen
der Hlle, mchtig dich erhebend auf der Form des Kreuzes, himmelanstrebend in
ewiger, wolkenverlorener Sehnsucht! Musik ist das Zusammenspiel deiner schnen
Formen! Einheit das majesttische Bekenntni deiner Theile!

Sie strebt empor durch Drang und Zeit,
Mu himmelan sich ringen,
Und schafft ein Werk der Ewigkeit
Und lt sich nicht bezwingen!

    In deinem Sinne, heilige Roma, wollen wir wahr sein, aber der Lge gegenber
auch eure Waffen fhren! Im Schatze der Gnaden ruht Entshnung! Krieg! Krieg!
ruft die Posaune des Erzengels. Im Kriege kennt die Noth kein Gebot! Jede Waffe
ist gerecht, die den Gegner abwehrt! Da der Zweck die Mittel heilige, ist nicht
fr den Kampf mit den Guten, sondern fr den Kampf mit den Bsen gesagt! Ahmen
wir vor allem die Ordnung eines Kriegsheeres nach: Gehorsam dem Obern; Achtung
vor jeder Waffe, auch wenn sie eine geringere scheint, als die wir selbst
fhren; Achtung vor jedem Ruhme, auch wenn er unsere eigenen Verdienste
berschattet! Bekmpfen wir in uns selbst die Abneigung gegen die Vorkmpfer der
kirchlichen Freiheit, gegen die Mitglieder der Gesellschaft Jesu! Bieten wir
denen, die in ihnen ihre unerbittlichsten Feinde sehen, dadurch keinen Beistand,
da wir die alte Eifersucht der Orden, der Kloster-und Weltgeistlichen auflodern
lassen! Wo uns die Hnde gebunden sind, sind sie jenen, den letzten Rittern vom
Kreuze, frei! Die streifen noch ungefesselt ber die Lnder hin, gebunden durch
kein Amt, kein Klostergelbde; sie sind die berittene Schar, die angreift und
flieht zu gleicher Zeit, wie einst der Parther kmpfte! Bieten wir alles auf,
da den Jesuiten die Thore des Eingangs geffnet werden! Sie ertragen alles, sie
gehen, sie gehen noch einmal und kommen wieder! Wo ein Amt leer ist, eine Kanzel
frei, ein Beichtstuhl geffnet, lassen wir den Vtern der Gesellschaft den
Vortritt! Ob alle diese Dinge reifen sollen bis zu offener Gewalt, darber sind
die Meinungen getheilt. Die einen frchten und suchen die Erhebung der Massen zu
verhten, die andern frchten sie nicht und wollen sie. In den Umgebungen des
Kirchenfrsten herrscht die Meinung, da offene Gewalt bisjetzt alles verderben
wrde. Denn auch darin sprche sich die durch und durch ghibellinisirte Welt
aus, da Handel und Gewerbe, sogenannte Volkswohlfahrt und geregelte Ordnung dem
Jahrhunderte, wie es jetzt einmal ist, ber alles gehe; denn von den
Fleischtpfen Aegyptens wollen sie nicht lassen und sollten sie auch ewig nur
die Ziegel streichen zu den Ruhmessulen ihrer Pharaonen! Im Gegentheil wnscht
die Umgebung des Kirchenfrsten, da wir alles, was nicht ein Mit-Uns ist, auch
als ein Frsten-Wider darstellen, d.h. eine Frderung der Revolution nennen. Das
ist das schlagende Argumentum ad hominem der Zeit! Kmpfen wir gegen die
Neuerungen des sich souvern dnkenden Menschenverstandes, so ffnen sich uns
die Pforten der Thronsle auch im jenseitigen Lager, wir werden eingeholt werden
mit Triumphpforten als die Retter des Gesetzes und der Ordnung! Dieser Feldzug
geht langsam, aber sicher. Halten wir am Geiste fest, frdern wir den vor allem!
Denn wer auf den Geist set, wird von dem Geiste das ewige Leben ernten!
    Der Redner war schon bei seinem Gebet an die Kirche aufgestanden und alles,
selbst den Dechanten nicht ausgenommen, seinem Beispiel gefolgt ...
    Man schttelte ihm die Hand, ertheilte ihm die grten Lobsprche und raunte
sich zu, da nun wohl erklrlich wre, wie dieser einfache Mnch pltzlich in
der Residenz des Kirchenfrsten htte zu so hohem Ansehen gelangen knnen. Man
erklrte sich bereit, den Athanasiusverein zu verbreiten und dies zu wagen auch
ohne Genehmigung der Behrden. Man versprach die Medaillen in reichster Anzahl
auszutheilen und bestellte die Zahl, die jeder davon in Vorrath zu haben
wnschte.
    Auf dem Teller, von dem die Cigarren weggestrichen wurden, sammelte man die
zur Herstellung nthigen Beitrge.
    Jeder gab nach Vermgen, der Dechant, wie immer, die Hlfte soviel wie alle
andern. Der Ertrag wurde dem Pater Sebastus bergeben. Ein Zinngieer der
kirchlichen Residenz hatte Verschwiegenheit gelobt und versprochen, die
Medaillen zu einer bestimmten Zeit abzuliefern. So trennte man sich ...
    Es war Abend geworden ...
    Beim Durchschreiten eines langen Corridors, der an die Hausthr zurck und
zu den inzwischen immer noch lebendig gebliebenen, ja wie vom Jahrmarktsgewhl
durchwogten Straen fhrte, erfuhr der Dechant, da der, wie es schien, als
Wegbereiter kommender Jesuiten wirkende Pater Sebastus dem Kloster Himmelpfort
bei Witoborn angehrte. Seines frhern Namens hie er Heinrich Klingsohr.
    Er dachte an seinen anonymen Brief -
    Hu, Savonarola, Arnold von Brescia -
    Als er, magisch umwoben vom abendlichen Dmmerlicht, zur Dechanei
zurckkehrte, luteten ihm die Glocken seines Domes wie zur Andacht in einer
unsichtbaren Kirche droben ber den Sternen. Wie er in die schon erleuchteten
Fenster seiner Wohnung hinaufsah, rang sich ihm mit Schmerz der Seufzer von der
Brust:
    Fiat lux in perpetuis!

                                       8.


Die Beraubung des Grabes auf dem Friedhof zu St.-Wolfgang war inzwischen in der
Dechanei, wie in ganz Kocher am Fall bekannt geworden.
    Grtzmacher war auf schweigebadetem Ro zurckgekehrt, hatte aber den
muthmalichen Thter nicht ergriffen.
    Auch da Bonaventura vielleicht noch den Abend in der Dechanei eintreffen
wrde, war durch Hedemann bekannt geworden, der auf einen Augenblick daselbst
vorsprach und die von Angelika Mller erhaltenen, von Benno, dem zu sehr in
Anspruch Genommenen, wieder zurckempfangenen Briefe fr den Dechanten an
Windhack bergeben hatte.
    Kein Oberst, kein Benno, kein Thiebold, niemand sonst lie sich vor Antheil
an den Vorgngen in der Stadt sehen, soda Lucinde der Frau von Glpen die
rthselhaften Vorgnge allein erzhlen mute, ja wiederholen, mehrfach
wiederholen, da die Theestunde geschlagen hatte und einige Freundinnen der
gastfreien Frau schon im lebendigsten Mittheilungsgenu um den siedenden Kessel
versammelt saen.
    Zur Justizrthin von Nietnagel, zum Stiftsfrulein von Minnerich und wie sie
alle hieen, die entweder in Kocher selbst wohnhaft waren oder zu jener
Landeswohlthat (nach andern Landesplage) gehrten, die die Reihe herum immer auf
der Wanderschaft bei ihren Lieben und Guten begriffen sind und das schne Talent
des Sich-Einwohnens und Nothwendigmachens des Jahres bei einem halb Dutzend
Familien schon seit dreiig Jahren besitzen, gesellte sich zuletzt auch der
tieferschtterte Dechant.
    Auch er erfuhr nun die unheimliche Kunde und gab dadurch Lucinden
Gelegenheit, ihren Bericht zum fnften oder sechsten mal zu wiederholen, sich
aber auch zugleich in lebhafter Weise ihm selbst zu empfehlen. Lucinde, die das
Wohlgefallen des Greises an seinem wiederholt prfenden Blick sogleich bemerkte
- sie war zwar noch in ihren Reisekleidern, hatte aber manches Krgelchen,
manchen Spitzenschmuck zur Hebung ihrer Erscheinung zu benutzen verstanden und
besonders schn stand ihr die eigenthmliche thurmartige Krone ihres stattlichen
Haares -, suchte sich den Schein der grten Ungefhrlichkeit zu geben. Sie
wollte sich nur ntzlich machen. Sie servirte den Thee wie eine Dienende. Schon
erntete sie manchen heimlichen Wink des Beifalls, den Frau von Borchardt an Frau
von Nietnagel, diese wieder an Frulein von Minnerich und Frulein von Minnerich
an die treue Freundin, Frau von Glpen selbst weiter gab. Windhack erinnerte
an die Briefe, die Hedemann gebracht; der Dechant wollte jetzt nichts davon
wissen, er wollte ruhig seine Tasse Thee trinken, d.h. die Gestalt und den
ausdrucksvollen, den Kenner der Antike fesselnden Kopf derjenigen bewundern, die
den Thee credenzte.
    Windhack konnte, da er Grtzmachern gesprochen hatte, von der vergeblichen
Verfolgung des Knechtes aus dem Weien Ro berichten.
    Oben auf der Hhe des St.-Wolfgangsberges, erzhlte er, hatte ihn
Grtzmacher und seinen Wagen fast erreicht. Da aber springt der Mensch herunter
vom Wagen, lt alles im Stich, flchtet in den unwegsamen Wald und Grtzmacher
hat halt mit seinem Gaul vorlufig das Nachsehen ...
    Nun kam die Majorin Schulzendorf. Auch sie kam in der ganzen Eile und
Aufregung, die nichts zu versumen wnschte und vor Thatsachen, die sie so lange
zurckgehalten htten, sich nicht zu lassen wute ...
    Erst der Leichenruber und - ei - ei, da sie fast vergessen htte, dem
liebenswrdigen Dechanten fr das wunderschne, prchtige Obst zu danken - -
    Bitte! Bitte!
    Kstliche Birnen ... Na heute Abend, der groe Zapfenstreich ...
    Der Leichenruber? ...
    Nun, nicht wahr? Aber mein Mann vermuthet schon einen gewissen Bickert,
einen Menschen, der jahrelang in Frankreich im Zuchthause gesessen hat, dann
ber die Ardennen herbergekommen ist, bald da, bald dort herumstreift, mit
einer ganzen Bande zusammen im Hundsrck die Rotuscherei getrieben hat,
rotzkranke Pferde fr gesunde aufputzt ... danke, danke, meine Liebe! der Thee
macht mir noch zu hei! Ein Stckchen von Ihrem Kuchen - Delicat!
    Auf dem Lande und in kleinen Stdten gewhnen sich die Menschen an alles
Natrliche und Thatschliche. Sie knnen von Krankheiten der Thiere mit
demselben Interesse reden hren, wie man in groen Stdten nicht einmal von den
Krankheiten der Menschen spricht. Der Major war selbst Pferdehndler. Seine
Gattin spann seine Vermuthung ber die Gefhrlichkeit dieses Bickert selbst bis
auf eine Schilderung der Knste aus, wie man den sogenannten Rotz auf einige
Tage scheinbar beseitigen kann.
    Mitten in diesem Fragen, Berichten, Wundern kam auch der Major ...
    Es war eine hagere, mehr bureaukratische als militrische Erscheinung. Er
trug Uniform, doch sa sie ihm nicht so stramm und geschlossen, wie man hier in
den militrischen Kreisen sich zu zeigen gewohnt ist. Als Candidat der Theologie
war er 1815 unter die Fahnen seines Knigs getreten und hatte eine Carrire
gemacht, die jetzt gewissermaen wieder in ihre frhere moralische, wenigstens
civile Bestimmung zurcklenkte. Als Lieutenant von der Armee abgegangen, war er
bei den Gensdarmen allmhlich bis zum Major gestiegen und griff nun in Gesetz
und Ordnung als Chef eines rings zerstreuten, den Landrthen und
Regierungsmtern zur Verfgung gestellten Gensdarmeriecorps ein. Man sollte kaum
glauben, da ein ehemaliger Lateiner so ganz im Berittenen, namentlich im
Pferdehandel, aufgehen konnte, wie Schulzendorf, obgleich er immer noch etwas
Gelehrsamkeit in Bereitschaft hielt. Seine grauen Augen bekamen oft ein
lebhaftes Feuer; um die spitze Nase legten sich aufs blasse Antlitz zwei lange
mephistophelische Furchen; der Bart auf der Oberlippe zuckte in allen seinen
dnnen grauen Hrchen; das Kinn, das in der Mitte gespalten war, streckte sich
mit einer Entschiedenheit, die ganz in seinen Charakter des Schlauen und
Gekniffenen pate.
    Sogleich warf er einen scharfen und prfenden Blick auf die ihm als Nichte
der Frau von Glpen vorgestellte Lucinde.
    Waren Sie schon frher in unserm Kocher hier? fragte er sie, als sie ihm den
Thee credenzen mute.
    'S ist das erste mal! antwortete sie, den Blick niederschlagend.
    Sie finden eine kleine Stadt, in der leben zu sollen Ihnen sehr langweilig
vorkommen wird! warf artig der Dechant ein.
    O! bemerkte Frau von Glpen, acht Tage lt es sich schon in Kocher
aushalten!
    Lucinde wute bereits, da alle Nichten anfangs sogar nur auf drei Tage
kamen.
    Die Majorin verzog ein wenig spttisch die Miene. Der Major aber, in jener
beflissenen Weise, die den Ghibellinen im Lande der Welfen nur zu oft ihre
Schreckhaftigkeit nimmt, ging ganz auf die Aeuerung der Frau von Glpen ein und
sagte, wenn auch mit einer etwas anzglichen Betonung:
    Die Kirchen hier sind uralt; noch lter ist aber die Synagoge, die Sie sich
einmal ansehen mssen! Die Stadt Kocher ist schon vor Pontius Pilatus angelegt
gewesen und gewi eine jdische Colonie! Ursprnglich hie sie ohne Zweifel
Koscher, die Reine!
    Hielt der Major Lucinden fr eine Jdin?
    Alle Anwesenden fixirten Lucindens Erscheinung ...
    Indessen lenkte der Major auf andere Fhrte. Er kam auf das Interesse, das
nach solchem Ursprung gleich die ersten Christen fr Kocher gehabt haben mten
und fhrte die kirchliche Bedeutung der Stadt bis auf die neuesten Erscheinungen
herab.
    Lucinde hatte ihr goldenes Kreuz nicht angelegt. Sie begriff sehr wohl, da
der Major auf ihren Uebertritt anspielen wollte und senkte den Blick wie eine
Fromme.
    Sie ist fromm! war nun das einstimmige Gefhl aller Anwesenben und, seltsam
genug fr die Wohnung eines Geistlichen, Lucinde verlor pltzlich bei Frau von
Glpen sowol wie bei Windhack. Nur dem Dechanten gewhrte diese Entdeckung einen
neuen Reiz. Eine Fromme hatte ihm die langjhrige alte Freundin noch niemals
vorgestellt.
    Man verlor sich indessen in Klagen ber Wilddieberei, Unsicherheit der
Gegend, Aufstzigkeit der Landbewohner und, wie das dann geht bei einem
Damenthee, man fand das Uebel lediglich in den Dienstboten.
    Die gleichfalls dann in ihrem Einflu auf das Volk angeschuldigten Juden
rechtfertigte der Dechant mit den Worten:
    Warum lt unser Leben so viel Lcken offen, da ein Verschmitzter berall
hineinschlpfen kann! Die Juden sind durch uns selbst ein Volk geworden, das
seine Tugenden darin finden mu, unsere Fehler zu benutzen! Wir sind, soweit man
die Geschichte berblickt, die Opfer ihrer subtilen Rache geworden und werden es
noch immer mehr werden!
    Sie sprechen fast wie Grtzmacher! sagte der Major. Der kann nie entdecken,
wo die Hasen-Jette ihre Rebhhner und Hasen herbekommt!
    Indem bekam Frau von Glpen von dem immer nur leise und behutsam auf den
trotz des Sommers ausgebreiteten Teppichen hin und wieder gehenden Windhack eine
Meldung ins Ohr geflstert.
    Sie flte ihr einen ersichtlichen Schrecken ein.
    Was ist? fragte man allgemein und voll Theilnahme und Spannung.
    Frau von Glpen stockte, sagte dann aber mit einem Blick der Besorgni auf
den Dechanten:
    Treudchen Ley will nach Hause ... der Mutter wre es schon wieder ... Chre
nice ... gehen Sie doch zu Treudchen und erkundigen Sie sich in der
Gerthkammer - oder ich will doch lieber selbst gehen ...
    Treudchen Ley schien alle zu interessiren und wohl vermuthete man: Windhack
hatte eigentlich gemeldet, Treudchens Mutter lge im Sterben. Der Dechant war
der Beichtvater der Kranken. Die Arme schleppte sich schon lange mit der
Zehrung; ihr Ende stand ihr nher bevor, als sie es selbst und die Ihren ahnen
mochten. Jetzt sah Frau von Glpen, wie angegriffen der Dechant schon war von
dem unruhigen Tage und seinen wechselnden Eindrcken - sie gnnte ihm die
Erquickung eines ungestrten Abends - nun sollte er noch -
    Aber schon erhob sich der Dechant. Wenn ihm auch die Bequemlichkeit ber
alles ging, so kannte er doch die Schicklichkeiten seines Amtes.
    Ich werde zu der Armen gehen! sagte er.
    Allgemein aber mute man der Frau von Glpen, die in die Gerthkammer
gegangen war, Recht geben, da sie noch geuert hatte, diese
Schreckensbotschaft von der guten Frau Ley wre ja schon so oft gekommen und
immer htte die Dulderin sich wieder erholt, ja sogar es bereut, als sie in
einem hnlichen Anfall schon einmal die Wegzehrung erhalten und dann doch nicht
gestorben wre. Spendet auch die Kirche diese letzte Wohlthat gern in der
Voraussetzung, da sie nicht den Tod, sondern die Genesung erleichtre, so sparen
sich die Sterbenden doch gern die hlfreiche Rstung zum Eintritt in den
peinvollen Vorhof des Himmels zu dem Augenblick, wo sie deren wirklich bedrftig
sind.
    Also rieth man dem Dechanten zu bleiben und Windhack, der der Frau von
Glpen in die Weigerthkammer, wo ein liebes zartes Kind, Treudchen Ley, den
ganzen Tag ber an neuen feinen Hemden gesteppt hatte, nachgegangen war, kam
schon mit der Beruhigung zurck, Treudchen wre zwar gegangen, htte aber
hinterlassen, sie wrde sogleich schicken, wenn es nthig wrde.
    Geschwister hat sie genug dafr! sagte Frau von Glpen, die schon zurckkam
... Sie sagte dies ganz voll Mitleid, aber scheinbar ohne die mindeste Erregung.
    Der Dechant beruhigte sich also.
    Wissen Sie wol, lenkte er in ein inzwischen vom Major begonnenes Gesprch
ber Wilddieberei ein, wissen Sie wol, das Schmerzenslager unserer guten Frau
Ley ist eine Folge der Wilddieberei?
    Man wute nur Einzelheiten davon. Whrend Lucinde den fortgesetzt forschend
auf ihr ruhenden Blick des Majors bald fragend suchte, bald erschreckend
vermied, erzhlte der Dechant:
    Ehe noch die Juden in Kocher am Fall den Muth gehabt htten, an Christen von
ihrer eigenen Metzgerkunst mehr zu verkaufen als Gnseblut ...
    Allen Bewohnern von Kocher war gegenwrtig, da die Hasen-Jette, Frau
Henriette Lippschtz, die jetzige Wildprethndlerin, die Witwe eines einst auch
von Christen stark in Nahrung gesetzt gewesenen jdischen Metzgers war ...
    Und ehe noch, fuhr der Dechant fort, die Blume der ganzen Judenschaft in
Kocher am Fall, mein unvergelicher theuerster Busenfreund Dr. Leo Perl, zu
unserer Kirche bergetreten war - er hat einst in Borkenhagen unsern guten
Bonaventura getauft ... Sieh, sieh! unterbrach sich der Dechant selbst, - kme
Bona noch, der Wunsch der Frau wenn sie strbe wre erfllt; von ihm htte sie
am liebsten die letzte Zehrung empfangen ...
    Frau von Glpen stellte die Nothwendigkeit einer schon so nahen Gefahr und
die Erfllung jenes Wunsches, den Lucinde schon vorgestern aus dem Munde
Grtzmacher's kannte, wiederholt in Abrede ...
    Kurz, vor langer Zeit schon, nahm der Dechant seine Erzhlung auf, war der
angesehenste Metzger hier im ganzen Orte Treudchens Grovater, der alte Petrus
Ley. Als ich hierher an den Dom kam - auf Veranlassung hauptschlich jenes, so
frh dahingegangenen Seltensten der Menschen Leo Perl -, stand niemand unter
seinesgleichen hher im Ansehen als Herr Petrus Ley. Eine Freude war's, den Mann
in seinem stattlichen Hause unten am Fall zu sehen, wie er, ber der Brust die
weie Schrze und mit dem Messer im Brustlatz, an seiner Schranne stand! Den
Mann plagte aber pltzlich das Wohlleben, der Miggang und mit ihm, wie es auf
dem Lande geht, die Jagdlust. Hatten entweder, wenn er ber Land zum Einkauf von
Schlachtvieh reiste, seine Hunde die Neckerei, Hasen aufzustbern, die sie ihm
zuschleppten - so erzhlte er spter selbst den Ursprung seiner Jagdlust - oder
reizte ihn sein brgerliches Wohlbefinden, er pachtete eine Jagd und wurde ein
so leidenschaftlicher Jger, da ihm sein eigenes Gebiet nicht mehr gengte. Die
Kugel, einmal im Lauf, sagt unser groer Schiller, ist verhngnivoll! Sie fuhr
auch fr Petrus Ley heraus, wenn die Grenzmarke seines Geheges lngst
berschritten war. Ich mag nicht leiden, wenn ein Bcker, der fr tgliches
Brot, meinetwegen Sonntags fr Kuchen zu sorgen hat, sich zu feinern Nschereien
versteigt. Ein Metzger, der dem Wild nachstellt und das dann zwar nicht aufhngt
unter seine Rindsviertel und gespaltenen Lmmer, aber unter der Hand doch auch
verkaufen mu, begeht fast eine Untreue an seinem Beruf. Ich will nicht sagen,
da sich sein Beruf rchte, aber Petrus Ley erlebte das Unglck, nach einer
heien Jagd, die ihn nicht wenig mitgenommen hatte, auf freiem Felde von einem
Unwetter berfallen zu werden. Der Regen go in Strmen. Kein Baum, kein
schtzendes Gestein. Das Wetter endete nicht. Darber brach die Nacht an; die
Nebel umspannen vollends die Gegend. Voll Unmuth wirft sich der reizbare, zum
Jhzorn geneigte Mann auf die Erde und bleibt liegen bis zur
Besinnungslosigkeit. Das Winseln seines gleichfalls halbtodten Hundes machte
einen vorberfahrenden Bauer aufmerksam; Petrus Ley wurde mit seinem Hunde vor
dem immer fortstrmenden Regen unter dem Stroh des Wagens geborgen. Herr und
Hund kamen nach Hause, Ley aber wurde todtkrank und behielt von dem Tage an die
Gicht in einem Grade, der sich aufs hchste steigerte und ganz unheilbar wurde.
Der vermgliche Mann reiste in die Bder und kam immer krnker zurck. Fast
gelhmt an allen Gliedern, hatte er Schmerzen, die den Unglcklichen zum
Gegenstand des allgemeinsten Mitleids machten. Wie oft hab' ich fr ihn die
Frbitte gehalten! Fast immer im Bett liegend, mute er die Fhrung seines
Gewerbes seinem Sohn berlassen, der in keiner Hinsicht ihm hnlich war. Ein
trger und bequemer Mensch, hatte Joseph Ley die Frchte der Anstrengungen
seines Vaters geerbt, liebte aber die Gesellschaft, das Kartenspiel, den Wein
und vernachlssigte so sehr die ihm nun ganz allein bertragenen Geschfte, da
sie zurckgingen und der zusammengekrmmte, auf seinem Lager sthnende alte
Vater Verwnschungen ber Verwnschungen ber den Buben, wie er ihn nannte,
ausstoen mute. Joseph hatte selbst schon lange ein einst vermgendes Mdchen
geheirathet, die Tochter eines angesehenen, nur mit zu viel Kindern gesegneten
Landwirths. Das immerhin betrchtliche Eingebrachte derselben war bei dem
Zurckgehen des Geschfts bald verbraucht; die Kundschaft verminderte sich, die
Concurrenten machten bessere Einkufe. Alledem sah der von der Gicht
krummgezogene Alte, der inzwischen Grovater geworden war, von seinem Lager mit
Verzweiflung zu. Innerer und uerer Schmerz folterten den Greis, der nicht mehr
gehen und stehen konnte. Hrte man wilde und laute Verwnschungen aus dem einst
so stattlich gewesenen, jetzt die Spuren des Verfalls tragenden Hause, so wute
man schon nicht mehr, waren es die Ausbrche des Zankes mit seinem Sohn oder die
Klagerufe des von seinen Schmerzen Gepeinigten. Dieser Zustand dauerte einige
Jahre. Die Verlegenheiten wuchsen; das Haus gehrte schon nur den Glubigern;
Pfndungen folgten auf Pfndungen, und wie es zu gehen pflegt, das Verderben
wird unaufhaltsam und wird es auch innerlich fr den Charakter des davon
Betroffenen. Joseph Ley verkaufte und versetzte ein Stck nach dem andern; die
Frau, eine redliche, brave, treue Seele, mhte sich mit der Befriedigung des
letzten Restes von Kundschaft, um nur die Kinder erhalten und erziehen zu
knnen. Die Vergnstigungen der Armuthspenden in Empfang zu nehmen, war man
noch, schien es, zu stolz. In der Nebenstube des Wohnzimmers, aus dem hinaus man
in die jetzt fast immer leere Verkaufsflur trat, stand ein Bett mit
Kattunvorhngen; rings von diesen eingeschlossen, um das Licht abzuhalten, das
die trben, rothen Augen des Alten blendete, lag der Alte. Da rckte man ihm
eine Fleischbank hin, auf der er Speck und geruchertes Fleisch schneiden half
und Wurst hackte. Eines Tages fand man die Vorhnge sorgsam zugezogen; man
ffnete; Petrus Ley hatte sich mit dem groen Messer, das immer in seiner Nhe
lag, erstochen. Nun vollends war der Segen des Hauses dahin! Die blutige Gestalt
des Grovaters verscheuchte jeden der letzten Kunden, auch die, die aus Mitleid
noch gekommen wren. Mit Grauen und Ekel ging man an dem Hause eines Metzgers,
der sich selbst erstochen hatte, vorber, und sah man auch manchmal an der Thr
noch ein einziges junges Lmmchen hngen mit ausgebreiteten, an Stecken
befestigten Fen, - die gute unglckliche Frau Ley putzte und scheuerte
hellgelb die Haken, an denen einst die schweren Rinderviertel gehangen, die
Wagschale blinkte so sauber durch die Fensterscheiben der Hausflurthr wie
sonst, - drinnen sah es doch de und leer aus. Joseph sa dann bald nur noch im
Wirthshaus, trank und spielte. Die geistlichen Vermahnungen halfen nichts; es
lag wie ein Fluch auf dem Hause, dessen gnzliche Verdung nur das Mitleid um
die rechtschaffene Frau abwandte. Das haben wir ja alle erlebt, wie diese
unheilvolle Kette an verderblichen Ringen immer reicher wurde! Die kleinen
Kinder wuchsen herauf, halfen da und dort; der Vater hatte Augenblicke, wo er
sich zusammenraffen wollte. War dann einmal ein Thier gekauft worden, war das
ein Jubel von Frau und Kindern! Sie liefen in die ganze Nachbarschaft ringsum
und verkndeten die frohe Mr: Der Vater hat ein Schwein geschlachtet! Was lie
sich dann thun? Man mute den jdischen Metzger Lippschtz, an den man sich
unten am Fall schon gewhnt hatte und zu dessen Praxis ohnehin diese eine
Thiergattung nicht gehrte, bergehen und die arme Frau Ley glcklich machen,
die dann freilich erleben mute, da der Mann, gleichsam um sich von einer
einzigen groen That, dem Schlachten und Zurichten und Verputzen eines einzigen
Thieres, auszuruhen, dann wieder im Wirthshause sa und durch erknstelte
Bravaden seine innere Zerfallenheit zu bertrotzen suchte. Sein Blick wurde
wilder und scheuer, man mied ihn und je mehr die Theilnahme fr die Mutter und
die Kinder zunahm, desto vereinsamter fhlte sich ihr Mann, der Joseph. Die arme
Frau lief oft sechs Stunden Weges zu Fu ber Land, um irgendeinen Ankauf zu
machen; die Kinder folgten, und zu rhrend war der Anblick, wenn sie dann ein
Lmmlein oder ein taumelndes Klblein die Landstrae dahertrieben und den Vater
aus dem Wirthshause abriefen, damit er an dem auf Borg oder fr ein Geringes
Eroberten seine Kunst zeigte. Wir wissen alle, da eines Tages am Pfosten des
Schlachthauses nicht ein solches kunstgerecht ausgeweidetes Lmmlein, sondern
der Joseph selber hing! Wie sein Vater war auch er aus der Welt gegangen; jener
Selbstmord war aus Ungeduld und Stolz, dieser aus Furcht und Scham entstanden;
sein Trotzen war eben nur, wie es geht, ein falsches Spiel gewesen. Dann wurde
Meister Lippschtz Herr der ganzen Kundschaft bei den Gerbern und Frbern unten
am Fall, bis auch der starb und seine Frau die Metzgerei nicht fortfhren
konnte. Das, Frulein Schwarz, ist nun unsere Hasen-Jette, die Sie sehr oft auf
unserer Dechanei sehen werden! Sie ist eine vortreffliche Frau, wenn auch der
Major ihren geheimen Lieferanten nicht traut ... Nun stirbt die gute Frau Ley!
Ich mu doch hinunter in die Stadt! Man kommt nicht wieder ... Gute Nacht!
    Der Dechant erhob sich allen Ernstes. Sein gutes Herz hatte ber die
Bequemlichkeit den Sieg davongetragen.
    Sein Entschlu wurde aber von einem heranrollenden Wagen unterbrochen.
    Der Pfarrer von St.-Wolfgang! rief alles und Frau von Glpen trat ans
Fenster.
    Es war aber nicht diese hei von ihr ersehnte Ablsung fr den Dechanten,
sondern es waren die geistlichen Herren vom Diner und von der Conferenz.
Windhack kam schon und berichtete: Sie htten ihre Ueberkleider, Bcher,
Regenschirme noch in der Dechanei zurckgelassen und wollten sich, da sie jetzt
erst abreisten - bis um acht Uhr hatten sie Gelegenheit genug gefunden sich in
Kocher am Fall zu zerstreuen -, alles in den Wagen nachreichen lassen.
    Frau von Glpen frchtete, da man nicht jedes da, wo sie es hingelegt
hatte, finden wrde und schickte auch noch Lucinden mit den nthigen Anweisungen
hinunter.
    Windhack war schon vorangegangen. Ohnehin war er im Aufdecken begriffen.
Nach dem Thee pflegte man in der Dechanei immer noch ein Nachtessen einzunehmen,
das bereits aufgetragen wurde ... Man drngte inzwischen den Dechanten, die
Botschaft Treudchens erst abzuwarten und sich zu beruhigen.
    Bald hrte man, da nach wenigen Augenblicken auch schon der Wagen unten
wieder abgefahren war.
    Eben machte der Major einige Glossen ber die Anhufung geistlicher
Versammlungen, ber die Unbesonnenheit, mit der man Zwecke zur Schau trge, die
bses Blut nach oben setzen mten, ber die fanatischen Schwrmereien des
Stadtpfarrers, der sogar allerlei Abenteurer ins Land riefe, jetzt die
Italiener, die diesmal Heiligenbilder verkaufen mten zu Spottpreisen, wie
ihnen durch einen Verein ermglicht wrde; ja, auch den Kirchenboten htte er
heute wieder so scharf geschrieben gehabt, da man ihn in der Censur von Anfang
bis zu Ende gestrichen htte ...
    Er kannte die Spannung zwischen der Dechanei und dem Stadtpfarrhause und
sagte ganz offen:
    Man mchte fast glauben, der fanatische Mann hat die Herbstmanver
abgewartet, um seine bekannten Anschuldigungen der Regierung besser unter die
Leute zu bringen!
    Schon sprach man dem Mahle zu, schon fllten sich die Glser ... Man
errterte die heutige Conferenz. Der Dechant zuckte die Achseln und schwieg zu
des Majors Besorgnissen ... Man sprach von dem ausbleibenden Benno, der
wahrscheinlich durch seine Kameraden gefesselt war, und bemerkte endlich die
auffallende Nichtwiederkehr der Nichte der Frau von Glpen.
    Der Dechant war der erste, den ihr Auenbleiben strte.
    Eine Errterung ber sie, eine Kritik ber ihren Eindruck lie sich noch
nicht anknpfen; man konnte annehmen, da sie eben eintreten wrde.
    Ihr Couvert blieb aber leer. Sie kam nicht ...
    Jetzt fragte man Windhack, der servirte ...
    Windhack wute keine andere Auskunft, als da Frulein von Schwarz ihm
noch vor einer halben Stunde drauen geholfen htte, den Herren in ihren Wagen
die verlangten Sachen nachzureichen. Da htte sie ein Licht gehalten und
pltzlich wre ihr das Licht aus der Hand entfallen und dann, als der Wagen fort
war, htte er sie gar nicht mehr gesehen ...
    Frau von Glpen fand das Fallenlassen des Lichtes doch auch sonderbar und
nun ffnete sich manche verhaltene Schleuse ...
    Die Freundinnen schickten zuerst das grte Lob voraus - nach dem System der
Sheridan'schen Lsterschule war dies gleichsam das Einkaufungsrecht, hinterher
desto schrfer tadeln zu knnen.
    Flsternd nur und sehr discret fand man die junge Dame auerordentlich
interessant, mit andern Worten hchst unheimlich und kein Vertrauen erweckend;
man fand sie wunderbar schn und majesttisch, mit andern Worten zum Dienen
nicht im mindesten geschaffen; man bewunderte ihre Augen und fand sie
auerordentlich klug, d.h. gefhrlich und Vorlufer mancher Beunruhigungen der
Dechanei und der Stadt.
    Die Frau Majorin schwieg vollends - was bei ihrer Zungenfertigkeit das am
meisten Sagende war - und der Major knchelte nur ein kaltes Huhn aus und legte
die Reste so hieroglyphisch vor sich auf den Tellerrand, als wollte er damit das
bekannte Rthselspiel einer verwundenen Bandschnur lsen ...
    Jetzt fragte ihn Frau von Glpen geradezu, worber er denn heute eine so
ganz extrafeine Miene machte ... und der Majorin sagte sie schon:
    Unsere Familie ist so gro, da ich oft erschrecke, ihre nhere
Bekanntschaft zu machen!
    Und als nun gar Frulein von Minnerich die Anspielungen des Majors auf den
jdischen Ursprung der Stadt Kocher in Verbindung brachte mit einem gewissen
orientalischen Air der Nichte und die Tante darber in Verlegenheit gerieth,
konnte der Major nicht mehr umhin zu sagen:
    O Beste, nein! Ich wollte nur auf ihre hohe Religiositt anspielen ... sie
ist ja eine Convertitin ...
    Feierliches Schweigen ...
    Man sah sich um, ob Lucinde kam.
    Da sie ausblieb, ermunterte Frau von Glpen, die diese Eigenschaft ihrer
Nichte nicht gekannt hatte, den Major, ganz offen sich auszusprechen.
    Sie wissen, sagte sie, ich bin schon so oft von meinen Angehrigen getuscht
worden! Noch unser letzter Besuch, Frulein Angelika Mller -
    Ich habe einen Brief von ihr auf meinem Zimmer liegen, sagte der Dechant und
wnschte offenbar damit das Gesprch abzubrechen ... ihm gefiel Lucinde ... er
wre gern auf einen andern Gegenstand bergegangen.
    Grtzmacher, sagte aber der Major, sah sie schon gestern beim Pfarrer von
St.-Wolfgang ...
    Wir hatten sie dorthin empfohlen, bemerkte Frau von Glpen, um ihre
Sicherheit zu beweisen.
    Sie kannte Herrn von Asselyn schon seit Jahren ...
    Sie kommt aus der Stadt, wo er geweiht wurde ...
    Nun, wir werden ja sehen ...
    Sehen? hie es allgemein.
    Ich verschweige Ihnen nicht, gestand jetzt der Major ganz offen, die Dame
ist uns zur Aufsicht anempfohlen worden ...
    Zur Aufsicht?
    Als Emissarin! Ihre fanatische religise Gesinnung ...
    Bei dem Worte Emissarin verschttete fast Frau von Glpen den Inhalt der
goldenen Dose, die der Dechant suchte und die sie ihm, selbst in grter
Aufregung jede seiner Mienen, jedes seiner Bedrfnisse beobachtend, hinreichte
und ffnete ...
    Dem alten Windhack schien es geradezu Spa zu machen, Frau von Glpen so
gleichsam immer mehr in die Lfte gehoben zu sehen. Er schenkte dem Major sein
Glas mit 24er Mosel-Auslese ebenso oft voll, wie dieser es leerte. Dadurch kam
die Mittheilungslust desselben in Gang und nicht zwanzig Minuten whrte es, so
wuten, natrlich nur in gemthlichster Andeutung, alle, da Lucinde Schwarz
kaum viel mehr als eine Abenteurerin war, schon einen sehr verwickelten
Lebenslauf gehabt htte, ja auf Schlo Neuhof beim Kronsyndikus von Wittekind
gewesen war, damals namentlich als vor sechs bis sieben Jahren jener
Theilungscommissar so rthselhaft getdtet wurde, der Vater eben jenes Mnches,
der jetzt Pater Sebastus hie und vielleicht in diesem Augenblick unter den
unten angefahren gewesenen Geistlichen sich befunden haben konnte ... Ja, bis zu
Lucindens erstem Anfang gingen die Mittheilungen zurck, bis zum Hause des
Stadtamtmanns und sogar bis zu ihren ersten Abenteuern mit einer alten Frau
Hauptmnnin von Buschbeck ...
    Lngst hatte von Kocher her der Zapfenstreich sich vernehmen lassen ...
    Der Dechant stand schon bei dem Namen Schlo Neuhof auf ...
    Frau von Glpen folgte seinem Beispiel bei dem Worte Buschbeck.
    Lucinde war nicht wiedergekehrt ...
    Die Freundinnen besaen Takt genug, nachzufhlen, da dieser Abend gestrt
war, und den Zapfenstreich hatte eigentlich niemand versumen wollen ...
    Major Schulzendorf hatte Lucinden keineswegs anklagen wollen. Er hatte nur
das Interesse, das sie vollkommen einflen durfte, genauer motivirt. Nicht im
mindesten durften er oder seine Gattin annehmen, da seine immer den Rcksichten
des Hauses und den vortrefflichen Speisen und Weinen desselben Rechnung tragende
Mittheilung irgendjemanden hier verletzte.
    Man trennte sich wie mit dem Gefhl allgemeinster Befriedigung ...
    Frau von Glpen aber fiel, als sie mit dem Dechanten allein war und ihr
scharfes Ohr die letzten Schritte der Gste verklingen gehrt hatte, geradezu in
eine Ohnmacht ...
    Der sanfte Mann that alles Mgliche, sie zu beruhigen.
    Nicht vierundzwanzig Stunden lnger bleibt sie im Hause! hauchte die
Freundin mit einer ihr fast vergangenen Stimme.
    Die Haube lste sich, die schnen kastanienbraunen Scheitel kamen in
Unordnung ...
    Und pltzlich raffte sie sich auf und klingelte.
    Was thun Sie? Was soll das? fragte der Greis.
    Windhack, der die Gste hinausbegleitet, kam zurck.
    Das Frulein -
    Die Stimme versagte ... versagte um so mehr, als der Dechant sich einer
sofortigen Citation Lucindens entschieden widersetzte.
    Windhack berichtete, er htte oben geklopft und die Antwort bekommen, sie
wre mde und wnschte allein bleiben zu drfen ...
    Wnschte! Allein bleiben zu -! lachte Frau von Glpen frmlich auf, wie
ber eine Prtension der hchsten Anmaung ...
    Beruhigen Sie sich, liebe Freundin! unterbrach der Dechant wiederholt und
mit Entschiedenheit. Verurtheilen Sie nicht wieder zu schnell! Morgen wird sich
alles finden! Ich bitte sehr darum! Windhack, leuchte! Ich habe noch Briefe zu
lesen. Keine Strung! Keinen Tumult! Ruhe und Friede! Ich bitte darum! Gute
Nacht, liebe Freundin!
    Damit ging der Greis erregt, wie seit lange nicht, auf sein Zimmer.
    Die Schnurrenthren nebenan bei Frau von Glpen beruhigten sich aber noch
bis tief in die Nacht nicht, so oft gingen sie auf und zu und so oft zu und auf
...
    Nie noch konnte eine Tante ber eine Nichte in grerer Aufregung gewesen
sein.

                                       9.


Inzwischen sa Lucinde in einem Mansardenstbchen unter dem Eindruck, den ihr
das Wiedersehen Heinrich Klingsohr's verursacht haben mute!
    Da es dieser gewesen, da er wie sie den Glauben gewechselt, ja da er
weiter noch gegangen und ein Mnch geworden, besttigte Windhack, als er das ihr
aus der Hand gefallene Licht erhob und in aller Harmlosigkeit sagte, der Mnch
kme mit den geistlichen Herren vom Stadtpfarrer ... hiee Dr. Klingsohr, und in
der Stadtpfarrei - da mte man mehr von ihm wissen, als halt er selbst oder der
Dechant wte ...
    Windhack ahnte nicht, wie seine Antwort einer fast bebend gesprochenen Frage
gegeben wurde.
    Und doch wute selbst auch noch in diesem Augenblicke sich Lucinde schon
wieder zu beherrschen.
    Aber sie mochte nicht in die Gesellschaft zurckkehren ober, wie Windhack
sie aufforderte, am Mahle theilnehmen. Die strenge Klte der Frau von Glpen,
der prfende Blick des Majors, der so lssige und nur oberflchlich verrathene
Antheil des Dechanten benahmen ihr allen Muth, allen Aufschwung ... und doch war
sie sorglos und ahnte fr ihr Bleiben keine Gefahr.
    Sie hatte Treudchen Ley schon davongeeilt gefunden, hatte die
zurckgelassenen Sachen der geistlichen Herren helfen wollen an den Wagen
nachtragen, hatte kaum einen Blick durch das vergitterte Fenster des untern
Estrichs geworfen, whrend Windhack vor der groen Hauptpforte stand ... als sie
vor dem geschorenen Haupte eines Mnches, der aus dem Wagenschlage sich
vorbeugte, zurckfuhr. Die Beleuchtung durch Lichter, den aufgegangenen Mond und
die noch nicht ganz entschwundene Tageshelle war zu sicher, der markirte,
scharfe Kopf Klingsohr's war mit keinem andern zu verwechseln und die
Besttigung, da sie sich nicht geirrt, folgte durch Windhack auf dem Fue ...
    Wollen Sie nicht zum Souper kommen? fragte der Alte nach einer Viertelstunde
noch einmal.
    Durch die geschlossene Thr ihres Mansardenzimmers hatte sie gebeten, allein
bleiben zu drfen und sie wegen ihrer Ermdung zu entschuldigen.
    Ihr Zimmer war klein, sehr niedrig, - fast stie sie mit dem Kopf an die
Decke -
    Sie machte sich Licht - sie htte alle Fenster des Hauses aufreien mgen,
um Luft zu schpfen, - ihr Stbchen hatte nur ein Fenster - sie frchtete zu
ersticken -
    Beim Stadtpfarrer wrde sie mehr erfahren- Dies Wort hallte ihr
unaufhrlich wider ...
    Sie hatte Briefe an diesen Beda Hunnius - die dringendsten Empfehlungen -
Empfehlungen, die sogar mit pressant berschrieben waren -
    Sie suchte nach diesen Briefen -
    Dabei blieben ihr die Hnde wie gelhmt ... und fast wie im Gelchter klang
es schon und hallte ihr im Ohr:
    Klingsohr ein Mnch!
    Sind Sie katholisch? hatte sie einst zu ihm gesagt, als er einen
Bltenzweig da in die Erde pflanzen wollte, wo sie gestanden, damals, als sie
von ihm auf dem Wege vom Dsternbrook so seltsame und ihr fremde Gedanken
vernommen ...
    Du sprichst ein groes Wort gelassen aus! hatte er erwidert ...
    Sie ging auf und nieder in dem engen Zimmer.
    Dann suchte sie in ihrem kleinen Koffer nach den Briefen ...
    Sie fand sie in ein Convolut alter Papiere versteckt, die sie seit drei
Jahren besa. Es waren die nach Serlo's Tode aus dessen Nachla an sich
genommenen Aufzeichnungen desselben ... seine oft von ihm vorgelesenen
Tagebcher.
    Sie kannte jede Stelle darin und nicht eine Secunde brauchte es, da sie
eine Seite aufgeschlagen hatte, die jenen Beda Hunnius betraf. Firmian
Neumeister, genannt Serlo, war, obgleich lter, mit ihm im geistlichen Convict
gewesen ... Bei diesem Hunnius konnte sie von Klingsohr mehr erfahren ... von
Klingsohr, der jetzt ...
    Sie wute selbst nicht, was sie that, als sie, um den berwallenden Strom
ihrer Empfindungen zu dmmen, die Schilderung wieder las:
    Wir ltern Schler hatten die Aufsicht ber die jngern. Schon ganz kleine
Knaben kamen ins Convict und mit den glcklichsten Anlagen fr ihren knftigen
Beruf ...
    Die Lehrer hatten die Erziehungsgrundstze der Jesuiten angenommen. Wir
wurden von allem zurckgehalten, was nur irgendein eigenes und selbstndiges
Leben in uns und aus uns htte entwickeln knnen. Jede Stunde, ja jede Minute
hatte ihre Beschftigung, ihre eigene Aufgabe. Nur die Ruhe der Nacht, wenn man
aus einem Traum erwachte, bot die Gelegenheit eines stillen Selbstgesprchs. Nur
in solchen Nchten ermglichten sich meine Betrachtungen ber Menschen und
Dinge. Mit dem Glockenschlage fnf begann die gewohnte Ordnung mathematisch
genau abgegrenzter Beschftigungen. Einer der Schler belauschte den andern. Man
wurde angezeigt, wenn man Runzeln auf der Stirn hatte! Ich wei es noch wie
heute, da ein Schler, ein kleiner Bauernknabe, mindestens sieben Jahre jnger
als ich, den ich zu beaufsichtigen hatte, ein gewisser Hunnius, mich anzeigte,
wenn ich die Stirn in Runzeln gelegt hatte! Diese Nachlssigkeit wurde vom
Rector scheinbar nur aus Schnheitsrcksichten getadelt und abgestraft. Man
sagte: Du sollst dein Aeueres pflegen! Dein Leib ist ein Tempel Gottes! Wie
kann eine Seele zu dir Vertrauen fassen, wenn du mit dsterer, gefurchter Stirn
sie anblickst! Die Wahrheit war aber keine andere als die, da gerunzelte
Stirnen Denker verrathen, mindestens Trumer, die in sich selbst versunken
Betrachtungen anstellen, die ihnen nicht von auenher veranlat und geheien
wurden.
    Dieser boshafte kleine Verfolger meiner Stirnrunzeln war auch schon der
eifrigste und gewandteste Escamoteur des sogenannten Signums.
    Dies war eine Art Denkzettel von Blech, den derjenige umhngen mute, der
irgendein Versehen sich hatte zu Schulden kommen lassen. Man trug das Signum so
lange, bis man an irgendeinem andern eine Unregelmigkeit entdeckt hatte, der
dann es statt seiner tragen mute. Da derjenige, welcher das Signum Abends neun
Uhr umhatte und der letzte gewesen war auf der nun folgenden Jagd der Angeberei,
dann auch wirklich gleichsam fr alle bestraft wurde, - Opus operatum auch hier!
- ein verhltnimiges Fastengebot erhielt oder irgendeine Arbeit verrichten
mute, so kann man sich denken, wie aufgelauert wurde, um das Signum von sich
weg anzugeben auf einen andern! Ich alter, achtzehnjhrige Knabe war gewhnlich
der Unglckliche, der fr die Vergehen von einem Dutzend anderer Abends neun Uhr
zu ben hatte.
    Und ich sage nur, wie die menschliche Natur frh auf alles, was sie geistig
verkrppeln kann, vergnglichst eingeht!
    Niemals kam der jngste von allen, der kleine Hunnius an die Reihe, der
letzte zu sein! So verschmitzt war hier schon ein Kind, so listig, da es noch
Abends um neun Uhr einen Frevel an einem seiner Kameraden entdecken konnte, dem
es das Signum kurz vor Thoresschlu zuzuschanzen wute.
    Gab es keinen Versto, der anzuzeigen war, so lockte man einen hervor. Dazu
bedurfte es blos doppelter Verschmitztheit; denn der Reiz zur Snde ist immer
da. Von Freundschaft und Liebe konnte bei so durcheinander gehetzten jungen
Seelen keine Rede sein. Wir wurden zur Predigt der Liebe angeleitet und in
unserm Innern kochten Ha und Rache. Alles zur grern Ehre Gottes!
    Eigentlich war Lucinde auf dem Standpunkte, bei solchen Mittheilungen eher
Partei gegen als fr Serlo zu nehmen. Sie hatte mit der Denkweise, die sie
Klingsohrn, ja Serlon selbst verdankte, eine resolute Entschlossenheit der
Menschen fr die Abwehr ihrer gegenseitigen Schlechtigkeiten fr vollkommen
gerechtfertigt zu halten gelernt. Sie lachte schon oft ber den kleinen Hunnius
und nahm ihn fr einen Erzschelm, der mit der Menschheit gerade so verfuhr, wie
man mit derselben verfahren msse und wie sie einst selbst sich gegen die Tcke
der Frau von Buschbeck half. Selbst Bonaventura, dem sie einst diese Art der
Erziehung vorhielt und unter der gewhnlichen Beichtstuhlfirma, sie wrde von
Zweifeln geqult - ihr Verhalten zum neuen Glauben war, den wirklichen Ha
gegen die hinter ihr liegende protestantische Welt ausgenommen, nur ein
uerliches und eine Benutzung desselben als Mittels zum Zweck - diese
Signum-Anekdote erzhlte, hatte gesagt: Man glaubt das Fundament unserer Kirche
erschttert zu haben, wenn man allen Aberwitz aufdeckt, auf den die Einsamkeit
der Geistlichen und die Furcht vor der Anfechtung verfallen ist! Die knftige
Lebensstellung des Priesterstandes ist eine so schwierige, da die Angst, es
mchten sich keine Menschen finden, die ihm Genge leisten knnten, seit
Jahrhunderten bei uns auf solche Auskunftsmittel der Erziehung zur innern
Heiligung verfallen ist!
    Die Gste unten hatten das Haus verlassen - alles wurde still - der Mond
trat immer heller und heller hervor und verklrte den Park mit einem magischen
Lichte ...
    Von Benno, von Hedemann, Thiebold de Jonge, Bonaventura, von den Italienern
keine Spur - auch die kleine Gertrud Ley brachte - wenigstens hrte sie nichts -
keine Botschaft von ihrer sterbenden Mutter ...
    Die Erzhlung des Dechanten hatte Lucinden in ihr eigenes Jugendleben
zurckversetzt - in das Leben ihrer Geschwister - in den Tod derselben - auch
den Tod ihrer beiden letzten Brder ... Gustav und August lebten nicht mehr -
sie hatten aus dem Besserungshause entfliehen, hatten an einem Seil aus einem
hochgelegenen Fenster sich niederlassen wollen - ein Gerusch treibt den zweiten
Flchtling, sich aus dem Fenster dem ersten nachzuschwingen, whrend dieser noch
nicht am Boden ist - das Seil reit, beide verunglcken - - vor einem Leben, das
doch gewi nur das des Verbrechens htte werden knnen! trstete sich schon
damals Lucinde. Es war dies fast drei Jahre her; die Kunde traf sie gleich nach
ihrem Eintritt in die orthopdische Anstalt. Da sie diesen Tod getrost auf ihre
Rechnung schreiben konnte, hatte ihr das Gewissen schon oft gesagt und ebenso
oft auch schon wieder hatte ihre Philosophie der Selbsthlfe und des erlaubten
Widerstandes gegen das feindliche Leben sie von allem Vorwurf freigesprochen.
    Zur Ruhe gehen konnte sie nicht. So in ihrer Aufregung den Tag schlieen, so
sich mit tausend qulenden Gedanken aufs Lager werfen? ... Unmglich fr eine
Phantasie so voll whlender Ungeduld! ...
    Die Kleinheit des Zimmers machte sie jetzt verzweifeln. Sie ri die Thr auf
... Unten hrte sie noch reden ... Frau von Glpen war es, die sich bei den
Mgden sicher stellte, da niemand sich etwa einfallen lie, vom Lrm der Stadt
und der Neugier auf die Einquartierten sich aus dem Hause ziehen zu lassen.
    Lucinde lchelte und sagte kopfschttelnd:
    Ganz wie meine Alte!
    Zuletzt regte sich nichts mehr im Hause ...
    Sie griff nach Hut und Mantel ...
    Wenigstens in den Park wollte sie gehen und mit einer Wanderung durch die
Baumgnge die strmenden Gefhle ihrer Brust beschwichtigen ...
    Wie auch hatte ihr das Leben dieses Parks poetisch vor Augen gestanden!
Sollte sich denn auch nichts davon, keine einzige ihrer Ahnungen erfllen?
    Sie mute hinaus. Nur das eine Bild des Mnches Klingsohr schon wuchs so
riesengro vor ihren Augen, da es die Decke des kleinen Zimmers sprengte. Es
zog sie, wie wenn sie ber Lnder und Strme, ber Heiden und Moore fliegen
mte zu dem fernen Meere hin, an dessen Ufern sie einst gelebt hatte, zu dem
Strande der Alster, wo Klingsohr im Schilfrohr das blutige Haupt seines Vaters
zu sehen sich gefrchtet.
    Und wollte nicht zuletzt noch Bonaventura kommen? Wollte er sie gleich schon
heute die Wonne nicht fhlen lassen, doch irgendwie berechtigt in seiner Nhe
weilen und an seinen Lebensschicksalen betheiligt scheinen zu drfen?
    Mit diesen Empfindungen war sie schon auf der Stiege.
    Sie hatte leise ihr Zimmer zugedrckt.
    Behutsam ging sie hinunter. Nichts hrte sie als das Knistern ihrer Schuhe
auf der steinernen Treppe.
    Unten steckte der Schlssel in der Hauspforte ...
    Sie schlo auf, ffnete und trat hinaus ...
    Sollte sie den Schlssel mitnehmen? ... Mitnehmen? Wohin? ... Wute sie
schon, da es im Park sie doch nicht halten wrde, da sie sich weiter wagen
mte, wenigstens bis an die Kathedrale hinauf? ...
    Sie lie den Schlssel stecken und drckte nur leise die Thr wieder zu.
    So trat sie auf die steinernen Vliesen, die rings das Schlchen umgaben.
Dann kam ein kleiner Rasen mit einem kaum einige Fu hohen spielend trpfelnden
Springbrnnchen ... dann kam eine Baumallee ...
    Auf einer Steinbank lie sie sich nieder ...
    Wie blickte sie zagend auf das Haus, in dem ein Licht jetzt nach dem andern
erlosch! ... Das Piano, auf dem sie sich leidlich geltend zu machen wute, hatte
man sie gar nicht aufgefordert anzurhren! Sie hatte ihre eigenen bizarren
Weisen, in denen sie sich in solchen Abendstunden und solchen Stimmungen
anziehend zu ergehen verstand ... Wie htte sie jetzt auf ihm dahinstrmen
mgen! Und nun sa sie hier auf Probe, so gebunden, so Bettlerin, so
Ausgestoene und Geduldete nur. Sie durfte kaum ein Liedchen trllern, um das
tausendstimmige Concert in ihrer Brust, ein Hmmern und Klopfen wie auf tausend
verborgenen Tasten, irgendwie zu verrathen - ein Hsteln sogar mute sie schon
zwingen aufzustehen und sich mehr zum Park zu entfernen.
    Sie lauschte dem Pltschern des Quellchens, dem Rauschen der Bltter, dem
Gerusch der Stadt ... Erst jetzt fhlte sie, da sie ja die Briefe fr Hunnius
zu sich gesteckt hatte! Einer von ihnen war pressant ... Wenn sie ihn noch
abgbe? Jetzt, nachdem die neunte Stunde schon geschlagen?
    Klingeln an der Stadtpfarrei? Das war das Wenigste ... Zu dem Reiz, der das
katholische Priesterthum umgibt, gehrt seine freistehende, durch kein
Familienleben gebundene Allen-Angehrigkeit. Da fragt kein Eheweib: Was wollen
Sie von meinem Manne? Da sind keine Kinder, an deren Bettchen, wenn sie krank
sind, ein Vater der Mutter wachen hilft! Diese katholischen Priester sind wie
die Aerzte. Man darf sie des Nachts aus ihrer Ruhe klingeln. Man darf sie am
Tage in ihrem Studirzimmer berraschen. Man braucht nur um einen Schemel zu
bitten, um zu knieen und mit ihnen zu beten. Katholische Priester verlangen auch
keine Einfhrung, keine Empfehlungsschreiben, sie sind sofort mit dem
Menschlichsten im Menschen vertraut und einer ist dann wie alle; die Frage, die
ihr ganzes Leben vertritt, ist unter ihnen und bei jedem dieselbe ... Wie viel
Tausende von Frauen, die im Leben keinen Freund und Vertrauten zu gewinnen
wuten, gehen ihnen bethrt auch nur um deswillen nach! ...
    Ohne da sich Lucinde an die brigen Wege des Parkes hielt, scho sie quer
durch die vom Mondlicht beschienenen Bume an die steinernen Stufen hin, die zum
Dome hinauf und von dort wieder abwrts der Stadt zufhrten.
    Trotz der spten Abendstunde war das sonst so stille Stdtchen heute wie im
ganzen Jahre nicht lebendig.
    Die zu den Uebungen Berufenen zogen truppweise durch die mondscheinhellen
kleinen Gassen, andere saen in den Wirthshusern und fangen. Da Musik, dort der
Lrm fallender Kegel ... Von ihren gestern und heute gemachten Bekannten konnte
Lucinde annehmen, da sie sich bei dem Obersten von Hlleshoven befanden,
Hedemann vielleicht ausgenommen, der sicher den Leutenant von Enckefu vermied
... Die Italiener schienen noch in Kocher nicht angekommen zu sein ...
    Lucinde ging und ging und fragte die Leute nach der Stadtpfarrei ... es war
ihr, als mte sie doch vielleicht irgendwo Benno sehen ... Den htte sie nicht
lieben knnen, den schroffen Humoristen ... er gab sich absichtlich so
unpoetisch, - er kehrte so oft die Seiten nur seines Verstandes heraus - er
schien ihr zu sicher, klar und zu bewut in sich selbst - Thiebold de Jonge
erinnerte sie fast an Oskar Binder - aber beide Mnner waren zuvorkommend, man
konnte mit ihnen scherzen, ausgelassen sein - jetzt htte sie sich an Benno's
Erstaunen weiden mgen, wenn er sie Abends fast gegen halb zehn Uhr im
Mondenschein so durch die Straen wandern sah in der allgemeinen Aufregung ...
sie wrde seinen Arm aufgegriffen und ihn fortgezogen haben ... Entdeckte man
ihren Ausgang in der Dechanei, so sann sie, was sie vorschtzen wrde, die
dringenden Briefe an den Stadtpfarrer, die sie vergessen gehabt htte am Tage
abzugeben. Und wenn dieser wirklich noch zu sprechen war - sie hatte sich schon
bis zum Marktplatz durchgefragt - wenn sie von ihm allzu lange aufgehalten
werden sollte, konnte sie nicht das Interesse fr die Erzhlung des Dechanten
von der sterbenden Frau Ley und den wirklichen Drang, den sie hatte, Treudchen
beizustehen, zu ihrer Entschuldigung benutzen? Lucinde gehrte zu den Naturen,
die bei groen Schwierigkeiten sich durch das Wort zu helfen wissen: Ans Leben
wird mir's doch nicht gehen! Das hatte sie schon in Langen-Nauenheim so
gehalten, wenn andere Theilnehmer einer gemeinschaftlichen Schuld sich der
Strafe entgegenngstigten. Fr die Dechanei freilich lag ihr alles daran, an der
Lage, in der sie sich bisjetzt dort befand, nichts zu ihren Ungunsten zu ndern.
Sie ahnte ihre Gefahren nicht ...
    Endlich war sie an der Stadtpfarrei. Im ersten Stock war noch Licht. Eine
Klingel hing am Hause ...
    Sie zog daran und unerschrocken.
    Viel schneller, als sie in geistlichen Husern gewohnt war, ging die Thr
auf.
    Lucinde war schon auf der Treppe und von einer Magd empfangen und forschend
angeleuchtet.
    Das spte Klingeln brachte Hunnius mit einer Aufregung in Verbindung, in der
er sich seit einigen Stunden mehr noch als in der Conferenz befand. Man hatte in
der That die letzte, eben zum Druck bestimmte Nummer seines Kirchenboten auf der
Polizei von Anfang bis zu Ende gestrichen. Der Fall war schon oft vorgekommen;
immer aber regte er ihn so auf, da er die halbe Nacht darber verlor.
    In jeder Minute, da er Aenderungen vorschlug, dann neue Botschaft erwartend,
konnte das Ziehen der Klingel ihn veranlassen, sogleich selbst auf die Treppe zu
eilen, die Brille auf die vor Aufregung gerthete breite Stirn zu ziehen, im
Schlafrock, in Pantoffeln, mit der brennenden Pfeife in der Linken, mit der
Studirlampe in der markigen Rechten ... und forschend, fragend, eher einem
aufgeregten, nach Ordnung sehenden Wirthe hnlich, als einem Gelehrten, jedem
entgegenzurennen.
    So auch heute. Er kam, wie nur ein Mann seines Temperamentes, dann aber auch
freilich ein Schriftsteller kommen konnte, der sich in jener traurigen Zeit jede
geschriebene Zeile vom Censor begutachten lassen mute ...
    Hunnius, ungestm und berreizt, fand eine Dame ... eine elegante noch dazu
...
    Rasch bedeckte er mit den Flgeln des Schlafrocks sein Nglig, zog die
Pfeife aus dem Munde, berlie Lucinden der Dienerin und entfernte sich mit
einigen Worten der Entschuldigung.
    Lucinde wurde in ein Empfangszimmer gefhrt. Die Magd stellte ihr die Lampe
hin und entfernte sich.
    Nach einer Weile ffnete wieder der Stadtpfarrer und bat Lucinden nher zu
treten in sein eigenes Zimmer. Er hatte inzwischen schnell seinen schwarzen Rock
und seine Stiefel angezogen und bot seinem Besuche einen Platz auf dem Kanapee,
whrend er selbst mit groer Beweglichkeit in gespannter Verlegenheit einen
Stuhl ergriff ...
    Das Zimmer bot die oft etwas gesuchte Einfachheit geistlicher Wohnungen. Auf
dem Tische vor dem harten Kanapee lag eine fast wie in absichtlichem Ungeschmack
gewhlte baumwollene Decke; in der Mitte stand ein Crucifix von wurmstichigem
alten Holze. Schildereien, Bcherschrnke, Sessel, alles war von der grten
Einfachheit. Im Volke setzt man solche Entbehrungen beim geistlichen Stande
voraus, beurtheilt ihn und dieser selbst richtet sich danach.
    Hochwrdiger Herr Pfarrer! begann Lucinde. Ich bin eine Nichte der Frau von
Glpen in der Dechanei und heute erst angekommen! Ich nahe mich Ihnen,
verlangend, die erste Nacht, die ich in einem neuen Wirkungskreise zubringe, mit
einem Gebete unter geistlichem Beistand anzutreten. Beim Herrn Dechanten frcht'
ich eine Misdeutung dieser Absicht durch meine gtige Tante und wage mich
deshalb zu Ihnen. Auch hab' ich Briefe und einen dringenden vom Herrn Curatus
Joseph Niggl an Sie abzugeben!
    Ein Wunder die erste Anrede - und leider so schnell natrlich erklrt! Eine
Nichte aus der Dechanei, die mit dem Stadtpfarrer beten wollte? Eine religise
Schwrmerin? Jetzt nur eine einfach an ihn Empfohlene - die zwei Briefe abgibt,
auf deren einem pressant zu lesen ist!
    Der letztere kam allerdings von einem seiner vertrautesten Freunde und
Hunnius fand sich zurecht.
    Doch las er den Brief nicht sogleich, sondern fragte Lucinden nach ihrer
Reise, ihrem frhern Aufenthalt.
    Was eine Nichte in der Dechanei bedeutete, wute Hunnius, doch behandelte er
das Verhltni mit Schonung, ja er war sogar hchst berrascht, als Lucinde
wirklich den Kopf mit dem nicht abgenommenen Hute auf die gefalteten Hnde
beugte und nicht eher aufblickte, bis er nicht ein Confiteor, das er in Versen
bersetzt sogleich zur Hand hatte, laut vorgesprochen und sie gesegnet hatte.
    Ohnehin erregt und nun vollends von einer so ihm noch nicht oft
vorgekommenen Scene, erbrach er erst jetzt den wichtigern der beiden Briefe.
Lucinde bat ihn darum.
    War Hunnius bereits von seines befremdenden Besuchs hoher, fast stolzer
Gestalt, von der Schnheit der Gesichtszge, dem geistvollen Ausdruck der Augen
und dem ganzen rthselhaften Dufte, der sie umgab, im hchsten Grade belebt, so
steigerte sich sein Interesse vollends beim Lesen. Von Zeile zu Zeile wuchs der
Ausdruck seiner Ueberraschung. Er zog die dunkeln buschigen Augenbrauen in die
Hhe und unterbrach sich fortwhrend selbst mit einem Hm! Hm! O das ist ja
herrlich! bis er zu Ende war. Nun berflog er noch einmal und frmlich wie
zweifelnd die an ihn gerichtete Adresse, berzeugte sich von der Unterschrift,
zog sein Portefeuille, legte den Brief vorsichtig hinein und reichte Lucinden in
verklrtester Miene die Hand mit den Worten:
    Das mu ich mir ja zu seltenstem Glcke deuten, mein Frulein, eine solche
Bekanntschaft in Ihnen zu machen! Sie sind zu unserer Kirche zurckgekehrt! Und
mehr! Mehr! Sie haben den Muth, Ihre neue Gesinnung auch zu bewhren! Sie kennen
die Welt genug, um mit Vortheil die geistlichen und weltlichen Waffen zu fhren
in dem Kampfe, den wir alle jetzt zu kmpfen haben! O und das jetzt in diesem
Augenblicke, wo -
    Er horchte auf. Es schien ihm als wenn der Druckerbursche die gerettete
Nummer brachte.
    So gut bin ich Ihnen empfohlen worden? fragte Lucinde, die den Grund seiner
Selbstunterbrechung und pltzlichen Wie-Abwesenheit nicht kannte.
    Lesen Sie es selbst! erwiderte Hunnius, griff in sein Portefeuille und
reichte ihr den Brief Joseph Niggl's zurck.
    Der gute Herr Curatus! sagte sie und lehnte das Lesen ihrer eigenen
Lobeserhebungen ab.
    Nein! Nein! erwiderte Hunnius halb zerstreut. Sich gerhmt zu sehen, ist
manchmal eine Ermunterung!
    Und nun las er, seufzend ber den nicht gekommenen Druckerburschen, selbst:
    Hochwrdiger, hochzuverehrender -
    Ja so! unterbrach er sich. Ich habe mich vergriffen! Das ist nicht der
rechte Brief! Indessen - Sieh! Sieh! Wenn - Entschuldigen Sie mich nur, da Sie
mich in solcher Zerstreuung finden! Schon wieder ist meine harmlose
schriftstellerische Thtigkeit Gegenstand der rcksichtslosesten Verkrzung
geworden - der Luft, des Lichtes, der Freiheit, des Athems - denn alles das
rauben sie uns! Meine ganze morgen fllige Nummer ist mir von Anfang bis zu Ende
gestrichen worden! Jeden Augenblick erwart' ich Antwort auf einen Vorschlag, den
ich wenigstens zu Aenderungen machte! Kommt kein Bote aus der Druckerei, so
bleibt es bei diesen Leichensteinen - diesem Mord durch persnliche Willkr ...
Blau ist die Tinte, die diesen Menschen statt Blut unter den Hnden fliet!
Sehen Sie nur!
    Damit zeigte er den Censurbogen eines kleinen Blattes, das mit blauer Tinte
durchstrichen war ...
    Lucinde drckte ihr Bedauern aus und suchte eine Gelegenheit auf Klingsohrn
berzugehen, durch den sie mit solchen Vorgngen des literarischen Lebens schon
frh bekannt geworden war ...
    Beim Zusammenfalten seines Blattes kam dem Stadtpfarrer wieder der
verwechselte Brief von vorhin zu Handen.
    Ja, sagte er, im Portefeuille suchend, wo ist denn Niggl's Empfehlung? -
Aber - ja, ja - Sie sollten auch diesen Brief hier lesen! Ich nehme keinen
Anstand, Sie damit bekannt zu machen. Da ich Ihre Gesinnung kenne, da Sie eine
streitbare Jungfrau sind, die ihre Fahne zum heiligen Kampfe mittragen will,
mein Frulein, so hren Sie in Gottes Namen, wie wir denn doch nicht so ganz
verlassen sind in unserer Noth! Lesen Sie selbst! Da wir uns ber vieles werden
zu verstndigen haben, so lernen Sie sogleich Ziel, Methode, Absicht,
Zusammenhang unserer schwierigen Aufgaben und Kmpfe kennen!
    Bei alledem horchte Hunnius stets, ob es nicht klingelte ...
    Von wem ist der Brief? fragte Lucinde, als sie keinen Namen fand.
    Das sei noch eine Weile mein Geheimni! Er ist von einem hchst
einflureichen Manne ...! Lesen Sie getrost!
    Zugleich ging Hunnius an die Thr und berzeugte sich, da seine aufgeregte
Phantasie sich wieder geirrt hatte. Die Kinder seines Geistes ruhten sanft auf
dem Friedhofe der Censur! Nichts rief sie ins Leben zurck! Nichts rettete
wenigstens denjenigen unter ihnen, die diesmal wieder das schne Kleid seines
Stiles getragen hatten, das fr Zeitschriften ohnehin so kurze bunte
Schmetterlingsdasein!
    Er ging auf und nieder und bat Lucinden, wie mit einer Art innerer
Genugthuung, laut zu lesen ...
    Im Vertrauen auf die Wunderdinge, die der Curatus Niggl von ihr geschrieben
haben mute, that sie es:
    Hochwrdiger, hochzuverehrender Herr! Die Antwort auf Ihren so angenehmen
Brief nchstens! Jetzt zwei Bitten! Erstens: Wissen Sie mir nicht eine kurze
Charakteristik aller Dechanten unserer Kirchenprovinz anzugeben? a) Wie gesinnt
gegen Rom? b) Gegen Clibat? c) In Wissenschaften und Fhigkeiten? Zweitens:
Wten Sie mir nicht einige junge in den drei Beziehungen gute Leute zu nennen,
namentlich aus Belgien? ... Es wre (sed tantum inter nos!) ...
    Nur unter uns! bersetzte Hunnius schnell und fast gedankenlos.
    Sed tantum inter nos! wiederholte Lucinde ohne Ansto. Es wre uns eine
groe Freude, einige Jesuiten hereinzubringen! Wten Sie einige, die gelufig
deutsch sprechen? Aus der Schweiz oder aus Rom wrde zu auffallend sein ... Mich
Ihrem Gebet empfehlend, verbleibe ich Ihr ergebenster Freund M. Alles zur
grern Ehre Gottes!1
    Die Empfehlung solcher Freunde, wie sie Ihnen zu Theil wurde, sagte Hunnius,
gestattet, da ich Sie tiefer in unsere Interessen einblicken lasse!
    Aus demselben Portefeuille zog er einen zweiten Brief und lie auch diesen
Lucinden lesen, indem er auf- und niederging, bald zum Fenster blickte und auf
jedes Gerusch achtete, bald sich aber auch an dem Anblick Lucindens, dem Ton
ihrer Stimme, dem erneuten Ueberblick des ganzen, so wunderbar berraschend ihm
gekommenen Verhltnisses weidete.
    Die Zeit ist reif! las Lucinde. Man mu mit Gewalt alles ergreifen! Der
Herr Kirchenfrst gibt zu allem seinen Segen, thut aber einstweilen bei allem
noch die Augen zu, soda unsere Unternehmungen nur Privatunternehmungen sind!
... Ich will kurz nacheinander in unserer Kirchenresidenz vier Jesuiten, in der
nahe gelegenen Universitt einen unterbringen! Diese werden schon einen
Wirkungskreis erhalten ... Ich ziehe einige talentvolle Knaben ganz zu diesem
Zwecke heran und an der Universitt sind mehrere der talentvollsten Theologen,
die in den Orden treten wollen. Mit diesen errichten wir einen Glaubensbund und
bringen sie dann mit den hiesigen Jesuiten in Verbindung ... Von Rom werden zwei
Jesuiten erwartet. Sie bringen scheinbar rztliche Atteste mit, welche ihnen nur
vorschreiben, in unserer Gegend zu verweilen ... Die Missionen treten da und
dort ins Leben; bei uns ist es noch schwer. Der Herr Kirchenfrst wnschen sehr,
da alle Wallfahrten wieder ins Leben treten! Ich bitte, arbeiten Sie wie Sie
knnen, da alles Abgeschaffte wieder aufgenommen werde. Mit aller Verehrung Ihr
ergebenster M. Alles zur grern Ehre Gottes! Der Sicherheit wegen nicht
frankirt. Thun Sie es ebenso.2
    Und einen dritten Brief las Hunnius dann noch selbst.
    Sie thaten ihm als Ableiter seines Zornes wohl. Triumphirend betonte er:
    Die gute Wendung der Wallfahrtsangelegenheit macht mir erstaunliche Freude.
Wie gerne macht' ich selbst einmal die Springprocession mit, wenn es meine
Geschfte erlaubten! Sorgen Sie fr Ihre Gegend: nur da man es mit der
Regierung nicht unrecht angreift, dann ist alles verloren! In all der Drangsal,
die wir leiden, habe ich doch auch manche Freude. Mehrere Pfarrer sind verklagt.
Je mehr, desto besser!... Geben Sie dem Kirchenboten mehr Nahrung! Man mu immer
hervorheben, wie jede Beschrnkung und Hemmung der Kirche und jede Auflsung des
Gehorsams gegen Bischfe und Rom auch die Grundfesten des Staates untergrabe!
Das ist fr die Frsten ein Argumentum ad hominem!...
    Hunnius unterbrach sich, um diese Worte zu bersetzen ...
    Das greift den Frsten an ihre eigene Krone! fiel Lucinde schon ein.
    Wie? erwiderte er staunend. Aber kein Wunder, mein im Heiland geliebtes
Frulein! Niggl schreibt mir ja von Ihnen, da Sie ein Wunder nicht nur in -
    Bitte! unterbrach sie und ermahnte den sich ihr Nhernden zum Lesen.
    Die guten Folgen der Mission freuen uns! fuhr Hunnius fort. Es mu uns
glcken, ber ganz Deutschland die Jesuiten als Prediger auszubreiten. Ich
erwarte mit jedem Tage 2000 Missionszettelchen. Es wird alles gut gehen! Ihr
ergebener M. Alles zur grern Ehre Gottes!3
    Lucinde dankte fr das ihr geschenkte Vertrauen und wollte sich entfernen.
    Es schlug von den Thrmen der Stadt schon ein Viertel elf Uhr ...
    Frulein, sagte Hunnius, ich begleite Sie selbst zurck ... ich stehe,
obgleich geistig auf vllig anderm Boden, doch gesellschaftlich sehr gut mit der
Dechanei ... Bitte! Lesen Sie aber noch, was Niggl von Ihnen selbst geschrieben
hat!
    Da sie es wiederholt ablehnte, lie Hunnius nicht nach ... Es wird uns enger
verbinden! sagte er mit Salbung. Es wird das Symbol unserer von ihm gewnschten
Vereinigung werden! Wir haben dann ein gleichsam ausgesprochenes Bekenntni, das
sichere Fundament unsers Verstndnisses, den geschriebenen Pact unsers
Seelenbndnisses!
    Der gute Curatus! sagte Lucinde sich zurckziehend und lie die Vorlesung
geschehen ... theils um ihren neuen so schnell gewonnenen Freund zu zerstreuen,
theils aber auch, weil sie auf diese Art allerdings erfahren konnte, warum
Grtzmacher hatte sagen knnen, er wre ber sie ins Klare und Schulzendorf
sie so scharf und wie eine mit Steckbriefen Verfolgte beobachtete.
    Mein innigstgeliebter und gefeierter Seelenfreund! las Hunnius (und diese
Worte nicht ohne beschmt niederblickende Genugthuung), Sie lernen mit diesem
herzinniglichen Grue nach langem, unverzeihlichstem Schweigen ein Frulein
Lucinde Schwarz kennen, wie man sagt, die Tochter eines einfachen
protestantischen Dorfschullehrers. Vor drei Jahren kam diese Seltenste ihres
Geschlechts als Gehlfin in die Ihnen bekannte orthopdische Heilanstalt und
wurde an demselben Tage, wo wir drei, Sie, mein innigstgeliebter Freund, Asselyn
und meine Unwrdigkeit, die letzten Weihen empfingen, in pltzlicher Erleuchtung
vom Geiste der Wahrheit ergriffen. In unserer ehrwrdigsten Kathedrale wurde sie
von unserm hochwrdigsten Bischof selbst dem Schoose unserer gnadenreichsten
Mutter einverleibt ... Ja Ihnen, Ihnen, Hunnius, der Sie so ganz der Musik der
menschlichen Seele in ihren tiefsten Accorden nachzulauschen verstehen - Ihr
letztes Gedicht: Myrrhe und Aloe -
    Eine kleine Pause und Auslassung im Lesen war hier natrlich ...
    Ihnen schreib' ich, fuhr Hunnius nach einigem Murmeln fort; das Leben
dieser Neugeborenen mu ein auerordentlich bewegtes gewesen sein! Da sie bald
durch Anmuth und Geist hervorragte, so bildete sich, wie in solchen Fllen zu
geschehen pflegt, in kurzem gegen sie eine Anfeindung, die eine Beschuldigung
nach der andern gegen sie aufbrachte. Aber allen diesen Angriffen stellte
Frulein Schwarz ihre aufrichtige Wiedergeburt entgegen. Diese wurde ihr reiner,
heller, metallener Schild, der sie gegen alles Ungebhrliche schtzte! Ihre
Andacht wurde jene glhende Hingebung an die ewige Liebe, die auch nach dem
Rauschen Ihrer Harfe, Hunnius, die Seele von allen Schlacken reinigt! Sie sah
und sie hrte auf nichts, was sie umgab. Sie lebte nur ihrem Berufe, ihrem neuen
Glauben. Ihre Augen, von denen sie behauptet hatte, da sie nie geweint htten,
obgleich sie Vater, Mutter, Geschwister, Freunde, Glck und alles, nur die Ehre
nicht, verlor, waren stets umflort von dem feuchten Schimmer frommer, wie
vergessen gewesener Thrnen. Fhren Sie das einst aus, Hunnius, in einem
Gedichte! Vergessene, verstockte, sitzen gebliebene Thrnen! Wenn die einst zu
strmen und zu rinnen anfangen! Diese Flut, dieser heilende Bethesdateich dann!
... Diese Seele gestand mir oft, da ihr alles Leid, was ihr je widerfahren,
erst jetzt den Zoll der Thrnen abforderte, da sie ber alles, worber sonst
ihr Auge trocken geblieben, nun erst nachtrglich weinen msse und - das ist der
Triumph der Wiedergeburt! - weinen knne! Hunnius, ich sage Ihnen nur, Frulein
Schwarz blieb im genannten Institute einige Jahre. Sie hatte die besondere Obhut
zu fhren ber Comtesse Paula von Dorste-Camphausen, jene Erbin, deren
Lebensverhltnisse unsere Aufmerksamkeit jetzt so dringend in Anspruch nehmen!
Der Vater derselben war gestorben; Vormund und Verwandte riefen sie zurck: es
war in jenen Tagen, als uns auch Asselyn verlie, diese emporwachsende Ceder,
diese edle Palme ...
    Hunnius stockte wieder und berschlug auch jetzt einige Stellen ...
    Um, fuhr er, den Zusammenhang suchend, fort, um bei Ihnen die Kaplanei zu
St.-Zeno anzutreten. Lat aber diese Seele nur anklagen! Lat die Stimmen ber
sie getheilt sein! Lat -
    Hunnius schien Anstand zu nehmen, der ganzen, hier den Tadel wiederholenden
Wortflle des Freundes zu folgen ...
    Lesen Sie alles, sagte Lucinde.
    Es sind Anschuldigungen -!
    O, auch das ist manchmal gut, erwiderte sie, zu wissen, was man von uns
Uebles denkt!
    Die Stimmen sind getheilt, fuhr Hunnius fast mit Lucinden ber die Parodie
seiner frhern Worte liebugelnd fort. Die einen sehen in ihr ein Wesen, das
seiner persnlichen Eitelkeit alles opfert, ein herzloses, undankbares -
    Lucinde, die Arme bereinandergeschlagen, stand in einer Stellung wie ein
furchtloser, unerschrockener Feldherr ...
    Doch, berschlug Hunnius beruhigt diese ominse Partie, unsere Stadt,
Sitz einer Universitt, einer starken Garnison, wei nichts von einer irgend
unpassenden Beziehung zu erzhlen: grtentheils nur in unsern geistlichen
Kreisen verkehrte sie. Aber sie kennen ja unsere Mit-Leviten! Sie kennen die
Lauheit der Zeit, kennen die Bequemlichkeit unsers Standes, dem nichts strender
ist als mitgearbeitet zu sehen an seinem Beruf auch von der Laienwelt aus!
Niemand soll da reden, ohne gefragt zu sein! Niemand soll das Entzcken, das ihm
der Glaube macht, in Bildern und Anschauungen wiedergeben, die ber das Ma
einer gewhnlichen Erbaulichkeit hinausgehen! Da irrt nun eine glhende Seele
von Beichtstuhl zu Beichtstuhl! Niemand wei ihr ein Herz, ein Verstndni, eine
Hingebung entgegenzutragen! Ihr Verstand ist diesen Menschen lstig und selbst
unsere Collegen - brauche ich Ihnen die Namen zu nennen! - verkehren lieber mit
der Gewhnlichkeit, wenn sie nur Whist spielt! Hunnius! Wenn diese Feuerseele in
der Dechanei so verbraucht wrde! ... Sie tritt dort als Gesellschafterin ein
... Ich dachte an Sie, Freund, an Ihre Verbindungen, Ihre Beziehungen zu Ihrem
Kirchenfrsten, an die ernsten und wichtigen Dinge, die von Ihrer hohen Warte
aus das Zeichen geben werden fr das brige Deutschland! O, diese Convertitin
hat fr die Flammen, die in ihr lodern, noch keine Nahrung gefunden! Wer einen
Schritt thut, wie sie, will ihn doch anerkannt sehen, will doch wissen,
bezeugen, tglich bezeugen, warum er ihn that ... Was thut man aber hier? Man
fordert sie auf zum Vergessen, zur Ergebung! Immer diese Abneigung gegen
Neugewonnene! Immer diese Klte gegen den Enthusiasmus, der sich bewhren will!
Convertiten, gehegt und gepflegt, sind ein Segen unserer Kirche; Convertiten,
vernachlssigt, zurckgestoen, einsam gelassen und wol gar zur Reue gedrngt,
knnen ihr zur frchterlichsten Geisel werden! Das Schicksal Lucindens ist in
Ihrer Hand! Sie Schpfer, Gestalter, Dichter! Vollenden Sie den Triumph dieser
gottberufenen Bekennerin!
    Der gute Niggl! sagte Lucinde, als Hunnius diesen enthusiastischen Brief
vollendet hatte. Er war seinerseits gerhrt von den Schmeicheleien fr seinen
Genius; sie ihrerseits erstaunte, wie sie sagte, ber den langen Schatten, den
sie wrfe ...
    Ich lernte Niggl kennen, erzhlte sie, als ich von ihm eines Tages erfuhr,
da er jeden Sonntag Nachmittag einen Kaffee fr Damen gibt. Ich wurde neugierig
auf einen so gemthlichen Priester, erkundigte mich nher und lie mich eines
Sonntags Nachmittags an sein Haus bei der Barferkirche fhren, wo er Curatus
ist. Ich wollte, aufrichtig gesagt, die Damen belauschen, die bei ihn zum Kaffee
kamen. Ich stand im Schatten der alten Kirche. Es schlug vier Uhr. Der
Nachmittagsgottesdienst war vorber. Der Kaffee begann nach vier. Wie ward ich
beschmt! Welche Damen kamen! Erst eine Blinde, die von einem Kinde gefhrt
wurde; dann kam eine kleine Buckelige, die stolz auf ihre Begleiterin hinaufsah,
denn diese durfte nicht mit zum Kaffee, sie aber stieg zum Herrn Curatus hinauf!
Nun kam eine Lahme an einem Krckstock! Jetzt fuhr ein Rollwgelchen vor und
siehe, der Herr Curatus kam lachend und freudigst selbst die Stiege herunter und
hob eine Person aus den Betten im Wgelchen, die nur dem Kopfe nach der
Menschheit angehrte! Nach unten zu hing ein Krper, der vllig schlaff, ja nur
eine einzige unfrmliche und unausgebildete Masse war. Es war ein Mdchen von
vielleicht dreiig Jahren und ein halbes Kind! Der Curatus trug sie auf seinen
Armen in seine Wohnung und in seinen Kaffee. Nun band ich mir, wie eine
Augenleidende, mein Taschentuch ber die Stirn und tastete mich auch hinauf. Da
war denn eine Damengesellschaft beisammen aus lauter Blinden, Tauben und
Gichtbrchigen, und sie war so lustig, so vergngt wie jeder andere Damenkaffee
auch, wenn es nur etwas zu lstern gibt! Unser kindlicher Niggl hatte nur immer
zu dmpfen, da wir die gesunden und schnen Menschen nicht auch zu schlecht
machten!
    Ja, wo gibt es solche Entsagungen wie in unserer Kirche! rief Hunnius. Wo
solche muthvollen Bewhrungen! Solche Triumphe dann auch und solche Belohnungen
wieder!
    Er errterte dann die Situation, in der sich Lucinde in der Dechanei
befinden wrde. Er wiederholte fter seine Bitte um Discretion wegen der von ihm
vorgelesenen Briefe. Er warnte vor der Erwhnung der Jesuiten, die man von
obenher noch verfolge wie Verbrecher, und doch wren sie die Sehnsucht aller
Glubigen! Schon wenn einmal ein einzelner Mnch auer Clausur leben sollte,
kostete das die grte Anstrengung ...
    Wer ist dieser Pater Sebastus? warf Lucinde erbebend ein.
    Pater Sebastus, sagte Hunnius, ist erst seit kurzem aus der Dunkelheit eines
Klosters bei Witoborn in der Residenz des Kirchenfrsten erschienen. Seine
auerordentlichen Geistesgaben wurden die Veranlassung, da man ihm gestattete,
auf einige Zeit seine Zelle zu verlassen. Man wei nicht, soll man seine
Begeisterung fr das Interesse der Kirche hher anschlagen oder seinen
Lebenswandel. Sie sollten doch schon, mein' ich, von diesem Mnch gehrt haben,
der den Gelbden seines Ordens gem sich die grten Entbehrungen auferlegt!
Sebastus lebt nur von dem, was er sich erbettelt hat! Er geht auf die Drfer in
der Umgegend der Residenz mit einem alten Topf in der Hand, um sich selbst die
Mahlzeit von den Thren zu holen; er geht gerade vor die Thren, wo er in
Erfahrung gebracht hat, da hier die geizigsten Herzen wohnen! Zum ersten male
nach Jahren wieder gestattete er sich heute bei mir eine Cigarre und kaum ein
halbes Glas Wein!
    Lucinde war von einem Schauer durchrieselt. Diese Entbehrungen paten fr
das Bild nicht, das von Klingsohrn noch in ihr lebte, und doch war er es!
Klingsohr mit einem Topf vor Bauerhusern! Klingsohr nicht rauchend, nicht
trinkend! Und doch war er es - der Stadtpfarrer nannte ihn Heinrich Klingsohr
und erzhlte den Tod seines Vaters - vor ihren Augen stand das Christusbild, an
das er einst ihren Hut gehngt hatte mit den Worten:

Am Bilde des Erlsers
Hngt ihr pariser Hut ...
Und ihre dunkeln Locken
Netzt heil'ger Wunden Blut ...

    Da Hunnius sie in die Dechanei zurckzubegleiten versprach, strte beide der
Schlag der elften Stunde nicht.
    Er machte der sinnend Trumenden die lebhafteste Schilderung von dem Leben
in der Residenz des Kirchenfrsten. Er gab Lucinden den Einblick in eine
geheimnivolle geistige Werkstatt, von der sie die Ahnung gehabt hatte, ohne die
Thr zu finden, die ihren Eingang bildete. Sie sah, was sie in Bonaventura's
Nhe schon oft zu erblicken geglaubt hatte, nahe und entfernte Ziele, sah
Zusammenhnge von Zustnden und Personen, erblickte ein harmonisches
Vereintwirken, ein lautloses, geruschloses und dennoch von ersichtlichen
Wirkungen begleitetes. Ob auch kein deutscher Staat mehr vom Krummstab regiert
wird, gibt es doch geistliche Hfe, gibt es geheime Sitzungen in geheimen
Cabineten und Anekdoten und geheime Verkehre aller Art. Auch, das erfuhr sie:
Einflureiche Frauen stehen diesen geistlichen Hfen nahe. Der Reiz des
Verschwiegenen verbindet die Geister und die Gemther. Strmisch und fest ist
der Wille, aber zurckhaltend die Form, ihn zu uern; unhrbar geht, wie auf
unsichtbaren Teppichen, der Schritt, und dabei keine wilde Zumuthung, nichts
Rohes, nichts Begehrliches. Das Streben nach Luterung und Religion ist
uerlich die Oriflamme und das heilige Feldzeichen dieser ganzen geisterhaften
Bewegung und doch bringt man duldsamst dabei die menschliche Natur in Rechnung.
Man setzt das wahre Verdienst eben immer nur in den Kampf mit der Snde, nicht
in den Sieg ber sie. Und wie gering auch die innere Treue Lucindens fr
Religion berhaupt war, Ha fr alles Norddeutsche und Protestantische hatte
sie. Ihre ganze Vergangenheit hatte sich in das verwandelt, was ihr neuer Glaube
bekmpfte. Und von diesem Gesichtspunkte aus war sie den Gesinnungen ihrer
jetzigen Freunde verwandt. Galt es Kampf, so empfand sie die dmmernden Schauer
ihres neuen Bekenntnisses, ja empfand sogar den Reiz, da in alle diese
Intriguen die langen Schatten der Kirchen fielen, die Glocken der Dome luteten,
die Farben der priesterlichen Gewnder blitzten. Bis in die unabsehbare Ferne
war die whlende Ahnung freigegeben: in die Ferne des Raumes sowol wie in die
der Zeit. Vor allem prangte Rom durch die Nebel hindurch wie die Stadt des
ewigen Sonnenscheins! Dort fand der mdeste Fu auf den Trmmern der
Jahrhunderte einen schattigen Ruheplatz, das wundeste Herz Heilung in den
Melodieen der Sixtinischen Kapelle; der Blinde wurde dort sehend, der Taube
hrend; alles lief aus und vereinigte sich in dem Centralnervensitz des
historischen Europa ... Dies Bild war es, das Lucinden aus halben und
trumerischen Zustnden, aus bitterer Lebenserfahrung und nicht immer
selbstverschuldeten Krnkungen einst in den Schoos jener Kirche gefhrt hatte
und darin festhielt und ermunterte und bestrkte, alles zu unternehmen, alles zu
wagen, was die Umstnde von ihr verlangt htten, wenn sie damit nur den Beifall
und die Liebe Bonaventura's htte gewinnen knnen!
    Nun brach sie auf.
    Der Stadtpfarrer, glcklich ber diese Eroberung, fast getrstet ber die
Censurstriche, holte seinen Hut.
    Schon hatte er auf ein Bcherbret gelangt und gab ihr ein Buch zum Andenken
an die eben erlebte Stunde.
    Es war eine neueste Sammlung seiner Gedichte, die Saronsrosen.
    Er ergriff eine Feder, zeichnete auf das Blatt vor dem Titel ein Kreuz und
in dies hinein ein flammendes Herz und seinen Namen.
    So gab er's Lucinden und verga vor Aufregung den Streusand.
    Lucinde trug das Blatt offen und versprach, mit Aufmerksamkeit in den
Gedichten zu lesen.
    Hunnius nahm die Lampe und rief seiner Wrterin ... Er wollte mitgehen ...
    Indem aber klingelte es heftig.
    Der Druckerbursche! rief es in allen seinen Nerven.
    Und in der That - ein Knabe kam - kam mit einem hoch emporgehaltenen Blatte!
    Von Instanz zu Instanz kehrten erst jetzt die von Hunnius gemachten
Aenderungsvorschlge zurck ... einige waren angenommen worden ... bei andern
verlangte man am Rande noch diese und jene Milderung ... einige Bilder waren
gerettet ... Hunnius konnte vor Freude sogar jetzt Lucinden vergessen.
    Der Bursche erklrte, da die Censur noch warte, ebenso wie die Presse
seines Herrn. Wenn der Herr Stadtpfarrer noch sofort die Aenderungen machte,
konnte die Nummer in der ersten Morgenfrhe noch gedruckt werden ...
    Schon rief Hunnius, sich nun mit seinen Redactionspflichten entschuldigend,
seiner Magd. Aber Lucinde sagte:
    Lassen Sie, Herr Pfarrer! Ich finde den Weg! Es ist Mondschein! Wirklich,
wirklich! Bitte, bleiben Sie!
    Hunnius mute den Burschen, der allenfalls auch noch Lucinden htte fhren
knnen, zurckbehalten ... seine Magd war nicht die flinkste ... er zgerte
noch, als Lucinde schon mit den Worten: Beruhigen Sie sich, Herr Stadtpfarrer!
Ich finde den Weg! - unten schon vor der Hausthr und verschwunden war.
    Lucinde war allein.
    Sie schritt durch die still gewordene Stadt ber den mondhellen, jetzt
menschenleeren Marktplatz dahin ...
    Ach, sie kannte solche Nachtbilder kleiner Stdte aus der Zeit her, wo sie
mit der unglcklichen Gauklerfamilie ber die norddeutschen Heiden gezogen ...
Sie kannte diese Brunnen, die da rauschten, diese Linden, die da so klein und
verkrppelt an einer Straenecke stehen. Hier in einem Giebelfenster erlischt
ein Licht, dort geht eins auf ... Hier jammert ein Kind, das von seinen Trumen
gengstigt wird und eine Mutter spricht liebe, beruhigende Worte ... dort bellen
zwei Hunde wachsam um die Wette ... Sie hatte das alles so oft erlebt, mit
demselben Mondlicht, derselben Stille, immer in einer andern geistigen
Beleuchtung ... Heute?! ... Sie liest noch die Schilder der armen Schuhflicker
und Schneider ... sie sieht den schwarzen Mohrenknig an einem Laden, durch
dessen geschlossene Thr ein Schiebfensterchen erleuchtet ist, eine Apotheke, wo
vielleicht fr Frau Ley der letzte Linderungstrank bereitet wird ... Dort ein
Gasthof: Zum Riesen! Der Goliath steht ber dem Thorweg, der noch offen ist ...
Sie sieht das stattliche Reisecoup Thiebold's de Jonge unter ihm ... Oben vier
Fenster erleuchtet ... Zechen dort oben vielleicht noch Benno von Asselyn und
seine Gefhrten und erzhlen sich Anekdoten und verhhnen die Wrde der Frauen
und lachen ber das, was andern Schmerzen bereitet, ber Porzia, ber Hedemann?
... Gerade so wie sie einst Klingsohrn so unter seinen Freunden wute, den
Weltenstrmer, den jetzt mit dem Topfe Bettelnden!
    Sie konnte ber Hunnius nicht lachen. Es lag selbst in den Saronsrosen, wo
endlich das Kreuz mit dem Herzen getrocknet war, nach ihrer gegenwrtigen
Stimmung etwas vom allgemeinen Schmerz des Lebens und vom bittersten Weh der
Welt ... Denn ist nicht das grte Weh Blindheit, Thorheit, Anmaung, Kampf und
Wahn und leidenschaftliches Ringen und das Ganze ein so tief entmuthigendes
Durcheinander?
    Nun berfiel sie auch noch die Furcht vor der Rckkehr in die Dechanei ...
    Wenn die Pforte geschlossen war! Wenn sie klingeln mute!
    Immer zaghafter wurde ihr ums Herz ...
    Langsamer und langsamer trat der mde Fu ...
    Sie kam bei den Stufen an, die zur Kathedrale von St.-Zeno hinauffhrten ...
    Hier war es dunkel ...
    Hier mochte sie sich niederlassen, sich ausweinen ... vor Schmerz ber die
Welt und ber sich selbst ... Nur die Todten die Ihrigen! Auf der Erde nur die -
die sie nicht mochten, oder die - die sie nicht mochte! Und sie mute sich
sagen: Ihr, die ihr mich hat und frchtet, gewi, ihr habt ja Recht!
    Mhsam, bangend und zagend stieg sie die Stufen empor ...
    Ringsum die kleinen Huserchen ...
    Sonst war sie in solchen Lagen so oft versucht gewesen, den Leuten Nachts
von den Fensterbretern ihre Blumen aus den Tpfen zu stehlen! Sonst langte sie
im Springen nach einem Hanfbschel hinauf, das als Wahrzeichen eines
Zwirnverkufers vor einer Thr hing! Sonst jagte sie, wie die alte Hauptmnnin,
Ratten und Muse auf und lief ihnen nach, die Katze spielend ... und wenn etwa
dann Mnner sie verfolgten, so blieb sie stehen, lie diese an sich vorbergehen
und erwiderte ihre Anreden auf englisch oder italienisch fest und bestimmt: Ich
kenne den Weg!
    Langsam zhlt sie heute dreiig Stufen, die zur Kathedrale hinauffhren ...
    An jeder fnften steht, wie auf einem Calvarienberg, eine steinerne Gruppe
der Leidensgeschichte ... frisch bertncht mit grnlichweier Oelfarbe ...
frisch vergoldet an den Heiligenscheinen und Gewndern ...
    Wie sie eben an der letzten Gruppe der Grablegung vorber ist, wie sie quer
ber den den Dom umgebenden freien Platz zu der zweiten, niederwrts zu dem Park
der Dechanei fhrenden Treppe kraftlos schreiten will, strahlt ihr pltzlich an
dem im Schatten liegenden altehrwrdigen St.-Zenotempel ein magischer Lichtglanz
entgegen.
    Von dem brigen Mondschein weicht er vllig ab.
    Sie blickt noch einmal hin und wiederholt sich das Wunder von Damascus?
    Lichtumflossen tritt ein Priester im Ornat auf sie zu ...
    Es ist Bonaventura, ihr Heiliger ...
    Lucinde verbirgt sich hinter der Grablegung ...
    Bonaventura kommt aus der Sakristeithr, die im Dunkel liegt und beim
Geffnetwerden den von der entgegengesetzten Seite, wo der Mond steht, durch ein
buntes Fenster hereinfallenden Lichteffect verursachte.
    
    Es ist Bonaventura in Priestertracht, begleitet von einem weigekleideten
Knaben und einem Mediener.
    Alle drei kommen, nachdem der Mediener die Sakristeithr wieder
verschlossen, still und schweigsam nher. Sich unbemerkt glaubend, schreiten sie
die Stufen zur Stadt hinunter ...
    Bonaventura hlt das Hochheiligste, der Mediener trgt Brevier und
Rauchfa, der Knabe klingelt ...
    Wer etwa in den Straen noch versptet ging, neigte sich. Wer es auf seinem
Lager hrte, sagte: Das ist der Dechant! Er geht unten an den Fall zur
sterbenden Frau Ley!
    Lucinden war es, als wenn sie jetzt Schutz gefunden htte. Bonaventura mute
in die Dechanei zurck! Konnte sie es nicht unter seinem Beistande thun?
    Aber auch so und war dies alles auch nicht, doch zog es sie unwiderstehlich
...
    Sie mute folgen.
    Es klingelte ... und klingelte ... Dahin ... dahin ... immer voraus schritt
das Sakrament ...
    Endlich hrte man ein rauschendes Gewsser daherstrzen. Es war der Fall.
Ueber ein Brcklein mute man noch gehen, auf dem ein St.-Nepomuk den Gru der
Vorbergehenden empfing ... Die Zahl derselben mehrte sich ... Wol ein Dutzend
Menschen aus dem Volke schlo sich dem klingelnden Knaben an, so spt auch die
Stunde schon vorgerckt war ... Es kam ein ganz vertrockneter Lindenbaum und ein
Haus, in das sie eintraten ...
    An der Wand neben dem Thorweg fand Lucinde die verrosteten Haken, von denen
der Dechant erzhlt hatte ...
    Noch stand der Hackeklotz im Gange ...
    Auf dem steinernen Estrich der Vorflur ging eine Rinne, durch welche sonst
das Blut flo aus dem im Hofe befindlichen Schlachthause.
    Unter den Anwesenden, die der Hostie gefolgt waren, fiel Lucinde noch nicht
auf. Meist waren es Frauen. Sie hielten sich in der Vorflur, whrend eine Thr
geffnet wurde, durch die man in ein hinteres Zimmer sah, wo die Sterbende lag.
    Bonaventura schritt durch einige Betten hindurch, wo ruhig die kleinern
Kinder der sterbenden Mutter schliefen ... Treudchen Ley und ein Bruder, der den
Dechanten nun doch noch gerufen hatte, lagen ber dem Bette der Mutter
ausgestreckt und schluchzten ...
    Der so berraschend statt des Dechanten gekommene geliebte Priester nahm von
dem Ministranten das heilige Oel, um damit seine Finger zu netzen. Mit diesen
berhrte er die einzelnen Theile des Antlitzes der Sterbenden ...
    Fr Bonaventura konnten Menschen zugegen sein, die noch heftigere Wallungen
in ihm hervorgerufen htten als Lucinde, er wrde nicht auf sie geachtet haben.
Er lie die Sterbende, die ihn noch erkannte, mit einem matten Aufblick die
ganze letzte Freude empfinden, an seiner Hand aus dem Irdischen hinausgeleitet
zu werden. Mit gro und geisterhaft aufgeschlagenen Augen sah sie auf seine hohe
Gestalt und zupfte mit den unruhigen Fingerspitzen an der Decke, bis ihre
Tochter, wie wenn sie Wnsche htte, sich ihr nher beugen mute. Ihr Wunsch war
nur, noch so viel Schrfe des Gehrs zu besitzen, die milde Stimme des geliebten
Priesters zu hren.
    Bonaventura salbte die Sterbende mit leise begleitenden Worten an den von
der Kirche vorgeschriebenen Theilen, an denen, welche die Organe unserer Sinne,
unsers Willens und unserer Snden sind. Mit Auge, Ohr, Geruch, Mund, Hand und
Fu sind wir an die Sinnenwelt gebunden: die Lsung von ihr, den Abschied und
die Trennung bezeichnet die Berhrung mit dem, wie man sagt, schmerzenstillenden
Oel ...
    Bonaventura's Gebet bertnte das laute Weinen ...
    Herr, unser aller Gott, sprach er, erquicke die Seele, die du geschaffen
hast! Reinige sie von allen Snden und Makeln, damit sie wrdig werde, durch die
Hnde der Engel dir dargestellt zu werden! Durch Jesum, unsern Herrn!
    Die Seele der armen Metzgersfrau war schon vor dem Amen! zu der ihr nun
gelinderteren Pein des Fegfeuers entflohen.
    Treudchen benahm sich mit groer Standhaftigkeit. Da auffallend schne Kind
war bla, zart, tief verhrmt, tief erschttert und doch blieb sie umsichtig ...
    Als die Sterbende geendet hatte, drckte der Leiche jemand von den
Nhergekommenen die Augen zu. Es war eine hohe, krftige weibliche Gestalt. Sie
trug ein gelbrothes Tuch um den Kopf gewunden und mute eine Jdin sein ...
    Und dicht hinter ihr stand ein Protestant, Nachbar Grtzmacher, der wrdige
Wachtmeister ...
    Er begrte Lucinden, die nun vortrat und jetzt erst von Bonaventura bemerkt
und erkannt wurde ...
    Mu man erleben den Gegenstand! sprach inzwischen mit lauter alles
bertnender Stimme die Jdin ... Eine Frau so sanft wie ein Lamm! Ein Engel!
Mu ich sie noch sehen, wie sie ist gelaufen ber Land und hat die Bauern
gebitt't und gebettelt, da sie bringen sollten ihren Mann wieder auf die Fe!
Wie hat sie die paar Thlerchen, die sie hatte gespart oder geborgt gekriegt,
gezeigt und damit geklimpert, als wenn die Leute machten das rarste Geschft um
ein Ferkelchen, das sie dann haben mitgenommen und nach und nach aufgezogen mit
Glckseligkeit, wie, Gott verzeih' mir's, 'nen polnischen Ochsen! Und das
Treudchen da! Hat sich das Kind nicht die Augen ausgenht und ausgestichelt und
hat sie nicht gekriegt an die Fingerspitzen ganz 'ne rauhe Hand! Ein Mdchen so
rar! Schn genug fr 'ne Prinzessin! Und die guten Kinder! Gott soll sie segnen!
    Whrend Grtzmacher mit Bonaventura und dem Arzte flsterte, kte Treudchen
Ley Lucinden die Hand und dankte fr die Ehre ihres Antheils. Sie nannte die
Sprecherin Frau Henriette Lippschtz. Es war die Hasen-Jette, die
Wildprethndlerin, die Witwe des jdischen Metzgers, der die Kundschaft der Leys
geerbt und der nun auch schon wieder andern Platz gemacht hatte.
    Frulein, wenn sie jetzt hier haben was zu nhen - fuhr, Lucinben richtig
unterbringend und sich ihr zuwendend, die Hasen-Jette fort - feine, feinste
Spitzen: geben Sie's nicht anders als an das Treudchen! Weine nicht, Kind! Du
bist nicht verlassen! Dein Toni, dein Edi ... alle kommen sie in die groe
Stadt, ins neue Waisenhaus, wo die Kinder leben wie die Prinzen! Sag' ich dir,
Treudchen, Betten! Staatsbetten! Kauft die Stadt alle Federn von mir und die
Decken hat mein Bruder geliefert! Gott! Was wird der Lb sagen, wenn er nach
Hause kommt und findet Frau Ley nicht mehr - der Lb mit seinem gefhlvollen
Herzen!
    Bonaventura kannte auch den Lb, den Bruder der Frau Lippschtz, den
berhmten Gtermakler und Handelsmann Lb Seligmann. Er durfte diesen
Empfindungen einer einzelnen einen gemeinsamen Ausdruck geben. Noch sprach er,
nicht als Geistlicher, sondern als Bekannter und Freund der Bewohner von Kocher,
laut einen herzlichen Nachruf, trstete die Kinder und ging zuletzt mit
Grtzmachern und dem Arzte.
    Als er sich mit ersterm ber die vergebliche Verfolgung des Leichenrubers
verstndigt zu haben schien, bildete sich wieder jener Zug, der die Monstranz in
die Kathedrale zurcktrug.
    Lucinde folgte ... Wie mute sie ihrer eigenen Jugend und ihrer Geschwister
gedenken! ... Das neue Waisenhaus!
    Es schlug zwlf, als Lucinde bermdet wieder die Stufen zum Dome hinanstieg
und wartete, bis Bonaventura aus der Sakristei zurckkehren wrde.
    Endlich kam er ... in seinen gewhnlichen Kleidern.
    Ich mu mich Ihnen anschlieen! sagte sie. Ich hatte Briefe an den
Stadtpfarrer zu berbringen, deren Eile ich ganz vergessen hatte! Ich hielt mich
zu lange im Gesprch mit ihm auf, folgte dann Ihrem Zuge zum Sterbebette und mu
nun unter Ihrem Schutze in die Dechanei zurckkehren! Kann ich es thun, als wenn
ich berhaupt nicht abwesend gewesen wre, desto lieber! Ich frchte Frau von
Glpen und ihre ble Auslegung!
    Bonaventura, der Frau von Glpen's strenge Auffassungen kannte, erbot sich
gern zu dem gewnschten Beistand. Er war so menschlich in allem und kein
Haarspalter und kein Mckenseiger ...
    So gingen beide in den Park hinunter.
    Wie tobte es jetzt in Lucinden, wie stockte ihr Athem! Und doch dies ruhige
Gesprch ber die Vorgnge der letzten Nacht, ber Grtzmacher's Nachrichten,
ber Benno, Hedemann, die Herbstbungen, den krzern Weg da oder dort, die
Leidensfamilie, die eben verlassene, wieder dann die Baumalleen, die Boskete,
Windhack's Sternwarte ...
    Darauf hin kannten sich beide schon ... So konnte sie neben ihm gehen, wie
eine Nachtwandlerin auf haushoher Zinne, jeden Augenblick den Niedersturz
drohend - so er, gleichsam den Arm schtzend und schon zum Auffangen
ausgebreitet ber sie gehalten und doch vom Gleichgltigsten plaudernd und
scherzend sogar ...
    Wie der Geliebte dann den Hausschlssel zog, ffnete, sie zuerst in das
stille Vorhaus lie, erklrte, zwar unten zu wohnen, aber sie doch bis hinauf
begleiten zu wollen, wie sie dann ihn zum leisern Sprechen ermahnte, seine
Begleitung ablehnte und er doch noch eine Stiege lang folgte - sollte es ihr da
nicht wieder sein, wie schon oft, als mte sie vor ihm niedersinken und ihn
anflehen: Tritt lieber mit deinem Fu auf mich, du Entsetzlicher, Kalter,
Unerbittlicher! ... An seiner Brust htte sie jetzt ruhen, jetzt sich ausweinen,
auslachen mgen ... und er sagte nichts als: Gute Nacht, Frulein! Sagte das
ihr, die noch jung, noch schn war, die Huldigungen erlebt hatte, wo sie nur
irgend erschienen war, eine Siegerin ber so viel Mnner von Reichthum, Ansehen,
Geist ... Gute Nacht, Frulein ... Und das in tiefster Stille ... im nchtlichen
Dunkel ...
    Die zweite Stiege in ihren Entresol glaubte sie allein gehen zu knnen ...
Sie hauchte ihm das in stammelnden Worten so hin ...
    Sie ging langsam ... halb ohnmchtig vor Schmerz ber das eine Gute Nacht,
Frulein! ...
    Alles ringsum war dabei still ... niemand bemerkte ihre Rckkehr ...
vielleicht hatte auch niemand ihr Weggehen bemerkt ...
    Sie mute sich an dem eisernen Gitter der Treppe halten, als sie langsam
hinaufstieg ...
    Bonaventura war nicht mehr hrbar ...
    Auf dem Corridor der zweiten Etage blieb sie stehen und holte einen tiefen,
tiefen Athemzug ... Dann erschreckte sie pltzlich ein Gerusch wie von einem
auffliegenden Vogel ...
    Es war der Pfau, der ihr neugierig, hoch aufgerichteten Hauptes
entgegenschritt.
    Sie entlief ihm fast bis an die Thr ihres Wohnzimmers ... ... Das Thier sah
so gespenstisch aus ...
    Ihr Wohnzimmer lag am Aufgang zu einer dritten Treppe, die schon ins Dach
und zu Windhack's Sternen fhrte.
    Wie sie in Eile rasch nur und um unbemerkt in ihr Zimmer zu kommen den
Schlssel drehte, wandte sie sich um, sah eine Weile ins Leere, schrie dann aber
fast auf ... sie glaubte im ersten Augenblicke ein Gespenst zu sehen ...
    Es war, mit einem Lichte in der Hand aus einem der Corridore des Geviertes,
in dem die Dechanei gebaut war, tretend, die leibhaftige Frau Hauptmnnin von
Buschbeck ...
    Dieselben funkelnden Augen aus dunkeln Hhlen, dieselbe aus Haube und
Schleife hervorschieende spitze Nase, dasselbe Drehen und mhlsteinartige
Schroten der zahnlosen Kinnladen ...
    Aber es war kein Gespenst ... Es war die Schwester ihres alten Nachtunholdes
... es war Frau Petronella von Glpen - ohne die Verschnerungen ihrer Toilette
...
    Auf die aber auch von Seiten der Frau von Glpen wie zum Tod erschrockenen
Worte: Aber, mein Frulein! Wo kommen denn Sie noch so spt her? Wo denn - um
Jesu Wunden willen - waren - Sie - denn die - ganze Nacht - ber -? verschwand
Lucinde ...
    Frau von Glpen, die nur in diesem ihrem uersten Nglig und sogar ohne
ihre Zhne ihren unruhigen Lolo aufgesucht hatte, war noch mehr erschrocken
gewesen als Lucinde ...
    Lucinde htte in diesem Augenblick den Pfau erwrgen knnen.
    Ohne eine Antwort gegeben zu haben, war sie in ihrem Zimmer verschwunden.
    Immer noch hrte sie den knirschenden Sand auf dem steinernen Estrich
drauen, immer noch hrte sie das Huschen des Pfaus, der neben der wie eine Juno
keinesweges schnen, aber wie Juno mindestens ebenso zornigen Frau stand und sie
mit seinem hoffrtigen kronengeschmckten Kopfe angestarrt hatte ...
    Es ahnte ihr fr den folgenden Tag nichts Gutes ...
    Freilich so bitter, wie ihr wieder der Kelch des Lebens geschenkt wurde,
ahnte sie die Folge nicht ...
    Als sie nach einer ganz sanft verschlummerten, ganz auerordentlich
erquickend gewesenen Nacht erwachte und die Sonne wundergolden in ihr Stbchen
schien und das sogar verschnerte und das sogar behaglich machte, als sie dann
das Fenster ffnete, den erquickendsten Lindenduft einsog; als sie in der Ferne
schon den zweiten Tag der militrischen Uebungen durch Trommeln und Pfeifen
angekndigt hrte, erhielt sie von Windhack das Frhstck berbracht ...
    Er stellte es hin, whrend sie gerade an ihrem Haar kmmend vor dem Spiegel
sa und sich in einem weiten Toilettenmantel verstecken mute, und ging ...
    Wie sie aufgestanden war, bemerkte sie beim Frhstck ein Billet.
    Es war mit Geld beschwert ...
    Sie ffnete, las - ein Moment entschied alles ...
    Sie las die kurzen Worte:
    Ich ersuche Sie, mein Frulein, noch im Laufe des heutigen Tages
unwiderruflich die Dechanei und fr immer zu verlassen. Petronella von Glpen.
    Sie griff an ihr Herz. Im ersten Augenblick hatte es aufgehrt zu schlagen.

                                    Funoten


1 Ein aus der geschilderten Zeit herrhrender und spter mit Beschlag belegter
actenmiger Brief.

2 Auch dieser actenmige Brief wurde im Jahre 1837 mit Beschlag belegt.

3 Gleichfalls actenmig.


                                      10.

Zur selbigen goldenen Morgenfrhe saen der Dechant und Bonaventura in des
erstern traulichem, dufterflltem Studirzimmer zum Frhstck ...
    Nach der lblichen Sitte katholischer Geistlichen wandelten sie nicht etwa
noch in Schlafrcken und Pantoffeln, sondern waren schon ganz in ihren blichen
schwarzen Kleidern.
    Nun erst, an der Morgensonne, nahmen sich die grnen Decken und seidenen
Vorhnge ber den Bchergestellen, Bildern und Alabasterstatuetten, die schn
eingebundenen Kupferstichsammlungen, franzsischen Ganzfranzbnde mit dem Wappen
der Asselyns besonders freundlich und vornehm aus. Nichts sah vergilbt, verblat
aus. Die vielen Bekanntschaften, die der Dechant in der Nhe und Ferne
sorglichst pflegte, hielten alles jung und angehrig der heitersten Gegenwart
...
    Schon lngst war zwischen Oheim und Neffen ber ihr verschiedenartiges
Verhalten zu ihrem gemeinschaftlichen Beruf ein Abkommen getroffen. Bonaventura
liebte den Oheim wie seinen Vater ... Er konnte noch jetzt, wie einst als Kind,
die weie, wohlgepflegte Hand des Greises an seine Lippen ziehen: so zrtlich
empfand er fr ihn ... Sammelt sich doch ohnehin der zurckgestaute Schatz von
Liebe im Herzen eines katholischen Priesters und mu irgendwie und irgendwo
hinausstrmen, um das bervolle Herz nicht zu zersprengen!
    In Bonaventura war dieses Bett seiner Empfindungen die Kirche, sein Beruf,
seine Heerde ... und doch konnte er den Dechanten seinen weisen,
menschenfreundlichen, lieben Philosophen nennen und der Dechant wieder nannte
ihn seinen Heiligen, seinen knftigen Franz von Sales oder Carlo Borromeo und
decretirte ihm, wie Paula, die Seherin, noch einst die Mitra eines Erzbischofs,
den Purpur eines Cardinals.
    Von dem Liebesdienste, den ihm gestern in so spter Stunde gleich nach
seiner nicht mehr erwarteten Ankunft Bonaventura abgenommen, wurde nicht viel
gesprochen. Das Kommen und Gehen der Menschen, Geburt, Leben und Tod ist die
tgliche Erfahrung dieser Mnner, wie beim Arzte das Befinden ihrer Patienten
...
    Dennoch blickte der Dechant dster und mit schmerzlicher Miene in den
sonnenhellen Morgen, in die geffneten Fenster, die grne Linde und das Hpfen
der gezhmten und an die Brosamen des Frhstcks gewhnten Vgel.
    Diese wagten sich vor zwei Bewohnern heute nicht ins Zimmer. Bonaventura war
eben im Begriff, mit einem Krnchen weien Brotes einen der Spatzen zu
berzeugen, da sich durch ihn hier nichts gendert htte, da jeder Hungerige
getrost kommen knnte auf den Frhstckstisch, wo in altem geschnrkelten
Porzellan Chocolade servirt wurde, die dem Dechanten, wie er behauptete, das
Blut erwrmte und ihm mehr Lebensstimmung gbe, als der nach ihm die Melancholie
nhrende Kaffee ...
    Er bereitete sich diese Chocolade, auch nachdem er die Messe gelesen - das
Messelesen selbst mute nchtern geschehen - mit eigener Hand ... Windhack
brachte dann siedendes Wasser, das auf einer Theemaschine im Kochen erhalten
wurde. In ein kleines Gef wurde das Wasser durch einen Hahn abgelassen und
whrend es langsam strmte, muten die dnnen Scheibchen der Chocolade, die der
Dechant dem Strahl entgegenhielt, schmelzen. Nach jedem geschmolzenen Stcke
quirlte er die gewonnene Auflsung, die er so oft mit neuen Tfelchen
wiederholte, bis sein Geschmack getroffen war. Er behauptete, diese Art der
Chocoladebereitung wre die einzig richtige. Er htte sie einst von seinem
Bruder Max, Benno's Adoptivvater, gelernt, als dieser aus Napoleon's in Spanien
kmpfender Armee verwundet zurckkehrte und damals ein Knblein von wenigen
Monaten mitbrachte gen Borkenhagen, wo er zum besten der ganzen Familie
Landwirth werden wollte, unsern Benno, der indessen dem Haarrauch acclimatisirt
und der Familie lngst wie ein geborener Angehriger war.
    Die heute so dstere Miene des Dechanten galt zuvrderst dem Mismuth ber
die abendlichen Enthllungen wegen Lucinden. Noch wute er nichts von dem
nchtlichen Vorfall und der bereits schon definitiv erfolgten Kndigung.
Bonaventura gab Lucinden sogar das Zeugni, da sie dem Onkel eine anregende,
originelle, wenn auch die Menschen etwas wirr durcheinander hetzende
Unterhaltung werden knnte. Da wird nichts helfen! sagte der Dechant. Ihre
Erscheinung ruft bei uns Erinnerungen wach, die wir fern halten mssen! ...
Bonaventura wute, wie wenig gern der Dechant an Schlo Neuhof erinnert wurde
... doch hielt er Lucindens Bleiben fr so entschieden noch nicht gefhrdet, als
es war.
    Dann hatten die Briefe sehr aufregend auf den Onkel gewirkt, die Angelika
Mller durch Benno und Hedemann geschickt hatte und die letzterer schon gestern
Nachmittag abgegeben ... Von Benno sah und hrte man nichts.
    Endlich aber und vorzugsweise galt die dstere Stimmung einigen auf einem
Nebentische ausgebreiteten wunderlichen Gegenstnden, die im ersten Augenblick
vielleicht einem Eintretenden nicht einmal wren aufgefallen, da sie den
allgemeinen Nippcharakter des ganzen Mobiliars trugen.
    Auf dem Tischchen, einem jener zierlichen von Mahagoni, die zu den kleinen
Spielpartieen in der Dechanei gebraucht wurden, lagen eine zerbrochene goldene
Uhr, ein Gemshorn, ein grner Schleier, eine Spielhahnfeder, ein Klappmesser mit
vielen eingeschlagenen Klingen und hnliche Gegenstnde von verwittertem und
verrostetem Aussehen.
    Dies waren die Sachen, die man in dem Sarg des alten Mevissen gefunden
hatte.
    Warum hatte der Alte diese Dinge so gehtet? Warum hatte Mevissen, der in
seinem eigengezimmerten Sarge schlief, eine so groe Furcht vor ihrer Entdeckung
gehabt? Wie hing, da Bonaventura sehr bald aus der Uhr und einem Namenszuge des
Messers erkannte, da diese Gegenstnde einst seinem Vater gehrt hatten, ein
dem Werthe nach so unbedeutender Besitz zusammen mit der Furcht des alten
Begleiters seines Vaters, sie durch den Tod in andere Hnde gelangen zu wissen?
Warum hatte er, wenn er diese Gegenstnde der Welt und ihrem Verkehr entziehen
wollte, sie nicht vernichtet? Die Uhr, das Gemshorn, das Messer lieen sich
vielleicht nicht so leicht zerstren; was aber sollte noch die Aufbewahrung des
grnen Schleiers und der Spielhahnfeder?
    Die Unfhigkeit, sich alle diese Fragen zu beantworten, beunruhigte auch
Bonaventura so sehr, da er wegen dieser theuern Reliquien zu seinem Oheim
gereist war.
    Der Dechant freilich sagte, als er soeben mit Rhrung diese Erinnerungen an
seinen Bruder Fritz gemustert hatte, er wisse wohl, wie diese Gegenstnde mit
dem unglcklichen Ende desselben in Verbindung zu bringen wren. Er knne nur
nicht erklren, warum der Diener, dessen Anhnglichkeit und Treue eine seltene
und erprobte war, auf diese Andenken einen so ganz unbegreiflichen Werth gelegt
htte.
    Ja, fuhr Bonaventura fort, wie konnten diese Dinge damals bei dem theuern
Todten selbst fehlen, da Sie doch, wie ich hrte, so manche andere Andenken bei
ihm fanden, den Trauring meiner Mutter, das Portefeuille mit seinem letzten
Willen, die Wsche, die er in einem Reisesack trug, als er durch das Val de
Bagne ber den St.-Bernhard nach Aosta wollte, sogar die Schaumnzen, die er in
der sogenannten Jupitersebene noch gefunden? Wie ist berhaupt der Tod meines
Vaters verbrgt! Begruben Sie ihn selbst? Ich zweifle jetzt an allem!
    Bona! rief der Dechant verweisend.
    Stand Ihnen denn Mevissen zur Seite, als Sie doch wol eine Untersuchung ber
den Tod des Vaters anstellten?
    Mevissen war ja mein Fhrer bis St.-Remy, wo der Verunglckte zur Ruhe
bestattet liegt!
    Lieen Sie denn nicht den Sarg ffnen? Nie haben Sie mir, nie der Mutter,
nie dem Stiefvater erzhlen mgen, wie alles beim Ableben des Vaters zuging!
    Was sollt' ich vor eure Seelen diese Bilder des Schreckens fhren!
    Meine Aeltern liebten sich nicht!
    Doch! Doch! ... Ich war in Wien, lieber Sohn, und recht wie um mich zu
strafen fr meinen heitern Genu der Stadt, erhielt ich dort die Mittheilung,
von deinem Vater htte man seit Wochen keine Nachricht und frchte ein Unglck.
Im ersten Augenblicke glaubte man ...
    An Selbstmord?
    Es lie sich daran denken ...
    Um meine Mutter!
    Bona, gib diesen Vorstellungen nicht ohne prfende Gerechtigkeit Raum! Deine
Mutter lebt und liebt dich! ...
    Mevissen hatte bereits nach dem Orte geschrieben, wo deine Mutter whrend
der Reise deines Vaters weilte! Von dort erhielt ich die Nachricht, da man
seine Spur verloren. Er hatte von Genf Abschied genommen, um durch die Walliser
Alpen eine Fuwanderung anzutreten, die er ohne Begleitung seines Dieners machen
wollte. Wochen waren vergangen, bis Mevissen etwas von ihm erfuhr. Endlich
whrte dem Diener das Ausbleiben seines Herrn zu lange. Er stellte Erkundigungen
bis auf den Weg zum Simplon an und bis nach Martigny. Leider vergebens. Jede
Spur schien nach diesen Richtungen hin verloren. Als ich dann mit einer Eile,
wie sie nur irgend in der damaligen langsamen Communication mglich war, in Genf
ankam, hrt' ich schon, da seine Spur auf dem andern Uebergange nach Italien,
der von Martigny ber den groen St.-Bernhard fhrt, entdeckt worden war, aber
auch das, da sie zu dem sichern Ergebni seines Todes gefhrt hatte. Mevissen
befand sich auf dem Hospiz der Augustinermnche; ich reiste ihm nach. Dein
Vater, mein edler Bruder, war von einem Schneewetter berfallen, verschttet, in
einen Abgrund gesunken und elend erfroren. So oft der Gleichschritt im
gewhnlichen Dasein mir die Bequemlichkeit als eine zu unverdiente Gnade des
Himmels erscheinen lt, mu ich dieser Tage gedenken und des Anblicks, wie ich
meinen theuern Bruder wiedersah!
    Wiedersah? Doch sahen Sie ihn wieder?
    Allerdings!
    Sie fanden ihn nicht schon bestattet?
    Ich hatte den Genfersee hinter mir und fuhr an den immer mehr sich
verengenden Ufern der Rhone nach Martigny, wo mir Mevissen, selbst ein Bild des
Todes, entsetzt entgegenkam. Von dort nimmt man Saumrosse; aber mein Gemth war
zu erschttert, ich legte mir die Wanderung zu Fu auf. Sie fhrte durch
gesprengte Felsen, an uralten, noch aus der Rmerzeit herausblickenden Mauern
vorber, durch das Gerll der Betten wilder Berggewsser, armselige Drfer,
immer hher empor zu jenem Pa, auf dem Napoleon 1800 die Futapfen der alten
Csaren im ewigen Schnee wiederfinden wollte. Tief in den Schluchten, in die der
Blick mit grausendem Schwindel sich verliert, weiden die Heerden der Rinder
zwischen den Auslufern der Gletscher. Hier schon befindet man sich auf einer
Hhe von 7-9000 Fu und erblickt dicht neben und ber sich in den Felsenriffen
die Spuren des sprengenden Frostes und der wenigen im Frhjahr schmelzenden
langen Schneegehnge. Ich reiste im Juni und doch wurden die weien Todtenfelder
immer unabsehbarer, die Ausblicke der und kahler. Die Fhrer erzhlten von
einem Fremden, der vor zwei Monaten allein und ohne Warnung anzunehmen den Pa
htte ersteigen wollen. Da htte pltzlich niederfallender Schnee die Wege
verschttet und den Wanderer auf eine falsche Fhrte gefhrt. Den Unglcklichen,
den ich eben sehen sollte, htte man auf einem vom Wege abgelegenen Felsenzacken
gefunden, dicht an einem unermelichen Niedersturz ...
    Sie sahen den Vater!
    Ich sah ihn! Ich sah ihn in jener grauenvollen Morgue, die oft auf viele
Jahre die Leichen der auf dem St.-Bernhard gefundenen Verunglckten zur
Wiedererkennung durch ihre Angehrigen aufbewahrt! Grliche Erinnerung! Eine
Stunde vom Hospiz entfernt liegt ein kleines Gebude, ausgesetzt dem schrfsten
Zuge der Eisesluft, die das Dfil de Marengo durchstreift. Einer der Augustiner
stand schon mit dem Schlssel an der Pforte des Todtengewlbes und begrte
mich. Ein und derselbe Glaube, ein und derselbe Beruf, und doch wie
verschiedenartig unsere Pflichten! Ich kam aus Wien mit goldenen Ringen an den
Fingern, mit zierlichen Billets in der Brieftasche, die mich zu einem Diner,
dort zu einer Soire eingeladen hatten, noch schwirrten die Opern der Italiener
mir im Ohre, die im Krntnerthor ihre Stagione hielten, und vor mir stand trotz
der Klte im leichten Chorherrenrock ein Priester von nicht viel ber dreiig
Jahren mit seinem Begleiter, einem ihm mit dem Kopf bis an die Hfte reichenden
Hunde, dessen gewaltige Muskeln, aufmerkende hohe Ohren, frchterliche Lefzen
und Tatzen in einem rhrenden Contrast zu dem Krbchen mit Lebensmitteln und dem
ledernen weingefllten Schlauche standen, die an seinem zottigen Halse befestigt
waren. In franzsischer Sprache begrte mich der Chorherr und bedauerte die
Veranlassung, bei welcher zwei Priester so ihre Bekanntschaft machten. Eine nach
niederwrts fhrende Thr schlo er auf und wir standen in einem Gewlbe, das
die erhitzteste Phantasie nicht grauenvoller sich ausmalen kann. Rings an den
Wnden Gerippe an Gerippe, und nicht etwa nur vllig versehrte, nicht etwa nur
Reste, sondern wohlerhaltene Krper, die die Eisesluft, die durch die offenen,
correspondirenden Fenster zieht, an gnzlicher Verwesung verhindert. Niemand
wird hier begraben, dessen Identitt nicht im Laufe der Jahre hergestellt wird.
So standen dort Gestalten schon zwanzig Jahre an die Wand gelehnt! Vor ihnen
lagen auf einem Tische ihre Kleider und die sonstigen Gegenstnde, die sie bei
sich trugen. Der letzte in der Reihe war ... ja! es war mein unglcklicher
Bruder, dein theurer Vater ... Ich sah ihn stehen! Vor mir! Todt! Von einem
Sturz von der Felsenkante, wo man ihn fand, war das Haupt zerschmettert und
hing, schon fast nur noch in Knochen, hernieder! Im brigen war es sein lieber,
edler Eindruck! Da lagen die Kleider, die ich nur zu gut kannte, da lag das
Portefeuille, das ich an mich nahm, da lag noch sein Geldbeutel mit dreiig
Napoleons und etwas kleiner Mnze und einigen rmischen, wie man sie in diesen
Gegenden oft findet, ein Plan der Schweiz, ein Fernrohr, Billets zur Ueberfahrt
ber den Genfersee, einiges weies Brot, eben noch wie davon abgebrochen, eine
Korbflasche mit Kirschengeist, Handschuhe, Tragbnder, der Trauring deiner
Mutter ... alles ... alles ... Die Trger brdeten es sich dann mit der Leiche
auf. Ich stieg mit dem Mnch zum Hospiz empor. Die Leiche blieb da so lange in
der Kapelle, bis man sie auf meinen Wunsch nach der sdlichen, italienischen
Seite zu, ber dem Orte St.-Remy beerdigte!
    Der Dechant schwieg ... Nie hatte er diese Schilderung so genau gegeben. Nur
einmal vor den Gerichten und einmal - vor dem jetzigen Kirchenfrsten, als
dieser noch die Geschfte eines Generalvicars verwaltete und die Heirath der
Witwe beanstanden wollte.
    Der Trauring meiner Mutter! wiederholte Bonaventura schmerzlich. In ihm
liegt - die ganze Lebensfrage unserer Kirche!
    Das ist ein Abgrund, mein Sohn, wie auch unsere Ehelosigkeit ... sagte der
Greis. La es ruhen!
    Beide Priester schwiegen ...
    In diesem Schweigen lag der Schauer zweier Jahrtausende.
    Eine Weile verging - -
    So also war es! begann Bonaventura wieder voll Schmerz. Und doch wie ist es
mglich, da diese Gegenstnde vor uns auf dem St.-Bernhard damals fehlten?
Warum hat sie Mevissen ohne Ihr Wissen an sich genommen? Warum nahm er sie mit
ins Grab?
    Der Dechant schwieg ...
    Ich wei es nicht! sagte er dann nachdenklich.
    Mevissen wohnte allen diesen Vorgngen bei, die Sie schilderten?
    In aufrichtigster Trauer! Wir legten oben auf dem Hospiz alles zusammen, was
deiner Mutter zu bersenden war. Diese Gegenstnde dort fehlten, das wei ich
genau. Da das Geld unangerhrt war, gedachten wir nicht der Uhr. Die
Spielhahnfeder ist ein Hutschmuck der Alpengegenden. Das Gemshorn sa ohne
Zweifel als Griff an einem Alpenstock. Der grne Schleier ist eine Schutzwehr
des Auges gegen die blendende Wirkung des Schnees. Gewi! Ich sah damals diese
Dinge nicht und begreife den Werth nicht, den Mevissen so weit darauf legte, sie
so heimlich zu bewahren! Er war so ehrlich und so treu ... Ich erkundigte mich
spter in Genf; ich hatte die sichersten Beweise, da diese einsame
Alpenwanderung deines Vaters, whrend Mevissen allein im Gasthofe zur Balance
zurckbleiben mute, ihn mit einer durch den Erfolg nur zu sehr gerechtfertigten
Unruhe erfllte. Die Beerdigung in St.-Remy vollzog er mit all der
Standhaftigkeit, zu der ich mich nicht aufschwingen konnte. Ich sa erschpft im
Refectorium des Hospizes und schilderte den kindlichen Mnchen die Tugenden des
Verblichenen. Wie htt' ich sie erfreut, wenn ich ihnen schon damals htte sagen
knnen, da der Sohn des Unglcklichen in den geistlichen Stand treten wrde!
Ich mute diese Mnner bewundern, die ber siebentausend Fu ber dem Meere
wohnen, fnfzehn Jahre hier zu verweilen verpflichtet sind und selten, wenn sie
auch mit zwanzig Jahren schon vom Bischof zu Sitten hierher entsendet werden,
ihr fnfunddreiigstes Jahr erreichen. So wthen die Strme, so dorrt der Frost
die Glieder aus, so verbraucht die tgliche Anstrengung, die es kostet, nur
allein die nchsten Bedrfnisse auf diese Hhe zu bringen, nur Holz und Wasser!
So oft ich jene vermessenen Reden unserer Geistlichkeit hre, Reden, wie ich sie
noch gestern wieder vernahm, mcht' ich doch aufstehen und eine Schilderung des
Lebens der Augustinerchorherren auf dem St.-Bernhard geben und rufen: Hic
Rhodus! Hic salta! Da zeigt euern Heldenmuth!
    Bonaventura schttelte sein Haupt, hob sein braunes Auge wie verklrt und
erwiderte:
    Nein, Oheim! Was ist es denn, was diesen Menschen dort oben selbst den
Schnee so rosig erglhen lt, da sie ihn auch ohne die Sonne wie nur in Purpur
getaucht zu erblicken glauben! Es ist die himmlische Sonne, die sie bescheint,
die moralische, da sie sich fhlen in einer groen Gemeinschaft, der zu Liebe
diese und alle Opfer dargebracht werden! Lat diese Priester der Ebene doch
vermessen reden und sich ihrer Rechte und Pflichten rhmen! Wrde nicht schon in
der Ebene dieser Geist der Hingebung gepflegt, allmhlich aufgezogen, allmhlich
herangebildet, wie knnte er in die Berge steigen! Nein! Aus einer einzelnen
zuflligen Entschlieung des edeln Herzens hier und dort ist es nicht mglich
jene jungen Mnner dort oben wohnen, wirken, frh dahinwelken zu lassen! Sie
wrden vielleicht zuweilen in grerer Anzahl sich einstellen, als sie nthig
sind; fter aber auch wrden sie ganz fehlen. So mu es eine Pflanzschule dieses
Geistes der Aufopferung geben, irgendeine magische Zauberformel mu sie alle
halten und regieren. An dem Muth, dort unter den Gerippen und dem Schnee des
St.-Bernhard auszuhalten, arbeitet der streitende Geist derer hier unten mit!
Das ist ja das Geheimnivolle in unserer Kirche, da sie ein Zusammenwirken
tausendfacher Krfte ist, wo sie wunderbar durch die Formen ersetzt, was an den
Personen sich heute findet, morgen fehlt. Unsere Kirche befreit den Geist von
den Launen des Zufalls, der Natur! O da das so wenig verstanden wird!
    Unsere Methode ist gro! rumte der Dechant ein; seufzend aber setzte er
hinzu:
    Soviel Schnes, soviel Erhabenes in unserer Kirche, so vieles, was den
poetischen Menschen in uns mit den tiefsten Ahnungen und Schauern durchrieselt -
wenn nur so vieles andere, was dem Menschengeiste von unsterblichem und
gttlichem Werthe sein darf und mu, nicht in ihr verloren ginge!
    Dies Thema trennte beide wie immer ...
    Ein rtselhaftes Gefhl drngte den Dechanten, whrend der entstehenden
Pause seinem Schreibtisch zuzulangen, als mte er jenen Brief von unbekannter
Hand Bonaventura mittheilen, jene Aufforderung im Jahre 18** am Tage des
heiligen Bernhard von Clairvaux unter den Eichen von Castellungo sich zu einem
Concil der Befreiung einzufinden!
    Doch erblickte er unter den Papieren zunchst nur den Brief Angelika
Mller's mit den Einlagen ...
    Auch dessen Inhalt erlaubte es, bei dem Gegenstande zu verweilen, den
Bonaventura die Grundlage der katholischen Kirche genannt hatte.
    Der Dechant war der Meinung, da die katholische Kirche nicht zu ihrem
Vortheil die Ehe zu einem Sakrament erhoben hat. Wo die persnliche Freiheit so
beschrnkt wre, da man sein Lebtag im Joche einer einmal verfehlten Wahl
hinsiechen msse ... da knne der Segen Gottes nimmermehr weilen! Er sprach dies
auch jetzt wieder aus mit Rcksicht auf die Briefe, die er entfaltete ...
    Bonaventura unterbrach ihn aber schon ...
    Nein, Onkel, sagte er, es gibt keine Religion, die nicht bindet! Schon im
Namen liegt's ja! Haben die Vlker nicht in diesem ein hheres Gesetz, so haben
sie es in jenem! Was ist nicht alles den Juden, was nicht den Trken untersagt!
Ja, die katholische Kirche hat sich das Schwerste auferlegt! Das ist wahr - aber
darin liegt gerade ihr Muth, liegt -
    Ihre Verwegenheit! warf der Dechant dazwischen und fuhr in der That
aufgeregter als sonst fort:
    Gelten lass' ich Reinigungen und Fasten! Es ist gut, da der Mensch sich oft
und regelmig die Schranke vorfhre, die ihn von der Thierwelt ebenso wie von
einem bermigen Gebrauche seiner Freiheit trennt! Aber die Ehe! Eine
Verklrung der Schpfung mag sie sein, eine Sttze der Civilisation; aber die
Ehe an Gesetze zu binden, die wenn nicht die Natur - die man schon leider ganz
aufgeben mu! - doch die Liebe ausschlielich vorgeschrieben hat, das rcht sich
an der Sitte und - Sittlichkeit! Es wird sich an der Kirche rchen!
    In solchen Augenblicken der Erregung des Greises widersprach Bonaventura
nicht.
    Es lag auch dann ein so stolzer, hoher Ausdruck in des Dechanten Blicken,
die schlanke, noch ungebeugte Gestalt wuchs vollends in die Hhe, die gewohnte
Indolenz schwand so ganz, da der Oheim dann etwas von einem Staatsmann oder
einem weisen Gesetzgeber zu bekommen schien und den, der ihm widersprach,
geradezu unreif erscheinen lie.
    Habe nur meine Erfahrung! sagte er. Man sieht nur nicht diese Nachtheile
einer scheinbaren Wahrheit und einer so groen Lge! Sie liegen - dank der
furchtbaren Organisation, die in unserer Welt die polizeiliche Ordnung hat! -
nicht so offen! O sie liegen so verborgen, da es mir oft, wenn ich mich in
unserer katholischen Welt umsehe, vorkommt, als she man die alten Verliee der
Burgen wieder, wo die Gebeine der Geopferten modern, she in die Kerker der
alten Klster, die die Folgen der Zuchtlosigkeit vergruben ... Doch - la es
jetzt genug sein!
    Und gleichsam als wenn die Erinnerung einer ganzen schweren Vergangenheit
ber ihn kme, so zitterte er und brach nun ab.
    Wie um sich zu besnftigen, nahm er dann die Briefe und sagte:
    Gehst du zum Weinberg des Obersten von Hlleshoven hinber, so wei ich
nicht, sollst du dem Obersten diese Briefe da mitnehmen oder nicht?
    Er erzhlte, da sie ihm von Armgart von Hlleshoven zugekommen wren ...
    Bonaventura wollte schnell in seine Pfarre zurck. Er konnte nicht hoffen
Benno's habhaft zu werden; nur auf dem Amte galt es noch seine Anzeige ber den
Leichenraub zu machen. Dem Obersten stand er ferne. Der Oberst war ein
Sonderling, der gegen die ganze Welt etwas Schroffes, ja Ablehnendes hatte ...
    Die Briefe beziehen sich, sagte der Dechant, auf Dinge, die ich nicht gern
mit dem Obersten errtere ...
    Bonaventura kannte die Personen und Verhltnisse ... er wute, da Armgart
von Hlleshoven in dem Glauben erzogen war, eine Waise zu sein ... er wute, da
sie seit noch nicht lange erst erfahren hatte, da ihre beiden Aeltern lebten
und getrennt lebten.
    Als Bonaventura die beiden zierlich zusammengelegten Briefe sah, auf welchen
mit sauberer Hand geschrieben stand: An meinen Vater! Auf dem andern: An
meine Mutter! sagte er:
    Sie spricht doch wol ihr Glck aus, jetzt pltzlich diese Schtze gefunden
zu haben?
    Im Gegentheil! erwiderte der Dechant. Als ich die Briefe empfing, wut' ich
nicht, ob ich ber sie lachen oder mich rgern sollte. In Wahrheit war ich von
ihnen gerhrt, um so mehr, da auch die Mutter mir aus Wien geschrieben hat, wo
sie endlich das Kloster, in dem sie zeither meistentheils lebte, verlie. Beide
Aeltern machen Ansprche auf ihr Kind und jetzt um so lebhafter, seitdem sie um
diesen Besitz wieder in den alten eiferschtigen Streit gerathen sind. Die
Mutter will sogar binnen kurzem in die Gegend kommen, was ich dich bitte, um
Aufreizungen zu vermeiden, dem Obersten zu verschweigen ...
    Bonaventura htte sich gern dem Auftrage entzogen. Doch las er, da der
Dechant es wnschte, den einen der offenen Briefe Armgart's.
    Mein Vater! schrieb Armgart von Hlleshoven. Wie die heilige Margarita
betete, so wiederhole ich: Mein Herr und Gott, bewahre unser Herz in Reinigkeit,
unser Leben in Unschuld und jede Begierde, jede Meinung, jede Handlung unsers
Lebens in reinster Wahrheit! Da ich dich einst nennen werde: Mein
einziggeliebter Vater! wird die Folge der Erkenntni deiner hohen Tugenden sein.
Die Heiligen mgen mir bezeugen, ich habe ein Herz, so voll der himmlischen
Liebesflammen, da ich dich mit Innigkeit umarmen knnte, wenn ich nicht wte,
da ich eine Mutter habe. Auch sie darf ich, wenn ich wahr sein will, nicht
begren, wie es Kindern ziemt, ihre Aeltern nach langer Trennung zu begren.
Wrd' ich aber, wenn ich zu dir mit ausgebreiteten Armen flge, nicht die Mutter
betrben? Wrd' ich nicht den Schein annehmen, als bevorzugte mein Herz eines
von euch? Wrd' ich nicht ein Urtheil zu sprechen scheinen, das ferne von mir
liegt? Ach, ich beschwre euch! Kommt, liebevereint, beide - und ruft mich an
euer ausgeshntes Herz! Lat mich zu euch beiden zu gleicher Stunde
emporblicken! Lat mich reuevoll und in ewiger Liebe vor euch beiden
niedersinken und mit einem einzigen glckseligen Worte mich nennen euer einziges
und treues Kind, Armgart von Hlleshoven.
    Und der Mutter?
    Schreibt sie wrtlich dasselbe!
    Bonaventura berflog den Brief, den der Dechant nach Wien schicken sollte.
In dem einen Briefe waren nicht mehr Worte und Buchstaben als im andern.
    An den Pnktchen da, sagte der Dechant, seh' ich, wie sie gezhlt hat, ob
auch keiner mehr Buchstaben bekommen hat als der andere!
    Oder weniger! sagte Bonaventura gerhrt. Sieh, ein Kind will sich zum Preis
der Ausshnung seiner Aeltern setzen! Sollten diese beide nun nicht wirklich, um
vor ihrem Kinde nicht beschmt zu stehen, ihren Ha und Groll fahren lassen?
Bleibt der kleine Genius des Friedens nur fest in seiner Weigerung, so mein'
ich, mte eine Eifersucht entbrennen zwischen Vater und Mutter, die zum Guten
fhrt! Nennen Sie das Sakrament der Ehe noch den groen wunden Schaden unserer
Kirche, wenn es solche Opfer mglich macht? Die kleine Armgart handelt - ich mu
es so nennen - katholisch!
    Aus dem Munde der Unmndigen und Suglinge hast du dein Lob zugerichtet!
sagte der Dechant ironisch und erhob sich, um Bonaventura das Geleit zu geben
und nach Windhack zu klingeln.
    Nachdem sie beide die Reliquien aus dem Sarge zusammengelegt und in einer
Tasche, die zu Bonaventura's Reiseeffecten gehrte, geborgen hatten; nachdem der
Dechant auf die von ihm ausgesprochene Erwartung, der Neffe wrde doch
wenigstens zum Mittagessen noch dasein, eine ablehnende Antwort erhalten hatte -
den Pfarrer zog es mchtig in seine Gemeinde zurck und - Lucinde verscheuchte
ihn -; standen beide schon an der Thr, Bonaventura, um auf den Weinberg des
Obersten zu gehen, der Dechant, um in der Stadt die diese Nacht mutterlos
gewordenen Waisen mit Geldmitteln zu versehen.
    Eben sagte er:
    Trste Witwen und Waisen, wie du heute Nacht gethan hast, theile, wenn du
ihnen nichts Besseres geben kannst, Heiligenbilder an sie aus: nur um Eines
bitt' ich dich, Bona, um Eines ...
    Zwei Thren gingen in diesem Augenblicke zu gleicher Zeit auf.
    Windhack trat ein und wollte eine Meldung an Bonaventura bringen.
    Herr Pfarrer! sagte er eilends ...
    Aber auch Frau von Glpen war von nebenan erschienen und machte einen
Eindruck, der jedem, der sie nur ansah, die Sprache rauben konnte ...
    Zwar war ihre Toilette schon in schnster Ordnung, Windhack's gewellter
Scheitel sa schon kunstvoll unter der buntbebnderten Spitzenhaube und doch kam
sie wie eine halb Bewutlose. Ihr eines Auge war Entrstung, ihr anderes
Schrecken, die Nase Zorn, die Oberlippe Staunen, die Unterlippe Abscheu. Sie
glich einem eben von einem Traum Erwachten, der getrumt hatte, eine Maus wr'
ihm quer ber das Gesicht gesprungen, und dem es in dem Augenblick, wo er
erwachte, auch wirklich so vorgekommen, als htte ihm etwas Kaltes auf der Nase
gesessen.
    Gott, was ist Ihnen, Liebe? fragte der Dechant.
    Sie wollte sprechen, aber sie konnte nicht ...
    Sie winkte nur Windhack, zu sagen, was der wolle ...
    Ein Wgelchen ist halt eben vorgefahren -! sagte Windhack, stockte aber,
weil dem so sichtbaren Schmerz der Frau von Glpen offenbar die Vorhand gebhrte
...
    Ein Wgelchen - ist - eben - vorgefahren! wiederholte Frau von Glpen mit
hauchender Stimme. Sie that dies, um ihm gleichsam seine Mittheilung zu
erleichtern. Es war ein Ton der leidendsten Geduld, ja der eines frmlichen
Abgeschlossenhabens mit dieser ganzen hchst unvollkommenen Welt ...
    Schon ahnte der Dechant die Ursache dieses Anblicks - die neue Nichte -
    Was ist denn, Windhack? fragte er, um nur bald wenigstens ber dessen
Strung hinwegzukommen -
    Der Wagen unten ...
    Nun ja, nun ja -
    Herr Maria!
    Wer?
    Herr Maria!
    Frau von Glpen war so gromthig, so tief edelgesinnt, so gewohntermaen
aufopferungsfreudig, auch noch jetzt die Verstndigung zu untersttzen.
    Herr Schnuphase! sagte sie.
    Herr Schnuphase? ...
    Eine dringende Meldung an den Herrn Pfarrer ... fuhr Windhack fort.
    An mich? fragte Bonaventura ...
    Herr Maria hat Sie halt schon in St.-Wolfgang aufgesucht ... ein sehr
wichtiger Auftrag ...
    Und schon hrte man auf dem Corridor drauen das Husten und Ruspern eines
Mannes, der nicht gewohnt schien, lange ohne das freudigste Bewillkommtwerden zu
verharren ...
    Ist denn schon die Zeit der Wachsernte, fragte der Dechant lchelnd und
verdrielich zugleich ...
    Aber Herr Jean Baptiste Maria Schnuphase, Lebkchler, Wachslichterfabrikant
und Megewandsticker aus der Residenz des Kirchenfrsten, schien absichtlich
zwei oder drei Prisen genommen zu haben, um nur dicht am Schlsselloch drauen
niesen zu knnen ...
    Und mit jener Selbstaufopferung, die fr sich selbst im Leben ja auch
nichts, auch gar nichts beansprucht, sondern die nur allein andere glcklich zu
machen wnscht, winkte Frau von Glpen, da Herr Schnuphase eintreten mchte!
    Der Dechant war im uersten Grade gerhrt, zu sehen, wie sich jetzt die
gute Frau erschpft auf ein Eckkanapee im Dunkeln niederlie, ganz nur
Resignation, ganz nur ein Bild der Ergebung, sich selbst eklipsirend, wie
Windhack htte sagen knnen ... Gern htte er trstend ihr zugeflstert: Nun,
die Person ist doch schon fort? Lassen Sie sie in Gottes Namen reisen! Und
gleich! Den Augenblick! ... Aber der Eintretende nahm die Aufmerksamkeit aller
Anwesenden allein in Anspruch.
    Herr Jean Baptiste Maria Schnuphase ist ein kleiner Mann von unendlichster
Devotion. Sein Frack ist grn, die Knpfe daran sind wei und von Metall, die
Weste ist von Kameelgarn und gelb und die Beinkleider sind von Nanking. Er trgt
weigewaschene Lederhandschuhe, wie zu einer Kindtaufe. Aber statt eines Hutes
hat er doch nur eine Reisemtze in der Hand und das genirt ihn und das bringt
ihn auerordentlich in Verlegenheit und er mu lcheln und um Entschuldigung
bitten und mu alles aufbieten, um das Nglig dieser Reisekappe zu verbergen
und mu sein: Hochwrdigste Hochwrden - gndigste Frau - hochehrwrdiger Herr
Pfarrer - sehr geehrter Herr Windhack ... mit so vielen Verbeugungen
unterbrechen, da wir -
    Doch nein! Um Jean Baptiste Maria Schnuphase ganz zu charakterisiren und
nichts zu unterlassen, was zu seinem ganz ergebensten und hochachtungsvoll
ergebensten Eindruck gehrt, mssen wir ihn eigentlich in seiner eigenen
Sprache reden lassen ... Es ist das jene Sprache von der Abdachung des Harzes
her in die kleine rmische Enclave, das einzig rechtglubig dortherum gebliebene
Hildesheim. Es ist die Sprache der braunschweigischen Umlaute u statt a oder
au oder o, die Sprache des lispelnden S vor St und Sp ... Alle diese feinen
Nuancen gehren zu dem Duft des Vrnhmen und Erhbenen, das den Lebkchler,
Wachslichterfabrikanten und Megewands-ticker schon seit dreiig Jhren
umgibt.
    Schnuphase, oder nach seiner eigenen Aussprache Schnuphse, besitzt eine
nie ermngelnde Ergebenheit. Er ist das Factotum aller menschlichen
Bedrfnisse des hhern und niedern christkthlischen Klerus. Er ist der
Beichtvater der Beichtvter. Herr Maria, von Hildesheim durch eine glckliche
Gesellenschaft und darauffolgende Verheirathung gen Westen verpflanzt, ist
wohlangesehener Brger und Hausbesitzer in der stolzen Knigin des groen
S-trmes, die wir kennen lernen werden. Er ist der Figaro hier, der Figaro
dort des Domstifts und aller derer, die sein Vertrauen suchen und nicht suchen!
Dienen, dienen um jeden Preis, dienen und wr's auch nur um die regelmige
Abnahme seiner weltberhmten Wachskerzen fr Haus und Altar, seiner Lebkuchen
fr den Weihnachtsbaum, seiner Stickereien, deren Anfertigung seine beiden
Tchter Eva und Apollonia zu den Garderobiren aller Gottesmtter des Landes und
aller sonstigen heiligen Toiletten gemacht hat ... dienen war Herrn Maria's
Lebensaufgabe! Wo ereignete sich das Weihen einer Kirche auf zwanzig Meilen in
der Runde, stromauf, stromab, ins Frankenland hinein und hinber auf die rothe
Erde, da Herr Maria fehlte? Oder eine Priesterweihe oder ein Zweckessen oder
ein groes Leichenbegngni oder eine Glockenweihe oder eine Wallfahrt oder eine
Schaustellung wunderthtiger Bilder oder Reliquien ... Herr Maria sollte fehlen?
Herr Maria, der kleine, immer vom Feuer der Ueberzeugung sowol wie vom edelsten
Ahrbleichert Gerthete? Er war einer der Cherubs, flammend von der Nase bis zum
Schwert, die an der Kathedrale in der Residenz des Kirchenfrsten die
Eingangsportale hteten! Dabei durft er auch wandeln auf Erden wie ein Cherub
auf Urlaub, ein Cherub der Legende, zu Wagen, zu Ro, per Dampf auf der khlen
Welle oder der hie und da schon sich streckenden Schiene! .. Herr Maria wohnte
in einem der alterthmlichsten, massivsten Huser, die man sich durch
hochwrdigste Protection nur erwerben kann. Er war in seiner Art ein Napoleon.
Wenigstens war die Biene sein Symbol. Er htte eigentlich in einem Bienenmantel
bei jeder Procession voranschreiten mssen, wie er oft voranschritt, dann
freilich im schwrzesten der schwarzen unter seinen vielen Frcken, mit
entbltem Haupte und eine seiner eigenen Kerzen tragend ... Die Bienen hatten
ihn gelehrt, Honig frh von Wachs zu unterscheiden, aus jenem die lieblichsten
nrnberger Leb- und thorner Pfefferkuchen und baseler Leckerlis zu gestalten,
aus diesem aber Kerzen, reine, weigelbe edle Wachskerzen zur heiligsten Weihe.
Und diese Bienen hatten ihn auch die Emsigkeit gelehrt, den rastlosen Flei, das
Sammeln auf allen Fluren und Wegen und Stegen fr seinen eigenen Schatz und den
des Reiches Gottes. So erlebte er freilich die Berufung zu den hchsten
Steuerstzen durch diesen kalten protestantischen, keine Exemtionen duldenden
S-tt, aber auch die Mittel, sie quartaliter pnktlichst zu berichtigen. Herr
Maria galt fr wohlhabend, aber er war reich. Das wuten Domherren und
Capitulare und Officiale und Curaten bis zu Psalteristen und Calcanten hinunter.
Dominicus Nck, der mchtige Procurator, Benno's Principal, wute es
gleichfalls. Der hatte ihn auf der Liste aller derer, die in groen
Erbschaftsfragen, wie z.B. jetzt in der der Dorste-Camphausen, Mndel- und
Pupillengelder auf die rechten Pltze anzulegen wissen. Und was gab es nicht
allein schon auf dem geistlichen Gebiete zu rechnen und zu zhlen! Was hatten
die Herren von Sancta-Columba und Den Aposteln und Den sieben Schmerzen und
allen Kirchen diesseit und jenseit des Stromes nicht fr einen Neffen dort, fr
eine Nichte da liebevollst zu sorgen, aufzunehmen und abzutragen! Was gab es
nicht Kapitalien unterzubringen! Schicket euch in die Zeit, denn es ist bse
Zeit! Herr Maria kannte das ganze Land, kannte alles, was neben Bienen auch
Korn und Gerste zieht und Hypotheken braucht. Freilich war er nicht in dieser
Gegend geboren, aber er war geboren in dem Lande der Hflichkeit, der feinsten
deutschen Aussprache, der gewhltesten Umgangsformen. Er wurde berall gut
aufgenommen und nie bermthig. Er hatte von den Bienen die schne Harmonie
gelernt, die Unterordnung unter einen gekrnten Weisel, unter die
selbstbeschauliche Trgheit vornehmer Drohnen; selbst jener poetische Schwung
fehlte Herrn Maria nicht, den die Alten mit den Bienen bezeichnen wollten, wenn
sie im Munde eines gttlichen Redners die Biene abbildeten oder einen Sophokles
an ihr sterben lieen ... nein, Sophokles starb an einer verschluckten
Weinbeere! Aber schon die attischen Bienen ruhten vielleicht am liebsten auf
solchen Weinbeeren, die von Chios und Tenedos an den Ilissus verpflanzt wurden!
Schnuphase besttigte den Naturforschern, da die Bienen am liebsten sich den
Honig vom Safte der Weinbeeren saugen. Oder verurtheilt ihr ihn deshalb? Lebte
der schwungvolle Mann nicht im Lande der kstlichsten Reben? Er, der nur
brauns-weiger Mumme oder goslarer Gse als die hchsten Errungenschaften der
drstenden Menschheit bei seiner Geburt kennen gelernt hatte, er bekam sein
rothes Nschen, seine rothen Wnglein, die dem weien Lockenkpfchen allerliebst
standen, nur auf den schnen Rebenhgeln seines neuen Vaterlandes, unter den
epheuumwundenen Burgruinen, da, wo man ringsumher dicht neben dem Anblick des
Groen und Schnen auch berall einen Guten schenkt. So zu stehen auf
erhbenstem Standpunkte, so mit dem grnen Rmerglse allen Kpllen und
Kirchen und Dmen und S-tiften und Kthdrlen, die er erleuchtete, allen
Tannenbumen ringsumher, die er zur Weihnachtszeit mit Lichtern und Lebkuchen
schmckte, allen Kaplanen und Pfarrern, die er mit wundervollen Megewndern
bekleidete, ein Hoch nach dem andern auszubringen - wer konnte ihm das
verdenken! Blieb er nicht immer fein, nicht immer nobel, immer Herr seiner
weien Wsche, Hter seiner Manschetten, Meister im Knoten seiner weien Binde,
zierlich und manierlich? Einem Weihbischof die Hand zu kssen, htte ihn von
allen Schden der Pathologie geheilt! Glcklicherweise war er gesund und fhlte
sich im Ahrbleichert und seinem Berufe wie der Fisch im Wasser! Oder er war
selbst wie eine seiner Kerzen! Erst Product einer von tausend Enden und Ecken
her gesammelten Betriebsamkeit - und dann so sanft sich selbst verzehrend im
Lichte, in aufwrtsstrebender reiner, heiliger Flamme und fanatischster
Hingegebenheit an alles, was sich nur fr sein rmisches Ideal unternehmen,
betreiben, whlen lie! Betriebsamkeit lie ihn, wie Lb Seligmann, der Bruder
der Hasen-Jette, vom Felde die Frchte auf den Halm kaufte, den Reps auf die
Blte, den Taback, die Runkelrbe auf Stengel und Knollen, so den Honig und
Wachs kaufen auf die Blume, auf die Blume, wenn ber dem duftenden Kelche noch
die grnen Weberinnen wetteifernd mit den Schmetterlingen summten und
schwelgten! Und fast alle Stcke der Bauern und Schullehrer waren so dem
tendenzisesten aller Tendenz-Tendenzer verpfndet, noch ehe die Zellen sich
fllten. Die Blume - darauf war er Kenner! Und er drckte niemanden. Er
handelte wie ein Mann, der die heilige Ehre geno, mit Stolen, Alben, Manipeln,
Fahnen, Standarten, Demonstrationen, selbst Intriguen die Glorie des
katholischen Lebens zu mehren, die Hochmter bis nach Lttich und Antwerpen hin
und die groen Dome - o wr' es bis an die Peterskuppel von Rom gewesen! - mit
Licht-, Gold- und Silberglanz zu fllen!
    Herr Schnuphase berbrachte vom Herrn Kaplan Michahelles, dem Secretr des
Kirchenfrsten, einen Brief, der fr St.-Wolfgang bestimmt war.
    Ein Auftrag Sr. Eminenz? fragte der Dechant erstaunt, als Bonaventura den
Brief erbrach.
    Frau von Glpen zitterte bei diesem Worte jetzt auch noch zu alledem vor -
Devotion ...
    Zu dienen, Hchwrden! sprach Herr Maria.
    Ohne weitern Aufenthalt? sagte Bonaventura betroffen im Lesen halb fr sich.
    Ohne allen weitern Aufenthlt, Hchwrden!
    In die Residenz sollst du kommen? fragte der Dechant hocherstaunt.
    Zu dienen, Hchwrden! besttigte Schnuphase.
    Des Dechanten Herz klopfte fast hrbar von einer Ahnung, die mit der vorhin
unterbrochenen Warnung im innigsten Zusammenhange stand. Gerade das hatte er
sagen wollen, gerade vor der Gefahr warnen, die jetzt fr Bonaventura heraufzog!
    Zu all den Foltern, die Frau von Glpen zu berstehen hatte, kam nun noch
die, sehen zu mssen, wie der Dechant frmlich erblate und sich an seinem
Tische halten mute ... Alle ihre Gedanken gingen nun wieder blos auf die
Hausapotheke, auf ihre niederschlagenden Pulver - und dabei sah der geliebte
Mann offenbar doch nur mit der Absicht so scharf jetzt auf sie hinber, um sie
zu entfernen, sich allein zu wissen mit Bona und ber den empfangenen Brief mit
ihm eine Scene zu haben ... eine Scene!
    Herr Maria, nichts ahnend als nur Gutes, uerte:
    Hochwrden werden gewgentlichst in meinem Hause abs-teigen! Ich bitte! Ich
bitte! Es ist der Befehl - wllt' ich sgen der Wunsch Sr. Eminenz, da Ew.
Hochehrwrden bei mir whnen! Im sogenannten s-teinernen Hause, dicht an der
Kthdrle!
    Der Dechant beherrschte sich nicht lnger. Windhack bekam Befehl, Herrn
Schnuphase, der es einrumte, sich noch im ungefrhstckten Zustande zu
befinden, ein Djener  la fourchette vorzusetzen ... Frau von Glpen durfte
dem entscheidenden Blick, dem Wunsche, der sie in diesem Moment aus den Augen
des Dechanten machtgebietend traf, sich nicht widersetzen ... Sie ging ... sie
ging auf Bonaventura mit einem Blick, der ihn um aller Heiligen willen, die im
und nicht im Kalender stehen, bat, den Dechanten zu schonen! ... Sie? Sie
selbst? Ach sie war ja gewohnt alles zu tragen! ... Als sie noch Herrn
Schnuphase's Diener und gehorsamsten Befehle und unterthnigsten
Bereitwilligkeiten, auch die Absicht, den nhern Bescheid abwrten zu wollen,
unterbrechen mute und die Thr ffnete, die zum Corridor fhrte, und nun wieder
mit Herrn Schnupphase zu complimentiren hatte, wer zuerst ginge, da warf sie
noch einen Blick gen Himmel ... Er war gemischt aus Kummer und schon wieder doch
- aus der seligsten Freude: Diese Brden - wie sind sie so schwer und dennoch -
wie wr' ich unglcklich, wollte sich jemand unterstehen, sie mir abzunehmen!
    Bonaventura und der Dechant waren allein.
    Mein Sohn! rief der Greis jetzt ausbrechend und mit der ganzen
zurckgehaltenen Kraft seiner Furcht und Aufregung, mein Sohn! Was ist das?
    Er warf sich dem jungen Priester mit einer Leidenschaft, die dieser an ihm
nie gekannt, an die Brust.
    Was kann, was soll dir beschieden sein! fuhr er fort. Auch dich wollen sie
haben! Auch dich wollen sie in ihre Strudel ziehen! Wir gehen den trostlosesten
Verwirrungen entgegen - o mein Sohn! Mein Sohn! Folge diesem Briefe nicht! Ich
beschwre dich! Widerstehe!
    Wie kann ich? erwiderte Bonaventura und erinnerte den Greis an die
allbekannte Stellung des Kaplans Michahelles.
    Dieser hatte einfach und kurz geschrieben:
    Hochwrdigster Herr! Im Auftrage Sr. Eminenz soll ich Sie ersuchen, ihm
binnen acht Tagen persnlich Ihre Aufwartung zu machen. Ihr hochachtend
ergebenster Eduard Michahelles. Alles zur grern Ehre Gottes.
    Das Losungswort der Jesuiten! sagte der Dechant mit tiefster Erbitterung.
Bona! Bona! - es wrde den Rest meiner Tage krzen ...
    Theurer Onkel! unterbrach der Pfarrer und umarmte den Dechanten. Warum diese
Sorgen! Man beruft mich zu irgendeinem harmlosen Auftrage! Der Kirchenfrst ist
aus unserer Heimat gebrtig! Er kannte den Vater ...
    Sein Arm ist gewaltig, sein Wille stark - Bona! Es ist mir, als sh' ich
dich von mir geschieden! Geistig geschieden!
    Ich werde prfen und nur das Gute behalten!
    Sie werden deine Liebe zur Religion mit einem neuen, dir fremdartigen,
verflschten Stoffe schren! Sie werden dich in ihre Bahnen reien, die Bahnen
der Zerstrung, des Kampfes, der Auflehnung gegen Gesetz und Obrigkeit, des
Kampfes gegen das theuere Vaterland! ... Priesterberuf! Die Kirche! Rom! Das
werden die Formeln werden, die deine Ueberzeugungen binden, deinen Willen
gefangen nehmen - Bona!
    Der junge Priester zuckte die Achseln und deutete auf den Brief ...
    Du - mut - folgen! sagte der Dechant endlich wie tonlos. Sicut cadaver
estote! Ihr sollt sein wie die Leichname! ... Lebe wohl
    Beide gingen ... sie gingen erst noch zusammen. Der Dechant nahm schon jetzt
Abschied von dem jungen Priester, den, wenn er wahr sein wollte, der Ruf des
Kirchenfrsten in die auerordentlichste Aufregung versetzte, ja bis zur
Begeisterung erhob.
    Um den Greis zu trsten, sagte er:
    Fiat lux in perpetuis!
    Wie? blickte der Dechant auf und sah ihn auf dies Wort betroffen an. Es war
die Losung der aus Italien gekommenen Aufforderung ...
    Doch ruhig und harmlos hielt Bonaventura des Greises Frage aus. Der Dechant
sah, da diese Worte nur durch einen Zufall gesprochen wurden.
    Am Hause unten trennten sie sich ...
    Herrn Maria fesselten Windhack und das Frhstck ...
    Den Dechanten hielt eine Weile noch der nun angekommene froh scherzende und
grende Napoleone Biancchi auf. Catone trug ein Bret voll Gipsabgsse, frisch
gefllt, und unter den Heiligen stand ein Apollino, stand der Knabe mit dem
Schwan, stand Dannecker's Ariadne ... Alle Jahre brachte Napoleone dem Dechanten
irgendetwas, was seinen Geldbeutel in Contribution setzte und Frau von Glpen
fr die Unterbringung in den schon berfllten Rumlichkeiten neue Sorgen machte
...
    Der Dechant beschied den alten Bekannten, gezwungen freundlich, auf den
Nachmittag und wandte sich zum Dome von St.-Zeno, whrend Bonaventura auf dem
Wege zu dem Weinberg des Obersten bereits hinter den Bumen verschwunden war.

                                      11.


Inzwischen war Lucinde nicht mig gewesen.
    Eine Weile hatte es gedauert, da das Billet der Frau von Glpen sie so
niederschmetterte, wie vor Jahren einst der Tod Serlo's an jenem Abend, als sie
in ihm den einzigen Menschen zu finden hoffte, der fr sie noch auf der Welt
trstend leben konnte.
    Eine Weile hatte sie sich gesagt:
    Du gehrst denn also wirklich zu den Unglcklichen, die keine Ruhe im Leben
finden werden! Zu den Gezeichneten, vor denen alles flieht! Zu denen, die gehat
werden, wo sie lieben, falsch erscheinen, wo sie voll Vertrauen sich hingeben!
Zu den Unglcklichen, vor denen die Mtter ihre Kinder wegziehen, weil sie
glauben, schon ihre freundliche Anrede thte ihnen Leids, ihr Auge schon htte
den bsen Blick, der Verderben bringt! Zu den Unglcklichen, die, was sie auch
im Leben beginnen, nie und keinem etwas recht machen knnen, immer eine andere
Absicht haben sollen, als sie aussprechen oder zeigen, ... ach und denen die
Natur selbst schon, grausam genug, wirklich auch die Hand des Ungeschicks
gegeben hat, die alles fallen lt, was sie angreifen, alles nur noch mehr
verwirrt, was sie lsen mchten!
    Sie kmpfte zwischen zwei Rathgebern und Beistnden jetzt ... Bonaventura
oder Beda Hunnius ...
    Jener war gestern, auch vorgestern, so freundlich und so gut gewesen ... Ihr
einziges Lebensziel, in dieses Priesters Nhe und Vertrauen, im Abglanz seines
Lichts zu leben, und wr' es als Magd ... es war ihr wieder in so unmittelbare
Nhe gerckt ... Und doch auch er! Wie ablehnend war bei alledem diese seine
Freundlichkeit, wie kalt seine Hflichkeit! Es schien ihr so seltsam, da auch
Bonaventura sich vor ihr frchten konnte, frchten als Verfhrerin zum Bruch
seiner Gelbde! Bitter sagte sie sich: Da doch diese Mnner ewig nur dies Eine
in uns finden knnen -! Nur dies Eine -! Nie und nirgends etwas Anderes!
    Nach einigen Stunden der Verzweiflung, des Zornes, der Hoffnung auf einen
vershnlichen Schritt vielleicht von Seiten des Dechanten oder von Seiten
Bonaventura's, entschlo sie sich - da sie Bonaventura und den Dechanten nun
auch noch das Haus verlassen sahe und nichts kam, sie zu befreien von ihrem
Jammer, von ihrer Demthigung, - die Hlfe Beda Hunnius' in Anspruch zu nehmen.
    Ihr Zimmer zu verlassen wagte sie nicht - aus Scham, etwa Benno oder
Hedemann zu begegnen, jeder Stein schien sie zu verhhnen - jedes Baumblatt
schien ihr ein sie verletzendes Mitleid mit ihr zu haben.
    Sie wollte an Hunnius schreiben ... Gerthschaften dazu gab es in ihrem
Koffer ... Sie ffnete und legte alles Nthige heraus ...
    Als sie geschrieben, hatte sie zwei Gelegenheiten, deren sie sich zur Abgabe
des Briefes bedienen konnte ...
    Die eine war Napoleons Biancchi, der sich vom Dechanten nicht ganz hatte
abweisen lassen, sondern die Treppe hinaufstieg und nach Signora Schwarz fragte
...
    Auch das mute Frau von Glpen hren und sehen!
    Der Ankauf schon einer Kunstsammlung im Hause! sagte sie, als sie den
Italiener an die Thr verwies, wo man den Moses Michel Angelo's hatte kaufen
wollen.
    Lucinde begrte den Italiener gefat, lehnte den Ankauf nicht ab, gab fr
die Statue, was Napoleone verlangte.
    Sie lie dann Porzia gren. Sie erfuhr, da Hedemann seiner Tochter gestern
ganz den Dienst erwiesen hatte, den sie vorausgesetzt.
    Auf ihren Glckwunsch zur schnen Mllerin von Witoborn machte Napoleons
eines der charakteristischen Zeichen, mit denen der Italiener dreierlei Gedanken
zu gleicher Zeit ausdrcken kann, sagte aber doch:
    Herr Hedemann wollte von Ihnen italienisch lernen!
    Bitter lchelnd ber die Zerstrung aller dieser schnen, so traulich
gewesenen Hoffnungen, berlegte sie, ob sie ihren Brief fr die Stadtpfarrei
durch Napoleone besorgen lassen sollte.
    Dabei fiel aber ihr Blick vom Fenster aus auf einen andern Ankmmling, der
in den Wegen des Parkes sichtbar wurde, eine hohe, krftige weibliche Gestalt,
die unverkennbar die Jdin von gestern war. Sie trug auf dem einen Arm ein Kind,
auf dem andern einen groen verdeckten Korb.
    Rufen Sie mir jene Frau mit dem Korb und dem Kinde herauf! sagte sie zu dem
Italiener, der sich entfernend der aus ihrem Erstaunen nicht mehr
herauskommenden und wie auf Wachtposten befindlichen Frau von Glpen in der That
die Mittheilung machen konnte, da Lucinde ihm einen seiner werthvollsten
Abgsse abgekauft hatte.
    Sinnend stand Lucinde vor dem Gesetzgeber der Juden, dessen kolossale und
markige Formen eher einem Hercules angehrten, wenn man nicht an den Propheter
des starken und eifrigen Gottes denken wollte ...
    Ist doch nicht jeder Priester nur ein Schatten! sagte sie sich. Nicht jeder
nur ein kalter todter Begriff! Nicht jeder nur die Drohne im Bienenstock! Nicht
jeder nur ein Mann in langem Frauengewande!
    Es pate auf Moses und auf Beda Hunnius ...
    Sie hatte den Brief noch einmal berlesen. Sie schilderte dem neuen Freunde
ihr Misgeschick in der Dechanei und bat um seinen Beistand ...
    Als sie gesiegelt, klopfte es ...
    Die Hasen-Jette trat ein ...
    Auch ihr hatte Frau von Glpen mit den Worten den Weg zur Mansardenstube
gewiesen:
    Ich sehe, dort oben bekommt noch heute die ganze Stadt Audienz!
    Frau Henriette Lippschtz trat in gewhlterer und minder phantastischer
Kleidung ein, als sie diese Nacht getragen hatte. Am rechten Arme hielt sie
einen mchtigen Korb voll frischgeschossenen wilden Geflgels, das auf einer
Unterlage von zusammengerollten und gleichfalls verkuflichen groben
Scheuertchern, Zwirngebinden, Bandrollen, Schwefelfden, Feuerzeugen und
dergleichen ruhte; auf der Linken trug sie einen Knaben von mindestens schon
zwlf bis dreizehn Jahren.
    Tragen Sie einen so groen Jungen noch auf dem Arme? fragte Lucinde.
    Mein Davidchen! antwortete die Jdin. Das Kind ist so schwach auf die Beine!
Und weil die Tante Ley nun gestorben ist, frchtet sich das Kind zu Hause! Wir
wohnen gerade gegenber dem Unglck! Komm, Davidchen, ich setze dich auf das
schne Sopha da! Das Frulein erlaubt es! Womit kann ich dienen?
    Lucinde nahm Kleider und Wsche vom Sopha fort. Aber der schon so groe
Knabe protestirte mit langgezogenem, weinerlichem Tone und hielt sich fest am
Halse seiner Mutter.
    Frchtest dich doch nicht, Davidchen? Eine so schne Dame! Hnde wie Seide!
Komm, Davidchen! La dich sitzen!
    Nein! war die Antwort, weinerlich langgezogen und entschieden.
    Und voll unendlichster Milde und Nachgiebigkeit sagte die groe Frau:
    Willst du nicht, Davidchen? Nun, so gib dich nur! Ich will den Korb
niederstellen! Womit kann ich dienen, Frulein?
    Dabei hielt die Frau unverwandt den schweren Knaben.
    Ich htte gern einen Brief von Ihnen in die Stadt besorgt - sagte Lucinde
...
    Die Frau nahm den Brief; aber David sagte:
    Ich - ich will ihn haben!
    Willst ihn haben, mein Sohn? sagte die schwchste aller Mtter. Er kann
nichts sehen Geschriebenes, er will's haben! Gelt, David, du gibst einen
Gelehrten?
    So schmeichelte sie dem David, nur damit er nicht den Brief zu tragen
begehrte. Die kluge Frau sah wohl, da das Frulein nicht den Brief offen
getragen wnschte.
    Zum Glck war David eitel und wollte noch grndlicher seine Kenntnisse
leuchten lassen.
    Er zeigte auf den Korb und sagte:
    Achetez quelque chse Mademoiselle! Nous avons des jolis objets  vendre!
    Was hat er gesagt? Was hat er gesagt? rief die entzckte Mutter.
    Lucinde bersetzte es und rhmte aufrichtig des Knaben Genie.
    Der Onkel lat ihn lernen alles zu Hause durch Matres! Das Kind ist so
klug! Aber es kann nicht gehen in die Schule! Gleich ist es mde, wenn es ist
gegangen eine halbe Stunde - es ist so schwach auf die Beine!
    Also David kann gehen! sagte Lucinde voll Entrstung ber den groen Jungen,
der sich tragen lie ...
    Er studirt soviel! wiederholte die gute Mutter.
    Aber wieder wollte David den Brief haben und die Adresse lesen.
    Er bekam ihn auch und bersetzte die Adresse gleich ins Franzsische ...
    Das Kind! sagte Frau Lippschtz. Nicht wahr, Frulein, der Brief ist auf die
Post?
    Auf die Post? wiederholte Lucinde. Sagt' ich's denn noch nicht? Nein, liebe
Frau! (Sie gab ihr ein Geldstck.) Bringen Sie den Brief in die Stadtpfarrei -
    Wohin? fiel die Frau mit einer sich verdsternden Miene ein.
    Zu Herrn Hunnius!
    Hunnius -? sagte die Jdin und whrend sie immer mehr in Verlegenheit
gerieth, betrachtete David das der Mutter sogleich aus der Hand genommene
Geldstck.
    Ein Frdric d'argent! sagte er.
    Was hat er gesagt?
    Ich htte Ihnen einen silbernen Friedrichsdor gegeben!
    Ein Viergroschenstck ein silberner Friedrichsdor!
    Doch erhob sich die Freude der Mutter nicht mehr zu dem frhern strahlenden
Glanze ber die Kenntnisse und den Witz ihres Kindes, sie zgerte und nahm
Anstand, das Billet in die Stadtpfarrei selbst zu tragen ...
    Frulein! sagte sie. Ich mu Ihnen etwas sagen! Ich will schicken eines von
den Kindern der armen Frau Ley! Es will auch kommen ein Herr, der Treudchen Ley
mchte mitnehmen in die Stadt und will sich erkundigen nach ihr beim Herrn
Stadtpfarrer! Ein Kind wie eine Prinzessin! Dabei die Arbeitsamkeit selbst!
    Warum wollen Sie denn nicht selber gehen?
    Ich kann nicht gehen in die Klostergasse -
    Liegt dort die Stadtpfarrei?
    Ich kann nicht gehen ber die Schwelle der Stadtpfarrei -
    Sind Sie so rechtglubig?
    Die Jdin lehnte diese Auslegung ab -
    Auch die Dechanei ist die Wohnung eines christlichen Geistlichen ... sagte
Lucinde.
    Die Jdin sah sich um, mit einer Miene, die offenbar so viel sagen wollte
als: Hier, in diesem toleranten Hause empfind' ich nicht das, was mich in der
Stadtpfarrei stren wrde ...
    Dabei fiel ihr Auge, das sie unverwandt nur auf ihren David gerichtet gehabt
hatte, jetzt erst auf das ansehnliche Gipsbild, das Lucinde auf eine Kommode
gestellt.
    Gott! rief sie pltzlich. Wer ist der Mann?
    Hercules, der Gott der Strke! sagte David ...
    Nein - warf in steigender Aufregung seine Mutter ein -
    Es ist Moses, euer Gesetzgeber! berichtigte Lucinde.
    Htte mir eins gesagt: Henriette, es ist dein Onkel, der Doctor Leo Perl -
ich wrde gesagt haben: Der Kopf! Der Blick! Das Auge, ja! Gott im Himmel, es
war ein Mann - man htte geglaubt, er zerschmeit die Welt - und mu sich
taufen! Tauft sich in der Stadtpfarrei! Hier in Kocher vor seiner ganzen
Familie! Es war meiner Mutter Bruder! Und der Mann, gewesen wie ein Lwe, ist
zusammengegangen wie ein Kind, wie wenn ich sagen wollte, der Moses da auf der
Kommode geht zusammen wie hier mein David auf dem Arm!
    In diese lebhafte Anschauung einer Phantasie, die auch das kleine Gipsbild
gleich nur im vollen Bilde des Propheten sah, den es bedeutete, wiederholte
mehrmals David mit kritischer Schrfe:
    Warum sitzt Moses?
    Die Mutter, die wieder leicht im Stande gewesen wre, zu erwidern: Auch er
war schwach auf die Beine! hatte vor Trbheit ihrer Erinnerungen keinen Ausdruck
der Bewunderung mehr ber diese Frage, die schon Winckelmann beschftigt hat,
sondern hob den Korb in die Hhe, bat Lucinden, ihr die Thr zu ffnen und
versprach, das Billet so pnktlich besorgen zu lassen, als wenn sie es dem
Stadtpfarrer selbst berbracht htte.
    Lucinde entsann sich aus des Dechanten gestriger Erzhlung, da Leo Perl von
ihm sein Freund genannt worden war und sogar der Geistliche gewesen sein sollte,
der Bonaventura getauft hatte.
    Es vergingen ihr jetzt zwei der peinlichsten Stunden ihres Lebens.
    Ungeduldig schritt sie auf und nieder, las eine Weile, schrieb, schlo und
ffnete das Fenster, sah bald nach dem kleinsten Gerusch, bald verschmhte sie
es, dies nach einem grern zu thun ...
    Wagen rollten an und ab ... Aus der Ferne hrte sie die militrischen
Uebungen - Trommeln und Schieen ... Sie las in Serlo's Erinnerungen - in
Hunnius' Saronsrosen - sie schrieb an Joseph Niggl ... an den Vorsteher des
orthopdischen Instituts ... sie wute noch nicht, ob sie dorthin zurckkehren
sollte ... Sie zeichnete sich mit der Feder auf ein leeres Blatt Papier als
Pilgerin mit dem Muschelhut und dem Wanderstabe - sie dachte allen Ernstes
daran, vielleicht so hinauszuwandern in die weite Welt und die zu rgern, die
fr ihre katholische Wiedergeburt so wenig Anerkennung hatten ... Sie sagte
sich: An der Schwelle der Peterskirche will ich sterben!
    Die Hoffnung, da pltzlich Bonaventura eintrat oder der Dechant oder Benno
oder irgendwer, der eine Vermittelung versuchte, erfllte sich nicht.
    Gegen Mittag erschien Windhack und bot ihr zu essen.
    Er wollte ihr, was sie nur begehrte, auf ihr Zimmer bringen ...
    Sie schttelte den Kopf und wandte ihm den Rcken ...
    Im Spiegel sah sie, da sich der Alte zu verwundern schien ber die
gemthliche und noch so wohnliche Ordnung des Zimmers, die keine Spur einer
Zurstung zur Abreise trug.
    Das Gipsbild wird halt ein bissel schwer zu verpacken sein! sagte er, mit
Erwartung, was auf diese ironische Andeutung erwidert wrde.
    Statt aller Antwort trat Lucinde an die Kommode, fuhr einfach mit der Hand
ber sie hinweg und warf die Figur hinunter, soda sie in hundert Scherben im
Zimmer lag.
    Windhack schien sein Gefallen an dieser Kraftuerung zu haben ... Lchelnd
sagte er:
    Wenn Ihnen das Zimmer zu dumpf ist, Frulein, und Sie frische Luft schpfen
wollen, hier geht gleich die Treppe zu meiner Sternwarte hinauf!
    Lucinde sah nicht hin, dankte aber mit einer stummen Kopfverbeugung.
    Der Dechant drckt Ihnen sein Bedauern aus! Er hat es eben erst jetzt nach
seinem Ausgang erfahren! Er lt Sie fragen, ob Sie noch etwas zu wnschen
htten?
    Lucinde schttelte den Kopf.
    Herr von Asselyn, der Pfarrer, ist schon nach St.-Wolfgang zurck ...
    Lucinde hielt mit beiden Hnden krampfhaft das Bret am Fenster fest und sah
zitternd in den Park und gen Himmel.
    Ein Bote hat ihn nach der Residenz des Kirchenfrsten berufen ... Man sagt,
er wird dort in eine offene Stelle an den Dom kommen ...
    Sie lchelte bitter. Ihre Gedanken sprachen:
    Empor zu Paula's Prophezeiung!
    Frulein! nherte sich Windhack vertraulicher ...
    Sie erwarten einen Brief? sagte er.
    Nun wandte sich Lucinde ...
    Frau von Glpen, flsterte er, lt niemanden mehr zu Ihnen! Hier den Brief
da ... den hab' ich halt dem Treudchen Ley abgenommen ... aber heimlich ... Sie
wollte Ihnen fr Ihre Theilnahme danken, sagte sie. Ich merkte gleich etwas.
Frau von Glpen meinte, des Nachts wre noch keine ihrer Nichten so aus dem
Hause gelaufen und wenn noch soviel Menschen in der Stadt im Sterben gelegen
htten ... Sie wrden abreisen! sagte sie. Und whrend mir das arme Kind dann
vom Begrbni der Mutter erzhlte und von einem prchtigen Dienst, den sie
bekommen soll, lie ich mir heimlich von ihr halt den Brief zustecken ...
    Dann sich umsehend, wie wenn Frau von Glpen an der Thr lauschen knnte,
gab ihr Windhack das Billet.
    Er entfernte sich, um dem Verdacht zu entgehen, als wenn auch er sich mit
der Person auf Gesprchen betreffen liee.
    Es war die Antwort des Stadtpfarrers.
    Lucinde erbrach und las:
    Meine Hochverehrteste! Ich bin aufs tiefschmerzlichste berhrt von der
Ihnen widerfahrenen Behandlung! Kaum eine Freundschaft gewonnen, wie die Ihrige,
und schon die persnliche Nhe preisgeben mssen! Aber zu erwarten war dieses
schnelle Ende! Ihr Geist, Ihr Feuer, Ihre Bekenntnitreue und - die Dechanei!
...
    Sie nickte, jetzt ganz bereinstimmend.
    Hier an Ort und Stelle! fuhr sie zu lesen fort, wt' ich im Augenblick
leider keine Gelegenheit, Sie zu fesseln! Ohnehin ist vor Ihnen als vor einer
Emissrin gewarnt worden! Auch meines Bleibens ist hier ja wol schwerlich noch
allzu lange! An dem Dom in der Residenz des Kirchenfrsten ist eine Stelle
offen, fr welche ich gegrndete Aussicht habe, da ich durch den Ihnen bekannt
gewordenen Freund und Briefsteller designirt bin ...
    Lucinde unterbrach sich mit einem bittern Lcheln, als wollte sie sagen:
    Du armer Thor! Diese Stelle ist schon fr Bonaventura von Asselyn bestimmt
und wird die Staffel werden zu seinem knftigen Bischofssitz!
    Und nun schon im Ueberma ihrer Eifersucht und Liebe zerstreut durch den
Gedanken, die alte Renate in St.-Wolfgang packen und aufbrechen und mitreisen,
auch durch die Furcht, jetzt wol gar Klingsohrn und Bonaventura zusammentreffen
zu sehen - fuhr sie fort:
    Eine Anknpfung ist vielleicht fr Sie durch einen Mann mglich, den ich
stndlich von der Residenz des Kirchenfrsten erwarte, einen vielvermgenden
Herrn Schnuphase. Er hat, wie er hieher geschrieben, den Auftrag, fr ein
vornehmes, beraus reiches und einflureiches Haus daselbst eine
Gesellschafterin zu suchen, die gewisser Conflicte wegen mit besonderer Vorsicht
gewhlt werden mu ...
    Lucinde las diese Stelle noch einmal ...
    Der pltzliche Gedanke, in die Nhe Bonaventura's und Klingsohr's verpflanzt
werden zu knnen, lie sie vor Aufregung den brigen Inhalt dann fast nur noch
berfliegen ...
    Das erste christliche Handelshaus daselbst ist das Piter Kattendyk'sche,
und wenn Sie vielleicht geneigt wren, bei Frau Commerzienrthin Walpurgis
Kattendyk -
    Postscriptum. Soeben kommt Herr Schnuphase bei mir vorgefahren! Der
Vorschlag ist gemacht, erwogen, angenommen! Sie knnen, wenn Sie wollen, Herrn
Schnuphase sofort begleiten und noch heute mit ihm in die Residenz des
Kirchenfrsten reisen, wo Sie nach dem, was ich von Ihnen erzhlt habe, im
Kattendyk'schen Hause zu einer der glnzendsten Stellungen mit offenen Armen
werden aufgenommen werden!
    Lucinde mute jetzt vor Aufregung, Glckseligkeit und dem triumphirenden
Gefhl der Genugthuung und doch wieder auch vor Furcht, alles das - und was
mehr, als die Hoffnung, in Bonaventura's Nhe weilen zu drfen! - knne doch
wieder scheitern, den Brief eine Weile aus der Hand legen.
    Dann aber las sie den Schlu:
    Sie knnen sich aber auch, wenn Sie vielleicht - und zu meiner hchsten
Freude - noch einige Tage hier im Riesen wohnen bleiben wollen, einer sptern
Gelegenheit bedienen! Derselbe vortrefflichste Herr Schnuphase kehrt in einigen
Tagen wieder zurck, um vielleicht dann die ihm von mir empfohlene
bedauernswerthe Waise, Gertrud Ley, abzuholen, die er in einer nicht minder
respectabeln Stellung unterzubringen hofft, wie er sagt, bei einer verwitweten
Frau Hauptmnnin von Buschbeck ...
    Das Papier entfiel Lucindens Hnden.
    Wie? rief sie laut vor sich hin und nahm den Brief wieder auf und las die
Worte noch einmal.
    Es war der wirkliche Name, wirklich war es Treudchen Ley, die diese ihr so
wohlbekannte Stellung antreten sollte ...
    Das Mdchen, las sie zitternd weiter, niedergebeugt von ihrem Verlust,
berbringt Ihnen diese Zeilen selbst, zugleich auch, um ihre Freude
auszudrcken, mit Ihnen vielleicht gemeinschaftlich die Reise machen zu knnen.
Wre nicht das Begrbni ihrer Mutter noch abzuwarten, sie ginge schon heute.
    Zur Hauptmnnin von Buschbeck? ... Die noch lebt? ... In der Residenz des
Kirchenfrsten lebt? ... Die Schwester meiner zweiten Peinigerin? ... Hat diese
wol schon den Namen ihrer Herrschaft von Treudchen Ley vernommen? ... Ist sie
wol gar verbndet mit dieser Schwester, die jetzt von Frommen protegirt wird,
sie, der zufolge nicht Gott, sondern Satan die Welt regiert? ...
    So schossen ihre Gedanken dahin ...
    Lucinde konnte sich nicht denken, da die gemeinte Frau Hauptmnnin von
Buschbeck die ihrige war.
    Dennoch berflog sie nur noch kurz die fast zrtlichen Schluversicherungen
der Hochachtung und Ergebenheit, mit denen Beda Hunnius seinen Brief geschlossen
hatte, warf ihren Shawl um, setzte den Hut auf und eilte die Stiege hinunter,
um, unbemerkt ber das, was sie im Hause etwa aufhalten, etwa anstaunen, etwa
anreden konnte, hinber in die Stadt zu eilen, wo sie im Ueberma ihrer neuen
und glcklichsten Hoffnungen in der Pfarrei erwartete, entweder Aufklrungen zu
vernehmen oder, wenn ein ihr lieb gewordenes junges Mdchen in Gefahren gerathen
sollte, die sie kannte, deren die vorsorglichsten dann selbst zu geben.
    Ihr Herz war vielleicht nicht mehr gut, aber auch noch nicht bse ...
    Sie war das, was ein starker Bildner, aus ihr htte formen knnen.

                                      12.


Benno aber, Hedemann, Thiebold de Jonge ... wo weilen die, die uns hoffentlich
ein wenig lieb geworden sind oder die es mit der Zeit vielleicht noch zu werden
hoffen?
    Ihrer habhaft zu werden ist nicht mglich.
    Wol aber tauchen sie mit dem, was uns an ihnen vielleicht interessirt, bei
einem ersten Blicke auf, den wir noch zuletzt - acht Tage mgen freilich
verstrichen sein - auf die vielgerhmte Residenz des Kirchenfrsten selbst
werfen wollen.
    . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. .
    Da liegt sie denn also vor uns! ... Eine knigliche Stadt! ... Die gewaltige
Jungfrau, die bei festlichen Gelegenheiten, gemalt oder aus Gips und Draperieen
geformt, den Genius derselben vorstellt, ziert mit Recht die majesttische
Mauerkrone! ...
    . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. .
    Kein gebietender Herrscherwille schuf dies Chaos von Thrmen, Kirchen,
Kapellen, Klstern, Giebeldchern, Rath- und Kaufhusern, Waarenhallen,
Hafenspeichern, Schiffsmasten, jetzt auch von dampfenden und funkensprhenden
Feuerschloten!
    Was da im Abendglhen von den letzten Strahlen der scheidenden Sonne des
ersten Septembertags erleuchtet und von der matten Scheibe ihres Stellvertreters
an der Wchterzinne des Himmels sanft blulich schon angedmmert vor uns liegt,
schuf sich im Laufe zweier Jahrtausende durch die Umstnde selbst!
    Hier stie der Rmer seine Lanze in den Boden und baute statt windbewegter
Zelte Castelle, wie uralte Cyklopenarbeit ... Hier stampften die Rosse Karl's
des Groen, wenn sie rasteten vom Marsch aus den Thlern von Roncesvall und
entgegenschnaubten den Wittekindsschlachten auf jenseitigem Ufer ... Hier fing
sich, Schiffssegel blhend und den Handel der Welt belebend, Nordsturm, vom
eisigen Island brausend, Ostwind, der aus der Levante wehte und den Weg an den
Ufern Spaniens, Frankreichs und Hollands entlang die Waaren nehmen lie, die
sonst ber Venedig kommend nur Augsburg und Frankfurt bereichert hatten ... Hier
drngte und trieb und stie die Zeit die Zeit, die Sitte die Sitte, die Meinung
die Meinung ... Was brig geblieben von Zeit und Sitte und Meinung, das ergnzt
die Ordnung und Civilisation der Gegenwart ... ja sie ergnzt sogar die Ruinen
und baut das mit knstlichem Glauben aus, was der natrliche unvollendet lie.
    Es ist neun Uhr Abends ...
    Noch einmal schlagen all diese Kirchthurmglocken zusammen, wie wetteifernd
mit den Trommeln in den Kasernen, mit dem Signalhorn vor den Wchthusern! Es
ist die Stunde, wo die Mden zur Ruhe gehen sollten - eine arbeitende, fleiige
und gewinnschtige Stadt wird frher mde als eine Stadt nur des Luxus und
Genusses ...
    Und doch gibt auch diese sinnlichbewegte und lebenssichere Stadt nicht nach
... noch wogen die Menschent auf und ab ... noch lustwandeln sie auf der die
Ufer des groen Stromes verbindenden groen Schiffbrcke, die wie von Fischbein
sich biegt unter jedem Ro und Wagen ... noch stehen Liebende in trumerischem
Plaudern ber die Brstung gelehnt und sprechen von zuknftigem Glck, das nur
zu oft dem Golde gleicht, das eben der Mond auf den Fluten schwimmen lt ... in
den Schenken kmpft die Rebe und der Saft der Gerste um den Sieg ... das
christliche Opium, die Cigarre, secundirt beiden Parteien, bis die Kmpfer -
vorlufig auf beiden Seiten unterliegen ...
    Hat sich denn, du alte Rmerstadt, endlich im Zechen und Reden und Singen
dein deutsches Gemth genug gethan? Hat es sich endlich ausdebattirt und
auspolitisirt? Sattgetrunken an ungegorenem Zeitungsmost und zu Essig gewordenen
oder schon mit Schimmel bestandenen alten Gemeinpltzen? Hat ausgeklingelt und
ausgeklngelt die Schellenkappe? Verdampfen die lebendigen Rauchmaschinen in den
Straen und erklingen endlich nur noch die letzten guten oder schlechten
Geckenwitze? Eine Gute Nacht! hben und drben ... Alles endlich still, falls
nicht noch irgendwo ein Mitglied der mehreren hochberhmten Gesangvereine der
Stadt ein Tenorsolo probirt bei offenem Fenster ... die musikliebende Stadt ist
stolz auf ihre Leistungen im Quartett; niemand, auer vielleicht einer Katze,
wird den Snger parodiren.
    Halten wir aber am sogenannten Heiligenptz still, berschreiten links den
Aschenktter, lassen rechts den Treckkamp liegen und bleiben wir endlich vor
einem mit zwei hellen Gaslaternen geschmckten, jngst erst mit graugrner
Oelfarbe bestrichenen stattlichen Gebude ...
    Das untere Stockwerk ist mit Eisengittern geschtzt.
    Steinerne Kegel, die mit Ketten verbunden sind, halten das profanum vulgus,
das ohne Wechsel oder Anweisung nur etwa aus purer Neugier in die Comptoire
blicken knnte, zurck ...
    Irgendein Schild, irgendeine Firma ist nicht ersichtlich ...
    Wer hier die blitzende Messingklingel zieht, wei, da in diesem mchtigen
Hause mit seinen weit hinaus sich erstreckenden Hintergebuden, die alle auf den
Heiligenptz, den Aschenktter und den Treckkamp noch ihre eigenen Thorwege
hinaus haben, das erste christliche Geschft der Stadt, die Firma Kattendyk
und Shne waltet.
    Oeffnet man uns dann, so steckt ein Portier den Kopf aus einem Kellerfenster
des Thorwegs ...
    Man kennt uns? Passirt! Wir finden uns zurecht ...
    Ein Glasverschlag trennt das Treppenhaus von der Region der untern
Stockwerke; unten waltet nur das Geschft ...
    Man lt die mit Blech belegten Eichenthren und mit Eisenstangen
verschlossenen untern Comptoire liegen und steigt erst drei kleine Stufen hher
...
    Hier wieder eine Klingel. Die Glasthr ffnet sich. Jetzt erst schreitet man
auf Teppichen in den ersten Stock hinauf ...
    Gewi ist es ein behagliches Gefhl, sich Abends gegen zehn Uhr in einem
Haufen todter Steine, whrend ringsum alles schon zu schlummern scheint, einen
kleinen stillen Winkel denken zu knnen, wo im Winter und selbst in den ersten
Herbsttagen schon die Flamme des Kamins noch nicht erloschen ist, ein gelblicher
Schein von der durch einen bunten Schirm gedmpften Glaskugel der Lampe die
Teppiche auf dem Fuboden und auf dem Tische erhellt, einen Winkel, wo noch ein
kleiner Kreis von Menschen sich um ein Piano versammelt hat oder um ein Buch,
das vorgelesen wird, oder um einen geistvollen Redner oder eine gemthvolle
Frau, die jeden heiter anzuregen versteht. Einem Einzigen, Unverbesserlichen
vielleicht ist gegen zehn Uhr von der Hausfrau noch gestattet worden, dicht am
Kaminrande mit Discretion eine Cigarre zu rauchen; zwei junge Damen schneiden
eine Zeichnung aus; einige junge Herren sind ber eine neue Oper in Streit
gerathen; gelst wird der Kampf von einem nicht fehlenden, den Abend
beschlieenden kleinen Stegreif-Souper. Geht man dann gegen elf Uhr von dannen,
so trgt jedes mit sich hinaus das Gefhl, das uns zuweilen wol noch erstens in
eine geffnete Restauration ziehen kann, um auf magenverderbende Majonaisen ein
gutes Beefsteak und ein Seidel Bier zu setzen, aber auch zweitens jenes Gefhl,
da wir denn doch im Grunde ein Dasein leben, unabhngig von Holz und Stein und
Stundenschlag und Nachtwchterhorn, und da wir mit schnen Seelen noch schn
empfinden knnen und unsere Leidenschaften zgeln oder anstndig verbergen und
aufgehen knnen in einer schnen harmonischen Weltordnung, aus der wir uns nur
langsam zurckfinden in diese schnde Welt - vielleicht erst durch die Mahnung
eines vergessenen Hausschlssels.
    Bis elf Uhr mag diese behagliche Erinnerung im allgemeinen auch auf eine
Gesellschaft gepat haben, an der wir diesmal im ersten Stock des Kattendykschen
Hauses vorbergehen. Um diese Zeit saen bei Frau Commerzienrthin Walpurgis
Kattendyk gewi noch ihre Tchter, die verheiratheten und die unverheiratheten,
zusammen, ihre Schwiegershne, der berhmte Procurator Dominicus Nck, Benno's
Principal, der Vordenker und Agitator der Lande hben und drben, soweit zu
Gott in lateinischer Zunge gebetet wird, vielleicht auch noch ein anderer
Procurator, der Procurafhrer des Hauses, Ernst Delring, der zweite
Schwiegersohn; vielleicht auch der Beichtvater der Commerzienrthin, Domherr
Martinus Taube; auch ihr Rathgeber in leiblichen Angelegenheiten, Medicinalrath
Goldfinger; vielleicht sogar, da die nahe gelegene, bedenklich bedrohte
Universitt Ferien hat, dessen Sohn, der Professor extraordinarius Guido
Goldfinger, der um die jngste Tochter des Hauses freit; auf alle Flle fehlt
der dritte und sogar lustige Rathgeber des Hauses, Ignaz Ptzl nicht, ein
ehemaliger Schauspieler und Snger, der das Gnadenbrot im Hause mit Anekdoten
und stillertragenem Gehnseltwerden lohnt ... und was sich sonst an Parasiten
und Hausfreunden und allerlei menschlichen Schooshndchen um eine reiche,
anregungsbedrftige Kaufmannsfrau, die unter der Last, sich und andern
wohlzuthun, oft zusammenbricht, tglich zu versammeln pflegte ... auch eine neue
Mehrung der Gesellschaft fehlte ohne Zweifel nicht - - - Lucinde Schwarz.
    Belauschen wir heute keinen der hier ausgestoenen Seufzer ber die Zeit,
die neuen pariser Moden und die Leiden der Kirche, keine Klagen ber den
Aufschwung der jdischen Huser, keine Vermuthungen ber die Besetzung des
erledigten Domvicariats, keine Bewunderung vor einem neuen Zeitungsartikel oder
einer neuen Selbstdemthigung des Pater Sebastus, auch keine stille Vergleichung
der glnzenden Berichte Jean Baptist Maria Schnuphase's ber die seit einigen
Tagen aus Kocher am Fall angekommene neue Gesellschafterin mit ihrem wirklichen
Benehmen ... ihrer so sittsamen, fast stummen Haltung, ihrem tglich zweimaligen
Kirchgang und einem so tief, tief demuthsvoll niedergeschlagenen Blick, da man
schon anfngt, ber eine so unerwartete Einfachheit und fast zu weit gehende
Anspruchslosigkeit einer doch uerlich so auffallenden und berraschend schnen
Erscheinung staunend - den Kopf zu schtteln ...
    Steigen wir einen Stock hher ...
    Im zweiten Stock wohnen der Procurafhrer Ernst Delring und seine Gattin
Hendrika geborene Kattendyk; nach hinten hinaus aber Piter Kattendyk, ihr
Bruder, der einzige Sohn der verwitweten Frau Commerzienrthin.
    Piter hat nach hinten auch noch den ersten Stock in Beschlag ... beide waren
durch eine niedliche Wendeltreppe verbunden ...
    Wir finden auch bei Herrn Delring schon alles dunkel.
    Dagegen sind bei Piter noch der erste Stock, der zweite und die Wendeltreppe
prchtig erleuchtet.
    Piter Kattendyk hatte einen seiner glcklichsten Momente ...
    Umgeben ist er nicht nur von seinen guten, sondern heute sogar von seinen
besten Freunden und sie zechen und sie schmausen und sie jubeln - ganz im
blichen Tone der alten frommen Rmerstadt.
    Die Bowle steht auf dem Tisch, die kunstvoll geschliffene, rosenrothe
Krystallbowle ...
    Sie ist gefllt mit einem nach allen trinkwissenschaftlichen Gesetzen der
Vereinigten Staaten Nordamerikas gebrauten Sherry-Punsch ...
    An den drei vor Cigarrendampf etwas matt brennenden Glaskugeln, an den
Anekdoten, deren zwei Drittheile aus dem Humoristen in der Westentasche
entlehnt sind, an der Flle von bei alledem wiehernd belachten Witzen, an
gewissen Thatsachen, die man vorher immer als etwas auf Ehre zu Verbrgendes
und mit einem Schnedderedeng der glaubwrdigsten Versicherung Anzupreisendes
verkndigte und nachher dann doch allen noch so touchirenden Zweifeln preisgab,
merkt man, da man sich hier unter den Jnglingen mit den malerischsten Brten
und den halbgelsten bunten Halsbinden unter der kaufmnnischen Aristokratie der
Stadt befand ... Alle fhren sie Namen, vor denen Tausende ihrer Mitbrger
selbst im Traume den Hut abziehen.
    Wie hngt auch hier alles am Wink ihrer Augen! Zwar trennt eine groe
Glasthr diese hchst respectabeln jungen Herren der Schpfung von einem im
Vorgemach eingeschlummerten Diener in Livree; die alte Kathrine jedoch unten in
der Kche der Mutter wacht noch, hat sie auch sowol einer heute erst neu
zugezogenen Kammerjungfer der Frau Hendrika Delring wie dem Kutscher und dem
ersten Hausknecht gesagt:
    Na, ich denke wol, um ein Uhr kann ich zur Ruhe gehen! Der junge Herr
Thiebold de Jonge sind zugegen! Da blasen sie blos Trompete! Zur Trompete
brauchen sie blos manchmal ein bischen mehr Arak und die Arakflasche hat Herr
Piter immer selbst zur Hand!
    Thiebold de Jonge war erst gestern von seinem kurzen Kriegsfeldzuge zu
Kocher am Fall und einer damit verknpft gewesenen kleinen Reise zurckgekehrt.
Mit drei Tagen hatte man die Uebungen zur allgemeinen Wehrtchtigkeit bewenden
lassen. Das Blasen der Trompete war jedoch von Seiten Kathrinens keine
Anspielung auf die Montur Thiebold's, in der dieser Abschied genommen hatte von
Freund Piter, als er mit von Enckefu Extrapost abreiste - Freund Benno von
Asselyn wollte in einem Anfall seines gewhnlichen todtschlgerischen Humors
zu Fu gehen. Die andern Genossen waren noch militrfrei und hatten sich
vorlufig allenfalls durch zu schwache Brust von dem Waffendienst ledig
gemacht, was jedoch nicht hinderte, da sie soeben die Arie: Von Romeo's
Rcherarmen - die Schrder-Devrient hatte vor kurzem erst in der Stadt gastirt
- mit einem Effect sangen, ja die Worte: Soll sich kein Gott erbarmen! so
hervorhoben, da das ganze Haus bis in die hintersten Waarenmagazine erzitterte.
    Die Trompete entsprach einer andern Ideenverbindung.
    Clemens Timpe (Timpe's sel. Erben, Commission und Spedition) war auch in der
Union gewesen, hatte Seewasser gekostet wie Thiebold de Jonge ... wenn auch
nicht wie dieser sogar das Na amerikanischer Wasserflle ... Clemens Timpe
sprach nie von einem Whip oder Brandygrog oder sonst einer pikanten hhern
Alkoholvergiftung, die er in Boston oder Neu-Orleans kennen gelernt hatte, ohne
die Sherrypunschbrauerei des canadischen Holzflers Thiebold de Jonge zum
Gegenstand einer Discussion zu machen, wobei der vom Wasserfall zu St.-Moritz
Gerettete und leidenschaftliche Schwrmer fr Armgart von Hlleshoven, die
Tochter seines zweiten Vaters, wie er sagte, meist, wie sonst nicht seine Art
war, unterlag. Heute saen Piter und die Freunde um die Arakflasche, wie
ttowirte Indianer, nicht jedoch gierig nach flssigen Feuerfluten. Sie saen,
nach einer lebhaften Discussion, ob Whip - ob Brandygrog - ob kalten
Sherrypunsch! bei letzterm und nun waren sie gereiht um einen glnzenden
Mahagonitisch, die Linke cigarrenbewaffnet, in der Rechten mit langen
Maccaronistengeln, durch die sie den Sherrypunsch einschlrften ... eine
Trinkmethode, die Thiebold de Jonge hier zu Lande eingefhrt hatte. Man durfte
sie allerdings dann adoptiren, wenn, wie z.B. heute, es galt, einen von Rostbeef
 l'Anglaise, Salmen  la Hollandaise, Rebhhnerpastete  la Kathrine
Fenchelmeyer - Kathrine unten in der Kche der Mutter Commerzienrthin hie
Fenchelmeyer und war nicht blos in Rebhuhnpastete, sondern auch in Fischsaucen
Original - und von dem dazu nthigen Rhein-, Mosel-, Bordeaux-, Burgunder- und
Portwein berhitzten Gaumen allmhlich linde und leise und lieblich wieder
abzukhlen.
    Der junge Herr (zu Ehren der uralten Firma und bei der Tendenz der Neuzeit
zur alten Zeit Piter genannt), Piter Kattendyk war einer der famosesten jungen
Gentlemen der stolzen Handels-, Gewerbs-und Kirchenstadt. Er hatte heute die
Absicht, um vier Uhr Morgens, wenn die von Paris kommende Briefpost sich eines
Stckchens Eisenbahn bediente, das schon am jenseitigen Ufer einige Meilen
hinein ins Land ging, sich mit dieser Reisebefrderung in die Gegend von
Witoborn zu begeben, wo ihn Dominicus Nck, sein Schwager, zu einem schleunigst
arrangirten Gterankauf benutzen wollte ... Benutzen! Ihn! Himmel, wenn Piter
dies von Nck wirklich zu mehreren Domherren und besonders dem Secretr des
Kirchenfrsten, Eduard Michahelles, gebrauchte Wort in Erfahrung gebracht htte!
Ihn benutzen! Vorschieben schon htte ihn beleidigt! Pitern, dem jetzt alles
daran lag zu beweisen, da sein Schwager Ernst Delring, der Procurafhrer und
bisherige Chef, vor seinem Genie sich in Acht zu nehmen htte, seitdem er, der
junge Herr, von Reisen zurckgekommen war! Pitern lag, als er die Zustimmung
zu dieser Reise nach Witoborn gab, nur an einem Beweise seiner seltenen
Einsichten und seines Geschmacks fr eine neue Reisetoilette, in der er sich
bereits fertig befand, theils ganz schottisch, theils halb schottisch. Piter
wollte in diesem malerischen Costme Wlder und Felder und Mhlen kaufen, fr
welche Dominicus Nck dann vielleicht wieder einen Abkufer wute, vielleicht
das Domkapitel selbst - eine Differenzsumme erstens fr das Haus Kattendyk und
Shne und zweitens fr Dominicus Nck blieb schon brig - kurz einen irgend
hnlichen Zweck gab es zu einer Reise, um derentwillen die zu einem letzten
Satz von Pitern entbotenen Freunde so spt noch bei ihm blieben, ja sogar
gewillt waren, im Anfall einer beim Sherrypunsch zu allem fhigen Romantik, ihm
gegen vier Uhr Morgens das Geleit auf den provisorischen Bahnhof zu geben.
    Auf den Untergang aller Schnell-, Fahr-, Malle-, ja Extraposten nicht
ausgenommen! rief Joseph Moppes (Joseph Moppes sen., Weingeschft) und
begleitete diese eigenthmlich betonten Worte mit einem anzglichen Blicke auf
Thiebold de Jonge, der heute der einzige nicht recht in die allgemeine
ungeheure Heiterkeit Miteinstimmende war.
    Thiebold lie es ruhig geschehen, da Gebhard Schmitz (A. und G. Schmitz,
Stahl-, Eisenwaaren und Httenbetrieb) auf seine Kosten denen, die noch nichts
davon wuten, die kolossale Idee des Hausknechts im Riesen zu Kocher am Fall
erzhlte, der die sich selber lenden neuen englischen Patentachsen am
vterlicherseits geborgt gewesenen Landau Thiebold de Jonge's abgedreht und mit
Wagenschmiere verdorben hatte ...
    Gerade so wie Henneschen, rief nachtrglich in den lachenden Chorus Gebhard
Schmitz hinein, wenn er die Lackstiefeln seines Herrn mit Wichse tractirt!
    Thiebold sa ruhig mit aufgestemmten Armen und senkte den Kopf auf seine
Trompete, den Maccaronistengel herab, den er mit aller Ruhe wie zu einer
stillen Musik der Seele, ja, wie ein Schfer Arkadiens seine Flte blies und
dabei vielleicht ber die Theorie des Stechhebers oder des Luftdrucks oder sonst
etwas Hheres nachgrbelte ...
    Thiebold war eine etwas zum Embonpoint neigende, aber hoch und schn
aufgeschossene blonde Natur; frisch und rund in seinen angenehmen Gesichtszgen,
von einem schngepflegten, ins Goldgelbliche spielenden Barte, in allem zu
mnnlichstem Effect bestimmt, nur zu lebhaft, zu sehr oft ein Vorsprecher,
Anekdotenerzhler, heute jedoch fast tiefsinnig, wie ihm Piter vorwarf, und
sogar bei Tische, wo er sich das Tranchiren - Aufschneiden, wie seine Freunde
sagten - niemals nehmen lie, von einer Apathie, die einige - freilich
spottweise - fr die Nachwehen seines hier schon zum Amusement gewordenen
Sturzes in den St.-Moritz, andere fr den untrglichen Beweis hielten, da
Thiebold einmal wieder verliebt wre ... Letzteres war eine Verleumdung, da er
seit dem ersten Besuch des Pensionats der Englischen Frulein von Lindenwerth
fr keine weibliche Erscheinung der Welt, die nicht Armgart hie, mehr Sinn
hatte.

Schwing dich auf, Frau Nachtigall!

intonirte Joseph Moppes, der einen klangvollen ersten Tenor fr die berhmten
Quartette der Vaterstadt commandirte, und er that dies schon zum zweiten mal, um
Thiebold de Jonge mehr in die allgemeine Heiterkeit mit hinberzuziehen.
    Die Eisenbahnen waren noch so neu und die smmtlichen Huser dieses jungen
mercantilischen Vollbluts so an den Actien derselben interessirt, da das
Gesprch von den Patentachsen des vom Hausknecht im Riesen fast verdorbenen
Landau sogleich auf diese selbst berging und einstimmig vereinigte man sich mit
einem hohen und auerordentlichen Ernste in dem sehr paradoxen Satze, da die
Eisenbahnen wirklich eine merkwrdige Erfindung des menschlichen Verstandes und
jedenfalls ein Fortschritt wren.
    Thiebold, der sonst niemals lange schweigen konnte und heute wirklich wie
von einem entschiedenen Weltschmerz beherrscht schien, lie sogar die ganz aus
der Tiefe wie ein Unkenton aus dem Sherrypunschglase hervortnende Bemerkung
fallen:
    Der Generalpostmeister hat erklrt, mit den Eisenbahnen hrte die
Ueberwachung der demagogischen Umtriebe auf!
    Gewisse englische Groans oder ironische Beifallsspenden hatten die Freunde
schon fr mehrere heute Abend gefallene Aeuerungen, in Bereitschaft gehabt. Sie
brachen auch jetzt ber diese de Jonge'sche Aeuerung und sogar mit einem
Trommeln auf Tisch und Fuboden aus ...
    Im Staatsrath, fuhr Clemens Timpe allen Ernstes fort, ist wahrhaftig die
Majoritt - nein wirklich hrt doch! - die Majoritt noch schwankend, ob die
Eisenbahnen berhaupt weiter zugelassen werden sollen ...
    Und Joseph Moppes fiel ein:
    Weiter, als wir uns hier schon wieder infolge unserer unverbesserlichen
Nachffungssucht herausgenommen haben!
    Wie hierauf die Worte: Eine jute jebratene Jans ist eine jute Jabe Jottes!
passen und von der ganzen Gesellschaft mit einer jener jubelnden Zustimmungen,
die man gewhnlich Hohngelchter der Hlle nannte, aufgenommen werden konnten,
wird niemand begreifen.
    Und dennoch hatte damit Weigenand Maus (Maus &amp; Compagnie, Droguerie- und
Farbwaaren) nur sagen wollen: Was lt sich von den Ghibellinen anderes
erwarten!
    Man setzte nun vom socialen Standpunkte aus die Anklagen fort, die Bennrath
von Nennhofen auf der Conferenz des Beda Hunnius vom kirchlichen erhoben hatte.
Man begann durcheinander Mir und Mich zu verwechseln, schilderte den Appetit der
Offiziere und Beamten bei dem letzten Diner ihrer Vter, machte dem immer
schweigsamer werdenden und in vlligem Nichtvertheidigungszustande befindlichen
Thiebold de Jonge Vorwrfe ber seine Reise mit Herrn von Enckefu und
besttigte den separatistischen Geist, auf den damals und noch jetzt die Thiers,
Odilon-Barrots und Bonapartes rechnen, wenn sie von einem ganz ohne
Schwertstreich zu erobernden linken Rheinufer sprechen.
    Man durfte erwarten, da Thiebold jetzt endlich auffahren konnte und
gewohnterweise sich vielleicht die Freundschaft mit von Enckefu verbat. Er
schwieg aber und zuckte nur mitleidig die Achseln. Die ganze Reise in seinem
Landau nach Kocher am Fall schien von ihm vergessen worden zu sein und Joseph
Moppes hatte sehr Recht oder bekam es wenigstens durch die allgemeine
Zustimmung, als er Thiebold vorwarf, erst mit so groem Jubel zu den Uebungen
abgegangen zu sein und jetzt in solcher Laune zurckzukehren. Und als Thiebold
brummend diese Uebungen fr das Langweiligste von der Welt erklrt hatte, sagte
Joseph Moppes zu allgemeiner Billigung:
    Merkwrdig, de Jonge! Bei Ihnen ist immer alles entweder gleich Supra oder
unterm Nachtwchter!
    Letzterer hatte inzwischen schon lngst die zwlfte Stunde gerufen und die
zahllosen Thurmuhren der frommen Stadt hatten diese Angabe in allen Tonarten
besttigt ...
    Die Elasticitt der sieben Freunde lie jedoch nicht nach. Auch Thiebold
bekam eine erhhtere Stimmung, d.h. negativ, bis zum offenbaren Sein oder
Nichtsein a la Hamlet. Er fuhr sich in seinen schnen blonden Scheitel, zupfte
am Barte, schlug zuweilen das Glas auf den Tisch und hatte eine Welt voll Zorn
und Aufregung und Schmerz und doch dabei wieder auch, schien es bei alledem, von
Lust und Freude in der Brust. Er htte sich jetzt offenbar ganz gern, wie es bei
Goethe heit, mit einem Poeten associirt, um seine Empfindungen so ganz con
amore auszusprechen, wie sein volles, wirklich gutes und der reinsten Liebe und
Dankbarkeit fhiges Herz sie fhlte, nicht wie sie Joseph Moppes, der heute, da
Thiebold pausirte, die Oberhand hatte, parodirte.
    Merkwrdig aber bei alledem die Glckseligkeit Piter's! Piter braute nur
bald mit Sherry, bald mit Arak an der Bowle, schenkte die Glser voll, lchelte
nur und geno das Glck, sechs solche Freunde zu haben ... Piter schwieg! Piter,
der nicht ertragen konnte, da sein Schwager Ernst Delring fnf Worte sprach,
die er nicht sofort durchkreuzte mit seinem tglichen, ja stndlichen Hren Sie
'mal, Delring, ich bin nicht mehr derjenige, welcher -
    Nmlich auch Piter war blond, aber nicht von der Flle und Kraft seines
Freundes Thiebold de Jonge. Er war auch schlank, freilich viel schmchtiger.
Sein Kinn und seine Lippen waren weniger ganz bartlos, als nur etwas stark
dnnbrtig. Kaum dreiundzwanzig Jahre alt, hatte Piter schon das Leben gleichsam
hinter sich, ohne darber die Energie des Willens und einen seltenen Ehrgeiz
verloren zu haben. Seit einiger Zeit war er von Bildungsreisen nach dem
Auslande zurckgekehrt und nahm nun, als einziger Sohn der verwitweten Frau
Commerzienrthin, an dem groen Geschfte theil in einem Grade, der ihn mit
seiner ganzen Familie in die heftigsten Conflicte brachte. Piter glaubte die
vollkommenste Berechtigung zu haben, sich keine gewhnliche Natur zu dnken.
Vorurtheilsvolle Menschen mochten vielleicht sagen: Dieser einzige Sohn wurde
nach dem frhen Tode Piter No Kattendyk's von der Mutter wie ein Prinz erzogen!
Whrend sie in die Bder und nach Rom und Paris reiste, wurde Piter durch
Beispiel und Erziehung zu einer unglaublichen Meinung von sich selbst
gesteigert! Aber Piter sah nicht ein, warum er von sich gering denken sollte. Er
schwieg nur unter Freunden, wie sie jetzt bei ihm Sherrypunsch tranken; sonst
nie; immer fhrte er das Wort und schon als neunzehnjhriger junger Mann, der
eben von der Handelsschule kam, hatte er wie ein Principal die Hnde in den
Beinkleidertaschen und wute ber jeden Gegenstand in Oper, Ballet, Freihandel
und Statistik der Ein- und Ausfuhr eine Meinung zu behaupten. Widerspruch
duldete er sonst, jetzt nicht mehr, am wenigsten aber von Menschen, die ihm
durch Bande des Bluts verbunden waren und etwa dadurch ihrerseits die
Berechtigung zu haben glauben durften, ihn als groen Charakter nicht im
mindesten anzuerkennen. Nur die Mutter schonte den einzigen Sohn. Er glich so
ganz ihrem Seligen, fr den sie jetzt noch nach zehn Jahren so viel Messen lesen
lie, als wenn dieser Gute durch seinen Titel als Commerzienrath und seinen
Orden, die ihm beide freilich Protestanten gegeben hatten, immer noch an der
Pforte des Paradieses uneingelassen umherirren mte ... Merkwrdig dabei, da
Piter mit seinen blauen Augen, seinem fast unsichtbaren Brtchen um Lippe und
Kinn und Wange eigentlich ein herzensguter Junge war. Er hatte Anflle von
Gemth. Fr einen sogenannten guten Freund konnte er sich im wrtlichsten
Sinne todt schlagen lassen; wie oft hatte es nicht schon einen nchtlichen
Zusammensto mit den Spieen der Straenwchter, ja sogar den Gewehrkolben der
Schildwachen gegeben! So streng er im Comptoir war und sich die Miene geben
konnte, als mten Bcher, die dreiig Jahre gestimmt hatten, jetzt einmal von
einer Commission geschworener Buchhalter oder von ihm allein in einer stillen
Abendstunde grndlichst revidirt werden, so nachlssig behandelte er die
Contocorrenten etwaiger Anleihen der Freunde, die mit ihm Sherrypunsch tranken.
Wer Piter's Verstand anerkannte, konnte bei ihm ber alles gebieten. Wer aber
zuweilen an seinem Verstande zweifelte, was seine Schwger, seine Schwestern und
die ltern Buchhalter nicht mehr wie gern thaten, hatte einen geschworenen Feind
in ihm. Wie Piter von sich selbst dachte, bewies er eines Abends in einem Cirkel
seiner Mutter, wo er bei Gelegenheit der damals eben wieder neu aufgekommenen
Phrenologie sagte: Die Phrenologie hat an mir die Zeichen des
sanguinisch-nervsen Temperaments entdeckt! In erschreckendem Grade findet sich
an meinem Schdel (er sah dabei auf seinen Schwager Delring) die Anlage der
gegenstndlichen Auffassung! Sehr gro ist (er blickte auf seine drei
Schwestern) mein Zerstrungssinn! Selbstachtung aber und (nun sah er, doch etwas
liebevoller, auf seine hochgespannte und fromme Mutter) ein bischen Neigung zum
Wunderbaren mildert diese gefhrliche Anlage! Gering ist indessen (die Mutter
zuckte schon wieder zusammen und entsetzte sich ber den Blick, den Piter auf
einige der Domherren warf), gering ist mein Verehrungssinn! Schwach, ganz
schwach ist meine Anhnglichkeit (die Mutter, auer sich ber ihre Tuschung,
protestirte fast mit Thrnen) und am wenigsten ausgebildet ist mein sogenannter
Ingenieursinn! Aus letzterm mu ich schlieen, da ich nie eine Vorliebe fr
groe Bauten haben werde!
    Diese Bemerkung war die allerbitterste. Sie ging auf eine Summe von 10000
Thalern, die die Mutter zum Ausbau eines gewissen berhmten groen Domes
verwilligt hatte. Denn an sich hatte Piter im Gegentheil das ganze altbewhrte
Haus seiner Aeltern neuerdings fast umgerissen, Treppen gebaut, wo frher keine
waren, Alkoven zerstrt, Sle geschaffen und vorzugsweise seine Schwester
Hendrika Delring so in der langgewohnten Existenz ihres zweiten Stockes
beeintrchtigt, da diese Aermste, wie sie sagte, sich vor dem Bruder kaum
rcken und rhren konnte, von dem Lrm seiner nchtlichen Orgien ganz zu
schweigen. Nur die Besonnenheit ihres Gatten hielt sie von uersten Schritten
zurck, die niemanden htten wunder nehmen drfen, da die vortrefflichste Frau
nach zehnjhriger kinderloser (gemischter) Ehe Mutter zu werden in nchster
Hoffnung hatte ...
    In Piter's Freundeskreise aber schlug es jetzt im Durcheinander der
Debatten, vorzugsweise jetzt ber Westen und Cigarren und durchreisende
Sngerinnen bereits halb zwei Uhr ... und wer htte nun nicht schon in einem
Sylvesterkreise das neue Jahr abgewartet und die Entdeckung gemacht, da dreiig
Minuten vor des Jahres letzter Stunde der lebendigste Humor zu der Erkenntni
kommen kann, ob er sich im Abwarten des neuen Jahres auch nicht vielleicht zu
viel zugemuthet? Der Punsch ist in der Terrine kalt geworden, der Witz erschpft
sich schon in Leberreimen und zwei- und dreisilbigen Charaden; immer mder
werden die Augen, immer langsamer schleichen die Minuten, die noch bis zur
allgemeinen Umarmung und kubesiegelten Beglckwnschung hin zu verleben sind.
Wer da nicht im Stande ist ans Klavier zu springen und einen elektrisirenden
Tanz zu spielen, der kann erleben, da einer um den andern das groe
Unternehmen, den letzten Stundenschlag des Jahres abzuwarten, vllig aufgibt und
in aller Stille davonschleicht mit einem das ganze Jahr zusammenfassenden
Trinkgeld an die gratulirende Bedienung.
    Um ein Viertel auf vier Uhr hatten die Freunde zwei Wagen zu erwarten, die
im Hofe unten auf die Minute sollten angespannt erscheinen. Es war auch ganz
bestimmt vorauszusehen, da sie alle noch etwa eine Stunde auf den Divans
ringsum schlafen und tchtig schnarchen wrden, aber zwischen ein und zwei Uhr
zeigte sich davon noch keine Spur ...
    Fehlte auch die lebhafte Mittheilung des auf Spott jetzt sogar verdrielich
werdenden und den Kopf aufsttzenden Thiebold de Jonge, stockten die Zungen
schon und muten sogar die sonst ganz ungentilen Anspielungen auf die einzelnen
Geschftsbranchen, wie: Sie sind auf dem Holzwege! zu dem Holzhndler
Thiebold, oder Schenken Sie reinen Wein ein! zu dem Weinhndler Moppes, durch
die Vermittelung der andern gtlich beigelegt werden, so fehlte es doch immer
noch an Stoff der Unterhaltung nicht; denn es gab zwei Themata, die in diesem
Kreise endlos variirt werden konnten. Das waren die Juden und die Frauen.
    Erstere hatten sich in kurzer Zeit hier sehr emporgeschwungen. Eine nicht zu
entfernte Verwandtschaft der Hasen-Jette, die Fulds, rechnete man zu den
dreifachen Millionren und wenigstens im Wechselgeschft hatten die Brder
Moritz Fuld und Bernhard Fuld alle berflgelt. Sie hatten Comptoire in Paris,
Brssel und Amsterdam, machten ein groes Haus, hatten eine Besitzung im Eneper
Thal gekauft, dort eine Villa, sogar eine Kirche gebaut. Es konnte zunchst
keinen anziehendern Stoff geben, der hier besprochen wurde, als da Haus Fuld und
Shne, und im Verlauf dieser Mittheilungen, die indessen eine Kette nur von
Spott und Misgunst waren, wurde auch Thiebold lebendiger und erregter.
    Gebhard Schmitz und Joseph Moppes hatten zwei Kunstfertigkeiten, die
miteinander wetteiferten. Dieser intonirte die anziehendsten Lieder, jener war
ein Dialektknstler. Ob schsisch oder berlinisch oder frankfurtisch oder im
Volkston der eigenen Vaterstadt, war ihm gleich. Er ahmte jede Mundart nach, so
weit die deutsche Zunge reicht. Vorzugsweise aber war ihm das Jdeln gelufig.
Er erzhlte von Juden nie anders als im rauhsten Kehlkopftone. Und wenn er von
Spinoza htte sprechen knnen, Gebhard Schmitz wrde dessen Philosophie
vorgetragen haben wie die eines Hausirers, der von seinen Masematten spricht.
    Von einem der Fulds, zwei in den pariser Brsencoulissen und Salons
gebildeten, hchst eleganten und weltgeschliffenen jungen Mnnern, die auf einer
Jagd in Homburg oder Baden-Baden sich neben jedem deutschen Standesherrn sehen
lassen konnten, erzhlte er:
    Bin ich doch gekommen heute Abend auf den Domplatz und habe gesehen ...
Gottswunder ... Was hab' ich gesehen! Ist gekommen Herr Fuld und Shne junior
der Moritz! Ist er gekommen mit dem neuen rothen Bndchen im Knopfloch! Hat er
doch gekriegt den Orden von der ehrlichen Legion in Paris!
    Die Unterbrechungen der Zustimmung verstanden sich an den schlagenden
Stellen von selbst ...
    Sieht der Ritter Moritz sich um und wird fragen: Wo ist hier die Fabrik von
die Wachslichter und Lebkuchen und heiligen Oblaten? Herr Schmitz! Knnen Sie
mir nicht sagen: Wo ist wohnhaft Herr Jean Baptiste Maria Schnuphse aus
Hildesheim mit die elegnte s-pitze Vatermrders?
    Diese Variation gestattete eine neue Zustimmung. Sie war eine andere Tonart
der Gebhard Schmitz'schen Redekunst, die ein Unisono von hnlich betonten Worten
hervorrief ...
    Gebhard Schmitz fuhr fort:
    Gut! Hab' ich ihm gezeigt den Laden von Herrn Mri und hab' mir gemacht
doch auch ein Geschft bei die Fruleins, um zu hren, was der Ritter von Louis
Philipp's ehrliche Leute hat fr neue Masematte! ... Gut! Wie wir eintreten,
frag' ich die Fruleins ...
    Unisono des Chorus:
    Ev! Apllnia!
    Ob sie nicht htten ein schnes ges-ticktes Tauftchelchen mit brbnter
S-pitzen, das ich wollte schenken nach Bilk uf die Htte von meinem Tate, wo
zwei bilkener Jden sind gekommen auf den Einfall sich zu taufen! Sagt der Herr
Ritter von die franzsische Ehrlichkeit zu mir: Main, Herr Schmitz! Sie wollen
kaufen so feinen Bttist, um zu waschen zwei bilkener Juden rein von's
Judenthum? Da will ich Sie recommandiren die geistliche Stickerei da oben in dem
fnften Carton rechts seh' ich Litera B, wo angeschrieben steht mit lateinische
Buchstaben: Tauftgelchen - Tgelchen mit 'nem G, Herr Schmitz!
    Neue Unterbrechung ber die Orthographie Eva's und Apollonia's Schnuphase
...
    Aber der Ritter der ehrlichen Legion ... wird er doch sagen: Hat mein Bruder
nicht gestern gekauft hier ein Altarbecken und drei neue Megewandkleider ...
meine Damen? ... Ja, Herr Fuld! ... Nun, so werden die Frulein haben die Gte
mir noch zu geben zwei Dutzend von die strksten Wachslichter frs heilige
Hochamt! ... Sag' ich: Herr Fuld: Wie heit Hochamt? ... Alles, Herr Schmitz,
fr die neue Kirche zum Geschenk, wo mein Bruder hat bauen lassen oben bei
Lindenwerth und Drusenheim im Enneper Thale! Und zu die Fruleins sagt er:
Wissen Sie, Frulein, die Kerzen, wo Herr Levi, der Gemeindevorstand, hat
gekauft neulich frs Tabernakel in unsre Synagoge ... Die aufgeklrte? frag'
ich. Die neue, Herr Fuld, wo soviel Licht in die schnen Fenster fllt? ...
Nein, Herr Schmitz, sagt er, in die dunkle! Gerade so wie wir gebaut haben unsre
Kirche in Drusenheim auch ins Byzantinische!
    Durch den Jubel der Freunde hindurch fuhr mit gesteigerter Stimme Gebhard
Schmitz fort:
    Herr Schmitz! Sie wird eingeweiht am neunten October, dem Tag vom heiligen
Dionysius, wissen Sie dem, den die Rmer haben abgehauen den Kopf und der noch
ist gegangen ich wei nicht wie viel Meilen zu Fu und mit dem Kopf unterm Arm!
... Ist es denn wahr, Herr Ritter, frug ich, da Ihr Herr Bruder in Paris von
seinem Freund Louis Philipp und aus dem seiner Kapelle von St.-Denis um 10000
Francs hat angekauft einen heiligen Zehen von St.-Denis und will ihn lassen
einmauern in dem Altar, wo Sie haben gebaut in Drusenheim die neue Kirche im
Basiliskenstil?
    Basiliskenstil ... wiederholte der Chorus.
    In dem Augenblick ist aber gekommen eine Chaise vorm Wachslichterlden und
Frulein Apollnia hat gerufen: Ach, Herr Fuld! Ach Herr Schmitz! - bitte um
Entschuldigung, wir bekommen soeben -! und ein schner schlanker Herr Kpln ist
eingetreten in den Lden, frisch von der Reise angekommen und soll wohnen bei
Herrn Schnuphse ... Und was wird mein Ritter thun von der ehrlichen Legion?
Gleich als wollt' er haben Abla auf hundert Jahre fr die byzantinische Kirche
hat er Hochwrden eingeladen, auch zu sehen, was gebaut hat sein Bruder Bernhard
Fuld zu Drusenheim neben die neue Villa und zog sein Portefeuille und hat
gegeben dem fremden Priester gleich die Visitenkarte: Monsieur Monsieur Moritz
Fuld ...
    Der ganze Chorus fiel hier mit den donnernd betonten Worten ein:
    A Paris!  Paris! Man wei schon!
    Diese fr unsere Leser gnzlich unverstndliche und doch allgemein bejubelte
Pointe der Erzhlung krnte sie fr die jungen Mnner wie das letzte Schlagwort
eines Epigramms ... Die Worte: Man wei schon! knpften sich nmlich an die
allbekannte Anekdote, der zufolge der ganz arm aus Kocher am Fall einst
gekommene und durch Kriegslieferungen emporgestiegene alte Vater der Gebrder
Fuld jemanden, der ihn bei seinen ftern Reisen nach Paris um seine dortige
genauere Adresse gefragt, mit schmunzelndem Stolz geantwortet haben sollte:
Schreiben Sie nur ganz getrost und einfach blos meinen Namen  Musje Musje Fuld
 Paris! Man wei schon!
    Die Wirkung dieser Erzhlung auf Thiebold de Jonge war eine in der
Hauptsache, doch im andern Sinne als bei den Freunden, auch aufregende.
    Nicht da er Gebhard Schmitz gesagt htte: Aber Sie lgen ja ganz
entsetzlich, Schmitz! Moritz und Bernhard Fuld sind ja zwei hchst gebildete und
sehr taktvolle Mnner, ber die wir uns deshalb rgern, weil sie geradezu einen
Auffschwung nehmen, der uns alle verdunkelt - auch er stand unter den
Vorurtheilen seiner Geburt und seines Standes - aber sowol die Thatsache, da
wahrscheinlich den Abend Bonaventura von Asselyn angekommen war, wie die
Erwhnung Drusenheims, das dem Aufenthalte Armgart's auf einen Bchsenschu
gegenberlag, lieen ihm kaum zur Besinnung kommen. Er sprang auf, lief im
Zimmer hin und her und berhrte dabei gnzlich, da Weigenand Maus unter
allgemeinster Zustimmung beantragte, eine Caricatur anfertigen zu lassen, um
auf diesem nicht mehr ungewhnlichen Wege das zeitgem-modernste Thema: Juden
bauen den Christen ihre Gotteshuser! zu verspotten. Ein stillerer und sanfterer
unter den Freunden, Alois Effingh (Effingh &amp; Cie., Bankgeschft), bernahm
die Ausfhrung durch einen vertrauten Freund, der das Talent besa mit der Feder
gleich auf Stein zu zeichnen.
    Hie der Geistliche nicht Herr von Asselyn? fragte Thiebold de Jonge.
    Ich glaube, ja ... antwortete Gebhard Schmitz, ganz verloren in die
Caricatur und noch weitere Details gebend.
    Ein Vetter Benno's von Asselyn ... sagte Thiebold und erwhnte einen Namen,
den alle kannten, der aber nicht zu diesem Kreise gehrte ...
    Nchsten Sonntag nach Drusenheim! rief Clemens Timpe ...
    Bewunderung der Villa ...
    Der Kirche ...
    Der Tauftgelchen ...
    Wir laden Eva und Apollonia ein ...
    Nein! unterbrach Joseph Moppes. Achtung vor Thiebold de Jonge! Auf
Lindenwerth

Da blht eine Blume so hold, so hold...

    Auf Lindenwerth? rief der Chorus.
    Ja, de Jonge! unterbrach den Singenden Gebhard Schmitz. Ich war im Stifte
bei meiner Schwester! Wahrhaftig! ... Ich bin sonst in Geschmackssachen - auf
Ehre - aber die Tochter Ihres Lebensretters -
    Die Lebensretterstochter ... rief der Chorus.
    Kapitaler Geschmack! Auf Taille! nselte Schmitz im ghibellinischen
Leutenantston ...
    Moppes sang:

Und schner als in dieser Rose...

    A la bonne heure! Eigentlich noch ein Backfisch, aber knftige Jttin!
fuhr Schmitz fort und -

Hebe stieg in sanfter Feier ...

sang Moppes.
    Schwarz und braun sind ihre Augen ...

Maikferlein, was fliegst du auf?

    Zhne, - reizend! Zwei Zhne -, man sieht sie immer -
    Man sieht sie immer? rief der Chorus ...

Um das Rhinoceros zu sehen -

declamirte jetzt sogar Weigenand Maus.
    Thiebold erwachte aber aus seinem Brten wie ein Lwe und schttelte seine
goldene Mhne.
    Genug! Rief er mit donnernder Stimme ...
    Aber

Singvgelein singet,
Singvgelein schwinget
Stolz sich in den Himmel hinein!

antwortete Moppes.
    Der Streit wurde durch Gebhard Schmitz beigelegt. Letzterer blieb bei seiner
Bewunerung Armgart's, nannte sie das Entzcken des ganzen Pensionats und lie
jetzt wirklich etwas Hheres gelten als seine Dialektkunst und seinen pariser
Gibus zum Einklappen, den er suchte.
    Es blieb bei der Caricatur und bei der sonntglichen Partie ...
    Gruppen bildeten sich ... der eine lag von der Caricatur sprechend da, der
andere von der Liebe berhaupt dort ... man flsterte ... man hatte jetzt
Geheimnisse ... ja es senkte sich ber die wste Atmosphre mancher reinere
Sonnenstrahl ... Selbst Piter lie endlich von der Arakflasche und erzhlte mit
gedmpfter Stimme von einigen wunderbaren neuen weiblichen Bekannschaften,
besonders einer ... er sprach ganz leise nur ins Ohr zu Gebhard Schmitz ...
Joseph Moppes, der hren wollte und nichts verstand, parodirte:

Mir auch war eine Leben aufgegangen!

    Folgen knnen wir diesen Gesprchen nicht. Sie enthielten zu viel von dem,
was, wenn die Mnner zwischen zwei und drei Uhr Morgens von Frauen sprechen -
die Nacht bedeckt mit Grauen.
    Endlich aber wurde alles still ... die am lautesten gesprochen haben,
schnarchten schon ... auch Piter im schottischen Reisecostm schlummerte und
lchelte und sein etwas stumpfes Nschen schien im Traume eine ganze
Jakobsleiter voll Seligkeiten zu balanciren ... nur Thiebold de Jonge lag auf
einem Sopha ausgestreckt, das Haupt aufgesttzt, sah nach der Uhr und war in
wenig Minuten der einzige, der wach geblieben.
    Er gedachte seines Freundes Benno ... Benno's, der, wie dieser sich einmal
ausgedrckt hatte, den lateinischen Stolz besa, sich in einer Soll und
Haben-Sphre von dieser Art nicht heimisch zu fhlen, ja die geschilderte
geradezu verachtete.
    Thiebold, in seiner Art ein Schwrmer, betete bei alledem Benno an. Nur
hatte er sich wieder einmal mit ihm gezankt und zwar empfindlich ... er hatte
sogar den ersten bedeutenden Zwiespalt mit ihm ... Nicht um Armgart's willen ...
Von Benno's Empfindungen fr Armgart hatte Thiebold bei dessen in allen Dingen
bewahrter kalter Auenseite keine entfernteste Ahnung ... Wohl aber war der
Vorfall an dem Tage, wo Hedemann die Begegnung mit Herrn von Enckefu im
Wirtshause an der Landstrae gehabt hatte, fr beide zum Gegenstand des ersten
lngern Misverstndnisses geworden.
    Benno und Thiebold waren Schulfreunde, die sich in sptern Jahren aus dem
Auge verloren hatten. Sie fanden sich wieder, als Benno sich bei einer
zuflligen Begegnung ber das gerade besprochene Abenteuer in Canada dahin
uern konnte, da ihm wenn auch nicht Ulrich von Hlleshoven, doch Hedemann
seit frhester Kindheit wohlbekannt, ja sozusagen sein Nhrvater und Erzieher
gewesen wre, solange bis der Dechant ihn ganz in seine Nhe nahm und ihn in der
Residenz des Kirchenfrsten nahe gelegenen Universitt auf Schulen schickte ...
Das Band der Freundschaft mute sich enger und enger um beide schlingen, da
Thiebold's Charakter die Hingebung selbst war. Nach wenig Monaten schon konnte
er nicht mehr ohne Benno sein, nichts mehr ohne ihn unternehmen. Alles, was
dieser sagte oder that, war fr ihn, sogar in Gegenwart anderer, ein Evangelium.
Seine enthusiastische Natur umschlang Benno, trotz allerdings mancher und fast
stndlicher Reibung, doch wie der Epheu den festen Stamm.
    Die Reise nach Kocher mit Extrapost entsprach Thiebold's Verhltnissen und
galt eigentlich der Huldigung Benno's und den Verwandten desselben in Kocher. Da
Benno aber allein und ber Lindenwerth und St.-Wolfgang und sogar zu Fu gehen
zu wollen erklrt hatte (in seinem Charakter lagen diese schroffen Ablehnungen
des liebevollsten Entgegenkommens), so hatte von dieser bequemen
Reisegelegenheit der Assessor von Enckefu den Gewinn. Dies war nur eine
oberflchliche Bekanntschaft beider Freunde. Sie htte sich jetzt fester knpfen
knnen. Gab das Zusammenreisen dazu die beste Gelegenheit, so wurde doch jede
weitere Beziehung wenigstens fr Thiebold durch die Scene mit Hedemann und
Porzia Biancchi unmglich.
    Lucinde hatte sich an jenem Abend, als sie im Riesen ein Gelag in dem
Geschmack, wie eben geschildert, voraussetzte, wenigstens in Betreff einiger
Theilnehmer vollstndig geirrt. Benno fehlte und Thiebold. Beide saen beim
Obersten auf seinem Weinberge. Sie saen mrrisch und ohne Entschlu, auch nur
auf die Dechanei zu gehen. Benno hatte an einem Souper im Riesen theilnehmen
wollen; Thiebold erklrte, mit Herrn von Enckefu nichts mehr gemein zu haben.
Hedemann ist ein Narr! hatte benno in seiner kurzen Weise erwidert und darber
entspannen sich dann Wortgefechte, die bald einen ernstern Charakter annahmen.
Sie endeten damit, da Thiebold das ganze, eigentlich ihm doch so unendlich se
und nothwendige Joch seiner Abhngigkeit von Benno einmal abschttelte und ihm
Dinge sagte, die sich selbst unter den besten Freunden nach vierundzwanzig
Stunden nicht wieder zurcknehmen lassen.
    Asselyn, hatte er gesagt, Sie sind ein Mensch, dem seine Philosophie noch
das Herz im Leibe ausdrren wird! Ich bemitleide Sie, wenn Sie sich Ihren
Dominicus Nck zum Muster genommen haben, diesen armseligen menschen, der einen
Million besitzt und Sonntags die Sacktrger beneidet, die vorm Thore bei einem
Glase des schandbarsten Krtzers Kegel schieben! Schmen Sie sich mit Ihrer
sndhaften Gleichgltigkeit fr Gott und die Welt! Sie erzhlen von einem
Zauberweib, mit dem Sie hierher gereist sind, und wollen nicht in die Dechanei
zurck, nur um sie nicht wiederzusehen! Von einem Engel in Menschengestalt,
einem Mondscheinelfen, unserer Armgart, wissen Sie nichts, als da sie ihrem
Vater ein paar Hosentrger stickt! Diese Porzia Biancchi ist Ihnen nicht viel
mehr als eine Landstreicherin, und Hedemann's Neigung finden Sie geradezu
lcherlich, da Sie doch wissen, da er, wie der Oberst, eine Natur ist, die die
die Spreu vom Weizen zu unterscheiden wei! ... Als Mller! wird Ihre ewige
Ironie einwerfen; aber nach Ihnen mte der Friede in dem Hause der Hlleshoven
und Ubbelohdes einfach nur durch die Polizei vermittelt werden! Sehen Sie zu,
wie weit Sie mit diesem Sibirien in Ihrem Herzen kommen werden! Gerade solchen
Naturen, denen alles gleichgltig ist, solchen, die in der ganzen Welt nichts,
aber auch nichts als Schein und Dummheit sehen, wird zuletzt so hei unter den
Sohlen, so fegefeuermig schwl schon hier auf Erden zu Muthe, da sie sich wie
der Skorpion, den man auf Kohlen setzt, zuletzt selbst umbringen!
    Sie haben wahrscheinlich in der letzten Nacht, wo Sie nicht schlafen
konnten, Seume's Spaziergang nach Syrakus gelesen? war alles, was Benno
geantwortet.
    Dennoch trafen die Worte Thiebold's ihn tiefer, als er sich den Schein gab.
    Dazu war er zu stolz, zu entgegnen: Sage mir, wie ich in die Welt gekommen
bin, und du wirst sehen, ich kann die Welt lieb haben! Er vertndelte den Ernst
seines Unmuthes berhaupt und auch jetzt den Ernst seiner innerlichsten
Zustimmung zu diesem ungewohnt starken Ausbruch allerdings schon vielfach
benutzter Freundschaftsrechte. Gerade dadurch, da er dennoch zu Enckefu hielt,
bewies er, wie sehr er sich getroffen fhlte.
    Vor Hedemann rechtfertigte er sich im Vertrauen:
    Lieber Alter, mgen Sie mit dem Enckefu haben, was Sie wollen, der Sohn hat
mir gestanden, da sein Vater in Verzweiflung ist - wie kann ich ihm meinen
Beistand entziehen!
    Hedemann hatte dieser Antwort auch zugestimmt und sie natrlich gefunden ...
Seitdem die Italiener im Orte angekommen waren und ihren gewohnten stark
aufdringlichen Handel trieben, schien er von der ersten Hitze seines Antheils
etwas zurckgekommen.
    Eine weitere Errterung und grndliche Ausshnung zwischen Thiebold und
Benno hatte in Kocher selbst nicht mehr stattgefunden. Major von Pritzelwitz
benutzte die ihm nur verwilligten drei Tage, um seine kleine Armee in einen
jeden Augenblick schlagfertigen Zustand zu versetzen und ihr durch tchtigstes
Sporengeben auch dergleichen Mucken der Gesinnung zu vertreiben, wie sie hier
zu Lande blich waren, wo man an Carnevalstagen den Kaiser Napoleon, seine
Marschlle und seine alte Garde in ffentlichen Aufzgen copirte. Moppes, Timpe,
Schmitz und selbst Weigenand Maus waren nicht selten schon zu Pferde mit
Mamluken einhergeritten und hatten sich mit allem Pomp so in Orden und
Stickereien gefallen, als wenn sie die Schlachten bei Jena und Eylau gewonnen
htten.
    Auch Benno's bester Absicht, den Streit in der Dechanei beizulegen und
Lucinden in sie zurckzufhren, lie sich nicht der Nachdruck seiner gewohnten
Handlungsweise geben. Diese fuhr mit Herrn Schnuphase schon am andern Tage in
ihre neue Lebensstellung.
    Und auch Thiebold war dann am Morgen des vierten Tages in Kocher pltzlich
verschwunden. Er hatte an Benno ein einfaches Billet zurckgelassen, worin er
sagte, es wrde ihm Vergngen machen, wenn er mit dem Assessor von Enckefu
seinen Landau benutzen wollte; er selbst wre in Flereigeschften erst mit der
Post, dann mit dem Dampfboot auf einige Tage nach Mainz gegangen.
    Seit heute Abend erst war er, und jetzt bedeutend abgekhlt, von dorther
zurck. In Lindenwerth hatte er Halt gemacht und sich mit den Empfindungen eines
Toggenburg einige Stunden am vielberhmten Hneneck aufgehalten. Nach dem
Fenster des Saales, in dem Armgart wohnte, hatte er das Angesicht gerichtet,
solange die letzten Strahlen der Sonne es vergoldeten. Da er keine Verwandte im
Pensionat hatte, wurden ihm die Besuche von den gestrengen Englischen Frulein
nicht mehr gestattet.
    Nun lag er hier, im Ohr die wsten Scherze seiner Freunde ... vorgenieend
schon die von ihm mit leidenschaftlicher Zustimmung ergriffene Sonntagspartie
nach Drusenheim, wo eine Begegnung mit Armgart nicht unmglich war ... sonst
aber aufgelst in Reue und Scham und unendlichster - Sehnsucht nach Benno.
    Und vielleicht wre dennoch auch ber ihn der Schlummer gekommen, wenn nicht
pltzlich im Hofe Wagenrasseln und das mahnende Knallen zweier Peitschen hrbar
geworden wre ... Er sprang auf, fiel fast, da die Lampen ausgegangen waren,
orientirte sich und weckte Pitern, der im Concert der ringsum Schnarchenden
jetzt eine Solostimme bernommen hatte ... Piter war eingeschlummert gewesen mit
den vertraulichsten Gestndnissen, die er in das Ohr seines Freundes Gebhard
Schmitz geflstert hatte ber zwei wunderbare Frauenerscheinungen, die pltzlich
durch einen hllisch vernnftigen Gedanken seiner Angehrigen ganz dicht in
seine Nhe verpflanzt waren ... weniger von Mamsell Lucinden Schwarz war er
entzckt - obgleich auch diese ... Und in diesen Haarspaltungen seines
Geschmacks war er selig eingeschlummert ...
    Nun, von Thiebold de Jonge aufgerttelt, fuhr er empor ... So gro auch
immer sein Vertrauen zu sich selbst war und so sehr er sich vorgenommen hatte,
sich in seiner ganzen knftigen Haltung im Leben einen wenn nicht groen, doch
eigenthmlichen und merkwrdigen Charakter zu geben, so geschah ihm doch immer,
da sein erstes Erwachen von irgendeiner der vielen, nicht blos durch den
natrlichen Schlaf verursachten Besinnungslosigkeiten regelmig eine
geringfgige Vorstellung ber die gerade obwaltende Situation begleitete, der
dann die vllig decontenancirte Miene entsprach ... So auch heute ... Der erste
Gedanke, als ihn Thiebold aufrttelte, war an das Fnfuhraufstehen in der
Handelsschule gerichtet ... Bald aber besann er sich auf sein gegenwrtiges
Alter und seine Stellung im Leben und in diesem Hause und rief donnernd den
Joseph im Vorzimmer wach, ihn in den Hof jagend, und taumelte, seliger
Rckerinnerungen voll, eine niedergebrannte Kerze in der Hand, das Product
seines ihm nur fr den Ausbau des Domes seiner Vaterstadt mangelnden
Ingineursinnes, die luftige, zierliche neue Wendeltreppe, empor.
    Er mute ja, whrend Thiebold die andern Schlfer weckte, noch einmal in
sein Garderobezimmer ... Um ganz dem Bilde der Modenzeitung, nach der er sich
krzlich erst fr die Morgentoilette, fr die Jagd und fr Reisen equipirt
hatte, zu entsprechen, fehlte noch sein Plaid und seine Tragtasche an
juchtenledernen Riemen. Piter war in solchen Dingen exact. Fr die Jagd besa er
eine rothe Jacke mit kurzen Schen, goldenen Knpfen, grauledernen Hosen und
hohe gefirnite Stulpstiefel. Fr die Reise trug er einen kurzen Phantasierock
mit zwei Brusttschchen, schottische Beinkleider ohne Sprungriemen, Lackstiefel,
die, wenn die Beinkleider in die Hhe gingen, Schfte von rothem Saffian
zeigten.
    Wie Piter etwas mhsam hinaufsteigt, wird ihm eine Ueberaschung zu Theil.
Kaum hatte sein etwas schwerer Fu auf der leichten Treppe die ersten Stufen
betreten, kaum hatte sich sein etwas unsicheres Auge berzeugt, da es auch oben
dunkel geworden war, kaum war die mit besonderm Nachdruck an die Lehne sich
krampfende rechte Hand im Begriff mit der linken zu wechseln, wobei die
Uebergabe des Lichtes in die andere Hand mit Schwierigkeiten verbunden schien
und, da er sie doch zu berwinden versuchte, das Licht auch richtig ausgehen
lie - als von oben her eine Thre aufging und der Schimmer eines Lichtes dem im
Dunkeln Emportastenden zu Hlfe kam.
    Und kaum hatte Piter, staunend ber dieses ungewohnte nchtliche
Lebendigsein ber ihm, aufgeblickt, so mute er sich um so betroffener fhlen,
als ihm ber das kleine bronzirte Gitter hinweg ein holdes Frauenantlitz
entgegenleuchtete; in Wirklichkeit leuchtete mit einem Lichte und figrlich
durch holdesten Liebreiz und eine seltene Anmuth; dabei dasselbe zarte
Mdchenangesicht, in dessen Schilderung er soeben zu Gebhard Schmitz beinahe
htte poetisch werden knnen, wenn ihn nicht der Schlummer bermannte ...
    Ja aber, um Gottes willen! Sie noch auf? sprach er mit nicht leichter Zunge
...
    Das junge Kind zitterte und trat mit dem Leuchter in der Hand zurck ...
denn nun stand Piter schon schwer und krampfhaft und mit einem entsetzlichen
Dunst von Taback und Wein dicht vor ihr ... Er weidete sich an einem Anblick,
der ihm ein Bild aus Himmelshhen schien. Diese zwar nur kleine, aber zierlich
behende Gestalt, dies goldblonde Haar, das einen Trauerkrepp in seine dichten
Flechten eingewunden hatte, diese aus einem gleichfalls trauernden schwarzen
Kleide hervorblendende weie Haut und der Schnitt des Gesichtes von einer
wunderbar lieblichen Rundung und Regelmigkeit bten wieder die ganze Wirkung
auf ihn aus, die er schon seit gestern frh um zehn Uhr empfpunden hatte, als er
dieses neu hinzugezogene Mdchen seiner Schwester Hendrika Delring zum ersten
mal gesehen hatte.
    Aber zum Donnerwetter ... wie kommen Sie denn dazu, so - so lange
aufzubleiben oder vielmehr -?
    So hab' ich Frau Commerzienrthin - vielleicht - nicht richtig verstanden -
sie befahl - mir, da ich hier oben doch - bei Madame Delring bin - immer auch
auf Ihre Wnsche zu hren - und wenn Sie reisten - htten Sie manchmal noch
etwas nthig - und da - wartete ich so lange -
    Die Stimme des armen berwachten, verweinten und erschreckten Mdchens
zitterte ...
    Na, das ist ja aber wahrhaftig noch besser ...
    Piter lachte wie ber eine grenzenlose Beschrnktheit und doch that ihm die
Naivett wohl, die so auf seine allerhchste Befriedigung bis gegen vier Uhr
Morgens aufbleiben konnte.
    Hahaha, lachte er und taumelte, um sein ausgegangenes Licht auf eine
Fenstersims zu setzen. Das ist ja einzig! Sie bleiben 'ne ganze Nacht um
unsereinen - und nun reis' ich - jetzt, wo ich solche - Nachbarschaft - - habe -
Meine Schwester - na, wird einen schnen Lrm machen, wenn sie hrt, da Sie
Muttern so unsinnig - wollt' ich sagen allerliebst - verstanden haben! Herr Gott
- kleiner Engel! Die Zeiten sind vorber, wo man - Nachts aufblieb - wenn
unsereins blos nur noch Elberfeld reiste - Jetzt heit's: Reise glcklich! und
das Uebrige - macht Wecker an der Uhr - und - und Hausknechts Stalllaterne -
    Diese blitzte auch unten im dunkeln Hofe hochauf an die Hauswand gegenber
...
    Piter wollte von dem beraschenden Misverstndni noch Vortheile ziehen,
aber das schne Mdchen hatte schon die Thr ihres Zimmers zum Rckzug in der
Hand -
    Piter wollte nach und trat einstweilen mit den Fen zwischen die Oeffnung,
die die Fliehende schlieen wollte.
    Warum sind Sie denn schwarz - an - angezogen - Donnerwetter und wie heien
Sie denn -?
    Gertrud Ley -
    Gertrud! Also Treudchen? Sieh! Du bist schn, Treudchen, straf mich Gott,
wie ein Engel - aber - aber warum denn der schwarze Flor da in - deinen
allerliebsten -
    Wenn Treudchen Ley jetzt in ein fast krampfhaftes Weinen ausbrach, so war es
nicht so sehr die Erinnerung an die Leiden, die sie seit einigen Wochen und
vollends den letzten Tagen durchgemacht hatte, als auch das Gefhl der tieffsten
Beschmung ber den Irrthum, der sie so bis frh Morgens hier oben aufsitzen und
wachen lassen, auch vielleicht der Schmerz, dafr so belohnt zu werden, wie
jetzt von Pitern geschah ... und auch ihr Vater fiel ihr ein, wie der so des
Morgens aus den Wirthshusern kommen konnte.
    Ihr Weinen war so convulsivisch, da Piter darber an Besinnung verlor und
gewann - je nachdem. Den Versuch sich ihr noch zu nhern gab er auf und zog sich
scheu und seit langer Zeit zum ersten mal in einer Art Verlegenheit auf seine
Zimmer zurck.
    Als er dann wiederkam mit Plaid und Tasche, war Treudchen verschwunden. Die
zu den Zimmern seiner Schwester fhrende Thr war verriegelt.
    Er klopfte und klopfte. Er war in einer Begeisterung, in einem Sturm, in
einem Drange der Liebesbetheuerung, in einem Vergessen ganz seiner selbst -
    Treudchen Ley antwortete aber nicht mehr.
    Piter mute den schon mahnenden Freunden folgen.
    Unten schob einer den andern in die harrenden beiden Wgen. Im Abfahren
waren alle sieben noch leidlich wach. Piter war sogar ganz, als htte er die
seiner Natur durchaus nothwendigen zehn Stunden vollstndig geschlafen, er
lachte und trllerte, und sagen wir nur, wie unsinnig. Seine eben erlebte
Geschichte htte jedoch niemand hren knnen, wollte er sie auch erzhlen, so
rasselte man ber die den und schon vom kommenden Tageslicht angedmmerten
Straen, ber die groe Brcke, durch die Festungswerke; auch kam die pariser
Mallepost, nicht unhrbar, hinter ihnen her ...
    Im Bahnhof angekommen, schliefen alle auer Pitern und Thiebold.
    Nun aber raffte man sich noch einmal auf und nahm Abschied. Kutscher und
Bediente besorgten Piter's Effecten und die Freunde gewannen auf einen
Augenblick ihren alten Humor wieder. Allein fiel ihr erstes Reisen zur Messe
nach Frankfurt oder Leipzig ein und nun brach Gebhard Schmitz, der
Dialektknstler, wieder das Eis und entfaltete neue Talente. Sie, mein kutes
Hrrchen! Eine kute Messe! variirte er und der einfallenden Chorus schselte
mit, bis auf den Pfiff der Locomotive der Zug davonbrauste und ein donnerndes
Hurrah den Zweck und die Bedeutung dieser Nacht krnte.
    Die Chaisen fuhren jetzt in die Stadt zurck und setzten alle jungen
Herrschaften vor den Pforten ihrer hochmgenden Vter ab, wo dann ein jedes froh
war, sich in bequemen Sprungfedermatratzen auszuruhen von soviel Witz, soviel
Bildung, soviel Kenntni der Welt und der Menschen, soviel bewutem Werth fr
die Welt im allgemeinen und diese hchst ehrwrdige und in so vielen Dingen
entschieden und selbstbertrauend den vaterlndischen Ton angeben wollende Stadt
im besondern.
    Whrend Piter vielleicht entschlummernd Treudchen im hochzeitlichen Kleide
und von ihm selbst an den Altar gefhrt sah - es wre das die kapitalste Idee
gewesen, die sein ihm mangelnder Verehrungssinn fr die Familie htte
ausfhren knnen - war Thiebold, der jeden der Genossen noch an sein Haus
gebracht und sich das Festhalten an der Drusenheimer Sonntagspartie bedungen
hatte, in der Mitte der Stadt ausgestiegen.
    Schon war es halb fnf Uhr ... die Straen wurden lebendiger ... die
Tageshelle mehrte sich ...
    Seine Schritte fhrten ihn an einen kleinen winkeligen Platz, wo Benno
wohnte.
    Mit der Schwrmerei eines Verliebten stellte er sich an einen schon von den
Mgden mancher fleiiger Handwerker belebten Brunnen und sah zu den
geschlossenen Fenstern seines Freundes im ersten Stock eines schmalen Huschens
empor.
    Es hing ein Blumenbret vor dem Wohnzimmerfenster ... alle drei Lden waren
geschlossen.
    Der Morgenthau, die herbstlich frische Luft khlte die Augen des stillen
Beobachters, der gewi sein konnte, drauen auf den Holzfen seines Vaters auch
schon das lebendigste Tagwerk begonnen zu finden.
    Wie er einige Minuten so gestanden hatte, nicht achtend der Neugier um ihn
her, nicht achtend der Fuhrwercke, die schon im Gang waren, der Ausrufungen, die
schon von Verkufern ertnten, ffneten sich im ersten Stock die Jalousieen an
Benno's Wohnzimmer.
    Benno war schon aufgestanden und ffnete, wie er war, im rothgestreiften
Nachthemde, mit der einen Hand durch sein dunkles Haar fahrend, mit der andern
einen kleinen Vogelbauer unter die Blumen setzend.
    Guten Morgen, Asselyn! rief Thiebold voll bebender Freude und fast
schchtern hinauf.
    Guten Morgen, de Jonge! war die ruhige und erstaunte Antwort.
    Schon so zeitig auf?
    Und Sie noch so spt wach?
    Haben Sie schon gefrhstckt?
    Das nicht! Aber Reste aufzuarbeiten ... Doch kommen Sie nur herauf, falls
Sie mir nicht wieder ber meine alte Kaffeemaschine die Ohren voll lamentiren
wollen!
    Thiebold wute schon, da das alles von Benno nur Redensarten waren, die
wenigstens die halbe Freude der Ueberraschung verdeckten, die er selbst so
berstrmend voll und vom tiefsten Herzensgrunde ganz empfand.
    Da ist der Hausschlssel! sagte Benno nach einer Secunde und warf ihn
hinunter.
    Thiebold hob den Schlssel auf, schlo die Hauspforte und stieg die schmale
Stiege zu seinem Freunde und zum gemeinschaftlichen Frhstck hinauf.
    Er wute, da er seinem bewunderten und angebeteten Asselyn nicht um den
Hals fallen durfte; er wute, da ihm jede weitere Errterung des
Misverstndnisses mit den Worten wrde abgeschnitten werden: Sie sind ein
nrrischer Kerl! ... Er wute, da seine ganze zu einer Scene der innigsten
Zrtlichkeit geneigte Stimmung sofort die kalte Douche der Ironie bekommen
wrde. Aber wie er so Stufe um Stufe hinaufstieg, fhlte er doch, er kam aus
einem Chaos voll Nacht, voll Kampf, voll Wahn, voll Thorheit zu einem Menschen,
der sein berwallendes Herz beruhigen, die dunkeln Stimmungen seiner Seele
erleuchten, ihn im Straucheln halten, im Irren fhren konnte, zu einem Freunde,
zu dem, so jung er war, er und mancher andere htten sprechen drfen:
    Bei dir - ist Licht und Ruhe!
    Darin glichen sich Bonaventura und Benno, da jeder von ihnen umstrickt und
umsponnen war von einem durch Schicksalshand angelegten Lebensrthsel. Aber auch
darin glichen sie sich, da von einer zu hoffenden Lsung desselben ihnen andern
mehr abhngen mute als nur - ihr eigenes Glck.

                            Ende des zweiten Buchs.


                                  Dritter Band

                                  Drittes Buch

                                       1.

Von einer Handwerkerfamilie, die nach einem dunkeln Hofe hinaus arbeitete, hatte
Benno drei auf einen kleinen, von einem belebten Brunnen geschmckten
Winkelplatz hinausgehende Vorderzimmer gemiethet.
    Eines davon, einfenstrig, war sein Schlaf-, die andern, zweifenstrig, waren
Wohn-, Arbeits-, Empfangszimmer, je nachdem.
    In einem derselben stand ein Repositorium mit einer Anzahl von Schubfchern,
in denen sich theils die Acten der ihm von Dominicus Nck zugewiesenen Processe
aufhuften, theils schon manches Fascikelchen lag der auch ihm schon
aufblhenden, freilich noch an den schtzenden Namen und die Unterschrift seines
Principals gebundenen ersten Frhlingskeime einer eigenen Praxis ... Im
unbestreitbaren Wohnzimmer lie Benno schon zuweilen in den Frh- und
Nachmittagsstunden manche Partei warten, die ber ein paar empfangene Ohrfeigen
oder ein paar unbezahlt gebliebene Beinkleider seinen Rath begehrte und von ihm
nach Abfertigung eines pressantern Clienten mit staatsmnnisch bedeutsamer
Miene gebeten wurde, sich auf einem Sopha von ehrwrdig altem schwarzen
geflammten Merino (zu diesen Flammen war hier und da schon der entschiedenere
Brand einer etwas vergelich gerauchten Cigarre gekommen) oder einem wirklich
prachtvoll glnzenden rothsaffianen Sessel auszuruhen, welchen Phnix seines ihm
theilweise persnlich angehrenden Mobiliars ihm Thiebold de Jonge verehrt
hatte. Oder man knnte, da dieser Sessel klein, zierlich, auf einer Rolle gehend
und wie luftig war, ihn unter dem bescheidenen Hausrath, der altmodischen
Kommode von Nubaumholz, dem Schreibsecretr von Birken-, den lackirten Sthlen
von Tannenholz, auch einen prchtigen Kolibri nennen in einem solchen
gewhnlichen Drahtbauer, wie der war, in dem Benno bereits eine Art Familie zu
ernhren hatte, zwei Canarienvgel seiner Wirthsleute, die er von ihnen in
Pflege genommen zur Erzielung einer Hecke, bis sich freilich herausstellte, da
die frisch aus dem Nest genommenen kleinen Thierchen Sieen waren, was Benno
leider erst entdeckte, als er sich an beide Geschwister so gewhnt hatte, da er
sie auch ohne Gesang und Hecke vor seiner Wirthin rettete, die von einem
pflichtschuldigen Tode derselben durch irgendeine nachbarliche Katze sprach.
Jetzt prangte dieser Lehnsessel vollends, seitdem Benno bei seiner Zurckkunft
von Kocher am Fall wieder zu seinem hchsten Verdrusse eine neue Gabe seines
manchmal unertrglich aufmerksamen, Freundes vorfand, einen in smmtlichen drei
Zimmern gelegten bunten prachtvollen Teppich fr den Winter ... ... Gegen diese
Zuvorkommenheiten des jungen Halb-Millionrs lie sich gar nicht angehen.
Thiebold zerbrach, statt des Gottes der Zeit, lieber zufllig selbst einen Stuhl
und erklrte dann mit gemachtem Schreck, seinem Freunde oder den Wirthsleuten
einen Ersatz dafr schuldig zu sein, als da er sich die Gelegenheit htte
nehmen lassen, Benno statt nur durch Zank auch einmal auf diese Art seine
Freundschaft zu beweisen. Den alten in Ruhestand versetzten Lehnsessel, der mit
dem Sopha, in Rcksicht auf geflammtes Muster und Ehrwrdigkeit des Ueberzugs,
harmonirte, hatte er schon vor lngerer Zeit einmal, wie er entschuldigend
sagte, in Gedanken mit dem Federmesser, das er wie zufllig von dem Tische
Benno's genommen, in der Armlehne zerschnitten und den neuen Teppich motivirte
er auf Benno's Vorwrfe, die ihn deshalb heute in der Frhe gleich beim
Eintreten und in medias res gehend empfingen, mit folgenden Worten:
    Bester Freund, das bitt' ich mir denn doch aus! Seitdem ich einmal das
Unglck gehabt habe, beinahe in den St.-Moritz zu fallen, bin ich gegen alles
Kalte von einer merkwrdigen Empfindlichkeit! Im Winter hier bei Ihnen zu sitzen
und ber den offenherzigen Dielen Ihrer Baracke mich zu erklten - das werden
Sie nicht verlangen knnen!
    Und bei alledem, erwiderte Benno, sieht es nun erst recht bei mir aus wie
bei Bagage, die gern mchte und kann nicht! Der Teppich und der Sessel fhren
jetzt das groe Wort und haben die Oberhand! Jedermann wird jetzt glauben, da
ich statt heraufzukommen ein Heruntergekommener bin!
    Himmel! unterbrach Thiebold, zog seine Cigarrentasche und betrachtete ein
auf dem Tische neben dem Terminkalender liegendes kleines Octavbchelchen,
worber Benno zierlichst Verlge geschrieben hatte; Asselyn, ist das Ihr
Einnahmebuch? Sie haben ja einen Bogen mehr hinten angeheftet? Sind das die
Einnahmen von dem groen Proce der Dorste-Camphausen, in dem Sie auch, hr'
ich, zu thun bekommen werden?
    Und schon las er, eine Seite aufschlagend:
    7 Groschen 6 Pfennige Concept - 2 Groschen 6 Pfennige Copiatur -
    Wahrscheinlich, erwiderte Benno, ihm trotz des Spottes das Bchelchen sanft
aus der Hand nehmend, wahrscheinlich haben Sie in Mainz einen ganzen
schwbischen Urwald in Empfang genommen, da Sie heute schon frhmorgens so
bermthig Geldseele sind! Kommen Sie jetzt erst mit Ihrem Holzflo
angeschwommen? Oder hatten Sie die Nacht Geschfte mit einer vaterlndischen
Tabacksfabrik? Ich versichere Sie, Ihre Atmosphre versetzt die Phantasie
keineswegs in die Havanna!
    Merkwrdig, gab Thiebold zu und hatte bereits die Bchse mit gemahlenem
Kaffee aus Benno's Schreibsecretr von verblatem Birkenmaser genommen, indem er
leicht und leise den Besitzer, der dabei eine vorwitzige Untersuchung seiner
Kasse befrchtete, bei Seite drngte, ihm auch die auf dem Secretr stehende
Maschine aus und unter der Hand wegescamotirte und das heute, der noch nicht
bei Wege befindlichen Wirthin wegen eigne Sieden des Wassers zum Kaffee sich
allein aneignete; merkwrdig, wie geistesabwesend ich gestern gewesen sein mu!
Die ganze Nacht hab' ich von Piter's vermaledeiten Cigarren geraucht! Der Mensch
will jetzt in der Stadt den Ton angeben!
    So! So! sagte Benno. Waren Sie also wieder auf Ihrer amerikanischen
Akademie! Dann nehmen Sie den Kaffee allerdings, bitt' ich, ein Loth strker!
Welche groe That ist denn diese Nacht an der wahrscheinlich fr permanent
erklrten Bowle beschlossen worden?
    Die Caricatur auf die Gebrder Fuld und die Drusenheimer Sonntagspartie
jetzt so ohne weiteres zu nennen, nahm Thiebold de Jonge, der, wie es schien, im
Crescendo begriffenen Satire seines Freundes gegenber Anstand. Gab es doch auch
zunchst Dinge, die ohne zu spaen mit bitterm Ernste verdienten abgemacht zu
werden! Die Vershnungen machte zwar Benno immer nur so scheinbar und ohne
Gefhl und links um die Ecke herum, wie Thiebold sagte, der, wenn er einmal
gefhlvoll wurde - er wurde dies viel fter als er zugab - dann auch gern von
allen Kirchthrmen mit Zinken und Posaunen wie zur Weihnacht dazu geblasen und
mit allen Glocken gelutet haben wollte. Auch heute, war es der entbehrte Schlaf
oder welche sonstige lyrische Stimmung, auch heute htte er gern die
Vershnung etwas feierlicher gewnscht ...
    Er lie deshalb zunchst Benno, der sich vollstndiger ankleidete, allein
reden, was sonst in seiner Gegenwart selten geschah.
    Ohne Zweifel, lie sich Benno von der Schlafkammer aus vernehmen, ohne
Zweifel haben Sie Ihren Freunden Bericht erstattet von unserm Manver! Von dem
Sturm auf die groe Lehmschanze, wo der alte Pritzelwitz leibhaftig die
Franzosen vor sich sah, bis es von uns allen hie: Und Ro und Reiter sah man
niemals wieder!
    Thiebold schwieg ... Er braute Kaffee und Vershnung.
    Ein Glck, fuhr Benno fort, da drben nicht wirkliche Augereaus oder Drocs
commandirten! General Klebern hatten wir diesmal auf unserer Seite!
    Thiebold schwieg, selbst in Erinnerung auf ein ganzes Bataillon, das im Lehm
stecken geblieben war.
    Meine Stiefeln gingen am dritten Tage vollstndig aus der Naht! fuhr Benno
fort; und die Reserve, die Hedemann in meinem Mantel trug, pate nicht, denn von
dem siebenmaligen Sturm auf die Lehmschanze hatt' ich Elefantenfe bekommen,
da mir die Stiefel zu eng wurden! Und nun reisen Sie mir mit Ihrem
Stiefelmagazin ab! Ich glaube, Sie hatten in Rcksicht auf das Trottoir in
Kocher und Ihre Hhneraugen sechs Paar mit! So schnell waren Sie ber alle
Berge, da man glauben konnte, Sie htten sie alle auf einmal angezogen! Haben
Sie denn Ihren Freunden heute Nacht auch erzhlt, wie Sie mich auf dem Weinberg
beim Obersten von Hlleshoven abschilderten?
    Nun verzog Thiebold ein wenig die Miene ... er merkte eine Geneigtheit des
Freundes, auf seine lyrische Stimmung einzugehen.
    Unsereins ist freilich zu unbedeutend, fuhr Benno, immer von der Kammer aus,
fort, Gegenstand so hochmgender Discussionen zu werden. Was wurde denn
errtert? Das nchste Fastnachtsprogramm? Ich wre fr Mercur's Triumphzug! Alle
neun Musen mten hinter dem Handelsgott hergehen und ihm die
schmeichelhaftesten Opfer bringen! In der Mitte ein groer Wagen ganz mit
Rosinen gefllt und Alexander von Humboldt davor als ein ganz gewhnlicher
Kutscher in eurer Livree! Dann eine Heringstonne, Schelling und Hegel dahinter
mit Lschpapier in der Hand, Fichte im grauen Rock mit der Ladenschrze! Dann
eure heiligen drei Knige hier als Importeurs von Thee, Taback und Indigo -
Melchior, der schwarze, noch mit einem Zuckerhut in der Hand - oder sind Sie fr
Runkelrbe?
    Ohne im mindesten sich reizen zu lassen von Benno's lateinischem Stolze,
unterbrach Thiebold nur mit den einfachen und hchst gelassen geseufzten Worten:
    Nicht einmal kleinen Zucker im Vorrath!
    Damit holte er tief wehmuthsvoll einen Stiefelknecht aus dem Zimmer, in dem
Benno's jugendlich knospende Praxis in dem Repositorium lag und wo er des Abends
nach Hause kommend immer zuerst musterte, was etwa neu eingetroffen von seinem
Schreiber in die kleine Baumschule knftiger fruchttragender Proce-Obstgrten
gelegt war, whrend er sich dabei die Stiefeln auszog.
    Thiebold zerklopfte ein groes Stck Zucker, das er gleichfalls aus Benno's
offenem Schreibsecretr, Kassa und Speisekammer zu gleicher Zeit enthaltend,
genommen hatte ...
    Nun, erzhlen Sie doch von Ihrer Reise! sagte Benno und setzte, dies jedoch
etwas kleinlauter, hinzu:
    Waren Sie denn auch in Lindenwerth?
    Thiebold klopfte am Fenstersims Zucker; Benno trat im Hauskleide an den
Kaffeetisch ... Sein geschornes Militr-Haar war schon wieder voller gewachsen
und setzte auch seine gewohnte natrliche Kruselung an. Sein Teint, immer etwas
bleich, war heute von einer milden Rthe angehaucht. Sein Hals lag offen, wie
die Brust, die die ganze brunliche Schnheit hatte, die von den Alten am Manne
so gerhmt wird. Beide Freunde htten sich ganz wohl zu einem Modell der
Dioskuren stellen knnen; vorausgesetzt da der Knstler sowol eine kleine
Neigung Thiebold's, mit seinen lichten Milchblutformen und dem sozusagen blonden
Habitus seiner ganzen Constitution etwas ins Allzuvolle berzugehen, und bei
Benno im Gegentheil eine gewisse brennende und an die mit phrygischer Mtze
geschmckten Gestalten neapolitanischer Fischer erinnernde Magerkeit weise
gemildert htte.
    Auf die Frage: Waren Sie denn auch in Lindenwerth? war die Thiebold'sche
Gegenfrage: Gestern ist ja wol Ihr Vetter angekommen? gewissermaen Bldsinn und
doch lag eine Antwort darin.
    Beide nmlich, Benno und Thiebold, waren von dem Zwiespalt in Armgart's
Familie unterrichtet; beide wuten, da Armgart's Lehrerin, Angelika Mller, an
den Dechanten etwas Entscheidendes in dieser Angelegenheit geschrieben hatte;
doch kannten sie den nhern Inhalt der Erklrungen Armgart's nicht und mochten
den Obersten am wenigsten drngen, ihnen mitzutheilen, was Bonaventura in der
Morgenstunde, wo sie noch nicht die Lehmschanze erstrmt hatten, doch schon frh
genug aus waren, um einen forcirten Marsch zu unternehmen, bei ihm gewollt
hatte. In Armgart's Angelegenheiten war etwas vorgefallen, das hatten sie, als
sie Abends spt todmde zurckkamen, schon gemerkt; aber selbst Benno wute von
der Wanderung vom Hneneck an bis zur Maximinuskapelle aus Armgart's eigenem
Munde ber ihre heimlichen Gesinnungen gegen den Vater nichts weiter, als da
sie vor Sehnsucht brannte, ihm ein paar selbstgefertigte Tragbnder zu schenken
... Nun lie sich fast annehmen, da Bonaventura auch mit Auftrgen des Obersten
und Dechanten fr Lindenwerth erschienen war und darin lag denn doch eine
gewisse Logik der Thiebold'schen Gegenfrage.
    Was soll ihm denn hier werden? fragte dann Thiebold und klopfte Zucker in
Hoffnung, von Armgart zu hren.
    Er ist auf heute frh zum Kirchenfrsten bestellt ... sagte Benno und hob
den Deckel der Maschine auf, die stark genug war, Wasser zum Sieden zu bringen.
Man vermuthet eine Berufung an den Dom ...
    Sieh! Sieh! ... Blieben Sie denn noch in Kocher lange nach mir?
    Ein paar Stunden! steuerte Benno auf die feierlichere Beilegung der
Differenz zu. Ich hatte Eile zu meinen Arbeiten zurck! Und Nck schrieb mir
Auftrge fr die Reise noch bei einigen Gutsbesitzern und Bauern ... ich kann
alle Stunden gewrtig sein, wieder auf ein paar Commissionen hinaus zu mssen
...
    Ich hoffe, da Sie Ihren Vetter bei uns einfhren! lie Thiebold fallen.
Wann wollen Sie mit ihm bei uns speisen?
    Mein Vetter ist hchst einfach und liebt die Gesellschaft nicht ... Auch
will er schnell nach St.-Wolfgang zurck, obgleich ich hre, da der
Kirchenfrst unplich ist und ihn vielleicht gar noch nicht einmal empfangen
kann ... Die reizbare Eminenz ist, wie mir Enckefu erzhlte, in einer
gewaltigen Aufregung, die ihn um so mehr erschttern mag, als er sie uerlich
nicht verrth.
    Nun war der verhngnivolle Name Enckefu gefallen ... Thiebold wich aber
noch aus und sagte:
    Da ich von der Dechanei so kurzen Abschied nahm! ... Ich bereu' es fast ...
Hat sich das Verhltni mit der Dame nicht ausgeglichen?
    Wissen Sie denn nicht? fiel Benno ein.
    Was soll ich wissen?
    Whrend ich noch mit Frau von Glpen zu ihren Gunsten parlamentirte, war sie
ja abgereist ... Aber erfuhren Sie denn nicht, im Kattendyk'schen Hause -?
    Was?
    Mit Ihrem Zauberweibe haben Sie Ihre schlechten Cigarren unter Einem Dache
geraucht!
    Ich wei kein Wort ...
    Zauberweib war ein Ausdruck gewesen in Thiebold's groer Apostrophe an
Benno's Herzlosigkeit. Dies Wort wirkte jetzt auf ihn wie die beschmende
Erinnerung an einen Rausch ...
    Er wollte etwas erwidern, verschluckte es jedoch wegen nicht ausreichender
Stimmmittel ...
    Himmel! fuhr Benno fort. Wenn diese scharfen Augen und Ohren das Nglig
Ihres tapfern Herzens und besonders Ihrer Zunge belauscht htten!
    Welche denn?
    Diese neue Bewohnerin des Kattendyk'schen Hauses! Lucinde Schwarz!
    Gott sei Dank! Ich schwieg den ganzen Abend -
    Schnuphase vermittelte das Engagement! Auf die Folgen bin ich begierig!
    Deshalb war Piter so geheimnivoll - Noch im Bahnhofe -
    Wo -?
    Wir brachten Pitern vor einer Stunde auf den Bahnhof! Er ist nach Witoborn,
um eine Liegenschaft anzukaufen ...
    Aus der Enckefu'schen Schuldenmasse? Sieh! Sieh! Das nenn' ich rasch bei
der Hand!
    Wie so, Enckefu'sche -? Ich habe am Ende Pitern noch das Geleit gegeben,
ein Angebot auf die Grundstcke zu machen, die der Oberst und Hedemann kaufen
wollten?
    Beruhigen Sie sich! ... Indessen -
    Eben wollte Benno seinem Freunde auseinandersetzen, da sich der Assessor
von Enckefu auf seine, Benno's, Verwendung an den Procurator Nck gewandt
htte, ihm in der Befreiung seines berschuldeten Vaters von den bittersten
Verlegenheiten behlflich zu sein ... Eben gab er eine Schilderung der
Verhltnisse des Rittmeisters, die ganz den Erinnerungen, die von diesem Lucinde
haben mute, entsprach ... Eben mute er zugleich sein Erstaunen ausdrcken,
da, wenn Piter Kattendyk wirklich die Enckefu'sche Masse erstehen wollte, dies
nur im Auftrage seines Schwagers geschehen sein knnte, jedoch in einer Eile,
die ihn wahrhaft berrasche - als Thiebold vom Fenster aus eine ungewhnliche
Aufregung auf dem kleinen Platze bemerkte.
    Was gibt es denn da? unterbrach Thiebold in pltzlichem Ausruf Benno's und
seine eigene Besorgni, die er fr Hedemann's Mhle aussprechen wollte, die
einen Theil der berschuldeten Enckefu'schen Besitzthmer bildete ...
    Auch Benno hatte schon lange ein ungewohntes Treppenlaufen in seinem kleinen
Hause bemerkt, war auch ans andere Fenster getreten und besttigte schon, da an
einem ganz in einen Winkel des kleinen Platzes gedrckten Hause ein starker
Zusammenlauf von Menschen stattfand, ja eben bestieg sogar ein Polizeicommissar
eine nach der Strae offen liegende Treppe des von den Menschen aufgeregt
umstandenen Hauses ... Die Menschen drngten nach ... Der Commissar wandte sich
und verbot jedem, nur auch einen Schritt weiter zu folgen ... Damit schlo er
die Treppenthr hinter sich zu und verschwand.
    Thiebold hatte in seiner raschen Art schon zum Fenster hinausgesprochen, was
denn da wre?
    Es ist die Nacht einer ermordet worden! hie es.
    Wie? Wer? riefen beide Freunde zugleich.
    Eine Frau!
    Die sanguinische Natur Thiebold's hatte schon den Hut in der Hand und
strzte die Stiege hinunter, um wenn nicht fr sich, doch fr seinen Freund
Benno eine fr so nahe Nachbarschaft beunruhigende Thatsache festzustellen.
    Indem kamen bereits die Wirthsleute Benno's und berichteten ihm, da in dem
Hause drben eine alte stadtbekannte geizige und nach allgemeiner Vermuthung
reiche Frau diese Nacht wre ermordet worden ... Die Milchfrau htte die Thr
ihrer Wohnung offen gefunden ... wre hineingegangen und htte die alte Dame mit
einer Schlinge um den Hals erwrgt gefunden, dicht am Kchenherde.
    Eine Frau Hauptmnnin - hie es; der Name ging Benno verloren, zumal in der
Eile, mit der man auf jeden aussein mute, der neue Mittheilungen brachte.
    Benno, inzwischen vollends angekleidet, wollte gleichfalls seinen Hut holen.
Ohnehin bekmmerte ihn, da ihn gestern Nachmittag ausschlielich Bonaventura in
Anspruch genommen und er Nck nicht gesprochen hatte, die pltzliche Ahnung
einer Gefahr, in die sowol Hedemann's und des Obersten Ankauf als selbst die
momentane Schuldenbefreiung des Landraths und Rittmeisters von Enckefu gerieth.
Der schne Enckefu߫ besa daheim, soweit Benno wute, keinen einzigen
Beistand, keine einzige Hlfsquelle mehr. Die Glubiger konnten sein Eigenthum,
ein greres Anwesen vor und in Witoborn, in Anspruch nehmen und schon hatte
Hedemann davon eine Mhle und deren Gerechtsame fr sich erstehen wollen von
einem der Witoborner Juden, der darauf eine Hypothek hatte, die dem ganzen
Werthe des Grundstcks fast gleichkam ... Kaufte Hedemann sie von dem Glubiger,
so erstand er sie zu geringerem Preise. Trat aber ein Gesammtkufer ein, der die
Schuldner befriedigte und - wie der Assessor fr seinen Vater hoffte - sich mit
diesem, der ohne Besitzthum nicht mehr Landrath sein konnte, arrangirte, so
fielen vielleicht Hedemann's Hoffnungen nicht nur auf einen wohlfeilen Preis,
sondern vielleicht berhaupt die fr den Ankauf und eine neue Begrndung seiner
Existenz vorhandene Mglichkeit dieser Erwerbung fort. Lie Nck, ohne seinem
Hlfsarbeiter davon etwas zu sagen, diesen Ankauf in solcher Eile und hinter
seinem Rcken vollziehen - noch gestern frh war kaum die allgemeine
Bereitwilligkeit des oft gar seltsamen Procurators gewonnen gewesen -, so fiel
zwar die Hoffnung gerade nicht fort, da Hedemann seine Mhle bekam, doch
jedenfalls wurde der Preis grer, als durch den Ankauf von jenem Einzelnen, der
seine Hypotheken retten wollte. Und noch war seiner schnellen Combination
sogleich etwas Anderes rthselhaft gewesen. Nck's Neigung, dem bedrngten
Enckefu zu helfen, schien ihm keine aufrichtige. Er hatte es sogar anfangs ganz
unbedingt abgelehnt. Und sogar von Hedemann und dem Obersten hatte er die Worte
fallen lassen: Bester, was ist denn nur das? Ich hre ja, diese beiden Leute
sind aus Amerika zurckgekommen und noch nicht ein einziges mal hat einer von
ihnen hier oder in Kocher am Fall oder in Witoborn einer Messe beigewohnt? ...
Benno wollte aufs schleunigste zu Nck oder Enckefu.
    Ein Glck aber zunchst fr den Kaffee, da eben auch Thiebold wieder
zurckkam ...
    Rasch zuspringend auf das bersiedende Wasser und ohne die Bereitung des
Frhstcks aus dem Auge zu verlieren, erzhlte er:
    Ja das ist schn! Ein richtiger completer Mord! Ich bin von der Wache
hinaufgelassen worden und habe mir die Geschichte angesehen! Hinter den
Vorhngen im zweiten Stock drben ... Schauerlich! ... Braun und blau ... In der
Kche dicht am Feuerherd liegt eine alte Person ... mit 'nem grlich
entstellten Angesicht ... und gerade als wollte sie in Todesangst
hinunterkriechen unter den Verschlag, wo das Holz liegt ... Der Mrder fate sie
dabei von hinten ... erwrgt ist sie ... darber kann kein Zweifel sein ... alle
Schrnke und Kommoden in den Vorzimmern sind erbrochen ... ringsum liegen
Papiere zerstreut und durchwhlt ... und wie bei einer completten Hexe sieht's
aus ... ausgestopfte frchterliche Vgel und Fudecken von wilden Thierfellen
und lange indianische Lanzen mit Pfeilspitzen und Kchern .... Die Milchfrau
klingelte und klopfte heute frh, findet die Thr offen, geht hinein und sieht
die alte Person auf dem Pflaster der Kche liegen, wie gesagt, gerade am
Feuerherd.
    Keine Vermuthung auf den Mrder? rief ein Chor von Hausbewohnern, der sich
die Resultate der Thiebold'schen Erkundigungen nicht entgehen lassen wollte und
das Vorrecht der Wirthsleute, einzutreten, durch Nachdrngen mitbenutzt hatte.
    Ich hrte nichts! ... sagte Thiebold.
    War sie denn ohne Bedienung -? stotterte ein alter zum Tod erblater Garon
aus der Dachstube, der sich im Nachtkamisol sein Frhstck eben selbst geholt
und die Milchkanne zitternd in der Hand hielt.
    Ihr letztes Mdchen, erzhlte man, war schon vor Wochen abgezogen - sie
wartete auf ein neues - die Person war berchtigt, da kein Dienstbote bei ihr
lnger als vier Wochen aushielt ... Erst in neuerer Zeit blieben manche etwas
lnger ... Das waren Mdchen, die aus den Klstern oder von Vereinen geschickt
wurden ...
    Da bei alledem dennoch die Frau Wirthin frisches Weibrot, Milch und die im
Keller aufbewahrte Butter brachte, so kam der Name der Hauptmnnin von Buschbeck
noch einmal an Benno's Ohr und jetzt erst war es ihm, als htte er diesen doch
krzlich von jemand nennen hren ...
    Erst, wie die Wirthsfrau erzhlte, die Frau wohnte dort oben schon seit
sieben oder acht Jahren, wre steinalt gewesen, nie mehr ausgegangen und schon
von andern Stdten wre sie um ihrer Bosheit willen hierher gekommen ... und
der, der sie umgebracht htte, der mte Bescheid gewut haben ... erst wie das
alles allmhlich auf Benno einwirkte und ihm pltzlich die Erinnerung kam, da
er einen bel berchtigten, leider mit seinem Principal, dem Procurator Nck,
vertrauten Mann, einen gewissen Jodocus Hammaker, einen verdorbenen Advocaten,
Winkelagenten und Makler verdchtiger Geschfte zuweilen Abends von jener Stiege
herabkommen gesehen hatte ... erst da fiel ihm ein: Auf jener Fahrt von
St.-Wolfgang fragte ja Lucinde Schwarz nach einem solchen Namen und nannte ihn
geradezu eine Schwester der Frau von Glpen!
    Benno stand so in Nachsinnen vertieft, da er Thiebold's Bemerkung, eben
kme der Assessor von Enckefu mit einem Schreiber daher und ginge auf das Haus
des Frevels zu und nhme wahrscheinlich das Protokoll auf, berhrte ... Die
Grauengestalt jenes Hammaker verlie ihn nicht ... Und Frau von Glpen! ...
Seine Empfindungen fr die Freundin seines Adoptivonkels waren die dankbarsten!
... Seine frhesten Knabenerinnerungen bewahrten der wunderlichen, an sich
respectabeln Frau ein mannichfach verpflichtetes Andenken! ... Seine frhesten
Lebenseindrcke ... welche waren es denn? ... Das lchelnde Antlitz einer
schnen vornehmen Frau, die einst wie unter Harfenklngen und Engelstimmen und
gerade wie selbst bei der grimmigsten Nordlandsklte sich die Kindheit in der
geweihten Nacht um der duftenden Aepfel, Nsse und Wachskerzen willen die
sternenhellen, eisigen Lfte drauen nur vom Lobgesang der Hirten und dem
Flgelrauschen himmlischer Heerscharen erfllt denkt, aus einer glnzenden
Kutsche stieg, sich ber ihn beugte und ihn kte ... eine weite Reise dann, die
sich ihm unter dem Bilde einer endlosen Reihe von Bumen eingeprgt hatte,
solchen, wie sie bei nrnberger Schfereien krauskpfig von Holz geschnitten
sind und ebenso rasch umfallen, wie die langen Schwadronen bleierner Soldaten
... das Blitzen dann der Epaulettes des franzsischen Offiziers Max von Asselyn,
der ihn adoptirt hatte ... nicht, da diese Epaulettes noch auf des
Adoptivvaters Schultern saen, sondern er spielte mit ihnen, mit den abgelegten,
ausgedienten ... dann klangen ihm im Gedchtni die dumpfen Glocken, die das
Begrbni Maxens von Asselyn bedeuteten; den Sarg hatte er nicht gesehen, nur
den vom Kirchhof zurckkehrenden Geistlichen, eine hohe mchtige Figur in weiem
Ornat mit goldstarrendem Besatz, den Pfarrer Perl zu Borkenhagen ... dann
tummelte er sich mit Hedemann auf dem Gehft der Aeltern desselben, ritt nach
Witoborn, Westerkamp und sah im Geiste immer die Leute aus der alten
Ludgeri-Kapelle bei Stift Heiligenkreuz kommen mit Gesangbchern, von denen
sich, wie das so ist in unserm wunderlichen Vorrathshause, dem Gedchtnisse,
gerade vorzugsweise der blitzende goldene Schnitt eingeprgt hatte ... auch die
vierspnnige Kutsche des Grafen Joseph von Dorste-Camphausen, des letzten seines
Stammes, Vaters der Grfin Paula, sah er oft ... dann wurde er in Pensionen
gegeben, hierher an den schnen Strom, erst in die Residenz des Kirchenfrsten,
dann unter Bonaventura's, des schon etwas Aelteren Aufsicht nach der nahe
gelegenen Universitt, wo er die Vorbereitungsschulen und dann die Hochschule
selbst besuchte - alles das hatte der Dechant mglich gemacht und Frau von
Glpen spielte bei diesen Phantasmagorieen der Erinnerung die freundlichste und
mtterlichste Rolle ... er wie Bonaventura wurden versorgt von ihr mit allem,
was nur zu des Leibes Pflege und Nothdurft gehrte, Ausstattung an Wsche und
wohlwollenden Rathschlgen aus ihrem bekannten reichen Schatz medicinischer und
ditetischer Erfahrungen ... Zwischen alles das aber hindurch hatte er nie von
einer Schwester der Freundin seines Oheims gehrt, nie nur den Namen frher
nennen hren als zum ersten male durch Lucinden ... Und jetzt sollte dieser sich
so grauenvoll in Erinnerung bringen? Sollte in eine Verbindung treten mit dem
stillen Frieden der Dechanei? Sollte in jene leidenschaftslose, nur der Ruhe und
dem Behagen gewidmete Welt die dstersten Schatten werfen?
    Die Schonung und die Scheu vor Menschen, denen Benno so dankbar verpflichtet
war, hinderte ihn selbst gegen Thiebold sein Erstaunen und seine
tieferschtterte Ueberraschung auszusprechen.
    Unruhig und bewegt stand er auf und schritt in seinem Zimmer, deren Thren
er ffnete, auf und nieder ...
    Thiebold nahm, whrend sie dann von den Leuten frei wurden, die Thr
schlossen und frhstckten, seine Bemerkung, da der Assessor von Enckefu
drben im Hause der Ermordeten wre, dann Piter's Reise und die Gefahr des
Hedemann'schen Ankaufes wieder auf. Letztere stellte jedoch Benno entschieden in
Abrede.
    Nur staun' ich, sagte er, wie das seit gestern so rasch gegangen! Schon in
Kocher am Fall theilte ich Hedemann und dem Obersten mit, da ich, wenn etwa
Nck der Gesammtglubiger des Herrn von Enckefu wrde, dafr Sorge tragen
wollte, da Hedemann die Mhle um den Preis bekme, den er an den auf sie
angewiesenen Hypothekenglubiger zahlen wollte. Alle diese Glubiger lassen mit
Freuden ihre Hypotheken mit einem Verluste ab, wenn sie nur berhaupt die
Subhastation vermeiden knnen, bei der sie verlieren; denn auf diese Besitzungen
wurde mehr Geld aufgenommen, als sie jetzt Werth haben. Kauft Nck durch seinen
Schwager die Hypotheken auf, so wird er der alleinige Glubiger des
Verschuldeten und ich hoffe - indessen wnscht' ich doch zu wissen, ob der
Assessor lange drben verweilt und ob er vielleicht -
    Herber kommt? unterbrach Thiebold, sehr befriedigt von der dann
nothwendigerweise eintretenden vollstndigen Ausshnung. Und dieser Ausshnung
schon gewi sagte er: Es ist einzig, welchen Nachdruck der Oberst und Hedemann
auf diese Erwerbung bei Witoborn legen!
    Beide haben, erklrte Benno und fixirte die Fenster, wo die Ermordung
stattgefunden - die Kche selbst lag nach hinten auf eine dstere und einsame
Brandmauer hinaus - beide haben den Stolz, da, wo sie zu Hause sind, mit dem
gebhrenden Nachdruck ihrer ganzen alten Lebensstellung wieder auftreten zu
wollen!
    Hm! grbelte Thiebold und setzte kleinlaut hinzu: Wie viel anders knnte das
alles sein - wenn - Glauben Sie wol, Asselyn, unterbrach er sich, da ich
einmal, ich will nicht sagen jetzt, aber in einem Jahre oder zwei, einen - Korb
bekomme, falls ich als Brgerlicher -
    Benno verstand vollkommen, da Thiebold von einer Werbung um Armgart und den
Vortheilen einer Verbindung des Vaters mit seinem Vermgen sprechen wollte.
    Brgerlicher? De Jonge! sagte er scheinbar ironisch, whrend ihm alle Nerven
zuckten und Thiebold's auch nur angedeutete Werbung einen Stich durchs Herz gab.
    De - de -? Ach so, Sie meinen - sagte Thiebold verlegen ...
    De Jonge -! Wer wird Ihnen einen alten niederlndischen Adel abstreiten
knnen!
    Einen Adel, der viel Mesalliancen durchgemacht hat! Wir handeln jetzt mit
Brenn- und Nutzholz, aber kein Baum hat uns je so morsch auf Lager gelegen wie
unser Stammbaum!
    Das De sagt immer etwas -
    Hren Sie 'mal, meine sel'ge Mutter war sogar eine geborne Tor - Tor Mhlen!
    Zur Mhlen! Sie sehen, wie alles zusammenkommt, um das Wasser auf Ihre Mhle
zu treiben!
    Aber Joseph Tor Mhlen - Twist und Baumwolle -
    Haben Sie denn nicht gehrt, da der Oberst von Hlleshoven nicht bel Lust
hat, mit Hedemann die Mhle ganz einfach in eine Papierfabrik zu verwandeln?
    Nach dem Dechanten, als die Rede davon war, ein bloer Scherz ...
    Scherz, den der Oberst ernst zu nehmen der Mann ist! Oder haben Sie nicht
bemerkt, da in diesem Sonderling ein Gelsten lebt, dem ganzen Geiste seiner
Provinz gleichsam einen Fehdehandschuh hinzuwerfen?
    St! unterbrach Thiebold, der bei alledem so in Gedanken verloren war, da er
seine Absicht ganz vergessen hatte, die Rckkehr des Herrn von Enckefu aufs
Fenster blickend abzupassen und ihn gemthlich, als wre nichts zwischen seinem
geliebten Hedemann und dem Assessor im Garten des Wirthshauses am Kreuzwege
vorgefallen, anzurufen. Aufhorchend fuhr er fort: Sie bekommen Besuch!
    Man hrte auch das gleichmige und sichere Ersteigen der Treppe durch einen
festen Schritt, der an der Thr Benno's Halt machte ... Es klopfte und ohne erst
lange ein Herein! abzuwarten trat der Assessor von Enckefu ins Zimmer.
    Vom Schauplatz eines Mordes zu kommen wird den Ruhigsten in Aufregung
bringen. Der Assessor war sonst ein Mann von einer seltenen Bestimmtheit und
Fassung; heute, in aller Frhe schon vom Lager gerufen, um den Thatbestand eines
seltenen Verbrechens aufzunehmen und den Eifer und Scharfsinn seiner
Beigeordneten zur Entdeckung des Urhebers in Bewegung zu setzen, fehlte ihm fast
jene Selbstbeherrschung, die ihn nie und nur dann verlie, wenn er sich einmal
von einem im Grunde heftigen Temperamente fortreien lie. Aus dem Scherze, den
er sich im Behagen, von seinem tglichen Amtsverdru auf einige Tage einmal
ausgespannt zu sein, gegen Porzia Biancchi erlaubt hatte, wrde ohne Benno's
Dazwischenkunft leicht gegen Hedemann eine rasche und schwer zu bereuende That
geworden sein.
    Die gewohnte Kaltbltigkeit des etwa im Anfang der Dreiiger befindlichen,
wohlgewachsenen und imponirenden Mannes kehrte zurck, als er Thiebold de Jonge
sah, der ihn seit dem Zusammensto mit Hedemann vermieden und in Kocher ganz an
Benno berlassen hatte. In jeder Lage, wo ein anderer durch eine unerwartete
Strung in Verlegenheit gebracht wird, knpft ein Charakter wie der Assessor
sozusagen einen Knopf noch mehr zu und wird noch khler werden, als ohnehin
schon in seinem Wesen und Benehmen liegt. Nun also schon wieder in dem gewohnten
Tone einer vor nichts erstaunenden Ruhe und Klte sagte der in seinem Amte
gewiegte, in seinen Unternehmungen von guten Erfolgen begleitete Beamte:
    Herr von Asselyn! Ich suchte Sie gestern Abend berall vergebens - mein
Vater ist angekommen - in dem Drang seiner Angelegenheiten begaben wir uns
sofort zu Nck - eine Viertelstunde und die Verstndigung war gemacht - ich
danke das ohne Zweifel Ihrer Vorbereitung! Machen Sie meinem Vater das
Vergngen, heute im Englischen Hofe mit uns ein Frhstck einzunehmen - Auch
Sie, Herr de Jonge, sind vielleicht zugegen - obgleich Sie die Nacht nicht
geschlafen haben! setzte er nach einer leichten Verbeugung lchelnd hinzu.
    Woher wissen Sie das? fragte Thiebold mit nicht erknstelter Klte.
    Benno, um Reibungen zu vermeiden, hielt sich an die Ueberraschung, die ihm
die Ankunft des Rittmeisters und Landraths von Enckefu verursachte. Er
wiederholte einigemal: Ich war bei meinem Vetter - im Schnuphase'schen Hause -
sieh, sieh - nun ist mir das schnelle Arrangement erklrlich!
    Thiebold bereute inde seine Aufwallung ...
    Um eine Coalition der Hypothekenglubiger zu sprengen, fuhr der Assessor
fort, reiste Herr Kattendyk noch in dieser Nacht nach Witoborn ab - man hat Sie
in aller Frhe im Bahnhof gesehen, Herr de Jonge - also vermuth' ich, da ich
richtig errieth - indessen bis zwlf Uhr, wo uns mein guter Alter erwartet,
knnten Sie noch ausgeschlafen haben und es wird Sie freuen, Herr de Jonge, ich
habe ausdrcklich die Kuflichkeit der Mhle fr meinen intimen Feind, Herrn
Remigius Hedemann, beim Vater und bei Nck ausbedungen - auch zu dem Preise, fr
den sie der Glubiger ablassen wollte! Da diese Sorgen hinter mir liegen, dank'
ich Ihnen, Herr von Asselyn! Also ich hoffe, Sie kommen!
    Benno schtzte, wenn er ausbleiben sollte, die Abhngigkeit von Bonaventura
vor.
    Thiebold, rasch jetzt erwrmt und vershnt, rckte mit seinem Stuhle dem
Assessor nher, zeigte ihm das auf dem Platz so zunehmende Gewhl, da schon
Militrwache berufen wurde, die Leute vom Eindringen in das Haus, wo die That
begangen war, zurckzuhalten, und fragte nach seiner Ansicht ber den Vorfall.
    Das ist eine traurige Affaire! sagte der Assessor. Die Alte wurde mit einer
Schlinge erwrgt, gerade wie man einem Stier den Hals zuschnrt und ihn dann
niederzieht! Sie mu von ihrer Stube bis hinten in die Kche geflchtet sein, wo
der Mrder sie am Feuerherd festhielt und so vollends -
    Und keine Vermuthung? fragten beide Hrer zu gleicher Zeit.
    Gesindel haben wir genug in der Stadt! sagte der Assessor und lehnte die
angebotene Theilnahme am bescheidenen Frhstck nicht ab. Sie wissen ja von dem
Knecht aus dem Weien Ro, der in St.-Wolfgang den Sarg erbrochen! Der Mensch
soll hier in der Stadt gesehen worden sein! Uebrigens war diese Frau berchtigt
durch ihren Geiz. Seit Jahren ging sie nicht mehr aus. Dennoch fehlte es um sie
her nicht an Verkehr. Sie nannte sich eine Frau Hauptmann von Buschbeck, whrend
ihr nur ein anderer Name gebhrt - er steht in den Acten. Geldmittel erhielt sie
mit groer Regelmigkeit von unserer Freiherrlich Wittekind-Neuhof'schen
Kameral-Verwaltung bei Witoborn. Vor vielen Jahren war sie in Diensten des alten
Freiherrn von Wittekind!
    Benno hrte mit beklommenem Herzen die Besttigung der Beziehungen der
Ermordeten zu Schlo Neuhof ...
    Die Alte, fuhr der Assessor fort, kam vor sieben oder acht Jahren hieher und
brachte bald die Polizei mit sich in Berhrung. Kein Dienstbote blieb lnger als
einige Wochen bei ihr, mancher kaum einige Tage. Sie qulte und mishandelte sie
so lange, bis niemand mehr zu ihr ziehen wollte. Bei dem Geiz ihrer Lebensweise
htte sie fr sich allein auskommen knnen, ohne Bedienung, aber wahrscheinlich
hatte sie das Bedrfni der Gesellschaft. Sie half sich zuletzt, wie ich gehrt
habe, durch einen Rath Ihres in allem kundigen Procurators!
    Nck's? fragte Benno sinnend und keineswegs erstaunt ... Die Klugheit
desselben war ihm gelufig.
    Sie deponirte ein Testament mit Nck's Hlfe und bekam von ihm oder von
seinem damaligen Gehlfen Hammaker -
    Benno bemerkte ein momentan aufblitzendes, wenn auch nur ganz kurzes
Leuchten in den Augen des Assessors -
    Von Hammaker, glaub' ich, den Rath, einer geistlichen Schwesterschaft ein
Legat auszusetzen und sich von dieser dann die Dienstboten besorgen zu lassen.
Der Vermittler ist Schnuphase - Sie kennen ihn ja -! Da unser geflliger und so
zartfhlender Herr Maria die Auszahlung des Legats durch eine am Halse der Alten
angebrachte Schlinge hat befrdern wollen, ist nicht anzunehmen ...
    Ebenso wenig wie von einer der durch die Schwesterschaft zugefhrten Mgde
... ergnzte Thiebold mit jener aufwallenden Empfindlichkeit, die hier zu Lande
bei der geringsten Reizung religiser Beziehungen blich ist.
    Meine Herren, sagte der Assessor lchelnd, ich werde Sie schonen und Ihr Ohr
auch nicht mit der Ansicht beleidigen, da die bekannte Schwesterschaft zu den
Nothhelfern die Alte hat umbringen lassen ...
    Und fast verdrielich lehnte er eine zweite Tasse Kaffee ab und wollte sich
entfernen. Ihm gengte, die Einladung gemacht zu haben zum Frhstck mit seinem
lebensfrohen und jetzt, wie es schien, ganz sorglos gewordenen Vater.
    Benno versicherte, da Thiebold ohne Vorurtheile und vollkommen neugierig
genug wre zu vernehmen, welche Rolle bei diesem tragischen Vorgang die
Schwesterschaft zu den Nothhelfern spielte.
    Meine Herren, sagte der Assessor, ich gehre Ihrer Kirche nicht an, aber
wenn Sie es hren wollen, so versichere ich Sie, da Hamlet's Wort zu Horatio:
Es gibt Dinge unter dem Monde, die unsere Schulweisheit sich nicht trumen
lt! hier am Platze ist. Diese Frau bekam vor drei Jahren keinen Dienstboten
mehr; seitdem sie aber mit Hammaker, wollt' ich sagen mit Nck gesprochen, geht
alles. Die Schwesterschaft beauftragt Schnuphase, die Mdchen vom Lande zu
holen. Lebensfrohe passen natrlich fr diese Stellung nicht und solche, die
zuletzt in ein Kloster gehen, entdeckt schon ein so kundiger Blick wie der des
Herrn Wachslichterfabrikanten. Die Aufgabe, die Klster, zu bevlkern, ist von
Rom gestellt. Wir haben der Klster noch immer mehr, als mit der Richtung und
dem Geschmack des neunzehnten Jahrhunderts im Einklang steht. Was ist zu thun?
Man mu ihnen einen Zuwachs knstlich erwerben. So werden die Wallfahrten in
Aufnahme gebracht, so fangen die wunderthtigen Heiligenbilder an Blut zu
schwitzen und Thrnen zu weinen, so werden Vereine gestiftet, Gesellen-,
Meister-, Lehrlingsvereine, Vereine fr Erkrankung und Beerdigung, Vereine fr
Bildung und Unterhaltung, Nhvereine fr die Mdchen, alles unter kirchlichen
Formen und mit geistlicher Assistenz und vor allem hat Rom den Beweis zu fhren,
da wirklich fr die Klster eine nicht mehr zu hemmende Sehnsucht im Volke
vorhanden wre. So lockt man die Gemther in die Bahn der Entsagung, fesselt sie
durch entsprechende Vorbereitungen, macht sie mit den auch dem Klosterleben
nicht fehlenden Annehmlichkeiten vertraut und die Folge ist, da -
    Doch nicht etwa, fiel ungeduldig Thiebold ein, die Person da drben von
Jesuiten oder sonst einem Eurer Gespenster umgebracht ist?
    Der Assessor erhob sich und nahm zwar nur die Miene an, als wenn ihn der
zunehmende Lrm auf dem Platze zwnge zu seinen Amtsgeschften zurckzukehren,
aber es vertrieb ihn eine unverkennbare Aufwallung und Entrstung.
    Rasch abbrechend und aufs neue an die Hoffnung erinnernd, beide Freunde um
zwlf Uhr im Englischen Hof bei seinem Vater zu finden, verlie er ohne viel
Frmlichkeit das Zimmer.
    Und mit einem Ausdruck, als wollte er sagen: Freund, wenn Sie sich doch
nicht in Dinge mischten, die Sie nicht verstehen! begann nun Benno:
    Da haben Sie jetzt die Antwort auf Ihren Witz und Ihren gewohnten
Scharfsinn!
    Nein aber auch unglaublich, was diese Menschen herausspioniren! polterte
Thiebold.
    Seien Sie versichert, mein Bester, sagte Benno, da der Assessor von
Enckefu die Jesuiten fr keine Gespenster zu halten vollkommen berechtigt ist!
Die Bewegung auf diesem Gebiete ist fr den, der im Dunkeln sehen kann, die
eines Ameisenhaufens! Ich habe, wie Sie wissen, an und fr sich meine Freude
daran. Nicht weil ich dieser Pfafferei und dem rmischen Wesen den Sieg gnne,
sondern weil in die dumpfe Stille unserer Zustnde, in die Stagnation jedes
politischen Lebens, in die niedergehaltene patriotische Kraft und nationale
Gesinnung denn doch irgendetwas hereinbricht und der geistigen Sklaverei, der
Bureaukratie, dem in allen Manahmen vorausgesetzten beschrnkten
Unterthanenverstande ein Ende macht! Ich gehe nicht so weit wie Nck, dem die
Religion Bagatelle ist und der sich nur vergnglichst die Hnde reibt, weil die
Minister, die z.B. so erbittert seine Assisen und seinen Rechtscodex hassen und
verfolgen, nun doch einmal von der sonst loyalsten Seite aus und innerhalb einer
gar nicht zu bestreitenden Berechtigung jetzt in die rgsten Verlegenheiten
gerathen - diesen Cynismus der Gesinnung besitz' ich nicht - wie Sie denn
berhaupt in Kocher am Fall, bester Freund, meine Verehrung vor dem verbitterten
und die Sacktrger um ihr Kegelschieben beneidenden Mann unerlaubt bertrieben
haben! Von Ihrer ganzen Auffassung meines Herzens und meiner Lebensansichten
werd' ich berdies die Ehre haben, Ihnen einfach zu sagen, da Sie sich irren,
lieber alter Freund! Ich habe einen unverwstlichen Trieb zur Gerechtigkeit und
wer den hat der wird andern immer kalt erscheinen! Seine Prfung, niemanden
Unrecht zu thun, wird immer lnger dauern als der flackernde Enthusiasmus der
minder Bedenklichen. Von meiner persnlichen und Privat-Lebensstimmung will ich
gar nicht reden, aber die Zeit selbst wird so ernst, lieber Freund, die
Umstnde, die uns umgeben, wachsen zu solcher Bedeutung heran, da wir mit
unserm blos so dreinfahrenden natrlichen Instinct die grten Thorheiten und
sogar Snden gegen den Heiligen Geist begehen knnen! Lassen Sie mir nur mein
Sibirien im Herzen, lieber Freund! Es ist so kalt nicht, da ich nur mit
Pelzhandschuhen zu tractiren wre! Aber auch wenn es drin Sommer werden sollte,
wird eine gemildertere Temperatur immer gut sein Ihren Extremen gegenber, Ihren
Aufwallungen, Ihren unbedachten, frevelhaften, hchst malicisen -
    Benno mute sich schon zurckziehen ...
    Denn Thiebold war so vollkommen aufgelst vor Zerknirschung, Reue,
Seligkeit, Stolz, einen solchen Freund zu haben, vor so merkwrdiger
Ueberraschung, dergleichen zu hren, vor so aufrichtiger Dankbarkeit,
dergleichen zu lernen, da ihm schon mit beiden zur Vershnung ausgestreckten
Hnden das Schrecklichste der Schrecken, eine Umarmung, drohte ...
    Benno fuhr sich retirirend fort:
    Ihre Extreme sind immer das Echo des letzten energischen Eindrucks, den Sie
irgendwo empfangen haben! Wettert der Oberst gegen die Misbruche unserer
Kirche, so sind Sie zum Ketzer reif! Hier dem Assessor gegenber sehen Sie keine
Jesuiten und rennen vielleicht heute noch vor Ekstase in einen Beichtstuhl!
    Nie! Nie! Seit neun Jahren nicht! Auf Ehre! versicherte Thiebold, nun wieder
wie ein zweiter Hu und Wiclef.
    Dann schmen Sie sich, fuhr Benno fort, da Sie dem vernnftigen Mann seine
Fhrte durchkreuzten, die gerade doch auf einen Menschen hinauszukommen scheint,
der sich dem bsen Weibe unter gewissen religisen Vorspiegelungen und Intriguen
zu nhern wute ...
    Indem trat Benno's Schreiber ein, ganz erfllt von dem Vorfall, dem die
Bewegung schon der halben Stadt galt ...
    Benno nahm von Thiebold's sich selbst anklagenden lyrisch-sentimentalen
Vorwrfen Abstand und sagte:
    Ich will arbeiten, wenn der verdammte Lrm mich dazu kommen lt! Sie aber,
de Jonge, gehen Sie nach Hause und schlafen Sie aus und lassen Sie sich Punkt
halb zwlf Uhr wecken! Ich bin begierig, den alten Haudegen, den Rittmeister von
Enckefu, kennen zu lernen! Ja Sie mssen schon deshalb dabei sein, um sogleich
an Hedemann schreiben zu knnen! Vielleicht erzhlt uns auch des Assessors
Vater, was Hedemann gegen ihn so speciell auf dem Herzen hat!
    Damit wurde denn Thiebold fast gewaltsam von Benno zur Thr hinausgedrckt,
und er ging; im Hochgefhl, seinen starken und festen Freund wieder ganz so zu
haben, wie er seiner bedurfte. Zwar knirschte er an seiner Kette, lag aber doch
mit solcher Wonne an ihr, da er jetzt jedem, der ihm etwa auf der Strae und
bis zu den Holzhfen seines Vaters hinauf von Bekannten begegnete, die Ideen
(freilich als die seinigen) wiederholt haben wrde, die er soeben von Benno
gehrt hatte. Ja er wrde jetzt keinen Anstand genommen haben, anzudeuten, da
die Frau Hauptmnnin von Buschbeck ein nchtliches Opfer der Jesuiten war.
    Fr Benno, der sich zur sofortigen Abfassung erst eines discret
vorbereitenden Briefes an den Onkel in der Dechanei und dann zum Arbeiten setzen
wollte und von dem Schreiber die wirren Gerchte, die er theilweise schon
kannte, wiederholt erhielt, war es ein seltsamer Eindruck, beim nochmaligen
Hinunterblicken auf die Strae, wo jetzt der Zudrang der Menschen von einem
Piket Soldaten abgesperrt wurde, den Assessor von Enckefu ber die
leergewordene Mitte des Platzes, allgemein sichtlich, dahinschreiten zu sehen
mit jenem Manne, den er einige male in nchtlicher Weile von der Treppe des
Hauses gegenber hatte herniedersteigen sehen, Jodocus Hammaker ...
    Er kmpfte mit sich, nicht den Verdacht auf diesen Mann irgend jemanden
schon auszusprechen ... Denn Hammaker war der Vertraute seines Principals in
einem Grade, der schon seit einer Reihe von Jahren um so mehr das Erstaunen der
Stadt war, als sich gegen die Rechtlichkeit des vielbewunderten, vielgesuchten
und so auerordentlich reichen, deshalb auf Umtriebe nicht im mindesten
angewiesenen Schwagers Piter Kattendyk's, Dominicus Nck, nicht das Mindeste
einwenden lie.

                                       2.


Zur selben Stunde klopfte es im Kattendyk'schen Hause auf das allerheftigste an
jene Thr, hinter welcher Treudchen Ley heute nur zwei Stunden hatte schlafen
knnen.
    Denn schon um sechs Uhr glaubte sie aufstehen zu mssen. Gut und gern htte
sie sich bei dem Befinden ihrer Herrschaft und der Freiheit ihrer Mitdienenden
noch eine Stunde gnnen drfen, um die durch ein Misverstndni verlorene
Nachtruhe wenigstens um einen Traum mehr nachholen zu knnen.
    Freilich war sie mit einem Traum erwacht, nach dem sie nie mehr wieder
anders htte trumen mgen.
    Sie hatte getrumt leibhaftig ihre Mutter zu sehen ... nicht etwa als
Lebende, wie sonst, sondern als Todte, Erstandene, als seliger Geist und
wirklich vom Jenseits her sie anredend und begrend ...
    Eben, wie sie der Thurmschlag der sechsten Stunde, wie sonst die Thurmuhr
der alten braunen Stadtkirche in Kocher am Fall weckte, sprach doch gerade die
Mutter mit ihr wie aus einer sie verklrenden Wolke heraus, streckte frmlich
ihr die Arme dar und lachte fast, unter Thrnen und vor Wonne, sie nun gleich
mit einer einzigen nur noch ein wenig weiter auszudehnenden Bewegung umfangen zu
knnen ...
    Und sie selbst hatte das Wort: Mutter! wie einen Jubelton gerade auf den
Lippen ... wollte gerade in dem ganzen Ueberschwall des Herzens mit den Armen
die geliebte, seltsamerweise nur im Oberkrper sichtbare Gestalt umfangen, den
freundlichen, lebenswarmen Mund an ihre Lippen drcken, da gerade erwachte sie
und sie erwachte auch vielleicht nicht ... sie war vielleicht vorher schon wach
und dieser Traum war die ganz wirkliche Erscheinung eines seligen Geistes
gewesen.
    Glcklich durch diese immer mehr sich befestigende Ueberzeugung, glaubte
Treudchen nun, da die Mutter in irgendeiner Form leben knnte und wach sein und
ganz dicht um sie und ber sie und ihre Geschwister, die im Waisenhause der
Stadt waren, schweben ... Die Pein des Fegfeuers mute sie also glcklich und
schnell berstanden haben, dank der grndlichen Versehung mit den letzten
Heilsmitteln durch den geliebten Priester, der tglich und stndlich von ihr und
ihrer hochverehrten Freundin und Beschtzerin Lucinde Schwarz erwartet wurde.
Nachdem sie sich eben aus ihrem Danae-Zustande - Danae mu blond gewesen sein,
weil ihre Schnheit Jupitern auf den Gedanken brachte, sie gerade in ihrer
eigenen Gestalt zu berraschen - in die erste nothwendigste Kleidung geworfen
und ihr auch Jupiter-Piter's Zudringlichkeit dabei nicht mit allzu grellem
Schrecken eingefallen war, fuhr sie nur zusammen bei dem schnellen Ersteigen der
Treppe drauen, das sie hrte, und bei dem Klopfen an ihre Thr.
    Sie ffnete ...
    Es war das so liebe gute herzige Frulein Lucinde! Sie kam in ihrer tglich
jetzt an ihr gewohnten schwarzseidenen vornehmen Tracht, die ihr doch gerade
stand als wollte und knnte sie alle Tage Aebtissin werden.
    Kind! rief Lucinde, heute in einem ganz weltlichen Tone, den sie noch gar
nicht an ihr vernommen hatte; das Aller-Allerneueste ... ich komme schon aus der
Frhmette ...
    Treudchen konnte nichts Schlimmes erwarten; denn Lucinde war zwar erglht
vor Aufregung, aber nicht gerade wie ber einen Unglcksfall ...
    Die ganze Stadt ist in Bewegung - fuhr jedoch Lucinde, sich erst etwas
erholend, fort; diese Nacht ist ja die Frau, Kind, bei der du dienen solltest,
ermordet worden!
    Nun stand sie freilich starr ... Da das ein ngstlicher Dienst gewesen
wre, wute Treudchen schon von dem Stadtpfarrer Hunnius, der unbedingt auf
Lucindens Verlangen die Aenderung des Schnuphase'schen Engagements getroffen
hatte .... Schnuphase hatte auf dem Lande ein anderes Opfer suchen mssen, ein
Opfer, bei dem immer sozusagen zwei Fliegen, ja oft drei mit Einer Klappe
getroffen wurden: Eine Magd fr die gottselige Testatorin, die Frau Hauptmnnin
von Buschbeck; eine Nhterin entweder fr die Schwesterschaft zu den Nothhelfern
oder fr seine eigenen heiligen Gewand-Stickereien oder fr einen mysterisen
Weiwsch-Handel seiner Tchter; und zuletzt drittens, da alle diese Institute
ohnehin schon ber die Sprachgitter der Klster hinausfhrten, manchmal auch
noch eine der von Rom so dringend verlangten Brute des Himmels fr diese
Klster selbst ... Aber die Freude, die Genugthuung, die Lucinde ber dies
traurige Ende zu empfinden schien, konnte sie ihr denn doch nicht nachfhlen.
    Ich komme die Strae daher, erzhlte Lucinde und raffte sich aus ihren wie
jetzt ganz lebendig gewordenen und um sie her just wie in einem Krebskorb
drngenden Kindheitserinnerungen, den Zwetschenkernen, den Tauben, den Musen
auf; ich komme die Strae daher und will zur Kathedrale! Da hr' ich ja das
lebhafte Reden der Menschen, das Rennen nach einer bestimmten Gegend hin, und an
einem Platz, wo ich, seitdem ich hier bin, tglich zu den Fenstern habe
aufschauen mssen, weil ich wute, da wohnt der schlimme Drache, erfahr' ich,
was ihm begegnet ist! Es hat sie einer umgebracht! Hinauf durft' ich nicht, aber
ich hre, sie liegt - kalt in der Kche am Feuerherd ...
    Lucinde erzhlte das mit sichtlichem Behagen. Aber jetzt bekam sie doch
einen Schauer, als berliefe sie Eisesluft ... Da, wo sie einst meinen Tauben
den Hals umdrehte! rief ein ganzer Chor von schadenfrohen Dmonen in ihrer Brust
und die schttelten sie.
    Wer es gewesen ist, fuhr sie fort, wei man noch nicht! Schildwache und
Polizei stehen am Hause! Treudchen! Treudchen! Wenn du bei ihr gedient httest!
    All ihr Heiligen! So wrd' es vielleicht nicht geschehen sein! sagte die
Kleine und klagte sich nun gar selber an ...
    Was? Es htte dich mittreffen knnen! berichtigte Lucinde und streichelte
die Flle des goldenen Haares, die Treudchen sich bei alledem ihr Anziehen nicht
vergessend mit einer khnen Schwenkung um den weien Nacken warf.
    Treudchen fand sich in die Auffassung ihrer Gnnerin.
    Und was wirst du nun heute beginnen? Wie war die Nacht? Ist dein Nachbar
fort, der junge Herr? fragte Lucinde in Eile und den Tod der Buschbeck gleichsam
wie ein fertiges und bereits eingebundenes Buch in die Bibliothek ihres Lebens
stellend.
    Ich will sehen, da ich meine Geschwister im Waisenhause besuchen kann -!
erwiderte Treudchen, die ber die Erwhnung der Nacht und des Nachbars ber und
ber errthete ...
    Lucinde bemerkte aus den hervorgestotterten Antworten nichts Besonderes und
es drngte sie ja auch mit Macht, jetzt zu sagen:
    Der Pfarrer von St.-Wolfgang ist angekommen!
    Auf den freudigen Ausruf Treudchens fuhr sie fort:
    Ich erfuhr es schon gestern Abend bei der Commerzienrthin ... die Domherren
sprachen davon ... Wirst du hingehen, ihn zu begren? ... Ich dchte doch! ...
Thu' es ja!
    Ich hoffe, Madame Delring lt mich ein Stndchen ausgehen!
    Indem klingelte es einige Zimmer weiter und sogar zweimal ...
    Lucinde war schon auf dem Sprunge zu gehen ...
    Aber Treudchen sagte:
    Nein, das gilt dem Bedienten! Einmal geklingelt das bin ich! Dreimal ist
unten die Kathrine, die Kchin! Die Herrschaft will jedoch von jetzt an allein
zu Mittag speisen! Das Treppensteigen wird der Madame zu beschwerlich!
    Lucinde schttelte den Kopf, als wollte sie sagen: Nein, das ist nicht der
Grund! ...
    Sie hielt aber an sich und lie dadurch Treudchen Zeit aufs neue zu dem
Erlebni mit der ermordeten alten Frau zurckzukommen. Ihrem grten Triumphe
konnte Lucinde gar nicht einmal Worte geben; denn wem gnnte sie mehr diese
Demthigung als der Herrin der Dechanei zu Kocher am Fall, Petronella von
Glpen? Htte sie nur die Verwandtschaft noch ein wenig bestimmter gewut! Der
Name Frulein von Glpen fr die Hauptmnnin von Buschbeck schien hier
niemanden gelufig wie einst ihrem Stadtamtmann damals in der Stadt, wo sie bei
ihr gedient hatte. Selbst Schnuphase, durch den doch die gewi erst von der
uersten Noth und Verzweiflung abgerungenen frommen Spenden der Ermordeten
gingen und den die Schwesterschaft zu den Nothhelfern in Bewegung setzte, um
mitzuhelfen das ausgesetzte Legat zu erwerben, selbst Herr Maria hatte nichts
gewut von dieser ursprnglichen Herkunft und so nahen Verwandtschaft seiner
Schutzbefohlenen mit der hochverehrten Dame in der Dechanei.
    Doch selbst wenn Lucinde ber die Verwandtschaft ganz sicher gewesen wre,
htte sie vielleicht ihren innern Jubel, der jede Leidenschaft natrlich, Liebe
wie Liebe und Rache wie Rache nahm, gemigt. War doch ihr fester Vorsatz, in
diesem Hause, das ohnehin so wirr und geruschvoll auf sie einstrmte, und
berhaupt in ihrem ganzen Benehmen sich auf ein Nichts zu stellen ... Dein
bischen Verstand willst du an die Kette legen! Das hatte sie sich schon gesagt,
als ihr Schnuphase zur Seite sa und in seinem von ihm selbst gefahrenen
Wgelchen genugsam ihre Satire herausforderte. Du willst nicht lachen ber die
Devotion des Mannes, nicht ber seine Sprechweise, nicht ber den Durst seines
Gaules, der immer auch den seinigen involvirte, wenn er auf ihrer fast einen Tag
dauernden Reise abstieg! Sie lie ihn erzhlen von den Bienen, von seinen
Tchtern, von allen offenen und geheimen Schwester- und Brderschaften, von
Gespenstern und Geistern und Wundern, von Rckkehrenden aus dem Jenseits, die
berichteten, welchen Vorzug dort oben die Rechtglubigen genssen, von den
Nonnen, die wieder die blutenden Male des Erlsers zu zeigen anfingen, von allem
lie sie ihn reden und staunen und htete sich wohl ihrer Art so den Zgel
schieen zu lassen, wie etwa an der Maximinuskapelle ber die Heiligenbilder
Napoleone Biancchi's oder die alten Mnzen und die seltsame Production der
Jahrhunderte beim Wirthe zum Weien Ro. Sie glaubte alles, selbst an die
Frmmigkeit der Frau Hauptmnnin und an die andchtigen Lieder, die diese zu
ihrer Guitarre mit zwei Saiten abendlich singen sollte. Sie glaubte an das Glck
aller der Mdchen und jungen Mnner, die Herr Maria schon berredet hatte in die
Klster zu gehen. Sie glaubte an einen Krieg, den Oesterreich erklren wrde,
wenn dem Kirchenfrsten nur irgendein Hrchen gekrmmt wrde ... Immer nur hrte
sie und blinzelte mit den Augen und nahm sich vor, durch Denken, Urtheilen,
Aufblicken niemanden in der Welt mehr aufzureizen. Auch im Hause der Kattendyks,
vor der unruhigen, ewig agitirten Frau Commerzienrthin, vor der anspruchsvollen
noch ledigen Tochter, vor der eiteln Frau Procurator Nck, vor den Hausfreunden
blieb sie sich in dem System, ungefhrlich zu erscheinen, gleich. Sie antwortete
nur, wenn sie gefragt wurde. Und gewi war das ein eigener Eindruck, die hoch
aufgeschossene Gestalt mit dem so ausdrucksvollen schwarzugigen Kopfe, der
vorgeneigten Stirn, den behenden ebenmigen Gliedern, weltkundiger Art des
Benehmens, doch in dem Hause so an den Wnden entlang schleichen zu sehen, jedem
ausweichend, niemanden ansehend. Und diese Rolle war nicht einmal ganz
Verstellung. Sie hatte wirklich in tiefster Ueberzeugung die Ansicht gewonnen,
da in ihr besonders fr die Frauen etwas Herausforderndes und Verletzendes lge
und da sie es jetzt ganz gut, ganz klug treffen wrde, wenn sie sich um jeden
nur irgendwie auffallenden Effect lieber gleich selbst brchte.
    Ihr Bangen dabei war Bonaventura's Ankunft und - seine mgliche Begegnung
mit dem Mnche Sebastus! ... Diese Furcht mehrte nicht wenig die Angst und Sorge
ihres in der That eingeschchterten und bitter vergrmelten Gemths.
    Den Mnch hatte sie noch nicht entdecken knnen, aber tglich hrte sie von
ihm reden und seine Flugschriften und die Aufstze bewundern, die er in die Welt
streute. Mit dem Wandeln, den Topf in der Hand, wie Beda Hunnius geschildert,
mag es doch wol nicht so weit her sein! hatte sie sich schon spottend gesagt;
aber kaum entdeckte sie, da sie am Abendtisch der Commerzienrthin, vor dem
silbernen Theeservice, bei einem solchen Einfall ber des Mnches Heiligkeit die
Miene verzog, unterdrckte sie auch schon den Zweifel und horchte und lauschte
nur und schien berhaupt immer nur still vor sich hin zu beten ... Die
Gesellschaft der Commerzienrthin staunte ber so viel Frmmigkeit. So oft von
dem Domvicariate, das zu besetzen war (von Bonaventura's mglicher Designation
schien man noch keine Ahnung zu haben), die Rede ging, ergo sich ber ihr
ganzes Sein ein warmer Strom, in ihren Adern fing es an zu rinnen und merkte das
denn doch z.B. der alte Ex-Schauspieler Ptzl, der eigentlich nur die Aufsicht
ber zwei Bologneserhndchen der Commerzienrthin zur einzigen Lebensaufgabe
hatte, und sagte dergleichen, so war es nur ihre Theilnahme fr den neuen
Glauben gewesen. Ach, ihr neuer Glaube war: Hier in dieser groen Stadt erhrt
dich Bonaventura doch noch und nennt dich seine einzige und wahre Liebe! Als sie
den Domherrn Taube und sogar zweifelnd berichten hrte, die Grfin Paula von
Dorste-Camphausen zu Westerhof bei Witoborn htte neuerdings wieder Visionen
gehabt und verrichtete sozusagen Wunder und als im Gegentheil der Medicinalrath
Goldfinger vom Standpunkte einer gotterleuchteten Naturwissenschaft an dieser
Mglichkeit gar nicht im mindesten zweifelte und auch die Commerzienrthin schon
die Hnde faltete und alle Schden ihres Leibes und ihrer Seele berlegte, die
sie vielleicht der Seherin von Westerhof, wie man sogleich den Titel
feststellte, zur Begutachtung und Heilung vortragen knnte (von Piter's Reise
gerade dorthin auf Witoborn zu konnte nicht gesprochen werden, da Piter nicht
mehr der Mann war ber seine Schritte im Hause irgendjemanden Rechenschaft zu
geben), da erwachte schon wieder die alte glhende Eifersucht in Lucinden und
ihr, der Aufgeklrten, ihr, die z.B. zu Treudchen's Erzhlung, sie htte eben
ihre Mutter gesehen und ordentlich mit ihr gesprochen, tief berzeugt entgegnen
konnte: Kind, die Todten sind todt! stand fest, da Paula bereits die Annherung
Bonaventura's in ihren Lebenskreis merkte und in Ekstase gerathe nur durch das
von ihr geahnte Nherkommen dessen, mit dem sie im magnetischen Rapporte stand.
    Auch Treudchen gegenber blieb Lucinde bei den Schleiern, die sie ber ihr
ganzes Wesen deshalb ziehen zu mssen glaubte, um nicht neue Dolche in ein Herz
gestoen zu bekommen, das ihr fr neue Tuschungen keine Kraft mehr zu haben
schien.
    Und als es nun unten im ersten Stocke lebendiger zu werden anfing und sie
leise auf den Corridor hinaustrat, um lieber gleich ber Piter's luftige Treppe
auf den Schauplatz ihres Wirkens zurckzukehren, sagte sie noch:
    Kind! Die Commerzienrthin mchte gern manches wissen, was Madame Delring
thut! In welchen Bchern sie lse? Ob sie betete? Ob sie lange mit ihrem Mann
allein sprche? Die Frau will ihr Kind im Glauben ihres Mannes, der Protestant
ist, taufen lassen! Das ist ein groer Kummer fr die ganze Familie! Gib darauf
Acht, was dir etwa ketzerisch erscheint! Sag' es immer erst mir, damit ich sehe,
ob man es wieder berichten mu! Auch verlange fest und bestimmt, da du alle
drei Tage in die Messe gehen mtest! Die Commerzienrthin will das! Sage nur,
du wrst's einmal so gewohnt und httest sonst keine Ruhe! Hrst du? Ich soll es
dir sagen!
    Treudchen, die diese Anleitung zur Rechtglubigkeit ganz in der Ordnung
fand, htte gern auch einige Winke gehabt fr ihr Verhltni zu ihrer so nahen
Nachbarschaft, zu Pitern und seinen Freunden, und sie htte, wenn Lucinde ihre
schchterne Andeutung htte nicht verstehen wollen, das Erlebte selbst erzhlt;
aber Lucinde huschte schon davon und flsterte nur noch, indem sie Treudchen
ber das Gelnder etwas Geld in die Hand steckte:
    Da! Wenn du den Pfarrer besuchst, kauf' ihm Blumen! Hrst du? Am Dom stehen
so wunderschne! Ist er nicht zu Hause, so stelle sie selbst ins Zimmer! Hrst
du? Nicht etwa durch die Damen Schnuphase - verlang' es, da du es selbst thust!
Sie gnnen dir's nicht und geben sie ihm nicht! Einen groen vollen mchtigen
Strau kaufe und mit Orangenblten - hrst du? Man verkauft sie so! Vergi es
nicht! Aber um Himmels willen, sprich nicht von mir!
    Treudchen war nun schon allein und beeilte sich, die Windungen ihres Haares
zu befestigen - ihr schwarzes Merinokleid hatte ihr schon vorher Lucinde hinten
geschlossen - und die selbstgestickten Pantoffeln vertauschte sie mit Schuhen
vom besten, freilich etwas derben kockerer Leder.
    So beim Ueberbeugen zur Erde - was machte da nicht alles die Brust eines so
jungen Lebens schon so schwer! Die gestrige Scene mit dem jungen Herrn! Nun
der Mord der Frau, bei der sie hatte dienen sollen! Die Ankunft des Pfarrers und
die Blumenspende! Die Aufsicht ber die ketzerischen Gesinnungen ihrer
Herrschaft! Ihre Geschwister unter den Waisen! ... Wre nicht der volle Nachhall
der Erscheinung ihrer Mutter gewesen und es noch so in ihr lebendig, als hrte
sie deutlich das Jubelwort: Treudchen! das die Mutter sprach, und ihr eigenes
angstvoll seliges Mutter! sie wrde jetzt nicht so ruhig hier am Spiegel haben
stehen und ihren bergelegten Kragen ordnen knnen ... In Lucindens Blumengru
an den Pfarrer konnte sie nichts Auffallendes finden. Gute katholische Seelen
wissen es, da sie nichts zu verabsumen suchen sollen, was nur irgend dazu
dienen kann, einem Geistlichen Freude zu machen. Sind die Geistlichen
ausgeschlossen von den gewhnlichen Freuden des Lebens, haben sie das zu
entbehren, was andern Trost und Erhebung gewhren kann, eine Familie, Gattin,
Kinder, Liebe und Hingebung, so ist es Pflicht aller derer, fr welche sie
diesen heiligen Lebenswandel fhren, ihnen eine stete Aufmerksamkeit zu widmen
und ihnen den vollen Genu alles dessen zu gewhren, was es auerhalb des Glcks
der Hingebung, besonders eines weiblichen Herzens, sonst noch Wohlthuendes in
der Welt geben kann. Dies Lieben mit der Seele, dies Umwerben und Umschmeicheln
eines Geistlichen mit steter Huldigung soll, sagt man, zu den besondern
Glckseligkeiten derselben gehren.
    Und Treudchen war so aufgeregt, da es ihr jetzt vorm Spiegel war, als
sprche die Hasen-Jette hinter ihr: Nun, was ist, Treudchen! Bist alle halbe
Jahre einmal hbscher geworden! Wirst auch jetzt um die Trauer nicht
zurckgehen! Kinder von Metzgern, Treudchen, sind immer schn! ... Eine Ansicht,
die die Hasen-Jette am wenigsten um ihren David zurcknahm ... Und auch Nachbar
Grtzmacher's Stimme hrte sie: Ei, potz Blitz! Htt' ich nicht schon mein
Bndel da - (er bekam dabei von diesem Bndel, seiner Ehehlfte, einen
vertraulichen Schlag auf den breiten Rcken), so wrdest du noch die Frau
Wachtmeisterin werden knnen, Treudchen!
    Treudchen wartete auf das einmalige Klingeln ...
    Es erfolgte nicht ...
    Sie trank ihren Kaffee ... Er war so stark, da ihre ganze Familie an der
Verdnnung ein Sonntagsfrhstck gehabt htte.
    Die Mitmgde, die Bediente musterten sie ... Es gibt zweierlei Blondinen ...
Solche, die wie eine Maiblume blhen und duften knnen, aber auch ebenso schnell
mit einem einzigen wunderholden Mai wieder verwelken; und solche gibt es, die
man Kern- oder Dauerblondinen nennen sollte, weil sie noch als Greisinnen so
anmuthig sind wie herbstlich gerthete Aepfel. Treudchen gehrte zu letztern.
Wie schn stand ihr das schwarze Merinokleid zu der hellen Farbe ihrer Haut!
Fast zu schmuck machte sich der Florbesatz in den goldgelben Windungen ihres
Haares! Und nun lag gar zum Ausgehen schon da der von ihr selbst zum Begrbni
gefertigt gewesene schwarze Sammthut, in den sich ihr Kopf zurcklehnte, wie auf
eine Folie, die den Glanz noch erhht! Und die kostbare schwarzseidene Mantille,
die ihr schon gestern gleich bei der Ankunft Madame Delring als eine abgelegte
geschenkt hatte! Eine abgelegte und noch so neu und glanzvoll! ... Madame
Delring war eine eigene, vielleicht sehr reizbare, vielleicht hchst wunderliche
Frau; sehr vornehm, sehr stolz ... aber gegen Treudchen war sie weich und milde.
Lucinde hatte das Treudchen gleich vorausgesagt. Die Frau Delring wird dich in
ihr Herz schlieen! Nach zehnjhriger kinderloser Ehe war Frau Delring
pltzlich in die Hoffnung gekommen. Wenn Treudchen die Augen ihrer Herrin so
eigenthmlich umflort sah, so wute sie erst jetzt, da vielleicht die ernste
blasse Dame, die in Glck und Glanz zu leben schien, an die Kmpfe dachte, die
mit dem theuern Keime ihres Herzens ihr wrden mitgeboren werden. Es handelte
sich schon seit Monden im tglichen Gesprche nicht nur ihres Hauses, sondern
der ganzen Gesellschaft um die Religion des erwarteten Kindes ...
    Nun, da nicht geklingelt wurde, ging Treudchen von selbst an ihre Aufgabe,
die vordern Zimmer zu putzen und in ihnen aufzurumen und abzustuben.
    Da gab es so viel des Kostbaren und Zerbrechlichen zu schonen, da sie ihre
Gedanken zusammennehmen mute!
    Inzwischen vermite sie etwas ... In dem kleinsten, fast wohnlichsten der
reich ausgestatteten Gemcher hatte doch gestern Abend noch, wie sie flchtig
vorbergehend und sich doch dabei tief verneigend gesehen, mitten in einer
kleinen Laube von Epheu ein kleiner Altar mit einer Mutter Gottes von Gold,
Silber und Edelsteinen gestanden. Heute fand sie das Bild nicht an der Stelle,
wo sie es suchte, um in aller Stille und noch von niemanden belauscht, zu ihm
ein Gebet zu verrichten.
    Sie suchte und suchte - das Bild war nicht zu finden. Vielleicht war es so
kostbar, da es des Nachts verschlossen wurde, dachte sie erst. Sie stand am
Eingang der Laube, in der Hand den Staubwedel. Der kleine Altar mit einem
Weihbecken, das aber vllig wasserleer und sogar ein Stecknadelbehlter geworden
war, war derselbe, wie gestern; die Gottesmutter aber fehlte ...
    Nun sah sie sich darauf um im Gemach. Da stand ein schwellender Divan, mit
grnem und in Streifen gesticktem Sammt bezogen, darber her wie zu einem Throne
erhob sich ein Baldachin von demselben kostbaren Stoffe mit schweren goldenen
Fransen besetzt. Da standen kleine Fuschemel von demselben Aussehen. Auf einem
Tische mit langer grner golddurchwirkter Decke lagen Bcher und Musikalien,
Nharbeiten, ein angefangenes kleines Kinderhemd mit kstlichen Spitzen besetzt
...
    Sie sollte sich nach den Bchern erkundigen, hatte sie soeben von Lucinden
vernommen ... sie konnte aber nicht glauben, da es ketzerische waren. Noch
gestern Abend hatte ja Madame Delring hier mit ihrem Gatten so traulich, so lieb
gesessen ... er hatte ihr vorgelesen ... sie horchte zu und nhte dabei ... und
darber her gab ein bronzener Kronleuchter von drei gedmpften Flammen in
Glasglocken ein so eigenthmlich schnes Licht ... und in einem Winkel, mehr dem
von Vorhngen ganz verdeckten einzigen Fenster des Zimmerchens zu, stand
aufgeschlagen ein Pianino ... noch lagen die Noten auf dem Pulte und seltsam
genug erschien ihr schon gestern dies Instrument, das mit dem in der Dechanei
keine Aehnlichkeit hatte, denn hier gingen die Saiten in die Hhe ... und so
klein das Instrument war, doch hatte Frau Delring, kurz vor dem da sie zu Bette
ging, gestern noch einige Minuten lang darauf so sanft, so zart, so volltnend
gespielt ... nirgends fand sie aber das Muttergottesbild.
    Endlich - da entdeckte sie es beim Abstuben - auf dem Fuboden! In einem
Winkel stand es, das kostbare Heiligthum! Wie entthront und von seinem Altar
gestrzt! Es stand in einem Winkel, an einer kleinen Etagre, die mit bunterlei
Dingen besetzt war, kleinen Spinnrdchen von Elfenbein, kleinen Bauerhuschen
von Holz, kleinen goldenen Papagaien in Ringen und mit Edelsteinaugen, ja mit
einem niedlichen ausgestopften bunten Vgelchen, das sie vollkommen fr einen
Kolibri erkannte ... da stand die Mutter Gottes mit dem Kinde auf dem Teppich
des Fubodens! Gerade, als gehrte auch sie zu dem Spielzeug auf diesen
Mahagonibretchen!
    Letztern Gedanken fate ihre bescheidene, von ihrer Herrschaft nur das Beste
voraussetzende Seele gar nicht in voller Klarheit ... Sie wute nun aber doch
nicht, sollte sie das Bild jetzt erheben und wieder auf den Altar setzen oder
durfte sie das nicht ... Es war ganz still um sie her ... nur auf der Strae
lrmten und rasselten die Wagen ... Kirchenglocken luteten ... sie beugte sich
still zu dem Bilde nieder, kniete und betete zu ihm.
    So manche Anrufung kannte sie, so manche Umschreibung des Englischen Grues
... was sie aber auch leise jetzt so vor sich hinmurmelte, alles sollte Dank,
Bitte, Hoffnung fr sich und ihre kleinen Geschwister sein.
    Wie sie einige Minuten so gelegen und geflstert hatte, ganz unbekmmert die
Hnde sogar mit dem gar nicht fortgelegten Staubwischer faltend, da hrte sie
ein leises Gerusch hinter sich ...
    Erschrocken wandte sie den Kopf und lie vor Ueberraschung den Staubwischer
fallen, als sie im Morgenkleide und groer spitzenreicher Haube mit fliegend
hngenden Rosabndern Madame Delring hinter sich sahe.
    Auf den Teppichen, die durch alle Zimmer gingen, war die Herrin eingetreten,
whrend sie sich in ihrem Gebete verloren hatte.
    Statt aber, da sich Treudchen jetzt rasch erheben wollte, hielt sie Madame
Delring nieder und bedeutete sie fortzufahren ... Ja als Treudchen verlegen
zgerte und dennoch aufstehen wollte, rckte Madame Delring mit dem Fue selbst
eines der kleinen Bnkchen nher, fuhr mit der Hand ber ihre weiten und
bauschigen schnen gestreiften Musselinkleider, die ehre Gestalt einhllten, und
versuchte, sich nun auch selbst niederzulassen. Diese Bewegung war so schwer, so
ngstlich, da sich Treudchen nicht hielt, sondern aufsprang und ihre Herrin
untersttzte ...
    Langsam ging es, aber doch ganz bequem. Madame Delring kniete auf dem
niedrigen Fuschemel. Mit stummer, leidverklrter, durchgeistigter Miene
bedeutete sie Treudchen, in ihre frhere Stellung zurckzukehren, neben ihr zu
knieen und im Gebete fortzufahren.
    Als dies Treudchen mit klopfendem Herzen und voll Verlegenheit nicht wagte,
sagte ihre Herrschaft leise und fast unhrbar:
    So bete doch!
    Treudchen begann nun aufs neue den Englischen Gru, aber fr sich.
    Laut! sprach Madame Delring sanft ...
    Treudchen betete lauter, aber noch mit zitternder Stimme.
    Recht, recht laut! ... sagte Madame Delring und hatte die Hnde gefaltet und
schien der Vorbetenden wrtlich zu folgen.
    Als Treudchen zu Ende war und schwieg, sagte die tief in Gedanken Verlorene
und wie von einem unendlichen Leid Gedrckte und als wenn sie noch wenig von all
den Worten gehrt htte:
    Bete!
    Nun wandte sich Treudchen erstaunt und bemerkte, da die Augen ihrer Herrin
feucht waren. Eine groe und schwere Thrne rollte eben von den Wangen der nicht
schnen, aber hchst wrdevollen und durch Haltung und Wuchs einnehmenden Frau.
    Da ergriff es denn Treudchen wie mit geisterhafter Ermuthigung. Alles, was
ihr von ihrer Firmelung und ersten Beichte und ersten Communion her an
wohlgefgten Sprchen und Versen in Erinnerung geblieben war, sprach sie jetzt
ungeordnet durcheinander und mit lauter Stimme. Sah sie sich um und fand, da
die Mitbetende ganz mit Entuerung ihres Standes wie eine Schwester, wie eine
Mutter ihr folgte, so begann sie aufs neue und betete inbrnstig den Himmel auf
die Erde herab. Alle nur mglichen Snden, Eitelkeit, Hoffart, Unglaube, Geiz,
Falschheit, wurden, weil die einmal in den Gebeten so formulirt sind, von ihr
auch bekannt. Auch die einzelnen Frsprecher unter den Heiligen wurden
namentlich aufgerufen, soda jeder auch gerade den Fehler dargebracht bekam, auf
den er gleichsam das Vorrecht hatte, da ihn Gott gerade nur durch seine
Vermittelung vergab ... der Gottesmutter dabei ganz zu geschweigen, die zuletzt
wie mit ihrer Zauberhand Schlo und Riegel am Schatz der Gnaden sprengte und das
Kind Jesu auf ihrem Arm nur immer so hineinlangen lie und Juwelen und Blumen
und alle himmlischen Freuden der Vergebung auf die vor ihnen Knieenden
niederwerfen.
    Erschpft schwieg endlich Treudchen in ihrem sie wunderbar berkommenen
Priesteramte, das sie vollzog, als htte sie eine Ahnung von dem Streit der
gemischten Ehen ...
    Madame Delring erhob sich, indem das junge Mdchen aufsprang und ihr dabei
behlflich war.
    Da Treudchen das kostbare und schwere Metallbild wieder auf den Altar unter
die Epheulaube setzte, schien sich ihr jetzt von selbst zu verstehen. Es wurde
auch von Madame Delring nichts dagegen eingewandt, als was die Schwere betraf
... Treudchen brachte es vollkommen und wie triumphirend zu Stande.
    Madame Delring sammelte sich jetzt von ihrer Aufregung. Sie verbarg ihr
feuchtes Taschentuch von kstlich duftenden Spitzen. Sie sah sich um, klingelte
zweimal und bestellte mit gelassener Stimme ihr Frhstck ... Sie wute, da ihr
Gatte schon unten im Comptoir war.
    Mein Bruder ist ja verreist? fragte sie dann beklommen, sich auf den Divan
zum Frhstck setzend ...
    Treudchen sprach ein verlegenes: Ja! Sie kehrte dabei zum Ordnen der
Nebenzimmer in diese zurck ... Die Thren standen offen.
    Du wirst zu deinen Geschwistern gehen wollen! sagte Madame Delring.
    Ich wollte darum bitten ...
    Und in die Messe! Wie oft hrst du sie? Auer Sonntags!
    Treudchen sollte sagen: Alle drei Tage! Aber sie konnte jetzt nicht,
vielleicht niemals lgen ... Nur Sonntags! sagte sie.
    Immer, wenn du ausgehst, komm' erst zu mir und frage, ob ich Bestellungen
habe!
    Ja, gndige Frau!
    Was ist die Uhr?
    Halb neun!
    Um neun kannst du gehen! ...
    Die Empfindungen Treudchens, als sie dann ging und bis neun in ihrem Zimmer
allein blieb, lieen sich nur mit denen einer freudig sich dahingebenden und
sieggekrnten Aufopferung vergleichen. Sie fhlte, wie man fr jemanden sterben
knnte, nur um ihn vom Uebel zu erlsen. Die Gottesmutter war die Siegerin
geblieben! Es war ihr so leicht, so himmlisch beschwingt, da sie dem ganzen
Hause htte zurufen mgen: Ich habe eine abtrnnige Seele gewonnen!
    Um neun Uhr kehrte sie dann zurck, um sich, wie sie sollte, ihrer
Herrschaft noch einmal vorzustellen ...
    Sie hatte nachgedacht, ob sie die so wieder in Gedanken verlorene und noch
tief betrbt scheinende Frau nicht durch die Mittheilung des in der Nacht
geschehenen Mordes unterhalten sollte und von dem Glck sprechen, da sie nicht
in diesem grauenhaften Hause, sondern hier bei ihr leben knnte; doch berlegte
sie, und mit Zustimmung der andern Dienstboten, die Trepp auf Trepp ab liefen,
da Erffnungen dieser Art bei dem Zustande der Gebieterin nur von ihrer Familie
kommen mten.
    Wie Treudchen wieder in die vordern Zimmer eintrat, lag Madame Delring auf
dem Kanapee ihres kleinen Boudoirs ... von rechts und links waren noch die
Thren offen und brachten das Licht, das durch das noch immer verhangene Fenster
nicht einfallen konnte ...
    Sie sttzte trumerisch das Haupt und hatte in der andern Hand ihr kleines
Kinderhemdchen ...
    Willst du ausgehen? sagte sie gelassen, als htte sie das Besprochene schon
vergessen ...
    Treudchen trat nher ... sie hatte ihren schwarzen Hut auf und frchtete
fast, nicht genug einem Dienstboten hnlich zu sehen.
    Freundlich aber zog Madame Delring sie nher ...
    Sie lobte den Hut, band ihn jedoch dem hocherrthenden Mdchen ab, weil sie
meinte, er se nicht genug im Nacken ...
    Nun deutete sie auf den Fuschemel von vorhin und lie Treudchen vor ihr
niederknieen, um ihr selbst den Hut aufzusetzen ...
    Dann begann sie noch an Treudchen's Haar zu ordnen ...
    Wie schn dein Haar ist! sagte sie sanft und lste einige der Flechten und
hielt sie lange in der Hand, fast ihre Schwere wiegend und dann gegen das Licht
haltend ...
    Wie Gold glnzt es! ... fuhr sie fort.
    Nun band sie die Flechten anders ...
    Halt nur still! sagte sie. Ich selbst darf mir ja nicht das Haar machen, -
wenn du zurckkommst, ist es Zeit genug dafr - aber dir darf ich's schon ...
Geh' doch an den Dom! In das Gewlbe von Schnuphase! Ich lasse die Damen bitten
- meine Aussteuer nicht zu vergessen ... es whrt eine Ewigkeit -
    Treudchen wute, da die Aussteuer fr das erwartete Kind gemeint war, und
auch das wute sie, da sich ihre Mutter, als sie mit dem jngsten ihrer
Geschwister ging, sich beim Haarmachen und sonst vor allem Binden und Verknpfen
in Acht nahm -
    Weit du denn auch das Gewlbe? fragte Madame Delring.
    Ich finde es schon ... ich suche das Haus ohnehin, weil ich den Pfarrer von
St.-Wolfgang, Herrn von Asselyn, begren will ... er hat meine Mutter
versehen und wohnt dort ...
    Mglich, Kind, fuhr Madame Delring fort, da dich die Schnuphases in die
Klostergasse schicken, wo die Schwesterschaft zu den Nothhelfern eine Nhanstalt
hat! Sage da nicht, da du so gut beten kannst! ... Oder knntest du in ein
Kloster gehen?
    Treudchen warf ihre groen blauen Augen zu der seltsamen Fragerin empor und
blieb die Antwort schuldig.
    Madame Delring kam von ihrer Frage wieder ab, wie sie diese lichten, hellen,
reinen Augen sah, die allerdings denen einer Heiligen glichen ... Sie fuhr mit
den Fingern ber Treudchens nicht zu volle, etwas rthliche Augenbrauen und
zeichnete sie gleichsam in ihrer Lnge ber die Stirne hinweg nach ...
    Dann kam sie auf die Schwestern zu den Nothhelfern zurck und sagte:
    Es ist ein Verein, der junge Mdchen zum Nhen anhlt und Gutes thun soll!
Ich wei nicht - manche von den Mdchen, die dort arbeiteten, gingen ins Kloster
... La dich nur in keines verlocken, Kind! Sie wissen es so geschickt zu machen
und so prchtig erst drin einzurichten, da manche Novize anfangs glaubte, in
Ewigkeit keinen Mann nthig zu haben, und um alles in der Welt lieber den
Schleier nahm - hernach aber ... Besonders wissen die Damen da von der Gasse -
wie heit sie?
    Doch schon unterbrach sich Madame Delring selbst und zog aus dem
nchststehenden Tisch ein Kstchen hervor, das ber und ber mit
Schmuckgegenstnden gefllt war, und nahm nach kurzem Suchen eine Rosette von
schwarzem Stein an einer goldenen Nadel hervor, um sie in Treudchens Haar zu
stecken ...
    Wie Treudchen diese Freundlichkeit, die sie noch kaum fr ein Geschenk
halten konnte, bemerkte, wollte sie sie ablehnen; Madame Delring sagte aber:
    Kind, da schenk' ich dir einen ganz werthlosen Stein! Es ist geschnittene
Lava!
    Aber die Nadel - sagte Treudchen hocherglht ...
    Die ist gut! La aber nur - es steht dir ja! ... So! ... Jetzt - und sieh -
du trgst Ohrringe -! Weit du wol, da man keine Ohrringe mehr trgt? Und doch
hab' ich dafr auch noch die Lcher und wei wie heute, wie mich's schmerzte,
als sie gestochen wurden - ich war schon fnf Jahre - das sind jetzt
fnfundzwanzig! ... ... Eigentlich aber lieb' ich Ohrringe und mag sie leiden!
Weit du, warum? Man sagt, es she unnatrlich aus; lieber Himmel, was ist an
unserer Tracht natrlich? Im Ohr ist noch lange nicht in der Nase, wie die
Wilden die Ringe tragen ...
    Nun lachten beide Frauen ganz herzlich um die Wette ...
    Madame Delring nahm die kleinen allerdings echten, aber unscheinbar und dnn
gewordenen Ringelchen aus Treudchen's Ohren und suchte, ob sie nicht zwei andere
kleine, nicht zu auffallende und mit einem Stein geschmckte Berlocquen fnde.
    Die Frauen, sagte sie, wollen gar nicht mehr Sklavinnen sein, was diese
Ohrringe bedeutet haben mgen! Aber ich denke mir das gerade schn, seinem Manne
zu - dienen! Warum denn ihm ganz gleich sein wollen! Wenn man die Sorgen und
Noth bedenkt, die die Mnner haben! Wr' ich hbscher, ich wrde mich ganz gern
schmcken, um meinem Mann recht als seine Sklavin zu erscheinen! Die meisten
Frauen haben genug Zeit, das Gefallen zu bedenken, das ihr Mann an ihnen haben
sollte! Lieber Himmel, die Mnner in der Trkei drfen immer jung bleiben und
sich so viel Frauen nehmen, wie sie wollen! Wir sagen freilich: Wir gehren dir
auch mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele! Kind, wie oft thun wir's auch
nicht!
    Treudchen htte von der Geduld sprechen mgen, die auch umgekehrt die Frau
wieder mit dem Manne haben msse; doch verlor sie die Besinnung ber die
Freundlichkeit ihrer Herrschaft, die jetzt in der That zwei kleine goldene Ringe
gefunden hatte, die sie Treudchen einhngte. Sie gehrten zu einem grern alten
Ohrschmuck, den sie als zu auffallend in zwei Theile zerlegte.
    Deine alten Ringe, sagte sie dabei ganz gemthlich, ei, die kann man noch
angeben!
    Treudchen's vornehmste Bekanntschaften waren bisjetzt Frau von Glpen in der
Dechanei und die Majorin Schulzendorf gewesen. Wenn diese Frauen je nur so mit
ihr geredet htten! Von den Geschenken zu schweigen, die nur von einer reichern
Frau kommen konnten ... Sie verstummte ganz vor Glckseligkeit und konnte nur
der freundlichen, immer leidend gelassenen Frau die Hnde kssen.
    Diese wickelte die alten Ringe in ein zerrissenes Briefcouvert und sagte:
    Auf der Mhlenstrae wohnt unser Juwelier - Modes heit er - geh' bei ihm
vor - oder besser, ich lass' es sagen, er soll ein paar einfache Brochen
schicken, da such' ich dir eine aus -
    Gnd'ge Frau! rief Treudchen und schlug die Hnde wie ablehnend und bittend
zusammen ...
    Nein, nein, sagte Madame Delring, wir geben ja deine alten Ohrringe an! Herr
Modes gibt schon etwas dafr! Solche kleine Handelsgeschfte mssen Frauen immer
machen!
    Sie griff nun nach dem kostbar gestickten Schellenzuge dicht neben ihr und
zog zweimal.
    Der Bediente kam und erhielt in Gegenwart des vor Erstaunen fast bewutlosen
Mdchens den Auftrag, der Juwelier Modes mchte eine Anzahl einfacher Brochen
zur Auswahl schicken.
    Der Diener lie Morgenbltter und den heutigen Theaterzettel zurck und
meldete schon einen Besuch:
    Herr Medicinalrath Goldfinger!
    Ich bin ganz wohl! sagte Madame Delring pltzlich streng ...
    Sie lehnte den Empfang des Arztes ab.
    Whrend Treudchen sich erhoben und kaum den Muth hatte, in einen gerade
dicht vor ihr hngenden viereckigen Spiegel mit goldenem Rahmen zu blicken und
von Madame Delring gewinkt bekam, sie wollte ihr auch noch den Hut aufsetzen,
sah die Herrin zugleich in den vor ihr aufgeschlagenen Theaterzettel und las
halblaut und ganz nur wie mechanisch:
    Gastvorstellung von Madame Serlo-Leonhardi. Das letzte Mittel. Madame
Serlo-Leonhardi: Frau von Waldhll. Im Zwischenacte Tanz: Cracovienne von Emmy
und Flora Serlo ...
    Kinderballet! sagte sie. Ich mag die kleinen Affenkomdien nicht leiden ...
    Und dabei band sie die Schleife an Treudchen's Hut, strich ihr noch einmal
die Wange, zog und drckte den Hut ihr recht in den Nacken und gab, als sie sich
berzeugt hatte, da die schwarzen Trauerhandschuhe Treudchen's noch ganz neue
waren, ihr die Hand, die diese mit berstrmender Innigkeit an ihr Herz drckte
und wiederholt kte.
    Inzwischen kam der Bediente zurck und meldete:
    Herr Ptzl!
    Madame Delring schttelte den Kopf und sagte:
    Nein!
    Herr Kanonikus Taube!
    Finster blickend lie sie fr alle Erkundigungen danken.
    Auch diesen Besuch nahm sie nicht an.
    Wol aber war ihr, als hrte sie einige Secunden spter die Stimme ihres
Gatten -
    Der war es denn auch. Herr Delring kam, weil der Medicinalrath und jetzt
auch der Schauspieler und der Kanonikus nicht waren angenommen worden - alle
drei hatten ihre Meldung von dem Zimmer der Mutter aus, wo er selbst den
Morgengru gebracht, nach oben ankndigen lassen -; er besorgte, da seine
Gattin vielleicht nicht wohl, nicht guter Laune wre ... Schon hrte man drauen
seine Fragen nach dem Befinden seiner Gattin ...
    Da aber, ehe er noch dasein konnte, erhob sich Madame Delring pltzlich und
fuhr auf wie aus einem Traume. Ihre weitgeffneten Augen schauten ringsum. Ihr
Blick suchte irgendetwas, was sie bengstigte ... da - auf dem wieder
hergerichteten Hausaltar unter der Epheulaube stand die Strung. Schnell deutete
sie auf einen in den Zweigen und Holzverzierungen der Laube hngenden Gegenstand
und winkte Treudchen, diesen ihr zu reichen ...
    Treudchen, die so an den Mienen der freundlichen Herrin hing und sich in
ihre Art schon gefunden hatte, da sie jeden ihrer Winke verstand, reichte ihr
das Bedeutete dar -
    Es war ein durchsichtiger groer, langer Silberflor, wie man ihn ber
werthvolle Gegenstnde zu breiten pflegt, um sie vorm Staube zu schtzen ...
    Schnell! rief Madame Delring ...
    Diesen Silberflor lie sie Treudchen jetzt anfassen und bedeckte rasch damit
die Madonna auf dem Altare.
    Inzwischen trat Herr Delring ein ...
    Er war, wie immer, schon in weier Halsbinde und schwarzem Frack, gleichsam
als Reprsentant des groen Hauses, der er frher auch gewesen war, ehe ihn
Piter entthront hatte, - ein ernster, fast vornehmer Mann.
    Nun die pltzlich ausbrechenden zrtlichen Gre, den Ku, die liebevollen
Wechselreden der beiden Gatten hrte Treudchen nicht.
    Sie eilte mit klopfendem Herzen von dannen.
    Hinter ihr blieb ein Weib zurck, das ihren Himmel im Manne ihrer Liebe
fand.

                                       3.


Im Hause unten, an dem Treppengelnder fand Treudchen Lucinden stehen, die ein
Papier in der Hand hielt und ganz in ihm versunken schien.
    Es war ein groer grauer Zettel.
    Treudchen erkannte, da es derselbe Theaterzettel war, der heute wie jeden
Morgen oben wie unten abgegeben wurde ...
    Es war schon spt geworden, aber gern htte Treudchen sich in dem
berstrmenden Gefhl ihres Glckes und ihrer Dankbarkeit noch zu Lucinden
ausgesprochen ...
    Sie trat auch zu ihr heran ...
    Lucinde aber stand, als weilte sie gar nicht auf dieser Erde ... Sie
bemerkte Treudchen nicht, so versunken war sie in die Angabe der heutigen
Theatervorstellung ...
    Treudchen wollte keine Zeit verlieren, strte Lucinden nicht lnger und
sprang die Stiege hinunter.
    Unten in der Hausflur sah man recht, da der junge Herr auf Reisen war!
    Es war schon neun Uhr, alle Rume unten waren vom Geschftsverkehr belebt,
Makler kamen und gingen, in den auf den Treckkamp, Aschenktter und Heiligenptz
hinausgehenden Hinterhfen war das rhrigste Leben hrbar, aber der Portier
grte noch aus seiner unterirdischen Loge, stand noch nicht mit Dreimaster,
Stab und Bandelier, wie Piter seit einem halben Jahre eingefhrt und im Modell
mit Aquarell selbst vorgemalt hatte, in der Hausflur und wies die Ankommenden
mit Inquisitormiene zurecht.
    Aber auch aus dem Keller heraus lie sich Treudchen die beste Richtung
beschreiben, in der sie zum Waisenhause und von dort zur Kathedrale kommen
konnte.
    Es war ein Markttag.
    Das Gewhl in den Straen kaum zum Ausweichen. Die Straen dabei so eng; die
Lastwagen drngten sich ... zu ihnen kamen heute noch die Bauerwagen mit ihrem
Stroh, ihrem Heu, Holz, Kartoffeln fr den Winter ... alles, wie Treudchen das
ganz wie aus Kocher am Fall wiedererkannte.
    Sie war nie in einer groen Stadt gewesen und bertrug jetzt fast auf den
stehenden Charakter einer solchen die Mglichkeit, jedes Gesicht auf die
Vermuthung hin betrachten zu mssen, da es dem Mrder der Frau Hauptmnnin von
Buschbeck angehren knnte. An Trotz, Verwegenheit und Rcksichtslosigkeit jeder
Art fehlte es auch nirgends und bald hatte sie in dem beengenden Eindruck des
Ganzen ihre so genau angegeben gewesene Spur verloren.
    Sie stand rathlos an einer Ecke, wo mehrere Straen einmndeten ...
    Da sah sie sich pltzlich von jemand gegrt und angeredet!
    Es war ja ein alter Bekannter aus Kocher am Fall!
    Herr Lb Seligmann, der vielgeliebte Bruder der Hasen-Jette!
    Er, der seither noch immer nicht daheim gewesen war, der noch immer in
Gtern schlachtete, noch immer bei Grafen und Baronen hben und drben die
Vortheile des ihm geschenkten intimsten Vertrauens derselben geno!
    Den Todesfall der Frau Ley wute Lb Seligmann durch die Briefe David
Lippschtzens, seines Neveus und Augapfels, fr dessen Fortkommen durchs Leben
bei so schwachen Beinen gerade er sparte, gerade er sich kein Geschft
verdrieen lie, selbst die Lieferungen der Bettfedern und Decken fr Kasernen
und andere ffentliche Anstalten nicht ...
    Treudchen konnte im Augenblick gar kein besseres Geschick haben als diese
Begegnung mit dem so artigen, so geflligen kleinen Herrn Lb Seligmann, der
vollkommen vergessen hatte, da die bse kocherer Jugend einst hinter ihm her
gesungen wie sie noch jetzt hinter seinem geliebten Adoptivsohn in bermthig
christlich-germanischer Nichtanerkennung orientalischer Schnheit sang:

Hast nicht gesehen Schmulche?
Mit dem scheppe Muulche?
En Aagelche zu,
En schlockrig Hndelche dazu,
En wacklig Beinche dazu ...?

    Lb Seligmann war edle, erhabene und schne Seele. Seine Gefhle glichen
seinen Vatermrdern, die wie bei Herrn Schnuphase immer in die hchste Hhe
gingen. Sein Blick auf Treudchen, seine Rhrung ber ihre Freude, sein Andeuten:
er wisse alles - er meinte den Tod der Mutter - sein Ausweis ber die Lage des
Waisenhauses - alles das war von einer so stummberedten Theilnahme, von einer so
erdenleidverklrten Trstung und allessagenden Prophezeiung fr jedes, was die
kleine Landsmnnin, vielleicht Geld ausgenommen, von ihm begehren konnte, da es
nur an der Unruhe und dem Lrm der Strae lag, wenn Gertrud Ley nicht wieder
alle ihre Wunden aufs neue aus Seligmann's und ihren eigenen Augen aufbrechen
und flieen fhlte ... Treudchen! ... Das eine Wort nur ... Lb Seligmann
sprach es aber aus, wie den ganzen fnften Act eines Trauerspiels.
    Und bei alledem hatte doch jedermann, der nur in Kocher vom Wasser des Fall
getauft oder nicht getauft war, einen Anflug von Heiterkeit, so oft er nur den
Herrn Lb Seligmann sah. Er hatte wunderliche Eigenschaften. Ein nicht zu
entfernter Verwandter der reichen Fulds, ob er gleich nur unten fr das Comptoir
derselben existirte und dort wie jeder andere Sensal vierten oder fnften Ranges
betrachtet wurde, besa er eine gewisse Vornehmheit. Von seinem Verkehr mit der
groen Welt hatte er sogar die Manieren der Adeligen angenommen, soweit sie
niemanden beleidigten; wenigstens glaubte er selbst an eine hchst ersichtliche
Vornehmheit seines Wesens. Im Oberkleide war er zwar einfach, aber desto
gewhlter in der Wsche und vorzugsweise in der Weste. Aus dem manchmal etwas
hohem Kragen der letztern und den zu steifen Vatermrdern sah der kleine Kopf
mit der niedern, breiten Stirn und dem kurzgeschnittenen krausen Negerhaar etwa
heraus wie eine Kirche, deren Dach hher ist als der Thurm. Lb Seligmann,
bereits weitaus vierzigjhrig und Garon, war zudem durch Schmeicheleien
verwhnt, die zwar nur von Wenigen, aber von diesen desto enthusiastischer
kamen, vorzugsweise von seiner Schwester, deren Einzigster sein Erbe sein
sollte. Zu Kocher am Fall wohnte er im obern Stock des Hauses, in welchem einst
der Mann der Hasen-Jette die Kundschaft der Leys ohne alle Bswilligkeit an sich
gezogen hatte, sie leider nicht lange genieend. Lb Seligmann arbeitete nur fr
David. Er lie ihn bilden, lie ihn fein erziehen. Nur in der Musik schlug David
noch nicht ganz nach dem Wunsch des Onkels ein, der in diesem Fache ein Kenner
war. Lb Seligmann glaubte eine schne Stimme zu besitzen. Wenn er in Kocher am
Fall Toilette machte, sang er dazu am offenen Fenster. Wenn er sich an einem
kleinen Spiegel der Lichtung des Fensters selbst rasirte, intonirte er mit einem
schnen Tenor, der nur auf eine vielleicht etwas zu leichte und bequeme Weise in
die Fistel berging, eine Opernarie nach der andern. Die Schwester stand
indessen unten in der Hausthr und machte die Leute aufmerksam auf die
wunderschnen Melodieen, die ihr Lb wieder aus den groen Stdten mitgebracht
hatte. Nie hat sich auch jemand mit mehr Behagen selbst rasirt, als Lb
Seligmann. So kannst du mich betrben, Othello kannst du lieben? Jetzt die
Seife eingestrichen. Treibt der Champagner das Blut in die Kreise, da ist's ein
Leben herrlich und frei! Das Messer wird geschrft. Auf, singt die Barcarole!
Erster Strich ber die Oberlippe, whrend die linke Hand die Nase festgeklemmt
hlt ... jetzt lt sie die Nase los und Gnade, Gnade fr die arme Seele!
Zweiter Strich, die Nase wird wiederum festgeklemmt; Luft und - Mein Hon, mein
Gatte, Geliebter, wo weilst du? Jetzt ein groes Orchestersolo mit Pauken, mit
Trompeten, mit Summen und Brummen, Pruhsten, Gurgeln, Zungenschnalzen oder -
Lied ohne Worte ... sanft die Seife wieder aufgestrichen - Adagio -
Schlummerarie - erneuter Ansatz zum Rasiren - und so fort mit dem auf der Reise
arg verwilderten Barte eine Stunde lang. Immer dazwischen das kunstvollste
Talent der musikalischen Reproduction und Paraphrase, das Messer am
Streichriemen und in der Kehle die Arien sanft hinbergeschliffen. Ist dann die
Bartabnahme vollendet, dann fllt eine Arie wild in die andere, Desdemona in die
Klagen Rodrigo's, die Nachtwandlerin in die Verzweiflung Elwino's, O welches
Glck, Soldat zu sein! jodelt sich in Gold ist nur Chimre! hinber - und
alles das empfindet Lb Seligmann ebenso musikalisch wie moralisch nach, soweit
der Text und die Situation es vorschreiben. Auch kritisch ist er mit ergriffen,
soweit ihm nmlich alle greren und kleineren Talente einfallen, die er schon
in allen diesen Opern auf verschiedenen Stadttheatern hatte debutiren sehen.
    Lb's seelenvolle Errterungen ber die Vortrefflichkeit der
Dahingeschiedenen, ber die Bettdecken des Waisenhauses, das erstaunliche Glck,
bei den Kattendyks zu dienen, unterbrach Treudchen mit der Erzhlung von der
Mordthat und dem nahen Zusammenhang derselben mit ihrem eigenen Lebensschicksal.
Lb Seligmann wute schon den Vorfall, konnte schon weitere Details ber den
Geiz der Ermordeten, nur ber den Thter nicht, geben, erstaunte ber die
unschuldige Betheiligung Treudchens und bat sie, zwei Minuten - hier an diesem
prchtigen Palais - zu warten ... er kme sofort wieder zurck - er wrde
jedenfalls, das liee er sich nicht nehmen, sie bis ans Waisenhaus begleiten -
    Da Treudchen einen Band- und Zwirnladen bemerkte und bei all ihrem Herzeleid
doch ihrer Nadeln und ihres Fingerhutes eingedenk blieb, so nahm sie auf zwei
Minuten um so lieber Abschied, als sie hier gelegentlich ntzliche Einkufe
machen konnte.
    Statt nach zwei, nach zehn Minuten war sie mit ihrem Geschft fertig und
nach zwanzig kam Lb Seligmann wieder ...
    Er hatte hier in dem Comptoir seiner, wie er sagte, Vettern Moritz und
Bernhard Fuld zwar keinen Zutritt zu den innern Gemchern, wo die Ritter der
Ehrenlegion saen, aber einige alte Buchhalter aus den Zeiten des seligen Man
wei schon! hielten ihm denn doch Stand, wenn er sie um eine Prise bat und
ihnen mittheilte, da merkwrdigerweise ein Mdchen aus Kocher am Fall bei der
heute Nacht ermordeten alten Dame beinahe htte knnen im Dienst gestanden
haben ...
    Es sind Vettern zu uns! wiederholte er mehrmals von den Fulds und auf das
Palais deutend ...
    Indem Lb Seligmann seine Vatermrder jetzt stolz ber die durch bestndige
Reibung von ihnen gertheten Ohrlppchen hinauszog, ergab sich seltsamerweise,
da ein riesengroer, wunderbarer, schner Bau, in dessen Nhe sie waren, schon
die Kathedrale war und da Treudchen ihre Commissionen im steinernen Hause
jetzt htte schon ausfhren knnen, wenn nicht gerade nur um zehn Uhr die
Sprechstunde im Waisenhause gewesen wre. Aber nun war auch der Blumenmarkt ganz
nahe ... derselbe Markt, der Lb Seligmann mit hnlichen Empfindungen zu
erfllen schien, wie sie jetzt auf Treudchen's von allen diesen mchtigen
Eindrcken bestrmtes Herz zuschossen ...
    Einen Augenblick, Mamsell Treudchen! rief er und berechnete schon mit einer
Grtnersfrau, wie viel von Orangenblten und Myrten in einen groen Blumenstrau
hineinkonnten, den er mit 71/2 Silbergroschen bezahlen wollte. Treudchen
wunderte sich nicht ber seine poetische Regung, da sie selbst von dieser Flle
von Eriken, Fuchsien, hochragenden Gummibumen, buschigen Rhododendren und
blhenden Myrten wie berauscht war. Auch sie wrde sich sofort in ihren Einkauf
eingelassen haben, wenn nicht von der Kathedrale herab drei mchtige Schlge den
ganzen Domplatz, vorzugsweise aber sie selbst, erschttert htten.
    Schon drei Viertel auf zehn! rief sie. Herr Seligmann, um Gottes willen,
bitte! Kommen Sie!
    Ein einziger Rundblick rings auf die Huser, wo Herr Maria Schnuphase wohnen
konnte, der sie in einen so schlimmen Dienst hatte empfehlen wollen, eine
blitzschnelle Musterung der Blumen, die sie wol hernach zu ihrem Bouquet fr den
Pfarrer von Asselyn whlen konnte, und nun fort nach der Richtung hin, die sie
Herrn Lb Seligmann dringend bat, durch nichts mehr zu unterbrechen. Ich bitte
Sie! sagte sie. Ich habe noch so viel Commissionen! Aber jetzt mu ich wissen,
wie meine Geschwister die erste Nacht hier zugebracht haben!
    Dann setzte sie, und fast neckend im Ton der kocherer Christenjugend, hinzu:
    Fr wen ist denn aber der schne Blumenstrau, Herr Seligmann?
    Wenn Sie im Waisenhause sind, - sagte Seligmann, hielt aber sinnend inne und
wickelte sein Bouquet in eine Anzahl Theaterzettel, die er aus der Tasche zog,
und summte dazu einige Noten aus dem im Spohr'schen Faust irgendwo an einem
Stadtthater eingelegt gewesenen Liede an die Rose - wenn Sie im Waisenhause
sind, geh' ich solange in die Nachbarschaft, auf die Rumpelgasse, wo mein Bruder
Nathan Seligmann wohnt - Sie mssen sich sein Geschft ansehen - alte Kleider,
Mbel, Glaswaaren, Bilder, Masken, Theateranzge - was Ihr Herz begehrt - die
ganze Welt hat Nathan zum Verkauf oder zum Verleihen - nur mu sie alt und
abgelegt sein!
    Ist das die Judengasse? sagte Treudchen unbefangen und eilends
dahinschreitend und so laufend, da Lb fast nicht mitkonnte.
    Was? Denken Sie, da wir hier noch in einer einzigen Gasse wohnen? Haben Sie
nicht das Palais von unsern Vettern gesehen?
    Sind das die Vettern, um die der David immer sagt, er wrde nur eine
Prinzessin heirathen?
    Das Kind! betonte Seligmann ganz wie seine Schwester und verga vor
Entzcken ber David's naive Erklrung eine Antwort auf Treudchen's Frage.
    Diesen Blumenstrau, fuhr er dann nach dem glckseligsten Sinnen ber
David's Geist und groe Zukunft fort, will ich in seinem Namen an Tante Veilchen
abgeben, an die er schon seit drei Jahren alle Vierteljahre einen franzsischen
Brief schreibt. Sie werden bei Herrn Delring und bei Madame Kattendyk viele
vornehme Damen kennen lernen, aber ich versichere Sie, wenn Sie wollen gebildet
werden, liebes Kind, gehen Sie nur in die Rumpelgasse zu Veilchen Igelsheimer,
die meinem Bruder Nathan Seligmann, der ein Witwer und ohne Kinder ist, seit
dreiig Jahren das Geschft und die Wirthschaft fhrt. Sie ist schon fnfzig
Jahre alt, aber ich knnte heute um ihre Hand freien, - so viel Schnheit hat
sie - im Geist - und wenn ich nicht versprochen htte, fr den David zu sorgen.
Ja, Treudchen, Sie sollten Veilchen Igelsheimer sehen! Sie knnen viel Bcher
lesen und Sie finden drin nicht gedruckt, was in Veilchen steht!
    Treudchen lie ihn so forterzhlen und folgte nur immer seinen stumm
gegebenen Winken ber die Richtung, die sie einzuschlagen hatten ...
    Veilchen, fuhr der von seinen Familienbeziehungen nicht weniger wie seine
Schwester bezauberte Mann fort, Veilchen htte in einem Palais wohnen knnen,
wie die jungen Fulds, wo der eine sich krzlich verheirathet hat mit einer
reichen und wunderschnen Dame aus Wien - ja Veilchen htte Barone haben knnen
und einen Grafen - aber da sie den nicht bekommen konnte, den sie allein gemocht
- es war ihr Vetter - unser Onkel Doctor Leo Perl - da hat sie fr ihr ganzes
Leben gesagt: Ich entsage!
    Und wre Herr Lb Seligmann jetzt allein gewesen und etwa daheim, auf seiner
Stube in Kocher am Fall und im Rasiren begriffen, so htte er sich jetzt
unfehlbar durch die wehmutherweckende Ideenverbindung dieser Mittheilungen
bestimmen lassen, aus Bellini's Unbekannter oder dessen Nachtwandlerin ein
schmelzendes Adagio zu intoniren ...
    Treudchen sah nur immer auf die Straennamen an den Ecken, auf die Menschen,
die Soldaten, die Fuhrwerke, die hohen Huser, alten Kirchen und hrte um so
mehr nur halb auf den freundlichen Begleiter, als er seine Mittheilungen auch
seinerseits bald durch das Lesen eines Anschlagzettels, bald einer Firma, bald
durch ein Stillstehen und Erklren einer stdtischen Merkwrdigkeit unterbrach.
    Den heutigen Theaterzettel lie er nach kurzem Anblick unbeachtet ... Das
letzte Mittel ... Tanz ... Das war nichts fr den Schmelz seiner Gefhle und
seine nur im Meer der Tne sich wohlbefindende Seele.
    Auf Veilchen Igelsheimer, die Entsagende und jetzt in der Rumpelgasse das
Geschft seines Bruders Fhrende, kam er wieder zurck, als er vor einem
Zinngieerladen still stand und behauptete, bei Herrn Xaver Klingelpeter eine
Minute zu thun zu haben ...
    Nein, nein! nein! rief Treudchen ...
    Eine Minute, Treudchen!
    Adieu, Herr Seligmann!
    Zwei Worte! Sehen Sie die wunderschnen Arbeiten am Fenster -
    Treudchen zog ihn von dem Schaufenster des Zinngieers weiter ...
    Herr Xaver Klingelpeter, sagte er dann, sich ergebend und nachstolpernd, ist
ein ansehnlicher Mann, der sich ein Gtchen kaufen will, das ich ihm empfohlen
habe! Haben Sie wol die Herrlichkeiten in seinem Laden gesehen? Alles nur von
Zinn, aber so kunstvoll, wie von Gold und Silber!
    Treudchen hatte den Eindruck der silbernen Monstranzen fr arme Dorfkirchen,
Patenen, Kelche, Crucifixe wohl empfangen, auch durch das Fenster einen Mnch
erblickt, der drinnen im Laden mit dem Meister Zinngieer in lebhafter
Demonstration begriffen schien, aber sie zog es vorwrts, vorwrts, und
Seligmann mute folgen ...
    Auch solche heilige Gefe, fuhr er bei alledem fort, kommen im Geschft
meines Bruders vor! Sie werden eingeschmolzen und manchmal mit sehr unheiligen
Dingen zusammen! Veilchen macht das alles wie ein Professor der Chemie. Ja, mein
Bruder lt sogar Mnzen schlagen, aus Kupfer - es ist ein Artikel zum Spa -
Sie sollten sehen, wie Veilchen lateinische Inschriften macht und die Bilder
dazu zeichnet - rmische Knige und trkische Kaiser! Veilchen knnte Bcher
schreiben!
    Ihr also bringen Sie den Blumenstrau? warf Treudchen in der Eile und nur so
zerstreut dazwischen ...
    Sie macht sich aus nichts mehr im Leben was! Sie liest blos, sie schreibt
blos, sie fhrt blos das Geschft ... Ach, ihr Kummer war zu gro! Es war das
schnste Mdchen - ein Bild - sie ist noch jetzt wie eine Wachskerze so wei -
aber der, den sie liebte, den bekam sie nicht - es war unser Oheim - ihr eigener
Vetter - er taufte sich - katholisch - mehr - er wurde ein Priester ...
    Treudchen hrte nur halb. Aber sie kannte ja schon diese Klagen aus so
vielen stillen Abendgesprchen der redseligen Hasen-Jette mit ihrer Mutter! Leo
Perl war fr diese ganze Familie der verheiene Messias gewesen! Als es aber
dazu kam, sich als der Lwe vom Stamm Juda zu offenbaren, tuschte er alle,
wurde zum Verrther, ging zum Feinde ber und schien von alledem doch keinen
Segen gehabt zu haben. Treudchen wute sogar, da regelmig zwei Mnner genannt
wurden, die Leo Perl's Seelenruhe auf dem Gewissen haben sollten, der gute
Dechant zu Kocher am Fall und ein anderer vornehmer und gromchtiger Herr auf
einem fernen Schlo bei Witoborn. Ihnen sollte der Doctor Leo Perl mit seinem
Uebertritt, ja mit dem Entschlu, Priester zu werden - wider Willen sogar - ein
geheimnivolles und bis zur Stunde wenigstens selbst der Hasen-Jette noch
unentrthseltes Opfer gebracht haben ...
    Endlich standen beide vor einem freundlichen, mit einer Inschrift gezierten
Hause.
    Lb Seligmann versprach mit dem holdseligsten Nicken aus den Palissaden
seiner Vatermrder und dem schwarzwolligen Wulst seines ppigen Haarwuchses und
einem seit einigen Tagen nicht besonders grndlich rasirten Barte heraus, in
sptestens einer Viertelstunde hier wieder an der Thr zu stehen und auf
Treudchen's Rckkehr zu warten ...
    Er selbst zog die Klingel. Einem ffnenden Knaben trug er das Anliegen
Treudchens vor. Er traf den Ton fr alles, was sich hier schickte; er kannte
jeden Weg, wie er betreten werden und jede Thr, wie man an sie klopfen mute.
Selbst die deutsche Sprache handhabte er seiner Meinung nach in diesem
Augenblick vollkommener als Treudchen, deren Rede er unterbrach und ihre
Berechtigung, hier eingelassen zu werden, gleichsam in die Sprache bersetzte,
die derjenige nicht kennen konnte, der noch nie aus Kocher am Fall so
herausgekommen war, wie er.
    Der Knabe fhrte Treudchen zum Inspector ... der Inspector fhrte sie zu
ihren drei Geschwistern, zwei Knaben und einem Mdchen ...
    Alle drei sprangen ihr herzlich und heiter entgegen ... Wie rasch entflieht
dem Kindersinn ein herbes Leid! Weckten wir es nicht durch unser eigenes
Bedauern und fragten einen solchen kleinen Nachla: Weit du auch, was du
verloren hast und denkst daran und weit wo deine Mutter ist? solche nach Luft
und Licht und Wachsthum strebenden Keime vergen bald nach unserm Gefhl zu
antworten ... Wie tummelte sich das schon im Hof und lrmte und regierte schon
die Welt im Soldatenspiel ... Und drben bei den Mdchen war das ein Murmeln und
Summen und Plaudern beim Stricken ... und wie bewhrten sich die angebornen
Gattungstriebe! Liebe und Abneigung schon nach vierundzwanzig Stunden,
Verschwrungen schon und Bundesgenossenschaften ... neckte die, so hatte sie an
jener einen Widerpart und diese wieder eine Gegnerin an einer andern ... Nichts
blieb ohne Angriff, nichts ohne Beistand ... Ja, Treudchen fand, da die
Geschwister in ihr neues Dasein schon wie eingeboren waren ... Lutete es, dann
wute jedes, was es bedeutete ... bald rief die Glocke zum Frhstck, bald zum
Mittagessen, bald in die Kapelle, bald auf die Schulbank ... ein geregeltes und
in sich begngtes Leben das! Lucinde sagte Treudchen und den Kindern gleich:
Bliebe es euch nur immer so, ihr Armen! Und lge der Nachtheil der
Waisenhauserziehung nicht gerade in der Unmglichkeit, im Leben knftig dieselbe
Regelmigkeit zu haben! Dem Dasein gegenber, wie es ist, ist sogar schon
solche Ordnung eurer Jugend - ein vollstndiger Luxus! Wer auch nur alle Tage
das hat, was er begehrt und bedarf, wird selbst bei Wasser und Brot wie ein
Prinz erzogen! ... Lucinde gedachte ihrer verkommenen Brder.
    Schon wollte Treudchen, da die Freistunde vorber war, nach herzlichen
Mahnungen und Danksagungen an den Herrn Inspector wieder gehen ...
    Da kam auf sie zu eine der Nonnen, die hier die Erziehung leiten helfen. Es
war eine Karmeliterin in braunem Rock und schwarzem Ledergrtel. Sie war in
mittlern Jahren, sehr sauber, sehr rhrsam. Da ihr Treudchen die Hand kte,
lehnte sie fast ab und ergriff theilnehmend die ihrige.
    Sahen Sie denn auch alles? fragte sie und fhrte Treudchen in den Rumen auf
und nieder und zeigte ihr die Pltze, wo die Kinder ihre mitgebrachten
Habseligkeiten untergebracht hatten. Sie versicherte, da diese Geschwister ihr
schon fast die Liebsten wren und da auch sie Mutter Beaten schon in ihre
Herzen eingeschlossen htten.
    Mutter Beate war der Name der Schwester ...
    Treudchen's Herz klopfte hrbar. Nach den Reden der Frau Delring berkam sie
fast eine Furcht, sich offen auszusprechen oder zu lange im Gesprch zu
verharren mit dieser so zuthulichen Klosterjungfrau ... Und wahrhaft berrascht
war sie, als Schwester Beate von ihrem Dienst bei den Kattendyks und ihrer
frhern Bestimmung fr die Frau Hauptmnnin von Buschbeck schon wute.
    Diese Unglckliche, sagte sie, ist auf so ruchlose Weise ums Leben gekommen!
Aber die ewige Gerechtigkeit wird den Mrder gewi schon der zeitlichen
berliefern! Sie wird den Elenden auffinden lassen, der auch den Armen und
Nothleidenden eine Freundin raubte! Ei! Wie knnen Sie sagen, Kind, da es ein
Glck war, da der Himmel Ihnen eine andere Bestimmung gab! Vielleicht htte
Ihre Anwesenheit die That ungeschehen gemacht! Verlassen von aller Welt, mute
die Aermste wol ein Opfer der Habsucht und Mordlust werden! Kind, Kind, frchten
Sie sich denn vor einer Gefahr, die im Gefolge einer Pflicht liegt?
    Treudchen sah verwirrt zur Erde. Ihre Wangen erglhten. Sie, die schon im
Leben so viel erduldet, stand jetzt, wie sie gleich heute frh geahnt hatte, wie
ein Wesen da, das nur an ihre eigene Sicherheit zu denken vermochte. Es war ein
Feuerbrand in ihr Herz geworfen, sich sagen zu mssen: Wrst du weniger
furchtsam gewesen, weniger glubig den Versicherungen deiner Gnnerin Lucinde
gefolgt, diese unglckliche Frau lebte vielleicht noch!
    Freundlicher jedoch geworden, als sie die Wirkung ihrer harten Worte
bemerkte, unterhielt sich Schwester Beate jetzt wieder im Wandeln mit Treudchen,
fragte nach ihren sonstigen Lebensverhltnissen und vervollstndigte das, was
sie alles sonderbarerweise bereits wute.
    Als Treudchen schon gehen wollte und die Hand der Nonne ergriff, sie aufs
neue zu kssen, forderte Schwester Beate sie auf, in ihrem Kloster sie zu
besuchen ... es lge dicht am Waisenhaus nebenan und wre mit ihm durch einen
geschlossenen Gang verbunden und she mit der Vorderfronte der zum Kloster
gehrigen Kirche auf den Rmerweg hinaus.
    Treudchen gedachte an ihre Herrin, wie sie vorhin den Namen einer gewissen
Strae gesucht hatte ...
    Wir haben gerade morgen einen Geburtstag! sagte die Nonne. Kommen Sie doch
morgen Nachmittag!
    Ich wei nicht ...
    Ihre Herrin erlaubt es ... In ein Kloster lt eine glubige Seele jeden
gehen!
    Einen Geburtstag? ... fragte Treudchen bebend und ausweichend ...
    Ein Geburtstag ist ein Einkleidungstag!
    Die Nonne blickte auf das Ende eines Corridors, in welchem eine zweite Nonne
erschien. Sie schwieg, bis diese herangekommen und mit einem freundlichen Grue
vorbergegangen war. Dies war eine fast vornehme Erscheinung gewesen ...
    Das war das Geburtstagkind! sagte Schwester Beate mit einem Lcheln, bei
welchem eine ihr Antlitz entstellende Zahnlcke zum Vorschein kam. Schwester
Therese ist heute sozusagen drei Jahre alt! Vor drei Jahren nahm sie den
Schleier und wurde eine Braut des Himmels! Sie ist sehr vornehmer Abkunft! Ein
Freifrulein Therese von Seefelden! Schon hatte sie einen Grafen zum Verlobten,
der aber sein ganzes Vermgen lieber zu einem wohlthtigen Zwecke bestimmte und
ins Kloster gehen wollte! Er ist im Franciscaner-Kloster Himmelpfort bei
Witoborn; leider wurde er krank und hat, der Aermste, seinen Verstand verloren!
Frulein von Seefelden nahm nun auch den Schleier und wurde Karmeliterin! Ich
bin nicht so hoher Abkunft. Mir ging es wie Ihnen, Kind! Hat man keine Aeltern
und Verwandte mehr, keine Freunde und mu sich mhsam durchs Leben schlagen und
immer in Gefahr leben, an seiner Seele beschdigt zu werden, so ist das Kloster
die beste Versorgung! Niemand hat da noch eine Entbehrung, als nur fr anderer
Wohl! Wir kmmern uns nicht: Was wird aus uns? Was essen, was trinken wir?
Unsere Kleidung, unser Unterhalt sind da - so leben wir nur mit unserm Innern
beschftigt. Kommen Sie morgen, liebes Kind! Wir feiern unsere Geburtstage immer
so froh, wie nur irgend erlaubt ist! Es fehlt an Gebacknem nicht, nicht an
Blumen, Sie sollen sehen, wir sind sogar ganz guter Dinge und knnen lachen wie
andere auch!
    Der Schall einer Glocke rief die Schwester Beate ab in die Sle, wo sie die
weiblichen Handarbeiten leitete.
    Treudchen fhlte, da sie morgen an dem Geburtstag der Schwester Therese
nicht fehlen durfte. Ja es war ihr fast, als wrden es ihre Geschwister zu
entgelten haben, wenn sie einer so ausdrcklichen Einladung nicht Folge leistete
...
    Dennoch berfiel sie ein unaussprechliches Bangen ... Sie verlie das
Waisenhaus zitternd, wie wenn sie in Lften schwebte. Ihre Pulse flogen. Es war
ihr, als she sie immer die Augen der Nonne sie anlcheln, sie durchbohren mit
einer Freundlichkeit, die keine natrliche war, sondern dem Blicke der Schlange
glich, die ihr Opfer erst erstarren macht ... Ach und dazu luteten Glocken
drauen und in ihrem Innern! Allen ihren Leiden, zu denen Bengstigungen kamen,
wie sogar solche, die in der Erinnerung an Piter lagen, bot sich eine himmlische
Trstung und ein Ausweg. Auch zu einem Geistlichen flog sie ja jetzt, der ewig
entsagen mute, der nur sich gren lassen durfte mit Blumen, die die Verehrung
brachte und die nichts dafr begehrende Liebe ... Auf der Strae, wo sie sich
wieder befand, htte sie unter allen Menschen wie ber eine Ahnung laut
aufweinen mgen ...
    Wenn nur Lb Seligmann da war - sein Plaudern hoffte sie, wrde ihr
Beruhigung geben!
    Sie fand ihn aber nicht und sie konnte kaum auf ihn warten. Auch konnte er
vielleicht schon fort sein, denn sie war fast eine halbe Stunde geblieben.
Dennoch suchte sie und suchte und stand und ging und ging und stand - Eins
konnte ihr Auge nicht fortbannen: Die beiden Nonnen - und Schwester Therese und
ihr feierlich ernstes Dahinwandeln und das braune wollene Kleid, das beide
trugen und den groben Ledergrtel - und ihr Geliebter wurde Mnch, angethan wie
der, den sie vorhin gesehen in dem Laden des Meisters Zinngieer!
    Fast war sie im Auf- und Niedergehen schon dicht an diesem Laden angekommen.
Sie sah ihn in der Ferne, sie sah, da sie sich auf dem Rckwege zur Kathedrale
leicht zurecht finden wrde. Doch kehrte sie wieder zum Waisenhause um ...
    Nirgends fand sich aber Lb Seligmann ...
    Jetzt schlug es von den Thrmen halb elf Uhr ...
    Wie durfte sie lnger zgern! Frau Delring wird ihre Toilette machen wollen!
sagte sie sich. Sie eilte von dannen und geradeswegs der Kathedrale zu.
    Nach einer Viertelstunde war auch diese erreicht und mit ihr der
Blumenmarkt. Rasch erhandelte sie zwei groe Bouquets von Georginen, Levkoien,
Nelken. Seligmann's Beispiel ermuthigte sie, sich einbinden zu lassen, was ihr
nur irgend noch von den andern Vorrthen gefiel, vor allem Orangenblten. Damit
eilte sie dann zu dem Laden des Herrn Maria hinber.
    Ein Schaufenster mit den auch nach auen sichtbaren innern Herrlichkeiten,
die hier verkauft wurden, fehlte. Ja selbst im innern Laden, so gro und
gerumig er war, hatte alles ein Ansehen, wie wenn diese Schrnke und Kisten und
Kasten nur zum Privatgebrauche einer hier fr immer wohnenden Familie bestimmt
waren. Herrn Maria's feiner Takt bewhrte sich in diesem Geheimnivollen des
Verkehrs mit heiligen Dingen. Selbst die Lebkuchen ziemte sich nicht so offen
neben den Megewndern liegen zu lassen ...
    Treudchen sah sich aber kaum um. In Eile sagte sie zu einer von einem
versteckten Stehpult fragend aufblickenden nicht mehr in erster Jugendblte
befindlichen, aber doch durch Haltung und eine gewhlte Toilette wol noch
Jugendlichkeit in Anspruch nehmenden Dame:
    Eine Empfehlung von Madame Delring! Ob nicht bald ihre Ausstattung fertig
wre?
    Madame Delring -? Ah -!
    Die gestrenge Miene der schlanken, dunkelugigen Dame verklrte sich ...
    Sie sind -? fragte sie und hocherrthend und nachfhlend, da dies Mdchen
ihr allenfalls auch htte sagen drfen: Ja, ich bin die von Ihrem Vater fr den
Dienst bei der diese Nacht Ermordeten Bestimmte!
    Aber Treudchen war so in der Hast ihres Auftrags, so im Drang ihrer
Rckkehr, so im Bangen, jetzt nach dem Pfarrer von St.-Wolfgang fragen zu
mssen, da Demoiselle Schnuphase (es war die Aelteste - Eva) ber Vorwrfe
nicht viel Besorgnisse zu hegen brauchte.
    Ihre Freundlichkeit, ihr Verweisen auf das Nhinstitut der Schwesterschaft
zu den Nothhelfern waren fr ihre Verlegenheit bezeichnend genug ...
    Diese wunderschnen Bouquets -! sagte Demoiselle Schnuphase dann holdseligst
...
    Ich wollte sie Herrn von Asselyn bringen -
    Wem?
    Dem Herrn Pfarrer von St.-Wolfgang -
    Der wohnt bei uns -
    Treff' ich ihn zu Hause?
    Sie kennen ihn -?
    Aus meiner Vaterstadt -
    Ganz recht! Er ist nicht gegenwrtig!
    O -
    Er ist im Palais Sr. Eminenz des Kirchenfrsten -
    Knnt' ich ihm nicht die Blumen auf sein Zimmer stellen?
    Gewi! Kommen Sie!
    Frulein Schnuphase nahm lchelnd einen Schlssel, der ber ihrem Stehpult
hing, entfernte sich in ein Nebenzimmer, kehrte zurck, lie Treudchen
vorantreten und ffnete eine andere nach hinten gehende Thr.
    Wie Treudchen den Laden mit ihren Blumen verlie, sah ihr aus der geffneten
Nebenthr eine zweite, elegante und wie es schien jngere Dame nach, ohne
Zweifel Demoiselle Apollonia ...
    In dem alterthmlichen Hause ging es eine dunkle steinerne Treppe hinauf.
Die Fhrerin ffnete im ersten Stock ein gerumiges Zimmer und lie Treudchen
eintreten.
    Hier wohnt der Herr Pfarrer von St.-Wolfgang! sagte sie.
    Aber schon schlug es elf Uhr ... Treudchen hrte und sah kaum noch etwas ...
Sie rief nur:
    Elf! O Gott -!
    Demoiselle Schnuphase verstand vollkommen, wie ein gutes Kammermdchen sich
nicht beim ersten Ausgange verspten durfte ...
    Und doch fehlten fr die Blumen die Glser und sie erbot sich, diese erst zu
holen -
    Treudchen machte es anders.
    Sie lste beide Strue auseinander und vertheilte die Blumen ...
    Einen Theil warf sie auf ein offen auf dem Tische liegendes groes Buch -
vielleicht die lateinische Bibel - einen andern streute sie auf ein groes
Schreibzeug, mochten auch einige Nelken in die Dinte fallen. Eine andere
Handvoll drckte sie bei einem Crucifix, das im Schatten des Spiegelpfeilers
stand, zwischen die Arme des Erlsers, die eine Lcke an dem obern Querholz des
Balkens offen lieen. Den Rest streute sie geradezu hierhin und dorthin, soda
das Zimmer dem Wege des Herrn nach Jerusalem glich, ihre Huldigung einem
jubelnden Hosianna.
    Demoiselle Schnuphase lachte. Treudchen aber, ber die der Geist Lucindens
gekommen schien, sprach weiter kein Wort, sondern sah sich nur noch einmal um
und lief rasch von dannen.
    Auf dem Platze suchte sie eben die Strae, in die sie wute einbiegen zu
mssen, als sie gerade auf Lb Seligmann und wie Kopf an Kopf und Nase an Nase
gegen ihn stie. Er war ihrer Spur gefolgt, hatte sich ihr nacherkundigt und
nachgefragt und entschuldigte sein Ausbleiben durch ein Abenteuer, das ihn
bestimmte sie sogleich zu fragen, ob er nicht so bla und so wei ausshe wie
Kreide? ...
    Sie fand ihn aber im Gegentheil sehr errthet. Doch hielt sie sich mit
nherer Beweisfhrung nicht auf, sondern drngte nur ihres sprachlosen Fhrers
Fingerzeigen auf die Strae nach, die sie einschlagen muten.
    Ich bin in meinem Leben ein einziges mal herausgeschmissen worden, keuchte
Seligmann, endlich zu einigem Athem gekommen, hinter ihr her und brstete an
seinem Hute, der offenbar eine gewaltsame Beschdigung erlitten hatte;
herausgeschmissen aus bloem Scherz - und jetzt -
    Wer hat Ihnen denn etwas gethan? fragte Treudchen in hastiger Eile den noch
ganz Ungesammelten ...
    Jetzt, wo kein Gensdarm mehr zu einem mosaischen Glaubensgenossen: Zaruck!
sagt, wenn blos die andern gedrngelt haben ...
    Aber was geschah Ihnen denn?
    Ein Mnch, der ein Mann Gottes sein will ...!
    Treudchen konnte trotz ihrer Eile nicht umhin, eine Secunde still zu stehen
und auf ihren kaum nachkommenden Begleiter einen staunenden Blick zu werfen ...
    Der mich einmal herausgeschmissen hat - das ist ein Student gewesen, fuhr
Seligmann fort; in kurzen Pausen, Herr Benno von Asselyn war's - den Sie kennen
mssen - Neveu vom Herrn Dechanten -
    Ja wohl! Ja wohl! Der hat Sie jetzt -
    Nein! Vor fnf Jahren! Und blos aus Spa schmi mich Herr von Asselyn 'mal
heraus im Roland am Hneneck, eine Stunde von der Universitt, wo ich eine
Verhandlung mit einer Partie Bauern hatte, die ihre Gter wollten parcelliren!
Kam der damalige Student Herr von Asselyn dazu mit fnf andern, machte die Stube
auf und hrte, was wir discourirten, und fing an: Seligmann - er kannte mich von
Kocher - sind Sie denn das Verderben des Landes! Schlachten Sie Rinder und
Klber mit Ihrem Schwager Lippschtz, aber ruiniren Sie uns hier den Wohlstand
der Bauern nicht durch diese verfluchte Parcellirung! ... Und so fat mich Herr
von Asselyn an dem Rockkragen und fhrt mich volens nolens in die Nebenstube und
alle Bauern lachten dazu. Es war aber blos ein Scherz, die Studenten wollten nur
unsere Stube haben, um besser ihren Wein zu trinken wegen der Aussicht! Aber
heute - straf' mich Gott! bin ich wirklich herausgeschmissen worden mit einer
Grobheit wie von Joseph Zapf, dem Wirth im Roland selbst! Und das von einem
Mnch - einem Priester Gottes! Jd! So hab' ich das Wort seit zwanzig Jahren
nicht gehrt, seitdem die Buben dazumal, wie das deutsche Vaterland vorm
Napoleon ist gerettet gewesen, berall Hepp, Hepp! geschrieen!
    Noch mochte Treudchen bis zu ihrer Ankunft an dem in der innern Stadt
liegenden Kattendyk'schen Hause fnf Minuten Zeit haben ...
    Herr Seligmann erzhlte ein Zusammentreffen, das er im Laden des Herrn Xaver
Klingelpeter mit einem Mnche gehabt htte. Und trotz seiner Aufregung und trotz
Treudchen's Eile nahm er sich die Zeit, noch eine Huldigung fr Veilchen
Igelsheimer einzuflechten und Treudchen zu ermuntern, die Weiseste ihres
Geschlechts zu besuchen ...
    Als ich ihr den Blumenstrau in die Rumpelgasse brachte, sagte er, wollt'
ich fort, um Sie nicht warten zu lassen! Ich erzhlte Ihre Leiden, Treudchen!
Ich erzhlte auch Ihre Liebe und Ihre Anhnglichkeit! Wissen Sie, was es gesagt
hat, das Veilchen? Was dankbar! Kinder dankbar! hat es gesagt. Die besten Kinder
sind gegen ihre Aeltern nur Lumpen! Sie zahlen! Womit zahlen sie? Gerade von dem
zahlen sie, was sie schuldig sind! Frag' ich sie: Veilchen wie so schuldig? ...
Sind die Kinder, antwortete das Mdchen, ihren Aeltern nicht das Leben schuldig?
Und zahlen sie nun wieder mit ihrem Leben, was thun sie? Sie machen's wie die
Frsten mit ihren Vlkern und mit ihren Schulden und wie alle, die bankrott
sind! Sie zahlen ihre Glubiger gerade von dem, was sie eben ihnen schuldig
sind!
    Weder Treudchen's Gemthsstimmung noch ihre Bildung gestattete ihr, diese
talmudische Dialektik so berraschend geistvoll zu finden, wie sie Lb Seligmann
fand ...
    Aber trotz seiner Bewunderung vor dem scharfen Geiste Veilchen's verlor er
den Faden seiner Erzhlung nicht. Er berichtete, da er beim vergeblichen Warten
auf Treudchen, die noch im Waisenhause war, einen Sprung zu dem Zinngieer htte
machen wollen. Dort htte er den Laden verschlossen gefunden und wre nun als
alter Bekannter von hinterwrts durch die Werkstatt und in ein Nebenzimmerchen
gegangen. Dieses wre leer gewesen. Wohl aber htte er durch ein
Schiebfensterchen in die Stube des Meisters sehen und mit Staunen auf dem Tische
an die Tausende von kleinen zinnernen Mnzen erblicken knnen. Es wre ihm doch
gewesen, als htte er in eine Falschmnzerei gesehen. Ein Mnch htte ber die
Mnzen mit dem Meister disputirt und wie ein Advocat wre er dabei
herumgesprungen und htte dies getadelt und jenes und die Mnzen geworfen, da
sie auf den Tisch hinrollten ... und als er dann geklopft und den Kopf durch die
Thr gesteckt htte und hereintreten wollen, da htte ihn der Mann Gottes in
einer Art wieder hinausgefhrt, die ber alle Zweideutigkeit erhaben gewesen
wre ... Zwar msse er bekennen, da er, noch von Veilchen's Geiste angesteckt,
den Scherz gemacht: Sind das Wundermedaillen? - aber so dicht heran an den
Scheiterhaufen und an die heilige Inquisition htt' er sich in seinem Leben
nicht gefhlt, wie bei dieser Behandlung an einem Orte, wo ihm Meister
Klingelpeter doch auch schon mit manchem Scherze gesagt htte, es wre ihm ganz
egal, wo sein Bruder Nathan Seligmann das Zinn herbekme, das er ihm geschmolzen
zum Verkauf bringe, ob von alten Kelchen oder -
    Die Blasphemie, die auf Lb Seligmann's zornesbleichen Lippen schwebte,
hrte Treudchen nicht.
    Sie war jetzt am Portal des Kattendyk'schen Hauses.
    Nun stand der Portier in voller Gala unter den, whrend der Geschftszeit,
seit Piter befehligte, weitgeffneten Thorflgeln.
    Lb Seligmann warf ihr noch einen letzten Ausdruck der Theilnahme zu auf die
herzlichen Dankesbezeugungen fr seine Begleitung und heute bewiesene
Freundlichkeit.
    Im Verdru seines gekrnkten Stolzes, im Verdru seiner nur mit Zerstreuung
und halber Theilnahme aufgenommenen Erzhlung und doch unfhig, sich zu rchen
(und htte er alle Mittel dazu gehabt, sein Gemth war doch nur geneigt zum
Dulden), auch unfhig, Treudchen Vorwrfe zu machen und berhaupt anders als
gefhlvoll von ihr Abschied zu nehmen, sagte er:
    Leben Sie glcklich, mein Kind!
    Er sprach diese Worte langsam und melodisch betonend. Er sprach sie, wie
wenn einmal jemand: Leben Sie glcklich, mein Kind! zu David Lippschtz htte
sagen knnen, falls diesem pltzlich auch so seine Mutter oder gar der Onkel
selbst mit Tode abgegangen wre ... Wir Menschen sind ja so ... Eine Mutter
liebkost dann am herzigsten ein fremdes Kind, wenn sie aus dessen Zgen ihr
eigenes herausfindet.
    Treudchen war lngst in dem stattlichen Hause verschwunden, als Lb
Seligmann noch im Gemisch von Zorn und Wehmuth dastand, dann in die
Kattendyk'schen Comptoire schaute, eine Weile den Gedanken fate: Wer hier
Geschfte machen knnte! darauf seinen Hut, der eine unvertilgbare Beule
bekommen hatte, aufsetzte und sich im Geist auf die Scene mit dem Mnche
zurckversetzte, der ohne Zweifel Pater Sebastus gewesen war ...
    Aus diesen Trumen weckte aber, den Strer der Passage, glcklicherweise
noch vor dem Portier ein freundlicherer Anruf:
    Guten Morgen, Seligmann!
    Diese Worte kamen von einem Manne, dessen Anblick dem Gtermakler im Nu den
Hut vom Kopfe ri ...
    Herr Fuld! Ihr gehorsamster Diener, sprach er fast tonlos ...
    Es war sein vornehmer leiblicher Vetter - es war der Enkel eines Cousins
seiner Mutter, der Lb Seligmann gegrt hatte, Herr Bernhard Fuld, der Besitzer
der Villa zu Drusenheim im Enneper Thale.
    Und was geschah? Alle Stmme Israels gaben ihre Rangunterschiede auf!
    Bernhard Fuld blieb zwar nicht stehen, aber er forderte Lb Seligmann auf,
ihn zu begleiten ...
    Setzen Sie nur den Hut auf, Seligmann! bedeutete ihn der Vetter, den
Weigenand Maus und Alois Effingh heute zum Gegenstand einer Caricatur machten,
die vielleicht schon in Arbeit war. Wird es denn nichts mit dem Weinberg hinter
meiner Villa?
    Er fragte dies im Gehen und den Vetter in Bewegung setzend, der vor
Verehrung immer zum Stillstand tendirte.
    Leider nein, Herr Fuld! ...
    Aber ich bot doch siebenhundert Thaler!
    Ich machte die Offerte ...
    Das ist ein Heidengeld!
    Unerbittlich ist der Mensch ...
    Versuchen Sie es doch noch einmal -
    Sie befehlen ...
    Meine Frau vermit diesen Besitz, der in der That meine Villa erst
arrondirt! Neunhundert Thaler, wenn Sie's machen!
    Bei Gott! Eine ansehnliche Summe! Ich will es noch einmal -
    Und kommen Sie dann nchsten Sonntag nach Drusenheim und berichten mir's -
    Ganz wohl!
    Sie knnen ja bei uns speisen, Seligmann!
    Mit diesem Worte, das Lb Seligmann geradezu versteinerte, war Herr Bernhard
Fuld kurzweg um eine Ecke verschwunden und lie den Vetter stehen.
    Sie knnen ja bei uns speisen, Seligmann!
    War das Wort wirklich gesprochen worden?
    War es von Bernhard Fuld gesprochen worden, dem Mann, den dort der vierte,
fnfte Vorbergehende grt? Dem Mann mit dem schwarzen Frack und dem rothen
Bndchen im Knopfloche? Dem Mann in dem herbstlich gelben Ueberzieher, mit dem
Bart  la mcontent, im weien Castorhute, dem vornehmen Gange, der fast die
Steine, auf die er trat, erst auswhlte und des Gehens auf gemeiner Erde gar
nicht gewohnt schien?
    Es war von ihm gesprochen worden!
    Und so obenhin war es gesprochen worden, wie wenn alle Tage Sabbat wre und
die Erde nie den Winter kennte sondern ein ewiger Frhling in der Natur und dem
Herzen ihrer Bewohner blhte und wie wenn die gebratenen Gnse mit duftender
Aepfelfllung nur so mit den Tranchirmessern durch die Lfte flgen und die
Menschen am Tage geputzt gingen mit Veilchen Igelsheimer's Garderobe oder wie
die Ballgste in der neuen Oper Gustav oder der Maskenball ...
    Lb Seligmann wuchs in diesem Augenblicke bis an die Kuppel einer nahe
liegenden wirklich alt byzantinischen Kirche.
    Er verga die vorahnende Erinnerung an die Todesanzeige: Gestern starb mein
geliebter Onkel -!
    Er verga die Erinnerung an die Scheiterhaufen der Inquisition und die
brgerliche Gleichstellung der Glaubensbekenntnisse wenigstens vor dem
Bagatellhofe wegen Injurien ...
    Sie knnen ja Sonntag bei uns speisen, Seligmann!
    Ja es gibt noch Wunder und liebliche Mrchen und was wird Veilchen sagen und
was Henriette und was David?
    Mit diesen, bis in die hchsten Bergeskuppen gipfelnden Empfindungen mute
Lb Seligmann freilich jetzt in einen Keller steigen.
    Der Besitzer des um keinen Preis kuflichen Weinberges hinter Drusenheim
hie Stephan Lengenich.
    Es war dies der aus hiesiger Gegend gebrtige Kfer und ehemalige Freund der
Beschlieerin Lisabeth auf Schlo Neuhof, der um den Tod des Deichgrafen ein
Jahr hatte sitzen mssen, bis ihn die Gerichte aus Mangel an Beweis
freisprachen.
    Stephan Lengenich war in seine Heimat zurckgekehrt und stand als erster
Kfer dem groen Weingeschfte von Joseph Moppes vor.
    In diese berhmten, mit unterirdischen Gngen weit sich hinziehenden Keller
ging es zwanzig Stufen hinunter.
    Lb Seligmann stieg sie nieder, als fhrten sie um das Dreidoppelte empor.
    Nchsten Sonntag! - In Drusenheim! - Speisen bei Bernhard Fuld!
    Die heitersten Melodieen aus Fra Diavolo, mehr aber noch das lustige
Kommt frhliche Gste! aus den Wienern in Berlin fielen in sein berraschtes
und bereits vershntes Gemth wie mit rauschenden Orchesterklngen.
    Selbst Thiebold de Jonge und die Freunde Piter's konnten mit soviel Wonne
nicht an die von ihnen beschlossene drusenheimer Partie des nchsten Sonntags
denken.

                                       4.


Seit jenem verhngnivollen Augenblick, wo die wenigen Zeilen, welche Eduard
Michahelles, der Secretr des Kirchenfrsten Grafen Truchse-Gallenberg, an
Bonaventura geschrieben, in den Hnden desselben wie glhende Kohlen brannten,
sprach es mahnend und zur Eile drngend aus jedem Baumeswipfel, aus jedem
Windeswehen, aus jedem Menschenauge um ihn her mit den Worten des Herrn: Siehe,
ich habe dich gerufen und du hast dein Ohr verstopfet!
    Von dem Dechanten, den Bonaventura fr einen verlorenen Sohn der Kirche
halten mute, hatte er sich losgerissen wie von einer jener Versuchungen, die zu
unterdrcken nun schon fast neun Jahre seine tgliche Uebung war. Er hatte die
Auftrge an den Obersten berbracht, ohne diesen strengen und ernsten Mann
vermgen zu knnen, Armgart's Wnschen zu folgen und sich sofort mit seiner
Gattin Monika auszushnen. Wie er als Bote des Dechanten Grnde der Billigkeit
geltend machte, wie er sagte: Die meisten Ehen haben ihren wahren Grund erst
dann noch zu legen, wenn sie schon lngst geschlossen sind! wie er die Tugenden
der Gattin des Obersten schilderte, den starren Sinn der gemeinschaftlichen
Heimat, die Hrte der Verwandten, die ihr das einzige geliebte Kind rauben
konnten, wie er rhmte, da sich die verbitterte, ermdete junge Frau, um allen
Schein einer weltlichen und eitlen Gesinnung zu vermeiden, in ein Kloster
geflchtet hatte, wurde seine Beredsamkeit wieder gelhmt durch das soeben noch
schmerzlich lebendig heraufbeschworen gewesene Andenken an seine eigenen
Aeltern. Er schied vom Obersten unverrichteter Sache und reiste nach
St.-Wolfgang zurck, ohne auch von Lucindens Bruch mit der Dechanei vernommen zu
haben. Die Freundin des Dechanten, der in der Stadt war, verbot frmlich, ihn
damit bekannt zu machen; sie frchtete einen Versuch der Vermittelung und
Ausshnung.
    Erst in seinem Pfarrhause, wo die alte Dienerin seiner Aeltern, die wie
Joseph Mevissen zu ihm gehalten hatte, vor der Mittheilung, ihr Pflegling mte
sofort in die Residenz des Kirchenfrsten, nicht wenig erschrocken und doch auch
wieder darob geistig hoch erhoben war, erfuhr er gelegentlich von dem
durchreitenden und immer noch vergebens nach dem Knecht aus dem Weien Ro
suchenden, in seinem damaligen Verdacht so glnzend gerechtfertigten
Grtzmacher, wie die Dinge in der Dechanei Hals ber Kopf gegangen. Bonaventura
hrte sie voll Mitleid, er vertheidigte sogar Lucinden gegen die Anklagen
Renatens und nur die Besorgni, dieser peinlichen Neigung nun gar in der
Residenz des Kirchenfrsten wieder zu begegnen, lie ihn verstummen in seiner
aufrichtig theilnehmenden Anwaltschaft.
    Der Kirchenfrst hatte ihn innerhalb so kurzer Frist zu sprechen begehrt!
Und doch fesselte ihn in seiner Gemeinde so vieles, was zu erledigen war. Es kam
ihm vor, als gliche er denen, die im Evangelium zur Hochzeit geladen werden und
die dem gttlichen Gastgeber soviel geringfgige und alltgliche Dinge
vorzuschtzen wissen ...
    Und es bildet sich auch im katholischen Leben eine Gemeinsamkeit des
Geistlichen mit dem Leben seiner Gemeinde, die eine ganz persnliche und dies in
der Liebe sowol wie im Hasse werden kann. Denn auch der Ha findet seine
Nahrung. Zu eng ist fast der Verkehr der Kirchenaufsicht, Kirchenbue und
Kirchenzucht. Und eben deshalb, weil der Geistliche sich selbst in alles mischen
darf, unterliegt auch er einer strengen Kritik. Vom Gutsherrn bis zur untersten
Magd herab wird seine Art beurtheilt. Dem einen sieht der Pfarrer zu traurig,
dem andern zu heiter aus; den grt er zu stolz, jenen zu herablassend; diese
alte Frau wirft ihm vor, da er den Kindern nicht oft genug die Hand gebe und
Heiligenbilder an sie austheile; jenem Bauer ist er zu freigebig und spendet aus
dem kleinen ledernen Beutel, den er immer bei sich tragen soll, zu viel an die
Bettler, die sich so durch ihn in den Ort gezogen fhlen. Ganz altmodisch mgen
sie auch keinen haben und doch beurtheilen sie den Schnitt des Rockes, ob der
auch nicht zu kurz, der Stiefeln, ob die auch geziemendermaen bis an die
Schfte hinauf nach auen sichtbar sind, den Hut, ob dieser, wenn er auch
billigerweise die Form des Dreiecks bei uns abgelegt hat, doch nicht zu modern
und stadtmig wre. Die Beurtheilung der Gemeinde sieht ihrem Seelsorger bis in
das Innerste des Hauses, bis in den Topf, der fr ihn am Feuer siedet, bis in
das Polster seines Sitzes, ob es nicht zu weich ist, bis auf die Farbe der
Decken, die auf seinem Tische liegen, ob sie nicht zu bunt. Und daran gewhnt
sich denn auch der Geistliche selbst. Die Beaufsichtigung wird ihm Bedrfni.
Die Gemeinde ersetzt ihm die Familie. Er lebt mit allen, lebt fr alle. Jedes
Vorkommni des innern und uern Lebens seiner Ortsangehrigen will er kennen
und was er nicht sieht mit eigenen Augen, erfhrt dann doch sein Ohr im
Beichtstuhl. Da, in diesem rthselhaften Flsterstbchen, wandeln diese Menschen
dann alle um ihn her fast wie aufgedeckt und durchsichtig und wie mit glsernen
Fenstern vor ihren Herzen. Niemand kann nun noch an ihm vorbergehen und
unbefangen gren. So mancher schlgt die Augen nieder, so mancher Knecht, der
allen trotzig ist, ist ihm demthig, so manche Magd errthet und athmet erst
auf, wenn sie an ihm wieder vorber ist. Wren es nur immer die rechten Warner
und Richter, wer htte Bonaventura nicht recht gegeben, wenn er auf die
Feindschaft des Dechanten gegen die Beichte gewhnlich erwiderte: Unsere Kirche
ist eben eine Heilsanstalt!
    Denn nicht eben alle wissen den Beichtstuhl so zu behandeln, wie Bonaventura
seit seiner ersten Sitzung in dem Holz der Bue. Nur zu sehr nimmt die meist
aus dem Bauernstande hervorgegangene niedere Geistlichkeit die Art und Bildung
der Scholle an, von der sie herstammt und auf die sie zurckkehrt. Heftige
Naturen toben sich selbst im Megewande aus und will man wahr sein, so gefllt
es sogar dem Landmann, wenn sein geistlicher Fhrer Fleisch von seinem Fleisch,
Bein von seinem Bein ist. Der Dechant, in seiner Gletscherbildungstheorie, sagte
oft: Darin etwas ndern ist auf theoretischem und discutirendem oder
befehlendem Wege nicht mglich! Nur groe Geschichtsepochen, die den ganzen
Menschen ergreifen, die allein reformiren! Geschichtsepochen, denen wir hoffen
auf irgendeine Art wieder entgegenzugehen und ganz nahe zu sein,
Geschichtsepochen, die wir 1815, als das deutsche Vaterland in seiner Einheit
wiederhergestellt wurde, leider so unbenutzt vorberziehen lieen!
    Bonaventura kannte vollkommen den Landmann und seine Bedrfnisse. Sein
unglcklicher Vater hatte allerdings dem hhern Beamtenstande, zuletzt als
Regierungsrath, angehrt; aber seine beiden Oheime lebten auf dem Lande, der
Dechant wenigstens in einer kleinen Stadt; er selbst war in Borkenhagen geboren,
einem kleinen Gute, das der ganzen Familie gehrte und vor der Rckkehr des
Onkels Max aus dem spanischen Kriege verpachtet gewesen war, ohne da seine
junge Mutter sich behindern lie, dann und wann das kleine, der Familie
gebliebene Herrenhaus zu besuchen und auf dem Lande die Sommerfrische zu halten.
Bonaventura war keine zerflossene Natur oder von bermiger Milde; er konnte
streng und in manchem vielleicht zu entschieden sein. Aber immer umgab ihn eine
gewisse Vornehmheit, eine edle, ja adelige Besonderheit. Der lngliche Schnitt
seines Antlitzes, die braunen Augen in dunkelschattigen Hhlen, die Feinheit
derjenigen Organe, die die Kennzeichen einer hhern geistigen Natur tragen,
Mund, Nase, weie lngliche Hnde, alles das hob seine Erscheinung. Dazu kam der
schlanke Wuchs, das schwarze Haar, dessen Tonsur nur wie die natrliche Folge
der Anstrengung des Denkers aussah und vollkommen mit dem lichtern Haarwuchse an
den Schlfen und Stirnecken zusammenzugehren schien. Beseelt war all dies
Aeuerliche von einer weichen, in der mittlern Tonlage sich haltenden und zur
Hhe und Tiefe gleich klangvoll sich erhebenden und senkenden Stimme.
    Bonaventura besa den ganzen Eifer, den wir immer finden bei einem
selbstgewhlten Berufe. Damals, als ihn der schauervolle Tod des Vaters und die
Verheirathung seiner Mutter in eine tiefe Betrbni, die an Schwermuth grenzte,
versetzte, ging ihm die Mahnung zum geistlichen Beruf wie eine Vision auf. Schon
studirte er auf der Universitt, um nach einiger Zeit und mit dem gesetzlichen
Alter als Freiwilliger in die Armee zu treten und bei ihr auf Avancement zu
dienen. Der Fall trat ein; er verblieb in den Reihen des Militrs bis zur
Vollendung seines Offizierexamens. Dann trat er als Fhnrich aus. Es ergriff ihn
ein solcher Ueberdru an weltlichen Dingen, da er nicht fassen konnte, wie er
dem Waffendienste sich mit ganzer Hingebung htte weihen knnen. Das Vaterland
lag im tiefsten Frieden, eine Lockung des Ehrgeizes oder des Pflichtgefhls, dem
Allgemeinen sich zu opfern, sprach nirgends aus der todten oder trumerisch
schlummernden Zeit; was htte ihn hindern knnen, dem Zuge zu folgen, der ihn so
mchtig ergriff und der ihn aus einer Art geistiger Vernichtung wieder
emporzuheben versprach?
    Es gibt eine Schwarmzeit im Gemthe des Jnglings, eine heilige Zeit der
Dmmerung und des sehnschtigen Trumens. Nicht immer hin an das Herz eines
weiblichen Wesens, das man dann allerdings in den meisten Fllen unter
Athemzgen wie von Feuergluten lieben mu, oft auch an einen Freund zieht es in
dieser Zeit des Jnglings Seele. Diese Stunden sind die der Geburt unsers
geistigen Menschen. In diesen Stunden werden die Bcher unsers Schicksals
angelegt. In ihnen ffnen sich feierlich und schwer diese groen leeren Bltter,
auf welche unser Schutzgeist das Grte, Erhabenste, Glcklichste schreiben
mchte, wenn nur nicht die strkern Dmonen der Weltregierung und die noch
strkern unserer eigenen Leidenschaft ihn von dem Buche hinwegdrngten, ihm die
Feder aus der Hand rissen, thrichte Hieroglyphen, Fratzen oft hineinzeichneten,
von denen wir in unsern sptern Tagen mit verhlltem Angesicht uns abwenden,
mgen sie auch in einem einzigen groen, uns unbekannten, allmchtigen
Weltenplane irgendwie auch ihre Schnheit haben und diese Schnheit schon durch
die Leiden, mit denen wir sie ben muten! In einer solchen Dmmerstunde, wo
wir nichts sind als Gefhl, nichts wollen als die liebende Umarmung des Alls,
nichts frchten und wr' es die eigene Vernichtung, da ergriff es auch den
zwanzigjhrigen Jngling, der ber ein Jahr schon auf der Hochschule gewesen,
dann schon die Liebe militrischer Kameraden, die Achtung der Vorgesetzten
gewonnen hatte, sich loszureien ganz von der Welt, von dem Staat, von der
Gesellschaft und ein Priester zu werden. Das Bild des im Alpenschnee versunkenen
Vaters winkte ihm, gleichsam ein Dankopfer darzubringen an die Augustinermnche,
die ihn gefunden und begraben hatten. Die pltzliche Heirath der Mutter mit
einem Manne, ber dessen Stellung zu seinem vterlichen Hause er erst nach und
nach die volle Wahrheit ahnte, diese vollends erfllte ihn so mit Wehmuth und
Schmerz und Opferfreudigkeit an das Hchste, da er ein Kloster aufgesucht haben
wrde, wenn er nicht vom Dechanten mit der ernstesten Rge davon wre abgehalten
worden. Drei Jahre verbrachte Bonaventura im Convict einer mitteldeutschen
Universitt. Er erhielt nach und nach die mehreren Weihen des Priesters. Er war
ein Jahr Kaplan zu Kocher am Fall gewesen; dann seit zwei Jahren Pfarrer zu
St.-Wolfgang, Nachfolger eines wenig rhmenswerthen Priesters, Cajetanus Rother.
Bonaventura fhlte und fllte die Lcken seines Wissens. Die Ausdehnung auf dem
Gebiet aller der je gehegten Meinungen und Irrthmer ber jenseitige Dinge ist
so gro, die Zahl der Schriften, die gelesen zu haben zur Beruhigung wenn nicht
des Herzens, doch der Bildung gereicht, mehrte ihm sich von Tage zu Tage, wie
sie sich dem grten Gelehrten mehrt, je lnger er forscht ... Da hatte er denn
daheim so viel Angefangenes, so viel zog ihn in seine kleine Bibliothek und an
seinen Studirtisch zurck, da er nicht sofort zum Aufbruch kam, als er jetzt in
die groe Stadt hinunterkommen sollte ... zu dem Kirchenfrsten, mit dem er
schon einmal in seinem Leben unter schmerzlichen Umstnden zusammengetroffen
war.
    Diese Stadt selbst hatte fr Bonaventura immer etwas Beklemmendes gehabt,
theils weil sie so unschn, wirr und wild in der Anlage, hier und da sogar wst
im Zurckgebliebensein gegen frhere Macht und Bildung war, theils weil sie
neugeboren wurde aus einem ihm nicht sympathischen Geiste, dem protestantischen;
aber am unheimlichsten erschien sie Bonaventura durch die Erinnerung an eine
Abschiedsscene, die er vor sieben Jahren hier erlebt, die Trennung von seiner
Mutter. Schon seit seinem zwlften Jahre lebte er von ihr entfernt, theils in
Kocher, theils auf der lateinischen Schule der Universitt. Von seiner Mutter
hatte er immer nur die Erinnerung einer Frau gehabt, die er wol mit seinem Vater
in ruhiger Einigkeit gesehen und doch nie ganz mit ihm und in ihm aufgegangen.
Es war eine groe Regierungsstadt mehr nach dem Westen zu, in der Vater und
Mutter gelebt hatten. Der Vater hatte einen Freund, der erst der Assessor, dann
der Rath von Wittekind-Neuhof hie, jetzt schon seit lange der Prsident. Dieser
war der unzertrennliche Gefhrte aller Erinnerungen, die ihm aus seiner ersten
Knabenzeit geblieben. Herr von Wittekind-Neuhof war ein lebhafter, feuriger
Weltmann, beweglich, anschlgig, geistvoll, selbst vor dem Tode seines Bruders
Jrme doch schon der Erbe groer Gter, die Seele der Gesellschaft und,
sonderbar genug, der Freund seines Vaters. Bonaventura kannte jetzt das Leben
genug, um sich zu erklren, wie drei Menschen, von denen einer, sein Vater, ein
edler, aber unpraktischer, in seiner brgerlichen Existenz wenig geordneter
Charakter war, der Freund dag gen ein an allen Gtern gesegneter Weltmann, und
dazwischen ein junges Weib, seine Mutter, in Conflicte kommen konnten, unter
denen alle drei litten und alle drei scheiterten. Er sah seinen Vater immer noch
im Geiste langsam dahinschreiten, das Haupt nachdenklich gesenkt, - er erinnerte
sich der abgeschlossenen Thren - der verweinten Augen - vieles Murmelns und
Flsterns - dann der vterlichen Todesnachricht - mit ihren seltsam besprochenen
Folgerungen - damals schon lebte er nicht mehr im Hause - zum Bruder hatte ihn
der Vater entfernt, als sollte er nicht Zeuge der Vorgnge des lterlichen
Hauses sein - nicht einmal Abschied hatte er, als er nach der Schweiz reiste,
von ihm genommen, - alles traf ihn wie aus wolkenloser Hhe. Die Bewilligung zur
neuen Heirath der Mutter hing von dem damaligen Generalvicar, dem jetzigen
Kirchenfrsten ab. Ein Zusammentreffen wurde veranstaltet in dieser Stadt. Sein
Stiefvater war zugegen. Die Freundlichkeit desselben war Bonaventura noch jetzt
in der Erinnerung beklemmend. Die Mutter und der Prsident kamen erhitzt und
erregt von dem Generalvicar. Man hatte lange Anstand genommen, eine Ehe zu
gestatten, die zwar gleiche Religionsverwandte schlossen, aber wer durfte die
Todesnachrichten ber den Regierungsrath Friedrich von Asselyn nicht anzweifeln?
Wer mute nicht von der Schweiz und vom St.-Bernhard aus erst die grndlichsten
Ausweise der Register und der Erkennungsprotokolle verlangen? Auch das erfuhr
Bonaventura spter, da Graf Truchse seinen neuen Vater nicht mochte, ihn hate
als einen ganz in das jenseitige Lager Uebergegangenen, als eine
Bureaukratenseele, einen Abtrnnigen vom alten Adel des Landes und das aus
einem Geschlechte, aus dessen Vorfahren mancher schon hohe geistliche Wrden
bekleidet hatte ... Der Kronsyndikus hatte seinen Sohn ja schon Lucinden einen
neuen Segestes genannt ... Damals wiederkehrend aus dem Domkapitel, warf sich
die Mutter dem Sohne an die Brust und schilderte ihm den Charakter seines neuen
Vaters als eines der edelsten und besten Menschen, eines Mannes, der dem Sohne
schon um deswillen lieb und werth sein msse, weil er der innigste, wrmste und
wahrste Freund seines Vaters gewesen. Die Thrnen einer Mutter htten vielleicht
jeden in dieser Lage gerhrt, aber Bonaventura's Augen feuchteten sich nicht.
Das Wort des Erlsers, das schroffe, unentrthselte Wort: Weib, was hab' ich
mit dir zu schaffen? kam ihm wie mit einem pltzlichen Begreifen zu Gemthe.
Hatte er je eine wie weltstrmende Regung in seinem Innern empfunden, so war es
in diesem Augenblicke. Eine prophetische, apostolische Glut war es, die ihn
durchloderte. Die Mutter htte er von sich drngen mgen, sprechend: Weib, was
hab' ich mit dir zu schaffen? Und dabei gedachte er in der That des
Sndenfalls, gedachte Eva's, der Schlange, des Apfels, der geistigen
Wiedergeburt, der Erlsung, auch der Erlsung aus den Banden des Natrlichen,
Sinnlichen, Angeborenen, wenn auch noch so Theuern. Erstarken fhlte er sich zum
Helden. Als ihm keine Thrne ber diese weinende Mutter kam, fhlte er sich zum
ersten mal - als Priester.
    Seine Hand zitterte wol, als er die der Mutter hielt, aber nur aus Mitleid.
Die Mutter hatte eine Confrontation mit dem Sohne noch vor dem Generalvicar
haben sollen mit dem knftigen Stiefvater; es handelte sich schon um dessen
Zustimmung zu dem Entschlusse Bonaventura's, in den geistlichen Stand zu treten,
die natrlich sogleich von Friedrich von Wittekind gegeben wurde. Die Dauer des
Namens Asselyn wurde durch die frhe Adoption Benno's verbrgt. Nun stand die
Mutter wie eine Schuldige gar schon vor dem knftigen Geistlichen. Sie bat ihn,
ihrer oft im knftigen Altargebet zu gedenken; sie bat ihn, auch dem neuen Vater
Heil zu erflehen. Sie konnte versichern, da auch den neuen Gatten genugsam
geheimer Kummer drckte ... obgleich die Zeit, wo sein Vater fr den Mrder des
Deichgrafen gelten durfte, noch nicht da war und nur die ltere trbe
Vergangenheit des Kronsyndikus schwer auch auf den Lebensbeziehungen des Sohnes
lag. Dennoch lie Herr von Wittekind damals nach den Thrnen der Mutter im Hotel
beim Diner Champagner bringen, fuhr in bequemer Equipage in scheinbar heiterstem
Gesprche mit ihnen beiden spazieren, bis sie freilich, nach dem Hotel
zurckgekehrt, eine Botschaft von Schlo Neuhof empfingen, der Bruder des Herrn
von Wittekind wrde demnchst zu einer Heirath schreiten mit einem Frulein
Portiuncula von Tngel-Appelhlsen. Sofort reisten die nun unzertrennlich
Verbundenen ab und seither lebten jene in ihren durch den Tod des Deichgrafen,
Jrme's und die ber den Kronsyndikus ausgesprochene Curatel sich immer mehr
verwirrenden Verhltnissen und Bonaventura in den seinigen ... Oft schon hatte
er sich bei sptern Kunden ber die nur uerlich glnzenden Lebensverhltnisse
seiner Mutter Vorwrfe gemacht, da sein Herz damals so lieblos gewesen. Dann
aber durfte er sich sagen: Ist nicht dein ganzes Leben ein Kampf gegen dein
Herz? Die Kirche ist deine Mutter, der Glaube deine Liebe ... Weib, was hab'
ich mit dir zu schaffen!
    Von St.-Wolfgang nahm Bonaventura endlich in einer Morgenfrhe Abschied. Er
ging ber die Maximinuskapelle auf eines der vielen vorberrauschenden
Dampfboote. Im Weien Ro besuchte er den Wirth, der sich und eine
durchreisende Fremde als Ursache des an dem Kirchhof zu St.-Wolfgang begangenen
Frevels angab, indem er von der Vermuthung jener Dame seinem Knechte gesprochen,
einem ihm als pferdekundig gut Empfohlengewesenen, von dem er keine Ahnung
gehabt, da er ein schon bestrafter Verbrecher und Angehriger der noch immer
nicht ganz ausgerotteten hierlndischen alten Gaunerfamilien der Picard, Bosbeck
und der Schinderhannes wre ... Noch war der Flchtling, der sich statt Picard
Bickert genannt und mit falschen Zeugnissen versehen gewesen war, nirgends
wieder aufgefunden.
    Bonaventura's erste Regung war, sich zu sagen:
    Also alles Unheil wieder von Lucinden!
    Er vernderte mit der Zeit diese Vorstellung dahin, ob nicht hier das erste
Unheil in seinem Schoose eine Reihe guter Folgen tragen knnte?
    Auf dem Dampfschiff erfreute ihn, dann nichts Besonderes mehr, selbst
Lindenwerth nicht, bei der festgehaltenen Vorstellung: Wie wirst du dem
Kirchenfrsten begegnen? Jetzt nach der Warnung des Oheims? Jetzt, wo in der
That das Vorschreiten des vielleicht bald mit dem Purpur eines Cardinals
bekleideten Priesters das ganze deutsche Vaterland in Erregung gebracht hat?
    Sind die katholischen Priester entweder Shne von Landleuten oder Shne von
Adeligen, so vertrat Graf Truchse von Gallenberg gleichsam beide Ursprnge zu
gleicher Zeit. Die Tage der groen geistlichen Pfrnden sind in den Staaten,
ber welche die eiserne Pflugschar der groen Revolutionskriege ging, vorber;
nur wenige solcher Stellen mag es auf diesem Boden noch geben, in denen man sich
wie zu St.-Zeno in Kocher am Fall die feisten Aebte und Pfaffen alter Zeit
auch auf unsere Tage berkommen denken darf; die Mittel sind geringer, die
Verpflichtungen ernstere geworden. Graf Truchse war ein Angehriger jenes Adels
auf dem jenseitigen Ufer, den man einen Bauernadel nennen mchte. Wenn er nicht
in pontificalibus sich zeigte, trug er grobe Stiefeln mit starken Abstzen,
waschlederne Handschuhe, die ein halbes Jahr lang vorhalten muten, eine hoch
hinaufgehende grobe Tuchweste mit groen Knpfen, einen Hut, der nur deshalb
nicht zu sehr abgegriffen war, weil er beim Spazierengehen um die Alleen der
Stadt und am Ufer des Stromes niemanden mit ihm grte, sondern kurzweg nur
nickte. Seine Wsche war von Hausleinen und nicht besonders reinlich, denn er
rauchte und schnupfte. Er schnupfte nicht etwa wie ein Abb mit zierlicher
Fingerhaltung; er schnupfte wie ein ungeduldiger Advocat, der seinen Eifer, zu
Worte zu kommen, durch ein hufiges Handhaben seiner goldenen Dose unterdrcken
mu, nur da der Graf eine gewhnliche Holzdose fhrte, ganz wie ein alter
Waldhter, der sich aus herbstlichen, duftenden Buchenblttern seinen eigenen
Lotzbeck schrotet. Des Grafen Mittagsmahl bestand aus Linsen, Bohnen, Erbsen,
gelben Rben; seine Erholung war das Billardspiel. Denke man sich dazu seine
starkknochigen Zge ... diese hellblauen, tiefliegenden Augen ... dies jetzt
noch gelblich rothe, bei fnfundfnfzig Jahren nirgends gebleichte Haar ...
diese markigen Schultern auf einer ebenso lang hagern, wie wieder doch stmmigen
Gestalt ... dieses wuchtige Auftreten ... diese kurze, befehlende Sprechweise
aus einem an sich wohlgeformten Munde, dessen Lippen aber nie in unbedachter
Ruhe, sondern immer wie ein Geheimni bewahrend fest zusammengepret lagen ...
Die Farbe des Antlitzes war fast grau, konnte aber bei der geringsten Erregung
sich rthen bis in die Zipfel des Ohres. Das Geistliche am Grafen lag nur in dem
schwarzen langen Oberrock, in der von einem Sammtkppchen bedeckten Tonsur und
in einem gewissen Etwas von Unstetigkeit und allzu sichtlich beherrschter
Reserve, diesem allgemeinen katholischen Priestertypus mangelnder Ruhe und
Harmlosigkeit, einem Typus, den auch Graf Truchse, ein so fester Charakter er
sonst war, nie ganz hatte berwinden knnen.
    Schon dmmerte der Abend, als das Dampfschiff landete. Bonaventura fuhr mit
seinem kleinen Koffer bei Herrn Maria vor und trat in den Laden desselben ganz
unter den von Gebhard Schmitz geschilderten Umstnden ein, nur da er von Moritz
Fuld weder eine Visitenkarte noch eine Einladung nach Drusenheim erhielt. Eva
Schnuphase zeigte ihm das schon vorgerichtete Zimmer und entschuldigte den
Vater, der in Geschften schon wieder auf dem Lande reiste.
    Sofort begab sich Bonaventura in das Palais des Kirchenfrsten und meldete
feine Ankunft.
    Er erfuhr, da Se. Eminenz unplich waren und ihn auf morgen bescheiden
lieen. Auch sein Secretr war im Augenblick nicht anwesend.
    Nun suchte Bonaventura Benno auf und fand den lieben Freund hinterm
Schreibtisch. Er hatte die durch seine Militrbung entstandenen Rckstnde
aufzuarbeiten.
    Bonaventura's Herbescheidung hatte er schon in der Dechanei vernommen.
    Der Kirchenfrst unplich? sagte Benno. Ein seltener Fall, da dieser
Hnennatur einmal etwas vom allgemeinen Menschenloose ankommen kann!
    Die Spannung, welche Veranlassung es sein konnte, die Bonaventura von einer
Landpfarre unmittelbar und persnlich zum Kirchenfrsten beschied, war bei Benno
ebenso gro wie bei Bonaventura. Benno konnte ohnehin die lebhafteste
Schilderung von der gegenwrtigen Lage des Kirchenfrsten geben, von seinem
Kampfe gegen die gemischten Ehen, gegen die auf der benachbarten Universitt
gelehrte Philosophie, gegen die Einrichtung der Priesterseminare. Er
versicherte, da alles das zu einem gewaltigen Conflicte fhren msse, weil sich
der Kirchenfrst bei seiner Inthronisation auf dem hohen Erzstuhle gegen die
Regierung sollte verpflichtet haben, keinen Erla von Rom unmittelbar
entgegenzunehmen, sondern in so hochwichtigen, mit den Einrichtungen des
Staates, mit den Lebensformen der Gesellschaft, mit den Bedingungen der Zeit und
der Sitte in Berhrung kommenden Verhltnissen erst das Placet oder Transeat der
landesherrlichen Genehmigung abzuwarten. Die Mahnung, da man Gott mehr
gehorchen msse als den Menschen, wre aber dem Kirchenfrsten jetzt mit einer
so flammenden Ueberredung, ob nun von auen oder von innen lie Benno
unentschieden, gekommen, da, wenn nicht ein offener Bruch seiner
Versprechungen, doch eine gefhrliche Deutung derselben seinerseits zu erwarten
stnde und man zunchst nur hoffen mte, da der in Aussicht gestellte
Vermittler dieser Streitigkeiten, der in auerordentlicher Sendung angekndigte
Gubernialprsident von Wittekind-Neuhof durch seine Gewandtheit und seinen Takt
den Frieden wiederherstellte.
    Wie! Mein - Vater? rief Bonaventura heftig erschreckend.
    Benno wiederholte, davon gehrt zu haben. Ja, er vermuthete, da
Bonaventura's Berufung mit dem Wunsche des Kirchenfrsten zusammenhngen knnte,
in seiner schwierigen Lage einen zur jenseitigen Partei in nherer Beziehung
stehenden Beistand zu haben.
    Das wre ein bitterer Kelch! sagte Bonaventura und bezweifelte diese
Deutung.
    Der Kirchenfrst, sagte er, wird handeln wie sein Gewissen ihm rth!
    In den streitigen Punkten des Tages empfanden beide Freunde ziemlich gleich,
nur da Benno mehr die politischen Gesichtspunkte seines Principals, des
Procurators Nck, theilte, ohne jedoch diesem in der Anhnglichkeit an das alte
Napoleonische Regiment zu folgen. Benno hate das herrschende Regierungssystem,
das sich damals dem Geiste der Zeit vllig abgewandt und feindlich zeigte. Wo
die von demselben vertreten sein wollende Vernunft und Aufklrung in Formen sich
ankndigte, die selbst schon wieder etwas Verbindliches hatten, wo, wie damals,
ein groer, den besten Kern des deutschen Volkes einschlieender Staat unter dem
Aushngeschilde der patriarchalischen Beglckung die Erfllung aller
Verheiungen entbehren mute, die erst mit dem Jahre 1840 in langsamem
Fortschritt und wie versuchsweise gewhrt wurden, da erlebte man die fr alle
Zeiten lehrreich bleibende und immer wiederkehrende Erfahrung, da man dem
Besten mistraut, wenn es nicht in dem Geist gegeben wird, der unser ganzes
Vertrauen fr sich hat. Friedrich's II. Aufklrung, die anzunehmen
mglichenfalls der Stock gebot, Kaiser Joseph's Reformen, die aus dem Hrsaal
der Theorieen kamen und scharf wie eine blanke Pflugschar in ein Erdreich
schnitten, in welchem eine schonende Hand zuvor das Unkraut der Vorurtheile
nicht ausgejtet hatte, die Schulverbesserungen spterer Regierungen, die
Unionsversuche auf kirchlichem Gebiete, ja die geordnetste Verwaltung, die
musterhafteste Gerechtigkeitspflege, nichts, nichts entschdigt fr die
Misachtung der persnlichen Freiheit, fr die Unterdrckung des unerschrockenen
Wortes, fr die Ablehnung derjenigen Institutionen, die zuletzt jeder
Individualitt Gelegenheit geben mssen, mit ihrer Meinung, auch der
verkehrtesten, mit ihren Interessen, auch den einseitigsten, mit ihren
Ansprchen auf Kraft und thatschliche Bewhrung, auch den haltlosesten, sich in
der einmal uns zur Freiheit des Denkens und Handelns geschenkten Gotteswelt
gesund und mannhaft auszuleben.
    Der schne Abend lockte beide Freunde noch zu einem Spaziergange. Sie gingen
in den Hafen, wo jetzt Dampfschiff auf Dampfschiff vor Anker legte und wol auch
das, auf welchem Thiebold de Jonge spter angekommen. Sie beide zog es in eine
stillere Gegend. Seit dem Morgen auf dem Friedhof von St.-Wolfgang hatten sie
sich nicht ausgesprochen. Bonaventura erzhlte Benno alles, was zwischen ihm und
dem Onkel war besprochen worden ber die im Sarge vorgefundenen Reliquien und
Benno benutzte die ihm von seinem Freunde gegebene volle Erlaubni, ja erfllte
den ausdrcklichen Wunsch desselben, wenn er offen sagte:
    Sicher lebt noch dein Vater! Die Recognition des Onkels in dem Leichenhause
des St.-Bernhard gengt mir nicht. Ihm kam bei seiner Weichlichkeit schon beim
Betreten der grauenhaften Schwelle ein Schrecken; er sah in einer fremden Leiche
seinen Bruder und untersuchte nichts mehr! Mevissen war mit deinem Vater im
Einverstndni. Dein Vater wollte annehmen lassen, als wre er in den Alpen
umgekommen. Einen zerschmetterten Leichnam, den man mit seinen Kleidern und
Habseligkeiten behngen konnte, die sich spter im Leichenhause fanden, erwarb
man sich durch Zufall oder durch Bestechung ... das, was allenfalls noch nicht
geborgen war, bewahrte Mevissen und nahm das mit in sein Grab ... Da er es
nicht zerstrte, ist berraschend ... Vielleicht, da dein Vater es so wollte
und dabei an dich dachte ... Er verlie dich ohne Abschied - er hoffte
vielleicht auf eine Zeit, wo deine Mutter nicht mehr lebte und er dir sich
vielleicht noch einmal entdecken konnte - wer wei, ob nicht in dem Sarg viel
mehr gelegen, als du gefunden!
    Diese Gedanken unterwhlen die Ruhe meines Lebens! sagte Bonaventura auf
diese aufrichtige Deutung und blickte in den Strom, an dessen Ufer sie hingingen
...
    Benno's Empfindungen waren fast die nmlichen. Auch ihm flo ja das Leben
dahin wie die Welle, von fernher kommend, in die Ferne gehend, einmal gesehen,
verschwunden dann fr immer, rthselhaft und wie ein Traum ...
    Bonaventura verstand diese Stimmung und fragte nach des Freundes Leben,
seiner Thtigkeit, seinen Hoffnungen fr die Zukunft.
    Ich bin, erwiderte Benno, in Verhltnissen, die mir wie der sausende
Webstuhl der Zeit erscheinen! Ich hre tglich in zehn Zimmern dreiig Federn
kritzeln! Allen dictirt Dominicus Nck seine Finten, seine Quarten, seine
Terzen! Das ist bei St.-Peter und Paul ein ganzer Kerl! Wenn man ihn sieht, im
schlechten grauen Ueberrock, schmuzig, falls nicht einmal seine Frau
Generalrevision mit ihm gehalten hat, oder wenn er in der Beichte sich schmt,
zu viel Schnupftaback auf dem Vorhemd liegen zu haben oder das Beichttuch des
Priesters zu verunreinigen - wer mchte dann glauben, da hier diesseit und
jenseit des Wassers alle Ritterbrtigen mit ihm verkehren, alle Domstifte, alle
Ordensgesellschaften und Gotteskastenpfleger! Er hat gelobt, nicht frher wieder
einen schwarzen Frack anzuziehen, bis er nicht den Orden vom goldenen Sporen,
den er vor Jahren aus Rom erhielt, wirklich im Knopfloch befestigen kann! Sie
haben's ihm abgeschlagen, ihn tragen zu drfen! Nun liegt ein ganz neuer
schwarzer Frack, im Knopfloch ein rothes Band mit einem goldenen, wei
emaillirten Malteserkreuz, an dessen beiden Spitzen des untern Flgels ein
kleiner goldener Sporen hngt, immer an seinem Pulte auf der Sophalehne neben
ihm ausgebreitet, soda jeder Graf, jeder Bischof, jeder Regierungsprsident,
mit dem er Conferenz hlt, die Geschichte zu hren bekommt und Entschuldigung
gewhren mu, da er Se. Excellenz oder Se. Erlaucht nicht wrdiger empfangen
knnte, er htte zwar allerdings einen neuen schnen Frack, da lge er, aber da
er ihn so, wie er ihm und dem Stellvertreter Christi gefalle, nicht tragen
drfe, so msse er sich schon hier in diesem grauen Alltagskittel zeigen. Und
diese Komdie spielt er mit einer Gewandtheit, da sie Ludwig Devrient nicht
besser getroffen haben knnte! Nck ist ein seltener Mensch, dem man nur leider
nicht so nahe kommen kann, wie man mchte, um von ihm alles zu lernen. Nicht
nur, da er sich mit einem eigenen, fast mystischen Dunkel umgibt, sich fters
einschliet und auf seine nchsten Vertrauten beschrnkt - auch wir alle, die
wir mit ihm arbeiten, bekommen immer nur einen kleinen Theil des groen Ganzen
zu sehen, in dem er die belebende Seele ist. Es scheint, mir schenkt er
Vertrauen. Fast htte er mich schon bei meinem ersten Eintritt in seine Praxis
beauftragt, an der Camphausen'schen Verlassenschaft zu arbeiten und nach Schlo
Westerhof zu reisen ...
    Zu Paula! sprach es still im Herzen des Priesters und Benno fhlte dies Wort
nach und hielt zurck, etwa von Lucinden zu beginnen, von ihrem Eindruck an
jenem Abend im Pfarrhause, von dem vllig andern und gnstigern auf der Reise
nach Kocher und von ihrer jetzigen Nhe in dieser Stadt, wo Benno schon seit
einigen Tagen wnschte, ihr irgendwie und wo gelegentlich zu begegnen. Denn sie
aufzusuchen hielt ihn die Rcksicht auf die Dechanei und sein stiller Cultus fr
Armgart zurck.
    Bonaventura erkundigte sich nach der Lage der immer mehr sich verwickelnden
Erbschaftsangelegenheiten der Dorstes.
    Das gibt einen neuen spanischen Erbfolgekrieg! sagte Benno. Zwei Grafen von
Camphausen sind im sechzehnten Jahrhundert, wie damals so viele andere Stdte
und Herren um Mnster und Osnabrck, lutherisch geworden; ja als die Greuel der
Wiedertufer mit gleichen Greueln ausgerottet, bestraft und die Bedingungen des
dortigen Lebens wieder katholische geworden waren, blieben einige ihrer neuen
Ueberzeugung treu und die Bischfe sogar, die die Wiedertufer bndigten, waren
theilweise halb und halb selbst Lutheraner. Der jngere der beiden Brder
Camphausen, vom ltern, der schon damals ein groes Besitzthum verwaltete, nicht
rechtlich abgefunden, sondern nach gerade vorhandenen Mitteln untersttzt, zog
abenteuerlustig, wie damals die ganze Welt war, gen Oesterreich, um, wie so
viele jener Geschlechter damals gethan, in dem an der Donau, in Italien und
Ungarn nicht ruhenden Waffentanz dem fehdelustigen Sinne aufspielen zu lassen
und vielleicht sogar manche in der Hoffnung, Maximilian II. wrde auch
Oesterreich vom Papste trennen. Viele der ersten Geschlechter der
sterreichischen Monarchie entstammen diesen Einwanderungen von einfachen
Reitern wie Martin Spork an bis zu Grafen und Frstenshnen. Die meisten wurden
indessen mit der Zeit wieder katholisch, entweder aus Ueberzeugung oder
zwangsweise. Martin Camphausen blieb bei seinem Patrone Martin Luther und erwarb
auer ungarischen Besitzungen das Schlo Salem bei Wien. Seine Nachkommen
bewhrten die Tapferkeit ihres Ahnen und zu glnzend waren die Verdienste der
Camphausen im Trkenkriege und auf dem italienischen Boden, ihr Glaube stand
ihrem Glck nicht hindernd im Wege. Die ltere Linie aber, die des Grafen
Philipp, wurde ihrem Patrone Philipp Melanchthon mit der Zeit untreu. In jenen
Zeiten, wo bis in das Herz Sachsens hinein katholische Neigung sich wieder
geregt hatte und kein Frst Italien bereisen konnte, ohne mit dem Verdacht,
seine Confession gendert zu haben, in seine Lande zurckzukehren, war auch die
Linie der Dorste-Camphausen - die Dorstes fgten dem Reichthum Philipp
Camphausen's durch Verheirathung neuen Besitz hinzu - in den Schoos der
katholischen Kirche zurckgekehrt. Ueber hundert Jahre bestand aber damals ein
Statut, das einst Philipp und Martin dahin lautend geschlossen hatten, da nach
Aussterben des Mannsstammes einer Linie die andere in die Besitzthmer derselben
eintreten sollte, vorausgesetzt, da die Erben von gleicher Religion mit der der
Stifter des Fideicommisses wren ... eine etwa vorhandene weibliche Nachfolge
sollte entweder nur durch Verheirathung mit der andern Linie im Besitz bleiben
oder standesmig abgefunden werden. Nach fast drei Jahrhunderten tritt nun der
vorhergesehene Fall ein und unter Umstnden, die die Ausfhrung des Statuts zum
Gegenstande eines Streites machen. Paula's Vater kanntest du?
    Bonaventura verneinte es.
    Ich entsinne mich nur des vornehmen Herrn, sagte Benno, von seiner
vierspnnigen Kutsche bei feierlichen Gelegenheiten her. Graf Joseph, der letzte
des ltern Stammes, war frh Witwer geworden. Da er von einer Wittekind, der
Tante deines Stiefvaters, einer Schwester des Kronsyndikus von Wittekind auf
Neuhof, nur eine Tochter besa, so bestrmte ihn das ganze Land wieder zu
heirathen. So fromm sein Inneres, so gern er die Gefahr, fnfzehn Quadratmeilen
Landes mit 60000 katholischen Seelen lutherischen Gebietigern bergeben zu
sollen, abgewandt htte, so konnte er sich doch nicht entschlieen, seine
Erinnerung an eine Frau zu trben, die unter der Herrschaft ihres Bruders, des
Kronsyndikus, qualvoll gelitten haben mu, ja von diesem eigentlich ums Leben
gebracht wurde.
    Bonaventura kannte den schauerlichen Ruf des Kronsyndikus. Er kannte auch
Paula's Geburtsstunde. Man schrieb derselben die Folgen ihres gestrten
Nervenlebens zu. Jakobe von Wittekind wurde von ihrem leidenschaftlichen ltern
Bruder bis zum zwanzigsten Jahre erzogen. Als sie dann den Grafen Joseph
heirathete, zerfiel dieser mit dem Bruder, was jedoch letztern nie hinderte,
dann und wann, begleitet von zwei gewaltigen Jagdhunden, in hohen Stiefeln und
Sporen, die Reitpeitsche in der Hand, auf Schlo Westerhof zu erscheinen und in
irgendeinem Anla, wie er ja sonst auch sagte, Ordnung zu stiften oder den
Nagel auf den Kopf zu treffen. An den Folgen einer der dann entstandenen Scenen
erkrankte die hochschwangere Frau, kam zu frh nieder und starb. Oft schon hatte
Bonaventura erklrt, da auf dem Hause der Wittekinds der Geist des Unsegens
ruhe ...
    Nun aber eure wunderliche Heimat! fuhr Benno, die trben Gedanken
vermeidend, fort und zeigte ber den breiten Strom hinber in die dunkelnde
Ferne. Liegt es nicht fast wie ein Geheimni ber allem, was die Sitte und der
Sinn der Menschen dort hervorbringt? Nicht fester sitzt das Horn an der Stirn
des Pflugstiers, als ein Vorurtheil oder eine Uebereinkunft in diesen Kpfen!
Graf Joseph heirathete nicht, sah nicht den Kronsyndikus, seinen Schwager mehr;
seine Gter verwaltete Onkel Levinus, der Bruder des Obersten von Hlleshoven,
die Wirthschaft die Tante Benigna, die Schwester der Gemahlin desselben,
Monika's von Ubbelohde, der Mutter Armgart's in Lindenwerth dort oben; aber da
der Kronsyndikus als Oheim Paula's gewisse Rechte auf sie behielt, da er nach
des Grafen Joseph Tode ihr rechtmiger Vormund werden mute, daran nderten die
Jagdhunde, die Sporen und die Reitpeitsche des gewaltthtigen Mannes nichts.
Ebenso wenig, wie die Frmmigkeit des Grafen Joseph diesen hinderte, das
Familienstatut in Ehren zu halten.
    Nun? sagte Bonaventura und lenkte damit auf manchen Streit zwischen den
Freunden hinber. Ist es denn also nicht schn, wenn sich die Zeiten einander so
Wort halten? Ist es denn nicht erhebend, wenn so durch die Jahrhunderte hindurch
die Hnde sich ergreifen, festhalten und in allem, was da welken und vergehen
mu, doch ein ewig Bleibendes sich erhlt und wr' es nur das Gemeingefhl
wenigstens eines Stammes, wenigstens einer Familie und bese sie kein anderes
Wappen und keinen andern Stammbaum, als nur ein altes Gebetbuch, das vom
Grovater auf den Enkel erbt und in dem die Geburten der Shne und Enkel, die
Pathen und die Priester verzeichnet sind, die sie tauften?
    Bonaventura sprach diese Worte in seiner Begeisterung so hin und berlegte
erst, als sie gesprochen waren und Benno schwieg, da sie gerade an das
streiften, was Benno tief unmuthig an seinem dunkeln Dasein sein Zigeunerthum
nannte.
    Beide schwiegen ... An einer einsamen Stelle, schon ziemlich entlegen von
den Thoren der Stadt, auf einer Bank am Ufer des Stromes hatten sie sich
niedergelassen ... Ein stilles nchtliches Landschaftsbild lag vor ihnen ... Der
Mond stand an der fernen Bergkette, an deren Fu Lindenwerth wie in den Wellen
schwamm ... Die mchtigen Holzfle, die wie kleine Niederlassungen so wohnlich
angethan sind und hinuntergleiten zum Niederlande, lagen still jetzt am Ufer ...
Im blauen Mondlicht, das wie Phosphor um die alten Eichenstmme leuchtete,
glhte das Feuer einer Kche, rings saen im Kreise die Passagiere,
Handwerksbursche, Auswanderer, ihr Nachtmahl haltend, ehe sie sich auf der
mittlern Diele, den Ranzen als Kopfkissen benutzend, unterm freien Himmel
streckten; ein Hund bellte auf dem Flo, wie nur daheim ein Nachbarhund in
St.-Wolfgang bellen mochte, wo eben jetzt Frau Renate schon zur Ruhe ging ... Es
war ein Stillleben von den Sternen an bis zu den im Grase auffliegenden
Insekten, von dem fernen Brausen einer sich zur Ruhe begebenden Dampfesse bis zu
den Knaben, die hochaufgeschrzt leise am Ufer noch im Schilfe schlichen und im
Abenddunkel den Fischen mit der Angelruthe sicherer beizukommen hofften als am
Tage ... Und einer Welle gleich, die gerade der Mond in seinen ganzen Goldglanz
taucht, blitzte ein gefangener weileuchtender Fisch auf, den die Knaben vom
Hamen lsten und in ihren Sack warfen, sich umschauend, ob dem verbotenen Fange
ein anderer lauschte, als da oben unter der einsamen Pappel am Muttergottesbilde
ein junger Priester und sein plaudernder Freund .... Nun huschte mit
schaukelndem, schnellem Fluge auch eine Fledermaus dem Lichte eines einsamen
Huschens zu ... In der leichten, weichen Luft war alles wie verklrt und jeder
Schatten barg Ahnungsvolleres, als vielleicht die Wirklichkeit wahr gemacht
htte ...
    Wie die Wellen so ruhig ziehen! hatte Benno gesagt. Mchte man nicht
glauben, eine solche Abendstille spottete aller menschlichen Entwrfe, aller
Anstrengungen, alles ohnmchtigen Verstandes!
    Bonaventura erwiderte lchelnd:
    Denkst du an die Weisheit deines Sporenritters in partibus? Welches sind
denn nun die Anschlge, um unserm Glauben 60000 Seelen zu erhalten?
    Paula, sagte Benno, steht wie Helena da, um die sich die Parteien bekmpfen!
Und es sind ihrer mehr, als nur die der Griechen und Trojaner. Der Kronsyndikus
sammelte seit Jahren Kmpfer um die Parole: Eine Heirath zwischen beiden Linien!
Onkel Levinus und Tante Benigna, die Paula regieren, wie sie Armgart regierten,
wollen Paula's Freiheit, die standesmige Abfindung, stren aber sonst den
Antritt der Erbschaft nicht - das alte Fiat justitia der rothen Erde! Eine
dritte Partei ist die Regierung. Sie liee am liebsten den fremden, wenn auch
protestantischen Grafen in seiner fernen Heimat, kaufte ihm vielleicht die
Verlassenschaft ab und zerschlge sie, wie sie schon oft gethan, in einzelne
Theile an diejenigen Adeligen, die der Centralisation geneigt sind. Die vierte
Partei ist die der Landschaft. Sie bestreitet die Gltigkeit des Familienstatuts
und will der Grfin Paula die volle Freiheit erhalten, ihre Hand zu vergeben,
wem sie wolle, und ihm auerdem auch noch die guten 60000 Seelen ganz so
zuzubringen, wie diese dermaleinst in Abraham's Schoose zu sitzen hoffen. Denn -
nun kommen die Spitzfindigkeiten unsers Sporenritters - die in dem
Familienstatut vorgesehene Bedingung erflle sich nicht; die ltere Linie htte,
als sie katholisch wurde, die Bedingung dahin abgendert, da die verlangte
Religion auch der andern Linie die katholische sein mte. Obgleich nun erstens
der Beweis fr diese Aenderung schwer zu fhren ist, im Gegentheil von der
jngern Linie nur ein den Verhltnissen sich fgendes stilles Geschehenlassen
und Dulden des Religionswechsels behauptet wird, zweitens der Staat
Religionsbedingungen berhaupt bei Testamentsvollstreckungen fr unzulssig
erklrt, so will die fnfte Partei, die der Geistlichkeit, noch weiter gehen.
Sie will nicht nur jene 60000 Seelen, sondern auch noch Paula dazu gewinnen. Sie
hofft, Paula wrde den Schleier nehmen, vielleicht ein Kloster stiften und den
Rest ihrer Gter der Kirche vermachen ...
    Wie kommt man zu dieser Voraussetzung? loderte Bonaventura fast unwillig auf
...
    Benno, ohne auf die Parteinahme des Priesters fr seine Mitleviten zu hren,
fuhr fort:
    Ja auch der Kirchenfrst ist betheiligt! Die Erzdicese hat in ihrer
geistlichen Obhut hier und da versprengte Stifte; zu ihnen gehrt in jener
Gegend das Stift Heiligenkreuz, ursprnglich eine Jesuitenbesitzung. Als die
Jesuiten aufgehoben wurden, verblieb Heiligenkreuz dem Staate zu provinziellen
Zwecken. Er begrndete ein adeliges Fruleinstift, das dem Lande als solches
sehr willkommen wre, wenn nur die Verleihung der Stellen in den Hnden des
Adels geblieben wre. Es ist aber nicht so gekommen. Die Confessionen werden
nicht mehr bercksichtigt und die Schwester eines Erzbischofs kann dort ruhig
neben der Tochter eines lutherischen Pfarrers sitzen, wenn dieser, wie jetzt
schon drben in den Fabrikgegenden vorkommt, zufllig von Adel ist. Rings um
Heiligenkreuz ist Feld und Wald camphausisch. Um diese Einfriedigung von
Heiligenkreuz wird der Kampf entbrennen und wer wei, ob ich nicht nchstens
dort mit Nck'schen Vollmachten auf dem Schauplatze erscheinen mu! Um sein
Recht zu zeigen, hat Graf Hugo von Salem-Camphausen vorlufig schon den Verkauf
der Gter um Heiligenkreuz angeordnet; der Kronsyndikus und dessen Sohn, dein
Stiefvater, haben die Berechtigung dazu ebenso wenig beanstandet wie die
Regierung, die selbst darauf bietet zum Wiederverkauf an ihre Angehrigen oder
zu Staatszwecken. Graf Hugo hat einen gewissen Wenzel von Terschka angekndigt,
seinen Charg d'affaires. Paula erklrt er schon um deswillen fr
erbunberechtigt, weil sie - katholisch wre, und Nck wieder bekmpft den
Grafen, weil er Lutheraner ist. Eine Urkunde, nach welcher der katholisch
gewordene Graf Franz Dorste-Camphausen Anno 1648 die Urkunde des Familienstatuts
zu Gunsten nur der katholischen Religion gendert haben soll, fehlt bisjetzt,
doch behauptet Nck, da sie sich finden wrde. Auf Schlo Westerhof ist sie
nicht, Nck versichert aber, sie wre auf Schlo Salem bei Wien oder auf Schlo
Castellungo im Piemontesischen. Ich wnschte einigen Italienern zu begegnen, die
aus letzterer Gegend gebrtig sind und mir vielleicht die Gelegenheit angeben,
wie wir jene Urkunde dort ins grfliche Archiv - einschmuggeln - Ja, ja! Lache
nicht! Die Kunst, in alten Lettern auf Pergament zu schreiben, ist in unserer
Stadt vortrefflich im Gange!
    Welch feindseliges Chaos! rief Bonaventura aus nach dieser scherzenden
Wendung, die wieder doch so viel Ernst enthielt, da Benno tief aufseufzend
hinzufgen konnte:
    Es ist wahr, da man am Guten keine reine Freude haben kann, wenn die
Vermittler und Frderer desselben mehr List als Kraft einsetzen mssen, um ihm
den Sieg zu verschaffen! Und doch - geht's allen menschlichen Bestrebungen nicht
so? Auch eurer Kirche?
    Eurer? sprach Bonaventura fast vorwurfsvoll.
    Der Hierarchie mein' ich! verbesserte Benno. Ist sie nicht recht eigentlich
ein reiner Gedanke in oft - wie unreiner Form!
    Nein! unterbrach Bonaventura. Die groe Thorheit unserer Gegner besteht nur
darin, unser schwaches Streben verantwortlich zu machen fr unser Ziel. Da wir
der Priester unwrdige genug haben, sollten wir getrost tglich bekennen drfen.
Schon da ein Frommer wieder zuweilen in die Snde zurckfllt, entscheidet ja
an und fr sich nichts gegen seinen bessern Sinn. Wie wir die Begriffe von der
Erscheinung trennen mssen, sah ich recht, als ich in St.-Wolfgang mein Amt
antrat. In dem Patron meiner Kirche, dem heiligen Wolfgang, hatt' ich einen
Spiegel der Nacheiferung fr die Kraft und Wrde des Priesterthums. Der heilige
Wolfgang ist ein Deutscher, ein Graf von Pfullingen-Waltenburg gewesen. Mit
einem innig geliebten Freunde, dem Bruder des Bischofs von Wrzburg, studirte er
in Wrzburg, schlug alle geistlichen Aemter aus, folgte immer nur diesem
Freunde, ward Mnch und wurde zuletzt fast nur gewaltsam gezwungen, das
Erzbisthum Regensburg zu bernehmen. Wie aber hat er dann den Tempel von den
Wechslern rein gefegt! Ihm sonst in allem unhnlich, hatte ich einen Vorgnger,
der noch jetzt, hieher in diese Gegend versetzt, mehr dem Spiel und Vergngen,
als seinem Berufe ergeben sein mag. Wie der Herr, so der Diener. Den Mener fand
ich bei meinem Antritt von derselben Vernachlssigung. Als ich zum ersten male
die Messe lesen will und gewhnt war, die schne Ordnung der St.-Zenokirche zu
Kocher am Fall vorauszusetzen und mich auf die Gerthschaften des Sakraments
verlasse, entsetze ich mich ber die Unsauberkeit der Corporalien, Pallen,
Purificatorien. Nicht nur, da sie, dem Gebot zuwider, von Baumwolle statt von
Leinen waren, auch seit lange gewaschen waren sie nicht. Die Ciborien, Patenen
vllig ungeputzt und der Vergoldung beraubt, ja das Entsetzlichste - ich ffne
die Monstranz und finde den Leib des Herrn geschndet, finde das Brot zernagt
von Wrmern! Dies Bild: Das heilige Brot in Wrmern! wurde mir zum Symbol meines
ganzen Lebens! Seitdem ich damals die heilige Handlung unterbrechen und das
Opfer unvollzogen lassen mute, mu ich im Geist und in der uern Erscheinung
alles ursprnglich als gttlich Gedachten und in der Wirklichkeit doch nur
Menschlichen, immer vor mir jenes Brot in Wrmern sehen! Immer mu ich eingedenk
bleiben, da selbst das Grauenvollste des Misverstandes uns doch an sich nichts
von dem entweihen kann, was seinem Ursprunge nach von Gott stammt!
    Cajetan Rother lebt hier in der Stadt?
    An der Kirche vom Berge Karmel und als Beichtvater der Karmeliterinnen!
    Da verdank' ich dem allwissenden Nck noch eine andere Bekanntschaft mit der
irdischen Schale eines heiligen Kernes und eine, die dich nher angeht! Du hast
von dem hier auer Clausur lebenden Pater Sebastus gehrt?
    Ein Convertit! Er schreibt eine Feder, die wie in Feuergluten getaucht ist!
    Mit der Fackel der Eumeniden schreibt er!
    Bonaventura kannte das frhere Leben des Mnches Sebastus theilweise aus den
Mittheilungen Grtzmacher's, der ihm Aufklrungen ber Lucinden gegeben ...
Aufklrungen, die ihn fr diese mehr mit Mitleid, als mit Abscheu erfllten ...
    In der Errterung dieser Lebensbeziehungen fuhr Benno fort:
    Als damals Jrme von Wittekind, von Klingsohr's Kugel getroffen,
zusammenbrach, minderte sich vielleicht in der Wagschale des ewigen Gerichts
eines der schweren Gewichte, die gegen diesen Mnch, den Verrther seines
Vaters, einst zeugen mssen! Ich sehe ihn zuweilen in unsern Straen
daherrennen! Wie der Derwische einer, wie ein Schamane des Orients hat er den
stieren Blick des Auges, die krampfhafte Beweglichkeit der Glieder, den Trotz
und die Sicherheit des Benehmens, verbunden wieder mit der gemachten Demuth, die
sich an jeder Kirchenthr verbeugt! O wie oft ich doch erbeben mu vor den
nchtlichen Schauern, die ber unserm Geistesleben wie mit dem Gefieder des
Frsten der Unterwelt dahinrauschen! An meinem eigenen Leben erfahr' ich es ja!
Mich bringt in einer Zeit, die keine Nachforschung hat lichten knnen, dein
Oheim Max von Asselyn aus Spanien mit sich, wie man sagte, als die Frucht einer
Verbindung mit einer Spanierin, die er geliebt haben sollte und die ihm
gestorben. Ein Mrchen, das wissen wir alle! Aber irgendeinen Kern hat diese
Erfindung! Nie jedoch konnte dieser von einer Menge Einhllungen befreit werden,
die mit den uns theuersten Personen auf eine Weise zusammenhngen, deren
oberflchliche Besprechung schon Mismuth und dstere Erinnerungen bei ihnen
allen heraufbeschwrt. Nun hab' ich fr ganz gewi die Ueberzeugung, da das,
was mir allein so dunkel ist, in den Beichtsthlen licht und hell und deutlich
aufgedeckt lebt! Priester, Klostergeistliche kannten meinen Ursprung und nahmen
ihn mit sich ins Grab. Jener Geistliche in Borkenhagen, Leo Perl, ein getaufter
Jude, soll eine Schrift hinterlassen haben, die er in seinen letzten Lebenstagen
an die bischfliche Curie von Witoborn schickte. Sie ist so spurlos verschwunden
wie jene andere, die Dominicus Nck sucht. Schlie' ich von dem einzelnen Fall,
der mich selbst betrifft und der vielleicht nur von meinem unerlaubten Stolz so
empfindlich geschrt wird, schlie' ich von jenem Mnche, wie ist nicht unser
ganzes Leben innerhalb unserer Kirche durch den Beichtstuhl so vermessen
geheimnivoll! Wir suchen einen Mrder, einen Dieb - der Priester kennt ihn
schon und lt die Gerechtigkeit ihr Haupt verhllen und beutet das Geheimni
nur aus - zum Besten seiner persnlichen Wrde!
    Zum Besten des Gottesreiches! unterbrach Bonaventura.
    Ich will den alten Streit nicht erneuern, sprach Benno, ich will heute nur
von den Schauern sprechen, die die Schritte dieses Mnches begleiten. Ihm
ermordet der Kronsyndikus seinen Vater! Es war ein Todtschlag nach unserer
Definition, kein berechneter Mord. Einem langgenhrten Hasse bietet sich die
Gelegenheit einsamer Begegnung, es entsteht ein Wortwechsel, es kommt zu einem
Angriff, zu einer Gegenwehr, der gezogene Hirschfnger fhrt aus und trifft eine
Stelle, die sogleich tdlich ist. Schrecken und Reue jagen den Thter von
dannen. Die Gerichte, in jener Gegend auf verschiedene Souvernetten vertheilt,
halten sich an einen muthmalichen Schuldigen, der Proce verschleppt sich, der
Kronsyndikus findet, wie man sagt, mit Hlfe eines ihm nahe stehenden Freundes,
der die Beweisaufnahme in Hnden hatte, Mittel, die Gerchte zu zerstreuen, das
Verfahren stockt, der Kronsyndikus, unmittelbar darauf seinen Sohn verlierend,
bricht in der Rolle eines Gewaltthtigen, die er bis in sein siebzigstes Jahr
durchfhrte, zusammen, wird nach langem Geiz als pltzlicher Verschwender unter
Curatel gestellt und wer mchte den hinflligen Schatten aus der Nacht noch
aufstren, die ihn seit der Reise zum Begrbni seines Sohnes umgeben soll!
Einer aber htte es thun mssen, nach allen Gesetzen alter und ewiger Zeit!
Einer htte das Blut eines Vaters nicht in den Sand sollen rinnen sehen, ohne
durch alle Lande um Vergeltung zu rufen! Ein Sohn, ein Sohn opfert seinen Vater!
Bestochen von dem Mrder, nimmt er dessen Wohlthaten an, unterschlgt ein vom
Jagdrock des Kronsyndikus gerissenes Stck, das diesen htte berfhren mssen,
reitet, fhrt, bechert mit ihm, feiert Bacchanale mit einem jungen Mdchen, das
durch einen Zufall auf Schlo Neuhof lebt und mit dessen Liebe ihn der Mrder
wie umstrickt und bezaubert ... und so umgaukelt der Wahn die verlorne Seele
dieses Mannes, da er den Kammerherrn mit allen Anzeichen der tiefsten
Verzweiflung eines schuldbedeckten Gewissens niederschiet, von Tage zu Tage
dahintaumelt im wsten Ersticken seiner mahnenden innern Stimmen, bis ihn nur
noch der Becher, zuletzt das Opium heilen! Dann brach er ganz zusammen!
    Er erhebt sich wunderbar! fiel Bonaventura ein. Wie kannst du den Lebensgang
dieses Mannes beurtheilen, ohne die Geheimnisse seiner physischen und geistigen
Wiedergeburt zu kennen?
    Ihm kann nur wohl sein in der Flamme! entgegnete Benno ablehnend. Frieden
und Betubung kann er nur finden im Kriege! Wenn ich ihn sehe, wie er auf den
Straen dahinschreitet mit dem Korbe oder dem Topf oder einem Buch in der Hand,
dann ist's mir doch, als sollt' ich das Leben seines Vaters von ihm fordern!
Denn der Kronsyndikus ist lngst entlastet. Wer eine solche Schuld auf die
Schultern eines Sohnes werfen kann, der geht selbst vor Gott frei aus. In jeder
Zeile, die ich vom Pater Sebastus lese, find' ich - ich bin ein Fremdling eurem
Volke und doch wurde mir Deutschland zur Mutter - Muttermord - Rom segnet die
Thaten - so liebevoller Shne!
    Beide waren erregt schon lange aufgestanden, wandelten schon lange den
Thoren zu ...
    Bonaventura, in den Abschied vom Dechanten zurckversetzt, verfiel in ein
ernstes Schweigen ... Selbst sein gewhnliches Wort zu Benno: Was ist denn dir
das alles, dir, dem jede Offenbarung Tuschung, jeder Glaube, das Wissen selbst
eine bloe Befangenheit der Sinne, eine Tradition ist von den Blinden an die
Blinden ber die Farbe, von den Tauben an die Tauben ber den Ton? selbst das
behielt er heute zurck ...
    In dem engen Gewirr der Straen wurde es dunkler und dunkler.
    Die Menschen strmten heimwrts von manchem Ausflug, zu dem der schne Abend
verlockt hatte.
    Schon lange wollte Bonaventura, der aus seinen Trumen frher erwachte als
der seltsam ergriffene Benno, diesen aufmerksam machen, da ihn seit dem
einsamen Huschen oben am Strome jemand umkreiste, der offenbar darauf aus
schien ihn anzureden und schon mehrere male gegrt hatte, ohne da Benno davon
Notiz nahm.
    Wie der Zudringliche sich immer wieder hinter ihnen hielt, dann wieder etwas
schneller ging, um nur gren und sich bemerkbar machen zu knnen, machte
Bonaventura den Freund zuletzt auf eine vielleicht ihm willkommene Bekanntschaft
aufmerksam.
    Ich sah ihn schon! sagte Benno halblaut. Ich mag ihn nicht gren! ...
    Jetzt aber war der Begleiter zu dicht herangekommen und seinem tiefgezogenen
Hute und der Anrede: Guten Abend, Herr von Asselyn! mute ein Wort der
Bercksichtigung folgen.
    Guten Abend, Herr Hammaker! sagte Benno kalt.
    Nach dem Gedrng an einer der innern Thorpforten kam eine ruhigere Strae.
    Gerade hier schritt der durch Ton und Geberde von Benno kurz Abgewiesene vor
ihnen noch lange her.
    Es war eine kurze, dicke, breitschulterige Gestalt mit einem weien
Sommerhut und grauem kurzen Rocke. Jetzt, wo er endlich bemerkt worden war, ging
er schlotternden, langsamen Ganges und die Hnde hinten in den Rocktaschen
zusammengehalten, whrend sie zugleich wie von der Tasche heraus einen zu seiner
nicht ungewhlten Kleidung fast im Widerspruch stehenden Knotenstock auf dem
Pflaster nachklappern lieen. Das ganze Wesen des vielleicht den Fnfzigen nahen
Mannes war eine gemachte Festigkeit und bewute Sicherheit, die an Frechheit
streifte. Noch einige male grte er - dahin und dorthin - gewhnlich ohne eine
besonders freundliche Erwiderung zu erhalten ... Mancher dankte gar nicht, wie
fast auch Benno gethan.
    Am falben Scheine des Mondlichts und dem fortwhrenden Umblick nach Benno
hin wurde ersichtlich, da breite wulstige Gesichtsformen dem Wuchse
entsprachen; des Mannes Haar war weier, als mit seinen scheinbar noch nicht zu
weit vorgeschrittenen Jahren im Einklang stand.
    Als diese Persnlichkeit endlich in eine enge Gasse eingebogen, sagte Benno:
    Wieder einer von deinen Wrmern, die man in heiligen Dingen ertragen und
nicht sehen soll! Wenigstens, wenn ich mir die Unbefangenheit der Beurtheilung
meines Procurators ber ihn erhalten soll!
    Benno schilderte jetzt den Mann, den er Jodocus Hammaker genannt, als einen
Agenten, der, wie man sagte, mit Nck in engster Verbindung stand. Was Nck
nicht auf eigene Hand vollfhre, bernhme Hammaker. Frher, in seiner Heimat,
drben in der Kette der Sieben Berge, selbst Advocat, htte er Wuchergeschfte
getrieben. Diese htten ihn zum Verbot der eigenen Praxis gefhrt und doch htte
er sich nach mancherlei Irrfahrten wieder aufschwingen knnen, da ihn Nck,
jedenfalls anfangs nur aus Mitleid, hier in der Stadt beschftigte. Allmhlich
wre er Nck's Vertrauter geworden in solchem Grade, da sie selbst noch jetzt,
wo sie sich offenbar haten, zusammenhalten mten. Ihr Ha sollte auf dunkeln
Dingen beruhen. Ja man sprche von einem Mordanfall Hammaker's auf Nck. Eines
Tages, erzhlte Benno, hatte Nck sich eingeschlossen ... Das wre sonst bei ihm
nichts Seltenes gewesen, sagt man, kam aber immer nur vor, wenn Hammaker in der
Nhe war. Nachdem Hammaker im Garten, in den das Arbeitszimmer des Procurators
hinausgeht, an jenem Tage eilenden Schrittes war gesehen worden, pochte man an
Nck's von innen verschlossene Thr. Da er sich drinnen befinden mute, wute
man durch seinen Hut und Stock, die im Vorzimmer lagen. Man pochte, niemand
ffnete. Nun lie man einen Schlosser kommen, ffnete mit Mhe und fand den
erschreckendsten Anblick. Nck lag halb bewutlos am Boden - in einiger
Entfernung von ihm - das ist die Streitfrage - ein Klingelzug oder ein Strick,
sonderbarerweise ein elegantester, grnseidener, aus dreiig kleinen Schnuren
verfertigter. An dem einen Ende soll ein vergoldeter Haken angebracht gewesen
sein, mit welchem die Hngemaschine oben am Haken eines nicht anwesenden
Kronleuchters befestigt gewesen sein mute; am andern Ende befand sich eine
reichwattirte seidene Binde ber einem halsbreiten Gurte. Anfangs mute man von
dieser eleganten Form des Mordmaterials annehmen, Nck htte sich, mit Grazie,
selbst erdrosseln wollen. An den ringsum aufgeschlossenen Geld-und
Documentenschrnken aber sah man den Diebstahl. Das Fenster stand auf. Ein
ungeheures Schlsselbund, das zu allen unter Nck's Verschlu befindlichen
Repositorien gehrte, lag auf einem beweglichen eleganten Rollsopha von rothem
Saffian. Nck kam langsam zum Bewutsein zurck, blieb jedoch jede nhere
Bezeichnung ber den Vorfall schuldig. Die einen glauben, da Nck von Hammaker
erst gehngt, dann beraubt worden; andere sagen wieder: Wozu die grnseidene
Schnur, die Halsbinde, der vergoldete Haken? Noch mehr: Wie konnte Nck ins
Leben zurckkehren, wenn er so lange hing, bis der Mrder die Schrnke
aufgeschlossen, sie beraubt hatte und dann entflohen war? Man schlo auf einen
Ueberfall im Schlafe. Hammaker wurde verhaftet, als er eben im Begriff war mit
Extrapost und dreiigtausend Thalern in Werthpapieren zu entfliehen; aber Nck
lachte und fragte, ob die Welt toll wre? Hammaker wre von ihm selbst in
Commissionen versandt, ihn selbst htte nur eine Ohnmacht angewandelt, er htte
nach dem Klingelzuge gegriffen, ihn abgerissen und gab hnliche Erluterungen
mehr ... Was konnte man einwenden? Ein Klger, ein Beschdigter, ein Gehngter
fehlte. Hammaker wurde frei und machte pltzlich Geschfte, die bewiesen, da er
sogar einen Theil der 30000 Thaler wirklich hatte behalten drfen! Eines Tages
kam er zu Nck zurck, beide schlossen sich ein, schlossen sogar die Vorthren
ab, hielten eine lange Conferenz und seitdem sind beide zwar auf einem kltern
Fue und ceremoniell gegeneinander, aber sie machen dieselben Geschfte wie
sonst. Die Gesichtszge dieses Menschen lassen sich nur mit einer Blumenlese von
Physiognomieen einer ganzen Bande von Spitzbuben vergleichen und doch hab' ich
schon manche Beweisaufnahme oder Terminabhaltung in der Umgegend, besonders in
den grndlich von ihm gekannten Sieben Bergen drben, in seinem Beisein machen
mssen.
    Unter diesen Mittheilungen waren Bonaventura und Benno an dem kleinen
Huschen angekommen, in dessen Gegenber in der Nacht eine That vollbracht
werden sollte, die Benno's erste Ahnung sofort, wie wir wissen, mit diesem
belberufenen Hammaker in Verbindung brachte; denn noch vor wenig Tagen hatte er
ihn, wie schon fter, in spter Abendstunde aus dem Hause der Ermordeten kommen
sehen und whrend Thiebold und Enckefu bei ihm frhstckten, kam ihm auch
sofort der Gedanke: War der aufdringliche gestrige Gru nicht wie ein: Betrachte
mich und berzeuge dich von meinem - Alibi?
    Als Bonaventura dann im steinernen Hause zur Ruhe gehen wollte und bei
seiner Rckkehr nicht wenig Noth hatte, sich der allzu groen Sorgfalt der Damen
Schnuphase und ihrer Mgde zu erwehren, erhielt er noch ein kleines Billet von
der Hand des Kaplans Eduard Michahelles.
    Es lautete:
    Mein hochwrdiger Herr Pfarrer! Obgleich das Befinden Seiner Eminenz auf
dem Wege der Besserung ist, so nehmen ihn doch die dringendsten Geschfte fr
den Augenblick so in Anspruch, da er sich auch wahrscheinlich morgen noch das
Vergngen versagen mu, sich Ihnen so ausfhrlich, wie er wnscht, mitzutheilen.
Ich bin daher beauftragt Sie aufzufordern, noch einige Tage lnger zu verweilen.
Bis dahin ist der Wunsch Seiner Eminenz, da Sie sich zu Erholungen oder bei
etwaiger Absicht, sich ber die kirchlichen Einrichtungen der Stadt durch den
Augenschein unterrichten zu wollen, des Paters Sebastus, eines Franciscaners,
als Gesellschafters und Begleiters bedienen mgen. Der Ruf des ebenso
geistvollen wie frommen Convertiten, der von seinem Provinzial die Erlaubni
hat, eine Zeit lang auer Clausur zu leben, wird Ihnen bekannt sein. Ich habe
die Ehre mich zu nennen Eurer Hochwrden ganz gehorsamster Michahelles. Alles
zur grern Ehre Gottes.
    Die Empfindungen, von denen Bonaventura beim Lesen dieser Zeilen bestrmt
werden mute, raubten ihm fast die Nachtruhe. Wie vortheilhaft er auch von dem
Mnche, dem Lucinde ohne Zweifel ihre erste Bildung verdankte, und von seiner
gegenwrtigen glorreichen Erhebung aus einem tiefen Jammer der Seele dachte, er
wurde vor Erwartung ber dies Zusammentreffen von den aufregendsten Trumen
erschreckt.

                                       5.


Die Messe, die ein Priester jeden Morgen entweder lesen oder hren soll, mochte
Bonaventura mit einem bangen Vorgefhl nicht in einer der vielen Kapellen der
groen Kathedrale besuchen, die vielleicht bald von seiner eigenen Stimme
widerhallen sollten ...
    In eine kleine abseits gelegene dunkle Kirche ging er und verfehlte auf
diese Art die sonst leicht mglich, gewesene und von ihr gesuchte Begegnung mit
Lucinden.
    Dann begab er sich zu Benno, der, von Thiebold und Enckefu eben verlassen,
zu seinen Arbeiten zurckgekehrt war und mit Hindeutung auf einen bereits fertig
liegenden Brief an den Onkel Dechanten ihm den grauenhaften Vorfall der Nacht
erzhlte und auf die geffneten Fenster des Hauses gegenber zeigte, aus welchem
man inzwischen in einem verdeckten Korbe die Leiche der Ermordeten
hinweggetragen hatte.
    Eine Schwester der Frau von Glpen! rief auch Bonaventura erstaunend aus.
    Auch er wute nichts von dieser Verwandtschaft. Doch mute er Benno Recht
geben, als dieser an seine gestrigen Aeuerungen ber die so dunkeln Anfnge im
Leben des Dechanten und den Zusammenhang derselben sogar mit dem Kronsyndikus
erinnerte. Und trotz seines gleichfalls gestern wie schon oft geuerten
Gefhls, da ihm die geheime Welt des Beichtstuhls, mit besonderer Rcksicht auf
sein eigenes Leben, eine gefhrliche Ueberhebung der Kirche erschien, htte
Benno dennoch fast mit dem Zusatz: Unter dem Siegel der Beichte! von dem Agenten
Hammaker sprechen mgen und von seiner gestrigen so aufdringlichen Begegnung. Er
that es nicht. Er nahm sich vor, ehe er zu irgendjemand seinen Verdacht uerte,
sich genauer nach den Beziehungen zu erkundigen, die zwischen diesem und der
alten geizigen, fast der ganzen Welt sich verschlieenden Frau htten
stattfinden knnen.
    Das durch diese Erffnung gemehrte Unbehagen der Stimmung Bonaventura's
verminderte sich nicht, als er nun auch bei einer von dem Freunde gestellten
Aufforderung, er sollte sich dem geselligen Kreise bei dem Rittmeister von
Enckefu anschlieen, die Worte hren mute: Von diesem leichten und frhlichen
Lebemenschen kann ich mir denken, wie er damals bei dem Tode des Deichgrafen
voll Schauder und Mitleid die Augen zudrckte und nur die gemeinschaftliche
Standesehre zu wahren suchte! Nicht einmal glaub' ich, da den Rittmeister dabei
die Rcksicht auf seine Verschuldung beim Kronsyndikus bestimmte. Seitdem
freilich diesem eine Curatel gestellt ist, seitdem dein Stiefvater die
Oberaufsicht ber sein knftiges Erbe bereits factisch besitzt, htten diese
Rcksichtsnahmen wol auch aufgehrt. Und dennoch bin ich berzeugt, da der
Landrath eher seinem Pferde die Sporen gibt und in einen Abgrund jagt, als da
er sich auf einer gegen befreundet gewesene Familien gerichteten Drohung
betreffen liee ...
    Bonaventura mute von dem Begleiter sprechen, der ihn vielleicht schon in
seiner Wohnung erwartete ...
    Pater Sebastus! rief Benno staunend. Nun siehst du die Luterung bis - zum
Aufpasser!
    Eile, eile, fuhr der Zweifelnde dann fort, dir von den Damen Schnuphase dein
Frhstck credenzen zu lassen! Rste dich aber mit allen deinen Gelbden, ihrer
Liebenswrdigkeit Widerstand zu leisten, besonders ihrer Frmmigkeit!
    Bonaventura fand, als er gegangen war und sein Zimmer betrat, beide Tchter
des Herrn Maria in groer Aufregung ... Benno von Asselyn, den sie sehr wohl
kannten, wohnte ja dem Morde so nahe - Bonaventura erzhlte ihnen, was er wute.
    Da der Pater Sebastus nicht kam, hielt es der so gezwungen in ihm verhate
Unthtigkeit Versetzte fr seine Pflicht, sich im Palais des Kirchenfrsten
theils nach dem Befinden desselben, theils nach der Wohnung des Paters zu
erkundigen.
    Im Palais erfuhr er, der Kirchenfrst wre zwar wieder wohlauf, doch mit
Geschften auerordentlich berhuft und eben arbeite sein Secretr mit ihm. Bei
der Lebhaftigkeit des Verkehrs in den Vorgemchern mute Bonaventura natrlich
finden, da er nicht die Aufforderung zum Warten erhielt. Vom Pater Sebastus
hie es, dieser wrde ihn in seiner Wohnung in Herrn Maria's steinernem Hause
unfehlbar selbst aufsuchen.
    Hieher zurckgekehrt fand Bonaventura die Blumen der kleinen Gertrud Ley und
hatte seine innigste Freude daran ...
    Und doch bei alledem wie ein Gefangener sich fhlend ging er an eine
Lectre, die er sich aus St.-Wolfgang mitgebracht hatte. Das groe, von
Treudchen mit Blumen bestreute Buch, das sie aufgeschlagen gefunden hatte auf
dem Schreibtisch, war eine Sammlung alter lateinischer geistlicher Gedichte
gewesen, ein Erholungsstudium, zu dem Bonaventura zurckkehrte.
    Nach einer Weile klopfte es.
    Ein Franciscaner trat herein ... bla, lang, hager, bloen Halses, nackt an
den nur durch Sandalen geschtzten Fen, das Haupt geschoren, der Blick eine
Weile scharf, dann sogleich unstet, wie auch das ganze Wesen erst eine kurze
elastische Spannung bot, dann sogleich sich wie trumerisch nachlssig gleichsam
gehen lie. Der Kopf war scharf geschnitten und sah sozusagen eher chinesisch
aus als germanisch ... beim Sprechen ffneten sich kaum die Lippen, die Worte
kamen flsternd zu Gehr, aber mit auerordentlicher Bestimmtheit und
Sicherheit.
    Der Mnch nannte sich kurzweg den Pater Sebastus aus dem Kloster
Himmelpfort, auf Urlaub befindlich, einen Mnch in partibus infidelium.
    Bei diesem einen Worte schon, das er nur so in erster Anrede an Bonaventura
hinwarf, schien es fast, als wollte er sich damit aus der Sphre herausheben, in
die ihn seine Tracht drckte. Er glich so fast jenen Zurckgekommenen, die der
Zufall in untergeordnete Lebensstellungen drngte und die dann nie unterlassen
werden, in Gegenwart der Stnde, denen sie frher angehrten, sich durch ein
hingeworfenes gewhlteres Wort, eine franzsische Phrase in ihrem eigentlichen
Werthe kenntlicher zu machen oder auch jenen lateinischen alten Studenten, die
mit einem: Vir doctissime, illustrissime! auf dem Lande hospitiren und sich bei
dem, der studirt hat, durch ein romantisches Anklingenlassen schnerer
Jugendzeit ein Viaticum erbitten.
    Und htte der Pater nun nicht wnschen sollen, da Bonaventura aufsprang und
in ihm den berhmten Convertiten, den Streiter in den Zeitschriften, den Redner
auf den Conferenztagen, den Sendboten des Kirchenfrsten begrte?
    Bonaventura war befangen. Den Pater konnte diese Zgerung nicht die Folge
einer Bekanntschaft dnken mit seinen Beziehungen zu Schlo Neuhof. Bei dem
Geiste der Selbstvernichtung und gnzlichen Ertdtung jeder Beziehung zur
Auenwelt, auer der kirchlichen, wute Sebastus nichts von des Pfarrers
Verwandtschaft mit dem Kronsyndikus. Es gibt Naturen von einer solchen
Spontaneitt, von einer solchen Unfhigkeit, sich durch andere bestimmen zu
lassen, da sie wenn auch nicht ganz das Gehr, doch fast die Fhigkeit verloren
zu haben scheinen, an andere Menschen ber irgendetwas auch nur eine Frage zu
stellen.
    Sie haben hier schon Bekannte! sagte der Pater gleich fr fest und bestimmt,
lehnte den Sitz auf einem der Polstersessel ab und bltterte in Bonaventura's
Brevier, so fast als wenn dieser gar nicht anwesend war.
    Alles das mute dieser seltsam finden und erwiderte nichts ...
    Gestern ging ich an diesem Hause vorber, fuhr der Mnch fort, und sah Sie
im Laden unten im Gesprch mit Herrn Moritz Fuld, dem Bruder eines Mannes, der
im Enneper Thale eine byzantinische Kirche gebaut hat. Ja, also dahin mute es
kommen! Oft mache ich mir Vorwrfe, da ich mich noch immer praktisch in die
Juden nicht finden kann, whrend ich sie theoretisch schtzen mu!
    Und auch jetzt noch fand Bonaventura keine Mglichkeit, im Gesprch mit
irgendeiner Bemerkung einzuspringen.
    Eine Art Reue ber die Behandlung, die soeben Lb Seligmann wahrscheinlich
doch nur von ihm erfahren, schien sich in diesen seinen Worten auszusprechen:
    Die Juden gleichen dem Speer des Achilles! Der verwundete, wie Sie wissen,
und heilte! Die Juden, von Spinoza bis Heine und Brne herab, untergraben den
Glauben und doch sind sie im Groen und Ganzen wieder dessen Sauerteig, die
Brgschaft des Festhaltens am Einen Gott, die Wchter der Lehre von der
Selbstheiligung, ja sogar vom Schatz der guten Werke und jedenfalls der Lehre
vom Opfer und den Reinigungen! Unser alter Rector in Detmold mhte sich mit
Horazens Credat Judaeus Apella! Das glaube der Jude Apella! War der Jude
Apella in Rom so bekannt fr seine Leichtglubigkeit? Zupften die jungen
Adeligen des neuen Augusteischen Zeitalters ihm vielleicht am Bart und
creditirte er ihnen vielleicht allzu glubig auf ihre langfichtigen Wechsel als
rmischer Bankier und Vorlufer des Frsten Torlonia in Rom? ... Oder wie war
das mit dem Juden Apella?
    Bonaventura stand diesem scurrilen Durcheinander nur staunend und lauschend
und fast angezogen.
    Apella, fuhr der Pater fort und nahm jetzt eine von Treudchen's Blumen auf,
sie allmhlich langsam mit einem elegischen Blicke vorn an dem seine Kutte
zusammenhaltenden Strick befestigend, Apella war ein jdischer Philosoph mit
griechischem Bildungszuschnitt, der in Rom Vorlesungen hielt ber Kirche, Staat,
Religion, Glauben und Wissen und zwar mit dem fr einen Juden unerlalichen
Systeme: Es gibt nur Einen Gott und keine andern Gtter neben ihm! Dem rmischen
gelehrten Pbel, den Denkern und Sophisten, erschien der vielleicht ein wenig
ins Lcherliche grcisirende Rabbiner ein Narr, ein Diogenes, der am hellen Tage
mit der Laterne ging! Nur Ein Gott! Kein belvederischer Apoll, keine mediceische
Venus, kein farnesischer Hercules neben ihm! Armer, armer jdischer
Credo-Lehrer! Was glaubte wol dieser erste verspottete Mrtyrer des Glaubens? Er
glaubte jedenfalls Jehovah, den Herrn des Himmels und der Erden, aber vielleicht
auch schon den Messias vom Stamme David's. Apella ist mir der dreizehnte
Prophet! Er war nicht so gro wie Elias, dessen Gre besonders darin bestand,
da er nur sprach und nichts hat drucken lassen, aber auch nicht der Kleinste
unter den Kleinen! Da lachten die Rmer denn: Ein Glaubender! Ein
Glaubensvirtuose! Ein Denker, der den Glauben in Vorrath und wie auf Lager
liegen hat! O, ein seltsamer Gast dieser Apella und ich mchte ein Buch
schreiben: Apella oder der Rothschild im Glauben. Eine Kritik der deutschen
Philosophie von Kant bis Hegel.
    Die Wirkung dieser Weise auf Bonaventura war gar nicht abstoend. Er mute
sogar der Vorstellung nachhngen: Findest du nicht aus dem, was du da zu hren
bekommst, etwas von Lucinden heraus?
    Da der Mnch sich nicht setzte und von einem Gelbde sprach, das ihm
Polstersessel verbot, forderte ihn Bonaventura zu einem Spaziergang auf und
hatte schon den Hut in der Hand ... Es beeintrchtigt aber unsere Kraft, auf
anderer Fragen zu hren, wie nach Shakspeare der Vornehmseinwollende anderer
Namen nicht behlt. Nichts duckt einen andern mehr, als wenn man ihn in die
Lage bringt, eine Bemerkung wiederholen zu mssen ... Und so hrte der Pater
nichts vom Ausgehenwollen. Er sprach nur zu den Blumen, die ringsum fast so, wie
sie Bonaventura gefunden, noch geblieben waren:

Wie mt ihr so verbleichen
Im funkelnden Farbenschein!
Ihr jungen Blumenleichen,
Wer segnet und senkt euch ein!

    Da waren Sie ja, fuhr er pltzlich gleichgltig abspringend fort und auf die
Sammlung, in der Bonaventura gelesen hatte, deutend, bei Dante's Vorbild in der
Architektur der Welten, dem Aurelius Prudentius! Nicht wahr, die schne bunte
Rose, die Dante im Himmel sah von unermelicher Gre und die dort aus dem
Strahlenglanz der Mrtyrer und Heiligen aller Zeiten zusammengesetzt war, ist
hier auf Erden schon die aus den Blten und Perlen der heiligen Poesie
zusammengesetzte?
    Gewi! fand Bonaventura endlich eine Gelegenheit einzufallen. Sie schmckt
den unsichtbaren Dom unserer Kirche!
    Das heit, die Purpurviolen und Saaronsrosen aus Kocher am Fall
ausgenommen!
    Mit diesem Spott auf Beda Hunnius war das Gesprch abgebrochen ...
    Der Pater folgte dem Pfarrer, der ihn an der Thr vergebens bat
voranzutreten ... Pltzlich zog sich Sebastus in Demuth zurck, verbeugte sich
und lie Bonaventura vorausgehen.
    Sie verlieen das Zimmer und das Haus.
    Wie sie so dahinschritten, sahen ihnen die Menschen nach ... die Fremden
blieben stehen ... der Pater schlug die Augen nieder ...
    Sie betraten Kirchen und Kapellen ...
    Viele fanden sie leer ...
    Der Pater verurtheilte die Lauheit der Gemther und wiederholte einiges von
seiner in Kocher am Fall gehaltenen Rede.
    Sehen Sie denn aber nicht, erwiderte gelassen Bonaventura in einer dieser
Kirchen, die beiden Kerzen da am Altare? Ist das nicht so schn an unserer
Kirche, da Sie, wenn Sie in unsere Gotteshuser treten, immer finden werden,
da irgendetwas in ihnen vorgeht? Ist es auch nur eine einzige Seele, die
irgendwo in einem Stuhl knieet und gegen die Hoheit des Gebudes, gegen die
Macht der Wlbungen und Sulen mit ihrem armen schwachen Aufseufzen wie ein
Sandkorn am Meer verschwindet, doch belebt es einen ganzen Bau! Und brennen auch
nur zwei kleine Kerzen an einem irgendwo versteckten Seitenaltar, immer sagt
das, es ist da irgendein Gebet im Werke, eines, das schon gehalten worden ist,
oder eines, das erst gehalten werden soll; irgendeine Seele, die vielleicht in
der Ferne auf dem Krankenlager liegt, hat diese Lichter anznden lassen und bald
wird ein Priester nur mit einem einzigen Knaben kommen und, ohne Rcksicht auf
Zuhrer, unhrbar nur und still hinmurmelnd die Messe lesen. Dann wieder findet
man an einem Tage, wo alles werkeltgig in der Stadt und in den Gemthern
hergeht, doch in der Kirche den Hochaltar geschmckt, Blumen liegen an seinen
Stufen, das Wort des Priesters schallt fast wie ein einsames Selbstgesprch und
kaum bis ber die Brstung des Chores hinaus; ein Erinnerungstag ist's an einen
Heiligen, irgendein Vorgang aus der Geschichte der Kirche wird gefeiert, ohne
Gerusch, ohne allgemein verstndlichen Ausdruck; nur einzelne Seelen, die
gerade diesen Heiligen zu ihrem Schutzpatron whlten, sind gleichsam mit in das
stille Geheimni gezogen und geben dies einfach zu erkennen durch ihre Spenden,
durch ihre Anwesenheit in den Kirchensthlen, durch das Nachlesen in ihren
Brevieren.
    Der Mnch schlug die Augen hellauf und erwiderte nach einer langen Pause des
Schweigens mit fast unhrbarer Stimme:
    Wre das nicht, wie shen Sie mich in dieser Tracht!
    Beide waren jetzt in einer fast sich schon annhernden, wrmern
Uebereinstimmung in die Kathedrale getreten, die einem groen heiligen Walde
glich von vielen tausendjhrigen Eichenstmmen. Die Ueberflle mit neugierigen
Fremden vertrieb sie jedoch. Sie traten in einen stillern, schn erhaltenen
Kreuzgang, der zur Seite lag. In der Mitte desselben sprudelte ber grnem Rasen
ein Springquell - es war still ringsum, friedlich, poetisch, wie der Mnch
sagte ...
    Der Reiz sich persnlicher zu ergrnden, nahm zu und Bonaventura hatte sogar
das Bedrfni, einem Convertiten und einem Mnche vollends sein schweres
Lebensgefhl zu erleichtern, und suchte dafr nach Anknpfungen.
    Der Pater gab sie bald selbst, indem er dem Priester, der ihm fast zu
imponiren anfing, die Worte sprach:
    Lieber doch noch die herumlorgnettirenden Englnder und um Trinkgelder
handelnden Lohnbediente in unsern Kathedralen, als sich Kirchen nur erfllt zu
denken von Superintendenten- und Consistorialrathsweisheit! Gott! Gott! Darum
zerri man 1517 die zarten Verbindungsfden des Ueberlieferten mit dem Gemthe,
nur damit in den Kirchen ewig geredet und das Echo der alten zum Redewiderhall
gar nicht geschaffenen Wnde mit tausendfach persnlich bedingter Weisheit
geqult werde! Man spricht von dem Protestantismus als dem Bundesgenossen der
Freiheit!
    Nichts will die Freiheit des Volkes mehr, als die katholische Kirche! fiel
Bonaventura ein.
    Der Mnch stand still und betrachtete eigentlich jetzt erst zum ersten mal
den Sprecher ...
    Aber die Fortsetzung dieser Gedankenreihen unterbrach pltzlich ein Gerusch
in einer Kapelle, die den zuletzt dunkler gewordenen Kreuzgang schlo ... Diese
Kapelle lag vllig einsam und diente zur Aushlfe fr die Winterszeit, wenn
allzu schneidende Klte die vorgeschriebenen Gebete und Messen in der Kathedrale
besonders den ltern Priestern, den oft krnklichen und hinflligen Domherren
unmglich machte.
    Beim Verharren in der Khle dieses entlegenen Winkels, ber den
Leichensteinen und Wappen der hier seit Jahrhunderten begrabenen Priester wollte
eben der Pater beginnen: Der Stab Aaron's ist ein mchtiger, ein grnender und
blhender in unserer Hand - als ihn jenes Gerusch unterbrach ...
    Bonaventura ging nher, sah in die offene Thr, stieg einige dunkle Stufen
nieder und zeigte dem Nachfolgenden, der von einer Eule oder einer Fledermaus
sprach, einen groen Vogel, der aus den hundert Nestern an den Spitzgiebeln und
Thrmen der Kathedrale sich hierher verirrt hatte, scheu in dem dunkeln Innern
hin- und herflog und den Ausgang nach den hochliegenden kleinen Fenstern suchte,
die auf der andern Langseite der Kapelle in die Strae gingen. Der Vogel umflog
den Altar, ri die Leuchter um, verschob die Altardecke und warf einige Schalen
nieder ...
    Der Anblick hatte etwas Dsteres, ja bei der Dunkelheit und Einsamkeit des
Ortes etwas Schauerliches. Zuletzt sah man den Vogel sich zwischen zwei der
kleinern Sulen an der sogenannten Evangelienseite des Altars festklammern und
wild und starr die Augen auf die Ankommenden richten ...
    Greifen Sie das Thier! sagte Bonaventura. Ich will den Altar wieder
herrichten ...
    Der Pater stand in der Ferne und erbot sich zu der umgekehrten
Hlfsleistung. Er ordnete den Altar und so langte Bonaventura den groen Vogel
nieder, einen Habicht mit gekrmmtem Schnabel und spitzen Krallen.
    Die Unheimlichkeit der Scene mehrte sich durch das Erscheinen eines rasch
drauen auf dem einsamen dunkeln Kreuzgange daherkommenden Priesters, der kaum
in die Kapelle geblickt hatte, auch schon zurckkehrte, fast erschreckend, sie
nicht leer zu finden ...
    Noch mehr ... Bonaventura erkannte den hier pltzlich Auftauchenden und
wieder Verschwindenden auf den ersten Blick ... Es war Cajetanus Rother gewesen,
sein Vorgnger im Amte zu St.-Wolfgang ...
    Da lag das Ordnen des verstrten Altars seltsam nahe ...
    Bonaventura betrachtete den Vogel, den er an beiden zurckgebogenen Flgeln
rckwrts auf die Hand gebreitet hielt und der ihn wild und trotzig und wieder
doch furchtsam und scheu ansah, fast wie die unbekehrte Seele eines Menschen,
sprach er ...
    Der Pater war bereits wieder voraus auf den sonnigen Rasenplatz des innern
Geviertes der Gnge zurck und Cajetanus Rother war gleichfalls verschwunden.
Da er nicht zum Gebete gekommen, ersah man alsbald aus einer ihm begegnenden,
ihn anredenden und mit ihm zurckkehrenden Dame. Und in dieser erkannte
Bonaventura trotz des von ihr, als sie hier Beobachter sahe, pltzlich
bergeworfenen Schleiers zu seinem Erstaunen sogar eine der Tchter des Herrn
Schnuphase.
    Alles das whrte nur einige Minuten, hinterlie aber auf lange und tief
einschneidend einen Eindruck, dem der Mnch, als ihm das freiere und leichtere
Aufathmen selbst Bedrfni wurde, das Wort der Erklrung gab:
    Lassen Sie den Vogel fliegen! Das Thier ist ein Bote des Satans! Nur deshalb
scheint es so grimmig auf uns, weil wir ihm ein Rendezvous gestrt haben!
    Bonaventura warf den Vogel in die Hhe. Dieser scho auf und verschwand auf
dem grauen Schieferdache des Langhauses der Kathedrale.
    Schweigend verlieen beide den Kreuzgang und das Gebiet berhaupt. Man
wollte noch einige andere Kirchen besuchen ...
    Es konnte Bonaventura nicht entgehen, da der Mnch in seltsame Aufregung
versetzt war, die ihn seine bisherige bewute und selbstgefllige Weise fast
aufgeben lie. Wie ber irgendetwas Gespenstisches hatte sich sein Auge
vergrert, die Runzeln, die schon ber der Stirn des kaum Dreiigjhrigen
lagen, zogen sich in die Hhe, er zupfte an dem Strick, der ihn umgrtete, um
die Kutte hher zu ziehen; so fast, als frre ihn ...
    Endlich, an einem groen alterthmlichen Hause, schien sich der Mnch wieder
erholt zu haben von dem Eindruck, den ihm die Scene in der Kapelle gemacht
hatte. Am Sonnenlichte athmete er wieder auf und lie halb mit einem, wie es
schien vom tiefsten Innern kommenden Seufzer, halb aber auch wieder hinblinzelnd
auf Bonaventura, die Worte der Schrift fallen:
    Wo ihr aber durch den Geist des Fleisches Geschfte tdtet, da werdet ihr
leben!
    Bonaventura kannte, schwer genug (wie er sich zu gestehen nie schmte),
diese allein erst wahrhaft lebendig machende Kraft des Geistes und nickte
Beifall.
    Der Pater fhlte sich nun ermuthigt, zur frhern Schrfe seiner Aeuerungen
zurckzukehren. Er klagte die Priester an, denen er vorzugsweise den Verfall des
groen Kirchengebudes schuld gab.
    Kennen Sie dies Haus hier? fragte er und ohne die Antwort abzuwarten, fuhr
er schon fort: Der Sitz des Capitels ist's! In dem Hause hier mit seinen
zahllosen Fenstern, langen Gngen und auf die Ewigkeit angelegten Oefen kommen
aus vierundzwanzig Gegenden auf ihre alten Tage vierundzwanzig Menschen
zusammen, zwei auf jeden Jnger Christi, und - ja, das ist ihr Unterschied -
einer spricht und geht und raucht und schnupft anders als der andere. Und noch
sind Greise darunter, die einst auch unsern Herrgott abgesetzt haben in der
Franzsischen Revolution! Domherren, die mit Hontheim von Trier eine
deutschbischfliche Kirche grnden wollten, frei vom Papst, eine
constitutionelle, die in den emser Punktationen schon ihre Charte-Vrit hatte
... Alle haben sie noch ber Voltaire gelacht und davon sind ihnen die Runzeln
nun so stehen geblieben wie lachenden Porzellanmnnern; denn sie lachen auch bei
Erlebnissen, die ihnen das Weinen nahe bringen sollten, ja sie wissen nichts von
diesen stehen gebliebenen Mienen, sie weinen wirklich mit diesem alten
Voltairelcheln! Und gerade, als wenn sie wten, da sie den Feuertod verwirkt
haben, so heizen sie ihre Oefen ein in ihren groen kaltgrndigen Stuben! Wlder
stecken sie in die Flammen und doch erwrmen sie nicht den innerlich schauernden
Frost! Furchtsam verrichten sie ihre Aemter am Hochaltar, wo sie kaum noch die
Stufen des Chores ersteigen knnen, und bei den groen rmischen Missalen, die
neben ihnen aufgeschlagen liegen, bei den durchgestrichenen Noten des
Antiphonales werden sie gespenstisch nur an die Todtenkpfe des Beinhauses
erinnert. Ach, aus Angst der Seele wirft sich dann einer oder der andere auf das
Studium eines alten Kirchenvaters! Da drben, wo Sie die grnen Vorhnge am
Fenster zugezogen sehen, wohnt einer, der sein ganzes erspartes Vermgen an eine
Herausgabe des Origenes hingegeben und hinterher bedeutet worden ist, da
Origenes nicht zu unsern Heiligen gehrt und den Protestanten zu berlassen ist.
Der Arme wird dieser Tage sterben, ist vielleicht schon todt, und seine aus
theuer erstandenen Manuscripten gesammelten verschiedenen Lesarten werden ihm
ins Grab folgen! Dort - da wohnt der Kanonikus Martinus Taube! Krank kann er
werden, wenn im Kattendyk'schen Hause jemand dreimal hintereinander zum Diner
eingeladen wurde und Frau Commerzienrthin ihn einen angenehmen Gesellschafter
genannt hat, an den sie sich gewhnen knnte! Nebenan - da wohnt einer, der mit
dem Hause Kattendyk selbst Geldgeschfte macht ... Dort dem andern da ist das
Dasein ganz in Whist und Boston aufgegangen! Und fragen Sie ihn, ob Sanct-Goar
in Trier seine Einsiedlerkutte wirklich an einem Sonnenstrahl aufhngen konnte,
er wird es mit einem lauten und deutlichen: Ja! versichern, nur um nicht
aufgehalten zu werden, ein glckliches  tout zu machen. Ha diese Priester! Sie
knnen wie junge Mdchen eiferschtig sein auf die Cirkel, wo nur ihre Hnde
gekt werden, nur ihre Scherze belacht! Entschuldigen Sie nichts! Es ist gut,
da es einen groen Geistessturm gibt! Die faule Ruhe des Friedens hat
Ungeziefer selbst im Rock des Herrn nisten lassen! Ausgeklopft mu auch der
werden, nicht blos der Wams der Kriegsknechte! Tchtig! Tchtig! Und von uns
selbst! Hren Sie, unsere Trommel wirbelt -
    Der Pater wurde in seiner wilden Rede unterbrochen. Eben zog eine
Militrcolonne mit kriegerischem Spiel ber den Platz, wo sie einsam gestanden
...
    Als es stiller geworden, sprach Bonaventura:
    Pater! Ich meine, je hher ein Priester steht, desto mehr wachsen seine
Sorgen, die Ansprche seiner Verwandten, die Zumuthungen seiner Bedrftigen!
Werden wir alt, so suchen ja gerade wir nach Augen, von denen uns doch ein klein
wenig Liebe und Sehnsucht bewahrt werden mchte, auch wenn wir todt sind! Keine
Familie zu haben, es bewahrt uns lange vor Sorge und Kummer, und doch wird
Familie zuletzt unsers Herzens ganze Sehnsucht! Nun sparen wir fr andere,
schenken, opfern, wollen Menschen haben, die irgendwie die unserigen sind! Das
wird zuletzt eine Krankheit, die ebenso ihre Symptome, den Geiz, die
Geldbegierde hat, wie unser schon in jungen Jahren sich meldendes Verlangen nach
- Bequemlichkeit!
    Bonaventura sprach das so hin, wie wenn er es ebenso auf der Kanzel htte
sagen knnen, ohne Menschenfurcht. Sein Auge glnzte, sein Stirn umzog sich mit
dem lichten Schein der edelsten Unbefangenheit.
    Sie sind ein milder Vershner! sprach der Mnch ... Wissen Sie denn, warum
Sie herberufen sind?
    Ich hoffe es zu erfahren, erwiderte Bonaventura.
    Ich will es Ihnen sagen! Irgendeiner dieser Priester alten Stils hat Sie
irgendwo gesehen, hat Sie predigen hren, und da geht es wie in Gttingen, wo
ich die Rechte studirte. Die alten Professoren wehren jede Neuerung ab, lassen
kein neues System, keinen jungen Docenten oder Auerordentlichen aufkommen.
Pltzlich merken sie, da die Frequenz der Universitt abnimmt. Des Goldes, das
von der Qustur kommen soll, wird immer weniger, die Doctorhte bleiben auf dem
Lager liegen, die gelehrte Jugend Deutschlands, die Gott sei Dank! doch noch
nicht ganz aus Freitischseelen besteht, drngt sich in jene Stdte, wo die
Lehrsthle der in Gttingen verurtheilten Systeme stehen. Nun wird den
Geheimenrthen Angst! Jetzt halten sie einen groen Rathschlag, und siehe da!
Sie senden eine Deputation gen Hannover und erklren, die Facultt bte eine
Lcke, man mte die Vertreter eines neuen Systems berufen. Ministerielles
Erstaunen - Sthle, auf die sich die Excellenz vor Ueberraschung niederlassen
mu ... Sie meinen, meine Herren? Sie befrworten -? In den Gelehrten-Anzeigen
hackten Sie ja regelmig die Vertreter dieses Systems zu gttinger Wurst
zusammen? - Thut nichts, Excellenz! Mangel an doppellufigen Pistolen - Und nun
errichtet man einen neuen Lehrstuhl, beruft denselben jungen frher verfemten
Irrlehrer und die akademische Jugend des heiligen rmischen Reichs findet wieder
den alten Weg an - die Leine, die Honorare kommen in Gang, die Doctorhte
fabricirt wieder Vater Bethmann nach wie vor, die alten Herren frischen sich
mit dem jungen Blute wieder auf, wie in Arnim's Kronenwchtern die Transfusion
des Blutes in praxi ausgefhrt wird und ebenso denk' ich mir: Wenn in Stdten,
wie diese, die Gesinnungen zu weltlich werden, die Beichtsthle zu leer stehen,
die Bchsen und Becken beim Opfern zu viel Kupfer abwerfen, die zweischlchtigen
Bastarde der gemischten Ehen nur in den Taufbecken der Protestanten Stolgebhren
zurcklassen, dann mssen frische, fromme, freudige Gemther -
    Wiederum aber konnte diese dem Eindruck, den Bonaventura dem Mnche machte,
dargebrachte Huldigung nicht weiter kommen. Eine Volksmenge brauste daher,
Vorlufer eines neuen Soldatentrupps, diesmal der groen Wachparade. Es war
schon die Mittagszeit. Wie eine rauschende Flut strzten sich die Accorde einer
Janitscharenmusik ber die Worte des Sprechers ...
    Der Mnch schwieg; beide Wanderer standen still und lieen die Truppen an
sich vorberziehen ...
    Kennen Sie den Kirchenfrsten? verstand sich der Mnch wiederholt zu einer -
Frage, als es ruhiger geworden.
    Aus der Zeit, als er noch Generalvicar war!
    Reden Sie mit ihm, so bitt' ich, sprechen Sie Gutes von mir!
    Bonaventura sah den Mnch erstaunend an.
    Ich habe die Weihen nicht! Ich bin nicht Priester! sagte der Pater.
    Auf Bonaventura machte dies Gestndni einen tiefen Eindruck. Es war ihm,
als fiele ihm eine Last vom Herzen. Pater Sebastus war kein Priester! Diese
Hand, die Jrme von Wittekind erscho, die einen Vater ungercht gelassen, war
so nicht entshnt, da sie Segen austheilen, das Brot des Lebens spenden konnte
- und jetzt verstand Bonaventura die Widersprche in dem Wesen seines Begleiters
- die Demuth schien ihm noch nicht zur neuen Natur geworden - sie erstrebte
vielleicht nur das letzte Ziel des neuen Ehrgeizes - die Weihen - und Stolz und
Leidenschaft schienen die alten geblieben ... In seltsamen Wirbeln ging sein
schwankendes Urtheil.
    Da kamen jetzt vier Mnner daher ... Sie grten, standen still und es
fanden gegenseitige Vorstellungen statt.
    Benno war es mit seinem Freunde Thiebold, mit dem Assessor von Enckefu und
einer seltsamen Erscheinung, die sich zwischen dem Arm des letztern und dem Arme
Thiebold's hielt ... ein jugendlich aufgefrischter Greis, von jenen selbst beim
Weinen lachenden Gesichtszgen, wie sie der Mnch eben bei den alten gezhmten
Voltairianern stereotypirt fand, den Bart, die Haare gefrbt, ein seltsames Bild
unter drei jungen Mnnern, von denen wenigstens Benno und Thiebold die
Lebensfrische selbst waren ...
    Herr Rittmeister von Enckefu! ... Herr Pfarrer von Asselyn! ... hie es.
    Der Mnch stand starr ...
    Die Gruppe wagte ihn nicht ganz in ihren Kreis zu ziehen ...
    Herr Doctor! sagte ihn erkennend der Rittmeister - in leichter und
frhlicher Anrede ... Es gab eine Zeit, wo Sie's gar nicht abgeschlagen htten,
mit uns auf den Hahnenkamp zu gehen und ein Glas Champagner zu trinken! Wir
haben ihn da besser als im Englischen Hof! Jetzt freilich -
    Der Mnch sah den Sprecher an, als irrte er sich in der Person. Ja es war
ein Blick voll Gre und als wollte er sagen: Ich spreche armenisch und komme
vom Libanon!
    Benno fixirte den Pater von oben bis unten und wrde den vor Verlegenheit
verstummenden Rittmeister in der Erkennung untersttzt haben, wenn nicht
Thiebold Bonaventura's Bekanntschaft zum ersten mal gemacht htte. Da gab es
denn ein Bestrmen mit dem ganzen Feuer des Antheils, ein Aufrufen zur
Vergleichung der Aehnlichkeit mit dem Onkel Dechanten, ein lrmendes Errtern
der unangenehmen Nachrichten fr Frau von Glpen, da nun eine andere
Conversation gar nicht mehr aufkommen konnte.
    Der Mnch, wie nicht im mindesten berhrt von der Begegnung mit einem Manne,
der ihm die trbsten Erinnerungen des Lebens zurckrief, wandte sich inzwischen
und richtete, wie wenn nichts wre, den Blick auf die Straenecke, die mit
Anschlagzetteln bedeckt war ... Man befand sich auf einem der vielen kleinen
Pltze der Stadt, in der Nhe eines Gasthofs mittlern Ranges.
    In Bonaventura's Klagen ber die Verzgerung seines Aufenthalts mute sich
sein Bedauern mischen, von Benno hren zu mssen, da diesen jede Stunde eine
Weisung seines Principals ber Land zu schicken drohte und, wie er sagte, sein
halb schon immer gepackter Koffer ihn vielleicht heute Abend bereits wieder aufs
Dampfboot begleiten knnte.
    Ich hoffe morgen empfangen und verabschiedet zu werden! sagte Bonaventura
und drckte damit fr Benno eine Brde aus, die er an dem lesend der Mauer
zugewandten Begleiter zu tragen htte ... Und in dem Rittmeister von Enckefu
sah denn nun Bonaventura eine Persnlichkeit, die vielfach genannt wurde, sprach
man von den Zerwrfnissen des Kirchenfrsten mit der Regierung und einer schon
uralten Verfeindung des Domherrn Grafen von Truchse-Gallenberg mit dem
herrschenden Systeme ... In seiner Heimat drben erfolgte nach geistlicher, dann
westflischer Herrschaft die Uebernahme der Zgel des Regiments 1815 schroff und
im Geiste solcher Sieger, die von der Demthigung des Corsen triumphirend
heimkehrten und in den neugewonnenen Lndern und Stdten als Wchter die wilden
Shne des Heerlagers zurcklieen. Kurze Zeit hatte der Corse auch die Shne
dieser Lnder in Waffen den brigen deutschen Brdern gegenbergestellt und nun
trat unter Verhltnisse, wo aus jedem nur erdenklichen Grunde der Politik die
Vershnung htte herrschen sollen, doch, wie einmal die menschliche Natur ist,
die Vergeltung. Ein tchtiger Heerfhrer befehligte in der Hauptstadt des
neuerworbenen Landes. Milderte an ihm sein Verdienst die Wildheit und konnte
eine gewisse barsche Treuherzigkeit, der man im rechten Augenblicke sogar
Gemthvolles abgewinnen konnte, ihm manche gute Wirkung sichern, so verdarben
das, was seine Oberleitung noch allenfalls gut machte, die Untergebenen. Sein
eigener Sohn war es, ein junger Offizier, der auf dem so gnzlich
verschiedenartigen Boden die Sitten der Heimat einfhren wollte. Der
Husarensbel des Rittmeisters von Enckefu zerhieb alle Schwierigkeiten, deren
sich fr den alten General, seinen Vater, immer zahlreichere fanden.
Verhltnisse, Vorurtheile, Meinungen, Gewohnheiten wurden verletzt, mit ihnen
die Personen. Die Reizbarkeit erhhte sich. Zu Krnkungen kam es, die niemand
mehr mit der dem dortigen Menschenschlage eigenen Selbstbeherrschung, die man
auch Trgheit nennen mag, verwinden mochte; bald standen sich die hhern Stnde
gegenber. Einige der jngern Domherren, Geistliche aus den ersten Geschlechtern
des Landes, wurden von dem Militrgeist, der seinen Sbel auf dem
Straenpflaster nachschleppen lie, auch auf dem neutralen Boden der
Geselligkeit, vorzugsweise im Casino der Stadt, geneckt und, als sie es ihrem
Amte gem schweigend hinnehmen muten, mit spottenden Worten bezeichnet. Es kam
zu einem Ehrenstreite, an dem die Stadt, die ganze Provinz theilnahmen. Zwei
junge Domherren waren durch wiederholte Beleidigung in der Nothwendigkeit, sich
von den Offizieren Genugthuung zu erwirken. Welche konnten sie erlangen? Als
Priester durften sie die Waffe nicht fhren. Ihren Stand zu verlassen
verhinderte eigene Neigung und der durch Familienstatut gebundene Wille. Sie
klagten vor Gericht. Dies konnten sie nur da thun, wo der Rechtsspruch vom
jenseitigen Feldlager kam. Nach langem Processiren kam es zu einem Austrag, der
ihrer Ehre allerdings einen drftigen Strohhalm bot. Vor den Gegnern hatten sie
einen zweifelhaften Sieg gewonnen. Neue Verwickelung, neuer Hader. Da tritt der
einzige Bruder des Domherrn, der Trger des Geschlechts, in die Schranken und
wird, sowie spter in unedlerer Veranlassung Jrme von Wittekind, im Duell von
jenem Rittmeister der Husaren erschossen ... An des Bruders Grabe soll Priester
Immanuel, der Domherr Graf von Truchse-Gallenberg, damals einen nur stillen
Schwur gesprochen haben, vollkommen aber vernehmbar den Geistern Innocenz' III.
und Gregor's VII.
    Nun der Anla dieser Irrung, der alte Husar da, sorglos, seinen gefrbten
Schnurrbart drehend und unterhaltend sein junges Volk von der Witwe Clicquot
- und das sogar in einer Weise, der Bonaventura, um seine eigene ehemalige
Fhnrichschaft von ihm angegangen, gar nicht gram sein konnte ... Ihm waren
diese ghibellinischen adeligen Landsknechte gelufig, die mit unendlichstem
Leichtsinn Hab' und Gut im Wrfelspiel in einer Nacht verkncheln konnten und
dennoch, wenn die Drommete gerufen htte zur Schlacht, sich aufs Ro geschwungen
haben wrden und Leib und Leben nicht minder leicht aufs Spiel gesetzt.
    Die frhliche Gesellschaft wollte weiter gehen und sah auf den unter fast
hnlichen Lebensbedingungen, wie der frhliche Rittmeister, stehenden Mnch, um
Abschied zu nehmen.
    Dieser stand abgewandt und las ...
    Die Mnner gingen ...
    Bonaventura wartete, bis sich Pater Sebastus wenden wrde ...
    Endlich that er es ...
    Leichenbla ...
    Bonaventura redete ihn um die Bekanntschaft mit dem Rittmeister an.
    Der Mnch erwiderte nichts ...
    Bonaventura sprach von einer Fortsetzung des Spaziergangs am Nachmittage ...
    Kein Wort der Entgegnung ...
    Nur mit seinen magern Hnden zeigte er jetzt ber den Platz hin ...
    Bonaventura sah einen Gasthof, an dessen Einfahrt ein Schwarm von Krppeln
und Bettlern sich drngte. Barfige Kinder, Greise, Blinde und Lahme, Frauen
mit verbundenem Kopf, Hexen nicht unhnlich, eine Zunft von Menschen, die den
Spruch, wir wren nach Gottes Ebenbild geschaffen, zur Satire machten, alles das
drngte sich mit halbzerbrochenen Scherben am Eingang - ein Kellner hielt alle
noch zurck -
    In dem Blicke des Mnches auf jenes Gewhl erkannte Bonaventura, da er sich
den Armen anzuschlieen im Begriff war ...
    Mein Donnerstagstisch! sagte er und brach ebenso rasch ab, wie er vor
einigen Stunden zu Bonaventura gekommen war.
    Bonaventura sah ihm lange - lange - und mit Rhrung nach ...
    Sein Herz sagte ihm: Warum sollen es nicht die Kranken und die Armen sehen,
da ein Genius in den Fragen des Lebens vor ihnen nichts voraushaben will? Warum
soll nicht ein einzelner unter sie treten und ihnen zeigen drfen, da
Entbehrung jedem wehethut und da Hunger, Durst und Frost nicht das Lebensloos
der Armen allein sind, ja da es eine Glorie hherer Gensse gibt, die selbst
ein Gebildeter allem vorzieht, wonach die Entbehrenden mit neidischem Herzen
schielen! ... Und selbst der Einwand, der sich ihm aufdrngte, da ein Mnch
nicht arbeite und darum mit seinen Entbehrungen denen nicht gleichstehe, die in
geringen Verhltnissen leben trotz ihres Fleies, widerlegte sich seine noch
unerschtterte Begeisterung fr die Kirche durch eine eigene Auslegung der
Schrift. Wenn wir nicht vom Brote allein leben, sondern auch vom Geiste Gottes,
so darf zu diesem lebendigen Odem, der uns erfllt und erhebt, auch ein
festgehaltener uerer Ausdruck des Uebersinnlichen gehren. Wie man die Kirchen
schmckt, statt da auch in schmucklosen derselbe Gott erkannt und gepredigt
werden knnte, wie man seine Liebe durch ein Symbol ausdrckt, eine Blume, einen
Ring, statt da Worte ganz dieselbe Bedeutung haben knnten, so sollte nicht
auch die uerlich ersichtliche und vor der Welt festgehaltene Demuth, das Kleid
und die Entbehrung des Klostergelbdes die immer bereite Vergegenwrtigung der
Begriffe sein, die sie dem weltlichen Leben vorhalten und ihm gleichsam
einbilden mchten? Edler, als der Spartaner sich Heloten hielt, um seinem Sohne
die Niedrigkeit dienender Seelen zu zeigen, schien dem sinnend Nachblickenden
der Christ sich Mnche und Nonnen halten zu drfen, um in der Flle der
Ungebundenheit und des leidenschaftlichen Lebensgenusses auch die reinen Typen
zu bewahren der Selbstbeschrnkung und Nur-Auf-Gottbezogenheit.
    Bonaventura speiste dann auf seinem Zimmer, bedient von einem ungeschickten
Mdchen, durch dessen Unerfahrenheit htte entschuldigt sein knnen, da lieber,
wie heute in der Frhe, eines der Frulein Schnuphase mit schweigsamer
Ehrerbietung, einer Martha gleich, erschienen wre und das Serviren untersttzt
htte. Doch die seltsame Begegnung im Kreuzgange hielt wol die beschmten
Heuchlerinnen fern. Da Bonaventura nicht zu lange bei dieser Erfahrung
verweilte, lag in der traurigen Gewhnung seines Standes, derartige Eindrcke an
Priestern wie an Laien fast tglich bedenken und in sich verwischen zu mssen.
    Um einen katholischen Priester ist es einsam. Friede soll ber sein Gemth
hinwehen, die Leidenschaften sollen schweigen, immer soll er innerlich
beschftigt sein. So wollte es Hildebrand, als er, um aus ihnen die Gnomen der
rmischen Zauberkunst zu schaffen, ihnen die Ehe verbot, die Verbindung mit der
Welt und mit dem gemeinen Leben.
    Von der Begegnung mit dem Mnche Sebastus war Bonaventura tief aufgeregt;
doch wute er den Gefhlen, die ihn bestrmten, keinen Namen zu geben. Er
forschte ihnen auch nicht zu lange nach ...
    Mahnen dann aber zuletzt die Geister zu gewaltig, strmt es doch in der
Brust, so haben die Lehrer der Kirche, unter ihnen tiefe Kenner des menschlichen
Gemths, dafr gesorgt, den Sinn zu heiligen, das Herz zu stillen, es zu
bewahren - vor der Phantasie. Denn die Phantasie ist die gefhrlichste Feindin
des Einsamen ...
    Mannichfaltige Rathschlge gaben die Seelenmeister, ihren Lockungen zu
widerstehen ...
    Bonaventura floh die Phantasie nicht, aber er dachte sich nie Zuknftiges,
sondern nur Vergangenes ... Im Vergangenen - da konnte er schwelgen! Aber wie
rang er auch, nur allein das Einst festzuhalten! Nur die Grenze zu wahren, wo
nicht pltzlich ein rosiger Zukunftsschimmer in die Seele einbrechen konnte! Mit
Zukunftstrumen beginnen die Irrpfade der Einbildungskraft. Ihrem goldenen
Glanze verschliee das geistige Auge! Erwache aus jedem Traume, den es dich
gelsten knnte dir auf Zuknftiges zu deuten! Mgliches, Gehofftes ist ein Arom
der Geister, das die Sinne betubt, ein Zaubertrank, der in Paradiese versetzen
kann, selbst unter den Schrecken der Wste ... Schreit dann die Seele inbrnstig
wie der Hirsch nach frischem Wasser, so gibt ihm die rmische Magie eine vom
Munde man mchte glauben der schumenden Wuth des leidenschaftlichsten
Seelenschmerzes gesammelte Aqua toffana ... Auch Bonaventura kannte sie ...
    Wurde dem jungen Priester das Blut von einer pltzlichen Wallung durchglht,
rang er in der Noth des Aufschreis seiner gesunden Lebensgeister, so griff auch
er nach jenen mechanischen Hlfsmitteln, die im Rosenkranzgebet den ersten
Wassersturz, der Besinnungslosigkeit zu suchen lehrten ... Auch er zhlte dann
die Buchstaben der Evangelien und Episteln ... auch er rechnete, wie oft ein
Wort sich auf einer Seite wiederholte ... Und wenn Paula's Name und ihre
liebliche Erscheinung ber seinen Geist wie eine sanfte Sphrenmusik sich
senkte, so konnte auch er, um sich vor dem Vergehen in einem Meer von Sehnsucht
zu retten, das liebliche Gedicht in Spee's Trutznachtigall:

Wenn Morgenrth' sich zieret
Mit zartem Rosenglanz -

statt vorwrts - rckwrts lesen. Half auch das nicht und klangen die Sphren zu
berauschend, die Lockungen zu s, so konnte er zhlen, wie oft in einem solchen
Gedichte ein einziger Buchstabe vorkam - und vielleicht nicht einmal der
Buchstabe P!
    Lacht nicht, ihr Feinde des Christenthums! Ihr am wenigsten, die besten
Freunde desselben nach dem Mnch Sebastus, ihr Juden! Das eben brachte
vielleicht schon Apella nach Rom. Mit solchen Glaubensspielen erfllten schon am
Jordan die Rabbinen das Wort des Psalmisten:
    Wie hab' ich dein Gesetz so lieb, o Herr! Den ganzen Tag ist es meine
Betrachtung!
    Jeden Augenblick horchte dann Bonaventura voll Bangen, ob es klopfen wrde
und der Mnch zum zweiten mal eintrte, ihn zu einem Nachmittagsgange abzuholen.

                                       6.


Die Wirthin zum Goldenen Lamm war eine der rhrigsten Frauen der Stadt.
    Und wre sie nicht auch die gutherzigste und wohlthtigste ihres Geschlechts
schon von Natur gewesen, die kleine dicke, rundliche, noch immer hbsche Frau,
die Beichtvter htten sie dazu gemacht. Sie htten ihr diese Lust am Spenden
schon als Strafe auferlegt, da die gute Frau das gesundeste Leben liebte und ein
leicht in den Adern rollendes Blut hatte ... Ja, sie wechselte viel mit ihren
Oberkellnern - sie wechselte auch viel mit den Vertrauten ihres Herzens ... sie
betrachtete aber dann die Religion wie ein Bad, mit dem man allen schlimmen
Staub der Seele wieder wegsplt und immer wieder frisch und gefallsam in die
Abwechselungen der schnen Erde, in Landpartieen, kleine Badereisen, Theater und
Concerte zurckkehrt.
    Die Tochter aus dem goldenen Lamm einst genannt, hatte sie einen Snger
geheirathet, der sich bei ihren Aeltern, wie man zu sagen pflegt, festgekneipt
hatte. Sie hatte dann diesen zum Wirth gemacht. Nachmals war er gestorben. Dann
folgte unter gleichen Umstnden ein Schauspieler. Auch von diesem wurde sie
Witwe. Nun nahm sie das Leben ganz wie Semiramis, gro und frei, vom luftigsten
Standpunkte. Aber gut war sie, unendlich gut, mildthtig bis zum Exce, und
dabei so stark und wohlgenhrt, da die Juweliere das Doppelte verdienten an den
Ketten, die sie kaufte, dann ihren Verehrern heimlich zusteckte und sie sich,
zur Genugthuung vor dem ganzen Dienstpersonal und den Stammgsten der
Table-d'hte und des abendlichen Schoppens, scheinbar wieder von diesen
zurckschenken lie ... Und niemand hatte dies Manver mit grerer Gewandtheit
ausgefhrt als seinerzeit Jodocus Hammaker, der einige Jahre lang, vor der
ominsen Hngegeschichte mit Dominicus Nck, auch der Vertraute ihres Herzens
und ihrer Kasse gewesen war.
    Mundet's euch heute nicht? rief die Frau aus einem Fenster, das in die
Einfahrt ihres groen und gerumigen Gasthauses ging. Denkt Ihr an die
Karmeliterinnen, wo morgen Nachmittag gro Tractament sein soll, wie bei einer
Kindtaufe! Wird ja bei Euer Gnaden eingeladen, als km' eine Prinzessin ins
Spital und wollte die Suppe kosten, die dann auch einmal aus Fleisch gekocht
wird!
    Damit reichte sie dem gndigen Bettelvolk aus der mit ihrem Fenster in
Verbindung stehenden Kche in die dargereichten Scherben Gemse und Fleisch und
fllte selbst die Gefe, die oft so defect waren, da sie ihr unter der Hand
zerbrachen. Jeden Montag und Donnerstag fand diese Austheilung statt, die Tage
ausgenommen, die noch etwaige Vergehen und die Gebote des Beichtstuhls
hinzufgten.
    Diese Abftterung, wie der Herr Oberkellner mit goldenem Siegelringe
apathisch und seiner Stellung bewut, sie benannte, mute rasch geschehen, damit
die Ordnung des frequenten Gasthauses nicht gestrt wurde. Die Lahmen und die
Blinden, die alten Frauen und barfigen Kinder durften sich nicht zu lange
aufhalten und etwa die Gabe unter der Einfahrt oder im Hofe schon verspeisen,
manche gar ohne Messer und Gabel wie die Wilden.
    Die Wirthin schpfte dabei immer aus, warf zuweilen ein schlechtes Stck mit
einem derben Kraftworte an die Kchinnen hinter sich zurck und ruhte nicht
einen Augenblick im Nutzen ihres Mundwerks.
    Das Stck geb' ich ja keinem Hund, viel weniger einem Menschen! ... O die
Metzger! ... Die bringen's aus! ... Kaufe keinen Ochsen ohne Knochen, Madame!
sagte der neulich am Rothenthurm ... Nun? Steht mir nicht so lange! Marsch! ...
Jesus Marie, was ist das fr ein Topf? Ein halber Henkel kaum! ... Ich glaube,
erst vorige Woche gab ich einen neuen! ... Riekeschen! ... hrst du! Mach' mir
mal den Rock hinten ein bissel loser! Zwei Haken! ... So! ... s'ist mir heut
ganz schlecht, denk' ich an die Frau, die sie die Nacht umgebracht haben! ...
Wei man denn immer noch nicht, Leute, wer's gethan hat? ... Wozu ist nun die
wohllbliche Polizei! ... Jeden vergessenen Nachtzettel straft sie, von jedem
Fremden, der von auswrts kommt, will sie wissen, was er fr eine Nase hat, aber
was drinnen in der Stadt vorgeht unter den Spitzbuben und Rubern und Mrdern -
    Der Oberkellner rief den Aufhorchenden, die auf diese Art auch noch die
Zukost publicistischer Neuigkeiten und ber Welt und Zeit allerlei freisinnige
Ansichten erhielten:
    Marsch! Fort! Es kommen Fremde!
    Nun, nun! rief nun wieder den Oberkellner verweisend die Wirthin. Geduldige
Schafe gehen viel in einen Stall! Dann aber polterte sie doch wieder dem
Oberkellner zu Liebe: Riekeschen, mach' fort, da die Bagag' hinauskommt! Ihr
Trampelthiere! Lat doch erst die Kinder vor!
    Vom Lrm des Bettlervolks und der Strae wurde die Rede der guten
Lammwirthin bertubt. Wagen kamen und gingen, Omnibus rollten, die Glockenzge,
die den Hausknechten schellten, wurden gezogen und jetzt bekam auch die Lachlust
ein Schauspiel durch ein komisches Intermezzo.
    Zwei Italiener begrten sich, wie es schien, nach jahrelanger Trennung ...
    Der eine kam eben mit dem Omnibus, der andere empfing den Aussteigenden
unter der Hausthr. Neben letzterm standen zwei jngere, die auf ihren Huptern
Breter mit Gipsfiguren hielten und in dem Augenblick, als die beiden ltern die
Zeichen der hchsten Freude austauschten, das Gleichgewicht verloren. Eine mit
Strahlenkronen geschmckte Madonna fiel und zerbrach. Der ltere in grauem
Kittel und Manchesterbeinkleidern, unser Napoleone, hatte jetzt mindestens fnf
Dinge zu gleicher Zeit zu erledigen ... Einmal seinen aus London kommenden
Bruder zu begren, Marco Biancchi, einen scharfblickenden, schon graubehaarten
Italienerkopf, dann ihm seine Shne vorzustellen, dann wieder diesen ihre
Unachtsamkeit vorzuhalten, nun wieder auf ein Fenster im fnften Stock zu
zeigen, wo ein weiblicher Kopf herausschaute, ohne Zweifel Porzia, und dann doch
wieder staunend auf die groe Bagage seines Bruders Marco zu zeigen, die nun
abgeladen wurde, und bei alledem auch noch die Umstehenden zum Kaufen zu
ermuntern!
    E questo possibile! rief er. Dopo quindici anni rivedersi encora! ... Asino,
dove ai gli occhi! ... Questo e mio figlio! Il mio segundo! Questo il terzo! La
sopra mia figlia ... Fa attenzione, asino! Di non dimenticare, quello che tu ai
sopra la testa! ... Fratello! Caro fratello! ... Ma tu mi sembre un cavaliere!
Cielo! Quel gran baulo! Attenzione cocchieri! ... Buon albergo! Proprio et buon
mercato! ... Figuri kauf!
    Alles das ging bunt durcheinander.
    Bei allen diesen Vorgngen sitzt auf der dritten oder vierten Stufe der
Treppe des Hotels Pater Sebastus und verzehrt mit Gabel und Messer, die ihm zur
besondern Auszeichnung die Wirthin dargereicht, sein Gemse und sein Fleisch ...
    Er thut es sonst so hell umschauend, heute aber wie ein vllig Abwesender
...
    Erbebend schon von der Begegnung mit dem Rittmeister und Landrath von
Enckefu, dem dritten in dem unheimlichen Bunde von damals, als man sich das
Wort gegeben zu haben schien, einen Mann wie den Kronsyndikus, Sprossen der
alten Sachsenherzoge, nicht die Folgen einer Uebereilung erleiden zu lassen -
war sein Auge, irrend auf der mit Zetteln beklebten Wand, zu der er sich
abgewendet, - auf Serlo's Weib und seine Kinder gefallen ...
    Wenn man sonst von ihm sagte: Da ist ein Mnch, der sich wie die Heiligen in
Dornen wlzen knnte! so htte man es heute wol glauben mgen. Das Reden der
Wirthin, das Durcheinander der Bettler, die Begrungen und die Ankunft der
Italiener hrte er nicht ... Mechanisch verzehrte er seine karge Mahlzeit ...
Schon war er mit ihr zu Ende, sa ermdet, versunken und starr vor sich
niederblickend, die leere Schssel in der Hand, dicht an die Mauer gedrckt, um
niemanden auf der lebhaften Passage der Treppe zu stren ...
    Da kommt eine schon bejahrte, aber stattlich aufgeputzte Dame mit zwei
leicht und behend die Stufen hinaufhpfenden halbwchsigen Mdchen ...
    Pltzlich hielt die Frau inne, betrachtete ihn und redete ihn mit dem Grue
an:
    Aber, Herr Doctor! Sind Sie es denn wirklich? Ja, kennen Sie mich denn nicht
mehr, Herr Doctor Klingsohr?
    Der Bruder Sebastus springt auf, stellt seine Schssel zur Seite, betrachtet
Madame Serlo-Leonhardi und Serlo's herangewachsene Kinder wie ein Irrsinniger,
den jemand auf seine frhere Vernunft anredet und der sich darauf von ihm wie
taub abwendet, whrend doch ein gewisser trauriger Blick der Befremdung
auszudrcken scheint, da ihm eine Ahnung nicht ganz fern lge von dem, was der
Anredende meinen mchte und was er einst wirklich gewesen sein knnte ... Er
sieht die erhitzt aus der zu ihrer abendlichen Vorstellung abgehaltenen Probe
Zurckgekommenen mit zusammengedrckten Augen wie zweifelnd und in Furcht an und
geht von dannen, ohne ein einziges Wort gesprochen zu haben.
    Wer die Scene beobachtete und der in Erstaunen und in den lauten Ausruf
ihrer Ueberraschung ausbrechenden Schauspielerin den vollen Glauben schenkte,
da dieser Mnch ein ehemaliger Bekannter von ihr, ein Doctor Klingsohr wre,
konnte in der That hinzufgen: Jetzt aber ist es ein Heiliger! Denn Pater
Sebastus war vor ihr zurckgewichen, wie vor einer Bewohnerin einer ihm vllig
fremden Welt; er hatte ihrer Annherung sich entzogen, wie einer Unreinen ...
Der Schein der vlligen Entfremdung von seiner Vergangenheit hob und verklrte
ihn fast.
    Dennoch scho er an den Husern dahin wie ein Besinnungsloser ... Erst, als
ihm jener Dmon, der im menschlichen Innern hockt und der selbst unserm tiefsten
Schmerze hhnende Geberden machen kann, sagte: Siehst ja aus, als gehrtest du
auch zum Mummenschanz! merkte er auf sich ... In dem kleinen Schatten der
Mittagssonne sah er sich wie einen verhutzelten Gnomen durch die schattenlosen
Gassen schreiten, in einer ihm wie jetzt erst auffallenden Kutte, barhaupt,
barfu ... Das ist deine Angst, mit Komdianten verwechselt zu werden, da du so
entliefst! sagten ihm jene innern Stimmen, die er schon sonst Ironieen des
Satan genannt hatte und schon damals, noch ehe er an den Satan glaubte ...
Irrend wankte er dahin ... Kindern htte er sich anschmiegen mgen mit einem:
Nehmt mich mit! ... In seine Wohnung wollt' er und fand sie nicht - es war eine
kleine Zelle in einem ehemaligen Profehause der Jesuiten - dort gab es lange
Gnge, selbst unterirdische aus den Zeiten her, wo die Kirchenfrsten diese
Stadt als Regenten beherrschten und oft vor dem Trotz und dem Freiheitssinn der
Brger sich flchten muten - in eines dieser Verliee wieder, wo er schon fter
dahingetastet, dort mochte er sich verbergen, nur um die innern Stimmen, diese
qulenden, zum Schweigen zu bringen ... An jeder Kirchthr verbeugt er sich ...
an jedem steinernen Kreuze schlgt er eines auch auf seiner Brust ... die
Momente der klarsten Anschauungen, des Witzes, der Unbefangenheit, der
schrfsten Kritik ber sich und andere, die er heute gehabt, weichen dem
Paroxysmus, der schon damals im Mondenschein im Park von Schlo Neuhof die
Gespenster Heinrich Heine's leibhaftig sehen konnte und von den alten Stammers
redete, wie wenn sie sen und Schn Hedwig beweinten, ihr Kind, das ihnen der
wilde Jger geraubt ... oder wie er seine Mutter sehen konnte, eine
verschleierte Nachtwandlerin, mit der Lampe in der Hand und durch die Ahnensle
der Wittekinds schreiten ... oder wie er oft ganz deutlich am Strande der Ostsee
Lucinden im nchtlichen Nebel den Klabautermann auf einem Schiffe zeigte ...
oder wie er spter, als er den Saft der Mohnblume wie alles erproben wollte,
sich dem Gangesgott im Kelche der Lotosblume verglich ... Wie htte ihn noch der
Mord der Buschbeck schtteln mssen, wenn er den in Erfahrung gebracht! Nur war
er nicht der Mann des Hrens, sonst htte er lngst davon vernehmen mssen ...
Der Geist, der jetzt ihn jagte, war - die Erinnerung an Lucinden.
    Immer tiefer kommt er in das Labyrinth der engsten Gassen ... Nichts will er
sehen von den lichteren Straen, selbst die nicht, wo die Zeitungsexpeditionen
liegen, die seine neuesten Artikel verkaufen - dem Laden Klingelpeter's, wo eben
die zinnernen Athanasiusmedaillen in die Welt gehen, schiet er vorber ... Alte
Frauen pltzlich, in seltsamen Trachten, den Kopf mit grellfarbigen Tchern
umwunden, sitzen vor verfallenen Husern und zupfen Werg aus alten Matratzen ...
Der Staub wirbelt auf ... Fremdartig gesprochene Laute wecken ihn ... Nichts von
den Heiligen, nichts mehr von der Gottesmutter ... Bei den Juden ist er ... in
der Rumpelgasse ... Hier wohnen ihrer Hunderte dicht beisammen, Kleider hngen
an den Husern, alte Mbel, versperren die Wege, Flaschen und Glser stehen an
den Fenstern und nun erst findet sich der Taumelnde zurecht.
    Vor einem der rothbraunen Huser, gebaut aus Steinen, die vielleicht brig
geblieben von damals, als die Vorvordern der Einwohner dieser Gasse sich einst
selbst verbrannten, um der zu Zeiten im Mittelalter epidemischen Verfolgungswuth
zu entgehen, stand der wie im Kreise Getriebene pltzlich still und betrachtete
den Geschftsreichthum einer Trdelfirma, die sich Nathan Seligmann nannte ...
    Hinter ihm aber steht ein Mann, der ihn beobachtet. Es ist nicht unser Lb,
der von ihm trotz des Judaeus Apella so altburschikos behandelte Anbeter der
heute mit einem Blumenstrau gefeierten jdischen Druide Veilchen Igelsheimer,
die dem Geschfte ihres Verwandten vorsteht mit einer Kenntni des Alterthums
und des Germpels der Jahrhunderte, die Lucinde an der Maximinuskapelle geahnt
zu haben schien, als sie dem Wirth zum Weien Ro߫ als den eigentlichen Wardein
der von dem Knaben verkauften alten rmischen Mnzen den Ahasver selbst genannt
hatte.
    Eine andere Persnlichkeit war es, die den Mnch daherkommen und vor dem
Trdelhause Nathan Seligmann's sinnend halten sah ...
    Den Rcken auf einen Stock stemmend, der fast zusammenbricht von der weniger
schweren, als vielleicht ermdeten Last, denkt das etwa vorhandene
Menschenstudium desselben beim Anblick eines in den Trdelkram verlorenen
Franciscanerpaters: Pater Sebastus? Der Franciscaner? Will der Juden bekehren?
Mit Veilchen Igelsheimer den Anfang machen? Fehlt ihm in seiner Klause ein
Luxusgegenstand, den er dort einzuschmuggeln gedenkt unter der Kutte? Eine
Lichtputze, eine Lampe zum Studiren, eine Laterne fr die unterirdischen Gnge,
wenn er die geheimnivolle alte Pforte im Gewlbe des Profehauses finden
sollte? ... Wie er die Kleider betrachtet! ... Doch nicht etwa den alten
rostigen Ritterhelm? ... Doch nicht den Dreimaster und den Galanteriedegen dazu?
... Oder den Frack mit ellenlangen Schsen und die carrirten engen Beinkleider,
die ihm vor Jahren ganz gut mgen gepat haben?
    Der Spher, der selbst wie ein Irrender bald da, bald dort still gestanden
und fast die Spalten der Thren, die Risse der alten Huser betrachtet hatte,
als knnte er sich in sie verkriechen, ja als suchte er nur allein dem
Sonnenstrahl auszuweichen, wie weiland der allein in der Nacht lebende Held
Trojan, ein Vampyr der serbischen Sage - der Spher tritt in ein Haus zurck ...
Der Mnch macht eine Bewegung, als wollte er weiter gehen ...
    Bald aber erkennt der Spher, da dies Weitergehen nur die bekannte Bewegung
ist, die einen andern Entschlu maskirt. Einigemal wendet sich der Mnch, als
htte er sich im Wege geirrt, wre unschlssig, sich links oder rechts zu
wenden, und ehe er noch darber von jemand beobachtet zu sein glaubt, ist er
verschwunden. Selbst fr den Spher ist er es, der in eines der alten Huser
getreten ... Scheint dieser doch selber zu frchten, belauscht zu werden.
    Nach einer Weile tritt der Spher wieder hervor und sieht sich vorsichtig
um. Die heie Mittagszeit macht die Gasse menschenleerer als sonst. Dann an den
niedrigen Fenstern Nathan Seligmann's vorberstreifend, erkennt er den Pater
durch die Trdelvorrthe hindurch ... Er befindet sich unter ihnen ... Was kann
der Mnch dort wollen? Er scheint zu handeln? Um was? Er zeigt auf seine Kutte
... sieht er dich? Vorbergleitend entschlpft der Lauscher.
    Sein sonst so elastischer Sprsinn ist heute frei von aller
Unternehmungslust.
    Wankend schreitet auch er dahin ... nimmt einen Weg, er wei es selbst nicht
wohin ... an den Straenecken wird ein Anschlag der Polizei angeheftet ...
Hundert Thaler dem, der eine Spur zur Entdeckung des Mrders der Frau Hauptmann
von Buschbeck angibt ... Sonst war er so flink, solche Summen zu verdienen, er,
der alle Spelunken der Stadt, die Herbergen der Freude und des Raubes kennt ...
Weiter wankt er, grt und achtet nicht des ausbleibenden Gegengrues ...
Gewohnt scheint er das ... Sonst studirt er jedem, den er grt, eine Frage nach
seiner Lage, nach seinem Thun und Treiben und eine selbstgegebene Antwort an ...
Auch heute htte er Gelegenheit gehabt, seine gewohnten Glossen zu machen.
    Da fhrt Herr Bernhard Fuld in einem eleganten Coup mit seinem jungen
Weibchen neben sich in ihre Villa hinaus nach Drusenheim ...
    Der Spher scheint zu denken: Sie fahren wie mit Extrapost! Man glaubt wegen
des europischen Gleichgewichts und vielleicht ist nur eine neue Toilette aus
Paris gekommen, die sich vor Ungeduld Madame selber abgeholt hat!
    In einem Gig fuhr sich hinter ihm her der Freund der Fulds, Herr Gebhard
Schmitz; ein Groom sitzt neben ihm, die Hnde ineinander geschlagen, wie wenn er
der Herr wre ...
    Der Spher sieht ihm nach und wei vielleicht schon: Ist die bestellte
Caricatur am nchsten Sonntag fertig, wenn ihr eure Landpartie macht?
    Ein offen zurckgeschlagener groer Wagen mit zwei Damen und einem Herrn
biegt um eine Straenecke ...
    Der Spher erschrickt im ersten Augenblick, zieht tief den Hut und blickt
dem Wagen nach: Madame Hendrika Delring! Sie fhrt vor dem Fnfuhr-Diner noch
mit ihrem Mann aufs Land, weil sie von einer Gelegenheit gehrt haben, fr den
ersten - gemischten - Enkel des Hauses Kattendyk eine vortreffliche Amme zu
bekommen ... Die neue Gesellschafterin wol bei ihr? ... Nein! Die schreibt an
ihren Freund Hunnius, da im Domstift immermehr Platz wird ... Oder ist es die
Kleine -
    Aufschreckend wankt der Beobachter dahin ... immer weiter und weiter ...
allmhlich ermannt er sich und tritt in eine Weinschenke, sich in der Hitze
eines Nachsommertages zu strken ...
    Doch des Redens ber den Mord auch hier kein Ende ...
    Man klagt die Frau Hauptmnnin an und sagt fast, ihr wre recht geschehen,
und schon setzt er an, sie zu vertheidigen und eine ganze Rede wickelt sich in
ihm auf: Sehr wohl kannt' ich die Aermste, aber glauben Sie mir, meine
verehrtesten Herrschaften, sie war mehr krank als bse! Die Vortrefflichste
glaubte an die Seelenwanderung und war in Fledermuse verliebt, weil sie hoffte,
die wrden sie einst durch die Lfte ins Jenseits tragen! ... Fr den Knig der
Fledermuse sparte sie gefangene Muse und Batzen und Coupons ... O wie oft habe
ich sie gebeten, ihre Guitarre neu beziehen zu lassen! Aber nur zwei Saiten
wollte sie auf ihr dulden; die eine war sie, die andere Bruder Hubertus im
Kloster Himmelpfort, genannt der Abtdter ... Wie oft pfiff sie mir sein
Leiblied, als er noch schmuck und grn durch die Wlder daherkam aus Holland und
Java, wo ihn die Indier gelehrt hatten, wie man Menschen so weit bringen kann,
nur noch dreiig Pfund zu wiegen, die Hlfte vom Nettogewichte meines Bauches
vor dem Mittagessen! .. O ihr httet sie sehen sollen, die Frau Baronin, wenn
sie die Thr verschlossen hatte und durch das Schlsselloch mit mir ber den
Stand der Zinsen und die Leiden der westflischen Domnenkufer sprach, deren
Obligationen so werthloses Papier geworden sind! ... Das Schluchzen dann hinterm
Schlsselloch htte euch gerhrt und ihr httet ein Gemth bewundert, das
dreiig giftige Pfeilspitzen liegen hatte und doch allen denen vergab, die sie
beschuldigten, ihre Dienstboten nur aus bsem Herzen zu qulen, whrend es nur
ihr unglckseliges Loos war, da sie in der Nacht Mitgefhl bedurfte, zufllig
zu einer Stunde, wo frische und gesunde junge Mdchen zu schlafen pflegen! ...
Eine, ja Eine, die ist ihr einmal zu Dank gewesen! Das hat sie mir oft erzhlt!
Die blieb ein Jahr, neun Monate, funfzehn Tage, drei Stunden bei ihr! Die hat
sie dann aber auch, so sagte sie oft, ausgestattet wie eine Prinzessin! Auf ein
vornehmes Schlo hat sie sie gegeben, wo sie wie eine Prinzessin gehalten wurde;
nur seidene Kleider und goldene Spangen mit Juwelen durfte sie da tragen; aber
sie war ja selber schuld, kicherte die gute Baronin hinterher, da sie's nicht
lange geno ... der Nickel wollte auch die Krone haben! sagte sie. Und dann
hustete die Edle wie aus feuchten Kellern heraus die liebreichen Worte: Na aber,
da haben wir sie schn abgefhrt!
    Mglich, da der wirkliche Vortrag dieser Erzhlung durch die Erinnerung an
das grelle Lachen gehindert wurde, in welches die Hingeopferte nach solchen und
hnlichen vertrauten Mittheilungen sich in Gegenwart ihres guten Freundes und
Rathgebers zu verlieren pflegte ... Oder was ist es, da er die Weinschenke
verlt? .. Es ist drei Uhr ... Am Hahnenkamp begegnen ihm vier frhliche
Menschen, unter ihnen sein wrmster Beschtzer nchst Dominicus Nck, der
Assessor von Enckefu ... Aber ha! Auch Benno von Asselyn, dem er noch gestern
Abend so dicht unter die Augen getreten, als wollte er sagen: Sieh mich genau
an! Ich bin's! Unglcksmensch, du, du, den ich mchte - warum sahst du mich so
oft Abends von Rendezvous kommen, wo eine siebzigjhrige Eule, getrennt von mir
durch eine verschlossene Thr, mir ihre Gefhle und ihre stolzesten Hoffnungen
auf die Beschmung eines gewissen Ungetreuen, des grnen Jgers, erzhlte ...
Warum blickst du mich so forschend an? Mensch! Was wendest du so den Kopf zum
Assessor? Dich, dich mcht' ich -
    Ganz gehorsamster Diener! ... Tief verbeugt er sich bei alledem und lchelt
...
    In frhlichster Champagnerlaune grt Thiebold de Jonge und macht sich den
gewohnten Witz mit ihm, im Gesprche Anspielungen zu machen auf das
unentrthselt gebliebene Hngen des Sporenritters in partibus, diesen Witz,
der ihn seit Jahren verfolgt, der ihn so martert, so qult, da er im Begriff
ist, nach Amerika auszuwandern - fr immer ...
    Aber bei alledem zieht der Erbebende seine weie Halsbinde in die Hhe und
sagt, im Stil eines Belesenen, zu Thiebold de Jonge:
    Herr de Jonge! Ein Wald! Ein Wald! Ein Knigreich fr diesen Wald! Bei
Witoborn! Wann kann ich aufwarten?
    Ihre Eichenwlder sind zu jung! Nicht ein Ast, an dem sich eine
rechtschaffene Seele aufhngen kann! Hahahaha! ...
    So lachte der Sptter und die andern gingen gleichfalls lachend oder fragend
und die Kpfe zusammensteckend an ihm vorber ...
    Da aber auch der Assessor lachen konnte! knirscht es in seiner Seele ...
    Er berlegt sich aber alles ... Er wohnt in dieser Stadt mit dem
Damoklesschwert berm Haupte und sollt' es eigentlich gern haben, wenn ihn zwar
nicht heimlich, doch offen die Polizei fallen lt. Er mu sich's ja sauer
verdienen, da man ihn schont und damals auf Nck's Lachen Rcksicht nahm, als
er nach Aachen wollte, nach Spaa, wo er spter sein ihm gehrendes Geld
wirklich verspielt hatte ... er mute sich's verdienen durch die doppelte
Tragfhigkeit seiner Schultern, die linke geistlich, die rechte weltlich ... und
in der Mitte ein Herz voll Ehrgeiz sogar und ein Mensch, der studirt hat! Sieh!
Dieser Herr von Asselyn ... Auer Nck und Schnuphase wei niemand in der Welt
als er, da er in Abendstunden mit Hexen schwrmen kann ... Wie er sich vorbeugt
zum Ohr der andern und wie sie auf mich zurckschielen! Mensch - dich schleudr'
ich aus dem Wege!
    Ein Kieselstein flog vor seinem Knotenstock, da davon beinahe Herr Joseph
Moppes getroffen wurde ...
    Dieser kam wie immer mit Noten unterm Arm und probirte im Gehen seine
Quartette ...
    Selbst Joseph Moppes, der als halber Virtuose doch Beifall und Popularitt
nthig hatte, dankte nur halb dem schnell gebotenen Grue ...
    Nun wankt der fast zusammenbrechende Fu durch die Marcebillenstrae ...
dicht vor dem Hause des Mannes, den er sollte aufgehngt haben, vorber ... Es
ist dasselbe neue stattliche Haus, in dem jetzt bis vier Uhr Nachmittags die
Arbeit des Procurators ruhte ... nebenan suselnd sind's die schnen Linden des
Gartens, der zum Hause gehrte, Bume, die noch gerade so grn und stillbewegt
standen wie damals, als er um die Mittagszeit aus dem Fenster gesprungen und das
in Gedanken mitgenommene Schlsselbund zurckgeworfen haben sollte, die Tasche
mit 30000 Thalern beschwert ... In diesen Garten blickte niemand, als die
Zglinge des daranstoenden Convicts, die gerade eine Freistunde hatten und an
dem Gartengrn die mdegearbeiteten Augen strkten und ihn nun sehen, ihn
verrathen muten ... Fnf Jahre war es her, Hammaker war durch Nck's Zeugni
von jedem Verdacht freigesprochen, er durfte zu jeder Zeit in das Haus des
Mannes eintreten, den er aufgehngt haben sollte; aber wer ertrgt die Qual des
Verdachts, den Spott, die Anspielungen auf die Procedur des Hngens, wenn die
Menschen mit ihm redeten und vom Binden, Schnren sprachen, ja auch nur von
einer verwickelten oder kurzabzuschneidenden Verhandlung ... Konnte Er nicht
den Kopf erheben? .. Noch heute frh nach der Aufnahme des Thatbestandes und der
Rckkehr des Assessors vom Frhstck bei Benno von Asselyn ... was war nicht
alles, als er zitternd unter den Menschen weilte und, zum Tode erblassend, den
Assessor auf sich zukommen sah, zwischen ihnen besprochen worden! Die drohende
Zunahme der Aufregung, die Stiftung von Gesellen- und Meisterbndnissen, manche
Verbrderung zu Rath und That, die man nicht hemmen konnte und die doch
auszuarten drohte im Hinblick auf die Zeit und die schlimmen Ausbeuter der
Leidenschaften ... Die Gemther auf dem Lande und in der Stadt von den
kirchlichen Fragen aufgeregt ... zwei Richtungen sich kreuzend, die politische
und die hierarchische, eine der andern zur Seite gehend, solange das nchste
Ziel dasselbe ... Schon Berathungen hier, Versammlungen dort ... Strmer und
Drnger, wie sie in Kocher am Fall geredet, berall ... unter dem Landvolk
Wortfhrer, die schon anfangen bei verschlossenen Thren zu sprechen ... Die
Regierung von anonymen Warnungen aufgeregt ... Winke von den Gutgesinnten,
Drohungen von den Feigen ... Namen genannt, die die Hupter einer Erhebung
werden sollen, wenn es dem Lande an die Krnkung seines Theuersten gehen sollte
... Sogar Schnuphase auf den gefahrvollsten Bahnen; denn darin, da er nur hin-
und herreiste zur Beruhigung, gerade darin lag die Aufregung ... Im Hneneck,
an der Insel Lindenwerth, war der Herd des Ganzen bei einem grosprecherischen
Wirthe Namens Joseph Zapf ... und der neue John Hampden, der neue Brger
Lafayette, der Sohn des Volkes, der einer mglichen Bewegung zum Haupte dienen
konnte ... eben kommt er daher ...
    Ein Mann mit khnen Schultern und von freier Rede, ein Frsprech im
neubegrndeten Severinus-oder Handwerkerverein ... Eine groe, stattliche Figur
von herculischem Krperbau, ber die Vierzig hinaus, gertheten Antlitzes, mit
dem Ausdruck gutmthiger, aber reizbarer Beschrnktheit ... An dem unter einem
langen Oberrock getragenen Schurzfell erkennt man den Kfer ...
    Wie geht es Ihnen, mein lieber Herr Lengenich?
    Ei, Herr Hammaker!
    Endlich ein Mann, der sich ber die Begegnung mit ihm zu freuen schien ...
    Haben Sie endlich den Proce gewonnen?
    Welchen?
    Den Drusenheimer! Schlagen Sie den Blutacker los? Sechshundert Thaler ja
wol?
    Neunhundert, Herr Hammaker! Ich schlag' ihn nicht los!
    Eigensinniger Mann! Neunhundert Thaler! Viel Moos!
    Die Ehre, Herr Hammaker! Die Ehre! Die Ehre! Was ist der Mensch ohne Ehre!
    Ein wahres Wort!
    Wir, denk' ich, wir beide wissen es!
    Braver Mann! Aber was ntzt Ihnen die drusenheimer Ehre?
    Wo ich geboren bin, Herr! Bin in die Welt mit Ehren hinausgezogen! Der Acker
soll wst und leer bleiben, bis die Gemeinde und mein Bruder nicht mehr hinter
mir rufen: Ab instantia!
    Erhaben! Aber -
    Verkannt, Herr Hammaker!
    Aber -
    Ein Ehrgefhl mu der Mensch haben, wo ein Nadelstich aus Leben geht!
    Wie fhl' ich mit Ihnen!
    Ab instantia - Wegen Mangel an Beweis! Alle glauben und wissen meine
Unschuld! Nur ein Bruder und die drusenheimer Gemeinde sagen: La hier deinen
Acker! Sagen's so zweideutig, als wenn ich -
    Ruchlos! Ruchlos!
    Dornen und Disteln und Steine sollen drauf wachsen - ich bin Brger in
Drusenheim und bleib' es!
    Wenn nur - Seligmann nicht Auftrag htte - Ihnen zu bieten, was Sie wollen!
Fuld's junges Weibchen will einen Pavillon hinter ihrer Villa haben! Es ist so
prchtig drauen! Waren Sie lange nicht dort? Ach, meine Heimat! ... Ach, meine
alte Mutter! ...
    Guter Herr Hammaker! Auch Sie verkannt! Um diesen Acker hab' ich Thrnen
vergossen, mehr, als in Drusenheim Wasser fliet!
    Das ist kein Wort, Herr Lengenich! In Drusenheim ist der Bach das ganze Jahr
trocken und nur der Saft der Rebe fliet ... Eine Prise?
    Zitternd wird sie dargereicht ... freudig angenommen. Lengenich und
Hammaker, wie dieser ihm aufgeredet, sind die Opfer des Ab instantia
-Absolvirens. Lengenich lebte in der Dunkelheit der Moppes'schen Weinkeller,
wute nichts von der Oberwelt, nicht einmal etwas von dem Mnche Sebastus,
dessen Vater er beschuldigt worden ermordet zu haben, er sah nur immer, wenn es
Licht um ihn wurde und er im Severinusverein prsidirte, den Himmel offen und
die heilige Jungfrau mit der Wagschale der Themis in der Hand, wie sie ihm
zuwinkte und alle Kronen der jenseitigen Gerechtigkeit an ihn austheilte. Seine
Stimmung war die des geblendeten Simson, der zuletzt die Sulen der Palste
zusammenreit ... Einen Proce gegen den Kronsyndikus zu beginnen hatten ihm
Nck und Hammaker entschieden widerrathen - fehlte doch vor allem jenes im
ersten Augenblick von ihm an der Leiche gefundene Stck eines grnen Tuches, das
so pltzlich damals abhanden gekommen ...
    Glauben Sie Gespenster, Herr Hammaker? fragte Lengenich jetzt und wie
heimlich.
    Entschieden! sagte Hammaker und zitterte, obgleich er nur scherzen wollte
...
    Ich sah den Mann, den ich soll erschlagen haben, neulich deutlich und als
Mnch sah ich ihn, aber hager und lang - das Gesicht war es -
    Der Deichgraf?
    Stephan Lengenich erzhlte, da er krzlich in den groen Weinkellern seines
Principals, des Herrn Moppes, einsam gearbeitet htte. Dster htte die Lampe
neben ihm gebrannt, mehrmals wre sie ihm ausgegangen, wie zuweilen geschhe,
wenn er gerade an den Fssern arbeitete, die an einem der kleinen vergitterten
Fenster stnden, die in einen alten unterirdischen Gang einigen Lichtschimmer
fallen lieen. Seit Jahren galt dieser Gang fr verschttet oder zum
Aufbewahrungsort fr Gerthschaften dienend, die zu den noch in der Nhe
befindlichen geistlichen Husern gehrten. Von seiner Arbeit aufblickend,
erzhlte Stephan Lengenich, htte er durch das Gitter das volle Gesicht des
Deichgrafen erblickt ...
    Ich glaube Gespenster, Herr Lengenich! Aber manchmal ist es auch blos der
Dunst von altem Nierensteiner!
    Meinen Sie? In dem Gang steht ein altes Marienbild, nicht weit von einem der
Fenster ... Halt' ich die Lampe drberher oder thun's die Grubenrumer, die
zuweilen durchziehen -
    So lebendig geht's da unten her?
    Das meiste Leben geben die Ratten, Herr! ... Aber das uralte Marienbild, das
mu ich mir alle Tage betrachten, obgleich ich eigentlich - die Gnadenreiche
vergeb' es mir -
    Ihre alte verrtherische Geliebte in ihr erkennen?
    Die nicht! Die andere! Die Geliebte von dem Doctor!
    Die gegen Sie aussagte!
    Wie aus den Augen geschnitten! Obgleich das Bild schwarz ist - sie hie auch
Schwarz -
    Wer? fragte Hammaker zerstreut folgend ...
    Lucinde Schwarz -!
    Lucinde Schwarz! ... Hammaker wute doch sonst alles in seinem Gedchtni
unterzubringen, er hatte auch ein Schubfach fr diesen Namen, er wute das, er
konnte es jetzt nicht sogleich wiederfinden, obgleich er erst vor einer Stunde
sie zu sehen geglaubt hatte ... er grbelte auch: Sollte der Kfer nichts von
dem Mnche Sebastus wissen?
    Gerne htte er alles das gesagt, aber Wichtigeres wlzte sein Inneres ...
    Sie sind zu fromm! sagte er ...
    Statt aller Antwort greift Lengenich in sein Schurzfell, zieht zwei
blinkende zinnerne Medaillen hervor und will eine davon dem Manne darreichen ...
Dann zieht er sie wieder zurck und sagt: Sie sind ein Studirter!
    Herr Lengenich! Ich bin ein Studirter, aber ich habe eine alte Mutter!
Drben in den Sieben Bergen wohnt sie! Ich besuche sie oft! ... Ihr zu Liebe
lieb' ich - Gott - und ich - ich kann Ihnen zeigen - was ich auf dem Leib trage
...
    Er deutete auf seine Brust und lftete ein wenig das Oberhemd, um einige
Amulete zu zeigen ...
    Dann nehmen und behalten Sie! sagte Lengenich. Es ist die - wie heit der
Name?
    Hammaker, aufhorchend, liest die Umschrift und spricht das schwierige Wort
aus:
    Athanasiusmedaille!
    Kommt von Rom! ... Was ist der Mensch ohne diesen Beistand! Da, Herr, konnt'
ich beichten! Da, Herr, glaubte man mir! Wenn hier etwas an unsern Rechten, an
unsern Gesetzen gerttelt wrde -
    St!
    Vor wem sollen wir uns frchten?
    Nchsten Sonntag - hm! - auch in Drusenheim?
    Jeden Sonntag bin ich in Drusenheim!
    Ich meine - am Abend - am andern Ufer - am Hneneck?
    Sie wissen -?
    Zu Joseph Zapf?
    Ich sollte fehlen?
    Wrdiger Mann!
    Lengenich sah, da Hammaker ber alles unterrichtet war, was vom
Rolandswirth Joseph Zapf in dem Drang der Umstnde zum Besten der groen Sache
des Landes vorbereitet wurde.
    Stumm schtteln sich beide die Hnde - der Kfer die weiche und zarte des
Agenten, dieser die rauhe des, wie es schien, von den geheimen Leitern fr die
Stunde der Gefahr ausersehenen Vorkmpfers.
    Stephan Lengenich ging jetzt ...
    Esel! - lag zwar in dem ihm nachschauenden Blicke Hammaker's, als der Kfer
mit dem an die mchtigen Lenden schlagenden Schurzfell von dannen schritt ...
aber sein Muth zum Humor verlt ihn ... er sieht die Menschen an den
Straenecken ... Hundert Thaler! ... Er liest es jetzt selbst: Besonders ist es
wnschenswerth Auskunft zu erhalten ber einen Unbekannten, der an einigen
Abenden in der Dunkelheit die Ermordete besucht haben soll ...
    Nun hlt er sich an einem Mitleser, um nicht umzusinken ...
    Die Zhne klappern ... die Lippen beben und rechnen:
    Freitag, Sonnabend, Sonntag! ... Dreimal vierundzwanzig Stunden noch bis zu
dem Augenblick, wo - Einer am Hneneck sich den Hals brechen mu! Unbekannter!
... Einer mu ausgehoben werden aus dem Neste - mit allen! ... Ein Bote Nck's -
ist er! Ein Vorredner - ist er! Ein Freisinniger - ist er! Diese tdlichen drei
Tage ... wenn nur Sonntags neun Uhr alles beisammen! ... Wer kann das wissen?
... Hier! Dort drben! Jean Baptiste Maria Schnuphase ...
    Man frchtet sich zwar drben auch vor ihm, wie berall ... Er greift aber
zu einem Mittel der Demuth ...
    Weg mit dem Blick von den hundert Thalern an der Straenecke - da ist ein
elegantes Aushngefenster eines Schusters - die glnzenden Schuhe und Stiefel
gestatten ihm, in ihrem Spiegel Toilette zu machen ... Sein Rock ist gewhnlich,
wenn auch nicht so diogenesartig, wie der bei seinem Gnner Nck ... aber seine
Wsche ist sauber, der Hut von derselben grauen Farbe wie der Sommerrock, aber
vom feinsten Velpel ... Eine weie Halsbinde legt sich leicht und lose um sein
wohlgenhrtes Kinn ... Nicht nur ist er so sauber rasirt, da man fast htte
annehmen mgen, Jodocus Hammaker htte berhaupt keinen Bart, sondern die ganze
Hautfarbe des Gesichts ist von einer Weiche, die nur durch die seiner Hnde
bertroffen wird ... Die dunkelblauen Augen haben einen schielenden Glanz, die
Nase ist stumpf, dem Munde fehlen einige Zhne ... schweigt aber Jodocus oder
blinzelt und lchelt s oder affectirt eine treuherzige Sicherheit, die wieder
mit geschftlichem Eifer verbunden scheint, so liegt nichts Abstoendes in dem
nchsten Eindruck, dem sogar der des Schmachtenden nicht fehlt ... Dabei ist die
Stimme leise, flstert und lispelt und steht mit der Hflichkeit des Benehmens
in Einklang ... Tiefauf seufzt er, sich Muth zu holen ... Denn da sogleich von
der gemeinschaftlichen Freundin, dem Opfer dieser Nacht, wrde gesprochen
werden, wei er schon ... er berlegt, da er sein Gesprch beginnen will mit
einer Verlegenheit fr ihn, fr die Damen ... er wei, da dem Anla zum
Eintreten, den er nehmen will, auch der fnfjhrige Spott auf Binden und Knpfen
nahe liegt - dieser Spott, der ihn in acht Tagen nach Amerika fhren wird - er
wagt aber dies Mittel der Einfhrung und gibt sich eine Haltung.
    Hammaker findet das hohe lichthelle Gewlbe des steinernen Hauses wie
immer in seinem saubersten Glanz.
    Er findet, umflossen von Weihrauchduft, beide Schwestern zugleich anwesend.
Die Nebenthr eines etwas dunkeln Zimmers, das einen Ausgang zum Vorplatz des
Hauses hat, ist offen. Vor Hammaker hat Eva nicht nthig die Thr zu schlieen.
Vollkommen wei er, was drinnen zu sehen ist ... Die Schwestern haben dort noch
ein Extrageschft von Herrenhemden ... Diese Geschftsthtigkeit des Herrn
Maria war eine willkrliche Ausdehnung seiner Privilegien und brachte ihn mit
den Schneidern der Stadt in Collision; allein er nahm nur die Auftrge
verschwiegener Herren an und diese gleichsam nur als Vertrauens-und
Freundschaftsauftrge.
    Auf einem Drehsessel, hochthronend, sitzt da aber auch Herr Maria. Erst vor
wenig Stunden ist er angekommen von einer seiner vielen Ausfahrten und schon
wieder schreibt er, eine blulich angelaufene Brille auf der Nase,
hochachtungsvollst und tiefergebenst Worte der Mittheilung, die mit allen
Feinheiten des Stils und der Interpunktion gerade jetzt - es war fr Beda
Hunnius - an folgender Stelle angekommen waren:
    - - ohne Zweifel keine andere Bestimmung haben drfte als, in des
hochbetagten, eben verschiedenen Greises Stelle, einzurcken, derowegen eine
Verzgerung der Audienz, nicht unwahrscheinlich eingetreten sein mchte, nun
aber auch kein Zweifel sein drfte, da das Vicariat an einen Candidaten,
verliehen werden knnte, welcher, lediglich die kleineren Aemter zu versehen
htte, mittlerweilen die groen drften, dem jungen Domherrn zugeschlagen
werden, worber, indessen nicht zu zweifeln sein drfte, da Ew. Hochwrden zwar
keine Berufung drften zu gewrtigen haben, ohne jedoch nicht unwahrscheinlich
sein zu lassen eine schmeichelhafte Erhebung zum Ehren-Kanonikus, falls nmlich,
die bevorstehende Visitation durch den Gubernial-Prsidenten von
Wittekind-Neuhof, Excellenz, die Hnde dem hohen Kirchenfrsten, Eminenz, so
ungebunden lassen drften, als Hochdessen feste Willensmeinung und Geneigtheit
fr Ew. Hochwrden Wirken ber allen Zweifel erhaben sein lassen drfen und,
wenn ich gewogentlichst um Entschuldigung bitten drfte, da ich die laufende
Mittheilung an Wohldieselben fr heute abzubrechen wage, so mu ich die
schaudervoll ergebenste Anzeige auch noch eines Mordes anfgen, welcher diese
Nacht unbekannterweise einer Dame zugestoen ist, welche -
    Vter! lautete eben an dieser Stelle durch Unisono die Mahnung der
Tchter, auf den eben eingetretenen Besuch zu achten ...
    Aus den tiefsten Labyrinthen des Periodenbaues, aus den Geheimnissen der
Curie und einer sich eben in die Reproduction einer Mordscene verlierenden
Phantasie erwacht Schnuphase und wendet die blaue Brille nach der Rechten und zu
gleicher Zeit auch dem Drehsessel einen nur ganz harmlos gedachten Ruck gebend
...
    Da aber des Agenten Hammaker ansichtig werdend bekommt sein Schrecken eine
Elasticitt, die ihn im Nu um die Achse des Drehsessels herumwirbelt, soda er
gerade mit dem verfnglichen Nacken einem Manne gegenbersitzt, von dem bekannt
war, da er die Menschen an Kronleuchterhaken aufhngte.
    Was - verschfft - uns - die Ehre? stammelt er und windet seine
glcklicherweise leichten Beine aus der Umklammerung der Drehschraube des
Sessels los und sucht aus seiner schwebenden Lage auf ebenen Boden zu kommen.
    Die Tchter stehen minder erschrocken. Herr Hammaker war von jeher gegen sie
die Huldigung und Sigkeit selbst.
    Er nhert sich ihnen und uert mit Artigkeit und einem sich tief
unterwerfenden Tone seinen gerhrtesten Dank fr die ihm gewordene Aufforderung
der Frulein, sich der Erzbruder- und Schwesterschaft zum schwarzledernen Grtel
einverleiben zu wollen, deren Embleme sie vertheilten ...
    Beide junonische Gestalten sehen sich mit erstaunten Blicken an. Ihre
dunkeln Augen rollen, die Augenbrauen senken sich tief niederwrts und ein
ersichtlicher Aerger macht sie in dem Augenblicke jede um zehn Jahre lter, d.h.
gerade so alt, als sie waren.
    Schwrzlderner Grtel? fragt Schnuphase zur Besinnung gekommen und
ergreift den Brief, den ihm Hammaker als Ausweis entgegenhlt ...
    Es war ein lithographirter und demnach eine an viele Einwohner der Stadt
abgesandte Einladung der Frulein Eva und Apollonia Schnuphase, sich der Gnaden
und Ablsse theilhaftig zu machen, die jeden erwarteten, der in die Erzbruder-
oder Erzschwesterschaft vom schwarzledernen Grtel des heiligen Nikolaus von
Tolentino eintreten wrde.
    Sofort erkannte man, da hier ein Falsum vorlag ...
    Die Aufregung, die diese Entdeckung hervorbrachte, war nicht gering. Die
Damen betrachteten den Brief von allen Seiten, der Vater bat um die Erlaubni,
ihn smmtlichen geistlichen Herren zeigen zu drfen, was jedoch entschieden von
seinen Tchtern abgelehnt wurde.
    Ein Extrs-tckchen der Prtei, rief er, die nicht genug hat, die Kirche
zu hindern, nach ihren Gesetzen zu leben, sndern die auch noch -
    Ein vollkommen gerechtfertigter Zorn erstickte seine Stimme.
    Die Schwestern traten mit dem Briefe bei Seite und flsterten, von welchem
Lieutenant oder Referendar wol dieser ghibellinische Spott herrhren konnte ...
    Der jetzt aber vertraulichst Eingefhrte erhielt alle die Mittheilungen, die
er nur ber die Versammlung beim Rolandswirth zu hren wnschte.
    Das Einverstndni war vollstndig ... Hammaker seufzte tief auf und zog die
eben empfangene zinnerne Medaille, um sie mit Verklrung zu zeigen ...
    Wie auf ebenso viel Legionen des Himmels hoffend, ffnete Schnuphase eine
Schublade des Schreibepults, in der einige Hundert dieser Medaillen lagen.
    Dann noch ein Austausch des gemeinschaftlichen Schmerzes ber die
hingeopferte Dame ...
    Noch keine S - pur? war die dreifache Frage im Unisono.
    Mit einem Blick gen Himmel, als wenn allen diesen Leiden nur von oben
geholfen werden knnte, empfahl sich Hammaker ...
    Eine Stunde darauf fand Benno beim Eintreten in Nck's Schreibstube unter
einem Dutzend Pulten auf dem seinigen einen Zettel mit den eben erst rasch
hingekritzelten, frisch mit Sand bestreuten Worten:
    Die Erben des Riedbauern Kipp in Euskirchen wnschen ber ihres Erblassers
Passiva, ehe sie das Beneficium inventarii antreten, eine vertrauliche Recherche
- citissime! - Freitag frh Termin in Overladen Fasc. 1310a. - Sonnabend in
Sachen ca Fiscum bei Zapf am Hneneck die Vermessung der Ufergrenze - Ich
spreche Sie aber noch um sechs - das Dampfboot geht, glaub' ich, um acht.
    Es war die Hand des Procurators.
    Der Name des Hnenecks war fr Benno ein Klang, der ihm auf Augenblicke die
Besinnung nahm ...
    Eine so schnelle Trennung von Bonaventura! Aber drei - drei volle - selige
Tage in Armgart's Nhe - vielleicht eine Begegnung mit ihr!
    Zum Arbeiten fehlte ihm alle Sammlung. Er zhlte nur die Minuten, bis es
sechs schlug. An sein Ohr tnte nur die Glocke im Hafen und das Brausen und
Rauschen im Dampfrohr, die mahnenden Zeichen zur Abfahrt.

                                       7.


Bis sechs Uhr hatte Bonaventura auf die Rckkehr des Mnchs gewartet und er
htte dann lieber wnschen mgen, er wre nicht gekommen ...
    Der Pater kam in einer Aufregung, die ihm wahrhaft bengstigend wurde.
    Gleich die Art, wie er von den mit ins Grab genommenen Lesarten des
Origines, dem wirklich erfolgten Tode des bewuten Domherrn, dann von
Bonaventura's Aussichten auf dessen Stelle sprach, war fr sein Gefhl
verletzend ...
    Dann fhrte er ihn wie in blinder Wahl einem Thore zu ... Er versprach ihm
den angenehmsten Eindruck von einer Promenade um die alten Wlle der Stadt.
Einige der letztern waren zu ffentlichen Vergngungen bestimmt. In miger
Entfernung von einem solchen, den man den Apostelgarten nannte, beredete er
Bonaventura, sich mit ihm auf eine im Gebsch versteckte Bank zu setzen und
durch eine Oeffnung der Gestruche dem Treiben in dem berfllten Lokale
zuzusehen. Da und dort standen Tische und Lauben, die immermehr sich besetzten
und fllten; Kellner und Kellnerinnen schritten hin und wieder von einem nach
auen angebrachten Bffet eines einstckigen langen Hauses. Rings hatte das Auge
die Aussicht auf Huser und Grten, auf alte zerklftete Mauerreste, hier auf
einen wohlerhaltenen epheuumwundenen Thurm, dort auf eine baumbeschattete
Kapelle, in weiterer Entfernung auf eine neue Ringmauer, Theile neuer
Befestigungen, dann ber sie hinweg auf die Kette der Sieben Berge - alles das
vermochte auf einige Zeit zu fesseln ... Sogar eine Nachtigall schlug pltzlich
und der Mnch lachte ber seinen Begleiter, der nicht sogleich entdeckte, da
dieser nach der Jahreszeit vllig unmgliche Ruf von einem Knstler kam, der
drben die Vogelstimmen nachahmte.
    Hren Sie nur! rief der Pater, als Bonaventura die Kunst des Mannes
bewundern mute, der bald auch die Lerche steigen und die Amsel singen lie, die
halbe, nicht fertig gewordene Nachtigall, wie Sebastus sie nannte. Sehen Sie nur
den Menschen! fuhr er fort. Ist es nicht ganz ein Affe! Und doch hat er so sein
Ohr erzogen! Wie er den kleinen Nachschleifer trifft, wenn Hans Kanarienvogel
mit der Roulade fertig ist und ganz armselig hintennach noch ein kindisch
Tnchen gibt, als wre der groe, mchtige Triller vorher gar nicht so
majesttisch gemeint gewesen! Wie dumm sieht der Mensch aus und alles das hat er
belauscht im Walde und auf dem Vogelmarkt! Auf Noten steht das nirgends
geschrieben! Ich wnschte, da Sie ihm fr diesen Blick in die Natur einen
Groschen schenkten; ich habe kein Geld ...
    Der Vogelmensch kam jedoch nicht. Er sah die beiden Geistlichen, verbeugte
sich in der Ferne und ging ...
    Nun spielten drei Mdchen zugleich mit einem Alten ein Concert. Eins spielte
die Harfe, zwei die Geige, der Alte strich das Violoncell ...
    Bonaventura wollte gehen; aber der Mnch, der sein geistlich Kleid ganz
vergessen zu haben schien, sagte:
    Wie das toll ist, wenn Mdchen die Geige streichen!
    Die Spielerinnen waren keine Kinder mehr. Aufgenestelten Haares, mit
versilberten Pfeilen in den Flechten, in blauen Kleidern mit rothen Shawls, die
sie vor ihrer Production abgelegt hatten, strichen sie die Geige,
herausfordernd, sicher und trotzig. Vorher hatten sie Handschuhe ausgezogen ...
    In alten Tagen, sagte der Mnch, konnt' ich nun einer solchen
Vagabunden-Romantik nicht widerstehen! An solches Volk mut' ich herantreten,
mut' es nach seiner Heimat fragen und aus ihm heraus mir Poesie des Lebens
locken ... Nur hlzerne und lackirte Sirenenkpfe sind's! Ganz, wie sie auf der
hamburger Rhede auf die Brust der Dreidecker gestellt werden!
    Und als weilte des Mnches Phantasie jetzt auf dem Hamburger Berge, so
fummte er fr sich hin und sinnend im Heine'schen Tone:

Es kichern und lachen die Geigen
Wie Mdchen, trunken vom Wein,
Die Clarinetten meckern
Wie Bcke und Satyrn hinein;

Die Flte schluchzt, wie wenn dem Monde
Des Schneiders Herz klagt, was es litt!
Der Ba und die Pauke, die Alten,
Die reiten zum Blocksberg mit!

    Bonaventura erhob sich. Der Mnch folgte wie in taumelndem Schritte ...
    Wol eine halbe Stunde gingen beide vllig lautlos nebeneinander ...
Bonaventura, erschreckt von der noch so offenbaren Unfertigkeit des neuen
Gebudes im Innern seines Begleiters, dessen Gerst Pater Sebastus doch mit
soviel weithin in die Welt hinausschallenden Axtschlgen gezimmert hatte ...
Dieser selbst mit ersichtlich sich hebender Brust, kmpfend und ringend mit
Dmonen der Erinnerung ...
    Ja, Sie Glcklicher! sagte er nach einer Weile zu Bonaventura, obgleich kein
Wort des Vorwurfs von dessen Lippen gekommen ...
    Wieder ein langes Schweigen ... Dann blieb in einer Strae, auf dem
Rmerwege, der Mnch stehen und sagte:
    Das da ist das Karmeliterinnenkloster! Ich kann es nicht sehen, ohne zu
ahnen, da auch mein Lebensloos einst ... Du guter Pater Ivo! ... Lang und hager
schreitet unser Pater Ivo dahin, grt niemanden, ist immer nur mit sich selbst
beschftigt ... Morgens, Mittags, Abends vollfhrt er das Amt unseres
Tafeldeckers ... Er htet streng seinen alten Wandschrank, in dem unsere
hlzernen Teller, unsere Krge, unsere Brotmesser liegen ... Sorgsam deckt er
den Tisch ... Nie wird er den Teller des einen mit dem des andern vertauschen
... redet man ihn aber an, so hrt er nicht ... Tief ist er mit sich, mit seinen
Tellern und mit seinen Geistern beschftigt ... Frher waren es Fliegen, die er
so in Gedanken haschte ... Ivo hatte ein schnes Schlo, in unsern Bergen ... er
erklrte es verkaufen zu mssen, weil es von Fliegen wimmelte ... Niemand sah
diese Fliegen; nur Er war Tag und Nacht hinter ihnen her und jagte sie sogar im
Winter und im Frhjahr ... Bald bekamen die Fliegen eine andere Gestalt ... Sie
verwandelten sich in schne Frauen ... Alle die Bilder, gemalte und lebendige,
die mein Freund - Jrme von Wittekind - (Sebastus hielt eine Weile inne) und
Graf Johannes von Zeesen auf ihren Reisen in Frankreich und Italien gesehen,
umschweben wieder den Pater Ivo, aber er betrachtet sie wie ein unschuldiges
Kind ... Er kennt die ganze Gefahr dieser Erscheinungen ... Es sind schlimme
Meerweiber, Melusinen, Helenen, um die Paris wirklich und Faust nur gespenstisch
freite - ihm selbst sind sie lngst unschdlich geworden, schon seitdem er
Therese von Seefelden kennen lernte und sich mit ihr verlobte, leider nur auch
diese zu bald verwechselnd mit der einzigen Frau, die ihm von allen persnlich
bekannt geblieben, dem Ewig Weiblichen genannt Maria ... Dem Dienste der
Gottgebrerin widmete er sich, sammelte alle Lieder, die je auf sie gedichtet
und gesungen wurden, gab sein Vermgen fr eine Stiftung der Krankenpflege, die
seine Familie schon seit einem Jahrhundert begrnden sollte - der Irre einem
Irrenhause! - und verjagt nun in unserm Kloster, das er in noch zuweilen lichten
Momenten betrat, die Bilder, die - nur zu lebhaft noch vor anderer Augen
schweben! ... Husch! Husch! ist sein stetes, leise vor sich hingesprochenes Wort
und sein Singen im Gehen das Lob Mari ... Diesen Gesngen, die er vor sich
hinmurmelt, schreibt er eine groe Kraft zu; selbst am Hochaltar flstert er:
Husch! Nicht fr sich, sondern fr uns verjagt er die Melusinen ... Ich sehne
mich nach seinem Husch! ... Hier in dem Kloster betet Schwester Therese fr ihn
- und um die Verzeihung der Gottesmutter, da sie eine Zeit lang eiferschtig
auf sie war.
    Wenn auch diese Erzhlung wie etwa das Adagio einer auf einer Strae
spielenden Musikantentruppe vom Wagengerassel bertnt wurde, klang sie doch in
Bonaventura's Innern tief schmerzvoll nach. Die Flle sah er jener krankhaften
Erscheinungen, die von ihm nicht geahnt wurden, so oft man von Wiedererweckung
des alten kirchlichen Lebens sprach. Oder sollte er der Stimme seines Innern
Gehr geben, die ihm mit seltsamer Erregung zuflsterte: Ist dem Mnche -
Lucinde begegnet?
    Es war Abend geworden ... Das Angelus lutete ... Arbeiter drngten sich in
den staubigen Straen ... Das Gewhl nahm so zu, da Bonaventura von des wie
trumenden Mnches Seite abkam und dieser ihn entweder pltzlich verlassen oder
aus den Augen verloren hatte ... Den Eindruck des fast Gespenstischen, den ihm
der Mnch machte, nhrte auch der Umstand, da er so harmlos Jrme's als seines
Freundes erwhnen konnte, gar nicht wissend, wie es schien, da Bonaventura mit
Jrme verwandt war ... Wie ein Lebendigbegrabener erschien ihm der Mnch, wie
ein Todter, der anfing sich seinen Leichentchern zu entwinden.
    Bonaventura suchte Benno auf und fand ihn in seiner Wohnung mit dem
Vervollstndigen seines Koffers beschftigt.
    Ich mu abreisen, sagte Benno aufgeregt; noch heute, guter Freund! Morgen,
frh schon hab' ich am Hneneck einen Termin abzuhalten! Das Dampfschiff geht in
einer halben Stunde!
    Wie gern htte sich Bonaventura ihm angeschlossen! Morgen sprech' ich wol
den Kirchenfrsten! sagte er.
    In drei Tagen seh' ich dich wieder als designirten Domherrn, den jngsten
aller Kirchenprovinzen germanischer Zunge!
    So hohe Erwartungen ablehnend, half Bonaventura dem Freunde und begleitete
ihn in einem Wagen in den Hafen, in kurzer Erzhlung alles zusammenfassend, was
ihm der Tag an Erlebnissen und schmerzlichen Bereicherungen seiner Seelenkunde
eingetragen.
    Benno empfahl dem Freunde aufs dringendste eine Anknpfung mit dem guten
Kerl, dem Thiebold de Jonge, von dem er keinen Abschied hatte nehmen knnen.
    In die Beziehungen beider Freunde zu Armgart war Bonaventura nicht
eingeweiht.
    Auch blieb kaum noch die Zeit, der Meldungen an den Oheim in der Dechanei zu
gedenken und Benno's Worte zu vernehmen:
    Bei Nck erfuhr ich's, es ist kein Zweifel, die Ermordete ist eine Schwester
unserer guten Tante! Seit Jahren sind sie getrennt! Was ihr Geiz
zusammenscharrte, hat sie dem Bruder Hubertus im Kloster Himmelpfort vermacht!
Das Meiste davon fehlt aber, da der Mrder die Gelegenheit kannte und die
werthvollsten Papiere und Gold und Silber an sich raffte! Wer die That
vollbracht hat - ich glaube die teuflische Hand zu kennen! Noch aber hab' ich
meinen Verdacht gegen niemand auszusprechen gewagt, denn ich frchte den
Zusammenhang mit Personen, die zu schonen sind. Komm' ich zurck, so soll mich
nichts hindern, meine Vermuthungen auszusprechen, wo die rechte Stelle ist.
    So, fast nur von Einem Gedanken beherrscht, fuhr Benno von dannen.
Bonaventura mute eilen, das Dampfboot zu verlassen ...
    Ein banger, erwartungsvoller Abend dann ... er fand die Berufung zum
Kirchenfrsten fr morgen vor.
    Der Mnch kehrte nicht wieder und Bonaventura war dessen froh ... Er sann
und sann:
    Ist hier Christus oder Belial?
    Er mochte nicht richten ... ja er gestand zu, Gott schenkt jedem Menschen
besondere und nur fr ihn berechnete Offenbarungen. Diese stehen in keiner
Bibel, in keinem Buche, sind berhaupt nicht mit Worten zu fassen und zu
bezeichnen. Sie sind ein einziger Klang, den wir aus dem Sphrenall wie
herausgefallen zu vernehmen glauben, ein Glanz wie von einer Sternschnuppe, wenn
diese eine Strung genannt werden kann in der ewig gleichen Harmonie der
Weltbewegung ... Solche Offenbarungen gibt der stille Wald, das Murmeln der
Quelle, auch der leise Schlag einer Uhr, die wir auf dem Tische vor uns liegen
haben. Da sickert so Tropfen an Tropfen hinunter, in den groen Zeitenstrom und
macht uns sorgloser durch das Gefhl, da alle Dinge irgend an einer Grenze
ankommen mssen ... Er mochte nicht richten.
    Eine starke Waffe in allem Leid und aller Anfechtung der Seele ist dann
reine Liebe. Die reicht einen ehernen Schild dem Arm zum Kampfe gegen
Leidenschaft und Ungeduld. Ihr Visir schtzt das Auge, nichts zu sehen von den
Lockungen der Welt. Reine Liebe htet selbst die Trume. Ohne Kampf entwaffnet
sie die Gedanken und verklrt sie mit himmlischem Lichte, da nur das Gute und
Edle in uns lebt ... Pflanze, Jngling, reine Liebe schon auf den ersten
Ringplatz deiner Berhrung mit der Welt! Reine Liebe im Herzen, wirst du im
Alltglichsten dich vom Duft des Schnen, vom Palmenfcheln des Groen, vom
Hosianna innerer Siege, umweht fhlen!
    So lebte in Bonaventura ein Name, der alles Chaos in ihm ordnete ... Paula
... und ein ferner Mnnergesangchor sang dazu durch die stille Nacht: Das ist
der Tag des Herrn!
    Am folgenden Morgen mit dem Schlage Zehn trat er in den kirchenfrstlichen
Palast.
    Sein Herz klopfte, als er durch die langen Corridore des Hauses
dahinschritt.
    Verblate Malereien zierten zuweilen das Stuckgetfel der Decken; an den
Wnden hing hier und da eine alte Schilderei in schwarzem, wurmstichigem
Holzrahmen, ein alter Stdteprospect von Merian, eine alte Landkarte von Homann;
in vereinzelten Nischen standen Heiligenbilder, mit frischer, lichter Oelfarbe
berzogen, im drftigen und selbst beim Heiligen weltlichen und koketten
Geschmack der Zopfzeit, Engel auf Stellungen berechnet, Marieen auf Faltenwurf
...
    In einem dstern Eckwinkel lagen die Wohnzimmer des Kirchenfrsten. Im
Gegensatz zu den auf den frivolen Luxus des vorigen Jahrhunderts deutenden
Corridoren waren diese Zimmer so drftig ausgestattet, wie Actenstuben oder
Sessionssle.
    An der Unruhe eines zuerst kommenden groen Wartezimmers htte man eher
glauben mgen, sich bei einem Minister, als bei einem hohen Geistlichen zu
befinden ...
    Eine der hohen Thren fhrte in das General-Vicariat ...
    Hier klirrten sogar die Sporen der Gensdarmen, die Sbel der Ordonnanzen.
Man brachte vom Gouvernement und von der Militrverwaltung Fragen und Antworten,
holte und gab Bescheide. Kanzleiboten trugen Acten ab und zu. Dazwischen gingen
und kamen Geistliche und Ordensfrauen. Wer nicht beim Generalvicariat oder beim
Kirchenfrsten sofort Einla bekommen konnte, sa harrend und mute nach
neukirchlicher Sitte jeden unbeschftigten Augenblick zum Heile seiner Seele
nutzen. Man grte mit neugierig aufblitzenden Augen und warf den Blick sogleich
wieder in das Brevier, das man aufgeschlagen auf dem Schoose liegen hatte. Ein
schwerer Druck lag auf allen, nur auf denen nicht, die als Sendboten oder
Vertreter der weltlichen Gewalt kamen.
    Der junge von Enckefu fehlte nicht. Er setzte einem jungen, hagern,
lchelnd, doch aufmerksam zuhrenden Geistlichen mit lauter Stimme auseinander,
da die einen nahen Wallfahrtsort besuchenden Zge nicht durch die Stadt gehen
drften; er beschrieb die Route, die sie zu machen htten, und wnschte, da er
eine Auswahl anbot, in Krze die Wege zu wissen, die der Kirchenfrst gewhlt
wnschte, da es an Aufsicht dabei nicht fehlen sollte. Des jungen Beamten
Haltung und Rede war fest und bestimmt, scharf und kalt, wie dies der
Ghibellinen Weise.
    Auch Civilpersonen aus dem Volke sah man. Es mochten Dorfvorstnde und
stdtische Abgeordnete sein. Ihnen setzte der junge schlanke Priester, meist mit
Achselzucken und einer gewissen Duldermiene, auseinander, da die von ihnen
erwarteten hhern Bescheide immer noch nicht eingetroffen. Es galt dies ohne
Zweifel jenen Pfarrstellen, die allein besetzen zu drfen die Kirche so dringend
begehrte und die sie die weltliche Gewalt beschuldigte, wenn die Stellen gut
waren, so lange offen zu halten, bis nur diejenigen damit belohnt wrden, die
darauf hin eine entsprechende Gesinnung zeigten.
    Der schlanke etwas niedergebeugt gehende junge Geistliche trat auf
Bonaventura zu und sprach, als er dessen Namen vernommen, ein freudiges:
    Ah, Herr von Asselyn!
    Sogleich fgte er hinzu, er wrde alles versuchen, den Herrn Pfarrer von
St.-Wolfgang sobald als mglich an die Reihe der Vorgelassenen zu bringen.
    Bonaventura sah, da er mit dem vielgenannten Secretr, Kaplan Michahelles
gesprochen.
    Dieser war in die innern Rume eiligst wieder zurckgekehrt ...
    Das Wesen des jungen Mannes zeigte sich charakteristisch genug. Seine
Gesichtszge waren scharf, geistvoll und von einer eigenthmlich lchelnden
Ironie, die auf ein zwar zurckgehaltenes, aber doch sich ganz so stark, ganz so
berechtigt, mindestens so muthig fhlendes Bewutsein schlieen lie, wie es
allen katholischen Priestern, von Seiner Heiligkeit, dem Knechte der Knechte
an bis zum untersten Dorfpfarrer, eigen ist.
    Auch Bonaventura zog sein Brevier und setzte sich an ein Fenster des groen
Zimmers, das auf die jenseitige Strae ging.
    Wenn hohe Wrdentrger kamen, standen die Geistlichen und Klosterfrauen auf
...
    So vor dem Generalvicar, der eben aufgeregt und verstimmt von dem
Kirchenfrsten zurckkehrte ...
    Man wute, da mit jenem sowol der Letztere, wie der Syndikus der Curie und
diejenigen einflureichen Glieder des Kapitels, die sein gewaltiges
Vorschreiten misbilligten, im Streite lebten.
    Auch vor dem Regens des Seminars erhob man sich, der gleichfalls wie nach
einem Wortwechsel vom Kirchenfrsten zurckkam ...
    Bonaventura erfuhr die Namen. Einige der streitigen Punkte kannte er. Die
Seminaristen, angesteckt von dem neuen Geiste der rmischen Opposition, hatten
an dem Kirchenfrsten Vorschub gefunden in gewissen Auflehnungen gegen die vom
Staat beliebte und vom Regens vertretene Ordnung des Seminars.
    Einige Professoren der Universitt, die eine von Rom verurtheilte Dogmatik
gelehrt hatten, kamen in besonders gedrckter Stimmung und stellten die Bitte,
den Kirchenfrsten sprechen zu drfen. Bonaventura kannte sie und war fast der
einzige, der sie grte. Einige von ihnen waren zugleich Lehrer eines Seminars
und ihnen war es geschehen, da sie pltzlich keine Schler mehr hatten. Im
Beichtstuhl hatten alle Alumnen auf Befehl des Kirchenfrsten geloben mssen,
ihre Vortrge nicht mehr zu besuchen.
    Michahelles kam zurck, trat verbindlichst zu Bonaventura und zog ihn zu
sich an eine Fensterbrstung ...
    Sie werden sogleich vorkommen! flsterte er und setzte mit leiserer Stimme
hinzu: Ich freue mich, von Eminenz schon die Erlaubni zu haben, Sie mit seinem
Vorhaben bekannt zu machen! Wenn Sie die angenehme Erinnerung, die er seit lange
an Sie nhrt, wieder erneuern und Sie noch einige Tage der nhern Prfung und
Verstndigung werden zu Ihren Gunsten berstanden haben, so ist es seine
Absicht, Sie ganz und mit wichtigen Aufgaben an uns zu fesseln!
    So stand das Gefrchtete wirklich in Aussicht ...
    Ein Diakonat an der Kathedrale und eine Domherrenstelle sind offen; fuhr
Michahelles fort und setzte mit noch gedmpfterer Stimme hinzu: So knnten Sie
auch Hoffnung gewinnen, sich wieder Ihrer Heimat zu nhern, denn das wechselnde
Besetzungsrecht des Archipresbyteriums St.-Ludgeri bei Witoborn, das mit dem
erledigten Vicariate eine jeweilige Visitation der dortigen Pfarrei verbindet,
fllt diesmal an uns, d.h. an unsern Vorschlag. Die Lutheraner haben, wie immer,
die Entscheidung ...
    Diese mit einer seltsamen Schrfe vorgetragene Mittheilung erschtterte
Bonaventura.
    Er mute nach dem angedeuteten, ihm unbekannten Verhltni noch einmal
fragen ...
    Michahelles erklrte es:
    In die alte Kirche St.-Ludgeri bei Witoborn sind fast smmtliche
Dorste'schen Besitzungen eingepfarrt. Seit urdenklichen Zeiten steht ber dem
Pfarrer derselben ein Archipresbyter, der bald von der diesseitigen, bald von
der jenseitigen Kirchenprovinz bestimmt wird. Sie wrden sicher zuweilen gern
bei Westerhof leben, wo gegenwrtig die Grfin Paula in so schwierige
Verhltnisse verwickelt wird! Da sie auch seit kurzem wieder von ekstatischen
Zustnden begnadet ist, wird Ihnen bekannt sein! Es wrde zu den erfreulichsten
Zeichen unserer Tage gehren, wenn sich das Beispiel der gottseligen Emmerich
wiederholte und auch uns wieder eine Seherin und Prophetin erstnde!
    Und mit einer nicht mehr zu bewltigenden Macht drngten sich auf
Bonaventura's Herz die Gedanken: Deshalb beruft man dich! Du, du sollst es sein,
der wieder eine Nonne von Dlmen ins Leben rufen hilft! In deiner Nhe sieht
Paula den Himmel offen, in deiner Nhe heilt sie Kranke und sagt die Zukunft
voraus! ...
    Und noch ehe der lchelnde, aber die wohlwollendste Ermuthigung sprechende
Blick des Kaplans diese Ahnung besttigt hatte, mute er abbrechen und zu einem
eben Eintretenden eilen ...
    Dies war die oberste Persnlichkeit der weltlichen Behrden der Stadt
selbst, ein mit Orden bedeckter Prsident. Er kam feierlich, in erregter Haltung
und, wie es schien, mit einem officiellen Auftrage.
    Von einem Wartenlassen war da keine Rede. Sogleich ffneten sich zum
Kirchenfrsten alle Thren ...
    Michahelles flsterte im Vorbergehen in Bonaventura's Ohr:
    Der lngst angekndigte eigenhndige Brief des Knigs!
    Michahelles folgte erwartungsvoll ...
    Alles war vor dem Prsidenten aufgestanden. Auch aus dem Generalvicariate
waren Geistliche und Weltliche getreten, die ohne Zweifel die feierliche
Auffahrt des Prsidenten beobachtet hatten. Alles schien in hchster Spannung.
Bonaventura wute, da es eine Entscheidung ber die gemischten Ehen galt. Sein
Sinn war getheilt, sein Herz im Kampfe ... Ihn hatte man ausersehen, den Kampf
um Paula's Erbe mitzukmpfen! Ihn wollte man in die Nhe eines Wesens senden,
das ihm unendlich theuer war, wie ohne Zweifel von frher her Manche wuten ...
Dem Kloster, der Kirche, dem Kampfe der Parteien sollte er eine groe Eroberung
gewinnen!
    Die Gedankenreihe auszufhren in allen ihren Folgerungen - in ihren seligen,
in ihren tiefschmerzlichen - behielt er nicht Zeit ...
    Der Prsident kehrte nach kurzer Weile zurck, ebenso feierlich und
bestimmt, wie er gekommen ...
    Er grte die smmtlich sich Verneigenden. Dem Generalvicar drckte er die
Hand ...
    Diesem entschlpfte ein bedeutungsvoll aufgeschlagener Frageblick - jenem
ein Achselzucken ...
    Alles das war ein Moment ...
    Bonaventura mute voraussetzen, da der Brief des Knigs kurz und bndig
bergeben und ebenso von dem Priester Immanuel entgegengenommen war und da der
tglich errterte Streit heute von beiden Seiten ohne weitere Wiederaufnahme
blieb.
    Wie sehr mute er annehmen, den Empfnger in einer Aufregung zu finden, die
seine kleine Sache in den Hintergrund drngte!
    Michahelles kam, fertigte die Professoren ab, sagte laut und fast
verletzend, da sie Seine Eminenz vor vlliger Unterwerfung unter das Breve
Roms, das ihre Lehre verwarf, nie empfangen wrde, winkte Bonaventura und lie
diesen eintreten.
    Bonaventura mute zwei Zimmer durchschreiten ...
    An einer kleinen Thr stand ein greiser Diener in alter verschossener grau
und grner Livree ...
    Er ffnete ...
    Bonaventura stand vor dem Kirchenfrsten.
    Nicht mit einer leisesten Bewegung verrieth der Priester Immanuel, wie es
ihn aufregte, eben von seinem Landesherrn ein eigenhndiges Schreiben empfangen
zu haben. Ja, auf einem grnen Tische lag dies Schreiben noch ... Es trug die
blaue Farbe der Cabinetsbriefe ... Mehr noch! Das Siegel war unerffnet.
    Priester Immanuel war derselbe, der als Graf Truchse-Gallenberg, als
Generalvicar und Domherr in Bonaventura's Erinnerung lebte ... Mager,
starkknochig, lnglichen Antlitzes, hart, ernst. Kein Strahl einer besondern
Freude, den jungen Mann, den er als Studenten und Soldaten gesehen, nun als
Priester des vorzglichsten Rufes zu begren, brach aus seinen Augen. In
einfachen Worten erinnerte er sich der Scenen von frher. Er freute sich zu
hren, da Bonaventura von seiner Mutter wenig wute und ber die
Lebensverhltnisse des Stiefvaters nur ganz oberflchlich unterrichtet war.
Bonaventura sah, da Benno's Voraussetzung, er sollte zur Vermittlung bei der
erwarteten auerordentlichen Mission seines Stiefvaters gebraucht werden, eine
unbegrndete war.
    Der Kirchenfrst rauchte aus einer kurzen Meerschaumpfeife. Er machte den
Eindruck eines Oberjgermeisters alten Stils oder, wenn man erwog, da er den
Brief eines Knigs unerbrochen lassen konnte, eines jener Frsten, die wenn auch
nur ber wenig Quadratmeilen gebietend doch um Kaiser und Reich sich wenig
kmmern, wenn sie auf irgendeinem in ihrer Souvernett begrndeten Rechte
glauben verharren zu drfen.
    Wir mssen aus dem Geiste leben! sagte er im Anknpfen der ersten Begrung
an die frhere Begegnung und in den Intervallen des Rauchens. Jede Geburt und
Wiedergeburt bringt Schmerzen! Ist eine Mutter ein groes Wort, ist der Geist
ein greres! Unsere Mutter ist die Kirche!
    Und dann, als wre die ganze Welt in Frieden mit ihm und keine andere Wolke
fr ihn zu zerstreuen, als die aus seiner Meerschaumpfeife, erkundigte er sich
nach Bonaventura's Bildungsgang.
    Auf- und abgehend, wnschte er von den Ergebnissen seiner Seelsorge zu
hren, kam auf das nahe gelegene Kocher am Fall, vermied des Dechanten zu
erwhnen, rhmte aber den dortigen Aufschwung der Gemther und deutete offenbar
die Bestrebungen des Stadtpfarrers an, wenn er sagte:
    Nur ist es unsere Pflicht, bei solchem Festhalten an dem Felsen, auf dem der
Herr seine Kirche gegrndet wissen wollte, Seltsames und Auffallendes zu
vermeiden! Es sind mancherlei Gaben und mancherlei Aemter. Nur pflege und warte
man jener ebenso im Geiste der Migung, wie dieser nur im apostolischen Sinne!
Die Grenzlinie erlaubter Bewhrung eines Talentes, wo sie pltzlich Ruhmsucht
wird, ist bald berschritten. Ich sag' es nicht zuerst: Selig sind die Armen am
Geist!
    Mit diesem Seitenblick auf Hunnius' schriftstellerische Thtigkeit forderte
er Bonaventura auf, sich zu setzen.
    Da er es selbst nicht that, verhielt sich Bonaventura zgernd ...
    Der Kirchenfrst erffnete ihm jetzt, da er ihn an die Kathedrale zunchst
als ersten Vicar berufen, demnchst aber auch fr die erledigte Domherrenstelle
vorschlagen wolle.
    Von Widerspruch konnte nicht die Rede sein.
    Er hoffe, fuhr der Kirchenfrst fort, da Herr von Asselyn den Geist bese,
den jetzt die Kirche brauche, nicht Hirten allein, auch Reisige ...
    Wir haben schon Groes errungen und werden mehr erringen! sagte er und
blickte dabei ruhig auf das rothe Siegel des unerffneten Knigsbriefs.
    Bald bemerkte Bonaventura, da der Kirchenfrst noch mehr auf dem Herzen zu
haben schien, irgendetwas, das er noch Anstand nahm sofort auszusprechen.
Offenbar wollte er erst den Geist ergrnden oder bestrken, der seine weitern
Auftrge vernehmen und ausfhren sollte.
    Wenn ich zurckdenke an meine Jugend! begann er, ruhig fortrauchend und
dabei auf- und abgehend, whrend Bonaventura stehen blieb und nur auf die Lehne
des von ihm ergriffenen Sessels sich sttzte ... Als ich in Ihrem Alter war,
Herr von Asselyn, welche Zeit, welche Welt damals! Bonaparte hate die Kirche!
Er hate sie mit dem Ingrimm eines tckischen Italieners, fr den das Heilige
seinen Zauber verloren hat, da er diesem Zauber zu nahe steht! Bonaparte trug
alle Merkmale des Antichrists! Aus der Revolution und dem Atheismus
hervorgegangen, hatte er den ganzen Hochmuth der Vernunft gegen die Lehren des
Christenthums geerbt! Hervorgegangen aus der Schule Robespierre's besa er dann
auch wieder die tolle Neigung dieses Scheusals, aus dem Zerstrten etwas Neues
aufbauen zu wollen! Das Fest des hchsten Wesens, das man wieder einsetzte mit
Fahnen und Trommelpyramiden, Janitscharenmusik und Kanonensalven, das war so
ganz schon im Charakter seines Schlers Bonaparte! Beide besaen diesen
gefhrlichen Aberglauben des Atheismus, der zuletzt, weil der Mangel aller
Religion im Menschenherzen eine Unmglichkeit ist, irgend wieder doch etwas zum
Halte haben, zum Gott machen mu, seinen eigenen Schatten, ein goldenes Kalb,
ein geschmcktes Nichts, ein Philosophem. Diese Ironieen des Satan, wie sie
neulich eine schriftstellernde Feder nicht unpassend nannte, sind deshalb
gefhrlich, weil sie sich wie der erhabene Ernst Gottes geberden. Wre dem
babylonischen Tyrannen zuletzt nicht das Bedrfni nach Ruhe gekommen, noch
htte er den ganzen Voltaire, der in ihm lebte, ausgetobt in seinen mit den
Waffen gesttzten Institutionen. Bonaparte war das im Groen, was Friedrich der
sogenannte Groe nur auf kleinem Gebiete, mit Bonmots und Epigrammen war.
Bonaparte wrde, htte er sich zuletzt nicht elend und krank gefhlt und den
Bruch mit den Franzosen, die ihr Blut und ihr Vermgen nicht lnger opfern
konnten und mochten, klug gewittert, den Krieg mit Rom viel lnger und lieber
gefhrt haben als den mit den Knigen. Er brauchte Verbndete und so schlo er
mit heuchlerischer Freundschaft Frieden mit einer Religion, die er erst mit
Fen getreten und dann in armselige, vom Theater erborgte Lumpen kleiden
wollte! Das aber, mein lieber Herr von Asselyn, das war nun das Beispiel, das
damals der Gewaltigste seiner Zeit den andern Gewaltigen gab! Diese Spchen
ahmten diese Menschen ihm nach! Die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts
hatte ja die Kirchen entvlkert; der Beichtstuhl stand ja leer; die uere
Veranstaltung, die noch vom kirchlichen Leben vorhanden war, war so auf den
Schein gerichtet, da selbst die Priester mit dem Geiste der Verneinung buhlten,
selbst die sich schmten, den ewigen Gott und die groe Veranstaltung des
Erlsungswerkes in schuldiger Ehrfurcht zu bekennen. Auf der Kanzel und in ihren
Schriften schmckten sie sich mit dem dem Protestantismus und der Philosophie
abgeborgten Schaugeprnge. Und vorzugsweise war es unser Deutschland, wo die
Kirche am Abgrunde des Verderbens stand! Eine Literatur, die man zur classischen
gestempelt noch bei Lebzeiten jener malos vergtterten Herren von Goethe und
Schiller, drang bis tief in die untersten Volksschichten und erzeugte dies noch
immer andauernde Doppelleben unserer Nation, politisch und kirchlich sowol wie
moralisch, letzteres in einer mhsam behaupteten positiven Welt und einem
sogenannten idealen Weltbrgerthum: Ueberall sah man auf diese Art unsere
Entwrdigung! Und der Staat, mit Verzweiflung kaum sich selbst behauptend in dem
groen Revolutionssturm Bonaparte's, der rchte sich dann auch wieder
seinerseits bis zur Schamlosigkeit gegen die schwachen Untergebenen, zunchst
die Diener Gottes. Die kleinen Frstenthmer, die entweder selbst unter
geistlicher Obhut standen oder nur unsern Glauben bekannten, waren an sich schon
leider dem Fluche der Lcherlichkeit verfallen. Wilde, zerstrende, neuernde
Gedanken, die von Aufbau sprachen und den Ri ihrer Plne nach Modellen der
Phantasie entwarfen, blieben damals ohne alle Rcksicht auf das Gegebene. Nichts
galt fr geistvoll, nichts fr schn, nichts fr gro, was nicht dem Wesen des
Freimaurerthums entsprach. Ich will von dem Elend nicht sprechen, das
bekenntnitreue franzsische Bischfe in der Verbannung auf englischem Boden zu
Bettlern machte; im eigenen Vaterland konnte man erleben, da die Mittel
fehlten, dem uern Gottesdienst den letzten Rest seiner erhabenen Wrde zu
erhalten. Ja, aber wie ist das nun alles mit Gottes Beistand so wunderbar anders
geworden! So gro, so herrlich, mein lieber Herr von Asselyn, und kaum nach
einem einzigen Menschenalter! Lediglich durch die gewaltige Widerstandskraft und
firmamentfeste Vis inertiae des zuwartenden und seine rechte Zeit erkennenden
rmischen Princips!
    Bonaventura wagte auf die herablassende Vertraulichkeit des Sprechers zu
erwidern ... Er wagte den in die Tiefe gehenden deutschen Geist selbst zu nennen
als den, der hier dem rmischen Princip die strkste Hlfe gebracht htte. Ja er
wagte, da der Kirchenfrst schwieg und ruhig seine Pfeife ausklopfte und sie aus
einer gewhnlichen, mit grner Schnur besetzten Tabacksblase neu fllte, die
Literatur und die Kunst zu nennen und lie die Namen einiger Geister fallen, die
man in dieser Verbindung zu nennen pflegt ...
    Der Graf hrte ruhig zu, rauchte wieder und ermunterte durch sein Schweigen
fortzufahren. Ob vielleicht im Vorzimmer noch jemand wartete, ob ein Brief
seines Knigs unerbrochen lag, alles das schien ihm jetzt vllig unwesentlich
...
    Das gedemthigte deutsche Vaterland, sagte Bonaventura, mute sich aus
seiner Gegenwart flchten und neue Kraft sammeln in der Erinnerung an seine
Vergangenheit! Fehlende deutsche Treue, Tapferkeit und Muth lagen nur noch in
den Beispielen unserer alten deutschen Tage! Aus den gebrochenen Burgen auf
unsern Bergesspitzen erhoben sich im Dmmerschein der Dichtung die Geister der
abgeschiedenen Zeiten, aber zur glcklichsten Vorbedeutung; die Nebel fielen
dann, und die Welt, die wir vergessen wollten, ja die wir vergessen muten,
diese lag nun nicht mehr vor uns; eine neue hatte sich aufgethan, es war die
Welt, die uns die Forschung errungen hatte. Die Rosen in den bunten
Domesfenstern fingen wieder an zu glhen; die steinernen Bilder an den
Kreuzwegen sprachen wieder dem ermdeten Wanderer mit lebendigem Munde; eine
Pilgerschar, die mit einer Fahne voraus und dem Bilde des geopferten Lamms durch
goldene Saatfluren auf einen Berg mit einer wunderthtigen Erinnerung zog, war
kein Zug von Narren mehr, die man verspottete. Knstler folgten und setzten sich
auf einen Vorsprung dieses Berges und zeichneten die Scene voll Andacht und
Hingebung. Kunst und Poesie verjngten den abgestorbenen Glauben. Die Zeit war
es, wo man um jene Marieen, die mit dem Lilienstengel in der Hand, mit Myrte und
Malieb im Haar der Verkndigung sich neigen, um Bilder alter Meister, die man
frher verlacht hatte, jetzt goldene Rahmen zog, grere und prachtvollere, als
die einfachen kleinen Bilder selbst waren!
    Der Kirchenfrst ging auf und nieder und lie eine Pause beiderseitigen
Stillschweigens ...
    Dann erwiderte er:
    Sie waren gestern in Begleitung des Franciscanermnchs, Pater Sebastus?
    Ein: Ja, Eminenz! erstarb auf Bonaventura's Lippen, der diese Erwiderung
nicht erwartet hatte, aber ahnte, was sie als Antwort sagen konnte.
    Ich lie den Pater durch Michahelles rufen! fuhr der Graf fort. Er wird
jetzt, denk' ich, da sein! Ja, ich wnschte, da Ihr berhmter Name, Ihr edler
Geist, Ihre groen Talente sich zum Heil der Kirche bewhrten, Herr von Asselyn!
Aber das Gebiet auch Ihrer Anschauungen mu sich erweitern oder vielleicht
verengern, je nachdem. Das Leben des Volkes ist der wahre Tummelplatz eines
Priesters, der dem Reiche Gottes dienen will. In dem gesunden Gefhl der Vlker
- Doch treten Sie dort hinber! Hren Sie eine nothwendige Verhandlung mit dem
Pater! Eine Scene wird uns mehr verstndigen, als eine Debatte, und Sie wissen,
die Zucht des Priesters beruht auf Gegenseitigkeit.
    Bonaventura begriff nicht, was der Kirchenfrst beginnen konnte ...
    Priester Immanuel aber hob einen Vorhang, der sich in dem Winkel befand, auf
den er gedeutet hatte, und sagte:
    Ich mache Sie nicht zum Lauscher! Der Mnch wird spter selbst erfahren, da
Sie zugegen waren und gehrt haben, was ich mit ihm verhandelte! Es sei ein
Exercitium! Und eines fr uns - alle drei!
    Perinde ac cadaver essetis! Gehorsam, als wenn ihr Leichname wret! sagte
eine Stimme in Bonaventura's Innern und sie klang wie aus dem Munde des Onkel
Dechanten.
    Er trat hinter den Vorhang.

                                       8.


Ein kleines Gemach war es, in dem sich Bonaventura befand, das Schlafcabinet des
Kirchenfrsten.
    Einfach wie eine Klosterzelle enthielt es einen hohen, alterthmlichen
Kleiderschrank; das Bett war einer Pritsche hnlich, schmal und hart. Ringsum
standen einige Sthle, die Vorrichtung eines Tropfbades hing an der Decke. An
der Wand ber dem Bett hing ein einfaches Crucifix von schwarzem Holze, darauf
ein Christus von einer metallenen Composition.
    Der einzige Schmuck des Gemaches war ein Brustbild, einen jungen Mann
darstellend, dessen Aehnlichkeit mit dem Kirchenfrsten wol darauf schlieen
lie, da es seinen durch des Rittmeisters von Enckefu Hand im Duell gefallenen
Bruder darstellte.
    Nebenan hing noch eine Wandkarte Europas und ein groer Stammbaum der
Truchse, der zurckfhrte in die Zeiten Karl's des Groen. Am uersten Ende,
da, wo alle Zweige einander nher sich rckten und das Ende des einst so reich
entfalteten Geschlechts andeuteten, verlief er sich in welken Blttern. Die
Spitze bildete der Name des Kirchenfrsten selbst. Auf dem dazu gehrenden
Blatte sa ein Kfer, auf dessen goldener Flgeldecke ein schwarzer und ein
weier Todtenkopf abgebildet waren.
    Bonaventura konnte, ehe er mit beklommenem Herzen unter diesen Stammbaum
sich setzte, die Umschau ruhig anstellen, denn es whrte einige Zeit, bis der
Kirchenfrst den Mnch einlie. Er schien entweder erst in seinem Bureau unter
Papieren gesucht oder endlich den Brief seines Monarchen gelesen zu haben.
    Jetzt hrte man das leise Rauschen eines auf dem Fuboden anstreifenden
Gewandes ...
    Mit lauter und deutlicher Stimme, soda dem gezwungenen Hrer kein Wort
verloren gehen konnte, begann der Kirchenfrst:
    Setzen Sie sich, Pater!
    Als dies geschehen sein konnte, hrte Bonaventura die Anrede:
    Ich habe Sie rufen lassen, um einige Worte mit Ihnen zu sprechen, Pater;
Worte, die sowol das Ihnen geschenkte Vertrauen betreffen, wie Ihr Seelenheil!
Ihr Provinzial hat mir Vollmacht dazu gegeben ...
    Keine Antwort ...
    Haben Sie hier einen Beichtvater? begann der Kirchenfrst mit erhhter
Stimme ...
    Sebastus nannte jenen Domherrn, der sich in der Herausgabe des Origenes so
vergriffen hatte und mit seinen gesammelten Lesarten in diesen Tagen beerdigt
wurde ...
    Bei dem Rauschen eines Papieres durfte sich Bonaventura vorstellen, da dem
Mnche vom Kirchenfrsten ein Brief berreicht wurde ...
    Sie haben Unglck mit denen, denen Sie Ihr Vertrauen schenken! sagte der
Kirchenfrst. Auch der Provinzial Henricus, der Ihnen so innig zugethan war,
lebt nicht mehr ... Vor einem Jahre, kurz vor seinem Ende, erhielt ich einen
Brief von ihm, den Sie lesen sollen! Zur Ermuthigung! Ich hr' ihn gern zum
zweiten male!
    Der Mnch las leise ... Seine Stimme lag hoch und hatte die norddeutsche
Schrfe. Sie war fr Bonaventura vollkommen vernehmlich. Er hrte:
    Seit lange bin ich nicht in der Lage gewesen, Eurer Eminenz auer den
Berichten, die ber den Stand unseres Klosters an unsern P. General in Rom
abgehen, auch eine gelegentliche Mittheilung ber die Erlebnisse zu machen, die
Ihrer hohen Frsorge fr die vaterlndische Kirche in Erfahrung zu bringen von
Werth sein knnte. Mein Wirken fr die Ausbreitung der Migkeitsvereine, die
der Heilige Stuhl mit so besondern Gnaden gewrdigt hat, greift immer
segensreicher um sich. Ist auch unsere Bevlkerung nicht so verkommen wie die
Irlands, wo Pater Matthew den Geist der Migung predigt, so stehen wir doch
hinter dem, was Pastor Schlger auf dem protestantischen Gebiete leistet, nicht
zurck. Ja, wir reichen uns auf diesem Gebiete die Hnde ...
    Hatte der Mnch schon bei Erwhnung einer bekannten Wirksamkeit des
verstorbenen Provinzials Henricus, Verbreitung der Migkeitsvereine, gestockt,
so konnte der Kirchenfrst jetzt Zeit gewinnen, einzuschalten:
    Obgleich auch hier der Geist, aus dem beide Bekenntnisse zu wirken haben,
ein vllig verschiedener sein sollte ... Der gute Henricus gehrte noch zu sehr
den Freimaurern an und starb sogar, seltsam genug fr einen Mnch, mit einem
weltlichen und protestantischen Orden auf der Brust! Was man frher nicht alles
erlebt hat! ... Lesen Sie aber!
    Mit jenem Gehorsam, der zu seinen Gelbden gehrte und den von ihm zu
fordern der jetzige Provinzial, auch Guardian, des Klosters Himmelpfort, des
Pater Henricus Nachfolger, fr die Zeit seines Verweilens auer Clausur auf die
Curie dieser Stadt und den Kirchenfrsten bertragen hatte, las der Mnch
weiter:
    Heute mcht' ich eine Bitte erheben zu Gunsten eines unserer Brder, des
Paters Sebastus! Unser General hat mir gestattet, ihm eine Weile die Freiheit
des auerklsterlichen Lebens zu gewhren. Aber da sie die Regierung, die in
diesem Punkte so streng ist, auch genehmigt, dafr kann nur Eurer Eminenz hohe
Brgschaft eintreten.
    Ich schlug damals sein Anliegen ab! ergnzte der Kirchenfrst.
    Der Mnch fuhr fort:
    Freiherr von Wittekind-Neuhof war es, der uns diesen Novizen, einen
ehemaligen Docenten der Rechte in Gttingen, zufhrte, aufs dringendste
anempfahl, ja vterlich beschtzte, obgleich der zweite Sohn des Freiherrn im
Duell von ihm erschossen war ... Nach einer Reihe von Unglcksfllen, innern und
uern Erschtterungen wandte sich der greise Freiherr mit besonderm Verlangen
den Gnadenmitteln der Kirche zu, besuchte uns oft, schenkte Kirchen und unsern
verschiedenen Stationen hchst werthvolle Gaben und berraschte uns eines Tages
durch diesen jungen Mann, der an seiner Hand mit heiserer Stimme, hinflligen
Ganges, zerrttet an Seele und Leib, an mein Kmmerlein pochte und vor
Entkrftung auf meinem Lager zusammensank ...
    Bonaventura hrte voll Schmerz die lauten Athemzge des Gefolterten. Er kam
sich vor, als stnde er vor einem Kfig, in dem die ruhige Gefatheit eines
Wrters den Fu auf einen Panther setzt, den er abrichtete. Kam ihm der Gedanke,
da es Frevel wre, wenn Menschen so an Menschen ihre innersten Seelenzustnde
durchwhlen? Oder erschien es ihm gro, um eines Gedankens willen, schon wenn
dieser Gedanke ein Irrthum wre, wie der Gedanke des Dalai-Lama oder der
Sonnenanbetung, wie viel mehr dem des Dreieinigen Gottes, das Geheimste der
menschlichen Ichwelt zu opfern? Doch wich er, wie er das gelernt hatte, dem
Urtheilen aus und hrte, weil er hren mute ...
    Mit gedmpfter Stimme las der Mnch:
    Der Freiherr fhrte uns den jungen Mann als Bewerber um das Noviziat zu. Er
verschwieg nichts von dem, was wir selber sahen. Heinrich Klingsohr's
Sittenzeugnisse fehlten. Er wollte und mute in allem und jedem von neuem
geboren werden. Allererst zeugte gegen ihn der Todtschlag in einem Duell ...
    Der Kirchenfrst schaltete ein:
    Von Ihrer rthselhaften Beziehung zu einem Manne, der in seltsamer
Verbindung mit dem Tode Ihres Vaters, genannt wird, schreibt der Provinzial
nichts ...
    Er war nicht mein Beichtvater! sagte der Mnch mit der ihm eigenen kalten,
fast verletzenden Bestimmtheit. Kurz schnitt er damit die Rede des
Kirchenfrsten ab, der nicht abgeneigt schien, von dem Mnche eine Aufhellung
dieser Widersprche um so mehr zu verlangen, als auch Bonaventura auf diese Art
in die geheimern Beziehungen seiner dem Kirchenfrsten verhaten und wie dieser
wute, auch ihm wenig willkommenen Verwandtschaft eingeweiht wurde.
    Die Gewohnheiten des Bruders - setzte der Mnch aufs neue an zu lesen,
aber seine Kraft verlie ihn ... Die Erinnerung an seinen Vater schien ihn mehr
erschttert zu haben, als das Bild seiner Vergangenheit, das er selbst hier
aufzurollen hatte.
    In schmerzlicher Folter, ungewi, welches das endliche Ziel dieser Strenge
sein sollte, seufzte Bonaventura tiefauf und fast hrbar ...
    Die Gewohnheiten des Bruders - wiederholte der Kirchenfrst ....
    Waren so eingerissen, da sie so pltzlich und so schnell nicht gebrochen
werden konnten. Das Beschwren der Migung vor dem Altare, das in Irland Wunder
wirken soll, gengt nicht bei uns -
    Weil wir nicht nach unsern eigenen Gesetzen leben! schaltete der
Kirchenfrst ein; weil eine offene und freie Schaustellung unserer
seelsorglichen Handlungen und Strafen vor einer gemischten Bevlkerung nicht
mglich ist!
    Auch fehlt uns ein O'Connell, schrieb der Provinzial Henricus, der zu der
Enthaltsamkeit von jenem Gifte, das in Irland die Verzweiflung zu nehmen
scheint, um ihr Elend zu vergessen, die geistige Nahrung der Erhebung im
Staatsleben gibt. Das Gefhl errungener Freiheiten wird dort ein edler Ersatz
fr das Gift, das bisher durch das Land der Armuth und Entwrdigung geflossen.
Denn es ist nicht genug hervorzuheben - und auch mein Nachbar in gleichem
Wirken, Pastor Schlger, bezeugt es - da zugleich zum Ersatz die geistliche
Quelle der Aufklrung geboten werden mu, wie bereits Ephes. 5, 18 die Schrift
sagt: ...
    Ueberschlagen Sie das! unterbrach der Kirchenfrst.
    Bonaventura gedachte des Onkel Dechanten ... Es war ihm, als sprche dieser:
Die Rmlinge wollen nichts Deutsches, nichts Nationales, nichts aus unserm
Schoose Geborenes, nichts die Brderstmme und die Confessionen durch die
gemeinsamen Bedrfnisse des natrlichen Volkslebens und des Geistes Vershnendes
-
    Unserm Zgling hatte sich mit seinen Untugenden der Genius verbndet ...
las der Mnch und nun sein Lob vernehmend in dem pflichtschuldigen Tone der
Demuth, die eines der ersten Erfordernisse seiner Wiedergeburt sein mute. Er
kam aus einer Welt, wo man ihn um seiner Snden willen angestaunt hatte. Er kam
aus dem trotzigen Leben einer Universitt, aus einer groen reichen
Handelsstadt, in die ihn das Geschick verschlagen, er war der Matador des
akademischen Wort-Fechtsaales, man bewunderte ihn um seiner Vorzge willen und
seine Schwchen gereichten jenen nur zu verschnernden Schattenlinien. Tief
hlfsbedrftig war der zerknirschte, des Lebens, der ganzen Welt, seiner selbst,
glcklicherweise noch nicht Gottes berdrige Sinn des Zglings. Eure Eminenz
kennen unsern Laienbruder, den Bruder Hubertus ... Mindestens ist in vielen
Klstern Deutschlands der Bruder Abtdter bekannt, wie die Brder ihn nennen in
Anerkennung seiner wunderbaren Gabe, es den ersten Heiligen unserer Kirche, den
Sulenstehern, den Eremiten der thebaischen Wste gleichzuthun, wenn nicht im
gleichen gottergebenen Sinn, doch in der seltsamsten Kunst, sein Fleisch zu
tdten -
    Wie schaudernd vor Erinnerungen stockte der Mnch ...
    Aufs neue setzte er an:
    Bruder Hubertus war einst der erste Jger des wilden Nimrod Wittekind,
damals ein unternehmender Bursch, der sein ganzes Vertrauen geno. Aus
hollndischen Diensten und aus Java zurckgekommen, umgab ihn auf dem Schlosse
Neuhof der Reiz der Fremde. Alle Herzen flogen ihm zu und keines mehr als das
eines Fruleins von Glpen ...
    Der Mnch kannte alles, was sich auf diesen Namen und die Verbindung bezog,
und hielt im Lesen inne, sicher voll Erstaunen, weil der Kirchenfrst ihn mit
den Worten unterbrach:
    Sie nannte sich spter nach diesem Hubertus, frher einem Buschbeck, die
Frau Hauptmnnin von Buschbeck und wurde nur deshalb siebzig Jahre, um in
voriger Nacht in dieser Stadt hier ermordet zu werden!
    
    In dem Innern des Mnchs konnte eine so berraschende Mittheilung nur Tne
seltsamster Musik wecken ... Des Abends gedachte er auf dem Schlosse Neuhof, wo
er Lucindens Frage nach jener Glpen beantwortete und die Speisen, die ihm der
Kronsyndikus vorsetzen lie, fr vergiftete erklrte, wie solche, von denen aus
den jungen Zeiten des Fruleins die Sage berichtete ...
    Bruder Hubertus, fuhr der Kirchenfrst fort, ist mir wohl bekannt! Doch mu
man die Ruhmsucht tadeln, die mir in seiner Kunst, sich tagelang der Speise zu
enthalten, zu liegen scheint ...
    Der Mnch kannte das Leben seines Zhmers und Bndigers ... Ohne Zweifel
antwortete er dem Tadler mit dem Nachhall eines seiner alten Lieder:

Frage im Walde die Raben,
Wenn Sturm durch die Tannen weht,
Wer unter ihnen begraben,
Da, wo das Kreuzlein steht! ...

    Doch auch Bonaventura fhlte sich wie in einen Wald versetzt, wo Hrnerklang
zu einem erlegten Hirsche rief ... Wild sprengen die Herren und Damen zu Ro
heran; der erste der Jger tritt auf das verendende Thier, weidet es aus und die
schnobernden Hunde, die ihren rauchenden Antheil begehren und gierig zufahren
wollen, mssen zurck und - entbehren ... So nur konnte ein Jger das
menschliche Abtdten gelernt und gelehrt haben ... Wie mehrte sich sein Bangen,
das schne Bild zu verlieren - von seinen Augustinerchorherren im Schnee des
St.-Bernhard!
    Der Mnch las:
    Die Besserung des Novizen gelang durch Hubertus vollstndig. Selbst die
Art, wie sich die Malaien von den Zerstrungen des Opiumrauchens heilen,
verfehlte ihre Wirkung nicht. Freilich muten wir gestatten, da in einer
Klosterzelle ein Noviz auf dem Lager lag und statt des Mohnsamens den Samen erst
des Hanfes, dann aus langem Rohr entzndetes Naphtha, zuletzt nur das glhende
Bernstein rauchte. Die starke Natur, schmeichelnd zurckgelockt, blieb Siegerin.
Die unreinen Geister wichen, die Phantasie verlor ihre Bilder, sie wurden reiner
und blieben ganz aus. Hubertus bergab uns einen Geretteten. Aber noch galt es,
ihn sanft und linde einzufhren in die Erfllung seiner Absicht, fr immer der
Welt zu entsagen. Aufrichtig war diese Absicht. Er liebte die Religion. Er fand
seinen Trost und seine Erhebung in ausschlielicher Contemplation. Da ihm keine
Wissenschaft unbekannt geblieben, so wute er bei Tisch stets etwas
vorzubringen, was uns fesselte. Doch verblendete uns ein zuweilen noch
aufschimmernder falscher Glanz seines Geistes keineswegs. Wir verharrten in
einem strengen und ernsten Erziehungsplan. Nichts wurde unterlassen, was seinen
Willen, die Gelbde abzulegen, brechen konnte. Die Gebete, die Wachen, die
untergeordneten Dienste, mhevolle Arbeiten aller Art, Betteln, das seinen Stolz
prfte, scheinbare Willkrlichkeiten, die seine Ergebung auf die Probe stellten,
die Zchtigungen mit der Geiel und dem Cilicium, alles das waren nur geringere
Grade der Hlfsmittel, ihm die Rauheit und Hrte unsers Gewandes fhlbar zu
machen. Die Ergebung, die er zeigte, war keine Stumpfsinnigkeit. Er ertrug, was
ihm aufgebrdet wurde, um seiner neuen Geburt willen, ja wir muten seinen Eifer
zurckhalten, denn er begehrte zu zeigen, da der Mensch den Schlaf ganz
entbehren, von Wasser allein leben knne und Aehnliches, was wider die Natur
geht, wenn es auch vom Bruder Hubertus fast zu ertragen gelehrt wird. Nach zwei
Jahren endlich legte Sebastus sein Bekenntni ab und erhielt die Tonsur. Die
Priesterweihe ihm zu geben, wagte ich dem P. General nicht ans Herz zu legen.
Immer ist noch ein dunkler Grund in seinem Innern, ja es war mir, als gb' es
Proben, in denen Pater Sebastus nicht bestehen knnte. Eure Eminenz mgen selbst
entscheiden. Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, da ich von den Sttten des
Friedens, an denen wir leben, den Vorwurf der Unthtigkeit entfernen mchte. Wie
der heilige Basilius die Nhe der Stdte suchte, um sein Einsiedlerleben dem
Ausbreiten des Glaubens ntzlich zu machen, wie die Shne des heiligen Benedict
unser deutsches Vaterland von dstern Wldern gelichtet haben und auf unsere
Hgel die Traube pflanzten, whrend auch das Feuer des geistigen Lebens aus
ihrer Pflege der Wissenschaft und der Schreibekunst flammte, so wird ein jeder
Bekenner des heiligen Franciscus auch noch jetzt darauf bedacht sein mssen, in
einer sittenverderbten Zeit Hand anzulegen im Kampfe gegen den Uebergenu des
Lebens. Dann dacht' ich: Wie kann die letzte Prfung des Gewonnenen besser
stattfinden, als wenn er noch einmal ins Leben zurckkehrt? Wie heilt man ein
Heimweh grndlicher, als wenn man dem Verlangen der Seele nach der geliebten
Muttererde einmal noch folgt, dem Herzen einen starken, vollen, sttigenden
Trunk des Wiedersehens gnnt und damit dann meistentheils gerade das andere
Verlangen weckt, dahin wieder zurckzukehren, von wo uns zwar die Sehnsucht
vertrieb, inzwischen aber doch sich die Gewohnheit, sie wute es nur selbst
nicht, bereits wieder eine liebliche Traulichkeit schuf. Und so erbat ich von
meinem Obern in Rom die Erlaubni, den jungen Pater, dessen heiersehntes Ziel
die Weihen sind, zurckzulassen auf kurze Zeit in die Welt. Da kam die
Aufforderung des Secretrs Eurer Eminenz. Freilich auf den Grund, weshalb sein
Brief Klosterbrder zu haben wnscht: weil sie ihm nicht nur als Sendboten
dienen knnten, sondern weil sie auch in einer Zeit, wo wir nur zu sehr beklagen
mten, uns auf der groen Strae des Weltverkehrs so wenig zeigen zu drfen,
gerade ebendaselbst, wo es nur irgend mglich zu machen, aufzutreten htten, ...
ferner auf den Rath rztlichen Befehl vorzuschtzen fr kranke Brder ... darauf
hin mocht' ich es nicht wagen -
    Genug! unterbrach der Kirchenfrst, machte eine Pause, die ohne Zweifel die
Rcknahme des hier gegen die Lehre vom Zweck, der die Mittel heilige,
protestirenden Briefs ausfllte und sagte:
    Als ich vor einem Jahr diesen Brief erhielt, verweigerte ich die
Untersttzung der Bitte des Provinzials. Seitdem erschienen aus dem Kloster
einige Ihrer polemischen Artikel. Der Geist und Ton derselben berraschte mich.
Ich wnschte Sie kennen zu lernen. Ihre Hieherreise erfolgte. Als ich Sie sah,
war ich angezogen. Ich behielt Sie bei mir zu dem groen Kampfe, den die Kirche
zu kmpfen hat. So manches Ziel unserer Mhen haben wir erreicht; aber die
Streiter knnen sich nicht dicht genug scharen. Ich erkenne an, was Sie
geleistet haben. Ich lese Ihre Aufstze mit Befriedigung. Ich wnschte jedoch
mehr - viel mehr! Ich finde in dem, was Pater Henricus von Ihrer Erziehung sagt,
nicht den Geist wahrer Heiligung. Der Grund, aus dem Sie wirken, ist gefahrvoll
fr Sie, ist es auch fr uns! Fr Sie - ich will es Ihnen aufrichtig sagen - fr
Sie und fr wie viele Ihres Gleichen! - ist die Kirche nur der Schlustein Ihrer
irrenden Abenteuerlust auf dem Felde der Philosopheme! Sie ist nur der Ruhepunkt
Ihres von allerlei Donquixoterieen ermdeten Denkens! Sie streiten jetzt fr die
Kirche, weil Ihre angeborene Streitsucht hier endlich einen festen Gegenstand
und eine sichere Anlehnung findet! Das scheint leider unser trauriges Loos mit
euch Uebergetretenen allen! Aller Zorn, der in euch wurmte, alles Gefallen am
Besondern und Seltsamen, alle Ungeduld, da man auf euch bisher nicht achtete
oder euch wiederum zu rasch verga, diese unreinen Geister der Rache, der
Vergeltung, der nie zu sttigenden Gier nach dem Reiz der Neuheit treiben Euch
auf den Kampfplatz! Was es auch sein mge, das Sie dem Vater eines
Unglcklichen, den Ihre Hand tdtete, so nahe verbinden konnte, ich glaube es
gern, da Sie ermattet an der Pforte des Klosters Himmelpfort niedergesunken
sind. In dieser Stimmung verlangten Sie nach dem Trost der Religion und rhmten
die Einfalt derselben. In alles aber, was man Ihnen bot, legten Sie, als Sie es
empfingen, Ihren eigenen Sinn, nahmen es nicht in dem unsrigen. In diesem immer
nur Ihr Ich verherrlichenden Geiste vollzogen Sie die Liebesopfer, die Ihnen Ihr
Guardian und Provinzial bertrug. Sie duldeten, entbehrten und was Sie zu den
harten Proben des Bruder Hubertus ermuthigte, war nur der geistige Hochmuth auf
Menschenkraft. Weder Ihr Verstand noch Ihr Herz liebt das Christenthum, nur Ihre
Phantasie liebt es! Die Dienste, die Ihr Poeten und Knstler dem rmischen
Glauben geleistet habt, verkenn' ich nicht, doch waren und bleiben sie
gefahrvoll! Sie entbehren nachhaltiger Wirkung. Oder glauben Sie, da alle die
Fortschritte, die wir in diesen Tagen in Frankreich, Deutschland, Spanien
gemacht haben, gemacht haben mitten unter den Strmen der politischen
Bewegungen, nur die Folgen der wiedergeborenen schnen Knste sind? Diese
Fortschritte verdanken wir nur dem bei so vielem Flitter der Bildung gerade zum
wahrhaften Herzensbedrfni gewordenen Bekenntni der geistigen Armuth! Armuth,
Armuth! Nchternheit, Entbehrung, Gefangengabe unserer Ueberzeugungen an ein
Gegebenes, Wiedererweckung der Wrde des Beichtstuhls, der geregelte Kirchgang,
die Wiederherstellung alles dessen, was ber religise und politische Dinge in
dem gesundesten Theile des Volks, im Bauernstande, diesem pltzlich nun ja auch
von eurer Poesie verklrten, lebte, Ascese, Wallfahrten, wiederhergestellte
Bruder-und Schwesterschaften, das ist der Geist der Stetigkeit, der allein die
Kraft zum Glauben wecken und darin die Ausdauer bestrken kann ...
    Der Kirchenfrst schwieg eine Weile, dann fuhr er fort:
    Jetzt, Pater, ein ernstes Wort! Ich lie Sie beobachten, Pater! Wissen Sie,
da ich Sie monatelang in Ihr Strafkloster zu Altenbren verweisen knnte? Sie
wurden gestern Mittag im Hause eines jdischen Trdlers gesehen, wo Sie mit
Ihrem Ordensgewand eintraten und es auch Mittags im Ordensgewand verlieen.
Abends jedoch um acht Uhr - Unglcklicher! - kehrten Sie wiederum unter dem
Dache des Juden ein -
    Bonaventura, ahnend, entsetzte sich, mehr noch erschtterte ihn der
unfehlbare Schrecken des Mnches ...
    Mitleidenswerther, bejammernswrdiger Mann! fuhr der Kirchenfrst fort. In
dem von jenem Juden geborgten Kleide, mit einem Hut, der Ihre Tonsur verbarg,
sah man Sie, Sie, den Pater Sebastus, den Michael mit der zweischneidigen Feder,
den Mnch, der ein Gefallen darin findet, einen Sack zu tragen mit den Eiern,
die ihm die Bauern der Umgegend schenken, Sie, Sie, einen Sohn des heiligen
Franciscus - auf der Galerie des Theaters!
    Bonaventura stand auf, des dadurch entstehenden Gerusches nicht achtend ...
    Dumpfe Stille nebenan ...
    Und noch nicht genug! fuhr der Kirchenfrst fort. In dieser falschen Tracht
gingen Sie die Nacht in einen Gasthof der Stadt, in das goldene Lamm! Was
thaten Sie dort?
    Bonaventura gedachte der Geigenspielerinnen, der ganzen Aufregung des
gestrigen Abends ...
    Kein Laut der Erwiderung von dem Mnche ...
    Was knnen Sie auf Ihrem frevelhaften Pfade dort gewollt haben? In einem der
Zimmer waren Sie zwei Stunden bis um Mitternacht, wo Sie dann von dem Juden Ihr
Kleid zurckgeholt haben! Pater! Pater! Ich beschwre Sie, um der Wunden unsers
Heilands willen! Fhlen Sie denn nicht, da Sie den Erlser, den Sie in diesem
Kleide bekennen, zum zweiten male verkauft haben? Die Nachricht von Ihrem
Judasverrath kam uns glcklicherweise von einem Beobachter, der unsere Kirche
liebt und unsere heilige Sache bewahren wird vor Bekanntmachung solches
Aergernisses! Weitere Nachforschung hinderte ich, um nur Ihr Unglck nicht zu
mehren und nicht die Schande Ihres Fehltritts zu grell fr uns alle aufzudecken!
Pater! Was wrde aus Ihnen werden, wenn mich keine Rcksicht auf Ihr Talent,
keine Rcksicht auf die ntzliche Bewhrung desselben in unsern gegenwrtigen
Kmpfen abhielte, Sie nach Altenbren zu verweisen, wo Sie in Gesellschaft
anderer meineidiger Priester fr immer, fr immer, Unglcklicher, Ihren Ruf im
weiten Reiche unserer Kirche verloren haben wrden!
    Dumpfes Schweigen auf diese fast weich gesprochenen Worte ...
    Eingetreten sind Sie in eine groe Heilsanstalt gegenseitiger Erziehung!
fuhr Priester Immanuel fort. Ich mchte Sie nicht aufgeben; ich mchte Sie dem
Wirken erhalten, fr welches Sie so rhmenswerthe Proben Ihrer Befhigung
abgelegt haben! Pater! Da sich der Geist, in dem Sie allein auerhalb der Zelle
leben drfen, heilige, da Sie sicher sind vor den Anfechtungen und dem Rckfall
in die Reize dieses Lebens, denen Sie abgeschworen haben, mu ich Ihrem Wandel
von jetzt an die bestimmtesten Grenzen ziehen! Sie verlassen nie mehr diese
Stadt ohne eine hier von meinem Kaplan eingeholte Erlaubni! Sie meiden jeden
ffentlichen Versammlungsort! Sie rsten sich, da Sie jeden Abend von sieben
Uhr an in Ihrer Wohnung, dem Profehause, angetroffen werden! In jeder Stunde,
wo vom Kloster Himmelpfort Ihnen bekannt ist, da Ihr wrdiger Guardian eben die
Thr seiner Zelle ffnet, Miserere ruft und die Patres, seinem Beispiele
folgend, smmtlich sich mit der Disciplin dreimal den Rcken geieln, sollen
auch Sie das Confiteor sprechen, wo Sie sich irgend befinden. Und da Sie es
thun, wirklich thun, Pater, erinnere ich Sie an das Wort jenes Mnches, zu dem
ein Zweifler sagte: Geieln Sie sich denn auch wirklich in Ihrer geschlossenen
Zelle, wenn der Guardian in der seinigen Miserere! ruft? Herr! Man hat Ehre!
sprach er.
    Der Kirchenfrst stand eine Weile und schwieg ...
    Bonaventura erwartete eine Entgegnung des Mnches ...
    Nur die lauten Athemzge desselben hrte er ...
    Was fhrte Sie auf, die Galerie des Theaters? begann der Kirchenfrst aufs
neue. Was suchten Sie in der Nacht in jenem Gasthause?
    Nach einer langen Pause hrte Bonaventura die Worte.
    Nichts so Unedles, als Sie denken, Eminenz ... Doch ... ich verlor meinen
Beichtvater -
    Diese Worte wurden mit groer Schrfe betont.
    Wen wollen Sie whlen?
    Wenn Herr von Asselyn hierher versetzt wrde und ich dann noch - hier weile
-
    Der Mnch stockte ...
    Wohlan! sagte der Kirchenfrst und wie aufs angenehmste berrascht. Es war
Ihnen von mir aufgegeben worden, den edeln und gotterleuchteten Pfarrer von
St.-Wolfgang, Bonaventura von Asselyn, auf die kurze Zeit hier zu begleiten, bis
ich im Stande sein wrde, mich so ausfhrlich wie ich mute, mit diesem Werkzeug
Gottes zu verstndigen. Im Umgang mit demselben, den Sie von Stund' an
fortsetzen sollen, verbiet' ich Ihnen kraft der mir bertragenen Ordensgewalt
Ihres Provinzials, jemals aus eigenem Triebe irgendein Wort mit ihm zu reden!
Nie sollen Sie selbst das Wort ergreifen! Nie sollen Sie anders als nur ein Ja
und ein Nein fr ihn haben! Der Priester Bonaventura wei es, da ihm die Rede
gestattet ist, ihm die Unterhaltung, er wei aber auch, da er Ihnen keine
einzige Frage stellen darf, als eine solche, der die kurze Antwort: Ja oder Nein
gebhrt! Denn warum verhng' ich gerade Ihnen diese Strafe? Weil Ihre grte
Aufgabe die sein soll, den Drang zu tdten Ihrer geisthaschenden Mittheilung!
Absterben mu Ihre Neigung, durch Ihre Vergangenheit Ihre Gegenwart Lgen
strafen oder ber Ihr Kleid hinaus sich immer noch verklren zu wollen. Durch
Ihren Geist, Ihre Kenntnisse wollen Sie das Vorurtheil Ihres Standes widerlegen.
Aber wenn Sie das Gelbde der Armuth ablegten, stand an der Spitze der
Entbehrungen, die Sie sich vorzuschreiben hatten, die Armuth am Geiste! Diese
bekennen Sie und dann wird Ihr Sinn sich lutern! Nichts hat die Verfhrung zum
Laster mehr im Gefolge als jene Gedanken, die schimmernde Ausdrcke suchen,
jener Reiz, der Sie verfhrt, sich in der Vielseitigkeit Ihrer Auffassungen, in
der Flle von Gesichtspunkten, auf dem schwindelnden Wege der Contraste und
Paradoxen zu ergehen; derselbe Reiz stumpft das Gefallen an dem Einfachen und
Charaktervollen ab. Ihnen, Pater, Ihnen ist, wie der ganzen Richtung des
Jahrhunderts, vor allem das Wort zur unrechten Stunde zu nehmen! Ranc - der
kannte diese Gefahr, als er nach einem Leben geistreicher Frivolitt den Orden
der Trappisten stiftete! Ich verlange keinen Dank fr meine Schonung - ich werde
mir selber ein Gebet um die Vergebung Gottes auferlegen, da ich so milde war -
ich strafe Sie, wie mir scheint, da es Ihnen heilsam ist! Und die in dieser
Form meiner Verzeihung liegende gegenseitige Erziehung wird auch andern gut
thun! Treten Sie nher, mein Herr von Asselyn!
    Damit trat der Kirchenfrst an den Vorhang, zog diesen zurck und
Bonaventura stand mit dargereichter Rechten, wie um Verzeihung bittend, vor dem
in Staunen und tiefster Scham halb aufwallenden, halb vernichteten Mnche ...
    Mit unerschrockener Miene sprach Priester Immanuel:
    Deshalb hab' ich Bonaventura von Asselyn zum Zeugen dieser Scene gemacht,
weil ich auch ihn in den Ernst unsers geistlichen Lebens und in unsere wahre
kirchliche Schule einfhren wollte! Schon Ihre Ungeduld zu bekmpfen, da Sie
noch einige Tage hier zu warten hatten und ferner warten sollen, Herr von
Asselyn, mute Ihnen ntzlich sein! Ntzlich wird Ihnen auch werden, das
aufgedeckte Leben des Paters zu sehen und es doch so nur zu berhren, als wenn
Sie es nicht kennten! Ja und nein, nein und ja! Bis zu dem Tage, wo Ihnen
Sebastus vielleicht - die Beichte spricht ... Lasset euch beide das, was ihr
heute erlebtet, eine Uebung sein, die Gefahren - des Geistes kennen zu lernen!
Helfen Sie sich einander redlich beim Straucheln! Bestrken Sie sich in der
Geringschtzung des Gedankenaustausches! Da liegt der Thomas a Kempis; das
goldene Buch der bewuten, ja mit Stolz bekannten Geisteseinfalt! Oder lesen wir
eine Stelle des heiligen Gregor ...
    Der Kirchenfrst nahm ein Gebetbuch und las mit lauter Stimme:
    Wenn ich mir die Berin Magdalena vergegenwrtige, so mcht' ich eher
weinen, als reden und bekennen! ... Denn sind nicht die Thrnen dieser Snderin
mchtig genug, auch ein steinern Herz zur Bue zu erweichen? Sie bedachte ihren
vergangenen Lebenswandel und konnte sich in ihrem reuevollen Thrnenbekenntni
kein Ma vorschreiben. In das Gastzimmer trat sie zur Zeit des Mahls, sie kam
ungerufen, und whrend des Mahls brachte sie ein Thrnenopfer. Lernet, von
welchem Schmerz sie gefoltert ward, da sie auch whrend der Zeit des frhlichen
Mahls der Thrnen sich nicht schmte! Siehe! Weil dies Weib ihre Befleckungen
und Laster erkannte, eilte sie in glhender Sehnsucht nach Reinigung zum Urquell
der Barmherzigkeit und scheute nicht die Gegenwart der Gste. Da sie vor ihrer
eigenen Hlichkeit errthete, konnte die Scham von auen, sie nicht
entmuthigen. Was, meine Brder, sollen wir nun mehr bewundern, die im Gastzimmer
erscheinende Magdalena oder den Herrn, der sie gndig aufnahm? Soll ich sagen:
aufnahm? - nicht vielmehr: durch seine Gnade an sich zog? Ich will am liebsten
beides sagen. Es ist derselbe, der sie innerlich anzog durch seine
Barmherzigkeit und derselbe, der sie uerlich mit aller Sanftmuth aufnahm.
    Jetzt legte der Kirchenfrst das Buch zur Seite, neben sein inzwischen
erkaltetes Tabacksrohr, neben den noch unerbrochenen Brief seines Knigs, dann
entlie er beide mit einer Handbewegung, die ausdrckte, da er ihnen den Segen
ertheilte und den Gewinn zweier Seelen fr sein Gottesreich hher hielt, als
alles Reden und Handeln und Drohen der Mchtigsten der Erde.
    Im Vorzimmer war es still geworden ... Der Kaplan begleitete den Mnch und
den Pfarrer bis an die Ausgangsthr. In seinem demthigen Grue lagen die Worte:
    Was auch zwischen euch dreien soeben drinnen geschehen ist - Alles - zur
grern Ehre Gottes! ...
    . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. .
    Wohl htte Heinrich Klingsohr drauen in freier Luft aufschreien mgen wie
mit wiedererwachtem Titanentrotz.
    
    Seine Brust hob sich, seine Augen standen starr aus den Hhlen, er hatte auf
der Zunge Worte nicht der Verwnschung seines Geschickes, nicht der Anklage
seines Berufes, nicht der Anklage des Kirchenfrsten, - nur dem Jammer seines
Innern htte er Worte leihen mgen, sich vergleichen mit dem gefangenen, an
seinen Flgeln niedergehaltenen, auf dem Rcken liegenden Vogel vom gestrigen
Morgen, sich rechtfertigen gegen den falschen Schein, der sich um ihn breitete
in Gegenwart eines Mannes, den er zu schtzen anfing, er, der niemanden
anerkannte auer dem, der ihm durch etwas imponirte, etwa - die Kunst, eine
Nachtigall nachzuahmen!
    Aber nicht einmal zu der Auseinandersetzung war ihm Gelegenheit gegeben, zu
sagen: Warum bleiben Sie nicht sogleich in dieser Stadt? Warum haben Sie nicht
schon jetzt die Erlaubni des Beichtstuhls! Alles, alles mcht' ich Ihnen
bekennen! ...
    Fiebernd lief es durch seine Seele:
    Ich mchte sagen, wie mich gestern die unwiderstehlichste Sehnsucht ergriff,
nach dem Leben und den Schicksalen eines Mdchens zu fragen, das einst mir das
Leben und dann den Tod gegeben! Ich wechselte mein Kleid, ich wurde ermuntert
dazu von einer Jdin, die mir unser ganzes Dasein als einen einzigen groen
Mummenschanz darstellte, wurde ermuntert dazu durch einen Schwur bei dem Gotte
Spinoza's und durch die Versicherung, ich drfte auf die Verschwiegenheit
dieses Mdchens bauen ... Wer war der Verrther! ... Wer war es, der des Nachts,
so ruhelos wie ich, dahin irren konnte? ... Ja, ich war auf der obersten Galerie
des Theaters! Dort, in eine Ecke gedrckt sah ich jene Frau spielen, die einen
edeln Menschen auf ihrer Seele hat - sah die Kinder springen, die ich oft auf
dem Schoose gehalten und fr welche Lucinde arbeitete, sich mhte und entbehrte,
wie eine zum Magddienst sich verurtheilende Knigin ... Das Haus war
menschenleer ... aber nicht so de war es, als das Gefhl meines Daseins ... ich
irrte in den Straen, sah nicht die Spione, die mich verfolgten, verga die
Ordnung des Hauses, das ich mit vielen andern bewohne, bestieg die Stufen des
Gasthauses zum Lamm, kehre schaudernd um, aber um mich her sah ich nichts als
Lucinden, sah sie mit phantastischen Blumen bekrnzt, sah sie im langen Kleide
hoch zu Ro - mir winken - Himmel und Erde! Ich wage Ehre und Freiheit und mein
ganzes Leben, um nur fragen zu knnen: Wo ist Sie? Was wurde aus Ihr? ...
Zitternd steig' ich zu der Frau empor, an deren Herz zu glauben ich nicht die
mindeste Berechtigung hatte, aber ich zwinge mich dazu ... Aber auch sie
verrieth mich nicht! Sie schwur's mir bei dem Andenken Serlo's, obgleich der,
wie sie sonst und jetzt sagte, schuld gewesen wre an ihrem ganzen verfehlten
Dasein ... Ich finde diese Menschen, klein wie immer, geringfhlend wie immer,
voll Zorn ber die Leere des Theaters, voll Hohn ber das Ausbleiben des
Beifalls ... aber vor ihnen steht dennoch ein kstliches Mahl, liegt eine Rolle
Geld ... eine Sendung war es von Lucinden ... Sie ist hier! Hier in dieser
selben Stadt .... Und da sollt' ich nun auf und davon? Sollte nicht verweilen,
lauschen, horchen - aus meiner begrabenen Welt! ... Sollte nicht vertrauen, da
Menschen, die durch die Schule des Geschicks so tief gedemthigt waren, da sie
sogar Konstanzen Huber, wie sich Lucinde genannt, das Wort gaben, sie nirgends
zu kennen und sofort diese Stadt zu verlassen und auf die Woge des Lebens
zurckzukehren (was sie htte und erwrbe und theilen knnte, hatte sie
geschrieben, sollte ihnen, wenn sie wollten und wo sie wollten, gehren) ...
sollte nicht vertrauen, da durch Geld und Mitleid gewonnen, diese Menschen mich
nicht verriethen ... Ich wre geblieben bis zum Hahnenschrei! Ich htte geredet
und getrumt, wenn mich nicht die Erzhlung von unserm Abschied einst in
Lneburg zur Besinnung gebracht und an das Portefeuille erinnert htte, das ich
pltzlich mich erinnere, in meinem Ordenskleide gelassen zu haben ... Nun, wie
zerschmettert schon von einer Strafe des Himmels, wank' ich davon ... Rings die
stille Nacht - bis ich zurckkme versprach mir die jdische Sibylle zu wachen
... ich finde sie ... lesend - im Spinoza, einem Geschenk eines Priesters Namens
Leo Perl ... wir suchen und suchen das Portefeuille - es findet sich nicht ...
Mitternacht ist vorber ... die Jdin gibt mir Geld, um den Wchter des
Profehauses bestechen zu knnen ... einen neuen, noch willfhrigen Knecht ...
Wie sie das Geld klingen lt und sagt: Pater, Ihr wit nicht, welche Freude ich
habe, der Kirche einen Heiligen zu stehlen und Gott einen Menschen zu schenken!
da wank' ich dahin, komme in meine Wohnung, glaube unbemerkt geblieben zu sein,
werde in der Frhe zum Kirchenfrsten gerufen, ahne die Kunde von meinem
Vergehen und kam, bereit zu sagen: Tdtet mich, wenn ihr wollt! Ich konnte nicht
anders!
    Wie beide Leviten so dahinschritten, nherten sie sich der Kathedrale. Sie
traten in den majesttischen Bau, unter Menschen, die nichts von ihrem
Seelenleid ahnten, nichts von der Gebundenheit ihres Willens und ihrer Sinne ...
    Da entdeckte Bonaventura in einiger Entfernung, in einer Nische, die vom
hellsten Sonnenlicht, das durch die bunten Fenster brach, beschienen war, in
einer Gruppe, die sich laut und wie es schien in fremder Sprache unterhielt,
eine Gestalt, die ihn jetzt im erhhten Grade erschrecken mute ...
    Nur ihren Rcken sah er. Sie stand in schwarzseidenem Kleide, dunkelm Hute,
sprach mit den Fremden, die dem Volk anzugehren schienen; es war ihm, als
knnte es nur Lucinde sein ...
    Der Mnch las mechanisch die Inschriften der Leichensteine ...
    Bonaventura htte ihn aus dem Wege zu jener Fensternische fortziehen mgen
...
    Der Mnch schritt in sich versunken und lesend an den Leichensteinen weiter
und zu jener Gegend hin, ohne auf ihn zu hren ...
    Schon waren sie der Nische so nahe, da die drinnen gefhrte Unterhaltung
gehrt werden konnte ...
    Sie wurde in italienischer Sprache gefhrt ...
    Zwei Mnner, der eine in kurzer Jacke, der andere wohlangethan, mit einigen
jungen Leuten, einem Mdchen darunter, sprachen bald zu den Bildern des Fensters
gewandt, bald zu jener Dame in dem schwarzen Kleide ...
    Es war Lucinde ...
    Bonaventura hrte es an ihrer Stimme ... er hatte auch neulich von den
Italienern, von dem Gipsfigurenhndler und seinen Kindern gehrt ...
    Der Mnch schreitet nher, hlt einen Augenblick inne, horcht den
italienischen Lauten und saugt sie voll Begierde ein, wie Duft aus dem Lande der
Palmen ...
    Jetzt wendet sich Lucinde und wird auch seiner ansichtig ...
    Wir wissen, da sie zum Tod erschrecken kann ohne das mindeste Zucken der
Augenwimpern ...
    Bla und marmorkalt mustert sie die beiden Daherkommenden: den Mnch, den
sie schon um der Seltsamkeit seiner Tracht willen erkennen mute; Bonaventura,
vor dem sie in diesem Augenblick durch die Enthllung ihrer Beziehung zu seinem
Begleiter glauben durfte, alles zu verlieren ...
    Der Mnch hrt seinen Anruf nicht und liest nur die Inschriften der
Leichensteine ...
    Auf den jetzt ihn treffenden Blick und den sich verneigenden Gru Lucindens
hatte sich Bonaventura sammeln knnen. Sonderbar, auch die Tochter des
Italieners schien ihn zu kennen, die ihm doch fremd war ... Mit einer hastigen
Geberde deutete sie auf ihn und flsterte mit dem Vater und mit den Brdern ...
    Bei alledem hatte Lucinde den Pfarrer gegrt, ganz ehrerbietig zu ihm
aufblickend. Vor dem Mnche aber schlug sie die Wimpern nieder ...
    Eine Italienerin vermuthet dieser ... ohnehin mhsam dahinschreitend, hlt
er einen Augenblick inne ... und jetzt wie festgewurzelt steht er und sicher
htte er durch einen lauten Ruf sein Erschrecken kund gegeben, wenn nicht
Bonaventura, die Wirkung dieser Wiederbegegnung vorahnend, seinen Arm ergriffen
und ihn von dannen gefhrt htte.
    Mhsam folgt Klingsohr. Das lange weite Gewand schleift an der Erde nach.
Die Knie brechen dem Gefolterten. Glcklicherweise sind beide einer Kapelle
nahe, in der eben Messe gelesen wird.
    Beide knieen und mgen schwerlich beten knnen ... falls nicht das Gebet ein
Zwiegesprch der Seele mit sich selber ist.
    Als sie sich erhoben und Bonaventura drauen im Freien fragt: Sie kannten
jene Dame? darf der Mnch nur erwidern: Nein oder ja! Er erwidert: Ja! - Es war
ein Wort wie ein Menschenleben.
    Auf seinem Zimmer fand dann Bonaventura, als er nach dem seltsamsten
Selbander von der Welt gegen Mittag nach Hause gekommen, gleich beim Eintreten
auf seinem Schreibtisch einen Brief, den ihm Renate aus St.-Wolfgang
nachgesandt.
    Er hatte ihr wol das Ansehen einer groen Wichtigkeit gehabt, denn er war
mit Poststempeln ber und ber bedeckt.
    Bonaventura erbrach und las:

                           Sub sigillo confessionis.

    Quando quis tibi occurrit sidei romanae sacerdos ...

    Wir kennen die rthselhafte Einladung, die auch an den Dechanten ergangen
war.
    Wer wei, ob dieser jetzt, wie er ber die Berufung des geliebten Neffen
durch die Rmlinge zitterte, nicht ebenso von Bangen wre ergriffen gewesen,
htte er das leuchtende Auge gesehen, mit dem Bonaventura diese Zeilen las und
wieder las und sich nicht trennen konnte von den Worten: Der nicht den Tod
eines Hu, Savonarola, Arnold von Brescia scheuen wrde, um die Kirche von ihren
Fehlern zu reinigen!
    Freiheit! Freiheit! riefen tausend Stimmen in seiner Brust. Alle Creatur
schien ihm zu schmachten nach Erlsung. Die gefesselte Zunge der ganzen
Menschheit schien ihm nach Sprache zu ringen ...
    Er bewunderte den Kirchenfrsten; aber seine Ideale wankten. Er verzweifelte
an der Kraft, in den groen Vorstellungen von seinem Beruf, die ihn sonst wie
mit Cherubsflgeln emporgehalten, ein ganzes Leben lang noch mit seinem
innersten Menschen aufzugehen.

                                       9.


Dster brannte die Lampe in einem kleinen, engen, doch behaglich eingerichteten
Zimmer.
    Die weien Vorhnge zweier Fenster waren niedergelassen ... Tiefe Ruhe ...
nur zuweilen das Schnobern von Rossen wurde hrbar in dem Hofe, auf den sie
hinausgingen.
    Elf Uhr schon ...
    Im Nachtgewande sitzt Lucinde auf einem wei berzogenen kleinen Kanapee ...
vor ihr steht ein blinkender Mahagonitisch mit Zeitungen und Bchern bedeckt ...
in einem Winkel des Zimmers, hinter einem Schirm, steht ein Bett ... Im kleinen
weien Ofen prasselt eine behagliche Flamme.
    Endlich war sie frei von ihrem Tagewerk der Verstellung, hatte sich
entkleidet, konnte noch nicht zur Ruhe gehen und wollte wachen.
    Die dunkeln Haare hngen, halb schon aufgelst, ber Nacken und Stirn herab
... diese Stirn, die seit einigen Jahren erst sich so mchtig ber die Augen
vorgedrngt ... sie sttzt sie mit der durch das Emporhalten fast blutlos
gewordenen, schneeweien Hand ...
    Auch das lange bauschige Kleid, das sie umhllt, ist wei ... wie mute die
Schwrze ihrer Locken, das Feuer ihrer Augen dagegen abstechen! .. Die Unruhe
ihres Geistes zeigte sich in den Lippen, an denen die weien Zhne zuweilen
sichtbar werden; sie drckt und schneidet in sie fast mit ihnen ein.
    Schon oft hatte sie begonnen, die Haare zur Nachtruhe zu flechten und
zusammenzulegen ... immer war sie von der Arbeit abgekommen, hatte die Hnde
sinken und dann den Kopf in so schrger Lage beharren lassen, als wenn sie noch
flocht, noch ordnete ... Wurde er ihr zu schwer, so sttzte sie ihn ... Darber
hatte sich der kleine Messinglampendocht verzehrt, aber lange whrte es, bis sie
die Dsterkeit merkte; dann griff sie zu und schraubte ihn hher und das weie
Licht verbreitete sich heller auf die weien Vorhnge, die Gestalt im weien
Nachtgewande ...
    Lucinde gedachte des Gestern und Heute ... Der leuchtendste Punkt war die
Begegnung am Morgen.
    Porzia Biancchi hatte in dem daherkommenden Geistlichen eine Aehnlichkeit
entdeckt, die sie dem Vater und den Brdern mittheilte, diese dann wieder dem
Onkel Marco, der ein Maler war und die Kunst bte, alte Bilder zu restauriren
und der dafr in diese an alten Bildern so reiche Stadt berufen war ...
    Wohl schlug das Wort an Lucindens Ohr, da der daherkommende Geistliche dem
Eremiten Federigo von Castellungo wie aus den Augen geschnitten hnlich she;
wohl nannte sie des von ihr, trotzdem, da sie Klingsohrn sah, so ehrerbietig
Begrten Namen, den freilich nur Porzia's Vater kannte von dem Dechanten,
seiner buona pratica her ... aber sie hrte nur das verhallende Knistern auf dem
steinernen Estrich von Bonaventura's Schritten, staunte nur dem leisen Gange
eines mit Sandalen und nackten Fen dahinschreitenden Mnches, hrte dessen
Lieder und dithyrambischen Sprche, die ihr aus dem einzigen starren Schreck
seines sie erkennenden Blicks wie tausend Raketen aufschossen ... sie sah nur
noch dann, wie sie beide niederknieten und zu beten schienen ...
    Aus dem Dome schritt sie, heute die Segnung mit dem Weihwasser vergessend.
    Sie war im Kattendyk'schen Hause wieder, nahm die Abschiedszeilen der
Serlo-Leonhardi (die schon den Wortbruch enthielten, doch von des Mnches
nchtlichem Besuch zu erzhlen - glcklicherweise war sie mit ihren Kindern
wirklich abgereist -) und sammelte sich erst nach den Anstrengungen des
Zusammenlebens mit einer sanguinisch erregten, das Wichtigste leicht, das
Leichteste wichtig nehmenden Familie, Abends spt, in diesem Zimmer, das in den
Hof gehend ihr als das ihrige war angewiesen worden.
    Serlo's Kinder! Auch bei ihnen verweilte sie ... Klingsohr's Verrath an
seinem Gelbde ... um ihretwillen! ... Sie lchelte befriedigt, doch sprach sie
zu sich:
    Mige dich nur! Sei nur still! Nur still! Lchle nicht, weder vor Freude,
noch vor Schmerz! La alles ber dich ergehen! La den Wolkenwagen des Geschicks
dahinrollen wie im Gewitter! Zuck' im Weltbrand nicht mit der Wimper! Ertrage,
was auch komme, selbst das Seligste, mit Gleichmuth! Gib Gehr jedem Befehl, den
die Menschen hier, lieblos genug und ewig von Liebe sprechend und eigentlich
liebevoll nur gegen zwei Bologneserhndchen, dir ertheilen! Sprich schon nichts!
In deinem Ton liegt etwas, was der Ohrnerv der Eitelkeit nicht ertragen kann! Du
willst ganz so sein, wie sie's wollen! Todt! Du willst beten wie sie, denken wie
sie, ihre Reden bewundern, ihre Einflle berraschend finden! Tuschelt dir die
Frmmigkeit der Commerzienrthin eines Tages ins Ohr: Liebste, ich habe einen
Sack gekauft, kommen Sie, wir bestreuen das Haupt mit Asche und beten in den
Sack hinein! ... auch das thu' ich! Will Johanna, da ich an dem kleinen
Professor extraordinarius die kleinen Ngel seiner Finger bewundere, ich thu'
es! Ich will leben wie die Wanderer in den Schneealpen sich zu unterreden
aufhren, wenn sie hoch oben hinaufkommen und frchten mssen, durch ein zu
scharf ausgesprochenes Wort die tdliche Lavine zu wecken!
    Dann bei der zweiten Toilette der Commerzienrthin und Johannens, bei dem
nur Putz und Vergngen errternden Besuche der Frau Procurator Nck, bei dem
Geflster ber die immer enger und enger sich schlieende gefahrvolle Einheit
des Ehepaars im zweiten Stock, bei dem gerhmten Behagen an der Ruhe im Hause,
seit Piter nicht anwesend, bei den Mittheilungen ber die Hauptmnnin von
Buschbeck, ihren Tod, ihre Frmmigkeit, ihr Testament an den Bruder Hubertus im
Kloster Himmelpfort und die fehlenden Werthpapiere, diese Kapitalien, die sie
als Kind so angestaunt hatte, weil sie ihr wirklich rings auf den Feldern zu
liegen schienen - zu allem schwieg sie, ergnzte nichts, berichtigte nichts;
sie wollte alles in sich verschlieen und nur - ihre Zeit abwarten.
    Gegen Abend war auch Treudchen auf einen Sprung gekommen und erzhlte vom
Kloster, wohin sie wirklich gegangen war ihren Geschwistern zu Lieb. Wie hatte
man sie gefeiert! Selbst mit ihren Geschwistern hatte man sie berrascht, die
aus dem Waisenhause waren abgeholt worden! Alle hatten Geschenke bekommen! Von
Cajetan Rother, dem ehrwrdigen Beichtvater der Schwestern, fr den das
Sprachgitter nicht vorhanden war, hatte sie selbst ein zierliches Bchlein mit
goldenem Schnitt empfangen, das Leben einiger besonders vorzglicher Heiligen
und Heiliginnen darstellend ... Die Kinder trugen eine Last Confect mit sich
heim, wie dergleichen auch nur in Klstern gebacken wird ... Sie zeigte ein von
Schwester Beate erhaltenes Nadelkissen in Form eines Ostereis, ganz von Seide,
vergoldet und in jenem Geschmack, der so eigenthmlich der frommen
Kunstfertigkeit hinter Klostermauern angehrt ... Schwester Therese hatte dann
vorgelesen, Marienlieder, deren einige man im Chore gesungen im Refectorium, vor
und nach - dem Kaffee - und dieser Kaffee wre so gewesen, wie nur je einer in
der Dechanei zu Kocher am Fall, wenn etwa der Geburtstag des die lieben
Freundinnen bereisenden Fruleins von Minnerich oder der Frau Majorin
Schulzendorf gefeiert wurde oder eine jener Kindergesellschaften, zu denen der
gute Dechant (frher, ehe der Geist der Kirche so streng wurde) alle kleinen
Kinder in Kocher am Fall ordentlich durch Visitenkrtchen einzuladen pflegte.
    Die frohen Mittheilungen kamen dann auch hier, auf Veranlassung der
Dechanei, bei dem Morde der Frau Hauptmnnin wieder an, bis dann Treudchen zu
Madame Delring, ihrer nachsichtigen Herrin, wieder hinaufsprang ...
    Am Abend war auch die zweite, wie es schien quecksilberne Tochter der
Commerzienrthin, Frau Procurator Nck, wieder erschienen, eine kinderlose, nur
dem Putz und ihrer Eitelkeit lebende Frau. Lucinde hatte sich sogleich ihr Herz
gewonnen durch einige Bemerkungen ber ein neues Kleid, das sie trug. Sie war
gestern im Theater gewesen und hufte das Allernachtheiligste auf die
Darstellerin der Frau von Waldhll und die kleinen Fratzen, die Lucinde so
gern wiedergesehen htte, wenn sie nicht das System gehabt, auch bei Genssen
des Gemths, sie sich versagend, zu sprechen: Wozu? Das war das kalte Wort,
das ihr eigen geworden, mehr Worte eines herben Behagens am Entbehren und der
Selbstqual als der Herzlosigkeit. Im Geiste Serlo's htte sie der Frau
Procurator sagen mgen: Liebste Frau, wre das Haus voll gewesen, so htte
Ihnen alles gefallen! Da es aber leer war, bertrug sich Ihre Verstimmung ber
die geringe Bewunderung Ihrer Toilette auf die Leistungen der Mutter, der
Tchter, auf alles ... Sie behielt das, wie jedes dergleichen, zurck, horchte
nur dem Gesprch, bei welchem auch Benno genannt wurde, meines Mannes bester
Arbeiter, der von ihm nach dem Hneneck geschickt worden ist ... und auch den
Reiz, Benno's Weise gegen den Schein eines Sich-so-nurschicken-lassens zu
befreien, unterdrckte sie ... Sie sagte nur immer ihren Leibspruch, ein Wort
des heiligen Augustinus: Trahimur! Trahimur!1
    Um sich zu beruhigen, hatte sie einmal wieder in Serlo's Papieren zu lesen
angefangen und hatte auch wieder aufgehrt ...
    Endlich begann sie aufs neue:
    Ist es denn mglich, schrieb Serlo einst vor Jahren, was ich gestern
erleben mute! ... Eine junge Frau war in dem Hause, wo ich wohne, gestorben und
sollte heute in der Frhe beerdigt werden ... Eine alte Schauspielerin, die zu
unserer Truppe gehrt, klopfte, wie ich schon im Bette liege, an meine Thr,
nennt ihren Namen und wnscht mich zu sprechen. Ich staune und frchte - eine
Anleihe. Nachdem ich mich angekleidet, ffne ich die Thr und in ihrem besten,
elegantesten Anzug erschien die Darstellerin - der Zigeunermtter und Hexen mit
einer augenblinzelnden und doch beklommenen Artigkeit. Nie hatt' ich mit ihr
viel Worte gewechselt und erstaunen mut' ich ber die Wahl ihrer Ausdrcke, die
Artigkeit ihres Benehmens, die Feinheit ihres ganzen, mit ihrem Rollenfache im
vollkommenen Widerspruch stehenden Wesens. Verzeihen Sie! sagte sie nach einer
Weile, wo ich das gefrchtete Anliegen erwartete, verzeihen Sie, in diesem Hause
ist eine Leiche? ... Ja, sagte ich, eine junge Frau, die an einem Herzfehler
starb! ... Sind die Leute wohlhabend? ... Sehr arm! war meine Antwort ... Wrde
der Mann gestatten, wenn ich ihm zwei Thaler schenkte - ... Sie stockte ...
Gestatten? Was? fragt' ich erstaunt ... Mutter Viarda lchelte seltsam ... Sie
werden mich fr eine Nrrin erklren, begann sie aufs neue, aber ich mu Ihnen
gestehen, da ich eine - Liebhaberei habe, die keine andere ist als die, - Todte
zu schmcken! ... Wie? sagte ich und zog mich erschrocken zurck; ich glaubte
mit einer Verrckten zu reden ... Sie sind erstaunt, fuhr mein Besuch fort, Sie
zweifeln an meinem Verstande, und doch bitt' ich Sie wirklich, fhren Sie mich
zu dem Manne und erlauben Sie mir, seine Frau so zu schmcken, wie ich ein ganz
unwiderstehliches Verlangen trage, wenn ich irgendwo eine Leiche sehe ... So
traurig die Veranlassung dieser Bitte war, ich mute doch ber sie lcheln ...
Da Sie zu Ihrem Liebeswerk noch zwei Thaler dazugeben wollen, sagte ich, so will
ich mit dem Manne reden ... Ich ging in der Dunkelheit die Stiege hinunter und
fand, den armen Handwerker mit seinen Kindern um die schon im Sarge befindliche,
nur mit einem einfachen weien Hemde bekleidete Leiche seiner Frau, der Mutter
seiner trauernden Kinder ... Mein Anerbieten konnte als ein Werk der
Barmherzigkeit gelten und die Annahme fand keinen Anstand ... Ich kehrte zu
meiner Auftraggeberin zurck und begleitete sie hinunter ... Mit allen Zeichen
der Theilnahme trat sie an den Sarg, fuhr mit der Hand ber die kalte Stirn und
sagte dann: Hier, lieber Mann, da sind zwei Thaler, aber lassen Sie mich mit der
Leiche allein! .. Der Mann ging arglos, wenn auch berrascht, mit den Kindern
auf den Vorplatz ... ich wollte bleiben ... Auch Sie, Herr Neumeister! sagte sie
(ich fhrte damals noch meinen alten Namen) ... Als ich zgerte und etwas
befrchtete, das nicht in der Ordnung war, sagte sie: Herr Neumeister, wenn Sie
schweigen und mich nicht stren wollen, knnen Sie bleiben ... Ich blieb und sah
voll Grauen, was die Darstellerin der Zauberinnen, Hexen und Zigeunermtter
begann ... Sie stellte einen Beutel, den sie unter ihrem Mantel verborgen hatte,
zur Erde, zog eine Anzahl frischer Blumen hervor, legte sie der Leiche auf die
Brust, in die Hnde, ums Haupt. Dann ergriff sie ein kleines Dschen, das ich
sofort als Schminktopf erkannte, tupfte hinein mit etwas Baumwolle und schminkte
die Wangen der Leiche, da sie wie volles blhendes Leben aussahen ... Jetzt,
meines Grauens und meiner Ausrufungen nicht achtend, ergriff sie gierig die
kleine zinnerne Lampe und beleuchtete ihr Werk ... es war ein Anblick, das Haar
struben zu machen ... Sie redete mit der von ihr geschminkten Leiche und wie
mit einem ihr bekannten Wesen, redete voll Theilnahme, voll Herzlichkeit;
beklagte die Leiden derselben, trstete sie, erffnete ihr ein Reich der
seligsten Hoffnungen und ging zuletzt von dannen, wie wenn ihr ganzes Sein sich
einmal aufgelst htte wieder in Andacht, Poesie und lngstentbehrter Liebe ...
ich sah sie dahinschreiten wie ein Gespenst ... Als ich allein war, bekmpfte
ich mein Grauen, tauchte den Finger in das Oel der Lampe und entfernte die
trgerische Lge des Lebens von den todten Wangen ... Der Gatte und die Kinder
kamen zurck ... sie fanden nur die Blumen und stockend erzhlte ich, der Alten
wre es ein Bedrfni, in dieser Art stille Liebesopfer zu vollziehen ... Diese
Frau, mit der ich tglich verkehren mute, konnte ich nie mehr ansehen, schwieg
auch von dem Vorgefallenen zu jedermann, bis ich von andern erfuhr, da diese
Manie allgemein an ihr bekannt war und da sie, um sie zu befriedigen und vor
den Folgen ihres dadurch erlangten Rufes, der sie die Leichenschminkerin nannte,
sicher zu sein, schon seit Jahren ein traurig irrendes Wanderleben fhrte.
    Oft hatte Lucinde diese Stelle gelesen ... mit Lachen sogar ... heute
erschien sie ihr in einem seltsam andern Lichte ...
    Sie berschlug jedoch einige Betrachtungen ber das was man ein
Leichenschminken in der Geschichte nennen knnte, und fuhr fort:
    Wie mich dann diese Erfahrung auch wieder zurckversetzt hat in meine erste
Erziehung zum Priester, in die klsterliche Einsamkeit meines Jugendlebens im
Convict!
    Ja, wer nennt euch alle, ihr Verirrungen, die unausbleiblich sind, wenn man
die Grundnatur des Menschen eine verdorbene nennt und das Leben daran gesetzt
wissen will, diese Natur zu bekmpfen, auszurotten und mit einer geluterten,
einem Kleide voll Glanz und Durchsichtigkeit zu vertauschen! Wenn dich dein Auge
rgert, rei es aus! war Jahrtausenden und ist noch jetzt Millionen nicht im
Bilde gesprochen! Wirklich reien sie sich - und andern den edelsten Theil des
schnen menschlichen Baues aus! In dem protestantischen Wesen findet die Lehre
von der Erbsnde doch, wenigstens nur noch im allgemeinen eine Pflege; aber bei
uns, den Treugebliebenen, uns, den in duldender Ergebung das groe
geschichtliche Vermchtni Forttragenden, bei uns ist darauf die ganze
Heilslehre begrndet und der Teufel eine Macht, die man schon von dem Kinde
wegblst und wegkreuzigt, wenn es getauft wird. Jeden ruhig prfenden Seelenarzt
frag' ich, wie er es nennt, wenn das Mistrauen und der Ha vor der eigenen
Person sich so steigert, da man sein Ich einer fortwhrenden Zchtigung
unterwirft? Die Manie hrt darum nicht auf eine Manie zu sein, wenn sie auch
geheiligt erscheint durch Millionen, die von ihr befallen wurden. Oft kann uns
schaudern vor einem Wahn, der die ganze Majestt der Gewohnheit und der Gesetze
fr sich hat. Und doch ist dem so und wir sehen es mit Wehmuth.
    Ich bekenne von mir, da ich in meiner Erziehung zum Priester unter dem
Druck einer steten Bengstigung vor dem Uebersinnlichen und Gespenstischen
lebte. Die Fasten, die methodisch geregelten Lebensweisen machten uns Knaben bei
allem sonstigen Leichtsinn den Kopf so wirbeln, wie eine immerfort angeschlagene
eintnige Trommel zuletzt zur Verzweiflung bringt. Wir berboten uns, und nicht
aus Eitelkeit und Liebedienerei, in der Schaustellung des Kampfes gegen
Anfechtungen; wir wollten Visionen haben, wie Antonius in der Wste und Franz
von Assisi. Einen meiner Mitschler fand man eines Tages mit verletzten Gliedern
ohnmchtig in seinem Zimmer am Boden. Die Gewohnheit hatte er gehabt, in jedem
Augenblick, wo er allein war, an einem Querholz, das er nach langen geheimen
Mhen so ber einen in der Mauer hervorstehenden Balken befestigen konnte, da
es sich auch ebenso wieder abnehmen lie, ohne da man die Anstalt bemerkte,
sich anzuklammern und fr sich ganz allein wie Christus am Kreuze zu schweben.
In dieser Selbstmarter wrde er immer weiter gegangen sein, wenn man ihn so
nicht eines Tages besinnungslos gefunden htte.
    Empfindung hab' ich fr alles Poetische, das einem solchen Wahn und einem
darauf begrndeten Glauben und Leben zum Grunde liegen kann; ein Schauer
berrieselt mich aber doch, wenn ich mir eine solche, damals nicht etwa
bestrafte, sondern eher noch bewunderte und belobigte Gesinnung in ihrer sptern
Entwickelung, im weien Gewande des Dominicaners, als Groinquisitor, als
Beichtvater eines Frsten denke und an solcher Stelle dann die Loose gemischt
und gezogen, die ber das geistige Wohl der Jahrhunderte entscheiden wollen. O
du edler Gekreuzigter, den ich so innig liebe, was geht auf deinen Namen! ...
Einst fragte ich einen Arzt nach meiner Leichenschminkerin. Solche Dinge
entstehen aus den Strungen des geschlechtlichen Lebens! sagte er ... Nun wohl,
dann will ich einen Schleier fallen lassen, so gro wie der sternenlose,
schneeverhllende Nachthimmel des Novembers, ber euch Kirchen und Kapellen und
Klster und Schulen, in denen die Priester im Geiste Hildebrand's erzogen werden
und wirken! ...
    Ich sah auch vielerlei Wahn, der nicht aus den Strungen des
geschlechtlichen Lebens kam. Die beleidigten Geister der Freiheit und Natur
rchen sich. Sie jagen wie mit Furienfackeln die Feinde der Menschheit, die
Verbrecher gegen den Heiligen Geist rund um sich selbst, da sie keinen Ausweg
mehr wissen vor ihrem eigenen Schatten und mitten in ihren Siegen, mitten in
ihren Triumphen eine Verzweiflung sie ergreift, die ihnen zuletzt nicht den
geistigen Tod als die hchste Lebenswonne vorspiegelt, sondern sogar den
physischen -
    Wir hatten unter unsern Lehrern einige ehemalige Benedictiner, in ihrer Art
hchst gelehrte und an sich vortreffliche Mnner. Sie gehrten Klstern an, die
man aufgehoben, Klstern, in denen sie mit groer Bequemlichkeit gelebt hatten.
Einer davon verschmerzte die Versetzung in den Stand des Weltgeistlichen sehr
leicht. Es war ein Mann jovialer Natur, plauderhaft und nicht reinen Geistes.
Ihm htte des alten Rmers Wort: Vor Kindern habe Scheu! vorzugsweise gerufen
werden knnen. Seine behbige und immer lchelnde Art war die der unerlaubten
Vertraulichkeit im Reden. Wie ein leckes Fa war er, das aus allen Ritzen
quillt. Seine Lust war die, Geschichten aus seinem Kloster zu erzhlen, alles
durcheinander, Heiliges und Weltliches, Verbrgtes und Unverbrgtes - spter
hab' ich oft solche unwrdige Greise gefunden, die ein Gefallen daran finden,
gerade vor der Jugend geistig entblt zu gehen. Was hat uns nicht dieser alte
Professor, Pater Sylvester, von seinem und allen Klstern und Pfarreien der Welt
erzhlt! Nichts etwa, was gegen sie zeugen sollte, nein, das Frommste, das
Andchtigste, aber gemischt mit dem Unmglichsten und sich eben deshalb dem
Spott von selbst Anheimgebenden! Die Geschichten von einer Pfarrerskchin, die
mit dem Teufel zu thun gehabt hatte, erzhlte er ebenso fr bestimmt, wie er die
Versicherung gab, da im Fegefeuer die Mnner und Frauen getrennt sind. Dies
bewies er aus der schlechtern Natur der Weiber, die durch Aussprche der
Concilien erhrtet wurde. Die Entziehung des Kelches schrieb er dem
Ueberhandnehmen der Brte zu und der Gefahr des Weines vor dem Ungeziefer - Kein
Bienenschwarm, sagte er wie mit Schwuresbetheuerung, der in eine Kirche kme,
rhre die Hostie an - Zwei Leichen htten in einem Grabe gelegen, als man sie
aber ausgrub, htte man die eine ber der andern gefunden und als man nher sich
erkundigt, war die untere ohne Beichte gestorben - Dem Pfarrer gebhre
eigentlich von allem der Zehnten, auch von der Ehe; diesen knnte er aber den
Neuvermhlten schenken, da er jede Ehe schon vollstndig allein gensse, nmlich
am Altare im Sakrament (man denke sich, wie uns reifende Knaben diese Worte
aufregten!) - Die Kirchenglocken wren die Zungen der Lfte, folglich mten sie
auch wie jede Zunge fasten; das geschhe am Grnen Donnerstage - Im Beichtstuhl
mte man vorzugsweise nach den Trumen fragen; eben in diesen lge der wahre
Schlssel zur beichtenden Seele, die oft selbst nicht wisse, was ihre wahre
Snde sei - Beim Lesen einer Todtenmesse erkenne man daran, wenn dem Priester
das Kind Jesu in der Hostie erschiene, da die Seele nicht mehr im Fegefeuer
wre - Und so gingen diese Belehrungen des Paters Sylvester fort bis zur
Exaltation ber den Werth eines Priesters, da dieser uns geradezu Gott
gleichzukommen schien. Zwischendurch liefen in aller Harmlosigkeit Berichte ber
ein Nonnenkloster, wo die Schwestern im Klostergarten bei Mondschein wandelten
und unter den Blumen das Kind Jesu suchten und oft schon htten sie's gefunden,
sagte er, und htten's in die Kirche an den Hochaltar getragen, geputzt und
lieblich angesungen und allerlei Spa mit ihm gehabt - oder von einem Mnche,
der in einem Bchschen den Staub sammelte, der sich am Hochaltar auf den
Marienbildern anlegte, und damit Zahnweh vertrieb und Aehnliches.
    Was aber auch Pater Sylvester uns in Muestunden und beim Spazierengehen mit
ernster Miene an solcher Narretheidung zuflsterte - man schickte ihn endlich in
ein Versorgungshaus - nichts kam dem gleich, was wir in unserm dstern Gebude
mit seinen langen Gngen, finstern Zellen, durchrucherten Winkeln und
gefngniartigen, vergitterten Fenstern endlich selbst erlebten.
    Ein anderer Benedictiner, Pater Fulgentius, war ein Mann von groen
Kenntnissen und strenger Disciplin. Cholerischen, oft aber auch wieder
tiefmelancholischen Temperaments und wie von Schwermuth ber die ganze
Erdenschpfung ergriffen, flammte er bald in Ausbrchen der Leidenschaft auf,
bald versank er in ein fast menschenscheues Umherirren und Suchen nach einer
Ruhe, die er nicht finden konnte. Er brachte es dahin, da Pater Sylvester
endlich entfernt wurde. Von zelotischer Strenge in seiner Lehre strafte er, lie
zchtigen und verbreitete Furcht und Schrecken. Dieser Gesinnung wegen hatte man
ihn zum Rector ernannt. Erst schlo er sich ein, um diese Wrde abzulehnen -
zwei Tage lang! Als er endlich, von Hunger und Durst getrieben, nachgeben mute
und ffnete und die Wrde annahm, war er eine Zeit lang die Milde selbst; bald
aber kam die alte wie aus Feindschaft gegen Gott und die Welt hervorgehende
Strenge, die indessen den Ruf der Gottseligkeit der Anstalt mehrte. Endlich
verbreitete sich das Gercht, da es mit dem Pater Fulgentius nicht geheuer
wre. Nachts hrten wir Kleinern zuweilen ein pltzliches Laufen auf den
Corridoren, ein Schellen wie nach Hlfe - am folgenden Morgen erfuhr man, der
Rector wre krank gewesen. Erst nach einigen Tagen erschien er dann wieder,
dster und verfallen, mit dem Ausdruck des tiefsten Seelenschmerzes und so, als
lge das ganze Leid der Welt auf seinen Schultern. Diese nchtlichen
Begebenheiten wiederholten sich, ja am Tage kamen sie schon vor und allmhlich
verlautete die grauenhafte Kunde, da der Rector, gefoltert von Seelenleiden,
unzufrieden mit allem und mit sich selbst zumeist, eben noch die
gleichgltigsten Dinge reden, dann aber in seine Zelle gehen konnte und Versuche
machen, sich zu entleiben. In der ersten Nacht hatten ihn einige Schler der
ersten Klasse gerettet, die um Mitternacht in den Chor muten, um zu singen. Sie
klopften, um den Rector, der sich zuweilen auch diese Unterbrechung des Schlafes
auferlegte, abzurufen, traten, da niemand sein Zimmer verschlieen darf, selbst
ein Lehrer nicht, ein und hatten den Anblick eines Erhngten. Die rasche
Entschlossenheit eines der strksten Alumnen schnitt ihn los und allmhlich kam
er zu sich. Man verschwieg den Vorfall, mute ihn verschweigen; aber er
wiederholte sich. Man suchte die Ehre der Anstalt zu wahren; die Verbindung mit
der Auenwelt war so lose, so locker, die Intervalle der
Selbstzerstrungsanflle wurden zuweilen lnger; man bewachte den Unglcklichen,
nahm ihm weg, was ihm die Ausfhrung seines Gelstens erleichtern konnte - und
so wurden diese Dinge vertuscht. Als jedoch immer und immer die Scenen
wiederkehrten, beriefen die Professoren, die grtentheils durch Pater
Fulgentius berufen und angestellt waren, einen Mann, den wir, als wir davon
erfuhren, nicht anders als fr einen Exorcisten halten konnten. Denn es stand
uns fest, da eigentlich an dem Pater Fulgentius sich eine besondere Absicht der
Vorsehung offenbarte. Wir sahen ihn um seines gottseligen Lebens und seiner
Lehre willen nur unter den Anfechtungen des Teufels. Ihn dem Himmel zu erhalten
schien uns der Zweck eines Besuches zu sein von einem durch seine Ascese
berhmten Mnche, einem Laienbruder der Franciscaner, der aus ferner Gegend
angemeldet wurde.
    Ein Bruder Hubertus erschien. Eine hagere, fast skeletartige Gestalt, mit
einem Kopfe, der schon dem Beinhause anzugehren schien. Angekommen, verneigte
er sich freundlich nach rechts und links und begrte den Rector scheinbar nur
im Auftrage seiner Obern mit dem Ausrichten einer ihm anvertraut gewesenen
Commission in Sachen eines Processes; denn auch ein Advocat begleitete ihn.
Pater Fulgentius wute nichts von dem Vorhaben seiner Freunde, die eine Heilung
durch den Bruder Hubertus nach dessen Rufe fr mglich hielten. Auch ich erfuhr
erst viel spter den ganzen Zusammenhang aller dieser Vorgnge. Auf meinen
knstlerischen Irrpfaden begegnete ich einem meiner frhern Mitschler, einem
inzwischen angestellten Pfarrer, der damals den obern Klassen angehrt hatte,
die den Rector bewachten. Man denke sich Vorlesungen ber den Glauben und die
Liebe, die unter solchen Umstnden gehalten wurden! Jener berhmte Rechtslehrer,
der in Berlin auf die vernnftigste Art seine Pandekten las und dennoch sich
einbildete, Kaiser Justinian zu sein, hat mich oft an diese Collegien in unserm
Convict erinnert. Von diesem alten Mitschler erfuhr ich erst, da Bruder
Hubertus, der gleichsam zum Ausruhen von seiner Fuwanderung einige Tage lnger
unter uns verblieb, eines Tages den Befehl gab, die Werkzeuge der
Selbstzerstrung in des Paters Nhe - nicht wegzunehmen. Es geschah dies ...
    Lucinde hrte die zwlfte Stunde schlagen ...
    Sie legte die Bltter zusammen ...
    Sie kannte ihren ganzen Inhalt ...
    Sie hatte alles das schon so oft gelesen und nahm es nur dann wieder vor,
wenn sie sich fr den Zwiespalt, in dem sie mit den Auffassungen Serlo's lebte,
eine Beruhigung suchte, eine Brcke der Vermittelung ...
    Htte Serlo noch gelebt und neben ihr gestanden - mit seiner elegischen
Ironie, der lssigen Ergebenheit, der sichern Zuversicht, da dies ganze Dasein
der Mhe des Lebens nicht lohne - sie wrde vielleicht ber Religion und Kirche
gedacht haben wie er. Bonaventura aber glaubte anders ... Das zog sie, sich
nicht den Anschauungen Serlo's gefangen zu geben ... Wie sie schon den Beda
Hunnius anders beurtheilte als Serlo, so htte sie auch getrost den ganzen Bau,
der sich um sie her durch ihr neues Bekenntni wlbte, vollkommen anerkannt und
an seiner Vollendung mitgearbeitet, htte nur Bonaventura irgendwie ermuthigend
und beifalllchelnd zu ihr herabgesehen ... und das stand berdies in ihr fest:
Wahn ist ja alles! Fr den Glauben aber, es wre kein Wahn (und der ist
nothwendig, wenn nicht alles zusammenfallen soll), kann es mancherlei Formen
geben, von denen dann allerdings die eine vielleicht eine Kleinigkeit besser ist
als die andere ...
    Der Name des Mnches Hubertus durchschauerte sie jedesmal, wenn sie von ihm
las. Sie hatte ihn nie gesehen - aber in ihrer Jugend oft von ihm reden hren.
Was knpfte sich nicht alles an ihn an! An diese alte Liebe der wie einst ihre
Tauben gestern so am Kchenherd Erwrgten! ... Die Nchte im Pavillon des Parks
vom Schlo Neuhof, wenn die Ulmen rauschten und der Mond mit seinem so klugen,
aller Dinge der Erde kundigen Antlitz in ihre Kammer schien, nachdem sie das
Licht ausgelscht und sich auf ihr Lager geworfen ...
    Auch jetzt ging sie zur Ruhe ... die Lampe auslschend und hinter ihrem
Schirm verschwindend wie ein Schatten ...
    Sie hatte die Ahnung, da sie noch durch viel Untergang und Zerstrung gehen
wrde - Dann war es ihr immer, als stnde alles um sie her in Flammen ... Und
auch heute war ihr erster Traum eine Feuersbrunst ...
    Allmhlich wurden die Bilder ruhiger ... Noch zeigten sie wol die alte Frau
Hauptmnnin auf der Todtenbahre ... Hubertus trat zu ihr ein wie zu Pater
Fulgentius ... Doch was sind Trume! ... Der Advocat, der hinter ihm stand,
war erst Lucifer selbst - dann milderten sich die Schrecken - die Gestalten
wurden bleicher und bleicher - zuletzt blieben nur die beiden Bologneserhndchen
brig und Herr Maria mit seiner saubergefltelten Wsche und mit Deutschlands
feinstem Dialekte.

                                    Funoten


1 Wir werden gezogen und haben keinen freien Willen.


                                      10.

Hoiho! ... Hoiho! ... Hoiho!
    So rief es hellauf hinter einer lieblichen Gruppe von Birken und Hngeweiden
und von einer weiblichen Stimme, rein, metallen, wie Silberton.
    Die Ruferin war ein junges Mdchen in blauem Kleide, einem leichten runden
Strohhut auf dem einfach gescheitelten Haare -
    Ein Ruder in der Hand stand sie in einem leichtgebauten Kahn, ihn hin- und
herwiegend mit herausforderndem Muthe. Noch lag der Kahn an einer Kette, die ihn
am Ufer festhielt; noch stie und rauschte sein Vordertheil an den Sand und die
Steine des Strandes der Insel Lindenwerth. Ein Schifferknabe sa an der
entgegengesetzten Seite; das Steuerruder schon in der einen Hand und auf den
erwarteten Befehl bereit, die Kette mit der andern zu lsen.
    Die Ruferin winkte jetzt durch die Hngeweiden und Birken hindurch einem
alten, von Linden umstandenen Gebude zu, das klosterhnlich dicht in der Nhe,
in der Mitte der kleinen Insel lag. Sie schien es auf ein Fenster abgesehen zu
haben, an dem auch eben eine andere, ltere weibliche Gestalt sichtbar wurde.
    Der Seemannsruf Hoiho! Hoiho! schien aber dort nicht die beabsichtigte
Wirkung hervorzubringen.
    Armgart von Hlleshoven - sie nur ist es - befahl mit einem kurzen
vertraulichen Winke dem Schifferknaben, weiter ins Wasser hinauszustechen und
lehnte sich selbst ber Bord, um die Kette vom Pflocke, der sie festhielt,
abzunehmen. Als zu dem Ende der Knabe sein zweites Ruder ergriffen hatte, nahm
sie ihren Hut ab und setzte sich ans Steuer statt seiner. Der Knabe wute schon,
sie wollte, um von der Dame am Fenster gesehen zu werden, mehr die Hhe der
kleinen Hafenbucht gewinnen.
    Nun mute doch gewi das Winken mit dem groen Hute sichtbar werden an dem
Fenster des Klostergebudes!
    Aber jetzt war die daselbst ersichtlich gewesene Dame vollends verschwunden.
    Armgart harrte erst, ob die Gerufene inzwischen vielleicht herabkme ... Da
sie aber ausblieb, forderte Armgart den Knaben auf, einige hrbare und krftige
Zeichen von sich zu geben.
    Hast ja dem geistlichen Herrn neulich um deine Stimme so gefallen, sagte
sie, und sprichst als Ministrant dein Saecla Saeclum so prchtig laut, da sie
dich hren mu, Tnneschen! Ruf' einmal recht Juhu!
    Und Antonius, genannt Tnneschen, rief denn auch, immer auf ihr Auge sehend,
ein Juhu um das andere lautschallend in die Weite hinaus. Freilich mute er dazu
von Armgart erst wieder aufs neue ermuthigt werden, denn es ging gar still her
um die Insel Lindenwerth und wirklich war er von jenem geistlichen Herrn um
seines schnen Aussehens und seiner sanften Augenwimpern willen in allem Ernst
zur Verfolgung der kirchlichen Laufbahn ermuntert worden, als er ihn beim
Ueberfahren zu den Englischen Frulein in einem Bchlein schon vor Wochen auf
den Thuriferar studiren sah, den er am morgenden Sonntag drben in der Kirche zu
Drusenheim - noch nicht in der byzantinischen des Herrn Bernhard Fuld, sondern
in der alten - beim Hochamt bernehmen sollte.
    Ei, Tnneschen! Lauter! Lauter! Was schadt's! rief Armgart.
    Nun lie Tnneschen ganz den Schifferknaben los und wagte einen Naturlaut
von einer solchen Kraft, da man das Echo vom jenseitigen Ufer drben im Enneper
Thale, wie hben vom vielbesungenen Hneneck zurckschallen hrte.
    Dann sah er Armgart an, als wollt' er sagen: Nun, war's so recht? Aber dir
berlass' ich die Verantwortung!
    Die Dame erschien wieder am Fenster ...
    Sie machte jedoch die entschiedensten Zeichen der Ablehnung der ihr offenbar
zum Mitfahren gestellten Aufforderung.
    Mit zrtlich winkender Geberde wiederholte Armgart ihr Anliegen. Sie zeigte
ringsum in die Gegend, deutete mit dem Hut auf die wundervolle Luft und
beschrieb mit dem einen Arm, den sie frei hatte, einen Kreis, als wollte sie
sagen: Gibt es denn etwas Schneres in der Welt, als so auf dem schnsten Strom
der Erde an einem Sonnabend Nachmittag im Kahne durch die Wellen zu kreuzen!
Gibt es denn etwas Vernnftigeres, da du doch immer die Vernunft im Munde hast,
als eine Erlaubni zu benutzen, die die gestrengen Englischen Frulein mir
Unverbesserlichen zugestanden haben! Ist denn der Antonius Hilgers trotz seiner
unverkennbaren Bestimmung zum Priester nicht der beste und kundigste Ruderer der
Insel? Meiden wir denn nicht sorglichst die Dampfschiffe, obgleich, im Vertrauen
gesagt, nichts ber das Schaukeln geht, wenn sie vorber sind und der Nachen in
ihre zurckgelassenen Furchen gerth? Hten wir uns denn nicht vor Thiebold de
Jonge's groen Holzflen, mit denen nicht zu spaen ist? Und ist denn nicht
jetzt die Stunde, wo wir mglicherweise drben -
    Alles das sagte ihre Geberdensprache und ihr Blick, aber die grausame Dame
zeigte auf eine Nharbeit, die sie hoch emporhielt ...
    Ach was! war Armgart's Geberdenantwort. Sonnabend Nachmittag! Die seligste
Zeit im Leben lernensgeplagter Jugend! Sonnabend Nachmittag mit seinem
Stillstand aller theoretischen und praktischen Lehrcurse, mit seinem Wonnegefhl
vollbrachter geographischer und linguistischer Anstrengungen, mit seinem
erhebenden Rckblick auf wenig Lob und viel Tadel, mit seiner zurecht gelegten
Sonntagswsche, seinem erquickendsten Reinigungsbehagen, auch dem geistigen, dem
abgelegten Sndenbekenntni in der Beichte; Sonnabend, Sonnabend mit seinen
Ahnungen und Hoffnungen auf Sonntag, auf die Extramehlspeise, Nachmittags auf
die Landpartieen der Philister, denen diese schne Natur Feiertagskuchen ist,
uns das tgliche Brot! ... Alles das wurde durch Deuten auf Himmel, Wasser,
Erde, Luft, Ohr, Auge, Herz und hnliche erfinderische Mimoplastik ausgedrckt.
Und zuletzt stand sie sogar ganz still, bat nur mit den Augen und lie die an
ihr jetzt sogar seit dem Abend bei Piter Kattendyk stadtbekannten zwei weien
Zahnperlen unter den vor Ungeduld und Schmerz halbgeffneten Lippen sichtbar
werden. Die Dame oben - es war Angelika Mller - sollte daraus entnehmen: Meine
drei Aves, die ich fr meine heute gebeichtete bekannte Ungeduld und
Verzweiflung um das lange Schweigen des Dechanten und meiner angebeteten Paula
und mein Herzpochen um die Antworten auf die Briefe nach Kocher am Fall und nach
Wien zur Bue zu beten vom Pastor Engeltraut drben aufbekam, hab' ich bereits
hinter den ausgenaschten Brombeerhecken und beim Auflesen der auf den Boden
gefallenen ersten reifen Mirabellen in aller Stille hinter mir ... also so komm'
doch, so komm' doch, so komm' doch!
    Da nun aber bei alledem die Grausame hartnckig und lchelnd ablehnend
verblieb, da es auf der Insel sogar schon lebendig wurde ber den Lrm des sonst
so still sittsamen Tnneschen, da die Mitbewohnerinnen der Pension sich aus den
Fenstern, ja sogar schon im Gemsegarten meldeten und zwei davon, die kein
Deutsch konnten, in franzsischer Sprache sich vom Ufer aus ber Nautik und den
Atlantischen Ocean mit Armgart zu unterhalten anfingen, was leicht damit enden
konnte, da ihrer mehrere mitfahren wollten, und als vollends von dem Ufer am
Hneneck her schon ein Kahn voll natur- und romantiktrunkener Englnder und
Englnderinnen angefahren kam, so wandte Armgart ihr letztes und strkstes
Beschwrungsmittel an.
    Tnneschen ri die Augen auf ber die Geberden, die pltzlich das Frulein
von Hlleshoven machte. Sie lie das Steuer fahren, hob noch einmal das zweite
schwere Ruder in die Luft und beschrieb mit ihm allerlei wunderliche Zeichen.
Erst einen groen Kreis, dem sie gleichsam zuletzt in der Mitte einen Punkt gab.
Dann ein Dreieck, in das sie wieder ein Dreieck hineinzeichnete. Dann ein
Viereck, durch dessen vier Winkel sie einen Kreis beschrieb ... So, eine
mathematische Figur nach der andern, und wie die Hand mde wurde, legte sie das
Ruder nieder und drehte mit dem Finger Spirallinien und Wellenlinien und machte
Schnrkel ber Schnrkel in die Luft.
    Da schttelte denn endlich Angelika Mller am Fenster lchelnd den Kopf. Sie
schttelte ihn wie ber ein Wesen, mit dem man die unsglichste Geduld haben
mte ... Wir wissen aber schon, da dies jene Zeichen sind, auf welche Dr.
Laurenz Pttmeyer, Angelika's Freund und funfzehnjhriger Verlobter (Hegel lebte
nicht mehr, aber sein vom Staate respectirtes Testament duldete keinen neuen
Lehrstuhl neben dem von ihm selbst bestimmten Nachfolger) seine rechtglubige
Philosophie begrndet hatte.
    Jetzt kam denn Angelika ...
    Rasch war Armgart bei der Hand, setzte ihr Ruder wieder ein und wies auf den
Punkt, wo Angelika immer vorzog, zu einer Stromfahrt einzusteigen ... Und es war
die hchste Zeit. Junge Mitpensionrinnen machten schon Miene, mitfahren zu
wollen nach Amerika, wie es hie, nach Canada ... Alle hatten seit einiger
Zeit nur Amerika und Canada im Munde; Thiebold de Jonge hatte zwar keine
Verwandte im Stifte und durfte es deshalb nicht betreten, trug aber doch die
Verehrung fr die Tochter seines Lebensretters nicht wenig zur Schau.
Stundenlang in einem gelben Nankinghabit, das ihm mit rothseidenem Sacktuch auf
der Brust und gelbem Strohhut allerliebst stand, in der Gegend der Insel allein
herumzusteuern war seiner Schwrmerei eine Kleinigkeit. Ja, alle wuten schon,
da morgen im Enneper Thale Thiebold de Jonge und seine Freunde, Piter Kattendyk
ausgenommen, zu den Hunderten von Gsten gehren wrden, die sich Sonntags hier
regelmig drngten, ja sie wuten schon durch Briefe aus der Stadt von Gebhard
Schmitz, da es ganz ausdrcklich auf eine Begegnung mit den Stiftlerinnen
abgesehen war.
    Angelika Mller kam, einen mchtig groen runden Hut auf dem Kopf, mit einem
Shawl in Reserve fr etwaige Zugluft, mit einem Regenschirm in Reserve fr
etwaiges Gewitter, mit einem Sonnenschirm in Reserve fr etwaige zu stechende
Sonnenhitze, mit einem Proviantbeutel in Reserve fr etwaigen Schiffbruch und
eintretende Hungersnoth.
    Trotz der nicht erfllten uerlichen Erwartungen, die einst Frau von Glpen
auf die Dame setzte, die ihr diese Nichte anempfahl, hatte sie ein
berstrmendes Herz voll Gte und Antheil. Sie lehrte in der Anstalt Rechnen und
Mathematik, ohne jedoch irgendwie geistig so abstract zu sein, wie sie es
allerdings zum damaligen Schrecken des Dechanten uerlich war.
    Als die allverehrte Docentin der Mathematik, nicht ohne ein leises Kichern
der Aengstlichkeit, ber einige groe Steine, untersttzt von dem hlfreichen
Beistande der mrrisch zurckbleibenden Pensionrinnen, eingestiegen war, rief
Armgart ein im Grunde des Herzens tief vorwurfsvolles: Gott sei Dank! und war
ber die Sprdigkeit ihrer besondern Freundin und Gnnerin fast dem Weinen nahe.
    Du weit doch, sagte sie und setzte sich wieder ans Steuerbord, whrend am
Backbord Tnneschen jetzt beide Ruder zugleich mit krftig ausholenden Armen in
Bewegung setzte, du weit doch, wie mein Herz bekmmert ist und wie ich ohne
Beistand geradezu vergehen mu!
    Angelika breitete im Kahn ihre Sachen aus und prfte vor allem erst des
Fahrzeuges Gleichgewicht. Da sie die unruhigen Bewegungen Armgart's, ihr
Aufstehen und Aehnliches voraussah, legte sie alles, was sie bei sich fhrte,
sich gegenber, um, so leicht sie war, doch Gegengewicht zu haben. Dann sphte
sie rundum. Gefahr von grern Schiffen war nicht vorhanden. Die groe Strmung
des Flusses geht auf der entgegengesetzten Seite der Insel nach dem Enneper
Thale zu. Tnneschen wute schon, er hatte nach dem Hneneck zu fahren. Prchtig
ging es mit dem Strome; nur laviren mute man, um nicht zu weit unten zu landen,
sondern mehr nach oben, womglich an des Herrn Joseph Zapfs stattlichem
Wirthshause Zum Roland.
    Das Kummervollste bleibt immer unsere baldige Trennung! sagte Angelika.
Tante Benigna und Onkel Levinus machen jetzt Ernst mit Heiligenkreuz!
    Armgart's Ausdruck nahm den eines Schmerzes an, der den Blick, den Mund, die
Bewegung der Arme, alles ergriff und sie einer jener leidenden, stillergebenen
Heiligen hnlich sehen lie, die Murillo und Carlo Dolce gemalt haben.
    Angelika! Was soll ich in Heiligenkreuz! sagte sie.
    Erst nur die Stelle einnehmen; das Uebrige findet sich! Hunderte beneiden
dich um das Glck, eine Stiftsdame zu werden!
    Ein Jahr zur Probe, wie eine Nonne! Wie werden die alten Frulein mich
zurecht setzen in dem dstern Hause! Jetzt, wo ich Flgel haben mchte, um ans
Ende der Welt zu fliegen!
    Angelika vermied es auf diese Wnsche und Klagen zustimmend einzugehen ...
    Liebes Kind, sagte sie, eine Stiftsdame zu Heiligenkreuz schon in seinem
sechzehnten Jahre zu werden, ist eine Auszeichnung, die man nur Familien vom
ltesten Adel und von besonderer Distinction zuwendet. Nach einem Jahre kannst
du dann mit deiner Pension wohnen, wo du willst, vorausgesetzt, da du alle zwei
Jahre einige Monate unter den Damen zubringst, die es vorgezogen haben sich im
Stift fr immer anzusiedeln. Und ist denn Westerhof so entfernt von
Heiligenkreuz? Ein schner Waldspaziergang und du hrst schon die groen Hunde
von dem Kamp her bellen, aus dem Schlo Westerhof wie eine alte Gluckhenne
heraussieht!
    Angelika lachte, scheinbar ber ihren eigenen Einfall; aber sie lachte
eigentlich nur vor Behagen, weil Armgart sich so ruhig verhielt ... auch sah die
kleine Trumerin in ihrem Leid gar komisch aus.
    Das ist noch mein Trost! sagte Armgart, setzte aber seufzend hinzu: Wer
wei, was aus Paula wird!
    Das kann noch lange whren, liebes Kind! Rechnet man z.B ....
    Nur nicht rechnen! rief Armgart.
    Nicht rechnen? Als Stiftsdame wirst du den ganzen Tag rechnen! fuhr Angelika
fort. Die Einknfte bestehen in Naturalien und die vornehmen Frulein mssen
ihre Butter, ihre Eier, ihre Hhner, ihr Korn und ihr Stroh selbst verkaufen!
    Also ewig - dividiren! sagte Armgart trumerisch seufzend. 16 Jahre in 1111
- so viel Jahre mgen im Stift beisammen sein - wie viel kommt da auf mich?
    Du meinst, die Einknfte werden insgesammt verkauft und jedem wird dann je
nach seinem Alter sein Antheil gegeben? Bewahre, Kind! Frher war das so! Aber
einige alte Frulein kamen, die sehr geizig waren, andere trauten sich viel
Kenntnisse von Handel und Wandel zu, jede hoffte fr sich allein bessere Preise
zu gewinnen, als der Verwalter, und nun verkauft jede ihre Einknfte apart auf
ihrem Zimmer fr sich und hlt alle vier Wochen bei sich Markt ...
    Nun gut! ergab sich Armgart. Wenn ich also auch Fische bekommen sollte aus
unserm berhmten Lago Maggiore, dem Ententeich, so soll sie immer durch die neue
Eisenbahn hier unser Tnneschen da kriegen und auf die Tables d'hote am Hneneck
verkaufen! Nicht wahr, lieb Tnneschen? Bis du nach Belgien gehst?
    Tnneschen lachte ber die schmachtend elegische Huldigung und lachte nicht
ohne Pfiffigkeit. Er gehrte zu den Knaben, die der Kaplan Michahelles vorhatte
auswrts von den Jesuiten erziehen zu lassen ...
    Dem kleinen Kahne begegneten andere mit Fremden, die diesen schnen Punkt
nach allen Richtungen hin genieen wollten ...
    Zur Belohnung fr das von Armgart dabei heute so ruhig eingehaltene
Gleichgewicht zog Angelika aus ihrer Provianttasche einen Brief ...
    Da rief Armgart: Wie? und sprang nun auf ...
    Jesus Marie! entsetzte sich Angelika. Das hatte sie nicht bedacht. Der
Anblick eines Briefes lie Armgart sofort alle Schrecken eines umstrzenden
Kahnes heraufbeschwren. Vom Dechanten! rief Armgart und wollte den Brief haben.
    Diese Worte hrte Angelika kaum vor verzweifelnder praktischer Anwendung der
von ihr so oft vorgetragenen Theorie des Gleichgewichts.
    Als die Bewegungen Armgart's und des Kahnes sich beruhigt hatten, sagte
Angelika:
    Nein, wie du bist, Armgart! Es ist ein Brief aus Eschede! Der Herr Doctor
ist mit deinem Vorschlage, die Seelen der Abgeschiedenen mit einem kurzen Symbol
zu bezeichnen, berraschend einverstanden ...
    Armgart setzte sich mit einem tief geseufzten: So? Das! und voll bitterer
Tuschung.
    Angelika jedoch, der offenbaren Geringschtzung des Herrn Doctors nicht
achtend, rckte ihr zrtlich und mit einer seit funfzehn Jahren auf die
Sparkasse der Hoffnung gelegten Herzensinnigkeit nher und las:
    Ja, meine theure Freundin, da ... (die Liebenden nannten sich seit
funfzehn Jahren noch Sie) Sie auch in den Ihrer geistigen Pflege anvertrauten
Gemthern Bekenner fr meine Wissenschaft gewinnen, verpflichtet mich zum
wrmsten Danke! Wie sehr Ihre Empfehlung meiner schwachen, von Gott sicher noch
mit grern Erfolgen als bisher bedachten Bemhungen um das ewig Eine, ewig
Viele und ewig Besondere in Ihrer Nhe Wurzel fat, erseh' ich allerdings aus
dem Gedanken der holden Armgart, den abgeschiedenen Seelen, wenn sie zunchst
dem Fegefeuer zufliegen, tiefbedeutungsvolle Abkrzungszeichen zu geben. Ja
gewi, es gibt Semikolon-Seelen, die ihr Dasein auf Erden fast zweifelhaft und
unbeendet gelassen haben und dem Himmel nur ganz unfertig, vollkommen noch
weltlich und fast leichtsinnig zufliegen:

es gibt Fragezeichen-Seelen, die ganz nur im Jenseits von der Gnade Gottes
abhngig sein werden und etwas noch ordentlich sich Aufbumendes, Eulen-, ja
Fledermaus- und Drachenartiges im Aufflug haben:

Und da dann Frulein von Hlleshoven ihre Freundin Comtesse Paula in der
Betrbni, die junge Grfin knnte ihrem wieder recht nervenkrank gewordenen
Zustande erliegen, gar schon innerhalb des groen Gottesherzens, das die Welt
bedeutet, dem Fegefeuer in dieser Gestalt zufliegen sieht:

das hat wirklich in allen Bewohnern von Eschede, denen ich dieses Symbol
mittheilte, in der Frau Steuerinspectorin Emminghaus, in der Frau Geometer
Schmedding, in der Frau Hofrthin Tbbecke und allen meinen treuen Anhngern und
Anhngerinnen den Wunsch erweckt, auch einst nur in dieser Gestalt das Zeitliche
zu segnen. Aufwrts die Flamme der Luterung, das groe Herz die das Universum
zusammenhaltende gttliche Liebe und die Seele drinnen in Gestalt des
geflgelten Kreuzes feierlich senkrecht emporsteigend ...
    Was schreibt er von Paula? unterbrach Armgart, durch das Wort recht
nervenkrank gengstigt ...
    Angelika hrte aber nicht, wollte nur fortfahren und las mit der Phantasie
tief versunken in die kleine escheder Gemeinde ihres Freundes, die sie ihm ohne
alle Eifersucht als Ersatz fr einen Lehrstuhl in Berlin oder Mnchen gnnte:
    Frau Emminghaus -
    Nein, nein! unterbrach Armgart. Schreibe deinem Freunde, da die alle nicht
so ins Fegefeuer auffliegen werden, wie Paula! Frau Emminghaus mu als
geflgelte Kaffeekanne hinauf, Frau Tbbecke als geflgelter Strickstrumpf und
dein Doctor, der auch als schwarzes groes geflgeltes Dintenfa -
    Armgart! verwies Angelika aufs heftigste und wre nun fast selber
aufgestanden. Da jedoch suchte Armgart sofort ihre Unart durch eine Umarmung
wieder gut zu machen und nun htte selbst die ruhige Nachhlfe Tnneschen's
nichts gefruchtet, ein Unglck zu verhten, wenn nicht glcklicherweise der Kahn
schon dicht an das Uferschilf angekommen gewesen wre ... Der ausgestoene
Schrei der Lehrerin erstickte in einem Vergib mir, das Armgart schmeichelnd mit
einem ihrer sesten Tne sprach.
    Von der gewaltigen Flut fortgetrieben, landete der Kahn weit unterhalb des
Roland und mitten im Schilfe ... Dem Tnneschen war dieser Landungsplatz gerade
recht, denn er wollte im Kahne verbleiben, um noch zu morgen sein Latein zu
lernen, das keineswegs blos aus Spiritu tuo und Saecula saeculorum bestand ...
Pfarrer Engeltraut lie alle Knaben seiner Gemeinde, die sich durch Bravheit
auszeichneten und solche Aeltern hatten, die ein glattgekmmtes Haar, ein
sonntglich Gewaschensein von Kopf bis zu Fu, Schuhe und ein weies, sauberes
Rckel ber den rothen Talar, den die Kirche gab, verbrgten, nacheinander dem
heiligen Medienst administriren. Tnneschen war zum ersten male zum Schwingen
des Weihrauchfasses bestimmt und beide Mdchen lobten ihn und versprachen ihm,
an dieser Stelle sich wieder einzufinden und bestiegen das Ufer.
    Armgart wollte Angelika helfen ... Diese lehnte es jedoch ab ...
    In ihrem, wenn auch in allen Literaturzeitungen verspotteten, doch von ihr
und seiner Stadt und seiner Provinz hochverehrten Freunde war sie denn doch aufs
tiefste gekrnkt worden.
    Ernstlich schmollend erwehrte sie sich eine Weile jeder Annherung an ihr
schwer verletztes Herz ...
    Armgart's Anmuth aber trug den Sieg davon. Whrend Angelika erst die Lehre
von den Curven zu befragen schien, bis sie den Ansatz machte, diesen oder jenen
Weg einzuschlagen, sprang jene schon voraus und machte den von Angelika endlich
gewhlten Weg zweimal und da gab es denn bald wieder Heiterkeit, Lachen, Ku und
Umarmung.
    Das gewohnte Ziel ihrer stillbeschaulichen Wanderungen lag auf der Anhhe.
Angelika wre heute lieber in die schnen, eleganten Wirthschaften und Gasthfe
gegangen, die am Fue des Hneneck liegen oder in den dem Wasser nheren, wenn
auch weniger comfortablen Roland.
    Doch dahin brachte Armgart nichts. Sie wies zu Hecken und Obstgrten hinauf
und umschmeichelte die Freundin so lange, bis diese zuletzt zu den bekannten
drei Birnbumen folgte. Das waren drei einsame Birnbume auf einem
terrassenartigen Vorsprung der hohen Berglehne am Fue des Hneneck mit einer
kleinen Bank und einer ganz himmlischen Aussicht.
    Hier oben pflegte sich Armgart, wenn sie etwas athemlos von der steilen
Anhhe angekommen war, gleich in das rings wachsende Gras zu werfen und sich
manchmal noch ganz wie ein fnfjhriges Kind zu kugeln, manchmal aber auch von
hundert Sorgen, von denen sie bedrckt zu sein vorgab, sich auszuklagen und
auszuweinen ...
    So heute ... Und heute nicht einmal vor Sorgen allein, sondern nur vor
Ungeduld und Unruhe. Sie wute, da Benno in der Gegend war ... Er hatte ihr
durch Tnneschen's Vater, der ihn gestern oberhalb der Insel bergesetzt hatte,
sagen lassen, er htte zwar bald in diesem, bald in jenem Dorfe ringsum zu thun,
aber auch am Hneneck, und vielleicht knnte er sie am Sonnabend Nachmittag
irgendwo flchtig begren, am liebsten da, wo nicht die ganze Pension dabei
wre und jedenfalls nicht auf der Insel. Nun denke man sich die Unruhe, als die
Beichte und das Mittagessen vorber waren! Und sagen wollte sie es Angelika auch
nicht, was sie von Tnneschen's Vater wute, den sie mit ganzen fnf
Silbergroschen fr seine Mittheilung belohnt hatte.
    Kind! sprach Angelika, die noch immer nicht ganz die Krnkung ihres
funfzehnjhrigen Geliebten vergessen konnte, mit ernstem Verweise. Ich bewundere
die Nachsicht, die Pfarrer Engeltraut mit dir hat!
    Er kennt mich immer noch besser als du! antwortete Armgart mit klagender
Stimme ...
    Weil er so nachsichtig ist, dir alles zu glauben! Freilich, wo soll auch der
gute Mann all' die Geduld herbekommen, von so vielen jungen, zur Hlfte erst
gefirmelten Mdchen sich ihre Unarten erzhlen zu lassen! Sprach der Pfarrer
heute von deinen abgeschickten beiden Briefen?
    Wovon nur sonst!
    Was sagte er?
    Ich wrde die Mutter doch nicht sehen knnen, ohne ihr nicht gleich ans Herz
zu fliegen!
    Das denk' ich auch! Und du gelobtest es?
    Nein!
    Armgart!
    Ich werde die Mutter umarmen, wenn ich dabei die Hand des Vaters halte!
Bisjetzt war Onkel Levinus mein Vater; Tante Benigna meine Mutter! Ich will
Aeltern haben, aber Aeltern, die sich lieben! Lieben sie sich nicht, so will ich
sie nicht hassen, aber -
    Der Hufschlag eines Reiters aus der Gegend von der Universittsstadt her
unterbrach sie ...
    Nun merkte Angelika etwas an dem Aufblicken und dem Abbrechen und Vergessen
der Rede und wurde ngstlich. Sie schlug vor, am Gelnde des Berges weiter zu
wandern und dann in den Garten der Vier Jahreszeiten niederzusteigen. Dort
htte sie, wenn wie sie ahnte, Benno oder Thiebold kommen sollte, den lebhaften
Verkehr vorschtzen knnen. Sie sagte:
    In den Vier Jahreszeiten ist immer so auserlesene Gesellschaft! Und ihr
jungen Mdchen knnt euch nicht frh genug abschleifen! Komm, Armgart!
    Damit ging sie schon.
    Armgart lachte hinter ihr her.
    Abschleifen! rief sie ...
    Es war ein Lieblingsausdruck Angelika's ... eines von den klugen
Lebensworten, zu denen auch das Sichherausreien der Madame Serlo-Leonhardi
einst gehrt hatte. Schon manche der Pensionrinnen hatte die boshafte Bemerkung
gemacht: Frulein Angelika Mller ist allerdings vom Leben schon so
abgeschliffen, da nichts mehr an ihr brig geblieben ist! - eine bse
Anspielung auf die allerdings nicht unbedeutende Abstraction ihrer uern
Erscheinung.
    Als Angelika nach Armgart's Ausdruck consequent wie eine gerade Linie
weiter ging, um durch die Baumwege von hinten her in den Garten der Vier
Jahreszeiten zu kommen, folgte Armgart ihr erst leise auf den Zehen nach und
wollte sie rasch mit der Schleife ihres Strohhutes an einen Baum binden.
    Hier ist unsere Jahreszeit! sagte sie. Siehst du! Trauriger, dsterer
Herbst! Wie die Bltter fallen! Und die Birnen sind noch nicht einmal reif -
    Dabei hatte sie eine gepflckt und versuchte sie trotz alles Weinens und
aller Ungeduld des Herzens ...
    Die Erzieherin zankte jetzt wieder in allem Ernst, band sich frei,
behauptete ihre Autoritt und ging. Sie ngstigte sich wahrhaft, Benno von
Asselyn oder der dreiste Thiebold de Jonge knnten hier so pltzlich hinter
einem Busch hervortreten ...
    Armgart folgte und sagte:
    Ich habe keine Kraft! Wie eine Binse knnt ihr mich biegen!
    Als aber Angelika immer mehr eilte, erhob sie die Stimme zu feierlichem
Ernst und rief laut hinter ihr her:
    Das aber sag' ich euch, wenn ich Furcht bekomme vor mir selbst und gegen
euch alle nicht mehr aufkommen kann, dann flieg' ich davon und sollt' es in die
Flamme des groen Gottesherzens selber sein!
    All' ihr Heiligen! wandte sich Angelika jetzt und sagte mit ngstlich
schmeichelnder Geberde:
    Aber Kind, so beruhige dich doch! Der Dechant ist ja nur so lssig! Er wird
ja schreiben! Auch hrt man ja aus der Stadt, da die da krzlich ermordete Frau
eine Schwester der Frau von Glpen gewesen ist! Das alles wird die Antwort
gehindert haben! Und dein Vater wird wol selber kommen!
    Nein! rief Armgart, wild mit dem Fu auftretend, und entfloh dann und scho
den Weg hinunter.
    Knstlich angelegte und wohlunterhaltene Wege fhrten niederwrts und
zuletzt in den erwhnten Garten, in welchem Durchreisende unter einer langen
Veranda die hochberhmte Aussicht genossen.
    Armgart war bereits lange unten, als Angelika ihr nachkam ...
    Die Menschen hier! jammerte Armgart ihr entgegen und sah dabei doch ber
alle Tische hinweg, ber Englnder, Maler, Studenten, berliner Hofrthe und
Hofrthinnen und wer alles in Naturandacht hier beisammensa ...
    Sie suchte Benno, der nicht zu sehen war ...
    Angelika bestellte zwei Glser Milch.
    Wenn das da deine Mutter wre! flsterte die Erzieherin neckend und zeigte
auf eine junge Dame, die mit der Lorgnette die Gegend und die beiden Ankmmlinge
musterte ...
    Sie wollte nur Armgart durch den Scherz beruhigen ... ...
    Armgart blickte rasch hinber, dann wandte sie sich ab ...
    Du zweifelst wol, schmeichelte Angelika, weil die Dame so jung ist? Ei,
deine Mutter ist eine ganz junge Frau, die nur zu lebendig, zu rhrsam noch sein
soll! Dein Vater mag ein vortrefflicher Jger und Schwimmer und was sonst noch
alles sein, aber mrrisch und kalt ist er! Das hast du doch schon an dem
einsilbigen Hedemann gesehen!
    Armgart sagte, Hedemann gefiele ihr ganz wohl ...
    Eines nur hat deine Mutter, fuhr Angelika flsternd fort, was sonst nur dem
Alter gehrt ... ganz silbergraue Haare soll sie haben ...
    Armgart wandte den Kopf ...
    Sie ist nicht vierunddreiig Jahre, hab' ich gehrt, und doch hat sie ganz
silbergraue Haare! Sie trgt sie vorn in langen Locken und soll bei ihrer
Jugendlichkeit und Schnheit damit so auffallen, da alles still steht und ihr
nachsieht!
    Armgart gerieth in die grte Aufregung. Sie fand den Ursprung dieser Locken
nur im Kummer ... die Augen umflorten sich ihr, wie wenn ihnen Thrnen zustrmen
wollten ...
    Nun aber ertnte in nchster Nhe ein Posthorn ...
    Armgart lehnte sich rasch ber die Brstung des Gartens. Von der Universitt
her kam eben die Post angefahren ...
    Hben schon seit fnf Tagen konnte Armgart das Posthorn nicht hren, ohne
sich aus Kocher, und drben seit gestern nicht, ohne sich schon aus Wien eine
Antwort zu denken ...
    Der gelbe groe Rumpelkasten (Pensionsausdruck) hielt am Roland und
heraussprang - seligste Freude belohnter Erwartung! - in der That Benno ...
    Die Post selbst fuhr weiter ... Aber Benno war sogleich in den Roland
getreten und nun hielt die Post vor den Vier Jahreszeiten. Hier sprang ein
zweiter Passagier heraus ...
    Alles das sah Angelika, aber nicht Armgart mehr. Armgart zog die Freundin
mit sich fort - ohne da die Milch bezahlt war! Benno knnte ja so leicht zu den
drei Birnbumen hinaufgehen wollen - unntzerweise, sagte sie - sie mten
also zu ihm. Der Weg ging durch das Haus; nun - schliff sie sich ab in ihrer
Art, an jedem, der ihr in den Weg kam, an Kellnern, die Kaffeegeschirr trugen,
am Wirth, der dem neuangekommenen Fremden die besten Zimmer seines Hotels zeigen
wollte, an diesem Fremden selbst, der sie mit neugieriger Theilnahme musterte.
Sie flog voraus zum Roland und nicht etwa in dem Ueberwallen eines durch das
Wiedersehen beglckten liebenden Herzens, sondern weil der gute Mensch und
Vetter sie ja mglicherweise irgendwo suchen knnte, wo sie gar nicht war ...
    Alles das sah Angelika mit Entsetzen, zahlte, lie ganz gegen ihre
Gewohnheit einige herauszubekommende Pfennige im Stich und kam nur eilends nach
und gerade noch zur rechten Zeit, um die schon ber die ersten freudigen
Begrungen Hinausgekommenen zu trennen mit den Worten:
    Halt Armgart! Was soll das? Der Brief ist an mich!
    Die Adresse eines von Armgart schon halb erbrochenen Briefes war allerdings
an Demoiselle Angelika Mller ...
    Aber vom Onkel Dechanten ist doch der Brief! rief Armgart und mit
wiederholtem: Was schreibt er denn? folgte sie Angelika, die zur Seite abgewandt
schon mitten auf der Landstrae zu lesen begann ... Und im Grunde besa Angelika
ganz die Spannung, wie Armgart, wenn sie dieselbe auch nicht eingestand.
    Benno stand inzwischen in bestubten Reisekleidern vor dem Wirthshause zum
Roland und sprach mit dem Wirth, der ganz besonders erwartungsvoll seinem
Eintritt entgegengeharrt zu haben schien. Als Armgart gleich mit ihrem
Taschentuch ihn abzustuben begonnen, hatte Herr Zapf mit mchtiger Stimme dem
Hausknecht gerufen. In Kurzem war Benno befhigt, die Damen begleiten zu knnen.
    Im Lesen vertieft und sogar des Chausseegrabens nicht achtend, schob sich
Angelika querwrts in die Anhhen hinauf. Armgart mit der Linken zurckdrngend,
hielt sie mit der Rechten den Brief versteckt und lehnte jetzt schon eine
Mittheilung zu machen ab. Mte sie doch selbst erst ganz orientirt sein, sagte
sie, und dann noch hinge jede Entscheidung von dem Pfarrer Engeltraut ab und von
den Englischen Frulein ... und sie wisse ja das alles, was Anstand und
Hausregel in Lindenwerth mit sich brchten!
    Armgart faltete die Hnde gen Himmel ...
    Benno suchte von dem Wirth loszukommen, der ihn in emsigem Gesprch
begleitete ...
    Das wute schon Armgart von der ersten Begrung her, auf ihr laut
gerufenes: Hier! Hier! der Brief war an Benno aus der Residenz des
Kirchenfrsten nachgeschickt worden, der Dechant hatte ihm diese Zeilen
bersandt als Einschlu einer umgehenden Antwort auf die Mittheilung ber den
Tod der der Dechanei seit Jahren fremd gewordenen Hauptmnnin von Buschbeck ...
Er hatte geschrieben, da er einige Tage lang suchen wrde die Zeitungen zu
verbergen, um die Tante auf eine nur allmhliche Art mit einer Begebenheit
bekannt zu machen, die bei ihrem zartfhlenden Herzen eine gewaltige
Erschtterung und allerlei Hausjammer in Aussicht stellte ... Den Brief an
Demoiselle Angelika Mller hatte er ihm zu zweckmigster Besorgung beigelegt,
weil er die Regel solcher Pensionate zu kennen erklrte, da die Vorsteherinnen
alle Briefe, die kmen und gingen, erst selbst zu lesen begehrten ... Da er
dabei die Lage einer Lehrerin mit derjenigen einer Schlerin verwechselte,
bewies die wirkliche Aufregung, in der sich der alte Herr befand.
    Armgart bat und bat:
    Was schreibt der Dechant? Reist der Vater nach Wien? Wenn er mir verspricht,
mich mit nach Wien zu nehmen ...
    Dabei suchte sie mit pltzlicher List den Brief zu erhaschen ...
    Armgart, nun kein Wort weiter! sagte Angelika und verbarg den Brief
sorgfltigst. Ich habe geloben mssen, dich von keinem Schritt der Deinigen
einseitig in Kenntni zu setzen! Deine ganze Familie ist betheiligt! Alle sind
sie es, die dich lieben! Morgen das Weitere nach der Messe! Und nun genug davon!
    Jetzt war es doch fr Armgart ein Gefhl, als htte sie sich auf die
abschssige Anhhe werfen mssen und sagen: Nun, guter Gott, so la mich sinken,
sinken immer abwrts - bis in die Tiefen des Meers!
    Benno hatte Mitleid mit dem lieblichen Kinde, dessen Natrlichkeit sich in
keiner Regung ihres Gemthes verleugnete. Sie sah wie eine von den bittersten
Leiden der Seele Gefolterte und sich nun wirklich Ergebende so verklrt, so
durchgeistigt aus, da der von ihr mit einem ihr unbewuten Aufschlag der
schnen Augen auf ihn gerichtete wehmthige Bitteblick ihm das Herz mit Schmerz
und Wonne zugleich erfllte.
    Um den Ton zur Heiterkeit zurckzufhren, htte er von diesen und jenen
Dingen beginnen drfen. Doch war er zartfhlend und Menschenkenner genug, die
Richtung der Gedanken, die in Armgart's Seele lebten, nicht zu verlassen.
    Von Wien sprechen Sie? sagte er. Vielleicht ist der fremde Herr da, mit dem
ich fuhr, schon der Kurier Ihrer lieben Mutter!
    Armgart blickte mit lchelnder Ergebung auf die Vier Jahreszeiten ...
    Wirklich! Wirklich! Er wollte nach Drusenheim zu Herrn Bernhard Fuld
hinber! Wo eine Dame in den Gasthfen da am besten aufgehoben wre, fragte er.
Sein Accent war wienerisch.
    Angelika flsterte schmeichelnd:
    Beruhige dich! Es wird alles gut werden, Armgart! Morgen, nach der Messe in
Drusenheim, da sprech' ich mit dem Pfarrer und dann sollst du sehen, du bist
zufrieden - Gedulde dich!
    Geduld! seufzte Armgart, sich ergebend. Sie berwand sich, nicht dem Fremden
nachzueilen, der in behender Weise in der That in einen Nachen sprang, um zum
jenseitigen Ufer berzusetzen.
    Benno's Ruhe, Angelika's Festigkeit muten Armgart zuletzt zur Besinnung
bringen.
    Man stieg hher und wieder in die Anlagen hinauf.
    Benno mute erzhlen, was ihm alles seit dem Abschied an der
Maximinuskapelle - dort weithin in blauer Ferne waren ihre schlanken Thrme
sichtbar - und seit dem Zusammentreffen mit jener Lucinde Schwarz begegnet wre?
Wo diese hingewollt htte? Wie die Manver abgelaufen wren? Wie dem Thiebold de
Jonge die Uniform gestanden htte? Ob Hedemann nach Witoborn zge? Was der Vater
berhaupt beginnen wrde?
    Benno, der seine Cigarren trotz alles Schmerzes von Armgart selbst
ausgesucht und fast angeraucht bekam - sie lernte Unarten dieser Art von den
Mitpensionrinnen, wenn diese den Besuch ihrer Brder empfingen - und wenigstens
die Spitze der von ihr ausgewhlten bi sie noch dem Vetter in mechanischer
Anschmiegsamkeit an all sein Thun und Lassen ab -, Benno erzhlte von dem
Ersteigen des St.-Wolfgangberges, von der wirklich angeknpften Bekanntschaft
mit Lucinden, von dem Zusammentreffen im Pfarrhause zu St.-Wolfgang, von dem
Begrbni des alten Mevissen, von der Entweihung des Friedhofs ...
    Alle diese noch nicht auf die Insel Lindenwerth gedrungenen und doch so
berraschenden Thatsachen hrte Angelika voll Staunen, Armgart, da sie den
Pfarrer von St.-Wolfgang betrafen, mit dem Gefhl, wie wenn sie nicht Armgart,
sondern Paula wre. Benno mute unausgesetzt erzhlen. Einen so langen, so
inhaltreichen Brief hatte sie noch nie nach Westerhof geschrieben wie diesen,
den sie jetzt schon couvertirt und adressirt im Geiste vor sich liegen sah; sie
betrbte sich bereits um die Vorsteherin Schwester Aloysia, die bei ihrer Censur
- alle wenn auch nicht ankommenden, doch aus dem Pensionat abgehenden Briefe las
in der That erst Schwester Aloysia - gewi wieder das Schnste davon fr sich
geno, dann aber eine nochmalige Abschrift zu verlangen pflegte, lorsque vous
aurez supprimm les choses inconvenantes.
    Aber auch fr Angelika waren die Mittheilungen, die Benno in glckseliger
Behaglichkeit gab, vorzugsweise berraschend. Diese ihr wohlbekannte Lucinde
Schwarz, von der sie seit Hamburg nichts mehr gehrt hatte, sie war bei Frau von
Glpen Nichte gewesen! Einen Tag, lnger nicht! Wie konnte das anders sein,
nach dem Wenigen, das sie von dieser Abenteurerin wute und das sie dem
Pensionate an der Maximinuskapelle wohlweislich verschwiegen hatte! Und man
mte dann die Menschen wenig kennen, wollte man Angelika's eigenthmlich
gezogenem und erstaunendem: Ist's denn mglich? nicht eine gewisse Genugthuung
anmerken, da auch diese Gesellschafterin, wie so viele andere und vorzugsweise
sie selbst, den Anforderungen der Dechanei nicht entsprochen hatte. Sie lag in
den Worten: Der Dechant ist ein so lieber guter Mann! Zugleich sollte dies
Zeugni von Frau von Glpen das Gegentheil ausdrcken. Und so gutherzig Angelika
war, die Verbindung, in die Benno die neueste Zeitungskunde von dem Mord in der
Stadt mit dem Stolze der Frau von Glpen brachte, verbreitete selbst ber ihre,
freilich von Staunen und Schreck berschauerten Gesichtszge doch zuletzt ein
gewisses Aufleuchten schadenfrohen Behagens.
    Alledem hrte Armgart nur sinnend zu. Benno hatte in seinem Wesen etwas
Milderndes und Beruhigendes wie fr andere so auch fr sie. Sie htte seine Hand
ergreifen und sie wie die eines Bruders halten knnen ... Seine Mittheilungen
ber Bonaventura's Anwesenheit in der Residenz des Kirchenfrsten, die
wahrscheinliche Befrderung und Ansiedelung desselben in dieser Stadt, alles das
waren Thatsachen, die ihr Ohr buchstabenweise aufnahm, nur um die fr Paula
bestimmte Depesche so inhaltreich wie mglich zu machen.
    Erzhlen Sie mir jetzt von meinem Vater! sagte sie dann, als Angelika etwas
zurckblieb. Wie fanden Sie ihn? Ist er so, wie ihn Hedemann schilderte?
    Ohne Zweifel ... antwortete Benno zerstreut ...
    Mit Armgart allein zu sein, lie ihn erhhter den ganzen Reiz ihrer
Erscheinung fhlen.
    Ist er gro, so etwa wie - wie Hedemann?
    Hedemann war untersetzt, sie hatte wie Sie sagen wollen ...
    Um einen halben Kopf hher, sagte Benno; aber ebenso wetterbraun, ebenso
breitschultrig und - wie soll ich sagen - ganz so englisch! Ist Hedemann
Schiffssteuermann, so ist Ihr Vater Kapitn oder Commodore! Unsere
vaterlndische Art von drben hat die passendste Anwendung gefunden ...
    Wie so?
    Unser Land ist ja drben fast wie ein Meer! Die unermeliche Heide, das
Ackerfeld, der Torfmoor - alles das ist ein Meer des Landes. Auf dem schwimmen
wir mit unsern Hfen wst und einsam. Nicht einmal ordentliche Stdte haben wir.
Nicht einmal ordentliche Drfer. Ein Fahrzeug segelt auf gut Glck am andern
vorber.
    Unser Volk ist ein seefahrend Volk der Heide ...
    So! So! ... sagte Armgart. Seltsam! Ich hasse alles Englische ...
    Benno erwiderte lachend:
    Ja die englische Aussprache ist schwer!
    Die Asche seiner Cigarre drckte er jetzt schon an einem der drei Birnbume
ab ...
    Nein - darum nicht -! fuhr Armgart ohne alle Reizbarkeit fort ...
    Aber das Englische hassen? Und das sagen Sie bei Englischen Frulein?
    Die verlieen schon vor hundert Jahren England, um in Deutschland unserm
Gott besser dienen zu knnen! Sehen Sie, alle diese Englnderinnen hier ringsum
jetzt, die blieben am liebsten auch wie Mary Ward in Rom und bei uns, um
katholisch zu sein! Ich wei das!
    Sie wissen das?
    Benno verlie den verfnglichen Gegenstand und regte die Phantasie seiner
Begleiterin lieber mit allen Abenteuern an, die ihr Vater und sein Freund oder
Diener ihm erzhlt hatten. Sie htten Seltenes erlebt, Tapferes geleistet, auch
Pensionen dafr gewonnen und stnden unter dem kleinen, beschrnkten Volk in
Kocher am Fall wie zwei Riesen da, die man auf Jahrmrkten zeigte ...
    Benno wollte bei diesen Berichten vielleicht nur hren, ob Armgart nicht
nach Thiebold de Jonge fragen wrde ...
    Angelika kam inzwischen nher ... Sie hatte auf ein Ausruhen gerechnet und
fand nun die Wandelnden bereits schon wieder ber die Birnbume hinaus.
    Ei, was ist denn das da unten? Sehen Sie! Im Flu! Da taucht's auf! Nun
ist's wieder fort! Geben Sie Acht, da unten kommt's wieder!
    Mit jener Sorglosigkeit, die der Jugend auch eben nur dann eigen ist, wenn
sie gleichsam ahnt, da es zu Gestndnissen des Herzens noch lange, lange Zeit
bleibt und nichts ihm verloren geht, verlangte Armgart pltzlich die Anerkennung
ihrer Sehkraft ...
    Unten im Kahne hatte sich auch Tnneschen aus dem Schilf aufgerafft und warf
mit Steinen vom Uferrande ber den Wasserspiegel hinweg ...
    Das seh' ich wol! Der wirst Butterstollen! sagte Benno und erinnerte Armgart
an den Ententeich zwischen Schlo Westerhof und Borkenhagen ...
    Den kennen Sie noch? ... Es ist ja eine wilde Ente! ... Unsern Ententeich?
... Sehen Sie doch nur, wie sie den Kopf aufwirft! Rasch duckt sie ihn nieder
und unterm Wasser geht's fort! Sassa! Da ist sie! Im Nu hundert Schritte! Wieder
blickt sie auf, dreht den Kopf! Da, da! Guten Tag! ... Adieu! Glckliche Reise!
... Nein, auf unserm Ententeich gibt's keine so wilde!
    Mit dem Verfolgen der Wasserente, die sich Tnneschen zu treffen vergeblich
bemhte und die Benno jetzt erkannte, waren beide bei Angelika wieder
vorbergekommen, die sich nachdenklich gesetzt hatte und nun ernstlich zum
Aufbruch und zur Rckkehr auf die Insel mahnte.
    Die Sonne sank schon ber die westliche Bergwand ...
    Und nun, wie wenn Himmel und Erde in bester Ordnung und nichts auf dem
Herzen wre, weder bei ihm noch bei Armgart, durfte Benno scherzen:
    Ja, so gehen die Lgen durch die Welt! Von so einer Wasserente kommen ja die
Zeitungsenten ...
    Angelika, die ber Benno's Erscheinen berhaupt an ihre vielgeprfte, treue
Liebe erinnert wurde, gedachte der vielen Angriffe, die Doctor Pttmeyer
erleiden mute, gedachte der Macht der Lge in so vielen Literaturzeitungen und
siel mit einem Seufzer ein:
    O wohl! O wohl! O wohl!
    Dann stellte sie einige Erkundigungen nach Bchern an, wollte von den
Ereignissen der Politik hren, von der Burschenschaft, um die Dr. Pttmeyer auch
ein Jahr Kpenick erduldet hatte, von Benno's bekannten freisinnigen Meinungen
und vom Kirchenstreit, bis Armgart, beide unterbrechend, ausrief:
    Lat doch das alles! Kann man jetzt von anderer Aufklrung sprechen als vom
Himmel und von seinem Licht! Seht doch nur! Wie der Abend kommt! Ist's nicht,
als leuchtete alles in Verklrung! Diese gerippten Wlkchen da oben! Diese
leichten Federbschelchen! Fcher sind's doch wie von Eiderdunen! Nein, wie von
groen Perlmuttermuscheln! Wer solchen Staat htte, wie die Himmelsknigin!
    Alles das kam unbefangen und kindlich von ihren Lippen ... Da sie nichts
von einer Absicht dabei wute, bewies die leise Oeffnung der Lippen und der
Schmelz der hervorschimmernden kleinen Zhne, cette grimace, die sie nach
Anweisung der Englischen Frulein sich durchaus abzugewhnen hatte.
    Ja, man mchte hier predigen! fiel Angelika in merkwrdig freigesinnter und
tief gefhlvoller Zustimmung ein. Diese Berge sind wie Kanzeln!
    Ihr treues Herz dachte an Pttmeyer's fehlenden Lehrstuhl ...
    Kanzeln? rief jedoch Armgart, in der sich jenes Fliegen zur Flamme des
groen Gottesherzens zu regen begann. Die Berge sind ja selbst wie Prediger! Wie
Redner stehen sie da! Nein, Angelika, wie klein mte das sein, wenn da drben
einer auf dem Geierfelsen stnde und so zu allen Lgnern der Erde sprechen
wollte! Der Geierfels und hinter ihm die sechs andern Riesen, die sind ja selbst
die Propheten! Ich hre alles, was sie sprechen!
    Was sprechen sie denn? fragte Benno und hatte eben die Cigarre weggeworfen
...
    Im Tone seiner Frage, im Leuchten seines blauen Auges lag eine so
ausdrucksvolle Schwere, da pltzlich Armgart wie etwas Unsichtbares sich auf
sie niedersenken fhlte ...
    Ja, wie konnte Benno nur in das einfache Was sprechen sie denn? soviel
Ausdruck legen? Was konnte diese Wendung seines Hauptes, diese Glut seiner Augen
bedeuten? So wenig Worte und so viel seltsamer Ton in ihnen!
    Es ist doch wol Zeit, zu gehen! sagte sie zaghaft. Sie htte pltzlich vor
irgendetwas entfliehen mgen.
    Benno lftete seinen Hut. Sein kurzes, lockiges, schwarzes Haar war von dem
garstigen Cylinder, wie es sonst bei Armgart hie, festgedrckt. Und sonst
htte Armgart gar keinen Anstand genommen, ihm in sein Haar es lockernd zu
fahren, wie sie so oft den grauen Locken des Onkel Levinus gethan. Heute htte
sie um alles in der Welt dergleichen nicht mehr wagen knnen ...
    Angelika's Geplauder ber all den vernommenen und zu verarbeitenden
Thatsachenreichthum lste die gedrckte Stimmung. Auch fand sich Benno wieder,
auch Armgart. Ja sie schien heiterer und ausgelassener, als sie hrte, was alles
Benno in der Gegend hier zu thun htte und da er mindestens auch noch morgen da
wre ... Aber an seinen Handschuhen sah sie eine aufgesprungene Naht und sonst
hatte Angelika fr dergleichen Unglcksflle immer Seide, Zwirn, Nadelbchse und
Schere bei sich in ihrem Beutel, aber heute griff sie nicht, was sie sonst htte
thun knnen, nach seiner Hand, wagte nicht, ihm den Handschuh abzuziehen ... Es
trieb sie wie im Wirbel, sie mute fliehen wie vor sich selbst.
    Die Berglehne endete mit einem schroffen Abhang. Den scho sie hinunter. Die
Kanten waren hier eckig; an andern Stellen gerundet, von uralten Moosrunen
beschrieben; hier und da stand eine verkmmerte Zwergbirke, dort schwankte eine
Distel, hier eine hohe Doldenstaude mit braunrothen, schweren Samenkolben ...
Ein schwacher Halt hier, ein nachgebender dort ... Armgart scho so hinunter,
da sie pltzlich an einem Gebsch niedersank.
    Nun war aber auch Benno schon lngst gefolgt. Wie er an der Stelle ankam, wo
sie niedergeglitten, hatte sie von Kamillen mit weiem Bltterrande einige
Blumen gepflckt und fing an, einer davon die Bltter abzuzupfen.
    Was fragen Sie die Blume? rief Benno ...
    Und in dieser Frage lag wieder eine solche Glut, in dem Nachfolgen, als sie
sich erhob und jetzt ruhiger niederwrts stieg, eine solche Hast und ein so ganz
persnlich auf sie gerichteter Entschlu, da sie der Gedanke berrieselte: Was
glaubt er denn? ... Den Faust, den kannte sie nicht (wo wird in dieser Erziehung
Goethe zugelassen!), aber doch schob blitzschnell ein geheimer Zauber in ihrem
Innern der Frage Vater oder Mutter (sie wollte nur sehen, welchem Namen das
Blumenorakel sein letztes Blttchen lie) nicht etwa die Frage unter: Liebt er
mich, liebt er mich nicht? wol aber die: Kommt auch Benno morgen nach
Drusenheim, kommt er nicht? und als sie sah, wie er nun ihren Arm ergreifen
wollte, ihre Schulter berhren, den Ausschlag ihres Zhlens so ganz dringend
wissen, da unterbrach sie ihn, als wenn er sie nur im Zhlen irre machte, mit
einem fortgesetzten St! St! sie bekam aber den pltzlichen Einfall - und welcher
innere Schalk des Gemths hatte ihr das zugeraunt! - schadenfroh und bermthig
laut zu rufen:
    Kommt morgen Thiebold de Jonge nach Lindenwerth oder kommt Thiebold de Jonge
nicht? Kommt Thiebold de Jonge? Kommt Thiebold de Jonge nicht?
    So scho sie bergab.
    Sie knnen ja die nachgemachten Englnder nicht leiden! rief hinter ihr her
Benno ...
    Sie aber glitt bald an einem Steine aus, lie bald eine Pflanze mitgehen,
scho und rannte und war endlich unten, aber - aufgefangen von Benno's Armen.
    Ein junges weibliches Leben, dessen Athemzge vergangen sind, dessen Brust
hmmert, im Arme zu halten! Kennt ihr das Gefhl, wenn ein junger Vogel in
unserer verschlossenen Hand gefangen ist, sich duckt, auffliegen will und nicht
kann und jetzt ganz nur zu einem einzigen zagen, warmen Herzchen wird, das unter
den weichen Federchen klopft und sich fast wie in den Pulsschlag unserer eigenen
Hand verwandelt?
    So fhlte es Benno eine Weile und lnger als eine Secunde und vielleicht den
fnften Theil einer Minute nur und doch eine Ewigkeit.
    Angelika kam inzwischen den geebneten Weg daher, schalt und rief und machte
allen beiden die bittersten Vorwrfe. Armgart aber umarmte sie und erstickte
ihre Rede mit Kssen.
    Das Thema des Anstandes brachte den Neckkampf aller auf die Wrde, auf die
Pflichten, die Haltung einer baldigen Stiftsdame von Heiligenkreuz. Diese
Predigt whrte so lange, bis Tnneschen erreicht war am Schilfrohr im
sanftgeborgenen Nachen.
    Sind Sie denn morgen wirklich noch in der Gegend? fragte Armgart beim
Abschied den halb besinnungslosen Benno halblaut.
    Benno wollte beiden noch in den Kahn helfen, that es auch erst, wie sich
geziemte, mit Angelika, und als er hoffte, Armgart's Hand zu erfassen und aus
voller Seele diese zur Antwort wie mit einem Ja! zu drcken, da war sie schon in
den Kahn gesprungen.
    Deshalb schmollte er und rief O! O!, das Angelika sehr wohl verstand ...
    Armgart sa aber schon da, glhend wie das Abendroth.
    Angelika, die gerade so viel zu ahnen sich die Miene gab, als sie schon
wute, war trotz aller Angst liebevoll genug und sagte vor dem Abfahren:
    Richtig! Richtig! Sind Sie denn auch morgen im Enneper Thale? Es ist ja
Sonntag! Alle Welt hat sich ankndigen lassen ...
    Thiebold de Jonge! seufzte Benno und Angelika fiel ganz so, als mte sie
nun fr die verstummende Armgart auch in deren Art sprechen, ein:
    Alle nachgemachten Englnder! Und wenn Sie etwa kommen, Herr von Asselyn,
kneifen Sie nur ja nicht auch so eine Lorgnette ein!
    Ehe noch Benno antworten konnte - zum Scherz fehlte ihm jeder Uebergang -
rauschte es im Schilfe dahin und der Kahn war im Entschwinden.
    Eine Weile noch stand Benno, lftete den Hut, sah lange den Entgleitenden
nach und ging landein dem Roland zu.
    Das Ufer ist hgelig ... zuweilen verschwindet, zuweilen taucht Benno den
Mdchen wieder auf ... Und je hher sie auf den Spiegel kommen, desto lnger
noch knnen sie ihn sehen ...
    Gern htte Armgart gewinkt mit ihrem Hute und mit ihrem Taschentuch ...
    Angelika, die heute so viel erlaubt hatte, verbot es ...
    Bekam die Gute auch nicht Angst, Armgart wrde am Ende noch tiefsinnig
werden und wol gar sich fr unwrdig erklren, morgen in Drusenheim zur
Communion zu gehen - dergleichen war vorgekommen - bekam sie auch nicht Angst,
da dann noch obenein die Gutmthigkeit und Toleranz einer Lehrerin
compromittirt werden konnte, die gegen die Englischen Frulein als
Hlfsarbeiterin nur einen zweiten Rang einnahm, so lchelte sie doch und sagte:
    Armgart, Armgart! Sprche Salomonis 14, 29!
    Diese Bibelstelle hatte Armgart einst von Tante Benigna in Westerhof
aufbekommen, auf ein Weihtchlein zum Kirchendienst zu sticken. Wer aber
ungeduldig ist, der offenbaret seine Thorheit! lautete sie. Die Ungeduld galt
fr Armgart's Erbfehler.
    Sonst wre Armgart ber diese einzige Partie in der Religion, wo sie
ketzerisch, ja ganz unglubig fhlte, aufgefahren, aber wir sehen sie still,
ergeben und schweigsam ...
    Selbst von dem Briefe aus Kocher frgt sie nichts mehr, sondern sieht nur
auf die Welle, gegen deren ganze Macht Tnneschen rudern mu ...
    So kamen sie - Benno war verschwunden - am nrdlichen Ende der Insel an.
    Eine ltliche Dame, in schwarzem Kleide, mit einer weien, mit Bandschleifen
am Hals und ber die Brust herab besetzten Halbtunica, ein weies geflgeltes
Hubchen auf, begrt sie ... Es ist Schwester Aloysia, die Vorsteherin.
    Und unter ihrem Mozzeto zieht auch sie einen Brief hervor.
    Auch er war an Angelika gerichtet und kam aus Wien und kam von Armgart's
Mutter!
    Ein Herr hatte ihn abgegeben, jener Fremde, der ganz nach Benno's Vermuthung
in den Vier Jahreszeiten drben fr eine Dame Zimmer bestellt hatte und
wirklich von hier, wo ihn die zerstreuten Wanderer am Hneneck nicht landen
gesehen hatten, hinber nach Drusenheim gefahren war ...
    Armgart bebte zusammen ...
    Es war ihr, als zitterte um sie her die ganze Welt ...
    Angelika nahm, von der Vorsteherin beobachtet, den Brief und ging damit in
scheinbar kalter Ruhe auf ihr Zimmer.
    Armgart folgte, drngte aber nicht mehr und fragte nicht mehr. Fast war ihr
wirklich wie einer Snderin und als sie sich ber die dstern Gnge in ihren
Wohnsaal geschlichen, als sie mit einem tiefen Seufzer dort ihren Hut, ihren
Shawl abgelegt hatte, als alle Mdchen jetzt zum einfachen nchtlichen Mahle
gingen und Angelika erst kam - solange hatte sie gelesen! - als Schwester
Aloysia schon vorbetete und Armgart so abwesend, so ernst dasa, da bekam
Angelika wieder Angst, sie wre wirklich im Stande, alles das morgen noch in
erster Frhe und vor der Communion dem Pastor Engeltraut zu beichten, was heute
vorgekommen! ... Schwester Aloysia betete dabei und zwar franzsisch ... Sie war
aus Strasburg und verband mit allem Guten und Frommen, dem hier frs Leben der
Grund gelegt wird, eine leidliche Aussprache und einen ziemlich richtigen
Accent. Man hatte alles hier auf Gott, auf die heilige Jungfrau, den heiligen
Joseph und die Engel und Erzengel gebaut, sogar den Subjonctiv und die schweren
Beugungen der Verbes irrgulaires, den delicaten Gebrauch der Formen que vous
parlassiez und que nous parlassions und die Participialconstructionen, die an
dieser Sprache fr jeden so fremdartig sind, der nicht wie Tnneschen Latein
kann ... Und wenn Schwester Aloysia vom besten pariser Franzsisch dann in das
beste strasburger Deutsch bersprang, war's dann freilich immer wie der
Uebergang vom Rauschen eines seidenen Kleides zum Klappern von Holzschuhen, vom
Gesange eines Canarienvogels zum Gekoller eines Truthahns; denn ihre
strasburgisch-deutsch Muttersprache sprach sie, als wre sie hier eigens dafr
angestellt, einige Irlnderinnen und Franzsinnen in der Anstalt vom Erlernen
des Deutschen abzuschrecken. Und das zweite, vom Muttersitz der Soeurs
angliques hierher beurlaubte Englische Frulein (der der Erziehung sich
widmende Orden ist nicht an strenge Clausur gebunden), Schwester Gertrudis,
sorgte fr Eintheilung der Speisen und rhmte das Wetter fr den morgenden
Sonntag, an den sich allgesammt die schnsten Hoffnungen knpften.
    Immer mehr brach zuletzt ein stillverhaltener Jubel aus. Das Pensionat wute
von den zu erwartenden nachgemachten Englndern, - aber darber gab es nur
Flstern, leises Necken und Kichern, laut wurde nur besprochen eine Einladung
der jungen Madame Bernhard Fuld. Die Nachbarinnen waren aufgefordert worden,
morgen Nachmittag die berhmte Billa und den Garten drben in Augenschein zu
nehmen und Pastor Engeltraut hatte dazu die Erlaubni gegeben!
    Armgart hrte das alles nur halb. Erst als der germanische Uebermuth eines
Theils auch dieser Jugend sich in allerlei Spott ber die Besitzer von
Drusenheim erging und ganz wie die Freunde Piter Kattendyk's, mit denen einige
bis zur unmittelbaren Geschwisterschaft verwandt waren, die bekannte christliche
Rache fr den einst von den Juden Gekreuzigten nahm, thaute auch sie auf und
erklrte, da sie den Herrn Bernhard Fuld zum Generaleinnehmer und
Finanzminister ihrer Einknfte als Stiftsdame von Heiligenkreuz ernennen wolle.
    Armgart'sche Einflle elektrisirten dann gewohntermaen alles ...
    Es wurde nun so laut, so ausgelassen unter dem jungen Volke, da die vier
Erzieherinnen (die vierte lehrte nur Musik) dafr waren, lieber jetzt
aufzustehen und de se promener encore dix minutes sous les tilleuils et dans le
jardin ...
    Aber auch das geschah so wild - es ist Sonnabend! - - da die Schwestern
Aloysia und Gertrudis Ruhe gebieten muten und das ganze Personal in die
Corridore und auf die Schlafsle schickten.
    Auch Angelika war, sie wute selbst nicht worber, ins Lachen gekommen - aus
Nervenschwche, sagte die Gute - raunte aber beim Gutenachtsagen ihrer geliebten
Armgart, ihrer besondern Schutzbefohlenen (die indessen nicht mit ihr, sondern
mit fnf andern in einem Saale zusammenschlief) neckisch zu:
    Wer aber ungeduldig ist, offenbaret seine Thorheit!
    Armgart nickte und hatte sich heute in der That auch zur Anerkennung dieses
Spruches bekehrt.

                                      11.


Und am folgenden Tage lag denn doch im Geschmeide der ganzen sonnenbeschienenen
Gegend die Insel Lindenwerth da geradezu wie ein Juwel.
    Das groe blaue Gottesauge des Himmels drberher schien an ihm selbst seine
Freude zu haben. Und die schimmerndweien Birken, die Hngeweiden, die Buchen,
Akazien-, Nu- und Kastanienbume, die Bsche, die Pflanzen des Gartens, alles,
alles hat in einer solchen Morgenfrhe des Sonntags und besonders, wenn man
etwas vorhat, ohnehin schon ein ganz anderes Aussehen als sonst. Unser Auge
zieht dann schon von selbst allem Festkleider an. Die Welle pltschert an die
Uferrnder anders als sonst. Und schweigen auch Septembers in den Bumen, weil
sie in ihren Nestern mit ihren Jungen und mit ihren neuen Kleidern fr den
Winter zu thun haben, die Singvgel, so hrt man doch ihr Aufflattern und ihr
Aufschwirren, sieht die Spatzen in so ruberischer Thtigkeit, da man nur zu
huschen braucht und berall schiet Diebsvolk wie mit bsem Gewissen auf, sieht
goldene Kfer und summende Wespen in voller Thtigkeit, um mitzuherbsten und
mitzuernten an dem reichen sonnenglnzenden Segen.
    Noch aber hngen um die fernerweit liegenden Schnheiten eines solchen
Sonntagsmorgens allerlei Toilettenschleier. Die hohen Berge und grnen
Waldlehnen hinter ihnen putzen sich erst langsam aus dem Nebel heraus zu dem
Sonntagsstaat, dessen Annherung in aller Frhe schon und von allen Richtungen
her die Glocken verkndigen. Die Geschftsglocke der Dampfschiffe mit ihrem
kurzen groben Mahnruf hat heute fast etwas Strendes; man gedenkt gleich der
Ueberzahl von Stdtern und Stdterinnen, die nun auch bald kommen und sich oft
strend genug berall hin ausbreiten werden.
    Um neun Uhr schiffte die ganze Pension, neunundzwanzig junge Mdchen - eins
blieb ein wenig unplich daheim - und vier Erzieherinnen in zwei Khnen zur
Messe nach der Drusenheimer Kirche hinber ins Enneper Thal. Tnneschen's Vater
und Mutter ruderten heute und ein anderer alter Schiffer, Tnneschen's
Grovater. Und noch ein paar Vettern, Gevattern und Kinder und Kindeskinder aus
einem Halbdutzend baumversteckter Htten der Insel begleiteten die Fahrt. Heute
galt es, das Tnneschen mit dem Rauchfa zu sehen, im Beginn seiner von
Michahelles eingeleiteten Carrire zum knftigen Vater der Gesellschaft Jesu.
Tnneschen war schon lange voraus, um beim Mener die Toilette zu machen. Das
ganze Stift fhlte den Stolz der Mutter nach, die ihre beste Haube aufhatte und
mit einem Streifen so lang, so lang, da er ihr fast ber die Nase fiel.
    Die jungen Pensionrinnen mit ihren goldgeschnittenen Brevieren und dem
Einerlei ihrer heute am Sonntag wei-roth oder wei-blau gesprenkelten Kleider
und den einfachen runden Strohhten, durften nicht zu laut ihre Wonne ber den
Sonntag aussprechen. Es ging jetzt in die Kirche, ja, fr die schon gefirmelten,
an den Tisch des Herrn.
    Die Glocke der alten, nchstens in Ruhestand zu versetzenden bauflligen
Dorfkirche, die die Maler gut zeichnen hatten, wenn sie nur gesehen htten, wie
ihre Wnde schon morsch geworden und die Sakristei bedenkliche Risse zeigte,
hatte schon zweimal ihr, wie die Mdchen ihr immer nachsummten: Ei, so komm'
doch! Ei, so komm' doch! durch die Lfte gerufen; aber man wute, es ging beim
Pfarrer Engeltraut, der sonst ein gar trefflicher Diener Gottes war, mit seinen
Messen nicht eben besonders prcis. Ausgestiegen am Ufer, konnten die Mdchen
immer noch einen Rundweg machen, ehe sie zur Kirche gingen. Sie sahen in der
Ferne wie dicht am Waldesrand liegend das aus gelbem Sandstein gebaute,
hellleuchtende Landhaus des Bankiers, umschlossen von hohen an den Spitzen
vergoldeten Eisengittern. Mehr in der Nhe lag die neue hochragende
byzantinische Kirche. Alles winkte geheimnivoll und gastlich und zu allerlei
heimlichem Spa fr den Nachmittag.
    Nun stieg man aus ... Durch Feld und Flur, ber Wiese und Stoppeln, am
Hagebucheneck und die Weingrten entlang, da war's doch noch ein anderes
Wandeln, als drben auf der schnen, aber engen Insel, auf der man sich zuweilen
wie ein Gefangener vorkommen konnte.
    Schwester Aloysia corrigirte auch jetzt auf dem Wege zur Kirche die
Subjonctifs und Angelika lehrte auch jetzt Mathematik und Naturwissenschaften,
denn eine sandige Stelle findet sich in der schnsten Gegend, eine Heide von
zwanzig Fu, wo eine Immortelle blhen kann oder das Blmlein Mannstreu, ber
das gleich ihrer sieben oder acht neugieriger Mdchen wissen wollten, woher
dieser Name kme? Die Lehrerin wute keinen Rath. Armgart kannte schon vom Walde
bei Westerhof den Spottnamen des kleinen zierlichen Pflnzchens und sagte:
    Es ist ja Vogelfu, Angelika!
    Nun sagte diese:
    Ach, Ornithopus? Hlsenblume! Geschlecht der Heuhechel!
    Die jungen Mdchen lachten, als Armgart ganz treuherzig und ohne alle
Anklage fortfuhr:
    Mannstreu und Vogelfu sind eins und dasselbe!
    Die grern Mdchen deuteten sich das harmlose Wort satirisch.
    Beide Englische Frulein wandten sich und geboten Ruhe und Sammlung.
    Wann sprichst du den Pfarrer? flsterte Armgart und drckte den linken Arm
der Freundin an ihre Brust.
    Ich sprech' ihn nicht allein! sagte diese. Die Vorsteherin wird dabei sein!
Ich denke, nach der Predigt!
    Heute auch noch eine Predigt!
    Geduld!
    Das Wort, mit dem man Armgart bereits wieder auf zehn Schritt verjagen
konnte ...
    Sie entschlpfte und sah nach Westen hinber, dorthin, wo die wei-blauen
Wassernebel noch am dichtesten schwammen. Den Roland, wo Benno vielleicht
bernachtet hatte, sah man gar nicht vor dem dichten, wenn auch goldsonnigen
Nebelflimmer.
    Die endlich nicht mehr umgangene und nun wirklich im Zustrmen der Landleute
mitbetretene Kirche war wahrhaft berfllt. Man erkannte recht, welches
Verdienst sich Bernhard Fuld erworben durch die Erbauung einer neuen. Das
Pensionat der Englischen Frulein geno aber eine Auszeichnung. Jeden Sonntag
blieben ihm die vordern Sthle reservirt.
    Es ging dann alles bei der Messe, wie es gehen soll und berall bei ihr
geht. Vielleicht nicht ganz nach der Schnur, die die Kanoniker in Rom vor
tausend Jahren gewunden haben, aber doch auch ohne besondere Verwickelung.
Pfarrer Engeltraut war, wie die rmischen Priester sein sollen, keine viel mit
sich allein beschftigte Persnlichkeit. Er verrichtete ein Opfer, das ganz von
ihm unabhngig war. Htte es einem strengen Kenner des Ritus auch nicht entgehen
knnen, da sich mancherlei Fehler einschlichen, so sah das doch so obenhin
niemand von den Versammelten. War der Blick, mit dem der Priester aus der
Sakristei trat, gesenkt genug? War die Haltung des Krpers gerade und hbsch
aufrecht? Trug der Opferer eine Brille, von der Gregor der Heilige freilich noch
nichts vorzuschreiben wute, als der sein Oremus sang, und Abraham und
Melchisedek, die Voropferer der Messe, noch weniger? ... Pastor Engeltraut trug
eine Brille, und sonderbar, er legte sie gerade beim Lesen ab, auf sein
Taschentuch. Dann war er ganz einfach im Vortrag und ebenso einfach in der
Geberde. Er machte die Kreuzeszeichen allerdings nicht, wie wenn er sie heute
zum ersten male machte, aber auch nicht so, wie z.B. vornehme Damen am
Weihbecken beim Betreten der Kirche, die zum Jammer frommer Seelen und wie Beda
Hunnius einmal in einer seiner Predigten zum Dank der gerade damals zuhrenden
Angelika und in seinem Abraham a Sancta Clara-Stil sagte: sich beim Benetzen
einen Schnrkel angewhnt haben, als wenn unser Herr und Heiland auf irgendeiner
runden Drehscheibe oder einem andern Zickzack, nur nicht an dem so tief sinnvoll
von ihm gewhlten Kreuze gestorben wre. Nichts auch verwirrte er von dem, was
laut und was leise zu sprechen, was zu singen oder nur zu sagen war. Auch jagte
er nicht in seinen Abschnitten und ging dann nicht wieder wie eine Schnecke.
Auswendig auch wute er, was er nur zu lesen schien.
    Und wenn dann irgendetwas vorhanden war, was den wrdigen Gang des Opfers
anfangs htte unterbrechen knnen, so war es freilich des Priesters Hinblick auf
den heutigen Thuriferar Antonius Hilgers, der nebst zwei andern Knaben zum
ersten male diesem schwierigen Geschfte des Administrirens vorstand. Aber
gerade Antonius hielt sich vorzugsweise wacker zum Stolz seiner Angehrigen, zum
Wohlgefallen des englischen Instituts. Wenigstens dnkte er sich ebenso kundiger
Lootse durch die Untiefen und Schwierigkeiten des lateinischen Missales, wie er
es unbestreitbarer durch die Strudel und Schnellen des herrlichen Stromes drben
war. Nie stand er auf der Epistelseite des Altars, der linken, wenn er auf der
Evangelienseite, der rechten, stehen sollte. Mit Ruhe, ohne sich vor Angst zu
bereilen, reichte er dem Priester das Gef mit dem Weihrauch, hielt ihm das
geffnete Thuribulum dar, und wenn der Opferer Weihrauch eingelegt hatte,
reichte er ihm das Gef, indem er es vorsichtig und behutsam mit der rechten
Hand unter dem Ring, mit der linken in der Mitte der Kette anfate. Das dabei
von ihm gesprochene Latein war allerdings mehr als welsch und nicht im mindesten
ciceronianisch. Doch niemand der Anwesenden, selbst der Schullehrer nicht, war
im Stande, die Correctheit nach Zumpt's Grammatik zu prfen. Mit seinen
stehenden Fehlern - spiritus immer nach der zweiten Declination und tuus nach
der vierten - klang es ganz so hoch und hehr und fremdartig, wie das Volk es
hren will. So wie so blieb es die richtige Sprache der Engel, die Sprache, in
der Gott und seine Heiligen sich unterhalten, die Hof- und Kanzleisprache des
Himmels.
    Als dann der Augenblick des Allerheiligsten kam, als alle dann knieeten, als
alle Schauer der persnlichen Anwesenheit des Heilandes in der Wandlung durch
die Gemeinde rieselten - die Kinder und alten Frauen und in groen Kirchen eine
gewaltige musikalische Note sorgen schon dafr, da das ganz so wie in
mchtigster Bezauberung hingenommen und empfunden wird, wie es Innocenz III.
aller Welt und aller Zeit hinzunehmen und zu empfinden geboten hat - wie dann
die Erwhlten und in der gestrigen Beichte Bestandenen herantreten durften und
von dem Gottesleibe mitgenossen, whrend der Priester von dem Gottesblut fr
alle trank, - da verga denn auch Armgart fr einige Zeit das Trumen und Sinnen
und es legte sich ihr die Flle von Snden, die sie dem neuen westerhofer
Geistlichen, Norbert Mllenhof, wer wei in wie kurzer Zeit, oder wem sonst und
in welcher Ferne wrde beichten mssen, schwer aufs Herz! Sie sah, da
Zerstreutheit whrend des heiligen Hochamts, Abwesenheit der Gedanken beim Lesen
im Brevier nicht mehr allein die nagenden Vorwrfe ihres Innern waren, mit denen
sich ihr Gewissen gewhnlich aufs allertiefste belastet fhlte.
    Nach dem Hochamte hielt der Pfarrer richtig noch eine Application. Er
sprach diese von der Kanzel herab und ber die bevorstehende Einweihung der
neuen Kirche und uerte im allerlblichsten Volkston, da auch im innern
Menschen tglich die Sakristeien Risse htten, tglich die Glockensthle faulten
und den Regen durchlieen, ja da mindestens auch viermal des Jahres im Menschen
ein echtes und rechtes Kirchweihfest mte gehalten werden, nicht etwa nur zu
Ostern, wo ihr glaubt, euch fr ein ganzes Jahr reinigen zu mssen, sowie die
Schwelger, die Ueppigen und Reichen alle Jahre einmal ins Bad reisen und sich
ihren sterblichen Leib reinfegen vom Schlamm ihrer Snden! Das wird dann,
fuhr er fort, jhrlich auch so ein Kirchweihfest, wie ihr's allblich zu feiern
pflegt mit Essen, Trinken, Jubeln, Fluchen, Wrfelspielen, Tanzen, Todtschlagen
der Zeit und allen denen Snden, die ihr dann voll Verzweiflung angerennt kommt
im Beichtstuhl loszuwerden, wo sich oft das todte Holz erbarmen mchte ber den
Kummer, den ihr euerm grundgtigen himmlischen Vater und unserer gnadenreichen
Mutter bereitet! - Doch sagen wir nur, er fegte die Herzen, wie man soll, nicht
mit Staubwedeln, sondern mit Besemen. Und manches sprach er wie Beda Hunnius
geradezu in eine Ecke hinein oder auf einen Pfeiler, wo der stand oder die sa
oder wem es sonst, ohne darum die Beichte zu verletzen, persnlich zu Nutze
kommen konnte.
    Wie der dabei von Hunnius sich nur durch den Mangel an Eitelkeit und an
theils forcirtem, theils natrlichem Cynismus unterscheidende treffliche Redner
zuletzt von diesem unendlich sen Gnadenzustande, von einer wahren Liebeswonne
im Bunde mit dem Gekreuzigten, von der sogenannten Rechtfertigung durch den
Glauben sprach, da kamen ihm die folgenden sonderbaren und fr die ganze
Gemeinde hchst berraschenden Worte:
    Was ist das nun? Gerechtfertigt sein durch den Glauben! Ich will es euch
sagen. Sehet euch um! Hier in dieser Kirche! In eurem Kreise weilt ein nur auf
Erden Gerechtfertigter! Ein Kind dieser Gemeinde, dem hier der Weg der
Gnadenmittel von frher Jugend gezeigt wurde, setzte einst mein Herz in Trauer
und euch alle in Bestrzung, als man vor Jahren von ihm hren mute, seine Hand
wre ruchlos genug gewesen und htte sich in ferner Gegend, wo er weilte, gegen
das Leben eines seiner Mitmenschen erhoben und ihn getdtet! Ein Jahr lag er, da
alle Anzeigen eines Mordes gegen ihn sprachen, in Ketten und Banden, bis seine
Unschuld erkannt wurde und er im lichten Gewande der Gerechtigkeit aus seinem
Kerker hervortreten konnte! Voll Scham und Schmerz kam er damals ber Nacht zu
mir, dem Seelsorger seiner schon reiferen Jahre, und weinte seine bekmmerte
Seele aus! Er mochte nicht bleiben in dem Ort, wo das Mistrauen ihn dennoch
verfolgte, wo sogar ein Bruder ihm den treuen Handschlag der Liebe versagte!
Durch meine Hand ging der kaum zu nennende Ertrag seines kleinen vterlichen
Erbes; nun ist der brave Herr, der diese Gemeindemarkungen hier ringsum an sich
gekauft hat, - zu hohen Preisen, weil unsere Gegend ihren Werth hat, doch auch
Mnner, ehrenwerthe Mnner, die diesen Werth zu schtzen wissen, - (in der
Kirche war wol nicht einer, der diese Captatio benevolentiae zu Gunsten der
neuen Gutsherrschaft ganz so zu wrdigen verstand, wie es das Verfahren des
klugen Geistlichen verdiente), aber ich sage euch, nun ist der Antrag gekommen,
sein Erbe mit den Besitzungen der Herrschaft des Ortes zu vereinigen, und
vielleicht zur Erhebung des Kaufschillings befindet er sich heute in dem Orte
seiner Geburt! Nicht, da ihr glauben sollt, er wiche vor euch! Nicht, da eure
Zunge sich unterstnde, zu sagen, sein Fu wre hier endlich dennoch wankend
geworden! Ruchlose Anschuldigung, da euer jetzt ausscheidender Mitbrger den
Vater jenes frommen Mnches erschlagen htte, der im Gewand der Ordensregeln
St.-Francisci schon zu ftern malen in diesen Markungen begrt worden ist. Seht
euch die Glorie eines Gerechtfertigten an! Das ist der glckliche, frohe, von
euch allen zu ehrende und mehrende und nicht lnger anzuzweifelnde und bei
ernster Strafe von eurer Mutter, der Kirche, zu respectirende Zustand eines vor
Menschen Gerechtfertigten! Nun aber - (der Nachhall dieser Worte und das
allgemeine Schauen auf den in diesem Augenblick wie mit Krone und Purpur
bekleideten Stephan Lengenich bedingte ein mehrmaliges Hervorheben des
Ueberganges zum Zusammenhange). Nun aber (noch murmelte alles und konnte sich
nicht fassen) nun aber - hrt jetzt und macht ein Ende! - nun aber, wie viel
grer ist der Stolz, mit dem wir einst, durch die Frbitte seiner Heiligen, vor
den Thron des Allmchtigen werden treten knnen, falls wir sagen drfen: Herr,
wir sind keineswegs Knige auf Erden gewesen, keineswegs Helden und Gewaltige
der Reiche, wir haben nichts gethan, was den Namen des Auerordentlichen
verdiente, aber - wir erfllten deine Gebote, wir gingen die Wege, die deine
heilige Kirche uns zu unserer knftigen Seligkeit gezeigt hat, nun gib uns auch
den Lohn, den du allen denen versprochen hast, die deinen Willen thun!
    Das war ein krftiges, elektrisirendes Wort! So verweist ein richtiger
Seelenhirt die Glubigen an den Zahltisch Gottes! So will der Bauer dereinst mit
Gott stehen, als brchte er ihm einmal keinen Pacht, sondern holte sich welchen
...
    Die Erwhnung des allbekannten Kfers Stephan Lengenich, der in der Residenz
des Kirchenfrsten Meister geworden war und hier in seinem Orte, besonders auf
Anstiften eines feindlichen Bruders nicht einen Gru bekommen konnte, lie zu
keiner Sammlung mehr kommen. Auch das Institut sah mit allen nach der Kirchthr,
wo vielleicht der Gerechtfertigte stand, der jeden Sonntag nach Drusenheim
kam, nie aber so frh wie heute, da er schon beim Herrn Pfarrer Empfehlungen
aus den Umgebungen des Kirchenfrsten abgeben konnte und nur nach der
Gewhrleistung des Ortsgeistliche sich pltzlich durch irgendeine Begebenheit,
vielleicht auf Lb Seligmann's feurige und sonntagsfreudige Ueberredung hin,
entschlo, seinen Blutacker herzugeben.
    Halb elf war es ... und die Kirche war nun aus ... und so heilig das Debut
des Tnneschen gewesen war, dem Gebrauche, dann auf einen Trunk Drusenheimer,
womit keineswegs das alldortige Wasser gemeint war, herzhaften Bescheid zu thun,
entzog man den jungen Novizen, der sich so brav und tapfer gehalten und dafr
allgemein belobigt wurde, nicht im mindesten. Alles strmte ins Wirthshaus. Und
mag auch die Frau Baronin von Cepeda (bekannter unter dem Namen der heiligen
Therese) noch so schn und gewohntermaen geistreich und hchst vornehm gesagt
haben: Verlieren wir doch nicht die gute Gelegenheit, die wir nach der heiligen
Communion haben, uns Schtze zu erwerben! Nicht mit geringem bezahlt Seine
gttliche Majestt die Herberge, in welcher sie eine gute Aufnahme gefunden! -
dennoch auch wol in dem brennend heien Hispanien, dem Vaterlande der
liebeglhenden Therese entschuldigt man nach der Messe das Verlangen nach dem
khlen Labsal einer Posada. Die Schiffer von Lindenwerth, Tnneschen's Alte und
Groalte, tranken trotz aller Warnungen der Application zur Osterzeit, den
eben genossenen Leib des Herrn in ungestrter Wirkung zu erhalten, im Hahnen
auf des Debutanten Wohl und der halbe Ort war dabei lebendigst durcheinander und
unter ihnen der Gerechtfertigte, dem alles die Hand schttelte, verwundert
ber sein Abziehen, den nunmehr niemand gekrnkt haben wollte und der dann schon
in der Stimmung sein durfte, Athanasiusmedaillen auszutheilen und durch bald
hohe, bald seltsam tiefe Reden die Bedeutung und Wunderkraft derselben zu
erlutern.
    Das Pensionat machte noch einen weiter den Bergen zugewandten Spaziergang,
whrend Angelika und Schwester Aloysia zurckblicken, um womglich den Pfarrer
zu sprechen in Angelegenheiten der wie in den Lften schwebenden Armgart, die
nun aber auch den Roland glnzen sah, so hell, so deutlich, als mte sie jeden
erkennen, der drben aus den Fenstern desselben und etwa unter den schnen
herabgelassenen, roth und grau gestreiften Markisen hervorsah.
    Ja, der heutige Sonntag wird viele Menschen glcklich machen ...
    Wir brauchen nur an Thiebold de Jonge, an die Partie der Freunde Piter
Kattendyk's zu erinnern ...
    Wir brauchen nur an Benno zu denken, der sich ihnen anzuschlieen hofft,
wenn ihn eine Wanderung in die Kette der Sieben Berge, wohin ihn Nck's Auftrge
verschickten (gerade des Sonntags ist der Bauer am zugnglichsten fr Dinge,
deren Errterung ihn dann keine Arbeit versumen lt), Nachmittags und auf alle
Flle des Abends nach dem Roland wieder zurckkehren lt ...
    Aber den Hoffnungen, den Erwartungen, mit welchen schon um neun Uhr mit dem
ersten Dampfboot im Enneper Thale ein gewisser Mann in schwarzem langschsigem
Frack, in Nankingpantalons, in kameelgarner Weste, in hellgelbseidnen
Handschuhen gelandet war, denen kommt die Erwartung keines andern gleich, selbst
die seines Begleiters nicht, Stephan Lengenich, der sich heute unter gewissen
Bedingungen von Drusenheim losreien wollte.
    Speisen Sie nchsten Sonntag bei mir in Drusenheim!
    Diese Worte waren auf dieser Erde am Donnerstag Vormittags elf Uhr jemanden
gesprochen worden in der Residenz des Kirchenfrsten. Sie wurden dann wiederholt
in den Moppes'schen Kellern, dann bei Veilchen Igelsheimer in der Rumpelgasse;
sie waren hinbergeschrieben worden gen Kocher am Fall, wo David Lippschtz mit
seiner lebhaften Phantasie gewi bereits der Mutter auseinandersetzte, was wol
alles der Onkel zu essen bekommen wrde bei den reichen Vettern, den
Millionren, auf ihrem feenhaften Lustschlosse im Enneper Thale ... Lb
Seligmann sang bereits seit Donnerstag keine Arie lieber, als die des Leporello
im Don Juan: Ihr Herr Koch, der kocht ganz vortrefflich! Selbst das
Zwischenspiel der Violinen begleitete er mit den feurigst eingeworfenen
Sechszehntelnoten: Ganz vortrefflich, ganz vortrefflich, ganz vortrefflich!
    Nicht, da er nicht allmhlich einem gewissen innern Flstern gewisser
innerer Stimmen Gehr gegeben htte, die ihm sagten: Seligmann, bilde dir doch
nichts ein! An seine eigene Tafel wird dich wahrhaftig der Ritter Bernhard Fuld
nicht placiren unter die Grafen und die Barone! Du wirst lediglich in der Kche
beim franzsischen Koch oder bei der alten Regine, die Madame Bernhard Fuld aus
Wien als orthodoxe Kchin mitbekommen hat von ihren Aeltern, vor oder nach dem
Diner abgespeist werden! Aber - der Schwung der Seele, der blieb denn doch! Man
hatte ihn einer Ehre gewrdigt! Man hatte ihm Erlaubni gegeben, sich
verwandtschaftlicher Annherungen zu rhmen! Man hatte nicht hindern knnen, da
von Donnerstag bis zum Sonntag jeder, der geschftlich oder nichtgeschftlich
einige Worte mit Lb Seligmann wechselte, von ihm die nur so fallen gelassenen
Worte zu hren bekam: Nchsten Sonntag, ja - richtig - aha, Sonntag, ganz
recht, wo ich bei Fulds in Drusenheim speisen werde -. Nie wurde dann den
Staunenden, die das Fallengelassene berrascht aufhoben, eine Genealogie
grndlicher vorgetragen, als die Abstammung und Verwandtschaft, in welcher seit
Abraham, Isaak und Jakob die Seligmanns, die Lippschtzens, die Igelsheimers und
die Perls zu den Fulds standen.
    Am Samstag sah Lb Seligmann im Stadttheater noch den Zampa. Diese wilde
Ruberoper mit ihrer rauschenden Musik, mit ihren ppigen Trinkgelagen und
Tafelschwelgereien weckte ihm wieder den ganzen Humor der sonntglichen
Erwartung, den er infolge eines Streites mit Veilchen fast verloren htte.
Dieser Streit betraf einen Gegenstand, der ihn, wie wir sogleich hren werden,
in die Lage versetzen konnte, sich seinem Gastgeber, Herrn Bernhard Fuld in
einer Weise zu Tisch einzufhren, die diesen selbst fast dafr belohnte, so
einmal seinen bescheidenen Vetter ausgezeichnet zu haben.
    Auf dem Dampfschiffe hielt sich Lb mit Stephan Lengenich so herausfordernd
und khn, wie der wilde Held der gestrigen Oper. Wre er auch beim Landen, als
er inzwischen, angeregt durch die Schifferkhne, zur Stummen von Portici
bergegangen war und nicht achtend des schmalen Steges und des Menschengedrnges
trllerte: Auf, singt die Barcarole! fast in den Flu gefallen, so kehrte doch
nach dem ersten Schrecken seine ganze Erwartungsfreudigkeit zurck. Whrend
Lengenich zum Pfarrer ging, umkreiste er die stolze Villa seines Vetters und
rstete sich zum Eintritt.
    Bernhard Fuld inzwischen finden wir in der behaglichsten Stimmung eines
geschftsfreien Sonntagsvormittags.
    Jeune homme von einigen dreiig Jahren hat er seinen hie und da schon
grauenden Bart mit groer Kunst bermalt und  la mcontent geordnet. Auf seine
Veranda begibt er sich in trkischem Schlafrock mit Fes auf dem Haupte und
ungarischem Tschibuk in der mit einem goldenen Siegelring geschmckten feinen
etwas magern Hand ... Er ist nicht allein. Seine Gesellschaft ist ein gestern
angekommener Gast, Baron Wenzel von Terschka, ein ihm geschftlich Empfohlener
von einem Freunde der Familie seiner Frau ... Und whrend diese sich noch hinter
einem blumengeschmckten Fenster oben bei ihrer Toilette befindet, die heute
eine neu aus Paris gekommene war, da sie ein greres Diner, Nachmittags groen
Kaffee hatte, ergingen sich der Wirth und Herr von Terschka (dieser schon in
vollstndigster Mise) in Naturbewunderung, Brsencursen, Louis Philippistischer
Politik und Pferdezucht. Der neue Stall war besehen worden, Terschka's
Kennerwort vernommen, Homburger und Baden-Badener Grafen und Barone, die sich
vielleicht als Traineurs auszeichneten und von zwei alten magern Pferden, d.h.
Wettrennern, mit denen sie Preise gewannen, lebten, waren mannichfach als
Autoritten fr diese oder jene Ftterungsmethode citirt worden, kurz, man
konnte sich jetzt mit Behaglichkeit dem Blumenduft und der zauberischen Aussicht
hingeben in zwei allerliebst geformten gueisernen Lehnsthlen.
    Die Besitzung hatte schon beim Ankauf, wie heute auch von der Kanzel bemerkt
worden, viel Geld gekostet und mehr noch hatte man in sie hineingesteckt. Das
Landhaus war, wie Terschka sagte, wrdig am Comersee zu stehen ... Die nahe
Kirche, die ebenfalls neu, hatte dem Erbauer allerdings in erster Frhe vor
seinem Schreibtisch einige unangenehme Viertelstunden verursacht. Sie bot
nmlich die Unbequemlichkeit, da sie nie fertig wurde. Immer noch gab es etwas
zu vervollstndigen an ihr und zu ergnzen. Bald fehlten noch Chor- und
Beichtsthle, Schrnke in der Sakristei, allerlei von jenen Mechanismen, von
denen man bei Aufbewahrung der heiligen Gerthschaften, der praktikablen
Benutzung z.B. nur der Leuchter als Laie kaum eine Vorstellung hat. Was hatte
der israelitische Patron der Kirche des St.-Dionysius nicht schon fr unheilige
Sacrebleus in die Holzschnitzereien, die Vergoldungen, die Stickereien und die
Gelbgieerrechnung allein fr die beiden Glocken gewettert! Wir wollen nicht
wnschen, da die mehreren Goddams, die auch heute auf die in frhester
Morgenstunde schon wieder vor dem fleiigen Rechner ausgebreiteten Noten und
vorzugsweise die des Gelbgieers fielen, irgendeinen Einflu auf die hehren
Ruferinnen der Lfte ausben mgen. Bernhard Fuld unterwarf sogar die
Inschriften der Glocken einer Kritik, denn der Bildner der Form lie sie sich
buchstabenweise bezahlen und Pfarrer Engeltraut hatte groen Werth darauf
gelegt, die Worte des Psalmisten: Wohl denen, die in deinem Hause wohnen, die
loben dich immerdar, Sela! auf die groe Glocke und die Worte des Propheten:
Wie lieblich sind auf den Bergen die Boten, die da Frieden verkndigen! auf
die kleine zu setzen. Der von ihm sogar noch beantragt gewesenen, aber von Fuld
gestrichenen dritten Glocke htte er hingehen lassen, da sie nur einfach die
Jahreszahl brachte.
    Bernhard's Gast, der die Cigarren seines tschibukrauchenden Wirthes ebenso
zu wrdigen versteht, wie die pittoreske Lage der Veranda, ist kein Jngling
mehr und doch besitzt Herr von Terschka etwas auerordentlich Jugendliches. Von
sechsunddreiig Jahren, die man ihm nach dem untrglichen Merkmal aller Jahre,
den Runzeln, die von den Schlfen nach den Augen zulaufen, geben mute, hatte er
noch ganz das Wesen eines Jnglings, jedenfalls noch immer das aus der Zeit, als
er mit seinem Freunde Grafen Hugo von Salem-Camphausen unter den Offizieren zu
Kiel sa, damals, als des Kronsyndikus Trauer selbst beim Weine von diesen
feierlich geehrt wurde und gerade Terschka es war, der bei Gelegenheit der Nase
Lucindens und eines Bildes auf einem herumgereichten Armbande die Veranlassung
wurde, an eine Rmerin zu erinnern, ber die der Kronsyndikus in jene nchtliche
Aufregung gerieth, die ihn seine noch lebende zweite Frau sehen lie - und das
war bereits sechs Jahre her. Schlank und behend von Gestalt, mager, wachsbleich
wie ein Armenier, mit schwarzem Haar, weien Zhnen, leidenschaftlichen
schwarzen Augen, befli sich Wenzel von Terschka vllig unbedeutend zu sein, so
kindlich, so gutmthig, wie nur irgendeinem gebornen Czechen mglich. Mit
Gewandtheit folgte er jedem Gedanken seines Wirthes und lie sich in der
Morgenunterhaltung beim Genusse seiner Cigarre auf jede Aeuerung desselben mit
der liebenswrdigsten Selbstentuerung ein: Ah! - In der That! - Meinen
Sie wirklich? - Mit diesen Zwischenreden folgte er allen Ansichten, die
Bernhard Fuld ber die groe Erbschaft aussprach, die demnchst der Auftraggeber
Terschka's, Graf Hugo, antreten wollte. Immer wieder kehrte das ihm sicher
hochwichtige Gesprch auf Harmlosigkeiten zurck, auf die Gegend, auf das Stift
Lindenwerth, auf die Pferde seines Wirths, auf die Preise des Heus und der
Fourrage in hiesiger Gegend, auf das erst neuerdings erffnete Bad zu Homburg,
wo Bernhard Fuld mit seiner jungen Frau vor wenig Wochen die erste Saison
durchgemacht und zu erzhlen wute von einer Jagdpartie der Spielpchter im
Costm der Zeiten Ludwig's XIII. und einer andern im Geschmack rothgekleideter
englischer Fuchspreller. Bei der geschickten Art, wie sich Wenzel von Terschka
zu unterhalten wute, lenkte er das Gesprch immer wieder auf den Beistand ein,
den fr seine groe Erbschaft und vielleicht die zweckmigste Entuerung
derselben Graf Hugo in dem Fuld'schen Hause zu finden hoffte.
    Bernhard, der ohne seinen erst aus der Stadt noch erwarteten, sicher zum
Diner kommenden Bruder Moritz nichts Geschftliches unternahm oder zusicherte,
nicht einmal eingehend etwas errterte, war schon mit der gleichgltigen
Bemerkung hervorgetreten, da vielleicht eine Parcellirung - das Rentabelste
wre und sich dann zu einer Recognoscirung des Terrains niemand besser eignen
wrde, als - par exemple - ein erfahrner Landwirth und Gtermakler Namens Lb
Seligmann ...
    Und gerade in diesem Augenblick wurde Lb Seligmann von einem eben in seiner
Toilette fertig gewordenen, in schner, bunter Livree auftretenden Bedienten
angemeldet.
    Terschka, der alles nur leicht zu nehmen schien, doch den Namen des Agenten
sogleich zweimal sich nennen lie, setzte bei seinem Wirth Privatgeschfte
voraus und ging auf sein Zimmer. Er besa die Klugheit, die Dringlichkeit seines
Anliegens mit nichts zu verrathen, sondern die Geschftswelt an sich herankommen
zu lassen. Fast knnte es scheinen, als htte dies fr sein lebhaftes Naturell
keine kleine Aufgabe sein mssen.
    Mit seinen hellgelben, seidenen Handschuhen steht nun der glckliche zu
Tisch Geladene vor dem dem Baronisirtwerden so nahe gerckten Vetter Bernhard
Fuld und uert ihm durch einen trunkenen Blick die schon oft ausgesprochene
Bewunderung seiner reizenden Besitzung.
    Bernhard Fuld hatte die Gewohnheit, beim Unter uns nicht die vornehme
Reserve zu beobachten, die ihm sonst eigen war ...
    Graf Rudolf in der Nachtwandlerin singt, auf die schne Gegend blickend:
Hier das Bchlein, dort die Mhle! - und ebenso verklrt schaute Lb Seligmann
rundum ...
    Bringen Sie die Quittung ber die - wie viel Thaler waren es -? fragte
Bernhard.
    Herr Fuld, Sie werden doch sagen, da ich meine Sache gut gemacht habe!
begann Seligmann. Sie sollen sich bauen auf den Berg den schnsten Pavillon und
eine Treppe hinauf mit so viel Stufen, als ich Ihnen Jahre zu leben wnsche!
Hundert Stufen sind mir nicht genug, Herr Fuld!
    Wer sagt Ihnen, da ich einen Pavillon bauen will mit Stufen? erwiderte Fuld
und fand sich schnell in die so hchst angenehme Nachricht. Ich will nur einen
Weinberg haben und mein eignes Getrnk auf den Tisch, Drusenheimer Ausbruch!
Denken Sie, die Papiere stehen so, da ich alle Tage Champagner trinken kann?
    Champagner! ... Seligmann ahnte eine bedeutsame Anspielung auf das heutige
Diner, lie seine gelbseidnen Handschuhe nicht wenig in der Sonne spielen und
verzichtete still fr sich auf Champagner, befriedigt vollkommen von
gewhnlichem - Johannisberger Cabinet oder hnlichen Mittelsorten -
    Wie ist denn diese pltzliche Umwandelung des verrckten Kfers gekommen?
fragte Fuld, aufblinzelnd zu seiner vielleicht schon oben lauschenden Gattin.
    Seligmann zuckte die Achseln, holte einen tiefen Seufzer und erwiderte:
    Herr Fuld, das ist ein Roman! Wenn ich's erzhlte, Sie wrden es nicht
glauben!
    Bernhard Fuld hatte noch mit seiner Toilette Zeit und sagte:
    Erzhlen Sie nur!
    Lb Seligmann machte eine mysterise Miene.
    Sie wollen mich berraschen! sagte Fuld, als der Makler schwieg und setzte
mit einem Tone, der selbst Scherze in der immer ihm gleichen blasirten Art
aussprach, erluternd hinzu: Wahrscheinlich, weil ich jetzt die ganze Geschichte
um sechshundert Thaler habe!
    Nein, umsonst! parodirte denn doch Lb Seligmann und nicht ohne eine gewisse
Aufwallung ber den Vetter, der der Mann war, solche Scherze ernst zu nehmen.
    Sie haben, fuhr Fuld in der That fort, das Geschft mit sechshundert Thalern
fertig gekriegt und wollen nun dreihundert als Courtage? Revanchiren Sie sich
ein andermal!
    Herr Fuld! sagte Lb zurckfahrend. Meine fnf Procent sind mir fast an
Freiheit und Leben gegangen!
    Mit einem halb zugedrckten Auge erwiderte Bernhard blinzelnd:
    Hanswurst!
    Hanswurst? Um den Kfer herumzubringen, hab' ich eine Komdie gespielt, die,
wenn man die Hand umdreht, wr' ein Trauerspiel geworden und Sie wissen, Herr
Fuld, ich bin fr die Oper -
    Fuld staunte denn doch und wrde auf die weitere Auslassung des Vermittlers
mehr gedrngt haben - schon vielleicht eines Stoffes wegen fr die Unterhaltung
beim Diner -, wenn dieser nicht von der Veranda aus, wo sie sich befanden, den
Kfer im Sonntagsstaate daherkommen gesehen htte, umringt von Alt und Jung, die
aus dem Hahnen her ihn als einen jetzt erst erkannten, wahrhaft erleuchteten
und ganz unglaublich wunderbaren Mann begleiteten.
    Stephan Lengenich sah sich wie ein Feldherr oder ein hier entthront
gewesener Monarch um. Jetzt erst recht htte er, nach der geistlichen Schutzrede
und dem feurigen Anschlu der Dorfbewohner, den Fu in der Gemeinde behalten
mgen; doch hatte er Seligmann in seinen Kellergewlben den Schwur gethan, da
es rings in den Gewlben und an den Fssern widerhallte: um einen gewissen Preis
wolle er das Geschft zu Stande kommen lassen, einen Preis, bei dessen Anblick
es ihm gewesen war, als wre aus der Wand oder aus einem Fasse heraus auf ihn
zugetreten geradezu der Bote der himmlischen Gerechtigkeit! Was Stephan da
geschworen hatte, als er die Laterne in die Hhe gehoben und athemlos
gesprochen: Mensch! wo hast du das her? ... als Seligmann mit der rechten Hand,
whrend die linke das Bewute schnell wieder verbarg, seine Vatermrder in die
Hhe zupfte, weil sie in der feuchten Kellerluft ihre strkehaltige Positur
verloren ... was er geschworen, als er alles liegen lie, wie es lag, ber
Dauben, Setzreifen, Bandhaken, Visirstbe, Stellzirkel hinwegtrat, die linke
Hand Seligmann's ergreifen wollte, dieser aber retirirte und ihn so mit sich
zog, wie er ging und stand und wie an einem Kder in die Rumpelgasse zu Veilchen
Igelsheimer ... was er wieder dort geschworen, als der lange, breitschultrige
Mann, mit seinem gertheten Antlitz, den wackelnden Ringen in den Ohren, das
knatternde Schurzfell ber den Lenden, vor dem zarten, kleinen alten Mdchen
stand und an seinem Schutzpatron Sanct-Stephanus, dem Gesteinigten, festhalten
mute, um nicht im Glauben wankend zu werden vor Bewunderung einer Beredsamkeit,
die ihm bewies, da er den Fluch der ganzen Kirche auf sich laden wrde, wenn er
nicht dahin sich ergbe, jenen Anblick nur vorlufig einmal gehabt zu haben, den
Anblick jenes vom Jagdkleid des Kronsyndikus vom Deichgrafen im Ringen
losgerissenen grnen Kragens - was er da geschworen: dem Lb Seligmann dafr zum
Lohne und bis auf weiteres das von ihm vermittelte Geschft des Verkaufs zu
Stande kommen zu lassen, das hielt er denn nun auch.
    Stephan Lengenich, im Geiste sich bis an die Spitze des Geierfelsen hinter
ihm hinaufgipfelnd und das ganze Enneper Thal zum Schemel seiner Fe nehmend,
kam nher ...
    Seligmann rief ihn von der Terrasse grend an ... Lengenich zog den Hut -
lssig wie ein Frst.
    Bernhard erklrte sich bereit zum sofortigen Abschlu und zur Ausstellung
einer Anweisung auf sein Comptoir in der Stadt.
    Fuld's kurze und geschftliche Begrung des inzwischen auf die Veranda
eingetretenen Handwerkers war diesem wenig genehm; denn wenn Leute aus dem Volke
etwas ihnen Wichtiges unternehmen, so wollen sie es mit einem entsprechenden
Umstand vollzogen sehen. Ehe aber Stephan nur erst die Anrede gemacht hatte:
Lieber Herr! war Bernhard schon mitten in dem Gegenstand. Und ehe jener nur erst
sein: Lieber Herr! wiederholt, dann von seiner Geburt her in dem Hause da
drben hinter den Wallnubumen am dritten Fenster rechts
Eintausendsiebenhundertunddreiundneunzig begonnen hatte, da bezweifelte
Bernhard schon wieder Stephan Lengenich's wirkliche Absicht, bei neunhundert
Thalern stehen zu bleiben und nicht auf Billigeres zurckzugehen. Und wie der
Kfer nun gar erst von dieser Seitenschwenkung, die er jedoch schon rascher
parirte, im Context irre wurde und zu seiner Wanderschaft bersprang als Gesell
und von den fnf Groschen sprach, die er manchmal nicht in der Tasche gehabt
htte, und dann der Weg bis zu dem Dsternbrook bei Schlo Neuhof noch in
unendlichster Perspective lag, da waren alle drei schon aus der Veranda einige
Stufen, ber welche eben im seidenen, duftenden Kleide dahinrauschend ein
allerliebstes kleines Frauchen mit einem groen weien Spitzenteller auf dem
rabenschwarzen Haare ihnen begegnete, in Bernhard's Arbeitszimmer angekommen und
hatte dieser schon eine Feder in der Hand und setzte eine Verstndigung auf, die
Lengenich unterschreiben sollte ... Jetzt war zwar in der Pracht und Eleganz der
Umgebung die Biographie des Kfers vollends verschttet, doch hatte er fr sein
umstndliches Gemth nun einen Vorsprung gewonnen. Er sollte etwas
unterschreiben! Da lag ein Bogen Papier, unter den er seinen Namen setzen
sollte, whrend ein andrer darauf warten mu! Das ist ein groes Privilegium! Da
kann ein jeder sicher sein, ob er nun Napoleon oder Alexander der Groe heit,
da er ruhig zuhren mu, wenn sein Wirth beim Schlieen eines Miethcontractes
die Pause benutzt und die gegenwrtige Hhe der Steuern auseinandersetzt!
Lengenich las jede Zeile mit Aufmerksamkeit und ihm strte nicht das heitere
Lachen der kleinen Frau und ihr Scherzen drauen mit Wenzel von Terschka, ihn
strte nicht, da Bernhard Fuld noch gar nicht einmal angekleidet war. Der Preis
war noch offen gelassen, in Erwartung, Lengenich wrde sich vor Seligmann in der
unter ihnen abgemachten Summe verrathen.
    Wirklich Siebenhundert? sagte Bernhard. Haben Sie sich nicht verschwren
mssen, Herr Lengenich?
    Siebenhundert?
    Seligmann trommelte auf die Fensterscheiben. Die berhmte Auctionsarie aus
der Weien Dame bekam er in seine beleidigten Finger.
    Inzwischen hrte man leichtes Fuhrwerk im Kieselsande anfahren - bald war es
zwlf Uhr - vor Tisch war noch manche Anordnung zu treffen ...
    Bernhard sagte:
    Ich stelle also eine Anweisung auf - achthundert Thaler.
    Seligmann trommelte und pfiff sogar leise die Verzweiflung des
Schloverwalters aus der Weien Dame ...
    Na, richtig, neunhundert! sagte endlich Fuld rgerlich, nur um zum Ziele zu
kommen und auch erschreckend ber den immermehr zurckhufenden und sich purpurn
berfrbenden Kfer ...
    Als er geschrieben, mute er dann auch zur Strafe noch aushalten, da
Stephan Lengenich ihm die Hand reichte, gleichsam eine ewige Freundschaft mit
ihm schlo, sich freute, ihn persnlich kennen gelernt zu haben, seine kostbare
Einrichtung bewunderte, einige Bilder betrachtete, nach dem Preise der Rahmen
fragte, dreimal den Hut suchte, whrend er ihn doch schon in der Hand hatte, und
nicht fortkonnte ...
    Seligmann untersttzte ihn in diesem Laviren ... Denn Eines war hchst
sonderbar. Der Vetter machte keine Miene, sich zu erinnern, da er heute bei ihm
speisen sollte ...
    Schon rief Bernhard Fuld: Jean! und der Bediente kam und half ihm bei
Abschlu der Toilette ...
    Stephan Lengenich bewunderte noch immer einige Portrts und verglich bei
einer der ringsum aufgehngten Damen die Augen mit denen Veilchen Igelsheimer's
...
    Excuse! sagte Bernhard rgerlich und zog ohne weiteres den Schlafrock aus
...
    Aber kein Wort vom Diner?!
    Nein, sehen Sie, Herr Seligmann, diese weien Hnde mit den Ringen! .. Dort!
    Bitte recht sehr! bemerkte Bernhard immer verdrielicher und doppelsinniger
und lie seine weiten rothen Beinkleider sinken, um ganz enge schwarze
anzuziehen ...
    Und nichts vom Diner!?
    Stephan Lengenich besann sich jetzt, was der Anstand erforderte. Der Mann
war er nicht, der nicht verstanden htte, mit den Groen umzugehen, mit feinen,
gebildeten Herren wie Schnuphase, mit Secretren des Kirchenfrsten und
hnlichen Lebensstellungen ... Jetzt empfahl er sich und verwechselte nur noch
die Thren ...
    Da, da, lieber Mann! zeigte Fuld und er war dabei auf der Folter ...
    Aber nichts vom Diner?! .. Lb Seligmann steht wie angewurzelt ...
    Ja aber, was wollen Sie denn noch? fuhr Bernhard Fuld jetzt auf, zornig ber
den kleinen Mann mit dem schwarzen Wollenkopf und hatte nicht bel Lust
hinzuzusetzen: Haben Sie denn Pech an den Stiefeln? ...
    Dabei zog er schon den Frack mit dem rothen Band der Ehrenlegion an.
    Das wurde denn nun doch dem Vetter zu viel!
    Vor Stephan Lengenich, der schon drauen war, compromittirte er jetzt weder
sich noch den Vetter. Mit einem Tone, der gleichfalls unerschrocken dem Unter
uns entsprach, sagte er:
    Herr Fuld! Ich wollte nur gefragt haben: Wann ist die Stunde, wo bei Ihnen
gespeist wird?
    Jetzt sah ihn Fuld gro an und besann sich ... Lange mute er kopfschtteln
und lachen. Endlich rief er gezogenen Tones:
    Schlemihl! ... Es ist ja wahr! ... Wissen Sie was? Gehen Sie in die Kche,
Seligmann! Fragen Sie Reginen, wie viel Minuten vor zwei Uhr die gespickte
Rehkeule irgendwo zum Anschneiden ist, da man's nicht sieht, wenn sie auf die
Tafel kommt!
    Lb Seligmann hob voll Trotz das Haupt aus den Schultern und warf es mit
einer gewissen schiefen Senkung wieder in den Nacken. Die Art, wie er von dannen
ging, sagte geradezu: Ich denke, Sie haben sich meiner nicht zu schmen, Herr
Fuld; denn es steht geschrieben: Alle Jden sind wir geborne Prinzen.
    So schritt er fort; sein Gemth lste sich aber in Elegie auf ... Er mute
gedenken: Gott, wenn du nun nach Kocher am Fall httest schreiben mssen, du
warst auf Fuld's Villa und sie hatten die Einladung vergessen! ... Dieser
Gedanke go ber sein Antlitz die uerste Wehmuth ... Lengenich, der ihn
drauen erwartete, begriff nicht, warum so weich die Worte von seinen bleichen
Lippen kamen:
    Gehen Sie jetzt, Mann! Vershnen Sie sich mit Ihrem Bruder, der Ihr rgster
Feind gewesen! Ich bleibe auf der Villa! Sie wissen! Ich speise bei - meinem
Vetter!
    Der Kfer war in verwandter Stimmung. Er wute, da im alten, Anno 30
renovirten Hause der Aeltern eben jetzt sein Bruder Melchior mit der Familie zu
Tische geht ... Er wute, da es heute seit einem Jahrhundert dort Kle,
gekochte Birnen und Speck gab ... So nach der Rechtfertigung des Pfarrers mit
Darreichung des Handschlags vom Bruder sogleich empfangen zu werden, verlangte
er nicht. Dazu war der Berg zwischen ihnen zu hoch gewesen. Aber ein kurzes:
Stephan, du bist's? ein aufrichtiges, ehrliches, deutsches: Ja, Melchior, ich
bin's! ein Schweigen von Seiten Melchior's und ein Deuten blos auf den
Mittagstisch und die Worte: Willst mithalten? ... mehr verlangte Stephan nicht
... mehr bedurft' es auch nicht zur Ausshnung. Endlos ist das Volk in
Verstandesdingen, in Herzensdingen kurz.
    Seligmann aber, alle Sorgen, die sich noch an den Fund des Portefeuilles aus
der Kutte des Mnches Sebastus knpften (eines Portefeuilles, das einem Manne
gehrte, an dem sich rchen zu wollen auch ihm sein erstes Gelst gewesen)
abschttelnd auf die Weisheit, hochherzige Besonnenheit und Beredsamkeit
Veilchen's stieg in das Souterrain der Villa, wo neben dem franzsischen Koch,
Herrn Jlien aus Paris, Regine waltete, die der jungen Madame Fuld ihre Aeltern
mitgegeben hatten, um dafr zu sorgen, da sie den Zusammenhang mit den
Vorschriften des Talmud nicht zu sehr dem vornehmen Weltleben ihres Gatten
opferte. Waren keine Gste da, so hatte Regine den Oberbefehl und duldete am
Kalbsbraten keine Butter, am Rehbraten keinen Rahm, nimmermehr Aale, nimmermehr
die Verwechselung der Geschirre je nach dem Inhalt, der drinnen gewesen - und
wie die Vorschriften eines Glaubens lauten, der die Grundlage unsers eigenen
ist.
    Seligmann lchelte sanft, die Freude Reginens zu sehen, da sie einen
Vetter ihrer Herrschaft oben kennen lernte, wenn auch nur hier unten im
Souterrain des Kellers ...
    Der Rehbraten, sagte allerdings der Koch streng abweisend, sein erst dann zu
dividir, wenn er zurckspazir' de la Table! ...
    Aber Seligmann war es nicht um den Rehbraten, sondern nur um die Ehre zu
thun. Er wartete den Gang der Ereignisse ab. Das freundliche Plauschen der alten
Wienerin weckte ihm allmhlich wieder die frohe Musik seiner Seele.

                                      12.


Nun von Viertelstunde zu Viertelstunde ein neuer Gast ...
    Zuerst der Bruder Moritz ...
    Er war der Aeltere, trat aber gegen seinen reprsentativeren Bruder zurck.
Fast vierzig Jahre alt, mochte er sich nicht mehr verheirathen. Er hatte eine
pessimistische Auffassung des Lebens, whrend Bernhard, Geldsachen ausgenommen,
mehr zum Optimismus neigte ...
    Moritz brachte die ihm gestern Abend anonym zugeschickte Caricatur.
    Glcklicherweise brachte er auch den Humor mit, da er das Befremden und den
entrsteten Unwillen seines Bruders nicht vermehrte ...
    Der stille und sanfte Alois Effingh hatte sie beide darstellen lassen, wie
sie mit einem Heiligenschein von Dukaten um den Kopf standen, der eine in der
Hand mit einem Modell einer neuen Kirche, der andere mit einer Kerze und mit dem
Rauchfa. Darunter stand die Unterschrift: Alles frs Geschft!
    Fr die Kirche, sagte Moritz, trste uns die neue Eisenbahn in Belgien,
deren Actien wir in Deutschland emittiren! Und fr die Dukaten um den Kopf
trste uns unsere amsterdamer Berechnung vom letzten Ultimo! Louis Philipp lt
die Curse fallen, weil die Kammern zusammentreten. Um die Debatten ber die
Thronrede nicht zu grob werden zu lassen, kitzelt er ein bischen den
franzsischen Nationalstolz durch den Schein, da es Krieg gibt.
    Bernhard versicherte sich, da Moritz wenigstens die Caricatur vor seiner
Frau geheim hielt ...
    Gott, wie zrtlich! Warum soll sie unsere Lage nicht kennen lernen?
erwiderte Moritz.
    Dabei mute er gewhren lassen, da ihm Bernhard sein an Louis Philipp's
ehrliche Leute und deren Politik erinnerndes rothes Bndchen etwas weiter aus
dem Knopfloch zog ...
    In der Stadt drben, fuhr Moritz fort (er that dabei sogar dem Bruder den
Gefallen, sich im Spiegel zu besehen), mssen wir uns isoliren und unsere Kraft
nur in Paris, London und Amsterdam suchen! Dann der mittlere Brgerstand und der
kleine Mann gewonnen und wir lachen diese altfrnkischen Buchhalter aus mit
ihren groen dicken liniirten Strazzen, die von Jahr zu Jahr hinten mehr leere
Seiten zeigen werden.
    Beide waren einig darber, da der Spott nur von der tonangebenden
mercantilen Jugend der wohledeln Stadt, von Piter und dessen Freunden kommen
konnte.
    Sie verlieen das Haus und gingen den schattigen Partieen des schnen
Gartens zu und sprachen von den Antrgen Wenzel's von Terschka ...
    Es war von einer groen Lotterie die Rede, in der die Standesherrschaft
Dorste-Camphausen allenfalls verspielt werden konnte ... Terschka hatte selbst
aus seiner Heimat diese dort bliche Form fr Geldspeculationen groer, selbst
frstlicher Huser anempfohlen ...
    Neue Anmeldungen hinderten die Fortsetzung dieses Gesprchs ...
    Bernhard ging, eine krzlich in Belgien bei Negociirung eines groen
Eisenbahnanlehens der Stdte Lttich und Namur gemachte Bekanntschaft aus Spaa,
den Baron von Binnenthal zu empfangen ...
    Die Physiognomie des Barons misfiel Moritz. Gerade darin zeigte er seinen
Pessimismus, da er bestndig des Bruders Sucht nach vornehmen Bekanntschaften
bekmpfte, die allerdings nicht selten mit Geldverdrielichkeiten endeten ...
    Ich wei nicht, mit was fr Leuten du dich ziehst! flsterte er dem Bruder
zu.
    Aergerlich wies dieser auf den aus der heien Kche jetzt zurckgekommenen
und in den entferntesten Hecken des Gartens fast auf den Zehen spazieren
gehenden Seligmann und sagte:
    Schnorrer willst du? Da hast du einen!
    Sich wendend empfing er dann wieder eine neue Meldung ...
    Herr von Binnenthal war inzwischen zu Madame Fuld getreten ...
    Ein junger Dandy war es, der bei seinen vielen Reisen im Ausland seine
deutsche Muttersprache verlernt zu haben schien und bei den einfachsten
Begriffen stockte, um sie zuletzt englisch oder franzsisch vorzubringen.
    Moritz flsterte seiner Schwgerin (die in der Mitte des Gartens in der
schattigen Rotunde eines mit vier Eingngen durchbrochenen Rebenspaliers, auch
hier auf gueisernen, mit Polstern belegten Sthlen, anmuthsvoll die Honneurs
machte und durch die Strahlen eines von Blumen umzogenen Springquells aus der
Ferne gesehen, in ihrem wassergrnen seidenen Kleide, fast einem
Grandville'schen Naturgeist, einer personificirten Libelle hnlich sah) nach
einigen Beobachtungen des Herrn von Binnenthal brummend die Bemerkung zu:
    Ich wei nicht, dieser Baron hat immer das Deutsche an den Stellen
vergessen, wo man eben erwartet von ihm einen Gedanken zu hren!
    Frau Bernhard Fuld sprach jedoch holdseligst mit dem Baron, ohne sich im
mindesten von der grmlichen Kritik des Schwagers stren zu lassen.
    Wieder klingelte die groe Pforte des Eingangs.
    Wieder eine Anmeldung aus der Pairskammer, wie Moritz sagte, der im Geiste
mehr in Paris, als in Drusenheim zu leben schien.
    Diese neuen Ankmmlinge wurden vor Bewunderung der Villa gleich vorn
gefesselt.
    Terschka und Binnenthal unterhielten die Wirthin und Moritz horchte und
studirte vor sich hin und auf dem Gartenboden, wie es schien, nur Botanik.
    Herr von Binnenthal hatte allerdings alle Eigenthmlichkeiten der
Weinreisenden. Er konnte mitten in eine Phrase ber die von Terschka angeregte
Schnheit der alten belgischen Bauten eine Zwischenrede mit der Wendung
einwerfen: Meine gndigste Frau, dieses weniger! Oder Frau Bettina, wie sie
statt Betty dem seit einigen Jahren erschienenen Briefwechsel Goethe's mit dem
Kinde zu Liebe genannt wurde, ungeduldig ber die drauen gefesselten Gste,
wollte einen Schmetterling haschen. Es mislang ihr und Baron Binnenthal nannte
diese kleine grazise Unterbrechung, die der schnen Frau allerliebst stand:
Eine verfehlte Speculation! Als er einige male, wetteifernd mit dem immer
gefallsamen Terschka, der aus dem: Kss' die Hand! gegen Frau Bettina nicht
herauskam, von schiefgewickelten Ideen sprach, erregten diese Ausdrcke wol
bei beiden groes Gelchter, Moritz jedoch hatte auf der Lippe, seinen Bruder
Bernhard zu fragen, ob dieser in dem Eifer nach Vornehmheit vergessen htte,
sich den Pa des Herrn von Binnenthal zeigen zu lassen.
    Und dabei bekam Moritz wahrhaft Mitleid mit dem armen Seligmann, der sich
hinter den uersten Stachelbeerhecken versteckte und je mehr Menschen kamen,
ganz gegen das Naturell seines Stammes, desto weiter sich zurckzog.
    Immer grer und grer wuchs die Zahl der Connexionen. Nun sah man, da man
in Homburg und Baden-Baden die Liebenswrdigkeit selbst gewesen war. Jeder, der
auf seiner Rckreise den schnen Strom berhrte, war aufmerksam gemacht worden,
die Villa im Enneper Thale zu besuchen ...
    So auch ein Herr von Guthmann mit Gattin ...
    So auch zwei englische Ladies, die mit Ponies an fuhren und mit Mappen
kamen, um nach Tisch vielleicht noch die Gegend aufzunehmen ...
    So auch ein groer Exporteur in Landesproducten aus Hamburg mit zwei
Schwestern ...
    Bernhard gerieth in eine gegen seine sonstige blasirte Haltung immer mehr
zunehmende Aufregung. In dieser gab er sogar den Bedienten den Befehl, den so
lauernd schleichenden Seligmann ganz aus dem Garten zu verweisen.
    Moritz machte zu alledem den Beobachter und bemerkte bereits Manches.
    Z.B. als das von Guthmann'sche Ehepaar in den Garten getreten war ...
    Herr von Binnenthal entfaltete gerade ein Brillantfeuerwerk von famosen
oder schaurigen Thatsachen aus dem Badeleben Ostendes und Scheveningens und
hatte auf die Frage des Herrn von Terschka, ob Herr von Binnenthal auch ein
Schwimmer wre, wieder die geistreiche Antwort gegeben: Dieses weniger! - als
seine Blicke des Herrn von Guthmann ansichtig wurden und vom Momente an
verstummte Herr von Binnenthal. Moritz konnte diese auffallende Beobachtung um
so mehr machen, als ihn Frau von Guthmann interessirte; eine seine grazise
Erscheinung war es, nicht mehr ganz jung, aber von geflligem Eindruck und einem
ohne Zweifel im Salon gebildeten Benehmen. Als sie selbst mit einem jener
Misverstndnisse, die in Gesellschaft mit neuen Bekanntschaften oft vorkommen,
sich selbst in ein lngeres Gesprch mit Herrn von Binnenthal eingelassen hatte
und erst allmhlich erkannte, da sie sich an ihr ebenbrtigere Persnlichkeiten
htte wenden mssen, stand doch Herr von Guthmann lange genug allein, um ber
den Eindruck, den auch ihm Herr von Binnenthal zu machen schien, von Moritz
beobachtet zu werden. Dies schien der Eindruck des hchsten Erstaunens zu sein.
Offen sprach Herr von Guthmann zu Moritz seine feste Ueberzeugung aus, in jenem
jungen Manne einen gewissen Oskar Binder wiederzuerkennen, der - Nun freilich
nahm er Anstand, die Antecedentien eines Mannes offen anzugeben, der hier in
solchem Kreise bei Rittern der Ehrenlegion verweilen konnte und von Pferden,
Hunden und von Gterankufen sprach. Da auch ihm der Makel anklebte, auf eine
nicht besonders motivirte Weise Bankrott gemacht zu haben und mit der
geschiedenen Frau eines angesehenen Mannes, gegen deren Auffhrung die
sprechendsten Beweise an Ort und Stelle vorlagen, sich von Weib und Kind
entfernt, dann diese Frau und mit ihr den selbstgegebenen Adel geheirathet zu
haben, um ein speculatives Leben in den Bdern zu fhren - das war allein der
Anstand, der Herrn von Guthmann verhinderte, offener mit der Wiedererkennung
seines frhern Commis hervorzutreten. Seine Frau fhrte mit diesem gerade eine
liebenswrdige und hchst charmante Causerie, ganz noch als wenn sie in seinem
Bazar stnde und unter Scherz und Bewunderung der vorgelegten Stoffe, sicher nur
infolge angeborener Kleptomanie, ein Packet Spitzen escamotirte. Moritz bemerkte
den Schrecken, der auf den Gesichtszgen des Herrn von Binnenthal immermehr
platzzugreifen anfing ...
    Diese so interessanten Bekanntschaften wuchsen immermehr ...
    Bernhard's neue Existenz strahlte im Lichte der edelsten Gastlichkeit. Man
hatte im ersten flggen Drange des Bestrebens, ein Haus zu machen, jeder
persnlichen Berhrung, selbst einer Frage am Cursaal zu Baden-Baden, ob diese
oder jene Pice nicht von Beethoven wre? und der Antwort der Nachbarin
(zufllig Meta Carstens, die mit Bruder und Schwester ihre zweijhrliche
Ferienreise machte): Jewoll!1) Die C-Moll-Symphonie! - dann bei einer Kritik
des Fnf-Uhr-Diners (hamburger beibehaltene alte Gewohnheit) und der Bewunderung
der aufgetragen gewesenen Erbsen (die sie rhmende war Sophie Carstens) eine
Ausdehnung zur Einladung, auf der Rckreise das Enneper Thal zu besuchen,
gegeben. Frau Bettina liebte die Natur, die Musik, die schnen Knste und sogar
die Freundschaften noch ebenso, wie Bernhard bereits nur noch die Livreen, die
Pferde, die Hunde und die groen Namen liebte. Nach den Honigmonaten klrt sich
das. Jetzt ist die Grung noch etwas bunt. Zu dem Commis mit fnf Jahren
Correction, zu dem bankrotten Rentier und seiner neuen Gattin, dem weiblichen
Vidocq, zu den Ladies, die die Tchter eines Porterbierbrauers in London waren,
kam Nikolaus Carstens, seinerseits hchst unschuldigerweise hier ein groer
Exporteur genannt, theilweise jedoch mit grerm Rechte als Mnzenkenner und
halber Gelehrter gefeiert. Er bedurfte der ganzen Wrde, die ihm seine weie,
groe, in der Hitze nicht eben khlende Halsbinde gab, um die Aeuerungen seiner
Schwestern ber eine gewisse von ihnen bewohnte Villa vor dem Dammthorwalle mit
Besonnenheit zu untersttzen.
    Wir bedauern nicht verweilen zu drfen bei der Anmuth der Wirthin, die ganz
wie ein verkrperter Tropfen vom heutigen Frhthau noch nachblinkte. Sie einen
Diamanten zu nennen, deren sie einige Dutzende auf Brust und Hnden trug, wre
zu kalt von uns. Sie ist das Leben selbst, der Frhling, der lachende, die
Sonne, die glhende. Wie ist das im Glck geboren und erzogen! Sie hat soeben
bei dem Wandeln hinaus auf den nun heute zu ihrer kindlichsten Freude erworbenen
halbwsten Acker und Weinberg, dessen Hhe jedoch das schnste Panorama bot,
eines der kostbaren Bnder, die sie auf dem schnsten Arme von der Welt trug,
verloren - Moritz tadelte gleich, da sie deren zu viel trug und nannte es ein
gefhrliches Unterbinden der Pulsadern - beim Zeigen und Bewundernlassen dieser
Armringe war einer von ihnen verloren gegangen ... eben kam der Verlust zur
Sprache ... eben bei der Debatte ber das Verhltni irgendeines neuen wiener
Componisten zu Beethoven, einer Zusammenstellung, ber deren Ketzerei Meta
Carstens vor Aufregung fast plattdeutsch sprach und dabei Brillanten und
Rheinkiesel in geistvolle Vergleichung brachte ... Nun allgemeine Bewegung; aber
die junge Frau sagt: Bitte! bitte! Lassen Sie doch nur! ... Die Bediente
springen ... Terschka ist schon berall ... Bernhard bittet um alles in der
Welt, den Fall leicht zu nehmen ... Bettina nimmt den Fall wirklich schon leicht
... Man kehrt unverrichteter Sache zurck, das Armband ist nicht zu finden ...
Und jetzt kommt es erst heraus, da es das schnste war, dasselbe, das Frau von
Guthmann so lange bewundert hatte ... Moritz fixirt Herrn von Binnenthal ...
aber ein Graf Dammhirsch - wirklich das einer von sechzehn Ahnen, aber blos
Traineur und Besitzer von zwei alten magern, schnellfigen, ihn ernhrenden
Stuten - verbrgt die Ehrlichkeit der Gegend ... Doch die Masse der
Spazierfahrer und Ueberlandgnger! ... Enfin tranchons le mot! ruft Bernhard.
Tranchons le rostbeaf! sagt Moritz, mit Anspielung darauf, da man auch
allenfalls Hunger haben knnte ... Das Ding kostete mindestens sechzig
Friedrichsdor! flsterte er; aber Bettina sprach schon wieder von Musik und
vertheidigte den neuen Componisten und bewunderte Thalberg's Tremolo.
    Die Stimmung war allerdings ein wenig gedrckter geworden und nur die
Naivett der Englnderinnen belebte sie wieder durch ihr Entzcken ber die
Gegend.
    Bernhard sah sich nun nach Seligmann um, den er aus dem Garten verwiesen
hatte, ja sogar von der Eingangspforte der Villa weg, wo der gute Vetter sich
ntzlich zu machen den Einfall bekam und den Schlag der Wgen ffnete, wenn die
Bediente nicht sogleich zugegen waren. Jetzt htte der nach dem Armband suchen
knnen. Er bereute fast, vor einer Viertelstunde zu ihm gesagt zu haben:
Seligmann! Ich werde Ihnen doch einen Hut mit Tressen geben, ein Bandelier und
einen Stock, wenn Sie durchaus hier den Portier machen wollen!
    Man konnte nicht leugnen, Seligmann trug die Farbe seines Stammes in
seltener Treue. Dazu kam seine unendliche Glckseligkeit, die unverkennbare,
fast verwandtschaftliche Freude, andere im Augenblicke gleichfalls so glckliche
Menschen hier begren und aus dem Wagen helfen zu knnen mit seinen allerdings
schon etwas von der Hitze stark mitgenommenen gelbseidenen Handschuhen.
    Indessen hatte er sein Vergehen vollstndig eingesehen und da die gute
Regine mit der Untersttzung des Koches noch ausschlielich zu thun hatte und
ihm selbst der Duft von Speisen, die ihm noch so lange vorenthalten bleiben
sollten, doch ein zu lebhaftes Andringen zu seinen Geruchsorganen verursachte,
so zog er es vor, einstweilen noch und da leichte Wolken die heie Sonne zu
bedecken anfingen, die Villa zu verlassen und noch ein wenig auf Drusenheim
zuzuspazieren, zu sehen vielleicht, ob Stephan Lengenich bei seinem Bruder
Speck, Kle und Birnen a.
    Eben das eiserne Thorgatter der Besitzung auf das sanfteste zurcklehnend
hrte er Sbelklappern und traute seinen Augen nicht, den Major Schulzendorf mit
seinem Wachtmeister Grtzmacher aus Kocher am Fall dahertraben zu sehen ... Ja,
sie waren es! ... Wie die Rosse dampften! ... Wie die Schnurrbrte der Reiter
vom Kalkstaub der Landstrae so marsch- und manvermig gefrbt waren! .. Der
Gru der Nachbarn aus Kocher am Fall that ihm so wohl, wie wenn sie ihm Gre
von der Hasen-Jette und vom David mitbrchten.
    Ei, Seligmann! Schlag, wie kommen denn Sie hierher? rief ebenso erheitert
Major Schulzendorf und ritt etwas langsamer.
    Ja, aber Sie, Herr Major? Von drben? Zwlf Stunden weit?
    Dienstgeschfte! ...
    Bedeutungsvolle Pause ...
    Grtzmacher spricht natrlich kein Wort, wenn der Chef redet ...
    Dieser wollte weiter ...
    Apropos! hielt er pltzlich sein Ro an. Seligmann! Wissen Sie hier keine
Pferde?
    Herr Major, wollen Sie wechseln?
    Wechseln! Kaufen! Kaufen!
    Seligmann besann sich ... Vielleicht war ein Geschft zu machen.
    Der Major drngte ...
    Sie haben was, Seligmann! Kommen Sie uns doch nach! In den Palmbaum, heit
ja wol das Wirthshaus?
    Zu Befehl, Herr Major, zu Befehl!
    Wie wir wissen, war der Major ein berhmter Pferdehndler. Seligmann durfte
annehmen, da diese Aufforderung vollkommen ernst gemeint war.
    Grtzmacher, der erst dicht neben seinem Chef ritt, sich jetzt aber drei
Schritte zurckhielt, besttigte mit einer eigenthmlichen Ironie in dem
sonnenverbrannten, wie mit Speck und Staub berstrichenen Antlitz die
Gelegenheit zu einem Geschft. Und sein Brauner sogar schien den Seligmann zu
erkennen. Er machte einen so gewaltigen Satz, da ihm Grtzmacher's Sbel fast
an seine Vatermrder streifte.
    Na, na, Landsmann! sagte Grtzmacher zum Gaul und beruhigte ihn.
    Die eigenthmliche Ironie des seinem Chef Nachsprengenden verstand der
Nachbar des Wachtmeisters zu Kocher am Fall auf den ersten Blick. Seligmann
sagte sich: Gewi ist blos ein Pferd dienstuntchtig geworden! Nun wird er eine
Reise von zwlf Stunden und sogar ber den Strom hinweg unterwrts mit der
diessenbacher Fhre machen! Nebenbei werden ein paar Wagenpferde fr Herrn von
Ingelheim, ein paar Ackerpferde fr den Grafen Grafenberg, ein Reitpferd fr
dessen Herrn Sohn beschafft. Oder wr's noch etwas Anderes? setzte er in
sinnendem Selbstgesprch, aber nachfolgend hinzu ... Seligmann verstand sich auf
die Zeit ... Ihm selbst lag der Streit der Guelfen und Ghibellinen seit gestern
centnerschwer auf dem Herzen, so leicht auch nur ein einziger grner Streifen
Tuches von einem Jagdrock wiegt.
    Im Palmbaum fand er dann den Major, der bereits, wie er erzhlte, heute
sieben bis acht Pferde behandelt und theilweise schon erstanden hatte. So
aufmerksam Schulzendorf dann zuhrte und sich Namen und Ortschaften notirte, wo
Seligmann noch einige junge, tchtige Pferde wute, auch eines ganz in der Nhe
auf einige hundert Schritt, so fand er den Major doch nicht in der Stimmung, den
Duft des Stalles sogleich wieder einzuathmen, sondern erst vor allen Dingen den
eines tchtigen Mahles.
    Im Palmbaum gab es eine leidliche Table-d'hte. Das Gewhl von Menschen, die
sich noch an der mit jedem neuen Gast mehr verdnnten Suppe und an ausgekochtem
Rindfleisch mit Salzgurken satt aen, war heute so gro, da Seligmann pltzlich
auf einen ihn selbst berraschenden Gedanken kam. Wie - dachte er; wenn -
berlegte er; prchtig! - beschlo er. Der Major war an der Villa
vorbergeritten und hatte bei seinem auerordentlich seinen norddeutschen
Sprsinn (die Guelfen rumen den Ghibellinen vorzugsweise eine grere Feinheit
der Geruchsnerven ein) Seligmann beneidet, als dieser sich rhmte, dort zu
diniren. Selbst wenn es nur Kugel-Schalet gab, wuten ja Grtzmacher und er, da
der Major solchem Geruch manchmal selbst bei Jette Lippschtz nicht widerstehen
konnte. Selbst unter deren Dach sah man ihn oft eintreten am Freitag Abend mit
der feinsten Nase, die nur je jenseits der Elbe zum sprenden Organ alles Guten
und Schnen sich ausgebildet ... Ueberhaupt sechsunddreiig Landdragoner standen
unter dem Trefflichsten. Jeder von ihnen wute, da ein so tchtiger Chef nur
zum Wohle des Vaterlandes geboren werden konnte, und eine dies bezeugende
Kleinigkeit, nmlich zu seinem Geburtstage - bezeugte auch an ihnen wieder, so
arm sie waren, ein gutes Herz. Schulzendorf nahm jeden Hasen, auch wenn er
geschenkt war. Und nun gar erst der Pferdehandel! Sechzig Thaler kostete nun so
eine tchtige Mhre von einem Bauer z.B. hier im Enneper Thale; dann hat man
einen guten Freund, Grtzmachern z.B., die gute treue brave jterbogker Seele
macht so ein Thier rittig, setzt Leib und Leben, Frau und Kinder daran, das
wilde Jungblut zuzureiten, und nach sechs Wochen nimmt es dann der beste aller
Knige fr achtundachtzig Thaler. Bei sechsunddreiig Pferden, die wie alle
Pferde nur zu oft nicht einschlagen, kommt der Fall der Erneuerung und ein
Gewinn von achtundzwanzig Thalern per Stck sehr hufig vor. Wollte man aber
darum den Major anklagen, da er im Dienste lssig gewesen? Nimmermehr! Er
strafte wie einer! Er machte Abzge wie einer! Er lchelte stets so scharf, so
sarkastisch, so liebevoll mephistophelisch, aber zuweilen konnte sein Inneres
auflodern, wie wenn seine Vter nicht geborene niederlausitzer Tuchmacher,
sondern (nach Shakspeare) von Deukalion her erbliche Frstendiener gewesen
wren. Er verga keine Titulatur nach oben, aber wehe dem, der eine von unten
verga! Um zu zeigen, wie ein Chef Untergebene behandeln msse, duldete er
nimmermehr, da Grtzmacher von den Schreiben, die aus dem Landdragoneramte an
untergeordnetes Volk gingen, den Streusand wegblies.
Kreuzhimmeltausendsakkerment! fluchte er trotz Niemeyer und Knapp, bei denen er
noch in Halle Theologie studirt hatte, wenn Grtzmacher von einem Bescheid an
einen Dorfrichter oder an eine kleine Stadtgemeinde den Streusand wegblasen
wollte! ... Diese Bagage mu wissen, mit wem sie zu thun hat! ... Aber nach oben
hin war dann Schulzendorf auch um so mehr die schuldigste Devotion selbst ... In
dieser Weise zeigte sich jene Gesinnung, die niemand schrfer durchschaute als
Procurator Nck, wenn er nachdenklich seinen Frack mit dem goldenen Sporn
betrachtete, oder Michahelles, wenn er zum Kirchenfrsten sagte: Eminenz! Erst
nur gewisse Frsten gewinnen und in dreiig Jahren wird dann aus dem Schoose des
Protestantismus selbst heraus eine Bewegung entstehen, der man getrost es
commandiren kann, Rom auf halbem Wege entgegenzugehen!
    Auch Seligmann wollte einen starken, krftigen Staat, hielt es aber fr
politische Weisheit, wenn an Ort und Stelle in manchen Dingen nachgegeben und
sich accommodirt wurde und vor seinen beiden Vettern glaubte er keine grere
Genugthuung zu haben, als wenn er ihnen den Major zu Tische fhrte.
    Mit Hochherzigkeit reinigte er den auf diese Erffnung hin erst laut
auflachenden, dann aber gar nicht abgeneigten Gnner vom Staub der Landstrae.
Seit gestern Mittag unterwegs hatten Uniform und Knpfe, Degenkoppel, Stiefel
und Sporen gelitten. Mit Grtzmacher's Hlfe wurde das Werk der Adonisirung
glcklich vollendet und lachend sich zurckversetzend in die Zeiten der Campagne
und den viel minder rcksichtsvollen Besuch manches flandrischen Meierhofs und
manches burgundischen Edelsitzes, billigte er nach Seligmann's Rath als
passendste Anknpfung den Pferdehandel und die Besichtigung einiger stattlichen
Mecklenburger, die im Stalle des Besitzers von Drusenheim neu angekauft standen
... Man verlie den Palmbaum, wo Grtzmacher mit einem seiner loyalsten, aber
vielsagendsten Blicke zurckblieb.
    Gerade war die Gesellschaft der Villa auf einer erneuten und auf
Veranlassung der in solchen Dingen pedantischen Damen Carstens das Armband
suchenden Promenade begriffen. Nachdem schon lange vor aufsteigenden Nebeln die
Sonne verschwunden war, begann es etwas zu trpfeln. Wie die Gesellschaft, von
dieser unerwarteten Wendung der Sonntagslust berrascht und auf eiligem Rckweg
begriffen, mit gespannten Sonnenschirmen da und dort aus dem Grn auftauchte,
ging Schulzendorf, sich einen jugendlichen Schneller gebend, dem Wirthe entgegen
und ber die Mecklenburger hinweg erfllte sich alles aufs trefflichste. Es war
in der Ordnung, da man dem Major die herrlichen Thiere, die Stallungen, die
kostbaren Futterbehlter, die Porzellankrippen zeigte ... es war in der Ordnung,
da man ihn dringend bat zu bleiben. Seligmann, entzckt ber ein sogar ganz
freundliches Zunicken seines Vetters Bernhard Fuld, stieg triumphirend in die
Kche.
    Jetzt waren alle Gste mehr als vollzhlig beisammen und nur einer fehlte
noch ... Schleudere deinen Bannstrahl, Paul genannt der Vierte! Kanonische
Regel, verhnge deine entschiedensten Strafen! Ein Priester im Hause, ja sogar
am gedeckten Tische eines Juden! ... Dennoch ffnete sich die Thr und der
Pfarrer trat ein, in gewhlter Sonntagskleidung, in schwarzer Weste, schwarzen
Handschuhen ... der praktische Mann war bei seinem Patronatsherrn - die
Auslegung des Bullariums hat ihre eigenthmlichen Geheimnisse.
    Wir schildern nicht den geschmackvollen Esaal mit bunten Fenstern, die die
Gesichter grn, die Suppe roth, die Lffel blau erscheinen lieen. Wir schildern
nicht den runden Tisch mit seinen Herrlichkeiten. Wir schildern nicht die
galonirten Diener, die mit grndlich einstudirter Ruhe serviren. Wir schildern
nicht diese scheinbar granitne Sicherheit, die Bernhard ber die Folge der
Gnge, das Abnehmen der Teller und Prsentiren der Weine zur Schau trgt,
whrend sein scharfes Auge stechend auf eine etwas laut niedergesetzte Schssel
oder eine zur Erde fallende Gabel gleitet. Als es Gemse gab, riefen die beiden
Hamburgerinnen einstimmig ihrem Bruder zu: Nikolaus! Junge Erbsen! Das Gesprch
wurde Schmetterlingsflattern, obgleich Englnderinnen immer grndlich sind. Am
Lurleyfelsen werden sie sicher die Futapfen der Lurley gesucht und am
Musethurm die Lcher der Muse gezhlt haben, die jenem Hatto von Mainz einst
das Leben nahmen. Was aber auch nur angeregt wurde, alles zndete vorzugsweise
bei Meta und Sophia, die, wenn sie auch stets mit den verklrtesten und
schnsten Stellen und Excerpten ihrer Tagebcher beschftigt waren, doch von
jeder Speise zweimal nahmen. Wie plastisch und sozusagen objectiv wurde von
ihnen eine jede Lebensuerung behandelt! Selbst wenn sie nur ein wenig Salz
verlangten oder sich vom Nachbar ein Glas Wasser erbaten, geschah es im
Vollgenusse dieser hchst merkwrdigen, aber behaglichen Situation.
    Der Pfarrer ist einer jener Urmenschen, die an jeder Stelle das thun, was
die Lage der Dinge gerade mit sich bringt. Ebenso gut wird er einen
wohlbereiteten Salmen zu wrdigen wissen, wie eine eingestandene Snde. Das ist
die beste Menschenart, die bei jedem Ding sich auf dem Platze wei ...
Schweigsam waren nur geworden Moritz der Pessimist, Binnenthal, Herr von
Guthmann, selbst Frau von Guthmann ... das Armband wirkte doch drckend ...
Dagegen war Terschka ein Matador. Hufbeschlag mit Schulzendorf, Stangen- oder
Kandarenreiten mit dem Grafen Dammhirsch, Percussionsflinten mit einem
Jagdjunker, Zukunft der sterreichischen Finanzen mit einem Herrn Bendixen aus
Frankfurt, Drainage und alte Mnzen mit Herrn Carstens, Rouge et Noir mit Herrn
von Guthmann, Caramboliren beim Billard mit Binnenthal, Musik mit Mi Arabella,
Malerei mit Mi Julietta, das von Liebig eben entdeckte Conserviren junger
Gemse in Blechbchsen mit den Damen Carstens - allem und jedem steht dieser
Wunderbare zur Rede ... Und nur mit der Frau vom Hause spricht er von Wien und
lacht mit ihr vertraulich ber die ganze brige Welt. Die Wiener und Wienerinnen
haben das. In der Fremde gehren sie alle einer geheimen Conspiration an, deren
Devise die Unbertrefflichkeit ihrer Heimat ist.
    Beim Gesprch ber Lindenwerth, die Pensionrinnen, Armgart, mute man denn
auch auf Armgart's Mutter kommen, Monika von Hlleshoven.
    Sie kennen sie? fragte der Geistliche Terschka.
    Auch Schulzendorf horchte auf. Einen Namen hrte er, den er von Kocher am
Fall kannte.
    Sie hat eine Tochter hier in der Erziehungsanstalt auf der Insel! fuhr
Terschka fort. Ich hoffe sie heute noch zum Kaffee auf der Terrasse kennen zu
lernen! Gndige Frau hatte die vortreffliche Idee, die Terrasse heute zum Salon
der kleinen Zglinge zu machen!
    Engeltraut schwieg zu der freudigen allgemeinen Acclamation. Zu vieles wute
er, was mit dieser Bemerkung schmerzlich zusammenhing. Erstens, welche Bedenken
diese Einladung drben bei den Englischen Frulein berhaupt hervorgerufen
hatte. Doch hatte er der Schwester Aloysia gesagt: Unser Herr spricht: Reinige
zum ersten das Innenwendige am Becher! woran er die Betrachtung knpfte, da
man von dem Auswendigen nicht zu viel Wesens zu machen brauchte ... Dann hatte
er vor wenig mehr als einer Stunde erst mit Angelika und Schwester Aloysia die
Briefe aus Wien und Kocher lesen knnen (denn zwei Taufen und ein Krankenbesuch
hatten ihn sogleich nach der Application in Anspruch genommen); den Rath hatte
er gegeben, abzuwarten - ein fr Armgart nicht minder als das Wort Geduld
hchst antipathischer Begriff ... Den Major fragte er nach dem Obersten,
Armgart's Vater.
    Jedes allgemeine Gesprch pflegt sonst von dem Uebergang zu Persnlichkeiten
gestrt zu werden. Hier aber ereignete sich der Fall, da die Mittheilungen, die
der Major von dem Obersten von Hlleshoven machte, manchen interessirten. Ja als
er auf Kocher am Fall berhaupt zu sprechen kam und das neueste nachbarliche
Erlebni erwhnte, das Erbrechen eines Grabes drben, als er den Antheil
schilderte, den daran eine gewisse Lucinde Schwarz htte, die den noch immer
nicht aufgefundenen Thter auf die Idee gebracht, in einem Sarge Schtze zu
suchen, da wurde pltzlich alles rege und ging wild durcheinander. Selbst der
immer stummer gewordene Herr von Binnenthal fuhr auf und die gerade von
mglichen Gewittern und der richtigen Abgangszeit der Dampfschiffe sprechende
Frau von Guthmann und beide ganz in Beethoven, Mozart und jetzt wieder die
kstlichen Frchte des Desserts und die Vergleichung der geographischen
Breitengrade des Enneper Thals mit den Vierlanden bei Hamburg verlorenen Damen
Carstens riefen wie elektrisch berhrt:
    Lucinde Schwarz?!
    Eine ultramontane Emissrin, die in den gegenwrtig schwebenden Zeitlufen -
begann der Major ...
    Der Major wrde mit diesem fr die Nhe eines Pfarrers ziemlich scharfen
Worte und den naturgem zu erwartenden Repliken, dann wieder bei den darauf
folgenden nhern Erluterungen leicht bei dem vortrefflichen Dessertwein sich
eine leise Anspielung erlaubt haben knnen auf den nicht ostensibeln Grund
seiner heutigen Anwesenheit in dieser Gegend, wenn nicht in diesem Augenblick
der allgemeinsten Spannung und durcheinander fahrenden Fragen: Lucinde? -
katholisch? - wo? - wann? - ein Blitzstrahl das seither immer dunkler gewordene
Zimmer erleuchtet htte. Der erschreckenden Helle folgte in so raschem
Aufeinander ein erschtternder Donner, da alles aufsprang, weil man
voraussetzte, es mte irgendwo in der Nhe eingeschlagen haben.
    Das Diner war damit zu Ende.
    Rasch lehnte man die bunten Fenster zurck und sah entsetzt ins Freie. Zum
Glck wurde nirgends ein Feuer oder Rauch ersichtlich, aber der ganze Himmel war
eine einzige groe graue Wolke; ein Gewitter tobte und der Regen flo. Die Damen
Carstens vergaen alle Gemse- und Obstzucht in der Welt, alle
Confessionsunterschiede und bedachten nur ihre Schuhe von Zeug und die
mangelnden Regenschirme und die Weiterfahrt auf dem Dampfschiff. Ueberall fanden
sie gefhrlichen Zugwind, riethen zum Schlieen von hundert Fenstern, die sie in
der Nhe und dann auch sogleich weit offen stehend witterten. Auch Frau von
Guthmann verlor ihre erknstelte Heiterkeit und flsterte mit ihrem Gatten. Herr
von Binnenthal hatte noch mit dem Dampfboot in die Residenz des Kirchenfrsten
zurck wollen! Bereits zum ftern war von ihm die Nothwendigkeit einer Eisenbahn
nach Belgien behauptet worden ...
    Wirklich war es nun ein Gewitter, als htte sich wochenlang darauf die Natur
vorbereitet. Whrend man gemthlich a und plauderte, hatten Strme die Wolken
immer dichter heraufgejagt. Sie entluden sich in Blitzen, die dicht in der Nhe
schon in den dunkelwallenden Strom schlugen. Das hatte sich erst von Westen her
in einzelnen Vorboten angekndigt. Dann kam ein dunkelblauer Streifen, der sich
ausdehnte wie mit Drachenflgeln, Staubwirbel aufri, die wie in
Trichterwindungen sich drehten, die Thren zuschlugen, Fenster zerklirrten ...
Jetzt brach ein Regen mit Schloen aus und mit Blitz und mit Donnergekrach ...
    Nun das ganze von Besuchern berdeckte Thal! ... Ueberall in Berg und Flur
weischimmernd die hochaufgenommenen Kleider! ... Stimmen dazwischen! ...
Hlferufe nach einem Kinde, das fehlte und nicht geborgen! ... Die
Sonntagsfreude allen dahin! ... Wo sollten die Lustgnger sich bergen! ... Wo
sollte sich alles ducken und verstecken! ... Arme Jugend auch von drben, von
Lindenwerth, dein Besuch der Villa wird zu Wasser!
    Oder - ist es denn mglich? Nein! Neuer Schrecken! In diesem Tumult der
Elemente kommen ja eben wirklich vom Ufer, dort unten ausgestiegen, die
neunundzwanzig jungen Mdchen wie eine versprengte Wallfahrt daher! Wie ebenso
viele Tauben zeichnen sie sich am grauen Horizonte ab! ... Man sieht sie im
aufgeweichten Boden versinken, kmpfen gegen die Fluten vom Himmel mit ein paar
alten Regenschirmen! ... Sieben auf einen, den dann alle sieben auch halten
mssen, wie wenn sie mit Sturmbcken gegen die emprte Natur anliefen!
    Schirme! Tcher! Galoschen! Jean! Franz! Den Damen entgegen!
    So rief Bernhard und niemand war schon eifriger als Terschka, der auf
Armgart zu brennen erklrt hatte und schon mit Hlfe eines andern eine ganze
Garderobe auf dem Arme hatte und hinauseilte ... Dieser andere hinter ihm her,
einen Regenschirm ber ihn haltend, zwei unterm Arm ... Moritz und Bernhard
blicken befriedigt Terschka und dem andern nach ... Wer war der andere, dieser
Helfer in der Noth? Waren also doch noch gewisse gelbe Seidenhandschuhe zu Ehren
gekommen?
    Moritz besonders stand voll Bewunderung.
    Wie ein Garon auf Rheumatismus zu sprechen ist, wute er.
    Und nun bugsirte der kleine schwarze Vetter eines der Mdchen nach dem
andern ber die in Rinnbche verwandelten Wege, hatte Nankingbeinkleider wie
Schwimmhosen an und machte sich ntzlich in einer Weise, die ihm jetzt fast die
ffentliche Anerkennung eines gewissen, wenn auch entfernten
verwandtschaftlichen Grades eintrug.
    Niemand aber war bei alledem, sollte man es glauben, charmanter als Bettina,
die junge Wirthin ... In den ersten Honigmonden der Ehe hat man so viel Glck,
so viel Wonne im Herzen, da man tausenderlei Plage damit aufwiegen kann.
    Als Moritz leise zu Bernhard flsterte: Aber mit dem Armband ist es doch
fatal! Willst du denn nicht die anwesende Gensdarmerie -? brach dieser zornig
aus:
    Nein, wie weh thut mir's vor dem Ober-Chochem! Ein Haus zu machen mu
gelernt werden! Fr Bettina ist das Ganze nur eine von mir arrangirt gewesene
Uebung!
    Der Ober-Chochem2 trat, sich ergebend, zurck ...
    Und sollte nun die Sonntagspartie Thiebold's und der Freunde Piter's zu
Stande gekommen sein und sie wren in diesem Augenblick an der Villa
vorbergeritten oder gefahren oder jetzt nach Umstnden geschwommen, so wrden
die Brder die Genugthuung gehabt haben, ihnen ein Schauspiel zu bieten, das nur
die Verleumdung htte unterschreiben knnen: Alles frs Geschft! Denn
Bernhard fhrte ehrerbietigst die beiden in Regen und Sonnenschein immer gleich
feierlichen Englischen Frulein dem Pfarrer entgegen, der sich nicht nur fr
Wenzel von Terschka, sondern fr sein eigenes theilnehmendes Herz bemhte, aus
dem lachenden jungen Schwarm vor allem Armgart von Hlleshoven herauszuerkennen.
    So begann der Kaffee auf dem Zimmer statt auf der Terrasse.

                                    Funoten


1 Ja wohl.

2 Ober-Philosoph


                                      13.

Konnte nun aber wol auch Armgart zu den Ungeduldigen gehrt haben, die dem
heraufziehenden Unwetter bald den schnsten Uebergang wieder zum blauen Himmel
und Sonnenschein verhieen und sich von der Einladung in die drusenheimer Villa
um alles in der Welt nicht abbringen lassen wollten?
    Wird denn auch sie mit ihrem halb ber den Hut gezogenen Oberkleide durch
die Feldwege, die in Giebche sich verwandelt hatten, so hingetrottelt sein,
sieben unter einen alten Regenschirm gedrckt?
    Wird denn auch sie von den zu Hlfe Eilenden so beschtzt werden, da sie
nur noch nthig hat, das Anerbieten der jungen Frau Wirthin anzunehmen, da
smmtliche junge Mdchen mit ihren vier Erzieherinnen erst in ihrem Zimmer
Toilette machen mchten?
    Sieht sie die beiden Englischen Frulein (nicht die Misses Coffingham,
sondern die ihrigen) voll Bewunderung lieber sich bis auf den Tod erklten, als
da sie ein einziges ihrer nassen Ordenskleider wechseln?
    Lernt sie von Frau Bettina, wie eine junge Frau, die eigentlich das Herz
voll Aerger haben sollte, davon nicht das Mindeste verrth, sondern sich in
diesen Lrm eines massenhaften Besuchs wie in etwas ganz Gewhnliches findet,
dazu die freundlichste Miene behlt und statt eines Gartenfestes jetzt oben den
Salon und den Flgel und als der Regen nachlt, die Fenster wieder ffnen und
dann die Jugend sich zu Kaffee und allerlei kstlichem Backwerk ergehen lt,
wie es ihr eben beliebt?
    Hrt Armgart dem Herrn von Terschka zu, der vor allen sie auszuzeichnen sich
vornahm, ihr erzhlen wollte von ihrer Mutter, die in der That vielleicht schon
diesen Abend, jedenfalls morgen am Hneneck eintreffen konnte?
    Lachte sie wie die andern Mdchen ber einige der Herren, die sich ins
Rauchzimmer zurckgezogen hatten und die unerbittlichste aller Kritiken, die des
Muthwillens, herausforderten ... womit stt man nicht alles bei jungen Mdchen
an!
    Spielte sie Charaden, Moquirstuhl und Schenken und Unterschrift, wobei
endlich der die Herren meidende Herr von Binnenthal aufhrte vom Wetter zu
reden, die in Nebel gehllten Dampfschiffe zu verfolgen und sogar fr einige
seiner Devisen, z.B. Bange machen gilt nicht! ein dankbares Publikum findet?
    Gibt sie der Frau von Guthmann Auskunft ber ihren Stammbaum und veranlat
diese Dame, auch von dem ihrigen zu reden?
    Schliet sie sich zuhrend den vier protestantischen Jungfrauen an, die,
whrend die Musiklehrerin Tnze spielt, einen fanatischen
Confessionsmeinungsstreit mit den beiden dem Pfarrer attachirten Englischen
Frulein und Angelika beginnen?
    Bewundert sie den Heroismus der wirklichen Englnderinnen, die den beiden
Nonnen, die nun einmal das sind, was sie sind, das Papstthum als eine Schpfung
des Antichrists schildern und ihnen das Recht abstreiten, sich nach dem freien
Albion zu nennen, wodurch sie dann allerdings Gelegenheit gehabt htte, ihre
Ansichten ber die Ausbreitung des Katholicismus in England zu berichtigen?
    Und hrt sie, wie die sanfte Angelika, als die beiden Frulein Carstens nach
langer Conversation des Erstaunens ber Lucinden erklren, sie mten an sich
eine weibliche Erziehungsanstalt, wie die drben, die nur Frauen leiteten, eine
musterhafte nennen, denn nur sie lehre es, die Mnner zu verachten, worauf es
in einer heirathsschwierigen Zeit vorzugsweise ankme, im Gegentheil diese
Auffassung in Abrede stellt und erklrt, sie ihrerseits msse gestehen, sie
lehre ihre Mathematik, ihre Geschichte, ihre Naturwissenschaften nur, um desto
mehr die Mnner hochachten und lieben zu lernen, da eben die Mnner es gewesen
wren, die die Mathematik, die Naturwissenschaften und die Geschichte erfunden
htten?
    Lauscht sie den jener unheimlichen Lucinde gewidmeten Erzhlungen
Schulzendorf's, der nach zwei genommenen Tassen Kaffee und einem kleinen Curao
sich bald empfehlen zu mssen erklrte und auch von Grtzmachern und seinem
Pferde abgeholt und von dem schrfer blickenden Auge desselben veranlat wurde,
gewisse auf dem Balcon sichtbare Persnlichkeiten mit gewissen Notizen in ihren
Portefeuilles zu vergleichen?
    Oder steht Armgart auch nur zur Seite und glossirt mit Moritz diese stillen
Sonntagsfreuden lndlicher Zurckgezogenheit und hrt die Geschichte, die Herr
von Guthmann bei Gelegenheit Lucindens, der sptern Schauspielerin Konstanze
Huber, von einem jungen Commis erzhlt, mit dem Herr von Binnenthal eine ganz
merkwrdige Aehnlichkeit htte?
    Von alledem nichts -
    Denkt euch einen von Regen trufenden breitastigen Ulmenbaum! Denkt euch an
ihm einen gewaltigen Ast und auf dem Ast einen schmchtigern Zweig und in dem
Zweige ein grnes Winkelchen und in dem Winkel ein Vgelchen, das in Sturm und
Unwetter, in Regen, Blitz und Donner wie ein ganz klein bucklig Zwergmnnlein in
seinen aufgeplusterten Federn sitzt! Mit Augen und Schnabel sitzt der Kopf, mit
Krallen und Sporen sitzen die Fchen ganz in dem Federwulst versteckt. Sonst so
schlank, sonst so leicht durch die Bltter hpfend, hockt das Thierchen wie ein
Mnnlein aus der Gnomenwelt oder wie ein Kind, das Gromtterchens alten
Pelzmuff ber den Kopf gezogen hat.
    So verzaubert sitzt Armgart einsam auf der Insel Lindenwerth.
    Sie wollte nicht mit ... Sie blieb daheim ...
    Sie blieb in ihrem Schlafsaal Nr. 5, an dessen uerm Ende eine der
Pensionrinnen ein wenig unplich liegt, die kleine Liddy, die bei Sturm und
Ungewitter ruhig in ihrem Bettchen schlummert. Sie hat die Pflege der Kleinen
bernommen ... Still ist's in dem noch immer dstern Saale, auch nachdem die
Schloen ausgetobt haben. Einige Scheiben knickten ein, glcklicherweise ohne
Zugwind durchzulassen ... Armgart zieht sogleich die grauen Fensterladen vor und
nun wird's in dem Saale mit den fnf leeren Betten und der einen schlummernden
Kranken noch gespenstischer. Da hockt sie denn an dem einen freigebliebenen
Fenster, an dem nassen Ulmenbaum, an dem kleinen, von ihr dorthin getragenen
Nhtisch, vor dem aufgeschlagenen Buche, in dem sie lesen wollte und nicht lesen
kann ... in einem Rosenkranz von Gebeten und Gedichten von Beda Hunnius mit
einem wundervollen Titelkupferstiche, einen Kranz darstellend von sieben Rosen,
die die sieben Schmerzen Mari enthalten und drberher triumphirend das Lamm mit
der Fahne, das Symbol ihrer schwierigsten und mangelndsten Tugend - der Geduld.
    Aber sie scheint recht geduldig geworden zu sein ... sie gluckst nur so und
duckt sich und hockelt, wie die Mdchen sagen.
    Erst whrend des Mittagsessens war Angelika den andern nachgekommen mit der
Vorsteherin Aloysia. Sie hatten drben zwei Stunden auf den Pfarrer warten
mssen. Und was brachten sie mit? Mahnungen zum Abwarten! Und die Mutter schrieb
doch - der Pfarrer hatte gestattet, da Armgart den Brief las -:

        Mein gutes Frulein Angelika Mller!

    Ich erhalte von unserm sanften, liebevollen Dechanten aus Kocher am Fall
Ihre Einlage an ihn. Sie wissen nicht, da mir einst mein Kind, mein einziges,
wie von Zigeunerhand gestohlen wurde; da ich hinausgejagt in Sturm und
Verzweiflung hundert vergebliche Versuche machte, mein Kind mir wiederzuerobern,
da ich dann, als alles vergebens, in ein Kloster ging, fast zehn Jahre der
Selbsterkenntni lebte und der eingestandenen Pflicht -, erst mich selbst zu
erziehen. Jetzt bin ich fast fnfunddreiig Jahre; aber ich fhle mich wie mit
Siebzigen. In euern Wldern wut' ich mein Kind von meiner Schwester und meinem
Schwager liebevoll gehtet, wie ihr eben liebt, wute sie so erzogen, wie ihr
die Menschen erzieht. Ich schildere Ihnen die Sehnsucht nicht, die mich nach
meinem Kinde verzehrte, das man mir nur zurckgeben wollte unter der Bedingung,
da ich meinem in seiner Garnison versetzten Gatten folgte. Es trennte mich
nichts von ihm, als die freudige Lust, ihm folgen zu knnen. Zuletzt, als
erneute Versuche der Eroberung vergebens waren, beruhigte ich mich mit dem
Gedanken, da ich Armgart vielleicht zum Opfer meiner Nichterziehung gemacht
htte. Wie oft nennen wir Erziehung, was nur ein unglckliches und
widerstandloses Dahingeschleiftwerden ist von lterlichen Thorheiten! Wie oft
nennen wir Liebe, was nur ein unglckliches Zermalmtwerden von den Rdern
unserer eigenen Entwicklung ist! Thrichte Mtter, die ihr von der Zrtlichkeit
fr eure Kinder sprecht und sie nur zu den Opfern eurer Stimmungen macht! Eure
Umarmungen sind nicht deshalb so heftig, weil sie von euerm reinen Herzen
kommen, sondern weil sie von eurer Leidenschaft kommen, von eurer Verzweiflung
oft um nichts, von eurer verletzten Eitelkeit! Mit strmischen Kssen bedeckt
ihr eure Kinder und flt ihnen oft nur Gift ein! ... So war wenigstens meine
Vergangenheit ... Jetzt ist, nach einem langen Klosterleben, vieles, vieles in
mir anders. Ich erzog mich, eines Kindes wrdige Mutter zu sein. Da soll
Armgart's Vater zurckkommen und neue Stunden des Kampfes und der Prfung sollen
heraufziehen? Dem Vater soll gehren, was mit mindestens gleichem Rechte mir
gehrt? ... Wie ich diese Zeilen schreibe, bin ich im Begriff Wien zu verlassen
und mein Kind, dessen Seelenkampf ich verstehe, den ich jedoch nimmermehr von
Armgart allein oder von meinem Gatten werde entscheiden lassen, in meine Arme zu
schlieen. Ich kann mich vor ihr rechtfertigen.

                                                            Monika Hlleshoven.

    Das Auge der kleinen Richterin hatte gefunkelt beim Lesen des so seltsam
entschiedenen Briefes ... Bei den Worten: Wie mit Siebzigen strich sie sich
bewutlos ihren dunkelbraunen Scheitel, als gedchte sie der weien Locken ihrer
Mutter; bei der Schilderung der falschen Liebe und Zrtlichkeit der Mtter
stockte sie ... sie verstand diese Stellen nicht ... aber bei der Nachricht, da
die Mutter schon unterwegs wre und von ihr Besitz nehmen wollte, nahmen ihre
Gesichtszge den Ausdruck des Schreckens an, der ihre schnen Lippen halb
ffnete und wieder, wie verboten, die beiden Zhne hervortreten lie. Immerfort
strich sie mit der Hand ber den Scheitel ihres Haares, gleichsam diesen zu
ebnen, und die Hand wollte nur die Gedanken ebnen, die wilden, unruhigen, die
schon Entschlsse in ihr zu treiben begannen.
    Der Pfarrer befiehlt dir, deinen Schein von Richterschaft aufzugeben, dir
nicht anzumaen, da du ein Urtheil fllst ber Vater und Mutter und da du dich
ruhig ergeben sollst und vorlufig dem Willen des Strkeren!
    Armgart lchelte und blickte wie abwesend auf die Oberin Aloysia, als die
diese Worte gesprochen.
    Kommt die Mutter frher als der Vater, so gehrst du den Umarmungen der
Mutter! fuhr Schwester Gertrudis fort. Inzwischen hat der Pfarrer nach Westerhof
geschrieben und wartet von dort auf Antwort!
    Jetzt, zumal da vollends auch Angelika so ganz zu allem schwieg, flossen
Thrnen der Liebe und des Schmerzes. Und doch standen der stillergebene Stolz
des Vaters, die wrdevolle Entsagung des Tiefgekrnkten auch der Freundin
Angelika so lebhaft vor Augen, da sie das Gefhl des Kindes, gerade diesem
Vater sich nicht zu weigern, gerade ihn mit der Heimat nach so langer Trennung
wieder auszushnen, vollkommen verstand. Die excentrische Gefhlsweise Armgart's
entsprach im Grunde auch ihrer eigenen Lebens- und Menschenauffassung. Nicht wer
Mathematik treibt, sondern wer ein starkes Herz hat und doch entsagen, doch
kmpfen mu, lebt das Leben nach Gesetzen und regelt jedes noch so glhend
aufwallende Gefhl. Angelika wute selbst nicht viel von der Strke, die sie
besa. Sie war unbewut stark und gab sich nach auen doch wie die Schwche
selbst. Sie trstete und schalt und verschwendete noch Worte, wo ihr Inneres
lngst entschieden hatte. Darin glich sie einer Mutter, die, mit den strengsten
Worten und vor Schmerz selbst vergehend, ihrem leidenden Kinde die
schmerzhaftesten Wunden lindern und verbinden kann, whrend dem dabeistehenden
Miethling in seinem scheinbar weicheren Mitgefhl angst und wehe wird.
    Und wir sehen ja heute noch Benno drben! war Angelika's Trost gewesen. Er
kommt gewi hinber! Von der Villa aus ersphen wir ihn schon und wol gar auch
Thiebold de Jonge -
    Armgart zeigte stumm auf die heranziehenden Wolken und spter sagte sie ohne
Verstellung:
    Ich bin krank! Nach Drusenheim - geh' ich nicht mit hinber!
    Armgart! verwies Angelika und fhlte ganz das Nmliche, was die Gescholtene.
    O, sagte Armgart nach einer Weile, es ist furchtbar mit diesen Aerzten der
Seele! Zu wissen, da ein Arzt auf ein Uebel heilt, das wir gar nicht haben!
Ungeduld, das ist ja meine Krankheit gar nicht! Eine Zeit kann kommen, wo ich
auf die Art in keinen Beichtstuhl mehr gehe!
    Armgart! Armgart! rief aufs neue ernstlich verweisend Angelika und - fhlte
doch wie die Gescholtene.
    Ich will der Priester meiner Aeltern sein! fuhr Armgart fort. Ich will sie
zum zweiten male trauen, noch einmal segnen! Davon trum' ich Tag und Nacht!
Darauf hin seh' ich Leiden und blutige Dornen ber mich verhngt, aber auch
Rosen, himmlische Rosen der Erfllung!
    Und Angelika hrte alles das uerlich tadelnd, innerlich billigend. Mit all
ihrer Mathematik und Physik lebte sie in einer gleichen Anschauung berirdischer
Dinge, in gleicher Verehrung vor den groen Zauberformeln der Seele, denen alle
Natur gehorchen mu. Angelika besa den reichen aufgesammelten Schatz der Liebe
einer Jungfrau, die ohne Hoffnung verblhen mu.
    Man hatte lngst zu Mittag gegessen ... Alles war in Kummer ber das
zunehmende Sichberwlken des Himmels ... Kurz vor Vier fate man den heroischen
Entschlu, ehe es gieen wrde, doch hinberzuschiffen ... Die Erzieherinnen
gaben nach ... die Englischen Frulein wollten dem Pfarrer ein gegebenes
Versprechen halten.
    Angelika befrwortete nun selbst das Zurckbleiben Armgart's. Sie lie ihr
auer dem Briefe der Mutter auch den kurzen und so unbestimmten des Dechanten.
Und bei alledem, mehr mochte der Dechant jene geheimnivolle Zuschrift aus
Italien nicht studirt haben, als Armgart seine Runenschrift bis auf jedes
Hkchen und jeden Bindestrich zu entziffern sich mhte. Ob voll Jammer und Klage
ber das vernderte Wetter nach langem Hin- und Widerreden das Institut sich
eingeschifft hatte, ob die jungen nachgemachten Englnder sich drben
einfinden wrden, ja ob selbst Benno ihrer harrte ... sie blieb daheim und las
und wachte ber die kleine Liddy.
    O, das sind seltsame Zustnde, wenn es so in unserm Innern an allen Enden
und Ecken zupft und kein Gedanke Stich hlt, kein Gefhl zur That wird, keine
Vorstellung, und wre sie auch nicht schreckhaft an sich, doch kein reines und
volles Behagen gewhren will! Dann wei man, und die fiebernde kalte Hand
bezeugt es, da man in seiner Sorge und seinem Unmuth sich gewi nur selbst
zerstrt, und doch kann man den Blutstrom, der alle Lebenswrme zum Herzen
drngt, im Laufe nicht ndern, geht und wirft sich sthnend aus einem Winkel in
den andern und sagt sich nur: Eins ist gewi, ich werde krank! ... Auch Freunde
knnen dann nicht helfen. Ja, wer hat denn gleich von euch den sanften Ton und
den vollen Accord der reinen Uebereinstimmung, den Ton, der uns gerade jetzt so
noth thte und den nur allein zu hren jetzt uns mglich ist! Wie klingt so oft
euer Trsten und des Zuspruchs bestes Wort doch so vllig anders, als es die
Schmerzen hren wollen! Schon da ihr alle so gesund aus der frischen Luft des
Lebens kommt! Da euch allen nichts fehlt! ... Kme z.B. jetzt Thiebold de Jonge
- nur lachen, nur scherzen wrd' er ... Benno ... Benno freilich ... Benno ist
immer so seltsam traurig ... was fehlt ihm nur, dem Guten, dem selbst in
Heiterkeit doch immer nur so duldend Scheinenden? ... ... Paula! Paula! ... Der
htte sie den Kopf in den Schoos legen mgen! Die htte Frieden ber ihre Seele
gehaucht, schon mit dem Streicheln ihrer Hand allein! Paula htte nur gesagt:
Armgart! und in dem einen Worte, in dem Tone schon htte alles gelegen, was sie
still und ergeben gemacht!
    Das Gewitter war endlich vorber ...
    Armgart erfrischte die verweinten Augen auf einem Balcon, auf den eine Thr
des Corridors des alten unheimlichen Gebudes fhrt ...
    Schon war es die sechste Stunde ... Die kleine Liddy hatte sich ein
Geschichtchen erzhlen lassen, sich dann auf die andere Seite gelegt und war
wieder eingeschlummert.
    Der Balcon ging nach der Seite hin, die dem Hneneck zugewandt ist. Sie
konnte die fr eine wiener Dame bestellten Zimmer nicht vergessen. Die Vier
Jahreszeiten selbst waren vor Nebel nicht zu sehen ...
    Wie trbe dieser Anblick, der am frhen Morgen so schn gewesen! Die
nchsten Berge jetzt ganz unsichtbar! Nur in leisen Contouren glitten sie aus
dem Wassernebel heraus ... Das Enneper Thal ganz durchwallt von weien
Luftstreifen, als zg' es fort mit den Wolken ... Am Meere, das hatte eine
Antwerperin im Institute erzhlt, da sh' es so fast immer aus ... Am Meere! ...
Selten schossen die Wasservgel so niedrig hin ... Am Meere! gedachte sie wieder
... Dann mute sie das Nchste im Auge behalten, den Garten am Kloster, das
Gewhnlichste, nur um noch frisches Grn zu erblicken ... Wie die Salatbeete im
Regen so putzig kchenmig und berreinlich glnzen! Wie die Magd da watet
barfu in die weiche Erde hinein und die Kpfe heraushebt, die fr den
Nachtimbi bestimmt sind! ...
    Wann werden die Mdchen kommen? ... Bringt Angelika wol einen Gru von Benno
mit? Von Thiebold de Jonge? Oder kmen sie wol beide und besuchten sie hier
selbst auf der stillen Insel? ...
    Darber erschrickt Armgart ... Leicht gekleidet geht sie aus der frischen,
ihr pltzlich fhlbaren Luft in den schwlen Corridor, den noch schwlern
Schlafsaal ... Sie lftet ein wenig das Fenster, das von Liddy am entferntesten
liegt ... Der Gedanke des heimlichen Besuches hat sie ganz berrieselt.
    Sieben Uhr! Immer noch kommen die Mdchen nicht!
    Der Regen hat lngst aufgehrt. Man sieht trotz des Abendwerdens schon das
Ufer wieder und drben am Enneper Thal stehen die Khne schon in Bereitschaft.
Tnneschen Hilgers scheint so ungeduldig ... Es lt sich sonst noch etwas
verdienen ... denn mancher hat das Dampfboot versumt und will hinbergesetzt
sein auf das jenseitige Ufer, wo es heute Omnibus genug gibt, die wenigstens
noch nach der Universittsstadt fahren ...
    Da fahren auch in Mnteln Herren und Damen ... Gste aus der Villa? ... Und
immer die Mdchen nicht! ... Mssen die sich gut unterhalten!
    Die kleine Liddy ruft ... des Abends kommt sicher noch das Fieber ... Der
Arzt, der vom Hneneck her erwartet wird, auch der bleibt aus ...
    Halb acht Uhr! ...
    Da endlich, endlich! ... da kommen sie! ... Armgart sieht es trotz der
Dunkelheit deutlich vom Balcone.
    Die mgen schn einsinken in den weichen Feldwegen! ... Lederschuhe haben
glcklicherweise alle ... Herren begleiten sie und die Kleinen werden ber
manchen Bach, der erst seit einigen Stunden auf der Enneper Landkarte steht,
hinweggehoben ... Ob Benno's Arm dabei behlflich ist? Wie sollte der zu den
Herren von Drusenheim kommen? ... Aber Benno wei ja berall Rath ... Da fhrt
ein Wgelchen! Mit zwei Ponies! ... Zwei Damen bringen die allerkleinsten der
Pensionrinnen an den Landungsplatz ...
    Sich alles das und mehr noch nun bald erzhlen zu lassen, interessirte
Armgart bei alledem ... Von der Toilette der schnen Madame Fuld erwartete sie
Wunderdinge ... Niemand kann sein Geschlecht im Andern mehr lieben und neidloser
bewundern, als das weibliche.
    Wo ist denn aber unter den Schiffenden nur Angelika? ... Sonst winkt die
doch immer mit ihrem Sonnenschirm oder mit einem Taschentuch, wenn sie vom Ufer
kommt und Armgart steht auf dem Balcon ... Heute aber - ja, da ist sie ... Sie
kehrt der Insel den Rcken zu! O, das sind schlimme Zeichen! ... Oder gehrt sie
auch zu den Lacherinnen und schmt sich nur vor Armgart? ... Wie aufgeregt ist
das junge Volk! ... Sie haben in den nassen Khnen die Kleider aufgenommen und
sitzen fast da wie die Butterfrauen, wenn die vom Markte kommen ... Regnet's
denn noch? ... Die Hte sind mit Taschentchern umwunden ... Man schont sie wol
nur; nur die beiden Nonnen sind, was sie sind, in Sonnenschein und Regen, immer
die gleichen Hauben mit den gleichen langen Flgeln ... ihre zwei Regenschirme
sind die grbsten der Anstalt.
    Jetzt sind sie da ...
    Die Erzhlung! ... Das Amusement! .. Was Armgart alles versumt htte! ...
    Armgart hlt sich die Ohren zu. Sie will allerdings alles wissen, aber eines
doch nur nach dem andern.
    Es war indessen alles dasselbe: Kaffee, Chocolade, Baisers, Torten,
Pfnderspiele und Pfnderspiele, Torten, Baisers, Chocolade und Kaffee. Die
Damen mit den Ponies waren die beiden Englnderinnen gewesen ... Das sagten zehn
zugleich ... Und der Herr, der die andern Kleinen ber den Bach gehoben, hie
Herr von Terschka ... und das sagten wieder zehn zugleich.
    Fr Salat und Eier und kalten Braten und die franzsische Betrachtung der
Schwester Aloysia in dem stockdunkeln Esaal war heute wenig Interesse
vorhanden. Silence! A vos places! Das stiftete wol einige Ruhe. Aber man
knupperte mde und bersatt am Salat und es war hier alles nicht das! Es
rebellirte noch lange und murmelte und seufzte fort in dem jungen Volk bis zum
Schlafengehen.
    Angelika vermied ordentlich, Armgart zu begegnen.
    Sie mied sogar, sie nur zu gren.
    Von der kleinen Liddy oben sprach sie, die sie gleich besucht hatte und
fiebernd fand, was den beiden Nonnen groe Angst machte und des schlechten
Wetters gedenken lie, das den Arzt verhindert htte, die Insel zu besuchen. Der
Arzt hatte gesagt, er htte im Roland noch den Abend zu thun ... Im Roland! So
nahe der Insel! .. Wird der Arzt nicht kommen?
    Zuletzt machte sich's noch, da Angelika und Armgart etwas allein waren. Die
kleinsten streckten sich schon in ihren Betten. Die ltesten saen unten noch im
Esaal und sprachen das Erlebte durch. Auf die Beete und die Wege der Insel, die
man sonst auch selbst in der nun schon frher und frher eintretenden Dunkelheit
des Abends noch durchschlpfte, konnte man vor Nsse nicht hinaus, wenn auch der
Vollmond einlud, der vielleicht doch noch die Wolken durchbrach.
    So standen Armgart und Angelika ungestrt auf dem Balcon und krampfhaft
hielt sich die Hand des jungen Mdchens am eisernen Gitter, als sie erfuhr, was
noch der Pfarrer der Freundin mitgetheilt. Die Mutter konnte schon drben in den
Husern sein, wo die Lichter ber den Wellen tanzten! Jener Fremde, der gestern
die Zimmer bestellt in den Vier Jahreszeiten, htte das fr bestimmt
versichert ... Von Benno ... sie hrte kaum ... wute Angelika nichts ... und
Thiebold de Jonge und den Bruder der Nanny Schmitz und die andern ... von allen
denen htte man gleichfalls nichts vernommen ...
    Nun schlug es halb Neun ... Rings war alles still, trbe und dster ... Noch
kein Stern am Himmel; doch an der Stelle, wo der Mond hervorbrechen konnte,
schien es lichter zu werden ... Armgart wollte sogar ein Boot erkennen, das man
durch die Zweige der Bume vom Hneneck herbersteuern she. Angelika strengte
ihre Augen an. Es kam auch ein Boot. Armgart zitterte und stand wie auf der
Flucht. Alsbald lie sich jedoch der Arzt erkennen, der noch so spt nach der
kleinen Liddy zu sehen kam.
    Als dies geschehen, in Begleitung der Englischen Frulein, fuhr der Arzt
nach dem Roland zurck.
    Angelika begleitete ihn eine Strecke im Hause und wagte nach Benno von
Asselyn zu fragen.
    Benno von Asselyn? Wir erwarten ihn drben im Roland! sagte der Arzt. Ich
werd' ihn von den Damen gren.
    Der Arzt hatte Eile. Sein Schiffer steuerte ihn zurck und bald sah man von
allen Seiten, da und dort, Khne kommen, die alle dem Roland zuschwammen ...
    Jetzt wollte auch Angelika zur Ruhe gehen.
    Als sie an Armgart, die noch immer auf dem Balcon verweilte, vorber mute,
fand sie diese in der grten Unruhe.
    Wieder steuerte vom Hneneck gerade der Insel ein Nachen zu.
    Es ist eine Dame darin! rief sie. Ein carrirter schottischer Mantel! Ein
Diener hlt den Regenschirm!
    Das Wort: Es ist meine Mutter! erstickte in ihrer Freude und in ihrer Angst
...
    Auch fr Angelika gab es kaum einen Zweifel an der Richtigkeit dieser
Vorstellung. Sie zitterte ganz wie Armgart. Doch erbot sie sich, hinunterzugehen
und genauer zu forschen ... in der Richtung der Nachen irrte man sich oft.
    Armgart widersprach nicht ...
    Der Kahn kam nher und nher ...
    Armgart sah vom Balcon bald rechts, bald links in die Tiefe und wute nicht,
wie sie auf beiden Fen zugleich stehen sollte ...
    Angelika durchschreitet die schwlen, dumpfen steinernen Corridore und
Treppen. Noch war es ja mglich, da der Kahn hinber zum Geierfelsen, nicht an
die Insel fuhr ...
    Armgart rafft sich jetzt auf. Sie huscht in den Schlafsaal, wo ihre Kleider
hngen und ihre Wsche in einer Kommode liegt. Liddy schlft; die kleinern
Bewohnerinnen des Saales schlafen alle; zwei ltere sitzen noch, unten im
Esaal, aus dem man sie laut sprechen hrt ... Armgart rafft zusammen, was sie
mit wenig Griffen finden kann, ihren Mantel, ihren Winterhut, ihre Hemden,
einige Tcher, Strmpfe, Unterkleider, Schuhe, Bcher ... Ein groes
Umschlagetuch wird auf dem Boden ausgebreitet, ohne Licht tastet sie hin und
her, ffnet das Nhtischchen, leert es, wirft alles in ihr Tuch, die Zipfel
knpft sie zusammen und ihr Bndel ist geschnrt.
    Um Gottes willen, Armgart, was hast du vor? flstert Angelika, die
zurckgekommen.
    Ist sie's? Kommt sie?
    Eine Dame kommt!
    Armgart spricht kein Wort und strzt mit dem Bndel von dannen.
    Angelika besinnungslos - folgt, wie von ihr angesteckt ... ...
    Armgart klinkt die Pforte nach dem Garten auf. So feucht der Boden, so khl
die Luft, ist sie doch schon auerhalb des Gartens, quer hindurch ber Salat und
Rben und Zwiebelstauden, wie sie die Wege nur abkrzen kann.
    So stiegt sie dem Lichte zu, das sie an den kleinen bleigefugten Fenstern
der Fischerhtten sieht.
    Angelika, das sah sie, folgte nun schon nicht weiter ...
    Jetzt an den Fenstern der Fischerhtten anzupochen, da um einen Kahn zu
bitten, dort dem Tnneschen, den sie richtig sieht und der in einem Buche
studirt, oder den halb zuhorchenden, halb zuschlummernden Aeltern desselben,
allen denen erst zu klopfen und zu schmeicheln oder etwas aufzubinden, eine
Erfindung, eine Ausrede, einen Auftrag etwa ... etwa auf der Villa Vergessenes
holen zu mssen ... das gbe Fragen, Aufenthalt ... Nein! Sie kann ja selbst
rudern - fort ans Ufer - in einen Nachen - ihn losgekettelt - das Ruder
ergriffen -
    So fhrt sie von dannen.
    Noch konnte sie des jenseit der Insel gegen den Strom angehenden Nachens
nicht ansichtig werden ... Sie steuert am Ufer der Insel hin, um nicht zu weit
unten am Enneper Thal zu landen ... Sie steuert gerade nach der
entgegengesetzten Richtung, als in die jenen Nachen der Strom drngen mu ...
Nun aber gewinnt sie die Hhe des Wassers und der ganze Spiegel liegt in dem
immer mehr aufgehenden Mondlicht vor ihr ... Auf zweihundert Schritte ist sie
von dem Boot entfernt, in dem eine Dame sitzt mit einem Diener - Mutter! rief es
in ihr ... sie suchte - die silbernen Locken! ... O, wie pocht ihr das Herz! ...
Einmal war's ihr doch, als sollte sie ber das Wasser hinwegfliegen, sollte
einen Freudenschrei ausstoen, die Arme ausstrecken und rufen: Mutter, da hast
du dein Kind! ... Aber auch nur einmal berwltigte sie's und sogleich stand ihr
der Vater vor Augen, der Vielgeprfte, der Wettergebrunte, der Flchtling auf
dem Oceane! ... Und dennoch, dennoch sucht das Auge das Antlitz der Dame ... Es
ist ihr abgewandt ... Da stehen die weischimmernden Birken auf der Insel ...
Wird der Kahn vorbergleiten, wird er landen? ... Er hlt ... er will zur Insel
... landet ... es ist nur die Mutter ... und jetzt, jetzt ist ihr's doch, als
zg' es sie in den Strom hinunter ... die weien Birken werden zu den Locken der
Mutter ... ein ganzes Leben geht ihr auf, beschienen wie vom Mondlicht ...
alles, was sie je nur unter den Trauerweiden und Birken vom Menschen-und vom
Frauenloose geahnt, scheint sich ihr pltzlich zu erfllen, lebendig zu werden,
zahllose Gestalten ziehen dahin und wie unter den Klngen einer ganz
auerweltlichen Musik ...
    Schon entfhrte der Strom die schwache Schifferin ... Sie konnte den Nachen
nicht mehr regieren.
    Er bringt sie aber ans Ufer ... Weit, weit von dem Punkte, auf den sie mit
aller nur mglichen Anstrengung ihrer Arme zugesteuert hatte, landet sie. Sie
gerth in ein Gestrpp von Weiden und Schilf, an dem sich bequem und sicher
aussteigen lt.
    Jetzt gedenkt sie des Nchsten, Kommenden ... Was soll sie beginnen? Wohin
sich wenden? Ohnehin mit ihrem berschweren Bndel!
    Die Thrme hatten schon von da und dort die neunte Stunde geschlagen. War
auch die Welt hier noch wacher als auf der Insel drben, wem sollte sie sich
anvertrauen! Wie weit war nicht der Weg zu einer Post, die erst im nchsten
Stdtchen am Fue des Geierfelsen lag! Ihre Baarschaft betrug einige Groschen
ber einen Thaler.
    Den Kahn mute sie dem Zufall berlassen ... Ein Moment der Besinnung ...
Sie wagt den Sprung ins Uferrhricht, nachdem sie ihr schweres Bndel schon
vorausgeworfen ... Es gelingt alles.
    Angelika's Anzeige und eine Verfolgung befrchtend, suchte sie nur zuerst
eine Gelegenheit, weiter zu kommen.
    Nirgends Menschen; aber Lichter auftauchend da und dort ... Sie lt ihr
Bndel im Schilfe liegen und luft nach Drusenheim hinber. Den Wirth vom
Palmbaum kannte sie ja und er sie ... Was sie sagen wollte, wute sie noch
nicht. Sie wollte nur in die Berge hinber, vielleicht in ihre Heimat nach
Westerhof, in ihr Stift, zum Heiligenkreuz, zu Paula, die ihr pltzlich in der
fieberhaften Angst und Verwirrung ihrer Phantasie erschien, als wenn sie am
Altar mit dem Grafen Hugo stnde, mit dem schnen Reiterobersten im weien
Waffenrock mit blinkendem Harnisch, und als fehlte nur sie noch, nur sie, sie,
um der Freundin die Myrtenkrone aufzusetzen ... So zitterte sie vor Eile ... Sie
wute doch jetzt, was sie den Leuten im Palmbaum sagen, wie sie die gewnschte
Hlfe in unverfnglicher Weise anschaulich machen konnte ... Wagen! Pferde! Das
wurde ihr Wunsch.
    Athemlos flog sie Drusenheim zu, nicht achtend, da sie oft bis zum Knchel
versank. An jedes Kreuz am Wege, an jedes Bild des Brckengottes, der auf einem
Bachstege stand, richtete sie im schnellsten Vorber eine Bitte um Beistand.
    Endlich hatte sie die ersten Htten erreicht, endlich ist sie in Drusenheim
selbst.
    Horch! Vom Palmbaum herber ... tnen da nicht pltzlich melodische Klnge?
    Ist nicht Gesellschaft dort oben?
    Kaum hat Armgart im schnen Fernhall das Lied vernommen, das von den obern
erleuchteten Fenstern des Palmbaums und vom kleinen Balcon desselben herunter
wie wallend und wogend in die stille Nacht erscholl:

Vier Elemente, innig gesellt -

erblickte sie einen Wagen vor der Thr.
    Sind das doch nicht die Freunde von Nanny's Bruder Gebhard Schmitz? Sind das
doch nicht die dennoch Gekommenen, wenn auch versptet? Ist Thiebold de Jonge
unter ihnen, ber den ich soviel lachen mu, weil er so verliebt ist, wie ein
Windspiel? Gehrt dieser Wagen hier wol gar den Sngern oben? Dann - Wie sollt'
ich nicht hoffen, sofort ihn mein zu nennen, einzusteigen und hinauszufliegen in
die weite, weite, weite Welt!
    Wem gehrt der Wagen? fragte sie rundweg einen Knecht, der eben die Pferde
aus dem Stalle fhrte und einschirrte, whrend der Kutscher sich noch drinnen
gtlich that.
    Lustig sagte der Befragte:
    Der Wagen? Der gehrt da oben fnf Herren! Die haben heute Nacht 'ne
Wallfahrt beschlossen in fnf Stationen! Auf jeder trinken sie eine andere Sorte
Punsch! Fnf Meilen haben sie schon gemacht und in jedem Wirthshaus untersucht,
ob die Weinkarte in Ordnung ist!
    Vor Trunkenen berfllt jedes weibliche Herz Schrecken und Zagen ... Schon
vor dem Hausknecht bebte Armgart zurck ... Oben aber erscholl der Gesang so
schn, so melodisch und eben lste sich Schiller's Punschlied in Lachen und
Jubel auf. Einer der Snger - es war Joseph Moppes, der seste aller
vaterstdtischen Tenore - trat auf den Balcon, das Glas in der Hand und einen
andern, wirklich den Thiebold de Jonge, mit dem linken Arm umschlingend, singt
er aus einem andern Liede, wieder von Schiller, dem Allwaltenden in Freud und
Leid der Menschen:

Bis die Liebliche sich zeigte,
Bis das theure Bild -

    Da schon hatte Armgart, nicht wissend, da sie selbst die Gemeinte,
hinaufgerufen:
    Herr de Jonge!
    Hier hngt er! ruft Moppes ...
    Gehrt der Wagen Ihnen, Herr de Jonge?
    Wie? Was? spricht Thiebold, jetzt erst die Zartheit der herauftnenden
Stimme erkennend ...
    Wie so? fragt Moppes, zugleich ber den Balcon sich beugend.
    Wem? Wie so? wiederholt Thiebold ...
    Woso? parodirt Schmitz, der Dialektknstler ...
    Nun strmt der Rest des Sextetts in des Staunens vollste Blte ... Clemens
Timpe sogar noch mit einem aus voller Kehle geschmetterten:

Pret der Citrone saftigen Kern! ...

Und alle schwingen dabei die Hte wie zur Abfahrt und Mntel werfen zwei, der
khne Weigenand Maus und der stille Caricaturenstifter Aloys Effingh, geradezu
vom Balcon hinunter auf den Wagen obenauf und nun ist es allen in Sicht, da ja
eine Dame mit ihnen parlamentirt ...
    Wie erstaunten sie, als sie auf Joseph Moppes' energischstes Ruhe Pause
zhlten und ein junges Mdchen mit Thiebold Verwunderung und Orientiren und
Namen und Fracht und Verklarung des Schiffes austauschte, nach schnellstem
Erkennen Gebhard Schmitzens die heute Vielbesungene selbst ...
    Thiebold war bereits unten ...
    Die von einer der melodischsten Sopranstimmen vorgetragenen Worte hrten
sie:
    Herr de Jonge! Ich habe aufs dringendste diesen Wagen nthig! Sie werden mir
die Geflligkeit erweisen, nicht wahr, ihn mir auf einige Tage zu leihen!
    Mein Gott, Frulein! Sind Sie's - denn wirklich -
    Ruhig! hie es oben ...
    Einzig! Auf Taille! flsterte Gebhard Schmitz.
    Verwundern Sie sich nicht zu lange, Herr de Jonge! fuhr Armgart fort. Ich
bitte! Befehlen Sie dem Kutscher! Ich steige ein! Ich habe die grte Eile!
    Wirst mir wol einer meinen Hut herunter?
    Das war alles, wozu sich Thiebold zeit- und ortsgem sammeln konnte.
    Fahren Sie mich ans Ufer zurck, da, wo die Weiden stehen!
    Da, wo die Weiden stehen!
    In diesen von allen jetzt mehr gesuchten als gefundenen Weiden blieben sechs
verdutzte Blicke hngen ...
    Armgart sa schon im Wagen und Thiebold hatte auch schon seinen Hut auf dem
Kopf. Clemens Timpe hatte versucht ihn just so zu werfen, da er ihm auf seine
blonden hochaufgerichteten Haare fiel (Thiebold's uerste Unruhe lie sich am
fortwhrenden Streicheln seiner Frisur erkennen); der Hut fiel indessen zwischen
die Hufe der Pferde und vor die Rder und bekam, da die Pferde schon anzogen,
eine starke Prfung seiner Garantie.
    Das ist das Loos des Schnen auf der Erde! rief Schmitz ...
    Thiebold aber, impertinent, wie auch nur er sein konnte, (Nur Selbstkritik,
nicht etwa Verleumdung von uns), schwang sich hinten auf den bequemen
Bedientensitz, verlor fast im Abfahren seinen nun wieder hinterrcks fallenden
Castor - wei auf blond! hatte noch krzlich Benno ber diesen in gewisser
Hinsicht jetzt gelieferten Hut und ber Thiebold's Ansprche auf Geschmack
geuert - und schon schwenkte der Wagen dem Strome und der bezeichneten Stelle
zu, verfolgt von einem fast kosackischen Hurrah der Freunde Piter's, die in
diesem Augenblicke sogar vergaen, da sie auf ihrer gleichfalls zu Wasser und
darber schon zu viel, viel Rdesheimer und Punsch gewordenen Partie die
Retourgelegenheit verloren hatten ...
    Der Wagen war jener vortreffliche Landau mit jenen in Kocher am Fall beinahe
verdorbenen englischen Patentachsen und die englischen Pferde gehrten
gleichfalls Herrn de Jonge senior, der es fr zweckmig zu halten schien, wenn
sie durch de Jonge junior in entsprechenden hufigsten Gebrauch kamen ...
    Armgart schlug in dem prchtigen Wagen die Hnde zusammen und hielt sie hoch
gen Himmel empor, aus tiefster Seele dankend allen seinen Heiligen.

                                      14.


Whrend Thiebold durch das geffnete Schiebfensterchen des Wagens eine glhende
Schilderung der Sehnsucht nach diesem Sonntag, eine Schilderung der Spannung
seiner Gefhrten, der Enttuschung, da das ganze Begegnen mit den Stiftlerinnen
und vorzugsweise mit Armgart scheitern mute, entwarf; whrend er ihr, oft durch
das Schleudern des Wagens im Redestrom unterbrochen, die Versicherung gab, da
dieser Wagen sie, wenn sie darnach Verlangen trge, bis ans Ende der Welt fahren
knnte - die Phrase: vorausgesetzt, da ich Sie begleite, verlor sich in einem
Wurf in die Sitzecke -; whrend er mit jener ihm ganz eigenthmlich angehrenden
Lebhaftigkeit der Demonstration, theils auf die Wege wetternd, theils dem
Kutscher commandirend, theils seinen Hut von den Folgen der Rderung
herstellend, mimoplastisch auseinandersetzte, da nur an jeder Station neue
Postillonspferde nthig wren, um couriermig mit ihm bis an die Pforten des
Himmels oder der Hlle zu reisen; whrend er endlich mit allen Zeichen damaliger
Telegraphik schilderte, da seine verblfften Freunde entweder in Drusenheim
bernachten oder auch vom Wirth anspannen lassen knnten, waren sie jetzt bei
der Stelle angekommen, wo im Schilfe Armgart ihr Bndel geborgen hatte.
    Der Kahn trieb schon weithin auf die Hhe des Stromes ...
    Mit der Versicherung, er gbe, wenn der Kahn nach Holland schwmme, was
nicht vorauszusetzen, der lindenwerther Schifferinnung zum Ersatz eine Bark mit
zwei Masten, mit Vorder- und Hinterdeck, mit Bramsegel, mit Reffsegel, mit
u.s.w., stieg Thiebold aus, um das vielbesprochene, wenn ihm auch noch vllig
rthselhafte Bndel mit Gefahr seiner heute trotz des Regens in bequemen
Wirthsstuben geschont gebliebenen Lackstiefel herbeizuholen ...
    Darber hatte Armgart einige Minuten Zeit, ihrer Lage nachzudenken ...
    Mit Thiebold sollte sie weiter reisen? Mit ihm so allein hinaus in die Welt
gehen? ... O Gott -
    Aber Thiebold kommt schon zurck ... schon schleppt er das Bndel, das er
hchst federleicht findet, das ihn aber keuchen lt wie Cyklopenarbeit ... er
bittet um Entschuldigung, wenn sich vielleicht in dem Bndel vom Schilfe her
einige Frsche eingenistet htten ... er wagt die leise Frage, ob das vielleicht
die Wsche des Institutes wre, die Armgart nach klsterlicher Sitte in dieser
Woche zu besorgen und noch spt in die Sieben Berge, vielleicht zu einer dort
vielleicht wohnenden Wscherin zu transportiren htte in Begleitung eines
vielleicht zufllig eben ertrunkenen Schiffers ... er gesteht, nicht begreifen
zu knnen, warum sie bei soviel Sinn fr Wirthschaft und Reinlichkeit soviel
Angst htte, selbst vor harmlosen Wanderern, die eben des Weges daherkamen ...
und wie denn berhaupt, mein Frulein, wenn ich mir die gehorsamste Bitte
erlauben drfte um ein klein wenig mehr Gaslicht als Mondlicht, d.h. Aufklrung
ber Wie? Wo? Warum? Wieso?
    Jetzt aber ereignete sich eine jener Fgungen, die uns zuweilen das
Weltverhngni noch zum holden Kindermrchen machen knnen ... Der liebe Vater
im Himmel sitzt uns dann trotz aller Philosophie immer noch mit einem langen
Barte auf den Wolken und fgt die Schicksale der Menschen mit sichtbarer Hand,
ja er greift berall persnlich hinein mit liebevoll nachhelfendem Finger.
    Von hundert Menschen, die da schon gegen zehn Uhr Abends, whrend der Mond
nun ganz aufgegangen war, noch am Ufer htten stehen und nach einem Nachen sich
umschauen knnen, der sie so spt noch bersetzte, mu gerade der Eine
daherkommen, der zwar nicht mit melodischem Wohllaut das Lied vom Ritter
Toggenburg intonirt hatte, dem es aber, nach dem Kloster zu Lindenwerth
hinberschauend, tiefinnen klang mit der ganzen Sehnsucht seines Herzens.
    Hatte es doch fr Benno heute am Sonntag diesseits des Stromes Aufnahmen
gegeben hier und dort! Aufnahmen, die an Ort und Stelle zu machen waren! Die
seste Hoffnung, die von gestern auf heute sich erfllen sollte, von dem
Abschied beim Einsteigen in den Nachen bis zu einem Wiedersehen im Enneper Thale
oder auf der Insel selbst oder heute irgendwo und -wie, hatte scheitern mssen
theils am Wetter und den verschlimmerten Wegen, theils an der gegen alles
Erwarten sich herausstellenden Bedeutung der Auftrge, die es zu vollziehen gab
...
    Nun aber trieb ihn noch ein anderes gegebenes Wort wenigstens fr den Abend
zur beschleunigten Eile. Nck hatte ihm beim Abschied gesprochen:
    Herr von Asselyn! Sie sind ein junger, unterrichteter und fr die praktische
Auffassung des Lebens, die nur allein eine Zukunft hat, disponirter Mann! Aber
in vielem sind Sie noch vllig Tabula rasa! Ich will Ihnen wnschen, da das
Leben bessere Zeichen auf Sie schreibt, als zehnjhrige Seufzer bis zu einem
Assessorat in Schppenstdt mit fnfhundert Thalern Gehalt! Sie kennen unsere
gespannte Lage mit der Regierung! Sollten Sie vielleicht im Roland bei Joseph
Zapf oder sonstwo Leute finden, die uns nicht eher geholfen glauben, bis nicht
alle die aus dem Lande gejagt sind, die nicht an die sieben Sakramente glauben,
so lassen Sie sich mit den dummen Leuten in keine philosophischen Errterungen
ein, sondern schonen Sie menschliche Schwchen! Bei Zapf gehen, hr' ich, Narren
aus und ein, die sich einbilden, es brauchte nur der 24. August im Kalender zu
stehen und man knnte die Sainte-Barthlmy noch einmal auffhren! Klren Sie
diese Leute nicht philosophisch auf! Geben Sie ihnen nur ein wenig mehr Einsicht
in die Gesetze! Verweisen Sie sie auf das, was uns unter allen Umstnden als
Anlehnung Stand hlt, wenn wir uns gegen die neunmal Weisen anstemmen mssen,
auf das Edict vom 28. Germinal des Jahres X der frnkischen Republik, das
Besitzergreifungspatent von 13, die Bulle De Salute animarum von 21. Denn
darber, denk' ich, sind wir einig, da bei uns Kirche und Gemeinde darauf
halten sollen, nach ihren eigenen Gesetzen zu leben. Lieber ein Weltbrand, als
ewig unter der Herrschaft der Achselklappen mit den numerirten Knpfen! Lieber
zum Frhstck fricassirt von franzsischen zu Marschllen avancirten Kchen, als
zerrissen von russischen Wlfen! Zwei Alternativen hat ja die Welt nur:
Czernebog, den Groen, oder Rom!
    Benno fhlte das anders, doch wollte er nicht fehlen unter Leuten, die von
Sturmglocken sprachen und das Wort: Von-Berg-zu-Berg-die-Feuerzeichen-Anznden
schon aus gedruckten fliegenden Blttern, aus Liedern und laut gesungenen
Reimsprchen wiederholten.
    Auch dem wirklich damals beschrnkten und von Ministern deshalb grndlich
verhhnten Unterthanenverstand wollte er die Thorheit der Sensen und Aexte
verweisen, mit denen die Bauern verlangten in die Stdte gefhrt zu werden ...
    Es gefiel ihm sogar, da Stephan Lengenich bernehmen sollte, einen groen
Rath- und Hlfsverein im ganzen Lande zu begrnden, einen Bund von Meistern und
Gesellen, Handwerkervereine, die damals aller Orten im deutschen Vaterland und
zur Anbahnung besserer Zeit auftauchten und von denen der Severinusverein nur
erst ein schwaches Vorbild war ...
    Schon sah Benno mit scharfem Auge im Roland drben die Fenster des zweiten
Stockes erleuchtet ...
    Er verwnschte seine Versptung bei der ihm wie ein Verhngni lockenden
Errterung ...
    Einen Nachen suchte er jetzt und war, da er keinen fand, gerade im Begriff,
schnellen Schritts auf einige Schifferhtten zuzueilen, die freilich noch einige
tausend Schritt zu Berg entfernt lagen ...
    Da sieht er einen Wagen daherjagen und so dicht dem Ufer zu, als sollte ihn
eine Fhre aufnehmen ...
    Diese Fhre sucht er ...
    Wie mut' er erstaunen, als jetzt jemand von dem Bedientensitz des Wagens
springt, am Ufer im Rhricht krebst, dann mit einem gromchtigen Bndel
zurckkehrt und endlich vollends, als er sieht, da dies, wie es schien,
Schmuggel treibende Individuum niemand anders war als Thiebold de Jonge!
    Ja, aber ums Himmels willen! Was haben Sie denn da? rief er ihm schon aus
der Ferne zu ...
    Thiebold, vollkommen wissend, da Benno in der Nhe sein konnte, und darum
auch schnell sich zurecht findend, antwortete sogleich mit einem Bedeuten um
geheimnivolle Stille und dem Winke, das federleichte Bndel mit aufladen zu
helfen ...
    Mit den langgezogenen, vllig noch ungewi tastenden Worten: Aber - Sie
sonderbarer - Schwrmer -! trat Benno nher ...
    Nun sieht er in den Wagen und sieht Armgart und Armgart sieht ihn, erkennt
ihn und ruft:
    Jesus! Der Benno!
    Benno steht sprachlos.
    Thiebold klrt auf, soweit er kann, stopft das Gepck hinein, ruft dem
Kutscher den Namen eines Ortes zu, als den der ersten Poststation, und steigt
windschnell wieder hintenauf ...
    Er scheint vorauszusetzen, da Benno, dem allem wie etwas Unglaublichem
zustaunend, dem tolldreistesten aller Menschen in die mondhelle Nacht hinaus die
Knigin seiner Trume wie zur Entfhrung berlassen soll ...
    Ein Augenblick jedoch - und auch Benno sitzt schon oben dicht neben Thiebold
und der Roland und die Kirche und der Staat und der 28. Germinal und die Bulle
De Salute animarum sind vergessen.
    Armgart sieht alles das voll Seligkeit und htte nun am liebsten alle beide
gleich hereingerufen.
    Sie htte Benno die Hand drcken mgen vor Freude ber diese doppelte Hlfe
...
    Aber schon flogen die Rosse zur Chaussee hinauf und auf dieser dann
funkenstiebend weiter und weiter dahin ...
    Der Kutscher merkte schon, da hier Romantik im Spiele war und dem
Drusenheimer allein hatte auch er nicht zugesprochen.
    Endlich hatte sich Armgart gesammelt und machte wenigstens durch das
Schiebfenster so viel Gestndnisse, als nthig waren, um nun schon von Benno
Vorwrfe und ernste Ermahnungen zu hren.
    Darber drngte ihn Thiebold, als unertrglichen Pedanten, vom
Schiebfenster weg und klagte ber Mangel an Raum ...
    Und als dann Benno mit Vernunft und Besonnenheit nicht enden wollte, verwies
ihn Thiebold vorn auf den Kutscherbock, worber beide jetzt unter sich selbst in
freundschaftlichen Hader geriethen ...
    Am Ufer aber hinfahrend hatte Armgart alles drben auf der Insel still
gefunden und im Geiste der guten Angelika gedankt, die ihre Flucht sicher nicht
verrathen, sondern gewi zur suchenden Mutter von einem Versteck auf der Insel
selbst gesprochen hatte.
    So fuhren sie schon unterhalb des Geierfelsen dahin ...
    Je weiter aber die Insel und der Flu verschwanden, desto mehr verlor sie
die Besinnung und alle ihre Gedanken fingen an, ihr wie zu vergehen ...
    Was sie von dannen trieb, glaubte Benno jetzt zu errathen ... Die Mutter war
angekommen! ... Er theilte Thiebold seine Vermuthung mit und seine Auslegung der
so ihm nun erklrlichen Flucht ...
    Wie Thiebold, der natrlich die Rechte des Vaters, seines Lebensretters,
weit ber die der Mutter stellte, sich in Armgart's heroischer Herzensthat
staunend zurecht fand, wurden sie pltzlich von Pferdehufen und von
Sbelklappern aufgeschreckt ...
    Vier bis fnf Gensdarmen ritten an ihnen vorber ...
    Benno erkannte Grtzmachern und Schulzendorf; diese erkannten ihn ...
    Herr von Asselyn! hie es mit harmlos berraschtem Tone. Wo wollen Sie denn
so spt noch hin?
    Thiebold, zwar vorlaut wie immer, aber etwas eingeschchtert, nannte die
nchste Station ...
    Major Schulzendorf blickte in den Schlag des Wagens. Er sah eine junge Dame
...
    Auf Damen lauteten die Ordres nicht ...
    Paschol, Herr Freiwilliger! rief Grtzmacher mit einem jener der Herrschaft
des groen Czernebog angehrenden und 1813 in Deutschland zurckgebliebenen
Kosackenworte und erinnerte bedeutungsvoll mit dieser Anrede den jungen
Demagogen, da er seine Gesinnung schon neulich als auf Anno Kpenick lautend
genannt hatte.
    Der Wagen fuhr von dannen ...
    Und an einem Kreuzweg hielt wiederum ein berittener Gensdarm.
    Was geht denn hier vor? fragte Thiebold hchst erstaunt und pltzlich jetzt
von groer Sammlung und viel Vernunft.
    Benno ahnte fast, da er einer groen Gefahr entronnen war.
    Diese Zusammenziehung von Bewaffneten stand ohne Zweifel in Verbindung mit
der geheimen Versammlung drben im Roland ...
    Seine Empfindungen ber diese Vermuthung schlo er tief und stumm in sein
bewegtes Herz ...
    Die jungen Mnner beschlossen, den rthselhaften Flchtling die Nacht ber
zu begleiten, bis sie irgendeine der Postrouten erreichten, wo Armgart die
Diligence besteigen konnte, um an den Ort ihrer nchsten Wnsche zu kommen, ins
Stift Heiligenkreuz, wie sie sagte, bei Witoborn oder nach Westerhof zu Paula.
    . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. .
    Wie es dann immer hher und hher ins Gebirge ging, lag die Gegend den
Rckblickenden im Mondlicht so geisterhaft und mrchenhaft da, wie ihnen ihre
eigene Stimmung ...
    Der Strom, die Berge, die Ortschaften, alles wie verklrt ...
    Ein einziger stiller Friede ausgebreitet ber soviel Leidenschaft, soviel
Ha, Kampf und Gefahr ...
    Dabei stiegen noch Raketen auf aus den Weinbergen, wo man schon frhzeitiger
die Weinlese begonnen - alles das so harmlos, wie zu Lust und Freude ...
    . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. .
    Immer lauschiger wurde es am Wege ringsum und dunkler wurde der Wald zum
Gebirge zu ...
    Eine Abtei lag in zertrmmerten von Buschwerk berwucherten Rundbogen, recht
wie ein Zufluchtsort mitternchtiger Geister ...
    Wie schlummernd ragten ringsum die Tannen ...
    Nur die Fledermuse huschten auf und die kleinen Schlangen eilten ber den
Weg hinwegzukommen, fliehend vor den jetzt langsam bergauf ziehenden Rossen ...
    Aus dem Walde tnten so seltsame Laute, wie vom Fuchs auf dem Raube und von
der nur des Nachts die Augen ffnenden Eule ...
    Ein groer dunkler Vogel flog quer ber den Weg, so mchtig, so
weitausgeflgelt, als wtr' es ein Adler gewesen.
    . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. .
    Da kam ein neues Piket von Gensdarmen ...
    Es umringte ein offenes Wgelchen, das rasch an ihnen, niederwrts,
vorberglitt ...
    Erst als sich Benno ber diese neue Begegnung mit den Wchtern der
ffentlichen Sicherheit gesammelt hatte, fiel ihm die Gestalt auf, die auf dem
Wgelchen gesessen ... Zusammengedrckt, im bloen Kopfe, eine Pferdedecke ber
die Schulter geworfen, hatte jemand dagesessen und geblickt mit stieren Augen,
wie die Augen der Hyne leuchten mgen beim nchtlichen Raube, wenn sie vom
Wege, die Lwen schon am Platze frchtend, angstvoll zur Seite schleicht ...
    Vor und neben dem Gefangenen saen zwei Mnner in brgerlicher Tracht, fest
und aufrecht ...
    Anfangs glaubte Benno, seine Phantasie spiegelte ihm die Entdeckung des
Mrders der Frau von Buschbeck in Jodocus Hammaker vor ...
    Indem trabte ein Reiter an ihnen vorber, in grauem Militrmantel mit rothem
Kragen ...
    Der Mantel schlug im schnellen Vorber auf ... Der Reiter war ein
Brgerlicher ...
    Assessor von Enckefu! rief Benno ihm nach ...
    Der Reiter hrte nicht.
    Thiebold war schon lange in eigenthmliche Gedanken verloren und schien fr
jeden uern Eindruck abgestorben ...
    In grter Aufregung fuhr Benno fort:
    Nun, mein Freund, da sehen Sie wie diese Menschen, wie Sie sie neulich zu
nennen beliebten, die Augen offen halten und am rechten Platze Muth und Kraft in
Muskeln und Adern haben!
    Wie so?
    Bemerkten Sie denn nicht eben? -
    Was?
    Keine Tuschung! Der Mrder der Buschbeck ...
    Wovon sprechen Sie?
    Sahen Sie denn nicht?
    Wen?
    Den Assessor von Enckefu -
    Ich glaube, Sie trumen!
    Eine eiserne Zeit wird kommen! Nicht sechs Wochen ins Land -
    Sechs Wochen, glauben Sie, da diese Reise -?
    Ich begreife - was Dante zu den Ghibellinen zog!
    Und whrend Thiebold jetzt seine in solchen Fllen gewhnliche Wendung:
Warum haben Sie nur ewig die Malice, in meiner Gegenwart gelehrt zu sein! Wer
war dieser Dante? Wer sind die Ghibellinen? heute wie abwesend und wie vllig
ber den Snger der Hlle und des Fegfeuers und des Paradieses unterrichtet
unterdrckte, klopfte Armgart von drinnen an das Fenster und bat mit zagender
Stimme, da es drauen gewi bitter kalt wrde, die Freunde mchten doch
hereinkommen ...
    Benno und Thiebold fhlten, da diese von Armgart gesprochenen Worte nur so
leise tnen konnten vor Thrnen ...
    Der Wagen hielt an ...
    Schweigend stiegen die Freunde ein ...
    Thiebold mit der Entdeckung, die er erst seit einer halben Stunde gemacht:
Armgart wird auch von Benno geliebt! ... Benno in einer Aufregung, die mit
mchtigster Gewalt pltzlich alle seine Gedanken mitten in die Errterungen
zurckversetzte, die er krzlich mit Bonaventura gepflogen beim abendlichen
Wandeln am Stromesufer ...
    . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. .
    Und wer wei, ob nicht auch Bonaventura noch stand und in demselben
Nachthimmel seine Zukunft suchte und, durchschauert von bangen Ahnungen, der
Worte des alten Kirchenvaters gedachte: Steh' auf um Mitternacht, blick' in das
Heer der Sterne und deute dir die tiefe Stille!
    Wenigstens wohnte er, ein Leichenbegleiter in jeder Beziehung, nachdem er
dem groen Conduct der endlich zur Nachtruhe gekommenen Frau Hauptmnnin am
Sonnabend gefolgt war, auch Sonntag Nacht dem Officium und den Vigilien bei, die
in der kleinen Kapelle neben dem Kreuzgang der Kathedrale am kerzenerleuchteten
Katafalk des verstorbenen greisen Domherrn unausgesetzt bis zum Montag morgen
gehalten wurden, wo erst sein Vorgnger, in dessen Stelle er rcken sollte, mit
seinen gesammelten Origines-Lesarten unter die steinernen Vliesen des
Kreuzgangs eingesenkt werden durfte; denn der Sonntag - ist des Herrn.

                            Ende des dritten Buches.


                                  Vierter Band

                                  Viertes Buch

                                       1.

Noch blieb der Winter aus und schon hatte das neue Jahr begonnen ...
    An einem milden Novemberabend wurde Graf Truchse-Gallenberg von seinem
kirchenfrstlichen Stuhl mit einem Aufgebot zahlreicher Truppen entfernt - in
eine ostwrts gelegene Festung gefhrt - mit ihm Eduard Michahelles ...
    Keine Hand hatte sich gerhrt, die gewaltige Entschlieung des Landesherrn
zu hindern. Diejenigen, die sich fr diesen lngst erwarteten Schritt der
Regierung zu offnem Widerstande gerstet hatten, wurden an jenem Septemberabend
im Gasthaus zum Roland am Hneneck aufgehoben und befanden sich seit Monaten im
Gefngni - Stephan Lengenich, Joseph Zapf, ein Arzt, ein Priester, einige
Gemeindevorstnde, Ackerwirthe, Schreiber, Landleute ...
    Die fortdauernd milde Witterung begnstigte aber dasjenige, was Dominicus
Nck den Treppenwitz nannte.
    Jeden Abend in den Straen ein zu spt kommender Protest ... Rottirungen,
Patrouillen - Zusammenste - einzelne Verwundungen -
    Die Aufregung hatte sich ganz Deutschland, ja Europa mitgetheilt. Auch im
Osten wurde von derselben Regierung ein anderer Erzbischof aufgehoben. Eine
wilde Zeit! Sie entfesselte Geister, die der protestantische Frst nicht geahnt
hatte und die nach langem glcklichen Frieden ihm die Ruhe seiner letzten
Lebensjahre rauben sollten ... Vom Vatican hatte der Knecht der Knechte am 10.
December in einer Allocution an die Cardinle Blitze geschleudert. Das
kirchliche Leben stockte in den Landen, die zunchst betheiligt waren; wie Bann
und Interdict, wie der Fluch auf Feuer und Wasser lag es auf der Ordnung des
Lebens, allen Handlungen der Kirche, allen Weihen und Segnungen; der
apostolische Stuhl hatte keine Stellvertretung anerkannt, die geweihte Hand des
Priesters Immanuel fehlte, sie, die allein die Fasten, Ablsse, Dispense,
Consense ertheilen konnte; rings waren die Wege des Heils gesperrt, da niemand
die Vollmachten Christi besa, die allein fr diese Zeitlichkeit der Schlssel
Petri unter Verschlu hlt. Die, welche nach dem Willen des Landesherrn den
entthronten Kirchenfrsten zu ersetzen hatten, die Kapitel, die Administratoren,
geriethen in Schwankungen, in Angst und Schrecken ber ihr vom Heiligen Vater
verwirrtes Gewissen. Die Lmmer flohen vor den Hirten ... Nck und die
Sporenritter und die Hunnius riefen Feuerjo! da der rothe Hahn auf allen
Palsten und Staatskanzleien drohte und das Vaterland in eine Spaltung gerieth,
wie wenn Tilly wieder vor den Thoren Magdeburgs stehen sollte.
    Nck's bei alledem von ihm geleiteter Treppenwitz, seine zu spt gekommene
Antwort auf die khne That der Neunmal-Weisen, hatte sich nur seit den
Festtagen etwas gemildert ...
    Auch hatte am Morgen nach dem heiligen Dreiknigsabend Jodocus Hammaker
unter dem Messer der Guillotine geendet.
    Der Mrder des Fruleins Brigida von Glpen, genannt Frau Hauptmann von
Buschbeck, gestand Dinge, die der Herrschaft der Achselklappen mit den
numerirten Knpfen und der Avantgarde des groen Czernebog verdrielich sein
muten, denn er zog vor, mit der Kirche, der er nicht minder gedient hatte, im
Frieden zu scheiden. Nck vertheidigte ihn. Der Mrder dankte ihm fr seine
Anstrengung, ihn vor den Assisen durchzubringen, mit manchem schmachtenden
Blicke, den er aus seinem so kunstvoll beherrschten, doch verzweiflungsvollen
Auge auf ihn warf, mit manchem gen Himmel gerichteten Aufseufzer, und nur
einmal, als ihm Nck beim Plaidiren und gerade seine Dose ziehend schaudernd
eine Prise verweigerte, die der Freche von ihm zu nehmen begehrte, da zuckten
seine weien Augen unheimlich drohend auf ... doch der Agent beherrschte sich,
schonte alles, was die eine seiner beiden Schultern getragen hatte, die
kirchliche, und nur in seiner letzten Beichte, die er dem neuen jungen Domherrn,
Herrn Bonaventura von Asselyn, gesprochen, mochte er Rckblicke gegeben haben
auf sein Leben und Enthllungen auch ber den Verdacht, ob er einst einen Mann
aufhing, der ihn jetzt noch einmal, wie schon frher vertheidigte.
    Nach diesem entsetzlichen Zwischenspiel, das der Armesnder keineswegs durch
bergroen Heldenmuth zum Volksschauspiel auf Applaus machte, war es einige
Abende recht still geworden ... Auch war der Carneval abgesagt. Ihr Theuerstes
opferte die Stadt, um zu beweisen, da der Stellvertreter Christi mit Recht
diese Zeit den schlimmsten der Propheten verglichen hatte.
    Im Englischen Hof, in einem der ersten Hotels der Stadt, waren, wie seit
einigen Wochen allabendlich, mehrere Fenster erleuchtet. Die Frequenz der Stadt
hatte abgenommen. Niemand mochte dem Ansinnen der Loyalitt, Feste zu geben,
entsprechen und da manche Familie auch ihrerseits wieder vor dem Schein der
Demonstration sich frchtete und lieber auf dem Lande blieb, so fiel es auf,
wenn irgendwo sich Leben zeigte in einer Stadt, der die geheimen Lenker in allem
und jedem Trauer angesagt hatten.
    Aber auch jene Fenster oben im ersten Stock des Englischen Hofes werden bald
nicht mehr an jedem Abend erleuchtet sein ...
    Schon ist ein groer Reisewagen in der Einfahrt sichtbar, der, vorn und
hinten bepackt, morgen aufbrechen und die oben wohnende Herrschaft nach Belgien
und an den Strand des Meeres entfhren wird, von wo aus es dann weiter gehen
soll nach England ...
    Ein Reisecourier ordnet am Wagen. Ein anderer Diener hat die Grfin von
Salem-Camphausen, die Mutter des Grafen Hugo, in einem Miethwagen begleitet, in
welchem sie noch einige Abschiedsbesuche macht ...
    In dem einen der oben von ihr seit zwei Monaten bewohnten Zimmer brennt
etwas dster eine groe Astrallampe auf einem runden, mit einem Teppich
bedeckten Tische. Eine andere, hellere, wenn auch kleinere Lampe bescheint ein
kleines Schreibbureau, an welchem eine Dame sitzt und mit Emsigkeit die Feder
fhrt ...
    Alles still um sie her ... Betrte auch ein Fu das gerumige Zimmer, dem
man die einer Abreise vorangehende Unordnung nicht ansieht, der Schritt wrde
durch einen Teppich gemildert werden ... Eine kleine wiener Reiseuhr steht neben
der Schreibenden, die zuweilen wie mechanisch auf sie hinblickt und sich
flchtig ber den schnellen Lauf der Zeit zu wundern scheint, obgleich sie darum
im Schreiben immer noch fortfhrt ...
    Die Dame ist nicht, wie seit dem 20. November alles, was in dieser Stadt der
gemeinsamen Stimmung Rechnung trgt, schwarz gekleidet, nur dunkelfarbig ...
weit ausgebreitet bauscht sich um sie her ein einfacher seidener Stoff ... ein
Spitzentuch, das den Nacken bedeckt, ist herniedergeglitten ... ja an dem
zurckgehenden Ausschnitt des Kleides kann man entnehmen, da die emsige
Schreiberin, um die Brust zu schonen, sich's unbewut bequem gemacht hat ... Man
sieht die Flle der Anmuth und der Jugend.
    Sie blickt auf und athmet wie erschpft ... Die saubern Octavblttchen, die
sie vollgeschrieben, zhlt sie und lchelt, da es deren so viele sind ... Dies
Lcheln sollte uns nicht fremd sein ... Es hat Aehnlichkeit mit jener
Duldermiene, die das Lcheln Armgart's dem Blick der Madonnen Murillo's so
hnlich macht ... An dem seltsamen Glanz der langen Locken, die auf den weien,
durch Zufall entblten Hals der jetzt Lesenden niedergleiten, erkennen wir
Armgart's Mutter, die Oberstin von Hlleshoven, Monika von Ubbelohde.
    In der That hat der Winter nie so nahe beim Frhling gewohnt. Nie ist der
letzte Schnee in anmuthigerm Neckspiel auf die ersten Blten eines Gartens
gefallen. Nie hat der Sonnenstrahl zur Osterzeit so schnell die letzten Flocken
der noch eisigen Lfte hinweggekt. Oder mssen wir von einem Hagelwetter
sprechen, das grausam seine Eiskrner zurckgelassen unter Rosen und Lilien?
Monika's Locken sind grau.
    Monika ist eine Frau mittler Gre, nicht von bervollen, aber runden
Formen. Ist ihr Antlitz jetzt nur vom Ueberbeugen so gerthet oder trgt es dies
frische Incarnat fr immer? Fast mchte man letzteres glauben, wenn man die
schwellende Rthe der Lippen vergleicht, die ein wenig sich ffnen, weil sie
leise vor sich hin das liest, was sie geschrieben ... Ihr Blick ist ernst. Die
Hand, wei und klein, hlt die Bltter etwas zu nahe dem Auge. Wer wei, ob
nicht auch diese schnen braunen Augen gelitten haben von viel Thrnen, die sie
vergossen haben mochte? Bei alledem liegt auf der Stirn ein seltener Friede.
Oder ist es nur eine groe Klarheit, die ihre Vorstellungen zu einem Lichte
hindurchgerungen hat, das nun auch diese Stirn so edel erhellt? Eine Stirn, die
unharmonisch ist, entstellt ein ganzes noch so zierliches Antlitz. Die Stirn
dieser jungen Frau stieg sanft aus den eingesenkten Schlfen und erhob sich nur
oben, dicht an den gescheitelt niedergleitenden grauschimmernden Locken, deren
an jeder Seite drei bis auf die in dem Lehnsessel sich aufstemmenden Oberarme
fielen, zu einem leisen Hervortreten zweier Flchentheile, die in der Mitte
durch eine einzige sanfte Linie getheilt waren. Die Rundung des Kopfes, dessen
Hintertheil ein unterm Kinn zusammengebundenes Flortuch von schwarzer Seide
bedeckte, war der Ausdruck eines Wesens, das die Harmonie und mit ihr die
Gerechtigkeit liebte. Die Augenbrauen waren dunkel, nicht von dem Loose des
Haares betroffen. Zitterten die Blttchen in der Hand der Lesenden, so war nur
die Haltung der Arme, die sich auf die Lehnen des Sessels stemmten, schuld
daran, nicht die bangende innere Aufregung, denn mit Ruhe, Fassung, mit dem
Ernst eines Denkers berliest die junge Frau, was sie geschrieben.
    Die Bltter lauteten:
    Seit vier Monaten, meine theure Freundin, haben Sie nichts von mir
vernommen und vielleicht zu buchstblich hab' ich mein Wort gehalten, Sie zu
verschonen mit den Aufwallungen ber halbe und unentschiedene Zustnde.
    Ich habe nicht in Anschlag gebracht, da schon seit der Rckkehr des
Obersten die Vorbereitungen getroffen sein muten, Armgart so bald als mglich
wieder nach Westerhof zurckzurufen. Unmittelbar nach meinem Briefe suchte ich
einzutreffen. Kaum hatt' ich von den Zimmern, die Herr von Terschka fr mich
bestellte, Besitz genommen, als ich mich in einen Nachen setzte und zur Insel
Lindenwerth hinberfuhr. Ich wiederholte eine der Scenen, deren vor Jahren so
viele stattgefunden. Damals, in der seligsten Gewiheit, am Ziele zu sein und
mein Kind zu besitzen, es zu berraschen im Schlummer, es entdeckt zu haben in
einer Khlerhtte, bei einem Frster im Walde, hatten mein Schwager und meine
ihm verbundene Schwester den Raub, den sie an zwei Aeltern begingen, schon
wieder an einen andern Ort geborgen, nur da ich diesmal nicht die mir tdlichen
Worte in einem zurckgelassenen, immer gleichlautenden Briefe fand: Dein Platz
ist - in der Kaserne beim Olivaer Thor in Danzig; dort wirst du dein Kind
finden! Aber ebenso stand ich wieder wie sonst. Muttergefhl und Stolz im Kampf.
Nach halbstndigem Warten auf Armgart merkt' ich, da sie nicht mehr auf der
Insel war. Die Englischen Frulein schienen aufs uerste bestrzt; eine der
Lehrerinnen war im Geheimni. Als alles geweckt wurde und ich sehr gern den
Nonnen eingestand, da ich sie fr unbetheiligt hielt am Verstecken meines
Kindes, als die Lehrerin ringsum wirkliche Angst ber einen mglichen
Unglcksfall bemerkte und gestanden hatte, da Armgart entflohen war, da
hinderte ich selbst, da man die Schiffer antrieb ihr nachzueilen. Wie sonst aus
den Khler- und Waldhtten ging ich, ich will nicht mehr sagen, mit dem Trotz
meiner Jugend, aber doch so vernichtet und auf die erste Hoffnung tief erkltet,
da ich, wie schon oft im Leben, den Eindruck einer Frau ohne Herz
zurckgelassen haben mag, als ich schweigend auf meinem Boot zum Ufer fuhr.
    Am folgenden Morgen besuchte mich die Lehrerin. Der Armen hatte man, als
verdchtig, eine Flucht aus dem Pensionat untersttzt zu haben, sofort
gekndigt. Das schon ltliche Mdchen dauerte mich. Sie sprach ihr Leiden nicht
aus, das das gewhnliche verblhender Jugend und des unterrichtgebenden
Tagelhnerns schien, aber ich sah es ihr an und vertraute ihrer Erzhlung. Das
Mdchen schien mich nicht fr wrdig zu halten, ganz in ihr Inneres zu sehen.
Ich war ihr die Mutter, die ihr Kind aufgeben konnte. Erst als sie wiederholt
auf mein graues Haar und den Ursprung desselben, den sie etwas unglubig aus dem
Kummer herleitete, zurckkam und ich jetzt, lchelnd sogar bei allem Leid, ihr
sagen mute: Liebe, Sie stellen mich viel zu hoch! Dies Erblinden meiner Haare
stammt aus einer Lebensgefahr, in die ich mich einst begeben hatte, als ich mich
vierzehn Tage lang versteckte, versehen nur mit einem Krbchen Proviant, ohne
Wasser und auf den Augenblick harrend, wo ich die Wahnsinnigen, mit denen ich im
Kampfe lebte, berraschen wollte - man fand mich endlich fieberkrank und der
Typhus raubt oder bleicht uns das Haar -! - da wurde sie mittheilsamer und
erzhlte mir, was in Armgart's Seele so vorgegangen, als wre ganz der Geist
ihrer Tante Benigna ber sie gekommen, dieser Velledennatur, die der Meg-Merilis
Walter Scott's nicht unhnlich ist, ohne da meine Schwester je den
Hochlandsdichter gelesen haben mag. Ebenso will das Kind richten ber mich und
den Vater und setzt sich als Preis fr unsere Ausshnung! Die Lehrerin erbot
sich zur Vermittelung mit dem Obersten, der so nahe wohnte und in dessen ganzer
Art es liegt, da er nicht einmal den Versuch machte, sich umzusehen, wo er
seinem einzigen Kinde begegnen knnte, geschweige es an sein Herz zu reien. Ich
lehnte die dargebotene Hlfe ab und verwies auf das, was vom Obersten mich immer
getrennt hat und was uns ewig trennen wird.
    Von Herrn von Terschka erfuhr ich dann alle nhern Umstnde dieser Flucht.
Sie kennen seine unermdete Geflligkeit. Ich erfuhr die kleinsten Details.
Begleitet von zwei ihr bekannten jungen Mnnern war das wahnbethrte Mdchen
nach einer nchtlichen Fahrt auf die Station einer groen Postroute gebracht
worden, wo sie die Diligence bestieg und nach Witoborn fuhr.
    Ich konnte ihr nicht folgen. Die Nhe so vieler Feindseligkeit bengstigte
mich auch bei Lindenwerth. Ich schrieb einige Worte an den Dechanten und begab
mich nach Belgien und Ostende, wo ich die Grfin erwarten wollte, um sie, wie
frher gehofft, mit Armgart, nun vielleicht allein nach England zu begleiten.
Die Ankunft derselben verzgerte sich. Ich wartete wochenlang und sah das Meer
in allen seinen wechselnden Launen, in seiner Gre und Gefahr, unheimlich und
selbst im Sonnenschein und bei Windstille dem Menschen nicht wohlwollend. Die
Jahreszeit wurde rauher, die Strme tobten, die See ging hohl - eine Welle, die
schon von weither rollt und ber dem gefurchten Spiegel sichtbar wird wie eine
glattgeschliffene riesige Sichel, immer nher kommt, immer mchtiger in ihrem
weien Gischt anwchst und dann sich auf den Strand wirft, hat etwas so
unbarmherzig Unerbittliches, da ich selbst vom schtzenden Leuchtthurm aus
nicht mehr diesem Spiele zusehen mochte. Ich reiste der Grfin entgegen, die
endlich in Frankfurt angekommen war.
    Aber schon in der Residenz des Kirchenfrsten begegneten wir uns und haben
wir hier die strmischen Tage der Gefangennahme desselben erlebt. Die Gemther
waren und sind noch in einer Aufregung, die den Verkehr mit ihnen peinlich
macht, zumal wenn man mit einer Protestantin auftritt, die so entschieden wie
die Grfin an ihrem Bekenntnisse festhlt und hier berall mehr Mistrauen und
Feindschaft, als Entgegenkommen findet. Die Rechte ihres Sohns auf die
Dorste'schen Besitzungen sind unantastbar; die Processe, die man dagegen
aufbrachte, sind in drei Instanzen zu Gunsten des Grafen Hugo entschieden
worden. Terschka ist schon nach Westerhof, um die Uebernahme der Gter und die
Verstndigung ber Paula's Zukunft zu beschleunigen. Sie kennen meine Verehrung
vor der hoheitsvollen Gesinnung dieser ehrwrdigen strengen Matrone. Schon mit
ihrem Erscheinen entwaffnet Grfin Erdmuthe jede Feindseligkeit; selbst der
gefhrlichste ihrer Gegner, der Procurator Nck, windet sich vor ihr, als wenn
schon ihr Blick etwas Zhmendes und Bndigendes htte; gerade ihm gegenber thut
die sittliche Macht des festen Willens und der reinen Ueberzeugung auch noth, da
er noch bis zur Stunde, obschon alles fr seine Clienten, die Geistlichen, die
Klster, die Stifte, die Landschaft, verloren ist, sich dem Unvermeidlichen
nicht fgen will, zumal seit dem 10. December, wo von Rom aus hier alles wie mit
unsichtbaren Schwertern bewaffnet ist.
    Eine freundliche Erscheinung waren mir die beiden jungen Mnner, die an
jenem fr mich so schmerzlichen Sonntage Armgart auf ihrer Flucht begleitet
hatten. Benno von Asselyn arbeitet bei Herrn Nck und mute sich leider als ein
Gegner der Grfin einfhren. Doch verstndigte die wrdige Frau sich bald mit
dem jungen unterrichteten Manne, der fr einen Neffen des Dechanten gilt, aber
nur ein Adoptivsohn seines Bruders ist und eine Spanierin zur Mutter haben soll.
Der andere ist ein junger reicher Kaufmann, Namens Thiebold de Jonge, eine
heitere, lebensfrohe Natur, etwas beschrnkt, aber desto reicher ausgestattet
mit jenem Enthusiasmus, der bei allen Dingen immer prsent ist, was man bei den
blasirten jungen Mnnern dieser Tage nur noch selten findet. Herr de Jonge
gestand mir in aller Offenheit, da er mich nur mit groem Mistrauen betrachte,
denn sein Herz gehre dem Obersten, der ihm vor einigen Jahren in Canada das
Leben gerettet. In Wahrheit aber gehrt sein Herz nur Armgart. Sie scheint schon
frh das Talent zu haben, die Mnner zu verwirren. Herr von Asselyn und dieser
junge Kaufmann lieben sie beide und ich wei nicht, wem sie den Vorzug gibt.
Wenigstens scheinen sich die jungen Mnner resignirt zu haben, sich ihrem eignen
Ausspruch zu unterwerfen.
    Natrlich war ich auch ihnen eine ganz herzlose Mutter. Erst seitdem sie
zufllig in Erfahrung brachten, da ich damals, als ich mich von meiner
Krankheit erhob und im Spiegel mein graues Haar erblickte (allerdings in der
Verzweiflung - weiblicher Eitelkeit!) mit allem brach und zu Ihnen in ein
Kloster reiste, wo man, wie hier bei den Karmeliterinnen, nicht etwa Nharbeiten
fertigt, hchstens ein paar Unterrichtsstunden gibt und die brige Zeit im
Miggang vertndelt, sondern in ein Krankenhaus, in dessen stndlichem
Geschftsgang ich die Vergangenheit vergessen wollte, da milderte sich auch hier
ein wenig das Mistrauen und ich mu schon ber mich wachen, nicht etwa mich mit
Lorbern zu schmcken, wenn ich von Ihnen und meinem Tode in Ihrem Kloster
spreche.
    Statt Armgart soll die Grfin nun nach England eine Italienerin begleiten,
ein junges Mdchen, das die Grfin aus ihren Besitzungen in Piemont kannte und
hier wiederzufinden sich wahrhaft gefreut hat. Die Grfin ist die Gte selbst
und wrde alles glcklich machen, wenn sie dazu die Mittel bese. Sie warnten
mich vor ihrem Lutherthum! Freundin, seit den langen Jahren, da ich an Ihren
Krankenbetten lebte, hab' ich ber die Religion in jedem Augenblick nachgedacht,
nie aber ber den Unterschied der Religionen. Auch Sie, theure Freundin, Sie,
Aebtissin der Hospitaliterinnen, die Sie noch zu den Barmherzigen Schwestern
alten Stils gehren, nicht zu den neuen, mit denen Vincenz von Paula den
Jesuiten ein Geschenk machte, Sie haben mir ja selbst - wie oft gestanden, da
Sie die Zumuthung nicht ertragen wrden, die Ihnen die Rmlinge stellen, in Ihr
Kloster neue religise Vorschriften einzufhren! Eines kann der Mensch nur
vollbringen, entweder Gott in der Erfllung seiner Pflicht dienen - oder sich
ganz der Betrachtung ergeben und ausruhen und phantasiren und trumen. Wenn Sie
noch beten und singen sollen, sagten Sie selbst, knnen Sie nicht die Kranken
pflegen. Die wahre Religion ist die Pflichterfllung und ein ganzes Versenken
nur in sie allein. Das beste Gebet ist eine That, die auf Gottes Beistand
deshalb rechnet, weil sie gut ist. Ich hre hier zuweilen die Predigten eines
neuen jungen Domherrn, eines Verwandten unsers Benno von Asselyn, der einen
auerordentlichen Zulauf hat und der noch der Last der an ihn gestellten
Zumuthungen, namentlich im Beichtstuhl, erliegen mu, wenn er sich nicht
Schonung gnnt. Noch neulich sprach er die Worte, die ich nur gewnscht htte
von ihm weiter ausgefhrt und auf die Gegenwart anders gedeutet zu sehen: Wir
bewundern und fassen es jetzt gar nicht mehr, wie das Christenthum in den alten
Zeiten verherrlicht und bekannt wurde! Nicht nur war es die tgliche Ordnung
alles Lebens, des ffentlichen wie des gesellschaftlichen und huslichen,
sondern der stndliche Ausdruck jedes Gefhls, jedes Gedankens, der stete
Begleiter des Seufzens im Kummer, wie der Begleiter des Jauchzens in der Freude.
Festzge sah man und sie verherrlichten nur die Vorgnge der heiligen Geschichte
- er strafte damit den kindischen Kummer um den verbotenen Carneval -; man sah
Schauspiele wie jetzt und sie unterhielten durch die Geschichte der Passion;
jeder Gedanke der Kunst, der Bildung, der Gelehrsamkeit war zu gleicher Zeit ein
christlicher Gedanke. - Nun wohl, flsterte ich schon nach der Beendigung dieser
Predigt der Grfin zu, die sich entschlossen hatte, diesen Domherrn einmal zu
hren (eine merkwrdige Aehnlichkeit desselben mit einer italieschen
Bekanntschaft von ihr, auf die sie von der obengenannten jungen Italienerin
aufmerksam gemacht worden war, zog sie an und wurde von ihr besttigt): warum
fgte er nicht hinzu, die Kenntnisse haben sich erweitert, die Anschauungen sind
umfassender, die Pflichten verwickelter, die Lebensuerungen mannichfaltiger
geworden? Wenn jetzt nicht mehr jede einzelne Lebensthat die christliche
Signatur tragen kann, so gengt es ja schon, wenn sie dem Christenthum nicht
widerspricht ... Freilich hat auch die gute Grfin ihre Herzensberuhigung nur zu
sehr darin gefunden, da sie nach dem Standpunkte, auf dem sie einmal steht, dem
Standpunkt des Grafen Zinzendorf -
    Bis hierher hatte Monika von Hlleshoven geschrieben ...
    Sie las die Bltter nur deshalb wieder durch, weil sie den Faden ihrer
Erzhlung verloren hatte, und eben fand sie ihn, wollte eben weiter schreiben,
mittheilen, da sie trotz des fertigen Gepckes bis zur Stunde noch im Zweifel
wre, ob sie morgen nach England mitgehen sollte, als sie im Nebenzimmer die
sanften Accorde einer Guitarre hrte ... Sie wute, da sie von Porzia Biancchi
kamen, die schon zur Reise alle ihre eigenen kleinen Gerthschaften geordnet
hatte und vielleicht eben noch ihre Guitarre einpackend sich nicht berwinden
konnte, das Instrument, das sie mit Gewandtheit spielte, anzuschlagen ...
    Allmhlich wurde aus den Accorden ein Lied und Monika hrte nun zu schreiben
auf ... Ob sie wol endlich wahr macht, sagte sie sich, was sie uns so oft
versprochen, da sie einmal singen wrde? Ich glaube, sie frchtet sich immer
nur vor der Grfin, die die menschliche Stimme nur geschaffen erklrt zum Lobe
Gottes!
    Leise und wie schchtern erklang zu den angeschlagenen Accorden ein
melodischer Gesang ... Porzia hatte eine schne Altstimme ... Monika, um die
italienischen Worte zu verstehen, lauschte ...
    Indem meldete der Courier einen Besuch und wollte im Nebenzimmer, wo Porzia
sang, gleichfalls mittheilen, da es Marco Biancchi war, ihr vor vier Monaten
aus England gekommener Onkel, der in groer Eile sie zu sprechen begehrte ...
    Lassen Sie doch! sagte Monika und bedeutete den Meldenden, die Sngerin
nicht zu unterbrechen. Sie wollte den Italiener selbst empfangen ... Der Sprache
desselben war sie mchtig ... Sie sagte, sie wrde Porzien das Nthige dann
schon mittheilen ...
    Marco Biancchi kam in groer Aufregung. Er wollte der Grfin ankndigen, da
er mit ihr zugleich nach England reisen wrde, wo er seit Jahren schon heimisch
geworden ...
    Monika wute, da er von dieser Stadt aus noch weiter ins Innere
Deutschlands wollte, da er fr seine Kunst, Bilder zu restauriren, Auftrge
nach Frankfurt und Mnchen hatte und zuletzt einen dritten Bruder zu besuchen
gedachte, der in Wien lebte und ihr selbst wohlbekannt war als ein dort
vielgesuchter Musiklehrer ...
    Auf ihr Erstaunen, wie er seinen Plan so schnell hatte ndern knnen, gab
Marco ausweichende Antworten und bald bemerkte sie, da seine Rckkehr nach
England keine freiwillige war, ja da er mit einem lngeren Verweilen in dieser
Stadt sich einer Gefahr aussetzen wrde ...
    Porzia schien so in ihrem Gesang verloren, da sie die nicht leise gefhrte
Conversation des Nebenzimmers nicht hrte ... sie sang und spielte alle die
Lieder, die sie schon im Gasthof Zum goldnen Lamm, auf Befehl ihres lngst nach
Frankfurt zurckgekehrten Vaters, dem Onkel Marco sogleich nach dem ersten
Wiedersehen als Probe ihrer Gaben hatte vortragen mssen ...
    Theils das angeborene lebhafte Naturell, theils das Gefhl von Sicherheit,
das in einer in der vaterlndischen Sprache gefhrten Conversation fr ihn lag,
veranlaten das Gestndni des Italieners, Herr Benno von Asselyn htte ihn
aufmerksam gemacht, da eine der Sicherheitspolizei angehrende einflureiche
Person ihm dringend anriethe, sofort Deutschland zu verlassen. Er wrde bereits
seit seinem ersten Ankommen beobachtet und gelte fr einen Emissr der auf
englischem Boden stattfindenden italienischen Conspirationen ...
    Fr Monika war es nach dem ersten Ausdruck des Bedauerns und Erstaunens
wohlthuend, in Verbindung mit einem, wie sie bald sah, so wohlangebrachten Rathe
den Namen Benno's zu vernehmen, der seit einiger Zeit sie nicht wieder besucht
hatte, whrend Thiebold fast alle Tage kam und lngst auch fr sie seine
gewohnte Schwrmerei zur Schau trug ...
    O das ist ja brav von Herrn von Asselyn! sagte Monika und forschte
teilnehmend: Wrden Sie sich denn nicht gegen diesen Verdacht haben
rechtfertigen knnen?
    Die Miene des Italieners wurde eigentmlich von dem Gesange seiner Nichte
begleitet ... Es war ein Ausdruck, der zwar zunchst nur der der Verschmitztheit
schien und doch mischte sich ihm etwas Elegisches bei, das Monika vollkommen als
die Liebe zum Vaterlande und zur Freiheit erkannte. Ja wret ihr Italiener
wirklich nur fhig, die Freiheit zu ertragen! sagte sie. Ihr seid aber wahrhaft
ein Volk von entthronten Knigen! Entweder mt ihr herrschen oder in Ketten
gehalten werden. - Deshalb verstand euch Napoleon so gut! Weil nur Er herrschen
wollte, hat er euch mehr mit Fen getreten, als irgendeine andere Nation!
    Italia la regina del mondo! rief Marco und begann, sich in die Stimmung des
leisen Gesanges nebenan versetzend, eines der vielen Gedichte zu recitiren, an
denen fr dies Thema seine Nation so reich ist und deren Zahl auch jeder
einigermaen gebildete Italiener durch die Kunst der Improvisation zu vermehren
wei ...
    Deshalb wollt ihr die Freiheit fr euch, unterbrach Monika seinen langen
Monolog, um sie wieder den andern Vlkern zu entziehen!
    Wir wollen nur das Joch der Fremden brechen! rief Marco. Ein Volk von
Brdern, von den Alpen bis zum Meere! Ein einziger Bund von Bruderstaaten!
Republik oder Monarchie, nur keine Trennung mehr!
    Aber dem Schlssel Petri gnnt ihr dabei alle Pforten des Himmels, nur am
wenigsten die eurer groen Roma! Ihr wollt ihn ganz nur zu einem Heiligen machen
und aus der Liste der weltlichen Souverne streichen! Aber thtet ihr das, so
hat ja eure letzte Stunde geschlagen! Alle katholischen Nationen wrden sich zu
einem neuen Kreuzzuge rsten und Rom wrde, wenn es den Kampf aufnhme, zerstrt
werden.
    Das ist schon oft geschehen! erwiderte Marco mit einiger Ironie. Ja, ich
wei, es gibt Italiener, die unserm Glauben untreu geworden sind! Ich gehre
nicht zu ihnen. Ich will den wahren christlichen Glauben und ich will, da er
eine groe Macht besitzt. Aber ein geistiges verjngtes Rom soll herrschen! Der
Heilige Vater in Wahrheit ein Vater der Menschheit, erhalten von seinen
liebenden Kindern, zunchst von den Rmern, die durch ihn ihre alte Freiheit und
Gre gewinnen mssen! Rom, der Sitz des Lichtes! Rom, die Sonne, deren Strahlen
die Erde erleuchten! Einst zitterte die Welt vor den Waffen dieser stolzen
Knigin, aber schon damals brachten die Imperatoren mit ihren Adlern die milden
Sitten und eine Gesetzgebung, die die Freiheit selbst war und das Menschenrecht
und die geschriebene Vernunft! Roms Sprache ist die Sprache der Religion, der
Wissenschaft, der Denkmler! In alle Sprachen der Barbaren mute sie eingefhrt
werden, wenn sie die Gedanken der Civilisation aufnehmen wollten, fr welche
diese keinen Ausdruck hatten. Roms Bischfe wurden die neuen Befreier der Welt!
Der Ring des Fischers drckt das Siegel auf alle Freiheitsurkunden, die noch die
Nationen den Hnden ihrer Henker abtrotzen werden! Roms Hirtenstab hat die
Leibeigenen befreit, die Stdte gegrndet, die Gemeinden geschaffen, die
Republiken erleuchtet, sie geschmckt mit Bildern und mit Denkmlern des
menschlichen Geistes! Rom, ohne Waffen, Rom, ein Gedanke, hat allein dem
treulosen Corsen ins Auge zu sehen gewagt, muthiger, als Knige und Kaiser, die
vor ihm im Staube krochen! Durch Rom wird das Christenthum erhalten bleiben als
ein linder Balsam, der das Gemth von seinen Wunden heilt! Nicht, Signora, das
jesuitische Rom mein' ich, das ich hasse, weil die Jesuiten die Freiheit hassen
und die Unabhngigkeit der Vlker und die wahre Gre des Menschen ... Ha!
Ceccone! Da Menschen, wie du, dem wahren Rom ein falsches Gewand umhngen
durften! Ceccone! Politiker statt Priester, Schergen, die die Patrioten
verfolgen, statt sie zu schtzen gegen die Feinde Italiens! Signora! Lassen Sie
Italien frei sein von seinen Tyrannen, von seinen - Ceccones und die Geschichte
wird ein Volk der Gre finden, Republiken, die sich migen, ein Rom, das den
katholischen Glauben wieder zur Sehnsucht aller Vlker macht, auch der
abgefallenen!
    Das Auge des Italieners leuchtete. Sein weies Haar schien sich zu struben.
Der rechte Arm begleitete seine Worte wie mit den Gesticulationen der
Rednerbhne ...
    Monika folgte mit Aufmerksamkeit und voll prfender Ueberlegung ... Cardinal
Ceccone war ein in diesem Augenblick oft genanntes Glied der rmischen Curie ...
Die Arme auf die Lehne des Sessels stemmend und die Locken schttelnd, sagte
sie: Nein, nein! Es gibt andere Italiener, die an diese Siege der katholischen
Lehre nicht mehr glauben wollen!
    Ich verachte sie! warf ihr Biancchi entgegen.
    Sie berufen sich darauf, da gerade ein Ceccone den Purpur tragen kann!
    Noch las Ceccone keine Messe ...
    Nun gut! Aber aus allem, was Ihr mir von Euren Meinungen verrathet, erseh'
ich doch, da Ihr dem Unbekannten zu danken habt, der Euch rathen lie, nach
England zurckzukehren! Was aber Porzia betrifft, lat sie nicht zu viel in der
schnen Bibel lesen, bei der ich sie zuweilen berrasche und die sie so heilig
zu halten scheint, wie ihre Guitarre!
    Es ist das Geschenk eines freundlichen Mannes, der schon ein wenig alt ist,
sonst wrd' ich glauben, da sie sich schwer von seinem Lande trennt! sagte
Marco und wandte sich mit hflicher Verbeugung zu Porzia's Thre ...
    Ihr glaubt an die ewige Jugend Roms, das schon so alt ist? Dann mt Ihr
auch dem Geiste und der Liebe eine Verjngungskraft zuschreiben! Wer ist denn
der Verehrer dieser Bibel, in der Porzia so eifrig liest, da ich fast glaube,
sie studirt auch die deutsche Sprache darin, ihm zu gefallen?
    Biancchi blickte immer auf die Nebenthr und schien auszuweichen, den Namen
zu nennen ...
    Der deutsche Name wird fr Eure Zunge zu schwer sein ...
    Ein Signore Hedemann ist es! sagte der Italiener festbetonend und verrieth
in der prfenden Schrfe seines Blickes, da ihm die Beziehung dieses Namens
wohlbekannt war zu dem Gatten der freundlichen Dame, die so vertraulich und
wohlwollend und offenbar von seinen Aeuerungen angezogen mit ihm plauderte ...
zugleich wollte er, als guter Anwalt seiner Nichte, die Gelegenheit nicht
unbenutzt lassen, ber einen Mann Erkundigungen einzuziehen, der die in
St.-Wolfgang und Kocher am Fall angeknpfte Bekanntschaft auch noch in der
Residenz des Kirchenfrsten fortgesetzt hatte, als er zum Betrieb seiner Ankufe
hieher gekommen und so lange geblieben war, bis Frau von Hlleshoven von Ostende
zurckkehrte, wo die Grfin von Salem-Camphausen Porzia dann beim Wandeln in der
Kathedrale entdeckte. Porzia war nach der Abreise ihres Vaters geblieben, um
nach Frankfurt erst mit dem Onkel Marco zurckzureisen.
    Welchen Namen nannten Sie? sagte Monika und erhob aufhorchend ihr gebeugtes,
in Gedanken verlorenes Haupt ...
    Remigius Hedemann! wiederholte der Italiener und setzte frank und frei
hinzu: Un intendente del Signore Colonello de Hlleshoven!
    Bei dieser Bezeichnung schien ihm das italienische Verhltni zwischen
Diener und Freund vorzuschweben, das bei Landbesitzern und groen Adelsfamilien
sich dort noch im Sinne der alten rmischen Clientel erhalten hat.
    Hedemann! sagte Monika erregt und erhob sich ...
    Statt dem Wunsche des Italieners entgegenzukommen und ihm nun ber Hedemann
weitere Nachrichten zu geben, winkte sie ihm, er mchte jetzt selbst ins
Nebenzimmer treten ... aber auch Porzia hatte eben leise ihre Thre geffnet und
die Stimme des Onkels gehrt ... der Italiener trat zu ihr ein.
    Wie Monika allein war, sammelte sie sich erst langsam von dem Eindruck, den
ihr das pltzliche Nennen eines Namens gemacht hatte, der mit ihren ernsten
Lebensbeziehungen in so naher Verbindung stand. Hedemann war, solange sie denken
konnte, mit ihrer Familie in der unzertrennlichen Verbindung eines sich nie
berhebenden Dieners, Rathgebers und Helfers in aller Noth gewesen ... Da er
und mit ihm der Oberst schon so in ihre nchsten Kreise eingetreten und da dies
zu ihrer Begleitung und Bedienung bestimmte junge Mdchen mit einem sie so nahe
berhrenden Manne bekannt war, nahm ihr fast den Athem. Auf und nieder ging sie
und konnte zur Beendigung ihres Briefes nicht zurckkehren. Sie schlo die
Bltter, die sie zusammenlegte, zuletzt in ein Reiseportefeuille, das sie mit
der ihr ohnehin heute stndlich wiederkehrenden Empfindung betrachtete: Solltest
du wirklich fliehen? Solltest du diese Reise nach England mitmachen? Was zagst
du? Was trittst du nicht mitten in die Kreise ein, wo du dich so gehat weit,
und trotzest ihnen - wie der Oberst ...? Sie wute von Benno, da der Oberst
vorhatte, sich in Witoborn anzusiedeln und mit Hedemann sogar einen
Industriezweig zu ergreifen.
    Voll Erregung klingelte sie dem Courier, lie die groe Lampe heller
herrichten, befahl die Vorrichtung zum Thee, da die Grfin unfehlbar bald
zurckkommen wrde, und entlie Marco Biancchi, der aufgeregt seiner auf das
Klingeln gleichfalls sich einstellenden Nichte folgte, sowol mit dem Rath, dem
ihm gegebenen Wink baldmglichst zu folgen, wie mit dem Erbieten, der Grfin von
dieser Wendung die von ihm gewnschte Anzeige zu machen. Da Marco Biancchi
trotz aller angeborenen Gre und Adelswrde seiner Nation Lust zu bezeugen
schien, die Reisegesellschaft der Grfin zu vermehren und auf deren Kosten
wenigstens bis Antwerpen zu fahren, bemerkte die junge Frau noch nicht.
Vielleicht erschien auch dem feurigen Patrioten eine Rcksprache mit dem Kurier
eine noch geeignetere Maregel, um zu seinem Ziele zu gelangen. Porzia,
sichtlich erschreckt von der vernommenen Gefahr des Onkels, begleitete ihn
hinaus.
    Inzwischen hrte man einen Wagen anrollen ... Monika, den Reiz einer an
Porzia zu richtenden Frage nach Hedemann unterdrckend, trat an die vom Regen
beschlagenen Fenster, sah in den dstern, von Laternen matt erhellten Abend, und
stellte, als sie die Rckkehr der Grfin erkannt zu haben glaubte, auch noch die
kleinere Lampe auf den groen runden Tisch, den sie zum Sopha rckte. Lag dann
auch in dem kurzen Blick auf einen Spiegel, in dem sie ihre einfache Toilette
ordnete, die Schleifen des Geflechtes, das ihr Haar bedeckte, fester band, die
in Verwirrung gerathenen Locken ein wenig aufwickelte, der Ausdruck der Sammlung
und der ehrerbietigen Unterordnung unter die hochgestellte Dame, die in der That
durch die weitgeffnete Thre eintrat, so war sie doch in einer Stimmung, wie
Armgart damals, als sie mit Benno und Angelika am luftigen Hneneck stand und in
den Riesenhuptern der Sieben Berge sieben Propheten sah - ungewi, dem
Gegebenen entrckt, hangend und bangend in schwebender Pein.

                                       2.


Frauen, die nie gelchelt zu haben scheinen, Frauen, die immer ernst, thtig und
handelnd ins Leben griffen, wird man darum noch nicht mnnlich zu nennen
brauchen. Ihre Frauenart bewahren sie in eigenthmlichen, ihrem Geschlecht
allein angehrenden Zgen.
    Grfin Erdmuthe von Salem-Camphausen war eine Norddeutsche, eine geborene
Freiin von Hardenberg. Ihr Gatte whlte sie, angezogen von ihrer imponirenden
Gestalt und untadelhaften Schnheit. Im lutherischen Glaubensbekenntnisse waren
sich beide gleich, wenn auch die strenge Form, in der die Grfin das ihrige
bekannte, vom Grafen nicht getheilt wurde. Auch trat diese Strenge bei der
Grfin erst hervor, als sie, wie Monika damals von sich an Angelika Mller
geschrieben, sich selbst zu erziehen anfing. Der Graf lebte meist in Ungarn, wo
unter so vielen Protestanten keine Veranlassung gegeben war, sich in der so
schwierigen Geisteskraft auszubilden, mit Ueberzeugung in der Minoritt zu
stehen. Die Grfin dagegen, die grtenteils allein in Schlo Salem bei Wien
lebte, war mehr in der Lage, ihre Besonderheit zu krftigen, ja zuletzt bedurfte
sie eines Anhaltes gegen den General-Feldzeugmeister, ihren Gatten selbst. Nie
herrschte eine Verstimmung zwischen ihnen, aber wo fngt die Bildung des
Charakters im Menschen an? Von dem Tage, wo man eine Lcke unter seinen Wnschen
und Hoffnungen fhlt, von dem Tage, wo man irgend worin eine groe Niederlage
erlitt. Graf von Salem-Camphausen hatte auf das Zufallen eines Vermgens an
seine Gattin gehofft. Diese Hoffnung scheiterte. Kein Wort des Vorwurfs kam ber
seine Lippen, aber - die Lcke war da, der Zartsinn der Gattin empfand sie und
sie mute sie fllen. Schtze eines frivolen Geistes, die etwa in der Welt
blenden konnten, besa sie nicht; ihre Erscheinung hatte durch ihr erstes
Kindbett gewonnen, durch sptere Fehlgeburten verloren; ihr einziger Sohn
erforderte eine Erziehung und so schpfte sie aus sich selbst so viel, als sie
eben vorfand. Ein alter Grund von Religion war in sie gelegt worden, eine
pietistische Lebensauffassung. Ihre Erzieher waren Herrnhuter gewesen, zu denen
sich auch einige Zweige ihrer Familie ganz bekannten. Diese spter
zurckgedrngte, nicht ganz verklungene Bildung sammelte sich wieder in ihrem
Innern und wurde ihr zum Ersatz fr die Welt, die die Verlegenheiten des groen
Hauses bemerkte, fr die Zerstreuungen, die sie nie geliebt hatte, fr die
Hlfsmittel der Bildung, die man ihr fr ihren Sohn anbot und die ihr misfielen,
fr den Gatten endlich selbst, der trotz seiner hohen Stellung ein sorgloser
Lebemann war, einst im Bndigen eines Rosses eine Wette gewinnen wollte, sich
berschlug und den Hals brach. Das Entsetzen ber dies in weiter Ferne von ihr
in Erfahrung gebrachte Unglck schien wie starr auf ihren Gesichtszgen
festgeblieben zu sein und die Grfin versteinert zu haben. Ausdruck fr ihre
Trauer suchend, fand sie sie nur in den Erinnerungen an die religise Bildung
ihrer Jugend. Sie fand mit ihnen jenen elegischen Trost, der zwar ausruft: Der
Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt in
Ewigkeit! der nun aber auch fr immer den ganzen Menschen in den Zustand der
Entsagung versetzt. Ein Zurckziehen von der Welt, ein starres Festhalten an
ihrem Glauben schien der vornehmen Gesellschaft, von der die Grfin schon lngst
kalt und schroff genannt worden, jetzt vollkommen gerechtfertigt.
    Der Ort, in dem die Grfin den in Presburg erfolgten Tod ihres Gatten
erfuhr, war jenes Schlo Castellungo im Piemontesischen, das sie sich aus ihrem
Eingebrachten selbst erkauft hatte, weil ihr die Lage und die rings noch lebende
Erinnerung an die alten Waldenser, die Vorlufer der Reformation, gefiel. Sie
hatte sich diese Erwerbung aus ihren eigenen Mitteln zugetraut, weil sie damals
mit begrndeter Hoffnung durch den Tod eines Verwandten vermehrt werden sollten.
Die Hoffnung schlug aber durch ein Testament fehl und die Grfin besa ein
verschuldetes Eigenthum, whrend der Graf selbst, infolge einer seither mit
immer grerer Dringlichkeit gesteigerten Erwartung, frher oder spter die
groen Gter der Dorste-Camphausen im westlichen Deutschland zu gewinnen, in
seinem eigenen Haushalt keine Ordnung mehr hielt. Dennoch hatte er die
Verlegenheit seiner Gattin auf sich selbst bernommen. Er brachte den Besitz
Castellungos fr seine Frau so ins Reine, wie eben sein ganzes briges
Besitzthum stand. Er hie der Herr und war es nur dem Namen nach. Die Aeltern
der kleinen Bettina Fuld waren es von Schlo Salem und auch von Castellungo mehr
als sein Sohn Hugo, der, als der Vater in der Blte seiner mnnlichen Jahre so
unglcklich endete, erst sieben Jahre zhlte.
    In einem Anfall von Mismuth ber die zunehmende religise Neigung seiner
Frau hatte sich der Graf bedungen, da sein Sohn unter allen Umstnden Soldat
werden sollte. Wenn man in einem so entschieden altglubig regierten Lande, wie
bei uns, innerhalb der Gesellschaft vergit, da ein Mitglied des Adels zu den
Ketzern gehrt, hatte er gesagt, so kann das nur geschehen, wenn ihn der Nimbus
der Bravour umgibt! Unabnderlich war es, da Graf Hugo Militr wurde. Die
Mutter war in Verzweiflung. Schon ihn aus den Augen zu verlieren, schmerzte sie;
nun gar, ihn nicht selbst erziehen, ihn nicht vor den Gefahren der Welt schtzen
zu knnen. Graf Hugo besuchte die Militrakademie unter Bedingungen, die ihrer
ganzen Stimmung widersprachen. Wenn sie jemals zu einem Lcheln kam, war es in
den Augenblicken der Freude, wo Hugo auf einige Zeit der Ihrige sein konnte, nur
unter dem Schutze ihrer mtterlichen Liebe stand, bei Ferien, spter bei
Urlauben, bei einer lngeren Pflege, als er einst verwundet wurde in einem
Gefecht gegen trkische Grenzer - drei Jahre stand er an der dalmatinischen
Kste - und ihr da allein angehrte. Sagten wir, da an keinem Weibe, wenn wir
es auch mnnlich nennen, Zge fehlen, die allein nur dem Weibe angehren, so ist
dies bei der Grfin Erdmuthe die Liebe zu ihrem Sohne. Diese uerte sich nicht
etwa in der regelmigen Form, wie berhaupt die Liebe sich gibt; nicht etwa
z.B. in der Strenge, die von der Liebe nicht im mindesten ausgeschlossen ist,
sondern in einer blinden Vergtterung. Graf Hugo war ein liebenswrdiger
Cavalier, aber auch in vielem nur das, was man eben einen Cavalier nennt. Besten
Herzens und namentlich ganz den Gefhlen fr Kameradschaft und Freundschaft
zugnglich, fhrte er ein Leben, das die Mutter unbedingt htte verwerfen
mssen. Aber selbst ihre religise Strenge, die sie gegen alle ausbte, war fr
die Beurtheilung der Dinge, die sie von ihrem Sohn erfuhr, nicht vorhanden.
Alles, was nur mit dem Geliebten in Beziehung stand, verklrte sich ihr. Traten
ihr die Folgen seines Leichtsinns zu deutlich entgegen, so hatte sie hundert
Beispiele der Bibel ber die Langmuth des Herrn, ber seine Geduld mit denen,
die er lieb hat, ber die Verirrungen David's und Salomo's und die knftige
Erleuchtung und Gottwohlgeflligkeit auch dieser heiligen Snder. In jeder
Mehrung der Schuldenlast, die schon lange das Haus Salem-Camphausen drckte, sah
sie, was die Veranlassungen derselben betraf, einen Beweis mehr nur fr den
Satz, da eben das Gute in dieser Welt sehr schwer zu erringen und zu behaupten
wre. Waren die Ausgaben des Sohnes irgendwie auf andere Veranlassungen
zurckzufhren, als auf die, welche sich in der Hoffnung auf den endlichen
Gewinn in dem seit dem Tode des Grafen Joseph zu Westerhof gefhrten Proce
sogar bei allem Mangel wieder doch die Verschwendung gestatteten, so whlte sie
gewi die edelsten. Sie bersah die groen Ausgaben fr Pferde, Wettrennen,
Spiel, Vergngungen aller Art, wenn sie die kleinen Ausgaben musterte fr
Bcher, Kupferstiche und Mildthtigkeitsbeweise. Lie Graf Hugo ein schnes
Mdchen, das er bei einer Kunstreitergesellschaft in einer dalmatinischen Stadt
am Ufer des Adriatischen Meeres kennen gelernt hatte, in Wien ausbilden und
erziehen, so verschlang diese, nach ihrer Meinung und Auslegung so edle
Handlung, Tausende. Alles, was in den Rubriken des Leichtsinns stand, bertrug
sie auf die Rubrik des guten Herzens. Selig sind die Barmherzigen, sagte sie,
denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!
    Vorzugsweise mute diese mtterliche Schwche wunder nehmen in der
Beurtheilung auch aller der Verhltnisse, die sich mit dem Sohn verbanden. Der
schne junge Mann stieg in seiner Carrire und befehligte bei wenig ber dreiig
Jahren schon ein Reiterregiment. Jenes schwarzbraune Mdchen, Angiolina genannt,
das er hatte erziehen und berraschend ausbilden lassen, war seine Geliebte
geworden. Ihr blieb sie nur des Sohnes Pflegkind, sozusagen ihre Enkelin. Sie,
die oft Wien mit Sodom und Gomorrha verglich und den Zorn des Herrn noch einst
in Gestalt von Schwefel und Pech auf die sndige Stadt herniederregnen sah, nahm
Angiolina's Besuche an und lie sich durch nichts in der Welt das Bild
verwischen von dem Findling, den ihr Sohn hatte einem Leben der Snde entreien
lassen. Graf Hugo brauchte ihr dabei nicht einmal zu schmeicheln, brauchte
nicht einmal ihr die Hand zu kssen und sie mit chre maman's zu berhufen.
Alles, was ihn betraf, fand sie in der Ordnung. Selbst wenn Graf Hugo erklrt
htte, er wollte Angiolina heirathen, wrde sie sich berredet haben, ihr Sohn
ntze vielleicht mit diesem Opfer nur sich selbst, jedenfalls jenem schnen
Mdchen, das er auf diese Art vor sittlichem Schaden bewahre.
    
    Besonders seltsam war ihre Anhnglichkeit an Wenzel von Terschka. Dieser
Abenteurer, denn anders konnte man ihn nicht nennen, tauchte vor einer Reihe von
Jahren pltzlich in ihres Sohnes Nhe auf. Durch Bildung und Erziehung fast
Italiener, nahm sie ihn doch als das, wofr er sich ausgab, einen Bhmen und
Nachkommen der alten Hussiten. War er auch katholisch, so verklrte ihn in ihren
Augen die Erinnerung an Hussens Mrtyrertod. Wenzel von Terschka war unleugbar
bhmisch-deutschen Ursprungs; die Art, wie er frh nach Italien gekommen, blieb
dunkel. Anfangs erschrak die Grfin vor ihm, als sie ihm zum ersten male
begegnete als dem intimsten Freund ihres Sohnes, dem er sich durch die trotz der
vterlichen Katastrophe auch bei ihm leidenschaftliche Liebhaberei fr Pferde
genhert hatte. Wenzel von Terschka war ein Meister in allen ritterlichen
Knsten. Eine Geistesgewandtheit besa er, der nur ein innerer Mittelpunkt
fehlte. Wenn die Grfin pltzlich einen solchen gefunden zu haben glaubte,
entsetzte sie sich wol, weil es ein ganz specifisch ihr feindseliger war,
geradezu ein priesterlicher; aber, so seltsam dies Gefhl mit der Lebensweise
Terschka's, die an allen Excessen des Grafen, seines intimsten Freundes,
theilnahm, in Widerspruch lag, sie gewhnte sich an ein stetes
Ueberschauertwerden durch ein gewisses Etwas, als mte sie auf dem
rabenschwarzen kurzen Haar des wachsgelben, uerlich anziehenden und in seinem
Wesen klugen, sogar geistvollen jungen Mannes die Tonsur suchen. In Piemont, das
damals ganz unter der Herrschaft der Jesuiten stand, hatte sie solche
Erscheinungen gesehen, mit ihnen sogar im Kampfe gelegen ... Sie hatte alles
aufgeboten, auf ihrem Gebiete das Bekenntni der Nachkommen Peter Waldus', der
vor Luther die Kirche zu reformiren suchte, aufrecht zu erhalten; sie hatte
einen seltsamen Einsiedler, einen Deutschen, Bruder Federigo, in einer Htte,
die sich dieser in einem ihr angehrenden Eichenwalde gebaut, wo er dem ringsum
wohnenden Volk ein Arzt und weiser Rathgeber geworden, geschtzt, als die
Pfarrer von Cuneo und Robillante ihn vertreiben wollten; sie hatte die Knige
von Preuen, von England, Niederland und von Schweden aufgefordert, ihr Beistand
zu leisten fr den Kampf, den sie ringsum mit Bischfen und Erzbischfen begann,
ja mit der Regierung in Turin selbst, um gewisse, den Waldensern gegebene
Gewhrleistungen aufrecht zu erhalten. Damals wurde Wenzel von Terschka von
ihrem Sohn zuerst genannt und einen Winter in Wien verlebend, sah sie ihn dann
selbst und htte erst ausrufen mgen bei seinem Anblick: Das ist ja ein Jesuit!
Jagte er aber dann mit ihrem Sohne die lieblichen Hhen von Baden-Baden herauf,
whrend ihr Wagen an der Spinnerin zum Kreuz stand, wo sie den geliebten Sohn
aus Bruck, seiner Garnison, her erwartete, und sah sie Terschka's Sorge fr die
Rosse, seinen Muth, seine Entschlossenheit, hrte sie seine heitern Reden,
beobachtete sie die wilden Unregelmigkeiten, die sich die Freunde in einem
achttgigen Aufenthalte bei der chre maman erlaubten, so schwand ihr alle Angst
und Sorge und sie berredete sich schon bei dem zweiten Besuche, da Hugo doch
schon wieder einen auerordentlichen Takt bewiesen htte auch in der Wahl dieses
seines Gefhrten und da, wenn Sirach sagt: Ein treuer Freund ist ein Trost des
Lebens; wer Gott frchtet, bekommt einen solchen treuen Freund! hier vielleicht
auch das Umgekehrte eintreffen knnte: Wer einen solchen treuen Freund bekommt,
der wird auch lernen Gott frchten!
    Wie die Dinge standen, mute die ganze Sehnsucht der Grfin auf die endliche
Entscheidung des Processes gerichtet sein, der nicht von dem Kronsyndikus von
Wittekind, nicht von Levinus von Hlleshoven im Namen Paula's gegen die
Salem'sche Linie angestrengt wurde, sondern von den an der Aenderung der
Dorste'schen Verhltnisse erst secundr Beteiligten, vorzugsweise der
Geistlichkeit und der Landschaft. Zwei Jahre lang war ihr der Name Nck's ein
Bote der hllischen Geister. Sie nannte ihn nicht anders als mit einem Namen aus
der Offenbarung Johannis, in die sie sich tief vergrbelt hatte, den Doctor
Abadonna, den Engel aus dem Abgrund. Als endlich die Hoffnungen immer lichter
wurden, immer mehr das Gewlk, das das Antreten eines so groen Besitzes
verbarg, verschwand, konnte sie der mchtig wallenden Erregung ihrer
Mutterfreude nicht lnger widerstehen. Lngst schon hatte sie mit der Lady
Elliot in England eine Berathung pflegen wollen ber die Mglichkeit, in Italien
die Reformation zu befrdern und Rom durch die Bibel zu strzen. Mit dem ihre
ganze Seele erfllenden Verlangen, die Krfte, die England fr eine solche
Unternehmung in Bereitschaft halten konnte, selbst einmal durch den Augenschein
zu prfen, verband sie nun auch die Reise nach dem Orte, von wo aus sie die Lage
des Processes bersehen, den Triumph der gnstigen Entscheidung genieen,
vielleicht eine Beziehung der Etikette zur Grfin Paula und ihren Umgebungen
anknpfen konnte. Htte sich jene die Religionsbedingung betreffende Urkunde
gefunden, die seit zwei Jahren in Westerhof, Neuhof, Witoborn, Wien, Schlo
Salem und Castellungo gesucht wurde, dann htte ihre mtterliche Liebe einen
andern Rettungsplan aufgreifen mssen, eine Verbindung Hugo's mit der Grfin
Paula - eine Auskunft, die auch in der Familie traditionell eine sich von selbst
verstehende Thatsache, ein lautes Geheimni war - freilich fr ihr Gefhl ein
entsetzliches Unglck! Denn Paula war in einem fanatischen Geiste fr ihren
Glauben erzogen worden und Hugo sollte dann scheiden - von seinen Gewohnheiten,
sollte brechen mit allen seinen Verbindlichkeiten, sollte Opfer bringen, wie
sie etwas nannte, was Monika von Hlleshoven eines Tages einmal leise, ganz
leise und schchtern nur der Grfin eine - sittliche Wiedergeburt genannt hatte?
    Die kleine schne Frau mit den silbernen Locken war erst seit einem Jahre
in den Lebenskreis der stolzen, immer nur ernsten und feierlich gestimmten
Matrone eingetreten. Sie hatte jahrelang bei einer Jugendfreundin, der
inzwischen Oberin der Hospitaliterinnen gewordenen Schwester Scholastika, einer
geborenen Freiin von Tngel-Heide, aus ihrer Heimat, im Kloster gelebt und an
den beschwerlichen Mhewaltungen derselben theilgenommen. Ihre Gesundheit,
ohnehin erschttert durch die Folge jenes Verstecks (beilufig bemerkt in einem
chemischen Laboratorium ihres Schwagers auf Schlo Westerhof) und durch die
darauf folgende Nervenkrankheit fing zu wanken an in dem tglichen Verkehr mit
dem zum Kloster gehrenden groen Spitale. Offen bekannte sie ihrer Freundin
Scholastika, da sie kein Gelbde bnde, wrde sie in die Welt zurckkehren,
denn die Pflicht der Selbsterhaltung ginge ber alle Sorge fr Fremde, die
nicht auf uns allein angewiesen sind. Es war dies einer der Stze, die zu einem
immer mehr von der jungen Frau ausgebildeten System der Lebensphilosophie
gehrten. Sie schied aus dem Kloster und verwarf damit zugleich das Klosterleben
in seiner berlieferten Form. Sie sagte schon damals am ersten Abend, wo sie auf
der Herrenstrae im Palais der Salem-Camphausen in einem prchtigen Rococozimmer
mit Goldleisten und Spiegelwnden neben der Grfin am Theetisch sa: Es sollte
keine andern Lebenszwecke geben, auerhalb der Bewhrung unserer eigenen Kraft
und unserer Erziehung zur Vollkommenheit! Eine Institution, die mich auch klein,
unbedeutend, sklavisch gebunden, krank brauchen kann, ist des Menschen unwrdig.
Nur dem sollen wir uns unterwerfen, was unsere Kraft in ihrer Gre braucht, sie
entwickelt, uns die Frische des Willens und der Thatkraft erhlt. Da gewisse
Gedanken in der Welt realisirt werden mssen, nur um als solche zu glnzen,
whrend das Einzelwesen, das zur Realisirung derselben beitrgt, dabei gering
erscheint, werd' ich nie fr gut finden. Eine Aeuerung, die die Grfin
nachdenken lie, sie aber zu dem Worte bestimmte: Ich finde in diesem Ausspruch
Wahrheit, aber Sie drcken sie mit zu vielem Menschenstolze aus. Wir ermangeln
alle eines andern Ruhmes als dessen, den wir vor Gott haben. Leicht mglich,
da selbst der Grfin Bonaventura's Auffassung besser gefallen htte, die wir
damals berichteten, als dieser den Pater Sebastus vor dem Goldnen Lamm unter
Bettlern sah - die Unterordnung gerade der stolzesten Individualitt unter einen
allgemeinen, der Menschheit im groen und ganzen als ein Schauspiel zur
Nacheiferung zugute kommenden Begriff. Freilich war Bonaventura von dieser
Auffassung schon am Tage darauf nach der Scene beim Kirchenfrsten schmerzlich
zurckgekommen.
    Trotz dieser Verschiedenheit der Ansichten hatte die Grfin an Monika ein
groes Gefallen gefunden. Sie war ihr ein lebendiger und hchst willkommener
Beweis, wie der Katholicismus consequent durchgefhrt zur Freigeisterei fhren
msse. Sie suchte in ihr eine Proselytin zu gewinnen fr die Lehre von der
Wiedergeburt lediglich durch den Glauben. Die Bekanntschaft schrieb sich aus dem
Briefwechsel her, der zwischen einem wiener Anwalt Monika's und Schlo Westerhof
entstehen mute ihrer Erhaltung wegen. Monika besa ein kleines Vermgen, das
der Oberst unangerhrt gelassen hatte, als er nach Amerika ging. Im Kloster
bedurfte Monika nichts, sie lie ihre Zinsen stehen. Jetzt erhob sie Ansprche
auf das, was ihr gehrte und ihr noth that. Bereitwillig stellte ihr der
Schwager Levin jedes Gewnschte zur Verfgung, ja Tante Benigna, ihre Schwester,
wollte zulegen; letzteres lehnte Monika ab. Der regelmige Bezug ihrer Mittel
fhrte sie durch jenen Advocaten mit Terschka zusammen, der der charg
d'affaires aller Finanzsachen seines Freundes war und tagelang mit der Grfin
rechnen konnte - Graf Hugo behauptete, fr die Zusammenstellung von Zahlen kein
Geistesvermgen zu besitzen. Terschka, angezogen von Monika's interessanter
Erscheinung, aufmerksam auf die Namen Ubbelohde und Hlleshoven, die tglich in
seinen Correspondenzen mit Westerhof und mit Nck vorkamen, gab der Grfin Kunde
von ihr und nun schien es den knftigen Besitzern der Erblassenschaft des Grafen
Joseph standesgebhrlich, die Schwester und Schwgerin der beiden Namen, die
Paula hteten und erzogen hatten, an sich zu ziehen. Die Grfin wollte sogar ein
Bewohnen des Palais auf der Herrengasse und bot Monika eine Stellung bei ihr an,
die zwischen Freundin und Gesellschafterin die Mitte hielt. Doch auch Graf Hugo
und Terschka wohnten zuweilen in diesem Palais und so mute sie die freundliche
Aufforderung ablehnen. Doch blieb ein ganz nahes Verhltni. Fast tglich, wenn
die Grfin in Wien oder auf Schlo Salem wohnte, leistete ihr Monika
Gesellschaft. Nur nach Castellungo, wo die Grfin das Frhjahr zubrachte, war
sie ihr noch nicht gefolgt, hatte das aber fr dies laufende Jahr versprechen
mssen. Im Grunde hatte diese Beziehung wenig Erhebendes fr Monika; ja die
Grfin lie an ihr, wie an allen Menschen, nur an denen nicht, die zu Hugo's
Intimitt gehrten, ihren steten Bekehrungs- und Erziehungseifer aus; nie kam
ein Scherz, ein Lachen, eine enthusiastische Freude an Kunst oder Natur bei ihr
zum Vorschein; das Theater existirte nicht fr sie; alles das entsprach
glcklicherweise im allgemeinen auch der Stimmung Monika's und so folgte sie der
greisen Frau, die sich schon an sie gewhnt hatte, auf Tritt und Schritt, jetzt
auch hierher und vielleicht nach England, obgleich sie fr letzteres noch nicht
ganz entschlossen gewesen war und vorlufig nur bis Antwerpen hatte mitgehen
wollen ... Seitdem von Porzia's Onkel Hedemann genannt worden war, fhlte sie
sich von rthselhaften Geistern bestrmt, die sie mahnten, ganz zurckzubleiben
und die Grfin morgen allein abreisen zu lassen.
    Die hohe Gestalt der Greisin trat ein. Sie war mit einem weiten schweren
Pelz bedeckt, den ihr der Diener abnahm. Ihre scharfen mageren Gesichtszge
verhllte ein einfacher Sammethut, den sie noch nicht abgebunden hatte, als sie
schon eine Anzahl Briefe, die sie sich selbst vom Postamte mitbrachte, an den
Schirm der Lampe hielt und hastig nacheinander erbrach ...
    Ohne Brille konnte sie nur mit Schwierigkeit lesen. Sie mute daher
innehalten, ihren Hut abbinden und sich's bequemer machen ...
    Porzia bediente sie dabei. Monika ordnete die Zurstungen zum Thee ...
    Ich komme vom Doctor Abadonna! sagte die Grfin. Ich wollte nicht verfehlen,
vor meiner Abreise dem armen, geschlagenen Sohne der Finsterni wenigstens diese
Aufmerksamkeit zu bezeigen! Dem Herrn sei Lob und Ehre; denn Terschka schreibt
ja -
    Nun hatte sie das Futteral ihrer Brille geffnet, das ihr Porzia auf einen
stummen Wink Monika's gereicht, hatte den Eckplatz des Sophas eingenommen, den
Tisch sich nher rcken lassen, dann auch die Lampe nher gezogen und die Brille
auf ihre vom Feuer der Erwartung glnzenden Augen gesetzt und einen der Briefe
geffnet ...
    Der Courier legte mancherlei inzwischen Angekommenes in ihre Nhe, einige
Bcherpackete, einige Einkufe, die schon vorausgeschickt waren, auch ein groes
Papier, in dem sofort Monika, und nicht ohne einen gewissen Anflug von
Verlegenheit - die Rechnung des Hotels erkannte ...
    Alles um die lesende Grfin her war still und bewegte sich auf den Zehen.
Nur sie allein sprach sich laut und mit Interjectionen aus, die ihre
Zufriedenheit mit allem ausdrckten, was Terschka und ihre andern
Correspondenten berichteten. Die Siegesgewiheit ber den gewonnenen Proce, wie
die Aufregung ber die bevorstehende Reise nach dem von ihr so lange ersehnten
England, wo sie acht Wochen bleiben wollte, erhhten die Kundgebungen ihrer
Stimmung und weckten eine alte Lebendigkeit ihres Wesens, die sie durch ihre
trbe Religionsauffassung schon seit so langen Jahren zu dmpfen verstanden
hatte.
    Vor den Dienern schwieg sie. Porzia aber, die ohnehin der Sprache nicht ganz
folgen konnte, hinderte sie nicht, an Monika, die sich zuletzt ruhig vor der
siedenden Theemaschine niedergelassen hatte und bald auf die Grfin, bald auf
die sinnend sich zu schaffen machende Italienerin sah, von den Eindrcken, die
sie im Lesen empfing, einzelnes bruchstckweise mitzutheilen ...
    Ja, dieser gute Terschka! sagte sie in abgebrochenen Stzen ... Wenn einer
geschickt war, diese Aenderung mit den Verhltnissen in Westerhof in Gte
auszugleichen, so war er es! ... Eine Parcellirung ... im grten Mastabe ...
wie vorsichtig, sich an einen einfachen, uneigenntzigen Mann zu wenden ...
einen Juden, Namens Lb Seligmann ... Machet euch Freunde mit dem ungerechten
Mammon! ... Aber die Offerten der Fuld's lehnt er ab ... das ist schn! ...
Diese Helfer in der Noth haben wir in Wien genugsam kennen gelernt! ... Die
Lotterie ist nicht erlaubt, wie bei uns ... Also Verkauf! ... so gern - ja so
gern ich gewnscht htte, wir htten die Burg Gottes aufgerichtet im Lande der
Edomiter und das Evangelium gepredigt denen, die noch unter dem Gesetze leben -
Terschka grt Sie, Baronin! unterbrach sie sich selbst ...
    Monika dankte leise nickend ...
    Die Grfin hatte unter der Brille ein wenig aufgeblickt, um zu beobachten,
wie dieser Gru auf die junge Frau wirken wrde ... Ihre Stimme, die schon an
sich wohllautend war, nahm einen besondern Ausdruck von Innigkeit an, als sie
das Wort sprach: Terschka grt Sie, Baronin!
    Ein Purpurroth war auf Monika's Wangen getreten ... Das sah die Grfin wol
und seufzte ... Monika gedachte, ob Terschka nichts von Armgart schriebe, wie er
schon oft gethan ... doch auch das Seufzen der Grfin, das vllig anderes im
Sinne hatte, verstand sie ... sie wich Fragen und Errterungen aus und hielt
fast den Athem an, jetzt aus andern Grnden noch, als deshalb, die Grfin nicht
in ihrer Spannung zu stren ...
    Diese erzhlte zwischendurch vom Doctor Abadonna ...
    Er wand sich doch wie der Frst der Finsterni ... sagte sie. Kriechend
hflich war er ... wie einst die Verdammten vor dem ew'gen Richter stehen mssen
... Der liebenswrdige junge Herr von Asselyn geht morgen nach Westerhof, um die
letzte Abwickelung zu erleichtern ... O mein Sohn! ... Wie gespannt er schreibt!
... Nur so kurz! ... So kurz! ... Was? Angiolina ist krank? Das entschuldigt
ihn!
    Monika behielt Zeit, die Gedanken zu sammeln, die ihr doch die Brust in fast
hrbaren Schlgen heben und wieder sich senken lieen ... Geht Benno jetzt nach
Westerhof? ... Dem fhlte sie wie mit Wonne und doch mit Schmerz nach. Fast
Eifersucht war es, das sie erfllte, und wieder gedachte sie: Was wird der
Blonde, der andere, Thiebold de Jonge sagen, der tglich kommt und heute noch
nicht da war? ... Und dabei glitt ihr Blick - wieder auf die Rechnung des
Hotels, die so lang, so lang schien ... Eine eigene Ideenassociation: Thiebold's
Reichthum, ihr kleiner Creditbrief bei dem Hause Piter Kattendyk, die ganz
biblische Sorglosigkeit der Grfin in Geldsachen und Thiebold ein Bewerber um
Armgart - dann aber auch - Angiolina, die sie nur einigemal aus der Ferne
gesehen ... das schne, allbewunderte Mdchen, das mit dem Grafen Hugo nur zu
verbunden lebte, kam ihr, als krank gedacht, seltsamerweise wie Benno von
Asselyn vor, blassen Teints und wie den fernsten Zonen angehrend ...
    Etwas war die befriedigte Erregung der Grfin durch den so kurzen Brief des
Obersten, ihres Sohnes, doch gestrt worden. Sie erinnerte jetzt an den Thee ...
Porzia wollte helfen ... Monika bedeutete sie mit einem Augenwink, auf ihr
Zimmer zu gehen ... Gern htte sie ihr gesagt: Singe wieder deine traurig
schnen Lieder! Zaubere uns vor, was alles freudvoll und leidvoll im
Menschenherzen liegen kann! ... Der Grfin wrde sie schn damit angekommen
sein.
    Der Thee entquoll schon dampfend der Maschine, aber die Grfin weilte noch
in ihren Briefen -
    Lady Elliot schreibt voll Ungeduld - sagte sie, eine Tasse ergreifend ...
Sie ist so gtig und gibt immer ein englisches und ein franzsisches und dann
ein deutsches Wort, um meiner Schwche entgegenzukommen, die ihre Sprache nicht
versteht ... Alle Schrift von Gott eingegeben, ist ntze zur Lehre, zur Strafe,
zur Besserung, zur Zchtigung in der Gerechtigkeit - 30000 Bibeln in einem
Jahre in Irland vertheilt! ... Knnte man Pater Matthew gewinnen? Hm! Hm! ...
Darin hat sie Recht - aber - das Thier mit sieben Kpfen schnaubt und druet,
da sich darob die Sterne verfinstern, wenn es an die Bibel geht ...
    Monika war ber alle diese Anspielungen durch tgliches Errtern vollkommen
unterrichtet ...
    Auch ein langer Brief vom Onkel Levinus lag da, den die Grfin nach einer
halben Tasse Thee, die sie schlrfte, mit einer gewissen Scheu berflog und dann
an Monika bergab, weil er vielleicht mehr fr sie, als fr die Adressatin
bestimmt schien ...
    Sie wandte sich jetzt dem Rest ihres Thees und in Gedanken verloren einem
leichten Gebck zu ...
    Monika nahm den dargereichten Brief und las ihn mit einer schmerzlichen
Miene fr sich, whrend die Grfin die letzten Briefe durchsah, solche, die ihr
aus Schlo Salem und Castellungo von ihren Verwaltern gekommen waren ...
    Wenn es diesen Zeilen gelingen knnte, schrieb der Bruder des Obersten,
Ew. grflichen Gnaden noch vor Ihrer Abreise nach England anzutreffen, ja Ew.
Hochgeboren zu bewegen, die Nhe Westerhofs nicht unbercksichtigt zu lassen und
uns mit einem Besuche zu beehren, so wrde ich zuvrderst damit den Wunsch
unserer lieben Comtesse ausgesprochen haben, dem sich der des Fruleins Benigna
und mein eigener ehrerbietigst anschliet. Die Wege bis zu uns sind bequem oder
bieten bei der Milde des Winters keine groen Schwierigkeiten. Persnlich die
Gesinnungen wiederholen zu knnen, die ich als langjhriger Freund und Verwalter
des Grafen Joseph ber die in Gottes Rath beschlossene Zukunft seiner
Besitzthmer immer von ihm vernommen habe, wrde mir zur besondern Genugthuung
gereichen. Aus dem Schoose der Familie unserer Grfin, selbst den allerdings
jetzt kaum noch den Lebenden angehrenden frhern Vormund derselben, ihren
Onkel, den Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof nicht ausgenommen, der, wie Ew.
Gnaden wissen, immer einer anderweitigen Auskunft, einer Verbindung beider
Linien den Vorzug gab, ist nichts unternommen worden, was diesen gegen die
Ansprche des Herrn Grafen Hugo gefhrten unseligen Proce htte schren und
frdern knnen. Uns lag nur ob, das Vorhandensein jener Urkunde, die
christkatholische Religion der jngern Linie verlangend, mglicherweise
aufzufinden und auch hierin einen etwa vorhandenen Wunsch der Vorvordern zu
erfllen. Die Nachforschungen konnten eine solche nicht auffinden und so gebe
denn der gute und gerechte Gott seinen Segen zu der Ausgleichung, die, dank der
Einsicht des vom Herrn Grafen bersandten Vermittlers, Herrn Baron von Terschka,
vorzugsweise darauf hinauszukommen scheint: Der letzten Erbin der ltern Linie
verbleibt Schlo und Hof Westerhof nebst den nchsten Adjacentien auf hundert
Morgen in der Runde als standesmige Abfindung und erbeigenthmlicher Besitz
fr ewige Zeiten; alles andere fllt der jngern Linie zu, vorbehaltlich der
Rcklufe, die der Comtesse fr einige Grundstcke und Waldungen offen bleiben.
Fr die Regulirung dieser Procedur hat Herr Oberprocurator Nck uns die Ankunft
des Herrn Benno von Asselyn verkndigt. Wir erfreuen uns in Herrn von Terschka
eines weisen und wahrhaft discreten Vermittlers, der in allen diesen schwierigen
Verhltnissen seit Monaten Groes geleistet hat. In kurzem ist er der Liebling
der Gegend geworden, womit viel gesagt ist bei einem Volksstamm, der sich schwer
anschliet, ohnehin, weil man der neuen Wendung der Dinge um so mistrauischer
entgegensah, als wir uns gerade jetzt infolge des bekannten traurigen
Weltereignisses in einer confessionellen Aufregung befinden, die mehr, als ich
wnschen mchte, die Gemther erbittert und ein parittisches Zusammenleben
unmglich macht. ...
    Monika las zwar fr sich; aber die Grfin, die jetzt aufstand und sich
einiges an ihrer Haustoilette zu schaffen machte, beobachtete sie und sagte:
    Sind Sie an der Stelle, wo der wunderliche Herr mir die Unmglichkeit des
Zusammenlebens mit Ketzern schildert, nachdem er mich doch zuvor eingeladen hat,
Westerhof zu besuchen?
    Monika mute lcheln, so schmerzlich erregt sie war ... Sie blickte auf das
Ende des Briefes, um nach Armgar'ts Erwhnung zu suchen ...
    Der Brief lautete im Zusammenhange:
    Comtesse Paula ist glcklich, da sie Westerhof behlt. Sie drckt Ihnen,
gndigste Frau Grfin, ihre ganze Verehrung aus. Es wrde Sie gewi erfreuen,
eine Verwandte kennen zu lernen, die mit einem selten gebildeten Geiste eine
Einfachheit und Gte des Herzens besitzt, die durch keine Verkrzung und
Schmlerung ihrer Glcksgter getrbt werden kann, hchstens, da ihr die Mittel
zum Wohlthun verringert sind ...
    Wieder unterbrach die Grfin die im Zimmer herrschende Stille. Sie folgte
der Lectre Monika's im Geiste Zeile fr Zeile, so fest hatte sich ihr sofort
trotz kurzen Durchfliegens der Inhalt des Briefes eingeprgt.
    Um Comtesse Paula, sagte sie, gesteh' ich es zu bedauern, da ich der
Aufforderung nicht folgen kann ...
    Monika verstand vollkommen, was in diesen Worten liegen sollte. Es war die
mtterliche Sorge fr die immer doch noch nicht ganz gewisse Zukunft. Fand sich
noch irgendein Hinderni fr die Ausgleichung des Familienstreits und entging
den Salems-Camphausen eine seit fnfzig Jahren ihnen immer dringlicher und
dringlicher gewordene Hoffnung, von der ihre Ehre und der Bestand ihres Namens
auf Generationen abhngig war, so konnte und mute der Fall eintreten, da Graf
Hugo um Paula warb ... Deshalb lag in den folgenden Worten, die die Grfin unter
andern Umstnden mit viel grerer Strenge wrde gesprochen haben, eine bei ihr
seltene Milde:
    Das arme Kind soll nach allem, was ich hre, immer wieder in ihre Visionen
zurckfallen! Sie ertheilt im magnetischen Schlafe Rathschlge an Kranke! Schlo
Westerhof, sagte Nck, soll von Morgens bis Abends belagert sein von
Hlfsbedrftigen, die oft aus weiter Ferne kommen, um sich von ihren Leiden
heilen zu lassen! Aus dem wahren Geiste Gottes ist das nicht ... Die Apostel
hatten diese Gabe auch, aber um ihres Glaubens willen und bedurften dazu nichts,
als nur des Gebets. Sie, Baronin, wei ich, sagen freilich rundweg, das alles
wre Wahn oder die Macht des Willens, der da sagt: Sei geheilt! und der Kranke
ist - zuweilen geheilt. Der Wille scheint Ihnen allmchtig! Wenn man an sich
selber nur glaubt! O, Sie wissen, meine Gute, wie wenig ich von allem halte, was
ohne die Gnade Gottes ist! Doch bin ich weit entfernt, den Katholiken die Gnade
Gottes abzustreiten, wenn sie sich ihr in inbrnstigem Gebete nahen! Mischen sie
aber Thorheiten ein, wie die frsprechenden Engel und Heiligen, nun, so mag der
Herr auch das kindliche Lallen der Seele in ihrer unverstndigen Verblendung wol
mit vterlicher Geduld vernehmen, ist nur der Grund da des Vertrauens zu ihm.
Sie erinnern sich, da Ihre Freundin bei den Hospitaliterinnen die heilige
Hildegard nannte, mit der ihr Comtesse Paula Aehnlichkeit zu haben schien. Das
sagt' ich Ihnen ja noch gar nicht, wie ich bei Bingen das Grabmal dieser
sogenannten Heiligen gesehen habe! Ich beschlo, mich etwas genauer ber sie zu
unterrichten. Da erfuhr ich denn, da die ernsthaftesten Mnner mit dieser
Aebtissin, die so viel Wunder verrichtete, in Verbindung standen, ja ein
Bernhard von Clairvaux und sogar der damalige Papst -
    Sie wnschte ihm Glck zur Ausrottung der Waldenser! warf Monika ein ...
    Wie? rief die Grfin ...
    Mit diesen wenigen Worten nderte sich pltzlich der ganze Gedankengang der
Grfin ...
    That sie das? fuhr sie bestrzt fort und hielt im Wandeln durch das Zimmer
inne. Sie verlie sich auf die Kenntnisse Monika's, die ihr bei solchen
entschiedenen Behauptungen verbrgt waren ...
    Sie that es in einer Sprache, fuhr diese fort, die sie nur in ihren Visionen
kannte, der lateinischen. Ihr Beichtvater schrieb diese Visionen nach und
verffentlichte sie spter; es war ein Pater Gottfried ... Ich habe mich in
Muestunden viel mit dem Leben der heiligen Hildegard beschftigt ...
    Dann war sie eine Betrgerin! wallte die Grfin auf und endete ihre Rede mit
dem vlligen Gegentheil dessen, womit sie begonnen hatte. Sie hatte darauf
hinaus wollen, da ihr allerdings an der heiligen Hildegard interessant gewesen
wre, sich nach ihrem Beispiel die ekstatischen Zustnde Paula's zu denken. Nun
aber sagte sie: Auch in Westerhof werden es die Pfaffen sein, die die Krankheit
des armen Mdchens benutzen und sie zur Nrrin machen! Ich dorthin reisen! In
der dumpfen Luft wrde ich den Athem verlieren! Es war aber ein Mann mit Namen
Simon, der Zauberei trieb und gab vor, er wre etwas Groes, und sie sahen auf
ihn und sprachen: Der ist die Kraft Gottes, die da gro ist! Da sie aber
Philippi Predigten hrten von dem Reich Gottes und den Namen Jesu Christi,
lieen sich taufen, beides Mnner und Weiber.
    Monika las weiter:
    Herr von Terschka unterbricht mich und verbindet seine Bitte mit der
unserigen, Ew. grflichen Gnaden mchten in der That den Umweg nicht scheuen.
Begleitete Sie nicht vielleicht Herr Benno von Asselyn, so wrde Ihnen
vielleicht der Domherr von Asselyn, sein Vetter, eine interessante
Reisegesellschaft sein. Wir erwarten ihn jeden Tag zu einer kirchlichen
Inspection. Auch einigen Worten des Herrn von Terschka, Armgart von Hlleshoven,
meine Nichte, betreffend (jetzt zitterte der Brief in den Hnden der von ihrem
Kinde geflohenen Mutter) geb' ich gerne Ausdruck und bitte Sie, Ihre
Begleiterin, Frau von Hlleshoven, meine Schwgerin, zu versichern, da sowol in
meiner langjhrigen Freundin, Frulein Benigna, ihrer Schwester, wie in mir die
Reihe der Jahre den alten Groll gelscht hat. Was Sie auch, gndige Grfin, ber
unser Zerwrfni erfuhren, beurtheilen Sie es nach dem Temperament von Menschen,
die wie unser ganzer Volksstamm ein starkes und unbeugsames Rechtsgefhl haben.
Nur auf der rothen Erde konnten die Vehmgerichte entstehen, jene Selbsthlfe des
Volks in einer rechtlosen Zeit ... (Die Buchstaben verwischten sich der Lesenden
vor Erregung ...) Es ist wahr, die Ehe zwischen meinem Bruder und Monika schlo
sich ohne Ueberlegung. Der Kronsyndikus von Wittekind, Testamentsvollstrecker
ihrer Aeltern, wollte Monika zwingen, seinen Sohn Jrme zu heirathen. Sie
kannte seine Gewaltthtigkeit und nahm meinen Bruder wie im blinden Ungefhr.
Nach einer vierjhrigen Ehe war die Erklrung, sie folge dem Manne nicht in
seine neue Garnison, sie bese keine Liebe fr ihn, ein reiner Trotz der
Verkehrtheit. Sie wollte anfangen nach Grundstzen zu leben. Sie wollte wahr
sein gegen sich und andere! Es war der Anfang eines vlligen Verwirrens ihres
Denkens und Fhlens, das wir nicht dulden durften. Ihren thrichten Sinn wollten
wir durch die Vorenthaltung ihres Kindes, der damals dreijhrigen Armgart, mit
Gewalt brechen. Da wir ebenso gegen den Bruder verfuhren, der Armgart fr sich
in Anspruch nahm, hatten wir die Ausdauer, einen Kampf mit dem Mutter- und
Vaterherzen zu wagen. Und dennoch wrden wir nachgegeben haben damals, als
Monika erkrankte, wenn sie nicht, kaum zur Hlfte genesen, wie noch im
Fieberwahn damals Schlo Westerhof verlassen und in die Welt hinausgerast wre
wie eine Irrsinnige! Da diese That, die nun freiwillig ihr Kind aufgab, ein
Anfall der malosesten Eitelkeit war, die Verzweiflung eines Blickes in den
Spiegel und auf ihr ergrautes Haar, wird sie nicht leugnen knnen. Diese wilde
Unregelmigkeit ihres Wesens ist leider auf Armgart bergegangen. Die Mutter
kann versichert sein, da von unserer Seite nicht das Mindeste geschehen ist,
Armgart aus dem Pensionat der Insel Lindenwerth abzurufen. Das thrichte Mdchen
will sich nur beiden Aeltern zugleich aufgespart haben und fhrt diesen Gedanken
auch jetzt im Stift Heiligenkreuz, wo sie eine Stelle bekommen hat, mit einer
Wachsamkeit durch, die jeden Augenblick die Flucht von Lindenwerth wiederholen
wrde. Die Aussicht, da mein Bruder Ulrich sich in Witoborn niederlt, rckt
immer nher. Ein meiner Schwgerin wohlbekannter Name, Remigius Hedemann, hat,
seitdem die Abwickelung der Verhltnisse unseres beim jetzt so tief gekrnkten
Geist der Provinz immer unmglicher gewordenen Landraths ins Stocken gerathen,
die Mhlenwerke bei Witoborn erstanden und beide gedenken ein fr den Geist
unserer Gegend ganz tolles, ja frmlich herausforderndes Unternehmen - eine
Papierfabrik zu begrnden! Stehen wir ohnehin in unsern Verhltnissen selbst
nicht fest, so wird uns am wenigsten beikommen, in so sich verwickelnde andere
einzugreifen. Bruder oder Schwester, beide wrden uns zur Verstndigung gleich
willkommen sein! Die Zeit heilt Wunden und mildert Leidenschaften und wir mssen
selbst wnschen, da in diese harten Herzen Besinnung kommt! Von meiner
Schwgerin hr' ich durch Herrn von Terschka jetzt so auerordentlich viel
Rhmenswerthes, da Benigna sowol, meine langjhrige Freundin, die dem Alter der
Vershnlichkeit mit dem, was die Erde bietet, schon so nahe gekommen ist, wie
ich selbst, nichts lieber wnschen, als die endliche Beilegung dieses Zwistes,
den ja unsere heilige Kirche nicht gestattet so zu lsen, wie es die
Leidenschaften dieser wilden Menschen wnschen mgen durch Scheidung - -
    Weiter konnte Monika nicht kommen ...
    Die Schluversicherungen der Ergebenheit berschlug sie in der Erregung
durch diese offene und fr den Charakter ihrer alten Gegner, ihres Schwagers,
ihrer so strengen, viel ltern und ihr gewissermaen als Erzieherin
gegenberstehenden Schwester, sogar gemthvolle Sprache ...
    Sie stand auf, lie den Brief auf den Tisch gleiten, griff an ihr Herz und
trat an das Fenster, um die Stirn an den feuchten Scheiben zu khlen ...
    Die Grfin unterbrach nicht diesen Seelenkampf ...
    Eine lange Pause trat ein, die Monika endlich mit den leisen Worten
beendete:
    Aus alledem sehe ich, theure Grfin, da ich besser thun werde - noch in
dieser Stadt zu bleiben und Sie - allein reisen zu lassen! ... Vielleicht
erfreut es Sie - noch einen Gefhrten zu gewinnen, der bei Porzia sitzen knnte,
den Onkel derselben, der genthigt ist, rasch nach England zurckzureisen! Ich
begre Sie dann - bei Ihrer Rckkehr hier oder, erlst von allen diesen
Kmpfen, in Ihrem schnen, sonnigen, glcklichen Castellungo!
    Die Grfin sagte zwar: Ja, ja! hrte aber pltzlich nur halb ... Sie hatte
die Rechnung des Hotels entdeckt und suchte wieder die Brille, um eine nicht
unwichtige Frage genauer zu prfen ...
    Monika sah, da die Hhe der Summe, die es hier noch zu zahlen gab, die
Grfin erschreckte. Sie hatten an sich einfach gelebt, aber eine Menge
anderweitiger Ausgaben hatte die Grfin von dem geflligen Wirthe auslegen
lassen. Vollkommen war ihr die Eigenschaft ihrer Gnnerin gelufig, den Nerv
der Dinge und den ungerechten Mammon fr etwas zu nehmen, was sich nach
Gottes ewigem Rathschlusse allen denen, die ihn lieben, frher oder spter doch
zum besten wenden msse ...
    So vertieft war die Grfin in eine unter dem Eindruck des gewonnenen
Processes von ihr hervorgerufene ansehnliche Reihe von Zahlen, da sie nicht
mehr viel von Monika's Worten gehrt hatte.
    Bei alledem wute sie aber doch, da in dem Briefe das Wort Scheidung
stand. Darauf hin sagte sie beim prfenden Oeffnen ihrer Reisekassette:
    Paulus spricht: Der Herr ist der Geist, und wo der Geist des Herrn ist, da
ist die Freiheit!
    Sie wollte sagen, wenn bei Monika eine Confessionsnderung stattfnde, wre
die Scheidung da ... Monika wute das und stand trumend am Fenster ...
    Darber kam eine Meldung.
    Herr Kattendyk! hie es ...
    Ei, Herr Kattendyk? rief die Grfin hocherfreut ...
    Die Grfin war so in Vergleichung ihrer Reisemittel mit der Rechnung
vertieft, da ihr selbst die Meldung des Doctors Abadonna eine Besinnung auf den
Namen gekostet htte, aber die Nennung des Chefs der Firma: Kattendyk und
Shne, an die Monika empfohlen war, vergegenwrtigte ihr augenblicklich die
gemeinte Persnlichkeit ... Sie selbst war an die Gebrder Fuld empfohlen ...
    Sehr angenehm! Sehr angenehm! rief sie ...
    Die Meldung eines dem ungerechten Mammon und den Schtzen, die Motten und
Rost zerfressen angehrenden Namens wurde sofort angenommen, ja das Eintreten
desselben mit einer gewissen Feierlichkeit vorbereitet.

                                       3.


Piter Kattendyk hatte sich vor vier Monaten auf seiner Reise nach Witoborn -
keinesweges mercantilische Lorbern erobert.
    Zwar war er in lebendigster Erregung, wenn auch etwas durchfrstelt und an
der Abfassung von Reise-oder Heidebildern durch einen Schlaf verhindert, der
die seiner Constitution nothwendigen zehn Stunden fast auf die ganze Dauer der
Schnellpostfahrt ausdehnte, in Witoborn angekommen und bei Tangermanns im
besten Gasthof der Stadt abgestiegen; aber der gegenseitige groe Eifer hatte
sich durchkreuzt. Rittmeister von Enckefu hatte voll Ungeduld die Reise zu
seinem Sohne gemacht und Nck, der helfen zu wollen versprochen, setzte bei
seinem Schwager eine so prcise Erfllung seiner Auftrge, soviel Reiselust und
Gefallen an einer raschen Benutzung einer neu angeschafften Reisetoilette nicht
voraus. Nun waren wol die Besuche, die Piter am Sonnabend bei einigen Advocaten
machte, mglich zur Beweisfhrung fr seinen Geist und seine sociale Stellung,
aber eine geschftliche Verstndigung und die Uebernahme der Forderungen
smmtlicher Enckefu'scher Creditoren konnte erst stattfinden nach der
Zurckkunft des Hauptbetheiligten selbst.
    Wir werden die heilige Stadt Witoborn, deren Thrme wir in frhern
Schilderungen nur fernhin aufragen sahen, genauer kennen lernen. So viel drfen
wir schon jetzt berichten, da Piter hier die vollkommenste Gelegenheit gehabt
htte, durch Devotion seiner Mutter Ehre zu machen. Hier lagen so viel Heilige
in ganzer Gestalt oder in Partikeln begraben, hier luteten so viel Glocken zu
jeder Stunde des Tages und der Nacht, hier brannten an allen Ecken und
Durchgngen der kleinen unansehnlichen Straen so viel Lichtchen und standen an
und in den Husern, Kirchen, Klstern so viel schngeputzte Muttergottesbilder,
da er wol seiner Snden htte eingedenk werden und geloben knnen, sich die
maloseste Selbstliebe und besonders seine strfliche Neigung fr
fnfzigprocentigen Arakpunsch abzugewhnen.
    Indessen beleidigten sein Schnheitsgefhl die Khe und Schafe, die jeden
Morgen vom Hirten durch die witoborner Straen gefhrt wurden und die Mngel der
Straenreinigung und Beleuchtung. Gleich in der ersten Nacht war er auf
topographische Studien ausgegangen und dabei fast in einen offenen, vllig
gitterlosen Strom gefallen, der zwar nur hchst schmal, aber mit reiender
Schnelligkeit durch die unerleuchteten Straen scho. Was half es ihm, da es
spter beim Wirth seines Hotels bei Tangermanns, wo er der einzige Fremde war,
herauskam, da dies die berhmte Witobach gewesen war, deren Quellen schon Karl
der Groe mit einem Mnster berbaute? Was half es ihm, da alle die kleinen
Bche, in die er, sich von dem groen retirirend, bis zum Knie gerieth, als
Nebenarme der Witobach bezeichnet wurden? Er erzhlte, da ihm an einem groen
Thurme, um den eine Anzahl ungeheurer Wasserrder auf die berhmten witoborner
Mhlenwerke schlieen lieen, nicht nur Hren, sondern auch das Sehen vergangen
wre. Alles das schmeichelte wol dem Lokalpatriotismus, trocknete aber seine
Stiefel und Beinkleider nicht. Im Unmuth ber die hier in Aussicht gestellte
geringe Bereicherung seiner Welt- und Menschenkenntni beschlo er, so lange die
Umgegend zu recognosciren, bis der Rittmeister zurckgekommen sein wrde. Selbst
das einzige Weinhaus, das er am folgenden Morgen am Sonntag zum zweiten
Frhstck seines Besuchs fr wrdig erklren konnte, mute ihn, wie er
versicherte, melancholisch machen. Allerdings lag es dicht an den alten
Mnsterthrmen Karl's des Groen und in ihren durchbrochenen byzantinischen
kleinen Fenstern beherbergten sie ein wahres Gewimmel von Raben und Dohlen, die
in Schwrmen aus-und einzogen und oft wie von Reisen herkamen, jedenfalls von
den Bergen hernieder, wo ihn besonders ein fernhin leuchtender Punkt anzog, das
den Wittekind's gehrende Schlo Neuhof ...
    Piter beschlo nun, sich genauer die Gegenden anzusehen, wo Hermann den
Varus schlug und auch einige der vielen daselbst zerstreuten Mineralbder noch
einen letzten Rest von Saison hatten. Einige dieser Heilquellen kndigten sich
ihm, als er in der That mit Extrapost abreiste, bereits durch Leichenwgen an;
sie waren berhmt gegen die Schwindsucht. Andere hatten eine harmlosere
Bestimmung, aber die einzigen noch anwesenden Patienten schienen nur noch die
Brunnenrzte zu sein, die an jedem Morgen an den Quellen erschienen, um sich zu
erkundigen, wer etwa die Nacht angekommen war. Piter, geschmeichelt, da man ihn
fr keinen Leber- oder Nierenkranken halten konnte, zugleich besorgt, darum noch
fr keinen Musterreiter zu gelten, bestellte in einem dieser Curhuser
Champagner und bewunderte, von selbst voraussetzend, da es keinen echten gab,
die treuherzige Etikette: Product vaterlndischer Betriebsamkeit.
Weiterreisend bekam er die Stimmung und Mue, sich so mit sich selbst zu
beschftigen, da er sich die Abschiedsscene von Treudchen, dem neuen Mdchen
seiner Schwester Hendrika, in allen mglichen Variationen ausmalte; denn da
diese allerdings nur in dmmernden Umrissen vor ihm stand, war bei dem umflorten
Zustande, in dem er sich nach seinem Souper befunden, nicht anders mglich.
Gerade aber diese Nebelhaftigkeit des empfangenen Eindrucks gestattete ihm die
schnste Ausschmckung und wie er das freiherrlich Wittekind'sche Vorwerk
Eggena, das Stdtchen Ldicke und andere hervorragende Punkte hinter sich hatte
und in den Schluchten des Teutoburger Waldes sich ganz nach Belieben, bald an
diesem Buchengrunde, bald an jener Tannenhhe, die Niederlage der Rmer ausmalen
konnte und ihm das Krchzen der Raben, die ihm aus den Mnsterthrmen gefolgt zu
sein schienen, immerfort das aus der Schule in der That noch erinnerlich
gebliebene: Varus, Varus, gib mir meine Legionen wieder! zu sprechen schien
(dem darob sehr verwunderten Postillon hatte er beim Bergan diese Erzhlung als
Probe seiner mittheilsamen Gelehrsamkeit nicht vorenthalten mgen), da trat ihm
der Gedanke: Wenn du jetzt diese allerliebste Blondine hier neben dir httest
auf dieser geschftlichen Irrfahrt! mit mchtiger Gewalt entgegen. In der alten
Postkalesche, einer ausrangirten Beichaise, ma er sogar den Sitz, den Treudchen
neben ihm einnehmen konnte. Er deckte auf das weich einladende Leder der
Polsterung seinen Plaid und baute der kleinen Gttin im Geiste einen Thron und
Altar. Selbst die zierlichen Fchen, deren weie Strmpfe er im Geiste als
selbstgestrickte bewunderte, legte er eigenhndig auf einen Nachtsack, den auch
seine Schwester Johanna behauptete selbst gestickt zu haben. Und weilte dann
auch sein reizbarer Sinn, den die etwas ngstliche grne, classische
Waldeinsamkeit ringsum nur noch erhhte, bei dem auerordentlichen Professor,
Dr. Guido Goldfinger, an dem ihm nichts auerordentlich erschien, als die
Selbstverstndlichkeit, wie er, der Sohn des Medicinalraths Goldfinger, so ohne
weiteres (weil die drei Hausfreunde eben im Hause alles regierten) sein Schwager
wurde, und schossen dann auch seine Gedanken ber drei Schwger zu gleicher
Zeit, wie der Silberbogner Apollo, fernhintreffende Pfeile, so kehrte sein
an sich liebebedrftiges Gemth doch immer wieder auf die Vorstellung zurck:
Wenn sich die Romantik dieser hier eben genossenen geschichtlichen Eindrcke,
mit denen du deine Freunde in begeisterter Mittheilung berraschen willst, doch
auch durch die Fllung dieses bequemen Eckplatzes mit dem reizenden,
anspruchslosen und so gehorsamen Kinde vervollstndigen mchte! Die leisen
Umrisse, die er von dem neulich Vorgefallenen behalten, zeichnete er krftiger
und krftiger aus, drappirte das Bild neben sich mit Vielem, worauf es ihm gar
nicht ankommen sollte, mit einem wunderschnen Hut und lyoner Bandbesatz, einem
Shawl von damals modischem Krepp de Chine und mit den elegantesten Handschuhen,
die Gertrud Ley besonders auch deshalb tragen sollte, um durch das Schonen ihrer
vom Arbeiten etwas mitgenommenen Finger sich zu der Dame auszubilden, die man
nach seiner Theorie der Geringschtzung des weiblichen Geschlechts aus jeder
Katze machen knnte. Piter sah in einem anstndigen Frauenzimmer nichts als
die Wiederholung seiner ihm hinlnglich bekannten Schwestern.
    Mit solchen theils gemischten, theils sich widersprechenden Empfindungen
hatte Piter die Walsttten der alten Rmerschlachten, auch die berhmten
Externsteine hinter sich, die ihm die schauerliche Idee von Menschenopfern
weckten - der anliegende See als Abzugskanal des rinnenden Blutes - und ihm in
den Basreliefs der sptern christlichen Entshnung dieser riesigen Metzgeraltre
auch nur eine sehr geringe Vorstellung von der Plastik des Mittelalters gaben -
einer der Felsen hat ein altes Basrelief -, lauter Thatsachen, bei welchen er
die Genugthuung schon vorweggeno, wenn er davon zu Joseph Moppes sprechen
wrde, der nur die Musik leben lie, oder zu Aloys Effingh, der allerdings Sinn
fr die zeichnenden Knste, wenn auch zunchst nur fr heimliche Caricaturen
hatte, oder zu Weigenand Maus, der kriegslustig und zur Carnevalszeit ro- und
marschalluniformsfreudig, fr solche Hnenthaten interessirt sein mute.
Thiebold de Jonge, der das Conversations-Lexicon nie mehr citirte, als wenn
Benno nicht zugegen war, Der vorzugsweise sollte an ihn glauben mssen, wenn er
versicherte, da man ber solche Gegenstnde (er meinte ungefhr die Ergnzung
der fehlenden Bcher des Tacitus) gar nicht mitsprechen knnte, falls man sie
nicht grndlich studirt htte - er meinte die Dauer eines Schnapses, den er
dem Postillon in dem Wirthshause an den Externsteinen geben lie und sein
eigenes, mehrfach wiederholtes: Ungeheuer merkwrdig! beim Besichtigen der
Riesensteine und der Blutlache und der alten Basrelieffiguren ohne Nasen - ein
Mangel brigens, der fr diese gut war, da sie auf diese Art die rein
menschliche moderne Bestimmung einer hinter ihnen liegenden kleinen alten Krypte
nicht am Geruche merkten. Wie gesagt, nur der Postillon frhstckte hier, aber
Piter in Detmold. Dort, wo einst Jrme von Wittekind im Certiren stets der
erste gewesen war und nicht blos beim Fragen nach, Calefaciebas, erwrmte, ja
erhitzte sich auch Piter in einer Weise, die es erklrlich erscheinen lie, da
er, kaum angekommen in Pyrmont, wohin er wollte, gleich spornstreichs an den
Grnen Tisch rannte und sich noch an demselben Abend, im wildesten Sturm und vom
schndesten Pech heimgesucht, seine ganze Reisekasse sprengen lie.
    Wie Piter dann am folgenden Morgen in den Brunnenanlagen den letzten Rest
seiner Baarschaft und der Curgste musterte, auch etwas tiefsinnig ber die
Wirkung der hiesigen Gewsser gegen chronische Anflle von Hypochondrie
nachgedacht und dabei einen etwas confiscirten Eindruck gemacht haben mochte,
jedenfalls mit einer bei der schon khlen Morgenluft stark gertheten Nase,
somit, beide Hnde hinten in die Rocktasche steckend, einem Abenteurer und
Marodeur der Badesaison nicht unhnlich, machte er die Bekanntschaft eines
Barons von Binnenthal, der erst vor wenig Stunden angekommen war vom Westen her,
wo ihn ein glcklicher Instinct beseelte, statt nach Belgien zu gehen, ostwrts
zu machen - denn Grtzmacher hatte nur vorgestern, Sonntag Abend, zu viel mit
dem Staate, dann mit dem Assessor von Enckefu in Betreff des in den Sieben
Bergen seine geliebte Mutter besuchenden Hammaker zu thun gehabt, sonst wrde er
dem ihm sofort aus dem Fuld'schen Balcon aufgefallenen Herrn die Fhrte nach
Westen von einigen schnell avertirten guten Freunden in grner Uniform haben
abschneiden lassen - ebenso wie er Herrn und Frau von Guthmann beim Besteigen
des Dampfboots vorgestern Abend scharf fixirt und ihnen halblaut glckliche
Reise nach Pyrmont gewnscht hatte, wohin auch sie in der That gingen, um unter
den letzten Stoppeln der Saison noch einige Krnchen fr ihr demnach den
Sicherheitsbehrden schon bekanntes Metier aufzusuchen. Unterwegs machte das
Ehepaar, nach dem Erstaunen ber das erneute Zusammentreffen mit Herrn von
Binnenthal sich mit ihm Gestndnisse und alle drei vergaben sich das, was die
Vergangenheit betraf, in Hoffnung auf eine schnere gemeinschaftliche Zukunft.
Sie blieben zusammen und Binnenthal's erste Recherche auf der Morgenpromenade
brachte ihn mit Pitern zusammen, diesen dann zu der charmanten Frau von
Guthmann, die ihn so fesselte, so fr den Verlust am Grnen Tisch trstete, da
er ein einfaches Einundzwanzig, en quatre einging, gewann, wieder an den
Grnen Tisch hpfte und mit schon leichterm Herzen das Gewonnene nicht nur
verlor, sondern auch durch eine Anleihe bei Herrn von Guthmann, der in der Nhe
stand, das Verhltni desto fester knpfte. Pyrmont endete fr Pitern nach drei
Tagen, alles in allem, mit einer Spielschuld von 5000 Thalern, die er in einem
sich immer vergrernden Kreise von Freunden der Frau von Guthmann und der
Gttin Fortuna zurcklassen mute. Herr von Binnenthal war bei diesem schnell
geknpften Bande der Freundschaft der sogenannte Schlepper gewesen. Seine
stereotypen Redensarten und die Devise: Bange machen gilt nicht! halfen ihm
weiter, als andern Menschen ihr Originalwitz. Piter reiste ab von Pyrmont mit
den famosesten Erfolgen bei einer Baronin - Stoff doch immer fr die kleinen
Soupers - und Hinterlassung einer zwei Monate de dato flligen Anweisung auf
sein Haus und wandte sich wieder auf Witoborn zu, wo der Rittmeister, in mancher
Hinsicht sein Geistesverwandter, ihn schon sehnschtigst erwartete.
    Mancherlei Arten gibt es, ein Unglck, das man sich selbst zugezogen hat, zu
ertragen. Manche Menschen werden von der empfindlichsten Reue befallen und
einige unter ihnen, nicht viele, nehmen sich vor, knftig sich zu bessern.
Andere sind zwar gleichfalls, besonders wenn die einsame Natur ringsumher so
feierlich stimmt, fest entschlossen, nun und nimmermehr wieder z.B. bei solchen
Baroninnen an den Leim zu gehen und zu spielen und 5000 Thaler
Badesaisonschulden auf ein Haus abzugeben, dessen Soliditt sie selbst
reprsentiren; aber die Reue verwandelt sich ihnen in Trotz, Trotz nicht etwa
gegen sich selbst, sondern auffallenderweise gegen ganz unschuldige andere. Es
ist allerdings kein behagliches Gefhl, ein groer Reformator sein zu wollen und
als der Reformation hchst bedrftig sich selbst darzustellen. So ein Wechsel
auf die Ordre eines notorischen Spielers, acceptirt von einem handelsberhmten
Namen wie Piter Kattendyk, geht durch ein Dutzend Hnde und kommt zuletzt im
Comptoir seines Hauses wie eine Wundermr an, die alle alten Buchhalter
betrachten mit Hlsen so lang, so lang - wie die Gnse oder Kameele! Alle
Federn halten inne, alle Prisen stocken, alle Drehsessel knacken und die Miene,
die vollends der Procurafhrer Ernst Delring machen wird, die ist gar nicht die
seiner gewhnlichen Reserve, sondern einer still lchelnden Genugthuung, die
sogleich zwei Treppen hher hinaufschleicht und fr die liebende Gattin, vor der
es etwa nicht, wie berhaupt vor keiner Gattin, Geheimnisse gibt, sondern im
Gegentheil zur amusantesten Unterhaltung wird. Piter, ernchtert von der Baronin
(bei den sptern kleinen Soupers blieb sie natrlich diesseits der Dreiiger)
phantasieumgaukelt von Treudchen's Unschuld, die im Geiste, von seinem Plaid
bedeckt, wieder in seiner Beichaise neben ihm sa, sah alle diese Wirkungen der
drei Tage in Pyrmont als Nachcur voraus, entsetzte sich, wie tief beschmt er
in sein niedliches Comptoircabinetchen, wo er wie ein dirigirender Minister
thronte, zurckschleichen mute, und sagte sich: Naturen, wie die meinige,
knnen alles, nur keine Demthigung ertragen! Auf demselben, inzwischen durch
Regengsse etwas vernderten Wege kam er zwar wieder auf Anklnge an die
Legionen des Varus, indem auch er mit dem Kopfe gegen die Lederwand der
Beichaise stoen und die denkwrdigen Klagen des Csar Augustus wiederholen
mochte, aber der freie Geist der Forschung, der ihn auf der Herfahrt beseelt
hatte, verlie ihn und nach langem grimmigen Grbeln und Sinnen, als er schon
dicht bei Witoborn war, wo die Jesuiten oft genug frher den Satz: Si fecisti
nega! in ihren Moralvorlesungen errtert haben mochten, kam ihm ein hnliches
System als bestes Mittel zur Aushlfe: Hast du irgendetwas auf dem Kerbholz,
dann sei gerade erst recht impertinent! Diese Theorie gab ihm Muth. Sie gab ihm
diesen um so mehr, als gestern Abend noch bei einem kleinen von Frau von
Guthmann arrangirt gewesenen Abschiedssouper ein alter dnischer Offizier en
retraite gesagt hatte: Respect kriegt der Mensch immer nur erst dann, wenn er
auf alles, was er behaupten hrt, Au contraire! sagt.
    Piter suchte schon lange eine Formel, die, wie die Philosophie einen Satz,
z.B.: Ich gleich Ich! allen ihren Beweisen vorausschickt, so auch ihm das
Rthsel des Daseins und besonders kurzweg die Methode erschlo, wie es z.B.
Kaufleute hat geben knnen, die so auerordentlich bedeutend wurden, da ihnen
nicht viel an einem groen Namen, sogar an einem Ministerportefeuille fehlte. An
seinem Schwager Delring hatte er eine solche vornehme Natur in der Nhe, die mit
ihrer weien Halsbinde zu jeder Stunde einem Regierungsprsidenten aufwarten und
mit ihm ber die Wnsche und Bedrfnisse des Lederhandels, ber Binnenzlle und
Wasserstraen beneidenswerth unterrichtet sprechen konnte. Dies Air, das auch
einigen andern Chefs groer Huser, selbst dem alten Herrn de Jonge, der ein
groer Arbeiter in den Sectionen der Provinziallandtage war, nicht im mindesten
fehlte, vermite Piter allerdings uerlich an sich keineswegs. Dies englische,
respectable und staatsmnnische Benehmen, z.B. in den Zhnen zu stochern und die
Finger in den Ausschnitt seiner Weste zu stecken oder als Parlamentsmitglied mit
dem Hut auf dem Kopf und die Beine lang ausgestreckt einen Minister wie ein
Heupferd behandeln, das htte er an sich schon weggehabt. Nur fehlten die
thatschlichen Unterlagen. Ueber eine gewisse lchelnde Niaiserie, die die
Englnder Snobbismus genannt haben, kam er bei Fragen ber das statistische
Gebiet nicht hinaus. Immer fhlte man, da er ber solche Gegenstnde, wenn sie
besprochen wurden, mehr eine lebhafte Wibegierde als eine groe Vertrautheit
zur Schau trug, ausgenommen bei Debatten ber Kunst, Stadttheater, Glanzwichse
und einige Feinheiten im Liniiren der Comptoirbcher, die er einem alten,
verstorbenen Buchhalter verdankte. Da elektrisirte ihn denn jenes pyrmonter
Wort! Er fand es merkwrdig gleich auf der Stelle. Von den Hhen des im Regen
gebadeten Teutoburger Waldes in die witoborner Ebene niederfahrend, beschlo er,
zur Probe einmal das System des Au contraire zu versuchen. Ein nicht
undiabolisches Lcheln begleitete die Vorstellung: Du kommst nach Hause zurck,
bekennst nicht nur nicht deine Unbesonnenheit, sondern bist au contraire noch
maliciser denn je! Du erklrst Nck die gnzliche Verfehltheit seiner
Speculation mit dieser Uebernahme der Enckefu'schen Schuldenmasse und
unterbrichst jedes Staunen, das man etwa ber den pyrmonter Wechsel von 5000
Thalern zu erkennen geben sollte, mit einem viel, viel grern Erstaunen ber
die unvernnftigen Handlungen anderer Menschen!
    In diesem System, das ihm von etwas Bosheit und viel Desperation eingegeben
wurde, verfuhr er sogleich, um nur mit Lrm zurckkommen zu knnen, mit dem
Rittmeister von Enckefu, den er jetzt antraf. Dieser Unglckliche hatte einen
jungen Mann voll Groartigkeit erwartet und fand einen abscheulichen
Krakehler, der die Lorgnette einkniff und ihn fast beleidigte. Enckefu war ihm
in seiner gewohnten rosenrothen Laune entgegengehpft, elastisch, frisch
geschminkt wie ein Jngling, und nun fand er einen verdrielichen Taxator, der
auf jede Versicherung das Gegentheil anzugeben wute und den armen Mann binnen
einer Stunde um allen Humor brachte. Piter zuckte nur ewig die Achseln und
studirte nur im stillen sich seine hbsche Portion Donnerwetters ein, die er auf
seine Angehrigen schleudern wollte, eine gehrige Anzahl von Ausrufungen ber
verlorene Zeit und Mhe, und es sollte ihm mal einer wiederkommen und ihn in
solche Bockshrner jagen - und da war denn zur Rettung des Rittmeisters keine
Verstndigung mglich. Piter schnurrte auf jede Proposition auf wie ein
Stacheligel und reiste ab. Der Rittmeister begleitete ihn sehr artig an den
Postwagen, blieb aber mit einer traurigen Miene zurck. Er sah dem Scheidenden,
dem Retter in der Noth, lange, lange nach und begab sich besinnungslos in seine
Wohnung. Wir wollen gleich hinzufgen, da er sich nicht todt scho, sondern
einen Brief an seinen Sohn schrieb, zwar mit soldatischem Lakonismus blos seine
Flche aufs Papier werfend, aber doch so voll Verdru (und besonders ber die
Nothwendigkeit, nun doch an den Prsidenten von Wittekind-Neuhof gehen zu mssen
- der Kronsyndikus stand unter Curatel -), da der arme, schon lange
vereinsamte, einst so stolze Mann seine schwarze Tusche, seine Pinsel, seine
rothen Schminknpfchen ganz verga und - nur das Klagen und Kratzen seines alten
treuen Pudels hrte und leise zu ihm sprach: Beien sie dich auch so, Caro? und
dann die Thren zuschlo und halb die Fensterladen zuzog und ein altes Kamisol
anzog und die Brille auf die Nase, sich selbst auf die Erde setzte und eine
Schere nahm und ganz ein Greis geworden seinem allein noch treuen Thiere vor dem
Hereinbrechen des Winters in wehmthiger Betrachtung ber Flhe die Haare schor.
So fand man ihn wenigstens da, als er zum ersten male anfing, allerlei
wunderliche Reden durcheinander zu sprechen ...
    Piter kam im Vaterhause an und berhufte Nck sogleich mit dem ganzen
Vorrath grndlich einstudirter Vorwrfe. Er schilderte das Geschft, das er ihm
aufgetragen, als einen neuen Beweis, da man noch soviel Latein und Griechisch
und doch nichts von praktischen Dingen verstehen knnte. Nck, sehr erschreckt
durch die Gefangennehmung Hammaker's, replicirte wenig; Benno und Thiebold
freilich bestrmten Pitern voll Unwillen. Ihnen antwortete er auf jedes, was sie
vorbrachten, mit Au contraire. Fast kam es zum Bruch zwischen Thiebold und ihm.
Piter war in einem Grade unumgnglich geworden, da er sogar sich vor sich
selbst zu frchten anfing und nur in seinem Verhltni zu Gertrud Ley seinem
Gemthe ein letztes Asyl erffnete. Diese Liebe steigerte sich zur Schwrmerei,
besonders seitdem seine Schwester Hendrika, um Treudchen vor ihm sicher zu
stellen, ein fr allemal die auf seine Wendeltreppe fhrende Thr verschlo und
sogar den Vorhang des Zimmerchens, das Treudchen bewohnte und das dem seinigen
gegenberlag, Tag und Nacht herabzulassen befahl. Wre nicht die neue
Beherrscherin des Hauses gewesen, Lucinde Schwarz (sie wurde es ganz wider
Willen und einfach nur dadurch, da jeder Bewohner desselben, Delrings
ausgenommen, die sanfte, stille, ruhige Seele zur Vertrauten machte), Piter
htte Sitte und Anstand ber den Haufen geworfen. Aber Lucinde wollte alles
Ernstes, da Piter Treudchen in optima forma heirathen sollte. Sie befrderte
diese Wendung der Dinge mit einer Discretion, die deshalb nicht leicht war, weil
auch Treudchen, schon um den jungen Herrn mglicherweise zu bessern, seine,
wie er selbst sagte, wahnsinnige Liebe mit der Kraftlosigkeit eines Mdchens
erwiderte, das sich die Mglichkeit solcher herzbestrickenden Vorgnge innerhalb
der ihr bisher gnzlich unbekannt gewesenen und neu aufgehenden Region der Liebe
nicht getrumt hatte.
    Dem durch die Gefangennehmung des Kirchenfrsten geweckten Geiste entzog
sich Piter keinesweges. War doch selbst Thiebold wieder nahe daran, zu Feuer und
Schwert zu greifen. Auch Benno, der sogar alles so erwartet hatte und der die
Kraft der Ghibellinen bewunderte und von Dante's Welfenha sprach, stutzte ...
Die Gefangennehmung wurde eben von der Regierung seltsam motivirt. Zwei
revolutionre Richtungen sollten sich in den Handlungen des Kirchenfrsten
durchkreuzt haben, die jakobinische und die jesuitische. So lautete das Manifest
der Minister ... Unvermittelt wogten in Benno's Brust die Gegenstze der Ideen
hin und her. Nur Freiheit athmen zu wollen, nur die Herrschaft des Gedankens zu
begehren, dafr sah er das Leben zu praktisch an. Aber das wirklich Praktische
und thatschlich durch die Welt, wie sie einmal ist, zu Bedingende, das hatte
sich fr seine wenigen zwanzig Jahre noch nicht feststellen wollen ... Und rings
diese Leidenschaften! Diese Parteinahme nur zu Gunsten einer Kirche, die doch
auch die seine war! Kam nicht selbst Bonaventura ber seinen innern, leise
begonnenen Zwiespalt durch diesen viel grern Bruch wieder hinweg? ... Piter -
der sah die Thrnen seiner Mutter, hrte die Klagen seiner Schwestern; die drei
Hausfreunde hatten keinen Appetit mehr; Nck vergab ihm sogar die witoborner
Reise und trank mit ihm auf eine glcklichere Zukunft; sogar die zu Tod
gengstigte Hendrika, die nur noch kaum zwei Monate zu dem heroischen Entschlu
hin hatte, ihr Kind im Glaubensbekenntni ihres Mannes taufen zu lassen, war am
Morgen nach der Gefangennahme des Kirchenfrsten in Treudchen's Kammer gewesen
und hatte, zwar nicht mit Empfindungen wie damals Windhack in der Dechanei (
Fiat lux in perpetuis!) doch jedenfalls wie vor dem Ersticken sich Rettung
suchend den Vorhang bald in die Hhe gezogen, bald wieder niedergelassen ...
    Eines aber war Pitern an dem Kirchenstreit und an den Allocutionen und an
dem Kampf der Broschren, vorzugsweise aber an den allabendlichen
Zusammenrottungen das Allerunangenehmste. Alle Familienfestlichkeiten muten
abbestellt werden. Wozu hatte er nun das lterliche Haus so umgestaltet und
soviel Zerstrungen und Neubauten angerichtet, als um in der Eigenschaft des
jetzt mndigen Chefs von Kattendyk und Shne die Saison in einer Weise zu
erffnen, gegen die niemand, selbst nicht die Cirkel der aus Verlegenheit ber
den Geist der Stadt fr den Winter ganz nach Paris bergesiedelten Gebrder Fuld
aufkommen konnten! ... Piter fand ein freies Feld und durfte es nicht zu seinen
lngst vorbereiteten Zwecken benutzen.
    Endlich aber schwieg jede Rcksicht. Ende Januar konnte fr seine Schwester
Hendrika die Stunde der Entscheidung schlagen. Eine Gesellschaft mute jetzt
oder konnte vielleicht den ganzen Winter nicht mehr gegeben werden; wer
verbrgte den glcklichen Ausgang dieser Entscheidung? Hendrika fuhr in keine
Messe mehr, in keine Beichte, selbst dem Strom der ganzen Stadt zu dem neuen
jungen Domherrn folgte sie nicht. Es mute ein Anfang in der Entwickelung seiner
Gre, seiner gesellschaftlichen Reprsentation, seiner Laufbahn zum Mitglied
irgendeines Comit oder hnlicher Befriedigungen seines Ehrgeizes gemacht
werden, und Piter benutzte die nahe bevorstehende Abreise einiger hoher
Herrschaften, von denen allerdings nur Monika speciell an sein Haus empfohlen
war, um mit der Art, wie Er Gesellschaften geben wrde, trotz der allgemeinen
Landestrauer hervorzutreten.
    Bei einigen Besuchen, die er hier im Hotel schon gemacht, war er auch der
Grfin vorgestellt worden. Von dieser hatte er ein Zeugni bekommen, das, wenn
er dasselbe gehrt htte, ihm nicht wenig geschmeichelt haben wrde. Da er
unausgesetzt nur das Gegentheil von dem behauptete, was die Damen sprachen, so
bekam wenigstens die Grfin von ihm den Eindruck eines geistvollen und
unterrichteten jungen Mannes; denn die Frauen sind viel bescheidener, als man
gewhnlich glaubt; sie unterrichten sich gern und dnken sich in ihrem Wissen
nie so fest, da sie nicht mit der grten Aufmerksamkeit und Geneigtheit, sich
zu vervollkommnen, zuhrten, wenn ihnen z.B. jemand sagt: Bitte um
Entschuldigung, die Ueberfahrt ber den Kanal ist im Januar viel sicherer als im
December! oder: Erlauben Sie, ich mu Ihnen aufrichtig gestehen, die Cultur um
Witoborn ist auffallend vernachlssigt! Frauen lieben die Schmeichler in der
Regel viel weniger als wir glauben und die vornehmen Frauen vollends - und gar
erst, wenn mit ihnen Menschen sprechen, die sich auf Geld und Gut verstehen!
Piter blieb zu seinem Glck nur zehn Minuten und hinterlie damals einen
Eindruck, den die Grfin fast einen bedeutenden genannt htte.
    Auch heute geno Piter drei groe Vortheile fr hhere Wrdigung. Einmal war
er nur fnf Minuten mit den Damen allein; es erfolgte eine fernere Meldung.
Sodann war Monika in eine tiefe Abwesenheit ihres Ohrs und Herzens und Urtheils
versunken. Endlich drittens erhob sie sich sogar und entfernte sich ganz, wie
sie sagte, auf einen Augenblick; das war, als Benno von Asselyn und Thiebold de
Jonge gemeldet wurden, die in der Voraussetzung, sie reiste ab, sich ihr und der
Grfin zu empfehlen kamen. Und als dann die beiden jungen Mnner eintraten,
blieb die Grfin mindestens zehn Minuten ber alle drei Anwesenden die alleinige
Richterin, bis Monika, nach einem Kampf zur Beruhigung ihres aufgeregten Herzens
zurckkehrte.
    Piter war vollkommen so eingerichtet, da er mit Anstand die Tasse Thee, die
ihn die Grfin mitzutrinken aufforderte, htte annehmen knnen. Seine strohgelb
gantirte Hand brauchte sich nur auszustrecken, um im Zulangen ihm ganz schn zu
stehen. Eine weie Weste, inwendig mit einem dunkelrothen Phantasiefutter,
dunkelbrauner Frack mit Metallknpfen, schwarze Beinkleider, eine Halsbinde,
wei mit allerlei braunen Sprenkelchen - spter flsterte ihm Thiebold zu:
Sonderbare kleine Maikfer das, Kattendyk, ich meine in Ihrer Cravatte! Sein
kleiner Kopf war wohlfrisirt und das blonde Brtchen leise gefrbt und das
stumpfe Nschen nicht erfroren, ... er war in Equipage gekommen ... Aber sein
System des Au contraire bestimmte ihn sofort die Tasse abzulehnen und etwas
nselnd zu sagen:
    Bitte recht sehr, gndigste Frau Grfin! Ich trinke keinen Thee -
    Es war dies, Kamillenthee ausgenommen, eine Wahrheit.
    Die Grfin fand den jungen Kaufherrn wieder von imponirender Eigenheit. Wer
sich einbildet, die Groen verletze dergleichen Selbstndigkeit, irrt sich. Nur
die kleinen Groen, die Empor- und Herunterkmmlinge sind anspruchsvoll; die
wahren Groen sind sogar leicht eingeschchtert und gerathen viel fter in
Verlegenheit, als wir glauben.
    Piter rckte mit seinem Anliegen hervor. Im Wagen hatte er sich eine Rede
stilistisch und rhetorisch zurecht gelegt. In gewandtem, der Vornehmheit wegen
immer nselnden Vortrage bat er, da seinem Hause die Ehre gegnnt werden
mchte, bei seiner am nchsten Freitag stattfindenden ersten Soire auch die
gndigste Frau Grfin und die Frau Baronin von Hlleshoven erwarten zu drfen
...
    Da die Grfin von ihrer auf morgen angesetzten Abreise sprechen durfte, kam
sie rasch ber das ihr jetzt denn doch aufwallende Gefhl hinweg, ob eine solche
gesellschaftliche Mischung, wie in einem wenn auch groen Kaufmannshause
vorauszusetzen war, ihrem Stande angemessen erscheinen durfte. Seit lange hatte
Monika die Grfin nicht lcheln sehen. In diesem Augenblick that sie es ganz
grazis. Monika sagte sich: Die seltsame Frau! Wie wohlwollend und fein steht
ihr dies Lcheln! Warum verscheucht sie es nur durch ihre stete Furcht vor der
Weltlichkeit, der sie mehr angehrt, als sie wei!
    Monika selbst, die sich mit der jetzt erst in Staunen ausbrechenden, aber
doch allmhlich beipflichtenden Grfin ber ihren Entschlu, doch lieber zu
bleiben, verstndigte, nahm die Einladung an. Gegenbesuche von und bei der
Mutter Piter's hatten bereits stattgefunden.
    Die Verstndigung ber das Zurckbleiben Monika's gab Pitern Gelegenheit,
sich in die Erfolge zu versetzen, die am nchsten Freitag seine Arrangements
krnen wrden ...
    Auch ber Porzia's Onkel erfuhr die Grfin, jetzt orientirter, wiederholt
alles das, was ihr zur Beruhigung dienen konnte, nicht zu einsam zu reisen ...
    Piter sprach sein Bedauern aus, die Grfin entbehren zu mssen, ermangelte
jedoch nicht, sie bei einer somit einmal beschlossenen Trennung durch seine
praktischen Winke ber die Comforts von London wieder wahrhaft zu bezaubern. Es
fehlte nichts, da er ihr nicht auch die Adressen aufgezeichnet htte, wo sie am
besten Cravatten und Zahnbrsten und Rasirmesser kaufen konnte. Sein
Portefeuille hatte er gezogen, ein Blatt darin ausgerissen und eine Menge Namen
aufgeschrieben, die der Grfin bei der Ankunft von Wichtigkeit sein muten,
sogar diejenigen Beamten auf dem Zollhause, die sich am leichtesten bestechen
lieen, trotzdem auf Bestechung bekanntlich die Deportation steht. In solchen
Dingen konnte Piter hchst charmant und bis zur Herzlichkeit naiv sein. Da
schpfte er aus der Flle seiner Erfahrungen. Die Grfin, die zwar bei Lady
Elliot sowol auf dem Lande wie in der Stadt wohnen sollte, hrte beglckt zu,
wie das Hotel beschaffen war und wo es lag, in dem sie wohnen knnte, wenn sie
wollte oder wenn sie mte - Piter's Au contraire war auf einige Zeit hchst
instructiv.
    Benno und Thiebold kamen etwas feierlich. Denn wenn sie den Abschied jetzt
auch nur von der Grfin zu nehmen brauchten, so blieben sie doch selbst nicht
mehr zu lange in der Stadt, sondern reisten auf Witoborn zu, Benno in Nck's
Auftrgen, Thiebold, um die Wlder anzukaufen, die Terschka frischweg smmtlich
wollte abschlagen lassen, um zu respectablen Summen Geldes zu kommen.
    Piter behielt merkwrdigerweise noch die Oberhand ... Die Grfin zeichnete
den ihr Ntzlichsten aus. Sie lie sich das weie Blttchen voll Namen und
Adressen schreiben und nebenbei warf Piter auch Erluterungen fr die beiden
Freunde dazwischen, denen zufolge sie noch am Freitag, wenn sie bleiben wrde,
der Baronin sich in seinen Salons empfehlen knnten ... Man war berrascht und
alles das gab ihm Suprematie.
    Der Bediente servirte den neuen Ankmmlingen gleichfalls den Thee. Diese
nahmen und Piter, der sonst unter seinen Freunden unter der Herrschaft des
ansteckenden Beispiels stand, bekmpfte sich dauernd, es heute durchaus nicht
zuzulassen. Whrend jene tranken, konnte Piter sprechen. Jene waren gedrckt,
bewegt, sie waren der Mutter eines Wesens nahe, das ihnen so theuer war und
ihren Herzen einen so edeln Wettstreit kostete. Die Schwrmerei, die sich in
Thiebold's zuweilen leuchtend von der Theetasse zur Nebenthr aufblickenden
Augen uerte, hinderte ihn zwar nicht, Pitern in seiner selbstgeflligen
londoner Topographie zuweilen zu unterbrechen und sich z.B. in Betreff guter
Handschuhe auch seinerseits auf den Standpunkt des Au contraire zu stellen, aber
Benno sah dem darber sich entspinnenden Wortgefecht mit Schweigen und wie ein
Neuling zu. Erst da, als sich jene im Zank etwas migen muten und sich in eine
halblaute Conversation verbissen, ging er, als der Festere und Hhergebildete,
auf ein Alleingesprch mit der Grfin ber, die von Nck, Terschka und ihrem
Sohne begann ...
    Benno's Aeueres hatte sich seit einiger Zeit verndert. Die Dressur zum
Waffendienste hatte ihn frher seiner eigenen Art zu sehr beraubt. Auch auf
seiner Wange stand jetzt ein schwarzgekruselter Bart, der die Mnnlichkeit
seines Wesens hob und ihm einen ganz besondern Ernst gab ...
    Seit meiner Studentenzeit war ich nicht in meiner zweiten Heimat! sagte er.
Wenn es in der That zum Abschlu ber die Dorste'schen Wlder durch meinen
Freund de Jonge kommen sollte, wrden wir noch den Wildstand zu vermindern
haben. Herr von Terschka ladet uns wenigstens zu einer Jagd ein, die als ein
halber Vertilgungskrieg allerdings ihresgleichen suchen wrde.
    Ich bitte Sie! schaltete Piter ein. Sehr wenig Wild dort! Die Rehbcke kann
man zhlen!
    Schweigen Sie! flsterte Thiebold und corrigirte auf dem Blttchen, das ihm
noch die Grfin gelassen hatte, die Orthographie einiger englischer Namen ...
    Glauben Sie nicht, fuhr die Grfin zu Benno fort, da man beim Verkauf sich
der Mglichkeit begeben wrde, Gelegenheiten zum Bergbau zu entdecken? Etwa
Kohlengruben?
    Die Gegend ist eine Hochflche mit einem Muschelkalkrcken! sagte Benno.
Torf findet sich in den Absenkungen, manche Gasquelle in den Aufdachungen
Bergbau wrde groe Kapitalien erfordern ...
    Rentabilitt wird bestritten! schaltete Piter ein ...
    St! war Thiebold's scharfes Wort, das in seiner Theetasse verhallte ...
    Graf Joseph hat viel fr die Schulen gethan, hr' ich, sagte die Grfin.
Sind die Leute wenigstens in der Landwirthschaft aufgeklrt und eignen sie sich
die neuen Erfindungen an?
    Sehr schwer, Frau Grfin! erwiderte Benno. Indessen ersetzen sie durch Eifer
und Gediegenheit in ihrer tglichen Arbeit, was ihnen an hherer Strebsamkeit
fehlt. In der nchsten Nhe von Witoborn freilich ist man durch die Unzahl von
Feiertagen bequem, durch die Reste der alten Priesterherrschaft etwas matt und
schlaff geworden, auch im Auffassen und Begreifen beschrnkt -
    Erlauben Sie, brach Piter aus, ich habe da so durchtriebene und verschmitzte
Menschen gefunden, wie irgendwo!
    Wenn Sie doch nur -! unterbrach Thiebold fast ganz laut und bestimmt. Auch
htte Piter beinahe alles vor der Grfin jetzt von selbst verloren. Von diesem
antihierarchischen Gestndni Benno's war sie angezogen. Gern wrde sie das
Gesprch fortgesetzt haben, wenn nicht aus Porzia's Zimmer Monika zurckgekehrt
wre ... Monika hatte Porzia im Packen untersttzt, sich dabei gesammelt und
gestrkt.
    Wenn nun auch die jungen Mnner die Besttigung erhielten, da Armgart's
Mutter noch zurckblieb, so muten sie selber doch schon in den allernchsten
Tagen reisen und drckten darber in herzlichen und von einem gewissen
geheimnivollen Tone begleiteten Worten ihr Bedauern aus ...
    Piter machte eine pfiffige Miene. Durch Lucinden war er, wie er es nannte,
ber das Pech unterrichtet, das Thiebold hatte, einem Mdchen zu huldigen, das
auch Benno liebte. Aber sich zu empfehlen, bezeigte er keine Lust. Er flsterte
sogar Thiebold ohne alle Rancune zu, da sie sich seines Wagens bedienen knnten
und es schn wre, wenn sie den Abend noch in irgendeinem Lokal, z.B. auf dem
Hahnenkamp frisch angekommene Austern versuchten ...
    Thiebold hrte nichts ... Er war ohne Besinnung. Um Monika einen Stuhl zu
holen fr den, den er selbst eingenommen hatte, weil er ihn am Tische leer
gefunden, flog er nur so ...
    Gren Sie Armgart! sprach Monika mit Festigkeit und schnitt damit alles ab,
was etwa durch Reden oder ausdrucksvolles Schweigen ber ihre Beziehungen zu dem
Ziel der Reise der jungen Mnner angedeutet werden konnte; sie ging sogleich auf
die fr eine solche Reise ungnstige Jahreszeit ber ...
    So werden Sie vielleicht Ihren Herrn Vetter, den Domherrn begleiten? fragte
die Grfin, die gern auf die Verwahrlosung des Volks und Erdbodens durch
geistliche Herrschaft zurckgekommen wre ...
    Ich glaube nicht, sagte Benno. Die Amtspflichten, die dem armen Neuling
aufgebrdet werden, sind so schwer, da er vor Ende der Woche nicht frei wird.
Und ich hre auch, es ist besser, er kommt so spt wie mglich. Das ganze Stift
Heiligenkreuz, alle Damen der Umgegend, Comtesse Paula an der Spitze, sticken
einen in 24 Theile getheilten Riesenteppich, der an dem Tage, wo Bonaventura zum
ersten male in St.-Libori1 die Messe liest, am Hochaltar ausgebreitet liegen
soll. Seit dem Tage schon, wo seine Ernennung auch zum dortigen Archipresbyter
bestimmt war, arbeiten sie daran. Inzwischen ist der Kirchenstreit
dazwischengekommen und nun mute alles thtig sein, um fr den gefangenen
Kirchenfrsten Weihnachtsgeschenke zu fertigen. In der Festung, wo er verweilt,
soll die Post zu Weihnachten ein ganzes Zimmer voll Packete gehabt haben, die
allein nur an ihn adressirt waren. Seitdem sind die 24 Damen zu dem Teppich
zurckgekehrt und arbeiten nun Tag und Nacht daran, da sie von der Ankunft
meines Vetters nicht berrascht werden.
    Piter hatte glcklicherweise soviel Geistesgegenwart, sich zu besinnen, da
die Grfin an dieser Schilderung einigen Ansto nehmen mute und beendete nicht
ganz ein fast heftiges: Erlauben Sie, das ist eine Verwechselung! In unserer
Stadt allein war auf der Post ein ganzes Zimmer voll2 - als ihn ein
niederschmetternder Blick Thiebold's bedeutete, die Grfin reden zu lassen, die
Pitern erst schweigend ansah und dann mit einer ernsten Miene sprach:
    Mgen die Damen nur den klugen Jungfrauen gleichen, die ihre Lampen in gutem
Zustand hielten, als - der Brutigam kam!
    Benno fhlte, da es Zeit sein konnte, auf diese feierliche Aeuerung
aufzubrechen und Thiebold wnschte dies um so mehr, als Piter die horrible
Dreistigkeit oder Btise besa, unbekmmert um ein biblisches Citat die etwas
schlecht brennende Lampe auf dem Tische zu fixiren ...
    Armgart's Mutter hielt sie noch fest oder setzte doch das Gesprch
unwillkrlich fort, indem sie den Amtseifer des jungen Domherrn rhmte und
diesen in Vergleichung brachte mit dem bequemern System des Dechanten, nach
dessen Befinden sie sich erkundigte ...
    Benno schilderte die mannichfache Aufregung, die es seither fr die Dechanei
gegeben hatte. Zwar waren bei Beda Hunnius smmtliche Papiere mit Beschlag
belegt und von der Regierung theilweise der Oeffentlichkeit bergeben worden,
doch zwang der Gegendruck der Volksaufregung auch den Dechanten, diesmal seiner
Lssigkeit zu entsagen. Die Majorin Schulzendorf kam nicht mehr in die Dechanei.
Alles stand auf dem Kriegsfue. Die dem Mrder der Schwester der Frau von Glpen
abgenommenen Werthpapiere hatten ein ansehnliches Vermgen ergeben, das dem
Laienbruder Hubertus im Kloster Himmelpfort bestimmt war. Dieser, ohne alle
Verwandtschaft, hatte das Geld seinem Kloster zu berlassen ... Auch darber gab
es vielerlei Aufregungen fr den Frieden des Dechanten, den also nicht mehr
allein der nchtliche Ruhestrer Lolo um seine behaglichen Trume brachte ...
    Nun, unterbrach Monika die lebhafte Mittheilung, die Piter aus den
Abendcirkelgesprchen seiner Mutter ergnzen und zu Thiebold's erneutem Verdru
berichtigen wollte; nun, so wird es die hchste Zeit sein, da der alte liebe
Herr sich in Wien bei seinen Freunden und Freundinnen erholt! Wer ihn dort
beobachtete, mute immer beklagen, da die Zeit der Abbs vorber ist ...
    Da die Grfin diese Errterungen zu ignoriren schien und sogar, der
peinlichen Erwhnung des Mordes und der neulichen Hinrichtung ausweichend,
wieder die Rechnung des Wirthes zu betrachten angefangen hatte, war es in der
Ordnung, da sich alles erhob und Abschied nahm.
    Monika reichte Benno und Thiebold die Hand ... Ein magisches Band ist es,
das eine Mutter mit dem Manne verbindet, der sein Herz ihrem Kinde weiht! Selbst
wird sie darber noch einmal wieder jung, fhlt ihr Herz mchtiger schlagen und
theilt fast alle Empfindungen ihres Kindes. Oft sogar kann eine Mutter darunter
leiden, wenn ihr Kind dem Ideal von Gegenliebe nicht entspricht, das ihr selbst
davon noch im Herzen lebt. Sie wei, was Liebe ist, was Liebe sein mu, sein
kann und ihr Kind lt den Mann, der sie liebt, oft launisch, oft nur kalt
erwidernd, am Frauenherzen verzweifeln ...
    Beiden Bewerbern gab Monika ihre Hand und wnschte ihnen schmerzlich
lchelnd eine glckliche Reise! ...
    Blicken wir nur einen Moment noch den sich Empfehlenden nach, so sehen wir,
da, unten angekommen, Thiebold Bennon schon deshalb in Piter's leidenschaftlich
offerirten Wagen zog, um ihn zum Zeugen zu machen des Ausbruchs seiner
verhaltenen Empfindungen ber Piter's Benehmen. Kattendyk! Wie Sie sich wieder
benommen haben! Dies Thema wurde variirt in allen Tonarten und sogar ohne
Widerspruch; denn Piter rechnete auf vollkommenste Ausshnung und
Uebereinstimmung vor dem Austernbret, auf das er seine Gefhrten eingeladen und
dessen Annahme nur insofern noch eine Modification erlitt, als Thiebold seine
Entzckungen ber die Nachsicht Monika's und der Grfin, zu denen er vom
Rffeln bergegangen war, zuletzt selbst unterbrach und die Austern auf der
Apostelstrae fr besser erklrte als die auf dem Hahnenkamp. In solchen Dingen
gab Piter seinen Freunden nach. So flogen nun alle drei auf die Apostelstrae,
wo, von gleichem Instincte beseelt, auch bereits Joseph Moppes, Clemens Timpe,
Gebhard Schmitz, Weigenand Maus und Alois Effingh am runden Tische saen und,
die Eintretenden erblickend, sie mit einem in der That von Herzen kommenden,
strmischen: Hurrah! empfingen.
    Vortreffliche junge Mnner das! sagte inzwischen wiederholt die Grfin,
verlor sich jedoch immermehr in eine jetzt ungestrte Revision ihrer Reisekasse
und sprach ihr Bedauern ber den Entschlu der Baronin, sie nicht einmal bis zum
Meeresufer zu begleiten, schon nur noch mechanisch aus ...
    Ist es nicht auch besser, liebe Grfin, sagte Monika, da ich die Wohnung so
lange behalte, bis ich an Terschka geschrieben habe, Ihre Rechnung durch das
Haus Fuld berichtigen zu lassen? Sie werden diese hohe Summe nicht erwartet
haben und sie nicht gut entbehren knnen. Reisen wir beide, so mte sie bezahlt
werden; bleib' ich zurck, so hat es Zeit damit ...
    Diese Auskunft gefiel der Grfin. Seit vielen Jahren war sie gewohnt, mit
dem ungerechten Mammon auf eine Weise Freundschaft zu schlieen, die durch
ihre Bibelauslegung erlaubt und durch ihre Lebenslage bedingt war ... Ihr seht
zu stolzen Palsten auf! Ihr beneidet das Loos der Glcklichen, die sie
bewohnen!
    Die Grfin wollte zeitig zur Ruhe gehen ...
    Sie hatte noch etwas auf dem Herzen ...
    Anknpfend an den Brief des Onkel Levinus begann sie, als gegen neun Uhr
die wie zur Schlacht lrmende Runde von zwanzig Trommlern in den Straen vorber
war:
    Sie wollen Terschka schreiben?
    Ja! erwiderte Monika unbefangen ...
    Nach einer kleinen Pause fuhr die Grfin fort:
    Wie beklag' ich Sie, da Sie nun wieder so allein stehen wollen - in dem
feindseligen Streite der Leidenschaften! Glauben Sie an eine Ausshnung mit dem
Obersten?
    Es gibt Dinge, die kein Gatte vergibt! erwiderte Monika mit halblauter
Stimme und fast ahnend, worauf die Grfin zielte ...
    Traurig aber, sagte diese, ewig noch einen Theil der Kette zu tragen, von
der man sich losri! Gewi denke ich mit dem Apostel: Bist du an ein Weib
gebunden, so suche nicht los zu werden. Bist du aber los vom Weibe, so suche
kein Weib! Ich deute das auch auf uns Frauen. Aber in dem Worte Gottes ist das
Eine unerlliche Vorschrift und das Andere weiser Rath. Fast alles, was uns die
Apostel, ohnehin Sendboten des Herrn ohne Herd, ohne Familie, ber die Ehe
rathen, gehrt den weisen Rathschlgen an. Auch standen damals die Frauen nicht
auf der Hhe, auf welche sie eben erst spter der Sieg des Evangeliums stellte.
Sie waren den Sklavinnen nher, als der gleichberechtigten Bildung und Liebe. Da
sie nicht wider den Geist Gottes, sondern nur gegen die apostolische Weisheit
geht, ist die Ehescheidung auch keine Snde. Der Apostel sagt es ja selbst:
Solches sage ich euch aus Vergunst, nicht aus Gebot. Es sind Vorschlge 
discrtion. Auch spricht Paulus ber die Frauen leider wie aus eigener bitterer
Erfahrung und wie aus einem ganz weltlichen Geiste. Fest aber steht des
Allmchtigen Wort: Es ist nicht gut, da der Mensch allein sei. Die Ehe ist
eine Heilsanstalt - Ihre Kirche, die sie zum Sakrament machte, bertrieb das
nur. Wie wenig Neigung Sie fr die Irrthmer Ihres Glaubens haben, wei ich ja!
Sie sollten sich Freiheit gewinnen und den Schwankungen eines so haltlosen
Lebens entfliehen - vielleicht - durch eine neue Wahl -
    Monika sa auf dem Sessel neben der Grfin, die noch auf dem Sopha geblieben
war. Sie blickte nicht auf ... Vor dem Allerheiligsten erbebt die Seele und
verstummt der Mund ...
    Die Grfin rckte Monika nher und ergriff die kalt gewordene Hand der
vielgeprften Frau ...
    Ihr Kind hat gegen Sie Partei ergriffen! sprach sie mit weicherer Stimme,
als man sonst an ihr gewohnt war. Die Verwandte betheuern zwar freundliche
Gesinnungen, aber das sind leere Worte. Das Gesetz spricht Ihre Tochter dem
Vater zu. Sie haben Herrn von Hlleshoven, wie Sie immer sagten, blindlings
genommen, nur um einer andern Verbindung zu entgehen, und Sie konnten sich nicht
an ihn gewhnen. Ihr Herz trug ein Ideal, dem er nicht entsprach. So htten Sie
ja im Grunde nie geliebt. Jetzt, gestehen Sie, Monika - Terschka ist Ihnen nicht
gleichgltig?
    Monika erhob sich. Es lag keine Besttigung dieser Vermuthung in ihrer
Bewegung. Sie mute sich nur erheben, um gleichsam die schwere Last abzuwlzen,
die sich mit diesen Worten auf ihre Brust warf ...
    Sie wissen, auch Terschka, fuhr die Grfin fort, auch Terschka wrde keinen
Anstand nehmen, Ihrem Beispiel zu folgen. Einer alten Familie der Hussiten
gehrt er ohnehin an. Haben auch viele anfangs geglaubt, er wrde meinen Sohn im
Glauben seiner Vter wankend machen und hrte ich Warnungen ber Warnungen ber
diesen so engen Umgang, so hat sich doch keine der Befrchtungen besttigt.
Terschka unterhlt die loseste Verbindung mit seiner Kirche. Bliebe er der
Verwalter unserer neuen Besitzthmer, wer sollte ihn hindern, seiner Liebe ein
Opfer zu bringen? Denn da Sie, Monika, sein ganzes Leben erfllen und von ihm -
ich brauche das sndhafte Wort - angebetet werden, wissen Sie!
    Nein, nein! erwiderte Monika mit erstickter Stimme, ging auf und nieder und
hielt sich, da sie nicht weiter konnte, am Fenster, wo sie in die Nacht starrte
...
    Unerschrocken aber fuhr die Grfin fort:
    Leugnen Sie nicht, meine junge Freundin, da es Sie mit mchtigem Reiz
erfllt, zu sehen, wie ein noch junger, geistvoller, liebenswrdiger Mann Ihnen
huldigt und nur fr Sie zu leben scheint! Anfangs glaubt' ich, als Sie in unsere
Kreise traten und so schnell uns alle gewannen, da auch mein Sohn vor
Bewunderung vor Ihnen - o! diese unselige Leidenschaft, die ihn fesselt! - -
    Mit einem Schmerzensausdruck, den Monika fr diese Gedankenreihe an der
Grfin noch nie vernommen hatte, unterbrach sie sich selbst, hielt inne und
stand jetzt selber auf, weil auch in ihren Adern das Blut mchtiger zu kreisen
begann ...
    Monika, selbst des Beistandes bedrftig, wandte sich vom Fenster ab und trat
der hohen Gestalt entgegen, deren Hnde in der ihrigen zitterten ...
    Dann aber fuhr die Grfin gesammelter fort:
    Es ist gut, mein Kind! Ich habe mich an diese Schickung Gottes gewhnt!
Angiolina bewahrte meinen Sohn vielleicht vor Schlimmerem; denn wie Terschka und
er begannen - das sind Erinnerungen! Aber ein milderer Geist kam ber beide, und
das hab' ich immer fr unsern Beruf gehalten, den zu frdern und zu mehren,
selbst mit eigener Aufopferung! Ich wei nicht, ob Salomo mit dem Worte: Ein
holdseliges Weib erhlt die Ehre, auch die Ehre des Mannes meinte; aber meine
Erfahrung - und sie ist alt - lehrte mich, da ein Weib das ganze irdische und
ewige Glck eines Mannes in Hnden haben kann. Seit Hugo und Terschka Sie
kennen, Monika, hat selbst mein Wort einen ganz andern Klang fr sie gewonnen!
Noch krzlich schrieb mir Hugo: Mutter, wenn ich doch auch Terschka ganz, ganz
glcklich haben knnte! ... Ich wei es, da es fr ihn kein anderes Glck auf
Erden geben knnte, als Sie sein zu nennen, Monika!
    Die gefolterte junge Frau warf sich, heftig den Kopf schttelnd, mit
weinenden Augen an die Brust der heute so milden Greisin ...
    Wir nehmen Abschied, schlo die Grfin; bleiben Sie in dieser Stadt, bis ich
zurckkehre! Whlen Sie eine kleinere Wohnung! Terschka wird oft herberkommen
mssen! Geben Sie dem Schmerz des vielgeprften Mannes Gehr! Wie hat auch ihn
das Leben hin- und hergeworfen, bis er bei einem Wesen angekommen ist, das ihm
mit Recht ein kstlicher Schatz erscheint. Sie wissen, wie ich Sie liebe! Ja,
Monika, entziehen Sie sich dem Gefhl nicht, das Sie haben drfen, in manchen
Dingen mit sich zufrieden zu sein. Noch fehlt die letzte Hand, die an Ihre Seele
gelegt werden mu, die Hand eines Grtners und Winzers in Ihrem Innern, der
Ihnen spricht: Der Herr ist der Weinstock, wir sind die Reben! Das wird kommen.
Genieen Sie das Glck, so von Menschen geliebt zu werden! Ach, es geht uns
einst ein Tag auf, Liebe, wo man jede Freude beweint, die man sich entgehen
lie, wo man jedes Herz zurckhaben mchte, das man von sich stie ... glauben
Sie mir, Monika, auch an mir ziehen oft noch Schatten vorber, die mich weinend
ansehen und sagen: Wir htten uns doch auch finden knnen, warum suchten wir uns
denn nicht!
    Monika umschlang strmisch, wie ein junges Mdchen, die Greisin, in deren
Augen sie zum ersten male seit dem Jahre, da sie sie kannte, eine Thrne
glnzen sah. Sie bedeckte die magere Wange, die drre Hand der Greisin mit
Kssen. Sie schluchzte selbst, als mte sie all die Thrnen mitweinen, deren
vollen Strom sich die Matrone, trotz ihrer Erregung, versagte.
    Sanft entwand sich die Grfin den Umarmungen Monika's, kte die Stirn der
jungen Frau, strich leise die grauen Locken aus dem jugendlich schnen, durch
die hchste Anspannung und Erregung wie mdchenhaft strahlenden Antlitz und ging
zur Ruhe.
    Auf ihr Klingeln kam Porzia, die noch lange bei ihr blieb und sich mit ihr
ber den Oheim verstndigte.
    Monika schlief in einem andern Cabinet ...
    Wie aufgeregt sie durch diese Scene war, bewies sie am folgenden Morgen. Die
Grfin kam auf das Besprochene nicht wieder zurck; sie reiste gegen elf Uhr ab
... Im Wagen fand sie Blumenstrue von kostbaren Treibhauspflanzen, die ihr
Benno und Thiebold hatten hineinlegen lassen.
    Monika, nun allein in der groen Wohnung, die sie nur so lange behielt, bis
von Terschka Geldanweisungen gekommen waren, irrte - wie am einsamen, ihr so
unheimlichen Meere ...
    Sie wollte an Terschka schreiben ... Sie konnte es nicht so harmlos, als sie
wollte ... Eine Aenderung der Confession ... Scheidung ... Eine neue Heirath ...
mit Terschka?! Das waren Gedankenreihen, die wie eine wilde Musik auf sie
einstrmten im nchtlichen Fackelschein, wie ein Chor im Zuge der Korybanten,
wie ein Fest unter dem Schwingen des Thyrsusstabes ...
    In dieser Angst des Herzens trat ihr durch die Blumenstrue der jungen
Bewerber um Armgart die Erinnerung an Bonaventura entgegen ... Sie wute selbst
nicht, was sie zog, den Pelz berzuwerfen, sich zu verhllen gegen die schrfer
gewordene Winterluft, die am Morgen sich durch Reif angekndigt hatte, der an
allen Husern, Brcken und Bumen sichtbare Zeichen zurckgelassen, geradezu in
die Kathedrale zu gehen dem tiefdunkeln Winkel zu, wo seit vier Monden die
Menschen geschart saen, um zu einem alten Beichtstuhl zu gelangen, in dem im
weien Kleide, das Beichttuch ber sein bleiches Antlitz gezogen, Bonaventura
von Asselyn die Beichte hrte ...
    Seit einem Jahre hatte Monika nicht gebeichtet und noch wute sie kaum, was
sie dem Ohr des Priesters vertrauen sollte ...
    Ostermorgenglocken waren es nicht, nicht der heilige, von den Rundbgen
einer unsichtbaren Kirche widerhallende Gesang: Christ' ist erstanden! der wie
im Faust die Seele des Zweiflers, so auch sie zum Glauben der holden
Kinderjahre zurckzog ... Nicht in Wehmuth und Zerknirschung, nicht in Auflsung
ihres Willens, nicht in wiedererwachter Liebe und Hingebung fr das Bekenntni
ihrer Jugend betrat sie die Kathedrale ... Es lebte schon lange eine feste,
ernste Stimmung in ihrem Herzen. Sie ging wie zu einer letzten Prfung.

                                    Funoten


1 Im dritten Buche wurde durch ein Versehen Ludgeri gedruckt.

2 Factischer wre allerdings seine Bemerkung gewesen.


                                       4.

In der groen Kathedrale liegen in den einzelnen Seitenschiffen mehr als zwanzig
Altre zerstreut.
    In ihrer Nhe befindet sich mit ihren doppelten Eingngen und vergitterten
Zwischenwnden eine Anzahl Beichtsthle.
    Einige Schritte von ihnen entfernt stehen Bnke, auf welchen sich die
Beichtbedrftigen, ehe an jeden die Reihe kommt, dem Gebete widmen knnen. Diese
Sitze sind entfernt genug, um weder die Rede des Bufertigen noch den Spruch des
Priesters hren zu lassen, der oft statt der Absolution nur einen allgemeinen
Segen ertheilt. Niemals darf es ersichtlich werden, ob Jemand den Beichtstuhl im
Stande der Ungnade verlt.
    In einem Gang, der sich von der Sakristei hinter dem Aufgang zur Kanzel, die
das kleinere Vorderschiff beherrscht, zum Hochaltare hinzieht und in einem
einzigen groen, drei Altre erleuchtenden bunten Fenster endet, liegen einige
Beichtsthle allein und tief im Dunkeln.
    Es ist die einsamste und dem Andrang der Glubigen gewaltigen, in manchen
Tagen einem Marktplatz gleichkommenden Baues.
    Um den Schritt der Vorbergehenden zu dmpfen, liegen auf dem Fuboden
Strohmatten ausgebreitet. Uralte Grabdenkmler bedecken die eine von der
Sakristei ausgehende Wand, hohe Bischofgestalten mit Krummstab und Mitra; ihre
Namen sind nur an sonnenhellen Tagen zu lesen, wie an jenem, wo an ihnen Pater
Sebastus sich zu gewhnen suchte, wie er, ein Meister des Worts, von einem
greren Meister, der nun auch wieder den seinigen gefunden, fr einige Tage auf
ein einfaches Ja und Nein gesetzt werden konnte.
    Nur der letzte dieser Beichtsthle, dem Hochaltare zu, ist allein von dem
bunten Lichte des Fensters ein wenig erhellt, dem er zunchstliegt. Die beiden
andern liegen so im Dunkeln, da sowol die Seele, die hier sich aussprechen
will, sich von aller Freude und allem Leid der Welt geschieden glauben kann, wie
der hrende Priester von der ganzen Heiligkeit seines Berufs sich durchdrungen
fhlen mu, soll ihn nicht, wie wol auch geschieht, gerade die Abgeschiedenheit
dieser stillen Zwiesprache auf weltliche Gedanken fhren ...
    Seit vier Monaten war es in diesem dunkeln Gange seltsam lebendig geworden.
Die Bnke, die dem Beichtstuhl gegenberlagen, wurden am Dienstag und Donnerstag
Morgens und Sonnabends Nachmittags und in der allerersten Sonntagsfrhe von
Beichtbedrftigen nicht leer. Soviel Stunden hatte man ausdrcklich von der
Kanzel und durch Anschlag an die Kirchenthren be- oder nur Neugierigen gerade
entgegengesetzte Gegend des willigen mssen, um den Zudrang nur einigermaen zu
befriedigen ...
    Dieser galt nur dem ersten der der Sakristei nahe gelegenen Sthle ...
    Auf dem alterbraunen Holze sa seit vier Monden der neue junge Domherr, dem
sogleich Ende September einige Messen und Predigten die Herzen der ganzen Stadt
gewonnen hatten. Die hohe Wrde seiner Erscheinung, die Milde seiner
niedergeschlagenen Augen, ihr Glanz, wenn er die langen schwarzen Wimpern erhob,
die feierliche und wieder so natrliche Art seines Benehmens, der Wohlklang
seiner Stimme, alles das hatte ihm sogleich den Antheil derer gesichert, die
zunchst nur auf Aeuerliches sehen, vorzugsweise derjenigen Frauen, die auch in
ihrem kirchlichen Leben gewohnt sind, immer nach dem Rechten zu suchen. Und zu
denen dann, die nur vom Aeuerlichen sich angezogen und, wie es in solchen
Fllen zu gehen pflegt, sich fast magnetisch berhrt fhlten, gesellten sich
andere, die auch den Kern dieser lockenden Schale erquickend fanden. Sie mehrten
sich von Tag zu Tage. Der junge vom Lande berufene und so schnell befrderte
Priester fesselte durch den Geist seiner Vortrge ebenso wie durch den Schwung
des Vortrags. Redete er, so waren das fr Predigten bestimmte Vorderschiff und
der Chor berfllt. Vertheilte er den Leib des Herrn, so drngten sich die
danach Begehrenden. Und bald auch, da ihm Beichtabnahme erlaubt wurde, war sein
Ohr belagert von denen, die das Bedrfni der Bue und Shne hatten. Die beiden
andern Sthle waren nur in den Sonnabendnachmittagstunden mig besetzt ...
    So hochheilig das Sakrament der Bue gehalten wird, hngt es doch mehr als
irgendeine andere Institution der Kirche von der Persnlichkeit des Priesters
ab. Diese Kirche, die aus dem Gottesdienst alle Zuflligkeiten der
Individualitt entfernt wissen will, die ihre Erhabenheit auch darin findet, da
am Indischen Meerbusen und am Fue der Cordilleren das Heiligste ebenso
celebrirt wird, wie in einem Alpenthal der Schweiz oder in der Grabkapelle zu
Jerusalem, mu im Beichtstuhl die Abhngigkeit ihrer Wrde von den zuflligen
Persnlichkeiten ihrer Priester ertragen. Sie kann schon die Aufforderungen, den
Beichtstuhl hufig zu besuchen, nur zu Mahnungen, nicht zu absoluten Befehlen
machen.
    Zum Stolz der Glubigen auf den neuen jungen Domherrn kam anfangs das
Lcheln der Zweifelnden. Die Mnner, ohnehin der Beichte abhold, da sie den
Frauen eine das Glck der Ehe nicht eben mehrende Selbstndigkeit gibt und in
das innigste Selbander zweier Menschen einen oft rthselhaft spukenden Dritten
eintreten lt, hatten den Reiz zunchst nur in der Persnlichkeit des neuen
Domherrn gefunden; aber auch sie kamen. Sie kamen, um scheinbar zu bekennen;
doch erging es ihnen wie denen, die einst zu Johannes in die Wste kamen. Sie
hatten einen Sonderling erwartet, der Heuschrecken a und in hrenen Kleidern
ging, und sie fanden Johannes, den edelsten der Bekenner, Johannes, der, selbst
gro, selbst sich Gott verwandt fhlend, doch auf einen Freund, auf einen
Jugendgenossen hinzeigen und sagen konnte: Der ist grer als du! ... In der
Geschichte des Geistes eines ihrer seltensten Kapitel.
    Gleich bei seinem Antritt hatte Bonaventura, der die in ihm entstandene
gebrochene Stimmung seines Innern zu einer Aenderung seines Berufes nicht mehr
ausbilden konnte, vom Kirchenfrsten aufbekommen, in seiner Antrittsrede den
Text zu behandeln: Petrus, der im Oelgarten, als Judas mit den Herrschern der
weltlichen Gewalt kam, dem Herrn sagte: Siehe, Herr, hier sind zwei Schwerter!
... Im Sinne Roms ist das eine dieser Schwerter, das dem Knecht des Malchus ein
Ohr abhieb, die seit zwei Jahrtausenden angestrebte auch weltliche Gewalt der
Kirche und das andere die unblutige nur kirchliche. Dies Thema war wie eine
Versuchung. Viele weltliche Behrden wohnten der ersten Einfhrung des neuen
Domherrn bei. Michahelles hatte darauf gerechnet, da sich Bonaventura sogleich
dem Geiste der beiden Schwerter Petri anschlieen und fr sich ein ffentliches
Zeugni ausstellen wrde. Doch lobte spter der Kirchenfrst selbst den jungen
Priester um die geistliche Klugheit, da er die verlockende Aufforderung, gegen
die nachgeborenen, mit Titeln und Orden geschmckten Genossen des Judas
Ischarioth zu reden, nicht in zu auffallender Form ergriff, sondern einen
Mittelweg einschlug, der allerdings in der Theorie mehr sagen konnte, als der
gegebene Text des Lucas sagen sollte, nur in der Praxis weniger. Der
Antrittsredner hatte zu den zwei Schwertern des Petrus noch zehn andere
hinzugefgt, von denen der Evangelist Marcus erzhlt. Der Heiland htte, sagt
Marcus, die Jnger erst aufgefordert, da jeder von ihnen sich ein Schwert
zulege und es zum Kampfe kommen lasse; dann aber htte sich der Herr in seiner
Liebe auf ein milderes besonnen und gesagt: Stecke dein Schwert an seinen Ort;
denn wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen! Oder meinst du, da
ich nicht knnte meinen Vater bitten, da er mir zuschickte mehr denn zwlf
Legionen Engel? Und ber diese zwlf Legionen Engel, diesen ewigen Entsatz
der bedrngten Kirche, nicht ber die zwei oder zwlf unbedeutenden Schwerter,
predigte Bonaventura. Mit einer Begeisterung, die ihn in solchen Augenblicken
die nagenden Zweifel ganz vergessen lie, schilderte er diesen ewigen Beistand,
den in der Weltgeschichte seit dem Sndenfall und dem Verlust des Paradieses das
Gute zuletzt doch immer wieder am Guten gefunden htte. Diese zwlf Legionen
Engel, die ewigen Wahrheiten der Weltregierung, die immer wieder die Herrschaft
der Bsen gestrzt htten, waren ihm jene Thatsachen, die mit Schwertern, fter
mit Palmen und klingendem Saitenspiel ber die wildesten Schlachtfelder
hinwegrauschten, in Htten wohnten den Palsten gegenber, ja in der eigenen
Brust der Tyrannen und Bedrnger der Menschheit, wo sie nicht selten die Gestalt
der Trume angenommen htten ... Wie die Tyrannen dann gezwungen gewesen wren,
schilderte er, einen Joseph zu rufen, der die Trume zum Wohl der Menschheit
htte deuten drfen, oder einen David, der sie htte beruhigen mssen durch die
Zauber der Kunst ... Diese zwlf Legionen Engel schilderte Bonaventura als den
Trost und die Zuversicht in jeder Bedrngni der Menschheit. Alle sahen sie, wie
er mit hoch emporgehaltenen Hnden die Leiden der Erde schilderte, sahen diese
mit Schwertern bewaffneten Engel, hrten sie wie mit Posaunen in den Kampf
rufen, fhlten ihr Schmettern und ihr Schwertschlagen und das Drhnen ihrer
Schilde in den Lften. Dann aber rief begeistert der Redner die Phantasie von
ihrem Fluge zur Erde zurck, legte die Hand auf die Brust und sprach: Wo anders
lge das Schlachtfeld dieses groen Kampfes des Guten gegen das Bse, das
Schlachtfeld, das die eigentliche Entscheidung der Dinge dieser Welt gibt, als
in dem Herzen und dem Gewissen und der Furcht Gottes eines Jeglichen unter
uns!
    Was sodann der Kirchenfrst, ganz nach Sebastus' Prophezeiung, zunchst
gehofft zu haben schien, als er von einer kleinen Dorfpfarre diesen Priester in
die groen Hallen seiner Kathedrale rief, war schon in kurzer Zeit eingetroffen.
Vorzugsweise war es die Belebung des Beichtstuhls gewesen, auf die man gerechnet
hatte. Diesen, wie alle Institutionen der Kirche, selbst die veraltetsten, in
grere Aufnahme zu bringen, wurde immer mehr zur Taktik des groen Feldzugs,
dem hier und dort auch andere Kirchenfrsten die Oriflammen vorantrugen. Durch
den Beichtstuhl war die mehrfach angedeutete Philosophie getdtet worden. Der
Beichtstuhl theilt die von Rom empfangene Parole aus. Der Beichtstuhl ist das
Mittel, die Frsten wieder in die Berhemden von Canossa zu jagen. Der
Beichtstuhl regelt, erzieht und straft die Leidenschaften und keine mehr als die
Liebe und den Ha. Der Beichtstuhl gibt Rathschlge und fr nichts mehr, als fr
die Verwickelungen und das Nebeneinander der Menschen und fr kein Nebeneinander
mehr, als fr das in der Ehe ... Aber auch die grte Kraft der Opposition
gegen den Beichtstuhl, rief einst Benno, der in Beichtsthlen das Rthsel
seines Lebens begraben glaubte, liegt ebenfalls in dem, was unserm Jahrhundert
das Heiligste geworden ist, in der Ehe und in der Familie. Wie mancher Vater
hlt seine Tochter von der Beichte zurck, weil sie dort - wie oft! - nach
Snden gefragt wird, von denen die Unschuld ihres Herzens und ihrer Phantasie
keine Ahnung hat. Der Gatte sieht sein Weib mit Schmerz zur Beichte gehen; denn
er kann die Vorstellung nicht verbannen, sie vollzge einen Act der Untreue, die
es zwischen Liebenden auch in geistigen Dingen geben kann -
    Bonaventura aber sa an dem groen Ohre des Dionysius und hrte die
Bekenntnisse der Menschen noch in dem Glauben, da er Gutes verrichtete, Wahres
und Erlaubtes. Fiel ihm auch immer und immer die lateinische Zuschrift aus
Italien ein: Quando quis tibi occurrit - er schrieb das, was zwischen dem
Kirchenfrsten und dem Mnche vor sich gegangen, auf Rechnung - nur des
rmischen Wesens. Der Grund des Katholischen selbst schien ihm unerschtterlich.
Bonaventura glaubte an die hchste Bedeutung der Beichte ...
    Doch schon - die erste Erfahrung! ... Es hatte sich verzgert, da mit
seiner Amtseinfhrung auch zugleich Tag, Stunde, Ort seiner Beichtabnahme
verkndigt wurde ... Im Anfang des October erst war diese Angabe gekommen und
nicht allgemein sogleich war sie selbst nach dem Anschlag bekannt geworden. So
sa er eines Morgens frh sieben Uhr schon in seinem Stuhl zur ersten Anhrung
und war noch allein ... Den Tag vorher hatte er der Einweihung der Kirche in
Drusenheim beigewohnt. Das schne Fest stand noch vor seiner Phantasie fast wie
ein materiell ihr eingeprgtes Bild. Erregten Naturen ist nach einer groen
Anstrengung ein Auge gegeben, wo, wie auf der feinen Silberplatte des
Lichtbildes, gegen unsern Willen ein Eindruck ebenso sinnlich haften bleiben
kann, wie oft auch das Ohr von einer Melodie nicht verlassen wird, ohne da wir
im Willen haben, sie zu singen ... Ein Beweis fr die Unsterblichkeit der Seele
das! sagte sich Bonaventura. Ein Bild, eine Melodie bleibt gegen unsern Willen
im Auge oder Ohre haften! Warum hr' ich nur immer noch den Gesang des Veni
creator spiritus? Warum seh' ich nur noch immer das feierliche Wandeln der
Procession um die neu zu weihende Kirche? Nichts ruf' ich davon; alles kommt von
selbst! Die Seele hat ihr Eigenleben und ist von unserm Willen und Bewutsein
getrennt! Sie ist unsterblich!
    So sa er sinnend, trumend und sah auch seinen Abschied von St.-Wolfgang
... Die Abwickelung der pfarramtlichen Geschfte war bald vorber gewesen, der
kleine Hausrath bald verpackt; selbst den wichtigsten Bestandtheil desselben,
die Bcher, bernahm Renate nach dem Orte der neuen Bestimmung, in das groe
kaltgrndige Kapitelhaus zu berfhren. Alle Welt sah Bonaventura mit
Betrbni scheiden. War er auch einer von denen, die dem Volke immer, auch bei
Gru und Handschlag, hochdeutsch erscheinen werden, so blieben ihm doch Liebe
und Anerkennung nicht aus. Die Mnner gaben ihm, als er zunchst nach Kocher am
Fall zum Trsten des dortigen groen Leides abreiste, das Abschiedsgeleite und
schieden zuerst; eine Viertelmeile weiter folgten noch die Frauen; dann eine
fernere Viertelmeile die jungen Bursche und die Mdchen, die ihr Abschiedsgefhl
mit Blumenspenden ausdrckten; am weitesten folgten die Kinder, die ein Fhnlein
trugen. Diesen schenkte er, beschienen vom Abendroth, abgestiegen von seinem
Wgelchen, seinen letzten Vorrath von Heiligenbildern und entlie die kleine
Ehrengarde, die ihm so ausdauernd gefolgt war und in der Glckseligkeit ber die
Bilder fast das Gebot der Mtter, ihm die Hnde zu kssen, verga, mit seinem
Segen frs ganze Leben und auf Nimmerwiedersehen ... Einen Theil seines eigenen
Lebens lt ein Hirt so zurck, wenn er von seiner Heerde scheidet ... Dann fand
er die Aufregungen in Kocher! Die Ermordung der Schwester der Frau von Glpen!
Den Onkel noch in besonderer Verzweiflung ber die schnelle Erfllung seiner
Besorgnisse wegen so enger Kettung des Neffen an die Rmlinge! Da Bonaventura
schon nicht mehr widersprach, traten um so schrfer die Worte des Dechanten
hervor: Wir werden noch zu Derwischen werden! Lies die Sprache unserer
Kirchenzeitungen! Vergleiche die Ausdrcke, die im Streite Menschen gebrauchen,
die sonst nur um die Passionsblumenkrone der heiligen Muse ringen! ... Beda
Hunnius war gemeint. Dieser hatte Bonaventura's Besuch empfangen, verzehrt vom
Neide auf die Ehren, die an ihm vorbergingen. Die von Schnuphase ihm in
Aussicht gestellte Ernennung zum Ehren-Kanonikus war nicht eingetroffen. Wie
hielt er dem Collegen die Theuerung der groen Stadt entgegen, die Mhen eines
solchen Amtes, die Abhngigkeit von den Vorgesetzten, denen man zu nahe gerckt
wre! Hunnius gab sich die Miene, als wre der junge Domherr nur zu bemitleiden
... Und in der Dechanei selbst war noch keine neue Nichte angekommen und der
Dechant verdrielich ber alles, ber Gott und die Welt. Als Bonaventura von dem
Obersten zurckkam, grmelte er gegen jeden. Ich mu auch den Obersten und
Hedemann, sagte er, ernstlich auffordern, die Messe zu besuchen und die Beichte!
Warum kommen sie nicht wenigstens zu mir! Wahrhaftig! Ich mache es doch so
leicht! ... Glcklicherweise, setzte er hinzu, rsten sich beide, unsere Gegend
zu verlassen ... In der Errterung auch ber Armgart, ihre Flucht, ber das
Schicksal der armen Angelika, die nun irgendwo eine neue Stellung finden mute,
ber den Proce des Hammaker, dessen vorauszusehende Hinrichtung - brach der
Dechant, als Windhack gerade einige neue Kupferstiche brachte, Ausgrabungen in
Ninive darstellend, in die Worte aus: O ich htte lieber vor zweitausend Jahren
leben mgen! Himmel, aber auch damals regierten schon die Rmer! Nun, dann wr'
ich ein Priester des Osiris gewesen, Windhack ein Sternseher auf den Pyramiden
und unsere gute Frau von Glpen da die schne Kleopatra! Nicht wahr, dann htten
wir alle drei die ganze rmische Welt schon damals so ruinirt, da sie nie
wieder htte auferstehen knnen! Wenn dereinst und nur zu bald alles aus sein
wird, alles, alles - wie gerne krch' ich da in den ungeheuern Cheops oder in
eine von den groen Sphinxen und erwartete das Jngste Gericht als Mumie! Und
Windhack und die Tante legten sich auch als - Mumien neben mich! Bitte, warum
denn nicht? Hunnius mte zu unserer Einbalsamirung das Rucherwerk liefern;
alle Spezereien, alle Myrrhen, Aloes, alles, was in seiner Dichterapotheke an
wohlriechenden Krutern gefhrt wird! Das gbe eine Genugthuung, wenn am
Jngsten Tage alles verfallen und Staub geworden ist und wir drei nur krchen
aus unsern Cocons heraus, lachend wie die Kobolde, roth und frisch geschminkt,
so wohlbehalten, ja hungerig, als wren wir gestern erst bei Major Schulzendorf
zu Thee und Abendbrot gewesen!
    Alle diese Bilder zogen an Bonaventura vorber, blitzschnell, auch Lucinde
und Sebastus mischten sich bengstigend ein - sogar ein Schnuphase - der
menschliche Geist ist ein Vorrathshaus, zu dem der Wille nicht den Schlssel
fhrt - und doch sollte des Priesters innere Betrachtung und Sammlung der
Beichte selbst gelten. Seine Furcht war: Wirst du auch durch die einfachen
Lebensvorgnge des Landvolks die Uebung gewonnen haben, dich in die Bekenntnisse
dieser Grostdter zu versetzen? Seine Hoffnung war: Vielleicht nehmen die
Stdter kaum so vielen Ansto an den harmlosesten Dingen wie die Landbewohner!
... Bonaventura war vielleicht in St.-Wolfgang mehr schon der Vertraute der
Neidischen und Misgnstigen gewesen, als diese Untugenden in den Stdten
eingestanden werden. Schon trug er so schwer, tiefschwer an der Last der Snden,
ja Verbrechen, die in das Beichtohr der katholischen Kirche geraunt werden und
oft nie vor die Richtersthle der Erde gelangen. Selbst auf das Wunderlichste
war er vorbereitet. Auf dem Lande war ihm schon vorgekommen, da ihm im
Beichtstuhl eingestanden wurde, man htte von der in der Communion dargereichten
Oblate nur die Hlfte im Augenblick der heiligen Handlung verzehrt und sich den
Rest aufbewahrt fr eine passende Gelegenheit, um ohne den Priester den Leib des
Herrn noch einmal zur Strkung zu genieen. Man hatte reuevoll gefragt, was von
dieser Snde zu halten sei? Die Weisheit der rmischen und spanischen
Gewissensrthe antwortete statt seiner: Hatte die Frau, die der Fall traf, in
Verehrung vor dem Leib des Herrn so betrgerisch gehandelt, so wird sie
losgesprochen; wute sie aber und kannte die Verbrechen, die sie alle beging
(das eigene Ergreifen der heiligen Gestalt mit ungeweihter Hand, das Tragen
derselben in ungeweihten Kleidern, den Gottesraub, da sie sich selbst zum
Priester wurde beim Empfangen der allerdings vllig ausreichenden zweiten
Hlfte, endlich da sie sich das Allerheiligste reichte im Stande der Todsnde),
so hatte sie vier schwere Snden begangen, fr welche ihr erst nach langer Bue
die Verzeihung des Himmels vom Priester verbrgt werden konnte ... In solchen
Gewissensconflicten bt sich selbst die Seelsorge eines Landpfarrers ... Und so
konnte sich der junge Domherr vertrauensvoll das Haupt in die Zipfel seiner
Stola hllen, gefat das Schiebfensterchen rechts oder links aufziehen und auf
das Beichttuch gebckt hren, welche Vergehungen ihm eingestanden wurden. Sein
Herz schlug hher, als er eben die Hand ausstreckte, um den ersten
Beichtbedrftigen zu vernehmen, den er auf dem Holze zu seiner linken
niederknieen hrte ... O, sagte er sich, wie viele Vergehen hast du doch schon
im Keime erstickt! Wie viele Rathschlge gegeben, Rathschlge, den bessern Theil
und den Frieden zu whlen, wenn auch zu einstweiliger eigener Verkrzung! Wie
manches Entwendete war still wieder auf den Platz zurckgelegt worden, von wo es
genommen! Wie mancher Arme hat durch dich eine Spende empfangen, er wute nicht
wie und warum und von wem! ... Dem poetischen Wesen Bonaventura's entsprachen
Buformen, wie: Gehen Sie und geben Sie dem ersten Armen, der Ihnen begegnet und
dem Sie, auch ohne da er Sie anspricht, seine Bedrftigkeit ansehen, nach dem
Mae Ihrer Krfte, ohne da es jemand sieht! Gehen Sie in eine Armenschule und
steuern Sie fr das jngste der Kinder, die nur in Holzschuhen oder barfu
gehen, eine Gabe! Knieen Sie in der nchsten Messe neben demjenigen in der
Gemeinde, der Ihnen nach einem kurzen und nicht auffallenden Umblick in der
Kirche durch den Zustand seiner Kleider als der Aermste erscheint! .. Selbst an
Treudchen Ley konnte sein liebevoller Sinn denken und an die Geschwister
derselben, fr die er im Waisenhause auf diese Art sorgen wollte ... auch an die
Kerze, die er einst Lucinden befohlen anzuznden und niederbrennen zu lassen
whrend des innern Gebetes ...
    Da ffnet er denn und sieht nicht einen schwarzen Sammethut, sieht nicht ein
sich leicht erhebendes, schleierverhlltes weibliches Angesicht ... sein Ohr
will nur hren ...
    Die Formel der Anrede ist die nmliche am Fu der Cordilleren und im
Indischen Archipelagus: Ich arme Snderin bekenne vor Gott, dem allmchtigen
Schpfer Himmels und der Erden, Jesu Christo meinem Erlser, der heiligen
Jungfrau und allen lieben Engeln und Heiligen und Ihnen, Priester an Gottes
Statt, was ich seit meiner letzten Beichte gesndiget habe!
    Die Knieende spricht aber diese Formel nicht ...
    Eine Ahnung ergreift Bonaventura ... Kaum kann er das Wort der Ermuthigung
finden, das ihm sonst so gelufig ist:
    Unser Herr Jesus Christus sei in deinem Herzen und auf deinen Lippen, damit
du alle deine Snden recht beichtest. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des
Heiligen Geistes! ...
    Die Beichtende beginnt nicht ...
    Er wendet sich, ihr Auge zu sehen ...
    Ein Strahl desselben trifft ihn und die in ihm selbst fortdauernde, wenn
auch nicht eingestandene Spannung auf Lucinden gibt ihm die vollkommene
Befhigung, die Scene zu verstehen, die ihn aufs tiefste erschrecken mute ...
Sechs Wochen einer knstlichen Vernichtung ihrer selbst, sechs Wochen des
Schmerzes, der Sehnsucht, der Erwartung hatten Lucinden in einen Zustand
versetzt, der sich vergleichen lt mit der Ansammlung atmosphrischer
Niederschlge, die durch pltzliches Hinzutreten reiner Luft sich in Feuer
verwandeln mssen ... Nur da fr sie diese pltzliche Erlsung, dies endliche
Anredendrfen und Alleinseinknnen mit dem, den sie zuerst, einzig, allein
geliebt und den sie mit ihrem ganzen Leben liebte, den Herzenskrampf in
convulsivisches Weinen verwandelte. So erliegt die hrteste Natur dem
allgemeinen Gesetz. Dann gibt es keinen freien Willen mehr. Irgendwie mu sich
die Ueberanspannung der Seelenkrfte helfen. Sie knnen entbehren bis zum
Aeuersten; tritt dann sogar die Erfllung ein, gerade dann erst recht bricht
die Kraft ... Lucinde war selbst in Verzweiflung ber das, was ihr geschah. Sie
hatte keine Scene beabsichtigt. Sie hatte eine Reihe von Snden, Falschheit,
Heuchelei beichten wollen, wollte sich mit keiner Tugend schmcken, wollte nur
auf der ganzen Hhe ihres bisherigen Lebens schweben, den Augenblick in voller
Seligkeit genieen, dem Mann ihrer Anbetung so nahe zu sein - da weinte sie wie
ber zwanzig Jahre eines verfehlten Lebens und gab den nachzuzahlenden Tribut an
die vielen Gelegenheiten, wo ber das Schmerzlichste ihre Augen trocken
geblieben waren.
    Vorgnge dieser Art sind im Beichtstuhl nichts Seltenes ... Bonaventura,
tieferschttert, durfte Lucinden Zeit lassen, sich zu sammeln ... Sah er auch
wol, da sich allmhlich schon andere, die an sein Ohr zu kommen begehrten,
eingefunden hatten, er bedurfte selbst der Sammlung.
    Endlich sprach er:
    Rufen Sie den Helfer an, von dem Sie ja wissen, da wir auf dem Wege zur
Bue vorzugsweise zu ihm zu beten haben, den Heiligen Geist!
    Keine Antwort ...
    Lucindens Schluchzen war jenes, das wir alle an uns kennen, ein
Weinenmssen, wo wir sogar selbst sagen: Welche Thorheit ist das nun von dir!
Und wir knnen doch nicht anders.
    Wann haben Sie zum letzten mal gebeichtet? fragte Bonaventura mit Milde ...
    Nur Thrnen antworteten ...
    Welcher Snde zeihen Sie sich?
    Da er die Frage nach einer Weile wiederholte, war es ihm, als hrte er das
Wort aller! So schnell aber kam es, so erstickt, so entsetzlich aufrichtig fr
sein Ohr, da er eine weitere Gewissenserforschung nicht mehr anzuknpfen wagte.
Auch erhob sich Lucinde. Schlank und hoch, wie sie war, ging sie ohne Segen und
Absolution von dannen. Eine Flucht war es ... Bonaventura sagte sich: Welch ein
Anfang! Was wird da kommen!
    Gewi wurde dieser Theil seiner Seelsorge fr ihn der mhevollste, zehrend
an seiner geistigen und physischen Kraft. Wie blickte er in die Tiefen der
menschlichen Herzen! In Abgrnde, vor denen ihn Schaudern ergriff! Wie nur
allein die Frauen zu ihm redeten! Solche zumal, die sein in der Stola
verborgenes Auge kaum sah, denen er aber schon am Rauschen ihrer Kleider
anhrte, da sie der vornehmen Welt angehrten. Der Duft, der ihrem Haar, ihren
spitzenbesetzten Taschentchern, die sie vor die Augen drckten, entstrmte,
verrieth ihren Stand. Manche dieser Frauen kannte er schon durch dieselbe
Atmosphre, dann denselben Ton des Vortrags, dieselben Vorwrfe, die sie sich
machten, dieselben Allgemeinheiten, die er zurckzuweisen pflegte. Viele kamen
nur, um dagewesen zu sein. Wem er anhrte, da sein Beichtbedrfni nur eine
phrasenhafte Aeuerlichkeit, ein Luxus der Gefhle war, den unterbrach er mit
dem Worte der Schrift: Die Lge aber ist der Leute Verderben.
    Das Schmerzlichste war freilich, das Uebel sehen und es doch trotz alles
Vorbaues nicht im Keime ersticken knnen. Verbrechen hren und nicht anzeigen
drfen! Verbrecher hren und sie nicht einmal ansehen drfen! Ihm war schon in
St.-Wolfgang geschehen, da ihm Bekenntnisse gemacht wurden von einem Knecht,
der ihn selbst bestahl. Den Dieb durfte er nicht entlassen, weil jener daraus
einen Misbrauch des Beichtgeheimnisses htte entnehmen knnen.
    Die Katastrophe des Kirchenfrsten hatte Bonaventura voraussehen mssen und
doch erschtterte sie ihn und schlo eine Weile die zwiespltige Stimmung seines
Innern. Als jngster Domherr, eben eingetreten, hatte er im engern Kapitel noch
keine Stimme. Die Curie bernahm die Regierung des erledigten Kirchenthrons.
Glcklicherweise blieb der Prsident, sein Stiefvater, fern. Immermehr
verblaten bei solchen Aufregungen die Schriftzge des rthselhaften Briefes,
den er wie der Dechant einst empfangen. Anfangs trumte er von ihm, in
schlaflosen Nchten traten ihm die lateinischen Worte in Bildern entgegen, wie
wenn er das Concil von Trient noch einmal versammelt she, noch einmal
mitstimmen mte in Kostnitz, ob Hu und Hieronymus zu verbrennen wren ... Bald
aber lie ihn die Seelsorge, dieser Beruf so voll auerordentlicher Mhen, aber
auch Belohnungen und Erhebungen, die Versuchungen zum Zweifel vergessen.
    Lucinde war nicht wiedergekommen. In der Kirche begegnete er ihr oft; sie
schlug die Augen nieder ... Klingsohr war unmittelbar nach seiner Abreise im
September vom Kirchenfrsten bis auf weiteres unter strengste Klausur gestellt
worden. Als Bonaventura zurckkehrte, bewohnte er noch die Zelle im alten
Profehause der Jesuiten, durfte sie aber nicht verlassen. Rthselhaft blieb ihm
diese fortgesetzte Strenge, ber die er sich bei Michahelles erkundigte und
nichts als ein ausweichendes Achselzucken zur Antwort erhielt. Hatte man von
Lucinden erfahren? Traute man der Selbstbeherrschung des Mnches nicht? War
Neues geschehen? ... Klingsohr schien eine Zeit lang als Gefangener nicht seiner
geistigen Hlfsmittel beraubt. Artikel schrieb er nach wie vor. Jetzt erst
bewunderte Bonaventura in den von ihm grndlicher gelesenen Aufstzen die Kraft
der Darstellung, die nicht immer tuschende Kunst einer Beweisfhrung, die trotz
der tiefsten Demthigung nicht aufhrte die protestantische Welt zu bekmpfen.
Klingsohr klirrte an einer Kette, die er dennoch gelassen trug ... Imponiren
mute ihm etwas, wenn es ihn berzeugen sollte, und war es seine eigene
Zchtigung! ... In jener Zeit schrieb er, wo ihm geistesverwandte norddeutsche
Philosophen anfingen, mit Bewunderung von Asien und Ruland zu sprechen. So tief
ausgehhlt sich in sich selbst fhlend, so in ewiger Verneinung sogleich ohne
alle und jede Liebe selbst fr das, dem man doch selbst verwandt ist, so von
einigen Schwchen seiner eigenen Partei sogleich erkltet, bedurften sie eines
Ersatzes fr die sie umgebende Schemenwelt. Sie bewunderten die Kosacken. Sie
begannen das Naturwchsige zu preisen in jeder Form, wenn es nur nicht Fleisch
war vom eigenen Fleisch, Bein vom eigenen Bein, zuletzt nichts, was die Signatur
der Bildung trug ... Einem Besuch, den Bonaventura beim Pater Sebastus machen
wollte, stellten sich Hindernisse in den Weg und auch das einst so lebhaft
empfundene Bedrfni des Mnches, gerade ihm zu beichten, schien vor vielleicht
neuerwachtem Hochmuth zurckgetreten ... Zwei Seelen wohnten in dieser
widerspruchsvollen Brust, von denen die eine sich ewig von der andern zu trennen
suchte. Oder hatte Klingsohr von Lucindens Schwrmerei fr den milden
Vershner, wie er ihn genannt, gehrt? ... Bonaventura harrte vergebens.
Aufdrngen mochte er sich nicht. Kein Lebenszeichen kam aus dem alten
Profehause. Nach der Gefangennehmung des Kirchenfrsten verstummten eine Zeit
lang auch die Artikel des Paters. Die Haft, die jetzt htte durch die gebrochene
Macht des Kirchenfrsten aufgehoben sein knnen, wurde nun erst recht von der
Regierung gegen den Agitator mit der zweischneidigen Feder besttigt, ja
verschrft. Bonaventura bat Benno, sich nach dem Schicksal des Paters zu
erkundigen. Nach dem, was dieser in Erfahrung brachte, lie sich annehmen, da
der Mnch in Untersuchung war und vielleicht schon in sein Kloster zurck. Da
aber tauchten vor kurzem wieder neue Artikel von ihm auf in dem in diese Stadt
verlegten, von der Regierung aufs strengste berwachten Kirchenboten. Es war
eine Reihe von fortlaufenden religisen Betrachtungen unter dem Titel:
Stufenbriefe vom Kalvarienberge des Lebens.
    Durch den Beichtstuhl trat Bonaventura in die innersten Lebensbezge auch
solcher Bewohner dieser Stadt, die vielleicht fr uns Interesse haben. Nicht da
wir die Wirthin Zum goldenen Lamm belauschen mchten, die gleichfalls nicht
umhin konnte, den schnen jungen neuen Domherrn mit ihrem bisherigen
Beichtvater auf einige Zeit zu vertauschen. Selbst die Snden, die Eva und
Apollonia Schnuphase zu bekennen den tiefinnerlichsten Drang fhlten,
verschweigen wir (das Beichtsiegel ist unlsbar, aber im Reiche der Dichtkunst
gibt es keine Geheimnisse) ... Eher wrden wir Walpurgis Kattendyk belauschen
mgen, die sich frmlich - ausdampfte in ihren Snden, wenn sie an das Ohr des
jungen Domherrn gelangte, dem zu Liebe sie den Kanonikus Taube um Schlaf und
Appetit brachte. Auch ihre Tochter, die Frau Procurator Nck, fehlte nicht und
jedesmal kam diese in anderer Toilette; sie bekannte jeden Versto gegen die
Fastenordnung, den sie sich hatte zu Schulden kommen lassen, nie aber eine
tiefer gehende Herzens- und Nierenprfung, nie den leisesten Schimmer ihrer
Eitelkeit und Verschwendung ... Johanna vollends, ihre Schwester, war so fromm,
da sie fr Zahnweh, das sie befiel, Messen bestellte; aber in ihr Inneres mute
erst der Beichtspiegel greifen, dies sicher gehende Brecheisen der
Verstockung, das ihr die Fragen vorhielt: Warst du nicht hoffrtig? Warst du
auch mildthtig? Bist du vershnlich, liebevoll, nachsichtig? ... Alle lieen
sich von dem jungen, im edelsten Eifer sich hinopfernden Priester den
bekanntlich so schmalen und engen Weg deutlich zeigen, von dem geschrieben
steht: Ich bin die Wahrheit und das Leben! und doch lag ihnen ihr Handeln und
Fhlen immer nur auf der breiten Landstrae des Alltglichen. Nicht eine von
ihnen gedachte der Schwester Hendrika anders, als mit bitterster Anklage. Namen
zu nennen verbietet die Beichtordnung. Doch verstand Bonaventura allmhlich
immermehr manche Umschleierung, errieth manche Andeutung und warnte auch hier in
dem Conflict wegen knftiger Religion eines Familienmitgliedes vorlufig, bis
er die Verhltnisse bersah, mit dem Worte des Apostels: Verwirret die Geister
nicht! aus der schnsten Schutzrede der Toleranz, die man bekanntlich (oder
vielmehr leider nicht bekanntlich) in Lessing's Nathan nicht so milde, als im
Briefe Pauli an die Rmer, Kapitel 14 und 15 findet ... Treudchen kam nicht zur
Beichte ... Sie mute schon seit lange zu Cajetan Rother gehen.
    Auf Weihnacht zu nherte sich die bange Prfung der Reise nach Witoborn und
Schlo Westerhof. Der Proce Paula's hatte pltzlich eine fr sie ungnstige
Wendung bekommen. Der oberste Richterspruch konnte, wie Benno schon lange
versicherte, von Nck's Fechterknsten nicht mehr parirt werden ... Benno sah
den Freund oft, doch seltener, als ihnen beiden Bedrfni war. Zu sehr nahm
Bonaventura sein Amt in Anspruch, zu sehr war auch die Gefangennehmung des
Kirchenfrsten ein Ereigni, das auf einige Zeit jedes Urtheil erschreckte und
divergirenden Denkern mehr sich zu vermeiden als zu suchen gebot ... Nck's
Federn rauschten von Morgens bis Abends. Die Mittel gab er an die Hand, die
gegenwrtige Stellvertretung des Kirchenfrsten als eine nicht berechtigte
darzustellen und so die Schwierigkeiten den Neunmal-Weisen noch zu vermehren.
Schon war von einer Gesandtschaft der Stadt und Stnde nach Wien an den
allmchtigen ersten Staatsmann jener Zeit die Rede und leicht htte Benno zu der
Ehre kommen knnen, sie zu begleiten; wenigstens sprach ihm Nck davon ... Und
als Armgart's Mutter in der Nhe und in der Stadt selbst auftauchte, da
entdeckte denn auch Bonaventura, was in Benno's Innern ber alles in der Welt
die Oberhand behielt, Armgart's liebliches Bild ... Nun war wieder Armgart's
nahe Beziehung zu Paula eher ein Hinderni der vertraulichen Ergieung, als eine
Frderung.
    Eines der schwersten Aemter seines Berufs wurde dem jungen Domherrn
aufgebrdet, als er eines Tags die Anzeige erhielt, da der Mrder der Schwester
der Frau von Glpen zu einer letzten Beichte ber sein ganzes Leben ihn gewhlt
htte.
    Wie kam Jodocus Hammaker zu dieser Wahl? Zum Richtplatz begleitete ihn der
Seelsorger des Gefangenenhauses; aber dieser letzte Beistand schlo nicht aus,
da sein Beichtvater ein anderer war.
    Warum whlte er Bonaventura von Asselyn? Er hatte ihm wie Benno als
Entlastungszeuge beistehen sollen fr sein Alibi in der Abendstunde, in welcher
der Mord geschehen war ... Da aber hatte schon das Blut an seinen Hnden geklebt
und in dem einsamen Hause am Stromesufer hatte er seinen Raub bei ihm bekannten
Hehlern geborgen ...
    Benno mute fr Hammaker's Besuche bei der Ermordeten gegen ihn zeugen, wie
er gleich anfangs gewollt hatte. An dem Tage, wo Nck beim Plaidiren dem alten
Freunde die Prise verweigerte, sa Bonaventura als Zuschauer der
Gerichtsverhandlung, lauschend den Worten, die Benno sprechen mute. Der
Verbrecher, kokett bis zur letzten Stunde, sah die groe Ehrfurcht der Menge vor
dem Priester ... So fiel ihm bei: Dem willst du dein letztes Testament
bergeben! Dem, der ohnehin der Schwester deines Opfers so nahe steht! ...
    Die Verbrechen, die er zu enthllen hatte, gehrten den reservirten Fllen
an, die vom hchsten Sitz der Kirchenprovinz diesem allein zu hren vorbehalten
sind und deren Anhrung an einen untern Geistlichen nur durch besondere
Vollmacht berlassen wird. Benno hatte eine Ahnung, Nck, als Hammaker's
Vertheidiger, wrde Miene machen, diese an Bonaventura zu ertheilende Vollmacht
zu hintertreiben, er wrde die Competenz der gegenwrtigen kirchlichen
Oberbehrde zu solchen Vollmachten bestreiten, wrde erklren, da das ganze
Land im Augenblicke gar keine kirchliche Regel bese. Doch gab sich Nck
zufrieden, in des Delinquenten Verlangen zu willigen, selbst auf Gefahr hin, da
die teuflische Seele gegen ihn undankbar blieb bis zum letzten Lebenshauche ...
Wie bereute er, ihm den Griff in seine Dose abgeschlagen zu haben! Er, der doch
oft im Volkston plaidirte; er, der das Publikum durch seine schlagenden Witze
und Spe bei den ernstesten Dingen belustigte!
    Eines Morgens nach der Messe machte sich Bonaventura zu dieser schweren
Pflicht auf. Er fuhr in einem Wagen im vollen Ornat seiner Wrde. Als er in eine
enge Gasse einlenkte und zu den Eisenstben der Fenster eines alten Gebudes
aufsah, berfiel ihn ein Grauen ... In diesen dunkeln Mauern verhallten schon so
viele Wuthausbrche der Verzweiflung, so viele Seufzer der bittersten Reue. Hier
saen einst auch jene Verbrecherbanden, die die Lnder zwischen der Maas, Mosel,
bis zum Main und zum Neckar hinunter unsicher machten, unmittelbar in den
folgenden Zeiten, als Schiller das Ruberleben auf der Bhne poetisch verklrt
hatte. Diese Roller und Schweizer hatten aber wirklich Schufterle, keinen Karl
Moor an der Spitze und doch auch manche krftige und bessere Natur, die im
Sinnenleben und durch schlechtes Beispiel zu Grunde ging. Diese Picard, diese
Bosbeck haben die Annalen der Verbrechergeschichte aufgezeichnet, wilde,
grausame, verwegene Menschen, der Mehrzahl nach Juden, die die angeborene List
ihres Stammes mit einem altbiblischen Muthe verbanden. Immer durch die Schrecken
der Revolution hindurch, sengten, plnderten und mordeten diese Menschen in
Genossenschaften zu halben Hunderten und ber fast ganz Holland und Deutschland
hinweg waren ihre Hehler ausgebreitet, ja so weit, da in fernen Gegenden selbst
die Wchter der Ordnung, selbst die Bttel und Hscher ihre eigenen Angestellten
waren. Wie sich Napoleon's Herrschaft befestigte, gelang allmhlich die
Unterdrckung. Ihrer zwanzig bis dreiig bestiegen oft an einem Tage die
Guillotine. Die Kinder gab man unter andern Namen hierhin und dorthin; in
Holland schickt man die meisten nach Java ...
    Einmal erst hatte Bonaventura Nck bei seinem Vetter gesehen, dann vor
Gericht. Heute begrte er ihn beim Verlassen des Domes, beim Einsteigen in den
Wagen ... Dann mute er ihm nachgefahren sein; denn Nck stand auch am
Wagenschlag, als er ausstieg ... es sprach eine wahre Todesfurcht aus dem sonst
so furchtlosen Manne ...
    Bonaventura, geleitet von dem Gefngniwrter, einer Wache und dem
gewhnlichen Seelsorger der Gefangenen, einem Kaplan, trat in das finstere
Gebude, stieg eine schmale steinerne Wendeltreppe empor, hrte die Schlsser
fallen, die Riegel klirren und weichen und stand in einer fast dunkeln Zelle vor
einer von einer Pritsche sich aufrichtenden Gestalt, deren linker Fu durch eine
Kette an die Mauer befestigt war.
    Grauenvoller Gegensatz! Dieser heutige Morgengru und jener abendliche vor
vier Monaten ... es war als huschte die Fledermaus hin wie damals, als er und
Benno so spt noch am Ufer saen und den im Mondlicht fischenden Knaben zusahen.
Dann - das Aufhngen des Procurators, seines Vertheidigers, der in einiger
Entfernung sogar dem Hinaufsteigenden noch gefolgt war! Jene Mittheilung
Benno's! Was konnte hier noch enthllt, was von der Seele abgewlzt werden und
zu welchem Nutzen?
    Die Thren blieben offen ... die Begleiter verharrten auf den vordern Gngen
... Einmal hrte man noch das Gerusch des Holzzulegens in dem kleinen eisernen
Ofen der Gefngnizelle, einem sogenannten Hund, der von auen geheizt wurde
... Dann war alles still ... Bonaventura setzte sich und der Verbrecher kniete
vor ihm nieder ...
    Wie ein bser, ngstlicher Traum war alles das ... ein Traum, an dessen
Wirklichkeit der Priester nicht glauben mochte! Und doch sa er selbst da im
weien reinen Gewande der Unschuld, ernst das Haupt senkend, und vor ihm lag
eine verfallene Gestalt im grauen Kittel, mit welken, schlaffen Zgen, kahlem
Schdel, entkleidet aller Hlfsmittel, Kraft und Unbefangenheit zu lgen, die
Hnde abgemagert, das Auge wei, so unheimlich, als knnte noch jeden Augenblick
eine ruchlose That in diesem verworfenen Leben lauern, einem Leben, das nach
raschem Instanzengang und abgeschlagener Majesttsgnade in einigen Tagen enden
sollte.
    Nach den ersten mit klopfendem Herzen gesprochenen Gebeten und Ermahnungen,
der Gnade Gottes zu vertrauen, gab Hammaker ein Bild seiner Jugend. Er wollte,
da die Welt von ihm erfuhr, er htte grndlich und fromm gebeichtet. Er wollte,
da sie ihm Theilnahme schenkte, selbst auf dem Richtplatz. So erlie er dem
Hrer nichts von dem, was in den verstecktesten Winkeln seines Innern lebte.
Aller Hohn, alle Verwnschung wird schweigen, dachte er, wenn man erfhrt, wie
du dich unterworfen! Mit tonloser, weicher Stimme hauchte der Unselige die Worte
hin:
    Von meinen Aeltern, die spter zurckkamen und nichts behielten, als ein
Witwenhuschen fr meine arme Mutter, eine Frau von nahe achtzig Jahren, bin ich
gut erzogen und studirte die Rechte mit nur zu vielem Beruf dafr. Ich drehte
den Spie um und sagte: Summa injuria summum jus: wo du alles gegen dich hast,
gerade da sei dein Spiel! Meine Devise wurde das erst aus Uebermuth, dann aus
Noth; wild lebte ich und hatte Bedrfnisse, die Geld kosteten. Schon damals
bekam ich einen so beln Ruf, da mir die Niederlassung als Anwalt nur
versuchsweise auf dem Lande gestattet wurde. In den Sieben Bergen da drben
wohnt' ich ... am liebsten aber war ich hier in der Stadt und nun mut' ich Geld
machen. Htten die Bauern mich todt geschlagen! Um eine Person, die sich an mich
hing, hatt' ich zwei Termine versumt, drber einen Proce verloren; - erst
spter kam's heraus; der Bauer, dem die Sache Geld gekostet, wollte mich todt
schlagen. Es wre besser gewesen ...
    Schon jetzt verlie den Sprecher die Kraft. Die Reue lt sich nicht
vergebens ffen. Sie bermannt den Heuchler wider Willen ...
    Bonaventura bersah vollkommen diesen Zustand, wie er sich auch sofort beim
Eintritt von der geringen Bufertigkeit des Verbrechers berzeugt hatte. Er
faltete gelassen die Hnde und betete, nicht etwa um Vergebung und mit
ermunternder Zuversicht auf Gottes Gnade, sondern um Bewahrung eines reinen
Sinnes und Schutz vor Heuchelei ...
    Hammaker fhlte, da er in seinem begonnenen Tone nicht fortkommen wrde ...
Er folgte der Weisung des Priesters, sich zu erheben und auf der Pritsche Platz
zu nehmen ... Die Kette rasselte an seinem Fue ... er sank mehr nieder, als er
sich setzte ...
    Einmal, begann er aufs neue - und in dieser Stille klangen die Worte hohl
wie aus dem Grabe - einmal kam ich an einen Weg, wo ich htte umkehren knnen!
Es war durch einen Mnch, der an meinem unseligen Leben nur zu verhngnivoll
zum Rcher fr alles Unterlassene wurde ...
    Rcher - ein Mnch? warf Bonaventura mit Vorwurf ein ...
    Wrden Sie diesen Bruder Hubertus kennen, hochwrdiger Priester, Sie
gestatteten mir dieses Wort!
    Bonaventura hrte den Namen, den er aus der Verhandlung zwischen Sebastus
und dem Kirchenfrsten schon als den Bruder Abtdter kannte. Dieser Name war
in den Verhandlungen vor den Assisen oft genannt worden. Es war der Erbe der
ermordeten Hauptmnnin ...
    Ich verlor meine Stelle auf dem Lande, zog in die Stadt und arbeitete bei
meinem Freunde - meinem Vertheidiger. Nck hatte mit mir studirt. Er schlug
einen andern Weg ein als ich. Aber auch ihn lockte der Sirenensang der Freude -
    Sprechen Sie von sich selbst! unterbrach Bonaventura den Verbrecher, der mit
Gefallen diese Worte betonte ...
    Dieser Teufel, sagte sich Nck drauen, opfert mich - um eine Prise! ...
    Der Verbrecher knpfte die graue Jacke, die er trug, fester zu, als frre
ihn ... Das Geburtsfieber war es, das er sich in diesem Ernste bei der
Verstockung seines Gemths nicht mglich gedacht hatte ... Eine Weile zitterte
er sich aus ... nach dem Schauder gewann er neue Kraft.
    Ich arbeitete bei ihm, lenkte er ein, und erhielt einen Auftrag, in eine
sddeutsche Stadt zu reisen zur Regulirung einer Streitfrage ber geistliche
Gter. Ein Mnch war bei Nck, der dieselbe Reise zu machen hatte und dem er
mich zum Begleiter gab. Wir reisten zusammen. Vierzehn Tage, die ich mit ihm
zubrachte, sind mir unvergelich - der Bruder sprach nicht viel, a und trank
wenig. Ein Laienbruder der Franciscaner war es, er hatte Reisen gemacht, war in
Indien gewesen und ein Sonderling. Aus dem Kloster Himmelpfort bei Witoborn
hatte man ihn entsendet, um in einem sddeutschen Convicte eine Heilung zu
versuchen mit dem Rector desselben, einem Pater Fulgentius. Dieser Unglckliche
hatte die Gewohnheit -
    Sprechen Sie von sich! unterbrach Bonaventura aufs neue ...
    Ich wollte nur sagen, was ein gutes Beispiel thut, ehe ich bei Nck -
    Warum behielten Sie das Vorbild der Strenge, der Selbstkasteiung, der
Entbehrung nicht stets vor Augen?
    Gerade das wurde die Ursache meines Falls ...
    Bruder Hubertus?
    Eine Handlung von ihm, deren Zeuge ich durch Zufall wurde! erzhlte Hammaker
mit einer Art von Behagen. Schon einigemal hatte ich den Bruder in das Convict
begleitet, in welchem er einen Auftrag zu erfllen hatte, von dem ich nichts
erfuhr. Da ich regelmig die Aufregung bemerkte, so oft der Bruder kam, verfiel
ich auf diese und jene Vermuthung. Keine derselben war so geheimnivoll, wie mir
die sptere Entdeckung zeigte. Es hie, da der Bruder bald in sein Kloster
zurckkehren wrde. Eines Abends sah ich ihn, wie so oft, ins Convict eintreten,
wo er nicht wohnte. Ich folgte; der Thrhter kannte mich und hatte kein Arg. In
den Gngen der untern Klassen war alles wie sonst. Oben aber war es einsam. Dann
hrt' ich fernhin ein eilendes Rennen und Laufen, der Thr zu, wo die Wohnung
des Rectors lag ...
    Ein seltsames Rollen hatte schon einigemal Bonaventura's Aufmerksamkeit
erregt. Ueber der kleinen Zelle ging es wie ein sich ankndigendes Gewitter hin
...
    Es sind Gefangene, erklrte der Verbrecher, als Bonaventura aufblickte, die
an den Fen Kugeln tragen ... Der Boden ist hohl ...
    Wer ihn durchbrechen knnte! lag in dem Blicke, den Hammaker auf die Decke
richtete. Seine eigene Kette lie ihn nicht fnf Schritte von der Mauer sich
entfernen ...
    Ich horchte in die Ferne, fuhr er dann sinnend und zerstreuter fort, und
hrte geheimnivolles Wispern, ja jetzt wie ein Gehen nur auf den Zehen. Im
Kreise von Lehrern und Alumnen stand mein Mnch, hielt alle feierlich zurck,
schritt auf die Thr zu, die ich, hinter eine Treppenlehne zurcktretend, sehen
konnte, da sie querwrts den langen Gang beendete, ffnete und - allen bot sich
der Anblick eines Mannes, der an einem Fensterhaken sich erhngt hatte! Der
Mnch ging unerschrocken auf ihn zu, schnitt mit einem Messer, das er aus der
Tasche zog, den Strick durch, hielt dann in der krftigen Linken den Leichnam
und rief die Fernstehenden nher. In diesem Augenblick wurde ich gestrt und
mute mich entfernen ...
    Bonaventura hatte auf der Lippe die Frage: War der Unglckliche der Pater
Fulgentius? ... Doch unterdrckte er sie.
    Noch am selben Abend, besttigte der Mrder, hie es, da der Rector
gestorben war. Auch die Art seines Todes blieb nicht verschwiegen, man sprach
von Melancholie und ein Arzt von Selbstzerstrungswahn. Ja am Wirthstisch hie
es: Ein Mnch hatte ihn davon heilen sollen. Ich mute Abschied von Hubertus
nehmen und fand ihn in dem Garten des Klosters, wo er eingekehrt war, im
einsamen Wandeln. Rings hohe, graue Mauern, alles still und - fast wie auf einem
Kirchhof. Rcksichtslos frag' ich ihn: Sie sollen ja soviel vermgen, Sie sollen
Hunger und Durst, Frost und Hitze ertragen lehren; konnten Sie denn jenen Mann
nicht auch von seinem Wahne heilen? ... Er erwiderte: Ist da der Tod nicht die
beste Heilung? ... Dabei stand er still und jetzt erst war es mir, als sh' ich
einen Boten des Todes, ein Gerippe. So mager war seine Hand, so hohl seine
Wange, so klanglos seine Stimme. Ich frchtete mich vor ihm und glaubte, schlge
er die braune Kutte auf, wrd' ich ein Skelet sehen. Doch war der Bruder selbst
in Aufregung. Offenbar hatte man von ihm etwas anderes erwartet. Er hatte
heilen, nicht bestatten sollen. Auch verschwieg er das nicht. Nie hatte er zu
mir so viel gesprochen, wie diesmal in dem einsamen Klostergarten, in den er
sich wie geflchtet hatte. Ja, sagte er feierlich, ich hatte verboten, ihn zu
bewachen, ich hatte ihn sein Werk ausfhren, hatte ihn so lange allein gelassen,
bis seine That vollendet war! Denn, Herr - ich horchte hoch auf - der Erhngte
stirbt erst spt! Ich wei das! Ich habe Hunderte erhngen sehen! Ich habe
Menschen gekannt, die sich einschlossen, um die Wonnen dieses Todes zu haben!
Denn das wissen Sie nicht, erst whlt die Melancholie diesen Tod, und dann,
einmal ins Leben zurckgerufen, tritt eine Besinnung ein, wie auf den seligsten
Opiumrausch! Bilder, Gestalten sind an dem schwindenden Bewutsein
vorbergegangen, die keine menschliche Hand zaubern konnte! Das Seste, was die
Erde kennt, empfindet und trinkt der Gehngte in langen, endlosen Zgen! Die
Scham macht den, an dem man diese Verirrung kennt, einsam irren, aber nichts
kommt dem gleich, was diese Scham wieder aufwiegt und sie ertragen lt! Zur
rechten Zeit von der tdlichen Schnur befreit, langsam zurckkehrend zum
Bewutsein, erhebt man sich wie aus einem Traum, den man ewig trumen mchte!
Der Greis wird wieder jung, die Matrone eine Braut, der Arme schwelgt in
Reichthmern, der Verbrecher ist ein Knig, der Feige ein Held, vor ihm liegt
eine Welt auf den Knieen und bietet sich dar, mit ihm zu sterben! Nie hat man so
gelebt wie in diesem Tode, nie das Paradies so vorausgenossen, so die Schrecken
vergessen, die diese Erde -
    Ein Grauen durchzuckte die Erinnerung des Mrders an das, was ihm so nahe
bevorstand ... Er hatte sich erhoben und fiel betubt zurck.
    Auch Bonaventura hatte sich eine Weile erheben mssen, denn der Anblick der
wilden Erregung des Mannes war entsetzlich. Hammaker, aufgerichtet, starrte
gierig im Kreise umher; die Gewnder des Priesters betrachtete er, als knnte
sich eine Schnur an ihnen befinden, die auch ihm diese Hlfe des sesten Todes
brchte. Er streckte sich aus, als liee sich ein Zipfel am Kleide desselben
ergreifen, zur Schnur winden ... die Kette an seinen Fen fate er und sank wie
ohnmchtig auf sein Lager zurck.
    In der reinen Seele des Priesters wogte ein Feuerstrom. Das ist das
geheimnivolle Rthsel, das Nck und diesen Elenden verbindet! rief es in ihm,
der schon lange immer nur der Erzhlung Benno's gedenken mute von jenem Abend
her. Dieser da hat so seinen Wohlthter verfhrt! Hat so eine Neigung desselben
zur Melancholie ausgebeutet! Hat ihn sicher gemacht in dem Vertrauen zu ihm und
dann ihn Einmal - Einmal nicht wieder ins Leben zurckgerufen! ...
    Alles das stand einen Augenblick klar vor Bonaventura's Augen und doch sagte
sein Herz wieder: Es ist unmglich! So weit kann der menschliche Geist sich
nicht verirren!
    Hammaker kehrte zur Besinnung zurck, krmmte sich wie ein Wurm, zog die
graue Jacke ber der Brust zusammen und fuhr mit stoweisen Zuckungen auf, wie
wenn er von eisigem Schrecken geschttelt wurde ...
    Dann sprach er, als Bonaventura sich gesetzt hatte und das Antlitz, wie der
Beichthrende soll, in einen Zipfel seines Kleides hllte:
    Der Bruder Hubertus sprach: Ich sollte heilen? Zu richten kam ich! Das
Gericht Gottes ist unser, wenn wir seine Gebote gelstert gesehen! Wie durfte
dieser Unglckliche leben, leben in solcher Umgebung!
    Ich sage nicht, da auch er die Wonnen dieses Todes suchte; er suchte den
Tod selbst. Warum ihm die Hlfe versagen! Warum Schonung einer solchen
menschlichen Schwche, die vielleicht Heldenmuth war! Seid mnnlich und seid
stark! spricht der Apostel ... Nun aber, nach dem Preise seiner That, erweichte
sich des Bruders Gemth und er erzhlte mir, wie er von frhester Kindheit an
Gottes Finger sich nahe gefhlt, wie er schon als Kind aus Flammen
hinuntergeworfen wurde drei Stockwerk hoch, wie er sich ganz aus sich selbst
htte zum Menschen machen mssen, wie ihn dann Verrath und Undankbarkeit
verfolgt und so gehetzt htten, da er nothwendig zu Gott oder zum Teufel htte
entfliehen mssen ... Er glaubte, sagte er, auf der richtigen Strae zu sein.
Ein Weib, erzhlte er, ein Weib war die Ursache meines tiefsten Kummers ... Sie,
sie, die ich
    Wer? unterbrach Bonaventura schaudernd ...
    Hammaker schwieg ... Seine Hnde, die die Hauptmnnin erwrgt hatten,
zuckten.
    Ihr Opfer? fragte Bonaventura wiederholt ...
    Wie htte es ihn nicht reizen sollen, etwas aus dem Leben der Schwester der
Frau von Glpen zu erfahren! ... Doch er - war das Gewissen selbst ... Er
bekmpfte seine Neugier und sagte nur:
    Warum zogen Sie nur aus dieser Begegnung mit einem so vielgeprften, wenn
auch vermessenen und Gott strafbar vorgreifenden Manne nicht eine heilsamere
Lehre fr Ihr Leben?
    Die Frauen, das Spiel - die Ehre - O wenn ich -
    Haben Sie sonst eine Handlung, die vorzugsweise noch Ihr Gewissen belastet?
unterbrach Bonaventura die eitle Selbstbeschnigung ...
    Ich log - ich betrog -
    Kein anderes Menschenleben auf Ihrer Seele -?
    Der Mrder schttelte den kahlen, hlichen Kopf ...
    Bonaventura sah die Verstockung und wiederholte seine Frage ...
    Da rief der Gefangene pltzlich und erhob sich wild und klirrte mit seiner
Kette:
    Emollit mores didicisse fideliter artes! Das zu verstehen, sprechen zu
knnen, Bildung besitzen -
    O ffnen Sie Ihr Herz der Reue! unterbrach Bonaventura diesen Ausbruch eines
halb wahren, halb koketten Ehrgeizes. Was Ihnen als einem Studirten auch Gott
sein und als was er Ihnen erscheinen mag, ob als Begriff, ob als Wesen welcher
Art und Gre, und wren Sie Pantheist und suchten den Schpfer in sich selbst,
dem Geschaffenen, Sie wissen, da in unserer Brust eine sichere Wahrheit liegt,
eine unumstliche Gewiheit, der Unterschied von Gut und Bse! Was Sie auch mit
menschlichem Witze wegzuleugnen suchen von den Grenzen, die zwischen beiden
liegen, sie wachsen immer wieder diese Grenzen, wenn Sie sie auch noch so klug
niederrissen. Blicken Sie mit Sehnsucht aus dem Dunkel, in dem Ihre Seele lebt,
in das Licht, das Licht der Unschuld, das Sie sehen, fassen, ahnen knnen, und
nennen Sie dieses Licht - Gott! Sprechen Sie zu ihm: O wr' ich in deinem
Abglanz, umstrahltest du mich, gbst du mir Helle, Wrme, wahren Ruhm und wahre
Ehre! Lassen Sie durch dies reine Licht der Unschuld alle die wandeln, die in
diesem reinen Geiste lebten! Lassen Sie alle hindurchziehen, die Ihre Bildung
kennt: Sokrates, Plato - Einer ist unter ihnen, der am leuchtendsten steht,
Jesus der Gekreuzigte! Mit seinem blutigen Haupte strahlt er und blickt voll
Ernst auch auf Sie! Beten Sie zu dieser vielleicht noch einzigen lichten Stelle
in Ihrem Innern und bekennen Sie beim Blute Ihres Erlsers, der allen Sndern
Gnade vor Gott verhie, Ihr ganzes Elend und was etwa sonst noch vor Gott und
Menschen Sie belastet!
    Hammaker faltete die Hnde, aber schlaff hingen sie und der Ausdruck seiner
Miene war der, als wollte er sagen: Was hilft mir das alles? Der grausige Tod
ist und bleibt gewi! Was ist eine Reue, die von einem Willen kommt, der nicht
mehr sndigen kann! Eine Reue ber die Thorheiten der Jugend - von einem Greise!
    Der Priester berblickte diese Empfindungen und sagte seufzend:
    Nun denn! Ihre einzige gute Stelle ist vielleicht nur noch Ihr Stolz!
Wohlan! Warum trieb Sie dieser zu Ihrer Missethat?
    Zgernd sprach Hammaker:
    Man hat mich beschuldigt -
    Da Sie Ihren Freund, Ihren Wohlthter ermorden wollen! Begingen Sie diese
That?
    Vor den Assisen hatte Hammaker, wie immer: Nein! gesagt. Hier wiederholte er
die gleiche Aussage, fgte aber hinzu: Doch wten Sie das Nhere -
    Wenn es Sie entlastet von dem Verdachte - sprach Bonaventura fast unhrbar
... sonst - lehnte er fast die Belastung auch des Procurators ab -
    Ich handelte - vielleicht - wie der Mnch -
    Unwrdige Vergleichung! wallte Bonaventura auf ...
    Auch Nck suchte den Tod - versicherte Hammaker ...
    Die Wonnen des Todes! Sie verfhrten ihn zu einer Handlung des Wahnsinns!
Sie machten ihn sicher, immer sicherer, bis Sie ihn zuletzt beraubten und morden
wollten ...
    Hochwrdiger Priester! Ja, ich beraubte ihn - Als es aber geschehen war -
that ich, was ich zehn Jahre lang gethan - ich hob die Schlinge aus ihrer Angel.
Freilich - diesmal stieg ich aus dem Fenster - warf das Schlsselbund zurck -
half ihm nicht zum Bewutsein durch kaltes Wasser und das Reiben seiner Schlfe
zurck ... ich entfloh ...
    Als Mrder! Denn Sie durften annehmen, da er diesmal nicht wieder zum Leben
erwachte!
    Der Mrder schwieg ... Es war eine Bejahung.
    Die tckische List seiner Erzhlung stellte nicht ganz die Aufrichtigkeit
aller seiner brigen Gestndnisse in Abrede. Er kam auf seine Bekanntschaft mit
der Hauptmnnin von Buschbeck, auf die Vermittelung ihrer Anliegen wegen ihrer
Gelder, ihren bsen, menschenfeindlichen Sinn, er deutete die Beziehungen dieser
Frau zu dem Krieger, Jger, dann Mnche Hubertus an, Beziehungen, die in
Erfahrung zu bringen Bonaventura wiederholt ablehnte, und berief sich fr seine
letzte That auf das, was bereits vor den Assisen von ihm bekannt war ...
    Der schrillste Nachklang, der durch alle diese Worte hindurchtnte, blieb
die Andeutung ber Dominicus Nck. Sie war eine Rache fr den verweigerten Griff
in die Dose ... Vielleicht auch hatte der Mrder ein Entkommen durch Nck
gehofft, vielleicht Nck durchschaut, der ihn am liebsten fr immer aus der Welt
geschafft sah. Ein noch Lebender, rastlos und muthvoll in der Gegenwart wirkend,
lag da nun in seinem tiefsten Lebensgeheimnisse aufgedeckt vor den Augen eines
Priesters, der tglich mit ihm verkehren, tglich harmlos und scheinbar
unbefangen mit ihm sprechen konnte, auch so nur mit ihm sprechen durfte! ... Das
sind Brden! sprach es in Bonaventura's Innerstem ...
    Zwar wandte er noch die ganze Kraft seiner Beredsamkeit an, die Stunde, die
er an diesem dstern Orte verweilt hatte, zu einer fr den Bewohner desselben
heilsamen zu machen ... Um den Segen Gottes fr den Unglcklichen betete er,
wnschte ihm Muth fr seine letzte Stunde und war im Begriff, mit den Fragen:
Haben Sie mir keinen weitern Auftrag auszurichten? An Ihre Mutter? An sonst
Zurckbleibende? eine heilige Handlung abzuschlieen, die ihn selbst mehr
erschtterte, als den Verbrecher ...
    Lauernd sprach dieser:
    Ich knnte noch etwas Gutes thun!
    O thun Sie es! Gott wird es Ihnen anrechnen ...
    Es war eine That im Werke ...
    Ein neues Verbrechen?
    Eine Urkunde - die ich - schreiben lie -
    Eine verflschte -!
    Sie sollte bei einer - angelegten Feuersbrunst -
    All ihr Heiligen! rief Bonaventura. Wer ist davon bedroht? Wen kann ich ber
die Gefahr warnen? Ist die Gefahr schon nahe?
    Einen Menschen hatt' ich gewonnen ... einen - der sich verbergen mu ... den
ich nicht nennen kann ...
    Ich will ihn nicht genannt hren, ich will ihn mahnen, ohne da ich ihn
kenne! Durch irgendeine Adresse! Reden Sie! Was kann ich thun, ein solches
Verbrechen zu hindern?
    Hammaker schwieg pltzlich ...
    Bonaventura's Eifer ri ihn zu den Fragen hin:
    Wer ist es, den die falsche Urkunde benachtheiligen soll? Wer hat Sie selbst
zu dieser That berredet? Wer ist der Leiter dieses Complotts? Reden Sie! Reden
Sie! Bei dem Angesichte Gottes, das Sie in wenig Stunden -
    In diesem Augenblick rollten wieder die Kugeln ber der Zelle hin und
vergegenwrtigten Hammakern die dnne Bauart der Decke ... Blitzesschnell
schienen sich die Gedanken des Mrders zu ndern ... Hoffnung belebte seine
Gesichtszge ...
    Bonaventura stand erwartungsvoll, aber vergebens. Hammaker schwieg.
    Reden Sie! donnerte Bonaventura.
    Das Gerusch ber ihnen dauerte fort ...
    Hammaker sprang auf ... Die Kette ri ihn nieder ... Unverwandt starrte er
auf die Decke ...
    Wenn dich doch noch Nck befreite! stand auf seinen verzerrten Gesichtszgen
...
    Reden Sie! wiederholte Bonaventura ...
    Lassen Sie es, sthnte Hammaker, ohne mich - kommt die Sache nicht zur
Ausfhrung ...
    Sie verharren in der Lge! rief Bonaventura. Wer ist gedungen? Wer sind die
Bedrohten? Eine Flschung? Eine Urkunde? Eine Feuersbrunst?
    Hammaker schwieg ...
    Bonaventura versuchte jede Kunst der Ueberredung; vergebens ... Hammaker
sprach nur dumpf:
    Ohne mich kommt nichts zur Ausfhrung! Ich habe bekannt! Es ist - vorber.
Ich kann - in Frieden - sterben ...
    Bonaventura mute tiefseufzend nachgeben. Er betete um die Gnade Gottes und
entfernte sich in einem Zustande, wie ihn die Mrchen erzhlen von Hirten, die
in eine Felsenspalte sahen, die Geister belauschten und fr immer verstummten
...
    Wie schwer trug seine Seele, als er von dannen schritt!
    Auf dem Gange traf er alle, die ihn hinaufbegleitet hatten ... Nck's
Nachkommen wute er nicht und fand ihn auch nicht mehr ...
    Doch am folgenden Morgen klagte sich im Beichtstuhl eine ihm bekannte Stimme
aller Leidenschaften, aller Laster der Erde, aber auch der Verbitterung durch
Unglck und des Menschenhasses an ...
    In ihrem Tone, in einem tief eingeschchterten Aufblick zweier scharfer
Augen lag eine Angst und Beklommenheit, die Bonaventura wieder auf einen
Verbrecher schlieen lieen. Er erkannte die Stimme nicht sogleich.
    Erst nach den Andeutungen von seinem Beruf und einem Hinweis auf so manche
Verschleierung der Wahrheit, die er sich im Processe Hammaker erlaubt hatte,
begriff Bonaventura ... Es war Nck ...
    Entsetzen ergriff ihn ...
    Nck beichtete mancherlei, aber offenbar war er nur gekommen, um zu hren,
wie Bonaventura mit ihm sprechen wrde ...
    Des Priesters mildes Herz fhlte sich gedrungen, Nck's Verzweiflung zu
beruhigen. Er deutete an, da auch fr ihn die Beichte dieselbe Bedeutung htte,
wie sie fr jenen Bischof gehabt haben soll, der, der Sage, nicht Geschichte
nach, sich eher von einem Frsten in die Wellen der Moldau werfen lie, als da
er ein Geheimni verrieth, das er von dessen Gattin unter dem Siegel der Beichte
wute.
    Kein Wunder, da Nck sich mit neuem Lebensmuth erhob und den Beichtstuhl in
einer Stimmung verlie, als knnte er mit seinem einzigen Arme einen der
Riesenpfeiler der Kathedrale ausheben.
    So viel Kraft lag dem Doctor Abadonna in dem magischen Worte: Rom und sein
Glaube.
    Winterlich weie Leichenfelder lagen in Bonaventura's Brust. So de und
schauerlich wehte Schneesturm durch sein Inneres, wie auf der Alpeneinsamkeit,
die der Dechant beim Bericht seines Besuches auf dem St.-Bernhard geschildert
...
    Auch der Morgue des St.-Bernhard mute er gedenken ...
    Muth und Ausdauer sprachen ihm die Stimmen der Augustinerchorherren nicht
mehr so beredsam wie einst.

                                       5.


Eine wie eitle Matrone! sagte sich Bonaventura, als er durch das kleine
Schiebfensterchen seines Beichtstuhls eine graue Locke unter einem Hute
hervorgeglitten auf einem Taschentuche liegend bemerkte.
    Ein Matronenhaar in Locken!
    Dann aber hrte er die klangvolle Anrede und staunte eine Greisin zu finden,
die sich einen so reinen jugendlichen Ton der Rede bewahrt hatte ...
    Nach den ersten geflsterten Anreden und Erwiderungen stellte er die Frage
um die letzte Beichte. Er hrte, da diese in Wien bei dem Beichtvater der
Hospitaliterinnen stattgefunden ...
    Dann sagte die Frau, die er fr eine Matrone hielt, da sie gerade deshalb
zu ihm gekommen wre, weil sie ihn schon einigemal beim Austheilen des heiligen
Abendmahls gesehen und nicht nur die Geduld bewundert htte, mit der er unter
Hunderten beim Ausspenden des Brotes die Worte sprach: Herr, ich bin nicht
werth, da du eingehst unter mein Dach; aber sprich nur ein Wort, so wird meine
arme Seele gesund! sondern wie er jene Worte auch jedem so, als wenn er ihn
persnlich kannte, gesprochen, jedem so, als wenn sie gerade fr ihn bestimmt
wren. Deshalb wage sie, ihn mit sich selbst zu belstigen, frchtend freilich,
da seine Zeit zu gemessen wre ...
    Bonaventura hatte die Absicht, Lob und Sorge um seine Zeit mit einer
Handbewegung abzulehnen. Da blickte er etwas auf und erkannte unter der damals
blichen Form des Hutes mit langgeschweiften Seiten, die die Wangen verdeckten,
ein jugendliches Antlitz und nun in Vergleichung mit den Locken und nach der
Erwhnung Wiens war es nur die Oberstin von Hlleshoven aus Benno's zutreffender
Beschreibung ...
    Noch ehe er vor Ueberraschung mehr als ein ermunterndes und beruhigendes:
Bitte! erwidert hatte, sprach schon die Beichtende:
    Ich bekenne mich zu der Unruhe, in welche die Seele durch Grbeln und Denken
versetzt wird, bekenne mich zum Zweifel an allem, an Gott, dem Erlser, an
Kirche und knftigem Gericht!
    Bonaventura verhllte sich in seine Stola und sprach nach einigem Bedenken
auf dies schmerzlich entschiedene Wort:
    O ihr Heiligen! Sie geben Ihrem Zustand vielleicht viel schneller einen
Namen, als Sie ihn noch ergrndet haben! Sie hatten sich des religisen Lebens
vielleicht nur entwhnt. Pltzlich drngt Sie irgendeine Stimmung zu ihm zurck
und nun erschrecken Sie, nicht mehr alles so zu lieben und zu glauben, wie Sie
in Ihrer Kindheit es liebten und glaubten. Machen Sie doch diese Rckkehr nicht
zu bereilt! Vor der Feuertaufe des Herrn kam die Wassertaufe des Johannes!
Legen Sie sich doch erst Uebungen zum Uebergange auf! Keine Geielung des
Krpers, keine Entbehrung Ihrer Sinne, nur eine gewisse Ascetik des Denkens.
Sehen Sie, gewhnen Sie sich einfach, berall den Finger Gottes zu suchen.
Nehmen Sie nichts mehr, was Ihnen begegnet oder was Sie vom Schicksal anderer,
ja vom Leben der ganzen Welt in Erfahrung bringen, in dem leichten Sinne, der
nur die Erscheinung als solche betrachtet. Streben Sie vielmehr darnach, alle
Erfahrungen, die Sie machen, zu verbinden, ihren geheimen Sinn und Zusammenhang
zu ergrnden, ihrer Folgerichtigkeit nachzuspren und nennen Sie dann das, was
Sie sonst in der Sprache des Denkens Zufall, Ungefhr, Wille, eigene Absicht
nannten, einfach und kurzweg Gott. Wenn Sie diese Begegnung Gottes in kleinen
Dingen stndlich suchten, wrde das Aberglaube werden. Aberglaube kann es sein,
die ganze majesttische Gre Gottes immer auch bei kleinen Leiden und Freuden
sich gegenwrtig zu denken. Aber jenen Futapfen der wandelnden Gottheit
nachgehen, die in Ernstem und Wichtigem liegen, gibt Erhebung. Sie werden
staunen, wo Sie berall diese Schritte abgedrckt finden, wenn Sie nur erst
anfangen, fr alles das, was die Welt gleichsam namenlos hinstellt, gleichsam
mit einem Man einfhrt oder mit einem Es (es wird sich zeigen) oder sonst
mit einer Form der reinen Genge des Menschen an sich selbst, den Herrn der Welt
einzufhren. Versuchen Sie das! Zu einem Gott sich erheben, der auer uns und
unendlich hoch ber uns wohnt, ist allerdings schwer; denn je nher wir ihm da
zu kommen suchen, desto entfernter rckt er. Nehmen Sie also Gott zu Ihrem
steten Begleiter, nur da er einige Schritte vorangeht, nicht immer Ihnen zur
Seite, nehmen Sie ihn zum Erfller aller der Pausen, die Ihnen das Leben lt,
zu der zweiten Person, die in Ihrem Gewissen mit Ihnen redet, zu dem
unsichtbaren Freunde, der in einem dunkeln Zimmer, wo Sie ber irgendein
Vorhaben brten, mit Ihnen Rath hlt! Ist das von Ihnen eine Zeit lang versucht
worden, so werden Sie auch allmhlich wieder anfangen, christglubig und
kirchlich zu denken.
    Es wre also der umgekehrte Weg, den ich frher einschlug, alles, was mir
sonst Gott hie, gerade anders zu nennen! sagte Monika und ihre Gedanken
verweilten einen Augenblick bei der Grfin Erdmuthe, die noch gestern beim
Abschiede gesagt hatte: Der Herr schenkt mir ein gutes Reisewetter, etwas Frost
und gute Wege! Nun aber sprach sie: Meine Zweifel ber Gott werden sich wieder
beruhigen; schwerer die ber die Kirche und ber die Wahrheit des katholischen
Glaubens!
    Bonaventura wallte fast auf mit den Worten:
    Sie sind so arm an Glauben und sind schon whlerisch? Sie hungern und
drsten und bemkeln schon die Speise, die Ihnen gespendet wird? Wahrlich, die
milden Gutthter mssen sich viel gefallen lassen!
    Fast bereute er dann sein hartes Wort und blickte deshalb ein wenig auf.
Gro und voll senkte sich der Strahl zweier dunkelbrauner Augen auf ihn herab,
ein wehmthiger Zug um den Mund milderte einen Anflug von Bitterkeit in schnen,
regelmigen Zgen. Er mute des Obersten gedenken. Er mute sich sagen: Diese
beiden Menschen sind sich so hnlich und fliehen sich!
    Mit sinnendem Ernste, bei dem sich die Augen wieder verkleinerten und die
groen Sterne wie in das tiefste Innere zurckzogen, sprach Monika:
    Ich wei vollkommen, was wir an unserer Religion besitzen! Sie ist kein
Gedanke, der soeben von heute aus dem Haupte eines erleuchteten Geistes sprang.
Sie ist eine ehrwrdige Ueberlieferung, eine groe Weltbegebenheit, aus der wir
entnehmen drfen, was wir fr uns nutzbar machen knnen. Ich werfe es den
Protestanten vor, da sie sich die Brde auch des Ballastes an ihrem
Lebensschiff viel zu leicht gemacht haben. Ist man Christ, so soll man auch die
Geschichte seines Glaubens tragen. Oft hab' ich mir gesagt: An allem, was unsere
Kirche festhlt, ist etwas, was uns irgendwie immer wieder vershnt, wenn wir
dann auch wieder einer zweiten andern Formel nur mit schwerem Herzen gengen.
Dann aber - pltzlich tritt doch ein Widersacher in uns auf, den ich nicht den
Teufel nennen kann. Unser Herz stt pltzlich einen Hlfsschrei aus und lechzt
nach der Natur. Ich habe nie ber diese Dinge so nachgedacht, als seitdem ich
Rechte des Herzens zu haben glaube. Ich bin nicht glcklich vermhlt. Gesetzt,
ich wrde noch einmal lieben knnen, unsere Kirche verbte mir das. Wie soll ich
da nicht an ihrer Gttlichkeit zweifeln!
    Bonaventura blickte bei diesen sicher und fest gesprochenen Worten im Geist
auf seinen eigenen Vater, seine eigene Mutter, jenen, der vielleicht noch lebte
und sich der Welt entzog, nur um dieser eine zweite Ehe zu ermglichen ...
    Diese zartesten Fragen des Beichtstuhls hatte er erst in seiner jetzigen
Wirksamkeit kennen gelernt. Sie kamen auf dem Lande nicht vor. Es gaukelten wol
zu allen Zeiten vor seinen Augen die hundert Flle, die die Vorsicht der
rmischen Casuistik ber die Thatsachen des Ehelebens oft mit einer Nacktheit
und Natrlichkeit aufzhlt und niedergeschrieben hat, die nur aus Herzen kommen
konnte, die sich zum Clibat verpflichten. In allen diesen spanischen und
italienischen Vorwegnahmen der durch die Liebe heraufbeschworenen
Gewissensleiden ist jener wahren Empfindung wenig Rechnung getragen, die aus den
reinsten Tiefen des Herzens stammt. Bonaventura las im Sanchez, im Bellarmin, im
Lambertini die hundert Flle, wo in der dort gebrauchten Sprache Cajus die Rosa
liebt, Rosa den Titius, Thatsachen der Liebe, die das Licht des Tages scheut,
nicht jener, die nicht erwidern will ohne das offene Bekenntni ihrer Neigung
vor der Welt; nicht jener, die der innern Heiligung des Menschen zum Segen
werden kann und die die Kirche zum Fluche macht; nicht jener, die mit Verachtung
solche Licenzen zurckweist, wie sie die Toleranz der Gewissensrthe anrth und
nur mit Gebeten und Almosen gebt wissen will; nicht jener, die nach Neigung
whlen und in der Freiheit, frhere Irrthmer zu berichtigen, vor glubigen
Seelen sogar durch das Beispiel der Patriarchenzeit geheiligt ist; nicht jener,
die uns deshalb nur allein wahrhaft frei macht, weil sie die ewigen und
unwiderleglichen Gesetze der Natur zu Gesetzen der Sitte, der Vernunft und des
gttlichen Willens erhoben hat ...
    Bonaventura's Stocken bengstigte die Beichtende, die es um sich her immer
lebhafter werden hrte ...
    Ich komme wieder! sagte sie, um abzubrechen ...
    Sie sprachen von keinem Bunde, den Sie wirklich schlieen wollen, hielt sie
Bonaventura, sondern nur von der Beunruhigung Ihres Gewissens, wenn Sie ihn
schlieen wollten. Warum begeben Sie Ihr Nachdenken in eine Gefahr, der sich
auszusetzen Sie nichts zwingt?
    Will man denn nicht das, erwiderte Monika, was uns ein Anhalt des Lebens
sein soll, gegen alle und jede Mglichkeit der Anfechtung stark und sicher
sehen?
    Die Gefahr wird an Ihnen vorbergehen!
    Und wenn nun nicht?
    Der Priester mute sich's so natrlich denken, da eine so gestrte Ehe
damit enden konnte, da eine junge, wie er nun hrte, mit Vorzgen des Geistes
ausgestattete Frau noch einmal eine Bewerbung fand, der sie nicht widerstehen
konnte. An Armgart mochte er sie nicht erinnern, da er deren den Aeltern
gegenber durchgefhrte Gesinnung kannte und der Beichtenden nicht verrathen
mochte, da ihre Person ihm kein Geheimni war. So blieb ihm nichts brig, als
die Zweifel, die auch an ihm in diesem Punkte nagten, zu berwinden und das zu
thun, was er in seinem Berufe schon manchmal recht schmerzlich sich mit den
Worten gestand: Wir gleichen den Aerzten, die aus Mangel an Erkenntni und einer
wahren Hlfe dem armen Leidenden Wasser - gefrbt mit einem rothen sen Safte,
verschreiben!
    Ich sehe Sie in dem Zustande, sagte er, den die Schrift den des zerstoenen
Rohres nennt und der Snger des Dies Irae das Cor contritum quasi cinis! Das
Herz zermrbt wie Asche! Bekmpfen Sie Ihre Stimmungen und halten Sie noch
Betrachtungen ber die Kirche davon fern! Fassen Sie die Kirche als ein groes
Ganzes! Da Sie als Kind am Freitage fasteten, was sagte es denn? Es sagte: Ich
gehre einer Gemeinschaft an, die das Vernunftgesetz ber das Naturgesetz
erhoben hat! Da wir der Wildheit die Gesellschaft abrangen, da wir einen Bund
der Gesittung, der Knste, Wissenschaften, der Ordnung, eine Gesellschaft haben,
wo die Tyrannen nicht herrschen, die Ruber, die Mrder schweigen und abseits
treten mssen, wem anders verdanken wir denn das, als der Zhmung unserer
natrlichen Begierden?
    Monika schwieg ... Sie beschlo, dem Vernommenen nachzudenken ... Schon der
bald sanfte, bald strenge Ton hatte sie erhoben ...
    Bonaventura schlo:
    Kehren Sie bald, bald wieder! Absolvo te in nomine patris, filii et spiritus
sancti!
    Er machte das Kreuzeszeichen, zog sein Fenster zu und lehnte sich eine Weile
in seinen Stuhl zurck - tief, tief - unzufrieden mit sich selbst ...
    Aber Ruhe, Kampf der Seele, Sieg gab es da wenig. Die Zahl der Harrenden war
angewachsen. Schon meldete sich's am andern Fenster ...
    Er zog den Vorhang zurck. Er that es mit dem Gefhl: Welch ein Stmper
erscheinst du doch bei wirklichen Leiden! Kannst du dies Holz denn verlassen und
einem Priester begegnen, ohne da ihr beide vor einander die Augen
niederschlagt?
    Schon sprach wieder eine sanfte Stimme die bliche Anrede.
    Auch diese Stimme kam von einem Weibe. Auch sie ertnte aus den Umhllungen
eines zwar nicht schnen, aber jugendlichen Hauptes. Ein kostbarer Pelz lag
dicht am Gitter und berhrte fast sein Beichttuch ...
    Hochwrdiger Vater, ich bin unglcklich! ...
    Der Beichtstuhl, mein Kind, hrt nur das Unglck durch Snden ...
    Ich sndige wider die Gebote der Kirche und doch spricht mein Herz mich
frei!
    Sollte die Versuchung des armen Leviten nicht enden! Bonaventura erklrte
die vernommenen Worte fr einen Widerspruch und wnschte Aufklrung ...
    Ich werde in wenig Wochen Mutter sein! Mein Gatte ist Protestant und ich bin
zweifelhaft, das Kind in meinem Glauben taufen zu lassen!
    Verlangt Ihr Gatte das Gegentheil?
    Er verlangt es nicht! Er verdankt seine Lebensstellung mir, er ist die
Rcksicht selbst! Dennoch schenkt' ich gern unser seit zehn Jahren ersehntes
Kind ganz nur ihm!
    Da thun Sie Unrecht! Sie bringen dem einen das, was er nicht begehrt, das
kann Gromuth sein; aber Sie entziehen es einem andern, der darauf Ansprche
hat; das ist ein Raub!
    Ich bin meinem Gatten Gromuth schuldig, ich bin ihm Genugthuung schuldig!
Und gerade vor meiner Familie, die ihn krnkt, zurcksetzt, sich freut, zwischen
uns eine Trennung zu wissen! Ich fhle, da ich ihm mein Kind schenken mu um
der Liebe willen, um der Liebe ein Zeugni zu geben! Sagen Sie denn auch wie
alle andern Priester, da mein Kind im Jenseits von mir getrennt sein wird?
    Die Schrift sagt: Bei unserm himmlischen Vater gibt es viele Wohnungen.
Vertrauen Sie auf seine Gnade, wenn Sie sich nicht noch anders besinnen und von
Ihrem Gatten zu Ihrer Religionspflicht zurckfhren lassen. Gaben Sie bei Ihrer
Verbindung dem Geistlichen, der Sie traute, kein Versprechen ber Ihre Kinder?
    Man verlangte es damals nicht! Das ist ber zehn Jahre her ...
    ... Die Flle der gemischten Ehen kamen jetzt so oft im Beichtstuhl vor.
Dennoch horchte Bonaventura auf und gedachte der Zerwrfnisse im Kattendyk'schen
Hause, dem Hause, wo Treudchen und Lucinde wohnten ...
    Glauben Sie auch, hochwrdiger Vater, fuhr die zitternde Stimme fort, da
ich nicht die Aussegnung erhalten werde?
    Die Aussegnung einer Wchnerin bei ihrem ersten Kirchgang ist ein Brauch,
kein Sakrament ...
    Nach dem Glauben meiner Mutter und Geschwister werd' ich, wenn ich ohne
Aussegnung sterben sollte, als ruheloser Geist Nachts mit einer Kerze in der
Hand so lange um diese Kathedrale gehen mssen, bis eine andere Lebende sich fr
mich aussegnen lt!
    Bonaventura wurde irre, ob ein solcher Glaube in einem gebildeten Hause
herrschen konnte. Fast an der Anwesenheit der Frau Hendrika Delring zweifelnd,
sagte er:
    Welche Thorheit! Nur frcht' ich, da Sie nach Ihrer Handlungsweise
berhaupt nicht im Schoose unserer Kirche bleiben werden; denn die Gnadenmittel
mssen Ihnen entzogen werden!
    Eine Pause trat ein ...
    Auch Sie sprechen wie Kanonikus Taube! sagte die Stimme ...
    Wir sprechen alle, wie die Mutter Kirche spricht! Sie will keines ihrer
Kinder sich entzogen sehen und ist streng gegen die, die ihrer Liebe ein neues
Kind vorenthalten! Erwgen Sie Ihre knftigen Leiden! Ihr Gatte ist edel; wie
denn wird er von Ihnen ein solches Opfer verlangen!
    Hendrika Delring weinte ...
    Es whrte lange, bis sie sich sammeln konnte ...
    O diese Welt! rief sie pltzlich heftig aus ...
    Warum nur beruhigt Sie der Friede dieses Gottestempels nicht? Warum sprechen
Sie in dieser Aufregung? Erzhlen Sie, was Ihnen begegnete!
    Schon oft, hochwrdiger Vater, wollte ich zu Ihnen kommen! Ich hrte tglich
von Ihrer Weisheit und Gte. Neulich noch, als meine Familie sich um mich
versammelt hatte, ein Marienbild in meinem Zimmer entschleierte und, indessen
alle auf den Knieen lagen, zu ihm ein Gelbde sprach, sie wrden, wenn ich mein
Kind nicht im Glauben des Vaters taufen liee, eine Wallfahrt antreten und in
einem grflichen Hause bei Witoborn, wo geistliche Uebungen gehalten werden,
sechs Wochen lang sich einschlieen und die Exercitien mitmachen, da schon
wollt' ich zu Ihnen kommen - nur warf mich die Verzweiflung aufs Krankenlager.
Meine Mutter behauptete, wenn ich anders handelte, wrd' ich jetzt Gott um die
Erfllung eines Gelbdes betrgen ...
    Das ist eine Thorheit! erwiederte Bonaventura entrstet. Wer lehrte Ihre
Mutter, da Gott unserer Opfer bedarf! Ein Gelbde kann einen Werth fr unsere
Seele haben, aber nur der Heide kauft seinem Gtzen mit einem Gelbde etwas ab.
Eher knnte Ihr Gewissen sich gedrckt fhlen von dem Vorwurf, die religise
Denkungsart der Ihrigen, vollends einer Mutter zu verletzen ...
    Auch mut' ich bittere Thrnen darber weinen und war in meinem Vorsatz
wankend geworden! Ein junges Mdchen, das in meinen Diensten steht, sprach
tglich von diesen Exercitien, an denen sie so gern theilgenommen htte. Das
junge Kind, das ich so lieb habe, vergegenwrtigt mir den Glauben, den ich
immermehr verliere ...
    ... Ist das Treudchen? dachte Bonaventura voll Bangen. Treudchens
Beichtvater war - Cajetan Rother ...
    Leider aber lt der Peiniger meiner Lebensruhe nicht nach! fuhr Hendrika
Delring fort. Es ist mein eigener Bruder! Frher war mein Gatte Fhrer des
Geschfts. Aufrecht gehalten hat er's in schwieriger Zeit. Die Zeit ist nicht
mehr gnstig wie sonst, andere berflgeln den alten Kaufmannsschritt und darauf
fut mein Bruder, um meinen Gatten tglich zu verletzen. Whrend er selbst sich
der sinnlosesten Verschwendung ergibt, wirft er uns die kleinste Ausgabe vor und
schon war unser Entschlu reif, ganz aus dem Geschft auszutreten. Leider ist
meine Mitgift, wie es bei Kaufleuten Sitte, nur klein; meine Einnahme hngt von
dem Ertrag des Geschftes ab. Eine ihr entsprechende grere Summe
herauszuziehen, ist immer mit Schwierigkeiten fr unser ganzes Haus verbunden.
Darum, weil mein Mann von vorn anfangen mte und auch des Salairs fr die
Fhrung des Ganzen zu entbehren htte, bekmpfte ich diesen Schritt, hielt aber
zu meinem Mann und brach mit meiner ganzen Familie. Deshalb auch schenkt' ich
ihm im Geist meine Hoffnung, ohne da der Edle es begehrt. Aber jetzt ist keine
Wahl mehr. Mein Gatte mu weichen. Heute in der ersten Frhe fand eine Scene
statt, die jede Ausshnung unmglich macht. Um das Geringfgigste erhob schon
sonst unser Tyrann einen Streit. Diesmal darber, da er eine Gesellschaft geben
will und zu dem Ende Ansprche macht auf einen Theil meiner Zimmer. Ich
verweigerte sie ihm aus Grnden, die eine Hausfrau haben darf. Nicht um eine
Ladung Waaren, nicht um einen Werth von Tausenden begann er jemals einen solchen
Streit, wie jetzt ber diesen Gesellschaftsabend. Mein Gatte kam hinzu. Das
ganze Haus wurde Zeuge eines Auftritts, der nur damit enden konnte, da wir das
Haus und das Geschft fr immer zu rumen erklrten. Mein Gatte wird eine Stelle
suchen, meine Mitgift und ein uns angewiesenes Zehntel vom Reinertrage des
Geschfts reicht vielleicht aus, ihn irgendwo zum Associ zu machen. Wir ziehen
weg von hier und wenn ich dann an seiner Seite lebe - -
    Nun dann, dann - unterbrach Bonaventura das pltzlich stockende Bekenntni,
dann schenken Sie Ihr Kind Ihrer Mutter - Ihr Gatte bedarf dann keinen weitern
Beweis Ihrer Liebe mehr!
    Hendrika schwankte, aber in ihrem Worte: Hochwrdiger Vater, ich zweifle
schon an allem -! lag eine Zustimmung ... Der sanfte Ton des Priesters hatte sie
berwunden ...
    Das sagen Sie doch nicht! unterbrach Bonaventura. Die Liebe ist ja mchtig
in Ihnen! Auch Liebe zu Ihrer andern Mutter, zur Kirche, haben Sie noch! Sie
ringt nur mit der Gott ja gleichfalls wohlgeflligen Liebe zu Ihrem Gatten. So
ist ja ein Ausgang da aus diesem Labyrinth, der Sie vorlufig vor Conflicten mit
der Seelsorge bewahrt! In den Ihnen nun verhngten knftigen Entbehrungen kann
ich nur eine Gnade des Himmels erkennen. Wie glcklich werden Sie sein! Ganz nur
Ihrem Gatten hingegeben! Seine Sorgen, seine Erfolge theilend! Ich will Sie in
mein Gebet einschlieen! ...
    Eine Weile dauerte es, bis Madame Delring weiter sprach ... Sie hatte ihr
Taschentuch an ihr Auge gedrckt ... Mit gebrochener Stimme hauchte sie:
    Und ist es denn wirklich wahr - Und auch Sie, Sie sagen es - mein Kind wrde
im Jenseits -
    Sie vollendete ihre Rede nicht. Denn Bonaventura unterbrach sie:
    Wir haben eben eine so schne Einigung gehabt, eine Einigung, auf die hin
ich Ihnen freudig die Absolution fr Ihre Zweifel ertheile und Sie auf Sonntag
zum Tisch des Herrn lade. Warum kehren Sie zu dem alten Unmuth zurck? Die
Kirche hat den Abfall so vieler Millionen Bekenner erleben mssen, sie hat ihn
zu einer Zeit erlebt, wo in der That ihr Wesen mannichfach entstellt wurde. Mu
sie nun nicht streng sein, die Ihrigen zusammenzuhalten? Darf sie gering denken
von dem, was ihre Lehre ber die Stufenfolge und die Ordnung des Heils
aufgestellt hat? Eine Sprosse daraus weggezogen und das ganze Gebude wankt. Zu
unserer Kirche zu gehren ist nun einmal nach unserer Lehre eine Wohlthat.
Denken Sie doch nur immer an das, was Sie selbst als Kind glcklich gemacht hat,
als Sie die erste Annherung an die Gemeinschaft mit der sichtbaren Vertretung
Ihres Glaubens fhlten! Diese sanften Klnge an einem Palmensonntag, diese
heiligen Schauer des Ostertages, diese Wonnen einer hheren Liebe zu jeder
Stunde des hochheiligen Kirchenjahres - gnnen Sie sie, ich bitte, auch Ihrem
Kinde, dessen Ankunft und weiteren Lebensgang Gott segnen mge!
    Nun ertheilte Bonaventura den Segen. Die Beichtende erhob sich langsam ...
Ein Diener, der in einiger Entfernung gewartet hatte, sprang hinzu und half ihr
beim Aufstehen. Sie ging bis an eines der groen Portale, wo sie ein Wagen
aufnahm.
    Zeit zur Besinnung blieb dem Priester wenig ... Ob er mit sich - zufriedener
war? ...
    Aber da half kein Blick nach innen ... Schon wieder mute er das
entgegengesetzte Fenster ffnen ...
    Ein groer Triumph des Beichtstuhls ist das Herantreten selbst des
Hhergebildeten zum Ohr des Priesters. Grer aber noch mchte man den Triumph
nennen, wenn sich ihm die mnnliche Jugend in jenem Alter naht, wo die
Knabenvorurtheile abgestreift sind und sich sonst der keimende Stolz des Mannes
schmt, sich noch an den Gngelbndern der ersten Erziehung zu zeigen. Ein
junges Ro zerreit alle Strnge, bricht alle Schranken - aber so halbwchsige
Jugendkraft im Beichtstuhl zu erblicken, selbst da sich demthigend, selbst da
sich unterwerfend, das ist eine Glorie der Kirche und des Familienlebens. Alle
Abbildungen, die man von dem knieenden heiligen Aloysius von Gonzaga, einem
frommen, offen gestanden, etwas blde und geistlos blickenden Pagen am Hofe der
bigotten Nachfolger Philipp's II. sieht, bezwecken es, die Liebenswrdigkeit
einer ganz noch in Knabengewohnheit sich haltenden Kirchlichkeit auch dem
reifsten Jnglingsalter einzuprgen.
    Thiebold de Jonge hatte wirklich, wie er an jenem Morgen nach dem Frhkaffee
Benno auf Ehre versichert hatte, neun Jahre lang nicht gebeichtet. Benno wrde
nichts dagegen gehabt haben, wenn von diesem auf Ehre die jhrliche
Osterbeichte ausgenommen gewesen wre; denn diese war, wie damals auch Pastor
Engeltraut in Drusenheim gesagt hatte, eine ganz conventionelle
Sndenabwaschung, der man nicht entrathen kann und die sich bei jedem, der
keine brgerlichen Unannehmlichkeiten erfahren will, innerhalb der katholischen
Kirche von selbst versteht. Aber Thiebold de Jonge war wirklich in neun Jahren
ein completter Heide gewesen. Immer traf es sich, da er zu Ostern irgendwo auf
Reisen war; eine mahnende Mutter lebte nicht mehr; sein Vater war ohne
Vorurtheile und als Knig der Holzhfe, wie er hie, in einer Vorstadt
wohnend, mit der Gesellschaft wenig in Berhrung, ausgenommen bei den
Provinziallandtagen. Die Gelegenheiten, wo junge Leute Beicht- und
Communionzettel brauchen, kamen bei Thiebold nicht vor. Weder brauchte er
Stipendien zum Nachholen seiner etwas vernachlssigten Studien, noch lie er
taufen. Ei, wart' du nur, Kerl, sagte fters sein Vater zu ihm, wenn er die
Verwilderung bemerkte, bis du nur endlich heirathen wirst, dann hrt wol die
Freigeisterei auf! Aber! setzte er hinzu, du wirst wol auch so ein Hans Matz
werden, wie - nun nannte er einige reiche ltere Herren aus der christlichen
Handelssphre, die, wie der Ober-Chochem Moritz Fuld, vorzogen, Garons zu
bleiben. Vor vier Monaten erst, als Thiebold so melancholisch und so versptet
von der drusenheimer Partie zurckkam und einige Tage lang seine besten
Leibgerichte stehen lie, setzte der Vater hinzu: Die Hanne Kattendyk hast du
dir nun auch entgehen lassen! Macht sich so ein hungeriger Professor dran!
Nannette Schmitz ist freilich noch zu jung! Aber Josephine Moppes, Lisette Maus,
Mamsell Effingh und der kleine Schwarzkopf, der mir schon gefallen knnte, Betty
Timpe - sage mir nur, Kerl, warum schleppst du dich mit den Brdern dieser
Mamsells, diesen liederlichen Tagedieben, wenn du nicht reelle Absichten dabei
hast! Von einem adeligen Freifrulein und einer jetzigen Stiftsdame war keine
Rede, weil der Sohn dem Vater mit dergleichen schn angekommen wre, obschon
Thiebold auch hier auf die Lnge keine Schwierigkeit gefunden htte und
berhaupt mit seinem Vater auf mehr als dem Du-Comment kindlicher
Vertraulichkeit stand. Der alte de Jonge lie sich von dem jungen de Jonge
behandeln, als wenn die Rollen umgekehrt wren, er der Sohn und Thiebold der
Alte. Thiebold erzog seinen Alten und der Alte hatte sogar Furcht vor dem
Jungen und bemhte sich ngstlich, ihm zu Dank zu leben. Es war ein Verhltni
wie in der verkehrten Welt, was jedoch nicht ausschlo, da Thiebold mit dem
tiefsten Schmerz ausrufen konnte: Wenn mir 'mal bei Gelegenheit der alte Mann
sterben sollte, wt' ich auf Ehre nicht, wie das fertig bringen!
    Obgleich Thiebold seit vier Monaten sich weder in seiner Toilette
vernachlssigte, noch irgendwie auffallend in seiner Ernhrung zurckging,
drckte ihn doch offenbar Melancholie. Seine Paletots gaben wol die Wintermode
an, er hatte die Krgen und Aufschlge von schwarzem Sammet eingefhrt, die
seinem frischen, gesunden Antlitz und dem gescheitelten krftig blonden Haar das
schnste Relief gaben; aber selbst die Bewunderung, die noch vorgestern Abend
auf der Apostelstrae sein Pelzrock mit Schnren, gefttert mit Marderfell aus
dem nrdlichen Canada - einem eigenen Importartikel - hervorgebracht hatte
(selbst bei Pitern, der so kindlich glckselig sich erging, da er die heute
stattgehabte Mordscene mit Delring schwerlich schon embryonisch in seiner
frchterlich reizbaren Seele trug), selbst diese Bewunderung hinderte nicht,
da ein schon seit lange gehegter elegischer Plan kurz vor seiner Reise nach
Witoborn zur Ausfhrung kam. In seinem Innersten hatte er sich auf etwas
ertappt, was ihn drckte. Es war etwas, das er am wenigsten seinem angebeteten
Freunde Benno von Asselyn und gerade darum dem Domherrn gestehen wollte.
Vorgestern, beim Nachhausegehen von der Austernpartie, als er zwischen ein und
zwei Uhr unter den nchtlichen Sternen nicht enden konnte, von Armgart's Mutter
zu schwrmen und jedesmal Benno, wenn dieser dann auch mit Ekstase anfangen
wollte, mit Allotrien in die Rede fiel, htte er beinahe alle Schleier von
seinem Innern wegfallen lassen. Asselyn! - rief er; aber da war dieser wieder
durch irgendeine ironische Seitenbemerkung unverbesserlicher ausgebrannter
Krater und so blieb eine unwiderstehliche Erleichterung seines Busens in ihm
stecken. Heute in der Frhe zog er seinen canadischen Pelz an, las, um seine
Katechismuszeit aufzufrischen, in einem alten Beichtspiegel, den er aus der
Bibliothek seiner Mutter als Reisegepck nach dem frommen Witoborn mitnehmen
wollte, und beschlo, dem Domherrn eine grndliche Schilderung gewisser
Schlechtigkeiten zu geben mit der Bitte, das Nhere davon Benno mitzutheilen,
damit ihn dieser nicht verkenne, denn - Eines mu der Mensch haben, sagte er
sich, woran er sich vom Thiere unterscheidet, welches nicht mit Vernunft begabt
ist; ja er setzte hinzu: Unter gewissen Umstnden ist das Sakrament der Bue
eine merkwrdige Geschichte! ... Zu den besondern Segnungen des Beichtstuhls
gehren nmlich die sogenannten Restitutionen. Der Beichthrende bernimmt
dann die Ausgleichung einer eingestandenen Schuld, ohne da der davon Betroffene
die Ahnung hat, von wannen ihm diese geheimnivolle Rechtfertigung oder
unerwartete Schadloshaltung gekommen ist ...
    Fr die sogleich zugestandene neunjhrige Unterlassung des Beichtens erhielt
Thiebold Vorwrfe, die er vollkommen in der Ordnung fand. Ja fast htte er
ohnehin zur schnellern Orientirung des hochverehrten Priesters ber die
betreffende Persnlichkeit, die hier in dem schnen canadischen Pelzrock und
mit dem schnsten frisirten Scheitel vor ihm lag, die Ergnzung gegeben:
Schauderhaft, selbst fr jene wunderbare Rettung am Sturz des St.-Moritz fand
ich keine Veranlassung, irgendjemand anderes zu danken, als dem Obersten von
Hlleshoven und einem Ihnen vielleicht persnlich nicht ganz unbekannten
Ehrenmann Namens Hedemann ... Trotz dieser zurckgehaltenen Indiscretionen
mute Bonaventura nach einigen weitern Wechselreden den Freund Benno's sogleich
erkennen. Nicht wenig war er berrascht, als dieser von sich eingestand, da
auch er eine Dame liebte, die er nur leise angedeutet zu haben glaubte durch
offene Nennung ihres Namens Armgart von Hlleshoven.
    Ich liebe ein Mdchen, bekannte Thiebold, von dem ich vor einigen Monaten
erfuhr, da es auch das Ideal eines Freundes von mir ist, fr den ich sonst
mein Leben lasse! Durch eine besondere Verkettung von Umstnden hatten wir
zusammen eine nchtliche Reise zu bestehen, wir drei, die Dame, mein Freund
und ich. Die Gegend war reizend, einsam und wunderschn! Die Nacht mondhell,
die Sterne - nein, es war wirklich prachtvoll und - und - niemand schlief,
die junge Dame ausgenommen, die, von Anstrengungen bermannt, der Natur
ihren Tribut zollte! Mein Freund und ich, wir zwei, verstndigten uns durch
gegenseitiges Schweigen. Merkwrdig aber! Je mehr der Morgen graute, desto
finsterer wurde es! Der Mond verschwand ... Die Berge, die Tannen - reizend;
aber um vier Uhr Morgens stichdunkel! Unsere Begleiterin erwachte! Sie seufzte
und erzhlte ihre Trume, die wir um das feierliche Schweigen zu brechen, ihr
auszulegen versuchten! Aber an den einzelnen Stationen muten wir aussteigen,
um mit den Posthaltern und Postillonen abzurechnen, denn mein Kutscher war mit
meinen Pferden schon auf der ersten Station zurckgeblieben. Rcksichtsvoll und
feierlich, wie wir gestimmt waren, lie einer den andern zuerst wieder
einsteigen, und zerstreut, wie wir gleichfalls gewesen zu sein nicht leugnen
knnen, verwechselten wir unsere Pltze. Da - da fhlt' ich auf einer der
letzten Stationen vor Erreichung der regulren Schnellpost im Dunkel eines
Hohlweges eine zarte Hand in der meinigen ... Die Handschuhe meines Freundes
waren es nicht, obgleich es mir schien, als htte er lngst auf dem Herzen, mir
mit Gefhl zu sagen: Freund, beruhigen Sie sich! Sie sehen wohl, ich bin der
Bevorzugte! Aber nein! Die Handschuhe waren die der jungen Dame. Ein Druck war
es, als wollte sie sagen: O Geliebter, wie dank' ich Ihnen von Herzen! Sie
haben mich zeitlebens zu Ihrer Schuldnerin gemacht! Bleiben Sie mir gut mein
ganzes Leben lang! ... Herr Gott, ich zitterte! Ich wute, da das gar nicht
mein Platz hier war und sie mich fr meinen Freund hielt! Ich erwiderte den
Hndedruck und das mit Beben und mit einer gewissen Schchternheit, woraus sie
noch um so mehr die Berechtigung entnahm, glauben zu drfen, da der von ihr
Beglckte mein Freund und nicht ich war. Die Dame legte sich wieder in ihre Ecke
und entschlief aufs neue. Aber das Gewissen brannte mir. Herr des Himmels, der
Wagen hielt, und nun mut' ich aussteigen, und der Freund, der ein wenig
geschlummert hatte und die Worte des lieblichen Engels berhrte, folgt - und
nun diese beklagenswerthe Verschmitztheit meinerseits! Ich schlug ja vor, die
Pltze wieder zu wechseln! Und dies geschah und der Morgen graute immermehr und
der Postillon blies und das junge Mdchen erwachte aufs neue. Gott, sie
lchelte! Sie lchelte in aller Unschuld. Sie lchelte meinen Freund an, der ihr
nun wirklich gegenbersa! Aber natrlicherweise! Nicht im mindesten machte
dieser Miene, sich an eine Zrtlichkeit zu erinnern, die er nicht genossen
hatte. Um meine Verlegenheit zu vermehren, gab die dankbare Freundin unserer
Herzen nun auch mir die Hand, als wollte sie sagen: Ganz zu kurz kommen sollen
auch Sie nicht, lieber Herr de Jonge! Und dies offenbar viel kltere Benehmen
sah mein Freund nicht ohne Befremden. Schwerlich schrieb er's auf Rechnung
meines Wagens, den er zwar zu loben anfing; aber ich gestehe, da ich schon
damals beschmt war, nicht im mindesten honnet genug gewesen zu sein und
gesagt zu haben: Erlauben Sie, mein Frulein; vorhin - das bin ich auch gewesen!
Kurz, mein armer Freund blieb ohne alle Aufklrung! Ich, ich sonst ein Mensch
von Reellitt, habe aus Liebesglut meinen Betrug verschwiegen bis zum
heutigen Tage und ich mu gestehen, diese Lge entstellt meinen ganzen
Charakter. Denn nicht nur nicht - wie gesagt - sie einzugestehen war alle Tage
Zeit - sondern auch - meine Schlechtigkeiten in diesem Punkte nahmen noch zu
...
    Bonaventura hatte schon oft Gelegenheit gehabt, sich zu berzeugen, da
Benno nicht Unrecht hatte, seinen Freund Thiebold de Jonge einen nrrischen
Kerl zu nennen. Diese so wunderlich stylisirten Gewissensscrupel berraschten
ihn daher nicht im mindesten ...
    Ich kann sagen, ich habe eine so grndliche Abneigung gegen mich selbst
gefat, fuhr Thiebold fort, da ich jede Nacht um einige Stunden meines Schlafes
verkrzt werde. Auch werde ich keine Ruhe finden, ehe es nicht wieder Tag in
meinem Innern wird! Eines mu der Mensch haben, was seine Religion ist und die
Ehrlichkeit, glaub' ich, spielt dabei keine unansehnliche Rolle.
    Welche andere Schlechtigkeiten sind es denn sonst noch, die Sie vorhin
erwhnten? fragte Bonaventura ...
    Die bodenloseste Verstellung! sagte Thiebold und trocknete sich den
Angstschwei von der Stirn. Ich schmeichle nmlich meinem Freunde mit der
stereotypen Versicherung, da die Palme des Sieges nur er allein davontragen
knne. Regelmig aber habe ich davon das absolute Gegentheil im Herzen! Ich
sage ihm: Asselyn - bitte um Entschuldigung! (Fr die unerlaubte Angabe eines
Namens -) Ich sage: Freund, Sie sind der Glcklichste der Sterblichen! Im
Gegentheil aber erwg' ich meine bessern Umstnde, sogar meinen scheinbaren
Adel und hnliche Chancen. Diese vorhabende Reise morgen nach Witoborn ist
z.B. eine solche schlechte Erfindung meiner Doppelzngigkeit! Nicht im
entferntesten liegt fr mich ein Interesse vor, Wlder zu kaufen, die an keinem
schiffbaren Wasser liegen. Nichtsdestoweniger hab' ich dies schlechte Geschft
als eine auerordentliche Conjunctur hingestellt, ja dem Freunde sogar
schmhlicherweise mein Bedauern ausgedrckt, da ich ihm durch meine
Anwesenheit in Witoborn ein lstiger Zeuge sein wrde. Wie gesagt, ich fange
an stndlich ber mich selbst zu stolpern und mich dem schaudervollsten Trbsinn
zu ergeben aus Desperation ber mich selbst! Hochwrdiger Vater! Ich mchte auf
die ehrliche Strae zurck! Es wrde mir dies stellenweise erleichtert werden,
wenn Sie, hochwrdiger Vater, die Gte haben wollten, meinen Freund zu
versichern, Sie wten aus authentischer Quelle, da er geliebt wird. Ich
wrde dann mit einer gewissen Erleichterung neben ihm meinen Platz im Postwagen
einnehmen; denn wir wollen diesmal mit der gewhnlichen Diligence fahren ...
    Mit diesem schwungvollen Schlu endete Thiebold's grndlich einstudirte
Beredsamkeit ...
    Jeder andere, der dieser Flstersprache zugehrt haben wrde, htte sicher
seinem Ohr nicht getraut. Aber ein katholischer Priester hrt dergleichen
Herzensergieungen tglich. Die Neigung, die man bei Schulkindern das
Anbringen nennt, wird durch den Beichtstuhl in Bezug wenigstens des
Anbringens ber sich selbst sogar geschult und erzogen. Und will man ein guter
Erzieher sein, mu man zugestehen, da in dem Anbringen selbst ber andere in
der Schule ein Keim liegt, der etwas Gutes enthlt. Es kann ein Wahrheits- und
Gerechtigkeitstrieb sein, der nichts Unrechtes sehen oder leiden kann. Ein Kind,
dem man das Anbringen unter allen Umstnden verleiden wollte, knnte leicht in
Gefahr gerathen, am Guten irre zu werden; denn immer wird es denken: Ei, das
Bse ist doch dafr da, da es entlarvt und bestraft werde; wie hindert man mich
denn, das Gute herzurichten? Und der Beichtstuhl hrt deshalb mit Geduld alles,
was in ihm angebracht wird. Auch behlflich ist er, die Entdeckungen zu frdern
und das Gute so wieder einzurichten und einzufugen, da die, die es verletzten,
nicht zu sehr dabei blogestellt werden. Er legt Strafe und Zchtigung
vorzugsweise fr die innere Gesinnung auf, bernimmt dann aber frs Praktische
gern, wie wol ein liebender Vater auch thut, das von seinem Kind gestohlene Gut
wieder an den rechten Platz zu legen, ohne da der Thter auf ewig zu Schaden
kommt. Der Beichtstuhl mchte gern auf diese Art die Harmonie des Lebens
ergnzen. Und da die Snden, in allgemeiner Formel ausgedrckt, oft nur
Redensarten sind, so mu er zu dem Ende ausfhrlich die Facta hren, mu wissen,
welche Rubrik in der Moral verletzt wurde und welche Arznei zu whlen ist, ob
eine heroische, erschtternde, ein Taraxakum, oder eine sanfte und lind
auflsende ...
    Thiebold, der sich in dem Augenblick vorkommen mochte, wie der heilige
Aloysius, Thiebold, der als Aufgeklrter nur festhielt an dem, was an seiner
Kirche wirklich gut ist - aufgeklrt und protestantisch lagen fr ihn und
vielleicht auch fr Benno weit, weit auseinander -, traf heute nicht den alten
guten Herrn, bei dem er angeleitet worden war richtig Beicht zu sprechen. Der
Pfarrer von Sancta-Maria an den Holzhfen pflegte in solchen Fllen immer zu
sagen: Geh du man, min ltje Jong (es war ein Friese, wie die Asselyns), dat
schall ik wol maken! Der gute alte Herr arrangirte, was Thiebold von
eingeworfenen Fenstern, Nschereien, sogar schon Schulden (bei vierzehn Jahren!)
ihm eingestanden hatte. Hier aber mute Thiebold erleben, da seine noble
Gesinnung und die authentische Quelle und sein die Gte haben wollten -
nicht den mindesten Anklang fanden ...
    Bonaventura verurtheilte ihn zwar nur zu einigen Aves und einigen Spenden,
sprach ihm aber das Absolvo erst nach folgenden strengen Worten:
    Und knnen Sie mir wirklich zumuthen, da Ich nun auch noch an dem Gewebe
Ihrer Unwahrheiten mit fortspinne? Wollen Sie Ihren Betrug gut machen, den Sie
in dem Wagen bei jener nchtlichen Fahrt gespielt haben, so glaub' ich, da Sie
ihn selbst bekennen mssen. Erleichtern will ich Ihnen diese Beschmung
allerdings dadurch, da ich der Meinung bin, Ihr Gestndni ist zunchst da
anzubringen, wo der Betrug stattfand. Zuerst mssen Sie der jungen Dame, die Sie
nun ja wiedersehen werden, bekennen, da Sie es waren, der den Hndedruck
empfing. Die Tuschung, die Sie begingen, ist freilich eine doppelte. Lassen Sie
aber erst das Gestndni vorangehen, das Sie der Dame selbst zu machen haben,
und sagen Sie dann mir, da ich gleichfalls in der gemeinten Gegend sein werde,
was sie Ihnen erwiderte; vielleicht wnscht sie den Vorfall jetzt lieber ganz
verschwiegen. Soll ihn aber spter Ihr Freund erfahren - und ein wirklich dann
Ihretwegen besorglicher Fall das - so will ich Ihrem guten Willen, Ihrer
Neigung, Ihr Gewissen zu entlasten, vor dem Freunde ein Zeugni geben, das Ihre
Hinterlist nicht zu sehr compromittirt oder wol gar eine Aufkndigung der
Freundschaft zur Folge hat, wenn nicht Schlimmeres, was ich nicht wnschen
mchte; denn Ihre Freundschaft ist dem Freunde schon ein Besitz, den er hat; die
Liebe jenes Mdchens aber bisjetzt etwas noch Zweifelhaftes. Ich mchte nicht,
da er um Freundschaft und Liebe zugleich kommt ...
    Thiebold erhob sich wie angedonnert ... Die Verwickelung wurde immer grer
... Die ganze Freundschaft mit Benno stand auf dem Spiel ... Und - ein
Gestndni seiner offenbaren Heimtcke an Armgart selbst! .. Er sah die
vollkommenste Niederlage, die ihm Bonaventura im Stifte Heiligenkreuz bereitete
... Die Vorwrfe Armgart's hrte er, hrte die offenkundigste Demthigung in dem
khlsten: Sie waren das? das je auf Erden gesprochen wurde - Er wankte nur so
hinaus und litt mehr, als sich schildern lt. Denn seine Bewunderung vor
Benno's Vetter war nicht blos hoch, sondern hchst. Er mute sich gestehen,
unter solchen Gefahren und Verwickelungen htte er sich die Reise nach Witoborn
anzutreten nicht fr mglich gedacht.
    Ruhe, Erwgung, Sammlung waren Bonaventura nicht vergnnt ... Wie gern htte
er sich jetzt trumerisch verloren in Benno's Liebe, in Armgart's Gegenliebe,
die er durch seine Thiebold gegebene Vorschrift prfen, zu vollerem Bewutsein
erheben, zum reichern Schatz fr seinen Freund ansammeln wollte. Er dachte:
Vielleicht kannst du eine dem dunkeln Lebensschicksal deines Freundes pltzlich
aufgebende rosige Beleuchtung in Witoborn ihm selbst ankndigen! ... Aber schon
redete eine andere Stimme ...
    Es war eine heisere. Aber eine weibliche, soweit ein sonderbares Nseln und
stoweises Schluchzen sie unterscheiden lieen - ein Taschentuch mute schon an
allen Enden gewechselt worden sein, so feucht war es von dem Jammer der
Zerknirschung. Eine Nase wurde dem Hrer sichtbar, geschwungen wie der Schnabel
eines Geiers. Drberher ein orangegelber, ganz neuer Atlashut, mit schwarzem
Sammet besetzt und mit Spitzengarnitur. Es war dem Hute und dem Taschentuche und
dem Weinen zufolge eine Dame. Alles Uebrige konnte einem Manne angehren.
    So gewandt wie diese Bonaventura bereits hinlnglich bekannte Seele wute
selten eins die vorgeschriebenen Anreden und Formeln auswendig. Die Frau war
erst vor vierzehn Tagen dagewesen, aber schon wieder war sie der Snden so voll,
da der Beichtvater in sein Examen keine andere Ordnung bringen konnte, als
systematisch nach smmtlichen zehn Geboten. Eine Snderin war es ganz nach dem
Schema eines Beichtspiegels. Bei jedem Paragraphen der Moral hatte sie ihrem
Innern gleichsam ein Eselsohr gemacht. Schon neulich hatte sie unntzerweise
dreizehnmal Gott, siebenmal die Heiligen, siebzehnmal die Nothhelfer angerufen.
Die Terminologie des Beichtstuhls und der Curialstyl der Gnadenzustnde war ihr
so gelufig, da man htte sagen mgen, sie sndigte auf Stempelpapier. Auch
einem Diebe konnte man sie vergleichen, der seine Einbrche schon nach
demjenigen Strafma qualificirt, das gerade ausreicht, ihm nach zwei Jahren
wieder die Freiheit zu verschaffen.
    Dies war eine Frau, die im Entzug des allerheiligsten Sakramentes des Altars
lebte. Sie behielt nur noch den Beichtstuhl offen zur Erweckung eines besseren
Gnadenzustandes. Der junge Domherr war durch vorher nothwendig gewesene
officielle Mittheilung der Sachlage ber eine Frau orientirt worden, die sich
alle vierzehn Tage vor ihm geberdete, als wre ihr durch Vorenthaltung des
heiligen Brotes die notwendigste physische Speisung entzogen.
    Mit solchem Seelenjammer, dem da nun auch ein Priester, ein Mann, der
auerhalb der Ehe leben und dem holden Reiz der Frauen nicht auf sich wirken
lassen darf, sein Ohr leihen mu, htte Bonaventura lieber, wie die Casuisten in
diesem verfnglichen Kapitel, lateinisch gesprochen! Aber schon war er auch von
St.-Wolfgang her gewhnt, da sich die Gewissen nach dieser Seite hin mit
besonderer Vorliebe erleichterten. Sein Vorgnger, Cajetan Rother, hatte den
Drang seiner Beichtkinder, Snden des Fleisches einzugestehen, durch jene
geistige Entbindungskunst, die Sokrates in philosophischen Fragen erfunden,
sogar noch zu beleben gewut. Kein Kind hatte er aus dem Beichtstuhl gehen
lassen, das er nicht auf sein Geheimstes ausgefragt htte. Bonaventura
schauderte anfangs vor den Mittheilungen, die man ihm machte, und bald lie er
vieles, was sich auszuplaudern schon gewohnt war, gar nicht mehr zu Worte
kommen. Aber diese Materie blieb darum doch ein Lieblingsthema der reuigen,
durch Gestndni halb sich schon entschuldigt glaubenden Mittheilung.
Bekenntnisse dann freilich, wie die von dieser Frau heute schon zum sechsten
oder siebenten mal vernommenen, waren ihm noch neu. Diese konnten nur in einer
groen Stadt vorkommen. Sie kamen so gelufig, so formenfest, als wollte nur ein
Gewerbtreibender wie die brgerliche, so hier die himmlische Steuer entrichten,
die ihm fr sein Fach die Berechtigung gab, es wie begonnen so fortzusetzen.
    Welche Strafen sollte nun Bonaventura einer Frau verhngen, die als eine
Gelegenheitsmacherin in Untersuchung gerathen war, auer dem Stande der Gnade
lebte und keineswegs als gebessert betrachtet werden konnte? Einer Frau in
glnzendem Staat, Besitzerin einiger Huser, einer Frau, die in dem Rufe stand,
bei sich Gesellschaften zu dulden, wo schon manches junge Mdchen um Ehre und
Ruf gekommen? Die Polizei und die Kirche kannten Madame Schummel ... Bonaventura
erhielt sie gleichsam als eine geistliche Observatin von seinen Vorgngern
berliefert, als eine Frau, die in einer Art Kirchenbann lebte. Schon beim
ersten Besuche, den sie ihm im Beichtstuhl machen mute, sprach er zu ihr die
Worte des Propheten: Ich will Haufen Leute ber dich bringen, die dich
steinigen und mit ihren Schwertern zerhauen und deine Huser mit Feuer
verbrennen und dir dein Recht thun vor den Augen der Weiber! Aber diese
markdurchschneidenden Worte kamen der Madame Schummel, die wie ein Ber mit der
Geiel nicht stark genug zugehauen bekommen konnte, gerade recht. Da sie ihn
fortwhrend belstigte, nahm sich Bonaventura vor, bei ihren Allgemeinheiten
nicht zu verharren, ihr Reden zu unterbrechen und zu versuchen, ob es nicht auch
in dem Leben solcher Bekennenden Restitutionen geben knnte ...
    Welches ist die letzte Seele, die Sie auf dem Gewissen haben? fragte er sie
heute geradezu.
    Du mein Gott! .. war die auf den Tod erschrockene Antwort ...
    An wessen Seele haben Sie sich zuletzt vergriffen? Gestern? Heute schon?
Sprechen Sie!
    O du mein Gott! ..
    Ich frage!
    Bonaventura's Auge erhob sich so drohend, wie wenn er den vollstndigen
Kirchenbann ber sie verhngen wollte ...
    Frau Schummel verstand die Drohung und fing an zu zittern und sprach:
    Jesus Maria Joseph! Zwei junge Herren haben eine Wette gemacht, - da ein
gewisses junges Mdchen, nicht - nicht - so - nicht so unschuldig sei, wie sie
ausshe ...
    Und Sie? unterbrach der Priester das Gestndni einer Frau, die nun hier
auch knieen durfte an der Sttte, wo eben Unschuld und Sittlichkeit gesprochen!
..
    Ich - ich kann sagen, da ich sie - ich meine das Mdchen - begleitet habe
auf Tritt und Schritt und sie eingeladen, mich zu besuchen - und gewi - gewi
auch wrde sie gekommen sein, wenn nicht ein - ein geistlicher Herr, den ich gut
kenne - es bemerkt und ihr - die Bekanntschaft mit mir verboten htte ...
    Ein - geistlicher Herr? Den ich gut kenne!
    Bonaventura erbebte ... Er sah die Wrmer in der Hostie wieder ... Doch
bekmpfte er sich und gedachte des rmischen Katechismus, der Theil II, 5. 9.
51. befiehlt, der Priester soll darauf achten, da die Snder im Beichtstuhl so
behandelt werden, da sie immer Lust bezeigen, wiederzukommen.
    So denn zwang er sich zur Selbstbeherrschung ...
    Ach, weinte Madame Schummel, meine vornehmen Freunde verderben mich! Da
kommen sie und schmeicheln mir und bieten Geschenke! Tausend Thaler kann ich
haben, wenn ich -
    Dies unglckliche Mdchen zu Falle bringe -?
    Nein, ihre Freundin! Die - die mit ihr in einem Hause wohnt ...
    In einem Hause? ... Bonaventura wute kaum, was ihn pltzlich an Treudchen
Ley und Lucinden zu denken zwang - er wute kaum, was ihm pltzlich die
Besinnung raubte, zwang seine Fragen zu unterbrechen, seinen Entschlu zu helfen
lhmte ...
    Ich Aermste, ich soll alles mglich machen! schluchzte Madame Schummel. Ich
unglckliche Frau ich -
    Sie werden alles versuchen, die Preise zu gewinnen, die sittenlose Mnner
auf diese Verfhrungen stellen! sagte Bonaventura ...
    Nein, da sei Gott fr, hochwrdiger Vater! Die Eine, die Kleine, ei, ich
hre ja, die ist frs Kloster bestimmt ...
    Treudchen! .. Bonaventura wute, wie Treudchen von den Klosterfrauen
gefesselt wurde, wute, wie Treudchen ebenso die Schwester Beate frchtete, wie
sie die Schwester Therese liebte. Treudchen hatte ihm alles das bei einem Besuch
im Kapitelhause, bei ihrer, Renaten angebotenen Hlfe zu seiner neuen
Einrichtung selbst erzhlt ...
    Mit hochklopfendem Herzen fragte er:
    Und die andere -?
    Maria, Knigin der Jungfrauen, lass' mich siegen bei allen Angriffen der
Feinde meines Heiles! Mein heiliger Schutzengel, bitte fr mich und erlange mir
einen groen Abscheu gegen alle Fleischeslste. Und du, Gott der unendlichen
Barmherzigkeit -
    Schweigen Sie! unterbrach Bonaventura die auswendig gelernte und statt der
Antwort auf die scheinbar berhrte Frage vorgetragene Litanei eines
Gebetbuches. Unterlassen Sie jeden Versuch zu diesen fluchwrdigen Freveln und
beten Sie die eben von Ihnen begonnenen Worte drben an den Stufen der heiligen
Afra-Kapelle! ... Er mute sich sagen - sein Amt schrieb es ihm vor - der Glaube
erleuchtete auch die heilige Afra, die ursprnglich ganz auf den Wegen dieser
Frau wandelte, erleuchtete eine Margaretha von Catona, auf welche bis in ihr
einunddreiigstes Jahr gleichfalls jene Worte des Propheten paten, die er zum
ersten Gru zur Frau Schummel gesprochen, und die dennoch eine Berin wurde und
nicht nur in ihrem Grabe mit unverwestem Leichnam liegt, sondern sogar im
Gegentheil, worber sie heilig gesprochen worden ist, einen eigenthmlich
angenehmen Geruch verbreitet ... Und ber Lucindens Lebensgnge zu forschen,
verlie ihn alle Kraft. Auch war Frau Schummel schon verschwunden - ohne
Absolution, wie gewhnlich. Auf das Wort: Heilige Afra, das Bonaventura mit
einer segnenden Handbewegung gesprochen, hatte sie selbst im Knieen geknixt und
erhob sich. Sie hoffte, mit der Zeit ihr erworbenes Vermgen in ungestrter Ruhe
und endlicher Vershnung mit den ffentlichen Thatsachen genieen zu knnen.
    Leichtere Flle kamen dann, die Bonaventura's erschttertem Gemthe Erholung
gestatteten ... Er bereilte nichts ... er lie jedem Zeit, sich auszusprechen
... Einigen, die zu redselig wurden, sagte er mit Sanftmuth, da die bewilligte
Zeit bald vorber wre, sie mchten ein nchstes mal kommen und dafr sorgen,
da sie vom Mener den Vortritt erhielten.
    Soll es denn so sein? rief es wie ein Weheschrei in ihm auf, als dann
endlich drei Stunden vorber waren. Darf es eine Institution geben, die uns der
Snde gegenber nur zu Hrenden macht, nur zu Belauschern dieses bunten,
entsetzlichen Lebens? Soll das Bedrngte nicht sofort Entsatz erhalten von
jedem, der davon nur die leiseste Kunde vernimmt? Soll eine in Erfahrung
gebrachte Wahrheit nicht sofort laut verkndigt, ein Verbrechen durch uns zur
Bestrafung gebracht werden? ...
    Wie viel Hlfeschreie verhallten nun schon so in seiner Brust! ...
    Wozu das alles! seufzte er ... Wozu? Wozu?
    Ein feierliches Hochamt in einem entlegneren Theile des groen Baues hatte
begonnen ... Niemand kam mehr, um an sein Ohr zu gelangen ... Aber noch sa er,
als blutete er aus tausend Wunden ... Ein Erzittern, ein fieberhaftes Frsteln
fhlte er bis tief in sein Allinnerstes ...
    Im Begriff sich jetzt zu erheben, faltete er sein Tuch zusammen. Schon hatte
er den Drcker der Thr in der Hand, um sein enges Gefngni zu verlassen, schon
sah er im Geist gewohntermaen den Mener vor sich, der voll Ehrfurcht und mit
einem nie so reich gewesenen Ertrag von Beichtpfennigen, wie sich jetzt ein
solcher seit der Erhebung dieses gefeierten Priesters zum Domherrn ergab, ihn
empfing und zur Sakristei geleitete ...
    Als er mit einem Fue schon aus dem Beichtstuhl war, bemerkte er, da der
Mener einen Zusptgekommenen, der an der linken Seite des Stuhles knieete,
entfernen wollte ...
    Es war ein Mann aus dem untersten Volke, mit einer Blouse ber dem Rock. Ein
Filzhut bedeckte das nicht sichtbare Antlitz ... nur ein krauses, struppiges,
rthlich blondes Haar sah er. Der Betende schien sich nicht wollen stren zu
lassen ...
    Bonaventura winkte dem Mener und trat in den Stuhl zurck ...
    Mchtig schollen die Klnge des Hochamts, heute sogar, wie oft, begleitet
von einer Instrumentalmusik. Sie wogten durch das hohe Gewlbe und dennoch blieb
in diesem entlegenen, dunkeln Winkel die geflsterte Zwiesprache innerhalb des
Stuhles deutlich vernehmbar.
    Eine heisere, fremdartig betonende Stimme war es, die mit ihm sprach ...
    Bald erkannte er, da sich ihm ein ruheloses Gemth offenbaren wollte ...
    Er erkannte, da er mit einem Verbrecher sprach ...
    Eine Zeit lang hrte er ruhig zu. Der Ton schien von einer nicht gnzlich
verwahrlosten Seele zu kommen, aber auch von einem Gemthe hchster Beschrnkung
... Der Mann sprach von einer unterirdischen Erscheinung, von einem Marienbilde
unter der Erde, das ihm oftmals zurufe: Thue Bue! ... Es htte ihm schon einmal
die Warnung vor einem Manne gegeben, der dann auch richtig neulich htte den
Kopf hergeben mssen ...
    Hammaker? sprach Bonaventura zu sich ...
    Der Mann erzhlte, er wre unter Verbrechern aufgewachsen, htte bitter
gebt, lange Jahre in Frankreich in Kerker und Banden gelebt, sich im Vaterland
etabliren wollen - immer war das Deutsche von franzsischen Worten
unterbrochen - aber neue Verfhrung wre gekommen, selbst das Heiligste htte
ihn nicht zurckgeschreckt - er htte ein Grab erbrochen ...
    Bonaventura bebte auf ...
    Nun erscheine ihm auch, sagte die Stimme, der Todte, den er auf die nackte
Erde geworfen, und fordere von ihm zurck, was er ihm genommen, und doch wre es
nichts gewesen, qu'une bagatelle - Schriften, die er nicht lesen knne ...
    Bonaventura hrte schon nicht mehr ... Die Sinne vergingen ihm ... Bei der
ersten Ahnung, mit einem Verbrecher zu sprechen, hatte er sein Antlitz ganz
verhllt, hatte die ganze, volle Vorschrift der Regel des Beichthrens auf sich
wirken lassen und sich so verborgen, da der Gestndige in seinem Muthe nicht
wankend werden sollte ... Nun diese neue Entdeckung! War das Bickert, der Knecht
aus dem Weien Ro? Der Leichenstrer, den die Hscher seit Monaten suchten?
Bickert, der mehr gefunden im Sarge des alten Mevissen, als Bonaventura dem
Onkel Dechanten vorgelegt? Schriften, die an seinen Vater erinnern konnten -
    Hinauszustrzen aus dem Beichtstuhl, den Verbrecher festzuhalten, Hlfe zu
rufen - das war sofort sein Gedanke - aber - Innocenz und Hildebrand, wie
schultet ihr euere Reisige! Ein katholischer Priester wird erzogen, in der
Beichte von Ravaillac zu hren, da er den Knig von Frankreich ermorden wolle.
Er wird, hnlich wie Pater Cotton, der Jesuit, gethan, auf diesen ihm
vorgelegten Fall antworten: Ich werde den Knig warnen, werde stndlich um ihn
sein, werde den Todessto statt seiner empfangen; aber dem Mrder kann ich nur
seine Snde vorhalten und ihm ins Gewissen reden - seine That gehrt Gott -
seine Person kenn' ich nicht ...
    Die Beichte zu sprechen, nennt die Kirche das schnste und grte Heldenthum
des Menschen. Petrus weinte bittere Thrnen, Magdalena wand sich zu den Fen
des Heilands, Augustinus gestand in seinen Bekenntnissen die Verirrungen seiner
Jugend ... Aber nicht minder gro ist das Heldenthum des Beichthrens...
Christus hrte noch die Beichte eines Mrders, der am Kreuze neben ihm hing,
whrend sein eigenes Leben verschmachtete und der unbufertige Schcher ihn
lsterte ...
    Und dennoch, dennoch ri unsern Freund die kindliche Liebe hin ...
    Unglcklicher! rief er fast in die schmetternden Klnge des Hochamts hinaus.
Was fhrt dich gerade zu mir? Wisse! Ich, ich bin der Pfarrer des Friedhofs
gewesen, den du entweihtest in Sanct-Wolfgang!
    Das rothblonde struppige Haupt erhob sich einen Augenblick und sank, zuckend
unter einem grauen Hute sich verbergend, kraftlos nieder ... Der Sptling hatte
diese Fgung des Zufalls nicht erwartet ...
    Uebersende mir die Schriften, von denen du sprichst! Die Ruhe meines Lebens
hngt von ihnen ab! ... Ach, gewi auch die Ruhe deines Lebens! Weit du doch,
selig sind die Todten, denn sie werden Gott schauen! Vor seinem allwissenden
Antlitz wird der von dir in seinem Grabe Gestrte auch fr deine Seele bitten!
Ist deine Reue eine wahre, ist diese Anfechtung zur Rckkehr in alte Schuld die
letzte gewesen, dann kniee nieder vor der allerseligsten Jungfrau, wenn sie dir
wieder erscheint in den Hhlen, wo du vor dem Arme der Gerechtigkeit dich
verbirgst, bekenne ihr deinen Trieb zur Besserung, und willst du die vollste
Ausshnung mit Gott auch nur einmal, einmal erproben, in dem Genu seines
heiligen Leibes, o, so will ich dir das allerheiligste Sakrament des Altars
nicht entziehen, will dir die Erweckung durch den Mitgenu seines gekreuzigten
Leibes nicht versagen - Oder hast du noch irgendeine andere Schuld auf deiner
Seele -?
    Der Verbrecher athmete schwer und erhob sein Haupt nicht wieder ...
    Es war Bonaventura, als hrte er ein Murmeln: Ich hatte -
    Du hattest? O rede! Du hattest? -
    Ein - ein Engagement -
    Wozu? Zu einer ruchlosen andern That? Sprich! Vertraue mir!
    Ein Feuer -
    Solltest du anlegen? Ha! Eine Urkunde - eine falsche Urkunde in dem Tumulte
irgendwo niederlegen! Wo? Wo? Sprich!
    Es ist vorber -
    Schon geschehen? Ihr Heiligen!
    Nein, Herr, nein! -
    Aber es wird geschehen!
    Nein, Herr, nein -
    Wen soll ich warnen? Rede!
    Der Verbrecher schwieg ...
    Rede!
    Keine Antwort erfolgte ... Der Verbrecher murmelte ein Gebet ...
    Nun denn, sagte Bonaventura nach einer Weile, so sei dir dies Vorhaben
vergeben, wenn es unterbleibt und du es um Jesu willen bereust! Aber auch dies
noch! Mein Name ist Bonaventura von Asselyn! Meine Wohnung im Kapitelhause!
Sende mir die Schriften, die dir nichts ntzen knnen! Nie, nie will ich dich
erkennen! Ich sah dich ja nicht, ich will dich nicht sehen, ich spreche dir
Befreiung deiner Schuld und schliee das Gitter, da du dich ungestrt entfernen
kannst! Beim Tisch des Herrn will ich dich, falls du dein Vorhaben unterlssest
und mir die Schriften schickst, anlcheln wie dein Freund wenn ich dir das Brot
des Lebens reiche! Absolvo te in nomine patris, filli et spiritus sancti! Amen!
    Bonaventura machte das Zeichen des Kreuzes - zog das Fenster zu ... und
erhob sich ...
    Als er sich zitternd entfernte, war niemand mehr gegenwrtig, selbst der
Mener nicht ...
    Das Hochamt tnte fort ...
    Wie eine Geistererscheinung war, was er erlebt hatte ... Er wankte dahin wie
wesenlos ... wie ein Hauch der Lfte ...
    In dem ihn umrauschenden Gewhl des Lebens, unter den sich drngenden
Menschen, die ihm auswichen, hinter dem Mener, der ihn in einiger Entfernung
erwartet hatte und sich ihm anschlo und Platz machte, da er hindurchkonnte zur
Sakristei, war sein Sein das, was nach einem griechischen Dichter wir alle sind,
nicht ein Schatten nur, nur eines Schattens Traum.
    Bei alledem sprach ihm, als er sich umkleidete, sein Gewissen: Hast du dich
nicht von deinem persnlichen Interesse fortreien lassen? Blieb nicht ein
Vorhaben zu wenig eingestanden, das viel wichtiger ist, als jenes Blatt Papier?
... Wickert war ein Bundesgenosse Hammaker's ... Eine Feuersbrunst stand vor
seinen Augen und wollte nicht weichen ...
    Benno holte ihn ab, um ihn in seine Wohnung zu begleiten und von ihm
Abschied zu nehmen ...
    Was mute nicht alles sein Mund verschweigen!
    Er wute nicht, was ihn bestimmte, zu sagen:
    Seid auf Schlo Westerhof nur wachsam! Tag und Nacht haltet doch Obhut! ...
    ... Wie bangte er der Hoffnung entgegen, die Rthsel jenes Sarges von
St.-Wolfgang gelst zu sehen!

                                       6.


Piter's Gesellschaftsabend rckte nher ...
    Eine Aenderung seines Programms durch die mit Delring und seiner Schwester
Hendrika stattgefundene Scene konnte man von ihm nicht verlangen.
    Selbst seine Mutter und seine andern Geschwister waren schon zu weit in den
Zurstungen ihrer Toiletten vorgeschritten, als da eine so bedenkliche und fr
alle daran Betheiligten tief erschtternde Wendung der Dinge, wie Delring's
Austritt aus dem Geschft und die Aufgabe seiner Wohnung im schwiegerlterlichen
Hause, etwas darin htte ndern knnen. Die Commerzienrthin weinte zwar bittere
Thrnen, aber sie htete sich wohl, da eine derselben auf die schweren
silbergrauen Moirestoffe fiel, welche sie tglich zweimal bei ihrer Schneiderin
anpate. Die Equipagen ihres Hauses sowol wie die des Procurators rasselten
durch die Straen mit einer Eile, als knnten pltzlich in der Stadt alle
schinirten Sammete, aller Gros de Naples, alle Stoffe zu Borduren und Blonden
aufgekauft werden.
    Die obern Zimmer blieben von Hendrika Delring fr den Abend verweigert.
Piter hatte dort eine Retraite fr seine Freunde arrangiren wollen, wo sie in
gemthlicher Nonchalance sich gehen lassen konnten; er wollte, das war seine
Idee, hchsten Salon und tiefsten Austernkeller fr jenen Abend vereinigen.
Gesang und geistreiches Gesprch sollte die Cigarre und einen kleinen Ulk
nicht ausschlieen. Die Wendeltreppe eignete sich so prchtig fr diese
gemthliche Mischung! Indessen war dies Arrangement nicht zu ermglichen und
Johanna, seine jngste Schwester, seine lteste, Josephine, die Frau
Oberprocurator, smmtliche Hausfreunde gaben Pitern diesmal unbedingt Recht,
wenn er von einem denn doch kolossalen Eigensinn sprach, und nur seine von ihm
gebrauchten Kraftausdrcke ngstigten sie, besonders vor Frulein Lucinden,
deren hohe Bildung und schchterne Sittsamkeit tglich hier im Hause Redensarten
zu hren bekam, die sie bei soviel Frmmigkeit nicht htte voraussetzen sollen.
    Nur vor Dominicus Nck hatte Piter einige Furcht. Dieser Sonderling war noch
immer im Stande, ihn zuweilen wie einen zehnjhrigen Knaben zu behandeln. Eine
Brgschaft fr den Bestand des Geschfts konnte dem klugen Manne Piter's
Alleinherrschaft nicht erscheinen. Letzterer ahnte das und besorgte Erklrungen,
um so mehr als Nck schon lange ein Gegner dieser projectirten Gesellschaft war.
In Sack und Asche sollten wir gehen, hatte er zu seiner Frau gesagt, und dieser
Mensch thut den Neunmal-Weisen den Gefallen und will illuminiren lassen! ...
Seine Gattin hatte seit lange keine so wortreiche Unterhaltung mit ihm gefhrt.
Sie htte schon um dieser seltenen Vertraulichkeit willen auf ihres Gatten Zorn
ber den dummen Jungen, wie Piter schon eine hbsche Reihe von Jahren bei ihm
hie, eingehen sollen; aber die Hhe ihrer Volants an einer wundervollen
Rosatoilette nahm sie so in Anspruch, da sie nur immer das Rauschen ihres
Eintritts in den Salon hrte und den Moment bedachte, wo sie sich an dem
festlichen Abend zum erstenmal niederlassen wrde, nicht zu nahe am Ofen und
nicht zu dicht unterm Kronenleuchter; denn die Arme litt bei solchen Abenden an
einem krankhaften Echauffement und hatte dann vor Zorn ber sich selbst und den
Schpfer, der sie ins Leben gerufen, schon manchen kostbaren Fcher zerknittert,
dieser Rthe gedenkend, die ihr die Stirn, die Nase und besonders die Ohren mit
einer unheimlichen Ziegelsteinfarbe berzog.
    Die Religion war in der That einige Tage lang im Kattendyk'schen Hause
suspendirt. Piter bekam in allen Punkten Recht, selbst wenn er seine Meinungen
des Tages einigemal wechselte und sich selber widersprach. Auch ein ganz
besonders maliciser Antagonist gegen ihn fehlte glcklicherweise, der
auerordentliche Professor Guido Goldfinger, Johannens Verlobter, der erst zu
dem Gesellschaftsabend selbst ankommen wollte. Dieser junge Mann machte mit
einer glnzenden Heirath sein Glck, war aber fr dies Glck von seinem Vater,
dem Medicinalrath, frmlich erzogen worden. Gerade die Sicherheit seines
Benehmens gab ihm den auerordentlichen Vorsprung bei der Mutter und bei
Johannen. Auf der vielfach angedeuteten Universitt lehrte er
Naturwissenschaften vom rechtglubigen Standpunkte. Er bewies wissenschaftlich,
da es Pflanzen gbe, die die Marterwerkzeuge in ihrem Kelche schon von Anbeginn
ebenso htten tragen mssen, wie die Propheten bereits von allen Einzelheiten im
knftigen Leben des Messias wuten. An einer Heiligen Botanik, schrieb er, in
der alle in der Bibel vorkommenden Pflanzen in alphabetischer Reihenfolge
behandelt wurden. Wenn sein kurzes, schneidendes Wesen in den
Abendgesellschaften (von seinem von drei bis vier Zuhrern umsessenen Katheder
kam er wchentlich einmal herber) Pitern gegenber Stickstoff, Sauerstoff,
Polaritt und hnliche schwierige Fragen zu sehr accentuirte und darber Piter
unangenehm wurde und vor solchen Kindereien, die er sich schon in der Schule
abgelaufen htte, sich nicht im mindesten zu ngstigen erklrte, falls der
Professor ihn rundweg anfuhr: Das verstehen Sie nicht! so sagte der alte
Snger Ignaz Ptzl, indem er dann einmal von den Bologneserhndchen die alten
magern, sie streichelnden Hnde ablie, mit halblautem Seufzer: O Ysop, Ysop!
wann wirst du an die Reihe kommen! Darunter verstand Ptzl, wie alle Anwesenden
aus dem engern Familienkreise wuten, den letzten Artikel der Heiligen
Botanik; denn erst mit dem Abschlu dieses groartigen Werks, das auf Kosten
der Commerzienrthin gedruckt werden mute, sollte die Hochzeit stattfinden.
Leider stand der Professor erst bei der Wurzel Jesse, bei der er sich, wie er
mit sardonischer Galanterie hinter seiner blauen Brille hervor Johannen
zuflsterte, deshalb so lange aufhalten msse, weil ihn zu sehr der Buchstabe I
fesselte.
    Am empfindlichsten war Pitern der Eindruck, den sein Bruch mit Delring auf
Treudchen machte. Sie selbst hatte der Scene nicht beigewohnt, nach der sich
ihre Herrschaft in den Beichtstuhl des neuen Heiligen Bonaventura von Asselyn
flchtete, aber sie erfuhr alles Geschehene, als sie von einem Einkaufsausgang
nach Hause kam. Lucinde hatte ihr schon lange den Rath gegeben, Pitern etwas zu
tyrannisiren. So oft er ihr nun seitdem auf der Treppe begegnete, wobei eine
rasche Handbewegung, manchmal das Verlangen, ihm einen Knopf am hingehaltenen
Hemdrmel sofort auf der Treppe anzunhen, schon zur Gewohnheit geworden war,
zeigte sie ihr Schmollen. Piter hatte jetzt nur zu viel mit seinem Programm zu
thun, sonst wrde ihm dies Ausweichen unertrglich gewesen sein. Schon weckte er
durch seine Leidenschaft Spott und Hohngelchter und Zweifel des Neides,
besonders bei den stillen Charakteren Weigenand Maus und Aloys Effingh, die
schon vor lngerer Zeit ber seine Entzckungen die harmlosen, aber bedeutsamen
Worte fallen lieen: Nur nicht zu ppig, Kattendyk! ...
    Lucinden schonte Piter um Treudchens willen. Auch sprachen ja Benno von
Asselyn und Thiebold de Jonge mit einer hchst respectvollen Scheu von der
Gesellschafterin seiner Mutter. Benno war zu gewissenhaft, um die fr
Bonaventura's Lebensstellung nicht passende Leidenschaft Lucindens zu verrathen.
Auch mute er anerkennen, da durch die fast schimpfliche Entfernung aus der
Dechanei Lucinde vollkommen berechtigt war, auch ihm gegenber jenen Humor
aufzugeben, dessen Ausbrche ihn erst dmonisch abgestoen, zuletzt gefesselt
hatten. Die Wahrheit des einen Wortes, das Lucinde Benno beim ersten Begegnen am
Theetisch der Frau Walpurga zugeflstert hatte: In Kocher am Fall hab' ich
Bitteres erlebt! durfte er nicht anzweifeln. Wohl bemerkte sein scharfes Auge,
da Lucinde auch hier schon mit dem ganzen Hause und den Schwchen desselben
spielte; aber Koketterie war es nicht, als sie ihn eines Abends bat, sich ihres
vernachlssigten Latein anzunehmen; sie wolle, sagte sie, die Bekenntnisse des
Augustinus, die Geschichte seines Lebens-Trahimur, in der Ursprache lesen. Zu
Thiebold's Erstaunen ber dies Zauberweib kaufte ihr Benno ein Lexikon,
verschaffte ihr Uebungsbcher und mute sich gestehen, da die Art, wie sie ihm
dafr das Geld schickte und ihren Dank in einem Briefe bezeigte, einen
grazisern Geist verrieth, als er ihrer Schroffheit zugetraut hatte. Das Geld
kam auf der Schreibstube Nck's an und war dort in seiner Abwesenheit dem
Principal bergeben worden. Als Nck die Veranlassung dieser Geldsendung aus dem
Kattendyk'schen Hause erfuhr und mit eigenthmlich zwinkernden Augen auch den
ihm von Benno dargereichten Brief gelesen hatte, erfuhr letzterer, da die
Wirkung, die Lucinde hervorbrachte, immer allgemeiner wurde. Wo man nur auf das
Kattendyk'sche Haus zu sprechen kam, wurde nach Lucinden gefragt. Schn erschien
sie allen, den Frauen etwas unheimlich. Auch Mnner brauchten zuweilen den
Ausdruck, sie htte zu viel Geisterhaftes. Nur ber ihre beispiellose
Frmmigkeit waren alle bereinstimmend. Eines Tages erfuhr Benno von Thiebold,
da Nck an dem seit einiger Zeit hufiger von ihm besuchten Theetisch seiner
Schwiegermutter Lucinden halblaut ein Wort gesprochen htte, das dieser die seit
einiger Zeit immer nur bleichen Wangen purpurn berfrbte. Es war von einer
schon zunehmenden Gewhnung Lucindens an das Leben im Hause und in der Stadt die
Rede und von ihrer frhern bergroen Verschchterung. Sie sind eine
Jerichorose! hatte Nck geflstert. Thiebold verstand diese Vergleichung nicht.
Im Benno wollte er nachschlagen, was sie bedeute. Als ihm Benno die Erklrung
gab: Eine Jerichorose ist ein rankenartiges Gewchs mit einer wunderbar
gestalteten und duftenden Blume, die zeitweilig ganz ledern, welk und verkommen
aussehen kann, legt man sie aber in heies Wasser, so quellen ihre Bltter auf
und sind, wenn sie auch seit Jahr und Tag vertrocknet schienen, pltzlich wieder
so frisch, als wenn die Blume zum ersten mal blhte ... da wetterte Thiebold
ber den Auerordentlichen, der gerade zugegen gewesen war und die Jerichorose
nur lateinisch, d.h. gelehrt gefat und gesagt htte: Die heilige Botanik hat
es mit zweierlei Jerichorosen zu thun. Die eine ist die der Legende: Maria auf
der Flucht nach Aegypten steigt von dem Esel und da, wo ihr Fu den Wstensand
berhrt, spriet die Jerichorose auf. Die andern sind diejenigen Rosen von
Jericho, die bei Sirach vorkommen in der fr die heilige Botanik so classischen
Stelle ... Viel lieber htte Thiebold gewnscht, man htte verweilt bei der
vollstndigern Beziehung dieser Vergleichungen auf ein Wesen, das fr die ganze
gebildete Gesellschaft der Stadt immermehr einen eigenthmlich verschleierten
Reiz gewann.
    Der verhngnivolle Festtag erschien ... Die Vorbereitungen zu dem Abend
sistirten bei Pitern den ganzen geschftlichen Ex- und Import. Heute galt es den
Triumph seiner durchbrochenen Mauern, neugeschaffenen Kamine,
portirenverdeckten Thren. Auch hatte er schon in der Dienerschaft seit lange
manche Reformen angebahnt. Die alten hatte er zwar nicht entfernen knnen, aber
sie fr den einzufhrenden bessern Ton unschdlich gemacht. Kathrine
Fenchelmeyer behauptete sich in der Kche, trotzdem da Thiebold eines Abends
gesagt hatte: Eigentlich mit Geist kochen kann nur ein Mann! eine Behauptung,
worber ein fnfstndiger Streit unter den Freunden entstand, der fr Pitern so
interessant und anregend wurde, da er sich das neue Buch Geist der Kochkunst
kaufte. Ueberhaupt gab er viel Geld fr diejenige Literatur aus, die ihm in
schnen Einbnden hinter einem Glasschrank zu besitzen nthig schien, um jenes
gewisse Etwas eines der Kaufleute zu gewinnen, die so merkwrdig beschlagen
sind in allem, was die Zahl der Stecknadeln anbetrifft, die eine birminghamer
Maschine in einer Stunde hervorbringen kann. Auf jedes Buch, das fr Delring's
Bibliothek vom Buchhndler im Comptoir abgegeben wurde, setzte er ein anderes
und nicht immer Werke ber Cavalierperspective, Ditetik der Seele, Blumauer's
Aeneide, die Jobsiade und hnliche classische Schriften, die unter den
Freunden bewundert wurden, auch Mac Culloch und Reisebeschreibungen in Vorder-
und Hinter-Asien. Kathrine hatte fr den Abend einen Koch zu Hlfe genommen -
Piter entlie sie nicht, weil unter den Freunden trotz aller Bewunderung vor den
Speisen, die man in Paris bei Vry finden konnte, feststand, da Sauerkraut,
Erbsen und Drrfleisch nirgends so famos zubereitet wurden, wie bei ihm. Auch
ber die richtige Art, den Wein einzuschenken, trug im kleinen Kreise Joseph
Moppes manchmal frmliche Abhandlungen vor. Wehe den neuen Dienern oder den am
Freitag zu Dienern avancirenden Hausknechten - auf die engagirten Lohnbediente
war eher Verla - wenn sie beim Einschenken der Weine nicht der Theorie
entsprachen, die Piter ihnen kurz vor Erffnung der Flgelthren noch
einschrfen wollte. Ob ihn die Scrupel wegen der trauernden Religion nicht
bestimmen sollten, da die Diener smmtlich schwarzbaumwollene Handschuhe statt
weier anzogen? In dem Austernkeller neulich hatte man diesen Piter'schen
Gedanken erst bewundert, dann ihn aber doch fallen lassen. Weigenand Maus hatte
sogar gesagt: Wehe dem Kaufmann, der berhaupt Religion hat! - Sie meinen
eine andere Religion, als die des ehrlichen Mannes? polterte Thiebold auf, der
an seine vorhabende Beichte dachte. Gebhard Schmitz, der Dialektknstler, um
etwaigem Streite vorzubeugen, fiel mit einem allgemeine Acclamation
erweckenden Worte ein: Meine Herren! Ich sage, wehe dem Kaufmann, der jetzt
eine andere Religion hat, als die jdische!
    Piter stand nun wie Napoleon vor einer Schlacht. Er hatte sich auf alles
vorbereitet, sogar das Verdrielichste, auf Absagebriefe. Sein lebhafter Geist
sah sogar smmtliche Lampen nicht brennen, hrte Cylinder zerspringen, hrte
stockende Gesprche. Aber er suchte allem zu begegnen durch Reservevorrthe;
sogar von Anekdoten hielt er sich ein kleines Lager in Bereitschaft. Aus dem
Demokritos hatte er sich einige Bonmots gemerkt, manche feine Antwort
memorirt, die er anbringen wollte, wenn es seinem rastlosen Ehrgeize gelang,
irgendwo die ihr entsprechende Frage zu provociren. Die ganze Stadt wute den
Vorfall mit Delring. Wie hatte er da die Arme zu verschrnken und sich
hinzustellen als die sturmfeste Mitte eines groen Ganzen! Und diese mindestens
in zwanzigfacher Anzahl kommenden jungen Mdchen, denen er zeigen wollte, was
ein Herr der Schpfung ist! Sein Brtchen war allerliebst gefrbt, das
dunkelblonde Haar unternehmend gebrannt, die Hemdauslage zeigte das kunstvollste
Steppmuster. Sie htte Thiebold entzcken mssen, der zu sagen pflegte: Was bei
den alten Griechen, wie Benno von Asselyn versichert, einst die Bder gewesen
sind, das ist bei uns die weie Wsche. Nur Piter's Schneider lie ihn mit
einem fast auf dem Leib ihm angenhten Frack noch bis sechs Uhr warten. Fast war
er das Atelier des Mannes geworden und seine Haut nahe daran, durch das
gewissenhafte Probiren mit festgenht zu werden. Aber um sechs Uhr konnte er
auf Ehre und Seligkeit die Ankunft des Frackes gewrtigen. Das ganze Haus war
geheizt, sogar die unten durch Glas verschlossenen, teppichbelegten,
blumengeschmckten Treppen. Nur so auch konnte es geschehen, da Piter von drei
Viertel auf sechs Uhr an in Hemdrmeln Trepp' auf Trepp' ab lief.
    Berechnend, ob das zu frhe Anznden der vielen Kronenleuchter und
Wachskerzen nicht zu zeitig drfte Friedland's Nacht eintreten lassen,
durchschritt er die den, fast gespenstischen Zimmer, leise verfolgt von einigen
bereits gekommenen Lohnbedienten, die sich ntzlich machen und Vertrauen
erwecken wollten ... Die Mutter, die Schwester waren noch tief in ihrer Toilette
zurck ... auch Frulein Schwarz war nirgends sichtbar .... Treudchen Ley's
Erscheinen lie sich in keiner Weise voraussetzen ...
    Wie fehlte ihm diese holde Ermunterung! Wie sehnte er sich nach einem Druck
ihrer weichen Hand und ihrem gewhnlichen: Ach, Herr Piter -! Wie erschpft
war er bereits von den Anstrengungen des Tages!
    Guten Abend, Kattendyk! lautete es hinter ihm her, als er sich eben lssig
in einen seiner neuen Fauteuils warf ...
    Es war Joseph Moppes ... Bester! Haben Sie etwa Wei aufgelegt? Sie sehen ja
gottsjmmerlich aus! sagte der Freund und ging mit Noten rasch vorber in die
hintern Zimmer ...
    Finden Sie das? antwortete Piter hinter ihm her. Mit Apathie stand er auf
und betrachtete sich beim Schein des Lichtes, mit dem er die Zimmer
durchmusterte, in einem oberhalb eines seiner neugebauten und heute zum ersten
mal probirten, leider etwas rauchenden Kamine angebrachten Spiegel ...
    Ich kenne das an solchen Abenden! Nehmen Sie doch einen kleinen Cognak! rief
Moppes von hinterwrts her. Moppes legte mit diesen Worten auf das Pianoforte
die Noten zu dem projectirten Bouquet des Abends ...
    Piter gefiel sich auerordentlich im Spiegel. Er fand sein languish
interessant und bewunderte seine weiseidene Cravatte, seine weiseidene
geblmte Weste, die gesteppte Brustauslage mit blitzenden Brillanten .... Aber
wirklich er war zu bla und zog deshalb an einem Schellenzuge und lie sich
einen kleinen Cognak kommen. Jedem andern wrde er gesagt haben: Au contraire!
Ein Glas Wasser wird mir gutthun! ... Seinen Freunden trotzte er nicht. Ihnen
nicht, die immer so recht das trafen, was dem Manne ein schmeichelhaftes Lustre
gibt ...
    Sie haben Recht, Moppes! sprach er hinhauchend und immermehr beruhigt ber
die Epoche machende Wirkung dieses Abends ...
    Der kleine Cognak kam. Piter trank ihn. Moppes rckte und schob hinten am
Pianoforte ...
    Auch der Frack kam. Der Schneider brachte ihn nicht selbst; der Arme ruhte
erschpft auf seinen schwer errungenen Lorbern. Aber der Frack sa vortrefflich.
Jetzt gedachte Piter liebevoll auch seines Freundes, der im Dunkeln die
Arrangements fr die musikalischen Gensse traf, und rief mit elegischer
Gelassenheit:
    Stoen Sie sich doch nicht, Moppes! ... Donnerwetter, brllte er dann;
steck' doch einer fr drinnen Licht an!
    Alles rannte ...
    Teufel! schrie er wieder. Nicht den Kronenleuchter!
    Alles zitterte und nur eine Girandole von drei Kerzen wurde angesteckt ...
    Piter sah sich im Spiegel und uerte:
    Joseph soll doch auch fr Moppes - oder warum denn nicht lieber gleich -
Joseph soll die ganze Cognakflasche schicken!
    Inzwischen rief Moppes:
    Bester Freund, das Feuer hier lassen Sie nur ausgehen! Denn erstens wird es
schon von der Beleuchtung formidabel hei und zweitens werden die Menschen eine
Hllenhitze geben! Wir bedanken uns, in einer solchen Atmosphre zu singen!
Ohnehin mu ich heute verdammtermaen Katarrh haben!
    Piter hatte sich zwar sehr auf den malerischen Effect der Glut von den
feinsten entschwefelten Candlekohlen etwas eingebildet - worauf bildete er sich
nicht etwas ein! - doch go er nher tretend ganz gern eine der nchststehenden
Wassercaraffinen, die er hier und da mit einem Kranz von Glsern hatte
aufstellen lassen, geradezu in die Strung der berhmten Quartette hinein. Nun
gab das freilich einen nicht angenehmen Dunst, der sich mit Entschiedenheit dem
unzweifelhaft sehr rauchigen der Kamine anschlo. Moppes ri darber voll Zorn
die Fenster auf; aber Piter bat mit einem gewissen schmachtenden Ton um
Verzeihung und lachte innerlich, er wute nicht worber. Er schenkte sich und
dem Freunde von dem inzwischen gekommenen Cognakvorrath eine fernere
Herzstrkung ein ... Warum wollt ihr denn nicht hinten im Saal singen, ihr
lieben Leute? fragte er mit einer trumerischen Gelassenheit und dabei hin- und
herziehend an seinem Frack und sich am Knacken der Nhte erfreuend ...
    Ein Mnnerquartett bedarf eines engern Raumes! Wir singen ohnehin
Schweizerecho! Hier etabliren wir uns!
    Damit ordnete Moppes einen Tisch und legte viele andere schon
vorausgeschickte Noten zurecht ... Immer ruspernd und seinen Katarrh
verwnschend lehnte er den Bescheid auf den ihm servirten Cognak ab, was Pitern
nicht hinderte, sein zweites Glas zu nehmen und es zu leeren auf das classische
Gelingen des von Moppes entworfenen musikalischen Programms ... Auch kam eben
ein groer Kasten an mit einer Ventiltrompete, die ein berhmter Knstler blasen
sollte ... Auch das Pianoforte, zur Begleitung der gegenwrtigen Primadonna des
Stadttheaters, wurde von Moppes anders gerckt und gerade so, wie es heute frh
Piter's Schwester, Johanna, die musikalisch war, fr zweckmiger erachtet
hatte. Ihr hatte Piter gesagt, da sie sich erstens nicht lcherlich machen
mchte und das Publikum ennuyiren mit ihren hundertmal gehrten Etuden, dann
aber, da sie den Flgel ruhig da stehen lassen sollte, wo er ihn hingerckt
htte, allen Widersprchen ber Schallwirkung und Resonanz mit brderlicher
Liebe ein einfaches: Raisonnir' nicht! entgegensetzend. Moppes aber besttigte
gerade das, was Johanna Kattendyk gesagt hatte. Still fr sich hin empfand Piter
eine Art Beschmung und mute lcheln - nmlich ber die Autoritt, die er
selbst in verkehrten Dingen hatte. Er war in der That ein Tyrann. Das
schmeichelte ihm und befriedigt nahm er einen dritten Cognak.
    Moppes plauderte viel Gutes ber die Sngerin. Sie war eine jener
Provinz-Malibrans, die niemand mehr zu wrdigen wute, als Lb Seligmann. Fnf
Louisdor bekam sie fr den Abend und Piter beschlo, ihr sechs zu schicken. Die
Sngerin war berhmt in der Kunst, bockgerechte Triller zu schlagen. Ihre Stimme
gab man auf, aber man rhmte ihre Schule, besonders die Kunst, in einem
Septett in die Untiefen eines spurlos verlorenen Ensembles mit einem einzigen
muthig eingesetzten hohen Cis Hlfe und Rettung zu bringen. Ausdrcklich
bedungen war die Arie: Ocean, du Ungeheuer! aus Weber's Oberon.
    Piter nickte zu allem, lchelte, schlnkelte, auf einem Stuhle sitzend, mit
den zierlichen Beinen und spielte mit dem Krystallstpsel der schngeschliffenen
Cognakflasche ... Die Sehnsucht nach der achten Stunde sprach sich in einem
gewissen Blicke aus, der wie der eines Sehers in die Flammen eines inzwischen
nun doch zur Probe angezndeten Kronenleuchters gerichtet war. Er gedachte
vielleicht, als Moppes von jener Arie sprach, Pyrmonts und was sonst schon auch
fr ihn im Leben ungeheuerer Ocean gewesen war ...
    Moppes befand sich noch nicht in Toilette. Seine Hingebung an Piter's Abend
war bewunderungswerth. Bekanntlich war der erste Kfer seines Hauses, Stephan
Lengenich, als Unruhstifter eingezogen und nicht unwahrscheinlich hatte sich
Joseph den Katarrh in den Kellern seines Hauses geholt. Ihn sich in der Hand mit
dem Stechheber unter den Fssern zu denken, hinderte an dem ihm schuldigen
Respect nicht das Mindeste. Sechs weie Zwillichhandschuhe griffen gleichzeitig
nach der Thr, um sie Herrn Moppes junior zu ffnen, als dieser ging. Er
entschlpfte einem ihm nachgerufenen sentimentalen: Komm nicht zu spt! und lie
nur noch das Wort zurck, das er auszurichten fast vergessen htte, Thiebold de
Jonge wrde nicht kommen, mit Benno von Asselyn wre er heute frh abgereist ...
    Piter, auf Absagen vorbereitet, fand die Nichtachtung seines Abends gerade
von dieser Seite doch sonderbar und erhob sich in gereizter Stimmung. Aufs
neue einschenkend, wenn auch nicht trinkend, nahm er, um seinen Aerger zu
verwinden, die Heerschau ber seine Truppen ab. Er htte eine Armee commandiren
knnen, so mchtig rollte es durch seine Adern. Seine imperatorischen
Anweisungen gingen auf die Beleuchtung, auf die Bedienung beim Thee, auf die
Stille whrend der Musik, auf die Tische der Whistspieler in einem der
hintersten Zimmer, auf das Arrangement der kleinen Gruppen, denen das Nachtmahl
zu serviren war, und vorzugsweise auf die Vermeidung aller plumpen Formen des
Einschenkens. Obgleich die Zuhrer zu allem, als wenn sein Gesagtes sich von
selbst verstnde: Ja wohl, Herr Kattendyk! erwiderten, konnte er doch nicht
umhin die Moppes'sche Theorie mit Feuer zu wiederholen:
    Einschenken und einschenken ist ein Unterschied! rief er. Der Stand des
Herrn und Dieners unterscheidet auch die Art, wie man die Flasche angreift! Beim
Beginn eines Diners oder Soupers, aufgepat, greift der Herr, wie der Diener,
die Flasche immer am untern Leibe an! Verstanden? Der Herr legt - alles das
machte er an der etwas schwierigen Form der Krystallflasche nach - den
Zeigefinger bis an die Taille der Flasche, das ist sein Vorrecht! Untersteh'
sich das jedoch von euch Niemand! Verstanden? So darf Ich einschenken - tretet
heran! - Ich als Herr! Ruhe! Mit dem Zeigefinger darf ich die Flasche drcken!
Das bedeutet Nonchalance, Gerngegeben und eine gewisse Migung, gleichsam als
wollt' ich sagen: Es kommt weder mir noch meinen Gsten darauf an, ob sie Wasser
oder Lafitte trinken! Ihr aber - Ihr habt den Zeigefinger an die andern drei
Finger hinberzulegen; sonst sieht's aus, als wenn ihr euch hier zu Hause fhlt
... Das war frher so, Joseph, - lat den Alten vor! Guten Abend, Joseph! -,
frher, wenn Vater Gesellschaft gab! Verstanden? Diese Vertraulichkeit von
Dienstboten: Bitte, Herr Timpe oder bitte Herr Schmitz oder bitte Herr de
Jonge, greifen Sie doch zu! Warten Sie, Herr Effingh, ich hole Ihnen noch ein
Stck Rehrcken! Oder: Nehmen Sie das, Herr Maus, das ist ein hbsches
Mittelstck! Und dann so hineinlangen, Joseph, und wol gar Herrn Moppes selber
etwas vorlegen! Joseph, Joseph, Joseph! Die Zeiten sind gewesen, Joseph! ... Und
den Hals einer Flasche greift ein Diener nie an! Nie! Nie!
    Ja wohl, Herr Kattendyk! rief der Chor im strmischen Einklang ...
    Alle diese Bemerkungen hatten, da sie durch energische Demonstrationen
untersttzt werden muten, naturgem das Leeren eines vierten der allerdings
nur kleinen Glser zu Wege gebracht ...
    Eben war Piter im Begriff, seine ihm inzwischen vogelleicht gewordene, wie
mit Schwingen begabte luftige Gestalt noch einmal die hintere Wendeltreppe
hinaufzuschnellen, als die Diener die Thren aufrissen und einen Mann eintreten
lieen, von dem allen bekannt war, da er in die vornehmsten Gesellschaften, auf
Blle, Diners und Soupers immer nur im grauen Ueberrock kam, Herrn Dominicus
Nck.
    Eine gedrungene, breitschulterige Gestalt war es, anfangs der Fnfziger, mit
grauem, kraus verworrenem Haar, das in der Mitte eine kleine Glatze zeigte. Die
starken Backenknochen, Schlfe, Kinn, alles bezeugte eine gewaltige Kraft, die
durch eine scheinbare Lssigkeit gemildert wurde. Die dunkelbraunen Augen lagen
in den von langen, fast zottigen und gleichfalls schon ergrauten Brauen
beschatteten Hhlen mit einem unheimlich und tief versteckten Feuer. Die Haut
des Antlitzes war von Blatternarben entstellt. Nck mute sich jeden Morgen
selbst rasiren; die Barbiere hatten eine zu gefhrliche Operation, um mit ihrem
Messer durch die vielen Hgel, Verhacke und Versenkungen seines Gesichtsterrains
hindurchzukommen. Und doch gab es einige Zierlichkeiten an dem vielgefrchteten
Manne. Kleine Fe, weiche Hnde, ja sogar unter dem immer gleichen grauen
Ueberrock mit silbernen Knpfen nur weie Westen und ber diesen weie
Battisthalstcher, weit und bauschig um den Hals geschlungen, diesen Hals, der
allerdings empfindlich sein durfte nach dem bekannten Verhltni mit Hammaker.
    Nck sah sich sphend um und erwartete wahrscheinlich seinen jungen Schwager
noch nicht zu finden, der eben einige Krbe voll Wein von einem der in Livree
gesteckten Hausknechte noch in die hintern Zimmer tragen lassen wollte, wo
bereits die zahllosen Glservorrthe aufgehuft waren. Piter hatte sich nach dem
Vorfall mit Delring vor dem Wiedersehen des Schwagers gefrchtet. Da der
Schwager aber auch gegen diesen Gesellschaftsabend gewesen war und dennoch eben
in eigener Person erschien, fate er Muth und begrte ihn mit einer
schmunzelnden Vertraulichkeit ... Nck, der ihn nicht erwartete, fuhr fast vor
ihm zurck und sagte im Volksdialekt der Stadt: Guten Abend, Piterchen!
    Nck's Cynismus ging bis zur Verachtung aller Bildung, durch deren
Geringschtzung er viele Menschen um so zutraulicher machte. Selbst vor Gericht
sprang er oft, zum Jubel der Zuhrer, in den Volksdialekt ber, wo ihm der Sieg
dann fast nie fehlschlug. Wir Gelehrte betonte er den Procefhrenden nie
anders, als ob er damit sagen wollte: Wir Esel. Bei alledem vernachlssigte er
nichts, was zur Bildung gehrt. Er kaufte Bcher und las sie sogar. Er schrieb
vortreffliche Broschren ber die gelehrtesten Fragen des Privat- und Lehnrechts
und las Nachts oft bis zum frhesten Morgen - wer sollte es glauben - Romane.
Dann schlief er bis elf Uhr und eilte in seine Termine. Eine Gewohnheit, die er
vor lngern Jahren einmal angenommen hatte, Tag in Nacht und Nacht in Tag zu
verwandeln, konnte er nicht durchfhren; zwei Jahre lang war das Mittagessen
sein erstes Frhstck und das Nachtessen sein Mittagsmahl gewesen.
    Sind das deine Reservebataillone? sprach er im gemthlichsten Schlendrian
und mit Belcheln der glnzenden Vorrichtungen und der nun schon immer
vollstndiger sich entwickelnden Beleuchtung ...
    Piter, entzckt von der friedlichen Gesinnung des ihm zuweilen so
aufstzigen Schwagers, offerirte von diesen Bataillonen und schenkte vom
feurigsten Burgunder eine vorlufige Vedette ein ...
    Nck bemerkte davon nichts ... Er brstete seinen Hut, der heute sogar ein
neuer war, und sah nur nach rechts und links, horchte und sphte, ob auer
Pitern und den Dienern nicht vielleicht sonst jemand in den glnzenden Zimmern
war ...
    Dies Benehmen nahm Piter fr aufrichtigste Zustimmung und offerirte die
Glser zum Anstoen.
    Jetzt aber nahm Nck doch eine feierliche Miene an und sagte mit einem nicht
unangenehmen Organ:
    Piter, Piter! Eine Schande! Freude und Jubel hier, wo die Welt in Trauer
lebt!
    Aber schon bltterte er dabei in den Noten und schien so abwesend, da Piter
diesen Gegenstand fr abgemacht erklren konnte und dem Schwager wiederholt sein
Glas Burgunder anbot ...
    Nck lehnte nicht ab. Er nippte ein wenig. Piter, glckselig, sich heute
nicht als Knabe von dreizehn Jahren, sondern als Mann und vollkommen ebenbrtig
behandelt zu sehen, schttete sein ganzes Glas hinunter ...
    Mama noch bei der Toilette? fragte Nck forschend und bemerkte jetzt, da
Piter von einer eigenthmlichen Elasticitt war. Piter hielt sich, da die Dinge
dieser Erde ihm pltzlich etwas wirblich zu werden schienen, an einer Stuhllehne
...
    Recht, mein Sohn! sagte Nck, der jemand, den er offenbar zu suchen schien,
nicht fand und sich entfernen zu wollen die Miene machte; Recht, da du in
deinen Leiden dich trstest!
    Leiden? Wie so?
    Verlierst oben die schne Nachbarschaft!
    Hahaha! ... lachte Piter hell auf und schenkte wieder ein ... Das ngstliche
Kapitel wegen Delring behandelte ja der Schwager ganz harmlos ...
    Nck's Augen gingen wie Feuerrder. Beim kleinsten Gerusch sah er auf die
Eingangsthr ...
    Da die Bediente nicht zu nahe waren, lie er die Worte fallen:
    Mit Delring ... hr' mal ... Das ist ja ein curioser Spa von dir!
    Von mir? Wie so? fragte Piter trotzig und griff mit der linken Hand in den
Ausschnitt seiner Weste und mit der rechten zum Glase ...
    Nck schien sich nicht im mindesten rgern zu wollen. Er machte sogar Miene
schweigend wieder zu gehen. Dennoch konnte er nicht umhin, noch fallen zu
lassen:
    Delring - hm - austreten? Piterchen, Piterchen! Welche Garantieen gibst du
denn deinen Geschwistern?
    Garantieen?
    Delring glaubst du, geht nach Bremen und wird da ein Geschftchen mit
Cigarren oder Europamden etabliren? Ich meine, er bleibt doch wol hier, fngt
ein eigen Geschft an, nimmt unsere besten Verbindungen mit; Farbhlzer sind
seine Lieblingsbranche; die Lederhndler von Malmedy besucht er persnlich - Wie
gesagt, ich dchte, es wre besser - es bliebe beim Alten und die kleine
allerliebste Blondine kochte dir nach wie vor Kamillenthee, wenn dir schlecht
ist, Piterchen -
    Spott verbitt' ich mir! rief Piter und griff zur Flasche, um einschenkend zu
zeigen, da der Schwager mit einem Manne sprach ...
    In der That! Ein gemthlicher Junge warst du von je! fuhr Nck ohne Schonung
fort. Und zum Berge Karmel lie' ich das hbsche Ding an deiner Stelle doch auch
nicht so oft gehen! Pfarrer Rother entdeckt so viel Snden an ihr, da er
vorzieht, ihr jetzt die Beichte bei sich zu Hause abzunehmen!
    Piter htte sein geflltes Glas jetzt nehmen und es vor Zorn ber eine
Thatsache, die ihm selbst schon lange hchst befremdlich war, an den Kamin
werfen mgen ...
    Die Splitter und die schnen gelbseidenen neuen Sessel bedenkend, trank er
es lieber aus, setzte es dann aber krftiglich auf den Sims und stand wie ein
Lwe ...
    Nck brach ab von diesem reizbaren Gegenstande und kam nur auf seine
Besorgnisse wegen Delring's Austritt zurck ...
    Gib dem Hofrath ein gutes Wort! sagte er ...
    Nimmermehr! antwortete Piter, vershnt durch ein Stichwort auf den Schwager
...
    Ich will es statt deiner thun! Du weit, ich bin sonst kein Freund von
dieser geleckten Sorte -
    Ich verjag' ihn ja nicht!
    Dir wr' es lieber, er lebte dir nahe genug, um dich immer bewundern zu
knnen! Indessen - Piterchen - ich trau' dem Zeitgeist nicht -
    Wie so?
    Unserm ganzen Jahrhundert nicht! Wenn ihr einmal alle so daset, ihr
altehrwrdigen Firmen, mit ein paar Commissionen und Speditionen und zuletzt
trotz eurer Alongenperrken nichts weiter httet, als ein paar
Feuerversicherungsagenturen -!
    Hahaha! Kommt bei uns nicht vor! versicherte Piter und wurde immer sicherer
durch die gemthliche Sprache des Schwagers, der berhaupt in neuerer Zeit,
schon seit der Gefangennehmung Hammaker's, vielfach verndert war und erst seit
der Hinrichtung desselben wieder etwas aufthaute ...
    Weit du, Shnchen, sagte er, ohne darum aufzuhren nach der Thr zu
lauschen; weit du, ich habe immer eine fatale Ahnung von einer ungeheuer
Weltverschwrung der Juden gegen die Christen! Pater Sebastus schrieb das einmal
in seinen frheren Artikeln, die mir immer aus der Seele kamen! Jetzt ist der
arme censurirte Chrysostomus nicht mehr wiederzuerkennen, falls die anonymen
Stufen-Briefe vom Kalvarienberge des Lebens von ihm sind. Ahasver, siehst du,
das ist, sagte er einmal - Rothschild! Der alte Kurfrst von Hessen nmlich,
weit du, Piter, der mit dem Zopf - Kerl, trink doch nicht so viel! ... Piter
hatte wieder eingeschenkt vor Behagen ber eine so gelehrte Unterhaltung, deren
er gewrdigt werden konnte ... Jener Kurfrst, der sein durch amerikanischen
Menschenhandel erworbenes Geld dazumal in Frankfurt am Main von dem alten
Amschel und - ich glaube - einem Bcker Binding auf der Fahrgasse hat vergraben
lassen, als Napoleon so gern draus wieder Soldaten geschmolzen htte - frher,
verstehst du, Piter, war umgekehrt das Geld aus Soldaten geschmolzen worden! -
also - Hast doch Kabale und Liebe schon gesehen -? also der alte Stammhalter
der morganatischsten aller Dynastieen sag' ich - Piter, was morganatisch ist,
das mut du doch wissen?
    Piter war in vollkommener Harmonie mit dieser Behandlung, die ihm die Ehre
wissenschaftlicher Errterungen gnnte. Und da sich bei ihm jetzt Denken mit der
Hitze der Beleuchtung von auen und der Erwrmung von innen verband, so stand
er, wie eingeweiht in alle Geheimnisse der Erde und der Conversations-Lexika und
nickte bejahend. Er war vollkommen jetzt der groe Charakter, der er auch zu
bleiben gedachte, auch wenn er wirklich von sich htte eingestehen mssen, da
ihm als Ehegattin ein Mdchen aus dem Volke lieber wre als eine dieser
bleichschtigen, musikklimpernden, wespentailligen -
    Bitte! unterbrach Nck seine derartigen Gedanken und zog Handschuhe an - er
war ohne welche eingetreten - Bitte, wenn ich dir etwas Bekanntes sage! Frau
Morgane war die wunderschnste Dame an Knig Artus' Hofe und von dieser Dame
mcht' ich die morganatischen Ehen, die Ehen der Mesalliancen, verstehst du?
lieber ableiten - Denn vielleicht war Frau Morgane ihrer Herkunft nach auch
gleichsam aus Kocher am Fall - in diesem Fall, siehst du, darin liegt bereits
die ganze Andeutung, Piter; nicht in deinem, sondern in dem kurfrstlich
hessischen Fall, mein' ich! Und wenn andere dann glauben, morganatisch kme von
dem alten gothischen Worte Morgan, welches, wie du weist, so viel heit als:
beschrnken, nmlich z.B. ein Morgen Acker, d.h. eine Schranke, ein Theil Ackers
- Nicht etwa, versteh' mich recht, als wenn ich die Menschen beschrnkt nennen
wollte, die nicht den blichen Vorurtheilen folgen, und als ob der Westflische
Friede Recht gehabt htte, der schon Anno 1648 sagte: Alle alten Herkommen in
der Ehe sollen bleiben, sublatis omibus quae bellicorum temporum injuria
irrepserunt confusionibus - confusionibus! Verstehst du, Piter? Confusionibus!
    Nck's Betonung dieses letzten Wortes in seiner ganzen verworrenen Spottrede
war bedeutungsvoll. Denn eben jetzt hatte er keinen Zweifel mehr, da Piter in
hhern Sphren schwebte. Eben sah er die Cognakflasche wegrumen und bemerkte
eine Verwirrung in des ihm im Geiste folgenden Schwagers Gesichtszgen, eine
Verwirrung, die die Folge seiner eigenen anakoluthischen Rede sein konnte, aber
auch die des auf Cognak gesetzten Burgunders - freilich aber auch die Folge
eines pltzlichen heftigen Klingelns, mit dem sich bei Gesellschaften oder beim
Ausfahrenwollen der wichtige Moment anzukndigen pflegte, wo Mutter und
Schwester die allerletzte Hand an ihre Toilette legten. Dann war nur noch im
Rckstand, da ber die bereits fertige Frisur, die bombenfesten Corsets, die
steifen Unterrcke sanft und vorsichtig das elegante Hauptkleid herabgelassen
wurde. Schon war es halb acht Uhr und durch dies Klingeln wurde regelmig der
Moment bezeichnet, wo die Mutter und die Tochter sofort in die geschmckten
Rume treten konnten, khn, unternehmend, erwartungsvoll und sich dann nur
verdrielich umsehend, wenn nicht sogleich auch schon die Hausfreunde da waren
und sie mit einem bewundernden Ah! empfingen ... ...
    Pitern war das seit Jahren imprgnirt ... Bei diesem Klingeln besann er sich
auf die ungeheuere Aufgabe, die er heute zu lsen hatte. Reprsentant des
Hauses! Eine Vision ging ihm auf aus dem Reich jener Erinnerungen, denen zufolge
er schon an einem solchen Abend unter hundert Menschen gewesen war, ohne da er
sich auf das Mindeste, was andere und sogar, was er selbst gesprochen, hatte
besinnen knnen ... Und wie nun das Klingeln auch bei der Schwester wiederholt
wurde, wie er die Bewegung um sich her zunehmen, das Laufen und Rennen bemerkte
und im Augenblick nicht wute, welche gelehrten Ansichten er soeben
ausgesprochen hatte, da erinnerte er sich, wie er einst auf einem Dampfschiff
aus dem ruhigen Spiegel der Themse pltzlich in die Hebungen und Senkungen des
Meeres einfuhr und sich rasch in seine Koje erster Klasse zurckzog. Auch jetzt
ging er still und bewegt und ohne ein Wort zu reden in die hintern Zimmer und
suchte mit mancherlei ihn erschreckendem Tastenmssen die Wendeltreppe, die ihn
zu seinem at home fhrte, wo er beschlo, sich um Gottes und aller Heiligen
willen vorher noch eine kleine kurze Rast und Sammlung zu gnnen.
    Nck sprach zwar noch etwas von Delring, von einem Familienconvent und sogar
von Knabenstreichen hinter ihm her, aber Piter vernahm nichts mehr; er ging
auseinander wie eine Morgenluft witternde Nebelgestalt ...
    Nck begab sich an den Eingang zurck und vermied allein zu sein mit seiner
Schwiegermutter, die er hier so unter vier Augen am wenigsten gesucht hatte. Die
Garderobe war im Parterre. Dort hatte er einen alten Mantel abgelegt, in dessen
Umhllung man, wenn er so an den Husern dahinschlich, nicht einen Mann
vermuthet htte, der ein Vermgen leicht von einer Viertelmillion besa und aus
seiner eigenen Thtigkeit noch Jahreseinnahmen von zehntausend Thalern ...
    Auf dem Vorplatz blieb er einige Augenblicke und sah in einen kleinen
Corridor hinaus, auf welchen drei bis vier Zimmer ausliefen. Eine Thr, die
hinterste, fhrte zu der Gesellschafterin der Schwiegermutter, Lucinde Schwarz
... Auf das Erstaunen des alten Joseph, der doch hoffte, da er wiederkme,
sprach er kein Wort. Aber seine Augen waren Feuerzungen. Doch auf diese Sprache
verstand sich Joseph nicht. Ein paar Schritte machte Nck auf den Corridor
hinaus. Dann kehrte er um und hielt sich an dem Treppengelnder ... Jetzt
bellten die Bologneserhunde an einer der Thren und kratzten, um hinauszukommen;
denn unten hrte man schon den immer gemthlichen Ton des alten Ptzl, der
bereits von unten herauf mit den Hunden sich neckte. Auch der Medicinalrath kam
und noch ehe sich Nck von dem biedern Hndedruck Ptzl's freigemacht hatte, war
auch der Kanonikus schon da, der trotz Kirchentrauer und Kaiser und Papst am
Whisttische unter keiner Bedingung fehlte ...
    Nck sagte allen, er kme wieder und htte nur seiner Frau zu Gefallen
smmtliche Kamine wollen auslschen lassen ... Er beruhigte die Ankommenden, da
Lieb Mutterchen - so nannte die Commerzienrthin Ptzl -; Lieb Tchterchen -
so der Medicinalrath -; Lieb Schwesterchen - so der Kanonikus; - noch nicht in
den Zimmern wre, und stieg die Treppe nieder, begleitet vom Joseph, dem er, als
dieser dem Kutscher, der heute als Garderobier fungirte, beim Ueberwerfen des
Mantels half, nur die einfache Frage vorlegte:
    Kommt denn - ich meine die Mamsell oben - na die Gesellschafterin - kommt
denn die nicht auch heute - in den Trubel?
    Herr Oberprocurator! sagte Joseph und eine Miene, die er machte, deutete die
Sehnsucht dieses Fruleins nur zu berirdischen Dingen und ihre auerordentliche
Frmmigkeit an ...
    Der Portier stand im Thorweg in einer Gala, wie wenn sein Stab mit dem
goldenen Knopf heute Frsten zu empfangen htte.
    Nck ging kopfschttelnd und drckte sich an den Husern entlang wie mit
verstrtem, ruhelosem Gewissen ...
    Die Wagen, die die Gste in sein schwiegerlterliches Haus fhrten,
rasselten an ihm vorber. Ihn konnte man oft an solchen Abenden, wo dort alles
in Festesglanz strahlte, im dstersten Winkel einer kleinen Schenke sehen, wo er
Rettiche verzehrte und ein Glas einfachen Biers trank ...
    Heute aber huschte er in eine alte finstere Kirche, wo beim Schein weniger
Lichter eine Abendandacht gehalten wurde. Nicht weit vom Weihbecken erwartete
ihn eine Dame, die ihn an eine Todtengruftkapelle zog und ihm im Dunkeln einige
geheimnivolle Worte flsterte ... Die Dame trug einen orangegelben Hut mit
schwarzem Sammetbesatz ... Das Gesprch war nur kurz und schien ihn verdrielich
zu stimmen ...
    Als Nck allein war, ging er tiefer in die dunkle Kirche; dann setzte er
sich, seinen Mantel weit um sich geschlagen und den Kopf auf ein Betpult
niederlegend, in einen der leeren Sthle, tief brtend und versunken in
vielleicht die frommsten Gedanken.

                                       7.


Unter den rauschendsten Acclamationen hatte bereits die Baposaune das berhmte
Lied an die Rose geblasen und ein strmisches Dacapo veranlat ...
    Schon waren die enormen Schwierigkeiten der Arie Ocean, du Ungeheuer! von
einer alle Wnde und Stockwerke durchschneidenden Stimme berwunden worden ...
    Lange war es ber neun Uhr. Schon kam das Eis - und noch immer sa in ihrem
saubern Zimmer mit dem kleinen Porzellanofen und dem weien Sopha und dem
Bettschirm Lucinde, ohne da sie sich hatte entschlieen knnen, in die
menschenberfllten Rumlichkeiten hinberzugehen ...
    Einmal schon war, athemlos, die Commerzienrthin dagewesen und hatte sie wie
im Sturm ermahnt, doch endlich, endlich zu kommen, da alle Welt schon vor
Verlangen nach ihr brenne ...
    Zweimal war Johanna dagewesen, einmal sogar in Begleitung des
Auerordentlichen, der die Jerichorose um ihre Kenntni der lateinischen
Sprache ebenso wie um ihre Botanik bewunderte; denn Lucinde kannte alle Kruter
des Waldes, alle Bach- und Wiesenblumen ... Ein schner Strau, den ihr
Treudchen verehrt hatte, lag zu ihrem Eintritt in die Gesellschaft schon bereit
...
    Auch die Frau Oberprocurator Nck, die schon im Hause hin- und herrannte -
nur nicht hinauf in den stillen obern Stock zu ihrer Schwester - um sich
abzukhlen von dieser wieder unertrglichen Hitze in den Zimmern - sie war die
erste, deren Liebe nach Pitern suchte, um ihm Vorwrfe zu machen -, auch
Josephine Nck war bei dem guten Frulein gewesen, um sie zu ermahnen, doch
bald zu kommen; denn sie entbehrte zu schmerzlich die Bewunderung, die das
Frulein vor ihrer Toilette aussprechen sollte; ein Bedrfni, das nicht im
mindesten auch den Tadel ausschlo. Denn Josephine hrte es gern, da sie einen
Fehler gemacht htte mit dieser Farbe oder mit jenem Besatz oder mit jenen
gemachten Blumen, die auf ihrem Kopfputz sich nicht gut ausnhmen oder ihrem
z.B. so leicht echauffirten Teint nicht stnden. Dann hatte sie doch einen Grund
fr ihre gesellschaftliche Verstimmung. Dann konnte sie doch in einer Ecke,
nicht am Ofen, sondern dicht am Fenster, das sie zuweilen ffnete, mit dem
Fcher in der Hand sitzen und ber ihre Putzmacherin und ihre weibliche
Bedienung klagen, als wenn es nur eine Verschwrung der ganzen Welt und
vorzugsweise ihrer eignen geschmacklosen Umgebung wre, wenn sie nicht ebenso
brillirte, wie die jungen Frauen und Mdchen, die da alle lachend und bunt und
schnheitsstrahlend in den belebtesten Gruppen saen ...
    Lucinde nahm ihr zu ihrer innigsten Freude und Dankbarkeit heute ein
Ueberma von Blumen von den Schlfen hinweg, fhrte sie an ihren kleinen
Spiegel, leuchtete und bewies ihr, da sie sich jetzt viel vorteilhafter
ausnhme. Der nun gleicherweise wiederholten Aufforderung, doch bald auch zu
kommen, erwiderte sie ein einfaches: Ich komme, ganz gewi! - und doch entsank
ihr wieder der Muth, als sie allein war ...
    Nicht der religise Grund, den sie seither alle Tage gegen diese
Gesellschaft vorgeschtzt hatte, fehlte ihr, sie stand an ihren Ofen gelehnt in
vollstndigster Toilette. Treudchen war eine ganze Stunde bei ihr gewesen und
hatte sie geschmckt wie eine Braut - etwa eine Braut, die sich zu einer Zeit
vermhlt, wo sie um irgendeinen Anverwandten zu trauern hat. Ihr Kleid,
bestehend aus einem leichten, wallenden, aschgrauen Stoff mit reichem schwarzen
Spitzenbesatz, war ein Geschenk der Commerzienrthin. Das dunkelbrunliche
Incarnat der offenen Arme und des Halses wurde durch diese Farbe gemildert, die
auch ihre ganze, einer Creolin hnliche Erscheinung minder scharf heraustreten
lie. Das Haar war nach vorn einfach getheilt, nach hinten sammelte es sich in
zwei schweren runden Flechten, die in Kreisform aufgebunden, von einem schwarzen
Sammetgewinde bedeckt waren. Unter den beiden Rundungen der Flechten quollen
hinter jedem Ohr bis in den Nacken vier Locken hervor. Es war zum ersten mal
wieder, da sich Lucinde wie seit lange nicht gegeben hatte; sie hatte es in der
Gewalt, aufzufallen oder ganz zurckzutreten.
    Der reiche Spitzenbesatz am obern Rande des Kleides erlaubte in bloem Halse
zu erscheinen. Auch war der obere Arm von einem offenen Spitzengehnge halb
verdeckt. Die kleine Juwelenschnalle auf einem schwarzen Sammetband, das den
Hals bedeckte, war ein Weihnachtsgeschenk der Frau Oberprocurator. Ein Armband
von einem als Schlange ausgearbeiteten blutrothen Korallenzweige, reich mit
Goldverzierung, hatte sogar Piter geschenkt.
    Silbergraue lange Handschuhe lagen auf der Sophalehne. Sie waren schon von
ihr anprobirt gewesen und wurden wieder ausgezogen. Treudchen hatte Lucinden
schon fast bis an den Eintritt in den Saal begleitet und wieder war sie
zurckgegangen. Treudchen durfte oben beim einfachen Thee ihrer Herrschaft nicht
fehlen; sie mute Schlag acht Uhr von ihrer Gnnerin sich trennen und konnte
ihr: Bitte! Bitte! Gehen Sie doch! Ach! die Menschen werden Augen machen! nicht
fter wiederholen ...
    Die Furcht, die Lucinden zurckhielt, unter die Menschen zu treten, beruhte
auf dem Gefhl, da sie sich in einer Weise elektrisirt fhlen wrde, die ihrer
ganzen bisherigen Haltung und wahren Stimmung widersprach. Nur mit Noth erwehrte
sie sich schon lange der Huldigungen, die bei dem regen Verkehr im
Kattendyk'schen Hause nicht fehlen konnten. Im Personal des Bureau gab es
Blicke, die sie verfolgten; unter Piter's Freunden, in den Kirchen, auf der
Strae erregte sie Aufsehen. Oft auch schon meldete sich in ihrem Blut die Zeit
von Hamburg und Kiel. Nicht, da sie eine gewhnliche Gefallsucht gehabt htte,
nicht, da ihre Sinne glhten - ihre Sinne schienen kalt. Ihr erster
Kindskopfwahn, wie sie ihn nannte, der sie hatte bestimmen knnen, mit Oskar
Binder nach Amerika gehen zu wollen, hatte ihr eine ganze Gattung von Mnnern
verleidet. Wenn sie sich sagen mute: An welchen Fden hing schon oft deine
Zukunft! und sie sich gestehen durfte, da sie in alle diese Lagen fast ohne
Bewutsein und wie nur von einem Instinct der Selbsterhaltung und einer das
Hchste anstrebenden Zukunft gefhrt wurde, bangte ihr vor dem Gedanken, jemals
wieder so nahe an Abgrnde zu treten ... Klingsohr, dessen dauernde Anwesenheit
in dieser Stadt, mgliche Beziehung zu Bonaventura sie oft in Verzweiflung
brachte, Klingsohr war ein Phantast gewesen. Die merkwrdige Erscheinung, da
die Verirrung, die diesen beinahe rettungslos dem Trunk zugefhrt htte, mit
einer Abneigung gegen Frauen verbunden zu sein pflegt, zeigte sich schon in
Kiel, wo er moralisiren konnte. In jener schauerlichen Nacht auf Schlo Neuhof
bestanden seine Zrtlichkeiten im Knieen wie vor einem Gnadenbilde, im Kssen
der Locken, des Kleides, in Eingebungen einer Phantastik, die seinem Wesen
entsprach, dem Leben nicht in der Wirklichkeit, sondern im Ertrumten und
Schattenhaften. Jrme von Wittekind berhrte Lucinden nicht. Sie war ihm eine
Erscheinung aus dem Reiche der Mrchen. Klingsohr's Entmannung, wie wir seinen
Zustand nennen mchten, war nicht die Verrcktheit des tollen Kammerherrn und
des Paters Ivo, nicht die Empfindung glhender, nur sich beherrschender Liebe,
sondern das Bedrfni, das er mit seinen hamburger Freunden theilte, sich auf
den Trmmern der Unschuld ein letztes reines Gnadenbild, eine Madonna, eine
Laura, eine Beatrice zu dichten ...
    Sie frchtete sich vor der Gesellschaft, weil in ihrem Innern ein Vulkan
tobte. Sie glaubte nicht lnger sich verleugnen zu knnen. Unterdrckte sie auch
seit Monaten ihren Spott, ihren Humor, selbst ihre Kenntni des Pianos, nur um
nicht in Versuchung zu kommen, ein Allegro zu spielen, so wute sie, was in
ihrer Brust wuchs und ausbrechen mute und nicht lnger zu halten war. Da man
immermehr ihrem vergangenen Leben nachspren wrde, erfllte sie mit dem Gelst,
sich vertheidigen zu wollen. Halt aber an dich! Halt an dich! sagte sie sich oft
und das aus Furcht, da sie pltzlich so nicht mehr fort konnte. So andchtig
besuchte niemand die Messe, so fr unwrdig der Communion erklrte sich niemand
(freilich mute sie sich den Genu versagen, da sie seit der geschilderten Scene
nicht wieder beichtete), so sittsam blickte niemand auf der Strae nieder, so
bescheiden uerte sich niemand in Gesellschaft, so geringschtzend sprach
niemand von seinen Ansprchen auf Anerkennung, so gelassen gab sich niemand
einer etwaigen Anspielung auf sein frheres Leben preis. Sprach man selbst bei
Frau Walpurga von jener schnen Stadt mit den Wachparaden und den berhmten
Wasserknsten, ja sogar von dem Aufenthalt der ermordeten Frau von Buschbeck
daselbst, von bsen Dienstherrschaften, von leichtsinnigen jungen Commis, von
dem dunkeln Geiste, der auf dem Hause Wittekind-Neuhof ruhte, von dem Mnche
Sebastus, der noch immer in der Stadt verweilte und das alte Profehaus der
Jesuiten nicht verlassen durfte, von seinem Vater, dem Deichgrafen, von dem
gefangenen Kfer Stephan Lengenich, von einer nahe bevorstehenden Auflsung des
Kronsyndikus, von dem Stiefvater des Domherrn von Asselyn, ja von Hamburg, Kiel;
und plauderte selbst der gemthliche Ptzl einmal von einer Schauspielerin
namens Konstanze Huber, die die Jungfrau von Orleans nur bis zum dritten Act
durchgefhrt hatte - was war ihr das alles! Sie sa - und nhte - oder las dabei
-, sie erhob sich auf jeden Wunsch der Commerzienrthin oder Johannens, lie ihr
goldenes Kreuz aus der Brust gleiten und sprach mit leiser und zurckhaltender
Stimme von den geistlichen Exercitien und der Wallfahrt, die die
Commerzienrthin fr die glckliche Entbindung ihrer Tochter Hendrika und die
rechtglubige Taufe ihres Enkelkindes gelobt hatte ... Mit Beredsamkeit sich
vertheidigen, gewhrt oft ein schnes Schauspiel; mit Beredsamkeit sich anklagen
kann ein schneres sein. Schweigen aber, schweigen, um sich zu vertheidigen, ist
Heldengre; und schweigen vollends, schweigen um sich anzuklagen,
Mrtyrerglorie ... Was sind alle diese Vergehen, lag in Lucindens Mienen, deren
ihr mich anklagt, wenn die Seele, wie der Rhein, der unter dem Bodensee
hindurchzieht, aus geringen und unbedeutenden Anfngen nach kurzer Luterung
wieder und dann wie gro und majesttisch hervorbricht! Aus der Fremde that sie
wie nur in die Heimat gekommen, aus der Lge zur Wahrheit, aus dem Irrthum zur
Erkenntni. In der groen Gemeinschaft der Kirche durfte kein Glubiger zu dem
andern sagen: Deine Vergangenheit schndet dich! Die Tag- und Jahresgebete, die
Abendandachten, der Rosenkranz, der englische Gru, die Anbetung des
allerheiligsten Sakraments, das heilige Meopfer, alles das ist eine Kette, die
zu Leibeigenen Gottes und durch das Erlsungswerk zu Kindern seiner Liebe macht.
Lucinde kannte diese Formeln. Sie waren an sich fr sie todt; sie belebten sich
aber - im Hinblick auf eine Entscheidung, die endlich kommen mute - kommen
sollte.
    Der Mann, den sie ein Jahr lang in der Stadt, wo sie katholisch geworden,
angebetet, den sie zwei Jahre vergebens zu vergessen gesucht hatte, den sie in
St.-Wolfgang, in Kocher am Fall, hier mit glhend aufschlagenden Flammen des
Herzens wiedersah, wollte jetzt nach Westerhof reisen zu Paula. Sie wute das
seit einigen Tagen und da hatte sie erklrt, zu dieser Gesellschaft, fehle ihr
die Stimmung. Gebeten hatte man sie, sich zu berwinden ... Wol stand sie in
ihrem kleinen, schon von ihr und Treudchen sofort wieder aufgerumten Zimmer wie
ein Wesen, das nicht schchtern eintreten konnte bei so auffallender
Erscheinung. Es ri und zog auch in der That an ihr, die Wahrheit ihrer Natur zu
enthllen. Wie hob sie's, den gesenkten Kopf zurckzuwerfen, zu lachen, die acht
schnen Locken im Nacken zu schtteln, die freie, gescheitelte Stirn zu erheben,
statt Wehmuth um die Lippe Stolz und Bitterkeit zu zeigen, aus den Augen das
Feuer einer unter der Asche drohend glimmenden Leidenschaft hervorbrechen zu
lassen ... War sie nicht wie auf der Flucht? Wie gehetzt von Gespenstern? Nie,
nie liebt' ich diesen Klingsohr, der jetzt hier vielleicht gegen mich zeugt!
htte sie in die Welt, in die Messe hinausrufen mgen, wenn sie Bonaventura
celebrirte. Im Kirchenboten des Beda Hunnius, mit dem sie ihre Correspondenz
nach der Katastrophe des Kirchenfrsten hatte abbrechen mssen, las sie die
Stufenbriefe. Klingsohr schrieb sie allerdings nur fr Lucinden. Es waren
Empfindungen, wie sie Ablard, nach der ruchlosen That seiner Feinde, an Heloise
geschrieben haben konnte ... Aber wenn nun Bonaventura gar nach Westerhof ging!
Nach Schlo Neuhof, Kloster Himmelpfort, wo ihre ganze Vergangenheit mit ihm
zusammentreffen konnte ... Tglich mute sie von der Seherin von Westerhof
hren! ... Selbst der khle Benno konnte nicht in Abrede stellen, da
vernnftige Menschen von Paula's Visionen und Heilungen mit Bewunderung
sprachen. Jetzt wollte Bonaventura nach St.-Libori reisen und - darber war kein
Zweifel - einen Seelenbund erneuern, der frs Leben geschlossen wurde, wenn
Paula, wie man vermuthete, nach dem Verlust ihres Processes den Schleier nahm
... Lucinde kannte die Glckseligkeit, die den heiligen Franz von Sales mit Frau
von Chantal vor und nach der Stiftung des Ordens der Visitandinen verband. Sie
wute, da Fnlon, der sanfteste der Priester, Seelenbndnisse mit Madame Guyon
und Frulein von Maisonfort hatte. Sie wute, da selbst der strenge, so
trockene und pedantische Bossuet von einer Frau von Cornuan, deren
Geistesbildung etwa der der Commerzienrthin Kattendyk gleichkam, in einer Weise
belstigt wurde, die zuletzt trotz alles ihm von dieser Frau verursachten
Aergers ihm zum Bedrfni werden konnte, also, wie Lucinde gelegentlich bitter
vor sich hinsprach - ebenso gut wie die Ehe war ... Ein Wort, das der
Auerordentliche einmal sprach, nun wrde mit dem Domherrn von Asselyn auf
Schlo Westerhof der wahre Doctor ekstaticus erscheinen, machte sie zittern
vor Eifersucht ... Stndlich stand sie auf dem Sprunge zu Bonaventura und ihm zu
rufen: Reise, doch erst morde mich!
    An demselben Abend war sie damals die Jerichorose gewesen. Sie verstand
zum ersten mal gewisse durchbohrende Blicke des Oberprocurators, eines Mannes,
vor dem sie sich anfangs entsetzt hatte, weil er ihr gewesen wie ein Gebilde von
Eis. Alles scharf, kantig, schneidend an ihm. Doch fiel ein Sonnenstrahl nach
dem andern auf diese Erscheinung und lie sie immermehr in allerlei
Regenbogenfarbenlicht, wenn auch wie aus tausend Eiskrystallen, leuchten. Der
Mensch ist ja merkwrdig! sagte sie sich. Und als sie alles vernommen, was die
Welt von Dominicus Nck wute, als sie ihn vor Gericht den Mrder vertheidigen
sah, der ihm selbst schon einmal hatte aus Leben gehen wollen, als sie den Blick
beobachtete, mit dem Nck die vielbesprochene Prise verweigerte, erschien ihr
seine Hlichkeit, sein Cynismus, seine Charakterkraft berraschend. Klingsohr's
Narben im Antlitz hatten sie nie gestrt. Wie war sie nicht in dstere
Lebenslabyrinthe eingedrungen! Sie wute, da jener in Serlo's Papieren erwhnte
Advocat, der bei dem Strafgericht des Bruders Hubertus ber den Pater Fulgentius
nicht zu entfernt gestanden, der hingerichtete Mrder ihrer Hauptmnnin war.
Schaudernd berliefen sie die Rckerinnerungen an alles, was sie von den
Verirrungen des menschlichen Geistes schon in Erfahrung gebracht. Die
Leichenschminkerin stand ihr oft mit Blumen wieder vor einer Todten und redete:
Bist du nun auch erlst, armes Weibchen? Lache, lache, armes Kind, das zu gut
war fr diese Erde! ... Diesem Nck konnte sie seit der Jerichorose nicht mehr
begegnen, ohne da es ihrem Innersten war, wie dem Knaben im Erlknig. Sie sah
sich fortgerissen in Nacht und Wind und stie einen Hlferuf aus vor einer Hand,
die unsichtbar sie umfing; ein Leids fhlte sie, das ihr angethan, ein so tiefes
Weh, da nur das einfache Vorberstreifen des grauen Mannes an ihr, sein Blick
zu ihr empor nthig war, um sie einer Ohnmacht nahe zu bringen. Gespenstisch war
schon die Stille, die eintrat, wenn sein magisches Wesen vorbergezogen.
    Noch mehr! Schon seit mehreren Tagen war ihr seltsam gewesen, da eine Frau,
die immer hchst elegant gekleidet neben ihr in der Messe auf einem der
gemietheten Sthle kniete, sie anredete, am Tage darauf sie sogar verfolgte auf
einem Gange, den sie in die Rumpelgasse machen wollte. Eine Jdin, Namens
Veilchen Igelsheimer, hatte in den ehrerbietigsten Ausdrcken an sie
geschrieben, sie kenne, wie sie wisse, den Pater Sebastus. Der Aermste se
krank und elend und zwar um ihretwillen in einer Haft, aus der ihn weder die
jetzt machtlose geistliche Behrde erlsen knnte, noch die weltliche erlsen
wollte; ob sie nicht ihre einflureichen Verbindungen, besonders die Frsprache
des Oberprocurators Nck in Anspruch nehmen wollte, um den Unglcklichen
vielleicht freizubekommen oder wenigstens ihm die Rckkehr nach dem Kloster
Himmelpfort zu ermglichen, worein die weltliche Behrde der vielen
Untersuchungen wegen, in welche auch der Pater verwickelt wre, nicht willigen
wollte, oder ob sie vielleicht sonst etwas Durchgreifenderes zur Erlsung des
Armen ersinnen knnte; sie mchte ihr die Ehre gnnen und sie unter ihrem armen
Dache besuchen ... Dieser Brief hatte Lucinden vollends aufgeregt. Klingsohr
zurck nach Kloster Himmelpfort? Zugleich mit dem ihm vielleicht schon lange
nahe stehenden Bonaventura? O da eine Vergangenheit so furchtbar lastend auf
dem Weibe ruht! ... Sie hatte die Zuschrift der Jdin mndlich beantworten
wollen ... Da war ihr die fremde Dame nachgegangen und ermuthigt durch die
verdchtigen Umgebungen der Rumpelgasse, sprach sie Lucinden in einer Weise an,
die diese so erschreckte, da sie ihren Vorsatz, die Jdin zu besuchen, aufgab.
Die Frau sagte ihr Schmeicheleien ber ihre Schnheit. Sie lud sie zu sich ein,
forderte sie sogar auf, sofort bei ihr Chocolade zu trinken. Lucinde wies die
Frau zurck. Wer stellt dir so nach? Wer verdchtigt dich? ...
    Endlich noch mehr! Heute plauderte Treudchen von der offenbar ganz gleichen
Bekanntschaft, die auch sie mit einer sie verfolgenden Frau gemacht htte ...
Treudchen erzhlte, da der fromme Pfarrer Rother, der die Frau vor seinem Hause
auf sie warten gesehen, ihr jede Beziehung zu ihr verboten htte. Auch wre sie
von ihr seitdem unbehelligt geblieben ...
    Warum gehst du nur so oft zu diesem Pfarrer? fragte Lucinde sinnend ...
    Denken Sie sich, das fragte mich neulich jemand anderes auch! Der Herr
Oberprocurator! ... Die Pfarrei vom Berge Karmel liegt frei auf dem Platz und
wie ich oben beim Pfarrer bin, zeigt er mir in der Ferne noch einmal die Frau,
wie sie an einer Ecke gerade mit dem Oberprocurator spricht ...
    Mit Nck -?
    Mit Herrn Nck! Und heute frh begegne ich ihm und da sagt' ich ihm, da ich
ja so gern auch bei den Damen auf dem Rmerwege bin, weil ich meine Geschwister
im Waisenhause habe ...
    Lucinde hrte der Erklrung kaum zu; denn Nck, Nck im Gesprch mit jener
Frau! Dies Bild weckte ihr eine Vorstellung, die sie eiskalt berlief ... So
unwrdig denkt dieser Mann -? Gehrt auch er zu jenen Bemitleidenswerthen,
denen es eine unheilbare Krankheit geworden, an Frauentugend nicht mehr glauben
zu knnen? Mu es nicht elend in einer Seele aussehen, die vielleicht ein
unwiderstehliches Bedrfni der Liebe hat und den trgerischen Schein davon nur
auf solchem Wege finden kann? ... Oder stellt man dir Fallen und wiederholt sich
der alte Unglaube an das, was du dir doch - bei alledem konnte sie selbst
hinzufgen - bewahrt hast? ...
    Da kam denn Josephine Nck und Lucinde mute sich sagen: Freilich, ein Mann
von Geist und Leidenschaft und ein solches Weib!
    Dstere Falten zog die Stirn, die sich nun unter dem rauschenden Gewhl
heiter und sorglos zeigen sollte ...
    Nachdem hatte Treudchen so viel von der groen Begebenheit des Hauses, vom
Zank mit Delring zu erzhlen, da das Gesprch von diesen dunkeln Gegenstnden
abkam ... Lucinde mochte die obere Gesellschaft nicht. Hendrika hatte die
Abneigung aller Frauen gegen sie, eine Abneigung, die Lucinde fr einen Beweis
der Gewhnlichkeit erklrte. Delring war ihr der Reprsentant jener blonden
norddeutschen Weise, die ihr soviel Schmerzen und Demthigungen bereitet hatte.
Sie stellte ihn in die Reihe der hamburger Respectabeln. Sie vermied seine
kalten wasserblauen Augen, die ganz den Tausenden von Augen glichen, vor
deren tugendhafter Kritik sie sich einst nach dem Tode Jrme's von Wittekind in
der Sommerwohnung des Herrn Nikolaus Carstens und seiner plattdeutschen
Schwestern hatte drei Tage lang verbergen mssen.
    Das Rufen und Klingeln und der zunehmende Lrm im Hause unterbrach zuletzt
alles weitere Gesprch mit Treudchen und mit sich allein ... Endlich brach sie
alles, was sie bestrmte, ab, fate sich Muth, zog ihre Handschuhe an, nahm ihr
Bouquet und schlpfte in das vordere Zimmer, wo im lebhaftesten Gesprche Herren
standen, die sogleich Chaine machten, um die berraschende Erscheinung
hindurchzulassen.
    Der erste, der sich der hohen Gestalt erbarmte - denn Erbarmen kann man
wol die erste Begrung und Anrede eines in menschenberfllte Rume
Neueintretenden nennen -, war der alte Ptzl, der die beiden Bologneserhndchen,
die bei der Gesellschaft nicht fehlen konnten, unterm Arm hielt. Auch der
Medicinalrath, ein kleiner dicker Herr, sprang hinzu und nun wre alles
zurckgewichen vor dieser kniglichen und fremdartigen Gestalt, wenn nicht Frau
Nck, die am feucht beschlagenen Fenster sa, sie erblickt und sogleich nur fr
sich in Beschlag genommen htte, um sie hinter den Gardinen zu fragen, ob sie
noch immer so echauffirt ausshe? ...
    Ein Flor von Jugend und Schnheit und Pracht der Toiletten war zugegen ...
Dennoch machte Lucinde einen Eindruck, der die Aufmerksamkeit aller auf sie
gezogen haben wrde, wenn nicht gerade jetzt der Stolz der Stadt, das berhmte
Moppes'sche Quartett, intonirt und die Stimmung des Flgels mit einem
angegebenen Accord in Einklang gebracht htte. Alles rannte, um zum Sitzen zu
kommen. Die Krystalle in den Kronenleuchtern wackelten vor dem Sturm. Alles
mute still sein ... nur der Auerordentliche sprach ber die Baposaune noch
seinen Satz aus. Er widersetzte sich einer natrlichen Erklrung des Wunders,
da die Mauern von Jericho durch Posaunen wren niedergeblasen worden. Denn
Beamte aus dem ghibellinischen Heerlager, rationalistische Zweifler, fehlten
keineswegs und der alte Herr de Jonge hatte fr seinen leider abwesenden Sohn
die Neckereien bernommen. Whrend man mit Fanatismus dem Auerordentlichen
zischte und Lucinde sich still fr sich selbst sagte: Vielleicht bestanden die
Mauern von Jericho aus nichts, als Grten von Rosen! und nach dem Manne der
echauffirten Frau sich umschaute, die neben ihr sa und die Ueberfllung mit
Menschen verwnschte, die nicht einmal mglich machte Pitern zu entdecken,
entfaltete sich das Bouquet des Abends. Waren es auch nur immer dieselben Gute
Nacht! und dieselben Schlaf wohl! und dieselben humoristischen
Speisezettel, die die Snger vortrugen, die Thatsache stand fest: Beim letzten
Hauche konnte man den entsprechenden Accord des Flgels anschlagen - und nicht
um eine Viertelnote waren diese jungen Kaufleute in ihrem Vortrag gesunken,
worber die alten regelmig in Enthusiasmus ausbrachen. Wie regierten sie aber
auch mit strenger Gewalt die Musikzustnde der Stadt! Wie bestimmten sie den
Erfolg jeder Oper, jeder neuen Messe! Was sie verwarfen oder guthieen, fiel
oder stand in der ffentlichen Meinung.
    Lucinde blieb hinter den Gardinen und beobachtete ... Sie kannte solche
Gesellschaften nur aus Kiel und aus der Zeit ihres dreijhrigen Wirkens im
orthopdischen Institut, wo es genug vornehme Beziehungen gegeben hatte ...
    Die Wonne des Entzckens machte niemanden lebendiger, als die
Commerzienrthin. Glich sie schon sonst in ihrem ganzen Leben einem jener
kleinen Wrmchen, die auf einer flachen Tafel hin- und herrennen, stutzen ber
nichts, links und rechts schwenken und da wieder hinlaufen, wo sie eben
hergekommen sind, wie erst heute! Trotzdem da ihr Kopfputz, eine Art Turban mit
purpurrothen Sammettroddeln und goldenen Fransen, ihr die feierliche Haltung
eines Schlittenpferdes vorschrieb, drngte sie sich durch alle Bravis und
Dacapos, durch alle Erfrischungen und Staats- und Kirchengesprche hindurch mit
wiedererwachtem Jugendmuth. Blieb auch ihr Shawl an einigen Frackknpfen der
Herren, an einigen der aufgestellten Rhododendren oder am Kettchen eines neuen
Halsbndchens ihrer Hunde hngen, sie war berall und nirgends und zuletzt auch
bei Lucinden, die sie hervorzog und auf die Stirn kte. Sie flsterte ihr zu:
Wie lieb' ich Sie! Aber ich mu Sie vorstellen! Und noch ehe sie eine Antwort
bekam, war sie schon wieder bei einer andern Gruppe und eigentlich suchte sie
auch nur immer Pitern und sagte das auch laut. Aber obgleich die Gesellschaft
schon zwei Stunden beisammen war, entbehrte doch niemand den Schpfer dieses
brillanten Abends. Die jungen Herren, seine Freunde, hatten mit den jungen Damen
zu thun und der Auerordentliche machte die Honneurs des Hauses, so klein er
war, mit einer Entschiedenheit, die imponirte.
    Wiederum hatte man in einer Extra-Arie die berhmte Schule und die
Bocktriller der Sngerin bewundert ... Lucinde war endlich von dem beschlagenen
Fenster erlst, aus Umgebungen, wo sich einige Beamte und gemigte
Commerzienrthe, die einen ghibellinischen Orden im Knopfloch trugen, durch den
Gesang der Primadonna nicht hatten hindern lassen, von den Zeitlufen zu
flstern ... Pamphlete, die in Belgien gedruckt waren, wurden erwhnt; Vorgnge
im Kapitel spannten ihre Neugier; der Severinusverein hatte mit einem
evangelischen Handwerkerverein gestern eine blutige Schlgerei gehabt; Plakate
in einem eigenthmlichen alten Drucke, Himmelsbriefe, waren von den
Straenecken abgenommen worden; die Worte: Rom, Gesandtschaft, wiener
Staatskanzlei fielen ... Lucinde konnte nicht verweilen, da sie der Gegenstand
allgemeiner Neugier wurde und aus einer Vorstellung in die andere kam.
    Sie selbst suchte nur Benno. Als sie hrte, der fehle und wre schon nach
Witoborn, entsank ihr jede Kraft und Sammlung ... Denn mitten unter all diesen
Huldigungen blieb, was sie auch an Mnnern sah, nur Grund zur Vergleichung - mit
Dem, fr den sie leben und sterben wollte ...
    Die Commerzienrthin zog sie in einen Kreis, wo sich eine lebhafte Debatte
entsponnen hatte ...
    Eine Dame, der sie hier vorgestellt wurde, sa in einem kleinen Eckdivan,
umgeben von einer Anzahl Herren und Damen, die sich ebenso an der Erscheinung
wie an der Conversation dieser Frau zu erfreuen schienen. Sie trug ein
hellfarbiges, mit seidenen Streifen durchwebtes einfaches Tllkleid und darber
eine groe schwarze Atlasmantille, mattblau gefttert, fast wie einen Shawl,
aber auch wieder wie eine herabhngende Toga, mit Schnren auf der Brust und an
den Aermelffnungen. Die ebenfalls blaue Auslage des rundgezackten schwarzen
Kragens verdeckte fast den Hals und gab diesem eine eigenthmliche Einfassung,
wie wenn er neckisch sich in ihm versteckte. Das Merkwrdigste fr alle
Umstehenden war der Kopf dieser schnen Frau, der halb der Jugend, halb dem
Alter angehrte. Aus einem Halbhubchen von schwarzem Flor, besetzt mit blauen
Blumen, quollen eine Anzahl grauer Locken hervor.
    Die Commerzienrthin sprach von der Frau Baronin. Da Lucinde vor
Armgart's Mutter stand, mute sie sich erst selbst allmhlich entnehmen.
    Lucindens Erscheinen fiel auch hier auf. Jemand, der der Dame am nchsten
sa, sprang sogleich auf und bot ihr zuvorkommend seinen Sitz. Ein paar feurig
durchbohrende Augen warf er dabei auf Lucinden, die errthete. Der Gefllige
verga fast, da er es war, der das Wort fhrte und da alle bisher an seinem
Munde gehangen hatten.
    Mit einer fremdartigen Betonung, aber auerordentlich gelufig und
einschmeichelnd erzhlte er Vorgnge, die Lucinde sogleich als auf die Grfin
Paula sich beziehend erkannte. Das waren Wetterschlge in ihr Herz ... Die Lage
des Camphausen'schen Processes war ihr gelufig genug, um zu begreifen, da der
Sprecher jener Bevollmchtigte der wiener Erben, Herr von Terschka war, jener
Terschka, der einst schon in Kiel sie gesehen und damals durch eine Debatte ber
ihre Nase die nchtliche Scene mit dem Kronsyndikus veranlat hatte ...
    Terschka wiederum, in dessen Ohr noch bei dem Worte: Frulein Lucinde
Schwarz! die Bezeichnung: Eine ultramontane Emissrin! von der Villa der
Gebrder Fuld nachklang und der sich seitdem gleichfalls auf die Tage von Kiel
besonnen hatte, Terschka begleitete alles, was er sprach, mit Blicken, die sich
zwischen Lucinden und Monika theilten.
    Monika sa in tiefem Ernst und spielte zerstreut mit ihrem Fcher. Terschka
war vor wenig Stunden angekommen, um noch die Grfin vor ihrer Weiterreise zu
begren. Ohnehin zu spt eingetroffen, mute er in dieser Nacht wieder zurck
... In seinem ganzen Wesen lag die Elasticitt der Aufregung, die fr Monika
vollkommen verstndlich gleichsam ausdrckte: Auch nur eine Stunde in deiner
Nhe verweilt - und ich bin berreich belohnt!
    In dem Bericht ber die auerordentlichen Heilungen, die man Paula
verdankte, fiel bei Erwhnung der Gesichte, die Paula she, das Wort:
    Der Teppich, auf dem der Domherr von Asselyn als Archipresbyter zu
Sanct-Libori nchstens die erste Messe lesen wird, stellt eine Vision der Grfin
vor. Der sogenannte Philosoph von Eschede, Doctor Laurenz Pttmeyer, hat diese
Vision gezeichnet und vierundzwanzig Stiftsdamen und Freifrulein der Umgegend
stickten bisher Tag und Nacht daran. Das Ganze ist jetzt vollendet und sieht
sich an wie eine Offenbarung Dante's ...
    Fr Lucinden lagen in jedem Worte dieses Berichts durchbohrende Nadeln und
Stacheln des Neides und der Eifersucht ...
    So wrden wir ja, nahm eine ihr wohlbekannte Stimme die Rede auf, die
Erscheinung der heiligen Hildegard noch einmal haben, die bekanntlich schon
ebenso viel von der Natur wute, wie Alexander von Humboldt, und noch dazu in
einem viel wahreren Geiste ...
    Der Sprecher war der Auerordentliche. Mit einem artigen Grue an Lucinden
hatte er sein: Bekanntlich gleich im Ton als unbekannterweise gegeben und
fuhr deshalb docirend fort. Er ahnte nicht, da zufllig eine anwesende Person
im Leben jener Heiligen, deren Physik seit einiger Zeit durch die Bekenner der
frommen Naturwissenschaften bekannter geworden, sehr heimisch war ...
    Sie kennen Bingen, meine Herrschaften? fuhr der Professor mit hochliegender
Stimme fort. Sie kennen den hchst vortrefflichen Scharlachberger der Beste
Klopp und die Lokalerinnerungen an Kaiser Heinrich IV.? In der Nhe dieser
gegenwrtigen Victoria-Hotels und Bellevues lag sonst das Kloster Disibodenberg,
dessen Aebtissin vor achthundert Jahren Hildegard gewesen ist, die Tochter eines
adeligen Vasallen der Grafen von Sponheim. Schon im dritten Lebensjahre hatte
sie Visionen. Sie gab ihr Erbe auf, schenkte es der Kirche, wurde
Benedictinernonne und lebte schon hienieden im Geruch der Heiligkeit. Sie sah
den Himmel offen, heilte, that Wunder, schrieb, ohne die Sprache gelernt zu
haben, im entzckten Zustande Latein. Sie war eine Gotterleuchtete, die nach
allen Richtungen hin Spuren ihres Geistes zurcklie. Ich nenne nur ihre
Einsichten in die Naturwissenschaften. Sie hat vom Bau des menschlichen Krpers,
von den Krften der Luft, des Wassers und Feuers mehr gewut, als die
atomistische Physik des achtzehnten Jahrhunderts!
    Lucinde dachte bebend an Paula ...
    Die Frau aber mit den silbernen Locken, die sich von der Hitze des Zimmers
lsten und lang in ihren Ueberwurf hinunterglitten, den sie jetzt ffnen mute,
erwiderte pltzlich scharf und bestimmt:
    Die heilige Hildegard war im Gegentheil beinahe eine Vernunftglubige!
    Alles horchte auf ...
    Wie so? fragte der Auerordentliche, stutzig ber den Muth der
Interpellation und ein in dieser Gesellschaft gebrauchtes anstiges Wort ...
    Monika erwiderte:
    Jede Zeit hat ihre eigene Art, den Antheil fr edlere Dinge auszudrcken.
Was in unserm Jahrhundert die Philosophie ist, war vor achthundert Jahren das
Christenthum ...
    Bitte! Erlauben Sie! unterbrach der Professor hocherstaunend ... Aber ein
Glck fr den Vater, da dieser in einem hintern Zimmer am Whisttische sa.
Sonst htte er erlebt zu hren, da die allgemeinste Spannung ber die gelehrte
muthige Frau seinem Sohn, seinem Stolz, ein zischendes St! rief - und das in
einem Kaufmannssalon ...
    Frau von Hlleshoven fuhr bei der im Zimmer eingetretenen lautlosen Stille
fort:
    Wenn eine Zeit voll Barbarei der Wunder bedarf, um sich dem gttlichen
Weltplan zu fgen, so geschehen auch Wunder. Der Mensch macht seine eigenen
Thaten dann selbst dazu und lt immer nur Gott die Ehre. Die Eingebungen einer
Hildegard kamen aus der Sphre, ja geistigen Sprache her, die damals allein
verstanden wurde und allein wirkte. Das Christenthum in der Bedeutung, wie wir
es jetzt zu citiren pflegen, ist dabei ganz unwesentlich!
    Das ist ja offene Ketzerei! warf der Gegner dazwischen, lchelnd freilich
und noch verbindlich ... Aber wieder mute er erleben, da ihm gezischt wurde.
Man zischte auch ber das harte Wort gegen eine Dame ...
    Nennen Sie es, wie Sie wollen! fuhr mit einem eigenthmlich bittern Lcheln
die jugendliche Sprecherin fort. Ich verweise Sie nur auf die vielen
Besttigungen, die Hildegard fr meine Behauptung gegeben hat. Sie hat bei ihren
Visionen immer nur das praktische Leben und die Besserung der Sitten im Auge
gehabt. Hildegard war eine kleine schwchliche Person, immer krnklich,
jedenfalls von einer somnambulen Anlage ...
    Grfin Paula ist schlank wie eine Tanne! warf Terschka hinein, artig - doch
offenbar in der Absicht, Monika zur Migung zu mahnen ...
    Diese fuhr jedoch fort:
    Hildegard sah Erscheinungen, Engel und sie heilte. Aber ihre Visionen waren
von einer strafenden und ermahnenden Tendenz. Ihre Heilungen erfolgten nicht
ohne Beistand ihrer Kruterkunde und die Beobachtung des menschlichen Krpers.
Sie ermahnte den Papst, der kranken Kirchenzucht zu helfen. Sie gerieth in
Streit mit dem Erzbischof von Mainz ber die Beschuldigung, einen
Excommunicirten auf dem Gottesacker ihres Klosters bestattet zu haben. Sie
machte sogar Reisen. Da sie dabei nur die Klster besuchte, lag im Charakter
einer Zeit, wo es noch keine Victoria-Hotels gab und eine Frau mit einigen
weiblichen Begleiterinnen nicht auf Ritterburgen bernachten konnte. Die Klster
waren fr jene Zeit vortrefflich. Sie waren die Herbergen, die Gasthfe jener
Zeit. Sie besuchte Paris. Denken Sie sich eine Reise nach Paris in jener Zeit!
... Eine Reise nach Paris fr eine Frau!
    Auf einer Reise nach Paris wrde man jetzt allerdings nicht mehr in Klstern
absteigen! warf eine Stimme hinter der sich mehrenden dichten Gruppe ein ...
    Nck's Stimme! sagte sich Lucinde, als alles lachte ...
    Sie und die Sprecherin waren der Mittelpunkt geworden und Terschka's Augen
lieen weder von ihr, noch von Monika ...
    Monika fuhr in dem Gemurmel der Freude, den volksthmlichen Nck zugegen zu
wissen, fort:
    Wie vernnftig, wie praktisch diese Heilige war, beweist auch der Umstand,
da sie zwar bis in ihr achtzigstes Jahr Wunder verrichtet haben soll, aber im
Tode gnzlich damit aufhrte ...
    Ein Geflster und Lcheln ...
    Bitte! unterbrach der Professor der glubigen Naturwissenschaften. Der
Erzbischof von Mainz verbot der Todten ausdrcklich, noch Wunder zu verrichten!
    So viel Ghibellinen hatte Piter eingeladen, da jetzt sogar die Welfen ber
diese Aeuerung mitlachen muten ...
    Man mu das anders erklren! erwiderte Monika, whrend der Auerordentliche
sich im Kreise rundum schaute und strafende Blicke nach allen Seiten austheilte.
Es wre manchmal sehr schn, wenn man die Reize des Niederwaldes und die
Aussicht vom Victoria-Hotel auf Rdesheim auch den Englndern in Bingen
verbieten knnte. Der Zudrang zum Grabe der Heiligen wurde so gro, da man den
daraus entstehenden Unordnungen steuern mute. Deshalb verbot der Erzbischof der
todten Aebtissin die Wunder. Und die Heilige erschien dann dem Erzbischof von
Mainz und erklrte ihm, sie wollte ihm auch noch im Tode gehorsam sein. Das war
aber lediglich eine Ironie der vortrefflichen Frau; sie hatte ihr Lebtag so viel
Aerger mit den Vorgesetzten der mainzer Erzdicese gehabt, da sie ihnen auch
noch im Tode gelobte, ihren Willen zu thun.
    Ein schallendes Gelchter brach aus ...
    Die Entrstung des Auerordentlichen steigerte sich so, da sie jetzt schon
von Johannen, seiner Verlobten, heimlich beschwichtigt werden mute ...
    Lucinde, die nur ruhig beobachtete, wrde mehr aufgethaut sein, wenn sie
nicht fast physisch gefhlt htte, wie Nck, den sie nicht sah, sie beobachtete
...
    Aber, fuhr die scharfe Frau zur Mehrung ihres Triumphes fort, aber auch
wahrhaft liebende und geistvolle Freunde hat die Aebtissin gehabt! Das mssen
Sie schon darum zugeben, weil sie des Lateinischen unkundig war, nur im
magnetischen Zustande etwas davon wegbekam und doch soviel Schriften gerade in
dieser Sprache hinterlassen hat. Ein einfacher Beichtvater, von dem die Welt nur
wei, da der Treffliche Pater Gottfried hie, war ein so treuer Freund ihrer
Seele, da er alles niederschrieb, was sie in den Wolken gesehen zu haben
vermeinte, und es dann noch spter mit ihr ausarbeitete. Dieser bescheidene
Mnch war also noch etwas mehr, als Goethen sein Eckermann. Er war der Geist
einer Frau, die keinen Krper, nur eine Seele gehabt zu haben scheint. Gottfried
selbst stand unter dem Eindruck ihrer Bezauberung. Er hrte seine Freundin, die
auf dem Bette lag, phantasiren. Sie dictirte ihm die Briefe an die, die ihren
Rath begehrten. Sie sprach deutsch und sein Ohr hrte und seine Feder schrieb
Latein. Er bersetzte nichts, er schrieb die Gesichte seiner Freundin gleich in
seiner geistigen Muttersprache nieder. Das war gerade so, wie Plato den Sokrates
Dinge sagen lt, die er nie gesprochen und die Plato darum doch nicht log. Aus
Sokrates' Geiste dichtete Plato seine Dialogen; die Dichter lgen nicht, wenn
sie auch noch soviel erfinden. Oder glauben Sie nicht, da Sokrates somnambul
war? Jeder groe Geist ist somnambul. Jeder Genius hat einen Dmon wie Sokrates.
Jeder Heroe handelt unzurechnungsfhig. Diese Hildegard war die einzig mgliche
Diotima des Mittelalters. Aber welche Thorheit, wenn man noch jetzt in ihrer
alten Sprache lallen wollte! Ich mchte wol wissen, wenn man die Grfin Paula
fragte, was Hildegard gefragt wurde, als der Dechant Philipp von Kln an sie
schrieb, ob sie in ihren Visionen nichts ber den klner Klerus gesehen htte?
...
    Ueber den klner Klerus? rief man durcheinander ... Lucinde lachte mit in
den Chor hinein. Sie fhlte Schadenfreude - ber eine Gegnerin Paula's ...
    Gewi, gewi! sagte Monika. Die Nonne von Dlmen htte schwerlich auf diese
Frage wie Hildegard geantwortet! Sie htte ohne Zweifel alle Domherren von Kln
fr knftige Heilige erklrt!
    Ein neuer Sturm ...
    Aber Hildegard? Was sagte sie denn? drngte man ... Die Zahl der Umstehenden
nahm immermehr zu ...
    Hildegard antwortete zuvrderst: Der ewige Gott, der da ist, war und sein
wird, wird alle Runzeln der Zeit ausgltten! Wer ist dieser Gott? fhrt sie
fort. Die Sonne ist das Licht seiner Augen, der Wind sein Gehr, die Luft sein
Geruch, der Thau sein Geschmack. Der Mond ist Gottes Uhr, die Sterne sind sein
Denken, denn in ewigen regelmigen Kreisen dehnt sich alles Denken ... Hat wol
die Nonne von Dlmen jemals die Gottheit so erhaben definirt? Sie sah nur
Ngelmale und blutende Heilandswunden!
    Eine Todtenstille trat ein ...
    Man wrde Hildegard jetzt fr eine Pantheistin erklren! bemerkte Terschka
vermittelnd, whrend der Auerordentliche vor Staunen und Befremdung ber diese
Sprache in aller Blicken zu lesen suchte ...
    Noch mehr! fuhr Monika unerschrocken fort. Die heilige Hildegard war
Vulkano-Neptunistin, schon achthundert Jahre vor den Theorieen Cuviers ber die
Bildung der Erdrinde. Sie sagt an jener Stelle, Gott sprche: Steine hab' ich
aus Feuer und Wasser gegossen und die Erde aus Feuchtigkeit und Keimkraft
dargestellt. Ich habe Gewlbe ausgeweitet, welche die Krper tragen, um
dieselben her befindet sich die Feuchtigkeit zu ihrer Befestigung. Htten die
Wolken nicht das Feuer und das Wasser, so wrden sie wie Asche sein ...
    In das Erstaunen der Zuhrer und der Bewunderung vor dieser seltsamen, jetzt
fast feierlichen jungen Frau, mischte sich wieder von hinterwrts her die helle
und scharfe Frage aus der Menge:
    Aber bitte, bitte! Was sagte sie ber die klner Geistlichkeit?
    Lautes schallendes Lachen ...
    Es war wieder die Stimme des geliebten, populren Redners ... Lucinde sah
ihn nicht ...
    Sie vergleicht die Wrde der Geistlichkeit zuerst den hchsten Erscheinungen
in der Natur! fuhr Monika fort und eklipsirte den Auerordentlichen heute bis
zur vollstndigen Nullitt. Abel, Noah, Abraham, Moses, alle wren Priester
gewesen, sagte Hildegard, und htten in Gottes Haushaltplan der Schpfung eine
groe Rolle durchgefhrt; die vier Propheten wren wie die vier Weltgegenden zu
betrachten, die die Erde begrenzten. Und die klner Geistlichkeit - nun von der,
sagte sie, die - ich wiederhole wrtlich - die - blase schlecht auf der Posaune
der Gerechtigkeit ...
    Die Erinnerung an die Baposaune erzeugte ein fortgesetztes Gelchter. Denn
selbst die Welfen waren mit den jetzigen Kundgebungen ihres pltzlich ber den
Kirchenstreit eingeschchterten Kapitels nicht im mindesten einverstanden ...
    Eine Posaune, fuhr Monika, als die Zuhrer sich beruhigt hatten, fort, ist
ein so erhabenes Instrument, da es seine Intervallen haben mu. Bei aller
Verehrung vor dem Talente, das uns vorhin die sesten Arien auf ihr vorgetragen
hat, wrden Sie doch von diesem erhabenen Instrument keinen Walzer hren wollen
(Piter hatte allerdings gerade einen Strau'schen Walzer auf der Baposaune als
die Girandole des Abends und den Uebergang zum gemthlichen Ulk bestellt
gehabt). Die klner Geistlichkeit aber blies sozusagen die Posaune der
Gerechtigkeit in diesen Sechszehntelnoten, d.h. wie die Heilige sagt, ohne
Einhaltung passender Zeiten und manchmal gar nicht und manchmal im Uebermae
und manchmal heftig und dann ganz abbrechend, kurz ohne jede wahre musikalische
Empfindung ...
    Ein allgemeines beiflliges Murmeln deutete an, da man diese
Ungleichmigkeit des priesterlichen Wirkens vollkommen verstand ...
    Sie will sagen, fuhr Monika fort, ihr bt euer Amt gedankenlos, seid streng
aus Gewohnheit, verhngt Strafen ohne zu berlegen, wie die Flle sind! Ihr
seid, schreibt sie, eine finsterniathmende Nacht, ein Volk, das aus Ueberdru
an zu vielem Licht nicht lnger darin wandeln mag! (Ueberdru an zu vielem
Licht - Lucinden fiel ein Schlaglicht - auf den gefangenen Klingsohr.) Sie
tadelt die klner Handwerksmigkeit in der Uebung des Priesteramts. Auch die
Snden der Leidenschaft fehlten nicht und doch wolle man daselbst die Ehre der
Heiligkeit ohne Anstrengung gewinnen. Sie vermit das reine Feuer und den Duft
der Lieblichkeit ...
    Das Gemurmel wurde so gro, da der Auerordentliche sich dem Beifall
anschlieen mute und sogar fr die Bemerkung: Und vergessen Sie nicht, gndige
Frau, da die Heilige selbst in Kln gewesen ist! Beifall erntete ...
    Um so mehr also! ergnzte Monika. Und sollte man nicht glauben, da sie
schon die Neigung der Klner fr Mnnergesang und Carneval gekannt hat, wenn sie
- ich bitte die lieblichen Snger von vorhin um Vergebung - sagt: Ihr aber seid
schon durch jeden fliegenden weltlichen Ruhm berwunden, soda ihr euch sogar
als singende Possenreier hinstellt!
    Bravissima! rief glcklicherweise das ganze Quartett selbst; es war vom
Erfolg seiner Lieder im hchsten Grade befriedigt ... Moppes gab das Signal ...
Monika sprach auch so lchelnd, da sie nicht verwunden konnte ... Ihre grauen
Locken hatten etwas so lieblich Elegisches, da jeder entwaffnet war ...
    Terschka freilich wurde immer unruhiger und wechselte wieder Blicke mit
Lucinden, die aufs neue durch Nck's Stimme erschreckt wurde ...
    Und die Kaufleute! Die Kaufleute! rief Nck, gleichsam den Uebermuth der
Kaufleute, die hier so viel auf Kosten anderer lachten, strafend ...
    Sie spricht nur von der Geistlichkeit! fuhr Monika fort. Die Pfrnden wirft
sie ihnen' vor, wenn sie sagt: Wegen eures Reichthums unterweist ihr eure
Untergebenen nicht und gestattet nicht einmal, da sie bei euch Belehrung
suchen, indem ihr sprecht: Alles knnen wir nicht ausrichten!
    Wiederum ein schallendes Gelchter ... Selbst der Kanonikus war vom
Spieltisch vorgekommen, zog in dem allgemeinen Jubel seine Dose und fand die
Moral auch jetzt im hchsten Grade noch anwendbar. Denn wie oft war nicht gerade
erst krzlich bei der Ernennung eines so jungen Domherrn, wie Bonaventura, in
der engeren Curie gesagt worden: Alles knnen wir nicht ausrichten! ... Die
Commerzienrthin stand in der Nhe. Sie war vielleicht die einzige, die nicht
wute, wovon die Rede war, aber sie lachte mit, da sie den Kanonikus lachen sah.
    Ich will die dann folgenden Rgen gegen die mangelnde Sittlichkeit der
klner Geistlichen nicht wiederholen! fuhr Monika fort. Auch sind mir die
Ausdrcke entfallen. Nur die ganz besonders berraschenden, die ich noch
krzlich las, weil meine Reise mich auch nach Kln fhren soll, prgte ich mir
mit Vorliebe ein. So macht sie der klner Geistlichkeit den Vorwurf der
diplomatisirenden Nachgiebigkeit ...
    Aha! murmelten die Fanatiker ...
    Das Predigen und Lehren, das starke Zeugen fr Gottes Gesetz wre dort nicht
an der Zeit mehr!
    Aha! Aha!
    Ja, da die Heilige dann den Klnern die Reformation prophezeit, ist
allbekannt ...
    Wie? fragten die Ghibellinen staunend ... Unter den Welfen verbreitete dies
Stichwort sofort eine ngstliche Stille.
    Terschka winkte Monika ... Aber sie fuhr fort:
    Nein! Nein! Frchten Sie nichts! In diesem Punkt ist die heilige Hildegard
so beschrnkt wie die Nonne von Dlmen und wahrscheinlich auch wie - die
Seherin von Westerhof ...
    Terschka wurde immer unruhiger und sprach mit seinen flammenden Augen:
Migung! Migung!
    Trotz des Schweigens, das nun eintrat, fuhr Monika fort:
    Wo ist jetzt wol eine Ekstatische, die so den Papst, die Erzbischfe, die
Domherren und Priester strafte, wie diese Aebtissin! Aber leider - in Einem war
sie schwach. Sie lebte in einer Zeit, wo es der Ketzer schon genug gab, in einer
Zeit, wo man die Albigenser und Waldenser in Frankreich und in den
piemontesischen Thlern mit Feuer und Schwert vertilgte. Die Glaubensgerichte
konnten nur den ketzerischen Lehren, aber bekanntlich nicht den vortrefflichen
Sitten der Ketzer beikommen. So ergibt sich Hildegard in diese Gewiheit, da
auch die knftige groe Reaction gegen die klner Geistlichkeit zwar vom Teufel
ausgehen, aber ein auerordentlich klug gewhltes Gewand tragen wrde. Sie sagt,
das Volk wrde diesen gemigten, in Zucht und Ehren lebenden neuen Predigern
allerdings anhngen. Der Teufel stnde mit verborgenem Leuchter, da man ihn
nicht sehen knne, und sprche: Ha, ha! Da glauben sie immer, ich mte in
Gestalt von Thieren, von Drachen oder von Fliegen kommen! Aber ich mache mich
auch einmal den Propheten ein wenig hnlich! Nun will ich machen, da man
tugendhaft nicht blos scheinen, sondern auch sein kann und doch nicht in Gott
lebt!
    Und ehe man noch ber die Schrfe dieser Reden sich sammelte, wiederholte
Monika:
    Tugendhaft sein, nicht etwa blos scheinen, sondern sein, und doch nicht von
Gott stammen!
    Monika wollte die Verurtheilung dieser Verblendung.
    Aber der Auerordentliche rief:
    Das ist ja ein erhabenes Wort! Das ist ja die Selbstherrlichkeit Ihrer
Philosophie! Trefflich! Trefflich! Darin findet die Heilige die knftige Hlle
der klnischen Geistlichkeit! Die scheinbare Logik der Kirchenverbesserung ist
es ja, die scheinbare Tugend ihrer Bekenner, die scheinbare Aehnlichkeit mit den
Propheten, die scheinbare Gre der, wie man sich rhmt, reiner erkannten
Schrift, dies ewige Frsteln in der gemigten Temperatur des Rationalismus, das
zu sehen, das der Menschheit gengend finden zu sollen, ja allerdings das kann
und mu fr jede rechtglubige Seele schon auf Erden die Hlle sein!
    In ein Murmeln der Ghibellinen hinein entgegnete Monika:
    O hufen Sie nicht soviel Schmach ber das arme kleine kranke Mtterlein,
das da in seiner binger Klosterzelle so Groes und so Entsetzliches trumend
lag! Wer wei, ob ihr treuer, mit ihr alt gewordener Freund, der Benedictiner
Gottfried nicht zitterte vor dem, was sie sah und er gehorsam der
Hocherleuchteten nachschreiben sollte! Immer hatte sie den schnsten,
liebenswrdigsten Wahrheitsdrang, den es nur in einem Frauenherzen geben kann,
aber da sie vor einem andern Lehrsatze erschrickt, als dem, in dem sie
unterrichtet wurde, das ist die Unreife ihrer Zeit. Und da sie noch so gerecht
ist und dem Teufel einrumt, ein so guter Schauspieler zu sein! Die Ketzer sind
tugendhaft, sagt sie, aber traut dieser Tugend nicht! Diese Tugend stammt nicht
einmal aus Verstellung - das schreibt sie wrtlich - nein, der Teufel gab den
Albigensern und Waldensern, die Innocenz III. mit Feuer und Schwert vertilgt
wissen wollte und deren er allein bei Schlo Castellungo im Piemontesischen
Hunderte verbrennen lie, die Kraft, wirklich tugendhaft zu sein, wirklich die
Sitte der Frauen zu schonen, wirklich enthaltsam zu sein, aber - der Teufel
erfllte nur die Luft mit solchen Geistern, da sie sagten: O wir sind heilig
und vom Heiligen Geiste durchgossen! Das Volk wird sich, fhrt sie fort, an
ihrem Wandel erfreuen, wird ihnen folgen; sie werden sogar die guten Streiter
der rechtglubigen Kirche schonen, hren Sie, schonen d.h. diese Unglcklichen
werden, wenn sie einmal ein klein, klein wenig Macht haben, gegen Andersdenkende
liebevoll und tolerant sein ... aber alle diese Beweise von Milde und Gte sieht
die arme kleine unglckliche gebrechliche Frau nur als Lgen an; alles mu der
Teufel gemacht haben, alles, alles, was sie beinahe schon liebt, schon
bewundert! Ist das nicht entsetzlich? Die Albigenser und Waldenser wurden mit
Feuer und Schwert vernichtet, sie starben in den Flammen mit einem Hosianna, sie
waren liebevolle Vter, treue Gatten, zrtliche Gattinnen, aufopfernde Mtter,
gehorsame Kinder; aber - da sie alles das waren, das hatte der Teufel nur so in
die Luft gezaubert! Gezaubert! Das die Welt glauben zu machen, war von Seiten
Roms gewi die grte Zauberei!
    Die junge Frau hatte sich erhoben ...
    Zwar stand ihr die Leidenschaft, mit der sie ihre Ueberzeugungen aussprach,
herrlich schn ... Ihr Auge blitzte voll gttlichen Feuers ... Ein Zug des
Schmerzes um die beredten Lippen gab ihrem Vortrage und der Geltendmachung ihrer
Kenntnisse soviel Ueberzeugtes und Ueberzeugendes, da sie die Knigin des
Abends gewesen wre, wenn nicht eine ngstliche Stille ihrer Rede gefolgt wre,
alles auseinander ging und Terschka, aufspringend, bemht gewesen wre,
wenigstens scherzend die Stimmung wieder in den fr diese Stadt und solche
Gesellschaft angemessenen Geist hinberzulenken. Sie sind krank! flsterte er
ihr heimlich zu'; dann rief er mit schnell sich fassender Geistesgegenwart:
    Gndige Frau, das erinnert mich ja ganz an eine Aeuerung Ihres Fruleins
Tochter! Frulein Armgart bekam durchs Loos an dem Teppich fr den Domherrn von
Asselyn einen Theil zu sticken, auf dem ein hlicher Drachenkopf abgebildet
ist. Erst war sie darber ganz auer sich! Hernach sagte sie, da sie den
Drachenkopf schon ganz lieb gewonnen htte und sie nun wohl einshe, wie man
sich so auch durch lngern Umgang an den Teufel gewhnen knnte!
    Der noch gebliebene Kreis ging auf Terschka's gute Laune ein und rasch fuhr
er fort:
    Ja, meine Damen! Das wird ein Prachtstck werden! Es ist, wie gesagt, eine
Vision der Grfin! Der Krper des heiligen Liborius wurde aus Frankreich hierher
herbergebracht zum Geschenk von Kaiser Ludwig dem Frommen. Dem Schrein voraus,
erzhlt die Legende, zog wunderbarerweise ein Pfau, der sich der feierlichen
Procession angeschlossen hatte und nicht weichen wollte. Der Vogel des Stolzes
wurde der Vogel des Triumphes. In der Vision der Grfin ist er riesengro und
schlgt ein majesttisches Rad durch alle Himmel und ber die Erde und ber die
Hlle. Der Regenbogen ist es, den die letzten Augen seines Schweifes bilden. In
den Ecken sitzen geflgelte Lwen und Leoparden und tief unterwrts Drachen und
Lindwrmer. Nach Comtesse Paula sollte der Pfau, der der Verherrlichung des
heiligen Liborius gewidmet ist, auf seinem Haupte die dreifache Krone tragen. Da
man aber vom hochwrdigsten Sitz des Heiligen Vaters leicht ein unehrerbietiges
Bild darin htte sehen knnen, substituirte man als Haupteszierde des Pfauen ein
Kreuz ...
    In dem Geplauder fing man an sich zu zerstreuen ...
    Eine Furcht vor einer so ber alles Ma hinausgehenden Meinungsuerung wie
bei Monika schien sich der Meisten bemchtigt zu haben und der Auerordentliche
triumphirte ...
    Da es zum Souper zu gehen schien, erhob sich auch Lucinde, die sonst in der
Laune war, zu jedem Fiasco, das jemand machte, schadenfroh zu lachen ...
    Die Grfin las den Dante! sagte sie zu Monika und suchte durch ein Lcheln
die hier verfehlte Wirkung ihrer Vertheidigung der Reformation zu zerstreuen ...
    Mit Ihnen! ergnzte Terschka, sich schnell einmischend ...
    Sie hatte allerdings mit Paula zusammen italienisch gelernt ...
    Lieben Sie Dante? fuhr Terschka fort ...
    Lucinde schttelte den Kopf ... Es war ihr in ihrem Leben von Klingsohr so
viel ber Dante gesprochen worden, da sie ihn schon deshalb nicht mochte ...
    Recht, mein Frulein! sagte Monika, bitter lchelnd ber die Welt der
Vorurtheile. Auch ich mag ihn nicht, diesen finstern Italiener ...
    Der Professor kam, um den Wirth zu machen, mit Tellern und offerirte
verbindlich und ironisch ...
    Wen? fragte er ... Wen mgen Sie nicht leiden?
    Dante, Dante! sagte Terschka ...
    Wie? lautete ein ironisches Erstaunen; Dante nicht, der - den Ppsten doch
fluchte?
    Sie lieben ihn also! Und warum? entgegnete Monika und stellte den Teller
sich zur Seite auf einen nahe stehenden Tisch, da sie nicht essen mochte und
sich zum Gehen rstete ...
    Weil Dante fr seine Zeit der grte aristokratische Dichter war! Und fr
unsere Zeit ist er der katholischste!
    Damit entschlpfte er triumphirend ...
    Ich mag ihn nicht, grollte Monika dster vor sich hin, whrend Terschka
einen Tisch arrangiren wollte und sie zurckhielt ...
    Fast wre sie geblieben, als sie aus Lucindens Munde durch folgende Worte
berrascht wurde:
    Ich finde an Dante peinlich, sagte das ihr jetzt erst auffallende schne
junge Mdchen, wie er sich mht, Martern zu ersinnen, die er seine Gegner
erleiden lt! Weil ihn seine Mitbrger aus Grnden nicht mochten, ruft er die
Fremden zu Hlfe, will Italien mit Feuer und Schwert von den Ghibellinen und den
Deutschen verwstet haben und lt alles, was ihm persnlich oder seinem Princip
misgnstig scheint, in der Hlle gemartert, gesotten und gebraten werden. Eine
grellere Einbildungskraft hat es noch nie an einem Dichter gegeben, als sich
hinzusetzen und zu grbeln) welche Qualen dem oder jenem seiner Feinde einst zu
Theil werden wrden! Und wen wirft er nicht alles in seine Hlle! Einen Brutus,
einen Cato, einen Cassius! Ueberall wittert er Unordnung in seinem Sinn und
Freiheit und was darunter die florentinischen Gilden verstanden haben mgen, die
nur seinen hohen Werth nicht anerkannten, nicht seine gelehrten Verse mochten,
in die er, wie er sagte, seine Feinde lebendig einmauern wollte. Beatrice liebte
er, nur um ein Ideal fr seine Phantasie zu haben; im Leben und als Person war
sie ihm vllig gleichgltig. In der That, wenn ich die wie mit Gift
geschriebenen Verse Dante's lese, diese lang hingezogen sich ringelnden
Terzinenschlangen und Molche, diese dem Verstand abgequlten Bilder und
Allegorieen, zu denen man, um sie zu verstehen, dicke Commentare lesen mu, so
knnt' ich mich wie eine welfische Lwin fhlen, die mit dem demokratischen Ha
eines Vorstehers der florentinischen Schustergilden dem Adler der Ghibellinen
den Kampf anbieten knnte. Ich sympathisire dann mit den Mnchen, die auf den
Zinnen der italienischen Mauerthrme gegen die Ghibellinen kmpften -
    Ein Savonarola war unter ihnen! fiel Monika voll Staunen und gesteigerter
Theilnahme ein ...
    Ptzl, der Trger der Bologneser, unterbrach eine fast leidenschaftliche
Annherung Monika's und sprach heimlich mit Lucinden ...
    Monika fuhr inzwischen fort:
    Und da mu ich wieder Mutter Hildegard eine wunderbare und liebliche Poetin
nennen. Die blickt auch in die Hlle, aber sie schmort und kocht und foltert die
Gottlosen doch nicht so greulich, wie dieser Dante, dessen Bild mit seiner
langen Nase und dem dicken ber die Kapuze gezogenen Lorberkranz ich nie sehen
kann, ohne an ein altes Weib zu denken ...
    Lucinde wurde zur Commerzienrthin abgerufen, die bei ihrem fortwhrenden
Patrouilliren und dem dutzendmal wiederholten Worte: Haben Sie denn auch ein
Glas? naturgem jetzt berall auf Pitern zurckkommen mute. Das Muttergefhl
und die Sorge der Hausfrau siegte ber die Liebe zu den Bolognesern und zu den
Hausfreunden und zu hundert Fremden, mit denen sie Conversation begann und nach
fnf Worten wieder abbrach. Lucinde bekam den bestimmtesten, ja von
Verzweiflung dictirten Auftrag, eine Recherche nach der jetzt constatirten ja
furchtbar ngstlich werdenden und ein Unglck ahnen lassenden Abwesenheit
Piter's anzustellen.
    Sie mute sich besinnen, da sie hier im Hause eine Dienende war ...
    Monika sah, da Terschka ihr einige Schritte folgte ...
    Wer ist das schne, seltsame Mdchen? fragte sie, als er zurckkehrte ...
    Sie stand allein und Terschka ntzte seinen Vortheil. Zwar machte er ihr
ernstliche Vorwrfe, doch wurden sie von der Glut seiner Huldigungen gemildert
...
    Monika hrte nur wenige seiner Worte, ri sich los und trat wie fliehend aus
dem Zimmer ...
    Der Abend rauschte und wogte dahin ...

                                       8.


Die Worte der geistesstarken jungen Frau, die Widersprche zweier Pole im
Katholicismus - die grte Abhngigkeit und doch eine eigenthmliche Freiheit -
hatten Lucinde in alle Gedankenreihen gestrzt, die ihr vorzugsweise schon oft
bei Serlo's Memoiren entstanden waren ...
    Aber mehr, mehr als alles, was sie zu einer wrdigen Denkerhhe, zu der auch
sie so viel Berechtigungen in sich trug, emporheben und ihr den oft bitter
errungenen, aber tiefinnerlich beglckenden Stolz, in solcher Hhe einsam zu
stehen wie Alpenhupter, erhaben ber die alltgliche Denkweise der Menge, htte
einflen knnen, qulte sie ihr eigenes Geschick ... Paula - Bonaventura -
Hildegard - der Benedictiner Gottfried - alles das berwltigte und lhmte jeden
Aufschwung ...
    Ein groer Unterschied zwischen Monika und Lucinden! Monika eine Frau und
liebend das Gute um des Guten willen. Lucinde ein Mdchen - den meisten ihrer
Gesichtspunkte fehlte Ernst und Festigkeit und das Gute liebte sie nur, weil das
Gute in den meisten Fllen das Klgere ist. Monika entsagte schon lange dem
Leben und stellte sich entschieden auf sich selbst. Lucinde suchte einen Anhalt.
Nicht von Hause aus sa Neid in ihrer Brust, aber er nistete sich mit der Zeit
durch ihr Unglck ein. Die Unglcklichen sind neidisch. Sie werden sich immer
sagen, da sie sich ebenso berechtigt glauben zum Glck wie die Glcklichen ....
Seltene, Edelste deines Geschlechts, ich habe dich lieb, ich bewundere dich,
nimm mich in deine Freundschaft auf! Das konnte Lucinde nicht zu Monika sagen.
Sie fhlte die anziehende Kraft dieser Frau, sie sah ihr liebliches Kind in
ihren Zgen wieder und doch htte sie nicht einen Schritt thun knnen, ihr mehr
zu huldigen, als ihr Geist verdiente. Die Geringschtzung der katholischen
Lehren wrde sie wenig gestrt haben ...
    Schon auf der Treppe zu Delrings hinauf, wo sie etwas von Pitern zu erfahren
hoffte, lachten sie die gewhnlichen Larven ihres Innern an und sagten von der
Frau in den silbernen Locken: Sie ist mit ihrer Familie verfallen! Sie hat unter
den Vorurtheilen derselben zu leiden! So jung noch, so schn, und sie soll
entsagen! Herr von Terschka ist ihr Anbeter! Vielleicht gar Graf Hugo! Was
sprach sie nur von Castellungo? Von den Waldensern, die auch damals - den
Hedemann so interessirten? ...
    Rein und glubig war nichts in ihrem Sinn. Nur wo sie unbedingte Liebe und
Hingebung fand, wie bei Treudchen, da legte sie die Waffen nieder ...
    Im obern Stock schien alles wie ausgestorben. Der lebendige und rauschende
Abend hatte auch die Delring'sche Dienerschaft angezogen und Treudchen mochte
zum Thee gengt haben ...
    Lucinde hielt ihre Kleider, um sich durch das Rauschen derselben nicht
hrbar zu machen.
    Oben fand sie alle Thren offen. Sie schlich sich nher. Das Ehepaar schien
noch nicht zur Ruhe gegangen. Treudchen war nicht zu finden. Delrings waren ohne
Zweifel in dem kleinen Boudoir, wo das Pianino stand und die verhllte Madonna.
In das leise geffnete Wohnzimmer blickte Lucinde. Noch brannte hier eine
Astrallampe, die, von einem groen dunkelrothen Tuberosenkranz von Papier
gedmpft, ein magisches Licht auf Bcher und Nhwerk fallen lie. In der hier
herrschenden Stille lag ein geisterhaftes Etwas, gleichsam als lebte schon das
Kind, um das soviel Kampf und nach Lucindens Meinung unntzer Streit gefhrt
wurde. Aber die Stille wurde gespenstischer und gespenstischer ... Die
Lauschende erschrak ... Ihr alles vom Gegentheil auffassender grausamer Sinn sah
das erwartete Kind pltzlich statt in der Wiege - auf der Bahre ... Sie fuhr
zurck, als wehte sie ein Eishauch des Todes an ...
    Um Treudchen zu finden, mute sie hinterwrts, dem Hofe zu.
    Alle Zimmer waren hier dunkel ...
    Endlich kam sie furchtsam und erschreckt an Treudchen's Kammer, die sie
rasch wie Hlfe suchend ffnete.
    Unfehlbar htte sie jemand, der drinnen war, hren mssen, so leise sie die
Thr auch aufklinkte.
    Treudchen aber, die wirklich drinnen war, lehnte sich gerade zum Fenster
hinaus, weit, weit hinaus ... sie htte in den Hof fallen knnen ...
    Erschrocken trat Lucinde nher und wollte sie am Sturze hindern ...
    Treudchen klammerte sich mit der linken Hand am Fensterrahmen fest und jetzt
sprach sie sogar hinaus ...
    Nun zog sich Lucinde zurck in die dunkle Vorkammer ...
    Herr Kattendyk! Herr Kattendyk! wisperte Treudchen zu den Fenstern Piter's,
in welchen sich ein leiser Lichtschimmer entdecken lie ...
    Jetzt kehrte sie vom Fenster zurck und sprach mit weinerlicher Stimme vor
sich hin:
    Jesus Marie! Er verschlft den ganzen Abend! ...
    Ein dumpfes Gemurmel von Menschenstimmen lie erkennen, da unten die Thr
zur Verbindungstreppe mit den Zimmern Piter's offen stand, vielleicht der Hitze
wegen. In diesen hintern Zimmern wurde gespielt ...
    Lucinde kmpfte mit sich, ob sie Treudchen belauschen oder mit einem
pltzlichen: Guten Abend! erschrecken sollte ...
    Treudchen's Angst schien sich zu mehren, als sie an die Verbindungsthr
trat, die seit einigen Monaten fr immer geschlossen war. Der Schlssel steckte;
soviel Vertrauen hatte ihr Madame Delring geschenkt; aber die Thr zu ffnen war
ihr streng verboten ...
    Nun seufzte sie:
    Er ist nicht in der Gesellschaft! Er schlft! Jesus, Marie, Joseph! Und kein
Mensch kmmert sich um ihn!
    Sie liebt ihn wirklich! sagte sich Lucinde mit einem vornehm herabblickenden
Mitleid ...
    Kein Mensch kmmert sich um ihn! wiederholte Treudchen halb weinend. Und der
Abend geht vorber, der sein Stolz sein sollte! Was macht man nur!
    Am offenen Fenster rief sie wieder:
    Herr Kattendyk!
    Drben blieb alles still ... Licht war im Zimmer, das sahe man ...
    Lucinde sagte sich: Wenn ich einmal eine recht gute Handlung in der Welt
begehe, soll es die sein, dich zur Frau Piter Kattendyk zu machen ...
    Das Lachen, Reden, Tellerklappern, Glserklingen von unten her nahm
immermehr zu ...
    Treudchen fate einen Entschlu. Sie trat an die Thr, sah durchs
Schlsselloch, erfate den Schlssel, drehte entschlossen einmal, zweimal um,
drckte die Klinke auf und herein strmte eine blendende Lichtflle, strmte in
die matterhellte Kammer so strahlend, so feenhaft festlich, da Lucinde
unwillkrlich wieder in ihre Vorkammer zurckhuschte ...
    Treudchen wagte sich vorwrts. Die Flle des Lichts fiel auf ihre
angstbleichen schnen Zge. In Anmuth hob sich lichterhellt die liebliche
Gestalt von dem dunkeln Vordergrund ab. Auf den Zehen schlich sie an die Thr
Piter's, die von innen durch einen Drcker, von auen durch einen Schlssel zu
ffnen war, einen Schlssel, der leider nicht steckte ...
    Tiefseufzend ffnete sie das Corridorfenster, lehnte sich auch da weit
hinaus und rusperte laut, um hrbar zu werden. Dann rief sie wieder:
    Herr Kattendyk!
    Fr Lucinden war dieser Beweis der Liebe Treudchen's ein Genu. Noch viel
lnger htte sie jetzt lauschen mgen. Sie hatte die Absicht, nach einer Weile
hervorzuspringen und sie zu kssen. Sie war in Treudchen verliebt; diese -
kritisirte sie doch nicht! Und Treudchen's Lebenslage glich der ihrer eigenen
ersten Jugend ...
    Nun aber wollte sie ernstlich Lrm machen, um Pitern zu wecken.
    Eben kehrte Treudchen zum Schlsselloch zurck und wisperte die
ngstlichsten und dringendsten Rufe ... Da tnte vorn in den Delring'schen
Zimmern eine Klingel; sie wurde zwar nur einmal, aber laut schallend angezogen.
    Wie der Blitz scho Treudchen an Lucinden vorber und verschwand mit einer
Schnelligkeit, die es unbegreiflich machte, wie sie zu gleicher Zeit noch die
Thr ihres Zimmers anziehen konnte. Ehe Lucinde sich ber die Strung hatte
orientiren knnen, war sie im Dunkeln; auch das Licht Treudchen's war vom Zuge
ausgegangen.
    Lucinde wre gern in diesem Dunkel geblieben ... mit sich allein ... mit dem
Chaos in ihrer Brust ...
    Der Befehl der Commerzienrthin war jedoch zu entschieden ... Sie ffnete
und wollte stark an Piter's Thr pochen, hinter der der Lichtschimmer immer
matter und matter zu werden anfing. Das offene Fenster strte sie. Sie war in
bloem Halse und hocherglht ...
    Eben, wie sie das Fenster schlo, hrte sie von unten her das leise Betreten
der Corridortreppe ...
    Da sie nichts zu frchten hatte, drckte sie Treudchen's Thr ganz zu und
wollte sich ans Werk machen, in allem Ernst zu entdecken, ob der junge Herr
anwesend war oder nicht.
    Da sprach von der untern Treppe eine mnnliche Stimme herauf:
    Frulein, was haben Sie denn nur fr ein Interesse, der Gesellschaft den
Abend zu verderben?
    Es war die Stimme des Oberprocurators ...
    Lucinde wandte sich, tieferbebend ...
    Nck stieg eine Stufe hher ...
    Ihr Herr Schwager verschlft den Abend, der sein eigenes Werk ist! hauchte
sie und suchte nach Unbefangenheit. Sie hoffte, Nck wrde gehen.
    Nck stieg aber hher und sprach:
    So wird er, wie hier auf Erden jedes groe Genie, auf seinen Nachruhm
angewiesen sein!
    Wir erleben aber von ihm die heftigsten Vorwrfe, fuhr Lucinde sich
ermuthigend fort ... Es benahm ihr den Athem dies Nherkommen des gefrchteten
Mannes ... Auch hat mich Frau Commerzienrthin beauftragt, ihn auf alle Flle zu
rufen! setzte sie tonlos hinzu ...
    Wenn er nun aber hier nebenan gefesselt sitzt bei dem kleinen Mdchen,
dessen Schutzengel Sie geworden sind?
    Nck stand mit diesen schmeichlerisch betonten Worten oben und vertrat
Lucindens in dieser lichthellen Einsamkeit vollends blendender Erscheinung den
Weg, als sie kraftlos wieder bei Piter anklopfen wollte ...
    Bitte! Bitte! sagte er sicher und ruhig. Wirklich! Lassen Sie doch den
Burschen trumen! Beschmungen sind zuweilen eine gute Cur und ohne ihn geht
alles noch einmal so gut. Er wrde das Leben der heiligen Hildegard viel besser
gewut haben, als die kleine berspannte Frau ... nicht wahr?
    Lucinde war wie gefangen durch die immer entschiedenere Annherung. Sie
wute schon nicht, wie sie entkommen sollte ...
    Sie fliehen vor mir! rief er ihr nach, als sie ihm mit rauschendem Kleide
vorberhuschte, und suchte sogar ihre Hand zu haschen ...
    Selbst eine Rose, wie Sie, mu duldsam sein fr jeden Wurm, der aus ihrer
Blte Duft saugen will! sprach er mit einem funkelnden Blicke ...
    Ja! sagte Lucinde mit gepreter Stimme und vor Angst scherzend und auf seine
graue, unfestliche Kleidung deutend, ein Wurm sind Sie! Ein rechter Actenwurm!
    Mdchen! rief Nck wie im pltzlichen Sichselbstvergessen, dann aber sich
migend ... Er war wie um zehn Jahre jnger geworden durch dies tte--tte.
Seine dunkelbraunen Augen leuchteten. Am Gelnder der Treppe mute er sich
halten, um sein aufgeregtes Zittern zu verbergen ...
    Das wut' ich doch, sagte er und vertrat ihr wieder den Weg, da Sie das
nicht sind, was Sie bisher geschienen ...
    Ha! wallte Lucinde auf und stand wie fragend nach der Bedeutung dieses
Wortes. Allmhlich gewhnte sie sich an das gehrte Wort und gedachte ihrer
uern Erscheinung, die wol Nck gemeint haben konnte und die heute eine
festliche war ... Ja sie erglhte, da sie ihren Schatten sah und die Locken, die
in ihrem Nacken wogten ...
    Erfuhren Sie das - von -? sagte sie bei alledem mit erwachendem Muthe und
deutete abbrechend auf die Strae hinber ...
    Von wem? fragte Nck, staunend und unschuldig wie ein Kind.
    Seine Augen schossen zwar einen durchbohrenden Pfeil auf die Fragerin, die
ihrerseits im Ton angedeutet hatte, was sie ber die Frau vermuthete, bei der
sie hatte Chocolade trinken sollen; doch lag zugleich etwas um Vergebung
Bittendes in seinem Tone. Endlich, wie ein Jngling, der zum ersten mal von
Liebe spricht, sagte er leise und zitternd:
    Lucinde! Ich bete Sie ja an!
    Lucinde sah einen Mann vor sich, der aller Welt ein Riese an Willenskraft
und Macht erschien. Ihr gegenber schien er ein Kind, die Demuth selbst zu sein
...
    Lucinde lachte laut auf mit jenem hellen Lachen, das ihr niemals schn
gestanden ... Seit Monaten hatte sie nur in Treudchen's Gegenwart und fr sich
allein so lachen knnen ...
    Befehlen Sie ber mich! Strafen Sie mich! Gebieten Sie mir etwas! Ja, ich
bin Ihnen Genugthuung schuldig fr mein gewagtes Wort! sagte Nck und bot der
ihn Verhhnenden die Hand ...
    Lucinde hatte fast das Bedrfni, ihr spottendes Lachen wieder gut zu
machen. Fast scherzend und schon wie um ihn festzuhalten sagte sie, sich rasch
auf die von Veilchen Igelsheimer erhaltene Mahnung besinnend und ihren Vortheil
nutzend, vielleicht Klingsohr irgendwie fr immer aus ihrer Lebensbahn zu
schaffen:
    Ganz recht, Herr Oberprocurator! Sie knnen mir einen Gefallen thun! ... Sie
kennen den Mnch - Sebastus?
    Ihren ehemaligen Verlobten, Doctor Klingsohr ...
    Lucinde hatte diese Wendung nicht erwartet. Sie brach erblassend ab und
wollte gehen ... Es war ihr Fluch, da ihr berall die gespenstische
Vergangenheit entgegentreten mute ...
    Nck vertrat ihr aber den Weg, streckte die Arme aus und hauchte leise, wie
zerflossen von Inbrunst und Leidenschaft:
    Mdchen! Was fliehst du! Ich kenne ja dein ganzes Leben!
    Lucinde blickte ihn finster und von der Seite an, indem sie die Thr zu
Treudchen's Zimmer fest in der Hand hielt ... Sie bot ein Bild des Schreckens,
der Entrstung und - jener Schnheit, die dem Charakter eigen ist ...
    Rolle deine gewitternden Augen nicht! Lache nicht ber mich - mich, den
Narren im grauen Haar -! Pater Sebastus ... Ja, ganz recht! Dem geht es
schlecht! ... Was wnschen Sie, Frulein Schwarz, da ich fr ihn thue?
    So sprang er in einen ganz gewhnlichen Ton der Artigkeit zurck, hielt
diesen Ton aber nicht fest, sondern rief sogleich hinterher:
    Angebetete!
    Lucinde hatte sich in ihre Lage gefunden und fing an sich zu beherrschen.
    Warten Sie nur, sagte sie, nun wei ich etwas, was eine Dame, die
fortwhrend ber Hitze klagt, endlich einmal abkhlen wird! ...
    Sie sagte das so voll Uebermuth, da Nck neue Hoffnung schpfte. Mit
elegischem Blick hauchte er:
    O, das war grausam!
    Sein Blick dabei gen Himmel wollte ein ganzes verfehltes Leben malen ...
    Lucinden graute vor diesem Blick ... Es war gar kein menschlicher ...
    Was kann ich fr den Mnch thun? fragte Nck sich sammelnd ...
    Kann man ihm nicht die Freiheit geben?
    Die Rckkehr in sein Kloster?
    Lucinde stockte ...
    Sie wollte sagen: Gerade das am wenigsten!
    Sie sind an ewige Gelbde nicht gewhnt! sprach er. Es wird ihm besser sein
bei Pater Ivo und Bruder Hubertus ... Oder ... Ja! Ganz recht, Sie wollen ihn
nicht gern in der Gegend von Witoborn. Nicht bei Schlo Westerhof, wohin Sie
Ihre ganze Sehnsucht zieht! ... Wallen Sie doch nicht auf, Frulein ... Gut!
Erst erfahren wir, ob er entfliehen will? Will er wieder Protestant werden?
Nein? Oder was? Weltpriester? Er hat die Weihen nicht! Halt! Das ginge! Das
wrde ihn aus Ihren Bahnen schaffen! ... Ha! Blitzt es schon wieder? Wie schn
steht Ihnen dieser Zorn! ... Mdchen - Gut, nach Belgien schicken wir ihn, wie
ich manchen dahin schicke, Alte und Junge! Sie verstehen? Er darf sein
Ordenskleid wechseln, falls er - Jesuit werden will! Lassen Sie ihn nach Lttich
gehen! Dann sind Sie ihn los ... Aber so bleiben Sie doch! Warum zrnen Sie
denn? ... Hm! Ich besorge alles! Empfehlungen, Wagen, Pferde ... Nach Lttich!
Nicht wahr? Nicht nach dem Dsternbrook, wo Sie ihn zum ersten mal sahen? ... O,
o! ... So bleiben Sie doch!
    Lucinde folgte allen diesen Reden in der hchsten Aufregung. Bald stand sie
auf der Flucht, bald wieder wie gebannt von dem dmonischen Manne, der ihr
ganzes Leben kannte und so tief in ihrer Seele las ...
    Nck fuhr fort:
    Allerdings! Dieser Mann knnte sich grer bewhren, als durch Betteln! Soll
ich ihn nach Rom schicken? Es gibt auch da eiserne Gitter - denn das mu er!
Ben mu er bitter fr eine solche Flucht! Das ist die Stufenfolge - auf seinem
Kalvarienberge des Lebens! Ein lebhafter Briefwechsel hin und her, lange
Luterung, lange Prfung; aber besser, er setzt sich die viereckte Mtze auf und
predigt; besser, als bei den Barfern zu verkmmern ... Fragen Sie ihn, ob er
zu den Jesuiten will? Ich besorge alles ...
    Lucinde sprach sinnend und des Mannes staunend:
    Ich werde - Ihnen schreiben -
    Schreiben! In Zeiten, wie die jetzige, schreibt man nicht.
    So schick' ich - zu Ihnen ...
    Schicken! In Zeiten, wie die jetzige, kommt man selbst ...
    Lucinde fuhr zurck; denn Nck trat mit einer Keckheit auf sie zu, da sie
jetzt fast alles htte abbrechen mssen ...
    Darum beherrschte er sich und flsterte:
    Mdchen! Mdchen, hre mich jetzt! Du hast in der Welt nichts unversucht
lassen wollen! Versuche noch eines! Die Liebe solcher Mnner, zu denen ich
gehre! Wir zhlen einundfnfzig Jahre, aber unsere Leidenschaft zhlt neunzehn!
Wir geben nur, wir opfern nur; wir markten nicht mehr, wir lieben nicht mehr um
unserer Eitelkeit willen, wie Oskar Binder liebte! Ha! Sei doch klug, Mdchen,
und erschrick nicht ewig - vor dir selbst! Sei, was du bist! Das Bedrfni der
Hingebung ist am Manne nie reiner, nie aufrichtiger, nie selbstloser, als wenn
schon alle Hoffnungen und Illusionen hinter ihm liegen! Lucinde! Ich baue dem
Glck, das Sie mir gewhren, ein goldenes Haus! Niemand soll es sehen ... in
Lften soll es schweben, wie die Htte von Loretto! Wollen Sie anderes? Befehlen
Sie! Ich breche mit allem, was Sie strt, thue alles, was Sie bedingen! Reisen
wir? Nach Paris? Nach Rom? Nach Mekka! Ich bete Sonne und Mond an, wenn du es
verlangst, Mdchen!
    Lucinde hatte die Thr in der Hand, die sie ffnete und wollte entfliehen
...
    Bleibe! rief Nck auer sich ...
    Sie wandte sich ... Da fuhr sie entsetzt zurck ... Wie sie in des wilden
Mannes Augen sah, waren diese ohne Stern. Ein einziger weier Glanz ...
    Nck, den unheimlichen Eindruck, den er machte, ahnend, besttigte ihn fast,
indem er tonlos sprach:
    Ich bin unglcklich!
    Wieder hatte in dem untern Stockwerk Musik begonnen. Man sah, da eben in
dem Zimmer Piter's das Licht ganz erloschen war ... Die unten gefhrten
Gesprche hrten auf ...
    Lucinde sprach zitternd und wegen der Stille kaum hrbar:
    Ich mu zur Gesellschaft!
    Nck gab sie nicht frei ... Ebenso leise flsterte er:
    Sie lieben, Lucinde, ich wei es ...
    Die Musik kam vom Spiel auf dem Flgel ... Lucinde dachte, sie msse
vergehen ... den Schlag ihres Herzens htte man hren knnen ...
    Sie lieben einen Menschen, der ein Gott ist! fuhr Nck flsternd fort. Das
wird Sie nicht glcklich machen!
    Lucinde hielt sich, um nicht zusammenzubrechen ...
    Warum verschwenden Sie Ihre Kraft, Ihre Jugend, Ihren Geist an diese
Schwrmerei? Sie lieben ein Phantom, Sie lieben Serlo's Geist - zucken Sie doch
nicht ewig vor meiner Kenntni Ihres Lebens, die ich mir aus rasender
Leidenschaft verschaffte. Es sind ja keine Dolchstiche, die ich gegen Sie fhre
- Serlo's Geist, der in einem neuen Krper wohnt? Hat dieser Priester etwas von
Serlo? Ich wnschte, Serlo's Geist sprche Ihnen aus dem meinigen oder hab' ich
nichts mit ihm gemein? ... Sie schtteln Ihr schnes Haupt! ... Diese schnen
Locken! ... Lucinde! Was wollen Sie in diesen Verhltnissen? Schwingen Sie sich
auf! Wissen Sie, da - Sie eine groe Rolle spielen knnten? Da die Vter der
Gesellschaft Jesu thatkrftige Freundinnen brauchen? Wollten Sie denn nicht an
unserm Kreuzzuge theilnehmen, wie mir Beda Hunnius geschrieben? Hassen Sie nicht
auch diese numerirten Knpfe und bunten Achselklappen? Diese kluge,
durchsichtige, polizeiliche Welt? Ein Sturm wird ber die Erde kommen und sie in
ihren Grundvesten erschttern! Verbnden Sie sich uns! Wenn nicht in der Liebe,
im Hasse! Ha! Du kannst hassen, Mdchen! Mehr als lieben! ... Siehst du, wie
dich das traf! Lachen mut du jetzt? ... Hr' es, hr' es! Ich habe immer eine
Fackel in der Hand, noch einmal die Welt in Brand zu stecken. Kannst du Gift
mischen, Mdchen?
    Fr Fliegen!
    Kannst du stehlen?
    Kirschen!
    Falsch schwren?
    Lernt sich von Euch!
    Falsche Handschriften machen?
    Lucinde verstand kaum noch sein immer gedmpfteres Flstern ...
    Wenn ich nun Paula zwnge den Grafen Hugo zu heirathen und dein Gott nicht
mehr mit ihr straucheln knnte?
    Das verstand Lucinde und blieb starr ...
    Wenn sich nun die Urkunde fnde, die die Erbberechtigung des Grafen Hugo
ausschliet! Wenn adelige Conduite mit sich brchte, da Paula dem Getuschten
in Wien dafr ihre Hand gibt, wodurch sogar eine Conversion zu hoffen ist - der
Mann folgt dem Weibe -! Und wenn dann Paula nicht in ein Kloster ginge, nicht
mit Herrn von Asselyn die mystischen Nchte seraphischer Liebe feierte, wie die
Heilige von vorhin mit dem Benedictiner Gottfried? Ja, wenn vielleicht deine
eigene Hand, Mdchen, im Westerhofer Archiv -
    Bei diesen von Lucinden deutlich verstandenen, gierig aufgesogenen, sie mit
halber Besinnungslosigkeit erfllenden Worten trafen pltzlich zwei Thatsachen
zusammen, die sie bestimmten, einen Schreckensschrei auszustoen ...
    In seiner Sinnenglut hatte sich Nck Lucinden so genhert, da nicht nur
wieder seine Augen vllig wei und ohne Stern erschienen, sondern auch unter dem
weiten weien Tuche, das seinen Hals bedeckte, ein anderer Anblick sie
erschaudern lie. Rings unter der Binde ging ein blutigrother Streifen hin, der
sie sofort an Hammaker's That erinnerte ...
    Und in demselben entsetzlichen Augenblick, in der offenbaren Aufforderung zu
einem Verbrechen, gab es pltzlich unten eine lrmende Unterbrechung des
Klavierspiels ...
    Was ist? hrte man wie aus einem Munde rufen. Dann folgte ein lrmendes
Durcheinanderlaufen, ein Klingeln, ein Schreien im Hofe und zugleich von der
Strae her ein Dahersprengen von Cavalerie ...
    Nck horchte auf und ordnete rasch die Binde an seinem Halse ...
    Ein Alarm! wandte er sich. Da der Lrm zunahm, bedeutete er Lucinden ruhig
zu sein und beugte sich horchend ber die Lehne der Treppe ...
    Das Dahinsprengen der Cavalerie wurde lebhafter ...
    Lucinde stand kraftlos ...
    Ohne ein anderes Wort zu sprechen, als: Also morgen, Freundin! Klingsohr
geht nach Belgien! Morgen! Schicken Sie! Schreiben Sie! Thun Sie - thun Sie, was
Sie wollen und was Sie wnschen! Ich unterziehe mich allem, aber Vergebung,
Vergebung - Freundin! Und - Wiedersehen! ... entfernte sich Nck ber die Stiege
und ging schneller nach unten zurck, als er gekommen.
    So pltzlich ward ihm seine Selbstbeherrschung, da Lucinde starrte, ihn so
verschwinden zu sehen als wre hier oben nicht das Mindeste vorgefallen.
    Sie schwankte in Treudchen's Kammer zurck ...
    Diese war ohne Licht ... Halb ohnmchtig sank sie auf Treudchen's Bett ...
    Wol eine halbe Stunde mochte sie so gelegen haben, besinnungslos, allem
Erlebten nachdenkend, unbekmmert um den Lrm um sich her, auch um den auf der
Strae, der sich seit dem November so oft wiederholte, als endlich Treudchen
erschien, mit einem Licht in der Hand ...
    Jetzt erst entdeckte sie Lucinden und war nicht wenig erschrocken sie hier
und wie krank zu finden ...
    Wissen Sie denn nicht? fragte sie erregt ...
    Lucinde antwortete nichts ...
    Treudchen erzhlte, da die ganze Gesellschaft auseinander wre ... Schon
wre am Marsthor geschossen worden ... Die beiden Handwerkervereine lgen in
blutigem Streit ... Das ganze Militr schon stnde unter Waffen ... Jetzt wre
es ruhiger, wenigstens knnten die Wagen wieder durch und holten die
gengstigten Herrschaften ab ... Die Meisten htten sich zu Fu geflchtet ...
Unten wre niemand mehr ...
    In der That war auf der Strae und unten alles ruhiger ...
    Lucinde erhob sich und sagte:
    Ich wollte den jungen Herrn abrufen! Seinen ganzen Abend scheint er
verschlafen zu haben! Da kommt der Joseph! Weckt ihn jetzt! Er schlft gewi!
Gute Nacht, Treudchen!
    Sie entfernte sich und schwankte dahin wie ein verstrter Geist ... Joseph
hatte ihr ein Licht gegeben. Sie ging, halb wie Psyche mit der Lampe vom
schlummernden Amor, halb - wie Lady Macbeth vom ermordeten Duncan.
    Mit dem Joseph kam dann auch noch der Hausknecht ... Unten gingen die
Klingeln der Commerzienrthin und Johannens ... Man klopfte an Piter's Thr.
Jetzt erfolgte Antwort. Er erschien. Piter hatte geschlafen. Er orientirte sich,
brach in Staunen, in Zweifel, noch einmal in Zweifel, dann in Verwnschungen
aus, Schwre um Rache am ganzen Menschengeschlecht und zunchst an seiner
Familie. An die Mglichkeit dessen, was ihm passirt war, vermochte er nicht zu
glauben ...
    Treudchen behielt den meisten Muth und die meiste Fassung. Sie ging Pitern
leuchtend voraus, half bei der Zurckstellung der Speisen, bei dem Lschen der
Beleuchtung. Da die Commerzienrthin von einem Fieberanfall gesprochen,
untersttzte sie die Bedienung derselben in ihrem Schlafgemach. Ueber Pitern
konnte sie der Mutter Beruhigung geben. Zu den etwa Erschossenen gehrte er
nicht ... Er hatte nur seinen eigenen Abend verschlafen ...
    Halbtodt war Piter darum doch und um ihn her sah es aus wie auf einem
Leichenfelde ...
    Der Ueberblick unserer aus festlichem Schmuck zur Alltglichkeit
zurckkehrenden Wohnrume hat schon an sich etwas Gespenstisches ...
    Piter aber glich einem marodirenden Adler auf einem Schlachtfelde ... Alles
war vor dem ersten Ausbruch seiner Wuth geflohen ... Es konnte nicht zweifelhaft
sein, da er seine Erffnung der Wintersaison, die Honneurs, den Empfang der
Frau von Hlleshoven zum Gelchter der ganzen Stadt verschlafen hatte. Da lagen
die Noten, da stand der Kasten mit der Baposaune, da waren Lichter
niedergebrannt, da gab es die vorausgesehenen Oelflecken, silberbeschlagene
Korke lagen auf den Tischen, die Sthle waren in Unordnung, der gebohnte
Fuboden mit Staub bedeckt und ohne Glanz, die Oefen erkaltet - die Frchte
seiner Saat hatte man ohne ihn geerntet.
    Er raste und suchte ein Opfer. Messer sah er liegen und ergriff eines ...
dann schleuderte er's fort; er nahm's wieder, denn eine Stimme hinter ihm her
sprach von einem Aufruhr. Ha! ... der Sprechende rannte von dannen ... Der
Hausknecht war es ... er hatte den Schmerz des Kutschers anbringen wollen, der
als Garderobier in dem lrmenden Aufbruch ohne Trinkgelder geblieben war.
    Endlich aber kam eine tiefe Beschmung, ja sogar eine Wehmuth ber Pitern.
Ach, er sah aufgedeckt die groe Verschwrung der Menschen gegen seinen
Verstand, sein Herz, seinen Flei, seine Thtigkeit, seine Autoritt, seine
bloe Existenz als Mensch! Er ergriff einen der Klingelzge, um zu luten, als
sollten die Todten zum Jngsten Gericht auferstehen ... Dann aber besann er sich
und es fing ihn an leiser und leiser zu frsteln ... In den Spiegeln sah er ein
kreideweies Antlitz, eine weie Halsbinde, eine weie Weste, einen neuen Frack
und das war Er. Diese Gewiheit erfllte ihn mit einem Gefhle, als sprchen
tausend Stimmen: Schon manchen Jammer nach einem Trinkgelag hast du erlebt, aber
noch nie einen solchen, wie heute, nach so wenigen Glsern Cognak, die so
verderblich nur wirken konnten, weil ihnen groe geistige und physische
Anstrengungen vorangegangen! ... Wo waren seine Anekdoten, die er aus dem
Demokritos auswendig gelernt! Wo seine witzigen Antworten, zu denen er die
Fragen zu provociren soviel Schlauheit anwenden wollte! ... Zuletzt berkam ihn
selbst ein Lcheln ... Es war dies jenes Lcheln, wo der Mensch bei aller
Eitelkeit doch nicht umhin kann, sich zuweilen komisch vorzukommen. Wir
verrathen dies Lcheln nicht oft. Aber es kommt zuweilen. Dies Lcheln ist die
Folge der Erkenntni, da andere Menschen manchmal nicht Unrecht haben, wenn sie
unsere Handlungen einer uns pltzlich selbst keinesweges mehr bestochen
vorkommenden Kritik unterwerfen ... In diesem Lcheln lie Piter den Klingelzug
fahren und versparte sich das Jngste Gericht bis auf den folgenden Morgen ...
Er hoffte auf den ermuthigenden Eindruck, den ihm die Helle des Tages machen
wrde.
    Nun htte er viel darum gegeben, wenn er jetzt noch das einzige Wesen, das
ihm nicht widersprach und dem Er nicht widersprach, bei sich gehabt htte ... Er
schlich sich still in die hintern Zimmer zurck, ahnte das morgen ihn
berschttende Gelchter seiner Freunde, die ihn so ignoriren konnten, ja er
sagte sich: De Jonge - der, der wre der einzige honnete Mensch gewesen, der
mich vermit htte! Mute auch gerade de Jonge fehlen! ... Nun ging er ber die
knarrende Stiege mit den Empfindungen, die jener Held hatte, der gesprochen:
Was sind Plne, was sind Entwrfe!
    Und auch ihm wurde es wie Melodram, als er seufzend sich unter seine Decke
streckte:
    Ser Schlaf! Du lsest die Knoten der strengen Gedanken. Eingehllt in
geflligen Wahnsinn versinken wir - und - hren - auf - zu - sein!
    Ringsum alles still. Auch im Hofe. Die Lichter erloschen ...
    Am sptesten erlosch das Licht an den Fenstern, wo Lucinde wohnte.

                                       9.


Nein, es ist ein S - kndl! Nicht ml eine Lterne ist eingeschlgen!
    Diese am folgenden Morgen von Herrn Jean Baptist Maria Schnuphase in der
Nck'schen Schreibstube gesprochenen Worte lieen eine zwiefache Deutung zu -
je nachdem ...
    Entweder konnten sie sagen: Alle Truppen waren auf den Beinen, um eine
einfache harmlose Schlgerei zwischen dem katholischen und evangelischen
Handwerkerverein zu verhindern! Oder: Man hat auf einige, die nicht weichen
wollten, doch nur blind gefeuert und keiner wagte auch nur den geringsten
Widerstand!
    Wie sehr aber statt des ungleichen Kampfes der Faust der Geist des
Treppenwitzes im Vortheil war, ersah Schnuphase aus den wenigen Worten, die
Nck nur mit ihm wechseln konnte. Nck ersuchte ihn, heute und morgen zu jeder
Stunde einen Wagen und zwei tchtige Pferde, die etwas aushalten konnten, in
Bereitschaft zu halten, um eine noch nicht nher bezeichnete Person, am Tage
oder bei Nacht und Nebel, aufzunehmen und sie an einen gleichfalls erst nher zu
bestimmenden Ort zu berfhren ... Diese bedeutungsvollen, Herrn Jean Maria in
Extse versetzenden Worte - er frhstckte bei solcher Stimmung schon um zehn
Uhr auf dem Hhnenkmp - waren heute das ganze Zwiegesprch zwischen den
Gesinnungsgenossen. Selbst den leisen Einwand, den Herr Maria machte, morgen
Abend reise Domherr von Asselyn nach Witoborn und es zieme sich eine
Demnstrtion, bei der er nicht fehlen drfte - schnitt Nck ab. Denn schon
ging und kam es wieder um ihn her und rauschte und flsterte und lachte und
seufzte ... Wieder waren rmische Breven angekommen, die den Verwesern des
Kirchenstuhls sagten: Wir haben euch zwar gestattet, die heiligen Handlungen zu
vollziehen, haben aber auch gehrt, da ihr eure Administration in einer Weise
fhrt, die fr euern ruhmwrdigen gefangenen Oberhirten im hchsten Grade
beleidigend ist! Schon waren die Cabinete der Frsten gespalten. Eine geheime
Deputation der Fanatischen wurde vorbereitet an den damaligen Lenker der
europischen Geschicke an der Donau. Ein geheimer Congre hatte auf dem Stift
Neuburg bei Heidelberg die Abgeordneten aller Kirchenhupter des vaterlndischen
Sdens zu gemeinschaftlicher Berathung vereinigt. Der Norden bereitete sich zu
einer Versammlung in der Nhe Witoborns vor. Die Vter der Gesellschaft Jesu
kamen nher und nher, in mancherlei Trachten und Gestalten. Andere wieder
begaben sich von hier zu ihnen, Kinder sogar, junge Leute, die Michahelles hatte
erziehen lassen fr die Weiterbildung in Lttich ... So war auch Tnneschen
Hilgers neulich, der Schifferknabe von der Insel Lindenwerth, zu den Jesuiten
expedirt worden ... Nck hatte so viel zu thun, da er nur in dringenden
Geschften zu sprechen war, eine Dame, wie er sagen lie, ausgenommen, die
Gesellschafterin seiner Schwiegermutter, Frulein Lucinde.
    Eine hohe weibliche Gestalt sah man dann in den ersten Frhstunden in die
Rumpelgasse eintreten. Sie war blau verschleiert, in einem schottisch carrirten
Mantel; ein Pelzmuff bedeckte die Hnde ... Gegen Morgen hatte das Wetter
pltzlich umgeschlagen und war kalt geworden. Einer der kleinen Kanle der Stadt
war sogar mit einer dnnen Eisdecke berzogen. Eine dichte Menschenmenge stand,
um ein Wunder zu sehen. Auf dieser Eisdecke hatte sich eine Figur gebildet, die
man allenfalls - fr ein Kreuz nehmen konnte. Durch diesen Anla zu neuer
Aufregung hindurch, betrat Lucinde das enge Stadtviertel, wo der Frost unter den
Tritten der Fugnger schon wieder aufgeweicht war und es wie immer werkeltgig
aussah, obgleich die Juden Sabbat hielten ...
    Lucinde kannte durch Treudchen alles, was Lb Seligmann ber Veilchen
Igelsheimer erzhlt hatte ...
    Freilich die Bildungsquelle, die ihr bei diesem Mdchen nach des entzckten
Lb Versicherung htte flieen drfen, hatte Treudchen nicht benutzt; sie hatte
eine hochgebildete Freundin nher, vorzugsweise aber auch Nonnen und einen
Geistlichen, die sich mit Vorliebe und langsamer Schulung ihrer Seele annahmen
...
    Aber Lucinde hatte darum doch alles erfahren, was Veilchen betraf. Sie wute
die Liebe derselben zu jenem Leo Perl, der Lucinden selbst von der Hasen-Jette
als ein weiland Michel Angelo'scher Moses dargestellt worden war; sie kannte den
Antheil, den an dem Uebertritt desselben der Dechant und, wie sie aus den
gegebenen Andeutungen nicht bezweifeln konnte, sogar der Kronsyndikus hatte; sie
kannte ihre jetzige Thtigkeit in dem antiquarischen und carnevalistischen
Geschft ihres Verwandten, eines zweiten Bruders der Hasen-Jette, ihre Kenntni
von alten Mnzen; sie wute, da sie es war, die jene Ahasverusscherze trieb mit
rmischen Kaisernasen, die in Gnsemgen den Rost der Jahrhunderte ansetzten.
Endlich wute sie, da Klingsohr durch die Zutraulichkeit Veilchen's gewagt
hatte, hier sein Ordenskleid abzulegen ... Der Verrther des Mnchs war der von
Angst und dem knstlichen Schein der Unbefangenheit nchtlich umgetriebene
Jodocus Hammaker gewesen. Von Serlo's Kindern und ihrer Mutter hatte sie nur
einmal einen Brief, die Bitte um Geld erhalten, dann nichts wieder von ihnen
vernommen, weder Empfangsanzeige, noch, wie sich von selbst verstand, Dank ...
    Alle diese Eindrcke sammelnd und in sich zurecht legend, von der Erinnerung
an den gestrigen Abend umschlungen wie mit glhend ehernen Armen, aufathmend
nach Hlfe ber die schon im Dom bei der Messe vernommene Kunde, da Bonaventura
morgen Abend reise, nach Witoborn reise, wohin die mgliche Rckkehr auch
Klingsohr's ihre Pein vermehrte, voll Entschlossenheit, bis zum morgenden Tag es
ber ihr ganzes Leben zu einer letzten Entscheidung kommen zu lassen, bestieg
sie einige Stufen, die in eine dunkle Hausflur fhrten, in welcher zur linken
der Eingang in das heute feiernde Geschft Nathan Seligmann lag.
    Trotz des Sabbats waren die Vorlden dreier Fenster, die in die dunkle Gasse
fhrten, doch halb und halb geffnet geblieben. An einigen alten Basen und
Majolikaschsseln, an einigen alten Kupferstichen, einigen Dominos und Masken
sah man, da sich hier das Geschft Nathan Seligmann's befand, der sich auch
anderweit als kein zu strenger Rigorist in der Feier des Sabbats zeigte; denn
die Thr ging mit lautem Klingeln auf und am Spalt eines der angelehnten
Fensterflgel stand ein der Hasen-Jette ziemlich hnlich gebauter, starker und
krftiger Mann und putzte an einer Blechhaube die Rostflecken ab. Ringsumher
lagen die Embleme eines vollstndigen Ritters ...
    So dunkel es war, fand sich die entschlossen Eintretende bald in dem groen
Zimmer, an das sich weitere mit Gegenstnden aller Art berhufte Alkoven und
Gnge und Mauerschrnke anschlossen, zurecht. Die ganze Herrlichkeit der mit
ihrem Carneval gleich hinter Rom und Venedig kommenden Stadt war hier beisammen,
soweit die Minderbegterten sich erst leihweise das entnahmen, was die der
Sphre Moppes, Maus, de Jonge angehrenden Matadore sich selbst anfertigen
lieen. Den Helm, den Nathan Seligmann eben putzte, hatte Weigenand Maus im
letzten Carneval getragen; der Geschftsgang brachte es mit sich, da das einmal
Gebrauchte um ein Billiges an die Juden ging.
    Nathan Seligmann schien tief in Gedanken verloren und die Zeit selbst zum
Gegenstande seiner Betrachtungen gemacht zu haben, denn ein Carneval fand in
diesem Jahre nicht statt. Traurig hingen um ihn her die Hanswrste, die
Schellenkappen schienen seiner verdrielichen Miene zu klingeln wie
Sterbeglcklein, das Lachen der Masken war so todt wie nach Klingsohr das stehen
gebliebene Lachen in den Gesichtszgen der alten Voltairianer im Kapitel. Viel
unfreundlicher und unwirscher war die Art des in einen des Sabbats wegen feinen
blauen Oberrock gekleideten Mannes mit darbergezogenen grauen Schmutzrmeln,
als die seines coulanten, weltkundigen und musikliebenden Bruders Lb, der sich
zu seiner schon von Geburt weichen Seele eine so sthetische und feinfhlende
Bildung erworben hatte.
    Der Sabbatbrecher blickte auf Lucinden, indem er ein klein wenig in seiner
Arbeit innehielt. Das eine Auge schlo er blinzelnd, eine Geberde, die er an
Geschftstagen noch vervollstndigte bis zu einem gnzlichen Bedecken seiner
beiden Augen mit der Hand, um drber wegfahrend durch eine offen gelassene
Spalte zwischen den Fingern hindurch gleich sich zu orientiren, we Geistes Kind
ihn besuche, ob er viel oder wenig fordern, Echtes oder Unechtes vorlegen durfte
...
    Die Hoffnung, Lucinde wrde auf Veilchen's Schreiben eingehen, hatte man wol
schon aufgegeben. Doch war der Besuch eleganter Damen fr Seligmann nichts
Neues. Nur mit Lssigkeit fragte er nach dem Begehren ...
    Lucinde verlangte Frulein Veilchen zu sprechen und noch ehe sie geendet
hatte, wand sich im Hintergrunde eines dunkeln Ganges aus einem Gerst von
Schweizer- und Tirolertrachten, tressengestickten rothen Miedern und Hten mit
Spielhahnfedern und Gemsbrten eine Person hervor, die sie an die alte
Gardrobire von damals erinnerte, als sie die drei ersten Acte der Jungfrau von
Orleans spielte und nach Serlo's Anweisung so sicher und fest die Worte glaubte
sprechen zu knnen: Mein ist der Helm und mir gehrt er zu! Veilchen war nach
Lb's Erklrung schn am Geist. Der Geist mute allerdings ihren Krper
verklren und gab auch den blauen Augen etwas durchsichtig Glnzendes. Sonst war
die eine Schulter etwas hher als die andere und der Wuchs so zurckgeblieben,
da Lucinde, hier von Theatererinnerungen angeregt, fast an die jetzige Baronin,
frhere Sngerin Henriette Montag in Kiel erinnert wurde.
    Ich wute doch, da Sie kommen wrden! sprach die kleine Gestalt mit
weicher, klangvoller Stimme und verrieth, da sie sogleich Lucinden erkannt
hatte ...
    Nathan orientirte sich jetzt ...
    Statt aber seine Hflichkeit nachzuholen, schlo er nun auch noch das andere
Auge. Durch eine ganz kleine Spalte blinzelte ein Strahl sehr gemachter
Freundlichkeit hindurch. Die Kinder sind wie die Brder der Mutter! sagen die
Juden. David Lippschtz hatte nicht die freundliche Bonhommie seines Onkels Lb,
eher die Miene wie Onkel Nathan. Seine Witze: Ein Frdric d'argent und sein
kritisches: Warum sitzt Moses? waren mit demselben mrrischen und blinzelnden
Zusammendrcken der Augen gesprochen worden ...
    Um so freundlicher war das kleine Veilchen ...
    Als sie sich aus der Region der grnen Alpenwiesen und der Sennerhtten
herausgewunden hatte, deutete sie auf eine Thr, die Nathan bereits nicht ohne
Beweise einer aus seiner prfenden Miene sich entwickelnden rgerlichen Stimmung
geffnet hatte, und lie Lucinden nher treten ...
    Ein Gemach empfing sie, das ebenso ein Comptoir sein konnte, wie ein
Vorrathsmagazin feinerer Verkaufsgegenstnde und sogar ein Boudoir. Hell war es
nicht. Eine schwarze hohe Brandmauer stand nicht fnf Fu weit von den beiden
Fenstern entfernt, die ohne Gardinen sein muten, nur um etwas Licht
hereinzulassen. Und doch stand da ein Schreibbureau, worauf Handlungsbcher,
stand ein Tisch mit ausgebreiteten Kupferstichen und einer langen Verwickelung
von Spitzen, die nicht etwa zu Veilchen's Handarbeiten gehrte - Handarbeiten
existirten nicht fr sie - sondern zu ihrer Kunst, Neues in Altes zu verwandeln.
In einer Tasse mit Kaffeesatz endete die lange Spitzenverwickelung. Eine andere
gebrunte Garnitur hing zum Trocknen an einem der beiden Fenster. Ja, auch die
Kupferstiche schienen durch Kaffee gezogen. Ein Bcherschrank war voll alter
Bcher ...
    Aber Sie sollten das Frulein oben in unsere Stube fhren! sagte Nathan mit
erzwungener Artigkeit und dem Bewutsein oben ersichtlichen sabbatlichen
Comforts ...
    Veilchen rumte schon einen Sessel ab und fiel ein:
    Hab' ich eben auch gedacht! Aber fr Sie ist heute kein Sonntag! Wenn Sie es
nicht verschmhen -
    Lucinde sa nicht nur schon, sondern war auch schon in voller Errterung der
Angelegenheit, die sie hergefhrt hatte. Gemthliches Auszupfen einer neuen
Bekanntschaft fehlte ihr zu jeder Zeit und vollends in der Stimmung, in der sie
kam ... Bonaventura reiste - Nicht ein Schlo, die Welt in Brand zu stecken -
dazu hatte ihr Nck gestern den Muth gegeben ...
    Auf einen Wink Veilchen's entfernte sich Nathan und legte die Thr an, ohne
sie ganz zu schlieen. Dieser Besuch war fr ihn aufregend, fr Veilchen schien
der Eindruck Lucindens erschreckend zu sein ...
    Inzwischen hatten sich Lucindens Augen an das Dmmerlicht gewhnt. Sie
erkannte, da die kleine Jdin zwar regelmige, fast plastische Gesichtsformen
hatte, doch schon ber die Fnfzig zhlen mute, so dunkel auch noch ihr Haar
glnzte, das nach Lb's Vergleiche der Seide glich. Die zwei langen Locken, die
ihr fast ber die Augen weg herabhingen und die Nase in gewaltiger Schrfe
hervortreten lieen und ihr das Ansehen eines talmudischen Gelehrten, eines
Bocher, gaben, hatten eher etwas Starres, gerade so wie die Haare Lucindens in
ihrer ersten Jugend waren, als sie ihren schnsten Schmuck nur noch mit Wasser
aus den Bchen von Langen-Nauenheim pflegte ...
    Auch ein hchst anmuthiges und fast mdchenhaftes Lcheln hatte Veilchen um
ihren schngeformten Mund. Wohlwollend nickte sie zu allem, was Lucinde mit
Ernst und groer Klte sprach. Dabei hielt sie ruhig die Hnde in ihrem Schoose
und hatte eine Miene der Spannung und Angst, die schon verrieth, da sie von
Lucinden keinesweges Gtiges und Wohlwollendes fr ihren alten Freund
voraussetzte. Darber, da der Mnch eine frhere Liebe der stolzen jungen Dame
gewesen, die da vor ihr sa, konnte bei ihr kein Zweifel sein. Bei der
Errterung ber das aus des Mnches Kutte gefallene alte gestickte Portefeuille
war die Ursache der Metamorphose, die er sich hatte zu Schulden kommen lassen,
nicht verschwiegen geblieben ...
    Mit der ihr eigenen kurzen und schneidenden Bestimmtheit fragte Lucinde:
    Woher wissen Sie denn, da ich eine Verpflichtung habe, fr den Pater zu
sorgen?
    Zu sorgen, mein Frulein? sagte Veilchen lchelnd und verbindlich. Hab' ich
geschrieben: zu sorgen? Ich habe gebeten um einen Beweis menschenfreundlicher
Gesinnung! Und die Frau vom vierten Stock im Goldenen Lamm hat mir's ja auch
gesagt, Sie knnten ein Engel sein!
    Nicht Lcheln weckte dies: Knnten in Lucindens Mienen, sondern dsterer
senkten sich ihre Augenbrauen und jede ihre Mienen verrieth, da diese
Erinnerung an ihr frheres Leben ihr peinlich war und das Geschft, das sie
hierher gefhrt, rasch vorbergehen mute ...
    Hat der Pater mich selbst bezeichnet als die, die ihm helfen knnte? fragte
sie ...
    Da Gott verhte ...
    Ist seine Haft so streng?
    Ein Mensch kann die Luft entbehren, wie ich selbst sie entbehre! Wie Sie
mich da sehen, Frulein, hab' ich seitdem, da ich unsern neuen Tempel kennen
lernen wollte, nicht die Rumpelgasse verlassen. Aber der Pater liegt in Ketten
und Banden seines Geistes! Krank ist er am Krper wie an der Seele! Er mu zu
Menschen, die ihn lieben! Einer war anfangs hier, dem er gern geschrieben htte,
ja erst sogar htte beichten mgen; dann lie er es, weil er erfuhr -
    Veilchen stockte und blickte halb zur Seite, halb prfte sie Lucinden, die
hocherrthend sie sehr wohl verstand ...
    Anfangs? zuckte es in ihr glcklich auf. Denn da nur Bonaventura gemeint
war, sah sie an dem Blick der Jdin. Also anfangs nur? grbelte sie. Keine
sptere Beziehung? Und erfuhr -? Was erfuhr? Da ich Bonaventura liebe?
    Wer ist dieser Eine? fragte sie kurzweg ...
    Der neue Domherr von Asselyn! besttigte die Jdin ...
    Lucinde schwieg eine Weile hocherglht ... Dann fuhr sie, wie besttigend,
fort:
    Ich sah den Pater mit dem damaligen Pfarrer von St.-Wolfgang fters zusammen
gehen ...
    Lucinde wollte mit diesen Worten sagen: Haben sie sich damals beide
verstndigt, wie ein grausamer Zufall mich zwischen beide gestellt hat? Oder hat
man Klingsohrn von anderer Seite zugetragen, was auch schon Nck ber mich
wute? Sind die Umstnde, die mit deiner schimpflichen Entfernung aus der
Dechanei zusammenhngen, schon hierher unter dies armselige Dach gedrungen und
von hier aus vielleicht auch Klingsohrn bekannt geworden?
    Die Jdin vermied, das, wie sie wohl sah, auerordentlich reizbare junge
Mdchen zu verletzen, zog sich klug in ihre Bescheidenheit zurck und sagte
ausweichend:
    Es gibt Menschen, die sich vermeiden, gerade deshalb, weil sie sich lieben!
    Wie? wallte es in Lucinden ber dies dunkle Wort auf; wei auch sie schon,
da meine Liebe zu Bonaventura eine unglckliche ist?
    Sie sagte:
    Der Pater und der Domherr meinen Sie? ...
    Oder, fuhr scheinbar nichtachtend Veilchen fort, weil die Wahrheit, die
einzugestehen dem einen eine groe Seligkeit wre, dem andern Schmerzen bereiten
knnte ...
    Lucindens Auge leuchtete immer forschender auf ... In ihrem Blicke lag: Will
sie denn sagen, da Klingsohr Bonaventura deshalb nicht sehen und durch
Mittheilungen krnken will, weil er glaubt, Bonaventura liebe mich? ...
    Die Jdin fand sich in den Eindruck ihrer doppelsinnigen Reden und fuhr
fort:
    Es gibt doch Menschen, die tglich mit Wrme von der Liebe sprechen knnen,
und sie selbst sind kalt -?
    Lucinde horchte ungewi ...
    Sie fhlen wol die Liebe - denn die Liebe ist unabweisbar - aber sie haben
nicht den Muth, sie - sie zu genieen -
    Zu bekennen! verbesserte Lucinde und suchte endlich aus diesen Andeutungen
Klarheit zu gewinnen.
    Meinen Sie? sagte Veilchen. Die Liebe ist doch ein Genu - ein Egoismus, ein
schner Egoismus!
    Die Liebe ist Selbstentuerung ...
    Die Religion lehrt das, aber die Philosophie sagt: Die Liebe ist das
Bedrfni, sich von seiner eigenen Person erlst zu wissen und die Wonne zu
genieen, da wir darum doch in einer andern Bestand haben! Ein Priester kmpft
gegen diese unendliche Freude, die in der Liebe liegt, durch seinen Beruf an und
- noch mehr! Wenn die Liebe die grausamste Eitelkeit genannt werden mu, weil
der Mensch verlangt, da ein anderer gleichsam statt seiner lebt und mit fr
sein Leben die Kosten bezahlt - die Kosten, die manchmal ber des andern Beutel
gehen - so kommt es, da die weichsten Menschen kalt erscheinen, blos weil sie -
bescheiden sind -! Bescheiden! Frulein! Sie wollen den andern nicht in Unkosten
versetzen ...
    Die Jdin lchelte, Lucinde nicht ...
    Sie erklrte sich nach dieser eigenthmlichen Dialektik Bonaventura's Klte
aus dessen edlerer Natur, die sich bekmpfe und sich ein Glck versage, das ihm
doch, wie sehr ihn auch Paula fesselte, in der Huldigung liegen durfte, die er
von Lucinden nun schon seit Jahren erfuhr ... Er mu dich endlich lieben und
wr' es aus Mitleid! war ihre Lebenshoffnung ...
    Inzwischen hatte es drauen geklingelt. Nathan steckte seine
zusammengekniffenen Augen, die wieder Freundlichkeit ausdrcken sollten, durch
die Thrspalte ...
    Excuse! sagte er mit einer Andeutung seines Weltschliffs und berreichte
Veilchen einige Bltter Papier mit den Worten:
    Eben kommt das von - - Es hat Eile! Der Druckerbursche wartet!
    Der Druckerbursche? sagte sich Lucinde und gedachte des Abends bei Beda
Hunnius ...
    In der That war es auch sogar eine Nummer des Kirchenboten. Diesmal aber
nicht die Censur, sondern die Correctur, wie Veilchen sogleich erluterte,
whrend sie in dem Blatte las und nach einigem Besinnen leise buchstabirte ...
    Ist das eine Zeichensprache? fragte Lucinde ...
    Ich - bin - elend -! buchstabirte Veilchen ...
    Wer schreibt das?
    Ich bin elend! Hl - fe! Zu - Hu - bertus! Zu Hubertus! ... Weiter nichts
heute! sagte sie, schlug das feuchte, von dabei gezeichneten Correcturen
begleitete Blatt zusammen und gab es dem lauschenden Seligmann, der es
verdrielich entgegennahm ... Veilchen drckte jetzt selbst die Thr zu ...
    Zu Hubertus? Lucinde verstand, was sie befrchtete. Aber wenn sie auch
sagte: Schreibt das der Mnch in Druckfehlern? so lag in dem Scherz ihre
Ungeduld ...
    Veilchen erklrte, da Sebastus infolge seiner malosen Polemik und seines
Zusammenhangs mit dem aufrhrerischen Treiben des Tags von der Regierung
verhindert wurde, mit Irgendjemand zu correspondiren, auer durch die Hnde des
Untersuchungsrichters. Nur eine in den Schranken sich haltende literarische
Thtigkeit war ihm verstattet geblieben. Die Manuscripte muten im Geschriebenen
censirt werden. So konnten nur die Correcturen zu Hlfe genommen werden, um den
Pater mit der Auenwelt in Verbindung zu erhalten. Mit Veilchen zu
correspondiren, war ihm Bedrfni geworden nach allem, was zwischen ihnen
vorgefallen. Sie gab an, da nicht etwa in den Correcturen zur Seite (mit
Druckfehlern ist nicht zu spaen! schaltete sie auf Lucindens scheinbaren Scherz
ein. Ein Arzt hat einmal einem Patienten, der sich gewhnte, sich aus populren
Heilbchern selbst Recepte zu verschreiben, gesagt: Sie sterben noch einmal an
einem Druckfehler!), sondern im Text eine Verstndigung dadurch ermglicht
wurde, da beide die Buchstaben, die zu ihren Mittheilungen gehrten, mit einem
kleinen, fast unsichtbaren Pnktchen bezeichneten. Die Zusammenstellung
derselben ergab einen Sinn. So jetzt diesen Hlferuf, der Lucinden von ihrem
Sessel aufgetrieben hatte und sie fragen lie:
    Sollte es denn so schwierig sein, ihn aus dieser Haft zu befreien?
    Doch!
    Man knnte den Wchter bestechen -
    Unmglich!
    In irgendeiner Verkleidung sollte er das Profehaus verlassen ... Einen
Wagen wrden Sie ja besorgen knnen ...
    Ich? Bitte, Frulein! Sie haben die Verdrielichkeit des Herrn Seligmann
bemerkt?
    Ich finde, da Herr Seligmann nur sehr neugierig ist! sagte Lucinde, sich
umblickend ...
    Denn eben ging die Thr und wie gleichsam von selbst wieder auf ...
    Es ist seine Angst, sagte Veilchen, da wir uns wieder in Dinge einlassen,
die uns die grte Verantwortung zuziehen knnen!
    Und doch wagten Sie das Verleihen eines brgerlichen Kleides an einen Mnch?
    Wohin kommt man nicht, wenn man von der verkehrten Welt - sein Geschft hat!
Oben hngt das ganze Mittelalter, Frulein! Die Angst, die wir mit der
zurckgebliebenen braunen Kutte gehabt haben, mcht' ich nicht zum zweiten male
erleben!
    Lucindens Sinnen lie Veilchen Zeit, zu erzhlen:
    Als der Pater damals ein brgerliches Kleid von uns geliehen, blieb ich bis
spt in die Nacht hinein auf. Der Pater kommt endlich zurck und verlangt nach
seinem Gewande. Er langt darnach, greift in die Taschen und vermit ein
Portefeuille. Denken Sie sich meine Bestrzung! Ein Franciscaner ist ein
Bettler, seine Brieftasche konnte keine Schtze enthalten, auch war der Verdacht
unserer Unehrlichkeit nicht vorhanden - der Pater traute mir, lieber Gott,
seitdem ich meine Verschwiegenheit mit einem Scherze beschworen hatte, bei dem
Gotte Spinoza's! ein Wort, das man freilich zu manchem Mnche sagen kann und er
versteht's nicht. Also - in der Brieftasche lag nichts, als ein einziger
Streifen Tuch, den er eine ewige Belastung seiner Seele nannte und den er
besitzen msse, wie Magdalena den tglichen Anblick ihres sndigen Antlitzes in
einem Spiegel, sagte er, oder in einem Bache oder in dem Wasser, in dem sie sich
wusch, oder in den Augen der Menschen, die sie verachtend anshen. Alles boten
wir auf, die Tasche zu finden. Vergebens! Die Zeit drngte. Der Pater mute sich
entfernen. Er erklrte am folgenden Morgen wiederkommen zu wollen. Inzwischen
mu ich lnger schlafen, als gewhnlich, da ich die Nachtruhe versumt hatte,
und am folgenden Morgen ist zufllig der Bruder des Herrn Nathan im Geschft und
mu sogar am Fuboden drinnen die Tasche finden. Die beiden Brder untersuchen
sie und entdecken nichts als einen Streifen Tuch. Herr Nathan hatte die Nacht
nicht gewacht, wie ich, wute nichts von dem Verlust; und wie die Mnner in
allen Dingen schwcher sind als wir, denkt er, seinem Bruder knnte er schon ein
Geheimni verrathen und erzhlt ihm den Vorfall mit dem Mnch und will ihn dann
erst schwren lassen, als er's schon verrathen hat. Inzwischen hat der Bruder
lngst den Gedanken gehabt, da gerade ein Streifen Tuch einem Mann an seinem
Ehrenkleide fehlte, einem gewissen Kfer Stephan Lengenich. Und wie er nun erst
gar den Mnch nennen hrt, braust er auf, er, der sonst so milde, grundgtige
Mann, rennt davon wie ein schnaubendes Thier und ruft: Hilf deinem Nchsten,
soviel du kannst! Der wthende Mensch hatte seinen Vortheil und eine
Befriedigung fr seinen Hochmuth und eine Befriedigung fr seine Rache. Der
Mnch hatte ihm eine Beleidigung zugefgt. Eben aber auch darum kommt er schon
wieder zurck, schon wieder in sich gegangen, und bringt den Kfer mit. Aber der
kommt gar erst mit Augen wie ein Pardelthier! Die Tasche hatte ihm der Lb noch
nicht gegeben, aber er haschte danach, wie ein Fisch nach dem Wurm! Jetzt meine
Angst um diese wthenden Menschen! Der Kfer war einmal angeschuldigt worden,
den Vater des Mnchs ermordet zu haben; Gott im Himmel! Dieser Streifen Tuch war
von dem Kleide des Mannes abgerissen gewesen, der es gethan haben mu. Und wie
sie den Namen nannten und ich wieder fragte und noch einmal fragte: Der! Eben
der! da - da vergingen mir doch die Sinne -
    Noch jetzt sank Veilchen in ihren Sessel zurck und zitterte ...
    Aber auch Nathan kam hereingestrmt und rief zornig mit polternden Worten:
    Sie wollen sich wieder krank machen!
    Veilchen schttelte, seine Sorge ablehnend, den Kopf ...
    Noch ein Glck, da ich in Ohnmacht fiel, sagte sie; die Mnner erschraken
darber und legten ihre Wildheit ab ...
    Nathan rumorte im Zimmer ...
    Lucinde stand wie vor einem Vorhang, den eine geisterhafte Hand von ihrem
eigenen Leben zurckzog ... Die Brieftasche des Abschieds einst in Lneburg! ...
Stephan Lengenich, dem sie selbst einst scherzend die Worte gesprochen im
Dsternbrook: Niemand flicket auch ein altes Kleid mit einem Lappen vom neuen
Tuche -! ... Auch das wute sie von Treudchen, da eben diese Jdin durch den
Dechanten und den Kronsyndikus um Leo Perl, die Hoffnung ihres Lebens, gekommen
war ...
    Sie sagte:
    Eher htten Sie sich ja selbst dem Kfer verbnden mssen! Denn auch Sie,
hr' ich, gehren zu den Vielen, die den Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof vor
Gott anklagen drfen!
    Veilchen blickte auf und ihr leidender Blick winkte Nathan zu gehen ...
    Nathan that es, aber mit dem misgnstigsten Seitenblick auf einen Besuch,
der soviel traurige Erinnerungen weckte ...
    Ich hre, fuhr Lucinde fort, da Sie die Hoffnung Ihres Lebens, die Liebe
des Doctor Leo Perl verloren haben, weil er aus rthselhaften Ursachen Christ
wurde!
    Christ? - Priester! berichtigte Veilchen ...
    Lucindens Zucken verrieth die gleiche Empfindung.
    Und warum ward er es? Warum gab er Sie auf? fgte sie hinzu ...
    Veilchen, bereits gesammelter, steckte sich ihre beiden Locken an zwei
Haarnadeln zurck, die sie eine Weile im Munde behielt. Schon um deswillen mute
sie schweigen ...
    Drangen Sie denn nie in dieses seltsame Geheimni?
    Veilchen schttelte den Kopf ...
    Auch jede Ahnung fehlt Ihnen? Seltsam! Ich habe in der Nhe des Kronsyndikus
gelebt! Ich kenne einen Neffen des Dechanten, den jungen Benno von Asselyn ...
Man knnte vielleicht forschen ... War Leo Perl von der Wahrheit des
Christenthums berzeugt?
    Veilchen zuckte die Achseln und befestigte ihre Locken ...
    Er hat den Domherrn von Asselyn getauft, fuhr Lucinde fort ... Auch eine
hier jetzt lebende Frau von Hlleshoven getraut, hr' ich ... Einen strengen,
exemplarischen Lebenswandel soll er gefhrt haben ...
    Ich hrt' es ... sprach jetzt Veilchen ...
    Nie wieder hatten Sie eine Beziehung zu ihm -?
    Seine letzten Bcher waren in Kocher am Fall geblieben. Als man sie ihm ins
Seminar nachschicken wollte, lie er sie an mich bergeben ... Da stehen sie!
Sie sind - das Letzte ...
    Fr Lucinden konnte zunchst in dieser Mittheilung nur die Anerkennung der
gewaltigen Kraft liegen, die das Christenthum auf die Ueberzeugung eines
geistvollen Mannes hatte, der ihr eine Liebe opfern konnte ...
    Und diese Beziehung der Freude des Kfers zur Trauer Ihrer eigenen
Erinnerungen - was brachte sie zu Wege? fragte sie ...
    Zunchst die Besinnung meines Verwandten, des Herrn Lb Seligmann. Der Mann
hat Gefhl! Er erinnerte sich meines Lebens und wurde mein Beistand! Die Rache
gab er auf!
    Welche Rache?
    Ich sagt' es nicht? Er war von dem Mnche am Tage vorher beleidigt worden.
Der Pater ist voll Heftigkeit und vor den Narben in seinem Antlitz kann man
erschrecken! Herr Lb Seligmann beschwichtigte den Kfer und ich gewann wieder
meine Kraft. In Gte hab' ich mit ihm mancherlei besprochen und er lie mir die
Tasche und er versprach zu schweigen ...
    Das knnen Sie nur durch eine flammende Beredsamkeit erreicht haben! sagte
Lucinde und gedachte der schauervollen Tage auf Schlo Neuhof, der Lisabeth,
ihres eigenen Verhrs, ihres Schwurs ... Den Kfer kenn' ich und die That auch,
um die es sich handelt ... Was sagten Sie ihm, das ihn so entwaffnen konnte?
    Wieder kam jetzt Nathan herein und machte sich schaffen, um die aufregende
Unterhaltung zu stren ...
    Veilchen wurde nun selbst ber ihn verdrielich ...
    Mir scheint, Herr Seligmann, sagte sie, Sie suchen den gestrigen Tag!
    Ich suche das nchste Jahr! fuhr Seligmann zornig auf. Wo werden Sie sein,
wenn Sie nicht aufhren, Ihre Nerven - zu maltrtiren!
    Meine Nerven sind mein! sagte Veilchen hinter dem Zornigen her; mit
irgendeinem Gegenstand, den er scheinbar gesucht hatte, war er wieder gegangen
... Ja, Frulein! fuhr sie zu Lucinden gewandt fort: Ich sprach, was ich eben
sprechen konnte. Die Leidenschaften kenn' ich und ich schilderte die Rache. Ich
sagte, da alles gut im Menschen ist, was ihm zum Bedrfni wird seiner
Selbsterhaltung, falls seine Selbsterhaltung die andern nicht krnkt und die
Erkenntni Gottes befrdert. Ich sagte: Gromuth und Edelsinn sind die einzige
Waffe gegen die Leidenschaften! Ich bewies dem Mann, da es sich um die Ehre
eines Geistlichen handelt! Ich schilderte ihm die Leiden eines Priesters und
einer ewigen Entsagung! Ich sah, da der grimmige Mann ein Ohr fr meine Rede
hatte, und da gab ich ihm die Hand und sprach: Auch mein Feind war der Mann, der
in wilder Blindheit eine grausame That gethan hat, die sich Gott wie seine
andern Thaten wird gemerkt haben! Ich sagte ihm, da ich gehrt htte, der Mann
wre ein Greis jetzt, voll Kummer, und verschwendete an die Armen und die
Priester, da sie ihm haben seinen eigenen Sohn zum Wchter setzen mssen! Dann
sagt' ich ihm, da ich dem Pater einen Schwur gethan, der mehr als meine Ehre,
der die Ehre Gottes selber wre!
    Bei dem Gotte Spinoza's? warf Lucinde unglubig lchelnd ein. Wer ist dieser
Gott? fuhr sie fort, den Kopf aufsttzend ... Den Hut hatte sie gar nicht
abgenommen ...
    Das kann ich nicht sagen! erwiderte Veilchen. Aber jedenfalls ist es auch
Ihr Gott! Es ist der Gott des Mannes, den ich liebte! Es ist der Gott, der in
nchtlichen Stunden aus den Sternen zu uns sprach, wenn wir im schnen Garten
der Dechanei Arm in Arm spazieren gingen - damals bewohnte sie der Herr Dechant
von Asselyn noch nicht -! Es ist der Gott, in dem die Seele des Geliebten sich
damals mit der meinigen vereinte! ...
    Und dennoch verlie Leo Perl diesen Gott? fragte Lucinde ...
    Nathan ffnete wieder die Thr und wisperte:
    Warum mcht' ich doch, da der Kirchenfrst heute begnadigt wrde und den
Schwarzen Adlerorden noch dazu kriegte mit Brillanten?
    Nun? fragte Veilchen und machte eine Miene der Spannung auf einen Witz -
trotz ihrer feuchtschimmernden Augen ...
    Weil uns dann die Gecken hier keine Zeit lassen wrden zum - Schwtzen;
bitte um Vergebung, mein Frulein!
    Sie sehen, mein Frulein, sagte Veilchen aus ihren Thrnen heraus, als die
Thr rasch geschlossen wurde, er ist unglcklich ber den abgesagten Carneval
und frchtet, da er neben seinem Geld auch noch den Kopf verliert, falls wir
uns wieder mit der Kirche einlassen ohne Kanonen. Verlangen Sie also von uns
nichts mehr! Der Kfer sitzt im Gefngni und hat sich vor der Regierung
compromittirt ... Der Pater kam damals zurck und bekam seine Tasche und ich
hab' ihm erzhlt, was damit vorgefallen. Wenn der Kronsyndikus todt ist, dann
will er dem Kfer dienlich sein. Ich wei nicht, was ihm mu sein Vater aus dem
Grabe fr wunderliche Sachen zugerufen haben ... Nun ist das schon vier Monate
her ... Der Mnch kam noch einige male, wurde aber verrathen und seitdem ist er
ganz gefangen und da ich mit ihm durch die Stufenbriefe vom Kalvarienberge des
Lebens correspondire, ist jetzt alles, was wir noch wagen knnen. Aber Herr
Nck! Herr Nck! Der ist allmchtig! Sprechen Sie ja mit Herrn Nck! Der Pater
ist krank, Sie hrten es! Er sehnt sich nach seiner Heimat zurck, manchmal zu
einem Mnche, den er Vater Ivo nennt, manchmal zu einem andern, Bruder Hubertus
... Nun Sie sahen es ja vorhin ... Was soll ich ihm schreiben, mein Frulein?
    Lucinde stand trumend und blickte finster und voll Mismuth ...
    Wie denn schreiben Sie ihm? fragte sie ...
    Durch die nchste Correctur! Mit Pnktchen ...
    Lucinde vergegenwrtigte sich die Worte, die Nck zu ihr gesprochen:
Ueberreden Sie ihn, nach Belgien zu gehen! Sie mochte von Klingsohrn nicht
lnger ihre Bahnen durchkreuzt sehen und um sich zu dem kalten Entschlusse, ihn
fr immer aus ihrem Leben zu verweisen, zu ermuthigen, sagte sie sich sogar, da
die geistige Verkommenheit desselben jeden erschttern drfte, der seinen Geist,
seine Kenntnisse, seine Kraft als besser verwendbar zu schtzen wte ...
    Die Jdin stand erwartungsvoll und wie bittend ...
    Sie wren nicht geneigt, die Zelle des Paters zu besuchen? fragte Lucinde.
    Mein Frulein! lehnte erschreckend Veilchen ab ...
    Herr Seligmann nicht -?
    Dieser antwortete selbst durch ein heftiges Rumoren nebenan ...
    Lucinde wute, da es sich hier um eine geistige Aufrichtung Klingsohr's
handelte, die kaum anders, als von ihr selbst kommen konnte ... Sie bedachte
einen Brief, den sie etwa schreiben knnte ...
    Die Augen der kleinen Jdin leuchteten hoffnungsvoll ... Eine Pause trat ein
...
    Aus vielen Grnden, sagte dann Lucinde, nachdem Veilchen als die einzigen
Personen, die man allenfalls zu dem Pater liee, den Arzt, Medicinalrath
Goldfinger, oder einen Geistlichen oder vielleicht den Druckerburschen genannt
und hinzugefgt hatte, da der Wchter des Hauses auch bei diesem vielleicht
nicht in der Zelle zugegen bleiben wrde - aus vielen Grnden wnscht' ich, da
der Pater aus seiner Lethargie erwache ...
    Das ist herrlich! rief Veilchen ...
    Ich wnschte, fuhr Lucinde grbelnd fort, da er seine Muthlosigkeit
aufgbe, da er sich fr seinen nun einmal gewhlten Beruf erkrftigte ...
    Ja! Ja! ...
    Ich wrde ihm rathen, mit allem, was ihn hier bedrngt und ihn auch knftig
in Fesseln halten wird, lieber fr immer zu brechen und vielleicht - ins Ausland
zu fliehen ...
    Stellen Sie ihm alles das vor ...
    Ich? Wie kann das ich? ...
    Sie meinen - um die Vergangenheit -
    Das hinderte nicht ...
    Schreiben Sie es ihm ... Ich schicke sogleich in die Druckerei ... Der
Bursche ist ein guter Junge - und pfiffig ... Haha! Kaplan Michahelles hatte den
auch in eine Druckerei gegeben ... Hernach soll er nach Belgien und Jesuit
werden ...
    Jesuit? Ist Ihnen das ein so gleichgltiges Wort, da Sie lachen?
    Hab' ich die Welt zu verbessern?
    Ihre Duldsamkeit scheint grer, als Ihr Wahrheitseifer!
    Was ist Wahrheit?
    Mindestens ist die Wahrheit das Gute!
    Was ist Gut?
    Suchen Sie nicht, was wahr, gut und gerecht ist?
    Was ist Recht?
    Sie anerkennen nicht Recht oder Unrecht?
    Recht geht so weit wie Gewalt!
    Wie einmal das Leben ist! Aber -
    Im Himmel auch! Gott ist nicht weiter allgerecht, als er allmchtig ist!
    Lucinde mute lachen ber dies Wortspielen ...
    Was ist Ihnen die Tugend? fragte sie, jetzt sogar zutraulicher geworden ...
    Ah! Die Tugend ist mir viel! Die Tugend ist die Erkenntni Gottes!
    Sie kehren, seh' ich, alles um, was wir Christen glauben! Haben Sie
vielleicht auch keine Freiheit des Willens?
    Wenn Sie hungert, mssen Sie essen! ... Richtig, Sie whlen die Speisen!
Aber - Sie whlen Speisen, die Ihr Appetit Ihnen vorschreibt!
    Jetzt begreif' ich, sagte Lucinde lachend, wie Sie ber sich bringen,
falsche Medaillen in die Welt zu setzen und die Spitzen da in Kaffee zu trnken,
nur damit man glauben knnte, Maria von Medicis htte sie schon getragen ...
Hren Sie! Ich nenne das Betrug!
    Ein hartes Wort! sagte Veilchen erschreckend. Dann aber setzte sie mit einem
gewissen elegischen Tone hinzu: Mein Frulein, was ist die Kunst? Ein falscher
Schein! Was ist das ganze Leben? Eine Mummerei! Wer dreiig Jahre in solchen
Possen lebt, wie ich hier unter den bunten Rcken, nimmt die Possen der Erde fr
ihren Ernst! Ich kehre alles um! sagen Sie? Ganz recht! Sie lieben! So sagen
Sie? Ich sage: Sie glauben, da Sie geliebt werden ...
    Keine glckliche Lebensauffassung! seufzte Lucinde. Ihr Spinoza, glaub' ich,
war krank ...
    Das war er ...
    Er entsagte und entbehrte ...
    Zu sehr ...
    Er schuf sich eine Philosophie fr die, die nichts mehr wollen und nichts
mehr wnschen ...
    Er liebte die Freiheit ...
    Eroberte sie sich aber nicht ...
    Wer die Erkenntni hat, hat alles ...
    Das bestreit' ich! Sehen Sie, da gebe ich einen einzigen reellen Genu fr
alle Schatten der Erkenntni!
    Geschmackssache! ...
    Auch Wahrheitssache! Eine einzige Reliquie, die ein Glubiger kt, ist,
wenn man einmal Religion haben will, mehr werth als Ihr Gott, der wahrscheinlich
die ganze Welt sein wird oder die Natur?
    Der Mnch sagte dasselbe ... Ich lass' es ihm ... wer Religion braucht ...
    Frulein! Frulein! Ich wnschte - die Spitzen da nicht in dem Kaffee zu
sehen!
    Veilchen zog ihre Haarnadeln aus, lie ihre Locken fallen, sttzte das Haupt
auf und sagte trumerisch:
    Spinoza sagt einmal: Einen Mann hrt' ich mir neulich zurufen: Da ist Ihr
Hof in den Huhn geflogen! Der Mann versprach sich nur. Er wut' es nicht. Wozu
sollt' ich ihn erinnern, da er sagen wollte: Sie meinen, Ihr Huhn ist in den
Hof geflogen! Er irrte sich, aber ich verstand ihn ja. So rufen uns alle
Religionen zu: Da ist Ihr Hof in den Huhn geflogen! ... Machen die Religionen
gute Menschen, wozu diese Sprachfehler corrigiren? ... Ebenso gibt es ganz
vernnftige Menschen, die keine antiken Spitzen, wie die da, die Elle zu einem
Viertel-Brabanter-Thaler nehmen! Sie wissen vollkommen, was echte Spitzen, die
noch Maria von Medicis getragen hat, fr einen Werth haben! Lassen Sie uns
getrost die falsche Grammatik der Erde sprechen. Wenn hier in der Stadt die
Herren von der Regierung und die alten Offiziere sagen: Gott straf mir! so
wissen wir alle, sie meinen: Gott straf mich! Gott und was und wen wird wol
einst die Ewigkeit strafen!
    Die Welt will Wunder - und Ahasverus macht sie ihr! resumirte Lucinde ...
    Sagte der Franciscaner auch!
    Ihr rcht euch an der Welt, die euch verstie! Ihr macht sie verkehrt, lacht
dazu und lat sie laufen ...
    Sagte der Franciscaner auch! ... Je nun, mein Frulein, Sie haben vielleicht
Recht! Ich gebe mich nicht fr vollkommen aus. Glauben Sie mir, wenn man die
Welt nicht lieben kann und nicht hassen mag, da ist es am besten - man fhrt dem
Nathan Seligmann sein Geschft, wie ein armes Mdchen, das verlassen und
krnklich in der Welt stand und nichts zu erwerben wute, vor dreiig Jahren es
vorgefunden ... Ja, ja, Sie haben vielleicht Recht, der Franciscaner sagte auch,
in dem einzigen kleinen grnen Streifen Tuch - da lge der ganze Unterschied
zwischen seinem Gott und dem Gott Spinoza's!
    Lucinde grbelte ber dies Wort und htte darber vielleicht noch
gestritten. Aber Nathan unterbrach aufs neue die Unterhaltung der beiden im
Denken, nicht im Fhlen verwandten Frauen und bewies somit vollstndig, da die
Philosophie des klugen, aber willensschwachen Mdchens seit dreiig Jahren
vorzugsweise von seiner Tyrannei bedingt wurde. Seinen Helm und seinen Panzer
warf er, als wenn sie von Eisen wren und keine Beulen bekommen knnten. Seine
bunten Geckenkleider und Tirolerhte trug er hin und her, nur um damit seinen
Wunsch auszudrcken, da Veilchen zu dem Ziele kme, die ganze Beziehung seines
Geschfts zu Staat und Kirche ein fr allemal abzubrechen und die Sorge fr den
Mnch in Lucindens Hnde zu legen ...
    Lucinde betrachtete schon lange nachdenklich die bunte Herrlichkeit um sich
her und sagte:
    Wenn ich wte, wie ich selbst den Pater sprechen knnte -
    O, das wre das Beste, Frulein! O erbarmen Sie sich seiner! Lassen Sie ihn
noch einmal Ihre schne Hand kssen! Ja, Sie, Sie knnen ihn erheben, Sie knnen
ihm neue Kraft verleihen ...
    Fr sein ganzes Leben - mcht' ich ihm - einen Rath geben -
    Man wird Sie nicht zulassen! ... O das ist traurig!
    Ziehen Sie diesen Rock an! sagte Seligmann, sich wieder vorwitzig
einmischend und hielt ihr eine braune Mnchskutte entgegen ...
    Aber Herr Seligmann! rief Veilchen vorwurfsvoll ...
    Der Strenfried entfernte sich ...
    Er hat nicht Unrecht -! entgegnete Lucinde ...
    Veilchen blickte mit Staunen ...
    Hat jener Druckerbursche wol - meine Gestalt?
    Himmel! triumphirte Veilchen und schlug die Hnde zusammen und
freudestrahlend begreifend blickten ihre Augen und die Stimme dmpfend sprach
sie:
    Eine ganz neue blaue Blouse hab' ich - Eine kostbare schwarze Sammetmtze
mit einem Schirm - im Abenddunkel - Da knnten Sie - wahrhaftig -!
    Der Wchter des Hauses wrde mich begleiten ...
    Lucinde wich nur einer allzu hastigen Zustimmung aus ...
    Nein! Oder schtzen Sie Eile - die Censur vor - die Censur! Diesmal soll die
Abscheuliche segensreiche Frchte tragen!
    In Lucindens Innern sagten tausend Stimmen: Aber wrdest du entdeckt! Aber
kme auch diese neue Demthigung auf dein groes Schuldbuch! ... Ebenso viel
andere Stimmen sprachen: Ist es nicht ohnehin dein Letztes! Der morgende Tag mu
fr dich - fr Paula - fr Nck - fr alles, alles auf ewig entscheiden! ...
    Die Jdin flsterte fort und fort, malte die Gefahrlosigkeit des
Unternehmens, beschrieb den Eingang des alten Profehauses, die Lage der Zelle
des Mnches, alles, was sie von dem jungen Burschen wute, der Jesuit werden
sollte, wie Tnneschen Hilgers auf Lindenwerth - die Vter der Gesellschaft Jesu
sind in ihren Collegien ihre eigenen Handwerker und eine von einem Laienbruder
dirigirte eigene Buchdruckerpresse zu besitzen mu fr sie berall eine groe
Annehmlichkeit sein - Sie versprach, Lucinden umzukleiden ... sie zu begleiten
bis an die Pforte ... sie drauen wieder zu erwarten ...
    Lucinde hrte und hrte und stand im Kampf der Entscheidung ber - ihr
ganzes Dasein ...
    Die Jdin betheuerte ihre Verschwiegenheit, versprach, Herrn Nathan in
nichts einzuweihen ... Sabbat war es; sie wrde von Nathan verlangen, da er den
Abend zum Nachtgebet in den Tempel ginge und der gemthlichen Brse beiwohnte,
die sich nach demselben in der Vorhalle zu versammeln pflegte ... Whrend sie so
fortflsterte, drngte sich in die verworrene Musik im Innern Lucindens ein
einziger melodischer Accord, der zuletzt die Oberhand behielt. Diese sanfte
Harmonie, die sie zuletzt sogar wie mit Opferfreudigkeit erfllte, entwickelte
sich aus verworrenen Anfngen und sprach nach und nach: Du hoffst noch einmal
auf deinen unglcklichen Genius! Lt er auch dies Werk scheitern, dann - dann
gibt dir vielleicht dein religiser Ruf die Rechtfertigung, da du eine That
vollbringen wolltest, die einem Streiter der Kirche zu Hlfe kommen sollte oder
-! Nein, nein, in hoc signo - sie sprach sich's lateinisch - in diesem Zeichen
wirst du siegen, selbst unterliegend! Gelingt aber die Flucht, auch dann
verlangst du von Bonaventura morgen die Beichte, die erste und - vielleicht die
letzte! Auch das mag er hren, entschuldigen - verurtheilen! ... In einem Briefe
hatte sie schon in erster Morgenfrhe Bonaventura vor seiner Reise noch um eine
Generalbeichte gebeten.
    Rasch brach sie ab und versprach, in der Abenddmmerung, um die fnfte
Stunde, wiederzukommen ...
    Eine Secunde - und sie war gegangen.
    Als Veilchen Igelsheimer allein mit Herrn Nathan Seligmann war,
berschttete sie diesen mit den bittersten Vorwrfen, verweigerte ihm alle
Auskunft, schmollte ernstlich und versparte sich bis nach dem Mittagsessen den
Antrag auf den Tempelbesuch, den er in den Abendstunden machen sollte ...
    Und ihre Spitzen und ihre Medaillen und die alt sein sollenden Kupferstiche
sah sie wirklich mit Unmuth an und murmelte vor sich hin:
    Spinoza war krank? Er liebte und wurde nicht erhrt und ging dann hin und
schrieb ber die Liebe, als wre sie eine mathematische Figur ... Beweisen will
er das menschliche Herz wie die zwei rechten Winkel bewiesen sind, die sich in
jedem Dreieck von selbst verstehen ... Ha, dies muthige, tollkpfige Mdchen!
Ihr schwarzer Kopf! Ihre feurigen Augen! Ihr trotziger Schritt! Die kann alles,
was sie will -! Und sie glaubt an die Freiheit des menschlichen Willens! Die
knnte mich ja - fast irre machen! Wr' ich ein Mann, dann gewi!
    Es war ihr, als wenn der Gott Spinoza's dem Menschen die Thatkraft, den
schnen Wahn, der allein das Oel zur wahren Flamme des Lebens gibt, die ganze
tausendjhrige Poesie geschichtserzeugender - Irrthmer nhme ...
    Nur eine Weile war's ihr so. Sie kehrte bald in ihr sanftes, lchelndes
Dulden zurck.

                                      10.


Im siebzehnten Jahrhundert war es, wo sich der Jesuitismus zu jener
Alleinherrschaft innerhalb der katholischen Kirche erhob, durch die sein Sturz
mehr herbeigefhrt wurde, als durch die Philosophie der Aufklrung. Die brige
Geistlichkeit, die der weltlichen sowol wie der Ordenssphre, lieferte im
stillen die Materialien zu jener Verfolgung, die sich zum Sturz der auch von
ihnen gehaten mchtigen Staatenlenker und Gewissensrthe verschworen hatte.
    In jener Zeit des hchsten und bermthigsten Triumphes entstanden die
groen Kirchen und Collegien, die auf den Namen der Jesuiten gehen und nach dem
entarteten italienischen Geschmack, der damals herrschte, gebaut worden sind. Es
war die Eleganz der gewundenen Bandschleife eines Zopfes, die glatte Dressur des
ber den Kamm gestrichenen Haares, die Form der gebogenen Schnalle an den
Schuhen, die auf die Windungen, Rundungen, Cannelirungen, Fenstersimse und
Portale der Architektur bertragen wurde. Das Innere der Kirchen wurde mit
Marmor und Gold berkleidet. An den Altren erhoben sich gewundene Sulen,
umgeben von schwebenden Engeln, die die gemthlichen Wirkungen, die sonst die
Malerei hervorgebracht hatte, jetzt auch durch die Plastik versuchten. Alles
sollte sinnlich, erfabar, wie wirklich und leibhaftig in die Augen fallend
erscheinen. Blumen wurden in halb erhobener Arbeit bunt an die Decken und Wnde
geheftet, plastische Heiligenbilder schmckten sich mit Farben und mit
wirklichen Kleidern. Man wollte das Wohlgefallen aller Sinne gewinnen. Sogar die
Glocken auf den nicht mehr zu hohen, nicht mehr zum Himmel anstrebenden Thrmen
erhielten einen eigenen Rhythmus. Die Jesuitenglocken schlagen in kurzathmiger,
schnellaufender Hast eine zwei- oder dreitnige musikalische Figur an, deren
endlose Wiederholung, wie eine jener alten Litaneien, die man in Abendmetten vom
Chor anstimmt, die Seele zuletzt so verwirren und betuben kann, wie die
Begleitung mit Trommel oder Pfeife asiatische Tnzer und Schamanen.
    Aber in den ersten Anfngen der Verbreitung des von Loyola gestifteten neuen
geistlichen Ritterordens war das Auftreten desselben bescheidener ...
    In der Residenz des Kirchenfrsten gab es eine stattliche Jesuitenkirche mit
marmornen Portalen. Ihr gegenber lag das Collegium der Vter in jenem Styl, in
dem unter Ludwig XIV. gebaut wurde. Beide Sitze der alten, von Ganganelli
gestrzten Herrlichkeit gehren nicht mehr den Jesuiten, auch seitdem das Jahr
1848 ihnen fast allein - Erfolge der Freiheit gegeben hat.
    Ihr frheres ltestes Profehaus liegt in einem entlegenern Theile der Stadt
und hat das Ansehen eines migen Klosters ...
    Ein Hofraum ist von drei Seiten mit einem zweistckigen Gebude umgeben, von
der vierten Seite mit einer hohen Mauer, in der sich das Eingangsthor befindet.
Eine kleine dstere Kapelle unter hohen breitastigen Bumen liegt an der Pforte
von auen; von innen, ehe man den grasbewachsenen Hof betritt, mu man erst an
der Wohnung des Pfrtners vorber. Ein kleiner Thurm mit durchbrochenem
Glockenstuhl und einer alten heisern, schon lange geborstenen Glocke bezeichnet
die Stelle, wo sich noch jetzt eine damals nur fr die Vter bestimmte Kirche
befindet. Das Dach des dreigeschenkelten Hauses ist von Schiefer; die Fenster
sind winzig klein; ein neuer weier Kalkanstrich steht in grellem Contrast zur
Verfallenheit des ganzen Gebudes, das sowol durch die vorliegende vergitterte
kleine unzugngliche Kapelle, in welcher der mit Immortellen und gemachten
Blumen und bunter Madonna verzierte Altar etwas von dem Gespenstischen eines
Wachsfigurencabinets darbietet, wie durch die ringsumher stehenden uralten Bume
auf seinem etwas hoch gelegenen einsamen Platze einen unheimlichen und dstern
Eindruck gewhrt.
    Dies alte Profehaus dient jetzt noch zu allerlei geistlichen Zwecken. Es
ist nicht in allen seinen Zellen bewohnt. Hier in dem einen Flgel scheint es
eine Art Krankenhaus zu sein; denn ein hstelnder langer, hagerer Greis, den
nicht mehr die Tonsur unter dem Sammetkppchen als Geistlichen erkennen lassen
wrde, ffnet ein Fenster und hlt die Hand in die rauhe Abendluft hinaus. Seit
Jahren ist er heiser, kann nicht mehr die Messe singen und fand, da er seine
Pfarre aufgeben mute, hier im alten Jesuiter-Profehause seine Versorgung. Dort
jener gegenberliegende Flgel deutet auf eine Strafanstalt. Einige Fenster sind
vergittert und wiederum ist es ein Geistlicher, der einen Moment eine lange
Pfeife durch die Eisengitter steckt und sich den mit Schnee gemischten, in
Glatteis bergehenden Regen nicht verdrieen lt. Ein Irrsinniger ist es nicht,
aber die ganz klaren Gedanken kommen ihm selten. Seine Stelle mute er
verlieren, weil er in die Messe zuweilen deutsche Zwischenreden mischte, den
Wein beim Namen des Gewchses nannte, bei Austheilung des heiligen Brotes ein:
Wohl bekomm's! mit einfallen lie, auf der Kanzel Wirthshausanekdoten erzhlte
und in den Beichtstuhl mit der Pfeife im Munde ging. Nicht so schlimm ist er,
wie sein Nachbar links, den man ganz absperren mute, weil er kein weibliches
Wesen erblicken kann, ohne mit ihm Gesprche anzuknpfen, die selbst einem Laien
nicht gestattet sind. Sein Nachbar rechts wieder ist ein so heilloser Flucher,
Schwrer, Hndelsucher und Wirthshausmatador, wie nur ein geborener Bauernsohn
sein kann, der, wenn er wieder in ein Amt kommen sollte und auf seiner Pfarre
dem Oberfrster, dem Amtmann, dem Schulmeister begegnet und nicht den Gru so
geboten bekommt, wie er ihn verlangt, den Leuten den Hut vom Kopf schlgt. Noch
jetzt geht er im Zorn aus Rand und Band und kann schon lange nur durch Hunger
gezhmt werden ... Strafklster und Strafanstalten gehren dieser Kirche
ausschlielich an und sind in solchem Grade eine stillempfundene Demthigung
ihres Priesterstandes, da man sie gern eingehen liee. Man bedient sich dazu
des Vorwandes, da unter den Geistlichen neuen Stils keine Vergehen so arger Art
mehr vorkmen ...
    Der mittlere Bau, an welchem sich im Sommer vom Grase des Hofes empor hier
und da einige Weinranken auf der weigetnchten Wand hinziehen, hat einige
freundlichere Zimmer, ein Refectorium und nach der entgegengesetzten Seite zu
sogar ein schmales Grtchen, das indessen schon lange von einer alten hohen
Mauer, der Brandmauer anderer Gebude, begrenzt wird. Hier finden oft arme
durchreisende Geistliche ihr Unterkommen. Mancher von ihnen wird auch zu
irgendeiner Verantwortung berufen; andere kommen in eigenen Geschften und
scheuen die Ausgabe in einem Gasthofe ...
    Die Ordnung in einem solchen Hause aufrecht zu erhalten, ist keine geringe
Aufgabe. Nicht nur gehren dazu Flei und Umsicht, auch Unbestechlichkeit,
Pflichtgefhl jeder Art und physische Kraft. Fr die Reinlichkeit sorgt eine
alte Frau, die durch ihre Kleidung sich als zum Geschlecht der Grazien gehrig
ausweist; sonst wrde man sie den Mnnern und solchen zugerechnet haben, die
ohne Gefahr fr ihre Gesundheit bei Schleusenarbeiten in Morast leben knnen.
Dies zarte Wesen ist die Hanne Sterz. Nur ein Auge hat sie, ist lahm, kocht aber
leidlich. Die Elasticitt ihres rechten Fues hat sie von einem unglcklichen
Eingeklemmtwerden in einer der Zellenthren auf der Strafseite des Profehauses,
da, wo Entbehrung selbst ber Macbeth-Hexen hergefallen wre. Frau Hanne Sterz
zhlt schon siebzig Jahre und verdient den Beistand, der ihr seit einigen
Monaten durch einen ihrer Anverwandten wird, einen groben, rothhaarigen Knecht,
den man den Joseph nennt. Ueber Hanne Sterz aber und dem Joseph steht der
eigentliche Verwalter des Hauses, ein ehemaliger Soldat, den die Regierung
installirt, ohne ihn vom Gehorsam auch gegen die geistlichen Behrden zu
entbinden, die eine Art Jurisdiction und Disciplinargewalt in diesen Mauern
ausben knnen. Aber Herr Kratzer mu der Regierung von jedem Misbrauch dieser
Befugnisse der Curie Anzeige machen und die Rapporte ber die im Profehause
befindlichen Einwohner und deren Befinden allwchentlich abliefern. Denn Flle
wie die, da man in die unterirdischen Gefngnisse geistliche Strafgefangene
wirft, sollen nach dem Willen der Regierung nicht mehr vorkommen. Kratzer fhrt
die Schlssel zu den unterirdischen Gngen der Stadt. Er hat dafr zu sorgen,
da sie nicht misbraucht werden. Lngst ist es der Plan der Regierung, sie zu
verschtten. Bis dahin mu Kratzer sie so reinlich halten, als es die Ratten und
sich einmndenden Kloaken erlauben. In diesem Amte untersttzen den Castellan
die herculischen Schultern irgendeines vom Staat besoldeten Knechtes. Joseph ist
einer der vielen, die Kratzer schon in diesem Amte als Beistand hatte. Er selbst
scheint einer jener alten ergrimmten und ewig verstimmten Invaliden ohne Weib
und Kind. In dem kleinen Hause an der Pforte, die er wie ein Cerberus htet,
wohnt er. Grtzmacher ist andern Glaubens als Kratzer; htte er den Kameraden im
Sommer so am offenen Fenster, im Lehnstuhl sitzend und rauchend und mit
unvernderlich mrrischer Miene in dem weibebarteten Antlitz immer auf dieselbe
Stelle im Hofe, immer auf dieselbe kleine bunte Winde oder Kresse in dem sechs
Fu breiten Grtchen, das er um sein Huschen herum angelegt hat, blickend
gefunden, er wrde ihn entschuldigt und gesagt haben: Die Menschen verstehen gar
nicht diese furchtbare Mdigkeit eines alten ausgedienten Militrs!
    In zwei der kleinen Zellen des Mittelbaues wohnt seit einiger Zeit Pater
Sebastus. Anfangs war er nur hier in Herberge. Seit einigen Monaten ist er ein
Gefangener. Tglich erwartet er eine Entscheidung, wann und unter welchen
Umstnden er zum Kloster Himmelpfort bei Witoborn zurckkehren darf. Er ist
krank, will keinen Arzt, liest und schreibt nur und grbelt. Seine Petitionen an
die Curie und die Regierung enthalten schon lange nur noch die Bitte, rauchen zu
drfen. Diese verwies dafr auf jene, jene auf diese, und so bettelte der Mnch
noch vor Weihnachten den Castellan nur um Cigarren an ... Jetzt entsagt er auch
diesen ... Die Censurstriche knnen ihn zuweilen noch lebendig machen und die
Druckfehler. Kratzer, der oft den Burschen mit den Stufenbriefen begleitet,
ahnt nicht, da sie mehr enthalten, als Betrachtungen ber die Bue, die Snde,
die Erlsung.
    Bei alledem ist Sebastus beim Eintritt in sein dreiigstes Lebensjahr der
Alte geblieben ... Ja! und: Nein! hatte er drei Tage lang zu Bonaventura
gesprochen. Als er aufs neue die Rumpelgasse besuchte, erhielt er
Gefangenschaft; dennoch geielt er sich wirklich, wenn sein Guardian im Kloster
Himmelpfort: Miserere! ruft. Er gibt Sokrates, Plato, Aristoteles, Firdusi,
Shakspeare, Milton, Spinoza, Goethe, Harry Heine noch immer hin, wenn nur Gregor
und Innocenz bleiben; besonders seit der Gefangennehmung des Kirchenfrsten, der
ihm die Springprocession nach Echternach mitzumachen htte anbefehlen knnen; er
wrde, abgekhlt vom ersten Schrecken, den Mann doch eine Natur genannt haben.
Raubte man ihm alles, doch blieb - das volltnende Latein des Breviers, der
majesttische Klang des Dies irae und O salutaris hostia!
    Ueber Lucinde und Bonaventura wei er durch Veilchen Igelsheimer schon seit
den Tagen, als er noch der Auenwelt angehren durfte, da jene schon seit lange
diesen Priester kennt, durch ihn - immer entstellt das Gercht - bekehrt wurde,
fr ihn nur lebt ... So beichtet er denn auch diesem nicht, einem Priester, der
ihn in seiner tiefsten Erniedrigung kennen gelernt hat ... Zur vollen
hingegebenen Freundschaft fehlte ihm wahre Demuth; ohne eine gewisse
Unterwerfung gibt es keine Freundschaft.
    Und dann! Wer freilich mag auch sehen, wie ein Herz, das wir selbst einst
besaen, einem andern gehrt! ...
    Von Tag zu Tag wchst das physische und Seelenleid des Gefangenen, dessen
Einsamkeit nur der Besuch der Kirche im Kloster, einigemal die Besuche des
Untersuchungsrichters (man vermuthete in Klingsohrn den Verfasser einiger in
Augsburg und Wrzburg erschienenen Broschren), der Arzt unterbrechen ... ...
Weihnacht ist vorber ... Die Hinrichtung Hammaker's kann Sebastus in keine
Verbindung mit seinem eigenen Leben bringen ... Es kehren die alten
geistesschwachen und geisteszagen Stimmungen wieder ... die Hnde zittern ...
mager und drr liegt er in der braunen Kutte und barfu auf einem alten Sopha
... Alte Lieder summt er, dichtet neue, findet die Reime nicht mehr und bedarf
dringend den Mechanismus des Klosters, bedarf der Hand des Bruders Hubertus, der
ihn z.B. um jede Mitternacht aus seinem Schlafe emporhob und ins Chor der Kirche
zum Singen trug - dies schwere Amt, das der heilige Franciscus erfunden hat, um
im Kloster nichts in der Welt nchst Gott mehr lieben zu lassen, als den Schlaf,
nichts mehr ersehnen zu lassen, als den Schlaf, nichts mehr erstreben zu lassen,
als den Schlaf.
    Eine traurige Winterszeit ... Es regnet, es strmt ... Nur die dumpfen
Schlge der Thurmuhren unterbrechen die bange Oede eines Aufenthalts, den des
Mnches schroffer Sinn noch einsamer macht durch Ablehnung alles Umgangs mit den
brigen Bewohnern des Hauses. Wenn die Dunkelheit schon frh sich niedergesenkt
hat auf den trben Tag, wenn zwei mchtige Hunde in ihren Htten sich bumen und
gegen die gewaltige rings von einem kleinen Eisenverschlag umgitterte Thorglocke
bellen, die drauen von einem Einlabegehrenden gezogen wird; wenn die groen
Holzpantoffeln der hochaufgeschrzten Hanne Sterz im Hofe klappern oder Joseph
beim Schein einer Laterne das Holz spaltet, das in den Oefen der Bewohner dieses
traurigen Ortes flackern soll; oder wenn Kratzer selbst eine groe
eisenbeschlagene Thr aufgehoben hat, die in einem Winkel des Hofes platt auf
der Erde liegt und in jene Gnge fhrt, zu deren Reinigung ein Kampf mit einem
Heer von Ratten gehrt, das die Stufen heraufspringt und sich blitzschnell in
alle Lcher des Hofes vertheilt, whrend hinter den Eisengittern die gefangenen
oder geisteskranken Leviten: Hatz! Hatz! rufen und die Hunde zur Verfolgung
reizen, da die sich heulend an ihren Ketten aufbumen und den zottigen Hals
blutig reien ... dann berrieseln Klingsohrn dstere Schauer - Erinnerungen an
die Tage von Neuhof, Hoffnungen auf Witoborn - Wonnen - o du Thor - eines
Wiedersehens mit Lucinden ... Da er zu den Todten gehrt, wei er und besingt
es. Hat er sich auch unter dem Leichenstein der ewigen Gelbde ein scheinbares
Leben zu ertrumen verstanden, Lucinde sollte zu diesen Trumen nicht mehr
gehren. Sie kann mit ihrem, wenn sie will, so verfhrerischen Lcheln keinen
seiner Wnsche mehr bestricken; sie kann mit ihren gaukelnden Phantasieen keine
Bilder von Freiheit und Liebesglck mehr wecken. Das ist vorber schon lange -
schon vor seinem - Begrbni. Doch - es reizte ihn doch stndlich - auch sie hat
sich in den Schoos einer Kirche geflchtet, die einen erstorbenen Willen mchtig
wiederbeleben, klaffende Wunden heilen, schmerzlichste Lcken wenigstens mit
Poesie erfllen kann ... Das htte er gern einmal sehen und hren mgen, wie
Lucinde zu dem goldenen Kreuz auf ihrer Brust gekommen, das er in der Kathedrale
gesehen, wie sie den Rosenkranz beten, was sie sagen wrde von der Welt und wie
sie zurckdchte auf alte Zeit und wie sie sich ausnehmen wrde in der Messe, im
Beichtstuhl, selbst mit der Liebe zu einem Priester im Herzen, der sie ja, das
sagte er sich von Bonaventura, nie erhren kann -! Dann winkte ihm Loreley von
kahlem Felsgestein, verlockte ihn und andere Knaben, bettete den Bethrten in
der khlen Tiefe ... Mit fieberschwangern Glhwinden der Wste berhauchte es
ihn dann und krank wurde er an jenem orientalischen Ragl, der den in der Sahara
verschmachtenden Pilgern Stdte mit blinkenden Minarets und Bume voll goldener
Frchte zaubert, in deren Schatten, in deren ertrumtem Genusse sie sterben.
    Wieder auf seinem Sopha liegt Klingsohr mit nackten Fen ausgestreckt ...
Wieder wird es Abend ... Schon brennt eine rmliche Blechlampe auf einem mit
Papieren bedeckten Tische matt und dster ... Das Bellen der Hunde hrt er, den
Lrm, den zuweilen die wilden Bewohner des Hauses machen; oft huscht es im Gange
an seinen beiden Thren vorber - in einer Nebenkammer schlft er -; traurig
zieht ein alter Klosterspruch durch sein tief hlfsbedrftig an Hubertus
gerichtetes Sehnen, der Spruch, den ihm dieser einst wie ein memento mori
gesprochen: Wir Mnche kommen zusammen und kennen uns nicht! Wir Mnche leben
zusammen und lieben uns nicht! Wir Mnche sterben zusammen und beweinen uns
nicht!
    Fnf Uhr schlgt's ...
    Da und dort blitzt das Licht der jenseit der hohen Mauer angesteckten
Laternen auf. Ein kalter Regennebel umhllt die nchsten Umgebungen, die kleine
Kapelle vor dem Eingang und die halb verwitterten Bume. Die Hunde beginnen ein
Wimmern, das ihnen mit eintretender Dunkelheit eigen ist und vielleicht der
Erwartung des Mahles gilt, das ihnen Joseph bereits in irdenen Schsseln bringt.
Kratzer studirt an einem Dreierlicht mit der einem alten Militr eigenen
Grndlichkeit die frisch angekommene Abendzeitung, die ber den gestrigen
Krawall neue Einzelheiten, neue Warnungen und Verordnungen der Regierung
enthlt ...
    Da wird heftig die Glocke gezogen ...
    Joseph unten erhebt sich nicht von den Hundehtten, ruft die Hanne ...
    Diese will eben in das Haus des Castellans mit einem Trunk Weins aus dem
Keller hinken - denn zu Krieg und Frieden, zu neuen Avancements und neuen Orden
trinkt Kratzer gern seinen Vesper-Schoppen ...
    Hanne Sterz ffnet ...
    Ein junger Mensch in einer blauen Blouse und mit schwarzer Sammetmtze,
bedeckt von einem alten Regenschirm, kommt mit einer Druckermappe unterm Arm und
begehrt den Pater Sebastus zu sprechen ...
    Censurstriche! sagt die fast rauhe Stimme rasch und entschieden ...
    Joseph blickt etwas von den Hunden auf, deren Bellen er beruhigen mu ...
    Hanne Sterz bringt von Herrn Kratzer ein: Passirt! ... Herr Kratzer will
sich die gemthlichste Stunde des Tages, die Stunde des Schoppens und der
Welthndel und der neuen Versetzungen in der noch immer heigeliebten Armee
nicht stren lassen ...
    Der junge Mensch wagt sich im Finstern an die Treppe, die er schon kennen
mu, schlgt den Regenschirm ein, reit die Thr der Treppe auf, drckt sie
wieder an sich und schpft auf der ersten Stufe Muth und Fassung aus
hochklopfender Brust ...
    Im ersten Gange rechts die zweite oder dritte Thr, Nr. 16 und 17
gleichviel! ... So hatte es in der Anweisung auf der Rumpelgasse geheien ...
Die Begleitung Veilchen's hatte sie abgelehnt ...
    Die Treppe ist erstiegen, die Thr gefunden ... Die Zahl in der Dunkelheit
nicht zu lesen ...
    Ein Moment der Besinnung ... Angeklopft ... Kein Herein!? ... Was thut's?
... Lucinde tritt ein und entdeckt an der trben Lampe, da auf dem Sopha jemand
zusammengekauert liegt, der sich nicht erhebt, vllig antheillos bleibt, bis er
die Mappe von dem Ankmmling entgegengereicht erhlt ...
    Nun greift danach eine kncherne Hand, einer Kutte sich entwickelnd ...
    Lucinde sieht das verfallene Antlitz Klingsohr's, sieht die rothen Narben
auf den blassen Wangen, das kurzgelockte rthliche Haar, die fast endlose Stirn,
die Tonsur ...
    Sie hat ihre Sammetmtze in der einen, den Regenschirm in der andern Hand
... Auf dem von der Luft und der Eile gertheten Antlitz liegen die dunkeln
Flechten ihrer Haare dicht zusammengebunden. Ihr Hals ist von einem rothen Tuch
umschlungen. Unter der hellblauen Blouse ist sie mit einem groben, aber neuen
Tuchkittel bekleidet; ihre Beinkleider sind trotz der Jahreszeit neuleinene;
darunter hat sie sich sorglich vor Erkltung gesichert. Die Fe sind mit
Halbstiefeln bekleidet. Ihr Wuchs entspricht dem eines sechzehnjhrigen
Jnglings, ihre Zge sind in der That mnnlich. Wre nicht die Beweglichkeit,
die Unruhe und Aufregung der Haltung gewesen, man htte an den uern Eindruck
glauben drfen.
    Die Censurstriche des Assessors von Enckefu erkannte sonst Klingsohr
sogleich an der rothen Dinte. Heute entdeckte er nichts und entzifferte nur eine
etwaige Botschaft Veilchen's ...
    Sie schrieb ihm in der That:
    Ueberbringer ist - Frulein - Lucinde Schwarz -
    Das Blatt entsank seinen Hnden ... Er sprang auf und starrte wie vor einem
Geiste ... Er ergriff die Lampe und leuchtete Lucinden entgegen und diese
erleichterte die Erkennung, indem sie kurzweg sprach:
    Klingsohr! Sie sehen, welches Opfer ich Ihnen bringe! Ich habe von Ihrer
Gefangenschaft, Ihrem Seelenschmerz, Ihrem Krperleiden gehrt, von Ihrer
Sehnsucht nach dem Kloster zurck! Knnen Sie es mglich machen, da Sie diesen
Ort verlassen, so soll von morgen in der Frhe an unausgesetzt bis Abends ein
Wagen dort drben in der Allee halten, um Sie aufzunehmen, Mittags ausgenommen,
wo die Pferde zu wechseln haben!
    Es waren dies Ergebnisse eines Briefes an Nck und eines Besuches des Herrn
Maria bei ihr ... Sie sprach diese Worte wie eine soldatische Meldung.
    Klingsohr stand nur und hielt sich am Tische, hrte nur, betrachtete nur den
schnen Knaben ... Das, was er allein begriff, war die Anrede nicht mehr mit dem
alten Du ...
    Auf einen Sessel, Lucinden dicht zur Seite, mute er sich niederlassen ...
seine Schwche bermannte ihn ... eine schmerzliche Lebenslage ohnehin, wenn
sich Menschen, die in so naher Beziehung standen, wiedersehen, das Band, das sie
einst vereinte, gelockert finden, das Wort, das einst so warm gesprochen, kalt,
die Vergangenheit ausgelscht von einer neuen, inhaltreichern, und -
berechtigtern Gegenwart! Wenn dann auch Klingsohr die alte Zrtlichkeit der
Empfindung nur im Zittern seiner Stimme verrathen wollte - er war ein Mnch ...
    Lucinde empfand mehr Abneigung als Rhrung.
    Glcklicherweise hatte sie Eile und konnte damit ihre Grausamkeit verdecken
...
    Klingsohr! fuhr sie fort. Man mu mit Ihnen Mitleid haben! Einflureiche
Leute gibt es, die Ihnen wohlwollen, Ihren Geist schtzen! Wie konnten Sie
gerade diesen Orden whlen, der Ihnen eine vllige Entsagung vorschreibt, Ihnen
nichts mehr zu sein oder zu werden erlaubt?
    Klingsohr berlegte von dem Gesagten nichts. Er horchte nur der so
wohlgeordneten Rede und dachte: Bist du denn das Mdchen vom Dsternbrook, von
den beiden Apfelbltenzweigen, vom Fest der Dmonen in jener Nacht, du, die
Mondscheinwandlerin am Alsterufer, die Reiterin am Busen der Baltischen See?
    Eine schreckliche Last, die auf Ihnen liegen mu! fuhr sie fort. Ich
verstehe Ihren ganzen Lebensberdru -
    Seit unserm Abschied in Lneburg! hauchte er endlich tonlos ...
    Auch Lucinde horchte seinem jetzigen Redeton ...
    Noch immer, weit du, hab' ich die Hand der Serlo'-schen Kinder in der
meinen! sagte er leise. Vor einigen Monaten sah ich sie hier wie Marionetten
springen!
    Lucinde wollte den Uebergang in elegische Tne, die Klingsohrn, wie sie
hrte, noch immer zu Gebote standen, hindern ...
    Dennoch begann sie vom Vergangenen, wenn auch im khlsten Tone:
    Ich habe mich oft gefragt, Klingsohr, was Sie damals wol bewegen konnte, so
den Kronsyndikus zu schonen!
    Schenkte er mir nicht Lucinden? ...
    Klingsohr sprach dies in der zarten Dmpfung, die ihm eigen war, wenn er
Stellen aus eigenen oder fremden Dichtungen sprach ...
    Das ist es nicht allein! sagte sie. Steht Ihnen Ihre Mutter immer noch so
rein und unbefleckt, wie damals vor Augen?
    Derselbe Engel! ...
    Das Gesprch schien nun so in der Errterung der Vergangenheit fortgehen zu
knnen, aber pltzlich trat Lucinde ans Fenster ...
    Es hatte geklingelt ... Drauen fuhr schneidend der Wind, rissen die Hunde
an der Kette ...
    Ich mu eilen! brach sie mit einem ngstlichen Blick auf das
feuchtbeschlagene Fenster ab ... Also, was sag' ich Ihren Freunden? Wohin wollen
Sie fliehen?
    Drei Worte nur und dann - in den Tod! rief Klingsohr, faltete die Hnde und
hielt sie empor, wie fr sich betend ...
    Lucinde entsetzte sich ber diese Geberde ...
    Die Hauspforte hatte einen heimkehrenden Bewohner eingelassen ... Sie lie
sich beruhigter auf einen harten Sessel nieder ...
    Lucinde! rief Klingsohr voll Feuer ...
    Vom Kronsyndikus sprechen Sie! lenkte sie auf Migung zurck ...
    Warum ich den Kronsyndikus schonte? sprach Klingsohr sich sammelnd. Sieh,
Lucinde, hier in meinen Stufenbriefen vom Kalvarienberge des Lebens steht:
Gerechtigkeitbt sich nur im Kampfe gegen sein eigenes Ich! Wer zu dem
erhabenen Bau der Pyramiden voll Bewunderung emporblicken will, mu der blutigen
Geiel nicht achten, die einst die im Sonnenbrand verschmachtenden Vlker zwang
sie zu bauen! Wie erstirbt in den Gemthern immermehr jener Geschichtssinn, der
das Erbe der Vorvordern nur mit der Absicht antritt, es ebenso den Enkeln zu
hinterlassen! Voll Andacht betrittst du die Stelle, wo einst ein groer Mann
athmete; bewunderst den Federzug, den eine Hand fhrte, die wir mit schauerndem
Entsetzen so gleichsam lebendig sehen, die Hand, die Reiche strzte,
Schlachtenplne schrieb! Um wie viel denkwrdiger ist der Griffel Klio's, sind
die Runen, in denen Saturn schreibt - ... Doch, lies das selbst, unterbrach er
seine Feierlichkeit, sank auf seinen Sessel und hauchte leise: Ich werde nicht
allem Worte geben knnen, was damals mein Inneres durchschnitt! Auf der einen
Seite die Leiche eines Vaters, auf der andern ein Mrder, von Angst und Reue
gefoltert! Haargestrubt sa der Freiherr mir gegenber, bekannte die
Uebereilung. Im Wortwechsel am Dsternbrook war ihm die Hand an den Hirschfnger
gerathen; der Vater wandte sich zum Suchen eines Steins oder Holzes als
Gegenwehr; die Waffe fuhr aus, fuhr in die unbeschtzteste Stelle am
Nackenwirbel, dahin, wo jede Verwundung tdlich ist. Der Zorn des Feindes war
mit dem strmenden Blute verraucht; die Erinnerung der Freundschaft sogar stieg
in dem zum Tod entsetzten Freiherrn wieder auf. Die Wildheit seines Wesens - was
ist sie denn? Ein Ueberma der Selbstwerthschtzung dieser Naturen. Sie kennen
ihr menschliches Ma so gut wie andere. Soll ich's sagen? Ich empfand Mitleid
mit ihm. Mehr noch! Ich nahm Partei. Ruchlos mag es erscheinen - Meine erste
wissenschaftliche Arbeit war eine Betrachtung ber die Politik der Bienen. Wir
sollen dem Geiste leben, auch dem Geiste in der Natur; aber schon die Natur hat
nicht alles gleichgestellt. Ich liebe die alte Regelung der Geschichte, liebe
die Stnde, liebe die Unterschiede, die die Modephilosophie ausgleichen will.
Spinoza, ihr erster Tonangeber, lste, was bunt und farbig im Leben blht, in
aschgraue Einerleiheit auf, die er die Substanz oder Gott nennt. Schon Kant aber
lehrte uns, auf unser Ich und das innere Gebot zu lauschen. Wie viel mehr ein
Glaube, wie der - unsere! Die Persnlichkeit, die sich in der Geschichte
austrgt, ist mein Gesetz! Verblendet von deinem Bilde, bestochen vom Glanz der
Versprechungen des Kronsyndikus, befangen durch seltsame Mrchen, die von meiner
Mutter gehen, dazu der Gedanke: Das ein Enkel Wittekind's? Der Gedanke: Wollte
Gott, es ginge gro noch und hochherrlich und in jedem Sinn hochfreiherrlich her
im bureaukratisch geknechteten Vaterland! Ich beweinte meinen Vater, beweinte
mich; was konnte es helfen, da ihm der Kronsyndikus Ehre und Freiheit zur Shne
brachte! Des Freiherrn Schuld wuchs mir zur tragischen. Wenn ich auch zagte,
wenn ich auch das Herrscherwort des Gewissens hrte - nenne so diesen drren
Kantischen knigsberger Imperativ - wenn ich auch im kleinen Schacher und Handel
mit dem Schicksal, im Versteckspiel mit der Entlastung der Brust mir den
Streifen Tuch, der von des Freiherrn Jagdrock abgerissen, zu bewahren
vorbehielt, ich mochte die weltliche Justiz nicht zur Siegerin machen ber
Poesie ... Lucinde, das ist aber mein Leiden! Ich will den Gttern ein
gigantisches Schicksal abtrotzen und dennoch - mut' ich Jrme tdten, dennoch
mut' ich dich verlieren, dennoch mut' ich -
    Lucinde unterbrach seine gesteigerte Aufregung. Aufs neue erschreckt sprang
sie ans Fenster ... Der Wind jagte durch die Bume und lie den schrillen Ton
der Laternen pfeifen, die an ihren eisernen Haltern hin- und herschwankten ...
Auf dem Gange rauschte es dahin daher mit schwerem Futritt ... Auch Klingsohr
horchte auf ... Denn deutlich wurde die Stimme Kratzer's vernehmbar, der dem
rumorenden Knechte zurief:
    Ist denn der Bursch noch immer oben?
    Klingsohr! sprudelte Lucinde in mchtigster Erregung auf und ihr Ton nahm
vor Angst eine grere Wrme an ... Ein Wort! Ich, ich verstehe gewi Ihren
Uebertritt! Jagte mich denn nicht selbst das Schicksal und hetzte mich so lange,
so furchtbar, bis ich -
    Lucinde! jauchzte Klingsohr auf und hob die beiden halbnackten Arme aus
seiner braunen Kutte ihr entgegen ...
    Beide Convertiten hatten vielleicht nie so die Kraft ihres neuen
Bekenntnisses gefhlt, so im Vergessen ihrer Gewissensbisse wieder sich riesig
erstarkt gefhlt ...
    Aber Lucinde gewann eher die Besinnung und die kalte Erwgung, als Klingsohr
...
    Doch warum dieser Orden? fuhr sie fort. Warum dieses Gewand der Bue und
Entsagung? Das ist ja deine unglckliche Natur, da du jedem Ding, das dein
eigen geworden, sogleich die andere Seite abgewinnst! Erkennst du die schnste
Lage, in der du dich befindest, zu tief, so qulen dich schon ihre Mngel! Immer
gefiel dir die Sache, die du selber triebst, aber sie misfiel dir, wenn du sie
auch unter den Hnden anderer sahst! ... Ist der Beruf eines Bettelmnchs deiner
wrdig? Kannst du so deine That eines Vatermordes - denn Hehler wie Stehler! -
vergessen? So diese That shnen? ... Lehne den Vorwurf nicht ab! Auch mich
beschuldigen oft desselben Verbrechens die gespenstischen Schatten von Vater und
Geschwistern. Trotze jedoch unserm Menschenloose! Bleibe gro! Ringe dich hher
und hher! Flieh nach Belgien! Nach Lttich! Deine Gnner bieten dir die Hand!
Kannst du dies Haus verlassen, der Wagen fhrt dich, wohin du willst! Werde
Jesuit ...
    Klingsohr hatte sich erhoben, ging mit seinen Sandalen zwar unhrbar auf und
nieder - aber die schne, muthige, beredsame Sprecherin hatte ihn in Flammen
versetzt ... Im Begriff war er, sie an sich zu reien und mit seinen Kssen zu
bedecken ... Zu ihren Fen mochte er sich werfen, die schlanke Gestalt
umschlingen ...
    Lucinde ahnte diesen sich mehrenden Sturm seines Innern, deutete, um ihn
durch Vorsicht zu beschwichtigen, auf einen anrollenden Wagen und fuhr fort:
    Ich finde dich ganz so, wie Serlo dich beurtheilte! Du glaubtest, sagte
dieser seltene Mensch, andere zu beherrschen und wrst der Sklave nur derer, die
dich bewundern! Ohne den Wind, den du selber um dich her machtest, wrst du
sogleich auf dem Sande! Strme glaubtest du zu beschwren, die die Welt
erschttern, und du wrst doch nur der Mann des Sturms im Glase Wasser! Kleine
Huldigungen knnten dir zur Abschlagzahlung fr die grten Erwartungen dienen,
in denen du dich tuschen lieest! Wahre Erfolge wrst du so wenig gewohnt, da
man dich mit Kupfer statt mit Gold befriedigen knnte!
    Nein! rief Klingsohr wild und ergriff einen Riegel des Fensters, als knnte
er diesen vom Holze reien vor beleidigtem Ehrgefhl ...
    Nimm von mir die Lehre, fuhr Lucinde lchelnd fort, die sich auf die
bitterste Erfahrung auch meines Lebens begrndet, da wir zu Grunde gehen, wenn
wir uns kein Ziel mehr stecken! Im Kloster knntest du zwei Ziele haben:
Priester zu werden, du bist es nicht, dann ein Heiliger! Beides aber wird deiner
Natur mislingen. Tritt aus diesem Cirkel, in dem du lebst, heraus! Geh nach
Belgien! Unterwirf dich den Strafen und Buen, die man anfangs ber dich
verhngen wird! Bei der Beurtheilung des Dranges, der dich trieb, deinen
Ueberzeugungen mehr zu ntzen, als du im Kloster Himmelpfort vermchtest, wird
man etwas deinem Geiste Natrliches in dieser Flucht finden und dir in Rom
Verzeihung erwirken!
    Fr Klingsohr war schon Melodie, sich so von Lucinden nur das alles
gesprochen zu vergegenwrtigen. Dann aber auch regte sich sein Ehrgeiz. Lngst
schon zwang man ihn, sich aufzugeben. Und nun sollte er von ihr, von ihr wieder
neu aus den Trmmern seines Lebens zu einem Titanengebilde zusammengestellt
werden, von ihr, deren Hand einst dies Bild zuerst zerschlagen hatte? Gnnte sie
denn der Kirche wirklich, forschte sein trunkener Blick, einen Streiter wie ihn?
Hatte sie noch so viel Theilnahme, da sie ihm in seinem Jammer beistand und die
Verwerthung seiner Fhigkeiten erleichterte? Klingsohr glaubte in der That nur
aus ihrem Munde die Sprache eines Philosophen zu hren, der alles in der Welt an
seinem rechten Platze wnschte, keine Fhigkeit unbenutzt, jede Bestimmung der
Natur von den Umstnden eingeholt. Bei der fernern Besprechung des von ihr
vorgeschlagenen Planes bewunderte er die gereifte Einsicht eines Mdchens,
dessen Entwickelung er selbst gefrdert, zu solcher Hhe des Charakters bildsam
sich nimmermehr vorgestellt hatte. Schon war er gefangen von ihren Vorschlgen,
berredet von den Erleichterungen ihrer Ausfhrung, geblendet von den Mitteln,
die ihr in unbegrenzter Anzahl zu Gebote zu stehen schienen ... Er versprach es,
sich aufzuraffen ... Morgen in erster Frhe sollte ihm der Druckerbursche
Kleider bringen ... In der Abenddmmerung wie jetzt wollte er entschlossen auf
das Hofthor zugehen, den Schlssel, der von innen steckte, umwenden, und noch
ehe man ihm nachsah, versicherte er, da der Wagen ihn schon aufgenommen und
entfhrt haben knnte ... Diese Verstndigung war, als wenn ein in Schutt
begrabener Brand durch den Hinzutritt von Luft sich aufs neue entzndet. Die
Flammen der Jugend schlugen empor, alle Wahngebilde der Selbsttuschung
wirbelten in flockigen Feuerzungen ... Ich dich lassen! rief er wie einst. Ich
dich nicht wiedersehen, Lucinde! Mein Geschick ist und bleibt, zu sterben am
gebrochenen Herzen durch deine Untreue, deine Falschheit, deine Lge -
Himmelsbote, vergib, da ist dich lstere! Lucinde! Lucinde! Liebst du wirklich
jetzt -
    Sie entwand sich seiner Frage, seiner Berhrung ...
    Nur den Saum deines Kleides la mir! Ganymed! Gtterknabe! Bist ja nur -
mein Bruder! ... Ach Lucinde! Zu wissen, da dein Herz, deine Liebe einem
andern, einem Mann gehrt, der die Himmel deines Besitzes nicht ahnt -
verschmht wol gar -?
    Pltzlich unterbrach Lucinde seine ihr tief schmerzliche und theilnehmende
Rede ...
    Es war ihr eben gewesen, wie wenn mit einem Eisenstab an die Thorpforte
geklopft wurde ... Dann klingelte es heftig ...
    Sie sprang auf und sah in den Hof hinunter ...
    Jemand leuchtete mit einer Laterne im Hofe Ankommenden entgegen ... Statt
eines traten zwei Mnner herein. Die Thorpforte blieb offen ...
    Wer kommt da? fragte Lucinde, schon erstarrt, den gleichfalls vllig
Besinnungslosen ...
    Ihre Worte erstickten im Schrecken vor dem Zurckspringen eines scheuen
Pferdes und dem Hren eines metallenen Klanges, der von einer Waffe zu kommen
schien ...
    Auch eine geschlossene Chaise lie sich aus der sprlich erhellten
Dunkelheit als drauen vorgefahren erkennen ...
    Wem gilt das? fragte Lucinde ...
    Klingsohr wollte das Fenster ffnen ... Sich langsam sammelnd sprach er vom
andern Flgel des Hauses, in den man vielleicht einen wahnwitzigen Priester
brchte oder aus dem man den, der das Haus schon lange beunruhigte, abholte ...
    Dem Joseph war unten die Laterne ausgegangen und hellauf gellten die ihm von
Kratzern ber seine Ungeschicklichkeit gemachten Vorwrfe. Frau Hanne wurde
gerufen und im selben Augenblick, wo gerade einer der Bewohner des Hauses
heimkehrend durch die offene Pforte eintreten wollte, sprengte der Reiter ihm in
den Weg und fragte nach seiner Befugni, hier einzutreten ...
    Es war ein Gensdarm ...
    Was wird?! fragte Lucinde verzweifelnd und die Worte: Wenn ich entdeckt
wrde! erstarben schon auf ihren Lippen ... trotzdem, da sie auf mgliche
Entdeckung vorbereitet und auf alles gefat gekommen war ...
    Klingsohr beruhigte sie und horchte ... Die beiden Civilisten hatten mit
Kratzer schon den Mittelbau betreten. Schon hrte man sie auf der Stiege reden,
ohne da durch die langen Corridore der Inhalt ihrer Worte verstndlich werden
konnte ...
    Mich hier treffen - mich erkennen! Nimmermehr! rief Lucinde. Auf ewig wr'
ich verloren!
    Alle ihre Fassung war hin ... Schon hatte sie die Thr ergriffen und sogar
ihren Regenschirm wie zum Schutz in der Hand ...
    Man geht drben hinber! beruhigte Klingsohr, der sich in die Strung nicht
finden konnte ... Oder geh', geh'! sprach er ihr nach, da sie schon ging. Man
wird dich durchlassen. Hier nimm die Papiere! Muth! Muth! Morgen geh' ich nach
Belgien! Wir sehen uns wieder!
    Lucinde stand pltzlich, einer Ohnmacht nahe ...
    Lucinde! Hast du mich nicht neu belebt? Und du willst zagen? Hre ruhig! Was
du mir rthst, ist nichts Kleines. Ich werde ein Verrther an meinem Orden! Ich
be drei neue furchtbare Jahre meines Lebens! Man wird mich in Kerker und
Peinen der entsetzlichsten Art werfen! Ich kenne, was ein Flchtling aus einem
Orden in einen andern zu bestehen hat! ...
    Lucinde hrte nicht mehr ...
    Nummer Sechzehn? sprach sie nach auen das Ohr spitzend einem Worte nach,
das sie gehrt zu haben schien ...
    Mechanisch sprang sie an die Seitenthr, die zu Klingsohr's Schlafcabinet
fhrte ...
    Klingsohr konnte sie nicht halten und in der That - schon nahten sich die
Schritte der Ankmmlinge und schienen wirklich nur seine Thr zu suchen ...
    Instinctmig drckte Lucinde die Kammerthr an und tastete im Dunkel nach
dem Ausgange, der gleichfalls auf den Corridor fhrte. In demselben Augenblick,
wo sie bei Klingsohr eintreten hrte und voll Furcht nach der Thr griff, um
nach einem Schlssel zu fhlen, schlo sie auch schon, da sie einen Schlssel
vorfand, leise auf, drckte die Klinke nieder und wollte davonhuschend sich
entfernen ...
    Beim ersten Schritt aber, den sie hinaus that, sah sie einige Schritte
weiter den zurckgebliebenen Kratzer mit dem zweiten der Angekommenen, in dem
sie sofort an seiner Montur einen Commissr der Polizei erkannte ...
    Belebte sich auch ihr Muth, jetzt an dem Castellan vorberzugehen und
trotzig das Freie zu gewinnen, so entschwand er im selben Momente. Wie der Blitz
trat sie zurck, als sich die Thr bei Klingsohr geffnet hatte und nun auch
Kratzer von einem Manne mit hereingerufen wurde, den sie sofort aus Kocher am
Fall und von ihrer Reise dorthin erkannte, dem Assessor von Enckefu. Nun wrde
sie der Commissr sicher nicht haben ungefragt vorbergehen lassen. Auch stand
ihr noch jener am Thor wachende Gensdarm mit dem Anspringen seines Rosses vor
Augen ...
    Bebend hielt sie den Thrdrcker in der Hand und lauschte der geffnet
gebliebenen Nebenthr, wo sich eine lebhafte Errterung entspann, die jeden
Augenblick durch das Eintreten des Assessors auch zu ihr konnte unterbrochen
werden. Ihre Lage war so verzweifelt, da sie sich mit unwillkrlicher
Ideenverbindung in ihren schrecklichsten Lebensmoment zurckversetzt fhlte,
den, wo sie einst bei den Worten: Johanna geht, und nimmer kehrt sie wieder!
den hhnischen Beifall eines versammelten Publikums vernahm ...
    Mit den lauten und absichtlich betonten Worten: Das Gepck eines
Bettelmnchs, meine Herren, ist leicht! trat Klingsohr der Thr nher, gleichsam
um zu verhten, da man die Kammer betrat ...
    Man verhaftet ihn! sagte sie sich zitternd ... Er mu den Wagen besteigen
...
    Mit dieser schneller gedachten, als sich selbst ausgesprochenen Vermuthung,
hatte Lucinde den Muth - oder die Furcht, die Thrklinke noch einmal leise
niederzudrcken und auf den Corridor mit einem hurtigen Blick hinauszusphen. Im
selben Moment kam Joseph mit der neu angezndeten Laterne. Der Commissr wandte
ihm das Antlitz zu, ging ihm sogar einige Schritte entgegen. Nun hielt sie keine
Besorgni zurck. Mit einem einzigen Sprunge war sie aus dem Zimmer, huschte den
Gang hinunter, tiefer in die vom sich annhernden Lichtstrahl nicht getroffene
Dunkelheit hinein und hielt sich augenblicklich, ohne das Gerusch, das sie bei
alledem hatte machen mssen, fortzusetzen, in der Thrbschung einer der andern
Zellen ...
    Fest angedrckt harrte sie der Dinge, die kommen wrden.

                                      11.


Im Leben der Seele ist es eine eigene Erfahrung, da sie in Momenten ihrer
hchsten Anstrengung Erleuchtungen wunderbarer Art erlebt.
    Wie vorhin Lucinde in schwindelnder Angst das Lachen eines Theaters hrte,
wie hundert Vorstellungen vom Schicksal Klingsohr's, dem zerstrten Plane seiner
Flucht, ihrer eigenen Gefahr, dem nun gewissen neuen Herabsturz von der Hhe,
auf der sich ihr Lebensschicksal befand, ja der sofortigen Gewiheit, ein Opfer
Nck's zu werden, ihr Inneres fiebernd durchliefen, sah sie pltzlich nichts
weiter vor sich, als den Tag, wo sie im vorigen Jahre den St.-Wolfgangberg
hinauffuhr, die Stunde und den Moment, wo der Knecht aus dem Weien Ro am Fu
der Maximinuskapelle vor ihr herging und lauernd von dem Begrbni des alten
Mevissen in St.-Wolfgang sprach.
    Denn als sie aus der Thr auf den Corridor hinausgespht hatte, fiel gerade
der Schein der von dem Knecht hochgehaltenen neu wieder angezndeten Laterne so
grell auf seine Zge, da sie im Moment des Hinausschlpfens sich sagte: Das ist
ja jener Knecht, der den Sarg erbrochen hat! ... Ebenso schnell wute sie den
Namen Bickert und ebenso schnell baute sie auf diese Entdeckung, deren
Wahrscheinlichkeit wuchs, einen Plan der Rettung.
    Noch schien man, mit der Verhaftung Klingsohr's beschftigt, ihrer nicht
wieder gedacht zu haben. Von Secunde zu Secunde, wo sie es wagen zu drfen
glaubte, machte sie einige Schritte weiter zu einer nchsten Thr, an die sie
sich andrckte. Glcklicherweise waren diese Zimmer ohne Bewohner. So lebendig
es auch inzwischen im ganzen Profehause geworden war, so zahlreich am
entgegengesetzten andern Ende des Corridors Neugierige aus den Zellen kamen und
einer gewaltsamen Abfhrung des Paters Sebastus mit Staunen zusahen, in ihrer
nchsten Umgebung blieb es still. Schon war sie an einer Stiege angekommen, die
einen Stock hher ins Dach, hinunter ins Erdgescho fhrte ...
    Eben zgert sie, ob sie den letztern Weg whlen soll oder nicht, eben sieht
sie Klingsohrn aus seinem Zimmer schreiten, barfu, barhaupt, ohne andere Habe,
als die Kratzer, in ein Bndel zusammengelegt, hinter ihm hertrgt; da scheint
pltzlich die ganze Aufmerksamkeit von fnf Menschen zu gleicher Zeit auf die
Erinnerung an sie allein gerichtet zu sein ...
    Das Herausschreiten aus der Zelle Nr. 16 war nun schon ein Suchen nach ihr
...
    Die Worte: Noch ein Bursche war da? Wo? Wann? Noch eben hier? Niemand ist
doch hinausgegangen! schollen durcheinander. Das Offenstehen der zweiten Thr
wurde ebenso schnell als Zeichen heimlicher Entfernung erkannt und nun war sie
schon mit behendem Fu die abwrts fhrende Treppe hinunter ...
    Die nachkommenden Schritte, das Suchen der Rufenden hrte sie, als drohte
ein Welteinsturz ... Herr von Enckefu gebot mit lauter Stimme, alle Ausgnge zu
besetzen ... Ihr klang es wie Todesurtheil. Der Commissr fing an, rasch
nacheinander alle Klinken der oben liegenden Zellen niederzudrcken ... Wie ein
laufendes Gewehrfeuer klang es ... Kratzer's Ehre war im Spiel. Klingsohr hatte
versichert, da der Bursche nicht mehr bei ihm war.
    Lucinde lag an die Mauer gelehnt. Ein kalter Schwei trat auf ihre Stirn ...
Die Stiege brachte sie offenbar vollends ins Verderben, denn unten war der Raum
abgeschlossen. Die einzige Thr, die in ein Souterrain fhrte, wich keiner der
Anstrengungen, die sie machte, sie zu ffnen. Sie mute zurck, mute ihren
Verfolgern in die Hnde fallen ...
    Schon hrte sie Schritte und mit Verzweiflung warf sie sich wieder auf die
Vorstellung: Kme jetzt der Knecht! Wr' es wirklich jener Bickert! Knnte,
mte er dich nicht retten? ... Er trgt die Schlssel! Ich hre sie klirren!
Oeffneten sie vielleicht diese Thr? ...
    So stand sie mit glhenden Augen, krampfte sich mit der einen Hand an die
Lehne der Treppe und blickte von der untersten Stufe empor, um, wenn wirklich
der Knecht kommen sollte, ihn mit der andern festzuhalten. War er es, schaffte
er nicht Hlfe, so ri sie ihn mit ins Verderben ...
    Ja, die groben Futritte des Knechts waren es, die immer nher kamen... Er
fluchte und tobte laut, lachte, schien seine Dienstbereitwilligkeit im
allerglnzendsten Lichte zeigen zu wollen...
    Lucinde kmpfte vor Spannung und Furcht gegen ein Ohnmchtigwerden...
    Geh' nach unten! rief Kratzer... Hanne! Hanne... Ich suche oben! Licht!
    Auch die Hanne antwortete mit einer lauten Lache...
    Der Commissr versicherte dazwischen, seinen Augen trauen zu drfen... er
htte Niemanden hinausgehen sehen... Glcklicherweise klang diese Stimme noch
ziemlich entfernt...
    Nahe aber, ganz nahe sprach in dem landesblichen, fast knstlich betonten
und Lucinden nicht gelufigen Dialekt der Knecht des Profehauses fortwhrend
durcheinander. Sie verstand nur: Hier vielleicht! Da! Im Ratzenfange!... Dann
tappte Jemand die Treppe niederwrts und ringsum verbreitete sich ein
Lichtschimmer...
    Lucinde lie, jetzt sich ergebend, den Feind nher kommen, immer nher...
sie machte sogar ein leises Gerusch, nur um ihn vollends niederwrts zu locken.
Auf diese Art brachte sie ihn dicht an die verschlossene Kellerthr.
    Wie er jetzt triumphirend vor ihr stand, jauchzte ihr Herz auf, es war ihr
kein Zweifel mehr: Es war der Leichenruber! Derselbe halb verschmitzte, halb
stumpfsinnige Ausdruck des Antlitzes! Dieselben lauernden Mienen, wie damals
unter dem Nubaum, als Bonaventura die Grabrede sprach!
    Ha, ha, ha! lachte der Ankmmling grell auf...
    Aber mit dem Rufe: Bickert! sprang sie dem sich zu einem Triumphgeschrei,
das alle herbeilocken sollte, eben Anschickenden entgegen...
    Da hielt der Mensch inne... Schon der Anruf seines Namens entsetzte ihn...
    Dieb! Leichenruber! Kennt Ihr mich nicht mehr aus St.-Wolfgang? fuhr sie
mit tonloser, aber energischer Stimme fort...
    Der Verbrecher taumelte zurck... Er erkannte auch die Verkleidung...
    Geht hinauf! fuhr Lucinde mit unterdrckter Stimme, doch fest und bestimmt
fort. Sprecht, hier wr' ich nicht! Oder ich rufe laut Euern Namen, Euer
Verbrechen! Ich rei' Euch mit ins Verderben! Fort!
    Der Mensch taumelte wie angedonnert zurck und stammelte helllaut hinaus ein
wiederholtes:
    Da - ist - niemand! Da nicht - da ist niemand -
    Nun hrte man die Stimme des Assessors, hinter ihm den Ruf des Commissrs:
    Ist denn also unten ein Ausgang?
    Bewutlos halb vor Freude, halb vor erneuter Furcht sank Lucinde an die
Kellerthr und halb auf den Fuboden zurck. Sie wute nicht mehr, wo sich
halten...
    So lag sie einige Secunden...
    Da dann Schlssel rasselten, hrte sie... da eine Thr aufflog, da sie
pltzlich von tiefster Finsterni umgeben war, da sie die eine Hand
ausstreckte, um sich zu halten und nur die Thr wieder fate, die ebenso schnell
wieder zugedrckt und geschlossen wurde... alles das war ein einziger
bewutloser Augenblick. Erst das Gefhl, der nchsten Gefahr entronnen zu sein,
rief ihr die entschwundenen Lebensgeister zurck. Sie htte aufjubeln mgen vor
Freude, aber auch sich ausweinen in Thrnenstrmen vor Jammer der Seele, von den
Thorheiten ihres Herzens getrieben, sich in solche Lagen gewagt zu haben ...
    Rings um sie her blieb alles dunkel und still ...
    Eine dumpfe, feuchte Luft wehte sie aus der Tiefe an ...
    Bei einigen Schritten, die sie, sich langsam erhebend und behutsam tastend,
versuchte, bemerkte sie, da sie sich beim Anfang niederwrts gehender
steinerner Stufen befand ...
    Da sie vor der nchsten Gefahr, in ihrer Verkleidung erkannt zu werden,
jetzt geborgen war, schien ihr bei der Verschmitztheit Bickert's fast gewi zu
sein.
    Wie aber, wenn sie nur der einen Gefahr entronnen war, um einer andern
entgegenzugehen? ... So in diesem Dunkel und im Beginn jener unterirdischen
Gnge, von denen sie so oft gehrt hatte, kam sie durch eine nahe liegende
Gedankenverbindung auf die Vorstellung des Lebendigbegrabenwerdens. Sie sah sich
selbst in jenen Leichentchern, die einst ein Ruber entweihte, den gerade ihre
whlerische und unruhige Phantasie verfhrt hatte, in ihnen Schtze zu suchen.
Wie, wenn sie der Verbrecher, der die Entdeckung frchtete, aus Rache,
mindestens aus Furcht nicht mehr ins Leben zurcklie? Wenn sie ohnmchtig und
vergeblich an dieser Thr rtteln mte? Wenn sie hier den Tod der Verzweiflung
sterben sollte, schon am Ende ihrer - die dunkelste Zukunft ihr schon immer zu
bergen scheinenden Lebensbahn?
    Eine Gefahr des Augenblicks konnte Lucinden ganz beherrschen, wie jedes
andere zagende Weib. Hatte sie aber Zeit, sich erst auf eine Gefahr zu rsten,
so lag vlliges Verzweifeln nicht mehr in ihrer Natur. Auch gleich das
Schlimmste festzuhalten war nicht auf die Lnge ihre Art, wenn auch sogleich im
ersten Schrecken hhnisch alle Dmonen sie anlachten, die im Benehmen der
Menschen gegen uns und noch mehr in den Situationen, namentlich fr die, die
nicht das beste Gewissen haben, liegen knnen. Sie malte sich aus, was drauen
geschah. Man wird mich vergebens suchen, die Polizei entfernt sich mit
Klingsohrn - das Bellen der Hunde hrte sie - Kratzer wird Befehl erhalten, die
Haussuchung fortzusetzen, Bickert wird meine Entdeckung frchten und vielleicht
mein Bundesgenosse werden, vielleicht aber auch ...
    Wieder befiel sie Furcht ...
    Unter der Blouse war sie glcklicherweise warm gekleidet. Khl fhlte sie
sich nur angeweht, so lange sie erhitzt blieb. Ihre Stirn trocknete sich
allmhlich, sie gewhnte sich an die Luft, die sogar ber die steinernen Stufen
von unten her wrmer heraufstrmte. Schon entdeckte sie, da man etwa mit acht
Stufen im Beginn eines ausgemauerten Raumes war, der auch noch einen andern
Ausgang haben konnte; denn unten umhertastend fhlte sie wiederum neue Stufen.
Es lag hier jene Oeffnung, die in den Hof ging. Ein scharfer Zugwind, der aus
einem entgegengesetzten Winkel kam, schien auf andere Oeffnungen zu deuten.
Vielleicht begannen dort die Gnge, die, wie man sagte, fast unter der ganzen
Stadt hinliefen und in jenen Palast mndeten, in welchem einst die hohen
Kirchenfrsten, als sie noch souvern waren, oft von ihren eigenen Unterthanen
belagert wurden. Jetzt waren diese Gnge theilweise verschttet, doch nicht
ganz. Ein Zusammenhang sollte noch immer z.B. mit dem steinernen Hause des
Herrn Maria statthaben, auch hie und da eine Thr sich befinden, die in Kirchen
und geistliche Wohnungen fhrte.
    Alles das stand gespenstisch vor der Phantasie der ungeduldig Harrenden ...
    Sie stieg die Stufen wieder hinauf, die an die von Bickert verschlossene
Thr fhrten ...
    Eine halbe Stunde mochte vergangen sein, als sie endlich Gerusch vernahm
... Es waren die Schritte eines Mannes, der sich vorsichtig nherte ... Die Thr
wurde aufgeschlossen ... Auch ohne Licht sah ihr an die Dunkelheit inzwischen
gewhntes Auge ihren - fraglichen Retter vor sich stehen.
    Eine Weile erst wie prfend sie anstarrend bedeutete er sie, jedes Gerusch
zu vermeiden ... Im Hause wre alles im Glauben, sie mte sich irgendwo
versteckt haben. Wenn sie nicht um Mitternacht, bis wohin er wiederkehren wrde,
von einem nher von ihm bezeichneten Fenster an einer Strickleiter
hinuntersteigen wollte, wrde sie erst am folgenden Tage entfliehen knnen, wenn
vielleicht Kratzer ausginge und Frau Hanne in der Kche beschftigt wre. Das
Hausthor wre bis dahin heute verriegelt und der Schlssel von Kratzern selbst
schon abgezogen worden ... Ein Steigen ber die Mauer war der wachsamen Hunde
wegen nicht mglich ...
    Nimmermehr! rief Lucinde. Ich mu fort! Fort! Sogleich!
    Sie erbebte bei dem Gedanken, wie sie ihr Ausbleiben im Kattendyk'schen
Hause entschuldigen sollte ...
    Bickert, der pltzlich eine ganz andere, auffallenderweise mit franzsischen
Brocken gemischte Sprache redete, als vorhin und als sie auch auf dem
St.-Wolfgangberg von ihm gehrt zu haben sich erinnerte, Bickert erklrte, dann
wre kein anderer Ausweg mglich, als hier durch die unterirdischen Gnge ...
Die Schlssel htte er, sagte er ... Wollte sie, so knnte er sie an die nchste
Oeffnung fhren, durch die sie vielleicht ins Freie kme ... Mais - nun wandte
er sich mit einer drohenden Geberde, ergriff ihren Arm und sah ihr mit
aufgerissenen Augen ins bleiche Antlitz ...
    Seid ruhig! antwortete sie. Rettet mich und ich schwre Euch
Verschwiegenheit! ... Dann wiederholte sie, wie sehr sie Eile htte ...
Schaudernd blickte sie in die Tiefe, die sie wie ein Grab anstarrte ...
    Frchten Sie sich nicht! wiederholte Bickert. Aber schwren sollen Sie mir
unten am Muttergotteskreuzweg, da Sie mich nicht denunciren!
    Am Muttergotteskreuzweg? wiederholte Lucinde ...
    In einer guten halben Stunde sollen Sie so gut na werden, wie jetzt jeder
andere drauen - schon wieder regnet es -
    Lucinde bemerkte erst jetzt, da sie bei all diesen Momenten des Schreckens
ihr vllig unbewut sowol den alten Regenschirm, der Veilchen gehrte und leicht
eine Entdeckung htte herbeifhren knnen, wie die Druckermappe krampfhaft in
den Hnden festgehalten hatte ...
    Bickert wollte wissen, wie sie zu dem Pater kme, und lachte hhnisch und
zweideutig ... Aber bei alledem gingen sie schon vorwrts ... Er voran ...
    Lucinde nahm die Frage nach dem Pater nur insoweit auf, als sie sich
erkundigte, was mit ihm geschehen wre ...
    Sie haben ihn au collet genommen, sagte Bickert, sie haben ihn in den Wagen
gesetzt, monsieur le commissaire nebenan und so um die Stadt herum! Ich denke,
sie fahren ihn in sein Kloster zurck, von wo er hergekommen. Pst! ...
unterbrach er sich selbst, blieb stehen und horchte auf, als wenn sie gestrt
werden knnten ...
    Lucinde hielt sich an der feuchten Mauer ...
    Ich will Ihnen lieber etwas zu soupiren bringen, sagte er nach einer Weile;
und auch einen alten Mantel ... Sie werden Angst kriegen vor - vor - und bleiben
die Nacht lieber hier -
    Wovor Angst? Nimmermehr! hielt ihn Lucinde zurck ... Ich frchte nichts!
    Bickert untersuchte seine Schlssel und tastete vorwrts ... Mit einem
Streichhlzchen machte er Licht und zndete eine kleine Laterne an, die er aus
der Tasche zog ... Rings sah man, wie in einem Bergschacht, nur feuchte Wnde;
doch konnte man bequem und aufrecht stehen ...
    Inzwischen ging Bickert wieder voran ... Lucinde folgte klopfenden Herzens
...
    Pltzlich hielt er inne und sagte mit frchterlicher Drohung: Mais -: Wissen
Sie, da Sie mein Verderben ganz allein gewesen sind?
    Lucinde wich entsetzt zurck ...
    Sie haben mir's in den Kopf gesetzt ... o mon Dieu! Ich war auf einem so
rsonnablen Wege ...
    Fast die Zhne knirschend stand er mit geballter Faust vor ihr ...
    Lucinde blieb starr und sprachlos ...
    Ein Gefhl der Erlsung sprach sich erst in einem laut ihr entschlpfenden
Ah! aus, als Bickert im Gehen fortfuhr:
    Und das Beste ist, der Pfaffe aus St.-Wolfgang ist hier, und ich komme
neulich in seinen Confessional und sag' ihm alles. Ich selbst! Sapristi!
    Lucinde hrte nur, ohne zu verstehen ...
    Aber ich erhielt mon fait! Ich hatte in Frankreich zwanzig Jahre Galeere!
Warum blieb' ich nicht rsonnabel!
    Lucinde blieb hinter dem entsetzlichen Menschen zurck. Sie berlegte, ob
sie folgen konnte ...
    Courage! Courage! rief er. En avant! Das erste mal hatt' ich auch noch keine
Courage! Die Ratz meinen's besser als sie aussehen! Stoen Sie sich nicht!
Warten Sie! Das Licht brennt mchant!
    Lucinde war ohne Athem. In kurzen fiebernden Schlgen klopfte ihr Herz. Sie
sah, wie Bickert die Glser seiner Diebslaterne heller putzte ... Und der
Mauerspalt wurde immer enger und enger ...
    Ihrem Pater, au prisonnier, hab' ich auch einmal hier den Weg gezeigt - Wenn
der jetzt wte, da Sie - Figurez vous! Ich beichte dem Pfarrer und habe
versprochen, ihm alles, was ich damals auf dem Kirchhof aus dem halben Geripp
herauswickelte - zu schicken! Qu'avez vous?
    Ein Schrei des Schauders entfuhr - aus doppeltem Anla - Lucinden ...
    Bickert blieb stehen ...
    War's eine? lachte er ...
    Er meinte eine Ratte ... Schon hrte man ein Huschen und hastiges
Dahinspringen ...
    Worauf tritt man denn hier ewig? fragte Lucinde, wieder ber eine andere
Erfahrung erbebend ...
    Der Fhrer beleuchtete den Boden ...
    Das war gut! sagte er. Da liegen sie! Tous crevs! ... Nehmen Sie nur nichts
mit von dem Biscuit, das hier auf dem Boden liegt! Die dicken Kerle, messieurs
les rats, haben gedacht: Das legen wir noch zurck fr ein andermal! Die Ratz
sind hier immer satt ... weil es todte Katzen und Hunde genug hier gibt ...
    Lucinden war es, als athmete sie Gift und Pesthauch aus der Luft ... Jetzt
blieben ihre Vorstellungen haften bei dem Gedanken an die Frau Hauptmnnin, an
Hammaker, an das Schaffot, an Nck's grauenvolle Rede ...
    Die Wanderung durch einen kaum drei Fu breiten und sechs Fu hohen Gang
glich in jeder Beziehung dem Besuche eines Bergwerks. Die Wnde oben und zur
Seite waren gemauert, aber so feucht, da sie von Schimmel und Schnecken
bewachsen waren. Der Boden unten war festgetretene Erde, aber schlpfrig zum
Ausgleiten. An Stellen, wo die Decke eingestrzt war, mute man ber die Trmmer
hinweg und den Kopf bcken. Die Luft war schwl und giftig, soda die Wanderer
sich wol Muth durften einflen lassen durch die zuweilen von Mauersteinen
hervorgebrachte Form des Kreuzes, vor dem auch Bickert regelmig sich verbeugte
...
    Wenn wir nur erst an die groen Keller kommen, rief er, so haben wir bessere
Luft!
    Dabei lrmte und polterte er fort und fort und huschte vor sich hin. Diese
Vorsicht galt den Ratten, die auf die Art vor ihnen hergejagt wurden ...
    Die Ueberzeugung, der Verbrecher vertraute ihrer Verschwiegenheit und htte
nichts Uebles im Sinn, gab Lucinden Muth und schon nahm sie ihr Erlebni von
seiner abenteuerlichen Seite. Ihr jedesmaliger Aufschrei, wenn sie auf ein Opfer
des krzlich gestreuten Giftes trat, wurde beiden schon zur Unterhaltung ...
    Der Gang erweiterte sich und zeigte an einigen Stellen runde, stark
vergitterte Oeffnungen. Eine derselben war so gro, da man in einen Keller
sehen konnte, in den Bickert hineinleuchtete ...
    Da, sagte er, da mcht' ich manchmal die Eisenstangen ein wenig poliren - er
meinte feilen - Sehen Sie die groen Fsser! Die gehren Monsieur Moppes. Ich
glaube, sie werden aufgespart fr die Gerechten beim Jngsten Gericht!
    Lucinde kannte Herrn Moppes junior, seinen Humor und seine vortreffliche
Stimme. Noch gestern hatte im Kattendyk'schen Hause sein Genius geleuchtet ...
Welch ein Unterschied der Situation! Gestern sie mit ihm im Salon und heute -
sein Name ihr hier gesprochen unter der Erde! ... Auch des Stephan Lengenich
gedachte sie ... Sie folgte mit beklommenem Athem ...
    Jetzt kamen die Stellen, die schon lange Veranlassung gegeben hatten, diese
Gnge theilweise zu verschtten. Sie kreuzten sich auf eine gefhrliche Weise
mit den Kanlen der Stadt. Schon war vorgekommen, da diese oberhalb sich
hinwegziehenden Rinnen durchgebrochen waren und die tiefer liegenden Gnge
berfluteten. An diesen Stellen befanden sich Sttzgerste und doch rieselte es
von oben herab, ja Bickert sagte, da man bei groen Regenwettern bis ans Knie
im Wasser stnde, von dem man dann weder wisse, wo es herkme, noch wie es
abflsse ...
    Der Weg durch die Sttzbalken konnte den Beherztesten erbeben machen. Man
mute sich hindurchzwngen mit Gefahr, eine der Palissaden einzureien. Dabei
waren die Moppes'schen Keller noch nicht zu Ende ...
    Eine Ermuthigung lag in dem Anblick einer kleinen uralten Gottesmutter, die
in der That an einer Stelle, wo der Gang sich in zwei Theile spaltete, in einer
Mauernische stand. Bickert beleuchtete sie mit der Laterne. Er schien nicht die
Empfindung Stephan Lengenich's zu haben, da dies alte Steinbild Lucinden glich
... Und doch hatte in einem Punkt der alte Geisterseher Recht ... In dieser
schauerlichen Einsamkeit war der Anblick des wohlerhaltenen alten Steinbildes
wenigstens wirklich, als wenn man ihm Leben htte zuerkennen mssen. Die Augen,
der Mund, die Stirn unter dem weit ber sie hinfallenden Schleier hatten auch
eine gewisse Aehnlichkeit mit Lucinden. Das Kind auf dem Arm der kleinen Figur
schien wie lebendig, ja wie sprechen zu knnen. Lucinde fhlte selbst, wie
mchtig der Eindruck war, der einen Ruber bestimmte, hier die Mtze abzuziehen,
die Laterne auf den Sims der Nische zu stellen und den steinernen Saum des
Kleides der hier in dunkeln Grabesgrften wie mit Bewutsein wachenden Gruppe zu
kssen ...
    Dann bekreuzte er sich und lie Lucinden nher treten ...
    Wenn ich damals auf dem Cimetire in St.-Wolfgang, sagte er, diese hier im
Sarge gefunden htte, wre ich schon frher zur Erkenntni gekommen ... Es ist
mein Fluch, da ich Bickert heie, eigentlich Picard, Mademoiselle! Das ist die
alte Chochemfamilie, die ihre Vettern am Galgen hat paradiren sehen, la bonne
famille de Damian Hessel und manchem andern da oben am Hundsrck! Sie haben alle
den Schwur gehabt, nie Blut zu lecken, und doch sind sie durch die Luft und mit
dem groen franzsischen Balbiermesser aus der Welt gegangen. Ah! Ah! ... Nun
treiben sich die Enkel und Nachkommen umher, haben sich auch umgetauft, wie mein
Vater selig schon, der mit fnfundzwanzig Jahren travaux davonkam und mich
heilig machen wollte wie einen Kanonikus. Aber es liegt im Blut und erst die da
- sehen Sie, jetzt wird sie sprechen! - Die da sagt mir immer hier unten, wo
mich die alte Jeanette unterbrachte - eine Connaissance von meinem Vater selig -
Picard! Picard! sagt sie, dein Grovater war zwar ein Jude, aber in deiner
Gromutter Dina Jakob und Rebekka, ihrer Schwester, war Stolz; beide haben auch
darum, aus Eifersucht und Rache, selbst ihre Mnner an den Galgen gebracht. Vom
Grovater und vom Groonkel hast du's, da du noch immer den Hahn nicht krhen
hren kannst, ohne an Brecheisen und Rennbaum zu denken! Aber nimm dich
zusammen, Picard! Komm zu mir, so wird es gehen und du wirst noch Rathsherr
werden in Grningen, wo deine Ahnen wohnten!
    Lucinde hatte einen Augenblick der Ruhe nthig ... Sie lehnte sich an das
Marienbild und hrte den Worten des Rubers schauernd zu ... Auch ihr sprach das
Bild ...
    Das Wunder belebter Statuen und augenbewegender Bilder beruht, wenn auch
nicht immer, doch meist auf der Einbildungskraft und dem Zauber der Kunst. Wem
wrde ein lange betrachtetes Bild nicht zuletzt mit dem Auge geblinkt haben!
Welcher gemalte oder richtig plastisch geformte Mund wrde nicht leise zucken,
den man beobachtet im Zusammenhang mit allem brigen, was an einem Bilde oder an
einer Statue dem Leben abgelauscht wurde? Einem Knstler sprach die Sixtinische
Madonna: Komm' in mein Himmelreich! Er hatte deutlich die Worte gehrt, dieser
berhmte Kupferstecher, der Linie um Linie die majesttische Himmelsknigin mit
dem Grabstichel wiedergeben wollte. Der Wahnsinn umnachtete sein Gemth fr
immer; der Glaube ist eine Umnachtung fr den Augenblick.
    Die schauerliche Einsamkeit hier unter der Erde, die edle Gesichtsform des
Bildes, die Beleuchtung durch die wenigen Lichtstrahlen der Laterne, die
Stimmung und Prdisposition des Gemths, alles kam zusammen, da auch Lucinde
auf Verlangen des grauenvollen Menschen feierlich bei diesem Bilde betheuerte,
den Zufluchtsort, den hier ein Verbrecher im alten Profehause gefunden, nie zu
verrathen.
    Noch mehr ... Bickert hob an der Madonna einen Stein auf, zog ein schmuziges
Bndel hervor und sagte:
    Ich mag nicht mehr an die Galeere! Ich wollte hier im Lande Pferdehandel
treiben! Mais - ich kam auch da wieder auf falsche Fhrte. So wurd' ich Knecht
im Weien Ro. Niemand kannte mich. Ich simulirte einen ganz andern Menschen. Es
ging - mais! Da mssen Sie kommen, Mademoiselle, Sie - n'ayez peur!
Siebenundvierzig bin ich jetzt, Mademoiselle. Ich ginge lieber - nach Amerika,
wenn ich das Geld dazu htte! Verdienen konnt' ich's schon, aber der Weg kam -
un peu trop etroitement da vorbei, wo neulich Monsieur Hammaker gehabt hat un
trs mauvais accident -
    Kannten Sie - auch den? hauchte Lucinde, aufs neue erbebend ...
    Monsieur Hammaker sah mir gleich den alten Picard an - wie ich - il y a cinq
mois - hierher bin geflohen und ich sa ihm vis  vis im Trankgchen und mir
schmeckte nicht der Heurige. Den Posten hier verschafft' er mir durch die ihm
bekannte Madame Jeanette, eine alte Freundin meines Vaters. Er verlangte blos
als don gratuit von mir - eine kleine Affaire - den rothen Hahn auf ein Schlo -
 peu prs zwanzig Meilen von hier -
    Westerhof? rief Lucinde entsetzt ...
    Comment -? fiel Bickert berrascht ein und hielt das Bndel, als wollt' er
es Lucinden bergeben, die schon vor Abscheu nur vor seinem Aussehen die Hand
zurckzog ...
    Sapristi, wo wissen Sie - Ich kenne einen, der alle Tage auf mich wartet!
Tausend Thaler, und dann nach Amerika! sagte Monsieur Hammaker, und auch
zusammen wollten wir gehen. Aber er hatte noch nicht genug, le petit maitre, er
wollte Extrapost. Die hat er bekommen! Als ich ihm die Nacht begegnete, wo er in
die Sieben Berge machen wollte mit einem sehr hbschen Koffer, sagt' er mir:
Adieu Picard! Folgen Sie mir bald! Machen Sie nur ein compliment - an - an -
    Den Oberprocurator Nck -?
    Diacre! Woher wissen Sie -? Mademoiselle! Ich ging nicht. Ich dachte, er
wird mich zum Hause hinauswerfen, wenn ich um die tausend Thaler komme - fr
Reisegeld! Mais - Neulich, da zog ich an der Klingel - ich hatte das Leben hier
- nein, nein, denken Sie nur nicht Marcebillenstrae - Aber es stand wieder
einmal quarante sept mit mir. Hier das Leben unter den Ratten, die schlechte
Kost, die Furcht; ich dachte: Du verdienst dir dein Reisegeld, gehst erst in den
Dom und sagst's en confession - Ich bin versucht, wollt' ich sagen, ein gro
Feuer zu legen und ein Papier - so war le mot d'ordre - dans une bibliothque -
und ich tht' es gern; wer kann hier leben! Unter den Ratten! Hunde fttern!
Hanne Sterz um den Bart gehen! Einen Bart hat sie, Mademoiselle! ... Da knie'
ich im Confessional und fange an zu sprechen und sage meine Snden und ich sehe
auf und ...
    Ihr seht den Domherrn von Asselyn!
    Einen Geist, der mir spricht: Was enthielt damals der Sarg? ...
    Gestanden Sie es ihm?
    Da! Nehmen Sie, Mademoiselle!
    Jetzt griff Lucinde nach dem Bndel in heftigster Bewegung. So abschreckend
feucht das Tuch war, sie empfand keinen Widerwillen mehr ...
    Plaudern werden Sie nicht! wiederholte Bickert und beleuchtete unheimlich
die Gestalt und uere Erscheinung der Verkleideten ... Und eine wiederum
ballend erhobene Faust deutete die Mglichkeit seiner Rache an ...
    Dann aber sagte er:
    Gut! Geben Sie das -
    An den Domherrn von Asselyn -
    Im Kapitelhause -
    Und was enthlt es?
    Eine Schrift - kein Geld - nur eine Schrift - in Latein - tant je crois -
    Damit ging er weiter ...
    Und die Reise nach Amerika? Schlo Westerhof? Das Papier? rief sie hinter
ihm her ...
    Der Knecht hrte nicht die verhallenden Worte und ging voraus ...
    Lucinde folgte athemlos ... Sie hatte das kleine Bndel in ihre Mappe
gezwngt und sich dabei aufgehalten ... Mit dem Schirme tastete sie, um dem
Schimmer der Laterne zu folgen ...
    Noch einige hundert Schritte in dem links sich erstreckenden engern Gange
ging es so fort.
    Dann standen sie an einer kleinen, mit verrosteten Eisenklammern
beschlagenen Thr ...
    Bickert gab Lucinden die Laterne und zog sein Schlsselbund ...
    Leise steckte er einen mit wunderlichem Zierrath versehenen alten Schlssel
in das noch wohlerhaltene Schlo ...
    Mit knarrendem Tone ging noch ein Riegel zurck und die Thr ffnete sich
...
    Halten Sie sich an mich! sagte der Fhrer und stieg einige sich windende
steinerne Stufen in die Hhe, whrend die Laterne zurckblieb ...
    Bald kam eine zweite Thr ...
    Bickert horchte ... Er wollte lauschen, ob niemand in der Nhe war ...
    Wo kommen wir hinaus? fragte Lucinde, von den Anstrengungen erschpft ...
    Statt zu antworten schrfte Bickert sein Ohr nur noch vorsichtiger ...
    Jetzt war es Lucinden, als hrte sie einen heiligen Gesang. Es war wie ein
Strom klingender Luft, der auf sie niederwallte. Die Tne schwollen und erhoben
sich. Wie aus erquickenden Quellen ringssprhender Staub, so rieselte sie es an
... Nach so langer dumpfer Stille wurde ihr der Ton fast zum Licht, das Licht
zur Welle, Geistiges wie leiblich sie Berhrendes ... Sie konnte sich nicht mehr
aufrecht halten ...
    Les chanteurs! Es ist die Domschule! flsterte Bickert und ffnete ...
    Es strmte wie Lobgesang des Lebens auf sie ein ...
    Hier jetzt den Corridor hinauf, dann  travers la maison!
    Bickert drngte Lucinden schon vorwrts ...
    Nach einem noch einmal weniger drohend, als schon hoffnungssicher
gesprochenen: Mais Mademoiselle -! stand sie pltzlich allein ... Bickert war
verschwunden.
    Ein schmaler Gang zwischen zwei hohen Mauern fhrte Lucinden in einen
grern, mit Quadersteinen gepflasterten Hof und aus diesem ber einige Stufen
in ein alterthmliches Haus. Auch auf der groen Diele war alles wie von Musik
erfllt. Links von ihr sangen die Chorschler Uebungen. Ein altes Klavier
begleitete die Accorde ...
    Eine Weile lauschte sie ...
    Deposuit potentes de sede et exaltabit humiles!
    Dazwischen sprach ein Priester Erluterungen ... Die Stimme war ihr fremd
... Aber die Worte klangen ihr in der Tonart des Gesanges ... kein Dur folgte
auf Moll, kein Allegro auf ein Andante ... selbst die Belehrungen ber die zu
machenden Pausen, die gegeben wurden, waren nur der Aushall des verklungenen
Tones ... Alles, alles war ihr Harmonie ...
    Gern htte sie glauben mgen, es wrden ihr die beiden Arme zu riesigen
Flgeln, die sie htte ausbreiten mgen, die wieder errungene Freiheit zu
erproben ...
    Aber nur wie eine verscheuchte Fledermaus huschte sie durch die Flur und an
die Hausthr. Diese war unverschlossen ... Sie war im Freien, im Regen mit ihrem
Bndel, aus dem sie ein zerknittertes starkes Papier herausfhlte ...
    Mutest du diese Schrecken erleben, um das zu erlangen, was du vielleicht
brauchst, um morgen mit - ihm zu sprechen, vielleicht zum letzten mal - Dies
fhrt dich bei ihm ein, auch wenn er dir die Beichte abschlgt!
    Sie htte sogleich zu Bonaventura fliegen mgen ... Fast hatte sie ihre
Knabentracht vergessen.
    Sie breitete den Schirm aus und scho auf einen Fiaker zu ...
    In die Rumpelgasse! rief sie. Zu Nathan Seligmann!
    Die Adresse war bekannt ...
    Eine Viertelstunde darauf war sie bei Veilchen Igelsheimer, die um sie auf
den Tod gezittert hatte. Ihre Begleitung an das Profehaus hatte sie
abgeschlagen. Veilchen erfuhr zu ihrem Entsetzen, da alles gescheitert war und
Lucinde nur mit Lebensgefahr ihre eigene Freiheit gerettet htte ...
    Zu Aufklrungen fr das trotz Spinoza verzweifelnde Mdchen, Aufklrungen,
die Lucinde auch ohnehin schwerlich gegeben htte, blieb keine Zeit ... Sie gab
ihre Kleider zurck, nahm die ihrigen, entleerte die Mappe, die sie Veilchen
lie, ri das schmuzige Tuch Bickert's fort und wollte eben die Einlage, einige
Bogen Papier in amtlichem Briefformat, einstecken ...
    Da erblickt Veilchen die Aufschrift und ruft:
    Gott im Himmel!
    Was ist? fragte Lucinde, halb schon im Gehen ... Herr Nathan war noch nicht
wieder daheim ...
    Das ist - das ist ja - die Handschrift -
    Veilchen ffnete die Bogen, die Lucinde jedoch zu gleicher Zeit schon wieder
zurcknahm, nur um sie rasch zu bergen, weil sie Eile hatte ...
    Nur einen Blick, Frulein! ...
    Was haben Sie? fragte Lucinde drngend und auf dem Sprunge ...
    Schon gab Veilchen die Bogen zurck, wie mit einem Schauder - Ein Siegel,
das neben dem Namen stand, der die Bogen unterschrieben hatte, schien ihr die
Besinnung zu geben ...
    Lucinde sah ein Kirchensiegel - das Bild des Gekreuzigten ...
    Sie forschte nicht lnger ... blieb ihr doch die volle Mue eigener
Untersuchung und die Gelegenheit der Wiederkehr ... Sie hatte nicht Zeit, sich
von dem wie bewutlos ihr nachblickenden Veilchen die Ursache ihres Schreckens
erklren zu lassen ...
    Eine Stunde spter sa sie zum Thee bei der Commerzienrthin, die vor
Ungeduld nach ihr fast vergangen war. Denn seltsamerweise blieb sie heute
allein ... Aus Furcht vor Pitern lieen sich selbst die Hausfreunde nicht sehen.
Das Haus war von seinem beginnenden Strafgericht in Belagerungszustand erklrt.
Johanna hatte von ihrem in aller Frhe abgereisten Verlobten schon per Expressen
einen Brief voller Vorwrfe ber die Frau Oberstin, die brigens gestern schon
vor dem pltzlichen Tumult gegangen war ... Dann kam die Frau Oberprocurator
angefahren und brachte die Kunde, da morgen Abend der Domherr von Asselyn nach
Witoborn reise und eine Demonstration der Huldigung stattfinden wrde mit
Blumen, Gedichten, ja persnlicher Anwesenheit seiner Verehrer ... Ob die Mutter
ginge? Was man dazu anzge? ... Endlich hrte man Pitern sich lrmend in den
Hinterzimmern ankndigen ... Alles zitterte ... Zum Glck hrte man zu gleicher
Zeit den Besuch des Oberprocurators von der andern Seite ... Lucinde hatte keine
Antwort aus dem Kapitelhause vorgefunden. Sie erhob sich, schtzte Kopfweh vor,
scho an Nck vorber und flchtete sich auf ihr Zimmer.
    Hier ergriff sie einen Bogen Papier, eine Feder und schrieb die Worte:

    Hochwrdigster Domherr! Ich beschwre Sie! Wenn Sie nicht einen Seelenmord
begehen wollen, so bitt' ich um Antwort - wegen meiner Generalbeichte!

                                                                       Lucinde.

    Sie convertirte, klingelte und schickte einen Diener mit diesen Zeilen ins
Kapitelhaus an den Domherrn von Asselyn - wie schon heute in der Frhe ...
    Schlug ihr Bonaventura den Empfang ab, so hatte sie ein letztes Mittel. Den
Auftrag Bickert's ... Nach allem, was sie von Benno ber den Eindruck wute, den
damals die im Sarge des alten Mevissen gefundenen Dinge auf Bonaventura gemacht
hatten, durfte sie annehmen, da dieser sie dann unmglich zurckweisen wrde,
wenn sie an ihn ein drittes Schreiben richtete mit der Bitte, ihm wenigstens
noch die Dinge, die ihr der Knecht aus dem Weien Ro gegeben, persnlich
einhndigen zu drfen ...
    Nun klopfte es ...
    Nck meldete sich ...
    Ich bin krank! sagte sie an der Thr, rasch verschlieend - schaudernd vor
dem Manne, bei dem fr Bickert - tausend Thaler harrten und der ihr selbst -
    Sie wissen - -? sprach schon Nck dringender.
    Nichts! Nichts!
    Der Pater ist gefangen ...
    Darauf schwieg sie ...
    Man fhrt ihn in sein Kloster zurck ...
    Doch! doch! sprach sie bebend, aber nur fr sich ...
    Darf ich -? Ich bitte dringend ...
    Ich bin krank!
    Schrieben Sie doch nicht dem Pater? ...
    Sie schwieg ...
    Wenn man Ihren Brief mit Beschlag belegt htte! Oder wie verstndigten Sie
sich mit ihm? ...
    Sie athmete auf, wie kein Verdacht vorlag, da sie selbst zu Sebastus
gegangen ...
    Bestellen Sie die Pferde ab! Sonst nichts! Gute Nacht! sagte sie, sich
ermuthigend, und brach kurz ab.
    Nck's murmelnde Stimme hrte sie nicht mehr ... auch sein Fortgehen
verhallte ...
    Dann holte sie das verwitterte, nicht zu alte Schreiben, einen langen Brief
in lateinischer Sprache, unterzeichnet Leo Perl.
    Nun verstand sie den Schrecken der Jdin ...
    Sie las und las ... bersetzte und - stockte endlich ...
    Um den Brief vllig zu verstehen, mute sie nach dem Wrterbuche greifen,
das ihr Benno gekauft hatte ...
    Darber schlug es elf ...

                                      12.


In einem der groen, kaltgrndigen Zimmer des Kapitelhauses herrschte am
folgenden Tage eine feierliche Stille ...
    Es war im Studirzimmer Bonaventura's ...
    Der Abend hatte sich niedergesenkt ... Zwei Lichter brannten ... In dem
groen eisernen Ofen, der von auen geheizt wurde, hrte man das Zulegen neuen
Holzes ... Nicht Renatens sorgende Hand war es, es war die eines Hausdieners,
der zu diesem Amt fr die Herren des Kapitels bestellt war.
    Auch nicht im Nebenzimmer sa Renate ... Der Domherr hatte die alte treue
Dienerin gebeten, nach allen schon lngst getroffenen Zurstungen seiner Abreise
auf Witoborn, die fr die neunte Stunde bestimmt war - sein einfacher Sinn und
seine gemessenen Mittel wollten sich mit gewhnlicher Postgelegenheit begngen -
erst um acht Uhr von einem Geschft zurckzukommen, das er sie ersuchte, sich
auerhalb des Kapitels zu machen. Sie hatte schon lange fr Benno's Abwesenheit
sich eine Durchsicht seiner Wsche, eine grndlichere Anordnung seiner Wohnung
vorgenommen; diese vollzog sie, obgleich es Sonntag war, schon von vier Uhr an
und gegen acht erst wollte sie zurckkehren ...
    Bonaventura kannte die Abneigung der alten Frau gegen Lucinden und wollte
jeden Conflict vermeiden ... Als Lucinde zum zweiten mal geschrieben,
verwilligte er ihr, was sie begehrte - Aber nur auf seinem Zimmer konnte er eine
Generalbeichte abnehmen ... Er rstete sich zu einem schweren Kampf, zu einer
groen Prfung - An die Seltsamkeit, da sich auf seinem Zimmer Seelenkmpfe
solcher Art ausringen, ist der katholische Priester gewhnt. Lucinde hatte nicht
nthig gehabt, ihr letztes Mittel zu ergreifen -
    Mit der Abenddmmerung war sie in Begleitung des Meners gekommen ... Durch
die hohen Fenster mit ihren vielen kleinen Scheiben, durch eine grne Hecke von
Epheuranken, die den Schreibtisch von dem Fenster schied, brachen die blutrothen
Strahlen der Sonne, die den ganzen Tag sich nicht hatte sehen lassen und nur am
Abend noch einmal sich zeigte zum kurzen Willkomm ... Im Ofen prasselten die
Flammen, die an der metallenen Wlbung einen singenden Ton gaben ... Alles das
begleitete die nur bei katholischen Priestern und Aerzten mgliche seltsame
Scene, da eine Liebende zu dem sie verschmhenden Manne ihrer Liebe selbst zu
gehen wagt.
    Schweigend hatte Bonaventura Lucinden, die verschleiert kam und den Hut
nicht abnahm, angedeutet, da sie sich setzen mchte ...
    Nach seinem Brevier langte er dann mit zitternder Hand, gab dem Mener, der
sich wieder entfernte, einige geschftliche Anweisungen und suchte sich durch
diese und jene kleine Zurstung die Sammlung zu geben, die ihm fehlte ...
    Lucinde schwankte bewutlos ...
    Als er sich wandte, sah er, da sie selbst schon einen Fuschemel ergriffen
hatte und auf diesem knieete ...
    Da es eine Entscheidung fr sein ganzes Leben galt, ahnte er ...
    Ueber eine Stunde lang verharrte Lucinde in dieser knienden Stellung und
lehnte jede Erleichterung ab ... Bonaventura sa vor ihr und hrte nur ihrem
dumpfen, doch vernehmlichen Gemurmel ...
    Das obenerwhnte feierliche Schweigen war eingetreten, als die Reihe ihrer
Bekenntnisse zu Ende war ...
    Bonaventura kannte aus der Stadt her, wo er Priester, Lucinde katholisch
geworden, eine Menge von Thatsachen, die zu dem Leben der Gesellschafterin der
Comtesse Paula gehrten; aber in einer solchen Vollstndigkeit wie heute lag das
Leben des, wie es schien, von einem unheilbaren Wahn bethrten Mdchens niemals
vor ihm ... Sie hatte nichts verschwiegen, was sie belasten konnte, nichts, als
ihre Liebe zu dem Manne, vor dem sie knieete ... Sie war grausam, rcksichtslos
gegen sich selbst ... Sie klagte sich an, wo selbst andere noch entschuldigten
... Alles, was ihr Leben an Widersprchen bot, leitete sie aus ihrer Todsnde
her, die die Kirche Acedia, die Trgheit des Herzens, die Indifferenz fr
Liebe und Ha nennt ... Sie gab ein Lebensbild von sich, das alles enthielt, was
wir wissen. Nur eine einzige groe Strmung der Empfindung in ihrem Innern
nannte sie nicht, doch war sie ersichtlich aus einem Lebenslauf, von dem sie
andeutete, da er ewig in der Irre gegangen, ein einziges groes Ziel verfehle
und rettungslos verloren scheine ...
    Auch von Klingsohrn gestand sie alles. Sie klagte weder ihn, noch den
Kronsyndikus an, nannte berhaupt, was nicht gestattet ist, nicht die Namen,
Bonaventura wute sie aber und ergnzte selbst, was verschwiegen wurde ...
    Ein seltsames Bild diese Zwiesprache, unglaublich fr die, die auerhalb des
rmischen Lebens stehen!
    Ein Mann, vor dem sich ein Weib in Liebe windet, blickte wie ein
Gottgesandter streng und sich beherrschend zu ihr nieder. Er sah eine
Nachtwandlerin an schwindelnder Klippe dahinwanken, zitterte mit den Gefahren,
die von Lucinden nur berwunden wurden durch immer wieder bekannte neue Schuld
... er blieb fest und stark.
    Von Serlo hatte er noch nie so Ausfhrliches vernommen, wenn er auch aus
frhern Gestndnissen wute, da er selbst es war, der Lucinden anfangs eine
auferstandene Wiederholung desselben erschien ... Zwei Jahre des Aufenthalts im
orthopdischen Institut wurden erzhlt, Jahre der Selbstbildung, aber nur jener
Bildung, die die Kraft geben sollte, Welt und Menschen abzuwehren, zu hassen,
zu beherrschen ... Die Reise nach Kocher, die Erfahrungen in der Dechanei, die
Verstellung im Kattendyk'schen Hause ... alles bis zu den neuesten Vorgngen, ja
den Vorgngen des gestrigen Tages, alles, alles wurde erzhlt, nur noch die
Rettung durch den unterirdischen Gang verschwiegen, um der lateinischen Urkunde
und - ihres Letzten willen ...
    Religis blieb von beiden Seiten die Frbung des Ganzen, der Ton alles
dessen, was gesprochen wurde, ein heiliger ...
    Ist das Leben, wie die sittlichen Atomisten sagen, eine millionenfach
fortgesetzte und ineinander verwundene Kette von Selbsttuschungen, dann darf es
wunder nehmen, wie unser moralisches Scheinleben sich dennoch gleichsam ablsen
kann von unserer ersichtlichen krperlichen Hlle. So fliet das Licht der Sonne
und des Mondes um die dunkle Erde, so leuchtet der Phosphor an unsern Hnden,
die ihn nicht fhlen. Zwei Menschen, krperlich vor einander zitternd, bebend
vor einer Berhrung, wenn zufllig der Saum des Schleiers nur ein Blatt des
Breviers streifte - und ihre innerste moralische Welt doch wie ein fast
sichtbarer geistiger Aether um sie her und hin und wieder flieend. Diese Worte,
diese Gestndnisse, diese Accorde wie von einer unsichtbaren Musik sollten nicht
in eine Weltordnung den Weg bahnen, wo die millionenfache Tuschung aufhrt und
der Geist, auch wenn vom Krper getrennt gedacht, wonnigste, seligste Wahrheit
bleibt? ...
    Lucinde hoffte das schon fr diese Erde ...
    Doch - Bonaventura blieb - ein Priester voll Hoheit. Er vertrat die
Religion. Er glich einer Kirche, in die man, innerlich noch so weltlich gesinnt,
doch uerlich voll Demuth und zur Ehre des Hchsten eintritt. Auch hrte er im
Geiste die Worte, die ihm und dem Mnch Sebastus vor wenigen Monaten der
Kirchenfrst von der Milde des Heilands zur Magdalena gelesen ...
    Da sich etwas, was liebestollste Zudringlichkeit war, hier in einer Form
aussprach, die schon zum Wahnwitz geworden, konnte er nicht verkennen ... Er
hatte Lucinden im Lauf der von ihr in dsterm Unmuth und wahrhaft schmerzensvoll
bekannten Leiden, die sie durch ihre eigene unausgesetzte Thorheit und
moralische Hlflosigkeit ber sich heraufbeschworen, gebeten - den Hut
abzunehmen; sie that es mechanisch und legte den Hut neben sich auf den
Fuboden. Ihrem Haar entglitt eine Flechte, die nicht genug befestigt war. Lang
und schwer hing diese Haarflechte nieder. Lucinde merkte nichts von diesem
Schein der Verwilderung ... Die Formen der Kirche kamen ihrer Selbsttuschung zu
Hlfe ... Sie wand sich wie Magdalena.
    Bonaventura wute nun: Dies irrselige, schne Frauenbild bekennt alles das,
nur um dich in die Kreise ihres Lebens zu zwingen, von dir Worte der Liebe zu
hren, vielleicht - jetzt nur deine Hand kssen zu knnen und - stumm zu gehen
... Sie will jetzt, wo du reisest, nur vielleicht einen Briefwechsel mit dir
fhren, nur, wenn du wiederkehrst, mit ihren Blicken dich umwerben, mit ihrem
Lcheln dich umschmeicheln drfen ... Sie will nur den Stolz vor der Welt haben,
da man sagt: Dieser Geweihte ist ein Heiliger; strauchelte er, so wrde er es
nur mit jenem Mdchen knnen, das bei jeder Messe, die er liest, immer an
demselben Pfeiler ihm zur Rechten oder Linken sitzt ...
    Bonaventura wute, da er straucheln konnte, wenn Lucinde - Paula war ...
Jene hatte mehr Geist, mehr Wissen, mehr Thatkraft und - fr die Meinung anderer
vielleicht selbst mehr Schnheit, als diese ...
    Doch wirkte Lucinde auf ihn, wie er einst auf einen Scherz Benno's gesagt
hatte, feuermagnetisch. Sie wirkte abstoend durch Ueberkraft und eine zu groe
Willensstrke ...
    Er blieb bei seiner Priesterpflicht.
    Aeuerlich wollte Lucinde nur einen Rath haben, wie sie nach einem so
geschilderten Leben und innerlich gnzlich zerstrten Dasein nicht die Lust am
Leben und an sich selbst verlre, zur Wahrheit kme, die Lge und Verstellung
miede, sich an fremdem Glck erfreuen, vor allem in der von ihr gewhlten
Religion wirkliche Beruhigung und Erhebung finden knnte ...
    Eben die Religion verschleierte alles.
    Bonaventura hatte sie zuletzt aufgefordert, sich zu setzen ...
    Auch das that sie wie Magdalena und sttzte das Haupt ...
    Jetzt fhlte sie die losgegangene Flechte. Sie steckte sie errthend auf,
whrend Bonaventura die beiden Kerzen anzndete ...
    Endlich sprach er ihr mit einer Stimme, die auch nur ihm angehren konnte:
    Meine verehrte, liebe, theure Freundin! Wie, wie lange kennen wir uns doch
nun schon! O, glauben drfen Sie mir - da ich oft, oft - wie oft! ber Sie
nachgedacht, ber Sie mit Gott geredet habe! Was Sie mir vielleicht vor einigen
Monaten schon sagen wollten - dies Neueste da, der Besuch Ihres frhern
Verlobten in Knabenkleidern, nun, das ist eine Waghalsigkeit, die auf Rechnung
Ihres abenteuerlichen Sinns kommt, ein Kampf gegen die Obrigkeit, den ich nicht
billigen kann, ein Vergehen, das die gute Absicht des Helfenwollens entschuldigt
- Ihre wahren innern Peinen erfahre ich erst jetzt. Und da Sie jenes Neueste
hinzufgten, das nehm' ich fr einen Beweis Ihres Vertrauens zum Priesterthum.
Sie vermissen, sagen Sie, eine Reinigung und Heiligung Ihres ganzen Seins und
Lebens. Das ist ein schnes, ernstes, fr Ihre ganze Zukunft entscheidendes
Wort! ... Die Fehler Ihrer ersten Jugend will ich nicht rgen. Sie haben die
Liebe nicht gekannt. Sie haben sie von andern nicht erfahren; ich rge nicht,
da Sie sie auch nicht erwiderten. Auch Ihren mchtigen Ehrgeiz will ich nicht
tadeln. Es war vielleicht der Trieb nur des Wachsthums zum Bedeutenderen. Da
ein Baum gen Himmel anstrebt, ist ein Preis Gottes, kein Preis seiner selbst.
Ein armes Mdchen vom Lande gingen Sie durch eine seltene Schule der Erfahrung,
die Ihnen bald weh that, bald schmeichelte. Immer wollten Sie mehr sein, als was
das Geschick Ihnen zu sein anmuthete; Sie rangen sich gewaltsam auch vielleicht
deshalb empor, weil Sie einen Trieb hatten, geistig mit sich zufriedener zu
sein, als dies mit sich Tausende von Menschen sind. Die Fhigkeit, einen
Klingsohr glcklich zu machen oder gar zu erziehen, konnten Sie damals nicht
besitzen. Auch Ihr Leiden mit Serlo, Ihre Demthigung, als Sie die Bhne
betreten wollten, waren Shnopfer fr manche Schuld der Uebereilung, fr manche
Herzlosigkeit und Eitelkeit. Als Sie dann den Uebertritt zu unserer Kirche
vollzogen, da begann vorzugsweise Ihr innerster Bruch. Immer schon mute ich
tadeln, da Sie diesen Schritt nicht aus innerm Bedrfni thaten ... Richtiger,
Sie thaten ihn aus Bedrfni, doch machten Sie sich ber die Mahnung Ihres
innersten Herzens, ber dies Gebot Ihres guten Genius, der Ihnen bei diesem
Schritt zur Seite stand, kein Gestndni. Nun schwanken Sie zwischen Freiheit
und Abhngigkeit, zwischen Religion und Unglaube, ja sogar zwischen dem Guten
und dem Bsen - Ihre Natur, frcht' ich und sprech' es offen aus, wird Sie
niederwrts ziehen, wenn Sie sich nicht mit einer gewaltigen Gegenmacht rsten!
Andere (Bonaventura dachte an die Scene beim Kirchenfrsten), andere wrden
Ihnen rathen, Ihrem Geiste zu mistrauen. Das will ich nicht. Es wre ja
entsetzlich, wenn dem Geiste sich nicht das Gute gesellen knnte. Eines aber
mcht' ich Sie fragen - und ich fasse damit, glaub' ich, Ihren ganzen Zustand
zusammen -: haben Sie sich je vergegenwrtigt, was die Kirche mit so mancher
ihrer groen und uns gerade von andern Religionen unterscheidenden Lehren sagen
will, zum vorzglichen und Ihnen insbesondere zweckdienlichen Beispiel erwhn'
ich - unsern Mariencultus?
    Lucinde war von dem Ton dieser innigen Rede wonnig durchrieselt. Den Sinn
der Worte behielt sie nicht, nur ihren Klang. Erst bei Erwhnung des
Mariencultus stutzte sie. Sie gedachte des noch rckstndigen Bekenntnisses
ihrer Wanderung durch den unterirdischen Gang und des von Picard empfangenen
Auftrags ... Das Marienbild am unterirdischen Kreuzweg stand wie mahnend vor
ihrer Seele ...
    Sie kennen die Lauretanische Litanei? fuhr Bonaventura voll Gelassenheit
fort, still zu seinen guten Genien betend ...
    Die Lauretanische Litanei! dachte sie und pltzlich fuhr durch ihr Innerstes
ein Streiflicht ihrer Doppelnatur. Die Gottesmutter hat in dieser Litanei
Bezeichnungen, als da sind Gef der Andacht, geistliche Rose,
elfenbeinerner Thurm, goldenes Haus, Arche des Bundes. Heute in der Frhe,
als noch Bonaventura's Ja! nicht gekommen war und sie in die Messe strmte, wo
eben die Lauretanische Litanei gesprochen wurde, hatte sie sich in ihrer
aufgeregten, gottfeindlichen Stimmung gesagt: Namen sind das ja, wie das
Verzeichni zu einer Auction oder als sh' ich die Fenster der Trdler in
Seligmann's Rumpelgasse!
    Die seligste Jungfrau, fuhr Bonaventura in Sanftmuth fort, die Ihr frheres
protestantisches Bekenntni nur in ihrer Menschennatur kennt, nennt die Litanei
unter anderm die mystische Rose. Mag sie von denen, die sie als solche sehen
mgen, in dieser Eigenschaft als ein liebliches Symbol alles Unaussprechlichen
verehrt werden, Ihnen gegenber ziehe ich eine andere Bezeichnung aus dieser
Litanei vor, da uns die heilige Frau - ein Spiegel sein solle. Gerade Sie
mcht' ich fragen: Wie ist Ihnen das nur? Wenn Sie nach einem solchen Leben, wie
Sie es mir geschildert haben, jetzt an Maria denken, zu dieser aufblicken, sich
mit dieser ganz einig, ganz verbunden, ganz Freundin zu sein wnschen, was
empfinden Sie da?
    Lucinde blickte im Geist aus das kleine, in unterirdischer Einsamkeit
stehende Muttergottesbild - und mute schweigen ...
    Maria, fuhr Bonaventura fort, mag Ihnen in Ihrer menschlichen Gestalt
erscheinen, wie sie will; die Evangelisten haben nichts verschwiegen, was die
Vernunftkritik gegen sie deuten kann. Halten Sie sich aber an das, was Maria
durch das Christenthum erst selbst geworden ist, wie denn berhaupt die
Tradition und das lebendig fortwirkende Leben innerhalb der christlichen
Gemeinschaft eine der immer frisch zustrmenden Quellen unseres Glaubens ist.
Maria wurde schon der allerersten christlichen Zeit eine Mutter, so gro, so
verklrt, da sie ohne Snde empfing, die Verehrung vor der Frauenreinheit Mari
wird noch dahin kommen, da die Kirche dem Verlangen nicht widersteht, sogar von
ihr zu sagen, da sie selbst ohne Snde empfangen wurde. Das sind Dogmen des
Bedrfnisses, Dogmen der Huldigung und der nicht versiegenden Liebesstrme
innerhalb unserer kirchlichen Gemeinschaft selbst. Wir wissen, wer die heilige
Anna, die Mutter Maria's war, wir kennen die Schleier, die auf ihrer Verbindung
mit dem heiligen Joseph ruhen; aber alles das schwindet gegen das, was Maria in
den wilden Geburten der Geschichte wurde. In der Barbarei der Zeiten! In der
rohen Entwrdigung der Frauen! Immer schwebte sie da in den Lften als ein
unentweihtes Symbol des Fraueuthums. Der glhende Spanier und Provenale mag sie
wie eine Geliebte verehrt haben, der Slawe wie eine Mutter, der Germane
vielleicht am khlsten nur wie eine Schwester: immer war es Maria, die die
Wildheit zhmte und der Leidenschaft die tdliche Waffe aus der Hand
schmeichelte. Die Civilisation der Sitten ist durch sie gewonnen und erhalten
worden. Und erst in unserer Zeit! Der Mariencultus ist nicht mehr die Brgschaft
der mildern Sitten; jetzt ist er der lebendig gewordene reine weibliche,
sittliche Sinn. Gerade die Reinheit Mari zu verehren drngt es diese unreine
Zeit, die Zeit der Frivolitt, der Emancipation von der Sitte, die Zeit des fast
ins Allgemeine mitwirkend und mitstimmend aufgenommenen Frauenberufes, die Zeit
der Nivellirung der Familie und Erziehung. Und nun, nun frag' ich Sie: Finden
Sie den Weg zwischen Ihrem Innern und diesem Frauenbilde, das Sie ja in jeder
Kirche sehen knnen, ganz frei und ungehindert? Fhlen Sie sich so, da Sie den
ob milden, ob strengen, immer sittlich reinen Blick unserer Himmelsknigin nicht
zu frchten brauchen? Knnen Sie, als Weib, als Jungfrau, zur Mutter mit dem
Kinde aufblicken und sagen: Das Leben hat mich viel umgetrieben, ich war
mancherlei und erlebte noch mehr, aber du, du kannst nichts gegen mich haben! Du
wrdest mich nicht aus deinem himmlischen Hofstaat verweisen! Ich fge hinzu,
liebe Freundin, ich fand immer, da die Frauen voneinander mehr wissen, als wir
Mnner. Untereinander beurtheilen sie sich strenger, als wir ahnen. Sie
durchschauen die weibliche Eitelkeit und Koketterie leichter als wir. Sie lassen
sich nichts ungergt hingehen, dulden keine Verschnerung und Ausschmckung, die
wir Mnner, geblendet vom Frauenreiz, immer noch in Bereitschaft haben. Jeder
Blick einer Frau, die ihr Geschlecht beurtheilt, sagt: Was wir Frauen uns sein
mssen, das wissen wir schon! ... Und so denn also - im Chor der seligen
Jungfrauen denken Sie sich die Knigin des Himmels und prfen Sie sich, was die
Allerseligste sagen wrde, wenn unter Tausenden nun auch Sie zu ihr hintrten
und sie bten, in ihrem Hofstaat eine Ehrenstelle im weien Kleide erhalten zu
drfen, eine Ehrenstelle durch die Reinheit des Herzens, die wahre, geistige
Schnheit, die Lauterkeit des Gemths! Knnen Sie ein solches Bild der
allerseligsten Jungfrau festhalten? Knnen Sie, rckblickend auf Ihr ganzes
Leben, von sich sagen: Maria! Mit dir bin ich einverstanden! Maria! Du bist es
mit mir! Maria hat nichts gegen mich?
    Lucinde, von Bonaventura gefhrt wie ein Kind, schlug ihre Augen anfangs
nieder. Jetzt schlug sie sie auf, als suchte sie das von ihm geschilderte Bild
an den - bunten Stuccaturen der Decke des Zimmers ...
    Ihre Augen leuchteten ... aber - wie mit irrem Stern ...
    Sie schttelte ihr Haupt ...
    Was trennt Sie von diesem Bilde? fragte Bonaventura mit gesteigerter
Innigkeit und eher wie gewonnen durch diese aufrichtige Verneinung, als
abgestoen. Liegt nicht Ihr ganzer neuer Glaube in ihm? Liegt nicht Demuth,
Unschuld, Entsagung, jede weibliche Tugend und Ehrlichkeit in diesem Bilde?
    Als wenn die Luft, die Lucinde gestern bei einem solchen Bilde geathmet
hatte, wieder sie zu ersticken drohte, stand sie auf, machte einige Schritte und
sagte, sich wieder setzend:
    Was ich von Maria sehe, ist alles starr und todt und wie von Stein!
    Blicken Sie das Bild nur lange, lange an! bat Bonaventura im liebevollsten
Ton. Es wird sich beleben! Es wird sprechen, es wird der Sammelpunkt Ihres
ganzen Menschen werden! Geht es nicht, steht etwas dazwischen, so werden Sie
nichts mehr thun wollen, was nicht auch diesem Bilde gefiele! Sie werden sich
vor ihm eine Magd erscheinen, selbst wenn Sie eine Krone trgen! Sie werden
Ihren Geist unterdrcken, wo nur Ihr Herz nthig ist! Sie werden, sogar leidend,
sich nicht mit andern in stolze Vergleichung bringen! Und will es so nicht
gehen, wie Sie es gern im Leben mchten, immer vergegenwrtigt Maria, was ein
Weib erfahren, was ein Weib berwinden mu, ohne sich zu rchen! Sie vergibt! O
sie vergibt auch Ihnen vieles, denn sie kennt die Schwche des Weibes; aber sie
vergibt nicht alles. Sie wrde nicht jede Ihrer Bitten am Throne ihres Sohnes
auszusprechen bernehmen. Sie besitzt die Schwche einer Mutter, sie kann von
dem Kind ihrer Liebe Fehltritt ber Fehltritt vernehmen und vergibt ihm; aber in
vielen, vielen Dingen verlangt sie eine unbedingte Unterwerfung und ich glaube,
dies ganze, ich sage nicht mystische, sondern einem Spiegel gleichende
Verhltni zwischen Maria und einem weiblichen Herzen - ich glaube, Sie kennen
es nicht und darin, darin liegt Ihr ganzes Unglck!
    Dumpf vor sich hin sprach Lucinde einen Einwand ... Bonaventura kannte die
Berechtigung dieses Einwandes aus seinem eigenen Leben und empfand ihn jetzt
noch mehr, seitdem ihm so nahe bevorstand seine Mutter wiederzusehen ... Warum
sagte nur Jesus: Weib, was hab' ich mit dir zu schaffen? hatte Lucinde gemurmelt
...
    Bonaventura erwiderte:
    Maria ist keineswegs die letzte Richterin ber unsere Seele! Sie ist nur
eine Vorstufe zum Gottesthron und allerdings die ihm nchste! Aber ich glaube
nicht, da die Seele jedes Mannes an ihr Urtheil verwiesen ist; sie richtet auch
nicht, sie bittet nur. Nur mcht' ich wiederholt wissen: Sind die Snden und
Irrthmer, die Sie mir heute gebeichtet, die eines weiblichen Herzens, das mit
der allerseligsten Jungfrau einen innigen Freundschaftsbund schlo? Mir scheint
es, da Sie vorzugsweise Eine reine, wahre Freundschaft schlieen sollten, diese
mit unserer Mutter Maria! Welch ein unschuldiger, edler, froher Sinn wrde Sie
pltzlich heiligen! Maria stand auf, ging eilends ber das Gebirge in das Haus
des Zacharias und grete Elisabeth ... so steht in der Schrift -
    Und sich unterbrechend erhob sich Bonaventura wie in innigster Freudigkeit
rasch, schlug den Vorhang von einem Bchergestell zurck, suchte eine kurze
Weile nach einem Buch, fand es, kam wieder, schlug es auf, bltterte und las
eine schnell gefundene kurze Erluterung ber den Gru Mariens an Elisabeth,
ber den Gru der Jugend an eine Matrone, ber den Inhalt der Rede, die Maria
wol Elisabeth gegenber gehalten haben mochte, ber die Darbringung solcher
Empfindungen und Seelenstimmungen, die ihr dafr das Wort der greisen Gnnerin
eintragen konnten: Du bist gebenedeiet unter den Weibern! Bonaventura las
diese Betrachtung aus einer Blumenlese geistlicher Erweckungen und wollte keine
Erbauung. Er wollte Lucindens Geist anregen, nicht blos ihr Herz. Er wollte ihr
die sittliche Schnheit als das Ziel auch einer reinen Phantasie hinstellen ...
In wrmsten Worten schilderte er den Zustand dieses Gebenedeiten am Weibe.
Ueberall wrde eine Gebenedeite freundlich empfangen, berall wie der kommende
Mai begrt; in jeden Streit brchte sie Friede, in jedes Leid Trost; ihre
Schritte wren gesegnet; wo sie hintrte und wr' es in der Wste, blhte eine
Blume auf - wie die Jerichorose unter den Fen Maria's, als sie mit dem Kinde
gen Aegypten floh ...
    So deutete Bonaventura die Jerichorose ...
    Dann ertheilte er Lucinden einige leichte Bubungen, lie sie knieend
seinen Segen empfangen und wollte nun von ihr Abschied nehmen ...
    Lucinde stand zwar auf, zog ihren Shawl ber die Schultern, hatte sich ihren
Hut wieder aufgesetzt, schickte sich an zu gehen ... sie war jedoch - wie
gebannt ...
    Die Glocken der Kathedrale luteten zu einem Kirchenfest ... ... Schon sechs
Uhr schlug es ...
    Wie sie schon nahe der Thr sich befand, die unmittelbar in den Corridor
fhrte, stand sie pltzlich still ...
    Bonaventura trat hinzu. Er glaubte zu sehen, da sie sich entfrbte ...
    Was ist Ihnen? fragte er ...
    Lucinde erwiderte nichts, doch hielt sie sich an der Epheulaube ...
    Bonaventura glaubte, da ihr unwohl war und ging an einen am Fenster
stehenden Tisch, auf dem Wasser stand ...
    Sie winkte ablehnend und starrte in die inzwischen hereingebrochene
Dunkelheit zum Fenster hinaus ...
    Bonaventura sah, da sie von seiner Rede, seinem Zuspruch nicht befriedigt
war, da sie etwas vorhatte und mit sich kmpfte. Doch mied er die Saiten des
Seelischen und des Gemthes noch einmal wieder anzuschlagen. Er sprach
beruhigend von der Lebhaftigkeit der Gegend drauen und stand, als wollte er
eines der Lichter ergreifen und ihr auf den Corridor leuchten ...
    Sie reisen nach Witoborn? begann Lucinde, schon ber diese Andeutung, als
frchtete sie vielleicht nur die Dunkelheit drauen, gereizt ...
    Noch heute! ... erwiderte Bonaventura, sichtlich befangen durch ein Wort
weitern Gesprches, das nicht durch sein Amt veranlat wurde ...
    Lucinde sah diese Frmlichkeit, diese pltzliche Klte und hauchte:
    Schon so bald!
    Dabei blieb sie vor dem Epheu stehen und pflcke gedankenvoll ein einzelnes
welkes Blatt ab ...
    Wer htte an dieser Handlung erkennen mgen, da sich die ganze seit Monaten
angesammelte Flle der Spannung wieder auf ihre Brust wie riesig anstemmte und
in irgendeiner Weise helfen wollte; sie hatte die Befriedigung des Gemths nicht
so gefunden, wie sie gehofft ... Sie wollte und hoffte nur - - ihre Liebe ...
    In einigen Stunden ... sagte Bonaventura, jetzt sogar drngend ...
    Dieser sein pltzlich immer klterer Ton reizte sie mehr und mehr und schon
war es nur ein Hauch, mit dem die erstickte Stimme sprach:
    Gren Sie - Grfin Paula! ...
    Bonaventura antwortete durch ein ueres Zeichen ...
    Lucinde fuhr fort, wie bewutlos in dem Epheu nach welken Blttern zu suchen
... Da sie deren nicht zu viele fand, brach sie auch schon die grnen ab ...
    In Bonaventura's Innerm drngte sich jetzt Unmuth, sogar eine Aufwallung des
Zorns, doch suchte er nach Geduld und Selbstbeherrschung ...
    Paula's Sehergabe soll Wunder wirken! fuhr Lucinde fort, zitternd und nicht
von der Stelle knnend ... Ich wnschte wohl, Sie frgen sie, was fr mich -
noch alles in den Sternen steht!
    Das wrd' ich die Sterne der eigenen Brust fragen! sagte Bonaventura
lchelnd und machte Miene, um Schonung seines Epheus zu bitten ... Schon das
lngere Verweilen Lucindens verdro ihn ...
    Sie merkte nichts von dem, was sie that ... Sie brach Blatt um Blatt,
zerknitterte das Gebrochene, warf es weg ... sie war im Geiste bald in der Ebene
von Witoborn ... bald gedachte sie des Picard'schen Auftrags, das Schreiben Leo
Perl's abzugeben ...
    Gren Sie Herrn von Asselyn, Ihren Vetter Benno! sagte sie - wie spottweise
- und nur um zu sprechen und sich zu sammeln ...
    Bonaventura versprach die Ausrichtung dieses Grues und ging von dem Tisch,
wo er gestanden. Er machte in der That Miene, sich mit hflicher Neigung des
Hauptes in sein Nebenzimmer zurckzuziehen ...
    Lucinde machte sich durch Scherze Muth zum Bleiben und gefiel sich darin,
durch das Zerrupfen des Epheus auch die ihr wohlbekannte - Pedanterie der
katholischen Geistlichen, die berhaupt mit den Jahren jede ehelose Lebensweise
annimmt, schon an diesem jungen Mann zu reizen ... Schon in St.-Wolfgang hatte
sie ihn ja im Geist frh vergrmeln und verzrteln gesehen ...
    Er soll sich hten, sagte sie, Armgart nicht zu schwesterlich zu lieben! Das
kann dann im Ernst so kommen! Auch Frau von Hlleshoven, ihre Mutter, knnte
Armgart zuvorkommen, einen gewissen Herrn von Terschka zu whlen ...
    Bonaventura hrte schon nicht mehr. Seine Entrstung nahm immermehr zu und
auch sein Kampf; denn jedes Wort, das Lucinde sprach, war ersichtlich nur eine
Verschleierung der Rede: Du Thor, warum umschlingt mich nun nicht dein Arm?
Warum lssest du mich nun jetzt so hingehen, wie ich gekommen bin?! Voll
Seligkeit lg' ich - trotz Mariens - in deinen Armen ...
    Herr von Terschka, fuhr sie den Epheu zerzupfend fort, nimmt jede Religion
an, die die schne junge Frau mit ihren koketten Locken von ihm verlangt! Aber
sie htte die Conversion gar nicht nthig! Wr' ich in Rom und flsterte - nur
zwei Worte - mit den Cardinlen der Sacra Dotaria, sie sollte ohne weiteres
geschieden werden! ...
    Warum scherzen Sie ber so ernste Dinge! fragte Bonaventura verdrossen -
doch staunend ...
    Kein Scherz! ... Ich lernte neulich die Frau kennen! Ihre Seele ist aus
heier Luft gewoben! .. Wer mchte glauben, da auf der Heide von Witoborn
solche Blumen wachsen! .. Sie kennen ja dies Geschlecht mit dem ewig gleichen
Perpendikel des Herzens! .. Ein Schlag wie der andere! Bim - bam! .. Es ist ja
wahr - auch - Ihre Heimat ist's!
    Bonaventura sah Lucinden ganz so wieder, wie sie sonst und noch zuletzt in
seinem Pfarrhause gewesen war ...
    Das mu ich doch noch sagen, ich liebe nur den katholischen Glauben, wenn er
die Seele zum Muthe entflammt! fuhr sie in einer Aufregung, die sie nun nicht
mehr bemeistern konnte, fort ... ich liebe ihn, wenn er die Menschen aus der
Gewhnlichkeit erhebt und ihnen Flgel gibt! Dort?! Dort - ist wirklich alles
nur Aberglaube und so vieles, so vieles - auch hier -
    Bonaventura, seine vorhergegangene tief vom Herzen gekommene Ansprache
verhhnt, kalt abgewiesen fhlend, athmete hrbar vor immermehr zunehmender
Entrstung ...
    Schon war Lucindens ganze Hand voll grner abgerissener Epheubltter ...
    Sie werden auch Schlo Neuhof sehen? sprach sie, noch wie harmlos, aber
doch, da sie nun gehen mute, aller Fassung beraubt ...
    Ohne Zweifel! sagte Bonaventura kalt ...
    Auch den Kronsyndikus? ...
    Man erwartet seine Auflsung ...
    Das bedaure ich! ... Ich wnschte, Sie frgen ihn nach seiner zweiten Frau,
die noch in Rom leben soll ... Und ob - die alten - Stammers - wol noch im Parke
hausen? - Und Bruder Hubertus - werden Sie - sehen - auch Klingsohr -
    Nicht unmglich ...
    Wenn ich einmal Paula im magnetischen Schlafe she, wollte ich sie etwas
fragen - Aber es ist ja wahr - Immer, wenn ich an ihr Lager trat, wissen Sie wol
noch, hrte - die Posse auf ...
    Bonaventura stand auf glhenden Kohlen ...
    Nur einmal glaubt' ich selbst, da sie im Traum wahr sprechen konnte ...
Einmal! ... Am Tage Ihrer Weihe! Warum aber auch - thaten Sie ihr das!
    Der bitterste, schrillste, ja ein frecher Hohn war es, mit dem Lucinde diese
Worte sprach ...
    Und Bonaventura nahm die Kriegserklrung auf ...
    Er ergriff das Licht, ging an die Thr, die zum Corridor fhrte, und machte
die Miene, als wollt' er ihr ruhig hinausleuchten ...
    Jetzt blieb Lucinde stehen und verwstete erst recht den Epheu ...
    Schonen Sie diese unschuldigen Bltter! rief er ...
    Lucinde lie alle Bltter, die sie gerade in der Hand hatte, zu Boden sinken
und suchte Bonaventura's Auge ...
    Der Priester versuchte ihren Blick auszuhalten ...
    Sie starrte ihn an wie die Walkyre ...
    Er - stellte den Leuchter auf den Tisch zurck, um sich aus ihrer Nhe
entfernen zu knnen und ins Nebenzimmer zu gehen. Die Augen niederschlagend und
sich den letzten, entscheidenden Rest von Selbstbeherrschung gebend, den er
solcher Herzenshrtigkeit gegenber noch besa, hauchte er an der Thr des
andern Zimmers mit erstickter, aber deutlicher Stimme:
    Frulein! Da ich so wenig ber Ihren unglckseligen Sinn vermag, so mcht'
ich ein fr allemal gebeten haben - Sie suchen sich fr jeden knftigen Fall
Ihres - Beichtbedrfnisses einen - andern Freund Ihrer Seele -!
    Eine kurze tdliche Pause folgte auf dies sich im Sprechen mildernde, aber
doch mit dem entschlossensten Aufdrcken der Nebenthr endende kategorische
Ersuchen, nie wiederzukommen und sich fr immer einen andern Beichtvater zu
whlen.
    Lucinde verstand das tdlich entscheidende Wort.
    Bald auch machte sich ihr Seelenzustand in einem furchtbaren Ausbruch Luft
...
    Kein Lachen stie sie aus, auch kein Weinen ...
    Es war ein Ton, der sich ihr, wie sie an der Thr stand, vom Herzen losri,
ohrzerreiend, von Lachen und Weinen eine Mischung, unerhrt fr den Priester,
der wie in Betubung stand und sich bei alledem sagte: Jetzt oder nie! Es mu
ein Ende sein! ...
    Nie von ihm gesehen war auch das, was er jetzt sehen mute ...
    Lucinde lag pltzlich am Boden, hingestreckt wie eine Leiche ... dicht an
der Thrschwelle lag sie wie leblos ... vllig starr ... beide Arme lagen zu
ihren Hupten weit ausgestreckt, ihr ganzer Krper war wie gelhmt ...
    Erst wollte der zum Tod Erschrockene sich dennoch entfernen ...
    Dann mute er bleiben ... Der Gedanke, da Lucinde an einem pltzlichen
Krampf erstickt wre, erfllte ihn mit Entsetzen ...
    Er beugte sich zu ihr nieder, rief sie an ... ergriff ihren rechten Arm, der
wie gefhllos hing ... der Hut lag im Nacken, der Shawl war ihr von ihren
Schultern geglitten ... kein Glied mehr bewegte sich ...
    Erst als Bonaventura sich erhob, an den Tisch eilte, auf dem das Wasser
stand, sein ganzes Taschentuch eingetaucht hatte und zurckkehrte, um ihr die
Stirn und Schlfe zu befeuchten, regte sie sich und suchte aufzustehen ...
    Sie lehnte dabei seine Hlfe ab, drckte ihren Hut fest und in die Worte der
Bestrzung, die er sprach, hinein erhob sie ihre Stimme, faltete die Hnde,
blieb in ihrer knieenden Stellung und rief:
    Maria! ... Ich wage es doch, dich anzublicken! ... Gib mir Kraft, mein Loos
zu tragen, wie du das deinige ertrugst! ... Sieben Schwerter durchbohrten deine
Mutterbrust und du sahst doch noch die Herrlichkeit deines Sohnes! ...
    Dann sprang sie auf, ri ihren Hut herab, stand wie wahnsinnig, erhob den
Arm und flsterte fast heiser:
    Auch ich werde sie sehen! Gott hat die Zukunft meiner Liebe, das Glck und
die Lebensruhe des grausamsten aller Menschen in meine Hand gegeben! ...
    Dabei bebten durch die blendenden Zhne hindurch die von ihr wiederholten
Worte Bonaventura's:
    Einen andern Freund Ihrer Seele!
    Vielleicht wrde Bonaventura in einem Versuch der Ausshnung von Lucinden
geschieden sein, wenn ihn die rthselhaften Worte, die sie sprach, nicht aufs
neue erschreckt, der furchtbar betonte Sinn der Drohung, der in ihnen lag, nicht
befremdet htte ...
    Ja, sagte sie wie geisterhaft zu dem sie Anstarrenden; das hat Gott in meine
Hand gegeben! Wie Ihr Schatten werde ich Ihnen durch Ihr Leben folgen - Herr -
von Asselyn!
    Wahnsinnige! rief Bonaventura aufs neue ermuthigt ...
    Ja, setzte sie fast lachend ihre Rede fort, ich bin die Ursache, da das
Grab erbrochen wurde, in dem der letzte Begleiter Ihres Vaters bestattet war ...
    Bonaventura horchte auf und starrte dieser neuen Gedankenreihe ...
    Ich, ich kenne den Verbrecher! Ich, ich besitze, was er im Sarge gefunden
hat!
    Sie - Sie besitzen - was ich seit jeder Stunde -?
    Keine Verletzung der Beichte! unterbrach sie bitter hhnend ... Ich kenne
den Verbrecher ohne Ihre Andeutung! Mir gab er, Ihnen das Gefundene
einzuhndigen. Der Muth des Mannes regt sich in Ihnen? Sie glauben, mir das
Geheimni entreien zu knnen? Suchen Sie! Mit allen Hschern der Erde ... Sie
finden Ihr Lebensgeheimni nicht ... das halte ich!
    Bonaventura, in uerster Verwirrung, sprach fast zitternd durcheinander:
    Ich kenne - den Ha - dessen Sie fhig sind ... aber Sie drfen beruhigt
sein ... durch die Gerichte werd' ich ihn nicht nhren ...
    Schmeicheln Sie? Wandeln Sie dahin, wohin Sie Ihr Geschick ruft! In die
Thler, auf die Berge! Lassen Sie die Mitra auf Ihr Haupt setzen, wie Paula
prophezeite - ich habe das Geheimni, Sie in jeder Stunde des Tages, in jeder
der Nacht - an mich zu erinnern!
    Ich frchte dich nicht! Dmon! Was knntest du besitzen?
    Ein Bekenntni!
    Von meinem Vater? Er ist die Liebe selbst!
    Nicht von Ihrem Vater!
    Von meinen Angehrigen? ... Meiner Mutter?
    Nicht von Ihrer Mutter!
    Die Ehre meines Namens befleckt kein Bekenntni der Erde!
    Die Ehre Ihres Namens!
    Die Ehre eines Angehrigen? Ha, meines Vetters Benno?
    Lucinde stockte, dann sprach sie:
    Auch das nicht!
    Lucinde! Ich habe Sie zu allen Zeiten einen Teufel nennen hren! Sind Sie
denn wirklich ein Geist der Hlle -?
    Ein Mann im rothen Haare sa in Ihrem Beichtstuhl! antwortete sie kalt dem
fast bittenden Tone ... Er bekannte Ihnen, da er eine Schrift in lateinischer
Sprache gefunden ... Frchten Sie nicht, da ich die Hlfe eines andern in
Anspruch zu nehmen hatte, um sie zu entziffern - Ich erzhlte Ihnen ja heute,
von wem ich alles - Latein gelernt!
    In ihrer Stimme zitterte fast eine Thrne ...
    Betrifft die Schrift - -? fragte der Gefolterte. Aber er wute selbst nicht
mehr, in welchen Verhltnissen er forschen sollte. Dunkel war ihm ja nur auer
dem Tode seines Vaters - eine, eine geheime Stelle in seinem Innern - sein Beruf
-!
    Nichts betrifft die Schrift, was Sie hindern kann, alle Prophezeiungen von
Westerhof wahr zu machen! fuhr Lucinde fort und fate sich allmhlich. Werden
Sie Bischof, Erzbischof, setzen Sie sich die dreifache Krone aufs Haupt -! Ein
Wort von mir entwerthet Ihr Dasein! Ein Wort von mir nimmt Ihrem Segen die
Kraft! Ein Wort von mir, und was Sie blhend glauben, mu verwelken, was Sie fr
die Ewigkeit geschaffen whnen, mu untergehen!
    Wahnsinn! Wahnsinn! rief Bonaventura auer sich ...
    Dann sprechen Sie das Wesen Ihrer Kirche aus ... erwiderte sie und wollte
gehen ...
    Ihrer - unserer - Kirche!? ... Die Urkunde hngt mit meinem Glauben
zusammen?
    Unserm Glauben! ...
    Mit der Wahrheit - dieses Glaubens?
    Mit dem ganzen - ganzen Bau der Kirche!
    Ein Hohnlachen schien ringsum von den Wnden widerzuhallen ...
    Bonaventura wandte sich, um sein Bewutsein nicht zu verlieren ... Die
Stirne brannte ihm ... Die zitternde Hand fuhr ber die dstern Furchen hin und
wischte die Vorstellungen ab, die sich aus ihr wie leibhaft zu sammeln schienen
... Schon wieder die kaum beruhigte Seele in Aufruhr versetzt? Schon wieder eine
Mahnung des Zweifels? ... Wieder das Herz im Tumult wie damals, als der
rthselhafte Brief aus Italien gekommen, der ihm von Fehlern der Kirche, von
Hu, Savonarola, Arnold von Brescia gesprochen?
    Und wie er sich wandte, um in Gte mit Lucinden sich zu verstndigen, sogar
sein hartes Wort: Sie sollten sich einen andern Beichtvater suchen! vielleicht
zu mildern, mehrte sich sein Entsetzen ...
    Lucinde war verschwunden ...
    Die Stelle, wo sie noch eben wie eine Botin der Hlle gestanden, war leer.
    Das Auf- und Zugehen der Thr, nichts hatte er in seinem Schrecken und der
tiefsten Verlorenheit in sich selbst vernommen ... Sie war nicht da.
    Selbst, als er die Thr aufri und in die hellerleuchteten Corridore
blickte, fand er nirgends eine Spur mehr ...
    Nun war alles wie ein Traum.
    Seine Geister rasten ...
    Wahnsinniger! riefen sie ihm ... Was trotzest du mit deiner Tugend? Was
mordest du dich und andere? Trittst Blten der Menschlichkeit mit Fen und
gewinnst nur blutige Dornen dafr? Bist du nicht ein Thor mit deinem entsagenden
Herzen! Lgst du nicht selbst, indem du einem Mdchen, das dich liebt, doch nur
- um einer andern Liebe willen kalt bist, die, verboten wie sie ist, doch in
deinem Herzen thront? Thor, der du den erquickenden, berauschenden Trank der
Leidenschaft nicht zu kosten wagst! Wagst? Ha, ein Schatten, ein Schatten bist
du, ein Spiel der Tuschung! Ein Gedankenschemen ohne Wahrheit! Ein mit bunten
Kleidern behngtes Nichts! Ein Mensch ohne Leben, ohne Zeugni fr den Schpfer,
der dir den Athem seines eigenen zeugungskrftigen Daseins in die Seele blies!
... O, wre sie geblieben, riefen die Leidenschaften in ihm fort und fort, eine
Secunde noch, vielleicht wre die Maske gefallen und das Spiel, das erheuchelte,
zu Ende gewesen! Der Welt htt' ich, und wenn im Arme eines Teufels, gerufen:
Unmglich, unmglich ist die Kirche, weil das Priesterthum unmglich ist!
    Zwischen dieser rasenden Nachwirkung einer in Liebe und Ha so
gleichbestrickenden Frauenleidenschaft jammerte es tief wehmuthsvoll in ihm: Was
kann sie von dir besitzen? Was wissen? Von deinem Vater? Von uns allen -?
    Noch kmpfte es in seinem Innern, als schon manche Mahnung wieder an seinen
Beruf sich ihm nherte, manches Wort von ihm mechanisch gesprochen werden mute,
Renate kam, plauderte und ihm Fragen stellte, die er beantwortete, ohne zu
wissen wie ...
    Dann sah er den Hauswart, sah seine Koffer holen und in den Wagen tragen,
mit dem er zur Post fahren wollte ...
    Abschied nahm er von Renaten, von seinem Zimmer, von seinen Bchern, von
seinem zerstrten Epheu, dessen zerrissene Bltter wie seine Ideale lagen ...
    Im Hof fand er den Wagen, in den er einstieg, geschmckt mit bunten Krnzen,
hoch den Sitz mit Blumen belegt ...
    Er sah Mnner mit Fackeln, die ihm Abschied sprachen, Frauen, die mit den
Taschentchern winkten und wehten ...
    Als der Wagen durch das groe Portal fahren wollte, umringte ihn ein Chor
von Knaben, die ihn mit einem Lobgesang begrten ...
    Er erkannte die Kattendyks, seine Beichtkinder, auch Treudchen Ley, sogar im
Scheine hochgehaltener vierflammiger Kirchenlaternen einen kleinen Mann, schwarz
und wei angethan, Herrn Jean Baptiste Maria Schnuphase, der eine feurige Rede
hielt ...
    Auch die Frau in silbernen Locken schien ihm an einem Pfeiler zu stehen und
sinnend und trumerisch ihm nachzublicken ...
    Ringsum ffneten sich die Fenster im Hofe und die sonst so grmlichen alten
Bewohner des Hauses - ihm waren sie freundlich, ihm lchelten sie Abschied und
frohes Wiedersehen! - denn, wie Klingsohr gesagt hatte, die gttinger Ritter
des Guelphenordens fhlten die Transfusion des jungen Blutes in ihren Adern ...
    Der junge Domherr, leichenbla, sprach der zahlreich versammelten Menge
Worte des Dankes, Worte der Wehmuth ...
    Was er sprach, sprechen konnte, stand mit dem Schmerz des Abschieds im
Einklang ...
    So kam er grend, handwinkend auf die Post, wo er von allen Blumen nur
einen kleinen Strau zurckbehielt und ihn in den engen Postomnibus mitnahm, der
nun erst wieder auf das kleine Stckchen schon benutzter Eisenbahn fuhr ...
    Unmittelbar mit eigenem Fuhrwerk zur Eisenbahn zu fahren, war keinem
gestattet, der mit der Post spter weiter wollte. Im Posthof mute man sich
sammeln und dort wurden die Namen aufgerufen ... So war das Ghibellinenthum.
Prcis, hchst geordnet, ganz nach dem militrischen Geiste Grtzmacher's und
Schulzendorf's und wie Thiebold de Jonge bei den Freunden Piter's berichtet
hatte, der Generalpostmeister (Bundestagsgesandter) sprach einst wirklich das
historische Wort gegen Einfhrung der Eisenbahnen: Mit solchen Neuerungen hrt
die Ueberwachung der demagogischen Umtriebe auf! ...
    Benno's Kampf lag eben in diesem unvermittelten Gegensatz so vieles
Hochherrlichen am Ghibellinen-und so manches Hochherrlichen am Welfenthum ...
    Wie sehnte sich Bonaventura nach dem Geist eines Dritten, das ber diesen
Gegenstzen vershnend schwebte -!
    Er fuhr von dannen - tief unglcklich - das Rthsel der Welt im Herzen.

                            Ende des vierten Buches.


                                  Fnfter Band

                                  Fnftes Buch

                                       1.

                                    C.M.B.
                          Caspar, Melchior, Balthasar.

... Diese Namen der heiligen drei Knige aus dem Morgenland schrieb die alte
Zeit ber Thr und Schwelle eines jedes Christenhauses, um dem Heiland daraus
eine Weihnachtskrippe zu bereiten.
    Aber sie knnen noch mehr sagen, die heiligen drei Knige aus dem
Morgenland! Sie knnen euch zurufen: C.M.B.: C - reuzige M - eine B - egierden!
C - hristus M - ein B - ekenntni! C - hristus M - eine B - ahn! C - ommunicire
M - it B - edacht! C - abalen M - ssen B - rechen! C - abinetsweisheit M - acht
B - ankrott!
    In dieser harmlos zeitgemen Weise war in der uralten
Archipresbyteriatskirche zwischen Witoborn, Stift Heiligenkreuz und Schlo
Westerhof, am heiligen Dreiknigstag gepredigt worden vor einer aus Hoch und
Niedrig bestehenden Gemeinde, die auch deshalb so zahlreich vertreten war, weil
alles erwartete, der von vierundzwanzig Damenhnden gefertigte Wunderteppich,
die vom Doctor Laurenz Pttmeyer gezeichnete Vision der Seherin von Westerhof,
wrde heute vom Pfarrer Norbert Mllenhoff geweiht werden. Diese Weihe mute
dem ersten Betreten des Teppichs durch den erwarteten Archipresbyter vorangehen.
    Aber noch drei Wochen vergingen, bis diese heilige Handlung vollzogen werden
konnte. Die Damen hatten fr den Kirchenfrsten zu viel zu sticken und damit
jenen Mllenhoff'schen - Bankrott aller Cabinetsweisheit zu beweisen ...
    Armgart war mit ihrem Drachen, den sie, wie Terschka an jenem Abend bei
Piter Kattendyk berichtet, durch lngern Umgang lieb gewonnen hatte, fast die
erste fertig und hatte sich bereits wieder in zwei Vielliebchen verloren, die
sie fr Thiebold und Benno fertigte, eine Cigarrentasche und einen Aschenbecher
... Nur ihre brigen Mitfrulein im Stifte zgerten so lange mit Ablieferung
ihrer Einzeltheile der groen Arbeit, die dann Jean Tbbicke, nicht
Schneidermeister, sondern - man staune des Fortschritts zu Witoborn! - 
Matre-tailleur in der alten Priesterstadt und sogar der Sohn eines Meners,
des alten Meners Tbbicke hier zu Sanct-Libori selbst, nach Pttmeyer's
Zeichnung zusammenzunhen hatte.
    Armgart sa am Dreiknigstag gleichfalls in der Kirche.
    Ach, sie deutete sich diese akrostichische Nutzanwendung von C.M.B. aus dem
Munde des jungen so schlagfertigen Geistlichen, der noch nicht zu lange aus dem
Seminar gekommen war und schon auf zwei Pfarren fungirt und seines
reformatorischen Eifers wegen zwar berall Spectakel gehabt, aber dennoch diese
hchst vortreffliche Pfarre auf den Dorste-Camphausen'schen Gtern bekommen
hatte, in ihrer Weise ...
    Ihr - sprachen Caspar Melchior Balthasar: Herr! C - rne M - ein B -
eginnen! ... Da sie dabei Crne mit einem C schrieb, entsprach den Witoborner
alten Gesangbchern. Stand doch die ganze Bildung jener Gegend noch auf dem
Standpunkte mehr von 1738 als von hundert Jahren spter. Die wunderherrlichen
Gedichte der Annette von Droste-Hlshoff, dieser edeln, anschauungsreichen
Sngerin, die, wie Benno von Asselyn gelegentlich zum Verdru der Tante Benigna
von Ubbelohde beim Thee auf Westerhof gesagt hatte, auf dem Parna auch das
Heidekraut und die Buchweizengrtze aussete, diese Gedichte kannte Armgart;
aber mit Andacht las sie seit Kindesbeinen nur die Poesie auf den
Kreuzwegstationen und Wallanlagen von Witoborn und in den Corridoren ihres
Stiftes Heiligenkreuz. Denn dort war sie eingetreten. In der That hielt sie
jetzt Markt mit ihren Naturaleinknften (in diesem Winter freilich erst Einen
eintrglichen mit zehn Schinken, zehn Wrsten und zehn Speckseiten) ... Ueber
ihrer Thr stand:

O Libori, o Antoni, zwei Gef der Heiligkeit,
Da wir mssen euch begren, heiet uns die Schuldigkeit!
O Libori, o Antoni, steht uns bei am letzten End',
Da nicht sterben und verderben! Fhret uns in Jesu Hnd'!

    Welches ist Armgart's Beginnen? ... Wir knnen vorlufig nur sagen: Noch
mehr, als sie schon sonst war, ist sie Grblerin geworden. Stundenlang konnten
ihre braunen Augen in die innersten Wnde ihrer kleinen, ahnungsvollen
Gedankenwelt zurckschauen. Stundenlang konnte sie ihre bekannten weien
Vorderzhnchen ohne Bedeckung der schmerzlichverzogenen Lippen lassen, wenn sie
ber etwas grbelte, was ihr seltsam schien. Und was erschien ihr nicht seltsam!
Noch jetzt, wenn von der Erblassenschaft der Dorste'schen Besitzungen, von dem
Grafen Joseph, ihrer geliebten Paula Vater, als von dem Erblasser die Rede war,
konnte sie sich fragen, ob denn dies schmerzliche Wort nicht eigentlich zu
sprechen wre: Er - blasser und den im Tode tief Erblassenden, leichenwei
erbleichenden edeln alten Herrn bezeichnen sollte? Eine Erbskette nahm sie noch
jetzt fr eine Kette, die man von geliebten Personen, etwa einer theuern Mutter,
erbt, nicht als Kette von Kgelchen, so gro wie Erbsen. Wenn der Onkel Levinus
Abends nach dem Nachtessen in Schlo Westerhof vom Untergang der westflischen
Herrschaft und von Napoleon's Sturz in Ruland sprach und die Schlacht bei
Mosaisk erwhnte, trumte und grbelte sie, wie doch nur mit dieser Begebenheit
das zuweilen in Kunstgesprchen und bei schnen rmischen Brochen vorgekommene
ahnungsvoll poetische Wort Mosaik zusammenhngen knnte. O, schon das
achtjhrige Kind lie sich nicht nehmen, da in dem auf dem Finkenhof, einem
Wirthshause in der Nhe zuweilen gesungenen Liede: Freut euch des Lebens, weil
noch das Lmpchen glht! keine Lampe, mit der ja ohnehin kein Mensch springen
wrde, sondern ein springend erhitztes Lmmchen gemeint wre. Zwlfjhrig schon,
wo sie noch nicht ahnte, da sie selbst einst in Lindenwerth wohnen wrde, auf
das jene Ritter-Toggenburg's-Sage vom angestarrten Fenster der Geliebten in
Wahrheit einst gegangen sein soll, sprach sie Schiller's, aus einem Schulbuch
ihr bekannt gewordenes Gedicht: Ritter, treue Schwesterliebe widmet euch dies
Herz! nie anders, als: Rittertreue, Schwesterliebe -! Drckte doch beides das
ihr Schnste und Herrlichste im Leben aus: Ritterliche Treue und schwesterliche
Liebe.
    Drei Wochen darauf wurde dann endlich wirklich der Teppich geweiht. Das war
ein festlicher, hoch katholischer Sonntag! ... Hier in viel rauherer Gegend, als
in der Residenz des Kirchenfrsten, war es zwar schon vollstndiger Winter und
der Schnee lag fuhoch und darunter hatte kurz vor seinem Fallen etwas Frost
alles Flach- und Hgelland mit seinen Walleinschnitten und Hecken gehrtet und
gefestet ... Jetzt erst recht zeigte sich die Isolirung, die hier den Charakter
des Zusammenwohnens bildet ... Der Bauer auf seinem Kamp, der Junker auf seinem
Hof schliet sich ab, wie wenn dies Land, gleichfalls nach Benno's frherer
Aeuerung, ein Meer wre und seine Wohnungen Inseln oder Schiffe ... Ringsum hat
jeder bei sich in nchster Nhe gleich, was er bedarf. Selbst im Bauernhause
liegen sogleich mit der Viehstall und der Backofen. Den Wald opferte man nicht
ganz, sondern behielt eine gute Strecke davon als Grenzmarke der Aecker.
Nirgendwo findet man hier die langen Ackerfeldfurchen, die in unbersehbarer
Einfrmigkeit nur von vollstndigen Drfern abgelst werden. Hier ist das Dorf
aufgelst in Hfe, die auch jetzt im Schnee, der scheinbar alles nivellirt, an
den rauchenden Schornsteinen sichtbar sind. Man glaubt eine unterm Schnee nach
allen Orten hin sich ffnende unabsehbare Kraterwelt zu erblicken. Gegen Osten
hin ragen einige alte Thrme auf, wie wenn sich eine Citadelle dort erhbe. Das
ist Schlo Westerhof. Gegen Sden zu zeigt ein ganz buckelig geschnrkelter, mit
Schiefer belegter Thurm (was man heraussehen kann, da der Schnee nicht von allen
Seiten an den Rundungen festhielt) das Stift Heiligenkreuz. Und inmitten dieser
groen Rundsicht, welche Berge, Wlder, Seen, die Witobach, an der das
thurmreiche Witoborn liegt, mehr ahnen, als deutlich unterscheiden lt, liegt
dann am Fue einer kleinen Anhhe die alte einst byzantinisch angelegte, jetzt
hchst zopfig berbaute Kirche von grnlichem Sandstein Sanct-Libori. In
nchster Nhe gehrt dazu ein Stckchen Wald, der nur die Einfriedigung eines
Kamps ist, dessen Inneres zwei stattliche moderne Huser bilden, das des
Pfarrers und das des Schullehrers von Westerhof ... Aber diese ganze
Winterlandschaft ist heute belebt, wie im erwachenden Frhling! Sieben bis acht
Schlitten stehen unten vor dem Kalvarienberg des Aufgangs, davor
schellenklingelnde Rosse mit langen fliegenden Decken ... Die putzigen
Trkenkpfe auf den Schnbeln der Schlitten gafft die Jugend von drei Meilen in
der Runde an. Dazwischen die Bauern und die Ktter und die Knechte in
Pelzkappen; die Frauen trotz der Klte in all den wunderlichen Hauben und
fliegenden Aufstzen, die der Tracht jener Gegend eigen sind; die alten
Mtterchen mit groen weien Krgen, die sie halb den so sehnlichst vom Adel
erwarteten Barmherzigen Schwestern hnlich machten; in der Hand der reichen
Buerinnen ein goldgeschnittenes Gebetbuch, ein Rosenkranz am Grtel, auf der
Brust eine Ringelkette von vergoldeten Medaillen ...
    Die Weihe ist endlich vorber ... In den Schnee hineinblickend mute die
sich zerstreuende Gemeinde nur bunte Flecken sehen, wie wenn man in die Sonne
geschaut, so prchtig war der Teppich gewesen, der vorm Hochaltar hoch an rothen
Stangen mit Goldtroddeln geprangt hatte. Er leuchtete wie der Widerschein eines
Fensters im Mailnder Dom. Violett und gelb und blau und rubinroth strahlten die
bunten Gewebe und namentlich wurde der Pfau des heiligen Liborius von einem auch
dazu gerade hervorblitzenden Sonnenlichtsschimmer prchtig erleuchtet. Norbert
Mllenhoff predigte in seiner jungkatholischen Weise. Wieder knpfte er an
Caspar Melchior Balthasar an und sagte, die wilden Thiere des Teppichs da, die
wren auch in dem Land heimisch, von wannen jene Morgenlandsknige gekommen.
Dann schilderte er diese Morgenlandsknige gelegentlich im Gegensatz zu den
Abendlandsknigen. Jene waren theilweise, sagte er, schwarz von auen, diese
sind nicht selten schwarz von innen. Jene brachten dem Heiland kstliche
Geschenke, diese beraubten nicht selten den Heiland noch und besthlen ihn und
plnderten ihm das Stroh aus seiner drftigen armen Krippe, der Kirche. Jene
htten sich auf einen einzigen Stern am Himmel verlassen, diese ertheilten
Hunderte von Sternen auf die Brust ihrer Schmeichler und gingen dennoch in der
Irre. Dann sagte der Redner: Auch der Pfau, der den heiligen Liborius geleitet
htte, wre ein solcher himmlischer Stern gewesen! Man sollte doch nur
Hinblicken auf sein geschwungenes Rad! Wie das in ihm von Licht und Farbe
funkelte! Zwlf Augen sen in dem Rand des Rades und htten gewacht ber den
Weg, den der Heilige damals durch die Heiden hindurch htte nehmen mssen, um
gerade hieher nach Westerhof zu kommen, wohin ihn seine ganze Sehnsucht zog!
Jetzt mte freilich die Kirche, um wie dieser Heilige durch alles noch
herrschende Heidenthum hindurchzukommen, viel kleinere und bescheidenere Vgel
zu Fhrern whlen, leider - vor allem nur die schchterne Taube.
Glcklicherweise wre diese aber denn auch nichts Kleineres, als eben der
Heilige Geist selbst. Und so wollten auch sie, zaghaft und schchtern, die gute
Sache des ewigen Gottes und seiner Heiligen in dieser Welt der Gewalt vertreten,
wollten flicken an den Schden, so gut es ginge mit Menschenkraft, wollten die
Kirche ausbauen, wo sie allzu schadhaft wrde; denn die Kirche Gottes, sagte er
mit einem jetzt etwas sonderbar blinzelnden Blick auf den Dorste'schen
Kirchenstuhl auf dem Chore ihm gerade gegenber, die ist nicht byzantinisch,
nicht gothisch, nicht Renaissance, nicht Rococo gebaut, sondern einfach blos -
felsenfest! Das hat Sanct-Paulus bereits den Korinthern anzuhren gegeben, fuhr
er fort, die sich auf ihre Sulenknaufe und Sulenordnungen bekanntlich so viel
eingebildet! Warum wrde sonst Sanct-Paulus gerade in der zweiten Epistel an die
Korinther Kapitel 5 ber das wahre christliche Bauwesen seine Meinung abgegeben
haben?
    Aufrichtig gestanden, diese Bemerkungen des Pfarrers waren Anzglichkeiten.
Aber man war dergleichen an dem jungen, frischen, noch ganz studentisch
aussehenden Mann von etwa dreiig Jahren in der Gegend schon gewohnt. In dem
grflichen Stuhl im Emporchor verstand man sehr wohl, was gemeint war mit dem
Blick auf Terschka, auf Levinus von Hlleshoven, Armgart's Onkel, der die
Dorste'schen Gter verwaltete ...
    Und trotz des feierlichen Tages, war das erste Wort, das Norbert Mllenhoff
nun in der Sakristei, mit beiden Armen sich zum Erwrmen auf die Schultern
schlagend, sprach:
    Nein hier eine wahre Hundsklte das!
    Zhneklappernd trat er an einen in der Sakristei stehenden eisernen Ofen,
der auf drei Schritte allerdings eine Glhhitze verbreitete, aber nicht den
brigen Raum erwrmte. Das Rohr entlie den Dampf durch eines der groen
Rundfenster ...
    Ich sagt' es ja gleich, Herr Pfarrer! Die neue Thr, die Sie durchaus
durchgebrochen haben wollten - begann der alte Mener Tbbicke, Vater des
matre- ...
    Schweigen Sie! sagte der Geistliche und entkleidete sich ...
    Der Mener war ein alter hagerer Mann mit einer rothen Flachsperrke. In
seinem langen rothen Rock sah er selbst wie einer der auf den Drfern wandelnden
heiligen drei Knige aus, die mit ihrem: Wir sind die Knige aus Morgenland, ho,
je! an den Thren bettelten. Auch eine Art Scepter hatte er in der Hand, die
lange Lichtputze, mit der er in der sich nun entleerenden Kirche die Altarkerzen
auslschen wollte ...
    Wirklich, Herr Pfarrer, diese neue Thr, die sonst nicht da war - begann
Tbbicke aufs neue ...
    Wollen Sie wol schweigen! wiederholte Mllenhoff aufstampfend und zog sich
seine Mekleider aus. Ein fr allemal, Tbbicke, rief er dem Alten nach, wenn
ich vom Allerheiligsten komme oder von der Kanzel herab, so sollen Sie mich
nicht eher anreden, bis ich Sie gefragt habe!
    Gut, gut, gut! antwortete der Alte brummend und kopfschttelnd ber seinen
neuen Vorgesetzten ... der fr sich weniger malicis, als sozusagen eher
burschikos fortbrummte:
    Diese Sucht von den Menern, berall mit uns umzugehen, als wenn der ganze
Gottesdienst ein bloer Spa gewesen wre! Schon wie die Barbiere kommen sie des
Morgens zu Gott und kramen in der Sakristei ihre Neuigkeiten aus!
    Nun pfiff sich sogar Mllenhoff eine leichte Weise und geno im Stillen
seinen Triumph, in die Predigt hinein eine Rge des grflichen Bauwesens
eingeflochten zu haben ...
    Tbbicke kam zurck ...
    Tbbicke! sagte der Pfarrer, etwas vershnlicher gestimmt. Da wir uns so
wenig verstehen!
    Sechsundsiebzig! war die Antwort ...
    Ja, Tbbicke, Sie sollten sich einen Beistand halten! Wenn Ihr Sohn nicht in
Witoborn matre-tailleur wre - Schande, Schande auch ber diese neubackene
Aefferei!
    Ei, mein Sohn war in Paris, Herr Pfarrer!
    Deshalb will er kein deutscher Ziegenbock mehr sein? Es ist ja wahr! Er
trgt einen Bart, der Kerl, so lang wie ein Kameel!
    Herr Pfarrer, junge Leute -
    Vierzig Jahre alt ist der communistische Mucker! Tbbicke, Tbbicke! Ich
hre, da Ihr matre-tailleur auf dem Finkenhof verkehrt! Ich sage Ihnen, rathen
Sie ihm Gutes! Der Finkenhof und alles, was wir hierorts von Sodom und Gomorrha
noch im Nest haben, hat an mir einen schlimmen Aufpasser! Warten Sie ab! Sitzt
auch noch der Kirchenfrst in Ketten und Banden, der Sieg ist unser! Wir haben
unsere Kraft fhlen gelernt! Nun mu es von Grund aus in Deutschland anders
werden. Jetzt zumal, wo hier auch bald eine luthersche Herrschaft commandiren
soll ...
    Na, ich denke doch, sagte Tbbicke, der Herr Archipresbyter wird an uns
beiden seine Freude haben, Herr Pfarrer!
    Bald darauf hielt denn auch wirklich der Archipresbyter Bonaventura von
Asselyn das Hochamt zu Sanct-Libori und Mllenhoff administrirte dabei nur und
mute sich dem Domherrn unterordnen. Es war ein Fest fr die ganze Gegend,
wieder die Kirche berfllt, der Eindruck einer nie so wrdig celebrirten Messe,
wie vorauszusehen, der heiligste. Auch Bonaventura's sptere Rede zndete. Man
hatte hier nie so schn vom Thema der Zeichen und Wunder sprechen hren. Wenn
das Wesen der Zeichen und Wunder, hatte der Priester im weigoldenen Gewande
gesagt, schwer zu deuten wre, so wisse man doch Eines ganz bestimmt, was zu
ihnen gehre: Liebe. Die Menschen mten sich gegenseitig erst etwas werth
sein, wenn sie sich zu Propheten und Aerzten werden knnten. Der Redner vermied
die ihm gegenbersitzende Paula zu bezeichnen, aber man gedachte nur ihrer. Er
bertrug das Uebersinnliche in diejenige Seite der Natur, die uns offen und
enthllt vorliege und zugleich ihre heiligste und hchste wre, in die Seele, in
das Gefhl ... Der Text des Sonntagsevangeliums Quinquagesim: Jesus weissagt
sein Leiden gab die Veranlassung zu diesem Thema, das Bonaventura sonst wol
vermieden htte. Er mute darber predigen. Er sagte, wir wten alle selbst
unser knftiges Schicksal, wenn wir uns nur mehr gewhnten in Gott zu leben,
d.h. auf die innere Stimme in uns selbst zu hren.
    Auch nach diesem ersten Gottesdienste und whrend Bonaventura (wie sich wol
denken lt) tief schweigsam und von seinen neuen Eindrcken erschttert in der
Sakristei sich entkleidete und ringsum die Bevlkerung aufgeregt, urtheilend,
vergleichend, erwartungsvoll sich zerstreute, polterte Mllenhoff, der
gewissermaen nur Bonaventura's Vicar war, wieder ber die baulichen Grillen des
Barons Levinus ...
    Fr sein chemisches Laboratorium wei er nicht genug Geld auszugeben! sagte
er. Ja, Herr von Asselyn, melden Sie ihm das! Diese Thr hier mu neu gebaut
werden! Es ist wahr, ich habe sie verlangt, aber sehen Sie nur, wie der Schnee
hereinfegt! Eine Doppelthr mu es sein! Und berhaupt, was hoff' ich nicht
alles von Ihnen!
    Bonaventura verstand kaum etwas von Tbbicke's dienstgeflliger Erluterung
... Frher war die Sakristei ohne eigenen Eingang gewesen. Der Pfarrer mute
durch die Kirche gehen. Mllenhoff hatte erst eine Thr durchbrechen lassen. Nun
lag sie ihm doch dem Wind und dem Wetter zu offen ausgesetzt ...
    Als noch der Eingang durchs Schiff war, hat hier ein Cardinal celebrirt -!
uerte Tbbicke ...
    Schweigen Sie! bedeutete Norbert und reichte dem Domherrn eine Prise ...
    Tbbicke ging auch heute wieder in die Kirche, um die Lichter zu lschen ...
    Mllenhoff sprach hinter ihm her:
    Nicht wahr, der Meinung sind Sie doch auch, Domherr? Malt mu das Reinigen
der Kirche mit dem Nchsten anfangen, was nur unser Kehrbesen trifft! Dieser
Tbbicke ist wie die Mener smmtlich sind! Ich sagte ihm schon neulich:
Tbbicke, sitzt das Wachs noch nchsten Freitag an den Leuchtern auf der
Epistelseite, so nehm' ich mit eigner Hand vor dem Introito ein Tuch und putze
die heiligen Gefe selbst vor der ganzen Gemeinde rein!
    Bonaventura, in tiefen Gedanken, lchelte und sprach:
    Dann knnen Sie ja mit dem Apostel sagen: Es sind Gefe des Zorns!
    Bonaventura sah am alten Tbbicke, er hatte die gewhnliche Krankheit der
Kirchendiener (wie auch Lucindens Vater als Schulmeister), sich mit dem lieben
Gott auf einem ganz besonders kameradschaftlichen Fue zu wissen. Auch Tbbicke
war wie ein alter guter Kammerdiener der Heiligen. Die Livree der Mutter Gottes
trug er, wie wenn er die hohe Frau einst als Kind auf seinen Knieen geschaukelt
htte. Christus war ihm fast wie der junge Herr in seiner Himmelsfamilie und
die wechselnden Geistlichen waren ihm nur neuangeworbene Hofmeister, die manches
gar nicht in der Weise verstanden, wie die Tradition des hochgrflich
himmlischen Hofstaats es mit sich brachte. Das war nun gerade der Ansto, den
Mllenhoff nahm. Ich glaube, Sie dnken sich wol einen Liturgiker, hatte er dem
Alten gleich nach seiner ersten Messe gesagt, als dieser ihm bemerken wollte,
da seit neun Jahrhunderten in der Liborikirche die Communicanten erst dann
knieeten, wenn sie an die Communicantenbank kmen, vorher drften sie stehen.
Nach Mllenhoff muten sie gleich knieen und zwar utroque genu! wie er donnerte.
Und von dem Tage an, wo Tbbicke sich bei wiederholter Anfechtung seiner alten
Art, die Glubigen zu ordnen und zu scharen und bei erneuetem Rufe: Utroque
genu! die Bemerkung erlaubt hatte: Na, Herr Pfarrer, Sie werden sehen, da die
Bauern sich beklagen, weil die Jungens auf die Art zu viel Hosen zerreien! da
war offene Fehde zwischen beiden. Tbbicke vertheidigte das alte Herkommen und
die Schwche aller Creatur, Mllenhoff aber das Gesetz, den hochheiligsten
Buchstaben und die neukatholische Reform.
    Bonaventura mute zuletzt sogar des erneuerten Streites lachen. Als wenn
Tbbicke alle gegen ihn in seiner Abwesenheit erhobenen Anklagen gehrt htte,
brachte er den Leuchter, den er gereinigt hatte, zeigte ihn stumm seinem
Vorgesetzten, drehte ihn vor den Augen desselben rundum und schlo ihn ebenso
schweigsam in einen Schrank.
    Mllenhoff hatte darauf seinen langen wattirten Winterrock angezogen und den
Hut aufgesetzt ... Einen Stock, den er sonst trug, hatte er sich vor seinem
Dechanten geloben mssen abzulegen, weil schon vorgekommen war, da er bei
Vorwrfen, die er zufllig ihm im Felde Begegnenden machte, ihn zur
Untersttzung benutzte. Bonaventura hllte sich in einen Pelz. Auf ihn wartete
ein Schlitten, der ihn nach Schlo Westerhof bringen sollte, wo er tglich zu
Mittag speiste.
    Als Tbbicke die neue Thr aufschlo und den Schnee wegstie, bat Mllenhoff
seinen Vorgesetzten:
    Herr von Asselyn! Noch eins! Erinnern Sie doch den Herrn Baron von
Hlleshoven, da ich auch meinen eigenen Eingang haben mu in die Hofkapelle auf
dem Schlo!
    Herr Domherr, ein Eingang ist in die Hofkapelle, erluterte Tbbicke; aber
er fhrt durch andere, verschlossene und hchst wichtige Zimmer -
    Ein durchbohrend strafender Blick Mllenhoff's verwies ihn zum Schweigen ...
    Ich will die Schlssel zu diesen Zimmern haben! sagte er zu Bonaventura mit
scharfer Bestimmtheit.
    Herr Pfarrer, dieser Eingang fhrt erst durch die Bibliothek und durch das
Archiv! Der Baron hat ja nichts davon hren wollen ...
    Mllenhoff beherrschte sich ...
    Ich will, sprach er wie mit einem Mrtyrerblick auf Tbbicke und jedes Wort
betonend, ich will auch in die Sakristei der Schlokirche meinen eigenen Eingang
haben! Wenn dieser durch das Archiv fhrt, so gebhrt mir um so mehr ein
Schlssel zu demselben, als die Urkunden und Kirchenbcher der Pastorei
gleichfalls in demselben aufbewahrt werden!
    Der Patron ist, soviel ich wei, dafr verantwortlich! sagte Bonaventura.
    Seit neun Jahrhunderten! setzte Tbbicke hinzu ...
    Schweigen Sie! brach Mllenhoff jetzt aus - mit kindlich gemigter Stimme
aber, als frchtete er, zum blutdrstigen Tiger zu werden, fuhr er zu
Bonaventura gewandt fort:
    Ich bitte, Herr von Asselyn! Es ist mir nicht angenehm, in meiner
brgerlichen Tracht erst durch die Kirche zu gehen und dann hinterm Altar erst
Toilette zu machen. Ich will, da die Gemeinde, auch selbst die vornehmste, mich
gleich nur in meinen Priestergewndern sieht. Der Schlssel zum Archiv soll von
mir wie ein Heiligthum verwahrt werden.
    Bonaventura setzte sich mit dem Versprechen in den Schlitten, die Sache nach
Wunsch zu ordnen, wenn es irgend thunlich wre ... Noch standen Menschen
drauen, die den so lange Erwarteten noch einmal sehen wollten ... Mit einem
Blick des Neides sah ihm Mllenhoff nach, als er von dannen fuhr, und verwies
die Umstehenden, sich nun nicht lnger aufzuhalten.
    Norbert Mllenhoff war ein noch zelotischerer Geistlicher als Beda Hunnius.
Dieser hatte in seinem reformatorischen Wirken doch nur die Lehre und den Kampf
mit der Protestantischen Welt vor Augen, jener gehrte schon ganz den jungen
Geistlichen der Michahelles'schen Richtung an, die in Allem eine
Wiederherstellung des alten kirchlichen Lebens wagten und die Axt nicht blos an
die Zweige, sondern an die Wurzel selbst legen wollten. Norbert Mllenhoff war
ein Priester im Geist des Kirchenfrsten. Ein Bauernsohn, zeigte er die ganze
Kraft, Energie und Selbstgenge, wie sie hier zu Lande den Nachkommen der alten
Sachsen eigen ist. Sein Aeueres drckte einen ursprnglichen Beruf zur
Thtigkeit, zum Krieger, Geschftsmann, Arbeiter auf einem Felde des muthigen
Bewhrens aus; aber trotz seiner gewlbten Brust, seiner Stimme wie ein Lwe,
war er zum Geistlichen bestimmt worden, wie bei diesen Bauern Sitte ist, die
selbst bei Vermgen nicht unterlassen knnen, eines ihrer Kinder der Kirche zu
weihen. Zwar machte Norbert den ganzen Weg, der in diesem Falle Herkommen ist,
durch Stipendien, Freitische, Freibcher, Freiwohnungen hindurch, nahm dies aber
alles wie etwas, was sich von selbst verstand. Die Priesterweihe gibt einer
solchen Natur ein Bewutsein, als wre sie gefeit gegen alle Anfechtung der
Welt. Aus diesem levitischen Stolz heraus fing die Zeit berall an ihre
Kirchenreformen zu befrdern. Aus den jesuitisch geleiteten Seminaren kommen die
jngern Geistlichen wie endlich losgelassene junge Streitstiere. Sie bohren die
Erde auf mit ihren Hrnern, rennen im Kreise rundum und scheuen den Kampf mit
Knigen und Kaisern nicht. Leider gehren zu denen, vor denen sie keine Furcht
haben, auch die Knige und Kaiser des Denkens und der Wissenschaft. Norbert
Mllenhoff war als Vicar in einem Walddorf des Gebirges, dann als Vicar in
Witoborn, jetzt hier als Pfarrer zu Sanct-Libori, wie Beda Hunnius, nicht nur im
Stande, von einer hundsfttischen Art zu sprechen, den lieben Herr Gott beim
Benetzen der Brust mit Weihwasser um das Symbol des eigenen demthigen
Kreuztragens zu betrgen, indem man nur zwei zimpferliche, schandbare
Pnktchen machte, statt sich das ewige Stigma des Heils und die Signatur der
Erlsung mit zwei grndlichen Querbalken auf die Brust zu drcken ... ... er
verwarf Poesie und alle Zauber der Bildung. Er verwnschte die Niedertracht der
Sentimentalitt, sprach von einem nur um unserer gnadenreichen Gottesmutter
willen zu duldenden Weibsvolk, donnerte gegen den vornehmen Kirchenpbel,
der whrend der Messe nicht knieen wollte oder, wenn er knieete, nur so eine
leise Andeutung machte, als wre Gott eine Excellenz oder eine Durchlaucht,
vor der eine hfliche Verneigung genge. O diese kniesteifen Heiden! rief er
dann wol, wieder zu den Bauern zurcklenkend, aus; man sollte sie nur sehen,
wenn sie Kegel schieben und dabei die Beine wie mit Oel geschmiert ausgrtschen
knnen - da dich! - als htten sie's von den Possenreiern gelernt auf dem
Liborimarkt zu Witoborn! Sanft und lieblich und wie mit Lerchentrillern
aufsteigend schilderte er dann wieder ein wahrhaft frommes Leben, das alle
Ceremonien wie ein gutgeartetes Kind mitmachte; aber gleich schlug er wieder mit
Hmmern drein, wenn es klapperdrren Vorurtheilen galt oder fadenscheinigem
Tagesruhm. Wie der heilige Augustinus sagte er: Die Menschen lieb' ich, aber
ihre Irrthmer schlag' ich todt! - eine Procedur, gegen welche selbst Onkel
Levinus im Abendgesprch auf Schlo Westerhof geltend machte, da der Herr
Pfarrer auf die Art denn doch wol auch manchmal in die Lage jenes Bren kommen
knnte, der auf der Stirn seines schlummernden Herrn die strende Fliege mit
einem schweren Steine und somit ihn selbst erschlug.
    Mssen Sie sich denn ewig in alles mischen? fuhr jetzt Mllenhoff heraus zu
dem im Schnee hinter ihm hertrottenden Alten, der mit ihm in einem und demselben
Hause wohnte ...
    Es wrde, da Tbbicke zu erwidern liebte, unfehlbar zu lebhafterer
Discussion gekommen sein, wenn nicht eben aus den kahlen, schneegepuderten
Gebschen jemand herausgetreten wre, der, halb dem davonfliegenden Schlitten
nachschielend, halb die Ankommenden und auf das Pfarrhaus Zugehenden hflich
begrend, mit scheuer Unterwrfigkeit einen Brief in die Hhe gehalten htte,
den sofort der Pfarrer ergriff ...
    Der Fremde sprach mit etwas fremdartigem Accent:
    Erlaubnis, Herr -!
    Er deutete auf den Alten, dem der Brief bestimmt war ...
    Mllenhoff las die Aufschrift und gab den Brief an Tbbicke ...
    Er musterte schon den Fremden von oben bis unten ...
    Von Ihrem Herrn Sohn - in Witoborn - wenn ich die Ehre habe - Herrn Tbbicke
-? sprach dieser mit einer eigenthmlichen Betonung ...
    Mllenhoff ging weiter und murmelte:
    Aha! Vom matre-tailleur -!
    Auch die andern schritten, sich ihm anschlieend, dein Pfarrhause zu und der
Mener suchte mit den Worten: Von meinem Sohn? Was ist denn nur? Was soll es
denn? eifrigst nach seiner Brille ...
    Ich werde lesen! wandte sich Mllenhoff und erbot sich, den Inhalt
mitzutheilen, da Tbbicke nicht sofort die Brille finden konnte ...
    Bitte, Herr Pfarrer - sagte dieser zgernd ...
    Einige Raben krchzten, flogen auf und schttelten den Schnee von den
Zweigen, auf denen sie gesessen hatten, und gerade auf den Brief ...
    Liber Vater! las schon Mllenhoff und unterbrach sich sofort: Schreibt der
Kerl Lieber ohne E! - Lieber Vater! Dieser berbringer - Ueberbringer
klein! - ist ein guter Freund zu mir! - Zu mir! Das ist wol ein
Ueberbleibsel aus Paris? - Es ist ein gelernter Friseur - Sieh! Sieh! Das Wort
schreibt er richtig! - und sucht ein Enkagement - Heidengugguck! Der Franzos!
- wo mglich bei groen herrschaften als Bedienter - Klein die Herrschaften,
obgleich er sie gro߫ nennt; Bedienter gro! Reiner Communismus! - Lieber
vater - Sanct-Libori! Was ist hier das Schulwesen vernachlssigt! - Knnten
Sie es machen, so recom - man - - Brich dir den Hals nicht! - tiren Sie ihn
auf das Schlo߫ - als La - La - Lagay! ... Geyer! Als Lakai! ... Tante
Schmeling - Aha! Lt gren und sorgen Sie doch bei Dem - Sie wissen schon
von wegen! - Das bin ich? - Fanchon ist recht krank, wenn's nur nichts auf
sich hat - Wer ist Fanchon? Eine Hndin, die geworfen hat - von wegen der
Schmeling -?
    Jesus Maria! rief der Alte. Mein Enkelchen!
    Ist Fanchon krank? - wandte er sich zu dem Ueberbringer ...
    Dieser war theils mit gespanntester Aufmerksamkeit der Vorlesung des
Briefes, theils den Zwischenreden des gestrengen Herrn Pfarrers gefolgt und fand
sich nicht sogleich zurecht ...
    Mein Herzblttchen?! Steht denn nichts weiter im Briefe, Herr Pfarrer? ...
rief Tbbicke ...
    Fanchon! Fanchon! Hat den Namen hier ein christlicher Pfarrer gegeben?
    Franziska! Herr Pfarrer! Das Kind ist mein Augapfel!
    Der Fremde, der einen wassergrnen Winterrock von langhaarigem Flaus trug,
eine tief in die Augen gedrckte Pelzkappe, einen rothen Shawl um den Hals
geschlungen, Pelzhandschuhe und Filzberschuhe an den Fen, gab die Auskunft,
da er eigentlich auf einer Reise nach Polen begriffen wre, aber gern auch hier
bleiben wrde, wenn er Condition finden knnte - Herr Tbbicke wre eine alte
Bekanntschaft von ihm aus Paris - er htte ihm seine Frsprache empfohlen fr
die Herrschaft auf dem Schlosse - er knne frisir, sprche franzsisch, knne
auch Pferde dressir' - Fanchon htte sich erkltet, lge im Bette - aber
Madame Schmeling htte gesagt, da es nichts auf sich htte ...
    Doctert die also auch, die holdwertheste! lie Mllenhoff einfallen ...
    Schon war er weiter voraus, whrend der alte Tbbicke seinem
Schutzbefohlenen still die Schulter klopfte und das Seinige zu thun versprach,
ihn auf dem Schlosse zu empfehlen ...
    Frau Schmeling aber war eine Landhebamme, mit der Mllenhoff gleichfalls im
offenen Kriege lebte. Die Frau war an sich die Religiositt selbst. Sie
vertheilte Bilder, Amulette und Rosenkrnze zur Untersttzung aller der
Zustnde, die auf ihre Hlfe angewiesen waren; sie rieth jedem, zur heiligen
Barbara zu beten whrend eines Gewitters, zu Sanct-Florian und Sanct-Antonius
gegen Feuer, zu Antonius II. gegen Wasser, zum heiligen Dionysius gegen
Kopfschmerzen, zum heiligen Blasius gegen steifen Hals, zur heiligen Lucia gegen
Augenleiden, zur heiligen Palonia gegen Zahnschmerzen, zum heiligen Dominicus
gegen Fiebersfrost, zum heiligen Rochus gegen die Cholera, und ihre Kreienden
und ihre Gebrenden hatten als zwei ihr immer assistirende Hebrzte im Himmel
den heiligen Ramon und den heiligen Lazarus, aller der Marienbilder nicht zu
gedenken, die unter jenem alten Gemuer, in dieser alten blitzzerschlagenen
Eiche, da und dort eine traditionelle Kraft fr die wichtigsten Vorkommnisse im
Frauenleben hatten und durch ein gestiftetes Lichtchen gerade ebenso zu
sympathetischen Curen gebraucht wurden, wie die in Schiller und Goethe lebende
Bildung sich manchmal auch mit Sympathie die Rose vertreiben lt. Alles, was
nur zum christlichen Heidenthume gehrte, war in ppigster Blte bei Frau
Schmeling und todt zu schlagen htte sie angerathen jeden Ketzer, der bei einer
Procession vor dem hochwrdigsten Gute nicht wenigstens den Hut abgenommen. Aber
ber alle diese Dmmerungszustnde fehlte der Frau, wie der ganzen Bevlkerung,
das theoretische, klare, formelle Bewutsein. Sie meinte, trotz aller Aves und
Rosenkrnze liee sich die Lust am Leben lieben. Die jungen Bursche hier
ringsum, stattlichen Aussehens, waren drei Jahre im Kriegsheere gewesen und
brachten frhliche Welt, Leben und Lebenlassen heim. Nun sollten auf
Mllenhoff's und vieler hoher Herrschaften Betrieb ein Jnglingsbund und ein
Jungfrauenbund gestiftet werden und sich alles verpflichten, nicht zu fluchen,
nicht zu trinken, nicht zu tanzen und besonders den Finkenhof nicht mehr zu
besuchen. Da war Frau Schmeling eine Gegnerin des eifernden Pfarrers geworden.
Ohne den Finkenhof gibt es keine Geburten mehr! fuhr sie Mllenhoff an, als sie
gelegentlich von einer Nothtaufe, die sie verrichtet hatte an einem sterbenden
Kinde, Bericht erstattete und mit aufrichtiger Beredsamkeit auseinandersetzte,
da die Musikanten auch Menschen wren und auch etwas verdienen mten. Ja sie
lie sich bei ihren sechzig Jahren nicht von dem jungen Pfarrer abkanzeln und
mit sittenlosem Weibsbild tractiren. Sie sagte, da es Familienvter genug
gbe, die ihren Shnen lieber statt Taschengeld die Erlaubni ertheilten, sich's
im Kegelspiel selbst zu verdienen, genug Familienmtter, die mit sechs bis
sieben stattlichen Tchtern gesegnet wren und den Tanzboden fr die beste
Gelegenheit halten mten, sie loszuwerden ... Von dieser Frau konnte Mllenhoff
nichts hren, ohne im hchsten Grade gereizt zu werden.
    Er war noch nicht in sein Studirzimmer getreten, als der alte Tbbicke schon
mit einer der Mgde, die fr ihn und den Pfarrer sorgten, darber einverstanden
war, da der Freund seines Sohnes vorlufig gleich zu Mittag bleiben sollte ...
    Mllenhoff fand Briefschaften vor und lie den Ankmmling auer Acht ...
    Es war dies aber ein williger Mann, dieser Herr Dionysius Schneid aus
Strasburg, der sich jeder Arbeit unterzog. Einen Beistand bedurften der alte
Tbbicke und die Kathrein; der Domherr wohnte nicht auf dem Schlo, sondern hier
in seinem geistlichen Hause von Sanct-Libori oben im ersten Stock; zu den jetzt
doppelt nothwendigen Hlfsleistungen fehlten die Hnde ... Aber war auch der
Herr Dionysius Schneid schon etwas steif und schwerfllig, so war er doch
keineswegs unbrauchbar, ob im Stall des Schlosses fr die Pferde oder im
Hausdienst zum Spalten des Holzes oder zur Hlfe in der Kche oder selbst zur
Pflege einer herrschaftlichen Garderobe - ja er wurde zuletzt auf das Schlo
empfohlen und dort wirklich angenommen.
    Wenn auch fr Westerhof groe Vernderungen bevorstanden, an Leben und
Bewegung fehlte es nicht, und besonders da gerade jetzt, an demselben Sonntage,
nach der Heimfahrt von der Kirche, alle Herrschaften, die in der Kirche gewesen
waren, von der wenn auch nicht berraschenden, doch gerade fr Schlo Westerhof
nicht bedeutungslosen Nachricht empfangen wurden, da in verwichener Nacht der
Onkel der Comtesse Paula, der Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof, gestorben war.

                                       2.


Am Mittwoch nach diesem Sonntag Quinquagesim war es, als die stille kalte
Winterluft auf Meilen in der Runde von leisen Klagetnen erzitterte ...
    Der Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof sollte gegen Mittag begraben werden
... Die Glocken aller Kirchen ringsum waren an diesem Trauertage betheiligt ...
    Denn welchem Heiligen, welchem Altar war nicht eine Spende zugeflossen von
Schlo Neuhof herab in den letzten Lebensjahren seines Besitzers?
    Der alte lange klapperdrre Herr hatte die wunderderliche Grille gehabt zu
glauben, da er im Leben jedermann beleidigt htte. Er trachtete danach, sich
vor seinem Tode auch mit jedermann auszushnen. Tage lang stand er oben in den
Bergen an den Fenstern seines hochherrlichen Schlosses Neuhof, winkte den
Vorbergehenden und warf ihnen blanke Thaler hinunter, nur damit sie sagen
sollten: Ganz gehorsamsten Dank, Excellenz! Schon lange waren Wchter bestellt,
die seiner Verschwendung Einhalt thun muten. Es kam vor, da die Fenster
vernagelt wurden, wenn er zu heftig rief: Das ist ja Jrme's Testament! Leute,
so lat doch meinem Sohn seinen Willen! Ich hab's ihm vom Seinigen zu geben
versprechen mssen, schon damals, als er die Bachstelze nicht heirathen konnte
-! Die Lisabeth allein, die noch immer oben war, konnte ihn begtigen. Sie gab
ihm die Versicherung, die Bachstelze liefe ja schon lngst in der Welt mit
andern ... Dann nahm er sich zusammen ... Er wurde zuweilen so ruhig, da man
ihm seine Freude gewhren konnte, eine Staatskutsche anspannen zu lassen, vier
Pferde davor, Kutscher und Vorreiter in Galalivree, und so hinauszufahren in die
Gegend. Alle seine Orden trug er dann, sa am offenen Schlage und nickte jedem.
Fuhr man durch den Dsternbrook, an der Eiche vorber, wo er den Deichgrafen
erstochen hatte, nach Kloster Himmelpfort, wo er einst Klingsohrn untergebracht,
nach Schlo Westerhof, wo er ehedem der Beherrscher aller Verhltnisse, Vormund
Paula's gewesen war, durch Witoborn, wo der Rittmeister von Enkefu an seinen
Schlag trat und ihm so lange von den Flhen seines Pudels sprach, bis der Sohn
des Kronsyndikus, der Prsident, zuletzt seine ganze Verschuldung arrangirte: so
lachte zwar jedermann, aber der vornehme, alte, weihaarige Herr mit den
riesigen Augenbrauen nahm alles fr Wohlwollen, grte und griff in die Tasche,
um auch die Freundlichkeiten zu bezahlen. Er glaubte durch Geld alles machen zu
knnen. Seine Wchter nahmen ihm das Geld ab und erklrten, es spter
berichtigen zu wollen, womit er sich auch zufrieden gab. Von seiner
Vergangenheit erschreckte ihn nichts. Er konnte im Dsternbrook die alte im
Absterben begriffene Eiche sehen, an der sein Opfer niedergesunken war, und
blieb sich in seiner immer zufriedenen Haltung gleich. Das Gedchtni verlie
ihn fast gnzlich. Wenn es da und dort in voller Helle noch dies und jenes
Vergangene beleuchtete, knpfte er Handlungen daran, die mit den Verhltnissen
in keinem Zusammenhange standen. So erkannte er vollkommen wieder jenen Pfarrer
von Eibendorf, Herrn Huber, der nach Witoborn als Pfarrer der dortigen kleinen,
aber gut dotirten evangelischen Gemeinde versetzt war. Bei diesem lie er oft
seinen Vierspnner vorm Hause halten, lie sich von den Kindern, wenn Herr Huber
selbst nicht da war, die Harmonica spielen, die seinen Sohn Jrme so oft
beruhigt hatte, fragte sogar Madame Huber nach der Bachstelze und bergab kurz
vor seinem Tode dem Pfarrer ein Testament mit dem heimlichen Bedeuten, es wre
seine wahre letzte Willensmeinung und nach seinem Tode drfte nichts anderes
vollzogen werden, als was er in diesen Blttern niedergeschrieben htte. Er
ertheilte darin Pensionen an alle Welt, ja an Namen, die schon lange in seiner
Gegenwart niemand mehr nannte. So an den Bruder Hubertus, meinen ehemaligen
Jger, obgleich er mir viel Wild gestohlen, jhrlich 10000 Thaler; an Dr.
Klingsohr, wenn er exemplarisch lebt und seiner Mutter Ehre macht, ein fr
allemal 100000 Thaler; an eine gewisse Lucinde Schwarz, aus der Familie derer,
die das Pulver erfunden haben, alle Kleider von meinen ehemaligen Maitressen,
wenn sie dieselben in der Komdie brauchen kann; an den Musikus Stammer das
Gnadenbrot und eine ehrenvolle Versorgung, wenn er smmtliche Kinder von mir
anstndig erziehen und unterrichten will; ... dem Kfer Stephan Lengenich geb'
ich 100000 Thaler, unter der Bedingung, da er die Lisabeth heirathet und die
Hochzeit auf dem Finkenhof ausgerichtet wird, wo ich alles freihalten werde ...
Ansprche meiner zweiten Frau erkenn' ich nicht an; auch wenn sie
heiliggesprochen werden sollte - ihre Kinder soll Leo Perl erziehen, aber wehe
ihm, wenn er sie beschneiden lt. Mein Freund, der Dechant von Asselyn brgt
mir dafr. Die Pension seiner Schwgerin, der Buschbeck, kann dafr verdoppelt
werden ... Meine Dosen und Bilder vermach' ich meinem Freunde dem Dechanten
Asselyn, aber ich wnsche, da er weniger mit Juden, als mit Heiligen umgeht
... Seinem Bedienten Windhack hat er auf jeden Stern im Himmel in meinem Namen
einen Thaler zu legen, was Freiherrlich Wittekind'sche Kameralverwaltung
berichtigen wird.
    Pfarrer Huber schickte dies verworrene Geschreibsel an den Sohn des
Testators und Universalerben, den Prsidenten ...
    Die Untersuchung ber die Ermordung des Deichgrafen war ein Jahr lang auf
falscher Fhrte gefhrt worden. Eine energische, gegen den Kronsyndikus
gerichtete Wiederaufnahme hinderte die mannichfach vertheilte Gerichtsbarkeit
des hier einschlagenden, an mehrere Souvernetten vertheilten Terrains. Zuletzt
trat der Geisteszustand des Schuldigen jeder Feststellung eines sichern Urtheils
entgegen. Im Volke stand die Thterschaft des Kronsyndikus fest und Sagen gingen
genug von einem Galgenrade, das er auf seinem Boden htte aufstellen mssen, von
einem Strick, den ihm der Knig unter seinem Ordensbande um den Hals zu tragen
befohlen, von Geisterspuk und mitternchtigem Grauen aller Art. Der
ringswohnende Adel ignorirte etwas nicht Erwiesenes; aber auch ohnehin war der
Umgang mit dem schon lange gekennzeichneten Manne seit Jahren abgebrochen. Bei
alledem fehlte, des Prsidenten und der Verwandtschaft mit den Dorstes wegen,
nicht ein uerer Antheil an dem Leichenbegngnisse. Der Kronsyndikus wurde im
Familienbegrbni der reichen Klosterkirche Himmelpfort beigesetzt. Dem
Trauerzuge, der ihn von Schlo Neuhof abholen sollte, wohnte der Adel der
Umgegend bei. Die Frauen, vorzugsweise die Damen des Stiftes Heiligenkreuz und
die weiblichen Bewohner des Schlosses Westerhof, hrten gleichzeitig eine
Todtenmesse, die in Sanct-Libori gehalten wurde. Das unausgesprochene, aber
laute Geheimni ber diesen wilden Nachbar lag seit Jahren schwer und drckend
auf allen Gemthern und wohl empfand man mit athemloser Beklemmung, wie ein
einziger Mensch so einen ganzen Landstrich und tausend Herzen in Beunruhigung
hatte versetzen knnen. Im Mittelalter war alles das gewhnlich. Auch jetzt noch
hatte man ein Gefhl, da im Lutterberge, dem Fegfeuer des dortigen Adels, eine
Seele vergebens auf Erlsung harrte. Nach Armgart's uns bekannten Zeichnungen
flog hier ein geflgeltes Kreuz im Gottesherzen nicht aufwrts, den Flammen der
gttlichen Liebe zu, sondern kopfber geradeswegs zur Hlle.
    Da ein ganzer Volksstrom zum Gebirge hinaus war, um dem prchtigen, von den
Franciscanern begleiteten Leichenconduct beizuwohnen, so war die Kirche nur
wenig besucht und ausschlielich von der vornehmen Welt. Zu dieser Sphre stand
Norbert Mllenhoff - Bonaventura war beim Leichenbegngni - in einem gleichsam
nur hinter dem Rcken derselben strengen und schroffen Verhltni. Hinterrcks
hatte er alle Floskeln von breiweicher Sentimentalitt, Empfindungsrhrei,
Stunden der Andachtspinselei, Lavendel-Christenthum, immer in Bereitschaft,
aber ein Schwindel berkam ihn, davon etwas in unmittelbarer Gegenwart der hier
ohnehin hchst andchtig gestimmten Vornehmheit selbst anzuwenden. Und heute war
ihm frmlich beklommen zu Muthe; denn er hatte eine Einladung nach Witoborn
erhalten zu einer hochfrommen Frau von Sicking, die mit ihm eine Berathung
anstellen wollte ber die auf Ostern hin zum ersten male hier zu Lande zu
versuchenden Exercitien. Ein ganzer Kreis vornehmer Glubigen von nah und fern
wollte zusammentreten und in einem von Frau von Sicking bewohnten, zwischen
Witoborn und Westerhof gelegenen Landsitz zum ersten male vierzehn Tage lang bei
verschlossener Eingangspforte desselben unter geistlicher Oberleitung religisen
Uebungen obliegen. Die Dame entschuldigte ihre Nichtanwesenheit in der Kirche
und bat den Herrn Pfarrer bei ihr zu Mittag zu speisen und das Nhere
gemeinschaftlich zu besprechen ...
    Mllenhoff war von dem Wohlgeruch des feinen Billets ganz betubt und
verrichtete seinen Gottesdienst mit einer Zerstreuung, die ihm sogar die
Anwesenheit des Schulmeisters als Meners statt Tbbicke's gleichgltig machte,
ja ruhig mit anhren lie, da der Schulmeister berichtete: Tbbicke's
Herzblttchen liegt auf den Tod; er ist nach Witoborn und will, wenn nichts
hilft, nach dem Schlo und die Grfin um Hlfe bitten! ...
    Grfin Paula, die Kranke durch Gebet und Berhrung heilte, war in der Kirche
anwesend. Armgart sa neben ihr, das ganze Stift und Tante Benigna. Ja er hrte,
da der Zeichner des Teppichs, Herr Dr. Laurenz Pttmeyer, der berhmte
Philosoph von Eschede, auch der Messe heute zuhrte, die auf dem von ihm
gezeichneten Teppich gelesen wurde ... Einigemal verklingelten sich die
Ministranten ... aber Mllenhoff lie alles geschehen ... Er dachte nur an die
Einladung der Frau von Sicking, an Exercitien mit Hhergebildeten ...
    Nach der Messe war es schon elf Uhr, die Baronin erwartete ihn um zwei; er
eilte etwas zu frhstcken und dann rasch noch etwas die bekannte Anleitung zu
Exercitien von Ignaz Loyola durchzusehen ...
    Es war schon still und einsam um die Kirche her. Der Schulmeister begleitete
ihn und erzhlte, da Tbbicke schon den Bruder Strasburger auf dem Schlosse
untergebracht htte. Mllenhoff hrte nichts, zog nur das zarte Billet aus der
Tasche und athmete seinen Duft ein ... Frau von Sicking war eine der
gottseligsten Witwen der Gegend, noch hchst anmuthig, sehr reich und sehr
selbstndig ... Er mute mit sich kmpfen, in der Praxis dasselbe zu bleiben,
was er mit der vornehmen Welt in der Theorie war.
    Da geschah es zum Glck, da die Kathrein sagte:
    Herr Pfarrer! Der Meyer ist da, der Moorbauer, der Finkenmller, der
Hennicke und auch der Leyendecker!
    Kathrein mute das zweimal berichten ...
    Nun besann er sich.
    Es waren die Mitglieder des Kirchenconvents und des Rgengerichts ... Die
Mnner waren gekommen, weil heute doch die ganze Gegend feierte ... Es galt dem
nun berall in Deutschland beginnenden ersten Ausbau des kirchlich-sittlichen
Lebens und wenn auch Mllenhoff gern gehabt htte, sein Vorgesetzter, der
Domherr, wre bei dieser Scene zugegen gewesen, so ergriff er doch die
Gelegenheit, den gefhrlichen Schwindel, den ihm das Esbouquet der Frau von
Sicking verursachte, jetzt mnnlich zu bekmpfen, a sein Frhstck, gerhrte
Eier mit Schinken, hieb in das schwarze Brot hinein, trank einige Zge krftigen
Biers und trat in sein Empfangszimmer, wo ihn aus dem ehrerbietigen Grue von
fnf Mnnern der verstockte Geist des ganzen Jahrhunderts zum Kampfe
herausforderte ...
    Aha! Aha! rief er, mit der Serviette in der Hand und sich noch den Mund
wischend, als er eintrat und die stehenden Mnner aufforderte, sich zu setzen
...
    Er fand fnf Mnner, den Meyer von Westerhof, den Finkenmller, der das
Wirthshaus zum Finkenhof hielt, den Moorbauer und zwei andere aus der Gemeinde,
nicht zu gewaltige Gestalten, eher schmchtige, mit tief herabhngendem Haar
ber den kleinen Stirnen, im Auge eine etwas ungewisse und scheue Lebhaftigkeit
...
    Der Meyer berreichte ein langes Schreiben, worin er alle Punkte aufgesetzt
hatte, die sie nach langem Streit endlich von ihrem Pfarrer beherzigt wnschten
...
    Mllenhoff nahm das Papier, als wre es ein alter schmutziger Lumpen, und
fragte:
    Wer hat das - - gesudelt?
    Der Meyer stockte, sagte aber zuletzt:
    Der Schreiber vom Herrn Landrath!
    So? Also an ketzerisches Volk wendet man sich hier? ...
    Damit schnitt er sich eine Feder zum Zahnstochern ...
    Der Schreiber ist ja katholisch! ... hie es.
    Und er schrieb's bei mir ... ergnzte der Finkenmller ...
    Aha! Aha! Drum riecht das Papier so nach Taback und Branntewein! ... Nun
gut! ... Wir werden's ja sehen ... Was steht denn nun hier?
    Im Grund war Mllenhoff froh, wieder auf die Art in sein rechtes polemisches
Fahrwasser zu kommen ...
    Er las das Geschriebene und begleitete jeden Satz mit einem ironischen: Ei,
ei! Sieh! Sieh! Auch gut! Bravo! ... Allmhlich kam er in ein lauteres Lesen und
trug vor:
    - - Und da wir Leute von Westerhof doch wenigstens bei unserer gndigsten
Gutsherrschaft verbleiben werden und keine Gefahr ist, bei der groen und
bevorstehenden Umnderung der Verhltnisse mit den andern Gtern an die fremde
Linie zu kommen, so stehen wir auch fr unsere Rechte und Pflichten ein. Wenn
auch hochgrfliche Gnaden sollten den Schleier nehmen und ihr gottseliges,
wunderbares Leben im Kloster zu beschlieen wnschen, so hat uns Herr von
Hlleshoven doch versichert, da er die Verwaltung wie bisher fortfhren und
sorgen wrde, da rechtglubige Seelen hier an ihrem ewigen Heil keinen Schaden
nehmen. (So? - unterbrach sich der Lesende - dafr kann der Herr von Hlleshoven
sorgen?) Auch hat der Herr Referendar Benno von Asselyn alles geordnet, was bei
diesen Aenderungen sowol der Landschaft wie der Kirche an Rechten vorbehalten
bleiben mu, selbst bis auf das Waldleseholz in dem von Herrn Thiebold de Jonge
verkauften Walde, wo Herr von Terschka sich bereit fanden zur Abkaufung mit
einer namhaften Summe ein fr allemal, die nun unsern Armenkassen zugute kommt.
Herr von Asselyn hat im Namen des Herrn Oberprocurators Nck nicht nachgelassen,
da der Finkenhof nach wie vor 47 Thaler 20 Groschen 7 Pfennige jhrlich an das
Rochusspital in Witoborn zu entrichten hat, was Finkenmller nicht auftreiben
kann, wenn ihm der Tanz abgesagt wird -
    Aha! Da platzt die Bombe! schlo vorlufig der Pfarrer und stocherte die
Zhne.
    Ja, das kann ich nicht! polterte der Finkenmller seine so lange verhaltene
Stimmung rundweg und bestimmt heraus ...
    Mllenhoff las wieder fr sich und langsamer. Er stopfte sich dabei in aller
Gemthlichkeit eine Pfeife, whrend der Bogen auf dem Tische lag und von seinen
feurig lebendigen Augen in weitester Distanz gelesen wurde ...
    Fnftens, begann er dann wieder, ist der Pfaffe von Ystrup ein
Lieblingstanz der Leute, der seit hundert Jahren hier zu Land getanzt wird.
Sechstens sind die Jnglings- und Jungfrauenbndnisse schon deshalb eine reine
Unmglichkeit, weil jedes Gemeindeglied nicht blos einer, sondern schon mehreren
Bruderschaften angehrt und - mit der grten Ruhe zog Mllenhoff schon den
Rauch seiner Pfeife an - der Flei und die Arbeit schon genug darunter leiden.
Siebentens wollen die Musikanten auch leben und fallen sie, wenn sie nahrungslos
sind, der Gemeinde zur Last. Achtens bitten wir, den buckeligen Stammer vom
Kirchenbann zu befreien, damit - wieder that er einige Zge - der Krppel sich
sein Brot verdienen kann, seitdem er von Schlo Neuhof weggejagt und nun
eigentlich hierher gehrt, wo er geboren ist. Neuntens bitten wir, nicht immer
die Frau Schmeling ungebhrlich auf der Kanzel zu nennen (jetzt stellte
Mllenhoff die Pfeife als verstopft hinweg: diese Hebamme reizte ihn am
meisten), da die Frau ehrlich ist und alle, die hier leben, durch sie in die
Welt gekommen sind! Zehntens ersuchen wir den Herrn Pfarrer, unter allen
Umstnden auch ins Rgengericht und den Kirchenconvent zu treten, damit wir von
dieser ganzen neuen Reformation nicht den Aerger allein haben.
    Ist das nun alles? sagte Mllenhoff und holte sich aufs neue die Pfeife, die
er wieder anzndete.
    Ja! war die einstimmige Antwort der Mnner ... Sie lautete fest, aber doch
treuherzig. Und durcheinander gingen die Versicherungen der sich Erhebenden, da
sie alle in Gte und in bester Hoffnung auf ein schnes Zusammenwirken und
krftiges Zusammenleben hierher gekommen wren ...
    Ruhe! sprach Mllenhoff mit aller Fassung, machte sich einen Fidibus,
zndete wieder an und fuhr dann in den Intervallen des Rauchens fort:
    Da ich mich nur nicht vergriffen habe und da euere Staatsschrift nahm -?
Nein! Gott sei Dank! Na, setzt euch jetzt wieder! Also das ist denn nun auch
etwas, dergleichen zu erleben in einer Zeit, wo die Gesalbten des Herrn in
Kerkern schmachten, der Heilige Vater in Rom auf die Treue seiner Kinder zhlt
und diese Herrschaften hier in die Hnde der Unglubigen kommen sollen!
    Nicht Westerhof! - fiel man einstimmig auf den sich fast fr berwunden
gebenden Ton des Pfarrers ein ...
    So! entgegnete Mllenhoff und zog den Brand seiner Pfeife an. Mnner, ihr
redet, wie ihr's versteht! Geht die Comtesse ins Kloster, wie lange macht denn
der Herr von Hlleshoven noch, der - fr euere Seelen gutsagen will? Wird ihn
nicht der Aerger um seinen Bruder und die Schwgerin, die hierher ziehen und
sich gegenseitig zum Tort leben wollen, schon unters Grab bringen? Wer brgt
uns, da sich die Zustnde hier ber Nacht nicht smmtlich ndern! Leute, Leute,
nehmt ein Beispiel - an den Vornehmen selbst! Wit ihr's denn nicht schon?
Vierundzwanzig steinreiche Herren und Damen wollen sich jetzt einschlieen und
vierzehn Tage lang nichts thun, als hier fasten und beten!
    Herr Pfarrer, die, die nicht zu arbeiten brauchen, die knnen das - wollte
der Moorbauer einschalten und that es auch halb ...
    Bitte -! unterbrach Mllenhoff, als wenn er denn doch allein jetzt das Wort
htte ...
    Der Moorbauer schwieg und blickte scheu zu Boden ...
    Vom Tanz - fuhr Mllenhoff fort mit wechselnden Zgen aus der Pfeife - vom
Tanz kommt alles Elend der Gemeinden her! Herr Gott im Himmel, sollte man
glauben, da in einem Lande wie dem unserigen, wo die Schler der Apostel selber
gewandelt sind und wo wir bis auf den heutigen Tag den Ruhm behauptet haben, uns
Gottes Augapfel nennen zu drfen von wegen unsers Zusammenhaltens gegen Ketzer
und Ketzergenossen, doch das tollste und lustigste Leben sich erhlt und die
Schenken nicht leer, die Tanzbden zerstampft werden, da nur die Dielen so
krachen! Hunde sind das, die der bessern Mahnung entgegenbellen - aus euern
verstockten Herzen; selbst dann schon wieder bellen, wenn ihnen der Mund noch
nicht trocken ist von dem gesegneten Leibe des Herrn, den sie Vormittags
genossen! Nachmittags auf dem Tanzboden ist alles, alles, alles verdaut!
Schndlicher Frevel, zu sagen, da ja David auch getanzt hat vor der Bundeslade,
wie ich schon einmal von Euch, Finkenmller, habe hren mssen! David hat
getanzt, das ist wahr; aber David war lange Zeit ein Knig, wie meist die
unserigen auch sind, zum Gotterbarmen! David war ein solcher Snder, da Gott
nur um der allweisen Absicht willen, gerade aus seinem Stamm das Heil der Welt
zu erwecken, diesen gekrnten Ruber, diesen purpurgekleideten Mrder, diesen
ruchlosen Ballettnzer so lange hat leben lassen! Es ist wahr, David ging dann
in sich und hat spter die lieblichen Psalmen gedichtet zum Lobe des Herrn, aber
nur als die frchterlichste Reue und Bue ber ihn gekommen war und ihn das
zerknirschendste Beichtbedrfni an das Ohr gottgesalbter Priester trieb und er
in jammervollster Trauer sich auf dem Beichtschemel wand und ausrief: Herr, wo
soll ich mich vor dir verbergen? Flieh' ich gen Abend, so bist du da, und flieh'
ich gen Morgen, so bist du auch da! ... Menschen! Mnner von Westerhof! -
(Mllenhoff legte nun die Pfeife weg) Was hat denn den heiligen Johannes um
seinen Kopf gebracht, als der sndenvolle, gottverfluchte Tanz! Herodias, diese
Tochter Belials, tanzte sie nicht so wollstig vor dem Auge des
kindesmrderischen Herodes, da ihr dieser saubre Souvern jede Gnade
gestattete, die sie sich erbitten wrde? Und was that diese wrdige Tochter
ihrer Mutter, die die Maitresse des Herodes war und frmlich zur Nachfolgerin
ihrer Mutter erzogen wurde? Diese Creatur verlangte nichts schlechteres, als ein
heiliges Mrtyrerhaupt! Gerade wie ein neues Kleid oder wie jetzt solches
Gelichter von den neuen Herodessen Anstellungen fr ihren Bruder oder ihren
Buhlen im Steuerfach oder im diplomatischen verlangen wrde! Du Gekreuzigter!
Warum verlangten die beiden Weibsbilder gleich ein Mrtyrerhaupt? Weil der
gebenedeite Freund unsers heiligsten Erlsers in der Wste predigte, da die
Juden Bue thun, nicht mehr fluchen, saufen, Karten spielen und tanzen sollten!
Fragt doch nur einmal euere Tchter, fragt doch nur einmal euere Weiber, euere
Mgde, wenn sie im Finkenhof gerast haben und mit den Burschen zur Seite gehen
mit blutrothen Wangen, fragt sie, ob sie nicht mit Freuden auf einer Schssel
auch den Kopf ihres Pfarrers herumprsentiren knnten, wenn sie auf sein Gehei
dem Pfaffen von Ystrup, euerm jahrhundertjhrigen Allerheiligsten, entsagen
sollten? Und wozu streichen denn die Teufel ihre Violinen? Wozu set denn der
Versucher die Tne wie Hanfsamen aus? Was will er denn fangen in seinem
Tanzbodenstrich? Vgel fr die Hlle! O dann kommen die Mdchen, etwa fnf
Monate nach so einem Pfaffen von Ystrup, in den Beichtstuhl! Sonst schlank wie
die Pfeifenstiele, jetzt wie die Bageigen, weil die Snde zu Tage kommt! Dann,
dann mchten sie nicht Euern Tanzboden, sondern Euere Mhlsteine haben,
Finkenmller, um sich in der Witobach zu ersufen, da wo sie am tiefsten ist!
    Der Finkenmller wurde gereizt, zerdrckte seine Kappe und sagte, seines
Amtes wr' es, die Rechte beisammen zu halten, die auf seinem Gute hafteten. Ihm
knnte die Mhle gengen; aber da er beim Erwerb des Finkenhofs das Recht zu
schenken und aufspielen zu lassen mit bezahlt, auch Steuer und Zehnten darauf
genug zu geben htte, so wrde er erst auf seine Abfindung anzutragen haben,
falls das durchginge, da hier die jungen Leute jetzt in den Kirchen vor dem
hochwrdigsten Gut frmlich beschwren sollten, nicht mehr zu tanzen ...
    Mllenhoff loderte so auf, als wrde schon das hochwrdigste Gut als bloes
Wort in solchem Munde verunreinigt. Er schwieg, sah sich aber um, wie nach einem
Donnerkeil aus Rom. Da suchte der Meyer zu vermitteln ...
    Wie denn auch den Leuten erst zu beweisen wre, sagte der Meyer mit seiner
Stimme, da sie etwas Unehrbares trieben! Die hohen Herrschaften tanzen alle und
geschieht's in Ehren, Herr Pfarrer, so kann dabei auch keine Snde sein ...
    Und der Moorbauer berief sich sogar auf den Widerspruch aller Mtter, selbst
der ehrbarsten ... Die Vter, meinte er, wissen wol, der Tanz sei des Teufels
Jahrmarkt; aber wie wollte man nur allen den jungen Weibsen die Lust daran
nehmen? Sie brennten ja doch eben zu versessen darauf!
    Es ist nun einmal so! rief der fnfte, der Bauer Leyendecker; die Leute
schinden sich in der Woche sechs Tage und am siebenten wollen sie aus dem Joch
heraus! Es hat alles seine Zeit, Herr Pfarrer! Das Beten hat seine Zeit und das
Vergngen hat seine Zeit! In diesem Land ist denn doch unserm lieben Herrgott
und seinen Engeln immer nur wohl gebettet gewesen!
    Seid ihr nun fertig? sagte Mllenhoff mit einer lange mit sich selbst
ringenden Migung und Geduld ...
    Ja! riefen alle einstimmig und trotzig ...
    Ich will euch sagen, Leute, lenkte Mllenhoff etwas ein; lat uns in Gte
reden! Die heiligen Kirchenvter, Chrysostomus an der Spitze, die kann ich hier
nicht citiren! Es ist wahr, sie alle sind furchtbar gereizt gegen den Tanz. Es
mag sein, weil manche von ihnen noch jenen schauderhaften Tnzen zu nahe gelebt
haben, mit denen die Heiden ihre Gtzen, die Venus, den Jupiter, die Minerva und
hnliche Affenschande verehrt haben. Aber glaubt ihr denn nicht, da unter dem
Unkraut in den Herzen der jetzigen Jugend, unter der Spreu auf der Tenne noch so
viel edler Weizen liegt, da man ein solches Frauenzimmer - oder - nehmt's mir
nicht bel - euere eigenen Weiber und Tchter, in aller Gte nehmen und ihr
sagen kann: Kind, ein Wort im Vertrauen! Sieh Griete, Anne Marie, so ein Bursch
wie der Siebdrat oder der Heikerling oder wie die Schlingel heien, die krzlich
ihre drei Jahre abgedient haben und immer noch mit dem rothen Streifen an ihren
Mtzen hier herumlaufen und selbst so in die Kirche kommen, in die Kirche, wo
nur Eine Cocarde und Eine wahre Landesfarbe herrschen soll, das durchstochene
Herz und das Blut unsers gnadenreichsten Erlsers Jesu Christi! - ich sage, wenn
ihr sagen wolltet: Griete, Anne Marie, - Gott, Gott, diese heiligen Taufnamen! -
wenn dir nun so ein Schlingel im Felde begegnete, in dem hochwallenden
Gotteskorn oder im heiligen Walde - nein, den hauen uns die Lutheraner hier
nchstens auch noch ab! - oder hinterm Gartenzaun und wollte dich nur so um die
Hfte fassen, wie er's auf dem Tanzboden thut - Mdchen, knntest du das denn
leiden? Wrdest du nicht ber den Buben auer dir sein? Wrdest du nicht ber
die Schlenker, die man machen mu beim Pfaffen von Ystrup Brust an Brust und
Mund an Mund - in den Boden versinken vor Scham? Und wrdest du diesen
Schlingeln mit den rothen Streifen an den Mtzen nicht hinter die Ohren
schlagen, da ihnen Hren und Sehen vergeht? Nun sieh, wrd' ich als Vater
sagen, dergleichen duldest du nun alle Sonntage! Marie Anna, Magdalena, du, die
niemand zweideutig ansehen darf, wenn sie im Felde schanzt und zchtig sich
schon die Kleider hlt, nur wenn der Wind geht, du mein holdseliges Kindlein, du
putzest dich Sonntags, behngst dich mit Ketten und Schaustcken, setzest dich
in den Finkenhof auf die Bank und lungerst mit gierigem Blick, ob dich denn
nicht auch jemand nehmen mag oder ob du wol gar sitzen bleibest und das Blut,
hui! das spritzt dir frmlich vor Ungeduld aus den Wangen, wenn immer mehr
antreten und du noch vacant bist! Gott, bei deinen hochheiligen Wunden, wrd'
ich doch so ein geliebtes theures Kind, die Freude einer Mutter, das
Nestkchlein eines Vaters, so ein Bild der Unschuld und holdlieblichen Sitte,
beschwren, da sie sich vergleichen mchte, wie sie daheim sitzen knnte am
Spinnrad, eine zchtigliche Maid, sanft und lieblich und unschuldsvoll wie eine
Taube ... Und, mit dem Bilde vergleicht dann diese Lndler und diese
Schottischen! Wie die Rcke fliegen! Wie der Boden kracht! O Familienvter!
Schildert ihnen doch das um des enthaupteten Johannes, um dieses ersten Pfarrers
auch in einer Wste, willen! Schildert den Eindruck, wenn nun spter die Bursche
anfangen von Bier und Taback und Branntewein zu glhen und die se Unschuld des
Herzens, der zarte jungfruliche Leib euerer liebsen Mgdelein, deren
Kindeslallen euch ach! so inniglich erquickte, in die Arme solcher Buben sinkt!
Schildert ihnen, was diese beweinenswerthen Lmmel nun die Dreistigkeit haben in
ihr keusches Ohr fr Gift zu trufeln! Wie sie sich hinsetzen, euern Tchtern
das klebrige Glas vollschenken lassen und Hand in Hand sie auffordern, mit ihnen
erst durch Redensarten hindurchzuwaten, durch den Pfuhl der Erinnerungen und
Erfahrungen, die sie aus ihren gottesvergessenen lutherischen Garnisonen mit
heimgebracht haben, aus der Plage der allgemeinen Militrpflicht, die ihr schon
so oft zu allen drei Teufeln, wo sie herstammt, hingewnscht habt! Unsere
Bursche sind schn, herrlich gewachsen, wie ihr selber noch die strammsten
Mnner seid! O, so kommt es, sie standen fast alle bei der Garde! Nun kehren sie
wieder aus der Residenz selbst, wo diese Unglcklichen leben mssen ohne die
trauliche Verbindung mit unserer gnadenreichen Mutter, wo sie nur drftig
genieen die heilige Zehrung, die Herzenserleichterung am Ohr eines geweihten
Priesters, ja wo eine jammervolle Veranstaltung unserer Neunmalweisen sogar
mglich gemacht hat, da diese armen Trpfe, diese guten lieben Kerle, euere
Shne, euere Neffen, euere jngern Brder, wol gar in die Kirchen der Ketzer
commandirt werden und ihr treues Herze, ihr manchmal doch noch reines,
unverdorbenes Gemthe die Weisheit solcher Geistlichen von einer Kanzel herab
hren mssen, deren wir ja sogar jetzt einen in Witoborn haben - Gott im Himmel
erbarme dich! einen Priester mit sieben lebendigen Kindern! ... O, ich
beschwre euch, Familienvter, thut das Eurige, euere Kinder und Kindeskinder,
an die ihr mit Stolz denken knnt, nicht zu verkaufen an den, der ausgeht, sie
zu verschlingen! Uebernehmt, obschon nicht geweiht, das Amt des Priesters!
Sprecht am brennenden Kienspan in jeder Htte von der Snde, die ja schon darin
liegt, nur etwas zu wagen, was mglicherweise Snde werden knnte! Grabt es
ihnen im Bilde vor, das Grab der Unschuld und Tugend! Sagt ihnen: Wandle, Mensch
- Mensch, wandle dort, wo du wnschen mchtest einst dein Sterbebett hingestellt
zu haben! Kannst du, o Jungfrau, o Jngling, dir unter Gefahr einer Todsnde nur
vorstellen, da der Tanzboden dein Sterbebett wre? Kannst du dir denken, da an
diese Stelle ein Priester hinkme und dir das heilige Oel brchte? Kannst du dir
denken, da die Gliedmaen deines Leibes dir dort gesalbt werden knnten zum
letzten Pfade an die Pforten der Ewigkeit? ...
    Lngst schluchzte der Meyer ... Diesem kam die Wehmuth am ersten zu und sie
war ihm natrlich. Sie war ihm das schon von der Anstrengung seiner Nerven und
dem strkern Druck derselben infolge seiner schwierigen Zwischenstellung
zwischen Gemeinde und Pfarrer ...
    Auch der Moorbauer wandte sich ab ... Auch die beiden andern uerten
Bedrfni, sich ihre Nasen zu putzen und suchten nach ihren blauen Sacktchern
... Nur der Finkenmller blieb kalt und wagte ein:
    Bitte, Herr Pfarrer -
    Schweigen Sie! fuhr ihn Mllenhoff an, ganz aus der sanften Rolle fallend
...
    Als der Finkenmller dann schwieg, fiel er auch gegen ihn wieder in den
sanftesten Ton zurck und fuhr fort:
    Soll denn die Heiligung der Sitten nur mglich sein da drben in den Berg-
und Fabrikdistricten, wo die lutherischen Pastores nichts vom Christenthum
kennen als die Bibel, und von ihren eigenen Weibern und Kindern so in Anspruch
genommen werden, da sie fr euer Seelenheil keine Zeit mehr brig haben? Sollen
wir nicht zeigen, was gerade wir vermgen aus unserm Grunde, der da ist der Fels
Christi? Sollen sie uns verspotten um unsern heiligen Liborius und sagen: Seht,
soviel Kinder kommen auerhalb der Ehe bei uns und soviel bei denen! Schlagt mir
den Tanzboden ein, sag' ich, oder ich prophezeie nichts Gutes fr unsere Mutter
Kirche! Finkenmller! Geh in dich! Denke, da die Gemeinde dir ein Opfer bringen
wird! Sie wird dir den Ausfall deiner Einnahmen ersetzen! Sie wird den
Jungfrauen- und Jnglingsbund nicht abhalten, dennoch bei dir einige Stunden des
Sonntags der Erholung und der Freude zu widmen! Ich schlage vor, da jedes
Mitglied in eine Bchse einen Groschen wirft zur Abkaufung des Tanzes! Der
heilige Augustinus, der auch erst ein lasterhafter Heide war, ehe er zur
Erkenntni kam, wird diese Spende segnen! Die heilige Afra wird sie segnen, sie,
die einst Spiel und Tanz zu Augsburg in ihrem Hause zur Anlockung der Snde
hatte und durch den heiligen Paullinus bekehrt werden mute, wird sie segnen! Es
ist wahr, der heilige Franz von Sales hat unter gewissen Umstnden den Tanz
gestattet. Aber so innig ich ihn sonst verehre, den frommen Bischof, ich
frchte, er lebte in zu vornehmen Verhltnissen, um sich - (Mllenhoff stockte
jetzt etwas) einen Zustand, wie den um Witoborn herum vergegenwrtigen zu knnen
... Er kannte diese Menschen nicht, die jetzt aus dem ihm auffallenderweise sehr
werthen Paris kommen ... Er kannte Menschen nicht, die dort die Theilung der
Gter proclamiren, diese Handwerksburschen, die keinen Hof sehen knnen, ohne zu
sagen: Aber der Garten dazu ist mein! keine Kuh, ohne zu sagen: Aber das Kalb
gehrt mir! keine Henne, ohne zu sagen: Aber die Eier legt sie fr mich! Haben
wir nicht etwa auch schon solches Volk unter uns? Matres-tailleurs und hnliche
- Schneider?
    Schneid hie der neue Hausknecht, der in Schlo Westerhof eingetreten und
dem Meyer noch nicht ordentlich gemeldet war ... Jean Tbbicke brgte fr ihn
...
    Mllenhoff hielt eine Secunde inne. Da fand der Finkenmller Zeit,
einzuwerfen:
    Ich bin aber gewi, der Herr Archipresbyter -
    Was sind Sie gewi? unterbrach Mllenhoff. Ich, ich, auch ohne den
Archipresbyter, ja ohne den Heiligen Vater in Rom, htte die Macht, im
Beichtstuhl zu strafen! Ich knnte denen, die in den Stand der Ehe zu treten
gedenken, nur eine stille Messe lesen, wenn sie nicht das Versprechen zur
heiligen Dreieinigkeit ablegen wollen, auf ihrer Hochzeit nicht tanzen zu
lassen! Ich thu' das nicht. Ich will euch in Gte gewinnen. Hier ist das
Bchlein ber die Stiftung der Bndnisse. Da habt ihr zwanzig Exemplare zur
Vertheilung. Zu nchsten Ostern ist alles in Ordnung. Am Charsamstag hlt der
Bund eine Procession und lat nur die Buben stehen und lachen und die losen
Weiber und die Hebammen an der Spitze, wir werden die Lsterer schon auf die
Knie bringen, wenn in der Mitte der Jugend Ihr, Finkenmller, selbst die Fahne
tragt und ich gleichfalls hinterher gehe, die Hand mit dem hochwrdigsten Gute!
    Vor diesem magischen Wort schwiegen nun wol die Mnner ... Der junge Kmpfer
siegte ... Alles blieb still ... Mllenhoff holte von einem Bcherbret zwanzig
kleine Broschren und zhlte sie ihnen ab ...
    Herr Pfarrer ... sagte der Meyer inzwischen. Sie sehen, wir werden das
Unserige thun! Es wird einen schweren Kampf kosten! setzte er seufzend hinzu.
Schon heute, wo infolge des Leichenbegngnisses alles auf den Beinen ist, schon
heute sollt' es auf dem Finkenhof zwar ein bischen lebhaft werden -
    Dem Lutterberg zu Ehren! meinte Mllenhoff im Zhlen. Ja, was werden die
Teufel heute im Lutterberg rumoren!
    Aber tanzen lass' ich heute nicht! sagte der Finkenmller. Aber in Zukunft -
    Ja habt doch nur Muth, Leute! unterbrach Mllenhoff; habt doch Muth! Das
Uebrige macht das Rgengericht und der Kirchenconvent -!
    Ja, Kirchenconvent und Rgengericht -! riefen alle durcheinander ... Es war
ein Thema, dessen Errterung noch im Rckstand blieb ...
    Nun? lautete Mllenhoff's erwartungsvolle Frage ...
    Sie haben das Rgengericht eingefhrt, Herr Pfarrer, sagte der Meyer, und
ziehen sich nun selbst zurck? Schieben uns nur so vor? Jeden Ersten sollen wir
zu Gericht sitzen und wenn die Weiber uns auslachen und die jungen Bursche uns
den Buckel voll Schlge androhen und wir nicht wissen, wie wir unsere Autoritt
aufrecht erhalten sollen, wollen Sie im Feld spazieren gehen oder in Ihren
Bchern studiren? Nein, mit Vergunst, Herr Pfarrer! Wenn das Rgengericht sich
halten soll - und ich habe nichts dagegen, wenn wir sorgen, da nicht jeder
Plunder an den Landrath oder die Gerichte kommt - so mssen Sie den Vorsitz
fhren, Herr Pfarrer!
    Und Sonntags Nachmittags mssen Sie die Kirche dazu hergeben! fielen alle
ein ...
    Erst wollte Mllenhoff ironisch ausweichen. Aber auf das Wort Kirche
hergeben rief er, als sollte man es hundert Schritt weit hren:
    Ich bin das ewige Gericht und sitze zur Rechten des Schpfers Himmels und
der Erden!
    Nein, setzte er dann den auf den Tod Erschrockenen hinzu, gebt euch nur
getrost diese Autoritt selbst!
    Die aber - das - das knnen wir nicht!
    Wird kommen, wenn ihr selbst nicht mehr bis Elf im Finkenhof unter den
Zllnern sitzt!
    Halten wir uns von den Leuten apart, Herr Pfarrer, so vermgen wir erst gar
nichts! sagte Hennicke ...
    Pro Deo! rief Mllenhoff mit feierlich lauter Stimme. Nicht Per Deum! So
fngt jedes Concordat an und ich will euch das bersetzen ... Glaubt ihr, guten
Leute, da ihr dem allmchtigen Schpfer nichts anderes schenken knnt, als was
ihr von ihm ausdrcklich zum Geben empfangen habt? Wollt ihr ihm denn gar nichts
geben von dem Eurigen, von euerer eigenen Tugend, von euerer eigenen Moral,
euerer eigenen Gerechtigkeit? Knnt ihr nichts, nichts beisteuern zur
Herstellung der Ordnung in der Welt? Ihr lieben Leute, diese Opfer bringt
getrost aus euch selbst! Schenkt dem Gekreuzigten euere eigene Kraft, nicht
immer die, die ihr erst seinen Stellvertretern auf Erden verdankt! Ein
Seelsorger soll sich nicht in die weltliche Auffassung euerer Hndel mischen.
Nur vorarbeiten sollt ihr seinem Wirken, sollt ihm in die Hand arbeiten, sollt -
    Wir sollen nur so vorm Schu stehen, Sie hinter unserm Rcken! rief der
Finkenmller, der wieder Oberhand gewinnen wollte und der Groschenbchse am
verschlossenen und doch von ihm neulich frischgedielten Tanzsaal nicht recht
traute ...
    Wenn ich unsichtbar unter euch bin, antwortete Mllenhoff, schon
siegestrunken, aber doch scheinbar gelassen und milde, so ist das fr euch eine
Schande, Mnner? Ich werde, wenn wir auf unserm Wege fortgehen und wir die
Bndnisse erst haben, nicht verfehlen, das Rgengericht im Beichtstuhl zu
untersttzen. Ich werde auch die schwierige Aufgabe, die wir die Visitation
nennen, nicht von mir weisen. Ich werde nicht zurckbleiben hinter meinem
Amtsbruder in Borkenhagen, der zu den gottverlorenen, unglckseligen Menschen,
dem im Kirchenbann lebenden alten Hedemann und seiner Frau, sich nicht die Mhe
verdrieen lt wchentlich einmal zu gehen, anzupochen, an ihren Herd sich zu
stellen und sie zu bitten, an den heiligsten Ort der Welt zurckzukehren und von
dem Tisch des wahren Brotes und von der Ruhe in geweihter Erde sich nicht mit
Gewalt auszuschlieen. Ihr wit, wie grillig diese alten im Kirchenbann lebenden
Leute sind, und wit, warum?
    Ja wohl, Herr Pfarrer!
    Die Schuld traf -
    Den Pfarrer Langeltje - sagte der Finkenmller ...
    Den Landrath! betonte Mllenhoff mit berichtigender Schrfe. Sogleich fuhr
er wieder sanfter fort:
    Es soll mir ein Stolz sein, wenn solche Verstocktheit mir die Thre weist!
Ein Stolz, wenn ihr mir die Bcher aus der Hand reit, die ich auf euerer
Ofenbank finde und untersuche, ob sie zu lesen euch auch ziemlich ist! Diese
Visitationen werden mir gelingen, denn die Kinder sollen mich dabei beschtzen!
Die Bilder der Heiligen werde ich euern Kleinen zeigen, denen die Thaten
derselben erzhlen und die Alten werden dann auch schon heranrcken und sich
schmen nicht zuzuhren dem, was christlich ist, und ich werde der Freund auch
eueres huslichen Herdes werden. Das Rgengericht aber, das ist euere Sache!
    Wenn Sie nur wenigstens, Herr Pfarrer, sagte der bedrngte Meyer, bei der
Strafe, die der Kirchenconvent dictirt, mitstimmen wollten!
    Auch das nicht, lieb' Vterchen! Ich bedanke mich, gutes Meyerchen! Ihr
sollt selbst am Kreuz des Erlsers tragen helfen! Ei, wit ihr denn nicht, was
unser hochheiliges Rom mit seinen Concordaten sagen will? ... Nicht, weil ich
nicht die Kraft htte - ach, unser hochheiligster Jesus, der hatte die Kraft,
die Erde aus ihren Angeln zu reien - Da er aber dennoch auf Golgatha das
Marterholz mit rinnendem Schwei und tropfendem Blut getragen hat und da er
lieber zusammenbrach wie euersgleichen, das war blos um zu sehen, wer
hinzutreten wrde - um ihm zu helfen! Gelegenheit wollte er blos andern geben,
sich den Miteintritt ins Paradies zu erwerben. Und in dieser gttlichen Gte
ahmen ihm jetzt seine geweihten Priester sowol beim Rgengericht wie beim
Kirchenconvent und noch in vielen andern weltlichen Dingen nach. Ihr knnt alle
Tage so heilig werden, wie Simon von Cyrene es wurde, der dem Heiland das Kreuz
tragen half! Weist, ich bitte, die Gelegenheit dazu nicht ab! Kennt ihr den
Fluch, der jenen Schuster traf, der das Ausruhen auf den Stationen des heiligen
Kreuzwegs unterbrach und frech die beiden Kreuztrger anschnauzte, was sie hier
vor seinem Laden halt machten und ihm die Kundschaft verjagten? Bis zur heutigen
Stunde haben die Juden infolge dieses Schusters auch noch keine Ruhe gefunden;
sie irren innerlich noch immer umher, wenn sie auch uerlich in Witoborn
allerlei Seelen und einige Landrthe im Sack haben. Jeder Jude, den ich sehe,
und sng' er noch so schn, wie der, der neulich hier mit dem Herrn von Terschka
die Gter verma und eine gottlose Arie nach der andern pfiff, kommt mir wie
eine unbegrabene Leiche vor. Der Kirchenconvent, das seid ihr! Wer die Gemeinde
als Spieler und Vagabund belstigt, nicht zum Abendmahl kommt, schlechte Bcher
liest, den lat getrost euere Entrstung fhlen und wenn es zehnmal die meinige
ist und es euere Schwger oder Vettern sind, die es trifft! Ich kenne das. Auf
meiner ersten Pfarre - ja, da sa ich im Kirchenconvent. Was geschah? Jede
Strafe mute ich dictirt haben! Der Meyer dort war Soldat gewesen und ein wahrer
Profo an Zorn und Strafwuth. Fr jedes Zusptkommen bei der Messe htte er
einen Louisd'or verlangen mgen, von denen zumal, wo er wute, da sie
dergleichen Waare im Kasten haben. Begegnete er dann so einem um lumpige fnf
Groschen Gestraften, so grte er ihn schon von weitem als Herzbruderkamerad und
schttelte ihm die Hand und sagte: Brderlein fein, wie leid that mir's doch
neulich wieder mit den fnf Groschen, aber - nun bohrte er einen Esel in die
Luft und mit einer Kutte drber und gleichsam als wenn - siehst du, der Pfaffe
drben, der hat's decretirt, hat nicht eher nachgelassen! Ja, der Kerl hate
seinen Schwager so, da er ihn ber den Weg htte vergiften knnen, und nun
sollte ichs immer gewesen sein? Nein, solche Niedertracht lass' ich bei uns
nicht aufkommen ... Ihr richtet! Ihr straft! Und dann mu ich euch auch noch in
aller Aufrichtigkeit sagen: Die Beweise der Wrdigkeit, die ihr habt, in meiner
Gesellschaft zu sitzen, mt ihr mir erst noch geben. Ich schtze euch als
Mnner von Rang und Ansehen, aber der Taback, den ihr manchmal raucht, ist nicht
meine Sorte. Ich meine das in aller Gte und anders als hier in der Pfeife (- er
nahm diese jetzt wieder -) aber es ist mir bereits schon vorgekommen - ich will
nichts von euch sagen - da Jockel, wenn er einmal wegen Schwchung citirt wurde
- den Vorsitzenden Pfarrer anzulachen die Frechheit hatte und sagte: Wir sind
allzumal Snder und brauchen einen und denselben Doctor! Nein, unsern Willen
sollt ihr thun; das versteht sich; aber aus euerer eigenen Entschlieung! So
machen wir's von jetzt an auch allberall! Auch im Groen, auch in
Staatsangelegenheiten. Das nennt man Concordate. Ihr Leute! Pastoralklug ist
gut. Leider aber, wie die Welt nun einmal ist, mu man auch manchmal ein Bissel
pastoralpfiffig sein!
    Damit lachte Mllenhoff sich selbst so vergngt Beifall, da auch die Bauern
um ihn her lachen muten und der Meyer meinte:
    Na, wir kommen schon zusammen, Herr Pfarrer! Geben Sie ein bischen nach und
wir auch ein bischen - alles mit Bedacht und ohne uns und Ihnen etwas zu
vergeben! Neulich noch rieth uns Herr von Terschka selber dazu, da wir uns ganz
nach Ihnen richteten!
    So? sagte Mllenhoff, sich im Lachen migend ...
    Ja, fuhr der Moorbauer fort, wir sollten fr den Bund die Auszeichnung einer
Medaille einfhren, dann wrden alle beitreten!
    Da hatte er Recht! meinte Mllenhoff und setzte hinzu: Nun, der ist ja
wenigstens noch von uns!
    Und dann sagte er auch, sollten wir mit dem Domherrn sprechen! Der wrde
allem schon das rechte Schick geben ...
    Nun ist's genug! sagte Mllenhoff kurzweg und that, als wollte er gehen. Das
Lob des Domherrn mochte er nicht hren ...
    Die Mnner ffneten die Thr. Erst wollte der Moorbauer hinaus, der am
nchsten stand ...
    Wie er sich verbeugte, fiel er fast, sah dann hinter sich und entdeckte
etwas, das auf der Flur drauen stand und beinahe von ihm umgeworfen wurde ...
    Auch Hennicke stolperte schon ...
    Was steht denn da? fragte Mllenhoff aus seinem innersten Vergngtsein
heraus ...
    Die Mnner traten in die Stube zurck und blickten auf einen Korb, der dicht
an der Thrschwelle stand und verdeckt war ...
    Was soll denn das da? sagte Mllenhoff und suchte nach seiner Bedienung.
    Der Korb sah seltsam aus. Niemand hatte recht den Muth ihn wegzuheben. Er
war oben offen und hatte ein kleines Schirmdach, das mit rothem Zeuge verhngt
war ... Man htte glauben mgen, es war ein Korb, wie man ihn auf Wiegen
befestigt ...
    Mllenhoff, blutroth schon, sah die verlegen lchelnden und zurckweichenden
Mnner an ...
    Kathrein! rief er laut. Was steht denn hier im Wege?
    Eine Magd, die das kanonische Alter hatte, eine jngere, die nicht beim
Pfarrer, sondern bei ihr diente, kamen herbei und verwunderten sich des Todes
ber den Korb ...
    Alle hatten die Ahnung, da sich jemand ins Hans geschlichen und an der
Thrschwelle des Pfarrers - ein Kind ausgesetzt htte ...
    Zornentbrannt und doch voll tiefster Verlegenheit ri Mllenhoff die rothen
Vorhnge des Korbes auf und richtig! in Betten versteckt, lag mit weiem
Hubchen ein Kind, wie sich jedoch die Kathrein sofort berzeugte, kein
lebendes, sondern ein allerliebstes, niedliches Wachspppchen ...
    Unter Gelchter zog sie es hervor ...
    Die Mnner wagten nicht in das Gelchter mit einzustimmen, sondern hielten
die Hand vor den Mund und entfernten sich rasch, um erst drauen, wie man zu
sagen pflegt, loszupruhschen ...
    Das ist - das ist ja ein niedertrchtiger Streich - ein Streich nur von der
Schmeling! rief der Pfarrer. Meyer! schrie er diesem nach. Sie untersuchen das!
Melden's gleich dem Landrath! Er soll euern Schreiber schicken! Auf der Stelle!
Da seht ihr nun euere Zucht und Ordnung! Ich werde das Schandstckchen von euch
auf die Kanzel bringen!
    Der Meyer stand verlegen an der Hausthr ...
    Es wurde gefragt und geforscht, ob man denn nichts erblickt, niemanden im
Hause gesehen htte ...
    Den Jean Tbbicke, den buckeligen Stammer, den Perrkenmacher Schneid, alle
Verdchtigen rief Mllenhoff der Reihe nach auf ... In Witoborn sollten alle
Korbmacher, alle Puppenverkufer, alle Hndler mit Betten und rothem Kattun
Haussuchung bekommen ... Dann wieder fiel ihm die Lcherlichkeit des ganzen
Vorfalls auf. Schumend warf er die Thr hinter sich zu und schrieb nun selbst
an die Polizei in Witoborn. Htte er nur den Tbbicke gehabt, um seinen Zorn
ganz auslassen zu knnen!
    Erst allmhlich kehrte ihm die Ruhe zurck beim Blttern in den Exercitien
Loyola's und beim Wiederlesen des Billets der Frau von Sicking ... Dann ordnete
er seine Toilette, rstete sich mit einigen geistreichen Gedanken fr das
Diner und ging, ganz ein Papst Hildebrand vom Dorfe, mit festem Schritt hinaus
in den frischen Wintertag.

                                       3.


Inzwischen lugte auch auf Augenblicke freundlich die Sonne hervor aus der
unermelichen Wolkendecke, die ab und zu sich ihrer Schneeansammlungen aufs neue
entledigte.
    Da, wo die Sonne verborgen gestanden, bekam der Himmel das Ansehen, als wr'
er ganz von geschliffenem Achat, von durchsichtigem, gelbrthlich geflammtem ...
    Um die Kirche her standen die Bume in ihrem weien Krystallschmuck. Im
Sommer konnte man sich hier, wenn rings die Ulmenste wogten und ihre langen
Schatten warfen, an einen alten Opferhain erinnert fhlen. Jetzt war es licht
ringsum. Schon unter den gefrornen Eiszapfen, die wie die Orgelpfeifen ber dem
Portal des Ausgangs der Kirche hingen, sah man weit in die schneeverhllte Ebene
hinaus, wo die Wintersaat schlummerte, die Hasen dahinschossen, die Krhen
einsam auf rauchenden Dchern stolzierten ...
    In einer groen, etwas alterthmlichen, nicht aus Hoffart, sondern des
Schnees wegen von vier Pferden gezogenen Kutsche sa Paula im Fond mit Tante
Benigna, auf dem Rcksitz Armgart und der Doctor Laurenz Pttmeyer, der
Philosoph von Eschede, langjhriger Verlobter der jetzt in Paris bei den Fulds
weilenden Angelika Mller. Der pltzlich gekndigten Lehrerin von Lindenwerth
hatte die kleine freundliche Bettina Bernhard Fuld diese Stellung als
Reisebegleiterin und Gesellschafterin bei sich angeboten und Angelika sie
angenommen ...
    Ein so enger Raum! ...
    Und wie mchtig dehnt sich doch die Lebensbeziehung einer jeden dieser vier
Personen in die Welt aus, weit, weit ber diese winterliche Flche und das Echo
der wieder beginnenden Glocken hinweg! So aber ist das Leben in seiner
Wirklichkeit. Auf der Bhne, da treten Helden durch weit aufgerissene
Flgelthren ein und die Spannung steht, wie eine sich verbeugende Kette von
Kammerherren und Lakaien, um einen Frsten oder - Bettler, wenn gerade das
Interesse auf einem Bettler ruht, auf die Scene treten zu lassen. Im Leben aber
ist so ein gefeierter Philosoph wie Pttmeyer pltzlich da wie unsereins! Dieser
groe Mann, fr den nun sogar am Ufer der Seine ein treuliebend Herz Propaganda
macht und ihn jetzt sogar in einem Bankierhause Wechsel auf die Zukunft ziehen
lt, auf diesen unerschpflichen Reservefonds aller unverstandenen Geister der
Gegenwart, sa hier vllig unerkennbar, tief verloren in einen Mantel, Muff,
Shawl und Fusack -
    Laurenz Pttmeyer war heute ein vllig von den Todten Erstandener ...
Eschede ist ein kleines Stdtchen und Pttmeyer bewohnte daselbst zwei Zimmer im
Erdgescho seines eigenen lterlichen Hauses. Ins grne Freie, einen Hausgarten,
ging er nur, wenn ihm sein Hund und seine Katze die Nelkenbeete verwsteten -
die Nelke war ihm die liebste Blume; sie hat eine schne Symmetrie und an ihrem
Stengel erhebt sich die geschlossene Knospe in einer konischen Gestalt. Und
hatte nicht auch sein eigenes ganzes Wesen das eines groen alten Katers?
Armgart wenigstens meinte gleich heute in der Frhe, als ihn eine grfliche
Kutsche von Eschede brachte, es fehlten ihm nur an dem glattrasirten Kinn und
der langen Oberlippe ein paar spitzabstehende Hrchen - und Hinz wre fertig. So
berichtete sie auch schon neulich, als sie zum ersten mal des Doctors
Bekanntschaft machte. In Lindenwerth wurde oft Pttmeyer's Portrt den Mdchen
als Medaillon in Aquarell gezeigt. Da hatte er noch blonde Haare, eine scharfe,
nicht gar zu spitze Nase, graue, entschlossene Augen, eine bluliche Frbung des
abrasirten Barts und eine ungeheure weie Halsbinde, in der sich ein vornehm
spitzes Kinn versteckte. Nun aber in Wirklichkeit spielte bei dem schon tief
Vierzigjhrigen alles grau in grau. Der Doctor war ein Sonderling geworden. Man
erzhlte von dem Sophahocker, da er eine Wasserflasche, die dem Sonnenstrahl
ausgesetzt war und die gegenberliegenden Gegenstnde als Brennspiegel
entzndete, nicht etwa aus dem Sonnenstrahl heraustrug, sondern mit einem
Makulaturbogen seines Werkes: Christus und Pythagoras, umhllte, blos weil er
zu trge war, um aufzustehen und einen Schritt weiter mit seinen schngestickten
Angelika-Pantoffeln zu schlorren und die Flasche in den Schatten zu setzen. Ins
Freie ging Pttmeyer dann nur noch jeden Abend, wenn er das beste Hotel von
Eschede bei Schnian's und jeden Sonntag die Kirche besuchte. Seine
Verehrerinnen muten ihn in seiner Wohnung aufsuchen. Und diesen Mann mobil zu
machen, das war Armgart gelungen! Gleich nach ihrer Flucht aus Lindenwerth hatte
sie ihn wie eine verschttete pompejanische Ruine entdeckt. Sie hatte die
unendliche Liebe und Dankbarkeit, die sie fr ihre Lehrerin besa, fr die Arme,
die ihretwegen so hart bestraft wurde, auf den Freund des Herzens derselben
bertragen und mit jener dem jugendlichen Alter so schn stehenden
Liebesbertreibung in ihm aller Welt den Propheten nachgewiesen, der in seinem
Land verkannt wrde, whrend die wissenschaftliche Welt von Alexander von
Humboldt in Berlin an bis zum alten Windhack zu Kocher am Fall voll von seinem
Ruhme wre. Ruhm verbreitet sich, hatte Angelika oft genug gesagt, in
concentrischen Kreisen. Wie auf dem Wasserspiegel die erregte Wellenlinie erst
in der Nhe des hineinfallenden Steines klein, dann wachsend und wachsend und in
ihrer wahren Gre erst in ihren uersten Nachschwingungen sichtbar wrde, so
auch die Anerkennung des Genius, zu dessen wahrer Wrdigung dann ja oft auch -
die Steine gehrten. Niemanden hate Armgart so, wie einen gewissen Philosophen
Namens Joseph Schelling, der so unersttlich nach Ruhm wre, da er auch noch
den Lehrstuhl Hegel's, den bis dahin ein unbedeutender Schler bekommen,
einnehmen und dadurch gleichsam beweisen wollte, da er von Hegel nicht
berwunden worden. Das war in Eschede ein Aufsehen, als eines Tages eine
grflich Dorste'sche Kutsche ins Thor fuhr und ein Livreebedienter nach dem
Doctor Pttmeyer fragte! Und schon am Abend, wo Pttmeyer nicht bei Schnian's
erschien (wo sich regelmig vier oder fnf Stammgste einfanden), wute es die
ganze Stadt, da Frulein Armgart von Hlleshoven auf Stift Heiligenkreuz den
Doctor aufgesucht, ihm eine Vision der Seherin von Westerhof erzhlt und ihn
veranlat htte, diese zu zeichnen, auszutuschen und mathematisch in
vierundzwanzig Theile zu zerlegen zum Muster eines Teppichs. Fr den Doctor war
dieser Auftrag gewesen, wie wenn man bei einem Drechsler in Witoborn ein
Linienschiff fr die englische Marine bestellt htte. Er hatte seine
katergrauen, etwas gelbgesprenkelten und schon ganz tageslichtscheu gewordenen
Augen aufgezogen, wie wenn der Cultusminister bei ihm wre vorgefahren gekommen
in Begleitung des Oberprsidenten und ihn zum Mitglied der Akademie gemacht
htte. Er konnte von Stund an nicht mehr regelmig denken, nicht schlafen; er
verjngte sich, als kmen seine alten Tage wieder, wo seine Ideen zum ersten
male ber das vaterlndische Heidekraut flgge ins Land aufstiegen wie
Mrzlerchen und alle Drechselbnke der adeligen Hfe ringsum seine mystischen
Dreiecke, Kubusse und Konoiden darstellten. Pttmeyer zeichnete den Teppich, ma
ihn, klebte ihn in natura zusammen, wie einen Drachen - voller Drachen. Das
erschtterte dann sehr seine Gesundheit. Erst heute hatte man ihn knnen aus
Eschede abholen lassen. Er war wie der selige Nikolaus von der Fle, den die
Eidgenossen aus den wilden Bergen holten, um ihre Streitigkeiten zu schlichten,
und den man tragen mute, weil er das Gehen verlernt hatte. Alles war ihm neu.
In Witoborn behauptete er viel mehr Thrme zu sehen, als sonst, whrend doch
einige abgetragen waren. Die Vgel, die am Wege im Schnee hpften, betrachtete
er, als wren es neue Species, die inzwischen der Schpfer geschaffen. Und da
es sich so treffen mute, an diesem Tage waren smmtliche Mnner der gewhlteren
Gesellschaft ins Gebirge nach Schlo Neuhof! Nun konnte er doch sowol in Schlo
Westerhof, wie in der Kirche und jetzt wieder auf der Rckfahrt, so recht
genieen, als zweiter Frauenlob, mitten unter dankbaren nur weiblichen Hnden
und Herzen gehegt zu werden. O that das wohl! Gleich einem alten Papagaien hatte
er gegurrt und gegrammelt vor Behagen, als ihm die Frauen und Frulein auf dem
Chor vor und nach der Messe so viel Zuckerbrot in Worten gaben, seine Gte,
seinen Geist, seinen Geschmack lobten. Wie der groe Pfau des Libori wedelte er!
Noch stand ihm das einfache Familiendiner im Schlo, fr den Nachmittag die
Rckfahrt nach Eschede und fr einen der nchsten Tage noch eine grere
Huldigung bevor. Bei einer Jagd, die in dem von Terschka fr Thiebold de Jonge
bestimmten Walde gehalten werden sollte, einer Jagd, deren Honneurs der Trauer
der Dorste's wegen ein nachbarlicher Graf Mnnich bernommen hatte, sollte
Pttmeyer den Damen, die auf Mnnichhof die heimkehrenden Nimrod's erwarteten,
sein philosophisch-mathematisches System in der Art erklren, wie er dies alle
Jahre einmal in Eschede that, durch Ombres chinoises, d.h. Transparentfiguren in
einem dunkeln, weihrauchgefllten Zimmer.
    Und Tante Benigna! Die vielbesprochene Schwester Monika's! Die sogenannte
Meg-Merilies sitzt da mm auch vor uns! ... Wie beurtheilt ihr doch die Menschen
immer nur nach dem, was sie euch zu euerm eigenen zuflligen Nutzen oder Schaden
sind! Die Mutter Monika's, die Gromutter Armgart's konnte Tante Benigna,
Frulein von Ubbelohde, allerdings sein; aber von einer Hexe, von einer
Kindesruberin hatte sie gar nichts. Wie lange lag auch jener furor saxonicus
schon hinter ihr! Ein schwarzer Trauer-Sammethut mit Kreppbndern zeigte das
Antlitz einer funfzigjhrigen Jungfrau, deren Augen etwas ermdet waren, die
Lippen weit mehr bedacht eine kleine Zahnlcke als heroische Entschlsse zu
verbergen ... Onkel Levinus, ihr Schwager, war ihr Verlobter, mit dem sie sich
zu verheirathen vergessen hatte. Sie setzten beide ihren Brautstand mit der
immer gleichen Courtoisie fort, die schon bei ihrem ersten Verspruche stattfand.
Sie lebten unter Einem Dache, fhrten die gleichen Geschfte, die Verwaltung der
Gter des Grafen Joseph, zankten sich nicht selten, aber die wirkliche Ehe war
in Vergessenheit gerathen. Ob das traurige Beispiel von Bruder und Schwester sie
erschreckte? Ob sie Reue hatten ber ihre wilde Einmischung in diese
unglckliche Ehe? Ob sie in der Erziehung Armgart's sich hinlnglich verbunden
fhlten? Mglich; aber Tante Benigna war keine Meg-Merilies. Ein Kind nimmt
geistige Gre fr physische und erinnert sich seines kleinen alten Lehrers
immer in der Gestalt eines Riesen. Monika war zwanzig Jahre, als sie Benigna zum
letzten male sah und ihre um so viele Jahre ltere Schwester stand ihr noch
immer in der Leidenschaft vor Augen, von der sie damals gegen sie beseelt war.
Wie war aber auch Benigna zusammengegangen! Es ist ein ganz mig gebautes, fast
anspruchsloses Wesen. Sie kichert verlegen, wenn von Levinus von Hlleshoven als
ihrer ersten und einzigen Liebe die Rede ist, wie eine jede andere alte Jungfrau
in gleicher Lage auch gethan haben wrde. Lngst war diese Beziehung unter die
Dinge gerathen, deren Lsung der Mensch dem Jenseits berlt. Tante und Onkel,
beide hatten so viel mit ihren Aemtern und nchst diesen auch mit sich selbst zu
thun, da es zu keiner Wiederanknpfung an die alte Zeit mehr kam; beide
vertrockneten in sich selbst. Die Zeit, die Onkel Levinus an der Verwaltung
erbrigte, gehrte der Gelehrsamkeit, den Alterthumsstudien, den
Entdeckungsreisen ins Innere Afrikas und seinem chemischen Laboratorium. Die
Zeit, die Benigna erbrigte, gehrte der Erziehung Paula's und Armgart's, die
indessen umgekehrt beide mehr die Tante erzogen. Benigna ist allerdings reizbar,
sehr streitschtig, gutmthig wol, aber erst nach Anfllen heftiger Strenge,
berfromm und sittenrichterisch bis zum Unschnen. Wenn sie dann von allem
erschpft Abends in den Sessel sinkt, schlft sie freilich so gut ein wie
andere; ja sie spricht sogar im Traume, nie jedoch etwas Geistreiches. Die
beiden Pfleglinge haben sie ganz in der Gewalt; Armgart mit List, Paula mit
Gte; und manchmal entwickelte auch sie Neckerei. Trotzdem da Tante Benigna
heute aus ihrem Mantel ohne Pelz (man mu sich nicht verwhnen) und ihrem Hute
ohne Schleier (Schade was fr eine rothe Nase!) gedankenvoll in die Gegend
schaut und immerfort an den beschlagenen Fensterscheiben wischt, um zu sehen,
welcher Gottesfriede und welche nchstjhrige Erntehoffnung auf der Wintersaat
ruht und am wievielten Chausseestein man sich befand, htte sie doch ganz gern
auch ein bischen den Doctor geneckt. Denn sein Frack war doch auch gar zu
altmodisch! Wie hatte man ihn in Eschede eingemummelt! Wie eine alte Meerkatze
sa er da unter seinen Tchern und Pelzen ... Da aber Armgart die Ernsteste im
Wagen blieb, mute Tante Benigna schon ihre Necklust zgeln und stumm den
Gedanken Audienz geben, die sie hinlnglich qulten - diese Entuerung des
alten Besitzes, die Zukunft Paula's, die Leiden und Visionen derselben, der
Zustrom so vieler Menschen, die die Seherin beunruhigten, und die Sorgen
wieder um diese gar nicht zu berechnende Armgart, um die Nhe ihrer Schwester,
um die Ansiedelung ihres Schwagers in Witoborn, sein unstandesgemes
Fabrikproject mit Hedemann, endlich auch die unruhige Zeit, die Aufregung der
Gemther, die Znkereien des neuen Pfarrers mit den Gemeindegliedern, und dazu
der Pferdestall, die Khe, die Schafe, die Schweine, die Fruchtpreise, alles,
was zwar schon in die Verwaltungssphre des Onkel Levinus hinbergriff, von
diesem jedoch oft so gefhrlich vernachlssigt wurde, wenn er hinter seinen
Tiegeln und Retorten kauerte oder eine Entdeckung machte von fossilen Thieren in
einem Kalksteinbruch oder ihm ein alter Rmerhelm berbracht wurde, ber dessen
muthmalichen ehemaligen Besitzer er smmtliche Bcher des Tacitus wieder noch
einmal frisch durchlesen mute und dann Abhandlungen schrieb und sich in
gelehrte Streitigkeiten mit Provinzblttern verwickelte.
    Armgart, wie gesagt, ging auf die Necklust der Tante nicht ein ... Herr!
Crne Mein Beginnen! sprachen, wie tief innenwrts gewandt, ihre braunen Augen.
Auch bei ihr war der Hut von durchbrochenem schwarzen Flor. Ihr dunkelbraunes
Haar sah man wenig und auch ber das heute wachsweie, nur am Nschen etwas von
der Klte gerthete Antlitz zog sie zuweilen rasch einen schwarzen Schleier, den
sie trotz des Schade was der Tante trug. In ihrer Brust gab es wilde Kmpfe;
auf ihrem Antlitz frchtete sie, die Spuren davon zu verrathen. Gleich nach
ihrer Ankunft von Lindenwerth hatte sie am Altar der Stiftskirche zu
Heiligenkreuz der Gottesmutter gelobt: Nicht Vater! Nicht Mutter! Beide! Das
fhrte sie durch. Das nhte sie in ihren Drachen. Das stickte sie in ihre
Cigarrentasche. Das hkelte sie in ihren Aschenbecher - sie verlor diese
Vielliebchen, weil sie nur dem Gedanken lebte, da die Mutter oder der Vater in
jeder Stunde kommen knnten. Auch sie wischte mit dem weien Tuche, das sie, als
knnte sie pltzlich weinen, immer in der Hand hielt, das beschlagene Fenster
neben sich ab. Sie that es, um sich zu berzeugen, ob kein Gespenst ihrer Furcht
oder Hoffnung hereinschaute ... Wie anbetend blickte sie dabei zuweilen zu ihrer
lchelnden Freundin Paula hinber, zuweilen auch wieder in den geflammten Achat
am Himmel. Da es fr gewisse Seelen und gewisse Zustnde Engel gab, ganz so
wesenhaft sichtbar wie die kleinen dicken Jungen, die in der alten Kirche zu
Sanct-Libori den Baldachin ber dem geschmacklosen Hochaltar hielten, das war in
dieser Sphre eine ganz vollendete Thatsache.
    Und Paula, die wir nun auch htten wiedersehen sollen, nur im Concert der
Sphren, nur so, wie sie in Bonaventura's nchtlichen Trumen auf klingender
Luft schwebte - da sitzt nun auch die Seherin - in der Ecke eines
altfrnkischen Wagens - (die Staatskutschen waren beim Leichenbegngni), fhrt
hoch auf bei jedem Verlassen des gefrorenen Gleises und bekommt dann von der
Seite einen Ruck der Tante und fast die Berhrung der Nasenspitze des Doctors
... Es ist so, wie das Leben auch die Kaiser und die Knige auf die Erde
eintreten lt, ohne Krone, auch die knftigen Heiligen ohne allen
Heiligenschein. Aus ihrem weiten schweren schwarzen Sammetpelzmantel und dem
schwarzen Sammethute heraus ist jetzt nur das lngliche edle Antlitz Paula's
ersichtlich. Es besitzt den schrfsten Ausdruck aller Schnheitslinien. Die Nase
ist geschwungen; die Augen sind dunkelblau, hochgewlbt, beschattet von vollen
Brauen und Wimpern, die im Gegensatz zum goldgelben Haar des Hauptes schwarz wie
mit Kohle gezeichnet sind. Die Stirn ist klar und frei, das Kinn ist oval, der
Mund lchelnd und die Lippe sonst rosig, heute nur von der Klte der Kirche
etwas erblat und auch das Antlitz bleich. In Paula's Art, das sehen wir auch
jetzt aus den eigenthmlich langgesponnenen Fden ihres Blickes, lag etwas von
den Geisterjungfrauen, die zwischen Tag und Nacht im Nebel ber die Erde
schreiten. Sie wrde nicht selbst gesucht haben eine Velleda zu sein und im
heiligen Hain des Irminsul zu opfern, aber die Vlker ringsum htten sie an den
Altar gefhrt und ihr Iphigeniens Opfermesser in die Hand gedrckt. Wenn sie ihr
Auge mit den seltsam schwarzen langen Wimpern aufschlug, da zog es jede
Weltlichkeit empor und wiederum blieb das Geistigste, das sie anregte, doch
nicht ohne einen Reiz fr die Sinne. Kaum gibt es Bestrickenderes, als allein
schon der Blick auf dies Naturspiel: goldblondes Haar und auf den Augenbrauen
und Wimpern ein dunkelstes Schwarz.
    Paula's Sinn war so mild, so gtig. Und immer nahe stand der Armen jener
Traumgott mit dem Mohnblumenkranz, der nur sanft, sanft die Hand ber ihre Augen
zu streifen brauchte, und sie entschlief mit rthselhaften Organen, mit denen
wir andern nicht schlafen. Dann sprach sie in verworrenen Worten, sah Entferntes
mit geschlossenem Auge, hrte selbst das Ticken einer Uhr in entlegensten
Rumen. So krank sie sich bei dieser zweifelhaften Gabe des Geschickes fhlte
und so unendlich md sie mit ihrem schlanken Wuchs dahinwallte ber die Erde
(gegen ein Hftleiden hatte sie einst lange im Streckbett gelegen): dennoch war
ihr Sinn selbst nicht zu ernst oder feierlich. Ei, jetzt am wenigsten, wo
Wonnetage ihr aufgegangen waren; erst die Ankunft Benno's von Asselyn, den sie
noch wenig kannte, der aber ein Vorlufer Bonaventura's war; und dann dieser
selbst! Kein Wunder, da sie trotz der Messe, trotz der Trauer um ihren Oheim,
trotz der etwas lauernd grbelnden Miene der Tante Benigna, trotz Armgart's seit
einiger Zeit gar nicht mehr wiederzuerkennender Art und ewig verstrter
Abwesenheit, ber den Anblick des Doctors Pttmeyer lchelte und hchst
freundlich blicken mute. Schon den ganzen Vormittag war sie durch ihn heiter
gestimmt ...
    Sie kannten ja den unglcklichen Sohn des Onkel Kronsyndikus, Herr Doctor?
begann sie mit smelodischer, wenn auch leiser Stimme und sprach das fast im
Neckton ...
    Der Doctor erkundigte sich bei jeder Frage immer erst mit einem: Wie
befehlen -? Taub war er nicht, es war ihm nur ermuthigender, jede Frage zweimal
zu hren und inzwischen sich die Antwort zu formuliren.
    Als die Frage von Armgart, die wie ein dienender Cherub zu den Fen ihrer
Heiligen sa, wiederholt war - die Tante mute sich schon lange innerlich sagen:
Passen Sie doch besser auf, mein bester Herr! - besttigte Pttmeyer diese
Bekanntschaft in einer eigenthmlichen Vortragsweise. Er pruhstete nicht gerade,
rusperte und schnurrte auch nicht, aber sein Stimmchen war hchst fein und
konnte erst durch mancherlei Manver zu hinlnglich ausreichendem Athem kommen
...
    Durch seine Mittheilungen gab es dann Rckblicke auf manches Dstere und
Schauerliche, das lieber in diesem Kreise vermieden gewesen wre. Der Mnch
Sebastus wurde erwhnt, der krank lag im Kloster Himmelpfort, wohin ihn die
Regierung hatte zurckbringen lassen. Das Pentagramm und die Tannenfahne
(Tanfana), beides Symbole der gttinger Bierhuser, kamen zur Sprache und bei
Gelegenheit der Thaten des Kronsyndikus und der ewigen Ruhe desselben rhmte
Pttmeyer wieder Armgart's Symbolik des Fegefeuers. Die Tante war es, die streng
mit ihrem schwarzen Handschuhfinger das niederwrtsfahrende geflgelte Kreuz am
beschlagenen Fenster ohne alle Rcksicht hinmalte.
    Eine Pause trat nun ein. Armgart durchlebte sie im Geist auf dem Nachen von
Lindenwerth. Benno stand mit dem Hut in der Hand sie grend, wie sie abfuhr vom
Hneneck ... Sie seufzte tief auf ... An ihrem Aschenbecher zog sie mit den
Schmelzperlen ebenso auch schon manche Thrne auf ... Sie sah kaum hin, als
Pttmeyer ihre Symbolik so unausgesetzt lobte und ausfhrlicher noch als im
Briefe an die gute Angelika sprach:
    Ja, Ihr Herz Gottes, mein sehr geehrtes gndigstes Frulein, ist - ist
eigentlich der bedeutungsvolle Kreis! Der Kreis ist - hm! - unser
inhaltreichstes Symbol! Der Kreis drckt die Welt selbst aus, das All, wie schon
die Alten die geringelte Schlange - hm! - noch tiefsinniger aber das Ei als den
Urgrund alles Seins bezeichneten. (Die Tante replicirte im Geiste, da doch die
Hhnereier oval wren ...) Die Kugel - das runde Ei der Schlange - (das war fast
wie ein Treffer auf den errathenen Einwand der berhmten Wirthschafterin) ist
das Vollkommenste oder richtiger die Vollkommenheit selbst, der Begriff, die
Monade, das Atom. Es ist - hm! - die ganze Einheit, die an den Dingen ihr wahres
Wesen ausdrckt! Denn ob nun ein Weltball oder eine Kegelkugel - hm! - eine
Kegelkugel - (die Tante dachte hier an den Finkenhof und die Reformen des
eifernden Pfarrers) es ist dieselbe Idee der harmonischen Beziehung eines
Mittelpunktes - hm! - zu millionenfacher gleichzeitiger Entfernung. Was Sie
sehen, meine gndigsten Herrschaften, der Schnee da - hm! - der Vogel, der
bereifte Baum, der Rauch eines Hauses, alles - hm! - ist die Wirkung einer
Ursache, die wiederum zu einer andern Ursache als ihrem Mittelpunkte zurcklenkt
und so geht das ganze Dasein - hm! - centripetal auf ein Inneres, aber auch
immer wieder - hm! - centrifugal auf ein Aeueres, eine groe Rundflche aller
Dinge. Die Allheit - die Allheit dieser Strebungen ist das Sein in Gott. Die
Gottheit - ist die Kugel und alle Seelen sind - hm! - Sphroiden. Das Suchen des
Mittelpunktes der Welt gibt den Radius. Wohl dem, der den lngsten gefunden hat!
Den, der - der durch den Mittelpunkt der Welt geht! Dessen Denken ist - hm! -
gleich Gott selbst!
    Die Tante fand das alles im Grunde sehr schn und so beim Fahren zwischen
Sanct-Libori und Westerhof auch hchst merkwrdig, indessen meinte sie doch, um
eine gewisse Opposition, die sich in ihr regte, nicht ganz zu unterdrcken: Oder
sein Glauben, Herr Doctor? ... Dann wandte sie sich, weil sie, namentlich fr
die hlichen Schlangeneier noch irgendeine schrfere Eruption ihrer andern
Ansicht von alledem haben mute, zu Armgart und sagte:
    Armgart, Armgart! Was trumst du nur ewig!
    Da Armgart kaum zuhrte, sagte Paula, die die dem Doctor ungnstig werdenden
Gedanken der Tante errieth:
    Liebe Tante, das Kreuz ist nie so schn verklrt worden, wie vom Herrn
Doctor Pttmeyer!
    So? sagte die Tante fast verchtlich. Die Kugel kann ich fr nichts so
Groes halten!
    Pttmeyer streckte Nase und Kinn aus seinem Shawl hervor und erwiderte:
    Ist nicht - hm! - meine Gndigste - der Apfel des menschlichen Auges -
Bitte, gndigste Comtesse! wandte er sich dann, die Rcksichten der Etikette
abwgend, sogleich wieder zu Paula, die zuerst gesprochen. Das Kreuz ist auch
eben nur die Offenbarung der Kugel ...
    Nein, nein, nein, nein! rief die Tante. Gott ist keine Kugel ...
    Armgart nahm noch immer keine Notiz. Sonst wrde sie schon lngst gesagt
haben: Aber ich bitte dich, liebe Tante! Das sind ja gar keine Gegenstnde fr
dich! ... Paula blickte auf Armgart. Sollte sie denn nun heute Armgart's Rolle
bernehmen und statt deren polemisiren? ... Sie sagte ganz heiter:
    Ei, Tantchen, das sind ja doch nur Bilder -!
    Ei, das wei ich sehr wohl -! Ich bin nicht so dumm! ... fuhr die Tante auf
...
    Mein gndiges Frulein, beschwichtigte Pttmeyer, wenn ich beim Grafen
Mnnich die Ehre haben werde, mein System an Beispielen zu erlutern, so zweifle
ich nicht an Ihrer - hm! - gewogentlichsten Zustimmung ... Gott - hm! - ist die
Idee des Kreises, die Radien und Diameter sind die Begriffe - hm! - des Lebens.
Die Linie ist das Gegentheil des Kreises, das ewig - hm! - Continuirliche, die
Ausdehnung, der Raum und die Zeit. Nun sind aber nur diejenigen Linien
vollkommen, die einer Wesenheit angehren und die hchste Wesenheit kann nur
sein - hm! - im Mittelpunkte eines Kreises zu stehen - d.h. wie man ja schon im
Leben sagt, ins Schwarze zu treffen - (Die Tante dachte hier an die
bevorstehende groe Jagd mit allen ihren Sorgen und mglichen Unglcksfllen.)
Denken Sie sich Linien, die da- oder dorthin gehen - hm! - an der Flche der
Kugel oder ein wenig in sie hinein, Tangenten, Sekanten, alles ohne den Urgrund,
der da ist: Dem Mittelpunkt anzugehren! Alle Strebungen des bunten Lebens
mssen im Mittelpunkt sich durchkreuzen und so ist das Kreuz - hm! - auch recht
der eigentliche Ausdruck der geoffenbarten Gottheit und im Grunde wieder die
Kugel, d.h. Gott selbst ...
    So aufmerksam Paula zuhrte, so interessirt sich jetzt endlich auch Armgart
etwas dem Gesprche zuwandte, schttelte die Tante doch den Kopf und fand diese
fromme Wendung, die der arme Denker erst in einem Nachtrag seines Systems
gegeben habe, als er wegen Christus und Pythagoras beinahe excommunicirt
worden war, keineswegs katholisch und berzeugend ... Wir haben auf unsern
Altren, sagte sie sogar mit Feinheit, das Kreuz mit zwei Balken, einem langen
und einem kurzen, die doch eher dem Oval, als der Kugel entsprechen ...
    Aber Tante, die Griechen! Der heilige Andreas! warf jetzt fast rgerlich
Armgart hinein ...
    Ach, das wei ich selbst! - lehnte im selben Tone die Tante ab und verbat
sich den Schein, als wenn sie nicht wte, da das griechische Kreuz, wie das
Kreuz beim Johanniterorden, zwei ganz gleiche Schenkel htte ...
    Der Einwurf ist ganz richtig! begtigte Pttmeyer die gereizte Stimmung und
verga keinesweges, da ihn Drohungen auch mit dem ppstlichen Index einst
gezwungen hatten, seine Philosophie urkatholischer zu modeln. Das griechische
Kreuz ist in der That unvollkommen! sagte er. Es drckt nur die Gottheit Christi
allein aus! Wir Alle wissen aber und bekennen es nicht blos in der
christkatholischen Lehre - hm! - da Gott der Herr die Knechtsgestalt annahm.
Demnach ist der lngere Balken - hm! - die Gottnatur, der kleinere Querbalken
aber die irrende, menschliche - hm! - mittelpunktlose, die durch die Kugel nur
ein gewhnliches Segment macht. Gerade nur an einem solchen Segment konnte der
Heiland rufen: Mich drstet! Nur an einem solchen Kreuze, das halb dem Weltall,
halb dem kleinen Jerusalem und dem Jahre 33 nach - hm! - Christi Geburt
angehrte, halb dem Gott, halb dem Menschen, konnte Jesus fr uns leiden! Jener
Doppelquerbalken der groen Wrdentrger und des Papstes, ein Symbol, das
gleichsam der dreifachen Krone entspricht und das wir auch auf das Haupt - hm! -
des Pfauen im Teppich gesetzt haben (Pttmeyer malte ans Fenster ein ), ist die
Einigung beider Auffassungen, der griechischen und rmischen, des Christus des
Dogmas und der Concilien, und des Christus der Osterwoche, des leidenden. Uralt
ist schon die Ahnung unsers christ-katholischen Kreuzes bei allen Vlkern. Der
Hirtenstab in den Hnden des Osiris, der Stab des Hermes, der die Seelen
geleitet, der Hirtenstab des Pan, der seinerseits sogar schon das All bedeutete
... Das All, meine gndigsten Herrschaften - hm! - und dazu der Stab des guten
Hirten! Wie nahe kam da schon die gerade Linie der Ahnung, da nur noch die
groe Veranstaltung zum Kreuze fehlte! Moses - hm! - schlug schon mit einem Stab
aus Felsen Wasser! Aesculap, der Gott der Heilkunde, trgt einen
schlangenumwundenen Stab! Ja im frhgebrauchten Zeichen der Venus, des Sternes
der Liebe, sind der Kreis und schon das Kreuz verbunden - . Das ist dann - hm! -
der freundliche Morgen-und Abendstern, der Stern des Morgenlandes, der die
Wahrheit halb schon ahnte, die dann an der Krippe Jesu erst ganz vernommen
wurde, diese Wahrheit, die, wenn man sie ganz bezeichnen wollte, einem Rade
gleichkme, ich meine, dieser Figur: . Die drckt die ganze Schpfung aus!
    Alle schwiegen ... Theils vor Bewunderung, theils vor Nichtverstndni,
theils aber auch - vor Schauder an dem Bilde des Rades, das Pttmeyer an die
Fensterscheiben malte ... Armgart und Paula kannten die Sage von dem Rade auf
dem Schlo des Kronsyndikus ...
    Pttmeyer begriff das eintretende Schweigen nicht. Er war gewohnt, solche
tiefkatholische Philosophie lebhafter applaudirt zu hren. Dennoch hob ihn bald
wieder die Aussicht auf den vornehmen Comfort des Schlosses und auf das
Mittagsmahl ...
    Noch war das Schlo nicht ganz erreicht. Man sah es aber schon. Schlo
Westerhof lag auf einer kleinen Insel. Ohne Zweifel war die Brcke, die jetzt
von einem Heiligen gehtet wurde, in alten Zeiten eine Zugbrcke gewesen und
hatte zu einer Burg gefhrt, von welcher noch jetzt vielleicht die vier starken
Eckthrme des Schlosses herrhrten. Der Herrensitz der groen Gtermassen der
Dorste-Camphausen stammte aus der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts und war
jedenfalls nach den Verwstungen des Dreiigjhrigen Krieges neu auf alten
Trmmern erbaut. Von allen Seiten mit hohen Pappeln geziert, bot das Schlo
nicht etwa einen Prachtbau dar; Glanzliebe wrde nicht dem Charakter der Gegend
entsprochen haben. Vier bewohnbare Thrme erhoben sich an den vier Ecken eines
Quadratgebudes, oben sich zuspitzend zu einem schieferbedeckten Runddach mit
kupfernem Knauf. Zwischen diesen vier Thrmen gingen vier gleichmige Seiten
von zwei Stockwerken und zwlf Fenstern der Lnge nach, im zweiten Stock an
jeder Seite ein Balcon von altem knstlich gewundenen Schmiedeeisen. Ein dritter
Stock verengte sich in einen Giebel, der gleichfalls spitz zulief und in einem
Knopfe endete, soda das ziemlich regelmige Gebude acht Spitzen hatte und
recht gut auch einem Kloster entsprochen htte. Die Wirthschaftsgebude lagen
weiter ab und auerhalb der Insel, die ihrerseits gro genug war, auch noch an
der Hinterfronte des Schlosses einen parkartigen Garten zuzulassen, der sich
jenseit einer zweiten Brcke verlngerte und jetzt schon manche Anlage aus dem
Schnee heraus unterscheiden lie, zumal wenn sie aus Tannen bestand.
    Endlich fuhr der Wagen ber den hartfrierenden, knirschenden Schnee und die
steinerne Hauptbrcke; die Rosse standen und dampften vor dem Portal, einem
kleinen, dem Geschmack des Ganzen vllig entsprechenden Schnrkeldache, das von
zwei kurzen Sulchen getragen wurde. Zwei groe Hunde sprangen den Rossen
entgegen. Nun galt es, sich aus den Pelzen herauszuwinden ...
    Da aber hatte Tante Benigna schon bemerkt, da der Schnee auf Paula
pltzlich eine eigenthmliche Wirkung zu uern anfing. Schon lange ermdeten
ihre Augen. Und so theilnehmend Paula lchelte und mit der ganzen Lieblichkeit
ihres Antlitzes den Worten des Doctors lauschte (dachte sie doch immer, was wol
Bonaventura zu all diesen Philosophemen sagen wrde!) - allmhlich wurde ihr
Blick trber und immer abwesender. Erst schien nur der Schnee sie zu blenden,
die schwarzen Wimpern sanken nieder und hoben sich nur leise; als man aber am
Schlo war, hatte auch Armgart schon die Entdeckung gemacht, da Paula in dem
ihr eigenen halb wachen, halb schlafenden Zustande war. Sie verrichtete alle
Functionen wie mit vollem Bewutsein, gab Antworten auf jede an sie gerichtete
Frage, nahm Armgart's Hand, die sie fhrte, streichelte auch die Hunde, die in
allen mglichen Stellungen sie umkreisten, springend, kratzend, als glt' es,
unter den Strohmatten auf der Treppe, die schon beschritten wurde, oder an den
Ritzen der dunkelbraun gestrichenen hohen Thren, die auf die Corridore
hinausgingen, nach Musen zu jagen. Die Tante dmpfte alles, was stren konnte.
Erst als Pttmeyer auf der Treppe eine Anzahl von Kranken sah, Mtter mit
Kindern, Blinde, Lahme mit Krcken, Bittende mit Briefen in der Hand, da
verstand er, da ihm heute auch noch das hohe Glck zu Theil werden sollte,
Zeuge der vielbesprochenen ekstatischen Zustnde der jungen Grfin zu sein!
    Am geheimnivollen Schleier der Isis zu stehen ist nichts Kleines.
Pttmeyer's Athem, ohnehin nur kurz, stockte vollends. Mechanisch lie er sich
von dem Diener seiner Umhllungen entkleiden. Fast htte er auch sein groes
weies Halstuch abbinden lassen, das einer schtzenden Ueberbinde hnlich sah.
Die rasche Hlfe eines jungen, in eleganter Toilette hinzuspringenden Mannes
schtzte ihn vor dem Misverstndni und dem Verlust eines schnen Knotens, den
ihm die Frau Steuerinspector Emminghaus mit eigener Hand heute frh gebunden
hatte ...
    Der junge hlfreiche Mann war Thiebold de Jonge ... Mit seinem nur
scheinbaren Adel hatte er sich nicht an dem Leichenbegngni betheiligen
wollen. Tante Benigna ersah mit sichtlichem Wohlgefallen, wie der vorzugsweise
von ihr gern gesehene und ein fr allemal geladene Gast sich schon wieder
ntzlich machte ...
    Paula wurde von Armgart gefhrt ... Hoch und schlank schritt sie dahin. Den
schweren Sammetmantel hatte man ihr schon abgenommen. Sie war unter ihm in
schwarze Seide gekleidet. Alle Thren wurden aufgerissen. Die Diener kannten
schon, wie sie sich in solcher Lage zu benehmen hatten ... Paula schwebte
frmlich ... Die Frauen fhrten sie in ihre Zimmer. Pttmeyer, voll Staunen und
die Hnde faltend, blieb mit Thiebold allein. Thiebold hatte fr eine seiner
gewohnten geistreichen Aeuerungen, die in diesem Augenblick lautete: Nicht
wahr? Doch merkwrdig? nie so viel Zustimmung gefunden.
    Im groen Vorsaal, der etwas dster war, da ein ber ihm befindlicher Balcon
ihm das Licht nahm, befand sich an der Thr das Weihwasser ...
    Tante Benigna und Armgart hatten sich beim Eintreten trotz der Aufregung
durch Paula's Zustand benetzt; Paula war vorbergegangen ...
    Vom Vorsaal schritt man zur Rechten in ein gerumiges, wenn auch nicht zu
groes Wohnzimmer. Hier war alles mit Teppichen belegt. Die Vorhnge waren von
grner Seide. Ein Flgel stand aufgeschlagen, auf dem ohne Zweifel Thiebold eben
einige Fingerbungen gemacht hatte, denn mit so wenig Virtuositt, wie er sie
besa, hier Effect zu machen, htte er sich nicht fr mglich gedacht. Sopha,
Sthle, alles war mit grner Seide berzogen. Die Etagren und kleinen Schrnke
waren von dunkelbraunem Holze und in gothischen Formen. Die Bilder stellten
Scenen aus dem Leben der Apostel und Heiligen dar. An frommen Bchern und
Provinzialzeitungen war kein Mangel ...
    Pttmeyer kmpfte nicht wenig, wie er es anstellen sollte, ber Dinge, die
hier so leicht genommen wurden, sein ganzes Erstaunen auszudrcken. Er kannte
Erfahrungen dieser Art nur aus Bchern. Er hatte Abends bei Schnians, wo er
jeden Abend seine zwei Glser - Gerstenschleim trank, oder an seine ihn
besuchenden Verehrerinnen sich, wenn er um Erklrung angegangen wurde, dahin
geuert, da das klare und intellectuelle Leben des Menschen die
Centripetalitt, d.h. das Streben zum Mittelpunkt wre, aber das Gefhls- und
nervse Leben die Centrifugalitt. Er hatte oft geuert, da man einer solchen
Verrckung und Umkehrung dieser Thtigkeit, wenn sie auch Krankheit wre,
getrost nachgeben und der groen Weltseele nher zu kommen suchen sollte. Da die
Visionen der Grfin keineswegs recht in die christlichen Anschauungen passen
wollten, da sie, wie Armgart's Mutter noch vor kurzem bei Piter Kattendyk etwas
zu vorschnell geglaubt hatte, keineswegs immer mit Christus und der Gottesmutter
im Jenseits verbunden zu sein behauptete, so hatten die Priester ringsum noch
keine besonders entschiedene Meinung ber sie aussprechen mgen. Aber die hohe
Stellung der Grfin hinderte ein Einschreiten dagegen. Dann war von der Residenz
des Kirchenfrsten, als noch Michahelles allmchtig war, die Weisung gekommen,
an den Vorfllen nichts zu stren, sie gehen zu lassen, wie sie gingen, und erst
die Ankunft des Domherrn und Archipresbyters von Asselyn abzuwarten, der Bericht
erstatten sollte. Umsomehr konnte Pttmeyer die Ansicht von bsen Dmonen und
einem unheiligen Zustande bekmpfen; vollends da, als er hrte, da Paula
vorzugsweise von groen unermelichen bunten Ringen sprach, durch die allemal
erst ihr geistiges Auge hindurchdringen msse, wie durch ein groes, riesig
aufgezogenes Perspectiv ... Und als Armgart ihn zum ersten male besuchte und die
Rede von Paula's Visionen war, hatte sie ihm gesagt: Des Magnetiseurs bedarf sie
nicht. Der Onkel macht sie durch einfache Berhrung hellsehend. Vor Jahren
durfte der ehemalige Portepe-Fhnrich von Asselyn, jetzige Domherr, nur in der
Nhe sein, so fhlte sie den Strom, der ihr durch die Fingerspitzen wie in
glhenden Tropfen abfiel, und was man sie fragte, sah und hrte und las sie.
Erst sind's immer groe bunte Ringe, die sie sieht, dann sind's grne Wiesen,
darber leuchtet Violett- und Rosaschein und nun begegnet ihr alles, was
diesseit und jenseit der Erde lebt, sowol die groen Jagdhunde des Onkels, wie
die Heiligen Gottes, sowol Tantens verlegte Ueberschuhe, wie Knig David mit
seiner Harfe!
    Thiebold stellte dem Doctor sich selbst vor und uerte im Mcenaston seine
Freude, einen so berhmten Dichter persnlich kennen zu lernen ... Benno hatte
ihm einige Erluterungen ber ihn gegeben und gern htte er schon  la Piter
Kattendyk gesagt: Speisen Sie bei mir!
    Ich habe bereits so vieles Schmeichelhafte von Ihnen gehrt und gelesen!
fuhr er fort. Und besonders von Frulein Angelika Mller! Haben Sie lange keine
Nachricht von dieser Vortrefflichsten? Ich habe immer gerechnet, Ihre Verbindung
bald annoncirt zu hren. Herr Doctor, Herr Doctor! Ich sollte meinen, es wre
Zeit ...
    Pttmeyer konnte so raschem Redestrom nicht folgen, wodurch Thiebold
veranlat wurde aufs neue auf Angelika zurckzukommen und den Geist, das Gemth,
vorzugsweise aber die himmlische Geduld dieser Einzigen zu rhmen ...
    Pttmeyer besttigte alles das, seufzte tief auf und sagte wiederholentlich:
    Laissez passer! Laissez passer! Laissez passer!
    Wie so? entgegnete Thiebold mit elegischem Blick und fuhr sich mit den bei
Ankunft des vierspnnigen Wagens wieder von ihm angezogenen weien Handschuhen
in sein in Witoborn, wo er mit Benno bei Hedemann wohnte, schn frisirtes
Blondhaar und verschluckte eine sentimentale Wendung, die etwa sagen wollte:
Auch du mut dich ja an verklungene Hoffnungen gewhnen! ... Denn Armgart war
sonderbarerweise auch ihm das nicht mehr, was sie einst gewesen ... Ein Rthsel
umspann die Freundin, ein Rthsel, glcklicherweise, konnte er in seiner
Bosheit sagen, auch fr Benno ...
    Ein Diener trug eben eine sonderbare Last an ihnen vorber ... Es war ein
Kissen voll kleiner Gegenstnde, wie Nadeln, Ringe, Brochen, Gebetbcher,
Rosenkrnze, Crucifixe ... Der Diener ging damit schnell, aber fast auf den
Zehen in die noch offenstehende Thr, durch welche man Paula in die innern
Gemcher gefhrt hatte ...
    Auf Pttmeyer's Erstaunen gab ihm Thiebold eine Erklrung. Der Zudrang zu
Paula's Wunderkraft nehme immer mehr zu. Der Onkel Levinus verbte zwar die
Abgabe der hundert Dinge, die die Grfin nur einmal zu berhren brauchte, um sie
heilkrftig zu machen, auch Tante Benigna nhme Rcksichten auf Paula's
Gesundheit und Ruhe und dennoch bese man die Freundlichkeit und stellenweise
die Schwche, der Aufregung der ganzen Provinz und der Zeit ohnehin Rechnung zu
tragen ... In der That htte oft ein Schreiber in der Rechenei der grflichen
Gter unausgesetzt mit dem Zurcksenden solcher Dinge zu thun und obgleich der
exacte Sinn des Onkels jedem dabei schreiben lasse, er bedauerte diese
Gegenstnde so zurckschicken zu mssen, wie sie gekommen wren, liee sich der
Volksglaube doch nicht nehmen, da diese Gegenstnde von der wunderthtigen
jungen Grfin, der Seherin von Westerhof, wirklich berhrt worden wren. Man
empfange ablehnende Antworten und doch wren schon die Briefe den Leuten geweiht
und wirkten auch. Im ganzen Lande stnde fest, da eine von Grfin Paula
berhrte Wachskerze nur angezndet zu werden brauchte am Bette eines Leidenden
und alsbald wrde sein Uebel verschwinden ...
    Pttmeyer thaute vor dieser mittheilsamen Suada auf ... Auch er erzhlte von
Armgart's Besuch ... Frulein Armgart von Hlleshoven, sagte er, erzhlte mir,
da die Comtesse vor allem an sich selber glaube. Sie sagte mir: Wie sollte
meine Freundin denn diese eigenthmliche Kraft sich deuten, die ihr ganzes Sein
immer wie aufwrts zieht? Es ginge ja durch ihr Inneres, und das ganz
krperlich, manchmal ein Strom quer ber den Rcken hinweg, als mte sie sich
beugen und, wenn sie wollte und dabei an Gott dchte, theilte sich dieser Strom
und liefe in die Arme und Fingerspitzen aus, aus denen es ihr dann wie heie
Tropfen perlte! Schon als Kind htte ihre se Freundin diesen Strom gehabt und
oft zu Frulein Benigna, ihrer Erzieherin, gesagt: Tante, ich knnte mich
rckwrts biegen wie ein Ring und so mit dem Kopf auf die Erde kommen! Und
einmal - doch ich bitte Sie - Herr Baron -
    Bitte recht sehr! versicherte Thiebold seine Discretion und errthete ber
seinen scheinbaren Adel ...
    Pttmeyer wollte nur entschuldigen, da er so viel allein sprach ...
    Einmal, Herr Baron, war Frulein Benigna, die die Wirthschaft des Grafen
Joseph fhrte, voll Verzweiflung zu diesem in sein Studirzimmer gestrzt und
hatte ihn gerufen, zu Hlfe zu kommen. Da sahen sie Comtesse, so schlank und
lang sie schon war, mit aufgelstem Haar auf der grnseidenen Decke ihres Bettes
stehen, im langen spitzenbesetzten Hemde und hochaufgerichtet wider die Wand,
dicht zwischen dem Weihwasserkessel, dem Crucifix und dem Bilde ihrer Mutter
sich anstemmend und gegen die Wand sich so furchtbar drngend, als wollte sie
die Mauer eindrcken ...
    Thiebold strich sich die Frisur, als fhlte er, wie sie sich vor Horreur
strubte ....
    Ja, Herr Baron! fuhr Pttmeyer erregt fort. Fast unglaublich, aber Frulein
Armgart versicherte es. Der Mond stand gerade gegenber und schien Comtessen ins
Antlitz. Comtesse war bei vlliger Besinnung und sagte nur immer: Ich mu das
so! Die Aerzte sprachen damals, wie ich wol verstand, von der Entwickelung des
weiblichen Lebens und konnten nur Vorbaumaregeln anempfehlen, wenn die Anflle
sich wiederholten ... Aber sie kamen wieder mit allen Schrecken von Bewegungen,
die oft aller uns gelufigen Gesetze von der Schwere und Centripetalkraft der
Dinge spotteten. Das kranke Mdchen konnte sich gegen die Wand abstemmen und in
der Schwebe mit ganzer Krperschwere erhalten. Somnambulismus fehlte damals
noch. Vielmehr stellte sich in ihrem fnfzehnten Jahr eine starke Reaction des
Krpers in seinen Muskeln und sozusagen irdischern Theilen ein. Der Gang wurde
trge, hngend, Comtesse fingen zu hinken an. Nun kamen sie auf die berhmten
Streckbetten einer sddeutschen Stadt. Das zweijhrige Liegen in einer fast
ununterbrochen gleichen Lage schlo ihr allerdings wol die Pforten des
Phantasielebens auf; doch bald trat immer deutlicher Clairvoyance hinzu. Sie
kannte ihren Zustand. Sie hielt ihn so werth, da sie, wie Frulein Armgart
versicherte, in der Beichte sich der Eitelkeit anklagte. Da ihr Befinden, einige
vorbergehende Strungen ausgenommen, kein eigentlich krankes war, wenn sie sich
in ihrer gewohnten Weise erhielt, so blieben von ihr die Zumuthungen knstlich
magnetischer Einwirkungen fern. Sie hatte ihre bestimmten Zeiten des Schlafes,
bestimmte Bedingungen, wie den langen Anblick des Wassers, des Metalls, des
Schnees, die ihr ein waches Trumen verursachten. Dann durfte nur der Herr Baron
von Hlleshoven leise einmal mit der Hand ber sie hinstreifen und sie
antwortete auf jede Frage, die er an sie richtete. Sonst wirkt, hr' ich, alles
auf sie, was sie lieb hat, selbst das Anstreifen - ihrer groen Doggen! Sie ist
im Bann des Wohlbefindens bei gewissen Menschen ebenso, wie im Bann des
Schmerzes bei andern. Hrt sie von Hoffnungen, die auf sie gerichtet werden, so
nimmt sie ihr Brevier, liest die entsprechende Tagzeit und glaubt, ihr Gebet
mte geholfen haben; wenigstens zge es sie, sagte Frulein Armgart, mit ganzer
Seele zu den Leidenden hin ... Seit einiger Zeit vollends soll die Heilkraft und
die Sehergabe auerordentlich geworden sein ...
    Hier wurde Pttmeyer's frmlich in einen reienden Strom gebrachte Rede von
demselben Diener unterbrochen, der eilends und erschreckt zurckkehrte, das
Kissen mit den Gegenstnden von vorhin noch auf der Hand ...
    Was ist? fragte Thiebold ...
    He spreekt! sagte der Diener auf plattdeutsch und eilte bestrzt vorber ...
    Sie spricht? ... wiederholten beide ...
    Thiebold, mit jenem Vorwitz, den auch nur er haben konnte, zog den Doctor,
der sich strubte, nher, beschritt die offene Thr, kam durch ein
Zwischenzimmer, fand wieder eine Thr offen, dann einen schwersammetnen blauen
Vorhang, lftete diesen und lie ihn pltzlich sinken ...
    Es war ein kleines Durchgangscabinet, noch vor Paula's Schlafzimmer ... Hier
lag die Schlafende auf einem Ruhebett und sprach in vernehmlichen Worten.

                                       4.


Dies Vorcabinet war ein Neubau, der eine frhere Unterbrechung der Wohn- und
Schlafzimmer durch einen Gang verhinderte und verdeckte. Von einem obern Zimmer
hatte es ein durch gedmpftes Glas hereinfallendes Kuppellicht ...
    Das Schlafzimmer daneben war fast dunkel, aber die dunkeln Schatten
leuchteten bunt. An den Fenstern prangten praktikable bunte Lden von
bleigefgten, schn zusammengestellten alten Kirchenfenstertrmmern ...
    Es sah hier aus wie der Eingang in eine Kapelle ...
    In dem Vorcabinet, beschienen von dem matten Kuppellicht, lag Paula, vllig
angekleidet auf einem Ruhebett ... Die Haare glnzten golden ... Ihre Augen
waren geschlossen, ihre Blicke lchelten ... Armgart stand zu Paula's Hupten,
selbst geisterhaft wie eine Botin aus jenem Traumreich, von dem einst der
griechische Snger sagte, es htte zwei Ausgangspforten, eine von Elfenbein, aus
dieser kmen die unwahren Trume, eine von Horn, aus dieser kmen die
zutreffenden ... Die Tante hielt Paula's Hnde ...
    Thiebold wagte nicht einzutreten, zog sich aber auch nicht zurck und winkte
vielmehr dem Doctor, der so kreidewei war, wie seine Halsbinde ...
    Deutlich hrte man die langsam und hellgesprochenen Worte:
    O die liebe, liebe, liebe Sonne! ... Wie glitzert das im Schnee ... Ein
Brillant auf jeder Tannenspitze ... Ach, ach! ... Das ist ein Schatz - im
Dsternbrook ...
    Im Dsternbrook?
    Pttmeyer glaubte, die Seherin wre in dem Reiche der ewigen Kreise,
Tangenten und Sekanten - Der Dsternbrook lag nur drei Meilen von hier ...
    St! sagte aber Thiebold schon, nur auf eine Ahnung hin, Pttmeyer knnte
sich erluternd oder anzweifelnd bewegen ...
    Pttmeyer schluckte nur seine Angst hinunter und hielt sich an einen Stuhl,
um nicht das Gleichgewicht zu verlieren ...
    Nun kommen sie! fuhr die Trumende fort ... Wie sie so lieblich singen, die
Mnche! ... Silberbeschlagen ist der Sarg ... Laienbrder tragen ihn ... Die
Armen! Wie die Fe so nackt durch den Schnee mssen! ... Alle singen: Dona eis
pacem ... Wie heit das, Frulein - Schwarz? ...
    Die Trumende schwieg ...
    Thiebold stand schreckergriffen. Er glaubte, versichert sein zu drfen,
da die Grfin drei Meilen weit das eben stattfindende Begrbni des
Kronsyndikus she; aber was sollte dann Frulein Schwarz, die doch wol niemand
anders sein konnte, als ihre frhere Gesellschafterin, jene Lucinde, der Benno
ein lateinisches Wrterbuch gekauft hatte? War denn diese bei dem Begrbni
zugegen?
    Pttmeyer schlich athemlos einen Schritt nher ...
    Die Grfin sprach schon wieder laut, doch etwas unverstndlicher ...
    Erst allmhlich unterschied man die Worte:
    Die Wagen nehmen ja kein Ende ... Ich zhle schon dreiundzwanzig ... in dem
ersten hinter den Franciscanern sitzt der Prsident von Wittekind ... Neben ihm
der Domherr ...
    Wieder eine Pause ...
    Dann der Onkel mit Benno -! fuhr Paula fort ...
    Wieder schwieg sie ...
    Es geht so langsam ... Den Schnee schtten die Bauern auf ... Da luft ein
Reh ber den Weg ... Alles ringsum Wald ... Aber die Menschen ... Singen die und
sie luten auf dem Schlosse ... Der Zug kann jetzt nicht durch ... Jetzt
schweigen die Mnche ... Einer singt ... Pater Ivo ... Maria, Maienknigin!
Dich will der Mai begren! ... Der Mai in diesem Winter! ...
    Pttmeyer kannte ja auch den Mariensnger, den Grafen Johannes von Zeesen,
der mit seinem Husch! Husch! die Melusinen verjagte ...
    In der dritten Kutsche ... fuhr Paula den Bebenden fort zu erzhlen ... da
sitzt der Herr von Terschka ... Bei ihm der Landrath ... Wie jung ist der heute
wieder! ... ... Herr von Enckefu ist ganz geschminkt und schn frisirt ... Die
Mnche singen ... Wie scheint die liebe Sonne auf den silbernen Sarg! ... Ein
Kissen liegt auf ihm mit allen Orden des Onkels! ... Wie funkelt das! ...
Vierzehn Mnche sind es ... Zwei fehlen ... Sebastus und Hubertus fehlen ...
    Sebastus? - sagte, seinem Temperament verfallend, Thiebold halblaut ...
    Den seh' ich ja jetzt auch! ... hauchte Paula, als wenn sie Thiebold's Frage
gehrt htte und alle, auch wol drinnen die Frauen, mochten denken: Den Sohn des
Mannes sieht sie, der erschlagen wurde von dem Todten, den sie eben begraben?
    Der liegt recht krank! fuhr Paula fort. Er liegt im Krankenkmmerchen von
Himmelpfort ... Ach, das ist da eng und klein! ... Durch ein Gitter ... Da kann
er in eine andere Zelle sehen, nicht acht Schritte lang ... Das ist die Kapelle
der Kranken ... Fnf Schritte breit ist auch die nur ... Maria von altem bunten
Holze ... Neben ihr - dahin also legen sie ihre Weihnachtskrippchen? ... Ein
Oechslein ... ein Eselein ... wie zum Spiel fr Kinder ... Gebt sie ihm doch!
... Geht das Eselchen nicht durch das Gitter? ... Es geht ... Armer Pater,
spiel' mit dem Krippchen der Franciscaner! ...
    Lange blieb es jetzt drinnen still ...
    Tante Benigna sprach endlich laut und betonte die Worte so scharf, als
knnte Paula dadurch verhindert werden, ferner ihren Geist auerhalb der
krperlichen Hlle dahin schweifen zu lassen ...
    Armgart aber schien das hchste Verlangen zu tragen, vom Leichenbegngni
mehr zu wissen ...
    Nein! Nein! Komm! sagte die Tante mit Entschiedenheit ...
    La sie doch, Tante! bat Armgart ...
    Sie trumt das nur so - komm! ... Sie sieht es nicht ...
    Die Tante hatte schon die Vorhnge ergriffen und bedeutete die Mnner, sich
nicht den Zwang anzulegen, zu leise aufzutreten; man drfte getrost ganz laut
sprechen ...
    Schon wollte sich entfernend Pttmeyer in Andacht, Thiebold in Bewunderung
ausbrechen, als Armgart, die sich nicht trennen konnte und jetzt weit ber dem
mit einer seidenen Decke belegten Ruhesopha hingestreckt lag und das in glatten
Scheitel gewundene Haar der Freundin streichelte, hastig winkte und die Tante
bedeutete, Paula schiene einen heftigen Schmerz zu fhlen ...
    Schnell wandte sich die Tante ...
    Da sie gleichfalls zu sehen glaubte, da sich Paula durch irgendetwas
erschreckt fhlen mute, kehrte sie zurck ...
    Der Vorhang, der die Mnner von dem Gemache trennte, fiel wieder zu; aber
sie hrten die angsterfllte Stimme der Trumenden in kurzen Stzen die Worte
ausstoen:
    Wer strt nur da - die Ruhe des Todten? ... Der Zug hlt ja ... Wer spricht?
... Das ist die Eiche, an der ... Wer spricht nur immer und predigt so laut? ...
Ha! ... Herr von Terschka springt aus dem Wagen ... Die Mnche schweigen ...
Benno ... Gensdarmen ... Der - Jude ...
    Merkwrdig! rief Thiebold, dem das Traumsprechen Paula's an sich nicht neu
war, und ergriff die Hand des zitternden Doctors, dem der Angstschwei auf die
Stirne trat. Was mag denn nur vorgefallen sein? ...
    Nichts mehr wurde hrbar ... Man vernahm ein Murmeln der Grfin, ein
unverstndliches Sprechen, wie durch die Zhne ... Dann war alles still.
    Die Tante kam heraus und sagte, scheinbar voll Beruhigung und doch voll
Bestrzung:
    Sie ist erwacht!
    Jetzt - in einem Augenblicke - flsterte Thiebold ...
    Wo ich, konnte die Tante fr sich hinzusetzen, schon die Freude habe zu
sehen, wie dieser liebenswrdige junge Mann frmlich schon unter dem Umstand
leidet, seinen Hut nicht holen und sich bei etwas Vorgefallenem ntzlich machen
zu knnen ... Wie ganz anders das, als einst z.B. mein Levinus war! ...
    Im Erwachen wei sie nichts mehr von dem, was sie im Traumschlaf gesehen?
fragte Pttmeyer im Gehen und athemlos vor Beklemmung ...
    Kein Wort wei sie dann! besttigte die Tante. Sie knnen sich denken, wie
diese Dinge uns aufregen. So besonders lebhaft sprach sie seit lange nicht
wieder, und wir glaubten schon den hchsten Grad erreicht zu haben ... Sie
werden sehen, da sich unser Engel nach einigen Minuten erholt hat und am Arm
ihrer Freundin eintritt, als wenn nichts geschehen wre ... Was mag nur die
pltzliche Strung gewesen sein! Und gerade da, an - der verhngnivollen Eiche?
...
    So kamen sie in das behagliche Wohnzimmer zurck ...
    Und Sie drfen in der That annehmen, meine Gndigste, begann Pttmeyer, da
das alles -
    Na natrlicherweise! fiel Thiebold ein und erklrte es fr
selbstverstndlich, da die Herren, die gegen Abend zurckkommen wrden, alles
das als wirklich so vorgefallen besttigen wrden ...
    Pttmeyer mute bedauern, da die weite Entfernung Eschedes ihn zwang,
unmittelbar nach dem Diner sich schon in den Wagen zu setzen, der ihn heute frh
abgeholt hatte, und wieder in sein Stdtchen zurckzufahren ...
    Die Tante war inzwischen mit der Nachfrage um das Diner beschftigt. Die
Strung des Leichenbegngnisses nahm sie allmhlich fr etwas wirklich
Vorgekommenes, vielleicht doch nur Unverfngliches. Sie wte, sagte sie, wie
schreckhaft Paula wre und wie schon die geringste Abweichung von dem, was in
der Ordnung, sie in Verwirrung bringen knnte ...
    Thiebold schwebte hoch ber der Erde. Er erzhlte eine Anzahl von
Geschichten, die ihm die alten Holzvermesser seines Geschfts, die Frster und
Holzschlger auf seinen Reisen als glaubhafte Ahnungen versichert htten. Er
behauptete, in Canada englische, aus Schottland gebrtige Soldaten gesehen zu
haben, die am zweiten Gesicht krank waren; krank, betonte er, wenn man krank
eine so wunderbare Gabe nennen knnte, die sogar ansteckend sein soll; ja in der
That, Herr Doctor -! Thiebold versicherte, da ihm Hedemann erzhlt htte, wenn
in einer schottischen Compagnie nur ein einziger Geister she, shen bald alle
welche. Selbst der Oberst von Hlleshoven, der doch gewi ein Mann ohne
Vorurtheile wre, htte dies versichert -
    Nun kam die Tante von einer Inspection des jenseit des groen Empfangssaales
gedeckten Tisches zurck und Thiebold mute von dem hier bedenklichen Obersten
schweigen ...
    Die Tante reichte Pttmeyern den Arm ... Thiebold bedeutete, auf Paula und
Armgart warten zu mssen. Die Tante bat ihn zu kommen; die jungen Damen wrden
nicht ausbleiben ...
    In der That erschien, als die drei Vorausgegangenen in einem fast im Styl
eines klsterlichen Refectoriums angelegten, rings mit kunstvoll ausgelegten
hohen Schrnken und krystall- und silberbeschwerten Bffets versehenen Zimmer an
ihren Sthlen standen, Paula, gefhrt von Armgart.
    Beide kamen wie aus der Mrchenwelt. Paula wie eine Fee, Armgart wie ein ihr
dienender Elfe. Jene in heiterer Sicherheit, ahnungsvoll im Besitz ihres
Reichthums und in der Flle ihrer Gaben, sie ohne Anspruch auf Dank verschenkend
... Diese der Erde angehrender, minder zuverlssig, eher wie das Licht des
Mondes gehalten gegen den Strahl der Sonne ... Beide htten Krnze auf ihren
schnen bleichen Huptern tragen sollen, Paula von himmelblauen Winden, Armgart
von grnem Epheu ... Armgart klammerte sich an ihre Freundin, wie wenn diese das
Geheimni auch ihres Lebens hielt ... Paula, selbst so hlfsbedrftig, selbst so
schwankend bewegt von ihrem innerlich bangen, uerlich zwar noch immer
glnzenden, aber doch ungewissen Geschick, bewegt von ihrer stillen Liebe,
bewegt von ihrem Naturlose, das sie sogar von dem, was ihr eben geschehen war,
selbst nichts wissen lie, schwebte sicherer dahin als Armgart, die fast mit
scheuem Gewissen zur Erde blickte ...
    Das Mittagsmahl stand in seltsamem Gegensatz zu dem eben Erlebten. Suppe,
Rothwild, Auerhhne, grnes Kraut und Kastanien - und hinter jedem Stuhl
vielleicht ein abgeschiedener Geist! In einem Winkel des Zimmers auf einem
Fusessel, vielleicht mit der Trauerhaube die Schwester des Kronsyndikus,
Paula's lngst verstorbene Mutter ... Vielleicht Graf Joseph, der eben an einer
alten, neuvergoldeten Rococo-Wanduhr die zufllig schnurrenden Gewichte aufzog
... Wer htte nicht auer sich vor Staunen fragen mgen: Wie ist dir denn nun
das, du Heiligste deines Geschlechts? Wie fhlst du dich nur? Was sahst du denn
am gespaltenen Eichbaum? Wer predigte nur so laut? Kann das wirklich derselbe
Mund sein, der vorhin ein wunderbares Ferngesicht erzhlte und der jetzt so den
silbernen Lffel leert, wie wir, vllig harmlos von des Doctors bedauerlicher
Abreise spricht und sogar Armgart neckt, die ein Buch ber Philosophie zu
schreiben scheine; denn so, wie sie sich seit einigen Tagen umgewandelt htte,
das knnte nur eine Gelehrte, die freilich auch von Angelika soviel Mathematik
gelernt htte ...
    Thiebold war glcklicherweise der Mann, der jetzt ber die schwierigsten
Fragen wie ber schwindelnde Brckchen hinwegschlpfte, dabei jeden
niederfallenden Knuel einer Bemerkung episodisch aufhob und ein seltenes
Gemisch von geselligen Tugenden zur Bewunderung der Tante bot, die solchen
Mnnerschlag in der Welt fr unmglich gehalten hatte. Pttmeyer versank in ein
stillbeschauliches Grbeln ... er sah Paula starr an, verwechselte sein Messer
mit der Gabel, nahm zum Braten zu gleicher Zeit Compot und Salat und beging all
die Ditfehler, vor denen ihn seine Verehrerinnen in Eschede beim Abschied so
ernstlich gewarnt hatten. Thiebold hatte dabei ganz nach Moppes' und Piter's
Theorie die Art, den Wein einzuschenken, als wr's Wasser. Da fand kein Nthigen
statt, kein Abwarten, ob ein Glas schon ganz geleert war; wie er in sein Haar
griff, um seinen Scheitel zu ordnen, ebenso leicht griff er an die Flasche. Die
Tante fand das alles entzckend. Sie lebte auf in dem heitern Anblick, wie die
beiden Mdchen wol ein halb Dutzend mal dieselbe Geberde machen muten, die Hand
auf ihre Glser zu legen und dem Einschenkenwollen zu steuern, whrend Thiebold
ebenso oft dann, ohne sich in seinen Reiseberichten ber Amerika, Paris, London
und Kocher am Fall stren zu lassen, die Wassercaraffe ergriff und die
Wasserglser der Damen bedachte. Er ist allerliebst! sagte ihr zwischen Paula
und Armgart hin- und hergehender Blick ... Nur Ein Diener konnte dabei bedienen,
da zur Vertretung der grflichen Wrde beim Leichenbegngni fast die ganze
Dienerschaft abwesend war und der neuhinzugetretene Dionysius Schneid fr ein
unmittelbares Bedienen der Herrschaften zu wenig Geschick zeigte ...
    Im Strom seiner Mittheilungslust und einer bei dem Gefhl, mit Geistern zu
Mittag zu speisen, hchst natrlichen Aufregung gerieth Thiebold wiederholt auf
Armgart's Aeltern. Er konnte diese Erwhnungen nicht lnger zurckhalten; denn
bald hatte er vom Obersten eine entschlossene That, bald von der Oberstin eine
berraschende Aeuerung zu berichten. Die Tante ermuthigte ihn auch, sich keinen
Zwang anzulegen, denn diese Vernderung hatte allerdings stattgefunden: sie war
vllig geneigt zur Vershnung. Ihre Sorge um Armgart wurde zu gro; im Stifte
Heiligenkreuz konnte des jungen Mdchens Bleiben nicht sein. Sie hatte bisjetzt
die schlechteste Stelle, jhrlich nur zwanzig Thaler baar und kaum sechzig in
Naturalien. Die Verhltnisse in Westerhof wurden zu schwankend; die Ansiedelung
des Obersten von Witoborn mit dem auf die Hedemann'schen Mhlenwerke gerichteten
Plane war vor der Thr; Onkel Levinus wurde je lter je grilliger; Tante Benigna
sah demnach ganz gern, da Thiebold ihre Schwester und ihren Schwager zugleich
pries ... Thiebold wurde dabei auch von ihr nur immer Herr von Jonge genannt ...
In ihren auf Armgart gerichteten Blicken lag: Wie benimmst du dich nur heute
wieder gegen diesen besten aller deiner Bewerber!
    Thiebold erzhlte von Hedemann, von seiner Lebensrettung, von den
Mhlenwerken und von Hedemann's Vettern ...
    Ich war in Borkenhagen ... mit meinem Freunde Benno von Asselyn zugleich,
der - Sie wissen ja wol, in dem Dorfe da geboren und erzogen worden ist ...
    Geboren? warf die Tante lchelnd und fast verchtlich ein ...
    Ganz recht! verbesserte sich Thiebold. Wie kann ich vergessen - Mein Freund
ist -
    Ein Spanier ja wol? unterbrach den Einschenkenden Pttmeyer, den seine
Freundinnen trotz seiner Verborgenheit au courant aller Verhltnisse der Gegend
hielten und den der Wein und die Geisterwelt seltsam anregten ...
    Das doch wol eigentlich nicht! berichtigte die Tante mit einem mysterisen
Lcheln. Sie mute auf die Schssel, die eben herumgereicht wurde,
niederblicken, weil aus Paula's Augen ein bittender Blick sie traf ...
    Ein prchtiger Spaziergang! fuhr Thiebold fort. Selbst im Winter! Wir
suchten im Wald bei Borkenhagen, in den Vorgebschen von Schlehdorn, erst den
Finkenfang, dann die Wolfshhe und einen groen dort befindlichen
Ebereschenbaum, der in Benno's Jugenderinnerungen - brigens wird ja nchstens
dort die groe Jagd stattfinden - eine merkwrdige Rolle spielt - bitte,
gndigstes Frulein, genirt Sie die Sonne? ...
    Schon war's ein Strahl der abendlichen Sonne, der der Tante ins Antlitz fiel
...
    Thiebold war schon aufgesprungen, um den Vorhang niederzulassen ...
    Man bat, sich nicht zu incommodiren ...
    Pttmeyer wnschte gelegentlich den Tag der Jagd zu wissen, seiner
Transparentbilder wegen ...
    Wir schreiben Ihnen das! sagte die Tante und fuhr, auf Thiebold gewandt und
zugleich rgerlich ber ein Erglhen Armgart's, als von Benno die Rede war,
fort: Dann waren Sie gewi auch auf dem armseligen Hof der nrrischen
verwilderten Alten, der dicht beim Walde vor Borkenhagen liegt?
    Allerdings! rief Thiebold vom Fenster zurckkehrend ...
    Armgart aber fiel mit leuchtenden Augen ein: Armselig? Das war ehemals der
schnste Bauernhof zwischen Borkenhagen und Witoborn! Die Stlle voll Vieh,
dabei fnf Pferde und die Scheuern voll Korn ... Auf dem Hof hat Benno reiten
gelernt! Da hob ihn Hedemann zuerst aufs Pferd! Die Alten schenkten ihm sogar
ein schwarzes Fllen! Wie ich im letzten Herbst hinkam und sie daran erinnern
wollte, wiesen sie mir freilich die Thr ...
    Aus dieser Mittheilung ersah man, da Armgart in der ganzen Gegend zu
hospitiren pflegte und berall den Bruder Gutentag machte ...
    Alte, verdrehte, abscheuliche Menschen sind's! rief die Tante. Ruchlose
sogar!
    Warum hast du sie nicht lesen und schreiben gelehrt? entgegnete Armgart ...
    Ich? Ich? Wie so ich? Soll das eine Anspielung auf - mein Alter sein?
erwiderte die Tante und lchelte selbst sogar der Feinheit ihrer Bemerkung, ohne
darum ihre zornige Aufwallung zu mildern ...
    Tantchen! bat Paula und reichte ihre schne, lange, ovale weie Hand ber
den Tisch zur gereizten Verlobten des Onkel Levinus hinber, whrend Armgart's
Antlitz glhte und ihre starren Lippen sich nicht regten, eine so absichtlich
verkehrte Auslegung ihrer Bemerkung zu berichtigen ...
    Diese Menschen, fuhr die Tante fort, sind die starrkpfigsten Bauern, die
nur je hier zu Lande gelebt haben! Gottesverchter sind sie geworden! Ich gebe
zu, sie wurden schlecht behandelt -
    Von einem Geistlichen! schaltete Pttmeyer gar nicht mehr zaghaft ein ...
    Auch vom Landrath! ergnzte die Tante. Solcher Trotz dann aber auch gleich!
Das kann auch nur bei uns vorkommen! Ich seh' und erleb' es ja tglich! Jetzt
wieder der Streit um den Tanz im Finkenhof! Bitte, Herr von Jonge, was man Ihnen
auch erzhlt hat und was Sie in Borkenhagen - mit Herrn von Asselyn - er heit
nur so, es ist ein Adoptivname - gesehen haben mgen, glauben Sie mir, diese
Leute sind wie die Bffel! Und die Hedemanns von je die obstinatesten! Den
knftigen Herrn Papiermller nannten sie schon vor Jahren Herrn Remigius
Dickschdel!
    Auf solche aus dem Munde der Tante, die ja selbst einen Kopf wie von Eisen
besa, berraschend genug kommende Worte, stand seit Jahren fest, konnte keine
Einrede gewagt werden. Paula's Auge richtete sich auf Armgart, deren Inneres vor
Parteinahme zu Gunsten Hedemann's und ihres an Hedemanns Namen betheiligten
Vaters aufloderte. Die braunen Augpfel gingen hin und her, die Lippen ffneten
und schlossen sich, die zitternden Finger drehten aus dem frischen witoborner
Weibrot kleine Vierundzwanzigpfnder wie zu einem Bombardement auf alle Welt
...
    Gndigstes Frulein! wandte sich Thiebold zur Tante, ich wei nicht, ob ich
gut unterrichtet bin ... Ich wei nur so viel ... Als Freund Hedemann nach
Amerika ging, war der Abschied von den Aeltern auf ewig und Hedemann lie zwei
alte Leute in schnem Besitzstand zurck. Damals hatte der so unglcklich
geendete Klingsohr, genannt der Deichgraf, die Ablsungen des ganzen
Regierungsbezirks zu reguliren. Auch die alten Hedemanns wollten sich
freikaufen. Auf ihrem Besitzthum haftete die Verpflichtung, dem Gutsherrn,
zufllig dem Landrath, dem dieser Besitz von seiner Frau her gehrte, einen
gewissen Theil des Ertrages - enfin, wie viel - kurz, ihm regelmig zu zehnten!
Zank hatte es schon um dieser Abhngigkeit willen genug gegeben; denn nicht
einen Baum durften die Hedemanns abhauen ohne den Willen des Gutsherrn ...
    Das liegt in den Verhltnissen! sagte die Tante ...
    Ich glaube das! Nun aber kam nach einem gewissen Leo Perl der Pfarrer
Langeltje, der sich schon auf andern Pfarreien den schlechtesten Ruf erworben
hatte und mehr Vieh- und Fruchthndler, als ein Seelsorger war ...
    Darber ist allerdings nur eine Stimme! gestand die Tante ...
    Die alten Hedemanns, erzhlte Thiebold immer wie forschend, ob er recht
berichtet wre, waren mit ihrem Gutsherrn in Spannung und bedienten sich des
Pfarrers, um zu ihrem Ziele zu gelangen. Der neue Pfarrer erbot sich dazu aufs
bereitwilligste ... Die Hedemanns cedirten ihm in aller Form die Ablsung und
gaben ihm die nicht unerheblichen Summen zur Realisation des Loskaufs. Gut, das
Geschft ist gemacht; die alten Leute, die froh sind, mit dem Landrath in keine
directe Beziehung gekommen zu sein, bieten auch dem Pfarrer eine Erkenntlichkeit
an. Er schlgt sie nicht aus. Er nimmt sich eine Kuh aus dem Stalle ...
    Und noch dazu die beste! schaltete die Tante ein ... Sie wollte jetzt schon
Vershnung mit Armgart und begann nachzugeben ... Er hat sie am Strick gleich
selbst sich mitgenommen!
    Inzwischen, fuhr Thiebold fort und schenkte wieder ein, indem er die
schmollende Armgart fixirte ... inzwischen lieen die alten Leute, die, wie fast
alle ringsum, Geschriebenes nicht lesen konnten, doch einmal von einem
hausirenden Juden die Ablsungspapiere durchsehen. Es war an einem Sonntag
Vormittag. Beide, der alte Mann und die alte Frau, saen bereits in Toilette, um
zur Kirche zu gehen. Die Glocken luteten. In dem Augenblick studirt der fremde
Rathgeber heraus, da in den Papieren in Worten geschrieben eine viel kleinere
Summe steht, als sich der Pfarrer von den Hedemanns hatte auszahlen lassen.
Nicht wahr? Sie waren von ihrem Seelsorger um zweihundert Thaler und ihre beste
Kuh geprellt worden. Diese Menschen, von einer groen Verehrung vor allem, was
geistlich ist, glaubten dem Juden nicht. Sie gingen mit ihrem Papier zum Kamp
hinaus, um in der Kirche, gleich nach dem Gottesdienst, den Pfarrer selbst zu
fragen. Da begegnet ihnen die Kutsche des Landraths. Hedemann's Vater grt und
hlt nickend sein Papier empor. Herr von Enckefu lt halten und frgt, was es
gbe? Die alten Leute tragen ihren Gegenstand vor. Der Hausirer steht in einiger
Entfernung. Und jedenfalls merkte Herr von Enckefu gleich, was die Uhr
geschlagen hatte. Um aber den Pfarrer zu schonen, fuhr er den Juden an, hie ihn
sich hier augenblicklich zum Teufel zu scheren - bitte um Entschuldigung! - und
behauptete rundweg zu seinem eigenen Nachtheil, der Schein lautete wirklich auf
die Summe, die der Pfarrer von ihnen verlangt htte ...
    Pttmeyer ergnzte:
    Es war gerade die Zeit, wo der Rittmeister eine noch viel grere Unthat aus
Gutmthigkeit verborgen gehalten hatte! ...
    Die Tante setzte mit Rcksicht auf die noch immer finstere Armgart hinzu:
    Sein Herr Sohn ist dafr um so strenger! Der bringt ja alles heraus! Den
Kirchenfrsten, den hat der junge Enckefu verhaften helfen! Den Hammaker hat er
auch entdeckt! Den Pater Sebastus hat er hierher gefhrt! Nur den Leichenruber
von Sanct-Wolfgang hat er noch nicht aufgetrieben ...
    Diese Zwischenplauderei war zunchst dazu bestimmt, Armgart's gute Laune zu
gewinnen ... Dann fing aber auch die Tante schon an, ihren Unmuth auf die
Bedienung abzulenken. Sie hrte drauen sprechen, hrte die groben Tritte des
die Speisen aus der Kche herzutragenden Dionysius Schneid und zischte um Ruhe
...
    Paula begleitete die Rede und das Benehmen der Tante mit Blicken auf
Armgart, die so viel sagen wollten als: Nrrchen, sei doch lieb!
    Nun hrt' ich so! fuhr nach einer Discretionspause Thiebold fort. Die alten
Hedemanns blieben in der Sache zweifelhaft. Da der Hausirjude das Blinzeln des
Landraths wohl verstanden und sich aus dem Staube gemacht hatte, gingen die
alten Leute an die Kirche, nicht in sie hinein. Sie sahen von der Thr aus den
Pfarrer im Meornat, wie er das Hochheiligste segnete; sie muten vor innerm
Groll umkehren. Mit dem tiefsten Zweifel in ihrer Brust vergruben sie sich in
ihrem einsamen Kamp und lieen, anfangs vor Ungewiheit, vor Ahnung, dann vor
sicherer Zuversicht, da der Pfarrer sie betrogen htte, mit der Zeit alles
lssig gehen. Den Pfarrer anklagen? Ihn unglcklich machen, die Religion
schnden -? Das ist diesen Leuten nicht gegeben. Sie bebauten noch ihr Feld,
hatten auch noch Knecht und Magd; aber ein Tiefsinn kam ber sie, der sie von
der Welt nichts mehr hren und sehen lassen wollte. Noch einmal wagten sie zum
Schulmeister zu gehen - sie bekmpften sich, da ihnen wieder die Scheu vor einem
geweihten Priester kam ... So ging der Lebensmuth der alten Leute hin. Sie
lieen Hab und Gut in Verfall kommen. Einmal rief die alte Mutter Hedemann die
Schulkinder an und lie sich heimlich von denen die Urkunde vorlesen. Sie hrte
leider die Wahrheit; ein Betrug war's von zweihundert Thalern. Sie verschwieg
ihn ihrem Alten. Zur Kirche ging nun keines mehr und Langeltje, den man meist
nur in groen Wasserstiefeln sah, auf den Mrkten hinter seinem Knechte stehend,
beim Fruchtverkauf, der hinderte sie darin auch nicht. So in Mistrauen und
Unmuth kamen die alten Leute zurck. Sie entlieen den Knecht, die Magd,
bestellten ihren Acker nicht mehr, brachen ihr Holz am Wallheck nicht mehr,
lieen ihr Vieh sterben und verderben und behielten nichts, als was zum
nothdrftigsten Unterhalt diente. Sie sen jetzt nur, was sie selbst brauchen.
Jahraus jahrein besteht ihre Mahlzeit aus Bohnen, die sie in Wasser abkochen und
ber die sie Milch gieen. Nur zu diesem Bedarf werden die Khe abgemolken ...
    Abgemistet wurde schon lange kein Stck Vieh mehr! ergnzte die
wirthschaftskundige Tante. Alles verdarb! Sie zogen ein gefallenes Thier aus dem
Stalle und lieen es einfach vorm Hofe liegen. Die Nachbarschaft machte dann dem
Lrm der Hunde ein Ende, die sich um das Aas stritten. Nie brauchten sie noch
Licht oder Oel; im Winter sitzen sie um den Feuerherd, den sie mit ganzen Bumen
heizen, die sie an ihrem Wall fllen, ins Haus hereinziehen, auf den Herd legen
und nun langsam abschwehlen lassen. Oft liegt das eine Ende vom halbbelaubten
Baume noch drauen im Freien, vom Schnee berschttet. Als sie in ihrer Kleidung
so weit verfielen, da sie die Lumpen mit Stroh umbanden, um sie vor dem
Herabfallen zu schtzen, legten sich die Nachbarn drein. Sie fanden zwei halb
schon zu Kindern gewordene Menschen, die in innigster Uebereinstimmung mit sich
selbst an ihrem Wahn festhielten, da die Welt kein Vertrauen mehr verdiene und
nichts berflssiger wre als die Religion. Man zwang ihnen dann Beistand auf,
eine Aufsicht, die dann und wann den Schmutz aus ihrer verfallenen Wohnung
entfernt. Der Alte sitzt und raucht aus einer Hollunderpfeife, deren Spitze und
Rohr und Abgu und Kopf er sich selbst geschnitzt hat und die immer kleiner
wird, weil die paar Zhne, die er hat, sie nach und nach fast ganz aufmmmeln.
Taback ist sein einziger Luxus. Geld kennen sie nicht. Wer ihnen etwas liefert,
Brot, das sie nicht mehr backen, Bohnen, die sie nicht mehr sen, den verweisen
sie auf das, was ringsum auf ihrem Eigenthum noch wild wchst. Aber an dem
Langeltje kam dann freilich alles heraus. Er sitzt im Jesuiten-Profehaus der
Residenz des Kirchenfrsten. Wohl kamen bessere Geistliche, aber die alten Leute
wiesen jeden ab, der sie auf ihrem verfallenen Hofe besuchte. Sie flchteten
zuletzt zur Kuh in den Stall, bis selbst unser Herr Norbert Mllenhoff mde
wurde, auf dem brennenden Baumstamm am Herde zu sitzen und ihnen zu predigen ...
So fand Hedemann seine Aeltern, als er im Herbste hier war. Natrlich hatte er
dann Zank mit dem Landrath. Wie's jetzt mit den alten Leuten aussieht, wei ich
nicht ... Die Leute leben im Kirchenbann.
    Wre Monika zugegen gewesen, ihr flammendes Wahrheitsgefhl htte ohne
Zweifel ausgerufen: Gerade aus Liebe zur Religion, gerade aus Verehrung vor der
grten Frage der Menschheit geschah dieser Abfall von ihren ueren Formen! ...
Und auch in Pttmeyer schrte der Wein und sein vor Jahren tiefgekrnkter
Denkerstolz den Ausbruch hnlicher Empfindungen ... In Thiebold wirkte Benno's
Urtheil nach, der bei Erzhlung dieser Verhltnisse gesagt hatte: Jetzt versteh'
ich, Hedemann, warum Sie die Bibel lieber lesen, als das Brevier ...
    Armgart aber rief von ihrem Standpunkte: Ja, so mu man die Welt verachten
knnen! Was hilft es, die schlechten Menschen anklagen? Aergern man mu sie und
beschmen! Beschmen durch unser Unglck, das man sie zwingt mit anzusehen! Ich
gehe doch noch in Witoborn zum Bischof und bitte ihn, von diesen so groen, so
echt frommen, so unbertrefflich vornehmen Menschen den allerdings nur zu
gerechten Bann zu nehmen!
    Man schwieg jetzt ... Es war das Mahl vorber ...
    Auch wurde die Tante von einem Anliegen des Dieners in Anspruch genommen ...
    Der Diener flsterte ihr etwas in plattdeutscher Sprache ...
    Er brachte das Gesuch des alten Kirchendieners Tbbicke, der drauen harrte
...
    Die Tante errthete ... aber Herr, sprich nur ein Wort und meine kranke
Seele wird gesund! sagte der Blick, den sie auf Paula richtete ...
    Diese bemerkte den Ausdruck eines der ihr schon bekannten Anliegen ... Sie
hrte das Leid des Alten, der um Hlfe fr sein Enkelchen bat ...
    Paula erhob sich ... Ihre Hand zitterte ... die blauen Augen wurden
tiefdunkel ... Aus den Falten ihres weiten schwarzseidenen Kleides nahm sie
einen kleinen Rosenkranz von einfachen bunten Steinkgelchen, betete einen
Augenblick leise, whrend alle ihrem Beispiel folgten, kte das Amulet und
reichte es hin ... Armgart ergriff es in leidenschaftlichster Erregung und
strzte damit hinaus ...
    Die Tante nahm Pttmeyer's Arm, um sich von ihm in das grne Wohnzimmer
fhren zu lassen ... Sie sah im Gehen auf die Uhr ... Es war schon gegen vier
... Dunkel war es geworden und der Diener sagte, da auch der Wagen schon bereit
stnde fr Eschede. Thiebold hatte Paula gefhrt ... Eine drckend feierliche
Stimmung umspann die kleine Gesellschaft, eine Stimmung, die sich mehrte durch
Armgart's Zurckkunft ... ...
    Der Alte war zu glcklich! rief sie. Das Kind wird genesen!
    Paula war wei geworden wie eine Wachskerze ... Sie ri sich los. Sie hatte
Thrnen im Auge und verschwand ... Gern wre Armgart ihr nachgestrzt, aber die
Tante befahl, da sie blieb. Auch kam der Kaffee, den sie in silberner Maschine
zu machen und zu credenzen hatte. Die Tante sank in einen der ringsum stehenden
grnseidenen Fauteuils ... Ihr Nick-Viertelstndchen kam ...
    Und Pttmeyer sollte nun so, unter solchen wunderbaren Eindrcken, seinen
ganzen Menschen zurcklassen? Er verzweifelte fast ... Doch mute er nach
Eschede ... Der Weg war zu weit und auch dort wohnten Seelen, die er nicht
ngstigen durfte! Mochte er auch von diesen nach allem, was er heute hier
erlebt, fhlen wie Armgart, als sie im letzten Herbst im Nachen zu Angelika
gesagt hatte: Eine derselben wrde als geflgelte Kaffeekanne dem Fegfeuer
zufliegen, eine andere als geflgelter Strickstrumpf! er mute sich losreien
... Auch sein Hund und seine Katze mochten nicht wenig nach ihm kratzen und
winseln ... Lassen Sie sich nur recht oft bei uns sehen! sagte ihm die Tante
schon wie zum Abschied. Geben Sie Ihr Vergrabensein auf, Herr Doctor! Solange
wir auf Schlo Westerhof noch hausen werden, sind Sie uns immer willkommen!
Adieu, Herr Doctor! Gren Sie in Ihrem nchsten Brief - die - die gute - liebe
- Angelika ...
    Die Tante wurde auch schon in ihrer Art somnambul und schlief schon halb.
Laurenz Pttmeyer stand da, wie ein vierzigjhriges Kind. Er sah sich um, um
beim Abschied nichts zu vergessen. Es that noth, da Thiebold ihm in die Hand
gab, was er mitnehmen mute, seinen Hut, seine Handschuhe, von denen sich nur
einer in seinem Frack, der andere noch drben im Speisezimmer befand, und nun
empfahl er sich wirklich. Thiebold und Armgart, die sich ihren noch im Vorzimmer
liegenden Pelz berwarf, begleiteten ihn ... Schon hrte man das
Schellenklingeln der Pferde ... Schon war der Schlag geffnet ... Man hatte dem
Gaste vorsorglich noch ein heies Kohlenbecken in den Wagen gestellt ... Man gab
ihm noch eine Wildschur des verstorbenen Grafen Joseph zur Benutzung mit ...
Pttmeyer war im Losreien von dem merkwrdigsten Tage seines Lebens in einer
Verwirrung, die ihm sogar den Streich spielte, da er ein splendides Trinkgeld
statt dem Diener Thiebolden in die Hand steckte ... Und Thiebold nahm den Thaler
und sagte sich mit verklrter Rhrung: O das kann kommen! Bei gewissen
Stimmungen ist dem gebildetsten Menschen nichts unmglich! Er gab das Geld
feierlich dem Diener ... Schon rollte der Wagen dahin und Thiebold, der in
bloem Kopf stand, war nicht wenig geneigt, Armgart zum Hinauffhren den Arm zu
bieten ... Schon aber war diese vorausgesprungen ... Und Thiebold, als er dem
flchtigen Reh langsam nachfolgte, dachte: Jetzt, jetzt endlich findest du wol
den langersehnten, immer vergeblich gesuchten Augenblick, sie allein zu sprechen
und jene Gestndnisse zu machen, die dir Bonaventura in der Beichte anbefohlen
hat! ... Er fate sich Muth, obgleich so vieles, so vieles in Armgart's Benehmen
gegen ihn sowol wie gegen Benno anders geworden war.
    Oben befand sich noch die Tante unter dem magnetischen Einflu ihrer
Verdauung ... Sie trank zwar den von Armgart bereiteten Kaffee, der bekanntlich
wach erhalten soll ... Ihr aber machte er die Wirkung, im Lehnsessel Reden zu
halten, die etwa in folgender anakoluthischer Verwickelung sich vernehmen lieen
und endlich gnzlich abbrachen:
    Nun, lieber Herr von Jonge! Nun aber, bitte, bitte, lieber Herr von Jonge,
nun spielen Sie uns etwas! ... Ich htte doch den alten Tbbicke noch etwas
fragen sollen ... Bitte, Herr von Jonge! ... Armgart! Noch eine Tasse
vielleicht, Herr von Jonge? ... Die Schlssel zum Archiv jeden Sonntag aus der
Hand lassen, das geht nicht, Herr von Mllenhoff - von Jonge! ... Bitte, Mozart
... Das Kind von dem jungen Tbbicke -! Bitte, Herr von Jonge, spielen, spielen!
- Nein, man mu sagen, Mllenhoff geht in vielem zu weit! ... Ich liebe so die
Musi -! ... Die Jagd ... Transparente Bilder von ... Wenn nur unsere Herren bald
gesund und wohlbehalten von Neuhof zurckkommen! ... Die Musik! ... Was sie nur
erlebt haben mgen - am Dsternbrook - Bitte, Herr von Jonge! - Die - Die - Sona
- Path - tique - von van - van von Beetho -
    Damit war das Gangliensystem der Tante bezwungen. Sie entschlief, ohne ihre
Rede ganz beendet zu haben.
    Die Sonate pathtique zu spielen wrde sich Thiebold in seiner Vaterstadt
nie getraut haben. Die Gegenwart einer Johanna Kattendyk, einer Josephine
Moppes, einer Lisette Maus, einer Betty Timpe htte ihn unrettbar dem Fluche
der Lcherlichkeit preisgegeben. In diesem hochadeligen Hause aber, dem, wie in
vielen tausenden solcher katholischen Herrensitze Europas, principiell die
Bildung des 19. Jahrhunderts halbwegs immer fremd bleibt, gestattete man ihm
jede freie Variation ber das groe Meisterwerk, jede Zuthat aus den seinen
Fingern noch gelufigern Cramer'schen Etuden. Thiebold spielte wirklich etwas,
wie die Sonate pathtique. Ein Genu fr Gtter! sagte er sich selbst voll
Bescheidenheit. Er war in jeder Beziehung froh, da Benno fehlte.
    Armgart stand an der Kaffeemaschine ... Endlich blies sie die Flamme aus ...
Es wollte damit nicht so schnell gehen, wie sie wollte ... Thiebold brach mitten
in seinem schnsten ad libitum ab und sprang hinzu ... Mund gegen Mund
gerichtet, endete die Flamme ...
    Thiebold seufzte und wurde khner und khner durch das Bewutsein, da sich
hier einer gemthlichen Familienscene ein beliebiger Rahmen geben lie ... Die
Tante schlief ... Paula blieb fern ... Sollte er wieder spielen? ... Frulein!
sagte er leise. Ich habe Ihnen durchaus eine Mittheilung zu machen ...
    Armgart betrachtete ihn kalt und doch war ihr die Liebe schon lange ein
Begriff geworden, so klar, so verstndlich wie sonst nur der Glaube ... Sie
frchtete, Thiebold wollte von seiner Liebe sprechen ... Sie wollte sich eben
deshalb gleichgltig zeigen ...
    Spielen Sie! sagte sie. Ich lese indessen ...
    Nein, ich mu Sie sprechen! betheuerte Thiebold mit gedmpfter Stimme. Ein
Befehl in der Beichte verlangt es! Der Domherr will es!
    Armgart ma Thiebold mit weitgeffneten Augen ...
    Wirklich, Frulein Armgart, ich schwre Ihnen das beim Heil meiner Seele!
    Auf so hochheilige Versicherung hin winkte Armgart leise mit der Hand,
deutete auf die Thr und ging mit Seufzen in den Vorsaal.
    Ein Blinzeln des Auges sagte, Thiebold sollte folgen.
    Nehmen Sie Ihren Mantel, Herr de Jonge! sagte sie, sich im Vorsaal wendend
und auf des Zgernden Nachkommen wartend ...
    Thiebold blickte erstaunt auf sie nieder ...
    Auch sie ergriff ihren Ueberwurf und hllte sich in ihn mit Thiebold's Hlfe
ein. Dann drckte sie ihm seinen Hut in die Hand ...
    Sie ging entblten Hauptes zum Corridor hinaus ...
    Wohin fhrt sie dich denn? sagte sich Thiebold mit gesteigertem Befremden
...
    Drauen war die vom Hofe hereinfallende Beleuchtung am Tage schon immer eine
halbdunkle. Jetzt war der Abend hereingebrochen und in den langen Corridoren
hatte man sich als Fremder ohne Licht kaum noch zurecht finden knnen ...
    Fhrt sie dich auf ihr Zimmer? sagte sich Thiebold, als Armgart sich links
gewandt hatte und in einem dunkeln Gange voranschritt, auf welchen fast
klsterlich eine Menge Zimmer, grtentheils an den Thren mit Hirschgeweihen
geschmckt, hinausgingen ...
    Sie kamen an Zimmern vorber, die der Tante und Paula gehrten, an
Lauftreppen, die fr die Dienerschaft bestimmt waren, an einem der vier
Eckthrme, in dem auch Armgart ein eigenes Wohnzimmer hatte ... Sie wohnte halb
im Stifte, halb hier ... beide Wohnungen schmolzen auf so eigenthmliche Weise
zusammen, da sie im Grunde nur eine bildeten ... in Heiligenkreuz lag oft ihre
Schere und hier ihr Fingerhut ... dort arbeitete sie an der Cigarrentasche, hier
an dem Aschenbecher ... dort lag zuweilen ein Schuh oder ein Strumpf, der durch
einen andern, der hier sich befand, erst ein Paar bildete ... seit Weihnachten
erst besa sie infolge des entschiedensten Verlangens und nach mannichfacher
Prfung und Berathschlagung Schiller's Werke ... da sie Tag und Nacht darin las,
so lagen sie halb in Heiligenkreuz, halb hier in ihrem Thurm. Wenn sie zwischen
Heiligenkreuz und Westerhof hin- und herfuhr oder auch zu Fu ging, begleitete
sie ein Bndel von Sachen, das sie hin- und herschleppte. Oft wurde sie von der
Tante dafr Trdelliese genannt ...
    Als Armgart aber auch nicht beim Eingang in ihr Zimmer anhielt, sagte
Thiebold stehen bleibend: Ja aber, mein Frulein, was wird denn nun? ...
    Er mute seine Verwunderung abbrechen und folgen ... Armgart eilte vorwrts
... sie war tief in sich verloren und schlio nur zuweilen gelegentlich ein
offen stehendes, in den Hof fhrendes Fenster. Die Wanderung war jetzt rechts
gegangen in einen andern Corridor des groen Geviertes ... Hier kamen die Zimmer
des Onkels, sein Laboratorium ... Auch an diesem - wo oft der Stein der Weisen
gesucht wurde und in der Retorte sich als Resultat nur ein Pfund Berliner
Neublau ergab, dessen Anfertigung ebenso viel Thaler kostete, als Groschen
hingereicht haben wrden, den Gegenstand in Witoborn beim Krmer zu kaufen - an
zwei Ritterharnischen, die vor des Onkels Thre Wache haltend im Dunkeln
gespenstisch genug aussahen, ging Armgart vorber, sprang dann eine Treppe
hinunter, wandte sich im Erdgescho einem neuen Gange zu und fhrte Thiebold an
den im untern Stockwerk befindlichen Bureaustuben, am Archiv, an der Bibliothek
vorber zu einer hohen Thr, die den Eingang in die Schlokapelle bildete ...
    Wohl gingen Mgde, Schreiber an ihnen vorber, wohl sah man ber den groen,
mit Sandsteinquadern gepflasterten, jetzt mit zusammengeschaufeltem Schnee
bedeckten Hof hinweg im Eingangsportal wieder die hier schon gewohnten
Hlfesuchenden: Armgart hielt sich bei niemand auf und huschte in die Kirche,
die dem Bedrfni der frommen Bewohner- und Dienerschaft des Hauses immer offen
stand ...
    Dieser Raum war nun erst vllig dunkel ...
    Armgart blieb an der Thr stehen, lie den vor Erstaunen sprachlosen
Thiebold eintreten, legte den hohen Thrflgel wieder an und ging durch den
schmalen Gang der Sitzreihen, voraus zum Altar. Dort knixte sie, wie in der
Ordnung, vor dem Erlser, und sagte zu Thiebold, der auf zwei Schritte hinter
ihr stand:
    Nun, Herr de Jonge! An diesem heiligen Orte - Was ist es, was Sie mir zu
sagen haben!
    Mein Frulein, stotterte Thiebold, befremdet von so viel Feierlichkeit und
befangen durch die Einsamkeit des weihrauchduftenden Ortes, Sie berraschen
mich! In der That ...
    Herr de Jonge! Sie wissen noch nicht, da ich mein ganzes Leben unter die
Befehle der allerseligsten Jungfrau gestellt habe! Ihr will ich vertrauen, was
ich auf dem Herzen habe! Von ihrem Rath hngt all mein Thun, all meine
Entschlieung ab. Was wollen - oder was sollen Sie mir mittheilen?
    Armgart hatte sich vor diesen feierlichen Worten auf die erste Bank dicht am
Aufgang zum Altar niedergelassen und kniete ...
    Allmhlich gewohnte sich Thiebold's Auge an das Dmmerlicht der auch am Tage
wenig erhellbaren Kapelle ... Die heiligen Gegenstnde, die er rings erblickte,
milderten die Weltlichkeit seiner Absichten, obgleich an sich diese die
reellsten waren und nichts Geringeres bezweckten, als Armgart seine ganze
Verhandlung mit Bonaventura zu erzhlen ...
    Thiebold sah nun, da die Betende zitterte. Den Kopf hatte Armgart aufs Pult
gelehnt. So lag sie wie eine dem Himmel Angehrige ... Thiebold htte sich schon
vor ihr selbst niederwerfen mgen; es lag ein so bestrickender Reiz in dein
exaltirten Wesen, so viel Zauberisches in dieser gleichsam vor sich selbst
entfliehenden, sich mit Gewalt migenden und doch erglhend genug, man sah es,
vorhandenen Leidenschaft, da Thiebold nur durch die geringe hhere Ausbildung
seiner Gefhle verhindert wurde, seiner begeisterten Stimmung die einer solchen
Situation entsprechenden Worte zu geben.
    Frulein von Hlleshoven! sagte er aber, sich dennoch einen Schwung gebend.
Die unvergeliche Reise von Drusenheim - die Reise durch die Siebenberge - diese
Nacht dann mit Extrapost -! O ich erinnere mich nie etwas Aehnliches - oder ich
erinnere mich allerdings ... oder Sie vielmehr erinnere ich - das ist nmlich
der bewute Gegenstand - an den Moment, wo ich Ihnen gegenbersa und Sie mir
die Hand gaben - Wissen Sie noch?
    That ich das? sagte Armgart und blickte die neben dem Erlser stehende
Madonna an, als lse sie alles, was sie zu sprechen wagen drfte, erst von deren
Zgen ab ...
    Das heit, sagte Thiebold und rckte auf der Bank etwas nher, das heit,
liebenswrdigstes Frulein, Sie setzten ohne Zweifel damals voraus, da Ihnen -
    Ich setzte nichts voraus! sagte Armgart. Ich war in einem Zustand vlliger
Betubung ...
    Einmal doch - ging Thiebold seinem Ziele, Bonaventura's Auftrag zu erfllen,
nher, - einmal doch schienen Sie vllig und sehr, sehr zurechnungsfhig - als
Sie nmlich mit Innigkeit mir oder vielmehr - ja mein Freund und ich - Sie
wissen - Benno von Asselyn - liebt Sie, und auch ich - ich kann bei Gott und auf
Ehre! ich kann allerdings nicht leugnen -
    O nicht das, Herr de Jonge! hauchte Armgart und hielt die Hand wie zur
Abwehr ...
    Htt' ich eine Ahnung gehabt, da mein Freund Sie in sein Herz geschlossen
hat, nie wrde ich selbst Ihnen soviel - Beweise meiner - Hochachtung gegeben
haben, meiner aufrichtigsten - Frulein, ich kann wol sagen, stellenweise
wahnsinnigen ...
    O nicht das! Nicht das! wiederholte Armgart ...
    O Sie kennen die Liebe nicht, diejenige, mein' ich, die Ihr Anblick in einem
- Mnnerherzen - entzndet, in einem Herzen, das im Stande ist - wie gesagt -
einem Freunde zu Liebe selbst die schmerzlichste Entdeckung seines Lebens -
    Was befahl Ihnen der Domherr mir zu sagen? unterbrach Armgart ...
    O mein Frulein! O ich bin zu tief beschmt! O, im Wagen damals glaubten
Sie, leugnen Sie es nicht, Benno, der, der se Ihnen gegenber! Ja, in der
Verschwiegenheit des Dunkels ergriffen Sie - Ihre Hand wenigstens, Ihre
Handschuhe waren es - die Hand Asselyn's, drckten diese voll Innigkeit, ja es
fehlte nicht viel, was ich dem Domherrn nicht einmal sagte - Ich beichtete ihm
nmlich meinen Betrug - da nmlich Ihre Hand die seinige - ans Herz zu drcken
vermeinte - worauf - wie gesagt aber - Sie waren im strksten Irrthum! Nmlich
der von Ihnen Beglckte war ich! ... Und, weit entfernt nun, mein Frulein, dem
Glck eines von mir aufrichtig geschtzten Freundes - oder vielmehr eines meiner
besten Bekannten entgegenzutreten, mcht' ich nur eine Antwort auf die Frage
haben: Soll ich ihm nicht das aufrichtige Gestndni machen, mein angebetetes,
liebenswrdiges Frulein, ber das, was in jener Nacht zwischen uns allen dreien
vorgefallen ist, soll ich es ihm nicht sagen, ihn aufklren -? ...
    Nein! rief Armgart ... Nein! wiederholte sie, und noch einmal sprach sie mit
fester Stimme: Nein!
    Thiebold wute nicht, wie ihm geschah ... Er mute sich vor Schrecken ber
diese leidenschaftliche Ablehnung unwillkrlich umsehen ...
    Ich soll nicht -? stotterte er ...
    Nein! war die wiederholte Antwort, die sie nur abbrach, weil am Tabernakel
hinter dem Altar pltzlich ein Gerusch gehrt wurde. Es schien eine Thr
gegangen zu sein ...
    Dennoch nahm Thiebold nach einigem Aufhorchen die Rede wieder auf und war
sogar geneigt, in sein Erstaunen den Vorwurf der Undankbarkeit gegen Benno zu
mischen - von ihm selbst sollte allerdings keine Rede mehr sein - aber
Frulein, Sie misverstehen mich! Oder vielmehr im Gegentheil ... Der Domherr
wnscht, da ich die Wiederherstellung der Wahrheit und Benno's Glck befrdere!
Er selbst will es bernehmen, Benno dann zu sagen -
    Nein! Nein! Nein!
    Aber ich beschwre Sie - soll denn alles, was gewesen ist, ausgelscht -?
    Ja!
    Die Fahrt durch die Berge gar nicht stattgefunden -?
    Nein!
    Benno glaubt aber in Ihrem Herzen -
    Nichts soll er glauben -
    Das ist ja unglaublich! Geradezu frchterlich! Ich habe ja mit Benno ein
ganz freundschaftliches Abkommen getroffen, da blos Ihre eigene Entscheidung -
    Nun sprang Arm gart auf ...
    Ein Ton war beiden zu gleicher Zeit vernehmbar geworden, der ganz in der
Nhe dem Schlieen eines Schlssels oder dem Zufallen eines Schlosses entsprach
...
    Da ist ja jemand! rief Armgart mit erstickter Stimme.
    Und schon war auch Thiebold aufgesprungen. Mit drei Stzen war er auf der
Erhhung des Altars und starrte abwechselnd auf die beiden Vorhnge, die zur
Seite hingen ...
    Hinter dem Altar war's! rief ihm Armgart nach ...
    Thiebold hob links die rothen Vorhnge auf ... Er sah den Raum, der die
Sakristei bildete ...
    Wer ist hier? donnerte Thiebold, wild gereizt wie er war, in das Dunkel
hinein ...
    Armgart, bei aller Angst mit schnell gefatem Entschlu, sprang an den
zweiten Vorhang, als wenn ihre schwache Kraft einen hier Durchschlpfenden
zurckhalten knnte ...
    Auf Thiebold's Rufen folgte keine Antwort ... Deutlich aber vernahm man
immer noch ein polterndes Gerusch, das die Anwesenheit irgendeines lebendigen
Wesens besttigte ...
    Es wird eine Katze sein! sagte endlich Thiebold mit dem ganzen,
berstrmenden Ausdruck seiner Wehmuth, whrend Armgart sich bereits in gleicher
Stimmung auf einen Geist vorbereitet hatte ... Sie stand starr und hielt
krampfhaft den Vorhang in ihren Hnden fest ...
    Thiebold ging im Dunkeln mit wiederholtem: Wer ist hier? um die Hinterwand
des Hochaltars herum ...
    Stoen Sie sich nicht! rief Armgart mit elegischem Schmelz. Dort steht
Schrank an Schrank ...
    Es waren die Schrnke zur Aufbewahrung der Opfergerthschaften und
Megewnder ...
    Thiebold kam auf der andern Seite Armgart entgegen und versicherte, nichts
gesehen zu haben ...
    Er ging dann noch einmal zurck. Armgart folgte sogar ... An einer Thr, die
zum Archiv fhrte, rttelten beide ... sie war verschlossen ... An den Schrnken
rttelten sie ... alles war unversehrt ...
    Wie beide auf der andern Seite wieder herauskamen und Thiebold das Erstaunen
ber Armgart's Erklrung und ihre den beiden Freunden nun schon whrend ihrer
ganzen Anwesenheit in der Gegend bewiesene Klte in feierlichstem Ernste wieder
aufnehmen wollte, Armgart sich ihm entzog und fast entfloh, wurde die
Aufmerksamkeit auf ein anderes Gerusch gelenkt, das sich leichter erklren lie
...
    Peitschen knallten, Schellenbehnge von Rossen klingelten, alle Hunde des
Schlosses bellten ...
    Sie kommen von Neuhof zurck! rief Armgart wie erlst ...
    Jetzt htte Thiebold viel darum gegeben, wenn die Rckkunft des Onkels und
Terschka's sich noch um eine Viertelstunde verzgert htte ... Sich selbst gab
er auf, nur in der That die Liebe zu seinem Freunde hie ihn noch reden ... Er
hatte schneidende Vorwrfe, bittere Vermuthungen auf seinen Lippen ...
    Im ganzen Schlosse wurde es mehr und mehr lebendig ... ...
    Kommen Sie! rief Armgart. Sie sind's!
    Damit drngte sie zur Thr ...
    Die Rckkehrenden waren es in der That, und Thiebold hatte sogar eine
Ahnung, Benno und Bonaventura wrden mitkommen; ersterer vielleicht um ihn
abzuholen und auf seinem Heimgang nach Witoborn zu begleiten ...
    Er konnte Armgart nicht zurckhalten, nicht um Aufklrung bitten, keines
seiner aufgeregten Gefhle weiter aussprechen ... Schon gingen im Schlosse an
allen Flanken die Klingelzge ... Man hrte das Anfahren der groen
vierspnnigen Kutsche, des Staatswagens der Dorstes, und einer zweispnnigen
kleinern, die fr Terschka und Benno bestimmt gewesen war ...
    Thiebold, mit uerstem Schmerz das Verschwinden einer schnen
Lebenshoffnung wie fr ewig frchtend, htte wenigstens nur noch Armgart's Hand
ergreifen mgen und er that dies auch und hielt sie fest und bat und flehte um
Aufklrung ...
    Lassen Sie! sagte Armgart. Das Wort war fast verletzend, vornehm sogar. Sie
war pltzlich wie gereift zur Jungfrau ...
    Aus allen seinen Himmeln gestrzt, von Armgart's Klte wie mit Eisesluft
angeweht, folgte Thiebold mit langsamem Schritt ...
    Im Hofe - da war es lebendig ... Die Hunde sprangen und rissen an den
Ketten, an die sie zur Nacht gelegt wurden ... Laternen wurden emporgehalten ...
Hin und her rannten die mitgekommenen Diener ... Mit Lichtern kam der Diener,
der bei Tisch servirt hatte, von der Stiege herunter und rief nach dem neuen
Hausknecht, den niemand bemerken konnte ...
    Vorm Portal hielten die Wagen. Schon standen in der groen Eingangsflur,
sich aus ihren Pelzen herauswickelnd, in schwarzen Fracks und weien Halsbinden
und Trauerhandschuhen der Onkel Levinus von Hlleshoven, Baron Wenzel von
Terschka und in der That auch Benno ...
    Bonaventura fehlte ... Es lie sich annehmen, da er im Trauerhause bei
seinem Stiefvater zurckgeblieben war.

                                       5.


Armgart lag, als mte sie irgendwo ihr sie berwltigendes Gefhl aufs
mchtigste ausstrmen, im Arm des Onkels ...
    Sie kte ihm den Reif von seinem groen graublonden Bart, in dem sich ein
Antlitz verbarg - vergleichen wir's nur geradezu mit einem menschlich gemodelten
Thierkopf; denn gibt es gutmthigere Augen als die des Pferdes oder eines treuen
Hundes? Stirn, Backenknochen, Nase (mehr konnte man vor dem Barte nicht sehen)
waren hart und massiv, aber die wasserblauen Augen, ohnehin von der Fahrt und
der Klte feucht, glnzten so scheu, so gut, so treuherzig, wie - rgt den
Vergleich! - die Augen der groen Bulldoggen an den Ketten im Hof. Armgart
umschlang ihn mit einer Innigkeit, als sollte alles, was durch das Gesprch in
der Kapelle sich in ihrer Brust vom Gefhl einer mit Gewalt abgelehnten Liebe
gesammelt hatte, doch jetzt Einem zugute kommen ...
    Benno grte einfach und schttelte dem gewissensscheuen, im
Laternenschimmer vollends geisterbleichen Thiebold die Hand ...
    Terschka war schon unterwegs, die Tante zu begren, die allen auf halber
Treppe entgegenkam, whrend sich oben auf dem Corridor auch Paula sehen lie,
vor der schon einer der mitgekommenen Diener mit einem silbernen Leuchter von
mehreren Flammen stand und ihre zu allen Zeiten feierliche Erscheinung wrdevoll
beleuchtete.
    Gesund und wohl? konnte man freudigst und ungehindert fragen ...
    Alles glcklich abgelaufen? fragte man schon weniger ungehindert ... Denn in
Gegenwart Paula's mochte man nicht verrathen, da sie eine Strung des
Leichenbegngnisses im Dsternbrook gesehen htte - darber war keinem von den
Zurckgebliebenen ein Zweifel, da wirklich dort etwas vorgefallen sein mute
...
    Oben im Vorsaal lieen die Mnner ihre schweren Bekleidungen und fanden,
links sogleich durch das Ezimmer schreitend, in einem heute noch gar nicht
geffnet gewesenen, inzwischen geheizten gemeinschaftlichen groen Wohnsaale im
linken Thurm die Zurstungen zum Thee.
    Das war denn ein traulicher Raum. Ein groer runder Tisch, hchst kunstvoll
ausgelegt, war nur in der Mitte mit einer kleinen Damastdecke belegt ... Auf
diesem stand schon die siedende Theemaschine ... Nhtische waren dicht noch an
diesen Tisch gerckt mit weiblichen Handarbeiten ... Eine groe, mit einem
Blechschirm bedeckte Ampel mit mehreren Flammen, die mit metallenen Ringen an
der Decke befestigt war, beleuchtete das ganze, rings mit Gemlden geschmckte,
teppichbelegte Zimmer ... Die weien Fenstervorhnge waren niedergelassen ...
die Gardinen waren zugezogen ... das Feuer in einem hohen Kamin prasselte ... es
war eine Sttte des Friedens ...
    Onkel Levinus schritt, umschlungen von Paula und Armgart, wie ein von langen
Reisen Zurckgekehrter daher ... Es war ein untersetzter, stmmig gebauter Herr
... In seinem Lcheln lag sogar etwas List, jene List, die der Ausdruck des
Geistes ist, den dieser immer dann hat, wo er sich waffen- und harmlos gibt. Der
Junggesell zeigte sich in der chevaleresken Begrung der Tante, die ihm auch
ihrerseits ganz holdseligst entgegenkam und jetzt nicht das Mindeste verrieth
von ihren gewohnten Misbilligungen z.B. seiner Methode, die Merinoschafe aus
Spanien einzufhren, seines Bohrens auf Steinkohlenlager, die sich nicht fanden,
seiner Gesttsveredelungsversuche und hnlicher Dinge, die sie seit Jahren an
dem phantastischen und kostspieligen Wirthschaftsfhrer controliren mute ...
    Terschka fragte nach dem Postpacket, das sie mitgebracht htten von Witoborn
... Armgart wurde sogleich von der Tante bedeutet, es aus dem Wagen zu holen ...
    Schon sprangen drei Mnner zu gleicher Zeit, den Auftrag ihr abzunehmen ...
Thiebold nicht am sichersten ... ... Benno schon in beschleunigterer Hast ...
Terschka der Flinkste ...
    Armgart hielt inde alle zurck, bat, sich zu ruhen, und ging allein ...
    Benno, von einer der Tante an ihm ganz ungewohnten Eleganz, wie ein
Hochzeiter, zog die Handschuhe aus und strich sich vor innerer Erregung den
schwarzen Bart und sein lockiges Haar ...
    Und der Onkel erzhlte schon:
    Bonaventura's Mutter war auf dem Schlosse noch nicht anwesend, aber das
groe Djener dinatoire, das man zur Strkung bei den weiten Distanzen der
Wohnorte aller Geladenen mit voller Genugthuung antreffen durfte, war hchst
kostbar gewesen ... Man hatte das Mahl im Stehen eingenommen ... um ein Uhr
brach endlich der Zug auf ... Die Segnungen hatte dann dem Sarge der Geistliche
des Sprengels gegeben, in dem das Schlo liegt ... Dann hatten die Mnche den
Sarg in Empfang genommen, an der Spitze der neue Provinzial, Pater Maurus,
Nachfolger des verstorbenen Henricus ... Die Beisetzung im Kloster selbst war
ohne Feierlichkeit erfolgt ... Bonaventura hatte dabei etwas zu sprechen keine
Veranlassung ... Im Kloster Himmelpfort hatten sich alle Eingeladenen und nur
aus Rcksicht um die Dorstes Gekommenen getrennt ... Bonaventura war noch mit
einem der Wagen des Prsidenten zurckgeblieben, um im Kloster den Pater
Sebastus zu besuchen ... Dann hatte er wieder nach Schlo Neuhof umkehren und
erst morgen im Kreise von Westerhof erscheinen wollen ...
    Paula hrte diesen Mittheilungen mit Aufmerksamkeit und Ergebung zu ...
    Benno ergnzte:
    Besonders geistlich sind die Gedanken der Leidtragenden nicht gewesen! ...
Der Landrath machte curiose Spe ...
    Ja, sagte der Onkel, Spe, die fr eine Kindtaufe gepat htten! ...
Niemand ging jedoch besonders darauf ein ...
    Die Verabredung zur Jagd ist zu Stande gekommen? fiel Thiebold zerstreut ein
...
    Graf Hovden, die Hakes, Graf Mnnich und andere beauftragten uns, mit der
grflichen Jgerei Rcksprache zu nehmen, sagte Terschka, und die Leute meinen,
da gerade heute Abend noch im Finkenhof das Jagdpersonal versammelt sein wrde
... Herr von Asselyn schlug vor, heute Abend den Umweg ber den Finkenhof zu
machen ... Ich begleite ihn und so bringen wir alles in Ordnung!
    Gut! Gut! sagte der Onkel und deutete die Autoritt an, die vorzugsweise
Terschka hier gebhrte. Der Weg ist ja nicht weit ...
    Die Tante war inzwischen wieder ungeduldig geworden ber Armgart, die
erklrt hatte, die Post allein besorgen zu knnen, und nun nicht wiederkam ...
Sie schien auch schon zu bemerken, da die Mnner in der That etwas im Rckhalt
hatten ...
    Terschka sprach mit Paula und war die Artigkeit und Rcksicht selbst ...
    Die zurckgekommenen Diener, die in ihrer etwas altfrnkischen Staatslivree,
Grn mit Gold, geblieben waren, arrangirten den Thee ... Die Herren setzten sich
...
    Wie still, begann der Onkel mit einer wohltnenden, aber nur leisen und, wie
dem Forscher ziemt, nur prfenden Stimme ... wie still kann nun so ein wildes
Menschenkind werden! Wie lange hat doch dieser Mann in der Welt rumort! Es ist
dein Onkel, Paula! Aber der hat die Spanne Zeit, die ihm der Schpfer gemessen,
benutzt wie sein unveruerliches Eigenthum! Ein schauerlicher Augenblick, als
wir in dem dunkeln, schneeverschtteten Grunde an dem hohlen, blitzzerschlagenen
Eichbaum vorberkamen, wo einst der Deichgraf Klingsohr gefallen! ... Ja, vorher
schon! ... Ich erstaunte, im Dickicht ein gewisses Kreuz wiederzufinden, das,
solange der Kronsyndikus noch im Gebrauch seiner gesunden Sinne war, an jener
Stelle nie stehen durfte ... Bruder Hubertus scheint es gewesen zu sein, der es
wieder aufgerichtet hat ... Er ist von seiner Reise zurck ...
    Terschka, immer die Thr fixirend, durch die Armgart zurckkehren mute, und
eine Tasse Thee entgegennehmend, sagte:
    Ich bin nun fast ein halbes Jahr in der Gegend, hrte soviel vom Bruder
Hubertus und sah ihn heute zum ersten mal ...
    Er ist erst jetzt von Wanderungen heimgekehrt, die ihn bald in dieses, bald
in jenes Kloster seines Ordens, oft bis in die Schweiz hineinfhren, erwiderte
Onkel Levinus. Gleich beim Anblick des Kreuzes, vor der Strung an der Eiche,
dachte ich mir: Jetzt mu wol der Knochenmann wieder dasein!
    Welche Strung? fragte schon vor dem Knochenmann die Tante und sah
Thiebold an, der seinerseits zu der vom herabfallenden Lampenschimmer wie
verklrten und nur auf die Erwhnung Bonaventura's harrenden Paula mit
gedankenverlorener Andacht blickte ...
    Ja! fuhr der Onkel fort, das war, um es nur zu sagen, ein recht
verdrielicher Augenblick! Ein frmliches Todtengericht! Ich zitterte fr den
Prsidenten, der neben dem Domherrn sa und die Scene erleben mute! Auch der
Landrath, wie uns Herr von Terschka spter mittheilte, soll sich furchtsam in
seine Ecke gedrckt und vergessen haben, da gerade seine Autoritt hier am
Platze war ... Wer wei, wie lange diese Scene gedauert htte, wre nicht Herr
von Terschka zum Wagen hinausgesprungen und htte die gehemmte Ordnung des Zuges
wiederhergestellt ...
    Tante Benigna's Augen hafteten an denen Thiebold's ...
    Bruder Hubertus untersttzte Sie endlich, Herr Baron! schaltete Benno ein,
den Terschka's gespanntes Warten auf Armgart zu stren schien ... Man htte von
ihm, soviel ich hre, diese Gromuth kaum erwarten sollen ...
    Welche Gromuth? fragte Terschka. Was hat es mit dem Bruder fr eine
Bewandtni?
    Das zu erklren, fuhr der Onkel fast frauenzimmerlich errthend fort, mchte
-
    Die Tante wute, da die Gegenwart der Damen hinderlich war und fiel
sogleich ein:
    Welche Strung fiel denn nur vor?
    Paula sa jetzt, als besnne sie sich auf einen Traum, den sie vor langer,
langer Zeit gehabt haben konnte ... Auch Benno sah sie auf das Wort des Onkels
mit einem ehrfurchtsvollen Blicke an. Sie machte den Eindruck, als wren unter
dem Schutz ihrer weit ausgebreiteten Cherubsflgel alle Dinge der Erde rein und
unentweiht ...
    Der Zug mute im Dsternbrook eine Biegung machen, erzhlte der Onkel, soda
wir auch im Wagen alles mit ansehen konnten, was vor uns mit dem Sarge geschah.
Vier Laienbrder trugen ihn. Voraus gingen der Provinzial Maurus und die Mnche
und alle sangen. Hintennach folgten die Dienerschaften von Schlo Neuhof, die
Vorstnde der Wirthschaft, die Beamten der Wittekind'schen Verwaltung. Dann erst
kamen die Kutschen. Wie der Sarg an der bekannten Eiche vorberkam, empfing ihn
an dem zum Zusehen bequemsten Platze eine dort versammelte Menschenmenge ...
Bauern, Knechte, Weiber, Kinder, alles dicht geschart ... Zufllig machten die
Gesnge der Mnche eine Pause ... Da ertnte anfangs eine Geige ... In lustiger
Melodie fiedelte irgendjemand, den man nicht sah, und gerade aus dem
Menschenknuel heraus ... Erst konnte man an einen Bettler denken, der die
Gelegenheit nutzen wollte, auf die Art zu einem Almosen zu kommen ... Bald aber
hrte man eine laute Stimme rufen: Schweig, Todtengrber! Hier erst noch drei
Hnde voll Erde!
    Ihr Heiligen! rief die Tante erstaunend, da auch der Onkel im Erzhlen
feierlich die Stimme erhob ...
    In demselben Augenblick ging die Thr auf und Armgart kam zurck ...
    Sie kam ohne die Brief- und Zeitungsmappe ...
    Niemand fragte jetzt danach, so ergriffen war noch alles von dem eben
Mitgetheilten ...
    Thiebold klrte Armgart rasch ber das auf, wovon die Rede war ...
    Diese hrte wie geisterhaft und abwesend zu ...
    Schweig, Todtengrber! wiederholte der Onkel. Hier erst drei Hnde voll
Erde! rief die Stimme. Da trat eine hohe, krftige Gestalt in grauem Mantel aus
der Menge, hielt einen Gegenstand hoch empor, zog den Hut, als wenn er die Raben
ringsum, die grauen Wolken, die kahlen zackigen Zweige, die Trauerkutschen
gren wollte, und rief: Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof! Nimm zu deinem
himmlischen Ehrenkleid auch noch diesen Orden mit! Ein ab instantia absolvirter
Mrder empfiehlt dich der Gnade Gottes, des Heilands und der allerseligsten
Jungfrau! Erschein' am Tage des Gerichts mit diesem grnen, damals nicht
verbrannten Fetzen Tuche -
    Die Frauen blickten starr auf den Onkel, der alle diese Worte mit
Feierlichkeit nachsprach ... Die Tante war vor Entsetzen halb aufgestanden ...
    Benno berichtete weiter; denn dem Onkel stockte schon die schwache Stimme
...
    In diesem Augenblick, sagte er, wo wir alle die gleichen Empfindungen haben
muten, wie Sie sie jetzt allein vom bloen Berichte haben, war die Scene
bereits von Herrn von Terschka unterbrochen worden ...
    Doch nicht! doch nicht! sagte dieser von einem Nachdenken auffahrend ...
Noch ehe ich aus dem Wagen war, um die Strung zu unterbrechen, war schon ein
anderer Zwischenfall eingetreten ... Die Geige -
    Bitte! ergnzte Benno. Erst hrte man einen schreckhaften Schrei ...
    Aber auch Paula erhob sich jetzt ... Armgart hatte nicht Platz genommen,
obgleich ihr Terschka und Thiebold einen Stuhl holten, wie sie eintrat ...
    Ganz recht! besttigte der Onkel. Man erfuhr, da im Dienstpersonal ein
Frauenzimmer ohnmchtig geworden war. Es war das die Lisabeth, die Beschlieerin
von Schlo Neuhof ...
    Dann war - das ja wol - jener Kfer? schaltete die Tante mit Entsetzen ein
...
    Stephan Lengenich! besttigte der Onkel. Wir erfuhren es spter. Die
Verwirrung des Augenblicks lie sich nicht ganz bersehen, weil inzwischen der
Zug schon weiter ging und die Mnche schon wieder sangen. Aber den Anblick alles
Sptern hatten die doch noch, die nur langsam nachfuhren. In die Rede des damals
ungerechterweise angeklagten Kfers hinein ertnte wieder die Geige. Ihr Spiel
war so frech, so teuflisch, so voll Hohn fiel sie ein in die furchtbare Rache
des Kfers, die sie gleichsam untersttzen wollte, da jedermann dem nur danken
mute, der sich pltzlich auf den Geiger warf, ihm sein Instrument aus den
Hnden schlug und ihn, da er Widerstand leisten wollte, fast mit Fen trat. Das
war dann niemand anders, als unser alter guter Freund, der Bruder Hubertus ...
    Benno und Thiebold muten sich mit Besorgni Paula nhern, die wie in
Erstarrung wieder in ihrem Sessel sa, whrend die Tante an die Thr eilte, um
sicher zu sein, da in diesem Augenblick der Errterung mislicher
Familienverhltnisse die Diener nicht hereinkamen ...
    Ja, das Ma ist gerttelt und geschttelt voll, sagte der Onkel
tiefschmerzlich und die Hnde gefaltet auf den Tisch vor sich hinlegend, das Ma
der Ehrenkrnkung, die seiner Familie ein wilder und entsetzlicher Mann
hinterlassen hat! So ging es doch mit ihm fast funfzig Jahre hindurch! So klagen
ihn todte und lebendige Zeugen an! So ffnen sich die Grber, um ein Geheimni
nach dem andern ans Tageslicht zu bringen! Paula! Du gutes, gutes, treues Kind -
    Auf diese liebevolle Anrede, die dem Schmerz galt, den Paula um die Ehre
ihrer Familie, um Mutter und Vater empfinden mute, hatte sie sich rasch aus dem
Zimmer entfernt ... Armgart flog ihr wie ihr Schatten zu hlfreichem Troste nach
...
    Nun erzhlte die Tante den theilweis hocherstaunenden Mnnern Paula's
Traumgesicht ... Alles was sie gesehen hatte, wurde von den Mnnern besttigt
...
    Wild, wild war der Anblick dessen, was an der Eiche geschah! sagte der
Onkel, der seinerseits an diese Visionen schon gewhnter war. Da mute sie wol
erwachen ... Der Geiger war der Taugenichts, der alte buckelige Stammer! Rchen
wollte er sich fr die Verweisung aus dem Schlosse durch den Prsidenten ... Der
Kfer hatte den Fetzen Tuch, der einst vom Deichgrafen dem Kronsyndikus
abgerissen war und so lange nicht gefunden werden konnte, wenn es berhaupt der
echte war, auf den silberbeschlagenen Sarg, mitten unter die Ordensinsignien
gelegt! Als er das gethan, taumelte der Mann - es war auf den Schrei der
Lisabeth - wie ein Kind und wurde von dem anwesenden Lb Seligmann gehalten, dem
Juden, der ihn zu kennen schien. Herr von Terschka, Sie werden ja wol das Nhere
von dem drolligen Musikschwrmer erfahren knnen! Aber dem Geigenspieler ging es
schlimm. Hubertus zertrat ihn fast; obgleich Stammer der Bruder des Mdchens
war, um das auch der Bruder Abtdter den Kronsyndikus so bitter hate ...
    Die Tante, die den Onkel in der weitern Mittheilung der Geschichte des
Mnchs Hubertus nicht stren wollte, entfernte sich, um nach Paula zu sehen ...
Es kamen jetzt Bestandtheile eines Soupers, auch einige Flaschen Wein, die sie
den Mnnern berlie ...
    Der Abtdter, hrt' ich, nennt man ihn? fragte Terschka kopfschttelnd, als
die Diener fort waren ...
    Man nennt diesen Mnch so in den Klstern und im Volke! erklrte der Onkel.
Sein eigentlicher Name ist Buschbeck ...
    Buschbeck! wiederholte Terschka befremdet und wiederholte lange sinnend:
Buschbeck? Buschbeck? ...
    Terschka's eigenes, allen hier unbekanntes Leben schien mit diesem oder
einem hnlichen Namen eine Beziehung zu haben ...
    Der Onkel erzhlte mit gedmpfter Stimme und rasch die Abwesenheit der
Frauen nutzend:
    Auch Sie, Herr von Asselyn, werden sich ja wol aus Ihrer auf Hof Borkenhagen
verlebten Jugend des Frsters Buschbeck - nein, Sie muten ihn schon nur als
Mnch gekannt haben -
    Es mu jener Laienbruder sein, sagte Benno, der dem alten Hedemann einmal
ein Pferd mit Sympathie curirte ... Dreizehn Haupthaare von einem Scharfrichter
in einem Teig von Weizenmehl und Oel eingegeben und das Pferd erhielt sich ...
    Der Glaube macht selig! lachte Thiebold, der sich allmhlich zu finden und
schon wieder zu serviren anfing ...
    Aber der Onkel entgegnete:
    Warum? Die Geheimnisse der Natur sind unergrndlich!
    Terschka, immer sinnender und ein anerkannter Virtuose der Reitkunst, fiel
ein:
    Die Hauptsache an dem Mittel werden das Oel und vielleicht auch die Haare
gewesen sein! Wann kam denn dieser Mann hier in die Gegend?
    In den Jahren vor den Befreiungskriegen, etwa 1808, erzhlte der Onkel. Es
war ein schlanker und gewandter Mann, der bei den Hollndern in Java gedient
hatte ...
    In Java! sprach Terschka leise und sein sonst schon immer wachsbleicher,
fast gelblicher Teint nahm eine eigenthmliche Frbung an ... Er verlor in dem
Grade seine gewohnte Elasticitt, da er jetzt ganz als der Vierzigjhrige
erkannt werden konnte, der er war, whrend sonst der viel jugendlichere Benno
fast lter aussah, als er ...
    Er rhmte sich mancher geheimen Jgerkunst und manchem galt er fr einen
Freischtzen! fuhr Onkel Levinus fort ... Aber sein Lebenswandel war achtbar und
stimmte wenig mit dem Ton, der damals auf Schlo Neuhof herrschte, wo ihn der
Kronsyndikus anfangs zum Revierfrster machte ... Es gab einst eine wilde Zeit
auf dem Schlosse da, das wir heute so still und gespenstisch sahen! ... Freiherr
von Wittekind war durch die Verfhrungen des damaligen kasselschen Hofes in ein
Leben der tollsten Liebeshndel gerathen. Immer hab' ich gefunden, da Mnner
bei einer solchen Lebensweise zuletzt von ihrer Sinnenglut frmlich unterjocht
werden. Jeder Gedanke verwandelt sich ihnen in Unlauterkeit, jeder Blick auf ein
Weib in Begehrlichkeit, jede Voraussetzung ber die Tugend des Menschen in den
frechsten Glauben an schlechte Mglichkeiten. Damals war auf dem Schlosse eine
Person allmchtig, ein Frauenzimmer zweideutiger Herkunft - eine gewisse -
    Benno befreite den Onkel von der Verlegenheit, ganz offen ber eine ominse
Beziehung zur Dechanei zu sprechen ...
    Legen Sie sich keinen Zwang an! sagte er. Frau von Buschbeck hat fr die
Dechanei nie existirt ... Hchstens, da jetzt ihre Schwester mit dem alten
Windhack ihr Privaterstaunen austauscht, wie das hbsche Vermgen der
Ermordeten, doch an zwanzigtausend Thaler, an den Bruder Hubertus testirt wurde.
Die Stifter und Kirchen sind betrogen worden! Hammaker's Vertraulichkeit mit der
Alten beruhte auf den Codicillen, die er mglich zu machen wute, um die durch
Nck und unter Zeugenassistenz zweier Herren Schnuphase und Klingelpeter
getroffenen gottseligen Bestimmungen fr den Fall ihres Todes wieder aufzuheben
...
    Terschka war ber die Ermordung der sogenannten Frau Hauptmann von Buschbeck
unterrichtet und lauschte mit der grten Spannung ...
    Diese auerordentliche Zrtlichkeit einer Person, fuhr der Onkel fort, die
nicht einen, nein mehrerlei Teufel im Leibe gehabt haben mu, diese auffallende
Anhnglichkeit an den Mnch Hubertus ist eine Folge der Eitelkeit, da sich
Brigitta von Glpen durchaus als die Frau Hauptmann von Buschbeck geberden
wollte ... Als Hauptmann war der hollndische Lieutenant Buschbeck verabschiedet
worden; er war nicht von Adel, auch nicht etwa schimpflich entlassen; aus
eigenem Antrieb hatte er und leider vor Erreichung seines hhern Pensionsgrades
seinen Abschied genommen. Man sagt, weil ein dunkler Schleier gehoben wurde, der
auf seiner Vergangenheit ruhen soll ... Ich kenn' ihn nicht ... Man spricht ja
wol von ihm, es wre ein Scharfrichterssohn? ...
    Auf diese Frage, die der Onkel an sein eigenes Gedchtni richtete, wurde
Terschka's Auge das des Falken ...
    Diesem Fremdling, der in einer erwerbslosen Zeit, mde des damals nur noch
eintrglichen Kriegsdienstes, hingehalten mit seiner nur geringen Pension, die
einfache Stelle eines Frsters annahm, schenkte die damalige
Wirthschaftsfhrerin des Freiherrn, Frulein Brigitta, ihr Herz. Sie war
feurigen, lebhaften Sinnes, hlich dabei wie eine Fledermaus. Der Fremdling
konnte sich ihrer Zudringlichkeit nicht erwehren; der Kronsyndikus that nie
etwas umsonst und wnschte auf diese Art von einer Person befreit zu sein, die
ihm ber den Kopf wuchs. Der Abenteurer mag aus Willensschwche und verblendet
von glnzendern Anerbietungen, zugleich berauscht von der Wildheit des damaligen
neuhofer Lebens, Zugestndnisse gemacht haben, die er spter bereute. Seinen
sptern Aeuerungen zufolge will er niemals ein Weib geliebt haben, als nur
einmal eine Tochter eines seiner Waldhter, ein allerdings auffallend schnes
Kind, Hedwig Stammer hie sie, schlank, hochgewachsen, die Schwester dieses
Buckeligen, den er heute mishandelt hat ...
    Nach einer Pause des Erstaunens ber diese Zusammenhnge fuhr der Onkel
fort:
    Hedwig Stammer wurde im stillen seine Liebe und bald entdeckte diesen
Treubruch, wie sie es nannte, die Megre auf dem Schlosse. Sie ersann eine
Rache, zu teuflisch um sie nur nachzudenken, wenn nicht die Umstnde
Begnstigungen zur wirklichen Ausfhrung des Unglaublichen gegeben htten. Die
Leidenschaften des Kronsyndikus kannten keine Grenzen. Keine Tugend war ihm
heilig. Kein Weib, dem er irgend sich glaubte nahen zu knnen, lie er ohne
Anfechtung. Dabei begnstigte ihn sogar das Glck, ohnehin sein Reichthum und,
wie das in solchen Fllen geht, die Courage. Ihm schien ein Widerstand unmglich
und so vermessen war seine Menschenverachtung, da er sich an die Unschuldigsten
wagte, ja durch Umtriebe aller Art es oft dahin zu bringen wute, da diese
pltzlich in irgendeiner Weise wirklich von seinem Willen abhngig wurden. Htte
der Mann auf einem Throne gesessen, er wrde den grten Tyrannen beizuzhlen
sein ...
    Ein Blick auf die Nebenthren und ein Lauschen nach einem fernen Gerusch
drckte die Furcht des Onkels aus, die Frauen mchten zurckkommen ... Dem fast
bersiedenden Wasser im silbernen Kessel sprangen Benno und Thiebold zugleich
bei durch Mildern der Flamme ...
    Ich will es kurz fassen! fuhr der Onkel sich eilend fort. Der Kronsyndikus
hatte sein Auge auf die Frau des Deichgrafen Klingsohr geworfen. Die Vertraute
seiner Lste, die Glpen, untersttzte seine Hoffnungen, weil ihn
Unmglichkeiten unertrglich im Umgang machten. Mit Verachtung zurckgewiesen,
entbrannte er in nur noch wilderer Glut. Da entdeckte die Glpen die Neigung
ihres sogenannten Verlobten und schmiedete einen Hllenplan. Durch verstellte
Handschriften machte sie die Deichgrfin, wie sie hie, zur Correspondentin des
Kronsyndikus. Die Eitelkeit des Frevlers war einer vlligen Sinnlosigkeit fhig.
Taumelnd in seinen Hoffnungen, die ihm leider nur selten fehlschlugen, glaubte
er der Versicherung der Glpen, die Deichgrfin warte nur eine Reise ihres
Mannes ab, um ihn zu erhren. Dann wrde sie selbst einmal aufs Schlo kommen.
In einer Nacht, wo kein Stern am Himmel stand, der Kronsyndikus gegen
Mitternacht von einem Gelage heimkehrte, wisperte ihm das Scheusal zu: Die
Deichgrfin ist da! Sie bleibt auf die Nacht bei mir zum Besuch, das Wetter ist
zu schlecht - Wo? ruft der Trunkene und folgt in rasender Begier dem Weibe, das
ihn an ihrer knchernen Hand im Dunkeln geleitet. Pltzlich ist ihr Licht
erloschen, alles ringsum finster. In einer engen, dunklen Kammer trifft er eine
schlanke, sich eben entkleidende Gestalt, wirft sich auf sie - und erst wenige
Minuten spter, als es zu spt war, erkennen zwei Menschen ihren grauenhaften
Irrthum ...
    Die Mnner saen erstarrt ... Es bedurfte von Seiten des Onkels kaum einer
Erklrung, welche Rache hier ein weiblicher Bsewicht vollzogen hatte, der denn
auch das Leben durch die Schlinge eines Mrders verlassen sollte ... Dennoch
erklrte der Onkel das Vorgefallene ausfhrlicher:
    Brigitte von Glpen hatte Hedwig Stammer, die sie tdlich hate, allmhlich
an sich gelockt und sicher zu machen gewut ... In ihrer Waldwohnung suchte sie
sie fters auf, erklrte, die Untreue des Hauptmanns brche ihr zwar das Herz,
doch wolle sie sein Glck nicht hindern ... Sie befahl nur dem Mdchen, die
Besuche, die sie ihr, um ihren guten Willen zu zeigen, machte, dem Herrn von
Buschbeck zu verschweigen ... Sie versprach eine glnzende Ausstattung, die
Untersttzung des Kronsyndikus und lockte das arme Kind immer mehr und mehr an
sich ... Eines Abends, da sie es so veranstaltet hatte, da Hedwig einen Auftrag
im Schlosse auszurichten hatte, behielt sie sie bei sich, erzhlte von dem
Herrn von Buschbeck, Hedwig's Geliebten, der noch diesen Abend aufs Schlo
kommen mte und mit dem Kronsyndikus von einer Jagdpartie zurckkme. Es
regnete, es strmte. Sie versprach, Hedwig's Ausbleiben ber Nacht sogleich bei
den besorgten Aeltern ansagen zu lassen und brachte sie in eine Kammer, wo sie
zur Nacht ruhen sollte. Das arglose Ding, das bis zwlf Uhr vergebens gewartet
hatte, entkleidet sich, lt, da die Glpen noch erst gute Nacht zu sagen
zurckzukommen erklrte, die Thr offen, lscht auf Befehl das Licht, weil die
Glpen von den Wunderlichkeiten des Kronsyndikus und seiner Strenge gegen
Untergebene spricht, und nun strmt die Glpen pltzlich herein, ruft: Buschbeck
ist da! Er kommt ... Hedwig fhrt auf, rafft ihre Kleider zusammen - - Genug,
drei Tage hielt sich das Weib, dem seine Rache nur zu gut gelungen war, vor der
Wuth des Frsters, dem die Getuschte, noch in der Nacht vom Schlosse
entfliehend, sich sogleich entdeckte, verborgen ... Buschbeck wrde sie ermordet
haben ... sie wute das ... Der Kronsyndikus, damals noch sein eigener
Gerichtsherr, verfgte gegen den Frster, der ihn persnlich anfiel, erlie
sofortige Verhaftung, dann Dienstentlassung. Lachend verzieh er der Glpen,
nannte noch spter, als in der That zufllig die in aller Unschuld abwesende
Deichgrfin eines Sohnes genas, diesen, den jetzigen Mnch Sebastus, seinen
wahren Sohn, d.h. den Sohn seiner Einbildung, seinen Sohn im Geiste. Hedwig
Stammer verfiel in ein Nervenfieber und starb. Den sogenannten Hauptmann von
Buschbeck wollten die franzsischen Gensdarmen zwingen, Kriegsdienste zu nehmen
oder die Gegend zu verlassen. Er flchtete sich nach Kloster Himmelpfort, wo ihn
der damalige wrdige Guardian Henricus beschtzte, vollends als er nach dem Tode
Hedwig's in den Orden trat. Das bse Weib konnte sich nicht lnger im Schlosse
halten. Reich ausgestattet an Geschenken, fr ihre Lebenszeit gesichert durch
eine Pension, zog sie von dannen. Sie stellte sich so wahnsinnig verliebt in
ihren Verlobten, da sie alles, was sie von seinen Sachen als Andenken nur
ergattern konnte, mitnahm, javanische Pfeilspitzen, chinesische Gtzen, groe
ausgestopfte Vgel ... Die Stammers wohnten dann spter in einem Pavillon des
Schloparks und hatten das Gnadenbrot vom Kronsyndikus, der seine
Jugendthorheiten spterhin, wie das so geht, wenn die Kraft nachlt, zu bereuen
anfing ... Und schon einmal wurde ihm der Geiger zum Verhngni. Dieser
Taugenichts war es, der den Tod seines Sohnes Jrme dadurch veranlate, da er
diesen, der zur Pflege in einem Dorfe jenseit des Gebirges beim Pfarrer Huber,
der jetzt hier in Witoborn steht, die Nachricht von der nach Hamburg gerichteten
Flucht eines gewissen fremdartigen, schnen Mdchens anzeigte, das damals
wiederum auf Schlo Neuhof, wenn auch freilich unter andern Verhltnissen,
auftauchte -
    Bis zur gnzlichen Vollendung seiner Erzhlung gelangte der Onkel nicht,
denn in diesem Augenblick kehrten die Frauen zurck ...
    Tief erschttert schwiegen die Mnner ...
    Was ihnen auf die Lippen ein ernstes Schweigen legte, war nicht blos das
Entsetzen ber das Vernommene, nicht blos bei Terschka der mannichfache, fast
persnliche Antheil, den er an allen diesen Berichten zu nehmen schien, nicht
blos bei Benno die Verbindung alles dessen, was er ber Klingsohr und Lucinden
wute, und der Nachhall des grauenhaft dmonischen Wortes des Kronsyndikus: Im
Geist ist doch Heinrich Klingsohr mein Sohn! - nicht blos bei Thiebold die
Rckerinnerung an jenen Morgen, wo eine so bse Uebelthterin ermordet gefunden
wurde, und an die ihm noch unbekannte Wendung, die das Testament der Ermordeten
genommen hatte (Bruder Hubertus sollte in der That das Geld angenommen, aber zu
bestimmten Zwecken cedirt haben) - das ernste feierliche Schweigen wurde noch
mehr hervorgerufen durch den Gegensatz, in welchem die reine, lichtumflossene,
weiblich verklrte Gegenwart der Wiedereingetretenen zu dem Unreinen stand, das
durch menschliche Leidenschaft wie aus einem Schwefelpfuhle heraufbeschworen so
im Leben ans Licht treten kann.
    Die endlich von der Tante mitgebrachte Postmappe, aus der sie schon ihre
eigenen Briefe und die fr Paula herausgenommen hatte, bot Gelegenheit, da sich
die Empfindungen sammelten und eine Stimmung des Friedens und wenigstens
uerlichen Behagens wiederherstellte ...
    Auch von Pttmeyer's Besuch erzhlte jetzt die Tante ... Das lebhafte
Interesse, das daran der Onkel nahm, wurde an einem ebenso lebhaften uern
Ausdruck dafr nur durch die weit ausgebreiteten Zeitungen und das fortgesetzte
Mahl verhindert ...
    Auf Schlo Westerhof war man sonst, was die Zeitereignisse anlangte, immer
ziemlich spt hinter ihnen zurck. Die neuen franzsischen Ministerien wurden
gewhnlich erst bekannt, wenn sie schon wieder abgedankt hatten. Man hielt die
Zeitungen der nahe liegenden Stdte, las sie aber nur von hinten her nach vorn,
erst in den Familiennachrichten und dann erst in der politischen Rubrik und
diese berschlug man oft auch gnzlich ... Paula durfte sogar keine Zeitung
frher lesen, ehe nicht die Tante sie censirt hatte; denn schon lange kam es
vor, da Berichte: Aus Witoborn oder: Von der Witobach ber die Seherin von
Westerhof oder ber die Dorste'sche Erbschaftsfrage schrieben. Seit dem
Kirchenstreit war eine etwas grere Leselust eingetreten. Die Tante, Paula,
Armgart, das Stift Heiligenkreuz schwrmten fr den abgesetzten Kirchenfrsten.
Onkel Levinus entzog sich dem gemeinsamen Geiste der Provinz um so weniger, als
fr ihn zwar nicht, wie bei Professor Guido Goldfinger, schon der Schpfer in
der Erschaffung der Pflanzen und Blumen das katholische Princip voraus
signalisiren wollte, doch die Geschichte, vorzugsweise die der alten Hindus, ihm
entschiedene Tendenzen zum rmischen Glauben verrieth. Oft schon hatte er mit
dem Bruder Hubertus ber den Glauben der Chinesen gesprochen und sah berall die
Anknpfungspunkte der Missionre verfehlt. Er konnte oft auf einige Monate ganz
die Chemie, leider auch die Oekonomie vergessen, nur um die Dreieinigkeit nicht
in den Glauben des Confucius hineinzutragen, sondern sie ganz evident aus ihm
heraus zu entwickeln. Eine Reise nach Aethiopien, zunchst um daselbst dem
wirklichen Vorhandensein des bekanntlich nur im englischen Wappen und in der
Bibel vorkommenden fabelhaften Einhorns nachzuforschen, dann aber auch um sich
ber alles zu orientiren, was mit dem Cultus der schwarzen Madonna bis zum
Vlkervater Ham zurck zusammenhing, wre ihm schon bei geringerer Liebe zur
Bequemlichkeit eine seiner bedeutendsten Lebensaufgaben gewesen ... Den
Ghibellinen gegenber sagte auch er, wie hier alle: Religion mu apart sein!
d.h. in keine Verbindung und Abhngigkeit mit der sonst verbrgten politischen
Loyalitt treten.
    Der Errterungen ber das Neueste in diesen Streitigkeiten gab es genug ...
    Terschka schwieg dazu ... Er sah in seine Briefe, die zahlreich waren ...
    Einen schien er darunter zu vermissen. Er betrachtete die Poststempel und
fragte:
    Ist das die ganze heutige Post?
    Armgart fiel ihm in die Rede und begann mit einer pltzlich aufleuchtenden,
fr die Stimmung des kleinen Kreises fast unpassenden Lebendigkeit und jetzt
auch zu Benno gewandt, dessen schmerzlich fragende Blicke sie anfangs gemieden
hatte:
    Wann soll die Jagd sein? Ich gehe mit! Nicht auf Mnnichhof zu den
Transparenten, nein! Ich schiee mit den Mnnern um die Wette! Lassen Sie mir
den Pancraz als Leibschtz, Herr von Asselyn!
    Armgart! lautete der einstimmige Verweis aus des Onkels, der Tante und
Paula's Munde ... Alle blickten dabei von ihren Briefen und Zeitungen auf ...
    Warum denn nicht? fuhr Armgart mit glhendem Antlitz fort. Kann ich nicht
schieen? Ich hab's vom Heydebreck gelernt! Soetbeer und Pancraz knnen
bezeugen, da ich vor Weihnachten auf dem Wege zum Stift im Niederholz ihnen
begegnete, dem Pancraz die Flinte aus der Hand nahm und einen Hasen traf, der
unfehlbar mir ber den Weg gelaufen wre! Ich wollte kein Unglck haben ...
    Die Mnner muten auflachen ber diese eigene Art, dem Schicksal seine bsen
Vorbedeutungen mit Gewalt zu vereiteln ...
    Die Tante sah nur kurz vom Brief einer guten Freundin auf und bemerkte:
    Deshalb entdeck' ich auch in deinem Zimmer immer die meisten Spinngewebe! Du
denkst, Spinnen bon espoir. Ich aber denke, jedes Unglck, das sich nur durch
Wildheit und Unordentlichkeit abwenden lt, mu man getrost ertragen!
    Auch dieses Streiflicht auf Armgart's nicht eben besonders pnktliche Natur
blieb nicht ohne ein Lcheln der Mnner. Nur, da sie htten hinzufgen mgen:
Aber la uns doch ber dich lachen, du ser Narr! Gerade dein Koboldsgeist
ist's ja, der andern so himmlischer Abkunft erscheint! Rumore, wie du willst,
verschleppe Bcher und Nhtereien und Federn und Dintenfsser; gerade darin
liegt uns ja dein bestrickender Reiz! ... Armgart fate jedoch dies Lcheln
nicht so. Dster blinzelte sie die Reihe herum und musterte, wer sich zu lachen
erlaubt htte ... Vorwurfsvoll blickte sie besonders auf Thiebold, dem sie sogar
laut sagte: Das amusirt Sie wol? ... Benno's Blick hielt sie nicht aus ... An
Terschka huschte ihr Auge noch scheuer vorber ...
    Benno sah das ganze seit Wochen so befremdliche Wesen und staunte ...
    Inzwischen sprach die Tante von den Ombres chinoises und jetzt mit der
grten Schonung. Sie rhmte die Philosopheme Pttmeyer's ebenso, wie sie sie
heute frh verworfen hatte ... Sie kam darauf durch ihre Lectre ...
    Ich lese da eben einen Brief von der guten Angelika Mller aus Paris!
schaltete sie ein. Was ist die in neuen Verhltnissen! ... Die Fulds sehen die
Minister und die berhmtesten Namen bei sich ... Ei, Herr von Terschka, Madame
Fuld lt sich Ihnen empfehlen ... Und ob Sie nicht im nchsten Sommer wieder
auf ihrer Villa erschienen? ... Die neue Erweiterung des Gartens, des Pavillons,
wrde ganz nach Ihren Ideen gebaut werden, schreibt Angelika ... Und wann Sie
denn nach Wien reisten? liee Madame Fuld fragen ... Ei, ei, Herr von Terschka,
welches Interesse von einer so jungen und gewi hchst liebenswrdigen Frau!
    Armgart fixirte Terschka aufs lebhafteste, als er dies Lob der Frau Bettina
Fuld besttigte ... Paula mute ihre Hand auf Armgart's Scheitel legen, wie
gleichsam um ihre strmenden Gedanken zu beruhigen ...
    Jede Lcke des nicht im wohlthuenden Zusammenhange bleibenden Gesprchs
gehrte natrlich wieder Thiebold ... Mit seiner immer lebendigen Theilnahme,
mit seiner Empfnglichkeit fr alles und jedes fllte er sie ... Die Tante
berhufte ihn mit Thee, Zwieback, kalten Fleischspeisen und einem Herr von
Jonge nach dem andern. Er war eben der Liebling ihres Herzens. Als endlich die
Rede fiel, da die Mnner wirklich noch auf den Finkenhof gehen und mit dem
grflichen Jagdpersonal die versprochene Rcksprache nehmen wollten, und Benno
und Thiebold erklrten, sie wrden von dort auf einem krzern Wege zu Fu nach
Witoborn zurckkehren, protestirte die Tante mit Beseitigung aller ihrer noch
unbeendigten Lectre entschieden und behauptete, eine solche Gefahr vor
Schneeverwehungen nimmermehr zuzugeben ... Die jungen Mnner versicherten, da
der Schnee frre und ihnen diese Wanderung den grten Genu gewhren, ja
Bedrfni sein wrde. Auf die immer und immer wiederholten Einwendungen der
Tante wurde zuletzt Armgart ausfallend und fand es sonderbar, Mnnern ihren
Willen zu nehmen. Sicher htte dies khne Wort dann die wechselnde Ebbe und Flut
im Gemth der Tante zum Ueberstrmen der letztern gebracht, wre nicht der Onkel
gleicher Meinung gewesen und htte erklrt, wie man nur den jungen Herren ein
Vergngen rauben knnte. Dabei that er, als wenn ja auch nur sein aufopferndes
jahrelanges Leben hier unter den Frauen auf Schlo Westerhof schuld daran wre,
da er nicht die anstrengendsten Entdeckungsreisen nach Cochinchina unternommen
htte.
    Paula's Schweigen gebot den Aufbruch zu beschleunigen ... Es war ihnen allen
schon geschehen, da die Leidende eben noch theilnehmend ihren Gesprchen
lauschte und pltzlich auf eine Anrede im Traum erwiderte ...
    Als die Mnner gegangen waren - Thiebold mit bedeutsamen Seufzern, Benno
vergebens auf den Hndedruck hoffend, der ihm von Armgart sonst immer so
unbefangen geworden, Terschka fast von ihr ausgezeichnet durch manche beflissene
Frage, manche lebhaft erwidernde Antwort - berschttete die Tante Armgart mit
all dem Mismuth, der sich in den gespannten Zustnden ihres Gemths seither
angesammelt hatte. Von Tage zu Tage nahm die Reizbarkeit und Ungeduld Benigna's
zu. Ein ngstlicher Blick in die Zukunft verdsterte ihr alles, was sie umgab,
und schon lange war es immer nur Armgart, die der Blitzableiter aller ihrer
Verstimmungen werden mute.
    Nein, je lter, desto unertrglicher wirst du doch, Armgart! rief sie und
das noch in Gegenwart des Onkels. Seit du von Lindenwerth zurck bist, erkennt
man dich nicht mehr! Verkehrt warst du schon immer; aber so vorwitzig, wie jetzt
deine Aeuerungen sind, so keck, wie ich dich z.B. vorhin drben im Durchstbern
der Postmappe fand, bist du nie gewesen! Hat es das Frulein Mller versehen,
die in ihrer Geduld und Nachgiebigkeit sich jetzt sogar den Sitten eines
vornehmen Judenhauses in Paris fgt, oder ist dir die Stiftsdame zu Kopf
gestiegen oder ich wei es nicht, was die Schuld trgt! Die Jagd mitmachen!
Hasen schieen, die einem ber den Weg laufen knnten! Wahrhaftig! Ich habe gar
keine Geduld mehr fr dich!
    Nun, nun, nun, nun -! beschwichtigte der Onkel fortlesend ...
    Und Paula bat schmeichelnd:
    Tantchen!
    Armgart aber stand wie das Lamm Gottes, das die Snden der Welt trgt. Alles
Weh der Erde legte sich um ihren mit lchelnder Duldung geffneten Mund ...
    Deine Mutter war aber ebenso! fuhr die erzrnte Schwester derselben fort.
Und dein Vater, der nicht minder! duckte sie den aufblickenden Onkel nieder. Von
einer Jagd kam auch deren erste Uneinigkeit. Monika wollte auch schieen knnen
und ging mit auf die Jagd und als Ulrich einigemal fehlscho, lachte sie und
hielt es ihm mit Spott vor. Ein Mann kann vom Weibe viel ertragen, aber ihm
unritterlich zu erscheinen, reizt. Zumal bei einer solchen Empfindlichkeit, wie
bei allen diesen Hlleshovens! Ja, versteck' dich nur jetzt so hinter Paula! Geh
nur so herum und thu', als wenn du deine Rechtfertigung wie eine verlorene
Stecknadel im Zimmer suchtest! Auch liesest du nichts, du arbeitest nichts, die
Vielliebchen werden wol nach einem Jahre fertig sein, Musik hrst du kaum,
geschweige da du sie wieder vornimmst; ganz wie deine Mutter war, die auch noch
jetzt, hoch in den Dreiigen, ein reines Kind sein soll! Auch an dir wird die
Familie wenig Freude erleben ...
    Armgart, statt zu reden, hob die gefaltenen Hnde gen Himmel ...
    Paula besnftigte die Tante, die jedoch von Armgart selbst unterbrochen sein
wollte, um vershnt zu werden. Armgart blieb still. Keine Schmeichelksse, keine
Liebkosungen, keine Scherze, nichts gab sie wie sonst. Ebenso erblat, wie
vorhin hocherglhend, ging sie im Zimmer hin und her, machte sich mit ihren
glnzend aufgeschlagenen Augen dies und das zu schaffen und sagte nur zur
factischen Berichtigung:
    Die Mutter ist fnfunddreiig Jahre!
    Der Onkel wollte jetzt auf sein Zimmer und Frieden und die Stimmung der Gte
zurcklassen. Das neue Aufbrausen der Tante unterbrach er durch ein lautes
Vorlesen eines der erhaltenen Briefe. Dabei hielt er seine linke Hand in die
Hhe. Er wollte, da sie Armgart ergriff und als Ablenker ihrer Stimmung
benutzte. Armgart sah die freundliche Geberde und strzte auch auf die Hand zu,
kte sie und drckte sie heftig an ihr Herz.
    Jetzt empfand die Tante den Neid ihrer Liebe. Dieser Neid uerte sich in
Thrnen, die ihr auf die Wange rollten ...
    Des Onkels fest vorlesende Stimme hinderte noch die Rckkehr zu den sich
schon in Gte lsenden Empfindungen; vorlufig war es Paula, von der die Tante
ans Herz gezogen wurde ...
    Die Grfin Erdmuthe von Salem-Camphausen dankte (nach des Onkels in alle
diese aufgeregten Stimmungen eines hochgestellten, edlen, doch von seinen vielen
Erlebnissen tief erschtterten Familienkreises beschwichtigend einfallendem
Bericht) auf das von ihm erhaltene Schreiben aufs verbindlichste. Sie war
glcklich in England angekommen, wohnte auf dem Lande bei Lady Elliot und
wnschte ihrerseits nur den friedlichsten Fortgang aller der Dinge, die Gottes
Rathschlu ber das Schicksal beider Linien verhngt htte. Erst bei einigen
religisen Anzglichkeiten und der Erwhnung der Krankheitszustnde der jungen
Comtesse hrte der Onkel im lauten Vorlesen, das er zur Dmpfung des Streites
wrtlich begonnen, auf ...
    Die Tante benutzte die nun entstehende Pause und knpfte an London
Betrachtungen ber Paris und wrde sich selbst auf Aethiopien, China und die
Chemie eingelassen haben, wenn das Gesprch nur ausdrckte, wie sehr ihr Herz
bei alledem unter Armgart's Trotz und verhrteter Gesinnung litt ...
    Der Sturm der Gemther war indessen vorber ... milderes Wetter stellte sich
ein und endlich schlug es neun, wo man auf dem Lande schon an die Nachtruhe
denkt ...
    Der Onkel erhob sich zuerst und erklrte wiederholt, noch arbeiten zu mssen
... Die Tante plauderte von einigen Anmeldungen ihrer Freundinnen zu den
Exercitien, die Pfarrer Mllenhoff auf Betrieb der Frau von Sicking arrangiren
sollte ...
    Der Onkel erwiderte:
    Aber der rauhe Mann eignet sich doch gar nicht zu dergleichen! Die indischen
Fakirs sind keine Braminen! Im Ganges gibt es mancherlei Bder! Ich hoffe, da
er nichts unternimmt ohne den Domherrn, seinen Vorgesetzten ...
    Die Tante, mit dem unendlichsten Bedrfni nach Einverstndni, stimmte
vollkommen diesen Aeuerungen bei. Auch sie fand Mllenhoff's Weise so
bertrieben, so aufreizend, da es fr die Religion selbst Gefahr brchte ...
    Und der Onkel fiel ein:
    Wie ich immer gesagt habe ...
    Wie Sie immer gesagt haben ... besttigte die Tante ...
    Den Finkenhof kann man den Leuten nicht nehmen ...
    Den kann man ihnen nicht nehmen ...
    Man macht dem Mann alles nach Wunsch ...
    Und doch ist ihm nichts recht ...
    Den eigenen Eingang zur Sakristei in unsrer Kapelle geb' ich ihm auf keinen
Fall ...
    Wie werden Sie denn! ...
    Seine Manieren sind unglaublich! Mitten in der heiligen Messe putzt er an
den Leuchtern und schttelt den Kopf ber den alten Tbbicke ...
    Den guten alten Tbbicke ...
    Armgart kam jetzt wirklich zur Gruppe, die der Onkel, die Tante und Paula
bildeten, mit hinber ...
    Die Schulkinder, fuhr der Onkel fort, lt er eine Stunde lang knieen, um
ihnen seine sogenannte Kniesteifigkeit zu vertreiben!
    Zu Lichtme will er Unterricht geben im richtigen Tempo des
Rosenkranzgebetes!
    Diese Harmonie braucht der Himmel nicht, wenn's nur in unsern Herzen keine
Dissonanzen gibt!
    Wer jetzt ein Blumenstckchen in eine Kapelle stiftet, von dem will er
vorher die Anzeige haben, ob er auch keine Alfanzereien bringt!
    Und ich denke, wenn ein liebend Gemth einen Tannenzweig brchte oder ein
thnernes Lmmchen ...
    Es ist das gewi auch eine kindliche Gabe!
    Ei, es hat sogar einen ernsten Sinn und erinnert an manchen bedeutungsvollen
Mythus, der bereits bei denen alten Aegyptern als eine Vorahnung zu betrachten
war zu manchem heiligen sptern Gebrauch!
    Die Tante ghnte nun zwar, sagte aber:
    O Sie sollten ihm das alles einmal auseinandersetzen, lieber Hlleshoven!
    Der Onkel kte jetzt Armgart ... Das seste Einverstndni schien
hergestellt ... Nur Eines fehlte noch, da auch die Tante mit Armgart sich
ausdrcklich ausshnte ...
    Aber dieser feierliche Moment blieb nach der Entfernung des Onkels aus ...
    Paula ging ... Die Diener waren schon zugegen ... Armgart sprang sofort
hinter Paula her und schlo sich ihr an ... Die Tante blieb allein ... Sie blieb
es einige Minuten ... Niemand kam zu ihr zurck ... Thrnen traten der alten
Jungfrau in die Augen und mit einem Gefhl des Vorwurfs, das ihr ber diese und
hnliche Dinge sagte: Deine Strafe das fr die alte Zeit! ging sie auf ihr
Zimmer.
    Armgart! sagte inzwischen Paula, als sich diese ihr anschlo und ihre
schlanke Hfte krampfhaft umfate. Du solltest bei der Tante bleiben!
    Wenn ich in meinen Thurm gehe, poch' ich noch einmal bei ihr an und sag' ihr
gute Nacht! flsterte Armgart ...
    Sie lie den Diener, der leuchtete, vorangehen ...
    Armgart durfte nicht mehr in Paula's unmittelbarer Nhe schlafen wie sonst.
Seit ihrer Rckkehr von Lindenwerth hatte beide die Tante getrennt ... Aber
Abends noch eine Weile mit Paula, wenn diese sich wohl fhlte, zu plaudern, lie
sie sich, so oft sie in Westerhof verweilte, nicht nehmen ...
    Die Vorhnge des Schlafzimmers Paula's waren schon zurckgelehnt ... Im
Vorgemach, wo ein kleiner Ofen stand, der geheizt wurde, half Armgart die
geliebte Freundin entkleiden ... Oft sprach Paula schon im Gehen und Stehen
Dinge, die einer andern Welt angehrten ... Dann brachte sie Armgart zur Ruhe,
rief einem Kammermdchen, das in der Nhe schlief, und trennte sich nicht eher
von beiden, als bis Paula in vlligen Schlummer versunken war ...
    Heute leuchteten Paula's Augen hell auf ... Eine stille Sehnsucht lag in
ihnen ... eine Sehnsucht, die Armgart vollkommen verstand ...
    Strmisch warf sich Armgart der Freundin, die zu ihr herniederblickte, an
die Brust und rief mit erstickter Stimme: Ach! Ach! Was sind wir doch
unglcklich!
    Meine gute Armgart! erwiderte, dies Wort ablehnend, die ltere Freundin.
Warum unglcklich? ...
    Paula's Leben war ja ein einziges Schmerz-, oder ein einziges Wohlgefhl,
sie wute es selbst nicht zu unterscheiden ... Sie liebte einen Priester; sie
hatte auch das sichere Gefhl, wieder geliebt zu sein ... Gestndnisse hatte es
frher nicht und auch jetzt noch nicht gegeben ... Vor Armgart aber war alles
das nicht mehr geheim ... Selbst wenn Armgart zu viel Scheu gehabt htte zu
sagen: Du liebst den Domherrn! stand es doch schon lange ohne Worte zwischen
ihnen fest ... Selbst das stand fest, da sogar Paula's etwaiger Eintritt in ein
Kloster eine Art hherer Vermhlung mit Bonaventura sein konnte ... So flossen
noch die reinen Gedanken, die Jungfrauenseelen mit der Liebe verbinden,
gleichviel, ob zu Besitz oder zu Entsagung, bei beiden mit ihrem religisen
Pflichtgefhl ineinander ...
    Seit einiger Zeit trat Armgart freilich immermehr aus dem Bann des harmlosen
Trumens heraus ... Lag das an der Flucht aus der Pension in Lindenwerth? ...
Oder jetzt an dem Zusammenleben mit so vielen liebebedrftigen jungen und alten
Mdchen im Stift? ... Lag es an ihrer eigenthmlichen Schwankung zwischen den
Bewerbungen Benno's und Thiebold's? ... Sie regte schon seit lange jeden Abend
die Phantasie ihrer Freundin auf. Auch heute durch Klagen ber des Domherrn
Ausbleiben ... ber Thiebold's Fragen, die sie andeutete ... ber Benno, der
sich so sicher dnkte ... und endlich stockte sie ...
    Paula fragte befremdet:
    Du hast heute etwas -?!
    O knntest du doch fr mich in die Zukunft sehen! rief Armgart wie aus
tiefster Seele heraus ...
    La das! La das! erwiderte Paula schmerzerfllt.
    Armgart hob ihre Augen bittend auf ... Das Weie darin blitzte wie Email,
wie feuchtes Silber ...
    Paula wandte sich, als unterlge sie schon diesem Glanz und Schimmer und
Armgart's Bitten ... La uns beten! sagte sie ... beten gegen Versuchung!
    Paula! - hauchte Armgart. Morgen mut du mir sagen - ich frage dich -
    Nimmermehr! rief Paula. Ich verbiete dir alles! ... Und wie wild erregt von
einer Furcht, die sie pltzlich in allen ihren Geistern vor sich selbst ergriff,
fuhr Paula fort: Ihr seid so grausam gegen mich! Ihr tdtet mich noch!
    Paula! bat Armgart ...
    Ich kann ja so nicht fortleben! sprach Paula zitternd vor Aufregung. Lat
mich doch sein, wie ihr alle seid! Jesus Maria! Es sprengt mir noch das Herz!
Geht das so fort, mu ich wnschen, jenes Mdchen kehrt zurck, das allein
gehindert hat, da ich im Traume sprach! Wenn sie kam, wich jede Kraft von mir!
Ich will ja nur sein, wie alle andern Menschen sind ...
    Armgart wute, da Lucinde gemeint war, jene Lucinde, in deren unmittelbarer
Nhe Paula mit der Zeit ganz von ihrer Ekstase zurckkam, doch mit groem damit
verbundenen physischen Schmerz, den auch Armgart damals an der Maximinuskapelle
selbst empfunden haben wollte, als sie Lucinden nach den Beschreibungen Paula's
sofort erkannte ...
    Beide Mdchen standen lange schweigend und in Wehmuth verloren ... Ob sich
ihnen wol vergegenwrtigte, da Paula genesen konnte, wie alle Aerzte sagten,
durch - die Liebe? Ob sie wol ahnten, da Bonaventura auch da von sich sagte,
was er, zwischen Lucinde und Paula in der Mitte der Versuchungen stehend, am
Abend jener Beichte verzweifelnd ausrief: Ein Priester bist du! Ein Mensch ohne
Leben! Ohne mnnliches Zeugni fr deinen Schpfer! ... Das alles lag nur dunkel
in ihnen. In allen jungen Mdchenherzen, ehe das Los ber sie geworfen ist,
zittert nur ein schmerzlichses Ahnen von ihrem zuknftigen Geschick. Bald
leiser, bald strmischer meldet sich die Sehnsucht, die Pforte der Zukunft
geffnet zu sehen. Oft ist es wol pltzlich ein jugendlichschner Gott, der aus
dsterm Nebel heraus, wildfremd, wie das herrlichste Ebenbild der Mannesschne,
mit riesiger Umarmung die Harrende umfngt; oft liegt aber auch nur ein des,
trauervolles Einerlei auf ihrem unbestimmten Innern und alles, was ihr wird und
was sie beginnt, ist ihr wie Ohnmacht und todte Dmmerung.
    Da rief der Wchter wieder die Stunde ...
    Schlaf wohl! hauchte Paula und drckte Armgart an ihr Herz ...
    Armgart wollte anfangs gehen ...
    Aber, zur Thr des Vorgemachs angekommen, blieb sie stehen, fuhr sich mit
der Hand ber die Stirn und rief:
    Paula! Paula!
    Was hast du? sprach diese, sie wieder nherziehend ...
    Ein Du mut - mir -! prete sich von Armgart's Brust ...
    Ich begreife dich nicht - Was mu ich?
    Armgart zog einen Brief aus der Brust und sagte:
    Paula! Diesen Brief - an Terschka - den hab' ich aus der Mappe -
zurckbehalten ... Ich gebe ihn nicht eher ab, als bis du ihn gelesen hast!
    Armgart! rief Paula und zitterte ... Sie ergriff vorwurfsvollen Blicks den
aus der Residenz des Kirchenfrsten gekommenen Brief und fragte:
    Von wem ist er?
    Von meiner Mutter! ... Was hat Terschka - mit meiner Mutter! Sie lieben
sich! Paula, Paula! Das ist mein Tod!
    Armgart! sagte Paula beruhigend ...
    Nur Ein Ziel meines Lebens hab' ich! fuhr Armgart in zitternder Erregung
fort. Meine Aeltern auszushnen! Sonst will ich nichts! Wtest du nur, wie ich
neulich in Witoborn war! Ich war bei Hedemann! Ich lie mir eine Stunde lang vom
Vater erzhlen! Ich lieb' ihn mehr, als meine Mutter - nein, ich liebe auch
meine Mutter - mein Gelbde hat der Himmel und ich will es vollziehen und wr's
durch meinen Tod ... Armgart faltete die Hnde und hielt sie empor zu einem
Crucifix, das an der Wand hing ...
    Warum soll - aber Terschka nur - nicht deiner Mutter schreiben und sie - an
ihn? fragte Paula, entsetzt ber den fanatischen Ausdruck der Gefhle Armgart's
...
    Wie, entgegnete Armgart; dieser lebhafte Briefwechsel? Diese Begeisterung,
wenn er von ihr spricht? Neulich seine schnelle Reise, um die Grfin zu
begren? Nur ein Vorwand war es, um die Mutter zu sehen! O, schon im Hneneck
sah ich an der Eile, mit der er die Zimmer bestellte, wie er sie liebt! Und sie,
sie - sie knnte -! Dieser Brief ist von ihr - Paula, du, du sollst ihn lesen!
    Paula verwies Armgart ihr Ansinnen mit Unwillen; denn sie wute wol, was
Armgart meinte ... Sie wute, da der Brief nicht erbrochen zu werden brauchte;
sie wute, da sie alles lesen konnte, was man ihr im Hochschlaf aus ihr
Nervengeflecht legte ... Ob auch unerffnete Briefe? ... Versucht war es nicht
... Hier glaubte man nicht an die Unmglichkeit.
    Wie eine unreine Versuchung wehrte Paula Armgart's berredende Geberde ab.
Sie sagte schmerzerfllt, doch entschieden:
    Gute Nacht, Armgart! ... Misbrauche mein Unglck nicht! ... Ich verbiete es
dir! ... Es mu ein Ende damit werden ... Gott wird mich erlsen ... Sei gut,
Armgart! ... Sei gut! ... Und nun, gute Nacht!
    Damit verschwand sie hinter dem Vorhang, den sie wieder fallen lie, und
schlo die Thr zu ihrem Schlafgemach ab ... Wieder tnte das Horn des Wchters
...
    Armgart ging zgernd auf ein Zimmer weiter zurck ... Sie hrte noch, da
sich Paula sogar einriegelte ... Dann trat sie durch eine Nebenthr auf den
kalten Corridor ...
    Ein Diener folgte und begleitete sie mit einem Licht in ihren Thurm ...
    An dem Zimmer der Tante ging sie vorber, ohne da sie es merkte. Ein
uerster Entschlu kmpfte in ihr, ein tiefes Sinnen beherrschte ihr ganzes
Sein ... Krampfhaft prete sie den Brief, den sie in ihr Busentuch gesteckt
hatte ... Schon hatte sie den Finger an das Siegel gelegt ... schon zuckte die
Hand, es aufzureien ... Sie dachte an den Beistand der Beichte, der sie
leichter ber die Folgen eines solchen Vergehens hinwegfhren wrde ... an
Bonaventura ... an Benno ...
    Da verlie sie allmhlich der wilde Muth ...
    Der Diener stand und harrte ihres Befehls ...
    Legt das - in Herrn von Terschka's - Zimmer! hauchte sie. Es ist ein Brief
fr ihn, der - vergessen wurde ...
    Der Diener nahm den Brief und wandte sich den Zimmern Terschka's zu.
    Armgart verschwand in ihrem Zimmer.

                                       6.


Drei Mnner, in Mntel gehllt, schreiten in die Winternacht hinaus ...
    Nicht mondhell ist sie; nur sternenlicht ... Und weithin ber das wellige
Land liegt mitleuchtend die Decke des Schnees ...
    Grabesstill rings die Welt ... Schlummernd alles Erdenloos ... Wer flsterte
sich nicht: Gibt es denn geheimnivolle Krfte, die schicksalsmchtig ber Raum
und Zeit und das Herz in unserer Brust gebieten? Und wer antwortete nicht: Ihr
stilles Hten glaubt man jetzt zu hren ... Winterlandschaftsstille ist -
Friedensmahnruf - Sehnsuchts- - Ahnungsweckruf ...
    Anfangs noch hallte zwischen Terschka, Benno und Thiebold der erlebte Tag
und Abend nach. Man bewunderte die Kraft der Vision, die sich so in die Vorgnge
des Leichenconductes hatte versetzen knnen. Benno mute Thiebold zurckhalten,
der eine natrliche Erklrung, die Terschka gab, nicht wollte gelten lassen.
Terschka hatte gesagt: Wer die Gegend und die Verhltnisse kennt, wrde sich die
Scenen, die heute vorfallen konnten, auch ohne ein Wunder haben ausmalen knnen!
... Aber die Unterbrechung? entgegnete Thiebold ... Benno antwortete statt
Terschka's: Ich will der Natur nichts von ihren Tiefen nehmen. Aber ich glaube
doch, da wir uns durch die Gewohnheiten des Daseins in geistigen Dingen zu sehr
die Sinne abstumpfen, wie in leiblichen. Ein bis in sein Alter mit den
einfachsten Speisen Aufgezogener ist empfindlich fr jede Vernderung seiner
Nahrung. Ebenso gewhnen wir uns durch Misbrauch unserer seelischen Krfte die
Feinfhligkeit des geistigen Sprsinns ab. Bei der Ankunft am Dsternbrook mute
die junge Grfin etwas Unerwartetes voraussetzen; sie dachte an die Eiche, sah
sie und nahe lag das allen Bekannte.
    Von Armgart wurde nur bei Gelegenheit - der Hasen gesprochen, deren Spuren
sich an kleinen Eindrcken links und rechts im Schnee auf den Aeckern verfolgen
lieen ... In Thiebold und Benno dmmerte die Ahnung, da Terschka es war, um
dessentwillen sie von Armgart vernachlssigt wurden ... Ja, beim
Weidwerkgesprch wieder sah man Terschka's blendende Eigenschaften. Auch Benno
und Thiebold verstanden sich darauf, aber nicht so, wie er, der die Jagd
verfolgen konnte bis auf alle Vorzge neuer Entdeckungen aus den Gewehrfabriken
von Suhl und Lttich. Von Terschka sah man tglich das Erstaunenerregende. Der
schmchtige bleiche, immer bewegliche Fremdling war ein Reiter, der im Sturm
dahinflog. Manches Ro, das den Koller hatte, bestieg er und bndigte es wie ein
Beschwrer. Noch neulich, wie ein dem Grafen Mnnich gehrendes Thier sich unter
ihm schmiegte, wie es die mit seiner Linken mchtig geschwungene Reitgerte ber
den Kopf hinweg fhlte, sich krmmte bis zur Erde und den Kopf fast in den
Schnee bohrte, dann wieder aufschnellte, mit beiden Hinterfen sich ebenso
rasch auf die Kruppe setzte, dann davonflog pfeilgeschwind und fast wie mit
Scham, sich berwunden zu sehen - da war das ein Schauspiel voll Vernichtung fr
Benno und Thiebold; Armgart stand dicht in der Nhe und sagte nur immer: Nein,
nein, ich habe gar keine Furcht fr Herrn von Terschka! ...
    Nach einer halben Stunde war der Finkenhof erreicht. Versteckt lag er unter
Bumen und Wallhecken. Eine Mhle, ein Tanzhaus, eine Kegelbahn, ringsum
Nebengebude; ein groes Anwesen. Den Finkenmller hatten Schank und Mehlsack
reich gemacht inmitten mannichfachen Elends. Auf der Saline, bei den Kalkfen,
in den Moorbrennereien wurde schnell baares Geld verdient, ebenso schnell auch
glitt es wieder weg und meist im Finkenhof, wo Sonntags die bekannte
falschgestimmte Trompete lndlicher Musik von vier Uhr Nachmittags bis zehn Uhr
zu Tanz und Jubel zu locken nicht mde wurde.
    Anfangs schien es auf dem Finkenhof stiller, als man erwartete. Schon
besorgte man, die grfliche Jgerei nicht anzutreffen. Man htte sie aufs Schlo
rufen knnen. Terschka weilte aber gern unter den hiesigen Menschen; sie hatten
ihn mit Ha empfangen; schon waren alle fr ihn eingenommen ... Wir kommen zu
spt! sagte er und deutete auf manchen Heimkehrenden, der an ihnen vorberging
und grte ... Dann fragte er sie ... Es hie: Die Jger sind da, Herr Baron!
    Nun bogen sie vom Fahrweg ab und sahen den Finkenhof hell und belebt. Der
jeden Morgen frisch aufgeeiste Bach schien zu dampfen. Die Kegelbahn hatte
Licht. An den wie mit Fett bestrichenen Fensterscheiben htte man Scenen aus dem
vaterlndischen Rekrutenleben an die gegenberliegende Wand gemalt erblicken
knnen: Fritze riecht zum ersten male Pulver oder: Fritze macht die erste
Bekanntschaft mit blauen Bohnen, alles im Stil von Krhwinkel ausgefhrt ... Im
Tanzsaal ist's still; aber im Wirthshaus sitzen Menschen genug und Gesang sogar
gibt es. Benno sagte: Ihren Volkstanz stampfen sie! Den lustigen Pfaffen von
Ystrup! Und schon hrte man:

He, he! Der ist zu arm,
Da Gott erbarm'!
He, he! Der ist zu dick,
Hat kein Geschick!

    Behalte die Besinnung, wer kann, der da eintritt in diesen Dampf und Dunst
von Hitze und Taback und Bier und Branntwein! Unter einem Heiligenbild an der
Seite des Flurs hngt eine Lampe, eine ewige sogar; Fidibus von dnnen
Holzspnen liegen daneben: man kann sich Pfeifen und Cigarren an ihr anznden.
Die drei Gste thun es, um ein Antidoton zu haben gegen die Dnste, die ihrer
drinnen harren. Was jedoch strkt das Ohr, diesen Gesang zu ertragen, der mit
einer Festigkeit, wie wenn man Holzblcke in die Erde rammt, den Eintretenden
entgegenbraust? ...
    Jetzt ertnt das He, he! pltzlich schwcher und die Pfeifen gleiten einen
halben Zoll aus dem Munde. Man erkennt die Eintretenden. Eine Magd, zu gleicher
Zeit an zehn Fingern zehn Bierglser in der Schwebe haltend, blinzelt um den Weg
zu weisen mit den Augen dahin, wo die hochgrfliche Jgerei sitzt, hinter einen
Ofen von einer so pagodenhaften Dimension, da Onkel Levinus ber die
gelegentliche Aeuerung studirt haben wrde, zwischen den Oefen der witoborner
Heide und den alten Bauten der Indier zu Dschaggernaut fnde ein urweltlicher
Zusammenhang statt.
    Und whrend nun hier mit dem Oberfrster, mit dem Wild- und Hegemeister, mit
dem Jagdzeugmeister und einem Unterfrster des letzten Grafen von
Dorste-Camphausen die Vorbereitungen verabredet wurden, die zu einer groen
Vertilgungsjagd in einem von Thiebold de Jonge um 80000 Thaler gekauften Walde -
seufzend hatte er drauen die mangelnde Flogelegenheit am Mhlbach erwogen -
gehren sollten, zu einer Jagd, die unter den scheinbaren Auspicien des nchsten
Nachbars, Grafen Mnnich auf Mnnichhof gehalten werden sollte; whrend die Zahl
der Treiber, der Hunde, die Vorrthe des Jagdgerths besprochen und von Benno
mit lebhafter Orientirung die Schaupltze seiner geheimnisvollen Jugend
unterschieden wurden, der Zehnterwald von der Birkenschonung, die Knppelheide
von der borkenhagener Saustiege - whrend dann auch noch der Finkenmller, der
Meyer, der Moorbauer ehrerbietigst in den Kreis eintraten, verfolgen wir einen
Ankmmling, der langsam daherhumpelnd noch spt von Witoborn herberkommt ...
    Es ist ein kleiner Mann, nicht unkrftig gebaut. Zwischen den Schultern
trgt er die Last eines Buckels und unter den Armen, in ein Tuch gewickelt,
einen lnglichen Gegenstand, den man an einem hervorstehenden Fiedelbogen fr
eine Geige halten darf ... Der weie beulenreiche Hut ist tief ber den Kopf
gestlpt, den ein Pflaster am Auge entstellt ... Ein grauer Mantel, angezogen
wie ein Militrmantel, schtzt den Wanderer auf seinem Wege, den er nur langsam
fortsetzen kann, da er heute aus den Hnden des Bruder Hubertus eine schlechtere
Testamentszahlung vom Kronsyndikus bekommen hat, als ihm dieser in dem beim
Pfarrer Huber in Witoborn niedergelegten letzten Willen zugedacht ...
    Es ist Stammer, der Geiger ...
    Alle wissen schon sein Unglck und jeder, der ihm begegnet, lacht seines
Hinkens und seines Pflasters ... Besonders gram ist ihm dabei niemand;
Mllenhoff hatte schon Recht: Dies Volk hat zu lange die Milde des Krummstabs
gefhlt und liebt Zechen und wildes Aufschlagen auf den Tisch und alle Snden,
die freilich dann so viele Wchter des Himmels, wie Witoborn einst zhlte, auch
wieder leichter vergeben konnten. Sie fehlen wol bei keiner Procession, sie
werfen sich vor jedem Altar nieder, lassen sich jeden Besuch im witoborner
Mnster und jeden Ku auf einen Reliquienschrein vom Kster schriftlich
bescheinigen, um damit einst vor Gottes Thron oder bei einem Anliegen um freies
Brennholz aus einem geistlichen Walde auftreten zu knnen; aber nirgends wird
auch noch soviel wildes Naturrecht gebt, nirgends soviel Holz schon von selbst
gestohlen, nirgends soviel Wild im Mondlicht in die Bsche geworfen, mit Zweigen
berdeckt und bei guter Gelegenheit harmlos von einem vorberfahrenden Heuwagen
abgeholt, nirgends wird dem damals nur langsamen Vorschreiten des Zollvereins
und der nahen Grenze soviel Vortheil abgeschmuggelt fr Kattun, Zucker,
Kaffee, nirgends ein Hader mit dem Gutsherrn so listig gefhrt ... Stammer
fiedelte ihnen in alles das seine lustigen Weisen hinein oder sprach sogar ber
die alte und die neue Zeit in offner Rede und setzte einen Refrain drauf, eine
Strophe gesprochen und eine gespielt, bis der Gensdarm kam oder der Meyer oder
der Finkenmller und die Schwnke des bsen Alten verbot, dessen lsternder Mund
schon einst ein halbes Kind, Lucinde damals, aus ihrem Pavillon verbannt hatte
nach dem Tode des Deichgrafen.
    Mancher redet den Geiger an ... Er knirscht fast mit den Zhnen vor Wuth ...
Mitleid wird ihm nicht; Alle wissen's doch, boshaft ist er und Bruder Hubertus
der Abtdter ist der endlich zurckgekehrte Liebling der ganzen Gegend; die
Kinder werden dem frommen Bruder doch wieder mit der dampfenden Schssel
entgegenkommen, wenn er sich mit seinem Topfe naht; er wird die Pferde und die
Khe und die Menschen heilen - und sieht er auch aus wie der leibhafte Tod und
ist sein Lachen ein Grinsen wie aus einem Knochengesicht, die Mdchen frchten
ihn nicht, wenn er ihnen einsam im Kornfeld begegnet ... sie wissen, da er
ihnen doch Briefe schreibt nach der Garnison, wo ihre Liebsten weilen, da er
ihnen doch heimlich Botengnge ausrichtet zu allen Husaren, die in Witoborn
stehen ...
    An einem Kreuzweg sieht der racheschnaubende Stammer einen Mann, der des
Weges nicht kundig scheint und nicht wei, ob er geradeaus gehen oder lieber
links sich wenden soll ...
    Landsmann! ruft der andere den Geiger an ... Wo ist die Route nach Libori -
Pfarrhaus -?
    Stammer zeigte nach rechts:
    Gerade da, wo Ihr herkommt! Oder dort drben herum, wenn Ihr erst noch auf
dem Finkenhof einheizen wollt! Es macht kalt!
    Der Verirrte war ein stmmiger Mann mit Pelzkappe und Dffelrock und rothem
Comfortable um den Hals und hatte die Hnde in den Seitentaschen ... Er kannte
den Namen des Finkenhofes und fragte:
    Geht Ihr dahin?
    Auf zwei Beinen. Sind Sie fremd in der Gegend?
    Aus Strasburg -
    O du schne Stadt! sang der Geiger mit verbissener Lustigkeit. Ich bin ein
Musikus, und Sie -?
    Von Metier Perrkenmacher!
    Mcht' ich Ihnen meine gelben Haare verkaufen! Eine Hand voll schlug ich
heute umsonst los! Da dich! Und jetzt -?
    Dionysius Schneid sah inzwischen das Pflaster ber der Nase seines
Auskunftgebers, bedauerte ihn, plauderte allerlei Schnickschnack und klimperte
zur Antwort auf die letzte Frage in der Tasche mit den Worten, Geld hlt' er
genug, um bis nach Polen zu kommen ... einstweilen wr' er hier in grfliche
Dienste getreten auf Schlo Westerhof, wenn auch noch ohne Livree; heute Abend
wollt' er sich den Rest seiner Bagage aus dem Pfarrhause holen, wo ihn auf
einige Tage der alte Tubbicke logirt htte ...
    Sind Sie doch nicht gar der groe Prophet, den immer Herr Tbbicke junior
aus Paris erwartet? Der, der die Welt wie ein Stck Tuch zerschneiden soll und
jedem einen Fetzen gibt - ja so! mir (sagte Stammer innehaltend und nach einer
wunden Stelle seines Leibes greifend, die ihn schmerzte) schon meinen - Fetzen -
von einem adeligen - Jagdrock -
    Dionysius Schneid verstand nicht diese in den Bart gemurmelte Anspielung auf
die Ursache der Schmerzen, die dem Geiger durch vielleicht zu schnelles Gehen
gemehrt wurden ... wol aber begriff er vollkommen die Anspielung auf die
Communaut, die ihn einst mit dem jungen Tbbicke in Paris bekannt gemacht hatte
...
    Ha, ha, ha! fiel er mit grobem Gelchter ein. Diese Propheten stecken jetzt
alle in Prison! Einer kriegt soviel Wasser und Brot wie der andere! Das ist die
Theilung der Proprit!
    Dionysius Schneid, der sich dem seinen Witz ganz freundlich begrinsenden
Geiger befreundete, schien auf dem Schlo Urlaub fr die ganze Nacht genommen zu
haben und ging in den Finkenhof mit. Das Lachen der Vorbergehenden ber den
Buckeligen reizte seine Neugier nur noch mehr und am Finkenhof angekommen sah
er, welchem verwogenen alten Knaben er folgte. Stammer zog, obschon ein tiefer
Verdru an ihm nagte, seine Geige aus dem alten Tuch, nahm seinen Fiedelbogen
und hielt feierlichen Einzug mit schlenkernd ausgeworfenen Beinen, frech und
bermthig einen Geschwindmarsch streichend, den er schon auf der Schwelle
begann ... Ein schallendes Lachen empfing beide Ankmmlinge ...
    Auch Dionysius Schneid lie die brennenden Augen vergngt im Kreise rollen.
Das Lachen und Glckwnschen belustigte ihn ... Die jungen Bursche sprangen auf
und tanzten hinter dem Geiger her ... Die Alten streckten ruhig fortrauchend die
Beine vor, um ihn zum Fallen zu bringen ... Stammer wich aus, warf seine
gelbweien langen Haare mit kecker Geberde hinterrcks und marschirte gerade auf
den Tanzsaal zu ... Dieser war nicht geheizt, aber einige Bursche sprangen doch
an, ergriffen die Mgde, die aufwarteten, und wrden wenigstens einmal mit
bloer Begleitung einer Geige den Pfaffen von Ystrup gestampft haben, wenn nicht
der Meyer, der Moorbauer und der Finkenmller selbst gekommen wren und
eingedenk der Gelbnisse, die sie heute dem Pfarrer gegeben, und trotz der
vielbelachten, allgemein verbreiteten und alle guten Vorstze entkrftenden
Nachricht, nchstens wrde bei Herrn Mllenhoff getauft werden, Ruhe geboten
htten ...
    Stammer vermittelte die neue Bekanntschaft mit solchen, die sich, wenn ein
anderer Geld zeigte und anfahren lie, ihrerseits auch nicht kohlen lieen
... Die Hauptsache war Kartenspiel ... Guthmanns und Herren von Binnenthals gibt
es auch im Bauernstande und aus Schafskopf kann man verhltnimig ebenso
geprellt werden, wie Piter in Pyrmont auf Einundzwanzig ... Stammer berechnete
schon seinen Antheil, als er Herrn Dionysius Schneid mit ein paar Salzsiedern
bekannt gemacht hatte, die im glcklichen Kartenspiel Meister waren ...
    Inzwischen htte das Geschft der Herren vom Schlosse hinter dem
urweltlichen Kachelofen schon vorber sein knnen. Indessen ein Wort gibt das
andere und wo sich einmal Thiebold's Zunge festgehakt hat, kann sie sobald
nicht wieder los. Aus einer lblichen Popularittsbestrebung hatte man sogar dem
Finkenmller nicht abgeschlagen, von ihm, natrlich gegen Zahlung, drei steife
Grogs anzunehmen, die er ihnen als die vorzglichste Leistung seiner Gromagd
offerirte. Die Aussicht, da Herr de Jonge den Wald kaufte, in dem nchstens zum
letzten male gepirscht werden sollte, erffnete dem ganzen Jagd- und
Waldhutpersonal glnzende Aussichten auf Schlag- und Holzvermessungstrinkgelder.
Bedauern, da im Zehnterforst die Hirsche zum letzten male junge Tannenkeime
knuspern sollten, war eine hier unbekannte Sentimentalitt. Nur der Meyer
uerte von der knftigen Bestimmung dieses Forstes zu Eisenbahnschwellen einige
fromme Seufzer, die an Mllenhoff's Predigten erinnerten, der die Locomotive
darzustellen pflegte wie die vom Teufel entfhrte Braut der Hlle, voran Satan
mit einer Peitsche aus lichterlohem Kometenfeuer, hintenauf hockend Drachen und
Ungethme der Unterwelt und in den Waggons fahrend Juden und Judengenossen,
Gotteslugner, Consistorialrthe, Offiziere und Gensdarmen, alles was zum Leben
des neunzehnten Jahrhunderts gehre ... Ja auch Benno seufzte: Der Zehnterwald!
Kein Holz hatt' ich so lieb, wie das! Stellen gab's da, die fr's Edelwild ein
Paradies waren! Bsche an kleinen Wassern, wie gemacht fr die Brunst, einsam
wie Mutterschoos!
    Brauchte da ein Jger wol aufs Blatten zu schieen? fiel als leiser
Wehmuthsaccord vom Hegemeister ein ...
    Nein, sagte der Oberfrster, wischte sich aber nur das neu angefahrene
Bier aus dem greisen Barte, keine Thrne, der ganze Forst gab schon einen Ton
von sich, auf den die Rehe von allen Weltgegenden hereinkamen!
    Den Ton des Schweigens! sagte Benno fr sich und horchte auf die
Terschka'sche lebhaftere Seitendebatte, wo man vom Dsternbrook sprach, als von
einem Gehlz, wo seit Menschengedenken kein Hund ein Wild stellte.
    Das fhrte denn auf das heute von Allen Erlebte ...
    Man legte sich freilich die Rcksichten auf, die der An- und Abstand geboten
...
    Man lchelte nur, munkelte, stopfte sich mit Verlaub eine neue Pfeife und
wartete auf den, der die meiste Courage htte, um mit der Rede durchzubrechen
...
    Des Kfers Stephan Lengenich entsannen sich alle von vor Jahren ...
    Auch Lb Seligmann war jedem bekannt. Der hatte den Kfer zurckgehalten,
als dieser seine Entlastung feierlich vollzogen ... Dann war Lb auf den
Schrei der Lisabeth und die Strung durch den Geiger und den Mnch,
wahrscheinlich auf Schlo Neuhof zurck verschwunden, wo ihn schon der Prsident
von Wittekind zu schtzen begann ...
    Das nun war der Augenblick, wo man die Geige Stammer's hrte und vor dem
grellen Lachen, mit dem sein Eintreten empfangen wurde, sein eigen Wort nicht
verstand ...
    Nach dem, was Onkel Levinus ber die alten Dinge von Schlo Neuhof erzhlt
hatte, muten die drei Herren vom Schlo wol angenehm berrascht und begierig
sein, sich diesen Geiger nher anzuschauen ... Schon wurde seine Charakteristik
gegeben ...
    Er ist im Kirchenbann ...
    Ein alter Kerl von fast sechzig Jahren schon ...
    Putzig ist's, wenn er allein spielt! Immer erzhlt er dazwischen eine Lge,
wie Eulenspiegel ...
    Oder auch manchmal eine Wahrheit! sagte der Oberfrster und betrachtete wie
mit einer Auffoderung, den Geiger nher zu rufen, Herrn von Terschka ...
    Terschka gab den Ausschlag, da man sich allerdings eine solche Erscheinung
nicht entgehen lassen sollte ... Benno erneuerte gern eine Bekanntschaft aus
seiner frhesten Jugend ... Und so war denn Thiebold schon aus, ihn zu holen ...
    Umringt von denen, die sich nicht zu Dionysius Schneid und zum Spiele
hielten, erschien der heute so bel zugerichtete, langhaarige Buckelige ... Trb
beschienen ihn die wenigen Oellampen, deren Lichtstrahlen vollends ermatteten
durch den Qualm der Pfeifen und Cigarren ... Der Dunst des Ofens zwang die drei
Herren vom Schlo, von diesem mit ihren Schemeln abzurcken ... Der Finkenwirth
bediente allseitig und entfernte von den Honoratioren die Nachdrngenden. Er
that das wie mit Kammerherrenanstand ...
    Stammer schlenderte nher und grte trotzig ... Seine kohlschwarzen Augen
lachten verschmitzt die vornehmen Frager an. Seine dnnen Beine verneigten sich
fast wie mit einem frauenzimmerlichen Knix ... Dann legte er beide langen Arme,
die die Geige und den Fiedelbogen hielten, auf den Rcken, als wollt' er sagen:
Nun, was soll's?
    Terschka, der hier das Wort fhrte, sagte nicht ohne Wrde, aber in seinem
fremdartigen Dialekt:
    Ei Sie! Ei Sie! Sie haben halt das Unglck, hr' ich, dem Herrn Pfarrer
nicht zu gefallen!
    Ich gefalle mir selbst nicht! Sehen Sie nur! Der liebe Gott hat mich nicht
richtig wachsen lassen! ... Das war mit einem Herumdrehen des Rckens die
Antwort ...
    Sie haben, fuhr Terschka nach dem Lachen fort, hr' ich, sehr ein groes
Talent! Auf der Geige knnte der Paganini von Ihnen lernen, sagt man! Ich wrde
an Ihrer Statt mein Publikum nicht gro genug haben knnen; selbst der Herr
Pfarrer drfte mir nicht fehlen, wenn ich einmal eine gute Sonate spielte ...
    Man murmelte und lchelte auch ihm ... Stammer's Gedanken weilten zwar jetzt
mehr bei dem Kloster Himmelpfort, als bei Sanct-Libori, doch stellte er sich
demthig ...
    Schlieen Sie Frieden mit Herrn Mllenhoff, fuhr Terschka, seiner Stellung
eingedenk, fort. Er meint es gewi gut mit euch allen! Auf Ordnung und gute
Sitte mu halt auch die neue Herrschaft sehen! Ein Jnglings- und ein
Jungfrauenbund ist gar so bel nicht und schliet die Freude keineswegs aus. Da
die Musik an sich Gott wohlgefllig ist, zeigt euch Sonntags jede Messe! ... Ihr
aber, Stammer, sollt ja zur Geige allerlei Schnurren vortragen knnen! Nun, wenn
Ihr in Euere Lgen ein paar Krner Wahrheit einmischen wollt, soll's uns noch
einmal so lieb sein! Trinkt und fangt dann mit einem Gespa an!
    Benno und Thiebold muten dieser Weise, sich hier unter den Leuten vornehm
und zugleich populr, streng und doch tolerant zu geben, leider ihren ganzen
Beifall schenken ...
    Knick! Knack! drehte Stammer inzwischen die Wirbel seiner Geige, probirte
die Saiten mit dem Fiedelbogen und begann mit einigen Lufen seine hier
landbekannte Art der Improvisation ...
    In einem singenden Tone sprach er:
    Ein kleines Kind bin ich im Wald geboren - An einem schnen, schnen,
wunderschnen Sommertag -
    Mit rascher und gesprchsweiser Stimme setzte er hinzu:
    Im Juli war's - wo freilich die Tage anfangen krzer zu werden ... ich
glaube, darum bin ich auch zu kurz in die Welt gekommen ...
    Die Leute lachten ... Stammer lie den Fiedelbogen langsam ber die Saiten
gleiten und sprach dabei:
    Ach! Was ist nicht alles jetzt lnger geworden! Die Tage sind's am
allerersten; auf die Art weil man so desto lnger arbeiten mu! Sonst aber waren
nur die Dreigroschenbrote lnger und die Elle war's und dick wurde jedermann -
nicht blos die Wirthe ...
    In ein Lachen ber den Finkenmller wirbelte der Improvisator einige Lufer
hinein, zog dann wieder, als es stiller wurde, einen einzigen, langsamen und
klagenden Ton und sagte:
    O du schne Zeit! Du liebe Zeit! Ja, hatte man sonst im Winter, wie jetzt,
kein Brennholz, so ging man blos zu einem heiligen Domherrn! Ach, auch das war
in der schnen Zeit nicht 'mal nthig! Man brauchte blos seine Frau zu schicken
oder seine Tochter und alles war in Ordnung ...
    In das gesteigerte Lachen, dem sich selbst die Herren vom Schlo߫
anschlieen muten, fiel ein wildes Dideldei der Geige wieder als Refrain ein
...
    Da liegt nun das Jgerkindlein in der Wiegen! fuhr er wieder, als sich alles
beruhigt, mit elegischem Tone und halb singend fort. Ich war meiner Mutter ganze
Lust! Milch - gab sie mir von unserer Ziegen -
    Im leichten Tone setzte er mit raschem Sprechen den Lachenden hinzu: Kein
Wunder, da sich frh der Bock in mir regte ...
    Neues Lachen ... der alte Possenreier machte einen zweideutigen Bockssprung
...
    Elegischer aber fuhr er fort und fixirte die Jger, die sich ihm
gleichgltiger zeigten:
    Es war noch nicht die Zeit, als wir zum ersten male hier zu Lande hrten:
Straf mir Jott! Wat soll mm so en Junge werden? Er kann nickt Kammmacher,
Stellmacher, Siebmacher, Korbmacher, Raschmacher, Schuldenmacher - kein Jger
nicht werden ...
    Die Jger lieen sich den Scherz gefallen ...
    Lassen wir ihn das Schnste auf der Erden, einen Musikus beim
frstbischflich witobornschen Stadttrompeter werden! ...
    Eine wilde musikalische Figur folgte ...
    Der Stadttrompeter, setzte er dann wieder parlando zum singend Gezogenen
hinzu, hatte damals die Wassersucht, was sonst keine Leibkrankheit der
Musikanten ist. Dennoch lernt' ich von ihm noch zu guter letzt die Flte, die
Clarinette, Waldhorn, Trompete, Violine und Guitarre, welche letztere ich sogar
schon wieder einem Frulein auf Schlo Neuhof beibringen konnte - die Stunde ein
Ma Bier und ein bers andere mal sechs Pfennige ...
    Niemand von den Herren vom Schlo߫ erwartete wol, da diese sentimentale
Guitarrenspielerin - die raffinirte Mrderin der Schwester des Geigers war, die
spter wirklich auch selbst Ermordete ...
    Frulein von Glpen hie die Dame! sagte Stammer. In stillen Abendstunden,
wenn der Kronsyndikus in Kassel war, lockten wir die Fledermuse ans Fenster und
spielten und sangen: Guter Mond, du gehst so stille! bis eines Tages unterm
Fenster ein Jger anbi. Schn war er nicht. Eine groe Kaffeetrommel, in die
man ihn in Java einsperrte, hatte ihn braun gebrannt -!
    Alle wuten sogleich, da Bruder Hubertus gemeint war und sahen voraus, da
sich der Buckelige vor den Herrschaften an ihm rchen wrde ber die
Mishandlung, die ihm heute in ihrer Gegenwart angethan war ... Terschka,
Thiebold und Benno fhlten die Schauer der Erinnerung an die Erzhlungen des
Onkels Levinus ...
    Einige khne musikalische Figuren, die des Geigers jetzt ausbrechenden Zorn
verriethen, wurden gestrichen als Zeichen, da er an seine Pointe kam ... Er
fuhr singend fort:
    So ging es her zu jener Zeit - heidi! ... Auf Schlo Neuhof - heidi! heidi!
heidi! ... Viel Herrn und Damen - ei, ei, ei! ... Musik und Tanz und Gasterei!
... Und Parlez-vous franais, Musje? ... Italienerinnen - Nix versteh! ...
    Blos unser Geld verstanden sie - setzte er parlando hinzu, und das krftige
deutsche Wort: Tar Teifel! ... Eine war so gut wie die zweite Baronin und
sagte nur immer: Tar Teifel! ... Ihre Reitpeitsche hieb - hui! - ber alles
weg, was ihr in den Weg kam. Eine Sngerin war's aus Rom -! Nix versteh, als
Tar Teifel! und nur viel Geld, gute Geld, schwere Geld und Brillante -
aber von die echte -! Tar Teifel! fluchte sie zu Wagen und zu Pferde! Aber
schn war sie -! Und lachen konnte sie -! Auch ber mich und sogar ber den
schnen Mann aus der Kaffeetrommel!
    Wilde Variationen fielen wieder ein ... Unfehlbar war eine Rache an Hubertus
das Ziel ...
    Alle betrachteten Terschka, um gerade an ihm, an der Hauptperson des Abends,
die Wirkung dieser Possen zu beobachten ...
    Da - ist - denn aber gekommen - fuhr Stammer mit pathetischem Nasenton fort
- der gromchtige - Winter Anno Zwlf - und - (so ein einziges und zog er
schon wie eine lange, lange Note) und - da sind die Fchse - die Wlfe - die
Franzosen - sind gekommen - und da Gott erbarm'! - man htte seinem Feind nicht
abgeschlagen ein Stck Pumpernickel, was ihm sonst nur eine Brotsorte von Stein
gewesen war ... Sakkernungdedi! Da zog auch Herr von Bosbeck einmal einen
Tuchrock an -
    Buschbeck! verbesserten einige Stimmen ...
    Terschka horchte immer mehr auf ...
    Die Hitz' bei zwanzig Grad, unter Null war ihm denn doch zu arg und ob er
gleich 'ne Haut hat wie Leder, gegerbtes Rindsleder, der Herr von, Bosbeck ...
    Buschbeck! verbesserten schon ihrer mehr ...
    Die hat er, eine Haut von Bffelleder! Ich hab' sie oft genug selbst gesehen
... Eines Tages sah ich sogar an Bosbeck's Arm -
    Buschbeck! schrieen die Zuhrer ...
    Bosbeck -? wiederholte Terschka fr sich ...
    Bosbeck ist sein Name! rief jetzt kreischend der Geiger voll Tcke und auf
der Hhe seiner Rache angekommen. Es ist ja ein Vetter von dem Bosbeck selig,
der in Grningen am Galgen hing ...
    Terschka schauderte ersichtlich ...
    Die Umstehenden schwiegen ... Da es mit des Mnches frherem Leben nicht
geheuer war, wuten alle ...
    Sah' ich denn nicht, krchzte der tckische Geiger, sah ich denn nicht - auf
dem Leder hier am Arm, wo andere Menschen, sogar die Buckeligen, hchstens ein
ehrliches Muttermal haben - ein Galgenrad eingebrannt? Ganz wie damals beim
Liborius Pollmann, bei Dominicus Klapproth, Jean Picard und wie sie alle heien,
die dazumal das Geld flssig zu machen wuten - rund ist ein Rad und rund ist
die Welt und -
    Nun fiedelte und sang der Geiger eine wilde Melodie ...
    Da unterbrach ihn aber ein Lrm, der sich aus einem hintern Winkel erhob ...
    Schlagt den Hund todt! rief man dort aus kreischenden Kehlen durcheinander
...
    Alles, noch starrend und murmelnd und flsternd ber die unglaubliche Mhr,
da der fromme Bruder Hubertus auf seinem Arm knnte ein Verbrecherzeichen
eingebrannt haben, wandte sich ungern ...
    Der Finkenmller sah eine Rauferei und rannte schon fast den Geiger nieder
und warf sich dazwischen.
    Die Spieler hatten den von Stammer mitgebrachten Fremdling zu Boden geworfen
... Sie, die gehofft hatten, einen reich mit Geld Ausgestatteten prellen zu
knnen, waren es von ihm geworden ... Geschuppt hat er! hie es, und zwei
bekannte liederliche Bursche rangen mit dem Voltenschlger, der sich wehrte,
hielten ihn auf den Boden nieder, whrend andere den Finkenmller zurckhielten
und durcheinander schrieen: Wie er abhob, sahen wir's! - Schon da, als er
mischte! - Daumen hat er wie ein Dieb! ...
    Ruhe! rief der Meyer und machte den Herrschaften Bahn ...
    Terschka's aufgeregtes Herantreten, Thiebold's Zurckhalten der beiden
Salzsieder, Benno's energisches Bedeuten um Ruhe unterbrach die Fortsetzung der
Knste des Geigers und des Kampfes, welcher letztere sich sogar durch einen
zuflligen Umstand pltzlich in Heiterkeit auflste ... Herrn Dionysius Schneid
entglitt unter den Fusten seiner berlegenen Angreifer ein Schmuck seines
Hauptes, eine pechschwarze Tour, die ber einen pltzlich sichtbar werdenden,
kurzgeschnittenen rothhaarigen Schdel geklebt war ... Das dann zu gleicher Zeit
noch hineingeworfene Wort des hinzutretenden Geigers: Es ist ja ein
Perrkenmacher! machte selbst Thiebold und Benno lachen, und so erhob sich der
Strasburger und benutzte den Moment, sich so schnell wie mglich zurckzuziehen
und heimlich zu entfernen ...
    Der Wchter drauen rief die zehnte Stunde ... Alles beruhigte sich jetzt,
gedachte der Heimkehr und lie zunchst die Herrschaften durch, die sich jetzt
empfahlen ...
    Die Jger gaben ihnen noch eine Weile das Geleite ...
    Der Meyer, der Moorbauer blieben zur Kritik des Abends zurck. Da sie
besttigten, da Herr von Terschka pltzlich in ein auffallendes Schweigen
verfallen war, wurden dem Geiger vom Finkenwirth fr seinen frechen und
lgnerischen Ausfall auf den Liebling der Gegend und einen Mann Gottes die
bittersten Vorwrfe gemacht. Als Stammer entgegnen wollte, warf ihn der Wirth
ohne weiteres zum Hause hinaus ...
    Drauen an den sich kreuzenden Wegen zerstreute sich dann alles ...
    Benno sagte zu Thiebold: Tar Teifel! Den rothen Kerl mu ich doch schon
irgendwo gesehen haben?
    Auch Terschka hrte dies, glaubte aber die Rede wre von dem Brandmal des
Hubertus ... Darf er denn solange auerhalb seines Klosters leben? fragte er,
nahm, als sein Irrthum berichtigt, seine Frage besttigt worden, Abschied von
Benno und Thiebold und ging mit dem Oberfrster und dem Wildmeister dem Schlosse
zu ...
    Die Schlge der zehnten Stunde erklangen von allen Seiten her durch die
stille Nacht ...
    Die nchst hrbare Uhr war schon die von Schlo Westerhof ...
    Selbst vom schneebedeckten Jesuitenthurm in Witoborn hrte man in der
nchtlichen Stille das bekannte hastige Jesuitenluten ...
    Und de wie die Winternacht, war die Stimmung der Freunde ... Was sie jetzt
htten aussprechen knnen, war schon in diesen Tagen so oft gegenseitig
ausgeschttet worden ... O wie war Armgart so seltsam geworden! Wie lag es
winterlich auf dem Herzen der Freunde! Erstorben alle Blten, verklungen alle
Freuden, begraben die schnste Maienzeit des Lebens! ... Der Scherz mit den
Vielliebchen war die letzte Erinnerung gewesen an den Ton vergangener Stunden
...
    Thiebold's Art und sein schlechtes Gewissen litten es freilich nicht, da er
so ganz zu allem Herzleid schwieg. Seine Zunge wurde nicht mde bald die Geister
des Jenseits, bald die Vicinalwege des Diesseits zu besprechen, bald den Doctor
Pttmeyer, bald die Jagd, bald das unheimliche, vielleicht gar nicht existirende
Brandmal auf dem Arme des Mnches Hubertus, bald den Ruber Bosbeck - eine
Jugenderinnerung - bald die Guitarrestunden der ermordeten Frau Hauptmann zu
erlutern ... Alles, was er damit nur sagen konnte, lautete im Grunde seines
Herzens: Was hebt uns ach! mit so lustigen Schwingen in die kalte leere Luft und
lt uns schweben wie Fieberkranke, die da jammern des gefrchteten jhen ewigen
Niedersturzes! Was geht vor in diesem Chaos des Erdenlebens, im dunkeln Rath der
Gtter, die die Menschenloose zu ihrer Freude mischen! Wohin wandeln wir! Was
geschieht! Wie nur so angstvoll klopfen unsere Herzen, wie so bang mahnt unsere
Ahnung! Geister halten, fhren uns - aber wohin geht ihr Weg, wo ist das
glckliche Ziel?
    Nach einer Wanderung von einer halben Stunde hrten sie das Rauschen der
berhmten Mhlen von Witoborn. In ihren Donnerton versank alles, was Thiebold
nur sprach, um richtiger, wenn auch sehr prosaisch zu sagen: Ist es denn
mglich, da man uns, uns - - diesen Terschka, einen Mann von vierzig Jahren
vorziehen kann!
    Benno lebte hier auf dem Schauplatz der ersten Erinnerungen seines dunkeln
Lebens schon seit Wochen wie im Traum. Seine Rckkehr zur Schreibstube Nck's
stand nahe bevor. Er schlo auch mit diesem Tage ab, wie schon seit lange mit
seinem ganzen Leben. Seine Entsagung war eine um so schmerzlichere, als er sich
die Philosophie gebildet hatte: Was du dir unsers Daseins fr wrdig hltst,
mut du dir hienieden zu erringen suchen! ... Die erfahrungslose Jugend baut
sich ja schneller Systeme, als das geprfte Alter. Gehen diese Systeme hervor
aus Enttuschungen und gescheiterten Hoffnungen, dann zerfallen sie wol
leicht wieder in Trmmer; aber jher ist ihre Dauer, gefahrvoller wird sie fr
das Herz, wenn sie aus jener Jugendstimmung entstehen, die wenig erwartend vom
Jenseits auch vom Diesseits nur mit bitterer Verachtung spricht, von ihm am
wenigsten noch etwas hofft, zu seinen Gunsten am wenigsten noch etwas unternimmt
...
    Eine volle, freie, erhebende Stunde mit Bonaventura hatte Benno noch nicht
finden knnen.

                                       7.


Auch fr Bonaventura war dieser Aufenthalt eine Rckkehr auf den Schauplatz
seiner ersten Jugend.
    Auch ihn zog hierher eine Liebe und eine froh-bange Sehnsucht ... Er kannte
Paula als Kind, dann kannte er sie mit dem Ausdruck jungfrulich erster Reife
... Jetzt erwartete er nach allem, was er von ihr wute, ein Bild voll
elegischer Hoheit, eine gefangene junge Knigin, die in einem einsamen Schlosse
wandelt, hoheitsvoll und tief hilfsbedrftig zugleich.
    Die Beklemmung, in Paula's seltsam bedingtes Lebensdasein einzutreten, wuchs
mit der Nachwirkung dessen, was in der Residenz des Kirchenfrsten noch in den
letzten Augenblicken von ihm erlebt werden mute. Die Begegnung mit Bickert im
Beichtstuhl, die Hoffnung auf Rckgabe der im Sarge des alten Mevissen
gefundenen Papiere - Lucinden's Erklrung, da dieser Schatz in ihren Hnden war
- wie durchrieselte ihn da mit schttelndem Frost die Erinnerung an die aus
ihrem Mund gekommenen schonungslosen Drohungen! Eine Rachegttin umschwebte sie
ihn auf allen Wegen. Das Schwirren ihrer Eumenidenflgel glaubte er zu hren,
das Leuchten ihrer geschwungenen Fackel in dunkler Nacht zu sehen. Der ganze,
ganze Bau der Kirche! Dies tiefhhnende Wort hallte durch seine Seele wie
Grabesruf. Was konnte der treue Diener seines Vaters aufbewahrt, was von diesem
zum Aufbewahren erhalten haben, das an sein Dasein eine so groe Thatsache, den
Bau der Kirche, knpfen lie und nicht ganz zerstrt, ja vielleicht ausdrcklich
einem Grabe einverleibt werden sollte?
    Der ganze Bau der Kirche! ... O da war er denn nun in diesem heiligen
Witoborn! Hier hatten Bischfe gethront und den Krummstab als Scepter gefhrt
und nicht Eine bedeutsame Erinnerung an deutsche Gre, Kraft und Bildung war
zurckgeblieben. Kleinliche Huser, rmliche Straen, in entlegener Gegend, in
einer halben Wste ein glnzender Palast, die Residenz dieser Bischfe, jetzt
eine Kaserne. Nichts vom Vergangenen zurckgeblieben, als eine Unzahl Kirchen,
ein dsteres Jesuitenstift, Gefe von Silber und Gold in den Truhen der
Sakristeien, Monstranzen mit Edelsteinen, Fahnen und Baldachine von kostbarer
Stickerei. Hier und da fand sich eine bessere Erinnerung aus der Zeit der
Aufklrung. Einige Priester hatten in dem Geiste des Onkels Dechanten gewirkt.
Einiges war geschehen fr Priesterbildung, Jugendunterricht und wrdigere
Gottesverehrung - aber der neue rmische Geist berbaute schon seit lange alles
wieder mit seinem knstlichen Mittelalter. Am Markt, in den Lden der
Hauptstraen waren die Schaufenster besetzt mit Monstranzen, Kelchen,
Crucifixen, Madonnen aus Alabaster und Bronze, Erzeugnissen einer Industrie,
deren Spuren sich bis dahin verloren, wo man sogar dem Salon einen gewissen
koketten kirchlichen Ausdruck jetzt zu geben versuchte. Eine Procession hier,
eine Procession dort. Bruderschaften fast fr jeden Tag der Woche in Bewegung.
Mnner, Weiber, Kinder mit Lichtchen in den Hnden, mit Fahnenwimpeln, Kreuzen,
Mener und Chorknaben dazwischen in bunten Gewndern, singend und sprechend mit
allen jenen Dissonanzen und unsichern Rhythmen, die ihm seine
Glaubensvirtuositt frher als so rhrend erscheinen lie. Jetzt sah er in
diesem Kirchgang so vieler Mnner an Wochentagen nur die Versumni ihrer
Arbeit. Ehe er nach dem Pfarrhause zu Sanct-Libori fuhr, war er Bei
Tangermanns abgestiegen. Ihm gegenber hatte ein Kapuzinerkloster eine Kirche,
vor der in einem Aufputz wie fr Kinder - eine kleine Madonna in natrlichen
Kleidern von Sammet und Seide auf offener Strae stand.
    Am Morgen gleich nach seiner Ankunft kamen Benno, Thiebold, Hedemann.
Erstere beide wohnten in einem Mllerhuschen, das etwas entlegen lag vom
donnernden Gerusch der schon von Hedemann selbst betriebenen Mhlen. Das
Wiedersehen war hocherfreut. Bei Benno sogar mit ironischem Lcheln, als es der
Frage galt nach dem ersten Besuch auf Westerhof; bei Thiebold mit der scheuen
Befangenheit eines schuldbewuten Schlers vor seinem Lehrer; bei Hedemann mit
jener bekannten immer mehr sich bei ihm ausbildenden, lchelndstrengen
Sicherheit des Bibelglaubens; Hedemann hatte in der That ketzerische Grundstze
aus England und Amerika mit heimgebracht und wurde in ihnen durch die
Erfahrungen, die seine greisen Aeltern mit dem Pfarrer Langeltje gemacht, in
Gedankengngen bestrkt, die zu irgendeinem, vielleicht fr ihn verhngnivollen
Ziele fhren muten. Da der Domherr nicht in Witoborn blieb, wute man.
Bonaventura wollte seinen nominellen Pfarrsitz selbst einnehmen und schon war
nach einem Wgelchen geschickt worden, ihn an seinen eigentlichen Wohnsitz zu
fhren, den er einem alten Brauche gem bis gegen Ostern einnehmen mute. Benno
bedauerte diese Trennung. Er schilderte das Haus Bei Tangermanns als einen
unterhaltenden Rest altdeutscher Gastfreundschaft, der indessen die Trinkgelder
und modernen Preise nicht ausschlsse. Seht nur, sagte er, dies alte Mauerwerk
mit bunten pariser Tapeten beklebt! Goldleisten ber wurmstichige Balken!
Parquetfubden neben grnen Kachelfen! Thiebold setzte hinzu: Lstern Sie
nicht! Das beste ist ein patriarchalischer Weinkeller, aus dem man nur leider
allein durch Schmeichelei einen Niersteiner Gelbsiegel bekommen kann! Der alte
Tangermann hat auf seiner Weinkarte alle nur mglichen Cabinetsauslesen und
Domprsenze, gibt sie aber nicht her, wenn man sie nur so einfach bestellt, wie
wahrscheinlich unser Freund Piter Kattendyk gethan hat, als er von witoborner
Krtzer sprach! Erst sagt der Kellner regelmig: Der alte Herr Tangermann hat
den Schlssel! Erst mu man an Herrn Tangermann's Stube klopfen, mu erst seine
ausgestopften Vgel bewundern, die herrlichen Aquatintas an den Wnden, die
Napoleonischen Rhrscenen aus Fontainebleau und Sanct-Helena bewundern, ehe man
das Gesprch auf seine Jahrgnge bringen und ihn geneigt stimmen kann, eine
Probe heraufzuholen, die dann aber dennoch keineswegs zu einem
altpatriarchalischen, sondern ganz modernen Preise abgelassen wird, wie nur in
irgendeinem Victoriahotel! Und Hedemann setzte hinzu: In der Kunst, dem alten
Tangermann diese guten Stunden abzuschmeicheln, ist niemand bewanderter gewesen
als der Landrath von Enckefu!
    Dieser Name gab dann Fernsichten in die betrbenden Eindrcke des
Kirchenstreites ... Fernsichten auch auf Schlo Neuhof, auf Bonaventura's
Stiefvater, seine Mutter, ja zuletzt auf Klingsohr, von dem man wute, da er
gewaltsam nach dem Kloster Himmelpfort zurckgefhrt worden ... Ein Leben im
Gasthof strt dann freilich jeden Schmerz ... Hier ein Zimmer, wo ein Trauernder
weint, nebenan eins, wo ein Musterreiter die neuesten Modearien singt -
Letzteres geschah wenigstens der kleinen Gesellschaft. Nur Zufall war es, da
ein gewisser Mann nebenan, der sich eben rasirte, die Namen seiner Nachbarn
nicht zu erfahren begehrte und, verloren in die tglichen Geschfte, die ihn
erst mit Herrn von Terschka, jetzt schon mit allen umwohnenden Adeligen
verbanden, ja schon auf Schlo Neuhof riefen, sich nicht als Lb Seligmann aus
Kocher am Fall seinen alten Bekannten zu erkennen gab ... Und doch wie sang er
sich selber vorm Spiegel an: Dies Bildni ist bezaubernd schn! wie jodelte
er, wenn er pltzlich von Extrapostideen befallen wurde, das damals neue: Ho,
ho! So schn und froh! Der Postillon von Lonjumeau!
    Im Pfarrhause bei Norbert Mllenhoff fand Bonaventura zwei Zimmer schon fr
sich hergerichtet, Zimmer, in deren Ausstattung er die liebende Sorgfalt aller
der Menschen erkannte, die ihn hier namentlich auf den Adelssitzen voll hoher
Spannung erwarteten. Es waren zwei einfache Wohnzimmer eines allerdings
neugebauten massiven Hauses, aber mit einem Comfort ausgestattet, der alle
Spuren trug vorzugsweise vom nahen Westerhof und vom Stifte Heiligenkreuz. Die
Namen Paula, Benigna, Armgart glnzten unter allen, die der alte Tbbicke als
die Stifterinnen dieser Herrlichkeiten nannte ... Norbert Mllenhoff stand mit
scheuer Spannung in der Nhe. Er hatte die ihm eigenthmlich derbe Courage mehr
nur nach unten hin; nach obenhin nur dann, wenn er der Masse gegenberstand ...
ein einzelnes gesticktes Damentaschentuch mit dem Geruch von Esbouquet konnte
ihn nicht blos im Salon, sondern sogar im Beichtstuhl stutzig machen.
    In diesem Mllenhoff fand sich Bonaventura bald zurecht. Es war die
Richtung, die Michahelles auch bei ihm vorausgesetzt hatte, die neue Richtung
einer fast burschikosen Verachtung alles dessen, was mit Bildung und Aufklrung
verbunden ist. Mllenhoff's jeweiliges grelles Auflachen, wenn er einen seiner
Einflle selbst doch auch allzu schlagend fand, charakterisirte ihn sofort; denn
nichts charakterisirt uns mehr, als die Art, wie wir lachen. Hier fehlte selbst
die Koketterie, die doch Beda Hunnius noch mit der Poesie trieb. Diese
jungkatholische Richtung renommirt mit der Verachtung jeder Beziehung ihrer
tglichen Denk-, Rede- und Thtigkeitsweise mit dem, was dem Geist der
Aufklrung angehrt. Gleich die Frhstcksbutter, die seine Aufwrterin zu einem
zweiten Frhstck fr ihn und seinen Gast hereinbrachte, schob Mllenhoff mit
den Worten zurck: Nehm' Sie die Butter mit! Ganz frische soll's sein! Die da
riecht - toleranzig!
    Schon bei diesem Frhstck erschienen die zuvorkommenden Besuche des Herrn
Levinus von Hlleshoven, des Herrn von Terschka, des Grafen Mnnich und immer
mehr zunehmend einer Anzahl von Adeligen und Geistlichen, die smmtlich in
stattlichen Kutschen kamen ... Selbst die drei ltesten Stiftsdamen von
Heiligenkreuz fuhren vor ... So schnell hatte sich die Kunde von des jungen
Domherrn endlicher Ankunft verbreitet. Die Rumlichkeit wurde fast zu klein; die
Gste, die den Lngstersehnten begren wollten, konnten nur eine kurze Weile
bleiben.
    Ueber die Zeit sprach man, ber den Kirchenfrsten. Durch alles, was
Bonaventura von Aeuerungen eines erschreckenden Fanatismus vernahm, tnte wie
ein Grundaccord immer der gottbegnadete Zustand Paula's hindurch. Selbst die
Erbfolgefrage verschwand dagegen. Es fielen Fragen, wie die: Ob die Grfin
krzlich nicht wieder die Besuche ihres gttlichen Brutigams empfangen htte?
Dabei beobachtete man nicht nur die Mienen des antwortenden Onkel Levinus,
sondern schon das Errthen des Domherrn. Man hatte von Bonaventura die
Vorstellung eines Fanatikers, eines parteinehmenden Zeloten, der, wie
Michahelles angedeutet hatte, seine bereits allen bekannte seelische Beziehung
zur Ekstatischen zu einem noch festern Seelenbunde knpfen, die noch unbestimmt
tastende Gefhls- und Anschauungswelt derselben regeln, ihre Visionen und
Heilkrfte zu einem vollgltigeren Zeugni fr die wiederum prophetisch
gewordene Zeit und den Triumph der Kirche verwandeln wrde ... Er sah diese
Gleisnerblicke, dies se Lcheln, hrte dies bedeutungsvolle Seufzen, das bei
allem Schein der Demuth mit einem festen und sichern Gange auf ein
gemeinschaftliches Ziel losging, ber das man sich nicht einmal in offen
ausgesprochener Verabredung und Gestndnissen befand ... In einem stattlichen
Wagen, zwischen dem Onkel Levinus und Terschka, fuhr Bonaventura dann auf Schlo
Westerhof.
    Die Prfung, Paula im kleinen Kreise oder gar allein wiederzusehen, wurde
ihm beim ersten Grue nicht. Er fand gleich ganz Westerhof in festlicher
Bewegung. Die Damen der Gegend, vorzugsweise das Stift Heiligenkreuz, waren in
Toilette versammelt; Paula stand umgeben von jungen Mdchen, von Frauen und
Matronen ...
    Einen Schritt trat sie hervor und reichte ihm die Hand ... Endlich Traum und
Erfllung ... Schmerz und Seligkeit ... und wiederum doch nur - Seligkeit und
Schmerz!
    Mit den Jahren waren beide gereifter geworden ... Sie erblht zur hehren
Jungfrau ... Er ein Mann - Ein Mann? Ein Priester! Angewiesen, Segen zu
ertheilen, anderer Glck zu heiligen und selbst zu entbehren ...
    Rings ein Reden und Gren und ein Durcheinander der - Bewirthung ...
    Aber Paula war es doch! ... Ihr Seelenfreund von vergangenen Tagen war es
doch! ... Ihr Errthen und das seine ... ein Roth war es, als beschiene beide
die Sonne in ihrer heiligsten Frhe, Aufgangsglanz vom Osten, vom fernsten
Ganges her ... War das noch Winter um sie her? ... Zwei Seelen grten sich, die
da weilten, wo die Nachtigallen sangen ...
    Armgart fhlte das schon ahnungsvoll und schwrmerisch mit ... sie hielt
Paula, um da sie vor Ueberseligkeit nur nicht schwankte ... Wie Epheu schlang
sie sich um ein lebendig gewordenes Marmorbild ...
    Die Geisterjungfrau sprach ... Sie sprach mehr als je ... Was sie sprach,
hrte Bonaventura, er verstand es nicht ... Auch Armgart plauderte noch ihm
unverstndlich ... Wie im Wirbel stand er ... Armgart sah den Vielbesprochenen
zum ersten male ... Die einfache Tracht! Nur ein langer schwarzer Ueberrock;
altmodisch der Schnitt; die Weste hochgehend, wie die Regel will; das Haar
entstellt ... Nichts, was anziehen konnte, als die Gestalt nur und der edle
Ausdruck des Hauptes ... Armgart starrte dem allen und horchte seinen Worten,
deren Klang ihr sofort wie Melodie erschien, denn was Paula liebte, liebte
sogleich auch sie ...
    Der Himmel ffnet zuweilen durch Engelhand seine Pforten ... Dann strmt
einen Augenblick berirdischer Glanz ber die Menschen und ringsum ist auch
zuweilen dann wirklich die feierliche Andacht da und das heilige Verstndni ...
Ha diese kluge Welt! ... Sie wute schon alles ... Ein einziger geisterhafter
Augenblick sprach schon im stillen zu allen: Er kennt diese tiefblauen Augen,
kennt den feuchtschimmernden Glanz derselben, die dunkeln Augenwimpern, die wie
die Schwingen auch der Seele Paula's nicht unruhig flatterten, sondern ruhig
ber ihrem blauen Himmel thronten ... Nun staunt er doch wol, da diese Augen
sich noch immer schlieen und mehr noch als sonst schon in die Ferne sehen
knnen? ... Und ziert dich denn noch immer dieselbe Schchternheit, du vornehme
Jungfrau, derselbe zagende Muth, der alles duldete, selbst wenn die bse
Lucinde, von der hier mancher wute, ihre Stellung verga und Befehle ertheilte,
wo sie deren nur zu empfangen hatte? ...
    Verstndigungen des Herzens konnten nur im Blicke liegen ... Einen Schleier
nach dem andern, der das kaum ja auch Auszusprechende verhllte, wob schon
gleich wieder das Leben in der buntesten Flle seiner Anregungen ... Da gab es
zu besprechen! Die nchste und entfernteste Zukunft Paula's! Die Zeit selbst mit
ihren ringsum ertnenden verworrenen Stimmen! Und die Prophetengabe der Herrin
des Schlosses, auf deren Namen wol noch mehr Wunder und Voraussagungen gingen,
als in Wahrheit begrndet waren, wie war das ngstlich! Auffallend erschien, da
mit Bonaventura's Ankunft in Paula ein gehobener Schwung kam, der die Kraft des
Geistes ber den Krper zu strken schien. Schon am ersten Tage hielt sich die
Leidende ber der versammelten Menschenmenge empor, erlag nicht dem Druck
derselben, der sonst sie in solcher Lage immer pltzlich entschlummern machte.
Und das nahm zu, wurde besser von Tage zu Tage. Sie erlag seltener der
rthselhaften Krankheit ihrer Nerven. Was so mancher im stillen schon von der
Ehe gesagt hatte, sie wre ein Ausweg, der die Grfin vllig heilen wrde,
zeigte sich dem Schrferblickenden annhernd. Statt einer Steigerung der Neigung
zum Traumschlaf trat anfangs eine Minderung ein.
    Die erste Messe zu Sanct-Libori, die erste von der Kanzel gesprochene
Application kennen wir. Sie riefen auch hier die Wirkungen hervor, die von
Bonaventuras Auftreten unzertrennlich scheinen. Der Kreis von Bekanntschaften,
der ihn schon wie gefangen nahm, wuchs. Seine Oberaufsicht ber den Gang der
kirchlichen Angelegenheiten in diesem Sprengel war mehr eine formelle Pflicht.
Bonaventura erkannte dann auch zu sehr die Heftigkeit seines untergebenen
Pfarrers, um mit einem Naturell zu streiten, das nicht zu ndern war und
sogleich auch fr seine Unarten als Vorwand heilige Namen hatte. Ironie half ihm
gegen Uebertreibungen. Denken Sie das? Ziehen Sie das also wirklich vor? Von
Witoborn's Geistlichen und Mnchen kam Bonaventura regelmig heim wie aus einem
Kriegslager.
    Die stillen Abendstunden auf Schlo Westerhof waren dann glckselige
Momente. Terschka, Benno und Thiebold theilten sie, und da Armgart nicht immer
zugegen war, blieb Paula der alleinige Mittelpunkt. Armgart wurde allerdings
auch fr Bonaventura mit der Zeit befremdend. Sie wanderte zwischen Westerhof
und Heiligenkreuz, oft ganz allein, ohne die mindeste Furcht, selbst wenn sie
durch einen ansehnlichen Wald gehen mute. Bonaventura sprach von ihrer Mutter
und von ihrem Vater mit gleicher Unbefangenheit. Eine Parteilichkeit fr Benno
entdeckte er nicht, mehr noch fr Thiebold, am meisten fr Terschka, der ihm
gleichfalls neu und nicht sogleich erklrbar war. Terschka nannte Armgart eine
Cactusblume. Der Onkel erluterte: Brennendroth und von einer schnen
Zeichnung, aber gewachsen auf einem gefahrvoll stachlichten Stamm! ... Nun geht
es so, da Menschen, die gerade das Bedrfni haben, sich aneinander
anzuschlieen und sich einen hohen Werth einzugestehen, doch nur durch Reibung
und Aneinanderstreifen sich nhern. Bonaventura hatte noch nichts von Thiebold's
Bue vernommen und nur ewig Terschka und Terschka hrt' er -? Wre das mglich!
sagte er sich. Armgart, ein Mdchen wie ein Thautropfe, und dennoch, dennoch
eine so schnelle Wandelung -? Hier lag ein Rthsel vor und er erklrte sich's
aus der Schwche des weiblichen Gemths und zrnte ihr und strafte sie schon oft
oder trumpfte sie ab, duckte sie, wie es die Tante Benigna mit wahrer
Genugthuung nannte ... freilich nur durch ein Lcheln oder eine kurze ironische
Zwischenfrage.
    Ehe hier tiefere Blicke und Verstndigungen folgten, kam dann die bange
Fahrt zum Schlosse Neuhof, an dem Tage, als es hie, der Kronsyndikus ist im Arm
seines pltzlich angekommenen Sohnes, des Prsidenten, verschieden. Die
schuldige Rcksicht verlangte, da Bonaventura den zweiten Gatten seiner Mutter
auf diese Nachricht sofort besuchte. Da die Mutter nicht mitgekommen, wute er.
Er traf am Montag den Prsidenten in der ganzen Erregung, die ein lngst
vorausgesehener Fall, dessen endliches Eintreten man sogar den Umstnden nach
wnschen mute, zuletzt doch hervorzubringen pflegt. Sein Stiefvater war
auffallend gealtert. Er begrte Bonaventura mit all der scheinbaren
Herzlichkeit, die ihm zu Gebote stand. Seine Gesundheit erklrte er nicht fr
die beste, sprach von Reisen nach dem Sden, von seinem Abschied, den er nehmen
wollte, von den Schwierigkeiten, die sich bei Abwickelung seiner Erbschaft
ergben, von dem Mistrauen, das ihm infolge des Kirchenstreits hier um seiner
amtlichen Stellung willen entgegentreten wrde. Er brachte Nachrichten vom
Kirchenfrsten, der in seiner Gefangenschaft sich mit Ruhe in sein Schicksal
ergbe, wre er sich doch bewut, Anla einer Aufregung gewesen zu sein, die
seinen Grundstzen jetzt zugute kam; er rauche seine Pfeife, ginge auf den
Wllen der Festung spazieren und wnsche nicht einmal die politischen
Demonstrationen, die der Adel der diesseit und jenseit des groen Stromes
gelegenen Provinzen beim Landesfrsten unternhme - sie knnten ja nur in jenem
revolutionren Sinne gedeutet werden, den er nie befrwortet hatte; denn die
Kirche htte nichts mit der neuen Richtung des Lamennais gemein, sie wre alt
genug und knne immer noch warten und warten bis ihr die geistige Hlfe kme
... Von der Mutter sagte der Prsident, sie wrde auf dem Schlosse, das sie nie
besucht hatte, gleich nach dem Begrbni eintreffen. Der Prsident war klter,
wortkarger und verschlossener denn je geworden.
    Am Begrbnitage sa Bonaventura in dem Trauerwagen neben dem Stiefvater.
Wohl sah er, da selbst diese starren Zge erregter wurden, als sich der Zug dem
Dsternbrook nherte. Als die Scene an der Eiche vorfiel, erblate der
Prsident; das Wort erstarb auf seinen Lippen; in eine Ecke gedrckt wartete er
ab, bis sich der Zug wieder in Bewegung setzte. Ein tiefer Seufzer entrang sich
seiner Brust, als die Strung vorber war und ihm Bonaventura zu seiner
Beruhigung die leisen Worte sprach: Paulus sagt: Der Tod ist der letzte Feind!
Nun wird ja Friede sein! ... Zum Kloster Himmelpfort gehrte eine groe, nicht
ungefllige, lichthelle Kirche. Sie lag an der Spitze eines der Winkel, die
durch ein groes Viereck gebildet wurden; durch eine Mauer gebildet, die das
Kloster einschlo. Das Kloster selbst, ein zweistckig Gebude, mit einem
Thrmchen versehen, gehrte dem siebzehnten Jahrhundert an, die Kirche dem
achtzehnten. Ringsum standen Obstbume; im Innern des Klostergartens waren die
Beete mit Stroh belegt und deuteten eine freundliche Vegetation fr den Sommer
an. Hinter einem dieser kleinen Fenster, die ringsum das viereckige Gebude
erhellten, wohnte Klingsohr. Ihn sah man nicht unter den Franciscanern, die den
Sarg begleiteten. Auch den Bruder Hubertus, auf den Bonaventura nach allem, was
er ber den Abtdter durch Klingsohr und Jodocus Hammaker wute, begierig sein
mute, konnte er weder beim Beginn des Zuges noch jetzt entdecken und an der
verhngnivollen Eiche war gerade ihm der Anblick entzogen gewesen, den die
andern Wagen ungehinderter hatten, der Anblick, wie pltzlich unerwartet
auftauchend Hubertus mehr der Strung durch den Musikanten, als der Anrede des
Sarges durch einen andern Strer der Todtenruhe, durch den Kfer, ein Ende
machte ... Die Kirche diente als Erbbegrbni vieler ringsum wohnenden
Adelsfamilien. Bilder sah man, Seitenaltre und Beichtsthle, keine Sulen oder
Bogen. Der Hochaltar war im Stil der Franciscanerkirchen; jeder Orden hat seine
eigene Weise, seine eigene geistige und physische Farbe sogar, die er seinen
Kirchen anhaucht. Bei den Franciscanern ist alles braun, mig vergoldet, hier
und da ein blaues Band etwa an einer Maria, ein weier Schimmer etwa von der
Taube, die ber dem Tabernakel schwebt; regelmig steht der Ordensstifter vor
dem Crucifix mit dem bekannten ekstatischen Liebesblick der Ergebenheit, mit
seiner auf das Herz gelegten linken Hand; der Fuboden ist von Stein, die Wnde
sind wei, nur hier und da vom Ru der Lichter angeschwrzt; das Ganze einer
solchen Franciscanerkirche ist dem Volk eingehend durch eine gewisse
altfrnkische Einfachheit wie die Heimlichkeit alter, von Groltern ererbter,
braungebeizter Mbeln mit geschweiften Bogen und bronzenen Schlssellchern und
Ringen an den Schublden ... Hier war es, wo der Kronsyndikus in die Gewlbe
gesenkt wurde ... Das ber ihn Unausgesprochene, doch von allen Gefhlte
verklang in dem Brausen einer stattlichen Orgel ... Der Provinzial- Guardian
fand auf dem bereits auf dem Schlosse von Weihduft berrucherten Sarg auch
jenes Stckchen Tuch nicht mehr, das wol in den Schnee gefallen sein und im
Schmelzen desselben an der Frhlingssonne vermodern wird ...
    Da Bonaventura Klingsohr besuchen wollte, behielt er eine der Trauerkutschen
zurck ... Der Prsident versprach, bald auf Westerhof zu erscheinen und dann
auch sogleich in Begleitung der bis dahin vielleicht angekommenen Mutter
Bonaventura's.
    Der ehemalige Graf von Zeesen, der jetzige Pater Ivo, wurde von Bonaventura
bald entdeckt ... Klingsohr hatte ihm ja im vorigen Jahre seine Geschichte
erzhlt ... Er wute, da seine ehemalige Verlobte als Schwester Therese bei den
Karmeliterinnen wohnte ... Ein hagerer, blasser Mnch kam mit einem Weihwedel
daher und wehte durch die Luft, als stubte er auch diese rein ... Die Gste,
das Gesinde, die nachdrngenden Landbewohner hatten die Kirche verlassen; nur
einige Arbeiter blieben, die ber die Oeffnung, in die der Sarg des Kronsyndikus
hinuntergelassen, wieder die Steinplatte zu legen hatten ... Nach drei Uhr war
es ... Die Brder hatten auf dem Schlosse eine Art Frhstck im Stehen
eingenommen ... Ob wol da noch Pater Ivo das Brustbild seines alten Freundes
Jrme erkannt hatte? ... Dort summte er, ohne aufzusehen, Lieder zum Lobe
Mari; auch hier that er es ... Niemanden blickte er dabei an, niemanden gab er
Antwort ... Er lebte nur sich und Maria ... Sein Eigenthum war an die Landschaft
gegeben worden fr eine Irrenanstalt, deren die Provinz - immer dringender
bedrftig wurde ... An der Oeffnung, in deren Tiefe der silberbeschlagene Sarg
blinkte, muten eine Menge Melusinen sitzen ... wie huschte er dahin daher mit
seinem Wedel und jagte die Unheiligen fort!
    Es ist Pater Ivo! sagte ein junger Mnch, auf Bonaventura zutretend. Er ist
irr', wie Sie wol sehen, Herr Domherr!
    Der junge Mnch nannte sich Pater Quirinus ... Er hatte ein Bund Schlssel
in der Hand, wollte erst die Schrnke schlieen, in welche der Guardian seine
Meopferkleider, die Mnche die Requisiten der Rucherung des Sarges und die
Tcher gelegt hatten, auf denen er ausgestellt gestanden hatte; dann galt es,
das Hauptportal der Kirche zu schlieen - fr die Arbeiter und Betbedrftigen
gab es einen allen Bewohnern der Gegend bekannten kleinen, versteckten
Nebenausgang.
    Bonaventura sah sich erkannt, sprach sein Verlangen aus, den Pater Sebastus
zu besuchen, und willigte gern ein, die Erlaubni dazu so lange abzuwarten, bis
Pater Quirinus sein Amt beendet hatte ...
    Er begleitete ihn auf seinem Rundgange hinter der Sakristei ...
    Mit der grten Unbefangenheit sagte der junge, frisch und blhend
aussehende Mann und mit einer ganz gewhnlichen Sprechweise:
    Unser Bruder Hubertus ist nicht zugegen! Er kam gerade recht von einer
Reise, um die unverschmte Strung durch den Musikanten abzutrumpfen! Viel lgt
man auch ber den Kronsyndikus! Wir hier mssen ihn schtzen! Manches, was Sie
hier an Gold und Silber sehen, haben wir in seinen letzten Tagen von ihm
bekommen!
    Dem fr einen Geistlichen fast zu resoluten jungen Mann erwiderte
Bonaventura:
    Als sich der Verstorbene vor einigen Jahren sein Erbbegrbni neu herrichten
lie, widersprach, hr' ich, der selige Provinzial Henricus und schrieb deshalb
nach Rom ...
    Ganz recht! erwiderte der junge Mnch. Cardinal Ceccone schickte durch
Vermittelung des Ministeriums den Spruch der heiligen Pnitentiarie. Der
Kronsyndikus legte eine Generalbeichte ab, die an unsern Ordensgeneral nach Rom
gegangen ist. Seitdem kam der Befehl, ihm keine der geistlichen Wohlthaten zu
entziehen ...
    Der junge Mnch machte Anstalt, Bonaventura alles zu zeigen, was die Kirche
an alten Bildern, kostbaren Gefen und gestickten Gewndern besa ...
    Bonaventura lie es geschehen ... Konnte er sich doch inde in die
Vorstellung finden, diesen abgerissenen Fuboden dort im Zusammenhang mit Rom zu
wissen! Cardinal Ceccone, der politische Lenker der Geschicke des Kirchenstaats
- der Gropnitentiar und Oberinquisitor der ganzen katholischen Welt - der
General der Franciscaner - drei hchste Wrdentrger der Kirche betheiligt an
dem aufgedeckten Leben des Kronsyndikus! Dort vielleicht alles enthllt, was
hier der Welt ewig unbekannt blieb! Dort vielleicht alle Schleier hinweggezogen,
die seit Jahren ber dem Leben auf Schlo Neuhof hingen! Dort vielleicht auch
die Grnde bekannt, warum seit Jahren der Dechant nur mit dem Ausdruck des
grten Mismuths seines alten Freundes, des Kronsyndikus gedachte! Dort auch
vielleicht - ein Zusammenhang - es durchzuckte ihn das so - mit jenen Drohungen,
die Lucinde gegen ihn selbst auszustoen gewagt?
    Der junge Mnch entfaltete kostbare Megewnder, warf sich sogar eine
Kasel um und zeigte mit wohlgemuther Freude, wie schwer sie an echtem Golde
war ...
    Die ist noch nicht zu alt! sagte er. Die verstorbene Frau von Wittekind hat
die kstliche Arbeit, die in Paris gemacht wurde, vor vierzig Jahren gestiftet
...
    Das war die Schwiegermutter seiner Mutter ...
    Pater Ivo ging leise singend vorber, huschte mit dem Weihwedel und jagte
die Geister fort ...
    Pater Quirinus sah ihm lachend nach, whrend Bonaventura in Rhrung stand
...
    Beim Oeffnen der brigen Schrnke und dem wiederholten Anlegen der kostbaren
Gewnder durch den jungen Pater erkannte Bonaventura einen oft vorkommenden
Fehler seiner geistlichen Brder, Eitelkeit auf ihren malerischen uern Schmuck
beim Cultus. Die Mnche von Kloster Himmelpfort lasen ringsum in kleinen
Kapellen die Messe ... Rom hlt die Menschheit doch an tausend Fden! sagte sich
Bonaventura ...
    Als der junge Mnch eine Anzahl Gefe aus dem Verschlu doppelter und
dreifacher Schlsser hervorholte, fragte er ihn:
    Warum traten Sie in den Orden?
    Es war mir die beste Versorgung! erwiderte der junge Mann ... Ich bin armer
Aeltern Kind, wollte studiren, brachte mich kmmerlich durch und hatte keinen
Muth, auf die Universitt zu gehen. Ich wollte ins Postfach, meldete mich und
wurde wegen Ueberflu von Meldungen nicht angenommen. Eine Braut, die ich hatte,
wollte nicht lnger warten und heirathete mir vor der Nase weg einen andern. Das
verdro mich. Ich wute nicht, was anfangen, und ging ins Kloster. Zwei Jahre
war ich Novize. Jetzt hab' ich die Weihen und bin versorgt.
    Sie wollen nicht hher hinauf? Haben keinen Ehrgeiz? fragte Bonaventura,
erstaunt ber diesen Mangel an Empfindung bei einem doch so traurigen Geschick
...
    Nein! war die unbefangene Antwort ...
    Also gibt Ihnen der Schmerz ber die Tuschung durch Ihre Liebe diese Kraft,
so zu entbehren und zu entsagen? ...
    Meine Braut handelte vernnftig! Ich htte erst zehn Jahre auf eine
Anstellung bei der Post oder im Steuerfach warten mssen! Jetzt hab' ich mein
Brot; fr mich freilich nur allein, aber das kann man ertragen ...
    Whrenddessen schlo der junge wohlgenhrte Pater einen Schrank nach dem
andern auf und zu, knixte erst vor jedem geweihten Gegenstande, zeigte ihn dann,
schlo ihn wieder mit einem Knix ein, alles nach derselben Cadenz und mit der
grten innern Befriedigung.
    Bonaventura konnte sich in eine solche Weihelosigkeit nicht finden. Er
mochte noch immer glauben, da hier ein Schmerz berwunden und fr die
Zufriedenheit an diesem Berufe vielleicht auch Pater Hubertus' Abrichtung
gesorgt htte ...
    Auch Ihnen hat zu dieser wohlgemuthen Ergebung in manche Entbehrung gewi
der Bruder Abtdter verholfen? fragte er ...
    Pater Quirin lachte ...
    Na ja! sagte er. So kennen Sie also auch den alten Knaben? Er konnte sich
lange nicht in den Frieden finden, den die Kirche mit seinem alten Feinde
schlo, mit dem Kronsyndikus! Allen ist aufgefallen, da er doch gerade heute
zurckkehrte und sogar fr Ordnung sorgte. Knochen hat er wie Eisen - aber mich
brauchte er nicht zu bndigen! Ich thue hier, was ich mu. Wir haben alle unsere
leidliche Bequemlichkeit. Ich zeige Ihnen das Refectorium ...
    Entbehren Sie gar nichts? fragte Bonaventura im Weitergehen ...
    Gewi nichts! antwortete Pater Quirinus und kte mit gemachter Andacht eine
Monstranz, die ber und ber mit Edelsteinen besetzt war und nur bei den
hchsten Veranlassungen aus diesen wohlverwahrten Schrnken genommen wurde.
    Diese gleichbleibende Gelassenheit streifte in Bonaventura wiederum alle
Blten ab. Er konnte sich nicht finden und erinnerte wenigstens an den Zauber
der Freundschaft und des Zusammenlebens in einem Kloster ...
    Aber auch dem erwiderte der junge Mann:
    O nein! Wir sind hier zusammen keine Freunde! Es ist auch gut so! So wie wir
uns aneinander anschlieen, fangen wir an ber unsere Verhltnisse Gedanken zu
haben; dann verbittern wir uns vieles, worber wir jetzt nicht grbeln. Jeder
ist besser fr sich!
    Diese Freundschaften kommen also doch vor?
    Selten! lautete die Antwort, whrend sich der Mnch umsah und jetzt leiser
sprach. Sowie sich zwei Brder allzu sehr aneinander schlieen, im Garten zu oft
zusammen spazieren gehen, sowie man bemerkt, da sie bei Tisch zusammensitzen
wollen oder auch auf der an der Thr des Guardians hngenden Tafel ber unsere
Wochenverrichtungen zu hufig zusammenzukommen suchen, so werden die Leute
getrennt.
    Das ist ja eine Grausamkeit, wallte es in Bonaventura auf ... Der einzige
Trost der Einsamkeit - der freundschaftliche Austausch der Gedanken und Gefhle!
Der Rckblick auf ein vergangenes Leben! Die gemeinschaftlichen Trstungen an
den Quellen des Wissens und des Denkens! ... Aber er durfte alles das nur durch
Seufzen ausdrcken und sagte sich im stillen: O die Menschennatur ist doch im
Durchschnitt ganz so wie bei diesem jungen Manne! Was ist bei Tausenden ihre
geistige Meinung? Ihr Bedrfni nach Erhaltung, Ernhrung, Unterkunft! Solche
Institutionen wie die Klster glaubt' ich auf Felsen gebaut und ich sehe: Einen
Beutel mit Geld in der Hand und sie lassen sich wie Kartenhuser umblasen!
    Durch einen Seitengang kam man aus der Sakristei in das Kloster. Ein
Kreuzgang von allein, morschem Holz fhrte zu ihm hinber. An der Wand der
Kirche hingen, allemal einer Oeffnung an der andern, in einen mit Schnee
bedeckten Garten hinausgehenden Seite gegenber, Bilder, die von einem Tncher
verfertigt schienen und Wunder des heiligen Franciscus vorstellten. Jedes
derselben war geistlos. Schon aus der Jahreszahl 1707 konnte man den Geschmack
sowol der Malerei, wie den Stil der Unterschriften erkennen. An die Poesie eines
winterlich romantischen Klosterkreuzgangs, wie ihn unser Lessing gemalt hat, war
hier nicht zu denken. Eine hlzerne Gitterthr fhrte ins Kloster. Pater Ivo
schlenderte leise singend in einem der langen Gnge und Quirinus sprang fast wie
ein Tnzer mit seiner langen Kutte voraus, um dem Provinzial-Guardian Maurus die
Meldung zu machen ... Einstweilen trat Bonaventura in das Refectorium. Es
hnelte einem Wirthshauszimmer auf dem Lande mit alten Holzpfeilern, mchtigem
Ofen, Stellagen zum Aufschichten der Egerthschaften. Von hier aus sah man
durch kleine Scheiben in den innern, strohbedeckten Garten ...
    Bonaventura sehnte sich, ein Wort der Ermunterung mit Sebastus zu sprechen
... Aus Lucindens Beichte wute er ja, da er hatte nach Belgien entfliehen
wollen ... Sie hatte ihm sogar die Ueberredung, da Sebastus zu den Jesuiten
hatte entfliehen wollen, nicht verschwiegen ... Daran nun zu erinnern war
Bonaventura freilich verboten ... Alles, was er etwa Lehrreiches, Warnendes oder
Ermunterndes gerade ber diesen Punkt mit dem Convertiten htte sprechen knnen,
mute ausdrcklich unterbleiben ... Als Beichtvater durfte er nicht mehr von ihm
wissen, als was Sebastus selbst voraussetzen konnte ... Er mute unwahr sein.
    Die in Reihe und Glied aufgestellten steinernen Bierkrge der Mnche
musternd, hrte er Quirinus' Rckkehr ...
    Dieser kam bestrzt. Er sagte, der Pater Sebastus htte eine Pn verwirkt
und sollte niemanden sprechen; der Provinzial wrde sogleich selbst erscheinen
und sich dem Herrn Domherrn entschuldigen ...
    Bald auch kam Pater Maurus. Aeuerlich war er nicht zu unterscheiden von
allen andern Mnchen. Man kann in Rom auf der Via Appia in einem Omnibus mit
Bauern aus Tivoli fahren, hat neben sich einen einfachen Mnch in weiem Kleide
sitzen und wei nicht, da es der gromchtige General der Dominicaner ist ...
Pater Maurus war ein hoher, starkknochiger Mann. Seine buschigen und schwarzen
Brauen lagen trotzig ber den funkelnden Augen, die sich den Ausdruck der
Unterwrfigkeit gaben. Immer erstarb sein Lcheln ebenso rasch wie es kam. Eher
glich dieser Mnch einem Gefngniwrter als einem Boten des Friedens.
    Pater Quirinus zog sich zurck ... Der Provinzial und der Domherr setzten
sich auf die nchsten Holzschemel ...
    Vergebung, Herr Domherr, sagte der Provinzial, wir haben mit dem Pater
Sebastus einen schweren Stand! Die Regierung lieferte ihn uns aus der Residenz
des Kirchenfrsten zurck mit dem Bedeuten, ihm jede schriftstellerische
Thtigkeit zu untersagen, jede Theilnahme an unserm gegenwrtigen traurigen
Kampfe. Die Weisung war berflssig, da der Pater ohnehin erkrankte und uns eine
Zeit lang ernste Besorgnisse einflte. Seit einiger Zeit geht es ihm besser;
doch lieen wir ihn in der Krankenstube, weil er, in seine Zelle zurckgekehrt,
seine Pflicht, Nachts zwlf Uhr aufzustehen und in den Chor zu gehen, um zu
singen, wie jeder andere htte erfllen mssen. Heute in aller Frhe besuchten
ihn zwei Fremde, ein Jude und jener Mensch, dem wir vor wenig Stunden den
frechen Auftritt im Dsternbrook verdankten. Ich nehme Ihr Vertrauen in
Anspruch, Herr Domherr! Denken Sie sich die Verabredung! Jenes Stck Tuch, das
der Strenfried auf den Sarg zu legen wagte, bekam er von unserm Pater, dem
Sohne des damals unglcklich, wie man jetzt sicher wei, nur im Wortwechsel und
nach offener Gegenwehr Gefallenen. Dafr verlangte er von jenem Juden, wie von
dem Kfer - Stephan Lengenich ist sein Name - die Mittel zur Flucht ...
    Wie erfuhren Sie das? war eine Frage, die Bonaventura mehr aus Schreck
aussprach, als in Voraussetzung, da die Gesprche, die im Krankenzimmer
gehalten wurden, belauscht werden konnten ... Erst als er Pater Quirinus an der
zufllig aufgehenden Thr des Refectoriums stehen sah, kam ihm die Vorstellung,
da seine Frage ohne Beantwortung bleiben konnte ...
    Wir wissen es, Herr Domherr! sagte der Provinzial mit verdrossenem Blick auf
die Thr. Wir wuten es schon in der Frhe. Ich hatte mir eine ernste Ermahnung
als einzige Bue vorgenommen. Seitdem jedoch durch des Paters Mitwirkung eine
heilige Handlung gestrt, eine ganze Familie, der er selbst frher so oft
bekannt hat Dank schuldig zu sein, durch sein Zuthun unverantwortlich
compromittirt worden ist, hab' ich ihm statt des Krankenzimmers die Strafzelle
angewiesen. Ich kann nicht wnschen, da Sie ihn in seinem gegenwrtigen
Zustande sehen.
    In welchem Zustande? fragte Bonaventura mit gesteigertem Bangen und folgte
der Bewegung des Provinzials, der sein Ohr spitzte, als vernhme er irgendwoher
einen Ruf ...
    In der That hrte man in dumpfer weiter Ferne einen Ton wie einen Schrei um
Hlfe ...
    Bonaventura mute aufspringen und sich an dem Schemel halten ... Das ist er?
sagte er und deutete auf das Fenster, von wo der gellende Schrei gekommen war.
    Er ist es! Ja! sprach der Provinzial mit kalter Ruhe ... So tobt er in
seiner Strafzelle und spricht wild durcheinander ... Ich lass' ihn binden, wenn
er nicht schweigt ...
    Lassen Sie mich zu ihm! bat Bonaventura ...
    Herr Domherr, diese Wohlthat wre unverdient ... Er wrde auch Sie anfahren
wie ein wildes Thier ...
    Nein, nein, wir kennen uns!
    Sie wrden uns die Zchtigung stren, die ein Pater verdient, der aus seinem
Kloster entfliehen will!
    Bonaventura stand mit schwindendem Bewutsein. Er sah Abgrund und Nacht um
sich her und bei alledem - auch die fernwirkende, trgerisch lockende Gewalt
Lucindens! ... Sie hatte den Mnch, ihren ehemaligen Geliebten, in Knabentracht
besucht! Ihr Lcheln, ihre muthige Rede hatte ihn - um ihn aus meinen Bahnen zu
entfernen, hatte sie ihm frank und frei gebeichtet - zur Flucht berredet ...
Sie hatte seinen Muth, seinen Ehrgeiz entflammt zu einer neuen Entwickelung
seines immer noch reichen, wenn auch verirrten Geistes ... Eine Gelegenheit zur
Flucht bot sich vielleicht ... So, wie er jetzt die grliche Stimme hrte, die
der eines Ertrinkenden glich, klang ihm in der Erinnerung sein eigener
Seelenaufschrei, als an jenem Abend der Abreise ihn pltzlich Lucinde verlassen
hatte und ein wilder Sturm durch seine Adern brauste ... Zu ihr! Zu ihr! klang
es aus Sebastus' Munde in sein Ohr ... Besinnungslos ergriff er seinen Hut und
bat wiederholt:
    O lassen Sie mich zu ihm!
    Herr Domherr! lehnte der Provinzial fast vorwurfsvoll ab ... Wenn er sich
beruhigt hat! Morgen! setzte er hinzu ...
    So bitt' ich - gren Sie ihn von mir! hauchte der liebevolle Priester,
seufzend ber die Nothwendigkeit, den Formen und Satzungen seiner Kirche sich
ergeben zu mssen. Sagen Sie ihm, da ich in dieser Gegend weile, da ich den
ersten ruhigen Augenblick, den Sie mir anzeigen werden, benutzen und zu ihm
kommen will! Versprechen Sie mir's!
    Sehr gern, Herr Domherr! sagte der Provinzial mit derselben Freundlichkeit,
als handelte es sich um die Anzeige eines in vllig natrlicher Weise
eintretenden harmlosen Ereignisses ...
    Und Bruder Hubertus? drngte Bonaventura, jetzt schon im Gehen ... Vermochte
der nicht sonst so viel ber ihn?
    Auch das ist ein Mitglied unsers Klosters, erwiderte der Provinzial, im
Gehen verbindlich die linke Seite nehmend, mit dein wir viel Geduld haben
mssen! Er war in Angelegenheiten einer Erbschaft, die er machte, verreist ...
    Bonaventura trug als Beichtpriester eine solche Last von Thatsachen in
seinem Gedchtni, da er nach einem Verhltni fragte, das er doch schon
fters, von Benno sowol wie von Hammaker, fast vollstndig erfahren hatte ... Er
fand sich allmhlich zurecht und unterbrach die Erluterungen des Provinzials:
    Ganz recht! Ich wei! Er wird das von einer Ermordeten geerbte Geld dem
Kloster geben ...
    Doch nicht! war des Provinzials verdrieliche Antwort. Dieser Hubertus hat
wunderliche Seiten. Im Vertrauen gesagt, er hat einen etwas dunkeln Ursprung.
Man sagt geradezu: Seine Angehrigen sind auf dem Richtplatz gestorben! An einem
Tage, wo eine Gaunerbande, zu der er als Knabe gehren mute, aufgehoben, das
Haus, in dem sie sich vertheidigte, genommen und angezndet wurde, soll unser
Bruder - sagt man, und sei es auch unter uns, Herr Domherr! - zwei Stock hoch
aus dem Fenster gesprungen sein, in jedem Arm mit einem Kinde ... Glcklich kam
er mit den beiden Kindern zur Erde nieder, entrann den Flammen, entrann der
Verfolgung, machte einen abenteuerlichen Lebenslauf, wurde ein an sich ganz
vortrefflicher Mensch, exemplarisch in seiner Auffhrung, nur strende
Seltsamkeiten hat er. Als Jger des Kronsyndikus erlebte er einen bittern
Verdru und wurde deshalb Mnch. Mancherlei leistete er schon unter Pater
Henricus, meinem Vorgnger. Jetzt hat er sich in den Kopf gesetzt, die
zwanzigtausend Thaler, die er von jener Frau Buschbeck - sie nannte sich schon
nach seinem Namen, whrend sie doch nur eine gewisse von Glpen und seine
Verlobte war - ererbte, wenn irgendmglich, dazu anzuwenden, sie den beiden
Kindern zukommen zu lassen, die er einst aus dem Feuer rettete, falls sie sich
entdecken lieen. Sie waren ihm, nachdem er sie im stillen erzogen hatte,
abgenommen worden. Jetzt correspondirt er nach Holland, Frankreich, Italien, um
ihre Spur zu finden. Ich schrieb nach Rom, ob ich ihm auf ein Jahr die Erlaubni
ertheilen kann, scheinbar in irgendeinem andern Auftrage in die Welt
hinauszuwandern. Bis die Antwort da ist, gestattete ich ihm vorlufig auf eigene
Verantwortung die Reise nach Holland, von der er jetzt zurckgekommen.
    Unter diesen Mittheilungen waren beide, in der Ferne wieder von dem leise
singenden Ivo verfolgt, an die kleine Thr gekommen, die den verborgeneren
Eingang zur Kirche bildete.
    Hier stand Bonaventura's Wagen ...
    Mit einem Abschied, den der Provinzial nahm, als wenn ein Offizier von
seinen untergebenen Mannschaften einem andern hohen Militr eine einfache
conversationelle Mittheilung gemacht htte, bestieg Bonaventura seinen Wagen ...
Ein Bedienter in Trauerlivree war vom Prsidenten fr den Stiefsohn des Hauses
zurckgelassen worden ... So fuhr Bonaventura in schon heraufgezogener Dmmerung
von dannen.
    O ihr Klster, seid ihr denn Zufluchtssttten des Friedens und der reinen
Menschenliebe?! ...
    So tnte es in allseitig schmerzlichster Betrachtung durch Bonaventura's
Inneres, als er in die schon dunkelnde Ferne hinausfuhr, hin- und
hergeschleudert auf den Furchen der Feldwege, die zurckzulegen waren, um in
krzerer Frist auf Schlo Westerhof zurckzukommen, wohin der Kutscher ihn
glaubte fahren zu mssen ...
    Erst nach einer Stunde, whrend durch sein Herz alle schrillen Accorde des
Zweifels, alle klagenden der Wehmuth zogen, entdeckte er in der allmhlich ganz
hereingebrochenen Nacht die Absicht des Kutschers, klopfte ihm und befahl die
Richtung zu nehmen nach Sanct-Libori ins Pfarrhaus ... Wie sollte er Frieden
bringen in die stille Abendgemeinschaft des Schlosses! Wie den schrecklichen Ruf
nicht verrathen, der immer noch wie ein: Zu Hlfe! an sein Ohr tnte -! Ein
anderer Ton schlo sich an, ein hochfeierlicher, wie am Tage des Gerichts einst
die Lfte Stimmen tragen werden ... jenes Wort, das ihm einst der Onkel in
Kocher am Fall gesprochen an dem schnen goldenen Sommermorgen: Wenn ich mich
zuweilen in unserer katholischen Welt umsehe, ist's mir doch, als she ich in
alten Verlieen die Gebeine der Geopferten modern.
    Und bei alledem schwatzte nun schon Norbert Mllenhoff wieder, da er den
Ankommenden mit Sehnsucht erwartet htte, bot Pfeifen, Cigarren, Vesperbrot,
Unterhaltung durch Zeitungen, Broschren, durch seine eigene werthe Person, und
legte ihm zuletzt sogar mit Schchternheit einen Versuch vor, wie die
Exercitien der Frau von Sicking zu organisiren wren ... Von dem an seiner
Thr heute frh ausgestellten Wachskindchen schwieg er wohlweislich, weil er
nichts verrathen mochte von einer Gegnerschaft, die in der Gemeinde mehr seine
Person als sein System traf.
    Bonaventura, erschpft, geduldig an sich schon, nahm das Papier, um es in
Mue durchzulesen. Er blieb eine Stunde auf seinem Zimmer. Um sich zu sammeln,
schrieb er Briefe, las Rechnungen, zerstreute sich mit Zeitungen ... Zuletzt
bereute er, doch nicht nach Westerhof gefahren zu sein ... Selbst fr Thiebold's
schwaches Klavierspiel wre er jetzt dankbar gewesen ...
    Beim gemeinschaftlichen Abendimbi, den er nicht ablehnen konnte, mute er
dem Wirth, der fast immer allein das Wort fhrte, auf alle Gebiete der Seelsorge
und Liturgik folgen, ihm sogar in manchem Recht geben. So z.B. als er gegen die
Einmischung der Dilettantenmusik in den Cultus sprach und sagte:
    Ueberhaupt, Herr Domherr, wenn ich hre, die Stiftsdamen von Heiligenkreuz
wollen nchste Ostern wieder in der Messe mitsingen, da weht mich schon ein
Grauen an! O diese Eitelkeit! Diese Eifersucht! Diese Prtension! Jenes Frulein
will ein Solo singen, diese alte Comtesse nicht minder, nun kommt der
Singdirector aus Witoborn und bringt mir diese Botschaft und jene; die eine ist
heiser, die andere hat sich krank gergert; gerade wie bei der Komdie! Und was
spielt das Altarsakrament dabei fr eine Rolle! Wie die Affen mssen wir stehen
und warten, bis die Damen nur auf dem Chore einzufallen die Gnade haben! Sursum
corda! ruf' ich und diese Weibsen halten mir kein Stichwort! Hat sich bei einer
die Spitzenmantille verschoben, so kann die heilige Wandlung warten, bis der
Schaden wiederhergestellt ist! Da bin ich fr unsere einfachen Kapelljungen!
Sagen Sie selbst, das ist doch frisch, lndlich, geht zu Herzen. Freilich mu
auch da so ein Heidenkerl, so ein Cantor, nicht dabei sein und wunder thun, als
wenn unser Herrgott im Himmel zunchst nur fr die Unterbringung der
Instrumentalmusik zu sorgen hat!
    Bonaventura mute des Eiferers lcheln, der in manchem Recht hatte, wenn er
auch die neurmische Reaction wie einen Landsturm organisirt haben wollte ...
    Mir ganz recht, sagte Mllenhoff, wenn wir, wie in Frankreich und Belgien,
nun recht bald endlich auch die Jesuiten kriegen! Sie brauchen ja nur manchmal
zu kommen, manchmal zu predigen und knnen dann immer wieder abziehen. Die
Pfarrer htten keinen Nutzen davon, sagen unsere aufgeklrten und faulen
Collegen? Im Gegentheil! Die Jesuiten lassen durch ihre Predigten so viel
Schrecken zurck, da uns das auf Monate lang zugute kommt. Machen sie's zu arg,
so knnen wir Pfarrer immer sagen: Seht ihr, so fegen euch andere; seid froh,
da ihr an uns so sanfte Flederwische habt! ... Sie waren ja auch frher Pfarrer
auf dem Lande? setzte Mllenhoff hinzu und schenkte wacker ein ...
    Gewi, gewi! antwortete Bonaventura zerstreut und deckte sein Glas mit der
Hand ...
    Mllenhoff erzhlte seine Verhandlung mit den Gemeindevorstnden, seine
Reform des Finkenhofs, seine Stiftung des Jnglings- und Jungfrauenbundes, seine
Gewohnheiten beim Beichthren, seine Uebungen im richtigen Rosenkranzsprechen
und seine Heilung der Kniesteifigkeit ...
    Bonaventura's Lcheln und Schweigen nahm er fr volle Zustimmung und
beklagte nur, da, im Vertrauen gesagt, ihn der Umgang mit den vielen
Vornehmen oft in rgste Verlegenheit setze ... Aufrichtig gesagt, warf er halb
ernst, halb im Scherz ein, obgleich ich heute den Tanz zur tiefsten Hlle
gewnscht habe, so sollten wir doch - im Seminar wirklich etwas tanzen lernen!
Blos des Anstands und einer gewissen Manier wegen!
    Die Jesuiten lehren's ja! sagte Bonaventura ... Aber wie wollen Sie dann
nur, fuhr er fort, bei solcher Scheu die Exercitien halten mit so vielen
vornehmen Herrschaften? Ueberhaupt, wie denken Sie sich denn diese Uebungen?
    Die Exercitien dauern vier Wochen! sagte Mllenhoff. Die Herrschaften,
einige zwanzig, wohnen fr die Zeit alle bei Frau von Sicking! Jeder Tag hat
seine bestimmte Regel! Alle geistlichen Handlungen und Erweckungen kann ich
allein nicht verrichten; Sie werden auf dem Papier, das ich Ihnen gab, finden,
wie ich mindestens noch drei bis vier Priester als Aushlfe hinzunehmen mu ...
Ich nehme sie mir aus Witoborn. Manche Rcksichten mu ich freilich dabei
beobachten. Dem Provinzial von den Franciscanern darf ich die Ehre einen Vortrag
zu halten nicht entziehen, sogar ein Gebet zum Schlu mu ich mir vom Bischof
selbst erbitten. Mir, auf dessen Sprengel die ganze Veranstaltung fllt und der
ich dadurch das Recht habe, die Sache zu leiten und zu beobachten und mir dies
Recht auch nicht nehmen lasse, mir behalt' ich die Montags- und
Donnerstagserweckungen vor. Apropos! Ich habe mir eine methodische Schilderung
des Fegfeuers, der Hlle und des Paradieses vorgenommen ... Eine zeitgeme und
moderne Hlle ...
    Und nun, du beneidenswerther Verdammter, wird ein Sendbote Lucifer's dir
entgegentreten, sprach Mllenhoff sogleich aus dem Kopfe, whrend Bonaventura,
seinem Ohr nicht trauend, noch mit dem Lachreiz kmpfte ... im glhenden
Widerschein der Majestt Seines Herrn und wird dir die Stunden der Andacht
zeigen, die du in den Zeiten deiner Denkglaubigkeit das Buch der Bcher
nanntest! Hast du auf Erden geglaubt - Der Sprecher stockte, zog ein Concept
aus der Rocktasche und las dem Gaste, der nicht wute, wie ihm geschah:
    Hast du auf Erden geglaubt, im Schatten einer Laube, von Bienen umschwrmt,
unter dem Duft von Hollunderblten dich vor dem wahren Hochaltar und dem
Sanctissimum deines Schpfers zu befinden, besonders wenn du dazu noch aus
diesem deinem Buch der Bcher ein Kapitel ber die Unsterblichkeit der Seele
gelesen hattest, und gingst dann hin und begossest deine Blumen, etwa wie wenn
du selbst ein solches Lob deines Schpfers wrest, aber kein anderes heiliges
Na brauchtest, als deinen sentimentalen Thautropfen, keinen andern Kelch, als
die Giekanne deiner angebeteten Natur - dann, dann, du beweinenswerther
Denkglaubiger, sollst du, umschwrmt von feurigen Hornissen, dein geliebtes
Buch, die Stunden der Andacht wiederfinden als Jahrhunderte der Qual, sollst sie
auswendig lernen rck- und vorwrts, sollst sie in alle Sprachen bersetzen,
selbst in die, die du nicht gelernt hast, und wehe dir, wenn ein Jota fehlt,
wenn von dir ein Zeitwort falsch angewendet, eine Feinheit fremder Sprachen
unbeachtet geblieben ist! ...
    Das ist ja mehr, als Nero und Busiris! rief Bonaventura in die Hnde
schlagend ...
    Da kommen sie denn, fuhr Mllenhoff ungehindert fort, diese
Schmachtenden, diese Zrtlichen, die ber einen Kfer weinen konnten, den ihr
Fu im Grase zertrat, und keinen Blick, geschweige eine Thrne dafr hatten,
wenn sie stndlich ihren Gott, ihren Heiland und seine Gebote mit Fen traten!
Jene Schmachtenden, die ein Marienwrmchen liebkosen und bewundern knnen und
Maria selbst nur fr eine ganz gewhnliche Mutter wie andere auch halten! Jene
Empfindsamen, die mit Freimaurermoral alle Todsnden zuflicken, alle Risse der
Herzen mit phrasenhaftem Kalk und Mrtel zu verschmieren wissen! Ihre ruchlosen
Devisen: Thue recht und scheue niemand! oder Wir glauben all' an Einen Gott! die
werden mit Flammenschrift an dem Vorhof desjenigen Theiles der Hlle stehen, der
gerade diesen Patent-Seelen extra bestimmt ist! Riesengro werden die Buchstaben
sein, die die Teufel mit dreizinkigen Gabeln schren mssen, damit sie ganz so
brennen, wie sie im Munde dieser Freimaurer lebten und nicht etwa lauten: Thue
recht und scheue dennoch Gott und seine Heiligen! oder: Es ist nur Ein Gott, in
dem allein das wahre Heil! O, des Jammerns dann, wenn diese Freimaurerseelen zu
dem Gekreuzigten, dessen einflureiche Stellung bei Gott sie nun wol erkannt
haben werden, aufblicken und auch vor diesem dann um Titel, Orden und
Befrderungen schmachten, aber der feurige Osiris mit dem Ochsenkopf ihnen
nachluft, sie zu umarmen als seine gyptischen Brder. Oder wenn ihre
Logenschwester Isis, die holde Mutter Natur, ihre gnadenreiche Allerseligste,
ihnen zuruft: Hebt meinen bekannten Sais-Schleier! - und sie sehen dann ihre
geliebte Mutter aus hundert Brsten deren Wohlthaten spenden, feuerspeiende
Berge, Erdbeben und daherbrausende, aus den Schienen gegangene Locomotiven! Alle
ihre Mittler und Erlser werden ihnen zuwinken mit den Wohlthaten, die diese
spenden knnen - Buddha mit der Kunst, hundert Jahre auf einem Beine zu stehen,
Sesostris mit Pyramiden, die erst auf ihren Leibern das sichere Fundament
bekommen sollen! Selbst ihr letzter Prophet, Nathan der Weise, wird ihnen
anbieten von den Waaren, die er gerade aus Damascus mitgebracht hat,
vorzugsweise jenen Mantel mit dem rothen Templerkreuze, einen Mantel von Blei,
so schwer, da sie damit alle Greuel und Verbrechen zu tragen glauben sollen,
die sie hienieden mit ihrem verschlissenen Humanittsgarderobenstck der Liebe
bemntelt, beduldungelt und betoleranzelt haben ...
    Genug, genug! rief Bonaventura; ich frchte mich vor meiner Nachtruhe! ...
Er deutete auf einen Wchter, der auch hier die zehnte Stunde abrief, und
entfernte sich mit einem einfachen, alle Hoffnungen des Pfarrers auf Zustimmung
und Beifall ironisch abschneidenden: Gute Nacht! ...
    Jeden Morgen las Bonaventura die Messe. Bald in Sanct-Libori, bald in
Heiligenkreuz, bald auf dem Schlosse. Dann besuchte er auch wol die Schule, war
viel in Witoborn, wo ihm die schuldige Rcksicht gebot, diese oder jene
hervorragende Persnlichkeit zu besuchen. Beichtabnahmen hielt er nicht, so sehr
auch mancher danach Verlangen trug.
    Als er am folgenden Morgen nach Heiligenkreuz gegangen war, wo vor den
Stiftsdamen von ihm die Messe gelesen werden sollte, fand er, als die heilige
Handlung vorber und er schon im Begriff stand, sich in der Sakristei zu
entkleiden, Thiebold, der ihm die gestrigen Erlebnisse schildern wollte, soweit
sie die ihm in der Beichte von Bonaventura vorgeschriebene Pflicht betrafen ...
    Thiebold hatte vorausgesetzt, da er dem Domherrn diese Mittheilungen in der
entsprechenden seelsorglichen Form zu machen htte, und suchte ihn deshalb im
Meornate auf. Schon sehr zeitig mute er mit seinem Einspnner aus Witoborn
ausgefahren sein.
    Der Cantor fungirte fr den alten Tbbicke, dem diese Frhwege schon auch
sonst zu beschwerlich wurden ...
    Auf eine Weisung, die der Cantor erhielt, beide allein zu lassen, begann
Thiebold die Mittheilung all des Rthselhaften, das ihm Armgart gestern in der
Kapelle angedeutet hatte, und wollte hren, ob nun doch noch eine Verpflichtung
bestnde, seinem Freunde Benno die stattgefundene Tuschung mitzutheilen ...
    Bonaventura erwiderte nach ernstem Sinnen ber die Worte Armgart's:
    Ich glaube, lieber Herr de Jonge, da Sie jetzt besser thun, diesen
Gegenstand fallen zu lassen. Ziehen Sie vor, Ihren Fehler durch desto innigere
Beweise der Freundschaft fr unsern guten Benno wieder gut zu machen! Armgart
will nicht, da Benno etwas von ihren frhern Empfindungen erfhrt? Dann um so
besser, wenn ihn die gegenwrtigen des jungen Mdchens nicht enttuschen. Zu
jung und unklar noch in sich selbst scheint sie mir zu sein, als da ihr Herz
schon in dem Grade fr irgendjemand sollte entschieden haben, um etwas auf die
Beweise ihrer Gunst zu bauen. Ein Mdchenherz in diesem Alter ist eine
unbekannte Insel, die der Seefahrer mit Zagen betritt, ungewi, was sie birgt;
bald hoffend, bald getuscht geht er vorwrts, bei jedem Schritt entdeckt er
Unerwartetes und findet sich erst nach langer Zeit in ihm zurecht. Zunchst wird
das Wiedersehen ihrer Aeltern sie ganz in Beschlag nehmen. Ich hre, da beide
sich bald in dieser Gegend einstellen werden ...
    Der Oberst wenigstens! fiel Thiebold ein. Ich wei es fr bestimmt von
Hedemann ... Er kann in acht bis vierzehn Tagen hier sein. Schon liegt
Hedemann's Gesuch an die stdtische Behrde von Witoborn vor, vorlufig die
Wasserkraft der Witobach auf Handpapier gehen zu lassen ... Die Aufregung, die
in der Stadt dieser Antrag hervorgebracht hat, ist ridicl ... Alles intriguirt
dagegen ... In der heiligen Stadt Witoborn Papier fabriziren! Eine Erfindung des
Satans frdern! ... Entschuldigen Sie, Herr Domherr, ich erzhle nur, was ich
von Benno und von Offizieren Bei Tangermanns gehrt habe ...
    Bonaventura begriff, was sich von einem so dumpfen Geiste, wie er ihn hier
berall vorfand, voraussetzen lie, und fgte hinzu:
    Aber auch Frau von Hlleshoven hat die Absicht, ihren Gatten nicht allein
sich in die Lage versetzen zu sehen, Armgart so nahe zu kommen. An dem Tage, wo
der Oberst in Witoborn eintrifft, ist sie hier im Stifte, wo sie eine Verwandte
der Aebtissin der Hospitaliterinnen in Wien, ein Frulein von
Tngel-Appelhlsen, aufzunehmen versprochen hat ... Verrathen Sie jedoch nichts
davon! Sie kennen Armgart's Phantasie -
    Ihr Gelbde! Die Aeltern sollen sich vereinigen oder niemand gewinnt sie ...
    Bonaventura schttelte den Kopf ... Noch immer die Grille, die er schon aus
den in Kocher am Fall gelesenen Briefen kannte ...
    Thiebold versprach auf viel mehr, als nur auf Ehre sein unverbrchlichstes
Schweigen ber die von zwei Seiten auf Armgart anrckende Prfung und bot dann
dem Domherrn seinen Einspnner an. Er wollte noch im Stifte bleiben und bei den
Damen Besuche machen. Er erklrte, dann zu Fu nach Westerhof zu gehen, wo er
wie fast tglich zu Mittag speiste. Tante Benigna hatte ihn von dem Frhboten,
der jeden Morgen in die Stadt geschickt wurde, schon wieder einladen lassen,
ihn, nicht Benno. Wir sind es Terschka schuldig, sagte sie zum Onkel Levinus,
der gegen die steten Zurcksetzungen Benno's bescheidene Bedenken erhob, da
wir auf den Bevollmchtigten Nck's keinen zu groen Werth legen.
    Bonaventura mute den Vorstellungen Thiebold's nachgeben, schon aus
Rcksicht auf den Gaul, der hier bis Mittag htte im Freien zubringen mssen;
Thiebold war im Stifte so beliebt, da er bei einem Morgenbesuch leicht in die
Lage kam, gleich zu Mittag, nicht selten zum Nachtessen zu bleiben ... Es war
eben Thiebold's Talent, alle Menschen zu gewinnen ... Er wute nicht nur einige
Dutzend Pfnderspiele, sondern lie auch Garn und Seide auf sich abwickeln ...
Dabei seine bequeme Prtensionslosigkeit in Bildungssachen! Er machte gar kein
Hehl daraus, da er bei weitem weniger wute, als Alexander von Humboldt. Wenn
eine von den Damen dichtete (und es waren nur fnf oder sechs darunter, die,
nicht etwa eine Ausnahme machten, sondern ihr Dichten nur nicht eingestanden),
so bewunderte er jeden Vers, jedes Bild, hatte nie dergleichen gehrt oder
gelesen und war ein Zuhrer so voll Aufmerksamkeit, da er schon eine ganze
Sammlung von Liedern im Portefeuille beisammen hatte, die sein Freund Joseph
Moppes componiren und Aloys Effingh mit Illustrationen versehen sollte.
    Flchtig noch erfuhr Bonaventura von Thiebold die wiedergekehrte Visionsgabe
Paula's und von dem witoborner Kutscher die Genesung der kleinen Tochter des
Herrn Jean Tbbicke durch einen Rosenkranz, den sie gestern gesegnet hatte ...
Im Pfarrhause fand Bonaventura die Besttigung. Der alte Tbbicke empfing ihn
mit freudestrahlendem Antlitz. Die kleine Fanchon lag nach Aller Meinung im
Sterben, als der Grovater mit dem Amulet kam. Man legte es dem athemlosen,
fieberglhenden Kinde um den Hals; es stellte sich Schwei ein, das Fieber lie
nach und schon berichtete der matre-tailleur Jean Tbbicke, der im Pfarrhaus
selbst zugegen war, von einer vortrefflichen und strkenden Nacht. Herr Jean
Tbbicke kam, um beim Pfarrer aufs entschiedenste gegen den Verdacht zu
opponiren, da es Tante Schmeling wre, die an seiner Thrschwelle Kinder
aussetzte. Es kam zu einem heftigen Auftritt. Mllenhoff entlie ihn mit den
Worten: Affenschnderisches Volk! Grtzkpfige Dummheit, wenn du nun gar noch
auslndische Bettelpfennige fr hollndische Dukaten nimmst! Lallst deine edle
deutsche Muttersprache halb schon nur, wie ein blkendes Kalb, und willst noch
auf Zeisigart franzsisch zwitschern und niedlich thun mit Elefantenbeinen? Ei,
da dir doch ber Nacht die Engel vom Himmel dein matre-tailleur-Schild vom
Fenster nhmen! Siehst du denn nicht, was ein altchristliches Gebet fr Gnade im
Gefolge hat? Gehst du nicht endlich in dich, Gtertheiler, so hngt in dem
Schild noch das Bret zum Sarge deiner Fanchon ber deinem Hause!
    Schlimm, schlimm, schlimm! brummte nur immer im Gehen vor sich hin der alte
Tbbicke, entrthselte dem Domherrn den Zusammenhang dieses Zanks und kam auf
die Grfin und seinen zunchst Gott, dann ihr darzubringenden Dank zurck ...
    Bonaventura litt unter allen diesen Mittheilungen ... ... Auch Thiebold's
Erzhlung von der Vision der Schlafenden bewies, da Paula's ekstatische
Zustnde doch wieder zurckkehrten. Noch hatte er keinem derselben seit ihrem
Wiedersehen beigewohnt ... Mit bangem Herzen eilte er nach Westerhof. Einen
vollen, vollen Tag hatte er ohne Paula sein knnen! ... Der scharfe Wind
erfrischte seine Wange. Die kahlen Pappeln, Buchen und Erlen am Wege chzten ...
Er drckte den Hut auf die Stirn. Seinen warmgeftterten Winterrock fest an sich
ziehend, schritt er sehnsuchtbeflgelt dahin ... Da lagen - nach einer kleinen
Stunde - die vier Thrme des Schlosses! Weischimmernd der graue Schiefer an den
Stellen, wo der Wind den Schnee abgetrieben! Hinter den Fenstern dort oben das
se Mysterium, wo Frauen von zarter Sitte und holder Anmuth wohnen! Gar nicht
gedenken konnte er, wie ihm Paula's Dasein doch nur so war, wie dem Baume sein
Blatt kommt und geht und wiederkehrt und wieder schwindet, immer ein anderes ist
und doch dasselbe, tausendfach immer nur Eines, Wirklichkeit und doch nur ein
Begriff. Wre das edle Gemlde der Grfin nicht wie auf Goldgrund gemalt gewesen
- er wre vielleicht verloren gewesen. Irgendeine einzelne Schalkhaftigkeit, wie
sie Armgart besa, irgendeine lchelnde Caprice, wie Lucinde, und der
Erscheinung Paula's wre jene Leibhaftigkeit verliehen gewesen, die
herausfordert. Ihm aber war sie so wie Andern; auffallend mute erscheinen, da
die auch jetzt doch noch so reiche Erbin nicht von Freiern umgeben wurde, Paula
konnte sich nur entweder selbst verschenken oder sie mute verschenkt werden;
ein Werben um sie, ein sie Liebenmssen oder Liebenwollen schien bei einer so
geistig vornehmen Natur kaum aufzukommen.
    Vor dem Schlosse fand Bonaventura, wie um diese Zeit fast immer, eine Anzahl
Wagen. Zu den vielen Rcksichten der Etikette gesellte sich die hier stets
genhrte Neugier und dann war gestern beim Leichenbegngni so vieles
vorgefallen, worber man seine Gedanken austauschen mute; ja auch die neue
Kunde war schon berall hinausgegangen, die Grfin htte das Leichenbegngni
selbst gesehen und ein von ihrem Leib genommener Rosenkranz htte ein Kind in
Witoborn vom Tode gerettet. Auf den Treppenstufen sah Bonaventura wieder die
Zahl der Gichtbrchigen und Blinden und Hlfsbedrftigen wie sonst ...
    Armgart kam ihm auf der Treppe entgegen und theilte den Harrenden Amulete
aus, die Paula berhrt hatte. Diejenigen unter seinen Arzneien, deren Heilkraft
verbrgt ist, kann der Apotheker nicht mit grerer Zuversicht verabfolgen, als
hier Armgart, nicht einmal mit Verlegenheit vor Bonaventura niederblickend, eine
Anzahl kleiner Kissen austheilte, deren sie und die Stiftsdamen tagein tagaus
eine Anzahl verfertigten. Diese Kissen waren fingerlang, fingerdick, von weier
Seide, innen mit Baumwolle gefttert, von auen bildeten lose und weite Stiche
ein rothseidenes Kreuz ... Paula berhrte sie nur und sie sollten heilen.
Armgart theilte diese Kissen aus mit einer Zuversicht, als mte sie jeden
Zweifel daran fr teuflisch erklren ... O gut, rief sie dazwischen dem Domherrn
entgegen, da Sie kommen! Paula schlummert! Reden Sie mit ihr! Alles steht
erwartungsvoll! Sie spricht wie gestern! Aber da sie niemand zu fragen wagt,
antwortet sie nicht zusammenhngend! Der Onkel verbietet es andern! Sie, Sie,
Domherr, Sie knnten endlich ein Machtwort sprechen! ...
    Bonaventura stand voll Zagen ...
    Als Armgart die Leidenden entlassen hatte, ergriff sie Bonaventuras Hnde,
von denen die eine, schon whrend des Beobachtens der Scene des Austheilens der
Kissen, ihres Handschuhs sich entledigt hatte. Halten Sie doch die Leiter, auf
der Paula gen Himmel steigt! sagte sie, beide Hnde ergreifend. Warum thun Sie's
nur nicht! Alles sehnt sich danach und niemand mehr als Paula selbst! Oder gab
es keine heilige Theresia, sah Franz von Assisi nicht den Himmel offen? Nicht
die heilige Brigitta? Erleuchtete Gott nicht Katharina von Genua und nun erst
gar die von Siena? Hren Sie, was Paula redet und fragen Sie dann selbst!
    Was soll ich fragen! sprach Bonaventura wie gefangen ... Alles wurde still
umher ... Herrschaften und Diener waren in den innern Gemchern und standen ohne
Zweifel um Paula's Lager ... Armgart hielt fort und fort seine Hnde ...
    Eine Handbewegung nur von Ihnen! Diese weie Hand auf ihr Herz gelegt! Eine
sanfte Frage nur von Ihrem Munde! O kommen Sie!
    Armgart! - lehnte Bonaventura, voll Mismuth ohnehin gegen Armgart, ab;
Armgart kte ihm jetzt selbst seine Hand ...
    Fragen Sie nach meinem Vater! Nach meiner Mutter! Ob es wahr ist, da sie
jede Stunde hier eintreffen knnen! Fragen Sie, ob die Zukunft uns alle, alle -
unglcklich macht!
    Bonaventura blickte finster. Er hrte zwar im Geist die Worte des Herrn, der
durch Prophetenmund, Joel 2,28. 29 spricht: Es wird geschehen in den letzten
Tagen, spricht der Herr, da will ich von meinem Geist ber alles Fleisch
ausgieen. Und euere Shne und Tchter werden weissagen, euere Jnglinge werden
Gesichte schauen und euern Aeltesten werden Traumgesichte erscheinen. Ja auch
ber meine Knechte und Mgde will ich in jenen Tagen von meinem Geiste ausgieen
und sie werden weissagen ... Dennoch wollte er mit der Hand ber Armgart's
Stirn streichen und ihr sagen: Mdchen, la doch nur treu und wahrhaft dein
eignes Herz reden und du hast deine Zukunft gewi!
    Nun aber ergriff Armgart blitzesschnell einen Ring an des Zgernden Hand ...
Es war der Trauring seiner Mutter, jener, den der Onkel Dechant in dem
Leichenhause des Sanct-Bernhard gefunden hatte, jener Ring, der als
Erkennungsmittel vor dem entstellten Krper seines Vaters gelegen, derselbe
Ring, von dem Bonaventura hnlich wie Lucinde von Bickert's Schrift, gesagt
hatte: In ihm liegt die ganze Lebensfrage unserer Kirche! Und noch ehe er wute,
was geschehen, hatte Armgart den Ring schon ihm abgezogen und war mit ihrem
Raube davongeeilt ...
    Sie eilte in den Vorsaal, dessen Thr sie offen lie ...
    Bonaventura, bestrzt ber ein Vorhaben, das er nicht sogleich begriff,
folgte ... Die wenigen Anwesenden, die aufgeregt in dem grnen Nebenzimmer
standen, grend, wandte er sich Armgart zu, die mit ihrer Eroberung noch eine
Weile sinnend vor dem Onkel Levinus stand, als wollte sie von diesem erst die
Erlaubni haben, Paula - mit dem Ringe zu magnetisiren ... Dann aber, ohne
seinen fragenden und zrnenden Blick zu erwidern, ging sie rasch durch die offen
stehenden Thren dem von der brigen Zahl der Besucher schon umstandenen
Schlummerlager Paula's zu ...
    Es waren so viel Frauen zugegen, der Verkehr durch alle geffneten Zimmer
hindurch war so gehindert, da Bonaventura's Eintreten die Aufmerksamkeit nicht
fand, wie sonst ... Aller Augen waren auf Paula gerichtet ... Auch einige
geistliche Herren aus Witoborn waren zugegen und drangen in Bonaventura, den
andern zu folgen ... Mit einer Empfindung, als wren die Engel vom Himmel
gegenwrtig, drngte sich alles dem Vorzimmer zu vor Paula's Schlafgemach ...
    Hier lag sie auf dem Ruhesopha ... Die Vorhnge waren zurckgezogen; einige
Stiftsdamen standen um sie her, Armgart knieete vor ihr und steckte eben leise,
nur von Bonaventura beobachtet, seinen blinkenden Raub an den Ringfinger der
linken Hand Paula's ... Teppiche milderten jedes Gerusch der Umstehenden ...
    Paula schien in der That Reden vor sich hin zu murmeln ...
    O das ist schn! sagte sie endlich vernehmbarer und ihr fieberhaft
angehauchtes Antlitz begann zu lcheln. Sie schien die Annherung eines
magnetischen Rapportes zu fhlen, ja schien sie wie eine geistige Nahrung
einzusaugen ...
    Wie wird es so licht und so hell jetzt! ... sagte sie pltzlich lauter und
wie begeistert. Von der Sonne! ... Alles! Alles! ... Auch ihr Leib ist Licht!
... Die Lichttropfen gleiten ihr aus den Fingern!
    Wem? fragten einige. Auch Bonaventura mit wehmuthumschleierten Augen ...
    Onkel Levinus erluterte mit gedmpfter Stimme und trotz der Gewhnung an
diese Erlebnisse doch erzitternd:
    Das wird der Hochschlaf! Immer, wenn sie den hhern Grad des Hellsehens
erreicht, spricht sie von sich selbst als von einer dritten Person! Es ist dann,
als schritte ihr Geist aus dem Krper heraus, soda sie sich selbst sieht. Das
Trpfeln aus den Fingerspitzen ist der Anfang ...
    Tante Benigna bemerkte jetzt den Ring an Paula's Finger, wagte aber keine
Frage oder Einsprache zu thun und bangte nur, wie alle ...
    Paula schwieg eine Weile, als wartete sie das Entgleiten des elektrischen
Fluidums aus ihren Fingerspitzen oder die weitere Annherung Bonaventura's ab
...
    Auch Terschka trat inzwischen zu den ngstlich Harrenden ... er grte
Bonaventura und die, die er heute noch nicht gesehen hatte ...
    Wie ist das so schn! fuhr Paula in kurzen Stzen fort ... Ach, die
herrlichen Blumen! ... Rosen um dunkle Cypressen! ... Die gehen ja hoch hinauf
bis ins grne Laub! ... An den Blttern zittern Thautropfen, die die Sonne
bescheint! ... Die sanfte Datura! ... Die stolze Magnolika! ...
    Der Onkel schaltete bedeutsam ein:
    Die absolute Wesenheit der Dinge! Erst kommt sie durch Blumen, dann durch
bunte Ringe und Kreise! Es ist zuletzt die Welt des reinen Seins ohne Zeit und
ohne Raum ...
    Paula fuhr jedoch im Gegentheil fort:
    Ein herrliches Schlo! ... Mit einer Fahne auf dem Thurm! ... Wald und Berg!
... Immer hrt sie ein Glcklein, das nicht aufhren will! ...
    Onkel Levinus sah sich um und deutete mit stummem Blick nach oben. Er wollte
sagen: Sie hrt die Harmonie der Sphren ...
    Hirten kommen aus den Thlern, fuhr Paula fort, und steigen zum grnen Wald
hinauf! ... Wie in der Kirche ist's unter den Bumen! ... Die Bume werfen so
lange Schatten! So lange! ... Vor groen Kirchenfenstern schimmern so die
grnseidenen Vorhnge! ...
    Onkel Levinus lchelte die Geistlichen und die Damen an, als wollte er
sagen: Die langen grnen Schatten sind die Urbilder der Dinge! Die ewigen
Grundformen! ... Und Tante Benigna bedauerte im stillen nur die Abwesenheit
Pttmeyer's ... Auch Thiebold's, der zum Essen kommen sollte und durch die
anwesenden Stiftsdamen abgesagt worden war, weil er heute wieder, wie so oft,
dort zurckbehalten wurde zum Vierhndigspielen mit mindestens drei bis vier der
Stiftsfrulein die Reihe herum ...
    Und Armgart, die noch immer knieete, wandte ihren Kopf mit einem Bitteblick
auf Bonaventura und langte mit dem Arme, als sollte er nher treten, Paula
magnetisiren und sie ausdrcklich um ihre Anschauungen befragen ...
    Bonaventura stand in scheuer, schmerzlicher Befangenheit ...
    Paula aber that dem Onkel Levinus heute nicht den Gefallen, bei dem reinen
Sein der Dinge zu bleiben, sondern fuhr fort:
    Bienenstcke sieht sie zwischen den mchtigen Bumen! ... Das sind
Kastanienbume! ... Sie kennt sie! ... Die blhen schon! Die rothen Pyramiden!
Und die Mandelbume, die blhten gar schon ab! ... Die Bienen umschwrmen sie!
... Und immer, immer lutet die Glocke ... Nun sucht sie die Glocke ... sie
hngt ja an einem Ast der Bume, dicht vor der Htte von Moos! ...
    Onkel Levinus schien betroffen, da sich in der Sphre des reinen Siderismus
heute soviel tellurische Ueberbleibsel finden sollten ...
    Es ist ja fast - wie in - Italien! ... bemerkte inzwischen Terschka ...
    Italien! ... Dies Wort gengte den Damen im Grunde noch mehr, als das reine
Sein ... Was fhrte die Seherin nach Italien? ... Paula konnte mit irdischen
Augen bis nach Italien sehen? ...
    Die Messe liest er nicht! ... - sprach Paula nach einer Weile, whrend alles
lauschte und Onkel Levinus noch immer nicht an eine Versetzung der Anschauungen
Paula's nach Italien, sondern nur ins Geisterreich selbst glaubte ... Mit ganz
lauter und bestimmter Anrede fragte er die Schlummernde jetzt: Wer? ...
    Der Eremit! antwortete Paula ...
    Sieht sie denn einen Eremiten? fuhr der Onkel fort, mit scharfer Betonung,
etwa in der Art, wie ein Arzt mit einem Typhuskranken spricht ...
    Mit weiem Bart! antwortete Paula kindlichsten Gehorsams ... Ein heiliger
Gesang wallt herauf ... Sie tragen Fahnen -
    Es ist eine Procession! wagte sogar ein Kanonikus aus Witoborn jetzt laut zu
uern. Vielleicht war auch er geneigt, eher an die Sphre des reinen Seins, als
an Italien zu glauben und in der Procession einen Beweis fr die
Rechtglubigkeit des Himmels zu finden ...
    Sie sieht keine Bilder, keine Fahnen ... antwortete Paula ... Sie kommen in
der Hand mit Bchern ... Grer sind sie als die Breviere ... viel grer ...
    Triumphirend blickte der Onkel um sich. Die Geistlichen und die Frauen
erhielten wieder einen Anhalt fr das Jenseits; denn ohne Zweifel waren diese
groen Bcher, wenn nicht die Gesetzestafeln des Moses selbst, doch Schriften
der Kirchenvter oder Missalien, die Paula in den Hnden der rechtglubigen,
geisterhaften Gestalten sah ...
    Sie lesen in den Bchern! ... fuhr die Schlafende fort ... Der Mann mit
weiem Barte erklrt sie ... Gott ist ein Geist, spricht er, und die ihn
anbeten, mssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten! Die sanfte Stimme!
...
    Bonaventura stand athemlos. Sein Blick fiel auf Terschka, der ihm voll
Erstaunen zuflsterte:
    Ich glaube die Gegend zu kennen ...
    All die Blumen und die Kfer und die Bienen summen! ... Wie grn ist das!
... Smaragdgrn! Wie wenn in unserm Buchenpark die ersten Frhlingslauben sich
wlben ... Aber das sind nun Eichen! ... Tief unten ist alles so milde, so weich
und sanft ...
    Wer ist der Redner? fragte Onkel Levinus scharf ...
    Die Frauen erwarteten keine andere Antwort, als: Gott der Herr selbst!
    Sie kennt ihn nicht! ... sagte Paula ...
    Das Sprechen in der dritten Person hatte etwas Gespenstisches, das niemanden
mehr bewegte als Bonaventura. Armgart's fortgesetztes Bitten lehnte er mit der
Hand ab. Doch kaum sah Armgart dies Vorstrecken seiner Hand, so erhob sich das
phantastische Mdchen, ergriff sie und wollte ihn dem Lager nher ziehen ...
    Bonaventura machte nun in der That ein Kreuz ber die ganze Lnge der in
schwarzer Seide gekleideten, in rhrender Halbbewutlosigkeit daliegenden,
fieberhaft angehauchten Gestalt der Grfin und trat wieder zurck ...
    Herr, wie so lange! sprach jetzt Paula mit erhhter Kraft. Auf, schlage
ihn, denn das ist der Tag, an welchem der Herr hat bergeben deinen Feind in
seine Hand! Die Hand auf das Buch hlt er! ... Hlt es hoch empor! ... Siehe,
der Winter ist vergangen, der Regen ist weg und dahin! Der Odem Gottes weht
ber die Lande! ... Sie kann jetzt nicht hren ... Die Frauen weinen ... Die
Mnner reichen sich die Hnde ... Jetzt - jetzt - Ein Kelch - geht - um ...
    Ein einziger Ton des Schreckens unterbrach Paula's Vision ... Ein Kelch geht
um? Das mute eine Versammlung von Ketzern sein! ... Das war die gemeinsame
Empfindung ...
    Sie trinken alle daraus! fuhr Paula mit Bestimmtheit fort ...
    Einige der Frauen, die sich gesetzt hatten, erhoben sich ... Andere, die
standen, muten sich nach Sesseln umsehen. Die Geistlichen blickten fragend bald
auf Bonaventura, bald auf den Onkel Levinus, der gewissermaen fr alle diese
Dinge die Verantwortlichkeit zu bernehmen hatte ...
    Es ist, sagte Paula - nicht die Messe -
    In Bonaventura's Innerm war es, als fhlte er die Erde unter sich wanken ...
Paula sprach wie seine innersten Gedanken aus ...
    Das Buch ist die Bibel! sagte Paula ...
    Der Schrecken vermehrte sich ...
    Der schne Pokal! ... Von rothem Krystall! ... Wie Blut? ... Ja er sagt:
Noch wird es in Strmen flieen, bis deine Burg, o Herr, Zion, deine Zinne,
erobert ist! ... Er ergreift den Kelch ... Die Hand ist so wei ... wie der
Schnee der Alpen ... dort oben ...
    Lngst zitterte schon in Bonaventura die Erinnerung an den geheimnivollen
Brief, den er empfangen, die Einladung, einst unter den Eichen von Castellungo
zu erscheinen, dort ein neues Martyrium anzutreten, das der verbesserten Kirche
... Und wie dann Paula selbst ihre eigene schne weie Hand emporhielt und sein
Ring, der Trauring seiner Mutter, zu aller Erstaunen an ihrem Ringfinger
blitzte, konnte er sein Herz nicht lnger bewltigen ... Aller Anwesenden
uneingedenk, entsetzt ber die Vergleichung der weien Hand mit dem Alpenschnee
und wieder doch von der frohen Hoffnung neu beseelt, da sein Vater nicht in die
Abgrnde der Lavinen strzte, nicht in der schaudervollen Morgue des
Sanct-Bernhard vermoderte, nicht auf dem Friedhof zu Sanct-Remy auf dem Wege
nach Aosta begraben lag, wiederholte auch er die Frage:
    Wer ist der Redner?
    Da schwieg anfangs Paula ... Dann aber, zum Zeichen, da sie Bonaventura's
Stimme wohl erkannt hatte, sagte sie, und sagte das wie vor Ueberraschung wonnig
belebt:
    Du fragst sie?
    Alle - des Du's staunend - sahen auf Bonaventura ...
    Schon aber sprach Paula weiter:
    Es ist kein Greis! Wei ist sein Haar, schneewei, aber seine Haltung noch
wacker ... Wer es ist? ... Er hnelt - dir! ...
    Bonaventura zitterte ... Armgart ergriff seinen Arm krampfhaft ... doch
berselig ...
    Paula fuhr fort:
    Seine Htte gefllt ihr ... Drben aber liegt das Schlo ... Die Fahne hat
ihre Farben ... ihr Wappen ...
    Wessen? fragte Terschka mit nicht mehr zurckzuhaltender Spannung ...
    Paula schwieg jetzt ... Der Ton dieser Stimme strte sie ...
    Onkel Levinus deutete auf die Schlummernde selbst und sagte mit dieser
stummen Geberde, die Schlofahne trge die Farben der Dorste-Camphausen selbst
...
    Dann ist es Schlo Castellungo! sagte Terschka mit hchstem Erstaunen. Der
Eremit ist ein Deutscher, namens Federigo! Ich kenne ihn! Eine religise Sekte,
die von Comtesse Erdmuthe dort beschtzt wird, hat sich jetzt, wie so oft, um
ihn versammelt! Ich wre begierig, ob in diesem Augenblick, wo allerdings dort
in dem schnen piemontesischen Thale der Frhling schon in vollster Blte steht,
in der That eine der von ihr geschtzten Gottesverehrungen stattfnde! Erfahren
kann ich das und werde mich darum bemhen ...
    Terschka nherte sich dem Ruhebett ...
    Paula aber betete jetzt ... Sie sprach Worte, die minder auffallend klangen
... Maria und die Heiligen fehlten nicht ... Endlich schwieg sie ganz ... Einen
Reiz, sie noch aus ihrem beginnenden, nun wirklich naturgemen Schlummer wach
zu rufen, konnte nur eine Grausamkeit unerlaubter Neugier sein. Die Tante
winkte, da Paula der Ruhe bedrfte ...
    Die Frauen gingen zuerst ... Die Geistlichen folgten ... Onkel Levinus
begann von Grfin Erdmuthe und ihren Reformen ...
    Terschka entzog sich zwar dem fr seine Stellung bedenklichen Gesprch,
blieb aber mit Armgart zurck, die ihn festhielt und sich von Castellungo
erzhlen lie, ber das eines Abends Benno und Thiebold so harmlos gesprochen
hatten, dabei sogar Porzia's gedenkend, als einer Schlerin des Bruders Federigo
und vielleicht einer knftigen Gattin Hedemann's. Die Mglichkeit, da Paula nur
eine Reproduction der Phantasie gegeben hatte, lag nahe. Nur bewunderte
Terschka, wie richtig alles zutraf, und Armgart ihrerseits staunte und grbelte,
warum gerade jetzt Paula auf diese Anschauung kam. Sinnend und den Trauring
betrachtend, den sie wieder zur Zurckgabe an den Domherrn an sich genommen
hatte, lie sie sich Castellungo so genau schildern, da Terschka am Fenster
hinter den Gardinen bei ihr stehen bleiben und flstern mute ... Sie kehrten
lange nicht zu den Uebrigen zurck ...
    Und doch war inzwischen neuer Besuch gekommen ... Wenn Bonaventura annehmen
wollte, da der Trauring seiner Mutter es war, der diese Kette von Anschauungen
veranlat hatte, wenn er im Bruder Federigo sich seinen Vater denken, in der an
ihn gerichteten lateinischen Einladung eine Andeutung des vterlichen Unwillens
finden wollte ber die Wahl seines Berufes und einen Drang der Sehnsucht des
vterlichen Herzens auf ein Wiedersehen, dem dann eine Errterung ber die Ehe
als unauflsliches Sakrament der Kirche folgen mute - so fehlte, um ihn in die
hchste Verwirrung zu versetzen, nur das noch, was ihm jetzt geschah ...
    Der Regierungsprsident von Wittekind stand im grnen Zimmer und war eben
erst angekommen ...
    Zuckte der Schmerz der gewissen Ueberzeugung in Bonaventura: Dein Vater lebt
noch und entzog sich nur der Welt, weil unsere Kirche nicht scheidet - so stand
er dem Manne gegenber, der die Hand einer Frau besa, die seine Mutter war und
die vielleicht in Bigamie lebte ... Noch mehr ... Der Prsident sprach zum Onkel
Levinus, zur Tante Benigna und zu Bonaventura zugleich gewandt:
    Ich frchtete ihre Aufregung und lie drben eines der geheizten
Fremdenzimmer aufschlieen ... Gehen Sie zu ihr und begren Sie sie lieber erst
unter vier Augen!
    Wen? konnte Bonaventura nicht mehr fragen; denn schon besttigte der
Prsident dem Ahnenden:
    Ihre Mutter! Sie ist gestern Abend angekommen! Wir suchten Sie eben im
Pfarrhause auf und hrten, da Sie hier sind - Die Sehnsucht der vortrefflichen
Frau kannte keine Grenzen mehr! Wir fuhren hieher! Sie verlangt nach Ihnen!
Machen Sie sie glcklich!
    Bonaventura verlie das Zimmer, gefhrt von Tante Benigna und dem Onkel.

                                       8.


Bonaventura's Herz berfiel ein Krampf, der ihm die Untersttzung seiner Fhrer
zur Nothwendigkeit machte ...
    Im Vorsaal stand einer der zur glnzenden Livree noch mit Emblemen der
Trauer geschmckten Diener des Prsidenten ... Er stand bereit, ihn in das
Zimmer zu geleiten, wo ihn seine Mutter erwartete ...
    Weib, was hab' ich mit dir zu schaffen! hatte es einst in des Sohnes Brust
gerufen ...
    Wieder riefen ihm wilde Stimmen dies Wort, aber es waren nur noch Stimmen
der Erinnerung ... Seine Brust trug schon zu schwer an tausend, tausend Brden
des Lebens und des Urtheils, zu schwer, als da ihm noch die alte rigorose
Strenge verblieben wre ... Auf Paula vorhin sich niederwerfen, sie durch Ksse
aus den Banden der dmonischen Mchte wach rufen - wenn er das gekonnt htte!
... Alles hatte ihn gezogen, es zu wagen - nun durfte er doch in die
friedenbringenden Arme eines Weibes sinken ...
    Mit berstrmender Rhrung war er dem Diener gefolgt, der ihn weiter auf den
Corridor hinausfhrte ... Die andern Begleiter, die heilige Weihe des
Augenblicks erkennend, lieen ihn allein vorschreiten ... Der Diener ffnete
eine der Thren, ber denen alte Wappen und Jagdtrophen hingen ...
    Bewutlos, nichts von der Umgebung, selbst nicht sogleich die Mutter ganz
wiedererkennend, lag Bonaventura an einem Frauenherzen ... Er, der Mann, weinte
wie ein Kind ... die Sttte durfte er geweiht nennen, wo er die Thrnen ber all
die Empfindungen niederlegte, die seit dem immer hher und hher sich
steigernden Reichthum seiner schmerzlichen Lebenserfahrungen sich in ihm
ansammelten ...
    Die Mutter selbst war fast befremdet von der Weichheit seiner Stimmung ...
    Sie hatte solche Begrung nicht erwartet nach der Abneigung und dem
strengen Urtheil, das ihr vom Sohn ber ihre zweite Vermhlung bekannt war. Sie
wute eben nicht, wie im Menschenleben oft ein aufgesammeltes Bedrfni sowol
der Liebe, wie des Hasses demjenigen andern zu Gute oder zu Schaden kommt, der
uns dann gerade zuerst begegnet und so begegnet, da nur ein geringstes
Wegnehmen von der schweren Last des Vorraths in unserer dafr zu eng gewordenen
Seele das Nachstrzen auch alles brigen bedingt ...
    Frau von Wittekind war eine Frau hoch und schlank wie ihr Sohn ... Ihr Haar
war noch dunkel ... Ihr Auge besa eine energische Schrfe ... Beim Lcheln der
Freude, das sich in die Rhrung mischen durfte, zeigte ihr Mund noch
wohlerhaltene Zhne ... Das Schwarz ihres Kleides stand ihr, wie wenn sie es
auch zur Hebung ihrer reinen weien Haut htte gewhlt haben knnen ... Die
Finger waren wohlgerundet ... Die ganze Art hatte etwas Vornehmes und
abgeschlossen Sicheres ... Besa sie etwas ursprnglich Kaltes, so wurde dies
durch die ergreifende Situation jetzt nicht ersichtlich ...
    Sieben Jahre! ... begann sie ... Und du, mein Bona, mein Priester! ... Und
Domherr schon! ... Und doch bist du immer, immer so kalt gewesen - deiner
Mutter?!
    Schon war Bonaventura gefater ... Er setzte sich mit der Mutter auf ein
kleines Kanapee ... Es war ein rings mit alten Landschaftsbildern geziertes,
behaglich enges Zimmerchen ... Umher blieb es still und ohne Strung ...
    In jungen Jahren haben wir immer viel heroischere Ideen als im Alter! sagte
Bonaventura niederblickend ...
    Nennst du dich alt, mein Sohn! erwiderte die Mutter und streichelte die
Wange des Errthenden ... Zugleich wich sie dem von ihr angeregten Thema der
bisherigen Klte wieder aus ...
    Vom Onkel Dechanten, von Frau von Glpen, von der alten Renate, von
Bonaventura's Hausstand, von Benno war die Rede ... Frau von Wittekind lebte in
vllig neuen Verhltnissen, hoffte nun aber eine innigere Anknpfung derselben
wieder an das alte Vergangene ...
    Wird der Prsident auf seinen Posten zurckkehren? fragte Bonaventura ...
    Nein, mein lieber Sohn! sagte die Mutter. Die Gter, die der Vater
hinterlassen hat, sind so umfangreich, die Bewirthschaftung ist in den letzten
Jahren, wo die Wunderlichkeiten des Alten ber alles Ma gingen, so
vernachlssigt worden, da es Wittekind's ganzer Kraft bedarf, um alles auf der
gebhrenden Hhe zu erhalten ...
    Dann gibt er eine glnzende Aussicht auf Staatswirksamkeit auf! sagte
Bonaventura. Oft hatte man geglaubt, gerade seine Hand wrde stark genug sein,
das Gubernium der aufgeregten westlichen Provinzen zu bernehmen ...
    Wir haben darber ernste Berathung gepflogen! entgegnete die Mutter. Meinem
Gemthe widersprach schon lange die falsche Stellung, in die er seinem Glauben
gegenber gerieth! Mit dem Vorangegangenen wird er brechen und sich dem Geist
anschlieen, der in diesen Gegenden herrscht. Es liegt darin fr mein Herz eine
tiefe Beruhigung!
    Soweit ich unsern Volksstamm kenne, wird es einige Mhe kosten, das gegen
ihn herrschende Mistrauen zu widerlegen! sagte Bonaventura aufhorchend. Zumal,
da Herr von Wittekind - Bonaventura konnte nicht Vater sagen - in dem Rufe
steht, seine frhere Stellung ganz mit Ueberzeugung ausgefllt zu haben ...
    Wohl! sagte die Mutter. Wittekind ist eine praktische Natur, wie in gewissem
Sinn es auch sein Vater war ... Er liebt den Ruhm, vielleicht nur den Ruhm als
gerechte Belohnung seiner Thtigkeit. Doch gibt er, soweit es geht, in vielem
mir nach. Schon lange litt ich unter seinem Eifer fr Administration und
Beamtenthum. Jetzt hat er eine entsprechende Beschftigung und wird, soweit ich
ihn kenne, mit Behutsamkeit einlenken auf die neue Bahn, die auch seinem Gemth
eine grere Ruhe geben mu. Denn ebenso gut und weich kann er sein, wie er
gromthig und aufopfernd schon zu allen Zeiten war ...
    In den letzten Worten lag eine rechtfertigende Erinnerung an Bonaventura's
Vater, an seine Flucht, seinen Tod ...
    Als Bonaventura schwieg, nahm die Mutter diese Erinnerung von selbst auf ...
Sie ergriff des Sohnes Hand und sprach mit einer Fassung, die, so schon nach der
ersten Rhrung des Wiedersehens kommend, berraschen konnte:
    Du bist reifer geworden, mein Bona! Du hast die Welt schon in anderm Lichte
gesehen, als damals, da der Eindruck meiner Wiederverheirathung dir so
befremdlich war! O, nenne mich keine Schuldige! Beurtheile mich nicht so hart,
wie der damalige Generalvicar, der gefangene Kirchenfrst, der Wittekind hate,
weil er zu den Organen der Regierung gehrte! Als wir von der nahen Auflsung
des Kronsyndikus hrten und da schon hierher reisen wollten, besuchten wir den
strengen Mann in seiner Festungshaft. Er war von einem Spaziergang aus den
Wllen zurckgekehrt und eben wollt' er die Tabackspfeife, die er unbekmmert um
den Brand, den er in der Christenheit angezndet hat, immer noch frohgemuth
fortraucht, wieder fllen, als ihm der Vater - Wittekind und ich gemeldet
wurden. Dieser Besuch mute ihn nicht wenig berraschen. Ich hatte Sie in andern
Beziehungen wiederzusehen erwartet, Herr Prsident! sagte er, als er unserm
Beileid staunend zugehrt. Dieser Schritt wird Sie in eine schiefe Stellung
bringen, wenn anders Sie mich nicht als ein Bevollmchtigter der Regierung
besuchen! Wir benahmen ihm diese irrthmliche Voraussetzung und erklrten, da
wir Frieden zu schlieen gedchten mit denen, mit welchen uns Geburt, Abstammung
und gleiche Ueberzeugung in eine Reihe stellten. Er erwiderte: Es wird vielen so
gehen, da sie zur Erkenntni kommen, und darum preis' ich mein Loos und will es
gern ertragen! Ich bin zum Eckstein geworden! Die Bauleute wollten mich
verwerfen; aber ein neues Gebude wird ber mir errichtet werden! Ein
segensreiches und vielleicht fr ganz Deutschland! Er entlie uns gtig. Deiner
gedachte er mit der mein ganzes Mutterherz mchtig berwallenden Prophezeiung,
da Gott dich zu groen Dingen erlesen htte ... Schon wr' es im Werke, dich
als Gesandten der Curie nach Wien zum apostolischen Nuntius zu schicken ... Du
staunst darber? ... Das wutest du nicht? ... O, ich erkenne deine ganze Natur
... in deiner Bescheidenheit! ... Mein Sohn! Mein, mein Sohn! ... So sei auch
vershnt und nimm die Vergangenheit so licht und rein, wie der schne
Sonnenstrahl dort drben glnzt ber dem blendenden Schnee!
    So zart und doch wieder so klug und gewandt in ihrer Denk-, Rede- und
Gefhlsweise stand fr Bonaventura die Mutter gar nicht mehr in seinem
Gedchtni. Wie hatte sich bei ihr das Vergangene verwischt! Ihm kam bei dem
Bilde des Schnees, das sie brauchte, sofort die Erinnerung an den Tod seines
Vaters ... Mit Bezglichkeit wiederholte er: Ueber dem blendenden Schnee! ...
Erst allmhlich verstand die Mutter diese Wiederholung und Betonung, seufzte
dann tief auf und fuhr fort:
    Die gnadenreiche Mutter sei mein Zeuge, da ich an einen Abgrund erst
gefhrt wurde durch die Umstnde, nicht durch meine eigene Schuld! Die Worte des
heiligen Sakramentes der Ehe sagen: Und er soll dein Herr sein! Dies Wort,
mein lieber Sohn, ist nicht allein darum gesagt, da die Gattin ihrem Gebieter
gehorsame, es ist auch darum gesagt, da der Gebieter ihr wirklich ein Herr sei!
Jede Frau hat das sehnschtige Bedrfni, in ihrem Manne auch wirklich den
Fhrer, den berathenden Freund, ja selbst in zweifelhaften und schwierigen
Fllen einen befehlenden Herrn zu haben. Mir war das dein Vater nicht. Im
Gegentheil, ich, ein lternloses Frulein - Besitzthmer hatten ja die
Wehrfrders, mein Geschlecht, nicht und meine Erziehung war unvollstndig - ich
wurde der Gebieter fr ihn! Nicht durch Laune oder Neigung zum Herrschen, nur
durch die Umstnde, die ihn unfhig machten, das Ruder selbst zu fhren. Diese
Asselyns sind ein herrliches, edles Geschlecht gewesen; es ist schmerzlich, da
dieser alte Friesenstamm aussterben mu - Benno kann doch nur den Namen
fortfhren. Franz, der Dechant, ist die Herzensgte selbst, aber wie
leichtsinnig! In seiner Jugend war er fhig die Bahnen der Geistlichen zu
wandeln, die in Frankreich den Untergang der Religion verschuldet haben. Der
zweite, Max von Asselyn, Benno's Adoptivvater, war ein tapferer, ritterlicher
Held, ein Offizier von seltener Bravour, aber ganz so abenteuerlich, wie dies in
unserm trumerisch eigensinnigen Volksstamm liegt. Was er unternahm, war
befremdend. Bracht' er wol aus dem Kampf, wie andere, gerechte und nach Sitte
erworbene Beute mit? Aus Spanien sah ich viele deutsche Offiziere, die dort
unter Napoleon kmpfen muten, mit mancherlei merkwrdigen Dingen heimkehren.
Ein Wehrfrder, Vetter von mir, brachte aus einem Kloster Bilder mit, aufgerollt
wie Landkarten - er hat sie zu enormen Preisen verkaufen knnen. Max brachte
entweder von einer Nonne oder einer - man sagt in seinen Armen gestorbenen -
Geliebten einen Sohn mit - Benno, den er wenigstens sein nannte, wenn nicht in
das Dunkel, das deinen Vetter umgibt, noch ein vllig anderer Lichtstrahl fllt
und Max nicht einmal Benno's Vater ist. Der dritte Asselyn, Friedrich, mein
Gatte, glich den andern nicht an Leichtsinn, aber an leichtem Sinn. Die
Verlockung der Welt that ihm nichts, aber die Zerstreuung alles. Nichts wurde
bei ihm zum festen Vorsatz; eine Sorglosigkeit, die an sich ihm liebenswrdig
stand, machte ihn zum harmlosesten Kostgnger der Schpfung. Ja, mein Sohn, was
Fritz sein nannte, gehrte sogleich auch allen. Jede Schuld, die ihn drckte,
bezahlte er in dem Augenblick, wo er konnte, uneingedenk, da ihn sein guter
Wille in neue Verlegenheiten strzte. Die drei Brder thaten ihr geringes Erbe
zusammen, damit es Max bewirthschaftete. Dieser verband sich dazu mit einem
jungen Oekonomen, Hedemann, einem Bauernsohn. Die Nachwehen des Kriegs waren
verderblich; 1817 war ein Hungerjahr. Max starb. Die Verlassenschaft wurde von
den beiden Brdern verkauft und damit nur ein Kufer, der sich fand (es war der
jetzt so heruntergekommene Rittmeister von Enckefu) dazu erschien, borgten sie
wieder selbst fr diesen bei andern! So geschah alles, um hier nichts zu haben
und da nichts! Nun gehrt alles Unsrige hier den Mnnichs. Wie gesagt, gute
Menschen, diese Asselyns, aber -! Sieh, dein Vater wurde Regierungsrath. Sein
Gehalt war gering. Er verschwendete wol nichts, doch die Unregelmigkeit seiner
Berechnungen strzte ihn aus einer Verlegenheit in die andere. Der jetzige
englische Oberst von Hlleshoven, gleichfalls ein Sonderling, jnger als dein
Vater, schlo sich ihm damals an, theilte ihm Liebhabereien mit, wie sie noch
jetzt sein Bruder hier in den Thrmen dieses reichen Schlosses nach Wohlgefallen
verfolgen kann; denn hier bezahlen die reichen Dorstes seine Thorheiten. Dein
Vater ging ebenso mit Begeisterung auf alles Neue ein; er wrde sich und seine
Familie zu Grunde gerichtet haben ohne einen endlich denn doch wohlthuender
wirkenden Freund, als jene Hlleshovens waren. Dies war Friedrich von Wittekind.
Bald wurde der der Zahlmeister des Hauses. Dein Vater verwies mich selbst an
ihn, um mit ihm zu rechnen! Wie sie beide Friedrich hieen, so wurden sie fast
Eine Person! Dein Vater war im Stande, eine Thr zu ffnen und zu sagen: Ah, ihr
seid es! Ihr rechnet! Ich stre euch? ... Wir saen dann und rechneten in der
That. Ehrgeizig war ich und mochte nicht, da ein Makel auf unserm Hause
haftete. Das, das, mein Sohn, ist ein hchst gefahrvoller Zustand fr ein
weibliches Herz! Ein Weib ist bedrftig der Liebe, gewi! Aber ebenso sehr will
sie auch die Werthschtzung der Menschen. Und noch mehr, sie will Hochachtung
empfinden vor ihrem Mann. Die geregelte Ordnung ist fr ihren Sinn etwas
Unerlliches. Ich gestehe, da ich wohlthuend berhrt wurde, wenn ich Wittekind
nur eintreten sah, ihn, der damals nicht viel hatte, der mit seinem damals
geizigen Vater in Kampf lebte und selbst kaum das Nthigste erhielt, whrend,
wie nur leider jetzt zu erwiesen ist, die grten Summen auch schon damals
fortgingen, um die Folgen des frhern Leichtsinns jenes Gewaltthtigen zu
verdecken; die jetzt offen liegenden Papiere seines Nachlasses gewhren
grauenhafte Einblicke in seine moralischen Verschuldungen ... Kurz, mein Sohn,
die Augenblicke, die ich im Anfang meiner Ehe, dich unterm Herzen, dann dich auf
meinen Armen tragend, auf dem kleinen Hof Borkenhagen zubrachte, wo du geboren
und getauft wurdest - Gott, noch immer steht mir der damalige Pfarrer Leo Perl,
ein getaufter Jude, vor Augen! - diese Augenblicke, sag' ich, waren die
glcklichsten meiner Ehe! Als diese Besitzung in andere Hnde kam, ich immer in
der Stadt bleiben mute, dein Vater aus Schulden, Wuchernoth nicht mehr
herauskam, wurd' ich moralisch das Weib seines Freundes, der ihm helfend zur
Seite stand. Alles war Wittekind, alles entschied der. Der rechnete, der sorgte
... Reisen, die dein Vater machen mute - Dienstreisen, weil er die damalige
Regulirung der Klster, die Einziehung herrenlos gewordener geistlicher
Bibliotheken und Archive unter sich hatte - wiesen mich auf Monate ganz an
Wittekind. La dir doch von Fritz geben! hie es in den Briefen ... Guter
Sohn, Asselyn erkannte diesen gefhrlichen Zustand erst, als es zu spt war. Ich
hatte mich an den Freund, der Freund hatte sich an mich gewhnt. Nimm an, mein
Sohn, du sest im Beichtstuhl und hrtest das Bekenntni einer beladenen Seele
... Denn eine Last trag' ich allerdings, eine schwere Last, eine kummervolle,
die mir die Ruhe meiner Nchte raubt! ... Ach, Asselyn entfernte sich ohne
Zweifel doch nur deshalb - - um den Freund und die Gattin glcklich zu machen.
Fast mu ich ja glauben, da der Gute, um uns in unserm Bund nicht zu hindern,
sich selbst den Tod gegeben hat!
    Die vielleicht noch grere Strafe, der Mutter zu sagen: Und wenn der Vater
noch lebte? Wenn ihn soeben Grfin Paula im Thal von Castellungo als Eremiten
und den Freund glcklicher Hirten und Ackerbauer gesehen htte? ... Bonaventura
besa nicht den Muth, diese Strafe der Mutter aufzuerlegen, so sehr ihn die
klare, schneidende, vernunftbewute Selbstrechtfertigung der noch jetzt
anmuthigen Frau herausforderte, so sehr ihm wieder jetzt der Vater entgegentrat
in der ganzen Liebenswrdigkeit seines trumerischen, von dieser Gattin gewi
nie verstandenen und sicher so nicht, wie verdient, beglckten Sinnes ... Doch
auch die Schwche besa er nicht, der Mutter die Vorstellung etwa von einem
Selbstmord des Vaters ganz auszureden. Und sie schien es sogar gern zu hren,
da sein Vater, wenn auch durch Selbstmord - wirklich todt war. Meinst du nicht?
fragte sie halb zagend, halb zuversichtlich ...
    Ich glaube es! war seine Antwort ...
    Die Mutter stand auf. Ihre Haltung schien sagen zu wollen: So mssen wir uns
Fassung geben, eine Genugthuung durch die Religion!
    Die umsichtige Frau bat den Sohn, doch einige Tage auf Schlo Neuhof
zuzubringen, sich inniger dem Prsidenten anzuschlieen, ihre Ausshnung mit dem
Geist der Gegend zu bewirken, die Opferspenden zu vermitteln, die auch sie
bereit wren berall zu geben, wo dadurch ihr guter Wille in das rechte Licht
trte ... Endlich sagte sie noch:
    Wittekind wird mannichfachen Rath und Beistand in seinen verwickelten
Angelegenheiten bedrfen. Er war zweifelhaft, ob er sich deshalb an Benno wenden
sollte! Ich rieth ihm dazu! Dein Urtheil zge er aber vor, sagt er ... Wer ist
hier dieser Herr von Terschka, von dem ich soviel reden hre?
    Der Bevollmchtigte des Grafen Hugo von Salem-Camphausen, des Erben der
Gter der im Mannsstamm ausgestorbenen Dorstes ...
    Ein geschftskundiger, kluger Mann hr' ich ...
    Ein vielseitiger, gewandter wenigstens ...
    Es rhmte ihn uns ein Jude, ein Gtermkler ... Ich hre, Benno macht den
letzten Versuch, die Rechte des Grafen Hugo anzuzweifeln ...
    Nur mglich das, wenn eine Urkunde entdeckt wrde, die dem Dorste'schen
Familienstatut Kraft erst geben soll, wenn die Erben unsere Religion bekennen
... Sie fehlt und wahrscheinlich nur deshalb, weil sie niemals ausgestellt wurde
...
    Es sind viele Urkunden in jener Zeit verschleppt worden, als nach Uebergang
dieser Lande in westflische und dann in unsere Herrschaft, die geistlichen
Stifter und so viele Klster eingingen! War zufllig ein Pergament besonders
schn geschrieben, so schickte es dein Vater in das Museum der Hauptstadt, in
die Bibliothek des Knigs ... Dort fand ich schon manchen herrlichen Schatz
wieder, den dein Vater uns vor Jahren gezeigt hatte, wenn er aus Witoborn oder
sonst einer geistlichen Gegend heimkehrte ...
    Bonaventura's Gedanken muten jetzt wol auf Bickert gerichtet sein ... Zwei
drckende Vorstellungen: Die geflschte, bei einem Brand vielleicht hier, auf
diesem Schlosse einzuschleppende Urkunde und Lucindens Eroberung aus dem Sarge
in Sanct-Wolfgang! Beichtgestndnisse, die er nicht verrathen durfte ... Sie
machten ihn zum Mitleidenden - zum Mitschuldigen ...
    Die Mutter sah seine Abwesenheit ... Sie bemerkte mit gedmpfter Stimme:
    Besonders ist Wittekind in eine Sache verwickelt, die nur innerhalb der
geistlichen Sphre bleiben soll! Ich kenne sie selbst nicht vollstndig. Sie
hngt mit einer groen Verirrung des Kronsyndikus zusammen und reicht in ihren
Folgen sogar bis nach Rom. Auch der Onkel Dechant zu Kocher am Fall soll dabei
eine Schuld zu tragen haben. Oft hab' ich schon gedacht: Hinge wol Benno's
Herkunft damit zusammen? Aber wie er als Kind schon nicht dem Onkel Max hnelte,
so noch weniger dem Onkel Franz - Wittekind schttelt darber vollends den Kopf
... Nun, ich werde ja auch Benno wiedersehen und mit ihm plaudern! ... Wir
mssen wol jetzt zur Gesellschaft, Bona! Ich erbebe, die junge Grfin zu sehen,
die so seltsame Zustnde hat! Eie lag eben jetzt, wie ich hre, im Hochschlaf?
Ich zittere vor Beklemmung! Was sah sie nur?
    Ein Bild der Phantasie! sprach Bonaventura mit stockendem Athem zu der schon
ganz in das gewohnte Gleis ihres Lebens wieder zurckgekehrten Frau. In Gedanken
verloren hatte er der letzten Rede seiner Mutter schon nur noch halbe
Aufmerksamkeit geschenkt und nur zur Andeutung, da Benno des Dechanten Sohn
sein knnte, gelchelt ... Mutter, htte er fast gesagt, wie wenig wrde Der
Anstand genommen haben, Benno die frischen Wangen zu klopfen, ihm seinen
schwarzen Bart und sein lockiges Haar zu zupfen und zu sagen: Junge! Nichten
haben wir genug in der Dechanei gehabt, aber noch nie einen so echten Neffen,
wie du bist! Das ist eine falsche Fhrte! ... Nun aber gingen beide aus dem
Zimmer und wandten sich nach vorn ...
    Die Mutter hing sich in den Arm ihres Sohnes. Man sah, da sie uerlich
beide sich angehrten. Den Wuchs und die hohe Gestalt hatte Bonaventura von
dieser klugen und vorsichtigen Frau; das Herz vom Vater ...
    Sie sagte: Mein Heiliger! zu ihm, lchelte und trat mit ihm in den Vorsaal.
    Die Vorstellungen und Begrungen whrten eine Weile und dann zerstreute
sich alles ...
    Bonaventura blieb zum Mittag ... Paula erschien wieder als wre nichts
gewesen ... Onkel Levinus und Tante Benigna wurden inzwischen von einer andern
Gedankenreihe in Anspruch genommen und thaten geheimnivoll. Frau von Sicking
hatte ihnen geschrieben. Sie hatten viel geflstert und gerade am meisten, wenn
Armgart nicht im Zimmer war. Diese merkte dann bald, da etwas auf sie
Bezgliches im Werke war. Als sie den Namen der Stiftsdame Tngel-Appelhlsen
flstern hrte, die sich der Bekanntschaft mit ihrer Mutter rhmte - sie war die
zweite Partie, die Jrme von Wittekind hatte machen sollen und war damals nur
durch den Calfactor Trck und den Zorn ihrer Mutter ber ein verdorbenes Kleid
darum gekommen - sagte sie geradezu: Meine Mutter ist da! Die Tante fuhr sie
darber heftig an. Sie schwieg. Jetzt bekam auch Terschka durch einen Expressen
aus Witoborn einen Brief und empfahl sich so rasch, da er nicht einmal bis zum
Ende des Mahls blieb. Armgart sa darauf wie besinnungslos. Noch ehe die Tante
sich zu ihrem Nicker eingerichtet hatte, war sie verschwunden. Lange nach ihr
zu suchen war man nicht gewohnt. Fehlten ihr vielleicht noch zu ihren
Vielliebchen Nhseide oder Perlen, so ging sie, wute man, zu Fu nach dem
Stift und scheute die einsamste Wanderung von fast zwei Stunden nicht. Onkel und
Tante fuhren nach dem Kaffee in der That mit eigenthmlichem Geheimthun zu Frau
von Sicking und lieen Bonaventura mit Paula allein ...
    Allein - Paula und Bonaventura -

Allein, allein - zwei Seelen, die sich lieben!
Allein, allein -! Wenn auch der Liebe Ja,
Wenn stumm der Liebe Frageblick geblieben -
Allein, allein - doch ist der Himmel da!

    Bei allen andern wrde es nach Jahren geheien haben: Weit du noch, damals
an jenem Nachmittag - im grnen Zimmer? - Wir sprachen vom Wetter, besahen
Kupferstiche - da rief ich pltzlich: Himmel, wie voll die Hyacinthen blhen!
... Ich zhlte ihre Glocken, weil ich Angst hatte, da wir uns beim Besehen der
Bilder zu nahe anstreiften! Und ich glaube gar, ich stellte mich dennoch
kurzsichtig, nur um mit der Stirn dein goldenes Haar zu berhren! ... O, wie
Feuerglut war es in meinem ganzen Sein - und du, du wutest, jetzt ist der Stoff
erschpft, jetzt ist die Unbefangenheit beim Gesprch vorber - beim Gesprch
ber was nicht alles, ich glaube ber die alten Krater feuerspeiender Berge bei
Kocher am Fall, ber die byzantinische Baukunst, ber die Philosophie
Pttmeyer's! Gleich hattest du etwas anderes; auf die Musik die Bcher, auf die
Bcher die Natur, auf die Natur die eben hereingebrachten Zeitungen! ... Und du
erschrakst nicht einmal, als vom Diener an die Thr geklopft wurde ... So
tndelten wir den Tag hin bis zum Abend, bis zur sesten Dmmerstunde, wo
endlich mein Auge kein anderes Licht begehrte, als das in deinen Augen strahle,
endlich ich auch das so tollkhn sagte, ganz so vom Licht in deinen Augen ...
Da erbebtest du, brachst zusammen und trotz all deiner List und Fassung lagst du
in meinen Armen! ...
    Armer Priester! ... Diese Stunde schenkte dir wirklich der Himmel! Er gab
sie in ganzer, seligster Flle! Er rief auch an diesem Nachmittage Paula nicht
in die Sterne zurck, lie sie nicht wachend trumen, nicht mit geschlossenen
Augen sehen ... Sie blieb auf der Erde, in deiner Nhe, im lebendigsten,
wrmsten Anhauch deines Athems - und du erstauntest sogar, da Paula nicht
entschlummerte, obgleich deine Hand an ihrem seidnen Kleide hinfuhr, oft auch -
zufllig? - wirklich sie selbst berhrte ... Du durftest dir sagen: Dir, dir ist
sie beschieden! Du wrdest sie durch die Liebe erlsen knnen von den magischen
Banden, die sie gefesselt halten! ... Gott wollte die Ehe und gerade die Deine
mit ihr! ... Alles, alles traf zu ... Auch bis zur Abenddmmerung, bis in die
erste Stunde nchtlichen Dunkels hinein hattet ihr das volle selige Glck des
Alleinseins ...
    Und dennoch, du armer Levit, was durftest du wagen? Was zu gewinnen hoffen?
... Gingst du am Flgel vorber und lehntest die Epheuranken zurck, die den
goldgerahmten Spiegel beschatteten, so sahst du deinen langen Priesterrock! ...
Sahst du in die geffnete Kupferstichmappe und prftest das Zeichen des alten
Meisters, das unter dieser Radirung, unter jenem Holzschnitt versteckt und
unleserlich stand, so mute dir erinnerlich werden, da Paula an deinem
vorgebeugten Haupte bemerkte, wie die Schere dir die Mitte deines schnen Haares
geraubt! Dem Schicksal konntest du sprechen: Des reinen Herzens Natur ist es,
nicht alles zu wollen und viel entbehren zu knnen; aber auch zu grausam nimmst
du, o Verhngni, uns beim Wort und gewhrst uns wirklich nichts! ... Paula's
Wesen mute Bonaventura ohnehin zu entweihen glauben durch eine zu strmische
Werbung. So unterblieb alles ... Situation und Wille, Charakter und - die Liebe
selbst schmiegte sich unter die Tyrannei des Gelbdes.
    Und doch allein, allein - zwei Seelen, die sich lieben! .. Wie bestrickend
schon, wenn sich Paula selbst beurtheilte ber das, was die Welt an ihr so voll
Andacht bewunderte! Sie htte eine Heuchlerin sein knnen und sie war es nicht.
Sie htte eine Despotin sein knnen und sie war es nicht. Sie war willenlos,
eine durch sich selbst und andere Gefangene. Und so galt ihre Liebe Bonaventura
auch nur, wie ein Priester sich lieben lassen darf - in Andacht, in geistiger
Schwrmerei ... Sie hatte - wie diese Erziehung ist, die von Schiller und Goethe
nichts wei - nicht viel gelesen, nicht viel gesehen. Sie konnte ber ihren
Kreis hinaus an schwierigen geistigen Dingen nicht lange theilnehmen; sie stand
bescheiden zurck, allem Hheren im Zustand jungfrulicher Ueberraschung
zugewandt. Aber diese Weise stand ihr hoheitsvoll. Zu ihren Fen sproten
Lilien, ihr Haupt trug eine Himmelskrone, ihre Schultern bedeckte ein langer,
himmelblauer Mantel mit goldenen Sternen. Sie wute nur das alles nicht von sich
selbst. Sie konnte lachen und weinen mit Armgart, sie konnte furchtsam sein wie
Tante Benigna, sie konnte mit dem Onkel Levinus an die Mglichkeit, Gold zu
machen, glauben. So lebte sie hin ... Nun aber mit Bonaventura's Nhe wuchs ihre
Kraft. Sie fing an, sich ber sich selbst Rede zu stehen. Seit seiner Ankunft
trat sie in allem und jedem mit festerm Willen auf. Das zu wissen beglckt ein
zagendes Herz ohnehin und gibt ihm Muth, sich ber das Geheimste wahr zu sein
... O wie die Liebe so stark macht! ... Paula fhlte es mchtig ... Sie htte
heute vielleicht zu ihrer Absicht, ins Kloster zu gehen, gedankenlos nein und
sogar - ja! sagen knnen. Sie konnte alles, konnte selbst ein Gelbde ablegen
und vielleicht es - betrgen, wenn nur Bonaventura sie an sich gezogen und mit
einem Ku ihr den Muth - seines, seines Lebens gegeben htte.
    In diesem stillen Zimmer, durch dessen Scheiben eben das Abendgold flo,
unter diesen Epheuranken, deren grne und welke Bltter den Priester an einen
andern Abschied, den von Lucinden, erinnern muten, ber die Saiten eines
geffneten Flgels hin, dessen Resonanz von jedem durch die Zimmerwrme noch am
Leben erhaltenen Insekt leise erbebte - standen sich zwei Menschen gegenber,
die die Natur zum gegenseitigen Besitz bestimmt hatte. Gregor VII. hielt den Arm
dazwischen. Wo ist denn nun bei dieser eurer Satzung des Clibats die Verklrung
der Weiblichkeit, sie, die doch die Marienbilder in der aufgeschlagenen
Kupferstichmappe verherrlichten, diese Bilder, die Bonaventura, Lucinden
gegenber, selbst einst so begeistert gedeutet hatte! Verunreinigt wird der
Priester vom Weibe? Sein Opferdienst am Altar in den gestickten Kleidern
vergangener Jahrhunderte macht ihn geschlechtslos? Die Eunuchen des himmlischen
Hofstaates sind wir! sagte ihm oft schon der Onkel Dechant. Trgen wir eine
reine Liebe zu einem Weibe im Herzen, unsere Hand wrde ja unrein, den Kelch zu
berhren! Unrein, um die Oblate zu segnen! Die Nhe des Weibes zerstrt die
Kraft des Opfers! Und wenn wir auch gestern beichteten, da wir die thierische
Natur mit aller Entfesselung der Leidenschaften in gemeiner Berhrung austobten:
diese Snde ist uns heute vergeben. Nur keine reine, nur keine dauernde, offene
Liebe zu einem Weibe im Herzen und so an den Altar getreten! Gatte, Vater - wie
kann eine solche Hand noch die Geheimnisse der Wandlung vollziehen! Frauenwrde,
so denkt - Rom ber dich! ...
    Eines der Marienbilder nach dem andern vergegenwrtigte Bonaventura den
Abschied von Lucinden ... Paula hatte schon fters nach ihrer frhern
Gesellschafterin gefragt, Bonaventura hatte einsilbige Antwort gegeben ...
Benno, Thiebold und Terschka rhmten sie ... Jetzt glich ihr eine der von den
Knstlern meist so willkrlich erdachten Madonnen und Paula sagte dies auch ...
    Bonaventura blieb die Antwort schuldig ...
    Paula fuhr fort:
    Denken Sie sich, wie ich damals nach Westerhof zurckkehrte und von Lucinden
sprach, kannte sie ja hier jedermann! Ja ich selbst hatte sie schon als Kind
gesehen, wie sie auf Neuhof wohnte und eines Tages dort auf einem goldenen Kahne
ruderte! ... Als die Leute lachten, flchtete sie in einen Taubenschlag! ... Sie
wute, da ich aus dieser Gegend war, und nie verrieth sie ihre Bekanntschaft
mit dem Kronsyndikus oder mit dessen Sohn oder mit dem Landrath oder mit dem
Mnche Sebastus, dem jungen Doctor Klingsohr, der um ihretwillen, sagt man, die
Religion wechselte und ins Kloster ging ... Sie ist jetzt in Ihrer Stadt und -
Sie sehen sie oft?
    Ich lebe nur fr dich, Paula! ... In Bonaventura's Herzen riefen das tausend
Stimmen ... Die Lippen sagten nur:
    Zuweilen seh' ich sie!
    Arglos fuhr Paula fort:
    Auch sie war damals erst katholisch geworden! Alles das wute niemand! Aber
hatt' ich Furcht und Angst vor ihr! Wissen Sie noch, als ich Italienisch mit ihr
lernte, da konnte sie Latein -!
    Du aber sprichst in Zungen der Engel! riefen wieder die Stimmen; Bonaventura
nickte nur still bejahend ...
    In der Mappe sahen beide einen Holzschnitt der altdeutschen Schule, wo Jesus
im Hause des Lazarus weilt und Maria Magdalena ihm die Fe wscht ... Dies
kleine Bild, voll Wahrheit und Lieblichkeit, lie beide eine Weile verstummen
... Beim Umschlagen der Bltter ruhte ihre Hand dicht, dicht an der seinen ...
Er fhlte die elektrischen Tropfen, von denen Paula im Schlafe behauptete, sie
glitten ihr aus den Fingern und verlschten auf dem Boden. Ihm verlschten sie
im Blut seines Herzens. Warum ergriff er nicht die sanfte, weiche Hand? Warum
stieg er nicht auch mit ihr in den goldenen Nachen des Ideals, auf dem sie
wrdiger ruderte, als Lucinde! In ein Taubenhaus hatte diese sich geflchtet!
    Paula sagte:
    Wissen Sie wol, da ich oft Sehnsucht habe, Lucinden wiederzusehen? Ihr
Geist war oft hart und grausam, aber stark. Sie konnte Muth einflen, wie ein
Mann. Auch unterbrach sie mein Leiden und lie mich dann sein wie andere sind
...
    Aber mit den grten Schmerzen! schaltete Bonaventura ein ...
    Ich litt dabei, das ist wahr! sagte Paula. Die Aerzte meinten: Sie hob die
Nervenstrmung auf. Ich hatte tdliche Schmerzen in ihrer Nhe! Alles that mir
wehe - jedes Wort, jede Bewegung von ihr! Aber ich sehne mich doch - ach! - so
heraus aus diesem - Doppelleben!
    In das Eine, Eine Doppelleben der Liebe! ...
    Die Stimmen wieder sprachen auch das ... Die Arme thaten sich auf, um Paula
zu umfangen, sie an sich zu ziehen ... Und doch sprach Bonaventura nur
schchtern:
    Was bekmmert Sie jetzt daran?
    Sonst schon war es Paula's Klage: Der Hochmuth! Die Selbstberschtzung!
Auch jetzt wiederholte sie diese Furcht vor sich selbst ...
    Bonaventura sprach:
    Stolz sein auf das, was uns die Vorstellung einer grern Vollkommenheit
unserer selbst gibt, das ist keine Snde. Jesus nannte sich - den Sohn Gottes!
Aber - auch Trbsale werden Sie haben! Wissen Sie, da Ihre heutige Vision
Ansto erregte? Als ich mit meiner Mutter zur Gesellschaft zurckkehrte, war man
befremdet, wie Sie mit Theilnahme bei einem Bilde verweilten, wo Sie einen
Gottesdienst sahen, bei dem der Kelch - von Allen getrunken wurde! ...
    Was sah ich denn? fragte Paula trumerisch und erhob geisterhaft ihr Haupt
...
    Herr von Terschka behauptete, einen Eremiten, der in der Nhe des Schlosses
Castellungo die Landbewohner zu einem Gottesdienst versammelt, der dort
wahrscheinlich unter dem Schutz der Gutsherrin, der Grfin Erdmuthe, wirklich
gehalten wird ...
    Ich verweile oft bei jenem Schlosse! sagte Paula ... Man hat mich schon
gefragt, ob ich nicht in Salem, nicht in Castellungo eine Urkunde entdecken
knnte, die so emsig von den Feinden der Salems-Camphausen gesucht wird ...
Benno erzhlte davon; auch Terschka, obgleich dieser es nur mit leicht
erklrlicher Zurckhaltung that ... Noch immer wird diese Urkunde gesucht ...
Der Procurator Nck hat an Benno geschrieben, er mchte in Gegenwart Terschka's
und des Onkel Levinus noch einmal die Archive von Witoborn und Westerhof
durchsuchen lassen ... Beide sind auch bereit dazu ... Und so verlt mich, seh'
ich, die Angst der Seele selbst in meiner Traumwelt nicht. Sie zeigt mir wider
Willen die Gegenden, wo - mein Schicksal entschieden wird ...
    Ihr Schicksal? Paula! Welche Zukunft frchten - Frchten? Hoffen Sie? ...
    Diese Worte sprach Bonaventura wirklich. Sein Innerstes wogte im Brand der
Liebe und - der Eifersucht ...
    Nichts, nichts mehr hielt er zurck von der Saat seiner Thrnen, die
ausgegangen war seit Jahren in den einsamen Stunden der Nacht und der
Verzweiflung ... Seine Augen leuchteten ... Seine Arme hoben sich ... Ein
Frhling des reinsten, gttlichsten Menschenthums schien um ihn her zu blhen
und zu sprieen ... Er bebte ... schwankte ...
    Und auch Paula zitterte ... Eben noch waren ihre tiefblauen Augen
aufgeschlagen und blickten gen Himmel, den Augen einer Seherin gleich ... Jetzt
senkten sich die langen schwarzen Wimpern ...
    Aber ach! nur Katharina von Siena war es, die Heilige, die vor Bonaventura
stand ... Sein zages, nazarenisches Herz erinnerte sich schon wieder: Dieser
Blick gilt dem Himmel, dem Kloster! Er gilt deinem Stande! ...
    Doch nur einen Augenblick beherrschte er sich so ... Bald fhlte er
neubelebende Wonne ... eine Wonne seltsamster Glut, seltsamster Gedanken,
seltsamster - Verirrungen sogar! Franz von Sales, der Heilige, stand vor ihm,
vor dem ja auch einst eine Frau von Chantal kniete ... Eine Gattin, eine Mutter
verlie ihre weltlichen Lebensbeziehungen, um dem Heiland zu dienen, dessen -
einziger Apostel ihr dieser Bischof von Genf erschien! Und auch dieser nannte
sie seine Philothea! Wo ist die Grenze der gttlichen Andacht und der Anfang
menschlicher Liebe in den Briefen, die sie sich geschrieben haben? Ihr Gebet
ging vielleicht wirklich empor zu Gott, doch sie beteten zusammen! Sie stiftete
ein Kloster, er htete es ... Sie starb, Franz von Sales segnete den Sarg ...
sein Inhalt verweste nicht ... nach hundert Jahren ffnete man ihn ... da war
alles Asche ... nur das Herz war unversehrt geblieben ... Dies Herz ... Kann es
geirrt haben in jenem Irrthum? ... Gelogen in jener Lge? Paula, Paula - meine
Sinne schwindeln - solltest du mir wirklich vielleicht gehren knnen gerade,
gerade - durch den geistlichen Stand? ...
    Das war ein furchtbarer, frevelnder, romgeborener Gedanke ... ein Gedanke
der Snde, der Lge gegen Natur und Gelbde ...
    Aber dieser Gedanke - und sollten die Donner um ihn her rollen und Blitze
zucken - durchzitterte ihn doch ... Seine Pulse flogen, seine Lippen bebten ...
schon wagte er das bedenklichste aller Worte, das er in solcher Stimmung nur
sprechen konnte:
    Paula - wenn sich - die Urkunde - fnde - wenn Sie dann, wie man allgemein
glaubt - sich entschlieen mten - wirklich Ihre Hand - einem Manne zu geben -
der doch nur - aus Standesrcksichten -
    Paula hatte diese Worte eben abwehren wollen ... Sie wollte sie abwehren
fast wie verkrperte Wesen, die schon eine Handbewegung zurckstoen konnte ...
Sie hielt, am geffneten Flgel sich mit der Rechten haltend, die Linke dem
Sprecher, dessen Athem schon ihren Mund berhrte, bebend entgegen ... ein Moment
noch und der Bund der Herzen war geschlossen ... ein Abgrund geffnet, der
Vorhang seines Allerheiligsten zerrissen, der Bau der Kirche zertrmmert ...
    Da trat eine Strung ein ... Drauen gingen lebhaft aufgerissene Thren ...
    Jetzt erst erkannten beide, da es um sie her vllig Nacht geworden war ...
    Armgart trat strmisch herein ... Sie kam im Hut, mit Pelzberwurf, von der
frischen Luft wie ein rosiger Apfel gerthet ... Sie war zwei Stunden Weges nach
Heiligenkreuz zu Fu gegangen und schon wieder zurck ...
    Hinter ihr her kam Terschka ... gleichfalls in einem Pelzrock, den ein
grnes Schnurwerk zierte ... Sporen klirrten an seinen Fen ... er ri eine
Jagdmtze ab ...
    Terschka hatte, das erfuhr man, Armgart auf Heiligenkreuz, wohin gerade auch
ihn jener Brief aus Witoborn abgerufen hatte, angetroffen und sie wieder
zurckbegleitet - zu Fu - ber den gefrorenen Schnee hinweg ... Sein Ro mute
erst der neu angenommene Dionysius Schneid (dem sein Verkehr auf dem Finkenhof
eine ernstliche Verwarnung zugezogen) aus Heiligenkreuz zurckholen. Terschka
hatte es stehen lassen, weil er nicht neben Armgart reiten mochte, whrend sie
zu Fue ging. Sie erklrte, ihn unterwegs sprechen zu mssen; sie war in einer
unbegreiflichen Aufregung. Auch das Frulein von Tngel-Appelhlsen war in der
That bei Frau von Sicking ... Es geht etwas vor! sagte sie sich ... Es geht
etwas vor! wiederholte sie drohend ... Sie wollte wieder nach Westerhof zurck.
Da hie es, Thiebold wre noch im Stift und knnte sie begleiten ... Nun erst
recht htte sie nicht bleiben mgen ... So ging sie mit Terschka, der gekommen
war, mit dem Verwalter einige dringende Rcksprachen zu nehmen ... Htte
Terschka gesagt: Setzen wir uns doch beide aufs Ro und jagen nach dem Schlo
der Frau von Sicking! - sie htte es gethan ... Da sie ermdet wre, unmglich
den Weg zu Fu machen knnte, wollte sie nicht hren ... Terschka erzhlte alles
das jetzt wieder, erzhlte es dem berraschten Paar und war dabei in einer
Aufregung, die beiden nicht entgehen konnte, und bersah die ihrige ... Armgart
verschwand auf ihrem Zimmer ... Alles das bemerkte auch Bonaventura, begriff es
aber nur halb; ihm fehlte jede Sammlung; selbst mute er entfliehen ... Zwei
Worte noch an Paula, die ihn mit holdseligst verlegenem Lcheln, mit jener
Vertraulichkeit wie fr alles, was ein Weib auf Erden und im Himmel dem Manne
nur sein kann, ansah, und er war verschwunden.
    Hinaus strmte er in die schon hereingebrochene Nacht ... Nichts von einem
Wagen, dessen Anerbieten man ihm nachrief, hrte er ... Schon war er unten an
der Hauspforte ... Wie die eisige Luft seine heie Wange streifte! Wie er fast
die Locken, die er sonst trug, noch im Winde flattern fhlte! ... Ein Geist des
Trotzes, der Herausforderung an die Ordnung aller Dinge war ber ihn gekommen
... Er htte das Gelnder der kleinen Brcke einreien mgen, an das er sich
halten mute, als er den hartgefrorenen, glatten Weg beschritt ... So flog er
dahin ... Erst allmhlich wurde es in ihm ruhiger ... Jetzt htte er Musik hren
mgen, rauschende, vollgestimmte - allmhlich wrde ein einziger ser, sanfter
und wenn den Tod bringender Accord seine ganze Empfindung ausgedrckt haben ...
    So kam er im Pfarrhause an. Es war tiefdunkel; sein Zimmer nicht erwrmt;
Mllenhoff nicht anwesend. In dessen Zimmern wartete er so lange, bis oben bei
ihm die erwrmende Flamme loderte ...
    Wie todt standen doch die Bcher da an den Wnden! Wo er hinsah, war von
Strafe, vom Kirchenbann die Rede ... Er hrte im Geist das schtternde Gelchter
Mllenhoff's, wenn er seinen eigenen Einfllen applaudirte, und lachte selbst
... Er hrte, wie ihn sein College jetzt nennen wrde: Salonschlupfer,
Lavendelseele ... Er lachte ... Lieber knnen sechs Straenlaternen eingehen,
als ein ewiges Licht in einer Kapelle! Das war heute frh ein Mllenhoff'sches
Wort gewesen, das ihm beim Schimmer der ihm jetzt vorangetragenen Lampe einfiel
... Er lachte ... Und oben, oben in seinem Zimmer fand er zu seiner
glckseligsten Ueberraschung dann einen Brief - aus Kocher am Fall - vom Onkel
Dechanten ...
    Nie noch hatte er so nach den geliebten Zgen gegriffen ... Nie noch war ihm
so viel Musik entgegengerauscht und so viel Duft entgegengeweht, wie heute aus
dem feinen Papier, aus den zierlichen halb arabischen Buchstaben dieser
Handschrift, aus dem langen, reichen Inhalt ... Wie beglckend stimmte das alles
zu dem Bilde Paula's, das nicht von seiner Seite wich ... Die Magd brachte den
Thee ... Die Lampe verbreitete einen tieftraulichen Schimmer (Lampe, Service,
Sofa, alles kam von Schlssern und Hfen der Umgegend und war von ausgesuchter
Gediegenheit) ... Paula sa neben ihm im Geiste und sprach mit ihm im Geiste und
ihr Schatten huschte an den Wnden geschftig sorgend hin und her; er hatte eine
Geisterehe geschlossen ... Als er allein war, sprach er leise mit seinem Weibe,
redete es an und sagte: Paula! Meine se, se Paula! ... Dann schlug er sich
an die Stirn, aber so sndigte er fort und fort - er hrte nicht auf an sie zu
denken, ihrem Athem zu lauschen, ihre Hand zu streifen, hinaus in die Luft, ins
Leere Ksse zu geben - was sollte ihn denn erschrecken, jetzt, wo er die
Dechanei um sich hatte, des Onkels Devise hrte: Ich mach's doch so leicht!
Die grnseidenen Decken und Gehnge in dem Arbeitszimmer der Dechanei sah er;
die sanften Rollenthren gingen, wie wenn Frau von Glpen eintrat oder Windhack
einen Besuch oder eine Constellation des Himmels meldete ... Er las - las, wie
wenn eine neue Nichte ihm und dem Onkel Klavier spielte ...
    Lieber Alter! schrieb der Onkel. So bist Du denn auf dem Schauplatz Deiner
ersten Jugend angekommen und grbelst vielleicht, ob in den alten Kirchenvtern
das Schlittschuhlaufen verboten ist! Ich habe Dich sonst oft genug auf dem
Ententeich zwischen Borkenhagen und Westerhof dahingleiten und unserm alten
Friesenursprung durch grazise Zickzacks Ehre machen sehen - Nun siehst Du, die
Apostel wuten nichts von zwanzig Grad Klte, wie konnten sie vorschreiben, ob
ein junger Domherr Schlittschuhlaufen darf u.s.w. u.s.w. Sage nur: Wie platt,
wie rationalistisch oberflchlich ist das wieder! Gut! ... Ich beneide Dich
zuvrderst um diese Triumphe, die deine Rechtglubigkeit feiern wird, vorzglich
unter denen Weibsen! ... Fhlst Du's denn endlich, wie schn diese Veranstaltung
Gottes ist, da es Wesen gibt, die an der ganzen Weltgeschichte unbetheiligt
bleiben und Alexander, Julius Csar und Innocenz III. nur auffassen unter dem
Gesichtspunkt, ob solche Leute den Kaffee theurer machen, die Verlobungskarten
seltener, die laufenden Moden durch pltzliche Trauergarderoben unterbrechen und
dergleichen? Bewundere diese Geistesgegenwart, mit der mitten in unsern Schmerz
hinein und whrend die Mnner noch ohne jede Sammlung stehen, die Frauen schon
wieder bei einem Sterbefall ihr schwarzes Seidenkleid bestellt haben! Sieh, so
haben mich die jugendlichen Regungen meiner Petronella in Erstaunen versetzt,
die zwar von ihrer leiblichen - lies nicht etwa: lieblichen - Schwester nichts
geerbt hat, aber dennoch Schanden halber bereits in das zweite Stadium des
uern Schmerzes, in den grauen mit Violettschleifen eingetreten ist! Studire
Weltgeschichte im Stift Heiligenkreuz! Zwanzig weibliche Wesen, die ohne Zweifel
Deine Heiligkeit bewundern und vielleicht auch Dich endlich an die Wahrheit des
Satzes erinnern werden: Mulier est hominis confusio!
    Ich sehe Dich aber auch, lieber Sohn, wie Du Dich endlich aus Blumen und
gestickten Tragbndern und Portefeuilles herauswindest und wieder Deinen
feurigen Wagen des Elias besteigst, zunchst die Stufen des Altars und der
Kanzel zu Sanct-Libori, dann wol auch die Treppen zu den Regierungscollegien, wo
Du - Gutes wirken willst! Ach, mag Dir's dabei nur nicht so ergehen, wie mir
damals, als ich wirklicher Dechant war und ein lutherscher Regierungsrath mir
unter eine Rechnung fr Oel, Wachs, Wein und Salz beim Salze regelmig
beischrieb: Ich frage wiederholt: Gehrt denn in die Cultusrechnungen auch die
Naturalverpflegung der Herren Pfarrer? Wute der Kerl nicht, da zu unsern
Taufen Salz gehrt! Er glaubte, die Rechnung der Kchin htte sich in die fr
das Cultusministerium verirrt. Ich schrieb damals an den Rand: Salz ist ein
gutes Ding; so aber das Salz dumm wird, womit soll man wrzen! Luc 14, 34. -
Du freilich wirst durch solchen Druck auf unsere arme Kirche nicht zum
Rechtglubigen wider Willen gemacht werden; denn nur Rmlinge sehen nicht ein,
welche verbesserte, wahrhaft glnzende Lage gegen frher wir bei alledem in
partibus infidelium haben ... Doch nichts vom Kirchenstreit! Was sagst Du zu dem
noch immer unter polizeilicher Aufsicht stehenden Hunnius? Neulich rief er vor
einer Gemeinde, die leider nicht die zu Sanct-Hedwig in Berlin war, sondern nur
die Stadtkirche in Kocher am Fall, sage die Stadtkirche in Kocher am Fall!:
Sanct-Paulus war seines Zeichens ein Teppich-, kein Schleier-Macher! Diese
seine Anspielung auf Professor Schleiermacher in Berlin fiel natrlich bei uns
ganz auf den Weg.
    Bona, ich warne Dich nur, Deinem Dicesanklerus nicht etwa in jugendlicher
Begeisterung Conferenzen vorzuschlagen, schriftliche Arbeiten zum
Circulirenlassen, Lesecirkel, eine Archipresbyteriatsbibliothek und hnliche
Reformphantastereien, die uns arme Einsamkeitsschlucker und Trbsalblser
erheben, zerstreuen und bilden sollen! Du dringst damit nicht durch! Stelle Dich
blind und taub fr alles, was Du sehen und hren wirst! Unsere Kirche bessert
sich einst, aber nur durch groe Revolutionen. Bis dahin emancipire sich ein
jeder fr sich, mache sich zu einem kleinen Privat-Pantheon der gesunden
Vernunft und soll ich Dir rathen, suche Dir in Witoborn hchstens nur die
allerltesten Priester heraus, alte scularisirte Benedictiner, einen alten
Kapitular, der vielleicht ein armseliges Zimmerchen im Seminar bewohnt, nur um
seine Einknfte fr ein paar Schwestern zu sparen. Da wirst Du vielleicht noch
einen oder den andern Menschen finden von Gemth, von herzverklrtem Geist, von
lieben alten plauderhaften Erinnerungen an eine Zeit, wo Lessing seinen Nathan
auch fr uns gedichtet hat und mancher junge katholische Priester lieber eine
schne luthersche Predigt von Spalding und Reinhard ablas, als selbst eine viel
weniger schne schrieb. Da ist im alten Jesuitenstift ein Gang, wo alle Generale
der Jesuiten abgebildet sind! Sieh sie Dir an! Einer schaut pfiffiger aus, als
der andere; die Spanier sind besonders schlau, die Deutschen von einer
klglichen Unverbesserlichkeit, smmtlich, wie es scheint, aus der dmmsten
Gegend Deutschlands, aus dem Innviertel; nur einen sieh Dir recht an, der hat
eine furchtbar lange Nase, scheint mir jedoch der gutmthigste von allen. Die
Nase ist ganz nur die Ablagerungssttte fr die Schnupftabacksdose. So sah der
alte Rector dort aus, als ich bei Witoborn lebte und ein alter lieber Freund von
mir, ein ehemals jdischer Gelehrter, den ich in Paris kennen gelernt hatte,
dort convertirte und ins Seminar trat ... A propos, solltest Du unsern
harmonietrunkenen Herrn Lb Seligmann von hier sehen: die Hasen-Jette lt ihn
gren und von seinem Davidchen anzeigen, da dessen Beine sich strken und sein
Geist von Tag zu Tag dem des jungen Samuel hnlicher wird ... Findest Du unter
den Priestern einen solchen kleinen alten dicken Mann mit langer Nase und einer
Schnupftabacksdose in der Hand, dann gr' ihn von mir, er kennt mich gewi. Der
alte Rector freilich ist jetzt todt ...
    Sonst - wenn Du arme Kaplane siehst, fr die das Wort Stolgebhren bisher
nur erst im Examen vorgekommen ist und die am Freitisch bei ihrem Pfarrer
verhungern mssen, nun, immerhin, lege fr mich aus, Bona, falls Du auf
anstndige Art einige ihrer drckendsten Schulden tilgen willst und wende ihnen
Mestipendien zu, soviel nur Seelen am Vorhof des Himmels schmachten, und la
die armen Trpfe nicht herumlaufen und um Messen betteln und bei jedem
Sterbefall lungern, ob auch fr sie ein Knochen von den zweihundert gestifteten
Erlsungsbitten  10 Silbergroschen abfllt! Und findest Du am Mnster in
Witoborn auch so arme, blasse, heisere Vicare, die statt der bequemen Domherren
Brevier singen mssen und schon um den letzten Ton in ihrer Kehle gekommen sind
(knnte doch Lb Seligmann aushelfen!), so zeig dem Bischof die stummen Opfer
Roms und seufze immerhin in meinem Namen vorlufig wenigstens um deutsche
Sprache statt lateinischen Gesangs!... Lebt denn dort noch die Quart? Mu denn
auch da jeder neuernannte Pfrndner den vierten Theil seines Einkommens dem
Bischof zinsen? O wrde das Geld doch angelegt fr eines Priesters alte Tage, wo
er freudlos, ohne liebende Hand, die fr ihn sorgt, ohne ein Herz, das seine
grmelnde Laune ertrgt, in das Eremitenhaus ziehen mu oder in einen alten
Profehof kommt, diese Invalidenhuser der rmischen Armeen, wo es zwar keine
Stelzfe, aber arme unglckliche Seelenkrppel genug gibt! Bona, Bona - nun
komm' ich doch in die Reformen! Man sagt, unterm Mikroskop wre unser reinstes
Quellwasser voll garstiger Infusorien - und Windhack behauptet das auch und
verleidete sich dadurch schon zu lange das Wasser und trinkt fast zu viel vom
Kocherer Wein -; aber an dem Sold, von dem der Priester sein Dasein bestreitet,
lt man ihn tglich zu schaudervoll sehen, wo er herkommt, lt ihn zu na aus
allen Taufbecken in unsere Hand gleiten, wo auch noch jeder Seufzer oder Fluch
der Armuth frisch am Gegebenen klebt ... Schule und Kirche mcht' ich doch so
lange, bis die Heiden oder andere Apostel kommen und eine neue Religion bringen,
vom Kleinhandel des eigenen Erwerbs befreit sehen.
    Priesterwrde! Das la ich vorlufig gelten! Aber sieh' Dich nur recht um
und berzeuge Dich, wie jetzt nur ein ganz gewhnlicher Unzufriedenheitsstoff,
der in der Welt lagert und sich gern mglichst loyal und ohne zehn Jahre Festung
austoben mchte, diesen neugepredigten Anhalt an Rom sucht! Der Jakobiner
versteckt die rothe Mtze unter der Kapuze, der Provinzialgeist stemmt sich
wider die Centralisation, den katholischen Plattdeutschen beschmt das vornehme
Air des luther'schen Hochdeutschen, der Jurist vom Code Napolon will nichts vom
Landrecht, die Frsten im Sden frchten die Kraft der Frsten im Norden; blos
das, das, das gibt den feurigen Teig des jetzigen Umschwungs wie bei der Bildung
der Erdrinde. Die Jesuiten und Jesuitengenossen kennen das alles und kneten den
Teig und machen sie auch nur kleine Agnus Dei daraus, all ihre Slichkeit
riecht nach Pech und Schwefel ... Du wirst Geistliche bei Witoborn sehen, die so
liebfromm sind, da sie sich nicht mehr die Zhne putzen, blos, weil sie
frchten, dabei Morgens, ehe sie nchtern Messe zu lesen haben, etwas Wasser zu
verschlucken! ... Und worauf beruht diese Dumpfheit des Geistes bei den Bessern?
Auf dem Glauben, da man - Vater, Mutter und Heimat krnke, wenn man irgendwie
vom Althergebrachten abgehen wollte! Dem Gemth schlieen sich auch hierin
Eigensinn und Eitelkeit an. Man glaubt, da man von der Aufklrung wegen
uerlicher Dinge verspottet werde, wegen seiner Aussprache, wegen seiner
drftigen Gegend, wegen der Zurckgebliebenheit seiner Stdte ... Nun trotzt
man, doch auf seinen einsamen Hfen und Kampen die Lerche so gut trillern hren
zu knnen, wie im schnsten Schweizerthal, trotzt, da man in seinen drftigen
Stdten doch manches liebe mit wildem Wein bewachsene Haus kenne, manches
Fenster, wo Mdchenkpfe auch hinter Blumen herausschauen, wenn auch hier die
Liebe nur plattdeutsch sprche ... Und so hlt man denn mit Zhigkeit gerade
fest an seinem Zopf! Das ist mit unserer Kirche berall so, seitdem die
Reformation in dem stattlicheren Gewand der Wissenschaft und Bildung einhergehen
durfte. Ueberall erscheint die Ketzerei den Leuten als eine Verhhnung nicht
etwa des Glaubens, man gibt bedenkliche Schden an ihm zu, sondern als ein
Geringachten - der vielen anderweitigen Gemthlichkeiten, die sich fr den
Menschen an seine Jugend, an - seine liebe alte Gromutter anknpfen ... ...
    In Deutschland, la mich in einem Briefe, wie ich ihn seit Jahren so lang
nicht schrieb, fortfahren, in Deutschland sollte nun die Bildung und die
gemeinsame Geschichte unsers Volks lngst diesen Zwiespalt aufgehoben haben! ...
Aber jetzt sieh, wie gesorgt wird, da der Bruch ein ewiger bleibt! ... Du wirst
im ganzen Stift Heiligenkreuz vielleicht nur ein einziges verstecktes und
bestubtes Exemplar vom Goethe, zwei oder drei Exemplare vom Schiller finden,
dagegen alle Blumenlesen, alle nervenangreifenden Kruterapotheken unsers Beda
Hunnius ... Ich wei nicht, ob es in Westerhof jetzt besser ist. Graf Joseph
ging ber Stolberg's Horizont nicht mehr hinaus. Levin von Hlleshoven ist ein
geistvoller, unterrichteter Mann, schrullenhaft jedoch und hchst afterklug. Die
Sicherheit, mit der er sich schon vor vierzig Jahren auf den Bau der Pyramiden
verstand, whrend ihm jeder Backofen, den er bauen lie, zusammenfiel, wird sich
bei seinem Leben unter lauter Frauen nicht gemindert haben. Abenteuerliche
Gelehrsamkeit ist alldort ein besonderes Steckenpferd. In jedem Dorf wirst Du
die rechte Stelle finden, wo Hermann den Varus schlug. Ist es zweifelhaft, wo
das Midgard der Asen lag, wird man immer gegrndete Vermuthung fr ein Torfmoor
bei Eschede oder eine Wiese bei Ldicke haben. Dieser hinter Vaterlandsliebe
sich versteckende Hochmuth ist - allen Deutschen eigen! Er kommt bei keiner
Nation so vor, nur Levinus wrde vielleicht hinzusetzen: Bei den Tschippewern
... Noch immer sitzen gewi die Frauen dort und lauschen solchen Orakelsprchen
und auch Mnner genug gab es, die vor der Weisheit des Barons von Hlleshoven
den Hut abzogen ... Die Kunst ist bewunderungswrdig, mit der der Mensch
versteht sich eine Gemeinde zu bilden! Selbst Windhack versteht das. Windhack
und Levinus ziehen eben nicht die Gelehrten in ihr Vertrauen, sondern die
Fischer, die Zllner, die Teppichmacher, nicht die - Plato und Schleiermacher -
doch genug von diesem Kapitel - -
    Ich komme auf Westerhof zu sprechen, weil ich mchte, da Du Deine
liebevolle Vershnlichkeit anwendest, um eine Ausgleichung herbeizufhren
zwischen dem Ehepaar Ulrich und Monika. Ich hre, da die Comtesse Paula Wunder
verrichtet und in die Zukunft sieht. Bisjetzt hab' ich noch in allem, was ich
davon erfuhr, zu viel Aberglauben der dort landesblichen Sorte gefunden. Du
wirst wol so gut sein, mich darber ins Klare zu setzen; denn an und fr sich
hab' ich allen Respect vor den geheimnivollen Ein- und besonders den -
Ausgangspforten aus unserm rthselhaften Dasein - Sonst wrd' ich Dich bitten,
das schne junge, Dir theure Wesen zu ersuchen, sich bei den Schicksalsmchten
zu erkundigen, was ber diese Verwickelungen beschlossen ist. Was wir hier so
aus unsern sichtbaren Gestirnen entnehmen knnen, ist die kurze und bndige
Absicht des jngern, minder gelehrten, doch willensstrkeren Ulrich von
Hlleshoven, nchster Tage nach Witoborn zu kommen, auf Westerhof ein kurzes und
bndiges Wort zu sprechen und sein Tchterlein Armgart an sich zu nehmen.
Zugleich flattert wie eine Taube um ihr vom Geier bedrohtes Nest auch die Mutter
und wird, wie sie mir schreibt, nicht verfehlen, das zu beanspruchen, was ihr
gehre. Da knnten denn also diese zwei Menschen sich gegenbertreten und nach
meiner Meinung die oft im Leben vorkommende Scene auffhren, da sich zwei Leute
gerade deshalb nicht verstehen, weil sie aus einem und demselben Stoff
geschaffen und gerade freinander bestimmt sind. Denn in der ersten Liebeszeit
sucht man sein Gleichartiges - Du kennst das nicht - in der zweiten Liebeszeit
sucht man sein Gegentheil und in der dritten Liebeszeit kommt man auf den
richtigen Instinct der ersten Liebe wieder zurck und will nur das, was unserer
Natur gleichartig ist. So ging es diesen zwei Menschen. Ein Zufall verband sie
und sie gehrten sich einander. Da kam eine Willensprobe und sie scheiterte an
ihren harten Kpfen. Jetzt scheinen sie vollkommen reif, sich gerade so zu
lieben, wie man sich eben noch liebt, wenn man Kinder hat, die schon selbst
wieder von Liebe sprechen. Auch das trifft zu: Jede Liebe, die sich in sptern
Jahren noch bewhren soll, mu eine andere Nahrung haben, als die der erste
Jugendlenz schon allein in seinem schnen Bltenduft findet. Ein Drittes mu sie
haben, um dessentwillen sie da ist, um dessentwillen sie sich bewhrt, nicht
blos die bliche Brcke der Liebe zu den Kindern, sondern eine Idee und wre
es die Erziehung dieser Kinder, eine Erziehung hherer Art, eine mit Bewutsein
und Gedanken. Immer hab' ich gefunden, da zuletzt doch in den gleichen Ideen
eine unendliche Bindkraft liegt. Zwei Feinde, die sich auch nur Einmal in einer
gleichen Idee begegnen, knnen sich vershnen.
    Bis zu Mari Verkndigung bleibst Du wol noch in der dortigen Gegend; zur
Osterzeit werden sie Deine Schultern in der Kirchenresidenz brauchen. Ich werde
bald meine dreijhrige schwere Arbeit antreten und auch meine Visitation an
der Donau halten. Frau von Glpen zittert schon wieder, mich Windhack allein
berlassen zu sollen, sich zu denken, da ich bei meinen alten
Kreuzsternordensdamen eines Abends sanft beim Whist einschlummere, ein  tout in
der Linken, ein ich passe auf den Lippen ... So ging ich am liebsten heim! ...
Aber das kommt mir bei dieser Reise noch nicht, ich wei es; ich habe die
Ahnung, da ich noch viel bse Ungewitterwolken sich entladen sehen soll. Der
Oberprocurator Nck bot mir eine Commission an, die ich ablehnte. Cardinal
Ceccone kommt von Rom als apostolischer Nuntius an die Donau. Ihm und dem groen
Staatskanzler will man die Lage des gefangenen Kirchenfrsten und die Zukunft
Deutschlands ans Herz legen. Don Tiburzio Ceccone zu sehen wre mir von Werth;
aber von seinem Munde dann auch hren zu mssen, was geschehen soll, um in das
Vaterland Leibnizens und Kant's die Luft hinberzuleiten, die man in den
Hrslen des Collegio Romano athmet - das knnte mein  tout beschleunigen.
Uebrigens droht mir bei alledem eine gewisse Beziehung zu Rom. Auch Dir drfte
sie nahen, wenn Dich Dein Stiefvater in Vertraulichkeiten einweihen sollte - ich
lese soeben, whrend ich dies schreibe - der Kronsyndikus ist gestorben! ...
    Ruhe seiner Asche! - - -
    Sorge, da bei allem, was jetzt etwa zur Sprache kommen knnte, nur Priester
zugegen sind; denn darin hatte Benno Recht: Der Beichtstuhl - - -
    Genug fr heute! Gre ihn von mir - meinen armen - Zigeunerknaben! Wer
wei, ob ich jetzt nicht endlich mit ihm beredsam werden mu, wenn er mir, so
wie Du im letzten Sommer, aus Grbern der Vergangenheit alte Erkennungszeichen -
unserer Snden bringt -! Hast Du nichts mehr von dem Leichenruber vernommen?
... Grtzmacher und Schulzendorf sind recht verdrielich - ber verfehlte
Prmie ...
    Spt Abend ist's geworden - - Musik hr' ich schon seit lange nicht mehr -
Die Tante correspondirt mit ihrer Familie und will mich durch eine noch immer
nicht entdeckte Nachfolgerin ihrer letzten Nichte berraschen. Diese letzte
... kam, hr' ich, um - Deinetwillen! ... Bona, Bona, ich htte die nicht von
mir gestoen ... Drei Tage war sie bei uns und sie sind eingeschrieben in die
Chronik der Dechanei wie mit Flammenschrift ... Selbst den Tod des Lolo (von dem
Du wol noch nichts weit) schreibt die Tante auf Frulein Schwarzens Rechnung
... Mit Beda Hunnius correspondirte sie und die Regierungsrthe lasen - und
belachten alle diese mit Beschlag belegten Briefe ... Um so stolzer erhebt sie
ihr Haupt ... Ich hre, sie beherrscht das ganze Kattendyk'sche Haus und niemand
mehr, als - den Oberprocurator ...
    Deine Liebe mu also - goldene Locken tragen? Mu - im Mondlicht wandeln?
... Seltsam! Seltsam!
    Zerrei diesen Brief nicht, sondern - verbrenne ihn! Man hat Flle, da
zerrissene Briefe immer noch gegen uns zeugen knnen, falls man auf den Gedanken
kme, nach unserm Tode uns heilig zu sprechen ... Ich glaube, Petronella setzt
alles, was sie hat und doch noch zu erben hofft, daran, mir nach meinem Tode
diese unverdiente Ehre zuzuwenden ...
    Ich habe seit Jahren nicht soviel geschrieben ... Der Tod des Kronsyndikus
versetzt mich - in wehmthige Aufregung ... Lebe wohl, Bona, und denke nur
immer, auch wenn Du vielleicht - - in diesen Tagen nicht das Beste von mir
vernehmen solltest, ich war schwach - schwach - um der Liebe willen - - Und so
fortan wie bislang Dein treuer Onkel.
    So erheiternd auch anfangs die Stimmung dieses Briefes auf Bonaventura
wirken durfte, der Schlu regte zu Besorgnissen und befremdlichem Nachdenken auf
...
    Dennoch verweilte er nicht zu lange bei den trben Schatten, die mit diesen
Gedankenreihen in sein Inneres fielen. Zu sehr hatte er das Bedrfni des Glcks
und jede Vorstellung nahm bald wieder die holdeste, freundlichste Gestalt an ...
    So endete der glcklichste Tag seines Lebens.

                                       9.


In hnlichen, doch zugleich vom tieflastenden Druck der Furcht beschwerten
Stimmungen hielt sich auf seinem Zimmer ein Mann, in dessen Inneres wir zum
ersten male einblicken wollen.
    Nicht lange hatte Armgart in der schwebenden Pein der Ungewiheit ber den
Onkel und die Tante zu verharren brauchen ... Einige Augenblicke spter, nachdem
Bonaventura gegangen, kamen sie von der Gegend auf Witoborn zurck ...
    Armgart's strmischen Fragen nach dem Ort, wo sie gewesen wren, nach den
Nachrichten, die sie mitbrchten, wurden schroffe Antworten zu Theil. Als sie
von einer Verabredung sprach, die hinter ihrem Rcken getroffen worden, um sie
dem Vater zu berliefern, schwieg man ... Aber auch sie verstummte pltzlich;
denn Wenzel von Terschka sprach, um einen mglichen Zwist im Keime zu
unterbrechen, von ihrer Mutter ...
    Er nannte Monika von Hlleshoven die Seltenste ihres Geschlechts, einen
Edelstein in dem Bunde aller der vortrefflichen Menschen, in deren Nhe er hier
zu leben so glcklich wre, eine Denkerin ohne die Runzeln der Stirn, die dem
Gedankenleben zu folgen pflegten und die Leichensteine der Schnheit wrden,
eine Gelehrte, ohne da man an ihren Fingern die Dinte she, eine Priesterin an
den Altren einer noch unausgesprochenen Religion, die alle Menschen verbinden
und glcklich machen wrde ...
    Auf dies berraschend enthusiastische Wort ermunterte Paula, die selbst noch
wie berauscht war von ihrem geschlossenen Bunde mit Bonaventura, den Sprecher
fortzufahren ...
    Armgart unterbrach ihn aber und sagte aufwallend:
    Meine Mutter wird in ihrem wiener Kloster keine andere Religion gefunden
haben, als die des dreieinigen Gottes!
    Auf diese entscheidende Aeuerung trat eine Stille ein und kein behagliches
Gesprch lie sich heute mehr anknpfen ...
    Nach dem Thee trennten sich alle ...
    Als Wenzel von Terschka auf seinem Zimmer war, machte es ihm der Diener so
zurecht, wie der Rittmeister seither gewohnt war immer den Abend noch
zuzubringen ... Vor Mitternacht ging er nie zur Ruhe ... Zwei Zimmer muten
erleuchtet sein ... Auf drei, vier Tischen muten Lampen stehen; denn auf jedem
lag ein Actensto von diesem oder jenem Inhalt - zu verzweigt war die
Geschftsthtigkeit, der er sich zu widmen hatte ...
    Geschftlich war ihm seither alles vortrefflich gegangen ... Er konnte
seinem Gnner und Freunde Grafen Hugo, er konnte der Mutter desselben, jetzt
auch schon an Monika Berichte voll erfreulicher Ergebnisse schicken. Die letzten
Chicanen, mit denen Nck noch drohte, waren durch seinen Bevollmchtigten,
Benno, gemildert worden. Benno verfuhr mit Entschiedenheit, vermehrte jedoch die
Schwierigkeiten nicht. Die Parcellirung war von der Regierung genehmigt. Lb
Seligmann hatte die einzelnen Bestandtheile taxirt und schon Angebote
vermittelt. Seligmann war hin und her; fr seine Geschftsthtigkeit hatte er
eine neue Provinz erobert; kehrte er nach Kocher zurck, so blies er sich schon
jetzt das Horn einer Extrapost fr die letzte Station, auf der er diese kleine
Prahlerei sich gestatten wollte ... Endlich wurde eine bedeutende Geldsumme
sogleich flssig durch die an Thiebold de Jonge verkauften Waldungen ... Nach
Ostern konnte der neue Besitzstand vollstndig angetreten werden.
    Anfangs war in diesem Kreise Terschka der, der er berall gewesen. Ein Mann
von vierzig Jahren und doch noch jugendlich; eine Natur, unheimlich manchem,
weil er niemanden Stand hielt, doch erweckte er auch niemanden Furcht oder
Besorgni. Man konnte ihn nur nicht festhalten. Etwas Unstetes lag in seinem
ganzen Wesen. Gefllig war er gegen jedermann. Seiner schmchtigen, zierlichen,
gewandten Gestalt stand es, da einen Strickknuel aufzunehmen, dort einer
Cigarre Feuer zu geben und dabei doch schon wieder einen Befehl zu ertheilen,
den er halb schon selbst ausfhrte. Thiebold fand ihn sogleich superlativ.
Terschka scho einen Vogel im Fluge, selbst im whrenden Reiten. Seine Kunst,
die Pferde zu zgeln, war der Gegenstand allgemeiner Bewunderung. Dennoch sagte
Benno gleich, nachdem er ihn einige Tage lang beobachtet hatte: Dieser Mann ist
nicht schlecht und doch hat er kein gutes Gewissen! ...
    Von der verfehlten Begrung der Grfin Erdmuthe war Terschka ganz in der
Aufregung zurckgekehrt, die der letzten geheimen Zwiesprache zwischen Monika
und der Grfin entsprach, die den Uebertritt derselben zum Lutherthum und eine
Vermhlung mit Terschka wnschte. An dem Abend bei Piter Kattendyk hatte er ganz
wieder in das Innere dieser jungen Frau blicken knnen, die sich, wie Luther
sich aus Rom die Reformation, so aus einem Kloster die Freiheit des Denkens
geholt hatte. Er begleitete sie, noch vor dem Auflauf in den Straen, noch vor
dem militrischen Conflict mit den Vereinen, in ihr Hotel, mute aber Abschied
nehmen, da seine Rckreise eines Gerichtstermins wegen unerllich war ... Nun
schrieb er ihr ... Sie antwortete ... Es waren Briefe der Convenienz, wirkliche
oder gesuchte Geschftsanfragen ... Monika antwortete kurz und wich Dem aus, was
ihre Empfindungsweise htte misdeuten knnen ... ... Terschka hatte keine
Berechtigung, auf das Herz dieser Frau zu rechnen ... Eine Frau empfindet bald,
ob eine Werbung aus dem tiefsten Bedrfni des Herzens oder nur aus der
Phantasie entspringt ... Letzteres schien bei Terschka der Fall. Diese seltsame
Naturerscheinung, silbergraue Locken auf einem halben Mdchenantlitz,
krperliche Reize verbunden mit einem durchaus geistigen Leben - Terschka hatte
sich in den Strudeln der Welt genug umgetrieben, um diese Verbindung neu und
anziehend zu finden. Wie Terschka auch jugendlich aussah, im Grunde war er
ermdet. Vielleicht htte er eine edlere Ruhe finden mgen. Vielleicht htte er
gern die Waffen der List und der Khnheit, die er zwanzig Jahre lang gefhrt,
niedergelegt zu den Fen einer Liebe, die ihn dann immerhin hatte tyrannisiren
mgen. Vielleicht hatte er das Bedrfni, gut zu sein oder sehnte sich nach
Erhebung. Frauen, die in sich gefestet sind, vermgen viel. Schon Grfin
Erdmuthe, die Terschka und ihr Sohn, Graf Hugo, vielfach betrogen hatten, hatte
ihn gemildert, gezhmt und als dann eine Monika in diesen Lebenskreis eintrat,
empfand Terschka fr sie wie fr ein Wesen, das ihn, so sagte er auch schon in
Wien, von sich selbst befreien knnte und neugeboren werden lassen ...
    Seit einigen Tagen kam in Terschka's Wesen etwas, was Benno's Wort vom bsen
Gewissen zu besttigen schien ... Vollends seit der Rckkehr vom
Leichenbegngni, seit dem gestrigen Abend im Finkenhof war Terschka wie
zerstrt ... Er unterzog sich seinen tglichen Geschften, er rechnete unten im
Rentamt mit den Beamten, sorgte fr die Vorbereitungen der groen Jagd, war
heute wieder frh in Witoborn, Nachmittags in Heiligenkreuz gewesen, besorgte
seine Briefe, wrzte das Gesprch mit Anekdoten, sprach ber die Schweiz,
Frankreich, Italien - in Rom war er mehr zu Hause, als er zu gestehen liebte -
aber seine Stze waren abgerissen, seine Uebergnge unvermittelt, seine
Antworten zerstreut ...
    Gleich gestern Abend, wo er vom Finkenhof heimgekehrt war, hatte er sein
Zimmer zugeschlossen, die Lampen, die er angezndet fand, ausgelscht bis auf
eine, hatte die Vorhnge niedergelassen, als knnten die Pappeln von drauen
verrtherisch hereinlugen, hatte seine Kleider abgezogen, sich - vor den Spiegel
gestellt, das Hemd zurckgeschlagen, den Aermel aufgestreift und - auf den
linken Arm in dem Moment sein Auge gerichtet, wo es klopfte ... Erbebend stellte
er die Lampe nieder, lie den Aermel herabgleiten und rief: Wer da? ... Ein
Diener brachte ihm den Brief, den Armgart hatte unterschlagen wollen ...
    Nur allein dieser Brief konnte ihn zerstreuen und beruhigen ... Er erbrach
ihn, las ihn, las ihn wieder ... Es waren nur einfache Berichte ber die Summen,
die die Grfin im Hotel zu bezahlen hatte ... Mittheilungen ber ihren
Aufenthalt, den Monika nicht mehr verlngern wollte, obgleich sie ihn in einem
bescheidneren Zimmer des Hotels genommen hatte ... Nachrichten ber die Ankunft
der Grfin in London und die erste Bekanntschaft mit Lady Elliot ... Kleine
Neckereien auch ber Lucinde, die Monika nher kennen gelernt hatte und die sie
ihm um so mehr empfahl, als ihre Schnheit und ihr Geist an jenem Abend ihn ja,
wie sie schrieb, sofort gefesselt und an eine glckliche Vergangenheit erinnert
htte - an jenen Pferdeankauf im Holsteinischen fr Hugo's Regiment - Aber nicht
ganz fand Terschka seine Heiterkeit wieder ... Gestern und auch heute nicht ...
Der Bruder Hubertus konnte nickt erwhnt werden, ohne da er errthete ...
Soviel er auch heute in der Gegend umherstreifte, er konnte ihm nicht begegnen
... er wnschte das und frchtete es wieder ... Zum Kloster Himmelpfort zog es
ihn und wieder jagte es ihn gespenstisch aus dessen Nhe ...
    Zu den Besorgnissen, die ihn erschreckten, kam die Entdeckung, die im
Benehmen Armgart's lag ... Warum hielt sie ihn heute so fest nach Paula's
Vision? ... Was wollte sie berhaupt schon seit lange mit ihm? ... Errieth sie
seine Liebe fr ihre Mutter? ... Mistraute sie dem Briefwechsel, von dem sie
sich unausgesetzt erzhlen lie? ... Heute war das auf der Wanderung von
Heiligenkreuz mit ihm ein Ton gewesen, der ihn vllig befremden mute ... Da
Thiebold und Benno um Armgart warben, sah er, und ein keineswegs zu scharfes
Auge gehrte dazu, sich zu sagen, da letzterer der Bevorzugte war ... Und
dennoch, dennoch begann Armgart seit einiger Zeit ihm eine Theilnahme zu
schenken, die ihn zu verwirren anfing ... Was hat nur das seltsame Mdchen?
sagte er sich ... Auf der Wanderung heute kam sie von der Mutter ab und sprach
wie im Traum, bis Terschka ihr geschworen hatte, er wisse nichts von der Nhe
ihrer Mutter ... Selbst heute Abend ihr: Gute Nacht, Herr von Terschka! - wie
klang das so s und herbe zugleich, so innig und doch so beklommen, so
absichtlich und doch so zurckgehalten! ...
    Heute wieder schlo sich Terschka ein, was er sonst nie that ... Wieder
konnte er erschrecken vor jedem unerwarteten Gerusch ... Dem Diener, der ihm
die Zurckkunft des Rosses von Heiligenkreuz meldete, sagte er bei Gelegenheit
des Namens Schneid: Ist das Der, der gestern auf dem Finkenhof unter dem Schutz
des buckeligen Stammer erschien und falsch gespielt haben soll? ... Er hrte
aber nicht weiter auf die Mittheilung, da Baron Levinus dem Vagabunden nur noch
eine dreitgige Frist als Probe seiner Haltung gestattet htte ... Bonaventura
hatte auf Bitten des alten Tbbicke selbst ein Frwort fr den ihm unbekannt
gebliebenen, ja ihn vermeidenden Fremdling eingelegt ...
    An Monika hatte Terschka jetzt schreiben wollen. Er wollte ihr Vorwrfe
machen, da sie beabsichtigte, wie er von andern hren msse, in die Gegend zu
kommen, ohne ihn in Kenntni zu setzen. Verdien' ich Ihr Vertrauen nicht? hatte
er sagen und sein ganzes Gefhl ausstrmen wollen ... O, ich ahne es, Sie werden
sich mit Ihrem Gatten verstndigen! Ihr liebliches Kind wird Sie beide
verbinden! Die Hoffnung meines Lebens ist dahin! ...
    Nie hatte er so zu Monika gesprochen ... Sollte er es heute wagen? ...
Heute? ... In den Stimmungen, die ihn seit einigen Tagen erfllten! ... In
diesen aufgeweckten Erinnerungen, in den qulendsten seines Lebens? ... In
Ahnungen, Schreckensaussichten, die ihm pltzlich gekommen waren bei Nennung des
Namens - Bosbeck? Bei Erwhnung jener beiden Knaben, die Hubertus einst aus dem
Feuer rettete?
    Erzhlen wir von Wenzel von Terschka die Wahrheit.
    1798 war er geboren und in der That ein Bhme und in der That vom Adel, wenn
auch vom rmsten.
    Sein Vater, einer herabgekommenen Familie angehrend, diente zur Zeit der
franzsischen Revolutionskriege im sterreichischen Heere und stand bei
Kinsky-Ulanen in jener Heerabtheilung, die anfangs unter Wurmser, spter unter
Erzherzog Karl gegen die franzsische Republik am Neckar, Rhein, an der Mosel
mit abwechselndem Glcke focht. Seines Adels und Alters ungeachtet war seine
Stellung nur gering. Er hatte Lieutenantsrang und bekleidete die Functionen
eines Regimentsquartiermeisters. Ihm, der auf dem Marsche immer fr die sichere
Unterkunft der andern sorgen sollte, begegnete es, da er bei einem Ueberfall
selbst von seinem Regiment abgeschnitten und gefangen genommen wurde. Die
franzsischen Armeen hatten sich damals in Nassau und bis nach Hessen hin
festgesetzt, der Gefangene blieb am Rhein in der alten Stadt St.-Goar. Seine
Lage war hart und zog sich in die Lnge ...
    Es war die Zeit des Rastadter Gesandtenmords, der die Welt mit Entsetzen
erfllte - man frchtete Rache an jedem gefangenen Oesterreicher ... Der
Quartiermeister von Terschka war verheirathet. Seine Frau gehrte dem niedern
Brgerstande an. Ursprnglich war sie eine wohlhabende Bckerswitwe in einer
bhmischen Stadt, die in zweiter Ehe ihr Geschft verpachtet hatte. Die wenig
gebildete, kaum halbwegs deutsch sprechende Frau besa reichlich die Mittel, um
dem, wie sie zu ihrem Schrecken in Erfahrung brachte, gefangenen Gatten zu
folgen, setzte sich auf die Post, reiste an den Rhein, kam in St.-Goar an,
verfiel jedoch, kaum im Wirthshaus abgestiegen, vor Anstrengung und Aufregung in
eine Krankheit, die ihr und beinahe auch einem Kinde, das sie unterm Herzen
trug, das Leben kostete ... Obgleich sie schon in zwei Monaten Mutter werden
mute, hatte sie sich dennoch diese Reise zugetraut ... Sie erlitt eine
Frhgeburt und sah ihren Gatten, der von der oberhalb der Stadt gelegenen
Festung herbeieilte, nur wieder, um fr dies Leben von ihm Abschied zu nehmen
... Die Wache, die ihn begleitet hatte, stand voll Rhrung. Es war ein
herzzerreiender Anblick ... Die schon an Jahren vorgerckte Frau erlag dem
Opfer ihrer Liebe. Wenzel, wie die Nothtaufe das kaum athmende Kind nannte, war
ein Siebenmonatkind. Daher die eigenthmliche Unfertigkeit und scheinbare
Unreife in seinem ganzen Wesen ... Die Hebamme nahm das halbtodte Kind an sich,
besorgte das Begrbni der Mutter, der Vater schrieb um Mittel nach Bhmen ...
    Eine schmerzliche Zeit verging dem Gefangenen auf der Festung Rheinfels, die
oberhalb des Stdtchens St.-Goar liegt. Der Rastadter Gesandtenmord schien die
Aussicht der Ranzionirung zu vereiteln und lie eine Abfhrung ins Innere
Frankreichs erwarten. Die aus Bhmen erhofften Gelder blieben aus. Der Krieg
wthete am Main und bedrohte sogar schon Thringen ... Die Hebamme war keine
besonders wohlwollende Frau. Sie hatte Noth mit dem schwer zu erhaltenden Kinde
und drang auf eine Verpflegung bei andern Leuten, zu der dem Vater die Mittel
fehlten ...
    Ein Mitgefangener hrte das Seufzen und die Klagen des unglcklichen
Kriegers, hrte das Schreien seines Kindes, das man ihm zuweilen brachte, und
schlug ihm durch die Wand, die ihn von seinem Nachbar trennte, eines Tages vor,
das Kind an seine Frau zu bergeben, die heimlich unten im Orte wohne, selbst
nur ein Kind htte und einem zweiten gewi bis auf weiteres eine treue Mutter
sein wrde ... Fr die Heimlichkeit des Aufenthalts seiner Frau in dem Orte gab
er Grnde an, die so stichhaltig schienen, da der Tiefgebeugte kein Arg hatte
... Terschka bewegte sich freier, als der Mitgefangene, der kein erwiesener
Verbrecher war, sondern nur wegen mangelnder Legitimation, doch streng gehtet,
gefangen sa ...
    Die Noth und die Hoffnung auf baldige Ranzionirung bewogen Terschka's Vater,
auf den Vorschlag einzugehen. Er erkundigte sich nach seinem Nachbar und nun
erfuhr er freilich, da es ein Mann war, den man fr einen Gauner hielt. Es war
ein Jude. Man vermuthete, da sein angeblicher Name Sontheimer schwerlich sein
rechter wre, setzte aber hinzu, da man sich auch irren knnte. Da seine Frau
im Orte lebte, wute niemand und da Sontheimer zu dringend gebeten hatte, da
sie nicht genannt wrde, schwieg der Kriegsgefangene und lie sein kaum
lebensfhiges Kind an den ihm von seinem Nachbar nher beschriebenen Ort, eine
enge, dunkle Gasse dicht am Rhein, bringen ... Wie die Umstnde waren, war das
ein Glck fr den Kriegsgefangenen, der durch eine so traurige Verkettung von
Umstnden um seine Freiheit, um sein Weib kam und noch obenein die Sorge um ein
Kind vom Schicksal auferlegt erhielt! ... Haus und Herd gab es damals fr
Tausende nicht mehr ... Mit den Armeen zugleich zogen die Bewohnerschaften
zerstrter und geplnderter Ortschaften mit Weib und Kind und wo sich Waaren und
Gelder hingeflchtet hatten, da lauerte die Nachstellung und der Ueberfall jener
Verbrecherbanden, die wie giftige Pilze nach dem Regen aufschossen im ganzen
verwsteten nordwestlichen und sdlichen Deutschland ...
    Der Kriegsgefangene erhielt noch immer seine Freiheit nicht und dachte oft,
obgleich der dazu nthigen Mittel entblt, an Flucht ... Auf der Festung hatte
er freieren Aus- und Eingang, als die andern ... Der Jude Sontheimer wurde nicht
ins Freie gelassen, sondern wie der gefhrlichste Verbrecher gehtet, ohne da
man ihm etwas vorwerfen konnte ... Seine wilden Flche erschreckten oft seinen
Nachbar ... Voll Entsetzen dachte er an die Aufbewahrung seines Kindes in
solchen Hnden ... Besuchte er aber dann wieder Sontheimer's Frau, so fand er
ein schnes junges Weib, das ihn zwar nur halb verstand (sie war eine
Hollnderin); aber die Ermahnungen des Kriegers wirkten so lebhaft auf ihr
Gemth ein, da sie oft Thrnen, vergo ... Da wurde ihm freilich klar, da es
mit Sontheimer nicht richtig stand; er forschte dahin und dorthin, suchte, ob
sonst niemand sein Kind an sich nehmen wollte ... Aber noch blieb ihm jede Hlfe
vorenthalten ... Die Spuren einer so weichen Gesinnung bei jener jungen Jdin
bestachen ihn ... er lie sein Kind um so mehr in ihrer Pflege, als sie auch die
hingebendste war ... Es kostete bei der schwchlichen Gesundheit des winzigen
Knbleins nicht wenig Aufmerksamkeit, sein Leben zu erhalten ... Diese Pflege
wrde ihm in so wilder Umgebung, bei diesen Durchzgen und Einquartierungen von
niemand anders gleich liebevoll und uneigenntzig geleistet worden sein ...
    Allmhlich entdeckte der Gefangene durch die Wandgesprche die wirkliche
Gefhrlichkeit seines Nachbars ... Der Jude beschwor eines Tages den Krieger,
den Gefngniwrter niederzuschlagen und ihm die Schlssel zu rauben ... Wrden
sie auf diese Art frei, so wollte er ihn frstlich belohnen ...
    Nun begriff der Kriegsgefangene vollkommen den Verdacht der
Sicherheitsbehrden ... Die Welt war damals von Schrecken erfllt vor jenen
groen Verbrecherbanden. Durch die schlechte Justizpflege der Grenzgebiete
Deutschlands und besonders der vielen geistlichen Regierungen hatten sich von
Strasburg bis zum Niederrhein alle zerstreuten Elemente des Gaunerthums und der
Heimatlosigkeit vereinigt und vorzugsweise durch die berwiegende
Theilnehmerschaft der Juden wurde bewiesen, wie es sich an der christlichen
Gesellschaft rcht, wenn sie die Juden in einem abgeschlossenen Druck, in der
Verweigerung der Ansiedelung und freien Erwerbsbung erhlt. Man zitterte vor
Abraham Picard, der unter hundert Verkleidungen und tuschenden Entstellungen
seiner Person immer den Hnden der Justiz zu entschlpfen wute und von Holland
bis zum Spessart mit seinen Genossen und berall versteckten Helfershelfern
raubte und sengte ...
    Mit sich kmpfend, was zu thun seine Pflicht war, stand der Kriegsgefangene
verzweifelnd zwischen dem Verlangen, die Behrden auf die Gefhrlichkeit seines
Nachbars aufmerksam zu machen und zwischen der Sorge fr sein Kind ... Voll
Vertrauen zum Herzen des jungen Weibes wollte er sie zu Rathe ziehen ... Von
seiner ihn immer begleitenden Wache gefhrt, kam er in die Stadt und in jene
dunkle Gasse. Er sucht die Pflegerin seines Kindes, tritt in ihr Zimmer und
findet die Jdin entflohen ... Mit beiden Kindern war sie seit einem Tage
verschwunden ... Auer sich, hielt er jetzt mit keiner seiner Enthllungen,
wenigstens ber die heimlich in der Stadt anwesende Frau des Gauners zurck.
Sontheimer wurde mit ihm confrontirt. Er strzte auf den Verbrecher zu, den er
zum ersten mal in ganzer Gestalt sah, verlangte Auskunft ber den Ort, wo sich
sein Weib verborgen haben knnte und hrte nun, wie dieser kecke, wilde,
trotzige Mensch, von dem er bisher nur den aus dem vergitterten Fenster
gesteckten Kopf gesehen hatte, sich mit einer Verschlagenheit herauszureden
wute, da er aus Furcht vor Rache an seinem Kinde Anstand nahm, noch alles
Fernere zu gestehen, was ihm Sontheimer zugemuthet hatte. Listig sagte dieser:
Es ist nicht mein Weib gewesen, sondern das Weib eines andern, der mir schuldig
ist und den ich in Nimwegen verklagen mu, wenn ich auf freiem Fu bin! Lat
mich ziehen! Ich heie Sontheimer, bin ein ehrlicher Mensch und werde euch die
Frau in Nimwegen zeigen, wo sie auf der Utrechter Gracht wohnt!
    Geschrieben wurde nun freilich hin und her. Aber gerade dem Niederrhein zu
und in Holland wthete die Kriegsfurie. Stdte geriethen in Brand; in nchster
Nhe waren die Bauern der Lahngegend, Hessens, am Main bis zum Spessart hinauf
als Landsturm organisirt, - mitten in die von der Batavischen Republik
heraufziehenden Heere hinein konnte sich der sterreichische Krieger noch
weniger wagen, selbst wenn er entfloh. Aus Sontheimer war nichts mehr
herauszubekommen. Auch da nicht, als endlich der Kriegsgefangene frei und mit
vorgeschriebener Reiseroute an die Oesterreicher zurckgegeben wurde. Er durfte
nicht etwa in seine Heimat zurckkehren, er mute nach Italien gehen, wo gerade
Suworow die Russen und Oesterreicher gegen die Franzosen fhrte. Mit blutendem
Herzen trat er seinen ihm vorgeschriebenen Weg an, lie bei dem Maire von
St.-Goar die Erkennungszeichen des flchtigen Weibes und seines Kindes zurck,
bat einige freundlichgesinnte Herzen um Nachrichten, wenn ihnen eine Kunde kme
oder wenn der Jude Sontheimer entlarvt wrde, und ging ber Mainz nach Baiern,
von dort ber den Vorarlberg nach Tirol und Italien, wo er in der blutigen, fr
Oesterreich siegreichen Schlacht bei Novi den Tod fand.
    Abraham Picard, der gefrchtete Ruber war es selbst gewesen, der bald nach
der Entfernung des unglcklichen Kriegers in seinem Gefngni auf dem Rheinfels
ausbrach und noch eine Reihe von Jahren hindurch der Schrecken des Landes blieb.
Jene junge Frau war in der That nicht sein Weib, sie war seine Schwiegertochter.
Ihr Mann, sein Sohn Heyum Picard', verschaffte ihm zuletzt die Mittel zur
Befreiung, nahm aber schon vorher sein Weib zur Sicherung mit sich hinweg.
Abraham starb auf dem Schaffot, als die gemeinschaftlichen Maregeln aller
Regierungen diesem Raubwesen ein Ende machten. In den Niederlanden bildeten sich
Freiwilligencorps, um den in ihren Schlupfwinkeln verschanzten Rubern frmliche
Treffen zu liefern. Oft nach einer Gegenwehr, deren Heldenmuth einer bessern
Sache wrdig gewesen wre, fielen die Hupter der Gefangenen bei den Franzosen
unter dem Beil des Henkers, bei den Hollndern wurden sie gehngt, manche kamen
fr Lebenszeit auf die Galeere. Den nur Verdchtigen oder den
unzurechnungsfhigen Kindern der Verbrecher brannte man Erkennungszeichen auf
die Haut, um sie controliren zu knnen und ihrer Verstellungskunst zeitlebens
sicher zu sein. Die Kinder gab man unter die Obhut beaufsichtigter Familien.
    Auf diese Art wuchsen Wenzel von Terschka und Jean Picard zusammen auf in
einem hollndischen Dorfe hart an der deutschen Grenze ...
    Die Mutter des letztern erlag den Anstrengungen und den Mihandlungen ihres
Mannes Heyum Picard schon vor dessen Gefangennahme auf franzsischem Gebiet und
seiner Abfhrung auf die Galeeren von Brest. Sie hinterlie ihren Pflegling
sowol, wie ihr eigenes Kind der Aufsicht eines ltern Knaben, der bei einem
Mller Namens Sterz in Arbeit stand - Hanne Sterz, die wir von den
unterirdischen Gngen des Profehauses in der Residenz des Kirchenfrsten
kennen, war einst das Weib eines Hehlers, der auf einer einsam gelegenen Mhle
den Gaunern in die Hnde arbeitete. Mittel zum Unterhalt fehlten nicht, sogar
die reichlichsten gab es. Dieser ltere Knabe hie Franz Bosbeck und gehrte
jener Familie des Jehu Bosbeck an, eines Christen und ehemaligen Offiziers, den
sein dissolutes Leben bis in die Berhrung mit den verworfensten Kreisen der
Gesellschaft fhrte und der sogar seinen christlichen Glauben abschwur und Jude
wurde. Als seinen und seines Bruders Jan Frevelthaten ein endliches Ziel gesetzt
wurde, als eine mit beispielloser Khnheit ausgefhrte Flucht aus einem Thurm in
Nimwegen, wo Jehu Bosbeck neunzehn Monate mit den Fen in Wasser stand, das
Signal zu einer gemeinsamen Verfolgung auf Tod und Leben wurde, zogen sich alle
zerstreuten Familienglieder, die thtigen und die nur hehlenden, in einem
Versteck zusammen, einem Meierhof, der einem Mitverschworenen gehrte. Hier
wurden sie umzingelt. Es gab einen Kampf, wie im offenen Kriege. Von Kugeln
durchbohrt sanken die Verbrecher, die sich mit Verzweiflung wehrten. Ueber
Leichen hinweg strmten die Corps der Freiwilligen. Die Flammen ergriffen das
ganze Anwesen. Das Hauptgebude, ein stattliches Wohnhaus, war durch die
gefllten, in Brand gerathenen Fruchtscheuern eine einzige Feuersglut. Da war
es, wo der vierzehnjhrige Mllerbursch Franz Bosbeck, ein Verwandter des
Hauptfhrers, zwei Stockwerke hoch aus den Flammen sprang, in jedem Arm einen
Knaben, Wenzel von Terschka im linken, Jean Picard im rechten ... Wohlbehalten
kam er auf den Boden; die rauchenden Trmmer verbargen ihn in ihrem dampfenden
Gewlk, er entfloh, rettete sich zu jener Mhle zurck und als auch diese in
Asche gelegt wurde, irrte er mit seinen beiden jammernden Pflegebefohlenen,
abwechselnd bald den Einen, bald den Andern tragend, hinaus in Nacht und
Verzweiflung ... Terschka war damals fnf Jahre alt, Picard etwas lter ...
    Noch zuweilen schreckte Terschka die Erinnerung an diese frhesten
Lebenseindrcke wie ein Fiebertraum. Heute waren es wilde, leidenschaftverzerrte
Gesichter, wie sie Rembrandt und Honthorst malte, die er bei Laternenschimmer
wrfeln, Karten spielen, zechen sah ... Dann wieder sah er Gold- und
Silbergerth aufgehuft, Scke mit klingender Mnze getragen ... Wieherndes
Lachen schallte daher dahin. Pltzlich ngstliche Ausrufe des Schreckens ber
Verrath ... Dann blinkende gezckte Messer, geladene Pistolen ... er hrte
fluchen aus einer Mischsprache von Hollndisch, Deutsch, Jdisch und Franzsisch
... Nichts aber hatte sich unauslschlicher ihm eingeprgt, als jener
Schreckensaugenblick des Brandes, des Hlfejammerns, des Sprunges aus dem
Fenster. Alles das stand noch oft vor seiner Seele und doch war es ihm schon
lange, als knnte es nicht gewesen sein und wre nur die mit der Wirklichkeit
verwechselte Erinnerung einer Erzhlung. Aber das Schreckenvolle dieser
Erinnerungen wurde durch ein auch ihm eingebranntes Mal immer wieder neu
besttigt. Er erhielt dies Mal ein Jahr nach jener Flucht. Zwar hatte sie ein
der Hehlerbande zugehrender Scharfrichter aufgenommen. Ein Jahr wohnten sie am
Fue eines Hochgerichts. Hier, wo die Gerippe todter Pferde im Hofe moderten,
hier unter den abscheuerregenden Vorkommnissen des Abdeckens, hier unter den
Zurstungen von oft massenhaften Hinrichtungen lebten die drei Flchtlinge, bis
sie dem Scharfrichter zur Last fielen und von ihm der Regierung ausgeliefert
wurden. Diese gab ihnen den Stempel und lieferte den ltesten zu Schiffe nach
Java; den zweiten gab sie nach Frankreich, wo sein Vater in Brest auf den
Galeeren sa; den dritten gab sie einer zufllig in Rotterdam anwesenden
Kunstreitergesellschaft. Auch diese Trennung von seinen beiden Gefhrten war
Terschka unvergelich. Der gutmthige Franz Bosbeck weinte zwar nicht, wie er
und Jean Picard thaten, aber er schied von seinen Pfleglingen mit dem Ausdruck
des tiefsten Schmerzes.
    Wenzel von Terschka war von seinem achten Jahre an bis zum fnfzehnten
Kunstreiter. Er kannte im allgemeinen seine Herkunft, sie wurde ihm sogar nach
den Untersuchungsprotokollen und den Aussagen des Heyum Picard gerichtlich
bescheinigt: aber noch lag die Welt in allgemeiner Kriegsnoth und eine Eroberung
der Vater- und Heimatsrechte setzte damals, als Napoleon mit Oesterreich im
Kriege lag, fr ein unmndiges, so wenig empfohlenes Kind niemand durch. Halb
Europa durchzog Wenzel von Terschka mit einer hollndischen Kunstreitertruppe.
Bald war der Knabe der Liebling der Gesellschaft des berhmten Jn van
Prinsteeren und auch der Liebling des Publikums. Seine Behendigkeit und
Gewandtheit bertraf alles. Im bunten Kleide auf dem Rosse, in Paris, in London,
in den Seestdten erregte er Bewunderung, bis er einst in Amsterdam Unglck
hatte und ein Bein brach ...
    Der groe Vlkerkrieg gegen Frankreich begann jetzt, die Truppe lste sich
auf. Ein aus Java heimkehrender Schweizersoldat nahm den langsam Geheilten mit
sich nach seiner Heimat, nach dem Canton Unterwalden ...
    Zu Stanz war es, am Vierwaldstttersee, wo 1816 fr die neue Befestigung der
restaurirten italienischen Staaten schweizerische Mannschaft geworben wurde.
Wenzel von Terschka, achtzehnjhrig, nahm Handgeld von den rmischen Werbern,
die, wie dies fr Neapel geschah, so auch fr den Kirchenstaat, eine ansehnliche
Truppenmacht zum Schutz fr unzuverlssige, erst neu hergestellte Zustnde
zusammenbrachten. Als Lanzenreiter ging er nach Rom ...
    An Gelegenheit, sich auszuzeichnen, fehlte es dem uerlich zwar
unscheinbaren, aber mit einer wunderbaren Elasticitt begabten Jngling nicht.
Seine Reitkunst bertraf alles. Auch Muth und persnliche Tapferkeit waren ihm
nicht abzusprechen, obgleich seine Weise von der seiner fester und sicherer
auftretenden berwiegend schweizerischen Kameraden abwich. Die Schweizersoldaten
sind in der Fremde das volle Abbild der heimischen Cantonalzstnde; ihre
Mannszucht ist von einer unerbittlichen Strenge; der Verkehr der aus den alten
Landesgeschlechtern gewhlten Offiziere mit den Gemeinen ist ein streng
geschiedener, das Hinaufrcken in hhere Stellen ein den letztern vllig
unmgliches. Inde wurde Wenzel von Terschka Instructor der Reitschule. Voll
Unmuth ber die Dienststrenge jedoch und von einem sein Gemth durchwhlenden
Ehrgeiz getrieben offenbarte er sich dem Geistlichen der Truppe. Dieser gehrte
den Schweizern selbst als Feldprediger an und erwarb ihm keine Erhrung seiner
Wnsche um hheres Avancement. In dem deshalb immermehr sich steigernden Unmuth
verlebte Terschka auf dem schnen classischen Boden qualvolle Jahre. Die
tglichen Uebungen auf der rmischen Campagna, in der Sonnenhitze, auf den
drftigen, schon vom Rosseshuf so vieler Kriege und Vlkerwanderungen
zerstampften und um jede Fruchtbarkeit gebrachten Heideflchen stimmten ihn oft
zur Verzweiflung. Er versuchte den Uebergang zu den Truppen, die inzwischen von
der ppstlichen Regierung selbst organisiert wurden; aber sein empfangenes
Handgeld verwies ihn in die Reihen der Krieger, bei denen er nun einmal stand.
Zuletzt reclamirte er seine Unterthanenschaft beim kaiserlich sterreichischen
Botschafter, durch dessen Kanzlei ihm auch die von ihm erbetenen Erffnungen
ber seine in Bhmen befindliche Familie und sein mtterliches Vermgen zukommen
sollten. Aber der strenge geregelte Gang des ganzen rmischen Lebens, diese sich
berall dort (wie in einem weitlufigen Palast, wo an jeder Treppe von
Schildwachen uns eine strenge Zurckweisung wird, wo jede Thr ihre feierliche
Aufschrift und ihr drohendes Wappen uns entgegenhlt) beklemmend und
angsterweckend gebende Geschftsform verwies ihn immer wieder auf seine Kaserne,
die nicht fern vom melancholischen Forum lag, unter den Trmmern der
denkwrdigsten Vorwelt, nahe an jenen epheuumwucherten groen Thermen, die man
nicht sehen kann, ohne an die grausamen Zeiten zu denken, wo unter dem Namen der
Gladiatoren Hunderttausende in abgesteckten Lagern kostbar gemstet wurden, um
als Fra fr die wilden Thiere oder, waren es Prtorianer, fr den nicht
endenden grausamen Krieg und die noch grere Grausamkeit der anstrengendsten
Fumrsche - von Indien nach Britannien zu dienen. Oft kam ihm unter den
einsamen weidenbewachsenen Hgeln beim Fernblick auf die blauen Gebirge, beim
Ahnen des hinter ihnen aufwogenden Meeres der Gedanke an Selbstmord, an Flucht,
Desertion; denn zuletzt schreckte ihn selbst der gewaltsame Tod durch die
strafende Kugel nicht mehr.
    Da erlste ihn von einem ihm immer qualvoller werdenden Schicksal der
Monotonie, der Abhngigkeit im Dienstzwang und des unbefriedigten Ehrgeizes ein
neuer Unfall. Nicht das Bedrfni nach Vertiefung seines regen Geistes war es,
das ihm Augenblicke des wildesten Einsetzens seines ihm verhaten Lebens gab;
nur vorzugsweise der gebundene Ehrgeiz, nur die gebundene Leidenschaft tobte
sich aus, als er zum zweiten male ein Unglck zu Ro erlebte und von einem fr
unbezhmbar geltenden Neapolitaner in der That abgeworfen wurde und fr todt auf
dem Platze blieb. Sein Wagemuth war durch Umstnde herausgefordert, die fast an
die Zeiten seines Kunstreiterthums erinnerten. Die Schweizertruppen hatten sich
1821 ausgezeichnet bei Unterdrckung der Aufstnde des Montferrat und Piemont.
Don Tiburzio Ceccone, der jngere Spro einer Familie der Nobili, war als
Vorsitzender der Prevotalhfe gegen die carbonarischen Verschwrungen in kurzer
Zeit zur hchsten Wrde, zum Cardinalat, gelangt. 1819 war er, wie eine dunkle
Sage ging, wie Holofernes von Judith, so von einem fanatischen Brgermdchen
Namens Lucrezia Biancchi fast ermordet worden und 1823 sa bei einem Besuche,
den der Allgewaltige der Reitbahn der Schweizer-Lanciers zur Anerkennung ihrer
geleisteten Dienste machte, neben ihm ein Kind von vier Jahren, bildschn - wie
es hie, seine, Nichte, wie Andere sagten, sein eigenes, das Kind - jener
Lucrezia Biancchi, die noch im Kloster der Lebendigbegrabenen lebte ... Neben
beiden in angemessener Entfernung, nahe genug, um auf keine Anrede des stolzen,
ppigleidenschaftlichen, noch jugendlichen Herrn im schwarzen Kleide mit den
rothen Strmpfen die Antwort schuldig zu bleiben, sa, zwar nicht mehr in erster
Jugendblte, aber immer noch in der Schnheit rmischer Imperatorenmtter und
wie eine gekrnte Heroine die Herzogin von Amarillas, eine frhere Sngerin
Fulvia Maldachini ... Ringsumher saen Wrdentrger des rmischen Hofes, alle
auf einer mit bunten Teppichen belegten, mit Blumen geschmckten Estrade und den
Reitknsten der Arena zuschauend ... Die Grfin Erdmuthe von Salem-Camphausen
wrde zu dem Anblick gesprochen haben: Offenbarung Johannis 16: Und ich sahe
das Weib sitzen auf einem rosinfarbenen Thiere und sie war bekleidet mit
Scharlach- und Rosinfarbe und bergoldet mit Golde und Edelgesteinen und Perlen
und hatte einen Becher in der Hand voll Greuel und ich sah das Weib trunken von
dem Blut der Heiligen und von dem Blut der Zeugen Jesu -
    Wie anmuthig aber, wie freundlich, wie unschuldig machte sich das alles in
der Wirklichkeit! Lachen und frhliche Lust auf den Mienen, so rein wie der
tiefblaue Himmel ber ihnen, in dem nur wenige rosige Wlkchen wie kleine
Montgolfieren schwammen! ... Die Trompeten schmetterten ... Das strte eine
Nachtigall nicht, die in den Syringenbschen nebenan sich einsam glaubte unter
ringsum liegenden zertrmmerten alten Sulenschaften ... Wie schwatzte man
durcheinander! ... Sorbetti gingen im Kreise, die der Koch Ceccone's bereitete,
dann und wann mit seiner weien Tellermtze hervorlugend hinter einem
improvisirten teppichbehangenen Verschlage ... Terrassenartig stiegen rings die
Hgel hinan und aus Villa und Kloster und hinter alten Tempelsulen und
Thermenbgen guckte die abgesperrte Neugier in das tieferliegende Bild der
Arena, der schnaubenden Rosse und der Quadrille, die die besten Lanzenreiter
ausfhrten auf Rossen, die zu tanzen schienen ... Neue kleine goldene Scudis
waren geprgt worden mit dem Bildni des Stellvertreters Christi, zierliche
kleine Halbdukaten, mit beziehungsreicher Inschrift aus der Reversseite fr den
neuen Triumph der Ordnung und des Glaubens ... Eine ganze Bchse voll davon
rttelt die kleine Olympia, wie man die vierjhrige Nichte nannte, und plaudert
und plaudert, wieviel das Kriegsministerium jedem als buona manchia verabfolge,
der die schne Quadrille jetzt zu Pferde tanze ... Kein Sirocco weht ... Leichte
milde Frhlingsluft nach langem Regen ... Ein Duft ringsum, wie herbergefchelt
aus den Grten der Hesperiden ... Und nun macht Ceccone sogar Witze und spricht,
wenn die Rosse sich nicht nach Sitte auffhren, zu einem Mitglied des
diplomatischen Corps - auch von Hesperidenpfeln ... Frgt dann rasch die Frau
des spanischen Gesandten ihren Mann: Qu'est-il qu'il a dit? so citirt Eminenz
selbst mit grazis lchelnder Miene und so, wie auch nur ein Cardinal lcheln
kann, einen Vers - aus Guarini's Schfergedichten ...
    Luft, Sonne, Licht, Farbe - Glck und Wonne ringsum - aber Wenzel von
Terschka's Solo mislang doch. Sein Neapolitaner war nicht so leicht gebndigt,
wie die Revolution des Generals Pepe. Der khne Reiter liegt auf dem Boden und
alle halten ihn fr todt ... Dort herauf ragt das Coliseum, wo in solchen Fllen
die alten Opfer ruhig aus den Schranken hinweggetragen wurden und der Rmer
gleichgltig zur Tagesordnung, einem neuen Kmpfer, berging. Ein Kreuz entshnt
jetzt die wilde Sttte und - was schuldigst du auch ewig nur Rom so ungebhrlich
an, du greise waldensische Herrin von Castellungo! - das Carrousel - hrt auch
hier sogleich auf ... Man trgt den fr todt Erklrten in das Ospizo de
Benfratelli ... Die halbe Bchse voll Paolis wird vorlufig sogleich fr ihn
allein bestimmt ... Die andere Hlfte der buona manchia erhalten die andern ohne
weitern Gladiatorenkampf ... Die Herrschaften brechen auf und fahren von dannen
... Ecclesia abhorret sanguinem Die Kirche will kein Blut ...
    Wie wurde der Instructor der Reitbahn bemitleidet! ... Man erfuhr: Drei
Rippen waren ihm gebrochen ... das Uebrige zur Besinnungslosigkeit that die
Erschtterung ... Nun hrte man vollends noch, da der Unglckliche einen
adeligen Namen trug ... Die besonderste Obhut nahm ihn in Schutz ...
    Drei lange, traurige Monate lag Terschka bei den Benfratellen und war
endlich geheilt. Er erklrte, kein Ro mehr besteigen zu knnen ... Er erbittet
seinen Abschied und erhlt ihn auch ...
    In der That schleicht er siech und elend in Roms Gassen am Stabe dahin ...
    Aus Bhmen hatte Wenzel von Terschka die Kunde erhalten, da die
Verlassenschaft seiner Mutter schon vor Jahren in Concurs gerathen war, Brand
hatte ihr unversichertes Eigenthum entwerthet ... auch dachte er nicht mehr gern
an Verwandte, die Bcker waren. So voll Ehrgeiz steckte er, da es ihn fast
rgerte, als der Laienbruder der Benfratellen, der ihn spazieren fhrte, an dem
kleinen deutschen Friedhofe, der dicht an der Peterskirche liegt, sagte: Sehen
Sie nur, Herr, fast alle Deutsche, die hier begraben liegen, sind Bcker
gewesen! Das Backen haben die Rmer erst wieder aus Schwaben und Baiern gelernt!
Alle diese alten Bilder an den Grabmlern sind deutsche Bckermeister!1...
Terschka sah kaum hinber ... Er blickte nur zu den Zimmern des Papstes hinauf,
zu den Zimmern des Cardinals Ceccone, der im Vatican ein Stockwerk hher als der
Papst wohnte ... Den Priestern, die im Hospital dienen, erklrte er endlich, als
er vllig geheilt war, mit zagender Schchternheit, da er wol Lust versprte,
in den geistlichen Stand zu treten ...
    Der Orden der Jesuiten war noch nicht lange wiederhergestellt und besonders
zu ihnen zog es Terschka, da er sich die Kraft zu einem still beschaulichen
Leben nicht zutraute. Er war nun fnfundzwanzig Jahre alt und hatte nicht viel
gelernt, auer den lebenden Sprachen. Aber sein Geist war mchtig entwickelt
gleich seinem Krper - er, der zwei Monate zu frh ins Leben gekommen! Sein
Wunsch war ein Wagni, das ihm mislingen konnte; aber er zeigte sich listig. Er
hatte den Muth, an die kleine Olympia zu schreiben und ihr in dem schnell
erlernten Italienisch durch ein Sonett zu sagen: Du se himmlische Kleine! Sei
mein Schutzengel! Erwirke mir die Sporen des heiligen Georg, die mich nicht
wieder, wie irdische, im Stich lassen sollen! Ich will fr dich beten bei
Ignazius von Loyola, der ja auch ein invalider Krieger war und jetzt der
Gottesmutter so nahe steht, hilf mir auch auf diesen Weg, du ser Engel! ...
Olympia, die Tochter jener Lucrezia Biancchi, die sich opferte, um den Ha des
Menschengeschlechts, wie die Carbonari den obersten Richter der Prevotalhfe
nannten, zu tdten, hpfte mit diesen Zeilen zur Herzogin von Amarillas, ihrer
Erzieherin, ihrer Hofdame, wie man sagen konnte - Tiburzio Ceccone lebte auf
frstlichem Fu und erzog das Kind der im Kloster der Vivi sepulti lebenden
Mutter, die den Tod verwirkt hatte, wie sein eigenes - was gab es da nicht alles
zu verschweigen und mit Schleiern zu bedecken! ... Die Herzogin zeigte dem
Cardinal Abends beim Thee die in leiblichen Versen vorgetragene Bitte des jungen
Schweizerlanciers, der Cardinal mit seinem feurigen Csarenkopf lachte und
Wenzel von Terschka, dessen Antecedentien man noch nicht vollstndig kannte,
klopfte eines - an die Pforte des Collegium al Gesu ...
    Kommt ihr niederwrts vom ehemaligen Capitol, lat zur Rechten jene
Kapuzinerkirche liegen, wo eine kleine hlzerne Figur, in die Gewnder eines
Wickelkindes eingeschlagen, Bambino genannt, als Jesuskind gegen alle
Anfechtungen des Lebens angerufen, ja sogar aus der Kirche in Procession
abgeholt wird zu Sterbenden oder zu Wchnerinnen, so steht ihr an einem kleinen
Platz vor einer Kirche, die die reichste in Rom, nicht die geschmackvollste ist
... Die Faade, die innere Ausschmckung gehrt der Kunstepoche Bernini's. Wagen
ber Wagen rollen bei ihren Stufen vor, Bettler in langen Reihen berhren die
seidenen Gewnder der vornehmsten Damen und reien den Eintretenden an der Thr
groe lederne Decken auf, die Vorhnge bilden. Drinnen empfngt dich ein
mystisches Dunkel, Weihrauch, Lichterglanz, eine stickige Luft von Tausenden.
Nirgends wird so laut gebetet, so sicher gesungen, so feurig gepredigt in Rom
wie hier. Marmor und Gold sind verschwendet, Grabmler stehen mit Statuen von
groen Meistern geschmckt, kostbare Kapellen laufen ringsum; sie haben die
bequeme Einrichtung, da sie unter sich durch Thren zusammenhngen und als
trauliche Winkel dienen, in denen man hinter einem Pfeiler flsternd verweilen
oder einer im Schiff zu laut daherschallenden Kanzelrede in aller Stille folgen
kann. Am stlichen Ende liegt eine kleine Ausgangsthr. Sie fhrt den
Durchgehenden auf steinernem Fuboden in einen Nebeneingang - man sieht einen
dstern Hof, in welchen Fenster eines groen todtenstillen Gebudes hinausgehen,
das sich dicht an die Kirche anlehnt. Kein Gefngni ist es, obgleich die
Fenster vergittert, ja theilweise mit Bretern vernagelt sind; es ist das Colleg
der Jesuiten ...
    Terschka's Anmeldung wurde durch die Empfehlungen des Cardinals erleichtert.
Ein Oberer empfing ihn, legte ihm Fragen vor und - wiederholte diese Fragen noch
einmal, nachdem sie schon beantwortet waren. Sonderbar, er fragte nach Dingen,
die in vollem Gegensatz zu dem standen, was er ja soeben aus Terschka's
Antworten gehrt hatte. Sonderbar, dieser hatte gesagt: Ehrwrdiger Vater, ich
hatte bereits bemerkt -! Ein andermal: Wenn ich schon gestand, keine todte
Sprache zu kennen, so kann ich doch nicht Griechisch wissen -! Terschka ging ...
Der Obere nickte ihm freundlich nach ...
    Niemand lie sich aber bei ihm wieder sehen. Er wohnte noch immer bei den
Benfratellen ... Er war vergessen ... Wochenlang ...
    Tag um Tag verging ... Terschka gerieth auer sich. Die Benfratellen klrten
ihn auf. Der Obere hat Ihren Charakter prfen wollen! Sie sind ungeduldig! Nur
deshalb stellte er sich Ihnen vergelich und schwachsinnig, um zu sehen, ob sich
bei Ihnen eine heftige Selbststndigkeit Ihres Wesens zeigen wrde ...
    Terschka verstand jetzt das Benehmen des Obern. Voll Verzweiflung ber sich
selbst wollte er wiederum an die kleine Olympia schreiben ... Thun Sie das ja
nicht! hie es allgemein ... So geh' ich noch einmal zu dem Obern! ... Er wird
Sie abweisen! Warten Sie in Geduld! ... Vier Wochen wartete Terschka. Dann rief
man ihn in der That wieder ... Er hatte Geduld bewiesen ...
    Ein anderer Oberer erschien und lobte Terschka, da er sich beherrscht und
nicht gemahnt htte. Auch er fragte vielerlei und Terschka antwortete schon viel
ruhiger und mit grerer Vorsicht. Nur als der Obere sagte: So bleiben Sie denn
jetzt gleich hier! und Terschka erwiderte: Ehrwrdiger Vater, ich habe erst
meine Sachen zu ordnen! da vernderten sich die Gesichtszge des Examinators ...
Wieder hatte Terschka nicht bestanden. Wieder hatte er einen andern Willen als
man vorausgesetzt ... Er ging, seine Verkehrtheit schon ahnend.
    Und neue vier Wochen verstrichen, die er warten mute!
    Der Novize seufzte, aber er war schon demthiger geworden. Sehnschtig ging
er an dem Collegium vorber, sah zu den Fenstern des riesigen Gebudes auf; jede
Wallung, anzuklingeln und sich in Erinnerung zu bringen, unterdrckte er und als
man dann ihn endlich wirklich rief, schlich er ruhig und ergeben in das ihm
angewiesene Zimmer ...
    Man gab ihm ein Neues Testament, den Thomas a Kempis und Rodriguez ber die
Gesellschaft Jesu. Er konnte kein Latein. Er mute dies und alles ganz von vorn
erlernen - in seinem fnfundzwanzigsten Jahre! Aber alle Besuche, die er von
zwei zu zwei Stunden bald von diesen, bald von jenem Ordensgliede empfing,
verlieen ihn mit dem Zeugni, das sie den Oberen ablegen konnten, der junge
Noviz bese Geist und seltene Welterfahrung. Auerordentlich schien er gefallen
zu haben. Nach acht Tagen erhielt er ein gedrucktes Examen, das er schriftlich
beantworten mute. Er konnte es deutsch oder italienisch thun ...
    Schon in dieser Aufforderung zur vollstndigen Darlegung seines Lebens lag
fr ihn ein Anla zu mancherlei Besorgni. Sein Leben enthielt so gefahrvolle
Dunkelheiten! Das Mal am Arme! Sein erster Beruf war der einer schnden
Schaustellung seiner Person gewesen! Wie konnte er auf eine knftige
Priesterweihe hoffen! Er verzweifelte; denn zum Erfinden von Ausreden und
Verschleierungen der Wahrheit verlor er in diesen Mauern schon ganz den Muth.
Fast war es ihm auch, als kme man hier am siegreichsten durch, wenn man sich in
allen Lagen ein fr allemal auf Gnade und Ungnade ergab und sich ganz so nackt
und so blo darlegte, wie man wirklich war ...
    Schon glaubte der Novize am Ziel seiner Wnsche zu sein, als er in dem
gedruckten Formular auf eine Stelle stie, wo es hie, da er sechs Monate noch
auerhalb des Hauses der Gesellschaft leben mte und erst sechs verschiedene
anderweitige Proben durchzumachen htte! Er traute seinen Augen nicht. Wieder
ein halbes Jahr seines Lebens verlieren? Von jetzt an - es war zur Zeit der
Sommermitte - bis zu Weihnachten wieder in einen halben Zustand zurckversetzt,
wieder auf sich selbst angewiesen, auf die Unruhe und Ungeduld seines Herzens?
Er hoffte auf Erla dieser Bedingung und glaubte an eine in diesem Statut nur so
enthaltene und auer Uebung gekommene alte Frmlichkeit. Man holte dann das
Blatt ab. Drei Tage vergingen. Schon nahm er am gemeinschaftlichen Mahle theil,
schon hatte er sich manches einzelne Ordensmitglied, das ihm zusagte,
herausgefunden, da wurde ihm mit freundlichster Miene angekndigt, da er auf
sechs Monate seine Zelle wieder zu verlassen htte: einen Monat sollte er bei
den Schlern des Collegium germanicum wohnen, einen Monat in San-Michele Kranke
pflegen, einen Monat sich als Wallfahrer kleiden und in Rom und auf zehn Meilen
in der Runde seinen Unterhalt durch Betteln suchen; dann zurckkehrend sollte er
im Collegium tglich einen Monat lang die Stuben reinigen und endlich in einer
entfernten Kirche der Vorstadt Knaben in den Anfangsgrnden der Religion
unterrichten, im sechsten Monat sollte er allen Predigten beiwohnen, deren in
den hundert Kirchen Roms drei oder vier tglich und zu verschiedenen Zeiten
gehalten wurden und darber Referate geben und bei allen diesen Proben zu
gleicher Zeit auch noch die lateinische Sprache erlernen ...
    Aufschreien htte Wenzel von Terschka mgen vor Verzweiflung, aber schon
band er sein Bndel und schickte sich an, ruhig die Vorschrift zu erfllen. Sein
Auge blinzelte etwas; er hatte schon bemerkt, da wie beim Opfer Abraham's der
Wille hier manchmal fr die That genommen wurde; er hatte schon bemerkt, da man
allmhlich auch unter dieser strengen Disciplin abzuhandeln und abzumarkten
versteht. Und in der That, man lie ihn zwar aus seiner Zelle schreiten, wies
ihn aber doch nur zwei Stockwerk hher, um ihn zu jenen deutschen Knaben und
Jnglingen gelangen zu lassen, die in Rom zu Priestern erzogen werden. In dem
mchtigen Gebude war auch fr diese Platz. Ein Rector empfing ihn, lchelte
seines Alters, sprach ihm Muth zu und alles das in deutscher Sprache; Pater
Xaver war aus dem Innviertel. Ein rothes Kleid mit einem schwarzledernen Grtel
mute Terschka anlegen, wie seine Genossen. Um fnf Uhr mute er aufstehen, das
Sakrament in einer Kapelle besuchen, dann in einer Zelle Betrachtungen lesen,
sie auswendig lernen, hierauf zur Messe gehen und erst um acht Uhr ein leichtes
Frhstck nehmen, zu dem dann noch Matutine und Laudes aus dem Brevier zu
sprechen waren; so ging es von Stunde zu Stunde weiter bis zur neunten des
Abends, wo im Nu smmtliche Lichter des Hauses erloschen sein und alle Schler
auf hartem Lager sich dem Schlaf empfehlen muten. So erst acht Tage lang. Dann
aber wurden die Vorschriften leichter. Glckliche Hoffnung, die ihn beseelte, er
wrde die fnf brigen Monate erlassen bekommen! Sie erfllte sich theilweise
und in erfreulichster Art. Er brachte sie smmtlich bei den deutschen Jnglingen
zu, deren Unterricht er zu theilen hatte. Schon die Scham, unter Knaben ohne
Bart verweilen und Latein von vorn beginnen zu mssen, beflgelte seinen
Lerneifer. Er, der das Leben schon in allem kannte, was der natrliche Mensch
mit Ungestm zu fordern pflegt - sa hier auf der Schulbank, doch sein Kleid und
sein physischer Bau lieen ihn dabei wenigstens uerlich so jung erscheinen,
wie die neunzehnjhrigen ...
    Seltene, aber glckliche Stunden waren es, wenn die rothgekleidete Schar in
den ihr eigenthmlich angehrenden Weinberg wandern durfte, um dort einen
Nachmittag, meist ballschlagend und wettlaufend zuzubringen. Dieser Weinberg lag
nicht weit von seiner ehemaligen Kaserne, auf den Hhen des Monte Clio, dicht
an einer Kirche, die von auen die merkwrdigste, von innen die abschreckendste
aller rmischen Kirchen ist. Gerade den deutschen knftigen Priestern hat man
die Rotunde des heiligen Stephanus gewidmet, einen alten, sehr denkwrdigen Bau,
der mit Bildern grauenhafter Art geschmckt ist. Ausschlielich scheint sie dem
Martyrium gewidmet. Da liegt die vom Henker abgerissene blutige Brust der
heiligen Agathe auf der Erde; ein Tiger krallt seine Tatze in das Fleisch eines
nackten Jnglings; der heilige Hippolyt wird, mit seinen Fen an flchtige
Pferde gebunden, dahingeschleift - es ist eine blutige Anatomie, eine Morgue, in
deren Anschauung gerade die deutschen Jnglinge in Rom - Erholung finden mssen!
Wahrhaft erquickend war dann der zuweilen gewhrte Besuch in den Grten des
Heiligen Vaters auf dem Quirinal. Die blauen, gelben, grauen Jesuitenschler
erfreuten sich damals dieser Gunst noch fter, als die rothen; jetzt lernt man
auch die Bedeutung dieser rothen Jnglinge schtzen. Wie berauschend, wie ewig
an Rom fesselnd, bei Sonnenglut in diesen herrlichen, haushohen, khlen Boskets
von geschnittenen Myrten zu wandeln und da Trucco, ein Kegelspiel, zu spielen!
Unter dieser Flle von Oleandern, blhenden Aloes und Cactus! Unter diesen
zahllosen Orangenbumen, deren Blten die Luft mit berauschendem Duft erfllen!
Ringsum tobt und wogt das lrmende Rom, die Wagen fahren, die Brunnen schumen -
auf diesem hochgelegenen Hgel verbirgt sich hinter einer chinesisch
absperrenden hohen Mauer, dicht an dem Palast der zweiten Residenz des Heiligen
Vaters (der Lateran, die dritte, ist ein Stiefkind der Ppste geworden), ein
Garten, geschmckt mit allen Reizen der Natur. So dicht gezogen und beschnitten
sind die edelsten Platanen, da es unter ihnen bei glhender Mittagshitze khl
ist, Springbrunnen pltschern, die Lacerten schleichen unter den groen, bis zum
Boden wuchernden Feigenblttern dahin, Marmortische und Sessel laden zur Ruhe in
den erquickendsten Schatten, den jene zwei Stockwerk hohen geschnittenen engen
Myrten- und Ligusterhecken hervorbringen helfen - sie sind in der Breite so
schmal, da man fast nur allein, nicht im Selbander durch sie hindurchschreiten
kann. Hier reinigte die balsamischste Luft alle vier Wochen einmal die Brust vom
erstickenden Schulstaub. Terschka, der Mann, der schon auf einer ansehnliche
Hhe des Lebens Angekommene, der mit Erinnerungen schon fr ein halbes Leben
Ausgestattete, konnte hier eine Weile vergessen, da er wieder zum Kinde
geworden, konnte die marmornen Hermen bewundern, die rings von Epheu und Myrte
umschlossen in den Boskets standen und oft Frauenbilder der alten Rmerzeit von
seltener Schnheit darstellten. Zwei dieser Hermen erklrte er in still
unterdrckter, noch nicht abgeschworener Liebesglut fr die Herzogin von
Amarillas und das knftige Jungfrauenbild der Olympia. Sie sind noch jetzt von
jedem zu finden vor dem kleinen Casino des Papstes, dicht in der Nhe der
Treibhuser, unter Gruppen von Aloes, zwei weibliche Kpfe voll Starrheit,
Verwegenheit und jener Sphinxschnheit, die Terschka in seinem sptern Leben nur
zweimal wiedersah, bei jener Angiolina in Dalmatien und bei Lucinden - unter den
Offizieren in Kiel sagte er's damals ...
    Nachdem Terschka nach zweijhrigen Studien ins Collegium wieder hinunterzog,
gaben seine Generalbeichten mancherlei Ansto. Sein vergangenes Leben
widersprach den Ansprchen, die die Kirche an die Unbescholtenheit ihrer
Priester macht. Sie duldet keine Entstellung des Rufes wie des Krpers, keine
schwchlichen, krankhaften Gestalten, nichts, was irgendwie dem Makel der Welt
verfallen ist und etwa dem Geist das Uebergewicht verleiht - auch Pater Sebastus
hatte nicht die Weihen empfangen. Aber Wenzel von Terschka bot alles auf, sich
Erhrung zu verschaffen und eine Vergessenheit der Jahre, wo er als Kind und
Knabe unter Rubern und Gauklern lebte. Eine thatkrftige Natur mu zu einem
Ziele, das sie sich einmal gestellt hat, irgendwie hindurch. Sie bereut
vielleicht spter die Anstrengungen, die sie machte, um des nicht befriedigenden
Lohnes willen; aber den Werth des Lohnes, wenn man auch schon seine
Geringfgigkeit ahnt, erwgt der nicht, dem eine Laufbahn Mhen macht und dessen
Kopf voll Ehrgeiz steckt. Selbst den schon unbedingt gegen ihn entscheidenden
Ansto des Brandmals auf seinem Arme, das durch nichts hinwegzutilgen war, das
jeder chemischen Beize, jeder blutigen Operation widerstand, berwand seine
Geduld, sein inbrnstiges Bitten, zuletzt seine Intrigue; denn so unmglich es
fast war, auerhalb des Collegiums einen Briefwechsel zu unterhalten, Terschka
bersandte wieder einen Brief an die Herzogin von Amarillas und dichtete wieder
ein Sonett an Olympia Maldachini ...
    Die Kleine, die als Italienerin von fnf Jahren schon so entwickelt und
willensstark war, wie eine Deutsche von acht, setzte ihrem heiligen Georg Schild
und Lanze durch ...
    Die Vter lchelten und schienen eigenthmliche Plne zu haben.
    Terschka erhielt die Sottane, den schwarzen Leibgurt, die schwarzen Strmpfe
und Schuhe ... sein Haupthaar wurde geschoren.
    Ecco un nuovo fratello! rief eines Tages bei Tische der Novizenmeister den
brigen Novizen zu ...
    Grfin Erdmuthens Ausruf hatte damals Recht gehabt ... Terschka war Jesuit.

                                    Funoten


1 Thatschlich.


                                      10.

Fnf Jahre vergingen dann ... Terschka zhlte schon dreiig, als er Profe der
drei Gelbde wurde, der Armuth, der Keuschheit, des Gehorsams. Nun wurde er
Priester aller Weihen. Zwei Jahre spter, kurz nach der Julirevolution, legte er
das vierte Gelbde ab, Gehorsam dem Heiligen Vater, unbedingtes
Sichverwendenlassen fr jeden ihm auferlegten Zweck. So stand er auf dem Gipfel
seiner Wnsche.
    Und keineswegs war er unbefriedigt. Der Autodidakt liebt sein Wissen, das er
sich mhsam errungen hat. Er liebt es mit mehr Begeisterung, als ein von frher
Jugend an dafr Geschulter. Und welche Bewhrungen gab es nicht! Dienen mute er
unausgesetzt, knechtisch dienen, aber zugleich konnte er nach andern Richtungen
hin oft auch schon souvern befehlen ... Jede Stufe der Unterwerfung mehr auf
der einen Leiter gab auch zugleich auf einer andern eine Stufe der Erhhung. Er
besuchte die Hrsle der wenige Schritte vom Collegium entfernt liegenden
Universitt. Hier, wo Hebrisch und Physik nicht nur in demselben Auditorium,
sondern oft auch von demselben Lehrer vorgetragen wird, legte er den Grund zu
einer Flle von Thatsachen, die sein Inneres mchtig hoben. Und diese Erweckung,
diese stete Gegenstndlichkeit und Bewutheit des Denkens! Schon die Anleitung
zu den Vorspielen des Geistes oder zur Erleuchtung! ... Bonaventura kannte
sie, diese Knste der geistigen Lesung und der Vorspiele! ...
    Eine Betrachtung z.B. ber das Verjagen der Wechsler aus dem Tempel mute so
geordnet sein:
    Erst ist der einfache Stoff zu lesen; dann schlgt im Collegium pltzlich
eine Glocke - mit dem ersten Schlag derselben stellt man sich rasch einige
Schritte vom Betpult entfernt, denkt sich Gott und die Heiligen unmittelbar
gegenwrtig, fllt auf die Knie, kt die Erde und beginnt die lebendigste
Phantasievorspiegelung eines Tempels, eines erhabenen Baues mit Sulen, mit
einer, wie beim Pantheon halb eingebauten, halb in der Vorhalle aufgeschlagenen
Reihe von Buden ... Das Geld klimpert, die Wechsler, wie sie nur auf der Via
Condotti oder auf dem Corso stehen mit ihren Napoleond'ors und Papierscheinen,
Wucherer mit Habichtnasen, wie sie nur unter den Tuchhallen am Eingang des
Ghetto zum Kauf einladen, bieten ihre Waaren an, bervortheilen, schreien -
schreien in die Messe der Santa-Maria Monticelli hinein, in die Klingel des
Ministranten ... Nun erscheint der Heiland, das Haar von Lichtglanz umflossen,
die Farbe des Rocks ist roth, der Ueberwurf blau, die Jnger stehen neben ihm
... Niemand von den Schreiern weicht aus, niemand achtet die Andacht derer, die
der heiligsten Procession sich schon verneigen ... Da ergreift Christus -
vielleicht einem Tempelvogt (Ausmalung seiner Tracht) - die Geiel, wirft die
Tische um, das Geld rollt weit auf die Strae hinaus, das Volk wagt nicht einmal
es aufzuraffen, der heilige Zorn ist wie Donnerrollen, sein Auge wie Feuerlohe
... Mein Haus ist ein Bethaus und ihr macht es zur Mrdergrube! Das schallt
dann in die Welt hinaus ... Nutzanwendung ... endlich Gebet ... So ist nach
Jesuitenanleitung jeder Vorfall der heiligen Geschichte zu erfassen, so zu
umschreiben, so in seine kleinsten Bestandtheile zu zerlegen und die Gedanken
ordnung nur innerhalb der Ruhestationen des sinnlichen Vorgangs zu whlen ...
Die Wechsler: das ist die Snde; der Augenblick der Reinigung: das ist die Bue;
der Zustand nachher im Tempel: das ist die Erlsung ... Endlich die Vergleichung
mit der Gegenwart und die Nutzanwendung auf das innere Herz ... bis das Ganze im
Colloquium mit Gott, mit Gebet, schliet ... In dieser Weise wollte auch
Mllenhoff versuchen, die Exercitien auf dem Schlo der Frau von Sicking
einzurichten.
    Fr Wenzel von Terschka gab es immer mehr Bewhrungen. Selbst seine
ritterlichen Knste boten dafr Gelegenheit und wurden sogar absichtlich und
ausdrcklich befrdert. Die jungen Vter bestiegen zwar nicht selbst das Ro,
aber sie voltigirten; Reck und Barren, wie bei den Turnern, fehlten nicht. Auch
beaufsichtigten sie da und dort die Erziehungsanstalten. Hier besonders
bewunderte man den Pater Stanislaus! ... Stanislaus nannte sich Terschka
nach dem heiligen Stanislaus von Kostka, jenem jungen Polen, dessen erster
Lebensschmerz damit begann, da er von seinem Hofmeister und seinem lteren
Bruder 1564 gezwungen wurde, zu Wien im Hause eines Lutheraners zu wohnen.
Dieser junge Heilige wurde vom Beten und Nachtwachen, wie der heilige Aloysius,
das Beichtvorbild unsers Thiebold, elend, kam von allen Krften und nherte sich
dem Tode. Da konnte er die heilige Wegzehrung nicht erhalten, weil sie der
lutherische Wiener nicht in sein Haus gebracht haben wollte ... Nun erschien dem
Knaben die heilige Barbara mit zwei Engeln zur Seite und brachte ihm die
ersehnte Speise. Doch sollte er nicht sterben. Maria kam in jeder Nacht und
setzte das Jesuskind auf die Decke seines Bettes und sagte ihm jedesmal, wenn er
mit diesem gespielt hatte: Stanislaus, tritt in die Gesellschaft Jesu!
Stanislaus von Kostka fand fr seinen Wunsch in Wien nirgends Gehr. Der
Provinzial der Jesuiten verlangte eine vterliche Bescheinigung. Der Vater, ein
Senator der Krone Polens, schrieb von seinem Schlosse Rostkau im Posenschen, da
er diesen Beruf seines Sohnes nimmermehr wnschen knne. Stanislaus flehte den
apostolischen Nuntius an. Vergebens. Er mochte klopfen an welche Thr er wollte,
niemand erwies ihm damals in Wien die Gnade, ihn Jesuit werden zu lassen ... Da
rieth ihm der Provinzial: Wandere gen Rom zu Franz Borgia, unserm General
selbst! ... Also that er. Er entsprang seinem Hofmeister, seinem Bruder, zog
Bettlerkleider an und ging ber Augsburg zunchst nach Dillingen ... Hier im
Jesuitenkloster mute er bei Tisch bedienen und die Stuben kehren. Canisius, der
berhmte Morallehrer der Jesuiten, entlie einen seinem Vater entsprungenen Sohn
vllig einverstanden gen Rom ... Franz Borgia empfing ihn dort voll Gte und
schtzte ihn vor dem Zorn des polnischen Senators, der jetzt die Diplomatie zu
Hlfe nahm, um sein Vaterrecht zu behaupten ... Stanislaus wurde Priester. Er
war ein Muster jener sen Andacht, die ein Antlitz wie mit Rosen verklren
kann. Ihm mute befohlen werden, nicht zu lange zu beten. Das wiederholte sich
und wurde sein Todessto ... An den Folgen der Wehmuth, da man so oft seine
Andachtsglut unterbrach, starb der Jngling, achtzehn Jahre alt. Man sprach den
Mrtyrer des verweigerten Betens heilig. Wenzel von Terschka hatte als Slawe ein
Vorrecht auf seinen Namen, als es bei seiner Priesterweihe gerade drei Bewerber
um den Namen Stanislaus gab. Dafr mute er in der Kapelle San-Andrea, dicht in
der Nhe der schnen Grten des Quirinals, drei Nchte an dem Bild seines
Heiligen wachen, an jener Statue, die den sterbenden Jngling Stanislaus von
Kostka darstellt, der Krper von weiem, die Kleider von schwarzem, das Bett von
gelbem Marmor ...
    Eines Tags wurde Terschka zum General der Jesuiten, einem Hollnder, gerufen
und erfuhr dort in hollndischer Sprache folgende, ihn mchtig ergreifende
Anrede:
    Pater Stanislaus! Die Stunde ist gekommen, wo Sie durch Bewhrung im Dienste
Ihres Ordens Ihre Schuld der Dankbarkeit abtragen knnen!
    Der Pater verneigte sich ... Er ahnte einen schon seit lange mit ihm
bezweckten Plan ...
    Es sind Ihnen groe Indulgenzen zu Theil geworden! fuhr der General fort.
Sie haben Wohlthaten von der Kirche erfahren, die zu den seltensten Fllen
gehren! Der Empfehlung Ihrer Gnner werden Sie zeitlebens verpflichtet sein ...
    Terschka verneigte sich tiefbereinstimmend. In den letzten Jahren war die
besondere Protection des Cardinals Ceccone nicht mehr sichtbar gewesen, aber er
bedurfte sie auch nicht, da seine Anschlgigkeit anfing, sich alle Wege zu
bahnen, und er selbst mit seiner Lage zufrieden war ...
    Ich lie einen Rath ber Sie halten! begann der General aufs neue. Man
sprach fr Sie und auch, wie es das Gesetz will, gegen Sie! Eine Stimme gab den
Ausschlag, die, da Sie vermge Ihres ganzen Naturells dem Orden am besten
dadurch dienen wrden, wenn Sie - in die Welt zurckkehren! Ein Redner - das
wrden Sie nicht; zur Gelehrsamkeit und zum Unterricht fehlte Ihnen die Ruhe;
Ihr praktischer Sinn wre es, in dem sich alle Ihre Vorzge und - Ihre Fehler zu
einer mglichst guten Nutzanwendung vereinigten!
    Terschka's schon grndlich jesuitisch gewordenes Naturell grbelte, wer wol
sein Anklger gewesen sein mochte ... Dergleichen war schwer zu erforschen.
Seiner schmiegsamen Natur gelang es vielleicht. Doch wute er, diese Contra
muten ja bei einem Gericht stattfinden, Fehler muten mit Gewalt aufgesucht
werden, nur um der Gerechtigkeit nichts zu vergeben ... Tglich wurde man so
gebt im Beurtheilen der andern ... Gingen zwei Jesuiten spazieren, so mute
einer vom andern berichten, was sie unterwegs gesprochen hatten ...
    Fassen Sie keinen Groll gegen irgendjemand! fuhr der General fort, der die
in Terschka's Innerem sich entwickelnden Gedankenreihen bersah. Scheiden Sie
von uns allen wie von Ihren Freunden! Auch nicht einer ist, der Ihnen nicht
Gerechtigkeit widerfahren liee; nur sind die Gaben mannichfach vertheilt und je
mehr Ihnen der eine vom Einen nahm, desto mehr mute er Ihnen vom Andern lassen!
Vorzugsweise besitzen Sie Ein Talent - das Talent, sich beliebt zu machen! Viele
versuchen sich darin. Nie aber sah ich so glckliche Erfolge, wie bei Ihnen! Sie
werden in Wahrheit von uns allen vermit werden ...
    Pater Stanislaus lchelte bescheiden und harrte voll Spannung ...
    Der Auftrag, der Ihnen ertheilt wird, hngt mit unsern Missionen zusammen
...
    Mit unsern Missionen! ... Terschka erwartete ein Reiseziel - jenseit des
Meeres ... Seine Wnsche waren indifferent, doch schien die Aussicht, jenseit
der Meere oft groe Gefahren bestehen zu mssen, nicht besonders lockend ...
Dennoch beherrschte er sich ...
    Jetzt lchelte sogar der General. Er mute Pater Stanislaus bewundern, der
nicht eine Miene verzog oder sonstwie seinen Verdru zu uern wagte ...
    Ich meine die innere Mission, setzte der General hinzu, die Verherrlichung
unsers Ordens in der Sphre der Lge und des Abfalls! Richten Sie Ihre
Aufmerksamkeit auf den Norden, von dem Sie herkamen! Zunchst auf den groen
deutschen Kaiserstaat! Erinnern Sie sich, da kurz nach dem Schisma, das die
Kirche dem abgefallenen Augustinermnch verdankt, Oesterreich zu sieben
Achttheilen - zu sieben Achttheilen! - von Rom abgefallen war! In Wien konnte
ein Lutheraner sagen: In mein Haus la' ich nicht die heilige Wegzehrung
bringen! ... Durch uns ist das Kaiserreich in den Schoos der Kirche
zurckgefhrt worden! Die Mittel und Wege dazu waren mannichfach ... Sei Ihnen
vorlufig diese Mittheilung ber Ihre knftige Verwendung - als Anla zur
Prolusio empfohlen ...
    Damit war Pater Stanislaus fr heute entlassen ...
    Zur Prolusio -! ... Zum Vorspiel der Phantasie -! Aber wie nahm das Wort des
Generals auch jetzt den ganzen Menschen gefangen! ... Terschka war Mnch,
Jesuit, Priester geworden, um sich aus einem Leben aufzuschwingen, das seinem
Ehrgeiz nicht entsprach. Adeliger Geburt und dennoch mute er dienen ... dienen
in einer Stellung, die ihm keine weitere Erhhung fr die Zukunft darbot ... Er
ergriff den geistlichen Beruf als einzige Rettung und er war nicht undankbar.
Nichts hatte er gewut, als fremde lebende Sprachen, er wurde durch den Orden
ein Mann hherer Bildung. Da es andere Bildungsformen in der Welt gab, als die
ihm gerade hier zu Theil wurden, ahnte er, aber er mute wol die vorziehen, die
gerade das aus ihm machten, was er fr jetzt anders nicht htte geworden sein
knnen. In der That besa er keine Rednergabe. Selbst in der Schule bewhrte er
sich nicht. Aber in der Erziehungsanstalt, die durch das Collegium geleitet
wurde, gab es vielerlei von ihm glcklich beaufsichtigte Unterrichtsgegenstnde;
Reiten, Tanzen, Fechten wurde gelehrt. Das ja hat die Erziehung durch Jesuiten
so begehrt gemacht. Eitle Schaustellung und Unterhaltung der Phantasie war von
jeher und ist die Grundlage der Erziehungsanstalten, die Jesuiten leiten ...
Terschka lernte die wunderbare Moral des Probabilismus kennen, die ihn wahrhaft
blendete. Was nur im Menschen ber den schwierigen philosophischen Unterschied
zwischen Gut und Bse schlummert, hier fand er Aussprche dafr voll
Khnheit und blendenden Schimmers. Der Wille wurde in dem Grade von der That
getrennt, da beide in eins zusammenfallen konnten und dennoch unterschieden
wurden. Der Wille konnte rein und schuldlos bleiben, er konnte die That
unmittelbar hervorgerufen haben und dennoch war letztere nicht sein, sondern nur
ein Ergebni - der Natur. So haben nicht die Materialisten unserer Tage die
Willensfreiheit geleugnet, wie die Moral der Jesuiten schon lange die That zum
Ergebni der Umstnde macht. In den mislichsten Situationen deckt sie dem Willen
immer noch den Rcken. Listig und verschlagen, wie Terschka's Sinn von Natur war
- wenn nicht so sehr aus Wohlgefallen am Bsen, doch aus dem Bedrfnis seine
Kraft zu ben, und um der Voraussetzung willen, da eben Bildung, diese ersehnte
Bildung, zur Wehr und Waffe des Geistes werden mte und es mit sich brchte,
berall Widerstand zu leisten - lernte er, Bildung wre die Kunst, sich das
Leben spielend und ohne den mindesten Schein einer Gewaltttigkeit dienstbar zu
machen.
    Welche Vorstellungen weckte jetzt die Prolusio! Eine Mission nach
Oesterreich! Der Abfall von der Kirche! Die verschiedenen Mittel und Wege, die
einst eingeschlagen wurden, um sieben Achttheile einer groen Bevlkerung wieder
in den alleinseligmachenden Schoos der Kirche zurckzufhren! Seine eigene
Herkunft war vielleicht eine hussitische! Welche Studien weckte diese Anregung
auf dem Gebiet der Geschichte, welche auf dem Gebiet der menschlichen Seele!
Pater Stanislaus brannte auf die Enthllungen, die ihm wrden zu Theil werden.
Ja er dachte sich einen tief angelegten Plan entweder auf Bhmen oder Ungarn, wo
es noch Protestanten genug gab ... Verstand mute zu seiner Aufgabe gehren;
denn das durfte er sich sagen, von seinem Namensheiligen hatte er nichts, was im
mindesten auch seinem Antlitz einen rosigen Verklrungsschimmer gegeben htte;
wenn er betete - ihm war der Befehl, nicht zu lange zu beten, niemals gegeben
worden.
    Erst nach vierzehn Tagen machte der General der Ungewiheit des jungen
Professen ein Ende ...
    Ihre Vorfahren, sagte er, eine Ahnung Terschka's besttigend, als beide
wieder allein auf der einfachen, allen andern Wohnungen gleichen Zelle des
Generals waren, Ihre Vorfahren waren Hussiten! Abtrnnige waren auch sie schon
vor Luther! Wir haben aber deren in Italien noch frhere! Es sind die Waldenser!
Sie leben noch jetzt mit immer wieder nachwuchernder, unzerstrbarer Kraft im
Piemont! Eine Grfin von Salem-Camphausen, die hinterlassene Witwe eines
sterreichischen hohen Militrs, Protestantin, beschtzt sie von einem ihr
angehrenden Schlosse Castellungo aus! Es liegt zwischen Cuneo und Robillante,
in dem blhenden Thal, das sich von der Alpenstrae des Col de Tende abwrts
senkt! Die Umtriebe dieser Frau berschreiten alles Ma! Sie hat die Knige von
Preuen, England, Schweden und Holland aufgerufen, den Waldensern grere
Freiheiten zu gewinnen, als sie unter einer rechtglubigen Bevlkerung in
Anspruch nehmen drfen! Gelang es schon in alten Tagen, das schne Salzburg zu
entvlkern und seiner reichsten Unterthanen zu berauben, die man zuerst mit dem
Gift der kaum berwundenen Ketzerei verdarb und dann mit Geld und Gut in die
protestantischen Lande lockte; gelang es erst in unsern Tagen, sogar aus dem
altglubigen, so gottgetreuen Tirol Colonieen nach dem uns gleichfalls wieder
zurck zu erobernden Schlesien zu entfhren: wie soll es werden, wenn mit Hlfe
Englands immer weiter auch in das Herz Italiens hinein rechthaberisches
Bibellesen und streitschtiges Dogma sich verbreitet? Dem Frevel dieser
deutschen Grfin ist ein Ziel zu setzen! Fr ihre Dreistigkeit gebhrt ihr
ebenso eine Zchtigung, wie ein Vorbau den Erfolgen, die sie erringt oder
erringen knnte ...
    Die Aufregung des Generals war so gro, da er aus der italienischen Sprache
wieder in sein heimatliches Idiom verfiel. Terschka konnte, wie er wute, mit
vlligem Verstndni folgen ...
    Diese gefhrliche Frau, fuhr der General fort, hat einen Sohn, der in diesem
Augenblick bei einem kaiserlichen Reiterregiment noch als Lieutnant steht ... Er
wird aufsteigen. Sein Glaubensbekenntni ist das seiner Mutter. Sein Name ist
ein hochgefeierter, wenn auch seine Mittel gemessen sind. Binnen kurzem drften
ihm bedeutende Reichthmer zufallen; denn eine zweite, rechtglubige Linie, im
Innern Deutschlands, ist im Begriff auszusterben. Es existirt nun zwar eine alte
Urkunde, der zufolge die Bedingung, unter der die wiener Linie diese groen
Besitzungen der andern Linie antritt, die Religion der aussterbenden sein msse
... Diese Urkunde findet sich leider nicht. Sie wird seit Jahren gesucht ...
    Terschka horchte nur immer ... Ein eignes Urtheil zu fllen wurde er nicht
aufgefordert und fllte selbst keines ... Er wartete auf die genauere Angabe des
Gegenstandes, auf den er zu achten hatte. Von der Weisheit der Vter seines
Ordens war er vollkommen berzeugt ... ...
    Der General verweilte jedoch nicht bei der Urkunde, sprach nicht von der
Kunst jenes deutschen Convertiten Caspar Scioppius aus der Pfalz, der sein
ganzes Leben an die Verherrlichung der Kirche gesetzt hat und seinerseits einer
der berchtigsten Falsarien war. Unter der Autoritt von Kaisern und Knigen und
mit dem Titel eines Grafen von Clara-Valle flschte er im 17. Jahrhundert
Stammbume und Urkunden, veranlate Processe dadurch und entschied sie. Vierzehn
Jahre lebte er in Padua bei verschlossenen Thren, aus Furcht, von seinen
Gegnern, die zufllig Jesuiten waren, ermordet zu werden ... Er hate sie und
sie haten ihn, nicht ihrer Moral wegen, nicht seiner Falsa wegen, sondern weil
sie ihm sein Latein corrigirt hatten und er ihnen vorwarf, da im Gegentheil sie
keins schreiben knnten ...
    Terschka lauschte mit athemloser Spannung; aber auch heute blieb die ihm
gestellte groe Aufgabe wiederholt nur im Stadium der Prolusio ...
    Der General sagte:
    Findet sich die Urkunde, so ist ein Familienabkommen getroffen, da die
letzte Erbin der Dorste-Camphausen sich mit dem letzten Erben der
Salem-Camphausen vermhlt - eine Rechtglubige mit einem Ketzer! Findet sie sich
nicht, und alle Zeichen sprechen dafr, so fallen an eine ketzerische Familie
unermeliche Reichthmer, in eine rechtglubige Provinz kommt ein ketzerisches
Element, das Scandalum jener Vorgnge im Piemont findet reichere Nahrung und das
alles von einer Seite her, wo sich die Kirche einer solchen Strung am wenigsten
versehen sollte, aus einer Gegend, wo die Wohlthaten der Rechtglubigkeit ein
Gemeingut sind und Maria Theresia sich bis auf den letzten Augenblick strubte,
jene gottlose Vernichtungsbulle unseres Ordens, die That eines unglcklich
Verblendeten, der glcklicherweise nur im Auftrag der uns schtzenden und
glorreicher wiederherstellenden Vorsehung handelte, auch in ihren Staaten zu
vollziehen!
    Mit dieser Anregung der Phantasie wurde Terschka aufs neue entlassen ...
Ueber die Andeutung jenes Widerstandes der Kaiserin Maria Theresia gegen die
Bulle: Dominus ac redemptor kam er bald hinweg ... Maria Theresia gab der
Aufhebung der Jesuiten erst dann ihr Placet, als man ihr, um sie von der
Gefhrlichkeit, Wortbrchigkeit und Ungeistlichkeit der Jesuiten zu berzeugen,
von ihrer letzten einem Jesuiten gesprochenen Beichte - aus Madrid eine
Abschrift schickte ... Terschka wute, da der Orden diesen Verrat auf eine
Intrigue der ber ihren Fall frohlockenden Dominicaner schob ... Aber welche
Flle der Beziehungen doch! Welche Aussichten der Bewhrung! Was sollte
geschehen, was von ihm gefrdert und untersttzt werden? Welche Hlfsmittel,
welche Verbindungen gab es fr ihn? Wohin hatte er die Reise zu richten? Zu
jener so muthvollen, herausfordernden Grfin? Zu jener jngeren Paula? Sollte
die Urkunde gesucht werden? Sollte die gemischte Ehe gehindert oder, wie so oft,
in dem Sinne dirigirt werden, da der junge Offizier seine Confession nderte?
... Allmhlich trat in seine Combinationen immer mehr das Bild dieses jungen
Kriegers ein. Er malte sich ihn aus in allen seinen Lebensbezgen. Es berkam
ihn eine Ahnung, da er vielleicht in dessen Nhe geschickt werden sollte ...
    Diese Ahnung betrog ihn nicht. Der General erffnete ihm nach einiger Zeit,
da er in die Nhe des Grafen Hugo von Salem-Camphausen geschickt werden sollte.
Mitwirkungen und Erleichterungen wrden ihm genannt werden. Seine Aufgabe
leitete sein Souvern in folgender Weise ein:
    Wir wnschen, da Graf Hugo katholisch wird! Die Rcksichten auf seine
Mutter und ihre Umtriebe, auf jene Provinz und die Erbschaft, im eventuellen
Falle auf die Ehe, sind die nchsten und dringendsten Aufforderungen, drohenden
Gefahren zu begegnen. Zuletzt ist das Werk auch schon an sich ein wohlthtiges.
Doch ist es nicht leicht. Wir haben ber den jungen Krieger Nachrichten, die fr
eine groe Verehrung seiner Mutter sprechen. Solange sie lebt, wrde er ihre
Irrthmer schonen und schwerlich ihr die Strafe zufgen, die sie schon um ihrer
Umtriebe willen gegen den Bischof von Cuneo und das Kapitel von Robillante
verdient! Auch denkt der Orden nicht an ein pltzliches und schnell errungenes
Resultat. Wir arbeiten in allem nicht fr die Minute, sondern fr das Jahr; ein
Jahrhundert bedarf es, um durch Tropfen einen Stein auszuhhlen - Sehen Sie die
Statue des Sanct-Peter auf dem Vatican! Wer mchte glauben, da man einen
Fuzehen von uralter felsenfester Bronze so allmhlich - hinwegkssen kann! Es
gehrt dazu eben ein Jahrtausend. Ihre Aufgabe geht in eine weite Fernsicht. Sie
drfen sich Zeit dazu nehmen. Sie drfen Ihr ganzes Leben daran setzen und
mssen es, um die Absicht nicht zu verrathen, die Sie mit Ihrer Handlungsweise
verbinden - Sie legen Ihr geistliches Kleid ab! Der Orden dispensirt Sie von
jeder Rcksicht auf Ihren Stand! Sie bleiben, was Sie sind - nie verwehend ist
der Duft des heiligen Oels, das Sie salbte! Aber selbst das Zeichen der Demuth
auf Ihrem Haupte mssen Sie schwinden lassen - Sie erhalten ein Patent als ein
auf unbestimmte Zeit beurlaubter Rittmeister in ppstlichen Diensten! Denn
gerade darin, da Sie diesem Anschein, ein Krieger gewesen zu sein, auch
wirklich zu entsprechen verstehen, lag - liegt der Grund, warum gerade Sie zu
Ihrer Aufgabe gewhlt wurden ...
    Wenzel von Terschka stand betubt ... Darum hatte man an seiner
Vergangenheit keinen Ansto genommen ... Darum gleich anfangs keine Erinnerung
an seine vergangene Laufbahn ... Die Aussicht, mit der Erhebung, mit der
Bildung, die er jetzt empfangen, ein weltliches Leben aufs neue, wenn auch nur
zum Schein beginnen zu knnen, machte ihn schwindeln ... Der Stand, eine hhere
gesellschaftliche Stellung, als die sein Vater bekleidete - alles wieder aufs
neue, wenn auch in anderer Art, anerkannt ... Gehoben und gehalten von
unsichtbaren, mchtigen Hnden - - Er vermochte kaum sich zu sammeln und dem in
aller Wrde, mit feierlichem Ernst, ja mit Fanatismus ihm geschilderten Plane in
allen seinen Einzelheiten zu folgen ...
    Es ist unwahr, wenn man behauptet, Ignaz von Loyola oder seine Schler
htten gesagt: Der Zweck heiligt die Mittel. Dies Wort findet sich nirgends in
ihren Constitutionen. Aber der Dechant von Sanct-Zeno, Franz von Asselyn, sagte
schon einst zu Bonaventura, als dieser ber ein Pamphlet eiferte, das die
Geheimen Verordnungen der Jesuiten neu wieder abdrucken lie: Du hast Recht,
mein Sohn, diese Schrift ist eine Lge, die seit zweihundert Jahren entlarvt
ist! Ich wei es, ein polnischer Jesuit schrieb diese Monita secreta aus Rache
an dem Orden, der ihn ausstie, weil Hieronymus Zaorowski zgellos und
unsittlich war und die Strafe seiner Obern verdiente. Nie haben diese
Anleitungen zur Erbschleicherei, zur Verfhrung jugendlicher Gemther, zur
Bereicherung des Ordens, zur Verhetzung der Ehen, Verhetzung des Staatsfriedens,
in den Gesetzen der Gesellschaft gestanden, aber - die Monita secreta sind ein
Codex ex post! Sie sind die niedergeschriebene Praxis des Ordens! Sie sind die
Tradition neben dem Grundtext! Der Talmud, wie mein alter Freund Leo Perl gesagt
haben wrde, die Mischna und Gemara neben der Thora! Jener rachschtige Pole
erzhlte scheinbar als verlangte Vorschrift, was sich nur durch die Verderbnis
des Ordens allmhlich als selbstverstndlich in ihm festgesetzt hatte. Ich nehme
ja einige glnzende Erscheinungen des Ordens aus. Aber die Gefahr desselben ist
darum dieselbe, die Gefahr, die schon in seinem eigenen Wesen liegt, sogar in
einer an sich geistvollen und denkwrdigen Eigenthmlichkeit desselben ... Die
Jesuiten knnen fr sich ein groes Verdienst in Anspruch nehmen. Sie knnen
sagen: Ihr alle habt bisher nur den Christen im Auge gehabt; wir sind die ersten
Priester gewesen, die auch dem Menschen ihre Aufmerksamkeit schenkten! Die Seele
ist es, die ein Lieblingsstudium dieses Ordens wurde. Die Jesuiten, zu allen
Zeiten von einem brennenden Ehrgeiz getrieben, wagten es, mit der Philosophie
einen Wettkampf einzugehen. Sie wollten dem Christenthum die grten Glorien
erwerben, selbst die, einen Cartesius berflssig zu machen - Da muten sie denn
wol in die Arena des Denkens steigen! ... Und nun dachten sie den Menschen. Sie
dachten ihn in der ganzen Schwche, die uns Priestern durch den Beichtstuhl
gelufig wird. Sie dachten ihn mit jener unsaglichen Geduld und Liebe, die wir
fr die Ausbung unsers Amtes gerade nach dieser Seite hin stndlich empfinden
mssen. Sie dachten ihn in jenen steten Momenten der Reue, der Halbheit, der
innern Wehmuth, die Groes will und doch in der Ausfhrung wieder der Natur
unterliegt, und so entstand ihr berchtigtes System der Erwgung, der Rcksicht,
der Entschuldigung, der halben und der Viertel-Snde, jener sogenannte
Molinismus, der sich zuletzt noch unter dem Einflu der von Paris und Versailles
ausgehenden galanten Courtoisie und sentimentalen Veredelung frherer Roheit und
Brutalitt der Hofsitten in eine Moral der ewig lchelnden und achselzuckenden
Duldung verwandelte und in die Absicht, in die Intention, in den
Rckhaltsgedanken die moralische Verantwortlichkeit setzte, gnzlich die hhere
und wahre Sittlichkeit preisgebend! ... Fr Wenzel von Terschka gab es kein
anderes Denken, als das in den Formen dieses Molinismus ... Da die Absicht des
Ordens, den Grafen Hugo von Salem-Camphausen katholisch zu machen, eine hchst
lbliche war, bezweifelte er nicht. Er harrte der Anleitung, wie er gerade als
ppstlicher Rittmeister en retraite ein solches Ziel frdern sollte ...
    Der General sprach:
    Sie erhalten eine Liste von Affiliirten in Wien! Geldmittel - nicht im
Ueberflu; denn es wird sogar nthig sein, da Sie Schulden machen! Sie sollen
eben suchen, sich dem jungen Grafen auf die natrlichste Art zu nhern! Sein
Sinn ist offen und leicht. Das gemeinschaftliche Band knnte - Ihr altes Metier
sein! Die gleiche Vorliebe fr Pferde drfte die Gelegenheit zur ersten
Anknpfung geben. Stellen Sie sich ihm nach kurzer Zeit als in Ihren Mitteln
gebunden vor. Thun Sie das so, da Sie dabei nicht allzu entblt erscheinen, so
wird er Vertrauen fassen! Sind Sie dankbar, so haben Sie sein Gemth gewonnen.
Ihre Vergangenheit war abenteuerlich genug. Sind Sie auch darber zum Grafen
Hugo leidlich aufrichtig, so bindet die Offenheit. Von Ihrem Priesterstand darf
natrlich nicht die Rede sein ... sogar sehr, sehr selten von der Religion!
    Terschka fand alles das in der Ordnung. Er fand, da man auf diese Weise
einen hochgestellten jungen Mann, von dem man eine Rckkehr zur Kirche wnschte,
am besten beobachten lie. Und als er nur noch zweifelnd aufhorchte, als er
hrte, wie doch die Religion als Gesprchsstoff zwischen ihm und Grafen Hugo
ausgeschlossen sein knnte - sagte der General:
    Man kann die Rckkehr zu unserm Glauben mit Gewalt frdern, man kann sie
aber auch von selbst entstehen lassen aus einem still sich meldenden Bedrfni
unsers Gemthes. Aus welchen Stimmungen whlt man nicht das Gewand des Mnches!
Sie, Bruder Stanislaus, traten in den Orden zunchst aus Ehrgeiz. Bei Gelehrten
ist es oft der Ueberdru an der Unfruchtbarkeit ihrer Forschungen. Frsten und
Standespersonen wechselten den Glauben infolge der Reue ber ihr vergangenes
leichtsinniges Leben. Graf Hugo liebt das Vergngen. Vielleicht kommen Stunden
der Erschpfung, die dem Heil seiner Seele gnstig sind. Diese benutzen Sie zu
leichten und ganz wie zuflligen Erweckungen. Wir lassen Ihnen zu dieser
Beobachtung Zeit. Leben Sie so harmlos mit ihm wie Sie wollen! Gehen Sie auf
alle seine Verhltnisse ein! Geben Sie uns nur dann und wann Bericht; das
Uebrige findet sich ...
    Mit diesen dunkeln, nur der Ahnung von einem zuckenden Streiflicht erhellten
Andeutungen verlie der Pater die Zelle des Generals, in drei Tagen das
Collegium, in acht Tagen Rom. Seine Vorbereitung zur Rolle eines ppstlichen
Rittmeisters machte er in dem Gasthofe der Croce di Malta.
    Vorher htte er sich gern noch dem Cardinal Ceccone empfohlen ...
    Er wagte deshalb beim General eine Anfrage, erhielt die Erlaubni, bat im
Vatican um eine Audienz und erhielt sie bewilligt bei der Herzogin von
Amarillas, bei der der Cardinal jeden Abend nach englischer Sitte den Thee trank
...
    Die stolze Rmerin, die einst in Rollen wie Semiramis geglnzt hatte, vor
Jahren in Paris einen spanischen Herzog heirathete, der bald starb, und die dann
in ihrer Vaterstadt anfangs mit gemessenen, spterhin reichen Mitteln ein Haus
machte, empfing ihn allein und mit dem Stolz einer Frau, die allenfalls auch
eine der Kaiserinnen htte sein knnen, die sie ehemals spielte ... Es war der
Kopf jener Herme aus den Grten des Quirinals ...
    Sie war in Deutschland bekannt und unterrichtete Terschka in der Art, wie
man die Deutschen behandeln msse ... Fest und bestimmt! sagte sie. Denn dies
Volk ist voll List und Verschlagenheit! Dies Volk ist um so gefhrlicher, als es
sich die Miene der Ergebenheit und Treuherzigkeit gibt! Nie hab' ich eine
falschere Nation gefunden, wie diese - und ich bin viel gereist -! Ohne
Charakter ist sie in allem! Ich habe die schnsten und vornehmsten Frauen
gesehen, die dem Knig Hieronymus den Hof machten und seine Gunst zu gewinnen
suchten. Und dabei rhmen sich diese, besonders in der vornehmen Sphre so
gesinnungslosen, unpatriotischen Deutschen fortwhrend ihrer Treue und
Ehrlichkeit!
    Terschka kannte Deutschland wenig und lie sich belehren ...
    Die Herzogin gab ihm eine Reihe von Verhaltungsmaregeln, ohne zu wissen, in
welchen Auftrgen er nach Deutschland zu reisen hatte ...
    Erst jetzt, in den gegenwrtigen Stimmungen Terschka's, kam ihm die
Erinnerung, da die Herzogin von Amarillas damals sicher von einer Gegend
sprach, die mit der, in welcher er sich jetzt befand, die nmliche war ... Sie
hatte damals Namen genannt, die seinem Gedchtni erloschen waren ... Immer
sinnender, immer vor sich hinbrtender hatte sie gesessen, das Haupt auf die
vergoldete Lehne eines hohen Rococosessels gesttzt, ja nicht einmal bemerkend,
da Olympia in einem seidenen Kleide durch die Zimmer rauschte, die Nichte des
Cardinals, ihre Schutzbefohlene ... Dem jungen, inzwischen herangewachsenen,
wenn auch nur kleinen Mdchen, das ihr dunkelschwarzes lockiges Haar mit einem
goldenen Reifen umschlungen hielt und einen fast gehssigen, medusenhaften
Ausdruck des Kopfes bekommen hatte, war die Erinnerung an den Tag in der
Reitschule gnzlich entschwunden ... Die Herzogin erinnerte sie daran ... sie
erwhnte nicht ohne Herzlichkeit die Gedichte, die ja Pater Stanislaus aus dem
Collegium an sie geschrieben htte ... Olympia machte eine spttische Miene und
wandte sich kalt und gleichgltig ab ...
    Inzwischen wurde der Cardinal gemeldet ...
    Wenn in Rom ein Cardinal einem Privathause die Ehre seines Besuchs ertheilt,
mu ihm die Herrin desselben mit zwei Wachskerzen auf silbernem Leuchter
entgegengehen und ihn wie einen Frsten schon an der Treppe empfangen ...
    Tiburzio Ceccone, der noch jugendliche, lebensmuthige Lenker der
Gerechtigkeit im Kirchenstaat, erschien als ein noch immer schner, imponirender
Mann in der Tracht der Cardinle, wenn sie auerhalb ihrer Functionen sind, im
schwarzen Habit habill mit rothem Vorsto, rothen Knpfen, kurzen schwarzen
Beinkleidern, langen rothen Strmpfen, rothem Sammetkppchen, darber ein langer
schwarzer Krmpenhut, auf dem Rcken ein schwarzes Abbmntelchen ...
    Der Cardinal entsann sich vollkommen des Paters Stanislaus und erkundigte
sich mit forschend zusammengedrcktem Auge nach dem Ziel seiner Reise ... Die
Befangenheit Terschka's, der ihm ausweichend antworten mute, mochte er sehen,
doch machte ihn seine Liebe zu Olympia so zerstreut, da Terschka reden konnte,
was er wollte - er wrde nur zu allem wie abwesend genickt haben ... Offenbar
war er ber Terschka's Mission im Unklaren. Er pries die Fortschritte der
Gesellschaft Jesu, namentlich im Kaiserstaate, und sprach von einer Stadt an
einem groen Flusse, wo ihre Hauptniederlassung sein sollte. Die Herzogin
glaubte gleichfalls eine solche Stadt mit einem Kranz von Bergen zu kennen,
nannte aber den Flu nur klein. Sie verstndigten sich beide in der Geographie
Deutschlands wie ber ein Land, das im Grunde ein einziger groer wster Wald
wre, bewohnt von einem Geschlecht von Menschen, die an Unbildung und dabei, wie
die Herzogin wiederum hinzufgte, an Verschmitztheit ihresgleichen suchte. Sie
ihrerseits schien Witoborn an der Witobach, der Cardinal Linz an der Donau im
Auge gehabt zu haben - Deutschland war ihnen beiden ein und dasselbe Sibirien.
    In Gnaden entlassen, empfahl sich Terschka, reiste ab und nahm bereits in
Venedig seine neue weltliche Tracht an. Ueberall producirte er den Pa, der ihn
als einen beurlaubten ppstlichen Rittmeister bezeichnete. Sein Talent, sich in
seine neue Rolle zu finden, mute bald sogar ihn selbst berraschen. Htte er
nicht annehmen mssen, da, wie gewhnlich, ihm ein Wchter gestellt wre, der
alle seine Schritte beobachtete, er wrde seine Freiheit in vollen Zgen
genossen haben.
    Bald fand sich eine Gelegenheit, die Bekanntschaft des Grafen Hugo zu
machen.

                                      11.


Die erste Begegnung mit dem damals schon dreiigjhrigen Grafen Hugo fand in
Bruck an der Leitha statt, wo dieser in Garnison stand.
    Wir schildern sie nicht, da sie sich schon aus allem entnehmen lt, was wir
von Terschka's persnlichen Talenten und aus den Erinnerungen der Grfin
Erdmuthe wissen.
    Das ist ja ein Jesuit! hatte der edlen Frau sofort bei der ersten
Bekanntschaft mit diesem neuen Freunde ihres Sohnes eine innere ahnungsvolle
Stimme gerufen. Ein Beweis auch zugleich, da Terschka damals noch ganz die
Weise des Paters Stanislaus hatte.
    Damals war Terschka noch hflich bis zum Unterwrfigen, zart bis zum Sen.
Er sprach und hrte zugleich auf das, was neben ihm von andern gesprochen wurde,
und billigte es zwischen seine eigene Rede hinein, wenn er sie auch doch
inzwischen fortsetzte. Er vertheidigte nichts, was irgendjemand unangenehm
berhren konnte. Er sprach von seiner Jugend mit einem verklrten Blick gen
Himmel und folgte der Phantasie der Grfin bis auf die Anfnge der Hussiten, bis
auf die Trommel aus Ziska's Haut, bis auf den Kelch in der Fahne der Utraquisten
- all diese Vielseitigkeit und Nachgiebigkeit lernt sich aus der Kunst der
Prolusio. Geistig war er so biegsam, wie er nun auch wiederum krperlich
werden konnte. Seine Reitkunst war die magische Kraft, die bald den jungen
Offizier und dessen Kameraden an den ppstlichen Rittmeister auer Diensten
fesselte.
    Nach einem halben Jahr empfand Terschka wol die vielen Bedenklichkeiten, die
sich aus dieser Verbindung - fr seine Gelbde ergaben. Ueberhaupt welches war
das Ziel, auf das er zusteuern sollte? Der Graf hing sich an ihn mit der ganzen
Innigkeit, die jungen Mnnern in jener Zeit eigen ist, wo hunderterlei
Vorkommnisse ihrer frhlichen Lebenslust Rath, Beistand, bald Schmeichler, bald
Warner bedrfen. Bald schon konnte Graf Hugo nichts mehr ohne Terschka
unternehmen. Terschka wurde der Vertraute aller seiner Liebes-, Ehren- und
Geldhndel. Terschka's Klugheit, seine im Grunde schchterne und mahaltende
Denkweise, seine Lebenserfahrung gaben in allen Lagen die Aushlfe. Dann sich
aber dabei selbst freihalten von den Einflssen eines solchen Umgangs, vermochte
der Genosse nicht lnger. Es gab Spiel- und Trinkgelage, Abenteuer, wie sie
Boccaccio geschildert hat: wie sollte der Priester sich verhalten? Er bat seinen
Vorstand in Rom um eine Beruhigung seines Gewissens.
    Aus allem, was er erfuhr, trat ihm klar entgegen, da ihn die oberste
Ordensgewalt aller Rcksichten und Pflichten des Gewissens entband. Der
Rittmeister Wenzel von Terschka sollte mit dem Grafen Hugo von Salem-Camphausen
zwar nicht ganz nach den Worten des Mephisto verfahren:

Umgaukelt ihn mit sen Traumgestalten!
Versenkt ihn in ein Meer des Wahns! -

sollte ihn nicht absichtlich in die Verderbni locken, damit er auf der letzten
Stufe des erklommenen Tempels der Freude niedersinke mit erschpfter Kraft und
Terschka in der Gewalt hatte, dann das eroberte Opfer dem Schoos der Kirche
zuzufhren (oft hatte die Kirche diesen Triumph erlebt) - aber begleiten durfte
ihn Pater Stanislaus auf Tritt und Schritt, durfte leben wie er, lieben wie er;
nur die Heiligung des Mittels durch den Zweck durfte nicht fehlen. Mitten in
diesem Taumel sollten die Ruhepunkte, die schon fr den Grafen zuweilen
eintraten, dann und wann fr harmlose Erweckungen benutzt werden; Erweckungen,
die jedoch nur gelegentlich, ganz nur wie zufllig und absichtslos einzustreuen
waren ... So wenigstens beschied man ihn ...
    Wie jedoch der menschliche Geist einmal ist, so kann er, wenn auch noch so
geschult, niemals fr sich gutsagen, wo ihm das Glck der freien Bewegung zu
Theil wird. Terschka lebte mit dem Grafen Hugo bald nicht mehr wie der ihn
Dirigirende, sondern wie der von seinem Zgling Dirigirte. Vollkommen hatte er
mit der Zeit verstanden, was er sollte; er hatte Winke und Anweisungen erhalten,
die in zweifelhaften Fllen sogar eher das Schlimme, als das Gute zu whlen
anriethen und so war er dem natrlichen Zuge seines fast gleichalterigen
Freundes gefolgt, ergab sich ihm mit voller Anhnglichkeit, liebte ihn und lie
sich von ihm beherrschen, statt da er ihn beherrschte. Die Berichte, die er
nach Rom einsandte, wurden unwahr. Terschka gab Zusicherungen ber Richtungen
des Gemthes, in die sein Zgling verfallen wre, die jeder Begrndung
entbehrten. Nun kam die Furcht der Obern, der junge Graf knnte in solcher
Stimmung wol gar in die ascetische Richtung seiner Mutter verfallen. Kannte man
auch ohne Zweifel im al Ges das deutsche Sprichwort: Der Weg nach Rom geht
ber Herrnhut! so wrde doch die ganze Bemhung verfehlt gewesen sein, wenn der
Graf sich zuletzt in die Leitung seiner Mutter begeben und deren separatistische
Entschiedenheit angenommen htte. Demnach ertheilte man die Zustimmung zu dem
Bedenken, ob Terschka die Kraft des weiblichen Princips, das den Grafen in
leichterer Weise beherrschen konnte, verstrkte. Damals war ein eigentmlicher
Collisionsfall im Leben des vornehmen Cavaliers eingetreten. Jene Angiolina, die
er in der dalmatinischen Stadt Zara bei einer Kunstreitergesellschaft gesehen
hatte, war von ihm in einem gemthlichen Zuge seines Wesens, das von pltzlichen
Einfllen beherrscht wurde, vor acht Jahren ihrer Truppe abgekauft und in eine
Pension gegeben worden. Das elfjhrige, bildschne Mdchen hatte er dann und
wann wiedergesehen, stets mit einer mchtigen Erregung seines Gefhls. Immer
berraschender, immer reicher entfaltete sich die Bildung Angiolina's. Einmal
gab er sie weit fort aus seiner Nhe, nur um sich nicht hinreien zu lassen und
nicht seinem Gefhl zu folgen. Die Neigung Angiolina's fr ihren Wohlthter war
die gleiche. Auch sie floh die Bestrickung ihres Herzens, wenn der schne junge
Mann im glnzenden Harnisch vor ihr stand, das sonst so feurige Auge in milder
Dmpfung auf sie niedersenkend. Einige Jahre lang whrte dieser Kampf. Terschka
wurde der Vertraute. Er nahm zuletzt Partei fr den Gedanken, ein so reines Bild
nicht zu zerstren. Graf Hugo hegte ihn selbst und litt doch darunter. Oft warf
er sich dem Freunde an die Brust und rief: Ich kann nicht ohne sie leben! Von
Rom kam eine dunkle Weisung, die fast an das Wort der Schrift erinnerte, da ein
Snder dem Himmel lieber wre, als zehn Gerechte ...
    Pater Stanislaus sah das Ma der knftigen Reue sich mehren, wenn
Verhltnisse eintraten, die nicht auf die Dauer so bleiben konnten. Die
Prolusio malte es ihm aus: Endlich verlt doch ein so vornehmer Herr seine
Geliebte wieder - vielleicht war es eine Verbindung wie die Ehe - die Grfin
Paula verlangt nicht nur ihre standesmige, sondern die volle, auch sittliche
Hhe ihrer Rechte als Gattin - der im stillen gedemthigte Gatte wird schwcher
und schwcher und mu der Gattin zuletzt - ein Opfer bringen, jenes, das, wenn
auch stumm, die Gattin und die Kirche verlangen ... Aqua Toffana das der
Jesuitenmoral! Gift aus einer nur zu vollkommenen Kenntni unserer Natur
gezogen! Wo ist da noch Snde, wenn das Leben des einzelnen nur ein Theil einer
groen Maschine wird, die wiederum nicht ein einzelner dirigier, sondern ein
groes Ganzes, das Anfang, Mitte und Ende immer zugleich im Auge hat! Damit die
Olive das klare, flieende Oel wird, mu nicht nur ihre saftige Hlle, auch ihr
Kern zerstampft, auf der Mhle zermalmt werden; was kmmert dich die zerstrte
schne Frucht, wenn aus ihr ein Hheres hervorgeht, das der Einzelne, haftend an
der flchtigen, wenn auch schnen Erscheinung, gar nicht ahnen kann? Und es gibt
eine Linie, die, trotzdem da sie nur Einem Pole zustrebt, doch schwankend ist
wie die Magnetnadel, die Grenze zwischen Gut und Bse. Die Uebergnge sind
oft schroff; ganz deutlich unterscheidet sich das Oel vom Wasser; aber ebenso
oft auch rinnen sie ineinander und das schwache Herz, der Snde schon verfallen,
glaubt immer noch unter der Herrschaft reiner und gerechtfertigter Instincte zu
stehen! Shakspeare sah die Jesuiten erst entstehen. Sein Richard III., der im
Stande war ein Weib am Sarge ihres ermordeten Gatten fr sich zu gewinnen, hatte
jenen Basiliskenblick, der erstarren macht und jede moralische Entschlunahme
tdtet. Klingsohr, der, eben von der Leiche seines Vaters kommend, in einer
dunkeln Nachtstunde von einer wild tyrannischen, imponirend dmonischen, seinen
Idealen vom alten Feudalgeist des Mittelalters entsprechenden Natur berredet
wird, sie zu schonen - da gehen die schwindelnden Wege im Nachtleben des
menschlichen Gemthes, die niemand sicherer zu wandeln wei ber Dorn und
Klippe, fest an der Hand haltend den, den sie fhren, als die Jesuiten ... Wie
sollst du dich dem Menschen nahen? Der Orden sagt: Ut si non bene ei succedant
negotia!1 Oder: Etiam optima commoditas est in ipsis vitiis!2 Was hier zunchst
nur vom Gewinn des Gemths fr die Gottseligkeit berhaupt gesagt worden ist,
wurde es auch von jedem Gewinn fr die Kirche selbst.
    So lebte Terschka seit einer Reihe von Jahren als tglicher Begleiter,
Secretr, Geschftsfhrer seines wirklich von ihm geliebten Freundes, des Grafen
Hugo von Salem-Camphausen. Sorglos durfte er auf alles eingehen, was zu dessen
Lebensverhltnissen gehrte. Er durfte die Mutter des Grafen auf Schlo Salem
und in Castellungo besuchen. Er durfte sich dem groen Proce widmen, durfte
reisen im Interesse desselben, durfte die Anhnglichkeit an seinen Freund ohne
jeden Eigennutz zur Schau tragen. Der Orden rechnete nicht auf das fnf- oder
sechsunddreiigste Lebensjahr des Grafen, er begngte sich mit einem Schritt,
den dieser vielleicht erst in seinem sechzigsten, siebzigsten that. Die Stunden
kommen dann schon, wo ein alter Podagrist verdrielich ber die Welt wettert,
die jung bleibt, whrend ihm selbst die Zeit das Haar gebleicht; die Stunden, wo
man an einem kalten Winterabend bei Schneegestber im warmen Zimmer sitzt,
Anekdoten von der Vergangenheit durchspricht, die nicht mehr znden wollen, und
dann sagt: Terschka, Terschka, ich fange doch manchmal an zu moralisiren: was
ist nun wol das Leben! Und dann zuckt ein solcher mit ihm altgewordener, nun
auch weihaariger Freund, der das Gnadenbrot des Protectors it, die Achseln,
spricht mit feinem Lcheln von der Ruhe, die ihm denn doch zuletzt sein Glaube
gewhre, und hat einen Kreis von alten Chorherren, von alten devoten Damen, wo
er seine Abende behaglich zubringt und auf die der alte Freund eiferschtig
wird. Nun einmal das schon khnere Wort hingeworfen: Wenn man denn doch einmal
positive Dinge glauben will, lieber Graf, so soll man es auch ganz; lieber alles
oder gar nichts! Und das wird dann oft entscheidend ... Daraufhin schrieb einst
die Grfin Erdmuthe aus Castellungo, da Lady Elliot sie besucht htte und voll
Verzweiflung aus Rom gekommen wre: vierzehn Englnder htten zu gleicher Zeit
in der Katakombe San-Calisto das Abendmahl nach katholischem Ritus genommen -
eben auch deshalb: Will man einmal positive Dinge glauben, dann auch gleich
ganz; sonst lieber gar nichts!
    Terschka geno das wiener Leben wie dafr geboren und erzogen. Er war der
Matador der Gesellschaft und heiterer, als Graf Hugo, der mit den Jahren
trbsinnig, nachdenklich und nur noch stoweise von seinem alten Humor erheitert
wurde. Terschka hatte seine Rolle nicht vergessen, aber sie erschreckte ihn eher
wie die Mahnung an ein leicht herauskommendes Verbrechen, an dem er betheiligt
war, als wie an eine ernste und ihm werthe Pflicht. Er konnte erbeben vor einem
Brief mit geistlichem Siegel. Oft war es ihm in Abendstunden, wenn er ber die
Pltze Wien's eilte, als wenn in den dunkeln Schatten ihm eine verhllte Person
folgte. Die ganze Kette seines Lebens bis zu seinen ersten Anfngen lag dann vor
ihm. Gedenke deines Mals am linken Arm! rief ihm einst Nachts im Novembersturm
eine Stimme an der uralten Kirche Maria zur Stiegen ... Es war eine Gaukelei
seiner erhitzten Phantasie. Er kam von Angiolina, wo es glckliche,
unterhaltende Abendstunden gab ... Dann strzte er in den Beichtstuhl der
Piaristen zu Maria-Treu, auf den er von Rom aus angewiesen war ... Kehrte er von
der Josephstadt ins Innere Wiens zurck, so war es ihm oft, als mte ihm aus
einem der Fiaker, die an einsamer Stelle hielten, unterm lachenden Sonnenschein
ein Unbekannter pltzlich winken, ihn zum Einsteigen auffodern und ihn mit sich
zurcknehmen geradeswegs nach Italien in die unterirdischen Kerker, die es im al
Ges gab ... Oft auch wnschte er's, wenn sein Gewissen zu heftig zu schlagen,
seine Furcht zu heftig ihn zu erschttern begann.
    Fr Terschka war der geistliche Stand nur das gewesen, was Andern die
Schul-, Gymnasial- und Universittsbildung berhaupt. Nur durch Sklaverei hatte
er zu einer schneren Freiheit gelangen knnen. Aber die Kette lie ihn nicht.
Er zog sie berall hinter sich. Er zog sie mit den Jahren schwerer und schwerer,
unmuthiger und unmuthiger. Durch die ihm gestattete Freiheit trat er in eine
lebhafte Welt der Discussion ein. Das war damals ein Geist der Freiheit, der
Opposition gegen die Herrschaft des allmchtigen Staatskanzlers, eine Lust am
Verbotenen und Versagten bis in die hchsten Kreise hinauf, ja bis in die der
Unterdrcker selbst, die heimlich mit dem liebugelten, was sie ffentlich
verfolgten. Wie konnte er gegen die Mode des Tags Einspruch thun? Er scherzte
mit den andern, lachte mit den Spttern, vertheidigte nichts, was zumal, wr' es
gerade von ihm festgehalten worden, ber seine wahre Lebensstellung htte
Verdacht erwecken knnen. Doch nicht ungestraft wandelst du unter den Palmen! Du
lernst die se Luft der Freiheit lieb gewinnen! Die erquickenden Schatten laden
dich zum traulichen Httenbauen ein! ... Terschka kmpfte mit sich, ob er die
Fessel, die ihn hielt, nicht einst brechen, seinem Freund und der von ihm
hochverehrten ehrwrdigen Mutter desselben ganz und fr immer sich offenbaren
sollte.
    Die Bekanntschaft der Frau in silbernen Locken vermehrte bis zur
Unwiderstehlichkeit in seiner Brust den Drang, diesen Entschlu zu ergreifen.
Die Liebe als reine, geluterte Flamme des Herzens kannte er nicht. Er war ein
Wildling gewesen, ein Wanderer der Heide, ein Gaukler, ein Zigeuner. Je
schreckhafter er auf das zurckblickte, was er einst war, je gewissensbanger er
an seine unwiderruflichen Gelbde dachte, desto ungestmer wuchs sein Verlangen,
in allem und jedem das reinigende Feuer der Bildung auf sich wirken zu lassen
und die Schlacken der Seele von sich zu werfen. Gerade Monika's religiser
Freimuth durfte ihn fesseln. Frauen von Geist und Grazie kannte er genug, Allen
war er werth; seine immer gleiche Weise war jeder weiblichen Natur willkommen,
besonders da, wo sie im Mann vorzugsweise nur einen Ableiter ihrer Laune zu
haben wnscht. Monika's Geist aber war positiv. Sie hatte Ueberzeugungen und
konnte Partei ergreifen. Die Menschen sind so dumm, so dumm! Mit einem Zorn
konnte sie das ausrufen, da ihre Augen Funken sprhten. Terschka hatte nur
immer zu beruhigen und in die Bahn des Hergebrachten zu lenken. Sie sind der
ewige Leimer und Vershner! sagte sie dann wol. Sie vermhlen den Grotrken
mit der Republik Venedig! Was wre die Welt geworden, htte es nicht Frauen von
Gesinnung gegeben! Perikles lernte Reden erst halten von Aspasien! Die Kraft der
Rmer lag in ihren Gattinnen und Mttern! Die Frauen haben das Mittelalter vor
dem Ueberma der Barbarei bewahrt! An jeden groen Namen des siebzehnten und
achtzehnten Jahrhunderts knpft sich eine Frau, die fr ihn kmpfte, mit ihm
litt, seinen wankenden Muth befeuerte! Napoleon herrschte noch heute, wenn er
einer Frau von Geist, vielleicht der Stal, die ihn liebte - sie hate ihn
wenigstens nur aus Liebe - htte vergeben knnen, da sie hlich war! Graf
Hugo sagte eines Tages in seiner trockenen und einfachen Art: Das vergibt sich
schon, meine gndige Frau, wenn man nur eine solche hliche Frau nicht dann
auch sogleich wiederlieben soll! Die Mutter fand den Beruf der Frauen fr groe
Eingriffe ins Leben vollkommen bewiesen durch die Schrift. Sie pries nicht die
immerhin etwas zweideutige That der Judith, wol aber die der Deborah, die alles
Volk zum Kampfe wider Sissera auffoderte, ja jene Jal sogar, die dem Sissera,
als er schlief, einen Nagel durch den Kopf trieb; nur htten diese Frauen alle
dabei Gott die Ehre gegeben, was man von den atheistischen Gnnerinnen der
Herren Rousseau und Voltaire nicht sagen knne. Chre maman, sagte Graf Hugo
scherzend und voll Artigkeit den Dampf seiner Cigarre zum offen stehenden
Fenster hinausblasend, il y en a encore beaucoup de femmes, die uns den Kopf -
vernageln! Mais, chre maman, - sie mssen hbsch sein! Terschka vermittelte
und kam auf Napoleon zurck, auf Josephine Beauharnais, auf die Liebe eines
einfachen und rein - weiblichen Weibes - Pah, sagte Monika, Josephine
Beauharnais war empfindlerisch und verstand sich nur in trkische Shawls zu
drapiren!
    Htte Terschka, den Schwur vergessend, der ihn gefangen hielt, die Liebe
Monika's gewinnen knnen, er wrde sich zu allem entschlossen haben, was zur
vollstndigen Erreichung seines Glcks gehrt htte. Traten Beide zur Confession
der Grfin Erdmuthe, ihrer Gnnerin, ber, so war ihre Verbindung mglich. Aber
Monika vermied seine Bewerbung. Sie verstand sie nicht oder gab sich den Schein,
sie nicht zu verstehen. Sie wich den Beweisen seiner Geflligkeit aus. Es gab
etwas, was sie von ihm zurckschreckte. Nur die stete Rckkehr der Grfin auf
ein gewisses, wenn auch nur angedeutetes und erst kurz wieder vor ihrer Reise
nach England offen behandeltes Kapitel fing an sie zu beunruhigen. Sie floh vor
einer Aufregung ihres Innern, die ihr unheimlich wurde; sie floh der Gefahr
entgegen, Armgart in die Gewalt ihres aus Amerika zurckgekehrten Gatten
bergeben zu sehen. Terschka folgte. Er folgte sogar in der Absicht, Kocher am
Fall zu besuchen. Er wollte diesen vielbesprochenen, noch in rthselhafte Nebel
und Schleier gehllten Ulrich von Hlleshoven kennen lernen. Aber die
Erbschaftsfrage rief ihn zu bald nach Witoborn. Hier lebte er jetzt seit einem
halben Jahre, in dem ganzen, uerlich mit bewunderungswrdiger Virtuositt
verdeckten Zwiespalt seines zerrissenen Innern, in der steten Angst vor einer
Mahnung aus Rom, im Kampf mit Entschlieungen, die dann fr ein ganzes Leben
gelten muten. Und wie war er jetzt so nahe gerckt allen magebenden Momenten
seiner Vergangenheit; seiner nchsten in der auerordentlichen Katholicitt der
Gegend - seiner entferntesten in den pltzlichen Entdeckungen, die er ber den
Laienbruder Hubertus machen mute! ...
    Hatte er eine Ahnung, da sich ihm bald die mchtige Hand, der er nimmermehr
glauben durfte entronnen zu sein, mit Riesenkraft nahen wrde, so sollte sie
sich in der That erfllen ...
    Er verbrachte eine schlaflose Nacht ...
    Am folgenden Morgen begann er seine gewhnliche Thtigkeit. Er klopfte an
die Thr des Onkels Levinus, plauderte und rauchte mit ihm, lie sich von seinen
alten Zauberbchern, an die der Onkel nicht glaubte und die er dennoch mit hoher
Andacht studirte, von seinen chemischen Prparaten erzhlen, scherzte sogar ber
einen Homunculus, den der Onkel am Ende doch noch in der Retorte als seinen
Erben und Fortpflanzer des Namens Hlleshoven hinterlassen wrde ... er war dann
einige Stunden im Rentamt, begrte die Damen nach der Toilettenzeit, begegnete
auch schon wieder im Schlosse Thiebold, der wegen des inzwischen schon auf
morgen angesetzten groen Jagdfestes gekommen war und mancherlei ber seinen
Ankauf zu besprechen hatte, spter begegnete er Benno, der den Nicht-Einladungen
der Tante zum Trotz doch ab und zu pltzlich auf dem Schlosse erschien, da auch
fr ihn im Schreibamt des untern Geschosses Veranlassung zu Nachfragen genug
gegeben war ... Allen diesen Begegnungen zeigte Terschka seine gewohnte heitere
und zuvorkommende Art und doch war sein Inneres in rtselhafter Unruhe ...
    Armgart, bleich und angegriffen, begegnete ihm wieder mit der Postmappe und
lie ihn selbst seine Briefe suchen ...
    Wiederum war ein Brief von ihrer Mutter darunter. Doch war das Couvert nicht
mit ihrer Handschrift geschrieben. Der Poststempel zeigte auf einen Ort, der nur
noch wenige Meilen entfernt war ...
    Als wenn Armgart die richtige Ahnung htte, da dieser Brief, den Terschka
befremdet an sich nahm und betrachtete, die Ankunft der Mutter verdecken sollte,
fixirte sie den Empfnger ...
    Oeffnen Sie ihn doch! sagte sie mit Bestimmtheit. Es ist doch wol nur ein
Brief von meiner Mutter - nicht wahr?
    Wie kommen Sie darauf? Sie sehen, die Handschrift -
    Und jetzt freilich las Terschka am wenigsten ...
    Ich wei alles! sagte sie und warf die Mappe auf einen Tisch, der in der
Nhe stand, und eilte davon ...
    Terschka stand bestrzt. Ein Diener, der des Weges kam, hob einige
herausgefallene Briefe und Zeitungen auf und trug die Mappe auf Terschka's
Gehei zum Onkel Levinus ...
    Auf seinem Zimmer sah Terschka, da Armgart recht hatte. Monika war in einer
der nahe gelegenen kleinen Stdte angekommen und deutete an, da sie hoffte, in
kurzem auf Westerhof zu sein. Sie machte Terschka nicht zum Vertrauten ihrer
Absichten. Sie schrieb ihm nur um einer Einlage der Grfin willen, die diese ihr
mit besonderm Couvert abzusenden aufgetragen hatte; es war eine unbedeutende
Sache, in der die Grfin schrieb - sie wollte eben nur Monika zwingen, mit
Terschka in Verbindung zu bleiben; sie war in ihrer Art eine ebenso fanatische
Proselytenmacherin, wie die Jesuiten auch. Monika's Begleitschreiben wich allem
aus, was ihr Terschka ber das nchste Geschftliche hinausgeschrieben hatte, ja
es war frmlich ...
    Terschka ging im Zimmer auf und nieder. Er verbarg den Brief und sagte sich:
Vergebens! Vergebens! Diese Hoffnung erfllt sich nicht! Das ist ein Traum
gewesen, der nur in meiner Phantasie gelebt hat! Dahin ziehen dich deine Sterne
nicht! ...
    Nun mute ihn Armgart's Wesen befremden. Er hatte ihm anfangs nicht viel
nachgedacht. Seit einigen Tagen bildeten sich ihm in seinem Innern
Gedankenreihen darber. Liebt dich denn wol gar dies seltsame Mdchen? sagte er
sich schon seit lngerer Zeit. Sie wollte von ihm reiten lernen. Er hatte damit
auch begonnen und sich berzeugt, welche Geister sich in ihrem Innern befanden -
gebunden und wie entfesselbar! Heute war ihr Benehmen wieder zu auffallend
gewesen ... Es flammte und brauste in seinem Innern ... So kalt die Luft ging,
er mute das Fenster aufreien ... Trume, Wahngebilde der berauschendsten
Mglichkeiten umgaukelten ihn ...
    Da klopfte es an sein Zimmer und Benno war es, der nur flchtig
hereinschaute ...
    Bester Baron, sagte er mit dem ihm eigenen ironischen Lcheln, das seine
Lippen vorzugsweise Terschka gegenber umzog; wissen Sie schon, das Obertribunal
hat gestattet, da Nck's Verlangen, noch einmal die Archive von Westerhof in
Ihrer und meiner Gegenwart untersuchen und nach seiner verdammten Urkunde kramen
zu drfen, genehmigt wird! Herr von Hlleshoven hat dafr den nchsten Montag
bestimmt. Ist es wol da auch Ihnen genehm?
    Auf sein: Mit Freuden, Herr von Asselyn! war Benno schon verschwunden ...
    Es lag in Terschka's Charakter, nicht zurckzubleiben, sondern trotz der
grten Aufregung einem Besuche zu folgen und ihm die Begleitung zu geben. An
die Cadenz der Hflichkeit, die in der Jesuitenerziehung gelehrt wird, war er
gewohnt ...
    Wie er hinaustrat, war Benno auf einer der kleinen Lauftreppen verschwunden
...
    Nun aber sah er am entferntesten Ende des Corridors eine seltsame Gruppe ...
    Dort stand Armgart und reichte eben Thiebold de Jonge die Hand ...
    Thiebold kte diese Hand und sie lie es geschehen ...
    Fast schien es, als htte Thiebold auch einen bunten Gegenstand, den er in
Hnden hielt, mit Kssen bedeckt ...
    Armgart schien sogar zu weinen ... Darauf deutete ein Taschentuch in ihrer
Hand ...
    Schweigend standen beide eine Weile in sich verloren; dann raffte sich
Armgart auf, winkte mit der Hand ein Lebewohl und verschwand ...
    Thiebold sah ihr lange nach, zog jetzt gleichfalls sein Taschentuch,
trocknete sich - halb die Augen, halb trotz der Klte, wie im heiesten Sommer,
die Stirn und wandte sich, ohne aufzublicken, gleichfalls einer der Lauftreppen
zu, die aus dem ersten Stock ins Erdgescho fhrten ...
    Was ist das nur? sagte sich Terschka und schritt weiter, als mte er
Armgart anreden ...
    Denn schon, schon faten ihn die Geister der Versuchung. Eben noch hatten
ihn die wenigen Worte Benno's ber die Urkunde mit furchtbarer Macht an den
Augenblick erinnert, wo sein General vor ihm stand und ihm sagte: Fnde sich die
Urkunde, die fr die Antretung der Erbschaft unsere Religion bedingt, so wrde
sich das ganze Verhltni ndern, die Grfin wrde durch einen Familienpact den
Grafen Hugo heirathen mssen und die Aufgabe fr uns wrde eine leichtere
werden! Man riefe ihn dann vielleicht - nach Rom zurck ...
    Aber dieser wie Donnerton auf ihn einbrechenden Gedankenreihe konnte er
nicht volles Gehr schenken, die Mittelstufen derselben wankten, Seligkeit und
Qual rangen wie im Titanenkampf ... Es zog ihn vorwrts und vorwrts ... Was
sollte dieser Abschied von dem jungen Thiebold sagen? Warum nur stand vor ihm
der liebliche Engel so seltsam bewegt? ... Wie verklrt diese Augen! Wie ganz
dem Bild ihrer Mutter gleichend! Sie aber noch die wirkliche Jugend, das
wirklich blhende Leben - kein Silberschnee des Haares, der die Jugend Lgen
strafte ... Und Terschka's Abenteurernatur wurde entfesselter. Losgebunden regte
sich die Seele des Emporkmmlings, der sich an alles hlt, was ihn erheben und
fortreien kann. Eine der Krallen des apokalyptischen Thieres nach der andern,
der Probabilismus und die siebenkpfige jesuitische Moral des: Besser ist
besser! packte ihn in furchtbarster Gewalt ... Taumelnd folgte er ...
    Er kam an das Ende des Ganges, der, da das Schlo im Geviert gebaut war,
hier nur der Anfang eines im rechten Winkel sich einsetzenden neuen war ... Hier
sah er, da Armgart ein in den Hof gehendes Fenster geffnet hatte und
hinunterwinkte ...
    Dem ihm zunchstliegenden Fenster sein Auge zuwendend sah er, da es nun
auch Benno war, den sie mit schwacher, erstickter Stimme anrief ...
    Benno unten verstand sie nicht sofort ...
    Nun winkte sie ihm heraufzukommen ...
    Benno eilte auf die erste der kleinen Treppen, die in den Hof gingen ...
    Terschka zog sich zurck ...
    Offenbar, sagte er sich, hat sie mit de Jonge eben eine Scene gehabt, die
sie mit Asselyn ganz ebenso wiederholen will ...
    Schon war Benno oben, schon hatte er dessen zwar leicht, aber doch ohne
Zweifel tieferbebend Armgart dargebrachten Morgengru vernommen ... Armgart
erwiderte nichts ... Terschka hrte nur das Klappen einer Thr ...
    Er trat dann wieder vor ... Armgart und Benno waren verschwunden ...
    Das Zimmer, in das sie hatten gehen mssen, kannte er. Es war dasselbe, in
dem neulich Bonaventura seine Mutter wiedergesehen. Nichts hielt ihn, am
wenigsten die Moral seiner Bildung und Erziehung, zu versuchen, das Gesprch
Benno's und Armgart's zu belauschen ...
    Die Schlssel der Zimmer standen ihm zu Gebote. Mit wenig Sprngen war er
beim Onkel Levinus, schtzte das Interesse an einem alten Stammbaum vor, der in
einem groen Speisesaal hing, nahm die Schlssel von der Wand, schlo etwa fnf
bis sechs Thren entfernt von der, hinter welcher jenes Gesprch stattfand,
einen Saal auf, schlo wieder hinter sich zu und ging vorsichtig und langsam
durch die entweder offen stehenden oder nur leise aufzuklinkenden
Verbindungsthren hindurch bis zu dem Nebenzimmer des Fremdenstbchens ...
    Auch dort trennte ihn von dem Gesprch nur eine Thr, an die er sein Ohr
legte ...
    Es war kalt und schauerlich still in allen diesen alterthmlichen Rumen,
von denen einige mit groer Pracht ausgestattet waren ...
    Ihn kmmerte nichts ... Er horchte nur ...

                                    Funoten


1 Wenn es ihm in seiner ueren Lage gerade schlecht geht.

2 Auch aus den Schlechtigkeiten selbst heraus entwickelt sich manchmal ein guter
Anla zur Bekehrung.


                                      12.

Schon tief in seinen Errterungen mute das junge Paar vorgerckt sein.
    Dennoch staunte Terschka, eine scheinbar so ruhige Conversation zu vernehmen
...
    Nein, nein, sagte Armgart mit so leiser Stimme, da auch nur Sein feines
Gehr geschickt war folgen zu knnen - nein, nein, wissen Sie wol, lieber
Freund, damals in Lindenwerth, als Sie uns zum ersten male besucht hatten? Es
war ein Frhlingstag. Die Syringen blhten, die Nachtigall sang. Das Pensionat
wanderte in die Sieben Berge. Sie, Asselyn, gingen mit uns und als wir in eine
Schlucht kamen, die sich so wunderschn ffnete, ganz grn war sie und verlor
sich dann in Felder mit goldenen Repssaaten - da hie es, dies Thal wre die Aue
- und da sagten Sie blos: Hartmann von der Aue! ... Wer ist das? fragte ich ...
Ein Minnesnger! sagten Sie und setzten hinzu: Kennen Sie das Gedicht vom armen
Heinrich nicht -?
    Eine Pause trat ein ... Benno schien sich zu besinnen ...
    Vom armen Benno! sagt' ich wol - warf er leise und bedeutungsvoll ein ...
    Nein, nein, erwiderte Armgart, diesem Tone ausweichend, vom armen Heinrich,
dem zu Liebe sich einst eine fromme Jungfrau geopfert htte ... Sie wollten's
mir erzhlen und die dummen Mdchen kamen dazwischen mit ihren Eseln - wissen
Sie noch, sie wollten smmtlich Esel reiten und die Steigbgel waren zu lang -?
    Werden Sie denn morgen mit bei der Jagd sein? unterbrach Benno, der noch
nicht zu ahnen schien, was Armgart Ernstes mit ihm vorhatte ...
    Ich wei es nicht! antwortete sie. Die Tante sieht soviel Gefahren ... Auch
ist Paula heute wieder aufgeregter, denn je ...
    Benno schien nur zuzuhren ...
    Die Tante hatte den Mnnichs versprochen, den Pttmeyer'schen Bildern
beizuwohnen ... Ich wenigstens knnte mit zu diesen trotz der Trauer ... Aber
ich wei es noch nicht ... Erzhlen Sie mir von Hartmann von der Aue und vom
armen Heinrich!
    Liebe Armgart, begann Benno, dieser arme Heinrich war ein schwbischer
Ritter, der in den heiligen Krieg zog und das Unglck hatte, statt mit groer
Beute nur mit einer schweren Krankheit heimzukehren, die kein Doctor heilen
konnte! Man nannte die Krankheit die Miselsucht. Ritter Heinrich war nicht
einmal jung, vielleicht nicht besonders liebenswerth, er war ein guter Guts- und
Grundherr. Einem seiner Vasallen, seinem Meyer, wie das altdeutsche Gedicht
sagt, blhte ein Tchterlein, den Namen hab' ich vergessen - - wollen wir sie -
Armgart nennen?
    Gewi! antwortete Armgart und sprach dies ganz aus schwerem Herzen und voll
ernster Zustimmung ...
    Nun gut! Des Meyers Tchterlein, Armgart, hrt von dem Leid des guten
Ritters, der nach Salerno gereist war, wohin man damals reiste seiner in
medicinischen Angelegenheiten berhmtesten Universitt wegen ... Salerno liegt
in Italien ...
    Ich wei! sagte Armgart auf Benno's nicht ganz harmlose Erklrung. Aber ihr:
Ich wei! war ohne jede Empfindlichkeit. Klrchen im Egmont konnte,
abschlieend mit dem Leben, ihr elegisches: Weit du, wo meine Heimat ist?
nicht ergebener sprechen ...
    Nun kommt eine Botschaft aus Italien! fuhr Benno fort, der Ritter knnte
genesen, hie es, wenn eine Jungfrau rein sich fnde, die fr ihn in den Tod
ginge. Ich kann im Augenblick nicht sagen, liebe Freundin - Sie mssen den
Domherrn fragen, der in diesen Gedichten heimischer ist, als ich - ob der Ritter
das Blut der Jungfrau trinken oder in seine geffneten Adern aufnehmen sollte
... Letzteres ist auf der Universitt Gttingen neulich, das heit umgekehrt,
vorgekommen; ein junger Student hat sich dazu hergegeben, sein Blut durch
Transfusion in die blutleeren Adern einer jungen hinsiechenden Frau
hinberleiten zu lassen ... Die junge kranke Frau wurde neubelebt durch
Studentenblut ... Wird sie ihn nicht ewig lieben mssen?
    Scherzen Sie nicht, Asselyn!
    Sie glauben nicht daran? Dann glauben Sie auch nicht, wie zwei Freunde es
machen mssen, die scheiden und sich in der Ferne treue Kunde geben wollen? -
Gesetzt wir beide! Ich reise nchster Tage ganz aus Ihrer Nhe - und wer wei,
auf wie lange! ...
    Asselyn! unterbrach Armgart mit einem sanften Tone, setzte aber, sich
sogleich beherrschend, hinzu: Wie machen es zwei Freunde, wenn sie sich trennen
und sich voneinander Kunde geben wollen? ...
    Sie ritzen sich gegenseitig eine Wunde, fllen das trpfelnde Blut einer dem
andern in die seinige und lassen so sie heilen! Reist nun der eine gen Amerika
und der andere gen Asien, so knnen sie sich ohne alles Briefporto, ohne alle
Telegraphie im Nu verstndigen. Der eine will dem andern sagen: Ich gre dich
von ganzer Seele! - da nimmt er nur eine Stecknadel und sticht auf die geheilte
Wunde. Im Nu fhlt der andere an derselben Stelle den Stich. Jetzt gibt er Acht;
dieser erste Stich war nur ein: Hab' Acht! Nun nimmt er ein Blatt Papier, einen
Bleistift und zhlt die fernern Stiche, die er fhlt. So kommen bestimmte
Buchstaben zusammen und zwei auf diese Art blutsverbundene Freunde knnen ber
tausend Meilen weit im Nu sich sagen: Es geht mir wohl! Ich liebe dich immer und
ewig! Ich sterbe! ...
    Benno! ...
    Es dauerte eine Weile, bis Terschka Weiteres hrte ... Sein Herz schlug so
laut, da es ihm selbst hrbar wurde ...
    Endlich schien Benno sich gefunden zu haben ... Wenigstens hrte Terschka
die Worte:
    Zwanzig Meilen nach dem Westen, da gibt es ja noch Postverbindung! Oder
wollen Sie etwa weiter noch - nach dem Osten?
    Vielleicht ...
    Wohin?
    Nach Wien!
    Terschka horchte auf ...
    Mit Ihrer Mutter! sagte Benno gelassen ...
    Armgart schwieg ...
    Mit wem? fragte er dringender ...
    Erzhlen Sie mir von der Tochter des Meyers! war Armgart's ausweichende
Antwort ...
    Mit wem? drngte Benno ...
    Wie lie sie ihr Leben fr den kranken Ritter?
    Mit wem? wiederholte Benno und rief diesmal so laut, da Armgart ihn um
aller Heiligen willen um Ruhe bat ...
    Was that die Jungfrau? sagte sie dann ...
    Fragen Sie den Domherrn! antwortete Benno mit hrbarer Erregung und voll
Bitterkeit. Ich glaube, sie sollte sich auf den Secirtisch der Anatomie legen
und sich von den Professoren zerschneiden lassen! Das Mdchen, ein zweites
Kthchen von Heilbronn, reiste richtig nach Salerno, bietet sich auf der
Anatomie zu jedem Experimente an - Die Professoren erstaunen und, wie beim Opfer
Abraham's schon der Wille fr die That gewirkt hatte, so wird auch hier der
Ritter gesund und heirathet die Tochter seines Meyers ...
    Das ist dumm! wallte Armgart auf ...
    Wegen der Mesalliance? Oder erwarteten Sie den Opfertod?
    Gewi! ... Das Schicksal ist auch wol so gndig, wie ihr Poeten! Wo etwas
Notwendiges von den Umstnden vorgeschrieben wird, geschieht es auch! Das steht
in den Sternen!
    Armgart! Sie wollen so eigensinnig sein, wie manchmal denn doch - die Liebe
Gottes nicht ist? Welchen Opfertod suchen Sie denn?
    Armgart schwieg ...
    Sprechen Sie, Armgart -! Was wollen Sie in Wien -? Ich beschwre Sie! ...
    Benno errieth nicht, welche Gedankengnge in Armgart schlummerten, welchen
Opfertod sie meinte ... Da aber Wien und Terschka zusammenhing, das mute ihm
gewi sein ... Terschka hrte, da er eine Rede abbrach, die aus seiner
mchtigsten Aufwallung zu kommen schien. Wie mit einer sich beherrschenden
Stimme sprach er:
    Ich denke, Sie leben nur der Vereinigung Ihrer Aeltern?
    Das thu' ich auch! In wenigen Tagen werden sie verbunden sein!
    Wer sagt Ihnen das?
    Meine Ahnung!
    Was der Mensch getrennt hat, kann kein Gott wieder zusammenfgen! Selbst Sie
nicht, Armgart!
    Atheist!
    Knnen Sie wissen, was sich Ihre Aeltern vorzuwerfen haben?
    Nichts haben sie sich vorzuwerfen! Und wenn -! Die Kirche scheidet nicht!
Sagten Sie nicht oft, Vater und Mutter - beide sind Menschen voll Hochherzigkeit
und Edelmut? Und sie sollten sich nicht angehren? Nicht ewig?
    Liebe erzwingt sich nicht! Das - - das seh' ich ja!
    Die Liebe ist ein Wahn!
    Armgart!
    Nur Gott ist die Liebe! Gott sagt, wen und was die Liebe whlen soll! ...
Ha, Sie sprechen von Glck, Benno? Thorheit, Thorheit menschlicher Schwche, die
nur in Befriedigung ihrer eiteln Wnsche Beruhigung findet! Wohl! Schn mu es
sein, herrlich zu leben, das geb' ich zu, wenn das Herz erreicht, wonach es
verlangt ... Aber auch stckweise es hinzugeben, wenn es die hhere Pflicht
begehrt, die Prfung unserer Gre es will - darin kann ebenso viel Freude
liegen - oder glauben Sie nicht, da Hedwig von Polen glcklich war, als sie dem
Ferdinand von Oesterreich, den sie liebte, entsagte und den Heiden Jagello zum
Manne nahm, der ihr seine Taufe, die Taufe eines ganzen Volkes, zur Morgengabe
brachte? Wie sie ihren Brautschleier der Mutter Gottes von Krakau schenkte, mu
ihr das Leben anfangs wie unter einem schwarzen Gewitterhimmel dahingezogen
sein! Dann aber umsumte es sich rosig und gewi, gewi - sie wurde glcklich!
    Armgart! rief Benno auer sich voll Erstaunen ... Und alles wurde jetzt
still ... Terschka sah im Geist seinen Schutzheiligen, den achtzehnjhrigen
Polen Stanislaus von Kostka, dem beim Gebet sein Antlitz von Verklrungsschimmer
berleuchtet gewesen ... Ebenso auch hrte er Monika, deren Methode, zu fhlen
und zu denken, ganz dieselbe war, wie bei ihrer Tochter, wenn auch ihr Fhlen
und ihr Denken andern Ergebnissen zugute kam ... Sein Herz verstand, was er
hrte ... Dmonen raunten ihm zu:
    Willst du mitleidig sein mit diesem jungen Mann, der seinen Abschied auf
ewig - um deinetwillen erhlt? Willst du thricht sein und um einer solchen von
Gttern zu beneidenden Hingebung willen gestehen, da ihr Opfer - ihre Absicht,
ihn - von ihrer Mutter zu trennen, auf einem Irrthum beruht? ...
    Armgart! Armgart! Ich beschwre Sie, was geht in Ihnen vor? rief Benno ...
    Ich lebe - einem Gelbde! ...
    Himmel, kann denn irgendeine That Gott wohlgefllig sein, die Ihr Herz
Gefahren aussetzt, fr die keine, keine Himmelskrone Sie entschdigen wird?
    Lsterung!
    Wem wollen Sie Ihr Herz, Ihre Hand zum Opfer bringen? Warum, warum nur
lieben Sie - Terschka?!
    Kein Aufschrei Armgart's erfolgte ... Alles blieb still ... Lange, lange
blieb es still ... Terschka begriff nicht, warum beide pltzlich schwiegen ...
    Allmhlich begann Benno zu sprechen ... Er sprach so leise, da Terschka
nicht folgen konnte ... Dem Schlsselloch Ohr und Auge zuzuwenden wagte er
nicht, ungewi, ob die nebenan herrschende Stille nicht jede seiner Bewegungen
verrathen knnte ... Vor seiner Phantasie stand Benno in diesem Augenblick, als
mte er Armgart an beiden Hnden halten, mte ihr tief in die Augen blicken,
mte mit ruhiger Ergebung ihr die ganze Wahrheit seines Herzens enthllen und
ihr sagen: So sollst du hinschwinden, schner Traum meines Lebens, und wer, wer
konnte dich fesseln! Wer konnte dir werther sein, als ich! - -
    Die Worte, die Terschka allmhlich dann unterschied, lauteten:
    Armgart! Wenn irgendjemand die Stimmungen kennt, in denen man, wie wir so
oft in den Grten des Enneper Thals nach den schwellenden Frchten ber uns
nicht langten, ebenso auch sein Glck dahinziehen lt unerstrebt, so bin ich
es! ... Aber bleiben Sie nur, Armgart! ... Ich wurde schon ruhiger, seit ich
wute, da auch ein Freund Sie liebt! ... Denn wie wollen Sie es nennen, wofr
die Sprache nur Ein Wort hat! ... Sie erklrten vorhin dem Freund ohne Zweifel
mit derselben Bestimmtheit, wie mir, da Sie aus unserm Leben auszuscheiden
wnschen und unsere Bewerbungen ferner nicht mgen ... Nun denn! Ich nehme den
Aschenbecher, wie er, der Frhlichere - die Tasche fr schnell verkohlende -
Cigarren! ... Wer Ihr Herz besitzt, ich sagte es vorhin ... Herr von Terschka
wird eine groe gesellschaftliche Stellung einnehmen, wird Sie in das schne
Wien entfhren, dort werden Ihnen Glck und Reichthum lcheln! ... Fliegen Sie
mit ihm zu Ro dahin in flatterndem Gewande! ... Aber nehmen Sie ein Wort von
mir zum Abschied! ... Ich bin Ihnen nichts mehr und nun - nun bin ich mir noch
weniger, als schon seit lange ... Ihre Tante hat recht, mich wie einen
Zigeunerknaben zu behandeln, den man nur aus Barmherzigkeit aufnimmt ... Ich bin
ein verflogener Vogel und passe fr euere Kfige nicht ... Doch ich werde Sie
wiedersehen; das wei ich ... Wissen Sie, Armgart, da ich auch Das sicher und
fest wei - da ich Sie trotz Ihrer von unserm Glauben gebotenen Himmelskronen -
ich wei nicht warum! - unglcklich finden werde? ... Und Sie bejahen das -? ...
Aber auch Ihr rtselhaftes Martyrerthum wird Sie nicht befriedigen! Es gibt
Naturen, die nicht aus Erdenstoff geschaffen scheinen und die dennoch mehr den
Gesetzen der Erdenschwere unterliegen, als die gemeinen! Ihre Mutter schon
rettete sich nur durch eine Flucht ganz aus der Welt heraus vor Gefahren, in die
nun auch Sie sich begeben wollen; Ihre Mutter wird von Tausenden verurtheilt,
ohne da sie es verdient; sie wird verurtheilt und - sie leidet darunter ...
Auch Sie, Sie, Armgart - werden den Beifall der Menschen vergebens suchen, wenn
Sie ihn nicht mehr finden knnen ... Ich erschrecke vor Ihrer Zukunft!
    Armgart erwiderte leise und sprach lange. Terschka konnte nichts verstehen,
als da sie nur vom Beifall Gottes und von ewiger Trennung sprach ...
    Endlich wurde alles still ...
    Die Thr ging ... Noch hrte Terschka nur ein pltzliches, heftiges, aus
tiefster Seele kommendes Schluchzen ...
    Armgart mute allein sein ... Ihr Weinen wurde zuletzt so heftig, da es
sein Innerstes durchschnitt ...
    Anfangs wollte er hinberstrzen, sich ihr zu Fen werfen, die Liebe, die
wirklich nur ihm, ihm geweiht sein konnte, ablehnen, wollte die Wahrheit
bekennen, da er Priester wre, ein gerade in ihren Augen todwrdiges Verbrechen
begehen wrde, schon an ihren Besitz auch nur zu denken - - Dann aber
erschreckten ihn - erst die Thrnen Armgart's ... er konnte ihr Weinen nicht
mehr hren ... Er verlor die Besinnung ... Leise schlich er auf den Zehen durch
die Zimmer zurck, kam zum groen Speisesaal, ffnete die Thr, die in den
Corridor fhrte ... Alles war still ... Niemand wol hatte ihn beobachtet ...
Durch ein Fenster in den Hof blickend, entdeckte er Thiebold und Benno, wie
beide schweigend, vernichtet, erstarrt zur Erde blickend zum Portal des
Schlosses hinausgingen, wahrscheinlich um gemeinschaftlich nach Witoborn - und
in ein neues Leben zurckzukehren ...
    Die Mittagsglocke lutete, die alles in dem kleinern Speisezimmer vereinigte
...
    Tischgenossen, die der Zufall brachte, gab es in dem gastfreien Hause genug
...
    Nun schon trat Armgart hinter Terschka hervor ... Tief verweint waren zwar
noch die Augen ... Doch rang sie schon nach Unbefangenheit ...
    Herr von Terschka, sagte sie mit leiser Stimme, ich will Nachmittag nach
Heiligenkreuz ...
    Der Wagen ist schon fr die Damen bestellt! sagte er ... Wie mute er sich
beherrschen, nicht ihre Hand zu ergreifen ... Nicht in die Augen konnte er ihr
sehen ...
    Es sind mir ihrer zu viel ...
    So bestell' ich zwei Wagen ...
    Ich will zu Fu gehen ...
    Es wird Abend werden, ehe Sie fortknnen ...
    So knnen - so knnen Sie mich ja - begleiten ...
    Damit stand Terschka allein ...
    Auf dies Wort begleiten kmpften Himmel und Hlle ...
    Terschka begriff vollkommen, was in Armgart vorging ... Sie hatte ein
Gelbde gethan, um den vershnten Aeltern anzugehren. Sie glaubte: Er wre ein
Hinderni dieser Vershnung -! Die Mutter wre im Begriff, ihn zu lieben -!
Deshalb - Deshalb -! Wie Glhstrom fiel es auf ihn: Deshalb reit sie mich mit
Gewalt von einer eingebildeten Liebe ihrer Mutter los und will mich selbst
gewinnen - - - Die Mglichkeit, da ein solcher Gedanke in ihr entstehen, dies
Ertdten ihrer Neigung zu Benno mglich sein konnte, bersah er ... Armgart war
katholisch! ...
    Sollte er nun dies Wahngebild sich immer weiter ausbilden, immer
verheerender im Herzen der lieblichen Jungfrau um sich greifen lassen? Um sich
greifen lassen auf Grund einer Voraussetzung, die - das sah er ja beschmt - in
Betreff Monika's eine vllig unbegrndete war und auf Verwickelungen
hinausfhrte, die nie zu lsen schienen -?
    Im Abenddunkel sah seine Aufregung ihn mit Armgart allein dahinschreiten
durch die Winterlandschaft ...
    Im Geist sah er Armgart neben sich, im Pelz die Hnde bergend, deren eine er
vielleicht, von seinem Glck berwltigt, verwegen ergriff beim Eintritt in den
dichtern Tannenforst ...
    Im Geist hrte er, was sein Uebermuth, sein Leichtsinn ihr zu sagen wagen
wrde: Wie hab' ich Sie einst schon gesucht an jenem strmischen Regentag, als
die Jugend von Lindenwerth zur Villa in Drusenheim kam! Wie zog mich Ihre Flucht
Ihnen nach! Den schnellsten Renner htt' ich satteln lassen mgen vor
Eifersucht, nur um der Dritte sein zu knnen unter denen, die in Ihrer Nhe
weilen durften ...
    Dann sah er Eulen auffliegen, die den Schnee von den Aesten verschtteten,
auf denen sie gesessen ... Rehe, Hirsche - Unthiere, sah er aufgescheucht vom
Vortreiben zur morgenden groen Jagd, durch die Gebsche brechen ... Der Mond
stieg am uersten Rand des Horizontes empor ... Ausmalen mute er sich, wie er
wrde Abschied nehmen mssen an der Allee, die nach Heiligenkreuz fhrt, und wie
er wrde zurckkehren, wenn sein alter, gewohnter Lebensbermuth ihn bermannt
htte ... Toll, toll wrde er in die Nacht hinauslachen, bis - - pltzlich aus
den Bschen an jedem Seitenwege ein Bote seines vergangenen Lebens trte - Jean
Picard, sein Gespiele - Franz Bosbeck, sein Lebensretter - van Prinsteeren, der
ihn einst zuerst aufs Pferd gehoben - jener Schweizersoldat, der ihn mit in die
Alpen nahm - er hrte das Stampfen der Rosse in der Kaserne der Lanzenreiter zu
Rom - sah die Benfratellen, wie sie ihn in das Spital an der Tiber trugen - dann
hatten sie alle, alle Todtenhemden an und Larven ber dem Antlitz; es war die
Bruderschaft della Morte ...
    So noch fiebernd, so in Jesuitenart schwankend, so im zagenden Begriff zur
Gesellschaft einzutreten, erschtterten ihn zwei Thatsachen, die dann noch zu
gleicher Zeit auf ihn eindrangen ...
    Um ihn her war es pltzlich seltsam lebendig geworden ...
    Er sah, da es die Anzeichen einer neuen Vision der Grfin waren ...
    Er hrte, da Stimmen des Erstaunens durcheinander gingen ...
    Er sah Bonaventura kommen ... sah diesen von Tante Benigna, von Onkel
Levinus in hastigster Aufregung begrt, sah das Erbleichen des Domherrn, als
ihm die Mittheilung wurde, da Paula im Hochschlaf lge und von den
schmerzlichsten Anschauungen gefoltert wrde ...
    Zu gleicher Zeit bemerkte er aber auch auf dem Corridor, der zu seinen
Zimmern fhrte, im weitesten Hintergrunde und grell von einem Sonnenstrahl
beleuchtet - einen Mnch ...
    Ein Lebender war das, der da herkam, aber seine funkelnden Augen schienen
zwei Flammen aus den Hhlen eines Todtenkopfs zu sein ... Die Kiefern des Mundes
bewegten sich ... Sie lchelten ihm von weitem so freundlich, da die Grbchen
auf den Wangen sich ausfllten wie mit Blumen unter Leichensteinen ... Ein
langes, weites, braunes Gewand hing wie ber einem Skelet, das lssig, doch
absichtsvoll daherschritt ...
    Herr von Terschka? riefen Diener im Hintergrund ... Ist dort! sagten andere
und schossen an ihm vorber ...
    Ahnend stand Terschka an der Schwelle des Eintrittsaales am Weihebecken ...
    Der Mnch nherte sich ...
    Zugleich sprach voll Schrecken Bonaventura, der neben Terschka stand: Um
Gott, was sieht sie? ...
    Eine Feuersbrunst! riefen mehrere Stimmen vom grnen Zimmer her ...
    Unter Terschka wankte der Boden ...
    Der Mnch kam nher und nher ...
    Voll Schmerz und Verzweiflung liegt sie! erzhlte man durcheinander ... Sie
sieht ein Hans in Flammen! Sie frchtet zu verbrennen! Kommen Sie! Helfen Sie,
Herr Domherr!
    Aber auch der, der einst Terschka aus den Flammen gerettet, kam nher und
doch schien der Corridor sich weit, endlos zu erstrecken bis zu den Corridoren
und Kerkern - des Al Gesu in Rom ...
    Jetzt hielt der gespenstische Bruder einen Brief empor, der nur an Terschka
gerichtet sein konnte, denn auf ihn, ihn blickte unverwandt das freundliche
Nicken des Todtenhauptes ...
    Es ist das Schlo, das brennt! berichteten neue Stimmen und riefen
Bonaventura, dessen Hand Onkel Levinus ergriffen hatte, als sollte er Hlfe
bringen und Paula beruhigen ...
    Das ist Hubertus! sagte sich Terschka und an seinem Arm brannte das Mal in
lichterlohem Feuer ...
    Bonaventura war aus dem Vorsaal in das grne Zimmer getreten wie ein
Hlfebringender, wie ein Rettender vor dem Tod in Feuersgluten, die er um sich
her, seiner Ahnungen eingedenk, durch die Fenster hereinbrechen, rings das
Geblk ergreifen, eine Welt in Asche legen sah ...
    Und auch Terschka sollte folgen ... Onkel Levinus erwartete es und harrte
...
    Doch der Mnch, was will - der Mnch? ...
    Bruder Hubertus! sagte Onkel Levinus, ihn erkennend und nach obwaltenden
Umstnden erfreut begrend. Sie kmen schon zurecht, um auch hier aus Flammen
zu retten? Die Grfin hat eine schwere Vision ...
    Bruder Hubertus trat lchelnden Mitleids naher, verbeugte sich, zuckte die
Achseln, als wisse er gegen solche Offenbarungen der Gottheit keine Hlfe, und
bergab an Terschka, diesen immer mit seinen Augen wie verschlingend, den Brief,
den er ihm schon so lange entgegenhielt ...
    Terschka ergriff den Brief ... Das Siegel war geistlich - - noch kam es
nicht aus Rom ... Pater Maurus, der Provinzial der Franciscaner, schrieb ihm nur
unter dem groen Siegel seines Klosters ...
    Terschka erbrach und las ...
    Jetzt zog ihn der Onkel, um das ihm wichtiger Scheinende in den Zimmern
drinnen nicht lnger zu versumen ...
    Ich werde kommen! hauchte Terschka - gelblichbleich war er geworden wie der
von der Wintersonne gefrbte Schnee auf den Feldern ...
    Noch einmal wandte er sich zu dem an der Thrschwelle harrenden und mit
glhenden Augen ihn durchbohrenden Boten und sagte:
    Ein Brief - fr mich - schreibt Ihr Guardian wre im Kloster angekommen -
wissen Sie nicht - woher?
    Mit einer Miene, die das seligste Gefhl ausdrcken sollte: Bist du denn,
Mann mit dem mir so theuren Namen, mit der ahnungsvollen seltsamen Gestalt, bist
du denn wol gar verwandt mit dem Kinde - oder selbst -? sprach dieser ein Wort,
das dann fr Terschka's Ohr erklang wie die Posaune des Weltgerichts:
    Aus dem Kloster der Piaristen zu Maria Treu in Wien!
    Terschka - verschwand jetzt ... Nicht zusammenbrechend, nicht
niedergeschmettert von einem Wort, das ihm lauten durfte: Deine Stunde ist
abgelaufen! sondern wie mit einem Muth auf Leben und Tod ... Er dachte an
Armgart.
    Der Mnch stand noch immer und sagte nur zu den Dienern staunend:
    Wenzel von Terschka -!
    Von den Vielbeschftigten konnte dem Greise niemand Gehr geben.

 Die Schlukapitel dieses fnften Buchs erfolgen im Anfang des sechsten Bandes.


                                 Sechster Band

                                  Fnftes Buch

                             Fortsetzung und Schlu

                                      13.

Noch in derselben Nacht schlug das Wetter um. Zum Schnee gesellte sich Regen. So
begann die Jagd schon ganz mit Besttigung der trben Ahnungen, die Tante
Benigna um die Nachtruhe gebracht hatten; Paula sah am Tag zuvor eine
Feuersbrunst und zusammenstrzende Gebude, die sie nicht zu nennen vermochte
...
    Terschka war heute schon in aller Frhe aufgebrochen und hatte zum Schlo
Mnnichhof, wo sich die Mehrzahl der Mitglieder des groen Jagdfestes versammeln
wollte, einen Umweg ber Kloster Himmelpfort gemacht ...
    Noch am Abend hatte er Armgart nach dem Stift Heiligenkreuz zurckbegleitet,
war spt wiedergekommen, dann beim Thee nicht erschienen ...
    Bonaventura hatte sich unmittelbar nach der Vision entfernt ... Mit leicht
erklrlicher Aufregung hatte er Paula gefragt, welches Gebude sie brennen she,
und von ihr keine Antwort erhalten ... Ja er magnetisirte sie, um ihr Auge zu
schrfen ... Sie verfiel dadurch in einen desto sanftern Schlummer, aus dem sie
Niemand mehr wecken mochte ...
    Onkel Levinus gehrte einer Familie an, die in den frhern geistlichen
Zeiten die Landoberjgermeister der Frstbischfe von Witoborn gewesen waren. In
jagdgemen Traditionen war er aufgewachsen. Aber von dem Ideal eines Nimrod
stand er so weit entfernt, da Tante Benigna vollkommen Recht hatte zu
befrchten, man knnte statt der erlegten Hirsche und Rehe auch allenfalls ihn
selbst, den weiland Candidaten des Erblandoberjgermeisteramts, auf dem
Beutewagen nach Hause fahren. Wie sie ihm die Pelzkappe darreichte, den Fusack
seinem Leibschtzen Soetbeer auf die Seele band, ja sogar diesem zuflsterte,
wenn der Baron einen feuchten oder zu langen Stand im Walde bekme, den Fusack
bei der Hand zu behalten; wie sie das Lederfutter untersuchte, in welchem die
prachtvoll damascirte Doppelflinte geborgen lag, da htte nur die - frhere
Armgart gefehlt, um diesen Abschied aus dem Tragischen ins Komische zu
bersetzen.
    Onkel Levinus bewegte sich in seinem Jagdcostme, zu welchem sich noch die
Wildschur gesellte, wie ein Pelzmrtel zur Weihnachtszeit. Aus Br und Zobel
konnte man ihn kaum herausfinden. Das Gesicht war erkennbar nur an zwei
Brillenglsern, ohne die er heute behauptete keinen Rehbock zu treffen. Bei
seinen Fabrikationen von Berliner Blau, Strkemehl, Pottasche und knstlichen
Dngererden hatte er nie die Brille nthig; nur auf die Jagd nahm er sie mit, um
den Spott, der ihn als Abkommen so vieler frstbischflicher
Erblandoberjgermeister unfehlbar heute treffen wrde, durch ein kurzes
Gesicht zu mildern. Und dann war Graf Mnnich als ein schuneidischer
Cavalier in der ganzen Gegend bekannt. Der ist eiferschtig auf jeden Schu, der
nicht aus seiner Bchse kommt! sagte der Onkel mit einem Ton, als fielen heute
mindestens durch seine Kugel ein Dutzend Rehe ...
    Eine Jagd in einem Walde, der im Frhjahr nicht mehr sein wird! seufzte
Paula beim Abschied ...
    Ja, alles wird weggeschossen, was Haar oder Federn hat! renommirte der Onkel
...
    Bitte, bitte, Baron! fiel die Tante rgerlich ber einen so gefhrlichen und
herausfordernden und noch dazu, sie wut' es ja, nur affectirten Ton ein; bitte,
sehen Sie nur zu, da man Ihre Pelzmtze schont!
    Die Tante lie es noch zweifelhaft, ob auch sie zu den Transparentbildern
Pttmeyer's, die Nachmittags den Damen der vornehmen Jger gezeigt werden
sollten, kommen wrde ... Sie wute, es gab nachher ein stattliches Jagdbanket,
und die Trauer Paula's gestattete weder ihr, noch Paula, sich in diesem Grade in
die Zerstreuungen des Weltlebens zu mischen ... Von Armgart, sagte sie, liee
sich erwarten, da sie mit den Stiftsdamen auf Schlo Mnnichhof zu Pttmeyer's
Triumphen kommen wrde; diese htten drei Equipagen aus Witoborn bestellt ...
Zwei Stiftsdamen, Frulein von Merwig und Frulein von Absam, gehrten sogar zu
den Jgerinnen und waren berhmt durch ihren Muth und ihre Fehlschsse ...
    Mit der Versicherung des Onkels, da man sich verlassen knnte, er wrde
sich weder zu lange an dem Banket, noch an dem selbst in dieser frommen Sphre
nach den Jagdpartieen blichen hohen Spiel beteiligen, entzog er sich endlich
dem beklommenen Abschied ... Das leichte, trotz des Schneeregens offene und
freie Jagdwgelchen rollte von dannen.
    Unterwegs pfiff der Wind nicht wenig. Die Brillenglser des khnen Jgers
beschlugen; oft verlor er den Athem, wenn der Wind umsetzte und Leibschtz und
Kutscher, die vor ihm saen, nicht mehr als Windfang dienen konnten. Dennoch
wurde er nicht mde, Jagdanekdoten theils selbst zu erzhlen, theils sich
erzhlen zu lassen, Anekdoten, die bis in die glnzendsten Zeiten seiner Familie
hinaufreichten und dem Ausspruch: Ecclesia sanguinem abhorret! keineswegs
entsprachen; denn immer handelte sich's darum, wie Se. hochfrstbischflichen
Gnaden dazumalen entweder selbsten die Sau abgefangen oder sich von einem
sichern Standorte aus Flinte auf Flinte, bereits geladen, htten darreichen
lassen und die herbeigetriebenen Rehe und Hirsche zum Plaisix Serenissimi
zusammengemrdert htten ...
    Gegen zehn Uhr war man auf Mnnichhof ...
    Auf diesem stattlichen Herrensitze, der noch mit Zugbrcken und einer Anzahl
Lnetten fr noch vorhandene alte eiserne Bller, mit Wllen und in einem groen
ringsumher gehenden Arm der Witobach mit vorgeschobenen Eisbrechern oder
sogenannten Dcs d'Alba ausgestattet war und im Innern des Hofs in die Blte und
Herrlichkeit des siebzehnten Jahrhunderts zurckversetzte, fand man den grten
Theil der Gesellschaft wieder, die neulich dem Freiherrn von Wittekind dei
letzte Ehre gegeben hatte ...
    Der Hof war belebt von dem Jagdzeug des Grafen, das mit den Contingenten der
benachbarten Herrschaften, vorzugsweise dem groen Jagdpersonal der Dorstes
vermehrt worden war. Da standen die Wagen fr die Jagdtheilnehmer und fr die
gemachte Beute. Treiber und Jagdbursche hielten die Schweihunde an der Leine
und mancher von letztern trug noch am Halse die Korallen, einen Stachelring,
nach dessen Abnahme man voraussetzen konnte, das gereizte Thier wrde um so
gieriger an die wilde Arbeit gehen. Der musikalische Theil der Jagd war durch
einige horngeschickte Jger, vorzugsweise durch die in Jagdcostme gekleideten
Trompeter der Husarengarnison von Witoborn vertreten, ja sogar ein Bajazzo
fehlte nicht - der buckelige Stammer hatte sich vom grflich Dorste'schen
Oberfrster ein Costm erbettelt und blies aus Leibeskrften mit den brigen. In
seiner grnen Mtze mit einer Feder sah er aus wie ein Heusprengsel und die
Grfin von Mnnich, eine fromme Dame, die ohne eine kirchliche Bue nicht ins
Theater ging, mute im Kreise ihres Besuchs wider Willen ber ihn lachen, als
sie auf einen Balcon hinaustrat, der in den Hof ging, angelockt von einem
Horusolo, das jedoch des Guten zu viel that und in Dissonanz verendete ...
    Zu der Blte des Adels, zu jungen und alten im Bann der hiesigen
Anschauungen lebenden Cavalieren, auch Offizieren der benachbarten Garnisonen,
hatte sich schon jetzt eine nicht geringe Anzahl Frauen gesellt. Amazonenhaft
traten nur einige wenige auf. Mit Spannung erwartete man vorzugsweise die Damen
aus dem Stifte ... Die Frulein von Merwig und von Absam blieben ohne Zweifel
schon auf dem fr den Beginn der Jagd abgesteckten Standorte zurck, an dem sie
vorberfahren muten und wo sich alle diejenigen einfinden wollten, die erst
ber Mnnichhof einen Umweg gemacht htten ...
    Terschka war nicht zu sehen ... Jeder fragte nach ihm ... Fest stand, da
ihn seine Ritterlichkeit heute wieder zur Hauptperson des Tages machen wrde ...
In der That schon mit Schuneid sagte das Graf Mnnich, ein schlanker, von
Kopf bis zu Fu jagdgem gersteter Herr, dessen Aufregung unter den zwanzig
bis dreiig Cavalieren die lebhafteste war ...
    Benno und Thiebold sollten gleichfalls kommen ... Letzterer als baldiger
Herr des heute und bis zum Frhjahr zum letzten mal vom Jagdruf widerhallenden
Waldes ... Der auch an ihn ergangenen Einladung hatte er um so weniger
widerstehen knnen, als er nach den gestrigen schmerzlichen Erfahrungen fr
Benno's ihn jetzt ngstigenden Trbsinn und den minder gefhrlichen eigenen
die erheiternde Wirkung eines solchen Vergngens geltend machte, auch nicht
leugnen konnte, da ihm ein vom jungen Tbbicke in Witoborn schleunigst nach
dem Modejournal angefertigtes Jagdcostm nicht bel stehen mte ...
    In dem groen Ahnensaal, in welchem neben den bis weit ber den
Westflischen Friedensschlu hinausreichenden Familienportrts die wunderbarsten
Hirschgeweihe hingen, solche sogar, die mit Baumsten verwachsen waren, nahm man
ein Frhstck ein. Dann wre man, da die, welche noch fehlten, aus dem gewhlten
Schiestande im Warten ungeduldig werden konnten, unfehlbar aufgebrochen, wenn
sich nicht die Scene auf eine eigenthmliche Art durch das Eintreten einer
Persnlichkeit gendert hatte, deren Erscheinen hier Niemand erwartete.
    Ein magerer Herr in mittlerer Statur, in der sogenannten Armeeuniform, die
Brust mit Orden bedeckt, trat ein ... Hinter ihm folgte ein Jger, der, wie alle
Leibschtzen, die Flinte seiner Herrschaft trug ...
    Der Landrath! ging es mit einstimmigem Murmeln durch die Reihen der aus
ihren schon wieder angezogenen Pelzrcken und Ueberwrfen kaum erkennbaren
Physiognomieen ...
    Niemand war bestrzter, als der Wirth, Graf Mnnich selbst ...
    Was ist das? rief er erstaunt und allen hrbar ...
    Bald stellte sich heraus, da den Landrath von Enckefu Niemand eingeladen
hatte ...
    Noch mehr ... Der feierliche Aufzug des in dieser Sphre schon lange durch
die Zeitereignisse Proscribirten hatte etwas Bengstigendes ... Da dieser
weiland schne Mann, ein alter Cavalerieoffizier, sich mit der grten
Beflissenheit seinen Bart, sein Haar gefrbt, ja sogar die Runzeln seines fast
fleischlosen und nur aus Haut und Knochen bestehenden Kopfes weggemalt hatte,
berraschte Niemanden. Auch heute hatte er seine allbekannte Toilette, dieselbe
Chevalerie mit den Damen, dasselbe stramme Auftreten mit den hohen
Stulpstiefeln, dieselben Scherze, die man an ihm gewohnt war ... Aber in so
seltsamer bertreibung kam alles an ihm zum Vorschein, da man annehmen mute,
entweder hatte er bereits seinem vormittgigen Lieblingsgetrnk, dem Crao,
stark zugesprochen oder er befand sich in allem Ernst in geistiger
Unzurechnungsfhigkeit ...
    Sofort bildete sich eine Phalanx gegen den Vertreter der Regierung, gegen
den Mann, der einen Bruder des Kirchenfrsten im Duell erschossen hatte, gegen
den Freund des Kronsyndikus, gegen den Vater des Assessors, des jetzigen Rathes
von Enckefu ... wiederum sah man die groe Kluft des Vaterlandes und immer
peinlicher wurde die Verlegenheit fr den Jagdherrn ... Allgemein stellte man
ihm in ergrimmter Aufregung die Zumuthung, er solle den unberufenen Eindringling
bedeuten, da sein Eintreffen auf Schlo Mnnichhof ein Misverstndni wre ...
Sogar die Grfin besa den Muth, die Bedenklichkeiten ihres inzwischen zaghafter
gewordenen Gatten zu berwinden und mit der Wrde ihrer uern Erscheinung, mit
dem Hochgefhl ihres Zusammenhangs mit dem Trger der dreifachen Krone, den
Landrath auf ein Misverstndni aufmerksam zu machen ... sie wollte sagen, da
sie sich ein Gewissen daraus gemacht haben wrde, den Herrn von Enckefu mit
Elementen zusammenzufhren, die ihm hchst unangenehm sein mten ...
    Jetzt aber erfuhr sie durch die Dienerschaft, Herr von Enckefu wre durch
die Nichteinladung zu einer Jagd, an der jeder Adelige der Gegend theilnhme, in
einem Grade beleidigt worden, da man ihn seiner fr nicht mehr mchtig halten
knnte. Stndlich htte er die Einladung zur Jagd abgewartet, htte sein
Schiezeug hervorgesucht, es selbst geputzt, seinen Hund angeredet: Sie danken
dich ab, Caro! Sie werfen dir einen Knochen vor, Caro! Sie setzen dich auer
Brot, Caro! Dann wre seine Ungeduld gestiegen, immer htte er gefragt: Keine
Einladung vom Grafen? Keine von Baron Levinus? Keine von Herrn von Terschka?
Seit gestern htte er dann eine Miene angenommen, als wre die Einladung
wirklich erfolgt. Nun htte er seinem Bedienten befohlen, sich als Jger
anzukleiden. Auf die Einrede, er irre sich, die Einladung fehle, htten die
heftigsten Zornausbrche geantwortet, soda man zuletzt vorgezogen, zu schweigen
und sich in alles zu fgen. In diesem Zustand erschien er und scheinbar nicht im
mindesten stolz. Er sprach leutselig mit allen, wie wenn sie seine besten
Freunde und Bekannte wren ... Ein ngstlicher Waffenstillstand zwischen zwei
feindlichen Lagern ...
    Hinein in die Unentschlossenheit, was nun zu beginnen wre, in den
unheimlichen Eindruck des so auerordentlich sichern, ja frhlichen Benehmens
des Landraths ertnten die Signale des Aufbruchs, die Rden schlugen an, johlten
und heulten vor Jagdungeduld, die Jger klatschten mit den Peitschen, der Zug
kam in Bewegung, noch ehe man den Landrath entfernt hatte. Auch jetzt folgte er
wohlgemuth und setzte sich auf einen der Wagen, gerade wie wenn er dazu gehrte.
Da sein Diener nicht jagdkundig war, blieb derselbe zurck. Es schlo sich dafr
dem Landrath ohne weitere Weisung einer der jedem Jagdtheilnehmer zum Beistand
beorderten Jger an ...
    Die Fahrt dauerte nicht allzu lange. Bald gelangte man in den von hohen
Tannen und Buchen bestandenen Wald ... Es war die letzte groe Jagd in einem
Walde, der hundert Jahre bedurfte, um das wieder zu werden, was er war ...
    An einer Eichenschonung stand unter zwanzig Mnnern, die hier schon zu Fu
und zu Wagen harrten, einer, der sich in stillem Trumen das auch sagte und
rings um sich blickend nachfhlte. Wie wenig liegt ein seiner Sinn in den
Auffassungen der Menschen! Wie gehen sie ruhig an Thatsachen vorber, an denen
ein anderer mit Schmerz verweilt!
    Benno war es, der auch das sich sprach ... In einen einfachen kurzen
Militrmantel, grau mit rothem Kragen, war er gehllt, einen Mantel, den er ber
seiner gewhnlichen Kleidung trug. Fest an den Hften war der Mantel
zusammengeschnrt und hob gefllig seine schlanke Gestalt; ein schwarzer
brgerlicher Hut bedeckte sein blasses, leidendes Antlitz ... Ueber Thiebold
mute er lcheln, der in einiger Entfernung einen Kreis um sich hatte, dem schon
wieder in bester Laune von ihm seine amerikanischen Abenteuer und sein berhmter
Sturz in den Sanct-Moritz erzhlt wurden ...
    Fr Benno's Jugendtrume gaukelten hier die kleinen Elfen des Waldes daher
dahin ... Noch einmal hielten sie unsichtbar ihren letzten Reigen unter den
grnen Tannen, schwangen sich zum letzten mal auf den Nacken des Wildes, um ihm
einen Weg durch das Dickicht zu bahnen vor seinen Verfolgern ... zum letzten mal
waren die kleinen Seen, die sich hier und dort im Walde fanden und zu denen
sonst im Mondlicht die Hirschkhe ihre Kleinen zur Trnke fhrten, von den
Schatten hoher Bume bekrnzt ... Bald sollten diese Lichtungen, die sich unter
der schmelzenden Schneedecke so geheimnivoll und traulich im Holze ffneten,
dem Winde preisgegeben sein, der ber die zurckgelassenen todten Stumpfe der
verkauften Stmme fegte ...
    In einem Wald, den ein leichtsinniger Verschwender vor der Zeit lichtet,
glaubt man oft Banket gehalten zu sehen von Junkern und geputzten Damen bei
musicierenden Eichhrnchen und brummenden Borkenkfern und taktschlagenden
Spechten in den Zweigen ... Hier, da der Wald zu Eisenbahnschwellen benutzt
wurde, brauste die Locomotive daher und schnaubte und pfiff so teufels- und
aufklrungsgem, wie nicht blos Norbert Mllenhoff gesagt htte, sondern selbst
Onkel Levinus wiederholte, der, je besorgter er jetzt wurde, desto mehr zu
sprechen anfing ... Benno war von ihm aufs freundlichste begrt worden ...
    Levinus plauderte schon deshalb, um sich dem Jagdhumor zu entziehen, der auf
der Fahrt vom Schlo Mnnichhof und hier bei dem Halloh der ersten Begrung
sich auf seine Kosten zu entwickeln begann. Man fragte ihn, welche Nummer seine
Brille htte, wie viel Wild er heute wrde am Leben lassen, ob er es unter einem
Sechszehnender thun wrde und so fort in jenem jagdblichen Schrauben, das bei
allen schon in vollem Gange war ...
    Ich kenne euere Pfiffe! rief Onkel Levinus. Ihr wollt uns nur sicher machen
durch euere schlechten Witze! So wild werd' ich darum doch noch nicht, da ich
mich vor Zorn mit dem ersten besten Stand begnge, der mir angewiesen wird! Das
ist so eine Ihrer bekannten Finten, Graf Mnnich, uns im Spa alles bersehen zu
lassen! Wir Landesoberjgermeister kennen das!
    Man befand sich auf einer mitten im Walde liegenden Flche, die auf einige
hundert Schritte weit von Knieholz unterbrochen wurde und sich zur Aufstellung
einer doppelten Schtzenreihe, auf jeder Seite zwanzig, hinter Busch und Baum,
vortrefflich eignete. Eine Freifrau von Stein, die schon vom Schlo mitgekommen
war, lie sich in einem Tragsessel von zwei Bauernburschen ins Holz tragen; eine
schon bejahrtere Frau von Bckel-Dollspring-Sandvo watete selbst durch den
Schnee mit Wasserstiefeln, die ihr bis an die Kniee gingen ...
    Die Wagen waren inzwischen nicht weit vom Eingang in den Forst
zurckgeblieben ...
    In der Ferne und immer nher kommend hrte man schon ein Rasseln und
Schlagen in den Bschen und der Oberfrster versicherte, es wre die hchste
Zeit, die Posten einzunehmen ...
    Noch war keine rechte Einigkeit da, denn Terschka fehlte. Alle sphten nach
ihm; nicht blos Onkel Levinus, nicht blos Benno und Thiebold, die hinter zwei
mchtigen Erlenbumen, die gabelfrmig aus der Erde geschossen, zusammenstanden,
Platz genommen hatten ... Terschka's Jagdkunst schien allen bestimmt, den Preis
zu gewinnen ...
    Da er ausblieb, wollte man beginnen ...
    Der Onkel bedeutete die Signalisten und rief:
    Diese Eile ist wieder nur eine euerer verdammten Finten! Statt mit Vorsicht
und Bedacht die Pltze anzuordnen, wird nun alles mit Hast bers Knie gebrochen!
Schweigt! Schweigt! sag' ich. Die verdammten Intriguanten haben alles
abgekartet!
    Endlich hrte man nur noch Ein Signal blasen; es kam aus der Ferne ...
    Das wird Terschka sein! hie es ...
    Terschka kam in der That auf einer Jagdchaise dahergebraust und schon vor
ihm - allgemeiner Jubel! - zogen im erweichenden Schnee drei Wagen voll
Heiligenkreuzer Stiftsdamen, die eben Terschka einholen wollte ...
    Das war ein Gren jetzt und Rufen und Lachen und Spotten ... Aus dem Gewirr
der Regenschirme und Pelze und Schleier entwickelten sich zwei Jgerinnen,
Frulein von Merwig und Frulein von Absam ... Und nun ertnte pltzlich noch
eine Salve von Bravis und schallendem Hndeklatschen ... Noch eine dritte
Amazone sprang vom Wagen ... Es war Armgart von Hlleshoven.
    Thiebold und Benno trauten ihren Augen nicht ... Sie riefen zum Erstaunen
des Onkels diesem hinber und jetzt nicht im mindesten zu dessen Schrecken ...
Levinus dachte nur an sich ... Seine Stimmung wurde immer wilder und (vor
Furcht) khner: er lobte Armgart und verdammte alle Stubenhocker ...
    Benno und Thiebold betrachteten sich mit stockendem Herzblut ... Es war
Armgart ... Armgart, die trotz ihrer gestrigen Thrnen aus dem einen der drei
groen offenen Omnibus, der mit den andern zum Schlo Mnnichhof weiter fuhr,
heraussprang und von Terschka's Armen aufgefangen wurde ...
    Sie trug einen blauen engen, geftterten Tuchrock ber einem grauseidenen
Kleide, einen grauen runden Hut mit wallendem blauen Schleier, dunkle Handschuhe
und einen carrirten blau-grn-rothen Plaid rings um ihre Schultern geworfen ...
    Ihr Antlitz war geisterbla ... Ihr Ausdruck, ihr Lcheln lie ihre zwei
weien Zhnchen blinken, wie immer, wenn sie trumerisch abwesend war ... Sie
grte Niemanden, blinzelte nur zu den beiden weien Erlen hinber, wo Benno und
Thiebold standen, und ging wie ein Opferlamm willig dorthin, wohin sie Terschka
stellte ... Ihr ganzes Wesen war gebunden, ihr Wille, des Menschen edelste
Kraft, lag vor dem Altar der Gottesmutter ... Das ist die katholische Macht des
Gelbdes.
    Der Onkel rief ihr ein Willkommen zu und allerdings sprach er noch drohend:
    Na ja! Ich dachte mir doch gleich so etwas! Das wird schn werden - mit der
Tante! Jetzt nur Vorsicht! Vorsicht, Herzenskind!
    Benno sagte voll Grimm und Verzweiflung zu Thiebold:
    Eine frmliche Erklrung wird das heute! Eine ffentliche Vorstellung vor
der Gesellschaft! Sehen Sie nur, wie alles flstert!
    Auch Thiebold war im Begriff, auer sich zu gerathen; aber hinter jedem
der Jagdtheilnehmer stand ein Jger und bediente das Schiezeug - man mute
etwas vorsichtig sein und that besser, zu schweigen ...
    Pancraz! rief aber auch Terschka wild auf und ein Jgerbursche, in der grn
und gelben Livree der Dorstes, sprang hinzu und bot Armgart die Flinte, offenbar
schon im Einverstndni und nach gestern Abend mit ihr getroffener Verabredung
...
    Sie nahm sie, wie wenn ihre Hand aus einer Urne ein Todesloos zog ...
    Trara! Trara! Trara! begann es jetzt berall und Halloh! Halloh! An die
Pltze! rief man ...
    Nun lief alles und stellte sich erwartungsvoll ... Der mittlere Plan war
leer ... Zwei Jgerreihen zogen sich vierhundert Schritt entlang ... Am
uersten Ende stand der immer laut perorirende Landrath ... Ein Rascheln, ein
Knacken hrte man jetzt ... Siehe da! Fnf Hirsche brachen aus der rechten
Flanke des Quarrs, das die Gesellschaft bildete ... Die Hunde, die noch an der
Leine gehalten wurden, winselten ... Die Thiere standen noch Keinem schurecht
...
    Da pltzlich ruft eine Stimme - es war die des Grafen: - Tire haut!
    Tire haut? ... Alles lachte ...
    Der Lrm der Treiber hatte die gefiederten Bewohner der Baumkronen in
Aufregung gebracht, aber der Onkel hatte ganz Recht, als er heftig lospolterte:
    Was sind das fr Sachen! Dieser verdammte Mnnich! Nur die Aufmerksamkeit
will er vom laufenden Wild ablenken durch die Vgel, die heute gar nicht in
Betracht kommen! Es sind nur Flederwische da oben!
    Doch ber ihn her viel Schnee von einem abstiebenden Auerhahn ...
    Pancraz sagte: Herr Baron! Oben steht Alles ein!
    Whrend Armgart ber den technischen Ausdruck von einstehendem Geflgel
vom Onkel eine Belehrung zugeflstert bekam, erscholl es Piff! Paff! ... Von
allen Seiten ... Vier Hirsche lagen; der fnfte war durchgebrochen ...
    Aber auch der Auerhahn strzte herab ... Diesen hatte Terschka geschossen
...
    Darber gab es Verwirrung genug. Man hatte nun die Hunde losgelassen.
Verwundet war das fnfte Thier entflohen. Auf dem Schnee sah man die
Schweispuren. Einige Hundert Schritt von der andern Flanke der Plne, die man
bestand, stutzte der Hirsch, machte, von den Treibern der andern Seite
empfangen, Halt und wandte sich zurck. Nun stellte ihn die Meute und der
Zunchststehende war berufen, das Thier zu schieen ...
    Es waren gerade Benno und Thiebold ... Thiebold, vorwitzig, wie auch nur
ich sein kann, scho - scho fehl ... Jetzt legte Benno an - wollte losdrcken
... Paff! Im Nu schon sank das Thier, von einer Kugel getroffen, die vom
uersten Ende der Jagdreihe kam ... Der Landrath hatte geschossen ... Aus einer
Entfernung, wo ihm zum Schu jede Berechtigung fehlte ...
    Darber gab es denn einen gewaltigen Lrm ... Diese Anmaung war gegen alle
Regel ... Die Kugel htte fehltreffen, Jemanden verwunden, tdten knnen ...
    Zornig schrie man durcheinander ... Dem Onkel wurde es immer wirrer zu Muthe
... Das fortgesetzte Knallen der Bchsen - an andern Orten brach neues Wild
durch - die Nhe der Schiestnde, das Pfeifen der Kugeln, Armgart's ihm jetzt
doch tollkhn erscheinende Anwesenheit, alles mahnte zur Vorsicht und in
leibhafter Gestalt sah er Tante Benigna neben sich, die mit den ngstlichsten
Warnungen ihn beschwor, sich um aller Heiligen willen in keine Gefahr zu begeben
... Jetzt auch bemerkte er die geheimen Instructionen, die sein Leibschtz
Soetbeer mitbekommen ... Htte Soetbeer vor dem jetzigen Durcheinander etwas von
Fusack merken lassen, wrde der Onkel es ihm schn gegeben haben; nun, in dem
Geknatter und dem Pulverdampf, lie er alles zu seinem Besten geschehen ...
    Ein Rehbock kam mit zwei Riekchen und ging dicht an ihm vorber ... Der
Rehbock kam erstaunt und nicht einmal besonders gengstigt dahergestapelt, wie
Frulein von Merwig rief - die Familie des Fruleins hing nach dem Onkel
unfehlbar mit dem Geschlecht der alten Merovinger zusammen - der Bock schien zu
wissen, da wenigstens die beiden Rieken, die ihn begleiteten, sonst vor dem
Schusse sicher sind, da man Weibchen nicht schiet; es galt aber einen
Vertilgungskampf. Unter dem Beileid der kunstgerechten Jger brachen auch diese
zarten Thierchen zusammen und mit so vielen Kugeln, da sich darber neuer
Streit erhob ...
    Armgart war schon in fieberhafter Erregung gekommen ... jetzt stand sie
zitternd und hielt sich an Terschka, der nach dem Meisterschu auf den Auerhahn
nicht mehr scho und nur links und rechts sphte, vorzugsweise hinberschielend
auf Benno und Thiebold ... Benno gehrte pltzlich zu den wildesten Jgern ...
Jede Ladung suchte er so schnell wie mglich los zu werden ... Thiebold bat ihn
wiederholt, sich zu migen ... Nach seinem Fehlschu hatte er die Courage
verloren ... Armgart kam ihm vor, sagte er, als wollte sie das Ziel aller Kugeln
sein ... Und doch schien sie ein berirdischer Geist, den keine Kugel treffen
konnte ...
    Inzwischen fuhr der Landrath fort, eine Unvorsichtigkeit nach der andern zu
begehen. Eine seiner Kugeln ging dicht am Handgelenk der Frau von
Bckel-Dollspring-Sandvo vorber ... Die Frulein aus dem Stifte, ohnehin gegen
ihn tendenzgereizt, sprachen ber den tollen Mann in Ausdrcken, die
keineswegs verriethen, da auch sie zu den Dichterinnen im Stifte gehrten ...
    Auf der Jagd, in der Hitze des erregten Blutes, whlt man die Ausdrcke
nicht und so hrte der Landrath eine Beleidigung nach der andern ...
    Seltsam jedoch, er brach auf alles, was ihm von nahe und von fern zugerufen
wurde, in Gelchter aus ... Man wrde ihn fortgewiesen haben, wenn nicht jetzt
auf ein gegebenes Signal der Stand gendert worden wre, um mehr ostwrts zu
ziehen. Dem Oberfrster am des Wildes zu wenig ... Auf Rechnung des Windes
schrieb er's ... Nun trat alles aus den Bschen hervor und zog weiter ...
    Onkel Levinus aber war entschieden dafr, da man erst den Mann entfernte,
durch den hier heute noch ein Unglck entstehen wrde ... Alle die, welche
schlecht geschossen hatten, untersttzten seine Meinung ...
    Meine Damen! rief der Landrath im Dahinwaten ber die Plne, wo inzwischen
schon das gefallene Wild von dem dazu bestimmten Jagdpersonal schnell
ausgeweidet wurde ... Amor schiet blind, immer blind und trifft doch! Haha!
Hier soll man bei offenen Augen die Kugel im Lauf behalten? Korn und Visir! Ein
Blinzeln von so schnen Damenaugen - und ich gehre gleich zu den lumpigsten
Schneidern, die's nur geben kann - Meck! Meck! Meck! Meck!
    Die Amazonen, selbst die hinter Terschka einherschleichende und Benno und
Thiebold wie ihr Gewissen vermeidende Armgart nicht ausgenommen, waren
Kennerinnen der Jagd genug, um zu wissen, wie von ihm dies Meck! Meck!
spottweise gerufen wurde, weil schlechte Schtzen Schneider genannt werden.
Frulein von Merwig hatte den bestndigen Beinamen des Fruleins von
Anflicker, den sie von ihrer Leidenschaft fr die Jagd und ihrer geringen
Trefffhigkeit frs Leben zu behalten frchten mute. Doch schon aus dem Aerger,
den sie ber diesen Spottnamen empfand, konnte man sich denken, wie verletzend
es wirkte, da nun der Landrath allen Jagdgenossen unausgesetzt sein hhnisches
Meck! Meck! nachrief ...
    Die gutmthigsten Naturen knnen auf der Jagd, besonders wenn die Fe kalt
werden und die Hnde lieber in den Pelzhandschuhen stken, als harrend am kalten
Lauf der Flinte, einen determinirten Anflug von Malice bekommen. Jetzt riefen
sogar schon die frher schweigsamern Stimmen: Ungebetene Gste wirft man zur
Thr hinaus! Andere: Werft das Gescheite (das Eingeweide) in den Busch fr die
Fchse! Andere wandten sich zu den Damen: Meine Damen, Sie sprechen von Amor?
Wir haben allerdings einen blinden Passagier unter uns!
    Graf Mnnich wollte keinen Eclat und bot alles auf, den Frieden zu erhalten
...
    Darber kam man an den neuen Stand, den der Oberfrster bereits angeordnet
hatte. Es war wieder eine Plne, hier rings nur von Tannendickicht umgeben ...
...
    Leider hatte sich der Oberfrster verrechnet ...
    So lange man auch harrte, so lange auch die Treiber rasselten und mit ihren
Kntteln an die Bume schlugen, keine Pfote kam heraus - zuletzt einen
einzigen Hasen ausgenommen, dessen Erscheinen ein allgemeines Gelchter erregte
...
    Lampen scho in natrlicher Gromuth als zu geringfgige Beute Niemand,
sondern durch die Stnde hindurch wurde der Gengstete hin- und hergewiesen, bis
er den Damen fast so nahe zugetrieben wurde, da sie ihn an den Ohren htten
fassen knnen ...
    Wieder strte der Landrath dies komische Intermezzo durch seinen aufgeregten
Eifer. Er scho den Hasen dicht vor den Fen Armgart's nieder und htte diese,
die sich nichts gewrtigte, leicht verwunden knnen ...
    Darber brach der Unwille der ganzen Gesellschaft in helle Flammen aus ...
    Armgart lag halb bewutlos an einen Fichtenstamm gelehnt; die Flinte, die
sie, ohne zu schieen, in der Hand gehalten, war ihr entfallen; Benno und
Thiebold waren auf halbem Wege ihr zu Hlfe gesprungen, ja setzten sich selbst
darber dem nchsten Schusse aus ...
    Ueber alles das entstand eine Scene der hchsten Aufregung ...
    Sie mehrte sich, als der Landrath vorsprang und rief:
    Wer raisonnirt hier? Ruhe! Ich befehle! Ich!
    Jetzt stand er wuthschumend auf der Mitte der Plne ...
    Ein gemeinsamer Ruf unterbrach ihn:
    Er ist verrckt! Haltet ihn! Bindet ihn!
    Wirklich schlug der tolle Mann um sich, drohte mit seiner Doppelflinte,
deren einer Lauf wahrscheinlich noch geladen war, und wrde ein Unglck
angerichtet haben, wenn nicht Jemand hervorsprang, ihm die Arme zu halten. Man
hielt Benno und Terschka zurck, auf die Jger rechnend. Eine leicht erklrliche
Scheu vor der ersten Verwaltungsbehrde der Gegend hielt die Nchststehenden
noch eine Secunde ohne Entschlu -
    Da theilten sich die Bsche und mit dem Rufe: Pax vobiscum! sprang mit
auffliegender Kutte ein Franciscanermnch auf den Plan, hielt mit einem Arm die
Flinte des Landraths und griff mit dem andern so geschickt beide durch die Luft
fuchtelnden Hnde des ungeberdig Drohenden und Rasenden, da dieser zwar mit
schaumbedecktem Munde sich fest und aufrecht erhielt, aber auch bewegungslos
verharrte, nur noch machtlos seinen Bndiger anstarrend ...
    Bruder Hubertus war es, der selbst weiland ein Jger gewesen und den
entweder das Gebell der Hunde, das Knattern der Flinten oder Terschka's
Anwesenheit angezogen hatte - im Kloster hatte er sich vor wenig Stunden ihm zu
nhern gesucht und war von Terschka schnde abgewiesen worden ...
    Die Gesellschaft, auer sich ber den Vorfall, umringte die Gruppe und rief
dem Mnch, der wie der bndigende Tod dastand:
    Bewachen Sie ihn! Fhren Sie ihn fort!
    Ich will Ihnen Leute zurcklassen! rief Graf Mnnich ...
    Der Mnch schttelte den Kopf, sich verbrgend, er wrde schon allein den
Unglcklichen in Sicherheit bringen ...
    Inzwischen bliesen auf ein gegebenes Zeichen die Hrner ... Schon zog sich
die ganze Gesellschaft in den dichtern Wald ... Armgart gefhrt von Thiebold -
Terschka war im Augenblick, da Hubertus erschien, verschwunden ...
    Still und stiller wurde es ringsum ... Die Signale nur hrte man, die den
Treibern die Vernderung der Stellung ankndigten und die von diesen fernher
wieder beantwortet wurden ...
    Ein einziger schreckenvoller Augenblick ... Jedermann eilte, ihm zu
entfliehen.

                                      14.


Wie in nchtlicher Waldeinsamkeit zwei kmpfende Hirsche sich ihre Geweihe so
ineinander gebohrt haben knnen, da sie sich nicht mehr auseinander zu winden
wissen, die Kraft der Stirnen nachlassen fhlen und beide ermattet und zum
Sterben bereit, ja wie im Tode zuvor noch vershnt, zu gleicher Zeit hinsinken,
so standen sich der Mnch mit dem Todtenkopf und ein Irrsinniger gegenber ...
    Immer schwcher und nachgiebiger wurde der Widerstand des Wutschumenden,
der barhaupt, ohne seine herabgefallene Mtze, dastand mit schweibedeckter
Stirn. Zuletzt begann er, wie aus einem Traum erwachend, in Ohnmacht zu sinken
...
    Der Mnch fing ihn mit ungeschwchter Kraft auf. Er hielt ihn unbeweglich in
seinen Armen ... Kein Laut, keine Anrede kam aus seinem Munde ... Der Landrath
brach zusammen und verlor die Besinnung ...
    Einsamkeit ringsum ... Nur die dstern Tannen stille Zeugen des
schreckhaften Auftritts ...
    Beide Mnner auf dem schmelzenden Schnee stehend ... Hubertus in Sandalen,
der Nsse und Klte nicht achtend, der Rittmeister mit Koth bespritzt bis zur
Achsel ... Ein Gegensatz zu dem sich weitab verziehenden Lrm der Jagd, zu dem
Knallen der Bchsen, zu dem Bellen der Hunde, zu dem noch jeweiligen
Durchbrechen des Wildes, das scheu und stutzend hielt, der den Muth und die
Geistesgegenwart eines Helden herausforderte ...
    Den Arm des Landraths lie der Mnch noch immer nicht. Er wollte ihn, wenn
er zur Besinnung kam, verhindern, zu entfliehen und der Gesellschaft wieder
nachzurennen; denn da er mit einem Mann zu thun hatte, der das Licht der
Vernunft verloren, hrte Hubertus bald an dem, was der Unglckliche allmhlich
zu sprechen begann ...
    Ich bin der Landrath -! sagte er erwachend ...
    Wohl! Wohl! Herr von Enckefu! flsterte der Mnch mit milder und
beruhigender Stimme ...
    Nehmen Sie sich vor mir in Acht! Ich kenne Sie sehr wohl! fuhr der
Rittmeister nach einer Weile fort ...
    Groe Ehre, Herr Landrath!
    Sie sind der Doctor Klingsohr!
    Pater Sebastus jetzt!
    Wie konnten Sie sich unterstehen, mich von meinem Freunde - Wittekind
fortzuschicken? Das war ja mein bester, einzigster Freund! Und der - wollte doch
sonst das Pfaffengesindel nicht! La mich, Kapuziner!
    Der Mnch bedeutete den Rittmeister, der den Grafen Mnnich mit dem
Kronsyndikus verwechselte, auf dessen Jagden er frher den Matador gemacht, mit
nickenden Zustimmungen ...
    Nicht wahr? Ich bin eingeladen? fragte jetzt der Landrath kleinlaut ...
    Diese Worte wiederholte er fter und mit Pfiffigkeit und fuhr dann stolz
fort:
    Mein Vater hat die Schlacht bei Belle-Alliance gewonnen! Sagst du auch:
Wellington? Landesverrther! Man mu euch hier alle niederschieen! Alle! Eher
kommt keine Ruhe und kein Patriotismus ins Land!
    Beide gingen dabei schon frba ... Manchmal noch rangen sie, manchmal
zankend, manchmal beruhigt still stehend ... Der Mnch ermdete nicht, durch
Eingehen auf die Vorstellungen des kranken Mannes ihn zu besnftigen ...
    Der Tobende rief:
    Ich werde euch zeigen, welche Verwandte ich habe! Ihr sollt euch wundern,
wer meine Protection ist! Der Knig hat schon mehr als dreiigmal mit mir
gesprochen! Betteln kann ich so gut wie andere, aber - ich gebe keine fnfzig
Procent! Auf Spiel, da steht jetzt Strafe ... Haha! Tangermann! Zimmer 15!
Leutenant von Barnekow und Rittmeister von Enckefu - nehmt euch in Acht!
Rittmeister a. D. ... Ade! ... Soll ich denn mit Gewalt ein Mller werden?
    Dies letztere Wort sprach der Verwirrte pltzlich fast weinerlich ...
    Ermuntert zur Nachgiebigkeit wurde er durch den Zuspruch des greisen Mnchs,
der bald die Milde, bald die Energie selbst war, ihm in allem Recht gab, ihn in
dem Glauben bestrkte, da er der vornehmste, geachtetste und arrangirteste Mann
der Provinz wre und doch wieder festhielt, wenn er ungeberdig um sich schlug
... Hedemann, sagte Hubertus, das, das wre ja der Mller, aber auch noch ein
Oberst knnte hier ein Mller werden, setzte er plaudernd hinzu ...
    Fehlte irgendetwas, um dem in seinem Wesen einfachen, ja trotz seiner Kraft
kindlichen Mnch das Vertrauen des Unglcklichen zuzuwenden, so war es die
Erwhnung seines Sohnes ...
    Auf das Kichern und Lachen, mit dem der Landrath ein Dutzend mal auf die
Erwhnung des Obersten hintereinander: Papiermller! Papiermller! rief, hatte
er einen unerffneten Brief hervorgezogen und stolz gerufen:
    Na da kuck' einmal! Das ist von meinem Sohn!
    Von Ihrem Herrn Sohn? hatte kaum der Mnch wiederholt und von seiner letzten
Reise her dessen hoffnungsvolle Carrire gerhmt, so leistete der Landrath
keinen Widerstand mehr, sondern ergab sich ruhig, folgte und sprach, auf den
Brief deutend, mit Behagen:
    Ja, mein Sohn, der ist in drei Jahren Minister! Den Adlerorden, den hat er
schon - er darf ihn nur noch nicht zeigen! Alles wei mein Junge ... Und wenn du
schweigen kannst, Pfffchen, sollst du hren, was mir mein Sohn geschrieben hat!
Das ist die Handschrift, die an ihm der Knig so sehr liebt! Sein Knig! ... Das
kennt ihr hier zu Lande gar nicht, was es heit: Mein Knig! ... Helft Leute
mir vom Wagen ab (sang er mit leiser Stimme), mein Knig trank daraus! ...
Lies, Alter, und siehst du, der Bindestrich immer wie ein Grundstrich und der
Grundstrich immer wie ein Bindestrich ... Das hilft nun nichts! Etwas Apartes
mu der Mensch haben!
    Mit der feierlichsten Wrde seine Autoritt behauptend ffnete er den
vielleicht kurz vor dem Verlassen seiner Wohnung empfangenen amtlichen Brief und
lie, whrend er ihn vorlesen wollte, den Mnch mit einsehen ...
    Nicht da der Alte in der braunen Kutte neugierig war ... Ihm gengte, da
diese Gedankenreihen den Wahnwitzigen zerstreuten und da er hoffen konnte, ihn
so allmhlich zum Meyer von Borkenhagen, dem nchsten Ort, zu fhren, wo er
gedachte ein Fuhrwerk anspannen zu lassen, um den Kranken nach Witoborn in seine
Wohnung zurckzubringen ...
    Pltzlich aber fiel ihm in dem Briefe, der eiligst und offenbar unter dem
Siegel amtlicher Verschwiegenheit geschrieben war, ein Zeichen auf, vor dem ihn
Schauder ergriff ...
    War in dem Briefe - von ihm selbst die Rede? ...
    Stammer (der als der Jagd unwrdig am fernen Waldrand bei der Wagenburg
geblieben war) hatte an jenem Abend im Finkenhof Recht gehabt - Hubertus trug
jenes bekannte Verbrecherzeichen auf seinem fleischlosen Arme ... Was sollte das
jetzt -? Er sah dies Zeichen abgebildet in diesem Brief ...
    Der Landrath hielt, wie ein Fernsichtiger, den Brief so weit von sich
zurck, da Hubertus whrend des Vorlesens mit einsehen konnte ...
    Aber merkwrdig, der Irrsinnige las etwas vllig Anderes, als was im Briefe
stand ...
    Nur die Ideen las er aus ihm heraus, die in seinem Kopfe lebten, whrend
Hubertus sogleich bemerkte, da der Inhalt ein hochwichtiger und ihn persnlich
betreffender war ...
    Der Landrath las: Lieber Vater - die Canaillen helfen einmal nicht - Dieser
Kattendyk ist und bleibt ein Esel - Nck hat Dir den Tod geschworen - Deine
Widersacher triumphiren! Halt' aber aus, bis ich ans Ruder komme - Dann kann es
mir und Dir nicht fehlen und Du zahlst es auch dem Prsidenten heim, gegen den
Du viel zu lange zu stolz gewesen bist! - Warum lssest Du Dir Dein Schweigen
nicht bezahlen? Warum schonst Du Ruber und Mrder und thust es umsonst? Weil Du
zu stolz bist? Ha! Cavalier vom Tschako bis zum Sprungriemen! Lernt uns von Anno
13 kennen, einen Rittmeister von den braunen Husaren! Landfriedensbrecher! Ihr
Rmlinge! Die Cocarde erkenne ich euch ab! ... Auf die Jagd bekommst Du Deine
Karte so gut wie hier jeder andere von Distinction! Monsieur le Baron
d'Enckefuss est invit  la chasse!
    Mit dem Brief salutirte der Rittmeister an seiner wachsledernen Mtze, die
Hubertus ihm von der Erde genommen, dann getragen und allmhlich aufgesetzt
hatte ... Seine schwarzen Augen funkelten, die rothe Nase glhte, die Tusche
seiner Gesichtsfarbe hatte sich im Regen verwischt und flo um den jetzt in
seiner Grauheit sich verrathenden Bart. Jeder, der im Walde dahergekommen wre
und htte die beiden schreckhaften Gestalten gesehen, wre bebend zurckgewichen
...
    Aber auch Hubertus htte sich jetzt an dem Wankenden halten mgen ... Sein
Geist war mchtig in der Kraft des Willens, nicht in der Combination ... Erst
ohne Verstndni blickte er in die Schrift, die ihm der Landrath entgegenhielt,
bald aber las er im klarsten Zusammenhange, die Pausen des Landraths nutzend,
Folgendes:
    Lieber Vater! Eine Nachricht von Wichtigkeit, die ich Dir persnlich
mittheile, damit Du Dir ganz allein das Verdienst dieser Entdeckung erwirbst und
die Krnkungen, die der Parteigeist ber Dich verhngt, durch Deine Thtigkeit
beschmen kannst! Ein Verbrecher, der zwanzig Jahre in Frankreich auf den
Galeren lebte, ist in unsere Gegend gekommen und hat sich sogleich bei seinem
ersten Auftreten in seiner ganzen Gefhrlichkeit gezeigt. Auf einem Kirchhof hat
er einen Sarg erbrochen. Ein halbes Jahr hat er dann verstanden, sich in unserer
Stadt an einem noch unbekannten Orte verborgen zu halten. Bei den Unruhen, die
noch tglich in unserer Stadt ber die Verhaftnahme des Kirchenfrsten sich
wiederholen, wurde auch er bemerkt und ohne Zweifel steht er im Solde Nck's,
dieses verschlagenen, heimtckischen Menschen. Hammaker, der uns allerdings seit
Jahren das Nck'sche Treiben beaufsichtigte, wollte erfahren haben, da dieser
Kerl in Eure Gegend gehen wrde, um daselbst etwas auszufhren, was Hammaker
nicht zu wissen behauptete. So viel wei ich, da Jean Picard oder Jan Bickert
(Hubertus stockte im Lesen und hielt sich an den vorstehenden Zweigen eines
Busches) auf dem Wege in Eure Gegend ist, reich ausgestattet mit Geld. Suche auf
Grund des nachfolgenden Signalements hinter eine mgliche Verkleidung zu kommen:
Jean Picard ist gegen fnfzig Jahre, spricht schlecht deutsch, gut franzsisch,
hollndisch, hat mittlern Wuchs, rthliches Haar und eine stark orientalische
Physiognomie. Auf seinem linken Arm befindet sich das Zeichen der franzsischen
Galeren T.F.; auch soll sich, wie von der Verwaltung der Galeren in Brest
geschrieben wurde, der hollndische Verbrecherstempel (Hubertus starrte der
Abbildung des Zeichens) auf ihm eingebrannt finden. Schlielich mach' ich Dich
aufmerksam, da auch soeben in grter Eile von hier eine Dir vielleicht von
frher her nicht unbekannte Dame Lucinde Schwarz auf Witoborn gereist ist.
Beobachte die Schritte derselben! Um so mehr, als ich vermuthe, da ihre
pltzliche Abreise im Zusammenhang mit irgendeinem wahrscheinlich auf Nck's
Anstiften bezweckten Unternehmen des Jean Picard steht. Lucinde Schwarz wird Dir
dicht in der Nhe sein und bei einer Frau von Sicking wohnen, an die sie von
hier aus empfohlen ist. Beobachte sie und ihren Umgang und la besonders das
Schlo Westerhof bewachen, da ich eine Ahnung habe, da sich gerade dort etwas
ereignen knnte, was nicht in der Ordnung ist! Lieber Vater, in Eile ... Dein
treuer Sohn E.
    Schon auf eine bloe Anerkennung der vortrefflichen Handschrift des Briefes
hin konnte der Mnch ihn ganz an sich nehmen und behalten ... Seine kncherne
Hand zitterte, als er den Brief in seine Kutte steckte ... Er, der sonst so
schnell Gefate, hatte die Besinnung verloren ...
    Denn seit Monaten suchte er ja zwei Menschen, deren Andenken ihm in dem
Augenblick aufs lebhafteste entgegengetreten war, als er die Anzeige erhielt,
eine ermordete Frau htte ihm ein Vermgen von zwanzigtausend Thalern
hinterlassen ... Lngst hatte er der Erinnerung an jene Entsetzliche sich
entwhnt ... Sein Leben lag ihm nur noch im flchtigen Augenblick ... Nur in
Gesprchen mit dem Pater Sebastus tauchte zuweilen ein altes buntes Bild
verklungener Tage auf ... Sebastus sagte noch krzlich in seiner Krankenzelle zu
ihm: Hubertus! Sie mssen in Java gelernt haben Liebestrnke brauen! Gewi hatte
die Frau einen Trank von Ihnen gekriegt! Denn zeitlebens dachte sie nur an Sie
und ich will nicht hoffen, fuhr Sebastus fort, da Ihre Erbschaft das Ergebni
einiger Giftmorde ist, in denen ihrerseits Frau von Buschbeck ihre Force gehabt
haben soll! ... Hubertus, hocherstaunend, lehnte die Antretung der Erbschaft
nicht ab ... Die grausame Zerstrerin seines Lebensglcks war durch die Hand
jenes Mannes gefallen, der ihn einst in jenen Convict begleitet hatte, wo er am
Pater Fulgentius ein so ernstes Strafgericht gehalten, indem er den, der den Tod
zu lieben vorgab, auch wirklich nicht verhinderte aus dem Leben zu gehen. Damals
noch war dieser hingerichtete Jodocus Hammaker ein junger Mann von Bildung, von
Talent gewesen, ein Mann von angenehmen, geflligen Formen ... ... Wie, hatte er
gedacht, wie hatte ein solcher Mann so verwildern, so zum Mrder werden knnen!
... Das weckte ihm sein eigenes vergangenes Leben, eine Jnglingszeit, wo auch
er am schaudervollen Rande des Verbrechens so gefahrvoll fr seine Seele
dahingeschritten ... Gedenkend des Tages, als er dem Mrder Jodocus Hammaker im
Klostergarten von seiner Vergangenheit, von seinem Sprung aus einem brennenden
Hause erzhlte, kam ihm mit wehmuthvollen Klngen die Erinnerung an die beiden
Kinder, die damals seiner Obhut anvertraut gewesen, diese Kinder, die Gott durch
ein Wunder, durch seinen Muth errettet wissen wollte, diese Kinder, von denen er
sich, als man ihn nach Java schickte, mit so bitterm Kummer seines jungen
Herzens getrennt hatte ... Wo mochten sie wol sein? ... Das beschftigte den
seltsamen Heiligen in seiner Klostereinsamkeit wie schon sonst seit Jahren, so
jetzt aufs neue und lebendiger denn je ... Was war aus ihnen geworden? ... Wie,
wenn sie im Elend, auf dem Weg des Verbrechens lebten? ... Er erhielt diese
ansehnliche Summe! Er mochte sie seinem Kloster nicht geben, seitdem der ihm und
allen verhate Pater Maurus Guardian und sogar Provinzial geworden ... Wie,
dachte er, wenn ich das Geld annhme, meine alten Pflegebefohlenen zu entdecken
suchte und es ihnen zukommen liee, falls sie's bedrfen sollten oder dessen
wrdig wren? ... Diese Vorstellung erfllte den Greis mit solcher
Lebhaftigkeit, da er in der Einsamkeit der Klster, auf den Wanderungen, die er
im Auftrag des Provinzials zu machen hatte, stndlich darauf zurckkam: Wo lebt
wol Wenzel von Terschka? Wo Jean Picard? ... Vor einem halben Jahr hatte er auf
einer dieser Wanderungen die Nachricht ber jene Erbschaft zuerst empfangen ...
Gerade war er in Ordensauftrgen in Belgien gewesen, ging nach Holland, kam eben
aus Grningen zurck, hatte von Jean Picard nichts vernommen, als da er nach
einer Reihe von Jahren von Brest fortkam und in Paris verschollen sein sollte;
von Wenzel von Terschka nichts, als da er nach seinem Unfall in Amsterdam nach
der Schweiz und von dort nach Italien gegangen war ... Nun begegnete er
pltzlich vielleicht beiden! ... Hier! Hier - dem einen in einer vornehmen,
glnzenden Stellung! Dem andern auf dem lngst von ihm geahnten Wege des
Verbrechens! ... Wenzel von Terschka war allerdings ein Name, der, wie er schon
gehrt hatte, in Bhmen so hufig war, wie die Namen Wilhelm von Schulz oder
Heinrich von Schmidt in Deutschland sein knnten ... Aber die seltsame
Aehnlichkeit der Zge mit denen jenes Kindes, das er bis zum fnften Lebensjahre
gekannt hatte, als er an der einsamen Mhle des Mllers Sterz, dann bei einem
Scharfrichter zwischen Ztphen und Deventer mit den Knaben lebte ... Allerdings,
dieser vornehme Cavalier, der in so geheimnivoller Weise heute mit dem Pater
Maurus eingeschlossen war - im einsamen Bibliotheksaale des Klosters, der fr
diesen Zweck eigens hatte geheizt werden mssen - dieser stand ihm keine Rede,
lehnte jede Frage nach seiner Geburt und Jugend und nach Angehrigen seiner
Familie ab ... Jetzt aber - wirklich Jean Picard! Der lebte! Lebte hier! ... Ein
Mann mit dem Verbrecherstempel, den er auf Terschka's linkem Arm bei der Jagd
htte entdecken mgen ... Und um so mehr! Diesem Picard gesellte sich der Name
jener Lucinde, die er auf dem von ihm gemiedenen Schlo Neuhof selbst zwar nie
gesehen hatte, die er aber in allem kannte, was sie dem armen, gebrochenen Pater
Sebastus, dem weiland Doctor Klingsohr, so werth gemacht hatte und noch machte
... Auch sie in der Nhe! ... Sie, um derentwillen Sebastus noch jetzt in seiner
Strafzelle klagte ... um derentwillen er, vor seiner Rckkehr aus Holland, mit
einigen Fremden, die ihn besuchten, eine Flucht verabredet hatte ... Sie in
Verbindung mit Verbrechern! ... Unmglich, unglaublich! ... War sie in der That
bei jener vornehmen Frau von Sicking, so beschlo er, soweit ihm die
Ueberraschung, soweit ihm die Sorge um den Kranken, den er fhrte, jetzt schon
einen Entschlu, den er zu fassen hatte, mglich machten, zunchst Lucinden
aufzusuchen, ihr diesen Brief zu zeigen, ihr nach Jean Picard Fragen vorzulegen,
ihr die Pflicht vorzuhalten, ihn jetzt zu untersttzen, soweit seine Kraft
reichte, Verbrechen zu hindern, in denen dieser Unglckliche nur zu heimisch zu
sein schien ...
    In solchen Stimmungen, solchen Aufregungen und Ahnungen gewaltiger Conflicte
mit seinem Klosterfrieden verlor er um den Kranken, den er fhrte, die Obhut,
und Sorge nicht aus dem Auge ...
    Das seltsame Paar hatte den Wald verlassen und entfernte sich von dem immer
mehr verklingenden Lrmen der Jagd ...
    So manches Reh war an ihnen vorbergesprungen ... In den kahlen Zweigen der
Bume rauschte es von den aufgescheuchten Bewohnern derselben ...
    Schon war es Ein Uhr ... Die Jagd dauerte bis gegen Untergang der Sonne. An
einer bestimmten Stelle waren die Vorbereitungen zu einem Imbi im Freien
getroffen. Vor fnf Uhr rechnete man nicht auf die dann im Schlo zu genieenden
Leistungen der grflich Mnnich'schen Kche, whrend bis dahin die sich
ansammelnden Damen der Jger von Pttmeyer's Transparentbildern unterhalten
werden sollten ...
    Immer ruhiger, immer stiller und hinflliger wurde der Landrath. Hubertus
mute bedacht sein, den Frierenden, fieberhaft Zitternden unter Dach und Fach zu
bringen ... Der Regen mehrte sich. Auf dem an manchen Stellen spiegelglatten
Boden war kaum noch fortzukommen ... Kaum hielt sich der Landrath noch aufrecht
... Hubertus mute mehr ihn tragen als fhren ... Der Wille des Kranken, aus
Ueberreizung zur Ohnmacht Zusammensinkenden, Zhneklappernden uerte sich nur
noch durch Zeichen ... Ein so unendlich wehmthiger Ausdruck war trotz der
entstellten und beschmutzten Gesichtszge aus ihnen herauszulesen, da man wohl
annehmen konnte, dem leichtsinnigen, ehrgeizigen Manne hatten die fortgesetzten
Krnkungen seines Ehrgefhls, die er nun schon seit Jahren und besonders seit
den letzten Monaten erfuhr, das Herz gebrochen.
    Der dem Walde nchste Kamp war dem Mnche als der armseligste in ganz
Borkenhagen bekannt ...
    Hier wohnten jene im Kirchenbann befindlichen Aeltern Hedemann's ...
    Da gerade auch der Landrath es gewesen, der diese mit ins Elend gebracht
hatte, wute Hubertus ...
    Er sah sich in der Gegend um ... Niemand war da, der ihm den ohnmchtigen
Mann abnehmen und in ein Obdach tragen konnte, das er als Angehriger der Kirche
nicht betreten sollte ...
    Er wagte jedoch die Snde auf Rechnung der vielen, die er bald zu beichten
haben wrde, wenn er fortfuhr nach den Eingebungen zu handeln, die nun pltzlich
durch Nennung des Namens Terschka und den Brief, den er in seiner Kutte trug,
seinen ganzen Menschen erfllten ...
    Eine kleine Anhhe ging es hinauf, die zu dem Erbe Hedemann's fhrte, zu den
Alten, die fr die Bestellung desselben seit Jahren nichts mehr gethan hatten
...
    Da lag ihnen schon das Staket, das sonst das wie tief in die Erde gekrochene
Haus einfriedigte, in einzelnen Theilen im Wege ... Am Brunnen, den kein Stroh
vorm Erfrieren des Wassers schtzte, lagen die Eimer leck oder eingefroren ...
Eine Leine hing von einem der wenigen noch umstehenden Bume zum andern; einige
weie Fetzen an ihr, aussehend vor Frost wie Vogelscheuchen, die gespenstisch im
Winde flatterten ... Aus dem Hause drang ein blauer stickiger Qualm. Die Thr
stand offen; ein Birkenstamm versperrte den Eingang, der vor Rauch kaum zu
gewinnen war ... In der Kche am Herd saen auf dem im Kamin brennenden Baum die
beiden Alten. Hedemann's Mutter spann, der Vater schnitt Dauben und Klammern -
ein Erwerb, den er auf Drngen des Meyers ergriffen, als der Sohn in der Fremde
nicht ahnte, wie bel es mit den Aeltern stand; ein Erwerb, den er fortsetzte,
obgleich er nun es nicht mehr nthig hatte; ein Verlassen oder Verbessern ihres
Kamps konnte Hedemann zwar ebenso wenig bewirken, wie ihnen eine Bequemlichkeit
durch eine Magd oder einen Knecht anbieten ... am Nthigsten aber fehlte es
ihnen nicht mehr ...
    Der Mnch wute schon, da er keinen Gru bekam, da ihn ein dumpfes Murmeln
hinwies, sich das zu nehmen, was er begehrte ...
    Selbst der ungewohnte Anblick, ein Mnch, der einen kranken vornehmen Herrn,
den Landrath selbst, hereintrug und auf einen Futterkasten setzte - der Landrath
fieberte und war besinnungslos - nichts konnte diese Leute aus ihrer welt- und
menschenscheuen Fassung bringen ... Die Alte spann, der Greis schnitt seine
Dauben ...
    Hubertus fand jedoch Hlfe ...
    Wie er an den Herd gehen wollte, um den groen Kessel abzuhenken, in dem
sich immer in diesen Bauernhusern das heie Wasser befindet (er hoffte Butter
und etwas Brot zu finden, um dem Kranken eine Suppe zu bereiten), bemerkte er in
der gespenstischen Stille eine dritte Person in der Ecke des Kamins. Ein Mann
sa da, ber ein Buch gebeugt, in dem er las. Wie aus einem Traum erwachend fuhr
der Leser auf und sah erst jetzt, was whrend seiner Zerstreuung geschehen war
...
    Den Landrath erkannte Remigius Hedemann sogleich; denn dieser war es, der
hier bei seinen Aeltern gesessen und inzwischen in seiner Lectre sich nicht
hatte stren lassen ... Er las in einer italienischen Bibel ...
    Was ist das? fragte er, sich erhebend und voll Staunen den Rittmeister von
Enckefu betrachtend. Hat der Landrath ein Unglck gehabt?
    Der Mnch erklrte in Krze den Zustand des Leidenden und bat, sich seiner
annehmen zu wollen ... Er wollte indessen, nach weiterer Besinnung, lieber
zurck auf Mnnichhof und den Diener des Landraths rufen mit einem Wagen, der
den Unglcklichen nach Witoborn in seine Wohnung fhren knnte ...
    Nun half Hubertus dem unerwarteten Beistand, den er gefunden, um den
Besinnungslosen auf ein Strohlager zu tragen ...
    Sein Auge fiel dabei auf das starke Buch in kleinem Format. Er hielt dessen
Sprache fr Latein und drckte sein Erstaunen aus ber die Gelehrsamkeit, die
Hedemann aus Amerika mitgebracht ...
    Da ist es kein Wunder, sagte er, da Ihr in Witoborn Papier machen wollt!
    Lchelnd erwiderte Hedemann:
    Thut Bue und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geistes empfangen!
    Im Anordnen des Ruhelagers erwachte der Landrath, besann sich jedoch weder
auf die Lage, in der er sich befand, noch auf die Personen, die ihn umgaben.
Seinen Bedienten verlangte er und seinen Pudel. Den letztern sah er deutlich vor
sich und lachte, wie kahl er den Kerl geschoren htte ... Er hielt die Finger
spielend in die Hhe, als liee er die Flocken durchgleiten, die er dem Thier
krzlich weggeschnitten ... Es waren die bekannten Geberden eines Sterbenden ...
    Hubertus versprach, Hlfe so schnell wie mglich zu schicken ... Thut wohl
euerm Feinde und so ihn hungert, speiset ihn! sagte auch er mit Bibelworten, das
Verhltni des Landraths zu dieser Htte andeutend ... Zu seinem eigenen
Nachtheil hatte ja der leichtsinnige Landrath diese Leute einst in ihrem
patriarchalischen Glauben an die Heiligkeit des geweihten Priesterthums irre
gemacht ...
    Hedemann nickte diesem Wort, warf einen Blick auf die Kleidung des Mnchs
und sagte, zunchst wol nur mit einer Andeutung des Kirchenbanns, in dem seine
Aeltern lebten:
    Darin sind wir ja einig! ...
    Der Landrath blieb bei seinen Feinden ... Hedemann pflegte den Sterbenden
und gedachte jenes Tags nicht mehr, wo ihn und Porzia Biancchi dessen Sohn
beleidigt hatte im Wirthsgarten der Landstrae von Sanct-Wolfgang nach Kocher am
Fall ...
    Seine Mutter spann; sein Vater schnitzelte Dauben ...
    Whrend Hubertus, beruhigt jetzt ber das nchste Schicksal des Landraths,
dessen Diener und Wagen auf Schlo Mnnichhof zu suchen eilte und berlegte, wie
er in Witoborn es versuchen wollte, sich bei Frau von Sicking einzufhren;
whrend er berlegte, wie er Schlo Westerhof umsphen, Jean Picard entdecken,
ihn vielleicht an einem Verbrechen hindern sollte - hatte sich auf Schlo
Mnnichhof immer zahlreicher jener Kreis der Damen gemehrt, die gleichfalls von
Runen und von Zeichen, gleichfalls von Kreuzen und von Rdern sich ergreifen
lassen wollten, freilich in einem andern Sinne, als der unbekmmert um Schnee
und Regen dahinschreitende, tief den Todtenkopf in seine braune Kapuze hllende
gute alte Laienbruder ... Die Simultankirche, worin wir alle zu Einem Gott
beten, war in einer Bauernhtte geweiht durch Nchstenliebe und vielleicht im
Schlo des Grafen durch einen Denkergeist?
    Doctor Laurenz Pttmeyer erschien gegen drei Uhr auf Schlo Mnnichhof so
feierlich, wie wenn er die erste Vorlesung auf dem endlich ihm berlassenen
Lehrstuhl Hegel's zu halten gedchte ...
    Noch kunstvoller als neulich hatten die Musen und Grazien von Eschede die
Schleife seines weien Halstuchs gebunden ...
    So grndlich rasirt war er, da man der Meinung htte sein knnen, die Natur
htte ihn in das Geschlecht der Blaubrte versetzen wollen; denn offenbar war er
mit dem frisch rasirten Kinn in die Klte gegangen, wovon der Mensch bekanntlich
blau wird ...
    Auf der sauber gefltelten Hemdauslage strahlte eine echte Brillantnadel;
die weie Weste, obgleich etwas gelblich durch zu langes Kommodenliegen, war mit
einer schweren Uhrkette garnirt ... Die elegantesten gelben Handschuhe, die nur
in Eschede waren aufzutreiben gewesen, saen, wenn auch mit etwas zu langen
Fingern, doch das Feierlichste versprechend, auf seinen Hnden, die heute das
Ewige, das Unergrndliche hinter lgetrnktem Papierrahmen sichtbar und
anschaulich machen wollten ... Alles was der Doctor jener Curatel, unter der er
stand, hatte abtrotzen knnen, schmckte ihn heute, auch der groe Siegelring
mit einem prchtigen Karneol, der freilich unter dem Handschuh etwas die Naht
gesprengt hatte ...
    Von einigen zwanzig vornehmen Damen wurde er mit jenem ironischen Lcheln
begrt, das die vornehme Weltbildung dem der hhern Lebensformen ungewohnten
Gelehrten immer bereit hlt. Indessen war dies Lcheln, wenn auch satyrisch,
doch nicht boshaft. Man lie die hohe Wissenschaftlichkeit des Doctors um so
mehr gelten, als man ja in ihm eine eigenthmliche, unter den besondern
Bedingungen dortiger Landschaft stehende Denkergre besa. Seine mathematische
Philosophie interessirte Jung und Alt in den gewhlten, hier die bliche
Landstrae deutschen Dichtens und Denkens gnzlich vermeidenden Kreisen und er
schtzte sich glcklich, heute einen kurzen Ueberblick seines Systems den
vornehmsten und angesehensten Damen der sonderthmlichsten Gegend des deutschen
Vaterlandes geben zu knnen. Die Grfin Mnnich versicherte dem Denker von
Eschede, da er in dem jenseit des hohen Ahnensaals liegenden Zimmer bereits
alle Vorbereitungen getroffen finden wrde, die er in einem umstndlichen
Kanzleischreiben an die Frau Grfin sich erbeten hatte: Ein dunkles, ganz
verhangenes Zimmer, ein Gerst, einige Npfchen mit Oel, eine groe Flasche
Spiritus. Das Uebrige brachte er selbst mit und bat sich nur die Erlaubni aus,
vorlufig die Vorbereitungen treffen zu knnen, bis er die hochgeehrten
gndigsten Damen abrufen wrde ...
    Diese Spannung whrte nicht lange. Bald wurden die Damen abgerufen und
paarweise schritten sie dem glcklichen Seher nach. Lachend und doch beklommen
ging es durch den Ahnensaal, wo schon aufs einladendste die Tafel zum groen
Jagdbanket gedeckt wurde ...
    Pttmeyer war so erfllt von seiner Aufgabe, da ihm vllig entging, wer
unter den Damen zugegen war ...
    Es waren jngere und ltere, hohe und kleinere Gestalten, alle in gewhlter
Kleidung, mit Trauerzeichen alle - um den Kirchenfrsten ... Paula, Tante
Benigna, Armgart - sie alle glaubte Pttmeyer zu sehen ... So verwirrt war er,
da er eine Grfin und Freifrau mit der andern verwechselte ...
    Noch brannten in dem Zimmer, das sie alle betraten, einige Kerzen ... Man
mute sich wenigstens orientiren knnen, wo man Platz nahm ...
    Als dies geschehen, erloschen auch diese Kerzen und alles war stichdunkel
...
    Kichernd und scherzhaft um Ruhe zischend und sich ruspernd saen die
vornehmen Frauen ... Pttmeyer rumorte, wie ein Puppenspieler, hinter einem
groen transparenten Rahmen, der sich allmhlich zu erhellen begann ...
    Zuweilen schien ihm eines seiner Lichtchen umzufallen ... Die Grfin rief
dann, ob er nicht Beistand nthig htte? ... Nein! nein! Meine Allergndigste!
antwortete er ... Dennoch hrte man ihn entweder mit sich selbst oder mit einem
Gehlfen sprechen ... Eine zarte, schchterne Stimme schien die des letztern zu
sein ... Himmel! htte Armgart, wenn sie hier gesessen htte, gewi gedacht,
vielleicht - steckt Angelika hinten, die glckliche Angelika! Wenn sie diesen
Augenblick, diese hohe Anerkennung ihres Geliebten erlebte!
    Das Zimmer war berheizt und die Damen bekamen schon eine eigenthmliche
Exaltation von den Ausstrmungen des Ofens ...
    Nun mischte sich noch Weihrauchduft in den frhern, der etwas stark auf
Verbrauch von Oel und Spiritus schlieen lie ...
    Die Stimmung wurde immer erregter ... Man schwieg jetzt schon deshalb, nur
um sich beherrschen zu knnen, und harrte der kommenden Dinge ...
    Endlich klingelte Pttmeyer und mit einer nach Festigkeit ringenden Stimme
sprach er:
    Meine hochgrflichen - hmhm! - und hochfreiherrlichen Gnaden! - Hmhm! - Ich
bin glcklich - den Entwickelungsgang meines Systems Ihnen in einer Reihe von
Bildern so anschaulich machen zu knnen, da Sie selbst prfen mgen, ob wol
meine Lehre - hmhm! - Ihre berzeugte Zustimmung findet! Denken Sie dabei nur
immer, da das, was in Gott Ein Moment ist, im Denken - durch Raum und Zeit
seine - hmhm - Ruhepunkte haben mu! Auch unser - hmhm! - christlicher Glaube
zerlegt Gottes Gre in ein Vorher und Nachher; denn wie wrden wir sonst die
Lehre von den - hmhm! - sieben Schpfungstagen haben?
    Ein Murmeln der Zustimmung ging durch den Saal ... Dann folgte tiefste
Stille ... Die Weihrauchdfte mehrten sich und jetzt begann sogar zu aller
Ueberraschung etwas vllig Unerwartetes, eine ganz wunderbare Musik ...
    Wo kam diese Musik her? Leise anschwellend hoben sich die Tne wie auf
Aeolsschwingen. Was hatte der Zauberer von Eschede fr ein Instrument
mitgebracht? Es war keine Fltenuhr, kein Klavier, keine Orgel ... Es war von
allen etwas ... Das Zimmer bebte von Wohllautsschwingungen, die die Luft zur
klingenden machten ... Brausend schwoll es an, so mchtig und doch dann wieder
so lind und lieblich, da davon die ganze Seele erfllt sein durfte ...
    Und Niemand war erstaunter, als die Gebieterin des Schlosses selbst, die
nicht hoch genug versichern konnte, da sie kein Instrument bese von solcher
Wirkung, ja das eben vernommene nicht einmal zu nennen wisse ... Wenn Pttmeyer
Orphische Urworte lehren wollte, konnte die Vorbereitung des Gemths nicht
mchtiger getroffen werden ...
    Als die Tne verklungen waren, einer immer sanft dem andern sich entwindend,
da erblickte man pltzlich die ganze Transparenttafel azurblau und aus dem
tiefsten Grunde sei's des Himmels oder des Meeres entwickelten sich leise
Schatten, die allmhlich die Form einer Unzahl sich durcheinander rollender und
sich einander durchschneidender Kreise annahmen ...
    Pttmeyer sprach mit erhhter Begeisterung:
    Musik ist das Leben des Alls! Denn - das All besteht aus zersprengten -
Atomen, die - sich suchen, sich finden - sich abstoen, verfolgen! - Sehnsucht
und Liebe, demzufolge auch Abneigung - hmhm! - und Ha - ist die Seele des Alls
...
    Die Kreise bewegten sich auch theilweise zurck und es entstand ein Chaos so
flimmernder Schatten, wie wenn das geschlossene Auge im Blutandrang ein
Durcheinanderwirbeln von zahllosen Staubatomen sieht ... Dazu begann das
seltsame Instrument in lebhaftern Rhythmen eine entsprechende Begleitung ...
Nicht schrill oder in mistnender Malerei - seinem Wesen entsprachen nicht so
grelle Ausdrucksformen - wol aber in Klagelauten, wie aus der tiefsten Tiefe des
Schmerzes und aus der wehmthigsten Verkennung der Liebe empor ...
    Inzwischen schilderte Pttmeyer das aus dem Wirbeln der Atome sich ergebende
Streben alles Geschaffenen und des Denkens ber alles Geschaffene zum Kreise und
die Transparenttafel verwandelte sich allmhlich in einen lichten Kreis, die
blaue Farbe ging in eine rothe ber ... Die Frauen beanstandeten nicht im
mindesten, was Pttmeyer, in immer flssiger gewordener Rede, ber das Symbol
der Liebe, ber den Ring, ber die Schlange, selbst ber die Schlangeneier
sprach ... Das Auge sah in allem nur die herrlichsten Fata Morganen der Ahnung
...
    Ueber die Musik, die zuweilen schwieg, hatte sich jetzt von einigen Damen,
die eingeweiht waren, herumgeflstert, da sie auf einer Ueberraschung beruhte,
die man der Grfin bereitet ... Mit dem protestantischen Pfarrer Huber war jenes
schne alte Instrument, die Harmonica, nach Witoborn gekommen und, wie der Sinn
der Frauen nun einmal ist, bald hatte sich verbreitet, da dies Instrument zwar
in der Art, wie man es handhaben msse, nicht eben schn zu nennen wre, in
seiner Wirkung aber nur hchstens von dem seelenvollen Schmelz des Violoncells
erreicht wrde ... Jedermann begehrte es zu hren ... Man wute, der Pfarrer,
die Frau Pfarrerin - wenn diese heiligen Worte so zu gebrauchen nicht
Entweihung war - die schon herangewachsenen - Kinder desselben spielten jenes
Instrument mit groer Fertigkeit; aber weder des Mannes Haus zu besuchen war den
hiesigen Verhltnissen angemessen, noch auch der Wrde desselben zuzumuthen,
da er selbst oder seine Angehrigen sich mit seinen Leistungen bei ihnen hren
lieen ... Um so grer die Ueberraschung, da Pttmeyer das Allersehnte mglich
gemacht hatte ... Schon erzhlten die Flsterworte, da die Verehrerinnen des
Doctors in Eschede diese musikalische Illustration der Philosophie ihres
Schooskindes zu seinem grern Effecte durchgesetzt htten, sie, die Armgart -
in ihrer Voreiligkeit mit Kaffeekannen und Strickstrmpfen verglichen hatte! ...
Der Prediger, wie man hier zu Lande Herrn Huber lieber nannte, hatte zu dem
Vorschlag gelchelt, als er an die ihm schon durch seinen frhern
Pflegbefohlenen, den Freiherrn Jrme von Wittekind, bekannte Philosophie der
Drechselbank erinnert wurde; er hatte eingewilligt in den Transport des
Instrumentes und es heute mit Pttmeyern in einem verdeckten Wagen und sogar mit
seiner Tochter abgesandt, die in der Kunst dies Instrument zu spielen ihn und
seine Gattin schon bertraf ...
    Pttmeyer empfand nicht die Genugthuung, die seinem verketzerten Werke:
Christus und Pythagoras, durch diesen jetzt gern gesehenen Bund mit den
Ketzern wurde. Ach, er war schon zu sehr in seiner steten Furcht vor
Sakramentsentziehungen, dann auch in seinem Magisterium eingerostet, um von sich
noch gegenwrtig zu haben, da unter dem alten Schlafrock seines freudlosen
verkmmerten Daseins doch noch immer die jugendlich schne Psyche seiner
Denkfreiheit mit bunten Schmetterlingsflgeln verborgen lebte ... Nicht ganz
pate auf ihn ein Wort, das Onkel Levinus neulich mit stolzem Bewutsein bei
Gelegenheit einer muthigen That sprach, die von einem deutschen Professor
gekommen ... Sind wir auch noch so verirrt in den Labyrinthen der Metaphysik,
sind wir auch noch so vergraben im Sand, der die Eingnge zu den Pyramiden
verschttet, haben wir sogar als mit Orden umschnrte Geheimrthe uns ganz
verloren in Scherwenzeln und Tellerlecken bei Diplomaten und reichen
Glckspilzen, pltzlich ruft uns irgendein Signal an unsere stolze Fahne zurck
und wir kmpfen doch wieder fr die Freiheit und die Unabhngigkeit des Denkens,
wir wissen selbst nicht wie! ... Leider galt dies begeisterte Wort nur einer in
diesem Kreise berraschenden groen That eines deutschen Gelehrten ... Dr. Guido
Goldfinger hatte aus Anla des Kirchenstreites (richtiger seiner nah
bevorstehenden Hochzeit mit Johanna Kattendyk und des Wunsches der Mutter wegen,
da die Tochter bei ihr blieb) seine auerordentliche, ohnehin unbesoldete
Professur niedergelegt ...
    Aber edler, viel hher stand Pttmeyer ... Er emprte sich nicht gegen seine
Unterdrcker, zu denen auch die Geistlichen gehrt hatten; er liebte die Kirche,
die ihn auf den Index zu setzen gedroht; aber stolz fing er denn nun auch von
sich zu reden an ... Wer wrde seines Selbstvertrauens haben spotten mgen! ...
Auch die Frauen blieben im Bann seiner mystischen Zeichen und nahmen einen
flammenden Triangel fr die Dreieinigkeit, nahmen ein dunkelglhendes Kreuz fr
die Offenbarung der Liebe, sahen die Offenbarung des Alls im Atom, des Ewigsten
im Zeitlichsten ... Kommen und Gehen, Werden und Schwinden sind ja ohnehin
Gedanken, die dem Frauendasein so urgegenwrtig sind ... Sie umspannen jetzt wie
immer ihre Herzen wie mit magischen Fden ... Und selbst Frau von Sicking, die
frommste der Frommen, htte nicht geahnt, da diese Stunde sie ebenso feierlich
stimmen wrde, wie ihr nur je zu Muthe war im Moment der Wandelung beim
heiligsten der Opfer ...
    Andachtsvoll hrte man selbst manchem Scherz Pttmeyer's zu, selbst dem, da
das doppelte Dreieck, Pentagramm genannt, den magischen Zeichen der Zauberer
angehre, auch dem Gotte Gambrinus, setzte er lachend hinter dem muthmachenden
Oelpapier hinzu, der damit in Gttingen anzeige, wo gutes Bier feil wre, worin
jedoch nur ein tiefes Symbol des Frhlingsanfangs lge, ein
Hausthr-Gedenkzeichen des Hexensabbats auf dem Brocken, da ja am 1. Mai der
Hexen Ausritt stattfnde, und zwar - hier htte den Doctor eine seiner Escheder
Gnnerinnen allerdings ein wenig am Frackschoos zupfen sollen - auf dem Bock,
welches Thier denn auch sothanerweise bis gen Mnchen hin im innigsten
Zusammenhang geblieben wre mit dem ersten Labetrunk am ersten Tage des
Wonnemonds ...
    Pttmeyer erhob sich aus diesen Gedankenreihen, die den Onkel Levinus zu
einem Streite ber Bock und Eimbock oder Eimbeck und Eimbecker Bier veranlat
haben wrden, in eine reinere Hhe, als er, angeregt wahrscheinlich von
Gttingen und der gerade pausirenden Harmonica und einem Blick auf die
Pfarrerstochter von Eibendorf, mit stolzem Selbstbewutsein fortfuhr:
    Heureka! meine Damen, ich habe gefunden! rief einst Pythagoras, als er
seinen berhmten Satz vom Quadratinhalt der Schenkel des Dreiecks entdeckte!
Heureka! soll auch der Titel meines nchsten Werkes sein? Zu Gott hoff' ich, da
sich mein Losungswort weiter verbreiten wird, als, wie ich heute erst erfuhr, in
jene Berge drben, wo ein treuer Anhnger meiner Lehre, Jrme von Wittekind,
den Dank fr die ihm durch sie gewordene Anregung auf einen einfachen steinernen
Wrfel schrieb ... Mit der Anerkennung neuer Ideen, meine Damen, ist es zu allen
Zeiten gewesen, wie mit diesem Gedenkstein ... In einem dichten, unzugnglichen
Walde erschallt ihr erstes Echo, wie auch jenes Heureka! in der Nhe des Ortes
Eibendorf sich jetzt nur noch ausjubelt ins Ohr der Einsamkeit, an einem nur von
Schilf und Blumen umstandenen stillen See ... Kein Nachen fhrt dahin auf diesem
See, kein Fischer steht an seinem Ufer ... Ein solches einsames Heureka! ist nur
anfangs fr die Wildni da, fr einen Vogel, der auf ihm sich ausruht, fr eine
Lacerte, die sich ihr Lager im Moose gesucht hatte, das seinen Sockel
berwuchert ... Die Zeit kommt dann aber doch, wo auch eine groe und bequeme
Landstrae zu einem solchen einsamen Steine hinfhren wird! ...
    Die Frauen murmelten Beifall ... Die Musik begann ihre anschwellenden Tne
... Pttmeyer rstete sich zu seiner Mystik der Kegelschnitte ...
    Vom Denkstein bei Eibendorf hatte ohne Zweifel die Tochter des Pfarrers ihm
auf der Herfahrt erzhlt ... Von jenem Heureka!, das Jrme von Wittekind einst
auf den Wrfel schrieb, den er an der Stelle errichten lie, wo er sein
Elfenkind, Lucinde, im Riedbruch gefunden ...
    Als Lucinde dort auf ihrer Flucht vor Oskar Binder ohnmchtig unter den
Farrenkrutern und Glockenblumen zusammengesunken war, glitt allerdings eine
Lacerte ber sie hinweg, die sie damals nicht mehr fhlte ...
    Htte sie aber das Thier noch ber ihre Hand gleiten gesehen, sie wrde ohne
Zweifel so aufgesprungen sein, wie eben unter den Zuhrerinnen sich eine Dame
erhob mit einem Ausruf, als wenn ihr der Athem versagte und wirklich eine
Schlange sie stche ...
    Die Dame hielt sich zwar an ihrem Sessel, beruhigte die erschreckenden
Frauen mit einer Handbewegung, sprach, zum Sitzenbleiben auffordernd, ein:
Bitte! Bitte! - schwankte jedoch der Thr zu und verlie das Zimmer ...
    Lassen Sie! sagte Frau von Sicking, als die Damen und vorzugsweise die
Herrin des Schlosses von einem nothwendigen Beistand sprachen ... Es ist die
Mamsell, mit der ich gekommen bin! ...
    Man glaubte sich auf die Versicherung der Dame, die sie eingefhrt,
verlassen und beruhigen zu drfen ...
    Die seraphischen Klnge der Harmonica tnten indessen fort und Pttmeyer
erluterte ...

                                      15.


Lucinde war es, die sich aus dem qualmenden dunstigen Zimmer so pltzlich
entfernt hatte ...
    Sie floh in den groen, nun schon dunkelnden Speisesaal ... gejagt von
Empfindungen, die zu, zu krampfhaft an ein Herz sich preten, von dessen lauten
Schlgen sie frchtete, sie knnten noch in der rings sie umgebenden Stille
vernommen werden ...
    Nicht da sie so berwltigend die Form des Vortrags, ihr Inhalt und die
Andacht dieses vornehmen Auditoriums ergriff. Das sind Narren! sagte sie sich
... Nicht da sie von Wehmuth ergriffen war beim Anhren der Harmonica, die ihr
einen doch immer holdverklungenen Jugendmrchentraum zurckrufen mute. Sie war
im Stande, in dem Herangewachsensein der Kinder des Pfarrers, dessen Namen sie
einst angenommen hatte, als sie die Bhne betrat, verdrielich nur den
Gradmesser ihres eigenen Aeltergewordenseins zu sehen ... Nicht da sie Jrme
so rhrte, der um ihretwillen Erschossene, Jrme, der sie anbetete wie eine
Heilige, Jrme, der ihr, ihr jenes Heureka! der dankbarsten Erinnerung im
einsamen Walde gerufen hatte ... Alles das waren Anwandelungen einer ihr fremden
Sentimentalitt ... Sie lebte nur der verzehrenden Sorge um das Allernchste.
    
    Schon mit klopfender Brust war sie auf dem Schlosse Mnnichhof erschienen
...
    Schon mit dem grten Widerwillen war sie in jenes dunkle Zimmer getreten
...
    So gefat und ruhig sie erschien, als Frau von Sicking sie als eine ihr aus
der Residenz des Kirchenfrsten Empfohlene einfhrte und der Herrin des
Schlosses vorstellte, sie trat auf einem Boden hier auf, der unter ihr wankte
...
    Dennoch richtete sie sich hoch und majesttisch auf, als beim Vorstellen ihr
Name genannt wurde und die Anwesenden die schlanke Gestalt, die in Trauer
gehllt war, musterten, das bleiche, errthende Antlitz anziehend fanden, ein
goldenes Kreuz, das unter einer Trauerecharpe von Spitzen auf der Brust blinkte,
fr ein Zeichen von Frmmigkeit nahmen. Jenes Mdchen, das in dieser Gegend vor
lngern Jahren, auf Schlo Neuhof, eine abenteuerliche Rolle gespielt und das
gewi einige unter den Anwesenden schon einmal gesehen hatten, erkannte niemand
... Diese schwarzen Augen schienen die Glut der heiligsten Andacht zu bergen ...
Dieser etwas trotzige Mund schien nur im Beten gebt ... Lucinde sprach wenig
und setzte sich zu den in immer grerer Anzahl sich sammelnden Damen wie ein
Wesen voll Bescheidenheit, eine Brgerliche, die den Abstand ihrer Stellung von
der der andern erwog, obgleich diese gndiglichst anzudeuten schienen, da man
auch durch Gesinnung geadelt sein knnte ...
    Die Namen Neuhof, Asselyn, Benno, de Jonge, Stift Heiligenkreuz, Paula,
Armgart, Kloster Himmelpfort gingen an ihr vorber, ohne da Jemand ihren
Antheil bemerkte ...
    Selbst wie sie die Lehne ihres Sessels ergriff, als die Stiftsdamen, die von
Heiligenkreuz kamen, Frulein Benigna von Ubbelohde und Grfin Paula um ihr
Fernbleiben von Pttmeyer's chinesischen Schatten entschuldigten und von ihrer
gestrigen ngstlichen Flammenvision erzhlten, bemerkte Niemand das Beben der
zusammengepreten Lippen, Niemand die Verlegenheit des Lchelns; auch nicht da,
als Frau von Sicking sagte: Ja, ich hoffe Sie morgen auf Westerhof vorstellen zu
knnen!
    In dem luftleeren Zimmer, whrend der Bewunderung und des Lauschens auf die
Orphische Weisheit des Sehers von Eschede, hielt es sie nicht lnger ... Sie
mute aufstehen, gehen, reden knnen ... Als ihr Beispiel, wie dies der
Nervenschwche der Frauen geschieht, ansteckte, als bald eine zweite, bald eine
dritte Dame entfloh, huschte sie noch aus dem dunkeln Speisesaal mit seinen
blendend weien Gedecken, seinen Glsern, Schsseln, Tellern, hinaus in das
erste beste Zimmer, dessen Thr ihr zunchstlag ...
    So betrat sie ein bereits zum Kartenspiel hergerichtetes, behagliches,
trauliches Cabinet ...
    Auch hier war es dunkel; aber sie htte noch die Vorhnge herablassen,
hinter sich zuriegeln mgen, so sehr fhlte sie das Bedrfni, sich in der
Einsamkeit zu den Aufgaben zu sammeln, die sie auf diesen fr sie so
gefahrvollen Boden hergefhrt hatten ...
    Jetzt, wo sie sich erschpft auf ein Sopha niederwarf, jetzt knickte sie
zusammen. Jetzt war sie so, wie sie schon seit einiger Zeit sich zu geben
pflegte, ohne es zu wissen ... Etwas Spinnenhaftes hatte sie bekommen, Mageres,
Lauerndes, von Schmerz Gekrmmtes, wie sie's nannte, wenn man deshalb ihr
Vorwrfe machte ... Ihr hoher Wuchs sowol, wie die religise Rolle, die sie mit
immer grerer Uebung, Gewhnung, ja sogar schon Einverstndni spielte,
brachten es mit sich, da sie zu den vielen mittlern und kleinen erbrmlichen
Wesen dieser Erde den Medusenkopf niederbeugte ... Unter den dichten dunkeln
Flechten ihres schwarzen Haares, die sie wie ein Turban umgaben, heute das Werk
der Kammerjungfer der Frau von Sicking (hier hatte sie nicht Treudchen, die ihr
schon zuweilen hochaufstaunend weie Hrchen auszog), spitzte sich ihr Ohr und
lauschte so, wie ihr Nck rgerlich einst gesagt hatte, jung-hexenhaft, da man
mutatis mutandis - sie verstand ja diese Bedingung - an die alte Frau
Buschbeck denken knnte, wenn diese mit mir oder mit Hammakern vom Anlegen ihrer
Kapitalien sprach! ... Dann freilich konnte sie sich auch wieder aufrichten und
sich besinnen auf ihre blhenden zwanziger Jahre ...
    Lucinde war zu Frau von Sicking empfohlen worden durch Nck und die
hochvornehmsten Kreise der Devotion ...
    Sprach etwas gegen ihre Vergangenheit, so war sie ja eine Convertitin ...
    Auch Frau von Sicking war in gleicher Lage ... Eine Nachkommin des tapfern
Ritters, der mit dem Schwert, wie Ulrich von Hutten mit der Feder, gegen Rom
sein Leben einsetzte, verlie sie den mit soviel Thrnen und blutigen Opfern
erkauften Glauben ihrer Vter ... Sie gehrte jenem Kreise der Gottseligkeit an,
der sich jetzt so weit ber Europa verbreitet, einem Kreise, in den einzutreten
Lucinde das unwiderstehlichste Verlangen trug, seitdem sie wute, da auch
Bischfe und Erzbischfe auf weichen Teppichen dahinschreiten und mit
Behaglichkeit die Freuden der Geselligkeit mit andachtsvollen Seelen genieen
knnen ... Frau von Sicking war reich ... Sie hatte ein Haus bei Witoborn, eine
Besitzung im Sden Deutschlands, Absteigequartiere in allen geistlichen Stdten
Deutschlands und Belgiens ... Ihre Correspondenz erstreckte sich nach Rom wie
nach den entferntesten Missionen des Sacr Coeur, nach Pondichry und Guadeloupe
... Ihr Reisen, ihr Kommen und Gehen, ihr Correspondiren konnte man Intrigue
nennen ... Dennoch lag auf allem, was sich an ihren Namen knpfte, ein diesen
Schein mildernder Duft von Andacht, von Befrderung des Menschenwohls, von
Veredlung dieser Zeitlichkeit ... Jetzt waren die Exercitien ihre Parole ...
Der Andrang dazu war so gro, da Frau von Sicking ber die Aufnahme wie eine
Ordensmeisterin schaltete ... Der ostensible Grund, warum Lucinde Schwarz bei
ihr erschien, war die flehentlichste Bitte der Frau Commerzienrthin Kattendyk,
doch auch sie und ihre Tchter an diesen Exercitien theilnehmen zu lassen ...
Lucinde war autorisirt, im Namen der Commerzienrthin die grten Opfer, die nur
verlangt wrden, in Aussicht zu stellen, wenn sie das Glck und die Ehre haben
knnte, an dieser vornehmen Andacht zum Kreuze theilzunehmen ...
    Seit gestern war Lucinde noch zu keiner Fassung gekommen ber die Rckkehr
in diese Gegenden, auf den Schauplatz, wo Bonaventura weilte, ohne Zweifel, wie
sie ahnte, im glckseligsten Bunde mit ihrer frhern Pflegbefohlenen Paula ...
    Noch sah sie mit dumpfer Starrheit durch das Fenster die vom Abendroth
beschienenen weien Hhen, auf denen Schlo Neuhof lag, wo der Kronsyndikus
nicht mehr lebte ... Diese Kunde erschtterte sie nicht, lockte ihrem Herzen
keine Rhrung ab ... Sie sah einen gewonnenen Vortheil mehr und wahrhaft
trstlich erklang es ihr zu hren, als Frau von Sicking sprach: Die Frau
Prsidentin von Wittekind scheint die Rolle in Vergessenheit bringen zu wollen,
die ihr Gatte seither als Beistand der Regierung gespielt! Man ist hier
entschlossen, nicht sofort auf ihre Wnsche einzugehen! Nur die Rcksicht auf
ihren edeln Sohn, den Domherrn, kann die Gesellschaft bestimmen, ihren
Empfindungen nicht schon jetzt einen entschiedenern Ausdruck zu geben! ...
Selbst der blitzende Punkt dort in der Ferne, ein vergoldetes Kreuz auf der
Kirche vom Kloster Himmelpfort, wo Klingsohr verweilte, beschftigte sie nicht
... Diese weie, mit Abendschatten sich fllende Ebene, auf die sie einst so
sehnsuchtsvoll von Schlo Neuhof herniedergeblickt hatte wie in ein Land der
Freiheit und des ungebundenern Glckes, als das war, das sie dort in einer nur
scheinbar glnzenden Abhngigkeit hielt, bot nichts, was ihr Auge gesucht htte,
als das Schlo Westerhof, das indessen hinter den Wldern nicht zu sehen war ...
    Bei Bonaventura's Abreise hatte Lucinde den Vorsatz gefat, nur der Rache zu
leben ... Ohne da sie den Oberprocurator, den allmchtigen Dominicus Nck,
einweihte in alles, was dieser von ihrem Herzen theilweise selbst schon wute,
theilweise errieth, war sie mit ihm vertraut geworden, denn seine Huldigung gab
sich so malos, da sie den Ausbrchen derselben schon deshalb entgegenkommen
mute, um sein Benehmen der Gesellschaft nicht zu auffallend erscheinen zu
lassen ... Er kannte ihre Liebe zu Bonaventura und mute diese schonen ... Sie
duldete seine von unreinern Wnschen scheinbar pltzlich frei gewordene
Leidenschaft unter der Bedingung, da Nck sie wie eine anderweitig Vermhlte
betrachtete ... Bonaventura wurde ihr bald wieder der alte Gott und nur noch die
Tempel schwur sie zu zertrmmern, in denen andere ihm huldigten. Von jener
Urkunde, mit der sie ihn sein ganzes Leben lang, wie sie gedroht, in Schach zu
halten vermochte, sprach sie nicht zu Nck ... Der Schmerz und die Zeit hatten
ihre Rachegefhle gegen Bonaventura gemildert ...
    Nck wurde fr sie ein psychologisches Rthsel ... Sein Lebensberdru war
jene Krankheit, die sich bei allen jenen Menschen findet, die etwas anderes
thun, als sie denken ... Knige haben wir gesehen, die geistesschwach wurden,
weil sie eine Welt von schnen Gedanken, Plnen und Entwrfen in sich trugen und
keine Menschen fanden oder - suchten, die sie bei ihrer Ausfhrung
untersttzten. Der Muth, der schon zum Brechen mit den Rcksichten, die uns
binden, bei ihnen nicht vorhanden war, fehlte vollends fr alles Uebrige, was
das Leben begehrt; ein geknickter Genius spielt zuletzt mit Puppen, die er an-
und auszieht ... Und dann - dann wissen: Das ist unwahr! und es dennoch
befrdern - darum befrdern, weil die Lge einem andern zu Schaden kommt, den
man hat -! das untergrbt vollends die innerste Seele, wenigstens deren Ruhe
...
    Nck konnte zu Lucinden auf ihrem kleinen Cabinet oder wenn sie ihn selbst,
scheinbar in Auftrgen, in dem Zimmer besuchte, das zum Garten der Seminaristen
hinausging - wenn sie vor ihm auf seinem unheimlichen Sopha sa, unter dem
verhngnivollen Ringhaken an der Decke - ganz wie der verzweifelnde Serlo
sprechen: Es ist nichts mit unserm Hoffen und Glauben! Erde wird Erde! Wir
dngen die Zukunft! Apostel oder Mrder - omnes una manet nox! (alle erwartet
eine und dieselbe Nacht!) ...
    Dennoch ging ein Mann mit solchen Ansichten in die Kirchen und Kapellen,
bckte sich im Beichtstuhl und kreuzigte sich in der Messe ...
    Nck konnte spotten ber die Priester, konnte in seiner cynischen Art von
reichen, wohlgenhrten Pfrndnern, die Lucinde in seinem Vorzimmer antraf,
sagen: Sehen sie nicht aus wie die rothen Fettpfel, die die gebratene Gans
Kirche in ihrem Steie trgt! ... Sprang auch Lucinde bei solchen Worten auf,
entfernte sich, so nahm sie doch das staunende Gefhl mit: Dennoch kmpfst du
wie ein Lwe, offen und heimlich, fr die Wiedereinsetzung des Kirchenfrsten?
...
    Nck konnte so laut lachen ber die Verlegenheiten der Regierung, da es
gellend dahinschallte in den Zimmern seiner Schwiegermutter, die er jetzt jeden
Abend besuchte ... Das wird die Lernische Schlange! rief er. Einen Kopf hauen
sie herunter und zwei wachsen wieder! Ha, ha! Die Zeiten sind vorber, wo die
Schusterjungen, wenn sie in Berlin in einem Winkel am kniglichen Opernhaus ihre
Bedrfnisse befriedigen wollten, von den Gensdarmen hren konnten: Wozu ist
denn da drben die katholische Kirche?! ...
    Solche Cynismen milderte die Lokalsprache, deren sich Nck bei seinen
Bildern bediente ...
    Die Frauen protestirten durch Aufstehen und heftigste Vorwrfe ... Bald aber
setzten sie sich wieder und lachten ber den Sonderling, der dann in die seste
Courtoisie verfallen und den Liebenswrdigen spielen konnte ... Das graue
Ungeheuer! nannte ihn, mit Wohlgefallen, seine eigene Schwgerin Johanna
Kattendyk ... Guido Goldfinger, ihr Verlobter, applaudirte ihm, wenn Nck in
seinen seltnern politisch-conservativen Anwandelungen polterte: Aufklrung!
Aufklrung! Kaum hat der dumme Bauer gehrt, da die Sternschnuppen nicht von
Gottes Lichtputze kommen, wenn der Alte, im Flurhypothekenbuch der Menschheit
vertieft, sich nur deshalb die Sternenlichter putzt, um ihre Snden in desto
deutlicherm Lichte zu sehen, so denkt er ja gleich: Nun all' gut, nun auch
gleich Mistforke und Heugabel in die Hand genommen und auf die Zoll- und
Rathhuser gestrmt, wo die unbezahlten Steuerrester und Schuldverschreibungen
liegen! Bei alledem jubelte er jeder Nachricht von einem Pbelauflauf, wenn er
nur die Neunmalweisen in Verlegenheit setzte ...
    Ein solcher Zustand der Seele wird zuletzt haltungslos, die Widersprche
heben sich auf, nichts bleibt brig, als was Nck in seinen geheimsten Stunden
war, ein Verzweifelnder, tief Lebensberdrssiger. Nchtlich konnte er
umherrasen, in seinen grauen, alten Mantel gehllt. Frau Schummel war dann die
Vertraute der Phantasieen seiner entfesselten Sinne; Bedrfnisse hatte er, deren
Befriedigung an einem Abend ein Vermgen kostete ... Pltzlich aber stie er
wieder alles von sich und predigte Bue und konnte an Selbstmord denken ... So
berraschte ihn einst Hammaker und brachte ihn auf die uns bekannten Verirrungen
des scheinbar sich Erhngenwollens ... In vertrautester Stille konnte er um
diesen Hammaker klagen: Was war denn nun das fr ein Unglck, da er den bsen
Drachen umgebracht hat? Die natrliche Vergeltung ist das ja hier schon auf
Erden! Jene hatte andere auf der Seele, diese hatten wieder andere und den
Hammaker htte dann auch schon Einer gerichtet! ...
    Mdchen, kannst du lgen? Kannst du falsche Handschriften machen?
Kannst du Feuer anlegen?
    So hatte Nck zu Lucinden gesprochen an jenem Piter'schen Festabend. Aus
ihrer unterirdischen Wanderung mit Jean Picard wute sie etwas von einer
gewissen That, fr die dieser durch Hammaker war gedungen worden. Nck war nie
wieder auf diese Zumuthungen, ein Verbrechen zu untersttzen, zurckgekommen.
Einiges hatte er von Lucindens Besuch im Profehause und von ihrer damaligen
Todesangst in Erfahrung gebracht - die Erwhnung der Spinozistin Veilchen
Igelsheimer brachte sie darauf ... Aber ber alles Andere, was von ihm zum
Gewinn des groen Processes der Dorstes verbrecherisch unternommen werden
konnte, waren seit Benno's Abreise nach Witoborn die Schleier der Vergessenheit
gefallen ...
    So schien alles still und friedlich ... Lucinde wurde die Vertraute des
Hauses, die Freundin, die Tochter, wie oft die Commerzienrthin ihr zuflsterte
- vorzugsweise, wenn sie der Mesalliance gedachte, die ihr durch Piter drohte.
Denn Piter lie nicht von Treudchen. Au contraire - seit seinem verunglckten
Abend war er entschiedener, denn je, darauf bedacht, sich durch gnzliche
Nichtbereinstimmung mit dem, was die gesunde Vernunft von ihm erwartete, allen
Menschen so gefhrlich wie mglich zu machen ... Der uns bekannte Entschlu
Ernst Delring's, aus dem Geschft auszutreten und die Stadt zu verlassen, wurde
auch durch ein Ereigni erleichtert, dessen betrbender Verlauf von
Tieferblickenden geahnt werden konnte ... Lucinde war nach Witoborn in
Trauerkleidern gekommen ... Das Hauptmotiv, mit dem sie das Herz der Frau von
Sicking im Interesse der Kattendyk'schen Bitte zu rhren hoffen konnte, war
Mutterschmerz und Geschwisterliebe ... Hendrika Delring war nicht mehr ...
    Die sanfte, gute, liebevolle Frau, die Treudchen Ley einst so herablassend
zu schmcken verstand; die so tief beklommen dem Gebet zugehrt, als Treudchen
niederkniete zur zurckgesetzten Madonna; die dann gleichfalls die Hnde faltete
- ber der Hoffnung ihres Gatten, dem sie ihr Kind nach dessen ganzer Zukunft
schenken wollte; Hendrika Delring, der von Piter tyrannisirte Flchtling in den
Beichtstuhl Bonaventura's, hatte die Schmerzen der Geburt nicht berstanden ...
Ihr schon den Jahren nach auf solche Proben seiner Kraft nicht mehr angewiesener
Krper leistete Widerstand; um die Mutter zu retten, mute das Kind geopfert
werden; bald darauf entwich auch ihr die Kraft, ein letzter Hauch des
versagenden Athems und sie ging hinber in ein Land, wo ihr die Taufe ihres
Kindes keine Leiden mehr bereitete ...
    Das Leben ist so! sprach Lucinde zu dem in Thrnen verzweifelnden Treudchen,
das sich bis zum letzten Augenblick treu bewhrt hatte, sich nicht hatte nehmen
lassen, die Todte zu entkleiden, zu waschen, sie fr die Bahre zu schmcken ...
Gerade das, worauf die meisten Vorbereitungen getroffen werden, gerade das,
dessen Eintritt ins Dasein uns nicht hoch genug beschftigen kann und an das wir
all unsern Muth, all unsern Verstand, unser ganzes Herz setzen, das tritt nicht
ein!
    Lucinde sprach dies einem Urtheil in Serlo's Papieren ber eine Dichtung
nach. Der Held mute sterben! Wie kann man denn soviel reden und handeln
lassen, um dem Misgeschick vorzubeugen, wenn das Misgeschick nicht wirklich ein
Ungethm ist, das Menschenkraft nicht berwindet? Die Gtter strafen jede
Einmischung in ihre Rechte. Das ist traurig, aber gar nicht so niederdrckend,
wie es scheint. Wenn der Vorhang fllt, wenn die Menschen wieder an ihren
abendlichen Kartoffelsalat gehen und sie hochvergngt scheinen, da nicht Gott,
sondern die Birch-Pfeiffer die Welt regiert und die guten Seelen zuletzt doch
sich kriegen, so glauben sie's im Grunde nicht. Romeo und Julia kann kein
Schauspiel sein. Der Tod - der ist zuletzt doch etwas Ses fr uns und die
einzige Schnheit, die eine That ins Groe verklrt. Wre der Tod nicht, wir
unternhmen nichts mehr, was unserm gttlichen Ursprung Ehre macht. Es ist, als
forderte uns ein Preis heraus, je hher die damit verbundene Gefahr ist. Was
wren wir, wenn das Schne auf Erden sich halten knnte! Gerade der
unterliegende Kampf gegen das Verhngni zieht uns himmelan!
    Acht Tage nach dem Begrbni Hendrika's wurde der Edeln ein Opfer gebracht,
das reiner gen Himmel stieg, als alle Seelenmessen fr sie, die auf Jahre hinaus
von der Mutter gestiftet wurden. Treudchen Ley, die noch nicht ihr Trauerjahr um
ihre Mutter vorber hatte, kehrte in die theilweise schon geminderte volle
Trauerkleidung zurck. Tief verhrmt war sie schon lange; ihr schnes blondes
Haar verrieth nichts mehr von der alten gefallsamen Pflege. Schon lange nagten
die bittersten Schmerzen an ihrer Ruhe. Piter hatte einem geheimen
Familienconvent nicht beigewohnt. Als er das Resultat desselben erfuhr, das
Beziehen des obern Stocks durch Goldfingers - Johanna sollte sich noch vor
Beendigung der Heiligen Botanik verehelichen - erklrte er das ganze obere
Stockwerk fr sich allein zu bedrfen, fr seinen nchstens zu erffnenden
Hausstand, und niemand anders, als ein einfaches, bescheidenes Mdchen aus dem
Volke, keine Staatsdame, wrde er heirathen. Ein Widerstand dagegen war
deshalb auch schwierig, weil die ganze Familie Treudchen liebte und sie schon
lange wie eine Verwandte behandelte. Da verschwand eines Tages Treudchen. Sie
hinterlie die Kunde, da sie bei den Karmeliterinnen war. Man konnte annehmen,
da sie den Schleier nahm. Cajetan Rother, der Beichtvater der Damen vom
Rmerweg, kam selbst zur Commerzienrthin und erklrte, schon lange trge das
junge Mdchen die schwrmerischste Liebe zur seligsten Jungfrau im Herzen und
wrde der Majestt ihres gttlichen Sohnes jedenfalls die Huldigung bringen,
eine Braut Christi zu werden ...
    Mitten in dem furchtbaren Revolutionsausbruch, den diese Nachricht im
Kattendyk'schen Hause zur Folge hatte - Piter drohte nicht weniger, als die
Kathedrale bis auf den letzten Stein zu schleifen - traten die Veranlassungen
ein, die Lucinden bestimmten, sich selbst zur Dolmetscherin der Wnsche zu
machen, die die Commerzienrthin in Betreff der vielbesprochenen neuen
Unternehmung der Frau von Sicking hegte ...
    Eines Tages kam sie aufgeregt in das Toilettenzimmer ihrer Gebieterin und
erklrte mit angstentstelltem Antlitz, sie wollte selbst nach Witoborn reisen,
um jene Bufrage zu ordnen ...
    Wally Kattendyk, hocherstaunt, weinte Thrnen der Rhrung ber diesen edeln
Entschlu, kte Lucindens Stirn und Wange und drckte sie an die eben im
Schnren begriffenen Corsetverschanzungen ihres Herzens ...
    Noch am selben Abend wollte Lucinde abreisen, unmittelbar nach jenem Besuch
des Herrn Cajetanus Rother ...
    Nck war Rothern auf der Treppe begegnet ... Er kam mit einer Anzahl in den
Bart gemurmelter Vermuthungen ber die seltsam geheimen Zusammenhnge der dieser
Flucht Treudchen's zum Grunde liegenden Ursachen ... Piter war noch auf dem
Polizeiamt und requirirte eine Hlfe, die ihm nach der Bulle De salute animarum
nicht werden konnte, wenn Gertrud Ley auf ihrem Willen bestand und von ihrem
Vormund in Kocher am Fall, einem ehrlichen Handwerker, die Zustimmung zum
Eintritt ins Kloster brachte ...
    Da hrte Nck von der Reise, die die nicht anwesende Lucinde beabsichtigte
...
    Nach Witoborn? fragte er staunend. Das ist ja seltsam! setzte er hinzu und
suchte Lucindens Zimmer ... Am Vormittag war sie zweimal bei ihm gewesen, ohne
ihn zu finden ... Er hatte gerade beim Gericht plaidirt ...
    Als Nck eintrat, fand er Lucinden vollstndig zur Reise gerstet ... Erst
wollte sie mit einem Wort aufwallen, dann beherrschte sie sich und sank auf
einen der mehreren Koffer nieder, die rings um sie her standen ...
    Was ist denn, mein Frulein? fragte er mit hoch aufgerissenen Augenbrauen
...
    Ich reise - nach Witoborn! ... war die leise verhauchende Antwort ...
    Hr' ich ja mit Befremden, erwiderte Nck ... Und mit Extrapost noch dazu?
... Im Hof unten steht Mutters Reisewagen ... Joseph begleitet Sie doch? ... Und
nicht einmal das? ... Nur die Pferde fehlen noch? ... Liebste Freundin, welche
Eile -? Alles das - der Exercitien wegen -?
    Lucinde sa, die Hnde aufgesttzt ... Ihre Hand hielt die Bnder eines
Reisehuts, der beinahe auf der Erde schleifte ... Allmhlich hob sie von unten
her den Blick und durchbohrte mit prfender Schrfe die vllig ruhigen Zge des
Oberprocurators ...
    Sie waren bei mir, um Abschied zu nehmen -? fragte dieser voll erhhten
Erstaunens ...
    Zweimal ... antwortete sie scharf betonend und doch durch seine Ruhe in
ihrer Elasticitt schon nachlassend ...
    Gestehen Sie, wandte sich Nck ihr nher, es ist die Eifersucht, die Sie so
mchtig ergreift! ... Sie haben von den Erfolgen des Domherrn gehrt ...
Tagelang ist er mit Grfin Paula ... Er magnetisirt sie ...
    Lucinde hielt die Hnde ber die Augen, als blendeten sie die Lichter, die
auf dem Tische standen ...
    Haben Sie schon vom Tod des Kronsyndikus gehrt? fuhr Nck fort. Ich hrte,
da er sterben wird! Frchten Sie, von seinem Testament ausgeschlossen zu sein?
    Lucinde schwieg ...
    Der Prsident von Wittekind ist nach Neuhof gereist ... Htten auch Sie noch
so viel Theilnahme fr den alten Tyrannen, ihn noch einmal sehen zu wollen?
    Lucindens Erinnerungen liefen geisterhaft an ihrer Seele hin ... Sie sah den
Kronsyndikus in Hamburg aus dem Wagen steigen, als er sie, schon damals
leichenbla, bei den Geschwistern Carstens aufsuchte ... Sie sah ihn in jener
Nacht in Kiel, wo er gespenstisch mit dem Degen in der Hand von seiner zweiten
Frau sprach ... Dann aber drngte sich in die Theilnahme fr ihn sein Schweigen,
als sie mit Serlo's Familie umherirrte, darbte und vergebens auf seine Hlfe
hoffte ... Sie zeigte sich zu seinem mglichen Tode ohne jede Theilnahme ...
    Nun, in Nck's Benehmen keine Besttigung ihrer Ahnungen findend, erhob sie
sich und ging entschlulos im kleinen Zimmer auf und nieder ...
    Wollen Sie Klingsohrn das Mittel mittheilen, das ich Ihnen neulich sagte, um
ihn aus dem Kloster zu bringen?
    Alle diese Namen berhrten Lucinden nur schmerzlich und trugen ihm ein: O
schweigen Sie! nach dem andern ein ...
    Ihr Reisegrund war in der That einer, den sie ihm nicht mitzutheilen wagte
...
    Am frhen Morgen, als sie in die Messe gehen wollte, hatte sie eine
Entdeckung gemacht, die sie mit eisigem Schrecken berlief ...
    Am Posthof hatte sie vorber mssen und war eines Briefes wegen in diesen
eingetreten ...
    Da stand ein Eilwagen, der soeben bespannt wurde ...
    In Begriff einzusteigen sah sie in Pelzen, mit Handtaschen, Fuscken, sechs
bis acht Passagiere harren ...
    Eine dieser Gestalten fiel ihr auf und noch mehr fiel sie, wie sie sogleich
sah, diesem Reisenden selbst auf ...
    Kaum hatte sie einen prfenden Blick auf einen Mann in einem wassergrnen
Flausrock, mit einem rothen Comfortable um den Hals, geworfen, als sich derselbe
auch sofort abwandte und die Hnde schnell aus den Rocktaschen zog, in die er
ruhig sie gesteckt hielt ...
    Sie sagte sich: Das ist ja Bickert! ... Darber konnte kein Zweifel sein ...
Wuchs, Gesichtszge waren unverkennbar, nur das Haupthaar ein anderes ... Sonst
roth, war es jetzt dunkelschwarz und lockig ...
    Sie mute stehen bleiben und wandte sich, um den Verbrecher nher in
Augenschein zu nehmen ...
    Jetzt, sah sie, entdeckte er, da auch sie ihn erkannt hatte, und immer mehr
vermied er nun, ihr ins Angesicht zu sehen ...
    Einen Augenblick that sie, als entfernte sie sich; doch nur um wieder
zurckkehren zu knnen und sich vor die auf den Thren befestigten Tarife zu
stellen und scheinbar diese zu lesen ...
    Jetzt wurde das Gepck der Reisenden gebracht ... Sie hrte: Nach
Witoborn! ...
    Ihre Brust klopfte ... Sollte sie den Unglcklichen anreden, der ihr seine
Nichtentdeckung, dem aber auch sie krzlich eine groe Hlfe und Rettung ihrer
Ehre verdankte, ihn, der sie mit jenen Papieren aus dem Sarg des alten Mevissen,
wie sie wenigstens glaubte, zur ewigen Herrin ber Bonaventura's Schicksal
gemacht hatte? ... Sollte sie ihn fragen, ob er es wre, der nach Witoborn
reiste? ...
    Da fiel ihr seine Mittheilung ber Hammaker's Antrge, sein Wort vom rothen
Hahn auf ein Schlo߫ ein, sein: Sapristi! als sie in dem unterirdischen Gang
selbst von Westerhof, selbst von Nck begonnen hatte ...
    Noch wogte ihre Angst um ein Verbrechen, in das sich nun Nck doch noch
einlie, noch wogte die Furcht, hier so lnger stehen zu bleiben, als die Namen
der Passagiere aufgerufen wurden ... Der, der ihr Jean Picard schien, stieg mit
der Bezeichnung: Herr Dionysius Schneid in den Wagen ... Sie hatte sich's
wohlgemerkt; der Name wurde zweimal gerufen ...
    Nun blies der Postillon ... Der Verbrecher fuhr von dannen ... Unter dem
Eingang der Post drckte er sich in eine Ecke, um nicht beim Vorberfahren ganz
aus nchster Nhe beobachtet zu werden ...
    In erster Aufregung flog Lucinde zu Nck, um aus seinem Benehmen zu
erkennen, ob sie sich wirklich ihn, ihn selbst im Zusammenhang mit dieser Reise
denken mute - im Postbureau wurde ihr besttigt, da Herr Dionysius Schneid aus
Strasburg seinen Platz bis Witoborn genommen hatte -
    Dann sagte sie sich: Nein, wie kannst du Nck an Dinge erinnern, die von
seiner Seite nur ein einziges mal und auch da nur so flchtig und scherzhaft
hingeworfen wurden? ... Sie wute, um was es sich in jenem zu Nck's tiefstem
Verdrusse verlorenen Proce handelte, jenem Proce, der Paula's Lebensschicksal
entschied. Sie wute, da mit dem Fund der Urkunde Paula zwar ihr Erbe erhielt,
aber auch das von einer durch die ganze Verwandtschaft festgehaltenen Etikette
gestellte Ansinnen, sich mit dem um seine Hoffnungen betrogenen Grafen Hugo zu
vermhlen ... Ihrer Rache konnte an sich nichts Seres geboten werden als
dieser schadenfrohe Hinblick auf - Bonaventura's Schmerz, und dennoch - zu
mchtig wirkte entweder noch die Liebe und Sorge fr ihn in ihrem fr alles
Uebrige abgestorbenen Herzen, um nicht zu erschrecken bei dem Gedanken, da um
den grausamen, sie mit Fen tretenden Mann soviel Wildes sich begeben knnte,
oder sie gedachte der Gefahr eines Frevels, der leicht dem Scheitern ausgesetzt
sein konnte und sie selbst vielleicht in neue Wirren strzte ... Schon war
wiederholt ihr Name bei der Verffentlichung der Beda Hunnius'schen Briefe
genannt worden ... Sollte sich der Fluch ihres Daseins immer greller und greller
erfllen? ... Sollte sie durch diese wirkliche Ausfhrung geheimer Thaten auf
die Bahn des Verbrechens hinbergefhrt, ihrer Bekanntschaft mit Bickert
berwiesen, um ihrer Erlebnisse auf dem Profehause willen wol gar dem
ffentlichen Gerichte preisgegeben werden? ... Sie wnschte die Folgen der That
mit heiester Begier, zitterte aber vor ihrem Mislingen ... Und nun ergriff sie
die ihr eigene namenlose Angst, die sie immer hatte vor jeder Katastrophe, ehe
sie da war. Flgel htte sie sich geben mgen, den Verbrecher einzuholen, ihm
nicht von der Seite zu weichen, ihn von seinem Vorhaben zurckzuhalten ... Noch
einmal ging sie zu Nck, fand ihn aber wieder nicht ...
    Die Ruhe des Nck'schen Hauses, die Ordnung des Geschfts, der Reichthum,
dem sie auf Tritt und Schritt begegnete, sagten ihr wol: Thrin, Thrin, wessen
hltst du einen Nck fr fhig! Fr wahnsinnig wrd' er dich halten, sprchst du
davon! ... Und bin ich's vielleicht nicht selbst? ... Seh' ich mich nicht ewig
mit Hammaker auf dem Schaffot, seh' ich mich da nicht mit meinen Brdern, mit
Oskar Binder, mit meiner Hauptmnnin - alles so, wie ich's so oft trume! ...
Die Stimmung einer wie von Furien Verfolgten und wie der hchsten Gewissensangst
kam ber die in sich haltlose und so tief ehrgeizige Seele ... Und um nur etwas
zu thun, was den Augenblick festhielt, betrieb sie ihre Reise, schtzte Grnde
der Eile vor, lie alle Anstalten wie zu einer Flucht treffen ... Sie glaubte
wenigstens darin das Beste zu thun, da sie, selbst wenn keine Verstndigung mit
Nck mglich war, doch in die Nhe des Verbrechers zu kommen suchte, um seinen
Arm zu ergreifen und ihm zuzurufen: Die ewigen Mchte ziehen mich durch dich
noch nicht rettungslos hinunter!
    Das Hessenmdchen - die halbe Buerin - das war sie geworden! ... Geworden
durch Schnheit, Ehrgeiz, Geist und - Unglck! ... Sie sah Nck in ihrem
kleinen Zimmer jetzt an wie eine Verzweifelnde ... Ihm aber erschien sie bei
alledem eine Zauberin; nur die rothen Kleider, die phantastischen Zeichen
fehlten um ihre Schultern, der goldene Stab in ihren Hnden; er htte sie zur
Priesterin welcher Religion sie wollte gemacht ...
    Schon sprach er, mit heien Seufzern sich ihr nhernd:
    Sie sind krank! Lucinde!
    Sie fuhr zurck, als vergiftete sie sein Athem ...
    Sich sammelnd bat er sie, sich zu beruhigen und die Pferde abbestellen zu
drfen ... Seine Augenbrauen zuckten hin und her ... Er ffnete das Fenster,
sprach in den Hof hinunter und bestellte die Pferde ab ...
    Lucinde lie nun alles geschehen ...
    Kommen Sie! Was haben Sie? Sprechen Sie aufrichtig mit mir! Ich kann alles
hren! begann er ...
    Diese gleisnerische Ruhe war so entwaffnend, da sie, als glcklicherweise
die Thr aufging und die Commerzienrthin, Johanna, die Hausfreunde herbeigeeilt
kamen und staunend von dem vernderten Reiseplan sprachen, einwilligte zu
bleiben, zustimmte nach vorn zu gehen und ihre Furcht und ihr Bangen fr den
Augenblick beschwichtigte ...
    Nck folgte mit Ingrimm ... Er war gestrt worden in einer lngst ersehnten
Stunde ... Doch scherzte er alles hinweg und sagte, da er es so weit zu bringen
nie geglaubt htte, sich wieder an Thee zu gewhnen ...
    Einige Tage vergingen Lucinden auf den Anblick der Harmlosigkeit des
schreckhaften Mannes in einem Zustand scheinbarer Beruhigung oder der Abspannung
... ... Monika von Hlleshoven machte Condolenzbesuch und nahm Abschied, um
ebenfalls auf Witoborn zu reisen ... Lucinde htte sich der Hand dieser kleinen
freundlichen und mit Rhrung von Hendrika Delring sprechenden Frau anklammern
und rufen mgen: Nimm mich mit! ... Doch Monika's Blick war ihr kalt und streng
und es schien, als wollte auch sie schon nach seither fter erfolgter Begegnung
sagen - wie fast alle Frauen -: Wir gehren nicht zusammen!
    Ihre Furcht erwachte aufs neue ...
    Zu schreiben an Nck wagte sie nicht ... Tglich hatte Nck das Princip
wiederholt, das sie schon bei der ersten Unterhaltung von ihm gehrt: Nicht
schreiben! ...
    Schon nach drei Tagen war ihr Zustand vllig rathlos ...
    Als sie gerade in den obern, schon von Delring verlassenen Zimmern des
zweiten Stockes etwas rumte, kam ihr eines Morgens Nck entgegen. Es war wie
zufllig. Hier, in den schallenden Zimmern, ohne Tisch und Stuhl, hier wagte er,
nicht achtend der Erinnerung an eine Sterbesttte, auf der sie standen, eine
Scene herbeizufhren, wie die erste gewesen an jenem Piter'schen Festabend und
wie sie neulich ihm gestrt worden war ...
    Lucinde unterbrach ihn aber und sagte:
    Wollen Sie mich wieder auffordern, das auszufhren, wofr Hammaker Bickert
gedungen hat, der in diesem Augenblick vielleicht im Begriff ist, Ihren Proce
durch Mord brennerei zu entscheiden?
    Nck sah sie mit seinen weit aufgerissenen weien Augen an ...
    Schon ertrug sie diese Augen, die ihr frher so entsetzlich gewesen ...
    In - diesem - Augenblick -? Was reden Sie da? sprach er ...
    Lucinde wiederholte ihre Frage ...
    Hammaker? Wer ist - Sie kennen - was - wer ist - Bickert?
    Diese Frage war eine heuchlerische. Die ersten Reden jedoch, die Nck in
unterbrochenen Stzen ausgestoen hatte, schienen in der That unverstellt
gewesen zu sein ...
    Bickert, sagte Lucinde, jede Fiber in seinen Bewegungen beobachtend, Bickert
ist jener Kirchhofruber des Dorfes Sanct-Wolfgang ... Ich entdeckte ihn hier
bei jener Gefahr im Profehause, von der ich Ihnen noch nicht alles erzhlt habe
... Aber Sie, Sie hat er mir genannt als den Mann, der ihm die Mittel geben
wrde, fr immer nach Amerika zu entfliehen, wenn er - staunen Sie nur! - zuvor
auf einem Schlosse - Feuer angelegt und bei dieser Gelegenheit eine falsche
Urkunde -
    Himmel! unterbrach sie Nck ... Die Wnde haben ja Ohren -! Was sprechen Sie
da? ..
    Sprachen Sie nicht einst selbst so zu mir?
    Ich? ... Zu Ihnen? ... Wann?
    Nck stand besinnungslos ...
    In wessen Auftrag ist Dionysius Schneid nach Witoborn gereist? fuhr Lucinde
mit berlegener Ruhe fort ...
    Dionysius - Schneid -? Wer - ist - das?
    Nck zeigte eine unverstellte Befremdung, war aber zugleich in eine
Aufregung versetzt, die ihm, dem Kalten, Ruhigen, Allem gleichgltig Zuwartenden
den Schwei auf die Stirne trieb ... Kein Stuhl war im Zimmer, auf den er sich
htte niederlassen knnen ... Er taumelte zum Fenster hin, um sich dort zu
halten; zufllig ergriff er eine noch zurckgebliebene Vorhangschnur und lie
diese sofort aus den Hnden gleiten, sthnend:
    Ich hielt meinen Schutzengel von der Reise zurck! ... Ich fange an - zu -
ahnen -! Jesus Maria! ... Ja, ja! ... Sie mssen fort, fort, sogleich! ... Wr'
es denn mglich! Ich sah nichts, nichts als Ihre Liebe zum Domherrn ... Sogar
die todten Schatten Serlo und Klingsohr beneid' ich noch -! Fort! fort! In
diesem Augenblick!
    Jetzt noch mehr erbebte Lucinde vor dieser Angst des sonst so muthigen
Mannes ...
    Wenn ich an jenem Abend, fuhr er mit ungewissem Stammeln und grauenhaftem
Auf- und Abgehen seiner Kinnladen fort, ber - die Urkunde - scherzte; wenn ich
- die Urkunde nannte, die zu Ihrer Freude Paula zur Grfin von Salem-Camphausen
- machen knnte, so geschah's im Taumel der Freude, Sie allein zu sehen, Sie in
Ihren Geheimnissen zu berraschen, Sie zu sehen an einem so berauschenden Abend
in Ihrem Glanz, in Ihrer Schnheit ... Knnen Sie glauben, da ich in meinem Ha
so, so weit gehen konnte -? Aber ja, Sie haben Recht ... Ich Wahnsinniger, ich
habe einst zu einem solchen Plane gelacht ... Ich habe drei verzweiflungsvolle
Monate meines Lebens ber dies Lachen hingebracht ... Drei Monate, wo Hammaker
unter den Verhren der Richter stand ... Damals kam kein Schlaf ber meine Augen
... Ich irrte umher, scherzte und - lachte, aber unterm Damoklesschwert ...
Hammaker war - mu ich es doch zugestehen! - ein Hllenbrand ... Fr seine
verlorene Ehre, fr die Bildung, die er besa, rchte er sich am
Menschengeschlecht ... Wie er mich auf dem Gewissen hat, darber beicht' ich
Ihnen, Lucinde, Ihnen - doch nur - wenn wir beide in Rom sind ... Lassen Sie mir
dies Bild - in der Wste meines Lebens! ... Hammakern lie ich - schon seit
lange - fr sich - gewhren und suchte nur von ihm loszukommen ... Merkte er
diese Absicht, dann konnt' ich sicher sein, einen neuen Anschlag von ihm zu
gewrtigen ... Er war der dunkle Schatten meines Lebens - Und so unzertrennlich
blieb er von mir, da ich ihn sogar vor Gericht noch vertheidigen mute! ... Die
unglckselige Dose! ... Da ich sie auch gerade ziehen mute und ihm in sie den
Griff verweigern! ... Eine Hlle grinste mich gleich an aus seinem Racheblick
... Ich sehe - sie ist jetzt losgelassen ...
    Nck mute sich halten ... Er war zu erschttert - Lucinde dachte an Serlo,
der einen Abend hatte zubringen knnen, zu rathen, wen wol Goethe in seinem
Clavigo im Sinne gehabt, als er Carlos sagen lt: Ich, der ich dabei war,
als dem Ersten der Menschen die Angsttropfen auf der Stirn standen -? Lucinde
htte unter den vielen Beispielen verzweifelnd Ueberfhrter oder unerwartet vom
Schicksal Geffter, die Serlo aus seinem Leben nennen konnte, jetzt den
Oberprocurator Nck anfhren knnen ...
    Eines Tages, fuhr Nck in stammelnder Rede und so, als wrde schon durch
seine Erzhlung der Moment des Handelns versumt, fort - eines Tages, als ich
ber die fehlende Urkunde in dem groen Processe klagte, sagte Hammaker, der ein
Jurist war, seltene Kenntnisse besa: Nck! Spielen wir doch - ein bischen
Pseudo-Isidor! Sie verstehen das nicht ...
    Doch! sagte Lucinde. Der heilige Isidorus von Sevilla hat die Regeln
aufgeschrieben, nach denen sich allmhlich euer kirchliches Recht bildete! Ein
Geistlicher in Mainz, Benedictus Levita, gab hierauf diese noch einmal heraus,
geflscht aber durch Zustze, die der Macht der Bischfe ber den Klerus gnstig
waren. Um nun wieder die Bischfe sicher zu stellen vor den Folgen jener
Verflschung, lieen diese durch neue Flschungen dem ersten Bischof in Rom die
hchsten Ehren. Ohne diese Lgengewebe des falschen Isidorus von Sevilla gb' es
keinen Papst in Rom, keine dreifache Krone, die die Welt beherrscht, auch keinen
Orden vom goldenen Sporen - -
    Nck reichte gezwungen lchelnd mit der zitternden Hand zu Lucindens Stirn
hinauf, als wollte er sagen: Werth bist du selbst eine Krone zu tragen! ... Mit
einem Gemisch von Huldigung, von gemachter Frmmigkeit und Ironie warf er die
Worte hin: Bei alledem sind Sie eine groe Ketzerin! ... Dann fuhr er fort: Ja!
Hammaker sprach von diesem Pseudo-Isidor, der allerdings Rom gro gemacht hat
und Rom gedeihe doch! Gedeihe durch eine Lge! sagte der Schurke. Ich lchelte -
lchelte ohne Arg ... Ich beschwre Ihnen dies! Ich beschwr' es - bei - Ihrer -
Liebe zum Domherrn - denn an etwas anderes in der Welt glauben Sie doch nicht!
Hammaker veranstaltete alles, was ich - zwar nur so obenhin, aber doch schon von
Entsetzen ergriffen - pltzlich zu ahnen begann ... Immer hatte er etwas, was
bald zu meinem Glck, bald zu meinem Verderben ausschlagen konnte ... ... Alle
Kenntnisse besa er, die dazu gehrten, eine falsche Urkunde im Geschmack alter
Zeit aufzusetzen, sie aufs zierlichste zu copiren, sie mit chemischen Mitteln
wie wurmstichig zu machen, sie mit Kaffeesatz zu brunen ... Nur durch einen Act
der List oder Gewalt konnte diese Urkunde in die Archive kommen ... Ich ahnte
ein Vorhaben dieser Art, das mich ewig zu seinem Sklaven machen mute ... Das
wollte er denn auch ... Indessen - ich beruhigte mich - ich sah ja sein nahes
Ende ... Im Gefngni wr' ich gern einmal auf meine Furcht zurckgekommen, nur
hatt' ich immer Feuer an den Sohlen, so oft ich mit ihm reden mute ... Noch
jetzt - sehen Sie - Nur an ihn zu denken und nicht schon handeln ist gefhrlich
- Sie mssen reisen, Lucinde ... heute, heute noch! ...
    Lucinde stand mit klopfendem Herzen, ein Bild zwar des Schreckens, aber doch
schon gefater, da sie die Mitfurcht eines so mchtigen Dritten hatte ...
    Vielleicht irr' ich mich in den Voraussetzungen ber die Verkleidung jenes
Picard ... sagte sie ...
    Nein, nein! Hammaker hat mir diesen Dank frs Leben hinterlassen wollen! Nun
wei ich es fr gewi! Folge mir auch du! riefen die Teufel in seiner Brust, als
er aufs Schaffot mute ... In meinen Gefngnigesprchen mit ihm deutete ich auf
jene frhern Aeuerungen ber den falschen Isidorus hin ... Da fuhr er auf und
sagte hhnisch, da ich ihm denn doch auch zu viel Devotion fr meine Interessen
zutraute ... Fr - meine Interessen? fragte ich forschend, mute aber schweigen
und sehen Sie da, wie ich mit ihm stand - jedesmal da ich bei ihm war, hatte
ich Gift bei mir und wollte es ihm anbieten ... Einmal machte ich davon eine
Andeutung ... Da sprang er auf mich zu und erschlug mich fast mit der
Handschelle ... Ich entfloh, die Wache kam herein ... Ich hrte die
nichtswrdigsten Worte hinter mir hergerufen ... Er glaubte nicht an seine
Hinrichtung - er wollte die Buschbeck nur im Ringen, nur im Vertheidigungsstand
gegen eine Wthende erwrgt haben ... Voll Rache, auch gegen mich und meine
scheiternde Vertheidigung, bestieg er das Schaffot. Seitdem athmete ich auf und
ahnte nicht, da er mich nach sich zieht ... Neulich merkt' ich etwas davon zum
ersten male ... Ein Mensch kommt zu mir und stellt sich mir vor als ein von
Hammaker Gedungener -
    Den - Den mein' ich! ... besttigte Lucinde ...
    Als ein Mensch, der von mir tausend Thaler bekommen wrde, wenn er auf
Schlo Westerhof bei Witoborn im dortigen Archiv Feuer anlegte ... Bei dem dann
entstehenden Tumult sollte er eine Urkunde, die er wohlverwahrt bei sich zu
Hause htte, in das Archiv bringen ... Ich stand erstarrt ... Mich endlich
ermannend fuhr ich dem wsten Menschen an die Gurgel und wollte die Wache rufen
... Darber wieder entsank mir der Muth ... Ein Verdacht, ein Flecken wrde
immer geblieben sein ... So redete ich dem stumpfsinnigen, der deutschen Sprache
kaum mchtigen Menschen zu, bat ihn vernnftig zu sein, solche
Nichtswrdigkeiten nicht zum zweiten male gegen mich auszusprechen und gab ihm
hundert Thaler zur sofortigen Abreise ... Wie bereu' ich die geringe Summe, die
ich gegeben! Auch die Drohungen, die ich ihm nachrief! Ich fahre sofort auf das
Polizeiamt! sprach ich ihm die Thr weisend; ich werde Sie anzeigen und
beobachten lassen! ... Da erst besann ich mich: Hammaker wird ihm gesagt haben:
Gelingt es oder nicht, so sind tausend Thaler mehr oder weniger fr Nck's
Furcht eine Bagatelle! Ewig kannst du auf die Art von ihm ziehen! Jedenfalls
mehr, als wenn du in Westerhof uns, heute oder morgen, beide angbest und zum
Dank - dann doch auch mit ans Eisen mtest! ... Ich hre alles das! ...
Lucinde, wir erleben eine groe Demthigung ...
    Nck brach fast zusammen. Er kam zu keiner Besinnung mehr, steckte mit
seiner Furcht aufs neue Lucinden an, die an manche Beruhigung sich halten
wollte, drngte in sie, abzureisen, Bickert aufzusuchen und durch ihre
Beredsamkeit, natrlich auch durch so viel Geld, als sie nur mitnehmen wollte,
den Verbrecher von seiner That zurckzuhalten ...
    So reiste sie noch am selben Abend ab und kam nach Witoborn in der
leidenschaftlichsten Erregung ...
    Nur zu bald erfuhr sie hier, wo sich ein gewisser Dionysius Schneid befand
... Schon auf Westerhof! ... Schon am Ziel seiner gewinnschtigen und
frevlerischen Absichten! ... Wie aber nherst du dich ihm? Wie rettest du dich
vor Schimpf und Schande ... Im Geist sah sie sich durch alle diese Vorgnge auf
der Bank vor den Assisen ...
    Willenlos hatte sie sich heute schmcken lassen ... Willenlos war sie nach
Mnnichhof gefahren ...
    Paula hatte schon eine Vision von einer Feuersbrunst gehabt! ... Das hrte
sie dann ... Sie sah in Pttmeyer's Bildern immer nur Brand und Brand ... Sie
mute sich selbst wie schon aus den Flammen losreien ...
    Brtend, wie sie an Dionysius Schneid kommen sollte, sa sie in dem dunkeln
Zimmer, zum Tod vernichtet ...
    Entsetzt fuhr sie zusammen, als ein Bedienter den Kopf durch die Thr
steckte und sie nach ihrem Namen fragte ... Vor ihren Blicken standen gleich
Hscher und Richter ...
    Der Bediente sagte, ein Mnch, ein Laienbruder htte bei einigen Dienern,
die von Witoborn mit gekommen wren, nach dem Frulein gefragt und zu seinem
Erstaunen gehrt, da sie selbst hier anwesend wre ... Ob er sie sprechen
drfte? ...
    Wer? fragte sie halb ablehnend, halb nicht begreifend ...
    Ein Bruder Hubertus! Ein frommer guter Alter ... Aus dem Kloster Himmelpfort
drben ...
    Hubertus? ...
    Den Namen kannte sie ja ...
    Aus Serlo's Erinnerungen sah sie den Pater Fulgentius vor sich, den Hubertus
einst gerichtet hatte ...
    Sie wute auch, Hubertus war der ehemalige Verlobte ihrer Hauptmnnin ...
Der Bruder Abtdter war's, der Klingsohr zum Pater Sebastus gemacht hatte ...
    Naht sich schon wieder die Kette, die dich ewig an das Vergangene schmiedet?
rief es verzweifelnd in ihrem Innern ...
    Sie wollte den Mnch abweisen ...
    Doch, noch ehe sie erwidert hatte, ffnete sich die Thr und ein dunkler
Schatten huschte herein.

                                      16.


Vor der Unschnheit des Anblicks, der sich ihren Augen darbot, ergriff Lucinden
ein Schauder ...
    Das waren keine Zge, die dem Leben angehrten ... Jene Chinesenkpfe, die
sie einst im verschlossenen Zimmer der Buschbeck gesehen, traten ihr entgegen
... So lcheln Mumien ...
    Was wnschen Sie? fragte sie indessen mit sich sammelnder, ablehnender und
hoffrtiger Klte ...
    Sie erwartete eine Botschaft von Klingsohr und konnte sich darum noch
weniger zur Freundlichkeit stimmen ...
    Mein geehrtes Frulein - begann Hubertus mit seinem im wunderlichen Tonfall
gesprochenen fremdartigen Dialekt und unterbrach sich dann schon selbst, um sich
erst zu versichern, ob seine Rede unbelauscht blieb ...
    Lucindens Schrecken mehrte sich ...
    Was wollen Sie? sprang sie voll Furcht und Unwillen auf ...
    Dunkler und dunkler war es geworden ... In einem Kamin, sah Lucinde erst
jetzt, leuchteten noch halbglimmende Kohlen ...
    Mein Frulein, begann der Mnch aufs neue und mit Milderung seiner
auffallenden Hast, Sie wohnen ja wol bei Frau von Sicking -?
    Ja! Warum? ...
    Sie heien Lucinde -
    Schwarz - was fragen Sie danach?
    Ich mchte wissen, ob Ihnen der Name - eines gewissen - Jean Picard bekannt
ist? ...
    Lucinde mute sich am Rand des Kamins halten ... Da war das tdliche Wort
gefallen ... Das Geheimni ihres Innersten ausgesprochen ... Die Welt wute
schon alles! ...
    Der Alte sah die Vermuthung des Briefes besttigt ...
    Allmhlich zog er aus der innern Tasche seiner Kutte das Papier ... Vor
Aufregung lchelte er selbst ... Konnte eine so schne, junge Dame mit
Verbrechern bekannt sein? ... Bei seinem Lcheln gingen ihm die Winkel seines
Mundes fast bis zum Ohr ... Es war nicht zu unterscheiden, ob der schreckliche
Mnch ihr Vorwurf oder Theilnahme bezeigte ...
    Lucinde sthnte mit schwerem Athem:
    Jean Picard? ... Den Namen hab' ich - einmal nennen hren ... Ja! ... Was
soll es mit ihm? ... Er hat auf einem Kirchhof einen Sarg erbrochen ...
    Der ... Der! Ganz recht! ... ergnzte der Mnch, entfaltete den Brief und
prfte Lucindens Benehmen, das sich vergebens zu fassen suchte ...
    Wissen Sie, wo er ist? Sie wrden den Behrden - mit der Angabe - einen
Gefallen thun! sagte sie kleinlaut ...
    Hubertus legte die Hand an den Knochen, der sein Kinn war, und betrachtete
von unten her, forschend und mistrauisch, die kalte Ruhe, die sich ihm gegenber
so als vllig sorglos zu geben suchte ... Ob diese Ruhe gemacht war, unterschied
er nicht ... Der gute Bruder hatte ein edles Herz, hatte viel erlebt, doch seine
Geistesgaben waren nicht die hervorragendsten ...
    Frulein, sprach er, als Lucinde so erwartungsvoll fragend stand ... Hier
ist ein Brief an die Behrden in Witoborn ... Der Regierungsrath von Enckefu
wnscht, da Sie - ja Sie, Frulein - von seinem Vater, dem Landrath, um Ihre
Bekanntschaft mit diesem Jean Picard befragt werden ...
    Lucinde hatte von Serlo einen Grundsatz angenommen. Dieser hie: Droht dir
eine Gefahr, und du weit es und sie naht endlich, dann denke dir nur immer
gleich die ganze Flle des Elends! La nichts von beschnigenden Mittelstufen,
von mglichen bessern Erwartungen aus! Sage gleich: Alles ist verloren! Und
bricht dann doch nicht alles so herein, wie du frchtetest, so hast du ja gleich
eine kleine Abschlagzahlung wieder auf das Glck! ...
    So sah sie sich jetzt, wo schon die Sicherheitsbehrden ihr Geheimni
wuten, geradezu bereits in Ketten und Banden ... Sie sagte sich: So wandelst du
hin! So wird dein Loos sich erfllen! Das wird aus einem Weibe, wenn - es die
Liebe nicht findet ...! So war dir's, als du auf der Bhne scheitertest! ... So
war dir's, als dir in der Dechanei gekndigt wurde! ... Nun sieh nur zu, was
kommt! ...
    Der Mnch betrachtete das ihm durch Klingsohr so wohlbekannte Mdchen voll
Staunen und Mitleid ... Kreidebleich, wie der Rand des Kamins, stand sie und
bemerkte nicht, da ihr der Alte mit seiner knchernen Hand den Brief selbst zu
lesen gab ... Die Augen gingen ihr tief innenwrts ...
    Lesen Sie's nur selbst, sagte der Greis und sprach dies schon wie strafend
...
    Zu dunkel ist's! antwortete sie, wollte lesen und konnte nicht ...
    Sie wandte sich, weil ihre Hnde zitterten und hauchte:
    Sagen Sie doch selbst, was darinnen steht!
    Hubertus theilte ihr den Inhalt des Briefs im kurzen Zusammenfassen mit ...
    Lucinde hrte ihr Todesurtheil ... Sie sah Flammen um sich her und konnte
nicht entfliehen ... Sie hrte Sturm luten von den Thrmen und rannte sinnlos
mit den andern ... Grtzmacher, der Wachtmeister aus Kocher am Fall, stand vor
ihr mit seinem Signalementbuch und sprach sein: Na Paschol, Mamsell! ... Eine
Emissrin hie sie den Behrden schon lange ...
    So stand sie wie eine Statue ...
    Bei alledem sagte sie:
    Dummheit! Ich sehe da die ganze - blonde - blauugige - Weisheit des - Herrn
von Enckefu! ... Wie kommen denn Sie - Sie, ein Klosterbruder, dazu, von diesen
Menschen - in - Criminalsachen gebraucht zu werden?
    Der Landrath kennt diesen Brief noch nicht! sagte Hubertus. Auch soll er
seinen Inhalt nicht erfahren - Darauf geb' ich Ihnen mein Wort - falls Sie mir
sagen, Frulein, wo ich - Jean Picard finde!
    Lucinde wandte staunend ihr Antlitz ...
    Und was geschah? Da lag das Papier schon auf dem halb im Verkohlen
begriffenen Feuer des Kamins ...
    Der Mnch hatte es eben hingeworfen und das pltzliche Wehen des Kleides,
das entstanden war, als Lucinde hoffnungsbelebt einen Schritt zurckfuhr,
brachte den Zugwind, an dem sich das Papier entzndete und langsam zu verbrennen
anfing ...
    Ich begreife Sie nicht -! flsterte sie und fhlte bereits jene Serlo'sche
Abschlagzahlung wieder auf das Glck - ihre Augen blitzten wie ein
Sonnenstrahl aus Wolken ...
    Mein Frulein, begann der Mnch, mag dem sein wie ihm wolle, und was Sie
auch mit solchem Volk zusammenbringt, ich gebe Ihnen den Schwur beim Patron
meines Ordens, da ich diesen Teufel kneble, binde, geradezu aufhnge, wenn ich
ihn finde, um ihn von seinem Lasterleben zurckzuhalten ... Sagen Sie mir nur,
wo ich ihn entdecke - diesen Jean Picard! ...
    Waren denn das Worte der Verstellung? ... War denn dieser muthige,
entschlossene Ton die Sprache eines Feindes oder Bundesgenossen?
    Der Greis richtete jene Miene auf sie, die, das erkannte sie jetzt, Lcheln
sein sollte ... Sie vertraute dem innigen Ton der heftigen Rede des Alten und
fragte mit Wonneschauern glcklicher Hoffnungen:
    Was haben denn aber Sie fr ein Interesse an solchen Verbrechern, die, wie
Herr von Enckefu glaubt, meine Freunde sein knnen?
    Bei Sanct-Franciscus! rief Hubertus ... Das ist, denk' ich, keine
Kleinigkeit, wenn man in Liebe an Jemand jahrelang denkt, ihn wiedersehen will
und wiedersehen mu und gerade im selben Augenblick von ihm erfhrt, ein Dieb,
ein Ruber ist's geworden, wie - die andern waren ... Sehen Sie diesen Picard
milder an, so wei ich nicht, warum, Frulein. Ich habe in jungen Jahren ein
paar gute Krner in den Schurken gelegt ... sind die so schlecht aufgegangen? So
ganz der Apfel beim Stamm geblieben? Zwischen zwei Bumen mach' ich im Wald eine
Hngematte aus ihm und la' ihn nicht eher zur Erde, als bis er vor Gott mir ein
besserer Zeuge wird! Das schwr' ich Ihnen!
    Wie khlender Regen nach wochenlanger trockener Hitze berrieselten diese
Worte Lucindens Furcht und Bangen ... Sie sah eine Mglichkeit, den Verbrecher
von seinem boshaften Plane, Nck zu Geldzahlungen zu zwingen, zurckzubringen
... Aus ihrer unterirdischen Wanderung mit Bickert entsann sie sich seiner Scheu
vor einem Madonnenbilde, entsann sich seines Ganges in den Beichtstuhl
Bonaventura's ... Vielleicht war er nicht nur einer Drohung, sondern selbst
einer Mahnung zum Besseren zugnglich ... Es lebte in ihm jene Ideenverwirrung,
die die moralische Milde des Katholicismus in den Kpfen der Masse anrichtet ...
Sie sndigt und beichtet und beichtet und sndigt ... Der Bravo lt den Dolch
weihen, der gedungen ist, einen andern zu morden ... Die gemachte Beute wird mit
der Gottesmutter und mit den Heiligen getheilt ...
    Um ihre Freude nicht zu verrathen, schwieg sie und redete auch da noch
nicht, als Hubertus mit immer dringlicherer Eile fortfuhr:
    Sie kennen ihn! Sagen Sie mir aufrichtig, ohne Furcht: Wo ist er? Verlieren
wir keinen Augenblick! Ich will ein Wort mit ihm reden wie Jngstes Gericht!
    In Lucindens Innern zog es wie eine himmlische Musik auf ... Hubertus
erschien ihr schn ... Sie htte ihn kssen mgen ... Aber auch schon lachen vor
innerstem Krampf und namenloser Freude ...
    Sagen Sie mir es nicht? Mir? Mir nicht? Was sollte auf Westerhof geschehen?
...
    Lucinde zuckte zusammen ...
    Reden Sie? Ich bitte!
    Ich will Ihnen vertrauen! sprach sie. Auch ich - mchte - den - verirrten -
Menschen schonen! Eine elende Vorspiegelung hat ihn bestimmt, hieher zu reisen
und ein Verbrechen auszufhren, das ich - Ihnen nicht anzugeben wei, das aber
gute - unschuldige Menschen - ja mich selbst in peinliche Lagen bringen kann! -
Versichern Sie sich seiner Person! Haben Sie Einflu auf ihn, so knnen Sie mir
und manchem, der Ihnen dafr ewig danken wird, keinen grern Dienst erweisen,
als wenn Sie ihn, wie Sie nur irgend knnen, unschdlich machen! Ich wnschte,
Sie wren nicht so geldscheu, wie dies Klosterbrder zu sein pflegen! Geld
scheint das einzige Mittel zu sein, diese wste Seele zum Bsen oder vielleicht
ebendeshalb auch noch zum Guten zu lenken - und wenn ich Ihnen aus meinen
Mitteln -
    Das lassen Sie nur! unterbrach Hubertus. Sehen Sie, wie sich alles treffen
mute - Dem Schurken hielt ich zehntausend Thaler in Bereitschaft -! Sie
staunen? ... Noch mehr! Das ist Geld, an dem Ihre eigenen Thrnen haften,
Frulein! Ja Ihre! Ihre! ... Geld, das Sie, Sie mit erwerben halfen durch Hunger
und Entbehrung! Jene Erbschaft der ermordeten Frau, die auch Sie auf dem
Gewissen hat - fiel ja mir zu ...
    Lucinde war es nicht gewohnt, etwas von ihren Thrnen zu hren ... Und wie
sich der ewig Unglckliche des Glcks entwhnen kann und dessen Annherung gar
nicht mehr mit voller Beseligung fhlt, so entwhnt sich auch das Herz, das man
ewig kalt und empfindungslos nennt, der Anerkennung seiner bessern Gefhle ...
Sie war mehr erstaunt als gerhrt ber diese Worte ... Sie erschrak sogar ber
sie; sie erinnerten an Klingsohr ...
    Woher wissen Sie das? fragte sie ...
    Durch Pater Sebastus! besttigte Hubertus und musterte Lucinden mit dem
ganzen Rckblick auf alles, was er ber sie wute und nach dem Eindruck, den sie
ihm machte, jetzt wohl fr glaublich halten konnte ... O wt' er, fuhr er mit
freundlichem Nicken fort, da Sie in seiner Nhe sind! Darf ich's nicht dem
Armen sagen?
    Wem? fragte sie ausweichend und befremdet ...
    Heinrich Klingsohr! ...
    Wir sprechen von den Gefallenen, nicht von den Erhhten! sagte Lucinde mit
einer der ihr gelufig gewordenen devoten Wendungen ... Sie finden den, den Sie
suchen, auf dem Schlosse Westerhof! Unter dem Namen Schneid hat er dort eine
Stelle gefunden ... Sein Aeueres - Seit wie lange schon sahen Sie ihn nicht?
    Ich habe das Merkzeichen meiner Kinder ... Und schon in Westerhof! ... Was
wollt' er dort? ...
    Warnen Sie ihn!
    Warnen? ... Damit halte ich mich nicht auf! ... Ich trag' ihn auf einen
Thurm und werf' ihn hundert Fu tief, wenn er nicht Ordre hrt! Ist aber an ihm
noch zu flicken, so schaff' ich ihn nach Bremen und von da aufs Schiff und mag
er dann nach Amerika gehen ...
    Lucinde sagte sich selbst: Werde nur nicht bermthig, seit du siehst, da
dich der Himmel noch liebt!
    Hubertus begann eine Frage, die er nun auch noch nach Terschka richten
wollte, unterbrach sich aber, weil in der Ferne die Jagdhrner ertnten ...
    Also Westerhof! wiederholte er ... Schneid! ... Und - Sie - Sie Wilde,
Wilde! Warum soll ich nicht den Pater Sebastus gren?
    Einem Kloster ziemt kein Frauengru! sprach sie mit Lcheln ...
    Der Arme sitzt in Haft ... Wie htt' ich ihm gegnnt, nach Lttich zu
entfliehen ...
    So vertraut war Hubertus mit Klingsohr ...
    In Haft? fragte sie ...
    Wenn ihn nicht heute der Domherr von Asselyn frei bekommt ... Ja! ... Der
wollte ein Wort fr ihn beim Provinzial einlegen ...
    Lucinde sah im Geist zwei, drei Rder gehen und sich selbst in ihrer Mitte
... Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - alles rollte rundum - und nichts war
fest ...
    Noch einmal rief sie dem schon Abschiednehmenden und immer vor sich hin:
Schneid! Schneid! Murmelnden und richtete lchelnd die Frage an ihn:
    Wissen Sie nicht irgendeinen hohlen Baum? Eine vom Blitz erschlagene Eiche?
    Im Dsternbrook! Gewi!
    In diesen Baum soll Klingsohr entfliehen! ...
    In - einen - Baum? ...
    Ich denke ... Wo mchte der Pater am liebsten sein?
    Wo Sie sind oder - in Rom!
    Nun gut! ... Der Weg nach Rom fhrt durch jenen hohlen Baum - Aber die Jger
kommen ... Ein andermal! ...
    Was Jger! Auch ich war einer - hier und in den Wildnissen Javas! Was
Entbehrung und Anstrengung heit, das kenn' ich ... Ich bin von Schlangen
gebissen worden und Malayen sogen mir das Gift aus den Wunden ... Selbst lernt'
ich Gift aus einem frisch gebrochenen Schlangenzahn saugen und keine Schlange
mehr hatte seitdem Gewalt ber mich ... Doch ja! Eine - Eine freilich! ... Aber
was soll's mit dem Baum? Ich verstehe - nur - erst - halb und halb ...
    Lucinde wiederholte Nck's Rath ...
    Die Regel Ihres Ordens, sprach sie schnell und wie zwischen Thr und Angel,
gestattet Ihnen Vernderungen Ihrer Lage, aber nur mssen Sie - vom Strengen zum
Strengern bergehen! Flieht der Pater in einen Baumstamm, lebt dort als
Einsiedler, ertrgt die Hrte des Winters, bleibt in Sturm und Regen, htet sein
Crucifix und kmmert sich nicht, wer oder was ihn ernhrt, so hat kein Kloster
Gewalt ber ihn; das Bedrfni grerer Gottseligkeit ist heilig. Kommt dann
aber - der Frhling - kommen die Schwalben -
    Ha! So entfliehen wir nach Rom!
    Nach Rom? Auch Sie?
    Auch ich!
    Nun gut! Aber - ohne Sandalen! Ohne Kapuze! Statt des Stricks - mit dem
Stachelgrtel! ... Nach der Regel des heiligen Petrus von Alcantara, die Sie
vorgeben mssen, in Rom annehmen zu wollen ... Seinen getreuen Alcantarinern
wird Sanct-Franciscus Verzeihung gewhren ... Die Prfung ist gro ... Aber wo
seh' ich Sie wieder? ... Man kommt! ... Morgen in der Frhe im Mnster von
Witoborn ...
    Damit drngte sie den staunenden Bruder aus dem Zimmer, zog die Thr sofort
wieder an sich und eilte die Reste des Briefs zu zerstren, ihr Haar, ihre
Kleider zu ordnen und sich zur Rckkehr in die Gesellschaft zu sammeln ...
    Ihre Brust athmete auf ...
    Kann denn fr dich, riefen tausend frohlockende Stimmen, noch ein Wunder
geschehen? Selbst das Gefhl der Vershnung mischte sich in ihren Jubel. Wurde
das Verbrechen unterdrckt, so zog keine unerbittliche Hand mehr Paula von
Bonaventura's Seite ... Auch das glaubte sie jetzt wnschen zu knnen. Mit
erleichtertem Herzen, hoffnungsvoll kehrte sie in den jetzt schon von
Kerzenlicht widerstrahlenden Saal zurck ...
    Das ganze Schlo war inzwischen in Bewegung gekommen ...
    Hrnerschall, Peitschenknallen, Hundegebell hrte man schon in nchster Nhe
... Die Jagd kehrte heim ... Jubelndes Halali wurde geblasen schon bis in den
Schlohof herein ...
    Die Frauen standen im Saale und zum Empfang der Mnner geschart ... Von
Pttmeyer's Knsten waren sie noch alle wie Traumbefangene; der Glanz der
Lichter, der Duft der Speisen rief sie in eine nicht minder behagliche
Wirklichkeit zurck ...
    Der Erfolg der Jagd war zuletzt der lohnendste gewesen. Das erlegte Wild kam
in einer langen Wagenreihe an hoch bedeckt mit Tannenzweigen. Smmtliche
Treibleute, die den Tag ber und schon gestern meilenweit mitgewirkt hatten,
standen im Schlohof und empfingen ihren Lohn fr die gehabte Anstrengung. Man
zahlte mit Geld und anerkennenden Worten. Der Graf hatte groe Treffer von sich
zu rhmen und war in bester Laune, denn der gefrchtete Terschka hatte weniger
geleistet, als man erwartet; Terschka trug den Tannenschmuck an der grnen Mtze
ohne jede Berechtigung zur Ueberhebung.
    Nun auch traten der Dorste'sche Oberfrster und seine Gehlfen, der
Wildmeister und die Leibschtzen mit den bisher zurckgehaltenen Glossen der
echten Jgerpraktika hervor und erklrten jeden Schu, wie er htte sein mssen,
berichtigten jedes Misverstndni, deuteten an, wie man jenen Rehbock, diesen
Spieer htte sogleich da oder dort aufs Blatt nehmen sollen ... Alle aber waren
darin einverstanden, da die Freude und das dann zuletzt doch nicht
ausgebliebene Glck erst eingezogen waren, als der Landrath entfernt worden ...
    Laut gesprochen wurde ber diesen Zwischenfall nicht mehr viel; der Damen
wegen flsterte man nur; der Landrath mute ja fr tollgeworden gelten. Ueber
etwa dabei Versumtes beruhigte einer den andern, seit man von Hubertus'
glcklich getroffenen Anordnungen und der Abholung des Landraths aus einem
Bauernhause durch sein Fuhrwerk und seinen Bedienten wute ...
    Der Hinblick auf die Vorgnge im Hof htte fr die Frauen ein abschreckender
sein sollen, denn das letzte erlegte Wild wurde hier von den Jgern ausgeweidet.
Lunge, Herz, Leber, das Feiste in den Wammen, alles fiel den jagdkundigen
Helfern zu nach Jgerrecht. Sorglich wurde weder hievon abgewichen, noch von den
Trinkgeldern, die man dem in die Hand steckte, der das Tannenreis an Hut oder
Mtze flocht. Der Anblick, an sich schon wild, machte sich malerisch schn durch
die angesteckten Fackeln. Rings die alterthmlichen Wnde und Galerieen. Schon
allein das Getreibe der Hunde, die fr die lang zurckgehaltene Gier jetzt durch
ihren Antheil belohnt wurden, war eine Aufgabe fr die Vereinigung der Talente
eines Snyders und Rubens.
    Dann wurde der Rckblick auf die Geschichte des Zusammensturzes dieser
Thiere, die mit ihrem Blut den Boden bedeckten, mit einem Stimmeneifer
begleitet, als handelte es sich um die grten Begebenheiten der Welt. Jeder
stutzende Seitensprung eines Bckleins wurde noch jetzt belacht, nicht etwa weil
die nobeln Passionen Empfindungslosigkeit mit sich bringen, sondern weil der
Mensch an der Ausbung seiner Hoheitsrechte ber die Natur doch zuletzt eine
berechtigte Freude haben darf. Die Spottreden waren nicht mehr so scharf
gesalzen, wie im Beginn. Hatten doch auch die jedem einzelnen mitgegebenen
Jger, des Tannenzweigs, d.h. Trinkgelds wegen, dafr gesorgt, da zuletzt jeder
auch noch so lateinische Jger gleichsam wie von Samiel's Hand eine sicher
treffende Freikugel bekam, und sollte sie auch nur in der diabolisch vermessenen
Sicherheit bestanden haben, mit welcher unter fnf auf zwanzig fallenden
glcklichen Schssen einer sicher auf den von ihnen secundirten Herrn gerechnet
wurde. Dieser glaubte es dann selbst und je dunkler es wurde, desto weniger
Widerspruch auch bei den andern. Onkel Levinus strahlte vor Genugthuung und
Zufriedenheit. Auch die Amazonen, selbst Frulein von Anflicker, alle hatten
getroffen und zeigten im Hof ihre Opfer ... Nur Armgart erklrte mit aller
Offenheit, sie htte nichts erlegt ... Sie war die einzige, deren Zhne vor
Frost klapperten ... Sie suchte fiebernd den Ofen und hockte da wie ein
Wurzelmnnlein ... Terschka und Thiebold machten sich stndig um sie zu schaffen
... Benno sah man nicht mehr. Zu Thiebold's Leidwesen hatte er sich zu Fu auf
den Weg gemacht und war mit lssig bergeworfener Flinte auf Witoborn zu
hinausgeschritten in die stille Nacht ...
    Der Graf war der hflichste Wirth ... Die Jger, die jetzt bei der
Bewirthung halfen, gingen mit Tellern, Flaschen, Servirbretern an ihm vorber,
als wenn er heute frh keinen einzigen von ihnen bei Seite genommen und wirklich
gesagt htte: Gegen Baron von Stein, gegen Graf Mengdenberg hab' ich nicht die
mindeste Lust gromthig zu sein! Wie sie mir, so ich ihnen! Lat sie nur immer
in Bsche treten, wo sie nicht mehr ein noch aus wissen! ... Aber auch nach
dieser Jagdpraktik folgte jetzt Behagen, Genu, Erholung ... Die Gattinnen,
Tchter und Schwestern der Nimrods wrzten nicht nur das Mahl durch ihre
Erzhlungen ber den allgemein mit Verehrung begrten Doctor Pttmeyer, der
sich hier wie ein aufgeschreckter Gnom des Waldgebirgs ausnahm, vorher sein Hemd
gewechselt und das gute Frulein Huber sogar ohne Dank fr ihr Spiel hatte
abreisen lassen (sie blieb nicht beim Mahl, trotz der Bitte der Grfin), sondern
sie hinderten auch den Ausbruch allzu wilder Natrlichkeiten, die Wahl allzu
sorgloser Wortbezeichnungen, das Erzhlen allzu derber Anekdoten.
    An Gesundheiten fehlte es nicht. Der Graf lie seine Gste leben, die Gste
lieen Graf und Grfin leben. Dann kam der Toast, der immer neu ist, wenn auch
der gewhnlichste von allen, auf die Damen ...
    Unter diesen fand sich eine muthige Seele, die Freiin von
Bckel-Dollspring-Sandvo, die in ironischer Weise die Philosophinnen leben lie
...
    Diese rchten sich und lieen durch Mengdenberg die Amazonen leben ...
    Die Amazonen brachten wieder einen Toast auf Doctor Pttmeyer aus; es war
Frulein von Anflicker, die ihn sprach. Man nahm diesen Toast mit Jubel auf.
Er bertnte das Wohl aller andern um so mehr, als inzwischen die
Husarentrompeter heraufgekommen waren und ihre Instrumente lustig in den Saal
herein erschallen lieen. Fanfaren folgten auf Fanfaren, ein Jagdstcklein aufs
andere; der grne Heuschreck Stammer fehlte nicht und machte seine landbekannten
Possen. Dann erhob sich der Oberfrster, der an der Tafel theilnahm, und hielt
eine Rede, die sogar theilweise an Thiebold gerichtet war, eine Rede, die sich
in die altdeutschen Urwlder verlief, in einigen Smpfen stecken blieb und
endlich nach langen Umwegen, wo man wunder dachte wo er herauskommen wrde,
unter Thrnenanflug bei seiner theuern, liebwerthesten, gndigsten, jungen
Herrschaft anlangte, bei der Comtesse Paula ...
    Das gab dann einen Sturm von Beifall ... Alle Glser klangen ... Auch das
Glas Armgart's, die zwischen dem Onkel und Terschka sa, erklang ... Wie ihre
Augen sich gefeuchtet hatten, bemerkte Niemand ... Grfin Paula auf Westerhof
erschien allen wie in der Glorie einer Schutzheiligen des Landes ...
    Lucinde sa in einem Kreise von Offizieren ... Schon fing sie an allgemeines
Interesse zu erregen ...
    Terschka hatte sie sogleich erkannt und wollte Armgart auf sie aufmerksam
machen ... Diese aber redete, um ihr Seelenleid, den ganzen Jammer ihres
wahnbethrten Herzens zu verbergen, mit Pttmeyer, der ihr gegenber sa, und
entschuldigte ihre Nichtanwesenheit bei seinem Vortrag, der, sie sprach das im
vollen Glauben, ja so entzckend schn gewesen sein sollte ...
    Pttmeyer hrte indessen nur halb ... er wollte den ihm dargebrachten Toast
erwidern und es ist ein eigener Zustand im Menschen, wenn er, so zu sagen, einen
Toast im Leibe hat. Oder wie anders soll man die Lage nennen, die nicht
unhnlich sein mu der Sehnsucht nach einer glcklichen Niederkunft? Sage man
was man will, Steckenbleiben ist bitter und Geistesgegenwart ist nicht
Jedermanns Sache, am wenigsten derer, die Geist haben. Da sitzt so ein
toastschwangerer Mensch und die Speisen werden ihm servirt und er nimmt mit dem
Lffel, was er mit der Gabel greifen soll, tief abwesend ist er und lebt nur in
der Repetition der schnen Dinge, die er sagen mchte. Nun begegnet ihm noch das
Unglck, da ihm links ein Nebenmann fortwhrend die Flammen der Begeisterung
schren will, mit dem Messer an ein Glas zu schlagen droht, zum Zeichen, da
hier Jemand sprechen wolle. Um Gottes willen noch nicht! ruft der verzweifelnde
Demosthenes dazwischen, whrend er, statt sich in Mue sammeln zu knnen, wieder
zur Rechten von einer unglckseligen Plaudertasche ins Gebet genommen wird, die
ihn nichts ahnend ber alles ausfrgt, ber den Kirchenstreit, den
Kirchenfrsten, ber Roms Allocutionen, Concordate, Exercitien, Barmherzige
Schwestern, Hoffnungen auf neue Klster und Jesuiten ... Eine Erklrung: Beste
gndigste Frau Grfin, schonen Sie mich, ich habe einen Toast im Leibe! kann ein
Mensch von Geist unmglich abgeben, da ein Toast nur immer die Schpfung eines
fast bewutlosen, genial improvisirenden Mittheilungsdranges sein soll. Ein
verzweiflungsvoller Zustand das! Um so mehr, wenn der rechte Moment vorbergehen
kann, der, wo die Toaste, die nach vielen andern kommen, ihre Zndkraft
verlieren ...
    Pttmeyer hatte die Grfin Mnnich zur Linken, das Frulein von Anflicker
zur Rechten, Armgart sich gegenber. Klopfte auch Jene nicht, einen Zustand an
ihm bemerkend, vorschnell mit dem Messer an ihr Glas, so glaubte doch die Dame
zur Rechten alles aufbieten mssen, den hochberhmten Denker so zu unterhalten,
wie es einer Dame auch ihres vielseitigen Rufs geziemte; denn Frulein von
Merwig-Anflicker, eine Jungfrau in den Vierzigen, war von einem
Unternehmungsgeist, der in allen Gebieten Courage zeigte, in der Musik, in der
Plastik, in der Poesie, in der Declamation - nichts fehlte, als der Erfolg ...
    Pttmeyer! Pttmeyer! Wahre deinen Vortheil! Gleiche dem Maikfer, den der
glckliche Knabe ber die Hand laufen lt! Im besten Bewundern seines schwarzen
oder braunen Halsschildes, seiner behaarten Fuschienen, fliegt er dem
Beobachter pltzlich auf und davon! Frulein von Merwig-Anflicker reit die
Debatte an sich und dich mit hinein! Sie mu ja streiten, streiten bis zum
Unschnen - sie stritt schon sogar einmal bis zu einem nur mhsam beigelegten
Pistolenduell ... Die Offiziere necken sie heute ber den Tisch hinweg mit ihrer
Kunst zu reiten und ein feinerer Kopf unter ihnen spricht in Anspielung auf die
ungedruckten Gedichte des Fruleins - vom Hufbeschlag des Pegasus und vom
Riemzeug und vom Geschirr der Sonnenrosse ... Nun erwidert sie:
    Die Hufeisen des Pegasus sind dem Huf des Gtterpferdes verkehrt
angeschlagen! Wer seinem Wolkenflug nicht folgen kann, wer ihn nur zu wrdigen
wei, wie der Aermste mit geknicktem Flgel auch wol ber die Sandflchen der
Erde dahinjagen mu, den fhrt seine Spur immer gerade nur auf die
entgegengesetzte Seite hin, als wohin ihm die nichtsnutzige Kritik im Sande
nachtrottet!
    Das war ein Wort der Kraft und erntete nicht wenig Zustimmung und zerstreute
nur leider Pttmeyern, den das sympathische Wort: Nichtsnutzige Kritik vollends
aus dem Kreisen seines Toastes brachte ...
    Aber die Sonnenrosse? - rief Onkel Levinus und hob sein Rmerglas und geno
heute die ganze Freiheit seiner - ungeschlossenen Ehe ... Wie Sonnenrosse
eingeschirrt werden, fuhr er begeistert fort, das kann man nur wissen, wenn man
Aurora auf ihrem Gespann von einem Berg der Alpen begrt hat oder vom Capitol
in Rom oder von einem Vorgebirge Griechenlands! Da hrt man die Sonnenrosse, wie
sie angeschirrt werden! Da sieht man's, wenn die ersten gelben Lichter ber die
dunkelblauen Wellen im Ost wie von einem Wind heraufgetragen erscheinen, das
Meer geweckt wird aus nchtlichem Schlummer, dann sich alles purpurn und violett
und blau malt! Immer unruhiger jauchzt das Meer der Sonne, wie einem Brutigam
entgegen! Was Correggio, Guido, Raphael gemalt haben, sieht man jetzt! Neptun,
Jo und Jupiter und Europa! Tritonen! Alles blst und spritzt Wasserstrahlen ber
sich her und auf Delphinen schwimmt ein Brautzug mit Blumen und flatternden
Bndern! Nein, meine Herren und Damen, im Sden haben die Sonnenrosse gar keine
Eisen an den Hufen. Nur hier, hier bei uns, hier wo sie ihren feurigen Wagen
ber die traurigen Eisschollen des Philisterthums schleppen mssen, hier, hier
mu wol - die alte Westerhofer Schmiede dran!
    Hurrah! Das gab eine Erregung ...
    So konnte Onkel Levinus sprechen, wenn durch sein eigenes Philisterthum der
Genius hindurchbrach ... Der Adel wute, was er an dem Manne besa. Er drckte
ihm aus, was zu besitzen ihm Beruhigung gewhrte, wenn man Schiller und Goethe
ablehnt. Da waren ja Denken und Dichten, Wahrheit und Schnheit auch vertreten;
wozu brauchte man die protestantische Welt? Auf Freiherrn Levinus von
Hlleshoven war die ganze Provinz stolz; nur mute er nicht von Rom,
Griechenland und Jerusalem gleich auch nach Abyssinien und Cochinchina reisen
...
    Deshalb kamen die Hrner gerade recht, die ein lustiges Jagdlied
schmetterten ...
    Schon war das reiche Mahl fast zu Ende, schon war der heute so auffallend
schweigsame Terschka in der Nothwendigkeit, auf Rom sowol, wie auf den
Hufbeschlag der Pferde Rede zu stehen - hatte er doch alle Offiziere durch seine
Kenntni des letztern, wie die Damen durch seine Kenntni des erstern oft genug
gefesselt - als Pttmeyer endlich, endlich an sein Glas klopfte. Beim
fortgesetzten Geflltwerden desselben hatte er bemerkt, da seine Sinne
pltzlich zu schwindeln anfingen und der Augenblick zu kommen drohte, wo der
Mensch von Einsicht erkennt, da er keinen Toast mehr bringen soll ...
    Allgemeines Bravo und Klopfen an die Glser ...
    Pttmeyer steht auf ... Es war ein Moment, wo ihm der Boden unter den Fen
wankte. Hinter einem Transparent im Dunkeln hatte er stundenlang sprechen knnen
- jetzt aber mute er seinen ganzen Menschen aufbieten, um sich zu behaupten.
Danken wollte er fr das ihm gebrachte Hoch, wollte wiederum, wie sich's
erwarten lie, seiner Philosophie eine anerkennende Zukunft prophezeien ...
Armgart sah durch ihre in Thrnennebeln flimmernden Augen hindurch die
sonnenbeschienene Warte des Geyerfels, von der Angelika Mller einst in einer
schnern Stunde gesprochen: Da mchte man predigen! ... Schon war Pttmeyer's:
Hochzuverehrende Damen und Herren! ber seine Lippen, die etwas im Tone
Schnuphase's sprachen; schon hatte er wiederum zum Beginn seiner eigenen
Verherrlichung gelegenheitsgem gesagt: Wie aus dem Wald, in welchem die edle
Waidmannskunst vor wenigen Stunden, bald zum letzten mal ehe die Axt des
Holzschlgers die alten Stmme niederlegen wird, ihr frhliches Jagen erschallen
lie, in kurzer Zeit sich die Grundlagen einer jener Eisenstraen erheben
werden, welche das Gaslicht der Aufklrung auch endlich in unser Land, in das
Land der Botier; - - und schon war nach dem strmischen Jubel auf dies
ironische Sichselbstverspotten durch ein Stichwort, mit dem die fragliche
Provinz nicht selten bezeichnet wurde, und nach dem Wehen der
Damentaschentcher, die in diesem Augenblick zu Kriegsfahnen wurden fr den
neuerffneten Kreuzzug gegen Ketzer- und Beamtenthum - Pttmeyer im Begriff,
seinem einsamen Denkstein und seinem: Heureka! auch vor den Mnnern eine
genugthuunggebende Zukunft zu verheien, als - die Lacerte am Riedbruch auch in
diesem Augenblick wieder dahinhuschte, wieder eine Dame aufsprang, wieder wie
zur Flucht, und wieder Lucinde, die schon Allbeobachtete, nach der Thr suchte
...
    Diesmal war aber die Strung nur das Signal eines allgemeinen Aufbruchs ...
    Im Saal waren die Fenster nicht verhngt gewesen. Durch eine groe
dreigetheilte Balconthr hindurch hatte man einen erschreckenden Anblick ...
    Feuer! riefen schon drauen Stimmen zu gleicher Zeit ... Feuer! wiederholte
man von den Corridoren ... Ein Nordlicht ist's! rief Jemand im Saale, zur
Beruhigung auffordernd ... Der glhrothe Schein konnte nur einem Brande
angehren ...
    Eine Weile Todtenstille ... Der Schein war im Sden ...
    In Witoborn ist's! riefen die einen ...
    In Heiligenkreuz! die andern ...
    Auf Westerhof! schrie Armgart und strzte wie aus einem Traum erwachend, der
den Tag ber dumpf auf ihr gelegen, und mit fanatischer Erregung zur Thr hinaus
...
    Die Rede und der Abend waren zu Ende. Pttmeyer stand an der Tafel, wie ein
kalt gewordenes Gericht und konnte sich nicht finden. Es war ihm, als wre ihm
pltzlich auch sein eigener Verstand so davon-und zur Thr hinausgelaufen ...
    Die Beruhigungen des Wirthes und der Diener konnten Niemanden mehr
zurckhalten ...
    Ein breiter glhrother Schein blieb quer ber dem schneebedeckten Rcken
eines Tannenwaldes liegen ...
    Am Zittern des Scheins sah man, da die Flamme vom Winde bewegt wurde. Bald
war der Schein strker, bald schwcher; die Bewegung kam, wie in regelmigen
Pulsschlgen. So unheimlich sah es sich an, da die Frauen schon die Erscheinung
fhlten, wie wenn die intermittirende Bewegung vom eigenen Herzen kam ...
    Die Phantasie der einen machte sich durch Aufschrei Luft, die andern gingen
wie in der Irre. Jede Natur, mochte sie sich eben auch ganz in der Beherrschung
gegeben haben, die Bildung und Ueberbildung mit sich bringen, warf jetzt die
Fesseln ab. Die schweigsamste wurde beredt, die lauteste verstummte. Schluchzen
hrte man, Trostworte ... Alle aber riefen: Die arme Grfin Paula! Und sie hat
es vorausgesehen! ... Levinus, Armgart, Terschka und Thiebold waren schon
verschwunden ...
    Noch ehe diejenigen, die auf das obere Stockwerk und das Dach geeilt waren,
zurckkehrten und die Nachricht brachten, es schiene in der That entweder das
Schlo Westerhof oder die Liborikirche oder das Stift Heiligenkreuz zu brennen,
war der Saal entleert ...
    Im Hof drngte sich ein Gewhl kaum zum Durchkommen ... ... Die Pferde, die
Spritzen wurden aus den Stllen und Remisen gezogen ...
    Viele Herren, selbst Frulein von Merwig setzten sich auf eine der Spritzen,
um nur rasch an Ort und Stelle zu kommen ...
    Dabei fehlten die Diener, die Jger, die Mgde. Viele hatte schon der
magische Reiz, den jede Feuersbrunst ausbt, angezogen, trotz der ernsten
Warnung des Grafen, die Jedem verbot sich ohne Erlaubni zu entfernen ...
    Frau von Sicking war unter allen die verlassenste ... Doch war ihr
Besitzthum glcklicherweise nicht genannt worden ... Sie lie sich von Jedem,
der noch nicht im Besitz seiner Pelze, Mntel, Fuscke war, Bericht erstatten
von der gestrigen Vision Paula's und sah sich zuletzt nach ihrer bei alledem
doch fast zu auffallend schreckhaften Begleiterin um ... Wo ist mein Frulein?
rief sie ...
    Ein Jger sagte, das Frulein wre wie ein angeschossener Vogel gewesen
pltzlich verschwunden ... Man suchte sie ... Lucinde war nicht zu finden ...
    Mit Verdru ber diese doch merkwrdigen Sonderbarkeiten, aber mit
interessanten Thatsachen fr ihre weitverzweigte Correspondenz bereichert, fuhr
Frau von Sicking allein nach Hause.

                                      17.


Friede! ... Linder, sanfter, himmlischer Friede! ...
    Du, der du Stirnen khlst, die noch vom Kampf des Lebens erglhen,
lindernden Balsam trufelst auf Herzen voll Kummer - deine heiligsten Tempel
baut dir Mutter Natur!
    Doch du segnest auch jedes bescheidene Dach, wo das Echo des schallenden
Marktes verhallt, wo nur der Pendelschlag der Uhr - fernklingendes Schrfen der
Sichel Saturn's! - uns in die grnen Matten versetzt, in die zeit- die
raumlosen, die Paula's geschlossenes Auge erblickt! Segnest dem ermdeten
Wanderer sein Lager mitten auf Landstraen! Segnest dem zum Tod ermatteten
Krieger noch am Abend der verlorenen Schlacht, unbekmmert um des Siegers
Ueberfall, mitten auf dem Weg seiner Triumphe, die Schlummersttte! Zahllos sind
die Wohnungen des Friedens auch noch auf dieser streitbewegten Erde ...
    Traulicher jedoch spinnt sich nicht die Spinne in ihr Netz, als es die Liebe
versteht. Glckliche, die erlaubte Liebe, die sieht sich noch zuweilen um und
beobachtet die Welt, ob sie auch bei so viel Glck noch steht, beobachtet die
Menschen, ob sie auch neidisch sind ... Aber die ungestandene, die verschwiegene
Liebe hat Ohr und Auge verloren ... Sind da Sterne vom Himmel gefallen, sind
Thrme eingestrzt, war ein Erdbeben - indessen der Lampe milder Schimmer das
Antlitz der Geliebtesten beschien, indessen die Weie ihrer Hand wetteifernd mit
den Spitzen, an denen sie stickte, glnzte? Das Ohr hrte nichts. Schwirrte ein
Kfer in ihrer Nhe, fiel eine zierliche Rolle aus ihrem Nhtisch zu Boden - das
waren Weltbegebenheiten ...
    So in traulicher Stille und Verlorenheit der Gedanken sa Bonaventura in
diesen Stunden bei Paula ...
    Nicht allein waren sie heute - Tante Benigna kehrte beiden im grnen Zimmer
den Rcken und schrieb und las an einem geffneten Schreibbureau ...
    Sollte Armgart wirklich zur Jagd sein? Und: Wenn nur kein Unglck geschieht!
...
    Das waren die beiden einzigen Worte, die, viertelstndlich wiederholt, die
Liebenden strten ...
    Bonaventura hatte seit vorgestern Abend den Weg zur Erde nicht mehr
zurckfinden knnen. Er schwebte in Lften. Verpflichtungen gab es nach allen
Seiten hin, nach Schlo Neuhof zur Mutter, nach Himmelpfort zu Klingsohr, Briefe
und geschftliche Mahnungen drngten, auch Mllenhoff's, seines polternden
Wirthes Zumuthungen; Sorge drckte ihn um Benno, auf dessen dunkles Leben der
Brief des Onkels so seltsam neue Streiflichter hatte fallen lassen, auch ein
lngst bezweckter lngerer Besuch bei Hedemann, alles das drngte auf ihn ein -
aber er entschied sich fr nichts, er entschlo sich zu nichts, es zog ihn nach
Westerhof ...
    Gestern gegen Mittag hatte Paula die Vision von den Flammen gehabt ... Er
sah und hrte ihr angstvolles Ringen mit der unheimlichen Anschauung und mute
sie, da sie der Ruhe bedurfte, verlassen, gefoltert von den Bildern, die Paula
sah. Es waren Bilder des Brandes und der Zerstrung. Es waren Bilder, die ihn an
seine Beichtgeheimnisse, seine stummen schweren Brden, erinnerten - Brden,
deren er sich nicht entledigen durfte ohne andere anzuklagen ... Sprechen durfte
er wol: Terschka ist mir verdchtig! Oder: Wenn Nck etwas im Schilde fhrte!
... Aber das war auch alles ... mehr zu sagen war ihm nicht erlaubt; denn bei
genauerm Hinweis wute jeder sogleich, er stellte Beichtbekenntnisse blo ...
    Der Tag war so de hingegangen, so einsam ... Sein Herz klopfte ... Wem
sollte er sich vertrauen? Bei wem Beruhigung suchen! ... Ziemten seine
Empfindungen dem Priesterherzen? ... Und htte er sich vielleicht auch zu Benno,
der selber litt, aussprechen drfen, er rumte dem Stifter des Clibats, Gregor
VII. ein, da kein Gefhl uns in der That mit grerm Egoismus erfllt, als die
Liebe ... Doch, setzte er hinzu, vielleicht nur die ringende, die kmpfende,
nicht die glckliche Liebe ... Auf seinem Zimmer schlo er sich ein und las in
seinen mitgebrachten Bchern erst im Augustinus, dann in seiner geliebten
Trutz-Nachtigall, schrieb auch selbst in sein Snden-Brevier, wie er ein
kleines Bchlein seiner geheimsten Gedanken nannte:

Ich kann es nicht sagen - was jeder doch wei!
Ich kann es nicht tragen - und trag's doch so hei!
Ich kann es nicht finden - was berall liegt!
Ich kann es nicht binden - und hab's doch besiegt!
Ihr Sterne behtet's? Das dank' ich euch nicht!
Dich schelt' ich, o Mond, der sein Schweigen nicht bricht!
O Sonne, o Sonne! Mit strahlender Miene
Sag' du es der Welt, welcher Knigin ich diene!

    So im Lied sich trstend und erhebend, voll Ahnung in den Frhling sich
versetzend, in Wonneschauern schon die erste Lerche sehend, die im Felde
aufsteigt, wirbelt, immer hher und hher sich schwingt, schrieb er:

Lerche, schwebst im blauen Feld,
Willst gen Himmel dringen?
Ist's dein Ton, der so dich hlt?
Trgt dich so dein Singen?

Vglein, Vglein, wtest du,
Wie beim stillen Wandern
Durch die grne Sonntagsruh'
Du voransteigst andern -

Wie in deinen Jubel sich
Andrer Jubel mischen,
Sich in deinem Sangesstrich
Mit im Blau erfrischen -

Folgend deinem Schwebeflug
Hoch und hher steigen -
Droben wrdest bald genug
Du als Stern dich zeigen!

    Es kamen Briefe aus seinem Kapitel ... Es kamen Anfragen, ob er nicht eine
Mission nach Wien bernehmen wollte zur Begrung des dort erwarteten Cardinals
Ceccone ... ob er auch seine Stimme mitgbe zu diesem Protest und zu jenem
Begehren ... Es kamen Mllenhoff's Exercitien und - die lcherlichste Scene von
der Welt - denn schon wieder hatte man dem Pfarrer von Sanct-Libori einen
Streich gespielt, schon wieder ein Neugeborenes an seiner Thr ausgesetzt,
diesmal ein Lebendiges sogar, nur kein Kind, sondern ein frischgeworfenes
Ktzchen, das mit einem Hubchen und wie ein Wickelkind eingeschlagen und
befestigt bei erster Morgenfrhe in einem Korb vor seiner Hausthr wehwinselte
... In dem darob entstandenen Lrmen erst erfuhr Bonaventura, da diese
Verspottung bereits hnlich neulich vorgekommen. Er suchte den Pfarrer zu
trsten, der diesmal kleinsilbig wurde und das Toben und Androhen mit den
Gerichten der Kathrein, dem alten Tbbicke und den Hausangehrigen verwies ...
Dabei versicherte Tbbicke aufs bestimmteste: Es ist nicht die Schmeling! ...
Bonaventura erfuhr, da man fr diese Streiche eine Hebamme im Verdacht hatte,
die Mllenhoff ffentlich des Teufels Gromutter genannt haben sollte ...
    O brchte doch der Cardinal Ceccone, sthnte Mllenhoff, seinen Zorn mit
einem Stck harten Schinkens beim Frhstck hinunterwrgend, o brchte er doch
eine gromchtige Kette von einigen hundert Meilen im Umfang, da man unsere
deutsche Wildni wieder an Roms Gesetz und Regel binden knnte! Nein! Frau von
Sicking sagte mir gestern, und eine junge Dame, die soeben aus der Residenz des
Kirchenfrsten bei ihr eingetroffen ist, besttigt mir's, da die Curie Sie
entsenden will, Hochgeehrtester, den Cardinal zu begren - nein, Sie werden
einer solchen Ehre und Gelegenheit, bald Bischof in partibus, mindestens
Weihbischof zu werden, nicht ausweichen! Die ganze germanische Kirchenprovinz
bittet fr Sie trotz Ihrer Jugend um das Pallium, wenn Sie ihr erwirken: Petri
beide Schwerter! Oder wenn nur das eine, doch dies auf beiden Seiten
geschliffen! ... Daran reihten sich einfach, wie der Pfeffer zum Schinken, in
Mllenhoff's Reform: Bischofsrecht ber jedes Amt in Schule und Kirche! Keine
Stelle vergeben, wenn nicht durch die Hirten Christi! Kein Amt, keine Pfrnde,
keine Strafe, keine Belohnung mehr aus weltlicher Hand! Keine Berufung mehr auf
weltliches Gesetz! Wer innerhalb der Kirche wagt, weltliches Gesetz gegen
Geistliche anzurufen, excommunicirt! Priester sind jetzt schon zu erziehen von
Kindesbeinen an, damit hernach kein Mangel ist! Religion auf keiner Schule mehr,
als durch uns! Kein Placet, kein Transeat, kein Cabinetspa fr den Willen Roms!
Gottesdienst berall, im Tempel und im Freien: Congregationen, Bruder- und
Schwesterschaften nach Bedrfni! Klster mit ganzer und halber Regel!
Selbstbeschauung, wer nur Lust hat, sich, sei's als Eremit allein, im Spiegel
seiner Nacktheit zu erblicken oder im Bund mit andern in den Exercitien! Verkehr
zwischen Rom und jeder Htte von Baumzweigen, wo nur ein stmpernder
Sanct-Antonius oder Sanct-Hieronymus beten will! Jeder Heller endlich, der der
Kirche gehrt, nur von unserer eigenen Regula de Tri verrechnet! ...
    Alles das tobte die Verzweiflung aus, da er Mutter Schmeling nicht sogleich
unter den Hexenhammer einer geheimen, sicher wirkenden Inquisition bringen
konnte ...
    Unter den Zeitungen, Briefen, Visitenkarten, die Renate geschickt hatte,
fiel Bonaventura die Traueranzeige ber den Tod Hendrika Delring's auf. Er
widmete ihrem Andenken die innigste Theilnahme. Er vergegenwrtigte sich die
Wirkungen dieses Schicksalsschlags, der das Kattendyk'sche Haus betraf. Schon so
frei, schon so entfesselt von seinen frhern Anschauungen war er, da er sich
sagte: Also ein Zeugni fr die Liebe weniger in der Welt! ... Von Lucindens
Nhe hatte er keine Ahnung ...
    In Witoborn fand er um Mittag alles von der Jagd erfllt und von den
Nachrichten, die schon ber den Landrath eingelaufen waren ... Er selbst mute
sich geistlichen Auftrgen widmen und konnte deshalb auch nicht zum Kloster
Himmelpfort, so gern er wollte ... Dann mute er jedenfalls die in Westerhof
heute so verlassenen Damen besuchen ... Onkel Levinus und Terschka konnten
mglicherweise erst spt Abends zurckkehren ... Gegen vier Uhr fand er
Westerhof einsam und still ... Die Dienerschaft war grtentheils zur Jagd ...
Die Beamten sogar feierten - sie wohnten ringsum zerstreut in den entlegneren
Wirthschaftsgebuden ... Zwei Diener waren daheim geblieben und Dionysius
Schneid war seines Ungeschicks wegen kaum zu rechnen ... Nur an weiblichem
Personal war kein Mangel ... Er hrte sogleich, da Paula heute wieder wohler
war ... Wie immer mute er sich erst Bahn brechen durch Hlfebegehrende, die
sich auch von ihm die geistliche Segnung, die er im Vorbergehen spendete, nicht
entgehen lieen ...
    Jetzt erst - zweimal vierundzwanzig Stunden nach der Frage: Und wenn nun
doch noch die Urkunde gefunden wrde - und wenn man dann verlangen wrde, da
Sie das Opfer brchten, die Hand des Grafen Hugo zu nehmen? ... sahen sich die
Liebenden wieder ...
    Paula's Antwort lag in den stummen Gegenfragen der Begrung: Und jetzt erst
seh' ich dich wieder? Ist denn noch alles so, wie an jenem Abend? War es kein
Traum? Hltst du Wort, Wort dir selbst und mir? ... Deutlich sprachen dies die
ersten Gre; doch mildernd und dmpfend mute sich Tante Benigna's Nhe
einmischen, ja Bonaventura's eigner Anblick. Der Gru, einem Geistlichen, den
die Kirche gezeichnet hat, dargebracht, verstand sich so von selbst zur
Entsagung ... Sofort fiel eine se Bangigkeit auf Paula's Herz und auch in
Bonaventura's Zgen schmolz sein erstes frohes Lcheln zum mildesten Ernst ...
Grade aber auch heute mute die Tante nichts unterlassen, was den Eindruck der
Wrde eines Priesters mehrte und seine Erscheinung mit allen Glorien der
Heiligkeit umgab ...
    Sie begann bald die Nhe Monika's und Ulrich's von Hlleshoven einzugestehen
...
    Jene hatte an sie selbst geschrieben und der heute so stille Abend war
bestimmt, ihr zu antworten ...
    Von Ulrich lag ein Brief an seinen Bruder vor ... Benigna durfte alles an
Onkel Levinus Gerichtete ffnen ... es war schon vorgekommen, da ein
vortheilhafter Verkauf - von Schweinen, der Hauptbranche dortiger Viehzucht,
versumt worden war, weil Onkel Levinus einen Brief nicht erbrach, den er fr
die Abfertigung eines Recensenten hielt, mit dem er ber alte rmische Helme in
Streit gerathen war ...
    In diesen Briefen wurden an Schwester und Bruder die gleichen Ansprche auf
Armgart gestellt ... Tante Benigna las Monika's Brief -
    Liebe Schwester! Ich schreibe Dir im Vertrauen auf jene Versicherung Eurer
Vershnlichkeit, die Levinus der Grfin Erdmuthe gegeben! Ist es Euch genehm, so
erschein' ich auf Westerhof. Armgart verlt auf ein Jahr das Stift, begleitet
mich nach Wien, Italien; ich lasse sie zurckkehren, wenn ihr der Aufenthalt im
Stifte Vortheile bringt, die sie nicht verscherzen drfte ... Wollt Ihr Ulrich
den Vorzug lassen, so kann ich Euch keine Beweise meiner grern Wrdigkeit
geben. Mein Herz kmpfte, ob ich nicht in einer lngern Zuschrift das Urtheil
meines Kindes gewinnen sollte; ich entschied dagegen. Darf ich, wie ich war und
wie ich bin, in Euerm Kreise erscheinen und hab' ich Euern Beistand, da die
Erziehung einer Tochter der Mutter gebhrt, und stellt sich Armgart gehorsam und
ergeben einem Auge dar, dessen bei ihrem Anblick vielleicht ausbrechende Thrnen
sie fr keine Selbstanklage zu halten berechtigt ist, so hab' ich das Glck
meines Lebens erreicht! Entscheidet!
    Paula klagte diese Sprache der Klte und des Hochmuths an ... Sie, die sonst
so Gtige und Milde, sagte:
    Welche Selbstzufriedenheit! Mir ist's ein Wunder, wie nur immer Herr von
Terschka die Tante so rhmen kann ...
    Bonaventura blickte nieder. Er durfte nichts von einer nhern Bekanntschaft
mit Monika aus dem Beichtstuhl verrathen ... Doch stand ihm vershnend das Bild
des Abschieds vor Augen, den auch die Frau in silbernen Locken am Portal des
Kapitels ihm gewinkt hatte, als Schnuphase seine Rede hielt ... Darauf hin
sprach er wie bekannt von ihr und sagte:
    Verbrgt sich so denn Herr von Terschka fr sie -?
    Ueberschwenglich spricht er von ihr -
    Die Tante schwieg ... Sie hatte diese Neigung Terschka's wohl bemerkt ...
Und Bonaventura gedachte der Fragen, die Monika ber die zweite Liebe einer
Geschiedenen an ihn gerichtet, aber auch des Vorzugs, den Armgart dem Fremdling
zu geben schien und den er annahm - dieser Zweideutige ...
    Die ngstliche Stille, die entstand, auch in Bonaventura, der sich sagte:
Das Leben eines katholischen Geistlichen ist so ein ewiges Niederblicken!
unterbrach Benigna durch die Vorlesung des Briefs von ihrem Schwager ...
    Lieber Bruder! schrieb der Oberst. Die Gre, die Dir im Herbst schon
Hedemann brachte, wiederhol' ich und bald soll, denk' ich, mein Handschlag
folgen! Ich wre schon bei Euch gewesen, aber ich suchte auf Bergbau mein Heil
zu grnden und erwartete etwas von Kocher am Fall ... Indessen reichen die
Mittel nicht aus fr Versuche, die zuletzt ohne Lohn bleiben. So will ich denn
nach Witoborn. Meine Pension ist nicht gro, wir hatten keine Wunden zu taxiren;
man hat in England noch immer das System, die Wunden zu messen; zwei Zoll tief -
5 Pfund mehr; drei Zoll tief - 10 Pfund; ganz kalt - dann allerdings werden
Witwe und Kind gut bedacht. Ich komme leider heil - und gesund und mu mich
tummeln. Monika wird mir hoffentlich meinen Frieden nicht stren, den ich fr
mein Herz lngst geschlossen habe. Ich bin in den Jahren, wo uns das Leben
zuruft: La alles das der Jugend! Was ich noch Rest von dieser Jugend habe, das
htt' ich gern an Armgart gehngt; aber die glaubt, hr' ich mit Erstaunen, der
Mutter zu nahe zu treten, wenn sie mir den Vorrang gibt! Nun hat sie gar ein
Gelbde gethan - - Seltsame Welt, deren Anschauungen ich mich jenseit des Meeres
- entwhnt habe! Als guter Soldat will ich einstweilen den Waffenstillstand
ehren, wenn er nach beiden Seiten hin aufrichtig gehalten wird. Empfiehl mich
Schwgerin Benigna und dank' ihr in meinem Namen fr alles Gute, was sie Armgart
erwiesen. Mein Sinn ist, sagt Ihr, Eigensinn; ich kenne, was von uns Brdern ich
vom Vater, Du von der Mutter hast. Zuletzt ist aber das Leben so, da wir, beim
Zurckblicken auf unser Rechtgehabthaben, doch mit Trauer an unsere Schwchen,
beim Zurckblicken auf unsere Irrthmer, immerhin doch an unsere Kraft erinnert
werden. In Frieden und guter Hoffnung!
    Benigna las diesen Brief in einem Ton der Angst und Sorge, der seinem so
vershnlichen Inhalt widersprach. Auch sie war mit der Zeit so angesteckt von
der Krankhaftigkeit der ganzen Sphre, in der sie hier lebte, da sie ihre
eigene resolute Weise verloren hatte und sie nur noch zuweilen bei aufloderndem
Poltern geltend machte. So sicher und fest, wie in diesen beiden Briefen, war
auf Westerhof lange nicht gesprochen worden.
    Paula, gedenkend des neulichen Abends, wo Armgart den an Terschka
gerichteten Brief ihrer Mutter zurckbehalten hatte, sagte mit derselben
Zuversicht wie damals: Sie vershnen sich beide! Und Armgart hat es zur
seligsten Jungfrau gelobt, da auch sie nicht eher ruhen will! Die Sehnsucht
beider nach ihrem Kinde wird das harte Eis der Herzen brechen! Was knnte noch
dazwischen liegen? ...
    Der Vermuthung Armgart's, auch ihre Mutter liebe Terschka, hatte sie gleich
anfangs nicht nachleben mgen; Armgart's neue Gedankengnge kannte sie nicht ...
    Sie war befremdet ber Bonaventura's Schweigen ... Diesem hatte freilich
Monika von Ehescheidung und zweiter Liebe gesprochen ...
    Inzwischen sagte, Bonaventura's stillen Schmerzblick nicht beachtend, die
Tante:
    Ich schreibe beiden: Kommt und versucht Euer Heil! Armgart ist kein Kind,
das sich regieren lt! Ihre Stellung auch im Stift macht sie selbstndig ...
    So und hnlich schrieb sie fort und lie dem Flstergesprch der beiden
Liebenden Raum ... Freilich blieb Bonaventura - ein Priester und Paula - eine
Leidende ... Wie die zarte Gestalt, die Knstlerhand aus Alabaster schuf, nur
mit uerster Vorsicht von prfenden Hnden berhrt wird, so schonungsvoll mute
sich von selbst jedes Wort, jede Bewegung geben in Paula's Gegenwart ... Der
Athem eines so rthselhaften Mundes; der feuchte Glanz eines Auges, das so
geisterhaft in die Ferne sehen konnte! ... Wre nicht das Gefhl gewesen: Risse
ich dich mit mchtigem Arm an meine Brust und bedeckte deine Lippen mit Kssen,
du wrdest dem Leben angehren, das uns alle bindet, den Sinnen, die die
Schranken unserer gemeinsamen Natur sind! - es htte Bonaventura wohl bange
werden drfen in dieser unheimlichen, spukhaften Umstrickung von Fden, die
Geisterhnde um Paula zu spinnen schienen ... Oft erschrak er, wenn die sanften
schwarzen Wimpern sich ber die blauen Augen senkten und das unendlichste
Behagen in den edlen Formen des jungen Mdchens ihre Neigung auszudrcken
schien, sanft zu entschweben in jenes dunkle Zwischenland zwischen Wachen und
Traum, zwischen Leben und Tod, jenes Land, das hier den Menschen das Jenseits
erschien ... Die weien Hnde sanken dann nieder in den Schoos ... Das ganze
Sein der Kranken schien Nahrung einzusaugen, die aus der Luft ihr zustrmte, ja
aus Bonaventura's Athemzgen ... Der unwiderstehlichste Reiz des Frauenthums,
die hingegebene willenlose Schwche, benahm ihm die Sinne ... Wre in der wahren
Liebe nicht der Vorbau des Herzens immer mchtig, da es sich sagte: Entweihe
Deine Gottheit nicht! La sie rein und unberhrt von deinen strmischen
Wnschen! Lege deine Schtze fr noch seligere Zukunft zurck! - er wrde sich
nicht haben halten knnen, mit seinen Armen diese seltsame Welt - an sich zu
ziehen und zu zwingen, sich zur Menschheit zu bekennen ...
    So kam schon die siebente Stunde ... Tante Benigna schrieb immer noch und
strte die Liebenden nicht ... Sie wute - und sie wute nicht, sie sah - und
sie sah nicht; sie war ganz in den ihr unbewuten Fesseln eines Idealanfluges,
der, ob sie auch beim Aufarbeiten ihrer Rester am Schreibbureau Gnse, Enten,
Schweine und Ochsen addirte, sie doch dabei wie ins Paradies versetzte, wo ja
auch wildes und zahmes Gethier so fromm und heilig um den noch unberhrten Baum
der Erkenntni wandelte ...
    Tiefe Stille ... Nur die Tante sagt viertelstndlich:
    Wo nur Armgart bleibt! ... Wenn die Jagd nur kein Unglck bringt! ...
    Pltzlich fllt ein so seltsam heller Schein ins Zimmer ... Die beschlagenen
Fensterscheiben klirren leise ... Anfangs beachtet niemand den Schein und das
Klirren ... Jetzt dringt ein Geruch ins Zimmer, der selbst der Tante, die an die
Consequenzen der Landwirthschaft gewhnt ist, zu fremdartig vorkommen sollte ...
Aber sie nimmt Anstand, dem Besuch zu verrathen, worauf man im Landleben alles
gerstet sein msse ... Sie schweigt und rth auf die Kche und das verbrannte
Nachtessen ...
    Nun aber wird der Schein zu licht ...
    Alle drei erheben sich zu gleicher Zeit ... Da hrt man schon das Klirren
von zerspringenden Fensterscheiben ... Das ist Feuer! ruft die Tante und greift
an den Klingelzug ...
    Schon strzen die Mdchen den todtblassen Damen entgegen - sprachlos ...
Statt ihrer spricht der in Glhrothschimmer getauchte Vorsaal ...
    Es brennt -?! wollte die Tante ausrufen ... Der Ton erstickte in ihrer
angstgeschnrten Brust ...
    Doch schon war sie hinaus ...
    Bonaventura hielt Paula ... Die Mdchen hatten schon inzwischen gesagt, da
die Kapelle brenne ...
    Menschenstimmen ... Rufen, Schreien ... Das Laboratorium! hrte man. Das
Archiv! ... Zusammenkrachendes Geblk, eingeschlagene Thren ... Bonaventura,
halb bewutlos, bergab Paula den Mdchen, um selbst nach den Ausgngen des
Schlosses zu sehen ... Die Treppen waren steinern ...
    Im Hof entdeckte er eine mchtig lodernde Flamme, die aus der schon
eingeschlagenen Thr der Kapelle wie eine gierige Zunge nach Nahrung suchte ...
Noch schien sich das Feuer auf das Innere der Kapelle zu beschrnken ... Wer
aber wute, was schon drinnen zerstrt war! ... Dem Archiv suchte man durch
andere Zimmer beizukommen ... Im Hof arbeitete mchtig eine der Spritzen, die
sich im Schlosse befanden ... Tante Benigna leitete sie selbst ...
    Noch aber fehlte es an Menschen ... Die Diener sagten dem Domherrn, man
spanne bereits an ... Tante Benigna rief: Fahren Sie mit der Grfin zum Stift!
    Bonaventura kehrte zurck und sorgte fr die Zurstungen der Flucht ...
    Paula fand er gefater ... Man eilte, nach Kleidern zu suchen ...
Bonaventura verschlo schnell das offen gebliebene Schreibbureau der Tante und
steckte den Schlssel zu sich ...
    Inzwischen mehrte sich der Zustrom der Nachbarn, die eine Riesenflamme jetzt
nach auen hin hatten ausbrechen sehen, eine Flamme, die ihren Weg von dem in
Brand befindlichen Altartabernakel in der That zum Archiv suchte, dem sich von
auen nicht beikommen lie, da die Fenster vergittert waren ... Der eine Flgel
des Schlosses schien verloren; schon machte sich die Flamme durch das erste und
zweite Stockwerk Bahn ...
    Bonaventura verlor seine Geistesgegenwart nicht ... Die wichtigsten Schrnke
lie er sich bezeichnen, lie Silbergerth packen und folgte den Weisungen
Paula's, die gerade jetzt in den seltsamsten Zustand gerieth ... Nicht da sie
ihr Bewutsein verlor, aber wie eine Traumwandelnde schritt sie dahin, wie eine
Geisterjungfrau, die zuletzt, falls sie entfloh, auf einem Gespann von
geflgelten Drachen entschweben mute ... Sie gab Weisungen, Aufklrungen, wie
eine Seherin im Sturm am Ufer des brausenden Meeres ... Dort! rief sie ... Die
Kisten! Die Schlssel hngen ja hier! Nehmt sie doch! ... Hier sind die Bcher
der Grundverschreibungen! Da! Der Aufgang ist frei! ... Uebereilt nichts! Der
Dachstuhl brennt, aber an den Eckthrmen ist alles von Stein! ... Leert das
Laboratorium von brennbaren Sachen! Der Bau ist feuerfest! ... Seht, der
Wasserstrahl trifft ja mchtig! ... Rettet nur das Archiv in den Keller! ... Ha,
der Mann! Seht den Mann! Folgt ihm nicht! Nein! Nein! Ein Balken strzt! ...
    Niemand sah einen Mann, den sie von der Galerie des Hofes aus erblicken
wollte ... Indessen ertnte ein furchtbares Krachen im Innern ... Nach innen
mute das zweite Stockwerk eingestrzt sein ... Die Flamme schlug schon oben zum
Dach hinaus ... Von den beiden Eckthrmen aus bekmpfte man ihr Weiterdringen
durch die hinaufgezogenen Schluche zweier Spritzen, die von unten her nur wenig
hatten wirken knnen ...
    Dabei tnte die Schloglocke hlferufend und mit herzzerreiender Eile schon
seit einer Viertelstunde von einem dritten der vier Eckthrme ...
    Paula lehnte jede Entfernung vom Schlosse, jede Schonung ihrer selbst ab ...
War es der entschlossene Beistand Bonaventura's, war es die Erregung des
Augenblicks oder welche Geister standen ihr zur Seite - sie befehligte wie die
Gebieterin des Ganzen ... Sie war die Stammherrin der Dorste-Camphausen, die
Letzte ihres Geschlechts ... Mit leuchtenden Augen, beschienen von Flammen, im
erstickenden Qualm des Rauches verlor sie die Besinnung nicht ... Die Tante
dagegen brach schon zusammen ... Wenigstens bedachte sie nur noch die Rettung
des Kleinen und Einzelnen, whrend Paula im Ganzen lebte ...
    Menschen waren nun endlich genug da, die Befehle gaben und befolgten ...
Schon fehlten die Spritzen aus Witoborn nicht ... Gensdarmen kamen daher
gesprengt ... Man isolirte das Feuer mit Erfolg ... Ueber die Entstehung
schwankten die Meinungen ... Die einen leiteten das Unglck aus dem Laboratorium
her, die andern aus einem Kohlentopf in der Kapelle, den vielleicht ein
Andchtiger hatte stehen lassen ... Da die Grfin das Feuer schon gestern
gesehen, war ein Wunder, wodurch die Anstrengung des Rettens, die Erhhung der
Stimmung gemehrt wurde ...
    Bonaventura irrte in trben Ahnungen und barg sich jetzt - vor Mllenhoff,
der im Eifer angekommen war, aber seine Zunge nicht ruhen lie, der Entrstung
Worte zu geben ber Frulein Benigna, die kaum ihn erblickend Besinnung gewann
und geradezu ihn beschuldigte, die Ursache des Feuers zu sein ... denn ihm und
seiner Toilette zu Liebe htte man die Zahl der Vorhnge am Altar vermehrt,
jene Sakristei hinter dem Altar improvisirt, ihm in dem engen Raum den seit
Jahrhunderten dort verpnten Gebrauch von Licht gestattet ...
    Den heftigen, ganz aus der geistlichen Sprache und Rcksicht fallenden
Wortwechsel unterbrach die Ankunft eines Pikets Husaren aus Witoborn ... Man
sperrte den Zudrang der Menschen, die von allen Richtungen herbeistrmten ...
Nur wer sich ausweisen konnte, wurde jetzt noch ber die kleine Brcke gelassen,
die zu der Insel fhrte, auf welcher Westerhof lag ... Glcklicherweise war
Windstille ... Die Funken flogen nicht an die nahen Wirthschaftsgebude und
Kornspeicher ...
    Unter denen, die ber die Brcke wollten, befand sich auch der allen
wohlbekannte Bruder Hubertus ...
    Er machte sich Bahu mit einer Gewalt, die unwiderstehlich war ...
    Lat mich, rief er den ansprengenden Reitern entgegen und keines Rohufs
achtend, drngte er zur Brcke hinber und strmte in die Gefahr, die inzwischen
nachlie ...
    Vorzugsweise war es jetzt, wie Paula ganz recht gesehen hatte, ein einziger
Mann, der mit Anstrengung, ja mit Lebensgefahr dem Umsichgreifen des Brandes
Einhalt that ... Es war dies jener Dionysius Schneid, dem man anfangs vergebens
gerufen hatte, der sogleich die Pferde und den Wagen in den Wirthschaftsgebuden
fr Paula bestellen sollte, der sich dort eine Ewigkeit, wie die Angst der
Tante ein Dutzend mal ausrief, aufhielt, der aber auch jetzt beim Einreien der
Zwischenmauer, beim Absperren der Flamme einen verdoppelten Eifer zeigte ... Mit
geschwrztem Antlitz, pltzlich rothen Haars, das Niemand seit dem Finkenhof
wieder an ihm gesehen, sa er in einer buntgestreiften Stalljacke mitten in der
Verwstung des halb in Trmmern liegenden Flgels zwischen den beiden Thrmen,
hob die Axt, zertrmmerte glhende Balken, um deren Zndkraft zu mildern, in
kleinere Stcke, und arbeitete fast mit Wildheit allen andern zuvor, die sein
Beispiel ermunterte ...
    Hubertus kam mit dem Namen: Schneid! auf den Lippen. Wie mute er erstaunen,
als man ihm auf diesen Namen den Diener zeigte, der hoch im qualmenden Geblk
sa, die blinkende Axt in der Hand ...
    Unmglich! entgegnete er ...
    Doch! Doch! rief man ihm zu und bezeugte seine Anerkennung ber die
Entschlossenheit des sonst so trgen Dieners ...
    Im Hof war ein Gedrng und kaum zum Hindurchkommen ... Eimer, Spritzen,
geborgene Gerthschaften bildeten schon einen hohen Haufen, ber den die
Menschen hinwegklettern muten ... Den Mnch, den die zuweilen noch aufzuckenden
blauen Flammen am wassertriefenden Geblk in seinen allbekannten Todtenkopfzgen
beleuchteten, wrde man nicht geduldet haben, htte man nicht gewut, da der
riesenstarke Greis es liebte, in solchen Fllen sich ntzlich zu machen ...
Schon hatte er, immer den in der qualmenden Zerstrung sitzenden Schneid im
Auge, von den Gensdarmen einen Eimer zugereicht erhalten, um Wasser zu holen aus
dem glcklicherweise im Thauen begriffenen Teich, der die Insel bildete ...
Schon war sein unwillkrliches Erbeben vor der Anrede durch die Beigeordneten
des Landraths die Ursache, da Hubertus mechanisch Folge leisten wollte, als ein
noch einmal auf die Sttte der Zerstrung im obern Stock geworfener Blick ihm
eine pltzliche Gefahr zeigte, in die der Diener des Hauses gerieth ... Sein
eigener Zuruf erstickte schon in dem allgemeinen Geschrei: Er strzt! Eine
Leiter! Er ist verloren! ...
    Der schwarzberute Mensch, der wie ein Gnom der Unterwelt durch Feuer und
Rauch sich den Weg zu bahnen suchte, wollte sich vor einem drohenden Mauersturz
vom Dache retten, sprang auf ein verkohltes Sparrenwerk, das unter ihm
zusammenbrach, strzte tiefer und tiefer und schwebte zuletzt mit seinen Fen,
die ohne Halt im Leeren tasteten, ber einem Abgrund, in den er unfehlbar
hinunterstrzen mute, da sich seine Hnde nur am glhenden Stumpf eines Balkens
halten konnten ... Eine Leiter war nirgend anzulegen ... Eine Minute noch - und
unfehlbar fiel Schneid aus dem zweiten Stockwerk auf Steingerll und Balken mit
zerschmettertem Schdel nieder ...
    Doch nur eine Secunde der Rathlosigkeit, wo man die Leiter anbringen sollte,
die an sechszig Stufen zhlte und hin- und herschwankte vor der Macht ihres
Gewichts, da schon stand Hubertus und rief: Hinauf! Wer steigt hinauf? ...
    In seinen knchernen Armen hielt er die Leiter, da sie frei schwebend stand
wie gelehnt an eine Mauer ...
    Klettert hinauf! rief er wiederholt und immer dringender redete er den
Ablehnenden zu ... Habt keine Furcht! bedeutete er die, die die Leiter, so nur
frei in der Luft gehalten, zu besteigen zgerten ...
    Endlich wagte es Einer der Feuerleute aus Witoborn ... Schon berhrten die
Fe des in der Luft Hngenden die obere Sprosse der Leiter - er wrde sich
nicht haben halten knnen ohne einen Arm, der ihn umfing ... So kletterte der
Mann an der aus freier Hand gehaltenen Leiter empor ... Wie eine Gerte bog sie
sich, je hher er kam ... Hubertus stemmte sich aber fest wie ein Athlet und
balancirte die ungeheuere Wucht ... Hlfe, die hinzukam, stie er zurck mit dem
Ruf: Gleichgewicht! - Das - kann nur Einer! - Mit den Zhnen knirschte er zum
Zeichen seiner uersten Anstrengung ...
    Der Arbeiter war jetzt oben ... Er ergriff den schon Sinkenden, dessen Hnde
verbrannt sein muten ... Jetzt zog er ihn zu sich herber auf die Leiter ...
Diese, vom doppelten Gewicht berlastet, bog sich ... Ein Schrei des Entsetzens
unter allen Umstehenden, von denen einige hinzusprangen, um Hubertus wiederum zu
untersttzen ... Doch Zurck! rief er ihnen allen aufs neue entgegen und
klemmte die Leiter zwischen seine beiden Kniee, die Arme in der fnften und
sechsten Sprosse eingeschlungen, soda er die gewaltige Last nur wie eine vom
Sturm bedrohte schwanke Fahnenstange hielt ...
    Der Arbeiter stieg nieder und brachte den Ohnmchtigen glcklich zu Boden
...
    Je nher dem Mnche Jean Picard kam, je nher ihm der Anblick des Armes
mglich wurde, auf dem er das verhngnivolle Zeichen der Erkennung suchte,
desto schwcher wurde die Kraft des Bruders, dessen Kutte hie und da an den noch
brennenden Trmmern schon versengte ... Nun lie er das Hinzukommen anderer
geschehen ... Als der Arbeiter mit dem Geretteten auf unterster Sprosse stand,
sank die Leiter in die Hnde der Uebrigen ...
    Hubertus holte einige Augenblicke Athem, hrte mit lchelndem Kopfnicken die
bewundernden Beifallsuerungen der Umstehenden und folgte dem Arbeiter, der den
Bewutlosen weg von der Brandsttte trug ...
    Diesem bot man jetzt Hlfe, Erquickung, ein Lager in dem andern Flgel des
Schlosses ...
    Hubertus aber sagte zu dem Trger:
    Lat das alles, Landsmann! ... Ich trag' ihn schon selbst weiter! ... Mit
Brandwunden wei ich umzugehen! ...
    Damit nahm er den Ohnmchtigen und trug ihn aus dem Gewhl und ganz aus dem
Schlo hinaus in das inzwischen aufs neue und immer mchtiger vom Menschenstrom
belebte Dunkel der Nacht ...
    Whrend jetzt schon von allen Thrmen auf Meilen umher die Feuerglocken
riefen, kamen auch die Theilnehmer der Jagd an ... Terschka voraus auf einem
leichten Wagen ... Thiebold ... der Onkel ... Auch von Witoborn kamen Benno und
Hedemann ...
    Armgart machte sich Bahn durch alle ... Paula's hohe Entschlossenheit und
muthvolle Haltung hrte erst auf, als sie in die Arme ihrer weinenden Freundin
sinken konnte ...
    Bonaventura stand voll Rhrung und sprach, als die Gefahr vorber schien,
mit zitternder - tiefahnungsbanger Stimme ein Dankgebet, in das alle
Nahestehenden mit entblten Huptern einstimmten ...
    Die Thurmuhren schlugen zehn ... Jedes sagte: Wenigstens noch ein Glck, da
der Unfall so zeitig ausbrach ...
    Wchter wurden fr die Nacht bestellt ... Allmhlich wurde alles stiller ...
Die Gruppen lsten sich auf ... Man zerstreute sich ...
    Auch die Schlobewohner bedurften der Ruhe ...
    Onkel Levinus fand sich leicht in neue Thatsachen, die er gedruckt las,
schwerer in solche, die er selbst erlebte ... Er hatte mehr als sonst gewohnt
dem Rebensafte zugesprochen, auch auf der Jagd selbst schon manche Herzstrkung
genommen ... Um sich zu finden und im Nichtzundernden zu orientiren irrte er
mit einem offenen Lichte so lange im Schlosse auf und ab, bis ihn die Wchter
aufmerksam machten, er knnte leicht den Brand aufs neue entznden ...
    Armgart flchtete auf ihr Zimmer wie ein verstrter Geist ...
    Terschka, dem man kaum die Anwesenheit des Mnchs Hubertus und dessen
gewaltige That erzhlt hatte, als er auch schon in seine unversehrt gebliebene
Wohnung entschlpfte, schien am lngsten zu wachen ... Das Licht an seinen
Fenstern erlosch erst nach Mitternacht ...
    Bonaventura war mit Benno, Thiebold, Hedemann und Mllenhoff zu Fu gegangen
...
    Endlich breitete die stille Nacht ber das Gemlde des Schreckens ihre
dunkeln Schwingen ...
    Schauerlich ist es, wenn nach solchen Begebnissen auf einsamem Lager der
Schlummerlose das Krhen des Hahnes so laut und hell und wohlgemuth hrt, wie zu
aller Zeit, und doch sich sagen mu: Der anbrechende Morgen zeigt das Neue in
seiner ganzen folgenschweren Gre ...

                                      18.


Frau Schmeling, jenes Mtterchen, durch das, wie wir wissen, eine ganze
Generation um Witoborn das Licht der Welt erblickt hatte, wute ihre Nchte zu
schtzen ... Der himmlische Vater lt seine Kinder fter bei Nacht in dies
Freuden- und Jammerthal einschlpfen als bei Tage ...
    Selbst eine so groe Begebenheit, wie der Brand auf Schlo Westerhof,
brachte die alte Frau nicht aus ihrem zweistckigen, stattlichen Huschen, das
nur ein klein, klein wenig abseits vom Wege zwischen Witoborn und Westerhof lag,
zugnglich ihrer Stadt-und Landpraxis, umgeben von einer gewissen
geheimnivollen Verschwiegenheit, die das Zutrauen zu ihr seit nahezu vierzig
Jahren nicht wenig gemehrt hatte ...
    Aber im Bett litt es die alte und etwas reizbare Frau denn doch nicht ...
Schon war sie zur Ruhe gegangen, als ihr einziger Hausbewohner, eine alte Magd,
sie weckte und ihr die Schreckenskunde von dem Brand in Westerhof brachte ...
    Mutter Schmeling war so ergrimmt auf den Pfarrer Mllenhoff zu Sanct-Libori,
der ihr auf ihr fnfzigjhriges Jubilum noch mit dem Kirchenbann hatte drohen
und sie des Teufels Gromutter nennen knnen, da sie geradezu herausbrummte:
Ob's denn auch wirklich auf dem Schlo wre? Und doch nicht etwa - in
Sanct-Libori? ... Ein leises Kichern dabei, das hrte die Magd nicht einmal ...
hrte nicht die still fr sich ins Bettkissen, ja in einen kleinen grauen Bart
gebrummten Worte: Kindtaufe! Kindtaufe! Hihi! Er lt vielleicht schon
illuminiren ...
    Ne, ne! sagte die Magd, dat muot en groot Fer sin! und zeigte durchaus nach
Westerhof ...
    Und nicht minder plattdeutsch entgegnete Mutter Schmeling, so wolle sie denn
up stahn und wenigstens Licht maken ...
    Inzwischen unterhielt sie's, den groartigen Lrm zu hren, der sich auf der
Landstrae entwickelte ...
    Ihr Huschen lag in einem Hohlweg, der sich von der Landstrae abwrts
senkte den Grten zu, die zur groen Besitzung der Frau von Sicking gehrten ...
Im Sommer war das hier alles gar grn ringsum ... Lmmlein und - Schweine genug
weideten auf den Triften und ein paar einsame alte Bume, die hinterm Grtchen
des Hauses lagen, hatten sogar Ruf und Anziehungskraft durch die ihnen
angehefteten Bildchen und frommen Sprche und besonders durch eine erquickliche
Aussicht und eine Bank, wo mancher Bauerbursch und manche Bauerdirne unter
nchtlichem Sternenglanz in ernst bedeutsamem Gesprch mit der Alten verweilen
und ber Manches seufzen konnten ... Hundert Schritte davon lag eine Art Vorwerk
von Witoborn, obgleich es nachher noch Strecken von Wiesen und von Kirchhfen
gab, bis man die Mauern der alten souvernen Bischofsstadt erreichte ... Jetzt
jagten die Spritzen mit Fackeln nach Westerhof ... Gensdarmen sprengten dahin,
zuletzt ein Piket Husaren ... Und die Menschen liefen und - lachten sogar, denn
Feuer ist eine Brgerfreude! sagt ein frankfurter Sprichwort ...
    Da aber die junge Grfin das Feuer nicht beschwren kann! meinte die Magd,
die, wenn's verlangt wurde, an Hexen glaubte ...
    Dummer Schnack! antwortete Mutter Schmeling, die in diesem Gebiet
bewanderter war. Eine weise Frau - sie verstand darunter eine Zauberin, keine
sage femme - eine weise Frau kann wol andern Gutes thun, aber sich nicht selbst
...
    Nach so tiefsinniger Aeuerung berlegte sie, ob wol im Bereich des
Schlosses Jemand wre, den Mutterhoffnungen demnchst auf ihre Hlfe anwiesen.
Es kamen Flle vor, wo gerade solche Schreckensaugenblicke Geburten
beschleunigten, andere vereitelten ... Sie zhlte an den Fingern, wie weit es
noch mit der Moorbuerin und Frau Leyendeckerin hin war ... Endlich bog Niemand
vom Weg in ihren Hohlweg ab ... Sie verbrannte nur unntz Oel ... Die Wand, wo
sie schlief, fate sich noch kalt an ... Sie wollte sich wieder zur Ruhe legen
...
    Eine Stunde mochte sie vergebens den Schlaf gesucht haben - Der Lrm der
Glocken, das Blasen und Trommeln in Witoborn, das Rasseln auf der Landstrae
frderten die Ruhe nicht - als sie heftig an ihre Hausthr pochen hrte ...
    Die Magd, die sich nicht nehmen lie oben auf dem Dache nach Westerhof zu
die malerische Aussicht zu genieen, kam erschreckt in die Stube zur ebenen Erde
mit ihren klappernden Holzpantoffeln herabgelaufen und flsterte der Alten, die
aufhorchte:
    Wat soll dat? Der alte Bettelpape bringt uns einen Menschen her - huckepack
-
    Die Hebamme wute, wer der alte Bettelpfaff war ... So? sagte sie ruhig und
erhob sich, trotz des Pochens noch zweifelnd ...
    Einen Mann trgt er - ich sah ihn ber die Lehmgrube kommen und dachte erst:
Wer sucht nur da was? Nun kommt er gerade ber'n Wall - und das da drauen, das
sind sie -
    Wieder pochte es strker und strker ...
    Mutter Schmeling wurde aufs neue aus ihrem Bette getrieben ...
    Ein Rock war bald bergeworfen ...
    Mach mal auf! sagte sie ...
    Einer Gefahr glaubte sie in keiner Weise gewrtig zu sein ...
    Der ihr wohlbekannte Bettelbruder Hubertus trat mit seiner schweren Brde
ein, die er von Schlo Westerhof bis hieher getragen hatte. Er hatte Umwege
gemacht, um die Landstrae zu vermeiden. Jetzt verlie ihn allmhlich die Kraft.
Welche Anstrengungen hatten aber auch die Erlebnisse dieses Tages von Beginn der
Jagd an ihm schon zugemuthet! Er lie den noch immer Bewutlosen in dem Zimmer,
dessen Eingang sogleich zur Rechten lag, auf einen alten Lehnstuhl sinken,
rckte sofort zwei Sthle herbei, legte darauf die Fe der ber und ber
geschwrzten abschreckenden Gestalt im gestreiften Kittel und sank selbst,
anfangs sogar sprachlos, auf einen Stuhl, den ihm die alte Frau mit Erstaunen
hinschob, whrend die Magd schon nach der Kche lief, um Torf fr den
kaltgewordenen Ofen zu holen ...
    Heiliger Lazarus, was ist denn das - fr ein Schornsteinfeger -? Der ist wol
verunglckt - auf dem Schlo? sagte Mutter Schmeling und billigte das Erwrmen
der Stube auch schon in Betracht ihrer selbst ...
    Hubertus machte sich, allmhlich wie zu Krften kommend, mit der
Bequemlichkeit seines in Erschpfung Liegenden zu schaffen und trat mit dem
Verlangen hervor, Mutter Schmeling sollte in ihrem verschwiegenen Hause ihre
obern Zimmer fr diesen allerdings beim Brande Verunglckten ffnen, den er
anfangs nach Witoborn ins Spital htte tragen wollen, nun aber lieber selbst
verpflegen wolle ... es wre ein Mensch brigens, vollkommen reich genug, sie zu
bezahlen ... Ein Wagen wrde den Kranken jetzt zu sehr erschttert haben ...
Deshalb htt' er lieber ihn selbst getragen ...
    Ne, dat geiht nicht! Da oben? Bruder, dat geiht nicht!
    Warum nicht ...?
    Ihr wit, ich habe Euch immer gern gedient, schon - als Ihr noch weltlich
wart! Aber - dat geiht nicht!
    Der Mann ist brav, seine Wunden schmerzen ihn - und die Kosten -
    Das ist's nicht -
    Oben ist's bewohnt! schaltete jetzt die Magd ein ...
    Frau Schmeling unterbrach die Magd und sagte:
    Bewohnt oder nicht ... Wat snakt sie? ... Aber ... Ja! Ich erwarte -
    Wieder so eine - Prinzessin -?
    Ja - ja ...
    Was bringt's Euch denn ein? Ich selbst habe nichts! Der Mann da aber ist
reich -
    Mit zweifelhafter Miene blickten beide alte Frauen auf den sich allmhlich
Erholenden, der die Augen aufschlug, wieder sinken lie und sich an die von
einem sprlichen Lampenlicht erhellte kleine, nicht unfreundliche Stube erst
allmhlich gewhnte ... Die Nhe eines Mnchs mute ihn annehmen lassen, er wre
im Spital -
    Die weitere Verhandlung ber seine im obern Stock zu bewerkstelligende
Unterkunft unterbrach das Verlangen einer Erfrischung, die der Gerettete mit
Aufhebung einer seiner blutig rothen und an andern Stellen schwarzen Hnde zu
begehren schien ...
    Hubertus lehnte noch das Erbieten der Frauen fr Wasser oder Thee ab und zog
aus seiner Kutte eine Korbflasche, die er dem Verschmachtenden an den Mund
setzte ...
    Dieser starrte die unheimliche Gestalt des Mnches an, trank ein angenehm
duftendes gebranntes Wasser und athmete gestrkter auf ...
    Frau Schmeling! Nehmen Sie den Mann nur auf! begann Hubertus aufs neue. Er
ist wohlhabend! Ein Diener vom Schlo zwar nur, aber in guten Verhltnissen! Ich
habe sein Geld zu mir gesteckt! Sehen Sie da, zehn Thaler! Ihr Bett und alle
Ungelegenheiten, die er Ihnen macht, sollen vergtet werden! Wo kann er auch
besser gepflegt werden, als bei Ihnen? Nur einen Tag! Dann sorgen wir ja schon
weiter! Er will zu seinen Angehrigen! Das ist drei Meilen von hier und dahin
fhrt er morgen oder - bermorgen! So lange wird's doch gehen? ...
    Frau Schmeling fuhr mit ihrem rechten Zeigefinger sinnend hinter dem rechten
Ohr hin und her, whrend Schneid den Mnch anstarrte, nicht begreifend, was er
da alles zu vernehmen bekam ...
    Fr einen Tag wollte denn Frau Schmeling zuletzt wirklich einwilligen und
lehnte die hohe Bezahlung ab ...
    Ich erwarte nur Besuch - sagte sie ...
    Ja, ja! Ich wei schon! scherzte jetzt hocherfreut Hubertus. Dann werden die
Gardinen zugezogen! Bei Sanct-Franz! Ich kann ihn ja schon um deswillen nicht zu
lange hier liegen lassen, weil hier nchstens der Kirchenbann anklopft ...
    Darber lachte zwar erst Frau Schmeling hellauf, zankte dann aber doch ber
derlei Reden ...
    Nun, nun! beruhigte Hubertus ... Wir Mnche beten dann desto mehr fr Sie!
...
    Schneid sah nur immer den Sprecher und die Frauen an und sprach ein: Diable!
nach dem andern vor sich hin und verschluckte seine Gedanken vor jedem
Aussprechen ...
    Frau Schmeling wetterte ber den Pfarrer Mllenhoff, ffnete die Thr,
leuchtete voran und schlo eine zweite Thr auf, die zur Treppe in den ersten
Stock fhrte ... Man konnte diesem auch durch eine Hhnersteige und eine
geffnete Fallthr von der Kche aus beikommen ...
    Hubertus bestellte heies Wasser, einen Napf mit so viel Speisel, als nur
im Hause vorrthig wre und trug den jetzt Widerstrebenden die Stiege hinauf ...
    Auf den Moment des Erschreckens und des gewaltsamen Sichloswindens, wenn
Hubertus bei dieser Procedur heimlich dem von ihm Getragenen ein Wort der
Erkennung zuflstern wrde, war er gefat ...
    Soyez tranquille, Jean Picard! flsterte er ihm mitten auf der Treppe ins
Ohr ...
    Auf das durch dies Wort wie von einem galvanischen Schlage getroffene
mchtige Aufzucken, Umsichschlagen und Sichaufrichtenwollen des Halbgelhmten
hielt ihn Hubertus, wie man einen Epileptischen bndigt, Glied an Glied ...
    Oben empfing sie Frau Schmeling ...
    Starr, mit aufgerissenen Augenlidern, sah Bickert in die festen Augen des
Mnchs ... Es war ein Bild, wie auf der Guillotine sich ein Opfer niederwerfen
mag, um nicht erst mit den Armen festgebunden zu werden ...
    Doch ein feierliches ruhiges Schweigen lag sogleich wieder auf Hubertus'
Lippen ...
    Bickert lie sich jetzt behandeln wie ein Kind ...
    Wie eine Geistesverwirrung mute es ber ihn kommen, als der Mnch fortfuhr:
    Waschen Sie ihm doch auch das Gesicht, Frau! Ei, ei, ei! Allerdings! Ihr
sauberes, sauberes Bett! Fr wen ist's denn diesmal bestimmt? ... Das ist ja
gerade wie dazumal bei unserer armen Hedwig! Wissen Sie noch? Ziehen Sie nur
gleich die Ueberzge herunter! ... Aber ich will ihn doch erst ein bischen
sauberer machen ... Seinen Rock hab' ich nicht mitgebracht, aber all sein Geld
... ja all sein Geld ... Nur heies Wasser jetzt und das Oel ... Ich mach's so
gut, wie im Spital ... Bis dahin war's mir denn doch fr die Last zu weit ...
    Es war ein gerumiges Schlafzimmer, einfach, aber sauber gehalten, wo
Hubertus den aus seinen Schmerzen nicht mehr Aufsthnenden, nur vor Furcht und
Schrecken in einem starren Schweigen Beharrenden auf eine Strohmatratze legte,
die er aus dem Bett genommen und auf die Erde gebreitet hatte ...
    Dann nahm er das inzwischen heraufgebrachte Oel, verlangte Leinzeug, an dem
im Hause kein Mangel war, und bestrich damit die verbrannten Hnde, die er dann
in die leinenen Streifen einschlug, den Einschlag mit Bndern befestigend ...
    Bickert sah bei alledem bald ihn, bald die Frauen starr an und wagte keine
Frage, erwartungsvoll, was in dieser Lage ihm noch werden sollte ... Hubertus
plauderte immer fort, schilderte das Feuer, lobte die Aufopferung des
Geretteten, sprach harmlose Vermuthungen ber den Grund des Brandes aus und
endete, wie nur so ganz gelegentlich, mit den Worten:
    Im Feuer - ja da bin ich auch gro geworden, wenigstens in vierzig Grad
Hitze - und schon frh hab' ich meine Haut zum Braten hergeben mssen! Einmal -
ei schon als Junge - nein, ich konnte doch schon von den neuen Tabackstengeln
rauchen, die die Spanier dazumal unter Napoleon mitbrachten - als ich zwei Stock
hoch aus einem Brand hinuntersprang, zwei Schlingel im Arm, Jantje der eine und
der andere - Wenzel hie er ...
    So elektrisch getroffen fhrt im Kfig ein Panther auf, wenn er die Nhe
seines Wrters sprt, streckt den Kopf, reckt die Ohren und starrt
erwartungsvoll ins Leere, wie jetzt Bickert ...
    Der Mnch drckte wieder ihn mit nervigem Arme, aber scheinbar ganz harmlos,
nieder ...
    Ruhig, ruhig! sagte er. Jetzt kommen wir ja an die Sonntagswsche! Brav,
Jungfer! brav! Nur her mit dem Schwamm! ... Schade wr's freilich um eure
Betten! Und um eure Prinzessin! Eure weie Unschuld! Richtig - Jantje! Von dem
sprach ich ... Na, dem wre schon damals besser gewesen, er htte das Zeitliche
gesegnet! Verstand hatte er ohnehin nur halbwegs! Manchmal - da kam ein bischen
guter Wille zum Vorschein! Sonst - Hier her, Frau Schmeling! Gelt, Landsmann,
der Schwamm thut gut? ... Ja, Mutterchen, knnten wir Pfaffen doch berall so
die Snden und Brandmale wegtilgen - - besonders die an uns selbst! ...
    Whrend Frau Schmeling die Bemhungen der Pfaffen um solche Seelenwsche
nach ihren neuesten Erfahrungen als hchst problematisch schilderte und
namentlich die neueste hierlndische Seife als viel zu beizend verwarf, wusch
Hubertus die entblten Arme, auf denen er schon lngst beim Herbertragen des
Bewutlosen vom Schlosse die verhngnivollen Zeichen erblickt hatte ...
    Seid Ihr denn da so kitzlich? fragte er, als Bickert dem Aufknpfen der
Jacke und dem Aufstreifen der Aermel wehrte ... Lat doch! ... Franz Bosbeck,
wie ich sonst hie, ist ja keine zimpferliche Dame! Mir gegenber - Ei Jantje,
Jantje - Seid doch nicht so verschmt! Solche Muttermler kenn' ich ja! So! Es
macht sich ...
    Die Frauen hrten diese Reden nicht alle; sie gingen ab und zu, trugen das
schwarze Splicht fort, trugen die Kleider hinaus, brachten ein frisches Hemd,
frisches Wasser. Ehe dann zuletzt eine Suppe kam, die Hubertus schon beim
Hinaufsteigen bestellt hatte, reichte er noch einmal dem mit geffneten Lippen
ihn Anstarrenden die Korbflasche ...
    Bickert trank zwar, sprach aber fr sich Fluch auf Fluch, wilde Worte, die
er sogar - mit der Mutter Gottes bekrftigte ...
    Welche denn? fragte rasch Hubertus. Doch wol die Mutter Gottes von Neus?
    Eine in seinen heimatlichen Niederungen weit und breit verehrte Madonna ...
    Eine andere! sagte Bickert, drckte seine Augen zu und sank aus seinem Trotz
in Erschpfung zurck ...
    Mtterchen, flsterte jetzt Hubertus, nun hilft da nichts! Die Nacht halt'
ich hier oben Wache! Die Matratze liegt schon da; ein Kissen und ich schlafe wie
ein Marder! Mein Kloster soll's hernach schon hren und mich freisprechen, wenn
ich auf Reisen war und Heiden bekehrte ... Und sie warten ja auch sonst nicht
allzu lange mit dem Kartoffelsalat und mit ihrer Grtze auf mich ... Morgen, da
macht Ihr mein Leibgericht ... Speckpfannkuchen mit Kartoffeln ...
    Whrend dieser Plaudereien, bei denen er oft an Lucinde, oft an den Landrath
denken mute, trug der Mnch den Verbrecher ins Bett, das aus einem Ueberflu
von Federn aufgehuft war - dergestalt, da immer noch davon weggenommen werden
konnte und doch genug brig blieb, den jetzt von dem heftigsten Fieberfrost
Ergriffenen zu erwrmen ...
    Die Wirkung, die der Mnch auf den Verbrecher ausbte, war die des
Magnetiseurs ... Bickert war in physische Betubung versunken ... Machtlos
starrte er ins Leere ... Auch von jener Suppe konnten ihm nur einige Lffel
eingegeben werden ... Sein zerschundener Kopf sank ins Kopfkissen zurck und
bald schien es, als wenn er entschlief ...
    Auch Hubertus bermannte dann die Anstrengung ... Er legte sich auf die
Strohmatratze, zog ein Kissen unter den unbehaarten Kopf und in einer
Viertelstunde war im Huschen alles so ruhig, wie nur je zur Nacht die es
antrafen, die Mutter Schmeling zu der geheimnivollsten Feierstunde des Lebens
abriefen ...
    Der Morgen brach an ...
    Es ist ein eigenes Dster, mit dem uns der Tag nach ereigni- und
verhngnivollen Erlebnissen begrt ... Bleiern drckt dann die unabnderliche
Nothwendigkeit; jeder Athemzug, der sonst sich frisch und sorglos von der Brust
gerungen htte, ist gehemmt von Furcht und Erwgung ...
    Hubertus erwachte am frhesten und doch schlugen die Glocken von Witoborn
schon sieben Uhr ... Die Tage brachen jetzt schon zeitiger an ... Hell genug war
es, um sich schon im Hause zurecht zu finden ... Bickert schlief noch - wie eine
jener Ratten, ber die er in den unterirdischen Gngen des Profehauses
sorgloser gelacht hatte, als er es heute beim Erwachen wrde thun knnen ...
Hubertus rechnete bestimmt darauf, da sich zwei Erkundigungen durchkreuzen
mten ... Eine nach dem Befinden des Dieners, fr den man vom Schlo aus Sorge
tragen wrde; eine, die von einer wiederholten Anzeige an die Behrden ausgehen
und in dem gestrigen Helfer vielleicht schon den Urheber des Brandes suchen
wrde ...
    Zunchst hatte er die Sorge um das Befinden des Landraths und die Auskunft,
die Lucinde bei der Messe im Mnster erwartete ...
    Der Verbrecher schlief einen Schlaf, aus dem ihn Hubertus nicht wecken
mochte ... Die Brust hob sich in so regelmigen Zgen, da es ein
Strkungsschlaf schien, den der vllig verthierte und doch wieder furchtsame und
feige Mensch deshalb bedurfte, um die Kraft zu gewinnen fr Hubertus' weitere
Plne ... Immer noch kmpfte er mit sich, ob er einen Mordbrenner der gerechten
Strafe entziehen durfte ... Schon whrend er die Flamme aus der Ferne auflodern
sah und ihm der Gedanke kam: Das, das ist die That, zu der sich der Unglckliche
hat dingen lassen! gab er die Absicht des Schutzes auf und beflgelte nur noch
um Lucindens willen seine Eile - nicht fassen konnte er, wie ein ihm durch
Klingsohr so anziehend gewordenes Mdchen sich an so verbrecherischen Vorgngen
betheiligt wissen konnte ... Dann sah er doch wieder den, den er suchte, als den
Thtigsten bei der Rettung ... Durch diesen unerwarteten Anblick gewann er neue
Gunst fr den Verlorenen ... Selbst wenn er sich sagen mute: Der Verzagende
warf sich nur deshalb unter die Rettenden, um nicht den Schein der Anstiftung zu
haben, die Umstnde zwangen ihn, seine Rolle zu wechseln - erfllte ihn das
Rthselhafte des ganzen Verbrechens mit dem Verlangen, erst aus Bickert's Munde
selbst darber aufgeklrt zu werden ... Dem Arm des Gesetzes ihn zu entziehen,
konnte, nicht unter seinen Entschlssen derjenige sein, der die Oberhand behielt
... Vorlufig jedoch wollte er ihn um Lucindens willen in Sicherheit bringen,
ihn noch heute gegen Abend weiter befrdern und ihm nur fr den einen Fall auf
den Weg nach Bremen verhelfen, da er einen Menschen antraf, dem sich solche
Hlfe noch mit gutem Gewissen gewhren lie, und da ihm keine durch die
Brandstiftung verdeckte sonstige schwere Unthat zur Last fiel ... Um
Aufklrungen ber Bickert's Beginnen konnte er jetzt nicht drngen ...
    Allmhlich lieen sich auch die Frauen hren und sorgten fr einen
erquickenden Morgentrunk ...
    Sollte vom Schlosse geschickt werden, sagte Hubertus, sich zum Gehen
anschickend, so erzhlt nur, da ich ihn ins Spital tragen wollte, aber mit
meinen Krften nur bis hieher reichte! Was man an Erquickungen bringt, nehmt
getrost an! Kann man ihn aber selbst schonen und von Niemanden sprechen lassen,
desto besser! Ich liee an Euerer Statt Niemanden zu ihm ...
    Die Frauen versprachen zu thun, was in ihren Krften stand ... Nur sagte die
Schmeling:
    Wenn aber die Gensdarmen kommen -
    Die Gensdarmen? ...
    Ich vermuthe ...
    Die Gensdarmen? Warum die?
    Mutter Schmeling fuhr mit dem gekrmmten Zeigefinger wieder hinter ihrem
Ohre hin und her und machte nachdenkliche Mienen, obgleich sie sich dabei
entschlossen auf ihre paar noch brigen Zhne bi ...
    Was habt Ihr denn nur? - fragte der Mnch ...
    Mutter Schmeling stand nicht Rede, sondern lsterte ber die Ordnungen der
Welt. Sie stellte hundert Fragen in Aussicht, die ja bekanntlich ein Narr thun
und auf Erden nicht der Weiseste beantworten knnte ...
    Hubertus sah, da diese Erwartung eines Besuchs durch die Gensdarmen nicht
in Verbindung mit dem neuen Hauseinwohner und der Ursache des Brandes stand,
forschte dann auch nicht lnger und begngte sich eingesehen zu haben, da auf
alle Flle sein Plan, Bickerten weiter zu entfhren, von ihm zu beschleunigen
war ...
    Um nach Witoborn zu kommen, nahm er den Feldweg und ber die Kirchhfe
hinweg ...
    Auf das vergoldete Holz und Gestein, auf die welken Krnze, hier und da auf
die grnen Hngetannen blickend, sagte er sich: Der Abend deines Lebens ist
lngst da und wie kommst du noch einmal in deinen letzten Stunden zu solchen
Dingen! Lngst dem Leben entrckt, kannst du vom Abenteuer nicht lassen! Sonst,
unter dem milden Pater Henricus ganz nur den stillen Werken des Klosters
hingegeben, regt dich jetzt dieser schroffe und gewaltthtige Pater Maurus auf,
lt dich umirren wie einen verstrten Geist, treibt dich an die Bahre deines
bsesten Feindes, des Kronsyndikus, nun gehst du schon mit Nachtunholden, die
der Irrsinn und das Verbrechen aufscheucht! Vielleicht fliehst du wirklich noch
mit Klingsohr in den hohlen Eichstamm und verbirgst dich vor den Gesetzen der
weltlichen Obrigkeit und flchtest dich in die den Franciscanern erlaubte
Alcantariner Regel, die ein Heiliger stiftete, der vierzig Jahre lang nur
knieend schlief, der in die Speisen, wenn sie ihm zu gut dnkten, Asche warf,
der der Zeitgenosse Karl's V. im Kloster St.-Just, der heiligen Therese und -
des Don Quixote war! ... Sonst stand Hubertus bei jedem Kinde, das ihm
begegnete, still und konnte mit ihm plaudern, heute hafteten seine Gedanken nur
an dem Namen Lucinde, Picard, Terschka - Von diesem letztern glitt noch alle
Annherung ab, wie Stahl vom spiegelglatten Eise ... So verloren in seinen
Gedanken war er, da er selbst den freundlichen Mann nicht sofort erkannte, der
beim Austritt aus dem Wege zwischen den Kirchhfen auf die Wallanlagen von
Witoborn ihm in einem Einspnner, auf Schlo Westerhof zu vorberjagend
freundlichst nickte ... Der kleine Mann in einem blauen, am Kragen mit Pudelpelz
besetzten Mantel, aus dem die weiesten Vatermrder wie Bram- und Reffsegel
lugten, war Lb Seligmann, der vielgeschftige Gtermakler, der neulich neben
dem hochgemuthen Kfer gestanden hatte, als dieser sein Todtengericht hielt ...
Hubertus wandte sich links den Mhlen zu, die von dem Witobachgrund herber
schon mit Donnerton hrbar wurden ... Es that ihm wohl, diese wilde Musik zu
hren, die vorzugsweise durch die mittlere Mhle, ein gewaltiges an einem alten
Thurm gelegenes Werk, hervorgebracht wurde; unmittelbar war noch ein
weitrauschendes Wehr benachbart, das gestellt und dann in andere Abzge gelenkt
werden konnte; selbst im Winter fror hier nicht die Witobach ...
    Aus diesem Thurm heraus kam in weien, gleichfalls vom Brande Spuren
tragenden Mllerkleidern Hedemann ...
    Beide begrten sich, ohne sich vor dem Lrm des Wassers und der Mhle
verstndigen zu knnen ...
    Hedemann sprach vom Landrath, vom Brande; aber Hubertus mute den Kopf
schtteln. Mindestens dreiig Schritte weit hatten beide ber schmale und
glatteisende Stege hinwegzuschreiten, um eine Stelle zu gewinnen, wo sie sich
verstndlich machen konnten ...
    Der Landrath war noch in dieser Nacht gestorben ... ...
    Sein Diener kam vom Schlo, erzhlte Hedemann, und holte ihn ab ... Dann
wurde es immer schlimmer und schlimmer mit ihm ... In seiner Erschpfung blieb
er und so hat er denn die ewige Ruhe ...
    Was an der Ehre nagt, geht langsam, aber es trifft ... konnte Hubertus
hinzufgen nach den Verhltnissen, die er kannte ... Fr Bickert und Lucinden
schien ihm diese Wendung besorglich ... Wie leicht konnte nun der junge Enckefu
selbst erscheinen ...
    Vom Brand erzhlte Hedemann mancherlei, was zwar schon Hubertus wute, sich
aber doch berichten lie, - um alles noch nach anderer Auffassung zu hren ...
Die Volksmeinung wollte sich noch immer fr den in der Kapelle zurckgebliebenen
Kohlentopf entscheiden ... Im Laboratorium war nichts versehrt ... Gerade
dorthin hatte man das Archiv geborgen bis auf einige Schrnke, die verbrannt
sein sollten ...
    Die Glocken luteten von allen Seiten ... Die kirchen- und altarreiche Stadt
wurde zu den vielen stillen Messen gerufen, die tglich vor der einen tglichen
groen gelesen werden ...
    Ins Mnster mute man niederwrts steigen ... In eine alte Vorkapelle
fhrten erst mehrere Stufen ... Hier standen Grabmler und Standbilder aus
ltester Zeit ... Dunkelbraun und schwarz und lichtlos unheimlich war alles; dem
Innern des Mnsters selbst fehlte nicht das Licht ... Die Fenster waren nicht
bunt ... Pracht und Kunstliebe zeigte sich wenig ... Nur der Hochaltar, der fast
schon in der Mitte der Kirche begann, trug Embleme Jahrhunderte alter
Auszeichnungen ... Messen wurden hie und da in Seitenkapellen gelesen ...
    Hubertus wandelte, an jeder dieser Kapellen sich verneigend, auf dem
steinernen Estrich lautlos dahin und forschte in den Betsthlen nach einer
Knieenden in schwarzen Kleidern, die er unfehlbar anzutreffen erwarten durfte
... Von den Vorgngen auf dem Schlosse des Grafen Mnnich konnte er nichts
wissen ...
    Eine der Bnke zum Knieen nach der andern musterte er ... Mit dem Schein
eines blo uern Interesses durfte er nach seinem Stande nicht in dem heiligen
Bau umherwandeln ... Seinen Rundgang mute er durch ein Niederknieen da und ein
lngeres Beten dort an den Kapellen erklrbar finden lassen ...
    Den Grad seiner aufrichtigen Verehrung vor den Heiligen kennen wir nicht ...
Wir sehen nur, da er hinter der Andacht der Uebrigen nicht zurckbleibt ... Wer
ihn beobachtete, konnte annehmen, da er durch die ganze Kirche, wie dergleichen
oft geschieht, in dieser Form einen Rosenkranz abbetete ...
    Lucinden entdeckte er nicht ...
    Schon waren rings in den Kapellen die Wunderaugenblicke der Wandlung
vorber, schon konnten die murmelnden Priester nahe bei ihrem: Ite, missa est!
angekommen sein ...
    Da fiel neben der letzten Kapelle und schon dicht wieder am Eingang sein
Blick durchs Fenster auf einen eben vorrollenden Wagen, dessen Kutscher eine
Livree trug, die ihm als die grflich Mnnich'sche bekannt war ... Sollte er
dort vielleicht eine Erkundigung einziehen? ...
    Wie er im Begriff war, die Kirche zu verlassen und der dstern Vorkapelle
sich zuzuwenden, begegnete ihm eine tiefverschleierte schlanke Gestalt, einen
schwarzen Mantel von schwerem Pelz bergeworfen - wofr hatte die gute Wally
Kattendyk nicht alles gesorgt! - den Sammethut zierte eine niederwrts gehende
geschwungene Reiherfeder ... Das waren ja die Formen, die er suchte ...
    Ein kurzes Zucken und Stillstehen der an ihm Vorberschreitenden besttigte
seine Voraussetzung ...
    Wohl konnte Lucinde auf den ersten Blick sehen, da die Messen bald vorber
waren ... Aber auch stille Gebete gengten fr ein lngeres Verweilen in der
Kirche ... Sie mute es sein ... Hubertus, der sich an den mchtigen Pfeilern
des mittlern Schiffs hin nachschlich, bemerkte, wie sie die entlegenste Gegend
der Kirche suchte, einen Seitenwinkel mit kleinen runden Fenstern, wo ein alter
Taufstein stand ... Alles war in diesem kleinen Viereck dunkel und still ...
Hier kniete die Angekommene nieder und zog ihr Brevier ...
    Auch Hubertus warf sich drei Schritte von ihr zu Boden ...
    Das Schreckliche ist geschehen! murmelte die Beterin mit offenbar zitternden
Lippen vor sich hin ...
    Hubertus rckte nher ...
    Was wird kommen? fuhr sie mit angsterfllter Stimme fort ...
    Hubertus, der sich in diese wunderliche Form der Zwiesprache nicht sofort
finden konnte, erzhlte das in dieser Nacht von ihm Erlebte ... Oft mute er
dabei in seinem Bericht innehalten, denn bald ging ein Mener vorber, bald ein
Geistlicher, bald ein Singknabe, der von hier zum Orgelchor stieg ... Die
Vorbergehenden muten denken: Zwei Seelen das, die sich heute dem heiligen
Ansgarius gewidmet haben! Denn gerade der Bekehrer der Friesen und erste Bischof
von Bremen stand ber ihnen ...
    Bremen war freilich in minder geweihtem Sinn das Endziel der Hubertus'schen
Mittheilung ...
    Lucinde sagte:
    Geben Sie doch in diesem Fall jede Rcksicht auf die Gesetze preis! Was ist
denn berhaupt Strafe? Was wollen Sie der Obrigkeit ihre Sorgen erleichtern?
Wenn ich Ihnen die Versicherung gebe, da diese Brandstiftung aus dem Gehirn
eines gewi einst seiner Strafe nicht entgehenden Bsewichts entsprang, aber
ehrliche Leute in Verdru bringen kann, so glauben Sie mir's! Entfernen Sie
diesen Menschen auf ewige Zeiten aus dieser Gegend, ja aus unserm Welttheil!
Welche Macht Sie auch ber ihn gewinnen, Sie finden einen mit aberglubischer
Schwche gepaarten verstockten bsen Sinn, den Sie zu heilen und zur Besserung
zu fhren nur die kostbare Zeit verlieren! Seine That mag Gott richten!
Theilweise hat er sie ja schon selbst gebt durch seine Beschdigung und
geshnt sogar durch Aufopferung! ...
    Hubertus hrte in dieser Rede alles wieder, was er von Klingsohr ber
Lucindens wilde Natur wute ...
    Noch machte er gegen die mchtig bestrmende Kraft ihrer Worte die Einrede:
    Aber der Schurke legte Feuer an! Was war seine Absicht? Welchen Gewinn
konnte er daraus ziehen?
    Hinderten ihn nicht vielleicht die Umstnde am Stehlen? flsterte Lucinde.
Untersuchten Sie, wo er etwas geborgen hat, was er sich aneignete? Mit diesen
Forschungen wird jede Stunde mir und andern verderblich und ich schwre Ihnen,
Sie erhalten einst die Aufklrung - ich wrde sie Ihnen schon jetzt geben, wenn
- Sie ein Priester wren!
    Der Laienbruder mute in diesem Augenblick ein Gebet murmeln. Denn die rings
stehenden Bilder der Heiligen lockten auch andere Beter an ... Schon befrchtete
er, da eine daherkommende und jetzt still stehende Dame neben ihnen Platz
nehmen wrde ... Wie war sie zu verscheuchen? Er sah sie mit seinem
Todtenkopfantlitz aus der Kapuze, die er ber sich gezogen hatte, an; da
erschrak sie, da sie zurckfuhr und sich entfernte ... Es war Frau von Sicking
selbst gewesen ... Sie hatte Lucindens Anwesenheit drauen vom Kutscher
erfahren, der das Frulein in erster Morgenfrhe zu ihr zurckbringen sollte ...
Sie erkannte den Mantel Lucindens und die Reiherfeder ... Anreden durfte sie die
Betende nicht ... Der schreckhafte Mnch vertrieb sie in der That zu einem
Altar, der den Schmerzen Mari gewidmet war ... Sie liebte Gottes Wort in
einnehmenderer Erscheinung ...
    Lucinde hatte ein scharfes Auge ... Sie erkannte Frau von Sicking nur etwas
von der Seite aufblickend ... Mit bebender Stimme sprach sie zum heiligen
Ansgarius:
    Ich lasse Sie nicht, wenn Sie mir nicht versprechen, die Gefahr noch heute
zu entfernen! Diesen Menschen vor allem, so weit Sie knnen! Unbekmmert um
seine ruchlose That sollen Sie ihm die Mittel zur Flucht gewhren! Ist Ihnen
dieser Mensch noch vor kurzem von Werth gewesen, warum wollen Sie ihn jetzt
aufgeben?
    Hubertus murmelte ein Gebet, denn Lucinde migte sich nicht ...
    Warum antworten Sie nicht? unterbrach sie ihn. Sie wissen doch wol, was
weltliche Gerechtigkeit ist! Sie, der Sie Ihre Liebe geopfert bekamen, ohne den
lachenden Triumph der Mrder gestraft zu sehen! Erst die gttliche Gerechtigkeit
strafte die Buschbeck ... Waren Sie nicht der gottberufene Richter des Paters
Fulgentius? ... Den Kronsyndikus strafte Gott dadurch, da er den gefrchtetsten
Tyrannen zum Kinderspott machte ... Hat Klingsohr eine Schuld auf sich, so sehen
Sie ja sein tgliches Elend ... aus dem ich brigens Sie und ihn befreien will
...
    Hubertus betete ... Diese Seele ri zu ungestmen Thaten hin ...
    Sie knnen Frost und Hitze ertragen ... Sie werden dem Pater Sebastus zur
Seite stehen mssen, wenn er nach Rom - ohne - Schuhe gehen will ...
    Kennen Sie - auf dem Schlosse - Wenzel von Terschka? ... fragte der Mnch,
dieses Mdchens entschlossene Rcksichtslosigkeit zu allem fr fhig haltend und
zunchst in der That nur um ihrem Drngen auszuweichen ...
    Unwillig ber die unerwartete Querfrage, schwieg sie ...
    Kennen Sie die Herkunft dieses Mannes, den ich nannte? wiederholte Hubertus
...
    Was soll das? ... Das ist ein Cavalier aus Wien ... ein Bhme ...
    War der Mann nie in Rom?
    Lucinde schwieg und wiegte ungeduldig den Kopf ...
    Sie kommen nicht selbst auf Westerhof? ...
    Doch! ... Ich denke ... warum? antwortete sie endlich ...
    Hubertus berlegte, ob er nicht Lucinden zur Vertrauten des Interesses
machen sollte, das er, wie an Bickert, so auch an Wenzel von Terschka nahm ...
    Frau von Sicking's Andacht mute eben gestrt worden sein ... Sie erhob sich
und blickte auf die noch immer Betende, deren Geflster ihr nachgerade auffallen
konnte ...
    Als sie nher kam, hatte wieder Hubertus kein anderes Mittel, sie zu
entfernen, als seinen Blick ... Frau von Sicking ging an einen andern Altar ...
    Ich beschwre Sie, betete Lucinde, verlieren Sie keinen Augenblick! Jeder
Moment des Zgerns ist verderblich -
    Wollen Sie mir nur eines versprechen? - mute Hubertus, und jetzt fast, der
uern Umgebungen wegen, nothgedrungen, sagen ... Sie haben mchtige Verbndete,
groe Beschtzer ... Wollen Sie fr uns sorgen, wenn wir in den Orden der
Alcantariner treten und unbeschuht nach Rom entfliehen?
    Lucindens eigene Wege deuteten schon lange nach Rom ... Sie kmpfte einen
Augenblick, sagte dann aber doch - so mchtig fhlte sie sich in ihrer Anlehnung
an Nck: -
    Ich verspreche es Ihnen!
    Nun erklrte sich Hubertus bereit, da er sofort einen Wagen suchen wolle,
mit dem er Jean Picard nordwrts den Bergen zu fahren knne ... Aufklrungen
ber die Absicht des Verbrechers wrde er nicht frher begehren, als bis er in
Sicherheit wre ... Durch den Preis, den er in Aussicht stellen wrde, nach und
nach die Erbschaft zu gewinnen, hoffe er, sprach er, ein Mittel in der Hand zu
haben, ihn in Amerika festzuhalten und zu einem tugendhaftern Leben zu fhren
... Das Geld befinde sich noch auf dem Gericht in Witoborn und knne ihm
vielleicht am besten durch einen Advocaten zukommen ... Hubertus nannte den auch
hierorts allbekannten Nck ...
    Nein, nein! lehnte diesen Namen Lucinde ab ...
    Hubertus hatte kein Arg und erklrte, sich auch sonst wol helfen zu knnen
...
    Damit erhob er sich und lie die Beterin allein, die es auch ihm wie so
vielen - angethan hatte ...
    Allmhlich erhob Lucinde ihr Haupt von dem Pult, vor dem sie kniete, schlug
erschpft ihr Brevier zu und trocknete die in der That von Angsttropfen
befeuchtete Stirn ...
    Sie hatte die Nacht nicht eine Stunde geschlafen ...
    Frau von Sicking ri sich aus ihrer Anbetung los und schlo sich Lucinden
an, die wie aus einem Traum erwacht sie begrte ...
    Beim Austreten aus dem Mnster erzhlte sie, da sie bei Gewittern und
Feuersbrnsten in einen Zustand gerathe, der sie zwnge, sich in den dunkelsten
Winkel zu flchten ... Sie wre in dem gestrigen Tumult aufgesprungen, htte
sich im ersten besten Zimmer eingeschlossen, auf alles Rufen und Klopfen keine
Antwort geben knnen, bis erst im Schlosse alles still geworden und der
Feuerschein nachgelassen htte ... Dann htte sie ihren Versteck verlassen. Die
Grfin Mnnich htte sie gezwungen, die Nacht auf dem Schlo zu bleiben; doch
schon in aller Frhe wre sie wieder aufgebrochen ... Sie htte das Gelbde
gethan, smmtlichen Altren des Mnsters nach der Reihe ihre Verehrung zu
bezeugen ... Darum auch wre sie zuerst in den Mnster gegangen ...
    An alledem war nichts Unwahres, aber Frau von Sicking hatte gestern doch
schon manches ber Lucindens Vergangenheit erfahren und war heute von einiger
Zurckhaltung. Ihre Erzhlung der Vorfallenheiten auf Schlo Westerhof, whrend
beide im eigenen Wagen auf ihre Besitzung zurckfuhren, hatte die geheime
Absicht, den frhern Beziehungen Lucindens zu Grfin Paula nher zu kommen ...
    Lucinde merkte dies allmhlich, merkte auch die der Grfin Paula nicht eben
gnstige Gesinnung der Frau von Sicking, die mit groer Schrfe urtheilen konnte
... Als sie Lucinden zur Chocolade festhielt, immer wieder von Paula und den
zweideutigen und hchst incorrecten Visionen derselben begann, fiel ihr eine
seltsame Beleuchtung auf die Pracht und Herrlichkeit dieser Niederlassung, auf
die Teppiche, ber die sie hinschritten, auf die kleinen verwickelt angelegten
Cabinete mit gothischen schwarzen Mbeln, bilderbeladenen Wnden, auf die mit
rothem Sammet berzogenen Betschemel ... Die Frau ist neidisch auf Paula wegen
Bonaventura! sagte sie sich ... Wo sieht sie ihn denn? Fhrt sie deshalb so oft
zu Mllenhoff? ...
    Frau von Sicking wollte gegen Mittag nach Schlo Westerhof zur Condolenz und
forderte ihren Besuch auf, sie dorthin zu begleiten ...
    Die eben auf einem silbernen Plateau berreichte neueste Post fr Frau von
Sicking gestattete Lucinden ihren Zorn und das Erglhen ihrer Wangen zu
verbergen ...
    Bei alledem aber, durch den ihr vom Himmel geschenkten Beistand des
Laienbruders, durch - auch ihre Zhmung des Bruder Abtdters doch ermuthigt
und auf ein gnstiges Verlaufen aller dieser Gefahren hoffend, warf sie schon
voll Uebermuth auf ihrem Zimmer ihr Brevier hin, wie - die Schne, die vom Ball
kommt, ihren Fcher, hinter dem sie eine Eroberung machte ...
    Zur Wiederbegegnung mit Bonaventura und Paula interessirte sie sogar der mit
Cherubimkpfen umrahmte Spiegel ...
    Sie fand aber ihr Aussehen doch noch zu angegriffen, als da sie schon heute
diese Scene wagen sollte.

                                      19.


Auch diesen beiden aus Witoborn zurckkehrenden Damen war im Vorberfahren ein
Gru gespendet worden aus dem von Westerhof schon wieder heimkehrenden Wgelchen
jenes gewissen Mannes im blauen Mantel mit dem schwarzen Pudelkragen ...
    Lb Seligmann grte in der allerglckseligsten Laune ...
    Hatte er auch in verschiedenen Spiegeln der Gegend, die er im Lauf dieses
Winters und vor dem Frhjahr nicht mehr verlie, beim Rasiren seines Barts, beim
Kmmen und Ansingen seines wolligen Haares eine nicht gewhnliche Anzahl von
grauen Lckchen bemerkt; doch kamen sie nur als ein zuflliger Tribut an seine
Jahre, nicht als Folge von Kummer und Sorge ...
    In der von so mannichfachen Aengsten und Bedrngnissen erfllten Sphre, die
wir schildern, war er die zufriedenste, frohste, vielleicht die einzige gesunde
Natur, wenn nicht am Krper doch an der Seele ...
    Das Vertrauen, das ihm zuerst Terschka schenkte, das sich dann dem ganzen
Adel der Gegend mittheilte, gab ihm einen Schwung, der nur von jener ihm
manchmal eigenen Rhrung ber sich selbst gemildert wurde ...
    Aber sogar diese Anwandelungen der Wehmuth wie sonst beim Hinblick auf
Kocher am Fall, auf den Korb der Hasen-Jette, auf die schwachen Beine David's,
auf die Blte des Ghetto, Veilchen, die unter der Geldgier seines so
unpoetischen und ihm unhnlichen Bruders Nathan schmachtete, kamen ihm jetzt
seltener. Nur der hierortige Mangel an Opernmusik, die sonst seiner Seele ein so
nothwendiges Labsal war, war eine Lcke in seinem Dasein. Von der classischen
Anmuth der Arie: Ha, das Gold ist nur Chimre! war er musikalisch tief
berzeugt - die Textesworte unterschrieb er bei seinen gegenwrtigen glnzenden
Einnahmen weniger - aber er mute sie sich allein trllern.
    Die Eroberung dieses gewissenhaften Kenners der Ackerkrume, der
Ertragsfhigkeit der Gter, der einschmeichelnden Ueberredungsknste bald beim
Bauer, bald beim Edelmann verdankte Terschka dem Vormittag auf der Villa des
Herrn Bernhard Fuld in Drusenheim. Er lie ihn nach Witoborn kommen und
schlachtete, wie der Kunstausdruck lautet, bereits im voraus die Gter des
Grafen Hugo ein, noch ehe die Uebergabe in allen Formen erfolgt war. In Terschka
hafteten aus den Lebenssphren seiner frhesten Kindheit andere Eindrcke vom
Judenthum, als er sie durch Lb Seligmann empfing. Heyum Picard und - Lb
Seligmann! ... Letzterer mit den rhrendsten Gleichnissen und Sprchen aus dem
Talmud, die ihm Gewinn auf Kosten der Ehrlichkeit verboten -! Lb citirte sie
zuweilen mit einer gewissen jungfrulichen Verschmtheit ... Wir haben ein
Sprichwort, Herr Baron -! Das die stehende und mit Errthen gesprochene Phrase,
mit der Lb ein solches Citat aus dem Talmud anbrachte - wie einen Traum aus der
Menschheit kindlichsten Tagen ...
    Eine wunderbare Kunst besa Seligmann, alle Verhltnisse, in die das Leben
ihm einen Einblick gestattete, - bis auf den Grund auszukosten. Selbst einen so
entschieden negativen Umstand, wie den, da Armgart von Hlleshoven damals, als
er sich die Rettung der kleinen Pensionrinnen von Lindenwerth vor Wassersfluten
so angelegen sein lie, unter den zur Villa Dahinwatenden nicht anwesend war,
benutzte er zur Anknpfung einer Bekanntschaft, ja zu dem seelenvollsten Genu,
Nachgenu der Thatsache: Also, Frulein, Sie waren damals nicht dabei! ... Dabei
sein Auge! ... In seinem Gemth blieb's eine Nachbetrachtung mit den
schmelzendsten Accorden ... Angelika Mller, die kannte er aus der Dechanei und
die hatte er damals gesprochen und demzufolge besuchte er Pttmeyern - und
Grtzmacher hatte einst bei Witoborn als Gensdarm gestanden und demzufolge sah
er sich dessen ehemalige Wohnung und Stall an und knpfte die Bekanntschaften
seiner Nachfolger an und - Also das ist ein Vetter von Ihnen? und ein einziges
seelenvoll so durchempfundenes Verhltni, erleichterte es auch sein Geschft,
das eben im Couragemachen zu Vernderungen und Expropriationen gemthlich
werthgewordenen Eigenthums bestand, so war es das doch nicht allein, was er
dabei suchte ... Benno von Asselyn, mit dem er hier oft zu thun hatte, Benno,
der ihn fr seine Gterschlachterei als Student aus dem Roland geschmissen
hatte, Benno war ihm eine lockerer Bekanntschaft von einem Heimatsgefhl, von
einer Seelenerquickung, als snge, da er ihn zum ersten male hier sah, sein
ganzes Sein: Ich komme aus der Normandie! ... Ebenso elegisch betrachtete er
Thiebold de Jonge ... Ebenso Hedemann; auch unbekannterweise, aber um seines
Sohnes willen, den Landrath von Enckefu, an dem ihn seine Geldverlegenheit um
so mehr rhrte, als er, gelegentlich von diesem um Hlfe angesprochen, bedauerte
erklren zu mssen, da er Geschfte dieser Art nicht mache ... Mit
Bonaventura vollends trat ihm die ganze alte Kathedrale von Sanct-Zeno in Kocher
am Fall wie im Mondlicht entgegen; das Sterbebett der Nachbarin Ley; Treudchen
und mit ihr der Blumenstrau, den er an jenem Morgen fr Veilchen gekauft hatte
... Alles das hob ihm Seele und Gemth ...
    Mit besonderer Andacht besuchte Lb das groe Dorf Borkenhagen. Er
betrachtete sich von allen Seiten jenes Pfarrhaus, wo denn also Leo Perl, sein
leiblicher Vetter, abgefallen vom Glauben seiner Vter, gelebt hatte und
gestorben war ... Er betrachtete die Fenster, die Walleinfriedigung, den Brunnen
und die Scheuer dieser Wohnung mit einem so elegischen Rckblick, da der
jetzige Pfarrer das Fenster seines Studirzimmers ffnete und ihn fragte:
Wnschen Sie etwas? ... Durch seine Seele zogen sich bei diesem rauhen Anruf
alle Tne des Gefhls unverdienter Krnkung, die nur jemals sein angebeteter
Bellini componirt hat ...
    Von Veilchen wute er ber Leo Perl so viel Wunderbares ... Perl war ein
Freidenker und doch - ein Kabbalist gewesen. In Paris hatte er in alten
Pergamenten studirt und trotz Voltaire eine schreckhafte Geisterwelt anerkannt.
Nun erschien ihm Leo Perl wie einer jener Rabbis, die durch gewisse
Zahlenzusammenstellungen, die sie einer thnernen Figur auf die Stirn schreiben,
diese lebendig machen. Eine solche Figur dient dem Zauberer, verrichtet ihm alle
Geschfte, macht das Schwierigste mglich und begehrt keinen andern Lohn dafr,
als gut zu essen und zu trinken. Wischt dann ein Zufall die Zahlen von der Stirn
des Golem oder der Rabbi vergit eine gewisse Formel, so wird das Thonbild zum
leibhaften Teufel und hat schon manchen Nachts im Bette erdrosselt. Gott - so
immer kam ihm die Erinnerung an Leo Perl! ... Das war nun da die Kirche, wo
dieser, ein Jude, celebrirt hatte! Das war nun da der Friedhof, wo er begraben
lag! ... Und das waren die Lehmhaufen, aus denen er sich allenfalls so einen
Golem htte bilden knnen! ...
    Im Kloster Himmelpfort, hie es eines Tages im Wirthshause, lebten noch
Mnche, die den Pfarrer Perl nher gekannt htten ... Mit diesem Kloster kam Lb
durch einen Besuch in Verbindung. Vor noch nicht acht Tagen wurde er in Witoborn
Bei Tangermanns, durch den Kfer Stephan Lengenich berrascht. Der
Gerechtfertigte kam wieder aus dem Gefngnisse, das er jetzt wegen seiner
Betheiligung an jener Versammlung im Roland hatte als Strafe fr geheime
Verbindungen verben mssen. Der vierschrtige, feierliche, exaltirte Mann trat
in einem groen kaffeebraunen Mantel bei ihm ein und gab sich in so fragwrdiger
Schreckhaftigkeit, da Lb Seligmann unwillkrlich an eine seiner Lieblingsopern
Zampa und das erste Auftreten des furchtbaren Ruberhauptmanns denken mute
... Der Kfer kndigte ihm an, da er sein Begehren nach dem Stck Tuch vom
Jagdrock des Kronsyndikus (der bei seiner Ankunft noch lebte) zwar fr einige
Zeit durch Veilchen's Beredsamkeit htte fallen lassen knnen, aber nicht fr
immer und am wenigsten fr jetzt, wo er seit einem halben Jahr schon wieder die
ganze Schwere des Unrechts dieser Welt und der Nichtrechtfertigung vor Menschen
htte erfahren mssen. Er verfluchte den Verfhrer Hammaker, der seinen Lohn
gefunden. Er bereute den Verkauf des Blutackers in Drusenheim. Er war ganz in
jener volksthmlichen Rachestimmung, die bei solchen Gelegenheiten unter
welthistorischeren Bedingungen zu Masaniellos, John Hampdens und Andreas Hofers
machen kann, in unserm Leben, wie es so kommt und geht, leider nur zu
commandirenden Spritzenmeistern. Stephan Lengenich wollte zu nherer Auskunft
ber den Tuchstreifen ins Kloster zu dem Mnche Sebastus. Zitternd und doch voll
hohen Interesses hrte Lb Seligmann die Proposition, ihn dorthin zu begleiten.
Die wildesten Racheklangfiguren aus Fidelio und Lucrezia Borgia tanzten vor
seinem Ohr und Auge ...
    Glcklicherweise - so kann man hier wol sagen und da leugnete Veilchen die
unmittelbare Vorsehung! - war der Kronsyndikus schon in den nchsten Tagen
gestorben und Stephan Lengenich knirschte nur mit den Zhnen. Er kam, um einen
Proce gegen den Kronsyndikus einzuleiten. Eine festliche Einholung in die
Keller der Moppes'schen Weinhandlung, wo ihm seine unterirdische Stellung
verblieben war, hatte er um diesen Proce verschoben. Nicht eher wollte er mit
Blumen geschmckt wie Bacchus auf einem Fasse in die Keller getragen werden
unter Mnnergesangbegleitung - der junge Moppes hatte selbst eine Cantate dazu
componirt - als bis er, endlich im Besitz des Tuchstreifens, zum Landvogt
gesagt: Schlie' deine Rechnung mit dem Himmel, denn deine Uhr ist abgelaufen!
Nun war die Uhr abgelaufen ... Stephan Lengenich sprach mit Advocaten, die ihm
keine Ermuthigung gaben. Seine Entlastung konnte er nur an der Eiche selbst
vollziehen ...
    So besuchte denn Lb Seligmann mit ihm das Kloster Himmelpfort, um auf alle
Flle den Streifen Tuch von Klingsohr zu fordern. Beide trafen den Pater auf dem
Krankenbett. Siech und elend blickte er sie an. Vor dem Kfer, gegen den er
einst falsches Zeugni abgelegt hatte, schlug er die Augen nieder. Auch auf Lb
Seligmann besann er sich; er hatte ihn einst trotz seiner Verehrung vor dem
Judenthum in der Theorie, in der Praxis beim Zinngieer Klingelpeter zur Thr
hinausgeworfen. Bekannt war ihm, da Seligmann die Brieftasche bei Nathan,
seinem Bruder, in der Rumpelgasse gefunden und von der Einlage dem Kfer Kunde
gegeben hatte ...
    Seligmann fhrte das Wort und erzhlte, da nur bisher durch Veilchen's
Beredsamkeit, dann durch eine neue Haft, der Kfer in seinem Verlangen nach
jenem Tuche wre aufgehalten worden, nun aber begehre er dasselbe aufs
bestimmteste von ihm. Klingsohr hatte eben die Kunde vom Tod des Kronsyndikus
erhalten und gab das Tuch und lie geschehen was wollte. Er fragte nach
Veilchen. Lb erzhlte von ihrer Gte und Milde. Klingsohr erwiderte:
    Euch Juden steht es besser an, wenn ihr dem Shylock gleicht! ... Da Stephan
Lengenich! Macht damit was Ihr wollt! Auch aus mir - und - meinem falschen
Zeugni! ...
    Dumpfe Stille in dem Kmmerlein ... Der Mnch wandte dem Besuch den Rcken
und streckte sich, lang wie er war, gegen die Mauer auf sein Lager ... Stephan
Lengenich kannte sein Schicksal. Er sah in Klingsohr einen Gefangenen der
Regierung, einen gottesfrchtig gewordenen Mann, den man verhinderte, fr die
Sache der Kirche zu wirken ... Ihn seines falschen Zeugnisses wegen jetzt noch
zu verklagen verbot seine ganze Stimmung ... Auch wrde ihn die Kunde, er htte
bei weltlichen Gerichten einen Mnch des Meineids beschuldigt, daheim um seinen
Triumph gebracht haben ...
    Pater, sprach er, Sie haben mir viel bitteres Leid angethan, durch das
Unterschlagen dieses Tuchs vom Rock des Mrders Ihres Vaters, das ist wahr -
jahrelang ... Aber ich - ich hre, die Regierung hat Sie mit Gewalt hieher
geschickt ...
    Lb Seligmann zitterte vor den Wirkungen, die dies theilnehmende Wort
hervorbringen konnte ...
    Seligmann! ...
    Herr Lengenich! ...
    Sie schwren uns -
    Gott im Himmel! ...
    In der That wurde eine Flucht besprochen ... Warum sollte der Kfer den
Pater nicht nach Lttich befrdern helfen zu den Vtern der Gesellschaft Jesu?
    Seligmann gab jede Versicherung, die Gromuth des Kfers zu ehren, aber - er
mute mehr erleben ... er war auer sich, als die Verabredung getroffen wurde,
da an zwei einsamen Pappeln, die Sebastus von seinem Lager aus bezeichnete, in
der Dmmerung und am Tage des Leichenbegngnisses Lengenich's Wagen stehen
sollte - dieser war mit eigenem Fuhrwerk gekommen ... Erst als Klingsohr zu Lb
sagte: Sind Sie denn feiger, als ein Mdchen? Meine Flucht war ja von Ihrer -
neuen Deborah veranstaltet! gab er nach ... Veilchen hatte allerdings, selbst
hinterm Ofen noch, etwas vom Geiste der Deborah ...
    Die Flucht scheiterte, wie wir wissen, an der Akustik der Krankenstube des
Klosters ... Stephan Lengenich hatte seine Rede an der Eiche im Dsternbrook
gehalten, hatte, wie sich an alles Erhabene so leicht der Schnrkelstrich des
Lcherlichen knpft, die Unterbrechung durch die Possen Stammer's erleben
mssen, hatte die Genugthuung sowol der Untersttzung des Mnches Hubertus, wie
der ihre Falschheit entlarvenden Ohnmacht jener Lisabeth, die ihn verrathen,
verrathen um eine goldene Uhr, zu der sie schon lange mehr als eine Kette trug
... Alles Wunderbare war geschehen ... Der Zug ging vorber ... Lb Seligmann
zog den neuen Wilhelm Tell, der den Ruf des Tyrannen wenigstens noch mit Pfeilen
des Wortes erlegt hatte, aus dem Gewirr des gestrten Leichenzuges ...
Tangermann in Witoborn wurde nicht erst von dem groen Todten- und Weinrichter
angeschmeichelt um seine Gelbsiegel, als es galt dem Gelungenen und noch
Kommenden zu trinken, er stellte drei Rothsiegel als die Sorte nicht zurck,
die ihm gengen konnte, seine Zunge zu befeuchten, whrend er den umstehenden
Neugierigen Aufklrungen gab ber sein ganzes groartigverschlungenes
Lebensschicksal ... Im Sturm und zu allen Unternehmungen fhig, fand er sich
dann mit seinem Einspnner an den beiden Pappeln beim Kloster ein. Er wartete,
wartete zwei Stunden auf den Flchtigen ... Pater Sebastus kam nicht ... Er fuhr
dann ab, dem Triumphzug in seine Keller entgegen ...
    Lb Seligmann aber dankte Adonai, als er von diesen Beziehungen zu einem so
eigenthmlichen Staatsdemagogen befreit wurde, Beziehungen, in die er sich nur
auf das magische Wort Veilchen und die Hoffnung wieder eingelassen hatte, im
Kloster Himmelpfort wrde er Bekanntschaften machen, von denen er etwas ber Leo
Perl erfuhr ...
    Selbstverstndlich war es, da er sich einige Tage spter die Brandsttte in
Schlo Westerhof ansah ... Er hatte mit so vielen Adeligen in diesen Tagen zu
thun, da er vom Neuesten als Augenzeuge sprechen mute ... Gerade bei einer
Bekanntschaft, die er gemacht hatte, der mit dem Prsidenten von Wittekind und
dessen geschftskundiger Gattin, der Mutter des Domherrn von Asselyn, konnte ihm
ein solcher authentischer Bericht die Brgschaft eines angenehmen Eindrucks
sein, falls er, wozu er Veranlassung hatte, sich gerade heute noch auf Schlo
Neuhof begab ...
    Mit Rhrung hatte er den Arbeitern, die den Schutt aufrumten, im Wege
gestanden; mit betrachtendem Schmerz hatte er sich dem Strahl einer noch immer
gehenden Spritze ausgesetzt ... Er sah, staunte und schttelte sich die Tropfen
ab ... Es war ein frmlicher Einschnitt in die eine Seite des Schlosses
entstanden. Links und rechts von der Brandlcke konnte man die offenen Zimmer
sehen, wie nach Lb's Phantasie im Theater, wenn Zu ebner Erde und erster
Stock gespielt wird ... Haufen von Bchern, Kisten und Kasten erinnerten ihn an
die Rumpelgasse ...
    Eben trugen Bediente und Arbeiter Krbe voll Schriften nach einem entlegenen
Thurm ... Baron von Hlleshoven und Baron von Terschka, beide hatten heute kein
Auge fr ihn. Sie begleiteten die Krbe und hoben auf, was ihnen entfiel ... Es
waren Schriften und Documente und gewi lateinische und franzsische darunter,
die - fr David Lippschtz den Ankauf von Schulbchern ersetzt htten ... Auch
sah sich schon Lb darauf einige an; sie wurden ihm mit Verweisen aus der Hand
genommen ... Dulden ist das Erbtheil meines Stammes! lag in seinen Augen.
Hatte er denn diese Bcher heimlich einstecken wollen? ... Auch Frulein Benigna
war heute den Umstnden entsprechend von mehr abweisendem, als zuvorkommendem
Benehmen gegen den Mann der praktischen Ackerwirthschaft ... Grfin Paula
schwebte da und dort hinter den Fenstern wie ein verstrter Geist. Er hatte viel
von ihren Wundern und Ferngesichten gehrt und befand sich darber, wie seinem
Glauben natrlich ist, im Zustande gelinden Zweifels. Ein Gespensterglaube, der
sich an das Wunderbare durch Figuren von Lehm gewhnen soll, die durch ein
Zahlengeheimni die Befhigung erhalten, jeden Freitag mehr als menschlich
Schalet zu essen, kann im Gemth nicht besonders fr das Wunderbare stimmen ...
    Nur Armgart bercksichtigte ihn pltzlich und sogar mit hohem Interesse ...
    Als sie ihn sah, rief sie ihn voll Schrecken an:
    Ha! Haben Sie wol Neues aus Kocher am Fall?
    Mein gndiges Frulein -!
    Ist mein Vater abgereist? Vielleicht schon in Witoborn? Reden Sie doch! ...
    Mein Frulein -! ...
    Seligmann fand sich nicht sofort in die determinirte Frage ... Er geno noch
erst die Thatsache der Anrede als solche selbst ...
    Als er sich dann in die Begebenheit gefunden, glich sein Antlitz den
Gesetzestafeln, wie sie aussahen, als Moses auf den Sinai hinaufging ...
    Armgart lie ihn, da sein Schweigen nur ein umstndliches Vorbereiten auf
das Verschleiern seines Nichtwissens wurde, ebenso schnell stehen, wie sie ihn
angeredet hatte ...
    Das kostete wieder einige Zeit des Besinnens und wieder einige Spritzengsse
...
    Bei alledem aber doch hchst geschmeichelt und befriedigt von einer so
ehrenvollen Aufnahme carriolte er auf Witoborn zurck ... Er fhrte sein
halbbedecktes Wgelchen selbst ... Es gehrte einem witoborner Kutscher, dem er
ein ansehnliches Pfand fr die richtige Behandlung des Gauls hatte hinterlassen
mssen ... Lb verstand sich aber auf alles, was zum Leben des Landes gehrt ...
Er war die seltsamste realistische Natur, die sich zum Ideal verklrte ... Sein
Wissen und sein Thun erfllt von Thatsachen der Wirklichkeit bis zum Klee und
zum Dnger hinunter und doch sein Fhlen ganz Aether ... Seligmann war kein
Pantheist oder Spinozist - (die Einwendung, die er einst gegen Veilchen's
Pantheismus gemacht hatte, lautete: Ei Veilchen, der Geist Gottes schwebte doch
ber den Wassern. Und Sie sagen: Er schwebte in ihnen? ...) aber sein Gott
blies alle Instrumente und in der Luft klang es ihm wie Sphrenmusik.
    Bei Witoborn wieder angekommen, mute Lb etwas langsamer fahren, denn die
Wallanlagen sind erhht ... Wieder begegnete ihm jener Mnch, der an der Eiche
sich so ntzlich gemacht hatte ... Wieder grte er ihn aufs verbindlichste ...
Fr die abschreckenden Gesichtsformen dieses resoluten Mannes hatte er kein Auge
- Er dachte an Aufklrungen ber Leo Perl ... auch ber den armen Feind von
ihm - ber Sebastus -
    Hubertus ging eine Weile neben seinem Wagen einher und redete Lb an ... Er
lie sich von der Brandsttte erzhlen ... Der Verdacht ber den Ursprung des
Feuers haftete immer noch an dem Kohlentopf ...
    Im Hren und Gehen verfolgte Hubertus einen Plan ... Als Lb Seligmann in
die Stadt einbiegen wollte, bat er ihn, einen Augenblick still zu halten ...
    Wollen Sie einsteigen? sagte der gefllige und seinen Absichten auf diese
Art so nahe kommende Mann und rckte schon zur Seite ...
    Hubertus sagte, er mchte gern einen Kranken, der hier dicht in der Nhe
lge - er wre beim Brande verunglckt - ins Kloster schaffen ... er verstnde
sich auf das Heilen von Brandwunden besser, als die Aerzte im Spital ...
    Aber ich mu auf Schlo Neuhof - entgegnete Lb, theils dem, was er schon
merkte, ausweichend, theils gelegentlich auch die Orientirung ber seine
vornehmen Verhltnisse untersttzend ...
    Das ist nur ein Umweg! - sagte Hubertus. Sie werden nicht viel um eine
Stunde spter ankommen ... Freilich, setzte er hinzu: Mit einem Kranken mu man
langsam fahren ...
    Und diese Worte kamen so vom Herzen, da Lb schon gewonnen war. Gott soll
dich segnen hundert Jahre! hrte er im Geist seine Schwester sagen ...
    So stieg Hubertus schon ein und der Gaul lenkte dahin, wohin der Mnch mit
den knchernen Fingern deutete ...
    Die Kirchhfe gaben gleich den natrlichsten Uebergang des Gesprchs auf die
gemeinschaftlichen Erlebnisse am Dsternbrook, auf den Kfer, auf Pater
Sebastus, von dem Lb erfuhr, da er fr seine beabsichtigte Flucht in der
Strafzelle sitzen mute, auch auf den Tod des Landraths von Enckefu ...
Hubertus erzhlte seine Betheiligung an den letzten Lebensstunden desselben und
mehrte dadurch nicht wenig den Anschlu Seligmann's, der sein Selbander zwischen
Jud und Christ nicht mit den Empfindungen geno, die Andere aus Lessing's
Nathan schpfen, doch jedenfalls mit manchem wohlthuenden Accord aus Templer
und Jdin ...
    Bald war es Mittagszeit ... Lb sprach von einem Wirthshause, wo man in
einer Stunde wrde fttern mssen ... Vor drei, vier Uhr erreichte man beim
langsamen Fahren und Einschlagenmssen von Vicinalstraen das Kloster nicht ...
    Hubertus stimmte zu und Lb begann schon von Borkenhagen. Da aber zeigte
Hubertus auf das Haus der Mutter Schmeling, vor welchem sie halten wollten ...
    Sie fuhren einen Seitenweg von der Landstrae ab ...
    Pltzlich stutzte Hubertus. Er entdeckte einen Gensdarmen, der eben ins Haus
der Hebamme trat ...
    Unwillkrlich fuhr sein linker Arm auf die Kapuze, die sein kahles Haupt
bedeckte, und drckte sie tief ins Gesicht ... Er frchtete sein Erschrecken zu
verrathen ...
    Der Wagen hielt und Hubertus wute eine Weile nicht, sollte er aussteigen,
sollte er bleiben ... Ein Halbdach bedeckte beide, ihn und Seligmann ... Er
drckte sich sogar an die Hinterwand zurck ...
    Kommt der Mann von selbst herunter? ... fragte Seligmann, den Grund des
Zgerns nicht begreifend, und stemmte seine Peitsche erwartungsvoll auf die
Sche seines blauen Mantels ...
    Hubertus schwieg, ermannte sich und stieg aus ...
    Mit Empfindungen, gemischt aus Theilnahme und Urtheil ber
Religionsunterschiede und Neugier ber den Gensdarmen und die ihm unbekannte
Hanthierung der Frau Schmeling sah Lb dem Mnche nach, der mit nackten Fen,
drftig durch die Sandalen geschtzt, in die Nebelnsse hinaustrat und zu dem
sich verengenden Hohlweg erst nieder, dann aufwrts schritt ...
    An der Hauspforte blieb Hubertus eine Weile stehen und horchte ...
    Mutter Schmeling hatte in ihm unbekannten Angelegenheiten Gensdarmen bei
sich erwartet ... Das wute er ... Aber seiner Besorgni schien es nun doch
entschieden, da der an den Landrath gegangene Brief in officieller Weise
wiederholt worden war ...
    War der Verbrecher erkannt, wie konnte er ihn da noch der gerechten Strafe
entziehen! ... Schon ergab er sich und dachte: Arme Lucinde! ... So handelte und
fhlte er schon im Bann ihrer bestrickenden Ueberredung ... So in Erregung schon
durch ein abenteuerliches Leben als Eremit und die Flucht nach Rom ...
    Hubertus hrte die Stimme der Schmeling und das Sbelrasseln des Gensdarmen,
der eben die Treppe hinaufstieg ...
    Je mehr sich dieser von der Schmeling zu entfernen schien, desto lauter
erscholl deren Stimme. Jetzt unterschied er deutlich, was sie hinter ihm
herrief:
    Suchen Sie nur oben! Suchen Sie! Sehen Sie nur, ob bei mir Katzen entbunden
werden! Aber da Sie sich dabei nur vorm hllischen Feuer in Acht nehmen!
Teufels Gromutter mu bse Katzen haben! Mies, mies, mies! ... Komm Mies und
nimm dein Wochensppchen von dem Herrn Gensdarmen! ... Herr Mllenhoff schickt
dir's! Komm! - komm! ... Unser Kindchen hat zwar die Nothtaufe gekriegt, aber
sie ziehen's mit Milch und Wasser auf! Gromutters Mieschen! ...
    Hubertus, der kaum etwas von einer Katze gehrt hatte, als er annehmen
konnte, da doch wol hier eine andere Fhrte, als die des Brandstifters gesucht
wurde, hatte die Beruhigung, den Gensdarmen, der, als er dann eintrat, schon
wieder die Treppe herabstieg, lachend sprechen zu hren:
    Schon gut, schon gut - Frau Schmeling! Wir thun eben, was uns befohlen wird!
Ich hre und sehe und, was die Hauptsache ist, ich rieche nichts von Katzen bei
Ihnen! Nmlich Katzen, die hier gejungt htten! Schon gut! Schon gut! Ei, da
kriegt Ihr ja Mittagsgste! Wir haben heute alle Hnde voll zu thun! ... Nun, er
ist richtig hinber, Vterchen! ...
    Wer? fragte Hubertus, dessen Gedanken nur an Bickert hafteten ...
    Der Landrath! ... Ja so! Den Menschen vom Schlo oben sucht Ihr? ... Wetter,
das war gestern Abend Euer Meisterstck! ... Ich glaub's wol, da Ihr ihn nicht
weiter habt bringen knnen als bis hieher! ...
    Frau Schmeling hielt schon inzwischen dem Landrath nicht die erbaulichste
Nachrede ... Und der Gensdarm schilderte Hubertus' gestrige Rettung des
grflichen Dieners ... So ging denn diesem alles gemthlich und beruhigend ...
    Inzwischen fiel der immer doch noch nach Katzen sphende Blick des
Gensdarmen auf ein junges Mdchen, das in der Kche stand ....
    Ei Lene! sagte er erstaunt und fuhr mit zweideutigem Tone fort: Sie hier?
Na! das dacht' ich wol, da es mit Ihr so weit kommen wrde! Geb' Sie nur keinen
Unrechten an! ...
    Frauen, wie Mutter Schmeling, sind immer in der Lage, bei vermglichen
Leuten fr Ammen sorgen zu mssen und die Lene war ein blitzugiges schwarzes
Ding, das nchstens dazu empfohlen werden konnte ...
    Ja, sagte die Hebamme hhnisch, auf dem Finkenhof kommt nun bald keine mehr
zu Schaden! Der Finkenhof wird ein Betsaal ...
    Bruder, Bruder, fuhr inzwischen schon wieder dem Mnche zugewandt der
Gensdarm fort ... Die Leiter so lange frei zu halten, das htte keiner fertig
gekriegt! ... ... Und schon am Morgen bei der Jagd die Noth mit unserm Alten!
... Der ist denn also hin ... Guter Kerl ist er gewesen, das ist wahr, aber
krank war er im Kopf schon lange; vor lauter Ambition! Wir sagten's nur keinem
... Als der Kronsyndikus begraben wurde, sagte er noch: Gebt Acht, nun wei ich,
was der arme Tropf mir vermacht hat ... Hier auf den Deetz zeigte er ... Was
steht denn da drauen fr ein Fuhrwerk? ...
    So unterbrach schon wieder der Umsichtige sein Deuten auf den Kopf ...
    Hubertus sprach ohne langes Besinnen, der Mann im Wagen drauen wolle ihm
helfen den Kranken ins Spital bringen ...
    Herr Seligmann? ... Das Fuhrwerk gehrt Schninghs ...
    Mit diesen ruhig controlirend hingesprochenen Worten war der Scharfsphende
in verhallender Rede zum Haus hinausgetreten und schon zum Hohlweg hinunter und
auf Lb zu, der ihn mit herabgezogenem Hute begrte ...
    Inzwischen hatte das Lachen und Zanken der Schmeling fortgedauert ...
    Die Hauptrollen dabei spielten Staat, Kirche, Welt, Zeit, Sitte, Vorurtheil,
das Gleichni vom Splitter und Balken, der Pfarrer zu Sanct-Libori und ein
junges Ktzchen, dessen Mutter man bei ihr suchte ...
    Hubertus war zu beschftigt mit seinem nchsten Vorhaben, um sich lange bei
diesem Zwischenfall aufzuhalten ...
    Wie geht's denn oben? fragte er, als die Magd ihm den gestern bestellten
Speckkartoffelpfannkuchen brachte, dessen Fett- und Zwiebelgeruch das ganze Haus
durchduftete ...
    Suppe hat er und auch ein Stck Fleisch genommen! hie es ...
    Nun, dann wird er's ja aushalten knnen! Ich nehm' ihn jetzt - mit ins
Spital oder ...
    Hubertus murmelte whrend des Essens und sah sich, scheinbar ruhig, nach der
vorerwhnten Lene um, die sich auch vor ihm versteckt hielt ...
    Jetzt trat sie vor und stand mit kecken, funkelnden Augen vor dem Bruder und
setzte dem Kopfschtteln desselben eine leichtfertige Geberde entgegen ...
    So, so weit also, Lene! sagte Hubertus ... Das htt' ich wissen sollen, als
ich dir deine Briefe an den braven Wachtmeister schrieb, der dich heirathen
wollte ...
    Die Lene zog den Mund und lie Mutter Schmeling reden ...
    Die Lene ist heilig! kicherte diese. Ja, heilig, sag' ich Ihnen! Wer bei
einem Pfarrer gedient hat, der kann gar nicht sndigen ...
    Hubertus lie sich auf so leichtfertige Anspielungen nicht ein ...
    Inzwischen klatschte drauen Seligmann ungeduldig mit der Peitsche ... Es
fing ihn an zu frieren, zu hungern und - die Zwiebeln und der Speck dufteten wol
auch anmuthend zu ihm hinber ...
    Hubertus eilte nach oben und war im Begriff, in das Staatszimmer einzutreten
...
    Als er die Thr ffnete, bot sich ihm ein erschreckender Anblick ...
    Der Kranke stand im Hemde, mit den beiden eingewickelten Hnden in
abwehrender Stellung ... Furcht und Schrecken auf seinen Mienen ... Unfehlbar
hatte ihn in solche Aufregung das Suchen des Gensdarmen gebracht, den er im
Hause gehrt hatte ... Zwar hatte der Gensdarm nur die Thr geffnet und den
grflichen Diener in seiner gestreiften Jacke scheinbar schlafend gefunden und
sich mit leichtem Murmeln ohne weiteres entfernt ... Aber Bickert war hinter ihm
her aufgesprungen und stand jetzt da, wie auf Tod und Leben gerstet ...
    Jantje, Jantje! rief Hubertus, indem er sich schon zu einem Handgemeng
rstete ... Ihr erkltet Euch ja! ...
    Wer ist Jantje? sthnte Bickert, aber mit gesammelter uerster Kraft ...
    Ei sieh, sieh, du kannst reden! ... Ich dachte gestern - Bei so groem
Schreck hat mancher einen Krampf im Kinnbacken weg - zeitlebens ...
    Schreck? ... Worber? ... Wer seid Ihr? ... Bringt mich aufs Schlo! ... Zu
meiner Herrschaft, sag' ich ...
    Hubertus wute nicht, ob ihn der stumpfsinnige Mensch nicht mehr erkannte
und keine Erinnerung hatte an den gestrigen Tag, keine Erinnerung an seine
frheste Knabenzeit, die ihm gestern doch nicht ganz verklungen zu sein schien,
oder ob er seinen Absichten mistraute und sich so nur verstellte ...
    Es ist ja ein Kohlentopf gewesen! sagte er mit Schrfe und drngte damit den
vor Klte Zitternden ins Bett zurck. Jetzt aber ruhig da! Euere Stalljacke hlt
nicht warm ... ich habe unten eine tchtige Rodecke ... Ja, ein Kohlentopf
war's, von dem das Feuer auskam! ... Nun, haltet doch nur! ... Ich ziehe Euch
jetzt an! ... So war's nicht immer dazumal, wenn Hayum Picard an der Waldecke
stand und pfiff und von der Windmhle pfiff's wieder und Abraham kam und - nein,
seine Gevattern knnen wir nicht von Leon Levi und Moses Ocker sagen - die Taufe
kam erst in Brest, wo sie einem dann - haha! - gleich so ein hbsches
Pathengeschenk mit auf den Arm brannten ... Haltet doch nur! ... So zart hat uns
freilich die Hanne Sterz dazumal Sonntags nicht geputzt! ...
    Die Macht aller dieser Worte war niederschmetternd ... Der Verbrecher
vermochte nicht dagegen aufzukommen ... Hubertus wrde beim Ankleiden ruhig so
haben fortfahren knnen, die Erinnerungen und das Gewissen des verstockt
Niederblickenden zu wecken, wenn nicht vor Ungeduld, Neugier, Nchstenliebe,
Anziehungskraft des Pfannkuchens Lb Seligmann auf der Treppe erschienen wre
und sich erboten htte, den Kranken tragen zu helfen - Gott! Bei deinen
Krften! hrte er im Geist die Hasen-Jette sagen ... Dem Gaul hatte er die
Leine gekrzt und ihn vertrauensvoll stehen lassen ...
    Auf diese Art konnte Hubertus keine andere Verstndigung herbeifhren, als
soweit nthig war, den jetzt Angekleideten zum Folgen zu zwingen ... Sich tragen
zu lassen widerstand Bickert ...
    Wohin? murmelte er ...
    Gott im Himmel! sprach Lb Seligmann, staunend ber diese Widersetzlichkeit
... Der Mann ist noch im Fieber ...
    Wohl mute er ber die wilde Miene des Trotzes, ber den Widerstand gegen
eine Hlfe, die ihm so liebevoll geboten wurde, befremdet sein ...
    Hubertus fhrte Bickert und sprach laut:
    Da ich Euch nur da am Arme nicht weh thue! ... Da, wo Ihr das Brandmal
bekommen habt, Aermster! Ich meine, gestern ... Es sieht aus, wie wenn auf dem
Arme chinesische Buchstaben stnden ... Chinesisch hab' ich lesen gelernt ...
Ein Jahr spter, als wir alle von Mynheer Kattrepel abgeholt wurden - wit Ihr
Vater Kattrepel unterm Dreibein - ich meine - als ich unter die Soldaten nach
Java ging ... Ja Lene! Lene! ... Wachtmeister war ich auch einmal ... Und
betrogen - das wurd' ich auch! ... So aber nicht, wie der brave Spikermann von
dir! Leichtsinniges Ding! La dir's nur erzhlen von Mutter Schmeling! ... Frau,
rechnet Euch all Euer Gutes vor Gott an - und auch dies Werk der Barmherzigkeit
- ich meine, wenn Ihr einmal zur Rede stehen mt fr Euere lsterlichen Reden
ber den Pfarrer zu Sanct-Libori und uns andere Gottesheilige ...
    Im Verlassen des Hauses mute Hubertus den auf dem glatten Boden bergab
Ausgleitenden dennoch tragen ... Bickert wute nicht, ging es mit ihm hinter
Schlo und Riegel oder zur Freiheit ... Wer der Mnch sein konnte, dessen
entsann er sich ... Dennoch, selbst wenn er ein Gegenstand nur wohlwollender
Absichten blieb, erbitterte ihn die Entdeckung seiner Thterschaft, die er so
tief verschleiert geglaubt hatte und von der er auch jetzt annehmen konnte, da
sie hier Niemand auer diesem Mnche wute ... Hammaker, der ihn gedungen und
kurz vor seiner Verhaftung mit der Urkunde versehen hatte, war todt - Noch
einmal erhob er sich, schlug um sich und rief:
    Ich will auf's Schlo! ... Zu meiner Herrschaft!
    Lb Seligmann fuhr so jhlings zurck, da er fast noch gefallen wre zum
Dank fr all seine Menschenliebe ... Nur die Kraft und Geistesgegenwart des
Mnchs halfen zuletzt zum Ziel ... Hubertus setzte den in eine Pferdedecke
Eingeschlagenen entschlossen in den Wagen, wies Seligmann vorn auf den Bock,
nahm neben Bickert Platz ... So fuhren sie alle drei von dannen ... Bickert
zusammengekauert in der Wagenecke ... Hubertus neben ihm, voll Grbeln ber
seine weitere Hlfe und hinausstarrend in die winterliche Gegend ... Lb vorn
mit zurckkehrender Heiterkeit und Redseligkeit, die sich um so mehr in kleinen
zuweilen getrllerten Liedchen kund gab, als beim Ort Borkenhagen die
Aufklrungen ber Leo Perl beginnen sollten ...
    An dem von Lb bezeichneten Wirthshause wurde halt gemacht und der Gaul
gefttert ... Auch Lb nahm hier mit Auswahl, was sich vorfand ... Hubertus
verschmhte trotz seines Pfannkuchens nichts, was ihm noch hier die Kche
schenkte ... Bickert aber lehnte alles ab ... Ja er fing an sich mit dem Gaul zu
befreunden ... Hubertus blieb in der Nhe, um jede verdchtige Bewegung zu
beobachten ...
    Kennt Ihr mich also jetzt, Jean Picard? fragte er, indem er zu ihm mit einem
Suppentopf herantrat und selbst mit dem hlzernen Lffel a, den er immer bei
sich fhrte ...
    Bickert sagte, dster die buschigen Augenbrauen zusammenziehend und ihn voll
Verlegenheit angrinsend: ...
    Ich kenne Euch nicht und heie auch nicht so ...
    Das wre schlimm! entgegnete Hubertus. Denn ich bring' Euch in mein Kloster,
wo ich gerade fr den, dem Ihr so hnlich seht, eine hbsche Summe Geldes liegen
habe ... Im Bettstroh, Brderchen, heben wir uns manches auf ...
    Der Verbrecher drehte sich vor Unruhe hin und her ...
    Da Ihr's brauchen knnt, wei ich von einem wunderschnen Frulein ... Wei
der Himmel, wie die an Euch gekommen ... Ja, es gibt manchmal seltsamen
Geschmack ... Aber Amerika ist weit und einen guten Platz wollt Ihr doch auch
haben, wenn Ihr zu Schiff geht, nicht einen, wo immer drei auf zehn sterben ...
Srge gibt's auf dem Wasser nicht, das wit Ihr ... Wer draufgeht, ins Wasser!
... Ganz so nackt, ganz so kahl, wie dazumal, wit Ihr, der Todte war, dem ein
Teufel seine letzte Ruhe strte ...
    Bickert erhob sich starr ...
    Rollt Ihr so die Augen? ... Im Mondschein hab' ich vielerlei gesehen, Lwen
und Tiger ... Auch Menschen, die sie zerrissen hatten ... Aber keinen kalten
Todten, dessen Seele schon im Himmel ist und der neben seinem Sarge liegt, in
dem ein Mensch noch nach Geld sucht! ... War denn kein heiliges Bild in der
Nhe, das dazu zu sprechen anfing? ... Hayum's Taufe mag freilich nicht tief
gegangen sein ... Hanne Sterz aber war leidlich fromm ... Wo steckt die wol
jetzt? ... Auch unter der Erde? ...
    Bickert sah bei diesen scharf betonten und fast nach den Silben ihm
zugezhlten Worten empor wie zu einem Richtschwert ...
    Inzwischen brachte Seligmann ein Glas Wein, das er dem Kranken anbieten
wollte ... Die Kunde von dem beim Brand Verunglckten, durch Hubertus so
aufopfernd Geretteten hatte sich im Wirthshause verbreitet ... Der Wagen wurde
von Neugierigen umstanden ... Bickert verbarg sich in seiner Decke ...
    Die Fahrt ging weiter, ohne da Hubertus sich vollkommener mit Bickert
verstndigen konnte ... Bickert sah ihn wie den Boten seiner Richter an ...
    Tapfer und frisch ermuthigt schwang Seligmann die Peitsche ...
    Hubertus gerieth ins Erzhlen und brachte Dinge zur Sprache, die nach allem,
was von ihm erlebt worden war, wunderbar genug sein konnten ... Allmhlich
schien Bickert darber zur Ueberzeugung zu kommen, da wol am gerathensten sein
wrde, den guten Absichten des Alten, auf den sich sein verdstertes Gedchtni
besann, zu vertrauen ...
    Schon war es Dmmerung, als die langsam gehende Fahrt bei Borkenhagen am
dortigen Pfarrhause ankam ...
    Auf Lb Seligmann's Frage nach Leo Perl erwiderte Hubertus in der That:
    Ja, den kannt' ich! Es war ein getaufter Jude! Juden - nehmen Sie's nicht
bel, Herr - Juden sind die curioseste Nation ... In Java hab' ich sie gerad
gefunden, wie hier ... Brave Seelen darunter, wie Sie, Herr, wahre Samaritaner
... Aber - auch schlimme - blutdrstige sogar - - Wo sie unter sich und nach
ihren eigenen Gesetzen leben, begreift man, wie sie sonst steinigen konnten,
hinter Propheten herliefen, die um Wunder fragten und wenn sie auch noch soviel
thaten, sie ans Kreuz nageln lieen ... Das ist die alte heie Sonne Asiens ...
    Auch Lb fhlte in den Finales und bei den Chren der heroischen Opern immer
etwas vom Blut der Makkaber und gegen Bernhard Fuld hatte er an jenem
Drusenheimer Sonntage wirklich im Geist nach dem Schwert gegriffen ... Doch
lehnte er alle diese Ansichten ber das Temperament seines Volks ab und sagte
lachend:
    Der Jude ist hei, das ist wahr! Aber wie Gott der Herr ist er - ein Busch
voll Feuer! Hat Einer Courage und greift zu, keiner verbrennt sich!
    Bei Erwhnung des Namens Leo Perl und des Umstandes, da Seligmann mit
diesem Priester verwandt wre, horchte Bickert auf ... Auch ihm war dieser Name
erinnerlich - als Unterschrift unter dem lateinischen Papier, das er im Sarge
des alten Mevissen statt Geld gefunden und an Lucinden gegeben hatte zur
Uebergabe an Bonaventura ...
    Ich sagte, fuhr Hubertus fort, da ich den Pfarrer Perl kannte ... Aber
eigentlich zum Kennen war der Mann nicht ... Er verrichtete sein Amt, war ein
groer Redner, celebrirte wie ein Heiliger, stattlich stand er am Tabernakel ...
Aber in seine Nhe lie er Niemanden und die Leute frchteten sich vor ihm ...
    Warum ist er Christ geworden? ...
    Aus Erleuchtung - denk' ich ...
    Da oben hinterm Berg der Kronsyndikus und der Dechant von Asselyn in Kocher
am Fall waren die Ursache seiner Erleuchtung ...
    Auf den Namen Asselyn zuckten die Augenbrauen des Verbrechers und auch
Hubertus kam von Seligmann's Fragen durch die Erwhnung des Kronsyndikus ab ...
    Seligmann unterbrach jedoch sein Grbeln:
    Sie haben Leo Perl nicht nher gekannt?
    Nur einmal in meinem Leben hab' ich ihn gesprochen ...
    Was hat er gesprochen? ...
    Gesprochen hat er, um es recht zu sagen, vorher schon ein Jahr lang mit mir,
aber durch Blicke ...
    Durch Blicke ... Wie so Blicke? ...
    Immer, wenn er mir im Feld begegnete, sah er mich mit seinen groen
schwarzen Augen an ...
    Warum sah er Sie an? ...
    Ich war damals Jger gewesen und eben erst ins Kloster gegangen ... Oft war
mir, wenn ich ihn grte, als wollt' er mit mir reden ... Dann blieb ich stehen
... Aber er ging vorber ... Das dauerte, bis seine schwere Krankheit kam ...
    Welche? ...
    Die Zehrung ...
    Der starke Mann die Zehrung! ...
    Wenn er hustete, krachte es wie ein Gewlbe ...
    Gott im Himmel! ...
    Ich lie ihm ein Mittel anbieten ... Ich dokt're schon lange ein wenig ...
    Es half nichts ...
    Er nahm's gar nicht ...
    Nahm's nicht ... Aus Stolz auf die Gelehrsamkeit ... auf seine
Wissenschaften ...
    Oder er wollte keine Furcht vorm Tode zeigen ... Das sagte er mir einst, als
ich das einzige mal mit ihm gesprochen hatte ...
    Warum sprach er mit Ihnen? ...
    Er wollte mir fr mein Mittel danken ...
    Wollte Ihnen danken! ...
    Bruder, sagte er, ich werde sterben ... In drei Tagen bin ich todt ...
    Wut' er das? ...
    Wollt Ihr mir einen Gefallen thun?
    Sprach der Pfarrer zu Ihnen ... Und Sie thaten ihn? ...
    Finster zuckten seine Augen ... Er mute wieder heftig husten ... Als sich
die Brust beruhigt hatte und er wieder sprechen konnte, schickte er seinen Vicar
hinaus ...
    Seinen Vicar ...
    Namens Langeltje -
    Langeltje ...
    Nun sah er sich um und sprach mit seiner heisern Stimme: Bruder Hubertus,
ich habe von Euch manches Gute gehrt! Aber auch Euch ist's schlecht im Leben
ergangen! Auch Euch haben Liebe und Freundschaft betrogen ...
    Was? Wen hat Liebe und Freundschaft betrogen?
    Aber nicht alle sind so vershnlich wie Ihr! ...
    Wer sind die Andern? ... Wen hat die Liebe betrogen? ...
    Andere bleiben, was sie sind, andere treibt die Rache -
    Wen hat die Rache getrieben? ...
    Bei diesem Worte erstickte des Pfarrers Stimme und der Husten begann so
heftig, da es wol eine Viertelstunde bedurfte, bis er sich erholt hatte ... Nun
erhob er sich von seinem Lager und flsterte mir zu: Da! Wenn ich todt bin,
Bruder, seht - da hab' ich eine Schrift ...
    Bickert's furchtentstelltes Antlitz bekam einen Ausdruck schrferer
Fassungskraft ... Doch Hubertus merkte nichts davon ... Nur sorgen mut' er, da
Lb nicht vor Ansammlung von Mittheilungsstoff fr die Rumpelgasse sein Pferd
aus dem Auge verlor ... Er fuhr fort:
    Wenn ich todt bin, sagte der Pfarrer, da hab' ich eine Schrift ... Schwrt
mir zu Gott dem Allmchtigen, da Ihr diese Schrift nie erbrechen wollt! ...
Seht, sie ist mit meinem Kirchensiegel gesiegelt ...
    Bickert fhlte handgreiflich in der Erinnerung dies Siegel des lateinischen
Briefes ...
    Tragt diesen Brief, sowie ich begraben bin, hrt Ihr, nicht gestorben,
sondern erst, wie ich begraben bin, so, wie sich einem Pfarrer geziemt begraben,
versteht Ihr, nach Witoborn - hrt Ihr, zum Bischof ...
    Warum zum Bischof? brach Seligmann erstaunend aus, denn er war auf
Testamentsgedanken gekommen und deutete im Ton an, ob katholische Pfarrer ein
Testament nicht einfach bei den Gerichten niederlegen drften ...
    Zum Bischof! besttigte Hubertus. Es war dies damals der Bischof Konrad ...
Ein Freund meines guten Guardians, des Provinzials Henricus ... Ein sanfter,
milder Greis, der den Pfarrer Perl getauft hatte, ihn im Seminar zu Witoborn
unterrichtete, zum Priester weihte ... Ein guter, hoch in die Jahre gekommener,
vergelicher Mann ... Er steht immer noch lebendig vor mir - mit einer Nase ...
so lang ...
    Htten Sie die Nase gehabt und gemerkt, was in dem Briefe stand! ...
    Das erfuhr ich nie ... Der Brief war an die Curie gerichtet und abzugeben an
den Bischof ... Dem gab ich ihn ... Der Bischof erbrach, sah eine lange
Zuschrift in Latein, legte sie zum sptern Lesen zurck und plauderte mit mir
... Nun - und das ist alles, was ich mit Leo Perl im Leben zu thun gehabt habe
...
    Mit einer nur scheinbaren Geringschtzung sagte Seligmann: Was kann er
geschrieben haben? ... Er wollte damit nur verschleiern, da man ja hier eine
auerordentlich wichtige Entdeckung anzunehmen htte ...
    Hubertus zuckte die Achseln ...
    Warum war der Brief lateinisch? ...
    Er hatte ohne Zweifel die Bestimmung, nach Rom geschickt zu werden ...
    Warum nach Rom? ...
    Weil der Heilige Vater alle unsere Wnsche in dieser Sprache zu hren
wnscht ...
    Warum schickte er seine Wnsche nicht selbst nach Rom? ...
    Der Weg fr einen Pfarrer geht nach Rom nur ber seinen Bischof ...
    Wissen Sie was? sagte Seligmann in immer mehr sich steigerndem Verlangen,
hinter diesen letzten Willen seines leiblichen Vetters zu kommen ... Ich glaube,
der Bischof hat den Brief gar nicht nach Rom geschickt ... Ich meine deshalb,
weil er so vergelich war ...
    Nicht unmglich ...
    Und wenn er ihn doch schickte, dann hat er vorher eine Abschrift genommen
...
    Was fr Rom bestimmt ist, mu fr Rom bestimmt bleiben ...
    Nein, ich sage, der Brief liegt noch drben im witoborner Archiv und enthlt
die Anzeige, da sein Vetter Lb Seligmann oder ein Kind von Henriette
Lippschtz, Namens David Lippschtz, alle seine geheimen Ersparnisse erbt, die
Bcher ausgenommen, die ein gewisses Frulein Veilchen Igelsheimer kriegt, deren
Liebe und Freundschaft ihn nicht betrogen haben, und die alten Kleider, die sind
frs Geschft seines Vetters Nathan Seligmann bestimmt ...
    Fragen Sie die jetzige Frau von Wittekind da oben! ... sagte Hubertus, von
der nicht ganz im Scherz gemeinten Rede erheitert ... Ihr erster Mann war der
Regierungsrath von Asselyn, der Vater des Domherrn von Asselyn ... Sie kann
vielleicht -
    Was kann die Frau, die ich ja heute noch sehen werde? ... sagte Lb und
wandte sich auf Hubertus' Stocken um ...
    Hubertus zeigte aber eben nach dem Kloster Himmelpfort, das jetzt erreicht
war und nur noch allein seine Gedanken in Anspruch nahm ...
    Wir sind am Ziel! sagte er, lie halten und setzte nur noch, schon im
schnellen Absteigen begriffen, hinzu:
    Der Regierungsrath hat bald nach dem Tod des Bischofs alle Bibliotheken und
Archive Witoborns zu ordnen gehabt ... Wenn er die Schrift damals noch vorfand,
so liegt sie vielleicht in der Bibliothek des Knigs; sie war wie in Kupfer
gestochen ...
    Diese Reden verhallten schon in den Zurstungen des Aussteigens ... Die
ernsteste und schwierigste Aufgabe war eben jetzt fr Hubertus zu lsen, die,
Bickert unbemerkt ins Kloster zu schaffen ...
    Er lehnte ein Vorfahren am Kloster entschieden ab und weckte erst jetzt
damit in Seligmann's Zgen einen Anflug von Staunen und Mistrauen ...
    Es war dunkel geworden ... Das Wetter war ganz in Regen umgeschlagen ...
Schwer senkten sich schon lange die Nebel ber die nahen Hhen ... Einsam und
still lag das Kloster ... Hier und da blitzte in einer Zelle ein Licht auf ...
Um acht Uhr ging dort schon alles zur Ruhe ... Zwischen sechs und sieben fand
der Imbi zur Nacht statt ...
    Vorzugsweise hatte Hubertus beim Erzhlen immer die Kirche im Auge behalten
... Am Zifferblatt der Kirchthurmuhr schien er die Minuten zu zhlen, die noch
brig waren bis fnf ... Um fnf wurde meistens die Kirche geschlossen ...
Zugnglich war sie berhaupt nur in einem Nebeneingang, der halb schon ins
Kloster selbst fhrte ...
    An den beiden Pappeln, wo Stephan Lengenich so lange vergebens gewartet
hatte, um den Pater Sebastus in seinem Wagen mitzunehmen, hielt nun auch
Seligmann und sah, wie Hubertus, den Schlag ffnend, dem jetzt ruhig folgenden,
immer stiller gewordenen Kranken den Arm bot, um ihm hinunterzuhelfen ...
    Schon lutete es drben zur Vesper ... Hubertus wute, den Strang zur
Vesperglocke zog Pater Ivo ... Vor dem konnte er ruhig vorbergehen und sogar
Bickert im Arme tragen, der Pater wrde nicht aufgeblickt, sondern nur gesungen
haben: Maria, Maienknigin!
    Hubertus wandte sich an den ber das Geheimnivolle im Benehmen des Mnches
jetzt immer mehr betroffenen Seligmann mit den Worten:
    Guter Mann! Ich danke Ihnen von Herzen! Aber thun Sie mir jetzt nur noch
einen Gefallen! Warten Sie noch ein Viertelstndchen ... Ich mu - erst die
Bewilligung - des Guardians - einholen ... Ein Viertelstndchen! Dann vielleicht
- komm' ich zurck ... Wo nicht, nun dann ist alles gut, dann dank' ich Ihnen
herzlich und wollen Sie mir nur noch Eines zu Liebe thun, so sprechen Sie von
unsrer Reise mit Niemanden, der nicht darnach frgt oder, besser noch, zu fragen
ein Recht hat! Vor Allem von der Unterkunft des Mannes hier im Kloster schon zu
Niemand - Sie wissen, es ist wegen der Doctoren! Wir sollen ja im Kloster nur -
die Seelen heilen! ...
    Seligmann, der nicht gern auf ungesetzlichen Wegen wandelte, versprach etwas
befangen, warten und schweigen zu wollen ...
    Hubertus fhrte den Kranken langsam dem Kloster zu und verschwand mit ihm
allmhlich hinter Hecken und im Abenddunkel ...
    Jetzt erst bekam doch der ganze Vorfall mit seinem Samaritanerherzen etwas
auffallend Abenteuerliches fr Lb ... Perl's lateinischer Brief an den Bischof
von Witoborn ... Die geheimnivolle Uebergabe erst nach dem richtigen Begrbni
eines katholischen Pfarrers ... Die scharfe Betonung der Rache ... Nun dieser
Abschied ... Er begngte sich noch, in allem heute zu Erfahrung Gebrachten blos
eine reiche Befruchtung der Phantasie, des Verstandes und des Herzens seiner
kleinen Weisheit in der Rumpelgasse zu besitzen ... Aber das Dunkel der Nacht
nahm jetzt zu ... Hier die Einsamkeit wurde gespenstisch ... Das Davonschleichen
des Mnches mit dem Kranken, der, wie er erst jetzt bemerkt hatte, sogar seine
Pferdedecke als Angedenken mitgenommen hatte - alles das bekam etwas
Beklemmendes ...
    Bei alledem verging die Viertelstunde ...
    Es verging auch eine halbe ... Hubertus kam nicht zurck ...
    Die bestimmte Weisung des Mnches, da er weiter fahren konnte, wenn er
nicht zurckkehrte, hatte Seligmann allerdings empfangen ... Indessen, gab er
auch die Pferdedecke preis - er taxirte sie auf die Zinsen, die ihm die kleine
Auslage vor Gott wieder einbringen wrde - sein geflliger Sinn bestimmte ihn
noch zu bleiben oder wenigstens seinen Gaul nur langsam, und auch nur dem
Kloster zu, sich in Bewegung setzen zu lassen ...
    Er sah sich dabei nach rechts und links um und sphte, ob nicht doch noch
der Mnch zurckkam ...
    Alles blieb aber still und einsam ... In der Ferne sah er Huser im Nebel
schwimmen, aber in nchster Nhe befanden sich nur Felder, abgegrenzte Grten,
kleine Baumgruppen, keine Menschen ...
    So erreichte er eine stattliche Allee, die zum Kloster fhrte, und hielt
auch hier noch eine Weile ...
    Da er durchaus Niemanden zurckkommen sah, fuhr er die Allee entlang dem
Kloster zu und bekam immer mehr Mistrauen ber all die sonderbaren Umstnde,
unter denen Hubertus seinen Pflegling mitgenommen ... Warum das alles so
heimlich? sagte er sich ... Von jener Vorsicht, die man im Kloster wegen der
Aerzte zu nehmen htte, war er anfangs entschiedener berzeugt gewesen, als
jetzt ...
    Inzwischen stand er dicht an der stattlichen Treppe, die zum geschlossenen
Portal der Kirche fhrte ...
    Als es noch immer still blieb, wollte er endlich weiter fahren ...
    Aber sein wibegieriger Sinn bestimmte ihn, noch einmal einen Versuch zu
machen, ob er nicht etwas von den beiden Verschwundenen in der Kirche selbst
entdecken sollte ... Die Pferdedecke war an sich verschmerzt, er htte aber doch
gern gewut, wo sie geblieben ...
    Dicht an dem Ende der stattlichen Aufgangstreppe zur Kirche begann die
Einfriedigungsmauer des Klosters ... Einige Schritte entfernt lag eine Thr, von
der er durch den Besuch bei Pater Sebastus wute, da sie in einen kleinen
Vorhof, dann zur Linken ins Kloster, zur Rechten durch einen Gang in die Kirche
fhrte ...
    An diese Thr ging er und drckte, mit einiger Beklemmung ber seinen
Antheil an den Ursachen, die den Pater Sebastus in Haft gebracht hatten, auf die
Klinke ...
    Die Thr ging auf ...
    Alles war still ... Vorsichtig trat er einige Schritte weiter bis an den
Gang zur Kirche ...
    Da hrte er pltzlich einen lauten, entsetzlichen Schrei ... Gellend,
markdurchdringend ertnte es ...
    Der Schrei kam von der Kirche her und war wie die Stimme eines Erstickenden
...
    Unmittelbar darauf hrte man noch ein furchtbares Krachen, das weit in der
Kirche widerhallte ...
    So bang ihm jetzt zu Muthe wurde und so fern ihm jede Melodie der
Ermuthigung ins Ohr klang - etwa ein Frischgewagt! aus Maurer und Schlosser
- er war mit zwei Schritten, die auf dem Steinboden ngstlich knirschend
widerhallten, dennoch vollends der Thr der Kirche - noch nher getreten ...
    Da hrte der Tollkhne eine leise Stimme singen, hrte einen Schlsselbund
drehen, sah Jemand aus der Kirche kommen und huschte erst jetzt zurck auf den
kleinen Vorplatz, von dem man in die Halle trat, wo sich die Gnge links und
rechts theilten ... Bei alledem dachte er: Ei was! Du kannst ja ein Verlangen
tragen, dir die Kirche anzusehen ... So blieb er stehen ... Und was kann denn
auch so Entsetzliches geschehen sein, da ja ein so ruhiger Zeuge zugegen war!
...
    Die Kirchthr wurde zugeschlossen ... Ein Mnch ging vorber und sang fr
sich ganz ruhig und friedlich ... Wie er Lb Seligmann erblickte, rief er
allerdings pltzlich: Husch! ...
    Dies Husch! war eigen ...
    Husch! husch! wiederholte der Mnch und wehte doch nur durch die Luft, wenn
auch schon ganz dicht unter Seligmann's Nase ...
    Wie ein Donnerwetter sprang Lb denn nun doch von dannen, lie die Mauerthr
offen, rannte an seinen Wagen, sprang auf diesen hinauf, ergriff die Peitsche
und lenkte den Gaul lieber von der Treppe ein wenig abwrts ...
    Niemand kam ihm nach ...
    Lb mute annehmen, da seine Aufgabe erfllt war, und fuhr von dannen ...
    Noch einmal fuhr er die ganze Lnge der Kirche vorber und seltsam! nun war
es ihm, als she er an einem vergitterten Fenster der untersten Gewlbe einen
Lichtstrahl ...
    Er hielt sich indessen nicht mehr auf ...
    Der entsetzliche Schrei, das furchtbare Krachen, das so gespenstisch in den
Gewlben hin und her irrende Licht brachten ihn um allen Anhalt polizeigemer
Beruhigungen ...
    Noch drei Stunden brauchte er, bis er Schlo Neuhof erreicht hatte ... Noch
einmal mute er trnken und fttern, bis er die schnen Tannen des freiherrlich
Wittekind'schen Parks sah ...
    Dann lie ihm allerdings die Prsidentin im Seitenflgel ein freundliches,
wohlgeheiztes Mansardenzimmer anweisen, lie ihm ein Essen vorsetzen und ihn auf
morgen bescheiden ...
    Vom Brand auf Westerhof war, wie er an der Bedienung sah, auch hier alles
erfllt ...
    Nicht minder von Hubertus und von dem geretteten Diener ...
    Lb konnte von alledem als Kenner berichten ...
    Indessen - er hatte den Muth verloren, sich als einen Eingeweihten der
Kirche zu bekennen ... Schon einmal war ihm die Begegnung mit einem Mnche bel
bekommen ... Dies stille Husch! Husch! Jener Schrei, das Krachen, das Licht im
untern Gewlbe - Es kam ihm eine Vorstellung, als setzte ihn das Schicksal
vielleicht einmal selbst in Musik und verwandelte ihm sein jetzt sich so heiter
anlassendes Leben in eine Oper mit tragischem Ausgang ...
    Er riegelte die Thr zu und entschlief mit gespannter Erwartung auf die
kommenden Enthllungen ... Er fate den Vorsatz, durch taktvoll diplomatisches
Beherrschen seines Mittheilungsdranges, der Sphre, in der er hier leben durfte,
nach allen Richtungen hin Ehre zu machen.

                                      20.


Das mute man aber sagen - mochte auch der Kronsyndikus die letzten Jahre seines
Lebens in Geistesschwche zugebracht haben, berall sah man die von frher her
stammenden Spuren seiner rastlosen Natur. Die Gter der Dorste-Camphausens waren
dagegen im Verfall.
    Rings um Neuhof erhoben sich stattliche Anlagen, die selbst noch aus der
winterlichen Decke in ihrer Bedeutung fr die Zeit des Wachsens und Blhens
vielversprechend hervortraten ... Auf den Feldern, obschon sie hoch gelegen
waren, bemerkte man selbst noch in den schneebedeckten Furchen die sorgfltige
Cultur ... Kalkfen, Ziegeleien fanden sich auch hier, doch alles in
stattlicherer Erscheinung, als bei den Dorstes. Der Holzschlag in den Waldungen
war nach der Regel, mit Schonung und Voraussicht auch fr knftige Zeit ... Die
Buschmhle, wo einst der Deichgraf gehaust, war ein Meyerhof von ganz besonderer
Pflege. Da dem Deichgrafen dafr gleichfalls ein Ruhm gebhrte, wurde nicht
mehr viel erwhnt. Raschlebend ist unser Geschlecht oder - entschuldigt sich die
Gegenwart durch die Sorgen, die auch ihr genug aufgebrdet sind? Traurige
Krnze, die auf Friedhfen Niemand mehr erneuert! Trauriger Herbst, der zwischen
verrosteten Gittern Jahre lang hngen bleibt, bis der Wind zu Hlfe kommt und
auch mit diesem einst so blhenden Frhling die Erde dngt!
    Der Park schien unverfallen ... Die Ulmen, unter deren Schatten Lucinde so
oft dahingehuscht, standen hoch und auch ohne Bltter stolz und vornehm ... Die
Tannenbume gaben dem Ganzen einen Schein des Sommerlebens ... Die Pavillons
verriethen Bewohner, wie sonst. Nur der Teich war noch nicht aufgethaut; das
groe Geflgelhaus sah wie ein riesiger Strohmann aus; seine Bewohner muten
gegen die Klte geschtzt werden ... Wie stattlich war das Schlo! Wie gewandt
waltete schon der Erbherr! Wie sah man auf dem Hof von den Fenstern in der Frhe
schon alles in Bewegung! ...
    Frau von Wittekind schritt trotz der Klte und der feuchten Luft ber den
Hof und konnte, resolut wie sie war, Lb von der Verlegenheit befreien, eben die
nhere Bekanntschaft mit zwei wilden Neufundlndern zu machen ...
    Gut geschlafen, Herr Seligmann? lchelte sie ... Sie bleiben doch den Tag
ber hier? ... Wir haben viel zu plaudern ... Aber erst nach Tisch! ... Machen
Sie sich's bequem! ... - Sie sind unser Gast! ...
    Sie sind unser Gast! - Seit dem: Speisen Sie bei mir in Drusenheim! das
ihm im Herbst Bernhard Fuld so vielverheiend und so wenig erfllend zugerufen,
nahm Lb diese Phrase nicht mehr allzu wrtlich ... Schon wute er auch, Frau
von Wittekind war genau ... Sie liebte das Geld und verhandelte mit ihm mehr
darber, als ihr Gatte ... Lb sollte sein Urtheil ber noch weitere
Verbesserungen der groen Besitzungen geben und Vorschlge zu Verkufen machen;
an baarem Gelde war Mangel ... Auch in des Kronsyndikus echtem Testamente
standen nicht kleine Legate zu bezahlen ...
    Frau von Wittekind hob sich durch ihr schwarzes Atlaskleid, in das sie sich
schon in aller Frhe geworfen hatte, stattlich von den weien Wnden des
Schlosses ab ... Sie schlpfte behend ber den mit Kieselsand bestreuten Hof.
Ein eigenthmlicher Kopfputz von schwarzem Draht und Schmelzperlen zierte das
noch schne dunkle Haar der schlanken Frau, die gegen die gedrcktere und durch
die Jahre verkmmerte Gestalt ihres Gatten sich wie eine noch jugendliche
hervorhob ... Lb sollte sich erst, da Besuch erwartet wurde, auf den Nachmittag
zu umstndlicheren Conferenzen bereit halten ...
    In den Zimmern, wo einst Lucinde und Klingsohr jene verhngnivolle
Abendstunde zubringen durften, wurde schon eine Tafel hergerichtet ... Noch
waltete dabei die Lisabeth, die den Makler scheu von der Seite anblickte ... Lb
wute, da sie ihm seine Bekanntschaft mit dem Kfer nachtrug. Sie war fast eine
Dame geworden ... Nur durch die Angst, die letzte Stunde ihrer hiesigen
Wirksamkeit drfte bald geschlagen haben, mochte sie heute etwas freundlicher
gestimmt sein, als schon lange in ihrer Art lag ...
    Lb suchte Frieden und Freundschaft mit aller Welt und plauderte sich gern
aus dem Herzen heraus in die Herzen hinein ... Das Schne und Vornehme bte
einen besondern Reiz auf sein sthetisches Gemth ... Silberne Gerthschaften,
die man in die obern Zimmer trug, reizten seine Neugier nach dem Glanz, nach den
Farben, dem Marmor, die oben verschwendet sein sollten ... Nur umschnoberten ihn
noch die fatalen Hunde und hielten die schreckhaften Erinnerungen von gestern
wach, auch die dunkeln Sagen von der Vergangenheit dieses Schlosses Neuhof ...
    Erschreckt umherirrend und doch trumerisch alles bewundernd und taxirend
kam Lb auf die groe Treppe. Stufe fr Stufe zhlend, schlich er hinauf ...
    Eine hohe Flgelthr stand mit beiden Schlgen offen ...
    In diese trat er behutsam ein, seine Neugier durch Bewunderung maskirend ...
Ein zuletzt vollkommen natrliches Staunen ergriff ihn ber all diese Pracht ...
Er hatte viele Herrenhfe besucht; aber diese Schnheit an Stuccaturen und
Malereien, an bronzirten Marmortischen, in denen man sich htte spiegeln und
rasiren knnen, war ihm noch nicht vorgekommen ... Reizend war eine links
gehende Galerie, an den bemalten Wnden mit seidenen Divans und Glaskronen und
Bronzeleuchtern geschmckt ... Die Malereien stellten Scenen, wie er sich ganz
richtig sagte, aus dem Olymp vor ... Wie drang da der Klang des Liedes: Vom
hoh'n Olymp herab ward uns die Freude! das manchmal die Studenten im Roland am
Hneneck sangen, in seine Seele! ... Das war nun diese Freude aus - Olim's
Zelten. Leider machte er diesen Schnitzer zum Staunen und zum Lachen seines
Neffen David Lippschtz, als er spter diese Vorfallenheit in einem Briefe nach
Kocher meldete - Er verwechselte Olim's Zeit mit der Zeit des Olymp ...
Allerdings war auch hier eine Olim's Zeit! Fr so verfngliche olympische
Gegenstnde, wie an diesen Wnden von Knstlerhand wiedergegeben waren, wrde
die Gegenwart nicht einmal die raschbereiten Knstlerhnde aufgefunden haben ...
Sie glichen den Fresken ber Alexander und Roxane, die sich zu Rom von Rafael's
Hand im Hinterzimmer der Galerie des Frsten Borghese befinden.
    In jetzt unverfnglicher, rein kunstkennerischer Stimmung verlor sich Lb
immer weiter im Corridor und kam in einen groen Saal, der seinerseits etwas
Schauerliches hatte - durch seine riesigen Dimensionen und seine Unwohnlichkeit
und Klte ... Der Saal war rings mit Spiegeln belegt ... In ganzer Figur, von
seinen etwas zu kurzen schwarzen Beinkleidern an mit den hervorstehenden Knieen
bis zum Scheitel seines heute ohne zu laute Musikbegleitung frisirten Haares,
sich in Lebensgre betrachten zu knnen - reizte Lb ... Er mute im ganzen
Saal auf den Fuzehen die Runde machen ...
    Alles war still ... Er griff an den Girandolen die Glastropfen an und lie
sie hin und her baumeln ... Er erfreute sich an dem hellen Ton, den sie von sich
gaben ... Dann taxirte er das Krystall, die Bronze, den Sammet, und war besonnen
genug, die Kunst der Decoration hher anzuschlagen, als den massiven Werth ...
Viele der Bronzirungen zeigten stark den Zahn der Zeit, jenen Begriff, den
Veilchen in ihrem Humor vorgeschlagen hatte zum Namen des Nathan Seligmann'schen
antiquarischen Geschfts zu whlen ... In das Geschft: Zum Zahn der Zeit
gehrte bei nherer Besichtigung fast jeder dieser Plsch- und Seidensthle ...
Und so bekam Lb auch Handelsideen zum besten seines Bruders ...
    Darber verging eine geraume Zeit ...
    Als er sich dann endlich auf den Weg machte, um umzukehren, erschrak er bei
einem flchtigen Blick in den Hof ... Er sah aus einem eleganten Wagen einen
Mnch aussteigen ...
    Bruder Hubertus das? sagte er sich und die Erinnerung an die gestrigen
Erlebnisse ergriff ihn mit schreckhafter Macht ...
    Hubertus war es aber nicht ... Lb besann sich, es war Pater Maurus, der
Provinzial und Guardian selbst ... Kam er etwa, um sich nach ihm zu erkundigen
...
    Die Diener verbeugten sich tief ... Lb beruhigte sich ... Der Klosterabt
schien mit freiherrlich Wittekind'schem Wagen aus seiner Zelle abgeholt worden
zu sein ...
    Vor Neugier und Gewissensbissen gerieth Lb bei dem Gedanken an seinen
Rckzug in einen falschen Corridor ... Es liefen deren zwei in den groen
Ballsaal ab ... Einer sah dem andern so hnlich, da Lb nicht wute, war er
durch den linken oder durch den rechten gekommen ...
    Als er seinen Irrthum erkannte, mochte er nicht den weiten Weg umkehren,
sondern hoffte, eine der mehreren kleinen Thren, die er hier sahe, verbnde
vielleicht beide Corridore ... Er drckte eine derselben auf ...
    Siehe da! Das war ja ein ganz seltsames Gemach ...
    Er trat einen Schritt vor, orientirte sich im Dunkeln ... da - o Himmel! -
fllt die Thr hinter ihm in ein Schlo, zu dem er keinen Drcker findet ...
    Im Dunkeln durchtastet der pltzlich zu allen Schrecken nun auch noch selbst
Gefangene die ganze Lnge der Ritzen an der Thr dahin, reit sich an der Spitze
eines hervorstehenden Nagels die Veranlassung zum schmerzhaftesten Au! ein und
steht mit einem blutenden Finger ... Was jetzt thun? ... Klopfen? ... Lrm
machen? ... Seine Neugier selbst an die Oeffentlichkeit bringen? ...
    Groen Mnnern gehen ihre Schatten voraus, sagt Jean Paul, und lebhafte
Phantasieen erfassen sofort die uerste Mglichkeit ... Lb Seligmann sah sich
vor Discretion, vor Scham und vor jetzt vielleicht erst kaum halb bestrafter
Neugier stumm ringsum ... Er sah sich hier eines langsamen Hungertodes sterben -
ganz wie Florestan in Fidelio ...
    Das Zimmer war ohne Fenster ... Es konnte nur benutzt werden durch
Erleuchtung ... Hchst prachtvoll, wenn auch gleichfalls schon fr das Geschft
Zum Zahn der Zeit brauchbar, war auch hier die Decoration ... Hier muten
sicher einst die ppigen Schnen auf schwellenden Divans geruht haben, wenn sie
auf Bllen vor der Hitze des Tanzsaals flohen ... Das sind Cabinete, dachte er,
wie die, in welche Don Juan die Tausend und Eins entfhrte ... Und um ihn her
geigte und trompetete alles ... aber im Geist rief er mit dem Schrei der
Zerline: Hlfe! Rettung! ...
    Mit der linken Hand, die er der Vorsicht wegen lieber jetzt mit einem
glcklicherweise in der Tasche vorgefundenen Pelzhandschuh bewaffnete, rutschte
er an den Wnden entlang, immer noch in der Hoffnung, einen Drcker zu einer
nicht sofort ersichtlichen andern Thr zu finden, und schon gewhnte sich sein
Auge an die Finsterni ...
    Und wirklich - die Hand fuhr jetzt auf eine Klinke - und ein neues Zimmer
ging auf ...
    Aber - auch dies Zimmer war ohne Ausgang ... Es war von gleicher
Beschaffenheit, wie das vorige ... Auch hier war alles auf Beleuchtung berechnet
... Gott meiner Vter! seufzte Lb ... Er hatte manchen vornehmen Ball, selbst
Blle bei seinen Vettern Fuld, in der Ferne beobachtet; er konnte sich denken,
wie prachtvoll das sein mute, wenn hier alles von Lichtern widerstrahlte, Eis
herumgegeben wurde, lachend und reizvoll dahingegossen die Schnen auf den
Divans lagen, die Herren um sie her voll Bewunderung und Galanterie ... Da und
dort sah er Spieltische ... Gold und Silber glnzte ihm unter den Karten
entgegen - Aber links und rechts waren smmtliche Drcker abgeschraubt ... Nur
in der Mitte gingen die Thren auf ... So zu einem dritten Zimmer, das er
gleichfalls noch ffnete ... Die Luft war dumpf und stickig ... Hier war seit
Jahren nicht gelftet worden ... Lb wurde immer lebendigbegrabener ...
    Schon schickte er sich an, seinen Weg durch die drei Verliee zurckzunehmen
und sein Heil, mit dem Risico des Verlustes seiner Kundschaft auf diesem
Schlosse, in einem durchdringenden Hlferuf zu suchen, als er hinter der Wand,
da, wo es noch in ein viertes Zimmer gehen konnte, sprechen hrte ...
    Jehovah sei Dank! war sein erstes Gefhl ... Er wute, da schon ein lautes
Klopfen nun nicht mehr ohne Beistand bleiben konnte ...
    Sollte er jetzt gleich an die hier ohne Zweifel wiederum befindliche
Tapetenthr pochen oder sich vorlufig in Ruhe verhalten? ...
    Das Gesprch nebenan schwieg pltzlich ...
    Leise wagte er auf den in den inneren Verbindungsthren vorhandenen, aber
berall festgeschraubten Drcker den wunden Finger zu legen ...
    Hier nun war die Thr verschlossen und sicher vermuthete man nebenan nur
eine Wand und lehnte sich sorglos an sie an und war keines Lauschers gewrtig
...
    Wieder begannen die Stimmen ...
    Jetzt vernahm auch Lb Worte, hrte Namen, die ihm bekannt waren ... ja die
Namen Borkenhagen - Himmelpfort - Westerhof fielen ... Nun schienen sie
Anla zu Mittheilungen zu werden, die ihn interessirten und die vielleicht mit
seinen gestrigen Erlebnissen zusammenhingen ...
    Deutlich unterschied er die Stimme Terschka's ... Deutlich die des
Prsidenten ... Zwei andere wute er noch nicht recht hinzubringen ... Eine
davon war ihm nicht gnzlich unbekannt ...
    Kmpfend mit sich, was zu thun sei, ob er rufen oder schweigen sollte, ging
er noch einmal leise durch alle Zimmer zurck, suchte berall, wo ein Ausweg
sein konnte, seine Befreiung, fand diese aber nicht und beredete sich,
entschlossen zu sein, zu rufen, zu klopfen, durch die geheime Tapetenthr mit
seiner fragwrdigen Anwesenheit hervorzutreten in die feine Gesellschaft und
ganz gehorsamst um Entschuldigung zu bitten ... In Wahrheit aber setzte er sich
hin, um - zuzuhren ...
    Jetzt erkannte er auch die dritte Stimme ... Den ehemaligen Vicar von
Sanct-Zeno, den Neffen des Dechanten, den Domherrn von Asselyn ... Der Vierte
war ohne Zweifel der Provinzial ... Sollte er da seinen hlfestehenden
Septimenaccord einsetzen und ein so schnes Quartett stren? ...
    Und es kam denn so, da er auf einem Polstersessel dicht an der Thr
verblieb ... Es kam denn so, da er zum Horcher wurde mit und wider Willen ...
Es kam denn so, da er Dinge hrte, die ihm vor Frost die Erinnerung an den noch
nicht berstandenen Februar weckten ... Es kam denn so, da er eine der schweren
Seidendamastdecken von den Tischen zog und, trotz der in ihnen befindlichen
Motten, sie um sich schlang und sich einhllte und da er sogar noch eine zweite
holte und sich wie ein Hoherpriester zu Jerusalem vorkam mit den Urim und den
Thumim ... Denn die schweren Goldtroddeln hingen ihm quer ber die Brust hinweg
...
    Der Prsident von Wittekind sprach mit einer, wie es schien, hchst erregten
und von seiner gewhnlichen kalten Art ganz abweichenden Stimme fest und
bestimmt die deutlich hrbaren Worte:
    Ja, Herr von Terschka! Ich war vorbereitet auf einen Bevollmchtigten, den
man in dieser betrbenden Angelegenheit mir von Rom aus schicken wrde! ... Hm!
Hm! ... Da es aber Sie sein wrden, gesteh' ich, htte ich nicht erwartet ...
    Seligmann brauchte nur von Rom zu hren, um mit gespannterer
Aufmerksamkeit zu folgen ...
    Herr Prsident, antwortete Terschka mit seiner Lb bekannten leutseligen
Harmlosigkeit, die nur zuweilen, wie Lb gleichfalls htte besttigen knnen,
unter vier Augen nachdrcklich abgelegt werden konnte; Herr Prsident, bei
meiner nahen Verbindung mit dem Grafen Hugo ist der Auftrag, den ich vorgestern
durch den Herrn Provinzial entgegengenommen habe, nicht so auffallend ... Ich
kenne ja auch selbst sehr genau das auerordentlich liebenswrdige Mdchen, das
halt so zu sagen eine Adoptivtochter des Grafen Hugo ist ...
    Seligmann rstete sich auf Vervollstndigung seiner genealogischen
Kenntnisse, die in diesen hohen Kreisen immer empfehlend sind ...
    Ich mu Sie, lieber Sohn, sprach der Prsident und redete damit ohne Zweifel
den Domherrn von Asselyn an, ich mu Sie mit dem Gegenstand unserer Verhandlung
bekannt machen, welcher Sie jetzt nicht nur in Ihrer Eigenschaft als mein Sohn
und Freund, sondern auch als geistlicher Rather und zuverlssiger Zeuge
beiwohnen ... Man hat von Rom aus in einem an den Herrn Provinzial gerichteten
Schreiben ausdrcklich ...
    Diese Worte brachen fr Lb nicht ganz verstndlich ab ...
    Eine Pause deutete die stumm bejahende Geberde des Pater Maurus an, der
demnach zu den drei Lb jetzt bekannten Personen wirklich die vierte war ...
    Mein Vater, fuhr der Prsident mit Erregung fort, hat leider aus dem
himmlischen Gnadenschatz alle die Spenden nthig, die er uns Sndern bietet ...
Ich spreche dies mit Schmerz, aber offen aus ... Zu einer ganz besondern
Krnkung fr mich mssen die lebenden Zeugen seiner Verirrungen dienen ... Doch
werden diese befriedigt werden und sie sind es zum Theil schon - - Nur Ein
Verhltni bot und bietet noch immer Schwierigkeiten. In Rom befindet sich eine
Frau, von der man behauptet, sie htte Ansprche, sich die zweite Gemahlin
meines Vaters nennen zu drfen. Sie soll auch in der That von einem frhern
Pfarrer - dieser - Gegend - ich glaube - Leo Perl -
    Seligmann erbebte bei Nennung dieses Namens. Jetzt verwarf er alle
Ermahnungen seines Gewissens, die ihm unausgesetzt zuflsterten, sich ein Zimmer
weiter zu setzen und sich nicht in die Geheimnisse der vornehmen Welt zu drngen
...
    Nicht wahr? unterbrach sich der Prsident, als suchte er sich der
Richtigkeit des Namens zu vergewissern ...
    Die Herzogin von Amarillas kennt vielleicht den Namen des Geistlichen nicht
mehr, der sie traute ... sagte Terschka ...
    Der sie traute - haha! Das ist es! Mit meinem Vater nmlich, lieber Sohn! Es
handelt sich um eine Frau, die nichtsdestoweniger, da sie sich Frau von
Wittekind-Neuhof zu nennen berechtigt sein will, doch 1813 von Kassel aus nach
Paris flchtete und dort eine neue Heirath vollzog mit einem spanischen Granden,
leider einem Granden ohne Vermgen, dessen langer Titel sie lockte ... Von der
schweren Snde der Bigamie, scheint es, will die rmische Curie die Herzogin von
Amarillas freisprechen und sich jetzt pltzlich fr die erste Ehe entscheiden
...
    Herr Prsident, nein! sagte eine rauhe Stimme ... Ohne Zweifel war es die
des Mnches ...
    Bigamie! ... Zwei Mnner auf einmal! ... Lb Seligmann schauderte vor einer
Situation, die ihn zum Zeugen solcher Enthllungen machte ...
    Der Prsident, sich in seiner Anklage gegen Rom migend, fuhr fort:
    Allerdings gestehe ich, Herr Provinzial, nicht vllig klar zu sehen in dem
Interesse, fr welches Herr von Terschka auftritt, und wieder in dem, fr das
Sie beauftragt sind. So viel wei ich und will es nicht leugnen, da diese Frau
von Wittekind-Neuhof zwei Kinder von meinem Vater besitzen soll; als Herzogin
von Amarillas war sie gewissenlos genug, sie beide zu opfern ... Mein Vater, von
dem mu ich es leider ebenso eingestehen, machte sich keine Sorgen um die Folgen
seines - Temperaments - Er berlie diese Kinder, denen ich ihr Dasein und eine
gewisse Berechtigung auf meine Anerkennung als natrliche Geschwister nicht im
mindesten abstreiten will, dem Zufall, der sie dann auch wirklich seinen Augen
entrckte ... Jetzt soll eines dieser Kinder entdeckt sein. Von wem entdeckt?
Entdeckt in einem Augenblick, wo die Herzogin von Amarillas in Wien aufzutreten
gedenkt, in Wien, wo, wie berall, Gesetze gegen Bigamie herrschen, falls - die
Curie nicht hilft. Doch, wie gesagt, rthselhaft sind mir diese Entdecker einer
Schwester - die ich haben soll. Es ist eine gewisse Angiolina - Ptzl, glaub'
ich, ein Mdchen, das, wie Herr von Terschka sagt, zufllig vom Grafen Hugo vor
Jahren gefunden worden - es war ja wol mein' ich bei einer -
Kunstreitergesellschaft -?
    Auf dies auffallend scharf betonte Wort trat eine Pause ein ...
    Terschka schien die Frage berhrt zu haben ...
    Graf Hugo, fuhr in immer mehr sich steigernder Schrfe der Prsident fort,
hat edel an dem Kinde gehandelt, das von jener sogenannten Frau von Wittekind,
meiner Stiefmutter - auf der Landstrae verlassen wurde - bei jener damaligen
Flucht der kasselschen Oper - Ich verga Ihnen nmlich zu sagen, lieber Sohn,
Frau von Wittekind-Neuhof war ursprnglich eine italienische Sngerin ...
    Hrten fr Lb Seligmann die Gewissensscrupel schon lange bei Nennung des
Namens Leo Perl auf, so fhlte er nun vollends die behaglichste Wrme, sowol
unter seinen bunten Decken und auf dem gepolsterten Sessel, wie vor Antheil an
dem Vernommenen selbst ... Ein Uebergang der Enthllungen in die Sphre der Oper
... Eine italienische Sngerin ... Er gedachte der Henriette Sontag, die eben
damals eine Grfin Rossi geworden war ...
    Graf Hugo, fuhr der Prsident fort, hat sein Pflegekind lieb gewonnen, so
lieb, da er nicht abgeneigt sein soll, aus ihm seine Gemahlin zu machen ...
Vortrefflich ginge das, wenn Angiolina Ptzl eine rechtmige Freiin von
Wittekind wre ... Herr von Terschka stellt mir das Ansinnen, diese Wendung der
Dinge mglich zu machen ... Ich wei nicht, ob dies auch der Antrag des Grafen
Hugo selbst ist, und offen gestanden, ich kann es kaum glauben ... Wrde er
seine Schwiegermutter in Wien mit einem Proce auf Bigamie empfangen wollen? ...
    Auf diese scharf betonte Hervorhebung aller Dunkelheiten der in Frage
stehenden Situation trat eine Pause ein ...
    Aber mochte sich auch Seligmann diese Pause mit noch so viel strmischen
Passagen fllen, sein musikgebtes Ohr hrte nimmer die Accorde, die in
Bonaventura's Innern auf und nieder wogten und riefen: So sprichst du, du - von
der Bigamie! Du, mit dem sich vielleicht auch - meine eigene Mutter in gleicher
Snde befindet! ...
    Graf Hugo, fuhr der Prsident fort, wird ja nun jetzt so reich, da er fr
sein Pflegekind unmglich blos eine Ausstattung, unmglich nur Geld begehren
kann ... Meine junge Stiefschwester soll schn und geistig gebildet sein ...
Herr von Terschka verglich sie schon lange mit jener abenteuernden Lucinde, von
der Sie vielleicht schon hrten, lieber Sohn, vom Anla zum Tod meines armen
Bruders Jrme ... Ich meine jene Dame, von der man ja sagt, da sie pltzlich
jetzt in Witoborn wieder aufgetaucht ist ...
    Wieder trat auf diese gelegentliche Anmerkung eine Pause ein ... Seligmann
fand schwerlich ein Tonbild der Orkane, die bei diesen Worten tausend
Instrumente durch das Herz eines der Hrer strmten ... Lucinde in Witoborn! ...
Bonaventura schien auf diese Mittheilung eine auffallende Bewegung gemacht zu
haben ...
    Ja, sagte wenigstens Terschka wie zu einem, der daran zweifelte, das
genannte Frulein war vorgestern auf Mnnichhof ... Aber Sie erwhnen sie nicht
zu ihrem Vortheil, Herr Prsident! ... Es ist eine Reihe von Jahren her, da
Graf Hugo und ich allerdings Ihrem Vater und diesem Mdchen, seiner damaligen
Begleiterin, am Strande der Ostsee begegneten ... Wir kauften dort Pferde ein
... Mein Freund, der Graf, besprach mancherlei, was zu seinen hiesigen
Erbschaftshoffnungen gehrte und worber der damalige Vormund und Onkel der
Grfin Paula, Ihr Herr Vater, Auskunft geben konnte ... Die Rede kam auf jenes
schne Mdchen, das unter seinem Schutze reiste ... Ich verglich sie allerdings
mit Angiolina ... Der Kronsyndikus gerieth ber meine Analyse in die grte
Verwirrung ... Die Nacht soll er eine aufgeregte Scene gehabt und nichts, als
von seiner zweiten Gemahlin gesprochen haben und das wie von einem Wesen, dessen
Vorhandensein sein Gewissen drckt ...
    Nur irren Sie sich in einigen Punkten! fiel der Prsident mit seiner frhern
Schrfe wieder ein. Sie verglichen jene Lucinde weniger mit Angiolina, als mit
jener so bekannt gewordenen Olympia Maldachini in Rom ... Und darber kam der
Schrecken meines Vaters; der Name Fulvia Maldachini war der frhere Name der
Herzogin von Amarillas ...
    Seligmann sah jetzt groe, wirkliche, echte, italienische Oper ...
Maldachini! ... Welch ein Klang - schon - beim Hervorruf ...
    Der Stand der Dinge ist der! fuhr der Prsident fort, der immer mehr sogar
in eine drohende Vortragsweise kam. Mein Vater hat vor einigen Jahren, als er
noch bei Geisteskrften war, eine Generalbeichte beim ehrwrdigen Pater Maurus
niedergelegt. Diese war so inhaltsreich, da sie vom Herrn Provinzial nach Rom
geschickt werden mute. Dort scheint sie einflureichen Personen bekannt
geworden, Personen, die an dem Erweis einer Bigamie der Herzogin von Amarillas
mehr Interesse zu haben scheinen, als die vielleicht sehr vernnftige Frau
selbst, die wenigstens seit Jahren nicht die mindeste Erinnerung an Schlo
Neuhof verrathen hat. War ihr Gedchtni zu schwach fr zwei Kinder, die sie in
Deutschland zurcklie, wie sollte es jetzt aufleben fr das Bekenntni einer
Schuld, die vielleicht die rmische Curie, aber nicht die brgerliche
Gesetzgebung verzeiht! Der Herzog von Amarillas war arm. Ein echter Grand von
Spanien, besa er nur seinen Namen, der in seiner ganzen Vollstndigkeit acht
bis zehn Gter reprsentirte, die im Monde liegen. Mein Vater schickte damals
Summen nach Rom. In frhester Zeit wurden sie erbeten, in spterer gefordert;
dann pltzlich verhallte alles, was dort fr ihn drohend vorhanden lebte ... Wer
aber nun jetzt es ist, der dort pltzlich wieder Sprache gewonnen hat, wer nun
jetzt durch Sie redet, Herr von Terschka -
    Angiolina ist so liebenswrdig, unterbrach Terschka aufs eiligste, da ihr
die Auszeichnung, mit Ihnen verwandt zu sein, wol zu gnnen wre ...
    Wer ist Ihr Auftraggeber? drngte der Prsident ...
    Ich - wich, ohne Zweifel lchelnd, Terschka aus - ich kann nur sagen, man
wnscht, da ich in aller Stille die Verhltnisse sondire, namentlich das Factum
herstelle, ob die Herzogin von Amarillas wirklich Ihre rechtmige Stiefmutter
ist, Herr Prsident! Die weitern Folgerungen daraus, gesteh' ich, liegen mir ja
noch gnzlich fern ...
    Lb erkannte ganz seinen diplomatischen Terschka ...
    Nun wohl, Herr Provinzial, wandte sich der Prsident an den Mnch, Sie
sehen, es geschieht alles, um das Siegel zu brechen von jener Beichte, die Sie
empfingen ... Ihr Ordensgeneral hat Ihnen nicht erlaubt, den Inhalt dieser
Beichte zu erzhlen, aber prfen sollen Sie denselben; so ungefhr, denk' ich,
schrieb man Ihnen ... So leg' ich denn in Ihrer Gegenwart, lieber Sohn, in
Ihrer, Herr von Terschka, die Zeugnisse von sechs Cavalieren vor, die leider
nicht mehr am Leben sind; sie haben der sogenannten Vermhlung meiner
Stiefmutter beigewohnt ... Dann aber bitt' ich Sie, Herr Provinzial, lesen Sie
sich in die Handschrift des edeln Dechanten von Sanct-Zeno Herrn von Asselyn in
Kocher am Fall, meines Schwagers, wie ich ihn nennen darf, hinein und theilen
Sie uns hernach diese Zuschrift mit, die ich gestern Abend auf eine Stafette,
die ich vor acht Tagen nach Kocher schickte, erhalten habe ... Sie wird uns ber
diese Ehe und ber Leo Perl's dabei gespielte Rolle die gengende Auskunft geben
...
    Lb mute aufstehen ... Es war in der That zu viel, was auf seine
Wibegierde einstrmte ... Ja er bedachte: Erfhrt man je, da du Zeuge dieser
Familiengeheimnisse warst, so steckt man dich vielleicht ein oder macht dich
ebenso unschdlich, wie einen gewissen Lauscher in den Falschmnzern ... Er
mute seine Decken lften, weil er in Transspiration kam ...
    Nach einer Weile, in der Bonaventura ohne Zweifel voll Staunen oder - voll
Besorgni der Worte seines Onkels gedachte: Lass' aber alles das unter
Priestern bleiben! und von Terschka's Anwesenheit immer mehr beunruhigt werden
mute, begann die rauhe und strenge Stimme des Pater Maurus:
    Mein insonderst geehrter Herr Prsident und lieber Herr Schwager! Ich habe
das alles geahnt, was nach dem Tode Ihres Vaters kommen wrde! Auch schon zu
meinem Neffen, unserm guten Bonaventura, hab' ich mich in einer vor kurzem
abgegangenen Zuschrift darber ausgesprochen ... Es ist ein seltsamer Vorgang,
auf den Sie hindeuten, und wohl versteh' ich Ihren Schmerz, Ihre tiefe
Betrbni! Beschmung - sagen Sie! Warum dies Wort - zu - Priestern? Wir
Priester der rmischen Kirche sind - bei solchen Dingen in - - unserm Element -
...
    Der Vorlesende stockte ...
    Der Prsident sagte, wie es schien, mit Lcheln:
    Sie werden hier eine Stelle finden, die Sie berschlagen drfen! Indessen -
-
    Bonaventura mochte voll Besorgni der Intoleranz des Provinzials gedenken
... Und auch Seligmann gedachte mit Schrecken des Dechanten, der so freundlich
mit der Hasen-Jette verkehren konnte und nur deshalb nicht die untern Viertel am
Fall zu Kocher besuchte, weil er zu sagen pflegte, Reinlichkeit ist mein erstes
Religionsdogma ...
    Denn, fuhr jedoch der Provinzial und ohne weitern Ausdruck der Befremdung
ber diese Freimthigkeiten zu lesen fort, denn unsere ganze Kirche beruht ja
auf dem Natrlichen im Menschen. Wer unsere Kirche schildern will, mu vom
Fleisch beginnen und im Fleisch aufhren. Die katholische Kirche erbaute Gott zu
einer Hlfe fr die Snder. Sie ist deshalb in allem der Gegenpol der nackten
Menschheit und darum eben nur auf diesen Gegenpol errichtet. Bei den
Protestanten ist die Snde eine Unterbrechung ihres vom Geist beginnenden und im
Geist endenden Lehrgebudes; aber bei uns ist sie das alleinige Wesen desselben.
Darum liebt der natrliche Mensch den Katholicismus und wieder der
Katholicismus - -
    Der Provinzial stockte und murmelte wieder ...
    Seligmann dachte an die Rumpelgasse und den Unterschied der Religionen ...
    Lassen Sie das! Lassen Sie das! ... unterbrach der Prsident im Ton seiner
andauernden Wallung ...
    Doch der Mnch fuhr fort:
    Da hatt' ich beim Abschied vom Obersten von Hlleshoven den Streit ber die
Frage: Was ist unser Genius! Monika, des Obersten Gattin, schrieb mir einst:
Unser Genius ist der Schutzgeist gegen unsere Schwchen! Der Oberst sagte: Unser
Genius ist der Fahnentrger unserer Kraft! Beide haben Recht und beide Unrecht.
Sie htten sagen mssen, wie der Genius im Menschen entsteht ... Was ist der
Genius - des Katholicismus - der Genius Napoleon's - der Genius Goethe's? - ...
    Wieder unterbrach der Prsident ... Wieder dachte Seligmann, wenn auch schon
etwas schwieriger auffassend, an die Bereicherungen fr Veilchen ...
    Napoleon war krperleidend; fuhr Pater Maurus zu lesen fort. Man kann
leidend sein und doch sich ganz beherrschen. Die fallende Sucht aber kann man
nicht beherrschen; das ist ein entsetzliches Naturgebot. Napoleon's Kammerdiener
Marchand mute ihn oft einschlieen; des Kaisers Angst war: Jetzt berfllt dich
dein Dmon! Napoleon's Genius war demzufolge der Geist, der ihn trieb, diesem
Dmon zu entfliehen. Daher seine Unruhe, daher seine Liebe zum Frieden und doch
die Unmglichkeit, beim Frieden zu verharren, daher sein Vorwrtsdrngen, seine
Art zu kmpfen, seine Auffassung ber Welt und Zeit, sein Aberglaube, sein
Wallensteinglaube an Ahnungen, seine Besuche bei Kartenlegerinnen, seine
glhende Neigung zu Frauen und doch seine Klte im Augenblick der Liebe -
Napoleon ist das Leben eines Mannes, der sich unter einem unglcklichen
Naturgesetz wei. Alles, was er that und sprach, war auf dies Naturgesetz:
Entfliehe deinem Fluch! bezogen. Goethe ist nicht anders zu verstehen, als aus
einem Naturgesetz. Nur bezieht sich bei Goethe sein ganzes Denken und Fhlen auf
ein anderes Factum - er hatte einen unehelichen Sohn. Diese Mglichkeit und
sittliche Gne mute er durch sein ganzes Dasein, seine Dicht- und
Weltauffassung vertheidigen. Legitim oder Illegitim - das wurde sein Grbeln und
merkwrdig, sein schlechtestes Werk, die natrliche Tochter, war gerade aus den
geheimsten Falten seines Herzens geschrieben ... Warum plaudere ich das alles?
Ich knnte bitter sein und es so ausfhren: Unsere ganze rmische Kirche ist mit
der Zeit auch allein ber den Einen dunkeln Abgrund der Seele gebaut, da wir
Priester nicht heirathen drfen ...
    Der Provinzial sprach ironisch:
    Der Dechant gehrt der philosophischen Zeit an ...
    Er will sie auch nur schildern, sagte der Prsident und beruhigte
Bonaventura, der auf die Mittheilung nur der Hauptsachen aus einem Briefe
drngte, der ihm in ngstlicher Weise eine krankhafte Aufregung des theuern
Onkels verrieth ...
    Ich schildere Ihnen die Zeit, in der unsere Snden jung waren, die Zeit, in
der ich mit dem Kronsyndikus bekannt wurde ... Es war gerade, als Goethe, unser
damaliger Gott, den einzigen gefunden hatte, vor dem auch er zu Staub wurde.
Dies eben war Napoleon, unsere zweite Gottheit. Es war in jenem Erfurt, da, wo
Goethe schweigsam vor Napoleon stand, der Mann, der ewig die Natur suchte, vor
dem Mann, der ewig die Natur floh. Ich befand mich gerade damals bei dem
sogenannten Parterre der Knige als ein der Dicese Dalberg's angehrender
Priester. Ihr Vater war in Erfurt erschienen als Syndikus der jungen Krone
Westfalen bei den alten deutschen Stnden des Teutoburger Waldes ... Herr von
Wittekind zog vor, in der Nhe der Pracht und Herrlichkeit des fremden Hoflagers
zu leben. Und doch starb in Ihrem Vater trotz seines Leichtsinns ein Mann wie
aus der Ritterzeit ... Die eiserne Hand, die Gtz nur knstlich fhrte, schlug
Ihr Vater natrlich. Ich habe gesehen, wie er von einer Tischplatte die Ecke
abbog gleich August dem Starken von Sachsen, dem er leider nur zu sehr glich,
wenn ihm auch dessen Sinn fr Gre, die stolze Haltung und Bedeutsamkeit der
Gesinnung versagt waren. Ein Nimrod war's, der zuletzt in wilder Baulust den
Rest von Muth austobte, der ihm vom Jagdtreiben brig geblieben. Sein Park, sein
Schlo, seine Oekonomie mssen ihm Summen gekostet haben; aber er brachte sie
durch Geiz wieder ein. Die Folgen seiner gewaltthtigen Natur, die genug von ihm
verdeckt werden muten, liegen Ihnen jetzt offen vor, die strkste Prfung, die
der Kindesliebe beschieden sein kann -
    Pater Maurus besa den Takt, einen Augenblick innezuhalten ...
    Seligmann warf einen still beglckenden Rckblick auf seine eigene
vorwurfslose Laufbahn als Garon ...
    Der Handel mit der Fulvia Maldachini, fuhr der Mnch fort, stammt aus
jener Zeit einer wilden Philosophie, aus jener Zeit, wo auch in des sonst so
strengen Napoleon Heergefolge' der alte franzsische Leichtsinn sich wieder
regen durfte. Seine Marschlle waren frher Perrkenmacher und Kellner. Als sie
auf ihren Lorbern ausruhen wollten, konnten sie nur genieen, wie Perrkenmacher
und Kellner, die das groe Loos gewinnen, genieen. Napoleon hatte Verwandte,
die er, um eine neue Legitimitt zu begrnden, auf Throne erhob, whrend seine
Schwestern erklrte Courtisanen, seine Brder Champagnerreisende waren. Der Hof
des Knigs von Westfalen ri in seinen Strudel Mnner und Frauen vom
deutschesten Ursprung. Ach, wir waren tief gesunken! Und noch jetzt - im
Vertrauen - wir sind ein liebedienerisches Volk, geborne Frstenknechte! Ich
habe in Deutschland Bureaumenschen gesehen, die einem Nero und Caligula ebenso
zuvorkommend wrden gedient haben wie einem Antonin oder Marc Aurel ... Ihr
Vater, ein junger Witwer - kein Stand ist gefhrlicher, als der der jungen
Witwen und Witwer - geno noch einmal seine Jugendjahre. Trotz seines Amtes war
er ein Hndelsucher, ein Wettrenner, ein Don Juan ... Damals also besa ich am
Mnster von Witoborn ein Kanonikat, das ich in alter Weise von einem Vicar
verwalten lie ... Ich war Priester geworden, wie andere unter die Soldaten
gehen. Mein Bruder Friedrich studirte die Rechte, mein Bruder Max war ein
Soldat. Als ich Priester geworden war, reiste ich in die Welt hinaus, war lange
in Paris und kam nach Kassel, Erfurt und Witoborn - wie ein Abb zurck. Goethe,
Napoleon und - Grcourt waren meine Gottheiten ... Ich schlo mich meinem
Landsmann, Ihrem Vater, an. Wittekind konnte so ansteckend lachen, da man ihm
gar nicht lange wegen seiner sonstigen Unarten zrnen konnte ... Wir waren ein
Kreis wilder Gesellen und ich bekenne und darf es bekennen, da ich spter
mancherlei Unstern bestand, ich, ein Priester, ich entwarf nach Bildern aus
Herculanum und Pompeji Zeichnungen, die in Kassel nicht etwa Frauen zweideutigen
Rufs als lebende Bilder stellten, sondern die Gattinnen der Minister, die
Tchter der Gesandten, Deutschlands ltester Adel! ...
    Eine Pause lie Lb Zeit, sich die vorhin gesehene Galerie und die
Frmmigkeit des jetzigen Adels dieser Gegend in Vergleichung zu bringen ...
    Eine der gefeiertsten Tagesschnheiten, fuhr der Provinzial zu lesen fort,
war die Rmerin Fulvia Maldachini. Sie war eine Sngerin in der italienischen
Truppe, die Knig Jrme neben der deutschen und franzsischen hielt. Das
Repertoire berwachte der Kaiser selbst aus Paris oder aus dem Hauptquartier und
verfuhr darin ebenso streng, wie bei Bildung der Ministerien, des Heers und
jenes Schattens von Reprsentativverfassung, dem Ihr Vater seinen Kronsyndikus
verdankte. Ich seh' Ihren Vater noch, wie er die Syndikatsuniform zum ersten Mal
anlegte und den Galanteriedegen umschnallte. Ungeduldig, sich bei Erffnung der
Landstnde zu verspten, war er nahe daran gegen seinen Bedienten die etwaige
Schrfe des Spielzeugs zu versuchen. Der Maldachini sagte man nach, sie wre
besserer Abkunft, wre durch Umstnde veranlat gewesen, ihre Stimme zu
verwerthen, eine Stimme, die uns Deutschen mehr Entsetzen, als Bewunderung
einflte. Sie hatte, so jung und schn sie war, in ihrer Kehle eine Tiefe, die
mit Proserpina bis in den Tartarus hinunterstieg. Das Theater erdrhnte zwar von
Beifall, wenn sie ein: Perfido! knirschte; aber wie ein Dolch lag es neben jeder
Note, die sie sang und besonders - wenn man einmal nicht applaudirte - -
    Seligmann wute nichts von Gluck und Piccini ... Aber Norma bot
Vergleichungen ... Er verstand vollkommen dieses Knirschen, namentlich beim
Nichtapplaudiren ...
    Es galt fr unmglich, die Gunst der Maldachini zu gewinnen ... las der
Mnch. Das gerade reizte den Kronsyndikus. Die Schnheit der Erscheinung, ihre
Gestalt war mchtig, das Geheimni, mit dem sie sich umgab, bestrickend. Sie
nahm die Huldigungen des Freiherrn von Wittekind an, namentlich seine Geschenke;
dafr war aber nicht mehr sein Lohn als ein Zunicken im Theater. Sie lehnte sich
an den Hof, der sie beschtzte, an die groe Zahl ihrer Verehrer. Der
Kronsyndikus ertappte sich auf einer wirklichen Schwrmerei fr sie. Feste bot
er ihr, die sie annahm. Er lie sie zur Fastenzeit, wo die Bhne geschlossen
wurde, in den Sommerferien nach Neuhof in sechsspnnigen Carrossen kommen ...
Sie, Herr Prsident, und Ihr Bruder waren damals in Pensionen ... Die stolze
Sngerin wohnte auf Schlo Neuhof wie eine Frstin. Nichts aber entlockte ihr
eine Zrtlichkeit, nichts eine Erwiderung der Liebesbetheuerungen, die ihr, wie
mich Lauscher versicherten, der Freiherr auf den Knieen machte - -
    Lauscher! ... Seligmann bebte ... Hier, diese Cabinete waren doch wol die
Orte, wo man auf Schlo Neuhof lauschen konnte ...
    Fulvia Maldachini verlangte die legitime Gemahlin des Freiherrn zu werden.
Sie nannte sich eine geborne Marchesina und in der That, der Freiherr von
Wittekind beschlo, sie zu heirathen ...
    Lb sah fast den Eindruck dieser Worte ... Sah fast Terschka's Lcheln ...
    Mit einer Stimme, deren Sicherheit deutlich verrieth, da fr ihn in allen
diesen Mittheilungen nichts Neues lag, las der Provinzial weiter:
    Dies Heirathsproject entsprach an sich ganz dem Charakter jener Tage. Man
hatte nicht im mindesten das Gefhl, da diese Napoleonischen Zustnde nur eine
Episode wren. Ein vlliges Aufopfern des Stolzes und Heimatgefhls trat ein.
Fast wre Ihr Vater seiner Leidenschaft erlegen, wenn nicht seine Freunde
dazwischengetreten wren. Freiherr von Malstatt, Graf von Dohrn, Baron von
Liebetreu, die Andern - alle widersetzten wir uns. Als Fulvia kalt blieb,
hhnisch die Lippen aufwarf und sich in ihren rothen Gewndern, mit dem grnen
Kranz auf dem kurzgeschnittenen schwarzen Tituskopf, den Dolch im Busen, wie
eine junge Medea zeigte und doch bestrickend schn, doch verheiungsvoll
lchelnd wie der beginnende Frhling, da wurde zur Rettung Ihres, wie es schien,
geradezu verlorenen Vaters ein Entschlu gefat. Wir verpflichteten uns, eine
Farce aufzufhren. Fulvia konnte kein anderes Wort deutsch, als soviel nthig
war, krftig zu fluchen. Sie lebte unter uns, wie im Grunde damals alle diese
Fremden; sie lebten im eigentlichsten Sinne des Worts wie in der Verwirklichung
eines Traums. So war auch ihr Deutschland nichts als Wald und Flur und Flur und
Wald; nur vom Geld sah sie, da es das allbekannte echte Silber und Gold war.
Der Freiherr schlug ihr eine Ehe vor, die aus Familienrcksichten einige Jahre
lang geheim bleiben mte. Fulvia, die die groe Stellung ihres Verehrers
kannte, die von seinen mchtigen Verwandten wute, die einsah, da fr gewisse
Vermgensverhltnisse auch in Rcksicht auf die vorhandenen Shne erster Ehe
Schwierigkeiten entstehen konnten, willigte ein ... In dem Dnkel und
Siegesbermuth, der sie, wie damals alle diese abenteuernden Fremden, gegen jede
Vorsicht blind machte, steigerte sie sich selbst zuletzt zur Ueberzeugung, da
sie ihre allgemeine Anerkennung als Frau von Wittekind erst von sptern Zeiten
abhngig machen mte ... Nun ging unser Leichtsinn so weit, da der eine
knstliche Pacten schlo mit Siegeln von Aemtern, die nirgends existirten, der
andere Correspondenzen mit der Familie erffnete, der dritte falsche
Dimissorialen des Pfarrers von Schlo Neuhof brachte, die nothwendigen Depense,
die dem Freiherrn gestatteten, sich andernorts trauen zu lassen - kurz, wie es
nur in einer Zeit mglich war, wo tglich die grten Ereignisse sich drngten,
Throne wankten, Vlker in Bangen und Zagen lebten. Wir erfanden und setzten dies
Abenteuer unserer noblen Passionen wie eine Fastnachtsposse in Scene ...
    Lb Seligmann schauderte ber den ehrwrdigen Herrn Dechanten, der einst
solcher Streiche fhig gewesen ...
    In Paris hatte ich einen jungen geistvollen Gelehrten kennen gelernt, eine
hchst geniale Natur ... Er nannte sich Leo Perl und war ein Jude ...
    Lb's Athemzge wurden ihm jetzt selbst fast vernehmbar. Er mute aufstehen
und zwei Schritte weiter gehen ... Dann stand er wieder still, um nichts zu
versumen, und horchte zitternd ...
    Perl war, las der Provinzial, aus der Gegend meines jetzigen Wohnorts
gebrtig und seines Zeichens Rabbiner. Sein Aeueres war ein gar stattliches.
Nach Paris kam er, um in den dortigen Bibliotheken talmudische Manuscripte zu
lesen. Ich lernte ihn kennen und schtzen. Im Geiste der Zeit, der nicht mehr
der Geist des Deismus, sondern ein Bestreben war, irgendwie aus dem Deismus
herauszukommen, standen wir uns nahe. Frmmler waren wir natrlich am wenigsten;
das Leben nahmen wir leicht - ich wenigstens gab den Lebensanschauungen eines
Alcibiades nichts nach ...
    Alcibiades! wiederholte sich Lb und wute jetzt ein hheres Wort zur
Bezeichnung des Leichtsinns ...
    Wir hatten aber ein Bedrfni des Positiven. Freilich - wir suchten es eher
in Indien und an den Quellen des Ganges, als in Juda und an den Quellen des
Jordan. Leo Perl war halb aus Scherz halb ernsthaft Kabbalist, was mich als
Curiositt anregte. Er sprach die meisten lebenden und mehrere todte Sprachen.
Sonst war er aufgewachsen wie ein echter Rabbinerknabe in alten Bchern und
mikrologischen Studien; die Welt war ihm auf dem Gebiet des Parquets und der
feinern Geselligkeit fremd, jedoch seine zhe Lebenskraft, sein Witz und manche
Schalkhaftigkeit halfen ihm auch dort sich zu behaupten ...
    Gott im Himmel! sagte sich Seligmann und war nicht einverstanden mit dem
Worte: Zhe Lebenskraft ...
    Zugleich war Perl gefllig und interesselos, wie ein Kind ... Ihm verdank'
ich nicht nur den grten Theil meiner Ausbildung, die Luterung meiner Lebens-
und Kunstansichten - sogar meine Existenz ...
    Ein Mensch! rief Seligmann schmerzbewegt ...
    Durch Perl wurde ich auf das Stift Sanct-Zeno an seinem Geburtsort
aufmerksam gemacht und auf dessen alte Rechte und Urkunden ... Er begleitete
mich nach Deutschland und gab mir Mittel und Wege, diese eintrgliche Stelle mit
Hlfe des Kaisers von Oesterreich aus der Scularisation zu retten und fr mich
zu gewinnen. Ich habe ihm fr alles das ein treues Herz bewahrt und meine Schuld
ist es nicht, wenn ich zu den vielen Erinnerungen an ihn nicht auch noch die an
uere Beweise meiner Dankbarkeit fgen kann. Pltzlich zog er sich von uns
allen zurck ... Trotzdem, da er infolge unsers Leichtsinns Christ wurde
    Lb sa wieder zusammengekauert wie ein Jger auf dem Schnepfenfang ...
    Leo Perl hatte in seinem Wesen zwei unvermittelte Gegenstze. Der gewaltige
Mann lebte hchst mig, entbehrte wie ein Stoiker und dachte doch wie Epikur.
Er vermied die Frauen und duldete jede Ausgelassenheit ...
    Wie Veilchen! sagte Lb ...
    Er a trocken Brot und sprach anerkennend ber die, denen nur Trffeln
mundeten ...
    Wie Veilchen! ...
    Er erklrte sich fr unfhig, einen vernnftigen Satz zum Druck zu
stilisiren und seine zierliche Hand schrieb doch Briefe voll Geist ...
    Wie Veilchen! ...
    Perl war der strengste Kritiker, der jemals beizende Lauge im Urtheil ber
ein Ganzes mit der Fhigkeit verband, doch im Einzelnen die Tiefe der Absicht
und die Schnheiten des Details zu erkennen ...
    Das wurde Lb zu hoch und - beizende Lauge fhrte ihn sogar zerstreuend
auf Veilchen's Spitzenhandel ...
    Er tadelte in kleinen Aufstzen ein Buch so, da man dennoch den Verfasser
lieb gewann. Alles das geschah mit so viel Bonhommie, da man vor Lachen gesund
wurde, wenn man seine Scherze las ...
    Seligmann hauchte wieder fr sich hin: Wie Veilchen! ...
    Ich nannte ihn den zwlften Apostel, den Christus zum Ersatz fr Judas
Ischarioth htte nehmen mssen. Auch versicherte er mich, sein Vorgnger Judas
Ischarioth wre der unglcklichste aller Menschen auf Erden gewesen: er wisse
bestimmt, er htte Christus geliebt: er htte ihn mehr geliebt, als Johannes; er
htte Jesus nur verrathen, um ihn zur Entschiedenheit zu bewegen; er htte sich
erhngt aus Verzweiflung, weil ihn ein Werk der Freundschaft mislungen. Wrde
ihn Jesus, sagte Perl, drei Jahre lang um sich geduldet haben, wenn er nicht
Eigenschaften an ihm erkannt htte, die wenigstens denen der andern Apostel
gleichkamen? ... So zwischen Ernst und Scherz, bald durch seine Behauptungen
erschreckend, bald wieder wohlthuend, konnte Leo Perl plaudern. Wir
gewissenlosen Cavaliere - immer ist es mir, als htten wir nicht Ursache gehabt,
uns der sptern Wendung seines Schicksals so zu rhmen, wie wir's zu unserer
Beruhigung oft im Stillen thaten ...
    Leo Perl starb als christlicher Pfarrer in Borkenhagen ... sagte ein dumpfe
Stimme, die wol Terschka's sein konnte ... Dies Wort schien auf die bindende
Kraft eines geweihten Priesters berechnet zu sein ...
    Vielleicht war er schon heimlich in Paris ein Christ! erwiderte der
Prsident mit parodirender Ironie ...
    Leo Perl, fuhr der Provinzial fort, wurde von uns berredet, in den
Betrug der Maldachini miteinzutreten. Ganz in der Laune, die wir an ihm kannten,
griff er zum Champagnerglase und sagte lachend zu. Wir verlangten von ihm nichts
Geringeres, als sich in ein Priestergewand zu hllen und in einer entlegenen
Kapelle, auf den Gtern eines der Mitverbndeten, bei nchtlicher Weile den
Freiherrn von Wittekind mit Fulvia Maldachini zu trauen. Aufrichtig gesagt, ich
erstaune noch jetzt ber seine Zustimmung ... Ich kannte sonst die
Gewissenhaftigkeit, die ihn beseelte, bei aller Leichtigkeit in der Beurtheilung
anderer ...
    Auch fr Lb verlor sich sein: Wie Veilchen! und der Spinozismus jetzt in
drei bis fnf Jahre Gefngni ...
    Perl war des Ritus so kundig, wie oft kein - Domdechant -
    Der Provinzial mute wol im Lesen lcheln ... Seine Stimme klang heller ...
    Die vermessene, wahnwitzige Scene ging vor sich bei Lichterglanz und unter
Assistenz eines Meners, den eine Person spielte, die ich Ihnen nicht nennen
will ...
    Eines Priesters also! sagte Terschka bedeutungsvoll, ohne den Dechanten
selbst zu nennen ...
    Wie es scheint! bemerkte der Prsident und setzte mit Bitterkeit hinzu: Sie
suchen fr Ihre Casuistik irgendeine geheime Schraube! Was das brgerliche Recht
mit dem Zuchthaus bestraft, wird bei uns das kanonische nicht zum Sakrament
erheben! - Doch lesen Sie! Ich bitte! ...
    Eine katholische Trauung mu in dem Ort stattfinden, wo man lebt; dafr
hatten wir die Demissorialien. Sie findet in der Regel des Morgens statt; dafr
hatten wir wiederum einen Erlaschein. Das in der Waldkapelle bei Nacht
verbundene Paar bestieg eine Kutsche und reiste auf Schlo Neuhof. Dort lebte es
dann so, wie es der Freiherr gewnscht hatte. Einstweilen noch kehrte die
Maldachini in ihre Stellung zur Bhne zurck. Sie genas spter eines Knaben, der
auf den Namen der Mutter getauft und von einer Dame erzogen worden ist, die ich
- gleichfalls nicht nennen kann ...
    Frau von Glpen! blitzte es in Lb auf ... Doch nahm er diesen Gedanken
zurck, da er nur die groe Anzahl Nichten kannte, denen Frau von Glpen eine
so liebende Tante war ...
    Lnger dauerte freilich der Nachklang desselben Namens - bei Bonaventura ...
    Die Kmpfe der Maldachini, sich anerkannt zu wissen, gingen mit der Zeit
aufs Aeuerste. Sie wurden um so gefhrlicher, als sie Verdacht schpfte und mit
Entdeckung drohte. Nur weil ihr Perl fters in wirklicher Priestertracht
entgegentreten konnte, wurde sie beruhigt. Der Kronsyndikus hatte in seinen
Neigungen keinen Bestand; bald wurde er gegen sie wie gegen alle; sein Leben auf
Neuhof steigerte sich ja bis ins Sinnlose - ...
    Lb fllte die Pause, die entstand, mit der Empfindung: Mu ein Sohn das von
seinem Vater hren! ...
    Bald erfuhr auch diese seine vermeintliche Gattin die gewhnliche Tcke
seines Sinnes. Sie kam zum zweiten mal in die Hoffnung und bestand mitten in dem
Gewhl der Flucht des westflischen Hofes von Kassel 1813 ihre Entbindung. Der
Kronsyndikus, sich an den Zusammenbruch des Knigreichs Westfalen haltend,
verstie sie ... Hlflos wurde sie von den Mitgliedern ihrer Gesellschaft in den
allgemeinen Strudel des Schreckens und der Flucht mit fortgerissen ... Wir
verloren sie aus den Augen und das fr immer. Eines Tags erzhlte mir Ihr Vater
lachend, sie wre in Paris eine Herzogin geworden ... Damals aber brach die Zeit
an, wo ber uns alle ernstere Stimmungen kamen. Unsere mannichfach neubedingten
Lebensstellungen riethen uns, unsere Auffhrung zu regeln und so entstand das
Bedrfni, auch ber diesen Jugendstreich den Mantel der Vergessenheit zu
breiten - zumal, da ich spter von Leo Perl zu meinem Schrecken erfuhr, da er
diese Ehe -
    An dieser Stelle war es pltzlich dem Horcher, als hrte er eine Bewegung,
die nicht von den Mnnern im Nebenzimmer kommen konnte, obgleich auch drinnen
die durcheinander gehenden Stimmen ein Staunen auszudrcken schienen ...
    Aengstlich sprang Lb zur Seite und hielt die Decken, die ihm entgleiten
wollten ...
    Alles war wieder still. Glcklicherweise ... Denn gerade die ihm werthesten
Stellen der Bekenntnisse des Dechanten konnten ihm verloren gehen ...
    Der Provinzial hatte inzwischen nicht weiter lesen knnen, denn Terschka
sprach ... Terschka sprach von der Ehe und forderte Bonaventura auf, zu sagen,
worin die katholische Ehe ein Sakrament wre, ob durch den Priester oder durch
die Verbundenen? ...
    Die Lehre der Kirche lt es kaum zweifelhaft! lautete die leise und mit
tiefster Erschtterung gegebene Antwort des Domherrn ...
    Der Prsident bat um genauere Erklrung ... Doch an dieser so hochwichtigen
Stelle mute Lb Seligmann den Schrecken erleben, da sich jenes Gerusch
wiederholte ... Es schien sogar aus dem dritten der dunkeln Zimmer zu kommen ...
Bebend sprang er zur Seite und fiel fast ber die Franzen seines improvisirten
Hohenpriestermantels ... Dann aber war wieder alles still ...
    Dafr aber waren die Mnner nebenan im lebhaftesten Streit ber die Ehe und
das Sakrament ... Der katholische Glaube in allen Subtilitten, deren Kenntni
pltzlich von Terschka mehr im Scherz als im Ernst angedeutet wurde, regte den
Prsidenten so auf und veranlate seinerseits fr die Rckhaltsgedanken der
Kanonisten so heftige Wortbezeichnungen, da der Provinzial mit entschiedener
Stimme einfiel und rief:
    Lesen wir wenigstens den Brief! ...
    Dann fuhr er fort:
    Die Trauung selbst war allerdings eine Scene, die uns alle mit Schrecken
berrieselte ... Die nchtliche Stille in dem mondbeschienenen Walde ... Die
Klnge der Orgel ...
    Lb Seligmann konnte nicht nachfolgen ...
    Der Himmel strafte ihn fr die Schuld seiner Vter ...
    Das Gerusch nahm zu, er hrte einen leise auftretenden Futritt - er bekam
Gesellschaft ...
    Unwillkrlich mute er sich zur Erde ducken hinter einem der grern Sessel
...
    Es kam Jemand, der gleichfalls die Vortheile der spanischen Wnde des
Schlosses genieen wollte ... Schon war seine Gesellschaft im zweiten Zimmer ...
    Sie kam leise auftretend jetzt ins dritte ...
    Es war eine Dame ... die Herrin des Schlosses selbst ... die Prsidentin ...
    Lb sah seine Ehre und seine Zukunft auf dem Spiel, wenn die hohe Gnnerin
ihn hier ertappte ...
    Die Decken waren ihm schon entglitten ...
    Fast fiel die vornehme Frau ber sie; sie legte sie murmelnd auf die Tische
... Sie schien hier schon orientirt zu sein ... Es war die Mutter des Domherrn -
und doch so vllig eine andere ...
    Lb kniete hinter dem Lehnstuhl und berechnete schaudernd, wie die Frau sich
wundern wrde, wenn sie seinen Hut - Gott sei Dank! - Sein Hut war in einem
Schlosse, wo er sich so heimisch fhlen durfte, auf seinem Zimmer geblieben ...
    Die Prsidentin nahm wie er an der Wand Platz und schien so vertieft in die
Worte, die der Provinzial las, da er es wagte, zwischen zwei Uebeln das
geringere zu whlen: Entdeckt zu werden oder ber Leo Perl nicht vllig ins
Reine zu kommen ...
    Er mute letzteres vorziehen ...
    So kroch er auf allen Vieren in das nchste Zimmer, richtete sich dort
behutsam auf, schlich in das erste Zimmer zurck und fand jetzt, wie er erwartet
hatte, einen Drcker an der Thr, die auf den Corridor fhrte. Ein Griff war
eben erst aufgesetzt worden ...
    Sanft folgte jetzt die Thr dem Druck seiner Hand und nun sah er wohl, nun
fehlte der praktikable Handgriff drauen ...
    Leise zog er die Thr wieder an sich und verschwand und war befreit ...
    Die hellste Mittagssonne schien ...
    Sie schien so frhlingsahnungsreich, so erlsend von allen Banden des
Winters und des Todes, da er von einem Traum erwacht zu sein glaubte ...
    Zu dem, was ihm noch an Vervollstndigung der merkwrdigsten Geheimnisse
seines Lebens fehlte, legte er das Gefhl hinzu, doch lieber im Sichern zu sein,
lieber unentdeckt auf Fhrten, die ihn leicht aus seiner gegenwrtigen
glnzenden Laufbahn entfernen konnten ...
    Schlo Neuhof wurde ihm zum Schlo Avenel.

                                      21.


Benno - Benno - mein brauner Zigeunerknabe!
    Du, du also der Sohn des Kronsyndikus und dieser armen, betrogenen,
bemitleidenswerthen Frau -! ...
    Du, der Bruder einer Angiolina, die das Schicksal in die wildesten Strudel
warf und die die Grfin von Salem-Camphausen werden kann, wenn ein ruchloses
Gaukelspiel - - doch, doch nicht ganz misglckte ...
    Was du auch in diesen Tagen von mir hren drftest, ich war schwach - um
der Liebe willen - hatte der Onkel geschrieben -
    Nein, Onkel! Das war die Liebe nicht, deren heiligste Forderungen du nicht
verstandest! Das war ein Hohn, gesprochen den Gesetzen der Natur! Die Natur
willst du preisen? Nur in den Sinnen findest du sie! ... Onkel, Onkel, Theurer,
dessen weie Hand ich so gern kssen mochte, warum hast du uns das gethan! ...
    So tiefschmerzlich und zugleich hochaufjauchzend freudig rief es in
Bonaventura's Innern, whrend auch nicht einer der Hrer die Menschlichkeit
besa, zu fragen: Und was wurde denn nur aus jenem Bruder Angiolinens, der doch
jetzt vielleicht siebenundzwanzig Jahre zhlen mte? ... Sind euch die Snden
des Mannes, dessen Leben so grauenvoll da aufgedeckt liegt, so schon gelufig,
da nicht Terschka, nicht der Prsident, nicht der Provinzial fragt: Wo ist das
zweite Kind? Der Sohn? Was wurde aus dem? ... Hatte also Benno Recht, so oft er
sprach: Alles das mu in den Beichtsthlen verborgen bleiben! ...
    Terschka, der glatte, jedem ausweichende, immer lchelnde Sendbote, der
jetzt vielleicht sogar das Herz einer Armgart bestrickte - wie hlt er so
seltsam geheimnivoll die Fden aller dieser Wirren in der Hand ... Er nennt
vielleicht doch pltzlich Benno bei dem Namen, der ihm gebhrt - Benno, dessen
Ehrgefhl so krankhaft ist, wie Verdacht in der Liebe ... Nimmermehr drfen
diese Schleier gehoben werden, ohne da Benno es will ... Nie, nie darf ihn
dieser grliche Fluch seines Daseins berraschen auf dem Boden, auf dem er lebt
... Erfhr' er davon, er strmte fort von diesem Schauplatz der Lge, die selbst
deine sptere liebende Sorgfalt, Onkel, nicht veredelte ... Furcht war es, was
dich bestimmte, Benno's Ursprung zu verbergen ... Die Zeiten hatten sich
gendert, der Onkel wollte das Stift Sanct-Zeno erhalten, wollte, mute die
Pflichten eines Dechanten ben, erinnerte sich, da er jetzt den
unbescholtensten Priester zu spielen hatte ... Ohne Zweifel bat er den Bruder,
der aus Spanien zurckkehrte, das Kind als sein eigenes mitzubringen - ohne
Zweifel wurde deshalb selbst dem Kronsyndikus jede Spur des Knaben entzogen - Ja
man gab ihn fr jnger aus, als er war ... Benno ist lter, lter als du ...
Daher die grere Reife seines Verstandes ... Alles, alles bot man auf, die
Nachforschungen nach seinem Ursprung unmglich zu machen ... Immer wieder muten
sie auf jene Scene zurckfhren, bei der ein jetzt in Amtswrden stehender
Priester als Mener einen leichtsinnigen Juden in der ehelichen Segnung
untersttzte, einen Juden - der - dann ihn selbst getauft hatte ... und in einer
Segnung -
    Hier verwirrten sich in Bonaventura die Vorstellungen ... Kaum hrte er noch
der weitern Vorlesung zu ... Brachen doch alle diese Thatsachen auf ihn wie
Blitze herein ... Und dazu dann noch die Nachricht: Lucinde ist dir gefolgt! ...
Eine Kunde, die ringsum alles in Nacht verdunkelte ...
    Diese Conferenz fand statt in jenem Zimmer, in dem einst Lucinde und
Klingsohr sich hatten finden und vereinigen sollen, um den Kronsyndikus zu
schtzen ... Behagliche Wrme entstrmte einem weien Ofen ... Die Sonne schien
hell und mild durch die Fenster ... Still war alles ringsum ... Auf dem Tisch,
um den die vier Mnner saen, stand Schreibzeug, lagen Federn und Papierstreifen
... Terschka zerdrckte in seiner Ungeduld eine Federspalte nach der andern und
kmpfte mit sich - seine Erinnerungen an das kanonische Recht nicht allzu sehr
zu verrathen ... Scheu blickte er zu Bonaventura auf, als wollte er sagen: Das
weit du doch, da das Concilium von Trident zu einer Trauung zwar den
Ortspfarrer oder dessen zugestandene Stellvertretung und zwei Zeugen verlangt,
da es aber zum Stellvertreter sogar gestattet, einen noch nicht geweihten
Priester zu nehmen? Das weit du doch, da das, was an einer Ehe das Sakrament
ist, sich durch die Verbundenen selbst vollzieht und nicht im mindesten durch
den bei allen andern Sakramenten als die Hauptsache vorwaltenden Priester? Das
weit du doch, da sogar der Segen und alle Ceremonien bei einer Trauung an sich
ganz berflssig sind, wenn ein sich selbst einander die Ehe gelobendes und
vollziehendes Paar nur einer Messe beiwohnt; ja da auch eine Messe zwar
gelstert und verunreinigt werden kann durch Misbrauch, aber dennoch ein Opfer
bleibt, das, richtig ausgefhrt, sich durch seine eigene Kraft vollzieht? Die
von einem Priester im Stande der Todsnde gelesene Messe ist wirksam - wie
sollte die von einem Juden in Priesterkleidern gesprochene einfache Segnung
nicht wirksam gewesen sein bei einem Act, wo die heilige Mystik des
Priesterthums wegfllt? ... Hier fand eine Trauung ohne Messe statt, in einer
Abendstunde, die sonst nicht Sitte, aber wiederum nicht hindernd ist ... Endlich
- schliet denn der Betrug, den man mit dem Pfarrer spielte, das glubige und
von Zeugen vernommene Ja! der Braut und des Brutigams aus? Das Mysterium der
Ehe liegt in denen, die aus sich selbst wie in Adam und Eva durch die Liebe ein
Abbild der Menschheit wiedergeben wollen, nicht im ersten Priester des
Paradieses, nicht in Gott, der sie zusammenthat; die Liebenden opfern durch
sich, durch die Ehe Gott ... In der Ehe empfngt Gott oder der Priester; beide
geben nichts ...
    Das alles sprach Terschka nicht ganz ... So heimisch war er nicht mehr in
den Prfungen, die einst Pater Stanislaus zu bestehen hatte ... Aber
Bonaventura las es wie Ahnungen aus seinen Augen, er, der seinerseits allerdings
so heimisch in diesen Anschauungen war, wie der Onkel Dechant - in den
Wandgemlden Pompejis ...
    Der im Antlitz wie mit Purpur bergossene Prsident ersuchte den Provinzial
weiter zu lesen ...
    Dieser that es - und in der That lchelnd:
    Eine Scene war es, die uns sogar selbst mit Schrecken berrieselte ... Die
nchtliche Stille in dem mondbeschienenen Walde ... Die Klnge der Orgel ... Wir
kamen von einem Mahl, das Graf Altenkirchen gegeben hatte ... Die Diener blieben
zurck ... Wir erklrten gegen Mitternacht, vom Kapellenthurm aus im Walde ber
die Baumkronen hinweg das Spiel der Mondstrahlen beobachten und eine Windharfe
hren zu wollen, die ber einen Durchhau der Tannen gespannt war ... Bereits war
ich selbst voraus und fand Leo Perl im Ornat, einsam in der Kirche auf- und
abgehend und mit sich selbst redend ... Wahrhaft schn sah er aus in seinem
langen Kleide; die Stola, reichgestickt, hing ber seiner Schulter ... Graf
Altenkirchen spielte die Orgel ... Fulvia Maldachini wurde vom Kronsyndikus
gefhrt ... Baron von Liebetreu trug die Schleppe ihres Kleides ... Sie schwebte
dahin, wie Juno, als sie Zeus vor allen Olympiern zu seiner Gemahlin erhob ...
Bei ihrem Stolz und Glck hatte sie von allem kein Arg ... Die Worte, die der
Priester deutlich sprach: Willst du diese gegenwrtige Signora Maldachini,
Marchesina von Santalto, zu deiner Gattin nach Vorschrift der heiligen Mutter
Kirche annehmen? verstand sie nicht, aber den Gebruchen pate sie scharf auf
... Der Wechsel der Ringe, alles erfolgte nach Vorschrift ... Perl war so
heimisch in dem, was er zu thun hatte, da wir darber erstaunten ... Auch nicht
eine Eigenheit des Ritus ging verloren ... Wir gingen dann zum Schlo zurck ...
Scheu und in der That schon erschreckt von unserm Frevel ... Die Windharfe, von
goldenen Mondstrahlen beschienen, klagte geheimnivoll ber die Tannen herber.
Noch klang die Orgel hinter uns her; Graf Altenkirchen blieb bis zuletzt, um die
Kapelle zu schlieen ... Wir hrten das Rascheln unserer Schritte auf dem grnen
Wiesenplan, wo uns die Leuchtkfer umglhten ... ... Der Weg war nicht zu nah
bis zum Schlosse ... Glcklicherweise war die Italienerin in einer so
berspannten Aufregung, da sie uns alle zu sprechen zwang ... Es ging
franzsisch, italienisch, deutsch durcheinander; aber wir fanden erst allmhlich
den Ton des Scherzes wieder ... Einer dann aber niemals mehr - Leo Perl ...
    Der Provinzial hielt inne - um das Gericht Gottes zu bezeichnen ...
    Der Freund, fuhr er nach einer Weile fort, hatte den Gedanken unsers
Betruges, mein' ich, ganz ebenso leichtsinnig ergriffen, wie wir ...
Zusammengesetzt in seinen Principien aus Voltaire und dem Zufall, den die
Kabbala lehrt, scherzte er ber alles, was Plan und Absicht im Leben ... In
Alles msse man sich blind werfen ... Auch in die Ehe ... Und lcherlich war ihm
die Anmaung dieser Italienerin, die soviel Werth auf sich legte ... Er war
eitel darauf, sich unsers Vertrauens zu erfreuen. Seine Lust an der Sache ging
so weit, mit Befriedigung zu zeigen, wie vollstndig ihm, einem Rabbiner, der
Ritus unserer Kirche bekannt war ... Was konnte ihm geschehen bei einer
Mitschuld so bedeutender Namen! ... Man setzte voraus, da in Paris der Kaiser
selbst lachen wrde, erfhre er den Betrug ... Geld, glaubte man, wrde
ausreichen, den Handel, wenn er bekannt wrde, niederzuschlagen ... Da mute uns
denn freilich berraschen, da wir pltzlich unsers frhlichen Doctor Leo Perl's
Spur verloren ... Gleich nach der Trauung war er verschwunden ... Mit sich
mehrender Verlegenheit suchten wir ihn ... Wir erschraken nicht wenig, als wir
in Erfahrung brachten, da er Christ geworden und noch mehr, da er sich zu
Witoborn im Seminar befand ... Sofort eilte ich ihn aufzusuchen und hrte zu
meinem Erstaunen, da Leo Perl katholischer Priester werden wollte ... Als ich
mit ihm sprach, erkannte ich ihn nicht wieder. Scheu blickte er zur Erde und
wich allem aus, was ihn an die Vergangenheit erinnerte ... Sind Sie aus einem
Saulus ein Paulus geworden? fragte ich ... Es gibt viel Wege nach Damascus! war
seine Antwort. Er deutete an, da fr ihn der Weg zur Erleuchtung ber die
Mondscheinnacht in Altenkirchen gegangen ... Hat Sie der Frevel so erschreckt?
fragte ich. Haben die Megewnder Sie zu unserm Ritus herbergezogen? ... Er
verrieth vollkommen, da er sich hatte taufen lassen im Schauer ber seine That,
im Schmerz um seinen Leichtsinn und wie von Christus selbst darum angeredet und
ermahnt ... Er sprach ganz wie Augustinus in seinen Bekenntnissen. Wie diesen
sein knstlich sophistisches Redneramt mit Gewalt zum Ernste gezwungen, so
geschah es ihm auch mit seiner falschen Rolle ... Die Windharfe htte ihm, sagte
er, gerufen, was dem Redner Augustinus, als er unterm Feigenbaum in Mailand ber
sein stetes Lgen und rednerisches Prahlen weinte, die Kinderstimmen aus dem
Nachbarhause: Nimm und lies! Nimm und lies! ... Als ich seinen Entschlu lobte
und ging, wollten Andere sagen, der Kronsyndikus, der die Entdeckung zu frchten
anfing, htte ihn mit Geld bestimmt ... So viel ist gewi, da er spter seine
erste Messe im Mnster von Witoborn lesen mute, nur damit die gerade anwesende
Maldachini ihn sah ... Mir gegenber wollte Perl behaupten, die Ehe derselben
wre gltig ... In unserm lebhaften Streit darber unterbrach uns der Besuch
seiner Verwandten ... Eine Jugendgeliebte hatte Perl gehabt, an die er Briefe
schrieb, wie Plato an Diotima ... Er gestand zu, da sie ein ganz einfaches
Judenkind wre, doch malte er sie sich wie ein hohes Phantasiegebilde aus, das
er dann freilich desto leichter aufgeben konnte ... Nun fingen die Verwandten
an, ihn aufs heftigste zu bestrmen ... Seine Schwrmerei war keine nachhaltige
... Verstand und Phantasie wechselten von jeher bei ihm ... Endlich erschien ihm
eines Tages aus einem, seinem Zimmer im Convict gegenberliegenden Hause am
Fenster seine ehemalige Geliebte, geschmckt wie Esther, das Haar voll weier
Perlen und vom brutlichen Schleier umwunden ... War es Traum oder Wirklichkeit,
der Eindruck auf ihn wurde so mchtig, da er zum Rector, dem sptern Bischof
Konrad, eilte und sich ihm zu Fen warf mit der Bitte, ihn wieder freizulassen;
er knne nicht Priester werden ... Der gute Rector war gern bereit dazu ... Da
aber soll der Kronsyndikus, Ihr Vater, dazwischengetreten sein, soll Leo Perl
auf Neuhof entboten und ihn so in die Enge getrieben, ihn so eingeschchtert
haben, da Perl ins Convict zurckfloh und wirklich Priester wurde ... Gleich
nach der Messe im Mnster erhielt er durch Ihren Vater eine vortreffliche Pfarre
... Seitdem sah ich ihn nicht wieder ... Er verfiel in Hypochondrie, blieb ein
einfacher Landpfarrer und zeitlebens von einem verschlossenen Sinn ... Auch mich
berschleicht Trauer und Wehmuth, gedenk' ich jener Tage ... Um den Sohn der
Fulvia, um Ihren natrlichen Bruder, tragen Sie keine Sorge! Er lebt in
Verhltnissen, die zur Grausamkeit machen wrden, ihn ber seine Herkunft
aufzuklren. Ohne Zweifel erhielt Pater Maurus Anweisungen aus Rom. Diese
werden, denk' ich, nicht weiter gehen, als da er die Wahrheit erforschen soll.
Er hat Ihnen einen Bevollmchtigten der Ansprche Angiolina's in Aussicht
gestellt. Theilen Sie diesem von allen meinen Gestndnissen, die ich vor Gott
und meiner Ehre vertrete, so viel mit, als zu seiner Aufklrung nothwendig ist.
Ich wnschte, es wre ein Priester; denn scheue ich mich auch nicht, vor meinen
Mitleviten zu bekennen, was wir tglich ausrufen sollen: Mea culpa, maxima
culpa! so wnscht' ich doch, die Grber blieben unaufgedeckt. Was auf ihnen
blht, blht gesund und schn und ist es auch Irrthum und Snde - es ist! So
unser ganzes Leben. Wrde man Wahrheit pflanzen wollen, gedeiht sie - -? ...
Noch kamen einige Worte des Grues an Bonaventura und - an die Lauscherin ...
Das Bekenntni war zu Ende ...
    Die Blicke aller Anwesenden waren auf Terschka gerichtet ...
    Terschka, zu Bonaventura's Schmerz kein Priester, sondern ein Laie, sollte
jetzt sagen, wie weit seine Auftrge gingen ...
    Der Provinzial schien eine vllig neutrale Rolle zu spielen ...
    Terschka drckte eine der Federspalten, die er auseinander getrieben hatte,
nach der andern wieder zusammen ...
    Whrend der ganzen Sitzung, die er durch seine Geistesgegenwart zu
beherrschen schien, hatte sein Inneres keine Ruhe gefunden ...
    Wie - stand es mit ihm? ...
    Am Morgen der Jagd war er im Kloster Himmelpfort gewesen ... Er fuhr dorthin
voll uerster Entschlossenheit ... Er wollte sich von seinem Orden losreien,
wollte sich der Grfin Erdmuthe anvertrauen, wollte sich in ihren Schutz begeben
und die Rolle eingestehen, die er auf Roms Betrieb hatte spielen sollen und die
durch seine Freundschaft fr ihren Sohn gehindert wurde - er wollte die
Confession wechseln - wenn anders der trunkene Taumel, der ihm zu allen diesen
Entschlssen den Muth gab, andauerte und andauern durfte, - das Entzcken ber
Armgart's Hingebung - Armgart's, die schnell, schnell erobert werden mute vor -
den Enthllungen, ber die ihr Schaudern, hatte er einmal ihr Ja errungen - bei
seinem Charakter zu spt kam ... Den Widerspruch ihrer katholischen Gesinnung
glaubte er, einmal im Besitz dieser Eroberung und mit Hlfe der Mutter, nicht
ernstlich frchten zu brauchen ...
    Vor drei Tagen hatte er Armgart nach dem Stifte Heiligenkreuz
zurckbegleitet ... Er migte seine Leidenschaft und unterlie doch nichts, was
den Wahn des bethrten Mdchens verstrken, ihren Entschlu, ihn durch sich
selbst von ihrer Mutter abzuziehen, befestigen konnte ...
    Zitternd war sie an seiner Seite hingeschritten ... Im Waldesdunkel, vom
Reiz der Einsamkeit verfhrt, wagte er, zrtlicher ihren Arm zu ergreifen ... Da
erschreckte ihn der Mnch, der ihnen gefolgt war, Bruder Hubertus ... Dieser
gesellte sich zu ihnen, lie sie nicht wieder allein, ja Armgart hielt ihn
absichtlich, nur um nicht von einem Thurm, auf dem sie sich zu befinden glaubte,
himmelhoch niederzustrzen ... Armgart versprach zur Jagd zu kommen ...
    Sie wollte, verfolgt von ihrem Gelbde, sich besinnungslos in den Strudel
des Lebens strzen ... Sie irrte dahin, nur um alles vergessen zu knnen, was
sie ihrem Opfer zu Liebe that und thun zu mssen glaubte ... Ein nicht erflltes
Gelbde! ... Einst hatte sie aus Dank ber eine Krankheit, die Paula bestanden
hatte, Gott gelobt, funfzigmal an einem Tage die Antiphon Salve regina in
deutscher Uebersetzung und einen Monat lang zu sprechen. Als sie diese Pflicht
nachlssig betrieb, wurde sie sogar von Mllenhoff's mildem Vorgnger als im
Stande der Todsnde befindlich erklrt ...
    Terschka blieb die Nacht beim Verwalter des Stiftes ... Die Furcht, der
Mnch mit seinen Erinnerungen wrde sich ihm aufs neue anschlieen, bestimmte
ihn, nicht sogleich wieder den Weg zurckzunehmen ...
    Am Morgen darauf mute er zum Provinzial Maurus, dann zur Jagd ... Er fuhr
sich selbst mit einem Jagdwagen und jagte querfeldein wie ein von Furien
Verfolgter ... Wieder redete ihn auch im Kloster Franz Bosbeck an; wieder fragte
er nach seinen Verwandten ... Und wenn ihm der Lstige das Dreifache in Aussicht
gestellt htte von dem, was er fr seine Erben in Bereitschaft zu halten
erklrte, er wrde ihn wild angeschnaubt haben: Gehen Sie nach Bhmen! Meinen
Namen tragen dort Hunderte! ...
    Beim Pater Provinzial bebte er erwarten zu drfen, da er als Priester
begrt, fr etwaige Renitenz von den Vtern vielleicht selbst mit Enthllung
seines zweideutigen Ursprunges bedroht werden wrde ... Gefesselt an Leib und
Seele folgte er in die Bibliothek ...
    Pater Maurus theilte ihm ein ber Wien aus Rom gekommenes Schreiben mit,
demzufolge er sich mit ihm verstndigen sollte zur Beantwortung der Frage, die
da lautete: Ist Angiolina Ptzl, wie sie von einer Theaterfamilie genannt wurde,
die rechtmige Tochter der in zweiter Ehe sich Herzogin von Amarillas nennenden
Fulvia Maldachini? Welche Umstnde haben bei der Trauung derselben mit dem
Kronsyndikus Wittekind obgewaltet? ...
    Hchstes Erstaunen ergriff ihn beim Lesen der genaueren Motivirungen ...
Angiolina eine Tochter des reichen, vor wenig Tagen bestatteten Kronsyndikus!
Eine Tochter seiner Gnnerin in Rom! ... Hatte man das Interesse des Grafen Hugo
fr sein Pflegekind wahrgenommen und dem nachgeforscht? Warum das? ... Graf Hugo
war es nicht, der ihm die Frage stellte: Ist Angiolina eine mir ebenbrtig
Geborene? ... Rom fragte es, sein General!
    Terschka htte in der Stimmung, in die ihn die Furcht vor dem endlichen
Ablaufen seiner Stunde, jetzt die Leidenschaft fr Armgart versetzte, nichts
gethan, den Vtern der Gesellschaft Jesu zu dienen, wenn ihn nicht die ganze
Umgebung des Klosters und der lauernde Hubertus mit Furcht und Schrecken erfllt
htte ... Und Pater Maurus, als Inhaber der Beichte des Kronsyndikus, die er der
darin vorgekommenen Reservatflle wegen seinem General in Rom, dem General der
Franciscaner, hatte zuschicken mssen, schwieg zu allem und schon mute er
Terschka mindestens fr einen Affiliirten der Jesuiten halten ...
    So entschlo sich dieser, an einem der nchsten Tage auf Schlo Neuhof ganz
im Interesse seines Freundes des Grafen Hugo und der schnen Angiolina zu
sprechen ...
    Er machte die Jagd mit, umschwrmte Armgart mit seinen Huldigungen, begrte
mit Vertraulichkeit und allen Beweisen seiner gewohnten Galanterie Lucinden,
zeigte beim Brande, ber den er kein Arg hatte, seinen Thateifer und kam auf
Schlo Neuhof mit dem Schein einer vlligen Unbefangenheit an ... Er stellte
sich, wie wenn der empfangene Auftrag ihm hchst lstig wre und er nur
opponirte, um seinen Auftraggebern die unerlliche Schuldigkeit zu thun ...
    Den Prsidenten brachten aber seine Aeuerungen ber die Legitimitt der
zweiten Ehe seines Vaters in die leidenschaftlichste Erregung ... Ueberhaupt
hatte dieser die Relicten seines Vaters verwickelter gefunden, als er erwartete
... Sein Ehrgefhl litt unter dem Ruf seines Namens schon lange und vollends
gereizt war er ber die Sprdigkeit, mit der man ihm und seiner Gattin hier
entgegenkam ... Bonaventura fand heute an seinem Stiefvater Gefallen ... Fast
betroffen war er von dem innigen Hndedruck, mit dem ihn dieser begrt hatte
... Die Anrede: Mein Sohn und Freund! war so aufrichtig betont, da Bonaventura
aufs lebendigste fr ihn Partei ergriffen htte, wre ihm nicht - der Gedanke an
Benno, der nun in wirkliche und nach seiner Ueberzeugung legitime Verwandtschaft
mit ihm trat, zu bestimmend gewesen ...
    Terschka sagte auf die ganze Erffnung des Onkels Dechanten mit einer
spitzen und ironischen Betonung:
    Ich bewundere den Muth dieser Gestndnisse! Aber - die Ehe gilt ...
    Herr von Terschka! rief der Prsident voll uersten Unwillens ...
    Gewhnen Sie sich doch an diese Vorstellung! lchelte Terschka, Sie sollten
Angiolina kennen lernen! Olympia in Rom -? Nein, da ist zu viel Klte! Lucinde
Schwarz hier -? Nein, da ist der Verstand zu zergliedernd ... Ei, und ich
versichere Sie, ich gnne es Angiolinen, zu erfahren, da sie an Jahren lter
ist, als wofr sie gilt ...
    Das Frulein von Wittekind bezaubert ganz Wien durch ihre Reitkunst! Ich
wei es ...
    Es war nur die Schuld Ihres Vaters, da das kaum geborene Kind, dessen
Alter, wie man in solchen Lagen gewohnt ist, falsch angegeben wurde - unter -
    Die Gaukler gerieth! ergnzte der Prsident. Ich werde Sorge tragen, da an
Angiolina Ptzl nachgeholt wird, was versumt wurde! ...
    Thun Sie das nicht, Herr Prsident! erwiderte Terschka ... Frulein von
Wittekind entbehrt nichts, als ihren legitimen Namen ... Sonst ist ausreichend
fr sie gesorgt ...
    Am wenigsten gnnen Sie ihr doch wol eine solche Mutter, die man bei ihrem
Erscheinen in Wien mit einem Proce auf Bigamie begren wrde! ...
    Sie kennen die Herzogin von Amarillas? fragte jetzt Bonaventura, um den
Eifer der Streitenden zu mildern ...
    Als ich in der rmischen Armee diente, sah ich sie oft und ich gestehe Ihnen
gern, die Grnde nicht zu begreifen, die man haben kann, eine hochgestellte Dame
mit diesen Nachforschungen zu beunruhigen - ...
    Diese Grnde sollten Ihnen unbekannt sein? ...
    Vollkommen! sagte Terschka und stutzte ber einen wie Hlfe suchenden Blick,
den der Prsident auf den Provinzial warf ...
    Bonaventura ahnte von Seiten seines Stiefvaters einen noch heftigern
Ausbruch der mhsam unterdrckten Stimmung und warf ihm einen bittenden Blick zu
... Die Hauptangelegenheit, das Austauschen der vor Jahren stattgehabten
Vorgnge war ja beendet; das Aussprechen der Legitimitt der zweiten Ehe hing
von einer Entscheidung der rmischen Gewissensrthe ab ... Ihn zog es nun nach
Westerhof zu Paula, die nach dem schreckhaften Erlebni dieser Tage seines
Zuspruchs bedurfte ... Und Benno, Benno war auf dem Schlo ... Benno hatte die
mit Terschka verabredete nochmalige Revision des Archivs, die jetzt einer neuen
Anordnung gleichkam, auf heute Nachmittag anberaumt ... Wie bebte er dem ersten
Grue des Freundes - nun Bruders entgegen ...
    Da wir unter uns sind, lieber Sohn, begann aufs neue der Prsident, dem
Bitteblick erwidernd und das unter uns seltsam betonend, so will ich eine
Vermuthung aussprechen. Ich gelte schon lange fr keinen guten Katholiken ...
    Als htte der Prsident das Erschrecken seiner lauschenden Gattin gesehen,
verbesserte er:
    Ich kenne wenigstens meinen Ruf ... Die Regierung schenkte mir Vertrauen und
ich habe als Patriot diesem Vertrauen zu entsprechen gesucht ... Das Zeugni
kann ich mir geben, da ich darum meine Religion ebenso liebe wie andere. Nur
die Anmaungen der rmischen Curie zu beseitigen, lag in meiner amtlichen
Stellung und auch hier verfuhr ich mit Ueberzeugung. Zum Kirchenfrsten ging
ich, weil es meine Gattin wnschte. Ich habe ihm offen ins Auge sehen knnen.
Wenn ich es nicht gethan haben sollte, war es, um einen Gebeugten nicht zu
krnken. Wir gehren einem gemeinsamen Staate an, der die gegebenen Zustnde
schont, ohne sich den Verbesserungen zu verschlieen. Wollte der Himmel, die
Nothwendigkeit der letztern wrde nicht zu dringend! Verurtheilen Sie mich
nicht, Herr Provinzial! Ich frage Sie - welch eine Institution ist allein schon
unsere Beichte, die die geheimsten Athemzge bis nach Rom vernehmen lt! ...
    Ein Rauschen an der Wand verrieth den Schrecken der Gattin ...
    Erkennen Sie darin keinen Segen? erwiderte der Provinzial mit dster
zusammengezogenen Augenbrauen ...
    Der Prsident beherrschte sich und fuhr fort:
    Es ziemt mir nicht, Behauptungen auszusprechen, die ich nicht beweisen kann!
So weit aber hat doch mein Amt mich in das innere Leben der Hierarchie
einblicken lassen, da ich vollkommen zu verstehen glaube, welche Zusammenhnge
diesen Belstigungen meiner Ruhe und Ehre zum Grunde liegen. Sie glauben, ich
wrde nicht die Berechtigung der Herzogin von Amarillas, sich meine zweite
Mutter zu nennen, anerkennen? Ich wrde nicht meine Geschwister an mein Herz
ziehen? Sie irren sich! Ich bin bereit dazu, wenn die Ehe wirklich nach
brgerlichen, allgemein gltigen, deutschen Gesetzen als richtig geschlossen
gelten knnte. Sie kann dies aber nicht - und ich glaube nicht daran, da auch
irgend Jemand von den Betheiligten in Wahrheit interessirt ist, da dies
geschieht ...
    Nicht Angiolina, nicht Benno -? rief es in Bonaventura's Innern ...
    Oder glauben Sie, Herr von Terschka, da Sie Instructionen erhalten werden,
noch eine gerichtliche Untersuchung ber den Vorgang, den uns in so edler
Offenheit der Dechant erzhlt hat, in Angriff zu nehmen? Grell aufgedeckt, aller
Welt bekannt soll dieser Vorfall werden? Was schrieben Ihnen darber - die
Jesuiten? ...
    Terschka bot alle seine Verstellungskunst auf, um auf dies leicht
hingeworfene, doch alle erschreckende Wort lchelnd wiederholen zu knnen:
    Die Jesuiten! ...
    Die Jesuiten! besttigte der Prsident. Sie sind krzlich wiederhergestellt
worden. Sie sind schon mchtig genug. Aber die Macht des Ordens ist ihm noch
nicht die alte. Die brigen Orden wuchsen inzwischen in zu groer Autoritt fr
ihn empor. Von den frommen Vtern des heiligen Franciscus droht allerdings
seinem Ehrgeiz wenig Gefahr. Ihr General, Herr Provinzial, wird den Einblick in
die Beichte meines Vaters verweigert haben; aber doch sind Sie angewiesen, die
Bemhungen des Herrn von Terschka zu untersttzen. Ich wei das! Bestreiten Sie
es nicht! Die Dominicaner htten es nicht gethan. Sie wrden Ihnen, Herr
Provinzial, geschrieben haben: Lehnen Sie jeden Beistand zu Untersuchungen ab,
die den Jesuiten gegenber eine bei uns niedergelegte Beichte compromittiren
knnten ...
    Herr Prsident! wallte der Provinzial auf und blickte auf Bonaventura, der
ihm beistehen sollte ...
    Ich klage Sie ja nicht an, Herr Provinzial! fuhr der Prsident fort und
strich sich seine dnnen grauen Haare, als htte er das Gefhl, wie sie sich
unter seiner zunehmenden Erregung aufstrubten ... Ich sage nicht, da Sie heute
berhaupt schon zu Herrn von Terschka's Beginnen ein Ja oder ein Nein
verriethen. Sie lieen ihn einfach gewhren. Ich will Ihnen aber nur Eines
sagen, was Sie berraschen soll ... In tiefstem Frieden ber alles, was uns hier
beunruhigt, lebt in Rom die Herzogin von Amarillas ... Ohne Sorge rstet die
hochgestellte Frau sich zu einer Reise nach Wien ... Cardinal Ceccone hat sich
seit Jahren an sie und ihren Umgang gewhnt - Olympia, seine - Nichte - Sie
kennen ja die Sage ber Olympia - beherrscht die rmische Welt und beherrscht
ihn und die Herzogin - Ceccone, wie uns Mnnern vom Regiment wol auf unsere
alten Tage geschieht, ist der Inquisitionen und Dolche mde. Er hat das Seinige
fr die dreifache Krone gethan. Aus Furcht ist er sogar - Affiliirter der
Jesuiten geworden - Und doch, doch thut er dem Orden nicht genug ... Ceccone
schliet Concordate, bekmpft die Revolution, bereichert den Index der
verbotenen Bcher, verdammt Philosophieen und Glaubenssysteme, selbst die, die
der Mutter Kirche ergeben sind, Ceccone lt Donner und Blitz vom Vatican selbst
ber die neuen Eisenbahnen rollen - dem General der Jesuiten ist alles das noch
nicht genug. Man erwartet, da Ceccone nach Wien geht. Die Diplomatie und
Staatskunst wollen den Frieden der Kirche mit unserm Lande vermitteln. Aber die
Jesuiten nehmen diesen Augenblick wahr. Ihnen scheint er fr Deutschland, fr
Europa entscheidend. Jetzt oder erst in einem Jahrhundert! So wollen sie den
letzten Rest von Selbstndigkeit, den sich der Heilige Vater noch durch seine
nchsten Organe erhlt, vernichten ... Nur den Befehlen des Al Ges soll er
folgen ... Nur eine Politik, eine Diplomatie nach kirchlicher Autoritt
vertreten ... Erst sollen Priester, Mnche, Bischfe sprechen, dann
Staatskanzler ... So stechen sie jetzt dem Cardinal, einem alten Richter und
Advocaten allerdings voller Weltlichkeit, in die Ferse durch die Drohung: Die
Frau, ohne die du nicht sein kannst, die Frau, die der Deckmantel deiner
zrtlichsten Frsorge fr Olympia ist, verfllt einem Schicksal, das sie und
Olympia und dich selbst an den Pranger stellt; sie war die Gattin zweier zu
gleicher Zeit lebender Mnner! Wozu wrde sich nicht Ceccone entschlieen, wenn
er solche Gefahren von seiner Ehre, von der Ehre der Frauen, die er schtzt und
liebt, abwenden mu! Welche Dispense sind da nicht nthig, um solche Verbrechen
zu shnen! Welche Schwierigkeiten vor demjenigen Theil des geistlichen
Ministeriums in Rom, der sich mit den Herzens- und Heirathssachen von
hundertunddreiig Millionen Kindern der Kirche beschftigt! Erkennen Sie nun die
Mglichkeit, wie zuletzt dem Staat ber solche Intriguen die Geduld reit! ...
Ich nehme von dem nichts zurck, was ich fr die Freiheit der gemischten Ehen
gethan habe ...
    Das Rcken des Stuhls, auf dem der Provinzial sa, bertnte ein
fortgesetztes Rascheln, das an der Wand hrbar wurde und immer noch Niemanden
auffiel ... selbst nicht dem Prsidenten, der es ausdrcklich hren sollte ...
    Wie ergriff jedes dieser Worte Bonaventura im Hinblick auf die Empfindungen,
die - darber eben auch - seine Mutter htte hegen mssen ...
    Terschka wagte nicht zu widersprechen ... Vollkommen von der Wahrheit dieser
Enthllungen berzeugt, sah er im Geist wieder seinen lwenmuthigen General,
hrte die vor Jahren in Rom erhaltenen Anreden, sah den Feldherrnblick, der im
Al Ges das Nchste und Entfernteste vom kleinsten Menschen-bis zum grten
Staatenschicksal zu benutzen versteht ...
    Wohlan, fuhr der Prsident fort, ich bin beruhigt, wenn mir Herr von
Terschka sein Ehrenwort gibt, vorlufig nichts weiter in dieser Sache zu thun,
nicht in Witoborn oder sonst auf den Archiven verdchtigende Nachforschungen
anzustellen, sondern vorlufig nach Wien oder - Rom hin zu berichten, da dieser
Handel von unsern Auffassungen und Gesetzen abgemacht und die Herzogin von
Amarillas nicht die Frau von Wittekind ist ...
    Was nur lhmte Terschka die ihm sonst so gelufige Zunge und lie ihn ber
die scharfe Betonung des Wortes: Sein Ehrenwort erschrecken? ...
    Der Prsident sagte noch einmal: Geben Sie Ihr Ehrenwort! ...
    Terschka schwieg ...
    Ihr Ehrenwort! Als Cavalier! ...
    Als Terschka auch jetzt noch sinnend niederblickte und schwieg, sprach der
Prsident mit ergrimmter leiser Stimme:
    Ich vergesse - - Herrn von Terschka bindet an die Obern das Gelbde des
Gehorsams! ...
    Die Wirkung dieser Worte war mchtig ...
    Der Prsident erhob sich; alle andern blieben sitzen wie gelhmt ...
Terschka bleich mit halbgeffnetem Munde ... Der Provinzial mit hoch
aufgezogenen Augenbrauen ... ... Bonaventura mit einer Ahnung, die im Hinblick
auf - den ketzerischen Grafen Hugo im Nu - die volle Wahrheit erkannte ...
    Nehmen wir ein Frhstck, meine Herren! sprach im Gefhl seines wenigstens
jetzt unwiderlegbaren Triumphes der Prsident und wollte, scheinbar unbefangen,
vorangehen, um die Thr zu ffnen ...
    Die drei Priester waren zwar auch aufgestanden, blieben aber noch immer wie
erstarrt stehen ... Kein Wort kam von ihren Lippen ... Das Wort des Prsidenten
konnte fr einen Scherz gelten - aber man erkannte zu deutlich - der Falsche,
Abtrnnige, der Segestes, wie ihn sein Vater genannt hatte, war zu diesem
Kampf wohlgerstet erschienen ...
    Um die Vernichtung Terschka's, der, mit tausend Dolchen durchbohrt, sich am
Stuhl zu halten suchte, zu mehren, ging der Prsident in leichtem, scherzendem
Ton zu den Worten ber:
    Will Graf Hugo seine Gter hier selbst antreten, so wrde er allerdings gut
thun, sich erst in den Schoos der alleinseligmachenden Kirche zu begeben und Sie
- Herr Pater Stanislaus, werden schon dafr sorgen ...
    Ein Einspruch gegen diese Worte, die nur wie ein ironischer Scherz fielen,
war nicht mglich; denn schon hatte der Prsident geklingelt, schon traten
Diener ein. Nicht lange, so erschien Frau von Wittekind. Man setzte sich zu
Tisch. Der Prsident entwickelte eine Heiterkeit, eine Flle von Kenntnissen,
die ihn scheinbar zum Sieger ber seine Gegner machte, trotzdem, da er ahnte,
wie ohne Zweifel mit der Zeit zwei legitime Geschwister sich ihm zur Seite
stellen wrden ...
    Bonaventura brach frher als die andern auf ...
    Wie htte er mit Terschka noch lnger allein sein knnen ...! Wie noch
lnger den Blick ertragen mgen, der in Terschka's Augen der der tiefsten
Vernichtung war! ...
    Welche Enthllungen! ... Terschka ein Jesuit! ... Abgesandt zur Convertirung
des Grafen Hugo! ... Und mit welchen Mitteln sollte er ihn bekehren ... Mit
welcher Kunst der Verstellung! ... Bonaventura's Erschaudern ber Rom konnte bei
der einen Thatsache nicht verweilen, denn schon die andere verdrngte sie ...
Sah er auch im katholischen Sakrament der Ehe, das abweichend von den sechs
andern, sich ohne den Priester, rein nur durch die Liebe vollzog, wieder seine
vollen schnen groen Rosen in den Mnstern glhen, was sollte er - mit Benno
beginnen? ... Sollte er ihn lind und sanft auf seine Jugendtage zurckfhren?
Auf einen Kronsyndikus als Vater! Auf eine in Rom unter Verhltnissen, die sich
aller klaren Beurtheilung entzogen, lebende Mutter! Auf eine Schwester in
zweideutiger Lebensstellung ... Benno war, jetzt begriff er es ganz, lter, als
man geglaubt ... Wie auch anders konnte Benno in seinen Erinnerungen das Bild
einer schnen Frau haben, die aus einer prchtigen Kutsche stieg und ihn so oft
voll Schmerz und Liebe betrachtete! ... Wer konnte dies anders gewesen sein, als
die Frau, die eine rechtmige Geburt verbergen mute und sicher den erlebten
Betrug erst spt ahnte ... Als sie in die allgemeine Flucht des westflischen
Hofes gerissen wurde, blieb ihr kaum darber ein Zweifel ... Da sie die tiefere
Kenntni der ihr beistehenden Kirchenlehre nicht besa, ergriff sie Furcht, Ha,
Scham, soda sie nichts mehr vom Vergangenen besitzen mochte und in ein neues
Lebensverhltni trat, leichtsinnig genug vielleicht ... Erst hatte Max von
Asselyn, der aus Spanien zurckkam, Benno als seinen Sohn mitgebracht, dann
erzogen ihn die Hedemanns, dann kam er in die Dechanei ... Alles das war
verabredet um des Dechanten willen, dessen Existenz von einer pltzlich streng
gewordenen Censur abhing. Ein Zug der Natur war es, da sich Benno so eifrig die
Sprache seiner Mutter aneignete und oft Bonaventura selbst anfeuerte, sich in
ihr zu vervollkommnen ... Und neben Angiolina - neben einer zweiten Lucinde,
neben einer in gewissem Sinne zweiten Rivalin Paula's - Graf Hugo liebte sie -
dann noch Lucinde selbst ... Zuletzt hafteten alle seine Gedanken nur noch
allein an dieser ... Gefolgt war sie ihm aufs neue ... Ewig sie sein Schatten!
... Auf Schlo Mnnichhof, unter dem Schtze einer Frau von Sicking, wagte sie
zu erscheinen ... Nichts frchtete sie von Klingsohr, nichts von allem, was
Bonaventura ber ihr Leben aus ihrer unvergelichen Beichte wute ... Es
durchbebte ihn, gedachte er dieser Fessel seines ganzen Lebens ... Das war sie
und das blieb sie und - zum Hasse, zum glhenden Hasse Lucindens konnte er sich
nicht einmal erheben ... Nur fliehen mute er sie ... Wer wei, ob sie nicht
rcksichtslos auf Schlo Westerhof erschien, Paula sich vorstellte und die
Schmerzen, die sonst die Leidende in ihrer Nhe fhlte, erneuerte ... Wie er im
verschlossenen Wagen seines Stiefvaters dahinfuhr zur Ebene nieder, da war es
ihm doch, als mte Lucinde ihm nachfliegen, umschwrmt von Raben, mit einem
Zauberstab auf die Brandsttte deutend als den Anfang all des Unheils, das sie
ihm vorausgesagt hatte ...
    Indessen - auf den Feldern lag ein so milder Sonnenschein ... Der Frhling
fing an sich so mchtig zu regen ... Die Wlder in der Ferne hatten in einer
Nacht einen Schein bekommen, als trieben die Bume schon ihre verjngenden Sfte
... Heller, hoher Mittag war es ... In der Ebene mute er den Schlag ffnen, um
ganz die Sonne hereinzulassen ...
    Und wenn es ihm allmhlich wurde, als mte schon die Lerche seines
Frhlingsliedes steigen, so war es, weil sich zuletzt doch siegreich nur noch
allein Paula's Bild in milder Anmuth auf sein inneres Auge senkte ... Das
Gewitter in ihm verrollte ... Nur noch einzelne Schlge, nur noch das Zucken
seines Auges vor einem letzten Leuchten des Blitzes - dann zogen die drohenden
Geister der Luft immer ferner dahin ... Auch der innere Himmel blaute wieder und
all sein Leben ruhte im Blick hinber auf Westerhof ...
    Dennoch, dennoch klagten die innern Melodieen:

Mu ich es ewig sehn! In deine Locken
Flicht doch dereinst den Kranz die fremde Hand!
Der Myrte silberweie Bltenflocken -
Doch schimmern sie dir einst aus fernem Land!
Unsterblich Loos, an Sterbliche gegeben,
Dich zu umfangen fr ein ganzes Leben!

O lchle nicht zu hold! Du kannst nicht wissen,
Wie Lcheln wird zu Hoffnungdmmerschein!
Wie sich das Licht entringt den Finsternissen
Und hllt die Welt in Rosenwolken ein!
Du ahnst es nicht, wie deinem Zauberworte
Zu sel'gen Trumen sich erschliet die Pforte!

Es kann nicht sein! Es soll nur still verhallen!
Wie Zephyrhauch am holden Frhlingstag!
Wie in dem Strom die stillen Tropfen wallen!
Nur wie die Knospe bricht im Rosenhag! ...
Und rief's die Welt im Chor - Dennoch entsage!
Sprch' immer nur des Echos leise Klage - -

    In Witoborn wurde Bonaventura von dem alten Mener Tbbicke angehalten ...
Dieser bat ihn aufs dringendste, erst nach Sanct-Libori zu fahren, wo Norbert
Mllenhoff pltzlich erkrankt war und das Bett htete ... Eben entbot er ihm
einen Vicar und vielleicht, bat er, htte der Domherr auch die Freundlichkeit,
den Pfarrherrn in seinen Functionen zu untersttzen ... Beichten, Messen, alles
wrde in Stocken gerathen, wenn die Krankheit andauerte ...
    Bonaventura mute den Umweg ber Sanct-Libori nehmen ... Sonntag war vor der
Thr, aber nichts erschreckte ihn mehr, als die Aussicht auf Beichthren ... Er
billigte als Aushlfe einen Vicar aus dem Seminar - aus demselben, aus dem einst
Leo Perl gekommen ...
    An der Besitzung der Frau von Sicking brauchte er jetzt nicht, wie er
gefrchtet, vorberzufahren ...
    Den Pfarrer fand er in der That im Fieber ... Mllenhoff behauptete, sich
beim Brand erkltet und ber das Frulein Benigna von Ubbelohde gergert zu
haben ... In Wahrheit aber waren nur die beiden Wiegen, die vor seiner Thr
gestanden hatten, der Anla seiner Krankheit ... Wie der Gensdarm von der
Schmeling zurckgekommen war und den ganzen Hausstand derselben geschildert
hatte, auch die Anwesenheit des verunglckten Dieners auf Westerhof, auch die
der Finkenhofer Lene und ihrer Umstnde, da legte er sich ins Bett ...
    Der Geschfte gab es fr den Eiferer so viele ... Gerade war der
Kirchenconvent gekommen ... Er kam, um Strafen zu verhngen, um die neue
Tanzordnung fr den Finkenhof zu ordnen, um den Jnglings- und Jungfrauenbund
fr die Ostern einzuleiten ... Bonaventura mute alle diese Neuerungen auf einen
andern Tag verschieben ... Mllenhoff, wie sich bei einer so markigen und
kernhaften Natur erwarten lie, wand sich in ungeberdiger Ungeduld auf dem
Lager. Vor Aufregung und Erhitzung durch den Thee, den ihm die Kathrein zu
trinken gab, sah er wie zum Schlag treffen aus ...
    Bonaventura sprach ihm zur Beruhigung ... Besa doch auch nur er diesen
sanften Ton, der Herder's Behauptung widerlegen mte, da die Sprache von den
Menschen erfunden ist ... Diesen Ton, der trstend zu den Leidenden spricht, der
wie ein Balsamhauch ber brennende Wunden fhrt; den nicht die Zunge, den das
Herz selbst einsetzt und gerade so einsetzt, wie der Schmerz seine Klage ...
Diesen allein trstenden Ton, den ein Arzt hat, wenn er, ein weiser
Heilknstler, in das Zimmer eines Kranken tritt ... den ein Vater hat, wenn er
ein' Kind an sein Herz zieht und es ermuntert nur ihm, ihm allein seine jungen
Leiden anzuvertrauen, ihm allein die Erstlinge seiner Schmerzen zu opfern ...
Mllenhoff meinte zaghaft: Ich mchte Ihnen wol beichten! ...
    Bonaventura hielt dies Wort fr ein Zeichen der Todeserwartung, fr ein
Begehren, schon die Sterbesakramente zu empfangen ... Er bat den excentrischen
Mann, sich nicht aufzuregen ... So unterblieb das Abschtteln einer, wie es
schien, drckenden Last ...
    Ein normirtes Vespergebet mute Bonaventura im Stift Heiligenkreuz halten
... Das war unerllich; - wer zhlt die religisen Pflichten, die sich an die
Altre der alleinseligmachenden Kirche auf Stunde und Minute knpfen! ... Kein
Gotteshaus, und wr' es noch so klein, es hat seine Ordnung und seine bestimmten
Tage, die nur ihm allein angehren ... Geburtstage im Kalender der Heiligen (die
Geburt eines Heiligen ist sein Tod) gibt es mehr, als Tage im Jahre ... So
reicht die Zeit kaum aus fr die Reihe der Zeugen und Bekenner, deren Gedchtni
die Kirche feiert ... Jede Dicese besitzt ein Programm seines Kirchenjahrs, so
festgeordnet auf Ort und Minute, wie die Astronomie die Constellation der
Gestirne bestimmt ...
    Der Wittekind'sche Wagen blieb zu Bonaventura's Verfgung ... Er fuhr damit
nach Heiligenkreuz und hielt das Vespergebet zu nicht geringer Ueberraschung der
Stiftsdamen ... Gib Acht, du kommst nach Westerhof und triffst schon Lucinden!
... Dieser Gedanke verfolgte ihn ... Lange aber hatte ihm eine einfache
kirchliche Function so wohlgethan, wie heute nach allen Aufregungen dies stille
Murmelgebet in der kleinen dunkeln Kapelle des Stifts ...
    Und das htte dann allerdings den Damen behagt, wenn Bonaventura ihnen
Beicht abgenommen ... Sie htten smmtlich ihren gewhnlichen Arzt, Mllenhoff,
sofort aufgegeben und dem neuen von sich weit, weit mehr, als nur
Fastengebotverste eingestanden ... Wie bedeutend htte sich jede in ihren
Zweifeln und Beunruhigungen hingestellt! ... Frulein von Merwig, die
Anflickerin, htte ihren starken Geist gedemthigt und ein Mittel gegen den
Ehrgeiz begehrt, nur um zu verrathen, da es Dinge gab, worauf sie ehrgeizig
sein konnte ... Frulein von Absam htte Neid in der Brust gehabt und damit
verrathen, worauf ihre geheimen Sehnsuchten gingen ... Frulein von
Tngel-Appelhlsen, eines der jngern Mitglieder, erst im Anfang der vierziger,
htte vielleicht eine Indiscretion gebeichtet, die beinahe wie eine Rache
herauskam. Sie war eine Verwandte der Schwester Scholastika, Aebtissin der
Hospitaliterinnen in Wien. Aber die Tngel-Heides und die Tngel-Appelhlsens
wichen voneinander ab wie Tag und Nacht. Unbekannt mit diesem Unterschied ging
Monika jene Portiuncula unter dem Siegel der Verschwiegenheit an, ob sie nicht
bei ihr mit fremdem Namen absteigen und in Armgart's Nhe einige Tage leben und
sich ihrer Nachbarschaft einwohnen knnte, ohne da sie es wisse. Und auf diesen
Brief hatte das Frulein geantwortet, ganz so steif, ganz so beschrnkt, wie
ihrem Charakter entsprach. Monika hatte diesen Brief nicht vertrauenerweckend
gefunden und nur noch kurzweg um Entschuldigung gebeten und ihre Hlfe
abgelehnt. Aber - dumme Menschen sind immer gefhrlich und gerade die klugen
Leute machen dann auch noch gerade die dmmsten Streiche. Portiuncula hatte
sich, aus Rache fr diese Ablehnung, gestern Abend in ihrer ganzen Glorie
gezeigt ... Zu Armgart, die seit dem Brand in Westerhof blieb, hatte sie unter
Kichern und zweideutigen Anspielungen, ganz im Geist des Stiftes, gesagt: Na
ja, Frulein von Hlleshoven, jetzt kann ich Ihnen doch sagen, Ihre Frau Mama
ist schon in Eschede! Sie wohnt bei Schnians. Die Mllern, die Angelika steckt
sogar von Paris aus dahinter! Ja, und von da geht sie noch heute zur Frau von
Sicking, und denken Sie! wer wird sie da eingefhrt haben? Niemand anders,
glaub' ich doch, als die Person, die mir mein ganzes Lebensglck ruinirt hat,
Sie wissen ja - die Schwarzin! O, ich knnte in Neuhof die Erbin so gut sein wie
andere! Aber, wenn Sie morgen Abend beim Thee in Westerhof sitzen, da passen Sie
mal auf, dann ist die Mutter da und hlt Ihnen die Augen zu! Sie hat sich mit
Benigna hinter Ihrem Rcken ausgeshnt! Und wollen Sie von Ihrem Vater hren, so
mssen Sie - aber verrathen Sie mich nicht - zu Hedemann nach Witoborn! Lassen
Sie doch Ihren Herrn von Terschka da anfragen - Freilich - bei Hedemann wohnen
Herr von Asselyn und Herr de Jonge ... Er - Sie Kleine, Sie fangen ja schon frh
an! - - Und nun kam alles so heraus, wie es ist in der Welt, wenn der Mensch
sich einbildet, sein Leben und sein Handeln wre nur fr ihn allein da; alle
wissen davon und oft mehr, als wir ...
    Diese Beichten blieben jedoch aus ...
    Es war schon Abend, als Bonaventura in Westerhof eintraf ...
    Er fand das Schlo in eigenthmlicher Bewegung ... Im Vorhause hrte er aufs
lebhafteste sprechen ... Die Diener standen in Gruppen ... Fast bersah man das
Anfahren seines Wagens ...
    Er achtete wenig darauf, da er sich schon erleichtert fhlte, nur kein
Anzeichen zu sehen, das auf eine etwaige Anwesenheit von Besuch und wol gar
Lucindens schlieen lie ...
    Herr Domherr! hie es. Bisjetzt haben Herr von Asselyn auf Sie gewartet und
Herr de Jonge ... Beide empfahlen sich zur Rckreise und htten Sie gern noch
einmal gesprochen ...
    Benno schon zurck? ...
    Bonaventura hoffte, da er ihn und Thiebold morgen noch in der Stadt fand
...
    Ueber Terschka erfuhr er, da in der That dieser und Benno, Thiebold und der
Onkel, wie sie gewollt, am Nachmittag das Archiv geordnet hatten ...
    Vom Hof aus leuchteten die Laternen, die, um Unglcksfllen vorzubeugen, die
dstere Brandsttte erhellten ...
    Klingeln erschallten von da und dort ...
    Ist Paula - doch nicht - krank? dachte er bangend und wagte nicht zu fragen,
ob dies Klingeln und Laufen der Grfin glte -
    Die Herrschaften sind alle oben! hie es ungefragt ... Und Herr von Terschka
kleidet sich um ... Und auch Herr von Hlleshoven ...
    Wozu umkleiden? dachte er ...
    Eine Kammerjungfer des Hauses eilte an ihm vorber, blieb stehen und sagte:
    Herr Domherr - Sie wissen doch schon? -
    Sein Blick deutete das Gegentheil an ...
    Das Document - die langgesuchte Urkunde -
    Eine Klingel zwang die Sprecherin, in Eile abzubrechen ...
    Bonaventura blieb wie mit einem Ri durch sein Herz ... Indem stand ihm
pltzlich Onkel Levinus zur Seite ...
    Da sind Sie! Nun, Domherr, sprachen Sie schon Ihren Vetter Benno? ...
    Was ist? ...
    Sie hrten doch? Die Urkunde ist gefunden! Beim Rumen des Archivs! Sehen
Sie, so hab' ich mich umkleiden mssen! Vor Ru und Brandgeruch! Auch Herr von
Terschka! Ein Wunder ist's! Staunen Sie nur! Unbegreiflich! Aber Sie wissen
doch, die Urkunde, der zufolge Graf Hugo nicht erben soll, wenn nicht die
Religion stimmt! Paula bleibt die Erbin! Darber ist jetzt kein Zweifel ...
    Bei allen Heiligen -
    Wunderbar! Aber kommen Sie! Sehen Sie das Document! Wir fanden es mitten
unter den geretteten Papieren ...
    Schon stand Bonaventura in der geffneten Thr des groen Vorsaals ... am
Weihwasserbecken ... Besinnung hatte er nicht, sich zu benetzen ... Die Gruppe,
die sich seinen Augen bot, lie auch nichts anderes aufkommen, als zunchst den
Gedanken: Paula stirbt! ...
    Beleuchtet von Kerzen, die Diener und einige Mdchen in die Hhe hielten,
stand Paula mit einer Pergamentrolle in den Hnden, leichenbla, Wachsfarben,
wie ein Cherub des Himmels und wie schwebend im Chor der Seligen ... Armgart, zu
ihr aufsehend, hielt sie in Andacht und Schrecken ... Die Tante Benigna hielt
sie ebenso mit ihrer Rechten ... Paula las zwar, aber ihr Auge stand starr und
wie gebrochen ... Die Worte: Vorbehaltlich da die jngere Linie meinem
Beispiel folgt und bis dahin in den Schoos der alleinseligmachenden Kirche
zurckgekehrt ist standen wie mit Geisterhand aus ihrer Stirn zu lesen ...
Onkel Levinus sprach diese Worte ... Und nun trat Bonaventura ein ... Da erlosch
Paula's Auge ganz ... Ihre Kniee wankten ... Mit einem Hauch des Schreckens
verging ihr die Kraft, sich zu halten ... Ohne Bewutsein lag sie in den Armen
der Hinzuspringenden, die sie nebenan auf ein Sopha trugen ...
    Wie mit Donnerton wollte Bonaventura rufen: Aber die Urkunde ist ja falsch!
... Doch auch ihn entwaffnete der Anblick derselben. Er kannte so viele solcher
alten Urkunden. Diese trug die Spuren ihrer Echtheit unverkennbar ... Das
Pergament war zermrbt, mannichfach zerbrochen, altersbraun ... Die Buchstaben
der Handschrift im steifen Kanzleigeschmack der Zeit nach dem Dreiigjhrigen
Kriege ... Whrend Paula nebenan ins grne Zimmer getragen wurde, erzhlte der
Onkel die Art des Fundes, die Ueberraschung Benno's, die Zweifel Thiebold's,
seine eigenen Untersuchungen ...
    Aber Terschka? fragte Bonaventura auer sich ...
    Betroffen - natrlich - erschttert - Es ndert sich vieles - wenn nicht -
...
    Alles! rief Bonaventura ...
    Der Onkel besttigte dies ... Sonst hrte er nichts und sah nichts, als die
wahrscheinliche Geschichte der Urkunde ... Er bewies an den Brchen des
Documents, wie dasselbe zwei Jahrhunderte lang an der hintern Wand eines
Schubfachs htte mssen eingeklemmt gewesen sein ... Er hatte das Siegel der
Dorstes nie in so richtiger Prgung gesehen ... Drei Sterne fand er wieder, die
gerade Maximilian von Dorste zuerst in das Wappen des Hauses einfhrte ... Er
bewunderte die damalige Schreibart einiger Dorfschaften, die zu den grflichen
Gtern gehrten ... Lngst von ihm geahnte Ursprnge derselben sah er jetzt
bewiesen ...
    Paula blieb inzwischen auf dem Sopha; Armgart kniete vor ihr und barg
thrnenvoll ihr Haupt ...
    Tante Benigna sagte halb bangend, halb von ihrem Standpunkt schon
freudestrahlend:
    Eine groe Wendung! Paula - die Herrin des Ganzen! Das steht nun fest und
bleibt unwiderruflich ...
    Und auf ein Wort, das sie eben von den Rcksichten der Etikette beginnen
wollte, trat Terschka ein, in schwarzen Kleidern, in vllig vernderter Haltung
gegen sonst, bleich wie der Tod ...
    Die Augen Bonaventura's wagte er nicht auszuhalten ...
    Er verbeugte sich und blinzelte auf alle Umstehenden von der Seite, whrend
er aufs neue die Urkunde ergriff ...
    Wie oft hatte man sich aus Wien bereit erklrt, sich ihr unterwerfen zu
wollen, falls sie gefunden werden knnte und berhaupt je ausgestellt wre ...
Es handelte sich um eine vernderte Stellung aller der Fragen, die bisher Rck
vertreten hatte. Es handelte sich um die weitere Erbfolge, die eine vllig
verschiedene wurde, wenn sie von Paula als Herrin ausging, als wenn von der
jngern Linie. Blieb Paula die Besitzerin, so hatte auch die weibliche Linie der
Dorstes Erbrechte und da ergab sich auf diese Art nicht nur der berechtigtste
Antheil drben in der Person des Prsidenten auf Neuhof, durch diesen in
Bonaventura selbst, sondern auch fr viele entfernter wohnende Angehrende ...
Gerade von dieser Seite aus war schon lange und besonders durch den Kronsyndikus
wie eine felsenfeste Nothwendigkeit die Convenienzregel hingestellt worden, da,
wenn Graf Hugo nicht mit dem Erwerb dieser groen Gter, weil er nicht
katholisch wre, durchdrnge, doch Grfin Paula dann seine Hand annehmen mte,
um ihn und die jngere Linie von ihrem tiefen Verfall emporzubringen ... Ein
solcher Rece, wie er nun jetzt eintrat, gestattete Paula nicht die freie
Disposition ber ihr Eigenthum; Vettern und Muhmen und Kirche und Landschaft
nahmen an den Pacten einer Ehe theil und legten die mannichfachsten
Beschrnkungen der vollen Besitzergreifung auch fr Paula auf ... Paula, die
darum aber doch die reiche Erbin blieb und hchstens aus freiem Willen, aus
Hinopferung ihrer Hand etwas fr die jngere Linie thun konnte - fr den Grafen
Hugo, den Lutheraner, den Freund Angiolina's - den Freund des Freifruleins von
Wittekind, der Schwester Benno's! - Paula erhielt an die Freiheit ihres Willens
Berufungen, denen wenigstens jetzt ihre Kraft nicht gewachsen war ... Alles das
bersah Bonaventura voll Schrecken und Wehmuth ...
    Terschka erklrte mit scheinbarer Ruhe und mit einer den Onkel und die Tante
wohlthuend berhrenden Migung nur seine Ueberraschung zu diesem
Schicksalsschlage ... Seinen unbedingten Glauben an die Urkunde verweigerte er
nicht ...
    Er erwhnte die Anstalten, die er getroffen htte, sofort durch einen
Courier nach Wien die neue Wendung wissen zu lassen, die man jedenfalls - er
verbeugte sich gegen Paula - hoch in Ehren zu halten htte ...
    In seinem Innern kmpften die Entschlieungen, die er fassen sollte ...
Seine irrenden Augen suchten Armgart, die die ihrigen verbarg ...
    Die Beichtworte, die Bonaventura von Hammaker und Bickert gehrt hatte,
lauteten auf Feuersbrunst und falsche Urkunde ... Ein Wie? ein Wo? und Wann?
hatte er von keinem von beiden erfahren knnen ... Vielleicht hatte er in der
That diese beiden Gestndnisse in eine zu rasche Verbindung gebracht mit den
Scherzreden Benno's bei jenem Abendspaziergang am Ufer des Stroms, die gelautet
hatten: Die Kunst, in alten Lettern auf Pergament zu schreiben, ist in unserer
Stadt heimisch ... Konnte er auch eine Wendung, die zunchst eine scheinbare
Glckswendung fr Paula war, so ohne weiteres auf diesen seinen Verdacht hin als
ein Werk des Betrugs erklren? ... Wie er Terschka lesen und lesen sah, kam ihm
sogar der Gedanke: Hat wol gar, in falscher Freundschaft fr den Grafen Hugo,
ein Jesuit dies Verbrechen gefrdert - frdern mssen - in majorem Dei gloriam?
... Reit man Paula mit Gewalt zu dem Mann hinber den sie in den Schoos der
Kirche fhren soll und - fhren wird! ... Sicherte man sich in Rom zwei Magnete
zur Bekehrung: Paula - und Angiolina? ...
    Paula erholte sich und ihr Auge suchte Bonaventura. Sie wollte den Rath der
geliebten Stimme hren ...
    Den Rath - des entmannten Ablard - an Heloisen ...
    Die Aufregungen des Onkels, der Tante dauerten fort ...
    Benno, der bisjetzt kaum von der Tante genannt wurde, erhielt pltzlich von
ihr die hchste Anerkennung und Thiebold de Jonge verschwand. Eine Neigung zum
Skepticismus, die Thiebold beim Anblick des wunderbaren Fundes und beim dadurch
bedingten Rckgngigwerden seines Waldankaufs verrathen hatte, verdchtigte ihr
Thiebold's Gemth, sogar seine Grundstze ... Die Tante sprach kein Bedauern
aus, da der junge sonst so liebenswrdige Herr von Jonge heute und nun fr
immer fehlte ...
    Bonaventura verlie endlich das Schlo, dessen Bewohner sich nicht sammeln
konnten ...
    Terschka schien zgernd mit ihm sprechen zu wollen ... Er entri sich ihm
voll Grauen ...
    Wie die Nebel um ihn her aufstiegen, wie rings alles in ein
undurchdringliches Dunkel sich hllte, so umnachtet in seiner Seele schritt er
dahin und fast den Weg verfehlend ...
    Erst die Glocken von Sanct-Libori wiesen ihm die rechte Strae ... Sie
luteten schon seit einigen Tagen auf die kommende Fasten-, Leidens- und
Osterzeit ...
    Aber in seinem immer tiefer und schwerer belasteten Innern griff das
Kirchenjahr schon weiter hinaus - schon zum Tag der Verklrung und der
Himmelfahrt:

Ostern! Ostern! Dein Erwachen
Fhrt nur himmelwrts den Nachen
Aufwrts aus der Erde Noth! -
Ach, zu tdlich ist der Tod! - -
Wer entronnen seiner Truhe,
Sucht auf Erden nicht mehr Ruhe.


                                      22.

Von der Etikette hatte die Tante zu Terschka gesprochen ... Etikette - das ist
so ein Wort, das uns in Armgart's Welt zurckfhrt ...
    Etikette war ihr von allen Erb- und Erbsketten schon von frhster
Kindheitserinnerung an eine der hrtesten und grausamsten - Auch im Stift wurde
noch jetzt der Vorwurf des Mangels an Etikette nie anders ausgesprochen als mit
jener Geringschtzung etwa, die den Mangel an sechszehn Ahnen begleitete ...
    Wer das Geheimni der Liebe in einer reinen, eben vom Kind zur Jungfrau
erblhten Natur beobachtet hat, wei es, da sich die lteste aller
Weltbegebenheiten im Mdchenherzen immer wie das Allerneueste wiederholt. Jede
liebende Seele glaubt die Liebe zuerst erfunden zu haben ...
    Die Tradition ist dann allerdings mchtig. Es gibt sechszehnjhrige
Oberflchlichkeiten genug, die die angeborne Nichtsbedeutung durch das
schnellste Annehmen aller ber Welt, Leben, auch die Liebe berlieferten
Begriffe kund geben und ebenso basenhaft von der Liebe fhlen und sprechen, wie
jede ihrer Tanten ...
    Doch fehlen auch Erscheinungen nicht, die, wie die Schnecke ihr eigenes
Haus, so sich ihre eigene Welt aus ihrem Innersten erbauen ... Erscheinungen,
die erst lange, oft nach den gefahrvollsten, ja das eigene Leben bedrohenden
Umwegen auf euere gemeinpltzlichen Entweder-Oders, euere Liebe oder Ha߫, euer
Wille oder Zwang, euere Natur oder Unnatur ankommen, Gegenstze, die nun
einmal die geltenden sind. Sie kommen dahin oft an erst mit gebrochenem Herzen,
geknicktem Genius, fr immer verbrauchter Lebenskraft ...
    Wei denn wol Armgart, was die Liebe ist? ...
    Sie sollte es doch wol empfunden haben, wie es thut, im Arm eines Mannes zu
ruhen, der von glhender Neigung ergriffen ist ... Sie sollte es doch wol wissen
von damals, als sie vom Hneneck herabstrmte und in Benno's Arme sank, der sie
auffing und so lange hielt, bis sie wieder den verlorenen Athem gefunden ... Sie
sollte Thiebold's Schmachten verstanden haben und aus der Pension vollkommen
wissen, wonach sich schon so frh Tausende von jungen Mdchenherzen sehnen ...
    Aber sie hatte nun eben nicht den Trieb, immer allein in sich selbst zu
verharren ... Schon als Kind lebte sie nur fr andere - sie lebte fr Paula, die
sie bediente, der sie half, die sie vertheidigte, so klein sie war. Der Freundin
war sie ein Bannertrger, wenn auch nur gegen Sonnenstrahl und Regen ... Und die
Tante lie das Gefhl, da sie auch selbst etwas war, niemals bei ihr aufkommen
... Sie wuchs auf unter Anklagen, da sie, wie sie's nannte, berhaupt nur in
der Welt wre ... Bettina liebte als Kind den schon bejahrten Goethe deshalb,
weil sie in Frankfurt nur von ihm hren konnte: Der kalte, herzlose,
unpatriotische, frstendienerische Egoist! ... Armgart hrte ebenso nichts, als
da sie einen herzlosen Vater, eine herzlose Mutter htte ... Sie hrte, da sie
eigentlich ein Leben fhrte, das eine Beschmung der Verwandtschaft wre ... Sie
wre ein Wildling ... Sie sollte nur sorgen, da man sich nicht auch noch ihrer
schmen msse ... Dem alten Grafen Joseph war sie in der That selten bequem ...
Geduldet wurde sie in Westerhof nur durch ein stetes Gemeistert- und
Gestraftwerden ... Paula schtzte sie, soweit Paula Kraft und Willen hatte ...
Aber mit trumerischem Herzen ging Armgart doch im Schlo wie in der Fremde und
mistraute jeder Huldigung, jedem Schmeichelworte, das ihr wurde ... Bettina fand
einen einzigen Freund des verketzerten Goethe, die alte Mutter des Dichters ...
Mit der schwrmte sie fr ihn ... Mit der erfand sie sich eine Idealgestalt
und hielt die fest ... Auch Armgart sa so auf einem Fuschemel und legte den
Kopf in den Schoos einer einzigen theilnehmenden Seele und malte sich den Vater
und die Mutter entgegengesetzt alledem aus, was ihr tglich von ihnen gesagt
wurde ... Nur konnte Paula nicht, wie die Frau Rath, kleine Zge des Herzens von
ihren so hart Angefeindeten erzhlen, Erinnerungen der Kindheit, die ein
Mutterherz bewahrt ... Aber Paula war doch die einzige, die zuhrte, wenn
Armgart von alten Dienern und Beamten des Schlosses Erinnerungen an ihre Aeltern
und besonders an die Zeit, wo sie ihnen so gewaltsam vorenthalten wurde,
aufgetrieben hatte ... Der alte Tbbicke hatte ihr den Versteck im Laboratorium,
die Krankheit der Mutter, das Ergrauen ihrer Haare erzhlt ... Der alte
Oberfrster lobte jeden Soldaten, der sich im Frieden nicht gefalle und es mache
wie Herr Ulrich von Hlleshoven und Hedemann, die in fremde Dienste und Lnder
gegangen wren ... Was nur unterhaltend, abenteuerlich, bedeutsam im Leben war,
knpfte sich fr Armgart an die Aeltern ... Ihre Liebe zu ihnen wurde ihr wie
ein angewhntes Sprichwort, das man aus Laune und gerade zum Trotz in Gegenwart
von Menschen, die sich aus Grnden, die uns nicht berzeugen knnen, darber
rgern, nicht ablegt ...
    Wie dann die Religion auf Armgart wirkte, wissen wir ... Die Religion war
ihr wie dem Volk und wie im Mittelalter der ganzen Bildung der Anhalt alles
Heroischen und Groen ... Man fhrte im Mittelalter die Vorgnge des Evangeliums
auf ffentlicher Bhne auf, um zu zeigen, da Tyrannen, wie Herodes, vor Gott
nicht bestnden ... Was wollten denn nun diese bsen Philipps und Ludwigs von
Frankreich gegen die vom Christenthum berechtigten Augenspiegel beginnen? ...
Hauspapen, Franzsinnen aus klsterlicher Region legten den Grund der Bildung
Armgart's ... Das Pensionat in Lindenwerth hatte nur auszubessern, ohne da man
dabei an besonders Neues ging ... Armgart lernte etwas zeichnen aus sich selbst
... Nie, da sie dafr zur Ermunterung kam; nie, da sie angefeuert wurde, einen
Werth auf sich zu legen ... Sie war so anmuthig, so hold und lieblich - aber das
war ja ihre Schuldigkeit - Himmel! Wie wrde sie gestanden haben bei ihrer
ohnehin so schiefen Stellung, wenn sie nun gar noch hlich gewesen wre! ...
So warm und innig, wie Benno mit ihr sprach, so schwrmerisch wie Thiebold, das
war alles nicht die Fortsetzung dessen, worauf sie im Leben frh angewiesen war
... Euere Liebe, ihr jungen Mdchen, ist nur das stndliche Eintreffen einer
sechszehnjhrigen Prophezeiung, die Folge des stndlichen Erwartens einer
verheienen Huldigung! ... Seht nur die blasse Klavierspielerin, wie sie
ermattet am Fenster sitzt und hinter den Blumen die Vorbergehenden mustert und
berechnet: Der da mit dem goldnen Knopf am Spazierstock und dem Brtchen geht
heute schon zum dritten Mal vorber - gilt das dir? Und galt es ihr, so lt sie
auch gleich das Leben fr ihn. Sie sagt das wenigstens den Aeltern. Werden die
Annherungen des jungen Manns von diesen nicht gewnscht, so verfllt sie in
einen Zustand unglcklicher Liebe, der ein halbes Jahr dauert und mit dem
ersten Winterball endet.
    In Lindenwerth machte es Armgart, wie sonst in Westerhof; sie nestelte und
bndelte und strickelte den ganzen Tag - fr andere ... Sonst schnitzte sie den
kleinen Kindern - sogar den Kindern der Bedienten Schiffchen von Borke und
machte ihnen Pppchen aus Schneiderlappen, die der alte Tbbicke aus Witoborn
von seinem Sohn mitbrachte ... In Lindenwerth hatte sie erst da, als sie die
Ankunft der Aeltern in jener Gegend in Erfahrung brachte, das Bedrfni, allein
zu sein oder doch nur mit Angelika ... Benno's Liebe war ihr nur das Erwerben
eines besten und einzigsten Freundes und Thiebold - das war dann nur der dritte
im Bund dieser groen Verschwrung gegen die schlechten Menschen und Dinge in
der Welt ... Da so sagen: In diesen treuen Seelen hab' ich zwei Menschen
gefunden, die ich fr mich festhalten will und von denen ich den liebsten mir
zum Glcklichsein whle ... Das empfand sie nicht - Und was gab es nicht alles
Wichtigeres in der Welt! ... Sie ist kalt! entdeckte eines Tages Thiebold
und in der That, ein Ku war ihr ein Ausdruck der Seele - Benno htte sie beim
Abschied getrost kssen drfen ...
    Ein Gelbde ist dann in der katholischen Kirche etwas Hochheiliges. Die
Kirche will in diesem Auslschen der Freiheit zunchst eine Huldigung fr Gott,
dann eine fr sich selbst. Jede Entuerung der freien Verfgung ber spteres
Ja! und Nein! des Willens soll sich treu bleiben; selbst die Erkenntni der
Uebereilung, selbst die bitterste Reue soll die Erfllung nicht hindern; denn so
nur erhalte sich die Wrde des Altars, dem ja die meisten Gelbde gewidmet
werden, und vorzugsweise jene Regel und Ordnung im Beten und Fasten und in
alledem, was dann zuletzt seine heiligste Gestalt im Klostergelbde findet ...
    So blieb auch Armgart bei ihrem Wort: Die Stunde ist da, wo meine Aeltern
auf mich Ansprche machen! Jeder will den Vorzug meiner Liebe! Warum soll ich
ihnen beiden die Hand nicht festhalten und ihr Priester werden zum
neugeschlossenen Bunde! ... Terschka strt diesen Bund? Nun wohl! Terschka ist -
furchtbar. Er ist der Freund des Grafen Hugo und die Mutter des Grafen ist die
Freundin meiner Mutter - Sie liebt ihn vielleicht nur noch in ihren geheimsten
Gedanken - ich will Paula glauben, die das Gegentheil versichert - aber Terschka
ist voll List. Wohin mich auch mein Gelbde fhrt, Terschka soll meine Mutter
nie beirren - nie - nie! ... Ich ahne meinen Untergang, aber ich opfere lieber
mich selbst an Terschka und nehm' ihn, wenn er mich will ... Gott wird mein
Beginnen crnen! ...
    Und so kam es, da Armgart zu Terschka sagen konnte: Begleiten Sie mich doch
heute Abend nach Hause! ... So kam es, da sie sprach: Soll ich morgen mit auf
die Jagd? ... So kam es, da sie gestern sagte: Wie lange bleiben Sie auf Schlo
Neuhof? ... So - da sie ihm sogar nachrief: Kommen Sie doch nicht zu spt! ...
    Da Terschka dann auch noch einen bestrickenden Zug des Unvermeidlichen
hatte, that das Uebrige zu einem Entschlu, mit dem sie vielleicht unter
Tausenden allein steht ... Ich nehme nur Den, den ich liebe! sagte einst eine
Stiftsdame und that mit dem Wort unendlich gro. Armgart erwiderte: Trivial!
...
    Bonaventura war gegangen ... Paula hatte sich zurckgezogen ... Man fand
sich immer mehr und mehr in den Fund der Urkunde, wie man sich schon gestern in
den Brand gefunden hatte ...
    Armgart flatterte in der tiefen Verschchterung ihres ganzen Seins dahin ...
Einmal hrte sie das Wort Etikette zu Terschka sprechen, der mit Augen dasa,
die zwei Kratern eines Vulkans glichen ... Glaubt nur nicht, rief sie, da Paula
nun diesen Grafen Hugo nimmt! Sie geht in ein Kloster! ... Die Tante rief
zornig: Und du gehst zu Bett! ...
    Armgart ging, aber sie erschrak vor jedem Futritt, der gehrt wurde, vor
jedem Gerusch im Schlosse ... Frulein von Tngel-Appelhlsen hatte den Stachel
in ihre Brust gesenkt, da schon die Mutter bei Frau von Sicking wre ... Bei
Hedemann wrde sie vom Vater hren ... Das nun klang in alles, was sie that und
sprach, wie ein strmisches Luten hinein und wohnten nur Benno und Thiebold
nicht bei Hedemann, sie wre schon in aller Frhe zu ihm gerannt ...
    Der Onkel entlie sie zur Ruhe mit einem herzinnigen Ku auf die Stirn. Die
Aufregung des Schlosses machte, da nicht sogleich die Diener zur Hand waren;
sie sagte in ihrer Weise darber: Es geht wahrhaftig bei uns jetzt alles Hott
und Tule! ... Terschka kannte diesen Ausdruck nicht ... Armgart, darum befragt
und ohnehin immer mit schwarzen Seelen beschftigt, leitete ihn von den
Hottentotten her; fr Tule fragte sie den Onkel ... Von den Hottentotten?
wiederholte der Onkel ... Hott und Tule? ... Angeregt wie er war durch seine
archivalischen Studien, hrte er diese Deutung mit Erstaunen, begann von Ultima
Thule, als dem uersten Norden der Alten, lie Hott in der That als uersten
Sden gelten und hatte nun noch fr die Nacht eines jener Objecte, mit denen er
selbst in der Sterbestunde seinen bevorstehenden Tod vergessen konnte ...
    Armgart ging in ihren Thurm, vor dem Fall ihres eigenen Schattens
erschreckend ...
    Sphend suchten die Augen, ob sie auch vor jeder Ueberraschung sicher war
... Sie riegelte heute zu, wie auf der Flucht ...
    Eine Viertelstunde spter, als sie fast entkleidet war, klopfte es ...
    Wer sollte wol anders so vorsichtig klopfen als Terschka? ... Sie erbebte
und meldete sich nicht ...
    Terschka war es in der That und flsterte:
    Frulein Armgart! Ihre Mutter kommt morgen ...
    Sie hrte nur ...
    Ich bin morgen frh in Witoborn zum Begrbnis des Landraths ...
    Sie schwieg und zitterte ...
    Haben Sie keinen Auftrag? ... Mglich, da ich erst zurckkomme, wenn Ihre
Mutter schon da ist ... Mein Gott! Ich bin so unglcklich, die Mutter nicht
begren zu knnen ... Aber ich werd's halt schriftlich thun ... Kssen Sie ihr
doch in meinem Namen die Hand! ...
    Teufel! sprach Armgart mit knirschenden Zhnen und sprang vom Bett herab,
auf dem sie schon halb entkleidet sa ... Kssen Sie ihr die Hand! ... Eine
jener Galanterieen, die in diesem tugendhaften Land mehr etwas Frivoles, als
Artiges ausdrckten ...
    Hren Sie denn aber? fuhr Terschka fort ...
    Ja! sagte sie mit erstickter Stimme, doch laut genug, um vernehmbar zu
werden ...
    Sie wird oben am Cavaliersaal wohnen! fuhr Terschka fort. Die beiden Zimmer
rechts; alles ist vorbereitet, ohne da Sie davon ein Wort wissen sollen!
Verrathen Sie mich aber nicht! ... Meine Blumen mssen einstweilen als Selam fr
mich sprechen! Von den Gerichten und Justizrthen rundum komm' ich morgen vor
Abend nicht frei und einen Courier mu ich auch von Witoborn in erster Frhe
noch nach England expediren ... Haben Sie doch ja ein wenig Mitleid mit mir! ...
    Nach England, wo die Menschen protestantisch werden und fnfmal
hintereinander heirathen drfen! ... So fhlte Armgart ...
    Terschka mochte nicht ganz das teuflische Raffinement besitzen, Armgart's
Eifersucht erregen zu wollen, dennoch that er es mit seinen, der sdlndischen
Galanterie angehrenden Worten wider Willen ...
    Armgart blieb im Zustand der Verzweiflung zurck ... Nicht' nur da die
Mutter schon wieder vor dem Vater den Vorsprung hatte - wie sprach Terschka von
ihr! Mit welchem Interesse! War alles, was er ihr in diesen Tagen an Huldigungen
bewiesen, an Freundlichkeiten ihr abgerungen hatte, vergessen bei dem Gedanken:
So nahe ist die seltene Frau, wie er sie nannte? ... Wie konnte dabei das
Recht ihres Vaters bestehen? ... Sie htte das Schlo wach rufen mgen ... Doch
wagte sie nicht das Zimmer zu verlassen, da sie vor Terschka immer mehr ein
Grauen befiel und sie dstere Ahnungen bekam ... Die finsterste und abgelegenste
Gegend des Schlosses hatte er genannt ...
    Der Entschlu stand fest, da Armgart morgen nicht im Schlosse blieb. Sie
wollte auf irgendeine Art nach Witoborn zu entkommen suchen. Erst bei Hedemann
wollte sie forschen und dann bis aus weiteres zu den Frauen im Witoborner
Clarissenkloster flchten ...
    So schlief sie spt ein ... Im Traum erschienen ihr Engel und Teufel im
bunten Gemisch ... Auch Hedemann war unter den Teufeln ... Er war ihr bei jeder
Begegnung strenger und strenger geworden ... Er verwarf ihre Grundstze und ihr
ganzes Leben auf dem Schlosse ... Er nannte die Art, wie man ihn dort empfangen
und wie man noch jetzt die bevorstehende Rckkehr des Obersten entgegengenommen
htte, eine fr diesen ehrverletzende ... Auf ein Urtheil, das sie, um diese Art
zu entschuldigen, gegen den Vater auszusprechen wagte, unterbrach er sie mit dem
Apostel (1 Kor.): Ihr Kinder seid gehorsam den Aeltern in allen Dingen; denn
das ist dem Herrn gefllig -!
    Am Morgen erfuhr sie, da sie nicht allein es war, die eine unruhige Nacht
durchlebt hatte ...
    Im Gegentheil, ihre erschpfte Natur bedurfte der Strkung und hatte diese
nach Mitternacht in einem tiefen, wenn auch kurzen Schlaf gefunden. So hatte sie
nichts von dem Klingeln vernommen, das indessen alle Schlobewohner erschreckte
... Paula, erfuhr sie am Morgen, war so unwohl gewesen, da man zum Arzt htte
schicken wollen ... Sie war aufgestanden und durch die Zimmer gegangen wie eine
Nachtwandelnde, hatte mit sich gesprochen und Dinge thun wollen, deren
Zusammenhang Niemand verstand ... Ihre Dienerinnen hatten die Tante rufen mssen
... Diese rief dem Onkel ... Paula weinte, ri die Thren auf und hrte keine
der liebevollsten Beschwichtigungen ... Der Onkel fate ihren Zustand als die
natrliche Folge des neuen Erlebnisses, als die jetzt freiwerdende langjhrige
Spannung des Herzens und der Furcht auf ... So wre es immer im Menschen, sagte
er; die Gefhle htten ihre Gesetze, wie die Mechanik ... Das sprach er hchst
feierlich im gewirkten groblumigen grnseidenen Schlafrock und sein komischer
Anblick strte dabei fr Niemanden den erschtternden Eindruck, den Paula
machte, die bis zum Morgen mit sich auflockernden Haaren hochaufgerichtet und
geisterhaft dahinschritt und alle gerade durch ihr Schweigen und das eigene
Nichtdeutenknnen ihrer Thrnen erschreckte ... Gegen Morgen schlief sie ein und
konnte dann den Vormittag ber nicht gestrt werden ...
    Mit den Zimmern am Cavaliersaal hatte es seine Richtigkeit ... Einer der
Diener gestand es Armgart ... Man erwartete die Mutter ...
    Mit den Blumen Terschka's sah es ebenso aus ... Sie standen in zierlichen
Basen oben auf dem Tische ...
    Auch den Brief an die Mutter hatte Terschka zurckgelassen ... Diesen aber
nahm Armgart mit Gewalt an sich, um - sagte sie, ihn selbst abzugeben ...
    Der Tante klopfte sie noch vor dem Frhstck an ihre Thr mit den Worten:
Also die Mutter kommt? ...
    Ja, Armgart! hie es hinter dieser Thr. Aber ich sage dir, da ich Schonung
verlange! Wir gehen Tagen entgegen wie zum Jngsten Gericht! ...
    Dies starke Wort schnitt alles ab und trotzdem rauchte der Onkel den
Corridor entlang kommend seine Pfeife und trug groe schweinslederne Chroniken
unterm Arm, in die die Urkunde eingelegt war ...
    Richtig, Armgart! Ja, auch das erreicht jetzt sein natrliches Ziel! sagte
er. Ordne getrost deine kleine Welt einer hhern unter; deine Mutter trifft
heute Abend ein und sei ihr ein gehorsames Kind! Ich bin entzckt von ihren
Briefen. Da sie mit meinem Bruder nicht zusammentreffen will, verdenk' ich ihr
nicht - Solche aus dem Verstand geschlossene Ausshnungen erhalten sich nicht
...
    Wie der Onkel das sagte, erscholl in weiter Ferne eine gewaltige
Erschtterung der Luft ...
    Sieh, sieh! sprach Levinus und horchte auf. Das ist die Salve, die die
Husaren dem Landrath ins Grab mitgeben! ...
    Noch eine zweite folgte ...
    Still! So ehrt man einen ehemaligen Krieger! ...
    Eine dritte ...
    Ruhe seiner Asche! ...
    Der Onkel klopfte die Asche seiner Pfeife aus und ging ...
    Armgart blieb bei ihrem Entschlu zur Flucht ... Nur deshalb schwieg sie zu
allem und entfernte sich ruhig ...
    Im Lauf des Vormittags entwickelte sich die wunderbare Begebenheit der
entdeckten Urkunde immer mehr in ihren Folgen und in den Echos, die dergleichen
in den Gemthern hervorruft ... Die einen fanden hier einen Triumph der
alleinseligmachenden Kirche; die andern beklagten im stillen die gestrte
Aussicht auf merkwrdige und unterhaltende Vernderungen ... Mancher htte aber
auch wieder frchten mssen, in seinem bisherigen Verhltni wenn nicht zu
Westerhof, doch zu den brigen Besitzungen der Dorstes gestrt zu werden. Diese
jubelten ... Bei wieder andern zeigte sich jener Zug der menschlichen Natur, da
man sich selbst an Unangenehmes zuletzt nicht gern umsonst gewhnt haben will.
Die Tante merkte hie und da dergleichen und sagte einigen der so sonderbar
erstaunenden Besucher: Es ist Ihnen wol gar nicht einmal recht, da wir hier im
Besitze bleiben? ...
    Mit dem geraubten Briefe auf dem Herzen, im Herzen zunchst mit dem Gedanken
an eine Anfrage um den Vater bei Hedemann, irrte Armgart im Schlo und lie sich
ruhig die Reden gefallen, die die Tante an sie hielt und die ihr zuletzt
freundlich zusprachen, ja ihr schmeichelten ...
    Armgart, sagte sie fast mit Herzlichkeit, liebes Kind, ich wte doch gar
nicht, was mir Freudigeres begegnen knnte, als gerade in diesen aufgeregten
Stimmungen solch eine Beruhigung! Morgen mu ein Hochamt in Sanct-Libori
stattfinden - Mllenhoff wird sich schon herausreien und der Domherr ist ja da
- ein Hochamt fr diese lngst ersehnte Stunde! Ich hatte ja nur diese eine
Schwester! Liebte sie immer! ... Eine trostreiche Vershnung! ... Auch Angelika
Mller hat mir einen rhrenden Brief aus Paris ber ihre Begegnung mit Monika
geschrieben! ... Monika war immer ein seltenes Wesen! Zu jeder Zeit! Ich glaube,
ich kann sie nicht mehr von meinem Herzen lassen! Ja und wie freu' ich mich auch
dieses Besuchs um Terschka's willen ... Der Arme mu in der That vernichtet
sein! ... Er verehrt deine Mutter ... Das wird ihn emporrichten! ...
    Die Tante lachte wie schadenfroh und war ganz ironisch gegen Terschka
gestimmt ...
    Ein Tag war es dann, an sich so hold, an sich so freundlich, so hellsonnig,
so ganz gemacht zum Empfang von Glckwnschen, die von allen Seiten kamen ...
Sogar die Leidenden wurden heute von der Treppe entfernt, um all die vornehmen
Besuche durchzulassen ... Durch das Begrbni des Landraths lie sich in dieser
Sphre natrlich Niemand stren ...
    Um elf erschien Paula in den Vorderzimmern, nachdem sie ihr tgliches Amt
verrichtet, beim Frhgebet die Kissen zu segnen, mit denen sie heilte ... Aber
sie sagte:
    Meine Kraft ist hin! Diese Mittel helfen nicht mehr! ...
    Man sprach ihr Muth und Fassung ein ...
    Nein, erwiderte sie, ich bete auch nicht mehr so, wie sonst! Ich habe die
Andacht verloren ...
    Schon kamen die Advocaten aus Witoborn ... Sowol der, der gegen Nck
processirt hatte, wie der, der Nck's bisheriger Bevollmchtigter war ...
Andere, die an den Angelegenheiten des Hauses betheiligt waren ... Ein fr den
Grafen Hugo stehender Justizrath war der Frommsten einer und beugte sich tief
der Urkunde, die ein Gebot der Kirche enthielt ... Der Brand ist
hochverdchtig! Die Zerstrung des Archivs hat die Veranlassung gegeben, das
falsche Document an einen Platz zu legen, wo man ja hundertmal es schon htte
finden mssen! Diese Worte sprach - allein Benno und doch auch nur bei
sorgfltig beobachteten Thren in Gegenwart Bonaventura's, der ihn in aller
Frhe in Hedemann's Huschen besucht hatte ...
    Benno erfuhr jetzt von seinem in Rhrung vor ihm stehenden, mit seltsamer
Prfung ihn betrachtenden Freunde mehr und mehr ...
    Bonaventura gestand ihm, was er dachte; gestand ihm, er wisse aus einer
Beichte, da irgendwo, den Ort kenne er nicht, ein Verbrechen dieser Art, wie
nun vielleicht in Westerhof stattgefunden, im Werke gewesen ... Bickert, der
noch lebte, durfte nicht genannt werden; Hammakern nannte Bonaventura ...
    Benno ging im Zimmer auf und nieder und rief:
    Ich sage mich von Nck los! Noch heute reis' ich zurck! Ein Schurke ist's!
Ich kndige ihm meine Stellung und - ich sag' es ihm warum! ...
    Nimmermehr! entgegnete Bonaventura. Wie wre das mglich! Wie kann man gegen
die Ehre und Wrde des Hauses der Dorstes auftreten! ...
    Terschka wird es doch thun mssen! ...
    Terschka! ... sprach Bonaventura zgernd ...
    Die Advocaten des Grafen Hugo in Wien - ...
    Was werden sie beweisen knnen! Und ndert sich denn auch so viel? Man wird
in Paula drngen, bald - bald zu vollziehen, was schon lange fr diesen Fall -
die Convenienz anrth ...
    Thiebold, der vom Begrbni des Landraths kam und mit den Rstungen zur
Abreise drngte, strte den vollen Ergu der wehmthigen und gegenseitig auch
gar wohlverstandenen Empfindungen ...
    Und wenn auch alles sich ausgeklagt htte, was doch vergebens nach Worten
rang, welcher Rest blieb nicht noch im Herzen Bonaventura's - beim Hinblick auf
den trauernden Freund selbst! ......
    Als von Armgart die Rede kam, von Terschka's Werbung um sie, erwiderte
Bonaventura festen Tones und mit sicherer Bestimmtheit:
    Darber geb' ich Beruhigung ... Hier seh' ich bisjetzt nur das Unmgliche
...
    Beide staunten des so entschiedenen Worts ... Nach Terschka's durch die
Entdeckung der Urkunde vernderter Stellung aber konnten beide diese dunkle
Antwort zuletzt in der Ordnung finden ...
    Auch die Erwhnung Lucindens war nicht ausgeblieben und Benno betonte ihre
Bekanntschaft mit Nck, ihre auffallende Hierherkunft, ihre, wie Benno und
Thiebold versicherten, nun auch so schnell wieder bevorstehende Abreise ...
    Gegen zwlf Uhr fuhr Bonaventura auf Westerhof und fand die ganze
Lebhaftigkeit, die er erwarten durfte ...
    Besuche kamen und gingen ... Auch von Armgart's Mutter und ihrer Nhe wurde
gesprochen ... Die Stiftsdamen konnten eben nichts fr sich behalten ...
    Gerade als mitten im lebhaftesten Gesprch auch eine Mittheilung zndete von
dem, wie es schien, in Ausfhrung gekommenen Plan, den hohlen Eichstamm vom
Dsternbrook zum Aufenthalt zweier Eremiten zu machen, trat Paula ein ...
    Ihr Blick schien sagen zu wollen: Die Mauern eines Klosters nehmen mich auf!
In deiner Nhe! Da, wo Therese von Seefelden den Schleier trgt, da werde auch
ich anpochen! ...
    Man sprach von den Klstern ... Man rhmte den sich mehrenden Zustrom zum
beschaulichen Leben ... Eine der Besucherinnen wute etwas von Treudchen Ley ...
    Bonaventura hrte gerade nach einer andern Gruppe hin, wo Neuangekommene
erzhlten: Zwei Mnche htten in letzter Nacht Kloster Himmelpfort verlassen und
wren Eremiten im winterlichen Walde geworden ... Die Namen der Mnche und den
Wald konnte man nicht bezeichnen ...
    Bonaventura schwieg zu Allem ... Er kannte das Mrchen von der versunkenen
Kirche ... Ihre Glocke klang und klang und Niemand wute, wo die Kirche
gestanden ... Am Meer sagen die Schiffer, sie lge im Wellenschoos, wie ein
mahnender Zeigefinger gen oben rage ihr Thurm zuweilen ber dem Spiegel auf ...
Die Jger kennen die verlorene Kirche im Walde ... auch da lutet sie unsichtbar
... So tnte fr Bonaventura durch alles, was Paula that und sprach und die Welt
um sie her that und sprach, nur der eine Glockenton: Dem bin ich - im Walde - im
Meere - im Tode -
    Zu Aller Interesse wurde pltzlich Frau von Sicking gemeldet ...
    Bonaventura hrte auch das nicht ...
    Im Walde - im Meere - im Tode -
    Paula hatte den gemeldeten Besuch, der zu gleicher Zeit eine Begrung von
Seiten Lucindens sein konnte, erwarten drfen ... Sie wollte ruhig bleiben,
ruhig sich ergeben und doch richtete sie sich auf ... Nicht wie in bebender
Erwartung vor Lucinden ... Schon im physischen Schmerz ... Noch ehe Lucinde im
Vorsaal sein konnte, fhlte sie wie mit einem elektrischen Schlag schon die
Annherung ihres Gegenpols ... Armgart, die umirrend, wie sie war, Lucinden
unten gesehen hatte, war heraufgeeilt, sah schon die Wirkung, die sie kannte,
umschlang die Freundin, wollte sie hinwegfhren; doch diese blieb und lchelte
wie immer zu ihrem Schmerz ...
    Die Anwesenden alle - Frau von Bckel-Dollspring-Sandvo, Frau von Stein,
Grfin Mnnich, Grfin Styrum-Schorum, Frulein von Merwig, Frulein von Absam,
die alle nun schon ber Lucinden unterrichteter waren und die Verhltnisse
annhernd bersahen - nahmen Paula's Lcheln fr Takt und groe Gte. Sie
verwiesen mit strafendem Blick dem Frulein von Tngel-Appelhlsen ihren laut
ausbrechenden Hohn ber die Person, welche - Lucinde erschien in Begleitung
der Frau von Sicking und war eine Berin geworden ...
    Frau von Sicking, die zu jener Gattung der weiblichen Tartffes gehrte, bei
denen man ihrer Unergrndlichkeit wegen besser thut, ihre Gottseligkeit einfach
anzuerkennen und sie wirklich fr das zu nehmen, wofr sie erscheinen wollen,
lie Lucinden in den Vordergrund treten und fand es vollkommen in der Ordnung,
da Grfin Paula sogleich von ihr auf die Ueberraschung durch ihre ehemalige
Gesellschafterin im orthopdischen Institut berging ... Sie selbst beobachtete
die Mienen Bonaventura's ...
    Sie sind es, Lucinde! sprach Paula, Lucinden die Hand reichend ... Erst so
wenig Jahre getrennt und eine Ewigkeit ist's ... Meine Tante Benigna von
Ubbelohde das! ... Meine Freundin Armgart von Hlleshoven ...
    So stellte Paula mit der mildesten Miene die Nchsten vor und erst, wie sie
an Bonaventura kam, stockte die Rede ...
    Bonaventura erwachte aus seinen Trumen ... Er verfrbte sich ber den
pltzlichen, unerwarteten Anblick, wurde dunkelroth und verneigte sein Haupt -
der ihn anredenden Frau von Sicking ...
    Er sprach und sprach zu dieser und doch rief es nur in seinem Innern: Paula
und Lucinde! ... War es wie Tag und Nacht, die da zusammenstanden, dann drckte
nicht die brunliche schwarzugige Lucinde mit ihren Augenbrauen und
aufgeworfenen Lippen die Nacht und Paula mit ihrem blonden Haar und rosig
lichten Wangen den Tag aus - umgekehrt war's ... Paula war die trumerische
Nacht, die Nordlandsmaid, die Mondpriesterin; Lucinde der Tag, die Tochter
tropischer Zonen, die Sonnenjungfrau ... Dort Gefhl und Ahnung in jedem Blick,
gestaltungsloses Sehnen, krankhafte Gebundenheit der Sinne; hier Verstand,
Wachsamkeit, Willenskraft und Beherrschung der Leidenschaften bis zur
schneidenden Klte ... Beide in Trauertracht ... Paula's Kleid ein glnzender,
rauschender Atlasstoff; Lucindens ein hochgehendes, den braunen Hals
verdeckendes geflammtes Moire ... Paula's Haar niedergleitend ber die Schlfe
in langen Locken, im Nacken die Flechten in schwarzen Kreppbndern verloren ...
Lucinde trug ihren Hut mit der Reiherfeder ... Sie gab sich so, da die adeligen
Herrschaften Mhe hatten, aus ihrer Tournre heraus die Schulmeisterstochter
zu erkennen, als die sie ihnen nun bekannt war ...
    Frau von Sicking's vor einigen Tagen schon beabsichtigter Besuch hatte erst
heute zur Ausfhrung kommen knnen und Lucinde kam in der That zu Gru und
Abschied zugleich ... Ihre nchste Mission war erfllt ... Wohin Hubertus den
Brandstifter geborgen, erfuhr sie nicht, aber gestern Nacht noch beim Abendgebet
im Mnster kniete er hinter ihr und sprach: Alles ist geschehen! Seien Sie
ruhig, ziehen Sie in Frieden und sorgen Sie jetzt nur fr die beiden Eremiten,
die in der Residenz des Kirchenfrsten und wenn sie mit den ersten Lerchen nach
Rom ziehen sollten, einen Anwalt bedrfen werden! ... Schon im Hof hatte sich
Lucinde von ihrem Entsetzen ber die Brandsttte gesammelt, ihre Empfindungen
ber den falschen Isidor, der auf so fragwrdige und in ihren Folgen
entscheidende Weise die junge Grfin zur reichsten Erbin des Landes machte,
geordnet, ebenso wie ber den Anblick einer Ekstatischen, die zur heiligen
Hildegard erhoben werden sollte und vielleicht im Traumschlaf sah - wo Dionysius
Schneid verborgen war und wie Nck auf Lucindens Rckkehr harrte ...
    Frau von Sicking war im vollen Strom der Errterungen ... Beileidbezeugend
ber den schreckhaften Brand, glckverheiend zum folgenreichen Fund der Urkunde
... Ihre Sprechweise war leise ... Alle rumten ihr den Vorrang ein, da man
schwieg, um sie besser hren zu knnen ...
    Man sa jetzt ... Nur Bonaventura stand noch rckgelehnt am Fenster ... Auch
Armgart an der Stuhllehne Paula's, die Hand der Freundin haltend, um ihr Zittern
zu mildern ... Bis zu einem so weit gehenden Ueberblick aller Beziehungen, da
Armgart auch Bonaventura am Widerstreit dieser beiden Naturen aufs mchtigste
betheiligt sah, reichte ihr Auge nicht ... Paula's und Lucindens Liebe zu
Bonaventura war ihr nur ein Schwrmen - jene Empfindung, die ein Mdchenherz
in alle Himmel versetzen kann, nicht aber die Entsagung zum grten Schmerz der
Erde macht ...
    Lucindens Feierlichkeit war von Frau von Sicking's Begleitung ebenso
bedingt, wie von der ersichtlichen Neugier der Anwesenden, die sie musterten ...
Sie sprach anscheinend harmlos mit Armgart von der Begegnung im letzten Sommer
an der Maximinuskapelle und von Benno von Asselyn ... Sie erzhlte der jungen
Grfin vom orthopdischen Institut, von dessen Vorstand, von einigen jungen
Mdchen, jenem guten Curatus Niggl, der die armen Verwachsenen, Blinden und
Lahmen bei sich zum Kaffee lud ... Sogar Bonaventura wurde von ihr ins Gesprch
gezogen ... Mit Niggl und Hunnius war er als Priester ausgeweiht worden ... Auch
ein Wort ber den Tod Hendrika Delring's konnte nicht ausbleiben, ebenso wenig
wie die Kunde ber Treudchen, die ins Kloster gegangen war ... Bonaventura blieb
so erregt, da er nun selbst zu fragen anfing ... Wie hat nicht jener groe
Staatsintriguant so Recht gehabt, als er sagte: Die Sprache ist erfunden, um
unsere Gedanken zu verbergen! ...
    Das allgemeine Gesprch kam wieder zurck auf die beiden Flchtlinge in den
Eichstamm und jetzt erst hrte Bonaventura die ihn doppelt erschreckende Kunde
... Denn er hatte nichts fr Sebastus' Befreiung gethan und machte - seiner
priesterlichen Lssigkeit Vorwrfe ... Streit mit dem Provinzial gab man als
Ursache dieser Flucht an ...
    Der Name Hubertus weckte im Gesprch die Erinnerung an die Rettung des
Dieners, den man im Spital von Witoborn glaubte ...
    Lucinde konnte sich sammeln und Kraft gewinnen, den Namen Klingsohr und das
fortgesetzte Anblicken der Damen zu ertragen. Sie behielt dasselbe bleiche
Incarnat, wie immer ... Sie zuckte nicht einmal mit den Augenwimpern ... Nur
Bonaventura's Auge suchte sie zuweilen und dieser schlug dann das seine nieder
...
    Frau von Sicking sagte dem Domherrn die schmeichelhaftesten Dinge - jetzt
auch, als ob sie ihre geheimsten Abneigungen errathen glaubte, recht aufgetragen
Lobendes ber seine Mutter ... Grfin von Styrum-Schorum kam heute schon von
Schlo Neuhof herber, wo die Kunde von den beiden Mnchen eine nicht geringe
Sensation erregt hatte ... Der gesetzliche Sinn des Herrn von Wittekind, der
sich solcher Nutznieung seines Waldes durch die Gensdarmen erwehren wollte, war
berstimmt worden durch seine Gemahlin, die aufs dringendste gebeten hatte, dem
frommen Verlangen dieser beiden Brder nichts in den Weg zu legen ...
    Da man dem Bericht Beifall murmelte, mute Bonaventura fr die Mutter danken
... Er dankte und bemerkte Lucindens Lcheln ... Triumphirend schien diese sagen
zu wollen: Das alles, was ich hier sehe und hre, sind die Opfer, die mir der
Gott der Rache bringt! ... Sie lie sich Klingsohr und Klingsohr ins Ohr rufen;
sie lchelte nicht einmal ... Ihre Blicke spannen nur lange Fden und bald war
ihr alles wie in einem groen Netze ... Mit leiser Stimme flsterte sie mitten
in die Schilderung des Lagers, das sich von Moos und Baumlaub die beiden
Flchtlinge in der Eiche und um diese her gemacht htten, der Tante Benigna zu
von dem Brand, von dem Eindruck, den ihr der Anblick der Flamme schon vom Schlo
Mnnichhof aus gemacht htte ... Die Tante sah nichts von dem Blick, der diese
liebevollen Worte begleitete, als wenn sie gelautet htten: Die Welt soll noch
in Feuer aufgehen und wie ihr hier alle sitzt und lchelt, weg habt ihr's doch!
... Sie bedauerte, morgen nicht der Dankmette beiwohnen zu knnen, die in der
Liborikirche gehalten werden sollte ... Diesen alten Bau wrde sie erst sehen,
wenn die Exercitien begnnen ... Ueber den Baustyl der Liborikirche und von
byzantinischen Rundbogen sprach sie so unterrichtet, da die Tante dem ihr zu
geistreich werdenden Gesprch entschlpfte und Lucinden mit dem Onkel Levinus
in Verbindung brachte, der jetzt erst zur Gesellschaft hinzutrat ...
    Auch der Onkel kam mit Nachrichten von den entflohenen Mnchen und von der
Requisition derselben durch den Provinzial - und mit - Gensdarmen ...
    Gensdarmen! rief man fast einstimmig ...
    Das duldet Herr von Wittekind nimmermehr! rief Frau von
Bckel-Dollspring-Sandvo ...
    In seinem Walde kann er geschehen lassen, was er will! ... hie es ...
    Der Onkel erzhlte, was er unten von den Jgern vernommen ... Man fnde
beide in der berchtigten Eiche, wo der alte Klingsohr gefallen ... Sein Sohn,
der ehemalige Doctor, lge im Innern derselben auf einem Lager und lse sein
Brevier ... Hubertus hmmere mit der Axt eine Htte und einen Altar und einen
Kochherd ... Die Nacht noch wre eine Klte von drei Grad gewesen ... Jetzt
thaue es ... Die Bauern liefen scharenweise in den Wald und hlfen den Eremiten
bauen und brchten so viel Nahrungsmittel, da Hubertus den Scherz gemacht
htte, ob sie hier etwa einen Verkauf halten sollten? Dennoch nahm er den
Ueberschu und schickte ihn ins Kloster, wo sich nun wol zwei Parteien bilden
wrden sagte der Onkel lchelnd ... Zurck wollen sie nicht, fuhr er fort, sich
migend, da Niemand in seine Ironie einstimmte; Sebastus erbietet sich, fr
Jeden, dem seine Frbitte von Werth sein knnte, tglich so viel
Rosenkranzgebete zu sprechen, als man bestellt ...
    So hatte man denn wieder ein Wahrzeichen der Zeit mehr, ein hocherfreuliches
1 und die kluge Mutter Bonaventura's debtirte durch die Duldung der beiden
Eremiten mit glnzendem Erfolg ... Bonaventura sah ihre Macht ber den
Prsidenten ...
    Wenn ihr alle wtet, an welchen Fden diese beiden Mnche gefhrt werden!
...
    Diese Empfindung sprach Lucinde nicht aus ... Jede Erregung ihrer Gefhle
niederkmpfend, hob sie sogar den Kopf langsam in die Hhe, als sich die
Tngel-Appelhlsen nicht nehmen lie, zu sagen:
    Sie kannten ja frher den ehemaligen Doctor Klingsohr? ...
    Nur Ein Blick der Misbilligung folgte bei allen, die die Schrfe dieser
Frage verstanden ...
    Lucinde aber erwiderte ruhig und ganz in dem einfachen Ton, der hier blich:
    Der Pater ist ein Heiliger geworden ... Ich mhe mich, ihm gleichzukommen
... Es gelingt mir nicht ...
    So blieb sie siegreich ...
    Als man Beifall murmelte, konnte Bonaventura nicht anders als sich sagen:
    Da strengt nur euern Witz an! Da mu alles zu Schanden werden! ...
    Der Onkel war vom Bewohnen der Baumstmme, wie immer, auf die Urwelt und die
Troglodyten gekommen und von diesen auf die Katakomben in Rom ...
    Frau von Sicking kannte die Katakomben so genau, wie die Boudoirs ihrer
Wohnungen in Deutschland und Belgien ... Sie erzhlte von mehrern wieder neu
erffneten Grabsttten der alten Christen und Lucinde wute sogar die Jahreszahl
einzuschalten von der Verfolgung des Diocletian ... Levinus rckte ihr
berrascht nher und nher ...
    Da aber erhob sich schon Frau von Sicking ... Auch Lucinde mute es thun ...
Wie gab sie so sicher Paula die Hand und lchelte ihr und sprach vom
Wiedersehen, vom Frhling, von Gesundheit und, leiser und demthig, von ihrer
Wunderkraft! Wie versicherte sie, da sie fr Paula bete, und bat, da Paula
dies auch fr sie thun mchte ...
    Der Onkel unterbrach diesen Abschied und hrte voll Leidwesen, da das
gelehrte Frulein schon wieder abreise und erst zu den Exercitien zurckkme -
Die Commerzienrthin Kattendyk hatte in der That ihren Wunsch erreicht, hatte
eine groe Summe fr die geheime Thtigkeit der Frau von Sicking versprochen,
hatte auch der Mutter Gottes von Telgte, einem wunderthtigen Gnadenbild der
Gegend, ein kostbares neues durch und durch mit Silber gesticktes Kleid
angelobt, eine Prachtschpfung aus den Ateliers der Damen Eva und Apollonia
Schnuphase ...
    Ein unendliches Weh lag auf den Zgen Bonaventuras, Paula's und Armgart's
... In dem: Segne Sie Gott, Grfin! Lucindens lag etwas, als wenn ihr die
Leiden aller Mrtyrer fr die Zukunft vorausgesagt wrden ...
    Bonaventura fhlte die Absicht dieses ihm nur allein kalt und wie ein Fluch
erklingenden Tones ... Die Hand htte er zurckreien mgen, die erstarrt Paula
in die schwarzen Handschuhe Lucindens legte ... Beide Frauen, die Geliebte und
die Verschmhte, waren an Wuchs sich gleich; Paula schn an sich und noch mehr
durch den Reiz der Jungfrulichkeit therisch wie ein Hauch; Lucinde wie eine
Brunhild - durch ihre geheimnivolle Klte bestrickend ... Paula htte Lucinden
festhalten mgen, trotzdem da sie fhlte: Das ist sie immer noch mit ihrem Ha
gegen dich und mit ihrer Eifersucht! Sie ist es immer noch, die sich berufen
glaubt, die Einzige zu sein, die ber Bonaventura wachen drfe! Sie, die sonst
schon nicht ruhte und rastete in Annherungen und Verhinderungen der Ruhe und
des Glcks eines Mannes, der, wenn er lieben drfte, seine Wahl doch so nicht
treffen wrde ... Aber Lucinde war das einzige Wesen, das sie vom Traumschlaf
heilen konnte ... Seit der ersten Vision beim Eintritt Lucindens in das
Institut, seit der ersten Einmischung der Eifersucht schon damals, als Paula,
trumend, den geliebten Priester vom Bekennen der ewigen Gelbde abzuhalten
suchte und Lucinde in diesem Priester Den in Erfahrung brachte, der ihr selbst
eben der wiedererstandene Serlo erschienen - war in Lucindens unmittelbarer Nhe
jenes Traumleben nie wieder eingetreten und sie sehnte sich ja, frei zu werden
von diesen unheimlichen magischen Gewalten ...
    Endlich war das ein Ausbruch von Urtheilen, als Lucinde und Frau von Sicking
gegangen waren! Alle Schleusen waren aufgezogen ...
    Paula und Bonaventura konnten sich eine Weile allein angehren ... Die
Blumen, die am Fenster blhten, die im Wasserglase gezogenen Hyacinthen, die
behenden Goldfischchen in kristallener Schale, all der lieblich trauliche
Vorfrhling, den beide in der Nhe des Fensters genieen konnten, htte sie
fortreien sollen, das warme blhende Leben auch Athem an Athem zu empfinden und
sich leise zu sagen: Wir, wir gehren uns doch! ... Das lauschte aber und
plauderte und klatschte und lauschte ... Es stand glcklicherweise nichts still,
alles schritt vorwrts ... Selig wogen durfte wenigstens die Brust und auf die
Lippen treten selbst ein lauteres Wort der Vertraulichkeit ...
    Inzwischen fehlte Armgart, ohne da man es sofort bemerkte ...
    Armgart war Lucinden und Frau von Sicking gefolgt, hatte Hut und Mantel und
eine groe Tasche ergriffen, die schon im Vorsaal zu ihrer Flucht bereit lagen,
hatte den Brief Terschka's in ihrem Busen verborgen und schlich den sich
Entfernenden an das Hauptportal nach ...
    Als sie einstiegen, sagte sie rasch:
    Lassen Sie mich mit, meine Damen! Ich habe in Witoborn zu thun! Vergeben
Sie! Ich stre nicht! Ich sitze hier rckwrts! ...
    Schon sa sie ... Frau von Sicking lchelte zerstreut und meinte, sie
wollten einen Umweg machen, um sich nach dem Befinden des Herrn Pfarrers
Mllenhoff zu erkundigen ...
    Das thut nichts! antwortete Armgart in Hast. Wenn Sie mir nur versprechen,
mich dann von Ihrer Wohnung aus nach Witoborn fahren zu lassen! ...
    Sehr gern! sprach Frau von Sicking, mchtig ergriffen, wie es schien, noch
immer von Bonaventura ... Demoiselle Schwarz kann dann auch nach Witoborn mit
Ihnen fahren! setzte sie wohlwollend hinzu ...
    Lucinde sa tiefbrtend und hatte Mhe, ihre Nerven zu bekmpfen ... Jetzt
war sie jenem Weinkrampf nahe, der sie nach langer Spannung zu berfallen
pflegte ...
    Armgart stellte Frau von Sicking ber die Ankunft der Mutter zur Rede ...
    Diese, sich in die Frage langsam findend, sagte:
    Sie irren sich, kleiner Engel! ... Sie war gar nicht bei mir! Ich werde die
Bekanntschaft erst spter machen! ... Aber Sie haben recht! Frulein von Tngel
und Demoiselle Schwarz sprachen von ihr ... Ich bot ihr schon lange meine
Wohnung an und ich besinne mich - ich hrte ja - eine Grille von Ihnen ... Wie
ist es doch damit? ...
    Ein Gelbde, gndige Frau! verbesserte Armgart ...
    Frau von Sicking verzog die Miene zum Ernst und besann sich jetzt:
    Nun wohl, jetzt wei ich - Aber - Himmel - ich entfhre Sie doch nicht? ...
Wie war das Verhltni? Richtig! Richtig! ... Ich lasse halten ...
    Der Wagen flog aber pfeilgeschwind dahin ... So duldete die Tante nicht, da
die alten Pferde der Dorstets anzogen ...
    Armgart bat, keine Besorgni zu hegen; sie htte dringend in Witoborn zu
thun ...
    Frau von Sicking beruhigte sich und verfiel wieder in ihre eigene
Gedankenwelt ...
    Auch Lucinde blieb lange tiefverloren im Nachklang des Ebenerlebten ... Alle
andern Gefahren traten ihr gegen einen einzigen mit Bonaventura zusammen
verlebten Augenblick zurck ...
    Allmhlich aber schien sie geneigt, von Armgart Notiz zu nehmen ... Sie
erzhlte einiges von ihrer Mutter, rhmte sie, gestand einen Brief der
Commerzienrthin in Angelegenheiten ihrer Mutter zu, wandte sich dann in ihr
Brten zurck und nur noch einmal nannte sie Terschka ...
    Armgart htte sie fr ein Lcheln dabei erdolchen mgen ...
    Lucinde erzhlte das ganze erste Begegnen mit Terschka in Piter Kattendyk's
Gesellschaft ...
    Armgart's beide Zhne blinkten ...
    Frau von Sicking rgte mit groer Strenge die Absicht des Herrn Obersten,
ihres Vaters, in Witoborn eine Fabrik zu grnden ... Und pate das auch fr
seinen Stand, wie kann er gerade einen Zweig der Industrie whlen, der fr
Witoborn - ich kann es nicht anders nennen, sagte sie - eine Blasphemie ist ...
Sie werden ihn jetzt wol bald selbst sehen ... Sagen Sie ihm das, mein Kind! Die
Gesellschaft ist darber auer sich ... Ein Hlleshoven legt eine Fabrikation
von Papier an - in Witoborn! ... Denn sage man, was man will, das Papier ist
eine Erfindung des Teufels ... die Buchdruckerpresse gewi ...
    Armgart hrte diese Ansichten nicht zum ersten mal und dachte ebenso und
hielt in schmerzlicher Ergebung den Vater fr angesteckt von englischen
Einflssen. Sie verfiel darber in groe Trauer ...
    Lucinde bezeigte fr Armgart noch immer nur ein vornehmes und
geringschtzendes Mitleid ... Solche kleine Welt, die auch schon mitreden
will, war ihr ein Gegenstand der Abneigung ...
    Dennoch fing sie an etwas zu scherzen, als Frau von Sicking am Pfarrhause
abgestiegen war, um sich selbst nach dem Befinden des Pfarrers zu erkundigen und
ihn womglich zu sprechen ... Sie neckte jetzt Armgart mit Benno und Thiebold
... Dann auch mit Terschka, den sie am Jagdabend trotz ihrer Aufregung bei Tafel
scharf beobachtet hatte ...
    Ihr kluger Blick sah sogleich, wie die Augen Armgart's aufleuchteten, als
sie, in dem jungen Herzen wie mit einem spitzen Messer bohrend, sprach:
    Aber was red' ich denn! Terschka schwrmt ja fr Ihre Mutter! Und jeder wird
das mssen! Sie hat graue Locken, das ist wahr! Aber sehen Sie, dort liegt noch
der Schnee aus dem kleinen Dachwinkel der Liborikirche und alles rings ist wie
belebt von Frhlingsahnung ... So auch - bei Ihrer Mutter ...
    Dich kenn' ich jetzt ganz! htte Armgart rufen und sich auf sie werfen mgen
...
    Frau von Sicking kam zurck, becomplimentirt von Mllenhoff, der zwar noch
ziemlich angegriffen aussah, aber doch die Berathung mit den Gemeindevorstnden
in Sachen seines Dorfconcordates heute nicht ausgesetzt hatte ...
    Mllenhoff war die Verlegenheit und das Hochentzcken selbst ... Er lie den
Bedienten nicht an den Schlag, nur um Frau von Sicking selbst hineinheben und
die beiden andern Damen begren zu knnen ... Esbouquet und Sammet und Seide
thaten es ihm an ... Ohne Zweifel drckte er die zarten Glachandschuhe der
Dame, die er in den Wagen hob ... Wol fnf Minuten lang sah er dein Wagen nach
und wrde sich unfehlbar aufs neue erkltet haben, htte ihn nicht die Kathrein
ins Haus zurckgezwungen ...
    Die weitere Fahrt wurde noch schweigsamer, als die frhere ... Lucinde mute
ber den Einflu des Priesterthums auf die Ueberzeugungen der Frau von Sicking
ihre Satyre unterdrcken ... Armgart verfiel, je mehr sie sich Witoborn nherte,
in Angst und Wehmuth ...
    Sie hatte von Lucindens Wesen auf die Lnge nicht ganz die Wirkung, wie
Paula ... Sie sah sie prfend und prfend an, verglich den Eindruck, den sie ihr
im vorigen Jahre machte, mit dem jetzigen ... Sie fhlte sich eher schon durch
sie angezogen, als abgestoen ... Sie erzhlte bereits am Pfarrhause Lucinden,
warum Paula nach ihr so oft ein aufrichtiges Verlangen trge ...
    Paula's letzte Vision mute sie erzhlen ...
    Wieder tadelte Frau von Sicking, da die Comtesse nicht die reinen
Anschauungen vom Kreuze htte. Sie bestritt ein Vorhandensein des eigentlichen
Hochschlafs, mit dem ganz andere Erscheinungen verbunden zu sein pflegten, nicht
selten ein Abdruck aller Ngelmale des Herrn auf dem Krper einer solchen
Himmelsbraut ...
    Armgart war so tief unglcklich, da sie auf diesen Angriff schwieg ... Sie
prete nur den Brief Terschka's an ihre Brust und sah und hrte im Geist schon
die Mhlen Hedemann's und die Klingel an der Klosterpforte ...
    Endlich war man auch beim stattlichen Gitter vor dem Landhause der Frau von
Sicking angekommen ...
    Diese stieg aus und bat Lucinden, das Frulein nach Witoborn zu begleiten
... Die Angelegenheiten des jungen Herzens interessirten sie nicht ...
    Lucinde hatte in Witoborn fr ihre Abreise Vorkehrungen zu treffen und
hoffte auch noch etwas im Mnster von Hubertus zu erfahren, falls sich dieser
aus dem Walde herauswagte ... Sie wollte fort, ehe der Rath von Enckefu eintraf
...
    Inzwischen hatte sie angefangen, dem jungen Kinde immer mehr Theilnahme zu
schenken ... Hing doch Armgart mit dem Leben so vieler Personen zusammen, die
ihr werth waren ... Offenbar befand sich die Kleine wieder auf der Flucht vor
ihren Aeltern; die Grnde dafr waren landbekannt ... Allmhlich verglich sie
Armgart mit Treudchen Ley ... Wer ihr unbedingt gehorchte, dem konnte sie auch
schmeicheln ... Sie zog ihre Handschuhe aus und fuhr mit den Fingern ber
Armgart's Stirn ...
    Sie haben auch schon Sorgen? sagte sie ...
    In Armgart's Antwortsblick lag:
    Was gehen dich meine Sorgen an oder bist du - vielleicht doch nicht so
schlimm, wie sie alle sagen? ...
    Lucinde verstand diesen Blick ...
    Man lstert mich wol recht auf Westerhof? Nicht wahr? ... sprach sie
seufzend ...
    Auf Westerhof? Da lstert man nicht! Aber in Heiligenkreuz, ja da stehen Sie
schlecht genug angeschrieben ... Das kann ich Ihnen sagen ...
    Lucinde warf verchtlich die Lippen auf ... Dann streckte sie die Hand aus
und zog Armgart zu sich hinber - Armgart hatte durchaus auf dem Rcksitz
bleiben wollen - Ja sie hielt sogar Armgart's Hand fest, die den Brief zu
bedecken suchte ... Der Brief wurde sichtbar, doch beachtete ihn Lucinde nicht
... So schlecht also hat man mich gemacht! ... wiederholte sie. Und gewi ist es
die Unbescholtenste von allen, Frulein von Tngel, die mich am meisten lstert!
... Hassen Sie denn nicht auch so die Dummheit? ... ... Diese Dame speculirte
auf einen armen Phantasten, der sie allerdings um meinetwillen nicht mochte ...
    Jrme von Wittekind! Ich wei alles ... Und - Ihr - Ihr Doctor Klingsohr
... Den trgt man Ihnen bitter und mit Recht nach ...
    Lucinde zuckte die Schultern und sagte:
    Den hab' ich nie geliebt ... Sieh, sieh, weit du schon, was die Liebe ist?
...
    Dies Du flocht sie, indem sie mit dem schwarzen Handschuh fingerdrohte, so
gewandt und listig ins Gesprch, da Armgart vor dem traulichen Ton zwar
erschrak und von ihr abrckte, ohne ihr jedoch zrnen zu knnen; ihr kam das Du
dann noch natrlicher, als sie sprach:
    Lucinde! Dich sollte eigentlich jeder meiden! ...
    So! entgegnete diese mit zuckenden Lippen und fiel in ihre kltere Art
zurck. Das spricht Armgart! Ihre Mutter kommt heute und Sie fliehen wieder vor
ihr - wieder mit zwei jungen Mnnern vielleicht - Sie mten doch wol schon
gelernt haben, wie Frauen leicht und unschuldig in einen falschen Ruf kommen
knnen ...
    Armgart wurde ber die beiden jungen Mnner roth ...
    Alle Welt wei ja schon von Ihrem Vorsatz! ... Ich lasse den Wagen halten
und verhindere Ihre neuen Thorheiten -
    Lucinde! ...
    Freilich! Sagen Sie gleich, wo wollen Sie hin? ...
    Zu Hedemann -
    Dort finden Sie Ihren Vater -
    Armgart sprang auf und sank durch die Bewegung des Wagens auf Lucindens
Schoos ...
    Diese hielt sie fest ...
    Dann flieh' ich zu den Clarissinnen ins Kloster ... Oder in den Wald zu den
Eremiten - oder in die weite Welt hinaus! ...
    Lucinde mute Armgart, die sich loswand, von ihrem Schoose freigeben ... Sie
betrachtete das aufgeregte junge Mdchen halb mit Lachen, halb mit Rhrung und
lie sich von Armgart's Gelbde erzhlen ... Auch an Serlo's Tchter dachte sie
bei ihrer Vergleichung ... Sie wandte sich Armgart zu, die wieder neben ihr sa
... Lucindens Augen htten dabei vor List glnzen knnen und glnzten doch nur
vor Theilnahme ... Ihr Mund ffnete sich ... Ihre ganze Erregung machte sie jung
und schn, wie in den Tagen ihrer ersten Blte ... Armgart athmete kaum, so
bangte ihr vor der Begleiterin und dies Bangen wurde ihr ein wohliges ...
    Lucinde, sagte sie tonlos, du kannst Latein, Italienisch, hast unsern
Glauben angenommen ... aber ich frchte mich doch vor dir ...
    Weil ich so schlecht bin! ... erwiderte Lucinde vor sich hin und ihre
schwarzen Augen verschlangen mit einer ungewissen Sehnsucht die braunen
Armgart's ...
    Du bist eine Schlange, eine Hexe, sagen sie ...
    Dann bin ich es auch wol! Darauf verstehen sich ja die Menschen und
besonders die Frauen ...
    Armgart kmpfte immer mehr gegen die Bestrickung durch diese auch ihrer
Lebensauffassung so verwandte Ironie ...
    Seit ich lesen kann, seit Paula in die Anstalt kam, fuhr sie fort, hab' ich
dich, Lucinde, frchten gelernt ... Paula schrieb zwar immer von dir, ich sage
dir das offen, mit Bewunderung ... Sie ist so gut, sie verehrt dich ...
Wahrhaftig! ... Und ich wei doch, da sie eigentlich nur immer Angst vor dir
haben sollte ...
    Auch noch jetzt? sagte Lucinde mit dem Ton der Resignation und in Anspielung
auf Bonaventura ...
    In ihren Visionen sieht sie dich fortwhrend ...
    Und wie dann? ...
    Nie gut ...
    Diese Visionen lgen ... Kluge Armgart! ... Diese Visionen sind nur
Widerspiegelungen aus Paula's eigenem Innern. Glaube mir's! ... Was wrden wir
nicht alles sagen und verrathen knnen, wenn wir so pltzlich den Willen und die
Selbstbeherrschung verlren! ... Paula sieht nichts, was auer ihr ist. Sie
sieht nur Bilder der Erinnerung, ihres Wissens und sonstigen Ahnens und Fhlens.
Sie spricht nur die Gedanken aus, die sich im Menschen unbewut sammeln und ihm
in den Mund kommen, er wei selbst nicht wie. Wenn du trumst, Armgart, ist es
dir nicht gerade ebenso? ... Da sie dann freilich, ohne es zu wissen, alles
herausspricht, das ist eine fatale Krankheit ...
    Armgart dachte allen diesen Worten nach, sagte dann aber doch:
    Du irrst, Lucinde! Sah sie nicht krzlich den Vater des Domherrn? ...
    Von Asselyn? ... Warum nicht? Sie beschrieb ihn, wie man vom Lande der
Seligen trumt ...
    Nein, nein! Das wirkliche Italien war's, wo sie ihn sah ... Terschka -
besttigte alles ...
    Unsere Vorstellung vom Paradiese ist - so etwas wie Italien ... sagte
Lucinde, schwieg dann aber und lie Armgart Recht behalten ...
    Dadurch wurde diese noch sicherer ...
    Dein armer Klingsohr! fuhr Armgart fort. Der liebt dich wol noch jetzt! Wie
weit hin war der berhmt! Noch im letzten Herbst wurden seine Aufstze jeden
Abend bei uns vorgelesen. Alle sagten dann: Das ist der Sohn des Deichgrafen!
Das ist der, der um - deine Lucinde, Paula, ins Kloster gegangen ist! Die Tante
wollte nicht, da ich erfhre, was Liebe ist, und sagte: Ach was! Aus Schmerz um
seinen Vater, aus Reue ber sein Einverstndni mit dem Kronsyndikus ist er in's
Kloster gegangen! ...
    Ein Kloster ist fr vieles gut - das siehst du an deiner Mutter und an dir
... sagte Lucinde ausweichend ... Also die Liebe solltest du nicht kennen lernen
und nun kennst du sie? ... Herr von Terschka liebt jetzt statt deiner Mutter -
glaub' ich - dich ...
    Armgart ergriff Lucindens Hand und sagte mit erstickter Stimme:
    Was sprichst du da ...
    Ich sah es ja neulich bei dem Jagdbanket - den Augen der Mnner sieht man
das an! Terschka's Augen verschlangen dich ...
    Lucinde! rief Armgart ablehnend - und ihr Auge verschlang doch auch die
Augen Lucindens ...
    C'est la vogue! ... Auch Benno von Asselyn und Thiebold de Jonge lieben dich
...
    Armgart nannte franzsisch die Sprache, die Gott geschaffen htte, Dinge zu
sagen, die andere Nationen zu sagen sich schmten ... Sie sagte das eben ...
    Als Lucinde darber lachte, fiel sie sich ihr abwendend ein:
    Whle du dir einen davon! ...
    Lucinde ging auf den Scherz ein:
    Hm, Thiebold de Jonge? sagte sie ... Ei, der ist sehr reich und das ist viel
werth ... Aber ... Was hilft mir ein Mann, fr den ich den Verstand haben mu!
Dein Vater hat ihn aus dem Wasser gezogen, hr' ich. Mir wrde er - ewig im
Sanct-Moritz liegen ... Immer mte ich ihn an den Haaren halten ... Seine Haare
sind freilich hbsch ... Nun ja, mir recht! Um die Wahrheit zu sagen, ein
rechter Mann mu ein bischen dumm oder lieber noch wild sein, dann ist's eine
Lust, ihn ziehen und zhmen zu knnen ... Wahrhaftig, ich nhme den Thiebold
noch lieber als den Benno ...
    Armgart horchte einer Sprache, die sie - fr frivol htte erklren mssen
und die sie doch fesselnd fand ...
    Benno - der ist schn, interessant, aber - eingebildet! fuhr Lucinde fort.
Der liee keine Frau aufkommen ... Immer wrde er ihren Verstand mit Ironie
behandeln ... Nein, nein, diese Mnner, die sich so klug dnken -
    Armgart hielt Lucinden den Mund zu ...
    Terschka freilich - fuhr diese fort ...
    Das Kapitel verstehst du nicht ...
    Lucinde machte sich frei und fuhr fort:
    Terschka - das denk' ich mir so! Graf Hugo ist Terschka's Freund ... Geht
Paula, deine Freundin, nach Wien, so wirst du, Nrrchen, natrlich folgen wollen
und da - macht sich denn alles ganz natrlich -
    Nach Wien? unterbrach Armgart. Nach Wien? Wer geht nach Wien? ...
    Ich hre doch ...
    Sie geht in ein Kloster ... Wie ich ... Nur - da ich schon heute gehe ...
    Pah! Ihre Aufgabe, die Aeltern zu vershnen, sagte Lucinde, ist nicht so
schwer ... Es ist wahr, Ihre Aeltern hassen sich; aber es gibt einen Ha, der
der unmittelbarste Gegenpol der Liebe ist und bei gnstiger Gelegenheit sogleich
in Liebe umschlgt. Man hat dann nur, weil man eben nicht liebt, das ist ein
groer Unterschied vom gewhnlichen Ha. Der gewhnliche Ha verachtet und will
gar nicht lieben. Wenn man aber wei: Einer ist nur auer uns im Leben, der uns
ganz und gar aufhebt und vernichtet ... Nun ringst du gerade mit dem und mit
keinem andern ... Weicht er oder weicht er nicht ... An ihm allein missest du
deine Kraft ... An ihm deinen Werth ... O, das ist ein ganz anderer Ha ... Ja
schttle dein liebes Kpfchen nur ... Du verstehst das alles noch nicht ... Tage
und Wochen lang nur immer auf Einen denken, immer nur fr dessen Widerlegung,
wenn er uns misverstand, leben, dem zum Widerspruch, aber auch nur um Den allein
das Hchste und Khnste beginnen, malen, dichten, philosophiren, entbehren; -
alles das hat, ich wei es vom Oberprocurator Nck - auch deine Mutter gethan
und keiner ist ihr dabei doch bei all ihrem Zorn und ihrem Schmerz gegenwrtiger
gewesen, als immer der Mann, der sie frher bndigen wollte, ehe sie die Lust
der Freiheit gekostet, oder, wie man richtiger sagt - gebt hat ... Und wenn
ich mir den Obersten vergegenwrtige, den ich kenne, den ich gesehen und
gesprochen habe -
    Armgart hing an Lucindens Lippen mit bebender Erwartung und hielt krampfhaft
ihre Hand ... Da diese ihr eigenes Verhltni zu Bonaventura beschrieb, wute
sie nicht; so leidenschaftlich konnte sie sich die Liebe zu einem Priester nicht
denken ...
    Dein Vater, fuhr Lucinde fort, erschien mir bei einem kurzen Begegnen in
Kocher am Fall eine Natur wie aus Granit. Lieben knnt' ich ihn nicht. Aber -
nun kam Lucinde unbewut in die Anrede mit Sie zurck - Ihre Mutter schon, die
sieht nicht, glaub' ich, die Bibliothek, die in seinem Innern aufgebaut ist, von
zehntausend Bnden Weisheit. Sein Bruder, Ihr Onkel Levinus, hat auch diese
Bibliothek im Kopf, ich hrte das ja heute; aber der plaudert sie aus oder sie
liegt krummbucklig in ihm durcheinander, bald orientalisch, bald spanisch, bald
kocht er Gold, bald blos Seife ... Der ist nicht einmal das
Conversationslexikon, wo es doch nach den Buchstaben geht ... Aber bei Ihrem
Vater - da sieht man keinen einzigen Titel, keinen Einband, kein Schubfach,
keine Rolltreppe - in alten Klosterbibliotheken ist's himmlisch, Armgart! - das
ist alles von ihm verdaut und wirklich Fleisch und Blut geworden. Denke dir,
Armgart - Lucinde ging aus ihrer Zerstreuung wieder in diese Anrede ber - denke
dir diesen Magen! Diese Gesundheit! ... Deine Mutter ist dann gerade ebenso ...
Sie liebt deinen Vater, sowie sie ihn sieht - falls freilich nicht bereits dein
schlimmer, hchst leichtsinniger - Terschka -
    Armgart hielt gerade krampfhaft Terschka's Brief in der Hand und legte diese
und den Brief auf Lucindens Mund ...
    Nein! Nein! sagte Lucinde beruhigend und wiederholte halb spottend das
allbekannte Gelbde Armgart's: In der Rechten die Mutter, in der Linken den
Vater und so beide frs Leben verbunden! ...
    In Witoborn, wo es des Tags nicht blos zu jeder Stunde, sondern im Grunde
immer lutet, hmmerte bereits der unruhige Hinkbote, der in der Glocke jedes
Jesuitenthurms sitzt. Das ging wie beim Sgemann auf dem Weihnachtstisch ...
    Armgart bat Lucinden, noch eine Weile auf den Wllen langsam hinfahren zu
lassen ... Das Wetter wre so schn ... Sie wollte zu Hedemann, wollte nach der
Ankunft des Vaters fragen und dann ins Kloster zu den Clarissinnen ...
    Lucinde that alles, wie gewnscht und beugte sich zum Schlag hinaus, um mit
dem Kutscher zu sprechen ... Dabei entglitt ihrer Brust das Kreuz ...
    Du bist katholisch geworden! sagte Armgart, es ihr zurcksteckend. Weit du
auch, was katholisch ist? ...
    Katholisch sein heit einen geheiligten Willen haben ...
    Das ist recht! wallte Armgart auf. Wenn ich Hedemann gesprochen habe und ehe
ich ins Kloster gehe, beten wir im Dom zusammen? ...
    Ich reise heute ... entgegnete Lucinde ausweichend ... Sie - ins - Kloster!
setzte sie nach einer Weile hinzu und gedachte Treudchen's, die gleichfalls nur
einen vorbergehenden Schutz im Kloster suchte und dort vielleicht fr immer
blieb ...
    Wann reisen Sie denn? ... unterbrach Armgart ihre Abmahnungen ...
    In wenig Stunden ...
    Und kommen nicht wieder? ...
    Gegen Ostern ...
    Armgart's Miene war so wehmuthvoll, als wollte sie sagen: Wer wei, wo ich
dann bin! ...
    Lucinde sah diesen Schmerz, der sich durch ein Blinken der weien Zhne
ausdrckte ...
    Sie nahm jetzt den Brief, den Armgart aus Zerstreuung wieder in der Hand
hielt ... Sie wollte vom Gesprch ber ihre eigenen Plne und Absichten abkommen
und sagte:
    Das ist ja ein Brief an Ihre Mutter? ...
    Armgart erschrak und besttigte es kleinlaut ...
    Wollen Sie ihr den Brief aus dem Kloster schicken? ...
    Armgart blieb die Antwort schuldig ...
    Haben Sie diese wunderliche kleine Handschrift? ...
    Nein - Herr - von Terschka ...
    Lucinde nahm den Brief, verglich den Umstand, da Armgart diesen Brief nach
Witoborn mitnahm, mit allem, was sie aus Armgart's Mienen zu lesen glaubte, und
sagte:
    Der Brief sollte in Westerhof Ihre Mutter begren - nicht wahr? ... Nun
sind Sie neugierig, was wol Terschka Ihrer Mutter schreibt, whrend er Ihnen zu
gleicher Zeit - Machen Sie doch den Brief des leichtsinnigen Mannes auf! ...
    Lucinde! rief Armgart und wie wenn einer Mutter ihr Kind ins Wasser strzen
will, griff sie nach dein Brief -
    Lucinde gab ihn zurck ...
    Was aber hatte sie schon gethan? ...
    Mit einer einzigen Bewegung des Fingers hatte sie unter die Klappe des
Couverts gegriffen und sie aufgerissen. So gab sie den Brief an Armgart zurck
... Es war eine Regung ihrer alten Natur ...
    Fr Armgart war das freilich zu viel ... Geschah ein Verbrechen, das so weit
ging, ein fremdes Geheimni nicht zu schonen, so mute es feierlich, wenigstens
erst mit einem Gebet zu Gott geschehen ... Diese rasche That lhmte ihr die
Sprache ...
    Lucinde lachte darber ...
    Abscheuliche! Jetzt erkenn' ich dich! rief endlich Armgart, nur zu einigen
Worten sich sammelnd ...
    Lucinde konnte nicht aus dein Lachen kommen ...
    Schndliche! Schndliche! ...
    So lesen Sie doch, Kind -
    Ich verbitte mir -
    Lucinde lachte ...
    Sie verdienen -
    Was? Armgart! Einen Ku! ...
    Nicht Ihre Armgart bin ich ... Demoiselle Schwarz! - Halt! Halt! ...
    Sie rief dem Kutscher ...
    Der Wagen hielt ... Es war am Eingang in den Witobachgrund ... Die Mhlen
schienen eben zu rasten ... Es war still ringsum ...
    Der Bediente sprang hinunter und ffnete den Schlag ...
    Warum haben Sie mir das gethan! lenkte Armgart wieder zum alten gtigen Tone
ein und hielt den Schlag zu ...
    Lucinde, verletzt durch das pltzliche Herauskehren der Fruleinswrde
Armgart's, wandte sich ab und that, als verlre sie mit solchen Possen nur die
Zeit ...
    Ich sehe es zu gut, sagte Armgart weinend, da Ihr Uebertritt zu unserm
Glauben nur eine Heuchelei war! Ja, Sie sind eine Schlange, die sich erst warm
an unserm Herzen einnistet und dann das Blut aussaugt! Darum flieht auch alles
vor Ihnen! Und ich, ich lasse mich bethren! Gerade wie die armen jungen Mdchen
auf den Streckbetten damals! Nun fhl' ich wieder den frchterlichen Stich im
Herzen, wie damals, als ich Sie zum ersten male sah! ...
    Lucinde wandte sich ab und beachtete sie nicht mehr ...
    Da der Schlag Armgart's Hnden entglitten war und das lngere Offenstehen
des Wagens Lucinden veranlate, ihren Mantel, wie gegen Frost, fester zu ziehen,
stieg Armgart aus ...
    Beide trennten sich, als wre mitten in ihrem schnsten Flusse eine Melodie
durch das Reien einer Saite unterbrochen worden.

                                    Funoten


1 Thatschliches.


                                      23.

Mit ihrem Bndelchen und dem erbrochenen Briefe schritt Armgart wie die
verstoene Hagar dahin' ...
    Sie betrat die Gegend Witoborns, wo sonst das Wasser rauscht, die Rder
brausen, die Sgemhlen kreischen, die Mittagszeit alles still gemacht hatte ...
Die Witobach machte hier eine Biegung, die einen alten Gefngnithurm, jetzt das
Hauptwerk des ganzen Mhlenbetriebs, wie auf einer Insel liegen lie ...
    Hier und da wurde der Weg durchkreuzt von alten durchbrochenen Mauern und
groen Schuppen ...
    Hier also wollte der Vater seinen knftigen Wirkungskreis erffnen, hier
eine Erfindung des Satans befrdern helfen und Papier machen ... Da doch auch
die Gebetbcher und Breviere des Papiers benthigt waren, gab Armgart schon eine
Erkrftigung gegen die strengen Vorwrfe der Frau von Sicking ... Aber - welch
ein rthselhaftes Wesen allerdings im Papier liegt, sie fhlte es an dem Briefe,
der ihr enthllen konnte, was und wie Terschka ihrer Mutter zu schreiben wagte
...
    Fernab, schon in der ersten Huserreihe der Straen, lag das freundliche
Huschen, wo Hedemann wohnte ... Und seit einigen Wochen hatten dort Benno und
Thiebold gewohnt, sie, die sie aus ihrem Leben ausgelscht zu haben glaubte und
es doch so wenig konnte wie wieder die heutige Erinnerung zeigte ... Es war
Mittagszeit ... Sie konnten, wenn sie beide noch nicht abgereist waren, eben
beim bescheidenen Mahl ihres gastlichen Freundes sein ... Wie bewutlos schritt
sie dahin ...
    Auf einem der schmalen Stege und gelnderlosen Brckchen, die hier zu
berschreiten waren, begegneten ihr zwei Bekannte ...
    Der bucklige Stammer und Frau Schmeling, die Hebamme ...
    Unwillkrlich erschauderte sie trotz des demthigen Grues, der von beiden
ihr zu Theil wurde ... Stammer war im Kirchenbann, auch die Schmeling sollte
hineinkommen ... Auch von Hedemann hrte man, da sich zu Ostern, beim
allgemeinen Communiongang, sein wahrer Kern enthllen wrde ... Die Aeltern
Hedemann's waren gleichfalls im Kirchenbann ... Ja ihr eigener Vater galt fr
einen Freigeist, wie die Mutter ... Sie irrte wie am Scheidewege zwischen Himmel
und Hlle ...
    Wie lag das Gesprch mit Lucinden auf ihrem Herzen ... Was hatte sie an
Anschauungen und wilden Lebensmaximen vernommen! ... Und sie fhlte ja auch
schon lange, da eine seltsame Musik durch ihre eigene Seele zog, fhlte, da
sie im Vergleich mit ihrer lichtreinen Paula lngst in immer unheimlichere
Schatten trat ... Sie konnte nichts nennen von dem, was sie so bedrckte ...
Aber ihr erstes Gefhl war, zu sagen: Das ist die Snde! ... Und gerade darin
lag ihre Angst, da in ihr tausend muthige Stimmen riefen: Was Snde! Gib dich,
wie du mut! ... Dies Mssen war ihr dann wie ein Gezogenwerden schon von der
Hand des Teufels ...
    Grinsend sprang der berchtigte Musikant zur Seite ... Auch die Hebamme
schien betroffen, sich von dem Stiftsfrulein hier mit Stammer gesehen zu finden
... Sie knixte und erbot sich mit schneller Zunge zu einer Auskunft, da Armgart
nicht wute, wie sie aus diesem Labyrinth der kleinen Kanle der Witobach
herauskommen sollte ...
    Ich wollte zu Hedemann ... sagte sie ...
    Der ist eben im Thurm, mein gndiges Frulein! Eben ging er die Treppe
hinauf ... Da! ... Sehen Sie ... dort die Thr! ...
    Stammer deutete zu diesen Worten der Schmeling den krzern Weg an, auf dem
Armgart zu diesem Thurm gelangen konnte ...
    Alles ringsum blieb still ... So viel Worte htte man hier sonst ohne die
lebhafteste Erhebung der Stimme nicht wechseln knnen ...
    Der Thurm mute bewohnt sein ... Eine alte Frau stieg von der Auentreppe
nieder, in der Hand hielt sie einige Tpfe ... Aus einem Verschlage, an dem
Armgart still stand, sah eine Ziege hervor und bohrte mit den Hrnern an der
Oeffnung ... Selbst darber wurde ihr ngstlich zu Muthe ... Vollends aber, als
sie die Frau nach Hedemann fragte und an der Antwort sah, da die Alte taub war
...
    Armgart stieg nun von selbst einige Stufen hher in die offene Thr ...
    Von hier wieder abwrts gehend, hatte das alte Mauerwerk im Erdgescho eine
Kche, in die man hinunterblicken konnte ... Auf dem Herd unten lagen
verglimmende Kohlen ... Eine enge steinerne, abgetretene Treppe fhrte nach oben
hinauf ... Sollte sie sie besteigen? ... Sie sah sich erst nach einer Klingel
um; die Alte folgte ihr schon dicht auf der Ferse und sprach nichts und
betrachtete sie nur neugierig ...
    Da wurde Armgart von oben angerufen und begrt ...
    Es war Hedemann's Stimme; aber sie sah ihn noch nicht ... Nur die Fe
bemerkte sie ... Sie mute erst durch eine Fallthr den Kopf stecken, bis sie
Hedemann von Angesicht sehen konnte ...
    Frulein Armgart, Sie sind es -? rief er ihr entgegen und reichte ihr die
Hand, sie emporzuziehen ...
    Hier sind Sie ja wie in einem Gefngni ... sagte sie ...
    Das war hier auch ehedem so etwas! sagte Hedemann ... Der Thurm gehrte zur
Vogtei ...
    Hedemann schien hocherfreut von diesem Besuch und setzte hinzu:
    Aber darum ist es hier doch ganz angenehm! Kommen Sie nur nher! ...
    Hedemann ffnete ein Gemach, das in der That warm und behaglich war. Zwar
waren die Fenster kaum grer, als Schiescharten, aber da es ihrer vier waren
und sie ganz hoch lagen, erhellten sie den Raum, der mit einem in einem Alkoven
befindlichen Bett, einem alten Lehnstuhl, einem Tisch und einigen Sthlen
besetzt war ... Tassen, Glser standen auf einer Kommode ... Es war das Bild
einer kleinbrgerlichen Wohnung ...
    Um den Fuboden dieses Zimmers selbst zu betreten, muten dann beide
innenwrts noch einige Stufen hinuntersteigen ...
    Armgart war glcklich, Hedemann hier oben allein sprechen zu knnen ... Sie
warf ihren Muff ab, band den Hut auf, lftete den Mantel und rckte sich dem
behaglichen halb eisernen, halb Kachel-Ofen nher, um die Fe zu wrmen ...
    Hedemann begleitete alle diese Bewegungen mit den Worten:
    Nun, das ist gut! Das ist gut! ...
    Was ist gut, Hedemann? ...
    Da Sie nicht in Westerhof bleiben! Heute kommt Ihre Mutter! ...
    Sie wissen -? ... Und der Vater? ...
    Das ist recht, Sie halten am Vater ...
    An Vater und Mutter! Wie Sie's immer ja selbst sagten ...
    Aergert dich aber dein Auge, so rei es aus! ... Mit der Mutter knnen Sie
nicht gehen, ohne den Vater zu krnken ...
    Ich wei es ... Und wann kommt der Vater? ...
    Ich denke, jede Stunde ... Sie sind ein gutes Kind - In Ihren Jahren gehren
Sie dem Vater! ...
    Ich will zu den Clarissinnen gehen, Hedemann, und dort so lange warten, bis
mich beide abholen ...
    Da wrden Sie den Schleier nehmen mssen! Da beide zusammen kommen, wrde
lange dauern ...
    Nun, dann - dann thte es ja auch so - vor Gott nichts ...
    Hedemann wallte ber dies Wort auf und schien von pltzlichen Gedanken
ergriffen ...
    Haben Sie schon gegessen? fragte er ...
    Essen und Trinken lehnte Armgart ab ...
    Kommen Sie hinber in mein Huschen ... Benno und Herr de Jonge speisen
heute nicht bei Tangermanns, sondern gnnen mir die letzte Ehre ... Vielleicht
berrascht uns zum Nachtisch - der Oberst ...
    Hedemann! ... Ich darf nicht ...
    Sie bleiben dann auch gleich drben ... Bei Ihrem Vater! ... Ja, dessen
Schild und Ehrengarde mssen Sie nun werden! ...
    Sie wissen ja schon von Lindenwerth, wie ich ber alles das denke ...
    Der Vater will keine Vershnung ...
    Ich aber will sie ...
    Lt sich ein Mann vorschreiben? ...
    Aber die Mutter ...
    Umstrickt Sie! Auf Westerhof ist gestern das groe Loos gezogen! Die Urkunde
hat sich gefunden ... Da mag es hoch hergehen ... Bleiben Sie getrost bei Ihrem
armen gekrnkten Vater ...
    Hedemann -
    Sie sind jetzt alt? - Sechszehn Jahre - denk' ich ... Warten Sie, ich kann
es bis auf die Minute sagen -
    Hedemann nahm ein Buch, das unter den Tassen und Glsern lag und an seinem
Einband schon als die Bibel zu erkennen war ...
    Hier stehen sie alle, die zu meiner Familie gehren! ... Auch Sie gehren
dazu ...
    Guter Hedemann! ... Aber hier kann ich nicht lnger bleiben ...
    Sie - bleiben hier ...
    Ich gehe nicht nach Westerhof zurck ... Das versprech' ich ... Aber ich
will ins Kloster ...
    Ins Kloster! Was da! Sie bleiben bei Ihrem Vater! Da steht auch Buch Sirach:
Bleibe treu dem Freunde in seiner Armuth! ...
    Armuth? ...
    Arm und reich macht Liebe, Ehre, Anerkennung, Gerechtigkeit ... Armgart, Sie
mssen jetzt zum Vater halten! Sie mssen die Netze der Mutter fliehen!
Westerhof sogar, die Tante, den Onkel, alle, die den Obersten lstern ... Die
Rede Ihrer Mutter wird s sein, gewi ... Erst aber mssen Sie dem Vater in die
Arme fliegen - wie die Tochter Jephtha's, da er die Feinde geschlagen! Sela! ...
Sechszehn Jahre, drei Monate und sieben Tage sind Sie alt! Da steht's! ...
    Das kann ich nicht, Hedemann! sprang Armgart jetzt auf ... Denn sie erschrak
vor der seltsamen Entschiedenheit des Mannes ... Wie knnt Ihr mir rathen, so
meiner Mutter weh zu thun? ...
    Der Mann ist nicht geschaffen um des Weibes willen! spricht Paulus -
sondern - doch wohl umgekehrt ...
    Hedemann, adieu! Schickt den Vater zu den Clarissinnen! Ich folge ihm nur,
wenn er mit der Mutter kommt! ...
    Der Rath des Herrn bleibt ewiglich! Sela! ...
    Mit diesen Worten machte Hedemann einen gewaltigen Schritt auf die vier oder
fnf Stufen hinauf, die von der Thr in das kleine Gemach hinunterfhrten ...
    Was habt Ihr vor? rief Armgart entsetzt und sprang ihm nach ...
    Und wie Hedemann noch eine Stufe weiter zurckgegangen war, kam ihr die
Ahnung, da er gegen sie etwas im Schilde fhrte ...
    Jesus Marie! rief sie ... Ich werde - doch - wieder - gehen knnen -? ...
    Das hat der Herr gefgt! sprach Hedemann und hielt schon die Thr in der
Hand ...
    Hedemann, was? ... Armgart stand schreckgelhmt ...
    Nicht wie in Lindenwerth sind wir hier ... Nicht wieder wie damals in Nacht
und Nebel vor Vater und Mutter entflohen ...
    Hedemann! ...
    Armgart, die diese Wendung ihres Vertrauens nicht fr mglich gedacht hatte,
schrie den Namen so laut, da man sie auf hundert Schritte weit ber die Insel
hinaus htte hren mssen ...
    Aber auch im selben Augenblick griff Hedemann an eine links hngende Klingel
und wie der Zusammensturz eines Hauses so brausend begannen sofort die Rder der
Mhlen ihre kreisenden Bewegungen, die schrillen Tne der Sgen durchschnitten
die Luft, das Wehr, das gestaut gewesen, entsandte seine Donnertne ... Seine
eigenen Gedanken begriff man nicht, viel weniger hrte man ein eigenes Wort oder
das eines andern ...
    Wie von einem Taumel berfallen schwankte Armgart zurck und ehe sie sich
noch in den schrecklichen Augenblick gefunden und sich mit beiden Hnden wie zum
Angriff auf Hedemann gerstet hatte, war dieser verschwunden ...
    Nun strzte sie die Stufen hinauf und rttelte an der Thr ... Sie schlug
wider sie mit beiden geballten Fusten ... Die Thr war eisenbeschlagen und
eisenfest ... Sie suchte einen Griff, einen Riegel, um zu rtteln - selbst diese
fehlten, die Thr war von innen nur durch einen Schlssel zu ffnen und dieser
war abgezogen ... Mit der Behendigkeit eines flchtigen Wilds sprang sie die
Stufen wieder hinunter, ri einen der Sthle an die hoch gelegenen kleinen, kaum
einen Fu breiten Fenster, griff hinauf, um eines, das nach auen vergittert
war, zu ffnen - vergebens, von den Fenstern war gerade dies nicht zu ffnen -
Sie sprang hinunter, rckte den Tisch an die Wand, kletterte hinauf, suchte ein
anderes Fenster zu ffnen ... Dies gelang ... Sie schrie hinunter ins Freie:
Hlfe! Hlfe ... Der Ruf verhallte in dem Lrm des Mhlenwerks und des Wehrs
ohnmchtig wie das Summen eines Kfers ... Kein Haus lag gegenber, kein Weg
fhrte daher ... Sie konnte rufen und rufen und erschpfte nur die Kraft ihrer
Stimme und den letzten Rest des Muthes, den sie dem so rasch ausgefhrten
Entschlu entgegensetzen konnte ...
    Schon dachte sie: Es ist ein Scherz von ihm ... Er wird wiederkommen ...
    Aber wenn er mit dem Vater kme? Wenn mein Gelbde - vereitelt wre! ...
    Als sie das Fenster der hereinstrmenden Klte wegen zugeworfen hatte,
wieder niedergestiegen war, immer von dem betubenden Gerusch begleitet, sank
sie auf den Lehnstuhl nieder und lie verzweifelnd die Hnde zusammengefalten
auf ihrem Schoose liegen ... Blasser und matter neigte sich ihr Haupt ... Der
Hut entfiel ihr ... Sie lag in Betubung ... Von dem dumpfsten Schmerze der
Seele ebenso gefoltert, wie von dem grauenhaften, ihrer Stimmung hohnsprechenden
Getse um sie her ...
    Das hatte sie nicht fr mglich gehalten! Hedemann's Gefangene war sie ...
Aus seinen Bitten, die ihr noch von den letzten Augenblicken an der
Maximinuskapelle im Ohr klangen, waren Befehle geworden ... Sie konnte erwarten,
da nur ihr Vater sie hier befreien wrde ... Jetzt htte sie aus dem Fenster
nach Benno und Thiebold rufen mgen ... Was half es ... Nichts war von ihrem Ruf
zu hren ... Ihre Thrnen brachen hervor ... Sie, die sich selbst gefangen
setzen konnte, tagelang, sie konnte es nicht von andern sein ... Sie wollte
aufspringen, wider die Wnde rennen ... Ihre Muskeln hatten keine Kraft mehr,
ihren Willen auszufhren ... Und was sie dann auch that, nichts ging ja helfend
an gegen die Gleichmigkeit des Rauschens und Rollens und Donnerns um sie her
...
    Dazu dann endlich noch der Brief, der geffnete, der vor ihr auf dem Tische
lag! ...
    Sie sah ihn lange mit der innern Ermuthigung an, wenigstens den zu lesen und
dadurch in eine vorherrschende, wenn auch schmerzlich zerstreuende Stimmung zu
kommen ... Jetzt aber berfiel sie pltzlich wieder ein Rettungsgedanke; sie
sprang auf und lief an die Klingel, um diese zu ziehen und vielleicht auf einen
Augenblick so die Rder zum Stehen zu bringen ...
    Sie zog so gewaltsam, da sie den Draht in der Hand behielt ...
    Die Rder gingen fort und fort und die strzenden Wellen des Wehrs rauschten
und rauschten nach wie vor ...
    Nun sa sie wie vernichtet und wie ausgelscht aus dem Leben ...
    Allmhlich entquollen ihr Thrnen ...
    Sie sah sich gestraft fr eine Menge Snden, die wie in langen trauervollen
Bildern an ihrem Innern vorberzogen ... Sie sah sich gestraft von Gott selbst
... Die Bibel lag vor ihr, ein Buch, das sie wenig kannte, ein Buch, das ihre
geliebte Kirche nicht empfiehlt ... Hedemann hatte zwischen manche Seite
Papierstreifen gelegt, manche Stelle unterstrichen. Epheser 6, 1: Gehorsam
seid, ihr Kinder, euern Aeltern! ... ... Und wie, wenn sie eine Antwort gesucht
htte auf die Frage der Verzweiflung: Aber hab' ich denn nicht ein Gelbde
gethan? so fand sie an einer andern Stelle, 1 Samuelis 15, 22, die Worte
unterstrichen: Gehorsam ist besser, denn Opfer. ...
    Aus ihren Trumen weckte sie - nur das rauschende Rad und die Woge ...
    Ganz allein und vergessen war sie darum nicht ... Sie bemerkte eine halbe
Stunde spter ein nher kommendes Gerusch ... Es kam aus dem Ofen, der von
auen geheizt wurde ...
    Legte man noch Holz an? ...
    Bald bemerkte sie einen vom Ofen herkommenden Speisegeruch ...
    Sie ging hin und sah in der warmen Rhre ein starkes Brett mit einer
Schssel Suppe, mit Brot, Rindfleisch, Erdpfeln und Braten ... Das war wie
hingezaubert ... Die Speisen kamen von auen herein ... Sie bersah den Ofen,
der nur zur Hlfte im Zimmer stand und von der andern Hlfte aus eine Klappe
hatte, durch die man einen hier Eingeschlossenen verkstigen konnte, ohne da
man eintrat ... Sie sah von ihrem Alkoven aus noch einen kleinen Raum, wo sich
sogar Gerthschaften zur Reinlichkeit befanden; selbst einen Verschlag, den sie
rasch wieder schlo ... Der Thurm war fr einen lngern Aufenthalt eines hier
oben vllig Isolirten eingerichtet ...
    Gefangen! seufzte sie wieder und stellte die einfachen Geschirre auf den
Tisch und untersuchte die Klappe im Ofen, die von ihrer Seite aus sich nicht in
Bewegung setzen lie ...
    Das wird dir wol vom Abschiedsmahl Benno's und Thiebold's geschickt! ...
Wenn sie wten, fr wen diese Reste bestimmt waren! ... Hedemann, mein
Kerkermeister, wird ihnen kein Wort davon sagen ...
    Beim Umblick in dem kleinen Raum bemerkte sie immer mehr Dinge, die sowol
einem lngern Aufenthalt wie zur Befriedigung nchster Bedrfnisse dienen
konnten ... Auch Wasser stand da, trinkbares ... Das Zimmer gehrte ohne Zweifel
dann und wann einem der ersten Beistnde Hedemann's bei seinem Geschft; jetzt
fanden sich nirgends Spuren eines eben darauf angewiesenen Bewohners ...
    Sie a nun einige Lffel von der Suppe und stellte den Rest der Speisen
zurck ... Spter nahm sie ihn doch. Die Natur machte ihre Rechte geltend ...
    Sie htte sich schon zu fgen angefangen, wre sie nur nicht so gefoltert
worden von dem Rauschen der Rder ... Das war doch, als rollte so ihr eigenes
Leben um ... Nun, dachte sie, geht Terschka aufs Schlo, die Mutter ist
vielleicht schon da, die Geheimnisse dieses Briefes enthllen sich, dein
Liebesopfer verwirft das Schicksal, der Traum der Legenden ist im Leben
unmglich ...
    Wieder weinte sie ... und bald vor Zorn ... Sie schwur, das Aeuerste
daranzusetzen, ins Freie zu kommen ...
    Sie untersuchte wieder Thr, Wnde, Fenster, den Ofen ... Die verbindende
Platte war von Eisen ... Dann hoffte sie auf den Abend, auf den Stillstand der
Rder, auf die Kraft ihrer jugendlichen Stimme ...
    Nein, die Nacht lt er dich nicht hier! sagte sie ...
    In ihrem wilderregten Innern jagte sich Bild auf Bild. Bei allem verweilte
sie, bei Lucinde, bei Bonaventura, bei Paula ... Zum Bilde Paula's vor ihrer
Seele erhob sie die Hnde in die Hhe und betete: Schliet sich dein Auge,
Freundin, so frage deine Engel, wo ich weile! Man wird mich doch vermissen, man
wird mich doch suchen; du wirst sagen, wo sie mich gefangen halten! ...
    Nun weinte sie um die Verzweiflung derer, die nicht wissen wrden, wo sie
geblieben ...
    Wieder bltterte sie in der Bibel ... Sie bedurfte dieser Zerstreuung auch
deshalb, um des Briefs nicht zu gedenken, der sie magisch anzog ... Sie hatte
ihn in ihren Hut und auf das Bett gelegt ... Noch konnte sie sich nicht
entschlieen, sich fr ihre Sachen der Riegelhaken zu bedienen, die sich rings
an den Wnden befanden ...
    In der Bibel fand sie alle die Geschichten am Urquell wieder, die ihr aus
ihrem Jugendunterricht so lieb waren, die Erzhlungen des Alten und Neuen Bundes
... Und sie forschte nach Aehnlichkeiten ihrer Lage ... Sie verweilte bei
Joseph's Liebe zu seinem Vater, bei Absalon's wildem Trotz, bei den Shnen Eli's
und deren strafendem Ende ...
    Glocken hrte sie vor dem Lrm nicht schlagen ... Schon kam aber der Abend
...
    Wenn nun ihr Vater hereintrat, was wrde sie ihm sagen! ... Die Kraft, ihn
zu begren mit dem Wort: Du Grausamer, du hast mich um die Wonne des Heiligsten
gebracht! hatte sie nicht mehr und stiller und immer stiller wurd' es in ihr bei
dem Gedanken: Httest du wol das Aeuerste gewagt und Terschka's Arm ergriffen
und dich vor den Augen der Mutter fr ihn bekannt? ... Sie hatte sich ausgemalt,
das im entscheidenden Augenblick thun zu wollen, die Angehrigen zu Zeugen
seiner Werbung zu machen und die Aeltern so zu berraschen; die Mutter, wenn sie
Terschka liebte; den Vater, wenn er davon eine Ahnung htte ...
    Ein Licht stand auf der Kommode und ein Feuerzeug ...
    Es war nur Ein Licht ... Es konnte nicht zu lange brennen und sie rechnete
darauf, nicht zu schlafen und die Nacht an ihre Befreiung zu gehen und, wenn die
Mhlen endlich innehalten wrden, ihren Hlferuf zu erneuern ...
    So verging die Zeit ... Sie zndete endlich das Licht an ... Es wurde ihr zu
gespenstisch einsam, zu schauerlich ringsum ... Sie hrte und sah im Geist, wie
man auf Westerhof sie suchte, wie man nach dem Stift schickte und wie die Mutter
sich in gleicher Lage befinden wrde, wie damals, als man sie ebenso in
Lindenwerth nicht fand ... Sie gedachte der Geistertheorie des Onkels ... Sie
htte auf irgendeine Weise, um an sich zu erinnern, auf Westerhof spuken mgen,
durch Anklingen an eine Tasse oder ein Aufklinken der Thre ... Sie wute, man
brauchte nur ganz fest und bestimmt an jemand zu denken und davon erschiene man
ihm ... Sie dachte sich, Paula versinkt in Schlummer, Bonaventura's Berhrung
bringt sie in den Hochschlaf und sie sagt: Armgart sitzt hinter Schlo und
Riegel im witoborner Mhlenthurm! ...
    In solchen Zustnden luft es im Menschen hin, wie uns pltzlich eine Maus
erschrecken kann im wohnlichsten Zimmer - wie uns eine Katze begegnet im
lachendsten Blumenfelde. Sachen fielen ihr ein, lcherliche, als sollte sie
wahnsinnig werden; zwei Groschen Schulden, die sie noch an eine Mitpensionrin
in Lindenwerth zu bezahlen vergessen hatte; eine wundervolle purpurrothe
Schleife, die sie an einem Morgenhubchen der Frau Fuld auf der Veranda in
Drusenheim bewundert hatte; ein Bndchen, das neulich dem Pfarrer Mllenhoff
whrend der Messe am Halse hervorguckte; hundert kleine verworrene Thatsachen
blitzten auf wie todt bisher in ihr aufgespeichert und machten Lucindens Theorie
wahr, derzufolge im Menschen der Stoff zu tausend Propheten stke, wenn nur eine
Hand da wre, die die Thore des in ihm versenkten Wissens ohne seinen Willen
aufschlsse ... Und als sie Benno's und Thiebold's gedachte, stie sie dumpf die
Worte aus: Gott! Gott! La mir die Sinne! ...
    Dann sprach sie ihr Gelbde noch einmal und bat die Gottesmutter, ihr zur
Erfllung desselben beizustehen. Sie wandte sich an die vierzehn Nothhelfer,
jedem derselben nach seiner besondern Kraft ihre Bitte um Beistand vortragend.
Die Angerufenen standen vor ihr, jeder mit dem Marterwerkzeuge, das ihm die Ehre
der Heiligkeit gegeben. So gewohnt war sie die Litanei: O du gnadenreiche
Mutter, du heiliger Joseph, du heiliger Michael und ihr andern lieben Engelein
und Erzengelein! da ihr die Bibel, nach der sie griff, wie ein fremdartiges
Buch erschien. Sie gab ihr gleichsam nur das einfache Brot, ihr gewohntes
Brevier eine viel sere Kost ...
    Aus dieser Betrachtung weckte sie wieder ein Gepolter des immer gleich warm
bleibenden Ofens ...
    Jetzt sprang sie rascher hinzu; aber schon war die Bescheerung da ... Ein
Nachtessen, reicher, als die Tante Abends der Gesundheit fr zutrglich hielt
... Schon war die Klappe unerbittlich wieder zugezogen ... ...
    Wer mag der Rabe sein, der mich nhrt? sagte sie, an den Propheten Elias
denkend ... Die taube Alte? ...
    Indessen sie a und nicht ohne Appetit und nicht ohne Besorgni vor dem
Geschirr, das jetzt in der Kche fehlen wrde, da sie das vom Mittag noch
zurckbehalten hatte, und nicht ohne guten Willen, es selbst zu waschen und in
den Ofen zu stellen und dabei rufen zu wollen: Nehmt's lieber mit, ehe ich's zum
Fenster hinauswerfe! ...
    Nach zu reichlichem Nachtessen Pflegte sie einzuschlummern und schon manche
der schauerlichen Geschichten des Onkels waren ihr auf Schlo Westerhof dann
verloren gegangen. Nur weil die Mhlen noch immer rauschten, dachte sie: Es ist
noch frh! Es ist noch nicht einmal Feierabend! ...
    Aber ihr Licht! Eine Talgkerze, gegen deren Duft sie an sich nichts hatte,
da sie wenigstens in Lindenwerth keine andern gebrannt hatte und auch der Onkel
oft genug Lichter go, die aus allerhand Surrogaten neuentdeckt waren und noch
viel schlechteren Geruch verbreiteten, als Talg - Ihr Licht war schon zum
letzten Drittel niedergebrannt und sie hatte doch noch die lange, lange Nacht
vor sich und ihren Plan mit dem lautesten Hlferuf ...
    Schlafen sollte sie? Schlafen in diesem Bett? ... Das wollte ihr nicht
einkommen ...
    Sie deckte doch aber das Bett auf ... Dabei mute sie den Hut wegnehmen, die
Kleider - Der Brief fiel auf die Erde und die Einlage glitt aus dem Couvert ...
    Wie sie sie aufhob, war's wie eine glhende Kohle ... Sie sah das Wort:
Freundin
    Das vollends war ein Stich ins Auge ... Und doch wagte sie nicht zu lesen
...
    Sie ordnete die Schsseln und Teller und stellte sie in den Ofen, der, wie
es schien, ihre einzige Verbindung mit der Welt blieb ...
    Das Bett war sauber und wei ... mindestens so gut, wie ihr Lager in
Heiligenkreuz ...
    Sie versuchte es, sich zu legen ... Bald aber stand sie wieder auf ... Das
Zimmer war zu hei ...
    Jetzt gedachte sie den Tisch an einen der Fensterspalte zu rcken. Aber
schon ermdete sie und ahnte, da sie doch nur zu vergeblichen Versuchen
zurckkehrte ... Schon ergab sie sich ... Die Mhlenrder gingen und gingen ...
Keine Hand stellte sie ... Wen konnte sie rufen? Ost sogar dachte sie, Hedemann
kme - in Kettenstrafe, wenn man seine ruchlose That erfhre, und da wollte sie
denn lieber dulden, schweigen und weinen ...
    Freundin! ... Das Wort verlie sie nicht mehr ... Sich alle Beziehungen
desselben ausmalend, versank sie, unentkleidet auf ihrem Bett ausgestreckt, in
Trume und entschlummerte allmhlich ... Schon hatte sie sich an das Rauschen
des Wehrs und der Mhle, an das Sgen, das hirnzerschneidende, gewhnt ... Ihr
Einschlummern kam ihr wie ein Ertrinken, aber nicht mehr schmerzhaft vor ... Sie
trumte von einem groen dunkelblauen Bande, das sie umringelte ... War es ein
Thier? Eine Schlange? Immer enger und enger wurde das Band, endlich sah sie
nichts mehr, als aus blauer Verstrickung hervor einen rosigen jugendlichen Kopf
mit lachenden Mienen, mit langen, feuchten, schwarzen Haaren - Das war dann
Lucinde, die, wieder freundlich geworden, ihr zunickte wie die Wasserfee ...
    Sie mute lange nach Mitternacht zur Ruhe gegangen sein; denn als sie
erwachte, war es Heller Morgen ...
    Die Sonne fiel schon ins Zimmer, ihr Lichtglanz rief sie aus ihrem dunkeln
Alkoven ...
    Die Besinnung auf ihre Lage kam ihr schnell genug ... Und das Donnergerusch
um sie her hatte wol nur whrend ihres Schlafes aufgehrt ... Schon war wieder
die Luft von demselben verwirrenden Gerusch erfllt, wie gestern ...
    Schwankend schritt sie aus dem Alkoven hinaus und sah sich in ihrem
Gefngnisse um ...
    Es war ihr, als htte es gestern Abend anders ausgesehen ... Und bald auch
bemerkte sie ein neues Licht ... Auch frisches Wasser stand auf dem Tisch ...
Eine ordnende Hand mute hier schon gewaltet haben, whrend sie schlief ... Nur
der Klingeldraht hing zerrissen wie bisher ...
    Im Ofen fand sie ihr Frhstck ...
    Sie ergab sich jetzt ... Ihre Augen, noch gerthet von den gestrigen
Thrnen, fllten sich aufs neue mit dem Ausbruch ihres Schmerzes ... Sie klagte
Hedemann's Grausamkeit nicht mehr an ... Sie wollte jetzt dulden ... Blinzelnd
sah sie auf den zur Seite liegenden Brief, der jedoch keine Spur trug, da er
gelesen war ...
    Sie machte sich zu schaffen, so gut es ging ... Das Zimmer war warm ... Die
Bibel lud zur Erbauung, zur Zerstreuung ein. Sie las einige Seiten ... Dann ging
sie an ihre Kleidung, die sie ordnete ... Zerknittert und zerdrckt war alles.
Sie ffnete ihre Tasche, nahm ihr Nacht-, ihr Nhzeug heraus und sagte:
    Diese Nacht wirst du, wenn man dich nicht befreit, dem Bett vertrauen und
dich getrost legen! ...
    Sie gedachte der Mrtyrer in Indien, die ja so ein ganzes Leben lang im
Kerker schmachteten ... Das Brausen der Luft um sie her nahm sie wie bestimmt,
ihr das Gehr zu rauben ... Auch darber lchelte sie seufzend ... Ein Geist der
Ergebung war ber sie gekommen ...
    Den Brief Terschka's wollte sie lesen, wenn sie die Hoffnung baldiger
Freiheit gewann ... Sie ahnte, da er ihre Bereitwilligkeit zum Dulden aufregen,
ihr ergebenes Martyrium stren wrde ...
    Stundenlang sa sie, das Haupt aufsttzend und in grbelndes Sinnen verloren
... Sprang sie auch zuweilen auf und rief mit Wildheit: Nein! Nein! Ich will
nicht lnger! so brach sie sofort wieder zusammen, schlich an die Thr, an der
sie still mit den Ngeln kratzte, pltzlich mit den Fen stie, allmhlich aber
schlich sie wieder auf das Sopha zurck und ergab sich ... Die Bibel fing an ihr
vertraulicher zu werden ... Sie vermite zwar die Gottesmutter in ihr und die
Heiligen ... Aber sie konnte sich auch an Abraham und die Patriarchen halten ...
    Kein lebendes Wesen um sie her bemerkte sie, als - einige Fliegen, mit denen
sie schon Bekanntschaft machte ...
    Wie sie gegen Mittag wieder im Ofen rumoren hrte, sprang sie auf und rief
Drohungen und Zornausbrche in die Oeffnung, deren Wand sich wieder geschlossen
hatte ....
    Niemand hatte geantwortet ...
    Eine halbe Stunde raste sie umher und konnte sich nicht fassen ... Auch die
gestrige Mittagsrast der Mhlen fand heute nicht statt ...
    Ihre Kost war noch besser als gestern ... Ihr Wasservorrath reichte bis ber
die Nacht hinaus ... Sie beschlo diese Nacht frher zu Bett zu gehen, damit sie
den heimlichen Besucher am Morgen nicht verschliefe, sondern aus dem Bett
springend ihn berraschen knnte ...
    Wenn Shakespeare seinen Menenius sagen lt, nach Tisch wre der Mensch dem
Mitleid zugnglicher als mit leerem Magen, so stumpfen sich in der That mit
zunehmendem Behagen des Krpers die heroischen Entschlsse ab ... Nach ihrer
Mahlzeit konnte Armgart dem Verlangen nicht widerstehen ... Endlich las sie den
Brief Terschka's ...
    Sie las mit jener Scheu, die bei Oeffnung eines Briefs sich zuvor auf das
Gegentheil dessen, was man zu lesen hofft, mit dem ganzen Aufgebot des
Entschlusses wappnet, sich dem Schicksal nicht gefangen zu geben ...
    Verehrte Freundin! war das erste Wort ...
    Doch nicht: Geliebte Freundin! sagte sie sich und hielt einen Augenblick
inne, um neuen Muth zu schpfen ...
    Aber nicht zu lange whrte die Hoffnung auf einen Ton, der ihr htte
beweisen knnen, wie voreilig sie urtheilte, wie berflssig das Opfer war, das
sie bringen wollte ...
    Zu ihrem Entsetzen las sie:
    Ich begre Sie in einem Augenblick wieder, wo ich den Rath der weisesten
Mnner der Erde, die Hlfe der mchtigsten Gewalthaber anflehen mchte und wo
ich nichts, nichts habe, dem ich vertrauen kann, als Ihr edles, starkes Herz!
Sie, Sie sind die letzte Rettung meines Lebens! - - Wenn ich mich erinnere, wie
mir die gtige Freundschaft der Grfin Erdmuthe stets so nachsichtig war, wenn
ich mich mit Dankbarkeit erinnere, wie oft fr mich die Grfin bei Ihnen und Sie
bei der Grfin gesprochen haben, so schpf' ich Muth und denke mir, der
Zusammenbruch meines Lebens lt sich noch aufhalten! Ich habe in diesen Tagen
Schmerzliches gelitten und furchtbar gekmpft. Bedenken Sie zu den innern
Erfahrungen, die ich fr meine Person allein machte, noch die
Schreckenserlebnisse auf dem Schlosse! Der Brand, der Fund jener Urkunde, die
unsern Freund, den Grafen, vollends zum Schattenbilde seines Namens und seiner
gesellschaftlichen Wrde macht! Ich wei es, diese Bekenntnisse meiner
Verzweiflung werden Ihnen rthselhaft erscheinen. Sie werden sie auf die
Vernderung meiner Stellung zu Hugo und zur Grfin, zu Ihrer mtterlichen
Freundin, beziehen - - Aber das, was in mir vorgeht, liegt tiefer, tiefer - Ich
mu ein Ende machen mit dem Elend meines Lebens. Der Wechsel der Religion ist
ein leichter Schritt fr eine starke Seele, die sich ihre eigene Philosophie
gebildet hat; aber bei mir wrde dieser Schritt mit Folgen verbunden sein, die
meine Freiheit, nicht unmglich mein Leben, wenigstens die Fortdauer meiner
gegenwrtigen Lebensstellung bedrohen. Gern will ich untergehen, wenn ich
wenigstens eine Hand finde, die mir den Tod verst. O nur das eine, eine Glck,
einen letzten Preis fr den Rest meines Lebens errungen zu haben, wenn es sonst
auch in Nacht und Grauen dahinfhrt. Ach, ich bin schwach! Ich mchte nicht den
Kampf mit dem Geschick zu herbe kmpfen und das vermag ich nur durch Sie! Nur
Sie blicken tief in das Menschenherz! Nur Sie knnen mit Engelzungen reden -
reden, wo die irdische Sprache nichts Ueberzeugendes mehr hat. Ein Entschlu mu
gefat werden ... In vierundzwanzig Stunden schon kann fr mich alles verloren
sein ... Deshalb schreib' ich Ihnen! Deshalb fleh' ich fufllig, gewhren Sie
mir heute Abend, wenn ich von Witoborn zurckgekommen bin und Sie den Umstnden
angemessen auf Westerhof begrt habe, eine Stunde der Verstndigung. Ich wei
nicht, wo es anders sein kann, als auf Ihren Zimmern. Um zehn Uhr ruht alles im
Schlosse. Nehmen Sie mich an! Hren Sie mich! Vielleicht schon am Morgen darauf
will ich nach England entfliehen, zu unserer theuern Grfin, die das Richtige in
meiner Sache nur durch Sie allein finden kann! Denken Sie rein von mir, so rein,
wie die Blumen sind, die Sie in meinem Namen begren! Ich ahne, da Ihre
holdselige, wunderliebliche Tochter sich wiederum der Umarmung der edelsten
Mutter entzieht: aber auch sie wird jetzt Frieden stiften helfen fr Ihre Brust
und fr die meine. Ihre Hand, edelste Frau, wird eine segnende sein. Nur mu ich
Sie heute Abend sprechen - mu - mu es! Ihr Urtheil hr' ich ber Leben oder
Tod - - Terschka.
    Pater Stanislaus hatte diesen Brief zum Theil in jenem seraphischen Ton
geschrieben, der der Rhetorik der Jesuiten entspricht. Dennoch lag Wahrheit in
ihm. Er wollte mit seinem Stand brechen und unter dem Schutz der Grfin
Erdmuthe, dieser heroischen Bekennerin ihres lutherischen Glaubens, sich vor den
Folgen seiner Entlarvung sicher stellen ... Monika's Zeugni wollte er bei der
Grfin fr sich haben, wollte sich in den Folgen seiner fr den Grafen
empfangenen Mission enthllen, wollte Monika das Rthsel zur Entscheidung
vorlegen, wie er im Gegentheil ein Freund des Grafen wurde und seine rmischen
Auftrge verga. Wer konnte wie sie so tief und nach den obwaltenden Umstnden
alles berblickend ergrnden, was zur Entschuldigung seiner Lage und - Lge
dienen konnte? Zuletzt wollte er in der That und Wahrheit seine Liebe fr
Armgart bekennen ... Diese Leidenschaft war so mchtig in ihm, da sie alle
seine Schritte bestimmte ... Gerade deshalb, weil diese Leidenschaft ihm Kraft
gab, den muthigsten Entschlu seines Lebens auszufhren, hielt er sie fest und
whrend er diese ebenso verzweiflungs- wie hoffnungsvollen Zeilen schrieb, stand
nur Armgart vor seinen leuchtenden Augen ... Die Liebe, die den Mann auf der
Hhe seines Lebens ergreift, die Liebe, von der er ahnt, da sie die letzte sein
wird, die noch erhrt werden drfte, hat eine unwiderstehliche Kraft.
    Armgart aber las aus allen diesen Hlferufen nur im Gegentheil - die Liebe
zu ihrer Mutter ... Jedes Wort dieser glhenden Rede war ihr ein Ausdruck der
Zrtlichkeit nur fr sie ... Fr diese Liebe wollte Terschka seinen Glauben
ndern und nach England entfliehen ... Die Mutter mute ja dann ein Gleiches
thun ... Von alledem hatten sich schon dunkle Sagen verbreitet ... Schon als man
hrte, Monika reiste mit der Grfin Erdmuthe nach England, war man auf einen
solchen Schritt gefat ... Diese Voraussetzungen des Briefes, wie sicher waren
sie ... Ein Angenommenwerden auf den Zimmern der Mutter in nchtlicher Stille
konnte ihr nur beansprucht erscheinen nach lngst vorausgegangener
Vertraulichkeit ... Der letzte Hinweis des Briefs auf sie selbst war ihr nur der
Ausdruck einer matten Rcksicht; in nichts, nichts entsprach er den seit acht
Tagen ihr gewidmeten Zrtlichkeiten und Huldigungen - dieses treulosen
Verrthers ... Das der Dank fr das Opfer eines - Lebens! ... Hatte sie ihm
nicht deutlich genug zu erkennen gegeben - da sie ihn erhren wrde, wenn auch
mit blutendem Herzen, wenn er wollte - -? ...
    Eine purpurne Glut des Zorns und der Scham frbte ihr Angesicht ... Sie
rannte dahin ... Sie starrte den Brief unausgesetzt an und floh wieder wie
Nattern seine Buchstaben ... Das also ist die aufgedeckte Seele eines Menschen!
... Das ist der Abgrund der Wahrheit, den das Lcheln der Lge, die Blumen des
Scherzes verhllen! ... Namenloses Elend aller betrogenen Menschen! ... Und du,
du Schimpf meines geliebten Vaters! ... Ich kann nicht, ich kann nicht erfllen,
was ich wollte! Die Mutter ist fr mich verloren! Vergib mir, o Himmel! Vergebt
mir alle! Vergib mir auch du, Hedemann! Ich will dulden! Will hier bleiben als
deine Gefangene! Schwnde das Licht des Tages doch ganz und sh' ich nichts
mehr, als Nacht und Dunkel, sowie das Kind im Mutterleibe -! ...
    Ein solches Bild zu whlen, war ihr nicht anstig ... Natrlichkeit und
ihre Wahrheit gingen ihr ber alles ...
    So beugte sie das Haupt auf ihre weien Hndchen, die sie aufsttzte. Sie
dankte, niederblickend, dem Himmel fr die Lage, in der sie sich befand, dankte
fr das Brausen, das in ihr betubtes Ohr drang ... So war es ja schn! ... So
auch htte sie jetzt untergehen mgen! ... O, diese Welt ist zu schlecht! -
Ihrem Vater htte sie auf dem Schoose sitzen mgen, den allein liebkosen mit
allen verborgenen Zrtlichkeiten ihres Herzens und diese Zrtlichkeiten selbst
dann wieder beweinen ...
    Nichts aber geschah zur Vernderung ihrer Lage ... Sie blieb verurtheilt,
auch diesen Tag, auch die Nacht so hinzuleben ... Sie konnte ihren ersten
Entschlu nicht ausfhren, konnte nicht zeitiger zur Ruhe gehen ... Immer nur
sa sie und dachte: So wandelt euere Wege hin! So seid Lgner! So leugnet nur
Gott und die Treue! So brecht euere Eide, enthllt euere Snden und schmckt
euch noch sogar mit ihnen! Herr, la mich nicht sitzen, da die Sptter sitzen!
... Wie erquickten sie die Psalmen! ... Die Bibel wurde ihr ein Trost ... Jedes
ihrer Worte pate nun auch auf sie ...
    Spt ging sie zur Ruhe ... Da ihr ganzes Sein Schmerz und Ergebung geworden
war, schlief sie jetzt still und fest und trumte nichts Erschreckendes ...
    Am Morgen hatte sie doch richtig wieder den Besuch verschlafen ...
    Gewi war es die taube Alte, die indessen im Zimmer gewesen und aufgerumt
hatte ...
    Armgart sah sich um und fand es so friedlich und wohnlich um sie her - ganz
so, wie sie sich einen Aufenthalt im Kloster gedacht ... Das Zimmer war warm,
ihr Frhstck fehlte nicht im Ofen, auf dem Tisch stand das frische Wasser, auch
ein neues und ein besseres Licht - Zeichen einer noch vorauszusehenden lngern
Gefangenschaft ... Sie sah sich um, setzte sich dann und malte sich aus, was
alles in ihrer nun schon dreitgigen Abwesenheit von Westerhof geschehen sein
knnte ... Terschka sah sie mit ihrer Mutter doch auch ohne den Brief - heimlich
und zrtlich verbunden ...
    Da konnte sie eines nicht fassen, was ihr heute Morgen besonders neu und
wohlthuend war ... Sie blickte um sich ... Es war etwas vorhanden, was gestern
fehlte. Was nur mochte es sein? ... Blumen? Die dufteten nicht ... Musik? ...
Jetzt erst bemerkte sie, da es ja ganz still um sie her war ... So in sich
verloren, so an ihre Lage gewhnt war sie schon ... Die Mhlen standen ja, die
Wasser rauschten ja nicht, die Sgen schwiegen ... Was ist das? erhob sie sich
von ihrem Frhstck ... Das ist der Himmel! Die Musik liegt in der ewigen Stille
nach dem Gerusch des Lebens! ... Unwillkrlich mute sie die Hnde falten ...
    Vorgestern und noch gestern htte sie dies pltzliche Schweigen um sie her
benutzt zu ihrer Befreiung ... Heute, wo sie endlich wieder auch die Glocken
hrte, ri sie nichts ans Fenster, drngte sie nichts dazu, um Hlfe zu rufen
... Ja selbst das Luten des Mnsters und der Jesuitenthurmglocke und der
Dominicanerkirche - all diese Glocken konnte sie seit frhster Kindheit
unterscheiden - alle diese Zungen der Luft redeten die Sprache ihres Innern
nicht ... Sie sah in die Bibel und fand, da dort die Psalmen und die Propheten
andre Worte sprachen, als die sie jetzt sogar im Mnster htte hren knnen ...
    Zum Fenster stieg sie hinauf, nur um doch etwas von der Auenwelt zu sehen
... Es war ein bedeckter Frhlingsmorgen, Nebel verhllten die schon hoch
stehende Sonne, Schnee und Eis waren geschmolzen ... Sie ffnete, um die frische
verheiungsreiche Luft einzuathmen ... Sie sah Menschen vorbergehen ... Niemand
blickte zu den kleinen Schiescharten des Thurms empor ... Auch waren die Wnde
so dick, da ein hinter den kleinen Scheiben befindliches Antlitz nicht gesehen
werden konnte ... Und rufen, Hlferufen war Armgart's Bedrfni nicht mehr ...
    Ruhig stieg sie von Tisch und Stuhl hinunter und ordnete ihre Kleidung,
flocht ihr Haar, schmckte sich so einfach, wie sie seit Jahren gewohnt war ...
    Die Mhlen standen immer noch still und schon berechnete sie, ob heute ein
Feiertag war ... Die Fastnachtszeit war da ... In wenig Tagen war Aschermittwoch
... Heute begann zu Sanct-Libori die vierzigstndige Anbetung des
allerheiligsten Sakraments ... Die Bilder aller Altre der katholischen
Christenheit sah sie jetzt, wie immer zur Fastenzeit, verhllt werden, nur das
Kreuz des Erlsers offen bleiben, um wenigstens fr die Passionszeit allein auf
diesen die Aufmerksamkeit zu lenken ... Alledem suchte sie in ihrer Bibel
nachzuleben, soweit es noch zutraf ...
    Gegen elf Uhr hrte sie ein nher kommendes Gerusch ... Nicht vom Ofen kam
es, sondern von der Thr her ...
    Sie hob ihr Dulderhaupt und sah ruhig auf die Thr, durch die ohne Zweifel
Hedemann eintrat ... Sie wollte ihm nichts Zorniges sagen, obgleich sie im
ersten Augenblick eine auflodernde Wallung nicht unterdrcken konnte ...
Hlfebringende mssen doch wol eiliger kommen! berechnete sie ...
    Drauen ging ein Schlssel ... Die Thr ffnete sich ...
    Armgart hatte sich nicht erhoben ... Ruhig den Kopf auf die Hand sttzend
und nur von ihrem Buch aufsehend sa sie da ...
    Aber unwillkrlich mute sie sich jetzt erheben ...
    Hedemann kam nicht allein ... Er lie einen Herrn und eine Dame vor sich
eintreten ...
    Die Besuchenden waren ein Paar ... Sie kamen Arm in Arm ... Die Dame war
nicht gro, das Antlitz von einem schwarzen Schleier bedeckt ... Der Herr
erschien stattlich, frischen und gebrunten Antlitzes, den Kopf mit einer
dunkeln Tuchmtze bedeckt, die ein rund gehender goldener Streifen zierte ...
    Hedemann sprach nichts ... Die Besuchenden blieben oben an der Thr stehen
und blickten auf Armgart und die Stufen hinunter ...
    Armgart berfiel eine seltsame Regung ... Ihr Herz schien eine Weile zu
stocken ... Ein Zittern ergriff sie, als sie einen Schritt weiter wollte und den
so lange auf sie Niederblickenden entgegengehen ...
    Die beiden Fremden blieben oben und sahen nur stumm ins Zimmer hinunter ...
    Der Herr mit der Mtze hatte einen schwarzen Ueberwurf um, ein buntes Tuch
noch fast jugendlich um den Hals geschlungen - einen weien aufrecht stehenden
Halskragen - Fast hatte er etwas vom Onkel Levinus -
    Da schlug die Dame den Schleier zurck ... Lange silbergraue Locken quollen
unter dem dunkeln Sammethute hervor ... In den Augen der stummen, jugendlich
schnen Frau, in den Augen des stummen Mannes blinkte ein feuchter Glanz wie
Thrnen ...
    Armgart bebte ... ermannte sich ... glaubte ... zweifelte ... Endlich
strzte sie mit einem ausbrechenden Schrei auf beide schon die Stufen
Herabkommenden und lag zunchst doch nur - in den Armen der Mutter ...
    Whrend aber auch Ulrich von Hlleshoven sein Kind an sich zog und in
Armgart's Auge zu blicken suchte, lag Armgart's Hand in der linken Hand Monika's
und Monika's Rechte - hielt die edle, wrdige Gestalt des Gatten umschlungen ...
    Die Rhrung dieser drei Herzen war unaussprechlich und auch Hedemann, der
den Empfindungen als Dolmetscher dienen mute, konnte nicht damit vorwrts
kommen ...
    Jetzt ri Monika ihr Kind fast wie eiferschtig und wie gekrnkt ganz an ihr
Herz ... Armgart - noch tief mistrauend, und doch wie von himmlischem Lichtglanz
geblendet, wagte nicht zu ihr aufzuschauen und wandte sich mehr und mehr zum
Vater, aus dessen hellen blauen Augen eine so selige Welt der hchsten
Himmelsreinheit sie anschien ... Ulrich drngte sie der Mutter zu und sprach in
einem vor Rhrung leisen, sonst mnnlich festen, wohllautenden Tone:
    Das ist ein Sieg nach langem Kampf! O Gott, o Gott! Was sind deine
Menschenherzen verkehrt! ...
    Armgart, ihre Aeltern sprechen hrend, sank in die Kniee. Sie umschlang die
Kniee des Vaters und reichte der Mutter mit krampfhaftem Zittern die Hand ...
Dann blickte sie wieder zu ihnen beiden empor und sog ihre Bilder auf mit ihren
braunen, schwrmerisch irrenden Augen ... Und wieder den Aeltern mute es sein,
als shen sie hinunter in einen See, ber dem Rosen und Lilien schimmerten - in
die tiefsten Tiefen dessen, was auf Erden und im Himmel schn und gut ist - und
wie in ihre eigene Jugend ...
    Selig, selig, sprach Hedemann und faltete ber seiner - grauen Mllermtze
die Hnde, bist du, die du geglaubest hast! Denn es wird vollendet werden, was
dir gesagt ist von dem Herrn! ...
    Und Maria sprach: fuhr Armgart fast tonlos in den Worten des englischen
Grues fort, Meine Seele erhebet den Herrn! ...
    Noch einmal traten Pausen ein, deren die vom hchsten Glck erschtterten
Herzen bedurften ...
    Dann folgten Verstndigungen und diesen die Entschuldigungen Hedemann's ...
Monika sah in der alten von Hedemann ihr dargereichten Bibel die Stunde der
Geburt Armgart's verzeichnet und gab dann dem Gatten dies Blatt ... Dieser warf
darauf einen mild berrascht und schmerzlich lchelnden Blick und zog voll
vergebender Inbrunst Monika an sein Herz ... Der Oberst schien ein Mann, der mit
dem Sturm der Jugend nicht die sanfte zrtliche Empfindung schon verloren hatte;
alles, was er sprach, war eigenthmlich gemessen und bedacht, aber jugendlich
innig und wohlthuend ... Monika staunte nur und strich wie in unbewutem Trumen
ihre grauen Locken ...
    Wo wir uns wiedergefunden haben? sprach der Oberst ... Bei unserm Kinde! Bei
deiner Liebe! Deiner - nun wandte er sich doch zu seinem Weibe - deiner
vergebenden Liebe, Monika! ...
    Beim Geist und bei der Wahrheit! sprach Monika mit leuchtenden Augen, zeigte
auf die Bibel und stand neben der aufhorchenden, immer noch scheu vor ihr
niederblickenden, immer noch zweifelnden Armgart wie eine ltere Schwester, so
jung, so schn noch und keinesweges nur durch ihre leuchtende Verklrung ...
    Hedemann sprach vom Kampf der Gerechten und Armgart begriff noch immer
nicht, was die Aeltern so pltzlich verbunden htte? ... Sie fragte dies auch
leise ...
    Monika sprach:
    Dein Opfer hat uns verbunden, Kind! ... Kind - meiner Schmerzen! ... Deine
Gefangenschaft! Hier dieser Thurm! Ist es nicht so? Hedemann! Wie dank' ich
Ihnen! ...
    Auch Ulrich wollte Hedemann danken, umschlang aber nur die Sprecherin und
umschlang sie mit jener mnnlichen Wrde, die den Ausbruch der noch jugendlich
regsamen Leidenschaft milderte ...
    Sie soll noch alles hren! sprach er. Nun aber kommt! Lat uns im Triumph
nach Westerhof fahren und zeigen, was wir mitbringen knnen! Nun, nun zieh' ich
ein! ... Anders wr' ich dorthin nicht gegangen ...
    Nicht blos Armgart, sagte Hedemann; sondern sich selbst bringen Sie beide
mit ...
    Monika's Ja! war so einfach, aber sie konnte nichts besseres sagen, als Ja!
und reichte dem Gatten die Hand ...
    Noch schien die Ausshnung das Werk einer vor wenigen Minuten erst
gekommenen Verstndigung zu sein ... Monika schwankte noch dahin wie ein vom
Wind bewegtes Rohr ... Kind und Gatten hatte sie in Einem Moment gefunden ...
    Wen nur nehmen wir noch mit? rief der Oberst. Benno ist fort; mein
Geretteter, Thiebold de Jonge, mit ihm - Selbst die schwarze Hexe, mit der du
von Westerhof entflohst, Schwarmkind, ist nicht mehr da ... Der Domherr ist im
Amte ... Ja, gestern noch suchte mich ein Herr von Terschka auf, der heute
wiederkommen wollte ... Er wohnt auf dem Schlosse ... Wer begleitet uns im
Triumph? Ganz Witoborn? ...
    Armgart zuckte auf den Namen Terschka's zusammen und blickte zur Mutter
hinber, die sorglos und nur voll Wehmuth stand ... Offenbar gab das Herz des
Kindes dem Vater den Vorzug ... Das sah Monika ... Sie sah es jetzt wieder an
dem sonderbar scheuen und prfenden Blick Armgart's ...
    Terschka suchte dich wie einen verlorenen Edelstein! fuhr der Vater harmlos
fort ... Und das bist du ja auch ... Ihm verdanken wir eigentlich Alles - Nicht
wahr, Monika? ...
    Armgart hrte und hrte ... Durch Hedemann reisefertig gemacht ging sie
schon wie eine Fhrerin voraus ... Eros, der Griechengott, wie mit der Fackel
voranleuchtend ...
    Monika rhmte im Nachfolgen Terschka's Geflligkeit ... Der Vater war ganz
erfllt von dem bhmischen Rittmeister ... Fast schien es, als htte bei ihm
Terschka um Armgart geworben ... Klar blickte sie ber nichts und sah sich nur
immer nach einem strenden Schatten zwischen ihnen allen um, zerprete den
Brief, den sie auf der Brust verborgen trug, und deutete und deutete noch dies
und das nach dem Lgengeist, den sie gestern als den Beherrscher des Lebens
erkannt haben wollte ... Wie ist das nur? sprach sie vor sich hin und zog Vater
und Mutter sich nach in die freie Gotteswelt ...
    Jetzt begannen auch wieder die Mhlen, die Wasser rauschten ... Man stieg
ber die Schwelle des Thurms ... Die taube Alte sah ihnen verwundert und
schelmisch lachend nach ... Unten standen Gesellen und Bursche und zogen die
Mtzen und weiter und weiter ging's ... Durch die Bchlein, ber die Brcken ...
Zu sprechen war hier nichts, nur zu sehen, nur der Druck der Hand zu fhlen ...
    Der Thurm da hat euch verbunden? hauchte Armgart, als sie an den Wllen
ankamen, wo unter der Allee ein Wagen auf sie wartete, ein Kutscher von
Westerhof in den Dorste'schen Farben ... Sie schttelte den Kopf und ihre
lieblichen beiden Zhne blinkten ...
    Die Seele des Thurms! sprach der Vater ...
    Die Mhlen! Die Mhlen! lachte Hedemann und bat Armgart um Vergebung ...
    Er selbst konnte nicht weiter dann folgen ...
    So stiegen die Aeltern und Armgart allein ein ...
    Im Wagen sah Armgart, da das Band ihrer Aeltern in der That jetzt eben erst
neugeschlossen war ... Das Auge des Vaters ruhte mit gleicher Wonne auf der
Mutter, wie auf ihr ... Das Auge der Mutter war umflorter, als das seinige ...
So dachte sie sich Braut-und Brutigamswonne beim Heimfahren von der Kirche ...
    Du begreifst es noch nicht recht? sprach der Vater ... Und so ganz licht und
hell ist auch die Zukunft noch nicht, mein Kind! ... Die Zeit der Kmpfe -
beginnt erst ... Da aber, als ich mich nach einem Beistand dafr umsah, da
gerade fand ich die besten Bundsgenossen ... Weib und Kind ...
    Monika blinkte ihm zu auf Armgart's Staunen:
    Sie lebt und schwrmt wie Paula! ...
    Das war so ein erster Zug von dem, was Armgart als das Wesen ihrer Mutter
kannte ... Armgart verstand nicht ganz, was die Mutter meinte, ahnte aber die
Gedankenwelt, die Vater und Mutter hegten und die sie verband. Da es die nicht
war, die sie theilte, so verlie sie ein Zagen nicht ... Aber sie verurtheilte
Niemanden ... Sie grbelte, was die Aeltern so recht, recht einen mochte und -
wie die Mutter - mit Terschka stand ...
    Da sie frchtete, durch ihr Schweigen kalt zu erscheinen, sagte sie zum
Vater:
    Du warst noch nicht - auf - Westerhof? ...
    Der Oberst schttelte sein jetzt ernster werdendes Haupt ...
    Nein! sprach er. Nur so konnt' ich ja dort ankommen! Wenn die Mutter dort
war - - konnt' ich nur kommen mit unserm Kinde ...
    So seinen Worten gleich die mildere Deutung gebend, blickte er trumerisch
und sich auf die Vergangenheit besinnend in die Ferne ... Das da ist
Sanct-Libori? sagte er ...
    Die Mutter war bereits heimischer ... Es war der dritte Tag schon, den sie
in Westerhof zubrachte ... In bangen Aengsten ... Das glaubte Armgart wohl ...
Aber rthselhaft, wie sorglos sie von Terschka sprach ... Noch rthselhafter fr
Armgart, wie ihn der Vater so rhmen konnte ...
    Herr von Terschka mute gestern pltzlich zum Bischof! sagte der Vater. Er
wollte doch heute in der Frhe wiederkommen ... Ja, wir glaubten erst, du wrst
bei den Clarissinnen! Terschka wollte es behaupten und sagte, sie verbrgen dich
dort ... Hedemann gestand noch nichts ...
    Erst heute frh gestand er's, Kind ...
    Als du kamst? ... fragte sie ...
    Ja, Armgart, als ich - Ich kam zuerst ... Zum Vater ... Sieh mir ins Auge,
Seelenkind! ...
    Armgart hielt die Hnde beider Aeltern und sah dabei noch immer nach rechts
und nach links ...
    Wann sagte es denn Hedemann? - stammelte sie, ungewi noch ber alles und
mit liebenden Augen die Klte ihres Fragens mildernd ...
    Wo du warst? fiel der Vater ein. Da sagte er es, als er sah, da du in
unsern Herzen wohnst! Liebes Kind! Deine Mutter brachte mir durch ihr Anklopfen
an meine Thr Lebensmuth, Stolz, Erhebung ... Sie hrte, da sie mich so heftig
in Westerhof anklagten ... Sie hrte von meinen Absichten aus Witoborn ... Sie
war berrascht davon und vertheidigte meine Auffassungen der Zeit und des Berufs
und meine Denkweise ... Sie hatte sich meiner Person entwhnt und machte
pltzlich einen ganz andern Menschen aus mir, als ich bin ... ja sie hatte sich
- sollte man's glauben - in meinen schlimmen Ruf verliebt ...
    Ulrich! fiel die Mutter ein ... Sie ist zu jung, um zu verstehen was ber
alles, alles im Leben geht und warum es heit: Im Anfang war das Wort!
    Armgart widersprach nicht ... In ihrer Seele klangen die Evangelien und die
Stimmen aus der Bibel nach ...
    Sie begriff - wenn auch mit tiefem Bangen - da die Aeltern sich durch die
Verwandtschaft ihres Denkens, durch die gleiche Richtung des Willens, durch den
Muth ihrer Ueberzeugungen wiedergefunden hatten ...
    Doch lieen beide ihr den Ruhm, da sie, sie allein die letzte Entscheidung
gegeben ... Monika war ja in der That zum Obersten mit den Worten eingetreten:
Suchen wir doch zusammen unser verlornes Kind! ...
    Da Armgart so oft schwieg, so tief versunken blieb in ihre stille Welt des
Glcks und des noch immer nicht recht befestigten Glaubens an dies Glck, so
hielten sie allmhlich die Aeltern fr weniger geistesreif, als sie ihnen
geschildert worden. Sie beruhigten sich leicht darber und sprachen mit ihr von
der Gegend, vom Brand, von Paula, von der Erbschaft, von den Bewohnern des
Schlosses Westerhof, von Bonaventura von Asselyn, der, wie Monika sagte, fr den
aufs Neue erkrankten Pfarrer die kirchlichen Handlungen verrichten helfe und
schon fr die nchsten Tage nach der Residenz des Kirchenfrsten zurckgerufen
wre ... Armgart gab klug und verstndig ihre Erluterungen und schon erfreute
sie die Aeltern durch kleine Anflge ihres Humors ... Harmlos ergingen sich die
Aeltern in ihren Urtheilen ber die Zeit und die Welt ... Was die Mutter von
Paula berichtete, waren Zweifel an ihrer Seherkraft. Doch sie wurden milde
vorgetragen und verriethen vor Armgart's Freundin Achtung. Die Mutter hatte
nicht, wie Lucinde, Freude an ihren Verneinungen ...
    Das Erstaunen, die Ueberraschung, der Triumph, der die drei Ankmmlinge dann
auf dem Schlosse empfing, waren unverstellt und bei Allen schon um Armgart's,
des wiedergefundenen Flchtlings willen, der allerfreudigste ...
    Benigna, die um Armgart's Schicksal, um Monika's pltzliche Parteinahme fr
ihren Gatten in heftigster Erregung zurckgeblieben war, vergo Thrnen,
unaufhaltsam ... Onkel Levinus setzte sich die englische Militrmtze mit den
goldenen Tressen auf und verga alle Anklagen ber Standesetikette und
Standesrcksichten, die Monika schon beinahe gestern von dannen getrieben hatten
... Auch wol jetzt noch spottete er ber den Papiermller, ma sich aber doch
mit ihm an der Thr, wo sie einst vor dreiig Jahren sich in ihrem Wuchse
gemessen hatten und richtig den Strich noch fanden - nur da Levinus damals der
grere, jetzt der kleinere war und Ulrich rief: Gewachsen bin ich doch
wahrhaftig nicht! ... Nun dann bin Ich - zusammengekrochen! gestand Levinus und
lachte nun Paula entgegen, die die wiederentdeckte Armgart an ihr Herz zog und
vor Ulrich, Armgart's vielbesprochenem Vater, in Verlegenheit stand wie mit
Rosen berhaucht ...
    Terschka fehlte noch, wurde jedoch erwartet ... Auch Bonaventura, der noch
in Sanct-Libori oder im Stift war ...
    Verstndigungen, Aufklrungen folgten ... Die Tante ging sogar auf einige
Ketzergrundstze ein ... Sie verwies als einen strflichen Aberglauben die
Abhngigkeit, in die man sich von unberlegt ausgesprochenen Gelbden setzte
... Ja sie erzhlte sogar, als Terschka und Bonaventura immer noch nicht kamen,
mit leisem Kichern eine Geschichte von Mllenhoff's neuer Krankheit ... Sie
wurde nur halblaut vorgetragen, drang aber doch zu Armgart's Ohr ... Nachdem
hintereinander erst ein Pppchen, dann ein Ktzchen an des Pfarrers Hausthr
wre ausgesetzt gewesen, htte man gestern in der Frhe ein wirkliches -
lebendiges - neugebornes Kind, einen pausbacknen Jungen, hellschreiend in einem
Korb gefunden ... Was von Urtheilen daran angeknpft wurde, entging Armgart ...
Sie war in der Stimmung eines Kinds am Weihnachtsabend, wenn die Bescherung
lngst da ist und der glcklich trunkene Blick noch immer irrt und irrt und erst
noch das Oeffnen der lichterhellten Zimmer zu erwarten scheint ... Sie machte
sich Vorwrfe ber ihre der Mutter bewiesene Klte ...
    Wie beherrschte aber auch Monika schon alles durch ihren Geist, durch ihre
Ruhe, ihre - Aehnlichkeit mit der Tante und doch so ganz ihr Anderssein! ...
    Terschka blieb aus ... Und wenn er kam, was dann - was dann? - dachte
Armgart ... Ja, ihr Opfer schien ihr in der That nicht vollzogen, das Band, das
die Aeltern einigte, nicht fest genug - Nach solchem Briefe! Solcher Sprache!
... Kam Terschka, sie fhlte, da sie dann noch, Gott zu Ehren, von einem Felsen
springen mute ... Sie htte ihn begrt - als den Erwhlten ihres Herzens ...
Monika stand mit Rhrung ber Armgart's stetes Zurckgezogensein von ihr ... Oft
auch mit dem Gedanken: Sie ist noch Kind; sie bleibt, so schn und hold sie ist,
hinter der Erwartung zurck, die man mir von ihr gemacht hatte ... Ein
trunkenes, blindes Verlorensein des Muttergefhls in dem wiedergefundenen Schatz
ihrer Sehnsucht lag nicht in ihrer Natur, die auch eben deshalb von Paula
prfend genug beobachtet wurde ...
    Immer hie es dabei: Wo bleibt der Domherr? Wo Terschka? ...
    Wurde Terschka's Name genannt, so richtete sich Armgart auf, um ihm sogleich
mit geschlossenen Augen und wie mit zum Todessto dargereichter Brust
entgegenzugehen ...
    Monika blieb ruhig, befriedigt, glcklich ... Der Domherr hatte sie gestern
und vorgestern vollkommen so harmlos begrt, als kannte er sie nicht ... Er
hatte so viel natrliche Sorge um das Auffinden Armgart's und die Ausshnung mit
dein Obersten verrathen ... Ihre Philosophie, die die Reue bestritt, kannte kein
Reuegefhl ber ihr maloses Sichgehenlassen im Beichtstuhl damals, als sie
von einer zweiten Liebe gesprochen, nur um die Ehegesetze der katholischen
Kirche anzugreifen ...
    Paula bildete auch jetzt noch, wie immer, unter den Anwesenden den
Mittelpunkt, so wenig sie diese Ehre suchte ... Monika fragte forschend ihre
Schwester:
    Warum ist sie - nur so unruhig? ...
    Monika htte eine Offenbarung ihres geheimnivollen Traumlebens wnschen
mgen ...
    Benigna misverstand die Frage. Sie glaubte, Monika meinte Armgart ... Diese
stand am Fenster und wartete auf Terschka und wie auf ihr Todesurtheil ... Sie
wollte ihn so empfangen, da alle sagen muten: Das ist ein Paar ...
    Benigna aber hatte, um schon wieder zanken zu knnen, mit dem Essen zu thun,
zu dem schon gerufen wurde ...
    Man ging zu Tische ...
    Schon saen alle, da rollte ein Wagen vor ...
    Wol Terschka? rief der das Hundertste ins Tausendste redende und nun auch
schon Papier machende Onkel ...
    Armgart griff an ihr Herz ... Ihr Vater beobachtete sie ... Auch die Mutter
...
    Ein Diener wollte eben sagen: Herr von Terschka hat hinterlassen - da
meldete man den Domherrn ...
    Paula erglhte ...
    Und Monika bekam Ahnungen von Bonaventura als dem Bruder Gottfried der
neuen Hildegard ... Paula's Sehergabe hatte in diesen drei Tagen, wo der Domherr
wenig auf dem Schlosse war, geschwiegen ...
    Endlich erschien Bonaventura ... Ernst und milde, wie immer ... Er grte
die Neuverbundenen. Er wute schon alles von Hedemann ... Von Witoborn kam er,
wo er Armgart hatte suchen helfen und den Obersten begren wollen ... Er
beglckwnschte, mehr mit dem Auge, als mit den Lippen, forschte den Obersten
nach dem Dechanten aus, verrieth der Frau in Silberlocken nichts, da er all ihr
Herzensleben aus dem Beichtstuhl kannte ... Mit Armgart sprach er sogar
scherzhaft und drohend ... Aber bei alledem blickte er voll Trauer ...
    Reisen Sie wirklich schon morgen? fragte der Oberst bedauernd ...
    Bonaventura besttigte seine Abreise, sprach von einem Auftrag nach Wien -
von einer Erhebung sogar zum Domkapitular ...
    Man beglckwnschte voll Ueberraschung ...
    Paula senkte die Augen ...
    Monika's Art war kein kleinliches Forschen; doch bemerkte sie die
Gleichzeitigkeit des trauernden Ja und jener gesenkten Augen ...
    Wie viel Grnde hatte nicht Bonaventura fr seine Trauer ... Wie liebevoll
und beziehungsreich sprach er von Benno und vom Dechanten ...
    Als man wiederholt nach Terschka sphte, berraschte er alle mit dem
Pltzlichen Worte:
    Terschka? ... Sie wissen - also - noch nicht? ...
    Die fragenden Blicke aller richteten sich zugleich auf ihn zum Zeichen, da
man ohne jede Ahnung war ...
    Armgart hielt krampfhaft die Hand der Mutter und die des Vaters ... Sie sa
zwischen beiden ... Beide verstanden allmhlich ihre Aufregung und sahen die
Liebe des jugendlichen Herzens ... Monika mit Schrecken ...
    Herr von Terschka ist abgereist! fuhr Bonaventura fort ... Wuten Sie das
nicht? ...
    Abgereist? So pltzlich? fragten der Onkel und die Tante und sahen sich nach
den Dienern um, die davon wissen muten ...
    Armgart beobachtete jeden Zug im Antlitz der Mutter und diese wieder in
ihrem und beide saen zum Tod erstarrt ...
    Ich wiederhole Ihnen nur, was ich soeben in Witoborn aus Jedermanns Munde
hrte ... Herr von Terschka war gestern Abend beim Bischof, heute in aller Frhe
schon im Kloster Himmelpfort; dann will man ihn noch im Dsternbrook bei den
beiden Eremiten gesehen haben ... Ein Pferd soll er in Witoborn in den Stall bei
Tangermanns gestellt haben, das ber und ber mit Schwei bedeckt war ... Dann
nahm er Extrapost und ist abgereist ...
    Die Tante klingelte den Dienern, die auch eben kamen und die Speisen
hereintrugen ...
    Monika blickte nieder - fr sich fhlte sie wie erlst. Terschka hatte sie
auf dem Schlo gestern und vorgestern mit unbesonnener Vertraulichkeit verfolgt,
ja in Erwartung, sie htte seinen Brief erhalten, sogar gewagt, Abends an ihre
Thr zu pochen, wo sie sich nur durch die Glocke helfen konnte ... Seitdem hatte
sie ihm nicht mehr Rede gestanden und wies einen zweiten Brief zurck ... Aber -
Armgart ...?
    Von den Dienern erfuhr man, da Terschka in aller Frhe mit einem groen
Koffer nach Witoborn gefahren war; der Wagen war eben jetzt allein zurckgekehrt
...
    Der Onkel, hocherstaunt, fragte:
    Aber die Schlssel seiner Zimmer? ...
    Man bergab die Schlssel ...
    Da nach dem Fund der Urkunde Terschka nicht lange hier verweilen wrde,
hatte man vorausgesehen. Dennoch war diese jhe, abschiedslose Entfernung aus
seiner ihm, man sah es gestern und vorgestern, unbehaglich gewordenen Lage zu
auffallend ...
    Inzwischen blickten Alle auf Armgart ... Sie verschlang die Worte aus
Bonaventuras Munde ...
    Die Diener waren wieder abwesend ...
    Ohne zu grelle Hervorhebung lie Bonaventura, wenn auch mit Beben, die Worte
fallen:
    Sie werden bald vernehmen ... was ich in Witoborn schon aus Jedermanns Munde
erfuhr ... Terschka ist ja seltsamerweise ... nicht in der Lage, jemals -
zurckkehren zu knnen ...
    Alle horchten auf ...
    Terschka - war das nicht, was er uns allen erschien ...
    Armgart hatte sich erhoben ... Jeder erwartete, sie wrde ausrufen: Er ist
vermhlt! ...
    Bonaventura sprach leise:
    Terschka ist - ein Priester ...
    Das Wort des Erstaunens erstarb auf aller Lippen ...
    Noch mehr, fuhr Bonaventura fort und dmpfte die Stimme - man sagt es in der
Stadt allgemein, er gehrt dem Orden - der Gesellschaft Jesu an und hat in Rom
das vierte Gelbde abgelegt ... Mein Stiefvater - scheint - die Gesetze gegen
ihn geltend gemacht zu haben, die keinen Jesuiten im Lande dulden ... Oder - -
man vermuthet, da seine Mission zu Ende ist und man ihn schleunigst nach Rom
zurckberief ... Nur zurckhaltend spricht man von diesem seltsamen Vorfall;
doch scheint die Nachricht - unwiderleglich zu sein ...
    Es gibt eine magische Lichtwirkung, die pltzlich die blhendsten,
lebensfrischesten Physiognomieen in Larven verwandelt ...
    So die Wirkung dieser Mittheilung ...
    Was mute man von Terschka's Metamorphose, was von seiner Verbindung mit den
Camphausens in Wien, was von seinem Leben hier auf dem Schlosse denken? ...
    Monika, die den Beziehungen Terschka's zur Familie des Grafen Hugo so nahe
stand, konnte sich kaum im Sitzen erhalten ... Ihre Lippen bebten; ihr Auge
rollte; ihre Brust hob sich; sie hatte einen - Fluch auf der Zunge ... Das sahen
alle ...
    Ihr Gatte betrachtete sie mit gleicher Empfindung und ma den Antheil, den
er aus ihren Beziehungen zur Mutter des Grafen Hugo vollkommen zu wrdigen wute
... Er verstand die Entrstung aus gleicher Gesinnung ...
    Dennoch stammelte Monika:
    Fast glaub' ich, man mu dem Manne nicht zu sehr zrnen! ... Er war
vielleicht mehr ein Opfer, als ein Werkzeug! ...
    Mehr konnte sie nicht sagen ... Denn alles war erschreckt durch Armgart ...
    Diese stand wie wenn sie eine Geisterwelt um sich she ... Nicht da sich
ihr sofort das Rthsel des Briefs enthllte, nicht da sie sofort verstand, wie
Terschka nur gerade diese Last der Seele hatte abschtteln, deshalb convertiren
wollen ... sie sah nichts, als da Terschka fr die Mutter aufhrte ein Mann zu
sein, aufhrte, verwirrend und bestrickend in Frauenseelen einzugreifen ... Ein
Priester! ... Erlst von einer Last, die von ihrem Herzen fiel, stie sie einen
lauten Ton der Freude aus. Sie strzte auf die Mutter zu ... Jetzt erst, jetzt
sie wiedergewinnend, jetzt ganz an sie glaubend, nachholend, was sie an ihr
versumt hatte, lichtumflossen nach so langer dunkler Irrung, umarmte sie die
Befremdete strmisch, kte ihre Stirn, ihre Lippen, ihre Hnde, umfate ihren
Leib und entfloh aus dem Zimmer ...
    Was ist dem Mdchen? riefen alle - auer Bonaventura und Paula ...
    Monika verstand allmhlich auch das beharrliche und auffallende Schweigen
beider und sagte, sich in ihren Vorstellungen Licht suchend:
    Welch ein Wahn? ...
    Sie sah purpurroth vor Bonaventura nieder und gedachte nun beschmt ihrer
Beichte ...
    Die Tante kannte Terschka's Neigung fr ihre Schwester. Aber ihrer
Verlegenheit half die Nachwirkung des Schreckens ber Terschka. Von allem
Unangenehmen gleich zur Abwehr gestimmt, hatte sie das Bedrfni des Polterns
...
    Sie ist eine Nrrin! ... rief sie Armgart nach ...
    Bald aber stockte auch ihre Rede - voll Grauen ber die Verstellungskunst,
deren Zeuge sie hier einen Winter ber gewesen waren ...
    Der Onkel gab sich offener. Er verweilte mit unausgesetztem Erstaunen bei
der Mittheilung des Domherrn und fand sie fr die Enthllung rmischer Zustnde
auerordentlich ...
    Armgart's Platz blieb leer ... Man a und suchte in zerstreuendem Gesprch
Fassung zu gewinnen ... Was stren und die eben gewonnene Einheit trben konnte,
wurde vermieden ... Levinus rgte nichts am Bruder, die Tante nichts an ihrer
Schwester ... Dafr behielten Ulrich und Monika fr sich, was beide
tiefschmerzlich von Rom, seinem Bau, seinem Bann ber die Welt empfanden ...
    Bonaventura und Paula empfanden alles das nicht minder ...
    Dennoch erhielt Onkel Levinus scheinbar Recht, als er das Glas erhob und
sprach:
    Der Mensch ist so glcklich, wenn er die erste Summe seiner Ersparnisse
zurcklegen und sagen kann: Das haben wir denn nun - und das Uebrige findet
sich! ... Halten wir uns an das Glck, das wir sehen und - mit Hnden schtteln!
... Hoffen wir, da im Schoos der Zukunft mehr, mehr, viel mehr zu unserer
Freude verborgen liegen wird, als wir ahnen! ...
    Darauf klangen auch alle an ...
    Die Tante lachte ber das Levinus'sche Bild von zurckgelegten
Ersparnissen ...
    Pltzlich aber fiel allen Paula's Blick auf ...
    Paula hatte von den Speisen wenig nehmen mgen ...
    Ihre Erregung mehrte sich durch die Erwartung der Wiederkehr Armgart's ...
    Sie fragte nach ihr ... Schon seltsam leise erklang ihre Stimme ...
    Die Tante kannte diesen Ton und erhob sich ...
    Paula blickte starr auf die groen silbernen Gefe, die beim Mahle benutzt
wurden ...
    Die Tante rckte eine glnzende Vase zurck, in der sich Paula schon wie
unbewut spiegelte ...
    Das glnzende Metall bte seine Wirkung ...
    Paula begann mit Armgart zu sprechen, ohne da diese im Zimmer war.

                            Ende des fnften Buchs.


                                 Siebenter Band

                                 Sechstes Buch

                                       1.

Oesterreich und Wien! ...
    Wer konnte sonst beide Namen neunen hren und vernahm nicht sofort Musik!
...
    Und wenn dich auch jetzt noch mit Windesflgeln das Dampfro in einem
einzigen Tag von der Elbe an die Donau entfhrt, so gren den haltenden Zug
mitten auf der Heide, mitten in der Nacht, zwei Stationen vor Ankunft in Wien,
Clarinette und Geige ... Der Sturmwind fegt den Novemberregen an die Fenster ...
Hinaus blickst du durch die beschlagenen Scheiben ... Nichts, als de
gespenstische Nacht vor deinem Auge - und doch empfngt dich Jubel und Lust ...
Seltsames Bild ... Auf einen Stab gesttzt, am Rand des Erdwalls, starrt ein
Schfer im zottigen Lammfell auf den haltenden Zug ... Ein Wanderhirt, der aus
Ungarn kommt und weiter zieht mit seiner nchtlich rastenden Heerde ... Die
sterreichische Geschichte ... Einsame Nachttrume der Vlker, still am Weg sich
sehnend nach Erfllung ... Unter lachender Lust und Freude ...
    Am Donaustrand - auch da wispert es ebenso - leise und leise - um die alten
Ritterburgen ... Klagelaute um versunkene Banner und Kronen ... Was liegt nicht
begraben im feuchten Schoose der Donau! ... Was knnte sich nicht melden zur
Auferstehung unter dem nchtlichen Sternenhimmel, wenn ringsum auf den dstern
Bergwnden die Geisterjungfrauen geheimnivoll ihre Harfen zu schlagen beginnen!
...
    Von Tyrol und Salzburg her, aus den sagenhaften Schluchten des Untersbergs
und von den echoreichen grnen Bergseen Steiermark erschallt die Zither ...
    Die Zither, dies liebliche Instrument, knnte Sancta-Ccilia statt der Orgel
erfunden haben ...
    Du kennst es nur aus dem lampendunstigen und cigarrendurchqualmten Keller
der leipziger Messe, kennst es nur aus dem Concert aufgeputzter Jodeltyroler ...
Aber auch da wird die Zither dich gerhrt haben - so, da du den Genius
Oesterreichs httest fragen mgen:

                Was lachst du so traurig, was weinst du so froh?

    Wenn so rhrend die bebende Saite unter kraftvollem Finger ihre Schwingungen
austnt ... Wenn der Ton, immer gebrochen, immer in der Geburt des Halls schon
halberstorben und doch, neugefat vom kunstgebten Finger, neubelebt,
Riesenfermaten aus lauter kleinen zitternden Tremolos hlt ... Wenn der Ton sich
festklammert, gleich einem Knaben, der nicht ruht den hchsten Ast eines
Bltenbaums zu erklettern ... Auf der hchsten Hhe, in die uns die Tne der
Alpenzither schwingen knnen, welch ein Blick dann auf die Thler der Erde! ...
Deine Jugend siehst du, siehst den grnen Plan deiner Kindheit, athmest im
Herzen auch die reinste Alpenluft ... Selbst unter dem Soll und Haben und dem
Strumpf- und langen und kurzen Waarenhandel der leipziger Messe in Auerbach's
Keller konntest du die Thrnen nicht zurckhalten, wenn das berhmte
Tyrolerquartett - nur nicht singt! Das schenke ihm die Muse! - nur die Zither
schlgt ... Die Spielerin sammelt mit dem Notenblatt ... Im koketten Brustlatz,
mit dem spitzen Hut ein unschnes Mannweib ... Aber - sie spielte dir - und sich
auf der Zither - Oesterreich ... Sie spielte ein Ahnen, Suchen, Sehnen nach
unbestimmten, dem Land und Volk selbst nicht klaren Zielen ... Sie spielte das
Wittern einer Geisterluft, Morgengrauen schnerer Hoffnungen ... Sie spielte die
Freude, die sich selbst nicht vertraut, und ein Leid, das dem Schpfer zrnen
mchte, weil er die Erde bei alledem und alledem - so schn erschuf ...
    Musik ist der erste Gru in Oesterreich ...
    Auch in Wien ...
    Die groe Hauptstadt ist erreicht, die bremer echte Havanacigarre glcklich
eingeschmuggelt ... Der Venusberg geffnet ... Tannhuser zieht den schwarzen
Frack an und die gefirniten Tanzstiefel und vertanzt sich das gebrochene Herz
... Strau und Lanner! Sie geben schon lange Trost fr die Zerrissenheit
selbst im Alpengemth - selbst fr Weltschmerz im Pusztensohne ...
    Hrt diese Tnze! ... Ein Dmon liegt in ihnen ...
    Wie mit Kirchenglocken fangen sie an, sanft und feierlich ... Das Adagio
eines Meganges ... Sittsamer, concordatsmiger Niederschlag der Augen ... Das
fhrt, denkt man, geradeswegs nach Mariazell und Loretto -! ...
    Pltzlich wirft der kaum geordnete Nonnenzug die Kapuzen ab ... Nun hpft
die Freude - erst wie! ein Fllen lustig ber den Klee. Erst nur noch - ein
futrillerndes Ausschlagen des Uebermuths ... Erst nur Kopfber der
Frhlichkeit, Humor, der, wie Harlekin Colombinen, neckt, spaelt, thadddelt -
alles so, wie sich nach dem genommenen Ablazettel im einleitenden Adagio
vergeben lt ...
    Dann aber wird der Humor zur Selbstironie ... Der Walzer cancant, die Grazie
tanzt auch hier wie in Paris mit Formen der Epilepsie, die Melodie geht
rckwrts, lt sich die Augen verbinden, tanzt unter Eiern, schiebt einen
Karren auf dem Seil zum Thurm hinauf, geht auf beiden Hnden, dreht sich als
Kopf berm Rumpf herum und sagt dem Rcken guten Tag! ...
    Halt! springt die Sittenpolizei dazwischen ... Metternich's Censur und
Moral, die noch in den von uns geschilderten Tagen regieren, und der Dmon wird
rasch wieder ein Kind, das unter Blumen spielt, ein Kind, das nur nach
Schmetterlingen hascht oder vor einer Hummel entflieht - aber - welch einer
Hummel! ... Brummelt die so spaig, so taumlig, so torklig ... Bageige, wohin
rennst du? ... Bageige, bist du betrunken? - Leute, entflieht! Entflieht! ...
Staberl spannt seinen Regenschirm auf - haltet doch! Das gibt ja Sturm - Wo
fhrt's dich hin? Zum Stuwer? ... Sind das Pot--Feu's? Dbler'sche
Struchen? Sternschnuppen? ... Wohinaus? ...
    Ins Firmament! Grad' in die Milchstrae, aber von Wrsteln und Kringeln
behangen ... In einen Kometenschweif von feurigen Nasen ... Ein einziger
Strohhalm die schwindelnde Brcke, aus der alle Walzenden zugleich ber den
unermelichen Abgrund hinbermssen ... Heiliger Nepomuck, jetzt hilf! ... Sie
fassen sich alle an, klammern sich an die Rocksche ... Strau nimmt den
Fidibus, steckt noch den Strohhalm ber das Weltgebude hinweg in Brand und nun
mssen die Paare hinber ... Die Glckchen, die klingen, die Pickelflte, die
lacht, die Geigen, die quinkeln ber den uersten Steg hinweg ... Das gibt ein
Unglck! ...
    Aber - der Maestro bringt sie alle wohlbehalten in seine Schlucoda zurck
... Ba, Trommel, Posaune finden sich in harmonischer Vereinigung bei den
letzten Takten wieder zusammen ... Alles bricht in pyramidalen Jubel, in
Fanatismo aus ... Der taktirende Maestro verbeugt sich gelassen und ruhig,
der Tanz ein Leben oder das Leben ein Tanz ist beendet und nebenan - sind
die Tische wei gedeckt fr die harmlosesten Bedingungen des irdischen Daseins -
Backhnerln, Robrateln, Beflamoths, lmmernen Hasen, Englndern und
allen mglichen Nationalgerichten der classischen Kche Oesterreichs ...

    So war auch das Gewirr, in das Benno von Asselyn eingetreten ...
    So bertubt - im Sptherbst, beim Bltterfall und hufigen, noch warmen
Regenschauern schon an die bevorstehenden Freuden des Winters erinnert - irrt er
durch die Straen Wiens - verfolgt von bunten Anschlagzetteln, Aufforderungen zu
Lust und Freude ... Eben sehen wir ihn in die stolze Herrengasse treten ...
    Fugnger umdrngen ihn, Wagen rollen, Rosse sprengen dahin ... Nur immer
Achtung! Ausweichen! Ausweichen! ... Auch den von den Regenschirmen
niedergieenden Fluten ...
    Einige Minuten verlieren wir den trotz seiner Aufregung bleichen jungen Mann
mit seinem regenfeuchten, schwarzen Brtchen, im triefenden, neuerfundenen
Macintosh, vor Wirrwarr um sich her und in sich selbst - ohne Regenschirm! - ...
    Aber bald tritt er aus einem hohen, mit Karyatiden geschmckten vornehmen
Palast wieder hervor ...
    Er sinnt: Wohin? ... Auf die Schottenbastei hinaus zur Linken? ... Auf die
Freyung zu meinem guten Chorherrn hinber, bei dem ich wohne? ... Zu den
Zickeles, an die du empfohlen und fr jeden Abend geladen bist? ... Oder noch in
irgendein Theater? ... Das Burgtheater soll ja - in der Nhe sein ...
    Da ruft ihn der Portier zurck ...
    Verzeihen's! ... Den Dreimaster lftend, fragt er: Waren's Herr Baron von
Asselyn? ...
    Mein Name! ...
    Benno von Asselyn war schon zweimal unter dem hohen Portal des grflich
Salem-Camphausen'schen Palais gewesen, hatte, schon zweimal mit dem Hter des
Eingangs ber die Nichtanwesenheit des Grafen gesprochen ... Diese Leute haben
nur ein Gedchtni fr empfangene Trinkgelder ...
    Ein Brief fr Euer Gnaden vom Herrn Grafen Erlaucht sollte eben zum Herrn
Baron hinbergetragen werden! ...
    Der Brief lag auf dem Sims des kleinen Guckfensterchens der Portierstube ...
Benno nahm ihn an sich ... In der Auffahrt des Palais brannte hochoben eine
etwas dstere Lampe ... Der Portier deutete auf sein Stbchen und ein dort
befindliches Licht, das zwar auch keine Millykerze war, aber es reichte hin fr
die kurze Lectre ... Eine Secunde und Benno hatte gelesen, da ihn Graf Hugo
aufs dringendste morgen zum Frhstck auf seinem Schlosse Salem erwartete ...
    Der Portier sah dem schlanken jungen Manne jetzt voll Spannung nach und
ahnte und vermuthete etwas ... Die Bedienung eines groen Hauses hat ein
scharfes Auge fr die innern Angelegenheiten ihrer Herrschaft ... Hngt Der mit
unser Aller Schicksal zusammen? mochte er denken und sah lange hinter ihm her,
sah, wie der junge Mann davonscho und so in Gedanken, da er immer noch nichts
vom Regen zu merken schien ...
    Benno hatte sich rechts gewandt, ging, auf die morgende kleine Reise
gespannt, und fhlte nun doch wol an seinem Hut und den Stiefeln, da es Zeit
war irgendwo unterzutreten ...
    Er stand am Burgthor ...
    Da las er an einer vom Thor geschtzten Wand:

                             K.K. Hofburgtheater.

                         Hamlet, Prinz von Dnemark.

    Er trat in das nahe kaiserliche Theater ...
    Ein labyrinthisches, von kleinen Winkelgngen durchkreuztes Gebude nahm ihn
auf ... Schwer fand er sich zurecht bis zur Kassa ... Noch war diese offen,
aber kein Billet mehr zu haben ... In Oesterreich gewhnt man sich - mit Unrecht
- nur an diejenigen Unmglichkeiten zu glauben, die sich auch dem Klang des
Silbers gegenber nicht wegrumen lassen ... Benno's Zweifel fanden kein Gehr.
Er verlie ohne Billet die Kassa und verwickelte sich in den Gngen ...
    Ein geflliger Herr, der sich versptet zu haben schien und hinter ihm
herging, wies ihn zurecht ... Der Ausgnge schien es mehrere zu geben ... Der
freundliche Herr lie es sogar geschehen, da Benno in eine Wachtstube gerieth,
die ganz den bekannten Kasernenduft hatte ... Grenadiere spielten hier Karten
und dennoch huschten Damen in eleganten Kleidern hindurch, ja Benno stand sogar
pltzlich zweien Gestalten gegenber, die jedenfalls zu dem Gefolge des Knigs
Claudius von Dnemark auf der Bhne gehrten ...
    Der fremde Herr sah Benno's Erstaunen und sagte zu ihm lchelnd:
    Ei, Sie sind fremd, mein Herr? ...
    Schon zog er die Dose gegen den Wachtstubengeruch ...
    Nicht wahr, das erinnert Sie an eine Dorfkomdie? fuhr er fort. Aber es thut
mir leid, da Sie vielleicht mit diesem Eindruck weiter reisen! Sie haben kein
Billet bekommen ... Wenn ich Ihnen einen Platz in meiner Loge - Bitte ... In
allem Ernst ... Meine Loge liegt zwar nur im dritten Stock ... Despectirlich ist
das aber keineswegs, lieber Herr! ... Ohne Spa ... ich mache mir sehr ein
Vergngen daraus ... Kommen Sie nur! ...
    Das gemthliche Air des feinen Herrn war so einnehmend, da Benno in der
That nach einigem Zgern, aber auch fernerem Zureden folgte ...
    Ich gehe voran! sagte sein Fhrer und plauderte im Gehen:
    Nicht wahr, Sie denken hier an eine mgliche Feuersbrunst? ...
    Er deutete auf die Enge der Logentreppen ... Man ging in die Stockwerke
hinauf, wie auf einer Wendeltreppe zu einen: Thurm. Im seltsamen Contrast zu
dieser Aermlichkeit standen die reichgallonirten Diener mit ihren
Servirbrettern, auf denen sie Gfrornes trugen ...
    Benno entschuldigte sich unausgesetzt ber seine Dreistigkeit und schttelte
seinen Hut und seinen Macintosh ...
    Im Gegentheil! erwiderte sein freundlicher Protector und ordnete inzwischen
gleichfalls seine Toilette und mit einen: Kmmchen sein weies, krauses Haar ...
Die Dreistigkeit ist auf meiner Seite ... Sehen Sie nur, jetzt mu ich Sie auf
meine beiden Pltze sogar durchs Paradies fhren ... Aber zur Linken haben wir
dennoch einen kaiserlichen Hofrath und zur Rechten einen Millionr von der haute
finance ... Die Logen sind bis in den Kronenleuchter hin schon auf Jahre voraus
gesucht ... Und wie ist das heute berfllt ... Immer so bei denen classischen
Stcken jetzt und besonders wann im Krthnerthor eine durchgefallene deutsche
Oper wiederholt wird ...
    Durch die dichtgedrngte Galerie machte der Logenschlieer dem gesprchig
satyrischen Herrn Platz und nahm den nassen Macintosh, unter dem Benno sich
glcklicherweise im Salonfrack befand ... Fast in der Nhe des Kronleuchters lag
allerdings die Loge des freundlichen Fhrers ... Die Rnge waren eben nicht zu
stark besetzt ... Desto voller war es unten ... Kopf an Kopf in einem langen
dstern Saale, dessen Bauart mehr zum Hren, als Sehen des auf einer schmalen
Scene Dargestellten bestimmt schien ... Eben sprach der Darsteller des Hamlet
eine der lngern wirksamen Reden in melodischem Tonfall, mit ebenso viel Kraft
wie Anmuth ... Befangen suchte sich Benno in seine so schnell und berraschend
ihm gekommene Situation zu finden ... Sehen konnte er allerdings vom Spiel so
gut wie nichts ... Er mute sich an die Worte halten und an seines Begleiters
Erluterungen, die von einem: Guten Abend! hier, von einem: K' die Hand!
dorthin unterbrochen wurden ...
    Die Beschwrungsscene war im Gange ... Schwrt auf mein Schwert! sprach
Hamlet, der mit hinreiendem, vielleicht zu vielem Feuer gespielt wurde ...
    Im Saal war alles todtenstill ... Man hrte das dumpf aus der Erde kommende:
Schwrt! des Geistes ... Alles das hinderte aber ebenso wenig den Protector
Benno's wie die Umgebungen immerfort dazwischen leise zu kritisiren und zu
plauschen ...
    Schau, schau! sagte ersterer. Das schreibt sich gewi unser Herr Professor
da auf ... Schwrt auf mein Schwert! ... Nicht wahr, lieber Professor, das ist
fr ein italienisches Ohr rein kalmckisch? ... Schwrt auf mein Schwert! ...
Ich mu aber auch sagen, was der Deinhardstein da wieder fr eine Uebersetzung
genommen hat ... Oder soll's ausdrcklich ein Wortwitz  la Sa - Ei guten Abend,
Resi! ... Ei, k' die Hand! ... Wie kommt denn heute der Professor in Ihre
Begleitung - Protegirt er auch den Herrn - Wie heit der neue Debutant, den die
Kaiserin protegirt? ... Kein Zettel da? ... Die Unordnung in denen Logen greift
immer mehr um sich! ... Warum ist kein Zettel da? ...
    Fr Benno muten diese Absprnge des Tons vom zartesten Gemth bis zur
schrfsten Ironie, jetzt an den Logenschlieer zur entschiedensten Grobheit,
hchst charakteristisch sein ... In einem und demselben Geplausch wurde der
Logenschlieer geputzt, ein junges, heiteres Mdchen, das vor ihm sa,
angeredet, eine hchst steife, lange Figur, in einer weien Halsbinde neben ihr
ironisirt, der fremde junge Mann unterrichtet, die Darstellung beurtheilt, alles
mit derselben Lebhaftigkeit und den leichtesten Uebergngen eines
Seelenzustandes in den andern. Bald Gefrierpunkt der Kritik, bald Siedepunkt des
Enthusiasmus ... Dazu noch die Dose gezogen und geschnupft und Benno nach dem
wievielten Tag seines Aufenthalts gefragt, auch auf die Theuerung Wiens
aufmerksam gemacht und bei alledem auch noch eine bedeutende Persnlichkeit in
dieser Loge und in jener lorgnettirt ...
    Die Ringsumsitzenden hatten im Grunde alle dieselbe Manier. Sie fanden
wenigstens diese quecksilberne Beweglichkeit, dies Abspringen von der Hitze im
Saal auf das heute ein Bissel mangelnde Feuer im Spiel der Uebrigen, von der
brillanten Toilette dieser und jener Frstin auf die schauerlich schlechte und
abgenutzte Decoration in der Scene ganz in der Ordnung. Und bei alledem, wenn
auch noch soviel kritisirt und mechant gefunden wurde, bei einem: Bravo!
strmte sich ein frmliches Liebesfeuer von Enthusiasmus urpltzlich entbrennend
aus ... Trotzdem, unmittelbar darauf erfolgend, ber dies und das ein leises:
Unter der Wrde! ...
    Benno sah, da diese Art, sich zu geben, aus dem Gemeingefhl einer Stadt
entspringt, deren Bewohner sich gleichsam zu einer einzigen groen Familie
bekennen ... Die Worte Herz, Gefhl, Gemth wurden sowol hier, wie auf den
Brettern gehandhabt wie eine Prise Schnupftaback ... Die schwungvolle
Darstellung des Hamlet ausgenommen, war die Vorstellung mehr im Geiste Iffland's
... Vater, Mutter, alle diese Worte wurden mit einer besonders biedern
Treuherzigkeit betont. An seinem Protector fiel Benno auf, wie er ihn trotz
seiner kindlichen Harmlosigkeit doch ab und zu hchst scharf beobachtete ...
Sogar eine klug lauernde Klte lag in dem Blick der kleinen glnzenden Augen mit
hchst scharfen grauen Brauen ...
    Ein Zwischenact trat ein, den eine wrdige Musik belebte ...
    Benno konnte sich jetzt in seinen nhern und entferntern Umgebungen zurecht
finden. Auch fiel er selbst schon auf - nach seiner schlanken edeln Gestalt,
nach einem feinen Lcheln der anziehenden Gesichtszge einigen Entfernteren ...
Nach seiner fremdartigen Aussprache allen Nhersitzenden ... Die Plaudereien
seines Protectors veranlaten die vor ihm Befindlichen, sich fters nach ihm
umzusehen ...
    Nur dem Italiener wurde das Umsehen schwer. Entweder war der Nacken zu steif
oder nur die weie Halsbinde war es. Flchtig erhaschte Benno ein gelbes, von
Blatternarben entstelltes Antlitz. Um so lieblicher hob sich von ihm der
schelmische Mdchenkopf ab, die Resi, wie sie sein Protector nannte ... Es war
eine muntere Brnette, nicht mehr zu jung, die sich unausgesetzt gar lustig
halb italienisch, halb deutsch mit ihrem Nachbar neckte. Der Italiener blieb
auch kalt zu diesen Spttereien. Seine Gesichtsformen schienen von einer
Pergamenthaut berzogen zu sein, die sich nicht vernderte, auch wenn er selbst
etwas sprach, das andre lachen machte ... Resi stritt mit ihm ber den Charakter
der Deutschen und nannte Hamlet einen Dnen, auf den die Malicen ihres Nachbars
nicht im mindesten paten ...
    Ma questo strofinaccio ha frequentato una universit tedescha! sagte der
Italiener ...
    Benno verstand und sprach das Italienische wie seine Muttersprache ... Er
durfte annehmen, da der Professor, der Hamlet seiner Thatlosigkeit wegen einen
Waschlappen genannt hatte, ein Musiker war. Resi lenkte ihre jetzt zorniger
werdenden Erwiderungen immer auf das musikalische Gebiet ...
    Sein Fhrer, der endlich den Theaterzettel bekommen hatte, las diesen laut,
lachte dabei ber den Streit, blinzelte Benno zu und sagte:
    Der Lartes - der soll engagirt werden ... Eine Empfehlung aus Mnchen ...
Der ganze Hof ist deshalb zugegen ... Resi, wie kommt's, da heute der
Dalschefski seinen Platz abgetreten hat? ... Herr Professor, eine seltene Ehre
fr die deutsche Kunst! ... Mller heit der Debtant ... Die allerhchsten
Herrschaften sind so auerordentlich gndig ... Der Mensch kann aber seine Beine
noch nicht halten ...
    Benno wrde an dem kleinen Kriege auf den Bnken vor ihm, wo sich noch eine
ltere Dame und ein anderer Herr befanden, seine harmlose Freude gehabt und sein
schmerzlich zerrissenes, hochgespanntes und sozusagen berbrdetes Gemth
erleichtert haben, wenn nicht pltzlich im Lauf der Neckereien sein Begleiter
mit einem Namen wre angeredet worden, der ihm das Blut erstarren machte ...
    Und mehr noch ...
    Kaum hatte er die Anrede: Herr von Ptzl zum zweiten mal vernommen, da
stieg sein Schrecken bis zur Besinnungslosigkeit, denn im weitern Verfolg der
wieder neubegonnenen Handlung auf der Bhne reichte ihm sein Fhrer das
Perspectiv mit den geheimnivoll geflsterten Worten:
    Jetzt aber! Jetzt schauen's! ... O ich bitt'! ... Da - Das ist merkwrdig!
... Unser Schicksal! Im Hamlet! ... Dieser Herr Mller ist gut empfohlen ...
Nein, schauen's doch, Resi! ... Beim Staatskanzler - Alle die rmischen
Herrschaften ... Der Principe Rucca ... Und die Dame da ... Das ist die Herzogin
von Amarillas ...
    Benno lehnte das ihm dargereichte Perspectiv ab ...
    Seine Hand zitterte ... Sein Athem versagte ihm ...
    Bald richtete er sein Auge starr auf den Trger eines Namens, der - er wute
es jetzt - seiner Schwester Angiolina gehrte, bald auf die ihm noch im fernen
Lampen- und Lichtdunst schwimmende Erscheinung - seiner Mutter - -
    Das Spiel ging indessen weiter ... Aber es wogte ein Rauschen und Flstern
durch den Saal ...
    Die eben eingetretenen fremden Herrschaften, die mit dem aus Rom gekommenen
Cardinal Ceccone in Verbindung gebracht wurden, erregten das allgemeinste
Aufsehen ... Es kamen immer mehr ...
    Der Principe Rucca war ein junger Mann im rothen, gestickten Kleide ...
    Auch der Name Maldachini wurde genannt ...
    Alle Glser richteten sich nach jener Logenreihe und Resi's Frage sogar: Ja,
mein Gott, trgt denn der kleine Rothrock nicht gar ein schwarzes Pflaster berm
Auge? mehrte Benno's Aufregung ... Denn nach einem erst heute frh erlebten
Vorfall sah er, da er mit den Personen, die er mit heiester Sehnsucht suchte
und - mit Entsetzen und Grauen floh, bereits zusammengetroffen war, ja mit ihnen
schon in einer Verbindung stand ...
    Zweimal erwiderte er, auf alles Erlutern und Zeigen seiner Umgebungen.
    Wessen - Loge - ist das? ...
    Des Staatskanzlers! hie es ...
    Doch auch die Logen neben jener hatten sich inzwischen gefllt ...
    Benno kmpfte mit sich, ob er bis zu Ende bleiben sollte ...
    Hamlet's Lage war seine eigene ... Auch mit ihm sprachen ja Geister, die
auer ihm hier niemand sah ... Auch ihm strubten Enthllungen das Haar zu
Berge; auch ihn htten sie wach rufen sollen zu Thaten der Shne und
Gerechtigkeit ... Aber auch ihm lhmten hundert Erwgungen den Arm ... Wahnwitz,
das fhlte er jetzt, kann den ergreifen, der ein Ungeheueres machtlos im Busen
bergen soll ... Auflodern, allen zurufen htte er mgen: Das ist ja meine
Mutter! ... Er htte seinen Nachbar anrufen mgen: Wie trgst du, du nur den
Namen meiner Schwester? ... Ophelia, angeredet von Hamlet mit dem unendlich
schn gesprochenen Abschiedswort: Geh' in ein Kloster! verwandelte sich ihm in
die Trgerin seiner eigenen Leiden ... Da man dann sagte, die Grfin Olympia
Maldachini she so keck sich um, wie in einem Ballsaal, lie ihn vollends
erbeben ... Auch sie kannte er ja ... Sie schon ihn ... Die Loge war zu entfernt
fr sein Auge ohne Bewaffnung durch ein geschrftes Glas ... Dennoch bog er sich
schwindelnd ber, um zu sehen - um starren zu knnen ...
    Wieder war inzwischen der Vorhang gefallen ... Wieder begann eine
Zwischenmusik ...
    Der Professor, der inzwischen ebenfalls in groe Aufregung gerathen war,
erklrte, nur eben dieser Rmer wegen htte er den Platz des Professors
Dalschefski bernommen ... Er zankte mit Theresen ... Er war aufgestanden und
sprach jetzt mit hchster Lebendigkeit seiner bisher so starr gewesenen
Gesichtszge die italienischen Worte:
    Ja! Das sind sie! ... Die Herzogin kenn' ich nicht ... Aber sehen Sie nur
den Grasaffen, den Rucca! ... Und das, das ist die kleine Grfin Olympia! ...
Corpo di Bacco! ... Als zehnjhriges Kind schon hatte der Fratz sich in einen
Apollino im Braccio nuovo verliebt, verlangte vom Cardinal Ceccone, ihrem -
Onkel, ihm einen Ku geben zu drfen, springt selbst an den jungen marmornen
Gott hinauf, umschlingt ihn und beide strzen vom Postament herunter ...
Thorwaldsen hat ihn restauriren mssen ... Und ein ander mal - ha, da hat -
diese Olympia - -
    Ich mu aber bitten! Schweigen Sie! unterbrach ihn Resi entrstet ... Die
Dame hat auch bis dahin Ihre Verleumdungen gehrt! Eben richtet sie das Lorgnon
auf Sie! ... Wahrhaftig ... Herr von Ptzl, schauen's doch! ... Das ist ja
prchtig! Sie ruft den mit dem schwarzen Pflaster, auch die Herzogin und die
smmtlichen Cavalieri - geben Sie Acht, Professor, Sie mssen ihr Revanche
geben, Sie unverbesserlicher Carbonaro! ...
    Herr von Ptzl besttigte alles, staunte und lachte bermig ...
    Benno aber stand, als schwebte er, ein Fieberkranker, in den Lften ...
    Nein, die ist ungenirt! ... sprach alles ringsum durcheinander ... Wie in
Neapel! ...
    Sie grt wirklich hier herauf! lachte Herr von Ptzl ... In der That
besttigten alle, durch ihre Lorgnons blickend, da die Kleine mit dem
Diamantendiadem zu ihrer Loge hinauflache ...
    Sie ergriffe eben das Taschentuch und winke herber, ergnzte Resi ...
    Wem gilt denn das? ... sagte Herr von Ptzl hocherstaunt und schaute sich
berall um und fixirte endlich den Fremden neben sich, seinen Protg ...
    Dieser stand keiner Besinnung fhig ... todtenbleich ... Eben streckte Benno
die Hand vor, um das ihm dargereichte Perspectiv zu ergreifen, da blieben ihm
die Finger wie gelhmt hngen ...
    Er sank bewutlos auf seinen Sessel zurck ...
    Sie sind unwohl! rief Herr von Ptzl erschrocken ... Ein Glas Wasser! Bitte
... oder kommen Sie ... Frische Luft! ...
    Benno erhob sich allmhlich, lehnte Hlfe ab ... Das Spiel begann eben
wieder ... Er wandte sich zum Gehen ...
    Ja, gehen Sie lieber, mein bester Herr, sagte Herr von Ptzl ngstlich
besorgt ... Der Dunst der Lampen hier oben ist aber auch heute frchterlich ...
    Benno wollte ablehnen ... Herr von Ptzl fhrte ihn, whrend alles rings
voll Theilnahme aufgestanden war, selbst durch die Sitzreihen der Galerie und
hinaus auf den Corridor.
    Es war der zweite Tag, den Benno in Wien verbrachte.

                                       2.


Als im Beginn des diesjhrigen Frhlings Benno von Asselyn mit seinem Freunde
Thiebold de Jonge von Witoborn nach der Residenz des Kirchenfrsten
zurckreiste, that letzterer von seinem Standpunkte aus alles Mgliche, die
schmerzlichen Nachklnge des so gnzlich den gehegten Erwartungen nicht
entsprochenen Witoborner Aufenthaltes zu mildern ...
    Was nur aus dem unerschpflichen Born seiner guten Laune zu schpfen war,
gab Thiebold zur Zerstreuung bereitwilligst her, und sogar seine eigene Person
...
    Doch Benno blieb fr alle Anschlge seines erfinderischen Genius
unempfnglich ...
    Ja er verdarb Thiebold sogar den Spa߫, da dieser Extrapost nehmen wollte,
um in der Einsamkeit der Landstrae den gegenseitigen Gefhlen Luft zu
machen ...
    Benno kannte diese Thiebold'schen Extrapostfahrten mit ihren gemthlichen
kleinen Aufenthalten von vier bis fnf Stunden, ihren Nachtlagern, ihren
Wirthshausbekanntschaften, ihren Abstechern auf gerade den Abend angesagte
Casinoblle in kleinen Stdten, zu denen sich Thiebold sans gne wie ein alter
Stammgast einzuladen verstand ...
    Sie fuhren mit der Schnellpost und kamen auf diese Art rascher als mit
Thiebold'scher Extrapost wieder zurck in ihre laufenden Verhltnisse ...
    Das durch vier Mitpassagiere auferlegte Schweigen ber die Resultate der
Witoborner Erfahrungen hatte etwas Feierliches ... Thiebold verbrauchte seinen
letzten Cigarrenvorrath mit Blicken der Resignation ... Er gefiel sich in dem
von ihm sonst so oft an Peter unertrglich gefundenen System des Au contraire
gegen smmtliche Mitpassagiere, deren Behauptungen ihm in der Regel unbegrndet
und haltlos erschienen, ob sie nun den Segen der zu erwartenden Ernte oder die
projectirten Eisenbahnlinien oder die Zukunft der damals neuerfundenen
Stahlfedern oder den Kirchenstreit betrafen ... Thiebold wute zwar, da er
durch seine unausgesetzten: Erlauben Sie!, mit denen er seine thatschlichen
Berichtigungen einfhrte, Benno zum stillen Mrtyrer machte, aber es blieb ihm
unmglich, die Aufregung seines Gemths, den stellenweisen Schmerz seiner
Erinnerungen anders zu beschwichtigen, als durch eine auf fortwhrende Berichte
von Augenzeugen gegrndete Polemik ... Nur in der Nacht traten Pausen der
Ergebung ein, die Thiebold theils durch Schnarchen, theils durch Seufzer
ausfllte ... Htte er nicht von Seiten Benno's das schnde Wort: Machen Sie
sich nicht lcherlich! gefrchtet, er wrde von den Sternen gesprochen und die
von Joseph Moppes immer so zart gesungene Arie mit nachgeahmter
Waldhornbegleitung intonirt haben: Ob sie meiner noch gedenkt? ...
    Als dann Thiebold seinem Vater hinter Maria auf den Holzhfen ber die
verfehlte Speculation des Ankaufs der Camphausen'schen Waldungen, infolge des
bedeutungsvollen Fundes der Urkunde und des Abbruchs aller Verhandlungen mit
Terschka drei Tage vor der ihnen noch nicht bekannten Flucht desselben,
berichtet und dafr ein: Gesegn's Gott! geerntet hatte, fand sich leider noch
immer die stille Stunde nicht, nach der sein Herz sich sehnte, die Stunde, um
mit Benno alles durchsprechen und das Thema variiren zu knnen: Ist denn wol
das alles ein Traum gewesen? ...
    Benno hatte sofort mit den Berichten zu thun, die er Nck zu erstatten hatte
...
    Thiebold selbst war theils berhuft mit Commissionen, die ihm die
Stiftsdamen mitgegeben, theils war seine Ankunft die erfllte Sehnsucht aller
seiner brigen Freunde, besonders Piter's, den Treudchen's Flucht ins Kloster
und die bevorstehende mgliche Einkleidung des geliebten Wesens rein in einen
Schatten verwandelt hatte ...
    Erst die berraschende Mittheilung, da sich auf einer Reise nach England
Wenzel von Terschka einige Stunden in der Stadt aufgehalten, ohne jemanden zu
besuchen, brachte den Austausch der Gefhle zuwege, nach dem Thiebold so
dringend verlangte ... Eines Abends sechs Uhr war es, auf der Strae, die Sonne
war noch nicht untergegangen, die letzten Austern, auf die man sich allenfalls
noch verlassen konnte, waren aus Ostende angekommen ... Ein stiller Winkel auf
dem Hahnenkamm lockte mchtig ... Benno wurde gezwungen zu folgen ... Benno
tadelte keinen einzigen Vorschlag, den Thiebold ber die Sorte Wein machte, die
sie zu den noch unbedenklichen Austern whlen wollten ...
    Terschka geht denn also nach England, um die Grfin ber die Urkunde und
die gnzliche Vernderung der Dinge auf Schlo Westerhof in Kenntnis; zu setzen
...
    Das war das wehmutsvolle Thema und anders noch konnten die Vermuthungen
nicht lauten ...
    Die zweite Schlufolgerung war die Ahnung von einer Heirath Paula's mit dem
Grafen Hugo ...
    Die dritte die Unentbehrlichkeit Armgart's fr Paula und demzufolge - die
Heirath mit dem Freund des Grafen, mit Wenzel von Terschka, selbst ...
    Nie hatte Thiebold seinen mnnlichen Freund so kleinmthig gesehen, nie so
nachgiebig gegen jede Vermuthung ... Benno lehnte selbst die Hypothese nicht ab,
da Armgart keinem von ihnen beiden htte wehe thun wollen ... Beide Freunde
redeten sich in das Unergrndliche so hinein, da Benno sich zuletzt die
schwarzen Locken aus der heien Stirn strich, wild den Arm aufstemmte und alle
jene Anklagen des Schicksals ausstie, die Thiebold sonst unmnnlichen
Weltschmerz zu nennen pflegte ... Heute unterschrieb er alles, was Benno in
sein grnes Rmerglas wetterte ... De Jonge! Ich fand Ihre Entsagung natrlich
... Ich wrde Ihnen Armgart nimmermehr gelassen haben ... Vergeben Sie mir diese
offenherzige Sprache ... Selbst auf Gefahr, Sie zu beleidigen ...
    Unter Mnnern volle Wahrheit! entgegnete Thiebold und stie die leeren
Austerschalen zurck, um fr neue Platz zu machen, die er wie mit einem
Mordmesser behandelte ...
    Sie konnte in der That nur mich lieben! ... Ich habe Vorzge vor Ihnen ...
Nicht da ich lateinisch, griechisch und italienisch verstehe, de Jonge ... Sie
sprechen englisch und spanisch ... aber mein Vorzug liegt im Herzen! ... Mein
Herz kann lieben, das Ihrige nicht, de Jonge! ... Morden Sie mich dafr mit
Ihrer Austerngabel! ...
    Nein im Gegentheil! rief Thiebold und seine Augen leuchteten vor
Begeisterung ber seinen Freund ... Nein! Sie haben recht! Ich schaudere ber
mich selbst ... Ich kann lieben - nie aber auf die Lnge! ...
    Thiebold schenkte mit wilder Geberde die Glser voll ... Sein ganzes Sein
war aufgelst in - Behagen nur allein ber Benno's edle Vertraulichkeit ...
Ja, zum Beweise, da er Ursache zum Zorn htte, doch sich zu migen wnsche,
warf er sein Glas hinterwrts in tausend Scherben ... Was kostet das? setzte er
zum erschrocken herbeieilenden Kellner hinzu ... Diese Stunde ist mir in dem
Grade feierlich, Louis, erklrte er dem Staunenden, da nie wieder ein Mensch
aus diesem Glase trinken soll! Geben Sie mir aber ein neues! ...
    In dieser Art sprachen beide Freunde von sieben bis gegen Mitternacht in
einer stillen Stunde ihre Witoborner und Westerhofer Erinnerungen, ihre
Anschauungen ber Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durch ... Beide
Jnglingsseelen nenne man deshalb nicht oberflchlich in ihrem Schmerz ...
Mnner bedrfen solches heftigen Ausbruchs ihrer Gefhle ... Benno tobte und
fand es unertrglich, da der Kellner sich unterstand, mit dem Besen die
Splitter zusammenfegen zu wollen ... Hinaus! rief auch er ... Beide Freunde warm
nicht im mindesten trunken ... Das ist die Jugendkraft ... Zorn, Eifersucht,
Schmerz mssen in jungen Seelen solche Formen haben, um zu den einmal nicht zu
ndernden Gesetzen des Lebens zurckkehren zu knnen ...
    Acht Tage nach diesem Abend, der nichtsdestoweniger in Benno's Seele nur
neue Wunden schnitt, nicht heilte, erhielten beide Nachricht, da Terschka
entflohen und ein Priester, ein Jesuit war ...
    Das Staunen mute das mchtigste sein ... Sie erfuhren die unglaubliche
Kunde zu gleicher Zeit mit der Nachricht, da Terschka in England zu bleiben
gedchte, sich unter den Schutz Englands stellte, seinen Glauben entweder schon
gendert htte oder zu ndern gedchte und ohne Zweifel von Grfin Erdmuthe, die
einen Triumph ber das Papstthum, eine Genugthuung fr die entsetzenerregende
Urkunde sah, Verzeihung erhalten wrde ...
    Ueber Terschka's Verhltni zu Armgart mute jetzt eine ganz neue
Beleuchtung fallen und wieder begannen die Hoffnungen ...
    Bonaventura war es dann, der, unterwegs da und dort in Amtsgeschften
aufgehalten, erst vierzehn Tage nach ihnen eintraf und diese Thatsachen
besttigte ...
    Beide Freunde kannten Armgart's katholischen Sinn ... Aber stand nicht
Armgart jetzt unter der Leitung ihrer Aeltern, deren freisinnige Richtung
allbekannt war? ... Jeder wute, da Armgart's Aeltern sich um ihrer Principien
willen ausgeshnt hatten ... Graf Hugo ist Lutheraner, hie es auf Nck's
Schreibstube, Terschka wird zum Grafen Hugo zurckkehren ... Nck aber erklrte
dies in Rcksicht auf Oesterreich fr unmglich ...
    Bonaventura kam trauernd, ernst und schweigsam ... Es besttigte sich: Er
war Domcapitular geworden ... In so jungen Jahren ... Sein schnelles
Emporsteigen auf der Staffel der geistlichen Wrden war eine Folge der immer
heftiger gewordenen Kmpfe mit der Regierung ... Die alten Bewohner des
Domstifts erlagen diesen Aufregungen ... In auffallender Schnelligkeit raffte
der Tod die schwachen Greise hinweg, die nicht mehr wuten, wie sie sich
zwischen ihren geistlichen und weltlichen Oberhuptern in der Mitte halten
sollten ... Der Kirchenfrst und sein Kaplan Michahelles blieben gefangen ...
    Bonaventura's Stellung zum tglichen Gottesdienst vernderte sich infolge
seines Aufsteigens ... Doch bei feierlichen Gelegenheiten trat sie in desto
hherer Bedeutung hervor ... Gleich die Osterzeit theilte auch ihm den ganzen
Nimbus mit, den gerade in diesen Tagen die katholische Kirche um sich zu
verbreiten wei ... Auf die goldenen Gewnder, die Fahnen und Baldachine fllt
gerade in dieser Zeit auch zugleich der Strahl der ersten Frhlingssonne ...
Jerusalems Palmen grnen in den noch kalten Kirchen ... Ueber den Garten von
Gethsemane breitet sich das abendliche Dunkel der Vigilien ... Selbst den Hahn
der Verleugnung glaubt man bei all diesen Nachbildungen der heiligen Leidens-
und Ostervorgnge in den katholischen Kirchen rufen zu hren - so wei man das
Alte wach zu halten ... Bonaventura bedurfte dieser schnen Phantasmagorieen, um
- sein Leiden zu mildern und - sein Denken zu unterbrechen ...
    Die Beichten kamen wieder, die Prfungen in dem kleinen Flsterwinkelchen,
das Bonaventura nicht aufgeben durfte ... Renate bat ihn um Schonung seiner
selbst ... Ihr Pflegling kam von Witoborn zurck um Jahre lter geworden ...
Mittheilsam sprach er ihr wol von der Mutter und breitete alles aus, was diese
ihm fr die alte Dienerin sowol, wie fr ihn selbst mitgegeben ... Aber es
drckte ihn Schmerz und Unmuth ... Er war umsponnen von wie viel geisterhaften
Fden! ... Vision und Wirklichkeit hielten ihn in einem steten Zauberbann ...
Seine alten Zimmer behielt er in dem groen Gebude des Domstifts ... Gerade
weil er so viel Neues in seinem Herzen trug, hatte er das Bedrfni, uerlich
es beim Alten zu lassen ...
    Bonaventura sah Benno wieder, sah Nck, auch Lucinden ... Wie gewaltige
Vernderungen waren vorgegangen! ... Aeuerlich sowol, wie innerlich ... Benno
konnte er nicht sehen ohne die tiefste Rhrung ... Immer und immer empfand er
den Reiz, dem Freunde die Binde von den Augen zu reien und ihn ohne Rckhalt
ber seinen Ursprung aufzuklren ... Noch aber fehlten die vollen
Verstndigungen darber mit dem Dechanten und seinem Stiefvater ... Von Stunde
zu Stunde muten sie kommen ...
    Nck war und blieb Bonaventura ein Gegenstand des Grauens ... Der
Unheimliche umschlich seinem Beichtstuhl und gab nicht undeutlich zu erkennen,
da er von mancher Brde frei zu werden wnschte ... Bonaventura lenkte die
Gestndnisse, die bald aus diesem Munde an sein Ohr drangen, auf den Brand von
Westerhof, auf die Urkunde ... Nck stellte sich da vllig nichtwissend ... Aber
bei den Verirrungen seiner Phantasie blieb er stehen und fragte eines
Nachmittags geradezu, was die Kirche riethe, wenn man sich von allen seinen
Snden und Schwchen aufraffen wolle und es auch knne, jedoch von dem einzigen
dazu verhelfenden Mittel eingestehen msse, da es nicht minder der gttlichen
Verzeihung bedrfe ... Bald kam die fast geflissentliche Hindeutung auf Lucinden
... Das war die ganze Absicht dieses Beichtstuhlbesuchs ... An Wahrheit und
Aufrichtigkeit konnte einem Nck nicht gelegen sein ... Warum sprach er von
einem Wesen, das er nicht nannte, das ihn frevlerisch bestricke, von einer
verzehrenden Glut ihres Athems, von seinem Bedrfni, sich von einem so starken
weiblichen Willen beherrschen zu lassen, ja da er schon jetzt nichts mehr ohne
sie thte? ... Nck sprach von einer Aenderung seines ganzen Lebens, von einer
Aufgabe seiner Geschfte, einem Zurckziehen ins Privatleben, von Ankauf eines
Gutes, von Reisen in sdliche Gegenden ... An allem ist sie betheiligt! sagte er
seufzend und so betonend - als wollte er nur den Priester selbst damit
durchbohren ...
    Das rauhe, struppige Haar des hochberhmten Rechtsgelehrten neben ihm flte
Bonaventura den tiefsten Abscheu ein ... Er beeilte sich, von dem hlichen Bild
dieser Seele hinwegzukommen ... Abschttelnd, was vom sogenannten Molinismus
oder der Jesuitenmoral in solchen Fllen des Verhltnisses der grern zu
kleinern Snden gerathen wird: Sei wie die entwhnende Amme! Verwandle, was du
dem Snder bietest, erst in einen dem Kind die gewohnte Milch vergegenwrtigen
den Brei! sprach Bonaventura:
    Was sind das fr geringere Snden, mit denen man grere austreibt! ...
Lesen Sie die Schrift und Sie werden David's Leidenschaften und seine Reue
finden! ... Ich will Sie an den Knaben David erinnern, wie er den Riesen Goliath
erschlug ... Er hielt sich zu seinem Schleuderwurf fnf Steine bereit, obgleich
ihm der Riese wol nicht fr die Abschleuderung des zweiten Zeit gelassen htte
... Ein Uebel rottet sich am besten dadurch aus, da man ihm die Nahrung nimmt
... Ergreifen Sie noch vier andere Leidenschaften, ich meine edle Leidenschaften
... Sie werden dann an die unedle fnfte nicht mehr denken ... Beten Sie ein Ave
auf dem Hgel der letztbegrabenen Angehrigen Ihrer Familie ... Friedhfe zu
besuchen, das wre eine der Leidenschaften, die ich meine ... Legen Sie sich
vier solcher steten Reservebeschftigungen Ihres Thuns an und Ihre Phantasie hat
eine Milderung ...
    Hendrika Delring war gemeint ...
    Was gibt es Heilenderes, als die Erinnerung an unsere Vergnglichkeit! ...
Bonaventura wute nur nicht, wie wenig Nck's verirrter Seelenzustand am Tode
ein Grauen empfand ...
    Lucinden sah Bonaventura oft genug, nur nicht mehr im Beichtstuhl, den er
verboten hatte ...
    Er sah sie besonders in der Zeit, wo die Kattendyk'sche Familie sich nach
Witoborn zu den Exercitien der Frau von Sicking begab ...
    Statt ihrer hatte sich erst Johannens Verlobter, der Professor a.D. Guido
Goldfinger, an diese Uebungen anschlieen wollen ... Da der praktische Mann
jedoch angefangen hatte, sich, erst nur der Zerstreuung wegen, auf Delring's
verlassenen Comptoirsessel zu setzen und Pitern im Familieninteresse der
Jahresdividenden zu berwachen, so ging mit der Mutter und Schwester die Frau
Oberprocurator ...
    In dieser Zeit war Lucinde tagelang in den Kirchen, flchtete auch oft in
die Rumpelgasse zu Veilchen Igelsheimer, auch auf den Rmerweg zu Treudchen Ley
...
    Nck, in bermiger Freude ber das gnzliche Verschollensein des
Brandstifters Jan Picard, nicht einmal belstigt von dessen Drohbriefen um Geld,
beruhigt sogar ber Hubertus, der in der That mit Pater Sebastus auf Flucht nach
Rom war, lebte nur seinen jetzt doppelt entfesselten Begierden ... Er suchte
Lucinden mit allen nur erdenklichen Kundgebungen seiner Gefhle zu umstricken
... Er vernachlssigte seinen Beruf und gab sich Blen vor allen seinen
Arbeitern ... Benno besttigte, was Bonaventura schon aus dem Beichtstuhl wute
... Sie wollen mich jetzt verlassen, jetzt?! rief Nck Benno und seine Augen
traten in ihre Hhlen zurck und lieen nur einen einzigen weien Schimmer sehen
... Sie drfen nicht! Sie mssen bleiben! ... Und ich habe es gut mit Ihnen vor!
lenkte er ein. Sie mssen eine glnzende Carrire machen ... Dieser Staat hier
bietet Ihnen nichts ... Herr von Asselyn, Sie bleiben? Wenigstens bis zum
Herbst? ... Ich wickle dann mein Geschft ab und gebe meine Praxis auf ...
Werden Sie mein Nachfolger oder - ich erfinde noch etwas ganz Anderes fr Sie
... On ne marche qu'avec les hommes! sagte Mirabeau, fuhr er fort ... An
Menschen hnge dich an ... Die nur tragen dich, wie der heilige Christophorus
das Kind bers Meer trug ... Meinungen, Ueberzeugungen, Pflichterfllung - pah -
das ist all nichts ... Ich setze Sie auf die Schultern von Menschen - ja des
ersten Mannes in der weltlichen Christenheit und Ihren Cousin, den Domcapitular,
auf die Schultern des ersten Mannes in der geistlichen ... Nur durch Menschen
kommen wir vorwrts ...
    Benno, von Nck oft so auf Kaiser und Papst verwiesen, lachte, hatte aber
die tiefste Abneigung gegen ihn ... Da er in der Procefrage der Camphausen
arbeitete, hinderte ihn die eigene Theilnahme, von Nck zurckzutreten, wie er
am Tage nach dem Auffinden der verdchtigen Urkunde gewollt hatte ... Den
Regierungsrath von Enckefu sah er oft ... Er mochte von seinen Ahnungen nicht
selbst beginnen und dieser wollte entweder durch Schweigen seine Maregeln
verschleiern oder war zu sehr vom Antreten seiner eignen traurigen Erbschaft in
Anspruch genommen ... Dionysius Schneid durch Steckbriefe zu verfolgen, wie Herr
von Enckefu schon auf Schlo Westerhof vorgeschlagen, hatte Levinus von
Hlleshoven nicht untersttzen wollen, obgleich die Spur des Verwundeten
aufzufinden unmglich war ... Hubertus, der ihn geborgen, wurde vernommen, aber
seine Aussage lautete auf ein freiwilliges Weiterwandern eines Abenteurers, der
fr Pater Ivo und Lb Seligmann in den Gewlben einer Klosterkirche verschwunden
war ... Lb Seligmann hatte sich noch nicht veranlat gefhlt, in einer so
frommen Gegend mit Zeugenaussagen hervorzutreten gegen Klster und hohe
Adelssitze ...
    Eines Tages - es war gegen Pfingsten - erhielt Bonaventura folgende Zeilen:
    Hochwrdiger Herr! Eine Novize bei den Karmeliterinnen, Gertrud Ley aus
Kocher am Fall, wnscht schon seit lange Ihnen Beicht zu sprechen. Herr
Cajetanus Rother verhinderte dies. Jetzt ist er lebensgefhrlich erkrankt und
bedarf eines Substituten. Es wird Ihnen ein Leichtes sein, von der Curie diese
Stellung zu erhalten. Sollten Sie von dem Gercht, da Sie Comtesse Paula
magnetisirten, Unannehmlichkeiten haben, so wollt' ich Ihnen nur bemerken, da,
wenn auch jeden, der sich auszeichnet, Neid verfolgt, doch in diesem Fall die
Intrigue der Frau von Sicking bei Witoborn die Veranlassung etwaiger
Verdrielichkeiten ist ...
    Der berraschende Brief war ohne Namen, konnte aber nur, die Handschrift
bewies es, von Lucinde kommen ...
    Bonaventura war aufs Aeuerste betroffen ... Von der Seherin von Westerhof
hatte er berall unbefangen gesprochen ... Die Intrigue der Frau von Sicking?
... Diese Dame war von ihm vernachlssigt worden; er hatte gleichgltig von
ihren Buunternehmungen gesprochen ... Dafr konnte sie an ihm Rache nehmen? ...
Paula magnetisirt? ... Die Geistlichen der Michahelles'schen Richtung
beklagten allerdings, da Paula's Ekstase keine rechtglubig religise war ...
Die Indifferenten lchelten fters zweideutig, wenn sie mit Bonaventura von
seiner Reise sprachen. Der Weihbischof, ein Greis, hatte ihm manches
mitgetheilt, was hinter seinem Rcken gesprochen wurde ... Sogar der Onkel
Dechant hatte ihn in einem seiner jetzt fter als sonst geschriebenen Briefe
gewarnt vor bsen Gerchten, auch Hunnius und Rother als seine Gegner genannt
... Gib Acht, schrieb er ihm, greift die Intrigue um sich, so verbieten sie
Dir trotz Deiner hohen Stellung noch den Beichtstuhl ... Halte Dich nur mit dem
Generalvicar, der ein, aufgeklrter Mann ist ...
    Bonaventura hatte sich gelobt, Lucinden zu betrachten, als wre sie nicht
mehr fr ihn auf der Welt ... Er hatte zu Renaten, als ihm diese mittheilte,
jeden Abend ginge eine verschleierte Dame an einem auf eine kleine Gasse
hinausgehenden Fenster seiner Zimmer vorber und she minutenlang hinauf -
bittend gesprochen: Reden Sie doch nicht mehr davon! ... Er wollte Lucinden
vergessen ... Er wollte den Muth zeigen, sich nicht zu frchten vor ihren
Drohungen ... Bei jeder Leiche, die er segnete, sah er im Geist den Sarg von
St.-Wolfgang offen und Lucinde mit dem Geheimni ber sein Leben ihn anstarren
wie die Sphinx ... Er wollte auch jetzt von diesen Zeilen sich nicht erschttern
lassen, wollte nicht durch zu langes Verweilen bei ihrem Inhalt Lucindens
wahrscheinliche Absicht untersttzen, mit Gewalt wieder Posten in seinem Innern
zu nehmen ... Der Abschied von Paula lag zu schmerzhaft noch auf seinem Gemth
... Er sah immer nher kommen, was ihm und Paula der Tod war, die von den
Standesrcksichten gebotene Ehe derselben mit dem Grafen Hugo - mit dem
Geliebten der leichtsinnigen und verlorenen Schwester Benno's! ... Das waren
Fernsichten, gegen deren Dster das nchste Leid verschwand ...
    Da kam in der That ein Brief von der Curie, worin ihm die Inspection der
Klster anzeigte, da die Damen auf dem Rmerwege wnschten, ihn fr die
andauernde Krankheit ihres Beichtvaters bei sich in Stellvertretung zu sehen ...
An der kurzen Dauer, in der sich die Curie fr die Genehmigung dieser Bitte
entschied, sah er doch nur einen geringen Widerstand, der sich gegen ihn zu
regen wagte ... Freilich brdete man ihm nur zu schnell jede neue Last auf ...
    So ging denn Bonaventura eines Tages in erster Morgenfrhe auf den Rmerweg
...
    Er gedachte der ihm so werthen Gertrud Ley, gedachte, wie wol Paula von
diesem Kloster zu sprechen pflegte, wenn die Rede ging, da sie mglicherweise
den Schleier nhme ... Hier betete Schwester Therese, die ehemalige Verlobte des
Pater Ivo, fr das Heil der umnachteten Seele ihres Freundes, dem sogar noch ein
Gelbde seiner entferntesten Ahnen zu einer Gewissensfrage hatte werden knnen
... Immer lehnte er die Wahl gerade dieses Klosters ab; denn sich Frauen denken
zu mssen unter einem geistlichen Fhrer, wie Cajetan Rother, mute ihm der
Anblick des - von Wrmern zernagten heiligen Brotes sein ... Er gedachte: Ist
dies Haus, das so ganz versteckt und verbaut, uerlich kaum neben einem kleinen
Kirchthurm erkennbar, zwischen dem Waisen- und Jesuitenprofehause liegt, der
Himmel auf Erden oder die Hlle? ... Wer ergrndet das? ... Die Bischfe drfen
wol zuweilen diese nur den Frauen gewidmeten Rume betreten; sie drfen in die
Zellen blicken ... Auch die Wahl eines fremden Beichtvaters, statt des
gewhnlichen, steht den Nonnen frei ... Aber wie viel Dinge sind erlaubt und man
versagt sie sich doch ... Wie viel Klagen ersterben in Rcksichten ... Wehe
denen, die in einem Gemeinwesen etwas wagen, das dem allgemeinen Esprit de corps
widerspricht ... Bei den Nonnen macht sich vor allem die weibliche Natur selbst
geltend, die rthselhafte Gattungsstimmung, fr die die Mnner selten richtiges
Verstndni haben ... Die weibliche Natur wird an die Gesetze des Lebens, an
Hinflligkeit und Schwche mehr erinnert als wir ... Die Mnner bindet dann der
Geist; ihre irdische Natur knnen sie zuweilen abstreifen ... Frauen aber stehen
immer im Zwang eines gleichen Naturlooses und entbehren der vllig freien
Selbstbestimmung ... ... Daher denn in einem Nonnenkloster der doppelt und
dreifach gebundene Wille ... Ein einziges Gefhl bemchtigt sich aller; der
Instinct leitet sie; selbst die Freisten werden hinbergezogen in ein
allgemeines Sklaventhum ...
    Das alles wute schon Bonaventura ... Dennoch hoffte er auf Ausnahmen ...
Verlie ihn selbst doch nicht die Vorstellung: Wer wei, ob nicht eines der
groen Benedictinerklster in Oesterreich dir die Weltentsagung in anderem
Lichte zeigen wrde, als das Kloster Himmelpfort mit Klingsohr und Pater Maurus!
...
    Die Aebtissin, die er fand, war eine Greisin ... Am Stabe daherwankend
empfing sie den Domkapitular, der mit der ganzen mnnlichen Wrde seiner uern
Erscheinung und in seinem Ornate kam ... Sie geleitete ihn in die Kapelle, wo
sich die Vorrichtungen des Beichthrens befinden ... Das Kloster war von keiner
zu strengen Regel ... Einige der Schwestern widmeten sich der Erziehung im
Waisenhause, wohin sie durch ein Gewirr von Gngen gelangen konnten ... Die
Annherung des hochgefeierten Priesters schien Himmelsmanna fr die verhungerten
Seelen ... Da und dort tauchten eilende Gestalten auf hinter den Gittern der
kleinen Kirche ... Leben und Bewegung, wenn auch geisterhaft und leise, regte
sich ringsum ... Dicht am Tabernakel befand sich ein Zimmer ... Hier konnte sich
Bonaventura ungestrt allein angehren ... Ein Zugfenster zurckschiebend, sah
er in einen dstern Gang, von dem ihn ein einfaches, nicht wie am allgemeinen
Sprachgitter bliches doppeltes Gitter trennte ... Die Nonnen treten nicht frei
in die Kirche. Sie wohnen selbst der Messe nur durch die vergitterten greren
und kleineren Mndungen ihres Klostergebudes bei ... Hier und da diente ein
kleiner Ausbau aus der Kirche ins Kloster zu Beichten, wenn deren mehrere zu
gleicher Zeit zu nehmen waren bei etwaiger Ueberfllung an Bewohnern ...
    Bonaventura nahm in einem dieser kleinen Glasksten Platz, whrend sein
Akoluth Vorrichtungen traf zur Messe, die er hier morgen halten wollte ... Mit
dem Pfingsttage naht die sterliche Zeit ihrem Ende ... Schon waren die drei
Bitt-Tage vorber. Die morgende Vigilienfaste gehrte diesem Kloster als ein
ganz besonderer Grndungs- und Seelenluterungstag ...
    Es war drauen hei, in der Kirche khl ... Hinter einem Gitter, das
Bonaventura nicht ganz bersehen konnte, saen die Harrenden in ihren braunen
Kutten mit leichten weien Mnteln und weien Schleiern, einen schwarzen
ledernen Gurt um den Leib ... Von jeder, die sich ihm nahte, hrte man auf dem
steinernen Boden das Knarren der groben Lederschuhe, die anderswo die heilige
Therese entfernt hat, als sie aus den Karmeliterinnen Barferinnen machte, wie
ihr Freund, der heilige Petrus von Alcantara, den Orden der Franciscaner
verschrfte ...
    Wer sollte glauben, da auch diese abgeschlossene Frauenwelt Erlebnisse zu
berichten hatte ... Ihre Verrichtungen waren so einfach ... Gebet, Messe, Essen
und Trinken, weibliche Arbeiten, Singen, Beten und Schlafen ... Das war die
Ordnung jedes Tages, etwa bei vier oder fnf ausgenommen, die Unterricht gaben -
eine Licenz, zu deren Erlangung bis nach Rom hin hatte berichtet werden mssen
...
    Nach den ersten fnf oder sechs Beichten, die schon die Zeit bis fast gegen
elf Uhr einnahmen - Treudchen Ley mute als Neuling bis zuletzt bleiben -
bersah der still horchende und murmelnde Mrtyrer schon das ganze Seelenleben
eines Nonnenklosters ... Die hochbetagte Oberin sprach wie ein Kind ... Sie
schien seit Jahren dieselben Fehler zu bekennen ... Sie hatte am Rosenkranzgebet
einzelne Kugeln bersprungen ... Sie hatte um des geliebten Schlafes willen sich
einigemal krank melden lassen ... Sie hatte bei einem Ueberma von Fliegen in
ihrem Zimmer sie durch eine Jagd getdtet in den Zwischenpausen ihrer - Gebete
... Alledem sprach Bonaventura milde und den Fehl eigentlich in anderm suchend,
als die Beichtende .... Da seine Gewohnheit war, durch eine pltzliche Querfrage
eingelernte Beichten zu durchkreuzen und lehrreiche Stockungen des Gewissens
hervorzubringen, so gestand ihm auch diese gute alte Frau zuletzt ein, da sie
allerdings in Streit und Zank lebte ... Zunchst galt dann das Bedrfni der
Neue ber leidenschaftliche Ausbrche ihres Temperaments einer - Henne, die
regelmig vom benachbarten Profehause der Jesuiten ber die Mauer flog und
durchaus ihre Eier hier bei den Karmeliterinnen im Garten legte. Um diese Henne
und um diese Eier war das ganze Kloster in Aufruhr! ... Die Aufwrterin von
drben, die Hanne Sterz, begehrte von der verflogenen Henne die Eier und im
Kloster war man verschworen, sie nicht herauszugeben, die Vicarin ausgenommen,
Schwester Therese ... Das war nun die groe, wochenlang alles ergreifende Frage
unter diesen Frauen ... Daran waren alle betheiligt ... Wie oft sa Bonaventura
zu St.-Wolfgang in seiner Jasmin-und Nachtviolenlaube und las die Worte der
Braut im Hohen Liede: Erquicket mich mit Blumen, labet mich mit Aepfeln, denn
ich bin krank vor Liebe! oder er bersetzte Lope de Vega's Sonett von jenen
beiden Frauen, von denen Eva sogleich nach reisen Aepfeln griff und alles
verlor, Maria aber nur nach der knftigen Blte aus der Wurzel Jesse und alles
gewann - Renate konnte aber auch da whrend dessen mit den Nachbarn um Aepfel
zanken, die ber den Zaun gefallen waren, um Trauben, die bei ihnen reisten,
whrend der Stamm im Pfarrgarten stand ... Auf alles das ist ein katholischer
Priester auch in der Beichte gefat ... Da sich aber auch ein Kloster von
achtzehn Bewohnern um die Eier einer Henne in Gewissensscrupeln befand,
entsetzte ihn - um Paula's willen ...
    Die Schwestern drften die Eier der Gartenverwsterin und
Klosterfriedensbrecherin dem Nachbar vorenthalten, entschied er, wenn sie dies
in der Absicht, zu strafen, thten und die nachlssige Besitzerin der Henne
gewhnen wollten, ihre Henne besser zu hten ... Sie wrden es aber
wahrscheinlich mit Schadenfreude gethan und sich am Besitz der Eier listig
erfreut haben ... Da wre es denn freilich ein Raub ... Sammeln Sie jetzt die
Eier und sind es ihrer jedesmal eine Mandel, so schicken Sie sie nebenan ins
Waisenhaus! ...
    Als die Aebtissin mit diesem Bescheid gegangen war, kamen die alten Nonnen
zuerst ... Das Warten schien ihnen beschwerlich zu fallen ... Rother hatte es
auch so eingefhrt, wahrscheinlich, um sie rascher zu entfernen ... Fanatismus
fr Formalitten, wie er namentlich im ehelosen Stand die Frauen mit der Zeit
alle Stadien der Qual fr sich und andere durchmachen lt, sprach sich
umstndlich genug aus ... Einige hatten dabei ein nervses Zucken, andere eine
Sprechweise, die vor Ueberhastung nicht einen einzigen geordneten Satz
vorbringen konnte ... Dann hatte die Art, wie die von ihm auferlegten Buen
sofort ausgefhrt wurden, wenn er den sich Entfernenden nachsah, etwas
Erschreckendes durch den Mechanismus und den eiligen Eifer der Formalitt ohne
jeden Duft der Innerlichkeit ... Das Schnste am Weibe, die scheue Unsicherheit
in solchen Bewegungen, die der Natur und dem sonstigen Triebe des Weibes
widersprechen, fiel hier weg ... Das Zusammenleben in einem weiblichen Freistaat
hob die Grazie auf, die aus dem Zusammenleben mit Mnnern entspringt ... Er sah
eine Nonne eine Betglocke an Stricken so hastig ziehen, wie eine Magd den
Brunnenschwengel regiert, wenn ihr Salat wartet ... Alles wurde mit dem
reizbarsten Fanatismus hervorgebracht; die Regel der Tagesordnung, der Kche,
der Bekleidung, des Backens, das Scheuern, Beten, Singen und Gewinnen von Geld
durch weibliche Arbeiten, wie Blumenmachen, Stickereien, Wschenhen und
-zeichnen - alles wie im Krampf ... Eine beaufsichtigte die andere und ganz
ersichtlich war es, da hier nur die geringeren Seelenthtigkeiten des Menschen
in bestndiger Erregung blieben ... Man denke sich die alte Mnchsregel, die
einst Sebastus zu Bonaventura wiederholte: Wir Mnche kommen zusammen und
kennen uns nicht, wir leben zusammen und lieben uns nicht, wir sterben zusammen
und beweinen uns nicht! - angewandt auf Frauen ... Das weibliche Herz
verknchert, das angeborne Bedrfni der Liebe erstarrt! ...
    Die Schulschwester Beate und die Vicarin Therese folgten sich unmittelbar
... Wie war jene so hlich mit ihren Zahnlcken ... Und dabei war sie die
Einzige, die dennoch zu lcheln versuchte - mit Wehmuth zu lcheln ... Sie hatte
noch Formen des Zusammenhangs mit der Auenwelt ... Vorzugsweise schien der
Geist der Intrigue in ihr mchtig zu sein ... Sie allein klagte Rothern an ...
Sie sagte, sie wre durch die Reihe der Jahre gewohnt, das Sakrament der Bue zu
leicht zu nehmen ... Sie schlge sich oft mit der Geiel um Fehler, die sie nur
so eingestnde, um vor den andern nichts voraus zu haben ... Bonaventura lie
sich nicht irre machen, er rttelte an der nur halbgeffneten Thr des Gewissens
und sah bald, der hinterhaltige Sinn des starkwilligen Mdchens ffnete nicht
... Sie blieb bei Oberflchlichem und mute, da sie zuletzt nur noch gestand,
ihr Herz wol zu sehr an ein Hndchen gehngt zu haben, hren, da dies
allerdings eine Snde wre, wenn sie dem Hunde die Liebe schenkte, die sie den
Menschen versagte ... Voll Unmuth und Staunen ber dies Wort erhob sie sich nach
der ihr auferlegten Bue, drei Tage lang im Waisenhause fr sich allein, ohne
Bericht an die Direction, nie einen Fehler mit Zchtigungen zu bestrafen,
sondern nur mit Worten ... Bonaventura hatte ihre Heftigkeit erkannt ... Sie
verschwand eilends nach einer entgegengesetzten Seite hin, als die andern Nonnen
...
    Schwester Therese, die ehemalige Freiin von Seefelden, war klein und bla
und schien mehr von Ergebung, als von Seelenschmerz verzehrt ... Sie gehrte
scheinbar jener seltsamen Stimmung ihrer Standes-und Stammgenossen an, die die
Begriffe der Etikette, Conduite, Tournre vom Leben auch ohne alles weitere
Nachdenken auf das Verhltni zum geoffenbarten Gott und zur Kirche bertragen
... Auch sie zeigte zunchst kein besonderes inneres Leben. Sie hatte nur
Formfehler zu beichten und Nachlssigkeiten, die sie sich in ihrem Unterricht zu
Schulden kommen lie ... Bonaventura rieth nur auf sie aus der feinern
Sprechweise und dachte sich: Das ist also die Nonne, von der eine ganze
Landschaft spricht und der sich Paula als Freundin zu nhern hofft! Welch ein
Nimbus umgab sie aus der Ferne und nun - wie war auch sie schon abgestorben -
schon so schattenhaft geworden - ...
    Am Schlu der Beichte, die ihn Zweifelhaft lie, ob er wirklich mit der
Verlobten des Pater Ivo, des Mariensngers, gesprochen, rhrte ihn die
Selbstanklage, da sie sich freute ber jeden Tag, wo im Waisenhause der
Schulunterricht ausgesetzt wre ... So auch auf morgen ...
    Widmen Sie sich dieser Thtigkeit nicht mit voller Befriedigung? ... fragte
Bonaventura ...
    Nein - lautete die zgernd gegebene, aber aufrichtige Antwort ...
    Bonaventura tadelte eine solche Geringachtung der Versung des
Klosterlebens ...
    Hochwrdiger Vater, sprach Schwester Therese, das Kloster und das Leben
gehen nicht Hand in Hand ... Wir sind Erzieherinnen, ja - aber die rechte
Erziehung, die Erziehung zur Freiheit des Lebens kann nur von der Freiheit
kommen ... Die Kinder wollen dem Leben erzogen sein und wir kommen nicht aus dem
Leben ...
    Mein Kind, entgegnete Bonaventura nichtzustimmend, jeder Christ mu in
seinem Innern eine Stelle haben, um die es nur allein wie der Friede eines
Klosters weht ... Selbst im rauschendsten Gewhl des Lebens, selbst im hchsten
Genu der Kraft und der Freude soll die Christenheit etwas achten, was ungefhr
dem Leben mit ewig bindenden Gelbden gleichkommt ... Fr diese heilige Stelle
im Gemth erzieht man berhaupt und erziehen Sie ... Selbst die Mtter knnen so
nicht erziehen, wie die Erzieherin ... Die Mutter steht zu sehr unter dem
Eindruck des eigenen Lebens, um Kindern immer allein den Werth des Hohen und
Gttlichen und der von allem Erdenwust befreiten Bildung zu vergegenwrtigen ...
Wollen Sie nicht in diesem Geiste erziehen? ...
    Schwester Therese blickte einen Moment mit leuchtenden Augen auf und ging,
wie es schien, ermuthigt fr ihr langsames Sterben im Kloster ...
    Bonaventura sah ihr voll Wehmuth nach ... Er hatte den Schmerz, sich sagen
zu mssen: War denn dein Wort auch wol mehr, als nur eine Phrase? ... Du
frchtetest zu hren, da selbst das Lehren und Unterrichten der Jugend einer
vom Leben getrennten Kaste nicht gebhre; du frchtetest, da dir wol gar noch
die letzte Glorie des Klosterlebens, die Krankenpflege, als Anhalt deines
glubigen Sinnes entzogen wrde? ...
    Zum Nachdenken ber solche Zweifel blieb indessen keine Zeit ... Neue
Stimmen murmelten schon ... Kleinigkeiten und Kleinigkeiten ... Rother gehrte
zu denen, die da lehrten: Die Kirche will alles, auch das Kleinste wissen! Was
ist kleiner, predigte Beda Hunnius ber die Beichte, als Regentropfen! Und
dennoch entstehen daraus Strme, die Huser niederreien! Was ist kleiner, als
ein Sandkorn! Aber berladest du ein Schiff damit, so wird es in den Abgrund
fahren! Und darauf hin verlangte er in der Beichte jeden Regentropfen und jedes
Sandkorn aus dem Privatleben seiner Gemeinde zu wissen ...
    Wie sprach da wieder Eine mit der Geschwindigkeit einer Flattermhle, die im
Korn die Spatzen verscheuchen soll ... Welche Flle von Snden gab es auch noch
unter den Heiligen ... Die ganze Stufenfolge der sieben Todsnden, der sechs
Snden in den Heiligen Geist, der vier himmelschreienden Snden und der neun
fremden Snden ... Und als kannte die Schwester Kchenmeisterin vollkommen die
Unterscheidung dieser neun fremden Snden, in welchen der Mensch erstens zur
Snde rathen, zweitens die Snde befehlen, drittens in die Snde einwilligen,
viertens nur passiv zu ihr reizen, fnftens die Snde loben, sechstens zu ihr
stillschweigen, siebentens dieselbe bersehen, achtens selbst daran theilnehmen
und neuntens sie bei etwaigem Anla blos vertheidigen kann - so blitzten alle
diese Facettirungen der Jesuitendialektik auf in der Klage ber die Verhltnisse
des Marktes, der Speisekammer, des Backens, des dabei vorgekommenen Naschens und
aller mglichen Sorglosigkeiten ... Hier tauchten jetzt auch zwei halb- und drei
ganze Novizen auf und im sprudelnden Mittheilungsdrang zum ersten male mit
Namennennung Treudchen Ley, die nach Bonaventura's Warnung, Niemand zu nennen,
dann als die Kostgngerin bezeichnet wurde ...
    Manches Wort aus dem lebensklugen Jesus Sirach, dem Montaigne und Knigge der
Bibel, war eigene wie fr die Schwester Kchenmeisterin geschrieben ... In ihren
Bekenntnissen liefen ganz harmlos auch die Schsseln mit unter, die im Kloster
fr Cajetan Rother zubereitet und in seine Wohnung geschickt wurden ... Am
Sprachgitter der Eingangspforte muten Schachteln und Krbe immer unterwegs
sein, denn selbst seine Wsche lie der Pfarrer im Kloster waschen - soda es
Bonaventura nicht Wunder nehmen konnte, von der folgenden Nonne, die die
Schwester Wschmeisterin war unter den heiesten Thrnen ein Bekenntni zu
erhalten wo pltzlich wieder Namen fielen wie Eva und Apollonia Schnuphase ...
    Die Wschmeisterin beichtete:
    Vor vierzehn Tagen kam ein Korb auf einer Kare vor der Thr des Klosters und
so schwer stand am Gitter, da die Damen Schnup -
    Keine Namen! sagte Bonaventura ...
    - die gerade im Kloster waren, selbst, sie vor dem Gitter zu heben,
angreifen muten ... Sie sagten, es wren lauter neue Servietten fr die Wirthin
Zum goldnen Lamm ... Sie wollten den Korb zum Zeichnen in die Zelle der
Gertrud Ley tragen ...
    Keine Namen! wiederholte Bonaventura aufs strengste ...
    Ich sehe den groen Waschkorb und sage: Die Zelle der Kostgngerin ist dafr
nicht gro genug ... Der Korb mu in die Nhstube ... Die beiden Frulein
widersprachen ... Ich werde darber zornig und sage: Ich denke, ich bin hier die
Wschmeisterin! Nun ergaben sich die Damen - Sonst so hochmthig und vornehm -
heute trugen sie mit ihren feinen Hnden und Handschuhen den Korb selbst und das
fiel mir auf ... Durchaus wollten sie damit zur Kostgngerin ... Diese war im
Chor ... Sie lernte singen ... Wie die beiden Frulein so durchaus den schweren
Korb, statt in die Wschstube, an der wir schon standen, in die Zelle bringen
wollten und niemand auf dem Gange war - die Schwestern waren alle im Chor -
sagte ich und schon mit Furcht und Ahnung zu dem Frulein Eva, der Aeltesten: -
Was ist das heute mit dem Korb? Gleich machen Sie auf! ... Da wurden die Mdchen
bla wie die Wand und nun ich das sah, da ri ich selbst den Korb auf und -
heiliger Joseph! - statt Wsche stak - eine Mannsperson unter dem Deckel ...
    Bonaventura mute der Bekennerin Kraft zur Sammlung lassen ...
    Ich wei nicht, hochwrdiger Vater, fuhr sie fort, wo ich es hergenommen
habe, da ich nicht sofort in Ohnmacht fiel ... Ich schrie: Herr! Verlassen Sie
jetzt nicht sogleich auf demselben Wege, wie Sie hereingekommen sind, so auch
wieder hinaus dies Heiligthum unsrer allerseligsten Jungfrau und des
gekreuzigten Jesus, so zieh' ich hier an der Glocke und rufe das ganze Kloster
zusammen ... wehe dann Ihnen und Ihren Helfershelferinnen - Und Sie, meine
Frulein, wandte ich mich zu diesen - Aber nun konnte ich nicht weiter ... Die
beiden Nichtswrdigen fielen in die Kniee und baten um alle Wunden Jesu, sie
nicht zu verrathen ... Ein Glck fr sie, da die Orgel so laut ging ... Der
junge Mann stand noch im Korb und wollte herausspringen, zog auch eine volle
Brse, die er mir in die Hnde drcken wollte ... Nein, schrie ich, danken Sie
allen heiligen Mrtyrern und Bekennern, da die Schwestern im Chor singen und
die Nhstunde schon geschlossen ist ... Entfernen Sie sich augenblicklich! ...
Damit drckte ich den jungen Mann, so vornehm und stark er war, wieder in den
Korb hinunter, zwang ihm den Deckel ber den Kopf und die beiden Damen muten
ihn selbst wieder an beiden Henkeln zum Sprachgitter hinausschleppen, wo sie
sich bald damit verhoben htten, um ihn nur an die Oeffnung hinaufzubringen ...
Da waren denn zwei Kerle, die schon auf alle Flle bereit standen, nahmen die
Last wieder an sich und trugen sie zur Strae hinaus wieder auf die Karre ...
    Bonaventura konnte bei diesem auf Treudchen berechneten Besuch nur an Piter
Kattendyk denken ...
    Und Ihre Snde? ... fragte er nach einer Weile, ohne sich das Bild: Piter im
Waschkorb, in seinem komischen Effect - zu lange auszumalen ... Er fhlte sogar
Antheil der Freude ber einen Beweis so groer Liebe, die Treudchen hatte
gewinnen knnen ...
    Snde? Da ich den Vorfall - verschwieg - sagte die erschpfte
Wschmeisterin ...
    Verschwieg? Einer pflichtgetreuen That soll man sich gegen niemanden rhmen
...
    Mu das Kloster nicht geshnt werden? ...
    Nein ...
    Die beiden ruchlosen Frauen kommen noch immer und ich lass' es zu ...
    Sie werden sich bessern ...
    Als der Korb und die Frauen hinaus waren, rannt' ich umher wie sinnlos und -
    Muten es los werden? ... Erzhlten es also doch? ...
    Die Beichtende schwieg ...
    Sie waren mir also jetzt eben unwahr! ... Das ist ein Frevel - ich will ihn
verzeihen ... Die natrlichste Mittheilung, die Sie jedoch machen konnten, war
die bei dem armen Kind, dessen Ruf durch diesen Vorfall so heillos bedroht wurde
... Thaten Sie das?
    Der Pfarrer hat -
    Die Stimme stockte ...
    Dann ergnzte sie zagend:
    Hat befohlen, ihr davon nichts zu sagen und - ohnehin - mit ihr kein Wort zu
sprechen, das nicht - heilig ist ...
    Bonaventura konnte nicht die Befehle seines Vorgngers brechen ... Er konnte
ohne Gefahr fr die geistliche Wrde nicht fragen: Warum nur Geistliches mit
Treudchen Ley? ... Er half sich wie fter in diesem Theil seiner rmischen
Zauberkunst und hielt sich an die Gesinnung, die sich eben, im Bekennen,
offenbarte, nicht an den schwierigen Fall selbst ... Er hatte die Nonne auf
Lgen ertappt ... So sprach er denn von dem bedenklichen Vorfall selbst nicht
mehr, sondern von der Wahrheit, deren Umgehung schon Adam mit Nachtheil sich
htte zu Schulden kommen lassen, als er den Genu der verbotenen Frucht auf Eva
schob, und schon Eva, als sie die Schuld wieder der Schlange zuschrieb ... Die
Lge der Lgen nannte er es aber, wenn man mit dem ausdrcklichen Schein, wahr
sein zu wollen, dennoch lge ... Er legte der Wschmeisterin eine Bue auf, die
seiner immer mehr zunehmenden Reizbarkeit und dem Verdru, da hier Alle etwas
ausgeplaudert bekamen und nur Die nicht, der dadurch ein Beweis entging, wie
sehr sie geliebt wurde, entsprach ... Er befahl ihr, sich der nchsten Beichte
der - Kinder im Waisenhause anzuschlieen, und sagte:
    Mein Kind! Als Erwachsene lerne etwas bei dir behalten! ...
    Die Wschmeisterin entfernte sich mismuthig ...
    Das Luten einer Glocke, die eine Nonne mit der schon geschilderten Hast
zog, zeigte Bonaventura an, da er schon drei Stunden im Holz der Bue
gesessen hatte ... Nur die Spannung, ob denn nicht endlich auch Treudchen Ley
erscheinen wrde, gab ihm Kraft, noch auszuharren ...
    Da sah er denn endlich den Gang daher kommen eine kleine Gestalt im braunen
Kleide - unverschleiert ... Ein Hubchen bedeckte den Kopf, der ihm aus dem
Dunkel des Ganges allmhlich erkennbar wurde ... Ein halbes Jahr hatte die
lieblichen Zge des jungen Kindes, das schon so viel des Trben erfahren hatte,
mit melancholischer Verhrmung angehaucht ... Die blonden Haare, die bald unter
der Schere der Klosterregel fallen sollten, waren in der unkleidsamen Haube
versteckt ... Um so edler traten die Formen des blassen Antlitzes selbst hervor
... Die Melancholie hatte ihnen nichts von der angebornen Schnheit nehmen
knnen ...
    Treudchen nherte sich mit gefalteten Hnden ...
    Sie schien von einem Gebet zu kommen und leuchtete wie eine Verklrte ...
    Hoffnungstrahlend und doch zaghaft schritt sie nher und legte jetzt, wie
Bonaventura sah, mit ausbrechenden Thrnen ihr Haupt auf das Holz, einer
Verbrecherin hnlich, die den Todesstreich erwartet ...
    Was geht nur in dieser kindlichen Seele vor? dachte sich Bonaventura ...
Welche Verwstungen hat ein ruchloser, langsam, aber sicher whlender Priester,
der sie ohne Zweifel in diesem Kloster festhalten will, in ihr angerichtet? ...
    Schon hatte Bonaventura, da Treudchen noch schluchzte, angefangen aus ihrer
Seele zu beten und, wie sie fr die Beichte gelehrt war, den Heiligen Geist
anzurufen, der dem Menschen erleichtere, sich selbst zu erkennen - da vernahm er
hinter sich in der kleinen Kirche ein auffallendes Gerusch ...
    So wenig ihn sonst beim Spenden des Busakraments Reden, Singen, Wandeln in
der Kirche zu stren pflegte, jetzt mute er sein Haupt von der
zusammengeschlagenen Stola erheben ... Er hrte einen lebhaften und unziemlichen
Wortwechsel zweier Mnnerstimmen ...
    Sein eigener Akoluth war es, der ihn begleitet hatte, und der Mener vom
Berge Karmel drben, die miteinander stritten ...
    Kaum hatte Bonaventura einige Worte unterscheiden knnen, ohne ganz die
Ursache des Streits zu verstehen, als sich beim Umwenden seinem Auge der
schreckhafte Anblick eines im Meornat daherkommenden Priesters darbot, der,
kaum sich aufrecht erhaltend, an den Chorsthlen mit den Hnden entlang tastete
und sich aus ihn zuschleppte ... Ein langes Scapulier hing ihm wie einem Mnch
von den Schultern herab bis an die Knie ... Es war ein Abbild des bekannten
Scapuliers, das die allerseligste Jungfrau im 13. Jahrhundert einem General der
Karmeliter verehrte und mit dessen Nachahmung behangen jeder Sterbende den
seligen Tod gewinnt ... Der Pfarrer vom Berge Karmel war es selbst, Cajetan
Rother ...
    Sonst eine hohe, wohlgenhrte, mit glhenden Augen ein Bild des Lebens
darstellende Persnlichkeit ... Heute dahinschleichend, gelb, von Fieberflecken
entstellt und offenbar eben aus dem Krankenbett gekommen ... Gerufen vielleicht
durch die beiden intriguanten Nonnen ... Er taumelte unsicher und in jeder
Bewegung wie zum Zusammenbrechen ...
    Bonaventura bersah sofort, da auch diese ble Nachrede seines Glaubens,
da die Beichtvter der Nonnen von heftigster Eifersucht gegeneinander entbrannt
sein knnten, keine Fabel war ...
    Der Zorn, die Ungeduld, vielleicht auch die Furcht, vielleicht eine Anzeige
der Nonnen, hatten den Mann vom Lager getrieben ... Ein fremder Wolf bricht in
deine Hrde! stand auf seinem verzerrten Antlitz ... Er erschien begleitet von
seinem Mener, der gegen Bonaventura's Akoluthen schon seinen frechsten
Einspruch erhoben hatte, und redete, erst noch mit gezwungener Freundlichkeit,
heiser, vom dumpfhohlen Husten unterbrochen, auf drei Schritte den sich erstaunt
erhebenden Bonaventura an:
    Mein Herr Bruder! Ei danke! Danke! ... Ich bin ja gesund und wieder wohlauf
... Bitte! ... Sie sind - ja - sehr rasch und - auch hier wieder mein Nachfolger
geworden - Ich erfahre das - soeben erst - Bitte - Erlauben Sie - ...
    Bonaventura ging ihm entgegen und ergriff seine Hand, die sich eiskalt
anfhlte ... Sie sind krank - sprach er ... Ich beschwre Sie - Gehen Sie nach
Hause - ...
    Mit knstlicher Kraftuerung schlug der Pfarrer an seine Brust und sprach
so laut, da es in der Kirche weithin schallte:
    Gesund bin ich! ... Danke, Herr Bruder! ... Mit Gott! ... Mit Gott! ...
Adieu! ...
    Schon drngte er zu dem Gitter, in welchem Treudchen's Haupt unbeweglich lag
und nicht aufblickte ...
    In Bonaventura's Innerm whlten alle Schwerter des Schmerzes ... Auch das,
auch das ist mglich - bei unserm Priesterthum! ... Dein heiligster Name, Jesus
von Nazareth, wird in solchem Mund zur Lsterung! ...
    Bei dem Gedanken, da dieser ruchlose Priester nur verzweifelte, Treudchen
Ley knnte einem andern vertrauen, was ihre Seele belastete, ergriff es ihn mit
solcher Wallung des uersten Zornes, da er, nichts mehr achtend von dem, was
er sonst, selbst mit Bekmpfung seiner Ueberzeugungen, zu schonen pflegte, rief:
    Sie unterbrechen eine heilige Handlung, die ich bereits begonnen habe ...
Nach einer Stunde berla' ich Ihnen den Sitz in diesem Stuhle ... Jetzt aber
gehen Sie! ...
    Die Hnde des Pfarrers griffen krampfhaft am Scapulier hin und her und
wickelten sich bald in das lange Tuch hinein, bald aus ihm heraus ... Der
Fiebernde konnte kein Wort gewinnen ... Die beiden Diener standen wie auf der
Flucht in einiger Entfernung ... Bonaventura hatte noch die Selbstbeherrschung,
am Gitter das Schiebfenster zuzuziehen und Treudchen von dieser unwrdigen Scene
zu trennen ...
    Herr Domkapitular! ... sprach Rother mit hmicher Betonung der ihm
vorgesetztem Wrde und tastete dabei zitternd nach dem Eingang in den kleinen
Ausbau ... Es war eine Scene, die Bonaventura an sein Erlebni mit dem Habicht
erinnerte, dessen Fnge sich, wie ihn Pater Sebastus in der kleinen dunkeln
Kapelle beim Kreuzgang der Kathedrale ergreifen wollte, ebenso an die
Altarsulen festgeklammert hatten, whrend der Raubvogel mit umgewandtem Kopf
dmonisch seinen Angreifer anstarrte ...
    Sich sammelnd, hauchte er jetzt leise:
    Sie erinnern mich zur rechten Zeit an meine Wrde! ... Ich befehle Ihnen -
mir die Functionen zu lassen, die mir die Curie bertrug ...
    Nun aber lachte Rother hellauf und zog unter seinem Scapulier einen Brief
hervor, rief seinem Mener, hielt den Brief in die Hhe und krchzte mit
heiserer Stimme:
    Da, Fangohr! ... Tragen Sie - den Brief sofort in - die Curie ... Die Kirche
mu neu geweiht werden - das heilige Holz - exorcisirt -! ... Diese reinen
Seelen meiner Himmelsbrute - verfhrt mir ein - Magnetiseur -! ...
    Dies Wort wurde von dem sich Kraftgebenden wie eine Waffe geschleudert. Ein
Wurfspie konnte nicht drohender fallen. Der Brief war ein Protest des Pfarrers,
den er schriftlich aufgesetzt hatte, und Fangohr, sein Mener, ergriff ihn, um
ihn zum Generalvicar zu tragen ...
    Bonaventura stand starr ... Nichts mehr hrte er von alledem, was in
fieberhafter Hast, mit frostklappernden Zhnen der selbst in Todeskrankheit noch
unbndige Mensch an Verwnschungen und Anklagen gegen ihn schleuderte ... Ein
dumpfes Brausen benahm ihm die Besinnung ... Alles um ihn her schwankte ...
Seine edelsten Empfindungen waren entweiht, seine heiligsten Gefhle auf die
Strae geworfen ... Einen Augenblick zuckte seine Hand, dem Mener die Schrift
zu entreien ... Dann beherrschte er sich, ordnete seine in Verwirrung
gerathenen Gewnder und verlie, ohne ein Wort der Erwiderung, vom tiefsten
Entsetzen durchrieselt, eine Sttte, auf die das Wort des Heilands gepat haben
wrde: Ihr macht mein Haus zur Mrdergrube! ...

                                       3.


Schon nach einigen Tagen zeigte sich die Wirkung der nunmehr offen
ausgesprochenen Anklage ...
    Die geheimen Mchte, die alles Edle und Bedeutende in dieser Welt umwhlen,
hatten endlich die Achillesferse des bisher so Unverwundbaren gefunden ...
    Wer die Anklage zuerst formulirt, sie verbreitet hatte, war nicht zu sagen
... War es Frau von Sicking? ... In solchen Dingen macht sich alles von selbst
und namenlos, bis dann einer hervortritt und fr alle redet ...
    Die Nachricht ber den Vorfall im Kloster verbreitete sich blitzesschnell
... Die Mehrzahl sprach ber den allgeliebten Priester ihr Bedauern aus und doch
- das Mitleid ist ein Zoll, der, wenn auch mit noch so voller Hand gereicht,
keine Zinsen trgt ... Ein Gefhl des Beistandes mu fruchtbar, mu die Liebe
mehrend sein ... Hier stockte alles und im negativen Bedauern - verlor der junge
Priester ...
    Bonaventura, dessen ganzes Leben unter Roms Magie litt, war nun selbst ein
Magier geworden ... Man theilte ihm die Anklage des Pfarrers vom Berge Karmel im
Original mit ... Wie im Geist des Mittelalters stellte eine zitternde
Handschrift Beschwerde ber die Wahl dieses Stellvertreters, der ihm seine
Beichtseelen beschdige ... Der Domkapitular von Asselyn htte in Witoborn die
Grfin Paula von Dorste-Camphausen magnetisirt, htte dadurch Visionen veranlat
und da man den Geist, aus dem diese Thtigkeit der menschlichen Hand sich
offenbare, noch nicht zu erkennen vermge, da die Kirche trotz einzelner
Beispiele der Anerkennung und Heiligsprechung der Prophetengabe doch ber alles,
was an Zauberei erinnere, den Stab breche und mit Moses Zeichendeuterei und
Aberglauben verwerfe, so msse er das Heil seiner Beichtkinder wahren und
wnschen, da die Seelen der Nonnen am Rmerweg vor der Berhrung mit einer so
gefhrlichen Natur, wie die des Domkapitulars, behtet wrden ...
    Diese Warnung vor Aberglauben kam aus dem Mund eines Mannes, der ein
Scapulier trug, das den Sterbenden den Tod erleichtern soll! ... Aus dem Mund
eines Mannes, den Bonaventura vernichten konnte, wenn die Gesetze Roms die
Mittheilung dessen gestatteten, was ein Priester aus der Beichte wei! ...
Selbst die Frevel jener Verbindung der Schnuphases mit dem Kloster durften von
ihm nicht angezeigt werden ... Und htte Trendchen Ley gestanden, was sie, sie
vollends drckte - mute er nicht auch da schweigen? ... Das sah Bonaventura
deutlich, was ihm diese Aermste hatte gestehen wollen ... Unter dem Schein der
Religiositt hatte der Seelenmrder das zur Schwrmerei geneigte Kind mit
geistlich-sinnlichen Vorstellungen erfllen wollen ... Er hatte ihr Beten,
Fasten, Kasteien in Formen vorgeschrieben, die unsicher auf der Grenzlinie
zwischen Demuth und Schamlosigkeit hingingen ... Die furchtbarsten Strafen des
Himmels hatte er ihr ohne Zweifel angedroht, wenn sie verriethe, was er sie
lehrte, um dem Erlser mit seinen blutenden Wunden auch krperlich hnlich zu
werden ... Angst um ihre Geschwister im Waisenhause, Verehrung vor
Priesterhoheit und Priesterunfehlbarkeit berhaupt hatte das ungebildete Kind
mit widerstrebenden Gefhlen zur Sklavin seiner Autoritt gemacht ... Das alles,
Bonaventura wute es, war bei einem Cajetan Rother mglich und Treudchen Ley
litt unter nichts anderm ... Der alte Pater Sylvester, von dem Serlo's
Denkwrdigkeiten erzhlten, hatte in seiner Weise im Seminar alle diese alten
Methoden, Heilige zu machen, mit kindisch raffinirter Naivett erzhlt ...
    Nck, der geistige Bundesgenosse solcher Frevel, und Lucinde umflatterten
ihn wie mit schwarzen unheimlichen Schwingen ... Wieder erhielt er anonym
folgende Zeilen:
    Sie werden von der Beichte suspendirt werden ... Um dies zu vermeiden, rth
man Ihnen, selbst Vacanz zu begehren, um eine Reise zu machen ... Nur gehen Sie
nicht nach Witoborn, wodurch Sie das Uebel vermehren wrden, gehen Sie nach
Kocher am Fall ... Uebernehmen Sie die Auftrge nach Wien, so gilt dies fr
einen Bruch mit der Regierung ... Doch wie Sie wollen; nur folgen Sie mit
Vorsicht den Rathschlgen Nck's ...
    Der Athem stockte dem Priester beim Lesen ...
    Nck begegnete ihm auf der Strae und rieth ihm, fr immer mit diesem Staat
zu brechen ... Wir mssen alle an Oesterreich halten! sagte er ... Fort! fort!
...
    Was sollte Bonaventura thun! ... Der Rath Lucindens war klug, beachtenswerth
... Aber ein Rath aus diesem Munde! ... Nck's Absicht, ihn fr immer zu
entfernen, war unverkennbar ... Man kam ihm wieder mit dem Auftrag, nach Wien zu
gehen ... Er sollte dem erwarteten Cardinal Ceccone und dem Staatskanzler die
Vermittelung mit Rom und dem Landesfrsten, die Befreiung des gefangenen
Erzbischofs, dem die Kirche zum irdischen Ersatz fr seine Mrtyrerkrone den
Cardinalshut schicken wollte, aufs dringendste ans Herz legen ... Bonaventura
war wie Benno ein Gegner der Waffengewalt, die die Regierung angewandt hatte ...
Dennoch gingen sie beide so wenig mit dem Geiste, aus dem Nck alles leitete und
einfdelte ...
    In dieser zagenden Ungewiheit theilte ihm Kanonikus Taube, der Hausfreund
der Kattendyks, im Ton des Bedauerns die Nachricht mit, da man ihn bis zur
Entscheidung der Frage ber den Magnetismus durch die Pnitentiarie in Rom ohne
Zweifel vom Beichtstuhl entbinden wrde ... Er mchte sich, setzte der Weltkluge
hinzu, rasch zur wiener Mission entschlieen ... So entginge er allen seinen
Neidern und Feinden ... Der Regierung bliebe er ja doch unter allen Umstnden
anstig, wie jetzt smmtliche Priester, die adelige Namen trgen ... Bleiben
Sie so lange in einem Donauklster, bis eine Pfrnde offen wird! Ja, es sind die
Tage des Exils! sagte er und ging zur Whistpartie bei der Commerzienrthin ...
    Auf einzelne hervorragende Hupter legt sich in groen Krisen die
Verantwortung. Es sind oft nur Loose des Zufalls. Irgendein Misverstndni,
irgendeine unbegrndete Annahme vertheilt die Rollen. Vollends kann ein
katholischer Priester seine wahren Meinungen und Gesinnungen nicht kund geben.
Bonaventura war gegen den damaligen so nchternen und freiheitsfeindlichen Geist
der Bureaukratie tief eingenommen, er war adelig, galt von frherher noch fr
gespannt mit seinem Stiefvater, dem Prsidenten, war intim mit dem
hervorragenden Adel um Witoborn - wegen alles dessen galt er fr einen Rmling
... Wie konnte er dagegen protestiren! ...
    Der alte Weihbischof bersah seine ganze Lage und rieth ihm gleichfalls,
eine Vacanz zu begehren, um vorlufig in Kocher am Fall den krnkelnden
Dechanten zu besuchen ...
    Benno rieth ebenso ...
    Niemand wute besser, als Benno, wie Bonaventura dazu gekommen war, seine
Hand auf Paula zu legen ... Er wurde dazu gezwungen, um Schmerzen zu stillen ...
Armgart hatte mit Gewalt seine widerstrebende Hand ergriffen und gefhrt ...
Dann war dafr der Oberst an seine Stelle getreten - schon bei dem Mittagsmahle,
wo Paula eine Vision von ihrer Heirath hatte - auch bei seinem Abschied, wo er
sie schlafend fand und sie ihn Bischof nannte ... Alles das - er htte es so
gern vergessen - rief man gewaltsam wieder in seinem Gedchtni wach ... Nach
Witoborn? Das war unmglich ... Aber als Benno dann sagte: Vielleicht
bernehme ich selbst es, dem Cardinal Ceccone und dem Staatskanzler offen unsere
ganze hiesige Lage zu schildern, Nck drngt in mich, da ich seine Proceacten
befrdere - als Bennos fortfuhr und sagte, da es ihn ewig sdwrts zge und er
sich vorkme wie ein Zugvogel, der wider Willen auch den Winter im Norden
zubringen msse, weil ihm die Flgel gebrochen wren; als er sagte, es wre ihm,
als htte er sonst die Sprache Aegyptens verstanden, nun aber kmen die andern
Strche im Frhjahr von der Reise zurck und plauderten Dinge von den Pyramiden,
die er nur noch halb verstnde - da entschlo er sich, einige Wochen in der
Dechanei des Onkels zuzubringen; denn zu mchtig schlug sein Herz, Benno endlich
sagen zu drfen, wo sein wahrer Dachgiebel zum Nestbauen im Norden und im Sden
wre - auf Schlo Neuhof und in Rom ... Vielleicht gab die Pfingstzeit, wo Benno
nach Kocher nachzukommen versprach, die Stunde der Enthllung ...
    So reiste denn Bonaventura nach Kocher am Fall ...
    Er fand den Onkel erregter denn je ...
    Was sich auch seit den Enthllungen ber Benno's Ursprung in des Neffen
Gemth gegen den leichtsinnigen Abb aus der Napoleonischen Zeit festgesetzt
hatte, bald wich es dem edeln und vershnenden Eindruck, den des Onkels
liebevolle persnliche Erscheinung machte ...
    Und nun fand er den Milden, Gtigen in einer fast krankhaften Aufregung und
von allen seinen alten Principien der Gleichgltigkeit besorgniserregend
verlassen ... Um zehn Jahre war er lter geworden, muthloser, verdrielicher,
die Fliege an der Wand konnte ihn ngstigen ... Leicht drohte auch eine
Untersuchung fr den alten leichtsinnigen Betrug ...
    Frau von Glpen war eine Mehrung dieser Unzufriedenheit des Greises mit sich
selbst und keine Linderung ... Seit dem grauenvollen Erlebni mit ihrer
Schwester, seit der Hinrichtung des Mrders derselben war eine Schreckhaftigkeit
ber sie gekommen, die in allem Gefahren sah, selbst in dem Alleinwohnen auf der
Dechanei ...
    Wre nicht Windhack's gute Laune die alte geblieben, das Leben seiner
jetzigen Vereinsamung wre dem Onkel ganz die Qual geworden, die der rmische
Priester fr seine alten Tage frchtet ...
    Die Frage nach einer neuen Nichte war keineswegs unerrtert geblieben ...
    Bonaventura erstaunte, auf wen der Onkel, angstvoll, sein Auge gerichtet
hatte ...
    Nach den ersten Begrungen, nach den ersten Auslassungen des Scherzes,
sogar ber die Ursache dieser Reise des Neffen, ber den magnetischen Rapport
desselben mit der schnen Seherin von Westerhof, folgte die Mittheilung, da der
Briefwechsel zwischen ihm und dem Prsidenten von Wittekind aufs lebhafteste
andauere. Der Renegat Terschka hatte zwar Schweigen gelobt, aber man msse alles
hchst vorsichtig applaniren, auch mit der Schwester Benno's - Angiolina Ptzl
in Wien ...
    Auf diese hatte er fr seine letzten Lebensstunden und zur Vorbereitung der
Erkennungen sein Auge gerichtet und darber nach Wien geschrieben ... Freilich
war schlimme Antwort gekommen ... Graf Hugo lebte wie durch die Ehe mit ihr
verbunden ... Wre auch, hie es, ein Bruch infolge der Heirath des Grafen mit
Paula vorauszusehen, so eigne sich doch weder der Ruf noch das Naturell jenes
vom Glck verwhnten, in Erfllung aller ihrer Wnsche auferzogenen Mdchens fr
die Rcksichtsnahmen einer geistlichen Wohnung ...
    Der Prsident, Bonaventura's Stiefvater, berrascht und fast erschreckt
durch Terschka's Flucht nach England und sein dortiges Auftreten unter
Protestanten und Mitgliedern der italienischen Emigration, lie jetzt in seiner
Reizbarkeit gegen die Anerkennung seiner ihm bekannt gewordenen Geschwister
nach, correspondirte mit Lehrern des Kanonischen Rechts und wurde vorzugsweise
von seiner Gattin bestimmt, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, da die
heimliche und trgerisch geschlossene zweite Ehe seines Vaters vor der Kirche zu
Recht bestnde ... Schon ergab er sich jeder Wendung der Zukunft und erklrte,
auf weitere Nachforschungen seinerseits verzichten, auf Ausgleichungsvorschlge
gefat sein zu wollen ...
    Bonaventura staunte, da sowol vom Kloster Himmelpfort wie von Wien und Rom
aus ber diese Angelegenheit ein pltzliches Schweigen eingetreten war ... Hatte
sich Ceccone den Jesuiten unterworfen? ... Zuletzt war es seine Mutter, die in
ihrer steten Gewissensbedrngni und dem den Frauen eignen System der
Vertuschung von selbst darauf kam, ihr Gatte sollte sich den Blick in die
Zukunft dadurch erleichtern, da er dem Schlimmen aus eignem Antrieb
entgegenkme ... Ihr mit whlerischem Verstand um sich blickender Sinn erkannte
zuerst, da die ihr jetzt erst ganz offenbar gewordenen Beziehungen des
Kronsyndikus zum Dechanten mit dem Dasein Benno's zusammenhingen ... Der
Prsident hatte in einem eben beim Onkel angekommenen Briefe seine Ueberraschung
ber die ihm von seiner Gattin mitgetheilte Mglichkeit ausgesprochen und den
Dechanten ersucht, den vortrefflichen jungen Mann, den er schon schtzte, den
Freund seines Sohnes, des Domkapitulars, klug und besonnen seinem brderlichen
Herzen nher zu fhren ...
    Diese Enthllung erfolgte dann in den Tagen, als Benno, nichts von dem
ahnend, was ihm bevorstand, gleichfalls in Kocher erschien ... Auch Benno wohnte
in der Dechanei ... Er kam heitrer und sorgloser, als man ihn seit lange gesehen
hatte ... Er brachte Briefe von Thiebold, der sich soeben in Geschftssachen in
England befand und Wunderdinge berichtete ber das Ansehen und die Geltung, die
sich Terschka in London durch seinen wirklich erfolgten Uebertritt und den
Anschlu an die Sache Italiens erworben hatte ...
    Benno war besonders auch fr Frau von Glpen ein trostreiches Element. Ihr
Herz hing an ihrem Zgling mit der ganzen Innigkeit, die bei Frauen zwischen
polternden Vorwrfen, wie schlecht man seine Wsche behandeln lasse, und der
Angst, man knnte sich bei geringster Erkltung, z.B. auf Windhack's Sternwarte
den Schnupfen holen, die hin- und hergehende Mitte hlt ...
    Dann war es an jenen Abenden, wo die Cassiopeja ihren funkelnden Schein zur
Vorleuchte am Baldachin des Himmels macht, wo der Schwan aus Nordost sein
mildes, wie ein flockenreines Gefieder strahlendes Licht erzittern lt, unter
dem Schmettern der Nachtigallen, die im Park der Dechanei nisteten, beim Duft
der Hollunderblten - als Benno im stillen Wandeln unter den einsamen Alleen aus
Bonaventura's Mund das Geheimni seines Lebens, seinen wahren Namen - Julius
Csar von Wittekind erfuhr ...
    Er erfuhr ihn allmlig ... Beim feierlichen Nachzittern des Stundenschlags
der Kathedrale von Sanct-Zeno, nach einem feierlichen Gelbde, das ihm
Bonaventura abnahm, nichts zu unternehmen; was nicht mit den Interessen seiner
nchsten Freunde und jetzigen Verwandten im Einklang stand ... Er erfuhr zuerst
den Namen und die Lebensstellung seiner Mutter ... So steigt die Sonne mit
purpurrothen Gluten aus der Erde ... So kommt eine Friedensbotschaft an die
Menschheit, verkndet von dem Klang unzhliger in den Lften schwebender Harfen
... Eine Rmerin! ... Aber noch fehlte der schrille Accord: Der Name des Vaters
... Die Schwere des Erlebnisses war zu niederdrckend ... Noch wurden nur die
Namen Kassel, Altenkirchen, Rom, auch Wien, letzteres um der Schwester willen,
genannt, noch erst die Auffassungen der Kirche und des Dogmas errtert ... Fast
sprachlos starrte Benno, der wie ein Trumender stand, allem, was Bonaventura
sagte ... Die Freunde muten sich unter Hollunderbschen auf eine Bank
niederlassen ... Die Schilderung der Scene in der Waldkapelle, wo seine Mutter
von einem verbndeten Complott so ruchlos betrogen wurde, raubte Benno die
Sprache ... Stumm blickte er auf die Lippen seines Freundes, der in seiner
milden, innig zum Herzen sprechenden Weise entschuldigend erzhlte und alles
nannte bis auf den Namen - des Vaters ... Nenn' ihn nicht! rief Benno, als mte
er die Mutter rchen, wie Orest den Vater rchte ... Bonaventura sagte: Er ist
todt ... Endlich nannte er auch diesen Namen ... Da brach Benno zusammen an des
Freundes Brust ... Ein Gefhl der Scham berflog ihn und wie ein Gifthauch
sdlicher Luft nahm ihm den Athem ... Auf die so pltzlich aufgesprungene Blte
seines wunderbaren Daseins das strende Wlzen eines groen giftigen Skorpions
...
    Tiefgeheimnivoll ist das Blut, das durch die Geschlechter rollt ... Der
gespaltene Funke wird da zur Flamme; die gespaltene Flamme mehrt sich an Kraft
... Ein Geschlecht kann auf Jahrhunderte die Signatur des Krpers und Geistes
bewahren, wenn die Mischungen bedacht sind, immer wieder auch das Fremdartige
liebend sich anzueignen ... Benno aber mute mit erstickter Stimme sprechen: Ich
ein Wittekind! ... Ist das, wie wenn Wettersturm aus den Schluchten des
Teutoburger Waldes braust! Meine Ahnenreihe bis in die Sagenzeit ... Doch -
Friedrich und Jrme von Wittekind meine Brder! ... Der Geist abgewelkt im
Vater schon! ... Oder war das nur das Loos der Ichsucht? ... Ja, so gehen
Despoten hinber, die keinen Gegner finden, der sich mit ihnen mit! ...
    Alle die Beziehungen des Vaters, die Benno so gut kannte, wurden dem von
Entsetzen Ergriffenen wie der Eingang in eine dunkle Hhle voll unheimlicher
Gestalten, die er in Waffen betreten sollte ... Klingsohr, der Sohn des
ermordeten Deichgrafen, der geistige Sohn des Kronsyndikus, stand pltzlich mit
wirren Locken vor ihm und reichte ihm mit dem Brudernamen die blutige Rechte ...
    Ein Fieber ergriff ihn ... Wie eine Mutter nach der Geburt ... Wie das Hemd
des Nessus brannten alle diese Namen und Beziehungen ...
    Angiolina - und - Ptzl - ein hhnischer Satyrkopf dieser Name hinter
Rosenbschen ... Wie kam der alte Schauspieler Ptzl bei den Kattendyks zu
dieser Verlornen? ... Auch die Mutter, Herzogin von Amarillas - die Freundin
eines Cardinals Ceccone - ...
    Leiden unter etwas Angeborenem ist nicht zu schwer ... Der Krppel, der
Blinde, der Taube nimmt das Leben, wie es ihm die Geburt beschert ... Aber die
Schnheit erst verlieren, das Hliche erst gewinnen, pltzlich ein Blinder,
pltzlich ein Tauber werden, das ist ein furchtbares Menschenloos ... Benno ri
sich an jenem Abend aus Bonaventura's Armen und rief:
    Ich knnte in die Wlder rennen wie ein Wolfsmensch! ...
    Ruhe! Ruhe! sprach Bonaventura und beschwichtigte ihn durch seine Umarmung
...
    Am Morgen nach diesem verhngnivollen Abend war die Begegnung mit dem Onkel
und mir Frau von Glpen erschtternd ... Der Onkel grte mit Wehmuth und die
Augen tief niederschlagend ... Er htte die ewig dunkle Binde ber Benno's Augen
vorgezogen ... Das sagte er auch und lobte, als ihm Benno krampfhaft um den Hals
strzte, die Blindgeborenen, weil die alle so heiter blieben ...
    Benno prete nur stumm seine Hand ... Es lag die Verzeihung der Liebe und
der Dank fr ein ganzes, doch nur vom Dechanten ihm gerettetes Leben darin ...
Reden konnte er nicht ... Das Blut rollte ihm wie ein ihm fremd gewordenes und
ungebndigt durch die Adern ... Als er zu scherzen versuchte, sagte der Onkel:
Das hat er ganz von seinem tollen Alten! Der konnte auch, wenn er wollte, ganz
verteufelt liebenswrdig sein! ... Dies Wort kam noch zur Unzeit ... Aber, als
Benno dster die Augenbrauen zusammenzog, sagte der Dechant auch da: Wie sein
Vater, der grimme Jger! ... Der Onkel hatte das Bedrfni, das Ueberseltsame
wieder in das Altgewohnte zurckzulenken ... Da sprach denn, als auch Frau von
Glpen, Benno's zweite Mutter, sich ausgeweint hatte, Benno:
    Nun bitt' ich nur um eines! Gebt mir meine fnf Julius Csar-Jahre heraus,
die ich schon lnger auf der Erde weile, als ich Erinnerungen habe - und die
Taufscheine es wuten. Um wie viel frher htt' ich jetzt Hoffnung, meinen
Militrmantel abzulegen! ...
    Alle nhern Umstnde dieser Verheimlichungen wurden erzhlt ... Mit dem ihm
eignen scharfen, aller Lebensverhltnisse kundigen Ueberblick durchschaute Benno
alle neuen und nicht offen kund zu gebenden Bedingungen seines Lebens ... Er
beruhigte den Prsidenten in einem Schreiben, in dem er ihn als Bruder begrte
... Mit edler Selbstbeherrschung bot er jede Brgschaft, da seine langgeprfte
Geduld, die Ergebung in sein rthselhaftes Dasein ihn an Entbehrung uerer
Anerkennungen gewhnt htte ... Ja, der Adoptivname, den er einstweilen trage,
von Asselyn, wre ihm ja durch seine theuersten Freunde geheiligt, auch von
der Krone genehmigt ... Er mache nur dann Ansprche auf die Wiederherstellung
seiner Stellung zum Leben, wenn niemand damit eine Krnkung widerfhre, am
wenigsten seiner noch lebenden Mutter ... Diese freilich in ihrer Ansicht ber
das Vergangene zu erforschen, ihr sich, wenn es irgend ohne Verletzung uerer
Rcksichten mglich wre, zu nhern - dafr ergriffe ihn ein unwiderstehliches
Verlangen ... Ebenso zge es ihn zur Annherung an Angiolinen ... Eine Reise
nach dem Sden lge nun fest beschlossen in seiner Seele ...
    Der Prsident antwortete voll Gte und gerhrt dankend ... Er bot ihm
reichere Mittel, als Benno annehmen konnte, da eine zu schnelle Vernderung
seiner Lage leicht htte Vermuthungen wecken knnen, die von allen Betheiligten
nicht gewnscht werden konnten ... Auch Thiebold durfte nichts erfahren ... Der
tolle Mensch, sagte Benno zu Bonaventura, thut in der Regel alles, was ich zu
thun mich schme, aber gern im Stillen manchmal thun mchte ... Er verhindert
mich an Thorheiten, weil er sie selbst bernimmt ... Ich glaube, er bernhme
dies Drohen mit meinem Geheimni, dies Zupfen an Schleiern, die man allenfalls
lften knnte ... Besser, wir schweigen auch gegen ihn ...
    Je lichter somit von der Dechanei aus der Blick auf das sonnige,
waldumkrnzte, solange geheimnivoll verschleiert gewesene Schlo Neuhof wurde,
desto dsterer blieb der auf Witoborn und Westerhof ...
    Bonaventura hatte seit einem Vierteljahr sich nur im Entsagen gebt, auch
nichts mehr von dorther vernommen, was ihn besonders wieder htte aufregen
knnen ...
    Der Oberst, das erfuhr er erst hier, leitete die Vorbereitungen zu seinem
Papierbetrieb ... Der muthige Mann fand die grten Schwierigkeiten ... Sie
gingen bis zu muthwilligen nchtlichen Zerstrungen seiner Bauten ... Armgart
und Monika muten sich in ihrer ganzen Kraft zeigen ... Sie hatten ein kleines
Hans in Witoborn gemiethet und es geschmackvoll, wenn auch einfach eingerichtet
... Hedemann schrieb an den Dechanten von einer Heirath mit Porzia Biancchi, der
Tochter des Gipsfigurenhndlers ... Seine Aeltern waren schnell hintereinander
gestorben ... Ein so schnes Familienverhltni htte sich jetzt begrnden
knnen, aber die Beunruhigung durch die lichtscheue Bevlkerung der Gegend war
zu gro ... Armgart verlre, hie es, allen Halt in ihren Anschauungen ... Wo
sie hinginge, mte sie - sie! - Reden halten zur Vertheidigung - des Papiers
und der Aufklrung! ...
    Ulrich von Hlleshoven berflgelte bald die Herrschaft seines Bruders
Levinus auf Schlo Westerhof ... Mute ihm das gelingen schon durch seinen
mnnlich festen Sinn, seine Lebenserfahrung, so kam der wohlthuende Eindruck
hinzu, den er auf die Frauen machte ... Er war in der Lage, Monika's schroffe
Entschiedenheit, die indessen den Dechanten noch immer in ihrer Correspondenz
entzckte, zu mildern ... Whrend Monika bald das Stift Heiligenkreuz zum Feinde
hatte, whrend sie die Frau von Sicking zur Aenderung ihres Aufenthalts bewog
und in diesen Kmpfen von Armgart's wie aus einem Traumleben erwachendem
gesunden und frischen Sinn untersttzt wurde, schlsse man sich, erzhlte der
Onkel aus Monika's Briefen, dem Obersten an, der zu begtigen und auszugleichen
wisse ... Paula gewann ihn, das wute Bonaventura, besonders lieb und erlag
seiner magnetischen Einwirkung ... Der Oberst durfte sie nur berhren und sie
versank in jenen Schlummer, der ihr einziges Labsal war im Schmerz des Nerven-
und Seelenlebens ... Bonaventura beobachtete dies gleich an dem letzten Mittag
vor Terschka's Flucht, wo Paula bei Tisch mit der abwesenden Armgart zu sprechen
angefangen ... Der Oberst fhrte sie damals in ihr Zimmer und sie antwortete auf
jede seiner Fragen ...
    Bonaventura erzhlte davon dem Onkel ...
    Paula, berichtete er, ohne Zweifel bermannt von der seit dem Fund der
Urkunde sie folternden Angst um den Grafen Hugo, hatte die bei Tisch fehlende
Armgart gefragt, was sie am Schranke suche? ... Am Schranke? ... fragte man
... Ein Kleid? ... Nimm ein weies, sprach sie, es steht dir besser! Auch die
Myrte nimm! setzte sie hinzu ... Die Myrte? fragte der Oberst. Macht denn
Armgart Hochzeit? ... Darauf stockte Paula und erwiderte: Armgart sucht ein
Kleid fr sie aus ... Sie meinte: fr sich selbst ... Niemand hatte den Muth, zu
fragen: Heirathest du denn? ... Ihr Kleid ist aber noch nicht fertig! sagte sie
dann wie aus sich selbst und zeigte hinauf in die Luft mit den Worten: Sieh,
sieh, die vielen Krbe! ... Fast so heiter sprach sie das, da die Umstehenden
an die Zahl der zunehmenden Bewerber denken mochten ... Aber Paula setzte hinzu:
Korb an Korb! ... Am Altar der besten Maria stehen sie! ... Jetzt htte leise
die Tante erklrt: Terschka erzhlte vom Schlo Castellungo, da die
nchstliegende Kapelle der besten Maria gewidmet wre und die malerisch
schnen Seidencocons oft in hunderten von Krben unter Blumen dort
niedergestellt wrden zur Segnung durch Priesterhand ... Paula entschlummerte
dann ... Jeder sagte: Sie hat in den Krben die Anfnge ihres Brautgewandes
gesehen ...
    Der Onkel schttelte den Kopf, versank aber ber die Nennung des Namens
Castellungo in ein staunendes Nachdenken ...
    Bonaventura fhrte sich selbst noch oft seine letzten westerhofer Tage vor
... Er ri sich an jenem Mittag voll Verzweiflung los ... Er glaubte berhaupt
keinen Abschied von Paula nehmen zu knnen und griff zur Feder, um seine
Empfindungen niederzuschreiben ... ... Zwei Briefe entwarf er ... Einen in der
strmischsten Liebesbetheuerung mit dem Bekenntni aller Gefhle, die auf dem
geheimsten Grund seines Herzens lebten ... Es war ein trunkener Rausch der
Herausforderung an sein Geschick und doch - er warf ihn in die Flammen ... Einen
zweiten schrieb er milder, ersichtlich zum ewigen Abschied ... Auch diesen
vernichtete er ... So stand er rathlos ... Da hrte er neben seinem Zimmer das
Aechzen seines Wirths Norbert Mllenhoff, der im ersten Stockwerk schlief ...
Das an der Pfarrhausthre ausgesetzte Kind gehrte ohne Zweifel nur dem
wunderlichen Zeloten ... Die Zukunft des Unglcklichen war zerstrt, wenn die
Rache der Hebamme, im Bund mit dem buckeligen Geiger, die finkenhofer Lene zum
Gestndni vor Gericht brachte ... Einmal hrte er den Pfarrer in seiner Kammer
laut ausrufen: Allmchtiger Schpfer Himmels und der Erden! ... Es war ein Ruf
wie aus der tiefsten Seele ... Die Hnde wurden dabei zusammen geschlagen wie
von einem Verzweifelnden - Dann war wieder alles still ... Bonaventura erbebte
... Es durchschttelte sein Gebein, diesen Ausruf zu hren, der aus der Tiefe
des Jammers kam ... Mllenhoff sah voraus, da ihm eine zeitweilige Verweisung
in das Strafkloster Altenbren gewi war ... Ein ewiger Makel haftete damit an
seinem Leben, ein Hinderni an jeder. Befrderung ... Htte nicht auch
Bonaventura in diese Anrufung des Schpfers der Natur einstimmen und alle
Elemente entbieten mgen, ihm beizustehen, die Zwingburg unnatrlicher Gesetze
zu brechen? ... Er klopfte an die Kammer und trat ein mit der Frage an den
Sthnenden und jetzt mit zusammengefaltenen Hnden wie bewutlos Daliegenden, ob
er ihm in irgend etwas vor seiner an demselben Abend bevorstehenden Abreise
behlflich sein knnte ...
    Anfangs fuhr Mllenhoff in gewohnter Grobheit auf ...
    Dann besann er sich, bat fr sein ungeberdiges Wesen um Verzeihung und wagte
es, berwltigt schon von der unendlichen Milde in Bonaventura's Ton, unter dem
Siegel der Beichte, seinen Vorgesetzten zu bitten, zur Frau Schmeling und zu
jener Lene zu gehen und - den Versuch zu machen, die ihm drohende Gefahr
abzuwenden ...
    Bonaventura fand sich bereit dazu ... Er betrat das Huschen der Hebamme,
redete ihr, ihrer Magd und der noch anwesenden Lene, jeder erst unter vier
Augen, dann allen zugleich zu, die Verfolgung des Pfarrers von Sanct-Libori zu
unterlassen ... Die nicht kleinen Summen, die es zu bieten gab, um ein Schweigen
nach allen Seiten hin zu erwirken, legte er aus ...
    Ach, wie unrein schienen ihm seine Hnde, als er sich aus diesem Hause
entfernte! ... Die Ksse, die man ihm darauf gedrckt hatte, mehrten nur das
brennende Gefhl, sich in unwrdiger Berhrung befunden zu haben ...
    Diese Verrichtung des Mitleids brachte Bonaventura um die Gelegenheit, den
Dsternbrook und die beiden Eremiten zu besuchen ... Er hrte nur, da sie vom
Zustrom der Umgegend heimgesucht und Gegenstand der lebhaftesten Verhandlungen
zwischen ihrem Kloster, seinem Stiefvater und den Behrden waren ... Jetzt waren
sie auf dem Wege nach Rom ...
    Auf Westerhof erschien er dann wirklich noch persnlich zur ernsten
Abschiedsfeier ... Aber als Priester - als schwankes Rohr, als Begriff, den
zwei Jahrtausende mit bunten Kleidern behngen ... Vor allem, was er dann doch
vielleicht blindlings aus einer Todesurne htte ziehen knnen, bewahrte ihn
Paula selbst ... Sie war, erzhlte er wieder dem Onkel, gerade entschlummert ...
Der Oberst lie seine Hand auf ihr ruhen und sprach mit ihr wie mit dem
willenlosen Werkzeug seiner eigenen Kraft ... Verwandtschaftlicher Rechte sich
bedienend, fragte sie der Oberst mit Vertraulichkeit: Siehst du den, der eben
ins Zimmer tritt? ... Sie sieht ihn! lautete die Antwort ... Willst du mit
ihm sprechen? ... Sie strt ihn! ... Warum strt sie ihn? ... Er opfert.
... Siehst du einen Priester? ... Einen Bischof! ... Ist er allein? ...
... Kinder stehen um ihn! ... Sie tragen leinene Streifen am Arm? ... Du
sagst es! ... So firmelt dein Freund die Knaben und die Mdchen ... Redet er?
... Sprich ihm nach, was er redet! ... Ich glaube an Gott, den Schpfer
Himmels und der Erden, an die Liebe, die Erhalterin der Welt, gelehrt durch
Jesus Christus, an den Geist der Wahrheit, der uns zur ewigen Hoffnung fhrt!
... Wieder traten die zahlreich Umstehenden befangen zurck ... Wieder war es
eine jener incorrecten Visionen wie Frau von Sicking zu sagen pflegte ...
    Paula sprach, nach des Onkels Ansicht, einen Glauben aus, den sie in
Bonaventura's und des Obersten Innerstem zu lesen glaubte ...
    Das erzhlte aber Bonaventura nicht, da er sich damals, noch ehe sie
erwachte, losri mit Thrnen im Auge und abreiste, begleitet von den Dank- und
Segenswnschen aller derer, die ihm nahe gekommen waren - von denen seiner
Mutter an, die ihn in Witoborn noch an der Post berraschte, bis auf den
Hndedruck Mllenhoff's, der ihm flsternd - in monatlichen Raten
zurckzuzahlen versprach, was seine Gte unter dem Dach der Verschwrer fr den
neuen Concordatsstifter und exemplarischen Buheiligen verauslagt hatte ...
    Paula hatte Bonaventura als Bischof gesehen ... Der Onkel verlangte, da
Bonaventura auch in seinen Wirkungskreis nicht ohne eine hhere Wrde
zurckkehrte ... Begib dich, wenn sie dir nicht zu Willen sind, solange in ein
Kloster! ... Ein Mensch wie du darf nur fallen, um desto grer wieder
aufzustehen ... Und die Leiden des Gemths seines Neffen wol berblickend,
sprach er: Armer Thor, was senkst du das Haupt und kannst dich in dein
priesterlich Erbtheil nicht finden! ... Zwei weibliche Schatten umkreisen dich!
Ein dunkler und ein lichter! ... Jenen fliehst du und diesen wagst du nicht
festzuhalten! ... Ich bin dir kein Muster, aber ich knnte dir bessere Naturen,
als die meinige nennen, die auch eines Tages zwischen dem Gott in der Natur und
dem Deus in pyxide whlten und fr ersteren entschieden ... Und ein andermal
sprach er: Sagst du fr Franz von Sales gut? ... Ich theile alle Heiligen in
drei Klassen ... Solche, die die verbotene Frucht bereits brachen und denen es
dann, als sie satt waren, leicht wurde, in die Wste zu gehen - in diesem Sinne
haben wir noch jetzt Millionen Heilige und seit zwanzig Jahren bin ich der
Allerheiligste unter ihnen - Dann in solche, die entweder geborene Narren waren
oder es wurden, weil sie gerade auf den Naturtrieb hin, um diesen und nur diesen
zu unterdrcken, das Tollste erfanden - wahre Casanovas der Frmmigkeit nenn'
ich sie ... Ihre innerste Sinnenqual versetzte sich ihnen, wie bei einer jungen
Mutter die Milch in den Kopf steigen kann, so in religise Narrheit ... Endlich
die dritte Gattung sind jene ganz geschlechtslosen Constitutionen, bei denen die
Tugend eine fehlerhafte Organisation ihres Krpers ist ... Diese Halblinge
findest du meistens unter uerlich imponirenden Gestalten ... Darauf hin konnte
auch mein Leo Perl in Paris ruhigen Bluts zusehen, wenn sich die andern im
Palais-Royal ergingen ... Sei berzeugt, alle die Heiligen, die nicht auf die
Klasse I und II paten, gehrten zur Klasse III! Wasserpflanzen, wo auch die
ganze Kraft - wie da drben auf meinem Weiher! - in den breiten, trgen, schnen
Blttern liegt ...
    Solche Gesprche gab es hufig, selbst in Gegenwart Benno's beim Wandeln
durch den Park, unter den eben sich erst mit dem jungen Laub ganz schlieenden
Alleedchern, beim Zwitschern der Vgel, beim Duft der Bltenpyramiden der
Kastanienbume, der Maiblumen und Narcissen auf den Buchsbaumbeeten, beim
Schimmern der Dotterblumen von den Wiesen her ...
    Einmal an einem Strauch von Weidorn still stehend, sagte Bonaventura:
    Onkel, ich bin so weit gekommen, da ich an einem solchen einzigen Blatt,
wie du hier siehst, stundenlang beobachten kann! ... Sieh, es hat sich eben aus
seiner Knospe entrollt! Wie zart dies Grn! Wie sanft aufgekruselt die
Windungen des kleinen Sprosses! Die kleinen Hrchen, die auf dem jungen Keime
sitzen, mchte man zhlen! Es gibt nichts, was uns gegen alles das retten kann,
was du schilderst, als die Betrachtung des Kleinsten! ... Ich heuchle dir nicht
Frmmigkeit, nicht mehr Begeisterung fr meinen Beruf, den ich schmerzlich
erkannt habe - ich habe aber ein Vergessen des Allgemeinen und meiner selbst in
einem kleinen stillen Glck wie dem hier - vor einem solchen Frhlingsblatt ...
    Das sind bei mir die Radirungen und Kupferstiche ... sagte der Onkel, der
fr seine vorjhrigen Warnungen gegen Rom eine frhzeitige Genugthuung erhielt
...
    Benno mute zeitiger nach der Stadt zurck ...
    Er reiste an seiner Seele wie mit Adlerschwingen ...
    Er hoffte sich zunchst von einem Staatsleben freimachen zu knnen, das
damals fr den Menschen in seiner angeborenen Freiheit keine Brgschaft bot ...
Er wollte im Herbst ber Wien nach dem Sden ... Er widersprach dem Onkel nicht,
als dieser, ohne da es Bonaventura hrte, sagte:
    Vielleicht kannst du die Angelegenheiten Paula's zu einem guten Ende fhren!
Vielleicht deiner verwilderten Schwester die Nachfolgerin geben, die dem Hause
Salem-Camphausen unerllich ist! Schon hr' ich, da die Grfin Erdmuthe nach
Schlo Westerhof reisen und versuchen wird, alle Bedenklichkeiten persnlich zu
beseitigen ...
    Bonaventura war bei diesen Worten wol zugegen, hrte sie aber nicht ... Er
sah zu den Bumen auf, unter denen sie dahinwandelten, und sprach, als beide
nher kamen:
    Wie doch seit Jahren der Fink immer nur wieder zwischen denselben Resten
sich ansiedelt, die Nachtigall denselben dunklen Busch sich sucht, die Schwalbe
in demselben Gesims an deinem Portale haust ... Ein solches Heimatsgefhl! ...
    Jeder findet sein rechtes Nest ... sprach nach einigen weitern Schritten
ruhigen Wanderns der Dechant ... Auch - Paula wird wissen, da die Liebe zu
einem rmischen Priester nicht zu den Mglichkeiten dieser Erde gehrt und -
wird nach Wien gehen ...
    Ich will sie selber trauen! fiel Bonaventura mit einem zuckenden
Schmerzensausdruck ein ...
    Es war ein Wort von solcher Schwere, da der Dechant und Benno erschttert
schweigen muten ... Letzterer gedachte auch des immer mehr ihm und Andern
verklingenden Namens: - Armgart ...
    Als Benno dann abgereist war, kam in der Dechanei ein neuer Brief von Monika
...
    Das war ein Ergu frischer und gesunder Lebensanschauungen ...
    Sie berichtete dem Dechanten von einer nothwendigen Reise des Obersten nach
England - von einem vielleicht gelegentlichen Abholen der Grfin Erdmuthe - von
Armgart's Begleitung des Vaters nach England - von Paula's leider schon
bedenklich eingerissener Gewhnung an die magnetische Behandlung durch ihren
Gatten - von der Angst und Sorge, die man nun ohne ihn ber ihren Zustand haben
msse ...
    Bei Erwhnung der gegen Bonaventura gerichteten Anklagen, deren Kunde schon
bis Witoborn gedrungen war, sprach sie von dem einstimmigen Urtheil aller
Betheiligten, da die Ehe mit dem Grafen Hugo geschlossen werden mte ...
    Monika bekannte sich als entschiedenste Befrderin dieser Verbindung ...
Graf Hugo wre eine Natur mit Eigenschaften, die nur entwickelt zu werden
brauchten, um vor ihm mehr, als Achtung, sogar fr ihn Neigung zu empfinden ...
Bequemen Temperaments, wollte er beherrscht sein und jeder msse ihm eine
wrdigere Leitung wnschen, als er sie bisjetzt gefunden ... Was an Terschka
noch allenfalls Gutes wre, verdanke dieser dem Grafen ... Der jesuitische
Intriguant htte die Macht einer guten und harmlosen Natur so auf sich einwirken
gefhlt, da er an seinen Auftrgen irre geworden wre ... Wenn Paula in ein
Kloster ginge, wrde sie nach wenig Jahren eine Beute des Todes sein ... Sie
msse die Grfin von Salem-Camphausen werden ... Der Domkapitular von Asselyn
mte sogar die Kraft ber sich gewinnen, selbst die Hand zu bieten zu dieser
nach allen Richtungen hin bedeutungsvollen gemischten Ehe ... In dem lieblichen
Salem, in dem, wie sie gehrt htte, noch glckseligeren Thale von Castellungo
wrde die junge Grfin, als Gattin, als Mutter blhender Kinder, als
Theilnehmerin an den vielen gemeinntzigen Unternehmungen der Grfin Erdmuthe,
Lebenslust und Lebenskraft gewinnen ... Alle, alle, ihre Schwester Benigna,
Onkel Levinus, die Bewohner von Neuhof wren der gleichen Meinung ... Die
einzige Armgart, die noch immer widersprche, htte sie auch deshalb mit dem
Vater nach England geschickt, wo sie berhaupt bei Lady Elliot eine Zeit lang
bleiben und neue gesunde, praktische Anschauungen gewinnen msse ... Armgart
htte sich indessen bei einigen Conflicten in der That mit groem Muth benommen
und wre seit den drei Tagen Correctionsgefngni im Mhlenthurm mehrfach anders
geworden ... Die Begegnung mit Terschka frchte sie nicht mehr; London wre wie
ein Ameisenhaufen; Armgart htte Kraft und Charakter aus Instinct schon immer
gehabt - jetzt fange sie auch an, zu wissen, was sie wolle ...
    Das war eine Sprache, als sah man die kleine junge Frau ihre grauen Locken
schtteln und mit blitzendem Auge, frischer Wange, ihren weien Zhnen aller
Bedenklichkeiten geringschtzig lcheln, die nach ihrem Sinn nur krankhafte
Empfindsamkeit geltend machen konnte ...
    Der Dechant war ganz gleicher Ansicht ...
    In dem kleinen grnen Studierzimmer, wo die Worte nicht so ungehindert
gewechselt werden konnten, wie unten im Garten und im Park, den zu besuchen
nicht jedem Bewohner der Stadt erlaubt war, lasen Beide diesen Brief ...
    Gestrt von dem Rollen der Thren und dem Horchen und Bangen Petronellens,
erhob sich Bonaventura, ri sich von der Hand des Greises, die ihn halten
wollte, los und eilte erst in den Park, den er eine halbe Stunde lang wie ein
Geistesabwesender durchschritt, dann flog er auf sein Zimmer, um an Levinus von
Hlleshoven zu schreiben ...
    Er htte mit Bedauern gehrt, schrieb er, da sich die Leidenszustnde
Paula's vermehrten, da ihr Leben schon ganz abhngig zu werden drohte von einer
Einwirkung, die beiden Theilen zuletzt die drckendsten Verpflichtungen
auferlegte ... Auch von den fortgesetzten Bildern und dem Sinn der Trume des
edeln Mdchens hatte er gehrt und beklage schmerzlich, da sie bel gedeutet
wrden ... O knnte man doch, klagte er, ganz den Vorhang schlieen, der sie in
ein Land blicken liee, fr dessen Beurtheilung der Welt alle Bedingungen fehlen
... Sie sollte dem Zug der Demuth folgen, der stets in ihrer reinen Seele der
vorwaltende gewesen ... Nimmermehr aber sollte sie ihre Wnsche auf ein Kloster
richten ... Er gestnde es offen, seine Einblicke in die Klosterwelt wren die
enttuschendsten ... Wie im Kloster Himmelpfort wr' es berall, nur vielleicht
da ausgenommen, wo man Kranke heilte ... Paula wre selbst des Arztes bedrftig
... So msse sie denn hinaus auf die hohe Flut des Lebens ... Sie msse Gott
vertrauen und wie eine treue Magd sich jenem Dienste widmen, der dem Weib schon
im Paradiese angewiesen worden, eine Gehlfin zu sein dem Manne ... Wenn sie den
Grafen Hugo in sanfterer Weise, als durch die Intrigue der Gesellschaft Jesu
versucht worden, in den Schoos einer Kirche fhrte, die ein Zusammensein im
Schoose der Seligen auch von dem gleichen Bekenntni auf Erden abhngig mache,
so lste sie, wenn sie das wolle oder knne, eine sie vielleicht erhebende
Aufgabe ... Ein Mann sei ja jedem Weibe, das von ihm zur Ehe genommen wrde,
vorher ein unbeschriebenes Blatt ... Selbst ein lngeres Ergrnden und Kennen
des Verlobten schlsse ein Rthselhaftes nicht aus, das sich ganz erst in der
Ehe selbst lften knne ... Wie aber auch der Erfolg dieser Ehe sich ergbe und
wenn die Glaubensbekenntnisse sich auch nicht vereinigten, so sollte sie dem
fremden Mann vertrauensvoll die Hand nicht weigern ... Ja, wenn ihm die Grfin
seinen eigenen Priesterberuf, den Beruf der Entsagung auf eigenes Glck und der
Frsorge nur fr fremdes, zu einer besondern Weihe erheben wolle, so sollte sie
ihm die Ehre und die in Gott empfundene Seligkeit gnnen, da Er es wre, der -
entweder zu St.-Libori oder in Wien, wohin zu reisen er deshalb zu jeder Stunde
bereit wre - ihre Hand in die des Grafen Hugo legte ...
    So schrieb er und als der Brief geendet und zur Post gegeben war, umarmte er
den Onkel mit den Worten:
    La mich so! ... Jeder Mensch schafft sich seine eigene Religion und ist
sich sein eigener Priester!

                                       4.


Mit gehobener Kraft verblieb Bonaventura noch einige Tage auf der Dechanei ...
    Sein Ringen nach einer idealen Lebenshhe hatte einen neuen Anhalt, einen
neuen Rundblick gewonnen ...
    Schmerzlich genug war er erkauft ... Aber er hielt ihn fest mit dem
leuchtenden Aufblick der innern Verklrung und des Gefhls, sich eins zu wissen
mit dem unerforschlichen Verhngni ...
    An die Wirkung seines Briefes in Westerhof mochte er nicht denken ... Er
strzte sich in das Allleben der Natur, umfate nicht mehr zagend und bangend
blos das Einzelne ...
    Beim Besteigen der grauen Berglehnen, die durch die noch wenig belaubten
Weinstcke noch kahler erschienen, umzog sich vor seinem Blick aus der eigenen
Brust heraus alles wie schon mit den Frchten des Herbstes ... Mit Gewalt wollte
er sich helfen; er grte freundlicher, er stand denen Rede, die ihm im Felde
begegneten, auch denen, die ihm nachschlichen, wie - Lb Seligmann, der seit
einigen Wochen in seine Heimat zurckgekehrt war und sich hoffnungsvolle Ernten
auf Reps und Taback suchte, auf die er Vorschsse gab ... Das war die sicherste
Anlage seiner um Witoborn verdienten Gelder ...
    Und wre nun Bonaventura bei all seiner Menschenliebe doch darin weniger
Egoist gewesen, da er mehr aus andern heraus die Menschen und Dinge
beurtheilt htte, htte er ein wenig mehr neugierige Vertiefung in das irrende
Flimmern der kohlschwarzen Augen Lb's, ein wenig mehr Lesekunst gebt in den so
eigentmlich fragwrdig stehen bleibenden Lachmienen desselben - er htte ja
selbst zu ihm sprechen mssen: Nicht wahr, Herr Seligmann, seitdem Sie zur
Hlfte unser Viergesprch auf Schlo Neuhof belauschten, sagen Sie auch: Es
gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als unsere Schulweisheit sich trumen
lt? ...
    In der That, so kann kein Beichtvater (in verbotener Weise) lchelnd an
denen vorbergehen, die ihm gestanden, da sie keineswegs das sind, was sie vor
der Welt erscheinen, als Lb Seligmann im wogenden Kornfeld, unter blauen
Cyanen, im Wiederklang der von seinem innersten Herzen gesungenen Rossini'schen
Tyrolienne: Bltenkrnze, Lust und Tnze den hochgestellten jungen Geistlichen
nicht blos grte, sondern endlich einmal auch wie mit dem Wort: Ich wei alles!
anredete ...
    Er nherte sich ihm auf Fuzehenweite ...
    Sein ganzes Herz war bervoll von dem Frevel des Dechanten, den man noch
leicht auf die Festung bringen konnte, von den leider nur halb erfahrenen
criminalistischen Thatsachen aus dem Leben Leo Perl's, bervoll um so mehr, als
er nur einer einzigen Seele auf Erden, Veilchen Igelsheimer, vollstndige, der
Hasen-Jette, seiner Schwester, und David Lippschtz nur leise Andeutungen ber
seine Geheimnisse gegeben hatte ...
    Dennoch brachte sein Mund zum tiefgezogenen Hute, als Bonaventura stehen
blieb und fragte: Wnschen Sie etwas, Herr Seligmann? in uerster Verlegenheit
nichts hervor von dem geheimen Betrug einer italienischen Primadonna, nichts von
der Herzogin von Amarillas, nichts von Leo Perl's erster geistlichen Handlung
auf Veranlassung des Alcibiades drben in der Dechanei, als das Wort:
    Ich wollte - um Vergebung - Herr Domkapipitular - wollte nur fragen -
Erlauben Sie - ist wol noch Brder's lateinische Grammatik gut genug - zu
gebrauchen zum Unterricht fr einen hoffnungsvollen Knaben? ...
    Zu Gunsten des immer krftiger auf die Beine gekommenen David Lippschtz,
des kleinen Voltaire von Kocher, lie Bonaventura sich auf alle Vorzge eines
wahrscheinlich durch Lb vom Antiquar erstandenen alten Brder ein und nannte
berhmte Gelehrte, die auch ohne den Zumpt ein classisches Latein geschrieben
htten ...
    Nach diesen lehrreichen Auseinandersetzungen, denen Lb nur zu zerstreut
zuhrte, war ein Rckblick auf Witoborn und Umgegend nicht zu vermeiden ... Lb
erzhlte, was er nach dem Herrn Domkapipitular noch erlebt htte ... Zart und
discret deutete er alles nur in leisen Contouren an ... Selbst die Gerchte ber
Terschka, dessen pltzliche Abreise ihm manches schne, bereits angeknpfte
Geschft zerri, tauchten in seinem Munde wie nicht mehr sicher zu verbrgende
Sagen der Vorzeit auf ... Es gab auch dunkle Vermuthungen ber einen gewissen
Jesuitenorden und ein Uebergetretensein zur protestantischen Religion, die aber
auch wie Verhltnisse aus der Zeit der Makkaber aus Lb's discretem Munde
hervorkamen ... Lb geno zunchst nur das stille Wandeln mit dem vornehmen
Priester, das Gren der Vorbergehenden, die gleichsam auch ihn setzt gren
muten ... Es war die Begebenheit an sich, die ihn erfllte, ganz wie jenes
schmeichelhafte Begossenwerden damals mit der westerhofer Spritze nach dem
Schlobrande ... Dies wie jenes ein Zustand feinerer Beziehungen ... Nur erst
als von den beiden Flchtlingen nach Rom, von den Eremiten, dem Dsternbrook die
Rede kam, deutete er verschmt lchelnd seine Mitverdienste um die Rettung des
verunglckten Dieners an ... Bonaventura wnschte mehr zu hren; der Diener war
so auffallend verschwunden; ja er fragte, ob es wahr wre, da der Bruder
Hubertus, der ihn davongetragen und im Kloster Himmelpfort eine Zeit lang
verborgen gehalten haben sollte, eine Beziehung zu dem Frulein Schwarz gehabt
htte, das bei Frau von Sicking wohnte - man sprche davon - Lb, Zeugenaussagen
vor Gericht und etwaiges Schwrenmssen wie den Tod frchtend, ging nur gerade
bis an die uerste Grenze seines Wissens, erzhlte die Fahrt des Kranken bis an
das Kloster und wrde vielleicht allmhlich ein wenig den Schrei in der Kirche,
das furchtbare Krachen und das Licht im Todtengewlbe in Aphorismen leise
angedeutet haben, wre die fortgesetzte Wanderung nicht durch die eben erreichte
Stadt unterbrochen worden ... So zur Seite eines Priesters durch Kocher zu
gehen, wrde sich fr die beiderseitige Stellung nicht geziemt haben ... Das
gemthliche Selbander wurde vom rauschenden Fall, von den Gerberwschen und
Metzgerkltzen unterbrochen ...
    Auch mit Beda Hunnius, mit Major Schulzendorf und Grtzmacher knpfte
Bonaventura wieder in flchtiger Begegnung an ...
    Jenem hatten die Zeitlufe bittere Erfahrungen bereitet ... Ein seraphischer
Briefwechsel mit Lucinden und Joseph Niggl war zu den Acten der ber ihn
verhngten Untersuchung gekommen ... Der Kirchenbote erschien nicht mehr; um
so grer war seine Ermuthigung durch die mchtige, mit brausendem Wogenschlag
zurckgekehrte Flut der hierarchischen Bewegung nach kurzer Ebbe ... Er rhmte
das kirchliche Leben jener stlichen Gegenden, wo Bonaventura im Winter gewesen
und ihm besonders die reformatorischen Bestrebungen eines Norbert Mllenhoff wie
Bonifaciusthaten erschienen ... Bonaventura lchelte ... Doch auch Beda lchelte
... Ueber den gegenwrtigen Urlaub des so schnell Gestiegenen ... Um seine
Schadenfreude zu verbergen sagte er: Procul a Jove, procul a fulmine ... Er
lobte seine Stadtpfarre ... Aber grade ber Paula's Visionen mute Bonaventura
ihm bis an die Pforte der Dechanei erzhlen ...
    Schulzendorf war gekniffen und ssuerlich ... Die Zeitverhltnisse
verhinderten den zu hufigen Besuch der Soupers in der Dechanei ... Seine Nase
hatte einen Charakter von Pfiffigkeit bekommen, die jetzt weniger zu verrathen
schien, wo Trffeln, als wo - Verschwrungen lagen ...
    Grtzmacher gratulirte zu einem Avancement, das schneller gekommen wre,
wie's bei's Militr mglich gewesen ... Er klagte ber den Dechanten, der alt
wrde ... Von seiner leider ohne Prmie gebliebenen groen Satisfaction von
wegen det ausgebuddelte olle Mnneken, sagte Grtzmacher: Darber sind wir
in's Reine - Es war ein ehemaliger Galeerenstrfling, der ein paar Jahre in
Paris gelebt hat, dann hierher kam, Pferdehandel treiben wollte, gleich da schon
die Leute anschmierte, dann auf ein paar Wochen Knecht im Weien Ro war,
hierauf den Coup auf Ihrem Kirchhof machte, der nichts einbrachte, nachher bei
alten Kunden und Hehlern von Gaunern sich verkrochen hatte, vielleicht gar mit
dem Hammaker, den Sie ja absolvirt haben, Herr Kapitular, bekannt war, und
zuletzt soll er denn auch noch unter falschem Namen nach Witoborn gegangen
sind ... Da das Feuer, sagen sie, htt' er angelegt auf Schlo Westerhof ...
Darber hrt man denn - hm! - freilich allerlei ... Aber jetzt, wie gesagt, ist
er chappirt und wird wol in Amerika sind ... Und wenn Grtzmacher hierauf,
whrend Bonaventura aufmerksam zuhrte, zu seiner Frau sagte: Ne, diese
kathol'schen Pfaffen, doch nichts Aufrichtiges! Jetzt auch schon Der! Und ein
ehemaliger Portepefhnrich das! - so hatte er Recht. Jterbogk und Rom reden
allerdings seit drei Jahrhunderten verschiedene Sprachen und Bonaventura hrte
ihm ber die angeregten Punkte, gebunden durch Furcht, Beichtgeheimnisse und
uerste Spannung, zu ...
    Dem Oheim gegenber legte Bonaventura vor seiner Abreise eine bertriebene
Scheu ab und theilte ihm nach kurzem Kampf mit, was er seither ber den Inhalt
des Sarges des alten Mevissen und ber dessen Ruber erfahren hatte ...
    Gab der Onkel auch nicht zu, da sein Bruder Friedrich noch lebte, so mute
der alte Diener desselben doch ein Geheimni bewahrt und in seinen Sarg Dinge
gelegt haben, die mit einem Verlangen in Verbindung standen, da sie einst vom
Tode auferstehen sollten - zu irgendwelchem noch verschleierten Zwecke ...
    Bonaventura erzhlte dem Onkel, da der Fund in Lucindens Hnden wre ...
    Dem darber Hocherstaunenden nannte Bonaventura auch die Drohung, die
Lucinde ausgestoen, und hielt nur zurck, als er die auerordentliche Aufregung
sah, in die er damit den Onkel versetzte ...
    Das ist ja erschreckend, sagte dieser ... Und du hast von ihr noch immer
nicht diese Papiere verlangt? ... Mit Gewalt verlangt? ... So fliehst und
verachtest du sie? ... Bona! So alt ich bin, durch meine Adern rollt Feuerstrom,
so oft ich an die wenigen Tage denke, die dies Wesen bei uns zubrachte ... Ich
nehme sie morgen wieder, wenn sie will ... Meine Macht im Hause hat zugenommen
... Hm! Hm! ... Was kann nur jene Schrift enthalten? ... Und von wem ist sie
ausgestellt? ...
    Auf die von Bonaventura zusammengefaten nhern Angaben, auf die
Mittheilung, jene Schrift, deren Urheber er nicht kannte, sollte ebensowol mit
seiner persnlichen Ehre wie mit dem ganzen Bau der Kirche zusammenhngen, und
Lucinde knnte alle seine Handlungen, selbst wenn er die dreifache Krone trge,
damit entwerthen, ja ungeschehen machen - lachte endlich der Onkel und hielt die
Meinung fest:
    Da hr' ich die verschmhte Liebe! ... Das sind jene Erfindungen, die die
Frauen zu machen pflegen, wenn man mit ihnen bricht ... Regelmig gibt es
dann Papiere, von denen es heit, ihre Verffentlichung wrde uns vernichten
... Oder der Briefwechsel wrde zwar ausgeliefert werden, aber Abschriften
wrde man auf alle Flle davon zurckbehalten u.s.w. ...
    Der Onkel rieth ernstlich mit Lucinden Frieden zu schlieen ...
    Das Leben ist so arm an Liebe, sagte er, da man nie eine dargereichte Hand
ablehnen soll ...
    Als Bonaventura eine Liebe bezweifelte, die fortwhrend in Ha und Rache
berzuschlagen drohte, entgegnete der Onkel:
    So sind sie ja alle! ... Meine eigene Petronella wrde mich mit kaltem Blut
an einer Pastete sterben sehen, wenn ich mit ihr brche! ... Selbst die
Buschbeck, deren grausamem Charakter ich den Besitz ihrer Schwester verdanke -
letztere war jnger; Benno's Vater trat sie mir ab - aus Geiz - ab, um nicht
zwei von dieser Bande ernhren zu mssen - selbst Brigitte von Glpen, die
lteste Tochter der Bischofskchin und frstabtlichen Blutes nicht unverdchtig,
wre besser geworden durch gewhrte Liebe ... Die Idee, fr einen treulosen
Geliebten, der ins Kloster ging, die Menschheit zu tyrannisiren, Kindern und
Mgden das Leben zu vergiften, sich selbst das Brot abzuhungern, vergegenwrtigt
dir jene tiefe Bedrftigkeit des Weibes, unter allen Umstnden ein Wesen sein zu
nennen und wr's zuletzt nichts als ein alter, mit einer Flanelljacke
bekleideter Mops, der am Asthma in den Armen seiner weinenden Gebieterin stirbt
... Deine Renate - wie alt ist sie? ... Nahe den Siebzigen ... Du wirst an einen
Ersatz denken mssen ... Und wehe dir auch da, wenn sie deine Absicht merkt ...
Schlage die Concilien nach ... Sie lieen lange zweifelhaft, ob die Frauen
berhaupt Menschen sind ...
    Bonaventura lie, wenn auch zgernd, diese Auffassung der Drohungen
Lucindens gelten ...
    In fernern Gesprchen zeigte sich auch noch zuletzt, warum der Onkel
regelmig bei Erwhnung des Schlosses von Castellungo in Nachdenken verfiel ...
Das zufllige Aussprechen der Worte: Fiat lux in perpetuis! brachte zwischen
beiden das Geheimni des empfangenen lateinischen Briefes zur Sprache ... Der
Onkel ffnete kopfschttelnd sein Schreibbureau und reichte dem Neffen die ihm
gewordene anonyme Aufforderung ... Sie war gleichlautend mit der, die auch
Bonaventura empfangen hatte ...
    Ich werde die bedenklichen Ehren eines Hu und Savonarola nicht mehr
gewinnen, sagte der Onkel, und hte auch du dich vor ihnen ... Welche
Mystificationen das! ...
    Bonaventura versicherte, da sein Glaube feststnde, der Eremit von
Castellungo wre sein Vater ... Er wre in Italien Waldenser geworden und htte,
ein Opfer der rmischen Scheidungsgesetze, den Gedanken einer
Kirchenverbesserung gefat ... Wrde er auch an jenem 20. August der
Versammlung, zu der er einlud, achtzig Jahre sein oder nicht mehr leben, so
wrde man doch seine Gemeinde finden ... Nach allem, was ich hre, schlo er,
ist dort eine Simultankirche auf den Grund der Bibel errichtet worden, die bis
dahin an Macht und Ausdehnung gewonnen haben kann ...
    Wenn sie nicht die Jesuiten zerstren! unterbrach der Dechant ... Lieber
Sohn! Welche Trume! Sehen sie meinem Bruder Friedrich hnlich? ... Nein, nein -
Mystifikationen! ...
    Doch die Eichen von Castellungo grnen! entgegnete Bonaventura ...
Castellungo gehrt dem Grafen Hugo ... Fr Federigo, ein Deutscher, lebt unter
dem Schutz der Grfin Erdmuthe ... Paula sah ihn deutlich und sagte in einer
ihrer Visionen, er gliche mir ...
    Der Onkel staunte, lchelte dann aber ...
    Weil sie auch dich an einer Himmelsreligion betheiligt glaubt, die den
Priestern erlaubt zu heirathen! ... Nein, nein ... Das alles ist nur Spuk und
hngt mit den Umtrieben zusammen, die pltzlich jenen Terschka enthllten ...
Coni oder Cuneo steht in der anonymen Aufforderung? ... Fefelotti, Ceccone's
Gegner im Conclave, ist soeben aus Rom verbannt und Erzbischof in Cuneo geworden
... Ihr armen Waldenser jetzt! Eure Bibeln werden bald confiscirt sein! ...
    Den Anklagen, die der Onkel auf Ceccone, auf Fefelotti, auf alle, die mit
Roms Intriguen zusammenhingen, schleuderte, lieh Bonaventura um so
bereitwilliger sein Ohr, als jetzt auch durch Benno's Lebensschicksale sich ein
Netz um sie alle her zu spinnen schien, dessen Fden immer enger und enger
wurden und ganz auf Rom fhrten ...
    Zum Glck hab' ich euch beide - Ultramontanen bei Zeiten angehalten,
italienisch zu lernen! scherzte der Onkel, ohne - darum doch den Bengstigungen,
die in den betheiligten Gemthern diese Dunkelheiten zurcklassen durften, sich
ganz zu entziehen ...
    Inzwischen kamen aus der Residenz des Kirchenfrsten Briefe vom
Generalvicariat, die bis auf weitere Entscheidung Roms ber den Magnetismus jede
Beeintrchtigung des Domkapitulars in seinen Wrden niederschlugen ... Rother's
Anklage wurde als ungebhrlich abgewiesen ...
    Die Genugthuung war demnach vollstndig ... Dennoch reiste Bonaventura voll
Bangen ... Er sah das Alter und den Kummer des Onkels ... Er frchtete sich vor
einer Stadt, die er auch sonst schon gemieden ... Sein Ehrgefhl war doch
verletzt worden ... Feinde wirkten gegen ihn und zu der Kraft sich zu erheben,
die Ha oder Verachtung verleihen, vermochte sein Gemth nicht ... Auch wo
Lucinde weilte, konnte ihm niemals Frieden kommen ...
    Er fand Briefe von Schlo Neuhof vor - auch vom Onkel Levinus ...
    In letztern fand sich jedoch kein Wort ber die doch gewi mchtig, nach
allen Seiten hin aufregend gewesene Wirkung, die sein Brief aus Kocher am Fall
hervorgebracht haben mute ... Nur die Anzeichen eines Besuchs der Grfin
Erdmuthe auf Westerhof mehrten sich ...
    Bonaventura's Herkunft, seine wrdige uere Haltung, seine Kenntni des
Italienischen, alles das veranlate aufs neue die Bitten der Curie, er mchte
eben sowol fr die Befreiung des Kirchenfrsten wie fr die Stockung aller
kirchlichen Gerechtsame der Stellvertretung desselben die Reise nach Wien
bernehmen ... Der Staatskanzler galt fr einen Gegner der Jesuiten; auch
Ceccone hatte mit ihnen seit dem Sturz Fefelotti's Friede geschlossen;
vielleicht war in Wien der gute Wille zu gewinnen, die rmische Curie zur
Nachgiebigkeit zu bewegen ... Bonaventura sollte es sein, der den Unterhndler
zum Frieden machte ...
    Er entzog sich diesen Vorschlgen, solange er konnte ... Er wute noch
nicht, wie seine Reise in Westerhof wrde aufgenommen werden ... Auch hrte er
nur, da vorzugsweise Nck es war, der alle diese Rathschlge ertheilte ...
Konnte von solcher Seite Gutes kommen? ... Nck kam wieder in seinen Beichtstuhl
und gab ihm in der That vier Davidssteine an, die er gegen den Goliath der
Leidenschaft in seiner Brust in Bereitschaft hielt: Ankauf eines Ritterguts,
sagte er, landwirtschaftliche Studien, Rckkehr zu alten Dichtversuchen, die er
in seiner Jugend gemacht, und die Erlernung der trkischen Sprache ... Das
Besuchen von Grbern ntze ihm nichts, setzte er hinzu; ihm wr' es aus alter
Liebe zum Tode, wie den Trken, die auf Grbern Kaffee trnken ...
    Eine Ahnung konnte der so von Nck offenbar verhhnte Geistliche nicht
berwinden, die, als sprche alles das nur die Eifersucht ... In einer
Zeitschrift gab Nck mit voller Namensunterschrift als einen Wurf mit seinem
dritten Davidssteine in Versen die Klage, da man das Hchste, was ein Weib
geistig einem Manne sein knne, doch nie ohne die Vertraulichkeit der Sinne
gewinnen knne ... Die volle Unterschrift: Dominicus Nck beleidigte Stadt und
Land ... Seine Freunde sogar sprachen von einer pltzlichen Enthllung des
Pferdefues ... Goldfinger junior, inzwischen mit Johanna Kattendyk vermhlt,
rckte ihm aufs Zimmer und stellte ihn ber diese muthwillige Zerstrung des
Rufes der Familie zur Rede ... Kmmern Sie sich um Ihre heilige Botanik oder,
wenn Sie wollen, um unsere Conto-Currentbcher! war die Antwort ... Es war nur
Eine Stimme, der Oberprocurator hatte sich so nur in Lucinde Schwarz verlieben
knnen und diese - widerstand ...
    Benno arbeitete zwar noch bei dem unheimlichen Mann, streifte aber
inzwischen leise alle Fesseln ab, die ihn noch an seine gegenwrtige Stellung
gebunden hielten ... Auch seine Heimats-, seine Adoptions- und
Unterthanenverpflichtungspapiere revidirte und ordnete er ... Er wollte nach
Italien ... Seine Forschungen gingen mit Hlfe des Onkel Dechanten weit ber
Borkenhagen bis nach Kassel hinaus, wo die ber die ersten Lebensjahre eines
Julius Csar von Montalto gebreiteten Schleier nur noch von zwei Todten, dem
Kronsyndikus und seinem Adoptivvater Max von Asselyn oder von seiner Mutter ganz
gelstet werden konnten ... Benno hatte bei allen diesen Unternehmungen nur zu
hten, da nicht Thiebold, der im August aus England zurckgekehrt war, mit
seiner gewohnten Wibegierde hinter sein neues, zur Enthllung noch nicht
reifes, auch vor dem Tode des Dechanten wol vllig unmgliches Leben kam ...
    Thiebold hatte die Reise nach England im Interesse seiner canadischen
Holzgeschfte machen mssen und, wie sich erwarten lie, er kam hchst elegisch
gestimmt zurck ... London ist nicht gemacht zum Romantischen! sagte er ... In
dem Gewhl der Weltstadt war er dem Obersten von Hlleshoven, seinem
Lebensretter, nur ein einziges mal begegnet und - ohne Armgart ... Letztere war
auf dem Lande bei Lady Elliot ... Und da er erfuhr, da auch gerade Terschka
dort zum Besuch war, hielt er es fr unter seiner Wrde, sich dort anmelden zu
lassen ... Nur die Grfin Erdmuthe und Porzia Biancchi sah er in London und
begleitete beide in ein Bibelgesellschaftsmeeting, zu dem sie vom Lande
hereingekommen waren, und dann eine Strecke am Themseufer entlang auf der
Rckreise nach dem Landsitz der Lady ... Er htte, erzhlte er, nur aus allem,
was er mit ihr verhandelt, das Eine herausgehrt, wie Terschka wieder in
hchsten Gnaden bei ihr stnde ... Vom Obersten wute schon Benno, da seine
khle Gesinnung gegen den katholischen Glauben von den Erfahrungen herstammte,
die er in Canada gemacht ... Das Leben in den Klstern von Monreal htte Anla
zu gerichtlichen Untersuchungen gegeben und Hedemann htte dann mit einer
angeborenen pietistischen Anlage den Obersten auf ihren Reisen vollends
angesteckt ...
    Auch Bonaventura erfuhr diese Mittheilungen ...
    Da sein Auge, trumerisch und irrend, immer nach dem Thal von Castellungo
gerichtet war, so muten die reformatorischen Bestrebungen auf dem Gebiet der
katholischen Kirche mehr denn je Gegenstand auch der Unterhaltungen werden, zu
denen er die Freunde fters bei einem einfachen Mahl in seinen Zimmern einlud
...
    Benno's Gesichtspunkte waren ausschlielich politische ... Er sah in der
Kirchenspaltung den Untergang Deutschlands ... Er hate das Betonen kirchlicher
Streitigkeiten und lehnte deshalb auch die Ansprche ab, die der Protestantismus
auf grere Vorzglichkeit machte ...
    Wenn man den katholischen Glauben, sagte er, von dem Zwang, innerhalb
kirchlicher Gemeinschaft leben zu mssen, befreien und die Verbindlichkeit der
Autoritt fr die Freiheit des Gewissens aufheben knnte, so liegt eine
freundlichere Lebensauffassung in all unsern Ceremonien, als im Pietismus ...
Haben Sie in Gegenwart der Grfin je eine wahre Freude ber die Schnheit des
Meeres und den blitzenden Spiegel der Wellen uern drfen, als Sie mit ihr die
Rckreise machten, oder haben Sie irgendeinen weltlichen Gegenstand unbefangen
nennen knnen? Hedemann hat uns wenigstens in Witoborn auf jede natrliche
Aeuerung unserer Empfindungen einen scheinbar frommen, im Grund aber
rechthaberischen Dmpfer zu legen gewut ...
    Bonaventura nannte indessen seinerseits die Erscheinung des Protestantismus
nur deshalb unvollkommen, weil er nur durch das Bedrfni, einen polemischen
Gegensatz aufzustellen, hervorgerufen wre ... Der Pietismus, sagte er, das ist
ein Versuch, aus dem Protestantismus wieder zur Religion zurckzukommen; denn
Protestant sein, heit nicht: Christ sein, sondern nur: Nicht-Katholik sein ...
    Und man msse sich allerdings, fuhr er fort, eine Zeit denken knnen, wo
auch der Katholicismus in seiner jetzigen Gestalt aufhrte ... Die Verbreitung
der Philosophie wrde dann bis in die kleinsten Hirtenthler Spaniens und
Siciliens gedrungen sein ... Ich verstehe, sagte er, unter Philosophie eine
Aufklrung, die ihre Resultate mit verstndlichen Allgemeinbegriffen in die Welt
hinausgehen lassen kann ... Dann wird die Frage nur noch lauten: Was ist rein
christlich? ... Dann werden sich Protestanten und Katholiken begegnen mssen im
apostolischen Gemeindeleben ... Auf welchem andern Grunde soll man sich zuletzt
wieder die Hnde reichen, als auf dem der Bibel? ...
    Mit Thiebold's schchterner, aber fast mit latentem Fanatismus hingeworfener
Bemerkung zu Benno: Vorausgesetzt da man berhaupt kein Heide ist, wie denn
doch wol mehr oder weniger Ihr Fall, mein bester Freund! schlo die Debatte im
Scherz ...
    Ohne zu auffallende Erlebnisse, ohne ein Lebenszeichen von Westerhof, ohne
die Ankunft der Grfin Erdmuthe, nahte sich schon der Sptsommer ... Benno wurde
inde erkoren, der Ueberbringer der Pacten zu sein, die bereits die Agnaten der
Familie Paula's, die Landschaft und die Curie von Witoborn dem Grafen Hugo zur
Unterschrift vorlegen wollten ... Der Prsident von Wittekind, Bonaventura
selbst waren an diesen Pacten betheiligt und jener erschien dann auch pltzlich
in der Residenz des Kirchenfrsten ...
    Benno und Bonaventura wurden durch seinen Besuch in jeder Beziehung
berrascht ...
    Kein strmischer, aber auch kein kalter Gru war es, mit dem er Benno in der
That seinen - Bruder nannte ... In der darauf folgenden kurzen Umarmung lag ein
ganzes Leben ...
    Die Sehnsucht Benno's, Mutter und Schwester kennen zu lernen, fand der sonst
dem Abenteuerlichen wenig geneigte Mann natrlich ... Die Mittel, eine Reise
nach Wien und Italien zu unternehmen, wurden reichlich von ihm dargeboten ...
    Das Band des Blutes zwischen beiden Mnnern war so eigenthmlich bedingt,
da sie sich anfangs ohne Wallung des Errthens nicht ansehen konnten ... Die in
solchen Lagen so oft vom Gemth vorausgesetzte Gegenwart eines unsichtbaren
Geistes, der vom Land der Seligen herber die Hnde zweier so widerstrebender
Interessen ineinander legt mit dem Friedenswort: Seid einig! konnte hier nicht
vorausgesetzt werden ... Was sie umrauschte war der mitternchtige Flgelschlag
der Eule ...
    Der Hinblick auf Wien - auf die gemeinsame - Schwester mehrte den
unheimlichen, erschtternden Eindruck ...
    Der Prsident kam als Vertreter der Agnatenansprche und als nchster
Verwandter Paula's, er dachte ber die Nothwendigkeit dieser Ehe ganz wie Monika
... Eine Schonung Bonaventura's, wenn sie ihm auch vielleicht als zu ben bewut
war, forderte nicht die Stellung eines Priesters und berhaupt eines solchen,
wie sein Sohn ... Eher war die Erwhnung des Grafen Hugo um Benno's willen
mislich ... Er erzhlte von Angiolina, von der Herzogin von Amarillas, was er
mit Vorbedacht erkundschaftet hatte. Sie werden vorziehen, den Namen der
Asselyns fr immer zu behalten und fortzupflanzen, da er ohne Sie aussterben
wrde! sagte er zum Bruder, den er - nicht Du nannte ... Die Gltigkeit der
betrgerisch geschlossenen Ehe des Kronsyndikus mute wiederholt zur Sprache
kommen ... Geld wrde es auf alle Flle reichlich kosten, sagte er, bis die
Sacra-Dataria in Rom, natrlich erst nach dem Tod des Dechanten, zu Ihren und
Angiolinens Gunsten Ihre Deutungen des kanonischen Rechts geltend machte ...
Auch in unserm Land wrde dann die Anerkennung nur ein Gnadenact der Krone sein
knnen, der sich kaum verbrgen liee, da die Herzogin von Amarillas nicht
einmal die Klgerin ist ... Sie wird sich hten, das Verbrechen der Bigamie auf
sich zu laden ... Sie wird immer sagen, da sie zuletzt den Betrug durchschaut
htte ... Ich bin begierig auf Ihre Begegnung mit ihr ...
    Die Auffassungen des Prsidenten widerstrebten zwar einer Verbindlichkeit
derjenigen Ergebnisse nicht, die etwa Benno von einer Begegnung mit seiner
Mutter heimbringen wrde, nannten aber die katholische Lehre von der Ehe
gefahrvoll und den bekannten Ehen des Schmieds von Gretna-Green nicht im
mindesten unhnlich ... Julius Csar von Montalto war ein von der Mutter
hergenommener Name, die sich Maldachini nur als Sngerin nannte ...
    Bonaventura vertheidigte die Einfachheit der katholischen Ehe ...
    Sie ist ein letzter Rest der apostolischen Zeit ... sagte er ... Die
brgerliche Gemeinde war damals die Kirche und die Kirche war die brgerliche
Gemeinde ... Zwei Liebende sagten vor dem gemeinschaftlichen Genu des
Abendmahls: Wir sind Eins! und keine Macht der Erde konnte sie trennen ...
    Leider auch die Kirche nicht mehr! ... setzte der Prsident seufzend hinzu
... Gewi sollte dann auch hier der eigene Wille hher stehen als ein Mysterium,
das ein Mysterium zu sein aufhrt, wenn sein Duft verflogen ist, die Liebe ...
    Die eignen Familienbeziehungen wurden fr die Fortsetzung des Gesprchs zu
schmerzlich ...
    Den heftigen Anklagen des Prsidenten gegen Terschka, Rom, die Jesuiten,
Nck konnten die Freunde nicht widersprechen ... Auch hier hatte Friedrich von
Wittekind Zusammenhnge, deren Kenntni ihm nur aus amtlichen Quellen gekommen
sein konnte ... Dennoch rieth er Benno, Nck nicht ganz aufzugeben und
jedenfalls die Reise nach Wien im Auftrag der Dorste'schen Agnaten zum uern
Anla seiner weitern sdlichen Entdeckungsfahrt zu machen ... Nur lassen Sie
sich kein rothes Kreuz aufheften, um in ppstliche Dienste zu treten! fgte er
hinzu ... Wenn Sie inde von Nck an den Staatskanzler empfohlen werden, das
nehmen Sie als interessante Reiseerinnerung! ...
    Ich wrde wie Posa reden! ... scherzte Benno ...
    Thun Sie das ja nicht! Dann gibt er Ihnen eine Anstellung! entgegnete der
Prsident ...
    Man stritt ber diesen Scherz ... Der Prsident sagte: Glauben Sie mir, der
Staatskanzler stellt jeden noch so freisinnigen Posa an, der von guter Familie
und katholisch ist ... Es hat aber gute Wege damit ... Sprchen Sie ihn, Sie
wrden den klugen Mann so liebenswrdig finden, da Sie nicht ein einziges
freisinniges Wort gegen ihn aufbrchten ... Er wird sogar liberaler sein als Sie
- wenigstens frchtet er mehr als wir die Jesuiten ... Wenn er jetzt den Schein
annimmt, Rom beizustehen, so ist es nur, um unsern Staat zu schwchen ... Aber
auch das wird er in Abrede stellen und dem jugendlichen Sinn jede Zustimmung
abschmicheln ...
    Bonaventura und Benno blieben Welfen - nicht im hierarchischen Sinn, sondern
so wie Bonaventura einst zu Klingsohr hatte sagen knnen: Nichts will im Grunde
die Freiheit der Vlker und des Menschen mehr, als die katholische Kirche! ...
    Der Prsident besuchte, zur Beruhigung des Dechanten, noch Kocher am Fall
... Er hatte sich als Beamter zur Disposition stellen lassen, weil seine
Erbschaft ihn zu sehr in Anspruch nahm ...
    Einige Wochen spter war Benno zur Abreise bereit ... Bonaventura hatte kein
Wort von Paula gehrt ... Ihre ekstatischen Zustnde dauerten fort, aber ihn
selbst schien sie aus ihrem Leben gestrichen zu haben ... Es lag eine seltsame
Strenge, eine Strafe in diesem Schweigen ... Er litt unsglich ...
    Benno erhielt von Nck die Papiere, die dem Grafen Hugo vorzulegen waren. So
sehr er sich dagegen strubte, mute er dennoch Depeschen an Ceccone und den
Staatskanzler mitnehmen ... Er konnte dies in der Flle der ihm bergebenen
Auftrge nicht ablehnen ... Der Dechant empfahl ihn an alle seine alten wiener
Freunde und besonders Einen, bei dem er wohnen sollte ... Benno nahm dies an,
obgleich er einsah, da es ihn sofort nach Rom ziehen wrde ... An die
Mglichkeit, da und in welcher Form Ceccone wagen knnte, die Herzogin von
Amarillas sich nachkommen zu lassen, konnte niemand von den enger Verbundenen
glauben ...
    Thiebold blieb auerhalb aller dieser Geheimnisse und litt unter der
Trennung von Benno wie ein Liebender unter der Trennung von seiner Geliebten ...
Sein Halt, seine Fhrung war dahin ... Doch zerflo er nur in jene bekannte
Sentimentalitt, die sich vor dem Ueberma der Selbstrhrung durch Poltern zu
bewahren sucht ... Er packte Benno's Koffer, revidirte seine Garderobe und
zerstrte ihm seine alten Brieftaschen, Haar- und Nagelbrsten, um ihm nur ein
prachtvolles englisches Reisenecessaire zum Andenken mitgeben zu drfen ...
    Nicht ebenso unausstehlich aufmerksam, aber theilnehmend waren auch alle
andern Bekannte Benno's ... Nur Piter hatte sich seit einiger Zeit zurckgezogen
...
    Noch am Abend vor Benno's Reise kam Thiebold zu Bonaventura ins Domkapitel,
wo er hoffen konnte Benno zu finden, und erzhlte athemlos einen schnen
Skandal ... Piter hatte Treudchen Ley gewaltsam aus dem Kloster entfhrt ...
    Denken Sie sich, erzhlte er, Piter soll bereits schon einmal im Kloster
gewesen sein und zwar auf welchem hoffentlich nicht mehr ungewhnlichen Wege?
... In einem Waschkorb! ... Ich versichere Sie auf Ehre! Eingepackt als
Leinzeug, das von einer im Kloster gehaltenen Nhschule gesumt, gesteppt,
gezeichnet, gewaschen und gebgelt werden sollte ...
    Bonaventura schlug die Augen nieder ...
    Dieser Ueberfall, fuhr Thiebold fort, misglckte damals ... Aber - Sie
wissen ohne Zweifel, Herr Domkapitular, die kleine allerliebste Blondine, die
bei seiner verstorbenen Schwester diente - diese fr ihn unbegreiflicherweise -
nein, um es aufrichtig zu gestehen, ich kann mir diese Verirrung seines
Geschmacks, wenn Sie wollen erklren ... Nicht nur nicht, da die Kleine
wirklich ein Bild von Schnheit, von Sanftmuth, von Anmuth - ohne Spa - sondern
auch - da sie -
    Mehr Inhalt, weniger Kunst! unterbrach Benno ...
    Thiebold, gewohnt, von Benno'schen Dialog-Hindernissen gereizt zu werden,
hrte nicht auf die Mahnung, sondern wandte sich an Bonaventura, der sein
Studirzimmer den Freunden bereitwillig zum Rauchen hergab, und fuhr fort:
    Sagen Sie selbst, Herr Domkapitular, finden Sie es nicht auch begreiflich?
...
    Nicht nur nicht - schaltete Benno ungeduldig ein ...
    Wer - sich - nur - irgend - auf Piter's - Standpunkt - zu - versetzen wei -
sagte Thiebold, jede Sylbe betonend ...
    Ich kenne das junge Mdchen und wnsche jedem Glck, der dessen Liebe
gewinnt - schaltete Bonaventura zur Beruhigung ein ...
    Vollkommen meine Ueberzeugung! uerte Thiebold mit einem Mitleidsblick auf
Benno ... Nur eine dergleichen Acquisition konnte Piter's Naturell
Befriedigung gewhren ... Eine Liebe darf manche Charaktere nicht geniren ...
    Kurz, Thiebold erzhlte von einer Verkleidung, in der sich Piter ins Kloster
geschlichen htte ... Frher wre er im Waschkorb gekommen, diesmal aber als
Mitglied der weiblichen Nhschule selbst ... Er htte nicht einen einzigen
seiner Sherrypunschfreunde zum engern Complicen gehabt. Der Gedanke wre ganz
original aus seiner Seele allein entsprungen. Vielleicht hchstens mit
Hinzuziehung des Fruleins Lucinde, die dem Treudchen diese Partie gnnte -
vermuthete Thiebold ... Piter htte sich in den einfachen Anzug einer Nherin
geworfen, htte seine interessante Erscheinung durch einen Strohhut mit Schleier
unkenntlich gemacht und wre so ins Kloster gekommen ... Das Glck htte ihn
begnstigt und vor einem zu langen Umherirren bewahrt ... Treudchen Ley wre
bald aufgefunden gewesen, er htte sie in ihrer Zelle berrascht und ihr solange
- Thiebold bediente sich des auf Piter anwendbaren Ausdrucks - zugesetzt, bis
das schwache, willenlose Mdchen eingewilligt und mit ihm durch die Gnge, die
ins Waisenhaus fhrten, das Kloster verlassen htte ... Dort htte sie noch erst
ihre Geschwister unter Thrnen gekt und wre dann spurlos verschwunden ...
Piter htte ohne Zweifel den Weg nach einer Gegend genommen, die derjenigen
vllig au contraire gewesen wre, aus der er jetzt mit seinem Hause
correspondire ... Sein Schwager, der Professor auer Diensten, htte im Sturm
der Indignation sofort Procura bekommen, whrend die Commerzienrthin die
gewhnliche Farbe ihrer Scheitel aus Anstandsrcksichten ins Kummergraue
melirt htte ... Ohne Zweifel wrde Piter nach einigen Monaten an der Hand
seines jungen Weibchens am Platz zurckkehren und hchstens nur noch mit den
Curatoren des von ihm entweihten Klosters, namentlich mit dem
wiederhergestellten Pfarrer vom Berge Karmel, einen schnen Tanz kriegen ...
    Bonaventura hrte alledem zu, wie ein Arzt seinen Kranken reden lt und
durch kein Lcheln verrth, da die ihm mitgetheilten Symptome ihm in nichts
berraschend, wenn auch auf vllig andere Ursachen hinzuleiten erscheinen, als
sie der Kranke ausspricht ...
    Die Belustigung seiner Freunde ber Piter als Nhmamsell konnte Thiebold,
trotz des Verdachts der Blasphemie, nicht umhin zu theilen und versprach sich
davon fr den stadt- und landersehnten nchsten Carneval ein anregendes Motiv
...
    Benno reiste am folgenden Morgen ab und Thiebold gab ihm das Geleite bis auf
eine Tagereise, Bonaventura nur bis zur Abfahrt des Dampfboots ... In seinem
letzten Blick und Handdruck lag ein tiefes Bangen vor den Erfahrungen, denen
Benno entgegenreiste ... Die Rhrung des Abschieds konnte nicht zum vollen
Ausbruch kommen - Thiebold's wegen, der theils mit den Koffertrgern zankte,
theils dem Abschied der Freunde und den etwa dabei fallenden letzten Wnschen
ein aufmerksames Ohr lieh ...
    Nach einem jener abwechselungsreichen Tage, wie man sie auch nur auf einem
menschenberfllten Dampfboot und dann nur mit Thiebold de Jonge, der Seele
einer solchen Fahrt, verbringen konnte, nahm Benno auch von diesem Abschied ...
Sie hatten noch eine Nacht in einem der schnen Hotels zugebracht, deren sich in
der Nhe des Grabes der heiligen Hildegard mehrere erheben ... Wieder brach ein
milder, sonniger Herbsttag an, als Thiebold frhmorgens thalwrts, Benno bergauf
weiter fuhren ... Ihr Abschied war, wie Thiebold versicherte, nur auf kurze Zeit
... Der Landtag, der seinen Vater beschftigte, trat zwar zusammen, wrde aber
der von der Ritterschaft und den Stdten beabsichtigten Antrge zu Gunsten des
Kirchenfrsten wegen sogleich aufgelst werden ... Er wrde dann nicht
verfehlen, ihn eines Morgens in Oesterreich und Umgegend zu berraschen ...
    Im Fremdenbuch ihres Hotels hatten sie den Namen Schnuphase gefunden ...
Stadtrath Schnuphase ... Der von der Commune wegen seiner
kirchlich-oppositionellen Richtung durch diesen Titel ausgezeichnete Mann
reiste, wie zu lesen stand, gleichfalls nach Wien ... Prchtige Unterhltung
das! sagte Thiebold. Ein Erstz fr meine unfreiwillige Kmik ...
    Dieser letzte Stich vertrieb die Rhrung nicht, mit der sich beide Freunde
umarmten ... Auch von Thiebold nahm Benno Abschied in dem seltsam ihn
beschleichenden Gefhl, ihn nie wiederzusehen ... Er mute sich abwenden, um das
flatternde Taschentuch nicht mehr zu bemerken, mit dem ihm Thiebold so lange
seine Gre zuwehte, bis der Dampfer, der ihn trug, hinter dem grnen Vorgebirge
des Niederwalds verschwunden war ...
    Benno's Schiff ging spter und legte in Rdesheim an, um Gter und
Passagiere aufzunehmen ...
    In der That wurde ihm hier Stadtrath Schnuphase als Mitpassagier zu Theil
...
    Herr Maria mit der rthesten Nase, sonst wie zu einer Audienz, in weier
Weste, im Frack, weier Halsbinde, erschien auf der Landungsbrcke und lie eine
Menge Koffer, eine Equipage von wenigstens zehn Centnern Uebergewicht aufladen,
darunter eine Kiste, der er eine Aufmerksamkeit widmete, als wre sie ganz mit
Monstranzen, Megewndern oder consecrirten Kerzen gefllt ...
    Anfangs bemerkte er Benno nicht ...
    Herr Maria war in einem zrtlichen Abschied begriffen von einer hohen
Gestalt, die ihm krftiglich die Hand schttelte ...
    Benno erkannte den Moppes'schen Kfer, den Richter von der Eiche am
Dsternbrook, den Richter seines eigenen Vaters, Stephan Lengenich ...
    Wohl war ihm diese Begegnung eine unheimliche ... Er wich Schnuphasen aus,
ergriffen wie von einem Omen ...
    Doch allmhlich, als das Schiff weiter fuhr und Benno, gegen den noch khlen
Morgenwind in einen Mantel sich verhllend, vom Verdeck aus den Kfer lange auf
der Brcke harren und mit abgezogenem Hut dann und wann noch den Stadtrath zum
Scheiden gren sahe, lste sich der Druck der Erinnerung, der mit eisigen
Krallen sein Herz erfat hatte ...
    Auch der Stadtrath hatte ihn jetzt entdeckt, erkannt und mit
Bewillkommnungen berhuft ...
    Wo reisen Sie hin, Herr Stadtrath? ... Auch nach Wien? ... fragte Benno
gelassen ...
    Herr Maria htte Benno vor Freude ber eine solche Reisebegleitung fast
umarmt ...
    Eben fuhren sie am Johannisberg vorber ...
    Er schilderte geheimnivoll, was er oben gestern und heute gesehen auf dem
in der Sonne leuchtenden Schlosse ...
    Er schilderte die prtements, den berhmten Schreibtisch, der ganz mit S
- piegeln umgeben wre, soda der hohe S - ttsmnn, indem er die Feder
fhrte, immer sehen knnte, ob hinter ihm die demggischen Umtriebe ... -
    St! ... unterbrach Benno ... Die Kellerei! ... Erzhlen Sie von der! ...
    Der vor Begeisterung auch ber diese Keller, wie er sagte, sich noch in
einem ungefrhs - tckten Zus-tnde befindliche Stadtrath machte eine
bedeutungsvolle Miene, sah nach Rdesheim zurck, dann auf sein Gepck und brach
von dieser Frage mit eigenthmlicher Pfiffigkeit ab ...
    Ich glaube gar, Sie haben geheime Auftrge an den Staatskanzler? fragte
Benno ...
    Wieder folgte eine mysterise und diplomatische Abschwenkung ...
    Die Nase glhte in der Sonne ... Das weie lockige Haar stand dem kleinen
Haupte ganz staatsmnnisch und bedeutungsvoll ...
    Benno gab sich der Hoffnung hin, da ihm seine Reise wenigstens von dieser
Seite her Unterhaltung bieten wrde.

                                       5.


Stadtrath Schnuphase hatte den Mentor gefunden, den seine in diesem Sommer
mannichfach geprften Tchter mit Verzweiflung vermiten, als sie hrten, Herr
Stephan Lengenich wrde nur bis zum Schlo Johannisberg mitreisen ...
    Sie wuten, wie der Vater bei seiner enthusiastischen Gemthsart in der
freien Luft, beim Anblick der hohen Dome, Domstifte, Kapellen, Kerzen und
Schenken aus sich herauszugehen pflegte ... Erst in Wien selbst war Aussicht
vorhanden, da der so leicht angeregte Mann durch seine mitgenommenen
Empfehlungen in eine geregelte Ueberwachung kam ...
    Schon von Frankfurt am Main aus schrieb Schnuphase seinen Tchtern das
Glck, das er gefunden, den Herrn Baron von Asselyn als seinen Begleiter zu
haben ...
    Es war ein Glck, das Benno theuer bezahlen mute ... Denn Schnuphase
heftete sich an ihn an wie eine Klette ... Und einen Auftrag an den groen
Staatsmann hatte Schnuphase auf jeden Fall ... Worin - errieth Benno nicht ...
Schnuphase, der ihn sonst bis in das Innerste seines Busens, bis auf alle
geheimen Medaillen und Amulete, die er unter dem bloen Hemde trug, sehen lie,
verma sich hoch und theuer, hierin msse er schweigen - er hatte sich und
seinem Schutzpatron drei Eide abgelegt - doch wrde er bei dem groen Staatsmann
fr Herrn von Asselyn sprechen, falls er die Bekanntschaft wnschte; er wrde
ihn einfhren, ja, wenn er wollte, zu seinem Mitbevllmchtigten machen ...
    Ums Himmels willen -! ...
    Benno wollte erst im Scherz zustimmen, erschrak aber ber die Mglichkeit,
da der Stadtrath wirklich in Sachen der Politik reiste ... Er konnte nicht auf
den Grund kommen, ob es sich um den Weinkeller oder um die Staatskanzlei
handelte ... Schnuphase bat ihn, seinen Chrcter nicht zu compromittiren,
indem er ihn reize, seine Geheimnisse zu ffenbren ...
    Sonst lie sich der khnste aller Emissre, wenn er dies war, in seiner
ganzen Auffassung der Zeit und der schwebenden Fragen ohne alle Rcksicht gehen
...
    Schnuphase hatte zwei Brieftaschen, die er bei jedem Stundenschlag zog ...
Eine schien mysterisen Inhalts ... Sie hing, wie Benno allmhlich bemerkte, mit
den Tageszeiten, Rosenkranzverpflichtungen und den dadurch gewonnenen Ablssen
zusammen ...
    Von Wrzburg htte Schnuphase gern nach dem Wrtembergischen
hinbergeschwenkt ... Bei Ellwangen lag die uralte Kirche der vierzehn
Nothhelfer ...
    Nur durch das Verlangen, zu beobachten, wie ihm das bairische Bier bekommen
wrde, vermochte ihn Benno zu einem schnelleren Betreten Altbaierus ...
    Das thurmreiche Augsburg konnte nicht unberhrt bleiben ... Mit Sehnsucht
blickte Schnuphase, der dabei nie unterlie, als Reisender auch in seinem
Geschft zu wirken und bei allen Sakristeien anzuklopfen, auf die fern
aufragenden Voralpen, wo die hochheiligen Wallfahrtsorte Andechs und Alttting
lagen ...
    Zwischen Augsburg und Mnchen erfuhr Benno zwar noch immer nichts von
Schnuphase's diplomatischer Mission, aber von der geistlichen Partie derselben
lfteten sich Schleier ...
    Schnuphase hatte Commissionen aus Belgien und Paris ... Er brachte
Medaillen, Wunderwsser und Rosenkrnze in allen Formaten, wie sie die neue
geistliche Thtigkeit von Rom und Paris aus segnen und mit jenseitigen
Wohlthaten erkrftigen lie ... Er selbst war Mitglied fast zu vieler Vereine,
wie er sagte, und suchte Benno fr den Eintritt wenigstens in einige zu
interessiren ... Mit dem Flsterwort: Ich bin Rath eines Rosengartens! erklrte
er Benno den marianischen Bund ...
    Diese Erzbruderschaft will den Rosenkranz als ein Lebendiges, in den
Personen Vertretenes darstellen ... 15 Personen stellen eine Rose vor; 11 Rosen,
also 165 Personen einen Rosenstock und 15 blhende Rosenstcke einen Rosengarten
... Schnuphase beaufsichtigte demnach einen Rosengarten von 2475 Personen oder,
wie er im Styl der Andacht sagte, von reuevollen und demthigen Seelen ... Die
Ablsse, die die Mitglieder gewinnen, sind solidarisch und kommen nicht aus dem
Verdienst des Einzelnen, sondern aus dem der Gesammtheit ... Man loost sie aus,
soda die Hoffnung, eine Seele gewnne durch die Verpflichtung dieser
Erzbruderschaft einen Abla von hundert Tagen oder eine Verkrzung der Pein im
Fegefeuer etwa von hundert Jahren, sich nicht auf das eigene Verdienst, sondern
auf das Verdienst eines - Mit-Rosenblatts begrndet ...
    Von dieser liebeseligsten aller Gemeinschaften konnte Schnuphase nicht
reden, ohne da in der That alle Rosen auch seines Antlitzes in ihren
glhendsten Farben spielten ...
    Das zweite Bchelchen enthielt die Stunden und Tage der Ablsse, die sich
Schnuphase durch Verrichtung der von den verschiedenen Genossenschaften, zu
denen er gehrte, vorgeschriebenen Devotionen erwarb ...
    In Mnchen lebte Benno den Eindrcken der Kunst ...
    In einem Kaffeehause traf ihn aus einer Zeitung, die er zufllig las, die
Nachricht, da in Wien eine Menge Rmer, auch ein Principe Rucca angekommen wre
- in Begleitung der Grfin Olympia Maldachini, seiner Verlobten, und der
Herzogin von Amarillas.
    Er sprang vom Tische auf ... So nahe rckte ihm die Entscheidung! ... Doch,
doch folgte die Mutter dem Cardinal! ... Ha, rief es in seinem Innern, Du wirst
diese Menschen in glnzenden Carrossen an dir vorberfahren sehen, wirst vor
ihnen entfliehen mssen ... Wie kannst du einen Tag in solcher Nhe bleiben! ...
    So grbelte er verzweifelnd und doch wieder hocherhoben ... Das Schicksal
kommt dir entgegen! rief er ... Es lie ihn jetzt nicht mehr unter den Bildern,
Statuen, Baumonumenten, unter - den Lcherlichkeiten Schnuphase's ...
    Dieser war ganz der Vertreter der Lehre, da die katholische Kirche die
heiterste Lust am Dasein segne und heilige ... Wie gute Geschfte er machte ...
Wie kunstkennerisch er vom Bier zu reden begann, obgleich ihm nchtlich der
Schlagflu drohte ... Wie viel Verbindungen er knpfte und zwar heiterster Art
... Beim Pschorr, beim Hackerbru endete, was im Sanct-Peter, der ltesten
Kirche der schnen Stadt, begonnen ... Der mchtigsten Bruderschaft Maria-Hilf
gehrte Jean Baptist Maria bereits in ihrer belgischen Verzweigung an ... Wie
heimisch war ihm nun das Gefhl, den mnchener Sanct-Peter zu betreten, von
dessen Kanzel herab 1683 jene Bitten an die Gottgebrerin ertnten, die nchst
Sobieski's Sbel die Trken von Wien entfernten ... Sie wurden Anla zu unserer
deutschen Maria vom Siege - wie die Schlacht von Lepanto und Don Juan
d'Austria's Sieg einst zur italischen ... Kam Schnuphasen auer dem Anblick von
zahllosen Kerzen an diesem hochberhmten privilegirten Altar von Sanct-Peter
(einen privilegirten Altar zu sehen, ist dem glubigen Gemth ein Genu, wie
euch Weltlichen nur der Anblick einer classischen Stelle Italiens) ein
weltlicher Gedanke, so war es der: Der Verein Maria-Hilf ist recht gemacht fr
eine Stadt der Maler ... Jedes Mitglied desselben mu bei seinem Eintritt
geloben, ein Bild der allerseligsten Jungfrau im Hause zu haben ...
    In Regensburg, wohin Benno seinen Gefhrten mhsamer und mhsamer geschleppt
hatte und wohin ihn zuletzt nur die Angst beschleunigte, es knnte seine dorthin
auf dem Donau-Main-Kanal nachdirigirte Bagage und vorzugsweise die
geheimnivolle Kiste verloren gegangen sein, bestiegen beide das Dampfboot ...
    Eine herrliche Donaufahrt dann! ... Die Passagiere: Soldat, Bauer, Brger,
wiener Brger, Baron, sterreichischer Baron, Geistliche; Passauerinnen, - die
mit ihren Augen die pssauer Kunst ben - sagte Schnuphase ... Linzerinnen,
hbsche, doch etwas gr zu blsse junge Mdchen mit groen goldenen Helmen auf
dem Kopf - die schon alle mit russischen Herrschften scheinen gereist zu sein
- schmunzelte er ...
    Es war ein Gemisch, das sich an Buntheit sicher noch vermehrt htte, ginge
nicht noch immer die Ordinari, ein groes Flo, das Thiebold als Holzhndler
vielleicht aus Esprit de corps und einmal zur Abwechselung vorgezogen htte
...
    Hinter Passau folgte die Revision der Psse ... Die Identificirung der
Personen ... Schnuphase flog so eifrig von der ersten Vslauer, einem Wein,
den er vorzugsweise zu studiren begehrte, auf und reichte seinen Pa so khn
ber die Hupter aller Handwerksbursche hinweg, da ihm Benno sagte: Aber machen
Sie sich doch durch bermige Loyalitt nicht verdchtig! ...
    Die Gepckrevision vermehrte Benno's Staunen ber Schnuphase's Mission ...
Die Mauthbeamten lasen gewisse ihnen vom Stadtrath dargereichte Zettel, griffen
ehrerbietigst an ihre Mtzen und lieen alles ununtersucht ...
    Die geheimnivolle Kiste, sah er bei dieser Procedur, war mit Wappensiegeln
verschlossen ...
    Benno's Gemth gerieth in immer tiefere Spannung - abwechselnd der Freude
und Trauer ... Er sah in die hellgrnen Wellen wie in einen Krystallspiegel mit
magischen Bildern ... Er verglich, was ihm wohler gethan: Sein alter Irrthum
oder jetzt die Wahrheit! ...
    Die grnen Berge, die den Strom verengten, konnte er nicht sehen, ohne sich
nicht auf ihren Spitzen Armgart zu denken ... Welche neue Erscheinungen standen
ihm bevor ... Wie sollte er sich ihnen nhern ... Unter welchen Veranlassungen
... Er sah voraus, da er, wie sein Bruder gesagt hatte, vielleicht vorziehen
wrde, das zu bleiben, was er war ...
    In scharfen Contouren lagen die schon von frischgefallenem Schnee glnzenden
steirischen Alpen vor seinem wehmuthumflorten Auge ... Die an den Ufern des
buchten- und windungsreichen Stromes liegenden Stdte schimmerten in heller
Pracht mit ihren ber und ber weigetnchten Husern und Kirchen ...
    Linz war erreicht ... Ein kurzes Nachtlager ... Dann die Wirbel und
Strudel, die mehr zu reden als zu frchten gaben ... Mitten in der Strmung
auftauchende Auen und Inseln erinnerten an die Weerthe des andern geliebten
Stromes - an Lindenwerth ... Mit schmerzlichem Sinnen gedachte Benno des
vorjhrigen Herbstes und seiner verklungenen Hoffnungen ... Eine verlorene Liebe
ist wie die zerstoene Perle, die den Becher eines ganzen Lebens wrzt - wie der
Tropfe zerflossenen Goldes, mit dem auf der Palette ein Maler alle seine Farben
mischt ...
    Benno sah jetzt, je nher er Wien kam, alles feierlich und geheimnivoll ...
Mit einem Herzen voll Gluck htte sich ihm manches zugnglicher und
verstndlicher gemacht ... Das Schne weckt vielen Gemthern ohnehin nur Trauer
... Und schn war hier alles ... Auch hier ragten die hohen Bergkanten schroff
empor wie der Geierfels und das Hneneck ... Auch hier blinkten im wilden
Gestrpp der Bsche, im Gerll zerbrckelnder Burgmauern die Edelsteine der
Sagen aus alten Zeiten ... Auch hier konnte auf so mancher Altane das Auge einen
im Wind wehenden Schleier und das Winken der Gefangenen mit ihres Geliebten
bunter Schrpe sehen ... Hohe Schlsser ragten wie Schlo Neuhof, seines Vaters
stolzer, erinnerungsdsterer Stammsitz ... Diese hier bargen Chorherren und
Mnche ... Bonaventura hatte groe Verehrung vor ihnen, weil ihre Bewohner,
Benedictiner, den Wissenschaften oblgen ... Oft im Frhjahr, nach dem Kampf mit
Rother, uerte er die Meinung, sich hieher oder in die alten Bibliotheken der
Schweiz flchten zu knnen ... In einzelnen Booten und auf Flen sah man
Processionen, die zu Maria-Taferl wallfahrteten ...
    Viele von den Pavillon-Passagieren kamen jetzt erst aus den Bdern zurck
... Es fanden Erkennungen und Begrungen statt, auch Misverstndnisse und
Entschuldigungen ... Dicht an vier in Linz aufgefahrenen kleinen Wgen mit dem
berraschenden Inhalt von Lwen und Tigern, die als Nachzgler zu einer in Wien
schon befindlichen Menagerie gehrten, erklrte ein Witzbold die Gefangennahme
Richard Lwenherzens auf dem gegenberliegenden Drrenstein dahin: Aber
erlaubens, wann so ein Englnder auch mit einem Lwen statt 'nem Pudel reist,
hat der Herzog von Oesterreich dazumal Ursach' gehabt, den Mann einstecken zu
lassen! ...
    Schnuphase war wie im Vorhof des Paradieses ... In Linz war ihm schon der
Geschftsfreund entgegengekommen, an den er empfohlen war, der Mitbesitzer der
Paramentenhandlung Pelikan &amp; Tuckmandl auf der Currentgasse ...
    Herr Calasantius Pelikan war eine kleine, dicke und sehr entschieden
auftretende Natur, mit pechschwarzen, fast zottigen Augenbrauen, Ringen an den
Fingern, in grnem Frack, rothem Halstuch, gelber Weste, dem lustigsten
Farbencontrast, ganz als wre das Erdenleben ein ewiger Fasching ...
    Schnuphase schwamm in Entzcken ber diese Aufmerksamkeit, ihm so auf Meilen
entgegenzureisen ... Er zog Benno in die Besiegelungen ewiger Freundschaft
hinein, die den Mittelpunkt der ganzen Schiffsconversation zu bilden anfingen
... Ja, im Bewutsein seiner vertraulichen Beziehung zu dem zweitersten Manne
dieses groen Staates ergab sich Schnuphase der sorglosesten Sicherheit, die
auch bereits mit allen feineren Nuancen der von ihm erprobten Weine des
Schiffskellers bervertraut war ... Er sah im Geist den Stephansthurm umringelt
von oben bis unten mit Praterwrsteln ... Im Sperl hatte er durch Herrn
Pelikan sogut wie schon einen belegten Eckplatz und in Dommayer's, in
Hietzing wurden durch ihn und die mit ihnen speisten, bereits die Backhndln
rar ... An der Table-d'hte that es Schnuphase nun unter Champagner nicht mehr
und Benno mute nur immer hinterrcks an seinem Sommerrockrmel zupfen, um ihn
nur zu bewegen, gegen seine Tischnachbarn den groen Allmchtigen aus dem Spiele
zu lassen, den er halb schon seinen besten Freund nannte ...
    Schnuphase's eigenthmliche S - prche nannte Herr Calasantius Pelikan zum
tiefsten Schmerz des Stadtraths: Wol preuisch? ...
    Nach dem Diner schmollte darber Schnuphase ... Dann aber, wieder
ausgeshnt, war er so neckisch gestimmt, da er's nun auf die Donauweibeln
abgesehen hatte ... Er begab sich schwankenden Fues nach der Vorderkajte und
band dicht neben den reienden Thieren ein Gesprch mit den blassen
volksthmlichen Mdchen in goldenen Helmen an, sie fragend, ob sie keine Furcht
htten vor den furchtbaren Lwen, Panthern und Hynen oder, wie der sich ebenso
schmunzelnd hinter ihm hertrottelnde Calasantius ausdrckte vor oall den
talketen Koatzen? ...
    Immer fester aber und enger schlang sich das Band der neuen Eindrcke um
Benno ... Eine Musikbanda kam aufs Schiff und spielte gellend auf ... Bei
einer Frage um den Grafen Hugo von Salem-Camphausen verwickelte sich Benno in
Gesprche mit Offizieren ... Seines fesselnden Eindrucks wegen gab man sich ihm
gern hin ... Er studirte das eigenthmliche, zwischen Franzsisch und Wienerisch
gehaltene Plauschen der sterreichischen Aristokratie ... Der Erzhler dieser
Geschichten hat das Wesen der meisten Menschen nach dem Durchtnen der von ihnen
am hufigsten gebrauchten Vocale unterscheiden wollen, je nachdem die Menschen
in A gesetzt sind (sie sind wrdevoll und gleichmig), in I (sie sind
verwundert und frhlich), in O (Hypochonder), in U (Mystiker), in E (Tadelnde,
Nergelnde, Mkelnde). Die sterreichische Aristokratie ist entschieden auf E
gesetzt. Sie tadelt und kritisirt in einem fort ... Alle Erscheinungen fremder
Kchen, Keller, Sitten sind ihr mechant; einiges wenige ausgenommen, das sie
dann freilich auch ebenso entzckt charmant oder supeeerb findet, wozu das
Zusammentreffen von Bedingungen gehren mute, die Benno erst zu ergrnden
suchte ... Seltsame Welt, die ebenso viel Selbstbewutsein wie einen pltzlichen
Mangel aller Unterlagen offenbarte ... Selbst die allgemeine Heiterkeit und Lust
schien sich zuweilen in eine nur vorgehaltene Maske zu verwandeln ... ...
    Als Schnuphase in der Kajte schnarchte, erwies sich Herr Calasantius dem
Herrn Baron als ein Mann von Geflligkeit ... Es war ein nach Wien
geheiratheter Bhme ... Er hatte gehrt, Benno wrde in einem geistlichen Hause
auf der Freyung wohnen und stellte nun den Paramentenhndler heraus ... Der
Onkel Dechant hatte Benno an einen alten Freund und Correspondenten, den
ehemaligen Chorherrn der Prmonstratenser, Herrn Pater Grdner, empfohlen, einen
Gelehrten, der an ffentlichen Anstalten Unterricht gab ... Herr Calasantius
Pelikan beschrieb den Mann und sein Haus ... Von seiner eigenen Niederlassung in
der Currentgasse erzhlte er, es wre nahe jener Behausung, wo einst die
allerseligste Jungfrau dem heiligen Stanislaus von Kostka erschienen wre und
ihm das Jesuskind zum Spielen aus die Bettdecke dargereicht htte ... Der Herr
Stadtrath wrde bei ihnen wohnen ... Sein Schwager, der Herr Nepomuck Tuckmandl,
wre der Herbergsvater der Goldsticker, bewahre die Innungslade und ginge bei
den Processionen voran ... Alles das wrde jetzt wieder so schn und neu
aufgerichtet und der Herr Stadtrath wrde, im Vertrauen gesagt, unter sehr hoher
Protection, einen christlichen Gesellenverein einrichten, was bei dem Geist
der Zeit allerdings einige Schwrigkeiten haben wrde ...
    Auf jedes Ueberma der Freude folgt Ernchterung ... Schnuphase hatte nach
dem Erwachen besorgliche Zustnde - Nachwehen, Beklemmungen ... Die kommende
groe Stadt fiel ihm schwer aufs Herz ... Er beschwor Benno, ihn in dem Gewirr
nicht zu verlassen ... Auch seine Mission flte ihm Besorgnisse ein ... Er
wiederholte in allem Ernst, da er die Audienz lieber antrte mit
Unters-ttzung eines gewndteren Redners ... Knnt' ich mich Ihnen doch nur
ganz ffenbren - hauchte er ...
    Nach Ihrer vornehmen Kiste zu schlieen, sagte Benno, vermuth' ich, da es
der Protection des frstlichen Kellermeisters bedarf, um in der ehrenvollen
Eigenschaft Ihres Mitbeaustragten zu erscheinen ...
    Schnuphase seufzte wie unter einer schweren Last ...
    Es war schon dunkel, als endlich Nudorf erreicht war ...
    Die Mauth ist dann ein chemisches Reagens, das alle Verbindungen lst ...
Jeder mu an sich selbst denken ...
    Benno fuhr auf diese Art in die innere Stadt allein ...
    Der aufgehobene Chorherr der Prmonstratenser, Herr Pater Grdner, war
vollkommen unterrichtet und nahm ihn freundlich, wenn auch etwas befangen, in
einem groen geistlichen Hause auf ...
    Der Onkel Dechant hatte ihm vorausgesagt: Pater Grdner ist ein Hypochonder,
wie im Grund ganz Wien nur deshalb ausgelassen lustig ist, um seine pltzlichen
Anflle von Hypochondrie zu vergessen ...
    Benno erhielt einige ganz ihm allein angehrende Zimmer ...
    So spt es war, eilte er den Abend doch noch ins Freie ... Das Gefhl: Hier
leben dir eine Mutter - eine Schwester! drohte ihm die Brust zu zersprengen ...
Jede weibliche Gestalt, die er an sich vorbergehen sah, betrachtete er mit
prfendem Auge ... Von Angiolinen hatte er gehrt, da sie Lucinden hneln
sollte ...
    So schritt er planlos dahin und athmete ebenso das allgemeine Leben der
groen Stadt wie das Geheimleben, das diese Steinkolosse gerade nur fr ihn
erschlieen sollten ... Erst ein Regenschauer fhrte ihn nach Hause zurck ...
Da der Chorherr ihn in nichts stren wollte, fand er ein Nachtmahl fr sich
allein ...
    Am folgenden Morgen war das Wetter wunderschn ... Es hatte die Nacht
hindurch geregnet ... Eine laue Luft wehte wie im Frhling ... Sein Wirth war
schon freundlicher ... Der lange hagere Herr, bejahrter als er aussah, lud zu
einer Spazierfahrt ein, sogar zum Speisen in Hietzing ... Er wollte vom
Dechanten, von Monika, von der Seherin von Westerhof hren ... Und mit der
Aebtissin der Hospitaliterinnen, Schwester Scholastika, bei welcher Monika so
lange Jahre im Kloster gelebt hatte, war er auch bekannt ... Selbst von
Bonaventura hatte er gehrt ... Er sprach von Ceccone ... Dieser wohnte ganz
nahebei ... Benno wollte die Depeschen an den Cardinal und den Staatskanzler
bergeben ... Der Chorherr schlug einen Fiaker vor, den man nehmen wollte, um
alle diese Commissionen mit Bequemlichkeit auszurichten ... Er gehrte, nach
Aufhebung seines Klosters, schon seit Jahren einer hhern Studienanstalt an, die
gerade Herbstferien hatte ... Alle Erluterungen, die er gab, begleitete er mit
einem eigenen seufzenden Lcheln ... Er sprach nicht drei Worte, ohne sich nicht
selbst zu ironisiren ...
    Als sie einen Fiaker genommen hatten, fuhren sie erst bei Ceccone in einem
nahen und bescheidenen Palais vor ... Benno gab die Briefe von der
Stellvertretung des Kirchenfrsten ab ...
    Ihre Adresse ist nicht nthig, sagte der Chorherr mit trockener Ironie ...
Wo Sie wohnen, das wei heute frh schon jeder - Polizeivertraute ...
    Auf der Herrengasse vor dem Palais des Grafen Salem-Camphausen ertheilte ein
Portier in den Camphausen'schen Farben den Bescheid, da die Frau Grfin
verreist und der Herr Graf auf Schlo Salem wre ... Benno bergab ein an diesen
gerichtetes Billet, das er fr diesen Fall bereit gehalten ...
    Sie bringen dieser Familie die Erlsung, sagte der Chorherr, und mssen doch
erst selbst anklopfen! ... Gerade wie in der Pastoraltheologie! ...
    Noch ehe Benno aus seinem Nachsinnen erwacht war, stand der Wagen vor der
Staatskanzlei ...
    Auch hier stiegen beide aus und bergaben dem Portier die Briefschaften ...
    Pressant! sagte der Chorherr zum Portier ... Se. Durchlaucht lesen die
Briefe lieber des Morgens als des Abends ...
    Der Portier hatte ihm die Briefe mit zu vielem Gleichmuth in seine Loge
gelegt ...
    Da doch die Posten selbst fr die Staatsmnner nicht sicher sind! sagte der
Chorherr beim Einsteigen. Ich glaube, es kommt daher, weil die Staatsmnner ein
schlechtes Gewissen haben und die Behandlung der Brieffelleisen kennen ... Wenn
Sie Geheimnisse haben, mein Bester, so nehmen Sie nur ja erst Oblaten und dann
Siegelwachs ... In solchem Fall mu wenigstens das Couvert abgerissen und
aufrichtig darauf geschrieben werden: Mangelhaft verschlossen - -
    Die Empfehlungen an ein Haus Zickeles wollte Benno abzugeben noch
aufschieben ...
    Haben Sie noch sonst eine Commission in der Stadt? ...
    Benno kmpfte mit sich, die Namen Angiolina Ptzl und die Herzogin von
Amarillas zu nennen ...
    Er unterdrckte den Reiz und gab gern seine Zustimmung, da nun der Wagen
pfeilgeschwind zum Burgthor hinausfuhr ...
    Die Unterhaltung konnte nur Erluterung zu den bunten, mannichfach
wechselnden Eindrcken der Fahrt sein ...
    Maria Treu das! sagte der Chorherr auf eine Kirche deutend ... Wir haben
Maria Stiegen - gehrt jetzt den Jesuiten ... Maria Treu - gehrt den Piaristen
- La mme chose - Maria Schnee - gehrt den Italienern. In Rom zhlt' ich
fnfundzwanzig Marienkirchen ... Ich war in Rom ... Ei, da sehen Sie, auf dem
Gebirg ist die Nacht schon Schnee gefallen! ... Da zu, wo Schlo Salem liegt ...
Kennen Sie die Sage von Maria zum Schnee? ... Einige hundert Jahre nach dem Tod
unsers Herrn und Erlsers wute ein reicher Rmer keinen Platz, wo er eine
Kirche hinbauen sollte ... Die Gottesmutter erschien ihm und zeigte ihm den
esquilinischen Hgel, auf dem die Nacht Schnee gefallen war ... Es ist ein ganz
sinniger Zug, da man den Italienern auch hier die Kirche Maria Schnee gegeben
hat. Maria Schnee ist das Symbol von Rom in seinem Verhltni zu Deutschland ...
    Benno konnte sich allmhlich denken, da die Freundschaft des Onkels
Dechanten fr diesen Chorherrn wohlbegrndet war ... Doch mochte er sich nicht
von selbst in sein Inneres drngen ...
    Bei dem zu Hietzing in einem besondern Cabinet eingenommenen Mahle ergab es
sich, da der Chorherr jene sich auf sich selbst sttzende Kraft des reichen
Klosterlebens alten Styls reprsentirte ... Ein lebhaftes Unabhngigkeitsgefhl
trat immer mehr zu Tage ... Und beim Wein lste sich die Zurckhaltung des
unterrichtet und hchst scharf urtheilenden Mannes vollends ... Der Chorherr war
ein Brgerssohn aus dem Salzburgischen, hatte groe Reisen gemacht, gelehrte
Werke herausgegeben und stand seit der Aufhebung seines Prmonstratenserstifts
nur noch im losen Zusammenhang mit dem Klerus ... Immer heiterer und heiterer
wurde er ... Das ganze gleichsam zurckgetretene Liebesgefhl und
Liebesbedrfni des katholischen Priesters, das sich bei wrdigen Naturen in
einem nicht zu misdeutenden Bedrfni nach mnnlicher Freundschaft und
namentlich zu Jnglingen ausspricht - wodurch gutgeartete hhere katholische
Priesternaturen eine seltene Befhigung zur Erziehung gewinnen - kam auch bei
dem bisher so trockenen alten Herrn ganz zum Vorschein ... Er konnte die Hand
des jungen Mannes wie ein Verliebter drcken ...
    Beim Dessert sprach der Chorherr schon wie ein Vater mit seinem Sohn ... Es
war ihm nichts fremd von dem, was die Welt bewegte ... Nun kam das alles heraus
... Er las, was nur dem Gebildeten zu kennen geziemt ... Und sein Gelesenhaben
und Wissen war, nun blitzte auch das auf, wie eine geheime Waffe gegen seinen
eigenen Beruf, eine geheime Rstung fr die knftige Zeit ... Wie Benno die
Donaureise beschrieb und freimthig auf die Zeiten zu sprechen kam, wo, wie der
Jesuitengeneral einst zu Terschka geklagt hatte, sieben Achtel der
sterreichischen Lande protestantisch waren, - wie er dann vollends den
Bauernaufstand des Stephan Fadinger erwhnte und bei Gelegenheit der Wohnung
Schnuphase's die Weigerung des frhern lutherischen Hauswirths des heiligen
Stanislaus, das Allerheiligste in sein Haus kommen zu lassen - da sagte der
Chorherr unerschrocken:
    Wir werden noch einmal wieder zurckkommen mssen auf das sechzehnte
Jahrhundert, mein Lieber! Wir werden noch einmal da anfangen, wo der gute Luther
stehen geblieben ist, ehe die Habsucht der schsischen und hessischen Frsten
den seltenen Mann in Beschlag nahm und die Ausartungen seiner Reform ihn
erschreckten! Freilich ist ein Volk, das in einer Wallfahrt ein Gemthsbedrfni
befriedigt, ein Volk, das sich zu einer Bruderschaft vom Todesschwei des
Erlsers zahlreich einschreiben lassen kann, nicht sofort durch Kant und Hegel
fr die Aufklrung zu gewinnen. Das Kreuz des Erlsers wird die Reform immer
mittragen mssen! ...
    Benno hrte die Ansichten Bonaventura's ...
    Nach Tisch wandelten beide jetzt schon Vertrautgewordenen in dem bereits
entlaubten herrlichen Park von Schnbrunn ...
    Der Chorherr legte seinen Arm in den Arm seines jungen Freundes ... Mit dem
Blick auf die Auenwelt, mit dem herbstlichen Laub, das vor ihnen der Wind
dahinfegte, kehrte die Hypochondrie des Greises zurck ...
    Das herrliche sonnige Wetter hatte die Kfige der Menagerie geffnet ...
    Benno folgte dem Zuge der andern Spaziergnger, folgte dem Lachen ber die
Kunststcke der Affen, dem Brllen der Lwen, dem Gekrchz der Vgel ... Der
Chorherr gab nach, obgleich er sagte:
    Diese Gefangenen machen mich melancholisch ... Bestien gehren in die Wste
und der Mensch steht gar so feige vor dem Gitter und freut sich, da er im
Sichern ist ...
    Wie sie im Strom der andern den Behltern nher gekommen waren und vor einem
mchtigen Knigstiger eine elegante Gesellschaft von Herren und Damen fanden,
die mit italienischen Anrufen das unruhig hin-und hergehende, schon bedenklich
den Schweif schlagende Thier reizten, sagte der Chorherr:
    Und das fehlte nun auch noch! Die feigste Nation von der Welt hat hier
Courage ...
    Die Neckenden schienen smmtlich Italiener zu sein ...
    Einige Offiziere waren darunter, die der italienischen Nobelgarde angehrten
... Einige andere gehrten zum Civil ...
    Den Mittelpunkt bildete eine einzige kleine junge Dame, die sich im Necken
des Tigers bis zur Ausgelassenheit gefiel ... Die schlanke und gestreckte
Gestalt des aufgescheuchten Thieres wand sich in gleichmigen Schritten bald
rechts, bald links ... Das grnlichgraue Auge funkelte phosphorartig; es war auf
die leuchtenden Farben des Kleides und vorzugsweise eines kleinen Sonnenschirms
der jungen Dame gerichtet, die nicht aufhrte, mit einer rauhen
befehlshaberischen Stimme den Tiger anzureden und in steigende Gereiztheit zu
versetzen ...
    Pltzlich fiel der kleine Sonnenschirm in den Behlter des in kurzen Stzen
sthnenden Thieres, aus dessen Augen helle Funken zu sprhen schienen, Vorboten
der ausbrechenden Wuth ...
    Die italienischen Herren lachten laut auf ...
    Benno, der dicht dabeistand, hrte vom Chorherrn die verchtlich
geflsterten Schiller'schen Worte:

Herr Ritter, ist Eure Liebe so hei,
Wie Ihr mir's schwrt zu jeder Stund',
Ei, so hebt mir den Handschuh auf! ...

    Die smmtlichen Umstehenden schienen entweder kein Deutsch zu verstehen oder
nichts von der Schiller'schen Ballade zu wissen ...
    Die Italienerin war jedoch vollkommen von dem eigensinnigen Temperament des
Fruleins Kunigunde im Gedicht ... Wie ein verwhntes Kind beklagte sie ihren
Ombrello und verlangte ihn zurck ...
    Die Herren sprachen vom Wrter, den sie rufen wollten ...
    Der Tiger kmmerte sich nicht, wie wenn er ihm doch gehrte, um den etwa
einen Fu vom Gitter entfernt liegenden Gegenstand, sondern ging nur nach wie
vor schnaubend auf und nieder oder stellte sich zuweilen zum Sprunge ... Das
Thier bot alle Veranlassung, ohne den Wrter den Sonnenschirm ruhig liegen zu
lassen ...
    Jetzt erst sah Benno das Antlitz der Kleinen ...
    Es war uerlich ein halbes Kind und doch zeigte sich eine Entschiedenheit
der Mienen, die erschrecken konnte ... Die Haut, an sich zart und pfirsichweich,
spielte ins Grngelbe ... Die Augen schwarz, die Lippen rubinroth, die Zhne
blendendwei ... Das in Flechten unter dem Hute sichtbare Haar hatte ein echt
italienisches Blauschwarz ... Die Augenbrauen ri sie hoch auf wie aus Zorn,
Verlegenheit und Beschmung ... Alle Zhne sah man ... Ihr Wesen hatte selbst
etwas Thierisches ...
    Am ungeduldigsten und eifrigsten, dem fortwhrend um ihren Ombrello
klagenden Kinde von vielleicht schon zwanzig Jahren eine Beruhigung zu gewhren,
zeigte sich ein junger eleganter Mann von derselben Unreife der uern
Erscheinung, doch mit ebenso sichern und lebhaften Manieren ... Die Kleine warf
dem Dandy in gelben Glachandschuhen vor, da er nicht einmal zwei Schritte bis
ans Gitter zu gehen wagte aus Furcht vor den mglicherweise durchgesteckten
Tatzen des Tigers ...
    Die andern Italiener lachten und machten Spe ber die Anwendung, die ein
bengalischer Tiger von einem mailnder Sonnenschirm machen knnte ... Sie
wollten jedoch nur den Wrter rufen ...
    Die zornige junge Dame war nahe daran, um den Sonnenschirm herauszuholen,
einem der Offiziere den Degen aus der Scheide zu ziehen ...
    Perch ella ha quello spiedo! sagte sie ...
    Inzwischen hatte Benno statt des Bratspiees sein leichtes
Spazierstckchen verkehrt ins Gitter gehalten und mit dem Griff desselben,
whrend die linke Hand den erschrocken ihn ergreifenden Chorherrn zurckhielt,
den Sonnenschirm aufgegabelt und herausgezogen ... Der Tiger blieb stutzend
stehen ...
    Mit dem gelufigsten Italienisch bergab Benno der ihm berrascht ins
Antlitz sehenden Dame den Schirm:
    Anche le fiere del deserto cognoscono la civilt, que si deve alle signore!
...
    Grazie, Signore! sagte die junge Dame mit einer pltzlich vernderten Stimme
...
    In diesem Dank, in dieser leichten Verbeugung lag eine Anmuth, die selbst
den Chorherrn bestimmte, zu sagen:
    Der Blick war es freilich werth, die Artigkeit der Wstenthiere auch gegen
Damen zu riskiren! ... Aber ein merkwrdiges Gesicht das! ... Ich mchte fast
sagen die Schnheit der Hlichkeit ... Eine Stumpfnase, eine gewlbte Stirn,
ein mrrisch hngender Mund, aber alles wie der Blitz in Brillantfeuer
verwandelt durch ein einziges Lcheln! ...
    Benno fiel Lucinde ein ... Lucinde war schner, edler gewachsen; aber bei
der Fahrt von St.-Wolfgang nach Kocher am Fall im vorigen Jahre hatte sie so im
Wagen neben ihm gesessen, so von phantastischen Schlssern getrumt, ganz mit
diesen verklrt bestrickenden Augen ...
    Die Italiener waren inzwischen verschwunden und hatten sich zu Dommayer's
wahrscheinlich erst jetzt begeben ...
    Benno und der Chorherr fanden ihren Wagen am Eingangsportal des Schlosses
...
    Diese italienischen Nobili, die die Politik hier zu einer Garde vereinigt,
sagte der Chorherr, kommen mir vor, wie sonst die Heerfhrer der alten Deutschen
bei den Rmern als Geiseln lebten ... Sie sollen die deutsche Weise annehmen und
in Mailand keine Verschwrungen machen ... Es wird aber damit werden, wie mit
dem Arminius ... Der lernte auch in Rom nur die Handgriffe der rmischen
Kriegskunst und schlug damit die Rmer ... Vom Schwert dieser Italiener droht
uns allerdings wenig Gefahr; aber sie haben Dolch und Gift und - Rom ... Doch -
was thu' ich - hten Sie sich ja, hier von Politik zu sprechen! ... Das
Spionirsystem erstreckt sich bis ins Innerste der Familien ... Was die Polizei
nicht thut, thut die Loyalitt von selbst ... Die Sucht nach Auszeichnungen und
Anerkennungen ist so gro, da hier Menschen auf die gemthlichste Weise mit
Ihnen scherzen knnen und Sie dennoch denunciren - aus Patriotismus ... Wer
wei, ob Sie vor mir sicher sind! ...
    Benno ergriff lchelnd den Arm des Greises und drckte ihn an seine Brust
...
    Auf seine Aeuerung, da denn doch wol Rom ein treuer Verbndeter des
Kaiserstaats wre, erwiderte der Chorherr:
    Man glaubte eine Zeit lang, da Cardinal Ceccone seine Macht verlieren wrde
... Seine Gegner im Vatican, besonders Fefelotti, schienen zu triumphiren ...
Aber es scheint, er hat mit den Jesuiten ein Compromi getroffen und hlt nun
wieder alle Bannstrahlen in seiner Hand ... Sein Auftreten bei uns ist
bedeutungsvoll ... Alles, was man fr die innere Reform unserer Kirche gehofft
hatte, scheint verloren ... Die unglckselige Manie der Frsten und
Staatsmnner, nur Eine Gefahr, die der Revolution, zu sehen, macht sie wider
Willen zu Befrderern des Aberglaubens und der Hierarchie ... Der Staatskanzler
hat die Jesuiten ... Aber sie nehmen seine Devise an und sagen: Nous sommes
conservateurs comme vous! ... Was will er machen! ... Dafr, da wir den
Jesuiten Deutschland geben, erbieten sich wieder die Jesuiten, an Oesterreich
Italien zu lassen ... Doch in diesen italienischen Kpfen ist es selbst unter
dem Purpurhut nicht geheuer ...
    Benno, Ceccone's Stellung und die Zhmungsmittel der Jesuiten vollkommen aus
seinem eigenen Dasein kennend, fragte schchtern nach dem Cardinal und ob sein
Gnner ihn gesehen htte ... Er wagte nicht, tiefer zu dringen ...
    Hier noch nicht! erwiderte der Chorherr ... Aber vor Jahren sah ich ihn in
Rom ... Ich machte eine Reise dorthin zu einer Zeit, wo unser Deutschland noch
erst wenig von der rmischen Curie beachtet wurde ... Wie unschuldig nimmt sich
auch unser deutsches Kirchlein Maria dell' Anima in Rom aus! ... Franzosen und
Spanier haben sich da seit Jahrhunderten wahrhaft kniglich zu vertreten gewut
... Unser Kirchlein aber, das hat so etwas nur vom tyroler Geschmack und dennoch
macht es den Eindruck des ehrlichsten und aufrichtigsten aller Gotteshuser in
Rom ... Auf die Phantasie wirkt's nit, das ist wahr; nur ein reines Herz und
rechten Drang zum Beten mu Eins mitbringen, um darin Gefallen zu finden ...
Aber - ja - vom Ceccone sprach ich ... Den sah ich fters ... Ihn und die
meisten Cardinle ... Man mu sagen, diese Monsignori sind Menschen, fr die
Gott ein eigenes Paradies und eine eigene Hlle mu erschaffen haben ... Sie
scheinen alle noch wie aus dem Stamm des Csar Augustus zu sein ... Quos ego!
und das so mit einem smorzando - ganz nur so hingelchelt ... Neptun's Dreizack
geschwungen mit weien Ballhandschuhen - wie Sie auch immer Se. Heiligkeit sehen
werden ... Sie wollen ja nach Rom? ... Immer hat der Heilige Vater, auch wenn er
die Vlker segnet, weie Handschuhe an ... Diese Cardinle! .. Da wird das
Unmgliche mglich mit einer - kopfabschneiderischen Grazie ... Die Art, wie
blos allein diese Ceremonienmeister des Himmels ber die Marmorbden schreiten
oder wie sie die Messe lesen, falls sie die vollstndigen Weihen haben - - das
lat sich gar nicht beschreiben ...
    Benno war im steten Bangen um die endliche Erwhnung seiner Mutter ...
    Der Chorherr lie in der Stadt vor dem Bankierhause Marcus Zickeles halten
...
    Es war die Mittags- und Brsenzeit ... Er fand niemand als einen Buchhalter,
dem er seine Creditive berreichte ...
    Am Abend besuchte er das Krthnerthortheater, wohin ihn der Chorherr nicht
begleitete ...
    Von der Herzogin von Amarillas erfuhr er durch Erkundigungen in den ersten
Hotels, da sie im Palatinus wohnte ... Er nherte sich mit klopfendem Herzen
diesem Gasthof, sah das Eingangsthor mit Dienern in prchtigen Livreen besetzt,
hrte italienisch sprechen ... Von einem Mohren hie es, er gehre dem Principe
Rucca ... Mit der sogenannten Gemthlichkeit der Wiener stand die kurze Art,
wie er da und dort auf seine Fragen Auskunft ertheilt bekam, nicht immer im
Einklang ...
    Am folgenden Morgen sprach der Chorherr seine Verwunderung aus, da noch
kein Lebenszeichen von der Nuntiatur und der Staatskanzlei gekommen ...
    Benno erwiderte:
    Wie wre denn das mglich ... Ich brachte keine Empfehlungsbriefe ... Man
erwartet mich hier nur in der Herrengasse ... Wie weit ist Schlo Salem? ...
    Mindestens vier Stunden! sagte der Chorherr und lud Benno zur Besichtigung
der Gemldegalerie im Belvedere und dann zu einem Spaziergang im Prater ein ...
    Die Urtheile des Chorherrn ber die Schtze der kaiserlichen Bildergalerie
waren treffend und zeigten ein Bindeglied mehr zwischen ihm und dem Onkel
Dechanten ... Wie warm und lebendig wurde er im Gegensatz zu Maria vom Schnee
ber Rafael's Maria im Grnen! ... Wie still und ruhig das alles ist! sagte er
im Anschauen ... Die Kinder spielen noch mit dem Kreuz, das sie knftig tragen
sollen! ... Und fast hastig fhrte er Benno zu Carlo Dolce's Bild: Die
Wahrheit - analysirte es und sah sich dann scherzend um mit den Worten: Warum
ein solches Bild - noch nicht verboten ist! ...
    Beim Verlassen der nur flchtig durchwanderten Sle zeigte der Chorherr eine
italienische Villa mit noch grnem Rasen ... Der Sommeraufenthalt des
Staatskanzlers! erklrte er ...
    Zum Prater wurde ein Fiaker genommen ...
    Als sie den schon vllig laublosen groen Park erreicht hatten, stiegen sie
aus ...
    Der Chorherr rief pltzlich:
    Schauen Sie da! ... Ist das nicht Ihre gestrige Dame? ...
    Eine Cavalcade von Reitern sprengte durch die Alleen ... In ihrer Mitte eine
Reiterin, auf deren Identitt mit der gestrigen Tigerbekanntschaft der Chorherr
nur der Offiziere wegen schlo, die wieder der italienischen Garde angehrten
... Sie ritten zu schnell vorber, um sie zu erkennen ...
    Inzwischen gingen sie weiter ... Der Chorherr nannte den Prater de und
langweilig ... Nur die Abendsonne, sagte er, macht ihn schn ... Wenn man so
hinschlendert und sein Tagewerk vollbracht hat ... Dann freilich kommt die
Schnheit - wie so oft - aus unserm Gemth ...
    Nach einer halben Stunde kamen sie zu dem im Prater befindlichen groen
Hamburger Berg, dessen Schaustellungen und Sehenswrdigkeiten ...
    Eine groe Menagerie kndigte sich durch ihre ausgehngten Bilder, Papagaien
und Affen an ...
    Zieht Sie schon wieder so ein Spectaculum? sagte der Chorherr fast
rgerlich, als Benno einer dicken hinter Vorhngen sitzenden Dame zunickte, die
auf dem Dampfboot ihre verspteten Kfige begleitet hatte ...
    Benno berichtete nur vom Dampfboot ...
    Da pltzlich unterbrach ihn der Chorherr und zeigte auf die in der Nhe
stehenden dampfenden Rosse der vorhin gesehenen Cavalcade ...
    Die Italienerin wird schon wieder vor den Kfigen der wilden Thiere sein ...
sagte der Chorherr und rief dann aufhorchend:
    Da! ... Hren Sie! ...
    Und in der That hrte man drinnen eine laute Stimme italienisch rufen ...
Mitten durch das kurz ausgestoene, fast hustende Brllen eines gereizten
Thieres vernahmen sie die Worte:
    Eh! Tu! Muove ti! Dormi? Non essere si pigra! ...
    Diese anstachelnden Worte, so unweiblich die Situation war, die sie
begleiteten, bten auf Benno sowol wie den Chorherrn den Reiz, da sie die Htte
betraten ...
    In der That waren es die Italiener von gestern ... Der weibliche Zwerg,
wie der Chorherr bertreibend sagte, stand diesmal mit der Reitgerte vor dem
Kfig einer jungen Lwin und reizte sie zu einer solchen Wuth, da warnend schon
der Aufwrter herbeilief ...
    Benno sah voll Staunen dem wilden Spiel der Italienerin zu ...
    Die junge Lwin sprang bald an die Gitterstangen, bald rannte sie im Kreise
und stie Tne aus, die wie aus dem Widerhall einer mchtigen Felsenhhle kamen
...
    Im schwarzen Tuchrock, mit der linken Hand die lange Schleppe haltend, stand
das kleine Wesen von gestern, dessen Kopf wenig ber die Stellage, auf der der
Kfig ruhte, hinausragte, und schlug mit der Reitgerte bald nach links, bald
nach rechts in die Stbe hinein ...
    Wieder lachten die Herren und bedeuteten den Wrter, der Signora nicht ihr
Vergngen zu rauben ...
    Schon lauschte die geputzte Marchand' mod', wie sie auf dem Dampfschiff
geheien hatte, eine Hollnderin, an dem rothen Vorhang ... Schon wurde ein
junger Mann, ihr Begleiter, von ihr angerufen, sich ins Mittel zu legen, als die
Italienerin von ihrem Uebermuth pltzlich ablie ...
    Sie hatte Benno erblickt ...
    Mit kalter Ruhe stand sie noch eben vor dem Kfig und trieb ihr Spiel ...
Jetzt war sie wie entwaffnet ... Ein fast rosiger Hauch der Freude berflog sie
... Mit dem Schein der mdchenhaftesten Schchternheit senkten sich die langen
blauschwarzen Augenwimpern ... Mit schneller Fassung und pltzlich ihre Stimme
mildernd sagte sie zu Benno:
    Ecco il domatore delle bestie feroci! ...
    Benno erwiderte - halb nur fr sich -:
    Ecco la Romana! ...
    Perch Romana? fragte sie, scharf aufhorchend ...
    Benno hatte Romana betont ...
    Una lupa e stata la nutrice di Romolo ... sagte er, sprach aber wieder wie
nur zu ihr allein ...
    Ohne sich von der Voraussetzung, da auch sie von einer Wlfin knnte
genhrt worden sein, getroffen zu fhlen, schlo sie sich Benno an zum
Weiterwandeln ... Sie gingen die Kfige entlang ... All ihre Aufmerksamkeit fr
die wilden Thiere war verschwunden ... Sie wollte nur Benno festhalten, nur mit
dem sprechen ... Ehrerbietig grte sie seinen Begleiter, in dem sie am langen
Oberrock den Priester erkannte ...
    Kennen Sie Rom? begann sie, noch ber und ber erglht ...
    Ich bin im Begriff, es kennen zu lernen ... sagte Benno ...
    Sie reisen nach Rom?! ...
    Ein Ausdruck der uersten Freude kmpfte in ihren Mienen mit der
Verlegenheit, sich in der ganzen Wirkung zu verrathen, die ihr schon seit
gestern der junge anziehende Fremdling gemacht zu haben schien ...
    Noch wrde das Gesprch in kurzen Fragen des hchsten Interesses und in
ausweichenden Erwiderungen so fortgegangen sein, wenn nicht ein tragikomisches
Ereigni dazwischengetreten wre ...
    Der elegante junge Mann mit den gelben Glachandschuhen von gestern war
gleichfalls zugegen und etwas vorausgegangen ... Schon befand er sich am Ende
der Breterbude, wo ein Elefant auf einer Art kleiner Bhne unter gemalten
Drapperieen eingepfercht und an einem seiner mchtigen Fe festgebunden stand
... Das gewaltige Thier war vor den Zuschauern vllig frei ... Ehe sich der
junge Mann seines Schicksals versah, hatte der sich schlngelnde Rssel eine
Schwenkung um ihn her gemacht und ihm in dem Augenblick, wo die Offiziere
warnend Altezza! riefen, den Hut abgenommen ...
    Die Altezza, demnach ein Frst, stie einen Schrei: Ges Maria! aus,
taumelte zurck und sank in Ohnmacht ...
    Die Italienerin stand inzwischen, noch wie von Liebeswonne durchschauert ...
Sie schien so abwesend, da sie die Ursache des Rufs nicht verstand und nur den
zusammenbrechenden jungen Mann sah, der noch in seinen Beinkleidern mit den
Sporen obenein festhakte, an die Breterwand strzte, die den ersten vom zweiten
Platz trennte und sich wirklich die Stirn blutig schlug ...
    Benno sah dies kaum, als er schon hinzugesprungen war und die Altezza
aufgefangen hatte ...
    Bei Nennung jener frstlichen Wrde befiel ihn jetzt ein Bangen ...
    Der Hut war vom Wrter schon wieder zurckgegeben worden ... Die Begleiter
hatten sich geflchtet ... Sie schienen ber den Elefanten ebenso erschrocken
wie die Altezza ...
    Voll Aerger ber die strende Scene und im Nu ihren ganzen Gesichtsausdruck
verndernd, sagte die Italienerin zu Benno's Begleiter:
    Sehen Sie da, warum man lieber die Thiere liebt, als die Menschen! ...
    Aqua! Aqua! E una carozza! rief sie gellend hinterher ... ...
    Der Frst fing an sich zu erholen, versuchte zu lachen und erschrak wieder
ber seine blutigen Handschuhe ...
    Benno bergab ihn aus seinen Armen in die seiner Begleiter ... Er wagte
nicht weiter mitzugehen, als bis an die Vorhnge ... Altezza! ... Waren nicht
seine Mutter und Olympia in Begleitung eines italienischen Principe Rucca
angekommen, des Verlobten Olympia's? ...
    Die Italienerin rief ergrimmt aufs neue:
    Non viene la carozza? Fatte subito! Al monte Palatino! ...
    Palatino! ... Es war gewi ... Doch Monte Palatino? ...
    Dann zu Benno rasch sich wendend, warf der seste und zrtlichste Mund von
der Welt wie mit Zaubermetamorphose und fast leise ihm ins Ohr die Worte:
    Besuchen Sie uns - den Principe Rucca - morgen um elf Uhr ...
    Wie sie das gesagt, verschwand sie - voraussetzend, da Benno nicht folgen
wrde. Aber in ihrem Abschiedsblick lag ein Ausdruck aller Seligkeiten der Erde
und des Himmels, ja als wre Psyche berwunden worden von Amor ...
    Das ist eine Eroberung! brach der Chorherr aus, als Benno wie betubt stehen
blieb ... Und Al monte Palatino! setzte er lachend hinzu ... Sie glaubt, der
Gasthof zum Palatinus von Ungarn htte seinen Namen von einem der sieben Hgel
Roms ... So sehen diese Menschen berall nur sich ... Deutschland ist ihnen
nichts als eine rmische Vorstadt, wo zuweilen Schnee fllt ... Ich zweifle gar
nicht, es ist die - Nichte des Cardinals Ceccone, eine Comtesse -
    Maldachini! fiel Benno aus seiner Erstarrung kaum aufathmend ein ...
    Eine Verlobte des Prinzen Rucca, den Sie - aus dem Felde geschlagen haben,
Bester! Haha! ... Sie flsterte Ihnen ja ein Rendezvous zu ... Um elf Uhr ...
Auf dem Mons Palatinus! ...
    Meine Mutter - die dritte in diesem Bunde! - riefen tausend Stimmen in
Benno's Innern ...
    Mit bebendem! Herzen und tiefbeklommenen Athems verweilte Benno noch einige
Augenblicke ... Dann traten beide gleichfalls hinter den Vorhngen ins Freie und
sahen, wie eben die Herren zu Pferde stiegen und ein herbeifliegender Miethwagen
den Principe Rucca und die Italienerin aufnahm ...
    Benno lie nur den Chorherrn reden, der von der Weichlichkeit der
italienischen Aristokratie sprach, leise Andeutungen ber den Cardinal gab, der
einen einzigen Winter nicht ohne seine gewohnten Umgebungen zu sein vermochte,
vom Prinzen Rucca erzhlte, da sein Urgrovater ein Bcker gewesen - in Rom
wre alles kuflich, Grafen- und Frstenhte - nur die Cardinalshte stnden
noch im Preise ...
    Der Name der Herzogin von Amarillas wurde in Pater Grdner's Geplauder nicht
erwhnt, auch der nhere Zusammenhang Olympia's mit Ceccone zwar
mglicherweise als das des Kindes zum Vater leise und ironisch angedeutet,
aber ohne genauere Kenntni des wahren Ursprungs, den Benno vollkommen wute -
wute bis zu den Namen der Gebrder Biancchi, deren Schwester die Mutter
Olympia's war ... Luigi Biancchi, einer der Brder des Napoleone und Marco
Biancchi, sollte in dieser Stadt Musiklehrer sein ... Alles das war ihm durch
seinen Bruder, den Prsidenten, vollstndig bekannt geworden ...
    Auch der Chorherr nahm jetzt einen Wagen ... In dem Lrm der Stadt verhallte
der empfangene Eindruck und die Benno durchzitternde Empfindung: Das Schicksal
ruft dich selbst zu deiner Mutter! ....
    Da er morgen um elf Uhr im Palatinus nach - dem Befinden des Frsten fragen
wrde, stand fest bei ihm ...
    Daheim fand er Karten von Stadtrath Schnuphase; auch von einem Herrn Harry
Zickeles, der Einladungen zurckgelassen, das Grohandlungshaus Zickeles zu
jeder Abendstunde als ein offenes zu betrachten ...
    Es strmte dann ein anhaltender Regen ... Benno verbrachte Stunden der
hchsten Aufregung auf seinem Zimmer ... Die Aufgabe, die ihm fr morgen
gestellt war, erforderte seine ganze Manneskraft ...
    Gegen Abend erst ging er aus, suchte den Palatinus, gerieth in die
Herrengasse, wo das vom Grafen Hugo empfangene Billet nun die morgenden
Palatinus-Absichten durchkreuzte und ihn zwischen Mutter und Schwester, wen er
zuerst sehen sollte, whlend stellte, kam mit irrendem, hin- und hersinnendem
Grbeln in die Vorstellung des Hamlet, erlebte, da Olympia es war, die in der
Loge des groen Kanzlers neben seiner Mutter die Glser auf ihn gerichtet hielt,
ihm durch das ganze Theater hindurch auf italienische Art mit ihrem Taschentuch
ein Zeichen des Grues gab; erlebte, da die Mutter das Lorgnon auf ihn richtete
- - Die versagende Kraft trieb ihn aus seiner Loge - in Begleitung eines Mannes,
der den Namen seiner Schwester trug!

                                       6.


Um den Weg in seine Wohnung zu finden, konnte sich Benno keiner zuverlssigeren
Hlfe bedienen, als des Herrn von Ptzl, der gleichfalls Hut und Regenschirm
genommen hatte und ihm gefolgt war ...
    Ueber den Namen dieses Mannes hatte sich Benno beruhigen wollen ...
    Schon daheim, wo er so oft dem Kattendyk'schen Hausfreund begegnete, dem
alten Pfleger der Bologneserhunde, dem als Gesellschaftsheloten benutzten
Spamacher Ignaz Ptzl, der sich darum doch einen Thaler nach dem andern in die
Sparkasse trug, hatte er diesen nicht weiter nach seiner wiener Verwandtschaft
gefragt, seitdem einmal dessen Antwort lautete, der Ptzls gb' es wie Sand am
Meer und mit einem alten Junggesellen, der einen Nothpfennig hinterliee, wre
dann auch noch alle Welt verwandt, ohne Ptzl zu heien ...
    Fhlen Sie sich jetzt besser? hrte Benno hinter sich her reden. Die Luft
wird Ihnen gutthun ... Ja, es ist ein berlebtes Gebude! ... Wr's eine
Kasern', so wr' sie lngst umgebaut ...
    Benno migte seinen Schritt ...
    Wo aber, lieber Herr, wo wohnen Sie denn? ... Vielleicht an der
Mlkerbastei? ... Das wre gerade auch mein Weg ...
    Benno wohnte an der Freyung ...
    Das kaum gesagt, war auch das gerade Herrn von Ptzl's Weg ...
    Der Regen hatte inzwischen nachgelassen ...
    Wie sich beide vor dem Gewhl der Wagen durch ein schnelles Laufmanver ber
die Fahrstrae hinweg sichern wollten, rief Herr von Ptzl einen an ihnen
vorberschieenden Herrn an:
    Gehorsamer Diener, Herr von Zickeles! ...
    Es war noch ein junger, schon mit starkem Embonpoint versehener Mann, der
eben aus einem berhmten Laden mit G'frornem trat und noch rasch hinber in
die Vorstellung wollte ... Eine Mittheilung ber ein misrathenes neues Stck in
der Vorstadt mischte sich in seinen Gegengru und zugleich die Frage, ob doch
Herr Mller noch nicht seine groe Scene gehabt htte und ebenso ein forschender
Blick auf Benno -
    Benno, Herrn von Ptzl's Verlangen bemerkend, seinen Namen zu erfahren, ein
Verlangen, das er hinter einer knstlichen Verlegenheit, ihn nicht vorstellen zu
knnen, verbarg, fragte, ob Herr von Zickeles dem Hause gleiches Namens
angehrte ... Er htte eine Karte von Harry Zickeles gefunden ...
    Mein Gott! ... brach Harry Zickeles aus, bekannte sich als Abgeber der Karte
und rief: Doch nicht etwa der Herr Baron von Asselyn? ...
    Benno berraschte mit der Bejahung Herrn Harry Zickeles ebenso, wie Herrn
von Ptzl ...
    Das ist ja einzig! rief Letzterer und htte alle Vorbergehende ber diese
Spiele des Zufalls zu Zeugen anrufen mgen ... Gerade der Herr Baron von
Asselyn war die Persnlichkeit, die beide gesucht hatten ... Herr von Ptzl
demaskirte sich als Bruder des alten Komikers Ignaz Ptzl, der ihm von der Reise
des Herrn von Schnuphase und von dem Herrn von Asselyn ausdrcklich
geschrieben htt' ... Aber nein! ... Und Sie geben mir nicht einmal die Ehre!
... Die Freud' und die Ueberraschung! ...
    Benno hatte keine Anweisung auf die Bekanntschaft dieses so auerordentlich
geflligen Mannes erhalten ...
    Dennoch lie er es nun an dem Schein einer engern Verbindung mit dem Bruder
nicht fehlen ... Machte er damit doch eine offenbare Freude und bahnte
vielleicht seine Forschungen an ...
    Die Erinnerung an den alten Thadddlspieler zeigte das ganze G'mth des
Herrn von Ptzl ... Jede Nuance der Charakteristik seines Bruders unterbrach er
mit einem glckseligen: Ja! Ja! ... Und als Herr von Zickeles den Witz machte:
Sagens doch nicht, Herr Baron, da er wohlauf ist! Herr von Ptzl hrt viel
lieber das Gegentheil! Er will ihn beerben! ... erfolgte von Herrn von Ptzl nur
ein einziges: O Sie -! Es lagen alle Schkereien der Welt in dem Ton ...
    Herr von Zickeles gab, wenn auch mit einigem Zgern, den Hamlet und den
Applaus eines jungen Schauspielers auf, der auch an ihn empfohlen war ...
Lartes, den Herr Mller spllte, hatte seine Hauptscene erst im letzten Act
... Herr von Zickeles ruhte nicht, bis der Herr Baron von Asselyn versprach,
sofort, aber auch auf der Stell' in den Salon seiner Aeltern mitzukommen ...
Jeden Abend wren sie nach dem Theater daheim und der Herr von Asselyn wre
vollends von seiner gerade aus Paris anwesenden Schwester Bettina Fuld und von
deren Begleiterin, dem Frulein Angelika von Mller, aufs
allerallerdringendste erwartet ...
    Angelika Mtter! ... Welch ein Mollaccord! ... Sanft und wohlthuend
verbreitete er sich ber Benno's erschrecktes Gemth ... Er wollte folgen ...
Hier war von keiner Willensfreiheit mehr die Rede ... Harry Zickeles hatte ihn
schon unterm Arm ...
    Herr von Ptzl folgte in Verklrung ...
    Herr von Zickeles lie nicht eher ab, bis sie alle drei vor dem Portal
seines lterlichen Hauses standen ... Es lag jenseit des Grabens dicht in der
Nhe eines groen Platzes, des Hohen Marktes ...
    Herr von Ptzl war etwas schweigsamer geworden, aber so gleichsam, als wenn
der Ueberstrom der Gefhle ihm die Worte raubte ...
    Als Herr von Zickeles am Hause seiner Aeltern geschellt hatte, zog er die
Uhr und sagte:
    Freilich - glauben Sie wol, Herr von Ptzl, da der Lartes jetzt aus Paris
zurckkommen ist? ... Ich bitt' schn, fhren Sie den Herrn Baron zu meinen
Aeltern hinauf ... Ich hab' - Der junge Mann ist mir und merkwrdigerweise auch
- der Kaiserin Mutter empfohlen worden - Sehr ein hbsches Talent! - Ich - Oder
- Doch lieber - Kommen Sie, Herr von Asselyn, ich fhre Sie erst selbst auf und
dann spring' ich noch ein bissel in den letzten Act ...
    Nun keuchte der junge dicke Mann die Treppe voran ... Das Haus war viel
heller erleuchtet, als das Palais des armen Schuldners der Zickeles, des Grafen
Hugo ...
    Auf der Mitte blieb wieder der Theaterfreund stehen, zog wieder die Uhr und
schien die grte Angst zu haben, die Scene seines Gnstlings, dem er, wie Herr
von Ptzl elegischironisch sagte, seine gewohnte Protection durch einen
strmischen Applaus zugesagt hatte, zu versumen ...
    Endlich waren alle drei im ersten Stock angelangt ... Hier klingelte Herr
von Zickeles und erst, wie er sicher war, da der ffnende Bediente den Gast
direct aus seiner Hand empfing und die Anmeldung fest hatte: Herr Baron von
Asselyn!, bat er fr eine halbe Stunde um Entschuldigung und strzte, um im
Burgtheater sein gegebenes Mcenatenwort zu lsen, davon ...
    Sehr ein vortrefflicher Mensch und - Kunstkenner! sagte Herr von Ptzl mit
seiner jetzt entschiedener ausbrechenden malicisen - Gemtlichkeit ...
    Dann setzte er, beim Ausziehen der Oberrcke, Benno ins Ohr flsternd hinzu:
    Sie werden, wie ganz Wien wei, hier erwartet wie der Onkel aus Amerika oder
das Manna in der Wste! ... Gebe der Himmel, da Ihre Mission an den Herrn
Grafen von dem glnzendsten Erfolge gekrnt wird! ...
    Auf Benno's Lippe bebte die Frage: Wie aber kommst du und die arme dann
geopferte Angiolina zu einem und demselben Namen -? ... Doch er mute in die
Salons der reichen Bankierfamilie treten ...
    Herr von Ptzl fhrte ihn auf unter einer Flut von gemthvollsten Reden,
in denen er alles haarklein erzhlte, was sich zum Erstaunen und wie in einem
Roman seit dem Eingang zum Burgtheater bis zum gegenwrtigen Augenblick in
Herrn Baron von Asselyn's Leben und dem seinigen zugetragen htte ...
    Die Rume waren erhellt, aber noch leer ...
    Nur der Herr Vater, Herr Marcus Zickeles, und die Frau Mutter und noch
einige ltere Herren und Damen waren anwesend ...
    Sie bildeten Whistpartieen, die im vollen Gange waren, soda trotz der
freundlichsten Bewillkommnung die noch nicht zu Ende gespielten Partieen eine
ausfhrlichere Begrung unterbrachen ...
    Der Vater und die Mutter verwiesen ihn mit aller Freundlichkeit auf den
jngsten Sohn des Hauses, der ihm besonders von Seiten der Mutter mit hoher
Genugthuung und den Worten vorgestellt wurde: Mein Sohn Percival! ...
    Percival Zickeles war noch ein unreifer, etwas schchterner Jngling, dem,
wie es schien, der erste Buchhalter beispringen mute, um die Honneurs zu machen
...
    Benno war es sehr zufrieden, da ihm selbst Herr von Ptzl, der seines
Aufgefhrten Bedeutung leise tuschelnd da und dorthin mittheilte, einige Ruhe
lie ...
    Was lag nicht alles centnerschwer auf seiner Brust! ... Selbst die harmlose
Erwhnung Angelika's, der ewigen Verlobten Pttmeyer's, weckte Erinnerungen,
die ihn haltlos wie in Lften schweben lieen ...
    Angelika Mller trat auch wirklich ein ... Sie, in gesellschaftlichem Putz
und Staat - Sie, die alte verblhte Erzieherin - sonst in einem halben
Nonnenkloster - hier in einem israelitischen Hause ...
    Kaum sah sie Benno, so stie sie einen Schreck-und Jubelruf aus, der fr die
alte Frau von Zickeles im Spiele strend schien ... Sie wandte sich um und -
stumm reichte Angelika jetzt Benno die Hand ... Ihr Lcheln war das alte ... Es
zeigte die ganze Reihe ihrer riesigen, aber weien, schn erhaltenen Zhne ...
Eine lange Rosaschleife erstreckte sich von den mhsam zusammengelesenen blonden
Haaren in den Nacken ... Sie trug ihre Arme, so mager sie waren, entblt ... So
befiehlt das Sklavenleben des Gouvernantenthums, den innern und uern Menschen
den Umstnden gem zu metamorphosiren ... Auch den innern Menschen! ... Es war
Angelika Mller und sie war es auch nicht ... Ein Jahr in Paris und auf Reisen -
und dienen, dienen mssen fremden Launen ... Da sprach sie schon von Armgart wie
von einer Jugenderinnerung ... Freilich gab es in Armgart's Leben die
allerberraschendsten Vernderungen ... Armgart in dem ihr sonst so verhaten
England! ... Nheres wute sie nicht von ihr ... Nur durch Pttmeyer war die
treue Seele im Zusammenhang mit ihrem alten Leben ... So mute wol Benno
erzhlen ... Er that es voll Liebe und Gte und Schonung Pttmeyer's ... An
diesem hielt Angelika unverbrchlich fest ... Sie hatte in Paris fr sein System
gewirkt; sie hoffte auch in Wien einige rechtglubige Sptlinge der
Naturphilosophie fr die Philosophie der Kegelschnitte gewinnen zu knnen ...
    Frau von Zickeles wurde aufgeregter ... Die Gesellschaftsdame ihrer Tochter
schien ihr zu sehr im Vordergrunde zu stehen ... Sie spielte zwar noch Whist,
unterlie aber nicht, ihrer sich jetzt mehrenden Gesellschaft ihre
Aufmerksamkeit zu bezeigen ... Nach jeder Karte, die sie ausgespielt hatte, rief
sie: Joseph! Das galt dem Bedienten ... Oder: Pepi! Das galt dem Hausmdchen ...
Frulein Mller! Das galt der Gesellschafterin ihrer Tochter, der Frau Bettina
Fuld ... Wenn sie: Percival! ihren Jngsten, rief, so war es ein Ton besonderer
Zrtlichkeit ... Sie hatte dem hoffnungsvollen Knaben nach einem
Lieblingsdrama der Zeit diesen Namen nachtrglich statt seines ursprnglichen
Pinkus gegeben ...
    Angelika Mller bekam Augenwinke, die ihr sagten, da in den Zimmern auer
dem Herrn Baron auch noch andere Herrschaften wren ...
    So nherte sich denn dem Herrn Baron wieder Herr von Ptzl, zog die Dose,
offerirte und geno die Zinsen von dem auf den Fremden bereits gewandten Kapital
von Zuvorkommenheit ... Er flsterte ber den Grafen Hugo ...
    Den Kampf, ob er morgen den Besuch im Palatinus oder die Reise nach Schlo
Salem aufgeben sollte, hatte Benno schon zu Gunsten seiner geschftlichen
Pflicht entschieden ...
    Auf seine Aeuerung, er wrde morgen frh dem Grafen Hugo auf Schlo Salem
aufwarten, unterlie Herr von Ptzl nicht, die schne Gegend, den Charakter des
Grafen zu schildern, kleine satyrische Seitenhiebe hineinzuwerfen und ihnen
wieder eine Flle von Gemth folgen zu lassen ...
    Die Vernderung wird auerordentlich werden! sagte er ... Und wahrhaftig!
Die Zickeles sind sehr dabei interessirt! ... Wo nur Herr Leo bleibt! ... Leo
ist das Geschft nchst dem Vater ... Ganz Metalliques, blos Abends
Wohlthtigkeitsschwrmer ... Ich vermuthe, er sitzt in diesem Augenblick Comit
... Das Talent, ein gutes Herz zu zeigen, Herr Baron, ist in Wien sehr
cultivirt, aber - kostspielig ... Herr Leo von Zickeles wird deshalb wol auch
nie heirathen ... Er sieht sich seine Medaillen, Ehrenpatente, seine gedruckten
Thrnen der Witwen und Waisen an und behlt sein von tausend Zhren des Dankes
emaillirtes Herz fr sich allein ...
    Joseph! rief hier die Mutter ... Hat Herr von Asselyn G'frornes? ...
    Joseph prsentirte ...
    Herr von Ptzl fuhr fort:
    Den zweiten Bruder, den Herrn Harry haben Sie schon kennen gelernt ... Auch
der ist Vormittags aufrichtig Metalliques ... Aber die brige Zeit gehrt dem
Enthusiasmus fr Ruhm und schne Knste ... Sie sehen, da er sich viertheilen
lassen kann, wenn er einem Schauspieler an einer gewissen Stelle einen Applaus
versprochen hat ... Es ist schon vorgekommen, da er einem Maschinisten auf der
Wieden befohlen hat, an einem Abend eine Strung hervorzurufen, nur damit ein
andres Stck herausgebracht werden mute, als dasjenige, wo er ein gegebenes
Applausversprechen wegen eines anderweitigen Theater-oder Concert-Engagements
nicht erfllen konnte ... Harry Zickeles fhrt jede in der Theaterzeitung
neuangekndigte Unsterblichkeit, wenn sie nach Wien kommt, in die hiesigen
Hallen des Ruhmes ein ... Sein grtes Leidwesen ist dabei nur, wenn sich sein
Herz zwischen zwei Gegnern in zwei Hlften theilen mu ...
    Pepi! rief die Mutter ... Hat der Herr Baron G'frornes? ...
    Pepi prsentirte ...
    Herr von Ptzl flsterte:
    Der dritte Sohn, Percival, ist, wie Sie wol schon an dem trumerischen
Jngling gemerkt haben werden, ein dichterisches Genie ... Vor zwei Jahren erst
bekam er den Vornamen Percival ... Er hat Romanzen geschrieben wie Heine, blos
da er zur Abwechslung auch einmal den Palmenbaum, statt von einer Tanne, von
einer Akazie geliebt sein lt - Wissens, von wegen der Grazie ... Auch hat er
einen Ahasver unter der Feder, in dem die geniale Idee vorkommen soll, da
Ahasver sich nach Wien begibt und im Stock am Eisen einen Nagel vom Kreuz des
Erlsers einschlgt, gerade noch den letzten, der hinein geht, wodurch ihm die
selige Ruh' zu Theil wird ...
    Percival! rief die Mutter ... Hat Herr Baron G'frornes? ...
    Percival fuhr wie aus Morgenrothstrumen auf, strich sich seine schnen
langen schwarzen Haare zurck und machte eine Miene, als htte ihm nur eine
Geisterstimme gerufen ... Allmlig besann er sich aber auf den irdischen Begriff
des G'frornen und offerirte davon mit einer Miene weltschmerzlichen Duldens
...
    Herr von Ptzl nahm ihm die Schssel ab mit der freundlichsten Anrede:
    Sie, mein liebster bester Herr Percival! ... Ich glaub' fast, Sie sind schon
wieder einen halben Zoll gewachsen ...
    Percival schien die Anerkennung seiner Jugend gern zu hren und lchelte ...
    Die Frau Bettina von Fuld - die kennen Sie? ... fragte dann Herr von Ptzl,
als sie wieder an einem andern Fenster allein standen ...
    Benno mute diese Voraussetzung verneinen ...
    O sie mu sogleich erscheinen ... Mit ihrem Gatten, der etwas in das
diplomatische Fach spielt - ein Changeant, das in Homburg und Baden-Baden viel
Geld kosten soll ... Dann ist noch die jngere Schwester, die Jenny, da ... Die
ist noch im Krnthnerthor, wo eine abgeleierte Oper von Bellini gegeben wird
... Sie hat eine famose Stimme ... Wenigstens glauben das die Aeltern und der
Professor Biancchi - ja - kennen Sie den Namen? ... Das ist derselbe, den Sie
heut im Theater sahen ... Der wird nicht Ursache haben, diese Ueberzeugung von
Jenny's Stimme zu bestreiten - denn er lat sich die Stund' mit einem Dukaten
zahlen ... Sie werden ohne Zweifel heute noch Gelegenheit haben, sich von dem
Raffinement dieses Italieners mit dem Pergamentgesicht, das Sie heute sahen,
nher zu berzeugen ... Kommt er mit, so lat er sie singen ... Ich sage: lat
sie ... Denn das ist hchst merkwrdig ... Diese Musikprofessoren haben ber
ihre Schlerinnen eine Autoritt wie ein Abrichter ber seine Affen ... Wann der
Alte in den Salon tritt, kriegt die Junge regelmig einen innern Ruck, wie eine
Braut vor ihrem kommenden Brutigam ... Vor keinem Menschen hat sie Courage,
allein zu singen ... Steht aber der alte Italiener dabei und schlagt mit seiner
unerschtterlichen Pierrotmaske die Noten um, so geht's: Perfido! Crudele! -
    Mamsell Mller! rief jetzt wieder Frau von Zickeles ... Hat der Herr Baron
G'frornes?
    Angelika hpfte zum Whisttisch ... Sie war so in Trumen versunken, da sie
nur den Ruf, nicht den Auftrag gehrt hatte ...
    Biancchi - Biancchi -! ... Auch ber diesen Namen mute Benno tiefbeklommen
athmen ...
    Angelika carambolirte inzwischen mit Herrn von Ptzl, der sich selbst
unterbrechend mit der sesten Miene und wie zum Kniebeugen anbetend auf Damen
zulief, die eben ins Zimmer traten und vielleicht die Verlsterten selbst waren
...
    Immer grer und grer wurde der Zustrom ...
    Frau von Zickeles zankte mit dem Frulein Mller ber das, was sie nicht
gewohnt wr' zweimal zu sagen und verwies sie jetzt auf die Ankommenden ...
    Angelika's Rosabnder flogen einer Dame entgegen, die mit leuchtenden Augen
lachend eintrat ...
    Frau Bettina Fuld kam von der Wieden und berichtete ber die im dortigen
Theater gehrten, unerhrten Plattitden ... lachte aber doch noch bis zum
Ersticken darber ... Benno erfreute sich des angenehmen Eindrucks, den er zum
ersten Mal empfing ...
    Dagegen war Herr Bernhard Fuld ihm zwar uerlich bekannt, doch mute er
sich erst allmlig in ihm zurecht finden, denn er war so mit Bart berwachsen,
da man keine Physiognomie herausbekommen konnte ... Er trug sein Band der
ehrlichen Legion ...
    Benno fhlte Mitleid mit dem Grafen Hugo, zu dessen Leben er hier die
Reversseite sah ...
    Jetzt kam denn auch Harry zurck ... Er hatte noch dem Lartes, als er die
Rede fr Opheliens und seines Vaters Tod gehalten, strmisch applaudiren knnen,
war dann nebenan in die Loge zur Resi Kuchelmeister gegangen und brachte diese
und auch den Herrn Professor Biancchi mit ...
    Noch erschien eine andere ltere auch der Musik angehrende Persnlichkeit,
der Professor Dalschefski, ein Pole ... Es gab eben einen Zank, dessen Ursache
Benno, den seltsamen Italiener, Bruder der alten Carbonari Marco und Napoleone
fixirend, nicht sogleich ergrnden konnte ...
    Alles das ging bunt durcheinander und noch bunter, als nun auch Leo Zickeles
aus einem seiner Wohlthtigkeitscomits nach Hause kam ... Die Whistpartieen
waren zu Ende, die Spieler standen auf und eine Nebenthr wurde geffnet, wo
compactere Speisen auf einem Tische standen, auf den die Hungernden wie die
Wlfe zufuhren ... Resi Kuchelmeister brauchte diesen Ausdruck ... Sie freute
sich Benno wieder hergestellt zu sehen und begrte ihn wie einen alten
Bekannten schon - doch zugleich scharf ihn etwas musternd ...
    Der alte Herr von Zickeles trat vertraulich zu Benno ...
    Nach einigen Ermahnungen, sich einen Teller zu fllen, nahm er ihn bei Seite
und errterte den Stand der Angelegenheiten des Grafen ...
    Ja, sagte er, Seine Erlaucht sind auf dem Schlosse Salem ... Die Frau Grfin
Mutter Erlaucht werden von Schlo Westerhof erwartet ... Hat die Comtesse Paula
von Dorste-Camphausen eingewilligt? ...
    Benno konnte keine Auskunft geben ...
    Hm! fuhr der alte Herr fort ... Sie, Herr Baron, bringen doch vom Herrn
Oberprocurator Nck schon die Stipulationes der Agnaten ...
    Der Graf soll sie zuvor unterschreiben ...
    Die Schuldenlast ist sehr gro und meine Lage nicht darnach, lnger Geduld
zu haben ... Ich wrde Salem und Castellungo subhastiren mssen ...
    Castellungo? ... Das gehrt der Mutter ...
    Schon lngst hat sie es fr den Herrn Sohn verpfndet ... Ohne den
Zwischenfall mit Terschka wren wir schon nher am Ziele ... Die Urkunde - Allen
Respect, Herr von Asselyn - Ich kenne Ihre Ansichten nicht - aber doch - sehr
eine verdchtige Geschichte ...
    Herr von Zickeles wollte sagen: Terschka hat im Auftrag Roms das Schlo
angesteckt und dann eine falsche Urkunde producirt - Wenigstens las Benno diese
Ansicht in den scharfen Mienen des Handelsherrn, der keineswegs zu Scherzen
geneigt schien ...
    Benno antwortete:
    Terschka ist ja Protestant -
    Protestant -! lchelte Herr von Zickeles und flsterte: Die Jesuiten lassen
ihn auch sein Protestant ...
    Mit einem so furchtbaren Streiflicht ber Terschka's Flucht und Aufenthalt
in London stand Benno eine Weile sich allein berlassen ... Denn die Tchter
umschmeichelten eben den Vater, fielen ihm um den Hals, liebkosten ihn -
natrlich, um dabei auch den fremden Baron, dessen begeisterte Prophetin schon
lange Angelika Mller gewesen, nher in Augenschein zu nehmen ...
    Herr von Zickeles lie sich Kinn und Wange streicheln, sagte auch der
hinzugekommenen Resi Kuchelmeister viel Artiges, war ganz nur Patriarch und fuhr
dann doch, als die Frauen forthpften, streng wieder fort:
    Sie werden es auf Salem sehr de und einsam finden ... Falls Sie bis dahin
zurck sind, seien Sie doch den Mittag morgen bei uns zu Tisch - Und berhaupt -
Herr von Asselyn, an jedem Tag finden Sie bei uns Ihr Couvert ... Wenn die
Grfin zuletzt mit der wirklichen Entscheidung eintreffen sollte -
    Herr von Zickeles konnte nicht weiter reden ... Auch Leo Zickeles nicht, der
hinzugetreten war und sich ins Geschftliche mischen wollte - Mein Gott, was
ist! muten Vater und Sohn zu gleicher Zeit fragen ...
    Jenny weinte laut ... Weil Professor Biancchi mit Resi Kuchelmeister eine
Verschwrung gegen sie eingeleitet htte ... Eben jetzt erst hatte sie
erfahren, da Biancchi heute Dalschefski's Platz im Burgtheater benutzt und die
Resi begleitet htte ... Sie hatte bisher den Grund, warum er heute nicht im
Piraten war, vergebens erforscht ...
    Soviel etwa verstand Benno von der Ursache des Streits ...
    Der Vater ging besorgt in das vordere Zimmer ... Frau von Zickeles folgte in
groer Aufregung ...
    Leo, der lteste Sohn des Hauses, der Wohlthtigkeitsschwrmer, ein ruhiger,
kaltprfender Mann, schenkte Benno Wein und sagte, ohne sich um den
musikalischen Lrm zu kmmern:
    Ja, Sie werden den Grafen sehr in Verstimmung finden! Aber man kann ihm doch
nur Glck wnschen, da namentlich auch - das Verhltni aufhrt mit dieser -
Angiolina ...
    So war das vernichtende Wort gefallen ...
    Angiolina? sagte der hinzutretende Harry lchelnd und lste Leo ab, der von
seinem Schwager, dem Diplomaten, in Anspruch genommen wurde ...
    Haben Sie auch schon von dem Frulein Ptzl gehrt? fragte er und sah sich
dabei schmunzelnd und scheu nach Herrn von Ptzl um ...
    Wie hngt Herr von Ptzl mit - fragte Benno in abgebrochener Rede ... dieser
- Dame - zusammen? ... ...
    Bei Leibe, flsterte Harry und drckte seine kleinen Augen vollends zu; nur
nichts laut davon! ... Sie ist Herrn von Ptzl's Pflegetochter ... Er kennt sie
aber seit Jahren nicht mehr, will auch nichts mehr von ihr wissen ... Auch zu
uns kam sie sonst ... Herr von Terschka fhrte sie auf ... Spter ging's nicht
mehr - des Verhltnisses mit dem Grafen wegen, der sie als Kind hatte erziehen
lassen und dann - ... Sie wissen ... Nur die Einzige, die sie noch zuweilen
sieht, ist da die Resi ... Das ist berhaupt ein lieber Narr! ... Resi's Vater
war unser erster Buchhalter und hinterlie ihr ein hbsches Vermgen ... Seitdem
wohnt sie mit einer Tante und will seit zehn Jahren schon zum Theater ... Sie
wei aber nicht, da das mit ihren fnfundzwanzig Jahren zu spt wird ... Meine
Schwestern sind mit ihr auferzogen worden ... Sagen Sie ihr aber um Himmels
willen nicht, da Sie der Employ sind, der die Heirath des Grafen Hugo mit der
Grfin Dorste, der Geisterseherin, arrangiren soll ... Sie kratzt Ihnen sonst
die Augen aus, so intim war sie noch vor kurzem mit Angiolina, die wirklich
sonst eine Pracht von einem Mdchen ist ... Aber hren Sie, wie die Resi jetzt
den Biancchi zurecht stutzt ... Sie mssen wissen, die Therese wohnt in Einem
Hause mit den beiden Musikmeistern, die zusammenwohnen, obwol sie ganz
verschiedene Systeme haben ... Theresens Lehrer ist der Dalschefski, ein Pole,
und der ist fr deutsche Musik; und unsere Jenny, die hat den Biancchi zum
Lehrer und der ist natrlich ein fanatischer Italiener ... Der Pole und der
Italiener wohnen, wie gesagt, in einem Quartier ... Auf der Currentgasse ... Und
von Haus aus sind sie die besten Freunde ... Im Vertrauen gesagt wegen der
Politik ... Aber in der Musik hassen sie sich ... Nun knnen Sie sich die
Eifersucht der beiden Mdchen denken! ... Unsre Jenny weint eben, weil der
Biancchi heute mit der Resi ins Burgtheater gangen ist, whrend sie im
Krthnerthor allein sa! ...
    Welche geringfgigen Leiden! dachte Benno ...
    Mehr konnte Harry nicht mittheilen; alles wurde still, weil die beiden
Freundinnen allein das Wort fhrten ...
    Jenny, nicht so anmuthig, wie ihre Schwester Bettina, mit schrferer
orientalischer Zeichnung, voller, drckte ihr Taschentuch vor die Augen und
behauptete, die ganze Vorstellung des Piraten wre ihr heute verdorben gewesen
durch das vergebliche Warten auf Biancchi ... Und dieser Mann wrde inzwischen
von Theresen in Beschlag genommen! ...
    Der Pole Dalschefski, ein magerer, schmchtiger Alter mit grauen Haaren,
immer halb lchelnden, halb melancholischen Ausdrucks, sprach in gebrochenem
Deutsch:
    Mein Freund Biancchi - er hat sehen wollen - die Loge von groem Kanzler -
wo sind gewesen heute die italienischen Herrschaften aus Rom - hab' ich ihm
gegeben meine Platz - ...
    Unbesonnen genug von Ihnen! entgegnete ihrerseits die Resi ... Der fremde
Herr Baron, der durch Zufall Zeuge unsrer Leiden gewesen ist, wird es besttigen
knnen, da der Maestro durch seine gehssigen Bemerkungen uns die ganze
Vorstellung verdorben hat ...
    Wenn Therese Kuchelmeister laut sprach, schien es, als wre dies fr alle
ein Zeichen, zu schweigen ... Angelika Mller raunte Benno, der an dem Italiener
immer mehr Interesse nahm, ins Ohr:
    Das ist unsre Armgart - ins Wienerische bersetzt ... Sie ist natrlich -
aber bis zur Grobheit einer Kchenmagd ... Hren Sie nur! ...
    Angelika schien vorauszusetzen, da es zwischen Benno und Armgart immer noch
wre wie sonst ...
    Unter allgemeinem Lachen sagte Resi, indem sie von ihrem Teller ein Ragout
a:
    Ueberhaupt diese Italiener! ... Nein, die listige Artigkeit erst, mit der er
in die Loge kam statt des Dalschefski, bis sich dann seine wahre Natur enthllte
... So ist's auch in unserm Hause ... Wann der Obers zum Kaffee den beiden
Herren zu schlecht ist - und es ist ein Leiden mit der Milch in Wien, nicht
wahr, Frau von Zickeles? - so schicken sie zu mir herunter und meine Tante lat
sich regelmig bestechen, wann sie gerad' oben eine Sonat' von Beethoven
spielen hrt ... Dann, denkt sie, hat unser guter Dalschefski da die Oberhand,
das arme fromme Lamm das ...
    Alles lachte ... Dalschefski kicherte, als kraute ihm eine sanfte Hand - das
Fell ...
    Mit unerschtterlicher Ruhe, einer Mumie gleich, verharrte Biancchi unter
dem Gelchter und that, als wenn er berhaupt kein Deutsch verstnde ...
    Dalschefski sagte zu Benno, der im Antlitz des Professors Aehnlichkeiten mit
Napoleone, Marco Biancchi und - Olympien suchte ...
    O, sie ist schlimm! ...
    Jenny Zickeles stand ihrem Lehrer als einem willenlosen Opfer fremder
Intriguen bei, brachte ihm von den Speisen und schlug den Flgel auf ...
    Der Schwiegersohn des Hauses, Ritter Fuld, schien vor dem Moment des Singens
seiner Schwgerin ein Grauen zu empfinden, retirirte sich und zog Benno auf ein
Kanapee ins Nebenzimmer ... Seine Gemahlin kam ab und zu ... Sie lachte fast zu
viel - ihrer schnen Zhne wegen, flsterte Herr von Ptzl schon bei ihrem
Eintreten ...
    Jenny, ihre Schwester, sang indessen eine majesttische Arie von Caraffa ...
Biancchi schlug die Noten um ...
    Benno betrachtete in den Pausen, die ihm Ritter Fuld gewhrte, den Italiener
... Es mute der Onkel Olympiens sein ... Nur etwas Auerordentliches hatte
diesen Feind der deutschen Sprache und Kunst ins Burgtheater ziehen knnen ...
Wie sprach er von dem Kind seiner Schwester Lucretia ... War nicht ber seine
todten Mienen ein pltzliches wildes Erzittern gekommen? ...
    Die Arie endete natrlich mit groem Applause ... Auch Resi und Dalschefski
klaschten - um alles wieder gut zu machen ... Herr von Ptzl war Fanatismo und
zog auch Benno in die Wirbel und Strudel seiner Bewunderung, ob er gleich ihm
hinterher leise ins Ohr ein: Pitoyable! raunte ...
    Jenny stand am Piano und hielt die Hand ihres geliebten Maestro mit einer
Zrtlichkeit, als wollte sie sagen: Du mein Licht, meine Sonne, du Ursache
meines hhern Seins, du Erkenner und Bildner meiner unvergleichlichen Stimme!
...
    Signore parla italiano -? fragte sie, um dem geliebten Professor das
Gesprch zu erleichtern ... Denn Benno mute sich jetzt dem Sonderling nhern,
dessen Empfindungen er vielleicht nur allein hier verstand ...
    Dieser blieb so kalt wie Eis ...
    Benno fragte ihn in seiner Sprache, ob er die italienischen Herrschaften,
die ihn heute ins Burgtheater gezogen htten, schon aus Rom gekannt htte? ...
    Jetzt blitzte ber das gelbe Antlitz ein heller Lichtschein ...
    Nein, mein Herr, erwiderte er trocken. Einmal diese Leute gesehen zu haben,
ist schon zu viel ...
    Lieben Sie so wenig Ihre Landsleute? entgegnete Benno ...
    Diesen Principe Rucca? ... sprach Biancchi. Haben Sie das schwarze Pflaster
gesehen? Der junge Affe hat sich wahrscheinlich den Kopf an einer Fensterscheibe
zerstoen und geht nun mit einem Pflaster ins Theater, um Oesterreich glauben zu
machen, ein solcher Italiener knnte ein Duell gehabt haben ...
    Benno erzhlte die Ursache der Verwundung, nannte die junge Grfin
Maldachini und sah das Auge des Italieners unter seinen schwarzen Brauen immer
mehr hin- und herzucken ...
    Ja mit Bestien mu die spielen! ... sagte er und fixirte Benno mistrauisch,
als mte er Anstand nehmen, sich ganz auszusprechen ...
    Dalschefski horchte gleichfalls schlau ... Beide Mnner schienen in ihrem
innersten Wesen noch etwas anderes zu sein, als was sie hier vorstellten ...
    Benno erkannte immer mehr, da er wirklich Luigi Biancchi, den dritter der
rmischen Flchtlinge, vor sich hatte, in deren Familie sich Hedemann
hineinheirathen wollte ...
    Jenny war berglcklich, die neue Bekanntschaft des Hauses sofort mit
Biancchi so eng verbunden zu sehen ...
    Wie beide ihr der Hitze wegen in ein Nebenzimmer folgen sollten, Benno auf
eine Besttigung des Ursprungs der Grfin Maldachini gefat sein konnte,
unterbrach Resi, die gefolgt war, die zur nhern Verstndigung einleitende Frage
Benno's: Haben Sie nicht Verwandte, die in Frankfurt am Main und London leben?
... mit den deutschen Worten:
    Der hat gar keine Verwandte! Der ist in Italien auf einem Holzapfelbaum ganz
fr sich allein gewachsen! ...
    Benno htte wnschen mgen, die neckische Plaudertasche hielte sich jetzt
entfernt ... Er konnte voraussetzen, da Biancchi sich in tiefster
Herzensbewegung befand, so ruhig auch wieder sein Aeueres erschien ...
    Da er auf die erneute Frage nach dem Bildhauer Biancchi, wie Benno den
Gipsfigurenhndler, und nach dem Maler, wie er den Restaurator nannte, nur ein
Kopfschtteln als Antwort bekam, lie er Resi's Spott gelten ...
    Glauben Sie ihm das alles nicht! sagte diese ... Die Leute, die Sie da
nennen, die sind allerdings smmtlich seine Verwandte! ... Oder sie mgen nicht
weit von seinem Stamm gefallen sein ... Aber Dalschefski mu ihnen regelmig
schreiben, da der Onkel im Spital lge und sich selbst von milden Gaben anderer
Menschen sein Leben kmmerlich friste ...
    Ha ragione! sagte Biancchi ruhig und nahm eine Prise, die ihm sein
persnlicher Freund und Stubengenosse, wenn auch musikalischer Gegner und Rival
Dalschefski prsentirte ...
    Besuchen Sie ihn in der Currentgasse, Herr Baron, sagte Resi ... Ein Haus
mit drei Hfen, berhmt durch den heiligen Stanislaus nebenan ... Jetzt gehrt
es der Handlung Pelikan &amp; Tuckmandl ... Da werden Sie jeden Mittag um zwlf
Uhr, Hof Nr. 3, Thr Nr. 17 rechts diesen von mildthtigen Gaben lebenden
italienischen Bettler ber einer Pastete von Rebhhnern und dergleichen und dem
besten Wein Deutschlands finden, eines Landes, das er so grndlich verachtet ...
Unsere Musik schlecht zu machen hat ihm in diesem charakterlosen Wien ein
Vermgen von fnfzigtausend Gulden eingebracht ... Nachts frchtet er freilich
zur Strafe die deutschen Diebe - und darin hat er Recht, es wird in Wien
frchterlich gestohlen - Frau von Zickeles! In der Josephsstadt ist schon wieder
eingebrochen! - Dann ruft er in seiner Angst dem Dalschefski und wenn dieser
edle Pole, der die deutsche Musik trotz der drei Theilungen Polens ehrt, es
vorzieht, um zwlf Uhr Nachts zu schlafen, so weckt ihn dieser grausame Tyrann,
macht Licht und schmeichelt ihn aus dem Bett heraus mit dem Zugestndni, da
Mozart manchmal ein Italiener gewesen wre ... O, wir kennen alle seine
Verwandte. Eine Frau Giuseppina Biancchi zieht in Castellungo die besten
Seidenwrmer ... Graf Salem-Camphausen hat sich's eine Untersuchung kosten
lassen, als er der Angiolina Stunden gab und ihn auch da einmal Terschka um
seine Verwandte zur Rede, er sich aber darber vllig unwissend stellte ...
    Mit grter Ruhe entgegnete der Maestro auf diese fr Benno tief
ergreifenden Einzelheiten:
    Es ist ja bekannt, da dieser Herr Graf von Salem seine Finanzen durch
allerlei dumme Possen ruinirt hat ...
    Da man lachte, so brach Resi in ein parodirendes: Perfido! Crrrrrudele! aus
im Ton der italienischen Oper, sprang zum Klavier, variirte noch eine Zeit lang
in diesem Ton heftige Verwnschungen gegen Biancchi, ging aber allmhlich wie
von Rhrung ber die Erwhnung Angiolinens und die wol jetzt in Erfahrung
gebrachte Mission des fremden jungen Rechtsgelehrten ergriffen, in andere
Melodieen ber und sang zuletzt Schubert's Wanderer mit einem erschtternden
Ausdruck der Empfindung ...
    Benno hatte indessen nicht den Muth, weiter zu forschen ... Ueberall sah er,
da er Anknpfungen seiner Interessen, voll uerster Verlockung, sich zu
enthllen, fand und immer, immer war dazu der Begleiter der Schmerz ... Er hrte
die Thurmuhren drauen feierlich in den schnen Gesang hineinschlagen ... Es war
wie ein Ruf aus dem Jenseits ...
    Als Resi zu Ende war, htte er gehen mgen ... Wie disharmonisch war der
ausbrechende Beifall! ... Herr von Ptzl raste und kein vertrauliches:
Pitoyable! folgte ... Resi aber wrdigte gerade ihn keines Blicks ... Es war,
als wollte sie sagen: Wir haben eine Loge zusammen - mssen gemeinschaftlich
unsere kritischen Empfindungen im Burgtheater los werden - aber ein Urtheil ber
ein Lied von Schubert gestatt' ich dir nicht ...
    Zuletzt gab man noch Benno fr seinen wiener Aufenthalt allerlei gute
Rathschlge ...
    Bernhard Fuld warnte vor den Fiakern - Herr von Ptzl, ihm leise ins Ohr
raunend, vor den Spitzln - Frau Bettina Fuld mit einer leisen Anspielung auf
Terschka, ber den sie mit ihm einiges gesprochen hatte (staunend und lchelnd;
sie lchelte zu Glck und Unglck), vor den Bhmen - Harry vor den immer sehr
schlechten Eckpltzen in den Theatern - ja selbst Percival, den der Schlaf
bermannte, thaute noch einmal auf und uerte sich ganz praktisch ber das
Institut der Hausmeister, das zwar Trinkgelder bedinge, aber den Besitz eines
Hausschlssels berflssig mache ...
    Resi sagte:
    Die Hauptsache, Herr Baron, bleibt immer die, da Sie sich nicht bestehlen
lassen! In Wien stiehlt alles! Nicht blos die Raizen und Rastelbinder - das sind
noch die ehrlichsten von allen! Nur drauen in der Vorstadt, aber auch da nur in
der alleruersten, gibt's noch ein bissel Ehrlichkeit! Ganz verlassen knnens
Ihnen blos auf die Ungarn! Sonst stiehlt in Wien alles ... Die Raizen stehlen
weil sie's brauchen ... Die Italiener stehlen, weil sie die Ehrlichkeit fr
einen Mangel an Geist halten ... Die Bhmen stehlen, weil sie so wibegierig
sind ... Die Raben entschuldigen sich ebenso ... Die Polen, lieber Dalschefski,
nehmen Sie mir's nicht bel, die stehlen auch; sie haben das Bedrfni, die
Liebe ihrer Herrschaft in Prgeln bewiesen zu bekommen ... Ja und alle diese
Motive zum Stehlen lassen sich noch hren ... Aber die schlechteste Nation,
Professor Biancchi, sind in diesem Punkt allerdings die Deutschen! Die stehlen
aus dem ganz gemeinen Grund, dasjenige, was andern gehrt, lieber selbst haben
zu wollen ... Ich sage das in voller Ueberzeugung und nicht blos deswegen, weil
der arme Biancchi sich ber das Schubert'sche Lied schon wieder ganz gelb
gergert hat und morgen am End' die Stund' hier absagen lat ...
    In solche und hnliche lustige Reden hinein wurden die Mntel, die Shawls
und Hte aufgebunden ...
    Phantastisch aufgeputzt wurde Biancchi von Jenny und Dalschefski von der
Resi ... Groe Shawls hteten die geliebten alten Maestri vor Verkhlungen ...
Ein charakteristischer Zug aller gebornen Wiener war, da sie nun noch
einstimmig das Klima ihrer herrlichen Stadt verwnschten ... Frau von Zickeles
entwickelte sich jetzt erst in einer lngern Rede ... Angelika Mller pries
dafr ihr Landhaus in der Briehl ... Sie seufzte auf wie eine Mrtyrerin,
Benno, als stnde sie an der Maximinuskapelle, zuflsternd: Ich hoffe auf eine
stille Stunde! ... Harry Zickeles lie sich nicht nehmen, Benno nach Hause zu
begleiten ... Alles schritt hinunter ... Man trennte sich ...
    Herr von Ptzl benutzte Harry's Holen eines vergessenen Halsshawls, um Benno
zu sagen:
    Der Harry ist in Wien Fhrer par excellence ... Wo wre ein neu
angekommener Name, den er nicht des Morgens auf den Graben spazieren gefhrt und
des Abends nach Hause begleitet htte! ... Leo hat seine Wohlthtigkeitsdiplome,
Percival seinen Ahasver, der Harry wird Ihnen noch sein Album anbieten ...
Dieses sechs Pfund schwere Buch folgt ihm nach Mailand, Paris und London ... Was
nur Namen hat in der wissenschaflichen, knstlerischen und gesellschaftlichen
Welt, hat da mehr oder weniger hineingeschrieben: Hommage  mon ami Zickeles!
Er ist der einzige Mensch, dem sich Meyerbeer, Thalberg, Liszt und andere Genien
im Nachtkamisol und in Unterbeinkleidern beim ersten Morgenbesuch zeigen und -
Genirens Ihnen nicht, Meyerbeer, ziehen Sie sich ruhig an, Ihr Freund Harry
Zickeles raucht die Cigarre! -
    O bitt' schn, lieber Herr von Zickeles (unterbrach er sich) - da sind Sie
ja ... Ja, Sie Charmantester ... Nur keine Verkhlung ... Mein Weg ist in die
Josephstadt ... Herr von Asselyn ... Hab' mich unendlich gefreut ... Aber ich
hab' noch die Ehre - ...
    Auf die schrfste Satyre folgte der gemthvollste Hndedruck erst an Harry,
dann an Benno, und nun wohnte Herr von Ptzl doch in der Josephstadt, whrend
ihn so lange, als er ber Benno noch nicht im Reinen war, sein Weg auch ber die
Mlkerbastei und auf die Freyung gefhrt hatte ...
    Harry ergriff Benno's Arm wie den eines alten Bekannten und gab ber den
schnell davon Huschenden die Erklrung:
    Herr von Ptzl ist sehr ein rangirter Mann - Witwer - ohne Kinder - Die
Angiolina war seine Pflegetochter - Graf Salem lie sie auf seine Kosten von ihm
erziehen - Sonst ist er - ursprnglich, glaub' ich, ein verdorbener Architekt
... Er hatte das Geschft gepachtet, im Prater die Buden aufschlagen zu drfen
... Dann baute er selbst Huser oder lieh Geld auf andere ... Das hat ihn in die
Hh' gebracht ... Als seine Frau starb, verlie ihn die Angiolina und ihm war's
ganz recht, denn er hat einen groen Nagel im Kopf und hiee gar zu gern der
Edle von Krapfingen, was eine Besitzung ist, die ihm gehrt .... Die Leute
sagen - aber ganz unter uns - hier an dem Gebude (Harry zeigte auf ein
dsteres, Benno schon bekanntes Haus - die Polizei) kennt der Mann alle Hinter-
und Seitenthren ... Nehmens sich ein bissel vor ihm in Acht ... Wir haben
allerhand Spitzln ... Bezahlte und unbezahlte ... Wenn Sie in der kleinsten
Garkche speisen, so wei man hier in dem Hause schon Abends, in was fr Mnze
Sie bezahlt haben ...
    An dem stillen Priesterhause, Benno's Wohnung, muten die lehrreichen
Aufklrungen ein Ende nehmen ...
    Ein groer eiserner Klopfer wurde noch von dem geflligen Harry angeschlagen
...
    Die Thr ging auf ... Benno nahm Abschied und versprach, wenn er morgen
zeitig vom Schlo Salem zurckkehren sollte, die Einladung zum Mittagstisch
anzunehmen, sonst aber jeden freien Augenblick in dem unterhaltenden,
gastfreien, so zwanglosen Hause zuzubringen ...
    Nun schritt er durch matt erhellte Gnge und kam in seine stillen Zimmer, wo
er suchen mute, nach soviel kaum zu Ertragendem, das heute das Geschick ihm
verhngte, im Schlummer die Kraft zu gewinnen fr sein ferneres - Freudvoll und
Leidvoll.

                                       7.


Ein schner Sptherbstmorgen lachte Benno schon so heiter und sonnig auf seinem
Lager an, als wollte der Himmel sagen: Muth! Muth! Nun nicht gewichen! ...
    Benno frhstckte auf seinem Zimmer mit dem Chorherrn, der bei ihm
anklopfte, und erzhlte seine gestrigen Erlebnisse ...
    Zur Fahrt nach dem Schlosse Salem bestellte der freundliche Wirth sofort
einen Einspnner, der Punkt neun Uhr vor der Pforte des geistlichen Hauses
warten sollte ...
    Aber wie nun um elf? Wie das Rendezvous im Palatinus? fragte er neckend ...
    Benno berichtete noch von der Begegnung im Theater und nannte den Namen der
Herzogin von Amarillas, ber die der Chorherr nichts Nheres wute ...
    Sie mssen Ihrer Eroberung ein Lebenszeichen geben, sagte er, sonst kommt
sie noch hier am Hause vorgefahren ...
    Benno wollte im Vorberfahren am Palatinus seine Karte abgeben ...
    Dann erzhlte er von dem Abend bei den Zickeles und schilderte den
eigenthmlichen Gegensatz desselben zu der Lage, in der er den Grafen Hugo
anzutreffen erwarten durfte ...
    Auch diesen Beziehungen, die eine Schilderung der Macht der Brse
veranlaten, stand der Chorherr zu fern ...
    Als Benno andeutete, da ihm durch alles, was er hier in Wien und
Oesterreich she und hre, doch ein eigenthmlicher Ton der Trauer mitten durch
die Freude hindurch zu gehen schiene, eine Verstimmung, ein Mangel an
Selbstvertrauen und doch auch wieder kein Vertrauen zu andern, eine bald
excentrische Hingebung, bald ein geheimer Krieg aller gegen alle, kurz eine
vllig atomistische Zerbrckelung dieses herrlichen groen Ganzen - da sagte der
Chorherr, aufs uerste erregt und vom gemeinschaftlich genossenen Frhstck
aufstehend:
    Das eben bricht mir ja das Herz! ... - Das erkennen Sie also schon, da,
wenn auch unsere Machthaber nichts lieber wnschen, als die Besttigung des
Rufes, in dem wir als ein Volk von Phaken stehen, lebend nur dem immerfort sich
drehenden Bratspie, doch dieser Vergngungstaumel, in den sich unsere
Bevlkerung zu strzen liebt, um so herbere Aschermittwochsstimmungen
zurcklt? ... Aus all dieser Lustigkeit hrten Sie schon heraus: Wien ist
krank! ... Mein junger Freund, ganz Oesterreich ist es ... Der Wahrheitstrieb,
der tief in diesem Volk begrndet ist, findet keine Befriedigung ... So
verwandelt er sich in Mistrauen, khle Prfung, zuweilen leidenschaftlich
hervorbrechende Begeisterung und wieder ebenso rasch kommende Ironie seiner
selbst ... Die einen macht ein solches Wesen schlecht, die andern macht es
melancholisch ... Was soll einst daraus werden! ... Die Masse ist gemthvoll,
ist gerechtigkeitsliebend, aber von einer bengstigenden Unbildung und
Malosigkeit ... Die Vorstdte werden an sich noch wie von den Anschauungen
alter Frauen regiert, die an den Straenecken die Gemse verkaufen ... Ein
Schrecken vor Kometen oder vor dem mglicherweise alle Tage wiederkehrenden
Trken oder vor dem Staatsbankrott ist die feststehende Stimmung des allgemeinen
Volksgeistes ... Nun dieser Drang nach Oeffentlichkeit, nach Auszeichnung ...
Alles was in den Polen, Ungarn, Bhmen, Italienern, namentlich aber in der
lebendigsten aller Nationen, in - dem todten Israel lebt, impft sich unserm Volk
hier auf ... Herrlich, wenn das alles einen wrdigen Gegenstand fnde ... Aber
dafr die strengste Censur, die Verfolgung der Meinungen, die Unterdrckung der
Lehrfreiheit und - als Ersatz fr alles das, was die Oeffentlichkeit entbehren
mu, die immer enger und enger sich ziehende jesuitische Ueberstrickung ...
Kirche und Schule, Wissenschaft und Kunst sollen vom josephinischen Geist
gereinigt werden ... Einsehend, da es unmglich, das Licht, das man frchtet,
in Scken und dunkeln Kutten aufzufangen, arbeitet man jetzt an einem andern
System der Bekmpfung des Neuen ... Man erbaut Gegengebude ... Man hrt die
Rathschlge aus dem Al Ges in Rom ... Und dem allem stimmt die ffentlich
geheuchelte Loyalitt gleichsam zu und doch - im tiefsten Grund - ist's nichts
als Lge - ... An der Lge geht mein herrliches Oesterreich zu Grunde! ...
    Die magern Hnde des Greises zitterten ... Sie krmmten sich ... Sein Auge
war umflort ... Er mute hundert Schritte im Zimmer auf und nieder machen, bis
sich sein Blut beruhigte ...
    Ein Hausdiener brachte einen Brief, den gestern Abend ein fremder Herr bei
ihm unten geschrieben, versiegelt und an Herrn von Asselyn adressirt hatte ...
    Er war von Schnuphase ...
    Benno mochte nicht lesen ...
    Als sie beide wieder allein waren, nahm der Chorherr die Gedankenreihen, die
ihn so tief erschtterten, wieder auf ...
    Unsere gegenwrtigen Regenten - sind gegen die Jesuiten ... Regenten wollen
keine Theilung ihrer Herrschaft ... Aber die Strmung ist zu gro ... Sie kommt
zu stark und von hoch oben ... Immer grer wird die Zahl der mittelalterlichen
Fanatiker, die mit feierlicher Salbung das ausfhren, was Gentz nur vom
Standpunkt der bloen Staatsraison leicht und heiter hinwarf ... Damit das
germanische Element in Deutschland nicht ganz an Preuen bergeht, mu der
Protestantismus in sich selbst verwirrt, verdunkelt und zum Bundsgenossen Roms
gemacht werden ... Alle Richtungen, die im Denken und Empfinden der Zeit
irgendeine Verbindung mit dem Mittelalter zulassen, sollen von jetzt an nur noch
allein gepflegt und ausgezeichnet werden ... Ich habe das Gefhl einer bangen
Zukunft ...
    Der sich natrlich aufdrngende Gedanke an den groen Staatskanzler
bestimmte Benno, den Brief Schnuphase's zu erbrechen ...
    Er las:
    Hochwohldieselben nicht zu Hause getroffen, zu haben beklage schmerzlichst,
bitte instndigst, jedoch Hochdero ergebensten Diener in dieser groen Stadt
nicht verlassen zu wollen, sondern, ihm hlfeflehend die Ehre zu geben fr
bermorgen anberaumter Hoher Audienz bei seiner Durchlauchtigsten Staatskanzler
Hochdero ergebensten Diener begleiten zu wollen, da meine Angst vor den
vorhabenden Mittheilungen alles, bersteigt was in solcher Lage jemals,
empfunden zu haben entsinnen kann. Adresse: Pelikan &amp; Tuckmandl,
Currentgasse. Hochdero gehorsamst Schnuphase, Stadtrath. In Eile.
    Benno zerri den Brief, warf ihn in einen Papierkorb und schwieg von dem
Inhalt ...
    Feierlich zndete der Chorherr eine Kerze an und sagte:
    Briefe, die man nicht aufbewahren will, mu man verbrennen ...
    Eine lange Pause, whrend der er feierlich die Stckchen Papier verbrannte
... Rauchen Sie eine Cigarre! sagte er dann mit weicher Stimme ... Sie sind
jung! ... Und kommen Sie nicht zu spt zurck ...
    Benno drckte dem Gehenden die Hand ... Es war ihm bei dem trefflichen Mann
so wohl, als wre er beim Onkel in der Dechanei ...
    Auf eine seiner Visitenkarten schrieb er in italienischer Sprache: -
bedauert, fr heute verhindert zu sein, persnlich nach dem Befinden Sr. Hoheit
zu fragen ...
    Es waren diese Worte fr den Principe Rucca bestimmt ... Buchstaben, die
sich von seinem Herzen, von seiner Hand langsam losrangen, wie ein Frst die
Besttigung eines Todesurtheils schreiben mag ...
    Dann nahm er die ihm von Nck bergebenen Papiere, schlo sie in ein
greres Portefeuille, nahm einen warmen Oberrock, verlie sein Zimmer und
bestieg den kleinen Wagen, der am Hause hielt ...
    Am Palast des rmischen Botschafters fuhr er vorber, wie vor einem
geheimnivollen Cocon, in den sich eine Raupe gehllt hat, die ihm zum bunten
Schmetterling werden sollte ...
    Am Palatinus hielt er ...
    Die Vorhnge an den Fenstern des ersten Stocks hingen noch hernieder ...
Einen Tro von Menschen sah er wieder im Portal stehen ... Wieder den Mohren des
Prinzen Rucca ...
    Benno bergab aus dem Wagen dem Portier seine Karte ... Die Hand zuckte. Er
erschien sich jener Apollin, an den Olympia als Kind hinaufsprang, um ihn zu
zertrmmern ... Eine heie Glut durchloderte ihn, wenn er dachte: Sie erwartet
dich um elf Uhr in den Zimmern ihres Verlobten, findet deine Karte, auch die
Mutter nimmt diese in die Hand, liest deinen Namen - Ceccone kommt hinzu - Du
wirst in Kreise gezogen, wo die Verfhrung dich umgaukelt, wo jeder Schritt fr
dein Herz und dein Urtheil zur Fuangel werden kann! ... Wirst du in solcher
Lage, mit allen aus ihr entspringenden Verbindlichkeiten der Verstellung
ausharren knnen? ... Da war es ihm, als riefe es um ihn her: Fliehe! Jetzt!
Jetzt! Noch ist es Zeit! ...
    Das Rlein schwenkte ... Munterer sprang es dahin in eine ruhigere
Seitenstrae ... In der Nhe eines seltsam gebauten Hauses, dessen Fenster den
Schiescharten von Kasematten glichen und die doch einem Franciscanerkloster
angehrten, wie der Kutscher erluterte, lag ein altes Haus, am Portal mit dem
Bild eines Heiligen und einer ewigen Lampe ... Er fragte nach der Currentgasse
... Die lag in einem andern Theil der Stadt ... Wie werth war ihm die Erinnerung
an die freimthige, herzige Therese ... Sie die Freundin seiner verlorenen
Schwester ... Grber! Grber -! rief es in seinem Innern ... Warum ffnest du
sie ... Fliehe! Fliehe! Noch ist es Zeit! rief es auch hier um ihn her ...
    Durch ein kleines Thor auf das Glacis gekommen, fuhr er am Kloster der
Hospitaliterinnen vorber, wo er schon die Aebtissin, Schwester Scholastika, die
geborene Tngel-Heide, htte besuchen mssen ... Er widmete ihr einen
Sehnsuchtsgedanken an die ferne Armgart ...
    Immer einsamer und einsamer wurden die Straen ... Zuletzt gab es nur noch
alleingelegene Huser mit Grten und Feldern, Fabrikgebude mit hohen und
rauchenden Schornsteinen ...
    Endlich war die Landstrae erreicht und der ganze Vollgenu gewhrt der
ungehindert eingeathmeten krftigenden Herbstluft ...
    Benno sa im warmen Oberrock bei offenem Verdeck ...
    Bald bog der Wagen von der Hauptlandstrae ab ... Kleine Ortschaften, in
denen gerade Markt gehalten wurde, boten den buntesten Anblick ... Der Himmel
blieb sonnig und dunkelblau; nur an den Rndern des Horizonts, den die sanften
Bergeshhen abgrenzten, schimmerten die bunten Irisfarben des Herbstes, rosa,
gelb und violett ...
    Der Kutscher sah Benno's Wohlgefallen an der schnen Umgebung und rieth ihm
zuweilen, zu Fu einen krzern Weg durch eine Waldpartie zu nehmen, whrend er
die sich windende Landstrae weiter fuhr ... Aber durch die Eichen- und
Buchenhaine war vor schon gefallenem Laub nicht hindurchzukommen ... Nur die
grnen Tannenbestnde lieen hier und da den Rath befolgen ... An manchen
Durchblicken sah Benno weischimmernde Klster und Schlsser ... Der Blick
ringsum ffnete bald diese, bald jene Fernsicht, bald zu einem schroffen Aufgang
zu hhern Felsgesteinen, bald zur weiten, vom Pflug wieder neugeackerten,
dunkelschwarzen Ebene ... Bonaventura - Armgart - Paula schritten immer im
Geiste mit ihm ...
    Endlich wurden die Aussichten begrenzter ... Die Hgelreihen zogen sich
enger zusammen ... Der Kutscher deutete auf den Ausgang eines waldbewachsenen
Grundes als den Anfang des zum Schlo Salem gehrenden Parks ... Nach einer
lngern Fahrt zwischen rings sich thrmenden, noch epheu- und moosbewachsenen,
von kleinen behenden Cascaden berrieselten Felsen sah man den Weg sich ffnen
und an der Abdachung der sich in eine neue groe Ebene niedersenkenden
Berglehnen eine hellschimmernde, in neuerm Geschmack angelegte Besitzung, der
man in der Ferne noch nicht anmerkte, wie sie aus einem alten Renaissanceschlo
entstanden war ... Alte Thrme waren da im englischen Castellstil neu ergnzt
... Balcone, Erker, gewlbte, mit Epheu und wildem Wein umzogene Fenster lieen
sich schon aus der Ferne erkennen ... Eine Altane bot ohne Zweifel den Blick in
die weiteste Ferne bis zur Donau ... Offene Galerieen, sonst wol mit Blumen
besetzt, zogen sich um die Eckthrme hin ...
    In nchster Nhe gewann jetzt alles ein gepflegteres Aussehen ... Fast
unmerklich verlor sich die Strae in einen Park voll kleiner Pavillons, Tempel,
Ruhebnken neben strzenden Wassern; da und dort zeigte sich wieder eine freie,
noch smaragdgrne Waldstelle, auf der man htte Rehe suchen mgen ...
    Schon fuhr der kleine Wagen in den gekieselten Gleisen der Parkwege ... Die
Fuwege nebenan waren sauber geharkt ... Sie schlngelten sich terrassenhaft
niederwrts bis zum Schlosse, das bei grerer Annherung sich immer stattlicher
entfaltete und nun auch seine Nebengebude, einen groen gerumigen Hof zeigte,
den ein eisernes Gitter und in dessen Mitte ein hohes, mit dem Camphausen'schen
Wappen geschmcktes Portal vom Park trennte, whrend der Fahrweg am Portal
vorber weiter ging und auf einer andern Seite wieder auf die allgemeine
Landstrae zurckfhrte ...
    So in der Nhe nun zu sein von all dem seither erzhlten, vorgestellten,
gefrchteten Leben einer fremden hochwichtigen Existenz mit all ihren
eigenbedingten Lagen, ihren eigengeschaffenen und wieder fr andere magebenden
Zustnden - gewhrte schon an sich eine ergreifende Stimmung ... Wie viel mehr
noch das Gefhl: Hier weilt dir eine Schwester, die du nie gesehen, vielleicht
nie anerkennen wirst! ... Hat Terschka wirklich Wort gehalten und geschwiegen?
... Unwillkrlich kam ihm die Erinnerung an den Park des Vaters auf Schlo
Neuhof ... Dann raffte er sich auf - und doch suchte er wieder durch die
laublosen Bume hindurch nur ein abgesondertes Gebude, das Casino genannt, in
welchem, wie er schon in Kocher vom Onkel Dechanten gehrt, seine Schwester fr
sich allein wohnen sollte ... Er sagte sich: Du bist ganz wie Bonaventura mit
den Brden seiner Beichten! ... Wenn du deine Schwester shest - wrdest du kalt
und fremd erscheinen mssen ... Auch da der Graf vielleicht das Opfer eines
Betrugs durch eine falsche Urkunde ist, darf kein Gedanke sein, der dich
irgendwie hier anwandelt ...
    Im grasbewachsenen, gepflasterten Schlohof war es, wie noch zur Mehrung
seiner mrchenhaft trumerischen Stimmung, menschenleer ...
    Nur ein einziges Ro sah er, das gesattelt an einen eisernen Candelaber
gebunden stand, deren vier eine Rampe schmckten, die die groe Auffahrt bildete
...
    Zu diesem trat durch die Thr eines Seitengebudes, die zum Stalle zu fhren
schien, eben in sorgloser Haltung ein Reitknecht, den selbst die Ankunft des
Einspnners nicht strte ...
    Inzwischen war Benno dicht an die Rampe gefahren ...
    Jetzt sah er erst, der Sattel des Pferdes war ein Damensattel ...
    Ohne Zweifel war er fr seine Schwester bestimmt ...
    Nun mit dem beklommensten Herzen, jeden Augenblick gewrtig, ihr als Bote
ihres Sturzes oder wenigstens ihrer knftigen uerlichen Verleugnung zu
begegnen, sah er dem Reitknecht zu, der den Sattel, fester schnrte und, whrend
der Kutscher schon sein Ro ausschirrte, auf einen Diener deutete, der aus der
hohen Glasthr, die von der Rampe zum Schlo fhrte, mit eilendem Schritt
heraustrat ...
    Auch dieser ging wie der Reitknecht in den altfrnkischen Dorste'schen
Farben - grn und gelb, doch in geschmackvollerer Vertheilung als in Westerhof
... Die Halbrcke von mattgelbem Tuch, kleine Verzierungen daran grn ... Eine
weie Weste, kurze schwarze Beinkleider und Strmpfe stimmten zu den artigen
Manieren des von der Rampe Herabkommenden, der ein Kammerdiener zu sein schien
...
    Offenbar war der Mann in groer Verlegenheit ... Er wute, da Benno
erwartet wurde und entschuldigte den Grafen, der noch eine Abhaltung htte ...
Dann nahm er mit freundlicher Geschftigkeit das groe Portefeuille Benno's
entgegen und lud den Gast ein, sich's so lange in einem Zimmer bequem zu machen,
das er ihm anweisen wollte ...
    Alle diese Worte hrte Benno kaum; denn an einem der hohen Fenster des obern
Stockes, hinter den blutrothen wilden Weinblttern, die noch nicht ganz von
ihrer ppigen Ausbreitung welk herniedergefallen waren, lftete sich eben eine
weie Gardine und ein Frauenkopf sah heraus ... Nur ein Moment war's ...
Sogleich fiel die Gardine wieder zu ...
    Es war ein Kopf, hnlich dem Lucindens ... Jugendlicher, von einem Ausdruck
der uersten Angst entstellt - ihm hnlich ...
    Er konnte annehmen, der Graf befand sich in einem Tte--Tte der grten
Aufregung ...
    Benno, mit dem Gefhl, jedes Auge, das hier auf ihn falle, mte ihn
anstarren um seiner Aehnlichkeit mit Angiolina willen, folgte mit kaum sich
aufrecht haltender Betubung dem Diener, dessen ganzes Benehmen die Furcht
ausdrckte, es knnte der junge sehnschtig erwartete Rechtsgelehrte der
Schallweite der obern Zimmer zu nahe kommen ... Von einem runden
Eingangsvestibl fhrte er ihn sogleich in die entgegengesetzte Richtung, ja
schlo Fenster und Thren, die er offen fand, als knnte noch ein anderer Schall
hereindringen, als der der Gesprche des Kutschers mit dem Reitknecht und das
Unterbringen seines Gefhrtes im grflichen Stall ...
    Endlich kamen sie in Zimmer, die des Grafen Wohnzimmer selbst schienen und
nach dem Garten hinaus gingen ... Dieser war nur ein im Charakter etwas
vernderter Theil des Parks ... Die Fahrstrae umschlngelte das Schlo und lag,
kaum hundert Schritte weiter, wiederum dem Blicke offen ... Die Zimmer, die sie
durchschritten, gingen bis in den alten Bau hinein, einen Thurm, von dem eine
noch von welken Blumen umrankte Wendeltreppe in den Garten fhrte ...
    Das Zimmer, in dem sich der Diener endlich empfahl, war dster, sonst hchst
traulich ... Von oben her beschattete es das Dach der groen Altane des ersten
Stocks, die man in der Ferne gesehen hatte, auch eine Flle von Epheu, der von
auen fast in das Zimmer hereinwuchs ...
    Es liegt ein eigener Reiz in dem Betreten eines zum ganzen und vollen
Ausleben eines fremden Ichs bestimmten Zimmers ... Offenbar hatte der Graf sein
Ausbleiben dadurch mildern wollen, da er Benno sogleich in die Rume fhren
lie, die er selbst bewohnte ... Der Duft der besten Cigarren kam wie aus eben
erst verronnenen blauen Wlkchen ... In der Mitte des Zimmers lag auf einem
groen runden, zierlich ausgelegten Nubaumtisch eine Auswahl von bunten
trkischen und ungarischen Pfeifen ... Cigarrenkisten aus der Havannah waren
noch nicht lange geffnet ... Gelber trkischer Taback lag in einer antiken
Schale von Metall ... Das sich dem mittelalterlichen Geschmack nhernde Zimmer
war hochgewlbt ... An den Wnden hingen trkische Waffen, Roschweife sogar,
Gemshrner, Alpenhte, geschmckt mit Gemsbrten ... Dunkelbraune Schrnke,
gothisch geformt, standen theilweise offen und zeigten goldenen und silbernen
Militrschmuck, Sbel, Pistolen, Jagdflinten ... An den Fenstern waren
Glasmalereien angebracht; der Fuboden, am Schreibtisch mit einer groen
Tigerdecke belegt, war parkettirt in schnen symmetrischen Figuren ... Neben dem
modernen und gueisernen Ofen stand ein vollstndiger Ritterharnisch von
blankpolirtem Stahl ... Auf einer hngenden Etagre blinkten Trinkkannen, Krge
mit eingebrannten Sinnsprchen, Becher aus Horn mit silbernen Griffen ... Der
Schreibtisch stand frei, wohlgeordnet und bedeckt mit bunterlei Nippsachen ...
Federn lagen, noch glnzend von frischgetrockneter Tinte, auf grnem
querbergespannten Tuche ... Hinter dem Schreibtisch standen in einem dunkeln
Winkel zu Fu eines Portrts, das einen General und ohne Zweifel den durch einen
Pferdesturz verunglckten Vater des Grafen darstellte, Hellebarden,
Streitkolben, Morgensterne ... ... Ein kleiner Schrank enthielt eine Bibliothek
von schngebundenen Bchern, militrischen und landwirthschaftlichen Inhalts ...
Eine altmodische Wanduhr mit hrbarem Pendelschlag schien der Pulsschlag des
stillen und doch so lebendigen Zimmers zu sein ... Hier hatte Terschka gewaltet
... Hier Angiolina ... Benno's Blick fiel auf eine Console zwischen den beiden
Fenstern, wo im Dunkeln eine Alpenzither lag und auf ihr - ein weiblicher
Strohhut ...
    Schon eine Viertelstunde mochte vergangen sein, da kam der Kammerdiener
zurck und entschuldigte den Grafen aufs neue ... Er wre zwar im Schlosse, bte
aber den Herrn Baron aufs instndigste, ihm wegen seines Ausbleibens nicht zu
zrnen ...
    Benno sah aus den Zgen des Alten, welche Probe sein Herr zu bestehen hatte
... Er las einen Kampf der Liebe und Leidenschaft aus ihnen ... Er las aus ihnen
Schmerz, Verzweiflung, Drohungen ... Er mute krampfhaft seinen Hut festhalten,
um nicht das Zittern seiner Hnde zu verrathen ...
    Der Diener wollte, da Benno eine Erfrischung zu nehmen ablehnte, wenigstens
zu seiner Unterhaltung plaudern ... Er rckte einen beweglichen Lehnstuhl dem
Fenster nher, um Benno die Aussicht zu deuten ... Er nannte die Klster, die
Kirchen, die Drfer, beschrieb den Lauf der Donau, die wie ein Flechtwerk
silberner Bnder in dem fast berall neugepflgten dunkelschwarzen Erdreich
glnzte ... Leise nahm er dabei den Strohhut von der Zither, wollte ihn
verstecken, besann sich aber, da gerade dies Wegnehmen erst recht darauf
aufmerksam machte und legte ihn wieder leise auf die Saiten, die nun - wie
Geisteraccorde anklangen ...

La mich weinen, la mich klagen!
Frage nicht, warum ich's mu!
Ist es nicht der Gtter Schlu:
Leben steigt aus Sarkophagen
Seit des Lebens ersten Tagen!

    So klang es in einem Liede Bonaventura's, das wehmuthsvoll in Benno
nachtnte ...
    Jetzt horchte der Diener auf ... Er schien etwas zu hren, was Benno entging
... Besorgt begab er sich in die offenen Vorzimmer und zog die Thren, die
vorher offen gestanden, sorgsam hinter sich zu ...
    Benno war keine sentimentale Natur ... Die Ironie pflegte die Regungen
seines Herzens hinwegzutndeln ... Hier aber kam ihm nichts mehr vom Humor zu
Hlfe ... Er fhlte die Rechte des Menschenherzens in dem Leid seiner Schwester
- mit Titanenkraft ... Armes Kind! ... Aber - auch du - arme Paula! ...
    Benno nahm selbst den Hut von der Zither ... Schwarze Sammetbnder glitten
ber seine zitternden Hnde ... Auf der Spitze des Huts waren fnf Sternchen von
schwarzem Sammet befestigt ... Noch duftete der Hut von Angiolinens Haar ...
    Da hrte er Thren schlagen ...
    Er legte den Hut auf die Zither zurck ...
    Es war ihm, als mte Angiolina gestrmt kommen und selbst ihren Hut holen
...
    Ein Gefhl, sie zurckzuhalten und sie, die eben alles verlor, mit dem
Schwesternamen zu begren, berwltigte ihn einen Augenblick ... Wer denkt sich
nicht zuweilen eine That des Heroismus, die, im Urrecht des Genius begrndet,
alle Schranken der Rcksicht durchbricht, eine That, die die ordnende Weltseele
ebenso gut wie jede andere wieder mit dem Hergebrachten wrde zu vermitteln
wissen! ... Schon mute er sich halten - wie jemand, der zu dicht an einen
ungeahnten Abgrund gerathen und statt zu fallen, mit muthigem Entschlu den
furchtbaren Sprung lieber selbst wagt ...
    Da hrt er vom Garten her den Hufschlag eines Rosses ...
    Im regen- und nebelfeuchten Kiese der gleichmige Schritt eines
Galoppirenden ...
    Jetzt schwenkte das Ro ... Es war das von vorhin im Schlohofe ... Es
schwenkte vom alten Gemuer zur Rechten her und dahin ber die sich abdachende
Strae quer am Schlosse vorber ...
    Darauf eine Reiterin ...
    Nur Angiolina konnte es sein ...
    Im dunkelwallenden Kleid sa sie hoch im Sattel ...
    Ja als sie an der Front der Schlofenster vorber mute, schien sie aus dem
Sattel sich zu erheben und sank wieder zurck ... Ein Hut mit blauem Schleier
schlug hinten ber und fiel ihr in den Nacken ... Ein schner Kopf,
todtenbleich, mit dunkelschwarzem Haar und lichtverklrt vom durchsichtigen
Aether sich abzeichnend ...
    Das Ro wie im Fluge ... Die linke Hand hielt die Zgel, die rechte ri den
Hut ganz vom Haupte ... Nun ragte die Gestalt schlank und lustig schwebend ...
Die Hfte zum Umspannen ... Benno suchte das Auge ... Das schien sie zuzudrcken
... Es war, als wollte sie nichts mehr von dieser Welt erkennen ... Immer weiter
und weiter schlngelten sich die Windungen des Weges. Das Ro schwenkte ... Sie
selbst schien wie von einer Schaukel gehoben ... Nun verlor sie sich hinter den
Bschen ... Wieder tauchte sie auf ... Ein Bangen ergriff Benno bei dem immer
mehr sich verlierenden, in den Bschen bald offenen, bald von ihnen gedeckten
Anblick ... Wo raste sie so hin? ...
    Oder - Wie ist das? ... Kehrt sie zurck? ... Ist sie nicht schon wieder in
der Nhe? ...
    Nein ... Neuer Rosseshuf erklingt ...
    Der Reiter sind aber mehrere ...
    Auch sie biegen von der Rechten her ums Schlo ... Eine Cavalcade ist's von
mehreren Herren ... Eine Dame unter ihnen ... Olympia! ... Dieselben Begleiter,
wie gestern ... Dieselbe kleine Gestalt ber und ber heute in hellblauem Sammet
... Gelbe Seide die Verzierungen ... Ein schwarzer Chapeau-Mousquetaire im
grellsten Geschmack des Sdens mit Goldtressen geschmckt ... Phantastischer
Carnevalsanblick! ... Auch sie jagt dahin und erhebt sich ebenso beim Blick auf
das Schlo ... Sie erkennt Benno ... Das Ro schwenkt ... Wild stieben die
Reiter um sie her ... Eine neue Schwenkung ... Jetzt ist Olympia eingeschlossen
von ihren Begleitern und auch sie verschwindet ...
    Benno stand besinnungslos ... Er sah die Wirkung - seiner Karte ... Ohne
Zweifel hatte man seine Wohnung erfragt, seinen Ausflug erfahren, die Richtung
erkundschaftet und war ihm gefolgt ... Wieder die Statue des Apollin - von einem
Panther umkrallt! So wirkte ihm diese Erfahrung ... So wild sich geliebt zu
sehen - mu ja den Tod versen ...
    Da gingen die Thren und der Diener kam eilends zu dem Besinnungslosen ...
    Eben kommen Seine Erlaucht! sagte er ... Seine Worte erklangen wie der Ton
der Erlsung und glcklichen Hoffnung ...
    Die Erscheinung, da Herrschaften von Wien her oder der Umgegend die
Durchfahrt durch den Park und an Schlo Salem vorber benutzten, schien eine
hufig vorkommende zu sein ... Der Diener achtete nicht darauf ...
    Schon im Vorzimmer sprach eine hellkrftige Stimme mit jener Fassung, die
der Weltbildung gelufig ist, eine Entschuldigung fr das lange Ausbleiben ...
    Graf Hugo trat ein ...
    Eine schne mnnliche Erscheinung ... Am Ende der Dreiiger ...
Hochgewachsen wie seine Mutter Erdmuthe ... Das Haar braun, lockig; hie und da
dnn an der Stirn und den Schlfen; Lippen und Kinn trugen den Bart desto voller
... Die Augen blau ... Der erste Eindruck vor den Bewegungen der Hflichkeit und
einer nur mhsam verborgenen Erregung unbestimmt und fast zu lebhaft ... Der
Graf trug ein kurzes, militrisches, weies Hauscollet mit einer leichten
Paspoilirung von Rosaschnren an der Brust, an den Achseln und Aermeln; lange
eng anliegende blaue Beinkleider, unten mit einem Besatz von glnzend lakirtem
schwarzem Leder, das gegen Hausstiefel von bunter russischer Lederstickerei
grell abstach ...
    In einer Sprechweise wienerischen Tonfalls entschuldigte er sich, da ihn
Geschfte abgehalten htten, sich in eine vollstndigere Toilette zu werfen ...
    Alles das kam, als htte er eben nur eine Abhaltung gehabt in seinen Stllen
oder sonst bei einem Lieblingsgeschft, das abgewartet werden mute ...
    Der Uebergang zum Rauchen, das Nthigen auf ein dunkel gestelltes, ganz in
der Ecke hinter dem Schreibtisch befindliches Kanapee, alles war so leicht, so
im Ton der harmlosesten Zuvorkommenheit, da jeder andere nicht gemerkt haben
wrde, wie die Art, mit der er in die Kissen zurcksank und wie von seinen
Wangen die leichte Rthe der ersten Begrung verschwand, doch die uerste
Erschpfung nach einer aufregenden Scene ausdrckte ... Im forschenden Blick auf
Benno der vlligste Ausdruck der Unbefangenheit ber dessen Beziehung zu
Angiolina ... Und kein Stutzen etwa ber irgendeine Aehnlichkeit ...
    Ungeordnet, abgerissen war alles, was der Graf von Benno's Auftrgen sprach
...
    Dieser sammelte sich selbst erst durch das Aufschlieen seines Portefeuille
... Die Eindrcke strmten zu mchtig auf ihn ein ... Die Verlegenheit des
Grafen wurde von der seinigen bertroffen ...
    Herr Graf, begann er allmlig, da ich die Ehre habe - Frau Grfin Mutter zu
kennen und - den Bewohnern von Schlo Westerhof durch lange Jahre nahe stehe, so
hab' ich - bei Veranlassung einer Reise nach dem Sden, gern die Auftrge
bernommen, die mir Herr - Dominicus Nck gegeben ... Ich soll Ihnen - vorlegen,
was die Agnaten der Dorstes, die Landschaft, die witoborner Curie zuvor
gesichert wnschen mssen, ehe die Vermhlung zwischen Ihnen und - Comtesse -
Paula zu Stande kommt - worber Sie wahrscheinlich schon die directe
Entscheidung durch Ihre Frau Mutter erhalten haben ...
    Kein Wort -! sagte Graf Hugo, immer noch wie scherzend ... Er versuchte,
eine Cigarre anzndend, den Ton der Leichtigkeit beizubehalten ... Kein Wort,
wiederholte er, das entscheidend wre - Die Mutter kommt in diesen Tagen zurck
- Sie kann schon heute da sein - Da werden wir ja - hren ...
    Ich zweifle nicht, da sie die Nachricht von Comtesse Paula's Einwilligung
bringen wird - Ich wnsche Ihnen Glck zur Verbindung mit einem der edelsten
Wesen der Welt ...
    Graf Hugo schwieg ...
    Die Cigarre, die nicht brennen wollte, fortlegend, sagte er:
    Sie bringt mir ein groes Opfer ...
    Es whrte eine Weile, bis er, whrend er die Hand aufsttzte, fortfuhr:
    Ich bin beschmt davon ... Herr von Asselyn, das sind sehr traurige
Nothwendigkeiten ... Sie werden ja unterrichtet sein - wie - alles das schon
seit Jahren -
    Mit diesem Worte stockte seine Rede ...
    Benno sah, wie sich die hochgewlbte, mnnlichstarke Brust hob und senkte
...
    Man sollte - sagte der Graf, wieder nach einem mglichst heitern Tone
ringend - man sollte eigentlich niemals gromthig sein ... Es war seit
Jahrzehnden in unserer Familie die stehende Redensart: Allerdings wenn die
Urkunde sich fnde -! ... Nun ist sie da und alle unsere Bravaden werden beim
Wort genommen ... Soll ich wieder aufs neue processiren? ... Soll ich die
Urkunde angreifen? ... Soll ich die Verbindlichkeit als eine geflschte leugnen?
... Ihr Staat duldet bei Testamenten keine Religionsverbindlichkeiten ... Das
wei ich vollkommen ... Ich wrde selbst einem Gegner, wie Nck gegenber,
gewinnen ... Aber erst nach zehn Jahren ... Diese Zustnde einer Procefhrung
sind nicht mehr zu ertragen ...
    Als Benno zustimmend schwieg, fuhr der Graf fort:
    Die Leute sagen, die Urkunde wre ein Extrastck Terschka's, befohlen aus
Rom ... Aufrichtig, ich glaube das nicht ... Der arme Schelm hat uns alle
betrgen mssen ... Das ist wahr ... Aber hierin ist er unschuldig ... Meine
Mutter hat ernste Scenen mit ihm gehabt ... Ich will hoffen, da ihm England den
neuen Menschen anzieht, der, wie Sie wol wissen, zur Garderobe meiner guten
Mutter gehrt ... Die Arme! ... Ihr Eifer, ihre Bemhung rhren mich ... Ich
will alles thun, was Mama auf ihre alten Tage Beruhigung gewhrt ...
    Benno breitete die Papiere aus und horchte den Worten, die nicht herzlos
klangen, horchte um Terschka's willen, dem das Zugestndni der Verschwiegenheit
und einer wirklich gebten Discretion machen zu mssen, ihn fast schmerzte ...
    Meine Religion ist in diesem Land sehr schwer gestellt, fuhr der Graf in den
Papieren bltternd fort, ... Ich frchte, Grfin Paula wird darin am meisten
Ansto bei mir nehmen ... Zumal bei ihrer bergeistigten Richtung ... Ich hoffe,
Ihre Papiere enthalten nichts von einer Bedingung, mir erst durch eine
Conversion die Gemeinschaft auch des Himmels mit ihr sichern zu sollen? ...
    Benno besttigte diese Voraussetzung und berichtete, da die Vorbehalte
lediglich auf Besitzfragen gingen ...
    Der Graf erklrte, alles das, was er da fnde, schon mit wiener Advocaten
besprochen zu haben und sagte, die Papiere zurcklegend:
    Am liebsten fnd' ich in diesen Papieren ein Bild der Grfin ... Wie ist es
jetzt mit ihrer Krankheit? ... Meine Mutter schreibt nichts darber ...
Wahrlich, ich gestehe, ich wrde verzweifeln, wenn sich alle diese Dinge hier so
fortsetzten, wie in Westerhof ...
    Man sagt, die Ehe hebt einen solchen Zustand ... entgegnete Benno ...
    Graf Hugo erhob sich, sah zum Fenster hinaus und sprach mit einer
Schchternheit, die Benno an einem Mann, der die Gesetze des Lebens so leicht zu
nehmen schien, kaum erwartet hatte:
    Die Ehe! Eine Ehe, wie sie eben in unsern Standesverhltnissen so oft
geschlossen wird -! Und ich soll dann nach Westerhof kommen ... Ich bin es kaum
im Stande - ... So - frcht' ich mich ...
    Benno ehrte diese Ausbrche des ringenden Ehrgeizes durch Schweigen ...
    Ich wei es sehr wohl, fuhr der Graf fort, wir Mnner bringen mit unserm
Herzen viel zu Stande ... Wir knnen aus unserer Liebe nicht das nur einmal
vorhandene Kleinod machen, das eben die Frauen darin sehen wollen ...
    Nach diesen mit einem leichten Seufzer und einem schrfern Fixiren Benno's
begleiteten Worten verlor sich der Blick des Grafen wie innenwrts ... Er stand
am Fenster, strich sich sein Haar, ergriff mechanisch von der Console ein
kleines Fernrohr, wie Offiziere beim Felddienst fhren, und sah weithin in die
Ebene ... Es waren Bewegungen, die der Zerstreuung angehrten ...
    Benno lenkte zu den Papieren zurck, die er in der Hand behalten hatte ...
    Pltzlich blickte der Graf starr durch sein Perspectiv, das er zu verlngern
anfing ...
    Einzelheiten dessen, was den Grafen beim Sehen in die Ferne zu interessiren
schien, konnte Benno bei der ohne Zweifel groen Entfernung nicht unterscheiden,
aber die Gruppen der Reitenden waren es gewi ...
    Der Graf erblate, reichte Benno das Glas und sagte:
    Was sehen Sie, Baron? ...
    Benno sah zwei Reiterinnen, Angiolina und Olympia, im Wettlauf ... Die
Offiziere schienen beide umringt zu haben ... Nach der selbst bei der groen
Entfernung ersichtlichen Schnelle mute es wie im Sturm dahingehen ...
    Wer sind denn diese Unverschmten! rief der Graf mit ausbrechendem Zorn, sah
sich nach dem Klingelzug um, nahm schnell wieder das Glas zurck und starrte
hinaus ...
    Sie umringen sie ja mit Gewalt! sprach er mit erstickter Stimme ... Sie will
von ihnen los ...
    Benno nannte den Namen der Italienerin ...
    Offiziere der italienischen Garde! ... setzte der Graf hinzu ... Graf
Zerbelloni scheint's ... Marchese Melzi ...
    Zornfunkelnd sprhte des Grafen Auge ... Er sah sich um, wie nach Waffen ...
    Dann bekmpfte er sich und trat vom Fenster zurck ... Der Wald unten
verbirgt sie ... sagte er ...
    Benno ergriff noch einmal das Glas ... Man sah nichts mehr ...
    Ich kann mich auch geirrt haben ... sprach jetzt der Graf erschpft und
glaubte den Beruhigungen, die Benno gab ...
    Nach einer Weile, in der Benno die wildesten Kmpfe des eigenen Herzens zu
bestehen hatte, brach der Graf, anfangs mit nur leiser, allmlig aber lauter,
weicher und wohlklingender Stimme, in die Worte aus:
    O mein bester Herr von Asselyn! ... Was ist das doch fr ein Menschenleben!
... Terschka's Maxime, wenn der arme Teufel sich zuweilen so ngstlich umsah -
ich habe fr Terschka Mitleid - war die: Wir knnen zu jeder Stunde annehmen,
da alles, was wir unser tiefstes Geheimni glauben, jedermann bekannt ist ...
Lieben Sie  la Egmont ein Mdchen in der Vorstadt und glauben noch so unbemerkt
zu sein, wenn Sie zu ihr gehen - man hat Sie doch gesehen ... So will ich auch
gar keinen Anstand nehmen Ihnen zu besttigen, was Sie ohne Zweifel selbst schon
beobachteten, da ich soeben die furchtbarste Scene meines Lebens durchgemacht
habe! ... Ayez piti de moi ... Vous en dvinez la cause ...
    Damit sank Graf Hugo auf sein dunkles Kanapee nieder, legte einen Fu auf
die Polsterung und bot ein Bild der tiefsten Erschpfung ... Er schwieg ... Die
lange Verstellung rchte sich ... Seine Kraft war dahin ...
    Ganz leise flsterte er allmlig, wie um Benno - zu zerstreuen:
    Das da ist mein Vater! ... Als ich seinen Tod erfuhr, war ich noch ein Knabe
...
    Benno bat, sich nicht aufzuregen und sich um ihn keinen Zwang anzuthun ...
Er schlug vor, da er sich allein in den Park begeben oder anspannen lassen
wollte ...
    Nein, nein! sagte der Graf ... Nur das Geheimthun erschpft ... Nun geht es
schon ...
    Benno sah den ganzen Ausbruch der Liebe zu einem Wesen, das so wunderbar mit
seinem eigenen Dasein verbunden war ... Ihm verhngte das Schicksal nichts
Geringeres als dem Leidenden, der sich wenigstens aussprechen durfte ...
    Ich versichere Sie, fuhr der Graf fort, ich habe den heiligsten Willen, fest
und standhaft zu bleiben ... Ich sagte soeben: Die Stunde ist gekommen, die ber
mein Leben entscheidet! Ich gewinne die Hand einer Heiligen und kenne das Opfer,
das mir und dem gemeinschaftlichen Namen gebracht wird - Wir mssen uns trennen
... Ich habe dich als halbes Zigeunerkind einst in Zara gefunden ... In Zara, wo
ich die Pfeifen da kaufte und die Waffen an der Grenze erbeutete von Bosniern
... Ja, Baron, in Zara sah ich das kleine Mdchen hoch zu Rosse stehen ... Es
war allerliebst ... Wenn das Kind durch die bunten Reifen, mit und ohne Sattel,
gesprungen war und nur Ein Sprung war misglckt, so schttelte sie den Kopf zu
allen Beifallszeichen und rief: Niente! Niente! ... Es war eine italienische
Truppe ...
    Benno wandte sein Auge ab, das sich mit Thrnen fllte ...
    Die Unterhaltung in Zara, fuhr der Graf fort, dauerte vierzehn Tage ... Die
Gesellschaft wollte abreisen und wir Offiziere hatten an dem Kind eine solche
Freude, da ich meinen Kameraden den Vorschlag machte: Kaufen wir's dem Fhrer
ab! Wir wollen's erziehen lassen! ... Die Kameraden wollten nicht ... Da that
ich's fr mich allein ... Die Gesellschaft war klein; der Director machte
schlechte Geschfte ... Er lie mir Angiolinen fr zweihundertfunfzig Gulden ...
    Oeffnet euch, ihr blauen Vorhnge des Himmels, da ich meine Hnde ausbreite
zur Anklage eines Vaters, dessen Unthaten solche Opfer forderten! ... So rief es
in Benno's Innern ...
    Er konnte nur leise fragen:
    Wem gehrte das Kind? ...
    Es war wild aufgewachsen, erzhlte der Graf ... Der Director wird's
gestohlen haben, wie diese Leute wol thun ... Spter haben wir nachgeforscht und
kamen bis ins Reich hinaus ... Eine italienische Familie, die am kasseler Hof
bei der Oper mit der Feuerwerkerei beauftragt war, hatte das Kind bei sich ...
War's ein Kind dieser Italiener, ich wei es nicht ... Der Krieg hetzte damals
alles durcheinander ... Angiolina war elf Jahre, als ich sie mitnahm und noch
einmal taufen lie ... Ich gab sie einem gewissen Ptzl in Wien zur Erziehung
... Nicht wegen seiner - sondern wegen der Frau, die eine gute Haut war ... Da
ist das Mdchen erzogen worden ... Es war eine Pracht, wie sie heranwuchs, sich
bildete und keinen gewhnlichen Geist besa ... Ich lie ihr die Sprachen und
etwas Musik beibringen ... Das alles hab' ich im reinsten Sinn gethan ...
    Benno schwieg, von innigstem Herzen zustimmend ...
    Nachdem, fuhr der Graf sich selbst die Brust erleichternd fort, kam Terschka
in meine Nhe ... Ich kann nicht sagen, ist's Zufall, weil das Mdchen damals
die liebreizendste Erscheinung wurde, oder eine Folge der Eifersucht, weil
Terschka ein Auge auf sie warf -
    Der Jesuit! - warf Benno ein ...
    En vacances! lchelte der Graf ... Aber sagen Sie das hier ja zu Niemand
anders, als zu mir! Die hiesige Gesellschaft erklrt ihn fr einen Abenteurer
und Betrger ... Verlassen Sie sich, die Jesuiten hatten ihn abgeschickt, mich
katholisch zu machen ... Und er fing's sehr richtig an ... Wr' ich ihm in allem
gefolgt, so s' ich jetzt bei achtunddreiig Jahren mit bestndigem Frieren und
versucht' es vielleicht, ob mich nicht ein Ordenshabit erwrmte ... Eine Frage
im Vertrauen, Herr von Asselyn! ... Ich hab' gehrt, Ihr Herr Oberprocurator
Nck litte - - an einem curiosen Spleen - an der Hngemanie ... Ist das wahr?
...
    Man sagt es ... besttigte Benno ...
    Ich kannte einen dalmatinischen Schiffskapitn, der mich versicherte, das
Hngen wre der schnste Tod, man wte das ganz genau in der Trkei, wo die
grne Schnur zu Hause ist ... Und gerade ebenso wute Terschka den allmligen
Untergang an Leib und Seele zu einem Genu und einem Genu ohne Gewissensbisse
zu machen ... Da er sich selbst dabei so erhalten hat, machte sein Mangel an
Reue ... Nichts ruinirt mehr als die Reue, sagte er ... Terschka's Satz war:
Betrachte jeden Menschen wie ein Glas, an dem man mit einem Instrument den Ton
sucht, in dem es wiederklingt! Den Ton forcire dann - bis es bricht! ... So
wute er von Jedem seine innerste Natur zu entdecken, nach der setzte er sich
mit ihm und kam auf die Art mit allen aus ... Bei mir sttzte er sich auf
Bagatellen - auf die Pferde ... In seiner Jugend mu er ein Kunstreiter gewesen
sein ... Kurz, erst als Terschka sagte: Um Ihrer Frau Mutter willen mssen Sie
anfangen, nicht so oft zu den Ptzls zu gehen - ging ich alle Tage hin ... Das
Ende war, da ich, als die Pflegemutter starb, Angiolinen vom Alten wegnahm,
erst ihr Bruder und dann ihr Geliebter wurde ... Das ist manches Jahr her und
ich kann wol sagen: Diese Liebe hat mich vom Untergang gerettet! Angiolina wurde
mein Schutzgeist ... Nicht etwa durch Moral, die hier nicht am Platze ist ... Im
Gegentheil, sie konnte trotzen, ausschlagen, lgen, sich rchen, wie nur einer,
der gereizt wird ... Doch es gab nur einen Menschen in der Welt, um den sie das
alles that ... Der trug einen Helm mit Federn, einen blanken Harnisch, wenn er
im Dienst war, und auer Dienst und auf Urlaub, wie jetzt, war er ein Kind, das
einen ganzen Tag damit zubringen konnte, fr sie Pappkstchen zu machen ...
    Benno warf in das Leben Blicke, wie er sie noch nicht gethan ...
    Er wagte, sich auf des Grafen Standpunkt zu stellen und sagte:
    Angiolina wird Ihnen - nach der Heirath - unverloren bleiben ...
    Nein! entgegnete der Graf ... Ich habe die Absicht, wenn Comtesse Paula
meine Gattin wird, sie in Wahrheit zu verdienen ... Glauben Sie mir, das
Geschick meines Hauses, meines Namens, diese letzte Tuschung durch die Urkunde,
die ich ohne einen furchtbaren Lrm fr die Welt nicht abschtteln kann,
erschttern mich ... Ich war glcklich mit Angiolina, aber ich gefiel mir nicht
in diesem Glck ... Sie war ein Weib mit allen Schnheiten und allen Untugenden
ihres Geschlechts ... Gromthig und rachschtig, offen und falsch, alles in
Einem Herzen ... Zu ertragen war es nur von dem, der fr sie die Welt war und -
Zeit dazu hatte ... Es mute aufhren ...
    Benno gedachte bei Schilderung seiner Schwester der gemeinsamen Vaternatur
...
    Diese Erfahrung mit Terschka, fuhr der Graf fort, hat mich aufgerttelt ...
Ich werde kein Kopfhnger werden und zu sprechen anfangen wie meine Mutter
spricht ... Aber ich denke so: Hab' ich die Mittel, die mich aus meiner
traurigen, schon vom Vater geerbten Finanzlage befreien, so nehm' ich meinen
Abschied ... Ich werde bauen, pflanzen, fr die Erhaltung meines fortblhenden
Stammes sorgen ... Noch mehr, ich liebe Paula ... Sie lcheln? ... In der That,
ich blicke voll Andacht zu ihr hinber ... Ich bin eiferschtig - auf das
Kloster, das sie whlen wollte, Herr von Asselyn ...
    Benno stutzte ber die Betonung seines Namens. Sie war so scharf, da sie
fast Bonaventura zu gelten schien ...
    Ich sagte Angiolina: Du erhltst deinen Lebensunterhalt, wie es meinem
Adoptivkinde gebhrt! Du ziehst zu deiner einzigen Freundin, die dir noch
geblieben ist - einer gewissen Therese Kuchelmeister ... Diese will zur Bhne
gehen; sie wird reisen ... Stre meinen Entschlu nicht, der unwiderruflich ist
... Von der Stunde an, wo ich einen Boten erwarte, dessen Vorlagen ich
unterschreiben mu, rumst du drben den Pavillon ... Ich sagte ihr das tglich,
wiederholte es seit drei Tagen stndlich ... Ich bat sie um Hlfe gegen mich
selbst, bat sie um ihren Ha, ihre Verachtung - Sie warf sich vor mir nieder und
umschlang meine Kniee ... Tdte mich! rief sie noch im letzten Augenblick vor
einer Stunde ... Erschiee mich! ... Sie reichte mir eine Pistole, die sie
heimlich geladen hatte und bei sich trug ... Ich entri sie ihr ... Da rollte
Ihr Wagen an und es war aus ... Ich kann es selbst in der Schilderung nicht zum
zweiten mal erleben ...
    Benno hatte sich dem in den Sopha zurckgesunkenen, die Augen mit der Hand
bedeckenden Grafen genhert ... Er hatte seine Hand, ob sie gleich selbst
zitterte, auf die Schulter des kraftlos Zusammengebrochenen gelegt ...
    So stand er eine Weile voll stummberedsamen Antheils und rang mit den
strmenden Geistern, die aus ihm selbst hervorzubrechen drohten ... Zu Hlfe kam
seiner Selbstbeherrschung ein Klopfen des Kammerdieners und die Meldung, da
angerichtet wre ...
    Ein Frhstck ... auch das mu sein ... sagte der Graf und erhob sich ...
    Benno blickte auf die geffnete Thr ablehnend ...
    Nein, nein! ... Kommen Sie -! sagte der Graf und fhrte Benno ...
    Der Kammerdiener hielt sich in ehrerbietiger Ferne und schien den Grafen,
der ein Gemisch von Gutmthigkeit und Phlegma bot, nicht im mindesten zu stren,
denn im Gehen fuhr dieser fort:
    Sie ist auf ihrem Pferde, das sie behalten will, nach Wien ...
    Franz hat sie doch wol, wandte er sich zum Kammerdiener, zur rechten Zeit
eingeholt? ...
    Am Meilenstein schnitt er ihr den Weg ab! sagte der Diener ...
    Franz war der Reitknecht von vorhin ...
    Obgleich Benno voranging, bemerkte er doch, da der Kammerdiener hinter
ihnen her den Strohhut ergriff und ihn auf dem Rcken haltend mit sich nahm,
jedenfalls um aus dem Zimmer seines Herrn alle Erinnerungen an die
abgeschlossene Vergangenheit zu entfernen ...
    Graf Hugo war in dem Grade der Selbstbeherrschung fhig, da er trotz seiner
Erregung im Gehen an einen zweiten Diener, der sie in einem zwei Zimmer weiter
gelegenen kleinen Esaal empfing, die Frage richtete:
    Was ist das fr eine Livree da drauen? ...
    Diese Frage war mit einem Blick auf den Garten verbunden ....
    Erst jetzt bemerkte Benno, da ein Wagen mit vier Pferden langsam durch den
Park fuhr, mit zwei seltsam costmirten Bedienten auf dem Tritt und einem
phantastisch gekleideten Mohren neben dem Kutscher ...
    Eine fremde Herrschaft aus Italien ist es! sagte der Diener ... Eine Dame
sitzt im Wagen ... Sie gehrt zu den Reitern, die noch nicht lange vorbeikamen
... Ein junger Herr ist bei ihr, der ein schwarzes Pflaster an der Stirn trgt
...
    Principe Rucca - und - unsre Mutter! ... sagte sich Benno und suchte sich zu
halten ...
    Zum Tod erblat ergriff er den Sessel und lie sich dem Grafen gegenber
nieder ...
    Der Wagen war verschwunden ... Nur das Knirschen seiner Rder hrte man noch
im feuchten Kiese ...
    Ist Ihnen nicht wohl? fragte der Graf, jetzt erst bemerkend, da sein Gast
kaum die Serviette zu ergreifen vermochte ...
    Es ist vorber ... hauchte Benno mit uerster Anstrengung sich bekmpfend
...
    Mein Gott! Sie haben so lange gefastet! entgegnete der Graf und rieth erst
zu einem Glase Wein ...
    Benno lehnte alles ab ... Er ergriff den Lffel zur Suppe ...
    In Gegenwart der Diener lie sich das begonnene Gesprch zwar nicht ganz wie
vorhin fortsetzen, aber es blieb ernst ... Man sprach ber Wien, Oesterreich,
ber diejenigen Eindrcke, die jedem Fremden zuerst aufstoen mten ...
    Der Graf schilderte die Lage der sterreichischen Aristokratie als eben
nicht beneidenswerth ...
    Wir leben, sagte er, nach den Ansprchen, die unser Stand und die
Gesellschaft mit sich bringen; daher in einer fortwhrenden Steigerung unserer
Bedrfnisse. Unser Besitzthum verringert sich inde an Werth ... Ich kann Ihnen
die ersten Herrschaftsbesitzer nennen, denen ein einziges Reh in der Verwaltung
ihrer Wlder durchschnittlich fnfhundert Gulden kostet und die von leidlicher
Ordnung sprechen, wenn es um zehn Gulden an den Wildprethndler verkauft in der
Rechnung steht ... Das ist die Incongruenz aller unsrer Lebensbeziehungen - ...
    Durch Castellungo gehrte auch der Graf Sardinien an ... Er forderte Benno
auf, den Besuch Castellungo's nicht zu versumen ... Die dabei unvermeidlichen
Uebergnge des Gesprchs auf bezgliche Namen und schwebende Interessen, auch
auf die Cardinle Fefelotti und Ceccone, brachten das Gesprch auf Bonaventura
... Der Graf blickte nieder und lie sich erzhlen ...
    Man erwartet ihn ja wol auch hier? ... fragte er mit einem Ton, der Benno
auffallen durfte ...
    Gegen Ende des einem Diner vollkommen entsprechenden Mahles bemerkte man das
lngere Ausbleiben der Diener und eine lebhafte Bewegung in den Zimmern ...
    Im schnellsten Trabe wurde ein Reiter vom Garten her vernehmbar ...
    Die Diener blieben zuweilen beim Serviren wie angewurzelt an einer Stelle
stehen, warfen sich bedeutsame Blicke zu und schienen sprechen zu wollen ...
    Wieder hrte man Hufschlge ... Alles ringsumher bekam einen Ausdruck von
Unruhe und Strung der bisherigen Ordnung, ohne da man Ausrufe oder auch nur
laute Stimmen hrte ...
    Der Graf fragte endlich die am Bffet flsternden Diener fast unwillig:
    Was gibt es denn? ...
    Da die Diener nicht antworteten, wiederholte er seine Frage und legte schon
erblassend die Serviette nieder ... Er schien einer blen Botschaft gewrtig ...
    Franz ist zurck ... sagte der ltere Diener zgernd ...
    Der jngere fgte zagend hinzu:
    Es hat - ein Unglck gegeben ...
    Der Graf erhob sich ... Seine Augen zuckten ...
    Da es Angiolina war, die ein Unglck getroffen, verstand sich von selbst
...
    Die Diener sahen zum Fenster hinber ...
    Was ist denn?! ... Ein Sturz vom Pferde?! ... rief der Graf oder wollte dies
rufen ... Die kurze Frage kam nur noch halb von seinen Lippen ...
    Benno war in gleichem Entsetzen aufgesprungen ...
    Die Diener trugen dem Grafen einen Sessel nach; er hatte zur Thr gehen
wollen und war zusammengebrochen ...
    Verwundet doch - nur -? rief Benno, zu seinem Herzen greifend, als brche es
auch ihm im Krampf ...
    Die Diener stockten und erklrten gleichzeitig und mit demselben Ton:
    Lebensgefhrlich! ...
    Sie ist todt - hauchte der Graf ... Ich wei es! setzte seine zitternde
Stimme hinzu ... Seine Hnde richteten sich wie die eines Irren gen Himmel ...
    Die Diener bestritten diese schnelle Annahme ... Sie wre sofort in ihren
Pavillon getragen worden - sagten sie ... Ein Arzt wre aus dem nchsten Ort
gerufen ... Die fremden Herrschaften, die vorberritten, wollten nach einem
Stadtarzt schicken ...
    Sie sind schuld an ihrem Tod! schrie der Graf und eine zuckende Bewegung
ergriff seine Hnde und Fe ... Franz! rief er ... Warum folgte ihr Franz nicht
schon von hier? ...
    Seine zornige Rede erstickte im Schmerz ... Es war nichts mehr zu ndern ...
Seine Anklagen verhallten in den beiden Hnden, die er vor die weinenden Augen
hielt ...
    Benno glich dem von Schlangen umringelten Laokoon, der Hlfe rufen will fr
sich selbst und den eignen Tod nicht achtet in der Angst um seine Lieben ...
    Sie ritt bergab mit verhngtem Zgel! berichtete der Diener ... Allmlig
ging das Pferd langsamer ... Sie schien es nicht zu achten ... Da stand es ganz
still ... So sa sie im Sattel wie abwesend ... Inde war Franz unten an der
Landstrae und wartete am Ausgang des Parks beim Meilenstein ... Da kommen die
Fremden im vollen Trab herunter ... Des Fruleins Pferd scheut ... Sie verliert
die Balance, verliert den Steigbgel ... Die Reiter, selbst im Niederschieen,
knnen nicht innehalten ... Des Fruleins Pferd bumt sich, geht durch und
gleich querfeldein ... Das Frulein rafft sich auf, kniet mit dem rechten Fu
auf dem Sattel, erhebt sich, steht eine Weile hoch in der Luft und strzt dann
kopfber ... Die Reiter waren oben auf der Landstrae ... Franz mute ins Feld
hineinreiten, sprang herunter, lie sein Pferd laufen, fand das Frulein blutend
am Boden und schon bewutlos ... Die Offiziere, Italiener, kamen nher, nahmen
sie dann auf, legten sie querber auf ein Pferd und fhrten sie langsam, indem
einer der Herren ging, zum Casino ...
    Graf Hugo war inzwischen schon umgekleidet ...
    Er hatte sich in einen weien Mantel geworfen, den die Diener hinten
zuschnrten ... Seine Hand hatte keine Kraft mehr ...
    Im Nebenzimmer hatte er die Fubekleidung gewechselt ...
    Eine militrische Interimsmtze lag auf dem Kopf lose und haltlos ... Die
Hand der Diener mute sie erst auf den braunen Scheitel festdrcken ...
    Schluchzend sttzte er sich auf Benno - auf einen Beistand, der selbst den
Tod im Herzen trug ... Die Schwester gefunden - so! - und die Mutter arglos in
der Nhe -! ... Er konnte keinen Gedanken mehr, sich selbst nicht festhalten ...
Der Graf fhrte - ihn...
    Den Einspnner Benno's und ein eigenes Gefhrt, das schon im Hof gerstet
stand, lehnte der Graf ab ...
    Ich frchte mich vor Pferden ... sagte er heiser, mit erstickter Stimme ...
Und - wir - kommen - setzte er bitter lchelnd hinzu - zu - einer Todten - auch
zeitig genug ...
    Damit lenkte er, wie ein zum Tod Verwundeter, vom Vestible des Eingangs den
schwankenden Schritt zum Garten hin ...
    Hier ffnete sich links eine lange Allee von schon kahlen, wie zu einer
unabsehbaren Laube zusammengewachsenen Platanen ...
    Durch ein Meer von raschelndem Herbstlaub schritten beide wie geisterhafte
Schatten dahin.

                                       8.


Links ragte eine sonnenbeschienene, mit Flechten, Moos und Epheu besetzte
Bergwand ... Rechts lagen die Abdachungen des Gartens und Parks in die herrliche
Ebene, ein Bild des Lebens, hinaus ...
    Die Stmme der Platanenallee so wei, so hellgrnlich schimmernd ...
    Das gelbe Laub weithin leuchtend ... Unter den todten Zacken und gekappten
Verstelungen der kunstvoll gezogenen Platanen ...
    Die Sonne mittagshell ... Der Abschied der Natur so froh, so glckverheiend
... Wiedersehn im Frhling! rief alles ...
    Aber aus den fernen Bschen sah man schon den Priester des nchsten Orts im
Ornat daher eilen - mit den Sterbesakramenten ...
    Der Graf blieb stehen ...
    Die nachfolgenden Diener sprangen hinzu ...
    Er deutete nur stumm auf die eilende Procession ...
    Benno starrte ... Sein Blick irrte ... Er suchte den vierspnnigen Wagen ...
    Die Wanderung im raschelnden Laube dauerte eine halbe Stunde ... Sie glich
dem Wandeln in einem Leichenconduct ...
    Benno konnte nichts reden. Nicht ein Wort, nicht eine Miene des Grafen
verrieth, da Terschka seinem Freund die Scene vom Schlo Neuhof, die
Verhandlungen zwischen drei Priestern und dem Prsidenten verrathen hatte ... Er
kmpfte mit sich, ob er es jetzt nicht selbst thun, sich Angiolinens Bruder
nennen sollte ... Die Last wurde zu schwer ...
    Am Ende der Felswand, die sich zuletzt sanft abdachte; lag das Casino ...
    Es war ein dsteres Gebude ... Obgleich mit den schnsten Aussichten auf
die Donau und zur Linken und rckwrts bis zu den steierischen Alpen versehen,
war es doch ein fr ein junges lebensfrohes Gemth bengstigender Aufenthaltsort
...
    Aus der Ferne gesehen mochte das Haus einen poetischen Anblick gewhren ....
Es glich einem alten Maison-de-Logis aus der Rococozeit ... Rings war es von
einer Allee von Riesentannen, mit Zweigen, die sich voll und schwer am Boden
hinschleppten, umgeben ...
    In der Nhe sahen die Bume wie die Umgebung eines Mausoleums aus ...
    Die untern Rume waren nur ein einziger groer Speisesaal mit Nebencabineten
... Ein Hinterhuschen gehrte dem dienenden Personal und mochte die Kche
bergen ... Auch dies war ganz in Tannen versteckt ... Im hohen Sommer mochte man
hier Khle und Schatten haben; jetzt war der Anblick nur in den kleinen runden
Entresolfenstern der obern Etage wohnlich ... Unten schroff abwrts zog sich die
Landstrae ... Auf einer Treppe von verwittertem, moosbewachsenen Erlenholz
konnte man von da zum Casino hinaufsteigen ...
    Die volkreiche Gegend mute dem entsetzlichen Unglck schon eine Menge
Zuschauer gebracht haben ... Eine Menschenmasse belagerte unten das Portal zur
Treppe, das man schon geschlossen hatte ... Viele andere waren schon vorher
eingedrungen und standen im Hause ... Andere liefen noch herbei durch den Park
...
    Der Priester war bereits bei der Todten oder Sterbenden ... Weihrauchduft
strmte den Eintretenden entgegen ...
    Dem Grafen, der an Fassung gewonnen hatte, wich man aus ...
    Da sie zu einer Todten kamen, lag vorausverkndigt auf aller Mienen ...
    Einige zum Dienst des Hauses gehrende Frauen wehklagten und schrieen laut
... Noch lauter beim Erscheinen des Grafen ....
    Scheinbar ruhiger geworden blickte der Graf, der hier ein ffentliches
Gericht fr sich selbst zu bestehen hatte ... Er betrat zwei aus dem Hof ins
Haus fhrende Stufen, durchschritt eine kleine Rotunde und ging in einen die
ganze Lnge des Casinos einnehmenden Saal, dessen theilweis herabgelassene
Jalousieen dem Raum eine Dsterheit gaben, die zu dem schmerzlichen Anblick
gehrte ...
    Der Geistliche sprach schon seine Segnungen ...
    Der Arzt, den man an der Sonde erkannte, die er noch in der Hand hielt,
ffnete eine Decke ...
    Auf einem langen runden Tisch lag auf Matratzen und Betten eine
ausgestreckte, halb entkleidete jugendliche Gestalt ... Gestreckt und schlaff
lagen die Arme und Fe ... Der edelgeformte Kopf war wachsfarben ... An den
Schlfen quoll noch Blut aus der tdlichen Wunde ... Das lange schwarze Haar war
aufgelst; ein Theil lag abgeschnitten daneben ... Der Sturz hatte die
Hirnschale zerschmettert und eine Blutergieung verursacht ... Schon trug das
mit den regelmigsten Formen gezeichnete Antlitz jenen Ausdruck der Ergebung,
den der Tod verleiht, jene ernste Strenge, die so hoheitsvoll mit jedem
Abgeschiedenen vershnt, selbst mit dem Verbrecher ... Brust, Hand, die
Symmetrie aller Formen war wie von Knstlerhand ... Die Stirn nur klein, aber
sanft und eben ... Die beiden schwarzen Augenbrauen ber den schwarzen Wimpern
zeichneten sich wie zwei ernste Fragezeichen ... Sie waren nicht rund, eher
wellenfrmig gezeichnet wie bei allen leidenschaftlichen Naturen ... Benno wagte
noch nicht dauernd hinzusehen ... Er frchtete sich, sich selbst wiederzufinden
- und die Todte des Kronsyndikus ...
    Whrend der Graf ber die Leiche strzte, lange nur schluchzend so
ausgestreckt lag, dann auffuhr und rief: Ich kann diese Glieder nicht kalt
fhlen! - betrachtete Benno allmlig sein Ebenbild mit dem tiefsten Grauen ...
    Er glaubte, jeder mte ihm zuflstern: Das sind ja Ihre Zge ... Besonders
der Wuchs und die mehr runden, als ovalen Formen des Kopfes waren dieselben wie
bei ihm ...
    Die linke Hand der Todten ergriff er und bebte zurck vor der Klte,
Erschlaffung und Feuchte der Haut ... An den wellenfrmigen Augenbrauen erkannte
er den Vater, den er im Winter bestatten half ...
    Der Priester hatte geendet und sprach einige Worte, die nicht dem Formular
angehrten, Worte ohne Strenge ...
    Der Arzt vereitelte jede Hoffnung ... Das Halten eines Federflaums oberhalb
der Lippen zeigte nicht die leiseste Bewegung ...
    Der Graf bat mit leidender Stimme, ihn allein zu lassen ...
    Auch Benno mchte eine Weile gehen ... Aber nur eine Weile, sagte er ... Er
msse noch mit ihm - jetzt aber mit der Todten allein reden ...
    Es war ein schauerliches Verlangen ... Alle baten den Tiefgebeugten um
Schonung seiner selbst ...
    Da der Graf die Bitte wiederholte, ging man ...
    Benno schwankte, ob er nicht bleiben sollte ... Der Strom der Uebrigen
drngte ihn mit fort ...
    Die Diener sorgten, da sich alle Neugierigen und auch die wirklich
Theilnehmenden nach und nach entfernten ... Man lie niemand mehr ins Haus ...
    Man brachte es auch dahin, da sich allmlig die Menschen ber die kleine
Treppe oder in den Parkwegen entfernten ...
    Benno stand unter den dunklen Tannen und suchte in dem vor ihm
ausgebreiteten Panorama den vierspnnigen Wagen ...
    Er gedachte der Mondnacht auf Altenkirchen, wo die Mutter ihre Scheinehe
schlo, dieser Nacht - auch unter solchen Tannen, die den Anfang all dieser
schmerzlichen Geheimnisse gab ... Der Drang, sich zu offenbaren, war mchtig in
ihm; aber, er fhlte auf die Lnge, er mute schweigen ... Er htte in die
weiteste Ferne entfliehen mgen ... Er zuckte auf bei jedem Gerusch ... Er
glaubte den Wagen hren zu mssen, in dem die Schicksalsmchte die Mutter
heranzgen ... Er sah Dmonen mit Fackeln die Rosse fhren ... Die Rosse Feuer
blasen aus ihren Nstern ... Der Boden unter ihm wankte ...
    Der Arzt und der Geistliche schlossen sich ihm an ... Er htte auch sie
fliehen mgen, wie alle ... Er mute mit ihnen eine Weile unter den dstern
Tannen auf und nieder gehen ...
    Das gyptische Todtengericht fehlte nicht ... Man lie der Unglcklichen
manche gute Eigenschaft ... Dennoch nannte man sie eine Verirrung des Grafen und
verhie fr die Zukunft, wenn Angiolina am Leben geblieben wre, keinen Bestand
seiner ehelichen Treue ... Das hie soviel, als: Sie ist zum Glck gestorben!
...
    Benno war zu gebrochen, um dem festen Willen, der eben erst aus des Grafen
Entschlieungen gesprochen hatte, ein besseres Zeugni zu geben ...
    Es war ihm auch, als nhme er damit einen letzten Schmuck vom Grabe seiner
Schwester ... Er lie ihr den Schein der Gefahr fr den Grafen ... Ein Gedicht
mute so in seiner Art wrdiger verhallen ...
    Die Begleiter kehrten zu neuen Ankmmlingen zurck ...
    Zwei Aerzte kamen aus der Stadt ...
    Noch waren sie von den italienischen Offizieren begleitet, die theilweise
ihre Pferde den Dienern gelassen und jetzt einen Wagen genommen hatten ...
    Olympia fehlte ...
    Da sich wieder der vierspnnige Wagen wrde sehen lassen, wurde fr Benno
immer gewisser ... Der Wagen hatte die Reiter verfehlt, hatte noch vielleicht
eine weitere Ausfahrt gemacht und war mit dem Ereigni noch nicht
zusammengetroffen ... Benno's Fassung mute sich auf das Alleruerste rsten
...
    Er dachte sich: Wenn jetzt die Mutter kme! .. Dann immer noch schweigen?
... Seine Nerven zuckten, seine Lippen fieberten, seine Augen verdunkelten sich
bei diesem Gedanken ... Er ri seinen Oberrock auf ... Er frchtete zu ersticken
...
    Die Offiziere nherten sich ihm und erzhlten den Vorfall so, da der Graf
seine Gereiztheit gegen sie zurcknehmen mute ... Auch waren sie schon an der
Leiche bei ihm gewesen ...
    Benno hrte nur ... Der Traum eines Fieberkranken whrte fort ... Eben kam
wirklich der vierspnnige Wagen langsam die Landstrae daher ... Die Menschen,
die bei Benno bald stehen blieben, bald vorbergingen, nannten den Namen der
Herzogin von Amarillas ...
    Die Offiziere gingen der Herzogin theils entgegen und theils ins Casino
wieder zum Grafen ...
    Benno blieb hinter einer der groen Nadellaubpyramiden ... Er stand, als
mte er sich vor dem ganzen Leben verbergen ...
    Eine hohe stattliche Dame in den sdlichen, fr unsern Geschmack nicht
blichen Farbenzusammenstellungen, mit grnem Atlaskleide, einem rothen
Sammethut mit Maraboutfedern, stieg die Erlenholztreppe hinauf, vermied das
Casino, kam zu der Tannenallee und ging an Benno vorber ...
    Neben ihr hpfte in trippelnder Unruhe Principe Rucca, noch immer mit dem
schwarzen Streifen an der Stirn ...
    Noch zwei Herren und ein Diener folgten ...
    Der kleine Principe sah sich ngstlich um ...
    Er wollte offenbar nur ungern bleiben ... Der Tod war hier so nahe ...
    Da erkannte er Benno hinter den Tannen, begrte ihn mit der ganzen
Ueberraschung, die in der Situation lag, nannte ihn den Salvatore della sua vita
und stellte ihn der Herzogin von Amarillas vor ...
    Den Sohn - der Mutter ...
    . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. .
    Die Stimme des Blutes ist eine Tuschung ...
    Wo der Geist nicht die Empfindungen regelt, knnen diese durch sich selbst
nichts erkennen ...
    Die Empfindungen der Liebe, der Freundschaft durchstrmen uns mit wonnigen
Schauern; aber erst die Seele ist es, der Wille, der Gedanke, der den
Empfindungen Ausdruck und Klarheit geben mu ...
    Die Herzogin von Amarillas, auf Benno aus einem bleichen Antlitz voll kalter
Wrde einen scharfen prfenden Blick entsendend, wute, da dieser junge Mann
der Grfin Olympia, ihrer Pflegbefohlenen, zweimal begegnet war und da heute in
der Frhe, nach Abgabe der der Grfin von den Dienern des Principe mitgetheilten
Visitenkarte, die Adresse Benno's sofort von allen Lohnbedienten des Hotels
hatte aufgesucht werden mssen ... Schon die Diener kannten das Interesse, das
die junge Grfin an dem Lebensretter des Frsten nahm ... Nach einer Stunde
wute Olympia Maldachini Benno's Wohnung und seine Ausfahrt nach dem Schlosse
Salem ... Die Herzogin sah in ihrem Zgling eine Leidenschaft entstanden von
jener Consequenz, die ein wildes Naturkind sonst nur im Ha und Eigensinn besa
... Olympia wollte ins Gebirg reiten und das Schlo Salem sehen ... Ein
Widerspruch war nicht mglich ... Olympia beantragte diese anstrengende, weit
ber ihre Krfte gehende Partie, die Herzogin versprach nachzukommen in
Begleitung des Principe ... Olympia ritt mit den Freunden ihres Verlobten,
erlebte - veranlate vielleicht das Unglck und war zur Stadt zurck ...
    Der Name von Asselyn auf der abgegebenen Karte htte sich der Sngerin
Fulvia Maldachini vom Dechanten her befestigt haben sollen ...
    Ihr klang in der Erinnerung ein deutscher Name wie der andere ...
    Sie war Olympia mismuthig nachgefahren, verlor ihre Spur, lie dem Gebirge
zu weiter fahren, kehrte zurck und hrte von dem vorgefallenen Unglck ... Dem
Principe war es peinlich, ein Haus des Todes zu besuchen ... Er kam nur herauf,
um die italienischen Offiziere zu begren ... Nachdem diese ihr Beileid bezeigt
hatten, wollten auch sie mit ihm und der Herzogin zur Stadt zurck ... Einige
Offiziere hatten noch ihre Pferde ... Fr die Aerzte, fr den Principe, fr die
Herzogin und die Unberittenen gab es jetzt zwei Wagen ...
    Principe Rucca war fr Benno die Zuvorkommenheit selbst ... Er konnte die
Gefahr vor dem Elefanten nicht lebensgefhrlich genug darstellen ... Er erzhlte
auch jetzt noch jedem, da ihn ein Elefant gestern htte zum Frhstck
verspeisen wollen ... Benno antwortete und lie das Erzhlte gelten und wich
ruhig aus ... Der Principe mute von seiner Verlobten Befehle erhalten haben,
die auf eine sofortige Fesselung des ihr so Werthgewordenen gingen ...
Instndigst bat er, ihm gestatten zu wollen, da er ihn heute Abend abholte und
in eine Gesellschaft zum Cardinal Ceccone fhrte, der auch bereits das
lebhafteste Interesse an den Tag gelegt htte, ihn kennen zu lernen ...
    Die Herzogin hrte mit einigem Interesse das im gelufigsten Italienisch
gefhrte Gesprch, wandte sich aber ab und untersttzte diese Einladung nicht
... Ihr Lcheln gab ihr einen Schimmer der ehemaligen Schnheit ... Sie war von
ebenmiger, schon zum Embonpoint bergegangener Gestalt ... Ihr Auge
dunkelbraun und voll Feuer ... Die Augenbrauen berscharf gezeichnet ... Das
Haar nicht echt ... Auch die Zhne schwerlich ohne Beihlfe der Kunst so wohl
noch an einander gereiht ... Ihre Haut dunkel, etwas gelblich ... Die Wangen,
die Nase, das Kinn, noch von plastischer Schrfe ... Wrde man ihr den
geschmacklosen Hut abgenommen, den falschen Scheitel entfernt, das graue Haar
aus der Stirn nach oben zusammengewunden, gefrbt, vielleicht mit Goldstaub
berstreut haben, so wr' es eine der Gestalten gewesen, in deren Betrachtung
wir uns in Museen verlieren ... Eine Imperatorenmutter mit blutigen Erinnerungen
... Terschka, der Jesuitenzgling in Rom, sah einen solchen Kopf als Herme in
den quirinalischen Grten des Heiligen Vaters ...
    Ist sie ganz todt, die Arme? nselte der junge Frst ... Ist es eine
Verwandte vom Grafen? .. Sind Sie gern bei Todten? ... Ich nicht ... Verweilen
Sie noch lange hier? ... Kommen Sie mit uns zurck ... Diniren wir vielleicht
zusammen? ... Waren Sie bereits schon im Schwan? ... Gefllt Ihnen diese
Gegend? ...
    Benno stand nur hrend und sehend ... Antworten zu geben war seine Zunge
gelhmt ...
    Die Herzogin durchschritt die kleine dunkle Baumanlage ... Als wenn sie
Benno's Gedanken errathen htte, der sich sagte: Sieh sie dir nur an, diese
nordischen Tannen, die du so hassest! ... Sie belchelte nach einem kurzen
conventionellen Bedauern des hier stattgehabten Unglcks, die Aeuerungen des
Principe ber die schne Natur ... Um das schnste Panorama von Berg, Strom,
Wald, Ebene und in der Mitte der von sonnigen Nebeln umzogenen Stadt mit dem
riesigen St.-Stephan gleichgltig anzusehen, stie sie mit der Fuspitze die
Zweige aus dem Wege und verrieth nicht minder, wie der Principe, nur die grte
Ungeduld, sich wieder entfernen zu knnen ...
    Als sie hrte, da die Offiziere noch im Hause wren, sagte sie, man sollte
doch nur ruhig den Grafen seinem Schmerz berlassen ... Ist sie eine Verwandte
von ihm? fragte sie dazwischen ... Mit einer festen Betonung ihrer tiefliegenden
und bei lngerem Sprechen ungleichen, ja rauhen Stimme schlo sie:
    Was kann man da thun! ...
    Nicht dstrer erhoben sich ringsum die herrlichen Bume, als Benno nur so
stand und sah und hrte ...
    Die Offiziere waren wieder inzwischen aus dem Hause getreten und erklrten,
nur noch auf die Aerzte warten zu mssen, die sie mit zurckzunehmen htten ...
Vom Grafen sagten sie, da er in den obern Stock, in die Wohnzimmer der
Unglcklichen gegangen wre ... Angiolinens Stellung zum Grafen wurde mit drei
Worten angedeutet ...
    Die Herzogin horchte auf ... La Povera! sagte sie - und wollte fort ...
    Fr den Principe begann der Vorfall jetzt interessanter zu werden. Er bekam
Lust, die Unglckliche zu sehen ...
    Whrend er den Offizieren unschlssig folgte, fragte die Herzogin den
zurckbleibenden Benno, dessen starr auf sie gerichtete Augen ihr auffallen
muten ...
    Aus welchem Theil Deutschlands sind Sie? ...
    Benno, nun entschlossen, nannte denjenigen Theil, der sie aufmerksam machen
mute ...
    Aus der Gegend von Kassel ...
    Darauf hin betrachtete sie ihn schrfer ... Ihr Auge blitzte ... Vorher war
sie nur so apathisch gewesen, weil sie an vllig anderes dachte - vielleicht an
das, was Benno eben mit einem einzigen Worte traf ...
    Benno hatte weniger von den Zgen des Kronsyndikus, als seine Schwester ...
Er glich der Mutter ...
    Ganz sich sicher fhlend, fragte sie:
    Kennen Sie in jener Gegend ein Schlo - Neiovo -? ...
    Sie meinte Neuhof ...
    Benno's Lippen bebten ... Jede Mglichkeit, sich in ihrer Person geirrt zu
haben, war nun verschwunden ...
    Neuhof? sagte er leise ... Wittekind-Neuhof? ... Das sind von Kassel mehr
als funfzehn Meilen ... Aber ... in der Nhe Kassels, fuhr er fort, liegt ...
ein Schlo mit einem Park voll solcher Tannen, wie Sie hier sehen - Meinen Sie
vielleicht - Altenkirchen? ...
    Die Herzogin hatte einen Fcher in der Rechten ...
    Schon auf den Namen Wittekind-Neuhof schlug sie mit diesem Fcher
unausgesetzt in die Linke ...
    Altenkirchen! sprach sie, fast die Sylben des schweren Wortes zhlend, und
nun traten ersichtlich hundert Fragen auf ihre Lippen ... Die braunen Augen
blitzten ...
    Eben kamen ihnen die Aerzte entgegen, zuckten die Achseln und riethen zum
Gehen ... Sie sagten, der Graf htte sich vor allen Zeugen seines Schmerzes
verborgen und wre oben auf Angiolina's Zimmern ...
    Im Hofe war alles still ... Am Hause vorbergehend sah man, da eine
Dienerin mit verweinten Augen eben auch den groen Saal schlieen wollte, in dem
die Leiche zurckblieb ...
    Die Herzogin stand auf das Wort Altenkirchen noch immer wie gebannt ...
    Sie sah die dstere Hinterfaade des Hauses mit den kleinen Entresolfenstern
an und hauchte, wie von Erinnerungen durchschauert:
    Wie ein Grabgewlbe das! ...
    Eben hrte man das Drehen des groen Schlssels ... Es klang wie ein: Es ist
vollbracht! ...
    Blick hin! ... Komm! ... Zum letzten mal ist es mglich, da du das eine
deiner Kinder siehst! ... rief es in Benno's Innern ... Die Seelenmesse fr sie,
von der du eben sprichst, wirst du versumen! ... Jetzt, jetzt, wo du eben
hrst, Graf Salem wre ein Ketzer, la dein Staunen, la dein Fragen! In diesen
stillen Saal ruft die letzte Stunde - ...
    Kennen Sie die Familie der Grafen von Wittekind? ... fragte die Herzogin
...
    Freiherren! verbesserte Benno ... Eben diesem Geschlecht gehrt Neuhof ...
    Die Herzogin stand eine Weile sinnend; dann fragte sie:
    Sie bleiben noch hier? ...
    Ich habe die Ehre, Ihnen heute Abend meine Aufwartung zu machen ...
    Bei Cardinal Ceccone? ... Dort bin ich nie! ... Aber speisen Sie morgen bei
uns - im Palatinus! ...
    Benno hatte dieser Aufforderung gegenber keine sofortige Sammlung ... Die
Herzogin wollte, schien es, mit ihm ber die Schaupltze ihrer Vergangenheit
reden ...
    Frst Rucca, der nun doch vorgezogen hatte, seinem Auge den Anblick einer
wenn auch noch so schnen Todten zu versagen, war bereits an der kleinen
Holztreppe, als pltzlich wieder der Graf erschien ... Leise war er von oben
gekommen, hatte schon seinen Mantel abgelegt, verbeugte sich der Dame, den
Herren, reichte Benno die Hand und sprach:
    Sie sehen, ich bin nun hier zu Hause ... Ich will hier so lange bleiben, bis
die letzte schwere Pflicht erfllt ist ...
    Der Graf schien gekommen, um fr heute von Benno Abschied zu nehmen ...
    Die Herzogin sprach ihre Theilnahme aus ...
    Madame, wandte sich der Graf zu ihr und sagte in franzsischer Sprache: Ich
bin sehr unglcklich ... Ich habe ein liebendes Herz verloren ... Und zu Benno
sich wendend, fuhr er mit unsicherer Stimme deutsch fort: Unsere Angelegenheit
ist unterbrochen ... Ich bin heute keines Gedankens mehr fhig ... Frchte auch
jede Stunde die Ankunft meiner Mutter ... Es wre ein groer Act der
Freundschaft fr mich, wenn Sie die Gte htten und nach Wien eilten, meine
Mutter zu begren und zu sorgen, da sie auf dies Schicksal schonend
vorbereitet wird ... Sie liebte Angiolinen ...
    Die Herzogin hrte so aufmerksam, als verstnde sie jedes Wort ...
    Benno erbot sich zu allem und bat den Grafen nur, er mchte seinen Kutscher
benachrichtigen lassen, da er allein zurckfahren mchte ... Zur Herzogin
gewandt, sprach er, in den beiden Wagen fnde sich vielleicht noch ein Platz fr
ihn ...
    Ohne Zweifel! sagte die Herzogin, aber - wandte sie sich jetzt zum Grafen,
der sich zurckziehen wollte, und pltzlich wie im heroischen Entschlu: Ich
will erst noch die Unglckliche sehen ...
    Madame - lehnte der Graf ab ... Es ist ein schmerzlicher Anblick - ...
    Perch! erwiderte sie ... Kennen Sie etwas Schneres, als den Tod? ...
Gestatten Sie mir dies Opfer ... Principe! rief sie ... Meine Herren! Bedienen
Sie sich Ihrer Pferde und des zweiten Wagens! Ich folge mit dem Herrn von - -
    Asselyn! - ergnzte der Frst ... Die Herzogin hatte schon wieder Benno's
Namen vergessen ...
    Graf Hugo machte eine ablehnende Bewegung ...
    Benno jedoch, fast von Freude erregt bei allem Schauer, bedeutete den
harrenden Diener der Herzogin, vorauszugehen, er selbst wrde spter seine
Gebieterin hinunterbegleiten ...
    Der Graf lie nun wieder den Saal aufschlieen, bat mit stummer Geberde um
Entschuldigung und kehrte ber die Stiege in Angiolinens Wohnzimmer zurck mit
der ihm von Benno gegebenen Versicherung, da er sofort auf die Herrengasse
eilen wrde, um fr den Empfang der Grfin Mutter und die vorsichtige Einleitung
der Schreckensnachricht zu sorgen ...
    Die Herzogin betrat den dunkeln Saal ... Benno folgte, schon an die
erschtternde Situation gewhnt ...
    Mit fester Hand lehnte er die hohe Thr an, die Dienerin bedeutend, sie
beide allein zu lassen ... Ein sprliches Licht fiel in den weiten hohen Raum
durch einen einzigen geffneten Fensterladen ...
    Die Herzogin trat nher und sah auf die Todte, von deren Antlitz Benno ein
leichtes Tuch nahm ...
    Welch schmerzlicher Anblick! ... hrte er sie leise sprechen ... Wie jung -
wie schn! ...
    Fnfundzwanzig Jahre ...
    Fnfundzwanzig Jahre schon? ... Am Mund sieht man das und an der Stirn ...
Groer Gott, die Stirn blutet noch ... Warum mute sie auch der wilden Olympia
begegnen! ... Ihr Ro scheute ... Daher wol dies Unglck ... Glauben Sie, da
die Grfin die Schuld trgt? ...
    Benno htte sagen mgen: Oder Ich! Denn um meinetwillen kam Olympia! ...
Eine elektrische Kraft gab ihm den Muth, zu erwidern:
    Das Leben ist eine Kette von Ursachen und Wirkungen ... Wir geben uns auf
diese Art alle einander den Tod ... Diese Arme wrde hier auch ohne die Grfin
liegen ...
    In der That? ... Aber der Graf betet sie doch an? ... fragte die Herzogin
...
    Seine Liebe war ein schner Traum ... Vor einigen Stunden sagte er ihr, da
sie erwachen mte ...
    Ich verstehe ... sprach die Herzogin seufzend ... Armes Kind, du wolltest
kein Erwachen ... Wen heirathet der Graf? ...
    Eine Grfin Paula von Dorste-Camphausen, Nichte des Kronsyndikus von
Wittekind-Neuhof ...
    Die Herzogin zuckte zusammen ... Sie erhob sich, sah geisterhaft um sich,
betrachtete Benno, dann athmete sie tief und schwer und beugte wieder das Haupt
...
    Benno war nicht so grausam gewesen, diesen Namen seines Vaters zu scharf zu
betonen ... Er knpfte gleichsam nur an die Erwhnungen von vorhin an ...
    Sie kannten - diesen Syndikus der Krone? sprach die Herzogin nach
Gleichgltigkeit ringend ...
    Benno erwiderte:
    Ich sah ihn nur auf der Bahre, als man ihn in die Gruft seiner Vter senkte
- Er lag - ganz ebenso, wie hier - ...
    Benno hielt inne, um nicht zu viel zu sagen ...
    Eine lange Pause trat ein ...
    Schon wollte sich die Herzogin, die das Bedrfni zu haben schien, sich von
Benno ber jene Familie, der sie so nahe stand - im Wagen mehr erzhlen zu
lassen, zur Thr wenden ...
    Jetzt oder nie! riefen Benno's innere Stimmen und so wagte er die Worte -
Seine Tochter - die er nicht ausgesprochen, zu umschreiben ...
    Ich denke mir, sagte er, da der Kronsyndikus in seiner Jugend Aehnlichkeit
mit den Gesichtszgen dieser Unglcklichen da hatte ... Sehen Sie nur diese
Stirn ... Tritt sie nicht ganz so - trotzig hervor, wie - bei - jenem -
Tyrannen? ...
    Das Antlitz der Herzogin vibrirte ... Sie horchte der seltsamen Vergleichung
hoch auf ...
    Benno, dem Himmel dankend ber seine Gewandtheit, in der Sprache seiner
Mutter ohne das mindeste Hinderni reden zu knnen, fuhr fort:
    Sehen Sie, da liegt noch die Schere, mit der der Arzt die Haare von der
Wunde wegschneiden lie ... Die schnen Haare! ... Ich nehme diese Locken zu
deinem Angedenken mit, arme - - Schwester! ...
    Diese Anrede wurde fest, wenn auch mit zitterndem Herzen gesprochen ...
    Die Herzogin fuhr jetzt zurck ... Sie mute glauben, der junge Mann wre
pltzlich in Irrsinn verfallen ... Sie suchte ernstlich die Thr ...
    Ich nenne dich Schwester! rief Benno noch lauter und bannte damit den
Schritt der Entfliehenden ...
    Finden Sie nicht, Herzogin, da auch ich die Zge der Unglcklichen trage?
...
    Die Herzogin blieb wie auf der Flucht ... Sie glaubte einen Narren reden zu
hren ... Dennoch verglich sie ihn und die Todte ...
    Deshalb nannt' ich die Aehnlichkeit mit dem Kronsyndikus - Denn, Herzogin,
ich, ich bin mit dem Kronsyndikus verwandt ...
    Die Herzogin konnte nicht von der Stelle ...
    Asselyn! ... sprach Benno ... Hrten Sie denn niemals diesen Namen? ...
    Die Herzogin hrte nur und besann sich ... Da bi sie pltzlich krampfhaft
auf ihre Lippen ...
    Es gab doch einen Freund des Kronsyndikus ... Einen Abbate - Francesco ...
Kannten Sie denn den Abbate Francesco nicht? ...
    Die Herzogin machte eine Bewegung, als htte sie der Stich einer Schlange
getroffen ...
    Ist das - Ihre Familie -? ... sagte sie mit lauerndem Blick ...
    Benno schwieg ...
    Die Herzogin wollte, beschlichen von einem furchtbaren Gedanken des
Mistrauens, den unheimlichen Saal verlassen ... Sie sah sich um ... Sie schien
sich auf noch einen andern Priester als den Abbate Francesco zu besinnen, auf
den Pater Stanislaus; sie fragte: Graf Salem-Camphausen sagten Sie? ...
    Aber gehen wir! lchelte sie und die Frage wie zurcknehmend ...
    Vergebung, Herzogin! ... sprach Benno immer fester auftretend ... Ich kann
mich nicht trennen ... Dies Blut ist mein eigenes ... Ein Geheimni, Herzogin!
... Sie werden mich fr wahnsinnig halten? ... Ich suche seit Jahren eine
Schwester ... Ich glaube sie in dieser Unglcklichen gefunden zu haben ...
Still, still! ... Unter uns! ... Noch einmal, finden Sie nicht, da wir uns
hneln? ...
    Die Herzogin bebte wieder zurck ber den Ausdruck in den Zgen des jungen
Mannes ...
    Arme Schwester, fuhr Benno fort, zum Paradiese geleitet dich dein
Schutzgeist mit trauernder Miene ... Sie wird Einla finden, Herzogin, nicht
wahr? ... Denn ich und meine arme Schwester, wir beide haben eine Mutter, die
uns verlassen konnte ... Eine Mutter ist die Vorsehung ihrer Kinder - aber Sie
haben recht, was sagten Sie eben? Eine Mutter kann in ihrem Kinde den Vater
hassen? ... War es nicht das? ... Nicht alle sind so gro und eitel, wie Ihr
Cardinal Ceccone, der in seinem Kinde - die Mutter zum zweiten male liebt ...
    Jetzt hatten sich Benno's Zge wirklich verzerrt ...
    Die Herzogin, die an der Thr, erst um zu entfliehen, stand, drckte jetzt
die Thr noch fester zu, blieb aber wie trotzend stehen ...
    Vergeben Sie, Herzogin! fuhr Benno fort. Wir wollen die Ruhe meiner
Schwester nicht stren ... Aber mein Geheimni ... Nicht wahr, ein Geheimni fr
Sie und mich? ... Auch ich glaubte von Zigeunern zu stammen, wie diese Arme,
wenigstens aus Spanien glaubte ich zu kommen ... Ich entsinne mich einer Frau,
einer jungen schnen Frau, die mich zuweilen - ich konnte nur ein Kind von drei
oder vier Jahren sein - holdselig anlchelte, zuweilen auch wol eine Thrne auf
mich fallen lie; es konnten auch am Kindesauge nur ihre Diamanten haften
geblieben sein ... Herzogin, da erfuhr ich pltzlich, da ich eine Schwester
habe ... Sie ist geboren mitten auf der Landstrae ... Mitten unter den
Schrecken des Kriegs, auf der Flucht ... Vor fnfundzwanzig Jahren ... Von einer
Mutter, die eine Italienerin, eine Sngerin war ... Sie hie -
    Basta cosi! schrie die Herzogin mit dem Ton der Furie ... Sie lief auf Benno
zu, ergriff seine Hand, sah sich wild um, richtete ihre beiden noch der hchsten
Glut fhigen Augen auf nur drei Zoll Nhe dicht in die seinigen und starrte ihn
wie die Erinnye mit weien Augen an ...
    Schurke, der du bist! fuhr sie fort ... Nachfolger des Paters Stanislaus!
Nun wei ich alles ... Hier, hier in diesem Hause wohnte ja Pater Stanislaus,
Wenzel von Terschka ... Sollst du es besser machen, als dieser undankbare
Teufel, der dem Al Ges seinen Spa verdorben hat?! ...
    Mutter -! rief Benno auf dies entsetzliche Wort aus der tiefsten Tiefe des
Schmerzes, des Mitleids, der Liebe hervor ... Mutter, wie redest du! ...
    Sein Ton war so zart, so innig, da er von keinem Betrger kommen konnte ...
    Die Gefolterte starrte ihn an ... Die verzerrten Zge ihres Antlitzes
milderten sich, das Auge, immer sich einbohrend in die Augen Benno's, verlor
seine stechende Schrfe, immer schwankender wurde ihre Haltung, die Hnde
suchten einen Halt, sie sank - Mutter? hauchte sie ihm nach ... Benno strzte
auf sie zu und berwunden lag sie in seinen Armen ...
    Eine Weile whrte es, bis sie sich aus einer Ohnmacht erholte ...
    Benno lftete ihren Hut, der sofort niederfiel ... Das Haar verdeckte ein
Netzwerk, unter dem ein ehrwrdiges Grau schimmerte ...
    Allmlig erst gewann sie Sprache und hauchte, zu ihm aufblickend, noch tief
zweifelnd, aber schon mit liebender Zartheit:
    Ce - sa - re -? ..
    Julius Csar ... besttigte Benno, richtete die Augen auf die Leiche und
sagte: Und diese nannte man Angiolina ...
    Die Augen der Frau erhoben sich wie irr bald auf Benno, bald auf die Leiche,
bald gen Himmel ...
    So whrte es eine Weile ... Dann gingen die Augen nur noch vom Sohn zur
Tochter und vom Tode zum Leben hinber ... Endlich ri sie sich wild los und
schrie:
    Licht! Licht! ... Die Fenster auf! ... Ich mu meine Kinder sehen! ...
Meines Mrders Kinder ... Ha, ha! - Wach auf, wach auf, Mdchen! ... Ich kenne
dich ja nicht - ...
    Benno gewann zuerst die Fassung ... Man hrte Gerusch ... Schritte eines
Kommenden ... Es klopfte leise ...
    Der Graf war es, dem das lange Verweilen, das laute Sprechen bei der Leiche
auffallen mute ...
    Die Herzogin lag ausgestreckt ber der Leiche, verbarg ihr Haupt und war
selbst wie entseelt ...
    Der Graf durfte diesen Ausdruck weiblicher Theilnahme an einer Sdlnderin
natrlich finden und folgte Benno harmlos, der ihn mit uerster Beherrschung
seiner selbst aus dem Saale zog ...
    Die Herzogin blieb allein zurck ... Sie sah um sich, sie tastete hin und
her, sie strzte auf die Leiche, sie ri sich wieder auf, nahm ihren entfallenen
Hut, drckte ihn auf das Haar, das sie erst zerwhlen wollte ... Dann nahm sie
mit irrer Geberde die abgeschnittenen blutigen Haare und verbarg sie wie im
Diebstahl ... Nun prete sie wieder einen Ku auf die Lippen der Todten, dann
wandte sie sich und wollte wieder zurck ...
    Der Graf stand inzwischen wieder in der Thr ...
    Wir verweilten lange bei dem lieblichen Engel - sprach sie in kurzen Stzen
... Segne Sie - Gott, Herr Graf, fr die Liebe, die Sie ihr schenkten - Es gibt
nur Eine Liebe - mag sie auch Namen haben, welche sie wolle ...
    Benno bot ihr, da sie zusammenzusinken drohte, seinen ihm selbst zitternden
Arm ...
    Der Graf dankte fr so viel Theilnahme und begleitete beide bis an die
weischimmernde Stiege, rieth freundlich zur Vorsicht, empfahl Benno seine
vorhin ausgesprochene Bitte und nahm zum zweiten mal von einem Beileid Abschied,
das alles das zu erkennen gab, was in ihm selbst vorging ...
    Ohnmchtig sinkend, ja strzend schwankte die Herzogin die gebrechliche
Stiege hinunter ...
    Unten standen zwei Diener ... Der Schlag des vierspnnigen Wagens flog auf
... Benno trug die zusammengebrochene Frau mehr, als er sie fhrte ... Sie sank
in ihren Sitz ... Er stieg ihr nach ...
    Der Schmerz der Herzogin konnte allen erklrt erscheinen aus dem
empfangenen, an das gemeinsame Menschenloos erinnernden Anblick ...
    Die vier Rosse zogen an ... Pfeilgeschwind flogen sie dahin ...

                                       9.


Cielo! ... Destino! ... Manda mi la morte! ...
    So brachen die Empfindungen der Herzogin aus ... Benno ergriff die Hnde der
jetzt ohnmchtig zusammensinkenden Mutter ...
    Es war wie eine zweite Geburtsstunde, die sie erlebte ... Ihre Zhne
klapperten ...
    Allmlig schlug sie die Augen auf, betrachtete Benno und wollte mit der
Geberde einer Fieberkranken die mitgenommenen blutigen Haare kssen ...
    Benno ri diese fort und umschlang die Mutter mit seinen Armen ...
    Wieder versank sie in Ohnmacht und fieberte laut ...
    In dem weichgepolsterten Wagen ging es auf der Landstrae eine Weile dahin
wie in einem lautlosen Zimmer ...
    Als der Wagen eine kleine Hhe bergan fahren mute und es langsamer ging,
schlug die Herzogin die Augen auf, rang die Hnde, ri Benno an ihr Herz und
kte ihn ...
    Du bist es! rief sie ... Wte es doch alle Welt! setzte sie hinzu ...
    Mutter! lehnte Benno ihren Wunsch ab, der fast wie Besorgni klang ...
    Wer wei es noch sonst? fragte sie ...
    Ich hier allein! antwortete Benno und deutete auf sein Herz ...
    Meine Ahnung ist erfllt! sprach sie ... Mit bangem Herzen bin ich nach
diesem Lande gekommen ... Ich ahnte, da ich das alles, alles erleben wrde ...
    Nicht aber so! klagte Benno das Schicksal an ... So grausam nicht! ... Das
Leben im Tode ... O zrnst du mir? ...
    Sie schttelte den Kopf ...
    Niemand wei es? fragte sie wiederholt und zweifelnd ...
    Vier fremde Priester, besttigte Benno, ich und mein Bruder - der Prsident
von Wittekind - Friedrich ist mein Freund und der deine ...
    Sie fand sich langsam zurecht ...
    Aber wer wei, begann sie, ob ich deine Stimme gehrt htte, wre sie nicht
von dem Schweigen einer Todten untersttzt gewesen ... Angiolina! ... Ja, ich
hatte mich mit Ha gerstet, mein Sohn ... Htte Gott es nicht so verhngt, da
ich meine Kinder so - so wiedergesehen - wer wei -! ... Angiolina! ... Eine -
Verlorene! ...
    Benno unterbrach diese Gedankenreihen und fragte liebend vorwurfsvoll:
    Selbst auf deine Kinder wolltest du Ha werfen? ...
    Ja, mein Sohn! besttigte die Frau, deren Lippen noch wie von Fieberfrost
auf und zu gingen ... Es liegt eine wunderbare Macht, fuhr sie, an Angiolinens
Verirrung anknpfend, fort, in dem Gesetz ... Aber eine Frau kann sich von ihm
verirren und, wird sie nur geliebt, so vergit sie alles, Urtheil der Welt und
knftiges Gericht ... Tuscht sie aber der, den sie liebte und um den sie alle
Snden der Welt ertrug und selbst beging, so welkt ihr jeder Baum und jede Farbe
verbleicht ihr und ich hate dich schon damals ebenso, wie ich dich anfangs
geliebt hatte ... Ich schleuderte - Angiolinen - dies Kind wie eine Last von mir
... Ihm zu Fen! ... Da hast du, was dein ist, Schurke! ... Ich sah meine
Geburt nur einmal - wie sie ins Leben trat ... Das wird vor Gott ein Verbrechen
sein - aber er strafte mich jetzt schon, da ich mein Kind so wiedersehen mute
...
    Sie versank in Thrnen und kte die blutigen Haare ...
    Sei vershnt! sprach Benno mit Milde und wie jeder, der an ein mhevolles
Ziel glcklich angelangt ist, dann erschpft zusammenbricht ...
    Dir bin ich es, mein Sohn! wandte sich ihm die stolze Frau zu, jetzt, um ihn
zu ermuthigen, mit zrtlichstem Tone, ja wie eine Braut so weich - aber - Medea
- erhob sie sich wieder - Medea schlachtete dem treulosen Vater ihre Kinder ...
Nein, nein! ... beschwichtigte sie gleichsam ... Wie kommt das alles - da du
hier bist? Suchtest du mich? Woher weit du deinen Ursprung? ..
    Benno sammelte sich und die Mutter am zweckmigsten durch die vollstndige
Erzhlung der ihm allmlig gewordenen Enthllungen ... Er schlo seine
kurzgefaten Mittheilungen mit dem Wort:
    Die Kirche anerkennt deine Ehe! ...
    Sprich das nicht aus! entgegnete sie ... Meine Feinde haben mir auch mit
lchelnder Miene diese Andeutung gegeben ... Meinen Frevel, die Hand des Herzogs
von Amarillas zu nehmen, die ich nahm aus Stolz und Scham ber mich selbst,
verzeiht das Gesetz; denn ich kannte die Lehre der Kirche nicht ... Ich wute,
da mich dein Vater betrogen hatte und war frei ...
    Wann erfuhrst du das? ...
    Als ich einige Laute dieser eurer rauhen Sprache gelernt hatte, die du nur
schn sprichst, du, mein Sohn! ... Als ich ein Flstern zu verstehen anfing,
wenn Wittekind mit seinen Freunden zusammen war, ich auf meine Anerkennung
drngte und nicht mehr in meine Pflichten nach Kassel zurckkehren zu wollen
erklrte, wenn ich auf Neuhof gewesen ... Ich erlebte die Grausamkeit des
Mannes! - O mein Csar - hast du etwas in deinen Zgen von diesem Tyrannen -
Jesus ja, du bist sein Bild! ...
    Nicht im Herzen! sagte Benno, schlug die Augen nieder und zog die Mutter an
seine Brust ...
    Er warf mich eines Tages in einen Kerker! fuhr sie fort ... Er lie mich
hungern ... Ich schrie um Hlfe ... Zuletzt konnt' ich nicht mehr ... Er kam in
die unterirdischen Gewlbe und kniete an meiner Thr nieder und weinte ... O
Csar ... Er konnte bestrickend sein wie ein Kind, wenn er wollte und Nachsicht
bedurfte ... Zweimal geschah das ... Ich sa in den untersten Gewlben und fror
und hungerte - ich, sein rechtmiges Weib! Wie ich damals noch - und freilich
nur noch das erste mal glaubte ... Ein Teufel von einem Weibe bewachte mich ...
    Brigitte von Glpen, ergnzte Benno ... Sie strafte der Himmel ... Sie ist
ermordet worden ...
    Gott wird ihrem Mrder zum Paradiese verhelfen! ... Ja, Brigida hie sie -!
Ich vergesse den Ton nicht, wenn sie sich meldete und ich rief: Wer da! ... Sie
spitzte dann den Mund und lockte mich: Tubchen! ... Sie htte mich wrgen
knnen wie eine Taube ...
    So auch starb sie ... sagte Benno und erzhlte den Tod der Hauptmnnin ...
Dann fuhr er fort: Aber sie hatte eine Schwester - Petronella hie sie - Ihr
dank' ich mein Leben, meine Pflege, meine Erziehung ... Meinem Onkel, dem Abbate
Francesco, verdank' ich meinen Namen ... Ich hie der Sohn seines Bruders ...
Ich heie Benno von Asselyn ...
    Julius Csar von Wittekind heit du! - und eine Weile nach mir Montalto! ...
verbesserte sie stolz und fuhr in den sie erleichternden Erinnerungen fort ...
War ich ermdet und kraftlos und verhallte meine Stimme ohnmchtig an den
Wnden, so kam dein Vater und beschwor mich, ihm zu vertrauen ... Er knnte mich
noch nicht anerkennen, wehklagte er ... Er verlre die Hlfte seines Vermgens
... Auf seinem Witthum beruhte seine ganze Kraft ... Mit der zweiten Heirath
wrde er der Sklave seiner Kinder werden ... Er nannte Namen, die ich bald
verga, Verhltnisse, die meine Begriffe berstiegen ... Er bat, er flehte
hinter dem Gitter ... Er knieete nieder, schilderte eine glnzende Zukunft ...
Ich lie mich bethren und versprach nachzugeben Diese Augenblicke, wenn er den
Schlssel zog, wenn er meine Schwre hren wollte, da ich ihm verziehe, erst
ein Pistol mir entgegenhielt und dann doch wieder durch das Gitter mich mit
Kssen verlocken wollte - O, was hab' ich gelitten, mein Sohn! ...
    Benno umarmte sie, streichelte ihre Wange, kte ihre Hnde ... Er starb im
Wahnsinn, sagte er ... Wie zur Shne solcher Frevel starb er - ein Gechteter
... Einen seiner frhern Freunde hat er erstochen ...
    Wr' es einer von denen gewesen, sagte die Mutter mit Bitterkeit, die mich
in der Kapelle zu Altenkirchen betrogen! ... Und doch, du sagst es, einer von
ihnen wurde dein zweiter Vater? ... Lebt der Abbate noch? ... Ich glaubte,
gerade der wre zur ewigen Verdammni bestimmt! ... Gerade er machte und wie aus
Achtung vor mir den Ministranten - ein Priester! ... Ich sagte ihm Dank, als wir
ins Schlo zurckkehrten nach der Trauung, Dank fr die Ehre, die er mir gewhrt
... Seine Hand zitterte, als er dafr die meinige kte ... Ein Jude war der
falsche Priester - der mich drei Jahre lang betrog - Auch in der groen
Kathedrale von - wie hie der Ort - Witoborn - betrog -! ... Er las die Messe
... Ich wute damals nicht, da es seine erste war ... Spter erfuhr ich's, als
ich anfing, mich heimlich nach ihm zu erkundigen ... Kurz vor der Flucht des
Hofes von Kassel, lngst schon in Angst um Wittekind's kaltes Benehmen, in
Hoffnung mit - Angiolinen, in Angst vor den wilden Kosakenhorden, die nach der
groen Schlacht bei - Leipzig schon bis dicht an die Thore schwrmten, sagte mir
Wittekind ins Gesicht, da er mein Bleiben nicht dulden wrde und da ich sein
Weib gar nicht wre ... Trommelwirbel fielen in diese Worte ... Die Glocken
luteten Sturm - Feuer! rief es in den Gassen ... Schon brannt' es in den
nchsten Drfern ... Besinnungslos folgt' ich der allgemeinen Flucht ... In der
unglcklichen Lage eines Weibes, wenn sie die Zwecke der Schpfung erfllen
soll, ward ich von den Angehrigen der Truppe, zu der ich gehrte, fortgerissen
... ... Schon am Abend, in einer Scheune, auf dem Wagen eines Kunstfeuerwerkers
unsers Ballets, kam ich nieder ... Ich raffte am andern Morgen den letzten Rest
meiner Krfte zusammenstoe das Kind, wie alles um mich her, von mir - Die
Gesellschaft wird von den Vorposten der Russen auseinander gesprengt - Ich gelte
fr eine Todte - So kam ich auf einem Bauerwagen nach Frankreich, verfolgt von
dem Hohn: Das ist der Hof des Knigs Hieronymus! ... Ich verfiel in eine lange
Krankheit, nach der ich mich erst allmlig auf alles besann, was vorher mit mir
vorgefallen ...
    Arme Mutter! sprach Benno und suchte sie zu beruhigen ...
    Aber die Sprecherin war in mchtigster Erregung und fuhr fort:
    Der Krieg kam nher und nher ... Ich benutzte meine ersten wiedererlangten
Krfte, an Wittekind zu schreiben; an den Bischof von Witoborn, dem ich noch
Anstand nahm alles ganz wie es war mitzutheilen; an die Behrden ... Letztere
wurden eben neu eingesetzt ... Wittekind antwortete nicht ... O die Scham und
die Verzweiflung ber meinen eigenen Unverstand waren noch grer als mein
Rachegefhl ... Ich suchte mich der Welt zu verbergen, ich verrieth niemanden,
was mir geschehen war ... Meine nchsten Vertrauten und Umgebungen waren durch
die Zeitumstnde von mir gerissen ... Nachrichten ber ein Bauerhaus
einzuziehen, wo du lebtest, wurde unmglich ... So bracht' ich einige Monate in
Paris zu ... Da lernte mich der Herzog von Amarillas, Marquis Don Albufera de
Heares, kennen ...
    Die Mutter hielt inne, um neue Kraft zu schpfen ...
    Benno bat sie, sich zu schonen ...
    Bei dem Wort, das er aussprechen wollte, er wrde sie ja nun oft sehen
knnen ... stockte er ... Wir sehen uns in Rom! sagte er ...
    Nein, schon hier! wollte sie mit berwallendem Gefhl ausrufen; doch auch
sie unterbrach sich jetzt und gestand, ihre Stimme dmpfend: Meine Lage ist -
freilich nicht so - da ich - ...
    Benno sah, da hier seine Aufgabe erfllt war ... Was sollte er noch in
Wien? ... Sollte er wie Hamlet einen ungeheuern Schmerz im Busen tragen und ihn
vertndeln in der Gesellschaft, in einem Liebesroman mit Olympien? ...
    Die Herzogin fuhr inzwischen fort:
    Die Feinde hatten Paris genommen ... Ein Flchtling vor Napoleon, kehrte der
Herzog mit dem vertriebenen Ferdinand VII. nach Spanien zurck ... Er kam aus
England und erkrankte in Paris ... Der Streit unserer Meinungen hinderte nicht
die Annherung der Sympathieen ... Der Herzog wohnte in einem Hause mit mir ...
Er war alt und gebrechlich ... Seine gnzlich verarmte Lage rhrte mich ... Ich
fing wieder an zu singen und theilte mit ihm, was ich hatte ... Dennoch war
alles nur Rache an Wittekind - der mich endlich mit Geldmitteln und hhnischem
Spott und einer teuflischen Bitte um Verzeihung bedachte - Rache, da ich ihm
als Herzogin antwortete und ihm ebenso hhnisch, wie er geschrieben, auch ihm
seine Kinder empfahl, fr die er zu sorgen gelobte, die ich aber - Gott wolle es
mir verzeihen! - wie alles verfluchte, was mich an ihn erinnern konnte ...
    Benno erkannte die psychologische Mglichkeit ...
    Nach einer starren Betrachtung der blutigen Locken Angiolinens fuhr die
Mutter fort:
    Ich reiste nach Madrid ... Der Herzog, mein Gemahl, hatte eine Stellung am
restaurirten Thron der Bourbonen erhalten ... Bald aber kehrte Napoleon von Elba
zurck; auch in Madrid erhob sich die Revolution ... Der Herzog erlag den
Anstrengungen einer Flucht vor der Cortesregierung nach Portugal und starb ...
Wieder stand ich allein, wieder ohne Schutz und Lebenshalt; jetzt bereuend, da
ich mich selbst so rasch zu dieser Vernderung meiner Ansprche auf Wittekind
hatte bestimmen knnen ... Ich reiste nach Rom ... Von dort begann ich in meiner
ersten Verzweiflung, mit Schlo Neuhof zu correspondiren und einlenkende
Schritte zu thun ... Spter drohte ich ... Man schrieb mir oder lie mir
schreiben ... Ich empfing einiges Geld, im brigen nur die alten hhnischen und
burischen Scherze und Bitten um Verzeihung ... Las ich diese Briefe, so hrte
ich das wiehernde Gelchter, das dein Vater zuweilen ausstoen konnte fr sich
ganz allein - nur fr sich allein ... Er jubelte dann ber seinen Verstand und
ber die Dummheit der ganzen Welt ...
    Das hat sich traurig gewendet! sagte Benno ... Jrme, sein zweiter, schon
geisteskranker Sohn, starb im Duell ... Auch Friedrich, der Erbe, ist nicht
glcklich ... Doch bin ich mit Friedrich einverstanden und befreundet ... Er
kennt meine Reise hierher und billigt die Begegnung mit dir ... Befiehl du
selbst! ... Er ordnet sich allen deinen Wnschen unter ...
    Die Herzogin horchte aufmerksam und berlegte ... Sie schien das Fortwalten
des Geheimnisses vorzuziehen ... Wenigstens sagte sie:
    Mein Sohn! ... Ich bin die Tochter eines Marchese im Ravennatischen, der
sein Vermgen verlor ... Ich mute frh an die Verwerthung eines Talents denken,
das mich und die Meinigen erhielt. So legte ich den Namen der Marchesina von
Montalto ab und nahm den der Fulvia Maldachini an ... Von Rom kam ich erst nach
Parma ... Von dort nach Mailand, von Mailand nach Paris, von Paris nach Kassel
... Ich kannte diese ganze dortige fremde Welt nicht und verachtete sie zu sehr
... Meine einzige Umgebung war eine alte Rmerin, die mich singen gelehrt hatte
... Sie war halb erblindet, erschien aber durch ihre Manieren wohl geeignet,
meine Duenna vorzustellen ... Auch sie verstand die Welt nicht, in der wir mit
Anstand lebten ... Ich geno die grten Auszeichnungen und hatte selbst die
List des Knigs zu frchten ... Ich war tugendhaft, mein Sohn! ... Ich war es
vielleicht nur - aus Stolz ... Den Freiherrn erhrte ich erst, als er mir die
heimliche Ehe anbot und ich sie vor Gott, einem Pfarrer oder dessen Substituten
und mehr als zwei Zeugen, die hingereicht htten, richtig geschlossen glaubte
... Meine Entbindung von dir fiel in die Zeit der Ferien an unserer Bhne ...
Ich genas in einer der kleinen Meiereien, die zu den Besitzungen deines Vaters
gehrten ... Eine Buerin nhrte dich ... Noch war deine Geburt eines
Familienstatuts wegen zu verbergen ... Aber du hattest meine ganze Liebe ... Nie
konnte ich dich in den schmuzigen Umgebungen wie ein Bauernkind sehen, ohne
nicht sofort mit deinem Vater die ernstesten Kmpfe ber die endliche Enthllung
unsers Geheimnisses zu beginnen ... Anfangs erfolgten die Beschwichtigungen in
Gte ... Die sptere Wendung erzhlte ich dir ... Wre ich nicht von den
Pflichten meines Berufs, den ich liebte und den ich so viele Meilen von Neuhof
entfernt ausbte, gebunden gewesen, ich htte so lange mein Geheimni nicht
bewahren knnen ... Als ich endlich den Betrug durchschaute, bertrug ich meinen
Ha auch auf meine Kinder ... Und ich sag' es dir, Csar, ich wrde dich und
Angiolina nie anerkannt haben ohne diese heutige Wendung des Geschicks, die mir
so schreckhaft sagte: Die Rache lasse der Mensch dem Himmel! ... Oft befiel mich
melancholische Sehnsucht nach den beiden Wesen, die ich unterm Herzen getragen
... Einmal - ja, da war ich nahe daran, mich zu entdecken, als jener Pater
Stanislaus, den du kennst - ...
    Wenzel von Terschka - ...
    Nach Deutschland reiste und sich mir empfahl ... Ich lebte jedoch schon
damals in Verhltnissen, die mir die Festhaltung meiner Stellung als Herzogin
von Amarillas zur unbedingtesten Pflicht machten ... Und noch - jetzt, mein Sohn
- ...
    Die Erzhlerin stockte und wandte sich ab ...
    Benno glaubte die Beschmung zu sehen, die Anstand zu nehmen schien, von
Cardinal Ceccone, ihrer dritten Verbindung, zu sprechen ... Ein unendliches Weh
legte sich auf sein Herz ...
    Mein Sohn, sprach die Herzogin, seine Gedanken errathend ... Wenn Cardinal
Ceccone in allem so heilig wre, wie in seinem Verhltni zu mir, so wrde man
ihn nach seinem Tode kanonisiren ... Eher kannst du in Rom hren, da - -
Ceccone wie Papst Alexander Borgia seine eigene Tochter liebt, als das Wort -
die Herzogin von Amarillas stnde in einer nhern Verbindung mit ihm, als der,
die Duenna seiner - Nichte zu sein ... Mein Sohn, du siehst mich hier mit vier
Pferden fahren, Bediente umringen mich, ein rmischer Principe reicht mir den
Arm, um mich in die kaiserlichen Theater zu fhren, in die Loge des mchtigsten
Staatsmannes der Welt - ich bin nichts weiter als eine Gouvernante ...
    Benno ergriff gerhrt die Hand der Mutter und sah in ihre umflorten Augen
...
    Unter unsern Cardinlen, fuhr sie mit schmerzlichem Lcheln fort, gibt es
einige, die wohl verdienen, Muster der Christenheit genannt zu werden ... Ihre
Zahl ist nicht gro ... Die brigen theilen sich in zwei Klassen ... In solche,
die die Gelbde aus Indolenz halten, und solche, die die Natur nicht betrgen
knnen ... Alle aber, selbst die letztern bewahren den Anstand ... Saltem caute!
ist unsere rmische Devise ... Um die immer prfend und lauernd auf sie
gerichteten Blicke der Menschen, namentlich der Priester, zu zerstreuen, zeigen
die Cardinle sich absichtlich ganz weltlich, leichtsinnig,
gesellschaftsbedrftig und doch nicht anstig. Das ist, wie die Frauen im
Cicisbeat einen Deckmantel fr eine in ganz anderer Sphre versteckte
Leidenschaft haben ... Jeder Gatte lt seine Gemahlin ruhig mit dem Cicisbeo
gehen ... Dieser ist der Freund des Hauses, der Freund des Mannes, der
Beschtzer der Frau, deren anderweitige Verhltnisse am wenigsten der Cicisbeo
kennt ... So haben auch die Cardinle ein Haus, an das sie attachirt sind, wo
sie Audienzen geben, wo sie sich ausruhen, Whist spielen und wirklich, wenn auch
mit den leichtesten Formen, die Tugend und Entsagung selbst sind ... Das wei in
Rom jedermann ... Cardinal Ceccone kann nach seinen Arbeiten in der Sacra
Consulta nicht anderswo sich erholen, als bei der Herzogin von Amarillas, wo es
hergehen wrde so still und fromm, wie im Kloster von Camalduli, wenn nicht
Olympia mit den Jahren immer gefahrvoller sich entwickelt htte - Csar! -
unterbrach sich die Sprecherin und betrachtete Benno mit einer Mischung von
Staunen und Schrecken - wie nur war es mglich, da gerade du, du mein Sohn,
Csar von Wittekind, es sein mutest, der - ... Doch - fuhr sie pltzlich auf -
fliehe Olympia! Sie zerreit, was sie liebt! ...
    Benno gerieth in die grte Verwirrung ... Seine Ueberzeugung, da er in
Wien seit dieser Stunde nichts mehr zu vollbringen oder abzuwarten htte, mehrte
sich ...
    Die Mutter fuhr fort:
    Ich bin nicht die einzige Herzogin, lieber Sohn, die in Roms dunkelsten
Gassen wohnte und nur - in den Kirchen, deren wir zu diesem Zweck Gott sei Dank
genug haben, von einem ihrem Stand gebhrenden Glanze umgeben ist ... Man ist
arm, aber vom Munde darbt man sich den Miethwagen ab, der uns des Abends eine
Stunde auf den Corso fhrt ... Sonst geht man des Tages zu Fu ... Ein Schleier
gengt, nicht einmal ein Bedienter ... Alle hundert Schritt liegt eine schne
gerumige Kirche, gebaut aus Marmor, mit stillen Kapellen, dunkeln Ecken, da
eine Lampe, hier ein Schemel fr die Fe, ein Bild von Domenichino, eine
Sculptur von Michel Angelo - so kann man schon eine Stunde lang vertrumen, ein
Leben der Armuth anstndig verschleiern ... Du wirst das sehen, wenn du in Rom
bist ... Du gehst nach Rom! ... O wohl, wohl! ... Du sollst es ... Oder was -
was glaubst du, mein Sohn? ...
    Benno hatte die Miene gemacht zu fragen, ob sie es nicht wnsche ... Er sah,
wie seine Begegnung sie bei alledem zu stren anfing ...
    Die Kirchen, fuhr die Herzogin nach einigen zrtlichen Blicken fort, die
Kirchen in Rom sind zum Beten da; aber sie verbinden zugleich den Zweck, eine
Promenade zu sein, eine Promenade, die zu betreten nichts kostet ... Ich hrte
einen Attach der Gesandtschaft des Knigs von Preuen, der erst einige Tage in
Rom war, auer sich gerathen bei der Erzhlung: Ich besuche den Carcer
Mamertinus beim Capitol, die Kapelle, die ber jenem Gefngni erbaut ist, wo
Sanct Peter vor seiner Hinrichtung gefangen sa, und ein Geistlicher tritt
herein, kniet vor einem Betpult nieder, wendet das Antlitz zum Altar, zieht, ehe
er betet, sein Taschentuch, seine Dose, nimmt eine Prise und dann erst faltet er
die Hnde!1... Dies Bild brachte den Lutheraner auer sich, beleidigte jedoch
von uns Rmern niemand ... Es war ein heier Tag; der arme Dorfpfarrer, der die
Merkwrdigkeiten der Stadt ansah, wollte sich ausruhen und benutzte die khle
Kapelle St.-Pietro in carcere ... Da man sich an einem solchen Ort mit der
Geberde des Betens ausruht, bringt die Rcksicht auf den Ort und diejenigen mit
sich, die vielleicht ringsherum wirklich beten ... Die Kirchen Roms sind nicht
Kirchen allein, sondern die ehemaligen Thermen der Kaiser ... Sie sind die
Grten und Promenaden der Stadt, die allen gehren, den Armen und Reichen, den
Knigen und Bettlern ... Ist denn nicht auch das Religion, was alle gleich
macht? ... Wer gefallen ist, Knige, die ihre Krone verloren, knnen keine
bequemere Stadt der Welt finden ... Fr die, die ohne Demthigung sein und
vergessen wollen, ist Rom die Stadt der Stdte ...
    Diese Aeuerungen einer Frau, die in so unmittelbarer Nhe der Tonangeber
der Christenheit lebte, muten Benno wol die Frage wecken: Wiestehen ihre
Ueberzeugungen im Verhltni zur Kirche und zu dem Zweck der Sendung des
Cardinals? ... Doch berwog jetzt noch das Interesse am Persnlichen ...
    Fnf bis sechs Jahre, fuhr die Mutter fort, lebte ich in dem steten Kampf
mit mir, welche Entschlieungen ich fassen sollte ... Ich war nicht mehr jung
... Meine Schnheit, wenn ich sie je besa, war verblht ... Ich zog niemanden
an, als dann und wann ein paar Priester, die bald wegblieben, als ich ihnen
keine Tafel serviren konnte ... Zur Devotion hatte ich kein Talent ... Im Singen
zu unterrichten widersprach meinem Stolz ... Ich processirte mit den Gerichten
Spaniens; die Revolutionen und die Cortes wiesen mich ab ... Wittekind erlebte
in meiner Verzweiflung einigemal die Drohung, da ich nach Deutschland kommen
und die Gerichte gegen ihn anrufen wrde ... Ich ging so weit, mich ber die
Gesetze wegen unwissentlicher Bigamie zu unterrichten ... Ich berzeugte mich,
da meine Ehe nach kanonischen Regeln anerkannt werden konnte ... Dann aber
hatte ich in Bigamie gelebt und mute erst von dieser Snde wieder befreit
werden ... Das ist das besonders Schmerzliche am Unglck, es macht zuletzt feige
... Das Unglck verwirrt uns und lt uns falsche, oft ganz unwrdige Maregeln
ergreifen ... Ich fand wenigstens meine Hlfe da, wo ich nimmermehr geglaubt
htte, da ich sie suchen wrde ...
    Benno horchte voll hchster Spannung ...
    Jenseit der Tiber wohnen in Rom jene Volksklassen, die sich noch eine
gewisse Natrlichkeit, soweit sie bei rmischer Unbildung mglich ist, bewahrt
haben; Handwerker, die grerer, lichterer Rume bedrfen, als sie die innere
Stadt diesseit der Tiber bietet ... In Trastevere wohnte ein Metzger, von dem
ich mir zuweilen den Luxus gestattete, ein besseres Stck Fleisch, ein ganzes
junges Lamm fr die Kche zu bestellen ... Noch lebte meine alte Marietta
Zurboni, die mich so lange Jahre begleitet hatte ... Nun war sie ganz blind; ich
gnnte ihr zuweilen Festtage in Wirklichkeit, nicht blos die, die im Kalender
stehen - Was ich da alles rede! unterbrach sich die Herzogin und starrte in die
Ferne und in die noch nicht erreichte Stadt ...
    Benno erkannte, da die Mutter so pltzlich der Schmerz um die Todte, die
nun schon in Entfernung fast einer Meile zurckgeblieben, ergriff ... Sie hielt
beide Hnde nach der Gegend hin, wo Schlo Salem lag ... Eine Geberde der Bitte
um Verzeihung ... Sie kte wieder die blutigen Haare ...
    Benno beruhigte sie ...
    Eines Tages, fuhr sie nach einem kurzen Weinen fort, hatte ich mich von
Kirche zu Kirche bis Santa-Cecilia gebetet - dies war die einzige Art, wie ich
als Herzogin am Tage ohne Equipage vegetiren konnte - Ich that, als knnte ich,
da ich doch einmal bei Meister Pascarello in der Nhe war, bei dieser
Gelegenheit, obgleich ich eine Herzogin war, auch wol mein Osterlamm selbst
bestellen ... Hoheit, sagte er, warum sind Sie nicht zehn Minuten frher aus
Ihrer Andacht erwacht! Soeben hatte ich noch fnf Lmmchen, wei wie Schnee, so
unschuldig, da sie die heilige Agnes mit in den Himmel htte nehmen knnen! ...
Ich bedauerte ... Htt' ich diese Ehre geahnt! fuhr er fort. Aber, den Heiligen
sei Dank, die Kleinen kommen wenigstens in gute Hnde und Gott segne, da ihre
Wolle dem Pascarello Ehre macht! ... Wer erhielt sie denn? fragte ich ... Der
ehrliche Metzger zeigte ber die Tiber hinweg und sprach: Wenn die Thierchen
gebraten werden, Hoheit, einen solchen vornehmen Rost haben Sie doch nicht! Ich
glaube fast, der des heiligen Laurentius selbst wird dazu genommen! ... Ich
ahnte eine Bestimmung fr die Kirche und Meister Pascarello erzhlte mir noch
eine Geschichte, die in Rom jedermann wei ... Im Kloster der Nonnen, die man
die Lebendigbegrabenen nennt, werden die Lmmer gezogen, aus deren Wolle die
weien, drei Finger breiten Schulterbinden, Pallien genannt, gefertigt werden,
die Rom jedem neuernannten Bischof der Christenheit zuschickt ... Die
Achselklappen zu den Uniformen der groen rmischen Armee ... Die Lmmer knnen
ihre zarteste Wolle nur jung liefern, werden nach der Schur geschlachtet und der
Heilige Vater bewirthet mit dem Fleisch jhrlich die zwlf Apostel, denen er die
Fe wscht; es sind Arme, die zu dieser Ehre schon lange auf einer Liste
verzeichnet stehen ... In dem Kloster sagte Meister Pascarello, mu ein Wolf
hausen oder eine Wlfin - verbesserte er sich -; denn ich habe die Ehre, des
Jahres viel Lmmer dorthin zu liefern, mehr als in einem Jahr in der
Christenheit Bischfe sterben und neue gewhlt werden! ... Seltsam! ... sagte
ich gleichgltig und - betete mich wieder in meine dunkle Gasse bei Piazza
Navona zurck, in der ich wohnte ... Ich erzhlte diesen Vorfall einem Prlaten,
der mich oft besuchte, obgleich ich ihn nicht mochte wegen seines giftigen und
intriguanten Wesens ... Leider hatt' ich ihm schon mehr von meinen
Lebensverhltnissen vertraut, als ich htte thun sollen ... Es ist der jetzige
Cardinal Fefelotti, wie man wei, der Feind Ceccone's ...
    Benno hatte diesen Namen als jetzigen Nachbar des Grafen Hugo in Castellungo
heute nennen hren ... Auch wute er, da Olympia's Mutter im Kloster der
Lebendigbegrabenen lebte ... Er frchtete die Aufregung der Mutter und sagte:
    La es! ... Du wirst mir noch oft erzhlen knnen ...
    Eine solche Stunde kommt uns nicht so bald! erwiderte sie seufzend ...
    In Rom! ... Ich verlasse Wien ... sagte er ...
    Nein! rief die Mutter leidenschaftlich, umschlang und kte ihn ...
    Ich gehe nach Rom ... Heute noch ...
    Csar! rief die Herzogin wie im Ausbruch des uersten Schmerzes und - doch
voll Freude ...
    Nach einiger Sammlung fuhr sie fort:
    Fefelotti machte eine schlaue Miene und sagte: Daraus erkenne ich ja die
Wahrheit eines Gerchtes! Monsignore Tiburzio knnte, mein' ich, von dieser
kleinen Wlfin leicht seinen Cardinalshut zerrissen bekommen ... Sie wissen,
setzte er hinzu, da Tiburzio im nchsten Conclave den Purpur erhalten wird
... Die Zge Fefelotti's verzerrten sich noch hlicher, als sie schon von Natur
sind ... Ich sah, da er ber einen Plan brtete ... Ceccone war schon damals
der mchtigste Mann in Rom ... Er hatte die Revolution gebndigt, die Carbonari
verbannt oder eingekerkert; man wute, da ihn eine Rmerin, Lucrezia Biancchi,
hatte ermorden wollen ...
    Olympia ist das Kind einer neuen Judith! sagte Benno ...
    Alle Welt wei es jetzt ... besttigte die Mutter ... Aber damals noch nicht
... Der Generalinquisitor Ceccone schlug die Untersuchung des Mordanfalls einer
jungen Wscherin auf ihn nieder und brachte die Mrderin heimlich zu den
Lebendigbegrabenen ... Das fanatische Mdchen, das ihre Ehre geopfert hatte um
ihn zu tdten, kam dort nieder ... Olympia wurde im Kloster fnf Jahre alt ...
Es war ein Kind der Snde - ein Kind der Lge, der Wollust, des Mordes ... Von
solcher Wildheit des Blutes war sie, da sie mit den kaum geborenen Lmmchen
spielend oft eines erwrgte ... Das Opfern dieser Lmmer ist eine heilige
Procedur, die am Fest der heiligen Agnes ffentlich vollzogen wird ... An der
Wolle soll noch jetzt niemand eifriger spinnen, als die schon in der Geburt
ihres Kindes vom nicht abgewarteten Milchfieber irrsinnig gewordene Lucrezia -
...
    Was ist Wahrheit! klagte es tief schmerzlich in Benno's Gemth ... Ein
riesiges Gebude steigt auf, ein stolzer Dom ... Die Pfeiler ragen wie ber
felsenfestem Grunde ... Die Wlbungen sind wie fr die Ewigkeit berechnet ... In
den Rissen wchst, mit buntestem Farbenreiz sie verdeckend, die Flora der
Phantasie und des Gemths ... Die heiligste Andacht nimmt diese weien Pallien
mit den vier schwarzen Kreuzen darauf als die Sinnbilder jenes verlorenen Lamms,
das der gute Hirte gesucht - und wie macht sich das alles in Wirklichkeit! ...
Rom blht und gedeiht doch! hatte Hammaker beim Vorschlag eines neuen,
falschen Isidorus gesagt - ...
    Die Mutter schien diesen schneidenden Contrast nicht nachzufhlen ... Die
Rmer nehmen, was von ihnen kommend die katholische Welt andachtsvoll verehrt,
wie ihr tgliches Brot und als sich ganz von selbst verstehend ...
    Ich gnnte Fefelotti nicht den Triumph seiner Intrigue, fuhr sie fort ... In
einer jener Anwandlungen von Thatkraft und Muth, die schon lngst bei mir
aufgehrt hatten, schrieb ich an Monsignore Ceccone und warnte ihn, er mchte
auf der Hut sein und aus dem Kloster eine gewisse - kleine Wlfin entfernen ...
Die Visitation durfte ohnehin kein Kind im Kloster dulden ... Dann auch noch
warnte ich ihn vor den unbesonnenen Plaudereien Pascarello's in Trastevere ...
Ich hatte mich genannt und durfte nicht erstaunen, unmittelbar darauf den Besuch
des Monsignore selbst zu empfangen ... Ich fand in Ceccone einen Mann von
hinreiendem Benehmen, angewiesen auf die Gunst der Frauen ... Ich fr mein
Theil fhlte, da ich nichts mehr fr einen solchen Mann besa, als hchstens
etwas Verstand und das unendlichste Vedrfni nach Beistand, das zuweilen die
Menschen bindet, besonders wenn sie nicht gut sind ... Gefllig sein heit bei
vielen, nur seine Macht zeigen wollen ... So entdeckte sich mir Ceccone ganz,
dankte fr meine Theilnahme, warnte vor Fefelotti, der sein Feind seit frhester
Jugend und schon von der Schule wre, und machte mir den Vorschlag, da ich
einen Palast bezge, den er fr mich miethen wollte, wenn ich Olympia zu mir
nhme ... Noch mehr! Es wre ihm lieb, sagte er, wenn ich ihr einen Namen,
vielleicht von meiner Verwandtschaft gbe ... Ich ging auf diese Vorschlge ein
... Ich gab Olympien den Namen, den ich in diesem rauhen und grausamen Lande
zurckgelassen habe, Maldachini ... Den Grafentitel, den das Kind bekam, bezahlt
man in Rom ... Principe Rucca's Urgrovater war vor hundert Jahren ein Bcker
...
    Benno horchte nur ...
    Meine Lage besserte sich ... Sie wurde glnzend ... Ceccone sammelte Schtze
und hatte eine solche Liebe zu seiner Tochter, da sie ihm, wenn wir noch in den
Zeiten des groen Nepotismus lebten, eine Frstenkrone werth wre ... Die
Krone des Prinzen Rucca entspricht nur noch der jetzigen Stellung des rmischen
Stuhls ... Aber die Zhmung der jungen Wlfin ist mir nicht gelungen ... Sie ist
eine Blume, die aus Blut emporgesprossen ... Ihr Dasein verdankt sie einem Ha,
der sich in Liebe nur verstellte ... Lucrezia Biancchi suchte die Bekanntschaft
im Hause des Inquisitors durch eine Wscherin, die fr ihn arbeitete ... Sie
begleitete diese, nahm ihr zuweilen die Uebergabe der Wsche ab ... So begann
ein Roman, den sie benutzte, um den Feind der jungen Freiheit Italiens wie
Judith den Holofernes zu ermorden ... Wir haben ein schnes Land, aber - wilde
Menschen ... Noch werden die Zeiten eisern werden ...
    Benno war zu ergriffen, um von den Brdern Lucrezia Biancchi's, von den
Oheimen der Grfin, zu sprechen, von der Nhe des alten Professors Luigi ...
    Schlimme Stunden werden auch noch fr uns allein kommen, mein Sohn! seufzte
die Mutter ... Olympia hatte nie einen Wunsch, der unerfllt blieb ... Sie
heirathet den Principe nicht, um seine Liebe oder seinen Namen zu haben, sondern
nur, um eine Frau zu sein ... Dadurch erst gewinnt ein Weib grere Freiheit ...
Mein Sohn, Rom hat keine Erziehung, keine Bildung - keine Tugend - ... Es hat
nur Leidenschaft und Verstellung - Wir haben die Formen der Devotion ... Diese
vertreten den ffentlichen Anstand ... Alles Uebrige ist die grere oder
geringere Kunst der Verstellung ... Tugend ist nur da, wo die natrliche
Empfindung sie zugleich mit hervorruft, oder nur da, wo sie schon die natrliche
Begleiterin von Stolz und Liebe ist ... Ein Staat von Priestern, die unter einem
unnatrlichen Gesetze leben, kann nichts anderes hervorbringen ... Ich habe es
einmal erfahren, was ein in Rom entstandener freisinniger Gedanke kosten kann
... Ceccone neigt, wie das im Alter so geht, zu politischen Verbesserungen und
ist in seinem innersten Herzen Italiener, ja mehr noch, Rmer ... Olympia sowol
wie ich arbeiten auf die Erhhung Italiens - eine Zukunft, die ohne Bruch mit
Oesterreich nicht denkbar ist ...
    Benno sah sich betroffen um ... Die Diener htten hren knnen ... Schon
nherte man sich den volkreichen Vorstdten ...
    Seine Besorgni war ungegrndet ...
    Fefelotti, fuhr die Mutter unerschrocken fort, der gleichfalls inzwischen
Cardinal wurde, erhob sich wie die Schlange, die ein Fu nicht ganz zertreten
hat ... Diesen Winter war es ... Da begannen die Intriguen der immer mchtiger
werdenden Jesuiten ... Ich sollte auf der Reise hieher, die schon lange zu
Olympiens Ausbildung beschlossen war, die Anklage erhalten, die Gattin zweier
Mnner gewesen zu sein ... Zum Glck, wie ich hier wol sagen kann, starb der
Kronsyndikus ... Aber die Intrigue ruhte nicht ... Wir haben uns der Feinde
versichern mssen ...
    Ceccone versprach dem Al Ges, seinen Befehlen zu gehorchen -! ...
    Ja! erwiderte die Mutter wie eine Rmerin, die nur triumphiren wollte mit
dem Berichte: Fefelotti ist gestrzt und in ein Erzbisthum verbannt ... Weit von
Rom entfernt, im Piemontesischen, krmmt er sich jetzt, racheschnaubend, aber
ohnmchtig ... Wir fhlen seine Hand nicht mehr ... Warum staunst du? ...
    Benno unterdrckte seine Empfindungen ... In solche Umtriebe des Ehrgeizes
machtbegehrender Priester mischt sich das Wohl der Staaten, die Freiheit der
Vlker, die Erleuchtung der Gewissen! ...
    Die Mutter kam auf diese Vorstellungen nicht ... Sie sprach von Olympien ...
    Ihre ersten Lebensjahre wurde sie im Kloster verborgen gehalten ... Das
Kloster liegt nicht einsam ... Man hatte Ursache, das Schreien des Kindes zu
ersticken ... Man erstickte es durch Liebkosungen und die Gewhr jedes Wunsches
... Ein Nein! gab es nicht bei Nonnen, die ber eine Entdeckung zitterten ...
Da sie gleich anfangs eine Nonne aufnahmen, die Mutter wurde, machte die
Habgier ... Ein Kloster ist bei uns fr Wohlthaten und Geschenke, die man ihm
spendet, zu allem fhig ... Diese Mnche und Nonnen gewhnen sich so an die
Vortheile, die ihnen die Besitzthmer ihres Klosters gewhren, da sich die
wunderbarste Einigkeit zwischen allen herstellt, wenn sie nur wissen: Das ist
dein Antheil an dem gemeinsamen Gewinn ... Die Menschen der Entbehrung und
Einsamkeit werden so; sie handeln im Charakter eines Ameisenhaufens, der eine
einzige Ameise voll Intelligenz ist ... Dem Kloster dann heimlich entfhrt und
in meine Obhut gegeben, erlebte Olympia einige entschiedene Anwandlungen meiner
Neigung, ihr eine Erziehung zu geben ... Der Erfolg war nicht ermunternd ...
Lassen Sie das Kind sein, wie es ist! sagte der zu einer Mischung von halb
Trajan, halb Nero geborene Cardinal ... Nur ein Mensch von starkem Willen lebt
siegreich in dieser halben Welt! setzte er hinzu ... Oft sah ich mir in der
Galerie Borghese das Bild an, das Rafael von Csar Borgia gemalt hat ... Ein
Kopf wie ein Ruberhauptmann, voll schreckhafter Mnnerschnheit ...
Macchiavelli machte aus ihm das Muster eines echten Frsten ... So war Ceccone
in seiner Jugend und Olympia hnelt ihm ... Sie bekam schon als Kind galante
Briefe und Gedichte von denen, die ihren Schutz begehrten ... Sie whlte sich
selbst ihre Gesellschaft ... Sie lie Schferknaben von ihrer Hrde in der
Campagna wegnehmen und in prachtvolle Kleider stecken, um mit ihnen spielen zu
knnen ... Ebenso oft aber auch nahm sie ihre Gunstbezeigungen wieder zurck ...
Ich hatte Scenen mit dem Cardinal voll uerster Aufregung ... Er konnte so
grausam sein und mir sagen: Madame, Sie sind die Kammerfrau einer Frstin,
nichts weiter! ... Ich ertrug diese Ausbrche des Dnkels und der Tyrannei, denn
ich hatte zu viel gelitten und war angekommen an jenem schreckhaften Wendepunkt
im Frauenleben, wo der Muth, die Hoffnung versiegt und uns die Angst vor dem
Alter ergreift ...
    Benno drckte der Mutter die Hand und sprach:
    Trenne dich von dieser Welt und sei - ganz nur mein! ...
    Wird das gehen? sagte die Mutter schmerzlich lchelnd und - ablehnend ...
Sie kte seine Stirn ... Nein! setzte sie in der That den Kopf schttelnd hinzu
... Warum nicht? ... lag in Benno's betroffenen Mienen ...
    Olympia hatte zum Glck die gute Eigenschaft, fuhr die Mutter ausweichend
fort, da ihr fester Wille zuweilen eine edle Sache ergriff ... Da die Sache
edel war, war dann nur ein Zufall ... Sie whlte immer nur diejenigen
Standpunkte der Auffassung, die ihr der Zufall und eine persnliche Empfehlung
boten ... So sind alle Vornehmen ... Brachte ein Pchter eine Bittschrift und
hob ihr den Fcher auf, der ihr gerade entfallen war, so ruhte sie nicht, bis
seine Wnsche erfllt wurden ... Ebenso gro aber auch ihr Ha und ihre
Rachsucht ... Einen jungen Geistlichen, der ihr die Beichte hrte, gab sie an,
da er sie im Beichtstuhl gekt htte ...
    Benno entsetzte sich ...
    Es war eine Lge ... Sie fhrte diese Lge mit allem Aufwand der Verstellung
durch ... Der junge Priester hatte ihr einige Strafen auferlegt, denen sie sich
nicht unterziehen wollte ... Der Unglckliche verdarb sein Schicksal vollends
durch die seltsamste Grille von der Welt ... Er rumte ein, da Olympia, damals
vierzehn Jahre alt, recht gehabt htte ... Es war ein Alcantarinermnch aus dem
Norden Italiens, der der strengsten Regel der Franciscaner angehrt ... Sie sah
ihn eines Tages in der Sixtina und wollte ihn sofort zum Beichtvater ... Der
Cardinal lie den Pater Vincente aufsuchen und bestimmte ihn, in Rom zu bleiben
... Pater Vincente, bildschn, trumerisch von Natur, hatte durch seinen
schweren Orden die Kraft der Nerven verloren ... Er errthete bei jedem Wort,
das man an ihn richtete ... Dennoch wurde er Olympia's Beichtvater und bezog das
rmische Kloster der Alcantariner ... Nach sechs Wochen endete dieser Roman in
der Art, wie ich sagte ... Olympia rchte sich fr seine Strenge und wollte ihm
nicht lnger beichten ... Sie log und alles sprach ihn frei ... Er aber - er
hatte sich in der That in sie verliebt und gab etwas zu, was nur das Spiel
seiner Phantasie gewesen sein mochte ... Er sagte: Ich habe sie gekt!2... Der
Unglckliche schmachtete fnf Jahre in einer Strafzelle der Alcantariner ...
    Olympia ist ein Teufel! wallte es in Benno auf und es auszusprechen hinderte
ihn nur der Gedanke an den Pater Sebastus und den Bruder Abtdter, die nach
Rom zu den Alcantarinern geflchtet waren ... Lucinde, Bonaventura traten vor
sein irrendes Auge ...
    Die Mutter fuhr fort:
    Als Pater Vincente eingerumt hatte, da er Olympien im Beichtstuhl kte,
erschrak sie selbst und bereute nun ihre That ... Sie schrie und weinte darber
... Sie lief zum Cardinal und warf sich ihm zu Fen ... Sie kte seine Zehen,
was sie immer als Ausdruck der hchsten Schmeichelei fr ihn thut, da sie so
ausdrcken will, da ihm die dreifache Krone beim Tod des Papstes nicht entgehen
knnte ... Sie schwur, da sie gelogen htte und bat um die Freilassung des
Priesters ... Der Cardinal that alles, was in seinen Krften stand ... Aber
Pater Vincente verharrte bei seiner Versicherung, er htte sie gekt und
verdiene seine Strafe ... Da war bei seinem General nichts auszurichten ... Erst
vor kurzem kam uns die Kunde von seinem Schicksal in Erinnerung ... Es war die
Rede davon, da neben Fefelotti, der jetzt auf seinem Erzbisthum Cuneo, auch
Coni genannt, sich befindet, gerade auch das Bisthum Robillante frei geworden
... Man sagte, da dem schlechtesten Christen eigentlich der beste Christ
gegenberzustellen wre ... Ceccone dachte an einen Beaufsichtiger Fefelotti's,
die andern an einen wirklich heiligsten Priester ... Der ist nicht zu finden!
hie es allgemein ... Olympia besann sich eine Weile und sagte mit blitzenden
Augen: Der beste Priester der Welt ist Pater Vincente bei den Alcantarinern! ...
Als man staunte, sagte sie: Ich strzte ihn ins Unglck und er wollte fr seine
Gedanken ben! Macht ihn zum Bischof von Robillante! ... Man ging auf den Plan
ein. Um so mehr, als man erfuhr, da dieser Bischofssitz in der Heimat des
Paters Vincente liegt ... Er ist aus dem Thal von Castellungo gebrtig ...
    Castellungo? unterbrach Benno ...
    Ein Thal am Fue des Col de Tende im Piemontesischen ...
    Das Schlo von Castellungo gehrt dem Grafen Hugo, von dem wir eben Abschied
nahmen! ...
    Die Mutter horchte auf und setzte hinzu: Ja, die Gegend ist ketzerisch ...
    Benno's Gedanken waren auf den besten Priester der Welt - auf Bonaventura
gerichtet ...
    Pater Vincente, fuhr die Mutter fort, die seines hochgespannten Antheils
gerade ber diesen Vorfall staunte, hatte seine Schuld gebt und war vom
General seines Ordens lngst wieder in seinen alten Stand eingesetzt; noch lebte
er im Alcantarinerkloster, schlug aber die Ehre aus ... Er sagte, gerade vor
jenem Thal von Castellungo wre er geflohen ... So ist der Sitz noch unerledigt
...
    Vor jenem Thal wre er - geflohen? ... fragte Benno sinnend ...
    Wir erfuhren nichts davon durch Pater Vincente ... Andere erzhlten, die
Ketzer in jenem Thale htten sein Gewissen verwirrt ... Vorzugsweise ein Eremit
- ein Deutscher -
    Fr Federigo! rief Benno ... Den Eremiten Federigo kannte er von dem
Nachmittag des vorjhrigen Sommers, als Benno, Hedemann und Lucinde mit dem
Gipsfigurenhndler Napoleone Biancchi zusammentrafen und den St.-Wolfgangsberg
erstiegen ... Da Bonaventura auch seinen Vater in dem Eremiten von Castellungo
vermuthete, wute er nicht, wenn er auch selbst zugab, da Friedrich von Asselyn
noch lebte ... Die Vision Paula's von diesem Winter war auch ihm bekannt
geworden; aber die Deutung, die ihr Bonaventura gegeben, war von diesem selbst
schon aus Schmerz um seine Mutter nicht weiter ausgesprochen worden ...
    Das trumerisch ausgemalte Bild: Bonaventura - Bischof in jenem Thale, wo
Paula vielleicht auf dem Schlosse die Herrin und die Gattin des Grafen Hugo wird
-! stand in magisch zauberhaftem Lichte einen Augenblick vor Benno's Auge ... Er
sagte:
    O ich wei einen Priester der Erde, der wrdig ist, Fefelotti
gegenberzustehen ... Einen Vetter von mir, Bonaventura von Asselyn ...
    Ich nenn' ihn Olympien und er hat den Bischofssitz ... sagte die Mutter ...
    Olympien! ...
    Die Mutter wollte beginnen, von Olympiens Leidenschaft und dem Eindruck, den
ihr Benno gemacht, zu sprechen ... Ihre Rede verhallte im Lrmen der jetzt
wirklich erreichten Stadt ... Der Wagen durchflog die volkreichste Vorstadt ...
Schon die vier Rosse allein machten auf dem Straenpflaster ein Gerusch, das
jede Verstndigung im Wagen unterbrechen mute ...
    Der ganze Schmerz, die ganze Freude des Erlebten fiel noch einmal auf die
Herzen der beiden so wunderbar Verbundenen ...
    Die Herzogin ri an ihren Kleidern, in denen sie Angiolinens Haar verbarg,
und rief:
    O mein Sohn! Auch ich will nicht mehr leben! ...
    Dann aber zog sie laut - fast lachend und wieder weinend den Sohn an ihre
Brust ...
    Erschreckend vor den Blicken von Menschen, die hereinsahen, faltete sie die
Hnde krampfhaft gen Himmel und betete mit den Geberden einer Verzweifelnden ...
    Das ganze entfesselte Naturell der Sdlnderin machte sich geltend ... Oft
schlug sie an die Stirn, als fate sie nicht, was sie alles in diesen Stunden
erlebt hatte ...
    Benno suchte sie zu beruhigen ...
    Der Graf, sagte sie, wei nichts von den Gebruchen unserer Kirche ...
Erinnere ihn an die Seelenmessen ... La sie tglich lesen! ... Tglich sehen
wir uns dann bei diesen Messen und wren wir beide auch nur ganz allein zugegen
... In den Begegnungen mit Olympia und dem Cardinal freilich - unterbrach sie
sich ...
    Mutter! Wenn ich nicht offen deinen Namen bekennen kann, kann ich hier - dir
nicht mehr begegnen! rief Benno ...
    Csar -! Csar! rief die erregte Frau ... Aber, ich ahne, fuhr sie fort, du
liebst und hast schon dein Herz vergeben - Es ist wahr, Olympia ist deiner nicht
wrdig ... Sie ist hlich ... Nein, nur wenn sie hat ... Sie ist schn, wenn
sie liebt ... Sie liebt dich ... Sie gbe den Principe hin ... Doch nein, nein
... Das darf nicht sein ...
    Benno sah, da in seiner Mutter Verstand und Gemth in stetem Kampfe lagen
...
    Sie sagte:
    Erweise dem Principe die Aufmerksamkeit, ihm heute zu Ceccone zu folgen ...
Sei klug, sei vorsichtig mit Olympia ... Jeder Widerstand erhht ihren Eigensinn
... Jetzt lad' ich dich nicht ein, in den Palatinus zu folgen ... Nicht wahr?
... Es war gewagt, da wir dem Oheim nachkamen? ... Olympia hatte keine Ruhe ...
Der Principe Rucca deckt die Convenienz ... Wir haben tausend Verpflichtungen
hier ... Auch die, da wir die Vertreter der Heiligen sind ... Ich bin nie beim
Cardinal ... Auch Olympia nie vor andern ... Der Cardinal kommt zu uns ...
Morgen, mein Sohn! ... Heute gehst du noch mit dem Principe? ... Wir beide sehen
uns so, wie wir fhlen - bei Angiolina's Seelenmetten ... Da knieen wir
nebeneinander und sprechen, wie und was das Herz will ... Das ist auch ein Gebet
und - ein Geheimni kann auch s sein ...
    Weiter konnte die aufs uerste erregte Frau im berhasteten, eines ins
andere drngenden Strom ihrer Empfindungen und Worte nicht kommen ... Schon
hielten die vier in der Stadt zur letzten Anstrengung angestachelten Rosse in
der belebtesten Strae Wiens nicht weit von dem Monte Palatino ...
    Benno hatte ganz bewutlos geklopft - der Wagen hielt - der Mohr ffnete -
Nun mute er aussteigen ... Ein krampfhafter Hndedruck - ein Gefhl in ihm: Zum
ersten und zum letzten mal - Gru und Abschied? ... So stand er auf der Strae
...
    Der Wagen flog weiter ...
    Aus dem Traumreich kaum zu ahnender und doch so wirklicher Erlebnisse kehrte
Benno in das rauschende Gewhl einer Stadt zurck, deren Bewohner - mitten unter
solchen Verhngnissen - nur an den bunten Anschlagzetteln betheiligt schienen,
die die Straenecken bedeckten und zu Vergngungen einluden ...
    Erreicht! Erreicht, was du suchtest! htte er unter den tausend Menschen
ausrufen mgen, die um ihn her gingen - fuhren - auf Rossen dahinsprengten ...
Eine Schwester gefunden - und so verloren -! ... Eine Mutter - Und auch sie? ...
Auch sie! ...
    Da stockten seine Empfindungen ... Eine unendliche Bangigkeit bemchtigte
sich seines Herzens ...
    Diese Mutter mute er bewundern um ihres Geistes willen, ihrer Leidenschaft,
ihrer Kraft ... Und doch - doch trennte ihn etwas von ihr, das er nicht nennen,
nicht in klare Begriffe zerlegen konnte ...
    Sie wnschte aufs entschiedenste die Fortdauer des Geheimnisses ... Das
konnte er an sich nicht bel deuten ... Wie war es auch mglich, da sie durch
Enthllung sich selbst und ihn so gnzlich in ihren Lebensstellungen vernderte
... Aber diese schnelle Hlfe, die sie in der Verstellung, ja in der List fand
... Er sollte zu Ceccone ... Sollte diesem schmeicheln ... Er sollte
Freundschaft halten mit dem Principe Rucca und ihn tuschen ... Er sollte sich
den Launen Olympiens gefangen geben ... Sie ist schn, wenn sie liebt ... Und
er mute sich, bei aller Wrme seiner Erinnerungen an Armgart, sagen: Ja, wenn
sie lchelt, sprot der Frhling ... Er frchtete sich, ihr wieder zu begegnen
...
    Ein Grauen befiel ihn, als er am Stock am Eisen vorberging und, trotz der
Lcherlichkeit der Erfindung, des Ahasver gedachte, der hier nach Percival
Zickeles einen Nagel vom Kreuz des Erlsers eingeschlagen und dann die ewige
Ruhe gefunden haben sollte ... Ruhe, Ruhe sollte auch dir nun werden! sagte er
... Heute noch solltest du diesen Boden verlassen und entfliehen! ... Du kennst
deine Mutter ... sahst sie -! ... Ist es denn mglich, mit ihr im Zusammenhang
zu leben ... Deutete sie nicht selbst an, da sie Schonung bedrfen - sie von
deiner Seite anerkennen wrde? ... Deutete sie nicht an, da ihr die Verbindung
Olympiens mit dem Principe unerllich schien und du - du nur - strtest? ...
    Die Vorstellung, da er hier in Wien nicht lnger bleiben konnte, da er
nicht die Kraft besitzen wrde, eine solche Rolle der Verstellung durchzufhren,
bildete sich ihm klar und fest aus ... Und fnde sich auch, warf er sich ein,
vielleicht die Kraft, so wrde die Lust, sie zu ben, fehlen! Die Freude ber
dich selbst, die Zufriedenheit mit dir bliebe aus ... Dein Stolz wrde leiden
...
    So ging er, Trauer und Freude, Heimat und Fremde, Tod und Leben im Herzen,
der Herrengasse zu, um ins Camphausen'sche Palais die Unglcksbotschaft entweder
zuerst zu bringen oder, wenn sie ihm schon vorangegangen war, sie zu besttigen
... Sein Herz blutete und Alles ging heiter und sorglos an ihm vorber ...
Niemand las von seinen Mienen, was er Grausames erlebt hatte ... Sein Innerstes
erfllte sich so mit Wehmuth, da er sich immer entschiedener und fester sagte:
Du vermagst diese Kraft des Versteckens mit einem groen Geschick nicht ber
dich zu gewinnen ... La alles einen schnen Traum gewesen sein! Fliehe! Reie
dich noch heute los bis aufs knftige! ... Der Mutter wird es ebenso sein ... In
Rom dann -! In Rom! ...
    In der Herrengasse war das auf dem Schlo des Grafen vorgefallene Unglck
schon bekannt ...
    Benno hatte es dem gesammten mit Bestrzung ihn umringenden Dienstpersonal
mit allen Umstnden noch einmal zu erzhlen ...
    Mit erstickter Stimme ordnete er die Verhinderungen an, die nthig waren, um
die Grfin, die jeden Tag eintreffen konnte, vom Vorgefallenen nicht zu jh zu
benachrichtigen ....
    Die Tischzeit bei den Zickeles war versumt ... Auch wrde Benno nicht die
Stimmung gehabt haben, an einer gemeinschaftlichen Tafel theilzunehmen ... Er
begngte sich mit einem stillen Winkel in einer der schon dunkeln Nebenstraen
am Hohen Markt ... Sich verirrend kam er in die Currentgasse ... Er kmpfte mit
sich, ob er zu Therese Kuchelmeister gehen sollte, der einzigen Seele, die
nchst dem Grafen und der Mutter hier wol wahrhaft wie er mitfhlte ... Er mute
es aufgeben, aus Furcht - sich durch seine Thrnen zu verrathen ...
    Als er in seine Wohnung zurckkehrte, wurde von den Zickeles aus zu ihm
geschickt ... Die Unglckskunde hatte sich schon verbreitet ... Harry kam dann
selbst, abgesandt, wie er sagte, von Theresen, die in Verzweiflung wre ...
    Harry erhielt die Mittheilungen, die ihn fhig machten, von jetzt an bis
Mitternacht jedem Vorbergehenden oder allen im Theater vor und neben ihm
Sitzenden das Neueste mit der Versicherung zu erzhlen: Ich war so gut wie
selbst dabei! ...
    Der Chorherr war noch nicht daheim ... Es war sechs Uhr, da kam auch Herr
von Ptzl voll Bestrzung ... Mit und ohne Verstellung zeigte er das hohe
Interesse, das gerade er an diesem erschtternden Vorfall zu nehmen hatte ...
Mancher Charakterzug der so frh Hingeschiedenen vervollstndigte das Bild eines
Wesens, das an einer innern und uern Heimatlosigkeit zu Grunde gegangen war
...
    Benno's Lage war bei allen diesen Errterungen die tiefschmerzlichste ...
Die Frage: Ob Selbstmord oder nicht? wurde in Gegenwart des inzwischen
gleichfalls bestrzt heimgekommenen Chorherrn errtert ... Auch der hatte schon
die Kunde vernommen ... Herr von Ptzl weinte ... Sein Taschentuch war ber und
ber na ... Er verbrgte sich fr einen bloen Unglcksfall ... Alle Welt
kenne ja die Wildheit der Grfin Maldachini ...
    Der Chorherr stimmte ihm nicht bei, sondern sagte:
    Selbstmord ist die Folge einer lange vorausgegangenen Abwgung der zu
tragenden Leiden und der Krfte, die sie tragen sollen ... Ueberwiegt die Summe
jener, so hrt die Willensfreiheit auf und jeder Athemzug sagt dann mit Seneca:
Die Thr steht ja offen - so geh' doch! ...
    Ptzl schauderte vor diesem heidnischen Worte ...
    Der Chorherr sprach von dem Selbstmord eines geistvollen Benedictinermnchs,
der sich von der Hhe eines der palasthnlichen Donauklster in die Fluten
gestrzt htte ... Von einem kaiserlichen Censor, auch einem sinnigen Dichter,
der sich aus Zerfallenheit mit sich und der Welt getdtet ... Er sprach, wie
Ludwig Lwe so schn in der Burg als Roderich sagt:
    Und selbst die Trume sind nur Traum! ...
    Alle Erschtterung und wehmthige Betrachtung Ptzl's schlo bei diesem die
Bemerkung nicht aus, da der Graf in den Entresolzimmern des Casinos
wahrscheinlich den Nachla von Briefen und dergleichen mit Beschlag belegt,
vertilgt und berhaupt wol die Erbschaftsfrage vereinfacht htte ... Benno ging
auf diese Gedankengnge, die die der Habsucht waren, ein, um etwas von
Angiolinens Ursprung zu hren ... Wesentlich Neues erfuhr er nicht ...
    Der Bemerkung, da nun durch eine ebenso berraschende wie schmerzliche
Fgung des Himmels die Willensfreiheit des Grafen und das Arrangement seiner
Finanzen gesicherter wre, konnte er sich nicht entziehen - um so weniger, als
jetzt auch Leo Zickeles voll Schreck und Staunen kam und die nmlichen
Gesichtspunkte brachte ...
    Ptzl ging und flsterte Benno ins Ohr:
    Noch eins, Herr Baron! ... Ich kann Ihnen aus guter Quelle mittheilen, Ihre
Anwesenheit erregt Interesse in - den hchsten Kreisen, sage den hchsten ...
Seine Durchlaucht wundern sich, da Sie sich nicht bei ihm persnlich gemeldet
haben ... Stadtrath Schnuphase wird morgen von ihm empfangen werden ... Sehr
begierig ist man, von Ihnen ber - doch ich wei nichts, als da der Herr
Oberprocurator von Nck hierher geschrieben haben, Sie htten die Absicht, in
diesseitige Staatsdienste zu treten ... Da werden Sie ja bald das Nhere
erfahren ...
    Benno horchte staunend auf und lehnte diese Nck'schen Voraussetzungen als
vllig unbegrndet ab ...
    Ptzl ging klug und schmerzlich lchelnd - mit einer und derselben Miene ...
Auch Leo Zickeles blieb nicht zu lange ... Die Bildung eines Comits zur
Untersttzung von Hinterlassenen war hier nicht am Platze ... Der Chorherr wurde
abgerufen ... Sein Blick war voll Trauer, ob er gleich Angiolinen nicht gekannt
hatte ...
    Schon schlug es sieben Uhr ... Um acht wollte Frst Rucca kommen ... Es
fehlte Benno jede Neigung, heute den Cardinal Ceccone kennen zu lernen ...
    Entschlossen, sich zur Gesellschaft nicht anzukleiden, ging er mit
steigendem Unmuth auf und nieder ...
    Da kam der Chorherr eilends mit einem Schreiben zurck, das ihm eben fr
Benno - aus der Staatskanzlei zugekommen war ...
    Ein kaiserlicher Rath schrieb: Seine Durchlaucht htten die berbrachten
Briefe empfangen und wrden, da der traurige Vorfall von heute bei Seiner
Erlaucht dem Grafen von Salem-Camphausen ihm wol ohnehin fr seine nchsten
Auftrge Mue gbe, es gern sehen, wenn die von Herrn Stadtrath Schnuphase in
Aussicht gestellten mndlichen und die schriftlichen Mittheilungen des Herrn Dr.
Nck von ihm ergnzt und besttigt wrden ... Seine Durchlaucht erwarteten ihn
morgen in der Frhe um zehn Uhr ...
    Benno betrachtete das berraschende Schreiben von allen Seiten, kaum seinen
Augen trauend ...
    Nun erst haftete er an Ptzl's Aeuerung: Nck empfhle ihn fr den hiesigen
Staatsdienst ...
    Ist denn das eine gewaltsame Entfernung, die Nck ber dich verhngt? ...
Kann er meinem Blick, meinem Verdacht nicht mehr begegnen? ... Und darum die
stete Aeuerung: Der Domkapitular mu ein Bisthum antreten - in Oesterreich, in
Ungarn! ... Wohin mchte er uns nicht verbannen, nur um - Lucinden ganz fr sich
allein zu haben oder weil er frchtet - wir mistrauten der Urkunde? ...
    Benno's nicht minder erstaunter Wirth wnschte ihm Glck und setzte in
seiner ironischen, durch einen elegischen Ton gemilderten Weise hinzu:
    Es ist nur schade, da der groe Staatsmann die Gewohnheit hat, alles schon
von selbst zu wissen ... Er sagt, er will von Ihnen lernen und wird Sie nur
belehren ... Das ist seine Art ... Er fngt einen Satz an, Sie wollen ihn
ergnzen, Sie rufen: Sire, geben Sie Gedan - - Da haftet sein Auge an Ihren
Rockknpfen und sagt Ihnen, wo in Oesterreich die besten Knopffabriken wren ...
Sein Hauptgedanke ist jetzt unser Anschlu an den Zollverein, um den Supremat
Ihres Staats zu beschrnken ... Nehmen Sie getrost eine Anstellung - im
Finanzfach ...
    Das mu rasch kommen, erwiderte Benno, denn ich reise vielleicht schon
morgen ...
    Wie? rief der Ueberraschte ...
    In allem Ernst! ...
    Das Nichtglaubenwollen des Greises hinderte Benno nicht, zu erklren - Graf
Hugo wre von seinem Unfall zu sehr erschttert, um mit ihm geschftlich zu
verkehren ... Er wrde demzufolge seine Reise nach Italien beschleunigen ...
    Der Chorherr wurde unwillig ... Er beklagte, den Abend nicht frei zu haben,
um ihm diesen Plan grndlich durch eine Zerstreuung auszureden ... Er scherzte
und sagte, er wrde zu der Italienerin gehen, die heute frh schon um
seinetwillen ihr stilles Hans alarmirt htte und die wrde ihn schon festhalten
... Wissen Sie denn nicht, welche Connexionen Ihnen fr Italien und Rom
entgehen? ... Die Menschen mu man, gleichviel ob sie gut oder schlecht sind,
blos als Material benutzen, um sich daraus das Leben auf seine Weise zu
gestalten ... Bleiben Sie heute Abend zu Hause, lesen Sie fr diese
mglicherweise folgenschwere Audienz im Conversations-Lexikon drben bei mir,
machen Sie's wie die Groen, wenn sie imponiren wollen ... Den ersten besten
Artikel z.B. ber die Muschelkalkversteinerungen lernen Sie auswendig und
bringen Sie das Gesprch durch eine einzige geschickte Wendung auf - urweltliche
Austern - Sie wissen, die Diplomatie beit da immer an - und lassen Sie dann
einige entsprechende Citate von Cuvier und andern fallen, so sind Sie ein
gemachter Mann! Denn man wird glauben, urweltliche Austern wren bei Ihren
Kenntnissen das tgliche Brot ... Nein, nein! ... Der Frst steht freilich
schon, hr' ich, auf dem Standpunkt des Fertigseins, wo sich ein Groer nach
einer Audienz nicht mehr sagt: Wie hat mir der Mann gefallen? sondern: Wie hab'
ich ihm gefallen? ... Aber das Ereigni bleibt darum merkwrdig an sich! ... Sie
bleiben und nehmen jedes Anerbieten ... Unser Curs steht noch leidlich ...
Einmal fngt man berhaupt an ... Gewi, gewi! ... Ich werde Sie reisen lassen!
...
    Der Chorherr schlo Benno fast ein ...
    Es war acht Uhr ... In der Ferne hrte Benno das Rollen in den Straen ...
Es war wie das Rauschen des Meeres ... Nun begannen diese Abende der
Geselligkeit ... Diese Sicherheit der Lge und des Zwanges ... Mit Herzen voll
Trauer knnen andere lcheln ... ... Wegtndeln sollst auch du solche
Lebensbrden! ... Sollst morgen - nach diesem Heute? ... Nein, wie knntest du,
ohne Aufsehen und mit einem triftigen Grund, schnell und ungehindert von dannen
kommen? ...
    Er ordnete seine Effekten ...
    Da wurde an seine Thr gepocht und der Mohr des Principe Rucca, in weien
Kleidern mit Goldtressen, erschien, um ihn abzurufen ...
    Der Wagen stnde unten ... sagte er in gebrochenem Italienisch ...
    Benno entschuldigte sich und zeigte auf seine Haustoilette ...
    Der Mohr verstand nur halb, ging und kam mit dem Principe selbst ...
    Aber mein Himmel, rief dieser, was ist das! Sie hatten uns ja versprochen -
...
    Vergebung, Hoheit, ich bedauere - Ich fhle mich nicht wohl ...
    Aber der Cardinal erwartet Sie ja schon ... Sie mssen kommen! ...
    Benno schtzte seine Erschpfung vor, die Nachwirkung der traurigen
Eindrcke des Tages ... Auch eine wichtige Einladung auf morgen in der Frhe ...
    Principe Rucca machte eine Physiognomie, wie ein Kind, dem man ein Naschwerk
versagt ... Seine rothe gestickte Uniform schien er einen Augenblick zu
vergessen ... ... Sein schwarzes Brtchen wre ihm ohne Zweifel sonst ebenso
wichtig gewesen wie sein groer Stern auf der Brust - das Pflaster hatte er
abgelegt - Jetzt zerzupfte er vor einem Spiegel die Feder an seinem Galahut ...
    Ich kann mich ja nicht sehen lassen! sagte er ... Der Cardinal wollte Sie
schon mit dem Bisthum berraschen fr Ihren - Herrn - Bruder - nicht wahr? ...
Die Herzogin hat ihm alles erzhlt ... Die Grfin hat sogleich an den Onkel
geschrieben: Der heiligste Priester der Welt ist gefunden! ... Die Shne fr die
Existenz eines Fefelotti auf Erden! Der Bruder des Herrn Baron von Asselyn! ...
O machen Sie keine Scherze ... Kommen Sie! ... Ich wage ohne Sie nicht zum
Cardinal zu fahren ... Ihr Bruder soll sogleich nach Wien kommen ... Wenn er nur
etwas Italienisch spricht, so braucht er nur hier an unserer Kirche Maria zum
Schnee dreimal zu celebriren und ist Bischof von Robillante ... Das Uebrige
findet sich ...
    Benno blieb bei seiner Weigerung ...
    Der Principe mute in seinen Wagen allein zurckkehren ... Er ging wie ein
Kind, das eine groe Strafe frchtet, und verlangte fast einen Schwur, da Benno
morgen im Palatinus beim Diner nicht fehlte ...
    In hchster Aufregung blieb Benno zurck ... Er hatte an Bonaventura, an den
Onkel Dechanten, an seinen Bruder, den Prsidenten schreiben wollen ... Nun ging
er rathlos in seinem Zimmer auf und nieder ...
    Es schlug neun ... Es schlug zehn ...
    Da klopfte es heftig am Hausthor und in dem stillen Priesterhause wurde es
noch einmal lebendig von einer lauten Stimme, die nach ihm fragte ...
    Er erkannte Harry Zickeles, der ihm noch einen an sein Haus adressirten
Brief von dreifachem Porto brachte ...
    Ich dachte, da es Ihnen angenehm sein wrde, den Brief bald zu haben -
sagte er, als er sich erschpft niedergelassen ... Aber da Sie zu Hause sind!
Wer htte das erwartet! ... Ganz Wien ist voll von dem Unglck mit der armen
Angiolina, das Sie erleben muten ... Mein Bruder Percival lat auf sie eine Ode
drucken ... Der Graf mu in Verzweiflung sein ... Ich war in der Josephstadt ...
Ein neues Ausstattungsstck ... Charmant fr die dortigen Krfte ... Aber
morgen speisen Sie bei uns? ... Nein? ... Warum nicht? ... O dann kommen Sie den
Abend! ... Der Lartes von gestern ist engagirt ... Biancchi und Dalschefski
arbeiten schon gemeinschaftlich, was sagen Sie! gemeinschaftlich, an einem
Requiem fr Angiolina ... Und haben Sie den Ptzl beobachtet? - Wissen's, als er
bei Ihnen war, hat er unten auf den Leo gewartet und schon von der Erbschaft
gesprochen ... Nehmen's Ihnen in Acht vor dem Mann! ... Er sagte, Sie erregten
in hchsten Kreisen Aufsehen ... Man wei, was bei ihm darunter zu verstehen ist
- ...
    Benno fand nur nothdrftig Zeit, einzuwerfen:
    Der Staatskanzler hat mir fr morgen frh eine Audienz anberaumt ...
    Harry traute seinem Ohre nicht ...
    Er sah Benno mit staunenden Augen an ...
    Bei Seiner Durchlaucht -? wiederholte er, um sich ganz zu vergewissern ...
    Morgen frh um zehn Uhr ...
    Diese Thatsache war auerordentlich ... Sie bot Chancen fr ein
geheimnivolles Beiseitnehmen aller Menschen ... Sie bot natrliche
Nachwirkungen eines unausgesetzten: Aber der Harry Zickeles wei es fr ganz
bestimmt ... Es ist von einer Staatsbegebenheit ber man wei noch nicht was die
Rede! ...
    Harry zog vor, sich sofort zu entfernen und seine Neuigkeit noch um elf Uhr
nachts wenigstens bei einigen ihm bekannten vorbergehenden Nachtschwrmern und
im Salon seiner Aeltern in Umlauf zu setzen ...
    Fr Benno htte es sonst eine Erquickung gewhren drfen, einen sechs Bogen
starken Brief von Thiebold de Jonge lesen zu knnen ...
    Heute - - verschob er es fr den folgenden Tag.

                                    Funoten


1 Factische Reiseerinnerung.

2 Thatschlich.


                                      10.

Nach einer fast schlaflosen Nacht, nach phantastischen wilden Bildern und
gespenstischen Erscheinungen, die ihn um Mitternacht vom Lager trieben, Licht
anznden lieen und zwangen, auf dem Sopha mit gesttztem Haupt sich zu sammeln,
nach neuen Versuchen, auf dem Lager Ruhe zu gewinnen und neuen Spukgestalten mit
verzerrtem Antlitz, brach kaum der Morgen an, als sich Benno schon erhoben hatte
und von der khlen Herbstluft sein glhendes Antlitz erfrischen lie ...
    Noch mochte er im Hause niemand wecken ... Sein Herz war voll Fieberunruhe
... Er wollte Wien verlassen - durchaus - er dachte sich vielleicht sogar beim
Staatskanzler zu entschuldigen ...
    Ruhe fr die Strme, die in seiner Brust tobten, konnte er in dieser Audienz
nicht finden ... Die Pein der Zweifel konnte sie nur mehren ... Sein Reiseziel
war durch ein wunderbares Zusammentreffen aller Umstnde in einem einzigen Tag
erreicht; was er suchte, war gefunden - es zu besitzen war nicht mglich ... In
Italien, dachte er, dort versuchen wir eine Form des neuen Daseins zu finden ...
Er zog seinen Koffer hervor und fing ihn zu ordnen an, um zunchst ber Triest
nach Mailand zu gehen ...
    Er sah Thiebold's Brief ... Er erbrach ihn in der sicher nicht ungegrndeten
Besorgni, der Ton und Inhalt desselben wrden zu seiner Stimmung nicht im
mindesten passen ...
    Dennoch las er ihn ... Die Buchstaben flimmerten vor seinen ermatteten - im
Grunde nur der Thrnen bedrfenden Augen ...
    Thiebold schrieb ganz sorglos:
    Verehrter Freund! Sie werden es fr eine meiner gewhnlichen Redensarten
halten, wenn ich Ihnen die Versicherung gebe, da ich in dieser Stadt nur noch
vegetire! Seitdem Sie sich unsern bekannten klimatischen Einflssen entzogen
haben, kann ich keine versptete Schwalbe und keinen lahmen Storch mehr sehen,
ohne nicht von einem unwiderstehlichen Verlangen heimgesucht zu werden, Sie
eines schnen Morgens mit meiner Ihnen nicht immer willkommenen Gegenwart zu
berraschen ... Htte ich nicht den alten Mann, meinen Vater, bei Beginn der
Gansbraten-Saison in seiner Dit zu berwachen und wr' ich nicht fr den
Winter, wo endlich wieder getanzt werden soll, breitgeschlagen worden, einige
Cotillons zu arrangiren, so wrde mich keine Macht der Erde abhalten, selbst Ihr
eigener Verdru ber meine Zudringlichkeit nicht, das Schrecklichste der
Schrecken wahr zu machen und Sie in Person zu berfallen.
    Aus Westerhof und Witoborn erfahr' ich wenig ... Mehr aus dem Stift
Heiligenkreuz ... Siebzehntehalb Freundinnen hab' ich mir daselbst erworben
durch meine Empfnglichkeit fr Poesie, Austausch hherer Gefhle
Nichtberechnung der Portospesen fr Notensendungen, Parfmerieen, ja selbst
Modesachen ... Ich sage in meiner Verzweiflung ber diesen Reichthum bei jeder
Gelegenheit zu Moppes: Sie knnen versichert sein, bester Freund, das Frulein
von Merwig hat sich in Ihr: Maikferlein, flieg' auf! verliebt und singt es
tglich ... Aber ich flicke ihm weder die Anflickerin noch eine der brigen
Veteraninnen als Correspondentinnen an ... Timpe, Effingh, Schmitz, Niemand
nimmt mir diese Velinpapier-Correspondenz ab ... Und gerade jetzt, wo der alte
Mann, mein Vater, wieder Land steht und in systematischer Opposition macht,
gerade jetzt, wo ich mit dem Holzhandel mehr als zur Genge beschftigt bin ...
Sie wissen, welche Empfindungen der Mensch zwischen einem Haufen Buchen- und
einem Haufen Eichenholz haben kann!
    Freilich, damals, als wir, im Winter, hinter zwei Erlen standen! Zwei
Procent nur wr' es gewesen - aber unvergelich!!! - - - - - - Malen Sie sich
diese Gedankenstriche mit Schiller, Goethe und Nck aus! Nck - das ist ein
Skandal - dichtet - und wie! - Keinem Zweifel unterworfen, dieser Mann ist zum
Tollhaus reif! ... Einen schwarzen Frack trgt er nicht, daran verhindert ihn
seines verweigerten Ordens wegen ein Gelbde, aber grn mit Mattsilber, blau mit
gelb, sogar rothe Sammetweste mit weiem Atlasfutter ... Piter ist nichts
dagegen, der brigens in Paris ganz glcklich verheirathet sein soll.
    Nck's Gegenstand ist natrlich Niemand anders, als die Heilige, die einem
On dit zufolge das Kattendyk'sche Haus verlt, weil sie sich mit Guido
Goldfinger, jetzt Procura, nicht vertragen kann infolge folgender -
    Zwei Tage spter. Soll ich denn auf die Geschichte zurckkommen? Na! Es war
der erste Abend nach Piter's Entfhrung der Gertrud Ley, dem bekannten Skandal
auf dem Rmerweg, als von Goldfingers in ihren neuen Rumen eine Gesellschaft
gegeben wurde ... Rhrender Hinblick auf die Zimmer des verbannten Piter, die
Treppe, wo das leiseste Knarren ihn schamroth machte, auch auf die frh
vollendete Schwester, die Delring - Delring jetzt in Antwerpen etablirt - groes
Geschft - mglicher Ruin von Kattendyks ... Kurz, Moppes und Timpe sehr
gesprchig ... Kamen aus Paris, erzhlten von einem neuen Mittel, das Piter
gefunden hat, immer noch interessanter zu werden ... Statt: Au contraire! mit
dem er uns, Sie wissen es, sogar bei Grfin von Camphausen damals in Angleterre
ausstach, statt seines impertinenten ewigen: Im Gegentheil! soll ihm Nck in
einem Zornausbruch etwas anderes gerathen haben, um noch interessanter zu
erscheinen, nmlich - sich dumm zu stellen ... Piter berlegte sich das ...
Moppes und Timpe haben ihn in Paris besucht, wo er mit seiner kleinen Exnonne
glnzendes Haus macht ... Richtig, statt nun wie bisher jhzornig aufzufahren
und mit: Das verstehen Sie nicht! Im Gegentheil! um sich zu werfen, spielt Piter
den von der Liebe Gezhmten, trumerisch und kindlich in dieser komischen Welt
Umherirrenden, unbewut die gewhnlichsten Gegenstnde aus Ueberflle an Geist
Verwechselnden; kurz, wenn von Schinken gesprochen wird, beschreibt er na! ein
Thier, von dem man na! einen gewissen Theil seines Krpers mit besonderm
Wohlgefallen auswhle und na! durch die Methode des Rucherns roh oder gekocht
zu verspeisen pflege und ruft dann die Gesellschaft: Herr Gott, Sie meinen ja
Schinken? so sagt er lchelnd sich besinnend: Na ja, richtig! ... Kurz er
besinnt sich vor Ueberflu an Geist nur ganz dunkel auf seine alte Kchin
Kathrine Fenchelmaus im Hause seiner Aeltern und sagt auch z.B. bei einem Diner
prima Sorte, das Moppes und Timpe bei ihm durchmachen muten: Ich bitte dich,
Treudchen, warum it man nur diesen Plt da mit der Gabel? ... So stellt er sich
ber alles so unwissend, wie vielleicht in Wirklichkeit sein Fall ist ... Aber
die anwesenden Fremden schwuren, dies simpelhafte, nirgends mehr Land wissende
Wesen mte eine wahre innere Ueberschwemmung von Geist verdecken und Piter wre
eine der genialsten Offenbarungen unsers sich berlebt habenden und demzufolge
wieder von vorn anfangen mssenden Jahrhunderts. ...
    Doch ich komme von meinem Abend bei Goldfingers ab ... Also -
    Zwlf Stunden spter! ... Mein Brief wird, seh' ich, endlos ... Also denken
Sie sich - erstens Lucinde ... Sie trug, da die Haustrauer zu Ende ist, in ihrem
schwarzen Haar einen Turban von gelbem und rothem Kaschmir mit an beiden Seiten
herunterfallenden Perlenschnren ... Nie hab' ich sie so vornehm und so schlank
gesehen ... Enganliegendes aschgraues Atlaskleid, gleichfalls mit gelben und
rothen Bandschleifen besetzt ... Ich habe den Abend fast nichts als Toiletten
beobachtet, weil dies nmlich der interessantere Theil meiner Correspondenz mit
den Stiftsfrulein ist ... Da bei Goldfingers nicht eine einzige Adelige
vorhanden war und ich, wie Sie wissen, in Witoborn und Umgegend zum Adel gehre,
so sammle ich ohne alle Anzglichkeit fr mich den Stoff zu einer Menge Fi-doncs
und Abscheulichs, die mir aus dem Stift ber die hiesigen
Farbenzusammenstellungen bei Toiletten zur Antwort werden ... Ich bekomme auf
die Art das Zeug, ein - frmlicher Kattundrucker zu werden ... Getanzt wurde
nicht, aber nahe daran kam's; Nck, zum Stutzer adonisirt, intonirte Moppes'
Maikferlied und der ganze Chorus fiel ein ... Die herzlose Bande hatte die arme
Hendrika schon vollstndig vergessen und ich, seit Sie fort sind, immer
wehmthig gestimmt, ich verlor mich in dem Grade in Reflexion, da die Frau
Oberprocurator Nck, die bekanntlich in jeder Gesellschaft ber Hitze klagt, in
den Schatten meiner khlen Denkungsart flchtete, ja, da mich sogar Lucinde als
Fcher benutzte gegen Nck, den man allgemein unausstehlich fand ...
    Wieder sechs Stunden spter ... Na ja, mein Alter opponirt richtig gegen
die Regierung in Sachen des Kirchenfrsten ... Wir werden schne Spe erleben
... Also, wo blieb ich stehen? ... Anfangs ging es in unserer gewhnlichen
Cadenz fort: Langeweile, Thee, Langeweile, Klavier, Langeweile, Quartett -
Endlich hatte Lucinde, die in ihrem trkischen Staat die bescheidene Magd
spielen wollte, beim Serviren einige Teller zerbrochen, auch mehrere Kleider
verdorben und mit dem Professor einen Zank angefangen, als dieser, ohne je in
Asien oder, wie Moppes sagte, wenigstens im pariser Jardin des plantes gewesen
zu sein, behauptete, das Holz der Cedern auf dem Libanon so gut zu kennen, wie
deutsches Fichtenholz - denn, sagte er, zu seiner heiligen Botanik htte er
vierzehn verschiedene heilige Kreuzpartikeln in Deutschland und der Schweiz
grndlich studirt - unser Erlser wre auf Cedernholz gestorben ...
    Lucinde, gereizt von den Vorwrfen ber ihr Serviren, entgegnete: Entweder
sind Sie im Irrthum oder der heilige Bernhard ist es ...
    Wie so? rckte der Professor seine goldene Brille in die Hhe und mochte
sich erinnern, da vorm Jahr eine Etage tiefer Armgart's Mutter auch sehr
schlimm mit ihm gestritten hatte ... Terschka erzhlte es ...
    Lucinde lie sich nicht werfen ... Zornig, wie sie war, entgegnete sie:
Nach dem heiligen Bernhard bestand das Kreuz des Erlsers aus Cedern-,
Cypressen-, Oliven- und Palmenholz ...
    Natrlich - mich als Holzhndler interessirte das ...
    Nur Cedernholz! donnerte der Professor, bei allem Respect vor dem heiligen
Bernhard ...
    Die Commerzienrthin bat um Unterlassung solcher Streitigkeiten ... Sie
knnen sich aber denken, verehrter Freund, da mich der Gegenstand hinri ...
Mein Temperament zwang mich zu der bescheidenen Bemerkung: -
    Wieder einen Tag spter! Ich mute gestern einer Holzauction in Euskirchen
beiwohnen! ... Mein Alter ist in der Majoritt und macht Enckefu schn zu
schaffen ... Den Telegraphen kann ich gar nicht mehr spielen sehen, ohne mir
nicht zu sagen: Diese Manver, die die Flgel machen, bedeuten: Stecken Sie nur
gleich die ganze de Jonge'sche Familie, Vater und Sohn, zu Loch! ... Wo blieb
ich gestern? Richtig; ich erlaubte mir die bescheidene Bemerkung, da die Bauten
des Knigs Salomo bereits die ersten Grundlagen des Holzhandels, und zwar nach
Tyrus, gelegt und bewiesen htten, da Palstina und Umgegend wenig Waldung
gehabt htte, demnach also, da, als drei Kreuze auf dem Berge Golgatha auf
einmal gebraucht werden muten, diese leicht und wahrscheinlicher- und
mglicherweise allerdings aus mehreren Holzarten genommen werden muten ...
    Da die ganze Gesellschaft ber diese Bemerkung in ein sehr unpassendes
Gelchter ausbrach - was mich verdro, da ich mir bewut war, wissenschaftlich
gesprochen zu haben, so schnurrte mich der Extraordinre a.D. an wie ein Kater,
betrachtete mich von oben bis unten und machte Miene, als wollte er, um mich zu
strafen, auf diese Aeuerung griechisch antworten ...
    Sie wissen, da ich nie hitziger werden kann, als da, wo ich mich nicht
ganz sicher fhle ... Und gelehrte Seitenhiebe reizen mich vollends bis zur
Tollkhnheit ... Moppes, Timpe, Schmitz, Effingh, alle standen jetzt um mich und
suchten mich zu beruhigen ...
    Mit maliciser Zurckhaltung sagte der gelehrte Kerl jetzt lchelnd:
Frulein Lucinde ist so geistreich, da ihre Erwiderung nur fr einen Scherz zu
nehmen ist ... Sie wei sehr wohl, die Bemerkung des heiligen Bernhard ist ein
Spiel des frommen Witzes und der Phantasie ... Der hochgelehrte Mann will an
jede Gattung seiner vier Holzarten Betrachtungen anknpfen ... Ohne Zweifel
sucht er, ich kenne die Stelle nicht, in den vier Holzarten das Symbol 1) des
Lebens - die Ceder, 2) der Trauer - die Cypresse, 3) des Trostes - die Olive und
4) des Friedens - die Palme. Ich habe die feste Ueberzeugung -
    Weiter kam er aber nicht; denn ich unterbrach jedes seiner Worte ...
    Schweigen Sie! fuhr er mich an, als wenn ich Piter wre, und als ich ihm
ein: Herr Professor! im Ton fast wie eine Maulschelle lanirte, mute ich
erleben, da dieser niedertrchtige Kerl an den Kamin geht, wo ein eiserner
Holz- und Kohlenkorb steht, hineinlangt und mir feierlich ein Stck Eichenholz
berreicht mit den Worten: Das ist Ihr Fach! ...
    Nun kann ich Ihnen aber doch sagen, da ich Beistand fand ... Wir Kaufleute
halten in Einem Punkt unter allen Umstnden zusammen - Anspielungen auf unsere
Branche sind in dem Grade mauvais gout, da ich - -
    Wieder einen Tag spter! Fast wurde mein Alter in die Deputation gewhlt,
die nach der Residenz zu Seiner Majestt abgehen soll ... Eine schne Verwirrung
hier ... Nck hat eine frchterliche Adresse beantragt, fiel aber damit durch
... Enckefu will ihn vor die Assisen bringen ... Nmlich - entre nous - das
Gercht geht, Hammaker wre fr Nck gerade zur rechten Zeit um seinen Kopf
gekommen; der Brand und die Urkunde htten vollkommen die Zweifel verdient, die
mich, wie Sie wissen, bei Frulein Benigna in Westerhof pltzlich in Ungnade und
um meinen Adel brachten ... Da aber mein Vater in der Kirchenfrage ganz mit der
Ritterschaft geht und wir pltzlich so populr sind, da ich mir des vielen
Grens wegen einen neuen Hut habe kaufen mssen, so schlug ich auch an dem
Goldfinger'schen Abend den Professor vollstndig aus dem Felde ... Nmlich ich
wurde wild und sprach von einer nothwendigen mikroskopischen Untersuchung aller
heiligen Kreuzpartikeln durch Professor Liebig und blieb bei meinen viererlei
Holzarten und nannte zu Ehren der Beschftigung mit Holz den Erlser sogar
selbst den Sohn eines - Zimmermanns ... Das machte aber Wirkung ... Kanonikus
Taube erhob sich vom Whist und schlug die Hnde ber dem Kopf zusammen ... Der
Professor verzog sich ... Seine Gemahlin sprang wthend aus Klavier und paukte
eine neue Tremolo-Etde ... Und nach diesem Abend mute denn die
Commerzienrthin der Lucinde, die allerdings den ganzen Streit angefangen hatte,
kndigen und das ist demnach das Allerneueste ... Sonst wei ich nichts, als da
der Domkapitular wieder im alten Ansehen steht ... Man spricht von einer
Predigt, die die Regierung sehr unangenehm berhrt haben soll, ber den Text:
Frchtet Gott, ehret den Knig! ... Das soll Ihr Cousin so gewandt haben, da
ein Christ Gott zu frchten, den Knig aber blos zu ehren brauchte ... Erzhlt
man -! ... Ich bin so vollstndig wieder Heide, da ich seit letztem Winter
keine Kirche gesehen habe und um so mehr wieder Ihrer persnlichen Anleitung zur
Tugend bedarf ... Bester Freund - verlier' ich an Ihnen in Zukunft vielleicht
ganz meinen Halt? Man sagt allgemein, Sie gingen unter die Diplomaten! - Das
knnte mich veranlassen, Sie wegen mancher hchst bedenklichen vertraulichen
Aeuerungen zu mir zu denunciren und steckbrieflich verfolgen zu lassen. Adieu,
theurer Freund! Wissen Sie denn auch, da die alte Grfin Camphausen hier
durchgereist ist, ohne sich nach mir erkundigt zu haben! Postscript. Die Damen
Schnuphase lassen ihren Vater bitten, sich nicht zu erklten! ... Von London
nichts - gar nichts! ... Ob sie meiner noch gedenkt! - O! - - - Groe Revolution
im Mnnergesangsverein, parteiische Vertheilung der Solis, Sturz des Prsidiums,
Austritt der Minoritt, Bildung eines Oppositionsmnnergesangsvereins ... ...
Nchstens besuch' ich Kocher am Fall ... Schreiben Sie bald Ihrem -
Unverbesserlichen! - - Compliment auch von Gebhard Schmitz an Herrn Ritter Fuld
in Wien Man wai schon ...
    Wie lag das alles - nach Ton und Inhalt - dem bekmmerten und fieberhaft
erregten Gemth Benno's fern ...
    Er legte den Brief - wehmthig lchelnd in Thiebold's Geschenk, das groe
Reiseportefeuille, das vor ihm aufgeschlagen lag ...
    In den Andeutungen ber Nck, ber den Kirchenstreit, Bonaventura's Predigt
lag eine Mehrung der Sorgen ... Benno sah voraus, was der Staatskanzler von ihm
hren und erlutert wissen wollte ... Er dachte an die Scherze mit seinem Bruder
... Einen Posa hatte er spielen wollen! ... Wie sollte er einem vielleicht
wohlwollend Entgegenkommenden eine Seite entgegenkehren, die sich fr seine
Jugend und unbedeutende Lebensstellung nicht ziemte? ... Und doch - verlockend
blieb die Begegnung immer! ... Unwahr blieb es, wenn er dem Frsten in allem
zustimmte - ihn glauben lie, da mit ihm Nck in Uebereinstimmung gehandelt
htte ... Er warf sich in die schickliche Toilette voll uersten Unmuths ...
    Der Chorherr kam herber und machte ihm wegen seiner Zurstungen zur
Abreise, die er nun besttigt sah, ernstliche Vorwrfe ...
    Sie sind, sagte er fast gekrnkt, auf der hohen Flut der Gunst und des
Glcks! ... Ich schreibe heute dem Dechanten ... Gestern Abend war ich bei einer
Anzahl alter Freunde und Freundinnen Ihres Onkels ... Alle wnschen, Sie zu
sehen ... Und nun bekommen Sie - das Kanonenfieber ... Von einem vernnftigen
Posa heit es nicht: Nach Munkatsch! sondern: Der Ritter wird knftig
unangemeldet vorgelassen! ...
    Zur Mehrung der Verlegenheit, zur Schrfung der Vorwrfe des Chorherrn kam
der Mohr des Prinzen Rucca, brachte eine wiederholte Mahnung, um vier Uhr das
Diner nicht zu vergessen und schlug aus einem Rosaseidenpapier ein prachtvolles
Bouquet, das aus dem Palatinus ihm von Altezza Amarillas oder von Excellenza
Contessina geschickt wurde ... Der Absender blieb unaufgeklrt - selbst gegen
ein berreiches Trinkgeld ... Es war ein mit italienischer Kunst gewundener
Blumenstrau von weien Camellien, in der Mitte ein Herz von Penses ...
    Pensez -  - moi! scherzte der Chorherr und verlie Benno mit dem
satyrischen Zublinzeln, da er sich wol hten wrde, einen Boden zu verlassen,
wo ihm jeder traurige Eindruck so hold und vielversprechend verwischt wrde ...
    Die weien Camellien konnten nur der Gedanke seiner Mutter sein ... Aber den
Muth, einem jungen fremden Mann berhaupt Blumen zu schicken, flte ohne
Zweifel nur die junge Grfin ein ... Ihr Verlangen nach ihm schien keiner
Beherrschung mehr fhig ...
    Gegen zehn Uhr nahm Benno einen Fiaker und fuhr in die Staatskanzlei ...
    In einem Gewirr grerer Gebude, die in winkeliger Zusammenstellung allen
Jahrhunderten angehrten, hier an die Babenberger, dort an die Zeit der
Maximiliane, da an Kaiser Joseph erinnerten, liegt ein Haus mit miger Fronte,
einladend nur durch seine nach den Basteien hinaus gerichteten Seitenfenster ...
    Der Wagen hatte sich pfeilgeschwind durch diese Winkel und kleinen Pltze
hindurchgewunden ... Benno stieg aus ... Bereits ein zweiter Miethwagen stand
vor dem Portal ...
    Der Minister wohnte im ersten Stock ...
    Ein groes dunkles Vorzimmer wurde durchschritten ... Dann kam man in ein
lichteres, das eine schne Aussicht auf die belebten Umgebungen der Stadt und
den Volksgarten bot ... Hier hatte der Angemeldete sich aufzuhalten ...
    Benno traf, wie er erwartet und gefrchtet, mit Schnuphase zusammen ...
    Herr Maria stand unter dem Druck seiner hochgespnten Nerven ... Vom
Sperl, aus Dbling, aus Hietzing, von allen mglichen Zerstreuungen, die die
Tuckmandls und Pelikans ihrem Gastfreund trotz der Wundermedaillen und
Paternostervereine bereiteten, erschpft, schnappte und schnalzte er nach Luft
... Jetzt, beim Anblick des Barons von Asselyn, hob sich ihm etwas die Brust vor
Freude und Ueberraschung ... Der Gru des Herrn Thiebold de Jonge und die
Mahnung an seine Leibbinden rhrten ihn ...
    Jedes Knarren einer Thr unterbrach die Mittheilungen ...
    Benno war wie in einem Traum ... Er wute nicht, wie er hierher gekommen ...
Um seine Aufregung zu verbergen, fragte er scherzend:
    Werde ich jetzt erfahren, welches Ihre geheime Mission war? ...
    Schnuphase hob seine weien Handschuhe gen Himmel ...
    Da ffnete sich die Thr ...
    Schnuphase verbeugte sich bis zur Erde ...
    Der Eingetretene war noch nicht der Beherrscher aller europischen Cabinete,
sondern jener Hofrath, der an Benno geschrieben hatte ...
    Die leutseligste Anrede von der Welt berichtigte Schnuphase's Irrthum ...
    Der Herr Hofrath wandte sich an den Herrn Baron von Asselyn und
entschuldigte Seine Durchlaucht, die noch einen Augenblick verhindert wren ...
    Herr Stadtrath Schnuphase -? ...
    Zu Dero -! ...
    Die Kiste ist angekommen ...
    Zu Dero -! ...
    Zum ersten Mal in Wien? kehrte der freundliche Herr zu Benno zurck ...
    In dem Augenblick wurde Stadtrath Schnuphase durch einen Bedienten abgerufen
... Nach einer Thr zu, die eben da wieder hinausfhrte, wo er hereingekommen
war ...
    Schnuphase flog und taumelte mehr, als er ging ...
    Mit einem, wie es schien, stereotypen, an die Gemthlichkeit Ptzl's
erinnernden Lcheln, halb prfend, halb zerstreut, setzte der hohe Beamte sein
Examen ber Benno's erstmalige Anwesenheit in Wien fort ... Bei vlliger
Bekanntschaft ber die Zwecke der Anwesenheit des jungen Mannes kam er auf den
gestrigen grausamen Unfall mit dem Frulein von Ptzl ... Das, was ihm, wie
er sagte, ihr Pflegevater selbst schon erzhlt hatte, konnte Benno besttigen
... Es folgte das herzlichste Bedauern und die Mittheilung, da einige Wochen
lang fr die arme Seele in Maria zur Stiegen wrde gebetet werden ...
    Eine Klingel ging ...
    Der Diener von vorhin ffnete eine andere Thr ...
    Mit einem: Ich hab' mich sehr gefreut! und dem innigsten Hndedruck wurde
Benno von dem zuvorkommendsten aller Epigonen jener Gesellschaft, die der
berfliegende Don Carlos mit dem Wort bezeichnet: Da wo Ihre Domingos, Ihre
Albas herrschen! an die Thr begleitet ...
    Noch zwei Zimmer und der unfreiwillige, von dem System des Staatskanzlers
sonst mit jugendlicher Idealitt urtheilende, jetzt wie ein geknicktes Rohr sich
ihm nhernde - Posa stand vor dem neuen - Don Philipp ...
    Der Gefrchtete war an Wuchs etwas kleiner, als Benno ... Schmchtig,
ebenmig gebaut, mit feinen, geistvollen Zgen ... Die Stirn breit und
hochgewlbt ... Die Augen blau, die Nase mig gebogen, die Farbe der nicht
schmalen Wangen bla ... Die Lippen durch lange Gewhnung - auch die Ehe macht
Ehegatten hnlich - fast habsburgisch geworden, doch abwechselnd belebt von
Ironie ... Besonders auffallend blieb die schne, wenn auch stark gerunzelte
Stirnflche, mit weit auseinander liegenden Augenbrauen ... Das Haar schon
ergraut und mit erzwungener Jugendlichkeit geordnet ... Die Sprache nicht leise,
etwas unverstndlich ... Benno wute, da der Staatskanzler am Gehr litt ...
    Die freundlichste und herablassendste Begrung ...
    Man setzte sich ... Nebenan hrte man ein Klingen von Glsern ... Benno
staunte ... Jedenfalls war Schnuphase auf der Hhe seiner Mission ...
    Der Frst ergriff eines von den eleganten groen und kleinen Bchern, die
auf einem Tisch vor dem kleinen Kanapee lagen, steckte die Finger in die
Bltter, klopfte in leichtem Taktrhythmus auf den Tisch und begann in
geschmeidiger, fast zu regelrechter Rede alle ostensiblen Veranlassungen fr
Benno's Anwesenheit in Wien herzuzhlen ... Dem Schmerz des Grafen Hugo, der
zuflligen persnlichen Anwesenheit des Herrn von Asselyn bei dem Unglck mit
Angiolina Ptzl trug er mit unverstellter Theilnahme Rechnung ... Dann kam er
auf den Oberprocurator Nck, mit dem er seit Jahren immer sehr gern zu thun
gehabt htte, auf die Empfehlungen, die ihm Doctor Nck ber Herrn von Asselyn
und dessen Wnsche gegeben ...
    Wnsche?! loderte es in Benno auf und sofort begann er auch:
    Euer Durchlaucht wollen entschuldigen - ...
    Ohne jedoch Zeit zu bekommen, irgend auch nur die einfachste berichtigende
Aeuerung zu thun, hrte er den Frsten sogleich auf den ihm von Wien her, ja
schon vom Parterre der Knige in Erfurt sehr wohlbekannten Dechanten zu
Sanct-Zeno bergehen; selbst Bonaventura war ihm genannt worden ... Des Frsten
Familie stammte selbst aus der Gegend von Kocher am Fall ...
    Die Aeuerung, die der Staatskanzler auf die fr Bonaventura gebrauchte
Bezeichnung: Er wird ein Heiliger genannt! sofort folgen lie, war
charakteristisch ...
    Ich wnschte wol, sagte er, der Adel folgte berall solchen Beispielen und
nhme sich wieder etwas mehr der Kirche an ... Seitdem die Pfrnden schmaler
geworden sind, hat man sie nicht mehr fr die jngern Shne der Familien so
aufgesucht, wie selbst noch in meiner Jugend Sitte war ... Sagen Sie, wrde Ihr
Kirchenfrst den Muth gehabt haben, so fr seine geistliche Pflicht aufzutreten
und wrde er mit soviel Glanz sein Martyrium durchfhren, wenn ihm nicht sein
Zusammenhang mit dem Adel des Landes zu Hlfe kme? ... Der Uebergang der
geistlichen Stellen nur an Brgerliche ffnet jenem kleinen Ehrgeiz zu sehr die
Bahn, der mit Intrigue verbunden ist ... Dem Emporkmmling wird ja nie genug zu
Theil ...
    Wenig Verbindungsglieder fehlten hier und die Gedankenreihe war bei den
Jesuiten angekommen, die der Staatskanzler hate ... Doch unmittelbar flocht
sich die Bemerkung ein:
    Ein reizendes Geschpf, diese Angiolina! Ich kann nicht glauben, da sie
sich selbst den Tod gegeben hat ... Sie wurde zornig ber die, die ihr vorreiten
wollten, und berschlug sich ... Jetzt ist's freilich eine freiwillige Handlung
- ein Pom, sagte man gestern ... Romantik und leider oft auch Logik machen sich
sehr oft erst durch den Zufall ex post, gerade wie der Witz ... Manche Leute,
die ich positiv als dumm kannte, galten aus diese Art fr gescheut ... Weil sie
immer schnell bei der Hand waren, einer zuflligen Wirkung eine prmeditirte
Absicht unterzulegen ... Das wissen Sie gewi, es gibt einen Humor der
Thatsachen ... Viele Staatsmnner haben sich Jahre lang damit erhalten, den
glcklichen Zufall sogleich fr ihre Absicht auszugeben ... Besonders sind in
diesem wohlfeilen Klugseinwollen die Politiker Ihres Staates - Bitte, Herr
Doctor Nck schreibt mir, Sie wollten daselbst keine Carrire machen - Erzhlen
Sie mir doch von der dortigen Sachlage, Herr von - Sagen Sie, sind die Asselyns
nicht eigentlich italienischen Ursprungs? ...
    Benno htte durchaus erwidern mgen, da sich Nck in den Motiven seiner
Reise nicht an die Wahrheit gehalten htte, htte alles erzhlen mgen, was zur
Erleichterung der heimatlichen Schwierigkeiten dienen konnte, mute aber jetzt
nur der gestellten Frage antworten und sagen:
    Doch nicht, Durchlaucht! Friesischen Ursprungs ...
    Sie sollen aber das Italienische  perfection sprechen ... fiel der Frst
sogleich ein ...
    Ich wollte zunchst Italien sehen, um mich in der Sprache zu vervollkommnen
und alte Studien wieder aufzunehmen - ...
    Die italienische Sprache ist schwerer, als man anfangs glaubt, unterbrach
der Frst, der seine eigenen Gedankengnge festhielt ... Sie ist ebenso falsch
und tckisch wie die Italiener selbst ... Man glaubt mit der Grammatik auf dem
besten Fue zu stehen et d'un tour de main on a perdu tout son latin ... Wo
studirten Sie? ...
    Benno nannte die betreffende Universitt ...
    Der Staatskanzler warf einen der ihm eigenen Augenblitze, die den fr
gewhnlich milden, ja matten Ausdruck seiner Augen unterbrachen, scharf und
bestimmt zu dem jungen Mann hinber und hatte jedenfalls eine Rge der deutschen
Universitten im Sinne, sprach aber doch:
    Sie sind Jurist ... Arbeiteten bei Dr. Nck in der - Apropos, die Grfin
Paula von Dorste ist ja clairvoyant! ... Wie sich das in Wien ausnehmen wird,
bin ich begierig ... Ein eignes Kapitel, die Clairvoyance! Ich habe sie in allen
Stadien kennen gelernt ... Auch in ihrer Verbindung mit der Politik - und gerade
bei Ihren aufgeklrten Staatsmnnern! ... Frst Hardenberg war ganz in die Hnde
der Pythonissen gerathen und hat auch, glaub' ich, aus diesen Quellen seine
Begeisterung fr die Freiheit Griechenlands in Verona geschpft ... Die
Verbindung mit der Religion ist mir weniger gelufig, aber unsere Salons
sprechen davon mit Andacht ... Leider wird mit dem ersten Kind diese neue Quelle
der Unterhaltung fr Wien verloren sein ... Ihre Heimat ist ein seltsames Land,
Herr von Asselyn, kernhaft jedoch und voll aufrichtiger Sympathie fr uns ...
Wir haben davon tglich Beweise ... In unserer Armee sowol wie im Klerus ...
Kennen Sie die Aebtissin Scholastika? ... Eine Tngel-Heide! ... Es gibt mehrere
Linien der Tngels? ...
    Schon griff der allein Redende zum kleinen goldschnittgebundenen
genealogischen Kalender, der auf dem Tische lag ... Er suchte die Tngel-Heides
und die Tngel-Appelhlsens ...
    Nebenan klangen die Glser ...
    Benno beobachtete nur und - resignirte sich schon ...
    In Ihrer Provinz lebt noch fest und sicher die Ueberzeugung, fuhr der Frst
im Umblttern fort, da es in jeder Politik nur Erhaltung oder Umsturz gibt ...
Die Reform soll uns heilig sein, ja! aber sie mu aus den Elementen der
Erhaltung und fr die Erhaltung hervorgehen ... Nach Napoleon's Verwstung des
Bestehenden konnte und durfte nichts Anderes kommen ... Selbst Napoleon fing
zuletzt an zu erschrecken vor einer tglich sich mehrenden Lust an Neuerungen
... Unter dem Zeitalter der Revolution haben die Vlker zu viel gelitten ... Sie
bedrfen auf hundert Jahre der Erholung ... Ich wei nicht, was dann kommen
wird, aber meine Aufgabe war, Halt zu gebieten und ich glaube, die nach mir
kommen, werden noch lange dieselbe Notwendigkeit einsehen ... Ich gebe das sehr
gern den jetzigen rmischen Ansprchen zu: Es ist auch so mit der Kirche ... Die
schwarzen Herren hren freilich nicht gern, da der Fels, auf den die Kirche
gebaut wurde, irdisches Material ist so gut wie jede andere Steinart und da
einst eine Zeit kommen wird, wo die Philosophie sich verbreitet, wie das
Klavierspielen schon jetzt bei unsern reichen Bauerntchtern im Salzburgischen -
Aha! Da! - Die Tngel-Appelhlsens. Wappen: Die geschlngelte Schaale eines
Apfels - Falls das nicht - glauben Sie nicht, Herr von Asselyn, ursprnglich
eine Schleife war? Auch so ein Witz - ex post? ... Da sind ja die Camphausens!
... Zwei Linien - Seltsam! ... Bei uns lebt die protestantische und Grfin
Erdmuthe ist sogar eine gefhrliche Fanatikerin ... Der Graf wird den
Militrdienst quittiren ... Und - - Ja, der religise Ri in Deutschland wird
oft beklagt - ich schtze ihn ... Deutschland kann nur durch das
Gleichgewichtssystem bestehen ... Das hab' ich immer befrdert und ohne
Rckhaltsgedanken ... Der Zollverein ein gibt ein zu einseitiges Uebergewicht
... Sie kamen mit dem Herrn Stadtrath Schnuphase? ...
    Ich reiste nur zufllig mit ihm ...
    Doctor Nck schickt mir durch Sie alle Tabellen Ihrer Weinversteuerung, an
der ich, wie Sie wissen, persnlich betheiligt bin ... Die Centralisation der
Interessen Deutschlands ist nicht mglich ... Schon die natrlichsten
Lebensbedingungen, Essen und Trinken, beruhen auf disparaten Organisationen ...
In Frankreich, Spanien, Italien sogar, dem ich sonst doch jede andere Einheit
absprechen mu und das ich nur fr einen geographischen Begriff halten kann, hat
die Lebensweise eine und dieselbe Bedingung ... Nehmen Sie aber unsere
Verschiedenheiten! ... Die barocke Abwechselung schon unseres - Brotes allein!
... Wie verschieden die Charaktere des Weins am Rhein und an der Donau ... Vom
Trank der Gerste gar nicht zu reden ... Man glaubt es mir nicht, aber ich bin
gegen ein Ueberma von Uniformirung ... Ich hasse den Josephinismus - nicht
seiner Aufklrung wegen - behte, nein! - sondern deshalb, weil er am Ende doch
nur den absoluten Polizeistaat proclamirt ... Der absolute Polizei- oder
Beamtenstaat kann zuletzt nur zur constitutionellen Monarchie fhren, d.h. zur
legalisirten Revolution und Republik ...
    Die Phantasie Eurer Durchlaucht berspringt groe Intervallen! sagte Benno
mit Entschiedenheit ...
    Geb' ich zu - erwiderte der Minister und lie wieder einen jener scharfen
Blicke auf Benno hinstreifen ... aber darin denk' ich ganz wie die Kirche ....
Gutta cavat lapidem ... Apropos, was sagt der Graf Camphausen von dem
sogenannten Baron von Terschka? ... Der Mensch ist in London Protestant geworden
und der intimste Freund der italienischen Emigration ... Ein Ex-Jesuit - sagt
man sogar - aber entre nous ...
    Benno berichtete von dem ihm so verhaten Namen, was er wute, und wagte,
angeregt von den Worten seiner Mutter, die Bemerkung:
    Die grte Gefahr des Stabilittssystems droht nicht unmglich von Italien
und Rom selbst ...
    Sie meinen, da die Zeiten des Cola Rienzi wiederkehren? lchelte der Frst,
nahm ein groes Kupferwerk, das vor ihm lag, schlug die Abbildung einer Burg auf
und zeigte sie seinem Besuch mit den Worten:
    Sehen Sie da die Burg in Bhmen, auf die Cola Rienzi flchtete, als seine
Zeit in Rom vorber war! ... Zu uns! Nach Bhmen! ... Ja, fuhr er dann fort, die
Italiener sind allerdings die elendeste Nation von der Welt und zu allem fhig!
Diese Nation wird den Monarchen, von denen sie regiert wird, und uns allen in
Europa noch viel zu schaffen machen, sie wird conspiriren, morden, vielleicht
ein vorbergehendes Glck gewinnen, von einzelnen Mchten vielleicht begnstigt
werden, von England, das fr seine Waaren sich einen Absatz in Sicilien und
Neapel zu verschaffen sucht - aber elend wird alles nach kurzer Zeit
zusammenbrechen ... Wie Barbarossa werden wir dann die Stdte in Asche
verwandeln mssen! Wir werden den Pflug darber hingehen lassen und Salz aussen
mssen, um eine neue Erde zu schaffen ... Das Salz werden deutsche, ungarische,
bhmische Colonieen sein, unsere Sitten, unsere Verbesserungen, unsere
Brgschaften polizeilicher Ordnung ... Zurckrufen werden die Elenden uns dahin,
wo sie uns verjagten, um nicht von ihren eigenen Landsleuten gemordet zu werden
... Gemordet von ihren neuen Huptern ... Lesen Sie die Geschichte! ... So ging
Crescentius unter ... Cola Rienzi flchtete ... Was wollen Sie von einer Nation
erwarten, wo alles kuflich ist! Wo die Furcht jeden zum Verrther macht! Wir
haben alle Conspirationen in der Hand ... Von jeder Carbonarologe besitzen wir
die Namen ... In Turin regiert ein Frst, der als Kronprinz Carbonaro war ...
Als er den Thron bestieg, lieferte er uns smmtliche Listen der Venditas aus ...
Ich zweifle nicht, da er wieder als Carbonaro endet ... Lassen Sie Krieg kommen
- behalten wir Herrn Thiers noch lange am Ruder Frankreichs und will sein
Schler, der Herzog von Orleans, sich die Sporen verdienen, so haben wir
vielleicht Krieg und mit schwankenden Erfolgen ... Wir sind heute geschlagen -
aber von dem Tag an, wo die Italiener dankbar und einig sein sollen, rufen sie
wieder die Deutschen zurck und geben uns die alte eiserne Krone ... Dies
Italien! Sie mssen es kennen lernen, Herr von Asselyn! Sie wollen dort
hinreisen? Wollen Sie es bequem, so mach' ich Ihnen den Vorschlag, Depeschen
nach Rom zu bernehmen - Freilich da mten Sie sogleich und in diesem
Augenblick reisen ... Wrde Sie das hindern? ... Nck schrieb mir, fuhr der
Frst fort, die Verlegenheit und aufwallende Rthe der Freude im Antlitz des
jungen Mannes bemerkend - Sie wollen eine politische Laufbahn antreten ...
    Durchlaucht - nein! sagte Benno fest und bestimmt ... Der Gedanke: Da erlst
dich ja das Geschick im Nu! lie ihn mit funkelnden Augen zustimmen ...
    Sie meinen, Ihre Grundstze sind noch zu jugendlich? Sie opponiren noch?
Mein lieber junger Freund, die Staatskunst mu es machen, wie die Kellerei mit
den Weinen ... Liegen die Fsser zu lange, so mssen sie aufgefllt werden ...
Alte Jahrgnge mit jungen ... Sie haben ohne Zweifel die Calamitt gehrt, die
sich auf meinem Weinberg zugetragen? ... Ein nachlssiger Kfer hat sieben der
besten Stck nicht aufgefllt und nun sind sie Alterationen des
Entwickelungsprocesses ausgesetzt - Dergleichen mu geheim bleiben ... Bitte ...
Da Sie aber mit Herrn Stadtrath Schnuphase gereist sind - ...
    Der Frst ffnete die Thr und machte Benno zum Zeugen einer wie es schien
sehr ernst genommenen Scene ... Ein feingekleideter, wohlbehbiger lterer Herr,
ohne Zweifel der Kellermeister des Frsten, sa mit Schnuphase an Einem Tisch
... Vor ihnen eine Reihe kleiner Flaschen, die mit Zetteln beklebt waren ...
Einige Dutzend Glser standen in der Nhe, um nacheinander gebraucht zu werden,
da der Duft des Weins sich in jedem gebrauchten Glase zu lange erhielt und eine
Aufgabe erschwerte, die die zu sein schien, die Mischungen und Auffllungen aufs
strengste zu unterscheiden ...
    Schnuphase und der Kellermeister waren aufgesprungen ... Letzterer mit zwei
Glsern in der Hand, die prfendste Miene in den gertheten Gesichtszgen ...
Noch schienen Zunge und Nase nur mit Geschmack und Duft beschftigt ...
Schnuphase stand mit seinem Glse ganz Extse ... Der Duft, das Probiren,
die Situation, die Nhe des grten Mannes der Zeit, die Satisfaction vor Benno,
alles war ihm zu Kopf gestiegen ...
    Es wird wol nicht anders gehen, bemerkte der Frst, man mu unserer
Verwaltung, die an dem Versehen ohne Schuld ist und den Kfer entlie, Recht
geben und Dorf oder Berg zur Erkrftigung des Schlo߫ whlen? ... Ganz wie
Ihr jungen Staatsneuerer ja wollt! ... Gern adoptiren wir Euer junges Blut! ...
Oder beides? wandte er sich ...
    Schnuphase stand wie ein Retter des europischen Gleichgewichts, obgleich er
nahe daran war, das eigene zu verlieren ... Das Nippen an jedem dieser Glser,
das Streiten und Aeuern entgegengesetzter Zungenwirkungen, die wiederholt
erprobt werden muten, hatte ihn bereits zum Opfer des in ihn gesetzten
Vertrauens gemacht ...
    Der Frst billigte jede Entscheidung der gemeinschaftlichen Berathung und
ordnete an, da auch beim heutigen Diner, wo Kenner der Weinblumen des Rheines
entboten wren, die Proben servirt und einem Verdict derselben unterworfen
wrden ... Die magebendste Stimme behielten die beiden anwesenden Herren selbst
und lieb wre es ihm, sagte er, schon von ihrer schnellen Meinungsvereinigung zu
hren ... Der Gegenstand war hochwichtig ... War fr die nchste Auction irgend
im Ruf der vernachlssigten Fsser etwas versehen und verbrgten sich nicht die
ersten Zungen fr die volle Integritt des Gewchses, so konnten dreiigtausend
Gulden auf dem Spiele stehen ...
    Es thut mir leid, sagte der Frst in freundlicher Laune beim Zurckkehren in
das vorher von ihnen eingenommene Zimmer, da ich meine Einladung, mein Gast zu
sein, nicht auch an Sie richten kann, Herr Baron! Die Aufgabe, die ich Ihnen
vorschlage und der Sie, wenn auch nur Ihrer Reisekasse wegen, da Sie doch nach
Italien wollen, sich immerhin unterziehen sollten, bedingt eine sofortige
Abreise ... Um fnf Uhr Nachmittag geht die Eilpost ... Sie brauchen sich nur
der Post zu bedienen ... Von Triest aus mssen Sie ber Ancona zur See ... Das
ist unerllich ... Nach einem halben Jahr kommen Sie auf demselben Wege - ich
meine, ohne Ihrer eigenen Kasse wehe gethan zu haben - zu uns zurck und ich
werde begierig sein, Ihre rmischen Eindrcke zu vernehmen, falls Sie nicht
vorziehen sollten, sie mir sogleich direct oder an die Allgemeine Zeitung zu
schicken ... Whlen Sie fr erstem Fall die Adresse eines unsrer
Grohandlungshuser ... Versteht sich, bald diese, bald jene ... Die Depesche
hndigt Ihnen der Herr Hofrath ein, mit dem Sie vorhin gesprochen haben ... Man
soll Sie zu ihm fhren! ... Glckliche Reise! Frohes Wiedersehen! ...
    Der Frst klingelte ...
    Damit war die Audienz beendet ...
    Es war Benno, als konnte er nicht von der Stelle ... Er hatte nicht
widersprechen, hatte bei seiner Jugend, seiner gedrckten Stimmung berhaupt nur
hren, - wenn er sprach, nur Nchs Empfehlungen ablehnen wollen ...
    So aber hundert angelegte Fden - und nicht ein einziger ausgefhrt! ...
    Jetzt verstand er, was man Treppenwitz nennt ... Demosthenische Reden
blieben auf seiner Zunge liegen ... ... Was mochte er nicht alles gesprochen
haben! ... Dicht am Weltrade stand er ... Wie ein donnernder Wassersturz mute
ihm die Triebkraft erscheinen, die dies Rad in Bewegung setzte ... Noch blieb er
wie von einem unsichtbaren Sprhnebel umrieselt und betubt ...
    Aber ein Diener folgte ihm und fhrte ihn schon zu dem Hofrath ...
    Sie muten noch eine Treppe hher steigen ...
    Sollst du - oder sollst du nicht? ...
    So stand er eine verhngnivolle Secunde und sagte sich: Eine Gunst des
Geschicks! ... Die Uebernahme dieser Verbindlichkeit verpflichtet dich zu nichts
... Du hast einen triftigen uern Grund, vor Situationen zu entfliehen, die
sich jetzt noch nicht von dir durchleben lassen!
    So trat er in ein dsteres Zimmer ...
    Hier wurde ihm die Depesche, ein einfach versiegelter groer Brief
eingehndigt ...
    Am besten trgt man das in einer kleinen Tasche, sagte der freundlichste
aller Hofrthe, aber an einem Riemen! ... Haben Sie die Schnalle immer hbsch
vorn auf der Brust! ... Schlielich hlt das auch noch den Leib warm ... Fr die
Seefahrt gut ... Die Reisekosten sind fr acht Tage berechnet, fr jeden Tag
zehn Dukaten ... Sie bekommen eine Anweisung auf die Cassa, Herr von Asselyn!
... Bitte! Nehmen Sie! ... Hier ist sie! ... Damit Sie keine weitere Mhe haben,
werden wir einen Platz im Coup reserviren lassen ... Sie zahlen ihn dann bei
der Abfahrt ... Habe die Ehre, eine glckliche Reise zu wnschen! ...
    Benno reiste als Courier ... Eine unverfngliche Geflligkeit ... Er nahm
die Depesche, die Anweisung ... Er lie sich einige Zimmer weiter achtzig
Dukaten zahlen ...
    Das Ablehnen dieser Summe wrde wunderlich erschienen sein und den Auftrag
leicht rckgngig gemacht haben ...
    Beim Verlassen des Palais fand er die Treppe belebt ...
    Boten, Jger, Diener liefen hin und her ...
    Zwei Lakaien in auffallender Livree eilten hastig an ihm vorber ...
    Hinter ihnen schritt langsam die Treppe herauf mit schwebendem Gang und
einer lchelnd um sich blickenden Sicherheit eine hohe, breitschultrige Gestalt
in fremdartig priesterlicher Tracht ... Hinter ihm zwei andere, ebenfalls
Priester ...
    Benno empfing aus einem stark gertheten Antlitz einen Blick des
holdseligsten Grues ...
    Er trat zur Seite und erfuhr, da es Cardinal Ceccone gewesen, der an ihm
vorbergeschritten ...
    Sein freundlicher Blick war ihm wie der Stich eines Messers ... Wenn ihn
etwas aus Wien vertrieb, htte nur noch diese Begegnung gefehlt ... Der ppigste
Triumph, verbunden mit dem Schein der holdseligsten Demuth und wieder mit den
unauslschlichen Merkmalen einer schon von der Natur in den Augen, ja in den
Ohren vorgezeichneten List ...
    Welche Begegnung jetzt drinnen zwischen zwei nur uerlich verbundenen
Principien ... Der Frst, der die Jesuiten hate, der Cardinal, der auf seine
alten Tage unter dem Druck der Frauen die Freiheit Italiens anbahnte ... Wie
unfertig, wie halb, wie berlebt erschien ihm alles nach dieser Audienz ... Wie
wehte ihn der Odem Gottes mit neuen, den Vlkern und dem Jahrhundert verheienen
Offenbarungen an ...
    Am Portal sah Benno die beiden Miethwagen in bescheidener Entfernung und
hatte noch Zeit nthig, sich zu besinnen, wohin er fahren wollte ...
    Schnuphase kam, begleitet vom Kellermeister ... Ersterer hatte alle Ursache,
dem krftigen Arm zu danken, der ihn hielt ...
    Die Aufforderung, in der Stadt Triest ein gemeinschaftliches Mahl
einzunehmen, lehnte Benno ab, fuhr auf den Kohlmarkt und kaufte sich zunchst -
die bewute Reisetasche ...
    Zu Hause angelangt, schrieb er an den Principe Rucca einige Zeilen und
bedauerte seine pltzliche Abreise nach Rom, behielt jedoch das Billet bis um
vier Uhr, wo man ihn erwartete, noch zurck ...
    Lange kmpfte er mit sich, ob er seiner Mutter schreiben sollte ... Er
konnte nicht anders ... Doch drckte er sich in einer Weise aus, die so
unverfnglich war, da sie jedermann lesen konnte ...
    Herzogin! schrieb er. Ich erhalte soeben einen Auftrag vom Frsten
Staatskanzler, der mich zwingt, augenblicklich abzureisen! Ich reise nach Rom
und hoffe Sie dort in nicht zu entfernter Zeit zu begren. Wien ist kein Ort,
wo die Trauer einen andern Raum findet, als vor den Altren seiner Kirchen.
Gedenken Sie in Maria zur Stiegen, wo die Seelenmetten Angiolinens gehalten
werden, unserer Rckfahrt von jenem Hause des Schreckens ... Die dunkeln Tannen,
die es beschatten, werden selbst im schnen Italien so lange vor meinen Augen
stehen, bis ich Sie wiedersehe ... Benno von Asselyn.
    Von Olympia sprach er in beiden Briefen kein Wort ... Auch des Straues, der
vielleicht von Olympia kam, mochte er keine Erwhnung thun ...
    Der Chorherr blieb ber die schnelle, nun freilich motivirte Abreise im
hchsten Grade verdrielich ... Unbekannt mit den Empfindungen, die Benno von
dannen trieben, schrieb er sie lediglich auf Rechnung des mchtigen Eindrucks,
den der groe Kanzler denn doch auf den jungen Mann gemacht hatte ... Er mute
ihm Glck wnschen zu einer vielversprechenden Carrire und sagte:
    Sehen Sie, so mchtig ist nun doch der blendende Reiz eines bei alledem
groen Mannes ... Man mu sich ergeben, hrt nur noch und staunt und lt an
dem, was man hat, das Menschliche in seiner vollen Geltung ... Protestiren Sie
nicht! Sie sind jung! ... Geht es mir denn anders? Lieb' ich denn nicht auch
mein Land und mein Volk? So lebt man in einer unglcklichen Ehe und kann sich
nicht trennen ... Man wei, man pat nicht freinander, aber es gibt so viel
Bindeglieder des Interesses, so viel gemeinschaftliche Sorgen, so viel kleine
Ausshnungen wieder und so kurze Momente des Glcks, da man immer wieder neue
Hoffnungen schpft ... 'S ist freilich ein Gemths-Elend, an dem zwei Menschen
und - ganze Staaten zu Grunde gehen knnen ...
    Benno mute schweigen ... Er hielt sich an die ihm von den Umstnden
auferlegte Nothwendigkeit seiner Abreise ... Er ertrug den Schein der
Inconsequenz ...
    Gern bernahm der sich allmlig in die Trennung findende Chorherr die
Meldung an den Onkel ... Auch die Besorgung aller der Visitenkarten, die Benno
noch zum Abschied zurcklie ... An den Grafen Hugo schrieb Benno Worte, die
seiner Stellung und der Situation angemessen waren ... Worte des Trostes und der
Hoffnung fr die Zukunft ...
    In das Comptoir der Zickeles mute er seiner Creditbriefe wegen ... Es war
ber dem Schreiben, Packen und Expediren seiner Effecten hoher Mittag geworden.
Der alte Herr Marcus war eben von der Brse zurckgekommen ... Leo befand sich
in einem Comit ... Harry fhrte einen neuangekommenen Virtuosen ...
    Den alten Herrn Zickeles berraschte Benno's Abreise nicht im mindesten ...
Diese Bankiers gren ebenso gleichgltig beim Kommen wie beim Gehen ... Nur
seine Tochter Jenny bedauerte er ... Sie htte dem Herrn Baron noch etwas
vorsingen wollen ... Eben wre sie, sagte er, und auch Angelika Mller, der
Benno sich so gern noch empfohlen htte, mit Therese Kuchelmeister an den Ort
gefahren, wo sich gestern das Unglck begeben ... Auch Dalschefski und Biancchi
htten sich dazu entschlieen mssen ... Der alte Zickeles sah den Vorfall nur
in seinen Folgen an und sagte:
    Das Geschft wird sich nun machen ... Der Graf ist jetzt in Wahrheit frei
... Es hngt lediglich jetzt alles von dem ab, was die Frau Mutter aus Westerhof
mitbringt ... Wir werden ja sehen ...
    Benno speiste dann noch mit dem Chorherrn, den des jungen Mannes Entschlu
nun nicht mehr strte ... Auch der Schein des Gefesseltseins nicht ... Er
glaubte, wie der Onkel Dechant, an Neuerungen und Besserungen nur infolge groer
Erdrevolutionen in der Art der Gletscherbildung ...
    Gegen vier, wo die Dinerstunde beim Frsten Rucca war und die Herzogin und
Olympia ihn hochklopfenden Herzens gewi schon in glnzendsten Toiletten
erwarteten, besorgte Benno seine Briefe in den Palatinus ...
    Die Eilposten nach dem Sden gingen um fnf Uhr .... Man mute sich schon um
vier in Bereitschaft setzen ...
    Der Chorherr begleitete seinen so schnell gewonnenen jungen Freund, der voll
tiefster Trauer von dem edeln Manne schied und ihn bat, alle seine Liebe und
Gte auf Bonaventura zu bertragen, falls dieser in der That nach Wien kommen
und dann vielleicht gleichfalls bei ihm wohnen sollte ...
    Man plauderte ... Aengstlich zog Benno die Uhr, aus Furcht, noch eine
Wirkung seiner Absagebriefe zu erleben. Der Chorherr neckte ihn darum ...
    Endlich sa er im Coup, das ihm in der That durch einen Ministerialboten
reservirt war ...
    Schon benutzte er, da der Chorherr nicht gehen wollte, die Pause, die bis
zum Schlagen der Abfahrtsstunde so langsam verrinnt, zu einem Abschiedsgru an
Angelika, den er auf einen Zettel seines Portefeuilles schrieb und dem Chorherrn
mit einer Andeutung ber Pttmeyer's Philosophie zu eigenhndiger Besorgung
bergab - da kam ein Mann, der hastig nach Herrn von Asselyn fragte, und brachte
eine Visitenkarte aus dem Palatinus ...
    Von Grfin Olympia? fragte lchelnd der Chorherr ...
    Verzeihen, sagte der Lohndiener, Ihre Gnaden die Contessina wollten selbst
kommen, aber der Fiaker mu falsch verstanden haben und hat sie und den Prinzen
nach der Briefpost gefahren, wo die Courierposten abgehen, aber erst abends ...
    Die Karte war von Benno's Mutter ... Auf der Rckseite stand ein einfaches:
Al revedersi! ...
    Benno sah, da er das Rechte getroffen ...
    Voll Angst horchte er auf, ob nur nicht noch Olympia und ihr Verlobter kmen
...
    Er bat den Chorherrn, der armen Seele zu gedenken, fr die zwlf Tage lang
in dem schnen Kirchlein Maria vom Gestade, zur Schifferknigin Maria - zur
Schutzpatronin aller im - Hafen Eingelaufenen gebetet werden sollte ...
    Der Chorherr drckte ihm zusagend die Hand ...
    Der Postillon schwang sich auf den Sattel des Handpferdes, Benno rckte
seine Depesche dahin, wo sie nach dem Bedeuten des Hofraths fr seine Gesundheit
am vortheilhaftesten lag, der Conducteur setzte sich neben ihn ...
    Schon waren die funkensprhenden Schlge der sechzehn Rosseshufe auf dem
Straenpflaster verhallt, noch stand der Chorherr trumerisch sinnend auf seinen
Bambusstab mit elfenbeinernem Griff gesttzt, dem Wagen nachblickend - da kam
ein Fiaker angebraust, aus dessen Schlag Principe Rucca und ein weiblicher Kopf
sahen ...
    Das Portal der Fahrpost wurde eben geschlossen ...
    Pater Grdner stand schon zu fern, um die, wie es schien, heftigen
Zornausbrche der Italienerin zu hren ...
    Lchelnd ber die Jugend, ber den Ehrgeiz, ber Menschen, die Liebe finden
drfen und sie nicht mgen, kehrte er zurck in seine stille Klause ...
    Die Bleistiftgre an Angelika Mller wollte er erst couvertiren, falls sein
Versuch, sie ihr persnlich einzuhndigen, mislingen sollte ...
    Indessen stand noch ein anderer junger dicker Mann athemlos und verzweifelnd
an der Posthofthr ... Harry Zickeles kam zu spt - mit seinem Album.

                                      11.


Glocken riefen nicht zu den Hochmtern, die in Maria zur Stiegen zum
Gedchtni Angiolina's gehalten wurden ...
    Nicht brauste die mchtige Orgel vom Chor, als ihre Seele der Gnade und
Verzeihung des Himmels empfohlen wurde ...
    Still und geheimnivoll sind schon an sich diese Trauermetten, die vor einem
kleinen dunkeln Nebenaltar abgehalten werden, denen nur Anverwandte beiwohnen
... Hier trat die Rge des geistlichen Gerichts ein ... Kaum da die Austheilung
jener kleinen Zettel gestattet wurde, die in katholischen Landen den
Vorbergehenden mit einem Liebesblick in die Hand gesteckt werden, der sie
auffordert, fr die abgeschiedene, wenn ihnen auch vllig unbekannte Seele ein
gedrucktes Gebet zu lesen ... Therese Kuchelmeister hatte diese Zettel sorgsam
ausgewhlt ... Hundert Exemplare eines fr diese Flle in den Kunstlden
vorrthigen kleinen Bildes, drei Cherubim darstellend, von denen der eine das
Jesuskind mit der Friedenspalme trgt, die beiden andern ein Kreuz und eine
Dornenkrone - das Jesuskind lchelt, die drei Engel weinen - Auf der Rckseite
lie sie aufdrucken: O Erschaffer und Erlser aller Glubigen, verleihe der
dahingeschiedenen Seele deiner Dienerin Angiolina Ptzl vollkommene Verzeihung
und Nachlassung aller Snden, damit sie, von den Schmerzen des Fegfeuers
befreit, dich als ihr letztes Ziel anschauen, lieben und in alle Ewigkeit loben
und preisen mge! ... Das feierliche Requiem Biancchi's, Instrumentation von
Dalschefski, das sich ein Gesangverein mit Hinzuziehung Theresens und Jenny's
auszufhren erboten hatte, wurde nicht gestattet ...
    Unter groem Menschenzulauf hatte das Begrbni auf dem stillen Dorffriedhof
bei Salemhof stattgefunden ... Hier war es, wo sich ein junges Mdchen, einen
Korb voll Blumen in der Hand, ber den Sarg warf und ihren Schmerz in Worten
Luft machte, die niemanden strten, ob sie gleich nicht von Seraphschwingen und
Cherubsarmen sprachen, sondern einfach lauteten:
    Hier ist's nun aus, du armer Narr! Bist auf Erden viel gehanselt worden!
Aber der gute Gott da oben wird schon wissen, wo er auch fr dich noch ein
Platzt hat! ...
    Therese Kuchelmeister berwachte alle die, die sich bei den in der Stadt von
ihr bestellten und bezahlten zwlf Seelenmessen einfanden oder einzufinden
versumten ... Luigi Biancchi kam nur einmal und erntete dafr die Bezeichnung
eines Ungeheuers von Undankbarkeit, da Angiolina die Musik der Italiener
liebte ... Dalschefski, den die Nichtauffhrung des Requiems wegen des in diesen
Tagen auerordentlich erregten Biancchi, der dadurch eine Zerstreuung wrde
gehabt haben, verdro, mute dafr tglich anwesend sein ... Auch Herr von Ptzl
versumte nicht seine Schuldigkeit zu thun; zu dem Ruf, den er anstrebte,
gehrte die strengste Unterwerfung unter alles, was Gefhl und Gemth mit sich
bringen ... Nicht auffallend war die jedesmalige Anfahrt eines vornehmen Wagens,
aus dem die ersten drei male zwei Damen in tiefster Trauer stiegen und der Messe
beiwohnten ... Therese nannte das die kleinste Schuldigkeit der Mrderin ...
Zuletzt kam nur noch die ltere Dame allein ... Diese fehlte nie ...
    Erst am Tage nach dem Begrbni traf des Grafen Hugo Mutter ein ...
    Auf ihrer Rckreise war sie aufgehalten worden ...
    Sie hatte in Nrnberg einer Versammlung der dortigen Bibelgesellschaft
beigewohnt ...
    Unterwegs schon erfuhr sie vom Tod Angiolinens ...
    Ihre Liebe zum Sohn ging so weit, da sie diesen Verlust wie ihren eigenen
fhlte ... Sie sah vorzugsweise nur Hugo's bei noch so jungen Jahren schon so
vterlich empfindendes Herz betheiligt ...
    Als der stattliche Mann an ihrem Halse einen Augenblick festhing und Thrnen
in seinem Auge blinkten, unterlie ihre Rede nichts, was seinem Schmerz wohlthun
konnte ...
    Sie erkundigte sich nach allen nhern Umstnden des rhrenden Abscheidens,
verwies es aufs strengste jedem der Diener, der etwa ergnzende Berichte geben
wollte, die auf Selbstmord schlieen lieen ... Richtet nicht, da ihr nicht
gerichtet werdet! ...
    Dies Wort sprach sie auch spter noch mancher vornehmen Dame auf der Herren-
und Wallnergasse ...
    Im Herauskehren seiner geheimen Gedanken ist gerade die vornehme Welt nicht
so behutsam, wie wir glauben ... Majestten, Hoheiten, Excellenzen sprechen,
namentlich in Oesterreich, ihre Stimmungen ebenso offen aus, wie sie die geringe
Welt zu verbergen pflegt ... Man besprach schon beim ersten Besuch die
Angelegenheiten des Grafen, verlangte Nachrichten von der bevorstehenden
Heirath, verurtheilte das horrible Benehmen des Terschka und gab der stolzen
Grfin Gelegenheit, ihr Wort fter zu wiederholen: Dieu est le juge veritable!
...
    Die schnelle Abreise Benno's von Asselyn verdro die Mutter ...
    Sie wich den Fragen des Sohnes um Paula's Erklrung noch aus ...
    Sie sagte ihm:
    Du sollst alles hren ... Nur erst Sammlung und meine langvermite Ordnung!
...
    Inzwischen sprach sie doch schon zu Hugo und den vielen Besuchenden, zu den
lutherischen Geistlichen und Glaubensgenossen, die sie sogleich begrten, von
ihrem Leben bei Lady Elliot, von den Anstrengungen des Papismus, in England
wieder Grund und Boden zu fassen, von den englischen Bischfen, die leider
irdische Machthaber geblieben wren und ein Verlangen trgen nach ungeistlichem
Einflu, von einem verblendeten Lehrer in Oxford, Professor Pusey, der ein
System aufgestellt htte, das auf halbem Wege den rmischen Irrthmern
entgegenkme ... Dennoch schlo sie: Es ist eine Freude, den Ernst der Englnder
zu sehen ... Die Frauen sind voll Muth und Charakter ... Sie beherrschen die
Mnner, das ist wahr, aber sie beherrschen sie zum Guten - Wofr sich in dieser
Welt das Gefhl der Frauen ausspricht, das kann vielleicht auf einem Irrthum
beruhen, aber dieser Irrthum schndet nicht ...
    Muthig sprach sie in ihren eigenen Zimmern und bei den ersten Besuchen, die
sie empfing:
    Seit der Veranstaltung der Jesuiten, meinen Sohn durch Terschka dem Glauben
seiner Vter abwendig zu machen, haben wir doppelt Ursache, jeden Schein der
Anhnglichkeit an die Irrlehre zu vermeiden ... Grfin Paula verlangt
glcklicherweise von unserer Seite keine Annahme ihrer Religion ...
    Ja, wandte sie sich zu einem lutherischen Geistlichen, Terschka lag
zerknirscht zu meinen Fen ... Im ersten Augenblick verstand ich nicht, was er
mir zu offenbaren hatte ... Ich alte Frau zitterte ... Auch ha' ich schon an
sich die Bezeigung einer Ehrfurcht, die nur Gott gebhrt ... Ich betete zum
Herrn um Kraft, Terschka's Gestndnisse zu hren, setzte mich nach Fassung
ringend in einen Sessel und hrte nun alles, was mit jener an diesem
Unglcklichen bekannten anziehenden Beredsamkeit von seinen Lippen kam ... Da
konnte ich wol anfangs vor Zorn ausrufen: Der das Ohr gepflanzet hat, sollte
der das nicht hren und strafen! ... Nun aber kam ein reuiges Gestndni; der
Entschlu, auf Englands freiem Boden zu bleiben, seine Irrthmer abzuschwren
und zu unserm lebendigen Glauben berzutreten ... So verherrlicht sich Gott in
seinen Verchtern ...
    Graf Hugo theilte diese andauernde Befangenheit fr Terschka nicht ganz,
behielt aber seine Zweifel an Terschka's Aufrichtigkeit fr sich ... Er war des
Streitens mde ...
    Der Abend bot die stille trauliche Stunde, in der sich die Grfin ber die
Ergebnisse ihres Aufenthalts in Westerhof aussprechen konnte ...
    In einem hohen, mit Sesseln berfllten Rococozimmer hatte das Theewasser
auf der Maschine zu sieden begonnen, als die Grfin begann:
    Mein Sohn, von Paula von Dorste, diesem seltsamen Wesen, trennt mich
allerdings mehr, als ich wnschen mchte ...
    Graf Hugo's Ahnung von neuen Hindernissen schien besttigt zu werden ...
    Ich fand, fuhr die Mutter fort, ein Wesen, das leider nur zu sehr ihrem Ruf
entspricht ... Als ich Westerhof besuchte, war gleich die erste Begegnung
entscheidend ... Die Tante Benigna, dann unsere herrliche, nur zu geisteshelle,
winterlich helle Monika, die dich herzlich gren lt, der Oberst, auch eine
treffliche Persnlichkeit, Onkel Levinus, auch eine gute, nur etwas wunderliche
Seele, alle begrten mich herzlich und voll Vertrauen - nur Paula war wie die
verschchterte Taube ...
    Sahst du nie eine ihrer Visionen? fragte Graf Hugo ...
    Nie! entgegnete die Mutter ... Mit meiner Ankunft hrte der Spuk auf ... Ich
kann dir nicht leugnen, da sie whrend der ganzen Zeit meiner Anwesenheit krank
im Bett lag ... Ja, als ich hren mute, da meine Persnlichkeit, ich, ich
allein es wre, die ihr Schmerzen verursachte, gerieth ich auer mir ... Man
nannte eine frhere Erzieherin von ihr, die ganz ebenso auf sie gewirkt haben
soll ... Die Nhe eines Wesens also, das ihren Irrthmern widerstrebt,
verursacht ihr Schmerzen! ... Zur Linderung ihrer Leiden berief man von Witoborn
den Obersten, der mit wenigen Handstrichen sie auf Stunden beruhigte ...
    Graf Hugo stand in groer Erregung auf und machte einige Gnge im Zimmer ...
    Die Mutter fuhr fort:
    Glcklicherweise beherrscht Monika das Schlo ... Ich schrieb dir schon, sie
hat den Muth gehabt, Armgart, von der du meine Schilderungen kennst, nach
England zu schicken, um dies liebe Kind aus der dstern, Verstand und Herz
vergiftenden Atmosphre jener Gegend zu entfernen ... Besonders aber auch,
vertraute sie mir - o wie lieb' ich unsre Monika - deshalb, um auf Paula
Armgart's Einwirkung zu hindern ... Denn wunderlich ist auch dies Kind ... Was
wir allenfalls erreicht haben, hat Monika allein vollbracht ...
    Allenfalls erreicht? wiederholte der Graf mit Befremden und Unmuth ...
    Alle eure Sorge werfet auf ihn; er wird es wohl machen! sagte die Mutter
... Ich war vierzehn Tage in Westerhof ... Comtesse Paula blieb und blieb krank
... Ich sah sie nur zweimal in Toilette, bei der ersten Begrung, der sogleich
die Krankheit folgte, und einmal, als die magnetische Behandlung durch den
Obersten von besonderer Wirkung gewesen ... Sie ist sehr schn ...
    Kein Bild von ihr? ...
    In jener Gegend malt man nur die Heiligen, mein Sohn ... Ein Kinderportrt
wollt' ich nicht mitbringen, da es nicht mehr hnlich ist ... Sie ist schn,
sag' ich dir ... Hoch und schlank und in allen Gesichtszgen edel ... Augen,
Haar, alles von einem lieblichen Reiz ... Die Bildung tief, tief vernachlssigt
... Ja, mein Sohn, das ist entsetzlich ... Aber ihr Charakter sanft, leider
freilich - versteckt und - von jener Zurckhaltung, die mir, du weit es, an den
Katholiken so peinlich ist ... Nichts Offenes, nichts Ehrliches ... Sie
versichern dich der grten Freundschaft und du gewinnst kein Vertrauen ... Das
groe Priestergeheimni hat sie alle mit umstrickt! ... Man glaubt, sie lebten
in dem, was wir sie tglich treiben sehen - aber es umspinnen sie ganz andere
Dinge ... Paula heilt noch immer und segnet Kissen und Amulete, aber sie sagt,
da sie selbst nicht mehr daran glaube ... Die Geistlichkeit wnscht ihre
Visionen nicht, da sie merkwrdigerweise - nicht katholisch sind ... Monika
sagte mir, es gbe eine Partei, die heimlich dahin wirkte, sie fr eine
Besessene zu erklren ... Das ist Aberglaube ... Aber die Macht des bsen
Feindes bleibt gro ... Wenn ich je an seine umgehende Macht und die
Verschmitztheit des Teufels geglaubt habe, war mir's manchmal beim Anblick -
dieser unstten, irrenden, versteckten - Augen ...
    Mutter! unterbrach Graf Hugo die von ihren in Westerhof empfangenen
Eindrcken aufgeregte Greisin ...
    Ich will das jungfruliche Kind nicht anklagen - sagte die Mutter, fuhr aber
ganz wie die heilige Hildegard fort: Glaubst du nicht, da der Teufel auch die
Gestalt der Engel annehmen kann? ... Doch - lenkte sie dann ein, ich klage die
Comtesse nicht an und theile Monika's Meinung, da die Ehe das alles ndere ...
Aber ein Ja! ein Nein! von Paula selbst, von diesen halben Menschen, diesem
Levinus, dieser Benigna zu gewinnen, war unmglich ... Kurz vor dem Tage, wo ich
die letzte Entscheidung wnschte, bekam ich endlich ein offenes Wort ... Aber -
rathe, woher? - Aus London - von Armgart ...
    Der Graf nahm einen Brief entgegen, den die Mutter den ganzen Tag auf ihrem
Herzen getragen zu haben schien ...
    Seufzend zog sie ihn hervor und entfaltete ihn mit den Worten:
    Dieser Brief ist ein trauriger Beleg fr die Verstockung der Gemther durch
das Papstthum ...
    Graf Hugo nahm den Brief und las, nachdem er ber die noch unfertige
Handschrift wie die eines Kindes und die mit derselben so in Widerspruch
stehende Wichtigkeit des Inhalts mit schmerzlicher Miene gelchelt hatte ...
    Liebes Gromtterchen! schrieb Armgart ...
    Die Grfin unterbrach:
    Ich wiederhole dir, da dies, ich kann wol sagen, liebenswrdige Kind zwar
mit den Englndern und namentlich mit Lady Elliot auf dem gespanntesten Fue
lebt, sich aber an mich, ich kann sagen, wie ein Hndchen angeschlossen hat -
Ja, das Wort pat ganz ... Die hohe Begeisterung, die ich fr ihre Aeltern
empfinde, namentlich fr ihren Vater, den ich fast hher stellen mu, als Monika
- Oder ist es blos meine Reue, da ich ehemals Terschka's Bewerbung untersttzen
konnte? ... Genug, Armgart liebt mich wie ihre Gromutter, ertrgt alle meine
Vorwrfe, murrt und knurrt dann wol ein bischen - ist aber gleich wieder gut ...
Doch lies! ...
    Liebes Gromtterchen! wiederholte der Graf ... Wie sehr ich Dich liebe
und wie ungern ich mit Dir streite, weit Du! Porzia soll Dir -
    Porzia, erluterte die Mutter, ist in Witoborn geblieben bei jenem Hedemann,
der sich mit ihr in einen Briefwechsel einlie, ihr zu meiner Ueberraschung eine
italienische Bibel schenkte und sie heirathen wird - ein Mensch, der mir so
gefallen hat, da ich ihn auf Castellungo besitzen mchte ... Fr Federigo wrde
seine Freude an ihm haben ...
    Porzia soll Dir den Brief nur geben, wenn Du Dich wohl fhlst, fuhr der
Graf zu lesen fort. Sind dann die Berge und dunkeln Wlder meiner Heimat um
Dich und die guten treuen Menschen, wie es deren in ganz England keine gibt, so
verzeihe mir, da ich, ein Kind, in so ernste Dinge hineinzureden wage ...
Leider kenne ich ja schon alles, was Gattinnen, Mtter und Mdchen im Leben zu
dulden haben. Meine Haare sind mir im Geist schon so grau wie der Mutter. Ich
bin weiter, als die jungen Ladies Elliot, die vor jedem Mann noch roth werden -
mssen! ... Sage: mssen - Sie suchen alle mit Eifer, was ich bereits aufgegeben
habe ... Meine siebzehn Jahre haben wie welke Blten schon Samen der Erkenntni
hinterlassen ... Geprfte Seelen suchen nicht mehr fr sich das Glck ... Auch
Paula sucht nicht fr sich das Glck ... Aber klare Rechnung haben macht den
Gentleman! sagt der garstige dicke Koch Deiner Lady, der sie genug betrgt -
    Ich hre die Mutter des Kindes! sprach der Graf lchelnd, doch durch seine
Stimmung geneigt, zu berschlagen ...
    Selbstgerechtigkeit! warf die Mutter ein ...
    Da Ihr Euch der Urkunde unterwerft, las der Graf weiter, ist schn von
Euch! ... Terschka rieth Dir noch vorgestern, sie durch einen Proce
anzuzweifeln ... Das konnte nur ein ehemaliger Jesuit rathen ... Das ist das
Schlechte an den Jesuiten, da sie so klug und pfiffig sein wollen, wie eben die
Zweifler auch ... Glaube mir, unser himmlischer Vater hat auch fr den
katholischen Glauben vielerlei Wohnungen ... Katholisch und katholisch ist ein
Unterschied ... Wir Rechtglubigen seufzen genug ber viele unserer Priester und
mchten sie, besonders wenn sie so recht tabacksschmutzige blaue Sacktcher,
grobe Pfundsohlen an den Stiefeln und harte Hnde vom Heufahren und Mistabladen
in ihren Hfen haben, fast htt' ich gesagt prgeln, gerade wie, nach Onkel
Levinus, die Russen mit ihren betrunkenen Popen thun ... Das wissen wir
Katholiken unter uns selbst sehr gut und leiden darunter, bei der Messe sowol
wie im Beichtstuhl ... Gewisse andere Priester mgen wir Katholiken auch wieder
deshalb nicht, weil sie im Gegentheil wie die Tanzmeister sind ... Die, die
immer s den Mund spitzen und die Augen verdrehen und aus dem lieben Herrgott
einen Conditor machen, von dem sie bei jedem Besuch Bonbons mitbringen, auch das
sind fr uns rechtglubige Christen bloe Pfaffen - und zu denen gehren meist
die Jesuiten - alle aber auch nicht, Gromtterchen ... Dein Fefelotti mag
freilich schlimm sein ...
    Du weit, unterbrach die Mutter, wie unsere Bedrngnisse schon anfangen? ...
Ich werde zu Cardinal Ceccone gehen mssen, um das Kapitel von Cuneo anzuklagen
... Doch - lies! ...
    Ebenso sagte Terschka, er wollte Beweise beibringen, da eine gewisse
Lucinde Schwarz, im Auftrag Deines Doctors aus dem Abgrund, an dieser
Veranstaltung nicht unbetheiligt gewesen ... Ich halte Lucinden allerdings fr
fhig, Feuer anzulegen; aber es gibt Verbrechen, die so gro sind, da sie
ehrwrdig werden, zumal wenn sie Gutes stiften und Engel zu unwissentlichen
Mitschuldigen machen ...
    So vertheidigt die Gtzendienerin gegen Lady Elliot auch die geflschten
Rechte des Bischofs von Rom! ... warf die Mutter ein ...
    Gromtterchen, das hat mir von Dir gefallen, las der Graf weiter, da Du
dem falschen Heuchler, dem Terschka, endlich einmal ber eine Sache unrecht
gabst ... Der erleuchtete Mann hat ewig bei Dir recht ... Ganz vornehm und
wrdevoll lehntest Du die Zweifel ab und wolltest lieber Dich darein ergeben,
da Paula in ein Kloster und Euer Name und Euere Herrlichkeit zu Grund ginge,
als wieder processiren und die andere Linie ins Zuchthaus schicken, wie Du
sagtest ... Paula geht nicht ins Kloster ... Sie schreibt mir, da ich es
bernehmen soll, Dir ihre ganze Meinung zu sagen ... So wisse denn: Ja! sie
nimmt Deinen Sohn, wenn - ...
    Graf Hugo war an dieser Stelle schon aufgesprungen und hatte den Brief voll
Zorn und Abscheu von sich geschleudert ...
    Schon hatte sein Auge die Bedingung gefunden, die jetzt die Mutter las,
nachdem sie den Brief an sich genommen ... ...
    Das ist es! seufzte sie ... Wenn der liebste Beichtvater ihrer Jugend nach
Wien reist, Deinen Sohn persnlich kennen lernt und dann entscheidet, ob sie ihm
ohne Gefahr fr ihre Seele die Hand reichen kann ...
    Der Graf war auer sich und rief: ...
    Von Terschka - von hundert Zeugen wei ich, da sie diesen Priester liebt!
.. Es ist Bonaventura von Asselyn ...
    Die Mutter schwieg eine Weile, faltete den Brief zusammen und beschwichtigte
den zornig Auf- und Abgehenden:
    Aber sein Verwandter, der junge Benno von Asselyn, hat dir doch wohlgethan
...
    Ich habe mich gewhnen wollen, sprach der Graf, da meine Gattin das Bild
einer andern Neigung im Herzen trgt ... Ich wrde mich bekmpft haben ... War
ich doch selbst nicht treu ... Aber ich rang danach, treu zu werden ... Ich
konnte Angiolina entbehren ... Der Himmel erleichterte mir diesen Kampf - ...
Und nun soll der Geliebte Paula's mir persnlich gegenbertreten, mich prfen,
erst seine Entscheidung geben? ... Das ist mein Ruf? So werd' ich in Westerhof
beurtheilt? Beurtheilt um ein Verhltni, das der Himmel auf diese schmerzliche
Art lste? Nein! Nun trotz' ich Allem! ...
    Mein Sohn -! ...
    Ihr Geliebter soll mich - prfen! ...
    Es ist ein Priester, mein Sohn, suchte die Mutter zu beruhigen ... Einer der
besseren ... Ich hrte ihn predigen ...
    Der Graf lehnte jede Beruhigung ab ... Das ist die Erklrung, die du von
Westerhof mitbringst? fragte der Graf mit Entschiedenheit ...
    Die Mutter zitterte ber seine drohenden Mienen ... Mit bebenden Lippen
sprach sie:
    Ich zeigte den Brief Monika ... Diese, emprt darber, strmte zu ihrer
Schwester Benigna ... Benigna zog den Onkel Levinus ins Vertrauen ... So traten
sie alle drei an Paula's Lager und fragten sie, ob so wirklich ihr Entschlu
wre? Ob sie wirklich so nach London geschrieben htte? ... Ja! sagte sie,
wandte sich ab, sah an die Wand, wo ihr Crucifix hing und ihr Weihwasserbecken -
sprach kein Wort mehr und mit dieser Entscheidung kehr' ich zurck ...
    Der Graf konnte sich nicht beruhigen ... Seine Erinnerung an die Hingebung
Angiolinens, sein Stolz, die Erwgung seiner ihn zur Annahme solcher Bedingungen
zwingenden Verhltnisse, ja eine Spannung sogar auf Paula, die zu einem tiefern
Interesse geworden war, alles strmte zu mchtig auf ihn ein ...
    Er rief aus:
    So beginne aufs neue der Proce! Ich zweifle die Urkunde an ... Terschka mu
helfen ...
    Mein Heiland! rief die Mutter entsetzt und mit gefalteten Hnden ... Darber
gehen wir zu Grunde! ... Die Zickeles subhastiren Salem und Castellungo ...
    Mag es! rief der Graf wild und ri sich los ...
    Verzweifelnd stand die Mutter und hrte das Verhallen seiner Sporen, das
heftige Zufallen der Thren, die er aufri ... Nicht zu seinen Zimmern im Palais
ging er ... Er wandte sich zur groen Treppe ... Sie eilte ihm nach ... Er war
verschwunden ...
    Graf Hugo strmte dahin ... In seinen weien Mantel gehllt, mit klirrenden
Sporen ... Sein Innerstes - gelhmt durch jenes tiefe Weh, das sich ber unsern
ganzen Menschen ausbreitet - wenn wir Rhrung ber uns selbst empfinden ...
    Er irrte um die Freyung, wo sich ihm ein so schnell gefundener Freund so
schnell wieder entzogen hatte ...
    Er irrte in die Nhe der dunkel gelegenen Kirche, wo die Gedchtnimetten
fr Angiolinen gehalten wurden ...
    Er irrte einem Platze zu, wo sich die stolzen Gebude des Kriegsministeriums
erheben, bei dem er sein Abschiedsgesuch zurckzunehmen gedachte ...
    So kam er zu den sogenannten Obern Jesuiten, zum Haus des heiligen
Stanislaus ...
    Eine Weile stand er trauernd in der dunkeln Gasse ...
    Da hrte er einen getragenen Gesang aus einem hintern Hofe her mit einfacher
Klavierbegleitung ...
    Therese Kuchelmeister machte mit den Professoren Dalschefski und Biancchi
das nicht zugelassene, in schneller Begeisterung gemeinschaftlich aus alten
Studien zusammengestellte Requiem ...
    Bei einem sanften Minore, in dem die Worte: Dona eis pacem! erklangen, lie
Therese mit den Worten: Jesus, der Graf! die Noten fallen.

                                      12.


Einmal, eh' sie scheiden,
Frben sich die Bltter roth,
Einmal noch in Freuden
Singt der Schwan vor seinem Tod -
Und an edeln Bumen,
Wenn der Winter vor dem Thor,
Bricht in irrem Trumen
Wol ein Frhlingsreis hervor -
Stirbt der Lampe Schimmer
In des Dochts verkohltem Lauf,
Zuckt mit hellem Flimmer
Einmal noch die Flamme auf -
Einmal wird gelingen,
Eh' mein Stundensand verrollt,
Mir von guten Dingen
Eines noch, was ich gewollt -
Eins wird sich erfllen,
Eine Freude wird, wie Wein,
Schumen - berquillen -!
Mag es dann geschieden sein.

    So fhlte Bonaventura in einem Winter, wo die Novembertage noch fast
sommerliche Sonnenstrahlen entsendeten und die Mandelbume zum zweiten male zu
blhen, die Hecken neue Sprossen zu treiben begannen ...
    Die Vorlagen waren fertig, die Bonaventura, berdrssig der wieder aufs neue
begonnenen Anfeindungen - - jetzt infolge seiner Predigt - sich in der That
erboten hatte, dem Cardinal-Legaten in Wien zu berbringen ... Benno hatte
berraschend schon aus Rom geschrieben und welchen Inhalt barg sein der
Sicherheit wegen durch reisende Geistliche berbrachter Brief! ... Wie
erschtternd, wie befruchtend fr ein ganzes Leben! ... Komm' auch Du herber,
hie es nach der Erzhlung alles dessen, was Benno in so wenigen Tagen erlebt
hatte; ich wei einen Bischofssitz in Italien, der nur allein Dir gebhrt und
der Dir angetragen wird, sobald Du in Wien angekommen bist und an einem gewissen
Altar zu Maria Schnee dreimal celebrirt hast ... Er hatte den Sitz, um
Aufregung wegen Paula zu vermeiden, nicht genannt ... Und vom Onkel Levinus war
in der That die feierliche Aufforderung gekommen, seine Ermunterung zu Paula's
Ehe zu wiederholen, aber nur erst dann, wenn er den Grafen Hugo persnlich
gesehen, gesprochen und seine Wrdigkeit geprft htte ...
    Im ersten Schmerz nach dem Empfang dieses Briefes sagte Bonaventura: Das ist
das erste strafende und herbe Wort, das ich aus Paula's Munde vernommen! ...
Eine auferlegte Bue! Eine Strafe! ... Sie will, da ich den Kelch, den ich ihr
so kalt reichte, selbst leeren helfe! ...
    Jedes Glcklein in der Mette, jeder Orgelton sprach ihm jetzt: Sustine et
tolle! Halte aus und trage ...
    So wollte er denn reisen und lnger fortbleiben ... Er wollte nach Italien,
nach Rom ... Er nahm Urlaub auf ein Jahr ...

O du Kreuz, du Holz der Shne,
Wahres Heil der Welt, o grne,
Grne, blhe, sprosse fort -!

war der Text seiner Abschiedspredigt ...

O crux, lignum triumphale,
Mundi vera salus, vale,
Fronde, flore, germine -

Worte des Hugo von Aurelia, die ihm Gelegenheit gaben, auch von der Schnheit
der Leiden zu sprechen ...
    Bonaventura stand wieder unter doppelter Anfeindung ... Ebensowol von der
Regierungs- wie von der kirchlichen Seite ... Zwar hatte er die Genugthuung
erhalten, da gegen Cajetan Rother eine Untersuchung eingeleitet wurde, die der
junge Enckefu mit Erbitterung fhrte ... Bonaventura hatte in Betreff der
jetzigen Madame Piter Kattendyk richtig geahnt, da der ungetreue Hirt den
religisen Hang und Treudchens Trauer ebenso gemisbraucht hatte wie ihre
geringen Geisteskrfte ... Er hatte sie zur Heiligen - methodisch erziehen
wollen ...
    Der Kampf der Curie, um eine solche Offenbarung bestialischer Verwilderung
nur innerhalb der geistlichen Gerichtsbarkeit zu bestrafen, ging aufs uerste
... Die Kirche ist gegen die Verbrechen ihrer Kleriker strenger, als irgend ein
weltliches Gesetz; nur will sie dann allein strafen und dem Staat den Einblick
versagen ... Bonaventura mute Zeugenaussagen vor Gericht geben - Auch das
mehrte sein Unbehagen. Er sehnte sich fr immer fort ... Er hatte die Ahnung,
nicht wiederzukommen ...
    Je vollstndiger die Rstung Bonaventura's zu seiner Reise sich abschlo, je
mehr sie den Charakter annahm, den nur allein Renate nicht bemerkte, da er
vielleicht in ein ganz nur der Gelehrsamkeit gewidmetes Benedictinerkloster an
der Donau oder in der Schweiz trat, desto banger wurde ihm die Erinnerung - - an
Lucinde ...
    Wird sie, sie dich so ziehen lassen? sagte er ...
    Er erfuhr von Thiebold, da sie zwar aus dem Kattendyk'schen Hause zur Frau
Oberprocurator Nck gekommen wre, aber nur auf acht Tage, und da sie pltzlich
dort verschwunden war ...
    Thiebold errthete, als er gestand, da Nck in seiner Verzweiflung auch zu
ihm gekommen war und ihn gebeten hatte, beim Domkapitular anzufragen, ob dieser
keine Auskunft ber sie wisse ... Bonaventura nahm acht Tage vor seiner Reise
keine Beichte mehr ab ... Er erschrak theils ber die Voraussetzung seiner
nhern Bekanntschaft mit Lucindens Verhltnissen, theils in Vorahnung, da mit
dieser Nachricht vielleicht wieder seine Reise in Zusammenhang gebracht werden
mute ... Die Abschiedsscene vor seiner Reise nach Witoborn, die Erinnerung an
die damals gegen ihn ausgestoenen Drohungen stand schreckhaft vor seiner
Phantasie ...
    Noch vor acht Tagen begegnete ich ihr in der Kathedrale, sagte er ... Sonst
seh' ich sie ja schon lange nicht mehr, da sie meinen Beichtstuhl nicht -
besucht ...
    Besuchen darf! - hallte es in Thiebold wieder ... Es wute dies die halbe
Stadt ...
    Nachdem Thiebold mit tausend Segenswnschen, mit guten Rathschlgen, mit
Gren an Benno, mit Verwnschungen der groen Demosthenes-Rolle seines Vaters
bei den Landstnden gegangen war, fiel erst recht der Schrecken der Mittheilung
ber Lucindens spurloses Verschwinden auf Bonaventura's Brust ...
    Es war am Abend vor der Abreise ... Sieben Uhr ... Drauen schon lange alles
finster - Sein Gepck geordnet ... Dann und wann blickte er auf die
matterhellten den Gnge des Kapitelhauses ... Es war ihm, als mte es
pltzlich pochen und als wrde ihm wieder eine uerste Erregung kommen ...
    Konnte er sich verbergen, da er Tag und Nacht an Lucinde dachte! ... Furcht
vor ihren Drohungen zwang ihn dazu ... Jeder irgendwie bedeutendere Vorfall in
seinem Leben weckte die Erinnerung an die ihn betreffenden Verhltnisse, die sie
in ihrer ewigen Obhut zu haben erklrt hatte ... Diese Drohung, da sie jeden
Segen, den er zu verbreiten hoffte, in Fluch verwandeln knnte, verga er nicht
und nahm sie, immer und immer wieder gedenkend, nicht so leicht, wie der Onkel
ihm gerathen hatte ...
    An diesem Abend vor seiner Abreise kam ihm wieder die trbe Vorstellung mit
ganzer Macht ... In sich steigernder Angst hatte er seine Thr verriegelt ... Er
hatte sich allen Abschieden entzogen ... Die Briefschaften an den Cardinal
Ceccone, in denen die Curie um die Nachgiebigkeit Roms flehte, lagen in einem
geheimen Fach eines seiner mehrern Koffer ... Er rechnete an seiner Baarschaft,
siegelte die Briefe nach Witoborn und Kocher am Fall und wollte zeitig zur Ruhe
... Das Dampfschiff brach schon in erster Frhe auf ...
    Er hatte die Karte vor sich ausgebreitet ... Sein Auge schweifte bald auf
die nchsten, bald die entferntesten Gegenden ... Auf Kocher am Fall, wo ihn ein
Bangen ergriff: Den theuern Onkel siehst du nicht wieder -! ... Auf Westerhof
und Witoborn, wo so viele Herzen gerade jetzt mit gleichen Empfindungen an ihn
denken mochten ... Paula! ... Ein verklungener Glockenhall ... Jene letzte
Freude seines Liedes vielleicht - aufschumend vor dem Tode ... Die eigene
Mutter - die ihre Theorie vom Nichtwissen, das dem Menschen bei mislichen Dingen
besser wre, als Wissen, auch auf die Verhltnisse mit Benno bertrug und dem
Sohn noch vor kurzem geschrieben hatte: Wittekind ist so gewissenhaft; rege ihn
nicht auf mit Benno's Mittheilungen aus Wien! Allein schon die Nachricht ber
den Tod Angiolinens raubte ihm die Ruhe der Nchte ... Auf die Donau sah er
dann, auf Wien und seine Umgebungen, wo er den Grafen Hugo prfen sollte -!
Prfen, glaubte er, ohne da es Graf Hugo wute - Ach, es war wieder jene Welt
der Beichtgeheimnisse, in denen er lebte, jene Welt, wo der Sohn vom Vater, die
Tochter von der Mutter, der Schler vom Lehrer, Gesinde von der Herrschaft
spricht ... Schon hatte er jene katholischen Priesteraugen, die so irrend
umgehen ... Wird es dir in Rom, auf das er blickte, gehen wie dem
Augustinermnch Luther? ... Wirst du Castellungo berhren drfen und deine
Mutter - wirklich als in Bigamie lebend erkennen? ... Wirst du dich nur bei
Nacht zu Fr Federigo stehlen drfen, wie Nikodemus zum Herrn? ... Wirst du so
fortleben in deinem Beruf? Halb in Ha, halb in unerklrter Liebe zu ihm? ... Wo
ist Vershnung? ... Und siehst du Benno und die beiden flchtigen Alcantariner?
... Siehst du das Schreckbild unsers Glaubens Klingsohr? ... Siehst du den
Abtdter, der - vielleicht am Brand in Westerhof betheiligt ist? ... Sinnend
fiel sein Blick auf die Karte dahin und dorthin ... Mit den Alpen brach sie ab
... Da lag noch der St.-Bernhard ... Da lag St.-Remy, wo sein Vater begraben
sein sollte ... Da Aosta ... Dann dachte er wieder, grade diese Gegend msse er
meiden, eben des Vaters selbst wegen, der todt sein wollte ... Zuletzt ging es
auf der Karte bergab gen Sden mit hundert kleinen Gebirgswssern, die wie Fden
eines Nervengeflechts dahinschossen, durchschnitten vom Lngenma der Karte ...
Castellungo, Cuneo und Robillante lagen tiefer abwrts, am Fu der Meeralpen,
jenseit Turins ...
    So in das geheimni- und verhngnivoll Leere blickend, erschrak er vor
einem pltzlichen Pochen ...
    Er glaubte sich geirrt zu haben ... Das Pochen war leise und wiederholte
sich nicht ...
    Das groe Gebude war in seinem Haupteingang verschlossen ... Eines
Ueberfalls verdchtiger Personen konnte er nicht gewrtig sein ...
    Das Pochen erfolgte nach einer Weile zum zweiten mal und Bonaventura glaubte
nun schon nicht anders, als Lucinde stnde drauen ...
    Der erste Strom, der sich von seinem erregten Gemth ber alle seine Nerven
ergo, war Todschrecken ...
    Seine Hand langte nach dem Klingelzug und klingelte ... ...
    Es whrte lange, bis seine trauernde Renate kam und die verweinten Augen
barg ...
    Sehen Sie doch, wer drauen ist! sagte er bebend ... Ist es - die Ihnen -
bekannte - Person, so bin ich nicht zu sprechen ...
    Mit diesen Worten ging er in das Nebenzimmer und horchte an der Thr, wer
sich meldete ...
    Renate hatte geffnet ...
    Die Stimme mute nur leise sprechen ... Bonaventura konnte nichts vernehmen
...
    Renate kam zurck und berichtete:
    Es ist eine kleine gebrechliche Person ... Eine Jdin, wie sie sagte ... Den
Namen hab' ich nicht behalten ...
    Eine Jdin konnte zu Bonaventura nur kommen, um ber die Taufe zu sprechen
... Der Fall war ihm neu ... Lucinde war es jedenfalls nicht ... Diesem Besuch
konnte er sich nicht entziehen ...
    Ich esse nur wenig zu Nacht, sagte er milder zu Renaten, und gehe dann
zeitig zur Ruhe ...
    Renate seufzte und lie ihren Sohn allein ...
    Er betrat sein Zimmer ... Die bescheidene Jdin war auf dem Corridor
geblieben ...
    Treten Sie doch nher! sagte er und leuchtete mit der Studirlampe an die
wieder von ihm geffnete Thr ...
    Eine kleine Person, in einen schn glnzenden schwarzen Atlasmantel gehllt,
der beim Verbeugen aufschlug und die rechte Schulter etwas hher zeigte, als die
linke, in einem warm geftterten groen Hut, aus dem zwei lange schwarze Locken
und im Grund nur eine Nase heraussahen, trat einen Schritt nher und bat fr die
spte Strung um Entschuldigung ...
    Womit kann ich dienen? fragte Bonaventura und stellte die kleine
grnlackirte Studirlampe auf den Tisch, dem befangenen Besuch einen Sessel
darbietend ...
    Ich wrde nicht gewagt haben - begann die kleine Gestalt - Herr Priester -
Hochwrden - in so spter Stunde - aber da ich - Verwandte - die von Ihrer Gte,
lieber Herr - ich meine Herrn Seligmann in Kocher am Fall - ...
    Herr Lb Seligmann! unterbrach Bonaventura die nur hustend, athemlos und
ruspernd hervorgebrachten Worte mit der ihm eigenen Herzlichkeit ... Ist der
Treffliche ein Verwandter von Ihnen? ...
    Nicht zu nah und nicht zu fern! Gerade wie bei Verwandtschaften am besten
... lautete die schon dreistere Antwort Veilchen's, die jetzt ihren Namen
Igelsheimer wiederholte und sich setzte, indem sie, als Bonaventura ihren Namen
fragend nachsprach, sogleich fortplauderte:
    Fr unsere Namen knnen wir Juden nicht ... Die hat uns die Polizei gegeben
... Wenn auf die Aemter zu viel Moses und Isaaks und Abrahams kamen und die
Schreiber nicht wuten, welches der Abraham Moses und welches der Moses Abraham
war, so nahmen die Herren Actuare voll Zorn ganze Gemeinden her und sagten: Dem
wollen wir bald ein Ende machen! ... Und da die Juden ohnehin die Vorstellung
von Thieren auf der Jagd wecken, so kamen die schnen Namen Br, Hirsch, Lwe,
Wolf, Adler, auch Hausthiere: Ochs, Kuh, Rindskopf, Rindsmaul - Nur den Esel
gaben sie keinem, weil Dummheit auf keinen von unsern Leuten passen wollte!
Andere Namen sind nach den Orten gewhlt, wo die Leute her sind, Fuld, Worms,
Oppenheim - Ich wei nicht, wo auf Ihrer Landkarte da mein Stammsitz Igelsheim
liegen mag ...
    Durch diese berraschend dreiste, aber anspruchslos vorgetragene Rede war
Bonaventura gewonnen ... Er sttzte den Arm auf seine Landkarte und rckte die
Lampe nher, um, wie er sagte, vielleicht einen Familienzug mit der braven Frau
Lippschtz zu entdecken, die in Kocher am Fall zu seinen speciellen Gnnerinnen
gehrt htte ...
    Ich bin aus der Art geschlagen! sagte Veilchen. Die Seligmanns sind sich
untereinander nicht hnlich. Der, bei dem ich wohne, Nathan ist er geheien, in
der Rumpelgasse, gleicht zu seinem Bruder, wie ein Holzapfel einem Paradiesapfel
...
    Bonaventura hrte kaum den Namen der Rumpelgasse, als er sich auf
Lucindens letzte Beichte, auf Klingsohr's Beziehung zu dem Trdler Seligmann und
die dabei erwhnte Hlfe einer Jdin besinnen mute ...
    Schon betroffen fragte er nochmals, womit er dienen knnte ...
    Veilchen machte eine Pause und sprach, ihre zurckkehrende Verlegenheit
durch das Lften ihres Mantels verbergend:
    Herr Priester! Ich mchte mir die Frage erlauben: Was halten Sie - von - der
menschlichen Consequenz? ...
    Bonaventura glaubte nun doch, da von einem Religionsbertritt die Rede sein
sollte und antwortete:
    Sie kann eine groe Untugend sein, wenn sie mehr ist, als Treue gegen uns
und andere ...
    Mit Erlaubni ... Treue gegen andere kann nicht Consequenz sein, entgegnete
Veilchen ... Was die andern Liebe und Treue nennen, die man ihnen gewhren soll,
fhrt den Menschen immer im Kreise rundum ... Die Liebe ist ja das
eigensinnigste Ding von der Welt und Gegenliebe kann nicht consequent sein ...
    Bonaventura fand in diesen Worten keinen Uebergang zum Bedrfni der Taufe
...
    Ich sagte schon, sprach er, da ich die gerade Linie in unsern Handlungen
nicht liebe, wenn sie zum todten Gesetz wird ... Aber keine wahre Liebe wird
Untreue gegen uns selbst verlangen ...
    Herr Priester, die Liebe will den Lwen zum Hasen, den Knig zum Bettler,
den Philosophen zum Narren machen - Knnen Sie bleiben, was Sie sind, so hrt
die Liebe auf ... Frauenliebe gewi ... Eine Frau verlangt, da der Mann um
ihretwillen seinen Glauben abschwrt ... Sie verlangt's nicht immer und nicht im
ganzen Jahr und nicht bei feierlicher Gelegenheit; aber wenn sie gerade schlecht
geschlafen hat, sagt sie: Das hilft gegen Kopfweh! und es mu dann sein ...
    Wohl jedem, der von einer solchen Liebe verschont wird! entgegnete
Bonaventura lchelnd ...
    Aber alle Liebe ist so! meinte Veilchen ... Die Liebe will im andern
untergehen, um in sich selbst - - desto schner wieder aufzustehen ... So lieben
wir einen Mann, so die Natur, so Gott ... Was ist Religion, Herr Priester? ...
Gefhl von Kraft oder Schwche? ... Bei den meisten wol nur von Schwche ...
Gott soll uns lieben, weil wir ihn lieben ... Er soll uns das ewige Leben dafr
auswechseln ... So sind wir auch meist uns selbst getreu, d.h. consequent,
weil uns Inconsequenz ein heroisches Opfer kosten wrde ...
    Wo sollen diese Sophismen hinaus? dachte sich Bonaventura ...
    Sie werden ungeduldig! sprach Veilchen, blickte nieder, schwieg eine Weile
und begann ihren Hut etwas aufzubinden ... Die Verlegenheit machte ihr hei ...
    Bonaventura nahm ihr ganz den Hut ab und legte ihn auf den Tisch ...
    Danke! sagte sie, indem sie sich die langen Locken strich ... Ich bin eitel
... Sie knnten glauben, mein Gesicht wre blos Nase ... Sie ist freilich mein
strkstes Organ geworden ... Alle Menschen haben in ihrem Alter einen Theil des
Krpers, der die Oberhand gewinnt ... Beim einen ist's der Magen, beim andern
die Galle, beim dritten die Leber - bei mir die Nase! ... Ein feines Organ! ...
Der Sitz der Phantasie! ... Die Phantasie hab' ich in meiner dunkeln Rumpelgasse
nthig! ... Ich gehe des Jahrs nicht zehnmal an die Luft ... Ich will nicht! ...
Was sag' ich - will nicht! ... Mein Wille stellt sich an den Kleiderschrank
und wird verdrielich, wenn er kein Kleid findet, das ihm zum Ausgehen pat ...
Consequenz! Wille! ... Ich kenne z.B. ein schnes junges Mdchen - ...
    Veilchen hielt inne ... Ihr Auge blitzte forschend auf ...
    Bonaventura athmete hrbar ...
    Dem schnen Mdchen hab' ich oft gesagt: Deine Liebe, Kind, ist ein Irrthum;
ist blos eine Lge gegen dich selbst! Dich verzehren Eifersucht, Stolz! Deine
Liebe gegen den gewissen Mann ist sogar blos Rache! Willst ihn nur qulen, immer
an dich erinnern - sagst darum: Ohne ihn sterb' ich! ... Das Mdchen gibt's zu.
Gibt zu, da ich ihr sage: Du bedarfst dieser Einbildung, um Kraft zu haben,
nicht gegen andere schwach zu sein! Mchtest sndigen - wenn die Natur sndigt -
aber aus Berechnung klammerst du dich an deinen Wahn - nennst den Treue! ...
Schttelt sie den Kopf! ... Wahr ist's, das Mdchen ist geflohen vor einem
schlechten Mann und wohnt versteckt in meinem Schlafstbchen und ist krank - aus
Liebe! ...
    Bonaventura hatte sich bei diesen Worten, die mit einem prfenden, fast
listigen Forschen der von unten her zu ihm aufblickenden Augen vorgetragen
wurden, schon erhoben ...
    Zwei Empfindungen kmpften in seiner Brust ... Ein Gefhl der Entrstung
ber die dreiste Absicht dieses Besuchs und die Verzweiflung um Lucindens nicht
endendes Whlen ... Da er eine Botin Lucindens vor sich hatte, sah er jetzt ...
    Veilchen erschrak vor seinem Aufstehen und sagte einlenkend:
    Bitte, mein Herr! Was ein rmischer Priester gelobt hat, ich wei es sehr
gut und hab' es einst selbst erfahren ... ... Sie haben gewi, setzte sie mit
sich ermuthigendem, schrfern Ton hinzu, von jenem Leo Perl gehrt - den Ihr
Herr Oheim einst verfhrte - zu - einem gewissen Betruge ...
    Dies Wort kam ganz muthvoll ...
    Bonaventura starrte die khne Sprecherin an, die ber einen so mchtigen
Blick dann doch den ihrigen wieder niederschlug ...
    Bitte, Herr Priester! flsterte sie ... Vergebung ... Aber wahr ist's doch
... Herr Leo Perl hatte mir die Ehe gelobt ... Ich wei nicht, ob ich zum Lachen
bin, wenn ich mit dieser Gestalt sage, da ich nach Witoborn reiste mit unserer
Base, Henriette Lippschtz, und mit ihrem Mann - und da wir ein Fenster
mietheten dem geistlichen Seminar gegenber ... Ich war nicht schn, aber ich
hatte noch Wangen um diese groe Nase ... Ich hatte einen Mund noch mit Lippen
... Kein Bild war ich, aber weie - unechte Perlen standen mir gut im schwarzen
Haar ... Der arme Narr, der ein Heiliger werden wollte, weil er Jesum von
Nazareth glaubte bei der falschen Hochzeit beleidigt zu haben - ...
    Bonaventura konnte keine Worte fr sein Erstaunen finden ...
    Vom Kronsyndikus von Wittekind mein' ich die Hochzeit mit der Italienerin!
...
    Veilchen, die einzige Vertraute Lb Seligmann's, sprach fest und bestimmt
...
    Whrend Bonaventura vor Entsetzen sprachlos starrte, kehrte Veilchen auf die
Erscheinung, die sie am Fenster abgegeben haben mochte, zurck und sagte:
    Jedes Auge ist schn, wenn Thrnen darin stehen ... So erregte auch mein
bittender Gru, mein verzweifelnder Blick in das geistliche Seminar hinber, wo
ich den gelehrten Mann hinter Eisenstben erblickte, seine Verzweiflung ... Er
wollte umkehren ... Ich erfuhr es ... Aber es war zu spt ... Um der Thrnen
willen, die ich Ihrem Oheim verdanke, Herr Priester, verzeihen Sie mir, da ich
Ihnen in so spter Nacht aufs Zimmer komme und Sie bitte: Hren Sie dem Frulein
Lucinde, ehe Sie reisen, und wenn in diesem Augenblick, noch einmal - einmal -
die Beichte ...
    Bonaventura war ber die Bekanntschaft einer dritten Person mit diesen
tiefsten Geheimnissen seiner Familie auer sich ...
    Er stand nur, unbekmmert um Lucindens jetzt vorauszusetzende unmittelbare
Nhe, unbekmmert um die durch einen solchen Nachtbesuch ihm drohende
Beschdigung seines Rufes, und starrte die Sprecherin mit vor Schreck geffneten
Augen an ...
    Frchten Sie aber nichts, Herr Priester! sagte Veilchen ... Das schnste
Wissen einer Frau ist das, das sie in ihr Herz einschliet ... Und was ich Ihnen
sage, wei ich auch nur von einem, der, wie unsere ganze Familie, vor dem
Dechanten in Sanct-Zeno viel zu viel Verehrung und Liebe hat, um je davon einen
Misbrauch zu machen ... Der Mann wird Sie sehen, Sie mgen ihn fragen, woher er
diese Dinge in Kenntni genommen hat und er wird Ihnen ausweichen und Sie blos
fragen - nach Brder's lateinischer Grammatik ...
    Lb - Seligmann?! ... sagte Bonaventura mit tonloser Stimme ...
    Von ihm wei ich, fuhr Veilchen fort, da Leo Perl mich nicht aus Untreue
verlie, sondern gezwungen durch Umstnde, die ihren Grund auch in seinem
unglubigen Aberglauben, seiner geistreichen Narrheit gehabt haben mgen ... Ich
wei aus hundert Briefen, da er den menschlichen Willen bestritt und nichts
gelten lie, als den Zufall ... Er liebte Ihren Oheim so, da ich darauf
eiferschtig wurde ... Er nannte berhaupt die Leichtsinnigen erst die wahren
Menschen ...
    Bonaventura hatte nun die uerste Furcht um Benno's Geheimni, um Lucindens
neue Mitwissenschaft so gefahrvoller Verwickelungen ... Diese Furcht uerte er
zunchst ...
    Werd' ich, sagte die Jdin, da ich schon die Liebe des Mdchens zu Ihnen
eine Rache genannt habe, noch neue Kohlen darauf schtten! ...
    Dann bat sie, da im Gegentheil der Herr Domapitular den gezwungenen
Lauscher auf Schlo Neuhof schonen mchte ... Sie erzhlte dessen Abenteuer ...
Sie fgte hinzu, da er zwar die Charaden gehrt htte, aber nicht ihre
Auflsung ... Sie verlor sich in die Erinnerung an Leo Perl und schlo: Er fand
den Hochmuth der Sngerin Maldachini gewi nur lcherlich, weil er sagte: Was
ist denn Eure Tugend? ... Die Bequemlichkeit der Umstnde! ... Und seinem
Freund, dem damaligen Kaplan von Asselyn, konnte er nichts abschlagen ... Seine
Angst und die Scham kam erst, als er die Priesterkleider schon anhatte und die
betrogene Frau vor ihm stand ... Da wei ich, da er gern hinausgestrzt wre in
den hellen Mondscheinwald und htte, schon um zu ben - denn ben, das ist
grade unser Jdisches - die Kleider nicht wieder abziehen mgen ... Auch da er
zur Shne an dem Betrug einen andern schnen Park, den in Kocher am Fall,
aufgab, den Park, wo ich von ihm Spinoza und Liebe - ohne Leidenschaft kennen
lernte, auch das ist diese Kasteiung, die die Christen blos uns Juden verdanken
... Das Christenthum ist die grte Schmeichelei an uns Juden ...
    Ein Lcheln begleitete diesen Scherz ... Doch es erstarb schnell, da sie
Bonaventura's Erregung sah ... Sie fuhr fort:
    Vor seinem Tode gab Perl einem Mnch Namens Hubertus, er ist jetzt in Rom,
eine lateinische Schrift, die dieser einem hohen Geistlichen in Witoborn
bergeben sollte, aber erst dann, wenn er ohne ein Aergerni begraben worden
wre ... Seltsam, da ich diese Schrift gesehen habe ... Ich sah sie in der Hand
des Frulein Lucinde ... Es war in diesem Jnner ... Kurz vor Ihrer Abreise nach
Witoborn ... Das Frulein brachte die Schrift von einer gefhrlichen
Unternehmung mit, von der Sie ja wissen - als sie den Pater Sebastus aus dem
Profehause befreien wollte ...
    Bonaventura stand voll bebender Combinationen: Leo Perl - Seine Reue ber
den Uebertritt - der Zwang des Kronsyndikus - Seine Pfarre in Borkenhagen -
Seine eigne Taufe durch Perl - die Schrift - Lucindens Drohung - ...
    Veilchen fuhr fort:
    Es war ein Brief, den ich nicht lesen konnte - in Latein - Aber vielleicht
war es derselbe an den Bischof von Witoborn, von dem Lb Seligmann gehrt hat,
da er leicht in die Hnde Ihres seligen Herrn Vaters htte kommen knnen, da
dieser gleich nach dem Tode des Bischofs Konrad, der unmittelbar nach dem Tod
des Leo Perl erfolgte - die geistlichen Archive - ordnete ...
    Bonaventura hrte nur - ... Aber er hrte, wie der Verbrecher in Vorahnung
eines ber ihn gefllten Todesurtheils den Anfang seiner Sentenz lesen hrt ...
Er wollte nicht verrathen, was in ihm vorging ... Er wollte seinem Antlitz den
Ausdruck der Ruhe und Fassung geben ... Umsonst ... Ein eisiger Frost
durchschttelte seine Glieder ... Seine Zhne fingen an zu zittern ... Er ahnte
einen tiefen, tiefen, ewigen Verdru seines Lebens ... Er that einige Schritte
vorwrts und sank auf einen Sessel ...
    Mein Gott im Himmel -! rief die Jdin, erschreckend ebensowol ber
Bonaventura's Anblick, wie ber ihr Unvermgen, einem ohnmchtig werdenden Manne
helfen zu sollen ... Was ist Ihnen? ...
    Bonaventura's Gedanken konnten nicht anders lauten, als:
    Lucinde sagte, mit dem Inhalt jenes Briefes knnte sie dich ewig in ihren
Hnden halten? Deinen Segen knnte sie in Fluch verwandeln? Selbst wenn du die
dreifache Krone trgest, knnte sie alle deine Handlungen ungeschehen machen?
... Was gibt ihr diese Kraft? ... Was gibt dir - diese Unkraft? ... Bist du -
kein Christ -? ... Bist du nicht getauft -? ... Bist du nicht - richtig getauft
-? ...
    Nun schossen seine fiebernden Gedanken weiter:
    Du bist von Leo Perl in den Tagen getauft, wo sein Gemth von Reue ber
seinen Schritt, von Wuth ber den Kronsyndikus, der ihn zwang, Priester zu
bleiben, ergriffen war ... Diese Stimmung behielt er vielleicht lebenslang ...
Seine ganze Stellung war die der Zerfallenheit mit sich, die der Reue ber sein
bereiltes Christwerden, der Rache fr den Zwang, der ihm zuletzt auferlegt
wurde, der jahrelangen Verstellung ... In dieser Schrift bekannte er sich
schuldig, alle seine kirchlichen Functionen ohne Absicht und Direction des
Willens vollzogen, dich und andere ohne Intention getauft zu haben ... Der
Bischof starb schnell hinter Leo Perl ... Sein Vater nahm die Urkunde an sich
und unterdrckte sie ... Leo Perl war todt, das Verbrechen war geschehen, nicht
anders rckgngig zu machen, als durch neue Taufe ... Dein Vater, das Aufsehen
einer solchen Handlung frchtend, lngst schon - ihrer Ehescheidungsverweigerung
wegen - zerfallen mit der Kirche, behielt diese Urkunde, zerstrte sie jedoch
nicht, sondern legte sie fr knftige Enthllungen zurck, band sie ohne Zweifel
dem alten Mevissen auf die Seele ... Dieser nahm sie mit in sein Grab, wo sie
lange Zeit unzerstrt bleiben konnte, bis sie gefunden werden sollte, dann
vielleicht - wenn es Fr Federigo, vielleicht einst am Tag der Versammlung unter
den Eichen von Castellungo, begehrte ... Picard fand dies Papier im Sarge und
gab es Lucinden zur Uebergabe an mich ... Lucinde las es ... Sie, sie, die die
ganze folgenschwere Wucht unserer Lehre von der Intention bei priesterlichen
Handlungen kennt, die Lehre von der wirklichen Absicht, auch den uern Ritus so
zu meinen, wie man ihn vollzieht, sie, die schon hhnisch sagen konnte, Ulrich
von Hlleshoven und Monika, die gleichfalls in jener Zeit von Leo Perl getraut
worden, knnten in Rom bei der Behrde der Gnadenertheilung, der Sacra Dataria,
ihre Ehe getrennt erhalten - Sie wei es, da du nach unsrer Lehre der von Rom
ganz in die Priestermacht gegebenen Seele ein Ungetaufter bist, ein
Nichttheilnehmer, noch weniger ein Frderer am Gottesreich ... Sie konnte dir
drohen, da alle deine Handlungen als Priester zurckgehen mten, wenn sie, sie
es wollte - Denn nach Roms Gesetzen bist du, ob auch getauft, ein Heide -! ...
    Die Hnde schlug Bonaventura vor die Augen ... Zwei Convertiten, Leo Perl
und Lucinde, hielten das katholische Christentum an seinen Consequenzen fest ...
Was Jedem Thorheit erschienen wre, fr die Welt, in der Bonaventura
eingesponnen lebte, lag hier ein unermeliches Aergerni vor ...
    Er besann sich und that, als wollte er nur einen pltzlichen Anfall von
Unwohlsein verbergen ...
    Es wird vorbergehen! sprach er und hielt die Jdin zurck, die,
thatunkrftig wie sie war, zwar nach Wasser sich umblickte, nicht aber darnach
gehen konnte ... Obgleich Glas und Flasche hinter eben demselben Epheu standen,
den damals Lucinde zerpflckt hatte ...
    Das sah er, die Jdin besa nicht Lucindens ganzes Vertrauen ...
    Ihre Flucht vor Nck, ihre Liebe hatte sie ihm gestanden ...
    Die Jdin hatte es vielleicht aus eignem Antrieb bernommen, den
tugendstolzen Priester in seiner Abweisung menschlicher Schwche wankend zu
machen ...
    Das aber sah er: Sie wute nichts vom Inhalt der Leo Perl'schen Schrift,
nichts von der Bedeutung der Intention in der katholischen Kirche ... Sagte sich
Leo Perl bei der Taufe Bonaventura's: Ich habe nicht die Absicht, da das, was
ich eben thue, das ist, was die Kirche damit will! so war und blieb Bonaventura
- ein Heide ...
    Der Gefolterte, dem das Schicksal alle Prfungen der Seele verhngt zu haben
schien, hatte vom Stuhl, von dem er sich erhob, mhsam das Kanapee erreicht ...
    Da sank die lange schlanke Gestalt allmhlich und langsam nieder ...
    Das blasse Haupt aufsttzend rang er nach Fassung ... Seine Gedanken rollten
ihm um wie die wirbelnden Kreise des Philosophen von Eschede ... Sie traten ihm
wie ein buntes Flimmern vor die Augen ... Er wute keine Vorstellung mehr
festzuhalten ... Vorwrfe, Anklagen, mit denen sich das bedrngte menschliche
Herz in solchen Lagen zu helfen pflegt, kamen ihm nicht natrlich und freiwillig
... Nur ein Chaos der schmerzlichsten Vorstellungen ber die Thatsache und ihre
Folgen war es ... Es rief ihm alles: Also auch das ist mglich! Mglich unter
Menschen, die sich auf diese Art glauben unter die Herrschaft des Geistes
gestellt zu haben! ... Das geschieht dir, dir mit deinem redlichen Willen, der
dir befiehlt, nicht zu murren gegen dein halb schon bereutes Priesterjoch! ...
Das geschieht dir in dem Augenblick, wo du dein grtes Opfer bringen wolltest,
dein eigenes Grab zu graben, das Grab deiner Liebe! ... Nun noch dies! Noch
dies! ... Und Lucinde die Zauberin dieses Spukes, der dich ein Leben lang wie
Hexengru im falben Mondlicht ffen wird! ... Sollst du deine Wrde niederlegen?
... Sollst du dem Generalvicar dich anvertrauen und bekennen: Du bist kein
Christ?! ... Sollen alle deine kirchlichen Handlungen, die deine ungetaufte Hand
verrichtete, erst nachtrglich von einem Spruch Roms die Kraft des Sakramentes
erhalten! ... Nein! Nein! Nein! Ich trotze dem Geschick und lge! Ich mu, ich
mu lgen! ...
    Die Jdin sah diese Seelenkmpfe, zitterte, fragte, bat und - hoffte ...
    Sie konnte seinem Gedankengang ber den Inhalt des von Lucinden gefundenen
Briefes nicht folgen ... Sie wrde selbst aus dem Judenthum heraus, aus der
Religion des Gesetzes, kaum begriffen haben, wie ein Gemth, lebte es auch noch
so sehr im steten Gewissenszwang, so doch ber Sonnenstrahlen fallen, so ber
Spinnenfden straucheln konnte ... Sie wrde mit Christus gesagt haben: Ihr
verschluckt Kameele und seigt Mcken! ...
    Das Christenthum ist die grte Schmeichelei an uns Juden - und
Bonaventura stand wie ein Verbrecher ... Dmonische Stimmen raunten ihm zu:
Offenbare dich doch Lucinden! Was trennst du diesen Schatten deines Daseins von
dir selbst? Lucindens Liebe, Verschwiegenheit, Frevelmuth? ... Mit ihr vereint
ist ja alles still - Mit ihr vereint erstirbt ja der Hohn, der um dich her aus
tausend Larven rufen wird: Auch du wandelst den Weg der Lge! ...
    Schieben Sie Ihre Reise einen halben Tag auf! sagte Veilchen ... Hren Sie
die Beichte des armen Mdchens ... Sie will nichts, als Ihnen ein Bild ihres
gegenwrtigen Innern geben, vieler Geheimnisse, die sie drcken, auch der
Ursachen, warum sie so pltzlich das Haus des Oberprocurators verlassen hat ...
Ich versichere Sie, es mu eine groe Begebenheit gewesen sein, die sie zu mir
getrieben - Zu mir, in die dunkle schmutzige Rumpelgasse, zu meinem
unausstehlichen Nathan, den ich nun schon dreiig Jahre nehmen mu, wie er ist
... Ich mchte schwren, da in Holland, wo sie den ganzen Tag putzen und
scheuern, keine Stube so sauber und rein ist, wie meine Schlafstube im dritten
Stock unseres Hauses, das wir glcklicherweise allein bewohnen, und doch thut
mir das stolze Kind leid - im reinsten Glase Wasser sieht sie Judenthum ... Aber
sie hat keinen Ort gewut, wo sie sich verbergen sollte ... Ich drfte nicht an
Ihrer Stelle sein, Herr Priester ... Schon aus Neugier, was sie von der
Marcebillenstrae verjagt hat ... Acht Tage ist sie bei mir ... Der Nathan sieht
die Polizei jede Stunde kommen ... Ich hab' ihm versprochen, die Strafe aus
meiner Gage zu zahlen - 30 Thaler jhrlich, Herr von Asselyn! Ich bin der
wohlfeilste Buchhalter an der deutschen Brse ... So hockt sie verzweifelnd auf
meinem Kanapee, schreibt Briefe, zerreit sie, hat nichts bei sich, als ein
Bndel, mit dem sie aus dem Nck'schen Hause entflohen ist ... Hat der Mann Ihre
Ehre verletzt? rief ich sie an ... Sie antwortete mir darauf nichts, sah aber
aus, als kme sie vom Richtplatz und erst seit drei Tagen hr' ich sie weinen -
weinen wie im Brustkrampf! ... Sie sagt: Mein Unglck ist, ich falle ber mich
selbst! Ich bin nur fr die Schlechten da! Ich habe etwas in meiner Art, das
selbst die, die mich lieben wollen, an einem einzigen Tage zu meinen Feinden
macht! ... Knnt' ich ihm nur einmal noch alles sagen und beichten! sprach sie
dann ... Ich gestehe, Herr Priester! Von dem Wort Beichten hab' ich keinen
Begriff ... Je mehr ich bei mir selbst behalte, desto fester und besser werden
meine Gedanken ... Ja die mauern sich dann erst recht aus wie ein Schwalbennest,
das ganz sauber werden kann aus lauter kleinem Schmutz ... Mt' ich alles, was
ich denke und eben erlebte, so frisch und weich wieder von mir geben, wrde ich
wie ein leckes Fa ... Ich bin katholisch! sagte sie mir darauf ... Mein Gott,
da stritt ich nicht mehr und weil ich die Neigung ihres Herzens schon durch die
Bekanntschaft mit dem Herrn Pater Sebastus wute und wie die Gefahr, nicht an
Ihr Ohr zu gelangen, zu gro wurde durch Ihre Abreise, da sagt' ich: Wissen Sie
- Ich will fr Sie gehen, Frulein, wie Eliezer ging auf die Werbung fr Jakob
... Sie umarmte mich, begleitete mich bis hieher - Unten in der dunkeln Gasse da
- sehen Sie, da steht sie und wartet ... Geben Sie der Armen den Trost, da sie
Ihnen noch einmal, nur als einem Priester versteht sich, ihr Herz ausschtten
kann ...
    Bonaventura's Gedanken sammelten sich in der Vorstellung, was Lucinde so
pltzlich aus dem Hause Nck's entfernt haben mochte ... Auch an den Brand und
an die Urkunde dachte er ... Er stand sinnend und zgernd ...
    Die Jdin blickte aus ihren klugen Augen mit jener List hervor, die auch das
gutmthigste Kind im Spiele hat, wenn es Freude an einem Sieg seiner Klugheit
verrth, ohne damit Bses zu wollen ...
    Bonaventura hatte sich erhoben ... Er hielt sich vom Fenster fern ...
    Er berlegte und sah die Scene, die ihm mit Lucinden drohte ... Sie konnte
jetzt nicht anders enden, als mit ganzer Vertraulichkeit ber alles, was ihn
drckte ... Ein gemeinschaftliches Geheimni zu bewahren bindet die Seelen wider
Willen ... Er htte Lucinden nicht anblicken knnen ohne zu sagen: Den Brief des
Geistlichen Leo Perl - gib mir zurck oder zerreien wir ihn und la' ihn
zwischen uns ein ewiges Geheimni bleiben! ... Sich einem Weib verpflichtet
fhlen, raubt dem Mann seine Selbstndigkeit und Dank ist schon an sich eine
Pflicht, die eine edle Seele nie karg abtrgt ...
    Bonaventura ging eine Weile auf und nieder ... Er kmpfte ... Endlich hatte
er entschieden ... Er wollte, er konnte nicht nachgeben ... Er sah in die
Zukunft - ahnte, da sie ihn immer und immer in Lucindens Bahnen fhren wrde
... Jetzt aber, jetzt in dem letzten Opferdienst seiner Seele fr Paula, wollte
er sich rein erhalten ... Er schttelte sein Haupt und sprach: Ein andermal! ...
Und fr sich: Komme was komme! ...
    Die Jdin stand in der Nhe der Thr, schon ihren Hut in der Hand ...
    Es schlug neun ...
    Ich kann meine Reise nicht aufschieben, fuhr Benno fort ... Erklren Sie -
Lucinden, ich kme - ja zurck - und dann - dann vielleicht ...
    Veilchen schttelte unglubig den Kopf ...
    Das bestreitet sie - sagte sie ... Sie behauptet, Sie kmen nie zurck ...
    Bonaventura lie, wie ein Ueberwundener, nur die Arme sinken und schttelte
ablehnend sein leidendes Haupt ...
    Woraus schliet sie das? fragte er, vor Ueberanstrengung seiner Seele vllig
kraftlos - ...
    Veilchen erwiderte:
    Man wrde Sie in Wien fesseln, sagte sie ... Schon wre ein Verwandter von
Ihnen gefesselt worden ... Man wrde Sie nicht sehen knnen, ohne die nicht zu
beneiden, denen Sie immer angehrten ... Ich wiederhole ihre Worte ... Sie nennt
schon einen Bischofssitz, der fr Sie bestimmt ist, Herr Priester ... Robillante
in Italien oder einen hnlichen Namen ... Im Thal von - Castellungo - Das ist
der Name ... Ich habe ihn behalten ...
    Bonaventura faltete nur die zitternden Hnde ...
    Die beiden Mnche, fuhr Veilchen fort, die dieses Frhjahr von Witoborn
entflohen, haben aus Rom geschrieben, da in ihrem Kloster ein Mnch lebt, der
ein Bisthum ausgeschlagen htte, das ein mchtiger Cardinal gelobt htte, dem
heiligsten Priester in der Christenheit zu geben ... Und in Wien sind - Sie,
Sie, Herr Domkapitular, schon dafr genannt worden ... Das wurde
hereingeschrieben ... Lucinde wei alles ... Sie werden in Wien mit diesem
Anerbieten empfangen werden ...
    Bonaventura hrte nur ...
    Eine Besinnung, eine Fassung lag nicht mehr in seiner Kraft ...
    So hrten Sie selbst das noch nicht? fragte die Jdin, immer hoffend, den
Zweck ihres Besuchs zuletzt noch erreichen zu knnen ...
    Bonaventura hauchte:
    Sie - berichten - mir - Wunderdinge ...
    Er lie sich die Namen noch einmal nennen ...
    Es waren und blieben die Namen Robillante und Castellungo ... Die Orte, wo
Paula leben sollte - wo Fr Federigo lebte ... Er sah Benno, Olympia, Ceccone
betheiligt ... Das war das von Benno erwhnte Bisthum ... Gaben es ihm wol gar -
die Jesuiten? dachte er einen Moment ...
    Verlassen Sie sich! fgte Veilchen hinzu ... Sie kommen nicht zurck ... Sie
werden in Italien ein Bischof ...
    Ohne noch zu widerreden, faltete Bonaventura, berwunden von den Fgungen
seines Geschicks, aufs neue die Hnde ... Er sah, wie mit bergeistigtem Auge,
Paula auf dem Schlosse, auf dem sie einst in ihrer Vision die Fahne mit den
Dorste'schen Farben erblickt hatte ... Seinen Vater sah er unter den Eichen von
Castellungo ... Ein Glanz umflo ihn wie die himmlische Morgenrthe ...
    Dennoch schttelte er den Kopf auf die wiederholten Bitten der Jdin ...
    Herr Priester! ... Das ist grausam, wallte diese auf ...
    Solchen Worten zrnte er nicht mehr ...
    Gute Nacht, Liebe! sprach er ... Dank fr Ihre Verschwiegenheit - wegen
dessen, was Herr Seligmann hrte, eine Verschwiegenheit, auf die ich bei unserm
gemeinsamen Gott fest und heilig baue ... Sagen Sie aber Lucinden: Wer
allwissend ist, ist auch allmchtig! ... Was kommt sie zu mir -! ...
    Herr Priester -! bat Veilchen noch einmal instndigst ...
    Komm' ich in der That nicht wieder, so wnsch' ich ihr alles Glck und jeden
Frieden des Gemths ... Ich danke Ihnen, da Sie ihr Bote wurden ... Sie sind
treu, was Sie auch gegen die Treue sagen ... Doch gehen Sie, ohne mich noch
wankend machen zu wollen ... Es gelingt nicht ... Drohungen, die Lucindens
Charakter entsprechen, schrecken mich nicht; ich kann, sagen Sie ihr's, alles
ertragen ... Noch eins! Ist sie hlflos, so schreibe sie offen und getrost - an
meinen Oheim in der Dechanei ... Das ist nicht wahr, da alle vor ihr fliehen
... Der Onkel verehrt sie wahrhaft; er wird alles fr sie thun ... Sagen Sie ihr
das! Mein Oheim ist ganz der Freund, den sie sucht ... Sagen Sie ihr auch - da
ich glcklich bin ber ihre Trennung von Nck und da ich nie in dem Verhltni
ein Arg gefunden ... Nicht aber mehr ... Ich kann nicht anders ... Die Kraft
fehlt mir, all die Brden zu tragen, die mir ihre Beichte noch auferlegen wrde
... In Zukunft! ... Ich reise morgen in erster Frhe ... Nun bleibt es dabei ...
    Damit half Bonaventura Veilchen schon den Mantel auf die Schultern legen ...
    Sie schttelte den Kopf wie ber die Thorheit der ganzen Welt ... Still
befestigte sie ihren Mantel ...
    Bonaventura leuchtete ihr hinaus und begleitete sie ber den Corridor bis an
die nchste Treppe ... Diese war erleuchtet ... Veilchen wandte sich noch
einmal, sah den Priester mit ihren geffneten Augen wie einen
bemitleidenswerthen Wahnbefangenen an und schlich die Treppenstufen nieder ...
Bonaventura wartete, bis er hrte, da sie das Hausthor gefunden ...
    Dir sind wol schon hundert wie mit unsichtbaren Ketten gebunden, die dir
beichteten, sagte er sich, zurckkehrend in sein Zimmer, mit dem ganzen
ausbrechenden Schmerz seiner Seele; aber wie du gebunden, du umstrickt bist von
deinen eigenen Lebensrthseln, das ist ein Verhngni wie im Haus - der alten
Labdakiden! ...
    Und des so wohlthuenden Eindrucks der Jdin gedenkend, rief er laut:
    Gott der Christen - Gott der Juden - Allah -! ... Zeus! ... Ja auch der
Olymp herrscht noch ... Nicht alle Gtter der Alten sind in nichts zerflossen
... Die Nemesis - die Tyche - die Keren haben ihr Amt behalten ...
    Der Gedanke, da ein Bisthum neben dem Schlosse, wo Paula wohnen sollte, fr
ihn eine Unmglichkeit wre, stritt mit der Ungewiheit ber den Eindruck, den
ihm Graf Hugo machen wrde und nach dem er doch der Wahrheit gem entscheiden
sollte ...
    Sein Lager suchte er, um nur allein die mden Muskeln zu strecken ...
Schlaf, wute er, wrde ihn fliehen ... Trumte er, so wrde der Ungetaufte -
vom Jordan trumen ...
    In der That erhob er sich vor Sonnenaufgang ohne Strkung ...
    Es war ein nebeliger Morgen ... Er kleidete sich an ... Renate credenzte ihm
den gewohnten Labetrunk ... Sie weinte ... Der gute und ernste Mann war ihr wie
ein Sohn geworden und seit Monaten sah er krank und zerfallen aus und auf wie
lange verreiste er ...
    Auch in Bonaventura's Auge standen Thrnen ... Er ahnte, da er die alte
Frau nicht wiedersehen wrde ...
    Rings blickte er auf seine Bcher, seine Bilder ... Es war ein Abschied auf
ewige Zeit ...
    Die Huldigungen, die seiner ersten Abreise gebracht wurden, fehlten auch
dieser zweiten nicht ...
    Fr die von ihm etwa abgefallenen Seelen waren andere eingetreten und die
Feierlichkeit der Begrung im Kapitelhofe war sogar noch grer, als frher
durch Schnuphase's Rede ... Sie war geordneter ... Die Curie hatte an dem Erfolg
dieser Reise das hchste Interesse ... Viele der alten Herren traten selbst an
seinen Wagen ... Dies war ein ganz eleganter, den Bonaventura gar nicht bestellt
hatte ...
    Den von Glckwnschen fast Erdrckten hob Thiebold, der gestern nur zum
Schein Abschied genommen hatte, in seinen eigenen Wagen ... Er hatte alles so
arrangirt ... Der gestrige Abschiedsbesuch maskirte die Absicht, den
Hochverehrten nicht blos bis an das Dampfboot zu begleiten, sondern auch noch
eine Strecke weiter hinaus ...
    Die Blumen wurden einem Altar der Kathedrale bersandt, an dem Bonaventura
oft celebrirte ...
    Thiebold lie sich nicht nehmen, bis zum Hneneck mitzufahren ... Zwei
Stunden lang zerstreute er die stille, der Sammlung bedrftige Seele des
unglcklichen Priesters ... Erst am Hneneck verzogen sich die Nebel ... Die
Gegend, selbst im Winteranfang lieblich wie immer, entschleierte sich ...
Thiebold konnte nicht allen Empfindungen Ausdruck geben, die ihm der Anblick
Lindenwerths, der Blick nach Drusenheim und dem Geierfels hinber machte,
wenigstens nicht in Bonaventura's Gegenwart ... Am Gasthaus zum Roland landete
der Dampfer ... Thiebold stieg hier aus und erneuerte den Abschied ...
    Als Bonaventura allein war und tiefbewegt Rundgnge, die denen in seinem
eigenen Geisteslabyrinth glichen, auf dem Verdeck machte, das erst jetzt von
seiner Reinigung und der Nebelnsse zu trocknen anfing, bemerkte er, gerade beim
Hinblick auf die Maximinuskapelle und den Sanct-Wolfgangsberg, hinter dem sein
altes stilles Glck lag, einen jungen Mann, der, mit dem Rcken an den Radkasten
der Maschine gelehnt, ihn mit groen durchbohrenden Augen ansah ...
    Die Gestalt war nicht zu gro, zierlich und behend ... Die Kleidung elegant
... Ein Mantel von dunkelbraunem Tuch mit offenen Aermeln, am Kragen besetzt mit
schwarzem Sammet, das Futter von einem langflockigen Zeuge und Schnurtroddeln
geschmackvoll zum Zusammenhalten des Mantels - Darunter ein schwarzer
enganliegender Oberrock ... Die Cravatte schwarz; ebenso die Handschuhe ... Ein
feiner ganz neuer Hut auf dem Kopf ... Die Haare kurzgeschnitten ...
    Ueber den starren Ausdruck des brunlichen zierlichen Antlitzes flog ein
Errthen und ein verlegenes Lcheln, als Bonaventura's Blick lnger auf dem
jungen Mann verweilte ...
    Doch zerstreute ihn bald die theure, geliebte Gegend ...
    Es ging vorber an der Maximinuskapelle, am Weien Ro߫ ...
    Bonaventura bemerkte den jungen Passagier nicht mehr ... Auch spter bei
gemeinsamer Tafel fehlte die Gestalt, die ihm den unheimlichen Eindruck einer
Aehnlichkeit mit Lucinden machte ...
    Hafenruhe konnte erst spt gegen Abend um zehn Uhr geboten werden ...
    Der junge Passagier war verschwunden ...
    Die Fahrt ging zuletzt im Dunkeln und bedurfte der Vorsicht ... Aber so kalt
es wurde, die Passagiere verbrachten die lngste Zeit lieber auf dem Verdeck ...
    Bonaventura ging auf und nieder ... Ein Berg mit einem hochthronenden
Schlosse fhrte ihm die Scene vor, die Benno mit dem Staatskanzler erlebt und
geschildert hatte ... Es war schon bald bei Ankunft in der groen alten
goldenen Stadt, wo die Rast fr die Nacht stattfinden sollte, als Bonaventura
wieder den jungen Mann erblickte, eingeschlagen in seinen weiten Mantel und
nicht weit vom Steuerruder sitzend ...
    Er rckte und rhrte sich nicht ...
    Ging aber Bonaventura an ihm vorber, so war es ein einziger unter dem etwas
breitrandigen schwarzen Hut und aus der Umhllung des emporgezogenen
Sammetkragens hervorzuckender Blitz der Augen - ein Funkeln, wie ein Kfer in
der Nacht aufglht, ein Funkeln, wie ein lauerndes Raubthier sich durch nichts,
als seine Augen verrth ... Kein Laut, keine Bewegung, als ein Zurckziehen des
lackirten zierlichen Stiefels, um dem Vorbergehenden Platz zu machen ... Die
Situation, die Zeitdauer, alles bot dem Priester Mue, sich an die entsetzliche
und doch fast beruhigende Vorstellung zu gewhnen: Wenn das Lucinde wre! ...
    Beim Landen, beim Wohnen in einem Rheinischen Hof war die Spur des jungen
Mannes verschwunden ...
    Nach zwei Tagen und einem Aufenthalt in Frankfurt befand sich Bonaventura in
der Stadt, wo er im Seminar gewesen ...
    Es war dasselbe Seminar, von dem Serlo erzhlte ...
    Er besuchte alle ihm denkwrdigen Pltze der Erinnerung ... Die Altarstelle,
wo er zum Priester geweiht worden ... Das Zimmer, wo Paula in der orthopdischen
Anstalt lag ... Den Bischof, bei dem Lucinde convertirte ... Den Mitgeweihten
Niggl, einen noch immer zwischen dem Naiven und Excentrischen unpraktisch,
brausend und schnaubend hin- und herfahrenden, gutmthigen Phantasten ...
    Bonaventura sah und begrte alles wie zum letzten mal ...
    Auch das berhmte Hospital des alten Bischofs Julius sah er ... In dem
botanisch gepflegten Garten schien die Jahreszeit noch nicht der November ...
Die Genesenden saen zwar nicht im wrmenden Sonnenstrahl, aber die Irren
rannten hin und wieder, gesticulirten und sprachen aufs zufriedenste mit sich
selbst ...
    Da wieder der Anblick des jungen Mannes vom Dampfboot ...
    Kaum scho er an ihm und an Niggl, der ihn begleitete, vorber, so sagte
dieser:
    Wer war nur das? Das Gesicht ist mir so bekannt ...
    Nach wenigen Augenblicken, wo der junge Mann verschwunden war, begann Niggl,
von unbewuter Ideenassociation geleitet, von Lucinden als von einer
Hocherleuchteten, von einer durch Nck und Hunnius und viele andere in alle
Vorkommnisse des innern Kirchenlebens Eingeweihten ... Er scherzte ber die ihm
wohlbekannte Neigung derselben zu seinem Besuch ... Beda Hunnius hatte ihm
darber Mittheilungen gemacht ... Er wute schon, da sie von Nck sich entfernt
hatte, und vermuthete, sie wre nach Belgien, um Jesuitesse zu werden -
Redemptoristin - nach dem uern Ausdruck ...
    Das Gesprch kam von dem verfnglichen Gegenstand ab ...
    Bonaventura sah den jungen Mann nicht wieder, aber sein Herz bebte von den
trbsten Ahnungen ...
    Die Donau kam ... Bonaventura bewunderte den regensburger Dom und bestieg
die Hhe, auf der Knig Ludwig die Walhalla erbaut hat ... Ein Aufenthalt dort
oben wie Athemzge im Aetherreich ... Unten die Erde mit ihren Mhen, hier oben
die Himmlischen ... Ausgerungen haben Kampf und Leidenschaft ... Hier sind die
Pforten der Welt des Plato, die Eichen im Haine Odin's ... Walkyren stehen zwar
noch, die unerbittlichen Parzen, in marmornen Gebilden an der Schwelle des
Tempels; aber sie scheinen Vershnerinnen, nicht mehr Rcherinnen ...
    Bonaventura stieg die Riesentreppe nieder - tieferfllt von dem empfangenen
Eindruck ... Da blickt er auf neue Ankmmlinge ... Eine Gesellschaft, die eben
mit einem Boot aus Regensburg angekommen sein mochte, steigt ihm von unten her
entgegen ... In ihrer Mitte - sein Reiseschatten, der junge Mann im braunen
Mantel ... Dicht streift er, tief niederblickend, an ihm vorber ... Zwei
Schiffe kreuzen sich so auf dem Meere ...
    Bonaventura konnte nicht stehen bleiben, nicht der spukhaften Erscheinung
nachsehen ... Sie war schon wie seine Furcht, wie sein Gewissen geworden ...
Beim jedesmaligen Begegnen fuhr ein schriller Ton durch die Luft: Du
Ungetaufter! ... Und ebenso sagte das Lcheln des jungen Mannes: Bleibe ruhig,
ich bin dein Schutzgeist! ...
    Die regensburger Geistlichen, von denen Bonaventura begleitet war, fhrten
den Erblassenden, Schwankenden noch in einem Wagen nach einem Oertchen,
Straubing gegenber ... An der Stelle, wo Agnes Bernauer ihren Tod in den Wellen
gefunden, bestieg er das Dampfboot ... Er glaubte annehmen zu drfen, da er
nicht allein fuhr - da der junge Mann - Lucinde - schon auf dem Dampfer war ...
    Er sah sie aber nicht ... Nicht die ganze Reise entlang, die zwei Tage
dauerte ... Er glaubte nun doch an eine Tuschung in der Person ...
    So kam er nach Wien ... Er sah zum ersten mal eine so rauschende, volkreiche
Stadt, wohnte bei dem Chorherrn, der ihn ganz erst so zuwartend und prfend wie
Benno empfing, theilte die Aufgaben, die seiner im Gewhl dieser groen Stadt
harrten, gewissenhaft ein, berlegte: Wie nherst du dich dem Grafen! ...
    Darber vergingen einige Tage ...
    Die Grfin Erdmuthe war zum Grafen Hugo auf Schlo Salem hinaus, um den
grollenden Sohn hereinzuschmeicheln ...
    Bonaventura hatte beim Cardinal Ceccone seine Briefe persnlich abgegeben,
war in der That von dem liebenswrdigsten und zuvorkommendsten Benehmen eines
Priesters, der die Grazie als Milderung der List ber sein ganzes Wesen
ausgegossen trug, mit dem Anerbieten des Bischofssitzes von Robillante begrt
worden ... Olympia, die Herzogin von Amarillas, Benno wurden als seine
Protectoren genannt ...
    Alle seine Pulse flogen, als er, nach der von ihm um Bedenkzeit
ausgesprochenen Bitte die Stufen des kleinen Palastes niederstieg ...
    Er wute nicht, wie er auf die Strae kam ...
    Kaum blickte er auf, da rollte ein Fiaker vom Hause, der nur auf ihn
gewartet zu haben schien ...
    Aus dem Schlag blickte ein Kopf - der junge Mann im braunen Mantel ...
    Pfeilgeschwind scho der Wagen vorber ...
    Er verlor die Besinnung und verirrte sich in den Straen ...
    Wer Bonaventura sah, wer ihn nach einer Vorstellung anredete, wen er
besuchte - jeder wute, da er Bischof werden sollte im Piemontesischen ...
Jeder fragte nach seiner italienischen Predigt in Maria Schnee, die zugleich
mit drei Messen bedungen war ...
    Man fand diese Erhebung so natrlich ... Man sagte, der Domkapitular wre
ein Gesinnungsgenosse des Kirchenfrsten und in seiner Heimat unmglich
geworden ... Dort schied er aus ... Auch seine Gesundheit rathe ihm den
Aufenthalt im Sden ...
    Sofort in den Palatinus zu gehen vermochte er nicht ... Er zitterte, sich
dort zu verrathen ... Aber es suchte ihn schon Frst Rucca auf ... Olympia
berhufte ihn mit Geschenken und Zuvorkommenheiten, wie sie eben nur Priester
anzunehmen gewohnt sind ... Er rstete sich, noch unentschlossen, gedrngt vom
Chorherrn - italienisch zu predigen ... An sich war es ihm ein Leichtes, da er
die Sprache so gewandt, wie Benno, sprach ...
    Noch immer sah er die Herzogin nicht ... Der Boden unter ihm wurde hei wie
Feuer ... Glhende Lava rann neben ihm ... Was soll aus Alledem werden! sthnte
er vor Schmerz ber seine Lage ... Nun auch noch die fremden Leiden zu den
eigenen! ...
    Schon wuten auch die Zickeles, wohin ihn seine Creditbriefe fhrten, von
seiner Ernennung und wnschten der Grfin Erdmuthe Glck, ihn als einen
Deutschen so in der Nhe zu haben ... Er mute sich sagen: Das zerstrt ja jede
Mglichkeit der Ehe ihres Sohnes, wenn Graf Hugo die Absicht meiner Reise
erfhrt und - Paula's Empfindungen fr mich kennt -!
    In der That, die Grfin empfing ihn mit der Klte, die er erwartet hatte ...
Hate sie schon das rmische Priesterthum an sich, war sie wie ihr Sohn
tiefverletzt von der Bedingung, da erst eines Beichtvaters Ja! oder Nein! ber
Paula's Willen entscheiden sollte, so war die Nachricht, dieser Beichtvater kme
nun auch sogleich dicht in die Nhe Castellungo's, wo der Graf so gern ganz sich
niedergelassen htte, und folgte demnach seinem Beichtkinde, fr sie ein wahrer
Hohn, den die Kirche dem Stolz dieser Familie sprach ... Sie sah hier nichts
als die Veranstaltung der Jesuiten ... Sie sah das fortgesetzte Wirken des
Ordens, dem Terschka sich entzogen hatte ... Sie sah die Feindseligkeit des
Erzbischofs von Cuneo, des Cardinals Fefelotti, der bereits gewaltsam in die
Rechte der Waldenser eingegriffen hatte ...
    Als Bonaventura von seiner ersten Begegnung mit der Grfin mit dem
Entschlu, lieber doch dieser Lockung des Ehrgeizes, dieser Lockung seiner Liebe
zur Geliebten und zum Vater mit uerster Kraft zu widerstreben, nach Hause kam,
regnete es in Strmen ...
    Schon war es spt ... Er konnte nicht sogleich auf der Freyung die Pforte
finden, die die seinige war ...
    Eine Weile dauerte es, bis er sich zurecht fand ...
    Wie er geklingelt hatte, schlug unter den vielen Regenschirmen, die um ihn
her sich fast den Platz benahmen, einer, ein dunkelblauseidener, auf ...
    Indem er in sein Wohnhaus trat, erkannte er die langsam an ihm
vorbergehende Gestalt im braunen Mantel und mit den schwarzen Handschuhen ...
    Das Blau des Schirmes, das Gaslicht der Laterne, die gerade neben der
Hauptpforte befestigt war, der mit Schnee untermischte Regen gaben dem Antlitz
des jungen Mannes den Ausdruck des Todes ...
    Kein Wort, nicht einmal ein zweiter Blick, nur ein Lcheln, wie: Siehst du
nun? - und das Bild war vorber ...
    Bonaventura suchte wie vor einem Gespenst sein einsames Zimmer ... Er floh,
als wenn Lucinde hinter ihm her huschte und hhnte: Heide! Heide! und dann doch
sagte: Aber sei ohne Furcht! Ich sag' es nur dir! ... Sie ist es, rief er ...
Sie ist es ... Was kann sie noch wollen? ...
    Am folgenden Tage sah er endlich die Herzogin von Amarillas ...
    Olympia ruhte nicht eher ...
    Principe Rucca suchte ihn fast gewaltsam in den Palatinus zu fhren ...
    Ceccone war zugegen ... Es war uerlich ein heiterer Abend ... Unter den
Scherzen zitterte das tiefste Leid ... Angiolina wurde nicht erwhnt ...
    Benno's Mutter fand er, wie sie dieser geschildert ... Unter dem Schein
uerster, ja abstoender Klte eine leidenschaftliche und dann doch wieder
pltzlich kalt verstndige Seele ...
    Er und sie benahmen sich so, als wten sie nichts vom Tiefverborgenen ...
    Olympia berhufte ihn mit Schmeicheleien und Liebkosungen - um Benno's
willen, den sie fr seine Flucht einen Maledetto nannte, den sie nun bald in Rom
strafen wrde ...
    Principe Rucca nannte den Baron von Asselyn schon den allerbesten Freund,
den er in dieser Welt bese ...
    In einigen Wochen hofften alle in Rom zu sein ... Es schienen Menschen,
hergekommen aus jener alten Welt der Imperatoren, wo die Frauen in ihren
Ohrgehngen den Werth eines Knigreichs trugen ... Sie fanden ganz in der
Ordnung, da der Bischof von Robillante sein Bisthum vom Kapitel verwalten lie
und den Carneval in Rom verbrachte ... Wie bewunderten sie Bonaventura's
italienische Aussprache ...
    Die Herzogin war bei all diesen wilden und leichtsinnigen Exclamationen - -
die Duenna Olympia's - jene Arme, die sich von Kirche zu Kirche fortbetete, weil
sie keine Kutsche bezahlen konnte ... Sie stand tief befangen und mit Zittern
lauschend ... Die noch zum Leben verurtheilte - Niobe, wie sie Bonaventura's von
ihr seltsam gefesseltem Auge erschien ...
    Die Schwierigkeit der von Paula gestellten Aufgabe lhmte Bonaventura's
Entschlieungen ...
    Wie sollte er dem Grafen sich nhern? Wie ihn nur annhernd ergrnden? ...
    Selbst Erkundigungen nur ber seinen Ruf einzuziehen, widerstrebte ihm ...
    Auch kannte jedermann und niemand mehr, als Bonaventura, sein Verhltni zu
Angiolinen ... Er wute durch Benno, da der Graf ehrenwerth war, ja edel von
Paula sprach ... Er konnte nur nach Westerhof schreiben: Er ist vollkommen
wrdig! ... Dennoch - ihn sehen, eine Weile mit ihm leben, war unerllich ...
    Die Mutter des Grafen betrachtete ihn indessen mit prfenderen Augen, als er
auf ihren Sohn gerichtet haben wrde ...
    Als der Graf hrte, Bonaventura sollte Bischof von Robillante werden, kam er
noch weniger von Schlo Salem herein, von dessen Versteigerung man schon sprach
...
    Bonaventura erfuhr letzteres von Angelika Mller ...
    Diese, endlich einmal wieder in katholischen Berhrungen recht sich
ausschwelgend, sagte:
    Grfin Erdmuthe fhrt hin und her, schickt Boten ber Boten an die Zickeles
... Die Katastrophe ist reif ... An die Stelle des Adels tritt in dieser Welt
die Brse ...
    In diesen Zustand der Unentschlossenheit, die durch Lucindens verlorene Spur
gemehrt wurde, hinein drngten sich die Vorbereitungen zur wirklichen
Vollziehung seiner Bischofswahl, noch ehe er ganz entschieden zugesagt hatte ...
    Das Kapitel von Robillante hatte seiner eigenen Wahl sich begeben und der
rmischen Curie die Besetzung mit einer ihr genehmen Persnlichkeit berlassen
... Bonaventura stand der Grfin und dem Grafen gegenber in einem Licht, das
das ungnstigste von der Welt sein mute ... Was sollte Paula denken! Was ganz
Westerhof! ...
    Da, zur Mehrung des falschen Scheins, mute es geschehen, da der
unwiderstehliche Zug des Herzens, der Bonaventura nach den Eichen von
Castellungo zog, eine Entscheidung erhielt, die ihn bestimmte, in der That die
Mitra und den Krummstab anzunehmen, es mochte kommen, was da wollte - - ...
    Er war bei Grfin Erdmuthe gewesen, hoffte wieder vergebens, bei ihr den
Grafen Hugo zu begren ...
    Die Grfin empfing ihn mit uerster Klte, heute mit einer Aufregung des
Zorns ...
    Ihre Augen glhten, ihre Hnde zitterten ...
    Ha, brach sie nach den ersten Begrungen aus, da seh' ich die neuen Kmpfe,
die mir beschieden sind! ... Haltet Recht und Gerechtigkeit und errettet den
Beraubten von des Frevlers Hand! spricht der Prophet ... Ich mu nach Italien
... Fefelotti zertritt die Frchte meiner Anstrengungen ... Hab' ich darum mit
soviel Kronen und Cabinetten unterhandelt! ...
    Bonaventura erfuhr eine Schreckenskunde - auch fr ihn ...
    Die nach Witoborn zu Hedemann's Hochzeit reisende Mutter Porzia Biancchi's,
die bei den Seidenwrmern zurckgebliebene Giuseppina Biancchi, Gattin des
frankfurter Napoleone, Schwgerin des Professors Biancchi, der - ein echter
Italiener - vor seiner Verwandtin pltzlich verreist war, hatte diese
Nachricht eben mitgebracht ...
    Der Eremit von Castellungo, Fr Federigo, war spurlos verschwunden ...
    Im Mund des Volkes ging nur Eine Stimme ... Der neue Erzbischof von Cuneo
hatte ihn in die Kerker der Inquisition geworfen ...
    Als Bonaventura diese Mittheilung hrte - als er den Strom von Anklagen und
Verwnschungen, in denen sich die Greisin erging, auch nicht mit einem einzigen
Wort unterbrach, sondern nur, wie die Wand so wei geworden, den Bericht vernahm
und sich ihn von der hereingerufenen alten Italienerin besttigen lie - wie er
selbst dem kleinsten Zug der Mittheilung eine fieberhafte Aufmerksamkeit
schenkte, htte eine mit geringerem Selbstvertrauen begabte und nicht ganz nur
in sich selbst lebende Persnlichkeit, wie die der Grfin, wohl erkennen mssen,
welche Umwlzungen im Innern Bonaventura's vor sich gingen ...
    Sie sah in dem Zucken seiner Nerven, in seinen auf den Lippen ersterbenden
Fragen und Antworten nur die Beschmung eines rmischen Priesters ...
    Jetzt bricht es aus, was die Rotte Korah, die Vter der Gesellschaft Jesu,
ber unser Haus verhngt haben! rief sie leidenschaftlich aus ... Dieser
redlichste Freund der Armen, dieser wahre Priester Gottes, dieser Rathgeber,
Trster, Lehrer der Unglcklichen und Unwissenden, ein heimatloser Pilger, den
ich seit Jahren schtzte, ein Deutscher nach allem, was ich von ihm entdecken
konnte, so oft ich seine einsame Htte besuchte und eine Vergangenheit zu
ergrnden strebte, die er vielleicht notgedrungen verhllt - schmachtet jetzt in
den unterirdischen Kerkern des Kapitels von St.-Ignazio - ist vielleicht schon
den Ketzerrichtern, den Dominicanern der Trinit zu San-Onofrio bergeben! ...
    Und kein Beistand von der Regierung, fuhr sie fort ... Diese Regierung ganz
in den Hnden der Jesuiten ... Kein Beistand bei den benachbarten Geistlichen
...
    Nicht bei mir?! rief Bonaventura mit mchtig hallender Stimme ...
    Seine Augen leuchteten ...
    Er stand aufrecht, erhoben, wie mit einem Blitzstrahl in seinen krampfhaft
ausgestreckten Hnden ...
    Die Grfin betrachtete die seltsame Bewegung, hrte das Wort des Beistands
mit Theilnahme - aber, da nchst dem Glauben ihr der Sohn ihr Alles war, so sah
sie jetzt nur die wirkliche Besttigung des Gerchts ber Bonaventura's
Bischofssitz - in der Nhe der lutherischen Salem-Camphausens - in der Nhe
Paula's, ihrer - allenfallsigen Schwiegertochter ...
    Die Entfremdung blieb die alte ...
    Eine Annherung an den Grafen war aufs neue gestrt ... Eine bloe
Formalitt, die Bonaventura zur Beruhigung Paula's und der Verwandten schnell zu
beenden glaubte, wurde immer unmglicher ...
    Er rannte dahin - wie von Rossen gezogen ... Er hatte sich noch von der
Grfin und von der alten Italienerin ber seinen vermeintlichen Vater erzhlen
lassen ...
    Jeder Zug besttigte seine Ahnung ... Sein Vater lag nicht in dem Schnee der
Alpen begraben, nicht in Sanct-Remy - er lebte - war seiner Freiheit beraubt ...
Beraubt durch Fefelotti, dem er berechtigt sein konnte, gegenberzutreten ...
    Es gab jetzt keine Wahl mehr fr ihn ... Er mute Bischof von Robillante
werden ... Paula gegenber das zu bleiben, was er bisher war, ein Entsagender -
diese Kraft fr ein ganzes Leben sich zuzutrauen, entmuthigte ihn ja nichts ...
    Wie aber jetzt die Vereinigung aller Interessen! ... Er htte dem Grafen
sich so gern ganz vertrauen, ihn in seine Seele blicken lassen mgen ... Die
Heirath Paula's mute stattfinden ... Aber auch von seinem Bischofsstabe konnte
er nicht lassen ... Sollte er sich dem Chorherrn anvertrauen? ... Dem Cardinal
Ceccone selbst? Sollte er dem Grafen an die Brust sinken? Gerade da sich
ausweinen? ... Wre Benno's Vermittelung mglich gewesen! ... Fast war es ihm
ein Trost, den Doppelgnger Lucindens oder sie selbst zu sehen ... Er konnte
annehmen, da sie noch nicht alles, alles kannte, was seine Seele belastete ...
    Daheim erwartete ihn Leo Zickeles, der lteste der Shne des groen
Handlungshauses, und beklagte aufs bitterste, da der Gang der Geschfte mit dem
Grafen eine so ble Wendung zu nehmen drohte ... Alle Hoffnungen schienen
zerstrt, die Aussichten auf die Heirath schienen gescheitert ... Die Grfin,
hrte er, htte neue Verbindungen mit Geldleuten eingeleitet ... Sogar an Herrn
von Ptzl wre eine Annherung erfolgt ... Zweideutige Agenten riefe sie in ihr
Palais ... Der ungerechte Mammon brachte die liebende Mutter um alle Haltung
...
    Leo Zickeles sah in dem seufzenden Schweigen des jungen vornehmen
Geistlichen nur - die Verstocktheit der Kirche gegen eine gemischte Ehe, uerte
sich aber darber mit der seiner Stellung geziemenden Zurckhaltung ...
    Am Abend durfte Bonaventura nicht beim Cardinal Ceccone fehlen ... Er lie
sich getrost als Bischof von Robillante begren, komme was da wolle - und
doch sagte er sich: Treulos handelst du an den Verwandten Paula's - an dem
Grafen Hugo! ... Er war mit seinem ganzen Dasein zerfallen ...
    Den folgenden Morgen hatte er verzweifelnde Briefe an den Onkel, an Benno
geschrieben ... Aber er war willens, in die Kirche Maria Schnee zu gehen, die
alle geistlichen Functionen, Messe, Beichtstuhl, Predigt ihm schon gestattete
...
    Dann wollte er nach Schlo Salem fahren und den Grafen dort begren - oder
nicht eher weichen, bis er ihn gesprochen, ihm - er hoffte es - Vertrauen
abgewonnen htte ...
    Um halb zehn Uhr erhielt er einen Brief vom Grafen selbst ...
    Er war datirt aus der Stadt und vom frhesten Morgen ... Man hatte den Brief
zurckbehalten, bis Bonaventura sein Zimmer ffnete ...
    Hochwrdigster Herr Domkapitular! lautete er. Noch immer ist es mir nicht
mglich gewesen, in der Stadt Ihren Besuch zu empfangen und zu erwidern, da ich
durch vielfache Geschfte an meinen Landaufenthalt gebunden bin. Gestern Abend
bin ich von Schlo Salem hereingekommen und zwar auf Grund eines Briefes, den
ich von Herrn von Terschka aus London erhielt. Er wiederholt die Behauptung, da
die Urkunde, die unsere Linie um Hoffnungen betrog, die Jahrhunderte alt sind,
eine geflschte ist. Er verwies mich ausdrcklich auf eine gewisse Lucinde
Schwarz, mit der ich mich ber diese Angelegenheit verstndigen sollte. Sie
wre, wie er gehrt htte, jetzt in Wien und stnde zum Herrn Oberprocurator Dr.
Nck in Beziehungen der grten Intimitt. Die Ehre und der Bestand meines
Hauses stehen auf dem Spiele. Ich erkundigte mich noch gestern Abend nach dieser
Dame und fand sie in der That hier anwesend. Ich sprach sie. Ich will jedes
Aufsehen meiden, aber ich mu die Dame durch meine Mittheilungen fr sichtlich
in Verlegenheit gesetzt erklren. Wenn ich nicht sofort gegen sie einschreite,
so ist es, weil mich eine auerordentliche Aehnlichkeit derselben mit einem
Wesen rhrt, das mir unendlich theuer war. Auf mein wiederholtes Androhen, da
ich nichts unterlassen wrde, um eine Frevelthat aufzudecken, an der, wie ich
wei, meine Verwandte unbetheiligt sind, erklrte sie mir, sie wrde nur eine
Antwort zukommen lassen durch Eure Hochwrden - nach einer in der Beichte
genommenen Rcksprache - - Somit ersuche ich Sie in aller Ergebenheit, haben Sie
die Gte, von ihr in der Kirche der Italiener, wo Ihnen Kanzel und Beichtstuhl
eingerumt wurden, die Beichte entgegenzunehmen - und zwar heute in der Frhe,
zehn Uhr. Ist diese mit Ihnen genommene Rcksprache vorber, so bitt' ich mir
die Stunde bestimmen zu wollen, wo ich die Ehre haben kann, Ihnen meine
Aufwartung zu machen. Um meine gute Mutter nicht aufzuregen, bitt' ich dringend
um die Adresse: Professor Dalschefski, beim St.-Stanislaushause auf der
Currentgasse. Mit aller Hochachtung Hugo, Graf von Salem-Camphausen. ...
    Bonaventura's Athem stockte ...
    Er sah auf die Uhr ...
    Es war schon dreiviertel auf zehn ...
    Nach einigen Minuten Besinnung begab er sich, gefhrt vom Chorherrn, in die
Kirche Maria zum Schnee ....
    Bald standen sie auf einem kleinen Platz, wo ihn der freundliche Fhrer
weiter wies ...
    Die Sakristei liegt ein wenig abseits von der uralt ehrwrdigen Kirche ...
    Wie er sich zitternd in geistliche Kleidung warf, starrten ihm durchs
Fenster von einem Kreuzgang her alte Grabmler und Statuen wie der Tod entgegen
...
    Er betrat das Innere des gothischen, hellen, nur zu sehr modernisirten
Gottestempels ...
    Es war ihm, als trte er ein - in die Welt des Sdens ... Doch auch wie ein
heier Sirocco wehte es zugleich ihn an ...
    An einem der hohen Pfeiler ragte die Kanzel, wo er am nchsten Sonntag
predigen sollte ...
    Er verbeugte sich dem Hochaltar und schritt an dem Standbild Metastasio's
vorber - ...
    Der Mener fhrte ihn in einen Beichtstuhl, dicht an einem kleinen
Nebenaltar mit brennender Lampe ...
    Ein Bild des Gekreuzigten, zu dessen Fen zwei Frauengestalten, alte
Holzschnittwerke, beteten, zur Rechten - zur Linken das hohe Eingangsportal ...
    In dem engen braunen Huschen sank er zusammen, wie das Vorbild all seines
Duldens - als diesem auf seinem Todesgang Simon von Cyrene zu Hlfe kam ...
    Es schlug zehn Uhr ...
    Wenig Secunden - und eine Gestalt - in weiblicher Kleidung - kniete neben
ihm ...
    Es war Lucinde.

                            Ende des sechsten Buchs.


                                  Achter Band

                                 Siebentes Buch

                                       1.

Jenseits der Tiber, hoch auf dem Janiculus, liegt in Rom das Kloster San-Pietro
in Montorio ...
    Eine der schnsten Aussichten ber die Siebenhgelstadt geniet man dort auf
dem Platz vor einer Kirche, deren erste Anlage zu den urltesten gehrt. In
ihrer sptern Erneuerung verrth sie nicht ganz jenen mehr prchtigen, als
schnen Geschmack, in welchem fast alle Kirchen Roms gebaut sind ...
    Pinien und Cypressen bezeichnen die Sttte, von wo das Auge die im Abendroth
verschwimmenden violetten Contouren des Horizonts bis zu den Sabiner- und
Albanergebirgen verfolgen kann. In nchster Nhe schwimmt, von Abendnebeln
durchzogen, das unermeliche Husermeer, durchschnitten von den Krmmungen der
Tiber. Zahllose Kirchen ragen auf, zahllose Palste, das Capitol mit seinen
Trmmern aus der eisernen Rmerzeit, die Engelsburg mit ihrem sein Schwert
senkenden Sanct-Michael auf der Zinne ... Ein Bild, gro und herrlich wie die
Vision einer Verheiung ...
    Der erste Gedanke jedes Pilgers, der in Rom ankommt, ist die welthistorische
Macht der christlichen Idee ... Die Schauer der Erinnerung an die blutige
Mrtyrerzeit begleiten ihn schon vom Fu der Alpen ... In Rom angekommen, sieht
er die Triumphe des Kreuzes ... Kein Tiber, kein Nero, kein Domitian beherrschen
mehr das Universum ... Die Vexillen und blutigen Fasces der Imperatoren, unter
denen der christliche Bekenner verspottet, gefoltert, den wilden Thieren
vorgeworfen wurde, sind zerrissen und zerbrochen ... Der capitolinische Jupiter
strzte selbst vom tarpejischen Felsen; den Rand seines zurckgebliebenen
Sessels ziert das Kreuz ... Das Kreuz triumphirt ber Cicero, Cato, August,
Seneca ... Es triumphirt ohne Rache ... Sanct-Michael auf der Engelsburg hlt
sein Schwert nicht drohend empor, sondern senkt es vershnt zur Erde ...
    So kann man fhlen, wenn Hunderte von Glocken nach San-Pietro in Montorio
hinauf das Angelus tragen ... Der nchste Gru kommt links aus San-Onofrio, von
Tasso's Eiche herber; zur Rechten von Santa-Cecilia ber die botanischen Grten
aus Trastevere ... Hier oben bei den reformirten Franciscanern wird es spter
Nacht, als im Thal da unten, wo schon Hunderte von Lichtern aufblitzen ... Die
Mnche sitzen soeben im Refectorium - essen Polenta - kstlichen jungen Salat
aus ihrem eignen Garten ... Salz und Pfeffer, nicht Asche darauf gestreut, wie
Petrus von Alcantara, der Stifter dieser - Reformation - mit seinem Salat es
zu halten pflegte ...
    Der fromme Pater Vincente, fr den Bonaventura jetzt in Robillante Bischof
ist, fehlt heute unter den Brdern der braunen Kutte ...
    Er liegt in seiner Zelle und erbittet sich von Gott Kraft und Sammlung zu
dem harten Weg, fr den gerade ihn heute ein Loos getroffen ...
    Alle Klster der von Almosen lebenden Orden sind eingeladen, heute in der
Nacht auf Villa Rucca zu erscheinen, um dort die Gaben des jungen, heute
vermhlten frstlichen Paars, die Abflle der kstlichen Tafel zu empfangen ...
    Der alte Frst Rucca, Generalpchter der Steuern an der Nordkste des
Kirchenstaats, will zeigen, da das Sprchwort falsch ist: Unrecht Gut gedeiht
nicht! - Was kann gedeihlicher sein, als Almosen an Klster und Bettler ...
    Guardian und Brder wuten, da Pater Vincente einst um einen Ku in der
Beichte, den sein Gewissen und seine Phantasie ihm nur vorgespiegelt hatten,
hier oben Jahre lang hatte ben wollen ... Ben zu dem Stachelgrtel, den
Barfen und den aus drei Brettern bestehenden Betten, die hier Regel sind, noch
hinzu! ... Ein Trost der Brder war, da doch noch nicht ganz gelebt werden
mute, wie der Freund der heiligen Therese, der Beichtvater des Einsiedlers von
Sanct-Just (Karl V.), Petrus von Alcantara lebte, in einer Zelle, die krzer
war, als seine Leibeslnge! Ging man ber den Hof hinweg, so fand man von
Bramante eine Kapelle just ber der Sttte erbaut, wo der Apostel Petrus einst
mit dem Kopf nach unten gekreuzigt werden wollte - Sanct-Peter wollte nicht die
Ehre haben, zu sterben, wie sein Herr und Meister ... Der Janiculus ist das
zweite Golgatha. Was sagten, solchen Leiden gegenber, drben die dunklen Zellen
mit eisernen Gittern, in deren einer der selige Bartolomus von Saluzzo zehn
Jahre hinbrachte, ein Priester, der die Dreistigkeit hatte, schon dem Rom seiner
Zeit, Ppsten und Cardinlen, zu sagen: Nicht einer unter euch ist ein wahrer
Priester! ...
    Pater Vincente schien kein so wilder Feuerkopf. Ein Schwrmer aus dem Thal
von Castellungo, gehrte er ohne Zweifel zu jener dritten Art der Heiligen, den
Geschlechtlosen, von denen damals der Onkel Dechant gesprochen ... Im Sden sind
vollkommen schne Jungfrauen nicht so hufig, wie diese rein vegetativen,
willenlosen, zuweilen bildschnen Jnglinge ... Ein Mnch lebte gefangen auf
San-Pietro in Montorio, der den Pater Vincente nur einmal sah und sich sagte:
Nun begreif' ich Horaz und Alcibiades, Plato und - Platen - ...
    Wer konnte wol hier oben in Rom vom deutschen Dichter Platen sprechen? - -
...
    Pater Vincente hatte das Loos gezogen, der Hochzeit seines bsen
Beichtkindes beizuwohnen ... Er sollte die Speisen in Empfang nehmen, die man
ihm in seinen Quersack schtten wrde, den jedoch ein strkerer Laienbruder
tragen sollte ... Dieser Laienbruder war krank ... Das Fieber springt in Rom von
einem Berg zum andern ... Im Monat Mai hockt der unheimliche Dmon auf dem
Janiculus ... So hatte man beschlossen, einen der beiden deutschen Gefangenen,
die hier in Rom auf der Hhe des freien Vogelflugs in strenger Haft saen, ihm
zur Begleitung mitzugeben ... Der eine, den die Mnche den Todtenkopf nannten,
war so stark, da er im ersten Anfall seiner Ungeduld die verrosteten Eisenstbe
seines Kerkers verbog und fast zerbrach ... Jetzt war Bruder Hubertus schon
lange ruhiger geworden ... Er lie nach dem letzten Vierteljahr, das er und
Pater Sebastus noch fr ihre Flucht aus dem Kloster Himmelpfort in Deutschland
hier zu ben hatten, ein ntzliches Mitglied der Alcantarinergemeinde erwarten,
falls Pater Campistrano, der General der Franciscaner, und der
Cardinal-Gropnitentiar ihm und dem nur noch schattenhaft am Leben hngenden
Doctor Klingsohr die Besttigung gaben, da ihre Absicht, zu den Reformirten
ihres Ordens berzutreten, auf einem wirklichen Bedrfni der Seele beruhte ...
    Als Pater Vincente gehrt, er mte auf das ganz Rom in Bewegung setzende
Hochzeitsfest der Grfin Olympia Maldachini mit dem Sohn des reichsten aller
Rmer nchst dem Frsten Torlonia gehen und unter den hundert Bettlern auch fr
San-Pietro in Montorio seine zarte, weiche, frauenzimmerliche Hand offen halten,
die einen Bischofsstab htte tragen drfen, wre er nicht voll Demuth gewesen,
war er in seine Zelle gegangen, fastete und betete ... Dem Bruder Todtenkopf
hatte man den Vorschlag gemacht, den voraussichtlich heute berfllten
Zwerchsack zu tragen ... Bruder Hubertus sang seit einiger Zeit so viel heitere
Lieder, da man den Versuch glaubte wagen zu drfen, ihn ins Freie zu lassen,
hinaus in eine allerdings fieberschwangere Mainacht ... Hubertus hatte erwidert:
    Wohlan! Lat mir aber den Pater Sebastus mit ... Es ist zu grausam, in Rom
angekommen zu sein und neun Monate lang nichts davon gesehen zu haben, als eine
Zelle von zehn Fu Lnge und zehn Fu Breite ... Beim Kreuz des heiligen Petrus
drben, lat ihn ohne Furcht mit mir gehen! ... Schon deshalb, weil er
vielleicht ein Fieber mitbringt und ich dann Gelegenheit habe, euch zu zeigen,
wie ich in Java das Fieber curiren lernte ... Der nimmt die Arznei, vor der ihr
euch so frchtet ...
    Die Mnche lachten ber diese Worte aus zwei Ursachen ... Einmal weil sie
aus einem Kauderwlsch von allerlei Sprachen bestanden ... Hollndisch, Deutsch,
etwas Melatein und so viel Italienisch, als man auf einer Wanderung durch
Italien bis hieher und in dem beschrnktesten Verkehr mit der Welt erlernen
konnte ... Dann, als man zum Uebersetzen den Pater Sebastus herbeigerufen,
lachte man wieder ber die Methode des Fiebercurirens, die nach Hubertus
hauptschlich in einer sonst nicht normalen Anwendung von Theer und Kuhmist
bestehen sollte ...
    Die Stimmung wurde dem Mitgehen des Paters Sebastus gnstig ... Der
Herbeigerufene trat in das Refectorium ein ... Er sah schon aus wie ein echter
Nacheiferer des heiligen Petrus von Alcantara ... Htte ihn sein General
gesehen, er wrde gesagt haben: Auch du, mein einst so wilder Kriegsmann, wirst
mit der Zeit reif, die Wonne der heiligen Therese zu werden! So mochte einst der
edle Ritter Don Quixote de la Mancha ausgesehen haben! So fleischlos hingen auch
die Arme des Don Pedro von Alcantara, so voll Schwielen waren seine Kniee! So
sah er aus, als er in der schauerlichen Einde zu Estremadura seinen furchtbaren
Tractat ber den Seelenfrieden schrieb! ...
    Armes Jammerbild des Wahns! ... Aber doch noch ein Glck dabei! sagt der
gute Bruder Lorenzo in Romeo und Julia ... Dinte und Papier hatte man dem
Pater Sebastus gelassen. Man hatte ihm Bcher gegeben, um sich in der
italienischen Sprache zu vervollkommnen. Man hatte gefunden, da er besser
Latein verstand, als der Pater Guardian, der seit diesem deutschen
Pflegbefohlenen seine Sprachschnitzer nicht mehr so oft vom General unten im
Kloster Santa-Maria corrigirt bekam ... Der Gefangene tilgte sie zuvor ...
    Pater Sebastus, fahl und bleich, mit bergebeugter, hohler Brust, hstelnd,
unsichern Ganges, flte dem Guardian keine Besorgni mehr ein, da er
entfliehen und sich dem wahrscheinlich doch nur noch kurzen Rest seiner
Strafzeit entziehen knnte ... Der Guardian betrachtete seine Collegen, wie der
heilige Vater im Consistorium die Cardinle ... Quid vobis videtur? Worauf ein
einmthiges Stillschweigen die jahrtausendalte Regel ist ... Zustimmung schien
auch hier aus Jedes Auge zu leuchten ... Bei dem Bruder Todtenkopf versah man
sich ja, da er keinen Schinken, keinen Bffelkse als zu viel ablehnen, sondern
den Sack so vollstopfen wrde wie nur mglich - eben um seine Kraft zu zeigen,
ber die er etwas ruhmredig und plauderhaft war, der alte Polterer ... Man
beschlo, den Pater Sebastus mitgehen zu lassen und unterrichtete nur noch
beide, wie sie es anstellen mten, um von Koch, Kellner, Haushofmeister des
Frsten Rucca mehr, als alle andern Klster, besonders die nicht blden
Kapuziner von Ara Coeli, zu bekommen ... Das Hauptmittel, begriff schon
Hubertus, war auch hier die Faust ... Wenn um Mitternacht die groe Tafel, die
der alte Frst Rucca seinem Sohn und der Nichte des Cardinals Ceccone
ausrichtete, zu Ende war, begann die Austheilung ... Brachen die Mnche um die
zehnte Stunde auf, so kamen sie gerade recht ... Wogte es dann schon die ganze
Nacht in jenen Straen, die zur Villa Rucca fhrten, so ging fr sie der Weg
durch entlegenere Gegenden, wo sich rascher dahinschreiten lie ...
    Die Frate waren, in Hoffnung auf die groe Beute, so nachsichtig, da sie
sogar in dem Verlangen des Pater Sebastus nach Siegelwachs heute nichts
Strfliches fanden und ihm die Mittel einer unerlaubten Correspondenz an die
Hand gaben; - es sollte alles, was die beiden deutschen Mnche auf die Post
gaben, erst hinunter an den General kommen ... Heute ging in den Wrsten,
Schinken, Ksen, den feinern Tafelresten, die man erhoffte, ein Brief unbemerkt
hin, den Pater Sebastus fast sichtbarlich seinem Leidensgefhrten Hubertus
zusteckte, da er ihn vorher lse und mit unterschriebe ... Er wollte noch eine
Weile sich ruhen, den Brief dann siegeln, mitnehmen und irgendwie suchen der
Post beizukommen, - das flsterte er auf deutsch dem Leidensgefhrten ...
    Klingsohr hatte Rom, sein ewiges, hochheiliges Rom, bisher nur erst aus der
Ferne gesehen ... Er kannte nur seit drei Vierteljahren diesen magischen Anblick
zuweilen vom Fenster des Refectoriums ... Nun sollte er im Mondschein zum ersten
mal den heiligen Boden betreten ... Die Sonne sank in ihrer goldensten Pracht
... Diesen Anblick hatte er zuweilen an Festtagen gehabt, durch die Olivenbume
des sich vom Fenster des Refectoriums abdachenden Bergabhangs hindurch ... Heute
verweilte er lnger bei ihm ... Sein dumpf gewordener Geist belebte sich ... Aus
den matten Augen glitt ein Schimmer der Erwartung ... An den Bischof von
Robillante hatte er geschrieben ... Robillante lag ja da, da, wo die Sonne
ebenso schn unterging ... Er wute, Bonaventura von Asselyn war jener Bischof
dort geworden, der hier oben Pater Vincente htte sein knnen, wenn er gewollt
... Vincente's Geschichte war das groe Wunder, das man auf San-Pietro jedem
erzhlte, der etwas lnger blieb, als nthig, um die Bilder Sebastian's de
Piombo in der Klosterkirche und die alten paolischen Wasserleitungen zu sehen
...
    Unbeschreiblich ist die Schnheit des letzten Blicks der scheidenden Sonne
Italiens, wenn ihre Strahlen sich zuletzt nur noch leise durch die grnen Zweige
der Bume stehlen ... Ein Olivenwald vollends ist an sich schon zauberisch ...
Seine Schatten sind so licht, das Laub ist so seltsam graugrn blitzend ... Und
wenn seine Stmme hundertjhrig sind, so sind die Gestalten der Zweige und ber
dem Boden herausragenden Wurzeln so phantastisch, da sie sich im purpurnen
Dmmerlicht der Sonne zu bewegen scheinen wie die Bume in den Metamorphosen
Ovid's ... Ein magischer Sommernachttraum gaukelt durch einen solchen uralten
Olivenhain ... Sieben, acht Stmme sind zu Einem zusammengewunden ... Wie
Polypen von Holz sind sie aufgeschnitten, das Mark ist heraus und nur die Rinde
noch zurckgeblieben, aber die trgt die graugrnen Bltterkronen mit den blauen
kleinen Pflaumen der Frucht ganz so, als wre Herz und Seele noch drinnen ...
Diese groteske Welt, voll Fratzen, als htte sie Hllen-Breughel geschaffen,
schwimmt nun im Lichte und wird zu purem Golde; die untergegangene Sonne lt am
Horizont einen riesigen Baldachin der glnzendsten Stickerei zurck ...
Flimmernde Goldfranzen hngen in Himmelsbreite an violetten und rosa Wlkchen
... Whrend nach der stlichen Seite hin schon die Nacht urschnell und tiefblau,
mit sofort sichtbaren Sternen aufleuchtet, steht noch im Westen diese
Phantasmagorie der Farbenmischungen eine wunderbare Weile ... Endlich wird auch
sie rther und rther; die goldnen Franzen, die Stickereien von Millionen von
Goldperlen erbleichen; dann wird der westliche Himmel dunkelblauroth ... Nun
schwimmt der Olivenwald wie in einem Meer von aufgelstem Ultramarin ... Die
Nacht im Osten ist schon tiefschwarz ... Alles das lehrt - Ewigkeit des Schnen
...
    In seiner dunkeln Zelle hatte Hubertus heute eine zinnerne Oellampe ... Sie
war an sich armselig, aber sie konnte doch in Pompeji gestanden haben ... Der
Docht brennt in der Mitte gleichsam eines Tulpenkelches aus vier Oeffnungen ...
    Er las jenen Brief, den er mit Pater Sebastus verabredet, um durch
Bonaventura's Vermittelung vielleicht fr sie beide ein besseres Loos zu
erzielen, als das ihrer durch den Spruch aus Santa-Maria da unten harrte und
selbst fr den Fall harrte, da sie sich diesem rmischen oder sonst einem
Kloster der Alcantariner einreihen durften ...
    Der Brief mute so geschrieben sein, da er im uersten Fall auch in die
Hand des Generals gerathen und sie nicht aufs neue compromittiren, nicht zur
Fortsetzung ihrer Leiden Anla geben durfte ...
    So hatte denn Dr. Heinrich Klingsohr, weiland gttinger Privatdocent, ganz
im gebhrenden Ton, wie etwa Pater Vincente gethan haben wrde, wrtlich an
Bonaventura geschrieben1:
    Vivat Jesus! Vivat Maria! Halleluja! Friede sei mit Ihnen, hochwrdigster
Herr und hochgndigster Herr Bischof! Hat unser Ohr recht gehrt, so ist ein
Wunder geschehen! Hochgeehrtester Herr, Sie verweilen nicht mehr auf deutscher
Erde, wo das Salz dumm geworden ist, Sie fhren den apostolischen Stab im Lande
der Verheiung! ... Hochgndigster Herr und Bischof! Wir sind die beiden
Flchtlinge aus dem Kloster Himmelpfort, die wir schon einmal Schutz gefunden
durch Ihre gndigste Frau Mutter, als wir lieber unter den Thieren des Waldes
und in einer Htte von Baumzweigen wohnen wollten, als lnger in der ppigen
Vllerei der entarteten Minderbrder des heiligen Franciscus. Lieblosigkeit,
Zank, Mangel an gottseliger Gesinnung haben uns von einer Sttte getrieben, wo
unser allerheiligster Herr Jesus von seinen eigenen Jngern tglich noch
gekreuzigt wird! In dem groen Feldzug, den die Kirche gegen den Belial der
Aufklrung gerade in unserm Vaterland zu bestehen hat, sind diese Klster, in
denen sich nichts als der Schein der alten Regeln erhalten hat, nur zu
Verschanzungen des bsen Feindes ntze. Provinzial Maurus hat an unsern General
eine Liste unserer Verbrechen geschickt und so mssen wir denn, da man uns ohne
Richterspruch verurtheilte, unser sehnschtiges Verlangen nach der reformirten
Regel der Minderbrder durch eine Gefangenschaft ben, die hier auf San-Pietro
in Montorio bereits drei Vierteljahre dauert; freilich schmachten wir in der
Nhe des Kerkers, den der selige Bartolomus von Saluzzo zehn Jahre lang
innehatte ... Aber die Krone des Himmels zu gewinnen wird, ach! zu mhselig fr
die schwache Kraft unsrer Sterblichkeit ... Hochgndigster Herr Bischof! Wir
schpfen wol Muth aus dem Vorbild der Mrtyrer und heiligsten Apostel, aber
unsere Krfte schwinden, unsere Hoffnungen auf die Macht der Wahrheit erlschen,
zu schwer fr menschliche Schultern ist, was wir seither erlitten! ... Von dem
unterzeichneten Pater Sebastus, hochgndigster Herr Bischof, wissen Sie aus
einer denkwrdigen Stunde mit dem gefangenen Kirchenfrsten, da er die Rettung
seiner Seele dem Bruder Abtdter verdankt, der im Gegentheil im Lebendigmachen
sich auch hier schon mannichfach bewhrt hat. O da ich in einem einfachen,
schlichten Menschen mehr fand, als in meinen weiland Genossen, Hochgebildeten,
die mich durch die sophistische Moral der heidnischen glnzenden Laster zum
Tdten eines Mitmenschen, Ihres Verwandten, reizen konnten! Hubertus hat mich
oft meilenweit Nachts auf seinen Greisesarmen getragen, wenn wir auf unserer
Flucht mit nackten Fen den Hschern zu entrinnen suchten. Vom Dsternbrook,
von der verhngnivollen blitzzerschlagenen Eiche an bis zu den trauernden
Cypressen dieses heiligen Sanct-Peter-Kreuzes-Hgels verfolgte uns das Concil
von Trident, nach dem ein entsprungener Mnch seinem Kloster zurckzufhren ist
... Wir lebten von Wurzeln und Beeren, suchten die einsamsten Straen des
Rhngebirges, des Schwarzwaldes und der Alpen auf ... Nie legten wir unser hren
Gewand ab, unsers heiligsten Franciscus Ehrenkleid, das ich einst, Sie wissen
es, im schnden Rckfall um jene Lucinde verleugnen konnte ... Nie gnnten wir
uns eine andere Erquickung, als unsern blutenden Fen die khlende Welle des
Waldbachs ... Auf der Schweizergrenze ergriffen uns die durch Steckbriefe
aufgewiegelten Hscher ... Nur der Kraft des Bruders Hubertus, die er indessen
seinem Gebet zuzuschreiben bittet, gelang es, da wir aus einer Polizeiwache auf
dem Transport entsprangen und uns drei Tage und drei Nchte, dem Verhungern
nahe, unter dem Heu einer Scheune verbargen ... Zu unserm Uebergang ber die
Alpen whlten wir die einsamste Strae, die des Groen St.-Bernhard ... So
verschmachtet und verkommen waren wir, da wir den Gerippen glichen, die dort
von verschtteten Wegwanderern aufbewahrt werden ... (Sebastus ahnte nicht, wie
gerade diese Worte auf Bonaventura wirken muten, wenn er den Brief empfing!)
... Nur die Hoffnung auf Rom belebte uns ... Rom! Rom! rief es in unsern Herzen
und gestrkt erhoben wir uns, wie verschmachtete Kreuzfahrer einst mit dem
Feldruf:
    Jerusalem! ... Aber auch in diesen heiersehnten Gefilden verfolgte uns die
Hand des Paters Maurus. Jedes Kloster unsers Ordens drohte zum Gefngni fr uns
zu werden. In den Reisfeldern Pavias, wo wir uns in giftigen Smpfen verstecken
muten, ergriff mich das Fieber. In der Nhe jener prachtvollen Certosa, einer
architektonischen Wunderblume deutscher Baukunst in einer Oede voll Trauer,
trauriger als die Fieberkrankheit, glaubte ich zu sterben. Mein zweiter Vater
rettete mich und der innere Stern des Morgenlandes schimmerte wieder am Wege ...
Rom! rief es von unsichtbaren Geistern, in die zuletzt wirkliche Stimmen, die
Stimmen der Pilger einfielen, denen wir uns anschlossen ... Alle meine Grber
ffneten sich in meiner den Tannhuserbrust ... Leiche auf Leiche erhob sich
... Die Wissenschaft, die Kunst, die Philosophie, die seraphische Liebe - alles
wachte auf in dieser Sehnsucht nach Rom! ... Ich fhlte unendliches Leben in
meinen Adern ... Wir kamen ein kahl Gebirge, die Apeninnen, hinauf und sahen das
Meer - Zum zweiten male sah ich's und mein Fhrer kannte es von Indien ... Was
blieb da noch die Ostsee! Nuschaale gegen einen Bethesdateich! - Dort, dort
lagen Afrika, Asien - Hannibal stieg mit uns nieder, Scipio kam von Karthago -
Hinan! Hinan! ... So wanden wir uns drei Wochen durch Etrurien hindurch nach dem
Sanctum-Patrimonium ... Mit den Pilgern, mit manchen Verbrechern, mit denen uns
die Nachtwanderung vereinigte, hofften wir: Rom ist die Stadt der Gnade! ... Ein
Pilger rief: Rom ist mit Ablssen gepflastert! Ich verzieh einem Mund, der dem
natrlichen Jubel des frommen Entzckens erwiderte: Noch mehr, denk' ich, dein
eigen Herz! - Diese Denkerphrase - deutsch gesprochen! Ich verzieh dem Sprecher,
weil er ein Greis war ...
    Hubertus hielt hier einen Augenblick inne ... Dieses greisen deutschen
Pilgers hatte er oft gedacht ... Auch ihm und Klingsohr war er streng gewesen;
aber eine verklrte und wieder andere verklrende Natur bei alledem ... Wo
mochte wol dieser Reisegefhrte weilen! ...
    Dann fuhr Hubertus zu lesen fort:
    Wir muten mit den andern oft in den Felsen schlafen, vermieden die groen
Stdte, deren Zinnen und Domthrme ich nur fernher aufragen sah, wie die
Mrchenerinnerungen meiner Jugend ... Parma! Florenz! Siena! Welche Klnge! ...
Aber in Hhlen, oft zu Rubern, muten wir flchten, bis wir endlich in diesem
den Kesselthal ankamen, das Euch die wste Campagna heit - Die wste! Ihr
leipziger Nationalkonomen, ein Hirtenland mut' es ja sein, wo wieder die
Krippe des Heiles steht! Hier darfst du ja, verlorene Welt, nur Schafhrden und
Stlle suchen! Hier sollst du ja nur der Hirten Lobgesang hren wollen, der dich
doch in Correggio's Nacht entzckt, warum nicht in Wirklichkeit? ... Endlich
eines Morgens ging die Sonne auf und wir sahen - die Stadt der Stdte! Im Kern
einer groen Muschel liegt, nchst Jerusalem, die kstlichste Perle! ... Das
Auge unterschied die Peterskuppel ... Schon hrte das Ohr die Glocken der
versunkenen Kirche, die in meiner Brust schon seit dreiig Jahren Rom luten;
ich hrte sie - nun von sichtbaren Thrmen niederhallen - Hosiannah! rief alles
um uns her ... La capitale du pardon! jauchzte ein Franzose ... Da umringen uns
wieder die Hscher des Paters Maurus. Die in der Knabenlectre vielbelachten -
Sbirren - hliche Dreimaster von Wachsleinen auf dem Kopf - ... Sie wissen, wer
wir sind. Sie wissen, woher wir kommen ... Sie fhren uns ber die Tiber zurck,
die wir schon hinter uns hatten! ... In der Abenddmmerung geleiten sie uns
einen jener riesigen Aquducte entlang, die man nicht sehen kann ohne an Roms
ewige Gre, an die fruchtlosen Belagerungen durch Attila, die Hohenstaufen und
Beelzebub zu denken, fhren uns durch ein entlegen Thor auf einen hohen Berg und
hier in ein Gefngni, das wir seit dieser Stunde nur zuweilen im Umkreis
einiger hundert Schritte verlassen haben! ... Vor unserm Kloster strzen sich
die Wasser jenes Aquductes, dem wir folgten, in ein Becken und gleiten nach Rom
hinunter, das, sagt man, vom Geriesel der Brunnen und Cascaden wie ein einziger
Quell des Lebens rauschen soll! - - Wir hier oben aber verschmachten! Wir mssen
uns der Gewalt des Pater Maurus, die bis hieher reicht, ergeben! - ... Wohlan,
die Ordnung herrsche in der Welt, selbst in den Hnden unwrdiger
Gotteswerkzeuge! Wir wollen unser Joch-Jahr dulden. Aber die Zukunft! Soll sie
denn nur, nur den Tod bergen? ... Wenn Ihre groe Gte, hochgndigster Bischof,
es bernhme, ein Wort des Zeugnisses fr uns beim General zu sprechen! Wenn Sie
Ihren Nachbar, den Erzbischof von Coni, Cardinal Fefelotti, der, wie man sagt,
die Stelle des Gropnitentiars der Christenheit erhalten wird, fr uns
gewnnen! Das Elend meines Lebens kennen Sie! Sie wissen, was ich dem Kreuz des
Erlsers schon alles von Menschenschuld aufgebrdet habe! Sie kennen Klingsohr's
Snden - auch seine verwelkten Rosen - Sie wissen, welche Hand den
Lebensfrhling mir zerri ... Ueber Trmmern aber ist das Kreuz erstanden! Ich
will meine Fahne nicht mehr lassen, die Fahne des geopferten Lammes! Lassen Sie
mich nicht streiten unter sinnlosen Fhrern! Das ist das Schrecklichste, unter
Mitknechten stehen, die nicht wissen, wessen Harnisch sie angethan haben! Mten
wir nach Deutschland zurck, zurck nach Witoborns den Gassen, zu den dumpfen
Wnden Himmelpforts, so wrde der letzte Funke unsers Lebenslichtes erloschen
sein! Lieber das Grab in Rom, als ein Leben im Leichentuch Deutschlands! Sie,
Sie sind glcklich! Sie drfen reden, hochwrdigster Herr und Bischof! Legen Sie
Zeugni fr uns ab! Ein Wort von Ihnen zu unserm General, ein Wort zu Cardinal
Fefelotti, und man wirft uns nicht mehr mit denen zusammen, die wie der Tag
kommen und gehen. Auch mein guter Fhrer und Lehrer strbe so gern in der Stadt
der Katakomben. Er hat noch auf dem Amt in Witoborn eine Summe Geldes liegen,
ungerecht Gut, das er der Sache der Gerechtigkeit schenken mchte. Er hoffte in
Rom einen Erben zu finden, einen Krieger im Heer Seiner Heiligkeit, den zu
erkundschaften ihm noch keine Mue geboten ward. Fnde er diesen nicht, so wrde
er das Vermgen dem General seines Ordens anweisen ... Lat ihn eine Weile
suchen! Lat uns doch noch irgend eine schaffende Thtigkeit! Der Trieb zu
helfen ist Gradmesser noch vorhandener Lebenslust. Mit dieser neuen schnen
Sonne, die wir Gefangenen nur zu sprlich sahen, ist er in uns zurckgekehrt.
Ich jage nicht mehr dem Spuk der nordischen Phantome nach. Dieser blaue Himmel,
diese gttliche Luft, diese immer gleiche Stimmung der Natur selbst im
Blttergrn, das im Winter nicht entschwindet, ach! sie gieen einen so vollen
Glanz der Schnheit selbst ber unsre bescheidensten Wnsche, da ich mir
vorkomme, als htte meine seitherige Vergangenheit nur unter meiner unrichtigen
Geburt im Norden gelitten. Meine Zweifel schwinden. In einem rmischen
Sonnenuntergang glaub' ich an das Labarum des Constantin, das ihm in den Wolken
erschien! Ich sehe das Tabernakel des Hochamts in jeder bunten Wolke dieses
italienischen Himmels! Halleluja! Die Kreuzesfahne voran! In diesem Zeichen Sieg
und Hoffnung! Retten Sie uns! Retten Sie uns! Heinrich Klingsohr, genannt Pater
Sebastus a Cruce. San-Pietro in Montorio, im Mai 18**.
    Zu diesem Namen schrieb Bruder Hubertus:
    Eines hochgndigsten Herrn und Bischofs gehorsamster Kreuzestrger und
apostolischer Pilger Frater Hubertus.
    Diesen Brief ganz flssig zu lesen und dann zu unterschreiben kostete dem
Todtenkopf einige Mhe ... Seine kncherne Hand kritzelte lange an den wenigen
Worten ... An der Stelle, wo von seinem Geld die Rede war, hielt er besorgt inne
... Er gedachte mismuthig jenes Wenzel von Terschka auf Westerhof, von dem er
schon lange ahnte, da er dessen Versicherungen, er wre nicht jener Soldat, der
einst im rmischen Heer gestanden, zu leichtglubig hingenommen, von dessen
Verbleiben aber, Ursprung, spterer Flucht, Uebertritt, gegenwrtigem Aufenthalt
in London die Eremiten im winterlichen Walde, die Flchtlinge durch Deutschland
und Italien, die Gefangenen von Rom nichts erfahren hatten. Klingsohr kannte
diesen Terschka nicht einmal dem Namen nach ... War die Erwhnung seines Geldes
praktisch? ... Wie wrde diese Stelle auf den General wirken, wenn er sie lse?
... Vielleicht ganz frderlich! dachte endlich Hubertus mit einiger Pfiffigkeit
...
    Gegen zehn Uhr erhob er sich von seinem Maisstroh ... Aufgeschreckter denn
je ... Dachte er an Terschka, Picard, sein Geld, so erschienen ihm Eulen und
Fledermuse und Brigitte von Glpen rang unter ihnen die Hnde und Hammaker's
blutigen Kopf sah er und Picard hing am brennenden Dachbalken und den Pater
Fulgentius, den er richtete, indem er ihn ruhig sich selber tdten lie, sah
er am Seile schweben ... Der Riegel seines Kerkers wurde klirrend
zurckgeschoben ...
    Der fieberkranke Laienbruder war es selbst, der, sich schttelnd, den
mchtigen Sack brachte ... Er geleitete Hubertus an Sebastus' Zelle ...
    Auch hier fiel die eiserne Klammer ... Sebastus stand in erregter Spannung
... Rom und die langen Leiden hatten seinem sonst so vornehm verchtlich, so
hochmthig geringschtzend in die Welt und auf andere Menschen blickenden Wesen
seit einiger Zeit eine vortheilhafte Vernderung gegeben ... Er ergriff den
heimlich dargereichten Brief, siegelte ihn, whrend Hubertus dem Laienbruder, um
diesen zu zerstreuen, seine Pillen rhmte und zu grerer Deutlichkeit das
Verschwinden des Fiebers mit der Leere des mchtigen Sackes verglich ... Dann
steckte Sebastus unter der braunen Kutte den Brief zu sich und folgte dem
Laienbruder, der beide auf die Terrasse zu den rauschenden Wassern fhrte ...
    Hier harrte ihrer Pater Vincente ...
    Benedictus Jesus Christus! ...
    In aeternum, Amen! ...
    Die drei Mnche schritten den Hgel San-Pietro nieder in jene kleinen
gespenstischen Schatten der Bume und Huser, die ein helles Mondlicht wirft ...
    Alle drei schritten sie nach Rom hinunter in den gleichen Kutten ... Die
Kapuze ber den Kopf gezogen, um den Leib des heiligen Franz von Assisi
fliegende weiwollene Schnur ... Die beiden Deutschen noch nach ihrer alten
Regel in Sandalen ... Pater Vincente mit entblten Fen.

                                    Funoten


1 Vielen dieser Einzelzge liegen Actenstcke zu Grunde.


                                       2.

Pater Vincente war wol schon dreiig Jahre alt; doch hatte er noch alles von der
weichen Jnglingsschnheit des Antinous ...
    Seine Augen waren sanft braun ... Die Farbe seines Antlitzes, und nicht ganz
vom Widerschein der Strahlen des orangegelb ber dem Albanergebirge
herausgetretenen Mondes, war fast gelblich ... Das kurzgeschnittene und die so
schngeformten kleinen Ohren grell freilassende Haar dunkelschwarz ... Der
braune, jetzt von der Kapuze bedeckte Nacken schweifte sich sanftgebogen ...
Sein Mund war etwas aufgeworfen und wie zum Genu des Lebens bestimmt ... Die
hohle Wange stand in Verbindung mit sanften Erhhungen an den Winkeln und Lippen
... Seine Gestalt hatte etwas Aetherisches; sie schien, wie dies einst dem
heiligen Franciscus in Wirklichkeit geschehen sein soll, in den Lften zu
schweben ... Viele, die ihn kannten, prophezeiten auf sein Haupt - noch einst
die dreifache Krone - wie man in der katholischen Christenheit jedem Leviten
thut, der sich durch gottseligen Sinn auszeichnet ...
    Die beiden Deutschen gingen hinter dem Italiener, wie seine Diener ... Doch
wollte dieser nur ihr Fhrer sein ... Hubertus lie sich auch nichts von seinem
bestimmten, festen, muntern Naturell nehmen ... Was ihm durch den Sinn kam,
plauderte er aus ... Die Bume am Wege nannte er alte Bekannte aus Indien; die
Dfte, die von den botanischen Grten herberkamen, analysirte er nach den
Pflanzen, denen sie angehrten ... Den schmetternden Nachtigallen pate er
stillstehend auf; dem Mond drohte er, ihn, wenn er noch grer und ganz wie in
Java wrde, vor Freude in den Sack zu stecken ... Alles das, sagte er, ist darum
so prchtig hier, weil es ohne die Schlangen und die Tiger ist! ...
    Die Heiterkeit des wunderlichen Alten hatte seinen Leidensgefhrten schon
seit Jahren aufgerichtet ... Sebastus nannte ihn schon im Kloster Himmelpfort
den zweiten Philippus Neri ... Philippus Neri war jener kurzangebundene,
humoristische, rmische Heilige, von dem Goethe in seiner italienischen Reise
erzhlt ... Knnte ich Ihnen den Schamanen und indischen Gaukler austreiben,
sagte Sebastus schon oft, Ihre Wunderkraft und Heiligsprechung wre verbrgt!
Philippus Neri legte sich auf das Studium, den Menschen manchmal so
unausstehlich zu werden wie mglich. So auch Sie! Es gelang freilich Ihrem
heiligen Vorbilde nicht immer so ganz, wie Ihnen! Je mehr Philippus verletzte,
desto mehr liebte man ihn. Ja sogar die Thiere liefen ihm nach. Hunde zu tragen
- war sonst eine Strafe der Verbrecher; Philippus trug sich immer mit Hunden und
duldete den Spott der rmischen Jugend. In die Kirchen ging er und unterbrach
die rmischen Fnlons und Bourdaloues seiner Zeit gerade an ihren
blumenreichsten Stellen. Da wollte er ihre Demuth prfen, ob auch wol die
geistreichen Rhetoriker nun ebenso gelassen blieben, wie sie ihren Zuhrern
anempfahlen. Erschien ihm die allerseligste Jungfrau, so spie er sie an, und
siehe da! es war eine Teufelslarve. Er sagte: Ihm mte dergleichen viel
herrlicher erscheinen! ... Die Vernunft in unserer Heiligengeschichte ist noch
gar nicht genug geschildert worden ...
    So sprach Klingsohr in Himmelpfort - Fast htte er sich auch in Rom
veranlat fhlen drfen, wieder an diese alten Vergleichungen zu erinnern ...
Hubertus sprach den ganzen Weg bis zum Ponte Sisto, der die Wanderer ber die
Tiber fhrte, vor Aufregung alles bunt ber Eck durcheinander ... Ja er wagte
sich an den Pater Vincente mit der italienischen Frage, nicht etwa wo das
Capitol oder das Coliseum oder die brigen Klster des heiligen Franciscus
lgen, sondern wo er die ppstliche Reiterkaserne finden knnte ...
    Pater Vincente zeigte weit weg ber die Tiber zur Peterskuppel hin und
sprach von einer dort befindlichen Porta Cavallaggieri ...
    Nun ereiferte sich Hubertus ber den Mangel an Briefksten ... Und da auch
die Hauptpost nicht einmal des Nachts einen Briefkasten offen hielt, wie ihm
Pater Vincente versicherte, rgte er ebenso, wie der heilige Philippus Neri mit
den Institutionen von fnfzehn Ppsten, die er erlebt hatte, in stetem
demokratischen Hader lag und noch wenige Jahre vor seinem Tode und schon im
Geruch der Heiligkeit nahe daran war, statt als heiliger Diogenes in der Tonne
in allerlei rmischen Winkeln zu leben, als Staatsgefangener auf die Engelsburg
zu ziehen ...
    Als Hubertus die Unmglichkeit, den Brief abzugeben, in deutscher Sprache
beklagte, mute er erleben, da Pater Vincente sich umwandte und mit gebrochenem
Deutsch einfiel:
    Wisset Ihr denn nicht, da Ihr keinen Briefwechsel fhren drft? Lat mich
doch nicht zum Beschtzer einer unerlaubten Handlung werden! ...
    Die betroffenen Mnche erfuhren zum ersten mal, da Pater Vincente soviel
Kenntnisse in den Sprachen besa ... Sie muten ihren Unterhaltungen einen
Dmpfer auflegen ... Hubertus murmelte, verdrielich ber soviel Loyalitt:
    Sind wir wirklich im Lande der Mrder und Ruber? ...
    So kam er in die andchtig und feierlich gehobene Stimmung Klingsohr's, um
den jetzt nur noch bald die Volksstrme der Gracchen rauschten, bald die ersten
feierlichen Gesnge der Katakombenkirchen ...
    Die Wanderer hatten die innere Stadt betreten, die in ihren lebhaftesten
Theilen jeder andern sdlichen gleicht und auer den an den Husern zahlreich
angebrachten Balconen nichts Auffallendes hat. Die ewige Stadt zeichnet sich
auch sonst am Tage durch ihre Schweigsamkeit aus, die gar nicht mit der
lrmenden Weise Sdeuropas stimmt. Die Herrschaft der Priester bedingt den Ton
der Ehrfurcht und Zurckhaltung. Beim ersten Betreten macht Rom einen Eindruck,
wie Venedig auf den Lagunen - lautlos gleiten die Gondeln ber die dunkle Flut
... Jetzt war nun noch die Nacht hereingebrochen und vollends still lagen die
hier so engen, den erwerbenden Klassen angehrenden Straen und kleinen Pltze.
Dunkle Schatten hllten die verschlossenen Huser ein. Nur da und dort brach der
goldene Strahl des Mondes hervor und gab den schmutzigen Eckgiebeln, den
verschwrzten Balconen, hochragenden Schornsteinen eine verklrende Beleuchtung.
Die vielen Fontainen Roms belebten die Stille. Fiel der Mond auf die Strahlen
und die Bassins, in die jene niederglitten, so glaubte man Bschel von Gold- und
Silberperlen zu sehen. Oeffnete sich ein grerer Platz und zeigte eines der
hohen Staatsgebude, eine der Kirchen oder einen der in dieser Gegend seltenern
Palste, so sah man die Giebel, Thrme und Kuppeln in um so magischerem Lichte,
als die Dunkelheit der Schatten daneben den Glanz derselben erhhte. Dazwischen
durfte das Auge dann und wann glauben, Schneeflocken auf den Hhen zu sehen. Das
war dann weier Marmor, ahnungerweckend aufblitzend ...
    Klingsohr sah wie zum zweiten mal geboren um sich ... Die Erinnerungen
umkrallten ihn riesig, als Pater Vincente, der sein hartes Wort wieder gut
machen zu wollen schien, Erluterungen zu geben begann ... Da sagte der sanfte
Fhrer auch unter anderm auf ein wstes Gewirr von Husern zur Linken zeigend:
    Der Ghetto der Juden! ... Die Rumpelgasse Roms! ... Ob auch hier, wo eine
Nachtigall so mchtig schlug, wo die Fontana Tartarughe so traulich pltscherte,
wo am Mauerwerk wie verstohlen eine schwarze Cypresse hervorlugte, ein Veilchen
Igelsheimer leben mochte? ... Ob auch hier die nchtliche Vertauschung einer
Mnchskutte mglich war gegen einen Ueberrock, mit dem ein toller Mnch in die
Theater Roms lief? ... Lucinde huschte fr Klingsohr schon lange, lange am Wege
... Da gab es schon so manchen schnen Kopf mit aufgelstem Haar an einem
Fenster, ein Mdchen, das eben schelmisch noch einmal den Mond anguckte und dann
erst zu Bett gehen wollte ... Da tnte eine Guitarre ... Da scholl aus einer
Schenke ein Jauchzen - das Schreien beim Morraspiel ... Jesus, mein Feldherr!
mute schon der ewige Fahnenflchtling rufen ... Lucindens Gestalt begleitete
den so tief Verkommenen in jeder schnen Situation, ihn, den wie der Brief
zeigte, den er in seiner Kutte trug, die trbste Lebenserfahrung schon so tief
gedemthigt, ja zu der ihm sonst nicht eigenen Verstellung gebracht hatte ...
Wie oft hatte nicht Lucinde, wenn Jrme von Wittekind sie im Latein
unterrichtete, von Rom gesprochen und ihm was sie gelernt wiedererzhlt bei
ihren Stelldicheins hinterm Pavillon unter den alten Ulmen auf Schlo Neuhof und
noch in Kiel ... Im Profehause der Jesuiten hatte sie dem Gefangenen Bilder
einer grern Wirksamkeit vorgegaukelt, deren Fernsichten bis nach Rom gingen
... Wo mochte sie wol jetzt weilen, sie, die in ihren auch im Kloster
Himmelpfort spter bekannt gewordenen, von der Regierung verffentlichten
Briefen an Beda Hunnius ihr Lebenssymbol nicht selten wiederholt hatte: An der
Schwelle der Peterskirche mcht' ich sterben! ... Was alles mit ihr Hubertus in
Witoborn vorgehabt, hatte Sebastus von diesem nicht ganz erfahren knnen ...
    Pater Vincente blieb freundlich und milde ... Ging doch auch er mit der
mchtigsten, gewi auch ihm aufwachenden Poesie im Herzen dahin ... Klingsohr
hatte das Erlebni von dem Ku in der Beichte gehrt ... Er selbst kannte diese
Schemen, die den heiligen Antonius peinigten, nur zu gut ... Und diese
Luftspiegelung der erregten Sinne, fr die der schne Jngling und Mann dort
hatte fnf Jahre ben wollen, vermhlte sich heute! ... Er bettelte nun an
ihrer Thr! ... Da war ja die Welt Heinrich Heine's, die ihn einst so umfangen
gehalten ...

Das kommt, weil man Madame tituliret
Mein ses Liebchen -

    Jesus hilf! rief es in Klingsohr's Seele ...
    Pater Vincente deutete auf eine rechts sich noch einmal ffnende Durchsicht
ber die Tiber und auf einen jenseits in den blauen Lften schwebenden fernen
Punkt und sprach:
    Das da ist das Asyl der Pilger! Eine fromme Stiftung des heiligen Philippus
Neri! ...
    Hubertus lachte und drckte sphend seine schwarzen funkelnden Augen zu und
hob die Kapuze in die Hhe und sah die so achtbaren Erinnerungen an einen Mann,
mit dem er Aehnlichkeit haben sollte ... Und ganz im Neri'schen Geist sprach er
in seinem hollndischen Deutsch durcheinander, rasch, als wenn Pater Vincente
folgen knnte:
    Das Haus sieht gro genug aus, um den Seckel der Wirthe zu fllen! Ja - wer
Gott liebt, dem mssen alle Dinge zum Besten dienen - namentlich die Wohlthaten,
die er spendet! Pater, wo wir in Italien auch hingehrt haben, bringen die
Bettler, die Armen, die Pilger, die Wallfahrer den Stiftern erst recht das Geld
ein. Wie so? Wir sind mit Wallern gezogen, klopften an alle Pilgerasyle und
bekamen ein Essen, so schlecht - um sich davon abzuwenden! Aber wir sahen die
Oberalmoseniere und Spitalprioren in Kutschen an uns vorberfahren. Im Walde gab
es besseres Laub zum Schlafen, als in solchen Pilgerbetten ... In Turin und in
Parma flohen die Wallfahrer vor allen heiligen Asylen, weil sie, eben todtmde
angekommen, erst eine Procession durch die Stadt machen sollen, ehe sie zu essen
kriegen ... Herrgott, wer vollends, wie wir, die Sehnsucht hat, 'nmal eine
hbsche Stadt nher zu betrachten, eine Stadt, die man endlich mit mden Fen
erreicht hat, dem schlieen sie die Pforte vor der Nase, wenn er sich auch nur
fnf Minuten an einem gnadenreichen Altar versptete - Campirt drauen! heit's
... Da lernten wir den deutschen Pilger kennen - Woher kam er doch? Von
Castellungo! Der alte Naseweis und Ketzer, aber ein redlicher Mann ... Der sagte
uns: Es steht geschrieben: Nchst dem Gebet eines Heiligen ist nichts vor Gott
wirksamer, als das Gebet eines Wallfahrers ... Freilich, das war Spott ... Ein
andrer Pilger war bereits dreiig Jahre auf dem Wege nach Jerusalem und immer -
bei Montefiascone kehrte er um, da, wo der gute Wein wchst - Est! Est! sagte
der deutsche Pilger. Sie, Pater Sebastus, wuten gleich ein deutsches Lied
darauf, das der andre auch gekannt. Widrige Winde machten nach Jerusalem die
Schiffahrt gefhrlich! sagte der dicke Pilger nach Montefiascone seit dreiig
Jahren. Der Schelm lebte von Hhnern und Gnsen - die man dem ewigen Kreuzfahrer
nach dem heiligen Est! Est! nicht freiwillig gab ... Was zu schwer zum
Forttragen war, half ihm ein dritter frommer Bruder verzehren, der eine Kette an
den Fen durch Spanien, Frankreich und Italien schleppte ... Nicht da er von
den Galeren kam - wenigstens sagte er's nicht - er kam aus Marokko, wo er der
Sklaverei entronnen sein wollte, und das Stck Kette trug er jetzt ordentlich
wie seinen - Orden ... Heiland, das Italien ist buntes Land! Haben die Leute
nicht falsche Briefe mit groen Siegeln, wie nur echte Siegel aussehen knnen!
Und wuten sie nicht alle Gebete, die den Seelen der frommen Stifter von
Pilgerasylen im Himmel zugute kommen! ... Dort drben also auch? ... Wird's
besser da hergehen? ... Der heilige Philippus hat glcklicherweise das Gebet
solcher verdchtigen Kreuzfahrer und erlsten Christensklaven nicht nthig ...
Manchmal mu ich dem deutschen Ketzer in seinen Zweifeln an allem von Herzen
Recht geben ... Wo mag der Alte im Bart wol hingekommen sein? ... Ich ziehe in
die Katakomben! sagte er immer ... Es klang wie Kyrie Eleyson ...
    Der heilige Mynheer, wie Hubertus zuweilen von Sebastus genannt wurde,
setzte beim Pater Vincente eine zu groe Vollkommenheit in der Sprache voraus,
die er ohnehin selbst nur mit vielen Freiheiten sprach ... Sein ganzer Ausfall
auf die Wohlthtigkeitsanstalten der Kirche, die in den Schriften so vieler von
Rom Verzauberten prunkend verzeichnet stehen, auf die mangelhafte
Polizeiverwaltung, auf das ungeregelte Pawesen bei Vagabunden - die ehrlichen
Leute werden genug damit geplagt - erntete aus dem Munde des der Hochzeit
Olympia's wehmthig gedenkend dahinschreitenden Priesters nur die einzige
Erwiderung:
    Si! Si! Si! ... Quest' un' theatro antico ... Il theatro di Marcello! ...
    Selbst die Erwhnung Castellungo's schien der Pater Vincente berhrt und
von dem Pilger nichts verstanden zu haben ... Und doch war es wol nur Fr
Federigo, sein Lehrer, ein Deutscher, jener Mchtige, vor dessen Lehren er einst
geflohen war und der fast schon den Bruder Hubertus zu seinen Anschauungen
hinbergezogen zu haben schien ...
    Sebastus hrte nichts von alledem ... Der starrte nur den im Schatten
liegenden antiken Trmmerbau an ...
    Hier aber war es lebhafter geworden ... Einzelne vergoldete Kutschen mit
prchtigen Livreen jagten vorber, die Pferde aufgeputzt mit hngenden rothen
Troddeln am Ohr und mit bunten Geschirren ... An die Rennbahn der Alten lie
sich denken ... Sebastus dachte, da er vom Marcellustheater hrte - an die alten
Tage von Gttingen - Seltsame Ideenverbindung! An den auch von Doctor Pttmeyer
verherrlichten Quincunx - das Schenkenzeichen! ... Denn die Goethe-Kneipe
mute ja hier in der Nhe liegen, Goethe's Campanella, jetzt nur noch berhmt
durch ihr Fremdenbuch und ihren schlechten Wein ... Die Trmmer des
Marcellustheaters waren in Htten und Palste verbaut ... Dicht in der Nhe lag
der Palast der Beatrice Cenci ... Auf alles das besann sich Klingsohr aus seiner
alten klassischen Zeit ...
    Aber auch die romantische wirkte mchtig ... Schon begegnete man im sich
mehrenden Straenleben andern Mnchen, die mit Krben und Scken gleichfalls zur
Porta Laterana liefen ... Kapuzinern in langen Brten, Franciscanern aller
Grade, Augustinern, Karmelitern; selbst die vornehmen Dominicaner erinnerten
sich, da sie das Gelbde der Armuth abgelegt hatten; auch sie schickten ihre
Brder auf die Hochzeit der Nichte des Cardinals ... Kein Trupp stand dem
andern Rede ... Kein Lcheln hatten sie oder nur eines, das nicht im mindesten
die phantastischen Gestalten als in einer tollen Mummerei begriffen und sich
(Augur augurem!) erkennend darstellte ... Nur der Gewinnsucht galt es und dem
Vorsprung, den ein Kloster vor dem andern suchte ... Die beiden Deutschen sahen
ihre Mitstreiter im rmischen Lager ... Welche Welt! ... Und hier nun doch noch
so spt ein Leben und Bewegen? ... Da noch wird gekocht und geschmort auf
offener Strae? ... Da noch werden Melonen ausgeschrieen? ... Noch
Citronenwasser? ... Frische Kirschen? ... Klingen nicht sogar Geigentne? ...
Lacht nicht ein Policinell im Kasten? ... Das alles heute in der Hochzeitnacht
Olympiens! ... Roms Saturnalien! ...
    Noch haftete Sebastus' Phantasie, wie das in Rom so geht, bald an Goethe,
bald an Winckelmann, bald an Ovid, bald an Horaz, die den Marcellus besungen
haben, den Neffen des Kaisers Augustus, dem dies Theater da gewidmet ... Da
erscholl pltzlich ein fernes Klagegeheul und ein hundertstimmiges Miserere ...
    Es kam, wie Pater Vincente erluterte, von der Bruderschaft des Todes, den
Begleitern der Leichen, die in Rom bei Nacht begraben werden ...
    In wilder Hast, als wenn der Todte die Pest verbreitete oder als wenn
Christen einen eben gerichteten Mrtyrer in die vor den Thoren gelegenen
heimlichen Begrbnisttten flchteten, trugen Mnner in langen, schwarzen oder
weien, ber den Kopf gezogenen Kutten, die nur den Augen zwei kleine Lcken
lieen, wie Gespenster einen Sarg dahin ... Andere dazu schwangen Fackeln ...
Neben den Fackeln liefen Bursche und sammelten in Schalen das trpfelnde Wachs,
das sich wieder brauchen lie ... Schnuphase htte sich niedergeworfen wie alle
- er schon vor solcher heiligen Sparsamkeit ... Mnche und Bruderschaften, einen
Priester mit seinem Akoluthen und Meknaben umringend, sangen: Miserere! in
nicht endender Litanei ... Vor dem klingelbegleiteten Sanctissimum, das der
Priester hoch in den Fackelqualm emporhielt, warf sich alles nieder ... Aber
immer weiter, weiter, wie auf rasender Flucht, ging der Zug dahin ... Pater
Vincente sagte - um die Leiche in eine Kirche jenseits der Tiber zu stellen, von
wo sie erst der gewhnliche Leichenwagen abholt ... Der Todtenkopf des Bruder
Abtdter war Leben gegen die Vorstellung, da unter allen diesen weien und
schwarzen Kutten und Kapuzen Skelette wandeln mten ... Aus den kleinen
Oeffnungen vor den Augen dieser Mnner glhte es wie leuchtende Kohlen ...
    Nehmen wir den Weg ber das Capitol! sagte Pater Vincente, als sich die
Mnche mit den andern wieder erhoben hatten und der wilde Zug vorber war ...
Ihn schien er nicht erschttert, nicht so zur Eile gedrngt zu haben, wie den
Pater Sebastns ... Zur Eile! ... Musterte eben die Braut von Rom, wie ein
Schmeichler die junge Frstin heute besungen, oder der Cardinal oder die
Herzogin von Amarillas die Reihen der Mendicanten, die an der Pforte der Villa
Rucca standen - er war ja dessen gewi, da San-Pietro in Montorio vor allen
andern Klstern bedacht werden wrde ... Olympia zeichnete reuevoll sein Kloster
aus ... Ihn bedrohte, das sagte man seit einiger Zeit, in der That der Hut des
Cardinalats ...
    Bei Klingsohr - wie war da nun freilich die Erinnerung dahin - an Goethe's
Campanella -! ... Dieser schreckhafte Leichenzug - und jene Rmerin, auf deren
Rcken der Dichter des Faust hier einst Hexameter getrommelt zu haben vorgab,
die Goethe, Klingsohr wute es, erst in Weimar auf dem Rcken der Dame Vulpius
trommelte, paten nicht zusammen ... Memento mori! ... Auch Goethe hat es
erfahren! sagte sich Klingsohr sinnend zum Capitol aufsteigend ... Hier, wo er
den Becher der Lebenslust, kurz vor dem Scheiden der mnnlichen Kraft, in seinen
vierziger Jahren noch einmal wie ein Sohn der Griechen getrunken hat, hier mute
er ja dem einzigen Sohn, dem Sohn jener in rmische Reminiscenzen maskirten
Thringerin, an der Pyramide des Cstius, dem Begrbniplatz der Protestanten,
eine wahrere Grabesinschrift setzen ... Hier starb Goethe's einziger Sohn ...
Flchtig zog und fast schon von ihm in Rhythmen gebracht der Gedanke durch seine
Seele:

Wo nur find' ich den Wirth zur Campanella! Der Schenke,
Wo ich Falerner gesucht - Lacrym Christi nun fand!
Firnen aus Golgatha! Nicht aus den Trauben der Schlacke,
Die der Vesuv uns schenkt, Leidenschaft, wenn sie verglht!
Deutscher Apoll! Hier war's, hier hast du Verse getrommelt -
Auf der Rmerin Leib - schwelgtest in seliger Lust -
Und erfuhrst nur dein Maa! Die Pyramide des Cstius
Blieb das Ende vom Lied! Blieb der Morgen der Nacht -!
Wahrheit und Lge! O wohl, so mrrisch strafen die Gtter!
Wandle gen Rom, o Mensch! Rom ist der Mensch und die Welt!

    Ein tiefes, tiefes Schweigen folgte nun ... Glocken hallten von den Thrmen
... Man erstieg einen Calvarienberg - das sind die Stufen zum Capitol ...
    Zur Linken wohnt - der heimatliche Gesandte, auf dessen Autoritt vor drei
Vierteljahren drei Gensdarmen am Ponte Molle auf die deutschen Flchtlinge
gewartet hatten! ... Zur Rechten - der tarpejische Felsen, der jetzt derselben
Krone gehrt ... Wie schttelte Sebastus all diesen Staub von seinen Fen!
... Wie hatte er fr ewig dieser ghibellinischen Welt entsagt! ... Das
Capitol! rief er und ber seinen Sandalen schmerzte ihm der Fu, so trotzig
stampfte er vor dem Wappen seines Landesherrn auf ...
    Da lag ein mittelalterlich Haus vor ihm, die Sttte des gebrochenen Capitols
... Einige Brunnenstatuen vor ihm und ein kleiner Platz, auf dem, vom Mond
beleuchtet, Marc Aurel zu Pferde sitzt - Ein Gelehrter, der ber dem Studium der
Philosophie seine alten Schlachten verga! sagte Klingsohr mit Hindeutung auf
die ihm nicht kriegerisch erscheinende Haltung des Reiters und auf - Euern
Friedrich, den sogenannten Groen -!
    Jetzt schlug es elf ...
    Bergab ging es auf die Trmmersttte des alten Forums ...
    Ein Leichenfeld! sprach Pater Vincente ...
    In seinen Erluterungen ging er nicht ber Petrus und Paulus hinaus ... Die
Gracchen - Cicero! ... Das mute sich Klingsohr selber sprechen ... Sein Blick
starrte dem Untergang der Erhabenheit ...
    Hubertus kannte von den alten Zeiten nur so viel, als nthig war um zu
begreifen, da hier die begrabene Macht eines alten Volkes lag, das einst die
Welt beherrschte ... Zertrmmerte Portale, einsame Sulen, Triumphbgen mit
zerbrochenen Statuen ... Am Tag ein wst erschtternder Anblick, den jetzt das
Zauberlicht des Monds verklrte ... Dort oben auf dem Palatin wohnten die
weltgebietenden Csaren ... Ein magisches Goldnetz hlt die grnen Hgel und die
Steine umwoben ... Wren diese vom Corso herberrasselnden Wagen, diese
lachenden Menschen nicht gewesen, die zu spt zu kommen frchteten zu der auf
Mitternacht angesetzten Hochzeits-Girandola, die durch die Fenster eines am
milchblauen Himmel auftauchenden dunklen Gebudes schon zu beginnen schien, wenn
ein Knabe rief: Eine Leuchtkugel! - Der Knabe meinte einen Stern, der so
pltzlich durch die Oeffnungen des Coliseums blinkte ...
    Das Coliseum! ... Sebastus htte wnschen mgen, Niemand hier zu sehen und
zu hren und nur allein zu wandeln ... Allein mit Livius und Niebuhr ... Da ein
Tempel, dort eine Basilika ... Wie mag es hier einst gesummt haben, als die
Comitien des Volks versammelt waren und die Consuln Roms gewhlt wurden! ...
Wohin entlt uns dies Thor? flsterte er ... Ist es nicht der Triumphbogen des
Titus, als er Jerusalem zerstrt hatte? ... Sein Credat Judaeus Apella fiel
ihm ein ... Doch der Virtuose im Glauben - hier hatte er keinen Zweifel zu
hegen nthig. Da an der Wand des Thors sah er den siebenarmigen Leuchter, den
Tisch, die Schaubrote, die Jubeljahrposaunen, die Bundeslade ... Die erhabene
Stelle war's, wo sich Jupiter und Jehova so nahe berhrten! ... Aber - kein Jude
geht gern unter diesem Bogen hinweg, kein Jude blickt gern auf jenes
Riesengebude, das dreiigtausend gefangene Juden gebaut haben sollen ...
    Was Vincente so und hnlich erluterte, wute Klingsohr alles ...
    Aber kaum gedachte er Lb Seligmann's, dessen physische Kraft zum Streichen
der Ziegel fr diesen Riesenbau in keinem Verhltni gestanden haben wrde - als
er Veilchens gedenken mute ... Veilchens, die ihm einst bei seinen Besuchen in
der Rumpelgasse gesagt hatte: Sie sind ein Mensch der Selbstqual, der Reue, des
Gewissens - ewig wird's Ihnen gehen, wie's dem Kaiser Titus ging, als er
Jerusalem zerstrt hatte! Da ist Titus zu Wasser gegangen mit seiner siegreichen
Armee und ein Sturm zog herauf und die gefangenen Juden triumphirten, weil sie
dachten, Gott htte seine Rache auf das Meer aufgespart. Und Titus bekam Angst,
spottete und sprach: Zu Land ist Adonai schwach, aber zu Wasser - da kommt er,
scheint es doch, dem Neptunus gleich! Wahrlich, spottete er, Adonai hat die
Sndflut befohlen, er hat die Aegypter im Rothen Meer ersuft, er hat den
Sissera am Strom Kischon geschlagen, er wird auch fr Jerusalem seine Rache
nehmen auf dem Mittellndischen Meer! ... Da aber ist gekommen eine Stimme aus
dem Himmel und hat dem Sptter gerufen: Titus, Titus ich habe Jerusalem
untergehen lassen wegen seiner Gottlosigkeit! Weil du aber meiner Langmuth
spottest, so sollst auch du meine Macht kennen lernen, aber - zu Lande! Das Meer
ward da stille und Titus betrat unter dem Jauchzen des Volks das feste Land. Wie
er recht von Herzen ber den Judengott lachte, flog ihm in die Nase eine Mcke,
wie sie nur auf dem Lande vorkommt, und bohrte sich tief in sein Gehirn. Sieben
Jahre hat Titus davon die schrecklichsten Schmerzen im Kopf gehabt, denn die
Mcke starb nicht, sondern sie wurde immer grer und sie summte bei Tag und bei
Nacht. Einst ging er bei einem Schmied vorber. Bei den Amboschlgen hrte die
Mcke zu summen auf. Da stellte sich Titus dreiig Tage an den Ambo und die
Mcke schwieg. Am einunddreiigsten aber fing sie wieder zu summen an; sie hatte
sich an den Hammerschlag gewhnt und Titus mute sterben. Als sie sein Gehirn
aufmachten, kam ein Thier zum Vorschein, so gro wie ein Vogel. Der Mund war von
Kupfer und die Fe waren von Eisen - - Nun schlo die Spinozistin: Da Sie
sind katholisch und ein Mnch geworden, Herr Pater, das ist bei Ihnen die
Schmiede gewesen und die Mcke ist nun auch vielleicht dreiig Tage still ...
Aber ich will nicht wnschen, da sie am einunddreiigsten wieder lebendig
wird! ...
    Wie wurde sie aber schon so oft so lebendig! ... Schon damals wurde sie's
beim Schweigen, das der Kirchenfrst dem Pater als Bue auferlegt hatte, beim
Begegnen Lucindens in der Kathedrale ... Nun all dies Groe und Majesttische
Roms! ... Und wenn auch Klingsohr damals zu Veilchen sagte: Jehova rchte sich
allerdings an den Rmern zu Wasser - durch die Taufe! - wie summte ihm doch die
Mcke jetzt und wisperte: Ist Golgatha die Welt? Haben die alten Gtter keine
Rechte mehr? ...
    Klingsohr schritt dahin, fast wie einst in Gttingen, wenn er die Titel der
hundert Bcher auf den Lippen fhrte, die er schreiben wollte ...
    Pater Vincente, in dessen Seele es still und ruhig schien, lenkte zum
Coliseum ein ... Er betrat es, den fremden armen Gefangenen zu Liebe ...
    Wre die Nacht nicht so hell und belebt gewesen, so wrde dies mchtige Rund
den Eindruck eines Schlupfwinkels fr Ruber gemacht haben ... Es liegt so
einsam - umwuchert von wildwachsenden Bschen, die oben aus den Fenstern
herausbrechen; die Vegetation hat seit tausend Jahren in allen Stockwerken bis
zur obersten Galerie Platz gegriffen ... Die Bogengewlbe, die geborstenen
Sulen, die zertrmmerten Rundmauern waren im Mondlicht wie die Erscheinung
eines Traums ... Von Luft und Licht gewoben schien dies Bild eine mrchenhafte
Tuschung ... Aber sicher, fest und natrlich widerhallte Schritt und Gesprch
unter der Bogenwlbung des Eingangs; nur zu deutlich sah man drinnen die Sitze,
von denen herab Tausende auf Menschenkmpfe einst blickten mit jenen Thieren der
Wste, die hinter den eisernen Gittern da geborgen und durch Hunger zur Wuth
gereizt wurden ... In der Mitte steht zur Entshnung solcher Erinnerungen an den
tiefsten Verfall der Menschheit ein kleines Kreuz ... Rundum ziehen sich die
Bilder eines Stationswegs ... Eine Heiligung, die edler gedacht als ausgefhrt
ist! ... Das sagte selbst Pater Vincente, der niederkniete und einen mit einem
Kreuz bezeichneten Stein kte, auf dem Hubertus mhsam las: Wer - dies Kreuz -
kt, hat auf ein Jahr und 40 Tage - Abla. ...
    Hubertus folgte dem Beispiel des frommen Paters ... Natrlich mute es auch
der Mnch Sebastus thun, so wenig die Hoffnung, vierhundert Tage im Fegfeuer
Linderung zu gewinnen, in diesem Augenblick seiner Stimmung entsprach ... Die
Mcke des Titus schwieg nicht mehr. Er stand nicht mehr an seiner Schmiede ...
Es ergriffen ihn die Schauer der Vergangenheit ... Wenn er auch nur des heiligen
Augustin gedachte, der seinen Freund Alypius von seiner Leidenschaft fr
Gladiatorenkmpfe hier im Coliseum durch einen pltzlichen Schauer vorm
strmenden Blut der sich Mordenden geheilt sah, so muten ihm wol seine hohlen
groen Augen rollen und Gedanken kommen, wie der, den er aussprach:
    Hier dies kleine armselige Kreuz! Hier htte Miche Angelo einen seiner
Giganten herstellen sollen! So gro, so hoch, wie der Kolo von Rhodus! Bis an
die obersten Sitze htte der Blick eines Daniel reichen mssen, zu dessen Fen
die besnftigten Lwen sich schmiegten! Niederbohren mute der Prophet mit dem
Busch seiner Augenbrauen die wilden Thiere auf dem blutigen Sande um sich her
und - die Thiere in den Herzen dieser Zuschauer! ... Marcus der Evangelist, der
die Bibel emporhlt, htte wie ein Geisterbeschwrer stehen mssen, sein
aufhorchender Lwe neben ihm, auch gebndigt, auch in die Falten seines Gewandes
scheu sich schmiegend! Was soll dies kleine Kreuz! ...
    Hier mcht' ich im Chor singen! sagte Hubertus ... Er bte seine Stimme so
laut, da es weit dahinschallte ...
    Pater Vincente verstand sein deutsch gesprochenes Wort, nickte und
entgegnete, das geschhe hier alle Freitage - von den Kapuzinern ... Zeigte er
dabei auf die Fenster hinauf mit dem vom Nachtwind leise bewegten wildwuchernden
Gebsch, auf den Mond, der hinter den Oeffnungen bald hervorblitzte, bald sich
versteckte - und dann sie selbst in der Mitte des riesigen Baues beleuchtete,
wovon sie Schatten warfen wie - kleine bucklige Gnomen, so war dieser
Vergleich aus Sebastus' Munde die von ihrem Fhrer wol kaum verstandene -
ironische Antwort ...
    Die Wanderer wandten sich der Eingangswlbung zu ... Klingsohr fand sich
allmhlich zurck in seine Gegenwart; sie nherten sich heiligen Sttten ... Sie
bestiegen einen aufwrts gehenden Weg und kamen in eine Art Vorstadt, an deren
uerstem Ende einer der drei Palste der Stellvertreter Christi liegt, der
Lateran. In alten Zeiten als Burg der dreifachen Krone hervorragend vor Quirinal
und Vatican, erhlt sich der Lateran jetzt nur noch in seiner Autoritt durch
die Gerechtsame, die nebenan auf der ltesten Pfarrkirche Roms, Sanct-Johannes,
ruhen, auf dem Heiligthum des grten der von Thiebold de Jonge einst so
kritisch beurtheilten Kreuzessplitter, auf der Platte, auf der einst das
Abendmahl eingesetzt wurde, auf dem Heiligthum jener hier aufgestellten
Heiligen Treppe, an deren Fu Petrus den Herrn verleugnete ... Sonst ist hier
alles am Tag so still und de, wie ein Sonntagsnachmittag in einer kleinen Stadt
- in dieser Nacht rauschte ein buntes, bewegtes Leben ...
    Alles drngte dem Thor zu, vorber am Obelisken des Constantin und zur
Strae, die hinaus nach Albano fhrt ... Militr sprengte dahin, um die Ordnung
zu erhalten ... Wagen in grotesker Vergoldung, mit Bedienten, die hier dem
neuesten englischen Geschmack, dort der Rococozeit angehrten, folgten sich
einander - jetzt schon in langsamerer Fahrt ... Auf den Trottoirs und die langen
Mauern der Vorstadtgrten entlang drngten die Brger in ihren kurzen Jacken und
Manchesterhosen, die kurzen Mntel bergeworfen, weie Hte oder bunte Mtzen
auf den unrasirten braunen Kpfen ... Die Frauen selten noch in der Tracht der
alten Zeit ... Englands Baumwolle hat die bunten Nationaltrachten schon aus
Sicilien und Griechenland verjagt; die gelben Mdchen der Hindus gehen in
Kattunrcken unsres Schnitts ... Nur der Kopf bleibt noch zuweilen national;
hier war das dunkelschwarze Haar der Rmerinnen schn geflochten, geziert vom
bunten Kamm, vom silbernen Pfeil; selbst der Matrone wirres und weies Haar
blieb nicht ohne Schmuck ... Wrde und Selbstbewutsein liegt im festen Gang
aller dieser dicken Krmer und Wurststopfer ... Von den ausgelassenen Spen,
mit denen sich bei solchem Anla jenseits der Berge die Volksmassen geneckt
haben wrden, fand sich wenig Spur ... Kein Anschlu; Jeder fr sich ... Die
Erwartung galt der Girandola, dem Anblick der geputzten Herrschaften, den
ausgeworfenen Zuckerspenden und Schaumnzen ... Hflich bog man dem schwarzen
Rock des Augustiners aus, der braunen Kapuzinerkutte, der weien Schnur des
Franciscaners, dem grauen Rock des Karmeliters, dem weien des Dominicaners ...
Alle diese kamen mit Krben und Scken, mit riesigen Kannen sogar, ohne die
mindeste Rcksicht auf lcherliche Strung ihres malerischen Effects ... Italien
hat seine eigne Aesthetik ... Es besitzt Raphael - aber ein Offizier mit einem
Regenschirm - ein Dorfpfarrer auf einem Esel - und zwei Reiter zugleich auf
Einem Pferde erscheinen ihm nicht im mindesten lcherlich ...
    Die herrlichen Grten dann ... Leider nur mit hohen Mauern verschlossen, wie
berall in Italien ... Hngen die Jasminkronen auch nicht herber, so erfllen
sie mit ihrem Duft die Straen um so ahnungerweckender ... Da und dort zeigt
sich denn auch wol in den neidischen Mauern ein kleiner eiserner Ausbruch,
durchzogen von blhenden Rosenranken oder purpurrothen Asklepiadeen ... Jenseits
des Thors schweift der freie ungehinderte Blick auf die im blauen Licht
schimmernde Campagna, auf die Gebirge; nun zur Rechten liegen Villen und Grten,
die sich an die des Lateran anlehnen ... Die fnfte oder sechste darunter ist
die heut an einer bunten Illumination weithin schon kenntliche, vom Volk umwogte
Villa Rucca ...
    Vier mit blauen, rothen, gelben, violetten Lampen geschmckte Obelisken
bilden die Eckpfeiler am heute geffneten Eingangsgitter ... Die hohe
Gartenmauer ist mit einer flimmernden Guirlande von Hunderten kleiner Flammen
geziert ... Im Garten vor der beleuchteten Villa brennt eine riesige Sonne,
rings umgeben von den kostbarsten Sdpflanzen ... Perspectivisch berechnet, am
Ende einer schimmernden Ahornallee glnzt ein sichelfrmig niedergleitender
Wasserfall, hinter dessen krystallnen durchsichtigen Fluten geschftige Hnde
die Knste der Sanct-Peterskuppel-Beleuchtung nachahmen, die beweglichen
Lampenstnder auf- und niederschwenkend ... Musik hallt aus den beleuchteten
Slen der illuminirten Villa ... Dann und wann schiet in die magisch blaue,
unendlich weiche, milde Luft schon eine Leuchtkugel, ein mit dem Mondlicht
wetteifernder Vorbote des Feuerwerks ... Das ihm aufjauchzende Volk drngt bis
an die groe Sonne ... Von da ab werden nur noch die Mnche und die Trger von
privilegirten Bchsen hindurchgelassen ... Todtenbrder in ihren unheimlichen
Hemden fehlen nicht ... Man hatte ausgesprengt, der Cardinal Ceccone spendete
heute Gaben im Werth von dreitausend Scudi und die Aeltern des Prinzen Rucca die
nmliche Summe ... Das Gercht schien sich annhernd zu besttigen ... Ein
Harlekin ergtzte das Volk ber das Gitter hinweg durch Wrfe von Mnzen ...
Diese waren freilich nur noch von gebackenem Zucker, aber eine Tombola war im
Gange, bei der einige silberne Uhren ausgespielt werden sollten, ohne da man
den Einsatz bezahlte - die Loose wurden ber die Hupter hinweggeworfen ...
Nchst Madonna Maria ist Fortuna die grte Heilige in Rom ...
    Pater Vincente, Pater Sebastus, Bruder Hubertus wurden durch die Chaine
gelassen, die die Soldaten und Gensdarmen zogen ... Man wies sie an ein
Seitengebude, wo vor einer noch geschlossnen Pforte eine frmliche
Kirchenversammlung gehalten wurde ... Am heiligen Grab in Jerusalem mag es zur
Osterzeit so aussehen, wenn sich die Mnche aller Orden der Christenheit
zusammenfinden und je nach Umstnden beten, Tauschhandel treiben oder - sich
prgeln ... Die Trken sollen den christlichen Caricaturen des Heiligsten mit
stillem Lcheln zusehen und abwechselnd bald zum Pfeifenrohr, bald zur Peitsche
greifen ...
    Klingsohr fhlte heute hnliche Anwandelungen aus Goethe's west-stlichem
Divan ... Er drngte vorwrts und staunte der Wiederkehr seiner alten gttinger
Burschenkraft ... Hubertus warf schon hier einen Kapuziner, dort einen
Karmeliter aus dem Wege ... Als die brigen Franciscaner den heiligen Pater
Vincente sahen, fielen sie ehrfurchtsvoll in den Ruf einiger Stimmen ein:
    Platz dem Sack von San-Pietro in Montorio! ...

                                       3.


Contessina Olympia Maldachini hatte zwar immer die Villa Rucca nach dem runden
und geschweiften Rococostyl ihrer Bauart eine altbackene Brezel genannt und
damit die empfindlichste Seite der Ruccas, ihren - von einem Bcker
herstammenden Ursprung berhrt ...
    Aber die geffneten Rume der altmodischen marmornen Kommode, das groe Oval
des Saales mit den kleinen Seitenpavillons und den nach hinten hinausgehenden
Terrassen, die fast noch eine Ausdehnung des Saales schienen, boten doch darum
einen glnzenden Anblick ...
    Ein solches Fest, wo das Auge unter Lichtern, Blumen, Statuen nicht mehr
herausfindet, ob der Fu innerhalb oder auerhalb eines Saales, in geschlossenen
Rumen oder auf Veranden und Altanen verweilt, kann man nur im Sden feiern ...
Die Gunst des Himmels mu eine sichere sein; kein Wlkchen darf das Vertrauen
auf die Mitwirkung der Natur zur Lust der Menschen stren ...
    In dem Saal, in den Nebenzimmern, auf den mit blendend weien, silber- und
krystallstarrenden Tafeln geschmckten Terrassen wogten einige Hundert der
vornehmsten Gste mit glnzender Dienerschaft ... Mnner und Frauen in den
reichsten Toiletten ... Die Rmerinnen der hohen Aristokratie hie und da
imposant; aber bei weitem die Mehrzahl doch nur zierliche, kleine, ja nicht
selten verkommenere Gestalten, als die majesttischen, die unsre Phantasie in
Rmerinnen erwartet ... Auch die Mnner sind nicht das, was wir von den
Nachkommen der Scipionen erwarten ... Der junge Principe Rucca, in seiner
rothen, goldgestickten ppstlichen Kmmerlingsuniform, der glckliche Brutigam,
der wirklich, wie ein Pasquill sie nannte, die Katze Olympia leidenschaftlich
liebte, braucht dabei nicht mitzuzhlen; noch weniger sein Vater, der immer wie
ein alter schbiger, heute einmal ordentlich gewaschener und lcherlich bunt
ausgeputzter Bewohner des Ghetto aussieht ... Aber selbst Principe Massimo, der
Nachkomme des Quintus Fabius Maximus Cunctator, der auf Napoleon's ironische
Frage: Stammen Sie wirklich von diesem glcklichen Gegner des Hannibal her?
stolz erwiderte: Das wei ich nicht, Sire, aber man glaubt es von unserm
Geschlecht bereits seit eintausendzweihundert Jahren! (eine Antwort, die nach
Klingsohr's Auffassung der Heiligen Treppe, vor der alles Volk im Vorbergehen
knixte, Rom und der rmische Glaube auf alle Zweifel an seine Reliquien geben
darf - Sind diese Knochen nicht echt, schrieb Klingsohr schon zur Zeit des
Kirchenstreites, so ist doch durch sein hohes Alter der Glaube an ihre Echtheit
ehrwrdig) - - Principe Massimo ist ein kleiner, feiner diplomatischer Herr,
der mehr der Sphre der Abbs, als der Imperatoren anzugehren scheint ... Da
wandeln die Borghese, die Aldobrandini ... Gegen frhere Geltung sind es
herabgekommene Namen, wenn auch immer noch so stolze, da sie hier vielleicht
nicht anwesend wren, schwebte nicht der Alter Ego des Stellvertreters Christi,
Cardinal Don Tiburzio Ceccone, wie ein Apoll von sechzig Jahren durch die
Reihen, lchelte bald hier, bald dort, stellte, als wre er der Wirth, neue
Mitglieder des diplomatischen Corps den Damen vor, begrte junge Prlaten, die
sich eben erst in die Carrire mit einigen Tausend Scudi eingekauft haben,
neckte die Damen ... Diamanten und Bonmots blitzen ... Die seidenen Gewnder
streifen sich und die Galanterieen ... Das die Gemahlin des Frsten Doria, eine
Englnderin, hoch und stolz, sogar mit einem Orden geschmckt ... Dort die
Frstin Chigi, deren Urahnen unter dem wilden Papst Julius II. ihren Gsten bei
solchen Gelegenheiten Ragouts von Papagaienzungen vorsetzten und die gebrauchten
Silbergeschirre in die Tiber werfen lieen - Jetzt wrden sie vorsichtiger
sein, spottete schon oft Ceccone ... Napoleoniden fehlen nicht ... Ceccone gibt
ihnen mit lchelnder Grazie Andeutungen, wie ihre demokratischen Bestrebungen
ihm in Wien Gegenstand empfindlichster Vorwrfe fr das Cabinet der gekreuzten
Schlssel gewesen wren ... Neulich hatten Ruber den Prinzen von Canino (Lucian
Bonaparte) in seiner Villa Rufinella aufheben wollen ... Der Cardinal scherzt
eben darber mit ihm und sagt: Wenn man eine Million Lsegeld verlangt htte,
wrden Eure Hoheit vielleicht nicht den Congre der Naturforscher in Pisa
begrndet haben, der ja wol den Anfang der Einheit Italiens bilden soll! ...
Ein scharfes Wort, harmlos vorgetragen, und doch so drohend, da der Prinz
hinter dem Mann im rothen Kppchen und in rothseidnen Strmpfen eine bedenklich
ernste Miene macht ...
    Saht ihr diese Miene? Ihr Piombino, Ludovisi, Odescalchi, Ruspigliosi -? ...
Alle diese Namen, die freilich in den Listen des jungen Italien fehlten,
fehlten doch nicht bei dem Widerspruch, den das Priesterregiment Roms seit
tausend Jahren bei den Adelsgeschlechtern findet ... Den Gesprchen zufolge
htte niemand an die Stadt der sieben Hgel denken sollen ... Sie betrafen
Theater, Concerte, Moden - aber doch auch Ruber, die nchsten Segnungen des
heiligen Vaters, die reservirten Pltze bei den groen Kirchenfesten ...
    Die lebhafteste Conversation fhrten die Offiziere und die Geistlichen ...
Letztere, Roth- und Violettstrmpfe, sind gegen die Damen fast noch
zuvorkommender, als die erstern, die vorzugsweise der Nobelgarde Sr. Heiligkeit
angehren - schlanke hohe Gestalten, jngere Shne der Aristokratie; nur ihrer
achtzig; aber Schooskinder der rmischen Gesellschaft, Tonangeber aller offenen
Freiheiten, die sich noch unter dem Priesterregiment gestatten lassen - der
geheimen gibt es genug - die Begleiter Sr. Heiligkeit auf Reisen, die Anfhrer
seiner ffentlichen Aufzge - ein Graf Agostino Sarzana darunter - in
goldstrotzender zinnoberrother Uniform mit blauem Kragen, weien Beinkleidern,
den schnen Rmerhelm, mit schwarzen hngenden Rohaaren und dem kleinen weien
Seitenbschel daneben, schon in der Hand ... Das Souper war zu Ende ... Alles
drngte dem Garten und dem Feuerwerk zu ...
    Graf Agostino Sarzana war es, der eine Dame verfolgte, die sich nach dem
Ausspruch Sr. Eminenz des regierenden Cardinals heute ausnahm wie eine Tochter
der Luna ... Die Dame verschwamm im blauen Aetherlicht wie ein Gedanke voll
Ahnung ... Sie tauchte auf, da und dort - und verschwand wieder in den
dunkelgrnen und blauen Schatten wie die Luft ... Ihre Toilette war der Anla
dieser Vergleichung des Cardinals, der sie gleichfalls mit Feueraugen verfolgte,
wenn er sie auch nicht vor den vielen andern anwesenden, die seinem Herzen und -
Beutel theuer waren, allein auszeichnete ...
    Die Tochter der Luna, der Keuschen, deren heidnischen Ruf Ceccone als
Priester der Christenheit nicht zu schonen brauchte, indem er ihr eine Tochter
gab, trug ein blablaues Kleid von Donna-Maria-Gaze, einem durchsichtigen,
damals neu erfundenen Seidenstoff, berset mit kleinen silbernen Sternchen ...
Das Kleid war nicht ausgeschnitten; es verhllte, der keuschen Luna schon
entsprechend, Formen, die sich dennoch verriethen ... Als einziger Schmuck
blinkte im dunklen Haar ein einfaches Diadem von blankem Silber, in Gestalt
eines Halbmonds ... Es war ein Kopf, der sich mit seinem glattliegenden Scheitel
und dem krftig gewundenen Knoten im Nacken wie eine lebendig gewordene Statue
aus den gyptischen Slen des Vatican ausnahm ... Um die dunkeln Augen lag eine
gewisse erhitzte Rthe, wie sie bei leidenschaftlichen Naturen vorkommt ... Die
Stirn war schmal; die Wange ebenso etwas zusammengehend, aber sanft zum spitzen
Kinn niedergleitend; die untere Lippe trat mit Muth und Trotz hervor ... Es gibt
plastische Gesichtsformen, die nicht altern ... Das Schnste war die Lnge der
Gestalt ... Die Dame war pinienhaft schlank ...
    Graf Sarzana will unserer Creolin Unterricht im Italienischen geben?
scherzte der Cardinal so laut, da es alle Umstehenden hrten ... Die Creolin
war wieder ein neues Stichwort fr die Tochter der Luna und diesmal kam es vom
Monsignore Bischof Camuzzi, dem ersten Secretr des Cardinals, der als Missionar
Westindien bereist hatte ...
    Eminenz, sagte Graf Sarzana, der schlanke junge Mann mit athletisch breiten
Schultern, auf denen bei jeder seiner Bewegungen die goldenen Epaulettes hin-und
herflogen, und strich sich den martialisch gezogenen Schnurrbart, Eminenz haben
die Absicht, die ganze Welt zu reformiren! Auch die Garde Sr. Heiligkeit! Wenn
ich noch lnger in diesen Fesseln schmachte und nicht erhrt werde, geh' ich
nach San-Pietro in Montorio, nach dem die Dame mich soeben gefragt hat ...
    Auf diese scharf betonte Lokalitt und berhaupt auffallend grell
gesprochenen Worte des Ritters Sr. Heiligkeit fistulirte ein Stimmchen nebenan:
    Ja, in der That! Pater Vincente ist ja da! ...
    Dies Stimmchen gehrte dem Brutigam, der den Namen des bezeichneten
Klosters gehrt hatte und eben von der Pforte kam, wo er den seiner Person so
schmeichelhaften Volksjubel und die Ausspielung der silbernen Uhren hatte
controliren wollen ...
    Wir werden das meiner Frau sagen mssen! fuhr er, vom Champagner erhitzt mit
Lebhaftigkeit fort ... Erfhre sie die Anwesenheit des Paters und dieser ginge,
wie er gekommen, so wre sie im Stande, mir die erste Gardinenscene zu machen
...
    Die Abbs und Prlaten lachten ber die Wonne, mit der jeder junge Ehemann
von zwlf Stunden fortwhrend den Begriff: Meine Frau im Munde fhrt ...
    Inzwischen stiegen immer mehr Leuchtkugeln auf und das Feuerwerk schien
seiner Entfaltung nahe zu sein ... Drauen riefen Tausende von Stimmen und
klatschten bereits im voraus Beifall und die Musik fiel mit schmetterndem
Tuschblasen ein ...
    Der alte Rucca und die Frstin Rucca Mutter - die jedoch noch keineswegs
Matrone sein wollte und ihren Cavaliere servente aufsuchte, um ihm eine
Strafrede fr Vernachlssigung zu halten - schossen hin und her, sahen nach der
Ordnung, sahen nach dem Aufbewahren der Speisereste - fr die Armen - Der
Schwiegervater Olympiens war bis zum Exce konomisch ... Der kleine Mann mit
einer orientalischen Habichtnase und dem Band des Gregoriusordens ber der Brust
klagte allen Prlaten ber seine Domne, die Zlle der adriatischen Kste ...
Man nannte ihn gewhnlich den Blutsauger ... Dies war ein Titel, der ihm
gerade vor andern, die ihn ebenso verdienten, keinen Vorzug gab ... Nie aber
htte sich allerdings gerade der alte Frst Rucca auf der Kste von Comacchio
bis Ferrara sehen lassen knnen, ohne Gefahr zu laufen, von den Schmugglern und
seinen eigenen Zollbedienten todt geschlagen zu werden ...
    Aber auch dieser alte Herr horchte mit dem schalkhaftesten Lcheln seines
Nuknackerkopfes sowol nach der Erwhnung des Pater Vincente wie nach dem
Unterricht der Creolin hin - er wute ja, da es eine Deutsche war ... Seinem
Sohn rief er gelegentlich ein heimliches: Asino! nach dem andern ins Ohr,
besonders wenn dieser die Monsignori vom Steuerwesen, den Finanzminister Roms,
den Cardinal Camerlengo, nicht genug zu honoriren schien ... Maulesel nannte
er ihn sogar, wenn er zu wild um Olympien her trampelte ... Klagte nun der
junge Ehemann ber die schlimme Laune seiner Frau, so schrieb der Alte das mit
eigenthmlichem Meckern auf Rechnung aller Brute am Hochzeitstag ... Dies
Meckern machte, da seine Nase und sein Kinn sich kten und die Mundwinkel
zurckgingen fast in die Ohren ... Der Cardinal Camerlengo, dster brtend wie
Judas Ischarioth, der auch zuweilen nicht wissen mochte, wie er den Seckel fr
den ersten Kirchenstaat von dreizehn Personen fllen sollte, scherzte jetzt: Sie
sind so guter Laune, Frst? Im nchsten Jahr verlang' ich eine Million mehr! Die
Zeiten werden schlechter und schlechter! Wir mssen aufschlagen, Hoheit
Generalpchter! ...
    Der alte Frst drckte sein Wie kommen Sie mir vor? mit einer
charakteristischen Geberde aus, die zwar stumm war, aber das ganze anwesende
geistliche Ober-Finanz-Personal des Kirchenstaates lachen machte ...
    Der Vielseitigkeit seines Geistes entsprach sein Sohn keineswegs ...
Ercolano Rucca war von Wien beschrnkter als je zurckgekommen ... Er konnte
berhaupt immer nur Einen Gegenstand im Kopf haben ... War dieser erledigt, erst
dann kam er auf den zweiten ... Oft aber dauert es bekanntlich Tage und Wochen,
bis in dieser sublunaren Welt unter hundert Sachen Eine grndlich durchgesetzt
ist ... Principe Ercolano sprach dann tage- und wochenlang nur von dieser Einen
Sache, z.B. von der Kunst, Handschuhe zu verfertigen aus Rattenleder, was eine
Idee war, die der Verwaltung des Steuerwesens Muth geben sollte, die nrdliche
Generalpacht im Hause der Rucca's erblich zu lassen ... Jetzt suchte er nur noch
nach der Herzogin von Amarillas, die wegen Pater Vincente um Rath gefragt werden
sollte ... Graf Sarzana hatte soeben noch mit der Herzogin gesprochen ... Auch
die alte Frstin suchte die Herzogin - wie deren Cavaliere servente, Herzog
Pumpeo, versicherte - Dieser Herzog Pumpeo wollte in gerader Linie von Pompejus
abstammen; auch er war ein armer Nobelgardist, aber ein Crsus an guter Laune
und fr Se. Heiligkeit selbst ein Spamacher, wenn gerade an ihn der Dienst im
Vorzimmer oder bei der kleinen Garontafel des Stellvertreters Christi kam ...
Se. Heiligkeit lie brigens damals den Cardinal Ceccone schalten und walten -
und um nichts zu verschweigen, sagen wir es offen und aufrichtig: Der Zauberer
von Rom war bitter krank ... Der Trger der Himmelsschlssel, der Patriarch
der Welt, der Vater der Vter, der Erbe der Apostel, der Hirt der Heerde,
war ein armer Mensch; er frchtete den Gesichtskrebs zu bekommen1...
    Heda, Kamerad! ruft bei alledem champagnerberauscht Herzog Pumpeo dem Grafen
Sarzana zu. Ich sehe die blaue Eidechse da, wo die Schwrmer prasseln! ... Hu,
wie sie erschrickt! ... Dort huscht sie zu den Mnchen hinber, von denen sie
einer vielleicht in seinen Sack steckt und nach Santa-Maria trgt ... Sie ist
eine Beate (Frmmlerin) ... Alle Eure Mhe, sie zu bekehren, scheint mir
vergebens, Bruder - oder soll's vielleicht heien:

Freut Euch, ihr Jungen!
Die Alten bezahlen!
Die Alten bezahlen,
Nur mt ihr nichts sehen -
Nur mt ihr nichts hren -

    Weiter kam diese Lsterung auf Ceccone nicht ... Nun war die Tochter der
Luna und die Creolin auch die blaue Eidechse und sogar eine Frmmlerin
...
    Der Graf und der Herzog wandten sich armverschrnkt beide dem linken Flgel
der Brezel zu, wo erstens die Champagnerstrme reichlicher flossen, zweitens
die alte Frstin Rucca, zornig mit den Augen runzelnd, auf Pumpeo, ihren Ritter,
wartete und drittens eine wahre Batterie von Schwrmern losplatzte ... Das gab
ein Angstgeschrei, bei dem die muthgebenden Soldaten nicht fehlen durften ...
    Der Brutigam kam inzwischen mit einer Dame zurck, die heute nicht zu den
freudestrahlenden gehrte ... Auch die Toilette der Herzogin von Amarillas
verrieth ihre Trauer ... Die Veilchen sind eine Blume, vor der bekanntlich jede
Rmerin, obgleich an Blumenduft gewhnt, eine bis zur Ohnmacht gehende Abneigung
hat; dennoch war das schwarzseidene Kleid der Herzogin ganz von blauen Veilchen
durchwirkt; schwarze Spitzen saen am Leibchen und am Rock ... Auch die grauen
Haare waren in schwarze Spitzen eingehllt ... Und nur um den Cardinal nicht zu
sehr zu einem jener Blicke zu reizen, die ihm zuweilen bis zum Tod verwundend zu
Gebote standen - seit einiger Zeit war er in dieser Art gegen sie wie ein
Skorpion - hatte sie dem Anla der Freude, die zur Schau getragen werden sollte,
das Opfer gebracht, Hals und Arme mit dunkelrothen Korallen und die Spitzen, die
das graue Haar verhllten, mit frischen Granatenblten zu schmcken ... Warum
soll sie erfahren, sagte sie in ihrem bei alledem stolzen und festen Tone, da
Pater Vincente zugegen ist? ...
    Sie ist so verdrielich ... fiel der besorgte junge Ehegatte ein ... Wir
mssen es ihr auf alle Flle sagen ... Durchaus ...
    Die Herzogin erwiderte nicht minder mismuthig:
    Sie kennen die Bescheidenheit des heiligen Mannes ... Olympia wre fhig,
ihn in die Gesellschaft zu rufen und mit ihm - zu kokettiren! ... Das letzte
Wort unterdrckte sie freilich ...
    Sie will ihn zum Cardinal machen ... Ehe es Fefelotti ohnehin thut ... Wir
mssen ihn aufsuchen ...
    Thun Sie das nicht! sagte die Herzogin. Ich werde es ihr selbst sagen und
dann hren, was sie etwa wnscht ... Die Ernennung zum Cardinal berraschte
sie nicht ... Sie kannte die Maxime der ehrgeizigen Cardinle, fr die Papstwahl
entweder sich selbst in Bereitschaft zu halten oder, falls sie unterliegen
sollten, irgendeine unschdliche, ihnen verpflichtete Puppe ... Pater Vincente's
Geschichte war dem Klerus ganz Italiens bekannt ...
    Das Feuerwerk entfaltete sich noch nicht in seinem vollen Glanze ... Die
Bravis erschollen von nah und fern nur noch wie Ironie ber die Verzgerung ...
Das Gewhl des Volks wurde grer und grer ... Dabei gingen die abgetragenen
Schsseln bei den Mnchen und Reprsentanten der Spitler und Bettlerherbergen
um ... Schon begannen unter knallenden Champagnerkorken die Austheilungen ...
Manche der devoten Frauen, der Beaten, betheiligten sich selbst an der
Uebermittelung der Gaben ... Ihre goldbetreten Diener standen dann zur Seite
und berwachten die glnzenden Schmuckgegenstnde, die sie trugen ...
    Olympia, die Braut von Rom, besa entweder die Reizbarkeit aller kleinen
Gestalten, im Gewirr vieler Menschen nicht mit den ihnen gebhrenden Ansprchen
hervortreten zu knnen, oder ihre Stimmung war in der That voll uersten
Verdrusses ... Sie lief nach rechts und nach links, redete mit diesem und mit
jenem und trug auf der Stirn den ersichtlichsten Ausdruck einer
leidenschaftlichen Nichtbefriedigung ... Ganz so mrrisch, wie sie heute in der
Frhe in der Kirche Apostoli den Ceremonien der Trauung beigewohnt hatte, sah
sie jetzt das Bouquet des Festes, das Feuerwerk herannahen ... Schon mahnten
die Schwiegerltern, da es passend wre, sie fhre ganz in der Stille whrend
des Feuerwerks mit ihrem Gatten in das Palais der Stadt, das sie in der Nhe des
Pasquino bewohnten - jenes alten Steinbildes, an dessen Fu seit urltesten
Zeiten die Satiren Roms angeklebt werden und von dessen Sockel die Polizei seit
einigen Tagen jeden Morgen in erster Frhe Spottverse abgerissen hatte, die den
Cardinal ernstlich an die Zeiten mahnen lieen, wo Sixtus der Fnfte solchen
Pasquinospttern die Zunge ausreien lie ... Gerade vor diesem Augenblick der
Abfahrt schien aber Olympia Furcht wie zum Entfliehenmssen zu haben ... Sie
stand niemand Rede ... Dem Gatten nicht ... Dem triumphirenden - Onkel nicht
...
    Ceccone weidete sich an seinem Liebling, dessen Bewegungen und Erscheinen
sich wenigstens durch das Rauschen des schweren Seidentaffetkleides ankndigten,
das sie unter ihrer Brautrobe von Spitzen trug ... Noch wehte ihr wie bei der
Trauung und der ersten Messe, die das junge Paar anhren mute, wie bei den
conventionellen Andachten, die den Tag ber an gewissen groen Altren und bei
dem Besuch Sr. Heiligkeit, um den Segen des armen mit Tchern umwundenen Mannes
zu bekommen, gemacht werden muten, der kostbare Spitzenschleier im Haar - statt
der Myrte war er jetzt von einem Kranz von Orangenblten umgeben ... Schon
welkte dieser; schon welkten die gleichen Bouquets, die auf dem Kleide in
gewissen Zwischenrumen zur Seite saen; die Hitze des innern Saals, wo Olympia
gesessen, war zu gro gewesen; sie ri auch und zerrte an allem, was sie
hinderte ... Den bronzenen Hals schmckte ein Collier von Diamanten ... Sie ist
schn, wenn sie liebt - hatte im vorigen Jahre die Herzogin gesagt ... Olympia
liebte heute nicht ...
    Ein kurzer Augenblick - hinter einer groen von Hortensien gefllten
Marmorvase - und Ceccone konnte Olympien an sich ziehen und sie voll vterlicher
Bestrzung fragen:
    Aber was hast du denn nur, mein geliebtes Kind? Was ist dir nur heute? ...
    Jettatore anche voi! zischte Olympia mit rauher Stimme, stampfte den Fu auf
und stie die weichen Hnde des Priesters zurck ... Alle Welt will, da ich
sterben soll! setzte sie fast weinend hinzu ...
    Ein solches Wort - dem Onkel! ...
    Olympia hatte gesagt, Ceccone wre gleichfalls ein mit dem bsen Blick fr
sie Behafteter, ein Jettatore, wie alle Welt! ... Das der Dank, da er der
ffentlichen Meinung trotzte und ungeachtet aller vom Pasquino abgerissenen
Satiren auf die Donna Holofernia, auf die Vermhlung derselben mit dem jungen
Judas Ischarioth Seckeltrger junior, und hnlicher Anspielungen scheinbar
heute so sorglos und unbefangen sein Haupt erhob ...
    Auch er hatte ja der Sorgen genug! Aber ihm gengte im Augenblick vollkommen
der lrmende Antheil der ewigen Stadt an seiner Person; ihm gengte die
unabsehbare Wagenreihe der hohen Aristokratie und Prlatur, die bis in die
dunkelsten Schatten der Landstrae hin sichtbar blieb ... Und nun ein Ausbruch
solcher Nichtgenge bei dem geliebten Kinde, das sich zuweilen auch gegen ihn zu
empren anfing ... ... Er flsterte:
    Tubchen! Liebchen! ... Papagallo! ... Fiore di luce! ...
    Suche dir die Tochter der Luna! ... erwiderte sie hhnisch und huschte
fort ...
    Der Onkel lachte ber die Eifersucht seiner Nichte ...
    Da wandte sie sich noch einmal ...
    Onkel, sagte sie zornig, lache nicht! Ich mchte in diesem Augenblick
sterben! ... Ich wnschte, du httest nur wegen meiner an Pasqualetto
geschrieben - nach Porto d'Ascoli - ...
    Jesu! flsterte der Cardinal, wurde kreidebleich und sah sich besorgt um ...
Welchen Namen nennst du da? ... Pasqualetto - St! unterbrach er aufs strengste
Olympiens Gegenrede ...
    Der alte Rucca ging eben vorber, spitzte die Ohren, grinzte seltsam und
sagte fr sich: Eh! Eh! Eh! ...
    Vieldeutige Laute ... Olympia hatte einen Namen genannt, den er gehrt zu
haben schien ... Er wandte sich halb und halb zum Zuhren und liebugelte einer
Schwiegertochter, deren Hochzeit - mit seinem verlngerten Pachtcontracte
zusammenhing - ...
    Ceccone winkte ihm mit graziser Handbewegung zu gehen ... Noch ist sie
mein! sprach er s und vor allen nher herantretenden Zeugen ... Dann legte er
die zarten weichen Hnde auf das Haupt der kleinen Meduse, zog sie wieder an die
Hortensienvase und flsterte:
    Wie kannst du von Pasqualetto reden? ... Was soll er? ...
    Mich stehlen und in die Berge schleppen! ... erwiderte Olympia ...
    Ich beschwre dich, mein ser Papagai! fuhr der besorgte Vater fort und
wollte Olympia noch weiter ins Dunkel mit sich ziehen, um sie herzinniger zu
kssen, vielleicht sie an den Wagen zu fhren, den der junge Gatte zu jeder
Minute bereit zu halten versprochen hatte ... Schon rief er nach dem Mohren, der
nach seiner Taufe den frommen Namen Chrysostomo fhrte ...
    Statt des Chrysostomo kam aber der ganze Schwarm der Gste ... Die
Leuchtkugeln erhellten gerade die Vase mit den Hortensien und wo die Braut war,
muten doch alle sein ... Niemand erzrnte gern die wilde Olympia ... Es klang
ihr jetzt ganz zu Sinn, da ihr Gatte verspottet wurde ber die Verzgerung des
Feuerwerks ... Die Raketen haben den Schnupfen! hie es ... In die Cascatellen
ist Wasser gekommen! ... Die Feuerrder haben die Achse gebrochen! ... Man
frchtet, die Frsche werden hpfen wie die Flhe! ... Flhe ... Wer solche
Italienerworte htte in dieser Sphre fr unziemlich halten wollen, mute eine
deutsche oder franzsische Bildung haben ... Der Sdlnder kennt keine Scheu der
offenen Namengebung dessen, was natrlich ist ...
    Die Herzogin von Amarillas machte inzwischen einen Versuch, sich Olympien zu
nhern ... Aber Olympia entzog sich gerade ihr ... So beschlo denn die
Herzogin, die Nachricht ber den Pater Vincente fr sich zu behalten ... Auch
sie floh vor dem endlich beginnenden Feuerwerk ... All dies Knistern und
Knattern, all diese Bravis und Ausrufungen waren der Mutter Julio Csares nicht
zu Sinn ... Sie suchte den Garten, den Park, der zwar nicht unbelebt, aber
dunkler war und an seiner uersten Grenze Einsamkeit versprach ... In diesem
Verlangen nach dem Pater Vincente, das die Braut ausgesprochen, lag fr sie ein
ihr wohlbekannter Ausdruck des Zorns ber Benno's Nichtanwesenheit, ber sein
gnzliches Verschwundensein nach den beiden Mrchenwonnentagen von Wien, lag der
Ausdruck der Reue ber die allzu schnelle Ernennung Bonaventura's zum Bischof
von Robillante ... Benno hatte sich im vorigen Jahr nach Rom begeben und war
dort nicht lnger geblieben, als bis - die Mutter und Olympia ankamen ... Da war
er nach dem Sden entflohen ... Er hatte sich aufs Meer begeben, war ber
Sicilien, Malta, Genua, Nizza nach Robillante gereist, wo er in diesem
Augenblick bei Bonaventura verweilte; er stand mit der Mutter im Briefwechsel,
er schrieb ihr unter fremden Adressen - sie hatte die ganze Brgschaft seiner
Liebe und Zrtlichkeit fr sich; - aber vor einem Zusammenleben mit Olympien
erfllte ihn ein ahnungsvolles Grauen ... Aus dieser Misachtung der ihm so offen
in Wien ausgesprochenen Liebe Olympiens war eine Gefahr fr die Herzogin selbst,
fr Benno, fr alle seine Beziehungen entstanden ... Die Theilnahme, die die
Mutter fr ihn nicht verleugnen konnte, wurde ihr von Olympien aufs heftigste
verdacht ... Nun mute auch noch die Herzogin in Wien ein junges Mdchen
gefunden haben, das, der italienischen Sprache vollkommen mchtig, anfangs nur
die Vermittelung mit den deutschen Verhltnissen erleichtern sollte ... Eine
wohlberufene Convertitin, die von einer glhenden Sehnsucht nach Rom verzehrt
wurde ... Die Herzogin hatte den Auftrag erhalten, die Wrdigkeit dieser
Empfehlung zu prfen ... Sie sah sie, war von einer auffallenden Aehnlichkeit
derselben mit ihrem Kinde Angiolina gerhrt - es fehlte nur noch die
Bekanntschaft dieses Mdchens mit Benno und Bonaventura, um sie nicht wieder
freizulassen ... Es war nun aber Lucinde Schwarz selbst, die ihrer Stellung
gefhrlich zu werden drohte ...
    Lucinde liebte nicht, ungefragt von ihrer Vergangenheit zu sprechen. Sie war
nie in der Stimmung, gern von Schlo Neuhof, vom Kronsyndikus, Jrme von
Wittekind zu berichten ... Aber die Erwhnung fand sich zufllig und da stand
sie schon in Wien Rede ... Die Herzogin horchte voll Erstaunen ... Auf die Lnge
war sie von Lucinden seltsam abgestoen und wieder angezogen ... Man nahm sie
mit nach Italien ... Erst spter zeigte sich die Gefahr dieser Eroberung, wie
Ceccone, berrascht von Lucindens Geist, sie genannt. Lucinde gewann Einflu
ber alle ihre neuen Umgebungen, ber den jungen Principe, ber Olympien, den
Cardinal sogar ... Jetzt war sogar schon Olympia eiferschtig auf die Tochter
der Luna ... Rom hatte Lucinden verjngt ...
    Das Boskett, das dicht an die zur Verlngerung des Speisesaals umgewandelte
Terrasse stie, bestand aus einer Pflanzung von Nu- und Kastanienbumen ... Aus
seinem migen Umfang heraus fhrten Gnge von beschnittenen Buchsbaum- und
Cypressenwnden auf kleine Rotunden, in deren Mitte aus Farrenkrutern und
Vergimeinnicht Springbrunnen pltscherten oder Marmorstatuen glnzten, am Fu
von blhenden Cactus, von feurigen Schwertlilien umgeben ... Nun kamen die
rechts zu den Grten des Lateran sich ziehenden Beete ... Sie folgten sich in
Abdachungen, die zu Cascatellen benutzt, von Grotten, von Muschel-, von
Marmorverzierungen unterbrochen wurden ... Zur Linken, jenseits der groen
Platanenallee und des flimmernden Wassersturzes fhrten riesige Taxuswnde zu
einer Altane, von welcher sich ein weites Feld von Weinstcken wie ein einziges
grnes Dach auf die Landstrae erstreckte ... Dorthinauf, wo sich unter wilden
Lorberblttern ausruhen lie, zog es die von den schmerzlichsten Ahnungen
erfllte Herzogin ...
    Eine Weile noch wurde sie auf ihrem Wege von einem Naturspiel aufgehalten
... Das Licht des Mondes und der Widerschein des Feuerwerks wurden in ihren
magischen Wirkungen noch bertroffen von zahllosen Glhwrmern, die bald grn,
bald roth aufblitzend die Luft durchschwammen, auf den Struchern und Blumen wie
Edelsteine funkelten, unwillkrlich die Hand lockten, die Luft zu durchstreifen
und nach eitel Funken und Licht zu haschen ...
    In diesem Augenblick glaubte die Herzogin die Tochter der Luna zu sehen,
die am uersten Ende eines der in den Ziergarten einmndenden Heckenwege - von
zwei Mnchen verfolgt wurde ...
    Sie staunte des auffallenden Anblicks ... Sollten von den Bettlern an der
Pforte zwei so verwegen gewesen sein, sich hierher zu wagen? ... Oder konnte
sich in falscher Verhllung Rubervolk eingeschlichen haben? ... Eben waren die
Mnche und die fliehende Donna Lucinda verschwunden ...
    Oder hatte sie sich getuscht? ... Hatte das mondlichtfarbene Kleid der
Gesellschafterin sie irre gefhrt? ... ...
    Da hrte sie das Lachen des Herzogs Pumpeo ... Offiziere kamen und junge
Prlaten, die der Champagnerrausch von den alten Damen zu den jungen vertrieb
... Einige der schnsten hpften an ihrem Arm - gleichsam nur auf der Flucht vor
den gefhrlichen Feuerfrschen ...
    Die Herzogin blieb stehen ... Fast wurde sie umgerannt von dem aus einem
andern der Gnge ihr eilend entgegentretenden Conte Sarzana ...
    Sahen Sie die beiden Mnche, Graf? fragte die Herzogin ngstlich ...
    Die der Donna Lucinda folgten? antwortete Sarzana mit Theilnahme ... Wo sind
sie? ... Ich habe ihre Spur verloren ...
    Beide durchkreuzten den Gang, den die brige Gesellschaft herauskam, und
eilten der dunklern Gegend jenseits der Platanenallee zu ... Der am Ende
derselben funkelnde Wasserfall gab einen Schein von Belebung des Gartens, der
sich indessen nicht besttigte ... Alles blieb einsam und gefahrvoll ... Jetzt
rief der Graf:
    Ich sehe sie ... Dort beim Aufgang auf die Altane ... Was wollen die
Frechen? ...
    Conte Agostino lief mit seinen hohen Reiterstiefeln die nothwendigen fnfzig
Schritte voraus und rief schon auf halbem Wege dem nchsten der Mnche ein
donnerndes:
    Que commande? ...
    Als er nher gekommen, fand er Donna Lucinda mit geisterhafter Blsse im
Gesprch mit den beiden Mnchen, die unausgesetzt wie Eindringlinge von ihm
angerufen und fr verkappte Gauner erklrt wurden ... Ging doch auch durch die
Stadt das Gercht, man htte heute in einer Herberge am Tiberstrand den
berchtigten Ruber Pasquale Grizzifalcone aus der Mark Ancona gesehen, das
Haupt aller Ruber- und Schmugglerbanden der adriatischen Meereskste ... Es
konnten seine Genossen sein ...
    Die lange schlanke Deutsche hielt einen Brief in der Hand und sagte mit
zitternder Stimme und im besten Italienisch:
    Vergebung, Herr Graf! Es sind - zwei Landsleute von mir ... Sie ersuchen
mich, eine Bittschrift zu bernehmen ... Ich werde sie besorgen, ihr - frommen -
Vter -! Lassen Sie sie in Gte ziehen, Herr Graf! ... Willkommen in Rom, Pater
- Sebastus und Frater - Hubertus! ... Wir sehen uns noch ... Gewi! Gewi! ...
Felicissima notte! ...
    Die beiden Mnche standen lichtgeblendet - wie Saulus am Wege von Damascus
... Sie konnten sich nicht trennen ...
    Inzwischen war die Herzogin nher gekommen ... Sie erschrak bei dem Anblick
Lucindens, die tieferschttert schien ... Noch mehr entsetzte sie sich vor dem
Anblick eines dieser Mnche, der mit seinem kahlen und wie fleischlosen Kopf aus
seiner niedergefallenen Kapuze geradezu ein Bote des Todes erschien ...
    Auch die Begleiter des Duca Pumpeo kamen, jetzt ohne die Damen, nher,
nahmen die Mnche in die Mitte und geleiteten sie aus dem Garten ... Graf
Agostino erhielt von Lucinden die Bitte und, als er darum noch immer nicht ging,
fast den Befehl, sie zu verlassen ...
    Die Herzogin sah Lucinden noch wie betubt an den Sockel einer Statue sich
lehnen, von welcher aus man auf die Plateforme jener Altane schreiten konnte ...
Es war hier ringsum dunkel ... Die dichtbelaubten Bume warfen dstere Schatten
... Die Herzogin widerstand nicht, Lucinden zu folgen ... Diese drngte auf die
Altane hinauf, als frchtete sie hier unten zu ersticken oder den Mnchen aufs
neue zu begegnen ...
    Sie sind ja auf den Tod entsetzt, mein Kind! sprach sie theilnehmend ...
Erholen Sie sich ... Diese zudringlichen Bettler in Rom! ... Die Bittschrift war
nur ein Vorwand! ...
    Lucinde schlich nur langsam die Erhhung hinauf ...
    Oben angekommen, sagte sie:
    Nein, nein! ... Ich kannte sie beide ... Ich wute lngst, da sie in Rom
sind - ich htte sie aber lieber, das ist wahr, vermieden; ich - mag nichts mehr
hren von Deutschland ... Die Bittschrift ist - an den Bischof - von Robillante
... Ich will sie besorgen ...
    An den Freund meines Csar! ... staunte die Mutter und htte nun gewnscht,
die Mnche wren nicht vertrieben worden ...
    Beide Frauen blieben auf der einsamen Altane, auf der sie sich auf Sesseln
von Baumzweigen niederlieen, unter einem Dach von knstlich gezogenem Lorber
... Vor ihnen lag vom Mond beschienen das groe stille Meer der Weinstockbltter
... In der Ferne Feuerwerk und das lrmende Volk, das jeder Rakete ein Evviva!
rief ...
    Obgleich sich Lucinde allmhlich zu fassen schien, kam die Herzogin doch
nicht mehr auf die Mnche zurck ... Gerade diese durch Benno bedingten
Wallungen des Interesses zu verbergen, besa sie eine volle Gewandtheit ... Sie
pries die erquickende Erlsung von dem rauschenden Gewhl, das sich nicht
verziehen wollte ... Sie saen so, da sie durch die Bsche zugleich die Knste
des Feuerwerks und ber die Weingrten hinweg den stiller gebliebenen Theil der
Gegend beobachten konnten ...
    O, hier sind wir sicher vor dieser bunten Posse! sagte die Herzogin. Wenn
die Lge in der Welt so rauschend auftritt, wie sollte erst die Wahrheit sich
ankndigen drfen! ...
    Die Wahrheit feiert ihre Triumphe in der Stille! entgegnete Lucinde, noch
immer athemlos. Diese Triumphe sind die Glhkfer des Geistes, die uns nur auf
einsamen Wegen umschwirren! ... Wie heit denn die Pflanze da, auf der ich
vorzugsweise die Thierchen wie die Lichter auf unsern nordischen
Weihnachtsbumen antreffe? ...
    Lucinde rang nach dem Ton der Gleichgltigkeit ...
    Die rothen Disteln? Das sind Artischocken! sagte die Herzogin ...
    Wchst so dummes Gemse hier so wild und schn! ... Carciofoli! Ganz recht!
...
    Eine kurze Pause trat ein ... Beide bewegten ihre Fcher und wehten sich
Khlung zu ... Mancher scherzhafte Vorfall des Tages, manche Neckerei an der
Tafel, mancher Schmuck, manche berladene Toilette lieen sich besprechen ...
    Das Gesprch stockte jedoch bald ... Es zeigte sich - diese beiden Frauen
muten anfangen eine sich fr ein Hinderni der andern zu halten ... Die
Herzogin hatte sich lngst gesagt: Hier ist meine Zeit um! Olympia ist meiner
Fhrung entwachsen! Selbst den Cardinal, ihren Vater, lehnt sie fr ihre neue
Einrichtung als tglichen Gast ab - Schon hat sie's ihm angekndigt ... Ceccone
sucht - eine neue Huslichkeit! Diese Lucinde - lockt, reizt ihn - Ich sah es
heute, er schien ganz auer sich ... Lucinde sollte, wie sich gebhrt, zu
Olympia ziehen ... Diese lehnt aber auch sie ab ... Soll also ich jetzt -? Ich?
... Ich ahne, was Ceccone aus ihr und - mir gestalten will ... Um sie mit
Anstand zur Nachfolgerin - der Herzogin von Fossembrona, der Marchesina
Vitellozzo zu machen, soll ich - als Deckmantel? - ... Nimmermehr! ... Das zu
verweigern bin ich - Benno schuldig ... Aber Graf Sarzana! ... Diese
Abenteurerin - wie sie in seinen Briefen Benno schildert - und Sarzana! ...
Diese armen Teufel freilich - die - Sarzanas! ...
    So empfand die Herzogin ... Klug aber und verstellungssicher, wie sie war,
nahm sie das Gesprch nach einer Weile auf ...
    Es ist wahr, sagte sie, das Leben bringt es mit sich, da nur zuweilen die
Stacheln der Disteln, das sind ja Artischocken, jenen nordischen
Weihnachtsbumen, die ich kenne, gleichen! Die Illumination der Lge mu uns
ermuthigen, an diese kleinen Glhkfer in der Nacht der Wahrheit, an das hellste
Licht, das Aetherlicht des Schmerzes, zu glauben ...
    Lucinde konnte noch nicht gelufig erwidern ...
    Eine Bittschrift an den Bischof von Robillante, sagten Sie? ... fuhr die
Herzogin fort, als Lucinde den Brief trumerisch betrachtete und ihn seufzend in
ihrem Busen barg ... Ist es wahr, da dieser Priester eine Grfin liebte, die
seit einigen Monaten die Gattin des Grafen Hugo von Salem-Camphausen geworden
ist? ...
    Lucinde fixirte die Herzogin mit scheuen unheimlichen Augen ... Jetzt erst
recht antwortete sie nicht ... Jetzt erst fiel ihr ein, da sie ja mit einer
Frau zusammensa, gegen die sie seit einiger Zeit sich hatte entschlieen
wollen, einem Serlo'schen Gedanken Gehr zu geben ... In Serlo's
Denkwrdigkeiten stand: Wenn ihr doch nur nicht ewig von Pflichten der
Dankbarkeit bei Diensten reden wolltet, die Euch gar kein Opfer gekostet haben!
...
    Die Herzogin sprach sorglos, der bittern Stimmung ihres Herzens folgend:
    Graf Hugo liebte - hrt' ich und sah ich in Wien - ein junges Mdchen, das
sich aus Verzweiflung - um ihr Schicksal den - Tod gab ... Ich sah - ihre -
Leiche, ich sah seine Trauer ... Er schlo mit dem Leben ab und doch - doch -
wie mgen auch bei dieser Vermhlung die Raketen gestiegen sein! ... Ha,
erinnern Sie sich in Wien der schnen Altane, von der wir Abschied nahmen am Tag
vor unserer Abreise? ... Es lag tiefer Schnee auf den dstern Tannen ringsumher
...
    Ich erinnere mich ... antwortete jetzt Lucinde, die sich von Klingsohr und
Hubertus allmhlich zurckfand. Sie betonte scharf. Sie hatte der Herzogin heute
schon wieder Zurcksetzungen nachzutragen, die sie ihr in Mienen und Worten an
der Tafel hatte widerfahren lassen ...
    Ob wol das junge Paar an derselben Stelle wohnt, wo - die - arme - Geliebte
- mit zerschmettertem Haupte lag? ... fuhr die Mutter Angiolinens, nichts ahnend
fort ...
    Das - junge - Paar wohnt - in der Stadt ... berichtete Lucinde - - von dem
wirklich geschlossenen Bunde Paula's und des Grafen Hugo ...
    Eine lange Pause trat ein ... Ein leiser weicher Windhauch kam vom Sdmeer
... Im Weinberg zitterten die Bltter ...
    Es ist doch gut, da wir den Gespensterglauben haben! sagte die Herzogin
feierlich ... Wir frchten uns doch noch zuweilen ein wenig vor den Grbern ...
Die Alten verbrannten ihre Todten, glaubten aber doch auch an eine strafende
Wiederkehr; der Geist des ermordeten Csar erschien den Mrdern in der Schlacht
bei Philippi ... Die Christen wollten von den Todten so wiedererstehen, wie sie
in ihrer schnsten Lebenszeit aussahen ... Angiolina hie - sie? ... Sahen Sie
schon die Katakomben drben? ... unterbrach sich die Erinnerungsverlorene ...
Dort blitzt eine goldene Spitze im Mondlicht auf ... Das ist Santa-Agnese ...
Dort steigen Sie einmal nieder mit einem guten Fhrer ... Philipp Neri, der
Heilige, hat da unten wochenlang gewohnt ... Die Erde hier ringsum ist
durchhhlt ... Christen- und Rmergrber in Eins ... Ein Leichenfeld! ... Das
Leben ist's ... Wer war der eine dieser Mnche? Er sah ja wie der Tod ...
    Wie die Auferstehung! hauchte Lucinde fr sich ... Aber der erste Schrecken
war bei ihr nun vorber ... Sie hatte sich wieder in ihre gegenwrtige Lage
zurckgefunden ... Ihr Auge fixirte die Herzogin immer unheimlicher ...
    Diese erschrak ber die fast schielenden Blicke des Mdchens ... Und beim
Suchen nach einem gleichgltigen Gesprche schilderte Lucinde die
Unzufriedenheit der jungen Frstin Rucca ... Da betonte sie sehr scharf den
Namen Benno's ...
    Lucinde that das seit einiger Zeit in Gegenwart der Herzogin fters ...
    Lucinde hatte allerdings bemerkt, da die Herzogin von Amarillas in einer
geheimen Beziehung zu Benno stand ... Sie hatte schon in Wien das Interesse
beobachtet, das diese Frau an ihrem frhern Aufenthalt in Deutschland, an
Witoborn, an Schlo Neuhof nahm ... Sie wute, da sie eine Sngerin gewesen und
- in Leo Perl's Bekenntnissen war ja von einem gewissen Betruge die Rede, den er
an einer - nicht genannten Sngerin hatte ausfhren helfen ... Sie war auf den
Gedanken gekommen, ob nicht jene zweite Frau des Kronsyndikus, die der vom
Wein Aufgeregte und schon an Wahnanfllen Leidende damals in jener Nacht in Kiel
mit dem Degen von sich abwehren wollte, diese jetzige Herzogin von Amarillas
sein knnte ... Ihrer whlerischen Combination entging nichts von dem, was sich
aus auffallenden Daten solcher Art irgendwie verknpfen lie ... Sie hatte auch
schon Benno's ihr hinlnglich bekannte im Familienkreise der Asselyns und der
Dorstes oft besprochene dunkle Herkunft in den Kreis ihrer Combinationen
gezogen und staunte schon lange ber Benno's Aehnlichkeit mit dem Kronsyndikus
und mit der Herzogin ... Sie verfolgte diese Gedanken stets und stets seit dem
Augenblick, wo sie bemerkt zu haben glaubte, da die Herzogin gern ber sie
lchelte, sie gering behandelte und zurcksetzte ... Heute war Graf Sarzana, als
er ihr den Arm geboten hatte, von der Herzogin auf eine andere Dame verwiesen
worden ... Diese Krnkung hatte sie nur vergessen, weil sie spter genug von
Huldigungen berschttet wurde ... Solche Geringschtzungen konnten sich aber
wiederholen ... Daher sagte sie mit scharfsphendem Blick und sich aller der
Vortheile erinnernd, die sie ber die Asselyns hatte:
    Der Todtenkopf? Nach dem Sie fragten! Ich lernte ihn in Witoborn kennen, in
dessen Nhe ein Kloster liegt ... Es ist das Familienbegrbni jener
Wittekind-Neuhof, nach denen Eure Hoheit mich schon so oft gefragt haben ... Der
vor lnger als einem Jahr verstorbene Stammherr, der Kronsyndikus genannt, hat
den Vater des andern, des zweiten Mnches, den Sie sahen, in einem Wortwechsel
erstochen ... Dieser Unglckliche hie Klingsohr und war des Freiherrn Pchter
... Der Todtenkopf aber war des Freiherrn Jger und hie Franz Bosbeck ... Aus
Holland stammt er, war in Java, gewann auf dem Schlo Neuhof eine Stellung durch
die Liebe einer bsen Frau, die dort regierte, Brigitte von Glpen ... Da sein
Herz an einem andern Wesen hing, rchte sich diese Frau und veranlate den
Entschlu ihres Verlobten, der seine wahre Liebe durch den Tod verlor, sich in
ein Kloster zu flchten ... In Indien soll er von den Gauklern Knste der
Abhrtung gelernt haben, weshalb er sich trotz Entbehrungen und Strapazen so
rstig erhlt ... Der eine der beiden Mnche hatte eine Sehnsucht nach Rom, die
der andre aus mir unbekannten Grnden theilte ... Beide entflohen, saen bisher
auf San-Pietro in Gefangenschaft und richten nun, wie sie mir sagten, in diesem
Schreiben an den Bischof die Bitte, sich zu ihren Gunsten zu verwenden ... Sie
frchten sich, wie jeder, der einmal in Rom war, nach Deutschland zurckzukehren
- ...
    Lucinde hielt inne, weil sie die Wirkung ihres Berichtes beobachten wollte
...
    Die Herzogin folgte mit der hchsten Spannung ...
    Doch hatte Lucinde in der Kunst der Beherrschung ihre Meisterin gefunden ...
    Nach dem ersten leisen Zucken der Mienen bei den Worten: Familienbegrbni
der Wittekind-Neuhof, trat trotz der aufs uerste erregten Spannung und der
sie blitzschnell durchzuckenden Vorstellung: Diese Schlange kennt dein ganzes
Leben! eine Todtenklte in die geisterhaft vom Mond beschienenen Zge der
Herzogin und sie sagte nichts als:
    Kommt der Nachtwind so vom Meere? Wovon bewegt sich das Laub in den
Weinbergen? ... Sehen Sie nur, als wenn eine einzige groe Schlange dahinkrche
... So hebt es sich hier und dort und sinkt wieder zusammen ...
    Lucinde hatte nur ihr Auge nach innen gerichtet ...
    Beide Frauen waren zu tief in ihre Erinnerungen, zu tief in die Rstung des
zunehmenden Hasses gegeneinander verloren, um einer Beobachtung ber den
Nachtwind lngern Spielraum zu lassen ...
    Die Herzogin ging nach Lucindens Mittheilungen in die Worte ber:
    Ich wrde vorschlagen, lieber die Bitte dem Cardinal, bei dem Sie ja
allmchtig zu werden anfangen, mitzutheilen, wenn nicht - allerdings Olympiens
Laune zu schwankend wre ... In der That schon oft sprach sie ihre Reue aus,
einem Fremdling, wie jenem Bischof, so schnell den Fu auf italienischem Boden
gegnnt zu haben ... In ihren Lobpreisungen des Pater Vincente, der jetzt am
Thor unter den Bettlern sein soll, erkenn' ich die Gedanken, die in ihrem Innern
Gestalt gewinnen wollen ...
    Lucinde beobachtete, ob wol die Herzogin ihr ganzes Interesse fr
Bonaventura kannte ...
    Diese fuhr fort:
    Auch ist der Bischof von Robillante in der That nicht vorsichtig ... Er hat
dem Erzbischof von Coni mehr die Spitze geboten, als einem so ganz den Vtern
Jesu angehrenden, jetzt als Gropnitentiar nach Rom zurckkehrenden Prlaten
gegenber gutgeheien werden kann ... Sein Eindringen in San-Ignazio und die
Trinita zu San-Onofrio hat die Dominicaner gegen ihn aufgebracht ... Die
Dominicaner sind in gewissen Dingen mchtiger, als die Jesuiten ... Dieser Orden
beruft sich auf die Privilegien der Inquisition ... Der Bischof ging an die
weltlichen Gerichte ... Das war ein Beweis von Muth, aber auch eine groe
Unbesonnenheit ... Neun Waldenser, sieben Proselyten, die die Waldenser
unerlaubterweise aufgenommen hatten, muten von den Dominicanern, die sie
einzogen, herausgegeben werden ... Um Einen, der fehlt, kmpft nun der Bischof
noch immer ... Wie aber nur mglich, sich und andere um einen ketzerischen
Fremden so aufzuregen! ... Allerdings einen Deutschen - aber in seiner Stellung
gebhrte sich gerade gegen seine Landsleute die Vermeidung aller Parteilichkeit
- ...
    Lucinde horchte mit gespanntem Antheil ... Sie kannte diese Gefahren
Bonaventura's nur aus flchtigen Andeutungen Ceccone's ...
    Schreiben Sie ihm doch alles das, wenn Sie den Brief couvertiren sollten ...
sagte die Herzogin ...
    Schreiben Sie ihm doch alles das - ... Das hatte die Herzogin mit einem
seltsamen Ton gesagt ... Es war der Ton, der etwa sagte: Ich wei es ja, Sie
sind die verschmhte Liebe dieses Bischofs! ...
    Lucinde sagte, demthig ihr Haupt senkend und nur im Blick die Fhlfden
verrathend, die sie ausstreckte:
    Der Bischof rechnet, denk' ich - auf den Beistand der Gnner, die ihm - hier
in Rom ihre alte Neigung - sofort wiederschenken wrden, wenn - Herr Benno von
Asselyn, sein - Vetter zurckkehrt und - nicht lnger eine Furcht verrth, die -
fr einen Mann doch - kindisch ist ...
    Welche Furcht? ...
    Das Muttergefhl wallte auf ...
    Aus Besorgni, sich durch Vertheidigung des Sohnes zu verrathen, sagte die
Herzogin gezwungen lchelnd:
    Drfen Sie am Hochzeitstag der Frstin Rucca von der Furcht eines Mannes
sprechen, der nicht der beglckte Gegenstand ihrer Liebe zu werden wnscht? ...
    Alle Umgebungen der Herzogin und Lucindens wuten, wie das Bild der kurzen
wiener Bekanntschaft von Schnbrunn und vom Prater immer noch vor Olympiens
Seele stand ...
    Lucinde sah sich in diesem Augenblick um ... Es war um sie her ein Gerusch
hrbar geworden ... Ueber den Fuboden eilte eine jener kleinen Schlangen, deren
Augen einen phosphorescirenden Glanz von sich geben ... Lucinde zog erschreckt
den Fu zurck, sah die knstliche Ruhe der an sdliche Eindrcke gewhnten und
der Schlange nicht achtenden Herzogin und erwiderte nach einiger Sammlung:
    Benno von Asselyn frchtet, an die bestrickende Olympia ein Herz zu
verlieren, das - ich will es Ihnen verrathen - einem jungen jetzt in London
lebenden Mdchen gehrt ... Sagen Sie aber nichts davon der Frstin! ...
    Die Zge der Mutter konnten sich nicht beherrschen ... Sie verklrten sich
... In ihrem brieflichen Verkehr hatte sie nie auf eine Frage nach Benno's
Herzen deutliche Antwort erhalten ...
    Wen liebt - Signore - Benno? fragte sie mit einer sich bekmpfenden
Theilnahme, deren leidenschaftlichen Ausdruck jedoch ihr ganzes Antlitz verrieth
...
    Er liebt unglcklich ... sagte Lucinde immer forschender und schon mit
triumphirenden Blitzen aus ihren dunkeln Augen hervorlugend ... Sein bester
Freund nchst dem Bischof und dem Dechanten Franz von Asselyn - Die Herzogin
schlug ihre Augen nieder - ist ein junger reicher Kaufherr, Thiebold de Jonge
... Beide wurden, ohne es zu wissen, zu gleicher Zeit von einer Liebe zu einem
Mdchen ergriffen, das damals noch halb ein Kind war ... Armgart von Hlleshoven
ist ihr Name ...
    Armgart von -? ...
    Lucinde mute den Namen wiederholen ... Der Mutter klopfte das Herz ...
    Armgart von Hlleshoven ... sagte die Listige, die sich rstete, der
Herzogin ein fr allemal das Geringschtzen ihrer Person zu verderben ... Sie
ist, hauchte sie, die zrtlichste Freundin jener Grfin Paula, die die Gattin
des Grafen Hugo geworden ... Schon einmal geriethen beide Freunde um diese
Neigung in Streit ... Einer entsagte zu Gunsten des andern ... Darber fand
Armgart Zeit, erst eine Jungfrau zu werden, die berhaupt an Liebe denken darf
... Ein wunderliches Aelternpaar hat sie aus Witoborn nach England geschickt, wo
sie im Hause einer Lady Elliot lebt und ihre Zrtlichkeit fr zwei Liebhaber
zugleich an dem Widerstand gegen einen dritten prfen kann ... Dieser hat das
glcklichere Loos getroffen, jetzt in ihrer Nhe leben zu drfen ... Es ist dies
jener Wenzel von Terschka, der, wie man sagt, nur um ihretwillen Priestergelbde
und Religion und was nicht alles aufgab - ... - ...
    Pater Stanislaus? sagte hocherstaunt und sich ganz vergessend die Herzogin
...
    In der Ferne donnerten Bller und schmetterten rauschende Fanfaren ...
    Sollten Sie in Ihrem Briefwechsel mit Herrn von Asselyn - ... wagte sich
jetzt Lucinde ganz keck heraus ...
    Ich? ... Mit wem? ... fuhr die Herzogin auf ...
    Ja Sie, Hoheit, Sie allerdings - mit Benno von Asselyn - ... lchelte
Lucinde ...
    Die Herzogin war aufgesprungen ... Die Bewegung ihres Schreckens, die der
Furcht zunchst vor Olympien galt, war erklrlich ... Der Schrecken konnte aber
auch von etwas anderm kommen ... Die Zweige hatten in nchster Nhe gerauscht,
wie unter Berhrung eines leise Dahinschleichenden ...
    Man ist doch sicher hier ... konnte noch die Herzogin ihren Schreck
maskirend, fragen ...
    Da deutete sie aber schon mit einem Aufschrei auf die grne Decke des
Weinlaubs, aus der sich spitze Hte und Mnnerkpfe erhoben ...
    Lucinde wollte im selben Augenblick entfliehen ... Vergebens ... Schon
hatten sie von hinten zwei Arme ergriffen ...
    Eine wilde Physiognomie, die nur die eines Rubers sein konnte, grinste sie
an ... Ein widerwrtiger, dem gemeinen Italiener eigner, vom Genu der Zwiebel
und des Lauchs kommender Athem nahm ihr die Besinnung ... Sie konnte nicht von
der Stelle ...
    Die Herzogin war an den Aufgang der Altane gestrzt und rief:
    Ruber! Ruber! Ruber! ...
    Sie rief diese Worte - sie wute selbst nicht, ob im Schrecken ber den
Ueberfall oder in dem ber Lucindens Voraussetzung eines Briefwechsels zwischen
ihr und Benno ... Sie wiederholte sie muthig, trotzdem da unter dem Weinlaub
alles lebendig wurde, wilde Mnner in abenteuerlichen Trachten den Rand der
Altane erkletterten, Pistolen und Dolche blitzten, Lucinde in die Arme eines
Athleten geworfen wurde, der die Mauer schon erklettert hatte, whrend der
erste, der bereits oben war und die im stillen Gesprch Verlorene von hinten
berfallen hatte, Miene machte, nun auch die Herzogin zu ergreifen ... Die
Ruber trugen die Tracht der Hirten, kurze Beinkleider, Strmpfe, Jacken, offene
blaue Brusthemden; die Gesichtszge waren von Bart und knstlichen Farben
entstellt; die braunen sehnigen Hnde eines dritten, der dem zweiten
nachkletterte, stopften Lucinden, die vor Schrecken nicht einen Laut mehr von
sich geben konnte, ein buntes Tuch in den Mund ...
    Whrend die Herzogin, halb auf der Flucht, halb muthig wieder innehaltend,
ihre Hlferufe fortsetzte, sah sich Lucinde schon in den Armen des Riesen, der
sich, auf den Rcken zweier andern sich sttzend, an die Wand feststemmte und
die Beute herunterzog mit den der Situation vllig widersprechenden
Beschwichtigungsworten:
    Haben Sie doch keine Furcht, schnste Altezza! ... Ei, Eure Excellenza
sollen so gut schlafen, wie in Ihrem eigenen Schlosse ... Es ist nur ein Spa,
Signora Excellenza ... Tausend Zechinen ... Ei, das wird eine so schne Dame
ihren Freunden schon werth sein ...
    Da Lucinde den Muth einer Frau sah, die doch von ihr soeben so scharf
verwundet worden, ergriff sie Beschmung ... Sie hielt sich an einem groen
Oleanderstamm, der von drauen her an der Mauer aufwuchs, whlte sich in dessen
schwanke Zweige, die sie nicht lassen wollte, und widerstand um so mehr dem
Ruber, als sie hinter sich ein wildes Geschrei hrte, das halb aus deutschen,
halb aus italienischen Lauten bestand ...
    Da lie der Riese loser und loser ... Lucinde hielt sich mit allen Krften
... Hinter sich hrte sie ein Ringen, ein Kmpfen ... Eine Ahnung erfllte sie
... Sie krallte sich fester und fester ... Da ein Schmerzensschrei wie von einem
Verwundeten in der Nhe ... Nun ein Pistolenschu ... Jetzt strzte sie selbst
von der Mauer ... Der Rauch um sie her, ihr Sturz, die Angst, die Hoffnung - sie
verlor die Besinnung ...
    Als sie wieder zu sich gekommen, lag sie noch auf dem Boden des Weinbergs
... Eben lie man von oben Leitern herab ... Die Terrasse oben stand voller
Menschen ... Waffen klirrten noch immer ... Graf Agostino, seiner schweren
Reiterstiefeln nicht achtend, stieg von oben hernieder ... Neben ihr lag in
seinem Blut der gewaltige Riese, den ein Pistolenschu getroffen hatte von der
Hand eines Mnches. Der Muthige kniete neben einem andern Mnche, der verwundet
am Boden lag ... Da hllte sich ihr wieder alles in Nacht ...
    Als sie aufs neue erwachte, befand sie sich in dem groen Saale der Villa
...
    Wst durcheinander standen die Tische und Sessel. Das Fest war zu Ende. Die
Kronleuchter brannten nur noch dunkel. Die Zahl von Menschen um sie her war
geringer geworden ... Dsterblickend stand Graf Sarzana ... Sein Auge hatte eine
Macht, vor dem sie das noch so schwache ihrige niederschlug ... Sie hrte
Ausbrche des Erstaunens ... Wer htte sich auch denken knnen, da an einem so
lebhaften Abend, unter so vielen Tausenden von Menschen Ruber es wagen wrden,
ihren gewhnlichen Anschlag - Gefangennehmung von Personen, die sich durch
Lsegeld loskaufen muten - in Ausfhrung zu bringen ... Die Ruber waren unter
dem dichten Weinlaubdach hinweggeschlichen, hatten sich der einsamsten Stelle
des Gartens genhert und wrden ihren Raub wenigstens mit Lucinden ausgefhrt
haben, wenn nicht die beiden Mnche, freilich auch ihrerseits in unerklrlicher
Absicht, den gleichen Weg genommen und so ihr die Freiheit erhalten htten ...
Der Mnch mit dem Todtenkopf entri einem der Banditen ein Pistol und scho es
auf die gewaltige Gestalt ab, die Lucinden schon davontrug ... Ihn selbst hatte
dann ein leichter Messerstich verwundet ... Der jngere Mnch aber, Pater
Sebastus, war lebensgefhrlich von einem Stilet verwundet worden ... Lucinde
blieb unversehrt ... Sogar der Brief an Bonaventura war nicht aus ihrer Brust
geglitten ...
    Das gehrt zu Italien! sprach eine Stimme ... Kommen Sie, wenn Sie knnen -
Ihr Wagen wartet schon ... Die Frstin ist schon lange fort ... Graf, Sie
begleiten doch die Signora - ...
    Lucinde sah die Herzogin von Amarillas nicht ... Sie hrte aus diesen Worten
nur: Diese Signora - die die Tochter eines Schulmeisters vom Lande, eine
Abenteurerin ist - die ehemalige Braut des einen dieser Mnche - die Genossin
des andern bei gewissen, unenthllbaren, heimlichen Dingen! - Lassen Sie lieber
dies Geschpf! ...
    Durch die geffneten Fenster schimmerten die Sterne ... Htte sich
allerdings Lucinde je einen solchen mit Klingsohr noch zu erlebenden Abend
trumen lassen knnen, als sie in ihrem Pavillon auf Schlo Neuhof unter den
Ulmen wohnte und H. Heine's Liederbuch las, das ihr Klingsohr geschenkt ...
Klingsohr - um ihretwillen jetzt vielleicht todt! ...
    Der Graf erbot sich voll Zuvorkommenheit zur Begleitung ... Die Mnche
bleiben hier; sagte er ... Der eine ist zu schwer verwundet, der andere leichter
... Aber Pater Vincente bewacht und pflegt sie beide ... Auch ist schon ein Arzt
bei ihnen ... Sie liegen drben beim Haushofmeister ... Die Villa bleibt die
Nacht ber bewacht ... Der Bargello lt zehn Mann Wache zurck ... Sie werden,
denk' ich, ausreichen ...
    In der That war nun auch alles schon zerstoben und verflogen ... Der alte
Frst Rucca war so rasch entflohen, als wenn er sich wirklich an der
adriatischen Kste befunden htte ...
    Von dem getdteten Ruber versicherte man, es wre der berchtigte Pasquale
Grizzifalcone selbst gewesen ... Cardinal Ceccone hatte sich nach dieser
Recognition sofort von Lucindens Ohnmacht losgerissen, war in den Garten geeilt,
wo die Leiche lag, und hatte sich jeden Gegenstand verabfolgen lassen, der sich
in den Taschen des Gefallenen vorfand ... Dann war er eilends in seine glnzende
Carrosse gestiegen und mit seinen beiden Caudatarien (Schlepptrgern) in seine
Wohnung gefahren, die mit der Sr. Heiligkeit unter einem Dache lag, nach dem
Vatican ...
    Graf Sarzana lchelte spttisch bei diesem Bericht und bot Lucinden den Arm
... Sie schwankte ... Tief erschpft schritt sie an den Wagen ...
    Beide fuhren nach dem Palazzo Rucca am Pasquino.

                                    Funoten


1 Cardinal Wisemann's Erinnerungen.


                                       4.

Ganz Rom war von der gestrigen Begebenheit erfllt. Der Schrecken des
Kirchenstaats, Grizzifalcone, war getdtet worden von einem deutschen
Franciscanermnche! ...
    Der Messerstich, unter dem der Genosse des Mnchs zusammengesunken war,
htte besser diesem gebhrt! hie es bei den Meisten ... Grizzifalcone wurde
bemitleidet! ... - Der Aermste starb ohne Beichte -! sagten selbst die, die
ihm vielleicht den lngst verwirkten Tod gnnten ... Noch mehr! In der Sphre
der Prlatur, des Adels, des gebildeten Gelehrtenstandes gingen seltsame
Versionen ... Da war Grizzifalcone nicht zufllig, sondern aus geheimen
Absichten ermordet worden ... Man sah die Kutsche des Cardinals hin und her
fahren ... Was man solchen Staatsmnnern alles aufbrdet! Man beschuldigt sie,
selbst ihre besten Freunde nicht zu schonen! ... So lautete ein bittres Wort,
das aus der Sphre der Verschwrungen, wir wissen nicht, ob des jungen oder
des alten Italien kam ...
    Die Aerzte, die der Cardinal in die frstlich Rucca'sche Villa geschickt
hatte, erklrten, da die Wunde, die der deutsche Mnch und Gefangene von
San-Pietro in Montorio empfangen, so besorgnierregend wre, da sie einen
Transport desselben auf die Tiberinsel San-Bartolomeo zu den Benfratellen fr
unerllich hielten ...
    Der Laienbruder Hubertus kam mit einem leichten Verband davon ... Er lie
sich diesen nach seinen ihm eigenthmlich angehrenden chirurgischen Kenntnissen
anlegen und bedauerte nur, nicht gleichfalls zu den Benfratellen kommen zu
knnen, wofr nach Pater Vincente's Aeuerung keine Hoffnung war ... Wenn der
Tragkorb den Pater Sebastus abholte, wollten sie ihm das Geleit geben und dann
in ihre luftige Hhe nach San-Pietro zurckkehren ... Der Sack des Klosters war
gestern ber und ber gefllt gewesen; aber im Tumult des Ueberfalls, des
Schieens, der allgemeinen Auflsung des Festes war er von irgend einer
vorsorglichen Seele aufbewahrt, d.h. gestohlen worden ...
    Der Stiletstich war dem verwundeten Pater Sebastus in die Rippen gedrungen
... Er hatte die Besinnung, athmete aber schwer und durfte nicht sprechen ...
Was in seiner Seele lebte, mhte sich Hubertus statt seiner zu sagen ... Er traf
nicht alles ... Pater Vincente, der neben den beiden auf Maisstrohbetten
ruhenden Verwundeten und mit dem Luxus einer auf der Erde ausgebreiteten
Matratze geschlafen hatte, berhrte das Unsagbare schon nher, wenn er sprach:
So ist es mit all unsrer Sehnsucht! Ich kann mir denken, da ihr beide euer
Leben lang nach dem Anblick Roms geschmachtet habt, und die erste Nacht, wo euch
vergnnt war, euch am Ziel eurer Wnsche zu fhlen, mute so verderblich enden!
Im Coliseum priesen wir die menschlichere Zeit, die uns nicht mehr den wilden
Thieren vorwirft! Raub und Mord sind darum von diesem Boden nicht gewichen! ...
Man kann Italien nicht verwnschen, das neben Rubern auch einen Pater Vincente
hervorbringt ... dachte Hubertus ... Das sah er wol, Klingsohr's Bewegungen
kamen nicht von den Phantasieen des Wundfiebers allein her ... Lucinde in Rom!
... Lucinde in so glnzenden Verhltnissen! ...
    Hubertus hatte die Landsmnnin bei ihrer Annherung an die Bettlerschaaren
zuerst erkannt und Klingsohr auf sie aufmerksam gemacht ... Diesem war sie
anfangs eine Tuschung der Sinne, eine Luftspiegelung gewesen ... Soll diese
erste rmische Nacht mich toll machen! rief er ... Bald aber sah er, da auch
Lucinde sie erkannte, von dem Offizier, der sie begleitete, fortzukommen suchte
und ngstlich ihren Anblick vermied ... Nun wagte er dem muthigern Bruder
Hubertus zu folgen ... Sie umgingen den Stand des Feuerwerks, schlichen sich in
den Park, in den Garten, sahen, wie Lucinde sich von ihrer Gesellschaft frei
machte und entfloh ... Dennoch schnitten sie ihr den Weg ab ... Nun schien sie
ihnen wirklich Gehr geben zu wollen und schon hatte Hubertus manchem Fragenden
den Brief und die Landsmannschaft als einen uern Grund bezeichnet, den ihr
Verlangen haben durfte, jene Dame zu sprechen ... Endlich riefen sie ihr zu,
redeten sie an - nun war sie gezwungen, sich ihnen zu stellen ... Hubertus
wute, was sie Klingsohr gewesen ... Dieser sah, wie Lucinde, Rom schon lngst
als das Hchste aus Erden an, als das Paradies der Seligen schon hienieden ...
Beim ersten Wort, beim ersten Gru erging er sich in jenem Entzcken seines
geknickten Geistes, das ihm in so beglckender Situation, wie in den besten
Zeiten seiner Vergangenheit, wiederkehren mute ... Selbst die Eifersucht
loderte auf, als Lucinde nach den Offizieren sphte, dann die Aufschrift des
Briefes im Dunkeln zu erkennen suchte ... Zerreie den Brief! rief er. Wir
wollen ihn nie, nie geschrieben haben! Bist du hier nicht mchtiger, als ein
Bischof! Wer feiert eine Hochzeit - als mit dir! Sieh diese Fackeln, diese
Feuerflammen - wie Nero mcht' ich Rom anznden, um deine Epithalamien zu
singen! ... Jesus hilf, sprach diesmal voll Bangen Hubertus statt seiner ...
Dazwischen kam die Herzogin und bald der Trupp der Offiziere und der jungen
Prlaten ... Die beiden Bettler wurden verwiesen, hart bezeichnet mit den ihrer
Keckheit gebhrenden Worten ... Aber die Ungeduld, die Freude, die Spannung auf
Verstndigung nach so langer Trennung hatte sie beide wie im Wirbel ergriffen
... Diese wilde festliche Nacht konnte so nicht enden; sie schien alles zu
erlauben ... Sie lieen den Pater Vincente beim Sack des Klosters, den die
Kche, Diener und vornehmen Damen fllten ... Sie streiften zum Garten hinaus,
erkannten die Mglichkeit, ihm von der Landstrae, vielleicht vom Feld her
beizukommen ... Nur ein Wort noch Lucinden, nur noch eine Bitte um Wiedersehen,
um die Begegnung in einer Kirche, etwa wie im Mnster zu Witoborn zu den Fen
des heiligen Ansgarius ... So sahen sie jene schleichenden Ruber, wurden Zeugen
des Ueberfalls, Lucindens Retter ... Klingsohr's Erinnerung an die Zeit der
Mensur sthlte seinen entnervten Arm; ohne Waffe erhob er ihn, rang gegen das
geschwungene Stilet des Banditen, ri diesen nieder und erlag im Strzen nur
einer grern Gewandtheit und der gereizten Wuth der Entfliehenden, die den
Garten sich beleben sahen, whrend Hubertus schon den Riesen zugleich mit
Lucinden niederzog aus den Zweigen des Oleanders, in denen sie sich festhalten
wollte ... Hubertus drckte das eroberte Pistol los - ohne Scheu, wie einem
Jger gelufig war, der schon manchen Wilddieb niedergeschossen hatte ...
    Pater Vincente erfuhr, da die gerettete Dame den beiden Deutschen werth und
nher bekannt war ... Wieder offenbarte er die Vertrautheit mit einigen
deutschen Worten ... Ueber sich selbst sprach Pater Vincente wenig ... Selbst
die Neigung des gesprchsamen Hubertus, sich, wo er nur konnte, in der Sprache
des Landes der Schnheit und der Banditen zu vervollkommnen, ergriff er nicht
als Anla weltlicher Unterhaltung, sondern erinnerte ernst an jene Bitten, die
fr Kranke zu sprechen die vorgeschriebene Regel des kirchlichen Lebens ist ...
Dann - ohne den Sack mit Lebensmitteln ins Kloster zurckzukehren -! Eine
Aussicht war das auch auf einen Dorn zur Mrtyrerkrone mehr ...
    Um elf Uhr sollte der Tragkorb jener Benfratellen kommen, die einst auch
Wenzel von Terschka so wohl verpflegt hatten ... Wre Klingsohr nicht Mnch und
bereits dem rmischen Glauben gewonnen gewesen, so htte man ihn jetzt in eine
Anstalt gebracht, wo in Rom Neuzubekehrende (Katechumeni und Convertendi) in
solchen Fllen leibliche und geistliche Pflege zu gleicher Zeit erhalten ... Das
Geringste doch, womit sie dann fr die Genesung beim Scheiden danken knnen, ist
ein Uebertritt ...
    Um zehn Uhr schon kam die junge Signora vorgefahren, die gestern hatte von
Rubern entfhrt werden sollen und heute der Gegenstand des Gesprchs und der
Aufmerksamkeit fr ganz Rom war ... Man nannte sie, wie solche Verwechselungen
vorkommen, bald eine Frstin, bald eine spanische Herzogin ... Das Diario di
Roma, die Staatszeitung Sr. Heiligkeit, war noch nicht mit dem aufklrenden
Bericht erschienen, wenn die schweigsamste aller Zeitungen berhaupt von dem
rgerlichen Vorfall Act nahm ...
    In Italien ist noch bei Hochzeiten die Sitte des Lendemain blich ... Der
Palazzo Rucca am Pasquino wurde von Wgen und den Abgeordneten der fnftausend
privilegirten Bettler Roms (der Clientela der alten Rmerzeit) den ganzen Tag
nicht frei ... Auch nach dem Befinden der Donna Lucinda mute gefragt werden ...
Sie selbst hatte ein Dankopfer darzubringen fr ihre Rettung ... Der nchsten
Madonna gebhrte der Sitte gem diese Huldigung ... So hrte sie die Messe in
San-Giovanni di Laterano, dem der Rettung nchstgelegenen Gottestempel ... Graf
Sarzana hatte sie auf diese Sitten beim Nachhausefahren aufmerksam gemacht ...
Er war im Wagen zurckhaltender gewesen, als in der Gesellschaft ... Am Pasquino
war er ausgestiegen ... Vom Wein, von den Abenteuern und dem Rendezvous bei der
Messe - so lieen sich denn doch wol auch seine Andeutungen verstehen - erregt,
declamirte er Verse an die Sule des Hadrian, an die Obelisken des
Venetianerplatzes, an denen sie vorberfuhren, misbrauchte aber nicht die
Vortheile des Alleinseins mit dem offenbar zum Tod erschpften Mdchen ... Als
sie heute den Pasquinostein mit Gensdarmen besetzt fanden, sagte er: Ist diese
Wache nicht selbst schon eine Satire? ...
    Die Messe war wie immer in dem stiefmtterlich behandelten und gegen die
Sanct-Peterskirche zurckgesetzten Gottestempel am Lateran einsam und der groe,
wie fast alle rmischen Kirchen einem Concertsaal hnliche Raum lag ganz in
jenem Schweigen, das die Sammlung untersttzen konnte ... Lucinde kniete und
trumte ... Graf Sarzana fehlte ... Er hatte sich in aller Frhe schon wegen
seines Ausbleibens entschuldigen lassen - Im Duft des Weihrauchs sammelte sie
sich ... Secreta - Canon - Wandlung - sie unterlie kein Kreuzeszeichen und
dachte an die noch schlummernden jungen Ehegatten - an die Morgengeschenke, die
Ceccone schon in aller Frhe fr das junge Paar geschickt hatte - auch fr sie
lag eine kostbare Broche, Venetianer Arbeit, dabei - An Graf Sarzana's
Schnurrbart und unheimliche Augen - An die schlaflose Nacht ihrer Feindin, der
Herzogin von Amarillas - An Hubertus und seine Vertrautheit mit der ltesten
Geschichte des Kronsyndikus - An Klingsohr's mglichen Tod - An Bonaventura ...
Dann sang der Priester: Ite Missa est! ...
    Mit gestrkter Kraft schritt Lucinde ber die bunte Marmormosaik des
Fubodens dahin ... Sie trat aus den Reihen der groen Porphyrsulen hinaus auf
den Platz der heiligen Treppe und lie sich von ihrem Bedienten in den Wagen
helfen ...
    Der Bediente erzhlte, der ganze Weg bis zu Castel Gandolfo, wohin Se.
Heiligkeit heute frhe hinausgefahren, wre des Ruberberfalls von gestern
wegen mit Carabiniers besetzt und wrde eben noch von einzelnen Trupps der
Leibwache bestrichen, unter denen sich auch Graf Sarzana befunden htte ...
Deshalb hatte er bei der Messe fehlen mssen ... Lucinde konnte erwarten, da
Se. Heiligkeit selbst sie nchstens beriefen und ihr persnlich seinen
Glckwunsch abstatteten ... Da die Regierung hier ber den Tod Grizzifalcone's
anders dachte, als jeder gewhnliche Freund der Ordnung, wute sie schon ...
Besonders sollte der alte Frst Rucca daran auf verdrieliche Art betheiligt
gewesen sein ... Er hatte ihr kaum einen guten Morgen! gewnscht, als er ihr auf
der Marmortreppe seines Palazzo bei ihrer Ausfahrt begegnete und murmelnd in die
Bureaux seines Parterre schlich ...
    Die Fahrt zur Villa Rucca dauerte nur wenige Minuten ... Aber der Ueberblick
einer Welt konnte sich fr ein Wesen wie Lucinde in sie zusammendrngen .... Das
Nchste: Sollte Klingsohr die Nacht ber gestorben sein? war schon abgethan ...
Vor einigen Jahren htte Lucinde darin eine Gunst des Zufalls gefunden ... Auf
ihrer jetzigen Hhe war ihr ein in Clausur eines strengen Klosters lebender
ehemaliger Verlobter kein zu gefhrliches Schreckbild mehr ... Sie htte ja
lieber mit Klingsohr und Hubertus mehr verhandelt ... Sie mute es auf alle
Flle ... Der Herzogin von Amarillas wegen, die sie unschdlich machen wollte
...
    Wie stand sie berhaupt jetzt zu dieser Posse des Lebens? ...
    Sie lehnte in ihrem offnen Wagen, die Hnde ineinandergeschlagen und auf
ihren weiseidnen Polstern ausgestreckt, wie eine Frstin ... Das also bot ihr
denn doch in der That Rom! ... Sehet her, so lohnte sich jener Gang zu dem
Bischof, bei dem sie einst ihre hessische Dorfreligion, das Lutherthum,
abgeschworen hatte ... Der Augenblick, der goldene Augenblick, wie er jetzt
dem auf dem goldenen Kreuz ber der Kapelle zur heiligen Treppe blitzenden
Sonnenschein glich, gehrte ihr, ihr, der vom Leben Erzogenen, mit Thrnen
Getauften - - wie sie im Beichtstuhl zu Maria Schnee in Wien, anzglich genug
fr - den ungetauften Bonaventura, gesprochen hatte. Sie wollte diesen
Augenblick ihr Eigenthum nennen; sie wollte ihn sobald nicht wieder fahren
lassen ... Sie wute, da sie hinuntersteigen wrde ... O, das kannte sie schon
als ihr altes Lebensloos ... Aber bei einem Sturz kommt es auf die Hhe an, von
wo herab! ... Die Bedingungen des knftigen Elends, das sie vollkommen
voraussah, richteten sich nach der Lage, die sie verlie... So dachte sie: Jetzt
oder nie! ...
    Was ist das mit dem Grafen Sarzana? ... Warum will mich die Herzogin von
Amarillas nicht bei sich behalten? ... Warum flstert der Cardinal so lchelnd
mit dem interessanten, geistvollen Offizier, der mir offenbar den Hof macht und
doch - ... Warum lchelten beide so zweideutig? ... Seitdem Lucinde damals vor
Nck zu Veilchen Igelsheimer entflohen war, hatte sie fr die Verwickelungen des
Lebens Gigantenmuth bekommen ... Sie hatte auch den Muth, vor nichts mehr - zu
errthen ... Sie ahnte, was zwischen Ceccone und dem Grafen Sarzana vor sich
ging ... Da sie nicht um Kleines zu erobern war, hatte sie wol schon gezeigt
... Ja - hate sie nicht eher die Mnner berhaupt? ...
    In Maria Schnee hatte sie nicht Zeit gefunden, Folgendes zu beichten:
    Sie hatte das Kattendyk'sche Haus um den Thiebold'schen Streit ber die
Kreuzessplitter verlassen ... Sie war zur Frau Oberprocurator Nck gezogen, die
sich schon lngst ihre wrmste Freundin und Bewundrerin nannte ... Jede kluge
Frau - stand in Serlo's Denkwrdigkeiten - macht die zu ihrer Freundin, die
ihrem Platz bei ihrem Manne gefhrlich zu werden droht. Khlt sich durch eine
nhere Bekanntschaft dann nicht an sich schon die Glut des Interesses beim einen
oder andern ab, so hat die Frau den Vortheil, der Welt die bse Nachrede zu
verderben ... So dachte freilich die Oberprocuratorin nicht, aber die Wirkung
blieb dieselbe ... Lucinde war bei den tglichen, mit Frau Dr. Nck gepflogenen
Errterungen ber Kleiderstoffe, Farbenzusammenstellungen und die Echauffements
ihres Gesichts nirgends vor ihrem Mann sicherer, als in seinem eignen Hause ...
Dennoch verlie sie es, als sie eine grauenhafte Sage, die ber Nck im Munde
des Volkes ging, besttigt fand. Er selbst hatte es ihr einst gesagt, da sich
ihm zuweilen eine Binde vor die Augen legte, die ihn verhinderte zu wissen, was
er thte .... Dann mte er Hand an sich selbst legen ... Es waren wirkliche
Thrnen - der Nervenschwche, die ihm flossen, als er sagte, in solcher Lage
wrd' er einmal sterben, wenn nicht ein Wesen um ihn wre, das ihn vor Wahnsinn
bewahrte ... Was halfen die Davidsteine aus seiner Beichte bei Bonaventura -!
Was half die Erkenntni, da jeder, jeder Geist untergehen mu, der anders
spricht und handelt, als er denkt - ... Am achten Tag nach Lucindens Einzug in
sein Haus wollte sie ihm in seine Zimmer einen sptangekommenen Brief tragen und
fand ihn hngend unterm Kronleuchter. Das Sopha darunter, das auf Rollen ging,
war zurckgeglitten ... Der Anblick war furchtbar ... In Momenten der Gefahr
bewhrte sich Lucinde nicht. Sie sah Hammaker den schwebenden Krper hin- und
herschaukeln; sie hrte die Frau Hauptmnnin ein Wiegenlied auf ihrer Guitarre
dazu klimpern; die Bltter in Serlo's Erzhlungen vom Pater Fulgentius und
Hubertus flogen auf ... Sie floh vor dem grauenhaften Anblick, ohne den Muth zu
haben Lrm zu machen ... Ja sie fhlte mit grausigem Gelst der That des
Hubertus nach - ihn ruhig hngen zu lassen - den lebensmden,
gewissenszerrtteten Mann - der sie in so entsetzliche Verwickelungen des Lebens
gefhrt, der so viel Verleumdungen und Zweifel ber sie in Bonaventura's Urtheil
verpflanzt hatte ... Aber nun vor sich selbst als dann einer Mrderin erbebend,
konnte sie nichts thun als die Flucht ergreifen ... Sie raffte ihre wichtigsten
Sachen zusammen, klingelte und lief wie von bsen Geistern verfolgt zu Veilchen
Igelsheimer in die Rumpelgasse ... Die Nacht ber mute sie annehmen, da der
Oberprocurator - durch ihre Schuld! - todt war ... Sie blieb einige Tage
versteckt, sie, die Mrderin des Verhaten ... Allmhlich erfuhr sie, da Nck
noch lebte und nur heftig erkrankt war ... Ueber diese Annherungen ihres Lebens
an Brand und Mord verlie sie die Residenz des Kirchenfrsten. Sie folgte
Bonaventura nach Wien ... Gefeit gegen alles, zog sie Mnnertracht an und lebte
wie ein Mann ... Sie hatte seitdem nichts mehr von Nck gehrt, als da er,
zurckgezogen von den Geschften, auf dem Lande wohnte ...
    So war sie reif fr Rom! ... Ihrem Auge hatte sich die sittliche Welt aller
Hllen entkleidet, wie nur einem katholischen Priester, der, um den Himmel
lehren zu knnen, in den Vorkommnissen der Hlle unterrichtet wird ... Sie hate
und verachtete, was sie sah - und im Grunde nichts mehr, als die Mnner ... Fr
diese hohen Wrdentrger der Kirche, fr diese Tausende von ehelosen
Geistlichen, die Rom zhlt, war ihr jeder Begriff von Tugend zur Tuschung
geworden. Ist Rom mit Ablssen gepflastert, wie jener Pilger zu Bruder
Federigo gesagt hatte, so sind die Snden dort wie Straenstaub ... Die
Beichtsthle der katholischen Welt scheinen in Rom mit den Geheimnissen der
Menschen seit zwei Jahrtausenden umgestrzt und ausgeschttet worden zu sein ...
Ja sogar der Heiligste der Menschen, der Bischof von Castellungo, war -
ungetauft! ... Sein Rival, Pater Vincente, hatte fr einen getrumten Ku in
der Beichte gebt! ... Lucinde nahm nichts mehr, wie es sich gab; sie
zweifelte an Allem ...
    Dem ungetauften Heiligen hatte Lucinde in Wien Dinge gebeichtet, die bei
diesem allerdings ihren Besitz der Urkunde Leo Perl's in Schach halten konnten
...
    Bonaventura durfte nach diesen Gestndnissen ruhiger werden ...
    Sie hatte in der That begonnen von ihrer Bonaventura schon bekannten
Begegnung mit Rubern ... Sie hatte erzhlen mssen vom Eindruck, den auf eine
nicht von ihr genannte, aber leicht zu erkennende Person (Bonaventura ergnzte
sich: Nck!) die Mittheilung gemacht htte, da jener Hammaker seinem frhern
Gnner eine tdliche Verlegenheit hinterlassen wollte durch eine ins Archiv von
Westerhof einzuschwrzende falsche Urkunde ... Sie hatte Nck's Betheiligung als
eine nur passive dargestellt, ihren eigenen Zusammenhang sowol mit dem Brand wie
mit dem Fund des Falsificats nur als die uerste Anstrengung, das Verbrechen zu
hindern ... Dennoch - sie gestand es, war es ausgefhrt worden ...
    Ein kurzer Schauder Bonaventura's - ein Seufzen - Was mu ein katholischer
Priester alles in der Beichte hren und verschweigen! ...
    Dann fuhr sie fort und berichtete vollstndig, Jean Picard htte sogar fr
seine Rettung und Flucht den Beistand eines Mannes gefunden, der zufllig in ihm
denjenigen erkannte, fr dessen Wohl er noch die letzten Anstrengungen seines
Lebens htte machen wollen ... (Bonaventura sagte sich: Hubertus! ...) Was aus
dem Brandstifter geworden, wute sie nicht ... Nck htte das Geschehene nicht
ohne die grte Gefahr fr seine Ehre aufdecken knnen, wre auch durch nichts
dazu gedrngt worden, da sowol ein Anklger fehlte wie die anfangs von ihm so
gefrchteten Gelderpressungen des Brandstifters, der sich von seinem Unternehmen
mit gutem Grund die stete Beunruhigung und Ausschrpfung Nck's htte
versprechen drfen ... Picard war in einem Grade verschollen, da man selbst
seinen Tod - wer wei, ob nicht von den Hnden seines ungenannten, von
Bonaventura errathenen Retters - annehmen durfte ...
    Alle diese Vorgnge beichtete Lucinde in ihrer vollen Wahrheit, gedrngt von
den Drohungen des Grafen Hugo ... Sie warf ihre Sorge auf die heilige rmische,
alleinseligmachende Kirche, auf die nahe Beziehung derselben zu Gott, auf den
Schatz der guten Werke, der die reichste Vergebung aller der Snden gestattete,
die die weltliche Welt, die Welt des Gesetzes, die Welt der Frsten, ihrer
Helfer und Helfershelfer nicht zu wissen braucht - - ...
    Das war die Lehre der Kirche, die ihr immer so wohlgethan ... Die gab ihr
jenen Muth und jenes Talent, eine Beate scheinen zu knnen ... Was auch an
Angst ber diese Verbrechen in ihrer Seele lebte, sie warf alles auf Bonaventura
... Seiner Vermittelung der grauenhaften und fr ihren Ruf, ihre Freiheit so
gefhrlichen Vorgnge vertraute sie - seiner vielleicht noch fr sie
erwachenden Liebe - seiner Furcht auch vor ihrem zweiten Geheimni߫ - ber ihn
selbst ... Zu Enthllungen ber die Ursachen der Flucht Lucindens aus dem
Nck'schen Hause blieb die Zeit nicht gegeben ...
    Den Ton der tiefsten Entfremdung gegen sie, einen Ton aus dem Urgrund der
Seele, den Bonaventura nicht berwinden konnte, milderten die priesterlichen
Formen ... Da erklang der sanfte Ton der Gte, da das stille Murmeln des
Gebetes, da die ernste Ermahnung ... Furcht ber ihre Mitwissenschaft an seinem
eigenen tiefen Lebensunglck beherrschte ihn nicht ... Schon beim ersten Nennen
Bickert's unterbrach er sie mit den Worten: Jener Verbrecher, dessen Reue Sie
immer noch unvollstndig machen durch das Zurckbehalten seines Raubes! Warum
erhielt ich nie, was Sie von ihm besitzen? Ist Ihr Bedrfni, sich an mir zu
rchen, noch so lebhaft? Warum sagen Sie mir nicht, was ich aus dem beraubten
Sarge von Ihnen zu frchten habe? ... Alle diese Fragen lie Lucinde ohne
Antwort und ihn selbst verhinderte sein Stolz, verhinderte sein Schmerz um
seines Vaters so schwer bedrohtes Schicksal anzudeuten, da er den Inhalt der
Leo Perl'schen Schrift kannte ... Vollends mahnte die nchste Gefahr, die vom
Grafen Hugo mit Erneuerung des Processes drohte, zu dringend ... Zu dringend
sogar die Mglichkeit, da Lucinde ihrer Freiheit beraubt werden und die
Beschlagnahme ihrer Papiere gewrtigen konnte ...
    Nachdem Lucinde in Bonaventura's Ohr geflstert hatte, was sie vom Brand in
Westerhof und aus Nck's Mittheilungen ber Hammaker's Vorhaben wute, verlebte
sie Stunden der hchsten Angst ... Sie durfte irgend eine Unternehmung, irgend
eine Berhrung mit dem Grafen Hugo erwarten ... Es wurden aber Tage daraus -
zuletzt Wochen ... Niemand mehr erkundigte sich nach ihr ... Weder der Graf,
noch Bonaventura ... Hatte dieser den Grafen so vollstndig beruhigt, so ganz
die von ihr eingestandene Flschung der Urkunde verschleiert? ... Sie hrte
Bonaventura's italienische Predigt; sie theilte die Bewunderung der Hrer sowol
ber den Inhalt, wie ber die Form; sie frischte selbst ihre alte Kenntni des
Italienischen auf und nahm Unterricht darin ... Kein Wort aber kam vom Grafen,
kein Lebenszeichen von Bonaventura, der inzwischen nach Italien abgereist war -
ohne von ihr irgend einen Abschied gekommen zu haben ...
    Anfangs sandte sie ihm einen zornigen Fluch nach, dann erstickte der Schmerz
in Schadenfreude ... Graf Hugo war denn also wirklich nach Schlo Westerhof
gereist und alle Welt erklrte die Heirath zwischen dem Grafen und Comtesse
Paula fr so gut wie geschlossen ... Paula vermhlte sich! ... Es war das
Gesprch der ganzen Stadt ...
    Inzwischen fing sie an bittre Noth zu leiden ... Ihre Geldmittel waren
erschpft ... Was sollte sie beginnen? Welchen Weg einschlagen, um sich in
dieser so schwierigen Stellung eines alleinwohnenden Mdchens zu behaupten? ...
Durfte sie es ein Glck nennen, wenn sie hier pltzlich - Madame Serlo und ihren
Tchtern wieder begegnete? ... Wol durfte die theaterlustige Stadt beide alte
Gegnerinnen zusammenfhren. Serlo's Kinder waren schnell herangewachsen und
gefllige Tnzerinnen geworden. Sie protegirten Lucinden, die sie herabgekommen,
eingeschchtert, in schon schwindender Jugend sahen. Sie boten ihr nicht nur
ihren eigenen Beistand, sondern auch den - ihrer Beschtzer. Die Kinder waren
leichtsinnig. Die Mutter geno߫ nun, wie sie sagte, ihr Leben nach langer
Entbehrung; sie geno es auch im Behagen, prahlen zu knnen; ja - Herz zeigen
zu knnen, gewhrte ihr, ganz nach Serlo's Theorie, eine eigene Genugthuung ...
Frau Serlo - das war ein elektrischer Leiter fr die ganze begrabene
Vergangenheit Lucindens ... Sie erzhlte jedem, was sie von Lucinden und
Klingsohr, von Jrme von Wittekind, vom Kronsyndikus wute ... Da Dr.
Klingsohr in Rom gefangen sa, war allgemein bekannt; oft genug wurde Lucinde in
die Lage gebracht, ber diese Beziehungen Rede zu stehen ...
    Sie wohnte in der rmlichsten Vorstadt ... Empfehlungen von Beda Hunnius und
Joseph Niggl ffneten ihr wol manches fromme Haus; die Gewohnheiten einer
Convertitin behielt sie bei; sie blieb eine der eifrigsten Besucherinnen der
Kirchen und Andachten; aber ihre Lage wollte sich nicht dadurch bessern ... Von
Nck wollte sie nichts begehren ... In ihrer steigenden Noth dachte sie: Du
schreibst an den Dechanten, wie ihr damals Bonaventura durch Veilchen hatte
rathen lassen ... Sie unterlie es ... Wenn es nicht die Asselyns wren! ...
Nun suchte sie selbst Stunden zu geben ... Ihre Musik suchte sie hervor ... Sie
versuchte sich sogar in dem ihr gnzlich versagten Gesange ... Dies Letztere, um
zugleich in der italienischen Sprache sich zu vervollkommnen und sich rsten zu
knnen zu ihrer letzten Pilgerfahrt nach Rom - vor'm Zusammenbrechen ...
    Sie nahm Singstunden bei Professor Luigi Biancchi ... Sie waren bei diesem
gesuchten Maestro theuer ... Aber fr jede Stunde, die sie in der Currentgasse
nahm, gab sie eine in der Weihburggasse, wo Serlo's Kinder wohnten ... Diese
wollten den Cavalieren gegenber, die die Tnzerinnen des Krnthnerthors
auszeichneten, ihre vernachlssigte Bildung nachholen ... Eine Weile ging das
alles leidlich ... Aber wie viel Stunden lieen die undankbaren Mdchen, die sie
einst auf ihrem Schoose geschaukelt und so oft auf ihrem Arm getragen hatte,
absagen und rechneten sie nicht an! ... Zum Glck - bei ihrer Manie fr die
Ausbildung im Italienischen konnte sie so wol sagen - wurden eines Morgens die
beiden alten Mnner Biancchi und Dalschefski - verhaftet! ... Der Italiener, der
Pole verschwanden auf dem Spielberg bei Brnn, wo die schwarze Commission ber
die Revolutionen tagte ...
    Das Aufsehen, das dieser Vorfall in ganz Wien machte, der Schrecken, den
darber vorzugsweise Resi Kuchelmeister und Jenny Zickeles empfinden muten,
fhrte Lucinden diesen beiden Damen nher ... Vielleicht wrde sie ganz in das
Zickeles'sche Haus eingedrungen sein, wenn ihr nicht die noch bei Madame Bettina
Fuld verweilende Angelika Mller, die diese Abenteurerin schon seit Hamburg
kannte, mit mehr als drei Kreuzen entgegengetreten wre ...
    Kurz nach Weihnachten hatte Lucinde Tage der Verzweiflung ... Sie sprach
italienisch, wie eine geborene Italienerin, aber sie hatte Schulden - Schulden -
bis zum Ausgewiesenwerden aus Wien ...
    Schulden machen den Menschen erfinderisch ... Sie wecken Genie bei Dem, der
dergleichen nicht zu besitzen glaubt ... Die Resultate des Nachdenkens jedoch
ber die Mittel, sich zu helfen, sind nicht immer unserer moralischen
Vollkommenheit gnstig ... Lucinde war nie gut; Mittel und Wege, entschieden
schlecht zu werden, boten sich ihr genug ... Das wohlfeilste darunter, sich
unter die Protection irgend eines Mannes, der sie zu lieben vorgab, zu begeben,
vermied sie - ... Aus zunehmender Abneigung gegen die Mnner berhaupt? ... Wozu
hatte sie so gut Italienisch gelernt! - ... Freund der Seele, ich komme, um
meinen Spuk mit dem Fund aus dem Sarge zu entkrften! Ich will ihn in deine
Hnde zurckgeben! Ich will mit dir die Frage errtern: Was ist diese Welt, was
Glaube, was unsere ganze dies- und jenseitige Seligkeit? ... Das blieb ihr
denn doch noch immer brig, noch einmal nach Robillante und Castellungo
schreiben zu knnen ... Jetzt vollends, wo sich Paula in der That - dem
Verbrechen der Flschung? - hatte opfern mssen - ...
    Lucinde rechnete und whlte ... Serlo's Kinder waren hbsch, aber ohne
Geist. Ihre Lehrerin brauchte nur bessere Kleider anzuziehen, als sie sich
erborgen konnte, und sie htte schon die Aufmerksamkeit dauernder gefesselt ...
Wie sonst, so auch jetzt ... Lucinde konnte verschwinden und auffallen; sie
konnte als Magd und als Knigin erscheinen; die Devotion war die Maske fr
beides ... Blinzelte sie nur einmal mit der vollen Macht ihrer kohlschwarzen
Augen, gab sie sich mit dem ganzen Vollgefhl ihres bermthigen Geistes, so
erstaunten Grafen und Frsten, die, mit Serlo's Tchtern und Madame Serlo
plaudernd, die schlanke schwarze Lehrerin im einfachen Merinokleide nicht
beachtet hatten ... Nach einem solchen Lcheln war ihr Mancher schon
nachgesprungen, wenn die schlanke Kopfhngerin mit ihren franzsischen, von den
Jesuiten de la Socit de Marie herausgegebenen Geschichtsbchern sich empfahl
... Madame Serlo hatte sie dann beim Wiederbesuch mit einem Hohngelchter
empfangen ... Wre Lucinde sentimental gewesen, sie htte ber dies ganze
Familienleben ausrufen mssen: O wrst du noch zugegen, du abgeschiedener Geist
des armen Vaters dieser Kinder! She dein erbittertes Gemth eingetroffen, was
du schon alles ahntest, als du auf dem Sopha lagst - und ich die Uhr zog, die
ich vom Kronsyndikus damals noch hatte, um nach der Stunde zu sehen, wo du die
Arznei nehmen mutest! ... Wie oft hatte Serlo gesagt: Und gesetzt, ich wrde
alt und erlebte, was ich voraussehe, ich kann mir denken, da ich das Gnadenbrot
bei den Meinigen annehme! Nicht wie den alten Lear hinausjagen wrden sie mich;
nein, ich bekme die Reste von den Orgien, die sie feiern; ich wrde lachen wie
ein Lustigmacher, wrde leuchten bis zur Treppe und die Trinkgelder nehmen, die
dem Papa in die Hand gesteckt werden ... Hunger - thut weh! konnte Serlo dann
wimmern, wie Edgar im Lear ...
    An Menschenha und Weltverachtung nahm Lucinde immer mehr zu ... Sie hatte
schon im Sptherbst bei einem Besuch des Praters die Entdeckung gemacht, da die
aufgeputzte Besitzerin jener Menagerie von einem jungen Mann begleitet war, ber
den die alte Hollnderin mit ngstlicher Eifersucht wachte ... Lucinde wagte
nicht ihn schrfer zu betrachten, seitdem sie entdeckte: Das war Oskar Binder,
der entlassene Strfling, der sptere Spieler unter dem Namen Herr von
Binnenthal! ... Und von einem aufgehobenen Spielclub hatte sie gehrt, den ein
Herr Baron von Guthmann hielt ... Die Entdeckung war bei einer polizeilichen
Recherche erfolgt, von der die ganze Stadt sprach ... Frau Bettina Fuld wnschte
bei ihrer Abreise Andenken zu hinterlassen und kaufte zu dem Ende allerlei
Schmucksachen. Sie wollte ihre Kasse nicht zu sehr in Contribution setzen und
wandte sich auf den Rath der praktischen Frau von Zickeles, ihrer Mutter, an
eine Auction im Versatzhause ... Wie erstaunte sie, dort jenes Armband
verkuflich zu finden, das ihr vor einem Jahr in ihrer Villa zu Drusenheim
abhanden gekommen! ... Das verfallene Versatzstck war auf den Namen einer Frau
von Guthmann eingetragen, derselben, die damals bei ihr so gastlich aufgenommen
gewesen! ... Die Anzeige, die Arrestation erfolgte ... Lucinde las in den
Zeitungen die nhern Angaben ... Wie versetzte die Hellauflachende das alles in
ihre erste Jugendzeit ... Vom Lauscheraugenblick, als jene Frau vor ihrem
sptern Mann auf den Knieen lag, fing ja ihr ganzes dunkles Leben an ...
    Lucinde wrde zur Verzweiflung gekommen sein, htte ihr jenes Bild der
Jugend nicht auch Treudchen Ley als freundlichere Erinnerung vorgefhrt ...
Durch diese beschlo sie sich zu helfen ... Sie schrieb an Madame Piter
Kattendyk nach Paris, erzhlte, da sie in der grten Noth wre, und bat um
Hlfe ... Da kam ein unorthographischer, liebevoller Brief, der einen Wechsel
auf hundert Dukaten einschlo ... Das Glck liegt irgendwo, sagte sich Lucinde
- wer es nur fnde! ...
    In einem kurzen Sonnenschein des Glcks suchen wir die zuerst auf, denen wir
gefallen mchten ... So eilte Lucinde zu Resi Kuchelmeister, deren gesunder Ton
ihr in freundlicher Erinnerung geblieben war ... Sie fand diese in ausdauernder
schmerzlichster Trauer ber das Schicksal der beiden alten Mnner aus der
Currentgasse ... Resi war an sich so loyal, da sie jedes dem Kaiserhause und
ihrem groen schnen Vaterlande bedrohliche Unternehmen fr eine Ausgeburt
absoluter Nichtswrdigkeit erklrte; seitdem sich aber Dalschefski und Biancchi
auf geheimen Umtrieben hatten betreten lassen, anerkannte sie wenigstens
psychologische Mglichkeiten solcher Verirrungen - Frauen beurtheilen alles aus
dem Herzen ... Biancchi war denn nur geizig gewesen zum besten der
Conspirationen! ... Ein weitverzweigtes Netz von London ber Paris, nach
Italien, Ungarn, Polen hatte sich auch um ihn geschlungen! ... Und Dalschefski
lchelte nur deshalb so ironisch, weil ein Greis mit Jugendmuth in den
schmerzlichen Nachklngen des Finis Poloniae lebte ... Emissre hatte das arme
Lamm nach Krakau und Galizien befrdert, Flchtlinge, Mitverbundene - Spione
... Dem elenden Ptzl schrieb Resi, vielleicht mit Unrecht, das Unglck der
beiden alten Mnner zu, die mit ihren verwhnten Bedrfnissen, mit ihren groen
edlen Fhigkeiten jetzt in grauen Kitteln zwischen den Wllen des Spielbergs
leben muten ... Resi's Unmuth war ebenso gro, wie ihre Erbitterung ber die
Gesinnungslosigkeit der Zickeles, wo Jenny pltzlich that, als erinnerte sie
sich kaum des Schpfers ihrer Stimme - sie hatte inzwischen einen neuen
Maestro gefunden, der die Methode des vorigen verwarf, wunderbare Enthllungen
machte ber den falschen Gang ihrer bisherigen Tonbildung und ihres
Stimmansatzes - eine dilettantische Sngerin ist zu allem fhig! sagte Resi
... Aber auch die Bhne gab sie inzwischen jetzt selbst auf ...
    Wer kann den unglcklichen Mnnern helfen! ... dachte Resi ... Sie hatte so
vielfache Beziehungen - die einflureichste, Graf Hugo, war nicht anwesend ...
Da fiel ihr ein: Die Herzogin von Amarillas hatte so treu ausgeharrt bei
Angiolinens Seelenmetten ...
    Zu dieser ging sie in den Palatinus ... Olympia, die sie immer noch die
Mrderin Angiolinens nannte, war glcklicherweise nicht anwesend ...
    Als die Herzogin die Bitte vernommen, die darauf hinausging, da sie sich
fr einen Landsmann beim Cardinal, dieser aber beim Staatskanzler verwenden
mchte, sagte sie voll Staunen: Luigi Biancchi! ... Sie hrte allem, was Resi in
leidlichem Italienisch von einem ihr so wohlbekannten Namen erzhlte, mit
grtem Interesse und versprach auch das Mglichste zu thun ...
    Die Herzogin konnte nichts thun ... Zu Olympien durfte kaum der Name
Biancchi ausgesprochen werden, ebenso wenig wie zu Ceccone ... Resi vergab ihr
den Nichterfolg um des Antheils willen, den die weiche Seele um Angiolinen
zeigte ... Resi erzhlte das Leben ihrer Freundin, soweit es ihr bekannt war ...
Die Herzogin war ber jede ihrer Mittheilungen zu Thrnen gerhrt ...
    Resi's leidliche Gewandtheit im Italienischen bestimmte die Herzogin, von
einem Verlangen der Grfin zu sprechen, eine Deutsche als Gesellschafterin zu
engagiren und sie vielleicht mit nach Rom zu nehmen ... Olympia glhte noch ganz
fr Benno und Bonaventura ... Die Herzogin trug ihr diese Stellung an ... Resi
ergriff anfangs den Vorschlag und schien nicht abgeneigt ... Zuletzt legte sich
die Anhnglichkeit der Wienerin an ihre Vaterstadt verhindernd dazwischen und so
brachte sie eine Schlerin Biancchi's, ein Frulein Lucinde Schwarz fr diese
Stellung in Vorschlag ...
    Diese bewarb sich und reussirte ... Das System, sich anspruchslos,
unbedeutend, vorzugsweise nur an den Uebungen der Religion betheiligt zu
stellen, stand Lucinden bei allen Anfngen ihrer Unternehmungen bei ... So sehr
es aufregt, stets in einer fremden Sprache reden zu mssen; so mchtig Phantasie
und Herz von den Zaubern Italiens ergriffen wurden, sie beherrschte sich; sie
suchte weder Mistrauen noch Eifersucht zu erregen ... Der Cardinal reiste erst
spter nach in Begleitung des jungen Frsten Rucca ... Olympia, die Herzogin und
Lucinde gingen voraus ...
    Lucinde erkannte bald die Natur der Grfin, die man flsternd die Tochter
des Cardinals nannte ... Sie erstaunte ber die Leidenschaft, die sie fr Benno
von Asselyn zur Schau trug ... Jetzt erst erfuhr sie den eigentlichen
Zusammenhang, wie Bonaventura zu einem Bisthum in Italien hatte kommen knnen
... Benno wurde in Rom erwartet; die Grfin sprach von ihm, als sollte ihre
Vermhlung nicht mit Ercolano Rucca, sondern mit Benno stattfinden ... Nun - war
er aber wieder entflohen ... Jetzt wurde sein Name mit Verwnschungen genannt
... Sie htete sich wol, von ihrer Bekanntschaft mit Benno zu viel zu verrathen
... Bald war ihr der junge Principe Rucca eine Art Piter Kattendyk; der alte
Rucca ein Stck Kronsyndikus; die Frstin Mutter eine der vielen alternden
Koketten, die sie in ihrem Leben schon kennen gelernt hatte ... Der allmchtige
Cardinal hatte geistig alles von Nck; nur in seinen Manieren war das Streben
nach Glanz und Anmuth vorherrschend ... Sie hatte einigemal scharfe Urtheile
gefllt, Ansichten ber die Zeit, die Verhltnisse Deutschlands ausgesprochen;
bei einigen Festen ging sie in gewhlter Toilette; da merkte sie - Ceccone warf
verstohlene, glhende Blicke auf sie ... Es lie sich ganz so an, als wenn sie
eines Tages seine Beute werden sollte - ... Sie dachte ber die Bedingungen
eines so auerordentlichen Sieges nach ... Htte sie sich je dergleichen von Rom
trumen lassen! ... Nur die Herzogin von Amarillas wurde ihr mit einem
jeweiligen sonderbaren Lcheln bedenklich ...
    Den Lebensbeziehungen Bonaventura's war sie wieder in einem Grade nahe, der
ihr die glnzendste Genugthuung werden mute ... Sie sah, da er sein Amt mit
einem auffallenden Streit gegen den Erzbischof von Coni begonnen hatte ... Der
Gegenstand desselben gehrte den Gerechtsamen der Inquisition an, die zwar nicht
mehr mit Scheiterhaufen, aber immer noch mit Einkerkerungen strafen kann ... Die
Dominicaner sind die Wchter des Glaubens; sie halten auf ihre Vorrechte um so
eifriger, als die Jesuiten sie im brigen berflgelt haben ... Der gestrzte,
von Bonaventura befehdete Fefelotti war nicht im mindesten in dem Grade
unterlegen, wie Ceccone gewnscht hatte ... Gegen einen unruhigen Bischof seiner
Dicese konnte ihn Rom vollends nicht fallen lassen ... Noch mehr; Fefelotti kam
in die unmittelbarste Nhe des Vaticans zurck. Er wurde der erste geistliche
Minister Sr. Heiligkeit, whrend Ceccone der weltliche war ... Jetzt wurde
Bonaventura's Lage vollends schwierig - ... Noch ein anderer Schlag gegen ihn
war in Vorbereitung, die Verurtheilung der dem apostolischen Stuhl aus Witoborn
vorgelegten Frage ber den Magnetismus - ob sich ein Priester nicht durch
magnetisches Handauflegen verunreinige1? ...
    Mitten im Gewirr dieser sich durchkreuzenden Gerchte und leider nur
halbverbrgten Nachrichten, hrte Lucinde, da Paula's Bund mit dem Grafen Hugo
wirklich im Frhjahr war geschlossen worden ... Resi Kuchelmeister schrieb ihr
authentisch diese Nachricht ... Resi schilderte, was sie gehrt von der in der
Libori-Kapelle bei Westerhof stattgefundenen Trauung ... Sie schilderte Paula's
erstes Auftreten - in Wien - wie die geisterbleiche, mehr dem Himmel, als der
Erde angehrende Grfin ein Aufsehen sondergleichen mache, wie sie alle
Schichten der Gesellschaft in Bewegung setze ... Lucinde befand sich im Glck;
das machte ihr Urtheil milder ... Bonaventura hatte Paula aufgeben mssen; das
lie eine Weile ihre Eifersucht schweigen ... Auf der Hhe des Verstndnisses
dieser unglcklichen Liebe stand sie ohnehin und wohl empfand sie, was in
Paula's Seele vorgehen mute ... Graf Hugo hatte ihr einmal eine schreckhafte
Stunde des Lebens bereitet, er hatte zornig und drohend mit ihr gesprochen und
so schrieb sie denn an Resi: Das ist unser Frauenloos! Die Lilie vom See in
einen Stall verpflanzt! Veilchenkrnze vom Bachesufer in ein mit Tabacksqualm
durchzogenes Zimmer! Hnde, weich und wei wie Schwanenflaum, bltternd jetzt in
einem abgegriffenen Lebensbuch! Aber gewi! Der Graf wird sie schonen! All die
Knste der Egards, mit denen die Mnner sich zu verstellen wissen, wird er
entfalten ... Er wird sich auf den Ton der Tugend und Achtung vor dem Schnen
stimmen! Wie wird er um sie her einen Tempel aus bunten Lgen-Wolken bauen,
einen Tempel mit schnen Sulen und Vorhngen, die undurchsichtig sind, um - den
Stall, die Cigarre, den Wein, die Untreue zu verbergen! ... Aber manchmal
verwickelt sich denn doch der Sporn des plumpen Fues in die zarten Teppiche,
die auf dem Boden gebreitet sind; manchmal reit er die Herrlichkeit der Lge
zusammen. Da strzen die alabasternen Vasen, zerbrechen die kleinen Hausgtter
des Friedens, der erlogene Seladon wird zum schnurrbrtigen Barbaren, wie ich
sie alle gefunden habe, diese Erlauchts, diese Excellenzen, diese Durchlauchts
... Dann kommen Dinge zu Tage, die fr uns Frauen wie Offenbarungen aus der Welt
des Mondes sind! Seit dem Anfang der Welt belgen so die Mnner die Frauen,
misbrauchen mit ungromthiger Kraft unsere urewige Schwche, die immer wieder
die Fe kt, die uns getreten ... Vielleicht fhrt der Graf seine Rolle
wenigstens durch bis zum stillen Verlschen des Lichts, das ihm der Himmel zu
hten beschieden hat. Vielleicht besitzt er, da sie ihn gutmthig nennen,
wenigstens die Geduld des Ausharrens bis zum Ende ... Ich kann mir den Glauben
der Aerzte nicht geben, die diese Paula wie eine welk gewordene Blume an solchen
Kssen und Umarmungen aufleben sehen und eine gesunde Mutter mit sechs
pausbackigen Jungen in Perspective dieser Ehe erblicken. Zieht der Graf nach
Schlo Salem, so fllt aus der dortigen Luft allein schon ein Mehlthau auf die
zarte Pflanze; selbst wenn sie nie erfhrt, wer die andre arme Seele war, die
einst dort in den kleinen Entresols des Casinos gehaust hat ... Resi
Kuchelmeister nahm diesen Brief sehr bel und antwortete nicht mehr ...
    Es war eben in der Welt nur Ein Mann, der Lucinden liebenswerth erschien ...
Hochthronender denn je unter allem Elend und aller Schwche dieser Erde lebte er
in seinem einsamen Alpenthale ... Wie gern htte sie ihn in seinem jetzigen
Glanz erblickt! In seiner langen weien Dalmatica, mit seinem silbernen
Bischofsstab, unter seiner spitzen Bischofskrone, die ein Haar bedeckte, das
schon, wie sie bei ihrer Beichte zu Maria-Schnee gesehen, zu ergrauen anfing!
... Wie gegenwrtig war ihr alles, was Bonaventura ber diesen Bund Paula's
empfinden mute ... Sie ngstigte sich um die Gefahren, die ihn bedrohten ...
Htte sie nur mehr davon erfahren ... Sollte sie sich an den Cardinal wenden?
... Ceccone hatte den Kopf mit dem Jungen Italien und den Vorwrfen des
Staatskanzlers voll und Olympia sprach nur selten noch anders, als mit Hohn ber
den von ihr zum Heiligsten der Christen und zum Bischof ernannten Deutschen
... Die Herzogin schien ihr eher eine Bundsgenossin; doch mute sie mit dieser -
erst einen Vertrag abschlieen ...
    Eines Tages hatte sich Lucinde, als Olympia nicht anwesend war, nach einem
kleinen Diner bei der Herzogin, dem der Cardinal, einige Prlaten und Offiziere
beiwohnten, den Scherz erlaubt, den groen rothen Cardinalshut des erstern
aufzusetzen und damit vor den Spiegel zu treten ... Das Gesprch war so lebhaft,
das Lachen so natrlich gewesen, da Lucinde sich diesen kleinen Rckfall in
ihre alten Hessenmdchen-Naivetten glaubte beikommen lassen zu drfen ...
    Una porporata! rief Ceccone mit glhenden Augen und beifallklatschend ...
    Der groe rothe Sammthut mit den hngenden Troddeln von gleicher Farbe stand
dem schwarzen Kopfe in der That allerliebst ...
    Die Ppstin Johanna! sagte ein Offizier, der Lucinden zu Tisch gefhrt
hatte ... Er schien sich gut mit ihr unterhalten zu haben ... Man nannte ihn den
Grafen Sarzana ... Er stand bei der Nobelgarde und war noch nicht lange von
Reisen zurck ...
    Der Cardinal drohte ihm fr sein Wort schelmisch mit dem Finger, sagte, wie
zur Strafe: Nein! Die Grfin Sarzana! ... Damit setzte er Lucinden den schnen
Helm des Offiziers auf ...
    Eine Purpurglut berflo sie ... Ihre verunglckte Johanna d'Arc auf der
Bhne stand wieder vor ihr ... Sie hatte keine Kraft, ein Wort zu sprechen,
keine Kraft, den Helm wieder abzunehmen, bis es Herzog Pumpeo that ... Der
Cardinal hatte den seinigen ergriffen ...
    Seit dieser Zeit wurde sie mit Grfin Sarzana geneckt und von niemand mehr
als von Ceccone ... Der Graf, der sie nach dieser Scene anfangs auffallend
gemieden hatte, fing pltzlich sogar selbst an, den Scherz wahrmachen zu wollen
... Er zeichnete sie aus ...
    Lucinde wute, da Don Agostino ein Graf ohne Baldachin war, d.h. ohne
Stellung zum hohen rmischen Adel. Ein Marchese ist mehr als ein rmischer Graf.
Sie wute, da Graf Sarzana arm war und unter Cavalieren nach dem Schlag des
alten Husarenrittmeisters von Enckefu lebte. Galanterie und die Kunst, mit 1500
Scudi fr sich und ihre Diener auszukommen, erfllte das Leben dieser armen
Ritter - unter denen sich Frangipanis und Colonnas befinden ...
    Wie sich aber die Neckereien mit der Grfin Sarzana mehrten, trat ihr die
Vergleichung des alten Enckefu mit diesen rmischen Rittern noch in einer
andern Beziehung entgegen ... Der alte Husarenrittmeister hatte Ehrgeiz,
Ritterlichkeit, Treue, Aufopferung fr gute Freunde, Tugenden, die die Fehler
seines Leichtsinns vergessen lieen ... Seltsam aber, sagte sie sich, diese
romanische Art besitzt von alledem wenig oder gar nichts und regiert doch die
Welt! ... Die anstndigsten Menschen hatte Lucinde hier gewinnschtig und
schmutzig geizig gefunden; ein gewisser Adel der Auffassungen, der ihr selbst
noch in der uersten Entartung des heimischen Junkerthums, im Kronsyndikus, bei
ernsten Krisen erinnerlich war, fehlte hier ... Sie sah anstndig gekleidete
Mnner Abends in die Kaffeehuser zu den Gsten treten, die Achsel zucken und
den Hut hinhalten - um einen Bajocco zu erhalten ... Selbst die Herzogin von
Amarillas fand in solchen Vorkommnissen nichts als die allgemeine Consequenz des
sdlichen Lebens ... Mit dem uern Schein der Demuth verband sich, wo Lucinde
hinblickte, eine Gewhnlichkeit der Anschauungen, die selbst ihre leichte Art zu
denken und zu urtheilen noch berschritt ... Im Theater, das sie wegen Olympiens
Koketterie besuchen mute, sah sie zwanzig Tage hintereinander dieselbe Oper
oder Farce ... An manchen Stellen, wo Rhrung hervorgebracht werden sollte,
zitterten wol die Stimmen der Snger, der Schauspieler; die Taschentcher wurden
gezogen; aber meist waren es Ausbrche von Klagen, die ihr weit eher lcherlich
vorkamen ... Anderes wieder, das selbst fr sie roh und herzlos erschien, ging
bejubelt oder als groartig vorber ... Mastab aller Beurtheilungen war die
Klugheit oder Dummheit, die man bewiesen. Eine geschickt ausgefhrte List
erntete Bewunderung ... Und nicht anders im tglichen Leben. Der alte Rucca war,
wie alle sagten, ein Gauner. Er stand im besten Einvernehmen mit den Cardinlen
... Sein Sohn hatte die Eitelkeit eines Affen. Seine Kameraden waren ebenso.
Anmaung, Unwissenheit berall ... Einige der rmischen Junker trieben Politik
und hielten sich zur nationalen Partei. Ihre Unzufriedenheit bestand darin -
da im Sanct-Peter bei groen Festlichkeiten die Gesandten und die Fremden die
Pltze erhielten, die ihnen gebhrten! ... Oder sie fanden, da der
Kirchenstaat zu sehr von Paris, Neapel und Wien beherrscht wurde; sie wollten
die Herrschaft der alten Geschlechter wiederherstellen. Selten, da sich einmal
bei der Herzogin eine unterrichtete Persnlichkeit einfand. Die Prlaten
besaen Kenntnisse, mehr noch, angeborenen Geist; aber eine Einbildung verband
sich damit, die jedes Ma berschritt. Nach ihnen war jede Wissenschaft zuerst
in Italien entdeckt worden ... Wenn Cardinal Ceccone auf sein Alter Neuerungen
liebte, so bestanden diese nur in dem eifrigsten Verlangen, den Einflu der
fremden Cabinette zu beseitigen ... Seitdem hatte freilich der Staatskanzler
auch ihm von dem Salz gesprochen, das auf das dem Erdboden gleichzumachende
Mailand geset werden mte ... Doch ging alles so keck, so sicher, so magebend
her! ... Diese elende Verwaltung! ... Die Zlle befanden sich in den Hnden von
Pchtern, die so rcksichtslos verfuhren, da Zahlungsunfhige wider Willen zu
Flchtlingen, Rubern und Mrdern wurden ... Auf Anla des gestern von Hubertus
niedergeschossenen Pasqualetto wute Lucinde zwei Thatsachen. Einmal da
smmtliche fremde Weine, die Ceccone trank und seinen Gsten vorsetzte,
unversteuerte waren. Zweitens da Graf Sarzana gesagt hatte: Diese Kugel hat den
Pasqualetto fr seinen letzten Ruberspa zu frh gestraft! Er wollte ja von
morgen an ehrlich werden! Er war nur hier, um nach Porto d'Ascoli mit einer
Pension zurckzukehren! ...
    Die scharfen und freisinnigen Urtheile des Grafen kamen nur in vereinzelten
Augenblicken ... Sie schienen einer Stimmung des Hasses gegen den Cardinal zu
entsprechen, des persnlichen Hasses; denn die smmtlichen Sarzanas waren
Creaturen des Cardinals und ihm auf Tod und Leben verpflichtet ... Don Agostino
hatte Verwandte, die nicht gerade des Abends in den Kaffeehusern achselnzuckend
bettelten, aber fr jede Geflligkeit eine Bezahlung verlangten ... Die
Schwester des Grafen war eine Geliebte Ceccone's gewesen - alt geworden htete
sie seine Landkonomieen ... Ein Bruder von ihm verwaltete des Cardinals
Oelmhlen - ... Als er sich zu viel Privatvortheil aus ihnen gepret hatte, lie
ihm der Cardinal die Wahl zwischen dem Tribunal del Governo oder der Heirath
einer seiner vielen Nichten, die er nicht alle so auszeichnen und unterbringen
konnte wie Olympia ... Ceccone trieb, das entdeckte ganz aus sich selbst
Lucinde, die Ostentation mit dieser Nichte nur deshalb, weil so der Schein
gewonnen wurde, als htte er berhaupt nur Eine dergleichen zu versorgen! ...
Der Cardinal lachte berlaut, als ihm Lucinde zwei Tage nach dem aufgesetzten
Purpurhut diese Andeutung mit einem verschmten Blinzeln durch die Finger ihrer
vors Gesicht gehaltenen linken Hand gab ... Ein dritter Verwandter des Grafen
war durch Verheirathung mit einer andern Geliebten des Cardinals Aufseher aller
Hfen geworden ... Und Don Agostino? ... Pah, dachte Lucinde, sieht Ceccone ein,
da du nicht, wie hier Sitte ist, durch eine Verheirathung mit seinem Majorduomo
oder seinem Koch zu erobern bist? ... Sollst du dehalb, dehalb die Grfin
Sarzana werden -? ... In diesen Grbeleien lebte sie jetzt ... Es gab
Entschlsse zu fassen frs Leben ... Es standen Erwgungen bevor, die die
auerordentlichste Anstrengung des Verstandes, der List, der Berechnung,
vielleicht - des Herzens kosteten ...
    Sie hatte noch keinen klaren Entschlu gefat - ... Aber das stand fest:
Benno von Asselyn urtheilt gering ber dich und seine Mutter infolge dessen
lchelt und zuckt dir die Achseln! ... Das soll nicht mehr sein! Dies Lcheln
der Herzogin von Amarillas soll ihr ein fr allemal verdorben werden! ...
    Lucinde wollte auf Villa Rucca den beiden ihr so nahe stehenden Mnchen die
Theilnahme alter Freundschaft und Dankbarkeit nicht versagen, sich aber im
brigen durch sie vergewissern, ob die Herzogin jene Betrogene von Altenkirchen,
jene Rmerin war, von der auf Schlo Neuhof soviel Sagen gingen, die Hubertus
doch wol wissen mute ...
    Einen fatalen Eindruck machte es ihr jetzt beim Anfahren, da sie die Villa
Rucca keinesweges in der Stille antraf, die sie zur Ausfhrung ihrer
entschlossenen Absichten bedurft htte ... Nicht nur wurden eben von einer Menge
Arbeiter die Spuren des gestrigen Festes, entfernt, sondern auch eine
Gerichtscommission war zugegen, die die gestrigen Vorflle aufnahm und der nun
gerade ihr Erscheinen zu statten kam, um von ihr noch einige an sie gerichtete
Fragen beantworten zu lassen ... Der Cardinal sogar und der alte Frst Rucca
waren zugegen ... Sie hrte schon, da beide am Ort des gestrigen Ueberfalls mit
den Mnchen Hubertus und Vincente im Gesprch verweilten ... Ueber Sebastus
erfuhr sie, da es mit seiner Wunde nicht gut stand und die Benfratellen jeden
Augenblick erwartet wurden, ihn abzuholen ...
    Auch dem Cardinal und dem Frsten war sie im hchsten Grade und als
Dolmetscherin willkommen ... Beide suchten mit dem drolligen Laienbruder, dessen
Aeueres vom Dienertro belacht wurde, eine Verstndigung, die Pater Vincente
nur mhsam vermittelte ... Lucinde wurde sofort gerufen, in den Garten zu kommen
...
    An der Stelle des gestrigen Erlebnisses harrten ihrer die drei geistlichen
Herren und der alte Rucca im lebhaftesten Gesprch ...
    Hubertus grte sie mit aufrichtigster Freude und drckte nur mit Trauer
Befrchtungen wegen seines Freundes Sebastus aus ... Seine Augen sagten: Sei
dankbar! Es geschah alles um dich! Bleibe uns ein guter Engel! Entsende den
Brief - wenn er noch nthig ist - Deinen Verbindungen gegenber! Du weit, was
wir beide seit Witoborn gemeinschaftlich zu tragen haben! ...
    Lucinde beglckte und beruhigte ihn durch einen ihrer gtigsten Blicke ...
    Pater Vincente und der Cardinal erhielten von ihr die Ehren, die der
kirchlichen Stellung derselben gebhrten ... Pater Vincente - der Rival Ihres
Bonaventura um die nchste vacante Heiligenkrone -! wie neulich Olympia zur
Herzogin gespttelt hatte - Ceccone das Bild des Versuchers, der mit einiger
Reserve ber alle Schtze der Erde gebietet ... Lchelnd stand er und schien
Lucinden mit geheimnivollen Zeichen begren zu wollen ... Aber sie blieb voll
Demuth ...
    Der alte Frst war wie ein luftschnappender Hecht, der sich nicht in seinem
Elemente befindet ... Vor dem heiligen Pater Vincente mute er Ehrfurcht
bezeugen und rgerte sich doch, da dieser nicht gelufiger deutsch verstand ...
Mit gemachtem ssauern Lcheln verwies er Lucinden auf den von Pater Vincente
vorgetragenen Stand einer Verhandlung, der zufolge sie erfuhr, da der
Ruberhauptmann Pasquale Grizzifalcone in der That nach Rom gekommen war auf
Veranlassung - zunchst des Frsten Rucca ...
    Sie traute ihrem Ohre nicht ... Der Frst versicherte jedoch ungeduldig:
Ebbne! und wendete sich zu Vincente mit einem drngenden Parla dunque! nach dem
andern ...
    Lucinde hrte, da der berchtigte Verbrecher, der schon vielfach sein Leben
verwirkt hatte, hier auf dieser Villa erwartet worden war zu einem friedlichen
Gesprch, das der Frst mit ihm unter vier Augen hatte halten wollen ...
    Pasqualetto, wie er im Munde des Volkes hie, hatte die Brgschaft der
Sicherheit verlangt ... Diese hatte er erhalten auf das dem Frsten gegebene
Ehrenwort - des Cardinals ...
    Dieser nickte ein Ja! und setzte sich jetzt ...
    Zur Summe, die der Ruber als Bedingung seines Erscheinens verlangte, hatte
dieser dumme Kerl, wie der Frst sagte, noch eine buona manchia extra
verdienen wollen; eine Summe von einer der Prinzessinnen, die sich vielleicht
im Garten zu sicher dnkten ... Vielleicht auch - eine Geisel fr seine
Sicherheit zu denen, die er schon in den Schluchten der Mark Ancona besa ...
Dies setzte der Frst mit einem seltsamen Streiflicht auf das Ehrenwort des
Cardinals hinzu ...
    Sie htten nun gestern beinahe noch zwei solcher Geiseln gefunden, aber
Pasqualetto htte leider dran glauben mssen ... Leider! betonte der alte Frst
in allem Ernst und corrigirte sich nur pro forma: Der Bluthund! ... Dabei sah er
ber die Mauer, wo noch die Spuren der gestrigen Verwstung nicht getilgt waren
...
    Der Nimmersatt! ergnzte Ceccone ironisch und lie zweifelhaft, wen er
meinte ...
    Lucinde orientirte sich allmhlich ...
    Der Frst erging sich in der heftigsten Anklage eines Menschen, der hier den
Staatsbehrden vllig in der Eigenschaft einer gleichberechtigten Macht
gegenberstand ... Dabei richtete er seine Vorwrfe geradezu wie die ffentliche
Meinung gegen Hubertus ...
    Dieser Arme verstand sie nicht und suchte nur mit seinen glhenden Augen,
die im Knochenschdel hin-und herfunkelten, zu deuten, was seine Ohren nicht
begreifen konnten ... So viel merkte er allmhlich, da er den hohen Herren wol
gar keinen Gefallen mit seiner raschen Anwendung des Pistols gethan hatte ...
    Der Cardinal wiegte sich im Sessel, brach ber sich Lorberbltter, die er in
seiner flachen Hand zerklopfte, und beobachtete nur scharf fixirend Lucinden ...
Da diese die Mnche Hubertus und Sebastus kannte, schien ihm darum von
Interesse, weil sich die kleinen pikanten Episoden der gewhnlichen Devotion und
amazonenhaften Klte dieses fremden Mdchens immer zahlreicher einzufinden
begannen ...
    Durch diesen Tod, krchzte der alte Frst offen zu Hubertus heraus, haben
Sie die heilige Kirche um eine groe Gelegenheit gebracht, Gerechtigkeit zu
ben! ... Sie htten sich getrost von hier sollen entfhren lassen, schne
Signora! scherzte er, sich migend ... Ich wrde mit Vergngen das Lsegeld
gezahlt haben - Der Cardinal da htte den Rest hinzugefgt - setzte er mit
sardonischem Lcheln und seine Aufregung zgelnd hinzu ...
    Senza il supplimento! ... Ohne das Agio! erwiderte der Cardinal ebenso
trocken ironisch ... Er streckte seine rothen Strmpfe vor sich auf die unteren
Sprossen eines Sessels aus ... Sein Bein war noch untadelhaft ... Kopfnickend
besttigte er alles Erzhlte, nur mit einer gewissen ironischen Bitterkeit ...
    Sie knnen alles wieder gut machen, fuhr der alte Frst zu Hubertus fort,
wenn Sie sich die Gnade des Pater Campistrano erwerben und wirklich diese Reise
nach Porto d'Ascoli unternehmen wollen ...
    Nach Porto d'Ascoli? fragte jetzt Lucinde staunend ber die Anrede, die sie
bersetzt hatte ...
    Beim Namen des Pater Campistrano blickte Pater Vincente besonders
ehrfurchtsvoll - ...
    Hubertus stand unbeweglich, dem alten knorrigen Myrtenstamm nicht unhnlich,
an den er sich lehnte ... Er hatte schon vorhin von einer Reise nach der Kste
gesprochen - das war richtig - er verstand nur noch zu dunkel den Zweck und sah
auf Lucinden als Hlfe ...
    Diese wollte sich erst vollstndiger zurecht finden, wollte auch die
Interessen des Cardinals erst sondiren, ehe sie vermittelnd eingriff ... Wie den
Cardinal diese Klugheit entzckte, die er vollkommen bersah! ... Ceccone schien
gleichgltig, spielte mit seinem Augenglase, fixirte bald Lucindens Toilette,
bald das Curiosum der Gesichtszge und Gestalt des deutsch-hollndischen
Laienbruders, das er belachte ...
    Hubertus hatte allerlei Dinge von einem Pilger, von einem Deutschen
gesprochen, die ihrerseits Lucinde nicht verstand ...
    Erst allmhlich lftete sich ihr folgender, grtentheils von Pater Vincente
vermittelter Zusammenhang ...
    Der Ruber Pasqualetto war, wie im Musterstaat der Christenheit, im Eldorado
der katholischen Sehnsucht, blich, unter dem Versprechen der Sicherheit nach
Rom entboten worden, um fr eine bedeutende Summe dem Frsten Rucca
Mittheilungen ber die Lage seiner Interessen an der adriatischen Kste zu
machen ...
    Der Gewinn, den der gefrchtete Ruber von seinen Unternehmungen zog, mute
sonst mit seinen Gefhrten getheilt werden; diesmal wollte er die Frucht langer
Verhandlungen, eine lebenslngliche Pension ganz fr sich allein, wollte seine
Wohnung insknftige in der frommen Stadt Ascoli nehmen und sein bisheriges Leben
der Nachsicht der Behrden empfehlen ... ... Solche letzte Friedensschlsse der
Regierungen mit den Fra Diavolos der Landstraen sind in Italien nichts Seltenes
und fr Jedermann daselbst das Erwnschtere, weil Sicherste ... Wenn auch
zugestanden werden mu, da sich Ceccone und das Tribunal gegen diese
Uebereinkunft strubten, so wute doch Frst Rucca seinen Wnschen Nachdruck zu
geben und nicht blos im Scherz sagte er zu den hchsten Richtern: Frchtet ihr,
da eure Namen auch auf der Liste derer stehen werden, die mir die Fllung des
Schatzes des Heiligen Vaters mit der Zeit unmglich machen? ... Besonders sah
wol gar Ceccone den Enthllungen des Pasqualetto mit unheimlicher Spannung
entgegen ... Der Frst hatte heute ganz den beln Humor, der jeden Gastgeber am
Morgen nach einem Feste, wenn es auch noch so schn ausfiel, zu erfllen pflegt
... Er uerte ihn in aller Offenheit mit den Worten: Ich glaube, diesen Mord
des armen Pasqualetto hat jemand auf dem Gewissen, der sich frchtete, auf zehn
Jahre zurck seinen Champagner versteuern zu mssen! ...
    Der Cardinal zog verchtlich die Lippen ... Lucinde sah, da, wenn der
Cardinal hier etwas frchtete, mehr im Spiele sein mute als sein unversteuerter
Champagner ... Doch auch schon diese Beschuldigung durfte den Cardinal mit Recht
reizen ... Er verwnschte alle die, die der Kirche und ihren Cardinlen Uebles
nachsagten ...
    Hubertus horchte nur ...
    Der Ruber war, erfuhren er und Lucinde, am Tiberstrand mit einigen alten
Kameraden aus San-Martino, einem bekannten Rubernest im Albanergebirg, in
Berhrung gekommen und hatte blo den Spa am Feste seines vershnten Feindes
noch als Zugabe zum Fleisch ausfhren wollen ... Die Verstndigung zwischen
dem Frsten Rucca und Pasqualetto war auf brieflichem Wege vor sich gegangen -
wenn auch mit der grten Schwierigkeit ... Der Schmuggler- und Ruberhauptmann
konnte natrlich selbst weder lesen noch schreiben ... Fr sein Vorhaben, die
Hehler unter den Kaufleuten und die mit ihnen und den Schmugglern unter einer
Decke wirkenden Zollbedienten anzugeben, mute er sich eines verschwiegenen
Beistandes, der schreiben und lesen konnte, bedienen. Fr solche Flle gibt es
in Italien die Mnche, falls sie - schreiben knnen ... Aber selbst diesen hatte
Pasqualetto nicht getraut. In Ascoli wollte er seine Tage in Ruhe beschlieen;
er war wol auch gerstet, die Rache der von ihm Verrathenen zeitlebens
gewrtigen zu mssen, hatte sich auch deshalb fr die Schlimmsten unter den
Defraudatoren die Verzeihung erbeten; aber er vertraute sich sogar den Mnchen
nicht gern an. Wo fand sich auch bei ihnen der Muth, Vermittler eines so eine
ganze Provinz in Furcht und Schrecken versetzenden Strafgerichts zu werden! Die
Mnche mehrerer Klster, bei denen er anklopfte, baten ihn himmelhoch, keine
dergleichen Thorheit zu begehen und in solcher Form reuig werden zu wollen!
Wendet Euch doch an uns und die Madonna! sagten sogar die Aebte ... In der
Kathedrale von Macerata gab es ein wunderthtiges Marienbild, das alles vergab
... Kurz Pasqualetto war loyaler, als die ehrwrdigen Vter und vollends als die
einsam wohnenden Landpfarrer, die sich mit einer solchen Provocation der Rache
der Betheiligten am wenigsten einlassen wollten ... Wie sehnte sich der riesige
Pasqualetto, der eiserne Pfosten aus Brettern ausbrechen, nur nicht schreiben
konnte, nach einem Dolmetscher seiner Wnsche! ... Kaum da er einige Mnche so
weit brachte, fr die Verstndigung mit dem Generalpchter der Steuern die
ersten Einleitungen zu treffen ...
    Hier wollte der Frst wieder selbst erzhlen ... Pater Vincente trug ihm
alle diese Geschichten mit einem zu elegisch eintnigen Klange und wie von der
Sndhaftigkeit dieser Welt wenig erbaut vor ...
    Man hrte indessen doch aus des Priesters Munde:
    Seine Hoheit waren seit lange in ihren Einnahmen nicht so verkrzt gewesen,
wie in den letzten Jahren. Whrend die statistischen Ausweise aller Staaten eine
Zunahme der Zollertrgnisse erwiesen, sanken in schreckenerregender Weise die
des Kirchenstaats. Ein Gewebe von Defraudationen hatte sich gebildet, das neben
dem geregelten Steuerwesen des Staats und der Pchter ein zweites der
Schmuggler, der treulosen Zollbedienten und Consumenten bildete. Frst Rucca
schwur, da er im vorigen Jahr den Ausfall einer halben Million gehabt und in
diesem Jahr wrde das Uebel noch rger werden. Er wollte ein Gericht mit
Schrecken halten. Wozu war Ceccone's Nichte seine Schwiegertochter geworden ...
    Pater Vincente sprach letzteres nicht alles ... Lucinde ahnte es ... Der
Pater senkte die langen schwarzen Augenwimpern ... Wie sah er so heilig aus ...
Ceccone fing an, ihn schrfer zu beobachten ... Er dachte: Fefelotti will Dich
zum Cardinal machen? ... Das ist von meinem Gegner theils Koketterie mit der
Mode der Frmmigkeit, theils eine erneute Schaustellung der Lebensweise
Olympiens und eine Verurtheilung meines Systems ... Die geistliche Intrigue
ergreift jedes weltliche Mittel ... Ceccone versank in brtendes Nachsinnen ...
    Hubertus aber und Lucinde erfuhren:
    Pasqualetto wollte sich durchaus noch immer nicht nach Rom begeben, aber
auch seine Liste von Kaufleuten, reichen Grundbesitzern, vielen vornehmen
Mnnern in Rom, vorzugsweise von Zollbedienten und Helfershelfern der Schmuggler
blieb ungeschrieben ... Das Geschft rckte nicht vorwrts ... Endlich begab
sich Pasqualetto mit seinen nchsten Vertrauten in die Gegend von Loretto ...
Dort wollte er nchtlich einen Pfarrer berfallen und ihn mit geladener Flinte
zwingen, niederzuschreiben, was ihm unter dem Siegel der Beichte dictirt
werden wrde ... Da fiel ihm vor Loretto ein Haufe Pilger in die Hnde. Diese,
so arm sie waren, plnderte man aus und entdeckte, da einer derselben, der der
rmste von allen schien, nur eine Bibel (ein verbotenes und allen Steuerbeamten
als zu confisciren bezeichnetes Buch) und ein Taschenschreibzeug besa ...
Diesen glcklichen Fund hielt man fest ... Ein Gefangener, der schreiben konnte!
... Ein Bettler, der sich, wenn es sein mute, aus der Welt schaffen lie, ohne
da viel Nachfrage danach war ... Diesen Unglcklichen schleppten die Ruber mit
sich und hielten ihn seit Monden gefangen. Es war ein Greis, krank, hinfllig;
er kam von den Alpen her, hatte nach dem sdlichen Italien gewollt - er nun war
der Vertraute einer hochwichtigen Staatsaffaire geworden ...
    Und hier eben war es, wo schon bei der frheren Errterung dieser Dinge
Hubertus in seiner regsten Theilnahme aufgewallt war ...
    Ingleichen gab auch Vincente jetzt wie vorhin ber diesen gefangenen, dem
Verderben preisgegebenen Pilger Zeichen eines gesteigerten Interesses ...
    Den Pilger zwangen die Ruber, Nachts ber die wildesten und schroffsten
Felsenwnde zu klettern und mit ihnen in einsamen Hhlen zu campiren ... In
einer verlassenen Zollwchterhtte am Meeresstrand fand sich nach drei Tagen das
nothwendige Papier und nun begann die Correspondenz mit Rom ... Das war ein
Verkehr wie zwischen zwei Cabinetten ... Grizzifalcone ging vorsichtig zu Werke
... Die Actenstcke seines Verrathes mehrten sich ... Der Pilger mute Namen und
Orte, alle Waaren, die seit Jahren nicht versteuert gewesen zu sein sich die
Schmuggler entsannen, alle Hehler, auch die Schlupfwinkel niederschreiben, wo
die Waaren geborgen wurden, Fischerhtten bei San-Benedetto, Leuchtthrme am
Fosso Bagnolo, Felsenschluchten bei Grottamare, Zollwchterhuser beim Hafen von
Monte d'Ardizza - nichts blieb ungenannt ... Der unglckliche Pilger hatte Bogen
vollgeschrieben mit Gestndnissen, die dem Frsten Rucca Gelegenheit zu einem
Strafgericht geben sollten ... War nun dies Convolut mit Pasqualetto
mitgekommen? ... Wo befand es sich? ... Es fehlte ...
    Hier fragte Lucinde, warum sich der Frst diese Papiere nicht schon frher
htte zuschicken lassen ...
    Er erwiderte, er mistrauete der Post ...
    Wer kann sich auf Eure Post verlassen! sagte er bitter und zornig ...
    Der Frst, entgegnete Ceccone sich bekmpfend, wollte nur noch mehr vom
Pasqualetto erfahren, als was dieser wagen wrde niederschreiben zu lassen ...
    Lucinde sah, da es den alten Frsten mchtig gereizt hatte, gerade die
Wrdentrger der Kirche, die festesten Sulen der Prlatur, einer Aristokratie,
die noch immer in ihm den Nachkommen eines Bckers sah, wenn nicht zu
compromittiren, doch necken und in Schach halten zu knnen ... Er glaubte nicht,
da der Ruber schriftlich diese und hnliche Namen angeben wrde ... Deshalb
wnschte er das persnliche Erscheinen ...
    Vincente's Stimme erhhte sich jetzt seltsam ... War es deshalb, weil sich
die Zahl der Unglcklichen, die in den Hnden der Ruber lebten, mehrte und es
dem Frevel galt, da sogar das gesalbte Haupt eines Bischofs in diese blutigen
Dinge verwickelt wurde? ...
    Lucinde hrte, da Grizzifalcone endlich hatte kommen wollen ... Doch lie
er vorher noch den Bischof von Macerata verschwinden ... Vom Besuch eines
Weinbergs, zwischen den Bergen dahinreitend, war der hohe Prlat nicht wieder
nach Hause gekommen. Pasqualetto hatte sich seiner als einer Geisel versichert
... Im Diario di Roma wurde die Schuld dieses Ueberfalls allerdings nur dem
Pasqualetto zugeschrieben; aber wie sehr man versicherte, da die bewaffnete
Macht ausgezogen sei, den gefangenen Prlaten zu befreien, man konnte seiner
nicht habhaft werden und wollte es auch nicht - das sagte sich Lucinde ... In
der officiellen Zeitung stand nichts von diesem geheimen Zusammenhang eines so
betrbenden Vorfalls mit einem groen Staatsact der dreifachen Krone ...
    Nun endlich erscheint Pasqualetto. Vielleicht, um sich noch sicherer zu
stellen, raubt er vom Hochzeitsfest des Frsten Rucca noch einen der Gste ...
Da unterliegt er selbst! Alle Hoffnungen sind dahin! Die Verhandlungen eines
Jahres vereitelt! ...
    Der Stand der ganzen Frage beruhte jetzt auf dem Leben und der Freiheit
zweier Gefangenen, von denen der eine ein hoher kirchlicher Wrdentrger war,
der andre die Kenntni der Liste hatte ...
    Wre nur diese Liste gerettet! seufzte der Frst .... Die Gerichtspersonen
hatten ausgesagt, da sich, als man die Kleider des Erschossenen untersuchte, in
den Taschen Amulete, Muttergottesbilder, geweihte Schaumnzen genug vorfanden,
auch smmtliche Briefe eines Kochs des Frsten, der die Correspondenz gefhrt
hatte; aber weder in den Taschen, noch in der Spelunke, wo Pasqualetto
abgestiegen war, noch bei gefangenen Complicen fand sich die Liste, auf die die
ganze Sehnsucht des Frsten brannte ... Nun bereuete er, den schriftlichen
Verkehr durch die Post nicht vorgezogen zu haben. Nun bereuete er seine gestrige
Angst, die ihn bestimmte, so eilends zu entfliehen ... Wie bitter deutete er dem
Cardinal an, da dieser die Liste wahrscheinlich gestern sogleich aus der Tasche
des Ermordeten selbst zu sich gesteckt htte ...
    Es waren freilich nur Blicke und Flsterworte, die die in Demuth fern
Stehenden nicht hrten ... Lucinde verstand sie aber ...
    Der Cardinal nannte in allem Ernst den Zischelnden jetzt einen Hanswursten
und verlangte von ihm - ja von Ihnen, Altezza! - den Bischof von Macerata heraus
...
    Pater Vincente hatte vom Schicksal des Bischofs mit bebendem Ton gesprochen
...
    Pasqualetto ist todt! rief Ceccone. Wo finden wir das gesalbte Haupt eines
der frommsten Priester der Christenheit wieder! ...
    Und wo - wo find' ich - die von dem Pilger geschriebene Liste! fiel der
ergrimmte Frst ein ...
    Der Koller des Zorns ergriff den kleinen Mann zum Schlagtreffen. Wenn er den
fremden Franciscanerbruder nicht um seine vorschnelle Art, hier in Rom auf
Spitzbuben Pistolen abzuschieen, persnlich mishandelte, wenn er sich durch die
Ankunft der Donna Lucinde hindern lie, die Worte, die er vorhin gesprochen, zu
wiederholen: Ihr httet eine Zofe wie diese, und wre es auch Eure spanische
Herzogin selbst gewesen, zehnmal sollen zum Teufel fahren lassen -! Wo in aller
Welt ergreifen hier Mnche die Waffen! so war es, weil er wiederholt von
Hubertus verlangte, da dieser seine Uebereilung durch eine That voll Muth,
Entschlossenheit und Discretion wieder gut machen sollte ...
    Hubertus stand erwartungsvoll und im hchsten Grade bereit dazu ...
    Wie soll ich es? fragte nur ber die nheren Einzelheiten statt seiner
Lucinde ...
    Sie hrte jetzt noch mehr von jenem Pilger ... Hubertus hatte erklrt,
diesen Pilger zu kennen ... Unfehlbar msse es derselbe gewesen sein, mit dem er
ber die Apenninen geklettert und zuerst beim Besuch der heiligen Orte des
Sanct-Franciscus auf der Penna della Vernia zusammengetroffen war ... Das Leben
dieses Pilgers hing ohne Zweifel von einem Haar ab, falls er noch unter den
Rubern geblieben war und unter den Zollbedienten die Kunde seiner Beihlfe zum
Verrath sich verbreitete, die Kunde seines vielleicht abschriftlichen Besitzes
der Liste ... Hubertus hatte schon so viel von diesem Pilger erzhlt, da
Lucinde begreifen konnte, warum auch Pater Vincente lebhaft fr ihn eingenommen
schien und einmal ber das andere das Schicksal des armen Gefangenen beklagte
...
    Lucinde hrte das Gepolter des Frsten ... Sie hrte, was sie bersetzen
sollte ... Die Schilderung der unzugnglichen Schluchten am Meer, wo Pasqualetto
zu hausen pflegte ... Die Schilderung der List und Verschlagenheit, mit der man
allein sich diesen eigenthmlich organisirten Banden zu nhern vermochte ... Die
Schilderung der Ehren und Auszeichnungen, die den Pilger hier in Rom erwarten
sollten, wenn ihn Hubertus glcklich auffnde und ber die Gebirge brchte ...
Sie bersetzte eine wiederholte Aufforderung des Frsten an Hubertus ... Reiset
nach der Gegend von Porto d'Ascoli! Sucht, da Ihr muthig und unerschrocken seid,
das Gefngni des Bischofs von Macerata und des Pilgers von Loretto! Alle
Briefe, die Pasqualetto seit Monaten schon mit mir wechselt, sind von diesem
frommen Mann geschrieben, den die Ruber zu diesem Behuf gewi in den
unwegsamsten Hhlen verborgen halten ...
    Ceccone ergnzte:
    Der Bischof von Macerata ist ein Greis - ...
    Der Bischof von Macerata ist ein Greis, sagen Seine Eminenz - fuhr Lucinde
fort ... Aber mit allen Fhigkeiten der Jugend ausgestattet, setzen Seine
Hoheit, den Pilger meinend, hinzu ... Seine Briefe - der Cardinal meinen die
Klagen des armen Bischofs - sind gewandt und in jeder Beziehung vollkommen,
meinen Seine Hoheit - Beide sprechen zu Euch: Kann eine fromme Seele dulden, da
die Mittel, die den Stellvertreter Christi auf Erden in seiner nothwendigen
Wrde erhalten sollen, durch Schurken, ungetreue Haushalter, Judasse verkrzt
werden? ... O htt' ich das Verzeichni, spricht der Frst, das dieser Mann
unter den Flinten der Ruber schreiben mute! Oder knnte den Pilger, wenn Ihr
ihn findet, Eure Entschlossenheit berreden, Euch die vorzglichsten Namen zu
nennen, die auf diesem Papier zur Schande der Christenheit glnzten! Die Namen
von Herzgen und Excellenzen behlt man doch wol -! ... Ich will ihm hier in Rom
die glnzendste Wohnung einrichten, will ihn schadlos fr alles halten, was er
erduldete! ... Suchtet Ihr den Pilger und - den Bischof, sagen der Cardinal, so
wrdet Ihr eine Krone mehr im Himmel gewinnen! Ich fahre sofort, sagen Seine
Hoheit, nach Santa-Maria und werfe mich dem Pater Campistrano zu Fen, um Eure
Verzeihung, Eure Freiheit zu gewinnen, damit Ihr einen Zweck vollfhrt, der Euch
in jeder Beziehung den Dank der Christenheit erwerben wird! ...
    Hubertus bersah jetzt in voller Klarheit das an ihn gestellte schwierige,
lebensgefhrliche Begehren ...
    Aber seine Bereitwilligkeit, einer so ehrenvollen, wenn auch den Tod - und
nicht allein von Ruberhand - drohenden Aufgabe sich zu unterziehen, gab sich
mit der ihm eigenen Liebe zu Abenteuern um so mehr kund, als ihm die
Ueberzeugung innewohnte von einer Identitt des Pilgers mit jenem Deutschen, den
er trotz seiner Ketzerei auf der Reise nach Rom liebgewonnen ... Zuletzt konnte
er hoffen, durch solche Dienste, die er dem Heiligen Vater leistete, auch fr
seine Wnsche ber die Person Wenzel's von Terschka ins Reine zu kommen ...
Hatte er bei seinem General die Freiheit gewonnen, so wollte er unerschrocken
seine desfallsigen Wnsche vortragen, ehe er die Reise antrat ... Das Vertrauen,
heil und gesund nach Rom zurckzukehren, besa er vollauf ...
    Jetzt ergnzte mit verklrten Augen Pater Vincente seine Mittheilungen ...
Alles, was Hubertus erzhlt und Lucinde bersetzt hatte, traf auf die
Erinnerungen zu, die Pater Vincente vom Bruder Federigo zu Castellungo hatte ...
Auch Lucinde kannte ja diesen Deutschen, bei dem Porzia Biancchi sich die
Fhigkeit erworben, sich als Mllerin Hedemann in Witoborn mit ihren deutschen
Mgden verstndlich zu machen ... Endlich sprach sogar zu ihrem hchsten
Erstaunen der Cardinal:
    Gelobt sei unsere gute Mutter Kirche! Diesem Pasqualetto verdanken wir, wie
es scheint, mehr als einen groen Gewinn! Nicht da ich Hoffnung habe, Eure
Hoheit in den Stand gesetzt sehen, Ihre Klagen ber die Diener der Gerechtigkeit
und unsere Subalternen besttigt zu erhalten - ich wrde nur auf die Aussagen
eines Rubers am Fu des Schaffots, nicht auf die Lgen eines Bsewichts etwas
geben, der sich mit lcherlichen Hoffnungen schmeichelte, ja noch als
Brgermeister von Ascoli ein Leben der Achtung fhren zu knnen whnte -; aber
darin hat er uns einen groen Gewinn verschafft, da er den edeln Shnen des
heiligen Dominicus Gelegenheit gibt, die Milde zu beweisen, die sie gegen Ketzer
schon zu lange ausben! ... Signora, Sie fragten mich vor kurzem nach den
Streitigkeiten des Bischofs von Robillante? ... Hren Sie, was eintreffen mu!
... Wenn der apostolische Eifer des Herrn von Asselyn sein neues Vaterland
beschuldigt, da Unglubige hier spurlos in den Kerkern der Inquisition
verschwinden knnen - so erleben wir die glnzendste Genugthuung! Frommer
Bruder, rettet den Bischof von Macerata! Wagt Euch in die Klfte, wo diese
Ruber hausen! Rettet aber auch diesen Pilger! Gebt den Beweis, da dieser
Flchtling, den von uns die sardinische Regierung reclamirt, den die
Gesandtschaften Englands, Schwedens, der Niederlande, Preuens in den Hnden der
Dominicaner vermuthen, in keinem heiligen Inquisitionsofficium, weder sonstwo,
noch hier in Rom, festgehalten wird! Er ist gefangen! Ja! Aber von Rubern! Er
mu, auf den Tod bedroht, diesen die Befrderung der ffentlichen Wohlfahrt
erleichtern, wodurch ihm Verzeihung werden knnte fr die viele Mhe und Sorge,
die uns bereits die Nachfragen nach dem Verschollenen nicht blos von Castellungo
und Robillante aus, sondern von Turin, London, Berlin und Wien gemacht haben!
Fefelotti wird mir, so wenig er es sonst um mich verdient hat, dankbar sein,
wenn ich ihm den Beweis an die Hand liefere, da nichts mehr im Wege steht, sich
mit seinem feuerkpfigen Nachbar zu vershnen! Guter Bruder! Ihr seid von einem
Blut, das Euch zu leicht in Euern schnen Kopf steigt! Wandert getrost, wandert
immerhin! Leiht dem Vorschlag eines Eurer drolligen Ohren! Lat fr Euch in
Santa-Maria Seine Hoheit jenen Fufall thun! Euch wird es Segen bringen und
einem so vornehmen Mann, wie ihm, nichts schaden! ...
    Ceccone hatte sich lchelnd erhoben und schttelte Hubertus, dessen Augen
vom Feuer seines Unternehmungseifers blitzten, die Hand ... Dieser kte die
seinige voll Demuth ... Pater Vincente stand aufhorchend und feierlich ...
Lucinde staunte des Zusammenhangs aller dieser seltsamen Unternehmungen ... Nur
der alte Rucca zweifelte - Ceccone schien ihm auf alle Flle eine doppelte, ihm
wahrscheinlich nur feindliche Rolle zu spielen ...
    In diesem Augenblick hrte man in der Ferne das Luten einer kleinen
Handglocke ...
    Das Glcklein der Benfratellen! sagte der Cardinal. Sie kommen mit der
Tragbahre, den zweiten unsrer tapfern deutschen Lanzknechte des Heilands
abzuholen! ... Frater Hubertus, gebt ihm vorlufig das Geleite; grt Euern
Guardian in San-Pietro und dann - ans Werk! Ihr seid, bei Sanct-Peter, der
rechte Mann fr diese Aufgabe, die ich Niemand in Rom so gut wie Euch
anzuvertrauen wte ... Ihr aber, Pater Vincente, wandte sich Ceccone
ehrerbietig zu diesem; - die junge Frstin Rucca hatte gestern das dringendste
Verlangen nach Euerm Segen ... Ich hoffe, Euer Kloster wird mit dem Thier nicht
unzufrieden sein, das, statt Eines Sackes, Euch jetzt zwei zu tragen drauen
empfangen soll! ... Die Zeiten mssen wiederkehren, wo unsere rothen Hte auf
die Stirn von Priestern gedrckt werden, die dem Volk das Schauspiel der Demuth
geben ... Lat mir die Ehre, den rothen Zaum von einem meiner Rosse zu nehmen
und den Esel zu schmcken, den Eure Hand durch die Straen Roms fhren wird! ...
    Dies war keine jener sdlndischen Artigkeiten, nach denen der Spanier sein
eigenes Haus demjenigen anbietet, der dessen Lage reizend findet; es versteht
sich von selbst, da das Anerbieten abgelehnt wird ... Bei Pater Vincente lag in
der That eine Bezglichkeit des Ernstes nahe. Er durfte voll Errthen und mit
Nachdruck die angebotene Auszeichnung ablehnen ...
    Gren Sie die junge Frstin, sprach er leise zum Cardinal, und sagen Sie
ihr, da ich oft fr das Heil ihres neuen Bundes beten werde ...
    Er faltete die Hnde ... Das Glcklein der Benfratellen erklang dster und
traurig ... Vincente's Auge erhob sich, wie von einem sanften Liebesstrahl
entzndet ... Die beiden so weltlichgesinnten Mnner muten erleben, da Pater
Vincente sie zum Beten zwang ... Ecce, Domine, sprach er mit dem Psalmisten in
einer eigenthmlich erhhten Stimmung, tu cognovisti omnia, novissima et
antiqua! Quo ibo a Spiritu tuo? Et quo a facie tua fugiam? Si ascendero in
coelum, tu illic es! Si descendero in infernum, ades! Vide, si via iniquitatis
in me est et deduc me in viam aeternam! Amen! ...
    Es war ein Gebet wie die Shne fr die sndhafte Weltlichkeit aller dieser
Verhandlungen ...
    Vincente's Augen blieben gehoben wie mit der Bitte, ein Strafgericht des
Himmels abzuwenden ... Der Geist Bartolomeo's von Saluzzo, der Geist des
Philippo Neri schien ber ihn gekommen ... Sein schner, weicher Mund betonte
scharf die Worte: Via iniquitatis! ... Er richtete damit die Falschheit und
Unreinheit dieser Welt und schttelte fast den Staub von seinen Fen, als er
dann Hubertus' Hand ergriff und ihn fast fortfhrte, als wrde ihm eine Seele
abwendig gemacht, die ihm anvertraut war ...
    Bei alledem blieb es entschieden, da der Frst zum General der Franciscaner
fuhr und diesen unternehmenden Mnch sich auserbat, der den Grizzifalcone
getdtet hatte und nichtsdestoweniger den Muth besa, noch den Bischof von
Macerata und den Pilger von Loretto retten zu wollen ... In dem Muth, der zu
einer solchen Unternehmung gehrte, lag allein schon die Brgschaft des Erfolgs
... Dem Italiener imponirt jede Khnheit ... Bald muten ber den Bruder
Todtenkopf in der braunen Kutte Sagen hinausgehen - mrchenhaft und wie ein
entwaffnender Schrecken ...
    Ceccone starrte mehr noch dem Pater Vincente ... Ist das Papst Sixtus V.,
der sich als Cardinal solange unbedeutend stellte, bis er als Papst die Maske
abwarf? dachte er ... Nun sah er sogar den alten Heuchler, den Frsten Rucca,
beim Abschied an der Villa den Strick des Paters ergreifen, diesen kssen, dann
sogar niederknieen, Hubertus und Lucinden gleichfalls, alle um den Segen des
begeisterten Sprechers zu empfangen ...
    Diesen Segen ertheilte Pater Vincente mit dem verzckten Liebesblick des
Sanct-Franciscus ...
    Die Jesuiten haben ihren Popanz fr den Stuhl der Apostel gefunden! sagte
sich Ceccone ... Er blickte staunend den beiden Mnchen nach, die sich jetzt
empfahlen, begleitet von dem alten, gleich einem Aal sich bis in die Villa
windenden Frsten Rucca ...
    Das Glcklein der Benfratellen tnte drauen fort, und fort ...
    Miracolo! rief Ceccone Lucinden zu und pries galant die Dienste, die sie
geleistet ...
    Lucinde stand gedankenverloren ... Sie sah nun die Gefahren, die den Bischof
von Castellungo umgaben ...
    Der Cardinal konnte jetzt sich nicht weiter aussprechen ... Die
Caudatarien, die ihn an eine Sitzung im Vatican und die Anwesenheit seines
Secretrs zu erinnern hatten, standen harrend in der Nhe ...
    Ceccone plauderte, wie gleichgltig, von der heutigen Speisestunde im
Palazzo Rucca und seufzte ber seine Sorgen ... Eine Hochzeitsreise hatte
Olympia abgelehnt. Sie feierte ihren Lendemain nach italischer Sitte .... Vor
hunderttausend Zeugen ... Heute Abend sollten zwei Musikchre die halbe Nacht
hindurch am Pasquino spielen ... Groe Feuerbecken beleuchteten dann den Platz
... Fsser, mit Reisholz gefllt, Pechkrnze wurden abgebrannt ... Der
Volksjubel sollte nicht enden ...
    Der Frst war in der That schon nach Santa-Maria zum General der
Franciscaner gefahren ...
    Die Benfratellen befanden sich im Nebenbau, um den Pater Sebastus zu holen
...
    Pater Vincente leitete das bequemere Heraustragen ...
    Hubertus suchte noch einen Moment Lucinden beizukommen, der sich eben
Bischof Camuzzi genhert hatte ...
    Lucinde verbeugte sich ausweichend dem Priester, der sie gestern eine
Creolin genannt, und versicherte Hubertus, soweit es in der Eile ging, da er
sich aus seiner Haft als entlassen betrachten drfte. Den Brief an Bonaventura
gab sie darum nicht zurck ... Eine Gelegenheit, sich dem Bischof in Erinnerung
zu bringen, behielt sie fest ... Und konnte sie ihm doch auch jetzt Aufklrungen
und Warnungen ber den Bruder Federigo schreiben ... Sie forderte Hubertus auf,
sie erst noch im Palazzo Rucca zu besuchen, wenn er wirklich den Bischof von
Macerata und den Pilger entdecken und befreien gehen wollte ... Ihr unternehmt
das Khnste und doch thut ihr, als rieth ich in Witoborn gut, als ich damals
sagte: Flieht in einen hohlen Baumstamm? fragte sie lchelnd ...
    Hubertus, der unruhige Waldbruder, htte die endlich errungene Freiheit des
Wanderns und des Lebens wieder in freier Luft laut ausjubeln mgen ... Ohne die
mindeste Furcht bejahte er und zeigte nur traurig auf den verdeckten Tragkorb,
den eben die schwarzen Shne des heiligen Johannes von Gott aus dem Hause
brachten ...
    Lucinde zuckte bedauerlich die Achseln und neigte sich auch diesen Mnchen
...
    Der Cardinal sprengte in seinem Wagen mit den weien, purpurgeschirrten
Rossen zur Porta Laterana hin ... Die Caudatarien fuhren in einem zweiten
Wagen ... In einem dritten mute Monsignore Camuzzi, Bischof in partibus, der
erste Secretr des Cardinals, folgen ...
    Lucinde wartete, bis das Glcklein der Benfratellen verklungen war ...
Hinter dem verdeckten Korbe, der ebenso eilends dahingetragen wurde, wie
Klingsohr in letzter, Nacht die Leiche hatte tragen sehen, trottete der vorher
erwhnte, von Ceccone's Majorduomo besorgte Esel mit den zwei mchtig gefllten
Scken ... Pater Vincente schritt mit demthig gesenktem Haupt und hielt den
Esel an einem einfachen Zgel ... Hubertus hatte einen Jasminbltenzweig am
Portal der Villa gebrochen und wehrte damit, gedankenvoll in sich selbst
verloren, dem Thier die Fliegen ab ...
    Nun setzte Lucinde sich in ihren Wagen und fuhr mit blitzschneller Eile an
dem unheimlichen Tragkorb und dem Esel vorber ...
    Unter dem weien ausgespannten Leintuch des Korbes lag Klingsohr -! ...
    Sie schauderte - als sie im Vorberfahren wie auf ein Leichentuch blinzelte
...
    Der Wagen fuhr am Coliseum vorber, durch den Bogen des Titus, die Basilika
entlang ... Der Kutscher lie das Capitol links und lenkte zur Sule des Trajan
...
    Lucinde lebte innenwrts ... Sie merkte nicht, da sie schon an Piazza
Sciarra, dicht in der Nhe des Schatzes der guten Werke war ...
    Hier hielt der Wagen ...
    Der Kutscher blickte sich fragend um, ob sie nicht zur Herzogin von
Amarillas wollte, die hier wohnte ...
    Sie winkte: Weiter! Weiter! ...
    Sie mute zu Olympien ...
    Die hchste Zeit war es, diese nach ihrer Brautnacht zu begren ...
    Sie durfte nicht fehlen zur Chocolade, die heute das junge Paar allen
Gsten, die ihre Aufwartung machten und die Neuverbundenen mit lchelnder
Zweideutigkeit nach ihrem Befinden fragten, in goldenen und silbernen Tassen mit
eigner Hand zu credenzen hatte.

                                    Funoten


1 Thatsache.


                                       5.

In dieser Stadt der Wunder bewohnte die Herzogin von Amarillas einen dem
Cardinal gehrenden, uerlich dunkeln und ganz unansehnlichen Palast in einer
der den Corso durchschneidenden Straen zwischen Piazza Sciarra und der Gegend
um Fontana Trevi ...
    Mit seiner verschwrzten Auenseite stand aber das heitere und bequeme
Innere in Widerspruch ...
    War der Thorweg geffnet, so sah man wol erst einen kleinen dstern Hof,
umgeben von einem hier und da von Marmorkaryatiden geschmckten viereckten
Arcadengang von Travertingestein, sah in der Mitte ein kleines
blumengeschmcktes Bassin, das ein wasserspritzender Triton aus Bronze drftig
belebte, sah Remise und Stallung kaum von den Arcaden bedeckt; aber die hinteren
Fenster des einen Flgels gingen in einen hier ungeahnten kleinen Hausgarten von
Rosen, Myrten und Orangen hinaus. Sie hatten ein volles, schnes Licht und
gewhrten im geruschvollsten Theil der Stadt ein friedlich beschauliches
Daheim. Zudem war in der Einrichtung dieser hohen und gerumigen Zimmer nichts
gespart. Es war eine Wohnung, die verlassen zu mssen Schmerz verursachen durfte
...
    Und doch konnte die Herzogin dies Ende voraussehen ... ... Der Cardinal
behauptete seit einiger Zeit, ihre Augen nicht mehr ertragen zu knnen. Was
Olympia von ihm gesagt, das sagte er von der Herzogin ... Ihre Augen htten fr
ihn die Wirkung des Malocchio ... Der Italiener hat vor dem bsen Blick eine
selbst von Aufgeklrten nicht berwundene Furcht ...
    Diese ble Wirkung ihrer Augen, von der sie hrte, erluterte die Herzogin
nur aus Ceccone's Gewissen. Wol mssen meine Augen einen giftigen Eindruck auf
ihn machen, sagte sie ihrem alten Diener Marco, der schon frher im Unglck bei
ihr gewesen und nur des Alters wegen nicht damals mit nach Wien gefolgt war ...
Meine Augen nennen ihn undankbar ...
    Keineswegs wollte die Herzogin sagen, da der bse Blick eine Fabel ist.
Als echte Italienerin glaubte auch sie an Menschen, die Jettatore heien.
Diese knnen Krankheit und Tod anblicken ... Sie hatte ihre alte Freundin und
Gesellschafterin Marietta Zurboni schon lange begraben, aber die Fabel- und
Traumbcher derselben waren ihr und dem alten Marco geblieben ... Konnte sie
doch zittern vor Angst, als eines Tages Olympia, die ebenso dachte wie sie,
sagte: Seh' ich im Leben diesen Signore d'Asselyno wieder und er verrth, da
ich Wahnwitzige ihm in zwei Tagen meine ganze Seele zum Geschenk gegeben, so
la' ich die Erde aus der Stelle ausschneiden, die sein Fu berhrte, und hnge
sie - in den Schornstein! ... Um Jesu willen! hatte die Herzogin erwidert, du
wirst solche Snden unterlassen! ... Sie wute, da ein solcher Zauber einen
Abwesenden langsam zum Tod dahinsiechen lt ...
    Olympia war nach dem ersten Rausch der Flitterwochen und den
vorauszusehenden Zankscenen mit ihren Schwiegerltern ins Sabinergebirg gezogen
... Dort und im Albanergebirg besaen die Ruccas und Ceccone prchtige Villen
... Der welt- und menschenkluge Cardinal hatte zur Zhmung des wilden Charakters
der jungen Frstin angerathen, sie zu beschftigen ... Er hatte (schon von der
ihm immer vertrauter werdenden Lucinde) einige anonyme Briefe an sie schreiben
lassen, in denen von Unterschleifen in der Verwaltung dieser Gter die Rede war
... Das wurde dann ein Feld fr die erste unruhige Thatenlust der jungen Ehefrau
... Einige Wochen hindurch, vielleicht einige Monate konnte man Hoffnung hegen,
da sie sich auf diese Art in ihrer neuen Stellung als Frstin und Gattin
gefallen wrde ... Bis dahin hatte sie ohne Zweifel mit den Aeltern vollstndig
gebrochen, hatte das Personal in der Rucca'schen Verwaltung umgewandelt, hatte
soviel Scenen des Zanks, soviel angedrohte Dolchste, auch Fuflle und
Handksse erlebt, da sie vollauf damit beschftigt war ... Lucinde und der
Cardinal stimmten ganz in dem Serlo'schen Wort berein: Die Seele des Menschen
will gefttert werden, wie der Magen ...
    Die Herzogin erzrnte den Cardinal immer mehr durch ihre Festigkeit,
Lucinden als Mitbewohnerin ihrer Behausung abzulehnen ... Lucindens neuliches
Wort von ihrem Briefwechsel mit Benno war beim Begegnen nicht wiederholt
worden ... Der Schrecken ber den gleichzeitigen Ueberfall durch die Ruber
konnte ein Misverstndni veranlat haben ... Das sagte sie sich zu ihrer
Beruhigung ... Die Abenteurerin, wie sie in der That Benno mehrmals genannt
hatte, wurde auch auf Villa Torresani, einem Erbgut der alten Frstin Rucca, wo
die junge Frstin wohnte, abgelehnt ... Lucinde wohnte mit der alten Frstin
beim Wasserfall von Tivoli, in einer andern Rucca'schen Villa, Villa Tibur ...
Niemand kam nun noch zur Herzogin, da der Cardinal nicht kam ... Seltener und
seltener kam sie auch selbst aus ihrem Palast heraus, in dem es gespenstisch de
und einsam wurde ... Wie mute sie bereuen, ein Wesen von so gefhrlicher
Schmiegsamkeit in die Kreise ihres bisherigen Einflusses gezogen zu haben! ...
Lucinde wurde immer mehr die Seele in dem alten und dem jungen Rucca'schen
Kreise ... Und wenn sie sich geirrt htte! Wenn Lucinde wirklich von einem
Briefwechsel zwischen ihr und Benno gesprochen! ... Dann fehlte nur noch das
eine Wort: Benno von Asselyn ist ja dein Sohn! und ihre Niederlage war
entschieden ... Olympia wrde, erfuhr sie das von Lucinden, gesagt haben: Nun
versteh' ich alles! Du, du warst es, die den Angebeteten von mir entfernt
gehalten hat ...
    Da den Cardinal, von dem sich die junge Frstin nicht minder wie von ihr zu
befreien suchte, eine Leidenschaft fr die fremde Abenteurerin ergriffen hatte,
wurde immer mehr ein ffentliches Geheimni ... Und bei alledem konnte niemand
die Huldigung des Grafen Sarzana begreifen ... Htte es sich um eine Scheinehe
gehandelt, die die Schulden eines leichtsinnigen Cavaliers decken sollte, so
wrde man in Rom, in der Stadt der Heiligung des Priesterclibats, dies Benehmen
Don Agostino's begriffen haben; denn diese Arrangements kamen hier zu oft vor,
um aufzufallen - wenn auch die Contracte nicht in die Archive der Curie
niedergelegt wurden ... Don Agostino war aber keiner der Leichtsinnigsten unter
den Achtzig ... Da er Kenntnisse besa und sie zu vermehren liebte, galt er
seinen Kameraden fr einen Pedanten ... Die Wartung seiner Uniform, seines
Pferdes, noch mehr seiner kleinen Huslichkeit war bis in die minutisesten
Dinge sauber und zierlich ... Seine Familie war verwildert, das wuten alle, die
Umstnde hatten die Creaturen geistlicher Wrdentrger aus ihr gemacht, deren
Unregelmigkeiten sie decken mute ... Graf Sarzana wrde die Hand keiner Dame
auch nur zweiten oder dritten Ranges in Rom haben ansprechen knnen ... Aber
eine Geliebte des Cardinals zu nehmen zwang ihn nichts ... Noch weniger begriff
man seine Leidenschaft, wenn sie eine aufrichtige war. Lucinde konnte die
Capricen des ermdeten Alters reizen, sie konnte die Vorstellung einer
Vernunftehe durch eine darum noch nicht ausgeschlossene Mglichkeit jugendlicher
Reminiscenzen mildern; was war sie aber einem jungen, noch in Lebensfrische
befindlichen Krieger? ... Sie besa freilich Geist, Belesenheit, Koketterie ...
Fesselte ihn das? ... Seine Kameraden pflegten ihn mit seinem Einsiedlerleben,
das der Lectre gewidmet war, zu necken und sein wrmster Freund sogar, der
Herzog von Pumpeo, hatte ihm den Beinamen des Ksters vom Regiment gegeben ...
    Bei alledem lie es sich immer mehr dazu an, da die Herzogin den Palast
wrde zu verlassen und - dem jungen Ehepaar Sarzana einzurumen haben ...
    Ihrem Julio Csare schrieb die Mutter von allen diesen ihren Leiden und
Befrchtungen nichts - nichts von den Gefahren, die ihr durch Lucinden drohten
... Einestheils wollte sie Benno's bei solcher Mittheilung leicht
vorauszusehende Absicht ihr zu helfen nicht frher hervorrufen, als nthig war;
anderntheils vermochte es ihr Stolz nicht, Befrchtungen auszusprechen, die sie
mit dem grten Zorn erfllten, so oft sie nur an sie dachte ... Benno hatte ihr
die Versicherung gegeben, da der einzige Vertraute ihres Briefwechsels nur
Bonaventura war ...
    Die Herzogin lag eines Morgens noch in ihren Hauskleidern auf einer Ottomane
und bltterte in den franzsischen Zeitungen, die in Rom verboten sind, vom
Cardinal aber gehalten und nach alter Gewohnheit, wenn sie benutzt waren, noch
an sie abgeliefert wurden ...
    Sie las um so lieber in ihnen, als die einheimischen Bltter fast von nichts
als von Festen und groen Ceremonieen berichteten, zu denen sie nicht mehr
geladen wurde ... Auch bei einem groen Ereigni, das vier Wochen nach Olympiens
Hochzeit statthatte, bei der wirklich erfolgten Einkleidung des Paters Vincente
- zum Cardinal hatte sie gefehlt ... Sie hatte gefehlt bei einem Fest, das
wiederum Rom in Bewegung setzte ... Bei einem Fest, wo Olympia und Lucinde die
blichen Honneurs des ersten Cardinalempfanges machten ... Bei einem Feste, das
eine Woche dauerte und alle Zeitungen erfllte ... Der neue Cardinal Vincente
Ambrosi fand sich voll Demuth, aber ganz gewandt in seine neue Wrde ...
    Unmuthig warf die Herzogin die einheimischen Bltter fort; wieder auch war
im Gebirg eine groe Kirchenfestlichkeit gewesen, bei der die junge Frstin
Rucca als erster Stern am Himmel der Gnade und Wohlthtigkeit geglnzt haben
sollte ...
    Schon ergriff sie die Feder und wollte dem Cardinal schreiben, sie bedrfte
Unterhaltung ... Sie bte, wollte sie sich in ihrer Bitterkeit ausdrcken, um
einige Einlakarten fr den Tag, wo die Ruber guillotinirt werden wrden, deren
man als Complicen Grizzifalcone's allmhlich viele aufgegriffen hatte - Die
Mission des Bruders Hubertus war ihr durch die vorlufig erfolgte Befreiung des
Bischofs von Macerata bekannt geworden ... Sie wollte ihrem Schreiben
hinzufgen, der Cardinal verge seine Weine, die in ihrem Keller lagerten; es
waren unversteuerte ... Sie grbelte Ceccone's Intriguen nach ... Benno's
letzter Brief lag vor ihr, in dem dieser auf Anla des von Lucinden an
Bonaventura eingesandten Briefs der beiden deutschen Flchtlinge und eines
inhaltreichen Couverts, das sie hinzugefgt, geschrieben: O fnde sich doch
dieser Wanderer nach Loretto! Wre es der, den mein Freund seit fast dreiviertel
Jahren sucht! Er wird es nicht sein ... Die Dominicaner haben ihre anderen
Gefangenen herausgeben mssen - diesen schickten sie nach Rom, wo ihre
Gefngnisse unzugnglicher sind, als hier ... Ceccone verweigerte bisjetzt die
Genehmigung, die Kerker des heiligen Officiums untersuchen und den Dominicanern
einen Beweis von Mistrauen geben zu lassen ... Fra Federigo schmachtet in ihren
Hnden wie Galili, Bruno, Pignata und so viele andere Opfer der Unduldsamkeit!
... ... Da schreckenvolle Dinge in Rom mglich waren, wute die Herzogin ...
Sie wute, da Ceccone mit dem Meisten, was er that, eine andere Absicht
verband, als die man voraussetzte ... Zwischen dem alten Rucca und dem Cardinal
war es zu einer andauernden Spannung gekommen, seitdem Hubertus zwar durch eine
List den Bischof ans Tageslicht gebracht hatte, aber von einer Entdeckung des
Pilgers nichts hren und sehen lie, ja seit einiger Zeit von sich selbst nichts
mehr ... Schon war das Gercht verbreitet, da die Carabinieri der Grenzwache
vorgezogen htten, statt den rmischen Abgesandten in seinen Bemhungen zu
untersttzen, ihn - todt zu schlagen ...
    Sie sah berall Gewalt und Intrigue ... Sie kannte Ceccone's Ansichten ber
die Zeit und die Menschen ... Menschenleben kmmerte ihn wenig, wo
durchgreifende Zwecke auf dem Spiele standen ... Durch einen der Verwandten
Sarzana's, eine der von ihm befrderten Creaturen, hatte Ceccone alle Hfen auch
der Nordkste in seiner Obhut ... Wer konnte wissen, was aus dem Rucca'schen
Sendboten geworden war ... Jenseits der Apenninen, am Fu des Monte Sasso, an
der Grenze der Abruzzen war jede Controle abgeschnitten ... Dorthin hatten sich
in der That die letzten Wege des khnen deutschen Mnches spurlos verloren ...
    Die Zeitungen waren mit ihren Lgen, wie die Herzogin vor sich hin sprach,
durchflogen ... Es war gegen Mittag ... Sie konnte an den Besuch einer Messe
denken ...
    Da bemerkte sie, da im Hause laut gesprochen wurde ...
    Sie wollte klingeln ... Marco war beim Pantheon auf den Gemse- und
Fleischmarkt, um ein Mittagsessen einzukaufen; die Dienerinnen waren an der
Arbeit ...
    Schon hrte sie Schritte ... Schon unterschied sie die Stimme Olympiens ...
Dann war wieder alles still ...
    Die Herzogin glaubte sich getuscht zu haben ... Schon fter war ihr
geschehen, da ihre aufgeregte Phantasie Menschen nicht nur hrte, sondern
deutlich vor sich sah, Menschen, die mit ihr sprachen ... Sie brauchte nur ihren
geheimen Schrank aufzuschlieen, brauchte nur Angiolinens blutiges Haar aus
einem groen Pastell-Medaillon des Herzogs von Amarillas zu nehmen, dies Haar
nur eine Weile vor sich hinzulegen - und sie sah Angiolinen sich langsam an
ihren Tisch begeben und hrte sie laut mit ihr sprechen. Benno trat in dieser
Art jeden Abend in ihr Zimmer ... Sie hatte nach ihm die Sehnsucht einer Braut -
eine Sehnsucht voll Eifersucht ... Aber kein Madonnenbild mehr konnte sie sehen
in dieser madonnenreichen Stadt, ohne voll Zrtlichkeit an Armgart von
Hlleshoven zu denken, die ihr Lucinde als ihres Cesare Ideal bezeichnet hatte
...
    Die Stimmen kamen wieder nher ... Diesmal rief wirklich Olympia:
    Da nicht! Nein, nein! ... Dort geht der Kamin entlang! ... Die Hitze ist fr
ein Bett unertrglich ...
    Was will - die Mrderin meiner Tochter? fuhr die Herzogin auf ... Wei sie
wirklich noch, wo ich wohne? ... Will sie wol wieder zu mir ziehen oder was soll
- das Bett - von dem sie spricht? ...
    Man rckte nebenan die Mbel ... An einer andern Stelle des Hauses hrte man
ein so starkes Hmmern, als sollten Mauern eingeschlagen werden ...
    Indem ffnete sich die Thr und aus dem Empfangssalon trat die kleine
Frstin, in glnzend outrirter Toilette; Lucinde, nicht minder gewhlt
gekleidet; die Schwiegermutter, eine noch immer anziehende, jedenfalls
gefallschtige Frau; Herzog Pumpeo, der fr ihren Liebhaber galt; hinter ihnen
zwei junge elegante, wohlfrisirte Prlaten; zuletzt auch Graf Sarzana ...
    Alle schienen berrascht zu sein, die Herzogin zu finden ... Sie wollten
sogleich, Olympia ausgenommen, wieder zurck ... Sie hatten die Herzogin nicht
anwesend vermuthet oder thaten wenigstens so ... Olympia hielt sie jedoch fest,
schritt weiter, achtete nicht im mindesten auf die am Tisch beim Sopha erstaunt
Verharrende, sondern rief, das Zimmer durchschreitend:
    
    Hierher wrd' ich rathen, von jetzt an das Ezimmer zu verlegen ... Oeffnen
wir diesen Balcon, so hat man das beste, was dieser alberne Garten bieten kann,
etwas Khle ... Chrysostomo! Wir nehmen hier ein Frhstck! Setzen Sie sich,
Lucinde! ... Graf, Sie werden hungrig sein! Kommen Sie doch! Wir sind ja, denk'
ich, bei uns! ...
    Mit Widerstreben und in offenbar ungeknstelter Verlegenheit war Graf
Sarzana gefolgt, hatte sich stumm der Herzogin, die hier nicht mehr wohnhaft
geglaubt wurde, verbeugt und trat in das Balconzimmer zu den brigen, die
unterdrckt kicherten - Lucinde ausgenommen, die von einem der Prlaten gefhrt
wurde und scheu zur Erde blickte ...
    Die junge Frstin, die kaum bis zum Thrdrcker, einem schnen bronzenen
Greifen-Flgel, reichte, warf zornig die Thr zu ...
    Im ersten Augenblick htte die Herzogin ihr nachspringen und sie zerreien
knnen ... Viper, Schlange, Basilisk! zitterte es auf ihren Lippen ... Die Worte
erstickten ... Sie hatte in diesem Augenblick keine andere Waffe, als ein
lautes, gellendes Lachen ... Hahahaha! schallte es nebenan zur Antwort ...
Olympia erwiderte in gleichem Tone ...
    Dabei klirrten Glser, Messer, Gabeln ... Olympia hatte hieher ein Frhstck
beordert ... Der Mohr Chrysostomo wollte ihr durch eine andre Thr folgen ...
Schon trug er ein Plateau voll Glser und silberner Gefe ... Die Herzogin
ergriff wenigstens diesen und warf ihn zur Thr hinaus ... Dann schlo sie
smmtliche Thren so hastig, als frchtete sie, ermordet zu werden ...
    Nebenan lachte und sprach Olympia mit gellender Stimme fast immer allein ...
Sie that wie jemand, der hier noch zu Hause war ... Demnach wurde die Herzogin,
da sie nicht von selbst ging, zum Hause hinausgeworfen ... Hatte Olympia
vielleicht erfahren, wer Benno war? ... Verdankte die Herzogin diese Demthigung
Lucinden? ... War diese wirklich in ihr Leben eingedrungen oder woher dieser
pltzliche Angriff, diese Scene ohne jede Vorbereitung? ...
    Die Herzogin besann sich, da Olympia dergleichen Stcke auch ohne alle
Veranlassung auszufhren liebte ... Es konnte ein momentaner Einfall sein ...
Sie hatte sich wahrscheinlich fr einige Tage mit ihrer Schwiegermutter
ausgeshnt, hatte von dieser vielleicht eine Anerkennung fr einen neuen pariser
Kleiderstoff gefunden; daher ein gemeinschaftlicher Carnevalsspa߫ auf Kosten
einer Person, die der Lcherlichkeit zu verfallen anfing ...
    Die Herzogin weinte ... Sie dachte an die Jahre, die sie an dies Wesen
dahingegeben, an die sorgenvollen Stunden, wenn Olympia krank gewesen ... Sie
htte, da sie deren Natur entschuldigen und Ceccone dafr verantwortlich machen
mute, diesem an den Hals fahren und ihn erwrgen knnen ... Sogar Lucindens Ha
auf sie lie sie gelten; denn sie hatte abgelehnt, der Deckmantel eines
Verhltnisses zum Cardinal zu sein ... Aber auch Lucinde wieder vershnt mit
Olympia? ... Olympia hatte damals diese Erklrung der Herzogin gebilligt. Die
Herzogin hatte geglaubt, von Olympiens Eifersucht auf Lucinden Vortheil ziehen
zu knnen ... Nun sah sie das Leben dieser Menschen des Miggangs und des
Glcks, diese Zerwrfnisse, diese Vershnungen um nichts ... Um irgend ein auf
der Villa Torresani gesprochenes Schmeichelwort Lucindens war Olympia im Stande
zu sagen: Was ist das nur mit der Herzogin? Ihr Palast soll jetzt bald nur Ihnen
und Sarzana gehren! Machen wir doch kurzen Proce! ... Oder etwas dem
Aehnliches war vorgefallen ... Mnner waren zugegen, Priester ... Graf Sarzana
sogar, der sie zwar immer kalt, aber doch hflich behandelt hatte ...
    Sich aus diesem Zimmer entfernen konnte die Herzogin nicht, da das ganze
Haus sich belebt hatte ... Von den Kchen der jungen Frstin war ein Frhstck
berbracht worden ... Ein Tro von Dienerschaft schien aufgeboten ... Dabei
arbeitete man im Nebenzimmer zur Linken, klopfte, hmmerte - Es waren Schreiner
und Tapezierer ... Die Gardinen wurden abgenommen, die Tapeten abgerissen ...
Das Ganze war eine Unterhaltung des Uebermuths ... Wer konnte so schnell hier
einziehen wollen? ... Die Declaration des Grafen Sarzana war doch wol noch in
einiger Entfernung ...
    Vernichtet sank die mit Gewalt Verjagte auf ihr Kanapee ... Ihre Brust hob
sich in hrbaren Athemzgen ... Sollte sie rufen: Megre, lade noch deine Mutter
zu deinem Gelage, die tolle Nonne drben aus den Grbern der
Lebendigbegrabenen! ... Was half das alles! ... Sie hatte nicht einmal den
Muth, dem alten Marco zu erwidern, der ihr am Schlsselloch wisperte ...
Sarzana, Sarzana! sprach sie wiederholt vor sich hin ... Auch Er lt die
Mishandlung einer Frau zu und it und trinkt und stt mit dem Teufel in
Menschengestalt an! ... Sie malte sich das alles wenigstens so aus ...
    Mit doppelt starker Stimme, damit die Herzogin nebenan nichts davon verlor,
rief beim Mahle Olympia und fast immer allein sprechend:
    Wie viel Lsegeld wrde wol damals Don Pasquale fr Sie gefordert haben,
Signora Lucinda? ...
    Wie sagen Sie, Graf? ...
    Zum Gelde wrde es gar nicht gekommen sein? ...
    Sie htten sie mit Ihrem Sbel herausgehauen? ...
    Haha! Ich wei noch ein anderes Mittel, falls die Herzogin mit gefangen
gewesen wre; ein Mittel, wodurch sie alles in die Flucht geschlagen htte! ...
Durch eine ihrer alten Arien ...
    Schallendes Gelchter ...
    Gewi hatte sie auf meiner Hochzeit die Hoffnung, zum Singen aufgefordert zu
werden ... Darber verga sie den Auftrag meines Mannes, mir die Anwesenheit des
Cardinals Ambrosi anzuzeigen ...
    Jetzt blieb alles still ...
    Das war der Grund dieses pltzlichen grausamen Einfalls? ... Nimmermehr!
sagte sich die Herzogin ... Oder doch -? ... Die Erhebung des Paters Vincente
war auffallend genug ... Man schrieb sie der Absicht zu, dem neuen
Gropnitentiar, Fefelotti, zuvorzukommen, der diesen Mnch zur nchsten
Cardinalswahl empfohlen hatte ... Ceccone hatte sich rasch des neuen Cardinals
selbst bemchtigt ... Olympia hatte die Honneurs seiner Ernennung im dazu
hergeliehenen Palazzo Rucca gemacht; alle Welt war verliebt in den schnen
jungen Cardinal Ambrosi, der wie ein Ganymed, ein David im Purpur aussah; gar
nicht unmglich, da Olympia ihre erste Untreue als Frau zu einer geistigen
machte und wieder in leidenschaftlicher Andacht fr einen Priester schwrmte,
den sie schon einmal so unglcklich gemacht hatte ...
    In der That - die Herzogin konnte hren:
    Zieht sonst niemand hier ein, den der Onkel lieb hat, so ist das kleine Haus
ganz geeignet, von einem so bescheidenen Priester bewohnt zu werden ... Ich
mache dem Cardinal Ambrosi seine ganze Einrichtung ...
    Cardinal Ambrosi soll hier wohnen! ... Benno's Nachfolger in deinem
oberflchlichen Herzen! ...
    In der That wurde das Gesprch rcksichtsvoller gefhrt ... Die Herzogin
verstand nichts mehr ...
    Herzog Pumpeo machte den Wirth und schenkte ein ...
    Trinken Sie, Graf Sarzana! rief er ... Oder haben Sie noch immer Ihre
geringe Meinung ber den Champagner, den Sie damals auf unserer Landpartie nach
Subiaco - vor drei Jahren - das Bier der Franzosen nannten? ...
    Graf Sarzana, Sie sind berhaupt inconsequent! fiel Olympia ein ... Wie
konnten Sie je die Deutschen und die Franzosen so hassen! Jetzt lieben Sie - ein
deutsches -
    Halt, Principessa! unterbrach einer der Prlaten ... Wir lieben in diesem
Augenblick nichts als die Heiligen ... Die Signorina hier kennt alle Gebruche
der Beatification vom Tu es Petrus an bis zur Rede des Advocatus Diaboli ...
    Wenn nchstens die Seele der Eusebia Recanati heilig gesprochen wird, fiel
der andere der Prlaten ein, wer wird da wol die Rolle des Advocaten der Hlle
bernehmen? ...
    Schweigen Sie! Keine Lsterungen, Monsignore! unterbrach Olympia mit
energischem Ruf ...
    Die Herzogin lachte bitter auf und sprach fr sich:
    Frchtest du diese heilige Eusebia, weil sie dich - an deine Mutter
erinnert? ... Oder ngstigen dich die Ansprche, die der Teufel selbst an die
Heiligen macht - wie vielmehr an deinesgleichen! ...
    Graf Sarzana's Stimme, ein voller wohlklingender Baryton, wurde mit den
Worten vernehmbar:
    Cardinal Ambrosi lebt noch vierzig Jahre ... Also erst in 140 Jahren ist es
mglich, auf seine Kanonisation anzutragen ... Auch bei ihm wird jemand den
Auftrag bekommen, geltend zu machen, welche Rechte auf ihn der Teufel hat ...
Abbate Predari! ... Gesetzt, Sie bekmen diese Aufgabe! Wie wrden Sie Ihr Thema
anfassen? ... Halten Sie eine Rede gegen den Cardinal zum Besten der Hlle! ...
Vergessen Sie dabei nicht diesen schnen Palast! ...
    Und die nichtswrdige Art, wie er eingeweiht wurde! ergnzte die Herzogin
...
    Und die zerbrochenen Beine, als die Tribne einstrzte, auf der die Menschen
bei seiner ersten Messe im Sanct-Peter standen! ... bemerkte die alte Frstin
...
    Die schlechten Pltze, die gewhnlich der rmische Adel bekommt! ergnzte
der zweite der Prlaten, ein jngerer Chigi ...
    Lassen Sie mich! rief sich ruspernd Abbate Predari ... Die Rede halte ich!
... Ich kann von Ambrosi's erster Jugend anfangen, von seinen ersten Ketzereien
bei den Waldensern ... Ich war sein Schulkamerad in Robillante ...
    Dann wird nur zu sehr die Stimme des Neides aus Ihnen sprechen! unterbrach
ihn Olympia, die befrchten mute, in dieser Rede selbst eine Rolle zu spielen
... Genug! Genug! unterbrach sie aufs neue die Ermunterungen zu einer Rede, die
durchaus Abbate Predari halten wollte ... Gewi wrde er sie nicht so gewandt
haben, als Advocat des Teufels zu sagen: Siehe, ich sandte dir einst eine meiner
Botinnen in den Beichtstuhl! ... Olympia wollte aber nichts von allen diesen
Blasphemieen hren und erklrte, jetzt denjenigen strafen zu wollen, der dies
Thema aufgebracht htte, den Grafen Sarzana - ...
    Wissen Sie, Lucinde, wandte sie sich zu dieser, da ich frher eine Neigung
fr den Grafen hatte? ... Ich will es Ihnen nur gestehen! ... In meiner kurzen
Geschichte mit Don Pallante, die Sie kennen, machte dieser Herr da den
Vermittler und die Vermittler wissen oft die Thrnen so gut zu trocknen, da sie
selbst an die Stelle der Ungetreuen treten ... Ich liebte Don Agostino, den
Boten Pallante's - aber beruhigen Sie sich! - nur drei Tage lang ... O mir war
er zu gelehrt, zu pedantisch, zu spttisch, zu eingebildet - er las zu viel ...
Viel lesen, das beweist, da man wenig eigenen Geist hat ... Graf! Ich rathe
Ihnen, sich bei der Entzifferung der Obelisken und Pyramiden anstellen zu lassen
... Wenn Sie nicht im nchsten Carneval tanzen, geb' ich Sie zu unsern gelehrten
Eminenzen oben am Braccio nuovo im Vatican in die Lehre, zu Angelo Mai und
Giuseppe Mezzofanti! ...
    Die Mnner lachten dieser Spttereien ... Die Schwiegermutter rief sogar:
Auf das Wohl des Ksters vom Regimente! ... Ihr Herzog Pumpeo hatte diesen Witz
gemacht ... Pumpeo bat um Frieden und brachte das Wohl aller schnen
Sptterinnen aus, denen sein Freund bereits vergeben htte ...
    Die Empfindungen der vllig ignorirten Herzogin, die zuletzt nur noch das
Klappern der Schsseln und Klingen der Glser und ein Durcheinander von Witzen
und Anekdoten, in denen Pumpeo und die beiden Prlaten excellirten, hrte,
lsten sich wieder in Thrnen auf ... Nur die Stille des prsumtiven
Sarzana'schen Ehepaars vershnte sie ...
    Als das Frhstck beendet, die Gesellschaft entfernt, die Dienerschaft mit
den Resten der Mahlzeit gefolgt war, nahm die Herzogin die
Unschuldsbetheuerungen der ihr noch gebliebenen Dienerschaft entgegen, vor allen
die Versicherungen des fast weinend eintretenden alten Marco, und suchte noch am
selbigen Tage eine andere Wohnung. Sie wollte zu einem Miethbureau und dann in
der Runde zur Besichtigung von Wohnungen fahren ...
    Als sie den Wagen bestellt hatte, erfuhr sie, da auch Wagen und Pferde auf
Befehl der jungen Frstin Rucca fortgefhrt wren ...
    Auf diese Nachricht sank sie in Ohnmacht ... Der Intendente des Hauses,
der bisher alles fr sie bezahlt hatte, zuckte die Achseln; es war ein von
Ceccone eingesetzter Koch ... Er gestand, da er schon lange vom Cardinal nur
mit Widerstreben die Zahlungen fr die Bedrfnisse des Hauses erhalten hatte,
packte dann seine Sachen und zog nach Villa Torresani ins Gebirge, wo es hoch
und herrlich herging ... Die Erklrung hinterlie er, da sich hier
wahrscheinlich das ganze Hauswesen zur Bedienung des Cardinals Ambrosi
neugestalten wrde ...
    Marco machte Vorschlge von Wohnungen, die der Bedachtsame schon lange fr
diesen voraussichtlichen Fall in Augenschein genommen ... Noch an demselben
Abend und bis in die Mitternacht zog die Herzogin um ... Sie nahm ein Stockwerk
von mehreren gesund gelegenen und schn mblirten Zimmern auf der Hhe des Monte
Pincio ... Die dortigen luftreinern Straen konnte sie als Vorwand der
Vernderung nehmen ... Um sich nicht als zu tief gefallen darzustellen, setzte
sie alle ihre Ersparnisse daran ...
    Zu alledem luteten nun die Glocken der dreihundertfnfundsechzig Kirchen
Roms - brausten die Orgeln - schmetterte die Janitscharenmusik der Hochmter -
wandelten unter Pfauenfederwedeln und Baldachinen die wohlgenhrten Pairs der
Kirche - rannten die Englnder nach den Katakomben und convertirten - schwrmten
die Deutschen von den Bildern des Fiesole - knieten die Franzosen in Trinita di
Monti drben und kten die Hnde einer Grfin-Aebtissin der hier eingepfarrten
Soeurs grises aus den ersten Geschlechtern Frankreichs ... Rom spielt seine
uere heilige Rolle mit Glanz ... Wer kennt das Innere ...! ...
    An Benno schrieb die vernichtete Frau auch noch jetzt nicht alles, was ihr
begegnet war ... Sie erschien sich zu tief gedemthigt ... Zu lange Jahre hatte
sie auch die den Umgang verscheuchende und die Menschen vereinsamende Wirkung
des Unglcks kennen gelernt ... Dann beredete sie sich, sie wollte lieber erst
die Antwort auf einen Brief an Ceccone abwarten, in dem sie von ihren
Empfindungen nichts zurckgehalten hatte ... Schlielich hatte Benno selbst seit
Wochen nicht geschrieben ... Sie fing fr die Sicherheit ihres Briefwechsels
immer mehr zu frchten an ...
    Am vierten oder fnften Tage weckte sie aus einem Zustand der Erstarrung,
den das fortgesetzte Nichteintreffen eines Lebenszeichens von Benno mehrte, der
erste Besuch, den sie in ihrer neuen Wohnung empfing ... ...
    Eine glnzende Equipage stand am Hause ... Sie kam aus Villa Tibur und
brachte Lucinden ...
    Mit kalter Ruhe und Sammlung fhrte sich diese bei ihr mit den Worten ein,
der Cardinal htte sie beauftragt, der Herzogin einen Jahrgehalt anzubieten, den
er ihr mit Dank fr die geleisteten Dienste ausgesetzt htte ... Er bedauerte,
fgte sie hinzu, den Einfall der jungen Frstin, an dem er schuldlos wre - wie
wir alle - sagte sie ... Olympia schwrme fr den Cardinal Ambrosi und - wollte
wol auch alle diejenigen strafen, die dem Bischof von Robillante den Ruf des
ersten Priesters der Christenheit gegeben htten - setzte sie lchelnd hinzu ...
Cardinal Ceccone, schlo sie, wrde selbst gekommen sein - ...
    Wenn er nicht meine bsen Augen frchtete! unterbrach die Herzogin und in
der That konnte ihr Blick den Tod androhen ... Der ausgesetzte Jahrgehalt
reichte kaum fr die Wohnung und die fr Italiens Sitten so nothwendige Equipage
aus ...
    Lucinde zuckte die Achseln ...
    Zu allzu vielen Errterungen schien sie nicht aufgelegt ... Sie hatte Eile,
kme berhaupt selten in die Stadt - ihr ganzes Wesen war voll Unruhe, gemachter
Vornehmheit, Uebermuth ...
    Unter andern war sie eben bei Klingsohr gewesen ...
    Sie kam von Santa-Maria, dem Mutterkloster der Franciscaner ...
    Dort hatte sie den glcklich geheilten und zu Gunst und Gnaden angenommenen
Pater Sebastus am Sprachgitter gesprochen ...
    Sie hatte ernste Dinge mit dem vor Schwche noch an den Hnden Zitternden,
aber in ihrem Anblick Ueberglcklichen verhandelt ...
    Nach dem, was sie schon von Hubertus, als dieser von ihr Abschied genommen,
ber die zweite Gemahlin des Kronsyndikus in Palazzo Rucca erfahren, lieen die
jetzt endlich mglichen Mittheilungen Klingsohr's keinen Zweifel, da diese
zweite Gemahlin allerdings eine ehemalige kasseler Sngerin Fulvia Maldachini,
dann also die - Herzogin von Amarillas gewesen sein mute ... In dem
lateinischen Bekenntni Leo Perl's hatten die Namen gefehlt und auch noch jetzt
bei Verstndigung mit Klingsohr htete sie sich, die Fingerzeige allzu grell zu
geben ... Sie mute dann auch den kaum Genesenen schonen ... Gab ihm das
Wiedersehen einen erhhten Ausdruck der Spannung und Kraft, so forderte sein
todblasses Aussehen, seine gekrmmte Haltung, die der eines Greises glich, zur
Schonung auf ... Von Benno sprach sie zu Klingsohr nicht, da auch Hubertus
nichts von Kindern dieser zweiten Ehe gewut hatte ... Noch war sie schreckhaft
erregt von Klingsohr's Hosiannah des Dankes fr ihren Beistand, vom
Triumphgesang seiner Hoffnungen fr eine neue Zukunft in Rom, wo selbst der Tod
mit leichterer Hand abgewehrt wrde, als anderswo ... Er hatte ihre ihm durchs
Sprachgitter dargereichte Hand krampfhaft festgehalten und sie mit Versen
begrt, die schon bereit gehalten schienen, wenn er sie wiedersehen wrde ...
Er gab Minerva, die Weisheit, Maria, den Glauben, hin - Sie, sie, die Botin
Aphrodite's, gb' ihm allein die volle Lebenskraft ...

Pallas Athene! Wr' ich immer
Gefolgt nur Deinem Schild und Speer -
Ich wre lngst ein Abendschimmer,
Begraben in dem ew'gen Meer!

Was zog mich denn mit Zauberbanden
Hinauf zu Schnee und Alpenhhn?
Was lie in fernen, heil'gen Landen
Mich Ziele noch und Wnsche sehn?

Todmatt und krank, gedrrt die Lunge -
Nahst Du dem Auge kaum, dem Ohr,
Raff' ich mich schon mit Lwensprunge
Ein Held zu neuer That empor ...

Was komme jetzt? Nur Du gebiete!
Zum Frhling wird des Kerkers Haft!
Maria -? Pallas -? Aphrodite,
Du bist die Lebens- - Liebeskraft!

    Sie sagte dem Wahnbethrten, fieberhaft Blickenden, von Reflexionen
Umgewirbelten lchelnd, da ihn der Cardinal bei der Congregazione del' Indice
fr die Beaufsichtigung deutscher Kunst und Wissenschaft verwenden wollte1...
Von Hubertus wute man auch in Santa-Maria noch nichts ... Klingsohr
versicherte, die Entschlossenheit seines tapfern Freundes wrde sich in jeder
Lage zu helfen wissen ...
    Sie wohnen hier sehr hbsch? ... fuhr Lucinde, sich im Empfangzimmer der
Herzogin umsehend und von ihrer Erschpfung durch die empfangenen Eindrcke
sammelnd, fort ...
    Hundert Fu vom Erdendunst entfernter, als an Piazza Sciarra ... lautete die
Antwort ...
    Lucinde drckte der Herzogin wiederholt ihr Bedauern ber die neuliche Scene
mit Olympien aus und versicherte, ihrerseits angenommen zu haben, da die
Herzogin bereits ausgezogen wre ...
    Der Cardinal hatte, denk' ich, die Absicht, dies Palais - Ihnen als
Aussteuer anzubieten? sagte die Herzogin ...
    Immer hrte Lucinde von dieser Frau nur gewisse hhnische Betonungen ...
Immer nur gewisse Zweifel der Ironie ...
    Graf Sarzana wird den Dienst bei Seiner Heiligkeit nicht aufgeben? fuhr die
Herzogin fort ... Sie hoffen ein stilles und glckliches Leben fhren zu knnen?
... ... Vergessen Sie nicht, wenn der Cardinal Ambrosi die Wohnung zu beziehen
ausschlagen sollte, einige Verbesserungen - des Kchenherdes im Palais
vorzunehmen ... Sonst ist alles gut im Stande ... Schwach sind die Frauen
wahrlich nicht, wenn sie ihre Empfindungen aussprechen ... Lucinde kannte auch
darauf hin ihre Mitschwestern ... Aber der Kchenherd schien ihr denn doch
eine Anspielung geradezu auf die Zeit, wo sie eine Magd war ...
    Sie sehen mehr, als ich, Hoheit! sagte sie, sich ergrimmt auf die Lippen
beiend ...
    Sind die Verhltnisse noch nicht so weit? ... fuhr die Herzogin fort ...
    Die Verhltnisse! ... Welche Verhltnisse? ... Eure Hoheit haben mich in
diese Verhltnisse empfohlen ...
    Sie sind auch dankbar dafr ... lchelte die Herzogin ironisch ...
    Sie aber sind nicht gromthig, Hoheit! sagte Lucinde. Ich hre, da Sie
diese mgliche Zukunft zu verhindern suchen und mich nickt fr wrdig halten,
eine Grfin zu werden. Ich bin allerdings keine geborene Marchesina von
Montalto, wie Sie! Ich bin eine einfache deutsche Buerin - das ist wahr! Oder
hat man Ihnen aus Robillante anders geschrieben? ...
    Aus Robillante -? Mir? ... So hrt' ich - also neulich am Hochzeitstage -
doch recht? ... Wie kommen - Sie denn - ...
    Sie stehen im Briefwechsel mit Robillante ... unterbrach Lucinde schnell und
entschieden ...
    Mit - Ihrem Bischof -? ... entgegnete die Herzogin, noch mit einer gewagten
Sicherheit, aber schon erzitternd ...
    Mit Ihrem Sohne Benno von Wittekind-Neuhof, mein' ich ... warf Lucinde wie
einen den Sieg verbrgenden Trumpf aus ...
    Die Herzogin wollte erst auflachen ... Dann deutete sie auf Lucindens Stirn,
als wenn ihr Verstand nicht in Ordnung wre ...
    Lucinde erhielt sich in unbeweglicher Ruhe und wiederholte langsam, was sie
soeben gesprochen hatte ...
    Die Herzogin ergriff Lucindens Arm, starrte sie mit aufgerissenen Augen an
und schwankte an die Thren, um wenigstens diese fester anzuziehen ...
    Sie litt nicht fr sich - was hatte sie zu frchten! ... Sie litt fr Benno,
der seines zweideutigen Ursprungs nicht froh zu werden schien ...
    Sie - sind - wirklich - ein Teufel! ... hauchte sie, sich halb ohnmchtig
niedersetzend ...
    An diesem Wirklich, sagte Lucinde, erkenn' ich die mich betreffenden
Stellen Ihres Briefwechsels ... Jenseits der Alpen ist man noch immer nicht im
Reinen, fr welchen Ofen der Dante'schen Hlle ich passe ... Aber Ihr Sohn
ignorirte mich doch mit einer gewissen mitleidigen Toleranz ... Ein
vortrefflicher Mensch, nur mit dem Einen Fehler, da er zu den Mnnern gehrt,
die Verstand bei Frauen fr Anmaung halten ...
    Eine lange Pause des Triumphes trat ein ... Die Herzogin raffte sich
allmhlich empor und suchte, um Luft zu schpfen, das Fenster ...
    Ich spreche eine Vermuthung aus, die ich beweisen kann! ... fuhr Lucinde ihr
nachblickend fort ... Leo Perl hie der Geistliche, der Sie traute ... Ein Jude
war es und es geschah auf dem Schlo Altenkirchen ... Ich kenne viele Folgen
dieses abscheulichen Betruges, arme Frau! ... Benno von Asselyn ist die beste
davon ... Ein trefflicher Mensch, sagt' ich, ob er gleich dem Kronsyndikus
hnelt und - Ihnen ... Madame, Sie wissen, da ich nur wenig Freunde im Leben
gefunden habe ... Lassen Sie mir die, die ich hier gewinne ... Ich verspreche
Ihnen, Sie werden von mir unbehelligt bleiben ... Ich wei vom Cardinal, da
hier nur die Jesuiten und der General der Franciscaner Ihr vergangenes Leben
kennen, Olympia im Allgemeinen ... Arme Frau! Aber da die erste Hochzeit falsch
war, konnte man Sie nicht der Bigamie anschuldigen, was Ihre und Ceccone's
Feinde thun wollten ... Sie wurden glorreich gerechtfertigt ... Ihr Geheimni
dann mit Benno - das wei niemand auer mir ... Ich werde es zu bewahren wissen,
nur - bitt' ich von jetzt an und befehl' es Ihnen, lcheln Sie nicht mehr, wenn
mein Name genannt wird - genannt, ob nun in Verbindung mit dem Cardinal oder mit
dem Grafen ... Lassen Sie sich von Ihrem Sohn nichts ber mich erzhlen, was Sie
veranlassen knnte, etwaigen Hoffnungen, die ich habe, welche es auch sein
mgen, schaden zu wollen ... Das ist es, was ich Ihnen schon am Hochzeitsfest zu
sagen hatte und nur verschob, weil die Ruber uns hinderten und wir im Gebirge
kaum zur Besinnung kommen ... Noch Eins und in aller Aufrichtigkeit ... Erneuern
Sie die Warnungen fr den Bischof von Robillante! ... Schreiben Sie Ihrem Sohn
davon! ... Man erwartet Fefelotti ... Dieser bringt die Einleitung eines
Processes auf Absetzung des Bischofs ... Das wre entsetzlich, wenn sich Bischof
Bonaventura um eine ketzerische Persnlichkeit so fortreien, von Grfin
Erdmuthe auf Castellungo so bestimmen liee ... Der Cardinal meinte es
aufrichtig, als wir den Pilger zu entdecken suchten ... Es ist nicht seine
Schuld, da Hubertus so rthselhaft an der Grenze der Abruzzen verschwunden ist
... Hren Sie aus alledem, da ich der Meinung bin: Wir sind Freunde,
Verbundene, Herzogin! ... Waffenstillstand, Friede zwischen uns! ... Kein Wort
an Olympien! Nimmermehr! Verlassen Sie sich auf mich! Das versprech' ich Ihnen
... Aber jetzt mu ich auf Villa Tibur zurck ... Der Weg ist weit ...
Achthundert Scudi nur, Herzogin; ich find' es erbrmlich! ... Aber - was kann
ich thun! ... Sagen Sie das Ihrem Sohne - Benno ... Sie sind glcklich, einen
solchen Sohn zu besitzen! ... Wo fanden Sie ihn? Wie erkannten Sie sich? ... Sie
haben recht; fr die Frstin war er zu gut ... Nie, nie darf sie davon erfahren
... Ihre Rache wrde keine Grenzen kennen ... Regen wir uns nicht auf! ... Sie
kennen jetzt meine Wnsche - meine Befehle! ... Auf Wiedersehn! ...
    Lucinde war verschwunden, wie sie gekommen ... Sie hatte, um die Bedienung
in Bereitschaft zu halten, selbst geklingelt ...
    Die Herzogin blieb zurck, erstarrt - gebunden an Hnden und Fen ... Sie
fhlte ganz die Wirkung, die Lucinde beabsichtigt hatte ... Mute sie diese
Schlange an ihrem Busen erwrmt - sie selbst nach Rom gefhrt haben! ... Unter
diesem Damoklesschwert sollte sie nun leben! ... Was thun? Was um Benno's willen
unterlassen? ... Ihre Correspondenz schien ihr nicht mehr sicher, trotz der
Adressen, die an die geringsten Leute hier und in Robillante gingen ... Diese
Sprache, diese kurze Erffnung, diese Schonungslosigkeit! ... Benno ihr Sohn!
... Von Angiolinen, der Lucinde selbst so hnelte, hatte sie geschwiegen ...
Wute sie nichts von ihr? ... Sie wute genug, um sie in ewige Fesseln zu werfen
...
    Alles das mute die vereinsamte Frau nun in sich selbst verwinden ... Trotz
des Vorwands mit der bessern Luft des Monte Pincio verlieen sie alle ihre
Bekannte ... Sie hatte ohnehin nie die erste Rolle spielen drfen, solange sie
mit Ceccone und Olympia lebte ... Was war sie der Welt! ... Jetzt bereuete sie
zu klug gewesen zu sein und sagte: Wie viel haben bei alledem die Menschen
voraus, die sich allein den Ausbrchen ihres Temperaments hingeben! Sie erleben
immer noch etwas mehr Unglck und Demthigung, als wir andern, die wir so klug
sein wollen, das ist wahr; aber ihre Personen fesseln und lassen ihre
Verhltnisse vergessen ... Nicht einmal ein paar alte Prlaten hatten das
Bedrfni, bei ihr zu speisen ... Von Benno keine Andeutung, wie sie sich
verhalten sollte ... Seine Briefe blieben aus ... Sie war in Verzweiflung ...
    Ihr Geist hatte seit einem Jahr ganz in dem geliebten Sohn gelebt ... Seine
Briefe waren wie an ein Ideal gerichtet. Nur einen einzigen Tag hatte er die
Mutter gesehen und gesprochen und gerade darum war ihm alles an ihr neu und
reizvoll geblieben ... Die ganze, seit so lange von ihm beklagte Heimatlosigkeit
seines Daseins fand in ihr Ruhe und Sammlung ... Und auch sie lebte nur in
seinen Mittheilungen und bildete sich aus ihnen, so fragmentarisch sie waren,
jetzt ihre Welt ... Sie las zitternd alle seine letzten Briefe ... Sie waren der
einzige beglckende Eindruck, der ihr noch geblieben ... Da lag die schne
Alpengegend Piemonts ... Da lagen die Thler, die schattenreichen Kastanien- und
Nubaumwlder, in denen sich der Geliebte mit Bonaventura erging ... Da
schilderte Benno das rege Leben der Bewohner und die blhendste Seidenzucht ...
Ort reihte sich an Ort - erkennbar war jeder Weiler an den viereckigen
Kirchthrmen mit heitern Glockenspielen ... Schlsser standen auf hchster Hhe,
gebrochene Zeugen der Wildheit des Mittelalters, tiefer abwrts von diesen
Trmmersttten lagen wohnliche neue Sitze des Adels, darunter Castellungo,
erkennbar schon in weiter Ferne am wehenden Banner der Dorstes ... Wie oft hatte
der Kronsyndikus sie vor Jahren versichert, da gerade um dieser Dorstes willen
seine zweite Ehe noch geheim bleiben mute ... Sie sah Benno hinber- und
herberreiten zwischen Robillante, einem freundlichen Stdtchen, und Castellungo
... Die alte Grfin Erdmuthe bediente sich seiner als Vermittlers zwischen ihr
und dem Bischof, den sie seltner sah, obgleich er ganz in ihrem Sinne wirkte und
Benno nicht genug von Bonaventura's Muth schreiben konnte, der jenen von der
Grfin beschtzten Waldensern ihre Gerechtsame wahrte ... Sie sah die Eichen von
Castellungo, die verlassene Einsiedlerhtte, die Processionen zur Kapelle der
besten Maria ... Seltsam durchschauerte sie etwas von Geheimnissen, die auf
allen diesen Beziehungen liegen mochten ... Sie wute schon so viel, da dem
Bischof jene Grfin Paula werth gewesen, die inzwischen die Nachfolgerin ihres
Kindes geworden ... Sie fhlte die Dmmerungsschleier so vieles Zarten und
Ahnungsvollen, das auf jenen Gegenden lag, und die sich schon ihr selbst auf
Auge und Herz zu legen anfingen ... Selbst die Anstrengungen Bonaventura's,
jenen Eremiten den Hnden der Inquisition zu entreien, machten ihr einen
eigenthmlich persnlichen Eindruck ... Wie ein stilles Abendluten war alles,
was von dort herberklang ... Nun sollte sie an Benno die unheimliche Nachricht
schreiben: Dein Geheimni ist in den Hnden dieser Lucinde, die mich entwaffnet,
versteinert hat - ich konnte ihr nicht widerreden - konnte dich nicht
verleugnen! Schien sie doch voll Antheil fr unser aller Schicksal! ... Die
Nachricht, jene dstern Gemuer von Coni, die erzbischfliche Residenz wrde
ihren Souvern, den grimmen Fefelotti entsenden und dieser wrde neue Schalen
angesammelten Zornes bringen, um sie ber die ihr so werthen Menschen
auszugieen, war wie das Anrollen eines Gewitters, das - doch wol auch Benno
selbst hren mute ... Sie wute nicht, was beginnen ... Wenn er nur endlich,
endlich selbst schriebe! ...
    Zunchst mute die Kraft ihres stillen Liebescultus fr den Sohn und die
Erinnerung ihr helfen ... Sie legte sich schon lange auf, die Pltze zu
besuchen, von denen sie wute, da Benno bei seinem Aufenthalt in Rom
vorzugsweise von ihnen gefesselt worden. Benno hatte an der Ripetta gewohnt, mit
der Aussicht auf die Peterskirche. Er hatte seine Betrachtungen an so manches
geknpft, was sie bisher verhindert gewesen, wieder in Augenschein zu nehmen und
nach Benno's Weise auf sich wirken zu lassen. Sie staunte nun, alles so zu
finden, wie Er ihr geschrieben - in Briefen, die ihr ein Heiligthum wurden und
die sie in ihren einsamen Stunden wieder und wieder las. Jetzt sagte sie: Ja, er
hat Recht: Die Peterskirche macht keinen gewaltigen Eindruck! Die
gelbangestrichenen Sulenarcaden drcken sie zum Gewhnlichen herab! ... Sie
sagte: Er hat Recht: Das Innere der Peterskirche ist kalt; man athmet hier nur
in der Sphre des Stolzes und der Vermessenheit der Ppste! ... Er hat Recht:
Die Engelsburg ist wie ein Reitercircus! ... Er hat Recht, wenn er schreibt: Als
ich nach Rom kam, erschien mir der Engel auf ihrer Spitze wie ein Lobgesang auf
die Idee des Christenthums, jetzt nur noch wie eine Satyre! ... Er hat Recht:
Die Kirchen sind Concertsle; nicht eine hat die Erhabenheit eines deutschen
Domes! ... Er hat Recht, wenn er schreibt: Unter den Bildsulen der Museen
verweilt' ich lieber, als unter den Bildern; sie lehren Vergnglichkeit und
Trauer und das Museum auf dem Capitol ist geradezu die heiligste Kirche Roms;
nur dort hab' ich Thrnen geweint, unter den gespenstischen Marmorgttern, den
Niobiden, den sterbenden Fechtern, den gefangenen Barbarenknigen! ... Er hat
Recht: Kein christlicher Sarkophag hat mich so gerhrt, wie im Lateran die
heidnischen Aschensrge mit den zrtlichsten Inschriften: Gattin dem Gatten!
... Er hat Recht: Nichts hass' ich wie das Coliseum! Ich kann es nicht mehr
sehen ... Er hat Recht: Wie wenig kann ich mich mit Michel Angelo befreunden! So
oft ich von ihm ein Werk erblicke, hab' ich das Gefhl, er htte etwas geben
wollen, worauf die gewhnlichen Vorstellungen vom Schnen nicht passen - Raphael
hat allein das Einfache und Richtige! Was ein Ding sein mu, das ist es bei
Raphael; bei Michel Angelo ist's immer etwas anderes, als das natrliche Gefhl
erwartet ... Raphael's Bilder betrachtete sie nun stundenlang - die Madonnen
waren dann Armgart - ser heiliger Friede senkte sich auf Augenblicke in ihre
Brust - Dann fuhr sie wieder auf und ngstigte sich um die Ahnung, da sie Benno
nicht wiedersehen wrde ... Nun fehlte ein Brief schon seit Wochen von ihm ...
Und ihr Herz, ihre ganze Seele war so voll - so bervoll -! ...
    Es war die Zeit, wo in Rom jeder, der nur irgend kann, auf dem Lande lebt
... Die Herzogin mute sich diesen Schutz gegen die Wirkungen der Malaria
versagen ... Neulich war sie in ihrem vom Schrecken des Gemths gehetzten
Wiederaufsuchen Roms nach Benno's Anschauungen beim Kloster der
Lebendigbegrabenen angekommen ... Sie fand da einen schnen, luftreinen Garten
... Oefters schon war sie hinbergegangen zu diesen Schwestern der reformirten
Franciscaner; sie wohnten an Piazza Navona, nahe der Tiber ... Sie, die
Mitwisserin eines schweren Geheimnisses, blieb dort gut aufgenommen, aber um
achthundert Scudi jhrlich kauften die Andern ihr Schweigen ab ... Sie, sie war
es nun, die diesem Kloster die Last Olympiens abgenommen ... Nicht alle Grnde
hatte sie Benno erzhlt, die die fromme Genossenschaft damals bestimmten, eine
so gewagte Handlung zu begehen wie die, eine Nonne einzukleiden, die ihnen eine
geheime Commission des peinlichen Tribunals als eines Attentats auf den
Inquisitor Ceccone verdchtig berwiesen hatte und die schon allein deshalb
abzuweisen war, weil sie mglicherweise niederkommen konnte. Nichts seltenes,
da Verbrecher den Klstern zur Aufbewahrung bergeben werden; aber eine Braut
des Himmals, die gesegneten Leibes war - von einem Monsignore, der einen
Mordanfall unter Umstnden von ihr erlitten hatte, die keine nhere Untersuchung
des Frevels wnschen lieen ... Das Kind blieb am Leben und wurde nicht aus dem
gerumigen Kloster entfernt. Man hatte Grnde fr diese Zurckbehaltung.
Vorzugsweise frchtete man, solange man ein pflegbefohlenes Kind lieber selbst
htete, weniger fr den Ruf des Klosters, das leicht seine gegenwrtige
Auszeichnung, die Pallien weben zu drfen, verlieren konnte und sie an andere
abtreten mute, die auf diese Ehre und den Gewinn eiferschtig waren ...
Auerdem hatte dies Kloster noch eine Ehrenaufgabe, auf welche die jungen
Prlaten neulich anspielten ... In der zu ihm gehrigen Kirche befand sich eine
Mumie ... Dies war der Leichnam der Stifterin des Klosters, einer
Franciscanerin, die im Jahr 1676 die strengere Regel Peter's von Alcantara
angenommen hatte. Bei zuflliger Oeffnung ihres Sarges im Beginn dieses
Jahrhunderts fand man die Schwester Eusebia Recanati nicht verwest. Der Leichnam
hatte sich in seiner ursprnglichen Gestalt erhalten, whrend die Gewnder, der
braune Rock, der schwarze Schleier, das weie Kopf- und Halstuch zusammenfielen.
Ohne Zweifel ein Wunder. Seit dreiig Jahren petitionirte das Kloster um die
Heiligsprechung der Eusebia Recanati, die in einer Kapelle der Kirche, in einem
verschlossenen Schrank, unter Verglasung, in sitzender Stellung an gewissen
Tagen dem Volk gezeigt wurde. Seit dreiig Jahren bestand eine Commission zur
Prfung der Ansprche, die Eusebia Recanati auf den Schmuck des Heiligenscheines
hatte. Dem Kloster wre die wirklich erfolgte Heiligsprechung und ein
unversehrter Heiligenleib zur Quelle des grten Gewinns geworden. Aber die
Orden regten sich voll Eifersucht - die schwarzen Oblaten und Ursulinerinnen,
die weien Camaldulenserinnen und Karthuserinnen, die hellbraunen
Olivetanerinnen, die schwarzweien Philippinen, die schwarzbraunen
Augustinerinnen die weischwarzen Dominicanerinnen, die braunen Karmeliterinnen
und Kapuzinerinnen, die blauen Annunciaden, die rothen Sakramentsanbeterinnen
und hinter ihnen die entsprechenden Mnchsorden mit allen ihren Generalen. Die
geringere bloe Seligsprechung der Mumie gengte den Lebendigbegrabenen
nicht, sie wollten der Christenheit eine heilige Eusebia geben, die in der That
dem Kalender noch fehlte. Sie bewiesen, da diese schrecklich anzusehende,
verschrumpfte, braunem Leder gleichkommende Eusebia Recanati, ein Grauenbild,
geschmckt mit den glnzendsten Kleidern und mit goldenen Spangen befestigt,
Wunder verrichtete, Lahme gesund machte, Blinde sehend. Die Opposition blieb
aber zu stark ... Dreiig Jahre schmachteten die Nonnen schon nach Entscheidung
der Cardinle! Als einen vorlufigen Ersatz erhielten sie das Pallienweben, in
dem sie sich, dreiig an der Zahl, auszeichneten wie Penelope auf Ithaka;
Ceccone war es, der sie so in ihren Hoffnungen auf die Heiligsprechung der
Mumie, die sie nicht aufgaben, ermunterte. Auch wren sie gewi schon
durchgedrungen, seitdem sie das Meisterstck ihres guten Willens, die
Verheimlichung eines Prlatenkindes, durchfhrten; wenn nur nicht auch Fefelotti
und die Jesuiten ihre Feinde geworden wren. Diese beschtzten die neuen
vornehmen Orden, die Salesianerinnen, die Annunciaden, die
Sakramentsanbeterinnen, vorzugsweise die Damen vom Herzen Jesu. Die Jesuiten
lieen mit jenem Schein wahrer Aufklrung, der ihnen berall an geeigneter
Stelle so gelufig ist, alle Wunder, die die Mumie vollzogen haben sollte,
rztlich untersuchen und erklrten sie fr null und nichtig. Die Professoren der
Jesuiten lehrten auf der Sapienza (der Universitt Roms) die Heilkunde und
Naturwissenschaften. Die Gutachten, die ihre Commission fr die Heiligsprechung
der Eusebia Recanati bergab, waren von einer Freimthigkeit, als htte sie
Humboldt verfat. Die Waffen der Wissenschaft, die in den Hnden der Jesuiten
glnzen, senken sie nur dann, wo es gilt hhere Zwecke zu salutiren ...
    In solchen Klstern, wo ein Industriezweig getrieben wird, z.B.
Blumenmachen, sieht es wie in einer Fabrik aus. Man lt anderwrts Zglinge und
Kinder zur Mithlfe zu; die Lebendigbegrabenen reprsentirten ihr kleines
Manchester fr sich ... Ihr Flei hielt gleichen Schritt mit der Sterblichkeit
unter den Bischfen von 131 Millionen Seelen. Sie schoren und spannen und webten
und die Herzogin von Amarillas konnte einige Uralte unter ihnen nicht anders
betrachten, als unter dem Bild der Parzen Clotho, Lachesis und Atropos. Auch
Lucrezia Biancchi spann und spann ... Dazu sang sie alte Lieder -
Freiheitslieder, die sie von ihren Brdern gelernt hatte, weniger von Napoleone,
als von Marco und Luigi ... Fr einen kleinen Schwestersohn von ihr, den die
schne Wscherin vom Tiberstrand erzog, als sie die neue Judith zu spielen
begann, hatte der liebevolle Ceccone gromthigst gesorgt ... Dieser war, als
seine Oheime Luigi und Napoleone nur durch die Flucht von den Galeeren
freikamen, als Marco sogar zum Tode verurtheilt, dann zu den Galeeren begnadigt,
endlich verbannt wurde, erst sieben Jahre alt. Ceccone lie den kleinen Achille
Speroni verschneiden und zum Sopransnger der Sixtina machen ...
    Die Herzogin besuchte am Abend nach der Schreckensscene mit Lucinden den
Garten dieses Klosters ... Da sa die Mutter Olympia's, die Mutter eines Kindes,
dem ihre Seele fluchte, als sie es empfing, die irrsinnige, magere, hohlugige
Lucrezia und spann wie immer ... Selbst aufgeschreckt wie ein verfolgtes Wild,
erzhlte sie ihr von ihres Bruders Luigi Gefangenschaft ... Die Spinnerin hielt
einen Augenblick inne und zeigte auf die Wolle am Rocken und auf den langen
Faden, den sie aufgewickelt hatte ... Das ist recht! Er mu Geduld haben! ...
sagte sie und feuchtete den Faden an ...
    Ja, sagte die Herzogin, du meinst die Zeit! Schwester Josepha - so war sie
beim Einkleiden getauft worden -, der lange Faden ist die Zeit! Auf den mssen
wir viel, viel aufreihen! ...
    Die drei Parzen in der Nhe lchelten und nickten Beifall ...
    Die Herzogin beneidete fast die Schwester Josepha ...
    Dies arme Wesen, das einst auf einen Mann, in dessen Arm sie ruhete, ein
Messer zcken konnte, wute nichts von ihrem Kinde, das eine Frstenkrone trug
und Menschen tyrannisirte ... Sie hatte die fixe Idee von ausbleibenden Briefen
- Briefen, die Gott, Jesus, St.-Johannes, die Heiligen an sie schrieben - es
waren die Briefe ihrer verbannten Brder ... Ihrer Brder, die in den
Gefngnissen Roms, unter den Torturen gesessen hatten, die vom Rechtswesen des
Mittelalters gerade im Kirchenstaat noch am lngsten zurckgeblieben sind ...
    Als die Herzogin aus dem Klostergarten, von den kleinen Lmmern, von den
Websthlen zurckkam, war sie ber ausbleibende Briefe so trostlos wie Schwester
Josepha ... Nun mute sie auf alle Flle Benno den Vorfall mit Lucinden,
berhaupt alles berichten, was ihr seit fnf Tagen widerfahren war ... Seit
Benno's letztem Brief waren Wochen verflossen ... Tglich fragte sie bei einem
Lotteriecollecteur, der eine groe Correspondenz unverfnglich fhren durfte, ob
nichts fr sie angekommen wre ... Endlich, endlich durfte doch wol ein Brief -
morgen eintreffen ...
    Er kam aber auch morgen nicht ... Auch nicht am nchsten Tage ... Schon
fragte die Verzweifelnde und wie auf der Flucht vor sich selbst Dahinwankende
das Orakel der Karten, das sie stundenlang vor sich ausgebreitet hatte und bei
verschlossenen Thren durchforschte ... Sie nahm eines jener schngeformten
eisernen Gestelle, in die man in Italien die Waschschssel stellt, und stand wie
Pythia am Dreifu, um an den Wellenschwingungen, die ins Wasser geworfene Kiesel
hervorbringen, zu erkennen, ob die Ringe, groe oder kleine, Glck oder Unglck
bedeutende wren ... Sie nahm Asche vom Feuer des Herdes, streute sie Nachts auf
den Sims eines vom Wind bestrichenen Fensters und schrieb mit zitterndem Finger
die Frage, ob Benno gesund wre ... Sano? ...
    Am Morgen dann las sie mit banger Erwartung, was der prophetische Wind aus
den Buchstaben gemacht haben wrde ... Das Orakel antwortete: Santo ...
    Wie, dachte sie den Tag ber - er ist doch nicht auch in ein Kloster
gegangen? ... Auch er will uns ein Priester werden? ...
    Damit qulte sie sich einen Tag ... Kein Brief kam ... Am Abend schrieb sie
wieder: Sano? ...
    Am Morgen las sie in dem verwehten Aschenstaube: Cane ...
    Himmel, dachte sie jetzt und raufte sich wie wahnsinnig das Haar, ein toller
Hund hat ihn gebissen! ...
    Am dritten Tage las sie: Caro ...
    Das machte sie ein wenig ruhiger ... So war er vielleicht nur verliebt und
verga sie um - wessentwillen? ... Armgart's? ...
    Am vierten las sie: Sale - Salz oder Verstand -? ...
    Die Ironie des Zufalls lehrte sie nicht, da sie ihre Thorheiten lassen
sollte ... Sie grbelte, worin Benno's Schweigen gerade jetzt ein besonderer
Beweis von Verstand sein konnte ...
    Als sie am Tage, wo sie Sale gelesen hatte, von einer Corsofahrt nach Hause
kam, am Hause des Lotteriecollecteurs wieder nichts fr sich gefunden hatte,
schleppte sie sich fast zusammenbrechend die Treppe hinauf ...
    Eben wollte sie ihre Hauskleider anlegen ... Da hrte sie von der Strae her
einen Wagen anrollen und still halten ...
    Nach einer Weile klingelte es und Marco kam mit hochaufgerissenen Augen und
brachte die Wundermr:
    Cardinal - - Fefelotti! ...
    Die Herzogin traute ihrem Ohr nicht und erhob sich ...
    Es war in der That der Erzbischof Fefelotti, Cardinal und Gropnitentiar
der Christenheit - in eigener Person ...
    Von solchem Besuch ahnte sie jetzt nichts Uebles ... Das Salz des Orakels
- Verstand traf zu ...
    Nicht besonders lter war Fefelotti geworden, seitdem die Herzogin ihn zum
letzten male gesehen ... Im Gegentheil, die Ruhe in Coni, die Sicherstellung
seiner Unternehmungen durch die Jesuiten, die Nothwendigkeit, die gottseligste
Miene zu zeigen, hatte die sonst sehr lebhaften Verzerrungen seiner unschnen
Gesichtszge gemildert ... Sind die Hunde aus den Wlfen entstanden, so stellte
Fefelotti jenen Uebergang dar, wo mglicherweise die Wlfe zuerst anfingen sich
in den Gewohnheiten des Hausthiers zu versuchen ... Seine runde Nase, seine
buschigen Augenbrauen, sein von Pockennarben zerrissenes Gesicht war dasselbe
wie sonst, aber eine heilige, gesttigte Ruhe lag auf seinen Mienen ... Konnte
er doch wahrlich lcheln ber seinen neuesten Sieg ... Konnte er doch lcheln
ber seine Rckkehr aus einer Verbannung - wo er fr den schlechtesten
Christen hatte gelten sollen, dem man den besten zur Vershnung der
Gottheit gegenbergestellt! ... Konnte er doch lcheln ber Ceccone's
ohnmchtiges Schnauben, von dem er sogleich andeutete, da es sich jetzt schon
an Frauen auszutoben anfinge ... Das war nun jene Dame, zu der Fefelotti sonst
als Prlat so gern gegangen war, die aber seine Intrigue mit der kleinen
Wlfin bei den Lebendigbegrabenen und die Verhinderung der Cardinalserhebung
Ceccone's so eiligst gekreuzt hatte ...
    An ein Verschleiern seiner Empfindungen denkt in solchen Fllen kein
Italiener ... Fefelotti lachte sich weidlich aus ... Sowol ber die Hhe der
Treppen, die er hatte ersteigen mssen, wie ber die Mbel, wie ber die
Dienerschaft und - ein Sommerlogis auf dem Monte Pincio ...
    Sie kluge Frau, sagte er, ich habe Sie immer so gern gehabt! Wie konnten Sie
sich nur von meiner Fahne entfernen! ... Sie haben sechzehn Jahre Ihres Lebens
verloren ... Wie hoch ist die Pension, die Ihnen mein alter Freund Don Tiburzio
zahlt? ...
    Die Herzogin hatte die Schule der Leiden in einem Grade durchgemacht, da
sie sich weder ber Fefelotti's Besuch allzu erstaunt zeigte, noch auch
Ceccone's Undankbarkeit ganz nach den Empfindungen schilderte, die sie darber
hegte ... Sie wnschte dem Gropnitentiar Glck zu seiner neuen Erhebung, lie
die von ihr betonte wahrscheinlich nahe bevorstehende Papstwahl nicht ohne
Bezglichkeit fr die Hoffnungen des ehrgeizigen Priesters - sie klagte aber
Ceccone keineswegs allzu heftig an ...
    Fefelotti sah die Schlauheit der weltgewandten Frau ... Sich migend schlug
er die Augen nieder, beklagte die Leiden Seiner Heiligkeit und gestand offen,
da durch die Wiederherstellung des Jesuitenordens, dessen Affiliirter er schon
seit lange war, in die schwankenden und von den Persnlichkeiten der Ppste
abhngigen Zustnde der Kirche endlich Festes und Dauerndes gekommen wre ...
Seine eigene Wiederberufung bewiese, da sich ohne den Rath des Al Ges nichts
mehr in der katholischen Welt unternehmen lasse ...
    In der Art, wie Fefelotti es sich dann unter den von dem trippelnden Marco
inzwischen angezndeten Kerzenbscheln bequem machte, wie er sogar herbeigeholte
Erfrischungen nicht ablehnte, lag das ganze Behagen ausgedrckt, sich bei einer
Frau zu befinden, die nach aller Berechnung menschlicher Natur seine Verbndete
werden mute ... Von Ceccone's huslichen Verhltnissen lie er sich erzhlen
... Er hatte seine Freude an dem kleinsten Verdru, den seinem Freunde das
Schicksal bereitet hatte ... Er stellte sich wie ein in einem kleinen
Landstdtchen begraben Gewesener, nur um recht viel Neues, Ausfhrliches und
pikante kleine Details erfahren zu knnen ... Und die Herzogin war klug genug,
trotz ihrer Abneigung gegen den hlichen Mann, dessen falsche Zhne nach jedem
Satz, den er sprach, ein eigenes Knacken der Kinnlade von sich gaben und gegen
den Ceccone noch jetzt ein Apoll war, doch dies Verlangen nach Befriedigung
seiner Schadenfreude nicht ganz unerfllt zu lassen ... Sie gab eine ungefhre
Schilderung der Mhen und Sorgen, unter denen Ceccone's Ehrgeiz allerdings
sthnte und schmachtete ...
    Fefelotti schlrfte Sorbett ... Seine Zhne bekamen vorbergehend einen
bessern Duft von den Orangen, aus denen es bereitet war und sie knackten jetzt
nur noch von der Berhrung mit dem Lffel ... Immer mehr gewhnte sich die
Herzogin an das Wiedersehen eines Mannes, der ohne Zweifel doch nur allein der
Anstifter der den Jesuiten nicht geglckten Verfolgung gegen sie wegen Bigamie
gewesen ... Kannte er alle Geheimnisse ihres Lebens? ... Kannte er die Existenz
Benno's? ... Ihr Antheil an seinem Kampf mit Bonaventura, gegen den er
vielleicht einen Proce auf Absetzung instruirte, rstete sich, ihn mglichst
unverfnglich ber dies und anderes zu befragen ... Sie lie dem Gefhrlichen
den Vorschmack der Annehmlichkeiten und Vortheile, die er denn doch durch diesen
Besuch gewinnen konnte ...
    Roms Lage ist schwierig, sagte Fefelotti bei Erwhnung des Ceccone'schen
Aufenthalts in Wien ... Auf der einen Seite bilden wir das Centrum der Welt, auf
der andern das Centrum Italiens ... Wir sollen rein geistlich und fr die
Ewigkeit auf die Gemther wirken und sind von allen politischen Strudeln des
Tags ergriffen ... Die neue Zeit hat dem apostolischen Stuhl eine fast
unerschwingliche Aufgabe gestellt ... Ohne die weltliche Wrde kann die geistige
Souvernett des Heiligen Vaters nicht auf die Dauer bestehen ... Beides fr die
Zukunft zu einen, erfordert die uerste Anstrengung ... Ich billige ganz, wenn
Ceccone seine kleinen Koketterieen mit den sogenannten Hoffnungen Italiens zu
unterlassen angefangen hat ... Erzhlen Sie mir noch mehr - von Wien! ...
    Die Herzogin besttigte, da Ceccone von Wien in seinen politischen
Neuerungstrieben bedeutend abgekhlt zurckgekehrt wre. Der Frst Staatskanzler
htte ihn belehrt, da die Tribunen Roms sich immer zuerst am Entthronen der
Ppste und am Halsabschneiden der Cardinle gebt htten ...
    Fefelotti lachte mit vollem Einverstndni ... Die Herzogin dachte an Benno
und seine Freunde ... Sie gab der guten Laune des Schrecklichen die gewnschte
Nahrung ... Sie erzhlte: Ceccone htte beim Nachhausefahren von einer solchen
Scene mit dem Staatskanzler immer nur Fefelotti! Fefelotti! gerufen ...
    Bestia! unterbrach der Cardinal ...
    Dann htte Ceccone Olympien geschildert, was politische Reformen wren ...
Nur Ein Bedienter fr dich, monatlich nur Ein Paar neue Handschuhe und die
Nothwendigkeit, deine Hemden selbst nhen zu mssen! ...
    Fefelotti hielt sich die Seiten vor Lachen ...
    Ich bin mit Ceccone's politischer Haltung ganz einverstanden, sagte er ...
Sie ist jetzt streng und fest ... Sie lt sich auf keine Transactionen mehr ein
... Rom ist unterwhlt von Verschwrungen ... Verbannung nur und Galeere knnen
helfen ... Das geringste ist das Verbot aller zweideutigen Schriften ... Wissen
Sie - apropos - nichts Nheres ber - Grizzifalcone -? ...
    Die Herzogin hrte Gesinnungen, die sie hate, verbarg jedoch ihre
Aufwallung hinter einem Erstaunen ber das, was Grizzifalcone mit Roms - Politik
gemein haben knnte -? ...
    Der Cardinal drckte seine kleinen Rattenaugen zu ... Ein bedeutsames
Knacken seiner Zhne trat wieder an die Stelle seiner Worte ... Der Duft der
Orangen verflog ... Glcklicherweise nahm er eine zweite Schale Sorbett ...
    Die Herzogin mute die Geschichte der Gefahr erzhlen, die sie an Olympiens
Hochzeitstage berstanden hatte ... Lucindens Name mute genannt werden ...
Dieser war ihm keineswegs unbekannt ...
    Eine Neubekehrte? warf er ein ...
    Sie htete sich ein Wort der Misachtung zu sagen ...
    Fefelotti kehrte dringender auf Grizzifalcone zurck ... Glauben Sie, sagte
er, da Ceccone jene fr den Frsten Rucca bestimmte Liste in den Taschen des
Rubers fand und einsteckte? ... Ich glaube nicht ... Diese Liste besa Ceccone
ohne allen Zweifel schon vorher in Abschriften genug ... Er brauchte sie ja -
Hm! ... Rthselhaft sind die Auftrge, die dem wilden deutschen
Franciscanerbruder gegeben wurden ... Nun sagt man ja, er wre spurlos
verschwunden ... Mit jenem Pilger zugleich ... Hrten Sie davon? ... Der Pilger
und der Mnch sind von den Zollwchtern, die verrathen zu werden frchteten,
ohne Zweifel todt geschlagen worden ...
    Die Herzogin entsetzte sich ... Und warum brauchte Ceccone die Liste? ...
    Eine Weile verzog sich der bisherige heitere Ausdruck der Mienen
Fefelotti's, seine schwarzen Brauen senkten sich auf die kleinen Augen, die ein
verderbliches wildes Feuer zu verbergen schienen ...
    Dennoch suchte er die Stimmung des Scherzes zurckzufhren und sprach lieber
von Olympien, die er beschuldigte, in der Argentina bei allen neuen Opern die
Stellen zu beklatschen, die fr die Tausende von Carbonaris, die auch in Rom
wren, oft ein Losungswort gben ... Das Junge Italien hat allein zwlf Logen in
Rom! schaltete Fefelotti ein ... Doch erzhlen Sie von Olympien! ...
    Die Herzogin hrte nur und hrte ...
    Fefelotti sah, da die Herzogin in politischen Dingen nicht mehr Ceccone's
Vertrauen besessen hatte ... In die Argentina geht Olympia jetzt seltener, sagte
sie mit bitterer Erinnerung an den neulichen Spott Olympiens ber ihre Beziehung
zur Musik ... Sie verlangte von mir, da ich erklrte: Unsere neuere Musik
anhren zu mssen verdiente, da die Componisten mit den Ohren angenagelt wrden
...
    Diese Strafe trifft in der Trkei die Bcker, wenn sie schlechtes Brot
backen! ... Dieser Witz wird den alten Rucca gergert haben, wenn er ihn hrte
... sagte Fefelotti ...
    In dieser heitern Weise dauerte die Unterhaltung fort ... Auch auf den
Cardinal Ambrosi kam Fefelotti zu sprechen ...
    Ich habe ihm, sagte er, sofort eine Amtswohnung anweisen lassen, indem ich
ihn zum Vorstand der Congregation der Reliquien und Katakomben machte ...
Vielleicht ist er so galant, Olympien mit der Heiligsprechung der Eusebia
Recanati ein Gegengeschenk fr seine Erhebung zu machen ... Sie wissen doch
noch, da wir einst um die kleine Wlfin bei den Lebendigbegrabenen
auseinander gekommen sind - Sie schlimme Frau, die Sie mir auch in Wien einen
noch gottseligeren Priester auf Erden entdeckt haben - Ja Sie! Sie! Ich wei es
- Meinen Nachbar bei Coni - den magnetischen Bischof Bonaventura von Asselyn ...
Sie haben ihn zuerst Olympien empfohlen ... Der Spott dabei auf mich kam
allerdings wol nur von dem kleinen Grasaffen ...
    Die Herzogin spitzte ihr Ohr ... Jedes Wort in diesen leichten Scherzen und
drohenden Neckreden war bedeutungsvoll ... Ihr Palais an Piazza Sciarra stand
also noch leer ... Cardinal Ambrosi hatte sich Olympiens Verehrungscultus
entzogen ...
    Bonaventura's heiliger Ruf wurde keineswegs von ihr abgelehnt ... Mit einem
fast schelmischen Trotz berief sie sich auf das Urtheil der deutschen Kirche ...
    Gut, da ich mich an diesem Eindringling auf italienischen Boden habe
berzeugen knnen, wie gefahrvoll diese deutsche Kirche wird, erwiderte
Fefelotti ... Kaum in sein Amt eingefhrt, begeht der Freche eine Unthat nach
der andern ... Der Verbndete einer Ketzerin, die auf dem Schlosse Castellungo
haust, wahrt er den durch die Milde der Zeiten brig gebliebenen Resten einer
schismatischen Sekte die Rechte, die sie verbrieft besitzen wollen, bestreitet
das ihnen streng eingeschrfte Verbot, Proselyten zu machen, behauptet, die
Dominicaner htten auer diesen gefnglich eingezogenen, dann freigegebenen
religisen Fanatikern noch einen Eremiten eingekerkert, der den Wohlthter des
Volkes machen wollte und nur ein Verbreiter ruchloser Lehren war ... Auch dieser
Eremit war ein Deutscher! ... England und Deutschland! Das wird unser Kampfplatz
werden! ... In Deutschland ist es schon wieder wie zur Zeit Luther's ... Ein
Priester ist aufgestanden, der dem Bischof von Trier die Aussetzung des Heiligen
Rocks zum Verbrechen am Geist der Zeit macht! ... Die ketzerischen Bewegungen
auf dem Gebiet der Lehre, ja des Cultus nehmen berhand ... Erkundigungen, die
wir ber den Bischof von Robillante eingezogen haben, machen ihn zur Absetzung
reif ... Und der blinde Wahn dieses Mannes geht so weit, hieher nicht als ein
Angeklagter, sondern als ein Richter kommen zu wollen ...
    Hieher -? Er wird berufen? ... fragte die Herzogin erbebend vor Angst und
doch auch vor Freude ...
    Der Bischof behauptet, fuhr Fefelotti in gesteigerter Aufregung fort, die
Nachricht, da man jenen Eremiten in der Mark Ancona als Pilger gesehen htte,
wre ein absichtlich ausgesprengter Irrthum ... Dieser Eremit wre nach Rom
berfhrt worden und se hier in irgendeinem Kerker ... Der Pilger von Porto
d'Ascoli, erklrte er noch krzlich, wre ein anderer ... Seit man jetzt
verbreitet, er wre ermordet worden, hatte ich eine Scene mit ihm, die zu seiner
sofortigen Verhaftung htte fhren mssen, wre nicht die besonnene Vermittelung
eines seiner Verwandten von ihm dazwischen getreten ...
    Des Signore - Benno -? ... fragte die Mutter nach Gleichmuth ringend ...
    Der Cardinal besttigte diesen Namen ...
    Benno lebt denn also noch! ... dachte die Mutter und verbarg hinter
Bewegungen, die ihr als Wirthin eines so hohen Besuches zukommen durften, das
Gemisch ihrer Freude und Besorgni ... Fefelotti sprach Benno's Namen harmlos
aus ... Er schleuderte nur seinen Bannstrahl ber Deutschland und Bonaventura
... Dann fragte er wiederholt nach Lucinden ... Er wute, da sie dem Cardinal
nahe stand und Aussicht hatte, Grfin Sarzana zu werden ... Nach den Berichten
der kirchlichen Fanatiker Deutschlands nannte er sie eine Hocherleuchtete, der
sich nur die eine Schwche nachsagen liee, fr jenen Bischof von Robillante
eine unerwiderte Liebe im Herzen getragen zu haben ...
    Die Herzogin nahm ihm nichts von allen diesen Vorstellungen ... Sie sah, dem
Gropnitentiar lag das Leben aller Menschen aufgedeckt ... Er fragte
wiederholt, was die Herzogin ber Donna Lucinde wisse und ob sie gut mit ihr
stnde ...
    Die Herzogin sah, da Fefelotti bei Ceccone eine Spionin suchte ...
Vielleicht fand er sie in Lucinden ... Sie htete sich, Lucinden nach ihrer
Auffassung und eigenen Erfahrung zu charakterisiren ... Eine Vermittelung dieser
Bekanntschaft durfte sie aus nahe liegenden Grnden - um Ceccone's willen -
ablehnen ...
    Es war schon halb elf Uhr, als der Cardinal sich endlich erhob ... Er hatte
ein paar angenehme, hchst trauliche, fr ihn mannichfach anregende Stunden
verbracht ... Er hatte sich schnell wieder in den rmischen Dingen orientirt ...
Er versprach wiederzukommen ... Dann kte er der Herzogin mit aller Galanterie
die Hand, sagte ihr die Tage und die Orte, wo er zum ersten male auftrte -
d.h. die Messe lesen oder sie mit Pomp anhren wrde ... Das waren Schauspiele,
wo sich alles, was zur Gesellschaft gehrte, versammeln mute ... Er versprach
ihr die besten Pltze, unter andern zu einem morgenden Gebet von ihm in der
Sixtina ...
    Da ich, sagte er beim Gehen, Ceccone's Feind nicht mehr sein will, beweise
ich dadurch, da ich den Schein von ihm entferne, als knnte er einer Dame, der
er sich lebenslang verpflichtet fhlen sollte, wie Ihnen, undankbar gewesen sein
...
    Mit dieser artigen Wendung empfahl er sich ...
    Die ganze Dienerschaft, die der alte Marco rasch durch einige Hausgenossen
vermehrt hatte, stand in den Vorzimmern ... Die Umwohner hatten sich den Schlaf
versagt, um dem Schauspiel der Abfahrt eines Cardinals beizuwohnen ...
Fefelotti's Pferde trugen am Kopfgestell der Zume die rothen Quasten. Die
Kutsche war vergoldet; zwei Lakaien sprangen hinten auf, whrend ein dritter mit
dem Ombrellino an der Hausthr wartete und beim Einsteigen den kleinen stmmigen
Priester begleitete, der seinerseits nur einfach, nur mit dem rothen dreieckigen
Interimshut erschienen war ...
    Einige Freude empfand die gedemthigte Frau denn doch ber diesen Besuch ...
Sah sie auch Gefahren ber den Huptern der ihr allein noch im Leben werthen
Menschen sich zusammenziehen, so blitzte doch in solchen Nthen ein
Hoffnungsstrahl auf durch die Beziehung zu einem so mchtigen Mann, der
glcklicherweise ihren vollen Antheil an den Schicksalen der Bedrohten nicht
ahnte ... Benno hatte jener Scene beigewohnt und ihren schlimmen Ausgang
gemildert ... Sie wollte noch einen Tag warten und dann auf jede Gefahr hin dem
Sohn mittheilen, worin sie alles ihre Sorge auf ihn, seinen Rath und seinen
Beistand werfen mte ... Die Vorladung Bonaventura's schien noch nicht
entschieden zu sein ...
    Am Abend nach dem Besuch Fefelotti's kam die Herzogin aus der Sixtinischen
Kapelle, wo Fefelotti sein erstes Abendgebet gehalten hatte ... Der kleine
Raum war berfllt gewesen ... Der Qualm der Lichter die Atmosphre so vieler
Menschen lieen sie fast ersticken ... Fefelotti hatte der Herzogin in aller
Frhe schon einen reservirten Sitz zur Verfgung gestellt ...
    Wie krftig sprach er sein Complet - las den 90. Psalm Qui habitat in
adjutorio Domini, sang mit jenem conventionellen Ton, der vom Herzen sanft der
Rhrung den Weg durch die Nase lt, sein Gloria Patri, worauf die Kapelle mit
Simeon's Lobgesang: Nunc dimittis antiphonisch einfiel ... Nicht eine der zu
Ceccone's engeren Beziehungen gehrenden Persnlichkeiten war zugegen ...
Ceccone hatte die ersten Weihen, er nahm vor kurzem auch die letzten; er bte
sich tglich im Messelesen, um seinerseits mit den unerllichen Bedingungen zur
Papstwahl hinter andern nicht zurckzubleiben ... Fefelotti's Virtuositt in
allen kirchlichen Functionen war ihm ein Gegenstand besondern Neides ...
    Die Herzogin versank auch hier wieder in die schwrmerischste Sehnsucht nach
ihrem Sohn ... Gerade diese kleine Kapelle, die fr die Hausandacht der Ppste
bestimmt ist, enthielt Michel Angelo's Jngstes Gericht ... Man sieht nur noch
ein wstes Durcheinander dunkler Farben an den lampenrugeschwrzten Wnden ...
Benno hatte ihr geschrieben, der berhmte Gesang in dieser Kapelle htte ihm nie
die mindeste Erhebung gewhrt; die unglcklichen Verstmmelten, die zur
ppstlichen Kapelle gehrten, htten im Discant gesungen wie Hhner, die
pltzlich den Einfall bekmen, wie die Hhne zu krhen; die Bsse wren
kstermig roh; die alten Weisen Durante's und Pergolese's kmen in ihrer
einfachen Erhabenheit unwrdig zu Gehr ... Und fr alles das schwrme der
deutsche Sinn! Diese Sixtinischen Kapellenklnge allein schon wirkten wie ein
Zauber der Sehnsucht nach Deutschland hinber! Erst der germanische Geist, der
schon sonst das Christenthum berhaupt zur weltgeschichtlichen Sache des Gemths
gemacht htte, htte auch hier wieder in das Abgestorbenste, in die
Kirchenmusik, neues Leben gebracht ... Wie klang das alles der Herzogin beim
Schlugebet des Erzbischofs von Coni nach: Omnipotens, sempiterne Deus! ...
    Gestern Nacht hatte sie in die Asche Sano? geschrieben und der Wind hatte
in der That an diesem Morgen Canto daraus gemacht ... Darum war sie mit
Hoffnung in die Kapelle gefahren ... Sie war im Wagen die Treppe hinauf gekommen
an den salutirenden, hanswurstartig gekleideten Schweizern vorber; sie hatte,
vorschriftsmig vom schwarzen Schleier verhllt, zur Menschenmenge nicht
aufgeblickt vom kleinen ihr reservirten Pltzchen aus ... Die von Michel Angelo
in die Hlle geschleuderten Bischfe und Cardinle waren ihr heute nicht wie
sonst Gegenstnde der Zerstreuung, wenn sie in ihnen zum Sprechen hnlich
getroffene noch lebende Wrdentrger suchte ... Das verschrumpfte Antlitz
Achille Speroni's auf dem Singchor sah sie ohne Lcheln ... Speroni, der Cousin
der jungen Frstin Rucca, stand in seinem violetten Rock mit dem weien
Spitzenberwurf und der rothen Halsbinde anfangs wie ein Mann, sang auch eine
Zeit lang wie ein Mann: Maria, ad te clamamus exules filii Evae! ... Dann aber,
bei den fr einen exul filius Evae doppelt rhrenden Worten: Maria zu dir
seufzen wir auf, weinend und flehend, in diesem Thal der Thrnen! sprang der
Unglckliche in die uerste Kopfhhe ber, fistulirte eine Weile und war
zuletzt bei den fr einen Entmannten erschtternden Worten: Zeig' uns, Maria,
die gesegnete Frucht deines Leibes! ein vollstndiges Frauenzimmer ... Die
Herzogin kannte nicht wrtlich den Inhalt dieser fr die Trinitatiszeit normalen
abendlichen Horengesnge; sie verstand nicht, wie die Worte in schneidender
Ironie zur Verstmmelung des Sngers standen; im Geist aber hrte sie Benno's
Aeuerung: Schon um diese krhenden Hhner der Sixtinischen Kapelle allein mu
die rmisch-katholische Kirche, wie sie jetzt ist, untergehen! ...
    Mancher lchelnde und ironische Blick haftete an der Herzogin ... Er sollte
ihrem Sturz gelten ... Sie dagegen durfte diesen Monsignores, Ordensgeneralen,
Uditores und Adjutantes di Camera nicht minder ironisch lcheln ... Wie nur eine
Hofdame bei einer groen Cour die Geheimnisse all dieser so steif sich
verbeugenden Welt von ihrer Reversseite bersieht, so blickte auch sie auf alle
diese tonsurirten Hupter, die das Frauenthum aus ihrem Leben ausgeschlossen zu
haben schienen und die alle, alle doch gerade vom Frauenthum am meisten abhngig
waren - nchst ihrem Ehrgeiz ...
    Ihren Wagen behielt sie und befahl dem Kutscher, sie heute auf den Corso und
in den Park der Villa Borghese zu fahren ... Sie kam sich wie wiederhergestellt
vor ...
    Wie sie gegen neun Uhr nach Hause kam, hrte sie, da ein Fremder nach ihr
verlangt htte ... Er wollte morgen zeitig wiederkommen - hie es ...
    Dem beschriebenen Wchse nach war es Benno ... Ein dunkler, voller Bart, der
das ganze Gesicht beschattete, ein grauer Calabreserhut - das stimmte freilich
nicht zu ihrer Erinnerung ... Aber - wer konnte es denn anders sein? ...
    Zu Nacht speiste sie nichts vor Aufregung ...
    Mit zitternder Hand schrieb sie in ihre Asche: Sano?
    Kaum, da sie einige Stunden schlief ...
    Am Morgen las sie: Salve! ...
    In der That lag sie einige Stunden spter in Benno's Armen.

                                    Funoten


1 Die Stelle Augustin Theiners aus Schlesien.


                                       6.

Ein geliebter Freund, der aus weiter Ferne von Reisen zurckkehrt, breitet zuvor
seine Geschenke aus ... Benno brachte genueser Korallenschmuck und mailnder
Seidenstoffe ... Kostbarer aber, als alles, war sein eigenes Selbst ...
    Und war er es denn auch wirklich? ... War es jener liebenswrdige junge
Mann, der vor einem Jahr am Krnthnerthor zu Wien aus dem vierspnnigen Wagen
der Herzogin von Amarillas sprang? ... Aeuerlich machte er geradezu den
Eindruck eines Italieners ... Gestern, frisch vom Postwagen gekommen, hatte er
noch einen Calabreser aufgehabt ... Heute hatte er der Mode zwar den Tribut
eines schwarzen Hutes gebracht, seinen verwilderten Bart ein wenig gestutzt;
aber das lange schwarze Haar, die Brune des Antlitzes, die leichte, heitere
Beweglichkeit, alles das war nicht so, wie es die Mutter kannte aus den wenigen
unvergelichen wiener Augenblicken des uersten Schmerzes und der uersten
Freude ... Aber es war schner noch; es war verwandter, heimatlicher als in der
Erinnerung. Sie erstickte seine ersten Worte mit ihren Kssen und Umarmungen ...
Er war es - ihr Julio Csare ...
    Nichts ist anziehender als ein lebensmuthiger, froher, sorgloser junger Mann
... Ihm gehrt die Welt ... Alles, was die Gegenwart bietet, mu sich ihm zu
Gefallen ndern ... Der Tag rauscht dahin, Jahre vergehen; den Reichthum seiner
Lebenskraft scheint nichts zu berhren ... Gefhle, Leidenschaften, Gedanken,
mit denen das Alter geizt, von denen die Erfahrung nur noch Einzelnes und
Abgegrenztes entgegennimmt, ihm ist das alles noch eine in sich zusammenhngende
groe Welt, die den ganzen Menschen ergreift, alle Sinne zu gleicher Zeit, die
Seele und den Leib - den Leib und die Seele ...
    Benno verrieth anfangs nur die Stimmung, in die ihn die glckliche Lage
versetzen durfte, von seinem Bruder Wittekind anerkannt worden zu sein ... Seine
Geldmittel flossen nach Bedrfni ... Schon hatte er sich bei Sopra Minerva eine
Wohnung gemiethet ... Endlich - er war bei seiner Mutter ...
    Allmhlich erstaunte er, die Mutter auf dem Monte Pincio zu finden ... Wie
oft hatte er im letzten Herbst den Palast betrachtet, wo er wute da sie wohnte
...
    Das ihm nun enthllte Schicksal der Mutter durfte ihm, was die Geldmittel
anbelangte, gleichgltig erscheinen ... Dennoch betraf es ihn tiefschmerzlich
... Mehr noch, er deutete fast mit Vorwurf an, wie verdrielich es ihm war,
diese Vernderung erst jetzt zu erfahren ...
    Warum, mein Sohn -? fragte die Mutter voll Besorgni ... ...
    Er wre dann vielleicht nicht gekommen! sagte er ... Die Betroffene erzhlte
ihm die Einzelheiten ihres Bruchs mit Ceccone ...
    Dieser Elende! rief Benno ... Dann aber sprach er dumpf vor sich hin: Htte
ich - das geahnt! ...
    Aber was hast du? fragte immer besorgter die Mutter ... Du rechnetest auf
Olympiens Liebe -? setzte sie angstbeklommen, wenn auch lchelnd hinzu ...
    Benno errthete und erwiderte nichts ... In seinem Schweigen lag - ein
aufrichtiges Ja! ...
    Die Mutter stand mit bebenden Lippen vor ihm und hielt seine beiden Hnde
...
    Benno verhie jede Aufklrung ... Jetzt sprach er von einem Freund, der ihn
vielleicht bei dem jungen Frsten Rucca schon angemeldet htte ...
    Ich Thrin! wehklagte die Mutter. Ich mistraute der Sicherheit unserer
Briefe und schrieb dir nichts ...
    Die Mutter wagte noch nicht von Lucinden zu sprechen ...
    Benno wurde zerstreuter und zerstreuter ... Er schtzte fr eine vorlufige
Entfernung das Suchenmssen seines Freundes vor ... Dieser hatte bereits vor ihm
eintreffen wollen ... Er erzhlte nur noch einiges von Bonaventura's schwieriger
Stellung, vom Dank, den sich sein Freund erworben durch die Befreiung einiger
Opfer der Inquisition, von Bonaventura's Mistrauen in die ihm von Rom durch
Lucinde und die Mutter gewordenen Mittheilungen ber die Identitt jenes Pilgers
mit dem Eremiten Fra Federigo, der sich nach allgemein dort verbreiteter Meinung
in den Kerkern der Inquisition zu Rom befinden msse, von der bedenklichen
Feindschaft Fefelotti's, die es indessen zu einer frmlichen Anklage durch die
Congregazione de Vescovi e Regolari noch nicht hatte kommen lassen ...
    Die Mutter wagte sich mit einigen ihrer Erfahrungen hervor ... Sie erzhlte
von Fefelotti ... Sie erzhlte endlich auch - Lucindens Mitwissenschaft um das
Geheimni seines wahren Namens ...
    Von dieser Seite konnte nur das Verhngni kommen! erwiderte Benno mit den
lebhaftesten Zeichen der Betroffenheit ...
    That ich recht, mit einem solchen Dmon Frieden zu schlieen? fragte die
Mutter und las voll Angst in seinen Mienen ...
    Gewi! gewi! sagte er fast abwesend ...
    Er wollte gehen und den Freund suchen ... Offenbar kmpfte sein Inneres
irgend einen gewaltigen Kampf ... Die Mutter sah es und wollte ihn nichts lassen
...
    Als er dann aber doch gegangen war mit dem Versprechen, gegen Abend
zurckzukehren, als sie in die letzte Umarmung die ganze Empfindung ausgestrmt
hatte, die sie vorm Jahr nach ihrem: Auf Wiedersehn! in ihr Herz verschlossen
und angesammelt, berfiel sie jenes Bangen, von dem wir selbst nach der
mchtigsten Freude und dann ohne allen Grund erschreckt werden knnen. Salve!
Salve! rief sie ihm zwar nach und ihres Orakels dankbar gedenkend. Aber nun
wuchs das wiedereroberte Glck zu solcher Hhe, da sie ein Schwindel ergriff.
Ist es denn mglich, rief sie, sein Vaterland scheint nicht mehr dieser kalte
Norden zu sein! Er spricht im Geist seiner Mutter, nicht blos so schn in den
Lauten unserer Zunge! ...
    Da sie in dieser Seligkeit nicht lange verweilen durfte, machte sie weinen
... Was hat er mit Ceccone - was mit Olympien? ...
    Zwei Stunden war er bei ihr gewesen ... Nun erst dachte sie allem nach, was
er gesprochen ...
    Er hatte politische Aeuerungen fallen lassen ... Er hatte nach einigen
freisinnigen Namen, nach Lucian Bonaparte gefragt ... Himmel, rief sie, ich
sollte erleben, da ich eine Rmerin werde wie die Mutter der Gracchen! Csar,
Csar, ich bin nicht so stark wie Cornelia! Ich zittere vor Gefahren, in die du
dich begibst ...
    Was ist ihm nur verdorben durch meinen Bruch mit Ceccone -? grbelte sie ...
Bedarf er eines so Mchtigen? ... Fhlt er sich nicht sicher? ...
    Sie erschrak, da er von einem Gang auf die sterreichische Gesandtschaft
als von etwas fr seine Lage Ueberflssigem sprach ... Er lehnte den Wunsch
eines Zusammenhangs mit Deutschland ab ...
    Nun drngte sich anderes in ihre Erinnerung an diese seligen zwei Stunden
... Wie sinnig hatte er das Pastellmedaillon des Herzogs von Amarillas
betrachtet! ... Wie wehmuthsvoll umflorte sich sein Auge, als sie dies Medaillon
ffnete und Angiolinens blutiges Haar hervorzog! ... Sie hatte ein geheimes Fach
eines Schreibsecretrs aufgezogen und ihm Erinnerungen an Kassel, Schlo Neuhof,
Altenkirchen gezeigt, die geflschten Demissorialien, die Zeugenaussagen der
Freunde Wittekind's ... Alle dem sprach er Worte voll Ernst und Charakter ...
    Zuletzt nahm sie alles leichter ... Sein Lcheln war zu lieb und sicher
gewesen ... Er hatte sie zu innig umarmt, zu oft an den Spiegel gefhrt und sich
mit ihr verglichen; ihre Hnde kte sie an den Stellen, wo er sie gekt hatte
... Sie fhlte ihre Jahre nicht mehr, sie gedachte ihrer grauen Haare nicht, sie
liebte Benno mit dem Feuer eines Mdchens, das ein Abbild ihrer Trume gefunden
... Zu Lucinden htte sie hinausfahren und ihr rufen mgen: Was willst du uns!
... Ueber Armgart, von der sie sogleich gesprochen, hatte sich Benno nur
trumerisch ablehnend geuert ...
    Alle ihre Unruhe sammelte sich jetzt in der Sorge um ein wrdiges Empfangen
des Sohns fr den Abend ... Er kam dann vielleicht mit seinem in Aussicht
gestellten und vielleicht gefundenen Freunde ... Letzterer htte drei Tage schon
vor ihm in Rom sein sollen, hatte Benno erzhlt und seinen Namen mehrmals
genannt ... Da sie ihn behielt, war von einer Italienerin nicht zu verlangen
... Auch Marco und die andern Dienstboten, die befragt wurden, ob wol jemand
nach Baron d'Asselyno im Hause gefragt htte, behielten ihn, obgleich ihn Benno
auch ihnen nannte, nur unter dem Namen des vielleicht noch kommenden Signore
biondo - des blonden Herrn ... Sonst schien man wegen eines so
auerordentlich warm begrten Fremden wie Benno im Hause nicht zu neugierig ...
Marco beherrschte sich ... Er war das Prachtexemplar eines italienischen
Bedienten ... Schon in den Vor-Ceccone'schen Zeiten der Herzogin hatte er Abends
ihren Kammerherrn, Vormittags die Scheuerfrau gemacht ... Jetzt sank er zwar
nicht ganz zu dieser Vielseitigkeit herab, aber den Koch mute er doch heute
Abend mit dem Kammerherrn zu verbinden wissen ... Er versprach ein Souper
herzurichten, wie es sich fr eine Herzogin gebhrte ... Die Mutter ordnete und
schmckte die Wohnung und - sich selbst ... Das Haus war in Aufregung ... Una
conoscenza della Padrona - aus Wien ... Wozu brauchte es weiterer Aufklrung ...
    Das beste Zimmer der Etage bot einen Ausgang auf eine prchtige Altane - das
Dach eines vorgebauten, niedrigeren Hauses ... Hier war die Plateforme mit
riesigen groen Blumentpfen bestellt, mit kleinen Orangen-, groen
Oleanderbumen ... Die geffnete Thr lie die Wohlgerche der Pinciogrten in
das einfache, heute doppelt sorgfltig geordnete Zimmer einziehen ... Noch
wurden Teppiche auf die Stellen gebreitet, die die Blumenstcke leer lieen ...
Das die unschuldigste Nachahmung der hngenden Grten der Semiramis ... Ein
ungehinderter Fernblick zeigte ein Husermeer, aus dem die Kirchen, Sulen und
Obelisken, schon von der sinkenden Sonne beleuchtet und rosig verklrt,
emporragten ... Die Luft noch wie frhlingsmilde ... Die Mutter htte der Welt
rufen mgen: Wo ist heute eine Festesfreude, wie bei mir! ...
    Marco lief hin und her und kaufte ein ... Mag er ein wenig die Ohren
spitzen, mag er sogar denken: Das ist wol gar der Vielbesprochene, um den die
Frstin Rucca so manche Tasse zerbrach und so manchen Teller an den Kopf der
Diener schleuderte! ... So dachte sie ...
    Aber nun: Was wird Olympia sagen! ...
    Da stand sie beim Arrangement ihrer Blumen still und flsterte: Wohl! Wohl!
Was wird Olympia sagen! ... Mehr schon zu fassen und zu denken vermochte sie
noch nicht ...
    Benno kam dann rechtzeitig und noch vor dem Abend ...
    Der Freund war nicht angekommen ... Er hie Thiebold de Jonge - Tebaldo,
wie man wenigstens den Vornamen behielt ...
    Ist es wol der? fragte die Mutter und erzhlte was sie von Lucinden ber
Armgart's drei Freier wute ...
    Benno zog die gelben Handschuhe aus, knpfte den schwarzen Frack auf, strich
den langen lockigen Bart, der auf die weie Weste niederglitt, und sagte:
    Es ist unwrdig, von Armgart in einem Augenblick zu sprechen, wo ich nur zu
sehr verrathe, da - ich bedauere, von Olympien vergessen worden zu sein ...
    Wieder dasselbe Rthsel, wie heute frh ...
    Die Mutter begriff diese Aeuerung nicht ... Aber sie wute, da die
Aufklrung nicht fehlen sollte ... Jetzt hatte sie nur mit Benno's Person, mit
dem Glck, ihn zu besitzen, zu thun und war wie eine Braut mit ihm ... Eine
Braut ist in den ersten Tagen ihres Glcks ganz nur von stiller Prfung und
Beobachtung erfllt, wie sich der Geliebteste in der ihm jetzt gestatteten
engeren Vertraulichkeit des Umgangs ausnimmt; wie ihm die Berhrung mit ihrem
eigenen kleinen Dasein steht; wie ihre Blumen, ihre Bcher, ihre kleinen
Pedanterieen am Nhtisch von ihm beurtheilt werden; wie in die tgliche Ordnung
des Aelternhauses sein Wesen sich bescheiden oder vielleicht gar - o Wonne und
Glck! - ihre aparten Ansichten ber diesen Brauch und jenen Misbrauch den
Aeltern gegenber untersttzend fgt ... Wohl dem Bund, wo dann alles so still
beklommen Beobachtete die Seligkeit des Besitzes mehrt, kein pltzlich
ausbrechender Thrnenstrom verrth, da oft ein einziges, allzu sorglos
hingeworfenes Wort den Cultus eines ganzen ersten Jugendlebens strzt - Welten
wie Spinneweben zerreit ... Wohl dem Bund, wo die Harmonie der Herzen dann auch
eine des Geistes und unsers irdischen, oft allerdings launisch bedingten Daseins
wird! ...
    Benno spttelte immer noch gern und war nie ein - Zwirnabwickler, wie
Armgart die Mnner nannte, die sie nicht mochte. Aber Mutter Glpen in der
Dechanei hatte ihn doch ein wenig fr die Schwchen der Frauen erzogen. Wo er
mute, fgte er sich dem Ton, den die Frauen lieben. Auch Grfin Erdmuthe hatte
nachgeholfen. Er kam so geschult, so rcksichtsvoll und artig, da die Mutter
ihre Freude hatte zu sehen: So nimmt er sich aus vor andern! So gleicht er - dem
bsen Vater und so gleicht er ihm auch nicht! ... Das Haar unter dem groen
Medaillon des mit Orden bedeckten weilockigen Herzogs von Amarillas hatte er
sich wieder betrachten zu drfen erbeten ... Benno sah ebenso voll Wehmuth den
Inhalt der Kapsel, wie mit Interesse das Bild des greisen Herzogs, der in jedem
Zug den Spanier verrieth ...
    Die Politik war in der That die Seele von allem, was Benno in lngerer und
ausfhrlicherer Errterung sprach ... Er sah sich um, ob sie unbelauscht blieben
... Die Mutter fhrte ihn auf die nun dunkelnde Altane hinaus ... Hier war alles
still ... Da saen sie unter den duftenden Blten ... Ihre Hnde ruhten auf dem
Schoos der Mutter ineinander ...
    Benno's die Mutter auerordentlich berraschende Berhrung mit den
politischen Umtrieben der Jugend und den Flchtlingen Italiens beruhte auf einem
persnlichen Erlebni ... Nachdem er seiner Frsorge fr Bonaventura's Gefahr
noch einmal alles hatte berichten lassen, was die Mutter von Fefelotti
vorgestern gehrt, erzhlte er es ...
    Sein Grbeln ber den Anla aller dieser Lebenswirren - es war Bonaventura's
Schmerz um das traurige Geschick seines Vaters - unterbrach er fast gewaltsam
...
    Er erzhlte, da er vorm Jahre mit den Depeschen des Staatskanzlers nach
Triest und von dort zu Schiff nach Ancona gereist wre - den krzesten Weg, um
Rom in Zeit von acht Tagen zu erreichen ... Auf diesem Dampfboot htte er eine
Bekanntschaft gemacht ... Ein hoher stattlicher Mann wre ihm aufgefallen, ein
Greis mit weien Haaren, aber krftigen dunkelgebrunten Antlitzes, eine
Erscheinung, vor der die Bemannung des Schiffes ebenso wol, wie die Passagiere
die grte, wenn auch etwas scheue Hochachtung bezeugt htten ... Bald htte er
erfahren, da dieser in einen grauen militrischen Oberrock, sonst in Civil
gekleidete Mann einer der ersten Namen des Kaiserreichs wre, Admiral der
sterreichischen Flotte, Francesco Bandiera1... Italiener von Geburt, Venetianer
aus den alten Geschlechtern, hatte Bandiera die angeborene Seemannsnatur zu
Gunsten des Staates ausgebildet, dem ihn die Geschicke Europas nach dem Sturz
Napoleon's zugewiesen ... Er hatte die kaiserliche Marine ebenso vervollkommnet,
wie ihrer Geschichte Lorbern errungen - er befehligte die sterreichische
Fregatte Bellona, die noch vor kurzem ein englisches Bombardement von
Saint-Jean d'Acre untersttzte ... Reisen nach Amerika hatte er gemacht und
trug, wenn er sich in ganzer Reprsentation seiner Wrde htte zeigen wollen,
die Brust mit Orden bedeckt - ...
    Die Herzogin kannte die Lage dieses Mannes ... Sie wute, warum sein Blick
so traurig und die Ehrfurcht vor ihm so scheu gewesen sein mute ...
    Zwei seiner Shne, besttigte Benno, hatten die Loyalitt des hochgestellten
Vaters auf eine in Oesterreich mit Indignation, in Italien mit Jubel
aufgenommene Weise compromittirt ... Attilio und Aemilio Bandiera standen als
Marinelieutenants unter ihrem Vater.2 Mit dem Pistol in der Hand und im Bund mit
einigen Verschworenen hatten sie sich das Commando der Fregatte Bellona
erzwingen und mit ihr nach der Kste der Romagna segeln wollen, wo ein
gleichzeitig organisirter Aufstand den Versuch einer Insurrection erneuern
sollte, der schon einmal bei Forli und Rimini gescheitert war ... Bandiera
selbst, der Admiral, ihr Vater, hatte sich damals den fr einen Italiener
zweifelhaften, fr einen Oesterreicher achtbaren Ruhm erworben, die Trmmer der
in Rimini und Forli gesprengten Insurrection - Louis Napoleon Bonaparte war
unter den Entkommenen, sein lterer Bruder unter den Gefallenen - zur See
vernichtet zu haben ... Aber der Ueberfall der Fregatte Bellona mislang ...
Die beiden dem Jungen Italien affiliirten Shne des Admirals entflohen ...
Bandiera, vor dem Kaiserstaat in seinen Shnen compromittirt, ri sich im ersten
Anfall seines Schmerzes die Epauletten von den Schultern, band sich die goldene
Schrpe ab, legte seine Wrde nieder und begab sich nach seinem Landgut
Campanede bei Mestre an den Lagunen Venedigs; er bekannte sich seiner Stellung
fr nicht mehr wrdig ...
    Die Herzogin kannte alle diese ergreifenden Vorflle ...
    Wohl kannst du denken, fuhr Benno fort, wie mich der Anblick dieses Greises
erschtterte! ... Die markige Gestalt war vom tiefsten Schmerz gebeugt ... In
die Wellen blickte Francesco Bandiera wie Jemand, der den Tod einem Leben ohne
Ehre vorzieht ... Abgeschlossen hielt er sich von der ganzen Equipage des
Schiffs ... Ich hrte flstern, er wollte nach Korfu, wohin seine Shne geflohen
waren, wollte ihnen zureden, zurckzukehren, sich dem Kriegsgericht zu stellen,
das sie ohne Zweifel zum Tode verurtheilen wrde - er wollte sie ermuntern, sich
der Gnade des Kaisers zu empfehlen und eine Gefngnistrafe zu ben, die
vielleicht keine lebenslngliche war ... Auch ihm persnlich konnte dann noch
vielleicht mglich bleiben, eine Stellung zu behalten, die er trotz seiner Jahre
liebte ... Das Blut eines alten Seemanns fliet unruhig und geht nicht im
gleichen Takt mit dem Leben auf dem Lande ...
    Die Mutter verstand die Schwere eines solchen Schicksals und horchte ...
Eine Mutter, sagte sie, ist die Vorsehung ihres Kindes! Das waren deine
Worte, mein Sohn, als wir an Angiolinens Leiche standen! ... Ein Vater aber,
fuhr sie fort, ist der Sohn selbst ... Das ist nur Eine Person mit ihm - Vater
und Sohn, beide haben nur eine und dieselbe Ehre - ...
    Benno seufzte ... Er verfiel auf Augenblicke in ein Sinnen. Nicht um den
Kronsyndikus, wie die Mutter dachte ... Ebenso hatte Bonaventura gesprochen, der
keine Ruhe mehr im Leben finden zu knnen erklrte, solange er wte, in einem
Kerker der Inquisition schmachtete sein Vater ... Benno theilte die
Ueberzeugung, da Fra Federigo Friedrich von Asselyn war ... Er sah Conflicte
kommen mit Friedrich von Wittekind, der ihn todt glauben mute ... Sich
aufraffend fuhr er fort:
    Die Begegnung des Vaters mit seinen Shnen schien eine Scene des hchsten
Schmerzes werden zu mssen ... Ich betrachtete den gebeugten Helden mit jener
Rhrung, die das tragische Schicksal einflt ... Doch gerade meinen Blick
vermied er ... Es hatte sich herumgesprochen, da ich als Courier fr die
Regierung reiste. Meine Tasche mit den Depeschen verrieth mich; Geheimhaltung
war mir nicht anbefohlen worden ...
    Benno war schon so auf die Weise des politischen Lebens in Italien gestimmt
da er den besorglichen Blick der Mutter wohl verstand ... Ein Courier mit
sterreichischen Depeschen ist in Italien nicht vor dem Tode sicher ...
    Die Fahrt dauerte zwei Tage und zwei Nchte ... erzhlte Benno. Die Kste
der Romagna kam und verschwand wieder. Die hohen Apenninen sah das Fernrohr
bald, bald verloren sich die zackigen, zuweilen schneebedeckten Hhen. Jenseits
derselben lag Rom! ... Auf die Lnge war nicht zu vermeiden, da Bandiera mit
mir in Gesprche verwickelt wurde. Er erkundigte sich nach meiner Heimat. Da er
sie nennen hrte, sprach er von einem mir unendlich theuern Namen, der aus
dortiger Gegend gebrtig ist. Den englischen Obersten Ulrich von Hlleshoven
hatte Bandiera auf der Rckreise von Rio Janeiro, wohin er die Erzherzogin
Leopoldine von Oesterreich als Kaiserin von Brasilien berfhrt hatte, in Canada
kennen gelernt ...
    Den Vater deiner Armgart! ... sagte die Mutter lchelnd ...
    Benno erwiderte:
    Du sahst wol an Lucindens Schilderung, da diese Liebe mehr ein Gegenstand
des Spottes als des Glckwunsches ist ... Schon hab' ich mich gewhnt, sie wie
meinen Stern des Morgenlands zu betrachten, dem die Lebensreise unbewut folgt
... Ich hoffe um so weniger auf Erfllung, als der Freund, den ich jeden
Augenblick erwarte, ebenso leidet wie ich ...
    Mein Sohn, sagte die Mutter voll Theilnahme, es gibt in der Liebe vielerlei
Wege ... Die gerade Strae fhrt nicht immer zu dem was fr uns bestimmt ist ...
Hoffe! ...
    Benno hielt einen Augenblick inne und schttelte seine ihm fast auf die
Schultern reichenden schwarzen Locken ... Nach einer Weile fuhr er fort:
    Auf diese Mittheilung, die mich auerordentlich berraschte, wurde ich mit
Admiral Bandiera vertrauter ... Da der vom Staatskanzler mir gegebene Auftrag
eine ganz zufllige Veranlassung hatte, schien ihn fast zu erfreuen ... Er fate
Vertrauen, als ich ihm sagte: Die Jugend des jetzigen Europa wchst in neuen
Anschauungen auf! Zwei Offiziere, die ihren Eid brchen, knnte man freilich
nicht entschuldigen; aber wie oft htten auch die Vlker und die Frsten in
diesen Zeiten ihre Eide brechen mssen! ... Nein, wallte er auf, ich schiee sie
nieder, die Fahnenflchtlinge, Verrther an ihrem Kaiser, ihrem Schiff, dem sie
angehrten, dem Palladium ihrer Ehre! ... Die Erregung, mit der der greise
Admiral diese Worte sprach, glich der des Brutus, der seine Shne zu richten hat
... Dennoch knnt' ich erwarten, da diese Reise nach Korfu, wo die Shne ein
Asyl bei den Englndern gefunden hatten, die Wendung der Vershnung nahm. Ich
bemitleidete den Greis, dessen Inneres von Folterqualen zerrissen schien ... Die
Mutter nahm schon lngst Partei fr die Shne ... Sie machte eine jener
verchtlichen Mienen, von denen auch nur, wenn innerliche Abneigung sie
ergreift, die Sdlnderin ihre Gesichtszge entstellen lt ...
    Ihren Pahs! und Ehs! erwiderte Benno:
    Ich rechnete zu des Paters Leiden die mir vollkommen ersichtliche Liebe und
Theilnahme fr seine Shne ... Sie schienen die Augpfel seines Lebens ... Beide
Shne waren der Stolz der Mutter, die nach Mailand geeilt war, um die Gnade des
Viceknigs anzurufen ... Sie hatte trstende Versprechungen zurckgebracht,
falls die Flchtlinge reuig wiederkehrten ... Ja im Stillen ghrte in des Alten
Brust die Regung des geborenen Italieners. Er glaubte vollkommen an die
Mglichkeit dieser Verirrung, schrieb er sie auch nur auf Rechnung der
Verfhrung - Er, er wollte ihnen lieber die kaiserliche Kugel vor die Stirn
brennen lassen, rief er aus, als sie mit diesen Mordbrennern und Mrdern in
London, Malta, Korfu, wo die Junten des Jungen Italien sen, Hand in Hand
gehen zu sehen - Bald jedoch setzte er hinzu: Dort suchen und finden sie die
Kugel sichrer, als wenn sie nach Venedig zurckkehren, ihren Richtern sich
stellen und ihr Schicksal der Gnade des Kaisers empfehlen! ... Was thun solcher
Jugend, fuhr er wie - ein Italiener zu calculiren fort, ein paar verlorene
Jahre? Bis dahin ndert sich vieles. Aemilio, mein jngerer, ist krftig;
Attilio, der ltere, zarter - erst dreiundzwanzig Jahre alt ...
    Das Auge der Herzogin leuchtete hell auf ... Ihr Herz schlug fr die jungen
Flchtlinge, die zu jenem Bunde gehrten, von dem zwlf Logen auch in Rom wirken
sollten - zu jenen Verschwrungen, um derentwillen Fefelotti und Ceccone
scheinbar Frieden geschlossen ... Nur blieb sie besorglich gespannt ... Wie
konnte diese Begegnung Veranlassung sein, da Benno so pltzlich nach Rom kam
und sogar, wnschen konnte, Ceccone und Olympien wieder zu begegnen ... Ihre
Augen, die wie glhende Fragezeichen auf dem sonnenverbrannten Antlitz des
Sohnes hafteten, sprachen: Was willst du mit alledem? ...
    Mutter, sagte Benno liebevoll, ich gestehe dir's, ich habe bei allen diesen
Beziehungen nur an dich gedacht, habe aus deinem Sinn heraus darber geurtheilt
- du hattest mich schon in Wien zum Italiener gemacht ...
    Divino! flsterte die Herzogin und kte Benno's Stirn ...
    Benno drckte ihre Hand und fuhr fort:
    Ich empfand Mitleid mit dem Vater und den Shnen ... Auch die Shne schienen
ihren Vater zu lieben und die Schande vollkommen zu erkennen, die sie ihm
bereiteten ... Er erzhlte die rhrendsten Zge ihrer Anhnglichkeit ... Wie
erkannt' ich das schne Band, das einen Sohn an seinen Vater fesseln kann - wie
den Schmerz, nicht mit ihm dieselbe Bahn gehen zu drfen! ... Ich
vergegenwrtigte mir den Mann, dessen Namen auch wir tragen sollten und sagte
mir: Httest du ihn im Leben zur Rechenschaft fordern drfen, wer wei, ob sein
Anblick dich nicht entwaffnet htte ...
    Orest tdtete seine Mutter! wallte die Herzogin auf ...
    Aber die Furien verfolgten ihn! entgegnete Benno ...
    Ein unheimliches Brten trat in die Augen der Herzogin ... Sie schien sich
auf die Momente Wittekind's zu besinnen, von denen sie selbst erzhlt hatte, da
sie bestrickend sein konnten ... Sie brtete, ob sich Benno etwas daraus machen
wrde, sich mit der Zeit einen Wittekind zu nennen ... Fefelotti konnte mit
einem Federstrich ihre Ehe legitimiren ... Fr wissentliche und unwissentliche
Bigamie gab es in Rom dicht an der nchsten Straenecke die officielle
Entshnung ...
    In Ancona nahm ich Abschied von dem greisen Helden, fuhr inzwischen Benno
fort. Obgleich das Schiff einen Tag rastete, blieb der Admiral auf seinem
Elemente. Anconas Thrme schreckten ihn. Er hatte die Fahne des Jungen Italien
auf ihnen gesehen. Er hatte die Flchtlinge von Forli und Rimini aufgefangen und
an die Kerker des Spielbergs ausgeliefert ... So lohnte ihm die Nemesis ... Er
drckte meine Hand, ermahnte mich, wenn ich Aeltern htte, ihnen Freude zu
machen, empfahl sich dem Obersten von Hlleshoven und zeigte nach Sdost, zu den
jonischen Inseln hinber. Die Heimat des Ulysses! sagte er ... Ihm wrde keine
Ruhe mehr werden, deutete er damit an. Er wollte seiner Weinreben in Campanede
warten. Der Gedanke an seine Gattin, die Mutter dieser geliebten Shne, fllte
sein Auge mit Thrnen ...
    Die Herzogin machte eine Miene, als wollte sie sagen: Ah bah! Was hilft das
uns! Kmmere dich nicht um ihn! ...
    Ich erlitt in Ancona eine Verzgerung, fuhr Benno fort, weil gerade damals
Grizzifalcone den Weg nach Rom besonders unsicher machte ... Der Eilwagen fuhr
in Begleitung eines Detachements Carabiniers ...
    Ueber den Angriff bei Olympiens Hochzeit, ber die Gefahr der Mutter, den
Tod des Rubers hatten sich die Briefe genugsam ausgesprochen ... Dennoch kam
Benno mit neuem Bedauern darauf zurck ... Dafr krzte er die Schilderung
seines Aufenthalts in Rom ab, der bis zum Carneval und bis zur Ankunft der
Mutter gedauert hatte ...
    Da entflohst du wieder! ... sagte sie. Bereitetest meiner Sehnsucht die
schmerzlichste Enttuschung! ... Nun ich von deiner Liebe zu Armgart wei,
versteh' ich es - und alles das nennst du deutsch! Deutsch ist euch die
Ehrlichkeit -! ... Dein Vater war nun auch ein Deutscher und dennoch - Doch
fahre fort! ... Ich ahne - sagte die Mutter mit zagender Stimme - du lerntest
die Gebrder Bandiera selbst kennen ...
    Ich ging nach dem Sden, sprach Benno mit bejahender Miene, sah Neapel,
schwelgte in Sorrent, kletterte ber die Felsen Capris und Ischias, lernte die
Sprache des Volks, die eine andere als die der Grammatik ist, und reiste nach
Sicilien ... Ich machte die Reise mit einigen Englndern, die ich in Sorrent
kennen gelernt hatte im Hause der Geburt Tasso's ... Wir stimmten beim Anblick
einer alten Bronzebste des Dichters berein, da nach diesem Abbild Tasso die
hlichste Physiognomie von der Welt gehabt haben mte und dadurch seine
Stellung zu Leonore d'Este eine neue und komische Beleuchtung erhielte ... Ich
blieb mit diesen heitern Englndern zusammen ... Wir reisten nach Palermo ...
Dort besuchten wir ein englisches Kriegsschiff, das im Hafen lag ... Wir
dinirten am Bord desselben; kstlicher und frhlicher, als ich seit Jahren auf
dem Lande gelebt ... Der Wein flo in Strmen ... Die Englnder meiner
Bekanntschaft waren mit dem Kapitn von der Schule zu Eton her bekannt ... Am
Tisch saen zwei junge Mnner, Italiener, die bei dieser ausgelassenen
Schwelgerei die Zurckhaltung und Migkeit selbst waren ... Sie sprachen
Deutsch und Englisch, waren bildschn, hatten Augen von einem glhenden und doch
wieder so milden Feuer - ...
    Wie du! unterbrach die Mutter wie mit dem Ton der Eifersucht ... Sie weidete
sich an Benno's Anblick, der ein edler und mnnlicher war ...
    Sage, wie - verkleidete Angiolinen! ... entgegnete Benno ... Die Shne
Bandiera's waren wie Castor und Pollux ... Redete man den einen an, so errthete
statt seiner der andere ... Nach Tisch wurde auf dem freien Element bei einem
Sonnenschein, der alle Herzen der Menschen mit Liebe und Vershnung htte
erfllen sollen, politisirt ... In der Ferne lag das rauschende wilde Palermo
mit seinen Kuppeln und Thrmen; sein Kauffahrteihafen mit Hunderten von Masten;
das englische Kriegsschiff mit achtzig Kanonen lag dicht am Castell und diente
zur Untersttzung einer Differenz des englischen Leoparden mit der Krone Neapels
3... Dicht lag es an dem abgesonderten Festungshafen Castellamare ... Ich
erzhlte den Brdern meine Begegnung mit ihrem Vater und fragte nach dem
Resultat ... Sie sehen es, sagten beide zu gleicher Zeit und zu gleicher Zeit
fllten sich beider Augen mit Thrnen ... Abwechselnd, wie nach Verabredung und
doch nur infolge ihrer guten Erziehung und brderlichen Eintracht, sprach immer
der eine und dann erst der andere. Ihr Gemth schien ein einziges Uhrwerk zu
sein. Was auf dem Zifferblatt der eine zeigte, schlug mit dem Glockenhammer der
andere ... Sie erzhlten, da sie wol gewut htten, welchen Kummer sie dem
Vater und der Mutter bereiteten und wie sie des erstern ehrenvolle Laufbahn
unterbrchen. Sie htten aber schon lange keinen freien Willen mehr. Einmal
eingereiht in den Bund des Jungen Italien mten sie vollziehen, was ihnen
befohlen wrde. Die Befehle kmen von London, Malta und Korfu. Nur durch diese
blinde Unterwerfung und gnzliche Gefangengabe seiner eigenen Persnlichkeit
knnte eine groe Zukunft erzielt werden. Italien mte frei von den Fremden,
frei von seinen eigenen Unterdrckern, mte einig werden und eine groe
untheilbare Republik. Ich mochte, weil dieser Wahn zu eingewurzelt schien, ihn
nicht bekmpfen ...
    Wahn? unterbrach die Mutter. Glaubst du, da diese Ceccones, diese
Fefelottis so zittern wrden, wenn sie solche Hoffnungen fr Wahn hielten? ...
Alle Cabinete Italiens frchten sich vor diesen beiden Jnglingen ...
    Die Republik, sagte Benno, ist nur mglich fr Vlker, die in dieser
Staatsform eine Erleichterung fr ihre brige tgliche Sorge, fr eine vom
Gewinn oder von der Furcht gestachelte einzelne Hauptthtigkeit ihres geselligen
Verbandes finden. Sie ist mglich bei einem Volk, das in der Lage ist, sich
tglich vertheidigen zu mssen, wie die Republiken Griechenlands; sie ist bei
leidenschaftlichen und den Erwerb liebenden Ackerbauern, wie in der Schweiz, bei
leidenschaftlichen Industriellen, wie in den Niederlanden und in England, bei
Handeltreibenden, wie in Holland und Amerika mglich. Jede Nation aber, die sich
Zeit zum Trumen lassen darf, die nichts erzielt, nichts hervorbringt, Nationen,
wie sie Sdamerika, Spanien, Italien, selbst Deutschland bietet, sind unfhig
zur Republik ...
    Die Herzogin erwiderte:
    Der Italiener liebt den Gewinn mehr, wie Einer ...
    Italien sind nicht die Gastwirthe! entgegnete Benno und wollte dem Thema
ausweichen ...
    Die Mutter aber hielt es fest und sah in Italien die Republik unter dem
Schutz eines verbesserten Papstthums wieder aufblhen ... Rom beherrscht noch
einmal die Welt! sagte sie. Das erhhte, zur wahren Capitale der Christenheit
erhobene Rom! ...
    Mit oder ohne Jesuiten? ... fragte Benno ironisch ...
    Ein spanischer Jesuit lehrte, es sei erlaubt, Tyrannen zu morden ...
    Ketzerische Tyrannen! ...
    Marco hatte sein Souper beendigt, hatte sich in seinen schwarzen Frack
geworfen und ging lchelnd und schmunzelnd wie ein alter Hausfreund drinnen im
Salon auf und ab ...
    Mutter und Sohn muten schweigen, weil der Alte nher kam, auf die
Blumenterrasse durch die halbgeffnete Thr blickte und fragte:
    Altezza werden nicht mehr auf den Corso fahren -?
    Marco that, als wre es ganz in der Ordnung, wenn man hier jeden Abend ein
gewhltes Souper fand ...
    Hier ist unser Corso -! sagte die Mutter ...
    So will ich die Pferde ausspannen lassen ... blinzelte Marco und ging ...
    Die Pferde waren gar nicht angespannt gewesen ... Ein Miethkutscher in der
Nhe lieferte sie nach Bestellung ... Wurden sie nicht bestellt, so war es eine
kleine Ersparni ...
    Benno, der diese kleinen Manver, die Marco machte, um die Armuth seiner
Gebieterin zu verbergen, mit Rhrung bemerkt hatte, lenkte, da die Herzogin den
Nachtimbi noch etwas verschieben zu wollen Marco nachgerufen hatte, wieder auf
seine Erzhlung ein ... Er schilderte den Eindruck, den ihm die Brder Bandiera
gemacht htten, als einen so nachhaltigen, da er seit jenem Besuch des
Kriegsschiffs in den Interessen dieser jungen Mnner wie in denen seiner
ltesten Freunde lebte ... Ich habe, sagte er, an jungen Bekannten Deutschlands
die gleichen Stimmungen und Ueberzeugungen oft bespttelt und ihnen keine
Lebensfhigkeit zugestanden; aber selten auch fand ich einen idealen Sinn in
solcher Reinheit, eine dem Unmglichen zugewandte Ueberzeugung so fest und als
selbstverstndlich aufrecht erhalten. Diese Brder hatten sich ebenso zu
Kriegern wie zu Gelehrten gebildet. Sie sprachen von den Wurfgeschossen bei
Belagerungen mit derselben Sachkenntni wie von Gioberti's Philosophie. Sie
hatten Ugo Foscolo, Leopardi, Silvio Pellico, alles, was die Censur in
Oesterreich verbietet, in ihr Lebensblut aufgenommen und bei alledem blieben sie
Jnglinge, die wie aus der Mrchenwelt gekommen schienen. Da sie sich unter den
Eindrcken der See, der rohen Matrosen, des zgellosen Hafenlebens so rein
hatten erhalten knnen, sprach fr die Mutter, die sie bildete, fr die strenge
Mannszucht, die der Vater bte ... Den Aeltern, sagten sie, htten sie Lebewohl
sagen mssen fr diese Erde ... Der Vater htte sie anfangs begrt wie -
Schurken. Geschieden wre er von ihnen wie ihr Bundsgenosse. Er wohne jetzt zu
Campanede wie ein Sklave, der nur schon zu alt wre, noch seine, Fesseln zu
brechen. Die Mutter wrde ihm die Freude an seinen wenig genossenen Blumen und
Frchten versen und ihn von seinen jungen Tagen erzhlen lassen, da sie
fnfundzwanzig Jahre mit ihm verheirathet wre und nicht fnf Jahre ihn besessen
htte. Mgen Venedigs Gondeln, sprach Attilio, mit ihren geputzten
Sonntagsgsten, mit ihren Stutzern und Damen unter leuchtenden Sonnenschirmen,
an Mestre vorberfahren und auf Campanede's kleine Huser deuten, wo ihr Vater
wohne - sie wrden nicht lachen, sie wrden ihm - um ihretwillen stille Evvivas
bringen ...
    Ha ragione! sagte die Mutter fest und bestimmt ... Sie hatte keine
Theilnahme fr den Vater, sondern nur fr die Mutter und die Shne ...
    Doch wollte sie diese nicht als Mrtyrer, sondern als Sieger sehen ... Die
Rosse sollten ihnen vom Schicksal so wild und stolz gezumt werden, wie den
olympischen, die sich drben auf dem Monte Cavallo aus des Praxiteles Hand
bumten ... Diese Evvivas, sagte sie, werden bald laut werden und Sieg bedeuten!
...
    Benno zuckte die Achseln ... In seinen Mienen lag der Ausdruck des Zweifels
... Es lag aber auch der Ausdruck der Kmpfe in ihnen, die schon lange in seinem
Innern vor sich gingen ... Er war nie ein Ghibelline gewesen im Sinn der
Bureaukratie Deutschlands wie sein Bruder, der Prsident - aber ein Welfe zu
werden, wie etwa Klingsohr, Lucinde, andere Abtrnnige, widerstand ihm ebenso
... Der Mutter konnte er seine irrenden Gedankengnge nicht mittheilen ... Er
erzhlte nur ...
    Zunchst berichtete er, wie er die Brder auf dem Kriegsschiff tglich
besucht und mit ihnen politisirt und philosophirt htte, bis das Schiff die
Anker lichtete und nach Malta segelte ... Spter, als die Hitze in Sicilien und
bei seinen Wanderungen auf den Aetna zu unertrglich geworden, wre auch er
ihnen nach Malta gefolgt; er htte sie auf dem felsigen Eiland mitten unter den
fr sein Gefhl zweideutigen Elementen der emigrirten Verbannten wiedergefunden
wie zwei Engel des Lichtes ...
    Schreckhaft, fuhr er in seiner Darstellung fort, war die Seefahrt selbst ...
Nach Tagen der drckendsten Hitze sprang das Wetter um und ich erlebte einen
Sturm. Die Kste Siciliens wurde ein einziger Nebelball. Das dunkelgraue, bald
nur noch einem weien Gischt gleichkommende Meer wlzte sich wie von einem
unterirdischen Erdbeben gehoben. Das Schiff, ein englischer Dampfer, sank und
stieg, wie von geheimen Schlnden ergriffen, die es bald hinunterzogen und
wieder ausspieen. Jeder Balken chzte. Der Regen flo in Strmen. Das Arbeiten
der Maschine mehrte unsere Beklemmung, die den Untergang vor Augen sah.
Schreckhaft, wenn nur immer die Rder der Maschine hochauf ins Leere schaufelten
- man fhlte dann die furchtbare Gewalt des Dampfes, der keinen Gegenstand fand
und die Esse htte sprengen mssen. Aber in diesem Toben und Rasen des Sturms
und des Wassers erkennt man die allgemeine Menschenohnmacht und ergibt sich
zuletzt - fast wie der Trger einer Schuld, die gleichsam unser Vorwitz schon
seit Jahrtausenden gegen die Natur auf sich geladen hat. Auf dem engen Lager der
Kajte hingestreckt, erfllte mich zuletzt Seelenruhe, auch wenn in der Nacht
das Schiff auf ein Riff oder ein ihm begegnendes Fahrzeug geschleudert worden
wre. Der Tod infolge einer Naturnothwendigkeit hat, wenn man sich daran zu
gewhnen Zeit bekommt, nichts Schreckhaftes mehr ... Ich erzhle das alles, weil
Aemilio Bandiera ganz ebenso vom Segeln auf den Wogen der Zeit sprach ...
    Die Mutter machte alle mglichen Zeichen der Abwehr und des Protestes gegen
eine solche Ergebung in das Unglck ... Mitgefhl und Aberglaube lagen auf den
gespannten Zgen ihres Antlitzes, das jedesmal, wenn eine edle Leidenschaft es
erregte, einen lichtverklrten Anhauch ehemaliger Schnheit erhielt ...
    Attilio setzte hinzu, fuhr Benno fort, bei solchen Schrecken stnden soviel
unsichtbare Engel zur Seite und fingen den Streich der Nothwendigkeit auf und
soviel, Tausende riefen: Uns ging es ja ebenso! ... Oft, wenn ich mit den
Brdern auf dem Molo von La Valette spazieren ging, rings das weite Meer wie
nach beruhigter Leidenschaft in lchelnder Majestt lag, wenn ich mich in allem
erschpft hatte, was die Geschichte und die gesunde Vernunft gegen die
italienische Form, die Freiheit der Vlker zu erringen, lehrten - antworteten
sie: Das mag auf euch passen, aber nicht auf uns! Und auch auf euch pat es nur
den Mnnern, nicht der Jugend! Die Jugend und ein unreifes Volk folgen der
Ueberlegung nicht, sondern dem Instinct. Wir wissen, da unsere Einflle, die
wir da oder dort in das Erbe der Tyrannen machen, noch scheitern mssen. Aber
weit entfernt, da sie darum dem Spott unterliegen, lassen sie immer etwas
zurck, was dem nchstfolgenden Versuch zugute kommt. Immer ist wenigstens Ein
heroischer Zug, Ein berraschender kleiner momentaner Erfolg vorgekommen, der
dann fr den nchsten Versuch ermunternd wirkt; man hatte ein Schiff, einen
Thurm erobert, es waren einige der Gegner gefallen - Wenn Sie Recht haben
sollten, da die Freiheit immer nur eine Folge eines andern historischen groen
Impulses ist - wie Graf Cesar Balbi lehrt, der fr Italien erst den Untergang
des osmanischen Reichs als erlsend betrachtet - so mu fr eine solche
mglicherweise eintretende Krisis die Gesinnung vorbereitet sein. Wir mssen
diese Aufstnde, so nutzlos sie scheinen, nur allein der Anregung wegen machen.
Sie werden noch lange Jahre hindurch scheitern, manche Kugel wird noch die
Besiegten mit verbundenen Augen in den Festungswllen niederstrecken, manches
Haupt wird auf dem Henkerblock fallen: das thut nichts; alles das hlt nur die
Frage wach und bereitet vor fr ihre knftige Entscheidung ...
    Die Mutter horchte voll Grauen ...
    Als ich entgegnete: Lehrt durch Schriften und Gedanken! - lachten beide und
erwiderten: Italien und ein Kind begreifen nur durch Beispiele! Der Buchstabe,
Dank der langen Beschrnkung desselben, kommt unserm ungebildeten, wenn auch
geistesregen Volk nicht bei; hier will man sehen, hier mit Hnden greifen, die
Wundenmale berhren! Von den Jesuiten erzogen, wird dies Volk belehrt, da die
Patrioten lcherlich und schwach wren. Aber das Beispiel eines Aufstands in
Genua oder Sicilien oder in der Romagna mu deshalb auf einige Tage das
Gegentheil beweisen. Italien bewundert Ruber um ihres Muthes willen! ergnzte
Attilio. Was ist der Tod! fiel Aemilio, der jngere, wieder ein. Schreckhaft
nur, wenn man im Leben Dinge verfolgt, die sich ausschlielich an unsere eigene
Person knpfen. Aber schon der Krieger gewhnt sich und sogar im Frieden durch
die Tausende, die mit ihm in gleicher Lage sind, von seinem Ich als einem vllig
Gleichgltigen zu abstrahiren. Einer da mehr oder weniger - wen darf das
schrecken! Vollends, sprach der ernstere und ruhigere Attilio, wenn man die
Philosophie zu Hlfe nimmt! Die Erde ist ein Atom im Weltgebude; diese Luft,
diese Gestirne, diese Welten, diese Bume, diese Menschen sind nur Schatten
eines andern wahren Seins, das mit unzerstrbarer Gttlichkeit ber dieser Welt
der flchtigen Erscheinungen thront! ...
    Die Herzogin erhob sich, berwltigt von den angeregten Empfindungen ... Sie
wollte, wenn von Italien die Rede war, nur vom Siege, nur von Krnzen des
Triumphes hren ... Der Tod ist nur fr die Feigen da, fr die Tyrannen! rief
sie ...
    Auch Benno war in hchster Erregung aufgestanden ... Auch durch seine Adern
pulste das Blut in mchtigerer Strmung ... Nach einigen Gngen hin und her auf
der dunkelgewordenen Altane beruhigte er sich und fuhr leiser sprechend fort:
    Ich blieb lnger auf Malta als meine Ueberlegung htte gestatten sollen ...
Die liebenswrdigen jungen Mnner, mit denen ich auch ber Deutschland, ber
unsere Dichter und Denker so gut wie ber Italien sprechen konnte, fesselten
mich zu lebhaft. Ich wute nicht, um was ich sie mehr lieben sollte, ob um ihrer
Freundschaft und brderlichen Eintracht willen oder um einen sich so
bewundernswerth ruhig gebenden Fanatismus. Was nur Schnes in der Menschenbrust
leben kann, das hatten diese Jnglinge sich zu erhalten und auszubilden gewut.
Die Schilderung der Sternennacht auf den Lagunen Venedigs, in der sie nach ihrer
von London erhaltenen Weisung beschlieen muten, zu Verrther an ihren nchsten
Lebenspflichten, an ihres Vaters Ehre, an ihrer eigenen, am Herzen der Mutter zu
werden, war erschtternd - Sie erzhlten, da sie unschlssig gewesen wren, ob
sie sich nicht selbst erschieen sollten ... Ich nannte im Gegentheil das
Martyrium unserer Zeit: Sich dem nicht entziehen, worauf uns Geburt, Stellung
und das Vertrauen der Menschen angewiesen haben! ... Mglich, da ich dies Axiom
zu sehr von Priestern entnahm, die unter dem Druck ihrer Gelbde leben mssen
und sie nicht brechen wollen - aus Furcht, einer Sache zu schaden, die sie in
ihrem Wesen lieben ... Mit einem Wort - ich lie ein Herz voll Freundschaft in
Malta zurck ... Auch voll Dankbarkeit ... Das felsige Eiland fesselte mich mit
seinen geschichtlichen Erinnerungen lnger, als ich htte bleiben sollen; bald
bildeten sich unter den Flchtlingen zwei Parteien; eine, die das Vertrauen der
Brder Bandiera zu mir theilte, eine andere, die mich fr einen Spion erklren
wollte. Meine Kurierreise von Wien war bekannt geworden und sprach gegen mich.
Ich fing an mich vertheidigen zu wollen und, wie in solchen Fllen es geht,
verwickelte mich dadurch nur desto mehr. Ich frchtete Concessionen zu machen,
die ber mein noch nicht reifes Nachdenken ber diese Fragen hinausgingen. Die
Mischung der Charaktere, die ich antraf, war abenteuerlich genug. Kaum waren
reine und consequente Gesinnungen unter Menschen vorauszusetzen, unter denen ein
wankelmthiger, schwacher, aus Furcht vor seiner Schwche wieder tckisch
gewaltsamer Mensch wie Wenzel von Terschka eine Hauptrolle zu spielen scheint
...
    Auch Pater Stanislaus war zugegen? ... wallte die Mutter erschreckend auf
...
    Nicht in Person - er dirigirt von London aus ...
    Wo er dein Nebenbuhler ist - ...
    Lucinde hat dich gut unterrichtet! ... sagte Benno ... Da sprach sie sicher
auch von Thiebold de Jonge? ...
    Auch von ihm ...
    Thiebold wurde die Ursache, da ich endlich von Malta und den immer
bedenklicher gewordenen Verpflichtungen aufbrach ... Mein Freund war nach
Italien gekommen und wartete auf mich in Robillante ... Wenn ich dir die
Versicherung gebe, da Thiebold de Jonge zwar das nrrischste Italienisch
spricht, aber das beste Herz von der Welt und eine Freundschaft fr mich hat,
wie sie nur die Brder Bandiera gegeneinander besitzen, so wirst du mir
vergeben, wenn ich ihn zum Vertrauten - meiner ganzen Lebenslage gemacht habe
...
    Die Mutter horchte auf ...
    Noch mehr! fuhr Benno fort. Ich habe nur im vollen Einverstndni mit ihm
gewagt hierher zu reisen und einen Plan zu verfolgen, der - mir - eine Sache des
Herzens war ... Indessen - jetzt ...
    Welchen Plan? fragte die Mutter, noch immer der letzten Aufklrung harrend
...
    Marco meldete sich im Ezimmer mit dem Geklapper seiner Anrichtungen ...
    Benno sprach leiser:
    In so hastiger, vllig unberlegter Eile hat mich die Freundschaft fr die
Brder Bandiera hergefhrt ... Nachdem ich Malta verlassen, blieben sie mit mir
im Briefwechsel ... Ich kann sagen, es sind die ersten Mnner, die mir im Leben
nchst meinem Freund Bonaventura imponirten. Selbst wo ich ihre Ansichten
verwerfen mu, rhren sie mich. Ich ordnete mich ihnen schon in Sicilien unter
... Ich mchte diese herrlichen Jnglinge ebenso meinem Leben, wie dem Leben der
Menschheit erhalten; ich mchte sie dem Vater, der Mutter erhalten, ihnen, die
zwar uerlich tief gebeugt und voll Demuth an den Ufern der Lagunen wandeln,
innerlich aber doch ihren Stolz auf die Knaben behalten haben - ... Mein Gott!
Die Stunden der armen Unglcklichen sind gezhlt - ...
    Wie? Warum? ... rief die Mutter ...
    In wenig Wochen vielleicht schon - flsterte Benno ...
    Ein Aufstand?! fuhr die Mutter empor und hielt Benno's Hand mit ihrer
eigenen krampfhaft ausgestreckten Rechten ...
    Ein umfassend vorbereiteter! sprach Benno leise ... Es gilt Rom selbst! Der
Herrschaft Ceccone's! Der Einschrnkung dieses freiheitsfeindlichen Papstes ...
Man erwartet Mazzini in Genua, Romarino in Sardinien, erwartet einen Aufstand in
Sicilien ... Die Brder Bandiera sind von Malta aufgebrochen ... Sie lieen
zweifelhaft, wohin sie gingen ... Einige ihrer Freunde waren weniger
gewissenhaft ... Sie dirigirten Flchtlinge, die ber die Alpen aus der Schweiz
kamen, nach Robillante ... Unter mancherlei Gestalten, als Pilger, als Mnche
reisen sie vorzugsweise nach der adriatischen Kste der Romagna ... Dort, bei
Porto d'Ascoli, dort, wo seltsamerweise jener Pilger und der deutsche Mnch
verschwunden sind, soll alles vorbereitet sein zu einem Handstreich ... Die
Brder Bandiera werden eine Landung befehligen ... Ancona, Ravenna, Bologna
werden von den Verschworenen an einem und demselben Tage berfallen werden ...
Der Erfolg kann meiner Ueberzeugung nach kein glcklicher sein ...
    Warum nicht? rief die Mutter.
    Die Brder werden in die Hand Ceccone's fallen ....
    Nimmermehr! ...
    Sie werden das Schaffot besteigen ... Die Fhrer all dieser Aufstnde des
Jungen Italien sollen, das ist die gemeinschaftliche Verabredung der
betheiligten Cabinete, auch des Cabinets der gekreuzten Himmelsschlssel, den
Tod durch Henkershand erleiden ...
    Jesu Maria! rief die Mutter ...
    Ich sehe diese edeln Jnglinge das Schaffot besteigen! ... Das ist die
Angst, die mich nach Rom gefhrt hat ...
    Die Mutter strzte an den Hals ihres Sohnes ...
    Nun hatte sie die Ursache, warum Benno wnschte, sie wre bei Olympien und -
Olympia begrte ihn noch mit ihrer frhern Neigung ...
    Benno hatte gehofft, so den Brdern Bandiera das Leben retten zu knnen ...
    Marco! Einen Augenblick! La doch! La doch! rief die Mutter in den Salon
und warf die Glasthr zu ...
    Als sie mit Benno auf der Altane abgeschlossen war, warf sie sich ihm
wiederum mit Ungestm an die Brust ...
    Ich Olympien zrnen! sprach sie. Nimmermehr! Wenn du ihrer bedarfst, so hab'
ich nichts von ihr erduldet! La sie mich mit Fen getreten haben - wenn sie
dich nur liebt, wenn sie deinen Wnschen nur Erhrung gibt - Jesu Maria, nur
diese Shne Italiens vor dem Henkersschwert bewahrt ...
    Benno stand gedankenverloren ...
    Die Mutter fuhr fort:
    Ich wei es, Ceccone brtet furchtbare Dinge ... Er mu es thun ...
Fefelotti, das Al Ges, der Staatskanzler, seine eigene Liebe zur Macht treiben
ihn dazu ... Aber - sei ruhig, mein Sohn! ... La Olympien in deinen Armen
ruhen! La sie die Hnde zu deinem stolzen Nacken erheben ... O sie sind zart,
diese Hnde ... Sie mordeten - nur Lmmer ... Olympia ist ein Kind! Noch jetzt!
Noch jetzt! ... Vielleicht, da du, du sie zum Guten erziehst! Vielleicht, da
du mit deinem Liebesku das Eis ihres Herzens aufthaust! ... Sie kann schn
sein, wenn sie liebt! sagt' ich dir schon in Wien ... Sie kann vielleicht auch
gut sein, wenn sie liebt! ... Mein Sohn, habe Muth, vertraue! Wir Frauen sind
alles, was ihr aus uns macht! ... Fliege hin zu ihr, hre das Jauchzen ihrer
gestillten Sehnsucht, fhle die Glut ihrer Zrtlichkeit, sei, sei, was sie will
-! ...
    Es ist zu spt -! erwiderte Benno ...
    Um meinetwillen zu spt? fuhr die Mutter fort und raunte ihm ins Ohr: Ich
beschwre dich ... Ich habe dich hier nie als einen Rcher fr mich erwartet ...
Pah! Attilio Bandiera hat Recht: Was sind unsere Personen! ... Das Vaterland ist
die Losung ... Sollen diese Jnglinge, deine Freunde, die Hoffnungen Italiens
verderben -? ... Nimmermehr! ... Ein Ku von deinem Munde und Olympia zerreit
alle Todesurtheile! ...
    Benno strich sich das Haar in wildester Erregung ... Seine Augen glhten ...
Seine Brust hob sich ... Der Raum der Altane war zu eng fr das mchtige
Ausschreiten seines Fues ...
    Ist es denn aber auch gewi, fragte die Mutter leise, gewi, da diese
Invasion bevorsteht? ...
    Die Kste der Adria ist reif zum Aufstand! flsterte Benno ... Die
Zollbedrckungen Rucca's sollen unertrglich sein ... Die achtbarsten Kaufleute
arbeiten der Insurrection in die Hnde ... Und hier in Rom -
    Zwlf Logen gibt es hier! ... fiel die Mutter ein ...
    Benno schwieg ... Er schien mehr zu wissen, als er sagte ...
    Die Brder Bandiera, fuhr die Mutter fort, sind, wenn ihr Beginnen scheitert
und sie nicht fallen oder entfliehen knnen, nicht anders vorm Tode zu retten,
als durch Olympia ... Ich wei es, selbst die Hand des Heiligen Vaters scheut
das Blut der Rache nicht mehr fr die, die die dreifache Krone antasten - Auch
das zweischneidige Schwert Petri ist gezckt - La alles! Geh' zu dem jungen
Rucca! Verstndige dich mit deinen wiener Freunden - Auch mit Lucinden! Kenne
mich nicht mehr in Rom! ... Ich verlange es! ...
    Benno stand, immer in dumpfes Brten verloren ...
    Ich verlange es! wiederholte die Mutter ... Wei ich dich nur in meiner
Nhe! Kann ich deine Stirn nur zuweilen kssen! ... La mich, mein Sohn - Du
fhlst wie ein Sohn meines Landes! Das macht mich allein schon glcklich! Benno
- Soll ich so dich nicht lieber nennen - nicht Csar? ... Wage du dich nicht
selbst an Dinge, die mich um das Glck deiner Liebe bringen mssen ... Oder -
doch? ... Thu, wie du mut! Nur geh' morgen zum jungen Rucca, den du - in Wien
vorm Tode durch einen Elefanten rettetest ... Dein Name, dein Anblick wird
Wunder wirken ... Ich kenne Olympiens verzehrende Sehnsucht ...
    Nach den Begriffen des italienischen Volks ist Gre der Empfindung mit List
vollkommen vereinbar ... Wie ihr mir, so ich euch! lautet die Moral des Sdens
... Die Herzogin schilderte die Lcherlichkeit des jungen Ercolano Rucca, sein
Prahlen mit jenem Angriff eines Elefanten auf ihn, die Sehnsucht, die er noch
immer nach dem Besttiger seines Muthes aussprche, seine Sorglosigkeit Olympien
gegenber, die bald ber sie gekommene Langeweile, die sie vorlufig im Gebirge
in Reformen der Ackerwirthschaft austobe ... Zwar wre sie auf die Grille
gekommen, den ehemaligen Pater Vincente, von dem ich dir in Wien schon erzhlte,
sagte sie; zum Cardinal zu erheben und ihn jetzt wie ihre Puppe zu behandeln,
die sie schmckt ... Aber dein erster Gru lscht alle diese Flammen aus - ...
    Im Lauf der sich berstrzenden Schmeichel- und Ermuthigungsreden der Mutter
bemerkte Benno:
    Von diesem Vincente Ambrosi hab' ich in Robillante seltsame Dinge gehrt ...
Jener Eremit von Castellungo bekannte sich zu den Lehren der Waldenser, die das
erste apostolische Christenthum besitzen wollen ... Eine zahlreiche Gemeinde
bildete sich ... Zu ihr gehrte ein junger Zgling des Collegs von Robillante,
der sich zum Priester bilden wollte. Die Lehren des Eremiten zogen ihn an ...
Oft soll er Tage und Nchte bei ihm im Walde zugebracht haben. Die Gesetze
verbieten aufs strengste den Uebertritt zu den Waldensern. Eines Tags verschwand
der junge Ambrosi und war Franciscaner geworden ... Man schickte ihn zu seiner
weitern Ausbildung nach Rom. Seine dortigen Schicksale erzhltest du ...
Ueberraschend ist es, da mancher in Robillante glaubt, er htte sich durch sein
Bu- und Leidensleben nur einem von jenem Eremiten ihm ertheilten Auftrag
unterzogen und stnde noch jetzt mit ihm in Verbindung ...
    Die Herzogin hrte nichts mehr ... Sie war zu erfllt von der einzigen
Nothwendigkeit, da Benno zu Olympien mte ... Sie blieb bei ihrem Wort:
    Olympia lt von allen, wenn du erscheinst! ... Du bleibst der Sieger! ...
    Wenn sich Benno im Lauf dieser Ermunterungen und Versicherungen allmhlich
scheinbar fr berwunden erklrte, ja sogar dem Ernst seiner Mienen einige
Streiflichter des Scherzes folgen lie, so war ein Gedankengang daran schuld,
den die Mutter nicht sofort verstehen konnte ... Er sagte, mit dem Kopf nickend:
    Bin ich nicht glcklich? ... Ich habe eine Mutter, die mich verzieht und mir
gegen alles Verdienst schmeichelt; einen Bruder, der mir bei Torlonia einen
Creditbrief offen hlt, von dem ich dir die Pension Ceccone's verdoppeln zu
knnen hoffe; einen Oheim, der mich und Bonaventura zu seinen Erben macht, wenn
auch Frau von Glpen bis an ihr Lebensende, die Nutznieung seines Vermgens
behlt; dann hab' ich in meinem jungen Leben schon vier wahre Freunde gefunden,
Bonaventura, Thiebold, Attilio, Aemilio ... Nun hre noch dies, Mutter! Ich
wollte nicht bermthig sein ... Ich wollte mich in die Strudel des Wiedersehens
der jungen Frstin mit Vorsicht wagen ... Hatten wir Stunden der Trauer zu
erwarten, mein Freund Thiebold de Jonge sollte uns Erheiterung bringen ... Das
Idol seines Herzens - schon einmal hat er es mir geopfert ... Und auch jetzt
wollte er meinem Gewissen einen tapfern Beistand leisten ... Mit einer
Gemthsruhe, die nur verstndlich ist, wenn man die persnliche Bekanntschaft
dieses nrrischen Menschen gemacht hat, sprach er, als er meinen Kampf und die
Furcht sahe, mich nach Rom zu begeben: Bester Freund - - ...
    Noch hatte Benno das Lieblingswort Thiebold's: Ich kann mich vollkommen auf
Ihren Standpunkt versetzen nicht ausgesprochen, als es drauen heftig klingelte
...
    Wer strt uns! rief die Herzogin, stand auf und wollte Befehle geben, die
sie fr niemand anwesend sein lieen ...
    Schon aber klingelte es zum zweiten mal ...
    Mutter, sagte Benno, das kann nur mein strmischer Freund sein! An dieser
kurzen Pause zwischen dem ersten und zweiten Klingeln erkenn' ich Thiebold ...
Gegen alle Verabredung hat er sich versptet ... Ich ging zu Land, er den kurzen
Weg ber Genua zu Wasser - ...
    Man hrte die laute Stimme eines radebrechenden Fremden, der nach Ihrer
Hoheit der Herzogin von Amarillas verlangte ...
    Er ist es! sagte Benno ... Ich bin wenigstens froh, da er noch am Leben
ist! ...
    Die Mutter wute, da der alte Marco die Gewohnheit hatte, vertraute
Gesprche seiner Gebieterin nicht zu unterbrechen ... Sie wute, da er solche
Strungen mit vllig unklarem Bewutsein, ob Altezza zu Hause wre oder nicht,
zu beantworten pflegte ... So kam er auch jetzt mit einer fragenden Miene ...
Aber kaum sah er: Willkommen! im Antlitz seiner Gebieterin, so war er auch schon
wieder drauen und mit den heitersten Scherzen hrbar ... Die gute Laune kam
wieder, da er sah, es fing um seine Gebieterin an lebhafter zu werden ...
    Thiebold de Jonge trat ein ...
    Er sah aus wie ein Ruberhauptmann ... Nur mit dem Unterschied, da dieser
einmal gelegentlich, etwa zum Behuf einer ihm von Aerzten vorgeschriebenen
Badereise, eine elegantere Toilette gemacht hat ... Sonst konnte er von seiner
Verwilderung kein Hehl machen ... Die Gesichtsfarbe war braun wie ein
kupferner Kessel ... Sein Bart wie die Mhne eines Lwen ... Sonst trug er sich
vom Kopf bis zum Fu in Nankingstoffen ... Auf dem weiausgelegten Hemd von
bielefelder Leinwand blitzte eine Brustnadel von Diamanten, die abends jedem
Ruber eine Aufforderung zu einem khnen Griff erscheinen durfte ... Weste,
Pantalons, gefirnite Stiefel, alles war von jener Fashion, die dem Modejournal
und den heimatlichen Gewohnheiten entsprach ... Mindestens glich er bei alledem
doch einem Schiffscapitn, der zweimal die Linie passirte ... Mit einem
Gemisch von Worten, das wahrscheinlich bedeutete: Ich mu tausendmal um
Entschuldigung bitten, Frau Herzogin!
    kam er ber die Schwelle des Salons gestolpert ... Noch taumelte das kaum
verlassene Schiff mit ihm ... An seinem Strohhut, den er, wie er Benno
zuraunte, in erster Verlegenheit zerdrckte, flatterten zwei rothe Bnder, wie
am Hut eines Matrosen ... Seine Corpulenz hatte zugenommen ... Bei alledem war
er anziehend und fr Italien als Blondin doppelt interessant ...
    Seinen Freund Benno noch in der Hauptsache ignorirend, radebreche er, immer
zur Herzogin gewandt, da er eben angekommen wre und seinen Freund aufgesucht
und dessen Spur bei Piazza Sciarra und endlich auf dem Monte Pincio aufgefunden
htte ... Bitte, Hoheit, ich bin nur da, um ihm meine Adresse, die auf ein vis 
vis seiner Wohnung lautet, zu bringen oder etwa eine Verabredung fr morgen zu
treffen oder falls Hoheit heute Abend noch Befehle htten, sie auszufhren - Ich
werde berhaupt in Rom lieber Eurer Hoheit, als einem Menschen folgen, der mir
den Weg ber Genua angerathen hatte, ohne zu wissen, da die Dampfschiffe von
Genua nicht auf Passagiere warten, die sich von wunderbaren Kaffeehusern und
Hotels in Nizza und Genua nicht gut trennen knnen ... So bin ich aus
Zerstreuung in Genua sitzen geblieben und wider Verabredung um fnf Tage zu spt
gekommen, hoffe indessen, da der von meinem Freunde beabsichtigte Feldzug auch
ohne die Tranchen, die ich - ...
    Dies schwierige Bild aus der Kriegstaktik auszufhren scheiterte nicht
gerade an Thiebold's Sprachkenntnissen, wol aber an seinem Gedchtni ... Er
hatte seine Rede italienisch gehalten und auswendig gelernt ... Die Ehren, die
er der Herzogin lie, waren ungefhr die, die er etwa in Deutschland einer
regierenden Landesmutter von Braunschweig oder Nassau htte erweisen mssen ...
    Die Herzogin reichte dem nrrischen Signore Tebaldo die Hand und bat ihn,
sogleich zum Souper zu bleiben ... Sie klingelte, lie ihr kleines Mahl
anrichten, trat am Arm Tebaldo's in ein Ezimmer, wo die kleine Tafel sinnig
geordnet war, und fand sich in ihn so gut, als htte sie ihn seit Jahren gekannt
... Das Gefhl, in ihm einen Mitwisser des Geheimnisses zwischen ihr und Benno
zu sehen, durfte sie nicht stren; Signore Tebaldo war nur durch die ihm nicht
gelufige Sprache und die Anwesenheit der Diener verhindert, sofort jeden Zwang
als bei ihm vllig berflssig zu bezeichnen und die Sachlage und die
vollendete Thatsache und berhaupt alles auf seine natrlichen
Voraussetzungen zurckzufhren ... Sein Sprachgemisch, zu dem sich als letzte
Aushlfe Franzsisch gesellte, sein Benehmen gegen Benno, die Art, wie er die
Terrasse himmlisch und stellenweise die drei Treppen belohnend fand, die
Kritik des khlen Speisesaals, die Leichtigkeit, mit der er seinen Stuhl
ergriff und die entzckende Natur Italiens, selbst mit radicaler
Unertrglichkeit solcher Strecken wie von Civita-Vecchia bis hierher, die
Einfachheit der Sitten, die Frugalitt der Soupers - mit Ausnahmen -
anerkannte, Roms Trmmerwelt als einen das Auge mehr oder weniger beleidigenden
polizeilichen Skandal der Jahrhunderte bezeichnete, alles das hatte etwas so
Vertrauenerweckendes und ber jede Schwierigkeit sogleich Hinwegsetzendes, da
die Herzogin nicht die mindeste Scheu vor ihm empfand ... Zwischen eine
Erzhlung ber seine Reiseabenteuer von Robillante bis hierher und die ersten
Erfahrungen in einem rmischen Hotel, das er sofort verlassen htte, weil der
erste Cameriere sich gegen ihn das Benehmen eines Ministers erlaubt htte,
lie er bei Abwesenheit der beiden Diener die khn stilisirten Worte fallen:
    Altezza, anch' io suon un' filio perduto, ma ritrovato! ... Auch ich hab
'nmal eine Mutter gehabt, die in einem Zeitalter gestorben ist, von dem ich mir
nur noch eine dunkle Erinnerung bewahrt habe! Jedoch an jedem Sterbetag der
frhvollendeten Dulderin hab' ich mit dem alten Mann, meinem Vater, eine Messe
fr sie lesen lassen und ging in die Kirche, was sonst meine Gewohnheit weniger
ist ... Gott, das sind jetzt zwanzig Jahre her und oft hat mich schlechten
Menschen diese Gewohnheit genirt. Aber ich that's um meines Vaters willen. So
lang' ich lebe und es noch Kirchen gibt, setz' ich diese Gewohnheit fort an
jedem vierzehnten October, Tag des heiligen Burkard, vorausgesetzt, da unsere
Kalender stimmen, Hoheit! ... Ich bin nicht ganz so aufgeklrt, wie mein Freund
da - Asselyn. Ich kann Ihnen, wenn Sie es wnschen, Herzogin, auf jede Hostie -
selbst eine wunderthtige - beschwren, da ich mir die Ehre, Mitwisser Ihres
brigens lngstgeahnten Geheimnisses zu sein, durch eine Discretion verdienen
werde, die Ihnen mglicherweise selbst auf die Lnge peinlich werden drfte! ...
Unglaublich! Wirklich - der Kronsyndikus -! Na, wissen Sie, Benno, wie wir
damals bei dem Leichenbegngni - ... Doch kein Wort! ... In der Kunst, sich
dumm zu stellen, hab' ich die Vortheile voraus, die einem gemeinschaftlichen
Freund von uns zugute kamen, der eines Tags die Entdeckung machte, da durch
systematisches Ignoriren sich am besten die Ignoranz verdecken lt! ... Bruto e
muto! ... So wahr wie -
    Marco's Kommen unterbrach einen, wie es schien, auf Haarstrubendes
berechneten Schwur ...
    Die Herzogin verstand aus den franzsischen Beimischungen seiner Rede, was
er andeuten wollte, und Benno kte die Hand der Mutter - Thiebold bat um die
gleiche Gunst ... Die Glckliche sa, wie sie sagte, wie die Perle im Golde ...
    Marco schien ihr alles das von Herzen zu gnnen ... Er sah auf nichts, als
auf die Leistungen seiner Kochkunst ...
    Die trauervollste, ernsteste Stimmung mute durch Thiebold de Jonge immer
mehr gemildert werden ...
    Thiebold erzhlte, bald italienisch, bald deutsch, bald franzsisch und noch
fter Benno zum Uebersetzen veranlassend, von einem aus Paris von Pitern
vorgefundenen Brief ... Er verbreitete schon damit ber die Zge der Herzogin
den Ausdruck einer Heiterkeit, die sie seit Jahren nicht gekannt hatte ...
Thiebold's Humor hatte die seltene Eigenschaft, beim Scherz dem etwaigen Ernst,
der eingehalten werden mute, nicht im mindesten seine Wrde zu nehmen ... Jede
vom ab- und zugehenden Marco und seinem Genossen, der eine stattliche Livree
trug, gelassene Pause, benutzte er, die Saiten zu berhren, die in Benno's
Innern zu mchtig nachbebten ... Wie wuchs die Verehrung vor ihrem Sohn, als die
Mutter sah, da Benno solche Freunde gewinnen konnte ... Thiebold uerte in
noch verstrkterem Grade die Besorgni, die Benno ber das Schicksal der beiden
Mnner hatte, die ihm so werth geworden ... Er theilte unbekannterweise ganz
diese Sympathie fr die Gebrder Bandiera - ohne allen Neid ... Er sah eine
Sorge im Gemth des Freundes und suchte ihr abzuhelfen; das war ihm Aufgabe
genug ... Ohne selbst Politik zu treiben, konnte er sich dergleichen
Wahngebilde von einem fremden Standpunkt aus vollstndig erklren ... Es war
der immer gleiche Trieb der Geflligkeit, der in Thiebold's Herzen so
freundliche Wirkungen hervorbrachte. Dieser Trieb verband sich mit dem
behaglichen Gefhl seiner sorglosen Lebenslage, seiner reichlichen Mittel,
vorzugsweise dann freilich auch - mit dem ungewissen Halt seiner eigenen
Bildung. Sah er kluge Leute von einer Sache interessirt, so war er selbst klug
genug, ihren Meinungen vollstndig Rechnung zu tragen ... Italien und Rom
waren nun einmal da ... Die Interessen dieses berhitzten und in einem
sdlichen Klima gelegenen Landes waren ebenso abzuwarten, wie der Hemmschuh des
Vetturins ... Vollends war die Guillotine kein Spa߫ ... Thiebold besa jene
seltene Toleranz, die eine fremde Welt um so mehr achtet, je weniger sie davon
versteht ...
    Nur schade, da die Herzogin der neuerfundenen Mischsprache Thiebold's
nicht immer folgen und so recht die Gegenstze und Natrlichkeiten genieen
konnte, die in dieser empfnglichen Seele zu gleicher Zeit Platz hatten ...
    Die Nacht war herniedergestiegen ... Millionen Sterne funkelten am dunkeln
Himmel ... Auf der Altane, auf die man nach dem Souper, dem sogar Champagner
nicht fehlte, zurckkehrte, brannte eine Lampe ... Drei so traulich Verbundene
saen unter dem Duft der Blumen und in dem ganzen Zauber sdlicher Natur, der
sich selbst beim nchtlichen Gewirr der Stdte nicht verliert ... Glocken
luteten; die Luft, die nach dem Untergang der Sonne anfangs khl geweht, hatte
wieder ihre alte Weiche gewonnen; die Lampe warf geheimnivolle Reflexe in das
tiefdunkle Grn der hohen Zierpflanzen und zog schwirrende kleine Kfer an, die
in ihr eine lichtere Schlummersttte zu finden glaubten, als die Orangen- und
Granatenblten, in deren Kelchen sie schon gebettet lagen ... So erliegen wir
den Ausstrahlungen hherer Ziele, die ein Gesetz unserer schwachen, dem Irrthum
unterworfenen Natur rastlos uns auch dann noch suchen lt, wenn wir uns schon
lngst htten gengen sollen ...
    Benno und die Mutter knpften an die frhere, von Thiebold unterbrochene
Stimmung an ... Thiebold konnte nun selbst das sagen, was eben Benno als seine
Hlfe in der mglicherweise verhngnivollen Wiederbegegnung mit Olympien hatte
berichten wollen ...
    Ja - Armgart -! seufzte Thiebold ... Wir lieben ein und dasselbe Mdchen,
Hoheit, und lngst hab' ich entsagt zu Gunsten meines Freundes. Ich beanspruche
nur noch bei ihm Pathenstelle ... Seine Gromuth lehnt nun freilich mein Opfer
ab und darin hat er Recht: Der Gegenstand unserer Liebe neckte einen mit dem
andern ... Diese Cigarrentasche, die von ihr ist - sehen Sie, Hoheit, diese so -
mangelhafte Arbeit - deutet auf eine Berechtigung, das Andenken der Geliebten
gleichsam zur Lebensgefhrtin machen zu drfen, whrend mein Freund einen
Aschenbecher erhielt, ein Mobiliar, das sich nur in den vier Wnden benutzen
lt ... Er verga es in Robillante - ich hab's mitgebracht, lieber Freund - ...
Andererseits knnte damit freilich das Princip der Huslichkeit angedeutet sein
... Genug - sei dem, wie ihm wolle und wie sehr wir besorgen mssen, da eine
raffinirte Natur wie die des Ex-Paters Stanislaus mit Hlfe der so fanatisch
lichtfreundlichen Aeltern uns beide aus dem Felde schlgt, ich habe meinem
Freund als einzigen Ausweg aus dem Labyrinth seiner mglichen Verirrungen mit
Frstin Rucca den Ariadnefaden meiner eigenen Liebe zu ihr vorgeschlagen ...
    Die Herzogin begriff nicht ...
    Altezza! Ich kenne berraschende Wirkungen der blonden Haare in Italien!
unterbrach Thiebold Benno's Erluterung ... Ich habe haarstrubende Erfolge
erlebt! Ich werde noch mehr gewinnen, wenn ich Fortschritte in dieser verdammten
- gttlichen Sprache mache, die mich beschmend genug an mein altes Latein -
Secunda - erinnert ... Ich liebe die Frstin Rucca bereits bis zur Narrheit! Ich
werde Benno's Erfolge paralysiren ...
    Die Herzogin fragte nach dem Sinn dieser Worte und fixirte den Sohn, den
Thiebold nicht aufkommen lie ...
    Es ist dies: Ich, ich liebe Grfin Olympia Maldachini bereits aus dem Garten
von Schnbrunn, schon aus der Menagerie im Prater ... Die Erzhlungen ber sie
wirkten so auf mich, da ihr die Wahl zwischen mir und Benno unmglich werden
soll ... Schon vor fnf Tagen sollt' ich im Palazzo Rucca meine Karte und einen
Empfehlungsbrief von Benno an den jungen Elefantenkmpfer abgegeben haben ...
Nun ist es spter geworden und der Frst ist auf dem Lande ... Ich reise morgen
in erster Frhe nach Villa Torresani, auch nach Villa Tibur, wo Lucinde wohnt,
im Widerspruch mit allen, die sie verdammen, bekanntlich eine leidenschaftliche
Neigung von mir ... Scherz bei Seite, Hoheit, die Schilderung der Persnlichkeit
der Frstin Olympia hat mehr, als meine Neugier erregt. Grner Teint, blaue
Haare, Wuchs bis Benno's Taille - ich werde Lucinden sofort Erklrungen machen
und um die Vermittelung meiner Wnsche bitten. Ich mag diese kleinen Figuren!
Armgart ist auch nicht gro. Ich werde der Frstin zeigen, was bei uns in
Deutschland schwrmen heit. Wei ich dann auch, da mich die sptere Ankunft
Benno's, die ich in Aussicht stelle, aus dem Sattel heben wird, so werd' ich
doch sein Schicksal so lange durchkreuzen, aufhalten und nur ber meine Leiche
hinweg ihn zum Sieger ber diese gebietende Gttin des Kirchenstaates werden
lassen, da darber das Schicksal der Gebrder Bandiera sich entschieden haben
drfte ... Ich wei nicht, ob ich deutlich gewesen bin, Hoheit? ...
    Die Mutter begriff halb und halb und sah lachend auf Benno, der eine
abwehrende Miene machte ...
    O, fuhr Thiebold auf, ich wei durchaus nicht, ob es nach genommener
Verabredung ist, da mich mein Freund Asselyn hier in unserm Plan durch ein
ironisches Lcheln untersttzt! ... In Robillante waren wir einig: Wir wagen uns
beide in die Hhle des Lwen! Wir bitten die Herzogin von Amarillas um ihre
Protection! Wir unterwerfen uns Sr. Eminenz dem Cardinal Ceccone in gebhrender
Demuth! Wir lassen in dieser groen, vornehmen Welt, in der Sie leben, gndigste
Frau Herzogin, unser Licht leuchten so gut es geht und sollte mir mein Freund
Asselyn wirklich von jenem grnen Teint und jenen blauen Haaren in Gefahr fr
seine Tugend gerathen, so verderb' ich ihm jedes Rendezvous und setze das so
lange fort, bis Rom entweder eine Republik geworden ist oder Ceccone, was mir
wahrscheinlicher erscheinen drfte, die Sentenz fr die Gebrder Bandiera zu
unterschreiben hat - ...
    Die Herzogin sah den Irrthum Thiebold's ber ihre gegenwrtige Lage,
untersttzte aber seinen berraschenden Einfall durch jede Geberde ... Sie
unterdrckte jede Einsprache Benno's, nannte Ceccone ihren Freund, ihren Gnner,
Olympia ihr treuestes Pflegekind ... Sie ermuthigte beide, mit der jungen Frau
ihr Heil zu versuchen ...
    Es schlug nun elf Uhr ...
    Thiebold mahnte an den Aufbruch ...
    Benno blieb traurig und schien keinen Willen mehr zu haben ...
    Die Mutter lie ihn nur mit den Beruhigungen scheiden, die sie verlangte ...
Er mute versprechen, morgen im Palazzo Rucca nach dem Principe Ercolano zu
fragen und seine Karte abzugeben - Thiebold sollte inzwischen schon ins Gebirge
und auf die Villa Torresani reisen ...
    Das alles stand fest und unwiderruflich ... Die Mutter fhrte Benno an das
Medaillon des Herzogs von Amarillas, ergriff seine drei Schwurfinger und
flsterte ihm - bei Angiolinens Angedenken! - einen Schwur ... Er sollte
geloben, da er sich mit Lucinden verstndigte und in die Welt Ceccone's und
Olympiens eintrte, ohne die mindeste Rcksichtsnahme auf irgendetwas, was ihr
persnlich begegnet war ...
    Benno erwiderte: Rom ist die Tragikomdie der Welt! ... Er gab der Mutter in
dem, was sie vorlufig begehrte, nach ...
    Beim Nachhausegehen war Thiebold entzckt von dieser seltenen Frau ... Er
verwnschte seine mangelhaften Kenntnisse im Italienischen, schwur, tglich
sechs Stunden Unterricht nehmen zu wollen und erstaunte dann nicht wenig, als
ihm Benno beim Herabsteigen von jener groen Treppe, die auf den spanischen
Platz fhrt, erzhlte, da sich die Stellung seiner Mutter zu Ceccone und
Olympia gnzlich verndert htte ...
    Nun erst begriff Thiebold die kalte Aufnahme, die er an Piazza Sciarra
erfahren hatte, als er dort nach der Herzogin von Amarillas fragte ...
    Er verwnschte die rmische Welt nicht wenig ...
    Dann verglich er Rom bei Nacht mit seiner Vaterstadt bei Nacht ... Die
Beleuchtung war hier unter der Wrde - Rom verwarf bekanntlich damals als
revolutionre Neuerung nicht blos die Eisenbahnen, sondern auch die
Gasbeleuchtung4- ...
    Die Freunde verabredeten sich, morgen in alter Weise gemeinschaftlich zu
frhstcken und das Weitere ernst zu berathen ...
    Thiebold wollte zu Benno kommen ...
    Den Aschenbecher verga ich in Robillante! rief Benno Thiebold nach, als
dieser schon an die Pforte seiner Wohnung geklopft hatte, die derjenigen Benno's
gegenber lag ... Bringen Sie ihn doch morgen frh mit ...
    Das einzige Wort, mit dem Benno die zum Tod betrbte Stimmung seines Innern
verrieth.

                                    Funoten


1 Geboren 1780 in Venedig.

2 Wir geben nur Thatsachen.

3 Die bekannte Schwefelfrage.

4 Thatsache.


                                       7.

Die Wirkung einer Karte, auf der zu lesen stand: Monsieur Thiebold de Jonge,
recommand par le Baron Benno d'Asselyn war auerordentlich ...
    Sie fiel in die Siestenstunde, wo auf Villa Torresani die junge Frstin
Rucca bei herabgelassenen Jalousieen auf schwellenden Polstern ausgestreckt lag
und vielleicht in Liebesschauern vom schnen Cardinal Ambrosi trumte ...
    Sie fuhr empor ...
    Halbentkleidet lag sie auf einem Ruhebett ausgestreckt ... Dicht war sie
gegen die bsen Zanzari in Musselinvorhngen eingehllt ... Mit
halbschlafendem Brten hatte sie ein Deckenbild des Bettes, eine Amorettenscene
von Albani angestarrt ...
    Diese Villa war der Mittelpunkt einer durch Kunst und Natur zum reizendsten
Aufenthalt bestimmten Schpfung ...
    Die Villa Torresani lag auf Bergabhngen hingehaucht wie im tndelnden
Musenspiel ... Alles an ihr war leicht, zierlich und gleichsam ohne Mhe
geschaffen ... Die Treppenaufgnge waren in ihren Gelndern mit zierlichster
Symmetrie durchbrochen, auf ihren Wangen mit Statuen, Alo- und Cactustpfen
geschmckt ... Wo sich bei jeder neuen Etage die Treppe zwiefach theilte,
pltscherten Springbrunnen oder muschelblasende Tritonen ... Oben auf der
gekieselten Plateforme erhob sich ein Bau voll Pracht und Schnheit, in zwei
Stockwerken, verschwenderisch geziert von Sulen, Nischen, Statuen,
abgeschlossen hoch oben von einer Attika, deren vier Ecken freischwebende
Marmorbilder begrenzten ... Eine silberweie Herrlichkeit war es, weithin
leuchtend aus einem dunkeln Boschetto von Lorberhecken und urmchtigen Eichen
... Hier rauschten die Wasser, dort sangen die Vgel, summten die Kfer ... Weit
hinaus zur Ebene verfolgte das Auge die gelblichen Fernsichten herbstlicher
Stoppelfelder; sie milderten sich durch die quer hindurchlaufenden Weingehnge
und die breitastigen, nicht ngstlich beschnittenen Pappeln ... In der Ferne
erhob sich Rom, die Peterskuppel, sie, der immer hocherhobene Finger, der die
Welt aus dem Erdendunst gen Himmel weisen soll ... Wer aber schweift hinaus bei
so beglckender Nhe! ... Hier waltete die Kunst und die in ihren Weihemomenten
berraschte Natur ... Durch die zur Erde gehenden Fenster des Palastes sah man
die an den Capitlen bronzirten schwarzen Marmorsulen eines groen Speisesaals
mit dem weischwarzen Marmorgetfel des Fubodens ... Nach hinten empfingen die
Schlaf-und Siestenzimmer die Khle einer angrenzenden Cypressengruppe, den Duft
des zur Berglehne reichenden Blumengartens, in dem die Pflanzen eines noch
tieferen Sdens im Winter durch Glasdcher geschtzt wurden ... Dort reiften
Bananen ... Dicht am Fenster, wo Olympia schlief, hauchte eine Gruppe Gardenien
aus ihren weien, gromchtigen Bltentrichtern und aus der wollstig feuchten
Wrme der fortdauernd zu erneuernden Berieselung einen Duft aus, gegen den der
Duft der Rose verschwand ...
    Olympia lachte im Halbschlaf - Sie lachte sogar des Cardinals Ambrosi, der
sich ihren Sorgen fr eine seiner wrdige Einrichtung durch den eiferschtigen
Fefelotti hatte entziehen mssen ... Dann erschrak sie, weil den -
Cardinal-Conservator der Reliquien nichts als Todtenschdel umgaben ... Durch
eine nahe liegende Ideenverbindung kam sie auf den deutschen Mnch Hubertus und
Grizzifalcone ... Sie warf sich auf die andere Seite und wieder lachte sie ihrer
Schwiegermutter, die sie fortwhrend hofmeistern wollte ... Sie lachte
Lucindens, des Cardinals und der Herzogin von Amarillas - ...
    Da eben erscholl das Klopfen des betreten Dieners - Da kam die Karte ...
    Drei, vier Klingeln gingen durcheinander, als sie die Karte gelesen hatte
... Portier, Diener, Kammerzofe - wem hatte sie nicht alles Befehle zu
ertheilen! ...
    Recommand par le Baron d'Asselyn ...
    Die Frstin, auer sich, weckte ihren nebenan schnarchenden Ercolano ...
    Fr diesen war sogar ein Brief vom Signor d'Asselyno durch den drauen
harrenden mit Extrapost vorgefahrenen Monsieur Thiebold de Jonge selbst
berbracht worden ...
    Sie herrschte dem schlaftrunkenen Gatten zu, er sollte den Fremdling so
lange unterhalten, bis sie sich in Toilette geworfen htte ... Den Brief nahm
sie selbst und erbrach ihn ...
    Benno von Asselyn beklagte in diesem Briefe sein bisheriges Los, das ihn in
der Welt hin- und herzureisen gezwungen und erst jetzt nach Rom zurckgefhrt
htte ... In acht Tagen sptestens wrde er dem Frsten seine Glckwnsche und
der Frstin sich selbst zu Fen legen ...
    So schallen auf der Insel Ceylon pltzlich wunderbare Klnge aus der Luft
... So richtet sich die Blume auf, die nach langer Drre ein strzender Regen
erfrischt ... Olympia flog in ihre Garderobe ...
    Thiebold de Jonge hatte inzwischen in einer Empfangsrotunde Gelegenheit, die
Geschichte der alten Kunst zu studiren ... Neun Marmorstatuen zierten sie,
geschmackvoll in Nischen angebracht; sie sowol wie der Mosaikfuboden gehrten
dem wirklichen Alterthum an ... Hier war alles echt ... Das alte Rom war hier
noch nicht untergegangen ...
    Spter hat es Thiebold oft erzhlt, wie ihm der erste Anblick der kleinen
Heuschrecke, die nach einer halben Stunde in gelbnaturseidenen, mit grnen
Blttern und bunten Blten bedruckten Gewndern hereinrauschte, Lexikon,
Grammatik, Alberti's Complimentirbuch in vollstndigste Verwirrung brachte ...
Die gelbe Hexe wre viel, viel anziehender gewesen, als er erwartet ...
    Dennoch mute er sich frh erholt haben ... Er reussirte schon beim ersten
Grue ... Benno htte sich getrost noch acht Tage in Rom knnen versteckt halten
... Thiebold beschftigte den Frsten und die Frstin schon am ersten Tag mit
all den Erfolgen, die wir als die gewhnliche Belohnung seiner geselligen
Talente kennen ... Sogar ein Begren der Villa Tibur wurde ihm am ersten Tag
nicht mglich ... Das Franzsische untersttzte die Verstndigung ... Olympia
und Ercolano lieen den liebenswrdigen Baron de Jonge nicht wieder frei ...
    Der Brief, die Ankunft Thiebold's hatten sich versptet ... Folglich
erschien Benno schon am Tag nach dem Siestentraum ...
    Ercolano holte ihn aus Rom ab und er holte ihn im Triumph ... Da hatte denn
der junge Rmer den Mann, der es mglich machte, die Geschichte von seinem
Kampf mit einem Elefanten zu wiederholen ... Dies ist der Herr, der mich
damals in Wien - ... Ercolano erdrckte Benno mit seinen Umarmungen ...
    Und siehe da! ... Als Benno auf Villa Torresani ankam, hatten sich gerade -
Thiebold und Olympia schon bei einem Ausflug in den Gebirgen versptet ...
    Es konnte kein Wunder nehmen, da in drei Tagen Thiebold und Benno schon auf
der Villa Torresani selbst wohnten ... Im Garten gab es mehrere, die reizendste
Aussicht gewhrende Pavillons ... Diese allerliebsten kleinen Huschen mit den
grnen Jalousieen! hatte Thiebold seltsam kokettirend zur Frstin gesagt und
sogleich wurde eines fr sie aufgeschlossen ... Es war die Zeit, wo alles auf
dem Lande lebte ... Was wollen Sie in Rom, was in Tivoli! - wo die Freunde sich
eingerichtet hatten im Gasthof zur Sibylle - Sie wohnen bei uns! jubelte
Ercolano ... Lucinde wohnte tausend Schritte weiter von den Wasserstrzen
Tivolis ... Weder Benno noch Thiebold hatten sie begrt und schon wohnten sie
in dem Pavillon der Villa Torresani ... Die Italiener sind sonst nicht gastfrei
... Hier aber traten Grnde ein, diese beiden jungen Fremdlinge nicht wieder
frei zu lassen ... Schon das erste Zusammentreffen des Besuchs mit einer Visite
der Schwiegermutter, das Hinzukommen anderer Nachbarschaften entschied - ...
Alle sagten: Diese beiden Deutschen werden die Lwen der rmischen Gesellschaft!
...
    Thiebold's Kunst, die Menschen und Verhltnisse in Verwirrung zu bringen,
ohne die erstern bermig zu reizen und die letztern zu unglcklich ausgehen zu
lassen, bewhrte sich auf eine bestrickende Art ... Benno konnte in der That
einige Tage zweifelhaft sein, ob nicht Thiebold den Sieg davontrug ... Thiebold
hatte sogar den Muth, des Abends sentimental zu werden ... Beim Anblick der
Wirkungen, die er damit auf die junge Frstin machte, erleichterte sich ihm die
anfangs beklommene Brust, erheiterte sich sein Rundblick auf die Verhltnisse,
in die ihn die Sorge um zwei dem Tod bestimmte Freunde Benno's wider alle
Neigung gezwngt hatten ... Benno, dem die Frstin noch gleichsam schmollte,
blieb ernst und dster ...
    Nun haben wir's, sagte Thiebold, als Benno das reizende Gartenhaus mit
seiner Aussicht auf das vom Kaiser Hadrian Tempe genannte glckselige Thal mit
ihm bezogen hatte und voll Verdru die glnzende Einrichtung, die bronzirten
Sessel, die Sammtkissen, die Verschwendung an Marmor und Krystall sah, nun
werden Sie eiferschtig auf mich! ...
    Wir streiten uns, entgegnete Benno, wie zwei Fechter, die zum Tode bestimmt
sind! Auf dem Programm der Niedermetzelungen geschieht dem einen weniger Ehre,
als dem andern! ... Bin ich darum wol - etwa traurig? ...
    Das Verhltni Olympia's zu Benno war in Wahrheit dies: Als sie mit Benno
zum ersten male allein war und von Wien zu reden begann, erbleichte sie,
zitterte und verlie, keines Wortes mchtig, das Zimmer ... Um nur Fassung zu
gewinnen, gab sie sich den Schein mit ihm zu schmollen ...
    Eine Tuschung nur ... Sie war auf dem Gipfel alles Erdenglcks ... Sie
ritt, sie fuhr, wie in ihrer frhlichsten Zeit ... Thiebold machte sich zu ihrem
dienenden Cavalier und sie lie sich's gefallen ... Thiebold plauderte zu
amusant, war immer lebhaft und gefllig - immer prsent - das wollen die
Frauen - ... Sie konnte vollkommen mit zwei solchen jungen Mnnern zu gleicher
Zeit fertig werden ... Thiebold hatte Recht, wenn er sagte: Unsere Tugend rettet
ihr Embarras de richesses! ...
    An lange Einsamkeit und ein ungestrtes Begegnen war freilich wenig zu
denken ... Die Frstin war eine Neuvermhlte, Ercolano rauchte nicht eine
Cigarre ohne sie, trank nicht ein Glas deutscher Birra ohne Benno und sein
Leben bestand aus Trinken und Rauchen ... Reiter und Fuhrwerke belagerten die
Thore der Villa Torresani ... Zankte auch wol der alte Frst, der aus der Stadt
ab und zu kam, ber einen Landaufenthalt, der seinen Zweck, zu sparen, gnzlich
verfehlte, so war nun einmal Olympia die Nichte des regierenden Cardinals und
hatte als solche den Zustrom der Fremden und Einheimischen ... Da gab es hundert
Monsignori, die Carrire machen wollten; Aebte, Bischfe kamen von nah und von
fern; Fefelotti sogar ordnete sich Ceccone's gesellschaftlicher Stellung unter
... Fremde kamen, die aus Kunstinteresse, andere, die aus Frmmigkeit, die
meisten, die aus Geselligkeitstrieb nach Rom wallfahrteten ... Das Princip der
rmischen Aristokratie, so unzugnglich wie mglich zu sein, lie sich hier
nicht durchfhren ... Olympia wollte nicht aufhren, die Beherrscherin Roms zu
bleiben ...
    Und wie war die Zeit bewegt ... Couriere kamen und gingen ...
Auerordentliche Botschafter von Neapel, Florenz und Modena gab es zu empfangen
... Schon hrte man von Verhaftungen in Rom ... Von Aufhebung einzelner Logen
... Die Gefngnisse der Engelsburg und des Carcere nuovo fllten sich so, da
die Gefangenen des Nachts, mit starken Escorten, nach Civitavecchia und
Terracina geschickt wurden ... Von ungewhnlichen Streifcolonnen hrte man, die
durch die Gebirge zogen ... Die Marine Neapels, Sardiniens, Oesterreichs kreuzte
in den Gewssern von Genua, um Sicilien her und im Adriatischen Meere ... Schon
wurden allgemein die Brder Bandiera als Anfhrer von Trupps genannt, die
demnchst an verschiedenen Stellen Italiens landen wrden ...
    Ceccone, der Benno sehr artig begrt und dem devoteren Gefhrten Thiebold
die Hand zum Kusse gereicht hatte, war, das beobachteten beide, in uerster
Aufregung ... Seine Kutsche fuhr hin und her ... Sie wurde regelmig von zwlf
Berittenen der Nobelgarde begleitet, wenn er nach Castel Gandolfo fuhr, wo der
Heilige Vater eingeschlossen lebte und mismuthig ber sein Krperleid die
Bullen, Breves und Allocutionen unterschrieb, die man ihm aus den verschiedenen
Collegien seiner Weltregierung berbrachte. Bcher wurden verboten,
Excommunicationen ausgesprochen ... Wchter der Kircheninteressen gab es genug
... Wenn auch der Hohepriester nichts las, als medicinische Schriften, nichts
hren wollte, als rztliche Consultationen ... Seine Zuflucht war damals, wie
bekannt, ein deutscher Arzt geworden ...
    Olympia hatte in der That jetzt keine geringe Abneigung gegen die Erhebung
Italiens ... Sie rderte und kpfte - Ein paar Handschuhe monatlich - Ein
Bedienter nur - Und deine Hemden selbst flicken -? Mazzini, Guerazzi, Wenzel
von Terschka - jeden erwartete, wenn man seiner habhaft wurde, ein eigener
Galgen ... Bekanntlich unterschreibt der Heilige Vater nie die Todesurtheile
selbst; man berreicht sie ihm - wenn er nichts dagegen einwendet, hat die
Gerechtigkeit ihren Lauf ... Man kann die Religion der Milde nicht milder
betrgen! sagte Benno ...
    Als Benno zum ersten mal mit Ceccone beim jungen Rucca dinirte, bedurfte er
der ganzen Erinnerung an die Verstellungskunst - des ihm schon einmal in seinem
Leid aufgegangenen Hamlet ... Er gab jede Auskunft, die der geschmeidige
Priester zu hren wnschte ... Er widersprach keinem Urtheil, das sich ja auch
hier nicht berichtigen lie ... Er hrte nur mit Schrecken: Wir wissen alles!
Wir sind unterrichtet ber die Personen! Wir kennen die Orte ... Wir wissen, wo
die Fackel der Emprung zuerst auflodern soll! ... Zwanzig Mitglieder der Junta
der Wissenden haben auf die Hostie geschworen, mich binnen einem Jahre zu
tdten! ... Ich wei, da geloost worden ist! Ich wei, da ein Mann in Rom, in
meiner unmittelbaren Nhe leben soll, der die Aufgabe hat, mich zu ermorden! ...
Nun wohlan! Ich will es aufgeben zu forschen - sonst mistrau' ich jedem, der
mich grt, jedem, der in die Nhe meines Athems kommt ...
    Eben war bei Tisch gesprochen worden von einigen Knigsmrdern, die kurz
hintereinander in Frankreich guillotinirt wurden ... Benno horchte, ob bei allen
diesen Schilderungen ein Advocat Clemente Bertinazzi wrde genannt werden, der
ihm als Mittelpunkt der Verschwrer in Rom bezeichnet worden und - der ihn sogar
selbst erwarten durfte ... Er erblate, als Cola Rienzi genannt - Rienzi's Haus
am Tiberstrand geschildert wurde - Bertinazzi wohnte dicht in der Nhe ...
    Niemand sprach von Bertinazzi ...
    Benno bedurfte der neuen Anmahnung seiner Mutter, um in dieser peinlichen
Lage harmlos und unbefangen zu bleiben ... Nur endlich zu Lucinden zu gehen,
beschwor sie ihn ... Immer noch war er nicht auf die Villa Tibur gekommen ...
Die Schwiegermutter Olympiens war wieder einmal mit ihrer Tochter im Streit -
Lucinde sollte Farbe halten, und nicht auf Villa Torresani erscheinen ... Das
verlangte die alte Frstin ... Und die junge verlangte gleiches von ihren
Hausgenossen ... Ceccone emancipirte sich ... Das sahen Benno und Thiebold mit
Erstaunen - Nach den Diners fuhr Ceccone auf Villa Tibur ... Die Voraussetzung,
da Graf Sarzana dennoch dieser Donna Lucinde in redlichster Absicht den Hof
machte, hrte Benno in der That ... Noch hatte er diesen Cavalier nicht gesehen
... Aber die Art, wie in Italien die Ehe geschlossen wird und um ihrer
Unauflslichkeit willen sich mit allen Verirrungen der Leidenschaft vertragen
mu, hatte er genug beobachtet ... Lucinde - eine Grfin! ... Er konnte sich
nicht genug die Wirkung davon in Witoborn, Kocher am Fall und in der Residenz
des endlich freigegebenen Kirchenfrsten ausmalen! ...
    Thiebold war nicht mehr zurckzuhalten, Lucinden zu besuchen ...
    Er kam von ihr zurck und hatte sie auerordentlich vornehm gefunden ... Sie
gbe Audienzen wie eine Frstin ... Sie htte sich hchst bitter ber Benno
beklagt, der sie nicht zu begren kme ... Nur die Nhe eines Conclaves von
Prlaten, darunter Fefelotti, htte verhindert, da er sich darber ganz mit
seiner alten Freundin ausgesprochen - mit ihr, die ihm den Streit ber die
Kreuzessplitter als Ursache ihrer gegenwrtigen Anwesenheit in Rom dankte ...
    Olympia hrte diesen Bericht voll Neid und sagte grimmig lachend:
    Benissimo! Die Kammerzofe meiner Schwiegermutter! ...
    Sie aber werden sie nicht sehen ... Ich verbiete es ... wandte sie sich zu
Benno ...
    Benno brauchte sich nicht zu verstellen, wenn er seine Geringschtzung
Lucindens andeutete ... Da aber mahnte jetzt sogar der Cardinal um den Besuch in
Villa Tibur ... Olympia hrte diese Flsterworte und wollte aufs neue
widersprechen ...
    Benno warf einen einzigen Blick auf sie und sagte: Ich reite morgen hinber,
Eminenz! ...
    Die junge Frstin sah empor zu ihm, wollte bitter schmhlen, dann schlich
sie still davon ... Welch ein Glck beherrscht zu werden von dem, den man liebt
... Wie gern htte sie so ihr ganzes Leben ihm zu eigen gegeben ...
    Der Cardinal sah das und verstand alles ... Er lachte dieser demthig
niedergeschlagenen Augen, mit denen sein Kind, erst zornig aufwallend, sich
beherrschte und hinter den Sulen des Esaals verschwand ... Dergleichen war ihm
an Olympien noch nicht vorgekommen ...
    Am andern Tage fuhr sie dann aber doch mit Thiebold und ihrem Mann nach Rom
- eines Modeartikels wegen, sagte sie - Sie schmollte mit Benno ... Als dieser
fest blieb und bat, ihm ein Pferd nach Villa Tibur bereit zu halten, weinte sie
und zog ihre Fahrt bis zum Abend hinaus ... Lucinde schien ihr die Einzige, die
ihren beiden Freunden gefhrlich werden konnte ...
    Benno durfte hoffen, Lucinden allein zu finden ... Er hatte gehrt, da auch
die alte Frstin in Rom war, wo sie fter verweilte als auf dem Lande - Pumpeo's
wegen - Seine erste Aufwartung hatte Benno ihr in Rom gemacht ...
    Lucinde, die Benno in so vielen sich widersprechenden Situationen, in Demuth
und Glck, in Verzweiflung und Uebermuth, schn und hlich, fromm und
heuchlerisch, verfhrerisch und abstoend gesehen hatte - Sie jetzt auf solcher
Hhe! ... Ihr sich beugen zu mssen, von ihr durchschaut zu werden, sich und
seine Mutter abhngig von ihrer Gromuth, von ihrer Selbstbeherrschung zu wissen
- wol durfte ihn das alles mit Bitterkeit und Mismuth erfllen ...
    Er umritt das schon im Abendgold schwimmende Tivoli und suchte dem Bett des
Anio von der Seite seines rauschenden Sturzes beizukommen ... Der Lrm des
Stdtchens oben, die Schrei-Concerte der Esel, das Lachen und Schwatzen des
Volks, das Begegnen der Fremden htten seiner Stimmung wenig entsprochen ...
    Anfangs mute er sich vom Rauschen des Wasserfalls in seinen verschiedenen
Spaltungen entfernen, dann kam er ihm wieder nher ... Vgel flogen ber ihn
her, wie aufgeschreckt vom Donnerton der strzenden Gewsser. Sie flogen zur
Linken - Unglcksboten, wie er nach antikem Glauben sich sagen durfte beim
Anblick des wohlerhaltenen Vestatempels, der oben auf der Hhe schimmerte, und
in Erinnerung an die Sibylle Albunea, die einst hier die Orakel verkndete ...
    Liegt die Villa Tibur so nahe dem Rauschen des Anio? sprach er zu sich
selbst und gedachte - Armgart's, die einst so im Rauschen der Mhlen von
Witoborn Ruhe und ihre Aeltern gefunden hatte ...
    Die schon dunkle Schlucht mit ihren silbernen Schaumterrassen, ihren
feuchtkhlen Grotten, ihrem wilden Baum- und Pflanzengewucher blieb zur Rechten
... Villa Tibur lag noch hher in die Berge hinaus ... Nur wie ein fernes
Meeresrauschen, immer gleich, immer rastlos, nie endend als nur durch die
einstige Zerstrung dieser Felsen beim Weltgericht - so mute der Sturz
vernommen werden in der kleinen Villa, die sich durch Olivenwlder und
Bergzacken endlich unterscheiden lie ...
    Hoch oben glnzte noch der goldene Sonnenschein, der hier unten im Geklft
schon fehlte ... Die Cypressen an der endlich erreichten Thorpforte standen so
ernst, wie nebenan einige Hermen ... Ein Reitknecht in Livree war zunchst zur
Hand, der schon ein Ro am Zgel hielt ... Das Ro des Grafen Sarzana! dachte
Benno ... In der That war dieser der Herr des Knechts ... Er erwartete ihn,
sagte er, jeden Augenblick von oben ... Gleich an der Pforte, lag ein
Wirthschaftsgebude, wo, wie Benno sah, an Dienern kein Mangel war ... Ihnen gab
er zur Hut das Pferd aus Ercolano's, ihres jungen Frsten, Stall ...
    Ueber sich schlngelnde und terrassirte Wege ging es aufwrts zur Villa, die
sich an Groartigkeit mit Villa Torresani nicht messen konnte ... Sie war so
klein, da Lucinde hier hchstens nur zwei Zimmer bewohnen konnte ... Schn aber
war auch sie, wenn auch alterthmlicher, als die auf der andern Seite des Berges
... Die Decke des Vestibls enthielt Lunettenbilder von ersten Meistern ... Der
Garten bot Laubengnge und Boskets ... Man zeigte einen Gang hinunter, den die
Weinrebe aus lieblichen Guirlanden bildete ... Dort sollten Donna Lucinda und
Graf Sarzana verweilen ... Dieser Gang endete in einem Rundbogen von
geschnittenen Myrten ...
    Hob sich hier vom dunkelgrnen Hintergrund in blendendweiem carrarischen
Marmor eine in Schilfblttern kniende Nymphe mit einem Schpfkrug als eine
Erinnerung an die Wasserwelt des fernher rauschenden Anio an sich schon
bedeutungsvoll ab, so noch mehr die an das Postament dieser Gruppe gelehnte
Gestalt Lucindens ...
    Benno sah, was das Glck vermochte ...
    Lucinde, die in St.-Wolfgang von der alten, ber die Alpen ihrem Pflegling,
dem Bischof, gefolgten Renate verachtet wurde, von Grtzmacher nach einem
Steckbrief verglichen, von Tante Glpen aus der Dechanei verwiesen, Lucinde, die
sich in der Residenz des Kirchenfrsten nur durch Nck's Interesse fr sie
erhielt, die nicht unverdchtig der Theilnahme an einem Verbrechen auf Schlo
Westerhof geblieben war - sein Beichtwissen durfte Bonaventura auch an Benno
nicht verrathen - sie, die Bonaventura in Mnnerkleidern nach Wien gefolgt war -
soviel hatte Benno von ihm erfahren - sie, ein Kind der Armuth, in ihrer ersten
Jugend eine Magd - ... Da stand sie jetzt - in einem purpurrothen Kaschmirshawl,
den sie um beide Arme geschlungen hielt ... Ihr weies Gewand lag eng an ihrer
schlanken Hfte ... Ihr Haar, um den Kopf in Flechten gewunden, war frei ... Im
starren Auge lag die alte Unheimlichkeit des Blicks, ihre Rache an dieser Welt
fr etwas, das sie vielleicht selbst nicht angeben konnte ... Ihre blinzelnde
Augenwimper, ihre leise, zurckhaltende Sprache ... Letztere schon in der
Todtenstille angedeutet, die Benno antraf, obgleich ihr gegenber auf seinen
langen Degen sich sttzend Graf Sarzana stand, den bebuschten silbernen Helm in
der Hand ... Dennoch unterhielten sie sich ... Benno konnte den Bewerber erst
erblicken, als sein Fu schon in die Myrtenrotunde eingetreten war ... Vorher
stand nur Lucinde seinem Auge ersichtlich - Sie, die Richterin ber das
Geheimste, was mit seinem Dasein zusammenhing ...
    Herr von Asselyn! sprach Lucinde Benno dem Grafen vorstellend - ohne einen
Schritt weiter zu gehen oder sich in ihrer Stellung zu verndern ...
    Zu Benno sagte sie lchelnd: Kommen Sie also endlich? ...
    Sie hatte den Ankommenden schon beim Absteigen vom Pferde gesehen und lngst
ihrem Blute Ruhe geboten ...
    Graf Sarzana hatte sich eben entfernen wollen ...
    Benno betrachtete Lucinden, die so ruhig that, als htte sie ihn erst
gestern zum letzten mal gesehen, betrachtete den Cavalier, der in so seltsamer
Umstrickung lebte ... Beide mit dem grten Befremden ... Graf Sarzana war ein
Mann zwischen den Dreiigen und Vierzigen ... Seine Augen ruhten auf Benno mehr
finster, als freundlich ...
    Er verneigte leicht sein Haupt und sagte, da er schon von Signor d'Asselyno
gehrt htte ... Benno hatte auf den nahe liegenden Besitzungen des Cardinals
Verwandte des Grafen gesprochen, die da und dort die Oekonomie verwalteten ...
    Ein Brautpaar konnte Benno kaum zu sehen glauben ...
    Die Klte und Ruhe Lucindens war der Ausdruck der hchsten Abspannung ...
    Graf Sarzana schien aufgeregter, wenigstens stand ein unausgesetztes
Streichen der Haare seines Helms mit seiner scheinbaren Ruhe im Widerspruch ...
    Unwillkrlich bot sich fr Benno die Vergleichung mit Paula und dem Grafen
Hugo ... Wie anders dies Gegenbild! ...
    Der Abschied des Grafen verzgerte sich ...
    Benno's scharfes Auge glaubte einen gemachten Zug von Verachtung vor dem
sich Empfehlenden auf Lucindens Lippen zu sehen; sie wollte wol nur damit an
ihre Liebe fr Bonaventura erinnert haben ... Aber auch der Graf schien nur eine
eingelernte Rolle zu spielen ... Zwar blieb er artig und plauderte noch einige
Dinge, die einen Fremden interessiren durften. Die Stunden, wo der Heilige Vater
seine Segnungen ertheilt, sind jedem Fremden in Rom von Wichtigkeit; sie sind
das, was anderswo die Wachparaden und Manver. Einige Palste, einige Sammlungen
sind schwer zugnglich ... Graf Sarzana's Erbieten zur Vermittelung war
freundlich ... Auch schien er unterrichtet und behauptete Sammler zu sein ... Er
bewunderte, wie beide Deutsche sich in die italienische Art gefunden htten,
rhmte die deutschen Schulen und schien vorauszusetzen, da Lucinde eine
Erziehung genossen htte, die ihr die Kenntni des Lateinischen schon durch die
Frsorge des Staats verschafft htte ... In allem, was er sprach, lag ein Anflug
von Ironie ...
    Graf Sarzana hatte auf ein Convolut von Papieren gedeutet, das auf einer
Bank lag ...
    Das sind deutsche Acten! sagte Lucinde und fuhr fort: Der Graf thut, als
wenn ich so frischweg die Gedichte lesen knnte, die drben auf den Wasserfall
Catull gemacht hat! ... Ich verstehe das Breviarium - Das ist alles ...
    Der Graf that, als hinderte ihn am Gehen eine Zrtlichkeit, die Benno fr
gemacht halten mute ...
    Er wollte Lucinden die Hand kssen, die ihm diese mit Koketterie entzog ...
Ihre Reserve hatte immer etwas Anlockendes ... Der Graf hrte in der Ferne das
Stampfen und Wiehern seines schnen neapolitanischen Rosses und konnte nicht
fortkommen ...
    Unter anderm sprach er von einem Fest, das der Heilige Vater noch dem jungen
Rucca'schen Ehepaar nachtrglich geben wollte ... Es war eine Gunstbezeugung,
die nicht zu selten ertheilt wird, ein Mahl im Braccio nuovo des Vatican ... Die
dort aufgestellten Meisterwerke der alten Bildhauerkunst werden dann im Glanz
der festlichsten Beleuchtung gesehen ... Lucinde kannte diese Wirkung noch nicht
und bedauerte, da nur Eine Dame, die die Honneurs macht, dabei zugegen sein
drfte - diesmal Olympia ... Der Vatican, besttigte Graf Sarzana, gilt
allerdings fr ein Kloster ... Lucinde kannte allerlei Ausnahmen von der Regel
der Klster ... Ihr Lcheln konnte beim Nennen der im Braccio nuovo
aufgestellten Sculpturen dem Vorfall mit dem von Thorwaldsen restaurirten
Apollin gelten ... Sie that, als she sie ganz die Furcht, die Benno schon in
Wien hatte, fr die junge Frstin das zu werden, was dem Uebermuth des Kindes
jene Statue gewesen ... Ihr Blick blieb forschend ... Inzwischen zeigte sich der
Graf unterrichtet ber die Meister und die Schulen, denen jene Bildwerke
zugeschrieben werden ...
    Endlich ging er und bald hrte man nur noch das Klirren seiner Sporen, bald
nur noch den Hufschlag seines dahinsprengenden Rosses ...
    Nun kommen Sie! sagte Lucinde. Wir haben dort einen bequemeren Platz und ich
bin ermdet ...
    Sie deutete an, da sie den Grafen nicht im mindesten liebte und von seiner
Bewerbung nur fatiguirt wrde ...
    Mit einigen Schritten befand man sich in einem ringsumschlossenen traulichen
und vllig einsamen Bosket, wo mehrere gueiserne Sessel standen ...
    So finden wir uns wieder! ... sprach sie jetzt ... Und ich sehe schon - Sie
kommen voll Zorn auf mich! ... Hat mich die Herzogin so verklagt? ...
    Im Gegentheil, erwiderte Benno, des Mdchens, ihrer Umgebung, ihrer Haltung
staunend; meine Mutter rieth mir, mit Ihnen Frieden zu schlieen ... Sie wissen,
ich habe das immer als das beste Mittel erkannt - mit Ihnen auszukommen ...
    Ein Lachen deutete an, da sie sich nicht verletzt fhlen wollte ...
    Nun, nun, sagte sie, verwundern Sie sich nur erst recht aus! ... Ja, das ist
hier Italien, das ist Rom, die Villa des Mcenas drben - das hier Villa Tibur!
... Nicht wahr, wer das alles von Ihrem und unserm Leben geahnt htte, als ich
unreifes Kind auf Schlo Neuhof lebte, unter Mnnern voll Grausamkeit und Tcke,
von denen der rgste Ihr Vater war! ... Der beste von allen - war mein guter,
nrrischer Jrme, Ihr - Bruder! Seltsam! Ich hatte dort schon Trume, die mir
alles zeigten, was seither eingetroffen ist ... Ich sah Ihre Mutter - wie oft! -
in den Kellern des Schlosses ... Ich sah die alte Hauptmnnin Buschbeck mit der
Giftschale in der Hand ... Ich sah das Dasein Ihrer Mutter in den Visionen Ihres
Vaters ... Wie ich Ihnen dann zum ersten mal an der Maximinuskapelle begegnete!
... Wissen Sie noch? Sie trugen den rothen Militrkragen jener blonden,
hellblauugigen Sandlandsklugheit, der Sie Gott sei Dank! Valet gesagt haben ...
Frau von Glpen ahnte schon meine Mitwissenschaft an so manchem und wies mich
deshalb aus der Dechanei ... Wie ich diese stille Sttte des Friedens und der
Hoffnung verlassen mute, brach mir das Herz ... Ihr Onkel war so gut ... Und
Ihnen ist er der Retter Ihres Lebens geworden! ... Ich liebe, im Vertrauen
gesagt, die Reue nicht, ganz wie die Spinozisten - alle Magdalenenbilder sind
mir schrecklich - Aber schn und ein ganzes Leben verklrend war Ihres
Pflegvaters Reue ber einen schlimmen Antheil, den er doch wol auch an Ihrem
Dasein hatte - denn der Kronsyndikus war sein intimster Freund ... Wie geht es
dem Dechanten? ...
    Er freut sich jeder frohen Botschaft aus Italien ...
    Gren Sie ihn von mir! ... Frohe Botschaften aus Italien! ... Kmen ihrer
nur mehr! ... Ich frchte, ihr, ihr gerade siedet und kocht ihm nichts, was ihn
laben wird ... Euer Bischof bringt ein Ungestm ber die Berge, das diesseits
nicht am Platze ist ... Wer ist denn nur jener Eremit, um den er sich noch ins
Verderben strzt? ... Ein Deutscher! ... Erinnern Sie sich Ihrer Scherze zu dem
Gypsfigurenhndler, als wir ber den St.-Wolfgangberg keuchten? ... Halt!
unterbrach sie sich pltzlich ... Ich verga die Papiere, wo wir standen ...
Holen Sie sie mir! ...
    Benno folgte, wie von einem mchtigen Willen regiert ... Er hrte und hrte
nur ... Ueber den Eremiten hatte sie harmlos und sozusagen waffenlos gesprochen
...
    Nach wenigen Schritten war Benno zurckgekehrt und gab Lucinden ein Pack
sauberer Velinpapierbogen, die deutsche Scripturen enthielten ...
    Sie war aufgestanden und setzte sich wieder ...
    Sie ahnen schwerlich, was diese Papiere enthalten! - sprach sie, das
Convolut neben sich legend ...
    Sie verwies ihn auf den nchsten Stuhl ...
    Ich hre, Sie und Klingsohr sind die Referenten der Curie in deutschen
Angelegenheiten geworden! erwiderte Benno ... Wir haben, wissen Sie gewi, eine
Reformation in Deutschland ... Sind das die betreffenden Actenstcke? ...
    Sie schttelte den Kopf, lie den angeregten Gegenstand fallen und fixirte
nur Benno mit prfenden Blicken ...
    Seltsam! sagte sie ... Ihr Haar ist von der Mutter ... Die Augen haben Sie
vom Vater ... Ihr Blut scheint von Natur langsam zu flieen, wie - durch Kunst
bei Ihrer Mutter ... Ihr Verstand, der ist hitzig, wie beim Kronsyndikus - und
wissen Sie, ich htte Sie schon in St.-Wolfgang mit ruhigem Blut in allerlei
Unglck sehen knnen - Nicht dafr, weil Sie kein Interesse fr mich hatten -
Armgart hatte es Ihnen schon damals angethan - Nein, Sie trugen den Kopf so
schrecklich hoch - um Ihrer Klugheit willen! ... Das haben Sie ganz von Ihrem
Vater ... Der konnte auch jedem einen Thaler geben, wer ihn klug nannte ... Ich
lstere ihn nicht ... Mir war der Schreckliche gtig ... Nur zuletzt nicht mehr
... Htt' er mich da noch aufrecht gehalten, ich wrde nicht so elend in die
Welt hinausgefahren sein ... Es - ist - nun so ...
    Dafr machen Sie jetzt Ihren Weg! fiel Benno mit Bitterkeit ein ... Wann
werden Sie Grfin Sarzana sein? ...
    Sie hrte auf diese Frage nicht, sondern sagte trumerisch:
    Wenn ich rachschtig wre ...
    Manche bezweifeln Ihre Gromuth - ...
    Und wenn ich sie nun nicht htte, habt ihr mich nicht dahin kommen lassen?
...
    Etwa auch meine arme Mutter? ...
    Der Herzogin, das ist wahr, war ich zu Dank verpflichtet; aber sie war nicht
gut gegen mich ... Wir Frauen wissen, da wir Ursache haben, uns im Leben an
eine starke Hand zu halten ... Nun finde ich hier vielleicht eine solche ...
Konnt' ich ertragen, da Ihre Mutter ber mich lachte und ihrem Briefwechsel mit
Ihnen, den ich voraussetzen durfte, Ihre und des Bischofs Urtheile ber mich
entnahm und weiter verbreitete? ... Ich leugne nicht meine Herkunft und meine
ehemalige Lage ... Ich wei auch, da mich im Leben noch niemand gemocht hat,
und habe mir lngst darber mein System gemacht. Ich ahne sogar - im Vertrauen -
da auch diese Herrlichkeit hier bald zu Ende sein wird ... Aber was ich mir an
Unglcksfllen ersparen kann, das will ich denn doch nicht unterlassen haben.
Ihrer Mutter, einer hchst gefhrlichen, vllig in sich unklaren, halb
ehrlichen, halb listigen Frau, einer echten Italienerin, mut' ich einen
Vergleich anbieten ... Ich will wnschen, da sie die Bedingungen ebenso hlt,
wie ich sie halte ... Sie sind mit der jungen Frstin Rucca intim, fragen Sie
sie in einer Schferstunde, ob ich geplaudert! ... Selbst ber Armgart werden
Sie sie nicht unterrichtet finden - Sie Ungetreuer! Was wird Armgart sagen!
Nicht nur Sie, sondern auch Herr de Jonge brechen ihr die Treue! ... Meine
Herren, sie erfhrt alles! Darauf verlassen Sie sich ... Herr von Terschka wird
sie von allem in Kenntni setzen ... Apropos, hten Sie sich doch vor den
politischen Grillen Ihrer Mutter ...
    Benno mute anerkennen, da der Ton des Wohlwollens durch alle diese Reden
klang ... Dennoch lag er auf der Folter und htte mit einem einzigen Wort die
Maske seiner Selbstbeherrschung abwerfen mgen ...
    Werden Sie den Namen Asselyn behalten? fragte Lucinde nach einer Weile ...
    Benno konnte die qulende Errterung nicht mehr pariren ... Auch sah er, da
sich ihr Sinnen immer mehr und mehr auf den Bischof richtete ...
    Der Name Asselyn - erwiderte er - klingt dem Italiener nicht fremd - ...
    Der Prsident, Ihr Bruder, ist kinderlos - fuhr sie fort - Wenn Sie da -
Nein, nein - lassen Sie die Wittekinds aussterben! Bleiben Sie der rthselhafte
Sohn der Spanierin, der Neffe des guten Dechanten, ein Asselyn! ... Ich habe
mir viel Mhe gegeben, hinter Ihr Geheimni zu kommen, das ist wahr ... Aber es
wissen nicht mehr darum, als der Bischof, ich, ohne Zweifel der Dechant und
meine alte Freundin, Frau von Glpen ... Aber Thiebold de Jonge scheint
eingeweiht ... Das ist thricht ... Sie mssen ihn freilich erprobt haben ...
Ganz so dumm, wie Piter Kattendyk ist er nicht ... Sagen Sie, wie knnen Sie
Dergleichen um sich ertragen! ...
    Benno erhob sich und sagte halb scherzend, halb im Ernst:
    Nun wollen wir von den neuesten mailnder Moden sprechen ... Sonst erleben
Sie, da ich Sie auf Pistolen fordere ...
    Pistolen! sagte sie kopfschttelnd. Auch das kommt, in Italien nicht vor ...
Wer uns hier beleidigt, fllt durch das Stilet eines Rchers, den man dafr
bezahlt ... Das ist schrecklich und doch - ist es nicht eine unendliche Wonne,
aus den deutschen Verhltnissen erlst zu sein? ... Rom hat seine Lgen, seine
Schlechtigkeiten - aber dieses Ma von schwatzhafter Tugend, eitler Sittsamkeit,
biederer Langeweile von jenseits der Berge gibt es hier gar nicht ... Erzhlen
Sie mir aber -! ... Ja wie geht es Nck? Ich wei durch Herrn de Jonge, da er
ohne seine Frau in Wien ist und noch unentschlossen sein soll, ob er nach dem
Orient geht oder nach Rom ...
    Ein solches unentschlossenes Umherblicken wird seine Halsschmerzen vermehren
...
    Sie sind boshaft! ... Lucinde errthete und schwieg ...
    Woher erfuhren Sie die nheren Umstnde meines Geheimnisses? Gewi ist
vorzugsweise Nck betheiligt? ... begann Benno, der endlich mehr die Oberhand
gewann ...
    In diesem Augenblick lutete es von Tivoli herber ... Lucinde senkte den
Blick und sprach fr sich den englischen Gru ...
    Benno durfte der frommen Sitte sich nicht entziehen ...
    Darber hatte sie Zeit gewonnen und kam auf die verfngliche Frage wegen
Nck nicht zurck ...
    Die Dmmerung war hereingebrochen ... Ueber die Hhen des Gebirgs sah man
Streifen des Monds schimmern, die bald ihr mildes Licht ber die dunkelnde
Schlucht verbreiteten ...
    Lt mir der Bischof nichts, gar nichts sagen? begann Lucinde ...
    Nein! erwiderte Benno und sprach der Wahrheit gem ...
    So war es ja immer, sagte sie mit stockender Stimme ... Lieblos entzogt ihr
mir die rettende Hand! ... Hinweggeschleudert habt ihr mich wie ein Wesen ohne
Bildung! ... Wie hab' ich gerungen nach euerer Freundschaft, nach euerer
Schonung nur ... Kalt, grausam habt ihr mich zurckgestoen! ... Nun mut' ich
mir freilich selbst helfen ... Das ist die grte Feigheit der Mnner: Ein Weib
um ihrer Thorheit willen leiden sehen und sie dann auf Vernunft und Besinnung
verweisen ... Vernunft und Besinnung haben wir ja nicht ... Nur in der That,
sei's der That der Liebe, sei's dem Rausch des Wahns oder dem Klagegeschrei der
Enttuschung, nur in Handlungen und Zustnden sind wir, was wir sind ...
Vernunft und Besinnung! ... Nachdenken und Reflexion! ... Was soll das uns! ...
Ich vergebe dem Bischof - doch nie, was er alles, alles an mir gethan hat ...
    Benno wute kaum, was er einem weiblichen Wesen erwidern sollte, das auf
einen katholischen Priester Rechte der Liebe zu haben behauptete ... Er begngte
sich, die Wildaufgeregte zu beruhigen mit einem einfachen und ironischen:
    Sie beteten doch eben voll Frmmigkeit das Ave Maria - und verlangen das
Unheiligste ... Sie haben nie das Gemth dieses edelsten der Menschen verstanden
...
    Ein Gemth ist's, wie das dieser Bildsule! sagte Lucinde zornig ... Als
wenn ein Priester von seinen Gelbden sprechen knnte, der sie doch einer andern
gegenber nicht hlt! ... An jenem Abend auf dem Friedhof von St.-Wolfgang
schon, wo wir unter den - - Grbern wandelten, funkelten die Sterne herab, als
wollten sie sagen: Halte sie doch fest, die Stunde der Vershnung! ... Sieh,
dies wahnsinnige Weib, so sprachen die Sterne, hat zwei Jahre geschmachtet nach
Wiedervereinigung mit dir! Nun kommt sie und pocht, voll Hoffnung an deine
Htte! Du - du opferst sie aber schon der alten Magd, die dich bedient! ...
Lachen Sie nicht! - Die Sterne sprachen mehr ... Sie sagten: Du schmhst ihre
Verehrung, die so ganz ohne Interesse, nur ein reines Opfer der Liebe ist! - Ich
bin um diesen Mann katholisch geworden - ich wre schon glcklich gewesen, nur
dann und wann mit ihm sprechen zu drfen ... Da ich seine Magd htte sein
knnen, mich wirklich als Buerin bei Renate verdingen, davon will ich gar nicht
reden ... Ich war heimisch in ihm, als ich ihn das erste mal sah ... Ich fand
einen Menschen wieder, der todt war und in ihm sein Testament zurckgelassen
hatte ... Schon damals, als Ihr Vetter geweiht wurde, kannte ich seine Zukunft;
ich kannte die ganze kommende Zerrissenheit seines Gemths; wute, da er dort
enden wrde, wo er jetzt steht - an einem furchtbaren Abgrund, den nur noch
seine uere Wrde deckt ... Ich kannte alles, was ihm ber die Leiden dieses
Daseins hinweggeholfen htte ... Er verschmhte es ... Nun folg' ich dem Ruf in
die Dechanei, erlebe die Demthigung, zum Hause hinausgeworfen zu werden; ich
klammere mich an den Saum seines Kleides, an den Teppich der Altre, die sein
Fu berhrt; ich wage mich in die schwierigsten, demthigendsten
Lebensverhltnisse, nur um eine Erhrung meines - um Gte und Vertrauen - Gott,
ich sage nicht: um Liebe - verschmachtenden Herzens zu finden ... Keine Hlfe!
... Nichts als die kalte Sprache der Lehre und Ermahnung ... Mit der Zeit konnt'
ich ihm furchtbar erscheinen, konnte ihm drohen, ich that es auch - ... Als ich
dennoch mich bekmpfte, dennoch von dem beweinenswerthen, rasenden, wahnsinnigen
Gefhl fr diesen Mann mich beherrschen lasse, alle meine Waffen senke, sind'
ich noch immer keine Regung der Vershnung, kein Wort der Gte, keines des
Vertrauens! ... Noch in Wien stt er den Nachen zurck, auf dem ich mich zu ihm
geflchtet ... Das ist wahr - er nahm mir in Wien eine Brde ab, die mich zum
Tod niederdrckte - aber kaum flieen meine Thrnen, so lt er mich auch wieder
hinaus auf die strmende See in ein Leben, das bisher nur Noth und Demthigung
mir gebracht ... Jetzt hab' ich einen kurzen Augenblick des Glcks! Er macht -
euch alle schwindeln ... - Mich nicht! Ich wei, was ich thue! ... Ja! Wie eine
Bettlerin - will ich nicht wieder vor euern Thren stehen! ...
    Lucinde war aufgestanden ...
    Benno erbebte vor ihrem Blick ... Er frchtete fr Bonaventura's schwierig
gewordene Stellung ...
    Sie sind bei alledem dem Bischof werth ... sagte er und mit voller
Ueberzeugung ...
    Sie anerkannte diese Aeuerung, fuhr aber fort:
    Weil er mich frchtet! Weil ihr alle mich frchtet! ... Ich habe mich
freilich rsten mssen gegen euch! Gesucht hab' ich nichts - ich fand alles von
selbst ... Auf dem Schlosse Ihrer Vter hab' ich schon als Mdchen von sechzehn
Jahren die sibyllinischen Bcher aufgeschlagen gesehen und verstand nur noch
nicht die Zeichen, die in ihnen wie durchstochene blutige Herzen funkelten ...
Jetzt liegt mir jeder Traum der Kindheit offen ... Ich verstehe das Wimmern und
Seufzen in den Ulmen des Schloparks von Neuhof, ich sehe die Verwirrung euerer
ganzen Familie und euer - tragisches Ende ... Mit dem Bischof hab' ich Mitleid
... Er liebt, ein umgekehrter Jupiter, statt eines Weibes eine Wolke ...
Erzhlen Sie mir von Paula! Ich denke, ich verdiene, da Sie sich's etwas kosten
lassen, mich wenigstens - zu unterhalten ...
    Diese Worte waren freundlich ... Benno mute ihr den vorangegangenen Ton des
bermthigen Emporkmmlings vergeben ...
    Sie setzte sich wieder ...
    Benno sollte es ebenfalls thun ... Angezogen hatte sie ihn niemals so wie
heute ... Die Leidenschaft verjngte Lucinden zu ihrer ersten Jugendschnheit
... Ja sie fiel sogar in ihren naiven Hessenmdchen-Ton ...
    Also - Paula! Bitte, bitte! ... Erzhlen Sie! ...
    Ich kann Ihnen nur erzhlen, sagte Benno, was alle wissen! Ich ehre den
Bischof zu sehr, als da ich ihm durch unberufene Fragen Gelegenheit geben
sollte, sich ber Gefhle auszusprechen, die ihm schmerzlich sind - ...
    Die Wunde nicht berhren, heilt sie euch! ... schaltete Lucinde ein ...
    In den meisten Fllen ist es auch so ... Ob beim Bischof und bei Paula - ich
wei es nicht ... Ich kann nur berichten, da dieser Ihnen so undankbar
erscheinende Bonaventura an Verklrung und Hoheit der Gesinnung von Tage zu Tage
wchst ... Er entschwebt dem Irdischen und ich mag ihn durch Fragen nicht
niederziehen aus seinen reinen Hhen ... So viel aber wei ich, da doch Er es
war, der Sie vor allen mislichen Folgen Ihrer Verbindung mit Nck geschtzt hat
... Ich wei, Graf Hugo gab seine Absicht, die Urkunde anzuzweifeln, erst nach
einer langen Unterredung mit dem Bischof auf ...
    Lucinde horchte ...
    Sagen Sie selbst, fuhr Benno fort, was htte den Bischof verhindern knnen,
dem Grafen zu rathen: Handeln Sie getrost nach allem, was Ihnen Terschka
mitgetheilt hat! Zu offen lagen aller Welt die rthselhaften Vorgnge des
Brandes in Westerhof. War ich nicht selbst ein Zeuge derselben? Dieser Bruder
Hubertus - der - leider - so rthselhaft auch - jetzt verschollen ist - ...
    Den ich unter die Ruber und Mrder schickte? ... sagte Lucinde verchtlich
...
    In der That - berall stellen sich seiner Vernehmung eigenthmliche
Hindernisse entgegen ... Den Dionysius Schneid hat er gerettet, hat die Hlfte
seiner Erbschaft aufgenommen und nach London geschickt, wohin dieser Mensch,
unzweifelhaft ein Brandstifter, ber Bremen entkommen sein soll ...
    Also wer und was schtzte mich - - vor dem Zuchthause? ... unterbrach
Lucinde ...
    Wenigstens vor der Anklagebank schtzte Sie Graf Hugo von Salem-Camphausen
... Er that dies infolge einer Brgschaft, die doch ohne Zweifel nur der Bischof
fr Sie bernahm ... Er mag dem Grafen Dinge ber Sie gesagt haben, die Ihnen
nicht wrden gefallen haben; aber sie bestimmten ihn, sich dem Unvermeidlichen
zu fgen ... Er hat die Urkunde anerkannt - ...
    Lucinde htte gern gesagt: So kann also euer Bischof wirklich auch - lgen?
... Sie hrte nur voll Spannung ber die Folge von Bekenntnissen, von denen
Benno nicht einmal zu wissen schien, da sie in kirchlicher Form stattgefunden
hatten ...
    Dann, fuhr Benno fort, erfolgte die Verstndigung mit Schlo Westerhof ...
    Worin lag zuletzt fr Paula die Brgschaft des Werthes, den Graf Hugo, nach
dem Zeugni, das der Bischof ihm ausstellen sollte, ihr haben durfte? fragte
Lucinde ... Die Bedingung, die Paula gestellt haben soll, kannte ja die ganze
katholische Welt ...
    Ich denke in der Art, sagte Benno, wie Graf Hugo die Ergebnisse seiner
Rcksprache mit Ihnen aufnahm ... Beide Charaktere lernten sich zum ersten mal
kennen, sprachen sich aus und schtzten sich ...
    Ganz und ohne Rckhalt? zweifelte Lucinde lachend ...
    Ich traue ihm zu, da er ehrlich zu Bonaventura sagte: Sie lieben die Grfin
Paula! ...
    In der That? ...
    Sie freilich glauben nicht an Wahres und Gutes in dieser Welt ...
    Nie an den Sieg des Wahren und Guten ...
    So wei ich keine andere Erklrung ... Der Graf kennt ebenso Paula's
Empfindungen fr Bonaventura wie Bonaventura's fr Paula ... Dieser blieb mit
jenem einen Tag auf Schlo Salem allein und die Folge war die Reise des Grafen
nach Westerhof ...
    Eine Andeutung, da der Graf - katholisch werden wird! sagte Lucinde. Er hat
unsere Religion in den Bekenntnissen eines Priesters achten gelernt ... Was sagt
die Mutter dazu? ...
    Benno schwieg eine Weile ... Er wute allerdings, da der Graf seit jener
Unterredung von der tiefsten Verehrung Bonaventura's durchdrungen war ... Er
wute, da die alte Grfin auf Castellungo sich auf Grund dieser Verehrung mit
bangem Herzen zum Bischof von Robillante verhielt und die Freundschaft des
Grafen fr den Bischof nur deshalb nicht nachdrcklicher bekmpfte, weil dieser
ihre Theilnahme fr die Waldenser und fr den Eremiten Federigo theilte ...
    Benno erstaunte, da Lucinde, die alles wute, was ihn und Bonaventura
betraf, nicht in diesem Eremiten den Vater Bonaventura's sah ...
    Alle diese Rckhaltsempfindungen verbarg er unter den Worten:
    Die beste Religion, die wir haben knnten, wre eine auf die Erkenntni der
tiefsten und edelsten Mglichkeiten und Fhigkeiten unserer Menschenbrust
begrndete! Liebe, Freundschaft, Vertrauen, alles Edle im Menschenherzen - ich
dchte, das ist die einzig wahre Brgschaft der Gottesnhe ...
    Lucinde zeigte auf den kleinen Vestatempel, der auf der Hhe des Gebirges
ber dem Katarakt wie ein weier Nebelring schwebte ...
    Sogar Benno von Asselyn schwrmt! sagte sie. Nein, diese Religion, die Sie
da nennen, ist keine ... Oft schon hat die Gottheit versucht, ob sie sich im
reinen Menschenthum offenbaren knnte ... Die Gtter kamen auf die Erde in allem
Reiz der menschlichen Phantasie ... Da verwilderten sie ... Dann kamen sie noch
einmal im Reiz des menschlichen Duldens ... Auch das - im Vertrauen gesagt -
erlag - fr den Denker ... Die Gtter wohnen jenseits dieser Welt ...
    Es war still ringsum ... Das Dunkel mehrte sich ... Lucinde warf ihre
religise Maske ab ...
    Aber als wenn sie Reue darber befiel, so ergriff sie die Papiere, erhob
sich und deutete auf einen Weg zur Villa, wo es heller war ...
    Dabei sprach sie:
    Sie haben ganz Recht! Paula, Graf Hugo und Bonaventura gehren einer
einzigen Kirche an ...
    Doch die Kinder? sagte sie pltzlich, zu den Religionsformen der Erde
zurckkehrend und des oft an ihr nagenden Bundes gedenkend, den der heilige
Franz von Sales gerade mit einer verheiratheten Frau, mit der Stifterin der
Visitandinen geschlossen - ...
    Nein! Nein! beantwortete sie sich selbst ihre Frage ... Die werden nicht
kommen! ... Wenigstens nach dem Urtheil der Aerzte nicht - Die Grfin hat ihre
Visionen noch immer ... Sogar jetzt in Witoborn, wohin sie nach dem wiener
Winter mit dem Grafen gereist ist ... Die in Salem heftig eintretende Rckkehr
ihrer Visionen, die Aufregung derselben fr Wien, das Andrngen der Aerzte, die
Neugier der Forscher und Trumer brachten beim Grafen den Entschlu zu Wege,
seine Gter um Westerhof zu besuchen ... Vielleicht regte sich in Paula die
Sehnsucht nach des Obersten von Hlleshoven magnetischer Hand ...
    Ueberraschend! entgegnete Benno ... Diese Nachrichten hatten wir selbst noch
nicht in Robillante ... Woher wissen Sie alles das? ...
    Unwillkrlich fiel sein Blick auf die Papiere, die ihm Lucinde entzog ...
Seine Neugier mute sich steigern, als sie fortfuhr:
    Auch Sie sollten nun doch fr immer in Rom bleiben und sich hier ntzlich
machen ... Sie sollten Partei ergreifen ... Wem kann das Glck mehr lcheln als
Ihnen? ... Frchten Sie sich doch nicht so sehr vor einem Roman mit Olympia
Rucca! ... Die Zeiten sind vorber, wo bse Frauen ihre ausgenutzten Liebhaber
vom Thurm zu Nesle strzten ... Jetzt geben sie ihnen Anstellungen und manchmal
sogar - Frauen ... Bleiben Sie in Rom! Nehmen Sie hier eine Stelle, die nicht zu
gebunden ist! ... Schon lie Sie, hr' ich, der Staatskanzler in eine
verlockende Zauberlaterne blicken ... Fr Ihre Heimat haben Sie seit Ihrer
Courierreise doch den Credit verloren ... Auf dem Venetianischen Platz kann ich
das groe schne Haus mit dem schwarzgelben Banner nie ansehen, ohne nicht die
Stelle wenigstens eines sterreichischen Legationssecretrs an Sie zu vergeben
... Rom ist die Welt ... Und selbst wenn Sie Rom nur studiren wollten - ich
kenne Ihr Verhltni zu Ihrem Bruder, dem Prsidenten von Wittekind nicht - so
brauchen Sie dazu ein Leben ... Sie knnen hier jeden Tag eine andere Inschrift,
jeden Tag einen andern Marmorstein vornehmen ... Und verstellen Sie sich nicht!
Ganz gleichgltig ist Ihnen Olympia keineswegs ... Man flieht nicht so eifrig
vor dem, was man verachtet ... Wr' ich ein Mann, mich wrd' es sogar reizen,
diesen Panther zu bndigen ... Schwrmen Sie in der That noch immer fr die
Lindenwerther - Kindereien? ...
    Da Sie alles wissen, erwiderte Benno mit dem Ausdruck jener Toleranz, die
Mnner ein fr allemal der kecken Rede aus Frauenmund zu gewhren haben, was
wissen Sie von Armgart? ...
    Von den englischen Cardinlen, entgegnete Lucinde, von jenen Aermsten, die
sich alle drei Jahr dem Martyrium aussetzen, sich in England von den Roheiten
John Bull's beschimpfen lassen zu mssen, hat Cardinal Talbot Armgart in London
gesehen ... Bei guter Laune verglich er sie dem Heiland, der als Kind im Tempel
predigte ... Sie legt die Bibel aus, wie ihre Mutter ... Eine Krankheit das -
nur findet sie bisjetzt noch immer das in der Bibel, was die Englnder erst
sehen, wenn sie in den Katakomben waren ... Wenn sie nicht auf die andern
Thorheiten der Englnder einginge, wrde man sie kaum dulden ...
Glcklicherweise reitet sie nicht nur und schiet, sie schwimmt und angelt auch
... Sie knnte die Herzogin von Norfolk sein, hr' ich, wenn die Auswahl ihrer
Bewerber nicht zu gro wre ... Ob sie fr die beiden jungen Mnner, die ihr
einmal eine Flucht aus der Pension erleichterten, noch die alte Piett bewahrt,
zweifl' ich fast ... Im Bericht des Cardinals erfuhr ich nichts davon ... Mit
Baron Terschka hat sie sich ausgeshnt ... Ja, ja, die Gefhle junger Mdchen
wollen ihre Nahrung haben. Thut man auch gar nichts, lieber Herr, um sie an
sich, zu erinnern, so unterhlt solche kleine Koketten mehr noch der Ha, den
sie auf manche. Menschen werfen, als eine bald verklingende Liebe aus dem
Pensionat ...
    Benno widersprach nicht ... Er war in die Erinnerung an sein zu Armgart
gesprochenes Wort, sie wrde noch einst lange in der Irre gehen und dann voll
Wehmuth an ihn zurckdenken - so versunken, da Lucinde eine Frage wiederholen
mute, die sie an ihn gerichtet hatte:
    Was halten Sie von Paula's Visionen? ...
    Ich glaube nicht an sie, aber sie knnen zutreffen, sagte Benno ...
    Das ist ein Widerspruch ...
    Nein! ... Niemand kann freilich sehen, was erst die Zukunft ins Leben rufen
mu ... Aber ein Auge wie Paula's blickt unbeirrt von den Verhltnissen, die uns
andere zerstreuen ... Wir wrden alle ein wenig sozusagen allwissend sein,
schrften wir nur unser inneres Auge, jenes Auge, das nicht mit dem Verstand,
sondern mit dem Herzen sieht ...
    Nun - dann hoffen Sie! ... Paula sieht Armgart in ihren Visionen - immer nur
mit Ihnen verbunden ... Sie staunen? ... Ueber diese Papiere? ... Nun ja,
freilich, das sind Abschriften der Visionen Paula's ... Genau gesammelt seit
einer Reihe von Jahren und fortgefhrt bis in die neueste Zeit ... Ich erwarte
schon morgen aus Witoborn eine neue Sendung ... Wer sie niederschreibt, wei ich
nicht. Frau von Sicking - oder Norbert Mllenhoff in ihrem Auftrag - mglich ...
Sie wissen vielleicht nicht, da Fefelotti die Frage zu entscheiden hat, ob das
magnetische Leben innerhalb des Christenthums Berechtigung hat ... Ich frchte,
man wird den Magnetismus verwerfen ... Die Concilien sprechen nichts davon ...
Mich ngstigen die Gefahren des Bischofs, wenn ich auch beim Lesen dieser
Bltter lachen - freilich auch viel mich rgern mu ... Ich sehe die Zipfelmtze
des alten Onkels Levinus und seine gelehrten Forschungen - Ich sehe die Tante
Benigna und ihre Schweinemast ... Aber auch vieles Andere ... Nur seltsam! Die
wahren Verhltnisse der Asselyns und Wittekinds, wie ich sie kenne, sind Paula
unbekannt ...
    Benno wurde eben von einem der nher gekommenen Diener mit einem Blick
befragt, ob sein Pferd in Bereitschaft gehalten werden sollte ...
    Im Wandeln waren sie schon dicht bei der Thorpforte angekommen ...
    Reiten Sie jetzt zurck! sagte Lucinde ... In Italien ist die Nacht
unheimlich ...
    Und Sie, Sie bersetzen diese Visionen ins Italienische? fragte Benno
erstaunt ...
    Im Auftrag Fefelotti's! besttigte Lucinde ... Fefelotti ist es, der die
Kirche regiert ...
    Und glauben Sie nicht, da man dem Bischof hier die Kerker der Inquisition
ffnet und jenen greisen Bewohner des Thals von Castellungo herausgibt? ...
    Das ist nicht mglich - und zwar deshalb nicht, weil man ihn gar nicht in
Gewahrsam hat ...
    Das glaubt der Bischof nicht ...
    Aber es ist so ... Als es hie, Pasqualetto htte den Vielbesprochenen in
Gestalt eines Pilgers von Loretto gefangen genommen, freuten wir uns alle des
Beweises, den jetzt die Dominicaner nicht mehr zu geben brauchten, indem sie
ihre Gefngnisse ffneten ... Letzteres thun sie nicht ... In Rom gewi nicht,
verlassen Sie sich darauf ... Hubertus wurde entsandt, den Pilger aufzusuchen
... Seither sind leider beide verschwunden ... Warnen Sie den Bischof, diesen
Streit nicht wieder aufzunehmen ... Fordert man ihn vor die Schranken eines
geistlichen Gerichts, schlgt man hier in den Archiven nach, wo ber Tausende
von Seelen der katholischen Welt - Gestndnisse und Aufklrungen liegen - ...
    Lucinde hielt inne ... Sie konnte nicht wissen, ob nicht in der That die
Curie von Witoborn von Leo Perl's Gestndnissen damals nach Rom Bericht gemacht
hatte ...
    Da man die Frage ber den Magnetismus anregt, ist mir schon ein Beweis, wie
man in unsers Freundes Vergangenheit einzudringen sucht - fuhr sie nach einiger
Besinnung fort ... Ich wnsche ja aufrichtig, da Bonaventura hier eine ganz
andere Krone als die des Mrtyrers trgt ... Wre er darum nach Italien
gekommen, um hier - in einem Kloster elend unterzugehen -? ... -? ...
    Die Wasser des Anio rauschten so mchtig, da sie das Gesprch bertnten
... Beide hatten die Eingangspforte mehrmals umkreist ... Das Ro scharrte schon
im Kieselsande ...
    Es wird zu spt! sagte sie. Ich lade Sie nicht ein, bei mir zu einem
Nachtimbi zu bleiben ... Auch ist die Frstin Ihnen gram ... Sie hat ihrem Sohn
Vorstellungen gemacht ber die Auffhrung seiner jungen Frau ... Sie verlangt -
hren Sie's nur - da Sie und Thiebold von Villa Torresani wegziehen ... Das
alles findet sich - besonders wenn Sie der guten Dame selbst ein wenig den Hof
machen ... Wir haben soviel gemeinschaftliche Sorgen! ... Aber - vielleicht auch
Freuden! ... Glckauf in Rom! ... Geben Sie mir die Hand! Lassen Sie uns
Verbundene bleiben! ...
    Benno reichte die erstarrte, kalte Hand ...
    Lucinde schied mit einer Miene der Protection, wirklicher Theilnahme und -
Koketterie ... Sie sagte:
    Versprechen Sie mir, da Sie auf Villa Torresani nie anders von mir reden,
als so, da ich Mnnern noch in einer einsamen Abendstunde gefhrlich werden
knnte - ...
    Damit schlug sie nach ihm mit einer Ponienblte, die sie am Wege
abgebrochen hatte und in ihrer gewohnten Weise zu zerzupfen anfing ...
    Der Diener hatte den Rcken gewendet ...
    Die deutsche Unterredung schtzte beide vor dem verfnglichen Inhalt ihrer
Worte ...
    Benno schwang sich in den Sattel ...
    Lucindens Auf Wiedersehn! war wie ein Gru zu einer Reihe der
unterhaltendsten und vertraulichsten Beziehungen auf lange, lange Zeit ...
    Benno schied halb auerordentlich gefesselt, halb in der Hoffnung, binnen
wenig Wochen vom giftigen Hauch dieser ganzen Atmosphre befreit zu sein - ...
    Der Weg war dunkel und abschssig ...
    Er mute langsam reiten ...
    Hinter der finstern, scheinbar vom Silber des Wassersturzes mehr als vom
Mond erleuchteten Schlucht unterhalb Tivolis verbreiterte sich der Weg ... Die
Krmmungen des Anio hatten hier Anbau ... Zur Linken ragten die Trmmer der zu
einer Schmiede gewordenen Villa des Mcenas mit dem Schimmer der Cascatellen,
die aus ihren Fenstern gleiten, und mit Feueressenglut auf ... Ringsum war es
still, doch nicht einsam ... Einzelne Wanderer hielten am Wege inne ... Da und
dort erhob sich aus den hohen, noch nicht abgeernteten Maisfeldern ein spitzer
Hut ...
    Benno ritt tief verloren in Gedanken ...
    Paula, Bonaventura, alles was ihm theuer war, umschwebte ihn ... Welche Welt
gestaltete sich in seiner Brust! Welches Chaos rang zum Lichte! Es waren nichts
als glhende Tropfen, die Lucinde auf seines Herzens geheimste Sttten hatte
fallen lassen ...
    Allmhlich belstigte es Benno, von drei Reitern, in der Tracht rmischer
Landbesitzer, mit hohen Flinten auf dem Rcken, ledernem Grtel, Gamaschen bis
weit bers Knie, auf unruhigen, ohrspitzenden Maulthieren, fast in die Mitte
genommen zu werden ... Eben wollte er seinem Ro die Sporen geben, um sich
dieser unfreiwilligen Begleitung zu entziehen, als die Reiter innehielten, wie
der Blitz abschwenkten und zur Schlucht zurckritten ...
    Hatten sie sich in seiner Person geirrt? ...
    Wenige Secunden und Benno begriff, da ihr Auge und Ohr schrfer als das
seinige gewesen war ... Er hrte den gleichmigen Trab bewaffneter Reiter ...
Bald sah er einen Trupp Carabinieri, denen in einiger Entfernung eine Kutsche
folgte ...
    Es war die Kutsche des Cardinals Ceccone ... Benno gab seinem Pferd die
Sporen ... Windschnell suchte er vorberzufliegen ... Er mute vor einem zweiten
Reitertrupp abschwenken, der die Arriregarde des Wagens bildete ...
    In die unheimlichsten Gespenster schienen sich ihm jetzt rings die Bume und
Felsen zu verwandeln ... Wie von einem Hhnen der Natur verfolgt, sprengte er
dahin ... So schuldlos ihm sein eigenes Innere erscheinen durfte, immer mehr
Schrecken begehrten Einla in seine Brust ... Ist das Rom, das gelobte
Zauberland der Christen -! ... Ceccone fuhr soeben zu Lucinden, die der Mann im
Purpur ohne Zweifel allein wute ... Die Unterredung mit ihr hatte Benno's
ganzes Interesse gewonnen ... Er hatte erkannt, da Lucinde in der That aus dem
Trieb ihrer Liebe zu Bonaventura auf Wegen wandeln knnte, wo man ihr eine
Anerkennung nicht versagen durfte ... Nun strzte alles zusammen ... Er sah nur
noch - die Buhlerin ...
    Wie glcklich war er, als er, die hohen spitzen Aloes und Statuen
erblickend, die die Treppengelnde der Villa Torresani zierten, unterschied, da
in den Slen kein Licht war ...
    So war Olympia doch noch nicht zurck ... Und sie blieb wol ber Nacht in
Rom ...
    Er sprang vom Pferde und flchtete sich in die Einsamkeit seines Pavillons
...
    Wer waren die drei Reiter? ... Schwerlich Ruber ... Man kennt dich in den
geheimverbundenen Kreisen als einen Freund der Bandiera - du hast die
Begrungsformeln des Jungen Italien und dennoch weilst du in der Nhe eines
Mannes, den - Mord und Verrath umschleichen -! ...
    In seiner gewagten Doppelstellung glaubte Benno sich nicht mehr lange halten
zu knnen ... Es mute zu Entscheidungen, zu Entschlssen frs Leben kommen ...
    So suchte er die Ruhe, von der er wute, da er sie nicht finden wrde ...
    Man brachte ihm noch einen Brief, der whrend seiner Abwesenheit angekommen
war ... Die verstellte Handschrift war die der Mutter ...
    Die Mutter schrieb, da sich in seiner Wohnung, dann bei ihr selbst der
berhmte Advocat Clemente Bertinazzi hatte erkundigen lassen, ob Herr von
Asselyn nicht bald aus dem Gebirge zurckkehrte ...
    Das war eine Mahnung, der er sich entschlieen mute, Folge zu leisten ...
Sie konnte gefhrliche Folgen nach sich ziehen, wenn er nicht auf sie hrte ...

                                       8.


Als nach Mitternacht Olympia von Rom zurckgekehrt war und sie ihm dann in der
Frhe beim Wandeln im Garten begegnete - Thiebold freilich immer in der Nhe,
heute mit dem Begieen von Blumen beschftigt - sah Benno wol, da auf die Lnge
des Freundes Beistand nicht mehr vorhielt ... Mit der Giekanne und hnlichen
Hlfsmitteln konnte er nicht berall hin folgen ... Olympia wollte heute sogar
ihre Schmhungen ber Lucinden Benno nur allein vertrauen ...
    Menschen wie Thiebold knnen fr den Umgang unentbehrlich werden; doch
erfllen sie nicht die Phantasie ... Sie lassen sich als Freunde, als Gatten,
nicht als Liebhaber denken ... Benno erhielt seinen vollen Platz in Olympiens
Herzen und die Stunde rckte nher und nher, wo die zunehmende Vertraulichkeit
um so mehr eine schwindelnde Hhe erreichen mute, als sein bester Freund
Ercolano pltzlich schchtern und verlegen zu werden anfing. Die Mutter hatte in
der That seine Eifersucht angeregt ... Das Wohnen auf seiner Villa hatte sie
eine lcherlichen Beweis von Schwche genannt ... Olympia trotzte der Zumuthung,
die deutschen Freunde aus ihrer Nhe entfernen zu sollen ... Darber ging
Ercolano wie in der Irre ...
    Thiebold war bald nur noch der Vertraute ihres Geheimnisses mit Benno ... Er
wurde nichts als eine schne Eigenschaft seines Freundes mehr ... Thiebold
bernahm die Commissionen ihrer Launen, fr die sie den Angebeteten selbst zu
hoch hielt ... Thiebold mute das Verhltni zum Cardinal Ambrosi lsen, d.h.
die letzten Aufmerksamkeiten und Geschenke berbringen, die noch fr dessen
Einrichtung bestimmt waren ... Sonst aber rgerte sie sich schon lange ber
Thiebold's Allgegenwart ... Bald hatte dieser Unbequeme gerade an derselben
Stelle, wo niemand anders als Benno erwartet wurde, seine Brillantnadel, bald
sein Portefeuille verloren; er suchte und fand den Freund immer an einer Stelle,
wo sie mit Benno allein zu sein hoffte ... Wenn sie geneigt wurde, beide aus dem
Pavillon der Villa Torresani nach einer ihr noch bequemeren Besitzung des
Cardinals umzulogiren, so war es, weil Thiebold wahrhaft Benno's Schatten blieb
...
    In Rom spielte selbst im Sommer eine Operntruppe ... Olympia besuchte diese
Vorstellungen wieder ... Das Sitzen in den Logen bot Zerstreuung, kokette
Unterhaltung, neckendes Fcherspiel, Gelegenheit zum Hin- und Herfahren,
Abholen, Sichbegleitenlassen, Verfehlen u.s.w. ...
    Da die Freunde trotz der Schnheiten des Landlebens doch von den
Merkwrdigkeiten Roms gefesselt sein muten und manchen Tag in der Stadt
blieben, so wollte die junge Frstin zu gleicher Zeit mit Villa Torresani auch
die Brezel an der Porta Laterana bewohnen ...
    Die Aeltern waren entschieden dagegen und beriefen sich auf die Ehepacten,
die jeden Punkt der Vergnstigungen bezeichneten ... Sie verlangten, da ihre
Schwiegertochter die Villa Torresani bis zu einem bestimmten Tage nicht verlie
... Manchen Menschen, sagte Lucinde zu Thiebold, der hier vermitteln sollte, ist
es Bedrfni, sich zu rgern ... Wenn die Frstin ihre Tochter in ihrer Nhe
entbehren sollte, entgeht ihr ein Motiv der Aufregung ... Die Mutter ist so gut
gewachsen, da sie sich gern ihrer Schwiegertochter als Folie bedient ... Wir
Frauen heben nicht den Arm auf, ohne nicht zu berechnen, wie unser
herabstrmendes Blut ihn weier machen mu ... Bester Herr de Jonge, heirathen
Sie niemals! ...
    Vierzehn Tage - drei Wochen gingen in dieser Weise vorber ...
    Zum Glck hatte man Anzeichen, da die Nachricht einer Insurrection jeden
Augenblick von der Kste des Adriatischen Meers kommen mute ... Couriere gingen
und kamen; die bewaffnete Macht war aufgeboten, vervollstndigt, marschfertig
... Die Consulta hielt tglich Sitzungen ... Der Verkehr mit den auswrtigen
Gesandten nahm Ceccone's ganze Aufmerksamkeit in Anspruch ... Von Angst und
Sorgen sah er in der That niedergedrckt aus ...
    Wie beim herannahenden Sturm jede Hand ihr Haus verschliet und den Gefahren
der Zerstrung vorzubeugen sucht, so zeigte sich auch jetzt in den Umgebungen
dieser Machthaber mehr politisches Leben, als sonst ... Mancher Mund sprach
sogar beredt und frei ... Manche geheime Hoffnung sah eine Erfllung voraus und
verrieth vorschnell ihre Freude ... Jene groe Mehrzahl von Menschen, die als
Ballast nur den ruhigeren Gang der Fahrt entscheidet, gleichviel unter welcher
Flagge ihre Fahrzeuge segeln, warf sich unruhig hin und her ... Vorahnend machte
sie gleichsam nur ihr Gepck leichter, um bequemer von einem Lager ins andere
berlaufen zu knnen ... Wie richtig hatten diese Bandiera die Italiener
beurtheilt! sagte sich Benno. Der Erfolg ist hier alles! Der Muth einer That
entscheidet ihre Bedeutung ...
    Nur in der Priestersphre waltete unerschtterliche Zuversicht ... Dort
stand es fest, da ein Kampf mit dem Interesse Gottes Jeden zerschmettern
msse - Selbst die Pforten der Hlle werden dich nicht berwinden! lautete der
tgliche, seit dreihundert Jahren im Mund der Katholiken bliche Refrain, der
auch hier ber das Antlitz der jungen und alten Prlatur einen lchelnden
Sonnenschein verbreitete ... Den bsen Mchten gehrt ja die Welt, dem Zufall,
der Intrigue, der Selbstverstrickung alles Guten - Wie kann - gesetzt die
Revolution wre das Gute - in dieser Welt das Gute siegen! hatte Lucinde ganz
im Geist der Jesuiten gesagt ...
    Unter den Freigesinnten gab es zwei Richtungen, die sich mit Schrfe
bekmpften. Fr die ausfhrlichere Begrndung ihrer Ansichten fanden sich in
England, in Frankreich, in der Schweiz und auf den Inseln um Italien
Gelegenheiten zum Druckenlassen ... Die eine Partei wollte ein einiges Italien,
an dessen Spitze der Heilige Vater als wahrer Friedensfrst und Verbreiter aller
Segnungen stehen sollte, die durch die Christuslehre dem Menschen verbrgt und
nur noch nicht genug anerkannt sind ... Die andere sah im apostolischen Stuhl
die gefhrlichste Anlehnung der Despotie, verwies den Papst aus den Reihen der
Souverne, lie ihm nur allein noch die Bedeutung, Pfarrer einer
Metropolitankirche der Christenheit, der Peterskirche, zu heien und nahm seinen
irdischen Besitz in die allgemeine Verwaltung eines republikanisch regierten
Italiens ... Freiheit von Oesterreich wollten beide Parteien. Die Souverne und
Wrdentrger der Hierarchie waren auf die Hlfe dieses Staates angewiesen; die
Vter der Gesellschaft Jesu machten die Vermittler zwischen Wien und allen
denen, deren Besitz in Italien bedroht war ... Da die Jesuiten dem Staatskanzler
zu wesentliche Dinge berwachten, da sie zu viel Dmonen der Weltverwirrung ihm
mit gebundenen Hnden berlieferten, so hatte er sich wol gewhnen mssen, sie
zu schonen und ihnen ber seine eigene Macht hinaus den Pa zu gewhren, den sie
gewinnen wollten fr die ganze Welt ... Das brige Deutschland, selbst im
Norden, gehrte schon den Jesuiten ... Der Kirchenfrst war freigegeben ... Der
Protestantismus schien alles Ernstes zur Unterwerfung wieder unter Rom durch die
Innere Mission und die Wiederaufnahme der Romantik vorbereitet zu werden ...
    Das Wunderlichste war der Contrast, in welchem die Rcksichten der
Geselligkeit zu den Zerwrfnissen in der Rucca'schen Familie standen ... Selbst
wenn Ceccone keine Fremden zu bewirthen hatte, keine Prlaten aus der Provinz,
keine Gesandten und hohe Reisende, so fehlten doch auf Villa Torresani
Ercolano's Freunde nicht, die jeunesse dore Roms, Aristokraten, deren Leben nur
von Liebesabenteuern und den neuesten Moden erfllt wurde ... Der Baron
d'Asselyno und der Marchese de Jonge wurden in alle Geheimnisse derselben
eingeweiht ... Niemand verbreitete mehr Gerusch von seinem Dasein, als die
jungen Prlaten ... Diese geistlichen Stutzer machten das Glck der Familien
zweifelhaft ... Der Eine nahm dabei die Miene eines Tartufe, der Andre die
stolze Zuversicht eines knftigen Papstes an ... Ehrgeiz und Selbstgefhl
drckte jede ihrer Lebensuerungen aus ... Einige Jahre hatten sie in der
Gefangenschaft der Jesuiten gelebt, die die Studien an sich gerissen haben; dann
traten sie in die Welt mit all den Ansprchen, die schon eine geringe Bildung
unter einem Volk voll Ignoranz geben darf ... Sie standen spt des Morgens auf,
machten wie Frauen ihre Toiletten, lieen sich stutzerhaft frisiren, schlugen in
ihren Listen nach, wo sie seit lange in diesem oder jenem Hause nicht zum Besuch
gewesen - Den Tag ber rannten sie miggngerisch durch Rom und seine Kirchen
... Manche ihrer Liebesabenteuer nahmen sie ernst und fhrten duftende, oft
versificirte Correspondenzen ... Alles das verband sich auf das leichteste mit
einer ununterbrochenen Ehrfurcht vor diesem Altar, jenem Crucifix, vor jeder
geweihten Stelle, die zu kssen die Sitte verlangte, selbst wenn damit kein
besonderer Abla verbunden ... Die Religion ist in Rom ein Gesetz der
Hflichkeit, wie bei uns das Hutabnehmen und Gren vor Hochgestellten oder
guten Bekannten ...
    Ercolano hatte nach einer heftigen Scene mit seiner Mutter vorgezogen, dem
Baron d'Asselyno eine legitime Stellung als Ehrencavalier seiner Gattin zu geben
... Das ist in Italien eine sociale Position wie etwa die jedes
Geschftscompagnons ... Ercolano wollte keinen Bruch. Er war im Stande, auer
sich in den Gartenpavillon zu rennen und Benno zu beschwren, besser mit
seiner Frau zu sein, nachgiebiger, aufmerksamer ... Sie drohte, krank zu werden,
wenn Benno Zerstreuung, Abwesenheit, Melancholie verrieth und sie
vernachlssigte ...
    Zwei Tage vor dem glnzenden Fest in dem Braccio Nuovo des Vatican war eine
groe Gesellschaft auf Villa Torresani ...
    Olympia sa in den Reihen der Geladenen und lebte nur fr Benno ... Ihre
Augen sogen sich den seinigen mit dem zrtlichsten Verlangen ein ... Die Mutter
Ercolano's verlie voll Verdru darber sogleich nach Tisch die Villa Torresani
... Herzog Pumpeo eilte ihr nach, um sie zu beruhigen ... Sogar Thiebold wollte
folgen ... Er hatte die Absicht, Lucindens Rath zu befolgen und die feindselige
Stimmung der alten Frstin durch ein neues Opfer seiner Tugend zu paralysiren
... Lucinde hielt ihn jedoch zurck ... Der Augenblick war nicht gnstig; Herzog
Pumpeo galt fr einen Raufbold ... Sarzana fehlte gleichfalls nicht ... Lucinden
fhrte er zu Tisch ... Sein Benehmen war lebhafter, denn je ... Ausgelassenheit
stand ihm aber nicht ... Lucinde mute sagen: Benno berragt alle ...
    Nach der Tafel besuchte die Gesellschaft eine der groartigsten
Trmmersttten, die in jener Gegend das Alterthum zurckgelassen hat, die nahe
Villa des Kaisers Hadrian ...
    Weitverzweigt ist dieser Riesenbau, den Benno in elegischer Reflexion das
Sanssouci jenes alten Kaisers genannt hatte ... Thiebold begann, diesen Gedanken
seines Freundes in die entsprechenden Einzelheiten zu zerlegen ... Die Zimmer
sah er, wo Kaiser Hadrian nach Tisch den Kaffee trank und junge hoffnungsvolle
Dichter und Knstler ermunterte, in ihren Studien fortzufahren ... Hier blies
Hadrian die Flte! sagte er ... Hier lagen seine Lieblingshunde begraben! ...
Dort spielte er wahrscheinlich Billard! ... In der That war hier das Leben eines
Kaisers jener Universalmonarchie in allen Momenten beisammen ... Raths- und
Erholungssaal, Bder, sogar die Kasernen fehlten nicht, in denen die zur
Bewachung commandirten Legionen untergebracht wurden ... Fr allzu heie Tage
schien gesorgt durch einen halbunterirdischen, bedeckten Gang, den einst die
kostbarsten Mosaikfubden, die schnsten Frescobilder und eben jene Statuen
geziert hatten, die sich jetzt im Braccio Nuovo des Vatican versammelt finden
...
    Hier nun war es, wo sich pltzlich die Gesellschaft in den Gngen verirrte
und beim Lachen ber die Vergleichungen des Marchese de Jonge, der eine ganz
neue Art von Alterthumskunde lehrte, auseinander kam ...
    In einem Seitenraum dieser Gnge blieb Benno mit Olympia allein zurck ...
Thiebold's Stimme klang in weiter Ferne; kein Futritt wurde mehr hrbar ... Der
Augenblick, den Benno immer noch verstanden hatte, nur flchtig andauern zu
lassen, der entscheidende, den seine eigene Selbstbeherrschung immer noch
vermieden, Thiebold's List durchkreuzt hatte, schien gekommen ... Jetzt, wo es
vielleicht nur noch acht Tage whrte, da die siegreiche oder gescheiterte
Unternehmung der Gebrder Bandiera dieser falschen Position des Herzens und der
Gesinnung ein Ende machte ...
    Olympia hielt Benno zurck und sagte mit einer einzigen Geberde, die einem
Strom begeisterter Worte glich:
    Wir - sind - allein! ...
    Und ihr Flammenblick schien diese Trmmerwelt neu zu beleben ... Die
verwitterten Moose und Schnecken an den feuchten Wnden verschwanden ... Die
hier und da noch erkennbaren Farben der alten Wandgemlde glhten zu Bildern der
Mythenwelt auf ... Amor und Psyche, Venus und Adonis schwebten ringsum ...
Selbst der Fuboden wurde belebt zum kunstvollsten Mosaik ... Wohl konnten der
beglckten Phantasie noch die goldenen Armsessel stehen, vor denen die
schngefleckten Felle der Leoparden und Tiger gebreitet lagen ...
    Benno mute seinen Arm um die luftige Gestalt winden, mute ihre Linke, eine
Kinderhand, weich wie Flaum, an sich ziehen und kssen ... Die junge Frau
blickte zu ihm auf mit jenem Ausdruck der Liebe, der in der That ihre Zge
verschnte ... Ihr Mund zitterte; ihre Augen waren von einem so hellen Glanz,
als spiegelten sich die Bilder, die sie aufnahmen, in einer reinen Seele ... Mit
weicher zitternder Stimme, die ihre Worte wie aus einem der Welt ganz an ihr
fremden Register der Stimme ertnen lie, hauchte sie:
    Ja, ich sollte dich hassen, du Treuloser! ... Wtest du - was ich alles um
dich gelitten - um dich fr Thorheiten beging ... Rom, die Welt htt' ich
zerstren mgen und am meisten mich selbst ...
    Benno hatte schon Tausenderlei zu seiner Entschuldigung gesagt ... Auch
wollte sie jetzt nichts mehr vom Vergangenen hren ... Ihre Lippen wollten gar
keine Worte ... Sie verlangten nur die Berhrung der seinigen ... Die blendend
weien Zahnreihen blieben wie einer Erstarrten geffnet stehen ... Liebe
verklrte jede Fiber ihres Krpers, wurde das Athmen der Brust, das ersterbende
Wort ihres Mundes - Das Geheimni der Welt Liebe, Religion Liebe, Leben Liebe
... Sie senkte die langen Wimpern ber die im trumerischen Vergessen
verschwimmenden, ihren Stern ganz innenwrts und hoch hinauf einziehenden Augen
...
    Leicht lag sie ihm im Arm wie eine Feder ...
    Benno, kaum noch seiner Sinne mchtig, zuckte absichtlich wie ber eine
Strung ...
    Da die Frstin nur in den Bewegungen des Geliebten lebte, machte sie die
gleiche Geberde ... Jeder Zug der Schnheit verschwand auf eine Secunde ... Das
Ohr spitzte sich ... Das Auge blickte gro und starr ...
    Alles blieb aber still ... Nur ber die feuchten Mauertrmmer sickerte
drauen ein Wsserchen ... Und im Nu, wie von unsichtbarer Musik regiert,
verwandelten sich ihre Zge zur seligsten Harmonie ... Ihr Sein war nur Eine
Hingebung, Eine Hoffnung ... Die zartesten Sylphenglieder schwebten in Benno's
Armen ... Er htte sie emporschleudern knnen; wie ein Kind wrde sie sich um
seinen Nacken mit den Armen festgehalten haben ... Auf diesen ihren entblten
Armen schimmerte ein gromchtiges goldenes Armband - eine einzige Spange nur,
von unverhltnimiger Gre ... Das Gold blitzte in Benno's Augen ... Er kte
den Arm um dieses goldenen Glanzes willen, der wie ein Zauber auf ihn wirkte ...
Seine Knie wankten ... Erst jetzt war er in gleicher Hhe mit ihr ... Er verlor
die Besinnung ...
    Olympia war es, die sein glhendes Antlitz mit Kssen bedeckte ... Sie
nannte ihn Verrther! Treuloser! Geliebter! ... Sie versicherte, ihn nicht mehr
lassen zu knnen, ihn bis in den Tod lieben zu mssen - ... Benno! sagte sie
dann, fast die Buchstaben zhlend, und nichts mehr anderes sprach sie ...
    Aber dennoch will das Glck seinen vollen Ausdruck haben ...
    Diese Statuen, die hier einst standen, rief sie endlich, kann ich nicht mehr
anrufen, Zeugen unserer Liebe und Hrer unserer Schwre zu sein ... Vernimm,
mein Freund! Im Braccio Nuovo bin ich auf dem Fest des Heiligen Vaters! Ich bin
nur allein dort! Nur bis elf Uhr darf im Vatican der Fu eines Weibes verweilen!
Die Mnner werden sich so zeitig nicht von dem Bacchanal Sr. Heiligkeit trennen
wollen! Geliebter, mein Auge sieht dich auf dem Fest in allem, was die Statuen
Schnes bieten ... Antinous, Apollo bist nur du ... Das gengt - gehe du selbst
nicht auf dies Fest! ... Sei aber um die elfte Stunde an Villa Rucca, wo ich -
bernachten will ... Dort, an der Stelle, wo Pasqualetto Lucinden und die
Herzogin entfhren wollte, ist ein leicht zu gewinnender Eingang in die Villa
... Ersteige die Mauer! ... Du kennst die Stelle an der Veranda ... Dorthin
begeb' ich mich, wenn ich vom Fest zurckgekommen bin ... Ich werde vorschtzen,
im Garten noch frische Luft schpfen zu wollen und find' ich dann dich - so
bleibst du in meinen Armen - ... Schwre mir's, da du kommst! ... Zwei Nchte
noch - Schwre! ...
    So lag einst Armgart an Benno's Brust - Sie das Vgelchen in seiner Hand,
wie er sie damals genannt ... Die Genien senkten die Fackeln ... Keine Strung,
keine Hlfe ... Feuer loderte durch Benno's Adern; die Berhrung hatte die
Glieder seines Krpers mit elektrischen Strmen erfllt ... Auf der Lippe
brannte ihm der Ausruf: Ich komme! ... Nur ihre Lippen hinderten ihn, ihn
wirklich auszusprechen ...
    Da zuckte sie aber pltzlich selbst auf ... Diesmal war es nicht der
sickernde Tropfenfall am moosbewachsenen Gestein, es war der Fu eines eilend
Daherschreitenden ... Ich komme! war noch nicht gesprochen ... Die Frstin nahm
sein Ja! aus seinen Augen, von seinen Lippen ... Die Strung verdro sie nicht
mehr ... Das junge Paar fuhr auseinander und gab sich die Miene, als wr' es
hier nur aufgehalten worden von einer gleichgltigen Absicht ... Benno lie die
Frstin frei, trat seitwrts, suchte etwas Blinkendes unter den Steintrmmern an
der Bogenlichtung des Gemuers ... Die Frstin that, als wartete sie nur auf
ihn, um weiter vorwrts zu schreiten ...
    Der Zeuge, der sie berraschte, war Lucinde ...
    Da ihr Antlitz glhte, so war sie rasch gegangen ...
    Als sie sah, da sie das Paar zu stren frchten mute, kam sie wie auf
einer harmlosen Promenade und that, als suchte auch sie nur, selbst eine
Verirrte, auf diesem Weg zur brigen Gesellschaft zurckzukommen ... ... Sie
leuchtete im festlichen Glanz ... Ein leichter Sommerhut mit kleinen Federn
schwebte lose auf ihrem gescheitelten Haar ... Ueber dem hellfarbigen seidenen
Kleid trug sie einen groen breitgewebten Shwal von phantastisch bunten, grnen,
rothen und gelben Querstreifen ... Indem sie scheinbar ruhig die Hnde
bereinander legte, schlugen die beiden Flgel dieses Shawls zusammen und
machten den Eindruck einer Erscheinung aus der Zigeuner- oder Zauberwelt ...
    Sie wollte Olympien nicht erzrnen, vermied auch die leiseste Spur eines
Lchelns und sagte nur athemlos:
    Ich suchte Sie, Herr von Asselyn ... Ich bekam eben vom Cardinal, der sich
empfohlen hat, Mittheilungen, die nicht gut sind - ...
    Worber? fragte Olympia ohne allen Verdru ... Sie bot Benno den Arm, um
weiter zu wandeln ...
    In der Ferne hrte man die Annherung der Gesellschaft ...
    Lucinde beherrschte ihre Erregung ... Konnte sie doch diesen Augenblick der
Leidenschaft Olympiens fr Benno zu irgendeinem Vortheil benutzen ...
    Ich hre, sagte sie, da die Gefahren Ihres Vetters, des Bischofs, immer
drohender heraufziehen ... In der That ist er frmlich nach Rom beordert und
befohlen worden ...
    Was kann ihm geschehen? fragte Olympia, sich an Benno's Arm pressend ...
    Benno wiederholte, wie mit Beschmung:
    Der Bischof von Robillante ist nach Rom beordert worden? ...
    Ich kann nicht sagen, fuhr Lucinde fort, ob wegen Prfung des Magnetismus
von der Pnitentiarie oder wegen der Dominicaner und seiner Vorwrfe gegen die
Gerechtsame der Inquisition ...
    Der Bischof von Robillante? sagte Olympia leicht und obenhin ... Was thut
das ihm und uns! ... Tod seinen Feinden! ... Fefelotti soll ihm sein eigenes
Erzbisthum abtreten mssen! ... Das will ich! Ich! Ich! Der Hut des Cardinals
soll ihn fr jede Krnkung entschdigen ... Das will ich! Ich schtze ihn - und
seine Freunde ...
    Sie blickte voll Zrtlichkeit auf Benno ...
    Lucinde hielt ein Papier in Hnden, das sie halb in ihrer Brust verborgen
getragen und zaghaft halb hervorgezogen hatte ... Es war ein in lateinischer
Sprache gedruckter kleiner Zettel ... Die an alle Cardinle vertheilte Anfrage
des Domkapitels von Witoborn ber den Magnetismus! erklrte Lucinde, als Olympia
dies Papier ihr abgenommen hatte ...
    Benno nahm das Blatt, versprach, es Bonaventura zu senden und fragte, ob es
nicht mglich wre, den Freund zu einer nur schriftlichen Vertheidigung zu
veranlassen ...
    Nein! Nein! Er soll persnlich kommen! sagte Olympia ... Er soll seine neuen
Wrden selbst mit nach Hause tragen! ... Ein Asselyn! ... Ein Kampf? ...
Divertimento! ... Wer sind seine Gegner? ...
    Nach einem Augenblick des Nachdenkens sagte sie lachend:
    Ha, ich besinne mich, die Dominicaner! ... Wohlan, reisen wir selbst nach
Porto d'Ascoli, um den deutschen Mnch und den Pilger zu suchen! ... Ich wei,
worauf hier alles ankommt ...
    Olympia kannte die geheimnivollen Umstnde, unter denen Pasqualetto nach
Rom gekommen war ... Sie kannte das Interesse, das ihr Schwiegervater an jenem
Vermittler dieses Wagnisses, an dem Pilger von Loretto hatte ... Sie kannte die
Botschaft, die der deutsche Mnch Hubertus bernommen; kannte die mannichfachen
Deutungen, die man jetzt dem spurlosen Verschwinden sowol des Suchenden als des
zu Findenden geben wollte ...
    Mein Oheim soll alle seine Zweifel lsen! fuhr die Frstin fort ... Noch
ist, denk' ich, Cardinal Ceccone, was er war ... Man sagt, eine Revolution ist
im Anzuge ... Nun wohl! Sie wird mit dem Schaffot endigen! Wer will uns hindern,
die Gesetze zu handhaben! ... Ich danke Ihnen, Signora, fr Ihre Theilnahme zum
Besten der Asselyns ... Niemand soll diesem Heiligsten der Priester, der unter
meinem Schutze steht, ein Haar krmmen ... Nicht das erste mal, da ich von den
Fuzehen des Heiligen Vaters nicht frher aufgestanden bin, bis ich nicht die
Gewhrung meiner Bitten erhielt - und - die Zahl der Knienden nach mir war -
nicht klein ...
    Das alles, mit dem Ton des grten Uebermuthes gesprochen, klang wie
beruhigende Musik ... Lucinde fhlte ganz die Erquickung, die diese Worte gaben
... Auch Benno stellte sich, sie zu fhlen ... Olympia weidete sich an den
Wirkungen ihrer Macht ...
    Schon war inzwischen der nachgebliebene Rest der Gesellschaft sichtbar
geworden ... Graf Sarzana kam fast schmollend auf Lucinde zu und erklrte, sie
berall gesucht zu haben ... Er bot ihr den Arm und entfhrte sie fast wie mit
Eifersucht ...
    Thiebold bildete den Mittelpunkt der Lustwandelnden ... Er war in einem
nationalkonomischen Streit mit dem alten Rucca begriffen und zeigte sich nicht
im mindesten befangen, als Marchese seine Kenntnisse der Holzcultur zu
verrathen ... Sah er doch auch nach allen Seiten hin diesen rmischen Adel mit
Speculationen beschftigt ... Einige der nhern Verwandten Ercolano's, die die
Nacht ber auf Villa Torresani bleiben wollten, glichen vollkommen den Zickeles
und den Fulds ...
    An ein ungestrtes Alleinsein fr den Ablauf des Tags mit Olympien war fr
Benno glcklicherweise nicht mehr zu denken ... Der unheimliche, Benno zuweilen
mit zweideutigem Blick fixirende Sarzana war zwar mit Lucinden auf Villa Tibur
gefahren, andere fuhren nach Rom, die Nachbarn zerstreuten sich in ihre Villen,
aber genug blieben zurck, die Olympien in Anspruch nahmen ... Genug, die auch
unbefangen darber plaudern konnten, da Donna Lucinda und Graf Sarzana sicher
in kurzer Zeit durch das Band der Ehe verknpft sein wrden ... Schon im Herbst
wrden sie das kleine Palais bei Piazza Sciarra beziehen, hie es ... Olympia
hrte wenig darauf - Sie lie allen ihr Glck; hatte sie doch ihr eigenes ...
Jeder Blick aus ihren Augen verwies auf die elfte Stunde nach - noch zwei
Sonnenuntergngen ... Fr Benno - die ausgelschten Fackeln seines Lebens, denen
eine ewige Nacht folgen mute ...
    Einen Punkt in sich zu wissen, wo es nicht hell und rein im Gemth ist, wird
dem edeln Sinn zum tiefsten Schmerz ... Jeder unbelauschte Gedanke fllt dann in
ein Grbeln zurck: Wie kannst du diesen Flecken von dir tilgen! Wie kannst du
Ruhe und Zufriedenheit mit dir selbst gewinnen! ... Jnglinge, Mnner knnen
zuweilen in die Lage kommen, an Frauen Empfindungen zu verstrmen, die nur
formelle Erwiderungen ohne wahre Betheiligung des Herzens sind ... Irgendeine
Schonung fremder Schwche galt es da, irgendein mildes Entgegenkommen gegen
einen Wahn, der sich so schnell, wie wol die Wahrheitsliebe mochte, nicht im
verirrten Frauengemth heilen lie ... Verstrickt dann zu sein in die Folgen
solcher Unwahrheit, die sich das Herz, um seiner thrichten Schwche willen,
vorwerfen mu, leiden zu mssen um etwas, was man so gar nicht empfunden, so gar
nicht gewollt hatte, das sind Qualen der Seele, die an ihr brennen knnen wie
das Kleid des Nessus ...
    Nach dieser Scene in den dunkeln Gngen der Villa Hadriani sa Benno am
Whisttisch bei den geffneten Fenstern des schnen Gesellschaftssaals der Villa
Torresani ... Da gab es einen Seitenflgel, dessen Zimmer ganz zur nchtlichen
Herberge der Verwandten und Gste bestimmt waren ... So sa im Saal bis zur
neunten, zehnten Stunde noch eine groe Gesellschaft beisammen ... Die milden
Dfte der Orangenbume zogen in die Fenster ein ... Phalnen mit durchsichtigen
Flgeln schwirrten um die Glasglocken zweier hoher bronzener Lampen, die, aus
dem Boden zwischen den Sulen sich erhebend, hier einen Atlas vorstellten, der
die Weltkugel trgt, dort eine schwebende Eos, die zwei Leuchtglser auf ihren
Fingerspitzen balancirt ... Auf schwellenden Ottomanen rings an den Wnden des
Saals entlang streckten sich die ermdeten Schnen, die halbschlafend sich
keinen Zwang mehr anlegten ... Andere schlrften Sorbet und wehten sich mit
ihren Fchern Khlung, hingegossen an den offenen Fenstern auf niedrigen
Sesseln, die kaum einen Fu hoch ber dem Marmorboden sich erhoben ... Weich und
lind zog die Nachtluft herein ... Bis in die Fenster wuchsen die ppigen Beete
ausgewhlter Pflanzen mit ihren seltsam gestalteten Bltenkelchen, an sich schon
Symbolen der Freiheit der Natur, Symbolen des allbindenden alles entfesselnden
Liebestriebs - wer kann Blten von Orchideen, Lilien, Nymphen, Gardenien sehen,
ohne an die Mysterien des Lebens erinnert zu werden ... Ein fernes leises
Rauschen konnte vom Sturz des Anio kommen - es konnte auch der Sang der Cicaden
sein ...
    Trenta due! schnarrten die Methusalems der Rucca-Familie beim Spiel ... Der
Alte selbst war bei seinem Sohn geblieben und nicht nach Villa Tibur gefahren,
wo er berhaupt nur selten verweilte, weil er dort morgens nicht zum Auszanken
all seine Arbeiter beisammen hatte ... Aber auch diese genossen abendlich ihren
Lebenstraum ... Einige sangen in schmelzenden Tenortnen: Amore re del mondo!
... Andere spielten bei Laternenschimmer die Morra - leidenschaftlich und wild
und wie alles in Italien gleich auf Leben und Tod ...
    Felicissima notte! ... sprach endlich gegen halb elf Uhr Olympia zu Benno,
als sie von des schon halb schlafwandelnden Ercolano Arm entfhrt wurde ...
    Es klang wie der letzte Gru - einer Braut vor dem Hochzeitstage ...
    Gegen Thiebold konnte sich Benno nicht mehr aussprechen ... Die Lose waren
zu ernst, zu furchtbar bestimmend gefallen ...
    Thiebold sprang dem zum Pavillon Vorauseilenden von der Gesellschaft
angeregt und lachend nach ...
    Benno erzhlte, als sie durch den Garten huschten, von Bonaventura's Gefahr,
von seiner Berufung vor ein geistliches Gericht, vom Stab, der fr immer ber
Paula's Seelenleben gebrochen wurde ...
    Thiebold fand sich aus seinen rmischen Verwickelungen mit Schwierigkeit in
die eigentliche Aufgabe der Freunde zurck ...
    Die aus Thiebold's Vaterstadt gekommene, an sich wohlwollende, die
Anschuldigungen der Frau von Sicking und des Cajetan Rother sogar zurckweisende
Anfrage enthielt Stellen, die in deutscher Uebertragung lauteten:1
    Ist die Person, ber welche die Manetisirte gefragt wird, abwesend, so ist
dazu eine Haarlocke von deren Haupte vollkommen hinreichend. Sobald die
Haarlocke in ihrer Handflche ruht, sieht sie schlafend und mit geschlossenen
Augen, wo diese Person verweilt und was sie thut ...
    Eine Haarlocke! ... sprach Benno ...
    Schon ergrauten des theuern Freundes Locken ...
    Und seine eigenen -? ...
    Er sah den Aschenbecher Armgart's ... Gedachte des Abschieds - des
Briefwechsels durch - ausgetauschtes Blut ...
    Thiebold verstand Benno's heute so dsteres Leid nur aus Bonaventura's
Gefahr und vertrstete, bermdet von den Huldigungen, die seine Galanterie so
vielen Contessinen und Principessen dargebracht hatte - und die wiederum auch
ihm zu Theil geworden waren, sich entkleidend, mit Olympiens und Ceccone's
Schutz ...
    O so wolle, bersetzte Benno eine andere Stelle, eine hohe Curie nach
deren Weisheit, zur grern Ehre des Allmchtigen, zur grern Wohlfahrt der
Seelen, die unser Heiland so theuer erlst hat, entscheiden, ob alles das eine
gttliche oder nur satanische Einwirkung ist -2
    Benno schleuderte das Papier von sich ...
    Die Versicherung Thiebold's, da Olympia alle schtzen wrde, konnte wenig
nachhaltenden Trost gewhren ...
    Thiebold ermunterte zum Ausharren ...
    Mit grter Spannung sprach er von dem Fest im Braccio Nuovo, auf das er
sich nicht nur in der Toilette, sondern auch mit einem Handbuch der Antiquitten
grndlich vorbereiten wollte ...
    Am folgenden Morgen - wieder ein Brief der Mutter und - unter dem mit
verstellter Handschrift geschriebenen Couvert, wieder die kurze Anzeige, da
sich Advocat Clemente Bertinazzi aufs neue nach Signore d'Asselyno htte
erkundigen lassen ...
    Benno kleidete sich rasch an, lie im Stall des Frsten ein ihm immer zu
Gebot gestelltes Ro satteln, verbarg sich vor jedermann, selbst vor Thiebold,
und sprengte sofort und in hchster Eile nach Rom.

                                    Funoten


1 Dieser Anfrage wrtlich entlehnt.

2 Gleichfalls.


                                       9.

Unterweges hatte Benno ein Misgeschick mit seinem Pferde ... Er mute dem Thier,
das sich den Fu verstauchte, mitten auf der Heide, in einer Schferhtte der
Campagna, einige Stunden Ruhe gnnen ...
    So war es schon spt Nachmittag, fast Abend geworden, als er in Rom ankam
...
    Er mute sogleich das kranke Pferd in Palazzo Rucca den Leuten des alten
Frsten bergeben ...
    Dann eilte er in seine Wohnung ...
    Sein Zustand war der der Verzweiflung ... Fr morgen erwartete ihn die junge
Frstin auf Villa Rucca ... Zu gleicher Zeit mahnten ihn die Freunde der
Gebrder Bandiera ... Nicht umsonst war er in die Kreise der Revolution getreten
... Unsichtbare Geister nicht nur, nicht nur die Stimmen seines Innern, sondern
wirkliche Personen, die ihn beobachteten, ihn vielleicht richteten, verlangten
eine Entscheidung ....
    Todt blickte ihn die Stadt der Stdte an ... Nur Opfer des geistigen
Despotismus sah er berall ... Jeder Abbate, der an ihm vorberhuschte, lchelte
ihm wie mit geheimem Hohn ... Die Menschen gingen und kamen so gedankenlos und
leer ... Die Trmmer des Alterthums waren ihm mehr denn je nur Grbersttten -
und was war - die lebendige Gegenwart? Aus Gebetbchern an den Schaufenstern der
Buchlden sprach sie ...
    Es war fast Abend ... Er frchtete sich, zur Mutter zu gehen ... Die Scham,
eingestehen zu mssen, wie weit er mit Olympien gekommen, hielt ihn zurck ...
Aber dennoch, dennoch mute er nach einer Trennung von mehreren Tagen sie
begren, mute um die auffallenden Mahnungen Bertinazzi's nhere Erkundigungen
einziehen ...
    Er nahm ein leichtes Mahl in der Nhe des Corso ...
    Im Winter besuchte er, um den Kaffee zu trinken, fters das Caf Greco ...
Sonst setzte er sich gern zu den deutschen Malern, die im Caf Greco hausen ...
Aber auch hier war es ihm jetzt nur unheimlich geworden ... Die Monotonie
klappernder Dominosteine, das Rascheln der Tassen auf den schmuzigen
Marmorplatten der Tische, die rauhen Kellnerstimmen, die in den lcherlichsten
Tonschwingungen Erfrischungen, die aus der Kche herausgebracht werden sollen,
ausschreien, die phantastisch aufgeputzten Bettler an der Schwelle, die sich als
Modelle vermiethen zu jener unwahren Welt, die die Romantik der Maler noch immer
in ihren Ateliers mit sdlichen Staffagen gruppirt, whrend Italien diese
Trachten und Sitten naturwchsig nur noch an wenig Stellen bewahrt hat -
vollends die Knstler selbst konnte Benno schon lange nicht mehr sehen, ohne
auch sie der Fortpflanzung jener lgenhaften Zauber anzuklagen, mit denen Rom
die Welt gefangen hlt ... Die Akademie sage ihnen schon, was sie allein hier
finden sollten ... Selten, da sich eine Urkraft gegen die Tradition erhbe und
von Rom nicht blos Lehren, sondern auch Warnungen mitnhme ... Eine
phrasenhafte Welt, in die ich alle diese Knstler verstrickt gefunden habe!
Klingsohr - das wre ihr Mann! Klingsohr mte auch hier mit der Cigarre sitzen
und orakeln! ...
    Benno begab sich, da er auf den Monte Pincio wollte, in ein Caf am
Spanischen Platz ... Da konnte er eine deutsche Buchhandlung bersehen, besucht
von ab- und zukommenden Geistlichen, die sich nur Schriften kauften, die in
Wien, Mnchen, Regensburg, Mnster und Kln erscheinen ... Er sah die augsburger
Allgemeine Zeitung, auf die ihn der Staatskanzler angewiesen hatte ... Er fand
in allem Deutschen nur noch die Spuren Klingsohr's ... Es war ihm jener
fortgesetzte Vatermord, dessen dieser sich fast in Wirklichkeit schuldig gemacht
hatte ... Er sah in Deutschland berall vom hohen Ro der gelehrten doctrinren
Anmaung die grnen Saaten der Neubildungen im Geistesleben der Vlker zertreten
und was gab den geheimen Druck der Sporen? Das egoistische Interesse der
Frsten, des Adels, der Geistlichkeit ... Die Bewegung um den Trierschen Rock
hatte immer mehr um sich gegriffen ... Die Allgemeine Zeitung verrieth ihm,
wie selbst nach Witoborn die Bewegung hinberzuckte ... Er dachte an Monika,
Ulrich von Hlleshoven, Hedemann ... An Grfin Erdmuthe und - ihre
apokalyptischen Bilder ber Rom ...
    Es gibt Naturen, die vom Zweifel und einer Weltauffassung der Ironie in
berraschender Pltzlichkeit zu einer Leidenschaft berspringen knnen, die an
ihnen vllig unvermittelt erscheint ... Es gibt Naturen, die jede Voraussetzung,
die sogar nur von ihrer Besonnenheit gehegt werden durfte, pltzlich durch die
thrichtsten Handlungen Lgen strafen ...
    Die Umstnde hatten Benno aus der Bahn des heimatlichen Lebens und Denkens
hinausgeworfen ...
    Jene Courierreise, von den Umstnden so harmlos geboten, gab ihm den Ansto
zu einer immer mehr um sich greifenden Revolution seines Innern ... Auf dem
Capitol beim Gesandten seines engern Vaterlandes war er deshalb vorm Jahr kalt
empfangen worden ... Aber auch auf dem Venetianer Platz beim Gesandten
Oesterreichs, wo er ausgezeichnet worden, erwartete man vergebens seine
Wiederkunft ... Durch ein zuflliges Begegni, durch einen Antheil seines
Herzens, genhrt durch die Erinnerung an seine Mutter, genhrt durch die
Mahnung, da rmisches Blut in seinen Adern flo, hatte er sich den
hervorragenden Erscheinungen des Jungen Italien genhert - ... Schon hatte man
ihm mehr Vertrauen geschenkt, als er begehrte und als vielleicht von andern
gutgeheien wurde ... Und dennoch lebte er in vertraulichster Beziehung zu
Menschen, die er hate und die er aus Grund der Seele htte meiden sollen ...
Diese Gegenstze unterwhlten seine Ruhe, brachen seinen Muth ... Auf seinem
Antlitz fhlte er eine brennende Maske, ein Mal der Scham ... Sein
Glaubensbekenntni des Sichergebenmssens in Lagen, in die uns die Laune des
Zufalls gestellt htte, war dahin ... Nimm Partei! riefen ihm geheimnivolle
innere Stimmen schon seit jener Stunde, als sich ihm die Mutter in Wien in der
ganzen Einseitigkeit ihrer Nationalitt offenbart hatte ... Als er dann Italien
selbst gesehen, als er auch Bonaventura in so wunderbarer Schnelligkeit auf den
gleichen Boden verpflanzt gefunden, da fhrten die gemeinschaftlichen
Anschauungen, die bereinstimmenden Ergebnisse des Nachdenkens beide auf die
feste Ueberzeugung, da nur in Italien und vorzugsweise aus der rmischen Frage
heraus die Entscheidung der weltgeschichtlichen Schicksale Europas zu suchen
wre ...
    Die Zeit deiner groen Revolutionen, hatte Benno noch vor kurzem an den
Onkel Dechanten geschrieben, ist nher, als Du in Deinem friedlichen Asyle
ahnst! ... Die Frage, um die sich Beda Hunnius so erhitzt, die Frage eines
Bruchs der deutschen Kirche mit Rom ist nur ein Symptom ... Rom und die groe
Sache der Geistesfreiheit knnen zu ihrem Abschlu nur durch die politischen
Schicksale Italiens kommen ... Wird der Schemel der irdischen Macht dem
Stellvertreter Christi unter den Fen weggerissen, dann kann ihm nichts mehr
von seinen alten, auch den geistigen Druck der Welt untersttzenden
Machtansprchen bleiben ... Eine Weile wird er sich noch Patriarch von Rom
nennen drfen; aber jede neue Phase der Geschichte nimmt ihm eine Wrde nach der
andern ... Damit bricht der Bau der Hierarchie und das schon halbvollendete Werk
der Jesuiten zusammen ...
    Ob auch der Katholicismus? ...
    Benno hatte seinen zwischen Katholicismus und Protestantismus in der Mitte
gehenden Standpunkt offen dargelegt ... Er hatte dem Onkel geschrieben:
    Ich glaube nicht an die propagandistische Kraft des protestantischen
Geistes; ich zweifle sogar an dem entscheidenden Ausschlag, den die Vlker der
germanischen Zunge berhaupt noch der Geschichte geben ... Das germanische
Mutterland ist in zwei Hlften gespalten: Oesterreich hat die Gedankengnge der
romanischen Welt angenommen; Preuen hat die khne Neugestaltung Friedrich's des
Groen nicht zu verfolgen gewagt ... Die germanische Welt wre nur insofern
kraftvoll, als ausschlielich mit ihr der Protestantismus geht ... Eine durch
Oesterreich vertretene germanische Welt ist keine oder der Name Deutschland wird
zum Schrecken jeder Nation, die ihre Freiheit anstrebt ... Nun aber lieb' ich
Deutschland, liebe seine Bildung, anerkenne seinen Beruf ... So seh' ich keine
Hlfe, die ihm geboten werden kann, als den Untergang Roms, die Zertrmmerung
derjenigen Bestandtheile der katholischen Kirche, die uns Katholiken von einer
engern Gemeinschaft mit den Protestanten trennen ... Ein gestrztes Papstthum
wird Deutschland einigen; ein frei gewordenes Italien wird Oesterreich erinnern,
wo Kaiser Joseph die Kraft des Kaiserstaates suchte - in einer Fortsetzung des
Fridericianischen Zeitalters der Preuen ... Gibt es einen Katholicismus ohne
den Papst? ... Das ist die groe Frage der Befreiung der Gewissen ... Und wird
sie in dem Sinne beantwortet, da Rom aufhrt, die Metropole der katholischen
Kirche zu sein, was kann, das ist die zweite Frage, von ihrem Leben
zurckbleiben, um die Schranken zwischen ihr und den Protestanten
niederzureien? ... Bonaventura will die Bibel und eine geluterte Messe ... Es
sind seine tglichen Gedanken - sie erfllen ihn ganz ... Ich selbst besitze zu
wenig das Bedrfni des - Cultus, um darber ein Urtheil zu haben ...
    Benno fand die Mutter nicht daheim ... Marco, der ihn bei jedem Besuch mit
grerm Befremden musterte, versicherte, er wrde sie beim Kloster der
Lebendigbegrabenen oder vielleicht jenseits der Tiber finden ... Sie htte
Sancta Ccilia, der heiligen Sangesmuse, ihrer alten Schutzpatronin, der sie so
vieles Gute dankte, ihre Verehrung bezeugen wollen ... Von bedenklichen
Vorfllen meldete Marco nichts ... Der Advocat Bertinazzi hatte in der That
zweimal anfragen lassen ...
    Was ist Religion! sagte sich Benno - als er sich auf den Weg machte zu den
Lebendigbegrabenen ... Bei ihnen war heute die Mumie ausgestellt ... Die
Menschen standen noch bis auf die Strae hinaus und jeder hatte dem glsernen
Kasten ein Leiden vorzutragen ... Starr hing das braune Schreckbild der Eusebia
Recanati an seinen goldenen Klammern ... Die Menschen berhrten den Glasschrank
und erwarteten Hlfe ... Selbst aus der Zahl der Falten ihrer Kleider suchten
sie sich die Nummern - die sie fr die nchste Tombola setzen wollten! ... Die
Masse ist unverbesserlich! sagte sich Benno ... Die Eingeweide der Vgel oder
die Gewnder einer Mumie - gleichviel! Auch in der protestantischen Kirche lt
die Hebamme unter dem Kissen des Tuflings die Nabelschnur der Gebrerin
mittaufen -! ... Nur auf die Vertheilung der Herrschaft kommt es an, nur darauf,
was im Gesetz den Vorzug hat, die Vernunft oder die getaufte Nabelschnur - Alles
andere macht die Strmung der Luft, der Wind, das ansteckende Beispiel - Ohne
den Widerstand der Priester und der Doctrinre knnte der Deutschkatholicismus
sogar den Rationalismus zu einer Art von Mystik erheben, deren die Menschheit
nicht scheint entbehren zu knnen ...
    Weder vor der Kirche, noch im Kloster bei Olympiens Mutter fand sich die
Herzogin ... Equipagen gab es genug; keine mit dem Wappen des Marquis Don
Albufera de Heares, Herzogs von Amarillas, ein Wappen, das der Miethkutscher
auf seine Wgen zu setzen gestattet hatte ... Benno wollte nach Sancta Ccilia,
zu welcher Kirche gleichfalls ein Kloster gehrte ...
    Es war nun in den Straen dunkel geworden, obgleich die Abendrthe noch
schimmerte ... Das Volksgewhl begann in dieser Gegend wie tglich bei Untergang
der Sonne ... Da wogten die Menschen durcheinander, da erscholl jener Lrm des
Sdens - um ein Nichts, um ein Paar alte Schuhe, um Schwefelfaden, um etwas
Wasser mit einem Stckchen Eis ... Immer glaubt man, ein Kauffahrteischiff wre
eben angekommen und lde die Schtze beider Indien aus ... Schon dampften
Maccaroni in den auf offener Strae errichteten Kchen ... Fische wurden
gesotten in Pfannen, ber die - wende dich ab, deutscher Geschmack! - der
aufgekrmpte rothnackte Arm der Volkskchin die Oelflasche giet ... So mancher
Arbeiter hlt jetzt erst sein Mittagsmahl auf Piazza Navona ... Die
Fleischerbuden bieten noch feil ... Seltsam geformt und fast an die alten Arenen
erinnernd sind die zertheilten Stcke, an denen die Knochen mehr als bei uns
zurckbleiben ... Unsere Sitten das und unsere Sitten sind gut! - liegt auf
den Mienen dieser schreienden, singenden, schmausenden - dann auch dazwischen
wieder betenden Welt - ... Die Thren der erleuchteten Kirche Santa Agnese
stehen weit offen ... Auf ihren Stufen im herausstrmenden Weihrauchduft lagert
sich in bequemster Behaglichkeit das sdliche Abendleben ...
    Vorber am Pasquino - am Palazzo Rucca - am Ufficio delle SS. Reliquie e dei
Catacombe, wo Cardinal Ambrosi wohnt ...
    Benno stand schon zu mehreren malen an dem grauen spanischen Gebude mit den
vergitterten Fenstern ... Er dachte: Da hinten im dstern Hofe wohnt ein Mensch,
der ein Geheimni ist! ... Bonaventura erfuhr sein Leben von mir ... Er floh vor
einem Sektirer - hatte die Mutter erzhlt ... Und doch soll er mit Fra Federigo
im Einverstndni leben? ...
    So bilden sich die Sagen, so verknpft der Volksglaube ... Das Volk kann das
Seltene sich nicht denken ohne unmittelbare Beziehung zu Gott; das Edle kann ihm
nie ohne Wunder sein; zwei groe Menschen knnen ihm nicht ohne das Band des
Einverstndnisses leben - ... Dieser einfache, ascetische Mnch erhielt eine
Geschichte, von der er schwerlich selbst eine Ahnung hatte ... Benno mute auf
den Beistand auch dieses Cardinals rechnen, wenn Bonaventura in Rom erscheinen
sollte ... Eine Regung der Dankbarkeit fr Fra Federigo lie sich bei ihm
voraussetzen ...
    Und Fra Federigo selbst! ... Benno's eigene Erinnerungen trugen von
Friedrich von Asselyn kein Bild ... Nur aus Bonaventura's Charakter, nur aus dem
Bestreben seines Vaters, fr die Welt seinem Weibe zu Liebe ein Gestorbener sein
zu wollen, konnte er sich die Zge erklren, die allgemein von jenem Einsiedler
unter dem Laubdach eines waldensischen Eichenhains erzhlt wurden ... Von Grfin
Erdmuthe wute er, da sie eines Tags vor lngern Jahren aus einem waldensischen
Gottesdienst zu Fu nach Hause kam, mit einem ihrer Diener auf dem Heimweg
deutsch sprach und darber von einem Mann angeredet wurde, der hinter ihr her
ging, sich als Deutscher zu erkennen gab, auf einer Fuwanderung nach den
Seealpen begriffen zu sein erklrte und durch Zufall jener Predigt beigewohnt
hatte, die ein Geistlicher gehalten, der keinen katholischen Ornat trug ... Der
Fremdling konnte diese fast altlutherischen Sitten des Gottesdienstes nicht
unterbringen und lie sich ber die Waldenser von einer Dame unterrichten, in
der er mit Ueberraschung einer geborenen Freiin Hardenberg, aus altem
norddeutschen Geschlecht, begegnete ... Ihm selbst, sagte er, wren die Gedichte
eines Hardenberg (Novalis) von grter Anregung gewesen ... Dann - bei einer
Kapelle - zur besten Maria, an der sie vorber muten - bekannte er sich der
ber die Anerkennung eines Verwandten freudigerregten Frau zwar als Katholiken,
sagte aber: Was hat wol Ihr frhvollendeter Vetter unter jener Maria verstanden,
die er zum Ansto der Seinen so oft besang! Doch wol nur Sophia von Khn, die er
liebte und die ihm starb, noch ehe sie die Seine geworden! So wird unser eigenes
Leben zuletzt die lauterste Quelle unserer Religion ... Hardenberg-Novalis sang,
fuhr er fort:

Wenn alle untreu werden,
So bleib' ich dir doch treu -!

Er sang es in so persnlicher Freundschaft fr den Erlser, da ich diesem Lied
mein Glaubensbekenntni verdanke ... Die Religion mu fr jeden Einzelnen sein
eigenes persnliches Verhltni zu Gott werden und die Kirche soll nur so viel
dazu mitthun und mithelfen, wie ein Wchter, der ein Stelldichein der Liebe
htet! Alles andere, jede andere Einmischung in unsere innere Welt ist vom
Uebel! ... Die Grfin, die ihren herrenhutischen Glauben annhernd richtig
gedeutet sah, bat den Fremdling, auf Castellungo einige Tage Rast zu halten ...
Er zgerte anfangs, folgte aber doch, da er ermdet und offenbar im Beginn einer
Krankheit schien ... Diese berfiel ihn denn auch, als er das stolze Schlo
beschritten und die erste freundliche Bewirthung der Grfin genossen hatte ...
Sein berreizter Zustand gab sich sogleich in einem heftigen Strom von Thrnen
kund, dem ein Fieberfrost und eine lange Nervenkrankheit folgte ... Die Grfin
widmete ihm die grte Sorgfalt und erfllte zugleich die Bitte, die sich in
einzelnen lichten Momenten von seinen fahlen Lippen stahl, da sie keine
Nachforschungen ber seinen Namen und seine Herkunft anstellen sollte ... Er
htte keine Verwandte mehr, wollte todt sein und bte, ihn nicht anders als
Friedrich zu nennen - Das Reich des Friedens, sagte er, find' ich nicht mehr auf
dieser Erde, ich zge gern hinber; mir selbst aber den Tod zu geben, wre
vermessen; unsichtbare Fesseln halten mich auch noch - doch bin ich nicht mehr,
was ich war - ich bin ein Todter ... Die Grfin hatte Benno erzhlt, da der
Fremdling damals wenig ber vierzig Jahre zhlte, eine seltene Bildung besa und
mit den Lehrstzen seiner Kirche um persnlicher Erlebnisse willen in Spannung
schien ... Oft htte sie ihn fr einen flchtigen Priester gehalten ... In ihn
zu drngen und Namen und Stand von ihm zu begehren, widersprach ihrer Sinnesart,
ja die Verehrung vor dem Signor Federigo, wie ihn sogleich die Schlobewohner
nannten, wuchs bei ihr zu einer so innigen Freundschaft, da die schon gereifte
Frau, damals Witwe, sein Scheiden nur mit grter Betrbni wrde erlebt haben
... Er seinerseits fate die gleiche Neigung fr die edle Dame, deren religise
Denkweise nicht ganz mit der seinigen bereinstimmte, die aber
Verbindungsglieder gemeinschaftlicher Ansichten und Stimmungen bot ... So
knpfte sich zwischen beiden ein seelisches Band, das aus den Erzhlungen der
Grfin mehr von Benno geahnt werden konnte, als ihre Worte schilderten ... Sie
lie die jedenfalls auf Friedrich von Asselyn passende Aeuerung fallen, da der
Fremdling die Wappen und Farben ihres Hauses von der ltern Linie her kannte,
sie oft mit Rhrung betrachtet htte und selbst wol dem Adel angehrte ... Fast
wie aus Furcht vor Begegnungen, die gerade auf diesem Schlosse nicht unmglich
waren, htte der Fremde sowol den langen Bart, der ihm in seiner Krankheit
gewachsen war, nicht entfernen, noch auch auf dem Schlosse selbst lnger wohnen
mgen ... Unter dem Schutz der Gesetze, die aus aufgeklrtern Zeiten, als die
unserigen, stammten und den die Grfin so muthig wiedererobert hatte, verweilte
er eine halbe Meile vom Schlosse entfernt in einem Hause, das er sich im Wald
aus Baumstmmen selbst gezimmert hatte ... Die Menschen der Umgegend nannten ihn
Fra Federigo ... Man rhmte seine Kenntnisse in der Heilkunde, in Sachen des
Ackerbaus und der Gterbewirthschaftung ... Er kannte das Recht, die Geschichte,
die Lehnsverhltnisse in allen europischen Gesetzgebungen ... Anfangs lie er
sich nur mit Widerstreben von den Umwohnenden besuchen. Zuletzt, wenn die Grfin
auf lngere Zeit nach Wien mute, war sein Rath allen und ihren eigenen
Verwaltern unumgnglich ... Unter seiner Eiche hielt er eine Bienenzucht und
nahm in dieser summenden Gesellschaft, zu der noch eine Ziege und ein Hund
gehrten, immer mehr die Weise eines Eremiten an, der, geschieden von der Welt,
auch sein Aeueres nicht mehr nach den Gesetzen der Gesellschaft einrichtet ...
Briefe empfing er nicht; ebenso las er anfangs keine Zeitungen; spter desto
theilnehmender, bis er sich, diese Lectre versagte, nur um nicht den Reiz der
Rckkehr in die Welt zu mehren ... An Anfechtungen durch die Geistlichen und
Behrden fehlte es nicht ... Seine Anspruchslosigkeit und der Schutz der Grfin
bewahrte ihn vor grern Unbilden ... Bis dann freilich die Jesuiten immer
mchtiger und mchtiger wurden und die Eifersucht der Dominicaner reizten ...
Hof und Cabinet von Turin kamen in die Hnde der Jesuiten ... Nun begannen
Verfolgungen, Einkerkerungen ... Bald nach Fefelotti's Erscheinen verschwand
pltzlich der inzwischen zum Greise gewordene gtige und allgeliebte
Waldbewohner ... Eines Morgens fand man seine Siedelei leer; seine Ziege hatte
noch ihr Futter fr einige Tage, ebenso sein Hund, der angebunden war ... Als er
losgeschnitten wurde, rannte er schnurstracks nach Coni bis in das dortige
erzbischfliche Ordinariat, wo die brigen Gefangenen saen ... Dort wurde er
festgehalten und eingesperrt ... Als man ihn eines Tags losgerissen fand,
behauptete man, ihn in Robillante gesehen zu haben und zwar, wie die Grfin
Benno versicherte, mit eingeklemmtem Schweif, herabhngenden Ohren, trauernd
hinter einer dstern und verschlossenen Kutsche herlaufen, die von zwei
Gensdarmen begleitet wurde ... Die Kutsche kam aus dem Officium der Dominicaner
zu San-Onofrio und fuhr der groen Strae gen Osten zu ... Das Thier, sagte sie,
hatte die Witterung seines Herrn und konnte ihm in seiner verschlossenen Kutsche
nicht beikommen ... Selbst als man spter vom Auftauchen Fra Federigo's bei
Loretto und unter den Rubern der Mark Ancona gehrt hatte, lie sich die Grfin
nicht nehmen, da jene noch an einigen andern Orten auf ihrer geheimnivollen
Fahrt gesehene Kutsche ihren Freund nach Rom abgefhrt htte - eine Ansicht, die
niemand mehr als Bonaventura theilte - er, der sie mit einem Schmerz nachfhlte,
dem Benno in Gegenwart der Grfin nur einen unvollkommenen Ausdruck geben konnte
... Benno's Ansicht: Dein Vater erfuhr deine wunderbare Ernennung zum Bischof
von Robillante und floh aus eigenem Antrieb vor dir und vor dem mglichen
Wiedersehen deiner Mutter und Friedrich's von Wittekind! - lie Bonaventura in
einem Augenblick gelten, im andern trat ihm wieder das Bild der verschlossenen,
von Gensdarmen nach Rom gefhrten Kutsche wie eine Mahnung entgegen, nicht eher
zu ruhen und zu rasten bis sein greiser Vater aufgefunden war ...
    Benno wurde aufs mchtigste von diesen Rthseln ergriffen beim Hinblick auf
San-Pietro in Montorio, wo Bruder Hubertus gewohnt hatte ... Er hatte die Mutter
in Trastevere gesucht ... Auch in Santa-Cecilia, bei den Benedictinerinnen, fand
er sie nicht ... Nun wollte er einen Miethwagen nehmen und nach Monte Pincio
zurckfahren ... Da im allerletzten Abendsonnenstrahl leuchtete so schn und
verklrt, San-Pietro in Montorio auf ... Wo konnte er sich bessere Kunde vom
Bruder Hubertus holen, als dort oder vielleicht - bei Sebastus in Santa-Maria?
... Letztern zu meiden drngte ihn alles ...
    Er erstieg den Hgel, auf dem die Paolinischen Wasserleitungen sich sammeln,
klopfte an das Kloster, neben einer Kirche, der einst Raphael seine
Transfiguration gemalt ...
    Von den beim Nachtimbi sitzenden Alcantarinern kam einer an das
Sprachgitter und sagte auf Benno's Fragen:
    Wir wissen von dem deutschen Bruder nur, da man ihn noch in Ascoli sah ...
Die Leiden des Bischofs von Macerata sind im Druck erschienen und Ihr werdet sie
gelesen haben ... Seine Befreiung ist dem wunderthtigen Marienbild von Macerata
beizuschreiben, das eines Tages spurlos verschwand1... Das Volk gerieth in
Aufregung und beschuldigte das Kapitel von Macerata, das Bild weggeschlossen zu
haben, um auf diese Art die Ruber zu zwingen, den Bischof freizulassen ... In
der That bemchtigte sich eine solche Unruhe der Gegend, da die Genossen des
Grizzifalcone Angst bekamen und sich herbeilieen, lieber den Bischof auf freien
Fu zu stellen ... Der Heilige hat viel dulden mssen - das Marienbild ist dann
wieder erschienen ... Von Bruder Hubertus, der dem Domkapitel jene Hlfe
angerathen hat und so ohne alle Mhe den Bischof rettete, ist seither nichts
mehr vernommen worden ... Wir wissen, er hat den Grizzifalcone getdtet in einer
Nacht, wo wir ganz andere Dinge von ihm erwarteten ... Ein Tollkopf war's ... Er
auch nur allein konnte sich unter Ruber begeben, deren Hauptmann er getdtet
hatte ... Auch von dem Pilger wit Ihr, der dem Grizzifalcone fr seine
Bekehrung hat alles lesen und schreiben mssen? ... Ein Franciscanerbruder
sprach vor einigen Tagen bei uns vor und hat ausgesagt, man htte den Mnch mit
dem Todtenkopf und mit ihm zugleich den Pilger jenseit der Grenze in den
Abruzzen gesehen ...
    Auf Benno's dringenderes Forschen rief der Pfrtner den Guardian ...
    Dieser kam und versicherte, beide Verschollene wren auch schon lange nicht
mehr in den Abruzzen, sondern in Calabrien, wo sie ein Wallfahrer in dem
schluchtenreichen Silaswalde wollte gesehen haben ...
    Im Silaswalde! ... An der uersten Grenze Italiens - Auf den
meerumbuchteten Landzungen Neapels schon - in den ltesten Hainen der Welt von
Eichen-und Kastanienbumen - ... Immer weiter und weiter rckte die Beruhigung
des aufgeregten und selbst so dster bedrohten Freundes in Robillante ... Wrde
Benno sich freier bewegt haben, er htte sich an Ort und Stelle begeben, um nach
dem geheimnivollen Pilger zu forschen ... Die Ungewiheit, der Einfall der
Gebrder Bandiera, die Furcht vor Olympia's Rache, Bangen vor den Mahnungen
Bertinazzi's hielten ihn von der Ausfhrung dieses Vorsatzes ab ...
    Benno kmpfte mit sich, ob er die Mutter heute aufgeben und nicht lieber
sofort zu Bertinazzi gehen sollte, den er erst morgen in erster Frhe hatte
besuchen wollen ...
    Die volle Nacht war hereingebrochen, als Benno von San-Pietro niederstieg
...
    Die Einsamkeit des Weges beflgelte seinen Schritt ... Schon im
zweifelhaften Abendlicht sind die nchste Trmmerhaufen und Gartenmauern Roms
unheimlich ...
    Er wandte sein Auge vom Anblick der Peterskuppel ab ... Das Bild: Morgen um
diese Stunde werden dort die marmornen Bilder des Vatican lebendig! machte ihm
das Blut erstarren ... Er kannte diesen Braccio Nuovo ... Hundert lachende
Priester sah er in festlichen Gewndern, bei Fackel- und Kerzenschein, durch die
mit den Marmorsrgen der ersten Christen geschmckten Corridore schreiten ...
Die Statuen der rmischen Kaiser wurden lebendig und schlossen sich ihnen an ...
Im Saal des Braccio Nuovo schimmerten Bankettische, Vasen voll Blumen, silberne
Urnen voll Eis mit dem Bier der Franzosen, wie Sarzana gesagt hatte; alles im
glnzenden Licht, ausgestrmt von zahllosen Kerzen ... Die Julien, Livien und
Agrippinen der Imperatorenzeit kamen mit ihren faltenreichen Gewndern in den
Saal und setzten sich zu den Zechenden ... Da thront Ceccone, mit dem Rcken
gelehnt an die berhmte Gruppe des Nil ... Sechszehn kleine Genien kugeln sich
bermthig auf dem kolossalen Sinnbild der Ueppigkeit und Fruchtbarkeit ... Der
lachende Silen blickt auf den neugeborenen Bacchus dicht neben Bischof Camuzzi
... Fefelotti liebugelt mit der berhmten Statue des Demosthenes, die soviel
zierliche Fltchen wirft; mehr, als ein Redner voll Natrlichkeit seiner Toga
erhalten konnte, als er gegen Philipp von Macedonien donnerte ... Nun trommelt
die Schweizergarde ... Immer neue Gste kommen im Purpur vorgefahren und die
Medusenhupter nicken ihnen den Gru; die Athleten erheben sich, die
Isispriesterinnen verneigen sich ... Olympia - lt lachend vor Erwartung den
Arm auf dem Sockel ihres Apollin ruhen - ... Oder blickt sie finster wie die
verwundete Amazone -? ... Er ahnte, da sie diesmal seiner Flucht aus Villa
Torresani nicht im mindesten zrnte, sondern fest und sicher ihn fr morgen
erwartete ...
    Die Qual der Entschlulosigkeit trieb Benno dahin, wie von Furien gepeitscht
...
    Er kam der Tiber nher ... Die Brcken, die in die innere Stadt fhrten,
waren entlegen ... Hie und da ging eine Treppe nieder, wo in einem angebundenen
Kahn ein Schiffer sich streckte und auf einen Verdienst wartete ... Er wollte
sich bersetzen lassen ...
    Wie ein Trumender blickte er um sich ... Hier in der Nhe sind die Spitler
... Es konnte nicht befremden, da da und dort jene gespenstischen Gestalten der
Todtenbruderschaft auftauchten ... Die Begrbnisse finden des Nachts statt ...
Memento mori! ... Benno erblickte einige dieser bald weien, bald schwarzen
Kutten in Khnen auf dem gelblichen Strom dahingleiten ...
    Die Via Lungaretta schien ihm heute endlos ... Er hatte bersehen, da er
die Abbiegung zur Bartolomusbrcke schon hinter sich hatte und sich an Ponte
Rotto befand, einer Gegend, wo es schwerlich Fiaker gab ...
    Sollte er den Besuch der Mutter fr heute aufgeben? ... Sollte er zu
Bertinazzi gehen? ...
    Da schritt wieder vor ihm her ein schwarzer Todtenbruder ... Er kam aus dem
engen Winkelwerk der Huser heraus und stieg eine Treppe nieder ... Hier glnzte
die Tiber auf ... Im Abenddunkel boten die Lichter am Ufer und die in den Strom
hineingebauten Mhlen einen besonders lebhaften Anblick ... Eine Schar von
Bettlern und Straenjungen zeigte Benno hinter einem Gebude den Kahn, den der
Todtenbruder suchte ...
    Es zog auch ihn zum Tode ... Er musterte die stolze Haltung seines Gefhrten
... Oft verbargen sich unter diesem Kleide die angesehensten Nobili, wenn sie
gerade die Reihe des Dienstes in der Bruderschaft ihres Viertels traf ...
    Benno rief dem Schiffer, ihn noch mitzunehmen und stieg die Stufen nieder
...
    Der schwarze Leichenbruder, eine hohe, schlanke Gestalt, hatte eben zum
Abfahren winken wollen ... Jetzt erst, da er noch einen Passagier sich
nachkommen sah, setzte er sich ...
    Auf dem trben, ungleichen, strudelreichen Bett der Tiber glitt der leichte
Kahn dahin, gefhrt von einem jungen halbnackten Burschen, der den vom Kopf bis
zum Fu verhllten Todtenbruder scheu betrachtete und vor Freude ber die
glckliche Eroberung zweier Passagiere statt eines eine Weile sprachlos blieb
... Rings funkelten immer heller und zahlreicher die Lichter von den Ufern auf
... Auch bei den Benfratellen drben war Licht ... Mancher Leidende mochte dort
eben seinen letzten Seufzer aushauchen, mancher Genesende die Hnde zum
Dankgebet erheben ... Die hie und da auftauchenden Sterne spiegelten sich nur
matt in den trben Wogen, auf deren Grund so tausendfach die Reste der
Jahrhunderte schlummern, so mancher Fund, dessen Entdeckung das Entzcken des
Forschers sein wrde ... Auf der Quattro-Capi-Brcke war es so lebhaft wie auf
Piazza Navona ... Noch stachelten versptete Fuhrleute ihre riesigen weien
Ochsen, deren stolzgewundene Hrner nur eines Kranzes bedurften, um den
Opferthieren Griechenlands zu gleichen ... Noch zankten Treiber mit ihren
schreienden, in Italien so heiblutigen Eseln ... Die Glocken luteten ... Ein
solcher Abend scheint im Sden erst das Erwachen zum Leben zu sein ... Khne
glitten dahin mit aufgehuften Gemsen und Frchten schon fr den morgenden
Markt ... Die Ruderer muten Acht haben; von den Tausenden von Trmmersteinen,
die in dem Bett des geschichtlichsten aller Strme ruhen, ist die Fahrt auf ihm
keine ebenmige ...
    Benno, tiefermdet, redete den Todtenbruder, von dem er nur die Augen sehen
konnte, mit den Worten an:
    Dieser Dienst in der Nacht hat sicher seine Beschwerlichkeit ...
    Der Todtenbruder antwortete nicht ...
    Die Rmer sind sonst hflich ... Benno glaubte nicht verstanden worden zu
sein, wiederholte seine Worte und setzte hinzu:
    Aber Sie lsen sich hufig ab? ...
    Der Todtenbruder zog statt der Antwort jetzt sogar seine schwarze
Kopfbedeckung so, da selbst seine feurigen Augen verdeckt blieben ...
    Seltsam! dachte Benno ... Der Mann ist schwerlich taub ... Er trgt
vielleicht ein Leid wie du ...
    Benno schwieg und hrte auf den Schiffer, der in italienischer Gewohnheit
schon fr jede andere Gelegenheit sich empfahl, wo die Herrschaften vielleicht
wieder die Tiber befahren wollten ... Er nannte sich Felice und beschrieb seinen
Vater, der den Stand an Quattro-Capi drben htte und der beste Schiffer von der
Welt wre ... Benno kannte, was man alles bei solchen Gelegenheiten in Italien
zu hren bekommt; jede neue Kundschaft wird sogleich frs Leben festgehalten ...
...
    Er war nicht in der Stimmung, die Unterhaltung mit Felice fortzufhren ...
Er sah auf den Todtenbruder, der vielleicht das Gelbde des Schweigens abgelegt
hatte ... Vielleicht war es ein Vornehmer, den sein nchtliches Amt verdro ...
    Wieder glitt eine Barke mit zwei Benfratellen, die von der Bartolomusinsel
kamen, vorber ... Auch diese hatten ihre Kapuzen ber den Kopf gezogen ... Sie
wurden von einer dritten Barke gekreuzt, die gleichfalls ein Mitglied der
Todtenbruderschaft fhrte - in weier Verhllung ...
    Der Gedanke lag nahe, an eine groe Sterblichkeit zu denken, die ber Rom
gekommen ... Im Herbst pflegte sich seit einigen Jahren regelmig die Cholera
einzustellen ...
    Felice besa den angeborenen Scharfsinn der Italiener ... Eine
angeschnittene Melone, die neben dem Mantel Felice's lag, betrachtete Benno mit
einem Blick, der bei so vielen Todeserinnerungen keinen Appetit danach
ausdrckte und Felice las sogleich die Gedanken in der Seele seines zweiten
Passagiers, denn er sagte:
    Eh! ... Sie kommt dies Jahr nicht wieder ...
    Benno wute, was Felice meinte, mochte aber die Conversation nicht
fortfhren ...
    Felice aber im Gegentheil ...
    Signore, flsterte er, als handelte sich's um einen Gegenstand der grten
Discretion, ich stehe drben bei Capo di Bocca - dicht an der Apotheke ... Da,
wo meine Mutter die Melonen verkauft ... Saftige, Herr! ... Sehen Sie, versuchen
Sie! ... Signore! Nein, sie kommt dies Jahr nicht wieder ... Die Krankheit mein'
ich, Signore ... Der Padrone der Apotheke hat es selbst an die Leute gesagt ...
Signor, bei Capo di Bocca ... Rufen Sie nur immer: Felice! ...
    Woher wei der Padrone der Apotheke, da die Cholera diesmal nicht
wiederkommt? fragte Benno, um dem Redestrom ein Ende zu machen ...
    Signore! Weil sie kein Gift mehr verkaufen drfen ... Er sagt' es gestern
erst dem Wirth der Navicella ... Signore, das ist das Kaffeehaus drben, wo mich
jeder findet, der nur am Ufer nach Felice - ...
    Gift verkaufen? Wozu Gift -? unterbrach Benno, der sich die Pein dieser
Kundschaftsempfehlungen abkrzen wollte ...
    Haha! lachte Felice und stie sein Ruder auf ein hartes Gestein, das -
vielleicht der Torso einer Statue des Praxiteles war ... Die Brunnen vergiften
sie nicht mehr ... Das glauben die dummen Leute ... Eh -! ... Die Brunnen! ...
Haha, Signore! ... Aber machen Sie eine Partie, Herr - Nach Ceri, Herr - Ceri
ist die lteste Stadt der Welt - Ich nehme meinen Bruder mit ... Morgen? ...
Meinen Bruder Beppo ...
    Warum sagt ihr: He? und lacht - Was glauben die klugen Leute ber die
Cholera -? ...
    Felice machte eine Miene, als durchschaute er alle Geheimnisse der Welt ...
    Was ist's, wenn die Apotheker kein Gift mehr verkaufen drfen? wiederholte
Benno ...
    Gift? ... Nicht verkaufen? ... Die Apotheker sagen's und die armen Leute
glauben's ... Aber die Reichen - die bekommen Gift, soviel sie wollen ... Und
die Aerzte - die brauchen's gar nicht aus der Pharmacia zu kaufen ...
    Die Armen? Die Reichen? Die Aerzte ... Wie hngt das alles zusammen? ...
    Felice machte Mienen, die Benno allmhlich verstand ... Er lie nur einfach
die eine Hand vom Ruder los und fuhr damit hinter's Ohr mit ausgespreizten
Fingern ... Eine Miene, die etwa sagte: Wir sind nicht so dumm, wie wir aussehen
- die Aerzte vergiften zur Zeit der Cholera auf Befehl der Reichen die Armen -
... Signore - nach Ceri! fuhr Felice fort, als Benno verstanden zu haben schien
und seinerseits gleichfalls eine Geberde machte, die mit sdlndischer Offenheit
soviel sagte, als: Felice, du bist ein Esel! ... Ceri ist die lteste Stadt der
Welt! ... Vielleicht morgen - ich nehme noch meinen andern Bruder mit - Auer
Beppo noch den dritten, den Giuseppe ...
    Die Cholera ist also eine Krankheit, die von obenher befohlen wird!
unterbrach Benno ... Alle Jahre soll einmal der Staatskrper von seinem
Ungeziefer gereinigt werden! Nicht so, ihr Thoren? ...
    Die Miene und Betonung Felice's drckte das starrste Festhalten seiner
Meinung aus ... Wie wenig ihm daran lag, seine Gesinnung ber die Aerzte,
Apotheker und die Reichen in Rom gendert zu bekommen, sagte die Mahnung:
    Herr, die Tiber kennen selbst die Rmer noch nicht alle ... Gewi, Herr,
selbst wenn Sie ein Rmer sind, haben Sie noch nicht Castellana gesehen ...
Civita Castellana ist das Wunder der Welt ... Wenn wir Morgens um vier Uhr einen
Kahn nehmen, natrlich - mit Beppo, mit Giuseppe und Francesco - Francesco,
Herr, ist mein vierter Bruder ...
    Das erzhlt man allerdings aus der Cholerazeit, unterbrach Benno mit
Entschiedenheit ... Wer einen Feind hatte, tdtete ihn bei dieser Gelegenheit;
schlechte Frauen vergifteten ihre Mnner, schlechte Mnner ihre Frauen, ruchlose
Kinder ihre Aeltern ... Im allgemeinen jammervollen Klagen und Sterben ging eine
Leiche mit der andern, ohne da man danach fragte, ob wol das Gift, an dem sie
den Geist aufgeben muten, aus der schlechten Luft oder - aus den Kellern kam,
wo nur die Ratten daran sterben sollten ... Sagt man nicht das? ...
    Diese Frage richtete Benno an den schwarzen Todtenbruder ...
    Fast getroffen von Benno's Worten hatte sich dieser von seinem Sitz erhoben
... Vom Nachthimmel sich abzeichnend stand die Gestalt in schner, langer,
schlanker Haltung - ein Bote des Minos, ein Abgesandter des Richters aus der
Unterwelt ...
    Benno hatte noch einmal geglaubt den Versuch machen zu sollen, den stummen
Passagier zu einer Antwort zu bewegen ...
    Der Todtenbruder sprach in der That auf seine Frage ein leises und hohles:
    Man - sagt - das ...
    Benno horchte der Stimme und fuhr fort:
    Eine entsetzliche Vorstellung, sich so feige Mrder denken zu mssen, die
eine Zeit der allgemeinen Auflsung des Vertrauens, eine Zeit der Trauer
benutzen, um mit gedecktem Rcken einen dann wahrscheinlich sichern Mord
auszufhren ...
    Wieder schien der Todtenbruder von diesen Worten eigenthmlich berhrt ...
Er schwieg, fiel nicht zustimmend ein, drckte keine Verachtung eines so feigen
Mordes aus, sondern wandte sich nur ab, um durch seine kleinen Augenffnungen
auf die bald erreichte Brcke der Vier-Hupter zu sehen ...
    Als sich nun auch Benno erhob, gerieth der Kahn in ein Schwanken ...
    Felice spreitete rasch die Beine aus und hielt das Gleichgewicht ...
    Um seine ohnehin wie auf der Flucht vor dem Schmerzlichsten befindlichen
Gedanken nicht zu sehr aufzuregen, fragte Benno:
    Kennst du das Haus des Rienzi, Felice -? ...
    Im selben Augenblick sprach aber auch der Todtenbruder noch eine Antwort auf
Benno's Aeuerung von vorhin ...
    Sie kam versptet, kam aus der kleinen Oeffnung der Kapuze, die nur allein
dem Mund und der Nase das Athmen erlaubte, dumpf und hohl ...
    O gewi - es gibt - genug der Falschheit - in der Welt ...
    Diese Worte klangen seltsam ... Sie klangen wie von einem Ergrimmten ...
Wenigstens wurden sie durch die Zhne gesprochen ...
    Benno, der selbst eben gesprochen hatte, verstand nicht sogleich und fragte:
    Es gibt -? sagten Sie? - ...
    Genug der Falschheit in der Welt! wiederholte der Todtenbruder scharf und
gereizt ...
    Benno horchte auf ... Diesen Ton der Stimme glaubte er zu kennen ... Noch
krzlich, vielleicht erst gestern hatte er diese Stimme gehrt ... Wer ist das
-? sagte er sich staunend und haftete auf einer Erinnerung an einen der bei
Olympien gesehenen Gste - Zunchst an den Frsten Corsini - der in der That
seinen Palast jenseits der Tiber hatte ...
    Der Todtenbruder kehrte ihm jetzt den Rcken ...
    Eben fuhren sie unter der Brcke Quattro-Capi hinweg ...
    Wo liegt das Haus des Rienzi? wiederholte Benno noch einmal, sich zu Felice
wendend ... Er mute dabei dem Klang der Stimme nachdenken ...
    Signore, das Haus des Rienzi kenn' ich nicht, erwiderte Felice eiligst, aber
ich versichere Sie, nach Civita Castellana ist es die schnste Reise von der
Welt ... Auch Cicero hat da gewohnt ... Es geht gegen den Strom, aber wir nehmen
noch meinen fnften Bruder -
    Euere Brder sind zahllos! unterbrach Benno ungeduldig ... Dann nach dem
Todtenbruder sich wendend, sagte er: Wo hat nicht alles in Italien Cicero
gewohnt! ... Cicero und Virgil sind dem Italiener gelufig wie die Heiligen ...
Aber Cola Rienzi, euer Volkstribun, ist euch unbekannt geblieben, Felice! ...
    Jetzt glaubte Benno fr bestimmt annehmen zu drfen, da der schwarze
Leichenbruder unter seiner Kapuze lachte ...
    Es war ein Lachen des Hohns ...
    Prinz Corsini konnte das nicht sein ... Corsini gehrte zu den Freimthigen,
aber er war in seinen Manieren hflich ...
    Unter dem ersten Hermenkopf der Vierhupterbrcke, eines alten Rmerwerks,
stieg der Todtenbruder aus ... Er schien voll Ungeduld die Steintreppe erwartet
zu haben ... Beim Abschied bot er Benno auch nicht den leisesten Gru ... Seinen
kupfernen Obolus warf er dem Schiffer in die Mitte des Kahns wie ein Almosen ...
    Felice's Grazie Eccellenza! sagte wenig ber seinen Stand ...
    Benno zahlte mehr, als blich ... Da durfte er sich nicht wundern, da
Felice, den er fragte, ob er den Todtenbruder kenne, behauptete, diesen nicht
blos fters, sondern alle Tage zu fahren ... Er nannte ihn einen Herzog, einen
Principe, wenn er auch nur zahlte, was in der Regel ... Da er Cardinle
fahre, offen und geheim, Principessen, mit und ohne Schleier, setzte er
ermuthigend hinzu ... In jener Unermdlichkeit, mit der der Italiener seinen
Einen Gedanken des Gewinns, darin ganz dem Juden gleich, festhlt, kam er wieder
auf die Reize einer Stromfahrt von zwei Tagen bis zu dem Ort zurck, zu deren
Merkwrdigkeiten nun auch noch der Eingang in die Hlle gehren sollte ...
    Benno war endlich von ihm befreit und ging, umrauscht vom Lrm der Straen
...
    Das Benehmen des Todtenbruders, sein stolzes, festes Dahinschreiten am Quai,
das Benno noch beobachten konnte, sein hhnisches Lachen, die scharfe Betonung
ber die Falschheit der Welt veranlate Benno, dem Unfreundlichen noch einige
Schritte weiter als nthig zu folgen ... Er hatte Worte gehrt, die sein
Innerstes erschtterten ... Wandelte er denn auch auf Wegen, die offene und
gerade waren? ...
    In wenig Augenblicken war die gespenstische Erscheinung verschwunden ...
Benno sah ein offenes Thor, durch das der Todtenbruder mit seinem flatternden
schwarzen Gewande hindurchschritt ...
    Benno befand sich hier bei den Hinterpforten grerer Huser, die nach vorn
dem Theater des Marcellus zu liegen ... Hier gibt es kleine Grten, kleine
Pavillons ... Die Dunkelheit verbarg den unschnen Anblick italienischer
Hinterfronten mit ihren schmutzigen Galerieen, ihren ausgehngten alten
Teppichen, ihrer aufgehngten zerrissenen Wsche, ihren schmutzigen
Gerthschaften und jenem Colorit der Wnde, dessen vorherrschender Ton ein
verfngliches Gelb ist ... Alles das vergit man freilich in Italien um einer
einzigen Palme willen, die aus solchem Gewirr in einem kleinen Grtchen
versteckt emporwchst ...
    Auch hinter jener Pforte, wo der Todtenbruder verschwunden war, lag, wie
Benno jetzt sah, ein solches Grtchen ...
    Wer wohnt hier? fragte er einen am Wasser mit dem Ausladen eines versptet
angekommenen Kahns Beschftigten ...
    In diesem Palazzo -? erwiderte der Angeredete und bot sofort statt der
Antwort, auf die er sich die Miene gab, sich grndlich besinnen zu wollen,
vorerst seine Waaren an, die der Herr gerade hier am zweckmigsten angetroffen
htte ... Walzbreter zur Bereitung von Nudeln, hlzerne Lffel, einen Steinkrug
zur Aufbewahrung seines Oels ... Wer in Italien handelt, glaubt, da man sich zu
jeder Zeit aus dem Gebiete gerade seiner Branche assortiren knne; in die
Eilwgen hinein reicht man zinnerne und blecherne Kchengegenstnde, die man
jetzt gerade wohlfeil haben knnte ... Und auch dieser Mann wahrte erst seinen
Vortheil und zeigte auf hundert Schritte weiter seinen Laden ...
    Aber den Besitzer des Palazzo konnte er nicht nennen ... Dann war es eine
gromthige Regung von ihm, da er, als Benno keinen Steinkrug fr sein Oel
mitnahm, doch einen andern Mann anrief und diesen fragte:
    Wer wohnt in dem Palazzo? ...
    Nach vorn hin, hatte Benno inzwischen gesehen, stand allerdings ein
stattliches Gebude ...
    Ein Advocat ... Ein reicher Mann - hie es ...
    Ein Advocat? ... Vielleicht Bertinazzi? dachte Benno und sah sich nach einem
mittelalterlichen alten Hause, dem des Rienzi, um ...
    Wie auch bei uns die Kinder in die Lden treten und fragen knnen: Wollen
Sie mir nicht sagen, wie viel die Uhr ist? und, wenn sie's gehrt haben, als
Zugabe ihrer Frage ein Paar Rosinen verlangen, so tauschten sich auch hier mit
den paar Worten die Interessen der sich versammelnden Italiener aus ... Benno
bekam so viel Anerbietungen von Waaren, so viel Verlangen nach Bajocci, so viel
Anerbietungen zum Fhren, zum Tragen, zum Helfen, da er zu dem seiner Natur
wenig entsprechenden Mittel greifen mute, aus der Geberdensprache der Italiener
eine Miene zu whlen, die die einzige ist, der die unertrgliche Zudringlichkeit
weicht ... Macht jemand diese Miene, so ist der Italiener gewi, einen Landsmann
vor sich zu haben, von dem er nichts zu erwarten hat ... Benno streckte nicht
gerade die Zunge aus, was in solchen Fllen, um vor dem italienischen
Bettelgesindel Ruhe zu bekommen, das allersicherste Mittel ist; er warf nur
einfach den Kopf in den Nacken mit der Miene eines gleichsam vor Hochmuth
Nrrischgewordenen ... Da lie man ihn gehen ...
    In der That hatte er aber doch erfahren, da dieser Hausbesitzer, dieser
reiche Mann und Advocat - Signore Clemente Bertinazzi war ...
    Bertinazzi! ...
    Wieder blickte er auf die Pforte und siehe da, wieder trat jemand, diesmal
ein Mnch mit heraufgezogener Kapuze ein ...
    Das sind Verschworene! sagte sich Benno ...
    Der Gedanke berlief ihn wie siedende Glut ...
    Er sann und sann nun um so mehr: Wer war der schwarze Todtenbruder, der dich
offenbar kannte, der dir seine Verachtung ausdrckte - trotz deiner Erwhnung
Rienzi's ...
    Benno wandte sich in grter Aufregung wieder der Brcke zu ... Hier hatte
er einen Fiaker zu finden gehofft ...
    Schon suchte er danach nicht mehr ... Es trieb ihn in die Strae, nach der
hinaus das Wohnhaus des Advocaten seine Vorderfront hatte ...
    Auch hier bemerkte er, rasch nacheinander kommend, zwei weie Todtenbrder,
die in dem offenen Thorweg des Hauses verschwanden ...
    Bertinazzi hlt eben seine Loge ...
    Diese Vorstellung stand nun fest bei ihm ...
    Sollte er folgen? ...
    Er hatte das Losungswort ... Er trug in seinem Portefeuille ein Zeichen von
Silberblech mit einem aus den Flammen sich erhebenden Phnix ... Beides hatten
ihm die Brder Bandiera fr den Fall gegeben, da er in Rom die Bekanntschaft
des Advocaten Bertinazzi machen wollte, dem sie aufs wrmste ber ihn
geschrieben zu haben behaupteten ...
    Mit lautklopfendem Herzen kehrte er zur Fluseite zurck ...
    Hier war es jetzt stiller geworden ... Ruhig wogte der Strom ...
    Den Besuch der Mutter gab er auf ... Schon schlug es zehn ...
    Im Hause des Advocaten, dem er von der Gartenseite nher zu kommen suchte,
war alles still und dunkel ... Es mute eine gewaltige Tiefe haben; die
Entfernung vom Ende des Grtchens bis zur Vorderseite war eine ansehnliche ...
    Wieder nherte sich ein Schatten der Gartenpforte - ... Wieder huschte
dieser an Benno vorber und ging ins Haus ...
    Benno stand - wie am Scheidewege seines Lebens ... Der Gedanke an morgen war
ihm an sich schon der Tod - was verschlug es, wenn er den letzten Anlauf nahm
und sich in den Abgrund strzte? ...
    Wo sollte er die Stimme, den Wuchs, den Gang des schwarzen Todtenbruders
hinbringen ...
    Eine fieberhafte Ideenverbindung zeigte ihm die drei Reiter, die ihm im
Gebirge so seltsam den Weg hatten abschneiden wollen ... Erschien sein Umgang
mit den Tyrannen Italiens denen verdchtig, an die er empfohlen war? ...
    Voll Unruhe begab sich Benno abermals nach vorn ...
    Jetzt sah er einen Kapuziner zu Bertinazzi eintreten ... ...
    Und nur ihm schien alles das aufzufallen; die Strae hatte ganz ihr bliches
Leben ...
    Schon griff Benno nach seinem Portefeuille und berzeugte sich, da er das
Symbol des Phnix bei sich hatte ...
    Einen in Hemdrmeln vor der Thr seiner Taverne stehenden Wirth fragte er:
    Ist das - da drben - ein Kloster? ...
    Nein, Signore! war die Antwort ... Das Haus, des Advocaten Bertinazzi ...
    Ich sehe Mnche eintreten ...
    Bei einem Arzt und Advocaten, Herr, sagte der Wirth lachend, hat alle Welt
zu thun ... Und nicht jeder zeigt's dann gern ... Mancher Principe wartet auf
den Abend, wo er die Kutte des Todtenbruders umlegen darf - Und - nun - die
Pfaffen gar ...
    Der Wirth machte eine Miene, als wre Rom einmal die Stadt des Carnevals und
der Carneval stnde nicht blos im Februar im Kalender - sondern zu jeder Zeit
und dann htten am meisten die Priester ihre Heimlichkeit ...
    Die Geberdensprache des Sdens ist die Sprache der grten Deutlichkeit ...
    Benno mute, um dem vertrauensvollen Manne zu danken, seinen Wein versuchen
...
    Es war nicht der Wirth der nahen Goethe-Campanella ... ... Der Orvieto, den
Benno begehrte, war gut ... Strmisch rollte das Blut in Benno's Adern auch ohne
den Wein ... Er war in einer Stimmung, die Welt herauszufordern ...
    In dem dunkeln Gewlbe der Kneipe saen beim qualmenden Licht der Oellampe
Mnner aus dem Volk ... Die Unterhaltung betraf noch immer den Grizzifalcone ...
Einige Huser weiter hatte der Ruber gewohnt, als er die Courage gehabt, nach
Rom zu kommen ... Man erzhlte seine Heldenthaten ...
    Man rhmte auch den Muth der beiden deutschen Mnche ...
    Benno horchte und horchte ...
    Der Wirth pries sich glcklich, den Pasqualetto nicht beherbergt zu haben
... Die Polizei htte jeden Winkel der Herberge an der Tiber nach dem Tode des
Rubers durchsucht ... Alle Welt wute, da niemand durch diesen Tod glcklicher
war, als die Zollbediente, auf deren Strafe der alte Rucca es abgesehen hatte
...
    Die Pfiffigen und Klugen haben hier immer Recht ... Um den Grizzifalcone
blieb es Schade, da er nicht - Gonfalionere in Ascoli geworden ...
    Benno hrte lachen - die Glser aufstampfen - hrte Gesinnungen, die denen
der Lazzaronis Neapels entsprachen ...
    In seinem Innern klangen die Worte des Attilio Bandiera: Man mu die Vlker
zur Freiheit zwingen! ...
    Damals hatte er noch erwidert: Mit der Guillotine? ...
    Neue Welten waren in ihm aufgegangen ...
    In jenem Hause konnte er das Schicksal der Freunde erfahren, um die er sich
in so groe Gefahren des Lebens und der Seele gewagt hatte ... Der Tag,
vielleicht die Stunde konnte ihm dort genannt werden, wann die Brder in Porto
d'Ascoli landen muten, wann Ravenna, Bologna sich erhoben ...
    Er sagte sich: Es ist der Weg des Todes! Sollst du ihn beschreiten? ...
    Und gehst du ihn nicht schon? antwortete eine Stimme seines Innern ...
Bleib' auf deiner Strae - des Verhngnisses! ...
    Wild mit der Rechten durch seine Locken fahrend erhob er sich ... Strmenden
Muthes verlie er die Schenke ... Sie rufen mich! sprach er vor sich hin und sah
- jene Geister des Beistands, von denen ihm Attilio gesprochen ...
    Auf der Hhe seines Lebens war er angekommen ... Dahin also hatten alle
Ziele seines Schicksals gedeutet ... Er sah seine ersten Anfnge wieder - fhlte
den Ku jener schnen Frau, die sich trauernd ber ihn beugte, wenn sie aus dem
Wagen gestiegen - Die in Spanien erworbenen goldenen Epaulettes seines
Adoptivvaters Max von Asselyn blitzten auf ... Zigeunerknabe, du bist in deiner
Heimat! klang es um ihn her wie aus tausend silbernen Glckchen ... Dann wieder
waren es Geigentne - wie sie damals der bucklige Stammer zwischen seinen
Erzhlungen von der Frau, die nur die deutschen Worte: Tar Teifel! kannte, auf
dem Finkenhof strich ...
    Du gehst! sagte er sich und schritt dem Hause nher ...
    Und dennoch wrde Benno vorbergegangen sein, wenn nicht die menschlichen
Entschlieungen unter dmonischen Gesetzen stnden ...
    Der eine Flgel des offen stehenden Hausthors war soeben von einer nicht
sichtbaren Hand von innen geschlossen worden ... Eben bewegte sich der andere
Flgel, um gleichfalls zuzufallen ... Der Anblick dieser kleinen, noch eine
Secunde offen gelassenen Spalte bestimmte den wie vom Schwindel Ergriffenen und
halb Besinnungslosen rasch vorzutreten und die beiden Worte zu sprechen:
    Con permesa! ...
    Eine Stimme antwortete:
    Que commande? ...
    Eine kurze Pause folgte ...
    Die Schlange wechselt ihr altes Kleid! ...
    Das Erkennungswort des Jungen Italien war ausgesprochen ... ...
    Es war kein freier Wille gewesen, der diese verhngnivollen Worte von
Benno's Lippen brachte ... Es war ein fremder Geist, der aus ihm sprach, ja -
der ihn diese Losung ganz deutlich und fest aussprechen lie ...
    Er trat in den wiedergeffneten Flgel und befand sich in einem dunkeln
Gange ...
    Die Thorpforte fiel hinter ihm zu ...

                                    Funoten


1 Thatsache.


                                      10.

Kommen Sie aus der Schweiz? fragte aus dem Dunkel heraus eine heisere rauhe
Stimme ...
    Das menschliche Wesen, dem die Stimme angehrte, entwickelte sich seinem
Auge erst allmhlich als eine Frau ...
    Ich will Sie dem Herrn anmelden ... lautete die seinem Schweigen folgende
Rede ...
    Ein Schlorren, ein asthmatisches Keuchen ... Ein langes Verhallen der
Schritte ... Diese Rume schienen endlos zu sein ...
    Es ist geschehen! sprach er zu sich selbst und sagte fast hrbar:
    Also nur die aus der Schweiz Kommenden erkennt man an diesem Losungswort,
das ich von den Bandiera wei! ...
    Benno zog sein Portefeuille, um das Zeichen des Phnix zur Hand zu haben ...
    Die Flchtlinge, die sich in Robillante an ihn wandten, um in allerlei
Verkleidungen weiter zu kommen, hatten auch ihm ein solches Zeichen
entgegengehalten ...
    Wenn die ohne Zweifel in diesem Augenblick hier versammelte Verschwrung
entdeckt - wenn er selbst mit den Mitgliedern derselben aufgehoben wurde! ...
    Darin sah die Zerrttung seines Innern, die Hoffnungslosigkeit seiner Seele
kein Unglck mehr ...
    Beim Suchen nach dem Portefeuille fand Benno ein Mittel, sich Licht zu
machen ... Nach italienischer Sitte fhrte er ein Streichfeuerzeug bei sich ...
In den finstern groen Husern Italiens hilft man sich auf diese Art gegen die
berall mangelnde Beleuchtung ... Kleine brennende Wachsenden reichen aus fr
jeden zu erkletternden vierten Stock ...
    Benno sah nun eine Halle, die in einen gedeckten und berbauten Hof fhrte
... Da hingen alte Bilder an den feuchten Wnden ... Sollte hier die Tiber
zuweilen so weit austreten, um diese Huser berschwemmen zu knnen? ...
    Die Alte, die mit einer Lampe zurckkam, unterschied er nun ... Sie war vom
Alter gekrmmt und schien aus dem Reich der Nacht zu kommen ...
    Mit der Lampe den Fremdling beleuchtend, sagte sie:
    Der Herr soll wiederkommen -! ...
    War dein Losungswort eine Beschwrung, die nicht krftig genug wirkte? sagte
sich Benno ...
    Jetzt berreichte er sein zweites Creditiv, das Zeichen von Silberblech und
eine Karte mit seinem Namen ...
    Die Alte nahm beides, betrachtete es flchtig und entfernte sich wieder ...
    Inzwischen ging Benno in den Hof, der berbaut war ... Wieder sah er einen
langen Gang ... Sessel standen in diesem an den Wnden, ohne Zweifel fr die
Clienten vom Lande, die an jedem Markttag die Schreibstuben der Advocaten
belagern ... Er verglich Nck's Lage mit der Bertinazzi's ... Jener der
leidenschaftliche Freund der Jesuiten und allen Umtrieben derselben ganz wie ein
geheimer Verschwrer zugethan; dieser, wie er wute, ein Angehriger der Familie
jenes Ganganelli, der als Papst die Jesuiten aufgehoben hatte, und im Geist
seines Ahnen fortwirkend ... Das System der Menschen- und Lebensverachtung mute
bei beiden dasselbe sein ...
    Die Alte kam zurck und winkte nun schweigend ... Sie zeigte nach hinten,
kehrte noch einmal in den Hof und zur Pforte um, die sie mit einem eisernen
Querbalken verschlo, und bedeutete Benno, der bei einer Stiege angekommen war,
diese nicht zu betreten, sondern auf eine Thr zuzugehen, die sie ffnete ... Es
war eine jener sdlichen Matronen, die die Freude eines Balthasar Denner gewesen
wre, des Runzelmalers ...
    Durch einige mit Bchern und Landkarten gefllte Zimmer hindurch kam Benno
jetzt erst an eine andere Treppe, die er ersteigen mute, um endlich bei dem
unter den Rmern hochberhmten Doctor der Rechte Clemente Bertinazzi einzutreten
...
    Dieser trat ihm lchelnd entgegen ...
    Benno fand einen langen, hagern Mann ... Der Ausdruck seiner Gesichtszge
war der jener fanatischen und trumerischen Beharrlichkeit, die sich zunchst
als mathematische, oft pedantische Strenge zu geben pflegt ... Ebenso verband
sich die Pedanterie mit Schwrmerei bei Luigi Biancchi, dem armen Gefangenen von
Brnn; ebenso leidenschaftlich war in seiner trumerischen Welt der trockene und
magere Pttmeyer ... Diese Menschen wute Benno unterzubringen ... Sie hatten
nicht die Schnheit der Willensuerung, die Grazie der Lebensformen
Bonaventura's; aber der feste, beharrliche Sinn war derselbe ...
    Clemente Bertinazzi htte in seinem langen Hauskleide, das ihm bequem um die
magern Glieder hing, ebenso einen alten Geizhals darstellen knnen, der ber
seinen Schtzen wacht und sich nchtlich mit einer alten Dienerin in diesem
weitlufigen Hause ngstlich abschliet ... Doch die allmhlich erglhende Kraft
seiner Augen verrieth edlere Eigenschaften ... Bald sah Benno, da dem Mann ein
eigenthmlicher Flor ber seinen Augen und den untern Anfngen seiner Stirn lag,
jener geistige unbestimmte Dmmer, der sich vorzugsweise bei mystischen Naturen
findet ...
    Endlich, endlich, Signore d'Asselyno! sagte der Advocat und streckte die
Rechte aus zum traulichen Grue und zugleich den Eindruck prfend, den ihm der
junge Mann in Gestalt und Haltung machen wrde ...
    Benno d'Asselyn! ... erwiderte dieser besttigend und legte seine zitternde
Hand in die des Advocaten ...
    Warum kommen Sie erst jetzt? Ich wei von Ihnen schon seit lange ber Malta
her, wo sich die Brder Bandiera fr Sie verbrgt haben ... Man hat Sie dort
verdchtigen wollen ... Allerdings kann man Ihre Beziehungen zu unsern Tyrannen
zweideutig finden ... Ich hrte, Sie lernten unsere Machthaber in Wien kennen
und da dachte ich: Um so besser, wenn Sie diese Menschen beobachten ... Ich
vertraue jeder Brgschaft, die die Bandiera leisten ...
    Kennen Sie meine Freunde persnlich? sprach Benno noch in Befangenheit und
ausweichend ...
    Nein ... erwiderte Bertinazzi und zog, um das Bild eines alten Garon zu
vervollstndigen, eine Tabacksdose ... Aber ich habe Ursache von Ihnen das Beste
zu denken ... Ja auch sonst hab' ich das Princip gehabt, fuhr er schnupfend und
von unten her Benno musternd fort, nicht zu weise sein zu wollen ... Die
Verschwrer, die berall Spione wittern, haben nie mein Vertrauen gehabt ...
Haben Sie noch ein drittes Erkennungszeichen auer dem Gru und dem Phnix? ...
    Benno verneinte ...
    So gehren Sie den Vertrauten an, nicht den Wissenden ...
    Die Zahl dieser Vertrauten, wute Benno, war in Italien so gro, wie bei uns
die der Freimaurer ...
    Sind die Wissenden die oberste Spitze? fragte er ...
    Die oberste noch nicht! entgegnete Bertinazzi ... Sie haben durch den Phnix
den zweiten Grad - einen vorbereitenden - und vielleicht gar ohne Schwur ... Die
Wissenden sind erst der dritte ... Der vierte sind die Leitenden ... Erst der
fnfte ist der hchste ... Das ist der Grad der Namenlosen ... Zu diesem gehr'
ich nicht einmal selbst und wei kaum, ob in Rom ein Namenloser existirt ...
    Diese Organisation kann sich halten und wird nicht verrathen? ... fragte
Benno - unwillkrlich der Worte Ceccone's - ber seinen Mrder gedenkend ...
    Sie kann an einzelnen Theilen verrathen werden und wird es auch, antwortete
Bertinazzi ... Aber die Theile sind nicht das Ganze ... Einer kennt den andern
auch noch nicht auf dem Standpunkt der Wissenden ... Derjenige, der wie ich den
Grad der Leitenden hat, kennt immer nur zwlf Wissende ... Diese, die eine
Loge bilden, sind sich untereinander selbst vllig unbekannt ... Die Gruppe, zu
der Sie gehren, ist gro und an Vertrauten mgen wir wol in Rom allein
dreitausend haben ... Der erste Grad vollends, derjenige, der die Losung kennt,
ist dem Verrath am meisten ausgesetzt ... Sie werden genug Priester und
Verdchtige in diesen Reihen finden ... Ich wrde Ihnen auch noch auf den Phnix
nicht Gehr gegeben haben in so spter Stunde, wenn ich nicht glaubte, da Sie
irgendeine wichtige Sache zu mir fhrte ... Wei man in den hohen Kreisen, da
in diesen Tagen - ...
    Der Advocat hielt forschend inne ...
    Ich beunruhige mich ber das Schicksal der Gebrder Bandiera, sagte Benno
... Man erwartet ihren Einfall ... Wann findet er statt? ...
    Bertinazzi's Miene drckte eine Verlegenheit ber diese Frage aus ... Er
sagte:
    Fr solche Dinge haben Sie den Grad nicht ...
    Dann aber, und gleichsam, um seine Ablehnung zu mildern, kam er auf Benno's
Lebensverhltnisse ...
    Seltsam - Sie werden, hr' ich, von der kleinen Frstin Rucca gefesselt ...
Der Unseligen! ... Nun, nun - Sie sind jung und pflcken die Kirschen, wo sie
reif sind! ... Von Geburt sind Sie ein Deutscher ...
    Meine Mutter ist eine Italienerin ...
    Gut - gut -! Und Sie bringen nichts, was mit Ceccone - Fefelotti - Rucca
oder irgendeinem unserer Tyrannen zusammenhngt? ...
    Benno schwieg ...
    Einige Zimmer weiter schien laut gesprochen zu werden ...
    Ohne Zweifel hatte Benno die Loge unterbrochen und strte Bertinazzi ...
    Dieser nahm auch eine Lampe vom Tisch und sagte aufhorchend und mit
ausweichender Miene:
    Ich habe mich gefreut - Sie besuchen mich wieder? ...
    Auf Benno's Lippen brannten die Fragen: Befindet sich hinter jenen Wnden
nicht jetzt die Loge -? ... Wer war jener schwarze Todtenbruder? ... Was hab'
ich zu thun, um die Stunde des beabsichtigten Aufstands zu erfahren? ...
    Natrlich, da seine Stimmung diese Fragen unterdrckte ...
    Aber sein Zgern gab dem Advocaten Veranlassung zu den leicht hingeworfenen
Worten:
    Treten Sie doch in den dritten Grad! ... Sie schwren nur, die
Unabhngigkeit und Freiheit Italiens mit jedem Mittel zu frdern, das von den
Fhrern Ihnen vorgeschrieben wird ...
    Mit jedem Mittel -? ... Auch mit dem Mord? - sagte Benno nach einiger
Ueberlegung ...
    Das ist der vierte Grad ...
    Zu dem Sie gehren? ... wallte Benno auf ...
    Der vierte Grad anerkennt nur zuweilen die Nothwendigkeit des Todes fr
Verrther und Tyrannen ... Erst der fnfte Grad vollzieht ihn ... Ich sagte
schon, ein Namenloser befindet sich vielleicht in diesem Augenblick weder in
Rom noch in Italien ...
    Ceccone wei, da ihn ein Verschworener tdten soll ... sagte Benno ...
    Bertinazzi horchte auf, schttelte dann aber den Kopf und sagte:
    Das spricht aus ihm die Furcht ... Sein Tod ist von niemand beschlossen
worden ... Er hat Feinde, die der sonst Allwissende vielleicht an seinem eigenen
Busen nhrt ... In Italien sterben die Menschen zuweilen, etwa wie bei der
Cholera, aus gelegentlichem Versehen ... Ja, er soll sich in Acht nehmen ...
Aber nun bitt' ich - mich in der That zu entschuldigen ... Ich habe mich
gefreut, da Sie an uns dachten -! Wirken Sie in Ihrem Kreise durch die
Gesinnung, soviel es geht und - verweilen Sie nicht zu lange in ihm! ... Man
knnte Sie falsch beurtheilen wie schon einmal in Malta ...
    Benno's Blut lie sich nicht mehr beruhigen ...
    Wann landen die Gebrder Bandiera -? sprach er mit drngender Hast ...
    Bertinazzi zuckte die Achseln und erwiderte:
    Darber - mu ich schweigen ...
    Die Landung wird in Porto d'Ascoli stattfinden ...
    Haha! erwiderte Bertinazzi ... Das erwartet Ceccone -? ...
    Der Advocat stand von pltzlichem Zorne gerthet ... Ein krampfhaftes Zucken
glitt ber seine Zge ...
    Doch Sie verstehen meinen Unwillen nicht - beruhigte er Benno und sich
selbst ... Die Loge erwartet mich ... Bleiben Sie der Gesinnung treu, deren mich
zwei edle Menschen ber Sie versichert haben ... Und in allem Ernst - theilen
Sie mir aufrichtig die Gefahren mit, die uns von den Tyrannen drohen, wenn Sie
dergleichen durchschauen ... Fr heute nun - gute Nacht! ...
    Benno hielt den Arm des Advocaten, der ihm freundlich hinausleuchten wollte
... Ein fernes Gerusch, das wol aus der Loge kam, fesselte seine Aufmerksamkeit
...
    Warum konnte Bertinazzi so aufwallen ber die Erwhnung jenes Hafens an der
adriatischen Kste? ...
    Alle Verwickelungen seines vergangenen, seines knftigen Lebens sah Benno
jetzt in einem einzigen Augenblick mit magischer Helle ...
    Geboren durch ein Verbrechen, geboren ohne einen Vater, auf den er sich mit
Ehren berufen konnte, geboren ohne eine Mutter, die er sorglos sein nennen
durfte, gehegt, gehtet von Frauen, von Priestern, hatte er eine Einwurzelung im
deutschen Leben um so weniger finden knnen, als auch daheim die Knechtschaft
waltete ... Alles, was damals in Deutschland rang und zum Lichte strebte, war in
diesem Augenblick sein Bundsgenosse ... Deutschland wollte frei sein von
demselben Geist, dessen Consequenzen Italien gefesselt hielten ... Von Italiens
Tyrannen gingen die Bannflche ber Freiheit und Aufklrung in die Welt aus ...
Drei Gestalten traten ihm schon immer aus der Geschichte vors Auge - sie lebten
und wirkten gleichzeitig: Friedrich Barbarossa, der Kaiser - Hadrian IV., der
Papst - Arnold von Brescia, der Tribun von Rom ... Wer sollte nicht die Gre
des Hohenstaufenkaisers bewundern - und doch schlo Barbarossa Frieden mit
Hadrian, seinem wahren Feinde, und berlieferte ihm zur Besiegelung eines Actes
der Falschheit, den der nchste Augenblick zerri, einen der edelsten Menschen,
Schler Plato's, Petrarca's, einen Weisen, der nach langen Irrfahrten in
Frankreich und der Schweiz elf Jahre lang Rom ohne die Ppste regierte, der die
Kirche verbesserte, der Vorlufer der Waldenser und der Reformatoren wurde ...
Barbarossa sah mit seinen bluttriefenden Sldnerscharen den Scheiterhaufen
auflodern, mit dem sich unter dem schtzenden Banner des deutschen Adlers
Hadrian an seinem geistigen Todfeind rchte ... Unsere Zeit kann nicht mehr mit
Friedrich Barbarossa, sie mu mit Arnold von Brescia gehen ... Auch Benno's
Vater war kein Ghibelline - Doch war er ein Welf im schlechten Sinne ... Wie der
Kronsyndikus wollte sich Benno nicht zu Ro schwingen und die eigene Fahne und
die Freiheit seiner Hufe wahren im Geist Heinrich's des Lwen, vor dem
Barbarossa einst kniete und vergebens um Hlfe die Hnde rang ... Auch der
welfische Geist Klingsohr's war nicht der seine ... Er wollte die Vernichtung
des Ichs zum Besten des Allgemeinen ... Die Form der Freiheitsthat, das lehrten
die Bandiera, ist in unsern Tagen die Verachtung der materiellen Welt ... Diese,
die nur anerkennt, was in Glanz und Wrde steht, diese, die den Widerschein der
regierenden und mit momentaner Macht ausgestatteten Thatsachen in hohler
Gesinnung liebedienerisch auch auf sich zu lenken sucht, diese, die fr
uerstes Unglck hlt, gehssig gekennzeichnet zu werden durch den Widerspruch
mit dem Gegebenen, hatte Benno schon lngst verachten gelernt ... In diesem
einen magischen Augenblick hrte er eine himmlische Musik der Ermuthigung ...
Voten des Friedens schwebten ber die Erde und retteten ihn von allen Folgen
seiner falschen Stellung - retteten ihn vor den Schrecken - vielleicht des
nchsten Tags ... Bonaventura war unter diesen Seligen - Bonaventura, umringt
von den Erfllungen seiner Trume, von den Trstungen seiner Klagen ... Was in
so vielen stillen Nchten von Robillante nur von des Freundes beredten Lippen
gekommen, schien in himmlischen Gestalten verkrpert zu sein ... Bertinazzi's
erwartungsvoller Blick sagte: Ich rette dich vor dir - vor Olympien - vor dem
geistigen Tode - ... Und fndest du auch den wirklichen, wre der nicht besser
als solch ein Leben -? ...
    Benno entschlo sich, nur noch Italiener zu sein und der Revolution den
Schwur des dritten Grades zu leisten ...
    Wenn Bertinazzi ber diese Erklrung lachte, so war es ein Lachen ohne
Falsch ... Es war das Lachen ber einen erwarteten und zutreffenden Erfolg ...
    Bertinazzi hob von der Wand ber seinem Schreibtisch einen Spiegel und
stellte ihn auf die Erde ... Dann drckte er auf die scheinbar leere Wand ...
Sie ffnete sich ... Benno sah einen Schrank mit verschiedenen Schubfchern ...
    Das sind die Acten meiner Loge! sagte Bertinazzi und lie Benno in Papiere
einblicken, die mit allerhand mystischen Zeichen beschrieben waren ... Ohne
Zweifel eine Chiffreschrift, die ohne den dazu gehrigen Schlssel nicht gelesen
werden konnte ... Den Schlssel behauptete Bertinazzi in seinem Kopf zu tragen -
nur mit diesem allein wrde man seine Geheimnisse entziffern ...
    Die Handbewegung auf seinen Kopf als Preis der Eroberung seiner Geheimnisse
war der Ausdruck hchster Entschlossenheit ...
    Benno sah in den Fchern einen leeren Raum, der seinem Schicksal bestimmt
sein konnte ... Bertinazzi schrieb verschiedene Adressen auf, die ihm Benno gab
und wieder andere, die dieser fr Mittheilungen an ihn empfing ... Dann
verbrannte er vor Benno's Augen alles, was Benno selbst geschrieben hatte, auch
seine Visitenkarte ...
    Hierauf legte er ihm das Formular eines Eides vor und gab ihm als
Erkennungszeichen des dritten Grades einen gueisernen Ring, den er auf den
kleinen Finger der linken Hand Benno's anpate mit den Worten:
    Ein Stck der gebrochenen Sklavenkette der Welt ... Ich werde Sie den
Versammelten unter dem Namen Spartakus vorstellen ... Auch Spartakus, der zuerst
in Italien das Wort: Freiheit! ausgesprochen hat, war ein Fremder ... Den Eid
mssen Sie in der Loge selbst leisten ... Lesen Sie ihn zuvor! ...
    Benno nahm ein Papier, das ein Gelbni enthielt, dem Jungen Italien als
ein Wissender zu dienen - mit Leib und Seele, mit Wort und That, mit der
Spitze des Schwerts im offenen Kampf, mit dem Beistand brgerlicher Hlfsmittel
bis zum Betrag des vierten Theils seines eigenen Vermgens - endlich mit steter
Werbung zur Mehrung des Bundes ... Alles das auf die Unabhngigkeit Italiens von
fremder Herrschaft, Einheit im allgemeinen, Freiheit im besondern ... Die
republikanische Form blieb unerwhnt ... Der Eid wurde auf christliche Symbole
geleistet ...
    Es gibt eine Partei, sagte Bertinazzi, die den Schwur allein auf den
Todtenkopf vorziehen mchte ...
    In Benno's Ohr klang das Wort des alten Chorherrn wieder, der ihm in Wien
gesagt: Das Kreuz des Erlsers wird die Reform mittragen mssen! ... Auch
Bonaventura dachte so ... Ihm waren diese Formeln gleichgltig ...
    Nun erschlo Bertinazzi einen andern Schrank und nahm ein Hemd der
Todtenbruderschaft heraus, ein weies, dazu eine gleichfarbige Kopfverhllung -
nur mit zwei Oeffnungen fr die Augen und einer fr den Mund ...
    Nehmen Sie diese Kleidung! sagte er ... Legen Sie sie inzwischen an ... Wenn
Sie eine Klingel hren, treten Sie in diese Thr, durch die ich Sie jetzt
verlasse, um in die Loge zu gehen ... Sie haben Zeit genug, sich umzukleiden ...
Niemand wird Sie erkennen ... Ich fhre Sie unter dem Namen Spartakus ein ...
    Bertinazzi ging und lie Benno allein ...
    Benno legte die Tracht an - Sie war ihm - sein Todtenhemd ... Der Schlag der
Stunden von den Thrmen klang nicht so geheimnivoll, wie der leise, singende
Ton einer Pendeluhr ber dem Spiegel, der wieder an seine alte Stelle gehngt
war ...
    Ob du deinen Begleiter von der Tiber finden wirst? dachte Benno und sah
seine vllig unerkennbare Gestalt im Spiegel ... Es war ihm, als gliche er jetzt
erst dem Hamlet, jetzt erst dem Brutus ... Er schpfte Muth - nicht blos fr den
nchsten Augenblick, sondern fr morgen, fr alles, was die Zukunft in ihrem
Schose trug ...
    Die Klingel erscholl ... Benno ffnete die Thr ...
    Anfangs nahm ihn ein Gemach auf, das des Advocaten Schlafzimmer schien ...
Ein grnseidener Vorhang trennte den kleinen Raum in zwei Theile ... Eine Lampe
zeigte ihm die Thr, die er noch mit seinem flatternden Kleide zu durchschreiten
hatte ... Vor seinem gespenstischen Bilde, das ihm ein anderer Spiegel
zurckwarf, erschrak er selbst ...
    Nun betrat er einen hellerleuchteten Saal, in welchem um einen Tisch, auf
dem sich ein Crucifix, ein Todtenkopf und ein Rosenkranz befanden, auf Sthlen
im Kreise eine Anzahl der wunderlichsten Gestalten sa ...
    Alle, die Benno das Haus hatte betreten sehen; Todtenbrder, wie er selbst,
Mnche in Kutten, einige als Bettler, andere als Kohlenbrenner, die Unverhllten
mit schwarzen Masken ...
    Bertinazzi war in seiner gewhnlichen Haustracht geblieben, allen erkennbar
...
    Schwarze Todtenbrder erblickte er zwei ... Benno konnte den, mit dem er
ber die Tiber gefahren war, nicht sogleich von dem andern unterscheiden ...
    Ihn selbst kannte auer Bertinazzi Niemand ...
    Bertinazzi begann, man mchte das Omen nicht bel deuten, da sie ihrer
dreizehn wren ... Der vierzehnte fehle einer Reise wegen ... Doch auch unser
Spartakus - wandte er sich zu Benno - ist vorurtheilslos genug, einen
Aberglauben zu verachten, der nur die Thoren schrecken kann ...
    Benno konnte sich nicht von dem Eindruck dieser Voraussetzung bei den
Genossen des nchtlichen Rathes berzeugen ... Ihre Mienen blieben ihm verborgen
...
    Inzwischen hatte er sich gerade einem Sessel gegenber gesetzt, auf dem er
die uere Gestalt des Todtenbruders zu erkennen glaubte, mit dem er ber die
Tiber gefahren ...
    Dieser selbst konnte nicht im mindesten annehmen, da sein Mitpassagier ihm
gegenber sa ... Bertinazzi hatte Niemand sagen drfen, wer Spartakus war ...
    Den Schwur leistete Benno, indem er sich an den Tisch stellte und die ihm
schon bekannten Worte, die ihm noch einmal jetzt von Bertinazzi vorgesagt
wurden, mit einem Ja! bekrftigte ... Das Kreuz war ein Symbol der Leiden, die
man fr seine Ueberzeugung nicht abzulehnen gelobte; der Todtenkopf drckte die
Verachtung jedes Erdenlooses aus, falls die gemeinschaftlichen Hoffnungen
scheitern sollten; der Rosenkranz bezeichnete all die Freuden, die im Siege der
Freiheit lgen ... Auch die Bewillkommnung durch die brigen sprach Bertinazzi
vor und berlie den Anwesenden nur die Bekrftigung durch ein Ja! ...
    Die nchste Verhandlung knpfte sich an einen whrend Bertinazzi's
Abwesenheit ausgebrochenen Streit ... Diese Mnner schienen nicht mehr das volle
Bedrfni zu haben, sich gegenseitig unbekannt zu bleiben, obgleich die Masken
und Umhllungen die Stimme dmpften und vernderten ... Man sprach nach dem Act
der Aufnahme eines neuen Mitgliedes lebhaft durcheinander ... Benno sah, kaum
eingetreten, in der Einheit schon die Verschiedenheit ... Die schnen
italienischen Laute wurden mit Reinheit gesprochen, ein Beweis fr die Bildung
der Genossen ... Der Gedanke an den Frsten Corsini kehrte Benno zurck ... Er
erwartete die Stimme zu hren, deren Klang er nicht vergessen konnte ...
    Aber die schwarzen Todtenbrder Benno gegenber enthielten sich ihrerseits
des Austauschs der Meinungen, die ber manches nicht die gleichen waren, ganz
wie schon Bertinazzi angedeutet hatte ...
    In der That schien man ber die Gebrder Bandiera gesprochen zu haben ...
Benno glaubte von einer Aenderung der Plne der Brder zu hren ... Mehrfach
wurden die Jesuiten genannt ...
    Ein wie ein Kohlenbrenner und demnach als alter Carbonaro Gekleideter stie
einen Stab auf den Fuboden und sagte, die Maske nur lose mit der Hand haltend:
    Und noch gibt es Stimmen, die das Heil Italiens, ja der Welt von Rom
erwarten? ... Diese dreifache Tiara soll der Friedens- und Freiheitshut der
Vlker werden? ... Die Schlssel Petri sollen die Zukunft der Menschheit
erschlieen? ... Ehe nicht der letzte Beichtstuhl der Peterskirche verbrannt
ist, kann ber die Erde kein Friede kommen ...
    Wie immer schttet Ihr das Kind mit dem Bade aus! hie es unter einer der
mehreren, diese Meinung abwehrenden Kapuzen ...
    Und Ihr knnt Euch nicht trennen von dem Blendzauber Euerer Theorieen! fuhr
der Kohlenbrenner fort ...
    Sagt vielmehr, nicht von den Beweisen der Geschichte! ... erwiderte sein
Gegner ...
    Das Vergangene! sprach der Kohlenbrenner erregter ... Ha, die Abendrthe ist
schn, sie verklrt zuweilen einen strmischen Regentag; aber sie geht der Nacht
voran ... Wo Ihr hinseht, leidet die Menschheit an der Macht und dem Einflu,
den sie noch dem rmischen Zauberwesen gestattet! Von dem Tag an, wo sich ein
einziger Bischof ber die Rechte der andern erheben konnte, gesttzt auf das
alte Ansehen Roms und so manche Flschung, die der Uebermuth schon damals wagte,
hat das Christenthum seine Segnungen fr die Menschheit verloren. Was die
Christuslehre der Menschheit brachte, ist wie Lesen, Schreiben, Rechnen ein
Erforderni der allgemeinen Bildung geworden; die Institutionen, die uns die
Herkunft dieser Bildung, ewig ihre erste Geburt gegenwrtig erhalten wollen,
sind das Verderben der Jahrhunderte ... Einen Hirten empfehlt Ihr mit Wlfen
statt treuer Hunde? Einen Hohenpriester mit Scheiterhaufen und Schaffotten? Wir
Rmer, wir gerade mssen die Welt zum drittenmal erobern, erobern durch die
Vernichtung der Hierarchie! ... Durch einen einzigen Messerschnitt mssen wir
vollbringen, was Europa durch Tausende von Bchern, Kathedern, Kanzeln nicht
hervorbringen konnte! Wir kennen das Papstthum nur als eine weltliche Behrde;
als solche mu sie fallen; mit ihr fallen mssen die Cardinle, die Generale der
Orden, die hchsten und mittelsten und untersten Spitzen dieser Anstalten der
Verdunkelung - erst dann ist die christliche Welt erlst! Kommt uns nicht diese
Losung von unsern Obern, so ist alle Mhe vergebens! Ihr seht's an der ruchlosen
Intrigue von Porto d'Ascoli ...
    Benno konnte die leidenschaftliche Rede nicht mit der ihm auf der Lippe
schwebenden Frage unterbrechen, was in Porto d'Ascoli geschehen wre ...
    Mehrere Stimmen riefen durcheinander:
    Sie wird kommen! ...
    Sie wird kommen und ihr Erfolg wird dennoch ausbleiben! sprach zur
Widerlegung des Kohlenbrenners mit einer feinen, eleganten Betonung eine andere
Maske, deren uere Tracht einen Kapuziner vorstellte ... Ist der Sitz des
Papstthums nicht schon einmal in Avignon gewesen? War nicht Napoleon der
Schpfer eines weltlichen Knigthums von Rom? ... Mit je grerer Demthigung
die dreifache Krone getragen wird, mit desto hellerem Heiligenschein umgibt sich
die Theokratie ... Die Menschheit sieht nun einmal im Papstthum einen zum ersten
Knigsrang Erwhlten aus dem Volke und kehrt immer wieder darauf zurck ... Sie
sieht einen Monarchen, den nur seine Tugenden auf den Thron beriefen ... Sie hat
an ihm einen Beistand gegen die Mchtigen der Erde ... Napoleon ras'te gegen
Pius und Pius sprach ruhig: Du Komdienspieler! Als Napoleon noch heftiger tobte
und mit dem Aeuersten drohte, sagte er noch verchtlicher, wenn auch mit
gesteigertem Schmerz: Du Tragdienspieler! ... Wenn den Papst der Despotismus
tdtet, so bietet er ruhig die offene Brust; der Begriff lebt wieder auf in
seinem Nachfolger ... Aendert di Gesetze Roms, bessert die Sitten, lat den
apostolischen Stuhl theilnehmen an allen Fortschritten der Zeit, macht
unmglich, da die Greuel von Porto d'Ascoli die Kunst des Regiments in Italien
heien und wieder ein Segen kann der Menschheit werden, was man jetzt nur zu
voreilig ihren Fluch nennt! ...
    Benno staunte der Dinge, die in Porto d'Ascoli vorgefallen sein muten ...
Wenn er nun auch zu fragen gewagt htte - so war die Aufregung der Streitenden
ein Hinderni ... Sie war zu gro geworden ...
    Ich hre die trumerische Weisheit eures gemigten Fortschritts! sprach der
Kohlenbrenner von vorhin ...
    Und von den beiden schwarz verhllten Leichenbrdern fiel jetzt der eine,
ihn untersttzend, ein:
    So habt ihr seit dreiig Jahren fr die Freiheit Italiens declamirt,
geschrieben, gedichtet, gewinselt, gebetet! ... Das sind die frommen Wnsche
eurer freisinnigen Barone, eurer aufgeklrten Bischfe! Da soll das Weihwasser
nur von unreinen Bestandtheilen gesubert, der Katholicismus nur wahrhaft zu
einem Liebesbund der Menschheit erhoben werden ... Und in dieser Gestalt
behaltet ihr alles, was ein Fluch der Menschheit geworden ist! ... Ihr behaltet
die Gebundenheit der Gewissen, die Gelbde, die Unfreiheit des menschlichen
Willens - alles, wovon eine kurze Weile die Praxis einen milden Sonnenschein
verbreiten kann, aber auf die Lnge wird alles wieder wie die schwarze dunkele
Nacht werden! ... Ihr wollt die Hierarchie, Rom und die Cardinle - nur nicht
die Jesuiten mehr? Werdet ihr die allein ausrotten knnen? Wodurch? Durch ein
Verbot? Wenn alles brige bleibt? Hat das Zeitalter der Aufklrung, hat Voltaire
sie ausrotten knnen? Ich spreche nicht von dem Gift, an dem ein Ganganelli
starb; ich spreche von jener List, die aus Wlfen Schafe machte, von jener List,
die sich der Menschheit so unentbehrlich zu geben wute, da sogar die
aufgeklrtesten Staaten, Borussia unter Friedrich, Russia unter Katharina, die
Jesuiten als Lehrer beriefen! Sie sind unvertilgbar durch das Princip der
Wissenschaft, dessen Lge sie als Fahne aufstecken. Ob sie nun diesen oder jenen
Namen tragen, bleiben sie unvertilgbar, solange berhaupt unsere Kirche besteht!
... Diese katholische Kirche, unter deren heiligster Oriflamme Menschen wie
Grizzifalcone fr den Bestand des apostolischen Stuhls wirken durften! ...
    Der Sprecher war nicht der Mitpassagier von der Tiber gewesen ... Nun war es
also der, der fortdauernd schwieg ... Brtend sah dieser vor sich hin, blieb
unbeweglich und zog nur zuweilen seinen Fu in die schwarze weite Umhllung
zurck und streckte ihn wieder vor ...
    Letztere Geberde wiederholte sich, je lebhafter der Streit wurde ...
    Wollt ihr deshalb die katholische Kirche zerstren? riefen mehrere Stimmen
auf einmal ...
    Eine andere setzte hinzu:
    Sie ist wenigstens dem Italiener nicht zu nehmen ... Schreibt das nach
London, wo man glaubt uns protestantisch machen zu knnen! ...
    Wer will das? riefen andere Stimmen und unter ihnen aufs heftigste die des
Kohlenbrenners ...
    Der Italiener, fuhr der letzte Sprecher fr die Kirche fort, ist und bleibt
Katholik ... Ich sage nicht: Geht und seht das Volk sich beugen vor einer Mumie,
die es anbetet! Geht und seht den Aberglauben, der die Stufen der heiligen
Treppe mit den Knieen hinaufrutscht! Seht den Schmerz, der sich einer ganzen
Stadt bemchtigen konnte, als ihm ein geliebtes Marienbild abhanden kam! ... Ich
finde den Aberglauben berall, selbst bei Sokrates, der an seinen Dmon, bei
Voltaire, der an sich selbst glaubte .... Nicht an sich selbst zu glauben, das
ist der Katholicismus, der unausrottbar ist, so lange das Christenthum die Lehre
von einem Mittler zwischen Gott und dem Menschen aufstellt ... Hat Italien
irgend einen politischen Reformator gehabt, den ihr euch ohne Verehrung vor dem
Mysterium der Messe denken knnt? ... Selbst Savonarola war kein Hu und kein
Luther ... Der frostige Gedanke des Zweifels konnte nie die Oberherrschaft ber
Gemther gewinnen, die nur Phantasie und Leidenschaft sind ... Und wo nun der
Katholicismus sich nicht ausrotten lt, da - ...
    Liee sich nicht die Hierarchie ausrotten? riefen andere Stimmen. Das
bestreiten wir! ...
    Rom ist das reine Priesterthum - fuhr der Vertheidiger der Hierarchie fort
und lie sich nicht irre machen ... Rom kann der Duft, der hchste Auszug des
katholischen Priesterthums bleiben ... Alles, was fr die schweren Pflichten des
katholischen Priesters seine Belohnung, seine Erquickung, sein Entzcken ist,
ist der Blick auf die Wrden, die er erklimmen kann - auf das letzte Ziel, das
ihm vom Tabernakel der Peterskirche in Rom leuchtet ... Die Theokratie ist kein
Gedanke der Macht, der Herrschaft, kein Gedanke der reinen Aeuerlichkeit und
Weltlichkeit - ... Sie ist - ...
    Ein Wahngebilde der Phantasten! Ein Schlupfwinkel der Ruber und Mrder!
donnerte der Kohlenbrenner ... Wie knnt ihr von einem geluterten Papstthum
sprechen! Wie knnt ihr den Papst an die Spitze unserer Reform stellen! ... Das
wird vielleicht die Frauen gewinnen, die weichmthigen Seelen, aber nie gibt es
ein Fundament fr die Hoffnungen Italiens ... Ein Menschenalter verrinnt und
wieder tauchen Ceccones und Fefelottis auf - ... Sie, die beiden Arme des
Papstthums, die sich verschrnken konnten in Thaten, wie dieser teuflische Plan
gegen die Gebrder Bandiera war ...
    Die Bandiera? sprach jetzt Benno laut und vernehmlich dazwischen ...
    Die streitenden Principien - den Kampf der Lehren Gioberti's und Mazzini's -
verstand er, aber die Ursache desselben blieb ihm fremd ...
    Alle wandten sich ...
    Benno war es fast, als regte sich sein Gegenber, der zweite der schwarzen
Leichenbrder, noch lebhafter als bisher ...
    Aber die strmende Rede des Kohlenbrenners bertnte alles - auch eine
Antwort auf Benno's Frage ...
    Rom bleibt so lange das Verderben der Welt, fuhr dieser fort, als seine
Gestalt nicht eine rein weltliche, der geistliche Hof fr immer aufgehoben wird
... Ich bin im Princip fr die Republik ... Doch ich werde gegen sie sein
mssen, weil leider sie es ist, die, auf die Massen und deren geringe Bildung
gebaut, uns immer und immer wieder in Rom die Macht der Ppste zurckgefhrt hat
... Ich mu aus praktischen Grnden gegen sie sein ... Wir mssen nach Rom ein
weltliches Knigthum in den Formen der Neuzeit verpflanzen ... Ha, die Knige! -
... Die, die ich so liebe, und besonders die, die mit der Lge der
constitutionellen Formen gekrftigt sind, die wissen sich auszudehnen und zu
befestigen ... Das sind Schmarotzerpflanzen, die Boden und Luft brauchen und
beides nur zu bald gewinnen werden ... Die pflanzen an die Stelle der
geistlichen Legitimitt ihre weltliche; die sorgen fr ihr Geschlecht, fr die,
die ihm dienen ... Wir mssen Rom einem Knige schenken, selbst wenn keiner die
Hand danach ausstreckt! Wir mssen ihm den Kder unserer eigenen Freiheit
bieten, die wir ihm eine Weile opfern! ... Ich gebe Rom an den, der das Meiste
bietet und das Wenigste verlangt ... Dem Trken, wenn er es begehrt! ... Nur
nicht einem Volkstribunen, der sich bisjetzt nur noch durch den Aberglauben der
Masse hat halten knnen und zuletzt so regiert, wie die Ceccones regierten -
durch die Ruber ... In hundert Jahren hat der Italiener eine Bildung und
Erziehung gewonnen, dann - ...
    Zwei Anhnger der Republik - einer darunter hatte deutlich die Stimme eines
Buonaparte, den noch vor kurzem Benno an Rucca's Tafel gesehen - stellten diese
retrogade Wendung, die auch noch jetzt die Republik nehmen wrde, in Abrede ...
    Die Mehrzahl widersprach aber allen diesen Anschauungen ... Sie blieb bei
dem Glauben, da gerade durch die dreifache Krone Italiens Zukunft am ehesten
gewinnen wrde ... Die Frsten bten keine Brgschaft ... Die Luterung des
Papstthums von seinen unreinen Elementen, die Sicherung einer bessern Wahl der
Umgebungen des Heiligen Vaters, die Auflsung des Jesuitenordens schien der
Mehrzahl die sicherste Aussicht fr die Verwirklichung ihrer Hoffnungen ... In
der Abwehr der Fremden waren alle einig ... Diejenigen, die der Hierarchie
berhaupt, dem Priesterwesen und der katholischen Kirche abgeneigt waren,
blieben in der Minderzahl ... Und jetzt lachten sie selbst darber, da in
Italien besonders erhebliche Wirkungen durch Volksunterricht, Verbesserung der
Schulen, die Verbreitung ntzlicher Schriften zu erreichen wren ...
    Benno sah, da er sich unter Mnnern der hheren Gesellschaft befand, die in
der Mehrzahl sich noch vor uersten Schritten hteten ... Die Idee des
Papstthums mglichst von weltlichem Einflusse zu reinigen, die nchst
bevorstehende Wahl auf einen Italiener voll Nationalgefhl und politischer
Aufklrung zu lenken, die Cardinle, die jetzt den meisten Einflu htten,
unschdlich zu machen und den Volksgeist so zu beleben, da er an allem, was zur
Erhebung Italiens geschhe, ein Interesse nhme - das blieb die Losung der
Majoritt ... Unter den Hoffnungen fr die Papstwahl wurde Cardinal Ambrosi
genannt, den freilich wieder andere eine Creatur der Intriguanten und Tyrannen
nannten ... La morte a Ceccone! La morte a Fefelotti! war die Schlubekrftigung
... Dieser Ausruf kam einstimmig ... Er drckte einen Wunsch, eine moralische
Verurtheilung, wie unser Pereat! - keine Losung zum Morde aus ...
    Dennoch folgte Todtenstille ...
    Jetzt fragte Benno, was den Unwillen der Versammlung in Betreff Porto
d'Ascoli's und der Brder Bandiera veranlat htte ...
    Er hatte leise, wenn auch nicht verstellt, gesprochen ...
    Alle horchten dem wohllautenden Klang der Stimme des neuen Spartakus ...
    Bertinazzi nahm das Wort und sagte:
    Die Brder Bandiera werden nicht in den Kirchenstaat einfallen ...
    Das berrascht mich ... sprach Benno voll freudiger Wallung berlaut und
vergessend, seine Stimme zu verndern ...
    Bertinazzi reichte Benno einen Brief Attilio's ... Benno bersah ihn ... In
jeder Zeile bekundete er seine Echtheit ...
    Lest ihn! sprach Bertinazzi ... Ihr seid neu in unserm Kreise und wit
nicht, wie tief Rom und die Welt, die sich noch von Rom beherrschen lt,
gesunken sind ...
    Benno las mit starrem Auge ... Seine Hand zitterte ... Ceccone, Olympia
entschieden nicht ber das Leben der Freunde -? ...
    Inzwischen lie Bertinazzi einige Schriften circuliren und theilte jedem
Exemplare aus ...
    Benno war solange seiner fieberhaften Erregung allein berlassen ...
    Er las, da die Lenker des Kirchenstaats gemeinschaftlich mit den Jesuiten
einen Plan angezettelt hatten, demzufolge die Verjngung Italiens als der
Wunsch - nur der Ruber und Mrder erscheinen sollte ... Grizzifalcone war
ausersehen worden, dies Werk in Ausfhrung zu bringen1... Bis nach London hin
verzweigte sich eine falsche Fhrte, auf der die Verschwrer in die Lage kommen
sollten, Bundsgenossen nur der Schmuggler und der Ruber zu werden ... Man hatte
vom Vatican aus eine falsche Correspondenz mit Korfu angeknpft, um das dortige
Comit glauben zu machen, an der Kste des Adriatischen Meers, in Porto
d'Ascoli, wre alles reif, eine Invasion zu untersttzen ... Whrend der alte
Principe Rucca nur seine Zlle im Auge hatte, richtete Ceccone seine Blicke
weiter ... Auch ihm war das Erscheinen des Rubers in der Hauptstadt der
Christenheit willkommen ... Auch seine Verhandlungen mit ihm, die gleichfalls
jener Pilger geleitet hatte, bezweckten eine groe Anerkennung des Reuigen ...
Die Liste, deren wesentlichen Inhalt er lange schon vor dem alten Rucca kannte,
sollte den Schrecken, den Grizzifalcone's Verrath unter den Zollbedienten und
Schmugglern verbreiten mute, zum Verderben der Revolution ausbeuten ... Ceccone
lie die Ortschaften, wo, wie ihm durch londoner Verrath bekannt geworden, die
Brder Bandiera landen sollten, so durch die Anzeigen, die dem Frsten Rucca
gemacht wurden, einschchtern, da die Ruber, die Schmuggler, die Zollbediente
die Fahne des Aufstands als Hlfe und Rettung begren muten ... Wie diese
Elemente die Revolution verstehen wrden, lag auf der Hand ... Hier konnte nur
Mord, Brand, Plnderung im Gefolge der dreifarbigen Fahne gehen ... Die
reinsten, edelsten Zwecke muten von Brandschatzungen, lodernden Flammen,
Zerstrung der Wohnsttten des Friedens begleitet sein ... Dies Mittel, die
Revolution zu entstellen, hatte man in Europa schon berall angewandt ... Die
Bauern Galiziens, entlassene Strflinge hatten Mord und Brand ber Palste und
Htten verbreitet ... Was Szela, der Schreckliche, spter in den Eichen und
Graswldern Podoliens wurde, sollte schon Grizzifalcone in der Romagna sein ...
Den Communismus schrten die Jesuiten, alle Extreme der freien Ideen frderten
sie, um die ffentliche Meinung vor den Neuerungen zu erschrecken ... Im
Kirchenstaat sollten alle, die durch das Strafgericht Rucca's bedroht waren, auf
das Signal warten, die Fackel der Anarchie zu schwingen ... Fermo, Ascoli,
Macerata sollten in Feuer aufgehen ... Italien sollte sich mit Schaudern von
Freiheitsbewegungen abwenden, die der Welt solche Schrecken brachten ...
    Aus dem ergreifenden Gemlde dieser von den Cardinlen der Christenheit, von
den Rathgebern des Heiligsten der Heiligen angezettelten Intrigue erhob sich der
Protest Attilio's Bandiera, wie die Taube wei und rein am dunkeln
Gewitterhimmel aufsteigt - Attilio erklrte, noch zeitig genug gewarnt worden zu
sein ...
    Wie Benno mit bebenden Lippen diesen Protest las und sah, da sich die
Losung verndert hatte - wie er las, da eine Schar von entschlossenen Mnnern
den Versuch machen wrde, von Calabrien aus nach Neapel vorzudringen - wie er
sogar den Silaswald genannt fand - ja wie sich ihm ein Flor vors Auge legte -
als die Namen Fra Hubertus - Fra Federigo auf dem Papier wie Irrlichter auf
dunkelm Moore tanzten - wie er ein Wort von einem abgesandten
Franciscanerbruder noch mit den letzten Stunden in San-Pietro in Montorio in
Verbindung bringen konnte und - ihn die Aufklrung ber alles zu belohnen
schien, was Bonaventura's nchste Sorge war, da hrte pltzlich sein Ohr ein
dumpfes Murmeln um sich her ...
    Er blickte auf ...
    Die Mnner waren schon vorher aufgestanden ... Jetzt befanden sie sich in
einer Gruppe ... Der schwarze Todtenbruder stand mitten unter ihnen in heftiger
Gesticulation ... Bertinazzi bat um Ruhe ... Vergebens ... Das
Durcheinanderflstern mehrte sich ... Timoleon! rief Bertinazzi ... Nehmen wir
unsere Pltze ... Nein, nein! riefen andere ... Lat Timoleon reden! ...
    Der schwarze Todtenbruder schien ungern lauter zu sprechen ... Doch nun
mute er es thun ... Alles stand erwartungsvoll ...
    Ich hatte nur die Absicht - - eine neue Loge zu stiften ... sagte er dumpf
und hohl ...
    Benno hrte die Stimme vom Nachen ... Die Augen des Sprechers funkelten
unheimlich durch die beiden Lcken seiner Kapuze ... Sie waren auf Bertinazzi
gerichtet, der mit diesem Wunsch einer neuen Logenbildung nicht einverstanden
schien und beschwichtigend rief:
    Lat das! Lat das! ...
    In diesem Augenblick streifte ein Rockrmel Benno's Wange ...
    Der Freund der Ppste, der Kapuziner war es, der seine Hand ausgestreckt,
Attilio's Brief ergriffen und das Papier in die Flamme eines der Lichter
gehalten hatte ...
    Benno, betubt noch von dem nicht vollstndig berlesenen Inhalt, erbebend
vor dem Anblick der Namen, die sein Innerstes erfllten - vor dem Silaswald, in
dessen Nhe jetzt, an Punta dell Allice, die Invasion stattfinden sollte - zu
gleicher Zeit mit einer Erhebung in Sicilien und Genua - Benno wollte dies
Beginnen, ein Zeichen wol gar des Mistrauens gegen ihn, verhindern und sprach:
    Soll ich diesen Brief nicht so gut kennen wie ihr? ...
    Da hatte die Flamme schon den Brief verzehrt ...
    Benno sah, da das Flstern vorhin, dies Entziehen des Briefes aus dem
Erkennen seiner Stimme durch den schwarzen Todtenbruder entstanden war ... Er
richtete vor Aufregung seine Augen so zu Bertinazzi, da sie wie Flammen diesem
entgegenglhen muten ... Denn auch ihm war der Ton seines Anklgers immer
bekannter und bekannter geworden ... Es fehlte nur noch ein einziges mal, da
jener sprach, und ein unglaublicher Name, der Name eines offenbaren Verrthers,
brannte ihm auf der Zunge ...
    Bertinazzi hatte sich in der That zu seinem Beistand erhoben ...
    Wieder drangen die Stimmen in den Leichenbruder, zu reden ...
    Dumpf sprach dieser:
    Wir sind in diesem Augenblick zu dreizehn ... Der vierzehnte, unser
Franciscaner, fehlt ... Wir drfen eine neue Loge bilden ... Ja, dies will ich
... Ich thu' es ... Die dazu notwendigen Zwlf werd' ich finden - ...
    Benno starrte den Sprecher an ... Er wute, wer gesprochen - - ...
    Dann ist Bertinazzi's Loge verpflichtet, Euch eine Hlfe zu geben! ...
sprach der Kapuziner ...
    Einer von uns trete zu Timoleon's neuer Loge! riefen mehrere ...
    Loost! Loost! ... erscholl es von anderer Seite ...
    Warum loosen! erwiderte der schwarze Todtenbruder, der den Namen Timoleon
fhrte ... Ich nehme jeden von euch, der sich freiwillig dazu erbietet - doch -
nicht - Spartakus! ...
    Wieder sprangen alle von ihren Sitzen ... Was vorhin nur schien einzelnen
angedeutet worden zu sein, erscholl jetzt vor aller Ohr ... Die Verschworenen
zogen dichter ihre Hllen vor die Augen ... Sie traten auf Benno zu ... Schon
streckten sich einige Hnde nach seiner Kpfverhllung ...
    Zurck! rief Bertinazzi mit einer Stimme, die an den Wnden widerhallte ...
Ich brge fr Spartakus ...
    Fr einen Verrther?! ... Einen Deutschen?! ... Einen Spion Osterreichs?!
... rief Timoleon ...
    Verrther -? Ich? ... Graf Sarzana! Wer ist hier - der Verrther? ...
    Sarzana! rief die ganze Loge voll Entsetzen ...
    Ein Augenblick und vier, fnf Dolche blitzten ... Sie blitzten nicht nur
Spartakus, sondern auch Timoleon entgegen ... Der Name Sarzana klang wie: Eine
Creatur Ceccone's! ... Kaum hatte auch Benno jetzt noch den Beistand des
Meisters der Loge ... Einen Namen zu nennen war ein Bruch aller Gesetze ...
Bertinazzi trat den gezckten Dolchen entgegen und rief: Die Loge ist aufgelst!
... Friede! Friede! Friede! ...
    Die Lichter wurden ausgelscht ...
    Eine kraftvolle Hand drngte Benno aus dem wilden Tumult ... Eine Thr
sprang auf ... Mit dem Ausruf: Unglcklicher! stie ihn sein Retter - der
Kohlenbrenner, wie Benno zu erkennen glaubte - in das Dunkel eines engen
Corridors ...
    Ein Augenblick der Besinnung ... Benno griff nach einer der kleinen
Wachskerzen, die er in der Tasche trug ... Damit tastete er vorwrts, um eine
Mauer zu finden, an der er das Wachslicht durch Anstreifen entznden konnte ...
    Er fand die Mauer ... Er hatte Licht ... Er blickte um sich ... - -
    Am Ende des langen Corridors stand ein Trupp Gensdarmen, der mit
angeschlagenen Carabinern lautlos sich auf die Loge zu in Bewegung setzte.

                           Ende des siebenten Buchs.

                                    Funoten


1 Thatsache.


                                  Neunter Band

                                  Achtes Buch

                                       1.

Mhsam windet sich ein mit fnf Rossen bespannter Reisewagen die Hhen eines
kahlen Gebirges hinan ...
    Die Strae ist es, die von Nizza ber den Col de Tende nach dem Piemont
fhrt ...
    Kreidige Felsen, Reste vulkanischer Zerstrungen, heben sich schimmerndhell
vom tiefblauen Himmel ... Die Vegetation wird immer lebloser, je nher dem
hchsten Kamm der vom mchtigen Rckgrat der Schweizer- und Savoyer- sich
abzweigenden Seealpen ... Noch jetzt, noch am Ende des Juni, liegt Schnee in
einzelnen versteckten Spalten, die ein schneidend scharfer Wind bestreicht ...
    Zeitig waren die Passagiere von Sospello aufgebrochen ... Sie hatten
Vorspann nehmen mssen ... Bald verlieen sie den Wagen, um den Pferden die Last
zu erleichtern ... Drei Frauen, die rstig zuschritten, schienen an
Anstrengungen gewhnt ... Ein Kind, das bald ermdete, lie man wieder einsitzen
... Die beiden Mnner schritten anfangs mit wetteifernder Ausdauer ...
    Bald aber ermdete auch von ihnen der eine ... Ein heftiger Husten zwang ihn
oft, still zu stehen ... Nun machten ihm die brigen Vorwrfe ber die
Anstrengungen, die er sich zumuthete ... Er lchelte eine Weile, schttelte den
Kopf, deutete an, es wrde gehen ... Zuletzt zwang man ihn, in den Wagen zu
steigen ... In einen grauen Leibrock mit Metallknpfen gekleidet, schien er ein
Diener zu sein - ein weies Staubhemd darber flatterte im Winde ...
    Im Wagen nahm er das etwa dreijhrige Kind, ein heiteres, schwarzugiges
Mdchen, auf den Schoo ... Eine der Frauen - man htte sie fr die Zofe der
beiden andern Damen halten drfen - ging im rgsten Staube neben dem Schlage des
Wagens und reichte zuweilen die Hand hinauf, die der Kranke dann mit Liebe
drckte, whrend gleichzeitig ein sanfter Blick seines Auges auf die Frauen
deutete, die seine Begleiterin nicht aus dem Auge verlieren sollte ...
    Jene aber nahmen die krzeren Wege und kletterten wie die Ziegen, die in
Schaaren auf den kahlen Hhen die wenigen Stellen suchten, wo die Vegetation von
ihren ppigsten Entfaltungen, die die Reisenden noch gestern begleitet hatten,
in letzten Krutern und Grashalmen erstarb ... Gestern noch Oliven, Grten voll
Orangen, Gebsche von Myrten und hier und da die einsam trumende Dattelpalme;
noch in Sospello die nchsten Anhhen bewaldet von Kastanien - jetzt aber schon
seit einer Wanderung von zwei Stunden nichts als niedriges Buschwerk und selbst
die Alpenflora durch die groe Trockenheit des Bodens gehindert ... ... Hier und
da leuchtete wol das schne Himmelblau der Genzianen ...
    Die beiden Frauen, in breitrandigen, am Kinn befestigten Nizzahten, deren
Strohgeflecht fest genug ist, um von den jeweiligen Windsten nicht bald diese,
bald jene Gestalt zu gewinnen, sammeln dem Kinde, der kleinen Erdmuthe, was sie
allenfalls an blauen, auch hier und da noch weien und rosenrothen Blumen
entdecken knnen ...
    Die Alpenrose findet sich hier nicht, sagte die ltere und kleinere Dame;
sie mu doch mehr Schnee und Eis haben, um fortzukommen ...
    Vielleicht jenseits - auf dem niedergehenden Abhang - entgegnete die jngere
und nickte vertrstend der Kleinen zu, die verlangend von der Strae her aus dem
Wagen ihr Hndchen streckte, an ihrem hastigen Begehren durch den Fahrenden
gehindert, der sie auf seinem Schooe schaukelte ...
    Der Arme! Wie er hustet! seufzte die ltere der Frauen mit Hindeutung auf
den Mann im weien Staubhemd ... Sie fgte hinzu: Er htte gar nicht aussteigen
sollen ...
    Auch die Nhe eines Kranken kann bald zur Gewhnung werden ... Selbst ein
hoffnungsloser Zustand wird zuletzt mit Ergebung in die einmal nicht zu ndernde
Lebensordnung seiner Umgebungen hingenommen ...
    Auf den schottischen Hochgebirgen fand ich, wie hier am Mittelmeer, nahm die
jngere mit Beziehung auf die fehlende Alpenrose wieder die frhere Aeuerung
auf, ganz die gleichen Blumen ... Dieselben Formen haben sie, dieselben Farben
... Auch die langen Wurzeln, mit denen sie sich festklammern mssen, um den
Strmen zu trotzen ... Die Stiele sind immer kurz ... Keine wagt sich zu sehr
ber den schtzenden Boden hinaus ... Und siehe da! Die kleinen Sternblmchen
schon verwelkt! ... Alles wie in Schottland ... Ein kurzer schner Frhling -
kein Sommer - gleich der Winter ...
    Die Mutter, die wir an ihren grauen Locken als Monika von Hlleshoven
erkennen, war schon an sich bewegt vor Erwartung des Ziels dieser Wanderung ...
Noch heute konnte sie hoffen, endlich nach langer, langer Trennung die greise,
dem Tod nahe Grfin Erdmuthe von Salem-Camphausen auf Castellungo zu sehen, die
Pathe da der kleinen Erdmuthe Hedemann ... Mehr als zehn Jahre nach den Tagen
damals in der Residenz des nun auch schon zu seinen Vtern versammelten
Kirchenfrsten, als die Grfin so fest darauf gerechnet hatte, ihre geliebte
Monika wrde schon den nchsten Frhling in Castellungo zubringen ... Was war
nicht alles dazwischengekommen, bis sie die edle Greisin endlich auf ihrem
schnen italienischen Schlosse wiedersah ... Nun ergriff sie noch Armgart's
Wort: Ein kurzer Frhling - ohne Sommer - gleich der Winter! ... Auf wen wol
pate die Vergleichung mit dem Leben der Alpenblumen mehr, als auf sie, die
jetzt - achtundzwanzigjhrige - unvermhlte Armgart! ... Sie hatte sich mit den
Jahren dem Vater da, der, um sich etwas zu verschnaufen, mit einem Ziegenhirten
plaudert, nachgebildet, war in Wuchs gekommen und ein hochaufgeschossenes,
schlankes Frulein geworden, wofr sie nie Aussicht gegeben ... Um so zarter und
behender waren ihre Glieder geblieben ... Der Kopf unter dem Strohhut war wol
jetzt vom Steigen rosig erglht; sonst aber sah ihr Antlitz bei weitem blasser
aus, als in ihrer Jugend und als noch jetzt die Mutter aussieht, die an ihrer
apfelgleichen Frische und Rstigkeit nichts eingebt hat ... Jenes ihr eigene
halbe Lcheln mit den beiden schimmernd weien Vorderzhnen hatte Armgart
behalten, aber es gab ihr jetzt eher etwas Strenges; ihre schnen Augen waren
ernst und fast ein wenig starr geworden ... Eine Jungfrau, die mit ihren
Hoffnungen abschliet, macht schmerzhafte Krisen der Seele durch ...
    Im brigen wrde Monika, die immer die Gegenwart und die nchste Pflicht im
Auge behielt, kaum so in Rhrung gekommen sein ber diese Vergleichung ... Noch
in Sospello, wo sie den Berg taxirte und dem Posthalter, der drei Pferde
Vorspann begehrte, eines als einen Misbrauch abgehandelt hatte, war sie wie
immer laut und entschlossen gesprchsam gewesen ...
    Jetzt lag das Jenseits des hohen Kulms geheimnivoll vorm Auge ... Nun
konnte sie nur mit Wehmuth auf die da und dort sich sorglos bckende Armgart
sehen - konnte sich nur sagen: Arme Alpenblume auch du! Auch du hattest einen
schnen Mai- und Wonnemond, dann sogleich den Herbst und vielleicht - den ewigen
Winter! ...
    Armgart aber rief jetzt lachend:
    Fhlt ihr nun, da der Col de Tende sich sehen lassen kann? ... Ich sagt' es
ja gleich nach allem, was ich in Nizza erzhlen hrte ... Den Gipfel erreichen
wir noch vor drei Stunden nicht ... Seht ihr auch da oben noch das Haus? ... Da
fttert der Postillon noch eine Stunde und auch wir werden ohne Collation nicht
fortkommen ...
    Armgart schien die Ruhe und Ergebung selbst geworden zu sein ... Sie war
selbst um Paula und ihre liebe alte Grfin, ihr ketzerisches Gromtterchen,
nicht aufgeregt, die auch sie seit zehn Jahren nicht gesehen hatte und dort -
jenseits der kahlen Hhe morgen, eine Sterbende, finden sollte! ... Paula! Sogar
von ihrer geliebtesten Freundin hatte das Leben und die bewegte Zeit sie fast im
Geist verdrngen knnen ... Zu den bitteren Kmpfen, die sie alle und zumal ihre
Familie seit zehn Jahren durchgemacht, gehrte ein wehmthiger, wenn auch
unausgesprochener Zwiespalt Armgart's mit Paula, hervorgerufen durch die so
mannichfache Verschiedenheit der Meinungen und Ueberzeugungen ... Nchster Anla
dieser Reise war keinesweges allein das dringende Bedrfni, sich endlich
wiederzusehen, sondern mehr noch der zufllige Umstand, da Hedemann, der sich
in einer bewegten Zeit dem Wohl des Obersten von Hlleshoven geopfert hatte,
heftig an der Brust erkrankt war, Genf, wo der Oberst mit den Seinigen seit den
letzten Jahren gewohnt hatte, erst mit Nizza vertauschte und dann in der Heimat
seiner Porzia fr immer zurckbleiben - vielleicht dort sterben wollte ... Die
Aerzte hatten ihn aufgegeben ... Doch die Auflsung eines so kraftvoll gebauten
Krpers lie einen langen Kampf erwarten ...
    Ulrich von Hlleshoven, dessen Locken nun auch schon ergraut sind, schreitet
schon wieder wacker voraus ... Seit Jahren begleitete ihn auf solchen und
hnlichen Wanderungen immer derselbe mchtige Alpenstab ... Er kehrte diesen
jetzt um, hielt das Ende mit der eisernen Spitze oben und streckte den Griff
seiner Frau und Tochter zu mit der scherzenden Aufforderung, sich
festzuklammern, er wollte sie hinaufziehen ... Aber Armgart stemmte im
Gegentheil beide Hnde an seinen Rcken, um ihm hinaufzuhelfen ... Vorwrts!
Vorwrts! rief sie und ihre Kraft gab ihr das Zeugni noch der Jugend ...
    Porzia unterhielt sich indessen mit dem Postillon ber ihre endlich wieder
begrte Heimat, in der sie die Aeltern nicht, die in Deutschland waren, nicht
die alten Seidenwrmerkammern ihrer mtterlichen Htte fand, aber die Pathin
ihres Kindes, die edle Grfin, die sie einst nach England mitgenommen hatte ...
Die kleine Erdmuthe plauderte bald deutsch, bald italienisch ... Da sie so viel
vom Sterben hrte, fragte sie, ob es von hier in den Himmel ginge ...
    Das war nun alles so, wie es war und nicht anders sein konnte ... Darum
brannte die Sonne so drckend wie nur in jedem Juni, pfiff ein scharfer, der
Hitze widersprechender Wind aus Nordost herber - hpften die Ziegen, zankten
die Hirten, grten die ber den Berg gekommenen Fuhrleute, die in zweirdrigen,
maulthierbespannten Karren den guten Wein von Coni und Robillante nach diesseits
fhrten, und - zankte auch wol Monika, die, als der Postillon am Wirthshaus
wirklich hielt und die Locandiera auf die Bestellung einer Collazione lauerte,
sagte:
    Das mu man den Leuten ganz abgewhnen, den Reisenden ihren freien Willen
rauben zu wollen ... In Italien soll man nur immer den Muth haben, in jeder Lage
Ja! oder Nein! zu sagen ...
    Sie lie der kleinen Erdmuthe nur Milch geben ...
    Mutter, entgegnete Armgart, milde lchelnd, dies Haus ist in der
Voraussetzung gebaut worden, da man hier nach Eiern und Schinken, nach Wein und
vielleicht selbst nach einem kalten Huhn frgt ... Es zu bauen hat Mhe gekostet
... Die Galerie da, die Thren, die Verschlge sind von Holz und Holz wchst
hier nicht ... Unser Leben ist ja eine einzige groe Verschwrung der
verbndeten Menschheit gegen den Schpfer, der uns vieles doch so gar, gar
schwer gemacht hat, besonders die Existenz ... Mu denn nun immer alles so
regelrecht gehen? ... Wenn es nach mir ginge, ich kehrte in jedem Wirthshause
ein - ich bestelle auch hier Schinken, Eier und Wein ...
    Das waren nun so die kleinen Intermezzis des gemeinschaftlichen Reisens, wo
sich die gegenseitigen Stellungen ergaben ... Der Oberst ging gern auf den Ton
seiner Tochter ein, der ihm sympathisch war, wenn er auch wol sich htete, die
Mutter in solchen Fllen ganz Unrecht behalten zu lassen ...
    Der kleine Imbi wurde bestellt ... Am de und einsam gelegenen Wirthshause
wurde es mit der Zeit ganz lebhaft ... Die Weinfuhrleute richteten an den
abgestiegenen und sich ganz, als wre er gesund und nur ein Diener, benehmenden
Hedemann die Frage, ob sie denn auch Neuigkeiten aus der Welt mitbrchten und
vor allem von Rom Entscheidendes ber die Belagerung der ewigen Stadt durch die
Franzosen ...
    Armgart trat ber diese Fragen zur Seite und Monika wute, warum sie es that
... Nun bestellte die Mutter selbst noch mehr, als Armgart gewollt hatte ...
    Auch der Oberst verstand Armgart's Beiseitetreten, seufzte und bedeutete
Hedemann, der den Fuhrleuten in gebrochenem Italienisch kurz erzhlte, was er
wute, da er sich dem scharfen Winde nicht aussetzen und sogleich ins Zimmer
treten sollte ...
    Hedemann erwiderte mit einer Stimme, die seine alte Kraft und Mnnlichkeit
nicht mehr erkennen lie, da ihm wohl wre ... Auf dieser luftreinen Hhe,
unter dem blauen Dach des Himmels hatten aus dem Munde eines rettungslos
Dahinsiechenden die Worte der Ergebung einen doppelt wehmthigen Nachdruck ...
    Nach einer Rast von mehr als einer Stunde erklommen die Gefhrten
neugestrkt die Spitze des nun immer noch kahler werdenden Passes ... Wie glich
ihr mhsames Aufwrtsschreiten den Kmpfen ihres eigenen Lebens selbst, denen
erst jetzt eine etwas glcklichere Ruhe gefolgt war! ...
    Aber Muth! leuchtete aus dem Auge Monika's, Hoffnung! aus dem Auge Armgart's
...
    Des Vaters krftige Hand half jetzt den Klimmenden nach und mancher Scherz
ber die Possirlichkeiten der Kleinen erheiterte die Stimmung, trotz Porzia's
Trauer, trotz Hedemann's wiederholtem: Die Grfin ruht wol schon in Gottes
Schoo! trotz aller der Mischungen von Freude und Schmerz, die ihnen die Nennung
der Namen Paula's, des Grafen Hugo und des jetzigen Erzbischofs von Coni,
Bonaventura von Asselyn, bereiten durften.

                                       2.


Das waren denn jene muthigen Menschen, die einige Jahre hindurch, schon vor
Paula's Vermhlung, mit einer Stadt wie Witoborn, mit einer Landschaft wie die
um Kloster Himmelpfort und weit hinaus in die Ebene hin, einen geistigen Kampf
zu beginnen gewagt hatten, in dem sie auf alle Flle unterliegen muten ...
    Sie waren nur Sieger ber sich selbst geworden oder trugen, wie Hedemann
sich ausdrckte, das Sterben des Herrn am eigenen Leibe, auf da an ihnen auch
das Leben des Herrn offenbar wrde ...
    Der Oberst hatte sein kleines Vermgen, auch fremdes, auf die Anlage einer
Papierfabrik verwandt ... Gerade deshalb, weil in jener Gegend diese Industrie
brach lag, hatte er geglaubt, die Wasserkraft der Witobach und die schon
vorhandenen Mhlenwerke fr eine solche Unternehmung nutzen zu knnen ... Die
Kapitalien wurden vom Onkel Dechanten, sogar zuletzt vom Onkel Levinus
dargeboten, letztere allerdings nur von Paula entlehnt - vor dem mchtigen Blick
und der bndigen Rede Monika's verstummte auf Schlo Westerhof jeder Widerspruch
... Lenkte doch auch sie die so wnschenswerth gewordene friedliche Ausgleichung
mit der jngeren Linie der Camphausen in einer so entschiedenen Weise, da
berall die nchsten uerlichen Sorgen schwanden ... Endlich hatte auch der
Oberst magnetische Gewalt ber Paula ... Unentbehrlich war er ihr geworden in
jenen Zeiten, wo sich in Paula's Herzen die schmerzlichsten Kmpfe vollzogen,
Kmpfe, die ihren Krper zu zerstren drohten - ihr Wachschlummer, ihre
Visionen, die sonst lindernd auf sie gewirkt hatten, traten nach und nach zurck
...
    Der Oberst mute seiner Pensionsansprche wegen dann auf kurze Zeit eine
Reise nach England machen ... Um Paula's Leiden kehrte er zeitiger heim, als er
im Interesse Armgart's wnschen konnte ... Diese hatte er mitgenommen, da sie
trotz der Ausshnung ihrer Aeltern, trotz der Befreiung von Terschka's Werbungen
ein tief in sich verschchtertes Leben darbot und in ihrem Stift Heiligenkreuz
um so weniger sich heimisch fhlte, als Armgart, wie Lucinde, zu jenen Naturen
gehrte, die selten die Anerkennung der Frauen gewinnen ... Was sie that, wurde
wenigstens in ihrer Heimat abenteuerlich gefunden; was sich an ihren Namen
knpfte, wurde ihr zur Ungunst gedeutet ... Sie hatte, sagte man, Benno von
Asselyn, Thiebold de Jonge, vielleicht selbst Terschka auf dem Gewissen ...
Die Scheu der katholischen Rechtglubigkeit vor allem, was den Nimbus ihrer
Kirche gefhrden konnte, verhinderte, da man um Witoborn offen von Terschka,
als von einem Jesuiten der kurzen Robe sprach, von einem Proselyten dann, der
Glauben und Gelbde in London gewechselt ... Die Aufregung der Gegend um die
Vorgnge auf Westerhof, um den Brand, um die Urkunde, den vielleicht erneuerten
Proce, das mgliche Auftreten und Erstarken lutherischer Elemente in dortiger
Gegend wurde so gro, da Armgart den Vater auch ganz gern begleitete ... Er
lie sie zurck bei Grfin Erdmuthe, die bei Lady Elliot theils in der Stadt,
theils auf dem Lande wohnte ...
    Armgart wurde allmhlich den Tchtern der Lady unentbehrlich; sie hatte in
der Gesellschaft Erfolge, die die Aeltern nicht stren mochten ... Selbst die
Nhe Terschka's beunruhigte sie nicht ... Ihr Vater hatte ihn in London
wiedergesehen, hatte seinen Muth, mit den Jesuiten zu brechen, bewundert und
vermittelte eine Verstndigung des Flchtlings mit dem Grafen Hugo ... Letztere
gelang uerlich, zumal da der Graf durch Terschka die Aufforderung erhielt, der
beim Brand von Westerhof gefundenen Urkunde entschieden zu mistrauen und
unerschrocken wieder aufs neue den Proce zu beginnen ... Als man Terschka's
Einflu auf diese von Wien verlautenden Drohungen erfuhr, wollten ihn zwar auf
Schlo Westerhof Tante Benigna und Onkel Levinus als einen unverbesserlichen
Sohn der Hlle darstellen, Monika aber fand sein Benehmen in der Ordnung und
erklrte, da sie an des Grafen und Terschka's Stelle ebenso handeln, vor allem
Lucinden in Wien, den Mnch Hubertus in Rom, den Doctor Nck in der Residenz des
Kirchenfrsten vernehmen, ja verhaften lassen wrde ... Als dann Bonaventura,
nach Lucindens Beichte zu Maria-Schnee in Wien, dies groe Aergerni von einer
der ersten Familien Deutschlands abgewandt hatte, als Graf Hugo pltzlich auf
Westerhof erschien und Paula nach dem ausdrcklich und wunderbarerweise von
Robillante gekommenen Zeugni Bonaventura's: Dieser Mann darf dir gehren und du
ihm! jetzt willenlos geworden, ja durch Bonaventura's pltzliche Verpflanzung
auf einen Boden, auf den sie ihm gebhrenderweise - als Gattin des Grafen -
sogar folgen durfte, berwltigt, ja davon wie berauscht, nachgegeben hatte,
gewannen der Oberst und Monika eine mchtige Anlehnung auch an den von ihnen
immer empfohlenen Grafen ... Dieser schtzte und verehrte schon lange die
ehemalige Bewohnerin des Klosters der Hospitaliterinnen in Wien ... Paula selbst
fand er dann unter dem magnetischen Rapport des Obersten ... Sein eigenes
beklommenes, tief verdstertes, erst durch jenen mit Bonaventura auf Schlo
Salem hingebrachten Einen Tag dem Leben wiedergewonnenes Gemth schlo sich
zuletzt besonders innig dem frischen, lebendigen Sinn der Bewohner Witoborns,
den Papiermllers an, wie Oberst Hlleshoven und die Seinen spottend von der
ganzen Provinz und den adeligen Genossen genannt wurden ...
    Und anfangs machten sich die Verhltnisse ganz nach Wunsch ... Monika's Rath
war fr die irrend hin-und hertastende Schwester Benigna, fr den vom Erscheinen
des Grafen Hugo um alle Fassung gebrachten Levinus unerlalich ... Paula's
Aufregung mute freilich die Freunde und Verwandte mit Schrecken erfllen ...
Sie schlief zwei Wochen lang nicht eine Nacht und sprach und that dabei doch
alles, was man verlangte, ordnete ihre Ausstattung, wobei sie selbst wie eine
Magd angriff, der ein hheres Gehei geworden ... Wenn alles erstaunte: Der
Domkapitular ist Bischof in Italien! - wenn man lchelte: Bischof in dem
Sprengel, wo die Gter der knftigen jungen Grfin Salem-Camphausen liegen!, so
hrte und sah Paula nichts von Alledem ... Graf Hugo wurde ihr in der That noch
der liebste von all den Menschen, die es auer Bonaventura und Armgart in der
Welt gab - war er nicht der Bote, der Bevollmchtigte Bonaventura's - war er
nicht zart und rcksichtsvoll in seinem Benehmen ...? Paula war scheinbar so
lebensmuthig geworden, da sie selbst dem Trostworte Monika's nachdenken konnte:
Un mariage de raison! Le comte renoncera  tout droit de possesion -! ...
Freilich hrte sie nicht, was Monika zur Schwester Benigna hinzusetzte: Mu man
franzsisch sagen, was uns nicht errthen lassen soll! ... Sie hrte das
Schmollen nicht ber die Unnatur des katholischen Priesterstandes, ber die
Unnatur des Lebens der hhern Stnde berhaupt ... Doch allerdings erklrte
Monika, hier keinen andern Weg zu wissen, als den eurer blichen Convenienz -
... Die Familienzweige der Dorstes durften nicht auseinander gehen ...
    Niemand untersttzte diese Wendungen mehr, als Bonaventura's Mutter, die
Prsidentin von Wittekind-Neuhof ... Ihr war es fast, als knnten nur so die
dstren Schleier gewahrt bleiben, die sich inzwischen schon theilweise von
Angiolinen, von Benno und von der Herzogin von Amarillas gelftet hatten ...
Wenn Graf Hugo fand, da gerade er es nicht um Benno und Bonaventura von
Asselyn verdient htte, auf Schlo Neuhof so scheu empfangen zu werden, so gab
seine lutherische Religion einen Entschuldigungsgrund fr eine Scheu, eben in
ihm den Pflegevater, den Geliebten Angiolinens zu sehen ... Durfte man doch die
Besorgni hegen, ihn wol gar von dem flchtigen Terschka ber alles unterrichtet
zu wissen, was damals in jener von Lb Seligmann belauschten Verhandlung zur
Sprache gekommen war ... Die kluge Prsidentin wollte ihren Gatten, den
Breaukraten, wie er um Witoborn hie, mit dem Geist der Provinz vershnen und
nahm sogar an den Exercitien der ab- und zugehenden, seltsamerweise dem Schlo
Westerhof entschieden feindlichgesinnt bleibenden Frau von Sicking Theil ...
    Schon war Paula, opferfreudig und nunmehr in ihrem katholischen Sinn heilig
berzeugt, da sie gerade durch ihre Heirath dem Abgott ihrer Seele, einem
Priester, noch eine Glorie des Himmels mehr gbe - ihrem Gatten nach Wien
gefolgt, als man immer anregendere und berraschendere Mittheilungen aus England
erhielt ... Terschka spielte in London eine glnzende Rolle ... Auch dort
standen ihm frdernd seine geselligen Talente zur Seite ... Sein Bruch mit dem
katholischen Glauben, seine Flucht vor den Jesuiten, zu deren Orden er gehrt
hatte, sein Anschlu an Giuseppe Mazzini, den italienischen Agitator, und dessen
Freunde, alles das gab ihm selbst in den Kreisen der englischen Aristokratie
einen Nimbus ... Armgart begegnete ihm in den hohen Kreisen, in denen sie lebte
... Freilich sah sie in ihm ihrerseits nur das Abbild jener dstern Tage, wo sie
geglaubt hatte, sie mte sich dem ungewissesten Schicksal opfern, um nur ihre
Mutter vor einer Verirrung zu bewahren, die die Ausshnung mit dem Vater
unmglich machte ... Aber ihre ganze Verachtung vor dem innerlich hohlen, nur
gesellschaftlich verwendbaren Mann durfte sie ihm nicht ausdrcken, da die
Aeltern selbst zu viel auf seine gegenwrtige Gesinnungsnderung hielten, die
Grfin Erdmuthe ihm verziehen hatte, Lady Elliot ihm eine Stellung ber allen
Makel gab ...
    Die Briefe, die in Witoborn bei dem Obersten Papiermller ankamen,
brachten immer berraschendere Mittheilungen ... Um Terschka fingen an sich
Gerchte zu verbreiten, als spielte er eine doppelte Rolle ... Er htte nicht
aufgehrt das zu sein, was er war ... Ganz bereinstimmend mit jener vom alten
Zickeles in Wien zu Benno gethanen Aeuerung: Die Jesuiten lassen ihn auch sein
Protestant! ... Schon verlautete mancher Zweifel an seiner fanatisch zur Schau
getragenen lutherischen Kirchlichkeit und italienischen Freiheitssympathie ...
Armgart sprach von ihm als von einem ewig Gezeichneten ... Sie lehnte seine
Begleitungen ab, schlug die Huldigungen aus, die ihr seine immer noch lebhafte
Galanterie und unbeugsame Elasticitt im geselligen Verkehr brachte ... Manche
behaupteten, schrieb sie, Terschka spiele leidenschaftlich und wre stets in
Verlegenheiten ... Letzteres mute wol der Fall sein; denn man bemerkte, da ihm
der Prsident von Wittekind Geld schickte ...
    Armgart selbst befand sich im Punkt der Religion immer noch da, wo sie
gleich anfangs mit ihrem, inzwischen nach Westerhof, Wien und Italien gegangenen
ketzerischen Gromtterchen Grfin Erdmuthe gestanden ... Lady Elliot besa
denselben Bekehrungseifer, wie Grfin Erdmuthe - htte sie nicht Gegner
gefunden, sie wrde sie gesucht haben ... Da kam nun ihrer dogmatischen
Streitsucht ein geistesfrisches Mdchen nach Wunsch, das von den Entdeckungen,
die Armgart an dem Glauben ihrer Aeltern machte, in einer steten, oft, nach
Empfang von witoborner Briefen und Nachrichten, fieberhaft kampflustigen
Beunruhigung lebte ... Die Englnderinnen konnten Armgart um die Geltendmachung
ihrer noch ungebrochenen katholischen Gesinnung nicht zrnen; denn einmal war
und blieb sie in ihrem Wesen fr eine weniger engherzige Beurtheilung, als die
in Stift Heiligenkreuz, die Anmuth selbst und ebenso bestrickend war die
eigenthmliche Art ihres Wahrheitssinns, der seinerseits aus freiem Trieb selbst
nichts schonte, was ihr am katholischen Leben die flchtige und entstellte
uere Erscheinung war. Sie behauptete, nur den Kern festzuhalten, und rechnete
dann freilich dazu das Martyrium, ihren Umgebungen so beschrnkt und lcherlich
wie mglich zu erscheinen. Sie a am Freitag kein Fleisch, sie machte ihre
Kreuze, sie ging in die Messen; sie sagte: Das ist blos meine Religion, euch
lcherlich zu erscheinen! ... Wenn man ihrer spottete und sie fragte: Wie viel
Jahre Abla und Milderung fr die Luterung im Fegefeuer sie schon gewonnen
htte? zeigte sie ihr Bchelchen und gab die Addition von einigen Millionen
Jahren an mit den Worten: Die Ewigkeit ist lang! ...
    Aber im Grunde der Seele wurde sie ber dies und anderes doch ernster und
bekmmerter ... Aus ihrer sichern, ja trotzigen Lebens- und Denkweise, die von
einigen groartigen, bis zum Anerbieten glnzender Heirathspartieen gehenden
Huldigungen unterbrochen wurde, weckten die, trotz ihres Protestes dagegen, doch
zur halben Englnderin Gewordene mehre der erschtterndsten Botschaften, die
fast zu gleicher Zeit in England eintrafen ...
    Die eine war die Nachricht von jener Bewegung um den Trierschen Rock, der
sich die Aeltern, Hedemann und einige Gleichgestimmte, selbst in dem
urkatholischen Witoborn, angeschlossen hatten ... Die Aeltern hatten in der That
frmlich mit der Kirche gebrochen ... Sie hatten eine deutschkatholische
Gemeinde gebildet, der sich auch Protestanten anschlossen ... Den Gottesdienst
leiteten abwechselnd durchreisende, von ihren Pfarreien oder Vikarieen gewichene
Kaplane ... Statt der Orgel spielte die Tochter des Pfarrers Huber die Harmonika
... Sogar Pttmeyer wurde seinen Gnnern und geistigen Gefngniwrtern
rebellisch und lie sich einigemale bei jenen Erbauungen betreffen, bis dann
Angelika Mller von den Adeligen aus Wien verschrieben wurde und die Rechte
einer zwanzigjhrigen Verlobung geltend machte, um den groen Mann in die Kirche
und die Beichtsthle von Eschede wieder zurckzuschmeicheln ... Manche in
gemischten Ehen lebende Gatten oder Brautpaare entschlossen sich, diesen Ausweg
einer neuen Kirche aus allerlei confessionellen Bedrngnissen zu ergreifen ...
Der protestantische Staat, damals berwiegend jesuitisch inspirirt, erschwerte
die Bildung auch dieser witoborner Gemeinde, konnte sie aber nicht hindern ...
    Fr Witoborn und Umgebung war hiermit ein Aergerni ohne gleichen gegeben
... Norbert Mllenhoff betheuerte auf der Kanzel der Liborikirche: Die Familie
des Obersten von Hlleshoven und sein Anhang mte aus dieser rechtglubigen
Gegend, wo bisher nur Gottes Athem geweht htte, weichen, es kostete was es
wolle! ... Stutzig wurde er zwar, als die alte Hebamme, auch der buckelige
Stammer und sogar die Finkenhof-Lene der neuen Religion sich anschlossen - Das
ist das schmerzliche Verhngni der besten Principien, da sie anfangs die
umirrenden und moralisch heimatlosen Naturen zuerst anlocken! - Aber sein Wort
verhallte nicht und da die Familie Hlleshoven nicht wich, da die Gemeinde sich
durch die achtbarsten Elemente vergrerte, so kam es zu Auflufen, zu
Beschdigungen der Fabrik, zum Einschreiten der bewaffneten Macht ... Allen
diesen Prfungen setzte die kleine Gemeinde, die ihre schlechten Elemente bald
ausschied, Muth und Entschlossenheit entgegen ... Sie vergrerte sich durch die
Arbeiter der Fabrik, die aus fernen Gegenden genommen werden muten, weil auf
Priestervorschrift heimische schon gar nicht mehr in sie eintreten durften ...
Damals holte sich Hedemann die Keime seiner Krankheit ... Der Vielgeprfte, der
an seinen verkmmerten Aeltern erlebt hatte, wohin getuschtes Vertrauen zur
Priesterwrde fhren konnte, wollte nach beiden Richtungen hin auf dem Platze
bleiben, wollte den Betrieb des Geschfts ebenso abwarten, wie den Ausbau einer
von Rom abgefallenen, apostolischen Kirche ... So gewaltig seine Krperkraft
war, sie erlag diesen Mhen, Beunruhigungen, Nachtwachen, Kmpfen, die bis zum
Handgemenge gingen ... In einer kalten Winternacht, als Hedemann im Mhlenwerk
noch spt allein gearbeitet hatte, ging er, ber und ber in Schwei gebadet, in
seine nahe gelegene Wohnung ... Dort warf ihn ein auflauernder Haufe Fanatiker
in die an ihrem Ursprung nicht frierende, aber eiseskalte Witobach ... Mit
Stangen hatten sie den Unglcklichen verhindert, aus dem bis an seine Brust
gehenden Strom herauszukommen ... Sein Hlferuf, der Hlferuf Porzia's, die
schon im Bett lag und durch die lrmende Scene ans Fenster getrieben wurde,
verjagte die bse Rotte und endlich konnte der Mihandelte ans Ufer ...
Fieberfrost durchschauerte ihn; eine lange Krankheit warf ihn aufs Lager ... Von
dieser Nacht an schrieb sich der Keim einer Krankheit, die seine Lungen
zerstrte ...
    Noch aber wrde vielleicht Armgart auf solche Schreckenskunden nicht aus
England zurckgekehrt sein, htte sich nicht auch um dieselbe Zeit auf ihre
stillverschwiegene Liebe zu Benno und Thiebold - die seltsame Einigkeit beider
Namen dauerte fort - der trbste Schatten gesenkt ... Die Nachricht, da sich
Benno in die Verschwrung der Brder Bandiera eingelassen htte, gefnglich
eingezogen und auf die Engelsburg gebracht war, hatte nur vorbergehend
erschtternd gewirkt; denn wenige Wochen darauf kam die frohe Botschaft seiner
Befreiung ... In diesen Wochen aber fhlte Armgart erst, da es ihr wie Frstin
Olympia Rucca ging und Thiebold doch nur eine schne Eigenschaft an Benno mehr
war. Sie hatte Benno sonst nur, wie sie selbst glauben wollte, schwesterlich
geliebt; gibt es aber in der Liebe Stufen? ... Gott, Weib, Kind - es ist
dasselbe allzndende Feuer, entglommen demselben Altar, entlodert derselben
Sonne - nur verehren will dies Gefhl und zuletzt erst erkennt es sich ganz - in
der Sehnsucht nach Erwiderung ...
    Im stillen hatte sich diese Sehnsucht immer hher gesteigert ... Wer
schrfer beobachtete, sah, Armgart hatte ihre Heiligen, von denen sie sprach;
sie hatte noch Heiligere, von denen sie schwieg ... So war Paula ihrem
wehmthigen Blick schon lange der Sphre des Irdischen entrckt - sie billigte
ihre Ehe, aber sie trauerte doch um sie ... Katholisch sein heit einen
geheiligten Willen haben, hatte sie einst zu Lucinden gesagt - diese Lehre war
gro und doch in den meisten Fllen - schmerzlich ... Ebenso mit Benno und
Thiebold ... Sie hatte beide in ihrer Verblendung um Terschka's Willen gekrnkt,
von beiden fr immer Abschied genommen - wie gedachte sie jener Scene in der
Kapelle mit Thiebold, des Abschieds von Benno, als dieser sie so tief beklagte!
... Sie schrieben sich nun nicht, einer lie den andern nichts von sich hren -
und doch war alles, was Armgart erlebte, nur wie ein Stoff zum knftigen Bericht
an beide, deren sie als Freunde so gewi zu bleiben glaubte wie ihres Schattens
... Sie tummelten sich ja jetzt nur in der Welt, wie sie; sie wrden schon
wieder zusammenkommen und Benno wrde dann alles vergeben, was zu vergeben war,
wrde ausgleichen, was auszugleichen - Damals hatte sie einem alten Herzog, der
sie, fr so arm und papistisch sie galt, zu seinem Range erheben wollte, gesagt,
sie wre verlobt ...
    In jenen Wochen der Angst und Verzweiflung um Benno's Schicksal, htte sie
sogar Terschka's Rath und Beistand angehen knnen; denn zu, zu verlassen fhlte
sie sich ... Wem sollte sie sagen, was ihr Benno von Asselyn gewesen und
geworden! ... Sie flatterte wie ein zum Tod verwundeter Vogel und suchte nun
auch Terschka selbst auf - sie schrieb ihm ... Aber gerade jetzt fehlte der
sonst so Zudringliche, jetzt verbarg er sich - wo und warum? ...
    Sie erhielt einen Brief von Schlo Neuhof, in welchem sich eine Einlage des
Prsidenten fr Terschka befand ... Diese wollte sie ihm berschicken; es hie,
Baron Terschka wre verreist - einige Italiener sagten, seine Abwesenheit hinge
mit dem Aufstand der Brder Bandiera zusammen, die von Korfu nach Calabrien
eingebrochen waren, mit ihrer kleinen Schaar geschlagen wurden, im Silaswalde
lange umirrten, dann von einigen Gefhrten verrathen und in Cosenza -
standrechtlich erschossen wurden1 - - ...
    Den Zusammenhang des Geschicks dieser edlen, damals von ganz Europa
bemitleideten Jnglinge mit Benno kannte sie nicht ... Sie hrte nur berall den
Schrei der Entrstung ber die Grausamkeit der Regierung Neapels ... Sie durfte
damals noch das Aeuerste auch fr Benno frchten ... Im Begleitschreiben der
Einlage an Terschka las sie, da der Prsident sofort die Vermittelung der
Regierung zu Gunsten Benno's in Anspruch genommen hatte, aber der traurige
Bescheid war gekommen, da diese den ehemaligen Landwehrmann Benno von Asselyn
schon lange als fahnenflchtig, zum mindesten als aus dem Unterthanenverband
ausgeschieden betrachten und ihn seinem Schicksal berlassen msse ... Man solle
sich an Oesterreich wenden, hatte es mit bitterer Betonung geheien, in dessen
Diplomatie er eingetreten schiene seit seiner Courierreise nach Rom ...
    Bald aber kam die Kunde, Benno wre befreit und von der Engelsburg entflohen
... Terschka war es, der diese Botschaft brachte ... Von ihrer Liebe konnte er
sich an Armgart's Jubel berzeugen ... Seiner Erzhlung nach wurde Benno mit dem
Advocaten Bertinazzi und einigen angesehenen Mnnern gefangen genommen ... Ein
Graf Sarzana konnte sich nicht unter ihnen befunden haben; denn von Lucinden
erzhlte Terschka zu gleicher Zeit, da ihre schon in London bekannt gewordenen
Hoffnungen, eine Grfin Sarzana zu werden, nicht die mindeste Strung erlitten
htten ... Durch eine Fallthr war es dem grten Theil der berraschten Loge
mglich gewesen, einen aus dem Hause des Advocaten fhrenden geheimen Ausgang zu
gewinnen ... Nun aber wre Benno frei, befnde sich in Marseille und mte in
diesem Augenblick in Paris sein ... Der Stachel, den Terschka mit den Worten:
Man sagt, die allmchtige Nichte des Cardinals Ceccone htte ihn befreit! in
ihr Herz drckte, haftete nicht allzu lange, denn Terschka fhrte den Stich nur
zgernd; er schien vollauf mit dem Brief des Prsidenten beschftigt - mit
welchem er ber die von ihm noch zurckgehaltene vollere Orientirung des Grafen
Hugo in Betreff Angiolinens und der Herzogin von Amarillas schon lange
correspondirte und - rechnete ...
    Whrend Armgart nun von Tag zu Tag auf Nachrichten aus Marseille oder Paris
harrte oder wenigstens aus Witoborn oder Kocher am Fall - auch mit dem Onkel
Dechanten correspondirte sie - erfuhr sie die berraschende Anwesenheit Paula's
und ihres nunmehrigen Gatten wieder auf Schlo Westerhof ... Paula hatte sich in
Wien nicht heimisch fhlen knnen und war in ihre magnetischen Zustnde
zurckverfallen ... Der Oberst stand mit ihr im Rapport - Graf Hugo sah ihr
jeden Wunsch am Auge ab ... Noch mehr, als die Provinz erleben sollte, der
deutschkatholische Oberst magnetisirte die Grfin Dorste, entfhrte sie ihr
Gatte selbst diesen Conflicten und wollte mit ihr nach Italien ... Die Mutter
des Grafen sah darin nichts als die uerste Schwche ihres Sohnes, der sogar
seine Gattin dem Priester zufhre, den sie liebe ... In jenen Tagen geschah dies
alles, wo Bonaventura in Rom war, um sich zu vertheidigen wegen seines Schutzes
waldensischer Sektirer, ja wegen seines Rufs, ein Magnetiseur gewesen zu sein
...
    Wie mute Armgart erstaunen, als Terschka die Botschaft brachte: Bischof
Bonaventura kehrt nach dem Thal von Castellungo als Erzbischof von Coni zurck!
An die Stelle seines grimmen Feindes Fefelotti! ... Wieder war es, wenigstens in
Terschka's Darstellung, Frstin Olympia Rucca, die als die Retterin und
Vorsehung auch dieses Asselyns genannt wurde ... Schon setzte Terschka mit
zweideutigem Lcheln hinzu, Frst Ercolano Rucca htte sich zum Attach der
Nuntiatur in Paris machen lassen und seine Frau wre ihm vorausgeeilt, um in
Paris - eine Wohnung zu bestellen ...
    Noch glitt aller Verdacht von Armgart's reiner Seele ... Nur das Eine
begriff sie nicht, warum von Thiebold nichts verlautete, warum Benno nicht nach
London kam, wo sich doch alle Freunde Italiens sammelten, auch die Trmmer jener
so unglcklich gescheiterten Bandiera'schen Expedition ... Terschka konnte dann
nicht lnger bei ihr gegen Benno whlen ... Wieder war er fr einige Zeit vom
Schauplatz der Gesellschaft Londons verschwunden ...
    Seit dann Bonaventura in der That mit glnzender Genugthuung Erzbischof von
Coni geworden war, hrte sie von Westerhof, mit Ausnahme der ihre Aeltern
betreffenden Nachrichten, eine Weile nur Frohes und Gutes ... Noch war Paula in
Westerhof ... Armgart schrieb ihr, sie mchte alles aufbieten, die Aeltern vor
dem Aeuersten ihrer Unternehmungen zu bewahren ... Als sie Briefe erhielt, die
hier jede Mglichkeit der Einwirkung in Abrede stellten, kmpfte sie mit sich,
ob sie nicht sofort abreisen sollte ... Sie wrde diesem Triebe gefolgt sein,
wenn nicht von ihrer Mutter das ausdrckliche Verbot gekommen wre ... Die
Mutter fgte hinzu, da sich auch gegen Paula's und des Grafen lngeres
Verweilen in der Provinz Intriguen zeigten ... Die Geistlichen htten gegen die
Wunderkraft Paula's gepredigt ... Der Zustrom derer, die Heilung begehrten,
htte, seitdem berall in den Beichtsthlen der Besuch Westerhofs widerrathen
wrde, abgenommen ... Die Ehe mit einem Lutheraner, die geistige Verbindung mit
einem Deutschkatholiken knnte ja auf alle Flle nur Unheil bringen ... Man
trge sich mit Abschriften der Gesichte, die Paula unter des Vaters magnetischer
Hand gehabt htte, und fnde in ihnen einen Himmel und eine Erde, die mit den
rechtglubigen Bedingungen nichts gemein htten ... Whrend Paula alle
Obliegenheiten ihres Glaubens noch immer erflle, erschiene ihr in ihren Wahn-
und Ahnungsgebilden weder der blutende Christus, noch sein durchstochenes Herz,
weder das Lamm mit der Fahne, noch die Mutter Gottes ... Sie she Tempel, aber
sie wren ohne Hochaltar; sie she Opfer, aber sie schienen nichts als der Duft
der Blumen zu sein ... Paula behaupte, von jedem Dinge die Seele zu erblicken
und diese trge nichts zur Schau von einem Verlangen nach Erlsung ... Meist
schwebte alles, was sie she und erkenne, ber einen unermelichen Regenbogen
hinweg ... Armgart's Bildung und Stimmung war reif genug, zu sagen: Sie sieht
aus den inneren Erfahrungen ihres Herzens das Land ihrer Sehnsucht, wo es keinen
Ha und keine Verfolgung mehr gibt! ... Die Mutter sagte: Sie sieht, unter
meines theuern Gatten Hand, das Land der Wahrheit ... Der Onkel Dechant schrieb:
Sie sieht - Italien! ...
    Die Gegenstze hatten, das erkannte Armgart, um Witoborn eine Hhe erreicht,
wo es keine friedliche Ausgleichung mehr gab ... Schon hatten Monika und
Benigna, Ulrich und Levinus Hlleshoven wieder ihre natrlichen Stellungen
eingenommen und trotzdem, da oft der Oberst nach Westerhof kam, innerlich
gebrochen ... Selbst Graf Hugo war geneigt, fr die Bewahrung des Alten Partei
zu nehmen, wenigstens keinen Ansto erregen zu wollen durch zu auffallende
Begnstigung der kleinen Ketzergemeinde in Witoborn ... Und Monika sagte offen,
da Paula noch den Grafen zu ihrem Bekenntni hinberziehen wrde ... Briefe
voll uersten Schmerzes kamen darber aus Castellungo von des Grafen Mutter ...
Armgart schrieb hin und her zur Vermittelung, zur Aufklrung ... Vergebens; der
Bruch zwischen ihrer Mutter und Westerhof wurde unheilbar ... Graf Hugo konnte
sich nur mit Schwierigkeit, Oberst Hlleshoven unter keinerlei Bedingung mehr in
Witoborn halten ...
    Armgart's Aufregung wuchs, als der Onkel Dechant, der von allen diesen
Vorgngen, von Benno's Schicksalen, von den allmhlichen Entdeckungen ber
dessen Herkunft seine schon dem Erlschen nahe Lebensflamme noch einmal neu und
nicht wohlthuend geschrt sah, gerade ihr, der er sich, seit Armgart's
vertrauensvoller Bitte um seine Hlfe beim Ausshnen ihrer Aeltern, besonders
theilnehmend zugewandt hatte, aus Kocher schrieb: Zu den Mislichkeiten des
Kampfes deiner Aeltern gehrt vorzugsweise die ausbleibende Untersttzung durch
den Staat ... So tiefe Wurzeln hat bereits die durch die katholische Reaction
geschrte Reue ber den Abfall von Rom bei den magebenden Protestanten
geschlagen, da sich niemand findet, der diese groe Bewegung einer Reform des
rmischen Glaubens wrdig untersttzt ... Die protestantischen Regierungen
fhlen ganz das, was die Jesuiten zum Staatskanzler gesagt haben sollen: Wir
sind Conservatoren! Wir erhalten und bekmpfen eben das, was ihr! ... Die
Frsten Deutschlands suchen die kleinste Aenderung des Gegebenen zu hindern, im
Vorgefhl, da ein einziges weggenommenes Sandkorn zur strzenden Lavine
anwachsen knnte ... So mu diese denkwrdige Bewegung, da sie ohne den Beistand
tieferer Geister bleibt, in sich ersterben, ja sie wird zum Gewhnlichen
herabgezogen und, ganz nach den Anweisungen der Jesuiten, zu einer Sache mehr
oder weniger nur des Pbels gemacht werden ...
    Die kindliche Liebe, die Bewunderung, die Armgart vor der treuverbundenen
Zrtlichkeit ihrer Aeltern erfllte, entwaffnete ihren Widerspruch gegen alles,
was von den Aeltern unternommen wurde ... Wie es verzweifelte Aufgaben mit sich
zu bringen pflegen, die Wahl der Hlfsmittel, die die Aeltern ergriffen, konnte
sie unmglich alle billigen ... Selbst der ruhige, kaltbltige Vater lie sich
vom trotzenden Sinn der Mutter zu Unbedachtem fortreien ... Allen Adelsgenossen
der Gegend bot er das Schauspiel eines mit Absicht den Nimbus seiner Geburt
Zerstrenden ... An seiner Fabrik betheiligte er sich wie ein Arbeiter, lie
sich wie ein Schreiber in seinem kleinen Wohnhause mit der Feder hinterm Ohr
erblicken, unterschrieb die kleinsten geschftlichen Verffentlichungen mit
seinem vollen Namen und lste auf diese Art jeden Zusammenhang mit seinen
Standesgenossen ... Und doch rhrte es Armgart, da die Mutter bei allen diesen
Dingen gleichsam nachholte, was sie in zwlfjhriger Trennung ihrem Manne zu
sein unterlassen hatte ...
    Zur selben Zeit, als es dann pltzlich hie, Paula ist wirklich nach Italien
gereist - es mute in schnellem Entschlu geschehen sein, da Armgart nicht
einmal von Paula selbst die Nachricht erhielt - erlebte Armgart den Schrecken,
da Thiebold in London war und sie nicht besuchte ... Terschka war seit einiger
Zeit ihren Blicken ganz entschwunden, sie konnte von ihm ber diese betrbende
Erfahrung keine Aufklrung erhalten ... Allmhlich hrte sie, da Thiebold in
jener trben Gensdarmenzeit seinerseits in der Heimat sich auch nur mit Mhe von
politischem Verdacht ber seinen Aufenthalt in Rom htte reinigen knnen ...
Ueber Benno hrte sie, da der Prsident fr ihn die freie Rckkehr zu erwirken
gesucht htte, aber auch damit nicht durchdrang ... Die Mutter schrieb ihr nach
allerlei seltsamen Andeutungen ber Benno's jetzt immer mehr sich lftende
Herkunft, da ihr alter Freund undankbar genug gegen diese Verwendungen
protestire; Benno wollte, htte er aus Paris geschrieben, jetzt ganz nur noch
Italiener sein ... Man wei ja, schrieb die Mutter, wer alles seine Flucht
ermglicht hat! ... Die dir wol noch bekannte Lucinde Schwarz hat das rmische
Staatsruder in Hnden! ... Ist die Abenteurerin vielleicht einer Regung von
Dankbarkeit fr die Familie gefolgt, die ihr und dem Doctor Abaddon, Herrn
Oberprocurator Nck, das Zuchthaus ersparte? ... Wie solche und hnliche
Menschen Rom nach Gutdnken regieren, ersieht man ja aus Bonaventura's Laufbahn
... Trotz des Staatsverbrechens seines Anverwandten Benno, trotz der gegen ihn
erhobenen Anklage ber seine Antecedentien als Magnetiseur, trotz seiner an und
fr sich hchst achtbaren Untersttzung der waldensischen Bewegungen Italiens
ist er nach einem kurzen Aufenthalt in der ewigen Stadt als Erzbischof in die
Thler seiner neuen Heimat zurckgekehrt, nachdem er vorher Lucinden in der
Kirche der Heiligen Apostel in Rom mit einem ppstlichen Gardisten getraut hat
... Freilich soll die in Paris verweilende Frstin Olympia Rucca, die
Beherrscherin des Kirchenstaats, alles mglich machen - -
    Hier brach der Brief mit rthselhaften Gedankenstrichen ab ... Centnerschwer
wlzten sie sich auf Armgart's vereinsamtes Herz ... Es folgten dann in dem
verbitterten, im Ton hchster Reizbarkeit geschriebenen Briefe noch Scherze ber
den Onkel Levinus, der in allen Bibliotheken nachschlge, um eine klare
Vorstellung ber das alte Cuneum, jetzt Cuneo oder Coni, zu gewinnen - Tante
Benigna vergliche die Ehrfurcht, die hier zu Lande vor dem entthronten
Kirchenfrsten geherrscht htte, die Trauer ber seinen nach seiner
Freisprechung bald erfolgten Tod, die Festlichkeiten der Inthronisation seines
Nachfolgers mit dem Bilde der Festlichkeiten in Coni, zu denen wol Paula nun
persnlich erscheinen wrde - Paula's Gatte htte vor seiner Abreise seine
Besitzantretung vollstndig geordnet, htte die Vertrge mit den Agnaten
abgeschlossen, htte das voraussichtliche Erlschen seines Stammes mit dem
Prsidenten von Wittekind, dem nchsten Erben, zum Gegenstand gerichtlicher
Punktationen gemacht - und da dann auch der Prsident ohne Kinder wre, so wre
manche geheimnivolle Seite aus dem Lebensbuch des verstorbenen Kronsyndikus,
des Tyrannen, jetzt zur offenen Kunde gelangt - Noch lge ihr zwar nicht offen,
warum in letzter Instanz das ausschlieliche Erbrecht Bonaventura's durch eine
anderweitige Beziehung gemodelt werden knnte - aber man sprche jetzt
allgemein, durch Hlfe des kanonischen Rechts knnte selbst Benno noch vor
Bonaventura die Vorhand gewinnen - Nicht unmglich, schrieb die Mutter, da eine
in Rom, jetzt in Paris lebende Herzogin von Amarillas, eine ehemalige Sngerin
aus Kassels westflischer Zeit, mit dem Kronsyndikus eine geheime Ehe
geschlossen hat und Benno ihren Sohn nennen darf -! ... Benno Sohn des
Kronsyndikus! ... Ueber alle diese so rthselhaften und ganz nur abgerissen
mitgetheilten und mit religisen Betrachtungen schlieenden Dunkelheiten durfte
Armgart wol in eine Aufregung gerathen, die sie der Mutter kaum schildern konnte
...
    Sie sah Benno in Rom - in Paris - in den Armen einer Mutter, die eine
Herzogin war - eine Frstin hatte ihn gerettet - Lucinde war eine Grfin Sarzana
geworden -! ... Noch flossen ihre Thrnen nicht; noch glaubte sie an den Sieg
des Guten und Edeln; noch standen nur lichtverklrte Bilder vor ihren Augen ...
War nicht das Hchste mglich -: Graf Hugo fhrte Paula nach Coni zum Freund
ihrer Seele! ... Sie sah noch ihre magisch seraphische Welt, ihre in den Wolken
schwebenden Rosenkrnze, ihre groen Thaten der Entsagung und der opfernden
Liebe ... Aber schon die Vorstellung: Benno ein Sohn des Kronsyndikus! - das war
ja ein Bild wie aus der Welt des Teufels, an die jetzt auch die Mutter nach
ihren religisen Ausdrcken zu glauben schien ...
    Der Onkel Dechant, den Armgart's reife und inhaltreiche Briefe besonders zu
erfreuen schienen, schrieb ihr: Nun hat deine sonst so treffliche Mutter gar
den Standpunkt einer bloen Vernunftopposition gegen den Katholicismus
verlassen! ... Der der deutschkatholischen Bewegung gemachte Vorwurf, es lge
ihr ja kein Bedrfni nach Religion, am wenigsten nach dem Christenthum, zu
Grunde, bestimmt sie, sich dem Einflu unterzuordnen, den Hedemann um so mehr
auf sie ausbt, als die freudige Geduld und werkthtige Liebe, mit der dieser
Treueste sich seinem Beruf widmet, allerdings jeden, der sein Leiden, den
schmerzlichen Hinblick auf die junge Frau sieht, die sich so innig ihm anschlo,
ergreifen und rhren mu ... Aber eine Monika verirrt sich in die trbe Lehre
von der Rechtfertigung durch den Glauben! ... Ich mute deiner Mutter schreiben:
Durch den Grundverderb unserer Kirche, den auch ich in unsern Ehegesetzen finde,
sind Sie aus dem Denken und Fhlen Ihrer Jugend hinausgedrngt worden - aber da
Sie, Sie einen Teufel durch den andern austreiben, das ist beklagenswerth! ...
Sie herrliche, klare, geistesfrische Frau, wie kommen Sie zu Hedemann's
Bibelgefangenschaft? ... So oft ich dem von Amerika angesteckten Quker hier
beim Obersten begegnete, erkannte ich die unwrdigste Abhngigkeit des Menschen,
die vom Buchstaben ... Unsere Zeit ist nicht zu neuen Religionsschpfungen
gemacht, die einzige Religion des Bruchs mit aller Religion etwa ausgenommen,
und was wir von Verbesserung unserer kirchlichen Zustnde gewinnen knnen, wird
immer nur die Folge gelegentlicher Veranlassungen sein ... Selbst zu Luther's
Zeiten war es nicht anders ... Deutschland hatte sich damals in seiner
Reichsverfassung berlebt, die Frsten waren zu mchtig geworden und suchten
sich zu krftigen durch alles, was schwach und leicht zu erobern war; sie rissen
die geistlichen Gter an sich und so zerfiel der Zusammenhang mit Rom von selbst
... Aehnliche Umwlzungen werden auch wir wieder erleben und aus Benno's
traurigen Verirrungen erseh' ich wenigstens eine schne und groe Hoffnung ...
... Was er von Italien schreibt, der arme Verlorene, ist herrlich ... In der
Geschichte straucheln die Bewegungen der Massen und Interessen ber einen
Strohhalm und ich juble im Geiste dem neuen Tag entgegen, wenn Italien dem
Papstthum selbst den Schemel unter den Fen wegzieht ...
    Wie erschrak Armgart! ... Traurige Verirrungen? ... Der arme Verlorene?
... Schon flossen ihre Thrnen ... Sie schrieb an Bekannte in Paris, ihr von
einer gewissen Herzogin von Amarillas zu berichten ...
    Am Tage darauf kam wieder ein Brief aus Kocher am Fall ... Der Dechant, wie
aus Reue, die Mutter bei Armgart angeklagt zu haben, schickte ihr auch eine eben
erhaltene Antwort der Mutter auf seinen Brief ...
    Die Mutter hatte dem Dechanten geschrieben, da sie sonst immer so gedacht
htte, wie er, und mit Hedemann und Erdmuthe htte sie in gleicher Weise
gestritten ... Indessen wre der Vorwurf, da die Gegner Roms ohne ein
religises Bedrfni berhaupt wren, zu empfindlich fr die Sache der geistigen
Freiheit geworden und deshalb htten ihre Angehrigen den Beweis liefern mssen,
da sie dem gemeinschaftlichen Urquell des Lichtes nher stnden, als ihre
Feinde ... Ich erkannte, las Armgart, da die Verneinung nur auf der Schrfe
eines Messers geht und dabei keinen Schritt vor dem Ausgleiten sicher ist ...
Das erkannt' ich, als ich in unsrer kleinen Gemeinde, die eines Tages ohne
Lehrer war, reden wollte ... Man kann nicht reden, wenn nicht aus der reichsten
Flle des Stoffs ... Jede andre Belebung zum Sprechen ist todt und hlflos ...
Hier einen Satz zugeben, dort einen wegnehmen, da halb, da beinahe halb dies
oder jenes wollen oder sagen, das erzeugt vielleicht das Feuerwerk eines feinen
und ironischen Kopfes, aber es leuchtet nur eine Weile und verpufft ... Nun sah
ich, warum unser herrlicher Hedemann immer und immer sprechen kann ... Einfach
ist seine Rede, aber sie hat die Flle der Beredsamkeit und erwrmt ... Warum?
Ich mute mir sagen: Aus dem Vollen nur kann ein lebendiger Glaube kommen und
sich auch im Aussprechen lebendig bewhren! ... Glaube ist nicht die blinde
Annahme des bernatrlichen, sondern Versenkung in die ganze Erscheinung einer
Sache ... Das Evangelium wird dem Glaubenden wie ein Freund, auf den man
schwrt, weil man ihn in einer groen Probe einmal erkannt hat ... Die
Ueberzeugung, da die Bewhrung im Einen da ist, erleichtert das Vertrauen dann
auch auf die Bewhrung im Andern ... So versenkt' ich mich in die Schrift und
die beiden Hauptgegenstnde ihrer Verherrlichung, in Gott und seinen Sohn ...
Mehr braucht die Religion der Menschheit nicht ... Diese beiden groen Bilder
haben so tausendfache zarte Pinselstriche, da sie jede andere Weisheit
berflssig machen ... Nicht da ich Wissenschaft und Kunst zurckwiese und wie
Omar alle Bcher verbrennen wollte, wenn nur die Bibel bleibt; aber ein ganzes
volles Leben und ein Leben der Gemeinsamkeit zwischen vornehm und gering,
zwischen gelehrt und arm an Geist ist nur durch die Schrift mglich ... Und
dieses gemeinsame Feld ist nicht etwa eng und das Ergehen auf ihm bald ermdend;
im Gegentheil, ich entdeckte einen Schatz nach dem andern, als ich die Bcher
noch einmal zu lesen begann, die ich frher als eine Quelle der Verdunkelung des
Verstandes geflohen war ... Ich finde die hchste Weisheit in dem, was uns
belohnt fr das Gebot des Apostels: Forschet in der Schrift! ... Das menschliche
Herz will nun einmal Liebe und Liebe mu fhlen und Gebet ist Erhhung des
Gefhls, Sammlung zum Aufblick. Worauf? Auf das Bessere und die Besseren ... Die
groe Zahl von Besseren, die die Katholiken als Heilige verehren, sind die zu
ppige Erweiterung eines Gefhls, das an sich ganz richtig ist ... Die Liebe
gestaltet alles persnlich und das ist denn der persnliche Gott, der lebendige,
der unmittelbar auf uns wirkende, der Gott der Offenbarung ... Mein Glaube sieht
im persnlichen Gott keine irdische Gestalt, sie zieht das Unaussprechliche und
Unbegreifliche nicht in die Sprache der Dichter und Propheten herab; fr mich
und fr die, die fhlen wie ich, ist der persnliche Gott die Wirkung seines
Vorhandenseins in uns; seine grte Offenbarung war die in jenem, der den Muth
hatte, sich deshalb auch geradezu Gottes Sohn zu nennen ... Nehmen Sie nur
einmal wieder die Evangelien in die Hand, mein theurer Freund, und nicht Ihren
Horaz und Virgil! Wischen Sie weg, was auf diese ehernen Tafeln der Witz, der
menschliche Spott und selbst die gelehrte Kritik geschrieben haben, und sehen
Sie dann, was brig bleibt ... Von dem Tage an, wo ich priesterlich fhlte - und
jeder Religionsstifter mu priesterlich fhlen, keine Religion macht sich am
Theetisch - von dem Tage an ist mir die Erscheinung unseres Herrn und Heilandes
Jesu Christi aufgegangen wie die meines besten Freundes ... Ich wandle mit ihm
am See Tiberias, ich spreche mit ihm bei seinem Freunde Lazarus vor, ich sehe
die Futapfen, die er hinterlassen hat und die berall gesegnete sind ... Sein
Leiden ist ganz persnlich das meine; seinen Todeskampf ring' ich mit; er lehrt
mich am Kreuz lieben und vergeben ... Auf Liebe, Glaube, Hoffnung, begrndet
durch Christus und einen persnlichen Gott, mssen wir unsere Kirche erbauen -
... Darunter hatte denn der Onkel mit seiner alten zitternden Hand und in seinem
friedlichen Sinn geschrieben: Im Grunde ganz unverfnglicher Glaube des Petrus
Waldus, in Ruhe gestorben um 1200, aber in seinen Anhngern, den Waldensern,
gekreuzigt, gerdert, geviertheilt, verbrannt bis auf den heutigen Tag. Fiat lux
in perpetuis! ...
    Das Unkatholischste, was sich denken lt, ist eine in der Kirche sprechende
Frau ... Aber Armgart, ohnehin schon in einem geknickten Zustande, fhlte sich
durch diesen Brief der Mutter vollends daniedergebeugt ... Weniger empfand sie
Rhrung um das Bekenntni der Mutter, als um den tiefinnern, soweit schon
gekommenen Schmerz, der ihm offen zu Grunde lag, um die ungeheure Aufregung, den
Bruch der Seele in dieser stolzen Frau zu erkennen zu geben ... Sie sah die
erbangende Liebe fr den Vater, Liebe fr den von seiner Krankheit gebeugten
Hedemann ... Ein schlichter, wissenschaftlich ungebildeter Mann hatte durch die
immer gleiche Gediegenheit seines Charakters und die unerschtterliche
Consequenz seiner Denkweise die Oberherrschaft ber seine Umgebungen gewonnen
... Die Mutter wollte nichts mehr wissen von der Herrlichkeit und Einbildung
dieser Welt - sie wollte fhlen wie der geringsten einer und ihr Gatte folgte
dem Beispiel, das sie mit so beredten und feurigen Worten zu erlutern wute ...
Armgart durfte sich bei Alledem wenigstens sagen: Du allein hast die Aeltern so
verbunden! ...
    Voll Rhrung schrieb sie der Mutter, sie wolle nun zu ihnen kommen ...
    Die Mutter, ihr selbst sich nicht im mindesten ebenso weich offenbarend, wie
dem Onkel, entgegnete ihr: Kind, du weit, da Paula, dein einziger hiesiger
Anhalt, den ich gestatten wrde, in Italien ist ... Da du deine Stelle im Stift
einnimmst, wieder mit Benigna, die dich mir einst schon raubte, in Westerhof
lebst, ist nicht mglich ... Es wre ein Bruch mit allem, was unser Stolz,
unsere Erhebung geworden ist ... Diese Menschen hier sind ja wahnsinnig ... Gott
der Herr wird auch an ihnen gute Grnde finden, warum er sie nicht ganz
verwirft; ich verwerfe sie ... Im Stift Heiligenkreuz wrdest du nur zu unserer
und deiner Krnkung deine Stelle einnehmen ... Glcklicherweise ist dir auch
gestattet, deine Pension auswrts zu verzehren ... Wir sehen jedoch ein, da
unsere eigenen Wege fr deine Jugend noch zu rauh sind! Bleibe also noch getrost
bei deiner trefflichen Lady! ... Dann folgte eine Antwort auf die Frage nach
den rthselhaften Andeutungen ber Benno's Ursprung in dem letzten Briefe der
Mutter, die Versicherung, da Benno der Bruder des Prsidenten von Wittekind
wre und noch eine Schwester besessen htte, die einst Graf Hugo entdeckt,
erzogen, geliebt und da er lange ihr trauriges Ende beweint htte ...
    Das war, alle ihre Lebensgeister erschtternd, gerade der empfangene
Eindruck, als sie nun von jener Freundin in Paris, die von ihr um die Herzogin
von Amarillas befragt wurde, Aufklrungen erhielt, die diese, ohne das nhere
Interesse Armgart's zu kennen, in aller Harmlosigkeit gab ... Die Herzogin von
Amarillas, hie es, hat aus erster Ehe einen Sohn, der sich Csar von Montalto
nennt und sie mit einer wahrhaft schwrmerischen Liebe verehrt ... Herr von
Montalto lie sich in Conspirationen ein und gerieth in die Engelsburg ... Seine
Retterin, sagt man, war die Nichte des Cardinals Ceccone selbst, die ihm hierher
nachgereiste Frstin Olympia Rucca ... Herr von Montalto soll anfangs nur an die
Hlfe seiner Mutter, der Herzogin von Amarillas, geglaubt haben ... Natrlich
ergriff er die Hand, die ihm die Mittel bot, aus einer so verzweifelten Lage zu
entfliehen ... Schon die Untersuchung, schon die bis zur Tortur gehenden Fragen
nach den brigen Mitgliedern der nicht ganz gesprengten Loge, die Fragen nach
dem Zusammenhang seiner Verhltnisse mit denen jener in eine Falle gelockten
Gebrder Bandiera, erzhlte man uns, htten jahrelang dauern knnen ... Herr von
Montalto erkannte erst durch die Bequemlichkeit der ihm gebotenen Hlfsmittel,
durch den Fund eines geregelten Passes, durch die sichere Einschiffung in
Civita-Vecchia auf einem nach Marseille bestimmten Handelsschiff die mchtige
Hand, die ber ihm waltete ... Wenige Wochen und die pariser apostolische
Nuntiatur erhielt einen neuen Attach im Frsten Ercolano Rucca ... Seine
Gattin, eine allerliebste kleine Hexe, wenn ihr Teint auch fast grnlich ist und
ihr Wuchs einem Dumling gleicht, doch mit Augen wie funkelnde Diamanten und
einem wahrhaft mrchenhaft blauschwarzen langen Haar, das sie in reizenden
Flechten trgt, und die Herzogin von Amarillas wohnen gemeinschaftlich in einem
und demselben Palais der Rue Saint-Honor ... Beide stehen im Vordergrund der
pariser Gesellschaft ... Csar von Montalto wird tglich mit der wilden
Italienerin gesehen, die Furore macht ... Ich hre, die franzsische Regierung
hat von Metternich Befehl erhalten, alle italienischen Flchtlinge auszuweisen
... Herr von Montalto wird dann wahrscheinlich mit seiner Mutter und der Frstin
Rucca nach London kommen ...
    Dstere Nacht legte sich nach dieser Mittheilung auf Armgart's Auge ... Nun
wute sie alles ... Und doch sollte sie ihre Geisteskraft zusammennehmen, um aus
London zu entfliehen ... Denn bleiben konnte sie nicht ... Sie lebte in der
groen Welt, sie konnte, sie mute den Ankmmlingen begegnen ... Sie mute, vor
dem Verlorenen entweichend, in die Heimat zurck ... Nun erst verstand sie
gewisse Aeuerungen in den Briefen des Onkel Dechanten, verstand, warum er ihr
berhaupt so oft und so eingehend schrieb - Er wollte sie zerstreuen,
vorbereiten auf die Entdeckung ... O mein Gott! Beteten ihre zitternden Lippen,
als sie nach diesen Briefen suchte ... Wir Menschen, hie es noch vor kurzem
in einem derselben, sind das Product unserer Verhltnisse ... Die Freiheit des
Willens ist eine Illusion ... Die Tugend, auf die Spitze getrieben, wird Laster
... Dem Mann gehrt die Welt und gewisse Dinge mssen ihm kaum bis an die
Knchel reichen ... - - Das waren halbe Scherze, schienen nur Aeuerungen zu
sein, um Frau von Glpen zu necken oder den alten Windhack mit seinen auf dem
Monde entdeckten vorurtheilslosen Sitten und Einrichtungen zu vertheidigen; aber
- nun sah sie, ein wie bitterer Ernst ihnen zu Grunde lag -! Der Ernst, da
Benno durch den Einflu seiner Mutter, durch die Rhrung und Liebe fr sie,
endlich durch die Dankbarkeit fr seine Retterin aus ihrem Lebensbuche
gestrichen war ...
    Es besttigte sich, da Frst Ercolano Rucca Attach in London wurde ... Sie
schrieb nichts darber nach Witoborn ... Ein klares Gefhl wurde ihr berhaupt
nicht mehr zu Theil ... Auch nicht in den jeweiligen Anwandelungen des Hasses
gerade gegen Benno's Mutter, die von andern Bekanntschaften, die in Paris waren,
als eine hochmthige Frau geschildert wurde ... Dem Ha auf den Vater konnte sie
ihre Kinder opfern! sagte Armgart, nun den Verhltnissen immer vertrauter und
den von der Mutter und vom Dechanten erhaltenen Aufklrungen folgend. Gott hat
sie schon in Angiolinens Tod bestraft; sie wird auch noch Benno's Verderben
sein! ... Csar von Montalto! ...
    In Fieberhast flog Armgart nach Deutschland zurck ...
    Sie berraschte die Aeltern, die ihr Kommen nicht ahnten ... Sie fand die
ganze Verwirrung, die sie erwarten durfte - den Vater mit Pistolen bewaffnet ...
Das Besitzthum verkauft; ein Anerbieten, sich an einer groen Fabrik im
Magdeburgischen zu betheiligen, war vom Vater fr sich und Hedemann angenommen
worden ... Sie wollten reisen ... Hedemann, ein Schatten gegen sonst, doch in
der That von einer wunderbaren Durchgeistigung ... Auch die Mutter gab sich
seltsam feierlich ... Nur der Vater blieb, wie immer, ruhig, natrlich und
entschieden ...
    Die Grnde, warum Armgart so rasch und unvorbereitet aus London kam, lagen
insofern auf der Hand, als ber die Ausweisung der Flchtlinge aus Frankreich
genug in den Zeitungen gesprochen wurde und Marco Biancchi, Porzia's in London
lebender Onkel, von einem Besuch bei Csar von Montalto schrieb, dem er vor
einigen Jahren den Rath zur schnellen Abreise aus Deutschland verdankte ... Doch
wurde aus Schonung von alledem nur ausweichend gesprochen ... Wie fhlte sie
aber diese Schonung! ... Wie durchbohrte sie die harmlose Frage der in Eschede
der Welt entrckten Angelika Mller nach Benno, als sie der seltsamsten Hochzeit
beiwohnte, die je geschlossen wurde, der zwischen Pttmeyer und seiner alten
Verehrerin! ... Zwei in sich vertrocknete Menschen, die noch alle Stadien der
Aufregung, sogar der Eifersucht durchmachten! ... Frau von Sicking, Grfin
Mnnich, Prsidentin von Wittekind, Benigna von Ubbelohde, alle drangen auf die
Ehe Pttmeyer's, die doch erst durch das Erringen des Hegel'schen Lehrstuhls
hatte mglich werden sollen; sie erwirkten eine Befrderung des von Pfarrer
Huber's harmonicaspielender Tochter bedenklich Begeisterten zum bischflichen
Archivar in Witoborn und die Versetzung Huber's ... Wie war Armgart, durch ihren
dreijhrigen Aufenthalt in London, allen diesen kleinen Anschauungen entrckt
... In ihrem Stifte war sie nur einen Tag ... Nach Westerhof durfte sie der
Mutter wegen auch nur ein einziges mal - ... Tante Benigna und Onkel Levinus
umschlangen sie voll Inbrunst und htten jetzt alles darum gegeben, das sonst so
viel gescholtene Kind bei sich zu behalten und schon fingen wieder die alten
Entfhrungsplne an ... Da entschied der Vater fr den Ausweg, da Armgart, die
zwar nicht zu den Deutschkatholiken bertreten, wol aber mit Freuden in die
Gegenden der Elbe mitziehen wollte, wohin die Aeltern gingen, die Mhseligkeit
dieser Irrfahrten nicht theilen, sondern nach Kocher am Fall zum Onkel
Dechanten, zur lange schon krnkelnden Tante Glpen, ziehen sollte ...
    Armgart erfllte dies Gebot der Aeltern und zog nach Kocher am Fall ...
    Hier war sie denn des mit dem freudigsten Willkommen! sie aufnehmenden
Dechanten letzte und wrdigste Nichte ... Tante Glpen hatte sie nicht aus dem
Wochenblatt verschrieben, hatte sie nicht auf fremde Empfehlung in die Dechanei
geschmuggelt ... Sie war in Wahrheit eine nahe Verwandte und gab der immer
schroffer gewordenen Beurtheilung gegen den Dechanten keinen Ansto ... Franz
von Asselyn erklrte, sich auf seine letzten Lebenstage keiner solchen
Eroberung mehr gewrtig gewesen zu sein ... In dieser holden uern Anmuth
besa er alles, was seinem Auge, in Armgart's innerm Wesen, was seinem Herzen
wohlthat ... Da waren einige gute Elemente der Feuernatur Lucindens ohne die
verheerenden Folgen derselben; da war die ewig dienende Natur Angelika Mller's
ohne deren trockene Regelmigkeit ... Da hatte er eine der Seelen, von denen er
sagte: Die gehen in solche kleine Vgel ber, wie sie unter meinem Baum am
Fenster nisten! ... Von Armgart's Seelenwanderung versprach er sich vorzugsweise
den Besuch seines Grabes, von dem er oft und gern sprach ... Er war gerstet,
tglich hinabzusteigen ... Die Aufregungen der letzten Jahre waren fr ihn zu
mchtige gewesen ... Seine heitere Laune kam schon seltener und whrte nicht
lange ...
    Whrend nun der Oberst unter den mannichfachsten Bedrngnissen in
Deutschland umirrte - in Magdeburg lsten sich bald die angeknpften
Verhltnisse - und sich zuletzt, ermdet durch die gnzlich durch den
Protestantismus selbst zerstrte Hoffnung auf eine groe geschichtliche Bewegung
der Geister, nach der Schweiz begeben hatte, verlebte Armgart noch einige Jahre
in Kocher am Fall ... Die Eindrcke hier waren nicht immer erhebend ... War auch
die Verbindung mit allen den ihr werthen und theuren Menschen gerade durch die
Dechanei die lebhafteste, so erfolgten doch selten Mittheilungen, die eine wahre
Freude verbreiten durften ... Die schmerzlichsten von allen betrafen Benno ...
Sie waren so trb, da selbst Thiebold nur einmal nach Kocher kam ... Einmal
hatte sich Thiebold mit der ganzen Liebe und Hingebung seines Gemths, wenn auch
wie immer als nrrischer Kerl sich einfhrend, einige Tage zum Gast der
Dechanei gemacht, hatte, ber sich, als Mann, fast schamroth, die Reife
Armgart's, ihre vorgeschrittene Bildung, die Sammlung ihres Charakters
bewundert, hatte italienische Anekdoten, Reiseabenteuer erzhlt, von Nck
berichtet, dem in Italien, andere sagten im Orient Verschollenen, hatte von
Schnuphase, der eine Pilgerfahrt zum heiligen Grabe mit Stephan Lengenich und
mehreren andern Erleuchteten bezweckte, erzhlt - aber die Art, wie er von
Benno's italienischer Nationalisirung, von den Erlebnissen in Rom, vom
gegenwrtigen londoner Wirken und Treiben Benno's als eines mit Gott und der
Welt zerfallenen Sonderlings und Grillenfngers sprach, berhaupt als von einem
Menschen, den man nach dem allerdings bedauerlichen Ende der Gebrder Bandiera
gar nicht mehr wiedererkannte - alles das sagte genug, um sein einziges - das
dann etwas deutlich gegebenes Wort zu verstehen: Als wir ja damals fr immer
Abschied nahmen in der westerhofer Kapelle! ... Armgart lchelte zustimmend,
sie verstand, was Thiebold mit fr immer sagen wollte ... Thiebold war dann
nach dem kocherer Besuch gleich nach London gegangen, wo er oft monatelang
verweilte ... Von dem Luxus und den Extravaganzen Olympiens konnte sein Bericht
nicht genug erzhlen ... Drei Briefe von Olympien wurden ihm nach Kocher mit
einem Carissimo nach dem andern nachgeschickt ...
    Fr Armgart gab es in Kocher Zerstreuungen der in Wehmuth erbangenden Seele
an sich genug ... Darunter freilich auch die erschtterndsten ... Der Onkel
wollte noch einmal vor seinem Ende nach seinem geliebten Wien, wohin ihn die
Curatverhltnisse des Doms von Sanct-Zeno riefen - da starb an einer Erkltung
Windhack ... Und als fr das alte treue, gelehrte Factotum der Versuch mit einem
neuen Diener gemacht werden sollte und der Dechant dabei blieb, reisen zu
wollen, kam aus Wien die Nachricht, sein alter wrdiger Gastfreund, Chorherr
Grdner, wre dem sterreichischen Landesspleen erlegen und htte sich erhngt
... Die Schrecken mehrten sich dem tieferschtterten Greise; Frau von Glpen
that des Nachts, wo sie schon sonst um jedes kleine Gerusch aufstehen konnte
und nun nicht mehr den Lolo als Fhrer hatte und berall ihre Schwester, die
Hauptmnnin, und ihren Mrder, den Hammaker, sah, und dennoch das nchtliche
Rumoren und Wandeln und Pochen an alle Thren, ob sie auch gut verschlossen
wren, nicht lassen konnte, einen unglcklichen Fall - woran sie starb ... Und
wenige Monate darauf legte sich auch der Dechant und hauchte seine edle Seele in
Armgart's Armen aus ...
    Sein Testament hatte Franz von Asselyn schon lange gendert und sein
ansehnliches Vermgen in drei Theile zerlegt, fr Bonaventura, Benno und Armgart
... Benno, in einem Briefe Thiebold's, und Bonaventura, in directer Zuschrift an
Armgart, verzichteten zu ihren Gunsten ... Armgart war nun ein
vierundzwanzigjhriges wohlhabendes und mit einer auch von Heiligenkreuz sich
mehrenden Rente ausgestattetes Stiftsfrulein ...
    Alle diese erschtternden Vorgnge erlitten diejenigen Unterbrechungen, die
das Traurige haben - andere sagen das Gute -, das Leben selbst beim grten
Schmerz immer noch ertrglich und anziehend zu machen ... Die Sonne leuchtete
auch so und die Blumen blhten auch so ... Fr Armgart gesellte sich zu den
Zerstreuungen der Dechanei, zu kleinen Reiseausflgen, zu Briefen von nah und
fern und zu jenen Fortschritten der innern Bildung, die uns sogar selbst
berraschen und erfreuen drfen, die Steigerung des Interesses, das an ihrer
Person genommen wurde ... Mancher Offizier mit dem flatternden Husarendolman
ritt im Park der Dechanei tglich die Schule, um nur von ihren Fenstern aus
beobachtet werden zu knnen; mancher junge Beamte interessirte sich fr die
alten Mpse und Papagaien der in Kocher lebenden Honoratioren, um nur auch bei
ihren Kaffees zuweilen der interessanten jungen Stiftsdame zu begegnen ...
Armgart blieb jugendlich wie ihre Mutter, wenn sie im Geist auch schon eisgraue
Haare hatte und ber die Rosenzeit des ersten Mdchenfrhlings hinweg war ...
Sie gehrte dem Leben an, wo es sich nur regte, nicht um seine Freuden zu
genieen, sondern um seine Rthsel zu belauschen und seine Aufgaben zu lsen ...
Am liebsten wandelte sie mit dem Onkel, wie er in seinen letzten Tagen liebte,
ber den Friedhof ... Schon lange und seit dem Tode Windhack's und der Mutter
Glpen sagte der Onkel nicht mehr: Der allein richtige Gattungstrieb des
Menschen ist der, leben zu wollen; kommt der Tod, so ist er da und es kann ja
auch einmal eintreffen, da gerade unsereins den Beweis fhrt, da das
Sterbenmssen seit Jahrtausenden nur ein bloes Versehen der Aerzte gewesen! Die
Wissenschaften machen so auerordentliche Fortschritte! ... Diese
Lebensfreudigkeit, sonst auch zu Benno und Bonaventura ausgesprochen, hielt im
letzten Jahre nicht mehr Stand ... Er liebte die Grber und las ihre Inschriften
... Aus jeder ihrer goldenen Lettern hrte er seine eigene Grabschrift heraus,
bestellte sich, wie er die seine haben wollte, und sah im Geist die Leute an
einer solchen Stelle eines kleinen Kreuzgangs hinter dem Sanct-Zeno stehen und
lesen: Hier ruht in Gott - Nun setzte er wol hinzu: Der alte Narr, der - ...
Eine Selbstkritik folgte ... Alles das plauderte er im langsamen Gehen und
bestellte sich in der Nhe des einst ihn im Kreuzgang deckenden Steines Rosen
und Vergimeinnicht ... Armgart erfreute ihn dabei durch Eines - durch jenes
grndliche Eingehen auf seinen Tod und sein Begrbni - eine Tugend, die viel
besser wirkt, als ein ewiges Weg- und Ausredenwollen des Sterbens ... Darin
kann ich Karl V. ganz verstehen, da er sich Probe begraben lie! sagte sie ...
    Des Dechanten Hauptbeschftigungen im letzten Lebensjahr waren seine Briefe
mit Csar von Montalto und Bonaventura ... Armgart erfuhr wenig von ihrem Inhalt
- aus den von Italien kommenden nur das, was Paula und Grfin Erdmuthe betraf
... Oft fuhren Onkel und Nichte zusammen nach Sanct-Wolfgang, besuchten das
Pfarrhaus, auch das erbrochene, jetzt wohlerhaltene Grab des alten Mevissen ...
Ja noch ein Studium nahm der Dechant in seinem letzten Lebensjahre vor, die
italienische Sprache ... Oft sprach er von Bonaventura's Vater und versenkte
sich in dessen Entwickelungsgang. Als Paula einmal schrieb, sie lerne
provenalisch, die Sprache der Troubadours, rhmte der Dechant seinen
verstorbenen, im Schnee des Sanct-Bernhard so elend verkommenen Bruder, der
in seinem immer romantisch gewesenen Jugendsinn auch diese Sprache sich
angeeignet htte vom dritten Bruder Max, dem Offizier, dem Adoptivvater Benno's,
der die Kenntni derselben aus dem sdlichen Frankreich und den Pyrenen
mitbrachte ... Er las die Minnesnger und verga seine Acten! sagte der Dechant
trumerisch von seinem Bruder Friedrich ... Es war ein Thema, ber das er in ein
langes, seltsames Schweigen verfallen konnte ... Ueber Benno's Ursprung wurde
wenig gesprochen ... Die Erinnerung an die falsche Trauung im Park von
Altenkirchen war dem Greise zu unheimlich ...
    Kurz vor seinen letzten Stunden raffte der Greis noch den Rest seiner Kraft
zusammen und lie sich ber mancherlei in einem langen Briefe an den Erzbischof
von Coni aus, den er schon theilweise Armgart dictiren mute ... An gewissen
Stellen nahm er selbst die Feder und lie Armgart nicht lesen, was seine
zitternde Hand geschrieben ... Er verbreitete sich ber alles, was noch in
Bonaventura's Leben, nach seinem Wissen, unaufgelst und zu verklingen brig
blieb ... Auch die Losung: Fiat lux in perpetuis! wiederholte sein
entschwebender Geist still vor sich hinmurmelnd ... Armgart schrieb mit
Erstaunen und schon an Irrereden glaubend: Nun wrde er diese Worte nicht mehr
unter den Eichen von Castellungo, sondern im Vorhof der Seligen hren; sein Hu-
und Savonarola-Scheiterhaufen wrde die luternde Flamme des gelsten
Weltenrthsels sein! Sollte Bonaventura noch einst, dictirte er, den Eremiten im
Silaswalde sehen, so mg' er ihm sagen: Im Leichenhause des groen
Sanct-Bernhard htte auch er eine neue Offenbarung ber Gott und die Welt
gefunden - - Da besann sich der Greis und stockte ... Er lie sich die Feder in
die Hand geben und versuchte selbst weiter zu schreiben ... Die Hand versagte
den Dienst ... Armgart mute noch den Brief vor seinen Augen verschlieen und
dann sorgsam siegeln ...
    Man senkte den Greis unter die kalten Steine des Kreuzganges, pflanzte aber
um die Oeffnung des Bogens, der in den Friedhof fhrte, Rosen und
Vergimeinnicht ...
    Beda Hunnius, auf dem nun ganz von den Jesuiten eroberten Terrain, auch
jenseits der Elbe, wieder zu Ehren gekommen, wurde sein Nachfolger ... Zu seinem
Kaplan machte sich dieser neue Dechant den in Lttich erzogenen Schifferknaben
von Lindenwerth, den Thuriferar von Drusenheim, Antonius Hilgers ... Der Arme
hatte die ganze Erziehung und Abrichtung erhalten, wie sie Rom fr seine
Priester beansprucht ... Er war noch rgerer Zelot als Mllenhoff ...
    In dem schweren Amt der Bestattung und der Uebernahme der Hinterlassenschaft
fand Armgart Beistand und berwand alles voll muthiger Entschlossenheit, noch
ehe ihr Vater zu ihrer Hlfe aus der Schweiz herbeigeeilt kam ... Armgart hatte
ganz Kocher zu Freunden ... Ihre Maxime war, bei jedem, der ihr etwas zu haben
schien, still zu stehen und zu fragen: Ist etwas zwischen uns? ... Das konnte
sie selbst dem hmischen Hunnius gegenber, der mit ihr wie mit jeder Nichte
der Dechanei gegen deren Bewohner zu conspiriren suchte ... Sie erfreute ihn
durch ihre Empfnglichkeit fr seine geistliche Poesie ... Die Dichterapotheke
von Weihrauch, Myrrhen, Narben, Alo und hnlichen Spezereien, die so stark aus
seinen Versen stank, wie der Onkel sagte, erinnerte sie doch noch immer an die
Zeit ihrer ersten Jugend, wo sie den Rosenkranz mit seinen fnf schmerzhaften,
fnf freuden- und fnf glorreichen Geheimnissen in alle Himmel ausgebreitet sah,
die Sonne als Monstranz und die Seelen als beflgelte Kreuze dem groen Herzen
Gottes mit der lodernd ber ihm thronenden Flamme zufliegend ... Die Zeiten
dieser Anschauungen waren freilich auch bei ihr vorber ... Nur hielt sie an
ihrer allgemeinen Stimmung fest und die blieb eine gebundene - schon um Paula's
willen, die ihr in der Ferne wie eine leuchtende Glorie, ein Ziel der Sehnsucht
und heiesten Wnsche verblieb ...
    Unter den Beileidbezeugenden erschien auch Lb Seligmann ... Er war ja so
engverbunden der Dechanei, so engverbunden auch den Geheimnissen von Westerhof,
von Kloster Himmelpfort und Schlo Neuhof ... Seitdem man allgemein wute, da
Benno von Asselyn der Spro einer ruchlos geschlossenen Ehe des Kronsyndikus
war, hatte endlich auch Lb seine Miene vertraulicher Protection gegen den
Dechanten gemildert ... Diesem hatte er sich wirklich eines Tages ganz
offenbart, als er gerade von Reisen zurckkehrte und auch voll Wehmuth Veilchen
Igelsheimer auf den Friedhof hatte tragen helfen ... Sein Auge weinte ... Die
sanfte Zimmerblume war an ihrer stillen Hektik dahin gegangen und hatte den
rauhen Nathan von ihrem Husten befreit, den ihre zarte Schonung, sagte Lb, sich
nur des Nachts gestattete! Am Tag, da hielt sie jeder unter den lachenden Masken
und bunten Schellenkappen fr wohlauf und gesund ... Bis zum letzten Augenblick
hatte Veilchen zum Carneval des Lebens gescherzt - und selbst noch im Tode
waren ihre langen Locken so schwarz wie in ihrer Jugend geblieben, wo sie in
eben diesem Park der Dechanei Spinoza kennen gelernt ... Der Dechant, nicht
wenig erschreckend ber Seligmann's befremdliche Beichte, sagte damals zu ihm:
Auch daran trag' ich schuld, da Leo Perl diese bescheidenen Mdchentrume nicht
erfllte! ... Lb, durch und durch Trauermarsch aus Montecchi und Capuletti,
erzhlte dem Dechanten mehreremale, in mannichfachen Variationen, was ihn das
Schicksal in Schlo Neuhof belauschen lie ... Er gab aber die Brgschaft seiner
Discretion frs ganze Leben und hatte gleich alles doppelt erzhlt, gleich auch
fr die, vor denen er zu schweigen gelobte ... Armgart wurde die besondere
Flamme Lb's ... Wie oft auch besuchte sie die noch lebende Hasen-Jette und
hrte dort die Neuigkeiten - ber ein seidenes Kleid, das Frau Treudchen Piter
Kattendyk schickte, ber die in Rom eine Grfin gewordene damalige Lucinde
Schwarz, von der auch Veilchen noch oft gesprochen htte, ber die Barone von
Fuld, die den Seligmann zuweilen noch in Drusenheim sahen, aber nicht mehr zum
Speisen einluden, ohnehin, seitdem sie die Rothschilds strzen wollten; vor
allem aber die Entzckungen der glcklichen Mutter ber David, ihren Sohn ...
David Lippschtz war auf die Beine gekommen, hatte Schulen, hatte schon einige
Jahre die Universitt besucht und war bereits ein berhmter Dichter ... David
Lippschtz und Percival Zickeles in Wien vertraten vorzugsweise diejenige
neueste lyrische Schule, der es die Loreley angethan hat ... Allerdings
kostete diese Liebe zur Nixe des Rheins dem Onkel Seligmann viel Geld ... Monat
fr Monat gingen seine mit einem frommen Jehova beschriebenen
Zehnthalerscheine (ein bekannter jdischer Heck-, Vermehrungs- und
Verlustabwendungs-Segen) in die Ferne und suchten den David unter nordischen
Tannen und sdlichen Palmen, tiefunten am Kyffhuser beim schlummernden Rothbart
oder auch dort oben auf luft'gen Hh'n, wo Adler die Nester sich bau'n, und
hnlichen halsbrechenden Adressen auf ... Dafr war aber auch David Lippschtz
mit Percival Zickeles der Trger der neuesten Romantik, blies mchtig des Knaben
Wunderhorn in allen Zeitschriften und sorgte dafr, da dem deutschen Volk seine
Nixen, Zwerge, Held Siegfried, sein Ritter Tannhuser, vor allem aber die
Anerkennung solcher Bestrebungen nicht abhanden kam ... Ja Beda Hunnius sogar
blieb zuweilen auf dem Markt in Kocher am Fall stehen und fragte die ihm
begegnende Hasen-Jette: Ja, ist denn das da wirklich euer - es folgte ein
intolerantes und liebloses auf Reinlichkeit gehendes Eigenschaftswort - euer
David, der jetzt soviel die Nixe belauscht, so ihr Goldhaar strhlt mit dem
silbernen Kamm? ... Die Mutter, allerdings gedenkend, wie ungern ihr David sonst
sich kmmen lie, besttigte leuchtendes Auges die volle Identitt ... Die
reiche Frau Piter Kattendyk, weiland Treudchen Ley, erzhlte sie, htte den
David auch in Wien - Piter, noch im Bruch mit seiner Familie, war meist auf
Reisen - zur Tafel gehabt ... Eine solche Hunnius'sche Anrede wirkte dann
unten im Ghetto von Kocher am Fall mit einem spt verklingenden Echo als
belohnender Ersatz fr all die Summen, die der Onkel auf die Lnge nicht mehr
ganz mit dem Humor in die grnen Fluten warf, mit dem er sonst beim Rasiren die
Barcarole sang: Werft aus das Netz gar sein und leise ...
    Der brave Grtzmacher war nach der Gegend von Jterbogk zurckversetzt
worden und wohlbestallter Schleusenmeister an einem jener Kanle, die Elbe und
Oder verbinden ... Und Major Schulzendorf hatte das eigenthmliche Loos gezogen,
eine groe Strafanstalt fr sittliche Verwahrlosung zu dirigiren, die zu den
Werken der Innern Mission gehrte, jener bekannten, hier offen, dort geheim
wirkenden Bundesgenossenschaft der Jesuiten ... Einer seiner Shne, der die
Rechte studirt hatte, war bereits bis zum Prsidenten eines Regierungsbezirks,
als Nachfolger des Herrn von Wittekind-Neuhof, avancirt ... Dieser kluge Mann
hatte die Gewohnheit gehabt, auf Reisen, selbst an offner Table-d'hte, vor der
Suppe erst die Hnde zu falten und zu beten ... Diese Gewohnheit wurde in den
magebenden Kreisen bekannt und so wohl aufgenommen, da man ihn in seiner
Carrire einige Zwischenstufen berspringen lie ...
    Oberst Hlleshoven nahm nach des Dechanten Tode seine Tochter mit nach der
Schweiz, wo er und Hedemann, soweit letzterer noch konnte, sich in industriellen
Unternehmungen zu bewhren suchten und Monika jede Aufforderung ergriff,
theilzunehmen an irgendeinem Werk der Gesinnung und der auch den Frauen
gestatteten ffentlichen Bewhrung ... Sie hatten abwechselnd in
Basel-Landschaft, dann im Aargau, zuletzt am Genfersee gewohnt ... Der Oberst
leitete Ingenieurarbeiten fr die schweizerische Armee; Hedemann bebaute mit
Porzia's Hlfe das Feld; Monika reiste viel; sie hatte zuletzt eine groe
Vorliebe fr Genf und die calvinistischen Anschauungen ... Da sie sich das
Denken durch eine immer weiter gehende Vertiefung in Christus vereinfachen zu
mssen erklrte, war theils die Rckwirkung Hedemann's, theils der auch jetzt
nicht nachlassende Trotz gegen Armgart ...
    Der unruhige Sinn der Aeltern ging glcklicherweise im gleichen Takt; uneins
mit der Welt und der Zeit, waren sie doch einig mit sich ... Sie kauften jetzt -
in jener Hast, die Monika eigen war - mit Armgart's bedeutendem Gelde sofort
eine herrliche Besitzung, die Armgart gehrte, dicht am Genfersee ... Es war das
Schlo Bex, das einem Patricier Berns gehrt hatte - dicht in der Nhe jenes
Waldes, wo sich im Jahr 1689 von den aus ihren Thlern in Italien mit Feuer und
Schwert vertriebenen Waldensern 900 wieder sammelten und unter Heinrich Arnaud's
tapferer Fhrung jenen Heldenzug ber den Genfersee, durch Savoyen hindurch und
zurck in ihre heimatlichen Thler unternahmen, eine Unternehmung, die nach dem
Aufgebot zweier Truppencorps Ludwig's XIV. und Victor Amadeus' vollstndig vom
Siege gekrnt wurde ...
    Als sie das Schlo bezogen, entdeckte man freilich hundert Fehler und htte
es gern wieder veruert ... Aber Armgart sagte nun: Ihr reit euch gleich das
Bein ab, wenn euch der Schuh drckt! ... Sie drang darauf, das Schlo, den Park,
die schnen Weinberge mit allem, was daran schadhaft war, zu behalten ... Dabei
grenzte sie sich ihr Leben eigenthmlich streng von dem der Aeltern ab ... Sie
hatte ihre eigenen Zimmer, Freitags ihre eigene Mahlzeit, manchen Abend sogar in
ihrem Flgel Gesellschaft fr sich und die Aeltern eine andere in dem ihrigen
... Der Ton war mild, oft innig ... Die Aeltern wuten, was im Innern ihres
Kindes zu schonen war und woher sie den Anla zu ihrem jetzt schon eigenthmlich
gehaltenen, allmhlich sogar sprden und ablehnenden Wesen nahm ... Benno von
Asselyn, berall anerkannt als Halbbruder Friedrichs von Wittekind und demgem
mit Lebensgtern reich gesegnet, verweilte nach wie vor als Csar von Montalto
in London - bei ihm die Mutter und die Frstin ...
    Diese Existenz whrte einige Jahre, bis eine unerwartete Wiederbegegnung den
schon mchtig hereinzubrechendrohenden Stillstand und Abschlu in Armgart's
jungfrulichem Leben unterbrach und berhaupt die Schicksale der ganzen kleinen
Colonie wieder in neue Bewegung brachte.

                                    Funoten


1 Thatsache.


                                       3.

Eines Winterabends herrschte auf Schlo Bex eine groe Aufregung ...
    Sie galt einer Karte, die man, heimkehrend von einer Thalfahrt an den See,
auf dem groen grnverhangenen, von einer brennenden Ampel beschienenen Tische
des Eintrittsvestibls vorgefunden hatte, wo regelmig die Karten der
inzwischen dagewesenen Besucher niedergelegt wurden ...
    Der Baron Wenzel von Terschka lautete die Aufschrift ...
    Dazu sein Wappen und die mit p.f.v. bezeichnete Ecke eingebogen ...
    Terschka! ... rief Monika erstaunt und reichte Armgart die Karte ... Der
lebt noch! ...
    Seit lange hatte man von ihm nur gehrt, da er nach Amerika gegangen war
...
    Armgart, die nun schon ber die Mitte der Zwanzig gerckte schlanke,
stattliche Herrin von Schlo Bex, schlug ihren Schleier auf, der sie beim
Heimfahren im offenen Wagen gegen die rauhe Winterluft geschtzt hatte, und sah,
so errthet sie war, sogleich erblassend auf die Karte, die in ihren Hnden
zitterte ...
    Erregt ergriff auch der Oberst die Karte ... Dster drckte er die
Augenbrauen zusammen und wiederholte mehrmals:
    Ist der aus Amerika zurck! ...
    Armgart hatte den Abend fr sich allein sein wollen ... Es war der 28.
Januar, der Tag der heiligen Paula ... Sie hatte ihren Kalender, den sie auf
eigene Art einhielt ... Schon freute sie sich auf die Wrme ihres Zimmers ... Am
Kamin wollte sie sitzen, ihren Thee fr sich allein nehmen, ihre alten
Angedenken hervorsuchen und ber den Montblanc hinweg so stark und lebhaft nach
Castellungo und Coni, wo Paula mit ihrem Gatten in Bonaventura's unmittelbarer
Nhe wohnte, hinberdenken, da Paula, dachte sie, sie sehen mte ... Schon
hatte sie sich ausgemalt, wie zu gleicher Zeit, whrend die Uhr ber ihrem Sopha
tickte, Paula den Brief las, den sie ihr zu ihrem Namenstage geschrieben ...
Vielleicht war der, wie man hrte, in viele Hndel verwickelte Erzbischof bei
ihr ... Schwerlich die alte Grfin ... Aber gewi alle Freunde und Verehrer, die
einer so hochgestellten Dame, wie Paula, auch dort nicht fehlen konnten ... Sie
hatte in jenem Briefe von Sancta-Paula geschrieben, jener rmischen jungen
Witwe, die sich von ihren Kindern trennen konnte, um die Sttten Jerusalems zu
sehen und mit Hlfe des heiligen Hieronymus ber dem Grab Christi ein Kloster zu
bauen ... Und um so lieber trumte sie von jenem eigenthmlichen Verhltni, in
dem ihre Lieben dort lebten, als sich vieles davon aus Paula's Briefen doch nur
zwischen den Zeilen ersehen lie und der immer und immer besprochene endliche
Besuch des Thals von Castellungo seine Mislichkeiten bot ... Ohne die Aeltern
mochte sie nicht gehen und mit ihnen hatte es der religisen Differenzen wegen
ebenso seine Schwierigkeiten, wie in Rcksicht auf den Vater, der mit Paula im
magnetischen Rapport gestanden hatte ... Diese Zustnde hatten in Italien
abgenommen; aber Grfin Erdmuthe, so sehr sie die Familie der Hlleshovens
schtzte und liebte, schien eine verstrkte Rckkehr derselben zu befrchten,
wenn sich ihrer Schwiegertochter wieder die alten Elemente ihres Umgangs
nherten ... Die alte Grfin trug schon schwer genug an Bonaventura, den sie
lieber ganz gemieden htte, wre nicht einst sein Eifer so muthvoll fr ihren
Eremiten aufgetreten ... Die Reise ber die Alpen war unter solchen Umstnden
nur ein Sehnsuchtsziel der Familie geblieben ...
    Dies stille Abendtrumen mute sich Armgart nun versagen ... Denn mit dem
Namen Terschka zog Beunruhigung ins ganze Haus, Schrecken vorzugsweise in ihre
eigene Seele ... Ein eisiger Winter war es wieder ... Sie sah sich wie damals im
frosterstarrten Walde zwischen Westerhof und ihrem Stifte, sah an ihrer Seite
den dmonischen Schmeichler, von dem sie damals mit Recht geglaubt hatte, da er
die Mutter berckte ... Ein Schauder ergriff sie in Erinnerung an ihr Gelbde,
an ihr Suchen der Gefahr, an ihre Hingebung an diesen Mann ohne jede Spur der
Neigung, an alles, was sie um ihn verloren und freiwillig geopfert hatte ...
Wieder in ihrer Nhe dieser Schein der Harmlosigkeit, diese leichte zutrauliche
Manier, die nichts begehren zu wollen schien und eben deshalb sogleich alles
besa? ...
    Vater und Mutter, die sich mit politischen Dingen deshalb ausdrcklich nicht
befaten, weil ihrer religisen Richtung vorgeworfen wurde, da sie nur die
maskirte Revolution wre, hatten nichts mehr ber Terschka's Leben und Treiben
vernommen ... Nur das eine war ihnen zu Ohr gekommen, da Terschka in
irgendeiner Weise, welche, wuten sie nicht, sogar mit dem Untergang der Brder
Bandiera in Verbindung stand, einem Ereigni, an dem der Oberst den
schmerzlichsten Antheil nahm, da ihm in Amerika der Vater der Jnglinge bekannt
geworden war und durch Thiebold auch dessen an Benno aufgetragenen Gre ihm
ausgerichtet wurden ... Noch hatte man vernommen, da Terschka in dem Augenblick
London verlie, als Benno dort ankam ... Eine groe Geldsumme, die ihm spter,
als er wieder zurckgekehrt war, von Witoborn aus zugekommen sein sollte, mute,
glaubte man im engern Kreise des Obersten, vom Prsidenten auf Neuhof herrhren,
der mit ihm ber die Enthllungen der zweiten Heirath seines Vaters schon
lngere Zeit in nherer Verbindung stand ... Dann war er nach Amerika gegangen
...
    Monika konnte nie wieder ganz das Bild jener wiener Zeiten bannen, wo Graf
Hugo und Terschka so heiter und sorglos verkehrten, die alte Grfin trotz erster
Abneigung gegen Terschka fr ihn schwrmte, ja sie selbst von ihm mit einer
Leidenschaft verehrt wurde, die ihr Herz in Unruhe, ihre Entschlsse in
Schwankungen versetzte ... Da Terschka, der schon immer und immer mit dem
Uebertritt umging, wie Monika selbst, die Hoffnungen auf ihre Gegenliebe damals,
als er Armgart und deren frmliches Sich-ihm-anbieten, um die Mutter von ihm
abzuziehen, kennen gelernt hatte, aufgab, schien ihr natrlich zu sein; eine
alte Theilnahme lscht sich im Frauengemth nie aus; wo sie einmal Partei
genommen, sind ihre Entschuldigungen unerschpflich ...
    Nur Armgart, die nun schon wieder ganz allein in ihrer Abneigung zu stehen
frchtete, sagte: Er hat irgendeine Schuld auf seinem Gewissen! Diese jagt und
verfolgt ihn! Diese treibt ihn vom Guten auf, wenn er das Schlechte eben
verlassen hatte und das Gute lieben mchte! Diese macht ihn zum Werkzeug jedes
energischen Willens, der ihm imponirt! ...
    In ngstlicher Spannung saen sie beim Thee; der Sturm mehrte sich, manche
Zweige an den chzenden Pappeln, die in nchster Nhe des Schlosses standen,
brachen ... Jeden Augenblick, glaubte man, mte die Glocke an der
Eingangspforte gezogen und Terschka's Rckkehr gemeldet werden ...
    Es wurde neun, zehn Uhr ... Schon wollte man zur Ruhe gehen, da zog es an
der Glocke ... Es war eine weibliche Stimme, die sich hren lie ... Porzia
Hedemann kam noch so spt aus ihrem dem See nher gelegenen Huschen ... Sie
hatte sich nicht berwinden knnen, ihren theuren Gnnern und Beschtzern noch
von einem Besuch des Barons von Terschka zu erzhlen ... Freude strahlte aus
ihrem Auge und ergnzte ihre gebrochene deutsche Rede ... Terschka hatte in
gewohnter Weise die Spuren seines Erscheinens sogleich angenehm bezeichnet,
hatte von Mitteln gesprochen, die unfehlbar die kranke Brust Hedemann's heilen
mten ... Alle Zauber Amerikas breiteten sich schon um ihn, als nun auch der
Oberst einrumte, die Indianer besen Heilmittel, von denen sich die Weisheit
unserer Aerzte nichts trumen liee ... So schwebte schon Terschka, noch ehe man
ihn wiedersah, in dem gewohnten Nimbus seiner Liebenswrdigkeit ...
    Am folgenden Tage erschien er in der That ...
    Er war in Genf abgestiegen, kam in einem Einspnner dahergeflogen, den er
selbst fhrte, und sah in seinem schnurbesetzten Pelzrock, von Wetter und Sturm
gerthet, trotz seiner fnfzig Jahre, noch immer ganz stattlich aus ... Die
kleinen Formen des Siebenmonatkindes konnten eher, als plastischer ausgebildete,
durch die Jahre zusammengehen ... Sein Auge hatte das alte lebhafte Feuer; sein
kurzgeschnittenes Haar war, trotz der Bengstigungen, die sein Gemth die Reihe
von Jahren hindurch schon ausgestanden haben mochte, nur von einem leichten
Hauch der Verwandlung in Grau berflogen ... Mit einer Unbefangenheit gab er
sich, als setzte die Gegenwart die nur kurze Zeit unterbrochen gewesene und
vllig ungestrt gebliebene Vergangenheit fort ...
    Die befangenen Mienen des Obersten klrten sich auf, als Terschka mit
Begeisterung von Amerika sprach ... Monika sah in jeder Freude ihres Gatten ihre
eigene und schrte dies Behagen ... Vom frhern Jesuiten, von der Umwandelung in
einen Protestanten, vom Freunde der italienischen Emigranten konnte um Armgart's
willen nicht lange die Rede sein ... Diese noch unverheirathet zu finden, sagte
Terschka, berraschte ihn nicht, denn er htte sie und ihre Familie auch
jenseits des Oceans nicht aus dem Auge verloren ... Sein Wesen blieb harmlos;
nicht eine Miene verrieth: Du liebtest einst diese Mutter, deren Locken nun
immer silberner geworden! Und wie nahe warst du, auch die Tochter, diese immer
noch blhende, schne, reiche Herrin von Schlo Bex die Deine zu nennen! ...
    Hedemann wurde gerufen ... Trotz seines Sterbens in Christo kam er
neubelebt ... Porzia war hoch in der Hoffnung und der Gedanke des Todes, sonst
ein ihm so lieber und vertrauter, erfllte ihn jetzt mit Trauer ... Terschka
versprach, ihn seines Mittels wegen zu besuchen ... Im Plaudern hatte er eine
noch auffallend genaue Kenntni aller Verhltnisse und Personen, mit denen er
sonst gelebt, verrathen und bedurfte darber keines Unterrichts, den er eher
noch selbst ertheilen konnte ... Ohne Schrfe lie er zuweilen und wie zufllig
eine Anspielung auf den natrlichen Sohn des Kronsyndikus, Csar von Montalto,
oder auf die Frstin Rucca fallen ... Er bertrieb, bei Gelegenheit des Grafen
Hugo, das Princip der Dankbarkeit, sagte aber auch, in Anspielung auf Benno's
Dankbarkeit fr seine Befreierin, die Frstin Olympia:
    Meine Damen, als ich noch ein Jesuit war, kam im Colleg zu Rom die Frage auf
die Dankbarkeit ... Wir trieben Moral nach allen mglichen Unterscheidungen hin;
aber von Dankbarkeit war wenig die Rede ...
    Seid dankbar in allen Dingen, denn das ist der Wille Gottes in Christo Jesu
an euch! sagte Hedemann und freute sich der vorgefhrten Bilder aus der alten
Zeit Witoborns ...
    Das ist aber die Dankbarkeit nicht, nahm die streitschtige, schon
auerordentlich angeregte und ein gewhltes Mittagsmahl anordnende Monika auf,
die Terschka meint ... Sie wollte hren, wie es mit Terschka's religisem Innern
stand ... Terschka hatte vom Tode Ceccone's gesprochen, der wol auch die Ursache
gewesen sein mochte, sagte er harmlos, da seine Nichte seit Jahren nicht nach
Rom zurckkehrte ... Ebenso lange war Ceccone todt - er war unter seltsamen
Umstnden gestorben ...
    Auch der Oberst achtete nicht darauf, da sich Armgart dem Fenster zuwandte;
er sah nur und freute sich dessen, wie geheimnivoll seine Frau fr den
Mittagstisch sorgte ...
    Und seid gewurzelt und erbaut in ihm und seid fest im Glauben, wie ihr
gelehrt seid, und seid in demselben reichlich dankbar! wiederholte Hedemann zum
festen Zeugni, da die Bibel die Jesuitenlehrer beschme ...
    Die Mutter, whrend Armgart schwieg und am Fenster auf den See und die im
Violett strahlenden Schneeberge Savoyens blickte, wollte heute gar nicht
Hedemann's Partie nehmen und meinte, manches Verhltni des modernen Lebens,
manche Verpflichtung unserer knstlichen und unnatrlichen Verhltnisse liee
sich kaum aus der Bibel herleiten ... In diesen Gegenden, wo der Bibelglaube und
die religise Phrase fast an jedem Bissen Brot, den man in den Mund nimmt,
haftete, war Monika allerdings etwas weltlicher geworden; aber auch die
Erinnerung an die schnen Stunden, die sie in Wien verlebt, erregte sie ...
    Hedemann lie die Meinung nicht aufkommen, da die Schrift nicht die
umfassendstverpflichtende Dankbarkeit anempfhle ... David war dankbar gegen
Abjathar, den Sohn Abimelech's, der fr David gestorben ... David war dankbar
gegen Barsillai, den achtzigjhrigen, den er mit nach Jerusalem in seine Burg
nehmen wollte, weil er ihm frher in Noth gedient ... David war dankbar dem
Gedchtni Jonathan's, des Sohnes Saul's, der ihm angehangen, und rief in alle
Lande: Wo ist jemand briggeblieben von dem Hause Saul's, da ich Barmherzigkeit
an ihm be um Jonathan's willen?! ...
    Dennoch hielt Monika die Frage der Dankbarkeit in einem andern Sinne fest
und sagte:
    Die Dankbarkeit, die Terschka meint, heit nicht das Erweisen von Wohlthaten
an den, der auch uns Wohlthaten erwies, sondern die Unterordnung des eigenen
Willens und Interesses unter den Willen und das Interesse eines andern fr ein
ganzes Leben lang - ...
    Eine Stille trat darauf ein ... Terschka geno ihre Wirkung und sagte, so
htte er sich allerdings dem Grafen Hugo hingegeben und ganz von ihm regieren
lassen ... Unsre Professoren auf dem Collegium, fuhr er fort, lieen wenigstens
nicht mit offnen Worten, aber halt ziemlich deutlich keine Dankbarkeit gelten,
die eine eigene Benachtheiligung voraussetzte ... Den Vortheil, den sie auf alle
Flle gewahrt wissen wollten, nannten sie die eigene Vollkommenheit ... Hatten
wir nicht einen ganzen Tag Disputation ber die Frage: Ist man verpflichtet,
hundert Zechinen einem Mrder auszuzahlen, der sich dafr erbot, einen Mord zu
begehen? ... Der erste Satz war natrlich: Solange der Mord nicht vollzogen ist,
kann auch von Zahlung gar keine Rede sein ...
    Man lachte ... Selbst Armgart mute es ...
    War aber halt der Mord vollzogen, fuhr Terschka fort - wie dann, wenn der
Anstifter in den Beichtstuhl kommt und, nachdem nun sein Vortheil bereits
gewahrt ist, jetzt keine rechte Lust mehr bezeugt, die hundert Zechinen zu
bezahlen? ... Darber waren die Meinungen der Theologen getheilt ... Einige
glaubten, da das Geld, ob vor oder nach der That, wenn auch versprochen, unter
keinerlei Umstnden bezahlt zu werden brauchte ...
    Schndlich! rief Monika aufwallend ... Selbst dem Mrder mu man die Treue
halten ...
    Sie urtheilen, meine Gndigste, fiel Terschka ein, grad' wie der heilige
Liguori, der Stifter der Liguorianer, unser Schutzpatron, auch urtheilte ...
Rund und fest hat der Liguori erklrt: Die hundert Zechinen mssen dem Mrder
unter allen Umstnden bezahlt werden! ...
    Das beste Wort, das ich je von einem Jesuiten gehrt habe! fiel die Mutter
ein und setzte die Entwickelung ihrer Moral der Hochherzigkeit und des
Edelmuthes fort, bis der Oberst von der Dankbarkeit hinzugefgt hatte, da er
Beispiele aus seinem eigenen Leben kenne, wo sie manche Charaktere vollstndig
aus ihrer Bahn gelenkt htte, wo Menschen, einmal verpflichtet, nie wieder ihren
freien Willen bekommen htten, Offiziere, die das Opfer eines einmal unbedacht
geschlossenen Verhltnisses sogar mit ltern Damen geworden und elend
untergegangen wren ... Da erst verstanden denn Monika und Hedemann die
wechselnde Gesichtsfarbe Armgart's und setzten das Gesprch, dessen
Bezglichkeiten sie sich jetzt auf Benno deuten konnten, nicht fort ...
    Aber von Lucinden und einem seltsamen Zusammenhang des berraschenden Todes
ihres Gnners, des Cardinals Ceccone, wute nun Terschka Dinge zu erzhlen, die,
wenn sie auch fragmentarisch bleiben muten, weil sie fr Armgart's Ohr nicht
gemacht waren, doch die ganze Behaglichkeit verbreiteten, durch Terschka wieder
in einen Zusammenhang mit der Welt zu kommen ... Armgart hrte aus dem Flstern
nur, da Graf Sarzana gleichfalls als Flchtling in London und gleich in den
ersten Wochen seiner Vermhlung von seiner Frau getrennt lebte ...
    Acht Tage verflossen und Terschka war in dieser und hnlicher Art auf Schlo
Bex die Hauptperson geworden ... Die Mutter konnte schon sagen: Was sollte denn
nun auch werden, wenn jedem Menschen, der einmal strauchelte, der Kainsfluch
immer und ewig auf der Stirn gezeichnet bliebe! ... Warum gibt es denn keine
groen Mnner mehr? ... Weil die Keime dazu in unserer Civilisation falsch
aufblhen und leider zuweilen eher in den Zuchthusern, als in den Walhallen
reifen! ... Verpflanzt doch nur einmal unsern Herrn und Heiland in das Zeitalter
der Gensdarmen! ... Wrde Jesus von Nazareth drei Jahre haben lehren und hin-
und herwandeln knnen? ... Nicht drei Tage htte sein hochheiliges Lehramt
gedauert ...
    Von Lucinden, Grfin Sarzana, hatte Terschka, wie nun Armgart vertraulich
von der Mutter erfuhr, erzhlt, da die Klgste ihres Geschlechts das Opfer
einer Intrigue geworden war, die auch nur in Italien vorkommen konnte ... Graf
Sarzana war in der That ein Verschworener des jungen Italien, theils aus
Ueberzeugung, theils aus Rache gegen Ceccone, der seit Jahren seine Familie
entwrdigte und wahrhaft misbrauchte ... Auch ihm wollte der Cardinal die Hand
einer Frau geben, die nur ihm gehren sollte ... Hatte der Cardinal
Berechtigung, von Lucinden solche Hoffnungen zu hegen oder nicht, der Gardist
Sr. Heiligkeit ging wenigstens scheinbar auf den Vertrag ein ... Seine Rache
wollte einen erlaubten Anla haben, Ceccone gelegentlich aus der Welt zu
schaffen ... Die Ehe wurde vollzogen; der gerade in Rom anwesende neuerhobene,
glnzend gerechtfertigte, wie von unsichtbaren Armen geschtzte Erzbischof von
Coni hatte frher Grfin Paula nicht trauen knnen - aber Lucinde wollte diesen
Vorzug genieen und Terschka hatte sogar angedeutet, da Lucinde Mittel bese,
den Erzbischof zu allen mglichen Dingen zu zwingen ... Kaum hatte das
Sarzana'sche Ehepaar jenen Palast bezogen, in dem frher die Herzogin von
Amarillas wohnte, so verbreitete sich ein Gercht, der Cardinal htte bei einem
Abendbesuch in diesem Palast einen unglcklichen Fall gethan ... Blutend fuhr er
nach Hause ... Wol ein Jahr htte er sich dann elend hingeschleppt, htte sehen
mssen, wie Fefelotti seinen ihm immer mehr abgerungenen Einflu gewann und wre
zuletzt still vom Schauplatz verschwunden und sogar auerordentlich heilig
gestorben ... Bald aber nach jener Nachricht von dem unglcklichen Fall wre
Graf Sarzana heimlich aus Rom entwichen, seine Gemahlin in ein Kloster, das der
Lebendigbegrabenen, gegangen, wohin schon einmal ein dunkler Vorfall aus dem
Leben des Cardinals sich der Welt entzogen htte - ... Jetzt wisse es alle Welt,
hatte Terschka erzhlt, Graf Sarzana htte seine Gemahlin in einer Scene mit
dem Cardinal berrascht, die Thr gesprengt und auf frischer That auf ihn den
Degen gezckt ... Der Sto war nicht tdtlich und erst nach einem Jahr erlag
Ceccone den Folgen der Wunde ... Grfin Sarzana wre seitdem noch gar nicht
lange erst wieder aus dem Kloster ans Tageslicht gekommen ...
    Armgart wute freilich aus Briefen, die aus dem Thal von Castellungo kamen,
da Grfin Sarzana schon seit zwei Jahren in Genua lebte, ja sogar in Coni
erwartet wurde ... Sie sagte also: Alles das wird sich auch wol noch anders
verhalten! ...
    Ueberhaupt kannte Terschka von den Verwickelungen im Leben der
Nahebefreundeten Monika's und Ulrich's mehr, als diese in ihrem reinen Sinn
hren mochten ... Selbst Lucinden lie der Oberst, der sich ihrer wenig entsann
und von der er nur hatte erzhlen hren, das Urtheil angedeihen: Wir wissen
nicht, ob die Menschen, die sie verurtheilen, recht haben oder nicht; aber fr
soviel Unglck, als auch gerade ihr beschieden zu sein scheint, knnte sie jeden
fast dauern und ihre Erbitterung gegen die Welt gar nicht wunder nehmen ...
    An den in jener Gegend blichen Erbauungsstunden und religisen
Versammlungen, an den Streitigkeiten ber die Erbsnde und die Gnade nahm
Terschka, der nun eingebrgert blieb, ohne besonderes Interesse theil ...
Geistige Bedrfnisse lagen ihm berhaupt, wenn sie Ernst voraussetzten, fern ...
Wenn von Paris, London und Wien die Rede war, seufzte er sehnsuchtsvoll ...
Anfangs kehrte er immer wieder, wenn er Schlo Bex besucht hatte, nach Genf
zurck ... Zuweilen kam von dort mit ihm Gesellschaft, anfangs achtbare
Persnlichkeiten, die in einer mit Fremden berfllten Stadt leicht gefunden
sind ... Der einfrmige Kreis des Landlebens im Winter erhielt durch ihn
Belebung; sogar mehr, als man wnschen konnte ... Es stellte sich eben eine
Toleranz gegen den Erzhler seiner Abenteuer und Reisen wieder her, die alle
Bedenklichkeiten des Vergangenen vergessen zu haben schien ...
    Nur Armgart blieb gegen den nur zu schnell wieder zu Gnaden Angenommenen
kalt, vermied ihn, wo sie konnte, blieb, wenn er nicht noch vor Nacht nach Genf
heimkehrte, vorsichtig auf ihren Zimmern und lebte ihrer innern Welt, die sie
schon so frh verstanden hatte zu ihrem Universum zu machen ... Ein Kind, das
mit einem aus Baumrinde geschnittenen Schiffchen sich stundenlang den Ocean
trumen konnte, war sie sonst; jetzt kannte sie den groen Ocean des Lebens und
suchte auf diesem nur ihre kleinen Schiffchen ...
    Der Oberst und Monika waren im Grunde doch nur Gemthsmenschen und
entbehrten, ungeachtet ihrer steten Berufung auf den Verstand, eines scharfen
psychologischen Blicks ... Sie bersahen, da es eine Verkommenheit im Menschen
gibt, die dem Kenner selbst durch den uern Schein des grten Behagens
hindurchschimmert, wie eine nur scheinbar gepflegte Toilette durch eine
zerrissene Naht und ein nicht gehrig verstecktes Bndchen in ihren geheimen
Schden sich verrth ... Eine solche im Sinken begriffene Natur lacht und
scherzt dann und am Ueberma des Widerhalls lt sich erst erkennen, wie
innerlich alles so hohl ... Jedes Wort hrt der scheinbar so unbefangen
Sprechende dann gleichsam selbst zuerst; sein Gang ist berechnet; der Schatten,
den er wirft, ngstigt ihn ... Unruhig sucht er dann Haltpunkte und Anlehnungen
... Sie sind aber ganz wie im Zufall und wie im Traum gewhlt ... Eine
alabasterne Vase, ein Spiegel, um im Bilde zu bleiben, ist von dem
Vorsichtigsten dann zertrmmert, er wei nicht wie ...
    Fr die sich ganz ebenso zeigende tiefinnere Verkommenheit Terschka's hatte
Armgart einen klarsehenden Blick ... Whrend der Unheimliche den Vater durch
seine Stlle und seine Vorschlge fr die Oekonomie fesselte, die Mutter durch
hundert Auftrge, die von ihm fr Genf bernommen wurden, Hedemann und Porzia
durch Heiltrnke, die in der That vorbergehende Linderungen verschafften, sah
allein Armgart mit Schrecken, wie Terschka schon so im Zuge des Eingreifens in
alle Verhltnisse auf Schlo Bex war, da ihr bereits die Geldsummen verloren
schienen, die ihm anvertraut wurden ... Sie sah eine Lebendigkeit um sich her,
die sie im hchsten Grade beunruhigte ... Terschka's Genossen, jetzt
grtentheils Franzosen von unheimlichen Manieren, gingen ab und zu ... Schon
wurden Jagdpartieen arrangirt ... Oft war die Tafel, ohne irgend eine Einladung,
zwanzig Personen stark ... Der Oberst liebte die Jagd und Monika untersttzte
diese Neigung ohnehin, weil sie - sie sagte es scherzend - gutmachen wollte, da
der Anfang ihres frheren Zerwrfnisses mit ihm ein Lachen ber die Fehlschsse
des eben Erheiratheten war ... So ging es hinauf in die Schluchten der Berge,
gerade wie um Witoborn her in die Wlder ... Monika, der es an Grnden nie
fehlte, wenn etwas Inconsequentes durch Gesetze der Notwendigkeit entschuldigt
werden sollte, fand diese Bewegungen dem Gatten zutrglich, sorgend nur, da
Armgart von den Zumuthungen der Theilnahme verschont blieb ... Wohl kannte sie
Armgart's Erinnerung an jenen Tag, wo sie, todtbetrbt und die Mutter an
Terschka gebunden glaubend, sich infolge ihres Gelbdes in die grflich
Mnnich'sche Jagd strzen konnte, um fr die Erkorene Terschka's zu gelten ...
    Der Winter verstrich ... Armgart sa nicht immer mit ihren Bchern im Zimmer
... Sie untersttzte Hedemann und Porzia im Reinigen und Schwingen der
Smereien, stieg in die Keller und wahrte die Wurzelgewchse gegen ble Wirkung
dumpfer und feuchter Luft, benutzte jeden sonnigen Tag, wo der Boden der groen
Gemsegrten sich auflockert, um die Aussaat solcher Pflanzen zu leiten, denen
lngeres Verweilen des Samens im Schoos der Erde ntzt, lie die Obstspaliere
und manche freischwebende junge Pflanzung mit Stroh umhllen, untersttzte gegen
den Sturm, der oft aus dem Walliserland und vom groen Sanct-Bernhard her mit
Ungestm wehte, die jungen Obstbume mit krftigen Stecken, lie die Weinstcke
niederlegen und gerade wenn ihr Blumengarten dicht voll Schnee lag, sete sie
die ersten Boten des Frhlings, Primeln und Aurikeln - ihr Same darf die Erde
nur leise berhren, nicht in sie eindringen - ... Bei diesen Beschftigungen,
auch beim Pflegen der Hyacinthen, die in ihren Zimmern, wie ehemals bei Paula,
die grnen Keime ansetzten, trug sie ihr seltsames Lebensloos und gab, wie in
einem spanischen Gedicht, das Bonaventura auf Westerhof einst ihr und Paula
vorgelesen, Des Grtners Lohn - auf die Frage:

Herr, unter Steinen und Moosen
Was schpfst du soviel aus dem Born?

durch Blick, Rede und ganze Haltung die Antwort:

Dir will ich benetzen die Rosen! -
Mir will ich benetzen den Dorn!

    Es war ein Nonnenleben ohne Klausur, das ihr Ideal zu werden schien ... Die
Welt hllte sich ihr in eine Trauer, die sie nicht deuten, ja in einen Schmerz,
den sie kaum anerkennen mochte ... Sie wurde ablehnend und streng; vielen
erschien sie kalt ...
    Der Frhling war gekommen, die Hollunderbsche blhten, die Kastanienbume
setzten ihre braunen Knospen an, der Leman braute jene durchsichtigen, sonnigen
Nebel, die die wild aus den Bergen strmende Bise nicht mehr zerri ...
Terschka wohnte nun schon oft wochenlang auf dem mit allen Reizen der Natur sich
schmckenden Schlo Bex ... Zu andern Zeiten wieder berredete er den Obersten,
mit ihm nach dem fremdenberfllten Genf zu gehen ... Wer das Gefhl hat, mit
gegebenen Zustnden in Bruch zu leben, ergreift gern die Gelegenheit, aus seiner
Isolirung herauszutreten und da sich anzuschlieen, wo von den unbefangener
Urtheilenden die langentbehrte Zustimmung nicht ausbleibt ... Diese reichen
Patricierfamilien Genfs mit ihren strengen calvinistischen, aber in andern
Dingen wieder republikanisch unbefangenen Formen wurden eine Welt, in der sich
Monika sorglos bewegen durfte ... Sie sprach gut franzsisch, konnte mit den
Professoren der Universitt Streitigkeiten fhren, die fr jeden Zuhrer
genureich waren, der Rath des Obersten wurde in mancher technologischen und
Ingenieurfrage begehrt, Terschka war die Seele der auch in Genf vorhandenen
aristokratischen Gesellschaft ... Von den Flchtlingen, den Polen, Italienern,
Deutschen, hielten sich alle in Entfernung ...
    Aber gerade von dieser Seite aus gab es scharfe Augen und der geschmeidige,
lebensschlaue Bhme, der berall nach Macht, Einflu, Stellung trachtete, mute
erleben, da ihm schon manches fehl schlug ... Bald hie es sogar auch hier: Er
spielt eine falsche Rolle! Er hat sie schon in London gespielt! Sein Gewerbe
kann nur das eines Spions sein! Er correspondirt mit Wien und Rom! ... War dem
nun so oder nicht, Terschka blieb jener Jesuitenzgling, der zwar mit scheuer
Vorsicht seinen Weg Schritt fr Schritt macht, nie aus sich selbst heraus,
sondern immer nur aus den andern die Situationen seines Lebens entwickelt,
niemals kann er recht ein Herr werden, immer nur Diener ... Durch sein Dienen
verpflichtet man sich die Menschen und zuweilen sind die Menschen edel und heben
dafr den andern, der uns dient, wie einst mit ihm Graf Hugo gethan; jetzt aber
hatte er zuletzt doch nur noch den Obersten und Monika fr sich, hundert
Zerwrfnisse und Streitigkeiten schon gegen sich ... Bereits hie es beim
Obersten und Monika: Man mte doch aus dieser Gegend fort! Man mte doch Bex
verkaufen, so schn es auch wre! Schon wegen - Hedemann's sollte man in eine
mildere Gegend ziehen! ...
    Die Herrin von Schlo Bex hatte auch hier, trotz ihrer Schroffheit, Verehrer
und Bewerber ... Angesehene Namen aus Genfs Patricierfamilien, umwohnende
Grundbesitzer, Reisende, wiederum auch mancher Englnder, huldigten Armgart mit
oft malosem Eifer ... Die Mutter wnschte die endliche Verheirathung; auch der
Vater; schon deshalb, um den Schein aufzuheben, als bestimmten sie die Tochter
ihres Vermgens halber unvermhlt zu bleiben ... Alledem geberdete sich Terschka
trotz seiner fnfzig Jahre eiferschtig, als scheute er mit der Jugend keinen
Wettkampf ... Nicht da er seine eigene Liebe zur Schau trug - wenigstens warf
er ein: Ich werde so lcherlich nicht sein! - immer aber hatte er Grnde, die
Bewerber zu verdchtigen und suchte Scenen herbeizufhren, die zuweilen so
ausarteten, da die Frauen, vor allem Armgart, wahrhaft darunter litten ...
Conflicte gab es, wo man erstaunen mute, wie ein einziger Mensch, dem der wahre
innere Halt des Charakters fehlt, dennoch einen ganzen Lebenskreis verwirren und
beschftigen kann ... Zuletzt standen auch endlich die Hlleshovens mit Terschka
so allein, da ein Entweder-Oder sich ihnen als unabweisbar aufdrngen mute ...
Terschka, fnfzig Jahre alt, in Fllen, wo sein Benehmen Zeugen hatte, muthig
und entschlossen, wo er allein war, hinterlistig, feige sogar oder doch nur
schlau, konnte schon wieder die Hnde vor die Augen legen, weinen wie ein Kind
und sein Lebensloos beklagen, soda die Frauen entweder mit einstimmen oder
entfliehen muten, um sich nur dem magischen Einflu eines Gauklers zu
entziehen, der die besonnensten Menschen bethrte, seine geschworensten Feinde
irre machte und, das sah man nun wohl, Armgart noch erobern wollte ...
    Terschka hatte Schulden; der Oberst konnte ihm nicht mehr helfen ... Monika
schmollte mit ihm tieferbittert, seitdem er, ganz nur wie zum Scherz, die
Aeuerung hatte fallen lassen, er wrde, wenn Armgart es befhle, in den Schoos
der rmischen Kirche zurckkehren ... Armgart besuchte zuweilen die Messe in
einem zwei Meilen hher hinauf gelegenen katholischen Dorfe ... Terschka fing
an, sie dorthin zu begleiten ... An der Kirchthr wartete er dann, bis sie
zurckkam ... Wieder wurde ihr der Mann wie die Schlange, deren Athem den Vogel
besinnungslos macht ... Sie stand ohnehin mit ihrem katholischen Gefhl hier
allein und nun gesellte sich diesem, wie sympathisch ergriffen, Terschka zu ...
Monika sagte ihm seitdem, so oft er sich auf dem Schlosse sehen lie, mit dem
Ton des gebietendsten Ernstes: Terschka, verlassen Sie uns endlich! ... Der
Oberst erklrte in Gte: Terschka, Ihre Rolle ist hier ausgespielt! Reisen Sie
mit Gott! ... In leisem, gemthlichem Ton konnte er dann seufzen: Ich gehe! ...
Er ging und kam wieder ... Nur einen Augenblick blieb er dann, schwieg und warf
einen Blick des tiefsten Schmerzes auf Armgart ... Nicht lange whrte es, so
kniete er hinter ihr in der Messe des kleinen Kirchleins im Gebirge ... Armgart
erhob sich dann, sprach nicht mit ihm beim Verlassen des Gottesdienstes und wich
ihm fr den Heimweg aus, aber sie sammelte nur mhsam die Kraft dazu, wankte,
wenn er sich ihr nherte, suchte zu entfliehen und konnte nicht von der Stelle
... Alles, alles, als wr' er durch sie und um ihretwillen im Begriff, wieder
Katholik zu werden und als wr' er's schon lngst geworden, wenn er nur sicher
wte, ob er in diesem Fall seines Priestergelbdes entbunden wrde ... Er
behauptete, deshalb in Genf alle Bibliotheken nachzuschlagen ...
    So berraschte er Armgart einst auf ihrem Zimmer ... Seine Jahre
verwnschend, nannte er die Empfindungen, die ihn beherrschten, wahnsinnig,
dennoch erklrend, gewisse Namen, die gerade damals als Armgart's Bewerber
genannt wurden, tdten zu knnen; er drohte sich eine Kugel vor den Kopf zu
schieen und hoffte bei solchen Worten nur, durch Armgart's Erklrung, da sie
ihn fr jung, lebensberechtigt und ihrer endlichen Erhrung fr vollkommen
wrdig hielte, aufgerichtet zu werden ... In wilder Hast ergriff er ein an der
Wand hngendes Crucifix, kte es mit leidenschaftlicher Inbrunst und bat dem
heiligen Holze, wie er es nannte, mit lauter Stimme ab, was seither von ihm
ruchlos am katholischen Glauben verbrochen worden ... Seinen Priesterstand wrde
er nicht zu erneuern brauchen, sagte er - weil er ihn ja ewig geschndet htte
... Alles das kam mit einer Wahrheit von seinen Lippen, als machte er im Al-Ges
eine jener rhetorischen Uebungen durch, wo sich ein Sprecher in einer von ihm
geschilderten Situation ganz wie ein Schauspieler verlieren mu ...
    Armgart stand am Fenster und zitterte ... Terschka sprach, als wre sie
nicht anwesend ... Laut recitirte er eine Litanei an die allerseligste Jungfrau
... Er kniete nieder, um sein Gelbde auszusprechen, in den Schoos der von ihm
verlassenen Kirche zurckzukehren, auch wenn ihm, dem Leviten, nie wieder
Vergebung zu Theil werden wrde ... Engel wrden dann fr ihn die Hnde erheben
und vielleicht im Jenseits eine besonders begnadete Seele ihn rettend in ihren
Schoos nehmen ...
    Ohne Zweifel erwartete Terschka, da Armgart ihn emporziehen, irgend mit ihm
einen Ausweg aus dem Labyrinth seiner Verhltnisse bereden wrde ... Aber so
sehr sich in ihr die alten Stimmungen des Selbstopfers, die Seligkeiten des
gebundenen Willens regten, die Jugendzeit mit ihren Schwrmereien war vorber
... Mit einem verachtenden Ausdruck ihrer Augen, der den unverkennbarsten ewigen
Bruch zwischen ihr und Terschka verrieth, rief sie: Nein! Nein! Nein! lie ihn
auf dem Teppich vor ihrem kleinen Hausaltar liegen und entfloh aus dem Zimmer
...
    Da begegnete ihr der Vater, sah ihre Aufregung, traf Terschka, noch mit dem
Crucifix, das er unaufhrlich kte, in der Hand, schleuderte ihm einige
Verwnschungen zu und wies ihm die Thr ...
    Terschka erhob sich von der Erde, auf der er gekniet hatte, schwankte eine
Weile, taumelte unentschlossen, ma den Obersten, halb als ob er an seinem Halse
sich ausweinen, halb - als ob er ihn tdten wollte ... Und als dieser wiederholt
rief: Sie sind ein unverbesserlicher Abenteurer! Man wei alles von Ihnen! Sie
sind unter Rubern erzogen, Sie sind ein Kunstreiter - noch haben Sie nicht
aufgehrt den Jesuiten zu dienen! Die Brder Bandiera sind durch Sie verrathen
worden - durch einen gewissen Jan Picard - ha, kennen Sie den Namen -? - da
erblate Terschka, erhob sich lautlos und verschwand - ...
    Allgemein glaubte man, er se in Genf im Schuldgefngni ... Seine Sucht,
sich in den vornehmsten Kreisen zu bewegen, Cavalier zu sein, Matador der
Gesellschaft, hatte ihn in nicht endende Verlegenheiten gestrzt ... Nach und
nach aber verbreiteten sich Gerchte, er wre in den Canton Freiburg gegangen
und htte sich dort reuig in das dortige, damals allgewaltige Collegium der
Jesuiten zurckbegeben ... Die Strafen, die ihn in diesem Fall dort erwarteten,
muten, wenn er nicht schon frher Verzeihung gefunden, furchtbare sein -
deshalb wurde auch von andern die Mglichkeit eines so gewagten Entschlusses
bezweifelt ...
    Auf Schlo Bex stellte sich der Friede wieder her und die Gegenstze
vershnten sich in der einstimmigen Verwerfung eines sittlich Haltungslosen, an
den man vergebens Milde, Langmuth, Wohlthaten verschwendet htte ... Die
Schulden, die Terschka beim Obersten nicht getilgt hatte, konnten als Vorwand
dienen, in Freiburg nach ihm Erkundigungen einzuziehen .... Man gab dort eine
kaltausweichende Antwort ... Der Uebermuth der im Steigen begriffenen klerikalen
Partei hatte gerade damals, in der von Brgerkmpfen zerrissenen Schweiz, den
hchsten Grad erreicht ...
    Aber nur noch eine kurze Weile und es schlug die Stunde einer groen
Bewegung ...
    Jener dreifachgekrnte arme leidende Mann mit dem tcherumwundenen Antlitz
auf dem apostolischen Stuhl hatte seinen letzten Seufzer ausgehaucht, wie ihn
die Stellvertreter Christi aushauchen - einsam, verlassen, in den schauerlich
den Marmorslen des Vaticans ein dem Reiz nach Neuem allzulang verweilender
Gast ... Drauen eine unruhige, groer Umnderungen harrende Menge, die die neue
Bescherung, das beginnende Conclave und den Namen und die Person eines neuen
Trgers der Himmelsschlssel erwartet ... Der Sterbende ist dann nur noch eine
leere Hlfe ... Nur noch einige geringe Wrdentrger bleiben bei ihm, die auf
den Augenblick harren, wo ihnen gewisse Functionen fr den Todesfall der Ppste
vorgeschrieben sind, das Zerbrechen der Siegel, das Aufbewahren des
Fischerrings, das Lutenlassen einer kleinen silbernen Glocke der Peterskirche
... Ertnt diese geheimnivolle Glocke, dann mssen alle Gerichte aufhren, alle
Glocken Roms fallen mit schauerlichem Gelute ein; auf allen Tribunalen wird die
Feder ausgespritzt und nicht die Trauer, sondern - die Freude beginnt ... Armer
Stellvertreter des Gottessohns! ... Nun verlassen dich die Deinen, die sonst vor
dir knieten! ... Nun eilen sie sich, ihre gesammelten Schtze in Sicherheit zu
bringen ... Nun schleichen sie schon von deinem Sterbebett, noch ehe du erkaltet
bist! .. Noch einmal tastet dein erstarrter Arm nach einem Glockenzug, du
jammerst um einen Labetrunk Wassers und niemand will kommen, dir deine
verschmachtenden Lippen zu benetzen! ... Wo sind sie, die Kche, die
Haushofmeister, die Frauen deines Barbiers, des Allgewaltigen, den du zum
Camerlengo erhoben hattest? ... Sie sind beim Packen ihrer Papiere, bergen ihr
Gold, ihr Silber ... Sowie das Auge ihres Herrn gebrochen ist, verweist sie die
jahrtausendjhrige Regel sofort aus dem Bereich der neuzulftenden und frisch zu
reinigenden Gemcher des Nachfolgers ... Das ist der Brauch, der nach Rom von
Byzanz herbergekommen zu sein scheint - Im Orient ist der Tod das Gesetz, das
sich auch auf die Umgebungen eines sterbenden Sultans erstreckt ... Sogar seinem
Arzt sieht der sterbende Herr der Kirche an, da ihn der Unmuth drckt um den
Verlust seiner Stelle - diese alten Cardinle haben seit Jahren schon ihr Leben
auf eigene Art eingerichtet und nichts verpflichtet sie, das Privatleben ihres
Vorgngers fortzusetzen oder zu ehren ... Nicht die jugendliche Sorglosigkeit
eines geborenen Erben nimmt Besitz vom Throne, nicht die Piett eines
Verwandten, eines Bruders fr einen Bruder, eines Neffen fr seinen Onkel,
sondern ein fremder Greis folgt einem fremden Greise, die langjhrige Verwhnung
eines Hagestolzen und die vollkommen schon hartnckig eingewurzelte Lebensart
eines Cardinals den Gewohnheiten und Launen eines dahingegangenen andern ...
    Neun Tage whrt dann uerlich Klage und Trauer, aber im Stillen luft und
flstert die Neugier und Intrigue von Haus zu Haus ... Wer wird der Nachfolger
sein! ... Couriere kommen und gehen, die Diplomatie hlt Besprechungen, Parteien
bilden sich, Stimmen werden gezhlt, die Frauen werben und stiften Vershnungen,
alte Cardinle vergessen, da die Aerzte sie lngst aufgaben, sie werden jung,
haben keine Gicht und keine Wassersucht mehr, die Frivolen werden fromm, die
Frommen weltlich - ... Welche Gedanken wrden sichtbar werden, wenn diesen
Cardinlen (siebzig sollen es sein - nach der Zahl der Aeltesten der Stmme
Israels), die im Sanct-Peter die Messe um Erlangung des Heiligen Geistes fr die
Neuwahl hren, die Decke der demthig gesenkten Hupter gelftet wrde! ... Nun
ziehen sie feierlich in den Quirinal und finden da die wunderlichsten
Holzverschlge fr sich hergerichtet ... Schon haben tagelang die Maurer alle
Thore des Palastes auer einem einzigen vermauert, schon sind mindestens
zweihundert Fenster in ihren Fugen mit Kalk und Mrtel verstrichen ... Die
vierzig oder funfzig anwesenden Whler leben ohne frische Luft, wie ebenso viel
Mnche, und so lange abgesperrt von der Welt, bis der Geist der Erleuchtung zum
Siege, zur richtigen Stimmenzahl geholfen hat ... Sie leben in
schnellgezimmerten, auf die langen Corridore verpflanzten Zellen, die aussehen,
wie Mebuden ... Jede hat ein kleines Fenster auf den Corridor ... Die unbequeme
Lage ist peinlich und untersttzt die Neigung, einig zu werden ... Ha und
Abneigung schwinden mit dem Druck der Entbehrungen ... ... Fefelotti's Pracht-
und Bequemlichkeitsliebe, eingesperrt in einen solchen weihnachtlichen
Hirtenstall! Fefelotti ohne die Hlfsmittel - nur allein seiner Toilette! ...
Der einzige Cardinal Vincente Ambrosi und einige Ordensgenerale mochten wenig
den Unterschied von ihrer gewohnten Lebensweise spren ...
    An dem Hauptthor, gegenber den Rossen des Monte-Cavallo, sind vier
Oeffnungen mit Drehrdern angebracht, durch welche die Speisen eingeschoben
werden ... Die Massen des Tag und Nacht ringslagernden Volkes sehen es wohl -
Fefelotti entbehrt kein einziges seiner Leibgerichte; die verdeckte Tragbahre
verbreitet den kstlichsten Duft ... Aber der seither Allmchtige mu sich
gefallen lassen, da ein mit der polizeilichen Controle des Conclaves seit
Jahrhunderten betrauter Frst Chigi jede Pastete mit eigener Hand aufschneidet
und sich berzeugt, ob sie im Fllsel nichts Geschriebenes enthlt, keinen Brief
vom Staatskanzler des Kaisers von Oesterreich, keine Mahnung aus Frankreich oder
Spanien, kein Billet einer Verehrerin, die auf dem Corso Francesco
angstklopfenden Herzens wohnt und Mittel und Wege sucht, mit den heiligen
Holzverschlgen in Verbindung zu bleiben und die Stimmen zu addiren, ja von
auen her den Cardinalbischof von Ostia mit dem Cardinalgeneral der Kapuziner,
den Cardinaldiakon der Santa-Maria in Via Lata mit dem Cardinalpriester von
Santa-Maria della Pace zu vershnen ... Hlfe, Hlfe - durch die fremden, noch
nicht angekommenen Cardinle! schrieb Fefelotti in einer mit der Grfin Sarzana
verabredeten Chiffreschrift, die aus Compotkirschkernen, Geflgelknchelchen und
andern Resten seiner Mahlzeit bestand ... Die Antworten ertheilte ihm die Grfin
und manche andere seiner Angehrigen unter der Etikette jener Weine, die ihm
nicht vorenthalten werden durften ... Frst Chigi betrachtete jede Flasche am
Lichte, ob sich nicht im Burgunder vielleicht unterm Kork ein verdchtiges
Telegramm befand - die Etiketten abzureien unterlie sein Mitleid mit einem
Manne, der nicht einerlei Wein genieen konnte und ohne Etikette vielleicht die
Sorten verwechselte - ...
    Anfnglich hatte der gottselige, heiligstrenge Sinn des Hters der
Katakomben und Reliquien, des Cardinals Vincente Ambrosi, des geheimnivollen
Flchtlings vor dem Eremiten von Castellungo, des Beichtvaters der kleinen
Olympia Maldachini, des Gefangenen im Kerker des heiligen Bartholomus von
Saluzzo und des dem Erzbischof von Coni seit sieben Jahren innigstverbundenen
Freundes die allermeisten Hoffnungen ... Aber eigenthmlich, wie selbst die
Frommsten und Trefflichsten unter den heiligen Whlern nicht ganz der Meinung
leben, da der zu Whlende ein durchgreifender Reformator sein msse ... Man
wollte denen, die nur einen politischen Kopf, einen Lenker des Kirchenstaats,
einen Politiker im Geist der Cabinete Neapels und Modenas begehrten, ebenso
wenig das Feld rumen, wie einer kleinen Anzahl, die berzeugt war, es mte ein
Freund der neuen politischen Ideen, der Hoffnungen Italiens gewhlt werden ...
Die Verwirrung wurde die grte ... Darin aber waren alle, jetzt wie immer,
einig, da der Stellvertreter Christi ein Mittelwesen zwischen Hart und Weich,
zwischen Strenge und Milde sein mte - Nicht zu heilig und nicht zu weltlich -!
Nil humani a me alienum! die Losung ... Fefelotti tuschte sich indessen
grndlich ... Bei jedem Scrutinium schmolz seine Stimmenzahl ... Auf die besten
Freunde war kein Verla mehr ... Fefelotti legte sich ins Bett, um durch
Abwesenheit zu schrecken; dann, als dies Mittel fehl schlug, erklrte er sich
fr in Wahrheit krank, so krank, da man ihn nach Hause tragen sollte - nach der
Praxis frherer Wahlen war das eine erwgenswerthe Empfehlung - denn um so
schneller machte er einem Nachfolger Platz ... Vergebens - Die Cardinle lachten
- Fefelotti regierte drauen die katholische Christenheit, aber nicht mehr fnf
Stimmen im Conclave und er bedurfte zwei Drittel aller Stimmen! ...
    Seit sieben Jahren war Cardinal Vincente Ambrosi aus seiner frher im
Mnchsgewand so passiven Rolle mit berraschender Energie herausgetreten ... Er
hatte die Hoffnungen aller seiner Protectoren getuscht ... Schon vor sieben
Jahren hatte der junge Cardinal mit Entschiedenheit Bonaventura's Partei
genommen und diesem kurz vor Lucindens Einsegnung in der Apostelkirche mit
unverhohlener Freude die Botschaft einer Genugthuung gebracht, die ihm der
Heilige Vater mit Einsetzung auf Fefelotti's verlassenen Hirtensitz schenkte ...
Ambrosi, nun schon graulockig, aber immer noch der Ganymed unter den
Cardinlen genannt, trat bei allen Gelegenheiten hervor, wo irgendein Misbrauch
abgestellt oder wenigstens ffentlich gergt wurde ... Er sowol wie der
Erzbischof von Coni, dann ein neuer General der Dominicaner, auch der General
der Theatiner und mehre erste Pfarrer Roms, galten fr muthige Kmpfer gegen die
Herrschaft der Jesuiten ... Nachdem noch selbst Cardinal Ceccone gegen sie
gestritten hatte, war mit Fefelotti Schule, Haus, Kirche, diesseitiges und
jenseitiges Leben dem Al-Ges gebunden in die Hnde gegeben worden ... Man trug
zwar ruhig, man beugte sich dem Joch Fefelotti's, das schwerer noch drckte, als
das Ceccone's; im Conclave aber hrte pltzlich alle Verstellung auf ... Da
zitterten die Mchtigen, da erhoben sich die Schwachen ... Nehmt Ambrosi oder -
mich! donnerte der lange weibrtige, kahlkpfige General der Kapuziner, ein mit
kaustischem Witz begabter Greis ... Sich selbst zu empfehlen, seine eigenen
Tugenden zu preisen ist im Conclave durchaus erlaubt ... Das wispert dann nachts
auf den langen Corridoren ... Da schleichen die schlaflosen Greise von Thr zu
Thr; da wird geflstert und hoch und theuer geschworen und Vortheile werden
versprochen und die Stimmen schon fr knftige Aemter und Einnahmen ver- und
erkauft ... Ambrosi hatte bereits zwanzig Stimmen und bot sie dem General der
Kapuziner ... Darber gerieth das Conclave in Entsetzen ... Der? hie es. Ein
neuer Sixtus V., der Rdern und Kpfen zur Tagesordnung macht! Nimmermehr!
scholl es durch die Bretterwnde und verdrielich legte sich nun auch dieser
Alte ins Bett und brummte: Whlt wen ihr wollt! ... Als er sich bald in sein
Schicksal gefunden hatte, pochte der General der Dominicaner, der die Jesuiten
ber alles hate, an seine Thr und bat: Bruder, wollt Ihr denn das Feld
verlassen? Whlen wir doch wenigstens einen, der uns vom Al-Ges befreit! ...
Der alte Kapuziner erwiderte: Ihr seht ja, wie sie ihm alle verkauft sind! Aber
ihr habt Recht! Wollen wir nicht ganz erliegen, schlagt eine Tabula rasa vor,
einen Menschen, von dem bisher nichts gesprochen wurde! Einen Menschen, der
unter uns ist und den Niemand kennt! Geht alle Namen durch und von wem ihr nicht
wit, ob er Jesuit oder Carbonaro oder Theologe oder Heide ist, den ruft durch
Inspiration aus! ... Das Ausrufen durch Inspiration ist eine eigenthmliche
Wahlmethode; mitten im Debattiren, Beten, Singen springt pltzlich ein
Inspirirter auf und ruft: N.N. soll es sein! ... Diese an Luft, Bewegung, ihre
husliche Ordnung gewhnten Greise sind durch ihr gefangenes Beisammenleben und
die stete Spannung dann so nervenerregt, da solche Rufe zuweilen Erfolg hatten
und unter Scenen krankhafter Verzckung Wahlen durch Acclamation zu Stande kamen
...
    Der Kapuziner kannte selbst keine solche Tabula rasa ... Aber General
Lanfranco kannte eine ... Es gab einen der jngern Cardinle, der whrend aller
dieser nun schon mehrtgigen Kmpfe der eingesperrten Priester wenig gesprochen
hatte und als Erzbischof aus der Provinz den meisten unbekannt geblieben war ...
Jeder dieser Gepurpurten hatte schon eine lange Chronik seines Lebens, der
heilige Cardinal der Katakomben die allbekannteste - ... Von diesem aber wute
man nur, da er einem Grafengeschlecht in einer kleinen Stadt an der nrdlichen
Meereskste, dem Schauplatz der Thaten Grizzifalcone's, angehrte, in seiner
Jugend an dem Uebel der fallenden Sucht gelitten hatte, darum sowol vom Eintritt
bei der ppstlichen Nobelgarde, wie anfangs vom Priesterstande abgewiesen wurde,
dann in die besondere Pflege vornehmer Frauen gerieth und durch deren Betrieb
endlich auch zum Priesteramte zugelassen wurde. Durch das Gebet der Frstin
Colonna verlor er jene Krankheit ... Vollends verlor er sie durch eine Seereise,
eine Reise nach Amerika ... Zurckgekehrt erklomm er eine Wrde nach der andern
und um Rom hatte er sich als Erzbischof von Spoleto das besondere Verdienst
erworben, da er einen Revolutionshaufen unter Anfhrung Louis Napoleon's durch
Zahlung von 6000 Scudi an den Freund desselben, Sebregondi, von ihrem Marsch auf
Rom zurckgehalten haben soll1...
    Der Erwhlte fiel in Ohnmacht, als auf begeisterte Empfehlung Ambrosi's und
der beiden Generale aus dem Scrutinium mit der vollen Stimmenzahl sein Name
hervorging ... Beinahe htte sich gezeigt, da das Gebet der Frstin Colonna und
die Seereise noch nicht die volle Wirkung erlangt hatten ... Alle mute es
rhren, da, nachdem man sich zugeflstert hatte, in der ewigen Stadt wre einst
ein Jngling verzweifelnd am Strande der Tiber auf- und niedergegangen in der
Absicht sich in die Wogen zu strzen - Militr und Klerus hatten ihn um sein
bemitleidenswerthes Krperleiden abgewiesen - nun das Schicksal in dieser selben
Stadt die dreifache Krone auf sein Haupt hob! ... Der Erwhlte erholte sich in
den Armen Ambrosi's und der Ordensgenerale; man legte ihm die Kleider seiner
neuen Wrde an und nannte ihn der Welt und zeigte ihn den Vlkern ...
    Dem Stuhl Petri, sagt man, naht sein Verhngni ... Diesmal erst hatte ihn
ein Anhnger jener Partei bestiegen, die damals in Bertinazzi's Loge vom
Kohlenbrenner - es war Pater Ventura - die der Phantasten genannt wurde ...
Durch den Patriarchen von Rom sollte vorerst nur Italien erlst und die
katholische Christenheit ber das allen Vlkern ihre Freiheit raubende Wirken
der Jesuiten beruhigt werden ... Liebenswrdig ist der Eindruck jedes guten und
glubigen Willens ... Wie im rosigen Lichte schwimmt noch jede auf ihn gesetzte
Hoffnung ... Will sie scheitern, so mht sich die edle Absicht, ihr den Sieg zu
erleichtern, wirft aus dem zu schweren Fahrzeug Ballast ber Ballast, will nur
das Glck, nur den Erfolg, nur den Sieg, den ewigen Sonnenschein ... Umrauscht
vom jauchzenden Zuruf der Vlker hebt sich dann die Brust und wagt und wagt und
wofr sonst jeder Wille gefehlt haben wrde, doch wird es vollzogen; Vertrauen
heit die Hand, die den Zagenden weiter und weiter fhrt; schon kann er das
Luten der Glocken, die Freudenfeuer, die donnernden Salven der Geschtze, das
tausendstimmige Hoch der Liebe nicht mehr entbehren ... Der neue Zauberer
vollzog das Verhngni eines Wunderthters von grerer Macht, der ber die
Geschicke der Menschen thront ... In der That brachte nach Italien die erste
Botschaft vom Evangelium der Freiheit - ein Papst ...
    Doch es war und blieb - eine phantastische Wahl! ... Ein junger Student, ein
Graf, ein neugekleideter Priester hatte einst auf dem Marktplatz zu Sinigaglia
nachts seine Predigten gehalten, unter freiem Sternenhimmel umgeben von
erleuchteten, mit Tausenden von Menschen geschmckten Fenstern, an einem
improvisirten Altar, auf dem im Augenblick, wo in poetischen Bildern von seinem
beredten Munde das Fegefeuer geschildert wurde, eine groe Schale von Spiritus
angezndet wurde, soda hoch die blaue Flamme aufschlug und den Platz, die
Fenster, das Antlitz aller Hrer geisterhaft beleuchtete2... Nun aber schlugen
freilich andere Flammen auf ... Erst wurden die Kerker geffnet, die Verbannten
zurckgerufen ... Bertinazzi hatte bis dahin auf der Engelsburg geschmachtet; er
wurde im Triumph durch die Straen gezogen ... Die wenigen, die sich damals, als
Benno gefangen genommen wurde, durch eine Versenkung retteten - Graf Sarzana
hatte zu ihnen gehrt, Benno hatte sich in dem Leichenbruder nicht geirrt -
waren grtenteils nach England geflchtet und kehrten nun zurck ... Auch
Sarzana, der, wie man sagte, aus Misverstndni߫ der Mrder Ceccone's geworden,
kehrte heim - Benno dachte oft an sein stilles Tibergesprch mit dem
Unheimlichen ber die misverstndlichen Morde zur Cholerazeit - ... Die
Herzogin von Amarillas, die Frstin Rucca, auch Csar Montalto kamen von London
... Rom war berfllt mit Fremden, mit Flchtlingen, Enthusiasten ... Die
Freudenbezeugungen, die Feste, die Ovationen nahmen kein Ende ... Waren es doch
- - die Theaterflammen vom Markte zu Sinigaglia -? ...
    Anfangs machten sich die Ereignisse von selbst ... Es gibt Zeiten, die ohne
Hinzuthun von Menschenwitz nur die Additionen der Vergangenheit sind ... Das
Anathem, das ber so vieles bisher geschleudert worden, wurde ihm jetzt von
selbst zum Segen ... Nicht blos die Eisenbahnen wurden von dem Bann der
Gottlosigkeit, der auf ihnen ruhen sollte, befreit, nicht blos die von Rom als
Teufelswerk verworfene Gasbeleuchtung; nicht blos die materiellen Fortschritte
des neunzehnten Jahrhunderts, wie Thiebold mit Satisfaction sagte, wurden
anerkannt ... Pater Ventura - General der Theatiner - predigte und entflammte
das Volk auf offener Strae mit noch viel weiter greifenden Aufklrungen ber
die neue Zeit ... Im Coliseum, wie Klingsohr einst verlangt hatte, sprach
Ventura's flammende Beredsamkeit und erluterte den Rmern, was ihrer geringen
Bildung zu begreifen fast noch versagt war ... Ein Fuhrmann aus Trastevere,
Brunetti, der jene Schenke liebte, wo Benno damals den Orvieto getrunken, ein
Freund des Wirths, dessen Weinkeller mit dem Bertinazzi's in Verbindung stand
und damals die Flucht eines Theils der Verschworenen ermglichte, Retter des
Kohlenbrenners, des Grafen Terenzio Mamiani, des Advocaten Pietro Renzi, die
alle bei Bertinazzi zum jungen Italien geschworen hatten, schwang sich auf
seinen zweirdrigen Karren und wurde ein so beliebter Volksredner, da sein Ruf
als kleiner Cicero (Ciceruacchio) durch die Welt erscholl ... Freisinnige
innere Reformen wurden versucht ... Der alte Rucca, ohnehin entsetzt ber die
Rckkehr seiner Schwiegertochter aus London, wo sie fast das ganze Vermgen
ihres Onkels, des Cardinals, vergeudet hatte, verlor die Pacht her Zlle, die
ihm Fefelotti bereits fr den ganzen Kirchenstaat verschafft hatte ... Der
Schrecken und der Widerspruch der Cardinle, die Besorgni der Gesandten wurde
durch vorsichtige Allocutionen niedergehalten ... Die Amnestie fand ihre
unbeschrnkte Ausfhrung ... Aus Beethoven's Fidelio kennt ihr jene rhrenden
Zge von Staatsgefangenen - Schaaren, zerlumpt, verhungert, hohlugig, gingen so
aus den berfllten Kerkern hervor ... Das Volk holte sie im Triumph, hob sie
auf Wagen, schmckte und bekrnzte sie ... Brgerwachen wurden gebildet ... Ja
eine Aussicht auf eine Reprsentativverfassung zeigte sich, als eines Morgens
ein Decret die Vorstnde der Provinzen aufforderte, Mnner des ffentlichen
Vertrauens zu bezeichnen, die die Regierung in den nothwendigen Reformen des
Kirchenstaats durch Rath und That untersttzen sollten ... Die Bewegung griff
weiter und weiter ... In der That bewhrte sich, wie noch die Welt durch Rom
getragen und regiert wird ... Mit dem, wie sonst im Schlechten, so hier im Guten
sich gleichbleibenden Zauber Roms griff die Bewegung ber Italien hinaus,
strzte den Julithron, rief in Frankreich die Republik hervor, brach die
Knechtschaft Deutschlands, verjagte den Staatskanzler, entfesselte alle Vlker,
die in unnatrlicher Zusammenkoppelung zu dynastischen Zwecken mit Aufgebung
ihrer eigenen Nationalitt um so weniger lnger leben mochten, als gerade die
zunehmende Frderung der Volksbildung an nichts anderes zunchst angeknpft
hatte, als an die Erhebung des Sinns fr Sprache, Geschichte, eigenthmliche
Volkslebensart ... Auch Dalschefski und der nunmehr ganz zusammengegangene,
mumienhaft vertrocknete Luigi Biancchi kamen vom Spielberg herunter und Resi
Kuchelmeister weinte in ihren Armen ... Auch sie gingen nach Rom, wo aus London
Marco Biancchi eintraf - Napoleone blieb bei seinen Gipsfiguren, bei seiner
Giuseppina, seinen Kindern und Ersparnissen in Deutschland und ohnehin war er
mit seiner Tochter Porzia Hedemann gespannt. Sie hatte sich nicht bereit finden
lassen, in Witoborn ein Depot fr seine Heiligen zu bernehmen ... ... Da aber
bangte dem nchtlichen Schwrmer vom Marktplatz zu Sinigaglia - ... Die blaue
Theaterflamme war ihm wider Willen zu einem Fegefeuer schon hienieden fr Gut
und Bse geworden ...
    Grer und grer wurde der Druck der Mahnungen von Frsten und
Staatsmnnern auf den Trger der dreifachen Krone ... Immer weiter griff der
Zwiespalt im geheimen Consistorium ... Fefelotti, das Al-Ges, dessen Bewohner
sich beim ersten Anbruch der groen Vernderungen geflchtet hatten (die
jesuitischen Rundhte sind seitdem ganz in Italien abgeschafft und eckige
geworden wie die Hte aller andern Priester), alle Vertreter des geistigen und
weltlichen Despotismus suchten den dreifach gekrnten Schwrmer zur Besinnung zu
bringen ... In der That stutzte er ... Seine Wonne war zu sehr nur die uere
Acclamation gewesen ... Diese blieb schon zuweilen aus; der tausendstimmige Mund
des Volks schwieg zuweilen bei seinen Segnungen und solche Krnkungen wurzeln im
Gemth eines Mannes, der, wie alle Italiener, den Beifall liebt ... Schon
schmollte er zuweilen ... Er fand Freunde und Freundinnen, die sein Schmollen
fr gerecht nahmen ... Noch nannte er seine Erfahrungen die gewhnlichen
Belohnungen des Undanks ... Mit der Zeit vergrerte sich die Zahl derjenigen,
die mit ihm nicht gern in der Minoritt standen ... Endlich sollte gar sein
kleines Heer zu den Kmpfern stoen, die Oesterreich gegenber mit den Waffen
behaupten wollten, was bisher nur in Liedern gesungen, in Declamationen
gesprochen worden ... Da fing die Hand, die die Fahnen zum Unabhngigkeitskriege
segnen sollte, zu zittern an ... Die Zeit der Dictatoren, der Consuln und
Tribunen Roms mit dem ganzen Gefolge der Demthigungen des geistlichen Primats
schien im Anzuge ... Nun rief der Heilige Vater vom Balcon des Quirinal herab:
Gewisse Rufe, die nicht vom Volke, sondern von wenigen herrhren, kann ich,
darf ich, will ich nicht hren! ...
    Es sanken die Fahnen der Erhebung Italiens gegen Oesterreich ... Die von
Sardinien erhobenen Banner mit dem weien Malteserkreuz zersplitterten ... Das
Schwert Italiens brach in Stcke ... Das hatt' ich nimmermehr gewollt!
erklrte der Zauberer aller dieser Strme; Prospero, der Beherrscher der Winde,
ging zum Sieger ber ... Er dachte noch nicht wieder an Fefelotti, den er hate;
noch bot eine starke Hand, die den Nachen Petri retten sollte, Pellegrino Rossi
... Als dieser vom Dolch eines Mrders durchbohrt, der Vatican von einer
Revolution belagert wurde, Kugeln in die Gemcher des Stellvertreters Christi
flogen - da verkleidete sich der Ueberwundene in den Diener eines deutschen
Grafen, tuschte seine Wchter und berlie die ewige Stadt ihrem Verhngni,
den Siegern, den Bertinazzis, Venturas, Sarzanas, allen denen, die auf Crucifix,
Todtenkopf und Rosenkranz geschworen hatten fr eine Sache, der sie jetzt auf
dem Capitol als Rcher saen - Sarzana, das wute jetzt alle Welt, hatte an
Ceccone die geheiligte Rache eines Italieners gebt ...
    Rom war eine Republik geworden und stand unter dem Bann der kirchlichen
Excommunication ... Die Stadt selbst kmmerte die Ungnade des Himmels wenig; -
in einem mit Priestern und Mnchen berfllten Lande fanden sich Hnde genug,
die die nothwendigsten Sacramente ertheilten ... Das Schwert Italiens rstete
sich am Fu der Alpen zu einem zweiten Gange ... Viele Flchtlinge der Staaten,
wo die frhere Ordnung schon wiederhergestellt war, strmten nach Rom ... Csar
von Montalto - Italiener geworden - nach manchem bittern Seelenkampfe - nun
schon mit ergrauendem Haar, fehlte nicht unter denen, deren Namen bei
Wahlversammlungen und Ehrenmtern auftauchten ...
    Alles das verlautete nach und nach bis zum Genfersee - dann aber nach Nizza
hin, wohin man von Schlo Bex in der That bersiedelte ...
    Monika htte sich anfangs selbst in diese Bewegung strzen mgen ... So
vieles sah sie, was, bei aller Uebereinstimmung, doch noch, nach ihrer Meinung,
anders, besonnener, vorsichtiger htte unternommen sein knnen ... Jener Trieb,
der 1793 eine Manon Roland in den Rath der Mnner und aufs Schaffot fhrte, regt
sich in groen Krisen bei jeder Frau von Geist - und keine groe Begebenheit der
Geschichte ist ohne die Mitwirkung der Frauen geblieben ... Aber die Besorgni
um den Gatten, die Rcksicht auf den dahinsiechenden Hedemann, die Gewhnung an
die biblischen Auffassungen der Ergebung in den Rathschlu Gottes hinderten die
Ausfhrung der sich anfangs wirr durchkreuzenden Entschlsse, die zuletzt nur am
Ziel einer Entuerung des Schlosses Bex anlangten ...
    Als die Franzosen der Republik gegen die Republik Rom zogen, sah die Familie
von Nizzas Molo aus die leuchtenden Segel ihrer Flotte ...
    Nizzas mildes Klima war fr den Winter dem leidenden Freunde von einigem
Nutzen gewesen ... Der Oberst und Monika verschlangen die Zeitungen des Caf
Royal ... Armgart hatte sich dem Zeichnen und Malen ergeben und hrte aus der
Welt nur das Allernothwendigste ... Sie wohnten in einem Gartenhause, nicht weit
vom Ufer des Meeres ... Tag und Nacht vernahmen sie den gleichmigen Schlag der
Wogen an das Gemuer der Meerterrasse ... Einen Winter gab es hier nicht ...
Selbst im Januar konnte Armgart im Freien, unter dem immergrnen Laub von
Lebenseichen ihre kleinen Landschaftsskizzen ausfhren, whrend Erdmuthe,
Porzia's Kind, um sie her auf den mit zerbrckeltem Marmorkalk bestreuten Wegen
zwischen den buchsbaumumfriedigten Beeten des kleinen Ziergartens sich tummelte
... Armgart hrte, da in Rom drei Mnner das Heft in Hnden hielten, Terschka's
frherer Beschtzer, nach dem Untergang der Bandiera entschiedenster Gegner
Mazzini, mit ihm Saffi und Armellini ... Graf Sarzana befehligte einen Theil des
Heeres ... Oft wurde Csar Montalto genannt - einmal als Befehlshaber einer
Truppenabtheilung, die in den Umgebungen Porto d'Ascolis eine Gegenrevolution
unterdrckte; die Ruberelemente wurden noch immer benutzt, um den gestrzten
Machthabern als Anhalt zu dienen und an andern Orten wurde, eine Veranstaltung
derselben Intrigue, der Fanatismus bis zur Schreckensherrschaft gesteigert -
Opfer ber Opfer fielen dann unter den Dolchen dieser wahnsinnig Gemachten oder
Erkauften ... Alles das waren bekannte Stratageme aus dem geheimen, allerdings
ungeschriebenen, aber praktisch vorhandenen Codex der Monita secreta Loyola's
...
    In diese Schrecken der aufgeregten Leidenschaft donnerten nun die Kanonen
der Belagerung Roms ... Die Hhe, bis zu der die Bewegung durch Rom gekommen,
sollte selbst in den Augen der franzsischen Republik aufhren, die sich schon
fr den Uebergang zum Kaiserreich rstete ... Wir kommen als Freunde! riefen die
Abgeordneten der Franzosen - aber Rom antwortete durch eine Rstung zum Kampf
auf Leben und Tod ... Avezzana, Garibaldi, Sarzana befehligten ... Der Kampf
entbrannte an der Porta San-Pancrazio zu einer Schlacht ... Die Rmer siegten
... Die Franzosen, ohne Enthusiasmus fr ihre Aufgabe, zogen sich zurck ... Vom
Norden kamen die Heersulen Oesterreichs, vom Sden die des Knigs von Neapel
... Spanier landeten und die Franzosen erhielten Verstrkung ... Vergebens rief
das rmische Triumvirat: Ein fester Zug waltet im Herzen des rmischen Volkes:
der Ha gegen die Priesterherrschaft, unter welcher Form sie auch auftrete, der
Widerwille gegen die weltliche Herrschaft der Ppste!3... Der Kampf entbrannte
aufs neue ... Die Franzosen nahmen die Villa Pamfili und die Villa Corsini ...
Garibaldi strzte sich mit seiner italienischen Legion auf die letztere und lie
sie wieder im Sturm angreifen ... Drei Stunden der uersten Anstrengung und es
gelang, die Franzosen von den Wllen zu vertreiben, zwlfhundert Todte bedeckten
das Feld; wieder war der Sieg den Belagerten geblieben ... Aber die Uebermacht
war zu gro; nicht endender Kanonendonner verwirrte die Gemther; glhende
Bomben flogen bei Tag und bei Nacht, die Luft war ein Feuermeer; unter
Schrecken, die dem entsetzten Volk dem Weltuntergang gleichzukommen schienen,
lieen sich ber Rauch und Trmmern die ersten Franzosen in der Stadt sehen ...
Am 2. Juli empfing Oudinot die Capitulation ...
    Noch vor diesem Tage, whrend sich das blutige Schauspiel des untergehenden
republikanischen Roms vollzog, hatte sich die Aufregung der Gemther nicht
lnger in Nizza beruhigen knnen ... Der Aufenthalt daselbst war ohnehin im
Sommer zu widerrathen. Trockene scharfe Winde wehen von den Alpen her, die Luft
ist hei, sprlich die Erquickung des Schattens, der kreidige Boden setzt einen
dem Athem beschwerlichen beizenden Staub ab - die kleine Colonie suchte sich
durch Ausflge in die Berge zu helfen, suchte die khleren, von einer ppigen
Vegetation geschmckten Schluchten der Cimis auf - aber das Steigen ermdete
Hedemann ... Blieb er auch meist daheim und athmete die Blumendfte zahlloser
Grten, wo allabendlich Tausende von Orangeblten frisch gebrochen in die
Fabriken knstlicher Duftgewsser getragen werden - alles das, was man von
Schnheit und Wohlbehagen als Grund zum Bleiben sich einredete, half zuletzt
nichts, um die groe Vereinsamung der Gemther zu verbergen ... Nun schrieben
Paula und ihr Gatte von Grfin Erdmuthens zunehmender Schwche, von einer
bedenklichen Erkrankung, bevorstehender Auflsung, vom dringendsten Verlangen
der Grfin, sie alle noch einmal zu sehen - nun beschlo man, die bisher
aufrechterhaltenen Ueberzeugungen ber die Schwierigkeit dieser Begegnungen,
alle Grnde dieses gegenseitigen langen Vermeidens zu durchbrechen und die Reise
anzutreten ... Paula war von ihrem magnetischen Leben befreit ... Was die Nhe
des Erzbischofs nicht mehr hervorrief, konnte doch wol nicht mehr der Oberst
wecken ...
    Zu den Beweggrnden der Reise gesellte sich ein nicht zu unterdrckendes
Interesse fr Benno von Asselyn ... Bellona's Sichel war in mchtiger Arbeit ...
Graf Sarzana befand sich bereits, hie es, unter den Gefallenen ... Benno's
Schicksal wurde selbst in Paula's Briefen fr eine gemeinsame Sorge erklrt ...
Armgart irrte oft einsam wie die Mve am Meeresstrand ... Entsagt ein
Frauenherz, so bildet sich mit den Jahren ein Cultus des Gemths, der unbewut
die Rechte auf sein Verlorenes bertreibt, ja sich das, was nie besessen und
genossen, wie ein wirkliches, ein volles Glck ausmalt ...
    Und so erklomm denn jetzt die kleine, aus so eigenthmlichen Elementen
bestehende Colonie den Col de Tende ...
    Sie alle trugen ber die Felsen hinweg eine Welt voll Trauer ... Ihr
Innerstes war schwerbeladen und doch schienen sie am Nchsten interessirt ... An
Steinen, an Blumen, am Plaudern des Kindes ... Wei man denn, was von den
Fhigkeiten unserer Natur mehr zu hassen ist, die schnelle Gewhnung an Glck
oder die schnelle Gewhnung an Unglck! ...
    Nun ist die Hhe erreicht ... Aber der niederwrtsgehende Weg blieb noch
unabsehbar bis zu den grnen prangenden Thlern, die erwartet werden durften ...
    Kahle und de Gesteine ringsum ... Einsame Sennerhtten wechseln mit
Holzschuppen, Zufluchtsttten des Wanderers im Wintersturm ... Mchtige Steine
mssen an ihnen die Schindelbedachung gegen die Strme festhalten ... Zwischen
Felsen und Wasserstrzen, oft wunderbaren Lichtungen, wo berrascht der Blick
bis in die Cottischen Alpen hinberschweift, zwischen Resten alter Rmerbauten
und zerbrochenen Schlssern der rauhesten Zeit des Mittelalters hindurch, war
dann endlich gegen Mitternacht das Stdtchen Limone erreicht ...
    Hier berraschte die Reisenden Graf Hugo, der die Aufmerksamkeit gehabt
hatte, ihnen entgegenzukommen ... Er kam ohne Paula ... Der alte freundliche,
herzliche Ton der Bewillkommnung half sogleich ber die lange Reihe von Jahren
hinweg, wo man sich nicht gesehen hatte ... Armgart und der Graf sahen sich
sogar zum ersten mal - Sie staunten einander an ... Das ist das Groe im
Menschen - zwei erdgeborene hlflose Wesen knnen sich betrachten, wie ein nur
einmal in der Welt vorhandenes Schauspiel der Natur und wie eine Begebenheit,
die so, wie in dieser Erscheinung, nirgend und niemals wiederkehrt ...
    Nach einer Versicherung des Grafen, da die Mutter noch einige Tage leben
wrde, berlieen sich die Ermdeten dem aufgethrmten Maisstroh in einem
Wirthshause, das - in Limone! - den Namen fhrte Grand Htel de l'Europe ...

                                    Funoten


1 1831.

2 Prliminaires de la Question Romaine. London 1860.

3 Note an Lesseps vom 16. Mai 1849.


                                       4.

Im Widerspruch mit dem im goldensten Sonnenglanz strahlenden Limone lag am
frhen Morgen auf den Mienen der nach so langer Trennung sich Begrenden der
Ausdruck der Trauer ... Die Ankmmlinge sahen wohl, da den Grafen gestern nur
die Besorgni, die von seiner Mutter so heiersehnten Freunde mchten nicht mehr
rechtzeitig eintreffen, bis nach Limone getrieben hatte, von wo er ber den Col
Stafetten aussenden wollte, als sie dann endlich ankamen ... In erster
Morgendmmerung hatte ein reitender Bote den Wink des Arztes gebracht, da seine
eigene Rckkehr zu beschleunigen war ...
    Graf Hugo hatte gealtert ... Sein braunes Lockenhaar war lichter geworden
und an vielen Stellen ergraut ... Die stattliche Haltung war der
zurckgebliebenen Gewohnheit seines militrischen Standes zuzuschreiben; seiner
Stimmung entsprach sie nicht ... An seinen Antworten auf Monika's Bewunderung
der entzckenden Gegend sah man, da Schlo Castellungo ein Ort der Trauer war
... Auch Paula war, erfuhren sie, von Coni, wo sie wohnte, heraufgekommen und
harrte ihrer in Castellungo ...
    Der italienischen Sitte gem, wo Rang und Reichthum ihren uern Ausdruck
finden mssen, fuhr mit dem Reisewagen des Obersten auch ein Staatswagen, ein
Viergespann prchtiger Rosse vor und erlaubte die Theilung der Gesellschaft ...
Obgleich sich Armgart zum Grafen hingezogen fhlte, blieb sie doch bei den
Hedemanns ... Monika, der Oberst, Graf Hugo nahmen die Pltze der offenen groen
Equipage ein, die von einem buntgekleideten Kutscher vom Sattel aus gefhrt
wurde ... Zwei Bediente leuchteten in neuen Livreen mit den Dorste'schen Farben
... Man konnte sich nach Westerhof versetzt glauben, wenn die schne Natur und
der blaue Himmel nicht zu sehr an die Glckseligkeit Italiens erinnert htte ...
    Die Gesprche ringsum, schon im Gasthof und im Stdtchen, berhrten auch die
Weltbegebenheiten ... Armgart hatte gehrt, da die Kmpfe in Rom zwar noch
fortdauerten, aber schon fr die Republik hoffnungslos waren ... An einem
geheimen Blick der Aeltern sah sie, da auch von Benno gesprochen wurde ...
Zitternd stand sie, mochte hren und auch nicht - jetzt sa sie abwesend, fast
fiebernd, auch in Folge der gestrigen Anstrengung und einer nur kurzen Nachtruhe
.... Neben ihr suchte sich Porzia, in den Wonneschauern des Wiedersehens ihrer
Heimat, durch ein Durcheinandersprechen zu helfen; sie erklrte, jedes Haus,
jede Mhle und grte jeden Vorbergehenden, als mte sie noch von allen
gekannt sein ... Erdmuthe langte nach den Frchten, die aus den Grten blinkten
- Armgart nahm sie auf den Schoos, um sie zurckzuhalten ... Dabei schwankte sie
doch selbst vor Freude und Bangen in ihrer hochgespannten Brust ...
    Nach zweistndiger Fahrt, die unter Kastanien-und Nubumen, oft wie unter
dem Laubdach eines Parkes dahinging, hielt pltzlich der vorausfahrende Wagen
des Grafen ... Eine Biegung des zuweilen von rauschenden Bergwssern
unterbrochenen Weges verhinderte noch, die Ursache des Haltens zu entdecken ...
Als Armgart's Wagen nher gekommen war, sah sie unter einer Pflanzung von
Eichen, die am Wege auf einer grnen Bschung standen, eine Gruppe sich herzlich
Bewillkommnender ... Eine Dame, die, vom blauen Sonnenther sich abhebend,
hingegeben in den Armen des Vaters und der Mutter lag und doch zugleich mit
einem weien Tuch in die Ferne wehte, um die noch Zurckgebliebenen schon zu
begren, konnte wol nur Paula sein ...
    Im ersten Augenblick htte Armgart laut rufen und alle ihre krampfhaft
zusammengedrngten Empfindungen in einem Schrei lsen mgen ... Ihr Wagen flog
jetzt dahin und hielt ... Der Schlag wurde geffnet; sie schwebte, sie wute
nicht wie ... Paula lag berwltigt in ihren Armen und senkte ihr Haupt auf die
Schultern der athemlosen Freundin ...
    Da beide weinten, trotz der Freude - lag es nur allein im Hinblick auf die
Sterbende in Castellungo? ... Angenommen wurde es ... Ihr krampfhaftes, in
kurzen Stzen erfolgendes Schluchzen, das beiden ihre Empfindungen erleichterte,
sagte wol mehr ...
    Ein dritter Wagen, mit dem nun noch Paula gekommen war, nahm diese und
Armgart allein auf ... Sie wollten fr sich und hinter allen zurckbleiben ...
Die andern, dabei eine Italienerin, Begleiterin Paula's, fuhren voraus ... Nun
erst begrten sich die Freundinnen ganz so, wie sie es fr sich allein
bedurften; nun erst sahen sie, was sie inzwischen geworden - sie spiegelten sich
in ihren thrnenblinkenden Augen ... Paula trug keine Locken mehr ... Sie bot
vollkommen das Bild einer Dreiigjhrigen ... Sie war noch nicht verblht, hatte
aber Linien des Grams auf ihrer Stirn und um den Mund jene Einschnitte, die
nicht mehr weichen wollen ... Ein leichter, mit blauen Florentinerblumen
geschmckter Strohhut umrahmte ihr edles Antlitz ... Die Freundinnen prften
sich fort und fort, Auge in Auge ... Wer beide beobachtete, konnte zweifelnd
bleiben: Sind das zwei Jungfrauen oder zwei Witwen? ...
    Das also das Land deiner Verheiungen! ... Das das Land - deiner Trume ...
begann Armgart sich nun erst findend und in der immer paradiesischeren Gegend
umblickend - ...
    Der Bediente war auf die andern Wgen geschickt worden ... Der Kutscher
hatte mit seinen Rossen zu thun ... Die Freundinnen konnten annehmen, da sie
allein waren ...
    Seit ich hier bin, trum' ich schon lange nicht mehr, erwiderte Paula ...
Ich sehe irdisch wie alle ... Die Luft dieser Berge ist gesund ... Du und die
Aeltern, alle mt ihr nun bei uns bleiben ... Mein Gatte - sagt' er es nicht
schon? - sehnt sich freilich in die Welt zurck ... Der Kriegslrm lockt ihn
schon lange, um wieder in die Armee zu treten ... Aber - ihr bleibt ...
    Die Beziehung zu dem Lande hier war im Kriegssturm gewi die bitterste und
schwerste? unterbrach Armgart ...
    Die Mutter glich alles aus - erwiderte Paula ... Sie war - so hochverehrt
... War! ... O, da ihr zu solcher Trauer kommt! ...
    Und auch wir bringen Leid ... Der arme Hedemann! ...
    Paula war voll herzlichsten Antheils ... Die Freundinnen sprachen
wehmuthbewegt von Westerhof, Witoborn, vom Stift Heiligenkreuz ... Neuigkeiten
gab es genug ... Vom Erzbischof von Coni war noch nicht die Rede - nur von Coni
selbst, wo Paula wohnte ...
    Coni ist zwlf Miglien von hier ... sagte sie und bediente sich der
italienischen Bezeichnung fr eine Entfernung, die Armgart auf drei deutsche
Meilen zu deuten wute ... So weit lag etwa von Heiligenkreuz Schlo Neuhof
entfernt ... Jedes Wort, das die Freundinnen wechselten, weckte heilige
Erinnerungen ...
    Paula deutete auf einen zur Linken sich erhebenden grnen Hgel, auf den
sich terrassenfrmig ein Stationsweg hinaufschlngelte und oben eine kleine
Kirche malerisch vom blauen Hintergrunde abhob ...
    Die Kapelle der besten Maria! erklrte Paula der den landschaftlichen
Reizen schon als Knstlerin lauschen den Freundin ...
    Diese konnte in einem Augenblick, wo sie schon soviel trbe mit dem
Religionszwiespalt zusammenhngende Verhltnisse theurer Angehriger besprochen
hatten, in dieser Hindeutung auf die beste Maria nur einen Anla finden, an
das unsichtbare und ohne Bild verehrte Princip der schmerzverklrten weiblichen
Liebe berhaupt zu denken ... Sie faltete die Hnde und sagte:
    Das also der Altar, wo die Cocons gesegnet wurden, die dein Brautkleid
werden sollten! ...
    Paula errthete ...
    Armgart hielt eine Lobrede auf den Grafen, rhmte den Eindruck, den er
mache, seine Natrlichkeit, seine Trauer um die Mutter ...
    Er ist gut! bezeugte Paula ...
    Das der beste Schmuck eines Mannes! entgegnete Armgart mit Andeutung ihrer
eigenen trben Lebenserfahrung ... ...
    Nun schwiegen die Freundinnen ... Was sie fhlten, verstanden sie ja ... Ihr
Briefwechsel hatte nichts von ihren tiefern Lebenslagen verschleiert, wenn sie
auch nicht in Allem gleicher Meinung waren ...
    Die Zahl der Wegwanderer, der Fahrenden, Reiter mehrte sich inzwischen ...
Obgleich die Embleme des katholischen Cultus nicht fehlten, bemerkte doch
Armgart Landleute, die einen eigenen Ausdruck der Mienen hatten und der ihr aus
Lausanne und Genf bekannt war ... Sie forschte fr sich nach Waldensern - nach
der ganzen Sehnsucht Hedemann's und ihrer Aeltern ...
    Ein Stdtchen kam mit einer mchtigen, dem Ort kaum angemessenen Kathedrale
... Eine hochgewlbte Kuppel ragte weit ber das ganze Stdtchen hinweg ...
    Das ist Robillante! sagte Paula ...
    Armgart's Augen fanden schon von selbst vor dem Thor der Stadt das
bischfliche Kapitel ... Ein mchtiges Gebude im Jesuitenstyl, die Kirche
daneben mit Kuppel und schnrkelhafter Faade ... Die Kirche hatte ein
Glockenspiel und intonirte soeben mit kurzem Ansatz den Schlag der zehnten
Stunde, dem dann ein Musikstck, wie eine Galopade, folgte ...
    Das war nun in Italien nicht anders ... Bonaventura hatte hier als Bischof,
erzhlte Paula, die Melodie gendert ... ... Sein Nachfolger hatte wieder die
Tnze zurckgefhrt ...
    Mit dieser kurzen Erwhnung waren denn auch jene Kmpfe angedeutet, die der
fremde Eindringling auf diesem Boden zu bestehen hatte ... Im letzten
Revolutionssturm hatten sie nachgelassen ... Jetzt, nach Piemonts Demthigung,
begannen sie wieder ... Auch gegen die neue, in Turin im Bau begriffene
Waldenserkirche hatte der neue Bischof von Robillante energischen Protest
erlassen ...
    Armgart's Phantasie hatte inzwischen Spielraum, sich auszumalen, wie dort
Bonaventura in dem von ehrerbietig grenden Priestern umstandenen, nicht
endenden Palaste wohnte und wie auch einst Benno und Thiebold hinter jenen
stattlichen Fenstern mit den Balconen und grnen Jalousieen dort von ihm
aufgenommen wurden - ...
    Die Stadt selbst wurde umfahren ... Wieder glnzte im Sonnenschein Berg und
Flur ... Nur die vielen, um der Seidenwrmer willen entlaubten Maulbeerbume
strten den malerischen Eindruck ... Wieder folgten die Gre von Landleuten,
die auf Armgart einen schweizerischen Eindruck machten ...
    Waldenser! besttigte auch Paula ... Wohlhabende Leute darunter ... Dank der
Frsorge der Mutter ... Unsere Gemeinde hier ist nur klein - ... Die Mehrzahl
wohnt dort oben ... In den Thlern um Pignerol sind ihrer Tausende ...
    Schon suchte Armgart's Auge nach Castellungo ... Viele Schlsser gab es, die
auf den grnen Hgeln, den Vorbergen hinterwrts aufstarrender schrofferer
Felswnde, leuchteten ... Paula deutete auf einen schimmernden Punkt in weiter
Ferne - eine unter einem tiefdunkeln Waldkranz hervorragende Flagge ...
    So krank die Mutter ist, sagte sie, hat sie zu eurem Empfang das Aufziehen
aller Fahnen befohlen ... Auch eure Farben und die der Hardenbergs werdet ihr
finden ... Bei hohen Festen sind alle Zinnen damit geschmckt ... Bald wird die
schwarze Trauerfahne wehen ...
    Das Gesprch kam auf die Waldenser zurck und Paula sprach von ihnen, ohne
das mindeste Zeichen der Abneigung ... Alle diese Verhltnisse umschlang hier
schon lange das gemeinsame Band der Schonung und Familienrcksicht ... Eine
Frage wie die: Wird wol Graf Hugo nach dem Tode seiner Mutter katholisch werden?
kam nicht von Armgart's Lippen; edle Bildung scheut nichts mehr, als das
Aussprechen des Namenlosen; sie lt das Misliche an sich kommen, ohne es zu
rufen ... Wie Paula, ihr Gatte und der priesterliche Freund in Coni
zusammenlebten, wute ja Armgart seit Jahren aus dem Briefwechsel der Freundin
... Sie kannte, was hier im Herzen edler Menschen mglich, freilich auch nach
der Anschauung ihrer Mutter und der Mutter des Grafen ein sprechender Beweis fr
die tiefe Verwerflichkeit der katholischen Kirche war ...
    Um dieser Schonung ihres Verhltnisses zu Bonaventura willen berhrte auch
noch Paula nichts, was zum Unaussprechlichen in Armgart's Seele gehrte ...
Seitdem Benno ein Opfer der Dankbarkeit fr Olympia geworden, hatte er
aufgehrt, fr diese ohnehin im Politischen nicht mit dem herrschenden Zeitgeist
gehenden Kreise anders, als in den Bildern alter Zeit zu existiren ... Der Graf
hatte schon in Limone seine alte Anhnglichkeit an Oesterreich zu erkennen
gegeben ... Die Gegend wrde ihn, sagte er, in dieser anarchischen Zeit mit dem
feindseligsten Mistrauen betrachtet haben, wre die Mutter nicht so hochverehrt
... Paula verschwieg nun auch nicht, da sie alle anfangs dem Ruf des
Erzbischofs geschadet htten ... Armgart erkannte an allem, was sie so
abgebrochen hrte, da nach dem Tode der Grfin irgendeine groe Entschlieung
im Werke war ... Der Tod Sarzana's wurde von Paula besttigt ... Von Lucinde,
von Csar von Montalto hatte man keine Nachricht ...
    Im Austausch der durch alle diese Namen und Verhltnisse hervorgerufenen
Empfindungen entdeckte man endlich die deutlichen Umrisse des sich allmhlich
als Beherrscher eines dichtbevlkerten Thals und einer kleinen Ortschaft
erhebenden, aber mehr den Bergen zugelegenen Schlosses ... Wohl konnte Armgart
begreifen, wie sich Graf Hugo's Vater mit diesem Prachtgebude hatte in Schulden
strzen mssen ... Castellungo gehrte der Grfin, aber ihr Gatte hatte
beigetragen, es weit ber ihre Mittel zu einem leuchtenden Mittelpunkt der
reizenden Landschaft zu erheben - es war der einzige Adelssitz, der hier noch an
die Zeiten der gebrochenen Burgen der Tenda und Saluzzo erinnern konnte ...
Thrme erhoben sich mit gezackten Zinnen, mit Altanen, freischwebenden luftigen
Brcken - alles htte, ohne den dstern Flor, der auf dem Ganzen lag, einen um
so anziehenderen Aufenthalt verheien knnen, als die Reize der Natur, wie ihm
schmeichelnd, sich rings um den mchtigen Bau lehnten ... Eine ppige
Fruchtbarkeit, gute, freundliche Menschen, die ihre Wohnungen bis weit hinauf
ber die Berggelnde hatten, alles das machte den wohlthuendsten Eindruck ...
    Wie schmerzlich, da die Diener, die den auf dem bequemsten Schlngelpfade
bis zum Schlo anfahrenden Wgen entgegeneilten, schon in ihren Mienen die
angebrochene letzte Stunde der Grfin berichteten ...
    Hedemann, nach dem die Sterbende ein besonderes Verlangen trug, stand schon
an der Eingangspforte unter den mchtigen Wappenschildern von Marmor und sah
sich in der weiten schnen Gegend und in den blumengeschmckten Hfen des
Schlosses mit einem Blick um, als wollte er sagen: Hier wirst auch du dein
letztes Lager finden! ...
    Eilends stiegen alle aus ... Bangklopfenden Herzens folgte man dem Grafen,
der Monika den Arm bot ... Paula wurde vom Obersten gefhrt, der sich noch
scheute, sich ihr zu sehr zu nhern ... Aber Paula's gen Himmel erhobener Blick
schien den Dank aussprechen zu wollen, da sich ihr Leben schon lange unter die
allgemeinen Bedingungen der Natur gestellt htte ... Fest klammerte sie sich an
den ihr sympathischen Mann - den Vater ihrer geliebten, so langentbehrten
Armgart ... Auch der Mutter warf sie nur Blicke der Liebe und Vershnung zu ...
    Der Aufgang, das Treppenhaus, alles gab sich in hohem Grade wrdig ...
Decken lagen ausgebreitet auf Marmor und Granit ... Die Diener gingen leise auf
und ab in reicher Zahl ... Die alte Grfin hielt auf den Glanz ihres Hauses;
zumal, seitdem die frhere Entbehrung geschwunden ... Ordnung und Sauberkeit
waltete auf allen Gngen ... Die steigende Mittagshitze verlor sich in Schatten
und Khle ... Im Schmuck der dann betretenen hohen, luftigen und hellen Zimmer
herrschte ein gewhlter Geschmack ... Graf Hugo's Liebhaberei waren schon in
Salem kunstvolle Mbel und gediegene Einrichtungen ... Schon in Limone deutete
er dem Obersten an, da ihn Langeweile nie beschlichen htte - zu thun gb' es
bei groem Besitz immer und oft fehle ihm die Zeit, alles allein zu besorgen -
Schlo Salem war unverkauft geblieben und seit diesen zehn Jahren jhrlich von
ihm auf einige Wochen besucht worden ... Fr die Ankmmlinge, die er gern fr
immer gefesselt htte, war ein ganzer Flgel des Schlosses eingerichtet ... In
einem hellleuchtenden, sulengeschmckten Saale stand dann eine von Silber und
Krystall glnzende, gedeckte Tafel ... Hier fanden sich alle Schlobewohner
beisammen ... Und wohl sah man, da der Todesengel waltete ... An einer hohen,
schwarzen, reich mit Holzschnittarbeit gezierten Thr standen weinende Frauen
... Einige davon erkannten sogleich von alten Zeiten her Porzia und begrten
sie ... Auch Monika und Armgart fanden Bekannte, jene aus Wien, diese aus London
... Inzwischen ffnete der Graf jene schwarze Thr und bedeutete die Freunde ihm
zu folgen ... In einem Vorzimmer sollten alle so lange verweilen, bis er die
Mutter auf die endliche Ankunft derselben vorbereitet htte ...
    Von einem wrdigen Manne in schwarzer Kleidung, der ein Prediger schien,
wurden zuerst der Oberst und Monika allein hereingerufen ... Paula schlo sich
ihnen an ...
    Nach einer Weile rief Paula auch Armgart herein ...
    Dann durften Hedemann und Porzia und mit ihnen das kleine Pathenkind kommen
...
    In einem grnverhangenen Eckzimmer lag auf einem Rollsessel ausgestreckt die
Mutter des Grafen, schon einem ausgelebten Krper hnlich ... Ihre knchernen
Hnde hatte sie auf der gepolsterten Lehne des Sessels liegen ... Sie fhlte wol
kaum noch die Ksse, die die um sie her Stehenden oder Knieenden auf die kalten
Finger drckten ... Porzia schluchzte laut - die andern schwiegen
ehrfurchtsvoll, wenn auch ihre Augen voll Thrnen standen ...
    Grfin Erdmuthe winkte, da niemand wieder hinaus gehen sollte; sie wollte
sie alle in ihrer Nhe behalten ... Die Augen lagen tief in ihren Hhlen ...
Doch erkannte sie jeden ... Lichtstrahlen der Freude, da sie Menschen, die ihr
zu allen Zeiten so werth gewesen, noch einmal sehen konnte, brachen unverkennbar
aus ihren, schon halb erstarrten Zgen ...
    Wo gehst du denn hin? sprach die kleine Erdmuthe, da die Grfin ihre Rede
mit einem mehrmaligen: Ich gehe - begonnen hatte ...
    In einen schnen - Garten -! ... antwortete die Sterbende mhsam jede Sylbe
betonend ...
    Wol in den, in den auch der Vater geht? ... fragte das Kind und wurde um
dieser Fragen willen leise von Porzia weggezogen ...
    Aber die Grfin langte nach ihrem Pathchen und wehrte allen, ihm sein
zutraulich Fragen zu verbieten ... ...
    Hedemann stand hinter dem Stuhl der Sterbenden und verrieth sein Leiden
durch seinen Husten ... Die Grfin hatte ihn mit besonderer Theilnahme begrt
... Da sie ihm nun, sich nach ihm wendend, zuflsterte: Ei - du - frommer - und
- getreuer Knecht! fiel er, das Wort des Kindes besttigend, ein: Gehe ein zu
deines Herrn Freude! ...
    Eine Pause trat ein, unterbrochen vom Weinen Porzia's, auch jetzt vom Weinen
des erschreckten Kindes ...
    Als es stiller geworden, winkte die Matrone dem Obersten, der ihr in
Witoborn und Westerhof immer einen so vortheilhaften Eindruck gemacht hatte und
dem sie schon aus Reue ber ihre Absicht, Monika mit Terschka zu vermhlen,
besonders ergeben war, und sprach mit ihm ... Es whrte lange, bis der Oberst
verstand, was sie wollte ...
    Wie ist es - mit - Rom? verstand er endlich ...
    Er nannte ihr mit scharfbetonten Worten die gegenwrtige Sachlage des
Kampfes ... Der Sieg der Franzosen wre, sagte er, so gut wie entschieden ...
    Sie berlegte lange, was gesprochen worden ...
    Monika errieth ihren Gedankengang und half dem Aussprechen desselben nach
... Dieser Sieg, sagte sie dicht am Ohr der Grfin, wird noch einmal die
Herrschaft des Heiligen Vaters wieder zurckfhren - bis - einst - ...
    Die Grfin verfiel in einen rchelnden Husten, ergnzte aber, als der
krampfhafte Anfall vorber war, mit einer berraschenden Kraft: Bis einst die
wahren Streiter kommen ... Das ist das Lamm auf dem Berge - und mit ihm hundert
- und vierzigtausend ohne andere - Waffen - als - ...
    Nun versagte die Stimme der Grfin und Hedemann und Monika fielen ergnzend
ein:
    Als - den Namen des Herrn ...
    Den Namen des Herrn aus Monika's Munde zu vernehmen schien der Grfin
auerordentlich wohlzuthun ... Sie hatte frher an ihr den rechten Grund
vermit, wute nun aber aus Briefen schon lange, um wie viel die jngere
Freundin ihr nher gerckt war ...
    Der Sohn trat heran, um die Erregung der Mutter zu beschwichtigen ...
    Die Mutter hielt seine Hand fest und sah ihm mit weitgeffneten Augen ins
Antlitz ...
    Warum luten die Glocken? ... fragte sie ihn feierlich ...
    Es klangen keine Glocken ... Nur im Nebenzimmer regte sich der Arzt, der
hochberhmte Doctor Savelli aus Coni, der mit einem Glase nher trat, an dem nur
so der silberne Lffel erklang ...
    Die Mutter hrte wol diesen Klang und deutete ihn auf das Luten von Glocken
und starrte wie ins Leere ...
    Nimm, Mutter! sprach der Graf mit liebevoller Bitte und reichte ihr selbst
das Glas dar, das krftig und wrzig duftete ... Es war die letzte Strkung
eines von seinen Lebensgeistern immer mehr Verlassenen - edler Tokayerwein ...
    Die Mutter betrachtete das Glas und erkannte wohl, da das dargereichte
Getrnk Tokayer war ... In ihrem Ideengang unterbrochen, sah sie den Sohn mit
einem schmelzenden Liebesblick an ... Nun zog sie ihn nher und heftete die
Augen auf ein gerade vor ihr befindliches lebensgroes Bild, das den Vater
Hugo's in Generalsuniform darstellte ... Der Sohn verstand ihre Empfindungen ...
In Ungarn hatten ja er und der Vater gestanden ... Er trocknete den Schwei vom
kalten Antlitz der immer mehr sich Aufregenden ...
    Hinter dem Arzt trat der Mann hervor, der alle anfangs empfangen hatte ...
Es war der Geistliche, der Barbe des jenseits des Waldes, der sich hinter dem
Schlogarten erhob, gelegenen Waldenserdorfes, ein Herr Baldasseroni ... Er
hatte bisher fr sich in Diodati's italienischer Bibel gelesen ...
    Die Mutter sah zu ihm hinber, langte nach der Bibel, lie sie sich auf den
Schoos legen und setzte mit zitternden Hnden das Glas mit dem Tokayerwein
darauf ... An seinem Inhalt, deutete sie an, wollte sie sich nach und nach
erquicken ... So sitzend hielt sie lange des Sohnes Hand ...
    Sie wiederholte aber, da sie Glocken hrte, und murmelte, das Ohr gegen das
Fenster richtend:
    Glocken haben die Armen ja nicht - und keine Thrme ... Nimm nicht die
Glocke - von Federigo's - Htte ... hrst du, mein Sohn? ...
    Der Graf nickte mit einer Miene, die fast vorwurfsvoll war ... Er that, als
traute sie ihm Unwrdiges zu ...
    Dann winkte sie Monika und Armgart, da auch sie nher treten sollten ...
Beide nannte sie Du und langte nach Monika's Locken, streichelte ihr auch die
thrnenfeuchte Wange und legte ihre und Armgart's Hnde ineinander ... Dabei
sprach sie langsam jenen ihren Lieblingsvers, der sie einst mit dem deutschen
Fremdling verbunden hatte:

Wenn alle untreu werden,
So bleib' ich dir doch treu,
Da Dankbarkeit auf Erden
Nicht ausgestorben sei - ...

    Wieder trat eine Pause ein - jene Stille, die man den Engel nennt, der
durchs Zimmer geht ...
    Die Kleine verscheuchte ihn ... Da sie den Ernst der Scene strte, so
duldete jetzt die Leidende, da Armgart und Porzia das Kind den Dienern im
Nebenzimmer zufhrte ...
    Die Sterbende starrte wie tief innenwrts und hrte nur ihre Glocken ... Sie
war so abwesend, da man sanft das Glas mit der Bibel von ihrem Schoose
fortnehmen konnte, ohne da sie es bemerkte ...
    Ein groes Wasser - sprach sie dann in abgerissenen Stzen, wird gehen und
ein Donner wird ertnen - lass' - die Glocke unberhrt - Zum Gericht - des Herrn
- Schwre mir's, mein Sohn, auch - wenn - du dem Thiere folgst - ...
    Mutter -! rief der Graf voll uersten Schmerzes - und vielleicht weniger
ber den Verdacht, da er seinen Glauben ndern knnte, als ber die Sorgen, von
denen sich die Mutter noch in ihrer letzten Stunde beunruhigen lie ...
    Die Hochaufgerichtete fhlte den Stachel ihrer Worte in - Paula's Herzen
nach ... Diese stand bescheiden hinter ihrem Sessel und beugte trauernd ihr
lichtblondes Haupt auf die hohe schwarze Sammetlehne ... Jetzt zog sie ihr Gatte
nher und Paula kniete nieder ...
    Die Mutter gab ihr ein Zeichen vershnlicher Gesinnung durch eine Aeuerung,
die nur der Graf und die nher Eingeweihten als eine solche verstehen konnten
... Sie tastete nach dem Buche, das man weggenommen ... Als Baldasseroni es ihr
wiedergeben wollte, sagte sie:
    No! No! Signore! ... La Nobla - Leyon ...
    Der Barbe ging in das dunklere Nebengemach und brachte ein altes kleines
Pergamentbndchen, in welchem er bltterte ...
    Sie -! ... sprach die Grfin und deutete auf ihre Schwiegertochter ...
    Mit erstickter Stimme, vor der Sterbenden knieend, las Paula in einer
seltsamen Sprache aus diesem Buche vor ... Es war kein Italienisch und kein
Franzsisch, doch eine wohllautende Sprache ... Man hrte Reime ... Monika,
Armgart und der Oberst glaubten das Patois von Nizza zu erkennen ...
    Paula las allmhlich mit Begeisterung ... Sie nur und Graf Hugo begriffen,
wie die Mutter gerade in dieser Zumuthung, ihr aus der Nobla Leyon vorzulesen,
eine Vershnung mit Bonaventura aussprach, den die Mutter mit unausrottbaren
Gefhlen des Mistrauens verfolgte - trotz der damals alles fr seine Stellung
aufs Spiel setzenden Verwendung desselben fr den in Neapel verschollenen Fr
Federigo, trotz seines zehnjhrigen Kampfes gegen Lug und Trug im hierarchischen
Leben um ihn her - sie konnte eben nur die ihrem Sohn abgewandte Seele seiner
Gattin festhalten, deren Kinderlosigkeit, die unmoralischen Consequenzen im
rmischen Priesterleben, endlich die mgliche Gefahr, da ihr Sohn nach ihrem
Tode bertrat und den mystischen Bund, der hier zwischen drei Personen waltete,
immer noch enger und enger schlieen half ...
    Die Nobla Leyon ist das lteste in provenalischer Sprache geschriebene
Gedicht der Waldenser ... Niemand verstand einst die provenalische Sprache so
vollkommen und so rein und wute den umwohnenden Waldensern ihre alten,
smmtlich in der Sprache der Troubadours geschriebenen Werke so zu bersetzen
und zu erlutern wie Federigo, der diese Sprache kannte, noch ehe er von der
Sekte der Waldenser wute ... Auch Bonaventura, immer von den Erinnerungen und
Sorgen um seinen Vater geleitet, auch in seinem Interesse fr die Blten der
alten Kirchenpoesie, kannte diese alte Mundart und Paula erlernte sie in Coni
ihm zu Liebe ... Da nun die Mutter im Stande war, sich von ihr noch zum letzten
mal aus diesem Buche, einem fr Paula allerdings ketzerischen, vorlesen zu
lassen, war ein Act der Liebe, der Vershnung, ein Gru an den Erzbischof ...
Ihre Aufforderung gab auch Paula wahrhaft Schwingen ... Sie las so laut die
schnen wohlklingenden Verse, als wollte sie sagen: Im Geist rufst du nun ja
auch noch Bonaventura an dein Lager und vershnst dich mit dem edelsten der
Menschen! ...
    Als Paula bis zu den Worten gekommen war:

                         Intrate in la sancta maison!

blickte sie auf ...
    Die Mutter schien entschlummert ... Paula erhob sich ...
    Aber auch die Sterbende hob die Augen, sah eine Weile, als wre sie
abwesend, starr um sich und sprach:
    Ich bin - der Weg - die Wahrheit und das Leben - niemand kommt - zum Vater,
denn durch mich! ...
    Das sahen alle, sie verweilte in den Erinnerungen an die Htte jenes
Einsiedlers, den sie so wahrhaft verehrt und lieb gehabt und von dem sie seit
seiner Entweichung nichts mehr vernommen, als, in einem einzigen Abschiedsbriefe
fr dies Leben, die Bitte an jeden, der ihm Gutes erwiesen und noch erweisen
wollte, nie, aber auch nie mehr nach ihm zu forschen ...
    Intrate in la sancta maison! ... wiederholte sie mit einem Aufblick gen
Himmel ...
    Monika und Armgart, die das noch im Nebenzimmer plaudernde Kind nun ganz
entfernt hatten, gingen hin und wieder ...
    Immer stiller wurde es - still wie schon im Grabe ... Jeder hielt den Athem
zurck ... Da noch einmal streckte die Sterbende die Hnde aus und flsterte mit
dem Hohenliede, sicher in Anregung ihres Gedchtnisses durch Armgart's Abbildung
der im Herzen Gottes als befiederte Kreuze aufsteigenden Seelen:
    Htt' - ich - Taubenflgel! ...
    Mit diesen Worten sank sie, von Schmerzen berwltigt und nach Erlsung
ringend, zurck ... Lange noch wehrte sie Bilder ab, die sie bengstigten ...
Ihre Stimme blieb erstickt ... Ihre Hnde sanken erstarrt ... An ihrem geffnet
stehenbleibenden Munde traten kleine Schaumblschen hervor ... Sie war noch
nicht ganz todt, aber schon zeigte ihr Antlitz jene herbe Strenge, die unsern
Gesichtszgen der Tod verleiht ...
    Der Arzt, der Geistliche traten eilends nher ... Leise begab sich alles aus
dem Zimmer und trat in den Saal zurck, whrend die Sterbende auf ihrem
Lehnsessel von Dienern unter Hugo's Leitung sanft zurckgerollt wurde in die
dunkleren Nebenzimmer ...
    Ach, htt' ich Taubenflgel! ... wiederholte Hedemann ...
    Auch ihm erklang dies letzte Scheidewort der edlen Frau wie der Ruf nach
Erlsung von den Schmerzen, die auf seiner kranken Brust lasteten ...
    Im Saale, in welchen alle zurckkehrten, brach die Theilnahme in ihrer
ganzen bisher zurckgehaltenen Macht aus ... Die Frauen schluchzten ... Auch die
Mnner traten bei Seite ... Monika trat bald zum Gatten, bald zu Hedemann, der
am Fenster sa und Weib und Kind liebevoll an sich gezogen hatte ...
    Es war dann ein Trauermahl, das in dem schnen Raume genommen wurde ...
Unsere menschliche Natur erscheint uns nie geringer, wird nie von uns unlieber
befriedigt, als wenn unsere himmelentstammte Seele aufjammern mchte vor Schmerz
und doch unser Leben und Sein unter dem Druck des physischen Erdenverhngnisses
steht ...
    Noch ehe das Mahl, dessen strkende Wirkung alle bedurften, zu Ende war,
wurde dem Grafen heimlich eine Botschaft berbracht, die ihn bestimmte, sofort
aufzuspringen und sich zu entfernen ...
    Alle folgten ihm erschreckt ...
    Der Bote sagte, die Grfin htte vollendet ...
    Bebend folgte man dem Grafen ... Paula vor allen, deren Brust von so vielen
Schmerzen durchwhlt wurde, deren Grnde sich von den Andern wol ahnen lieen
... In ernsten Krisen erkannte sie, wie sehr der Graf zu lieben war ...
    Der Arzt und der Geistliche lfteten die Vorhnge des Schlafzimmers ... Der
schne sonnenhelle Tag schien herein und beleuchtete die Zge der Entschlafenen
... Sie hatte, hrte man, noch versucht, die Worte nachzusprechen, die ber
ihrem Bett unter ein Bild des ihr verwandten Dichters Novalis-Hardenberg
geschrieben waren:

Und wenn Du Ihm dein Herz gegeben,
So ist auch Seines ewig dein! ...

    Da stockte die Zunge wie gelhmt ... Sie hatte ausgehaucht ...
    Nun luteten in der That fernher die Glocken ... Die ehernen Zungen eines
andern Bekenntnisses waren es ... Auch Gesnge mischten sich ein, dicht in der
Nhe ... Diese galten der Entschlafenen ... Ein Chor von Kindern stimmte ein
geistliches Lied unter ihren Fenstern an ... Regelmig an jedem Nachmittag
hatte sich die Grfin von den Kindern der Waldensergemeinde, die vom Gebirg
herunterkamen, diese Erquickung erbeten - der Pfarrer erklrte dies den Hrern
...
    Jetzt kam auch ein Herr Giorgio, der sogenannte Moderatore oder
Kirchenvorstand der kleinen Colonie und brachte zu aller Erstaunen eine Schrift,
die die Grfin in seine Hand gelegt hatte mit dem Bedeuten, sie erst ihrem Sohne
zu zeigen, unmittelbar wenn sie die Augen geschlossen htte ...
    Der Graf erbrach das unversehrte Siegel, las und theilte die Wnsche der
Mutter den Umstehenden mit ...
    Sie hatte befohlen, erst in der kleinen Kirche des Schlosses ausgestellt,
dann aber in der Kirche der Waldenser und nicht in der Schlokirche begraben zu
werden ...
    Der Graf erkannte, da dieser Bitte die Voraussetzung zum Grunde lag, er
wrde Castellungo nicht behalten ... Aufregungen, wie sie mit dem Aussprechen
und Errtern dieser Voraussetzung verbunden sein konnten, hatten sie jedenfalls
bestimmt, ihm ihr Verlangen nur schriftlich auszusprechen ...
    Porzia lie sich nicht nehmen, die Leiche zu entkleiden, Hedemann nicht, den
Katafalk zu ordnen, dem noch fr denselben Abend im Betsaal des Schlosses jeder
nahen durfte, der der Abgeschiedenen seine letzte Ehrfurcht bezeugen wollte ...
    Es kamen ihrer von nah und fern ... Der Betsaal drckte die ganze Geschichte
und Richtung der Grfin aus - schon an den Bildern, die rings an den Wnden
hingen ... Der tapfere Heinrich Arnaud in kriegerischer Tracht ... Bischof
Scipione Ricci, der die Souvernett der Concilien gelehrt hat und vom rmischen
Stuhl als Lutheraner verdammt wurde ... Graf Guicciardini, der krzlich in
Florenz Protestant geworden ... Der Englnder Oberst Beckwith, der sein ganzes
Vermgen den Waldensern schenkte ... Der mchtigste Beistand der Grfin,
Friedrich Wilhelm III. von Preuen, hatte unter den Portrts den ersten Platz
...
    Die Reisenden richteten sich inzwischen in den fr sie vorbereiteten Zimmern
ein ... Mit einer eigenthmlich bedingten Theilnahme beobachteten sie, wie
eifrig Graf Hugo bemht war, den Erzbischof in Coni noch vor Anbruch des Abends
ber das Ableben seiner Mutter mit Angabe aller Einzelheiten in Kenntni zu
setzen ... Ja er zeigte erst Paula den Brief und diese fgte noch die mehrmalige
Aeuerung um die Glocke jenes Eremiten hinzu, um den sich Bonaventura so
verdient gemacht ... Ueber Paula's Lesen aus der Nobla Leyon hatte schon Graf
Hugo geschrieben ...
    Paula schien in der That erkrftigt und gesund ... Sie ertrug den lange und
voll Rhrung auf ihr ruhenden Blick und die unmittelbare Nhe des Obersten, ohne
die Befrchtungen zu besttigen, die man so lange Jahre ber diese
Wiederbegegnung gehegt hatte ... Monika sagte: Fast scheint es, als wre eine
Kraft ber sie gekommen, die sie frher nicht gekannt hat - die Kraft des
Willens ...
    Armgart trauerte ...
    Ob darber, da unter denen, auf deren Leben ein letzter Segen und eine
letzte vershnte Erinnerung hier zurckgeblieben war, ein einziger ausgestoen
und unbercksichtigt blieb - Benno von Asselyn? ...
    Oder ber ein unausgesprochenes, ersichtlich vorhandenes Leid der Freundin,
ihres Gatten und des hohen Geistlichen in Coni - ein Leid, das schon mit
gesteigerter Offenheit von ihrer Mutter als ein unerlaubt unnatrliches
verworfen wurde? ...
    Oder endlich ber den Heimgang ihres Gromtterchens nur allein? ...
    Der Aufenthalt in Castellungo hatte jedenfalls erschtternd und
bedeutungsvoll begonnen ...

                                       5.


Nach Beisetzung der Grfin in der von ihr selbst erbauten, oberhalb
Castellungo's in den Bergen liegenden Kirche der Waldenser, einer Feierlichkeit,
zu der aus den Bergen und aus der Tiefe des Thals auch die Rechtglubigen, Jung
und Alt, herbeistrmten, aus den Thlern von Saluzzo und Pignerol, wo die
Waldenser in Masse wohnen, von allen Gemeinden die Barben, Evangelisten,
Moderatoren - nach diesem Tage htten nun ruhigere Stunden eintreten knnen,
wenn nicht die politische Welt die Aufregung wach erhalten und nun auch
Hedemann's Abschied vom Leben sich genhert htte ... Die Freude am Tod war bei
diesem wieder bereits eine solche, da er sich in seinen Gebeten Vorwrfe
machte, ihn zu eifrig zu wnschen ...
    Rom war inzwischen gefallen ...
    Die letzten Spuren der Revolution wurden in ganz Italien getilgt ... Die
ersten Vorzeichen jener Zeit brachen an, die in drei Jahren wieder die Kerker
nur des Kirchenstaats allein mit sechstausend Menschen fllen sollte1...
Fefelotti ergriff jetzt auch noch das weltliche Ruder auer dem geistlichen ...
Staat und Kirche gehrten ganz den zurckkehrenden Jesuiten ...
    Auch in der kirchlichen Sphre der Umgegend zeigte sich manche Wiederkehr
des Alten ... Die Jesuiten hatten in Coni ein von Fefelotti begnstigtes
Collegium besessen, das sie freilich nicht wieder beziehen durften, da
Sardiniens Verfassung sie verbannte ... Aber schon war in Schule, Staat und
Kirche ihr dennoch geheimwirkender Einflu bald wieder ersichtlich ...
Robillante und Pignerol waren zwei Bischofssitze, die ausdrcklich schon lange
durch Mnner besetzt wurden, die dem deutschen Eindringling, dem Erzbischof von
Coni, wo sie nur konnten, wehren sollten2...
    Der Oberst und Monika konnten inzwischen dem Grafen im Ordnen des Nachlasses
seiner Mutter, in Auszahlung einer Menge von Legaten an die Gemeinden der Thler
hier und drben am Fu des Monte Viso behlflich sein ... Der Graf war es, der
am meisten darauf drngte, da Paula nach ihrem Wohnhause in Coni zurck sollte
... Armgart wollte sie begleiten ... Wohl, sprach sie ihr dringendstes Bedrfni
aus, den Erzbischof zu begren, der sich, seiner Stellung gem, vom
Leichenbegngni der Grfin hatte entfernt halten mssen ...
    Monika, die zwar zu Paula's Heirath dringend gerathen hatte, empfand und
tadelte doch, was sie das Anstige dieser Beziehung nannte, im hchsten Grade
... Hatte sie schon sonst die Partie des Grafen genommen und ihn ber das Meiste
entschuldigt, was sich seinen jungen Jahren vorwerfen lie, so erklrte sie
vollends mit ihm Mitleid zu fhlen, seitdem sich jenes mystische Dreiblatt
gebildet hatte, dem womglich fern bleiben zu wollen sie sich auf Schlo Bex
gelobt hatte ... Nun sah sie dies Verhltni einer Standesehe in nchster Nhe
... Und das sei denn die rechte Hhe, sprach sie schon eines Tages in Paula's
Gegenwart, Opfer ber Opfer anzunehmen, nur deshalb, weil man wisse, sie wrden
von schwachen Menschen ohne Murren gebracht ... Ja sie sagte schon zu ihrem
Gatten: Der Graf leidet, weil er Paula liebt - und zu Armgart: Auch Paula,
scheint es, ringt mit ihrem Herzen, weil sie den Grafen mehr als achten mu ...
    Da Paula und Armgart zum nchstbevorstehenden Bonaventura-Tage in Coni sein
und der Celebration der Messe durch den Erzbischof an diesem Tage beiwohnen
wollten, konnte Monika nicht hindern ... Doch bekam es Armgart bitter zu hren,
warum sie gerade diesen Tag whlen wollten ... Die Mutter sagte, da sie den
Doctor Seraphicus, wie Sanct-Bonaventura in der Vtergeschichte heit, nicht im
mindesten zu jenen Bekennern und Mrtyrern zhlen knne, die allenfalls auch die
Freude evangelischen Sinnes sein drften ...
    Ich schtze den heiligen Bonaventura noch hher, entgegnete Armgart, als die
andern Mrtyrer, die nur zufllig in den Tod gingen und der Nachwelt nichts von
ihrem Leben hinterlassen haben ...
    Von ihrem Leben? entgegnete aufwallend die Mutter ... Dieser Johannes von
Fidanza ist ja das Prototyp aller katholischen Schwrmer! Dieser heilige
Bonaventura hat mit seinem sogenannten Gemth alles verklren und verschnern
wollen, woran wir noch heute leiden ... Was nur immer Gregor und Innocenz aus
weltlichen Rcksichten fr die Kirche erfunden haben, umgab dieser Italiener mit
dem Schein beinahe der Philosophie ... Mariendienst, Clibat, Entziehung des
Kelches - alles, alles, was das Tridentinische Concil spter in die todesstarren
Formeln gezwngt hat, brachte dieser heilige Bonaventura als Gemthssehnsucht in
Curs, gerade wie auch jetzt wieder mit dem Dogma der ohne Snde geboren sein
sollenden Mutter Gottes geschieht ... Mir ein Rthsel, wie euer Erzbischof zu
den Freisinnigen zhlen kann, schon in Deutschland unter den Anfechtungen der
Fanatiker leiden mute und immer noch seine Krone, immer noch seinen Krummstab
trgt ... Wren solche Mnner vor einigen Jahren wahr gewesen und in den Zeiten
der Bedrngni zu uns bergetreten, wie anders stnde es mit der Sache des
Lichts und des Evangeliums! ...
    Hedemann und der Vater dachten ebenso und sagten das Nmliche ...
    Armgart aber stritt schon lange nicht mehr gegen dies stete Verurtheilen,
seitdem sie fr ihre frhere Behauptung, da Bonaventura seine Erhhung weder
Lucinden noch Olympien verdankte, krzlich Recht erhalten hatte. Ihr richtet und
richtet, wie ihr's eben versteht! sprach sie damals und verwies auf bessere
Erkenntni der wahren Sachlagen, wenn sie auch leider meist im Leben zu spt
kme ... Hier in Castellungo wurde fr bestimmt eine schon frher von Paula
brieflich ausgesprochene Versicherung wiederholt, da der aus Robillante
gebrtige Cardinal Vincente Ambrosi vor zehn Jahren in Rom der eigentliche
Freund und Frsprecher Bonaventura's gewesen ... Armgart verwies auch jetzt die
Anklger auf die Siege, deren sie sich ja tglich rhmten ... War nicht vor
kurzem der vom greisen General der Kapuziner als Dekan der Studien ber die
rmischen Theologen als Examinator gesetzte de Sanctis, Professor der Theologie,
Parochus an Maddalena, Beichtvater in den Gefngnissen der rmischen
Inquisition, von den Jesuiten in seinen wahren Gesinnungen erkannt, gefangen
gesetzt worden, entflohen und in Malta zum Protestantismus bergetreten -?3...
Wisset ihr, sagte sie mit Ironie, was in Bonaventura's Innern vorgeht und was
euch alles vielleicht noch von ihm werden kann? ...
    Die hinterlassene Bibliothek der Grfin war eine Fundgrube der
interessantesten Anregungen fr Monika, den Obersten und Hedemann ... Auch
Baldasseroni und Giorgio waren Mnner, die auf Kosten der Grfin in Genf,
Tbingen und Berlin studirt hatten ... Ihr Ton gab sich milde und rcksichtsvoll
- sie wuten, was bei ihrer jetzigen Schloherrschaft zu schonen und zu achten
war ... Auch sie gaben dem Erzbischof das Zeugni, da allein schon sein
persnliches Erscheinen in Rom alle Intriguen htte entwaffnen mssen und da er
noch tglich diese Macht der Beschmung ber seine Gegner be ...
    Ein Glck, da Armgart's Vater die Schroffheiten der Mutter milderte ...
Eine Rechtfertigung der amerikanischen Weise, sich zur Religion zu verhalten,
sagte er beim Durchmustern eines Schranks voll Alterthmer und beim Anblick
einer kleinen Schaale, die wie eine Tasse aussah, aus der einst Hu den Wein
beim Abendmahl dargereicht haben sollte, find' ich in dem Schicksal des Kelches
... Das Trinken aus einem und demselben Gef ist vielleicht in der That nur
einer Gemeinde mglich, wo sich alles so persnlich nahe steht, wie zur Zeit der
Apostel und der ersten Bekenner ... Wo noch der Liebesku als Gru der
Verbundenen mglich war, war auch die Ertheilung des Kelches mglich ... Als
jedoch die christliche Lehre Staatskirche wurde, als ganze Vlker im nchsten
besten Flusse getauft werden muten, mute vieles von den ersten Satzungen des
Glaubens verloren gehen ... Welcher Reiche gab da noch seine Reichthmer hin und
warf sie, statt in die Kasse einer ihm befreundeten Gemeinde, in das weite,
wste Meer, des Proletariats! ... Wer setzte noch gern die Lippe an ein Gef,
aus dem Hunderte und noch dazu zur Zeit der einst so allgemeinen Pest und des
Aussatzes tranken! ... Man hat das Christenthum eine Weltreligion genannt; sie
ist es auch dem Geiste nach, nicht nach dem Buchstaben ... Wer den apostolischen
Anfngen nachgehen will, mu die Freiheit Amerikas wnschen, wo sich jede Form,
Gott zu dienen, auf eigene Art befestigen kann ... Geschieht es dort wrdelos,
so ist nur der Mangel an Bildung schuld ... Unsere Gotteshuser und die
Priester, die in ihnen lehren und Ceremonien abhalten, sollten, wie ich von
Ihnen hre - er wandte sich an Baldasseroni - nach dem Ausdruck des Bruders
Federigo nur noch Hter und Wchter des Christenthums sein, gleichsam die
Snger, die Dichter, die Historiker der Kirche - ohne sich den mindesten
Eingriff in die Lebens- und Gesellschaftsformen gestatten zu drfen ...
    Solcher Streitigkeiten gab es viele ... Sie konnten zu tagelangen
Verstimmungen fhren - namentlich wenn Armgart sagte: Ein Einzelner gewonnen ist
nichts - Knige, die ohne ihre Krone kommen, sind vollends nichts; die mssen
gleich ihre Reiche mitbringen ... ...
    Wieder den heutigen Streit unterbrach Paula's Eintreten ... Schon hatte
Armgart musternd unter den waldensischen Schwertern, hussitischen Kelchen, den
alten Bibeln, Luther- und Zinzendorf-Ringen gesagt:
    Ihr habt doch auch eure Reliquien! ...
    Zu einer Erwiderung kam es nicht, da Paula allerlei Geschfte mitbrachte,
die sich auf die sittlichen Zustnde der Gegend bezogen ... Seit dieser langen
Reihe von Jahren hatte Graf Hugo fr sich und Paula den Weg der Zerstreuung
eingeschlagen ... Nicht nur beschftigte er sich und Paula mit einer umsichtigen
Pflege der hier so reizenden und reichen Natur, sondern auch mit den
Vorkommnissen seiner gesellschaftlichen Beziehungen, mit Aufgaben der
Wohlthtigkeit ... Der gute Wille, ntzlich sein zu wollen, ist bei gebildeten
und gutgearteten Vornehmen immer rege und hier kam ein fast ngstliches
Verlangen hinzu, durch solche uere Werkthtigkeit aus dem Versenken in zu
groe Innerlichkeit entfliehen zu knnen ... Monika mute freilich schon wieder
lcheln, wenn sie sah, mit welcher emsigen Umstndlichkeit und mit welchem
offenbaren Nichtberuf fr praktische Bewhrungen die junge Schloherrin, nun die
souverne Gebieterin von Castellungo, die an Glcksgtern gesegnete Herrin von
Westerhof, von Schlo Salem, Besitzerin eines Palastes in Coni, ihre
unerschpfliche Wohlthtigkeitsliebe zu einer segensreichen und mit Vorsicht
gespendeten zu machen sich mhte, wie sie in die Htten der Armen trat,
momentane Hlfe, aber selten, nach Monika's Meinung, den rechten Rath und die
rechte Warnung brachte ... Sie wei nicht, sagte sie, wie sie sich schon mit
ihrer Krone am Giebel der Eingangsthr in solche Htten den Kopf stt,
vollends, wie sie zuletzt bei solchen Leuten mehr Aufsehen und Schrecken, als
Freude, wenn nicht gar Schlimmeres, zuweilen Spott, hinterlt ... Sie spricht
mit diesen Menschen wie ein Buch ... Sie werden sie alle zu Gevatter bitten -
Das pflegt noch die ntzlichste Folge solcher vornehmen Herablassungen zu sein
...
    Da nach dem Wunsch des Grafen, dem gleichfalls solche Herbigkeiten nicht
erspart wurden und der dann oft trumerisch von Wien als einem Ausweg aus allen
Labyrinthen sprach, der Oberst frs erste hier als Verwalter wohnen bleiben
sollte - auch gegen die winterlichen Verheerungen der Berggewsser sollten
Brcken und Wehre gebaut werden - so sammelte auf dem Schlosse schon
allabendlich Monika die hervorragenderen Persnlichkeiten der Umgegend zu einem
behaglichen Kreise und hatte fr diese sichere und feste Einwohnung ganz den
Beifall sowol des Grafen wie der gtigen Paula, deren weicher Sinn keiner ihrer
Schroffheiten aufbieten konnte ... Die italienische Sitte kennt nicht die
deutsche Unterscheidung zwischen den Stnden ... Der grte Theil des
umwohnenden Adels war nach deutschem Gesichtspunkt eine wohlhabende Bauernschaft
- die Contes und Markeses ritten mit hohen Lederkamaschen ber ihre Felder und
sprangen nicht selten ab, um bei den Arbeiten mit anzugreifen ... Aeltere Diener
gehrten mit zur Familie ... Gemeindevorsteher, Forstwarte, Recheneibeamte
sammelten sich allabendlich in den unteren Rumen des Schlosses und selbst der
Graf und der Oberst setzten sich manchmal zu ihnen und verschmhten nicht den
Trunk aus gemeinschaftlichem Krug ... Einige reiche Seidenweber, die zu den
Waldensern gehrten, hatten sich sonst allabendlich auf dem Schlosse im engern
Kreise der verstorbenen Grfin eingefunden; sie blieben auch jetzt nicht aus; um
so weniger, als in der That das Benehmen des Grafen die Besorgni erwecken
durfte, die Mutter htte in seiner Seele recht gelesen. Man sah ihm eine groe
Unruhe an; man frchtete allgemein den Verkauf Castellungos, ja sogar seinen
Religionsbertritt ... Wenigstens schiene ihm, sagte man, daran zu liegen, nicht
allein nach Oesterreich zurckzukehren, sondern nur mit Paula, fr die es dann,
so offen lag allen das bekannte Verhltni mit Coni, eine letzte groe
Entscheidung geben mte ...
    Des sterreichischen Grafen vertrauliche Stellung zum Erzbischof htte dem
letztern in den Augen der Italiener schaden mssen, wenn nicht die alte Grfin
so beliebt gewesen wre und seinerseits auch Bonaventura ein Anhalt aller
Freigesinnten ... Schon mit dem Hirtenstab des Bisthums Robillante hatte er
gewagt, den Neuerungen Fefelotti's die Spitze zu bieten ... Als er dann zur
Verantwortung fr die Vorwrfe, die er den Dominicanern wegen Fr Federigo zu
machen gewagt hatte, nach Rom gefordert wurde und statt dort verurtheilt zu
werden als Nachfolger Fefelotti's heimkehrte, hatte er den muthigsten Kampf
begonnen, den ein Fremder auf diesem gefahrvollen Boden nur wagen konnte ... Dem
Colleg San-Ignazio zu Coni entzog er sogleich eine Kirche, auf die die Patres
Jesuiten, damals noch nicht verbannt, Ansprche machten - er setzte bei den
Stadtbehrden durch, da diese ihn in seiner Weigerung untersttzten ... Ein
gewhnliches Hlfsmittel der Jesuiten, das sie bei neuen Niederlassungen, um
sich die Herzen der Umwohner zu gewinnen, anwenden, besteht in dem Schein
bitterster Armuth, den sie sich geben. Pltzlich erschallt dann durch die Stadt
die ngstliche Kunde, die unglcklichen Vter verhungerten hinter ihren Mauern.
Nun rennen fanatische Sammler durch die Huser und rufen um Hlfe. Man bricht
fast gewaltsam mit dem gesammelten Gelde, den Speisen, den Kleidungsstcken in
das Colleg ein und findet auch in der That die armen Vter beim Gebet -
verschmachtet, abgezehrt, vom gezwungenen Fasten fast leblos4... Bonaventura
bewies jedoch dem Rector Pater Speziano, der dieselbe Komdie auffhrte, und dem
Magistrat der Stadt, da das Colleg aus dem Profehause in Genua eine
regelmige Einnahme bezog, die weit ber die Einknfte der smmtlichen andern
Klster der Stadt zusammengenommen ging ... Den Bischof von Pignerol zwang er,
ein hchst gehssiges Institut zu schlieen. Man entzog unter allerlei Vorwnden
den Waldensern ihre Armenkinder, besonders ihre Waisen, taufte sie schnell nach
rmischem Ritus und gab sie nicht wieder her ... Jedes uneheliche Kind der
Waldenser gehrte an sich schon diesem Ospizio dei Catecumeni ... Als
vorgekommen war, da eine Gefallene, um ihr Kind zu behalten, sich auf die
hchsten Spitzen des Monte Viso vor den Gensdarmen geflchtet hatte und Kind und
Mutter im Schnee elend umgekommen waren5, wallte Bonaventura's Zorn so auf, da
er nicht eher ruhte, bis jenes Ospizio geschlossen wurde ... Das Verkommen im
Schnee - - gehrte ohnehin zu den erschtterndsten Vorstellungen seines Gemths
und zumal, da seines Freundes, des Cardinals Vincente Ambrosi, Vater, Professor
der Mathematik in Robillante (er erfuhr dies zu seiner hchsten Ueberraschung in
Rom), eines solchen Todes im Alpenschnee wirklich verstorben war ...
    Von Genua aus, wohin sich Grfin Sarzana begeben hatte, als sie wagte,
wieder aus Tageslicht zu kommen von den Lebendigbegrabenen, in deren Kloster
sie sich geflchtet hatte nach dem Attentat ihres Mannes auf Ceccone, wurde der
Kampf mit den freisinnigen Richtungen Italiens um so erbitterter gefhrt, als
Genua auch fr die Pforte der Mazzini'schen Einflsse und des englischen
Ketzerthums galt ... Fefelotti bot alles auf, die weibliche Bundsgenossenschaft
der Jesuiten gerade in Genua zu mehren und zu krftigen ... Ein Orden, der sich
offen Jesuitessen nannte, Tchter Loyola's, gestiftet vor zwei
Jahrhunderten, hatte sich nicht erhalten knnen; Papst Urban VIII. schaffte ihn
schon 1631 ab ... Aber unsere Zeit hat diesen Orden erneuert - vorzugsweise in
den Damen vom Heiligen Herzen Jesu (Sacr Coeur) ... Sie leiten, schaarenweise
von Frankreich kommend, die Erziehung der vornehmen Stnde und halten auch
auerhalb ihrer Klster Schulen fr die rmere Klasse; sie sind in weiblicher
Sphre das, was die Vter der Gesellschaft Jesu fr die Erziehung in mnnlicher
... Wo diese Heiligen Schwestern vorangehen, folgen ihnen in noch nicht einer
Generation ihre Brder, die Jesuiten, nach ... Sie bereiten ihnen den Weg; sie
wecken in den Familien, bei allen Mttern, Vtern, Kindern, eine solche
Sehnsucht nach diesen Rathgebern nicht nur der Seele fr ihre jenseitige
Bestimmung, sondern des ganzen auch diesseitigen Lebens, da die Berufung der
Vter nicht lange ausbleibt ... Umwlzungen folgen dann in den Familien, in der
Gesellschaft ... Der se Ton der Andacht, verbunden mit den feineren
Rcksichten der Geselligkeit und Eleganz, fhrt dieser Congregation des Sacr
Coeur alle jungen weiblichen Herzen zu ... Mtter, oft bereuend, was sie selbst
in ihrem Leben verschuldeten, glauben in ihren Tchtern durch so zeitige
Frsorge alles nachholen zu knnen, was sie an sich selbst versumten ... So
strmte auch in Genua und Turin die weibliche Jugend den Herz-Jesu-Damen zu ...
Zweigvereine bildeten sich unter dem Namen der Dorothenerinnen bei den
Frauen, der Raffaliner bei den Mnnern, der Leonhardiner unter den
Klerikern ... Die obere Leitung aller dieser weitverzweigten und auf ein System
gegenseitiger Ueberwachung (in den lieblichsten Ausdrcken, als: Bewahre dir
den Duft der geistlichen Blume zur einstigen festlichen Ausstellung am Altare!
d.h.: Lebe so, da es dich nie verdrieen wird, in den Conduitenlisten von
andern nach deiner geistlichen Auffhrung beurtheilt zu werden!) begrndeten
Genossenschaften hatten die Superioren der Jesuitenklster ... Ihnen gehrte das
Beichtbedrfni, Tod und Leben dieser Seelen und ihres ganzen Anhangs ...
    Die Stadt, das Land wuten, wie nahe der Erzbischof von Coni wiederum bei
den uersten Gefahren fr seine Stellung angekommen war, als die neue Aera der
Hoffnungen Italiens anbrach ... Schon vorher war eines Tages Lucinde - sie
zhlte nun schon dreiig Jahre - in Coni erschienen und hatte, man sprach
wenigstens so, dem Erzbischof aus Rom die ernstesten Warnungen gebracht ... Die
Leiden, die ihm dieser fast ein Vierteljahr dauernde Aufenthalt Lucindens in
Coni zuzog, gehrten seinem Innenleben an und konnten nur von wenigen verstanden
werden ... Graf Hugo war es, der die Grfin Sarzana damals mit Gewalt aus der
Gegend vertrieb; er erinnerte sie an Nck und den Mordbrenner Picard ... Hier
erst erfuhr die kleine genfer Colonie, da Lucinde von hier nach einem Abend
verschwunden war, wo auf Castellungo im Kreise der alten Grfin, die sie nur
widerstrebend empfangen hatte, die Rede auf den Bruder Hubertus kam, der noch im
Silaswalde beim Eremiten Federigo leben sollte ... Man hatte erfahren, da
Hubertus einen der Verrther der Brder Bandiera entdeckt und in seinem wilden
Zornesmuthe gerichtet haben sollte - einen Belgier oder Franzosen, den die
Emigration aus London absandte, um von Korfu aus die Bandiera zu untersttzen
... Viele behaupteten - erst jetzt erfuhren dies die alten Bewohner Witoborns -
da dieser Genosse Boccheciampo's6 jener Jan Picard gewesen, der ohne Zweifel
den Schlobrand in Westerhof angelegt und damals spurlos verschwunden war ...
Allen schien ein Zusammenhang Lucindens mit diesen Vorgngen erwiesen ... Graf
Hugo lehnte die Aufklrungen ab, die von ihm den Freunden gegeben werden konnten
... Man drngte in ihn ... Erst als sogar Terschka's Name als dessen, der jenen
Picard der Emigration empfohlen und spter Vortheile vom Scheitern der
Expedition gezogen haben sollte, mitgenannt wurde, brach man von den dunkeln,
Monika, den Obersten und Armgart erschreckenden Vorgngen ab ... Von Grfin
Sarzana sah man wol, da ihr Muth, ja ihre Keckheit, auf Castellungo zu
erscheinen, ihr theuer zu stehen gekommen war ... Paula behandelte sie mit
Artigkeit, der Graf aber nur als eine Strerin der Ruhe seines Freundes
Bonaventura und die alte Grfin vollends wandte der Apostatin den Rcken ...
Statt ihrer erschien dann die rechte Hand Fefelotti's selbst, Abbate Sturla aus
Genua ... Die Welt erzhlte sich, da Sturla's erster Besuch beim deutschen
Erzbischof einige Stunden gedauert und bei diesem eine Aufregung hinterlassen
htte, die ihn mehrere Wochen aufs Krankenlager warf ...
    Bald nach Sturla's Abreise gingen dunkle Gerchte von einer neuen Reise des
Erzbischofs nach Rom, ja von baldiger Niederlegung seiner hohen Kirchenwrde,
von seinem bevorstehenden Eintritt in den Benedictinerorden und seinem Uebergang
in ein deutsches Kloster ... Da brach die neue Aera an ... Abbate Sturla, der
inzwischen in Turin und Mailand gewesen (auch hier war der Erzbischof ein
Deutscher7) und ber Coni nach Genua zurckkehren wollte, predigte in Robillante
... Sturla erlaubte sich am Schlu seiner Rede gegen das in wenig Wochen
umgewandelte Rom die Wendung: Lat uns beten fr das Seelenheil des Heiligen
Vaters! Lat uns beten, da Gott ihn vor dem Schicksal, ein Atheist zu werden,
bewahren mge!8 Da verlangte Bonaventura, da der Bischof von Robillante dem
Abbate die Kanzel verbot und zeigte den Obern desselben in Genua an, Sturla
schiene ihm dem Wahnsinn nahe gekommen und mte angehalten werden, sich
Geistesbungen zu unterwerfen ... Sturla floh mit der wachsenden Bewegung nach
Frankreich und Spanien9...
    Nach einer wilden, an Hoffnungen und ebenso vielen Tuschungen reichen Zeit,
wo namentlich Graf Hugo in der grten Aufregung lebte und unter dem Druck
seines politischen Doppelverhltnisses bis zu sichtlicher Verzweiflung litt, war
Sturla der erste, der in Genua wieder die alten Umtriebe begann ... Noch ehe die
Franzosen im Kirchenstaat landeten, erhob schon die Reaction ihr Haupt ... Was
sich zwei Jahre wie die Schwalben im Sumpf versteckt gehalten, flog wieder auf
... Die Dorothenerinnen hatten sich in Pisa, in der Nhe von Florenz,
niedergelassen ... Die Leonhardiner suchten wieder die Priester fr das Gelbde
der Ignoranz zu gewinnen ... Die Raffaliner waren jene fliche Bruderschaft,
die dem Rosenbunde Schnuphase's entsprach, sich und andere als Blume pflegte und
bego und die kleinen Insekten der Fehler und Snden, die etwa dem Wuchs der
Nachbarblte gefhrlich werden konnten, in Form von Angebereien, letztere in
kleine beschriebene Zettel gewickelt, in eine monatlich am Altar aufgestellte
Bchse warf ... Diesen Bndnissen gehrte der mchtigste Einflu auf die
politischen Wahlen fr Staats- und Gemeindeleben ... Nach Toscana kehrte eine
Dynastie zurck, die sich gelobte, ganz nur die Jesuiten walten zu lassen ...
Jede Bibel, die in eines Katholiken Hand gefunden wurde, wurde verbrannt ...
Pater Speziano wagte aus der Schweiz nach Coni zu schreiben, er wrde mit acht
Priestern, fnf Scholaren und sieben Laienbrdern zu San-Ignazio wieder
einziehen und getrost das Martyrium des Kerkers erdulden ... Beichtstuhl,
Schule, Pensionat, Universitt, Oberaufsicht der Nonnenklster, Missionspredigt,
die ganze Richtung vorzugsweise dieses freisinnigen Staates sollte aufs neue zu
einem uersten Kampf den Fehdehandschuh hingeworfen erhalten ... Nun war Rom
gefallen und die Einnahme der ewigen Stadt das Signal fr die Rckkehr aller
alten Positionen Fefelotti's ...
    Das Interesse an Ruhe und Ordnung blieb allerdings bei den Possidenti das
berwiegende; selbst bei den Waldensern, grtentheils fleiigen und
wohlhabenden Bauern ... Verwnschungen genug wurden gegen Garibaldi ausgestoen,
der den nur unntzen Widerstand durch das Sprengen der Tiberbrcken um einige
Tage hatte verlngern wollen ... Abendlich las man die Schilderungen aus dem 
Monitore Romano, wie die einrckenden Soldaten zwar mit Zischen und den Rufen:
Nieder mit den Pfaffen! Nieder mit den Fremden! empfangen wurden; aber das
Drama der Befreiung Italiens von uern und innern Feinden hatte ausgespielt ...
Die Vertheidiger Roms hatten den Versuch gemacht, sich nordwrts durchzuschlagen
... Dort kamen ihnen die Colonnen der Oesterreicher entgegen ... Man erstaunte,
wie Garibaldi die Trmmer seines kleinen Heeres noch bis nach San-Marino fhren
konnte, wo dann alles sich auflste und wohin irgend mglich zu entkommen suchte
...
    Die ersten Acte der wiederhergestellten Priesterherrschaft wurden oft
besprochen ... Die flchtigen Jesuiten, hrte man, waren im Al-Ges wieder
eingezogen ... Statt des Monitore kam wieder das alte censurirte Diario ...
Auch Grfin Sarzana, las man, kam nach Rom ... In den Todtenlisten, die
allmhlich bekannt wurden, befand sich ihr Gatte als Gefallener ... Eines Abends
wurde unter den Verwundeten auch Csar von Montalto genannt ...
    Die Gesellschaft befand sich gerade am Vorabend des Bonaventuratages, an dem
in erster Morgenfrhe der Graf, Armgart und Paula nach Coni reisen wollten, im
groen Speisesaal, als aus den Zeitungen diese Nachricht vorgelesen wurde ...
Das Gesprch war bunt durcheinandergegangen ... Einigen Gutsbesitzern der
Umgegend, die von Monika's Stellung zur Kirche keine rechte Vorstellung hatten
und von Hoffnungen sprachen, die man noch auf Se. Heiligkeit und dessen
persnlichen guten Willen setzen drfte, hatte diese geradezu erwidert: Solche
Menschen sollen erst noch geboren werden, die, wenn sie von Natur eitel sind,
ertragen, da man ihnen auch nur eine einzige ihrer gewohnten Huldigungen
entzieht ... Solche Naturen schmollen ewig, wie die Koketten, die uns ein Wort
ber ihren Teint nicht vergeben knnen ... Von Dem erwarten Sie nichts mehr ...
    Paula war wegen Benno's aufgestanden ... Armgart erblate sogleich und sa
still in sich versunken ... Graf Hugo nahm die Zeitungen, aus denen Baldasseroni
vorgelesen hatte und wiederholte voll Schmerz: Also - Csar Montalto - verwundet
...
    Der Vater, die Mutter sahen auf Armgart ... Paula wollte sich der Freundin
hlfreich erweisen; denn langsam erhob sich jetzt Armgart ...
    Man konnte zum Glck hinter der Theilnahme fr eine Strung, die dem Grafen
wurde, die Betroffenheit verbergen ...
    Diesem hatte man eben einen Brief berbracht, mit dem Hinzufgen, auf der
Terrasse drauen harre der betreffende Herr, der ihn abgegeben, und wnsche den
Grafen selbst zu sprechen ...
    Graf Hugo hatte die wenigen Zeilen des Billets wieder und wieder berflogen
und stand halb auf dem Sprunge, zu gehen, halb kmpfte er mit sich zu bleiben -
ob aus Theilnahme fr Benno, ob aus Interesse fr Armgart, ob vor Erstaunen ber
den Brief, lie sich nicht unterscheiden ... Erst auf Paula's an ihn gerichtete
Frage, wer so spt ihn noch zu sprechen kme, fate er einen Entschlu ...
    Der sonst so Aufmerksame erwiderte seiner Gattin kein Wort ... Wie abwesend
verlie er den Saal ...
    Die brige Gesellschaft fand in alledem kein Arg und blieb noch beisammen
... Angeregt plauderte man durcheinander, auch nachdem Paula und Armgart sich
entfernt hatten ... Stumm, doch innig theilnehmend hatten ihnen die Aeltern
nachgeblickt, blieben aber um so mehr im Saale, als jetzt auch der Graf fehlte
...
    Nur durch einige Zimmer brauchten die Freundinnen zu schreiten, um auf eine
Altane zu treten, von der sich in den Garten blicken lie ... Es war ein milder
Juliabend, der nach brennender Hitze des Tags die sanfteste Khlung brachte ...
Der Mond, dessen vollen Strahl Paula noch immer vermied, war im abnehmenden
Licht ... Nur die Sterne erhellten die stille Nacht und weckten, wie sie so
dicht auf der Hhe der Seealpen lagen, Sehnsucht in die Ferne, Sehnsucht nach
dem groen jenseitigen Meer ... Die Terrasse, auf die Graf Hugo hinausgerufen,
lag unter der Altane zur Seite und stie an ein offenes Gewchshaus, in das man
eintreten konnte, um sich, wenn man wollte, dort auf Ruhebnken behaglich
niederzulassen ...
    Benno verwundet -! sprach jetzt Paula und zog liebevoll die tiefergriffene
Freundin an die Brust ...
    Alles geht hin -! Was bleibt brig! ... hauchte Armgart leise und schien
gefat ...
    Wird er sterben? ... lehnte Paula ab ...
    Ich begrub ihn lngst - erwiderte Armgart, mit sich kmpfend, um nicht, wie
sie sagte, - thricht zu erscheinen ...
    Eine Thrne aber perlte an ihrem Auge ... Die Freundin kte ihre Stirn ...
So lagen sie eine Zeit lang aneinander ...
    Vom Saale herber erscholl wieder die lebhafte Unterhaltung der Gesellschaft
...
    Wie wird dir's wohl thun, begann Armgart, um mit Gewalt die Gedanken an
Benno zu verscheuchen, wenn du wieder in deinem Hause in Coni bist! ... Ich
glaube nicht, da dir fr immer die hiesige Welt behagen knnte ...
    Der Graf und ich, erwiderte Paula im Gegentheil, wren dennoch lieber hier
... Aber mssen auch wir nicht in Coni um den Freund erbangen? ... Oft ist uns,
als knnte sein Lebenslicht in Einer Nacht erlschen ...
    Nenne sie nicht beide zusammen! ... fiel Armgart ein ... Dann schwieg sie
lange und sagte entschuldigend: Benno liebte fast zu sehr seine Mutter ... In
ihr liebte er Italien ... Italien ist ein Gift ... O diese Mutter! ... Sie trgt
die Schuld an allem ... Sie hat ihn auch jetzt getdtet ...
    Paula hrte, was schon so oft von den Freundinnen besprochen worden ... Sie
kannte die Mutter Benno's nur aus den Schilderungen, die Bonaventura und Lucinde
von ihr gegeben ... Die aus dem Munde der letztern gekommenen waren wenig
vortheilhaft fr die Herzogin von Amarillas - auch Angiolinens, ihres Kindes
Schicksal hinderte den Grafen, mit besonderer Anerkennung von ihr zu sprechen
... Alles das waren schmerzliche Erinnerungen, wehmthige Vorstellungen fr
beide ...
    Armgart bekmpfte sich, schwieg und setzte sich, ihr Haupt aufsttzend, auf
einen der gueisernen Sessel, die unter einem zeltartigen Dach von gestreiftem
Zeuge standen ...
    Nach einer Weile fragte sie:
    Wer mag den Grafen so spt noch abgerufen haben? ...
    Man entdeckte den Grafen nicht ... Vielleicht war er weiter hinaus in den
Garten gegangen, der offen, in nchtlicher Stille und mit seinem berauschenden
Dufte vor ihnen lag ...
    Paula sagte, sie brauchten wol ber das Verbleiben des Grafen keine
Besorgni zu hegen; sie setzte sich zu Armgart, die es beklagte, dem Erzbischof
zu morgen kein wrdiges Geschenk bringen zu knnen ... Wol mochte sie inzwischen
an den Aschenbecher gedacht haben, den sie einst Benno gegeben ...
    Paula sagte:
    Dich selbst wieder zu sehen, wird ihm die liebste Gabe sein ...
    Wie frcht' ich seine Begegnung mit meinen Aeltern! ... fuhr Armgart fort
...
    Paula besttigte diese Furcht, wenn sie sagte:
    Oft spricht der Freund: Auch wenn zwei dasselbe sagen, ist es darum noch
nicht dasselbe! ...
    Sie deutete damit den verschiedenen Grund an, auf welchem von beiden
Parteien das Leben der Kirche gebessert werden sollte, setzte aber begtigend
hinzu:
    Aber auch mein Glaube ist schon lngst, da alles, was wir zu sehen und zu
begreifen whnen, eine Tuschung ist ... Ist das ein Haus? Sind das Berge? Wir
nennen es so ...
    Das mein' ich nicht! widersprach Armgart ... Die Verstandeskrfte, die uns
nun einmal gegeben sind, sind unsere sichern Wegweiser ... Wir haben gar kein
Recht, ihnen zu mistrauen ... Fr uns ist wahr, was sie sagen ... Gibt es eine
andere Wahrheit, so kommt sie uns gar nicht zu ...
    Waren es die gewhnlichen Sinne, die mich einst bei wachem Auge schlafen und
wachen lieen bei geschossenem? entgegnete Paula ... Damals als dem heiligen
Stuhl meine Angelegenheit vorgelegt und mein Zustand verurtheilt wurde,
glcklicherweise ohne Nachtheil fr Bonaventura, hab' ich ein Heft in die Hand
bekommen, wo vieles verzeichnet stand, was ich gesprochen haben soll ... Als ich
alles das las, war mir's doch wie einem Menschen, der sich an den Glauben
gewhnen soll, schon einmal vor seiner Geburt gelebt zu haben ... Das glauben
freilich auch viele und trauen dem Schpfer die Armuth zu, den Stoff, aus dem er
Menschen bildete, so sparsam aufbewahren, so vorsichtig verwerthen zu mssen ...
    Armgart gedachte lchelnd des Dechanten, dem sie Gleiches gesagt, als er sie
in einen Vogel verwandelt prophezeite ...
    Ich las damals, fuhr Paula fort, da aus mir heraus eine Macht gesprochen
htte, die Frau von Sicking die des Teufels nannte ... Meine angebliche
Wunderkraft, die Kraft des Gebets verlor sich in der That; schlimme Sagen wurden
ber mich verbreitet; als ich gar den lutherischen Grafen ins Land zog, erlosch
an mich der Glaube ganz ... Nun sah ich, was mein Traumreden war; es war die
stille Ansammlung von tausend unausgesprochen in mir lebenden Urtheilen und die
fr sich selbst fortarbeitende Unruhe des Geistes, der seine Eindrcke wider
Willen aussprach ... Ich sah einen neue Himmel und eine neue Erde; warum? Weil
ich eine Welt haben wollte fr mich und Bonaventura ... Ich sah die
Kirchenvter; sie schlugen andere Bcher auf, als die wir kennen, lesen und
befolgen sollen ... Ich sprach, zumal aus der Seele deines Vaters, Dinge, die
ich glaube jetzt auch ohne Hellschlaf verknden zu knnen - freilich fehlt mir
der Trieb dazu ... Die Sprache, die deine Mutter redet, ist die nicht, die ich
dann whlen mchte ... Doch glaube mir, Armgart, auch der Erzbischof denkt wie
deine Aeltern; oft verheit er Zeiten der grten Umgestaltung - nur msse die
Kraft, die sich dann bewhre, eine gesammelte und vorbereitete sein ... Rste
dich, manches an ihm zu entdecken, was dich berraschen wird - ...
    Dem Gedanken, meine Aeltern zu vershnen, sagte Armgart, hab' ich meine
Jugend geopfert und es scheint, mein ganzes Leben wird diesem Opfer folgen ...
Trennen kann ich mich nicht mehr von dem milden und gtigen Sinn des Vaters und
dieser wieder hat alles in der Mutter, was ihm sein Leben noch zur Freude macht
... Was ihn sonst an ihr verletzte, gerade das ist jetzt seine Erhebung geworden
... Beide seh' ich treuverbunden und darum trag' ich alles und murre nicht und
durch Schweigen helf' ich mir oft mehr, als durch Worte ... So hoff' ich, komm'
ich auch mit dem Erzbischof aus, der mir ohnehin zu allen Zeiten mehr streng als
nachsichtig war ...
    Paula suchte der Freundin liebevoll diese Voraussetzung zu nehmen und
umarmte sie ... Beide standen schn und schlank im Abendlicht ... Paula schien
jetzt kleiner - doch war die Hhe der Freundinnen gleich ... Paula kte
Armgart's Stirn ...
    Wie vieles von dem, was ich in meiner Krankheit sah, ist eingetroffen, sagte
sie, und nur das eine - eine Bild, wo ich dich und Benno immer nur verbunden
erblickte, traf nicht zu ...
    Du sahst mich mit ihm auf Felsen, entgegnete Armgart, sahst mich mit ihm am
Ufer des Meeres ... In jeder Gefahr war ich ihm zur Seite ... Ist das nicht
alles eingetroffen? Jetzt - bin ich auch bei ihm und bald - - bald - ...
    Armgart -! unterbrach Paula die dstere Erwartung und zog die Freundin an
sich, der ein Strom von Thrnen entquoll ...
    Dann entwand sich Armgart mit strmischer Geberde und trat an den Rand der
Altane, ihr Haupt auf die hohen Vasen der Blumen legend ...
    Eine Weile dauerte Paula's beruhigendes Streicheln der Stirn, der Wangen und
der Hnde der Freundin ...
    Ein leichter Abendwind erhob sich und brachte noch wrziger die Dfte der
Rosen und Orangen ... Nun wandte sich Armgart und erinnerte, da sie schon in
aller Frhe aufbrechen mten ... Sie wollten zur Ruhe gehen ...
    Da ist der Graf ... unterbrach sich Paula im Gehen und deutete auf den
Garten ...
    Armgart entdeckte unter den dunklen Schatten des Schlosses, heraustretend
aus einem Boskett von Lorberbschen, die mit hochstmmigen Camellien durchzogen
waren, den Grafen mit einem Begleiter ...
    Kaum hatte sie hingeblickt, so stie sie einen unterdrckten Schreckensruf
aus und sagte:
    Das ist ja - Terschka! ...
    Paula hatte Terschka's Bild im Gedchtni fast verloren und lehnte die
Richtigkeit der Erkennung ab ...
    Armgart versicherte aber:
    Er ist es ... Verla dich ... Das ist sein Gang ... Das seine Art, so mit
den Hnden zu fechten ...
    Der Dmon seines Lebens -! sprach Paula dumpf und mit einer Theilnahme fr
den Grafen, die die Macht der Gewhnung ber ihr Herz verrieth ... Sie konnte
nicht liebevoller von einer Gefahr fr Bonaventura sprechen, als jetzt von einer
fr den Gatten ...
    Der nchste Gedanke an eine fr den Grafen zu befrchtende persnliche
Gefahr konnte nicht lange anhalten ... Der Graf ging ruhig ... Nur der dunkle
kleine Schatten neben ihm schwankte - ... Jetzt standen die Wandelnden still ...
    Armgart fuhr von einigen hohen Cactustpfen der Balustrade zurck, die sie
verbargen - erbebend vor dem Blick, den Terschka durch das Dunkel der Nacht auf
sie herberwarf ...
    Was kann er wollen? ... fragte Paula ngstlicherregt ... Die Freundschaft,
die sie fr ihren Gatten empfand, lie sie mit einem einzigen Blick die Gefahren
bersehen, die im Gefolg einer solchen Wiederbegegnung eintreten konnten ... Da
Terschka zu den Jesuiten zurckgekehrt war und vielleicht in Freiburg, wo noch
vor kurzem Hunderte der vornehmsten Adligen erzogen wurden, streng, doch mit
offenen Armen, vorlufig - als Lehrer der Reitkunst aufgenommen wurde, hatte oft
Graf Hugo selbst gesagt ... Unmittelbar nach Terschka's vorausgesetzter Rckkehr
zum Orden brachen die Ereignisse an, die die Jesuiten von Freiburg verjagten ...
Paula kannte jetzt alles, was Pater Stanislaus einst bei ihrem Gatten im Auftrag
des Al-Ges hatte sein sollen; gerade diese Gedankengnge hatten so oft
Veranlassung gegeben, im kirchlichen Glauben das Aechte vom Falschen zu
unterscheiden und Bonaventura's Entrstung ber die seelenmrderische Thtigkeit
der Jesuiten zu theilen ... ... Paula wute, da die verfhrerischen Plane des
Paters an ihres Gatten gesundkrftiger Natur und Terschka's Mangel an
Selbstndigkeit scheiterten ... Was er wre, hatte oft der Graf zu Paula gesagt,
verdankte er dem Leben und - dem Tode Angiolinens, dann freilich vorzugsweise
dem einen Tage, den Bonaventura mit ihm auf Schlo Salem zugebracht ... Verlie
sich auch Paula auf die Wahrheit dieser Worte, so war doch schon lange ein
trber Stillstand in des Grafen Leben eingetreten ... Die unerwiderte
Zrtlichkeit fr seine Gattin, sein mannichfach getheiltes Herz, die jetzige
Erfllung aller seiner uern Wnsche hatten einen Zustand der Muthlosigkeit
hervorgerufen, aus dem sich emporraffen zu wollen sein fester Wille schien ...
Der Tod der Mutter, die Ankunft des Obersten schien Plne zu erleichtern, deren
Ausfhrung nun vielleicht in die Hand - Terschka's gerieth? ... Paula gerieth in
die heftigste Erregung ...
    Armgart, aus natrlichen Ursachen selbst erbebend, konnte nicht alles
bersehen, was sich so in Paula's Seele an Angstgedanken jagen konnte ... Aber
sie fhlte die Hand der Freundin erkalten, fhlte, da in Paula's Brust eine
Theilnahme fr den Gatten zitterte, die ihr schon lange viel mehr, als nur die
Folge der Gewhnung an ihn schien ... Staunend und ihres eigenen Schreckens
nicht achtend sagte sie:
    Beruhige dich! Sieh, wie friedlich beide nebeneinander gehen ...
    Ausgeshnt! ... Und - dem Walde zu! ... sprach Paula voll Bangen ...
    Eben gingen der Barbe Baldasseroni und der Aelteste der Waldenser denselben
Weg dem Walde zu ... Im untern Schlosse wurde es lebendig; die Gesellschaft
trennte sich, Diener waren in Bewegung ... Armgart glaubte, da man Paula's
Befrchtungen nicht zu theilen brauchte ... Sie stockte eine Weile, ob sie den
Aeltern von Terschka's Nhe sprechen sollte, unterlie es aber, aus Besorgni,
da ihnen mit dieser Nachricht die Nachtruhe geraubt wrde ... Zu Paula's
Beruhigung zog sie zwei Diener ins Vertrauen, die sie beauftragte, in einiger
Entfernung dem Herrn und seinem Gast zu folgen ... Der Abendwind wurde frischer;
sie sollten dem Grafen und seinem Besuche Mntel nachtragen ... Armgart zog die
Freundin in ihr Schlafgemach, dessen Thren auf die Altane hinausgingen ... So
lange wollte sie bei ihr bleiben, bis der Graf zurck wre ... Schon allein das
Bedrfni, sich ber die gebundenen Stimmungen ihrer Seelen auszusprechen, hielt
sie inzwischen beide wach ...
    In der That hatte sich Armgart nicht geirrt ...
    Terschka war es - und in leichtem, unpriesterlichem Reisekleide ... Er hatte
den Grafen um einen unbemerkten Empfang gebeten und demzufolge ihn drauen auf
der Terrasse begrt ... Die Ruhe, die die Frauen am Grafen beobachtet hatten,
kam von einer innersten Erkltung her, mit der er dem enthusiastischen Gru und
der beredsamen Darstellung eines abenteuerlichen Irrgangs durchs Leben vom Tage
seiner Abreise nach Amerika an bis zum gegenwrtigen Augenblick gefolgt war ...
Damals als ich Ihnen rieth: Greifen Sie die Urkunde an! Sie ist falsch! Lassen
Sie jene Lucinde verhaften! konnte alles noch anders werden; aber Sie folgten
mir nicht! hatte Terschka, an den durch die Abreise nach Amerika unterbrochenen
Briefwechsel anknpfend, offen ausgesprochen und angedeutet, um wie viel weniger
grausam ihn dann die Schlge des Misgeschicks getroffen haben wrden ...
    Graf Hugo war auch darin eine vornehme Natur, da er sich sogar gegen das
Zweideutige und Schlechte nicht mit sofort aufwallender Entrstung, nur mit
einer Art naiver Ironie, ja einer scheinbaren Toleranz verhielt, die jedoch tief
erkltend und alles Ungebhrliche von sich ablehnend wirkte ... Ein sich immer
gleiches entwaffnendes Lcheln lag dann auf seinen Gesichtszgen, sein
wienerisch gemthlicher Accent bekam eine ironische Schrfe, die verwirrte ...
So bemerkte er auch jetzt mit einem Schein von Humor:
    Wirklich, mein alter guter Terschka, wenn ich Ihnen dienen kann, so sagen
Sie es offen! ... Ich bin ja reich ... Mama starb vor kurzem ... Verfgen Sie
ber mich! ...
    Terschka kannte diese Manier, frchtete sie und erwiderte nach einer Weile:
    Graf, das ist alles zu spt! ... Was ich brauche, brauchen darf, das hab'
ich ja ... Ich mu arm bleiben, wie mein unseliges Gelbde befiehlt ... Ja, ja,
Graf, ich kann nicht mehr zurck - bleibe, was ich war und - wieder bin ... O,
diese Kmpfe - diese Martern! ... Aber Graf - - Wenn Sie - Sie wollten - ...
    Ich? ... Was soll ich wollen? ... sagte der Graf ...
    Mit dem Ausdruck des hchsten Schmerzes stockte Terschka und sah sich um, ob
niemand ihnen folgte ...
    Der Graf wiederholte mit dem Ton der alten Sorglosigkeit, wenn auch scharf
aufhorchend, mehreremal:
    Sie sind also wieder Katholik, Priester, Jesuit - haben in dieser wilden
Zeit - wo? - in Tirol gelebt? ...
    Unter fremdem Namen leitete ich die Erziehung der Shne eines Grafen von
Wallis in Steiermark ...
    Versteckten sich bei den Gemsen und auf den Eisfeldern der Tauern ... Hren
Sie, da thaten Sie recht ... Ich hrte, da Ihre alten Freunde in London einige
Dolche fr Sie geschliffen hatten, die Ihnen - den Tod der Brder Bandiera
heimzahlen sollten ...
    Sprechen auch Sie diese Verleumdung nach? ... wallte Terschka auf und
begleitete seine Rede mit den heftigsten Gesticulationen ...
    Durch wen sollte die Erhebung von Porto d'Ascoli zu einer Espce
Ruberfeldzug werden? ... entgegnete der Graf mit Schrfe und wiederholte, was
durch Bonaventura und Benno's frhere Briefe ihm erinnerlich war ... Durch einen
gewissen Boccheciampo und Jan Picard, den man aus London nach Korfu geschickt
hatte, um an jener Expedition teilzunehmen ... Das Experiment misglckte ... Der
Einfall fand in Calabrien statt ... Aber doch ereilte die Nemesis einen Ihrer
Abgeordneten durch den Bruder Hubertus, der Ihnen, hr' ich, schon in Westerhof
eine unheimliche Erinnerung gewesen sein soll ... Was hatten Sie gegen den Mnch
mit dem Todtenkopf, den Bruder Abtdter? ... Ihren Sendling soll er wie den
Grizzifalcone in Rom bedient haben ... Da die Italiener doch noch manchmal vor
uns Deutschen Respect bekommen! ...
    Alles das schrieb Csar Montalto aus London an den Erzbischof? ...
entgegnete Terschka mit funkelnden Augen ... Ich versichere Sie Graf! Es sind
Lgen ...
    Der Graf hatte die Anklage ausgesprochen, die Terschka seit einigen Jahren
verfolgte; die Anklage, die ihn nach Amerika getrieben; die Anklage, die ihn,
aus Furcht vor den Flchtlingen in Genf, zuletzt die Pforten des Asyls von
Freiburg wieder aufsuchen, ja in den Zeiten der entfesselten Revolution sich
ganz in der Welt verbergen lie ... Der Graf that dabei so, als wenn es ihm gar
nicht einfiele, Terschka's etwaige, hchst respectable Motive verdchtigen zu
wollen ...
    Man verlangte damals fr die Bandiera, begann Terschka, entschlossene und
verzweifelte Mnner ... Ich schickte einen solchen ... Es war ein Mensch, der
mir in London, ich gesteh' es, unbequem wurde ... Ich habe Ihnen nie ein Hehl
gemacht, Graf, da, ohne meine Schuld, meine erste Jugend abenteuerlich war ...
Nun fhrte mich eine zufllige Begegnung mit einem Menschen zusammen, der sich
an mich klettete, mich ausprete, belstigte in jeder Weise ... Ich wute ihm
nichts zu bieten, als das Handgeld der Verschwrer ... Noch mehr, ich suchte
diesen Picard zuerst in Londons Tavernen aus freien Stcken auf; ich war ihm als
Brandstifter von Westerhof auf der Spur ... Zwar leugnete er, verma sich hoch
und theuer - ich setzte ihm aber - in Ihrem Interesse, Graf - so lange zu, bis
ich, ohne Ihre dringende Abmahnung, diesen Gegenstand weiter zu verfolgen, ohne
Zweifel der Wahrheit ber den Schlobrand auf den Grund gekommen wre - ...
    Sie wuten, da es ein Gauner war, sagte der Graf, und empfahlen ihn doch
jenen Flchtlingen, deren Partei ich nicht nehme, die aber, mein' ich, einige
brave Menschen in ihren Reihen zhlen ... Empfahlen ihnen einen Kerl, der ganz
gewi jener Diener auf Westerhof war, Dionysius Schneid ja wol, fr den Ihr
alter Hubertus htte verantwortlich gemacht werden mssen, wenn der alte Freund
und zuweilen nicht zurechnungsfhige Protector Ihrer Jugend, einer unter Rubern
zugebrachten Jugend, nicht damals mit dem Doctor - Klingsohr ja wol - entflohen
wre - ...
    Graf -! unterbrach Terschka mit verdrossener Geberde und hielt,
vorauseilend, beide Hnde an seine Schlfe, als knnte er Dinge nicht hren, die
- das Mal auf seinem Arm erglhen machten ...
    Nun, nun, beruhigen Sie sich nur! rief ihm der Graf nach und folgte langsam
... Mein Vorwurf trifft nur die Mglichkeit, wie Sie Ihren Freunden in London
einen notorischen Bsewicht haben empfehlen knnen! ...
    Meine Freunde! wiederholte Terschka und lachte ... Was ist, was war mir
diese Freiheit Italiens! Diese Aufstnde, diese Bewegungen! ... Ich bin zu
Grunde gegangen an meinem Bedrfnis, andere froh und glcklich zu sehen ...
Jesus, mein Ehrgeiz war schon da befriedigt, wenn ich unter dem Schein der
Freundschaft so viele Jahre nur Ihr Bedienter war ... Protestiren Sie nicht,
Graf! ... Ich liebte die Geselligkeit, habe die Rechte, die sie gab, nie
mibraucht, ich lebte ihren oft sehr schweren Pflichten ... Sie haben es gesagt,
das unglckliche Gespenst meiner geringen Herkunft ist es, das mich berall
verfolgt ... Sie haben sich gut erinnern -; ich gestand es Ihnen selbst -
damals, als Sie sich von dem lieblichen - Kinde in Zara nicht trennen konnten
...
    Terschka sah den Eindruck seiner an dieser Stelle in Weichheit bergehenden
Stimme am Stillstehen des Grafen ... Ein strzendes Bergwasser begrenzte den
Garten ... Eine Erlenbrcke fhrte hinber ... Der Graf lehnte sinnend ber die
weien Stmme dieser Brcke hinweg und blickte in die rauschende Flut ...
    Angiolina! fuhr Terschka in melancholischem Tone fort ... Ach, wenn du, du
noch lebtest! ... Nie wrde dein alter, verwitterter, lebensmder Freund so tief
ins Elend gerathen sein! ... O, diese Zeiten! ... Graf, oft hr' ich sie noch im
Geiste weinen und - lachen ... Wie sie lachen konnte - die Angiolina - wie sie
halt wieder gut machte, was ihre Wildheit zerstrt hatte ... O Graf, um
Angiolinen schont' ich ihren Bruder - noch vor drei Tagen sah ich ihr Bild wie
zum Verwechseln vor mir - in den Zgen dieses - mir immer nur impertinent
gewesenen Bruders - ...
    Sie sahen - Montalto? erhob sich der Graf vom Gelnder der Brcke ... Wo?
... Er soll ja verwundet sein - ...
    So wissen Sie noch nicht, da er in Coni beim Erzbischof ist? ...
    Wer? fuhr der Graf auf ... Benno von Asselyn? - in -? ...
    Coni! Auf meiner Fahrt von Genua hierher begegnet' ich ihm ... Vor wenig
Tagen ... Ich glaubte damals nicht, da er noch den nchsten Tag berlebt ...
Aber er ist, verlassen Sie sich, in Coni - ...
    Der Graf gerieth in die hchste Aufregung ... Dachte er auch nur an die
morgende Fahrt nach Coni, so war Grund genug vorhanden, sich zur Umkehr zu
wenden ...
    Lassen Sie mir diese letzte Stunde! bat Terschka und ergriff die Hand des
Grafen ... Es ist die letzte - meiner Freiheit! Graf, lassen Sie uns so nicht
scheiden! ... Ich bin eine elende Ruine, zu Grunde gerichtet, verloren ... Das
ist mein Unglck, ich kann ohne die Vorsehung anderer Menschen, ohne eine Kette
nicht leben ... O diese Kette - wie ist sie unendlich - und ach! - wie schwer -!
...
    Sie sind also in der That der Pater Stanislaus wieder! ... sagte der Graf
nicht ohne wrmeren Antheil ...
    Die Fessel ist dehnbar aber sie reit - nie! ... antwortete Terschka im Tone
der Vernichtung ...
    Eine dumpfe Pause trat ein ... Eine de Stille, ... Nur die Bltter der
Bume fingen mchtiger und mchtiger zu rauschen an ...
    Der Graf empfand die ganze Verwerflichkeit eines Ordens, den er schon lange
gelernt hatte vom Katholicismus selbst zu unterscheiden ... Aber er empfand mit
Terschka persnlich Mitleid ...
    Sie Aermster gehen also nach Rom! ...
    Zum Gericht! fiel Terschka ein ...
    Und kommen direct? ...
    Von Genua - ...
    Da sahen Sie - Benno von Asselyn! ...
    Auf dem Wege nach Coni ... Ich sprach ihn natrlich nicht ... Schon in
Witoborn war er mein Todfeind ... Ich sah ja Armgart eben - auf der Altane ...
Graf, es wird khl ... Schlieen Sie Ihr Kleid ... Armgart wird erstaunen -
ihren Benno wiederzusehen - ...
    Die nchtlichen Wanderer standen am Eingang zu jenem mchtig sich
ausdehnenden Eichenwalde, der die noch unzerstrte Einsiedelei des Eremiten barg
... Sie schritten in die sich mehrende Dunkelheit hinaus ... Eben gingen der
Pfarrer und der Gemeindelteste an ihnen vorber und sprachen, als beide
stillstanden und sie vorberlieen, ein: Salute! ...
    Buon viaggio! durfte der Graf erwidern, da die Wanderer bis zu ihrem
Gebirgsthale eine weite Strecke hatten ...
    Terschka wandte sich abseits, um nicht erkannt zu werden ... In frheren
Jahren war er nicht selten hier gewesen und geredet wurde noch oft genug von ihm
... Er kannte hier Weg und Steg ...
    Werden Sie denn auch fr diese Schwrmer, fragte er den Vorausgehenden nach,
ebenso ein Protector sein, wie Ihre Mutter? ...
    Die Gesetze protegiren sie ... entgegnete der Graf und sah, nur noch Benno's
gedenkend, nach der Uhr ...
    Terschka wollte ihn nicht lassen ... Er suchte ihn in Interessen zu
verwickeln, die fr beide gemeinschaftliche waren ...
    Man sagt, begann er, da Ihre Freundschaft fr den Erzbischof von Coni -
Ihre Zrtlichkeit fr - Ihre Gemahlin jetzt vielleicht - nach dem Tode - Ihrer
Mutter - - ...
    Der Graf hrte nicht ... Seine Gedanken waren nur dem Schlosse und Coni
zugewandt ...
    Warum bin ich nur so feige und tdte mich nicht selbst! ... unterbrach sich
Terschka mit wilder Geberde und weckte somit gewaltsam den Grafen aus seinem
fortgesetzten Brten ...
    Sie erwarten wirklich jetzt erst in Rom die ganze Strenge Ihres Ordens fr
Ihre Flucht! ... sagte der Graf, mit zerstreuter Theilnahme auf seine Worte
hrend ...
    Terschka erwiderte nichts, sondern blickte nieder ...
    Sie haben mir von den Exercitien des heiligen Ignatius erzhlt! fuhr der
Graf, um ihn zu beruhigen, fort ... Werden Sie also in einer dunklen Zelle
zubringen mssen mit einem Todtenkopf auf Ihrem Betpult, mit dem Bild einer -
verwesenden Leiche in Ihrem Bett -?10...
    Terschka schwieg ...
    Das sind doch in der That nur kindische Dinge ... Auch hab' ich gehrt, da
Sie Ihren Uebertritt, Ihren Verrath am Orden, wenn Sie wollen, als eine
wohlberechnete Strategie darstellen drfen, als ein Mittel, desto besser zu
Ihrem Ziel zu gelangen - ...
    Ja - was war - denn mein Ziel? fiel Terschka mit zustimmendem Aufhorchen ein
...
    Der Graf bereuete diese Andeutung gegeben zu haben ...
    Sie werden, begann Terschka anfangs lebhaft, bald aber seine Stimme
dmpfend, als knnten die Bltter der immer mehr bewegten Bume seine Worte
weiter tragen, Sie werden in diesem Thal, in diesen den Wldern nicht ewig
bleiben wollen ... Ihre Liebe zu den Waffen wird sich wieder regen, zumal wenn
Sie sehen, da eine Zeit kommt, wo nur noch die Waffen die Welt regieren ... Oft
schon sind Ihnen glnzende Anerbietungen zum Rcktritt in die Armee gemacht
worden ... Ihre Lage, zweien Staaten angehren zu sollen, zumal zweien, die sich
unausgesetzt befehden werden, wird Sie zuletzt zu einem Entschlu veranlassen
mssen ... Ich wei nicht, wohin Sie Ihre Ueberzeugung zieht ... Katholisch
sein! ... Selbst in jenen lcherlichen Exercitien des Ignatius liegt ein -
dumpfer Ernst - mache nur Einer mit, was ich in Freiburg habe erleiden mssen
... Die Revolution machte dem schrecklichen Kinderspiel, das man mit mir trieb,
ein Ende ...
    Was in Freiburg unterbrochen wurde, wird in Rom wieder aufgenommen werden -?
...
    Ja Graf -! Aber gesetzt, Sie nhmen wieder bei Ihren alten Waffengefhrten
Dienste, Sie lebten in Wien, wofr sich doch zuletzt die Sehnsucht Ihres Herzens
entscheiden wird - Gesetzt - Sie brauchten ja Castellungo nicht zu verkaufen -
die Nothwendigkeit fr Ihre Gemahlin, in des Erzbischofs Nhe leben zu mssen -
...
    Was reden - Sie! ... unterbrach der Graf ...
    Vergebung! schmiegte sich Terschka in demthiger Geberde ... Sie
misverstehen mich - Ich meine, der Oberst von Hlleshoven ist ein
Projectenmacher und eigensinnig wie seine Frau ... Hedemann wre fr die
Verwaltung Castellungos zu brauchen gewesen - Aber der ist - ja wol auch todt?
...
    Sie sind - ein schneller - Reiter! ... entgegnete Graf Hugo, sich erst
langsam beruhigend ... Nie noch hatte jemand gewagt, ihm persnlich die
Nothwendigkeit, Paula in des Erzbischofs Nhe zu lassen, so offen auszusprechen,
wie Terschka ... Ihm war Bonaventura nothwendig, Er nur blieb in des Freundes
Nhe -! So und nie anders hatte sich seit Jahren das Verhltni im Munde seiner
Umgebungen gestalten drfen ...
    Wollen Sie diese herrliche Besitzung zu Grunde gehen lassen? fuhr Terschka
immer demthiger fort ... Konnten Sie ber meine Art, in Westerhof zu Geld fr
Sie zu kommen, klagen? ... Behalten Sie mich hier! ...
    Ich verstehe nicht - entgegnete der Graf ...
    Ich frchte mich vor Rom ... Man wird Dinge von mir verlangen - die ber
meine Kraft gehen ... Die einzige Mglichkeit der Rettung fr mich wre, da ich
drauen in der Welt eine Aufgabe fortsetzte ... Was ich Ihnen frher im Geheimen
war, Graf, wenn ich es offen wrde - und - sagen knnte -...
    Der Graf horchte auf ...
    Treten Sie ber! ... Lassen Sie mein jahrelanges Werk endlich mit Erfolg
gekrnt sein! ... Thun Sie es ffentlich, so soll es mir nicht zu schwer werden,
es meinen Obern so darzustellen, als wenn alles, was ich mir seither habe zu
Schulden kommen lassen, nur ein Mittel war zu hherm Zweck ... Thun Sie es
geheim, wohlan dann desto besser ... In diesem Fall wrd' ich Ihr
Gewissensfreund bleiben, wrde Ihr Wchter scheinen drfen und knnte so
fortleben, wie bisher - selbst unterm Schein, Priesterstand und was nicht alles
verwirkt zu haben ... Oesterreich erhlt die Weisung, meine Lage zu ignoriren -
Piemont schtzt uns ohnehin ... Werden Sie katholisch, Graf! ...
    Graf Hugo brauste nicht auf und entsetzte sich nicht ... Es gab eine Stelle
in seinem Innern, die von Terschka's Vorschlgen elektrisch berhrt wurde ...
Die Jesuiten waren ihm nicht der Katholicismus ... Religion nannte er bliche
Sitte und Landesart ... Der geselligen Spaltungen, die in seiner frhern
militrischen Stellung fr ihn als Akatholiken lagen, erinnerte er sich ungern
... Den stolzen Muth seiner Mutter, gerade im Widerspruch mit weltlichen
Rcksichten zu leben, besa er nicht ... Mehr noch, wirkliche Liebe zu Paula
fing ihn zu bestimmen an ... Um sich, um die Mutter aus bedrngten Verhltnissen
zu reien, hatte er eine Standesehe geschlossen, ohne Paula die Zumuthungen
einer Gattin zu machen - ... Und die ersten Jahre war es ein Verhltni gewesen,
wie auch nur je eine Vernunftehe unter hochgestellten Personen geschlossen wurde
... Als aber Paula in Italien, in Bonaventura's unmittelbarer Nhe lebte, als
sich die hochgespannte Leidenschaftlichkeit dieser Beziehung milderte, als die
bescheidene Unterordnung des Grafen unter den Erzbischof diesen nicht minder,
wie Paula rhrte - die Jahre und die Reife des Geistes bringen allem
Menschlichen sein Ma und lehren uns die wahren Gter des Lebens in Hherem
suchen, als im persnlichen Glck - da hegte Graf Hugo Hoffnungen auf sein Weib
ganz mit der Werbung eines Liebenden ... Das Aussterben seines Stamms, die der
Mglichkeit, noch einen Erben zu gewinnen, immer mehr gezhlten Stunden - schon
allein diese Rcksicht verlangte ein Entweder-Oder ... Und da glaubte denn Graf
Hugo schon lange, da er sich und Paula diese Entschlsse durch seinen
Uebertritt erleichtern wrde ... Den kirchlichen Beziehungen seiner Mutter war
er entrckt; die fortzusetzende Verbindung mit den Waldensern setzte eine
grere geistliche Neigung voraus, als er sie besa ... Aus solchem
Indifferentismus, verbunden mit Resignation des Gemthes, erfolgte schon oft ein
Uebertritt zur rmischen Confession ... Und so konnte er Terschka's Vorschlge
hren, ohne sie sofort von sich zu weisen ... Hatte er nicht auch eine Reihe der
glcklichsten Jahre mit diesem Menschen verlebt, oft ber seine Rathschlge den
Stab gebrochen, oft sie dennoch befolgt -? ... Zwischen ihm und Terschka hatte
von jeher die mitleidige Toleranz eines Herrn fr einen erwiesenermaen nicht
immer ehrlichen, aber bei alledem in seiner Art unersetzlichen Diener geherrscht
...
    Der Abendwind erhob sich mehr und mehr ... Wolken legten sich ber die
Sterne ...
    Graf Hugo lie Terschka reden - lie sich ihm bald rathen, bald schmeicheln
- lie sich von ihm den Rock zuknpfen, aus Besorgni, der Graf mchte sich
verkhlen - Bald an dieser bald an jener Stelle seines Gemthes wurde er
berhrt ... Auch das Glck schilderte Terschka, das er sonst hier gefunden haben
wollte bei des Grafen Mutter ...
    Die Herrliche, Gtige! sprach Terschka ... In London - - da lag ich
zerknirscht zu ihren Fen ... Sie schickte mir einen Geistlichen, dem ich
meinen Glauben abschwren sollte ... Oeffentlich in einer Kirche hab' ich es
nicht gethan - ich ging zum Abendmahl und nahm es in beiderlei Gestalt ... Graf,
darin sind wir - einig; was mich einst zum Priester machte - was war es? ... Fr
mich waren die Weihen nichts, als eine Erlsung vom Gewhnlichen ... Die klugen
Vter erkannten es zu spt und gaben mir einen Auftrag, der mich dem Weltleben
zurckgab ... Kann man den Jesuiten, den Soldaten der Kirche, verdenken, da sie
Werth auf den Besitz eines Namens legen, wie des Ihrigen? ...
    Graf Hugo verabscheute, was er hrte, aber - er dachte an Paula und die
Zukunft seines Namens ... Der Zauber des gebundenen Willens lag schon lange auf
ihm ... Was jeder verworfen htte, was Monika Unmoralitt nannte, vertrug sich
bei ihm mit manchen geheimnivollen Stimmungen der Seele ... Es gab keinen
andern Ausdruck fr sein Gefhl, als den, da die reinere Natur des
Katholicismus, die Natur, die selbst ein Terschka nicht entweihen konnte,
geheime und mystische edle Dinge verklrte ... Der erste Beichtstuhl wurde aus
dem Baum der Erkenntni gezimmert hatte die Grfin Sarzana vor einigen Jahren
hier gesagt ... Graf Hugo versank immer mehr in ein brtendes Nachdenken ...
    Terschka erging sich in Lobpreisungen des katholischen Glaubens vom
Standpunkt der Weltlichkeit, die beide frher so eng verbunden hatte ... Und
htte ihn ein noch schlimmerer Ruf verfolgt, als der, den der Graf kannte, es
lag zu viel Gemeinsames in ihren Lebensbezgen, ihre Erinnerungen trafen so oft
auf einem Punkte zusammen, da ihn der Graf nahm, wie er sich gab ... Terschka
knpfte immer und immer an Angiolinen an ... Und der Graf wute, wie energisch
Terschka auf Schlo Neuhof fr sie gesprochen hatte ... Terschka kam auf
Angiolinens Mutter, die Herzogin von Amarillas, die aus London erwartet wrde
und wieder in Rom wohnen wollte, wenn sie nicht, unterbrach er sich, wol gar
noch hierher kommt, um ihren, wie ich glaube, hoffnungslosen Sohn aufzusuchen
...
    Der Graf gab alle diese Mglichkeiten zu, hrte sie aber voll Schrecken und
Wehmuth ...
    Terschka erzhlte von Frstin Olympia, deren Verhltni mit Benno schon seit
lange nicht mehr das alte gewesen sein sollte ...
    Der Graf hrte Terschka's welt- und herzenskundige Auffassungen; aber so
gro seine Theilnahme fr Angiolinens Bruder war, so sehr er Benno's Seelenkraft
bewunderte seit jenem Schreckenstage auf Schlo Salem, wo Schwester und Mutter
in einem und demselben Augenblick von ihm gefunden und verloren wurden, so sehr
ihn der Eindruck ergriff, den nun Benno's Anwesenheit in Coni auf alle,
vornehmlich Armgart hervorrufen mute - sein Fragen und Forschen nach Diesem und
Jenem war nur ein Verbergenwollen der greren Sorgen, die sein Inneres um Paula
drckten ...
    Terschka sah seinen Einflu wiederkehren, sah, wie Graf Hugo sich an seinen
Ton, seine alte Weise gewhnte ... Er blickte um sich ... Sie waren tief im
Waldesdunkel vorgedrungen und Zeit htte es werden mssen, an die Rckkehr zu
denken ... Immer mehr und mehr verstrkte sich der Wind, der von den Bergen
wehte ... Die schwanken Wipfel der Bume lieen Raum hier und da zu
Durchsichten, wie in einem kunstvoll angelegten Park ... Die Wanderer gingen
einen Bach entlang, der behend unter den jetzt hin-und hergepeitschten
Bltenbschen dahinscho ... Nur allmhlich erhob sich die grne Bergwand ...
Schon war die Einsiedelei Federigo's in der Nhe ... Eine Gruppe der mchtigsten
Eichen stand auf der Hhe so dicht beieinander, da ihre Baumkronen von fern her
zu einem jetzt im Winde den Einsturz drohenden Dach verwachsen schienen ... Ich
war vor drei Tagen noch in Genua, erzhlte Terschka, des Brausens und Rauschens
um ihn her nicht achtend, wo eben Sturla aus Barcelona angekommen war ... Dort
schon hrt' ich, da sich Csar von Montalto, schwer verwundet, unter den
Trmmern der rmischen Aufstandsarmee befand und auf dem Wege nach Coni war,
ohne Zweifel zum Erzbischof ... Auf der steilen Riviera di Ponente begegneten
wir ihm ...
    Wir? wiederholte der Graf ...
    Pater Speziano und ich - ...
    Pater Speziano! Wagt ihr euch so weit schon wieder ins Land! ...
    Wir stiegen in Robillante aus - wohin ich bis morgen frh - zurck mu ...
Incognito - bis - - nach Rom - Graf! ...
    Erzhlen Sie! ...
    Durch Vintimiglia fuhren wir im Postwagen und hielten eine Weile, ohne
auszusteigen ... Vor einem Kaffeehause, wo unsere Pferde gewechselt wurden,
stand ein halb offner Wagen ... Sehen Sie da! rief Pater Speziano und deutete
auf den Wagen ... Ein Kranker lag in ihm zurckgelehnt ... Ich blicke nher -
mich schtzten die Jalousieen des Postwagens - und erkenne den Bruder
Angiolinens ... Sollt' ich es wagen auszusteigen und ihn anzureden? ... Sein
Zustand sah dem eines Sterbenden hnlich ... Speziano hielt mich zurck ...
    Der Graf gerieth in eine Stimmung des unsaglichsten Schmerzes ... Sollte
alles dem Verhngni verfallen, berall der Tod seine Opfer suchen! ...
    Wo sind Sie abgestiegen? fragte er noch einmal, ehe sie sich zur Rckkehr
wandten ...
    In Robillante - ... Aber fr diese Nacht unten in San-Medardo beim Pfarrer
...
    Und die Herzogin - seine Mutter -? ...
    Ist mit Frstin Olympia eilends aus London gekommen ... Die letzten
Nachrichten von diesen Frauen hatte man aus der Schweiz ... Erfuhren sie von
Montalto's Verwundung und Gefahr und seiner Reiseroute, so kommen sie ohne
Zweifel hierher ...
    Olympia -! rief der Graf und dachte an eine nothwendig werdende Vorbereitung
Armgart's auf so erschreckende Mglichkeiten -.. Vielleicht klopfte er noch
jetzt dem Obersten und zog zunchst diesen ins Vertrauen ...
    Aber werden Sie katholisch, Graf! drngte Terschka ... Es ist die Religion
der reinen Menschlichkeit ... Krnen Sie mein Werk, dem ich dann achtzehn Jahre
meines Lebens geopfert habe - So lt es sich wenigstens darstellen ... Die
Mittel, die ich anwandte, sind natrliche gewesen und ich bin gerettet - ... Sie
erlsen mich von Strafen, die alles berschreiten werden, was meine Natur
ertrgt ... Das Al-Ges macht ein Endurtheil ber mich - ... Ich habe keine
Kraft, einem Geschick zu trotzen, das mich in die Mitte der beiden mich
verfolgenden Parteien nimmt ... Wollt' ich auch zum zweiten male entfliehen, ich
wre vor Mazzini's Rache ebenso wenig sicher wie vor der des Al-Ges ... Graf,
werden Sie katholisch! ... So hab' ich wenigstens Ruhe vor Denen, die auf mich
die ersten Rechte hatten ...
    Terschka versicherte dann, da ihn Pater Speziano nach Rom fhren msse wie
einen Gefangenen ...
    Der Graf stand schon lange wie eingewurzelt ... Er blickte um sich und sah,
da er in dem Hain des Eremiten unter dem majesttischen Dach der uralten
Eichen von Castellungo stand ... Noch glnzte die von Birkenzweigen und
verwittertem Moos gebaute Htte ... Noch lag wie sonst der Verschlag fr
Federigo's treuen Hund, den Sultan, wie er hie, unverndert; noch die Htte
fr die Ziege, beide Thiere, die die einzige lebende Gesellschaft des Freundes
seiner Mutter waren ... Eine mchtige runde Steinplatte, verwittert und mit
gelblichen Moosflechten berzogen, die als Altar zu dienen pflegte, stand in der
Mitte des mchtigen Rundes, ber dem die Baumkronen sich schttelten im
zunehmenden Sturm ... Noch hing in den chzenden Zweigen des strksten dieser
Bume die Glocke, durch deren Ruf der Einsiedler in einiger Verbindung mit der
Welt blieb ... Die schlummernden Vgel auf den Zweigen schienen zu trumen,
mancher leise Laut erscholl, mancher Vogel flog erschreckt vom Neste ... Der
Wind bewegte durch die Zweige auch die Glocke ... Zuweilen schlug sie an -
leise, geheimnivoll, geisterhaft - Graf Hugo sah ein ganzes Leben ihn hier wie
mit stiller Bitte mahnen; er hrte den Ruf der Mutter, als sie ihn um die
Erhaltung der Glocke - um die Erhaltung Castellungo's und des Glaubens seiner
Vter bat ...
    Terschka erkannte diese Zauber der Bestrickung fr den Grafen ... Oft hatte
er hier selbst den Eremiten gesprochen, hatte sich mit dem Sultan in der Htte
dort geneckt; er wute, da dies treue Thier dem vermeintlichen Gefangenen der
Inquisition gefolgt sein sollte ... Noch deutlich sah er die Grfin auf einem
Sessel von Baumzweigen, auf dem sie hier oft stundenlang bei ihrem Schtzling zu
verweilen liebte ... Gerade damals war Terschka hier zum ersten mal gewesen, als
sich die Sage von Vincente Ambrosi verbreitet hatte, der vor Fr Federigo's
Lehren geflohen wre ...
    Trumend stand der Graf und blickte auf die Glocke, deren Bewegungen immer
strker und strker wurden ... Er fuhr auf, als er Futritte hrte und die
beiden Diener sah, die gefolgt waren und jetzt nher kamen, um die Mntel
anzubieten ...
    Mechanisch nahm er den einen und bot Terschka den andern ... Dieser nahm ihn
schnell, nur um die Diener zu entfernen ... Lebhafter und lebhafter drngte er
auf Entscheidung ... Er schilderte alles, was er wnschte, als ein Facit von
Umstnden, die gebieterisch gegeben wren ...
    Der Graf lauschte der Glocke unter den Bumen, die die heftigen Windste in
Bewegung erhielten ... Der ungleiche Klang war wie die unregelmigen Athemzge
einer von Angst bedrngten Seele ... Das Bild der sterbenden Mutter stand dem
Sohn vor Augen ... Ihr Wort: Du wirst dem Thiere folgen!, ihre Bitte fr diese
Glocke, ihre Bitte fr den jetzt schon in so wilder Strung begriffenen Frieden
dieses einsamen Ortes sprach ihm aus dem Wehen jedes zitternden Blattes ...
    Lassen Sie, Terschka! schnitt er jetzt, wie aus Trumen erwachend, alle
Vorstellungen ab, die ihm dieser im Ton einer unverstellten Verzweiflung machte
- Es war eine Proselytenwerbung so eigner Art, wie sie auch nur durch Jesuiten
veranstaltet werden konnte ... Keine Salbung, keine Ueberzeugung - eine Sache
nur der Etikette und der praktischen Psychologie ... Der Graf widerstand ...
Dort hinaus fhren Sie meine Diener auf krzerm Weg nach San-Medardo zurck,
sagte er ... Was die Zukunft bringen wird, wei ich nicht ... So, wie Sie es
begehren, Terschka, wird und kann es nicht sein ...
    Graf! flehte Terschka ... Ist das Ihr letztes Wort ...
    Mein letztes, Terschka! Mein Inneres - Sie haben es errathen - ist zerrissen
und unglcklich ... Noch wei ich nicht, was werden soll und ob ich lnger mein
Loos ertrage ... Ich liebe - mein Weib! ... Aber Ihr Auskunftmittel - - Wei ich
doch kaum, ob die Grfin gerade dies noch begehren wrde -! ...
    Graf, um so mehr! fiel Terschka ein. Allbekannt ist die Gesinnung des
Erzbischofs ... Auch die Grfin, sie, die einst eine Seherin war, erkaltete in
ihrer alten Glut und Andacht fr den Glauben ... Es ziehen Gefahren fr Ihren
Freund herauf, denen er jetzt erliegen drfte, jetzt, wo die Richtung der Zeit
sich ndern wird ... Verachten Sie meinen Beistand nicht - auch ein Sturla kann
mich kennen lernen ... Aber nehmen Sie mich wieder auf! Schtzen Sie mich durch
Ihren geheimen Uebertritt! Ich lenke alles, was Ihr Herz, Ihre Natur, das Glck
Ihrer Freunde verlangt ... Und Monika, selbst den Obersten gewinn' ich - pah
durch einen einzigen Tag ... Selbst Armgart soll nicht vor mir entfliehen ...
Ich bin ja - ein Greis - alt - ich entwaffne halt jeden durch meine Ergebung -
durch meine Demuth ... Graf, zum letzten mal, ich, ein Abtrnniger, rettungslos
Verlorener, ich darf mit einem groen Zweck leben, wie und wo ich will - ich
darf mit den Waldensern gehen - Protestant scheinen ... Nur besuchen Sie die
Messe in Coni, in Robillante - wo Sie wollen - man liest sie Ihnen geheim ...
Dann gehen wir zuletzt alle nach Wien - Ihre Gattin folgt - Ihr erstes Kind wird
auf einen Heiligen getauft - Das ist die Sprache der Welt, der gesunden
Vernunft, der Verhltnisse, in denen Sie leben, die Sprache des Trostes, der
Erhebung fr - die Grfin selbst - ...
    Der Graf schttelte den Kopf und entgegnete:
    Ein Abschied frs Leben ... Wir sehen uns nicht wieder -! ...
    Haben Sie Mitleid mit mir -! rief Terschka ...
    Die Glocke schlug unausgesetzt ... Die Bume rauschten im Sturme ... Die
Natur war im Aufruhr ... Der Graf ging jetzt und wie auf der Flucht ...
    In franzsischer Sprache rief ihm Terschka nach:
    Graf! Ich beschwre Sie! ... Sie werden es einst aus eigenem Antriebe thun
... Thun Sie's jetzt um mich, um Ihren alten - treuen - unglcklichen Freund! ..
    Die Glocke tnte ... Mit hellen, mit klagenden, mit strkeren, mit
schwcheren Klngen ...
    Noch einmal wandte sich der Graf zu Terschka, wartete, bis dieser nher kam,
bot ihm die Hand und sagte ihm ein letztes Lebewohl - ... Unsere Wege sind
getrennt, setzte er hinzu ... Erde und Himmel knnen vielleicht fr mich brgen
und fr das, was ich thue oder lasse, Sie nicht mehr ... Das sag' ich alles ohne
Groll, Terschka, ohne Sie krnken oder verurtheilen zu wollen; ich urtheile, Sie
wissen es, ber Menschen berhaupt nicht; lassen Sie alles wie es ist ...
Beschtze Sie jetzt der Himmel, Terschka! ... Sans adieu! Sans adieu! ...
    Der Graf schritt mchtig zu, gleichsam - um dem drohenden Unwetter zu
entfliehen ... Auch begann es in der That zu regnen ...
    Ein Diener blieb bei Terschka in dem wildbewegten Eichenhain zurck ...
    Der Graf sah sich nicht mehr um ... Ohnehin ging es bergab ... Er eilte wie
jetzt selbst vom Sturm ergriffen ...
    In einer halben Stunde hatte sein Fu das Schlo erreicht ... Die Frauen
wachten noch ... Aber er wollte ihnen nicht die Nachtruhe nehmen durch die
Mittheilung ber Benno ... Sein Mund blieb auch dem Obersten noch geschlossen
ber alles, was er gehrt ... Sein Auge durchwachte aber die ganze Nacht und
sein Ohr vertausendfachte ihm alles, was er vernommen ... Die grnen
sturmbewegten Wipfel der Eichen rauschten um ihn her wie ferne Donner ... Der
Geisterton der klagenden Glocke wurde eine Mahnung, als bedrohte eine
Feuersbrunst die Welt und - vor allem die theuersten Menschen, die um ihn her in
Ruhe schlummerten. - Hatte es also zehn Jahre und erst des Todes seiner Mutter
bedurft, um seinen ganzen innern Menschen so mchtig aus einem Zustande der
Lethargie zu erwecken -! ...
    Terschka stand eine Weile vernichtet, bis er sich sammelte ... Endlich erhob
er trotzig sein Haupt, das nun schon durch die Jahre eine natrliche Tonsur
trug, griff in die Tasche - gab dem Diener ein Trinkgeld und lie sich im Gehen
erzhlen von den Bewohnern des Schlosses, vom Tod der Grfin, vom morgenden Fest
in Coni, von den Ueberraschungen fr den Erzbischof, von den Reiseplnen des
Grafen, von der dem Obersten hier schon gegebenen Stellung, von Monika's
Reformen, von Armgart ... Auch von Federigo lie er den Diener plaudern, vom
Einsiedler, der noch im Silaswalde leben sollte, nachdem er in die Hnde der
Ruber gefallen, aus denen ihn Fr Hubertus - wie alle Welt erzhlte, mit Hlfe
seines Hundes, des treuen Sultan - errettet haben sollte ... Terschka forschte
mit kurzen Fragen diesem unheimlichen Namen nach, forschte Allem, was von Franz
Bosbeck, seinem ehemaligen Retter, den die Nemesis schon zum Richter ber Jan
Picard gemacht, im Volksmunde hier bekannt war ... Auch Fr Hubertus mit dem
Todtenkopf sollte noch leben ... Er erstaunte - knstlich ... Alles, was er
hrte, war ihm schon bekannt - ...
    Frost durchschttelte seine Glieder - Jetzt erst warf er des Dieners Mantel
um, den er bisher berm Arm getragen hatte, und bat um die Angabe eines krzern
Weges, um ins Thal und dort zum Pfarrer zu gelangen ...
    Der Wind hatte aufgehrt ... Regenstrme ergossen sich ... Noch schtzten
ihn und den Diener hier und da die Bume der Alleen ... Sie umgingen das
geheimnivoll nchtlich schlummernde Schlo ... Eine Weile sah es Terschka mit
dem Blick verzweifelnden Neides an ... Dann fragte er den Diener, ob er sich
auch der Grfin Sarzana erinnern knnte ... Auch von ihr lie er sich einiges
erzhlen ... Den im spottenden Ton gemachten Bericht ber diesen Besuch
unterbrach er mit den dumpf vor sich hingesprochenen Worten: Auch sie - ist in
Rom! ...
    Terschka befahl jetzt dem Diener, ihn allein zu lassen ... Den Mantel sollte
er morgen vom Pfarrer im Thal abholen ... Es war ber die elfte Stunde - rings
stichdunkel ... Durch ein labyrinthisches Gewinde von Grten, ber schwellend
brausende Bche - endlich an einem malerisch gelegenen Friedhof mit unheimlich
blitzenden Kreuzen vorber erreichte er das Pfarrhaus San-Medardo ...
    Aus einem geffneten Fenster, wo noch Licht brannte, begrten ihn die
heisern Worte:
    Ecco! Ecco! Al fine venuto! ...
    Sie kamen von Pater Speziano und klangen wie die Beruhigung eines
angsterfllten Kerkermeisters, dem ein entflohener Gefangener endlich
wiederkehrt ...

                                    Funoten


1 Thatsache.

2 Monsignore Charvaz, Bischof von Pignerol, warf sich Karl Albert von Sardinien
zu Fen, um ihn von seinen Begnstigungen gegen die Waldenser zurckzuhalten.

3 1847.

4 Vor einiger Zeit so zu Mnster in Westfalen geschehen.

5 Thatsache.

6 Der den Verrath leitete.

7 Gaisruck.

8 Sturla's eigene Worte.

9 Thatsachen.

10 Kommt in Jesuitenhusern vor.


                                       6.

Als derselbe Tag noch goldensonnig am unbewlkten Himmel geleuchtet hatte, fuhr
ein kleiner, mit Staub bedeckter Halbwagen langsam auf der Landstrae zwischen
der Stura und dem Gesso dahin, zweien Bergstrmen, die hinter Robillante in
ihrem Lauf miteinander wetteifern ... Um die Dmmerung gelangte das kleine
Gefhrt an die Thore einer Stadt, die in frhern Jahrhunderten stark befestigt
gewesen sein mute ... Noch erhoben sich in dem alten Cuneum Rmerthrme; noch
erstreckten sich rund um die Stadt zackige Mauern und tiefe Grben ...
    Die Straen Conis, einer 15000 Einwohner zhlenden Stadt, waren am sdlichen
Thor eng und dster, aber belebt von einer schwatzenden, muntern Bevlkerung,
wie sie in Italien der Abend auf die Gasse lockt ... Kinder, Frauen, Greise,
nichts bleibt dann daheim im geschlossenen Raume; selbst die unterste
Volksklasse sitzt in Hemdrmeln, Manchesterjacken, Blousen vor Kaffeehusern,
raucht, trinkt, schwatzt, streitet ber die Tagesneuigkeiten, fr deren Kunde
ein einziges Zeitungsblatt ausreicht, da unter zwanzig meist nur einer lesen
kann ...
    Gesang ertnte ... Drehorgeln durchkreuzten sich in ihren Melodieen ... Der
Kutscher erfuhr in dem Lrm erst von Andern, da hinter ihm sein Passagier nach
ihm verlangte ...
    Er wandte sich theilnehmend ...
    Coni ist eine ansehnliche Stadt ... Aber die schlechtgepflasterte Strae
mute dem Passagier, der ausgestreckt im Innern der Halbchaise lag, empfindlich
werden ... Der Kutscher erfuhr, er sollte langsamer fahren ... Zugleich wurde
nach dem Palast des Erzbischofs gefragt und von einem Dutzend Stimmen die
Antwort ertheilt ... Man begleitete den Wagen, der einen Kranken fhrte ... Es
war ein todtbleiches, mnnlich gefurchtes Antlitz mit vollem wilden, hier und da
ergrauten Bart ... Benno war damals ein Mann von vierzig Jahren ...
    Die Straenjugend folgte dem Wagen, der auf einen groen Platz einbog, einen
Exercirplatz, wie es schien; rings war das mchtige Quarre mit duftenden
Lindenbumen besetzt ... Nicht zu entfernt von einer stattlichen Kirche lag
hinter einem gegitterten Vorhof ein groartiges Gebude, vor welchem der
Kutscher in seinem weien Hute, seiner braunen Jacke, seiner rothen Halsbinde
ebenso sicher anfuhr, wie der Fhrer einer sechsspnnigen Carrosse ... Er wute
ja, da er dem Erzbischof einen theuren Verwandten brachte ...
    Ein Carabinier mit gezogenem Sbel hielt vor der hohen Eingangspforte des
Palastes Wache ... Er deutete auf die Klingel, die der Kutscher, der schon
abgesprungen war, nur anziehen sollte ... Ein Diener erschien ... In einer Art
Livree von schwarzem Frack, schwarzen Beinkleidern, schwarzen Strmpfen und
Schnallenschuhen ...
    Der Kutscher hatte schon eine Karte in Bereitschaft, die dem Diener zur
Anmeldung des Besuches bergeben werden sollte ... Zugleich bat er um Hlfe, den
Kranken aus dem Wagen zu schaffen ... So wie er da lge il povero, brchte er
ihn dritto aus Genua ... Miracolo! setzte er mit beredsamem Blick hinzu - er
brchte einen Mann, der nur durch ein Wunder noch lebte ...
    Benno, bleich, mit blassen Lippen, starren Gliedern, auf einer halb zum
Sitzen, halb zum Liegen eingerichteten Matratze, hrte und sah alles, was sein
Fhrer trieb, aber er schwieg ... In der That schien er an den uersten Grad
der Erschpfung angelangt ... Noch manches Jugendliche hatte sich in seinen
Zgen erhalten ... Schmchtig und mager schien er geblieben, aber sein Haupthaar
war fast grau, wie der mchtige Bart hier und da von gleicher Farbe ...
Geronimo, der Kutscher, erzhlte den sich schon mehrenden Dienern, zu denen sich
Priester gesellten, der Kranke htte in Rom einen Schu in die Brust bekommen
und die Kugel se noch fest; die Aerzte htten behauptet, der Verwundete wrde,
nachdem die Anstrengungen der Flucht von Rom nach Genua ihn schon dem Tode nahe
gebracht, eine weitere Reise schwerlich berstehen, aber nichts htte ihn
abbringen knnen, seinen Transport bis nach den Thlern von Piemont zu
verlangen. Ihn selbst zwar htte das Hospital gemiethet und ihm als Ziel seiner
Reise nur Nizza genannt. Da es Coni und dort das erzbischfliche Palais sein
sollte, erfuhr Geronimo erst vom Verwundeten selbst in Vintimiglia. Dieser
konnte die Arme nicht bewegen, konnte keine Briefe schreiben - sie aber von
andern schreiben zu lassen, htte er abgelehnt. Niemand sollte erfahren, wohin
seine Reise ging. Selbst im Spital htte man sein wahres Ziel nicht wissen
sollen ... Wenn der Verwundete jedem die Fhrte der Nachfrage nach ihm
abschneiden wollte, so war es wol die natrliche Lage eines politischen
Flchtlings ...
    Schon wurde Benno emporgehoben und auch die Schildwache griff mit an ... Der
Leidende berwand die Schmerzen, die ihm diese Bewegungen zu verursachen
schienen ... War doch die Sehnsucht seines Herzens erfllt, die letzte Freude
seines Lebens gewhrt ... Geronimo hatte recht berichtet - Benno wollte allen
denen, die noch an seinem Leben Interesse haben konnten, selbst seiner Mutter,
verborgen bleiben ... Deshalb vertraute er selbst dem Spital in Genua nichts
ber seine Absichten, am wenigsten der Post - ... Und selbst die Feder zu
fhren, verbot ihm sein Zustand ... Still in Bonaventura's Armen zu sterben, war
alles, was er vom Leben noch begehrte ... Diesen hoffte er zu finden, auch ohne
sich ihm angekndigt zu haben ... So kam es, da ihn hier niemand erwartete ...
    Die Diener jedoch, auch wenn sie den Namen Csar Montalto, der auf der
Karte stand, nicht zu deuten gewut htten, thaten darum nicht befremdet ... Was
sollte nicht bei ihrem Herrn ein Sterbender seine letzte Zuflucht suchen knnen
-! ...
    Noch war der Fremde nicht bis an die groe Marmortreppe getragen worden, als
auch schon von oben her, gefolgt von Priestern und Dienern, der Erzbischof in
seinem wallenden Hauskleid, einem priesterlichen Rock mit violettem Ueberwurf
und goldener Kette, in athemloser Hast erschien, sich ber den unglcklichen
Freund warf, ihn in beide Arme schlo und unter Thrnen an sein Herz drckte ...
    Mein Bruder -! rief er unausgesetzt ...
    Mehr konnte nicht von seinen Lippen kommen - und Mein Bruder! Mein Bruder!
hatte er auf der Stiege schon, abwechselnd in deutscher und in italienischer
Sprache, gerufen ... Italienisch, um seine Umgebungen ber den Anla eines so
auergewhnlich groen Schmerzes und sein Verlassen aller Formen der Etikette,
die in diesem Hause waltete, gebhrend aufzuklren und sie aufzufordern, in
seine Trauer miteinzustimmen ...
    Das Bedrfni, zu helfen, drngte nun sofort jede andere Empfindung zurck
... Schon wurden die ersten Aerzte der Stadt gerufen ... Schon hrte man oben
Threnschlagen, ein emsiges Rennen, ein Klopfen und Hmmern, um Zurstungen fr
ein Lager zu treffen ... Das ganze, nur von Priestern bewohnte Haus war in
Bewegung ...
    Die Worte: Wie konntest du in diesem Zustand eine solche Reise unternehmen!
kamen nur halb von Bonaventura's Lippen ... Lat! bat der Majorduomo, ein
stattlicher Herr mit einer silbernen Kette auf der Brust und wehrte der
Ueberzahl der helfenden Hnde ... Nach Benno's Wunsch leitete dieser dann allein
den Transport ...
    Auch fr den Erzbischof war Sorge zu tragen ... Am eisernen Gelnder der
mchtigen Treppe hielt er sich mhsam aufrecht; anfangs vermochte er den
Mnnern, die Benno hinauftrugen, vor physischer Schwche nicht zu folgen ... In
meine Schlafkammer! war alles, was er zu sagen vermochte, und wieder doch zum
Kutscher mute er sich wenden, der auf die Anrede des Majorduomo, woher sie
kmen, vor dem Erzbischof sein Knie beugte und Segen - und Trinkgeld begehrte
... Ohne den Auseinandersetzungen Geronimo's, so wichtig sie ihm waren, lnger
zuzuhren, ri der Erzbischof unter seinem Ueberwurf sein Almosenbeutelchen
hervor und reichte dem Knienden den ganzen Inhalt ...
    Jetzt raffte sich der Erzbischof auf und schwankte am Gelnder der Stiege
entlang ... In den hohen weiten Slen des ersten Stockwerks standen alle Thren
geffnet ... Die letzten Abendsonnenstrahlen beleuchteten die kostbaren Tapeten
von Seide, die bunten Malereien, die sich sein Vorgnger Fefelotti fr die kurze
Zeit seines Verweilens in diesen Rumen hatte anfertigen lassen ... Die Fubden
waren parquettirt ... Die Wnde starrten von Bronze und Krystall ... Die Wohnung
eines Frsten schien es zu sein und erst in dem mit grnen Vorhngen von einem
Bibliothekzimmer getrennten Schlafgemach des Erzbischofs sah es einfacher aus
... War auch hier nicht die rauhe Kasteiung sichtbar, die einst Bonaventura beim
Kirchenfrsten am groen vaterlndischen Strome beobachtet hatte und die in dem
dem Schnen abgeneigten Sinn desselben eher ihren Grund gehabt haben mochte, als
im ascetischen Bedrfni, so hatte doch Bonaventura hier sowol wie in seinen
nchsten Zimmern die Spuren der Ueppigkeit seines Vorgngers so weit getilgt,
als das dem Palast erblich angehrende Mobiliar von ihm verndert oder entfernt
werden durfte ... Da lag nun Benno schon auf seinem einfachen Lager, verlangte
von allem, was ihm zur Erfrischung angeboten wurde, nur ein khlendes
Citronenwasser, vor allem Ruhe und - allein zu sein mit dem geliebten Freunde,
der an sein Bett niederkniete, um Benno's glhheie Hand zu ken ... Alle
Umgebungen waren in Bestrzung ber den Schmerz des Erzbischofs, - ... Noch dazu
wurde ihm dies Erlebni am Abend seines Namenstages ...
    Der Majorduomo sorgte dafr, da die Verwandten allein blieben und nur die
Aerzte noch zugelassen wurden ... Auch zu einem Kloster der Barmherzigen Brder
wurde geschickt, um einen erfahrenen Krankenwrter zu holen ... Mit den von
Fefelotti eingefhrten Tchtern des heiligen Vincenz von Paula htte man dem
Erzbischof nicht kommen drfen - ...
    Die Freunde waren allein - allein mit dem letzten Strahl der Sonne, der sich
durch die herabgelassenen Vorhnge stahl - allein mit dem Todesengel, dessen
dunkler Fittich seit einiger Zeit von Bonaventura's Lieben nicht mehr weichen zu
wollen schien - allein mit den Rckblicken auf ein so tief verfehltes Leben, wie
es Benno gefhrt, auf ein so tief vereinsamtes, wie es Bonaventura mitten im
rauschenden Gewhl der Zeit und der Welt fhrte ... Wie brachen die schnen
freundlichen Sterne der Jugend wieder aus den Wolken, die sie so lange
verschleiert gehalten hatten ... Wie klang ein Ton so wehmthig und klagend
durch die bangen Seelen der Freunde und sprach: Das, das wollten wir - und das
haben wir gefunden! ...
    Bonaventura's Lippen bebten, ob sie fragen sollten: Weit du denn auch, wie
dein irrend Leben gerade jetzt hier angekommen ist bei seinen ersten Anfngen -
und da die liebliche Armgart in unsrer Nhe weilt? Weit du, da ich aus
Deutschland den Besuch meiner erkrankten Mutter, den Besuch Friedrich's von
Wittekind, deines Bruders, soeben gemeldet erhielt? Wird dich denn auch, ohne
ihre letzten Ksse, deine in der Schweiz genannte Mutter sterben lassen? Wird
jene Verirrung, die fr immer die Flgel deines Lebens knickte, Olympia, deinen
Tod ertragen knnen, jene Circe, die deine Sinne verwirrte mit dem Zaubertrank
ihrer - wer kennt den Inhalt der Mischungsknste, die eine Frauenhand bietet!
Oder - nun kehrten ihm Klnge des lngst abgebrochenen Briefwechsels wieder -
war es deine eigene Seele, die dich berauschte, deine eigene Natur, die sich des
Hchsten verma und sich doch besiegen lie von dem, was die Menschen dir immer
und du dir selbst als dein rmstes deuteten - deinem Gemth! ... Dankbar
wolltest du sein -! Deutscher nicht mehr bleiben - seit du eine von Deutschen
gemishandelte Mutter gefunden - und, fast mcht' ich nach deinen Briefen sagen,
mehr noch - seit die Bandiera deine Freunde geworden, die Bandiera, die die
Kugel des Henkertodes traf - Benno, Benno, welche Dmonen haben dich
fortgeschmeichelt von Deutschlands Herzen und hinber in soviel Irrgnge deines
Lebens und in dies ersichtliche Ende! ...
    Zehn Jahre -! sprach jetzt Benno mit einer dumpfen, heisern Stimme, die sich
mhsam von seiner keuchenden Brust rang ...
    Rege dich nicht auf! entgegnete Bonaventura und setzte sich auf den Rand des
Bettes ... Schlummre! ... Du bedarfst nur der Ruhe! ...
    Benno winkte, da Bonaventura die Vorhnge am Fenster lften mchte ... Er
wollte den Erzbischof sehen, wollte vergleichen, wie auch ihn das Leben nach so
langer Trennung gezeichnet htte ...
    Bonaventura erfllte sein Verlangen und sah Benno's - noch volles, aber
ergrautes Haar - ... Sein eigenes, war ebenso gefrbt ... Die Magerkeit des
Erzbischofs hatte zugenommen ... Die glanzvollen Augen lagen tief in ihren
Hhlen ... Furchen umgaben den Mund ... Aber die edle Bildung des Kopfes, die
Gestalt selbst konnte durch die Spuren der Jahre nicht gendert werden und
vielleicht der jngste und noch immer jugendlichste Kirchenfrst in Roms
Hierarchie blieb er nchst Vincente Ambrosi in Rom bei alledem ...
    Bonaventura sprach von der Kunst der hiesigen Aerzte .... Vom Doctor
Savelli, der das Leben der Grfin Erdmuthe so lange erhalten htte ... Von dem
Arzt der Garnison, der sich auf den letzten Schlachtfeldern bewhrt htte ...
    Benno schttelte das Haupt und erwiderte:
    Die Kerze ist - nieder ...
    Bonaventura konnte solcher Schwche gegenber nichts entgegnen ... Man
brachte den Erquickungstrank ...
    Der Freund reichte ihn dem Verschmachteten und als er getrunken, winkte nach
einer Weile Benno selbst, da das Fenster wieder verhangen wrde ... Fieber
durchschttelte ihn pltzlich ... Sogar auf die grnen Vorhnge des
Bibliothekzimmers, durch die sich zu viel Licht stahl, deutete er ... Sie wurden
zurckgeschlagen und dafr die Thrflgel ganz geschlossen ... Die Erschpfung
schien durch den Lichtreiz gemehrt zu werden ...
    Bonaventura bat ihn vor allem, nur zu schweigen ... Reden und Denken griffe
ihn ersichtlich an ... Nur fhlen, trumen sollte er - glcklich sein - ... Du
bist - bei mir! sprach er mit der ganzen Innigkeit liebevoller Sorge und fast
schon htte er, an Armgart denkend, gesprochen: Bei uns - ...
    In Benno's Auge, das wol von Armgart weit-, weitab irrte, traten Thrnen ...
Er schwieg und lehnte das Haupt zur Seite, jetzt in der That, wie um zu
schlummern ...
    Nun fast strte es, da die Aerzte kamen ...
    Sie nahten sich dem Lager, streiften die Decke auf und riethen, trotzdem da
der Kranke sich nicht bewegen konnte und mochte, ihn ganz von seinen Kleidern zu
entblen ... Die entzndete, den Lungen nahe Stelle, wo die Kugel sitzen mute,
war bald gefunden ... Der Kranke zuckte mit einem kurzen Schrei auf, als sie
berhrt wurde ... Die Kugel herauszunehmen htte den sofortigen Tod veranlat
...
    Im Blick der Aerzte lag die Andeutung, da auch so die Auflsung schwerlich
ausbleiben wrde ... Die Ruhe, ja die starre, krampfartige Erschpfung, in der
sie den Kranken fanden, verordneten sie durch nichts zu stren ... Zwei
Barmherzige Brder, die inzwischen gekommen waren, wuten, was sie die Nacht
ber zu beobachten hatten ... Jetzt galt es, den von der Untersuchung seiner
Wunde Ohnmchtigen sich allein zu berlassen ...
    Bonaventura kehrte, die Hnde gen Himmel erhebend, in seine hohen, so
prachtvollen, durch die eigenthmlichen Anordnungen, die er ihnen gegeben,
wohnlich umgestalteten Zimmer zurck ...
    Sein einfacher Abendimbi, der inzwischen aufgetragen wurde, konnte ihn
nicht zum Niedersitzen bewegen ... Nur wie schwebend schritt er dahin, faltete
die Hnde und sah nieder wie ein Verzweifelnder ... Ein einziger Augenblick -
wie hatte dieser so den Frieden um ihn her verwandeln knnen! ... Den Frieden!
... Hatte seine Seele Frieden? ... Erlosch um ihn her nicht ein Auge nach dem
andern? ... Das tragische Geschick, das ber sein Haus und ber smmtliche
Angehrige desselben hereingebrochen schien, hatte er erst heute wieder gesehen,
als vom Prsidenten die Nachricht gekommen, da die Aerzte seiner Mutter den
Aufenthalt im Sden vorschrieben ... Sie wrden nach Neapel gehen, hatte der
Prsident geschrieben ... So nahe dem Silaswalde! seufzte Bonaventura - und die
Mutter bat ihn instndigst, vorher noch in Rom mit ihr zusammenzutreffen -! ...
    Eben noch hatte Bonaventura an seinen Freund, den Cardinal Vincente Ambrosi,
geschrieben - hatte sich ihm auf Besuch angemeldet ... Eben noch hatte er ihm
die Nachricht mitgetheilt, da Pater Speziano wagte, heimlich eine Nacht in
Robillante sich aufzuhalten, in Begleitung des Doppel-Apostaten Terschka ... Wie
mute bei solchen Bildern die Erinnerung an die alten Tage des Glcks und der
Hoffnung ber ihn hereingebrochen sein ... Im Lehnsessel, am Schreibtisch, an
feinem hohen Fenster hatte er gesessen und beim Abendluten in die rosige Glut
des Himmels geschaut ... Morgen war sein Namenstag ... An den schnen Strom der
Heimat hatte er denken mssen, an sein kleines erstes Pfarrdorf Sanct-Wolfgang,
an eine Gemeinde, wenn sie zum ersten mal den Namenstag ihres Seelsorgers feiert
... Das stille Leben eines Landpfarrers hatte ihm wieder als ein so
beneidenswerthes Glck vorm Auge gestanden ... Er hrte die Frhglocke seiner
Kirche; von seinem Grtchen aus zhlte er die Reihe der Kirchgnger; fhlte
seine erste Pfarrersangst, ob ihrer auch genug kmen, um ihm die Beruhigung zu
geben, da sie ihn liebten ... Wieder sah er sich auf dem engen, kaum zum
Umwenden ausreichenden Platz vor seinem Hochaltar, hrte seinen eigenen Gesang
und in der markigen edlen Sprache der Heimat, die er nun schon so lange auf
immer abgeschworen, seine Predigt ... Wie sah er denn auch nur gerade heute den
alten Mevissen so ernst und feierlich in seinem Stuhl sitzen, den treuen Hter
der Geheimnisse, die so ganz, ganz anders, als vielleicht sein Vater gewollt, in
sein Leben griffen ... Auch seines Kainsmaals gedachte er, jener noch immer
unenthllten Beichte Leo Perl's, eines Spuks, der ihn freilich nicht mehr wie
sonst schreckte ... Die Jahre und die innern Revolutionen seiner Ueberzeugung
hatten ihn allmhlich bewahrt, ber die Thorheit eines wahnwitzigen Priesters
dauernd in solcher Verzweiflung zu leben, wie anfangs ... Das erzbischfliche
Pallium trug er nicht wie eine gleinerische Hlle innerer Unwahrheit; mit
sichrem Vertrauen auf seine Lebenskraft hatte er sich ein Ziel gesteckt, dem er
nachlebte, ein Ziel, das nur durch den Hirtenstab eines mchtigen Bischofs
erreicht werden konnte, ein Ziel, dem die Enthllung seiner unvollendeten Taufe
eine Glorie mehr werden sollte ... Als Lucinde von ihm mit dem Grafen Sarzana
getraut wurde, hatte er mit ihr Frieden geschlossen (sie schickte ihm an jedem
Namenstage, anfangs aus dem Kloster, der Lebendigbegrabenen, spter aus Genua,
dann aus Rom, das letzte mal aus Venedig, zu diesem Tage ein Angedenken und ihr
diesjhriges war bereits wieder von daher eingetroffen - von ihrer alten
Drohung, ihn vernichten zu wollen, war nichts mehr zurckgeblieben, als eine
Art Superioritt, die ihr wenigstens in des Erzbischofs Nhe, z.B. bei ihrem
Besuch in Coni eine Stellung sicherte, auch wenn andere sie eine Jesuitin, wol
gar eine Brandstifterin nannten ... Ihr diesjhriges Geschenk war ein Kelch von
Krystall, umsponnen mit silberner Filigranarbeit, eine Arbeit aus den
Werksttten Venedigs, von wo sie noch ihre Begleitzeilen datirt hatte ... Sie
wre auf dem Wege nach Rom, hatte sie geschrieben, um den Raben auf den
Leichenfeldern ihren Mann zu entziehen und ihn anstndig begraben zu lassen ...
Wie hatte sich das alles mit den Jahren umgewandt! ... So weilten Bonaventura's
Gedanken in fernen glcklicheren Zeiten - da kam diese neue trbe Mahnung an die
Gegenwart ...
    Bonaventura hatte nun den steten Anblick und Umgang Paula's, hatte die
seltenste Freundschaft des Grafen, hatte die unermdliche Sorgfalt Aller fr
sein Wohl, hatte die edelsten Freuden der Geselligkeit, jede nur erdenkliche
Frsorge und Ueberraschung, die sonst nur einem Gatten von seinem Weibe, einem
Vater von seinen Kindern kommt - und doch fehlte das Glck ... Der Kampf mit
Roms Hierarchie war ihm an sich eine Freude - er hatte hier und da offene und
geheime Bundesgenossen - aber Inneres und Aeueres in ihm war nicht ausgeglichen
... Nur das Nchste brauchte er zu betrachten - im Grafen sah er Krisen
entstehen, die zu neuen Kmpfen der Seele fhren muten - und, blickte er in die
Ferne, war denn jenes in die Ferne gerckte Rthsel des Eremiten, seines Vaters,
gelst? - - ...
    Friedrich von Asselyn, sein Vater, war damals nur vor seinem Sohn aus
Castellungo entflohen ... Er wollte todt sein und das Schicksal sendete ihm in
seine Verborgenheit gerade den eigenen Sohn! ... Er erblickte darin die
Entdeckung seines Geheimnisses ... Seit den lebensgefhrlichen Abenteuern, die
er bestehen mute, lebte er jetzt im Silaswalde - ... Cardinal Ambrosi hatte
erst vor Kurzem wieder geschrieben, da sein Jugendlehrer dem muthigen
Kirchenfrsten ewig Dank wissen werde fr die Mhe und Sorge, die er ihm damals,
mit Gefahr seiner hohen Wrde, gewidmet; da er ihn aber fort und fort
beschwre, bis zu einer bestimmten Stunde seiner Lebensspur nicht zu folgen, ja
da er ihm das heilige Versprechen abnhme, ihn bis dahin nie mehr unter den
Lebenden zu suchen - ... Fiat lux in perpetuis! hatte diese erneute Bitte des
Eremiten geschlossen ... Das Losungswort der Briefe, die ihm und dem Onkel
Dechanten einst aus Italien gekommen waren - der Augenblick der Versammlung
unter den Eichen von Castellungo an einem Sanct-Bernhardstage ... Noch lag
dieser Tag um Jahre hinaus und doch mute er bestimmend und bindend wirken ...
Mute nicht Bonaventura des Vaters Bitte schon um seiner noch lebenden Mutter
willen erfllen? ... Zu seiner Beruhigung diente, da dem Vater ein treuer
Wchter im Silaswalde geblieben war, sein Retter aus Ruber- und Mrderhand,
jener khne Laienbruder Hubertus ... Wie die Reise der Mutter nach Neapel in
diese Rthsel eingreifen konnte, hatte sich der Sohn mit banger Spannung eben
vergegenwrtigt ... Cardinal Ambrosi war inzwischen der innigste Vertraute
seines Lebens geworden - nur wute derselbe nicht, da Federigo des deutschen
Freundes Vater war; Vincente Ambrosi und Bonaventura hatten sich so gefunden,
da in den Zeilen, die er ihm eben geschrieben, jene Beziehung ausgenommen,
sonst die geheimsten Saiten seines Innern widertnen durften ...
    Ein Erzbischof kann, wie ein Frst, nicht frei gehen und wandeln; er ist der
Gefangene seiner Wrde ... Im Speisezimmer wurde Licht angezndet und der
Haushofmeister kam mit bittender Miene, Excellenza mchte sich nicht dem Mahl
entziehen und die nothwendige Strkung zu sich nehmen ... Der Erzbischof a
nicht allein ... Eine Anzahl Hausbewohner, Hlfspriester, Secretre, Schler,
waren seine regelmigen Tischgenossen ...
    Gelassen gab Bonaventura den Bitten nach, setzte sich zur Tafel auf seinen
Ehrensessel und sah voll Wehmuth auf ein neben ihm liegendes Buch, das er
befohlen hatte, heute Abend neben ihm aufzuschlagen ... Es war ein Theil der
Werke des heiligen Bonaventura, denen er sich seines Namenstages wegen hatte
widmen wollen ...
    Es ist mein Namenstag morgen - sprach er mit leiser Stimme und im reinsten
Italienisch; ich beschftigte mich gerade mit unserm Doctor seraphicus ... Die
Stelle, die ich vorlesen wollte, - (er bltterte mit seinen magern weien
Fingern) - ich kann sie nicht wiederfinden ... Lesen Sie, wandte er sich
erschpft zu einem jungen Vicar, der bei ihm den Freitisch geno - eine jede
Stelle wird auf unser Leben passen ...
    Der junge Mann las, was er fand: O wr' ich doch jener Baum des Kreuzes und
wren die Hnde und Fe des Gekreuzigten an mich geheftet gewesen, so htt' ich
zu jenen Menschen gesprochen, die ihn vom Kreuze abnahmen: Nimmermehr la' ich
mich trennen von meinem Herrn; begrabt mich mit ihm! Doch da ich das dem Leibe
nach nicht thun kann, so thu' ich es der Seele nach. Drei Sttten will ich mir
im Gekreuzigten erwhlen; die eine in den Fen, die andere in den Hnden, die
dritte in seiner Brust! Dort will ich athmen und ruhen! Dort wohnen, trinken aus
dem Quell ihrer unaussprechlichen Liebe! Oft wandelt mich Furcht an, ich mchte
herausfallen aus diesem Aufenthalt! Glckselige Lanze, glckselige Ngel, die
ihr diesen Weg des Lebens uns ffnet! O wre es mir vergnnt gewesen, jene Lanze
zu sein, nimmermehr wr' ich dann aus dieser gttlichen Brust zurckgekehrt!
...
    Lsterung! unterbrach der Erzbischof pltzlich aufwallend und nahm das Buch
an sich ...
    Alle erschraken ... Doch bei nherer Besinnung war ihnen diese Kritik nicht
befremdlich an ihrem Oberhirten, der die Wrme der Religion nur beim Lichte
suchte ...
    Er winkte mit der Hand und deutete an, da man unbehindert den Speisen
zusprechen sollte ... Da er selbst nur wenig a, konnte er seinen Tischgenossen
sagen:
    Wohin verirrt sich nicht der spielende Witz einer Andacht, die mit der Feder
in der Hand betet! ... Wahrheit! Wahrheit! ... Und vor wem denn mehr, als vor
dem Herrn der Welten, vor dem Gedanken: Was ist die Ewigkeit! ...
    Dann erzhlte er von Benno's Leben - bis seine Thrnen ihn hinderten ...
    Der Haushofmeister, der am untern Ende der Tafel vorlegte, kannte Benno noch
von seinem Aufenthalt in Robillante her ... Es war ein schlichter Mann, der dem
Erzbischof von dort gefolgt war und Ordnung und Sparsamkeit in Fefelotti's
Hinterlassenschaft gebracht hatte ... Da der sich jetzt Csar von Montalto
nennende, verwundete Vetter des Erzbischofs vom Kriegsschauplatz in Rom kam, war
kein Geheimni und mehrte das Interesse; in diesem Lande war das Urtheil ber
Italiens Angelegenheiten freigegeben ... Allgemein nahm man die Mglichkeit, in
so krankem Zustand von Rom bis hierher reisen zu knnen, fr ein
Hoffnungszeichen mglicher Genesung ...
    Bonaventura dachte anders ... Es hat ihn nur gezogen, hier sein letztes
Lager zu suchen ... Noch einmal wollte er in seinen Anfang zurck ... So nur war
ihm dies Suchen eines letzten Wiedersehens erklrlich ...
    Das bescheidene Mahl war zu Ende, als das lebhafte Gehen der Thren nach dem
Schlafzimmer zu auf ein Vorkommni im Zustand des Kranken schlieen lie ... Der
Erzbischof erhob sich eilends und ging in die anstoenden Zimmer ... Alle
folgten ... Einer der Brder kam ihnen mit einem Gef voll Schnee entgegen, den
man anwenden wollte, um den Blutandrang zum Kopf des Kranken zu mildern ...
    Bonaventura hrte ihn laut phantasiren ... Als er nher gekommen war, fand
er Benno hochaufgerichtet im Arm des andern Bruders, seiner nicht bewut - auch
Bonaventura nicht erkennend ... Es schien, als befehligte er noch auf den
Breschen der Mauern Roms - als riefe er die Wankenden zusammen ... Mit erhhter
Stimme sprach er bald italienisch, bald deutsch, bald englisch ... Er redete
Personen an, die er leibhaft vor sich sah ... Sarzana! rief er und lachte sogar
... Da haben Sie's denn nun! ... Leichenbruder! ... Auch Hamlet hatte erst Muth,
als eine Ratte hinter der Wand raschelte! ... War's nicht so auch mit Ihnen,
Ihrer neuen Loge damals -? ... Stehen Sie jetzt auf, Sarzana! ... Ich bitte
Ihnen ab, da ich Sie fr einen Verrther hielt ... Ein tollerer Hamlet waren
Sie freilich noch als ich ... Achtung aber der Dame, die da kommt und die eine
Krone zu tragen wrdig ist - Nein - es ist - ja nur die Kammerjungfer - ...
    Bonaventura las aus Benno's wilden und lachenden Mienen die Erinnerungen,
die ihn qulten ... Die letzteren schienen Lucinden zu gelten ... Er redete dem
Freunde zu, sich zu fassen ... Seine Hand strich ihm das Haar aus der Stirn ...
    Endlich schien der wie von Gespenstern verfolgte und wie um Hlfe bittende
Blick des Phantasirenden den Freund zu erkennen ... Seine wilde Rede stockte ...
... Das Auge starrte um sich; der Kopf neigte sich zum Kissen zurck und nur die
abwehrenden Hnde verriethen, da die Gedanken des Leidenden keine heitern waren
... Fort! Fort! rief er und suchte sich der Annherung von Menschen zu erwehren,
dann murmelte er vor sich hin in jetzt nicht mehr zu verstehenden Lauten ...
Allmhlich trat eine Entkrftung ein, so bedenklich, da die hinzugekommenen
Aerzte dem Bewutlosen Strkungen einflen muten ... Darber verfiel er in
einen Halbschlummer ...
    Inzwischen war im Nebenzimmer ein Bett aufgeschlagen worden ... Bonaventura
hatte angeordnet, da hier, in seiner Bibliothek, sein Nachtlager sein sollte
... Man beschwor ihn, seiner selbst zu schonen - Morgen in erster Frhe wollte
er die Messe lesen ... Er erwiderte: Nachtwachen bin ich gewohnt ... Dann trat
er ans Fenster und deutete an, da ein Unwetter heraufzge; man mchte die
Fenster schlieen und sich zur Ruhe begeben ... In der That brauste ein
pltzlicher Wind, warf offenstehende Thren und Fenster ... Man entfernte sich
und ging scheinbar zur Ruhe ... In Wahrheit schmckte man heimlich den Palast
zum morgenden Feste ...
    Der Kranke lag, als Bonaventura an sein Lager zurckkehrte, in Schlummer
versunken ... Sein Athemzug ging schwer und ungleichmig ... Die Brder
schlossen nebenan die Fenster und Thren - das Brausen des Windes nahm zu ...
Auch die Thr, die das Schlafcabinet vom Bibliothekzimmer trennte, wurde wieder
geschlossen ... Bonaventura trat in letzteres zurck und war nun allein - unter
seinen Bchern, von denen die meisten ihm ber die Alpen (ohne Renate, die
gutversorgt daheimgeblieben bald nach der Trennung von ihrem Pflegling starb)
nachgekommen ... Seine Studirlampe brannte auf dem grnbehangenen Tische ... Die
Glocken schlugen zehn ...
    Nachtwachen bin ich gewohnt ... Bonaventura war es schon in seinen
glcklicheren Tagen ... Wie viel mehr in denen, die seiner Reise nach Wien
folgten ... Seinen Brief an Ambrosi holte er hervor ... Ambrosi hatte dem
Heiligen Vater auf seiner Flucht folgen mssen ... Nun zog er wol wieder mit ihm
in Rom ein ... In Rom, wohin auch ihn, den Sohn - die Mutter rief ...
Bonaventura hatte vor zehn Jahren Rom nur flchtig kennen gelernt ... Damals war
er als ein Angeklagter erschienen, anfangs in seinen Schritten gehemmt, dann,
als sich alles zum Guten wandte, von Huldigungen der malosesten Art, durch die
Herzogin von Amarillas, Olympien, Lucinden, am wenigsten freigegeben ...
    Damals war Benno bereits durch die Hlfe der Frauen gerettet ... Die
Herzogin von Amarillas hatte sich mit Olympien durch die Sorge um ihren Sohn
ausgeshnt ... Da Benno ihr Sohn, verkndete sie nun selbst; ihr verzweifelndes
Muttergefhl hatte ohne jedes Besinnen den Schleier des Geheimnisses zerrissen -
und Lucinde, die vorher so gefrchtete Mitwisserin des Geheimnisses, wurde nun
ohne Scheu die Dritte im Bunde; die Herzogin hatte jede Demthigung vergessen
... Zwei Menschen gab es nur, die helfen konnten, Olympia und Lucinde - ihr
erschienen sie jetzt wie Engel und gottgesandte Heilige ...
    Als Benno in Sicherheit war, errichteten die Frauen Pforten des Triumphes
fr Bonaventura ... Fefelotti mute ihn von ganz Rom wie auf Hnden getragen und
sogar vom Heiligen Vater begnadet sehen ... Ermdet und beschmt von soviel
Glck und Erfolg, hatte Bonaventura den Trost, zu sehen, da seine Sache
wenigstens von einigen unabhngigen Mnnern und Richtern aus Ueberzeugung
gefrdert wurde ... Er hatte gehrt, da seine Angelegenheit besonders
freundlich Ambrosi vertrat ... Diesen seltsamen Menschen, fr den er ja selbst
in Robillante Bischof geworden und von dem er mit doppelt begrndeter Rhrung
vernommen, da sein Vater ein Professor in Robillante war, der auf einer
Alpenwanderung, wo Vermessungen von ihm vorgenommen werden sollten, umgekommen -
diesen besuchte er jetzt ... Wie drngte es ihn, zu hren, ob sein Vater, der
einen solchen Tod nur fingirt hatte, wirklich als Lehrer oder Verfhrer zu
ketzerischen Gesinnungen mit ihm in nherer Verbindung stand ...
    Im frheren germanischen Collegium liegt die Custodia der Reliquien und
Katakomben ... In dem untern Gescho des dstern Palastes befinden sich lange,
an den Fenstern vergitterte Sle, in denen die alten Steinsrge ihres Inhalts
entleert, die vermoderten Knochen gesubert und in grnangestrichene Kisten
gesammelt werden ... Nach den Inschriften der Srge werden die Namen der
Bekenner festgestellt ... Findet man kleine Phiolen mit einer eingetrockneten
Flssigkeit, die vielleicht Blut war, so hegt man die Ueberzeugung, die Knochen
eines Mrtyrers gewonnen zu haben ... Ueberall liegen hier Glassplitter,
zerbrochene thnerne Lampen, selbst Kleiderreste einer uralten Vergangenheit ...
    Soeben war Cardinal Ambrosi beschftigt, einen von einem Professor des
Collegiums, einem Jesuiten, getauften heiligen Xystus nach Amerika zu
versenden, wo man in Mexico das dringendste Bedrfni ausgesprochen und viel
Geld darum nach Rom gesandt hatte, fr eine neugebaute Kathedrale den
kostbarsten Schmuck in einem heiligen Reliquienleib zu besitzen ...
    Bonaventura wartete in einem Nebenzimmer und gedachte an das Wort: Ich
ziehe in die Katakomben! ein Wort, das Fr Federigo zu Klingsohr und Hubertus
gesprochen hatte ... Ueber Hubertus hatte sich Bonaventura schon bei Klingsohr
beruhigt, den er mehrmals in Santa-Maria besuchen wollte, endlich nur im Archiv
des Vatican fand, wo Pater Sebastus die deutschen Schriften excerpirte, die Rom
auf den Index setzt - Wohl eine Thtigkeit, die Bonaventura an Benno's Wort vom
Vatermorde erinnern konnte, dessen dieser den Sohn des Deichgrafen mehr
bezichtigte, als seinen eigenen Vater, den Kronsyndikus ... Klingsohr's
demthiger Brief aus San-Pietro in Montorio nach Robillante, den Lucinde damals
besorgen sollte und besorgt hatte, stand im auffallendsten Widerspruch - mit
einer Cigarre, die Pater Sebastus am offenen Fenster in der Nhe der Loggien des
Raphael zu rauchen wagte ... Soviel stand fest - die Situation hier oben, dieser
Blick auf die Gre Roms, dieser heraufstrmende Duft aus den lieblichen Grten
des Vatican - es verlohnte sich, mit dem deutschen Vaterland, mit Schiller,
Goethe, Kant gebrochen zu haben ... Klingsohr analysirte sein Glck mit der
ganzen Kraft der ihm zu Gebote stehenden poetischen Reproduktion - ... Die
dummen, albernen Wahngebilde in den Bchern vor ihm, die ewige Schnheit
Raphael's um ihn her - auch Lucindens beseligende Nhe - alledem wute der
kahlkpfige, hektisch hustende Mnch goldene Worte zu leihen ... Von Hubertus
berichtete er, da dieser den Pilger von Loretto aus der Gefangenschaft der
Ruber mit Lebensgefahr befreit hatte, dann aber leider, den Verfolgern
ausweichend, mit dem Geretteten nach dem Sden verschlagen wre ... Hubertus
unterhandelte damals mit dem General der Franciscaner um die Erlaubni, in dem
Kloster San-Firmiano, am Eingang in den Silaswald, fr immer bleiben zu drfen
und schon hatte seine Bitte die Untersttzung Lucindens und Ceccone's gefunden -
Beide waren froh, den Unheimlichen in der Ferne zu wissen ... In ruhiger
Ergebenheit lie Bonaventura Klingsohrn die Gelegenheit, alle Erfahrungen seines
Gemthes gegen einen Mann durchzusprechen, der ihm so mannichfach nahe stand ...
Und wie orakelte Klingsohr! ... Am lngsten verweilten seine Einflle und
Paradoxen diesmal beim Leben - der Thierseele ... Hubertus sollte den Pilger
mit Hlfe eines Hundes, ohne Zweifel des seinem Herrn bis nach Loretto und dann
bis an die Bai von Ascoli nachgelaufenen Sultan entdeckt haben ... Den Pilger
selbst charakterisirte Klingsohr als einen Deutschen, der der alten Zeit des
Turnerthums und der Romantik entlaufen wre und sozusagen Eichendorff ins
Protestantische bersetzt htte -, wahrscheinlich htte er in Loretto die
Andacht statistisch studiren und das hochheilige Wunder von der durch die Lfte
nach Loretto getragenen Heilandskrippe in der Darmstdter Kirchenzeitung
lcherlich machen wollen ... Grizzifalcone htte einen scharfen Blick verrathen,
als er diesen Mann zu seinem Schreiber machte ...
    Bonaventura hielt seinen heftigsten Zorn und Unwillen zurck und rhmte nur
die Bildung des Verschollenen ...
    Klingsohr rumte diese ein und erzhlte: Als wir in einer Nacht im Walde
campirten und ich nicht schlafen konnte, sang er, neben mir im Moose liegend,
ein provenalisches Lied ... Von einer edlen Dame, glaub' ich, der ein in den
Kreuzzug ziehender Ritter seinen Hund und seinen Falken zurcklt ... Ich
bersetzte es - glaub' ich:

Weil ich Dich, Liebste, lassen mu,
Wie darf ich je noch frhlich werden!
Nimm hin noch mit dem letzten Ku
Das Liebste mir nach Dir auf Erden! - -

    Bonaventura ging dann erschttert ... Er sah ja den Abschied des Vaters von
Grfin Erdmuthe ... Als er erfahren hatte, da sich in Santa-Maria vielleicht
eine Mglichkeit fand, mit dem Silaswald in Verbindung zu treten, als Klingsohr
mit elegischem Aufschlag seiner schwimmenden hellblauen Augen von Lucindens
Macht und Einflu und, Bonaventura's fast spottend, von ihrer baldigen
Grafenkrone gesprochen hatte, verlie er ihn, um ihn nicht wiederzusehen ...
Klingsohr behandelte ihn, im Hinblick auf Lucinden, mit Vertraulichkeit, fast
Protection ...
    Es whrte eine halbe Stunde, bis Ambrosi, den er fr fernere Nachforschungen
im Silaswalde zu interessiren hoffte, sich ihm widmen konnte ... Er sah sich die
auch in seinem Wartezimmer befindlichen alten Marmorsrge an ... Auf allen
Verzierungen derselben fanden sich die nmlichen Embleme des Glaubens an
Auferstehung ... In roher Darstellung, ohne Zweifel von Fabrikhnden gefertigt,
waren die Verstorbenen als Jonas im Bauch des Walfisches dargestellt, ein
Mythus, der den Formen der Schnheit wenig entgegenkommt - ebensowenig wie der
auf allen Srgen wiederkehrende Fisch, der in seinem griechischen Namen die
Anfangsbuchstaben fr Jesus und seine Erlserwrde ausdrckt ...
    Endlich erschien der Cardinal ... Bonaventura fand eine kleine Gestalt, von
weiblichweichen Formen, von einer noch ebenmigeren Schnheit, als sie ihm oft
war geschildert worden ... Ambrosi's Lcheln war sein, sarkastisch sogar, seine
Sprache sanft und melodisch ...
    Was er Bonaventura zur ersten Begrung sagte, schien ein Herzensbedrfni
auszudrcken, das schon lange von ihm genhrt wre und in dem Wunsch nach
inniger Bekanntschaft mit einem Manne bestnde, der einen Bischofssitz einnahm,
der vor einem Jahre ihm bestimmt gewesen ...
    Nach Entschuldigungen dann fr die Eile, die die Verpackung des heiligen
Xystus htte, da ein Segelschiff in Civita-Vecchia nach Mexico bald die Anker
lichte, nach den ersten schrferen Forschungen in der Natur der beiden sich in
ihrem innern Grund bereits bekannten Mnner, sagte Bonaventura beziehungsvoll:
    Es weht mich aus diesen Symbolen, so unschn die Formen sind und so - man
kann wol sagen, roh, einem Bauer gleich, die Gestalt Jesu abgebildet wird, doch
eine seltsame Weihe an ... Man sieht einen nchtlichen Gottesdienst
geheimnivoller Verbrderung in einer unterirdischen Krypte ...
    Die nahe Erwartung des Heils liegt in diesen mystischen Zeichen! sprach
Ambrosi und fhrte seinen Besuch an den Steinsrgen entlang, auch an noch
unerffneten ... Der Geruch in diesen Slen war peinlich genug; die Stimmung
aller Anwesenden seltsam beklommen; nicht gerade des Moders wegen, sondern wie
im verschtteten Pompeji nicht Ein Glasscherben von den Arbeitern mitgenommen
werden darf, so hier keiner dieser eintrglichen Knochen, die im Preise von
Juwelen standen ... Ein Priester mute den andern bewachen und die Wchter
hatten wieder ber sich ihre Wchter ...
    In der That - als wenn man eine Orphische Nachtreligion mit geheimnivollen
Wunderzeichen dargestellt she! sprach Bonaventura, staunend ber die an den
Srgen angebrachten Basreliefs ...
    Der Cardinal unterrichtete seinen Besuch ber die neuesten Forschungen in
den Katakomben ... Dann sagte er: Die Gleichheit aller Srge und die gemeinsame
Begrbnisttte erweckt die Vorstellung von einer fast familienartig
zusammenhngenden Gemeinde ...
    Inzwischen wurden dem Cardinal eine Kerze und Siegelwachs entgegengehalten
... Ein groes Petschaft zog er aus seinen Kleidern und versah mit dem Wappen
der gekreuzten Schlssel und der dreifachen Krone die Stricke und die Nhte der
Emballage ...
    Nachdem wollte der Cardinal seinen Besuch in die obern Zimmer fhren; wieder
fand sich eine Strung ... Gleichsam als kme alles zusammen, was den Gedanken
wecken mute: Sind denn das nicht Heuchler, die einen gottseligen Sinn haben
wollen und solchem Aberglauben huldigen? - traten ihm die Superiorin, die
Vicarin und Sacristanin der Lebendigbegrabenen in ihren braunen Rcken und
weien Schleiern als Abgeordnete ihres Klosters entgegen, um das Frwort des
jngsten der Cardinle fr die Heiligsprechung ihrer Mumie zu gewinnen ... Sie
verneigten sich tief ... Ambrosi nahm ruhig ein Verzeichni aller Wunder
entgegen, die weiland Eusebia Recanati schon bewirkt haben sollte ...
    Bonaventura sah, da Ambrosi nicht lchelte, sondern ernst die Bltter
berflog, sie zu sich steckte und die Angelegenheit der Nonnen zu prfen
versprach ... Beide begegneten sich als katholische Priester ... Beide waren
erzogen und emporgekommen in ihrem Beruf ... Jedenfalls kannten sie keine
Reform, als die auf Grundlage des katholischen Lebens ... An einen Uebertritt
zum Lutherthum denkt nicht der alleraufgeklrteste, nicht der allerunabhngigste
unter den Katholiken ...
    Als die Nonnen sich entfernt hatten, saen zwei Menschen, Heilige, wie sie
oft genannt wurden, sich gegenber und forschend ruhten auf einander ihre Blicke
... Der eine war ein Mrtyrer des Duldens und stand deshalb jetzt erhht ... Der
andere wurde immer verfolgt und entfloh nur von Wrde zu Wrde ... Jener ein
contemplativer Charakter, dieser zum Handeln und zur praktischen Bewhrung
geneigt ... Die Ruhe beider die gleiche; beim einen war sie ein Wachen wie ber
einen Schatz von schnen Hoffnungen, die alles Leiden endlich belohnen wrden,
beim andern wie ber einen Schatz voll Ergebung, dem kein neues Leiden mehr eine
Ueberraschung bieten konnte ...
    Ambrosi lobte Bonaventura's Eifer fr die Waldenser, nicht weil er ihre
Lehre billigte, sondern weil die Waldenser ihre Rechte htten ... Voll
Theilnahme und beruhigend sprach er ber den Eremiten, den er einen Landsmann
des neuen Erzbischofs nannte und im Silaswalde wute ... Die Berichte, die er
gab, besttigten, was Bonaventura inzwischen schon zu seiner Beruhigung erfahren
hatte ...
    Als Bonaventura von Fr Federigo nhere Kunden zu hren wnschte, wich
allerdings sein Gnner aus und rhmte nur - die Gegend um Robillante ...
    Auf einsamen Wegwanderungen hab' ich da die groen Begebenheiten kennen
gelernt, die dem Einsamen Stoff zur Betrachtung geben - sagte er ... Mein erstes
Evangelium war tagelang ein Vogel oder eine Wolke ... Als ich spter in die
Schule, ins Seminar, ins Kloster kam, fand ich freilich, da ich infolge dieses
Trumens alles, was eine Unternehmung werden sollte, linkisch anfate; der
Erfolg war immer kleiner, als meine Absicht ... Da begann ich nichts mehr und
nun hatt' ich alles ...
    Gefahrvoll fr die Welt, griffe solcher Quietismus um sich! ... sagte
Bonaventura mit aufrichtigem Tadel ...
    Darauf machte mich Fr Federigo aufmerksam, dem ich mein Leiden klagte ...
fuhr der Cardinal mit voller Zustimmung, offenbar ber seine Worte wachend, fort
...
    Warum suchten Sie ihn auf? ... fragte Bonaventura ...
    Ich wollte deutsch von ihm lernen, um in die Schweiz zu reisen ... Ich
brachte es nicht weit ... Ihre Heimatsprache ist schwer und wir plauderten wenig
ber die Grammatik, mehr ber Gott und die Welt ...
    Bonaventura sah den Einflu seines Vaters auf den jungen Theologen und
fragte:
    Sie wuten, da Sie mit einem Ketzer sprachen? ...
    Das wut' ich ... Ich ging auch mit groer Angst zu ihm ... War ich aber bei
ihm und es wurde Nacht und ich ging dann heim, so erschien ich mir wie Jakob,
der auf dem Felde einem Engel begegnete und im Nebel mit ihm rang ... Ich
kmpfte oft einen Riesenkampf gegen diese mchtige Erscheinung und doch suchte
ich meinen Gegner wieder auf, gerade weil ich bei ihm die Kraft fand, um mit
jenem Engel im Nebel, mit Gott zu ringen ... Jeder Schlag, den ich von Gottes
allmchtigem Geist empfing, verbreitete Kraft durch meine Glieder ... Sie hatten
Recht, mein theurer Bruder, sich fr diesen edlen Landsmann zu verwenden ... Ich
denke, Sie sind jetzt ber ihn beruhigt? ...
    Bonaventura's Brust hob sich mit dem Gefhl der Beseligung und zugleich der
Spannung auf die Mglichkeit, da Ambrosi seine nhere Beziehung zum Eremiten
kannte ...
    Ist es wahr, begann er nach einigem Schweigen, whrend dessen seine Augen
umirrten, da Sie doch zuletzt vor seinen Lehren geflohen sind? ...
    Der Cardinal errthete, wie fters, so auch jetzt - gleich einem Mdchen ...
Dann wiegte er den schnen Kopf wie ber die Seltsamkeit aller solcher Gerchte
und ber sein Antlitz verbreitete sich ein mildes Lcheln ... Er hatte
geschwiegen, aber seine Geberden sagten ein Ja! und wieder auch ein: Nein! ...
Nur ein Italiener oder ein Orientale besitzt die Fhigkeit eines so
ausdrucksvollen Mienenspiels ...
    Ein Mnch zu sein! fuhr Bonaventura beobachtend fort. Konnte - Sie das so
reizen - so zu den staunenswerthesten Entbehrungen -? ...
    Ein Mnch in alten Tagen, unterbrach der Cardinal die ihm dargebrachte
Huldigung mit lchelnder Miene, war ein lebensmder Einsiedler ... In den unsern
bedeutet er entweder weniger oder - mehr ... Ich stellte mir mit meinem
Verlangen nach Gott eine Aufgabe ... Ist es nicht mit unserm ganzen Glauben so,
da wir unsere Schultern nur zum Tragen gttlicher und unsichtbarer Dinge
strker machen wollen? ... Diese Reliquien, diese Seligsprechung, von der Sie
eben hrten - diese rechne ich auch zu dem, was mit dem Baldachin des Himmels,
der Offenbarung, der Verehrung fr berirdische Dinge berhaupt zu tragen ist
... Warum tragen wir es noch und handeln danach? ...
    Noch? wiederholte Bonaventura ...
    Ein flchtiges Zittern bewegte die Augen- und Mundwinkel des Cardinals ...
Wieder folgte ein vielsagendes Mienenspiel, ein beredsames Schweigen ... Wie mit
pltzlicher Erleuchtung glaubte Bonaventura eine Vision zu sehen ... Dieser
Priester, sagte er sich, ist ein Schler deines Vaters! ... Alle Grundstze
desselben hat er eingesogen! ... Um sie in die katholische Kirche einzufhren
trachtete er danach, eine hohe Wrde zu erklimmen, die ihm mglich machte,
Reformator mit Erfolg zu sein ... Unter allen Mitteln, um zu steigen, whlte er
das - eines Lebens der Ascese ... Bonaventura gedachte der Mahnung an die Eichen
von Castellungo, an den Tag des heiligen Bernhard, an den Tag, wo Scheiterhaufen
oder gttliche Luterungsflammen der Kirche sich erheben wrden ... Fiat lux in
perpetuis! schwebte auf seinen Lippen ... Schon wollte er die geheimnivolle
Losung aussprechen ...
    Da fuhr der Wagen mit dem heiligen Xystus vom Hause ab ... Nicht zu weit
entfernt vom Sopha, auf dem sie saen, stand ein Tisch, auf dem eine Anzahl
jener gelben, wie Ockererde zerbrckelnden Reliquienknochen lag ... So mute er
seine Vision wol als eine Vorstellung des Wahns wieder von seinen Augen bannen
...
    Sie sind befremdet, sprach der Cardinal, der ihn so in Gedanken verloren
fand, wenn ich Ihnen gestehe, da ich diesem Ihnen vielleicht verdrielich
erscheinenden Amte sogar mit Liebe obliege? ... Es erinnert mich doch gewi an
Eines - an den Tod, der unser aller sicherstes Loos ist ...
    Aber diese Reste der Vergangenheit verehren? entgegnete Bonaventura mit
wiederkehrendem Muthe ... Sogar Wunder verlangen von diesen - todten Knochen?
... Ich habe in meinem Wirken als Pfarrer und Bischof die Reliquienanbetung -
nie untersttzt ...
    Es war ein gewagtes Wort, das Bonaventura gesprochen - ... Der Cardinal nahm
es ruhig hin ...
    Der Aufgeklrte und Denkende, sprach er, wird immer trauern, wenn er sieht,
da diesen todten Resten der Vergangenheit eine gttliche Ehre erwiesen wird ...
Aber trgt man denn nicht auch den Ring einer Geliebten, das Haar einer theuern
Mutter, und treten Sie nicht mit feierlichem Gefhl in die Gruft der Scipionen,
die Sie auf der Via Appia finden? ... Ist nicht der Besuch der Grber die
heiligste Gelegenheit, unsere irdischen Gedanken zu lutern und von uns so
vieles abzustreifen, dem wir allzu thricht nachjagen? ... So mcht' ich auch
diese Gebeine, die man tausend Jahre lang heilig hielt, nicht sofort, wie die
Sansculotten mit den Grbern der franzsischen Knige in Sanct-Denis thaten, auf
die Strae werfen ... Aber den wahren Sinn des Sicherinnerns im Kirchenleben
wnsch' ich allerdings gedeutet und die Verehrung vor den Reliquien nur zu einer
Sache der Dankbarkeit gemacht ... Bewundert doch, mcht' ich rufen, den
Zusammenklang der Zeiten! Diese von uns fortgefhrte Melodie alter Hoffnungen
und Trstungen! ... Wer kann die Heiligen mit einem Federstrich tilgen! Sie
leben so gut wie Christus ... Aber auch hier: Sie knnen immer mehr dem rein
uerlichen Bann ihrer Bilder entschweben, knnen immer mehr in ihren irdischen
Farben erbleichen und vergeistigt in die Herzen der Menschen einziehen - das
soll und mu und wird kommen - ... Aber wie soll unsere Kirche diese Formen so
schnell zertrmmern ohne Gefahr, auch das Gute zu verlieren, das sich an sie
knpft? ... Zumal in sdlichen Lndern, wo Jahrtausende hindurch die Religion
nur auf dem Weg der Phantasie in die Herzen zog ...
    Bonaventura sah die Richtung seiner eigenen Stimmungen ... Auch ihn band
Piett ... Doch hatte sein Glaube angefangen, alles auf die Bibel zu geben ...
Und er sagte dies ...
    Sorgen Sie nur, da sie alle lesen knnen! ... erwiderte der Cardinal mit
einem Seufzer ...
    Das Bild des Aberglaubens im Volke, der Unbildung der Massen lag nun ganz
vor den beiden freigesinnten Priestern ... Ambrosi hrte die beredte Schilderung
des Bischofs, wie Deutschland so weit voraus wre ... Wie Italien dagegen
zurckstand, zeigte die Erinnerung an die Gefangenschaft Federigo's unter den
Rubern - alle ihre Qualen verdankte der Unglckliche allein seiner
Schreibekunst ...
    So sprachen beide noch lange fort und Bonaventura ahnte die Erfllung seiner
khnsten Trume in den Gedanken einer gleichgestimmten Seele ... Die Formen der
katholischen Kirche aufzugeben und so zu denken, wie Luther dachte, war ihnen
nicht gegeben - sie wollten diese Formen zurckgelenkt sehen in die Bedrfnisse
des Gemths, diese gelutert durch einen Geist, dessen allgemeiner Ausdruck die
Anerkennung der bisher im katholischen Kirchenleben verpnten Bibel war ... Im
Ha gegen die Gesellschaft Jesu waren sich beide gleich; beide gelobten, sie mit
allen Mitteln bekmpfen zu wollen ... Das lt mich meinen Krummstab lieben, da
er in diesem Feldzuge ein Commandostab ist, keine schwache einzelne Kriegerwaffe
-! ... sagte Bonaventura ... Bald verrieth Ambrosi's leuchtendes Auge, da auch
ihm der Protest eines einzelnen Pfarrers oder Mnches nur ein Tropfen auf einen
glhenden Stein war; das zischt auf und hinterlt nichts, als ein wenig Rauch
... In der Frage, die er dann an den Bischof richtete, ob er diesen oder jenen
Namen der Hierarchie schon kannte, lag die Andeutung, wie schon die Zahl der
Gegner Ceccone's und Fefelotti's im Wachsen war ...
    Bonaventura versprach, sich den genannten zu nhern ... Die hohe Wonne, die
dem Menschen Uebereinstimmung gewhrt, verklrte sein Angesicht ... Noch mehr,
selten ist das Glck gewhrt, noch in spteren Lebensjahren, in Stellungen, die
den Anschlu der Herzen nicht mehr erleichtern, eine Freundesbrust zu gewinnen
... Das hob ihm jetzt die seinige ... Das Gesprch wurde lebhafter und
zutraulicher ... Diesem Priester, den Bonaventura einen heiligen
Scheinheiligen htte nennen mgen und mit mancher hnlichen Erscheinung der
Kirchengeschichte, mit Philippo Neri verglich, htte er sich ganz entdecken
mgen ... Kmpfend mit dem, was in ihm hindernd noch dazwischenlag und doch
schon auf sein Bedrfni der vollen Hingebung zielend, sagte er:
    So vieles in unserm Glauben ist wie die Beichte ... Auch ihr liegt eine
Erfahrung des Gemths zum Grunde, die ohne hhere Einbue niemanden entzogen
werden kann ... Aber wie sie jetzt besteht, ist sie doch der unwrdigste Zwang
... Eine Zeit wird kommen, wo man erkennt, da sie dem Priester das Unmgliche
zumuthet ... Was drckt unsere innere Wrde mehr als die Beichtbrden, die wir
tragen, ohne das Gute befrdern, das Schlechte, das wir erfahren, verhindern zu
knnen ... Wenn die Unmglichkeit und der nothwendige Heuchelschein des
katholischen Priesterthums erst erkannt sein wird, dann - ...
    Bonaventura brach ab und erhob sich, weil ein Gerusch vernehmbar wurde ...
    Auch der Cardinal erhob sich und betrachtete Bonaventura mit heien,
glnzenden Augen ...
    Ich mchte nur von dem die Beichte hren, dem ich sie selber sprche, sagte
er ... Ein Austausch des Vertrauens unter Freunden - ...
    Ihnen - - knnt' ich wahr sein - ... wallte Bonaventura in seiner deutschen,
vom Herzen kommenden Regung auf und hielt dem Cardinal die Rechte hin ...
    Der Cardinal nahm sie zitterndbewegt - ...
    Da trat einer der Caudatarien ein und erinnerte an die vorgerckte Stunde
... Eine Sitzung des Consistoriums rief ihn ab ...
    Der Caudatar lie die Thr offen, durch die er gekommen und wieder gegangen
war, und harrte im Nebenzimmer ...
    Es handelt - sich heute - um Ihre Ernennung zum Erzbischof von Coni - sprach
Ambrosi tief bewegt. Sie sollen an die Stelle Fefelotti's kommen ...
    Bonaventura's Mienen drckten einen Schmerz aus, als trg' er zu schwer
schon an seinem gegenwrtigen Kleide des Nessus ...
    Der Cardinal winkte ihm - zu schweigen - Die Zahl der Diener, die drauen
harrten, mehrte sich ...
    Denken Sie an Ihren Commandostab! sprach er ... Es mu ein Feldherrnstab
sein -, den wir in unsern Hnden haben! Was ist ein - einzelnes Kriegerschwert!
...
    Der Ton dieser Worte war so muthig, so offen - da Bonaventura seine Vision
besttigt sah ... Ambrosi hatte Jahre lang sich selbst getdtet, um eine
Auferstehung zur That zu feiern ... Kein Zweifel, da diese Annahme die richtige
war ... Und nun htte er weiter forschen, von seinem Vater beginnen mgen,
fragen, ob nie ber dessen Herkunft, ber dessen frhere Verhltnisse von ihm
gesprochen wurde - nur seiner Mutter wegen hemmte er den Drang der Mittheilung,
der immer hher stieg - Endlich begann Ambrosi, der Umgebung lauschend, von
gleichgltigen Dingen ... Ein Schimmer von List sogar blitzte aus seinem Antlitz
... Einige Worte wagte er in deutscher Sprache; seine Gedanken wurden nicht
klar; er sprach wieder italienisch ... Anerkennend urtheilte er von Klingsohr's
Gelehrsamkeit ... Vom Bruder Hubertus sagte er:
    Dem kommt es zu statten, da der geistliche Stand im Sden Europas etwas
anderes ist, als im Norden ... Unsere Mnche sind schwer an ihre Regel zu bannen
... Sie ergreifen jede Gelegenheit, ihrem Temperament zu folgen und viele gibt
es, die immer unterweges sind ... Auftrge gibt es genug und wenn sonst kein
Entschuldigungsgrund vorliegt, wird dem Drang zum Betteln als einer heiligen
Vocation Gehr gegeben ... Ich war zugegen, wie der Todtenkopf den Auftrag
erhielt, den Bischof von Macerata zu befreien, und noch dringender, den
Gefangenen des Grizzifalcone, den Pilger von Loretto ... Eines gelang ihm durch
List, das andere, hr' ich, durch wunderbare Abenteuer, an denen - sogar die
Treue eines Hundes betheiligt ist ... Der Cardinal erzhlte, was Bonaventura
durch Klingsohr wute ...
    Die Vertraulichkeit kehrte wieder ganz zurck ... Mit leiser Stimme gaben
sich diese Gefangenen ihrer Wrde der Gestndnisse immer mehr ... Ambrosi gab
die Besttigung der Schilderungen, die Bonaventura von Benno nach seiner
Befreiung von Frankreich aus ber die Loge bei Bertinazzi und den Brief Attilio
Bandiera's erhalten hatte ... Bonaventura hrte die Vermuthung, da sein
unglcklicher Vater in seiner Gefangenschaft die Doppelrolle Grizzifalcone's
hatte untersttzen mssen, die Dienste, die er dem Frsten Rucca im Interesse
der rmischen Finanzen und die er dem Cardinal Ceccone im Interesse der Politik
leisten sollte ... Nur angedeutet zu werden brauchte diese Vermuthung, um auch
die Gefahr auszusprechen, in die sich Federigo gestrzt haben wrde, wenn er,
durch die Kunst der Federfhrung zum Vertrauten des verschmitzten, beutegierigen
Rubers geworden, nach Rom gekommen wre und seine Gestndnisse wirklich dem
alten Rucca htte aus dem Gedchtni wiederholen wollen ... Ich wrde sagen,
schlo der Cardinal, vom erglhten Aufhorchen seines Besuches nicht zu
auffallend befremdet, ich wrde sagen, beide, der Gefangene und sein muthiger
Befreier, verabscheuten die Rckkehr in eine so verderbte Welt, wenn nicht auch
der stille Waldesfriede, den sie dann gefunden haben, wiederum von menschlicher
Verworfenheit wre heimgesucht worden; man sagt, da im Silaswald der von
Grizzifalcone angelegte Verrath zum Ausbruch kam und auch dort der muthige Mnch
seine Mission der strafenden Gerechtigkeit an einem der gedungenen Verrther
vollziehen konnte ...
    Bonaventura hrte zum ersten mal von den nheren Umstnden, unter denen die
Invasion der Bandiera gescheitert war ... Bisher hatte er nur gewut, da die
kleine Schaar durch einige aus ihrer Mitte verrathen wurde ...
    Die Caudatarien hatten sich zurckgezogen, blieben jedoch hrbar ... Der
Cardinal sah auf die Uhr ... Er hatte nur noch einige Minuten Zeit ...
    Wir sehen uns leider so bald nicht wieder! sprach er mit Trauer ... Ich mu
einige Tage von Rom fort und auch Sie werden Eile haben, in Turin die Wnsche
des Consistoriums frher geltend zu machen, ehe dort die Intriguen Fefelotti's
ankommen ... Lassen Sie sich's nicht verdrieen, da Ceccone es ist, der Ihre
Erhhung frdern mu ... Die Gottlosen richten ihre Schemel auf und erheben nur
die Gerechten ...
    Nicht wiedersehen - Nach Turin eilen - dachte Bonaventura mit Schmerz und
stand im Kampf mit sich selbst ... Sollte er dem Cardinal sagen, da es auch ihn
aufs mchtigste nach dem Silaswalde zog? ... Aber - wie konnte er es - da sein
Vater offenbar nur vor ihm, nur vor seines Sohnes wunderbarer Verpflanzung nach
Robillante geflohen war ...
    Cardinal Ambrosi sagte, da er nichts unterlassen wrde, sich durch die
Klster ber Federigo's Befinden zu unterrichten und dann seinem muthigen
Vertheidiger ber ihn Kunde zu geben ... Ohne das mindeste Anzeichen, als wre
ihm Federigo's nheres Verhltni zu seinem Besuche bekannt, kam er wieder auf
seine Heimat und seinen eignen Vater zurck ... Dieser war ein Lehrer der
Mathematik auf dem Lyceum zu Robillante gewesen, hatte eine Alpenreise gemacht,
war nicht wiedergekehrt und nie wieder aufgefunden worden ... Um im Berner
Oberland, wo er Hhenmessungen hatte vornehmen wollen, Spuren seines Verbleibens
aufzufinden, hatte der junge Student des Seminars von Robillante bei Federigo
Deutsch lernen wollen ... Die Reise, die er dann wirklich gemacht, war ohne
Erfolg geblieben ...
    Bonaventura, der dies Verhltni nie so vollstndig bersehen hatte, wie
nach dieser Erzhlung, stand wie an einem Abgrund ... Warum nur trat ihm die
furchtbare Morgue auf dem Sanct-Bernhard vors Auge! ... Er gedachte: Wie mu
diese Erffnung des jungen Mannes damals auf den Vater gewirkt haben, der eine
mit dem Vater des Cardinals so ganz gleiche Lage - nur fingirt hatte - ...
    Federigo konnte damals - wol noch nicht lange - bei Castellungo sein -?
fragte er ...
    Als ich ihn zuerst sah? ...
    Als Ihr Vater vermit wurde - ...
    Einige Wochen erst ...
    Sprach Ihnen - Federigo - nie - von den Gefahren des Schnees - denen auch -
Er -? ...
    Ambrosi blieb dem pltzlich stockenden Wort ein unbefangener Hrer und
verweilte nur bei seinem eigenen Leid ... Ohne Mutter, ohne Verwandte, wr' er
nur der Zgling der Liebe seines Vaters gewesen ... Als er ihn verloren, htte
er ein Gefhl der Theilnahme bei allen gefunden; doch ein solches, das ganz
seinem Schmerze gleichgekommen, nur bei Federigo ... Dieser Edle htte seine
Thrnen aufrichtig zu denen gemischt, die er selbst vergossen ... Er htte ihn
seinen Sohn genannt - ...
    Bonaventura stand ber eine dunkle Ahnung zitternd ...
    Er versicherte mich, fuhr Ambrosi, des Sichabwendens seines Besuchs nicht
achtend, fort, fr bestimmt, da mein Vater todt wre, er sh' es im Geist, -
doch sollte ich ihn nur aufsuchen ... Verlorenes, wenn auch Unwiederbringliches
suchen wre so gut wie es finden - - wenigstens fnde man anderes, neue Schtze
... Seine Thrnen deutete mein Gnner nicht allein auf die Theilnahme fr den
Vater, sondern auch auf die Erkenntni, da auch ihm aus tiefster Reue ber
seine begangenen Fehler, aus Suchen nach ewig Verlorenem erst die Kraft der
Erhebung geworden wre ...
    Bonaventura verbarg die Thrnen in seinem Auge - er verrieth nichts von
einer Ahnung, da des Vaters fingirter Tod - wol gar mit dem wirklichen Tode des
Professors Ambrosi zusammenhing ... Wenn hier eine Schuld des Vaters vorlge?
dachte er schaudernd ... Seine Hnde zitterten ... Das erbrochene Grab des alten
Mevissen, die aufgefundenen Angedenken, die Urkunde Leo Perl's, alles trat ihm
gespenstisch entgegen ... Sein Vater - konnte doch - kein - Verbrecher sein -!
...
    Ist Ihnen nicht wohl? fragte Ambrosi, ihm nher tretend ...
    Bonaventura htte sich ihm an die Brust werfen, alles offenbaren, alles von
sich und von seinem Vater eingestehen mgen ... Aber diese neue Verwickelung
wieder - war zu bengstigend - sie zwang ihn, seine Worte zu hten ... Nachdem
er sein Befinden als wohl bezeichnet, wagte er noch ein Entscheidendes, indem er
leise, gleichsam nur in Hindeutung auf den verschollenen Vater Ambrosi's, die
Worte sprach:
    Rthsel - Rthsel ... Fiat lux - in perpetuis! ...
    Eine Bewegung in den Mienen des Cardinals blieb aus ... Sein Antlitz blieb
ruhig ... Von einem besondern Sinn dieser Worte schien er nicht betroffen ...
    Nun mahnten die Caudatarien wiederholt ... Ambrosi mute Abschied nehmen und
sofort fr lngere Zeit, da ihn unmittelbar nach dem Consistorium Ausgrabungen
am untern Lauf der Tiber zu einer Reise veranlaten ... Noch sprach er sein
sichres Vertrauen aus, da der an die Krone von Piemont gehende Vorschlag, das
Erzbisthum Coni an den Bischof von Robillante zu geben, Erfolg haben wrde -
rieth aber, nach dem Entschlu des Papstes sofort nach Turin zu reisen ... Er
wnschte Bonaventura Glck und trennte sich von ihm, nur noch mit einer
bedeutungsvollen Erinnerung an die einst zwischen ihnen auszutauschende
Freundesbeichte und einer vollkommen unbefangenen Versicherung, da es
aufgeklrte, brave und wohlwollende Priester auch in Rom gbe ... Ueber den
Eremiten im Silaswalde wrde er ihm unfehlbar binnen kurzem nach Coni schreiben
...
    Bonaventura wurde vom apostolischen Stuhl zum Erzbischof von Coni
vorgeschlagen ... Auch Ceccone verlangte, da er, um Intriguen vorzubeugen,
sofort nach Turin eilte ... Den Cardinal Ambrosi hatte Bonaventura seitdem nicht
wiedergesehen ... Aber ihr Briefwechsel blieb der lebhafteste, blieb die
Fortsetzung ihrer ersten Begegnung ... Bonaventura sah das Wachsen des Lichts
und der Aufklrung auch in Italien ... Ambrosi gestand in aller Offenheit, da
schon lange und noch immer eine fortgesetzte Beziehung zwischen ihm und Fr
Federigo bestand ... Aber das Wort desselben: Er beschwre den Erzbischof von
Coni, bis zu einer bestimmten Zeit seiner Spur nicht zu folgen! wurde von ihm
ohne die mindeste Ahnung der Verwandtschaft wiederholt; es wurde nur auf die
Lage des Erzbischofs, seine Theilnahme fr einen Deutschen bezogen ... Unterwarf
sich Bonaventura diesem Befehl? ... Die That eines Mannes, sagte er sich zuletzt
ber diese schmerzliche Lcke seines Lebens, darf nicht halb sein ... Darf ich
den Vater hindern, seinen Ausgang aus dem Leben so weit zu vollenden, als er ihm
ohne den Selbstmord mglich schien? ... Noch lebt die Mutter ... Es ist eine
der grausamsten Handlungen, die es geben kann, jemand an einem schon begonnenen
Selbstmord hindern, hatte ihm der Onkel Dechant geschrieben und noch in dem
letzten, theilweise Armgart dictirten Briefe an Bonaventura stand: Ich nehme
dein Ehrenwort, Bona - nehme es nicht vom Priester, sondern vom Asselyn, da du
vor dem Tod deiner Mutter den Eremiten vom Silaswalde nie suchst - nie kennst -
... Bonaventura gelobte es ... Sein Brief kam zwar nach Kocher am Fall zu spt,
das Gelbni blieb aber gegeben ...
    Mit Freuden ri sich damals der so mannichfach gebundene und durch seinen
Beruf, durch das ihm auch in Rom geschenkte Vertrauen so mannichfach
willensunfrei gewordene Priester von der ewigen Stadt los ... Er sah die
Leidenschaft Olympiens fr Benno - er sah die Ausshnung der ihm schon in Wien
nur wenig sympathischen Mutter mit ihren rgsten Feindinnen ... Er sah die
Zurstungen der Reise, durch die Ercolano Rucca an die Brust seines besten
Freundes zu gelangen wnschte ... Er ahnte alles, was kommen mute, las es aus
den Mienen Lucindens, die wol auch ganz offen sagte: Benno liebt ja Olympien!
Man liebt mit Leidenschaft nur das, was man versucht sein knnte unter andern
Umstnden zu hassen! Er sieht alle ihre Fehler, aber er wird sich berreden, sie
verbessern zu knnen. Und ist es unmglich? Wir Frauen sind die Erzeugnisse
unseres Glcks oder unseres Unglcks! ...
    Bonaventura traute Lucinden mit dem Grafen Sarzana, nachdem er die Bedingung
gemacht, da ihm Beichte und Examen (beide mssen jeder Trauung vorangehen) vom
Pfarrer der Apostelkirche, der die Cession gegeben, abgenommen wurde ...
    Wie traten ihm die Stimmungen jener Tage aus dem Briefe wieder entgegen, mit
dem Lucinde ihr heutiges Geschenk begleitet hatte! ... Grade heute hatte sie ihm
geschrieben: Dieser Sarzana! So hat er denn die Glorie seines Lebens gefunden,
der tckische Schurke, den sie in die Grube geworfen haben ordentlich mit Ehren!
An den Galgen gehrte er von Rechts wegen - wenn ich auch die Posse mitmachen
und ihm durch eine Beisetzung eine anstndige Entshnung geben will ... Ich
beschwre Sie, mein hochverehrter Freund! Lassen Sie doch von nun an Ihre
kleinen Fehden gegen den Geist der Zeit! Mit unvershnlicher Macht ergreift Rom
jetzt die Zgel und ich wei, es wird niemand mehr geschont werden! Der
Schrecken wird die Welt regieren - und es ist gut so, denn die Tyrannen hab' ich
immer menschlicher gefunden, als die Philosophen, die Humanittsschwrmer, die
Tugendhelden, die Volksfreunde, die Aufklrer, die Pietisten, die Gensdarmen,
die Vertreter der unendlich suffisanten Ordnung und Richtigkeit des Lebens - die
fand ich immer grausam, herzlos und da, wo sie recht tchtig Widerstand finden,
recht feige und erzdumm ... Denken Sie nur allein an die Intrigue, die mich
damals zur Grfin Sarzana machte - mu man nicht das italienische Volk gehen
lassen, wie es ist? Eine Bestie ist's und zum Gehorchen bestimmt ... Und, mein
Freund - die Kirche! Ich begreife in der That Ihr Reformen nicht! ... Die
katholische Kirche ist gerade darum so schn und rhrend, weil sie ganz und gar
eine Antiquitt ist. Mir ist sie nun auf die Art geradezu eine wurmstichige alte
Kommode geworden, in der ich meine liebsten Siebensachen, meine alten verblaten
Bnder, meine alten zerknitterten Ballblumen liegen habe ... Aus meinem im
Herzen noch manchmal wiederkehrenden Frhling leg' ich dann und wann eine Rose
in die alten Schublden hinein und deren Duft durchzieht dann die alte
beweinenswerthe Herrlichkeit ... Ein bischen moderig bleibt's immer, nun ja!
aber der Duft der Rose dringt doch auch in das alte, wurmstichige Holz mit den
messingenen Ringen und schnrkligen Schildern dran ein - ach! auch schon manche
Thrne ist mir in den alten Rumpelkasten gefallen ... Lassen Sie doch Ihre
Principien, hochverehrter Freund! Der alte Gott sorgt ja schon selbst fr seine
Anerkennung! ... Der Vernnftigste, den ich seit lange beobachtet habe, war Ihr
Vetter Benno, von dem ich gar nicht einen solchen Csar Montalto erwartet htte
- den dummen Rckfall ausgenommen, der ihn nach Rom unter die Narren von 47
trieb! ... Glauben Sie mir, er hat in Paris und London glckliche Stunden
verlebt; er nahm, was sich ihm bot, und reflectirte nicht ... Kommen Sie nun
auch endlich einmal ordentlich nach Rom? - Sie mssen Cardinal werden, und mehr!
Nur beschwr' ich Sie, machen Sie es einst, wenn Sie die dreifache Krone tragen,
wie es alle machten, nicht etwa wie unser jetziger Phantast, der sich auf den
Vatican, die Hochwarte des wenigstens mir sicher bekannten Universums, wie ein
Kind hinstellen und aus einem thnernen Pfeifenstummel Seifenblasen puhsten
konnte! ... Wie leben Sie denn, mein hochverehrter Freund? ... Ist die alte
Grfin auf Castellungo entschlafen in jenem HErrn, bei dem nur sie allein
courfhig war? ... O, des Hochmuths dieser Frommen! ... Finden Sie nicht, mein
hochverehrter Freund, da Jesus in den Evangelien eigentlich nur recht bei
denjenigen steht, die sich gegen Gesetz und Regel auflehnen, tief in der Irre
gehen und mit den respectabeln andern Leuten auf gespanntem Fue leben? ...
Rauft einer am Sonntag Aehren aus, gleich entschuldigt er ihn; wscht ihm eine
Frau die Fe mit kostbaren Salben, gleich sagt er: Lat doch die gute Nrrin!
Alles, was Jesus that, war, wie's die andern Leute nicht thun - ... Und das wre
denn der Herr fr diese wohlanstndigen, vornehmen Seelen, deren Snden
hchstens Neid und Hochmuth sind? Nimmermehr! ... Auch das hat mich katholisch
gemacht, da mein allersester Jesus Mein ganz aparter Freund ist ... Im Dunkel
einer kleinen Kapelle, da ein Gekennzeichneter, ein polizeilich Verfolgter, vom
vornehmen Phariservolk Gesteinigter wie ich, gehrt er ausschlielich Mir an
... Vor dem dunkelsten Altar, da, wo von einem Crucifix, von einem schlechten
Tncher geklext, die Tropfen Blutes am Haupt und in der Seite, zum Greifen dick,
herunterflieen, da hab' ich den Liebling meiner Seele und hr' es, als sagte
er: Lucinde - Alte, wie geht es dir? Bist du immer noch in der Irre, immer noch
unverstanden und ohne Herzen, die dich lieben? ... Das ist wahr, vor der
allerseligsten Jungfrau, zu der Sie mir vor langen Jahren riethen, mich
besonders vertrauensvoll zu beugen, vor Maria entzndet sich noch immer nicht
ganz mein Herz, wie ich mchte ... Ach, die Knigin des Himmels hat einen Sohn
verloren, hat den gelstert gesehen - das sind gewi, gewi groe Leiden - aber
sie selbst litt nicht viel unter Lsterungen ... Maria ist noch immer meine
Feindin, wie alle Frauen ... Gren Sie Paula, die ich mehr liebe, als sie
glaubt ... Hindern Sie den Grafen nicht, katholisch zu werden ... Es wird sich
dann alles zwischen Ihnen leichter machen ... Die katholische Religion ist die
der menschlichen Schwche - und eben in seiner Schwche liegt die Gre des
Menschengeschlechts ...
    Jahr ein, Jahr aus kamen diese Ausbrche einer erbitterten Welt- und
Lebensanschauung ... Nherer persnlicher, so innigst von ihr gesuchter Umgang
war ihm mit Lucinden vor einigen Jahren in Coni unmglich gewesen - eben durch
die Art, wie sich ihre Denkund Gefhlsweise mit einer scheinbar tiefberzeugten
Art, allen, selbst den bigottesten Vorschriften der Kirche nachzukommen, vertrug
und wie sie ihm dadurch den katholischen Glauben, dem er immer noch sein
Tieferes und Besseres abzuringen suchte, ganz verhat machen konnte ...
    Unrichtig getauft zu sein hatte Bonaventura nur damals schrecken knnen, als
er es zuerst erfuhr und das Bekenntni eines verbitterten Hypochonders in den
Hnden einer rachschtigen Feindin wute ... Diese Feindschaft hatte sich durch
Paula's Heirath, durch Lucindens nothwendig gewordene Beichte zu Maria-Schnee in
Wien gemildert, ja sie hatte wieder der alten Hoffnung und dem alten Werben um
Bonaventura's Liebe das Feld gerumt ... In Bonaventura's Innern gingen soviel
Vernderungen vor, da ihm an ein Verhltni, das er nur zum grten Triumph
derjenigen Richtungen htte aufklren knnen, die er bekmpfte, die Gewhnung
kam ... Einen Augenblick, der in den immer hher gesteigerten Wirren der Zeit
einst ihm noch kommen msse, einen Augenblick groer Entscheidungen dachte er
als ihm ganz gewi beschieden. Dann wollte er zur Widerlegung des
tridentinischen Concils sich erheben und sagen: Priester oder Gott - das ist
die Frage! Hat Christus seine Vertretung in der Gemeinde oder nur im geweihten
Vorstand derselben? Kann der Wille eines schwachen Menschen deshalb, weil er
gesalbt wurde, die Menschenseele zu seinem Spielball machen? Seht, ich bin
getauft nach allen Regeln der apostolischen Einsetzung der Taufe! Und doch, doch
bin ich ein Heide, wenn unsere Seele von Priestern abhngt! Unsere Kirche steht
und fllt mit der Entscheidung ber mein Lebensschicksal! ... Dann sich
denkend, da alle seine Wrden von ihm niedergelegt werden mten, alle
kirchlichen Acte, die er vollzogen, fr ungltig erklrt, sich vorstellend, da
er in ein Kloster gehen, sich neu taufen, neu weihen lassen mte, fhlte er das
mchtigste Verlangen, bei irgend einer groen Krisis der Zeit seine Lage selbst
zu offenbaren ... Einstweilen hatte er Leo Perl's Beispiel befolgt und eine
Urkunde aufgesetzt, die nach seinem Tode erbrochen werden sollte ... In ihr
hatte er seinen Fall ausgefhrt ... Noch wute er nicht und kmpfte mit sich, ob
er dies Bekenntni in die Hnde des rmischen Stuhls selbst oder nur in die
seiner nherverbundenen Freunde legen sollte ... Innerlich war er mit sich im
Reinen - er verachtete den Spuk des Zufalls ...
    Nur der hhnende Schatten desselben konnte ihn zuweilen schrecken - Lucinde
... Aber selbst als sie von Castellungo im uersten Zorn damals geschieden war,
selbst da hatte sie zu Bonaventura, der sie, um Abschied von ihr zu nehmen, im
Kloster der Herz-Jesu-Damen besuchte, auf ein Kstchen gedeutet und vershnt
gesagt: Dort liegt mein Testament! Sie berleben mich und ich vermache Ihnen
alles, was ich hinterlasse - cum beneficio inventarii - meinen Schulden! Sie
finden Serlo's Denkwrdigkeiten, die, wie ich Ihnen schon vor Jahren sagte, die
Schule meiner Kunst wurden, Leiden zu ertragen. Glauben Sie mir, Thomas a Kempis
war nichts als der geistliche Serlo und Thomas a Kempis hat ganz die nmliche
Philosophie, nur da der Mnch seine Verachtung der Welt und Menschen in
religise Vorschriften kleidete ... Wenn Thomas a Kempis anrth, Gott zu lieben,
so wollte er nur wie der Schauspieler Serlo sagen: Verachtet die Welt und die
Menschen! ... Dann finden Sie - noch - setzte sie stockend und leise hinzu:
die Hlfsmittel jener - Rache, die ich Ihnen einst in einem kindischen
Wahnsinnanfall geschworen hatte - ... Und die Sie noch immer nicht Ceccone oder
Fefelotti auslieferten? warf Bonaventura ein ... Lucinde erhob sich, nahm einen
Schlssel, der an dem immer auf ihrer Brust blinkenden goldenen Kreuze hing,
ging an ihr Kstchen und schlo es auf ... Nehmen Sie, sagte sie und deutete auf
ein gelbes, vielfach gebrochenes groes Schreiben mit zerbrckeltem Siegel ...
    Es war ein Moment, an den Bonaventura oft zurckdenken mute ... Damals
drngte sich alles zusammen, was oft so centnerschwer auf seiner Brust lag und
nun - ein Augenblick der seligsten Erleichterung -! ... Aber wie ein Blitzstrahl
fuhr es auch zu gleicher Zeit durch sein Inneres: War und ist dein Leben und
Ringen wirklich nicht mehr, als die Furcht vor diesem zuflligen Verhngni?
Bist du nicht Herr deines Willens, Schpfer deiner Freuden und Leiden? Wie
kannst du erbangen vor einer Anklage, die du verachtest, weil sie die teuflische
Verhhnung der christlichen Idee ist? ... Bonaventura wandte sich und sagte:
Behalten Sie! ... Lucinde verstand diese Weigerung im Sinn eines ihr geschenkten
Vertrauens und wurde davon so berwltigt, da sie eine Weile hocherglhend und
in zitternder Unentschlossenheit stand, dann ihr Knie beugte und sich vor
Bonaventura zur Erde niederlie ... Grfin, lassen Sie! bat er erbebend und der
alten Scenen gedenkend ... Lucinde neigte den Kopf bis auf seine Fe ... Ein in
der Nhe entstandenes Gerusch mute sie bestimmen, sich zu erheben ... Man
hrte Schritte ... Noch ehe sie den Schrein geschlossen, den Schlssel wieder zu
sich gesteckt hatte, trat die Aebtissin der Herz-Jesu-Damen ein, die nicht
verfehlen wollte, dem Erzbischof bei seinem Klosterbesuch die schuldige
Ehrfurcht zu bezeugen ...
    Einige Zeit nach einem ihm unvergelichen Seelenblick, den damals Lucinde
auf ihn warf, war es Bonaventura, als fand sich in den Drohungen Sturla's, der
von Genua kam, ein Anklang an die Urkunde Leo Perl's ... Doch konnte er sich
auch irren ... Der kecke Jesuit hielt ihm ein Bild der deutschen Geistlichkeit
vor, dessen Zge auf den fremden Eindringling passen sollten, und unter anderm
lief die Bemerkung unter: Unglaublich, was die Archive Roms von Deutschland
mittheilen knnten, htte nicht die Kirche vor allem an ihren eigenen Organen
Aergerni zu vermeiden! ...
    Wie bitter, und sogar triumphirend waren im Briefe Lucindens die Andeutungen
ber Paula! ... Auch er fhlte es ja nach, was die lutherischen und abgefallenen
Freunde der Familie oft genug unter sich sagten: Solch ein unnatrliches, jede
Empfindung verletzendes Verhltni ist nur auf katholischem Gebiete mglich! ...
An sich, vor den Augen der Welt war jede Rcksicht auf Misdeutung gewahrt -
Paula war die Nichte des Kronsyndikus, Bonaventura der Sohn des Prsidenten,
ihres Vetters - die Verwandtschaft war die allernchste des Blutes und Graf Hugo
durfte, ohne Ansto zu erregen, in Coni einen schnen Palast bewohnen, wo im
Kreise einer Geselligkeit, die Paula mit Mitteln zu unterhalten wute, die sich
ihr in dem fremden Lande mit sonst nicht gewohnter sicherer Beherrschung zu
Gebote stellten, allabendlich der Erzbischof verweilte ... Meist war Musik das
Organ der Verschmelzung oft schroffer Gegenstze, ja Paula wurde erfinderisch
und ergab sich jenem schnen Triebe, nach- und vorauszudenken allem, was ber
rauhe Stunden des Lebens zerstreuend hinweghelfen kann ... Aber ein Vorwurf des
Gewissens fehlte nicht bei Alledem - es war ein Verhltni, an dem, wie sich
Bonaventura sagte, Gott keine Freude haben konnte ...
    Ein zrtliches Ueberwallen der Liebe hatte sich in Bonaventura und Paula
lngst gemildert ... Auf Entsagung blieb ihr Gefhl ja auch gleich anfangs
begrndet ... Und lenkt nicht jede Liebe, selbst die leidenschaftlichste,
zuletzt die Flut in ruhiger wallende Strmung? ... Ku und Umarmung! Was sind
sie denn, als ein letztes Ziel, ein Zerreienwollen jedes Rckhaltgedankens, der
Brcke, die den geliebten Gegenstand noch einmal zur alten persnlichen Freiheit
zurckfhren knnte; Ku und Umarmung werden begehrt und gewhrt, weil sie den
Begehrenden und Gewhrenden als Ich vernichten, knstlich gleichsam eine
gemeinschaftliche Schuld erzeugen, die beide Theile fast zwingt, auf ewig Eins
zu sein ... Aber bald tritt die volle Beseligung der Liebe nur im Austausch des
seelischen Lebens ein. Ineinander zu leben ist dann nur noch ein Bedrfni des
Herzens. Kommen erweckt ein Jauchzen der Brust und Gehen ist die Hoffnung nur
auf den Gru, auf das Lcheln des Wiedersehens ... Dann zerlegt sich in seine
Stunden der Tag, in ihre Minuten die Stunde, jedes Atom der Zeit ist erfllt vom
Glck der Gewhnung an so viel willkommene Freuden und noch willkommenere Sorgen
- Das ist das Glck, das auch in der Ehe, lange schon vorm Ersterben der
Leidenschaft, Ausdruck des wahren Besitzes bleibt ...
    In diesem letzten Stadium des Verbundenseins der Liebe befand sich der
Erzbischof, nachdem er in jedem frheren lngst berwunden hatte ... Jeden Abend
war er auf dem Schlo des Grafen, das mitten in der Stadt lag und einer der
vielen weiland groen Familien des Landes gehrt hatte, die im Lauf der Zeiten
zu Grunde gingen und nichts behielten, als die glnzende Hlle ihrer
Vergangenheit ... An diesen Palast schlo sich ein Garten, altmodischen
Geschmacks, wie die Grten auf den Borromischen Inseln ... Der Graf hatte eine
Aufgabe, diesen Garten der freien Natur zurckzugeben ... Ein geselliger Kreis
wurde vor dem Kriege durch nichts gestrt ... Spter blieben freilich nur
Einige, die sich durch die Empfindungen des Grafen nicht stren lieen ... Gewi
wre der Graf, als die Revolutionen ausbrachen, nach seinem deutschen Vaterland
zurckgekehrt, wenn nicht auch dort die Verwirrung fr seine Denkweise das Ma
berschritten htte ... Seit lange hatte Oesterreich gesiegt - er migte den
Ausdruck seiner Freude und konnte infolge dessen bleiben ... Bonaventura kannte
die Sehnsucht nach Thtigkeit, die den Grafen bestimmen mute, entscheidende
Entschlsse zu fassen, ja er kannte des Grafen Sehnsucht - nach einem Erben -
... Noch mehr, Graf Hugo liebte Paula ... Es mute kommen, da dies zehnjhrige
Zusammenleben in Coni aufhrte ... Und doch, doch kannte er den Grafen dafr,
da dieser im Stande war, die Nachricht von seiner Berufung zur Mutter nach Rom
mit den Worten aufzunehmen: Die Frau Prsidentin ist krank und Herr von
Wittekind in Rom? Das wird Ihre Kraft bersteigen, mein theurer Freund, wir
mssen Sie begleiten; wir gehen mit nach Rom ...
    In solchen, sein Inneres zerreienden Stimmungen, zu denen sich an jedem der
ihm besonders wichtigen Gedenktage seines Lebens noch der Hinblick auf den mit
jedem Tag sich dem Abscheiden vom Leben nhernden Vater gesellte, verweilte
Bonaventura heute unter seinen Bchern ... Hier, wo ihn so oft die nchtliche
Stille geheimnivoll umfing - hier, wo sein Gemth der Muttersprache noch
zuweilen ein Opfer brachte, wie in den Versen:

Du wunderbare Stille,
Wer deutete dich schon,
Im Erd- und Himmelschweigen
Den Weltposaunenton!
Die namenlose Sehnsucht
In flcht'ger Welle Gang,
In stiller Brunnen Pltschern
Den mcht'gen Rededrang!

Wenn Mondenglanz die Rose
Sanft zu entschlummern ruft
Und Nachtviole trinket
Den Thau der Abendluft,
Wenn frei die Sterne treten
Aus ihrem blauen Zelt,
Worin das Licht der Sonne
Sie Tags gefangen hlt -

Wie predigt da die Rose!
Viole singt im Chor;
Das kleinste Blatt hlt Tafeln
Der Offenbarung vor!
Es rauschet und es klinget
Ein jeder todte Stein;
Der Stubchen allgeringstes
Will nur verstanden sein!

Nur in die dunklen Schatten
Hat Gott das Licht gestellt,
Nur in die de Wste
Die Herrlichkeit der Welt;
Nur brechend nimmt ein Auge
Den rechten Lebenslauf!
O, schlieet euch, ihr Zauber
Der ew'gen Stille, auf!

    Der buntfarbigen Blume sich zu vergleichen, die, hochragend und stolz, doch
erst aus welken Blttern emporsteigt - so erhebt sich die Lilie ber den am Fu
des Schaftes schon beginnenden Tod - dafr besa seine Selbstschau zu viel
Demuth und doch - nun schon wieder um ihn die heilige Stille und ein brechend
erst den rechten Lebenslauf nehmendes Auge - -! ...
    Ein wilder Sturm, wie er in Berggegenden oft ohne die mindeste Vorbereitung
entsteht, hatte sich erhoben und strte die Stille der Nacht ... Whrend die
Fensterlden des Palastes gerttelt wurden, der Wind in den rauschenden Wipfeln
der Bume des groen Platzes tobte, konnte kein Schlaf ber Bonaventura's Auge
kommen ... Und doch nahm der morgende Tag seine ganze Kraft in Anspruch. Er
wute, da sich Stadt und Umgegend nicht nehmen lieen, den Namenstag ihres
Oberhirten zu feiern ... Schon nach fnf Uhr wollte er die Messe lesen ... Nie
ergriffen ihn die Anfangsworte der Messe: Der du meine Jugend erfreust, o
Herr! mchtiger, als an diesem Tage der Jugenderinnerung ...
    Wo das Gehr einen Dienst der Liebe verrichtet, versagt die Natur den Schlaf
... Bonaventura mochte sich zuletzt auf seinem Lager noch so ermdet strecken,
sein Ohr lauschte jeder Bewegung im Nebenzimmer ... Sturm und Regen hatten
aufgehrt, der Morgen graute schon und noch hatte Bonaventura kein Auge
geschlossen ...
    Eben mochte sich vielleicht fr einige Minuten die ermdete Wimper gesenkt
haben, als sie sich sofort wieder erhob ... Bonaventura hatte das schnelle
Auftreten der dienenden Brder gehrt ... Erschreckend ber eine mgliche
Verschlimmerung im Befinden des Kranken, sprang er, wie er war, halbangekleidet,
vom Lager ...
    Als er die Thr geffnet hatte, fand er, von einem Licht beschienen, den
Leidenden aufgerichtet ... Die dienenden Brder reichten ihm eben von einer
Arznei ... Benno lehnte das Glas ab ... Als er Bonaventura erkannte, sagte er,
er htte lange und fest geschlafen ... In der That blickte sein Auge weniger
fieberhaft und seine Hand, die er in der Bonaventura's ruhen lie, hatte die
feuchte Wrme, die fast auf eine Krisis schlieen lie ...
    Welche Zeit ist's? fragte er ...
    Man sah auf die Uhr und nannte die vierte Stunde ...
    So geh zur Ruhe! bedeutete er den Freund ...
    Dieser nahm jedoch an seinem Lager Platz und sagte, da er der Ruhe nicht
mehr bedrfe ...
    Auf dies beharrlich wiederholte Wort der Liebe wandte der Kranke sein Haupt
nach den beiden Mnchen und gab seinen Wunsch zu erkennen, mit dem Erzbischof
allein zu sein ...
    Ein Wink desselben und die Mnche traten in ein Nebencabinet, das nach Osten
lag ... Beim Oeffnen der Thr sah man den ersten Frhrothschimmer der
aufgehenden Sonne ...

                                       7.


Ehe ich vom Leben scheide - begann Benno ...
    Mein theurer Freund, unterbrach ihn Bonaventura, du wirst leben! ...
    In deinem Gedchtni - im Gedchtni manches, der auf meine Zukunft
Hoffnungen setzte und schwer begreifen wird, warum sie nicht erfllt wurden und
warum sie gerade so - so - endigen muten ... Meine Minuten sind gezhlt ...
Noch deinen Namenstag feir' ich, dann ist das Liebste da, was ich - vom
Weltgeist begehre ...
    Freund! ... unterbrach Bonaventura voll uersten Schmerzes ... Diese Worte
Benno's wurden so zuversichtlich, so fest gesprochen, da sie keine Widerlegung
zulieen ...
    Ich will nicht sterben, sagte Benno, ohne mit den letzten Segnungen unserer
Kirche versehen zu sein ... Sorge dafr ... Die Rcksicht deines Hauses
erfordert es ... Wer mit den Priestern ein Leben des Kampfes gefhrt hat, mag
sich im Tode ihre Nhe verbitten; ich kmpfte nicht mit ihnen - meine Gegner
sucht' ich mir auf andern Schlachtfeldern auf ... Einem deiner Vicare werd' ich
beichten, da ich nie an Religion betheiligt war ... Sie war mir kein Bedrfni
...
    Bonaventura schwieg ... Er wute, da keine Confession so sehr religisen
Indifferentismus bei Gebildeten erzeugt, wie die katholische ...
    Einen Kranken erquickt nichts mehr, als von seinen Umgebungen die
Anerkennung zu hren, da er krank ist; einen Sterbenden nichts mehr, als die
Anerkennung, da er stirbt ... So kam es, da Benno mit jener Kraft der Stimme
sprach, die in letzten Augenblicken oft wunderbar wiederkehrt ...
    Ich erflle, sagte er, das Geschick unseres Hauses - wie mir einst in Rom
der feindliche Dmon deines Lebens verheien hat - als Lucinde jene Klagen
ausstie, die ich dir vor Jahren - von London berichtete ... Vor - fast zehn
Jahren! ... Deinen letzten Brief hab' ich in meinem Portefeuille - und heute
erst beantwort' ich ihn durch mein - Testament ... Was knnt' ich dir sagen,
nachdem ich mit allem gebrochen, was andere von mir voraussetzten? ...
Skeptiker, Indifferentist - das gibt eine imposante Lebensstellung, wenn man in
die Lage kommt, nur reflectiren zu brauchen, sich die Zhne zu stochern, im
Salon die Beine bereinanderzuschlagen ... Stell' einen der Weisen, die im Chor
der Tragdie den Heroen so gute Lehren geben, selbst auf die Breter, er macht
die Tragdie zur Burleske ...
    Benno hielt inne, sammelte neue Kraft und lehnte Bonaventura's Entgegnungen
mit einem Zeichen der Hand ab ...
    Ich sa auf der Engelsburg, fuhr er fort, mit Rubern, deren Ungeziefer mich
die Freiheit ersehnen lie ... An sich ist die Freiheit zu verlieren kein
besondres Unglck ... Ich htte Steine klopfen knnen, um ungestrt ber mich
und die Dinge und dann vielleicht endlich Gott nachzudenken ... Nur der Schmuz
des Gefngnisses entsetzte mich ...
    Wieder hielt der Kranke inne ... Wieder fuhr er, um des Freundes Nachsicht
bittend, nach einer Weile fort:
    Eines Tags stand die Thr meines Kerkers offen und eine Mutter war es, die
ich glcklich machte durch meine Flucht ... Selbst Lucinde nahm es ernst mit
meinem Schicksal, war ganz bei der Sache, ohne meiner Verkleidung zu spotten -
Der arme Bertinazzi erhielt die Galeere auf Lebenszeit ... Als ich die
Hinrichtung der Bandiera erfuhr, brach mein Lebensmuth - die Mutter - konnte
mich damals - gngeln wie ein Kind - ...
    Bonaventura folgte aufmerksam allen diesen schmerzlichen Erinnerungen ...
    Man soll die Seinen nicht analysiren ... fuhr Benno fort in offenbarer
Wallung gegen seine Mutter ... Wo Ueberma im Verkehr der Herzen waltet - da
welkt nur zu bald die Blte ...
    Bonaventura wute, da Benno von London im tiefsten Bruch von seiner Mutter
und von Olympien sich losgerissen und gleichsam nach Rom nur entflohen war ...
Er hrte nun alles das, neigte sein Ohr dicht an den Mund des Freundes und bat
ihn nur, sich zu schonen ...
    Meine Retterin, fuhr Benno in Erregung fort, war die Frstin Olympia Rucca
... Es hat schon oft Seelen gegeben, die pltzlich den Teufel in seiner Rechnung
betrogen - Die Heiligengeschichte erzhlt von ihnen ... Eine Heilige ist Olympia
nun nicht geworden ... Aber aus einer Tyrannin wurde sie eine Sklavin ... Ich
habe nie so dienen sehen, wie Olympia ein Jahr lang dienen konnte ... An einem
Tigerkfig hab' ich sie kennen gelernt; sie war nun selbst gezhmt zu einem der
jungen Lmmer, die sie - als Kind erwrgt haben soll - aus - Zrtlichkeit ...
Solche Frauen gibt es nicht - in - deiner germanischen Welt! ...
    In meiner? ... fragte Bonaventura mit leisem Vorwurf ...
    Benno schwieg eine Weile ... Dann sprach er einen Vers des Bonaventura'schen
Gedichtes:

Einmal, eh' sie scheiden,
Frben sich die Bltter roth -

    Er legte in den Ton der Recitation die Anerkennung deutschen Wesens im
Denken und Empfinden, fgte aber, hinzu:
    Als ich mein Lebensrthsel erfuhr, als ich meine todte Schwester sah, die
Mutter an ihrer Leiche kennen lernte, ergriff mich Ha gegen alles, wofr ich
bisher und worin ich gelebt hatte ... Ich brach mit einem Vater, der lgen und
morden konnte; ich brach mit einem Staat, der damals keine freien Brger
duldete; ich brach mit einem Volke, das der Tyrann andrer Vlker sein konnte;
ich folgte in allem meiner Mutter, deren Namen ich annahm ...
    Bonaventura kannte diese Umwandlung, die nicht der seinigen glich ...
    Nicht lange war ich in Paris, fuhr Benno fort, so erschien Olympia,
ausgeshnt, engverbunden mit meiner Mutter, die mich anbetete ... Du mut wissen
- - als ich Olympien zum letzten mal gesehen hatte, war mir in - der Villa
Hadrians durch eine seltsame Scene - durch die Umgebungen - durch die Umstnde,
die meine Sorge um das Schicksal der Bandiera heraufbeschworen, - - ein
Stelldichein von ihr aufgedrungen worden ... Es war ein Zwang, der sich nicht
ablehnen lie ... Was dem Mann Bettelpfennig, wird dem Weibe Krsusschatz - kann
ein Mann mit Bettelpfennigen geizen! ... Tugend -?! - - Ich fhlte eine mchtige
Hand, die mich zurckhielt - ich suchte fast den Tod, um dem Wiedersehn auf
Villa Rucca zu entfliehen - ... Olympia und das Schicksal hielten sich an mein
erzwungenes Ja! ... Nicht Nacht war es, als ich sie wiedersah in einem eleganten
Salon - in der Rue Rivoli zu Paris - sie hatte mich befreit - ich hie Csar
Montalto, hate die Tyrannen, liebte meine Mutter, Italien - dennoch wehte
Afrika's Wind vom Meer herber, Millionen Blten hauchten ihren Duft in linde
Abendstille ... Die Frstin nahm sich den Dank, wie sie ihn begehrte ...
    Wieder trat eine Pause ein ... In Bonaventura's Blick lag die Anerkennung
alles dessen, was hier mglich gewesen ... Sa er nicht an einem Leichenstein,
der vershnt -? ...
    Frankreich, England, das Land der schnsten Frauen konnte an sich kein
Schauplatz fr die an Triumphe des persnlichen Erscheinens gewhnte Nichte
Ceccone's sein ... Der Cardinal wurde ein Opfer der dir bekannten Italienerrache
... Olympia gerieth in Bedrngnisse und die Reihe, ihr zu helfen, kam nun an
mich ... Einander ntzlich sein - veredelt - bindet - fesselte hier aufs neue
... In Olympia kehrten Regungen des Gefhls, die sie schon dem Mnch Vincente
Ambrosi einst bewiesen hatte, zurck ... Sie ertrug den Verlust ihrer glnzenden
Lebensstellung, ertrug die ihr folgende Verringerung ihrer Hlfsmittel ...
Einige Jahre fand sie in der That in mir die Flle ihres Glcks wie ein Kind ...
Diese abzuwehren war unmglich ... Wie die Schlange ihr Opfer nicht lt, fand
ich bei jeder Pforte, durch die ich htte entfliehen wollen, meine Bestimmung
... Diese war verloren an - zwei Frauen ...
    So dachte auch die Welt und entschuldigte dich ... warf Bonaventura mit
mildem Tone ein ...
    Ein Zustand des Elends blieb es ... fuhr Benno fort, whrend seine Zge
einen Ausdruck des hchsten Schmerzes annahmen ... Jedes einzelne Leid fhlte
ich wie das natrliche Kettenglied der Folgen, die ich ber mein Leben
heraufbeschworen hatte, als ich dem sdlichen Blut in meinen Adern folgen wollte
... Ich wollte Partei nehmen fr die betrogene Hlfte meines Erdenlebens und -
von Wahn zu Wahn, von Traumbild zu Traumbild lockte mich die mtterliche Welt,
die mir zuletzt ein Gift wurde, das mich - langsam tdtete - ...
    O mein Freund! war alles, was Bonaventura aus der Tiefe seines Herzens
entgegnen konnte ...
    Beklage mich nicht! sprach Benno ... Ich hatte zahllose, flchtige Stunden
des Glcks; ich trotzte der Sehnsucht meines Gemths ... Reich ist der
menschliche Geist an Gedanken, die einen Kampf gegen die innern Vorwrfe des
Gewissens untersttzen, ja auf Augenblicke ihn siegen und triumphiren lassen ...
Ich durfte mir ein - knstliches Pflichtenleben schauen - die brderliche
Freigebigkeit des Prsidenten entzog mich den Sorgen fr meine Erhaltung ... Ich
las, studirte, schrieb - ... Da ich fr einen Italiener gelten wollte, hatte ich
Mhe und Verdru genug durch die Vorbereitung zu dem, was nun - gescheitert ist
... Welche Menschen! Verunreinigend durch ihre Schwchen und Laster die heiligen
Dinge, die sie im Munde fhren - ... Freilich - die Gegner -! Sind sie nicht
ebenso verchtlich? ... Ich kannte sie ja alle, die Diplomaten von Paris und
London ... Nur in den Formen liegt der Unterschied ... Oft gab es Strme im
Glase Wasser - elende Streitigkeiten; doch konnten sie mit dem Schiffbruch der
Betheiligten enden ... Terschka - wo wol mag - der Schurke - hingerathen sein -!
...
    Bonaventura lie dem Freund den Glauben an eine hienieden schon waltende
Nemesis ... Drngte es ihn auch, von Terschka's Beziehung zum Verrath der
Bandiera zu erfahren, so gab er es doch auf - denn die Kraft des Freundes drohte
zu versiegen ...
    Benno schlo eine Weile die Augen; dann erhob er sie wieder und lie die
irrenden Sterne derselben wie ausruhen an der Decke des immer mehr sich
erhellenden Zimmers; unbeweglich starrten sie wie in eine unergrndliche Tiefe
...
    Es gab auch Edle unter diesen Kampfgenossen! begann er aufs neue wie mit
feierlicher Andacht ... Euch hab' ich folgen wollen, ihr Brder, die ihr den
grausamsten Tod erlittet! Ihr leuchtetet mir voran, Dioskuren am Himmelszelt auf
weien Rossen! ... Die Welt sich zu erschaffen aus freiem Willen - ist edler
Mannestrotz! ... Lernt' es auch, als ich, ein Katholik, dem heimatlichen Staate
trotzte ... Haben mir's spter bitter heimgezahlt, als - dem Prsidenten - auf
seine Verwendung die Antwort - wurde: Ist ja sterreichischer Cabinetscourier -!
... Warum wurde Germanien nur so - russisch ... Lebt - denn - noch - Nck? ...
Und - schreibe sogleich - wenn ich - ... an - Thiebold - ...
    Weiter reichte nicht mehr die erschpfte Kraft, die sich bernommen hatte
...
    Die Aerzte kamen ... Schon lutete drauen von allen Thrmen das Angelus ...
Es war fnf Uhr ... Der helle Tag lag hinter den Vorhngen der Fenster ... Benno
hatte sich eine zu groe Anstrengung zugemuthet und war erschpft in die Kissen
gesunken ... Fast schien seine Zunge gelhmt ... Die Aerzte sagten, die letzte
Stunde liee sich nicht vorausbestimmen ... Sie baten den Erzbischof, sich zu
schonen ...
    Bonaventura rief die Mnche und berlie ihnen und den Aerzten die Sorge fr
den Geliebten, fr den von heien Qualen - der Seele Zerrissenen ... Zur
Frhmette wollt' er nun in den Dom, wo an diesem Tage seit Jahren die Stadt
gewohnt war, ihn erwarten zu drfen ...
    Bonaventura's Aufmerksamkeit, in die Mittheilungen Benno's verloren, hatte
nichts vernommen von den Zurstungen der Ueberraschungen, welche ihm Verehrung
und Liebe bereiteten ... In sein Wohnzimmer getreten, fand er die Wnde mit
Blumen geschmckt ... Kostbare neue Teppiche lagen ber die Sthle gebreitet ...
Geschenke von Gold und Silber standen auf den Tischen ... Alte Werke, seltene
Drucke und Holzschnitte hatte ihm Graf Hugo hinlegen lassen ... Der
Haushofmeister, die Caudatarien, ihre Glckwnsche ertheilend, nannten die Namen
der Geber, unter denen Paula's Name obenan glnzte ...
    Es lag in seinem Berufe, da sich Bonaventura in seine goldstarrenden
Gewnder werfen mute ... Die Bischofskrone prangte auf seinem Haupte ... Schon
spiegelte sich die nach der allmhlich wieder ruhiger gewordenen Nacht goldig
aufgegangene Sonne in den kostbaren Edelsteinen ihrer Verzierung ... Unter einem
von sechs Knaben getragenen Baldachin, begleitet von allen im Treppenhause
versammelten Abgeordneten der Kirchen und Klster der Stadt, den Civilbehrden,
den Oberoffizieren des Militrs, trat der Erzbischof, gebeugt und trauernd, aus
dem Eingang des Portals, das mit Guirlanden geschmckt war ... Der Vorhof
innerhalb des Gitters war leer, drauen wogte die Menschenmenge ... Die halbe
Stadt war in Bewegung ... Selbst einer vom Erzbischof sonst verfolgten Unsitte,
der rauschenden den Musik des Militrs bei Kirchenfesten, konnte heute, auf
Anla eines solchen Freudentages, nicht gewehrt werden ... Jung und Alt schlo
sich der glnzenden Procession an, die in den Dom zog ... Bonaventura hatte
sonst diese Ueberraschungen an seinem Namenstag unmglich machen wollen; hatte
kurz vorher Reisen angetreten oder war ein andermal in ein Kloster gegangen ...
Allmhlich aber hatte er auch hierin der Landessitte nachgegeben und dem Onkel
Dechanten beigestimmt, der ihm geschrieben: Nimm doch Liebe, wo sie geboten
wird! Ist die Zeit angethan, sich der Ernte seiner Saaten zu entziehen! -? ...
Angeregt von solchem Zuspruch konnte er wol einmal auch ausrufen und den
gewohnten Klageruf seiner Selbstgesprche unterbrechen:

Nimm an der Welt dein ganzes Theil,
Nimm es mit vollen Hnden!
Was du verschmhst, wird nicht zum Heil,
Nicht zum Gewinn sich wenden!

Der Blten nur im Lenz gedenk',
Die rings den Rasen decken,
Vom Apfelbaume ein Geschenk
Den Winden, sie zu necken!

Und doch im Herbst - der liebe Baum
Was er an Frchten spendet!
Erinnern kann er sich noch kaum
Der Blten, die verschwendet.

Zur Erde blicke nicht hinab,
Wenn Gtter dich umschweben!
Fr jeden ist das khle Grab,
Fr jeden erst das Leben?

Fr jeden dreifach ein Genu
Und Einmal nur Beschwerde!
Es wogt ein sel'ger Ueberflu
Der Freude durch die Erde!

    Heute dagegen trug er im Herzen Maria's achtes Schwert, wie er jene Leiden
nannte, die jedem nur allein verstndliche, nur allein von Gott ihm zu trstende
und zu heilende wren ... So schritt er in seinem Trauer-Triumphzug, unter dem
Gelut der Glocken dahin ... Die groe, mit drei Kuppeln gebaute, dem vorigen
Jahrhundert angehrige Kirche war berfllt ... Seine Ministranten waren heute
seine nchsten Wrdentrger ... Den geheimnivollen Ritus der Messe aus der
Kirche zu verbannen wrde sich Bonaventura nicht verstanden haben ... In einem
gelegentlichen Streit mit Grfin Erdmuthe hatte er gesagt: Allerdings, die
Messe sollte in der Landessprache gelesen werden! Aber ich gebe auf die stummen
Augenblicke in der Messe mehr, als auf die gesprochenen ... Ein Gottesdienst mu
mehr als nur eine Predigt sein ... Unsrer Messe ist lediglich der Schein, da
sie ein unblutiges Opfer wre, sonst nichts von ihren mystischen Vorgngen zu
nehmen ... Kirchen, die nur um der Predigt willen da sind, mssen ja mit der
Zeit leer stehen - wer verbrgt denn nur dem Preise Gottes immer wrdige
Sprecher, Zungen, die nicht anstoen, Kehlen, die nicht heiser und rauh
erklingen? ... Was macht die Gotteshuser der Protestanten so leer? Die
alleinige Herrschaft der Kanzel und die Einsamkeit am Altar! ... Gott wohne
nicht in Husern, von Menschenhnden gemacht? Gewi! Aber der gewlbte Raum der
Kirche sagt Ihnen, da Gott nich Ihr Gott allein ist, nicht der, den Sie in
Ihrem Kmmerlein sich zurecht gemacht haben, sondern der Gott des Universums!
... Gerade da mu Ihr Eifer, ihn persnlich fr sich aus der Masse der um seine
Gunst Werbenden herauszugewinnen, um so lebendiger angefacht werden; die
Entschlieungen Ihrer Brust knnen erst in der Kirche erkennen, wie schwer es
ist, unter so vielen, die seine Liebe zu gewinnen suchen, gleichfalls mit Wrde
zu bestehen ... Still dann zu sein in einer Kirche mit tausend andern Stillen -
das ist, denk' ich, die feierlichste Aufforderung zur Einkehr in sich selbst ...
Oder - soll die Religion ohne Formeln sein? Dann ist sie Philosophie ... Da die
Philosophie eben Wahrheit des Lebens werde, zwingt sie, die Religion bestehen zu
lassen ... Der protestantische Gottesdienst sagt nur: Wir sind nicht katholisch!
- Das ist gewi wahr und war historisch richtig - Soll aber diese Zeit des
Protestes ewig dauern? Kann ein Gottesdienst der ewigen Negation bei den
Protestanten Sinn haben, wenn die katholische Kirche sich lutert? ... Eure
Predigt wird sich unsere Messe zu Hlfe rufen mssen, um - schon allein die
Herrsch- und Streitsucht Eurer Parteien zum Schweigen zu bringen ... Dann werden
die Protestanten nicht mehr Nichtkatholiken, die Katholiken nicht mehr Nichtp
rotestanten, sondern beide erst wahre Christen sein - ...
    Unter den Anwesenden waren Paula und Armgart zugegen ... Beide eben von
Castellungo angekommen - beide eben von der schmerzlichen Ueberraschung
unterrichtet, die ihrer harrte ... Der Graf hatte ihnen Benno's Anwesenheit und
Lebensgefahr erst gemeldet, als sie sich trennten, er, der Protestant, zu
Benno's Lager eilte, sie mit dieser Nachricht nun in die Messe schwankten ...
Erkundigungen, welche Graf Hugo auf der Herfahrt eingezogen, hatten ihm
besttigt, da Benno wirklich in Coni war ... Mit diesem Stich im Herzen sank
Armgart unter die tausend Beter nieder, die am Fu des Hochaltars knieten ...
    Sollte sie weniger vermgen, als jener Priester dort, den die gleiche
Nachricht nicht hinderte, laut seine Psalmen zu singen? ...
    Als die Feierlichkeit vorber und Bonaventura auf einem krzern Wege,
unbemerkt und in einfacher Kleidung, in seine Wohnung zurckgeeilt war, fand er
den Grafen schon lange mit Benno beschftigt ... Die beiden Frauen harrten in
einem Gemach, wo des Kirchenfrsten Audienzen gegeben wurden, vom Schmerz
berwltigt und in Thrnen gebadet ... Natrlich hatte man bereits die
Veranstaltung getroffen, da der Erzbischof heute nur noch seinen nchsten
Freunden gehrte ... Die Glckwnschenden wuten nun, welches Leid diesem Hause
an einem Freudentage beschieden war ...
    Graf Hugo hatte dem Sterbenden Armgart's Anwesenheit angezeigt ... Den
Frauen hatte er dann nicht verschwiegen, wie diese Nachricht Benno erschtterte
... Bonaventura richtete sein Auge auf Armgart - auch er hatte sie seit so
vielen Jahren nicht gesehen ... Sie war ihm aber wie gestern erst von ihm
geschieden ... Ihr gemeinsames Leid verband sie sofort und sein seelenvoll auf
sie gerichteter Blick schien fragen zu wollen: Aermste, wie trgst - nun gar
erst Du das alles -? ...
    Ein Gesang der christlichen Dichtkunst spricht aus, was edle Herzen bei
hchstem Leid erfllt ... Das Stabat mater in seiner unnachahmlichen
Magniloquenz ... Jacopone da Todi war der Dichter dieser Threnodie der
verlassenen Liebe, die zurckgeblieben am letzten Rest ihres Daseins, dem todten
Leib des Geopferten, trauert ... Die Erde ist verfinstert; die Menschen, von
Furcht und Bangen erfllt, sind geflohen - Gott hat seine grte Offenbarung
gegeben und doch leiden und weinen grade diejenigen Menschen, denen seine groe
Wohlthat zuerst zugute kommt ... Wer kennt denn, was uns frommt -! ... Jacopone
hatte sein Stabat aus eigenem Schmerz gedichtet ... Zeitgenosse Dante's,
berhmter Rechtsgelehrter, Liebhaber der Weltfreuden, sah er bei einem Fest
eines vornehmen Hauses die Decke des Tanzsaals einstrzen, sah die edelsten
Frauen todt oder verwundet - und sein eigen Weib, eine blhende Schnheit,
hoffnungslos aus den Trmmern davongetragen ... Man entkleidete die Sterbende
und unter den rauschenden Prachtgewndern trug sie, die eben nach des Gatten
Wunsch noch heiter und scheinbar lebensfroh getanzt hatte, ein grobes
Bergewand ... Jacopone, von Beschmung und Schmerz berwltigt, verlor den
Verstand ... Die Verwirrung seiner Gedanken hellte sich erst allmhlich auf;
doch beherrschte ihn ein rthselhafter Zustand, welchen er nicht bewltigen
konnte; er redete in der Irre und wute es, da er so redete; er wute die
Weisheit der Welt, aber er vermochte nicht, in ihr sich auszudrcken ... Endlich
meldete er sich am Thor eines Klosters, um als Mnch aufgenommen zu werden ...
Die eben neugegrndete Regel des Franz von Assisi wies ihn ab, wenn er nicht
Beweise seines Verstandes gbe ... Da zwang er den sich jagenden, fiebernden
Gedanken seiner Seele gewaltsamen Halt auf und dichtete, wie zu gleichem Zweck
einst Sophokles den Chor Im roprangenden Land, so sein Stabat mater ... Nun
erhielt er die Aufnahme ... Beweise seines wiedergekehrten Geistes gab er dann
ferner genug, gab sie auch im Freimuth seiner Gedichte ... Ueber die Sophisten
von Paris schwang er die Geiel seiner Satire ... Dem aus den Felsschluchten der
Abruzzen auf den apostolischen Stuhl berufenen Einsiedler Petrus von Morrone,
der als Clestin V. dem verwilderten Rom die Zgel halten sollte, sagte er:

Jetzo kommt an Tageshelle,
Was du sannst in stiller Zelle -
Ob du Gold, ob Kupfer, Eisen,
Mu sich jetzt der Welt beweisen!

    Dante ging einst zu einem Turnier und blieb unterwegs im festlichen Gewande
an einer Goldschmiedbude stehen, um eine Spange zu kaufen, die noch seinem
Kleide fehlte ... Da sah er ein Buch auf der Lade des Goldschmieds liegen und
fing, whrend die Wagen und Reiter an ihm vorbersausten und der Goldschmied die
passende Spange suchte, zu lesen an ... Noch kannte er die Gedichte Jacopone's
nicht ... Immer mehr vertiefte er sich in die Ergsse einer verwandten Seele,
berhrte die Mahnungen des Goldschmieds, sich zu eilen, und versumte das
Turnier ... Als bereits die Kmpen mit zersplitterten Lanzen nach Hause ritten,
stand Dante noch immer in die Pergamentbltter verloren, die ihm der Goldschmied
nicht verkaufen wollte ... Lucinde, die Dante nicht leiden konnte, sagte bei
Erzhlung dieser Geschichte: Da sieht man, wie die Dichter ihre Rivalen lesen!
Mit einem Neid, der ihnen Hren und Sehen vergehen lt! ...
    Paula und Armgart wurden an Benno's Lager gerufen ...
    Armgart beugte sich ber den todblassen Mann ... Die Thrnen, die ihr sonst
versagten - rannen jetzt in Strmen ... Benno mit seinen grauen Locken lag starr
und drckte die Augen zu ... Seine Lippen sogen die Tropfen ein, die ber seine
Wange aus Armgart's Augen rieselten ... Da es Armgart war, die so weinte, wute
er ... Er wute auch, da Paula in der Nhe stand ...
    Allmhlich trat eine Todtenstille ein ...
    Des Sterbenden Stimme erhob sich wieder, aber die Worte, die noch verstanden
wurden, gaben den Entfernterstehenden keinen Zusammenhang ...
    Nur Armgart, die sich dicht ber ihn beugte, verstand allmhlich:
    Armgart - nordische - kalte - Maid! ...
    Lebe! Lebe! rief Armgart und kte die Stirne Benno's, strich die grauen
Locken vom perlenden Schweie zurck und weinte so heftig, als wollte sie jetzt
die Beweise ihrer Herzensglut nachholen ...
    Einst - warnt' ich dich - vor - deiner Zukunft, Mdchen! ... Ich - - Thor -!
...
    Die Worte, die noch folgten, blieben auch Armgart nicht vernehmlich ...
    Der Graf trat nher ... Paula wandte sich erschttert zum Vorzimmer ...
    Indessen war Bonaventura eben eiligst abgerufen worden ...
    Auch Armgart wollte sich erheben und zurcktreten ... Der Sterbende lie
ihre Hand nicht frei ...
    Armgart starrte Alledem mit Blicken, die dem Grafen Sorge um sie selbst
einflen muten ... In ihrem Antlitz lag eine ihrer ganzen Natur fremde, fast
wilde Geberde ...
    Unser - guter - Thiebold! sprach Benno ... Schreib's - dem besten - Freund -
der Erde - ... Auch - Du - Mit - Bona -! ...
    Armgart versprach jeden seiner Auftrge zu erfllen und setzte mit bitterm
Lcheln, ja wie mit prophetischem Schwnge hinzu:
    Stummes Rthsel der Frauenbrust! ... Starrer Mund, der nicht reden kann,
wenn doch ein Mdchenherz berquellen mchte vom Drang nach helfenden Worten!
... Lieber erstirbt das eigene Leben in uns, als da die Lippe zu brechen wre,
die Starrsinn schliet! ... Ach nur dir, nur dir hab' ich jeden Gedanken meiner
Brust geweiht! Nur dir jeden Schlag des Herzens - dir hab' ich gesprochen in
den, sternenlosen Nchten - ...
    Armgart -! hauchte Benno und erhob sich - geisterhaft und streckte seinen
Arm so aus, da der Graf, aufs tiefste von diesem freien Bekenntni der Liebe
berrascht, vom Zusptkommen eines so heroischen Muthes erschttert, sich
zwischen die Umschlungenen drngen mute ...
    Benno sah ihn lange und wildfremd an ...
    Freund - meiner - Schwester Angiolina! sprach er, wie jetzt ihn erst
erkennend ... Bezeuge - was - die - Liebe eines - Weibes - vermag -! ...
    Auch in des Grafen Augen traten Thrnen ...
    Bona! Bona! wandte sich Benno an diesen, der eben zurckkehrte ... Dann sah
er sich fieberhaft um, sah Armgart mit dem zrtlichsten Blick der Liebe an und
sank in sein Kissen zurck, die Hand Armgart's krampfhaft festhaltend ...
    Bonaventura kam, durch irgend eine neue Veranlassung sichtlich aufgeregt ...
Das Geflster der Aerzte, die im Nebenzimmer sich befanden, mehrte sich ... Auch
verbreitete sich Weihrauchduft ... Der Priester, den Benno begehrt hatte, war in
der Nhe mit dem Sterbesakrament ...
    Aber noch eine andre Ursache schien Anla der Erregung des Erzbischofs zu
sein ... Er nahm den Grafen bei Seite und flsterte ihm, whrend Benno in
ekstatischer Begeisterung: Einmal - eh' - sie - scheiden, sprechen wollte und
auf Armgart als die letzte Freude seines Lebens deutete ...
    Dieser Taumelkelch des letzten Entzckens sollte entweder zu hoch
aufschwellen oder sich bitter - vergllen ... Bonaventura berichtete laut die
eben gemeldete Ankunft eines sechsspnnigen Reisewagens, der, mit einigen Damen
besetzt, sofort am Portal des Hauses angefahren wre ... Die eine der Damen, die
ltere, wre schon in den Vorzimmern - whrend die andere noch im Wagen
verweilte ...
    Armgart erhob sich ... Eine Todtenstille trat ein ... Auf Bonaventura's
Lippen lag die Ergnzung des Berichtes: Die Frstin Olympia - und die Herzogin
von Amarillas ...
    Alle blickten auf Benno, ob er gehrt htte - ...
    Das - Sakrament - ... sagte er leise ...
    Die Umstehenden, zu denen sich jetzt in hchster Angst auch Paula gesellte,
glaubten, da Benno die Worte des Erzbischofs nicht verstanden hatte ...
    Deine Mutter ist da ... Bereite dich, sie zu empfangen ... wiederholte
Bonaventura mehrmals und dicht an seinem Ohre ...
    Schon vernahm man eine wehklagende Stimme in der Nhe, der sich die Stimmen
der Mnche gesellten, die nach vorn gegangen waren und die pltzliche Bestrmung
des Kranken hindern wollten ... Paula und der Oberst gingen schleunigst, um ihre
Bitte zu untersttzen ...
    Bonaventura hielt den Freund in seinen Armen, der mit Geberden, die denen
eines flehenden, fiebergengsteten Kindes glichen, ihn ansah und sprach:
    Die besten Jahre - meines Lebens hab' ich ihnen - geschenkt - Der Tod - sei
wenigstens mein und - sei euer - Lat mich - von ihnen - frei ... Fort! Fort!
... Beide! - Beide -! ...
    Eiligst war der Graf an die Thr, welche in die Bibliothek fhrte, getreten
und hatte diese verriegelt ...
    Benno sah diese Handlung, dankte mit zitternd ausgebreiteten Hnden, sah
flehend in Bonaventura's Augen krampfte sich um seinen Hals wie ein
Schutzsuchende, wie ein Verfolgter, und wiederholte sein erschreckendes, wie
Gespenster verscheuchendes Fort! Fort! ...
    Bonaventura, ohne Fassung, that jetzt nur alles, was Benno's nchsten Wunsch
untersttzen konnte, verriegelte auch noch die zweite Thr, die in jenes Cabinet
fhrte, in welchem die Mnche sich aufgehalten hatten und jetzt der Priester mit
dem Sakrament harrte ... Im Bibliothekzimmer wurde es still ...
    Bonaventura bat wiederholt, die Mutter und die Freundin nicht abzuweisen ...
    Rufe den Priester - entgegnete Benno - Ich kann - nicht mehr - italienisch -
sprechen ... Armgart - mein Cherub! Helft, helft mir -! ... Fort! - ... Und -
Beide! - ...
    Du wirst leben, Freund! betheuerte Bonaventura, in der That noch in Hoffnung
auf die groe Kraft, die soviel Erregungen zu ertragen fhig war ... Wie
knntest du bei diesem Entschlu verharren? ...
    Ich ri mich - von meinen - Fesseln los und gelobte, sie - nie wieder -
anzulegen! ... Ich sehe dich, Schwester -! ... Mag die Selbstanklagen, die
wilden Worte nicht - hren ... Friede! - Friede! - Friede! ... Mein - Gefhl fr
diese Mutter war - wie der angesammelte Schatz meiner unerwiderten Liebe zu
allen Menschen der Erde ... Was hab' ich ihr - nicht alles hingegeben ... Als
diese heiligen Flammen verloderten, sah ich nur die Asche - Berechnung -
Eigenwille - List, Rache, Ha ... Hab's - lange ertragen - ... Abgerechnet - nun
mit - ihr und - ihrem Schatten - ... Stille - nur Stille - um - mich her ... Ich
- ersticke - noch - vor - sdlicher - Luft -! ...
    Bonaventura und Armgart erbebten ... Sie sahen zehn Jahre eines Lebens
voller Qualen, eines Lebens ohne Willen, eines Lebens der Gebundenheit und eine
furchtbar ausbrechende Reue ... Wie sollten sie helfen -! ... Eben mute auch
die Frstin heraufgekommen sein - Wieder wurde es im Bibliothekzimmer unruhig
... Man hrte das Schluchzen und laute Reden italienischer Frauenstimmen ...
    Benno bat mit stummem Blick, die Thr nicht zu ffnen ... Die Kraft seines
Blicks stand in wunderbarem Contrast mit dem ersichtlichen Zunehmen seiner
Schwche ...
    Ich will gehen, Freund ... sprach Armgart athemlos ... La' sie ein, sie,
denen du jahrelang ihr Glck gewesen bist ...
    Benno hielt krampfhaft ihre Hand fest und ebenso die des Erzbischofs ... Die
Frauenstimmen verhallten wieder und nun sagte Bonaventura, er wolle gehen und
sie beruhigen, Benno wrde inzwischen selbst auf einen andern Entschlu kommen
...
    Nein ... Nein -! ... sprach dieser und fuhr in kurzen Unterbrechungen fort:
Priester! ... Wenn der letzte - Wunsch eines - Sterbenden - dir heilig ist,
bewahre mich vor diesen Klagerufen! ... Die Todten - hren noch lange - hren
die Klagen um - ihr - Abscheiden ... Angiolina, auch du vernahmst - den Ruf der
Mutter -! ... Abgerechnet - Stille - Stille - wie im Walde - die Bltter -
rauschen - an unserm - schnen - Strom - Armgart! - Lat - - mich - ...
    Im Hinblick auf Hneneck, Drusenheim und Lindenwerth schien sein Bewutsein
zu erlschen ... Erschpft sank Benno in die Kissen zurck ...
    Bonaventura fragte Armgart, ob sie die Kraft behalten wrde, eine Weile
allein beim Freunde auszuharren, bis er den Vicar schicken wrde ...
    Armgart verneigte bejahend das Haupt ...
    Bonaventura verlie durch die hintere Thr das Zimmer, machte einen Umweg
durch mehrere der Gemcher und kam in den Empfangssaal zu den Aerzten und den
Brdern, die er glcklicherweise allein fand ... Er bedeutete sie, leise und
unbemerkt mit dem Priester und dem Sakrament zum Lager des Kranken zu treten ...
Dann ging er ins Nebenzimmer, aus dem die wildesten Weherufe der Frauen
erschallten ...

                                       8.


Vier Personen traf Bonaventura, die wol die grten Gegenstze der Charaktere
und der ueren Erscheinung bildeten ...
    Olympia, die jetzt Dreiigjhrige, in Reisekleidern ...
    Die Herzogin von Amarillas, eine weihaarige Matrone - redend gegen die
verschlossene Thr, ja an ihr - mit den Ngeln kratzend ...
    Graf Hugo, der die Herzogin von Amarillas, nachdem sie ihm als Angiolinens
Mutter bekannt war, heute zum ersten male sahe ...
    Die reine, nur in der Hoheit ihres Schmerzes strahlende Paula trostspendend
und versuchend die Frauen zu beruhigen ...
    Olympia ging, wie die Lwin im Kfig, auf und nieder ... Schmerz, Reue,
tiefbeleidigter Stolz kmpften in ihren Mienen ... Reue - denn sie hatte seit
einigen Jahren mit Benno in Streit gelebt, hatte ihm, als er ohne sie nach Rom
gegangen war, Lebewohl fr immer gesagt ... Die kleine Gestalt war bewegt von
Athemzgen, die ihr mchtig die Brust hoben ... Ihre seidnen Gewnder rauschten
ganz schrillenden Tones ...
    Die Herzogin, ohnehin von der Reise erschpft, sank zitternd, beengt von den
Umgebungen, auf einen Sessel ... Sie blickte auf den Grafen, auf die Thr ...
Ihr ganzes Benehmen drohte mit einem Ausbruch von Irrsinn ...
    Der Graf mute sich mit Paula beschftigen, die keine Kraft besa, diesen
wilden sdlichen Leidenschaften, denen, wie man deutlich ersah, Benno's Kraft
schon in Paris und London hatte erliegen mssen, lnger die Spitze zu bieten ...
    Noch ahnten die Ankmmlinge nicht die Ablehnung Benno's ... Sie jammerten
nur um die lange Verzgerung, die Vorbereitung des Todkranken auf ihr Erscheinen
... Sie wuten doch, da Armgart von Hlleshoven am Krankenlager war ... Olympia
kannte diese als Benno's Jugendliebe ... Ihre Mienen glichen dem elektrischen
Leuchten eines dunkeln Gewlks, das ein Ungewitter birgt ...
    Als die Herzogin und die Frstin Bonaventura eintreten sahen, strzten sie
auf ihn zu, warfen sich ihm an die Brust, umklammerten sogar sein Knie und
beschworen ihn, sie wissen zu lassen, wie es ihrem Csare erginge ... Sie
wollten den Geliebtesten sehen ...
    Graf Hugo und Paula traten in die vorderen Zimmer ... Sie sahen am Benehmen
des Erzbischofs eine feierliche Bewegung des Ueberlegens, eine ernste
Entschlunahme ... Wohl kannten sie die Strenge, deren sein sonst so mildes
Gemth unter Umstnden fhig war, kannten die ganze Aufrichtigkeit, mit welcher
in solchen Lagen selbst der Schein der Grausamkeit von ihm nicht gescheut wurde
...
    Meine Damen! begann er in italienischer Sprache ... Welches traurige
Wiedersehen! ... Trste Sie wenigstens die Gewiheit, da mein edler Freund in
den Armen von Menschen weilt, die ihn lieben ...
    Mehr, mehr, als wir?! - Als wir?! - Lassen Sie uns zu ihm! riefen beide
Frauen zugleich und wie im Ton der wildesten Eifersucht ...
    Erfllen Sie mir eine Bitte, sprach Bonaventura ... Die Augenblicke des
Geliebten sind gezhlt ...
    Er stirbt? ... riefen beide zugleich und die Mutter brach in ein
krampfhaftes Schluchzen aus ...
    In wenig Stunden ist seine edle Seele hinber ... Lassen Sie ihm die Ruhe -
die jetzt um ihn her waltet ... Eben versieht ihn - die Hand des Priesters ...
    Ohne mich, ohne - sein Weib? - fiel die Frstin ein ...
    Sie konnte nicht ganz ihre Rede vollenden ... Ein strafender Blick traf sie
sowol aus dem Auge des Erzbischofs, wie aus dem des Grafen, der die Thr zuzog
... Dem Grafen war die Wiederbegegnung mit diesen Frauen eine so aufregende, da
Paula jetzt ihn beruhigen mute ... Angiolinens Tod, der Ritt Olympiens durch
den Park von Schlo Salem stand vor seinen Augen ... Die Herzogin war im Casino
damals anfangs seinem Schmerz theilnehmend verbunden gewesen - die Zeit, die
Ueberlegung, die Beurtheilung des Preisgebenknnens ihrer Kinder hatte die
freundliche Stimmung des Grafen von damals verndert ...
    Beruhigen Sie sich beide, sprach der Erzbischof, ich achte die Ansprche,
die Sie auf den letzten Hndedruck des Freundes haben - ...
    Meines Sohnes! verbesserte die Herzogin und richtete ihr Auge auf die Thr,
die zu den nach Benno's Lager auf andrem Wege fhrenden Zimmern offen stand und
jetzt von Bonaventura geschlossen wurde, indem er sprach:
    Nehmen Sie an, Sie htten fr immer von Ihrem Sohne Abschied genommen - ...
    Fr immer -? - riefen beide Frauen und Olympia fgte mit gellender Betonung
hinzu: ...
    Er will uns nicht sehen -? ...
    Bonaventura schwieg ...
    Die Mutter blickte wie geistesabwesend um sich ... Dann schien sie
nachzudenken, welche Empfindungen ihren Sohn zu dieser Erklrung htten
bestimmen knnen ... Endlich raffte sie sich mit leidenschaftlichem Entschlu
auf und wollte an die Thr des Bibliothekzimmers ...
    Der Erzbischof vertrat ihr den Weg und wollte jedes strende Gerusch
verhindern ... Herzogin -! ... sprach er fest und bestimmt ...
    Dann seine Stimme mildernd und auf die der Herzogin sich anschlieende
Olympia blickend, begann er:
    Geben Sie diese Beweisfhrung Ihrer Liebe auf! ... Niemand zweifelt daran!
... Aber der letzte Augenblick eines Sterbenden, sein letzter Wille sei Ihnen
heilig ... Vereinigen Sie Ihre Klagen mit den unsrigen, weinen Sie mit uns -!
... An seinem Bett wacht die Liebe seiner Freunde - ... Lassen Sie ihm die
stille Ruhe des Abschieds vom Leben ... Er entschlft - in Gott ... Er bat nur
um Eines - um - ewige Ruhe ...
    Welche Liebe? wandte sich jetzt Olympia mit einer Miene, als htte sie des
Erzbischofs Worte nicht verstanden ... Meinen Gatten will ich sehen - denn das
ist er -! ...
    Sie rasselte an der Thr, bis Graf Hugo eintrat und ihr nicht endendes Mia
anima! Mio cuore! zu beschwichtigen suchte ...
    Wie aus einer fremden Welt verhallten diese Klagelaute - ohne Echo, ohne ein
Zeichen, da sie drben vernommen und erhrt wurden ...
    Graf Hugo schlo noch die von innen verriegelte Bibliothekthr ab, steckte
den Schlssel zu sich, ging zu Paula zurck und blickte nur im Vorbergehen auf
den Erzbischof, andeutend, ob er nicht besser thte, zu Benno zurckzukehren und
zu versuchen, ihn umzustimmen ...
    Aber Bonaventura stand regungslos ...
    Wir stren die heilige Handlung des Abbate Orsini, sagte er ... Beten knnen
wir auch hier ...
    Olympiens Augen wurden wei vor Zorn ... Ihre Gestalt schien wie von Luft
... Sie schwebte hin und her und murmelte eine Reihe zusammenhangloser Worte,
die dem Erzbischof sehr wohl als Erinnerung an sein Emporkommen und
Verurtheilung seiner Undankbarkeit verstndlich waren ...
    Nichtsdestoweniger wiederholte er: Beten wir! ...
    Drben hrte man die Klingel des Ministranten ... Weihrauchduft durchzog die
Zimmer ...
    Die Herzogin weinte nur noch ...
    Bonaventura sprach ihr mit weicher Stimme:
    Die Seele unseres Freundes ist ebenso krank, wie sein Krper ... Lassen Sie
ihm den letzten Frieden, um den er gebeten ... Mich, einen Priester, bat er, die
Mutter und die ehemalige Freundin selbst dann noch fernzuhalten, wenn sein Auge
gebrochen ist ... Es mu ihm ein heiliger Ernst mit diesen Wnschen sein ...
Kann ich etwas dagegen thun? ... In jener Zeit, wo der Freund nur noch Ihnen und
Italien angehrte, mu er schwer gelitten haben ...
    Wahnsinn! ... Wahnsinn! ... rief Olympia ...
    Sagen Sie: Verklrung und Erhebung vom Irdischen! entgegnete Bonaventura ...
Ein Gericht hat er nicht ber Sie halten wollen, sondern ber sich ... Sie
knnen nicht begreifen, wie sein Leben von Deutschlands heiligen Eichen ausging,
wie die Wipfel der Tannen, unter denen Sie einst betrogen wurden, Herzogin - wir
alle wissen es mit Beschmung - doch ihm die sesten Mrchentrume sangen ...
Anfangs wand er sich knstlich vom Zauber seiner Heimat, seines deutschen
Vaterlandes los und verbitterte knstlich sein Gemth gegen die Welt, in der er
lebte ... Da fand er dann Sie und der knstliche Ha wurde ein scheinbar
natrlicher ... Ihnen, dem Lande seiner Mutter, Ihren Interessen, Ihren
Hoffnungen widmete er sich ganz ... Das wurde zum Fieberbrand, der ihn zuletzt
verzehrte ... Der nordischen Sehnsucht zum Sden ging es immer so ... Nun aber,
nun weht ihn noch einmal die Khle aus den deutschen Eichen an - umgaukeln ihn
die Bilder aus den grnen Tannenwldern der Heimat des Mannes, der ihn erzog,
seines wahren Vaters, des Dechanten - lassen Sie ihm diese letzte Erquickung des
Verlorenseins in seiner deutschen Jugend nach dem heien Sonnenbrand, whrend
Sie drei ja einst - genug zusammen glcklich waren - ...
    Die Zauberei eines Mdchens seh' ich, das ihn in seinen letzten Augenblicken
bestrickt! unterbrach Olympia und ihre Zhne glnzten, wie sie der Wolf im
Anblick seiner Beute wetzt ...
    Lstern Sie nicht, Frstin! sprach Bonaventura voll Unwillen, doch kehrte er
zur Milde zurck und sagte zur Mutter: Reisen Sie mit Gott, Herzogin! ... Sie
haben lange ein Herz besessen, das sich Ihnen opferte ... Wenn dies Herz im
letzten Augenblick umfangen sein will nur von jener Einsamkeit, die den armen
verstoenen Knaben, der sich selbst so oft einen Zigeuner im Leben nannte,
umfing, wenn er an die grnen Wlder zurckdenkt, die Sie verfluchten, weil Ihr
Ehrgeiz dort betrogen wurde, lassen Sie ihm diese Erinnerungen ... Armgart von
Hlleshoven schlo ebenso die Augen seines zweiten Vaters, des Dechanten ... Ich
vermochte nichts gegen einen Wunsch des Freundes, der so fest, so unwiderruflich
fest ausgesprochen wurde - ...
    Die Herzogin weinte und schien sich zu ergeben ... Sie erinnerte sich der
letzten Jahre in London, die unausgesetzt fr Benno nur Qualen geboten hatten -
Olympia hatte wieder angefangen, ihre tyrannische Natur, Eifersucht und jede
Plage geltend zu machen - ... Die Mutter verstand, was Benno gethan, als er
floh, und was er eben that - sie verstand, warum sein schroff gewordener,
verdsterter Sinn so und nicht anders aus dem Leben scheiden wollte ...
    Olympia fhlte die gleiche Berechtigung so harter Strafe, aber sie ergab
sich nicht ... Starr blickte sie zur Erde ... Sie hatte sich allmhlich setzen
mssen ... Ihre Brust kochte vor Rache und Eifersucht ...
    Die Thrnen der Herzogin rhrten den Erzbischof ... Er gedachte der eigenen
Mutter, die nun auch vielleicht bald vom Leben schied und im brechenden Auge das
Gefhl einer groen Schuld zeigen konnte ... Er bemerkte die wiederholt
bittenden Blicke des Grafen, der von Olympiens Klte und ihrem drohenden
Schweigen allmhlich das Schlimmste befrchtete ... Schon hatte er gehrt, da
sie in Verbindung mit Grfin Sarzana stand ... Jetzt mute er sogar der
Terschka'schen Drohungen gedenken ... Bitte! sprach er zum Erzbischof und
deutete an, da man besser thte, den Versuch zu machen, ob sich nicht Benno
umstimmen liee ...
    Wollen Sie mir versprechen, sich ruhig zu verhalten? erwiderte Bonaventura
... Ich will noch einmal an Ihres Sohnes Lager treten ...
    Die Frauen hoben flehend die Hnde, selbst Olympia ...
    Da trat Paula, die inzwischen durch die andre Verbindung der Zimmer in der
Nhe der Sakramentsertheilung geweilt hatte, ihm entgegen und sank weinend in
die einzigen Arme, die sich ihr entgegenstrecken durften - die ihres Gatten ...
Sie sagte mit erstickter Stimme:
    Er ist hinber ...
    Der Ausdruck des Schmerzes bei den beiden Italienerinnen war unverstellt ...
Sie schwiegen eine Weile, wie vom Strahl des Himmels getroffen - und in der That
wie bestraft fr all' die Qual, welche Frauen, unter dem Vorwande der Liebe,
ber die Freiheit des mnnlichen Willens und ein nothwendiges Sichbewutbleiben
seiner Kraft verhngen knnen - ...
    Sie drngten, Benno sehen zu wollen - die Mutter wie eine Irrsinnige - ...
    Bonaventura erinnerte sie, wie oft der Freund von Angiolinens Tod
gesprochen, wie oft er behauptet, die Schwester htte die entsetzliche Scene
zwischen ihm und der Mutter noch hren mssen, die Todten verlieen die Erde
weit langsamer als wir glaubten ... Und eben noch hatte der Freund in diesem
Sinn um die Stille seines Sterbelagers gebeten ... Bonaventura bat die Frauen,
zu bleiben ... Selbst Klagen, selbst Thrnen nicht in seiner Nhe! ... Er htte
dies dem Freunde geloben mssen ...
    Abbate Orsini ging eben mit den Sterbesakramenten an der offengebliebenen
Thr vorber ...
    Der Anblick der Monstranz gebot den verzweifelnden Frauen Ruhe und
Selbstbeherrschung ...
    Bonaventura benutzte diesen Moment, um sich zu entfernen ... Graf Hugo
begleitete ihn ... Es drngte beide an das Lager des todten Freundes ... Beide
durften es Paula berlassen, mit der ihr eigenen Gte des Tons, mit der ihr im
bittersten Leid eigenen Hoheit den zurckbleibenden Frauen Worte des Trostes zu
spenden ...
    Die Frstin sah, da die Herzogin dieser edlen Erscheinung gegenber schon
lange die Fassung verloren hatte, ob sie gleich wute, da diese blonde Deutsche
die Ursache des Bruchs zwischen dem Grafen und Angiolinen war ... Oft, wenn von
ihrem Ritt durch den Park von Schlo Salem als Ursache des Todes Angiolinens
gesprochen wurde, hatte Olympia die Schuld auf diese Grfin und ihr Geld
geworfen ... Jetzt auch sah Olympia allmhlich schon verchtlich zu ihr empor
und sprach zur Herzogin, die auch von den Jahren schon tiefgebeugt schien, ein
Andiamo! nach dem andern; ja als diese mit den Ngeln in ihrem Antlitz whlte,
brauchte sie die kalten Worte: Keine Schwche! ... Die Nhe des nun wirklich
eingetretenen Todes bengstigte im Grunde niemanden mehr als Olympien ... Sie
htte den ehemals heigeliebten Freund vielleicht nicht einmal im Tod betrachten
knnen ... Nichts ist schner, als der Tod! hatte einst die Mutter Benno's
gesagt, als sie zu Angiolinens Leiche trat ... Sie wiederholte dies Wort - ...
Sie kannte aber Olympiens aberglubische Furcht, ergab sich und sagte nun schon,
da sie auch ihrerseits frchtete, dem Anblick zu erliegen ... Die aufgeregt
hin- und hereilenden Bewohner und Diener des Hauses konnten es zuletzt natrlich
finden, da die greise Dame, die zum allgemeinem Staunen die Mutter des
Hingeschiedenen war, langsam die Treppe niederstieg und am Portal in ihren Wagen
sank ... Die Frstin ging der Schluchzenden zur Linken ... Paula begleitete sie
zur Rechten ...
    Auf der Mitte der Stiege waren ihnen noch der Erzbischof und der Graf
nachgekommen und begleiteten sie beide bis zum Portal ... Noch einmal bat
Bonaventura um Vergebung und lud die Frauen ein, in einigen Stunden
wiederzukommen - Graf Hugo trfe Anstalten, dem Geschiedenen einen militrischen
Katafalk zu errichten mit allen kriegerischen Reliquien, die sich noch in
Benno's Gepck vorgefunden htten ... Ohne Zweifel strmte die ganze Stadt
herbei, den rmischen Republikaner zu sehen ... Die Herzogin versprach, in
einigen Stunden zu kommen ...
    Olympia schwieg ... Sie sah sich mit Verachtung und einer vor Zorn
bitterlchelnden Miene um ... Ihre Gedanken schienen abwesend ... Fast war es,
als wollte sie die Menschen messen, die sie sah, und etwa wahrnehmen, bis wie
weit sie an ihnen ihre Rache khlen knnte ...
    Der Graf bot sofort den beiden Scheidenden eine Wohnung in seinem Palais an,
ja er traf in ihrer Gegenwart Anordnungen, sie bis zum Begrbni und noch auf
lngere Zeit wrdig bei sich zu beherbergen ...
    Die Herzogin sah gerhrt und bittend auf Olympien ... ... Diese nickte
gelassen mit dem Kopf und lie zum Hotel fahren ...
    Olympia hatte anders beschlossen ...
    Von den flehentlichsten, ja fuflligen Bitten der Herzogin, da sie beide
wenigstens bis zum Begrbni blieben, erfuhren nur zufllige Lauscher an den
Thren des Hotels ... Trotz Benno's Beistand, trotz der Mittel, die ihr Benno
schon bei seiner Abreise nach Rom lebenslnglich ausgesetzt hatte, war die
Herzogin schon wieder nur die Duenna Olympiens ... Sie hatte gegen diesen wilden
Charakter keine Kraft des Widerstands ...
    Olympia fragte die gebeugte, reuevolle Frau mit durchbohrender Ironie, ob
sie Verlangen trge, Armgart von Hlleshoven kennen zu lernen -? ...
    Alle Welt erstaunte, als sie dann Postpferde bestellte ... Diese kamen nicht
sofort und schon machte sie dem Wirth eine Scene ...
    Ihr Reisewagen fuhr an, sie bezahlte den Aufenthalt dieser wenigen Stunden
und schritt ruhig die Treppe des Hotels nieder an den geffneten, rings von
Menschen umstandenen Schlag ihres Reisewagens ... Die Herzogin kam nicht ...
Olympia lie den Postillon eine Mahnung blasen ... Zehn Minuten und die Herzogin
erschien ...
    Wren die Frauen noch einen Tag geblieben, so htte sich ein Zwiespalt, der,
wie smmtliche ber diese Abreise erstaunten Freunde frchten muten, nicht ohne
Folgen bleiben konnte, durch eine glckliche Vermittlung vielleicht gelst ...
Thiebold de Jonge traf am Morgen nach dem erschtternden Heimgang Benno's ein
und bot eine wahrhafte Erquickung allen trauererfllten Herzen, die er hier
antraf ... Auch der Oberst und Monika waren von Castellungo herbergeeilt, sogar
Hedemann, der dem ersten Jugendleben Benno's so nahe gestanden hatte ...
Thiebold, der in innigster Verbindung mit Benno geblieben war, hatte kaum von
den ersten Opfern der Belagerung Roms an Porta Pancrazio gelesen, als er sich
vom Geschft losri und bei allem Unglck den glcklichen Gedanken hatte,
erst ber Coni und Castellungo zu reisen ... Mit dem ganzen Schmerz der
hingebendsten, treuesten, bis ber den Tod ausdauernden Freundschaft traf er den
Freund schon vom Leben geschieden ... Bebend trat er an den ausgestellten
Leichnam, weinte wie ein Kind - ordnete aber doch sogleich des Freundes graue
Locken mit seiner Linken und drckte mit der Rechten Armgart's Hand, die ihn
gewhren lie ... Fand er von allen gebeugten Herzen den Ton der natrlichen
Ergebung zuerst wieder und konnte, den theuern, mit seinem Leben so innig
verwachsenen Freund betrachtend, mit liebevollster Prosa sagen: Merkwrdig;
eigentlich hat er sich nicht verndert! so konnte er doch sein Er hat mich
erzogen! mit einem Schluchzen sprechen, wie eine mit vierzig Jahren mutterlos
dastehende Waise ... Die Verbindung mit Benno war ungetrbt geblieben; seine
von unermdlichem Hin- und Herreisen begleitete Vermittlerschaft hatte in den
strmischen letzten Lebensjahren des Freundes die uersten Katastrophen zu
verhindern gewut ... Jetzt war alles so gekommen, wie jener Scherz in den
zauberischen Tagen auf Villa Torresani bei Rom nicht ahnen lie und wie er doch,
nach den Regeln der Nemesis, hatte enden mssen ...
    Armgart und Thiebold konnten an Benno's Leiche noch manche Melodie aus alten
Zeiten vernehmen ... Diese Melodieen rissen freilich schmerzlich ab - Durch
wessen Schuld -? lag in Thiebold's Blicken, als er die hohe, so seltsam anders,
als er erwartet, entwickelte Gestalt Armgart's betrachtete und an den
rthselhaften Abschied erinnerte, den sie ihnen beiden einst im Schlo zu
Westerhof - ihres Gelbde wegen - hatte geben knnen ... Jetzt erdrckte ihn
fast eine Art Ehrfurcht vor Armgart's Geist und gereiftem Urtheil ...
    Die Vernderung des tiefbetrbten Lebenskreises wurde die mchtigste, als
Bonaventura unmittelbar nach Benno's Bestattung zu seiner inzwischen in Rom
angekommenen Mutter gerufen wurde und in der That der Graf, trotz aller
Ghrungen seines Innern, erklrte, das Bedrfni zu haben, auch seinerseits den
Prsidenten zu begren und deshalb mit Paula den Erzbischof zu begleiten ...
Monika erglhte ber diese Ausrede, die einer ganz andern Rcksichtsnahme galt,
vor mchtigster Regung einer Entrstung, die sie sich nur gerade jetzt in dieser
allgemeinen Trauerstimmung auszusprechen scheute ...
    Ein Glck, da Thiebold's rege Frsorge fr alle und ber alles wachte ...
Das Begrbni des Freundes, die Ausschmckung des Grabes, das Errichten eines
Denksteins, alles das fiel auf seinen Theil und nichts lie er sich von dem,
was sich ja von selbst verstnde, nehmen ... Er sagte: Auf unserm
gegenseitigen Contocorrent hat Benno noch so viel Saldi und Uebertrge zu gute,
da ich sie in diesem Leben nimmermehr auslschen kann! ...
    Armgart, wie die Sonne am herbstlichen Tag, dankte ihm voll wehmthiger
Freude - so fr sein Kommen wie fr sein lngeres Bleiben - ...

                                       9.


Zwischen dem Ionischen und dem Mittelmeer erstreckt sich die eine Hufeisenhlfte
des sdlichen Italien und berhrt in ihrer Spitze beinahe das Haupt der alten
Trinacria, Siciliens ...
    Die Scheide zwischen beiden Meeren bilden die Auslufe der Apenninen mit den
hohen Bergspitzen des Monte Januario und Monte Calabrese ...
    Zwischen beiden erhebt sich eine bewaldete, hier in schroffe Felsklfte
zerspaltene, dort in grne, weidenreiche, aber engumschlossene Thler sich
absenkende Gebirgskette, der Silaswald ...
    Wer da wei, da man auf dem Aetna, whrend unten die Dattelpalme und Feige
grnt, auf der Hhe von Schneestrmen berfallen werden' kann, begreift, da
zwar auch der benachbarte Silaswald an seinen Fen und an beiden Meeren hin die
ganze Pracht der sdlichen Vegetation entfaltet, auf seinen Hhen aber und in
seinen Schluchten den Alpencharakter der Schweiz tragen mu - schmale, an
reienden Berggewssern hingehende Wege, Thler, die von hohen Felsen umgeben
sind, auf denen Adler horsten, Wlder, an die sich seit Jahrhunderten die Axt
nicht legte, weil die Mittel und die Krfte fehlen, die Stmme in die Ebene zu
fhren ... Oft wirft die Sonne ihre sdlichen Strahlen senkrecht in die feuchten
Felsritzen und lt in ihnen eine tropische Luft entstehen, wie in einem
Treibhause; aber an anderen Stellen pfeift dann wieder durch die offenen Lcken
zwischen den von Zwergeichen umkrnzten Spitzen des Hochgebirgs die Bora so
eisig, da die Hirten ihre ungegerbten Schaffelle, mit denen sie den nackten
Krper bekleiden, ber und ber zusammenbinden mssen wie die Grnlnder ...
Weie spitze Hte decken die schwarzbraunen, scharfgeschnittenen Kpfe mit ihren
dunkelbraunen Augen, deren lange schwarze Wimpern manchen Physiognomieen einen
sanften, gutmthigen Ausdruck geben ... Andere blicken dafr wieder desto wilder
... Die Schaffelle sind am Leib nach innen, an den Fen nach auen gekehrt und
bis zum groben Holzschuh hinunter durch Schnre befestigt ... Ein braunrother
Mantel dient als Decke fr die Nacht oder gegen die zuweilen urschnell
ausbrechenden Gewitter ... Die Thtigkeit der Silaswaldbewohner ist
grtentheils Viehzucht ... Die Ziegen Calabriens, die zu Tausenden an den
schroffen Felsabhngen ihre Nahrung suchen, whrend die Hirten den Dudelsack
blasen oder auf der alten Pansflte vielstimmiges Echo wecken, liefern jene
elegantesten Handschuhe von Paris und Mailand ...
    Wer im Silaswald nicht Ziegen treibt oder fr Schafe und Rinder die fetteren
Weidepltze sucht oder Kohlen brennt, verlegt sich auf das eintrgliche Gewerbe
des Schmuggels, seit uralten Tagen fr dies buchtenreiche Land ein ebenso
berliefertes wie der Raub ... Hier weht die classische Luft, die uns umfngt,
wenn wir von den Thaten des Hercules, der die Landstraen suberte, von Theseus,
von den strengen Gesetzen der Republiken des alten Griechenland lesen ... Von
Osten her weht hellenische Luft, vom Sden sarazenische ... Flibustierthum ist
die eigentliche Lebensbewhrung aller dieser am Meer wohnenden Vlker, die auch
schon deshalb das Leben nicht so ruhig, wie andere, nehmen knnen, weil unter
ihnen der Boden vulkanisch wankt und zu sagen scheint: Was du dir nicht heute
genommen vom Ueberflu der Erde, das verschlingt vielleicht schon morgen der
uralte Neid der Gtter auf unser Menschenglck - ...
    Wenn sich auf einem zweirdrigen, aber menschenberfllten, von einem Pferd
und einem Maulthier zugleich gezogenen Karren, der in Kalkstaub gehllt die
Felsenstrae von Cosenza sich hinaufwindet, die Furcht ausspricht, da auf dem
Wege bis Spezzano der Abend hereinbrechen wrde und mancher seine kleine
Baarschaft an ein mit Flintenlufen untersttztes: Gott gr! hingeben mte, so
hatte sie vollkommene Begrndung ... Nur drfen ebenso die acht Personen, die an
dem zweirdrigen Karren wie Bienen an einem Baumast hngen, dem Impresario der
Gebirgsdiligena, Meister Scagnarello, Recht geben, der die unausgesetzten, bald
liebkosenden, bald drohenden Anstachelungen seiner Thiere mit einem lauten
Lachen unterbrach, als ein Handschuhmacher aus Messina in seinem sicilianischen
Dialekt noch von dem furchtbaren Ruber Giosafat Talarico zu meckern anfing und
vom Scagnarello hren mute:
    Das wit ihr also noch drben nicht, wer euer vornehmer Nachbar geworden
ist? ... Auf Lipari, dicht vor eurer Nase, knnt ihr den Vater Giosafat und
seine ganze Familie wie einen Prtore leben sehen ... Seine Excellenz der
Minister waren selbst von Neapel nach Cosenza gekommen, sprachen ein ernstes
Wort mit dem tapfern Mann und fr achtzehn Ducati monatlich vergngt er sich
jetzt auf der Jagd am Strand der See ... Sie klagen in Cosenza, da seitdem so
wenig wilde Gnse mit dem Sdwest zufliegen ...
    Die Gesellschaft, die auf dem Karren trotz eines Umfangs desselben von nur
acht Fu Lnge und sechs Fu Breite doch in mehreren Stockwerken sa,
ordentlich, dem Preise nach, ein Coup, ein Intrieur und eine Impriale hatte,
ja noch Krbe, Scke und Felleisen in einer wahren Laokoon-Verschlingung
unterzubringen wute, mute besttigen, da Meister Scagnarello vollkommen Recht
hatte ... Nachdem die Regierung in Cosenza damals an einem Tage zwanzig
Insurgenten, die Brder Bandiera an der Spitze, hatte erschieen lassen, mute
sie wol des Blutes fr einige Zeit genug haben ... Del Caretto, gewhnlich der
Henker Neapels genannt, kam nach Cosenza, nahm die Frbitte des Erzbischofs
fr die durch einen glcklichen Zufall gefangene Bande des Giosafat Talarico,
der an Morden und unzhligen Rubereien mit Pasquale Grizzifalcone in der Mark
Ancona wetteifern konnte, in ernste Erwgung und vollzog es wirklich, was der
alte Principe Rucca in Rom und der selige Ceccone nur fr eine erwgenswerthe
Mglichkeit gehalten hatten ... Lipari erhielt den Giosafat zwar nicht als
Brgermeister, wie sich, vor dem Schu des deutschen Mnches Hubertus,
Grizzifalcone von Ascoli getrumt hatte, aber er lebte daselbst freier und
vergnglicher, als Napoleon auf Sanct-Helena ... Mit den achtzehn Ducati hatte
es seine vollkommene Richtigkeit1...
    Darum war es aber im Silaswald noch nicht eben viel geheurer geworden ... In
Cosenza sah man ja hinter den Gittern eines Thurms dieser alten Stadt, wo einst
am Busento Alarich, der Gothenknig, sein geheimnivolles Grab gefunden, genug
halbnackte Gefangene um Almosen betteln und, wenn sie keins erhielten, hinterher
eine hhnische Frazze schneiden ...
    Bis die Diligena Signors Scagnarello in der Nothwendigkeit war, um der
engen Wege willen die Thiere so zu spannen, da sein Maulthier voran, sein
Rlein hinterher ging, war die Zahl seiner Passagiere bedeutend
zusammengeschmolzen ... Der Handschuhmacher traf die Ziegen, die er erhandeln
wollte, schon in Pedaco, dann wollte er sich um den unheimlichen Silaswald herum
nach Rossano auf die groe Ledermesse begeben - ein Mnnlein war's, wie die
feinen Leute dort gehen, in dunkelgrner Jacke, kurzen braunen Beinkleidern,
braunen Strmpfen und schwarzen Kamaschen, mit einem braunen Mantel und einem
weien Hut, so spitz wie ein Zuckerhut, eine rothe Feder darauf, als gehrte
auch er zur Bande des Talarico ... Hinter ihm her wurde vielfach gelacht, auch
von zwei Priestern, die hier in vergnglichster Weise ganz zum Volke gehren und
oft vertrauter mit den Rubern sind, als mit ihren Verfolgern ... Zuletzt blieb
dem Scagnarello von Mnnern nur noch ein Soldat treu, der den Weg von Cosenza zu
Wagen machte, obgleich er zu den berittenen Scharfschtzen gehrte - Sein Pferd
lag hftenlahm, erzhlte er, in Spezzano, einem Oertchen, das sonst keine
Besatzung hatte, heute aber mit Soldaten berfllt war - eine Erscheinung, die
die Passagiere nicht zu sehr berraschte, denn wo waren nicht die Truppen jetzt
nthig, um heute eine Verhaftnahme eines noch aus den kaum beschwichtigten
Strmen der letzten Jahre zurckgebliebenen versteckten Compromittirten
vorzunehmen, morgen eine wiederum drohende neue Conspiration zu ersticken -
Sicilien und Calabrien hatten auch fr ihre politischen Vulkane geheime
Zusammenhnge genug ...
    Auer dem Soldaten blieb auf dem Karren noch eine Frau mit einem Kinde, die
weiter wollte als bis Spezzano und schon seit Cosenza mit Signore Scagnarello in
Unterhandlungen stand, was sie wol zahlen wrde, wenn sie die Diligena noch bis
in die letzte fahrbare Gegend des Gebirges benutzte, bis nach San-Giovanni in
Fiore hinauf ... Eigentlich wollte sie zum Franciscanerkloster San-Firmiano, wo
die hierorts bekannte Welt aufhrte; denn jenseits Firmianos begann die Wildni,
die nur den Rubern, einigen Hirten und den Geistern gehrt, sowol den alten
dorthin gebannten classischen, als welche im Volksglauben besonders noch Cicero
und Virgil spuken, wie den neueren muselmnnischen, besonders seeruberischen,
vorzugsweise dem berchtigten Renegaten Ulusch-Ali und hnlichen Dmonen, die
schon manchen hier in die Hlle abholten ...
    Sechs Uhr war es und doch lag das enge Thal, aus dessen Mitte Spezzano auf
einem hochgelegenen Felsen hervorragte, schon in einiger Dmmerung ... Nur das
Stdtchen selbst oben langte noch in den vollen goldenen Sonnenschein ... Der
Ort war schwer zu erreichen ... Langsam wand sich der Weg auf und ab, oft tief
hinunter ber das brckenlose wilde Rauschen hier des Crates, dort des Busento,
die querdurch vom Wglein mit Sack und Pack passirt werden muten, bald wieder
hinauf in die steilste Hhe, wo es dann einen entzckenden, die Phantasie dieser
Reisenden wenig beschftigenden Fernblick auf das dunkelblaue Meer bis hinber
zu dem Felseneiland Lipari gab ... In den Schluchten war die Vegetation die
ppigste, aber kaum lie sich begreifen, wie sich an den schroffen Abhngen den
Kastanienbumen beikommen lie, um die schweren Lasten, die sie trugen,
abzuernten ...
    In Spezzano, einem Oertchen von einigen hundert Seelen, einem Durcheinander
von Lumpen, Schmutz, von wie Wsche aufgehngten frischgewalzten Nudeln, von
wildwuchernden riesigen Feigenbumen an Schutthaufen alter Castellmauern, fanden
die beiden letzten Passagiere die grte Aufregung durch die Soldaten, die schon
einen Tag hier campirten ... Das rasselte mit langen Sbeln ber die hckerigen
Straen, die fast erklettert werden muten. Die Pferde konnten nur am Zgel
gefhrt werden ... Auer den Reitern gab es ein Detachement Fuschtzen, die zur
Schweizerarmee gehrten - Leute, die nicht eben heiter blickten, da die
militrische Zucht in den Schweizerregimentern von furchtbarer Strenge ist und
die Offiziere gegen die Gemeinen mit einer das deutsche Gemth wahrhaft
verletzenden Unfreundlichkeit verfahren ... ... Fast scheint es, als htten die
in der Schweiz so wenig bedeutenden hhern Ansprche einiger alten
Adelsgeschlechter, besonders in den Urcantonen, durch die militrische
Organisation der Fremdenregimenter sich in Rom und Neapel eine Satisfaction fr
die heimatliche Abschaffung des Mittelalters holen wollen ...
    Was aber mag denn nur vorgehen? fragte jetzt doch Signor Scagnarello, als er
seinen Pepe, das Maulthier, und seine Gallina, das Rlein, ausspannte und ganz
Spezzano zusammenlief, um die wichtigen Begebenheiten des Trnkens, Ftterns,
Verwnschens der Wege, Verwnschens der Fliegen, des Ausscheltens des noch
trinkscheuen Pepe, Schmeichelns der alten geduldigen Gallina lachend und
spottend mit durchzumachen - (in Italien geht das nicht anders und Neapel
scheint vollends die Stammschule aller Possenreier zu sein und trotz der
schnen, edlen, malerischen Gestalten, die berall sich lehnten und kauerten,
den Uebergang vom Affen- zum Menschenthum zu vertreten) ... Was mag nur
vorgehen? rief Scagnarello im Stall ... Die Kopfsteuer haben wir doch schon am
Ersten bezahlt und die Vettern des Talarico - die hoffen ja auch auf ihre
Anstellung beim Zollfach und halten sich ... Das Fest der Madonna von Spezzano
ist erst bermorgen und zu unserer Illumination, seh' ich, hilft von den
Soldaten Keiner, obgleich die Offiziere beim Pfarrer wohnen ... Die Swizzeri
bringen uns nie etwas, sondern holen nur ... Von Spezzano -! ... Unser armes,
frommes Spezzano! ... Bauen sie nicht schon wieder der heiligen Mutter Gottes
einen Triumphbogen und die Bora hat erst zu Maria Ascensione alle Lampen
zerbrochen -! ...
    Von den durch die letzten Abstrafungen revolutionrer Regungen grndlich
abgeschreckten Bewohnern Spezzanos konnte niemand diese starke Einquartierung
begreifen, noch auch von den Soldaten, die ihre eigene Verwendung nicht kannten,
darber eine Aufklrung erhalten ... Ein bunter Kreis bildete sich um das von
Scagnarello gehaltene Gasthaus, die Croce di Malta, wo seine Giacomina die
Militrchargen bewirthete und des Hausherrn Einmischung in ihr Departement nicht
litt ... Die Offiziere hrten dem Handel der von Cosenza mitgekommenen jungen
Frau zu, die, ihr Kindlein im Schose, auf einem verwitterten Steinblock sa und
ihre Weiterreise nach San-Giovanni in Fiore in die Wildni hinein und zwar aufs
lebhafteste errterte ... Alles bewunderte den Muth Scagnarello's, der sich
bereitwillig fand, nach einer einstndigen Rast seines Pepe, noch bis in die
spte Nacht hinaus in die Berge zu fahren. Die alte Gallina besa die Ausdauer
nicht, wie der wilde ohrenspitzende Pepe, dem die Freuden im Torre del Mauro,
dem besten und einzigen Wirthshaus von San-Giovanni in Fiore, so lebhaft von
seinem Herrn geschildert wurden, als mte die ganze auergewhnliche
Unternehmung, die der Frau baare zwei Ducati (Thaler) kostete, erst von seiner
gndigsten Zustimmung abhngen ...
    Die Frau, die sich ihrerseits des freundlichsten Gesprchs der auf guten
Erwerb bedachten Giacomina zu erfreuen hatte, kam aus Nocera, das ber Cosenza
hinaus dicht am Meere liegt ... Sie htte ihrem Kinde zufolge noch jung sein
mssen; aber sie trug schon, wie hier berall die Frauen, die Spuren zeitigen
Verblhens ... Sie war die Frau eines Krmers in Nocera und konnte sich etwas zu
Gute thun auf die Feinheit ihres Hemdes, das mit schnen Spitzen besetzt theils
ber ihr Mieder hinauslugte, theils an den Achseln sichtbar wurde, wo die Aermel
ihres braunen Kleides nur durch Schnre am Leibchen befestigt waren ... Auf dem
Kopf trug sie ein rothgelbes Tuch, das in Ecken gelegt flach am schwarzen
Scheitel auflag und mit seinen Enden, die mit gleichfarbigen Franzen besetzt
waren, an sich gar schelmisch in den Nacken fiel ... Die schwarzen Augen der
sonst schmchtigen und behenden Frau gingen hin und her, schon vor Aufregung
ber die wilde Bewegung in dem sonst so friedfertigen Spezzano ... Ihre kleine
Marietta zappelte bald nach den bunten Lampen, die schon an den Gersten fr das
Madonnenfest hingen, bald nach den bunten Uniformen der Soldaten, von denen
einige Liebkosungen mit ihr wechselten wie Bisch gut? Willsch Rssli reita?
und hnliche deutsche Herzenslaute, die auch keineswegs der Mutter in ihrem Sinn
verloren gingen; denn auch ohne Wrterbuch, und keinesweges nur durch den
Austausch von Blicken und Geberden, verstehen sich in guten Dingen alle Nationen
- nur Ha und Eigennutz hat die Verschiedenheit der Sprachen erfunden ... Durch
den dolmetschenden Beistand der Umstehenden kam es heraus, die Frau war an den
Gewrzkrmer Dionysio Mateucci in Nocera verheirathet, hie ursprnglich Rosalia
Vigo und wollte nach San-Firmiano, wo ihr Bruder im Kloster lebte ...
    Auf diese Mittheilung hin belebten sich Scagnarello's Zge und niemanden
mehr, als dem Pepe wurde nun voll Staunen und Verwunderung die ganze Geschichte
dieser Frau erzhlt ... Die Rosalia Vigo! Die Schwester des ehemaligen Pfarrers
von San-Giovanni in Fiore! ... Das ist nur gut, da Herr Dom Sebastiano (der
Pfarrer von Spezzano) beim Erzbischof in Cosenza ist - denn noch in seiner
letzten Predigt an Mari Ascensione nannte er ihren Bruder einen Unglcklichen,
der im Fegfeuer noch einmal so lange sitzen msse als andere, weil ihm sein
geschorenes Haupt mit heiligem Priesterl gesalbt wre und bekanntlich Oel im
Feuer nicht eben lscht ... Scagnarello war nunmehr auf die interessantesten
Neuigkeiten und noch ein ganz besonders gutes Trinkgeld gefat ...
    Vollends hrte er von der Absicht der Schwester des Pfarrers, ihren
geliebten Bruder wol gar aus San-Firmiano ganz abzuholen und mitzunehmen ... Der
seitwrts schielenden Blicke einiger alten Bettler von Spezzano, des Murmelns
einiger Graubrte, der Bekreuzigungen einiger Matronen, die Hexen nicht
unhnlich sahen, achtete Scagnarello nicht - obgleich er alles zu deuten
verstand und vollkommen wute, wie sehr es eine ganz eigene Bewandtni hatte mit
der Geschichte des Pfarrers von San-Giovanni in Fiore ... Ach, auch Rosalia
Matteucci verstand, warum einige alte Schfer, die in der Nhe standen und den
Soldaten gegenber ihre Flinten, ber ihre Schaffelle hinausragend, mit aller
Keckheit trugen - sie wollten zur Messe nach Rossano - auf ihre groen Hunde
blickten und deren Blsse berhrten, die der Pfarrer von Spezzano mit Weihwasser
besprengt hatte ... Pepe und die Gallina und alle Pferde, Esel und Maulthiere,
alle Hunde und Katzen, berhaupt was nur irgend mit dem Menschen hier in nherem
Umgang lebte - das wilde Heer des nchsten Umgangs der Flhe u.s.w. ausgenommen
- hat in Italien durch Priesters Hand die Heiligung empfangen2...
    Mit dem allgemeinen, die junge Frau mehr beschmenden, als erhebenden Rufe:
Das ist die Rosalia Vigo! Die Schwester des Pfarrers von San-Giovanni in Fiore!
fuhr die Schweigsame und nun recht in Gedanken Verlorene endlich nach sieben Uhr
aus dem noch hellsonnigen Spezzano in die schon dunkeln Felsenschluchten nieder
... Schauerlich durfte es ihr erklingen, als am Fu des Felsens, auf dem
Spezzano liegt, ein Schweinehirt, der dem auf dem zerbrckelten Gestein des
Weges hin- und hergeschleuderten Karren Platz machte, ihr einen Willkommen
kommen und Abschied auf einer riesigen Meermuschel blies ...
    Scagnarello offenbarte im Fahren dem Hirten, der ihnen folgen konnte -
sogleich ging es wieder bergauf - sein abenteuerliches Unternehmen, noch in die
lichte Mondnacht hinaus bis in den Torre del Mauro von San-Giovanni fahren zu
wollen ... Rhmte er sich auch nicht, mitzutheilen, was er damit verdiente, so
schilderte er doch die Fahrt als eine, die sich schon allein durch die guten
Leute von San-Giovanni belohne ... Im Grunde alles nur, um die vollere
Zustimmung des Pepe zu gewinnen, dessen beide Ohren an dem furchtbaren Klange
der Muschel einen musikalischen Genu empfunden haben muten; Pepe schlich, wie
in sehnsuchtsvolle Gedanken verloren ...
    Auch Rosalia blieb nachdenklich ... Ohnehin an Unterhaltung durch den Lrm
der rauschenden Gewsser, die wieder ohne Brcken zu passiren waren, gehindert,
begann sie ihre Marietta in Schlummer zu singen ... Sie brachte dies zu Stande
nicht etwa durch ein heiteres Wiegenlied, sondern durch einen einzigen, lang
gehaltenen Ton in A ... Diesen setzt die italienische Mutter so lange endlos
fort, bis ihr Kindchen einschlft ... Eine Melodie wrd' es ja wach erhalten -
...
    Auch Scagnarello rief seinem Pepe unausgesetzt ein Wort, das freilich im
Gegentheil ein Wachbleiben und muntres Traben hervorrufen sollte: Maccaroni! ...
Der Neapolitaner legt dabei den Ton auf die letzte Silbe ... Soll es dem
Zugthier die Hoffnung erwecken, am erreichten Ziel seines Fhrers
Lieblingsspeise theilen zu drfen, oder ist es noch ein alter Rest der hier
einst blich gewesenen Griechensprache, wo Makarie! ein Schmeichelwort war, wie:
Du altes gutes Haus! -? Gleichviel, Pepe that sein Mglichstes ... An die
Stelle der Liebkosungen traten freilich auch zuweilen die in Italien blichen
energischen Peitschenhiebe ...
    Zur Linken sah man nach einer Stunde nichts mehr, als einen Wald von
riesigen Farrenkrutern, die sich zum Ufer des auf dem Gebirgskamm
entspringenden Neto niederzogen ... Zur Rechten starrte die schroffe Felswand
... Jenseits der Anhhe leuchteten noch in der Sonne die Kronen eines
Buchenwaldes, die dann jede weitere Aussicht versperrten ...
    Miracolo! ... begann jetzt Scagnarello; ihr sagt, Euer Bruder wrde
San-Firmiano verlassen knnen und wieder nach San-Giovanni in seine Pfarre
kommen, die er vor zehn Jahren - der Aermste -! - hat verlieren mssen? Warum
doch? ...
    Die Frau unterbrach ihr Singen und mute die kleine Marietta aufheben, die
sich noch nicht ganz wollte zum Schlafen bndigen lassen ...
    Ihr glaubt, sagte sie, auf eine solche Pfarre, wo die Birnen aus nichts, als
kleinen Steinen bestehen? ... Nein, ich glaube nicht, da in San-Giovanni auch
jetzt noch ein anderer Wein wchst, als den zu meiner Zeit kaum die Ziegen
getrunken htten ... Signore! Nein! ... Seine Excellenza hat mir eine bessere
Hoffnung gemacht ... Mein Bruder wird Pfarrer zu San-Spiridion in Nocera ...
    Ho! Habt ihr Euch nicht versprochen, Frau? brach Scagnarello in Erstaunen
aus und Pepe benutzte ein Sichumwenden seines Herrn, um sogleich still zu halten
... San-Spiridion in Nocera? ... Da tauscht er ja mit keinem Erzbischof drben
in Sicilien ... Dies setzte er mit einem Avanti! und einem tchtigen
Peitschenhieb hinzu ... Freilich - in Sicilien hab' ich ein Kloster gekannt, wo
die Brder verhungerten, wenn sie nicht abends mit der Flinte aufpaten, ob
Englnder vom Aetna kamen ... Aber in Nocera soll Euer Bruder Pfarrer werden!
...
    Scagnarello war gutmthig genug, seine Meinung: Ich dachte, da ihm sowol
im Jenseits, wie schon hienieden die ewige Verdammni bestimmt ist - nicht
auszusprechen ...
    Bei San-Gennaro! sagte die Schwester Paolo Vigo's; ich dchte, da er sich
diese Auszeichnung redlich erworben hat ... Zehn Jahre hat er ben mssen und
die Heiligkeit ist er selbst geworden ...
    Wit Ihr fr ganz gewi, da sie ihn losgeben? uerte Scagnarello mit
bescheidenem Zweifel und der giftigen Rede des Pfarrers von Spezzano gedenkend
...
    Der heilige Erzbischof von Cosenza, fuhr die Frau fort und reichte ihrem
mildurtheilenden Fhrer, der die schlimmen Ansichten der brigen Bewohner von
Spezzano gegen ihren Bruder nicht zu theilen schien, eine Flasche Wein aus einem
ihr zu Fen stehenden groen Korbe, der mindestens auf eine Woche mit all' den
Dingen versehen war, die man, nach ihrer Erfahrung, hinter San-Giovanni in Fiore
nicht mehr als in der Welt auch nur gekannt vorauszusetzen berechtigt war - der
heilige Erzbischof von Cosenza, sagte sie zuversichtlich, hat es noch gestern
betheuert ... Ich bin dreimal von Nocera herbergekommen und jedes mal war der
heilige Herr liebreicher und gndiger mit mir ... Alles hab' ich ihm erzhlt,
warum mein Bruder ins Unglck gekommen ist - ...
    Redet nur nicht davon! ... unterbrach sie jetzt Scagnarello mit einigem
Schaudern, die Flasche zurckgebend, aus der er einen krftigen Zug gethan hatte
... Der Trunk hatte, schien es, sein Gedchtni gestrkt, das ihm anfangs
versagte, als es sich um den Gewinn von zwei Ducati handelte ...
    Rosalia Mateucci nahm die Flasche, stellte sie wieder in den Korb und
schwieg in der That ... Sie verstand vollkommen, da es gewisse unheimliche
Dinge im Leben ihres Bruders gab, von denen man in solcher Abenddmmerung und in
der stillen Gebirgswildni nicht sprechen soll ... Ohnehin galt der Silaswald
fr verzaubert ... Es ist dies die Ruhesttte, wo noch immer der groe Pan
schlft ... In Abenddmmerung begegnen uns hier noch Satyrn mit Bocksfen und
Hrnern genug, sehen aus den Bumen noch nickende langhaarige Dryaden, ertnt
oft noch ein schrilles Lachen in der Luft und niemand wei, wo all die
vergessenen Schelmerein des Alterthums am Tage sich versteckt halten; des Nachts
sind sie da ...
    Rosalia Mateucci begann wieder ihr Wiegenlied ...
    Die Sonne war hher und hher an die Buchengipfel gestiegen und endlich ganz
verschwunden ... Schon hatte der Mond sich in dem weiteren Himmel, der auf kurze
Zeit jetzt zur Rechten sichtbar wurde, mit silbernem Glanze gezeigt ... Die
Strae, die eigentlich nur ein jetzt ausgetrocknetes Flubett war, zwngte sich
durch zwei Felsen, die sich so nahe standen, da sie oberhalb, einige hundert
Fu hher, durch eine Brcke htten verbunden werden knnen ...
    Scagnarello wute nun allmhlich im vollen Zusammenhang, da seine
Passagierin Rosalia Vigo, die jngste Schwester ihres Bruders Paolo Vigo war,
der in Neapel Theologie studirt hatte und doch nur die rmste Pfarre der Welt,
zu San-Giovanni in Fiore im Silaswalde, gewann ... Ein feuriger, muthiger,
wissensdurstiger Jngling, hatte er aber diese Pfarre bereitwilligst angetreten,
weil sie mit einer Aufsicht ber das naheliegende Kloster San-Firmiano, eine Art
geistlicher Strafanstalt, verbunden war; andererseits weil das Innere des
theilweise unzugnglichen Silaswaldes noch von Ketzern bewohnt sein sollte,
welche sich aus urltesten Zeiten dort erhalten haben und mit zerstreuten
Anhngern in Verbindung standen, die an gewissen Tagen, auf nur ihnen bekannten
Wegen, dort zusammenkamen3... Seinem jugendlichen Glaubenseifer hatte sich die
Bekmpfung und Ausrottung dieser Secte gerade empfohlen ... Die Ketzer trieben
Zauberei, besonders mit Hlfe der Bibel ... Da erfuhr dann aber alle Welt, da
im Gegentheil auch Paolo Vigo pltzlich von ihnen verwirrt wurde, die Bibel auf
die Kanzel von San-Giovanni mitbrachte und auf Denunciation des Pfarrers von
Spezzano suspendirt, ja nunmehr selbst in jenes Kloster der Pnitenten verwiesen
wurde, wo er hatte erziehen und bessern wollen ... Der Guardian dieses Klosters
mute in San-Giovanni solange die Messen bernehmen, whrend die brigen
pfarramtlichen Handlungen von Spezzano aus verrichtet wurden ...
    Rosalia Mateucci wute gegen die Auffassung des Pfarrers von Spezzano und
des Signor Scagnarello ber ihren Bruder an sich nichts einzuwenden ... Doch
behauptete sie, da ihr Bruder, wenn auch eine Zeit lang von Zauberern
verblendet, doch nie im Stande gewesen wre, in die unkatholischen Greuel mit
einzustimmen ... Da Paolo Vigo beschuldigt wurde, vorzugsweise gegen Einen, den
auch Scagnarello vollkommen als einen gefrchteten Hexenmeister kannte,
Nachsicht gebt zu haben - das alles lie sich nicht wegleugnen ... Auch nicht
die haarstrubende Geschichte von einem feuerschnaubenden, geradezu aus der
Hlle gekommenen Hunde, welcher auf dem Markt von San-Giovanni in Fiore einst
laut geredet und die Seele des Pfarrers in seine Gewalt zu bekommen begehrt
haben sollte, obgleich derselbe ihn dann mit eigener Hand todtscho ...
Scagnarello wute das alles und sagte beim Anstreifen an diese unheimlichen
Erinnerungen: Bitte! Bitte! - fragte aber doch, ob sich die Frau noch des
Skeletts erinnerte, das dazumal ihren Bruder um den Tod des hllischen Hundes so
in Harnisch gebracht htte? ...
    Des Fr Hubertus! sagte die Frau mit einem halb beklommenen, halb freudigen
Tone ... Er lebt noch ... Ich wei es ja -! ...
    An seinen Knochen kann man zwar von Fleisch kein Pfund mehr zhlen!
entgegnete Scagnarello, aber - gewi lebt er noch - und ich will Euch nur
gestehen - ich hatte mich nicht heute Nacht noch in den Wald gewagt, knnten wir
nicht hoffen, noch den Bruder Hubertus einzuholen ...
    Heilige Mutter Gottes! rief die Frau freudig erregt und wagte die
gefhrlichste Stellung von der Welt in Scagnarello's zweirdrigem Karren. Sie
stand auf, hielt ihre schlafende Marietta mit Gefahr, selbst berzustrzen, im
Arm und reckte sphend den Hals in die Weite ... Saht Ihr denn den Fr Hubertus?
rief sie und lugte in die dunkle Ferne ...
    Beruhigt Euch! sprach Scagnarello und bezog diese Aufregung misverstndlich
auf eine Anwandlung von Furcht ... Wenn ich meiner Frau, meinen Kindern und dem
Pepe zugemuthet habe, mich bis Mitternacht noch auf die Strae zwischen Spezzano
und San-Gio hinauszulassen, so ist es, aufrichtig gesagt, geschehen, weil ich
hrte, da Fr Hubertus uns ein paar hundert Schritte voraus ist ... Denn was
der Frate nun auch sein mag, ob ein Russe oder von Geburt ein Trke, wir alle
haben ihn hier anfangs gleichfalls fr den leibhaftigen Boten der Hlle gehalten
- ja da erst gar, als er den fremden Mann nicht weit von hier in den Neto
gestoen -! ...
    Ich bitte Euch! ... sagte die Frau sich niedersetzend ...
    Aber habt darum keine Furcht! fuhr Scagnarello fort ... Holen wir den Bruder
ein, so haben wir mit ihm ein Regiment Soldaten ... Der Pfarrer von Spezzano, im
Vertrauen gesagt, mag ihn noch jetzt nicht - aber darum hat der Bruder, der
soeben in Neapel war, doch hohe Gnner und Beschtzer und, was seine
Leibeskrfte anlangt, so kenn' ich manchen, der ihm noch jetzt abends aus dem
Wege geht - ...
    Er war in Neapel - Und ist zurck! ... Ich wei es ja - wei alles - ...
rief Rosalia freudig und verstummte dann. Letzteres zum Aerger Scagnarello's ...
Er merkte, da es etwas ganz Neues aus dem Leben seiner Passagierin zu erfahren
gab ... Diese wich seinen Fragen aus und versank in eine wehmthige Stimmung ...
    Es knpften sich ihr aus der Zeit, wo sie vor Jahren ihres Bruders
Wirthschaft in San-Giovanni gefhrt hatte, an diesen Bruder mit dem Todtenkopf
Erinnerungen voll Schrecken ... Ihr Bruder Paolo hatte lange liebevoll fr die
Seinigen gesorgt, hatte ihnen jede Ersparni nach Salerno, wo sie her waren,
geschickt, hatte, der gute Sohn, die Gebhren seiner ersten Messen nur seiner
Mutter verehrt ... Zwei Jahre war sie dann bei ihm im Silaswalde gewesen und
hatte das Ihrige gethan, ihm einen so traurigen Aufenthalt einigermaen
ertrglich zu machen ... Aber Paolo Vigo verfiel in Melancholie, zumal durch die
Nhe des Klosters San-Firmiano selbst ... Seinem Gemth mute es schmerzlich
sein, so viel verabscheuungswrdige Priester kennen zu lernen, die in jenem in
Felsen eingezwngten, eine melancholische Aussicht in eine dstere Waldgegend
bietenden Kloster leben muten ... Auerdem lebten hier alle ehrlichen Leute
damals im Kampf mit Giosafat Talarico ... Die Ruber der Abruzzen, die Genossen
des Grizzifalcone, standen mit denen Calabriens in einem Schutz- und
Trutzbndni und bedrohten unausgesetzt die Sicherheit der Einsamwohnenden ...
Schon waren aus dem Kirchlein in San-Giovanni die heiligen Gerthschaften des
Opferdienstes gestohlen worden ... Kein Wunder, da der Pfarrer sich mit Waffen
versah und zu jeder Zeit eine geladene Flinte ber seinem Bett hngen hatte ...
Nun geschah es aber eines Tages, da die Bewohner von San-Giovanni in der
grten Aufregung durcheinander rannten, auf dem Marktplatz, dicht vorm Fenster
des Pfarrers auseinander flohen und sich in ihren Husern versteckten ...
Rosalia und ihr Bruder traten ans Fenster und erkundigten sich nach dem Grund
des lauten Geschreis ... Da hie es, im Orte wr' ein toller Hund ... Vom
Fenster aus erblickte man in der That ein wandelndes Thiergerippe, die Zunge
lang aus dem Munde hngend, die Haare borstig aufwrts gebumt - es war ein
Hund, der einem verhungerten Wolfe glich ... Kaum konnte das entsetzliche Thier
sich aufrecht erhalten ... Schon knickte es zusammen und taumelte dann wieder
wildschnappend auf, bis es aufs neue zusammensank ... Der Pfarrer erwies den
Bewohnern von San-Giovanni die Wohlthat, in rascher Regung die Flinte zu
ergreifen, abzudrcken und das Ungethm niederzuschieen ... Und eben die Folgen
dieser raschen That waren die seltsamsten ... Sie lagen in Schleier gehllt,
endeten aber damit, da Rosalia's Bruder oft tagelang abwesend war, mit dem
Bruder Hubertus gesehen wurde, sogar einen Ziegenhirten in San-Giovanni, der
schon seit lange fr einen Ketzer galt, an seinen Tisch nahm, zuletzt mit der
Bibel auf der Kanzel erschien und in einer Weise predigte, die einen so groen
Ansto erregte, da ihn sein Dicesanbischof suspendiren mute ... Man lie ihn
bis auf Weiteres im nahgelegenen Kloster wohnen und verbot ihm seine kirchlichen
Functionen und Reden ... Aus dieser provisorischen Maregel wurde ein Zustand,
welcher Jahre dauerte und nicht mehr enden zu wollen schien ... Die Stolgebhren
von San-Giovanni behagten auch dem Dom Sebastiano von Spezzano ...
    Scagnarello war durch die Hoffnung, bald den riesenstarken Bruder Todtenkopf
einzuholen, so ermuthigt, da er, trotz der schauerlichen Einsamkeit, wagte, auf
alle diese unheimlichen Dinge anzuspielen ... Es ist eine Pflicht unserer
Seelenhirten, sagte er nach einer Betrachtung ber feurige Hunde, die sich
fters hier den Schfern nchtlich zugesellen, fr das geistige und leibliche
Wohl der Ihrigen zu sorgen ... Der Pfarrer in Spezzano ist gewi ein Santo, aber
auch er heilt die Krpfe und kann Geister bannen ... Meinen Pepe da hat er mit
allen Weihen versehen ...
    Rosalia Mateucci hatte das Thema des verhngnivollen Hundes verlassen ...
Scagnarello richtete jedoch mit umsphender Miene an sie die Frage:
    Frau - noch seh' ich den Bruder Franciscaner nicht - sagt: Ist es wahr, hat
der den Hund ganz feierlich begraben -? ...
    Kaum war das aus der Hlle gekommene Thier, erzhlte sie, gefallen, so kam,
wie wir damals glaubten, ein Abgesandter des Satans, der die ihm verfallene
unreine Seele abholen sollte ... Auf dem Platz erschien ein langer hagerer Mnch
mit einem Todtenkopf, der, wie die Magd erzhlte, im Kloster Firmiano vor kurzem
erst Herberge gefunden hatte ... Die Kinder liefen ihm aus dem Wege - eine
Sprache hatte er, wie unser Truthahn, wenn ich mein rothes Kleid anziehe ...
    Das alles hat sich gendert! unterbrach Scagnarello ... Jetzt frchten ihn
nur noch die Leute mit zu langen Flinten und besonders der Schmied von Spezzano
... Denn ein Hufeisen bricht er wie trockene Nudeln entzwei, wenn die Arbeit
schlecht ist ... Gule heilt er, die schon unter den Galgen kommen sollten ...
Talarico! Der bekam Angst vor ihm, als er hrte, da das der Frate war, der in
Rom dem Grizzifalcone den Garaus gemacht ... Nun, bei San-Firmiano! Der heilige
Vater hat ihn auch gewi nur hergeschickt, da er's dem Giosafat ebenso machen
sollte ... Signora, ich hrte aber doch - mit dem Hund hatt' es Dinge auf sich,
die einen guten Christen um die Absolution bringen knnen ... Andere meinen, der
Alte mit dem Todtenkopf hat wenigstens seitdem nichts mehr mit der Hlle ... Ein
Heiliger ist's geworden, wie nur der Erzbischof von Cosenza auch - und - Euer,
unter uns gesagt, vortrefflicher Bruder - ...
    In voller Glckseligkeit ber diese Anerkennung sagte Rosalia:
    Ja, Signor! ... Ich glaube es fr gewi, da Fr Hubertus sich zu Gott
gebessert hat ... Gerade von ihm hat mir der heiligste Erzbischof von Cosenza
gesagt: Geht getrost, liebe Frau! Bis Ihr in San-Giovanni in Fiore seid, ist Fr
Hubertus von Neapel zurck gekehrt ... Und nun ist er da ... Und ich denke doch,
es mu alles gut werden ...
    Scagnarello erhielt noch einmal die Flasche, leerte sie und lobte sehr den
Wein von Nocera ...
    Auf seine Frage, was nur der Todtenkopf in Neapel gethan htte, erhielt er
die Antwort:
    Der heilige Erzbischof schickte ihn nach Neapel, um sein Begehren beim
rechten Mann vorzubringen ...
    Beim rechten Mann? ... wiederholte der Kutscher ... Und welches Begehren -
...
    Da die Bewohner von San-Firmiano nicht mehr - wie die Canarienvgel von
Cosenza gehalten werden ... Sind sie denn nicht alle Santi geworden? Hat mein
Bruder sie nicht bekehrt? Hat der Todtenkopf ihnen nicht allen die Schrecken der
Hlle zu Gemth gefhrt, die er so gut kannte -? ... Ich sage Euch, bis nach
Nocera hin steht das Kloster im Geruch der Heiligkeit -! ...
    Scagnarello wute vollkommen, da unter den Canarienvgeln die
gelbgekleideten Galerenstrflinge zu verstehen sind, die in Neapel ffentlich im
Dienst der Straen- und Hafenpolizei arbeiten mssen ... Auch ber die gute
Auffhrung der Bewohner von San-Firmiano herrschte, nur Eine Stimme und Alle
wuten, da Dom Sebastiano darber nicht reden konnte, ohne so zornig zu werden
wie ein Puterhahn ... Nach einer seiner letzten Predigten gab es Tugenden, die
blos vom Teufel kmen - ... Doch war Scagnarello vorsichtig und hielt seine
Meinung zurck ...
    Die Einsamkeit, welche dann und wann nur vom Gru eines Hirten oder eines
mhsam ausbiegenden Eseltreibers unterbrochen wurde, hrte bei Annherung an
San-Giovanni auf ... Es wurde lebhafter rings im Gebirge ... Zwar war die Nacht
nun ganz hereingebrochen, Nebel stiegen auf, welche die Feuchtigkeit der Luft so
vermehrten, da Scagnarello und Rosalia ihre braunen Mntel bernahmen; der
mondscheinblaue Luft- und Nebelhauch gab den grnen Waldabhngen, den einzelnen
Wiesenteppichen eine geisterhafte Beleuchtung; aber, wo der Strom der Gewsser
am Wege nicht zu rauschend strzte, da hrte man deutlich und von mannichfachem
Echo weitergetragen, das Locken und Rufen der Hirten an ihre Heerden, die zur
Nachtruhe unter den mchtigen Eichen sich lagerten, hrte das Blasen einer
einsamen Schalmei oder an einer andern Stelle das unaufhaltsame und
unerschpfliche Lungen voraussetzende Schnurren eines Dudelsacks ... Jagdschsse
erschollen sogar zuweilen dicht ber den Huptern der Gefhrten und machten den
Pepe stutzig und unterbrachen dann die Reise durch ein Intermezzo von
Apostrophen, die Scagnarello an die Vernunft des Thieres richtete ... Tchtige
Peitschenhiebe untersttzten die Beweiskraft ...
    Um ein verhltnimiges Stck war man schon ganz in die Nhe San-Giovannis
gekommen ... Rosalia erkannte die Gegend ... Die mit Frchten berladenen
Kastanienbume, die zuweilen am Wege standen, rauschten ihr wie mit vertrautem
Gru ... Dort stand ein altes Gemuer, das der urltesten Zeit
Gro-Griechenlands angehrte ... Der Mond schien durch die zerklfteten Fenster
... Sie kannte jeden dieser, bald als Aufbewahrungsort des frischgemhten Heus,
bald als Versammlungsort der Hirten bei Unwettern benutzten Orte ... Ihr Herz
wurde ihr immer frohbanger und zagendhoffnungsvoller ...
    Scagnarello erzhlte jetzt von einem Stein, an welchem sie bald angekommen
sein mten, wo Fr Hubertus vor Jahren mit jenen zwei Mnnern gerungen htte,
die im Silaswald umirrten und die Freimaurer, welche spter in Cosenza
erschossen wurden - die Bandiera und ihre Genossen - verrathen wollten ... Denen
begegnete dort oben am Kreuz, erzhlte er, der Bruder mit dem Todtenkopf,
redete den einen, den er kannte, in fremder, ich glaube russischer Sprache an
und warf ihn jhlings von oben da am Kreuz hinunter in den Neto ...
    Die Brgersfrau von Nocera, die sich auf Betrieb des Bruders vortheilhaft
mit einem Verwandten verheirathet hatte, war in diesen Ereignissen bewandert ...
Sie konnte lesen und schreiben und fhrte ihrem Mann sein Hauptbuch ... Was im
Silaswald vorging, hatte sie seit Jahren um des geliebten Bruders willen mit dem
grten Interesse verfolgt ... Lebhaft stand ihr in Erinnerung, wie man sich
damals gewundert, warum der fremde Mnch, ein Sohn des heiligen Franciscus,
wiederum auch fr diese wilde That so heil und ungestraft davonkam ... Diesmal
wie bei Gelegenheit der immerhin bedenklichen Todesart des Grizzifalcone ...
Rosalia sprach noch jetzt dies Erstaunen nach ...
    Er hat gute Freunde, sagte Scagnarello ... Er hat sie da, wo sie am meisten
ntzen knnen - in Rom ... Und wenn man Rom hat, hat man Neapel ... Damals, als
der Freimaurer in den Neto flog, sah und hrte man lange nichts mehr vom Fr
Hubertus ... Mit Einem mal war er wieder da und der Sindico von Spezzano zog den
Hut vor ihm ab ... Htte der Bruder die Weihen, er wre lngst in San-Firmiano
Guardian ...
    Rosalia kannte alles das und schwieg, in Hoffnung auf die Geltendmachung
eines so groen Einflusses in Neapel ...
    Nach einer Weile fragte Scagnarello:
    Signora - wart ihr denn auch schon dazumal an - den - ich meine, an den
Bluteichen -? ...
    Die Frau erschrak ber diese Frage und schwieg ...
    Ich meine, habt Ihr ihn nie gesehen? fuhr Scagnarello leise und lchelnd
fort ...
    Die Frau wute vollkommen, was und wen Scagnarello mit seiner Frage meinte
...
    Hm! Hm! rusperte er sich und fuhrt fort: Ich mcht' es, bei San-Gennaro,
auch einmal wagen und ihn besuchen ... Nur um die Nummern zu hren, die ich im
Lotto spielen soll ... Da war ein Mann von Cotrone - wit Ihr, was er dem gesagt
hat, als der die nchsten Nummern hren wollte, die herauskommen -? ...
    Er sollte arbeiten und auf Gott vertrauen -? ... antwortete Rosalia ...
    Nein, entgegnete Scagnarello - Das kann sich Jeder selbst sagen -! Dem Mann
von Cotrone hat er gesagt: Wer gab dir frher deine Nummern? ... Der Pfarrer
von San-Geminiano in Cotrone! ... Kamen sie heraus? ... Nein! Auch die auf den
Namen Mari nicht! ... Warum nicht auf den Namen Mari? ... Der Pfarrer
rechnete die Nummern nach den Buchstaben aus - M. war 12. Sie kamen aber nicht
heraus ... Ich verstehe! Kannst du lesen? ... Nein! ... Auch nicht das ABC?
... Nein! ... Im Namen Maria kommt zweimal A vor - das gab zweimal 1 ... Da
nahm der Pfarrer fr das zweite 1 das Doppelte; manchmal das Dreifache; so hab'
ich zehn Jahre auf Maria und die Heiligen gesetzt, aber nicht mehr gewonnen, als
ausreichte, um den Pfarrer zu bezahlen - ... - ... Der Pfarrer lie sich
bezahlen? ... Ich bezahlte die Messen, die meine Todten aus dem Feuer
erlsten! ... Nun, mein Sohn, sagte der Alte von den Bluteichen, so nimm einmal
den Namen Jesus! Siehst du, das sind auch fnf Buchstaben, auch fnf Zahlen
und die letzte nimm dann gleichfalls doppelt - 9. 5. 18. 20. 36 ... - So hab'
ich sie behalten -! unterbrach sich Scagnarello - Gewinnst du, sagte der
Hexenmeister, dann danke deinem Erlser durch gute Anwendung des Geldes!
Verlierst du aber, so nimm an, da er dir eine christliche Lehre geben wollte
und dich blos durch deine Arbeit reich machen wird! ... Der Mann aus Cotrone
spielte und gewann - eine Terne; es ist auch so ein ganz reicher Mann ... Das
Ding sprach sich aus; alles setzte auf den Namen Jesus; es hat aber keinem mehr
so glcken wollen, wie dem Mann aus Cotrone ...
    Rosalia seufzte ber diese Zaubereien und sann ber Scagnarello's Aeuerung,
da der Mann von Cotrone wol noch eine besondere Anweisung bei diesem
kabbalistischen Spiel des Einsiedlers von den Bluteichen hinzu empfangen haben
mte ... Sie hatte die vollkommene Geneigtheit, dieser Meinung zuzustimmen ...
Zuletzt bat sie ihn beim Blut des heiligen Januarius, von solchen durch die
Hlle angerathenen Lottonummern, auch von den Bluteichen, von den nchtlichen
Versammlungen, welche dort die Geister hielten, besonders aber von dem
erschossenen feurigen Hunde und den blutigen Thaten des Bruders Hubertus zu
schweigen und auf eine baldige glckliche Ankunft in San-Giovanni zu hoffen ...
    Nach einer halben Stunde, welche Scagnarello im schmollenden Gesprch mit
Pepe und zuletzt mit Klagen ber die theuere Zeit und die von der Hitze
versengte zweite Heuernte zubrachte - letzteres im Interesse eines erhhten
Trinkgeldes - deutete er mit der Peitsche auf einen im Mondlicht grell
beleuchteten Gegenstand an demselben Wege, welchen sie fuhren ...
    Schon lange hatte auch schon Rosalia ihr Auge auf diesen Punkt gerichtet und
fragte jetzt:
    Seht Ihr denn da etwas, Signor? ...
    Es ist - so wahr ich Napoleone heie - endlich der braune Bruder ... Ich
wette um meinen Pepe - er ist's ...
    Sein Maccaroni wurde jetzt wacker durch die Peitsche untersttzt ...
    Die Frau konnte nicht umhin anzuerkennen, da Scagnarello's Vermuthung ber
einen an einem hlzernen Kreuz auf einem Stein sitzenden Mnch
Wahrscheinlichkeit fr sich hatte ... Die braune Kapuze war halb
niedergeschlagen; so schwarz und starr konnte darunter hervor nur ein Kopf
lugen, der so gut wie keiner war oder wenigstens nur dasjenige, was brigbleibt
wenn von einem Kopf Haare und Fleisch weggenommen werden ...
    Scagnarello, jetzt vollends ermuthigt und sogar von dem hinter den Felsen
her immer heller und heller lutenden Glockenthurm von San-Gio schon angenehm
berrascht, schwang seine Peitsche und gab der hochgespannten Frau, die
glcklich war, schon jetzt dem Manne zu begegnen, welcher die gute Kunde aus
Neapel nach San-Firmiano bringen sollte, jede trstliche Versicherung ...
    Ein Franciscaner, in Sandalen, mit brauner Kutte, den weien wollenen Strick
um die magere Hfte, sa in der That auf dem Stein am Wege ... Es war Fr
Hubertus ... Er sa am Gedchtnikreuz des von ihm vor Jahren hier in den
brausenden Neto geschleuderten Jn Picard ... Als er die Klingel des Pepe hrte,
stand er auf und ging frba ... Er schien keine Neigung zu haben, auf eine
versptete Equipage zu warten und sich in seinen wahrscheinlich dster
angeregten Empfindungen stren zu lassen ...
    Ihn einzuholen wre beim Bergauf unmglich gewesen, wenn ihm nicht
Scagnarello alle mglichen Interjectionen nachgerufen htte aus jenem
unerschpflichen, in seinem Reichthum noch von keinem Gelehrten wrdig
abgeschtzten Wrterbuch der neapolitanischen Natursprache ... Zu den
thatschlichen Motiven, welche Scagnarello mit civilisirteren Worten einmischte,
um den rstigen Greis zum Stehenbleiben zu bewegen, gehrte, in seltsamen
Abkrzungen freilich, die ganze Geschichte der Frau, welche hinter ihm
hochaufgerichtet stand, in der Linken mit dem schlafenden Kinde, in der Rechten
mit ihrem Tuch, mit dem sie unablssig wehte; gehrte endlich auch ein Gru vom
Erzbischof von Cosenza und die ganze Ausmalung aller der Glckseligkeiten, die
sich nun in San-Firmiano und in San-Spiridion zu Nocera begeben wrden ...
    Der lange hagere Knochenmann stand endlich still und lachte des tollen
Gewlschs ... Sein Kopf wurde darber ein einziges - Gebi von Zhnen ...
    In der Campanischen Sprache, jenem Italienisch der Neapolitaner, in
welchem die Buchstaben mit allen nur erdenklichen Freiheiten behandelt werden,
oft der eine ganz fr den andern eintritt und statt Michel Kaspar gesagt wird,
hatte Hubertus in der That Fortschritte gemacht ... Er blieb stehen ...
    Dann freilich entsprach seinem ersten frohen Gru an die ihm sehr wohl
erinnerliche Schwester Paolo Vigo's keineswegs sein fernerer Mittheilungsdrang
... Letzterer schttelte er zwar als alter Freund die Hand und nahm das jetzt
erwachte, schreiende Kind auf den Arm, versichernd, da seine Sehnsucht, den
trefflichen Bruder der Signora nach sechs Wochen wiederzusehen, nicht minder
gro, als die ihrige nach so vielen Jahren wre - ja er kannte das schne dem
Bruder winkende Gotteshaus zu San-Spiridion in Nocera vollkommen und gab zu, da
der Erzbischof von Cosenza hinlnglich heilig wre, um auch weissagen zu knnen
... Gewi! Gewi! Es wird alles gut werden! wiederholte er zum ftern ... Aber -
dem ganzen Wesen fehlte die rechte, von Innen kommende Freudigkeit ...
    So kommt Ihr von Neapel und habt noch nichts Bestimmtes erfahren? fragte die
Frau voll Bestrzung ber dies Benehmen und lud den frommen Bruder ein, neben
ihr Platz zu nehmen ...
    Hubertus folgte dieser Aufforderung, nahm die noch an Schnheitsanschauungen
nicht gewhnte und wenig vor ihm erschreckende kleine Marietta auf den Schoos,
sang ihr eine alte hollndische Liedstrophe und versicherte, die Hoffnung wre
das schnste Lebensgut, das sich der Mensch nur immer frisch in allen Nthen
bewahren msse ...
    Die Hoffnung? ... Bei San-Gennaro! rief die Frau und zitterte ... Weiter
bringt Ihr nichts von Neapel zurck, als - Hoffnung? ...
    Und schne Feigen! Seht die Feigen! erwiderte Hubertus und reichte deren aus
seiner Kutte Marietten eine Hand voll, whrend die Frau ihm bereits ihre
Ewaaren angeboten hatte ...
    Was kann mir alles das helfen? wehklagte Rosalia Mateucci ... Hab' ich darum
so viele Jahre die Reise von Nocera nach Cosenza gemacht? ... Haben wir darum
zwanzig Ducati an die Mutter Gottes Della Salute und abermals funfzehn an den
heiligen Gennaro von Cosenza bezahlt? ...
    Das wird sich einbringen, Frau ... Hofft in Gottes Namen! wiederholte
Hubertus ...
    Inzwischen fing er mit einem bei weitem dringlicheren Interesse an, dem
Meister Scagnarello sein Erstaunen ber die neue Garnison von Spezzano
auszudrcken ... Was wollen nur all diese Reiter und Jger wieder? Geht der Weg
nach Frankreich durch den Silaswald? ...
    Scagnarello deutete an, da nicht gut von solchen Dingen zu reden wre,
seitdem hier schon die besten Leute zu den Canarienvgeln in Neapel gekommen
wren ...
    Guter Bruder, was bringt Ihr von Neapel? ... drngte die Frau ... Ihr redet
von Canarienvgeln ... Nur zu wohl wei ich, die Raben, die schwarzen, die
hacken dem heiligen Franciscus gern die Augen aus ...
    Steht das wo geschrieben? entgegnete Hubertus und schien betroffen von
dieser Rede, die er vollkommen verstand und fr ebenso prophetisch hielt, wie
sie wohlgesetzt war ... Die Jesuiten (diese nur konnte Rosalia unter den
schwarzen Raben verstanden haben), hatten allerdings hier die Hauptentscheidung
... ... Auf den Spruch der Jesuiten hatte der Erzbischof von Cosenza als die
letzte Instanz verwiesen, von welcher hier alles abhngen wrde ... Alle Welt
wute, da zwar in den Bewegungstagen zwanzig Kutschen voll Jesuiten aus Neapel
hatten entfliehen mssen, sie waren aber in vierzig wiedergekommen und die
rechte Hand des Herrschers ber dies unglckliche Land blieb des Knigs
Beichtvater, Monsignore Celestino Cocle, Erzbischof von Neapel, ein fanatischer
Agent des Al Ges, eben jener rechte Mann, von welchem die Wnsche der
Bewohner San-Firmianos abhngen sollten ...
    Zehn Jahre, erzhlte wehklagend die Frau, hab' ich meine Kniee gebeugt vor
dem heiligen Erzbischof von Cosenza ... Jeden Quatember, wenn neue Priester
geweiht wurden, lief ich zu Fu die zehn Miglien von Nocera nach Cosenza und
beugte meine Kniee auch nach der Messe noch ... Wenn der heilige Herr in seinen
Palast ging, rief ich ihn um Gnade an fr meinen unglcklichen Bruder ... Und
immer gab er mir seinen Segen und sagte: Ihr seht ja, liebe Frau, die Pfarre von
San-Giovanni bleibt ihm offen; das Sacro Officio prft lange, aber grndlich -!
... Heiliger Gennaro! ... Zehn Jahre prfte das Officio -! ... Ich wute nicht,
ob mein Bruder noch lebt -! ... Wir schickten - mein Dionysio ist gut - was wir
nur vermochten - bald an den ehrwrdigen Guardian, bald an den heiligen
Erzbischof - - aber meines Paolo Briefe meldeten nichts von seiner baldigen
Freiheit ... Sogar damals, als doch alles frei wurde, als selbst die, denen
zeitlebens die Kugel am Fu zu tragen besser gewesen wre, zu Ehren kamen,
kehrte mein Bruder nicht aus dieser traurigen Einde zurck ... Damals hatte nur
Marietta leider das Fieber, mein Dionysio mute unter die Guardia civica, Jeder
war froh, wenn in seinem Garten noch die Feigen wuchsen - Verdienst gab es nicht
... Dann aber, als die Ruhe wiederkehrte, als alle Welt erzhlte, wie die
Gefangenen und Verwundeten in San-Firmiano christlich verpflegt wurden, da fiel
ich vor dem heiligen Erzbischof in der Kirche selbst auf die Kniee und bat vor
allem Volk um Paolo's Freiheit ... Zum Glck - verzeih' mir's die heilige
Jungfrau! - war gerade unser Pfarrer von San-Spiridion gestorben und weil ich
hrte, da sich zehn Pfarrer um die Stelle bewarben und sie vorerst keiner
bekommen sollte, weil auf ein Jahr die Einknfte auch dem heiligen Erzbischof
gutschmecken, kauft' ich nochmals, nach allem, was schon draufgegangen war, fr
zehn Ducati Wachskerzen und schenkte sie in Cosenza der heiligen Rosalia ...
Seitdem hie es: Seid gutes Muthes, Frau, reist getrost nach San-Giovanni - In
San-Firmiano sind Wunder geschehen - Der Guardian hat einen Boten nach Neapel
geschickt an das heilige Officio. Wir wissen es ja, das ganze Kloster ist heilig
geworden - Sie bekommen alle die besten Stellen in der Christenheit, denn die
Mutter Kirche ist gtig und belohnt jeden, welcher sie liebt - ja, und ein Bote,
Fr Hubertus, mu bald zurck sein von Neapel - ... So sprach der Erzbischof
und das ganze Kapitel stimmte ein ... Da vertraut' ich denn und machte mich auf
den Weg und jetzt bin ich da und Ihr seid es auch und nun bringt Ihr doch nichts
und schweigt -? Ihr wit, denk' ich, nur zu gut, da mein guter Bruder nur durch
Euch ins Elend gekommen ist .... Ohne Euch knnte er lngst in Nocera Bischof
sein ...
    Diese muthige, fr Scagnarello zum Bewundern sachgeme und kenntnireiche,
nur am Schlu etwas frauenzimmerlich ausfallende Rede hatte Hubertus theils mit
seufzenden, theils mit begtigenden Worten begleitet ... Scagnarello hoffte, der
schwer Beleidigte wrde mit einer Rechtfertigung frherer Misverstndnisse, vor
allem mit Rckblicken auf die wunderbare Geschichte vom feurigen Hunde
vernehmbar werden; aber Hubertus beschftigte sich allein mit dem Kinde und sang
seine russischen Lieder ...
    Rosalia Mateucci ersah nun wol aus Allem, da Hubertus kein Vertrauen auf
den Erfolg seiner Mission hatte, und fuhr in ihren Klagen ber diese arge Welt
fort ... Sie lie dabei jedem seine uere Ehre, bezeichnete ihn aber bei
nherer Betrachtung um so mehr als Spitzbuben ... Vom Standpunkt einer
vermgenden Krmerin von Nocera gab sie einen Rckblick auf die ganze bewegte
Zeit der letzten Jahre - namentlich auf die wilde Anarchie, welche damals
entstand, als die in Neapel durch Lazzaroniaufstand und Schweizerregimenter
gesprengte Nationalvertretung sich in Cosenza noch einmal, untersttzt von einem
Aufstand der Calabresen, wieder gesammelt hatte, doch von jenem ehemaligen
Ruber, sptern General Nunziante, im Sden, vom General Lanzi im Norden
angegriffen mehr durch Uneinigkeit, als Ueberlegenheit der Truppen sich auflste
... Die Bewaffneten wurden damals zu Flchtlingen, und wie es im Sden geht, zu
Wegelagerern und Rubern ... Dieser anarchische Zustand hatte im Silaswald erst
seit kurzem aufgehrt ... Das Kloster San-Firmiano hatte lange Zeit nur ein
Gefngni und Lazareth sein knnen, wo die Brder sich wahrhafte Verdienste
erwarben ... Und nun sollten alle diese guten Thaten ohne ihren Lohn bleiben?
Mrtyrer sollten sich bewhrt haben und keine Krone gewinnen -! Da mte ja der
Giosafat von Lipari als ein wahrer Retter ersehnt werden und mit der Zeit in
Neapel am kniglichen Schlosse kein Stein mehr auf dem andern bleiben ...
    Hubertus entgegnete in leidlichem Campanisch auf diese unausgesetzten
Verwnschungen, die schon Marietta's Weinen und Scagnarello's loyalen Protest
zur Folge hatten:
    Beim heiligen Hubert, meinem Schutzpatron! Frau, ich kann Euch versichern,
da ganz San-Giovanni und wer anders noch von damals am Leben ist, sich freuen
wird, Euch und die kleine Marietta zu sehen ... Euern heiligen Bruder nehm' ich
nicht aus, wenn ich auch zweifle, da Eure Hoffnung, ihn als Pfarrer in
San-Spiridion nach Nocera zu bekommen, so bald in Erfllung geht, zugleich auch,
ob dies seinen Wnschen entspricht ... Indessen beruhigt Euch! ... Ei, so weint
nicht! ... Ich will Euch sagen, wie es ist ... Ich htte gute Freunde und Gnner
- sagt man? ... Nun, das San-Officio in Neapel war sackgrob - ... Aber gut - ich
fand immer, die Leute sind geneigter, uns Gehr zu geben, wenn sie grob sind ...
Leider, leider - kann ich dasselbe nicht vom Ohr und Mund Seiner Majestt,
Monsignore Celestino, sagen ... Das ist wahr, artig war er ... Dem mut' ich
haarklein erzhlen, was seit Jahr und Tag hier in diesen Bergen vorgegangen ist!
... Und wenn ich jetzt so schlummerkpfig nachdenklich bin, so ist es blos, weil
ich, aufrichtig gesagt, meine Erzdummheit bereue ... Ich ging auf alle seine
Artigkeiten ein ... Gut! Gut! Das freut mich! Um so besser! Und was wnschen
die guten Brder von San-Firmiano? - ... Ich Tropf! Das htt' ich mir doch
sagen sollen, da es mit all diesen Sigkeiten nur bitter stand -! ... Wir
Brder haben in San-Firmiano um nichts gebeten, als um was die Hechte bitten,
wenn in einem Teich ihrer zu viel sind ... Lat Euer Licht leuchten vor den
Leuten! hat schon unser allerheiligster Erlser gesagt - und nur deshalb sehnen
sich unsere Gefangenen von San-Firmiano in ihre Klster und Pfarreien zurck, um
zu zeigen, da sie aus Wlfen gute Hirten geworden sind ... Seht nun, das alles
hab' ich in Neapel vorgetragen; aber - Ei was! Bei Alledem kann ich mich irren!
Es ist im Namen unsres heiligsten Erlsers gar nicht unmglich - wir finden in
San-Firmiano frhliche Gesichter und Euer edler Bruder lacht hellauf, wenn er
morgen frh - eher rath' ich nicht bei unserm Kloster anzupochen - die
Ueberraschung hat: Gelobt sei Jesu Christ! von seiner Schwester zu hren und gar
von der Kleinen da - wie heit sie? ... Alles heit hier Marietta ... Kommt
niemand von Euch auch einmal - auf den Namen - Hedwigis -? ...
    Diese Worte waren so gutmthig, endeten mit einem so elegischweichen Tone,
da Rosalia Mateucci der wohlthuenden Wirkung derselben sich nicht entziehen
konnte ... Sie sagte: Bei San-Gennaro! Hat denn San-Gio jetzt gar die neue
Beleuchtung von Neapel -! Seht, wie hell es da liegt! ... - Nun lachte sie
freudiglich ...
    Scagnarello fand die Aufnahme des Mnches beim Erzbischof von Neapel
ebenfalls nicht so bedenklich und im Gegentheil auerordentlich schmeichelhaft
... Nun versteh' ich, sagte er, warum die Leute Recht haben, wenn sie sagen, da
sogar Seine Heiligkeit in Rom ein alter Freund und Bekannter von Euch wre und
Euch schon in Ruland kannte; denn unser heiliger Vater ist weitgereist! - ...
Ja aber auch mit Recht! Habt Ihr nicht das hochheilige Erbe Petri vom
Grizzifalcone befreit? ... Wute denn auch der Erzbischof das alles von Euch?
... Hm! auch vom Kreuz - da berm Neto? ... Und - hm! hm! - von Eurem - feurigen
Hunde? ...
    Auf den ich Euch manchmal aufbinden mchte! schnitt Hubertus die neugierige
Rede ab ... Was schlagt Ihr nur so grausam auf Euern armen Pepe! In Spezzano,
vor Eurer Abfahrt nach Cosenza, da konntet Ihr ihm gewi schmeicheln! Da konntet
Ihr ihn nennen: Pepito! Mein zuckerses Brderchen! Unterwegs aber ist alles
vergessen! ... Der Gerechte erbarmt sich auch seines Viehs und Wort halten mu
man Jedermann - selbst seinem Maulesel! ... Ein alter Jger wei ich, da im
Wald und auch drauen in der Welt unsere besten Freunde - wie oft - doch nur
unsere Pferde und unsere Hunde sind! - ...
    Hubertus sprach voll Scherz, aber auch voll Wehmuth und hrbaren Anklangs an
einen Gegenstand, der ihn rhrte - ... Doch kam er nicht auf den Hund ... Im
Gegentheil zeigte er Rosalien die sich jetzt ein wenig ffnende Gegend, an deren
stlicher und walddunkler Grenze, dicht unter den glnzendsten Sternbildern,
eine schwarze Thurmspitze in die Hhe ragte - das Kloster San-Firmiano ...
    San-Giovanni war erreicht ... Ein Bergflecken, wo sich vor Jahrhunderten
einige Menschen um einige halbzerstrte Thrme der Normannenzeit angesiedelt und
einige hundert Nachkommen hinterlassen haben, die keinen Anblick fr Gtter
bieten ... Aber ein Maler htte darum doch seine Lust an diesem Stdtchen gehabt
... Die Thurmmauern ragten von Epheu berwuchert ... In riesiger Ausdehnung
spazierte der immergrne Kletterer bis auf die Felsen hernieder und an diesen
wieder, wie eine einzige Wiese, entlang bis zu den rauschenden, sich hier
vereinigenden Gewssern des Neto und des Arvo ... Ein viereckiger Glockenthurm
der Kirche war der Mittelpunkt einiger im wirren Durcheinander von den beiden
Wildbchen sich aufdachenden sogenannten Straen ...
    Nun erst entdeckte man, warum es scheinen konnte, als wre in San-Gio die
Gasbeleuchtung eingefhrt ... Schon in einiger Entfernung hrte man die beim
Morraspiel blichen, aber in San-Gio nie so laut vernommenen Flche und
Verwnschungen ... Auch deutsche Laute wurden hrbar ... Pechkrnze und
Bivouakfeuer loderten auf ...
    Auch San-Giovanni war von Soldaten berfllt ...
    Hubertus sah das voll uersten Erstaunens, sprang vom Wagen und eilte in
wilder Erregung auf den Marktplatz ...

                                    Funoten


1 Gregorovius' Siciliana.

2 Ueblicher Brauch.

3 Ph. J. von Rehfues' Schriften.


                                      10.

Der Torre del Mauro eine Locanda, die einer Scheune hnlich sah, war erreicht
...
    Man fand sie von Soldaten in Beschlag genommen ...
    Ein Leutnant in einer jener berladenen sdeuropischen Uniformen, mit
Troddeln und Stickereien, die bei uns keinem Obersten zukommen wrden, stand mit
der Cigarre im niedrigen rauchgeschwrzten Thor eines von brennenden Spnen
erleuchteten Hofraums ...
    Die Bivouakfeuer brannten auf dem Platz vor der Kirche ... Dnste von
gebratenem Speck, von Zwiebeln, von Kse lieen auf einen eben abgehaltenen
reichlichen Abendimbi schlieen ... Viele der Soldaten, in Mntel gehllt,
schnarchten schon auf ausgebreitetem Stroh unter freiem Himmel ...
    Diese fliegenden Corps waren in den letzten Zeiten im Silaswalde so oft
gesehen worden, da sie eigentlich niemanden besonders auffallen durften ... Nur
Hubertus, schon aufs bedenklichste aufgeregt, sah neues Unheil und Scagnarello,
der sich mit San-Gios Einwohnerschaft in lebhafteste Conversation versetzt
hatte, schrte jetzt seine Besorgni - denn Dom Sebastiano von Spezzano hatte
allerdings krzlich gepredigt, San-Gio mte noch einmal untergehen wie Sodom
und Gomorrha ...
    Den Mnchen wurde von Del Caretto's und Celestino Cocle's Regierung wenig
getraut ... Ein Schweizeroffizier, welchen Hubertus in deutscher Sprache um die
Ursache dieser Expedition anging, schien zwar vom Laut der Muttersprache
freundlich berhrt, aber Ordre hatte auch er, nichts verlauten zu lassen ... Auf
den im verlassenen Pfarrhaus einquartierten Oberoffizier verweisend, mischte er
sich unter die andern Offiziere, die sich mit ziemlich derben Spen auf Kosten
einer Frau unterhielten, die der schne Mnch wol nicht in sein Kloster
entfhren, sondern ihnen berlassen wrde - ...
    Hubertus wandte sich einem Hause zu, das hier ein Ziegenhirt ersten Ranges,
ein Rico, ein Reicher bewohnte ... Messer Negrino hie er; er war ihm
besonders befreundet ... Leider aber war dieser im Ruf der Ketzerei stehende
erste Brger von San-Gio nicht zu Hause ... Mit seiner Heerde war er unterwegs
und vielleicht auf der Messe von Rossano ...
    Schon wute ganz San-Gio, wer mit Scagnarello gekommen war ... Schon hatten
sich Gruppen von alten Bekannten gebildet, welche die Schwester ihres in
San-Firmiano wohnenden ehemaligen Pfarrers sehr wohl erkannten und sich zu
Theilnehmern einer Verhandlung ber die Frage machten, ob es gerathener wre,
da Rosalia Mateucci noch mit ihrem Kinde dem Bruder Hubertus folgen und am
Eingangsthor des Klosters unter einem Dach, das die Madonna schtzte,
bernachten oder in einem Bette bleiben sollte, das ihr der alte, hocherfreut
sie begrende Mener ihres Bruders in seinem niedrigen Huschen anbot ...
Scagnarello hatte schon den Pepe ausgespannt und mute ihm die Streu im Freien
machen, da den Stall die Soldaten eingenommen hatten ... Als weltkundiger Mann
hatte er zum Bleiben gerathen ... Es schien ihm, als wrde Paolo Vigo schwerlich
sich ihm morgen als Rckpassagier anschlieen knnen ...
    Hubertus, vom Hause Negrino's zurckkehrend, scherzte bei allen diesen
Verhandlungen mit Jung und Alt, nahm die jetzt verdrielich aus der Ruhe
gekommene Marietta auf den Arm, gab Auskunft ber seine Reise sowol dem
Sacristano wie dem Sindico, welchem letztern er einige auf seine Reise
bernommene Auftrge ausgerichtet hatte - aber die Soldaten, deren Absichten
auch die erste Magistratsperson des Ortes nicht zu deuten wute, beunruhigten
ihn so sehr, da er von Rosalia Mateucci fr heute Abschied nahm und sofort nach
San-Firmiano aufbrach, um, wie er versprach, schon beim Mitternachtgebet dem
Bruder die frohe Kunde zu bringen und diesem zur Ueberlegung Zeit zu lassen, wie
er am passendsten seine Schwester empfangen wollte ...
    Unter den Scherzen der Soldaten, die Hubertus seines Todtenkopfes wegen
schon gewohnt war, verlie er den Platz und begab sich in groer Spannung nach
seinem Kloster ... Der Sindico, der zugleich die Post von San-Giovanni hielt,
hatte versichert, da allerdings amtliche Briefe seit einigen Tagen fr den
Guardian des Klosters genug angekommen wren ... Das gab ihm Hoffnung ... Der
Sindico wute, Hubertus hatte die in San-Firmiano seit Jahren Eingekerkerten in
Neapel erlsen wollen ... Zglinge waren sie alle der seltnen Strenge dieses
einfachen Mnches, Zglinge des ihm von Fr Federigo eingepflanzten leidlich
evangelischen und aufgeklrten Geistes ... Mit seiner Frbitte war Hubertus von
Cosenza nach Neapel verwiesen worden ... Hier hatte er nur die Dominicaner
verdrielich und unfreundlich, alle andern Behrden gtig und ganz erfllt von
der ihm immer gewhrten Nachsicht gefunden ... Allerdings wurde Hubertus von Rom
protegirt ... Seit Jahren hatte man ihm gestattet, in Firmiano zu leben; sogar
die Untersuchung ber den Tod eines Genossen des Boccheciampo war ihm erlassen
worden; man gestattete ihm all die Freiheiten, ohne welche sein unruhiges
Temperament nicht leben zu knnen schien ... Der Sindico konnte nicht genug
schildern, was ihm die angekommenen Briefe schon von Auen inhaltreich und
bedeutsam erschienen wren ...
    Hubertus verlie San-Gio ... Einsam ging er den dunkeln Weg ...
    Seine aufgeregte Phantasie brachte diese Soldaten mit seiner Reise in
Verbindung ... Der Erzbischof von Neapel hatte eine Menge Fragen an ihn
gerichtet - vorzugsweise ber Fr Federigo ... Dem hohen Herrn war alles bekannt
gewesen, was diesen Einsiedler betraf, der deutsche Ursprung desselben, seine
Flucht aus einem piemontesischen Thal, seine dortige Frderung ketzerischer
Bestrebungen, seine Gefangenschaft unter den Genossen Grizzifalcone's, dann
Hubertus' muthige Befreiung desselben ... Da Fr Federigo noch lebte, wute der
Erzbischof nicht minder, ja er beschrieb mit genauester Ortskenntni ein von
Bergen umschlossenes enges Thal im Silaswalde, wo jener Flchtling unter den
sogenannten Bluteichen seit vielen Jahren einsiedlerisch lebte ... Bluteichen
hieen jene uralten Stmme aus den Tagen, wo auch in Calabrien fr die
evangelische Lehre Blutstrme geflossen waren und Scheiterhaufen loderten ...
Paolo Vigo war infolge einer Bekanntschaft mit Fr Federigo in seinen
Kanzelreden verdchtig und dem Kloster Firmiano zur Correction bergeben worden
... Allen diesen Verhltnissen hatte der Erzbischof seine volle Aufmerksamkeit
geschenkt, wute, da Cosenzas Kirchenfrst vom Guardian zu San-Firmiano Bericht
ber Bericht ber die Umwandlung erhielt, welche mit den unter seine Obhut
gegebenen Spielern, Fluchern, Gotteslsterern vor sich gegangen war und dennoch
gab er auf die Frage, ob nicht endlich die jetzt so anerkennenswerthen Bewohner
des Klosters in ihre Aemter zurckkehren durften, keine entscheidende Antwort
...
    Bruder Hubertus hatte in San-Giovanni einige Strkung zu sich genommen ...
Der alte Franz Bosbeck, der noch im hohen Alter einer ungebrochenen Kraft sich
rhmen zu knnen gehofft hatte, war er nicht mehr ... Die lange Kette seiner
Lebenserfahrungen war zu drckend und schwer geworden ...
    Schon war es ber zehn Uhr - nach italienischem Zifferblatt die dritte
Stunde - seine Klostergenossen muten schon schlafen - wecken wollte er niemand,
da ohnehin die Matutin in den nchsten zwei Stunden sie wach rief ... So
unterbrach er sein Steigen auf dem schmalen Felsenpfade und setzte sich auf
einen verwitterten, mit Moosflechten berzogenen Stein, traurig hinausblickend
in die grne Wildni, in die stille Mondnacht, in die rauschenden Wasserstrze
am Abhang des Felsens - hinaus in jene noch entlegenere Einsamkeit, wo ein
deutscher Schwrmer seit lnger als zehn Jahren unter Bchern, Schriften und
lndlichen Beschftigungen sich vergraben hatte - ...
    Alles nchste rundum und in der Ferne war grabesstill - auch San-Giovanni,
das zum Handausstrecken vor ihm liegen blieb, ob er gleich um eine Stunde Weges
schon von ihm entfernt war ... Die Schwester Paolo Vigo's wiedergesehen zu
haben, die Erwhnung des feurigen Hundes, der Anblick des Kreuzes ber dem
Neto - alles das hatte mchtig die alten Erinnerungen seines Lebens geweckt -
...
    Welche Reihe von Schicksalen konnte er berblicken -! ...
    Seine Jugend verlebt unter Rubern ... Die einsame Mhle eines Diebshehlers
... Die Gefangennahme der Picard'schen Bande ... Das Hochgericht ... Die
Meeresfahrt des hollndischen Rekruten ... Java mit seinen braunen Menschen,
Palmen, Lwen, Schlangenbeschwrern ... Wieder dann Europa ... Deutschland, zur
Zeit Napoleon's - Schlo Neuhof mit seinen grnen Wldern - Der grimme Wittekind
- Hedwig, seine geopferte Liebe ... Brigitte von Glpen's Betrug - ... Die
Flucht in ein schtzendes Kloster - die Verwilderung der dortigen geistlichen
Zucht - sein treuer Beistand durch Abt Henricus - seine Reisen - seine That am
melancholischen Bruder Fulgentius, den seine Hand vom Riegel nicht losschnitt,
an dem er sich erhngt hatte - die Begegnung mit Hammaker, einem so
hochgebildeten Manne, der dennoch ein Mrder werden konnte - mit Klingsohr - mit
Lucinden - die Flucht in den blitzgespaltenen Eichbaum - die Flucht nach Italien
- die Gefangenschaft auf San- in Montorio - die Nacht auf Villa Rucca -
Pasqualetto's Tod - dann seine Reise, um den Bischof von Macerata und den Pilger
von Loretto zu entdecken - ...
    Wie fhrte ihn schon allein die Erwhnung des treuen Sultan, welcher durch
Paolo Vigo, den Pfarrer von San-Giovanni, ein so trauriges Ende nehmen sollte,
so lebhaft in die Tage zurck, wo Italiens Reiz dem christlichen Schamanen,
wie ihn Klingsohr genannt, die alte Abenteuerlust weckte -! ...
    Als damals Hubertus, entlassen und abgesandt vom Frsten Rucca, vom Cardinal
Ceccone, von Lucinden und vom frommen Mnch Ambrosi, dem bischflichen Kapitel
von Macerata gerathen hatte, die wunderthtige Madonna zu verbergen, hatte er
sich die Bevlkerung der nrdlichen Felsenkste des Kirchenstaats zu
Bundesgenossen fr die Ausfhrung der Befreiung des Bischofs gemacht ... Durch
die Volkswuth ber die fehlende Madonna gengstigt, lieferten die Anhnger
Grizzifalcone's den Bischof ohne Lsegeld aus ... Ueber den Pilger von Loretto
jedoch hatte Hubertus vergebens gesucht, irgend etwas in Erfahrung zu bringen
... Schon konnte sich Verdacht regen, da wol gar der gespenstische fremde
Mnch, der, ohne sich deutlich ausdrcken zu knnen bettelnd bald hier bald dort
auftauchte, selbst der Mrder des Grizzifalcone sein mochte ... Hubertus mied
die ausgestellten Wachen der Schmuggler, mied die Gensdarmen, welchen er
schwerlich, in Folge der Rucca'schen Drohungen, eine willkommene Erscheinung
sein konnte, und quartierte sich auf einer Strecke von zehn Miglien bald an der
Kste bei Fischern, Zllnern ein, bald landeinwrts sich wagend, in Klstern
oder bei einsamen Huslern ...
    Vorausgeeilt war er der Kunde, da Grizzifalcone in Rom von der Hand eines
Mnchs gefallen war ... Er vernahm sie zuerst im Kreise von zechenden und ihre
Beute theilenden Schmugglern ... An der Art, wie sie ihre Dolche schwangen und
ihm Rache schwuren, erkannte er seine Gefahr ... Von den vielen Wohnungen,
welche der Ruberhauptmann innezuhaben pflegte, hatte er eine nach der andern
durchspht und nichts konnte er in ihnen von einem Gefangenen entdecken ...
    Da schlo sich ihm eines Morgens ein Hund an, der, von langer Wegwanderung
so hinfllig wie er selbst, ihm zur Seite schlich, anfangs ihm einen
unheimlichen Eindruck machte, dem er ausweichen mute, der aber dann immer mehr
sein Mitleid erregte ... Mit dem Wenigen, was er selbst noch an Ewaaren bei
sich trug, erquickte er das verhungerte Thier ... Der Hund umschnupperte ihn,
wie einen alten Bekannten ... Auffallend war ihm der stete Trieb des Thiers, zum
Meeresstrand zu gelangen ... Schon war vorgekommen, da gegenber kleinen
Eilanden, die vom Felsenufer abgerissen aus dem Meeresspiegel aufragten, sein
Begleiter ins Wasser sprang, hinber zu schwimmen versuchte und vom mchtigen
Wogendrang zurckgeworfen, winselnd wieder zu seinen Fen kroch ... Hubertus
war ein zu guter Jger, um sich nicht zu sagen: Dem Thier mu irgend eine groe
Sehnsucht inne wohnen, der nur die Sprache fehlt ...
    Jener Felseneilande gab es hie und da grere ... Sie schienen bewohnt;
wenigstens wurden sie dann und wann, besonders im Abenddunkel, von Nachen
umfahren ... An einem der schroffsten, zu welchem gewi eine schtzende Bucht
gehrte, die sich, da sie dem Meere zulag, dem Auge nur entzog, entdeckte
Hubertus die Segel eines schon leidlich groen Schiffes ... Das Benehmen des
Hundes, das Spitzen seines Ohrs, sein heiseres unterdrcktes Bellen erschien ihm
immer auffallender ... Schon nahm Hubertus an, das treue Thier htte wol gar dem
Pasqualetto selbst gehrt und suchte zu den nchsten Verbndeten des Rubers
zurckzukommen ...
    Seine Erkundigungen machten ihm immer mehr und mehr wahrscheinlich, da jene
wie ein riesiger Felsenzahn aus dem Meer aufragende Klippe die Stelle war, die
er suchte ... Eine unruhige, ber Entschlsse brtende Nacht verbrachte er auf
dem Steingerll am felsigen Ufer ... Hubertus setzte sich der Gefahr aus, vom
Anwachsen der Flut verschlungen zu werden ... Ueber ihm ragten die starren
Hupter der Kste, umflattert von aufgeschreckten Seegeiern ... Zuweilen lieen
sich oben die Stimmen dort hanthierender Menschen vernehmen ... Um Mitternacht
tauchten auf dem Wasserspiegel Segel auf ... Deutlich sah Hubertus, wie nur
immer und immer drben die eine Klippe gesucht wurde ... Schon richtete sein bei
Nacht doppelt wachsamer Hund Auge und Ohr mit starrem Verlangen hinber ...
    Pltzlich hrte Hubertus in der Nhe des Ufers ein Rauschen ... Er erhob
sich von seinem Versteck am Fu des feuchten Felsens, den nur zu bald wieder die
herantretende Flut besplen konnte, hielt dem Hund, um durch sein Bellen nicht
verrathen zu werden, fest die Lefzen zusammen und lauschte, ob es wol eine Barke
war, was am Kieselsand die Felsenkste entlang so anschlug und vom Wellenschlag
mehr geworfen, als getragen wurde ...
    Vom Seetang, auf welchem Hubertus ruhte, kroch er vor und entdeckte einen
Kahn, den ein einziger Ruderer mit grter Anstrengung fhrte ... Ein Moment und
Hubertus rief sogleich in seiner humoristischen Zutraulichkeit: Heda, seid Ihr's
denn -? Endlich! Endlich! ...
    Ja, Tonello! lautete die Antwort ... Sind die Kisten herunter? ...
    Die Kisten herunter -? dachte Hubertus -. Sie lassen oben an Stricken die
Schmuggelwaaren herunter, die zu Wasser dann am Ufer entlang weiter gefhrt
werden sollen - ... Rasch hatte er seine Kutte ausgezogen, sie wie einen
Mantelsack zusammengerollt, auch die Sandalen von den Fen geschnallt, alles,
um nicht auf den ersten Blick als Mnch erkannt zu werden ... Ebenso schnell
nahm er die volle Sprache eines Hollnders an ... Da er der Tonello nicht sein
konnte, wollte er sich wenigstens fr einen mit Tonello im Einvernehmen
stehenden fremden Matrosen geben ...
    Inzwischen war die Barke ganz um den Felsenvorsprung herumgekommen ... Ihr
Fhrer war ein junger Bursche ... Nicht wenig erstaunte er, hier statt des
Tonello einen halbnackten Menschen zu finden, der sich ihm durch unverstndliche
Reden, aber deutliche Geberden, vorzugsweise durch ein Zeigen bald aufs Meer,
bald auf seinen Hals, dem gewi die Schlinge drohe, als einen Ausreier von
seinem Schiffe zu erkennen gab, der mit den oben vorausgesetzten Helfershelfern
im Einvernehmen stand ...
    Ohne weiteres deutete Hubertus an, der Schiffer mchte ihn ja in seine Barke
aufnehmen und auf den Felsen hinberfahren, wohin schon lange die andern, so
sprach mit unwiderstehlicher Beredsamkeit sein Mienenspiel, voraus wren ...
    Durch sein Fragen bestimmte der Bursche schon immer selbst die Antworten,
die Hubertus geben konnte ... Und bald war die Barke dem Ufer so nahe, da sein
Hund nur einen Satz brauchte, um hinberzuspringen ... Hubertus folgte, ergriff
noch ein zweites Ruder, das am Boden lag, und deutete auf den Felsen, dem
zusteuern zu sollen der Bursche unausgesetzt in einer kauderwelschen Sprache von
ihm bedeutet wurde; die Genossen hier am Meer gehrten allen Nationen an;
vorzugsweise fehlten flchtige Matrosen von Dalmatiens Kste nicht, deren
Sprache vielleicht nach des Knaben Meinung es war, die der halbnackte Mensch mit
dem grinsenden Todtengesicht sprach ... Hubertus hatte seine Kutte mit seiner
weien Schnur umwickelt ...
    Je mehr Hubertus durcheinander sprach, desto sichrer wurde der Knabe und
noch sichrer mute ihn das Benehmen des Hundes machen, der mit vorgestreckter
Schnauze und aufgereckten Ohren wie auf dem Sprunge stand - keine Muskel rhrte,
das Auge unverwandt dem Felsen zu gerichtet ... Die glckliche Erwartung des
Thiers verrieth dann und wann ein leises kurzes Bellen ...
    Die Fahrt dauerte lnger, als sich Hubertus vorgestellt ... Das Meer lag
durchaus ruhig und doch ging bis zum Landen eine Stunde hin ...
    Die wunderlichsten Bewegungen, Sprnge und das kurze Bellen des Hundes
mehrten sich ... Kaum war der Nachen an einem zum Landen geeigneten Vorsprung
des Ufers angekommen, so war Hubertus nicht mehr im Stande, dem Knaben Auskunft
zu geben; denn sein Hund sprang wie der Blitz aus dem Nachen und im Zanken
darber, im Begehren, den Flchtling festzuhalten, konnte ihm Hubertus nacheilen
ohne damit aufzufallen ... Satz ber Satz ging es vorwrts, als wre der Hund
auf der Insel zu Hause - ... Kaum konnte Hubertus folgen ...
    Nun mut' er wol frchten, der Hund mchte den Rubern gehren, deren
Anwesenheit ihm jetzt aus Tonnen, Waarenballen, groen runden Flaschen, wie sie
auf Schiffen gebraucht werden, unzweifelhaft wurde ... Erkannte man ihn, so
hatte seine letzte Stunde geschlagen ...
    Alles blieb still ... Die Waaren lagen aufgespeichert unter den Wlbungen
hoher Felsgesteine, verborgen von wildwucherndem Strauchwerk ... Manche dieser
Wlbungen waren tiefgehende Hhlen ... Der hellste Mondschein lie alles
deutlich erkennen ... Im Schneckengang wand sich der oft schlpfrige und unterm
Fu zerbrckelnde Felsenpfad hinauf, bis endlich ein lautes Bellen des Thieres
anzeigte, da seine Anstrengungen belohnt waren ... Hubertus folgte und sah, wie
der Hund an einem Holzgatter kratzte, das einen mannshohen Felsenspalt verschlo
... Offenbar war dieser hinterwrts sich erweiternde Raum eine menschliche
Wohnung ... Hell schien an einer andern Seite, der See zu, durch einen kleinern
Spalt das Licht des Mondes ...
    Kaum hatte Hubertus, den Hund beschwichtigend, die Pforte des Gitters
ergriffen und sie geschlossen gefunden, kaum einige Gerthschaften wie Tische,
Sessel unterschieden, so beschien auch vom jenseitigen, zum Meer gehenden Spalt
aus der Mond eine auf einem Lager am Boden ausgestreckte menschliche Gestalt ...
    Die Freude, die Aufregung des Hundes war nicht mehr zu stillen ... Hubertus
schwebte zwischen Leben und Tod - ... Gleichviel ob dort der Pilger, der
Gefangene Pasqualetto's, lag oder ein Angehriger der Ruber, sein Leben hing an
einem Haar ... Er packte den Hund und erstickte ihn fast durch Zusammenwrgen
der Kehle ...
    Der Schlfer auf dem Lager erhob sich indessen ... Hubertus sah einen Kopf,
den ein langer weier Bart umflutete ... Es war nicht mglich, die Gesichtszge
zu erkennen ... Die Gestalt erhob sich allmhlich ... Der Mondstrahl der
jenseitigen Felsffnung beleuchtete sie ... Der Mann kam langsam nher und mit
einer Hubertus nun bekannten Stimme hrte er auf italienisch: Was ist dein
Begehr? - Weit du nicht, da der Eingang am andern Gitter ist -? ...
    Jetzt unterbrach der Gefangene sich schon selbst ... Er erkannte den Hund
und sank zu diesem nieder ... Machtlos streckte er durch das Gitter die Hnde
nach ihm aus ...
    Hubertus lie die Kehle des Thieres jetzt frei und sagte in deutscher
Sprache: Mann! Mann! Du bist es! Gott gelobt! Ich komme, dich zu befreien!
Erhebe dich! Auf! Auf! Verweilen bringt Gefahr - ...
    Noch hatte Fr Federigo, der es war, nicht die Sprache gewonnen; er sah nur
auf seinen Hund ... Aus Piemont bis hieher war ihm das treue Thier gefolgt ...
Hubertus konnte nun dem Thier nicht mehr wehren; durch lautes Bellen gab es
seine Freude kund ... Aber ohne Zweifel gab es auf dem einsamen Felsen Schlfer,
die geweckt werden konnten ... Auch Federigo erhob sich jetzt von seinem
Niederknieen, hielt seine Hnde durchs Gitter, zog den sich aufbumenden Sultan
zrtlich an sich und suchte ihn zu beruhigen ...
    Inzwischen entdeckte Hubertus die Stelle, wo ein Eingang hinter dem Felsen
an der Meeresseite lag und wie dieser zu erreichen war ... Er entdeckte ein Bret
das von den Rubern aufgelegt und wieder weggenommen werden konnte und das den
Zugang zur Hhle bildete ... Das Bret stand an die Felsenwand gelehnt und mute
ber eine Spalte gelegt werden, unter welcher ein tiefer Abgrund ghnte ...
Hubertus hatte Mhe, den Hund zurckzuhalten, der schon Miene machte,
hinberzuspringen ...
    Glcklicherweise schwieg jetzt Sultan und winselte nur vor Begier, ber die
furchtbare Lcke zu kommen! ... Hubertus legte das Bret sorgfltig auf und
konnte auf eine andere Kante des Felsens gelangen, auf welcher sich bequem bis
zu jener dem Meere zu gelegenen Oeffnung gehen lie, die in halber Manneshhe
den Eingang bildete ...
    Da fand denn Hubertus seinen Reisegefhrten, den Pilger von Loretto ... Er
fand den greisen, einem Schatten hnlichen Bewohner dieses grausamen Behlters,
eines Nestes fr Raubvgel - fand ihn in den Umarmungen seines Thieres, die
Augen voll Thrnen und sprachlos vor Bewunderung und Freude ...
    Zu Verstndigungen war keine Zeit gegeben ... Hubertus, gleichfalls vom
Pilger sofort als der Gefhrte jenes deutschen Mnches Klingsohr erkannt,
drngte zu sofortiger Flucht ... Lat mich hier sterben! sprach Federigo ...
Doch Hubertus zog ihn an die Oeffnung und deutete auf Stimmen, die am Fu des
Felsens ihm vernehmbar schienen ... Es ist die Welle, die brandet! sagte
Federigo und tastete schon unwillkrlich nach seinem Pilgerkleide, raffte einige
Wsche zusammen und suchte seinen Stab ...
    Ich bringe Euch nach Rom! sprach Hubertus. Mich schicken Eure Befreier! Wer
wei, ob diese Bsewichter, wenn ich auch den Kahn gewinne und allein entfliehen
wollte, Euch nicht inzwischen an einen andern Ort fhren, falls ich auch morgen
mit der Kstenwache hier eintrfe und Euch abholen wollte ... Kommt lieber
sogleich! ... Ihr habt Recht, nur die Brandung ist's! ... - Wohlan - Gut Heil -!
...
    Hubertus half dem Greise zusammenraffen, was um ihn her ausgebreitet lag und
nur irgend rasch zu erfassen war ... Selbst die Decken, auf denen er schlief,
brdete er sich auf; die Papiere, auf die ihn Rucca so ausdrcklich verwiesen
hatte, ballte er zusammen ... Der Hund hpfte und tnzelte nur um beide her und
schon waren sie zur Oeffnung hinaus, schon schwankte Federigo auf dem schmalen
Stege ber die grausige Tiefe - schon rafften sie die andern Sachen zusammen,
die sie ans Gitter der greren Oeffnung geworfen hatten, schon schickten sie
sich an, in eilendem Schritt den Felsenpfad hinunter zu entfliehen und das Ufer
und den Nachen zu gewinnen ...
    Das kluge Thier, gleichsam als merkte es die Vorsicht, die hier zu ben war,
begleitete sein Laufen und Wiederlaufen, sein Springen und Schmeicheln nur mit
einem leisen freudigen Winseln ... Aber dennoch war es auf dem Eilande lebendig
geworden ... Federigo hielt inne ... Lichter schwankten unterwrts am Gestade
auf und nieder, Fackeln leuchteten auf, Laternen ... Durch einen Spalt des immer
noch schroffen Gesteins sah Hubertus, da der Knabe den Nachen verlassen hatte
und wahrscheinlich zum Lager der Ruber gegangen war und diese geweckt hatte ...
Vorwrts! Vorwrts! trieb er den Befreiten an ... Dieser folgte, sprach aber
besorgt den Namen Grizzifalcone's aus ...
    Wit Ihr denn nicht, da Euer Peiniger todt ist? flsterte Hubertus ...
    Er ist todt - seit acht Tagen - wiederholte er dem Staunenden und setzte
hinzu: Und ich bin es selbst, der ihn erlegte ...
    Unglcklicher! rief Federigo voll Entsetzen ber diese Tollkhnheit und die
mgliche Rache seiner Genossen ... Er hielt aufs neue seine Schritte an ... Nun
aber war schon der Weg zu schroff, als da sein Fu sich noch selbst regieren
konnte; er mute vorwrts wider Willen ...
    Indessen wuchs der Lrm an den Stellen, wo man Licht bemerkt hatte ... Nur
noch hundert Schritte waren die Fliehenden entfernt vom Nachen; dennoch konnte
der kurze Weg den Tod bringen ... Die Gefahr wuchs, als Sultan die
Herbeieilenden bemerkte, wthend zu bellen anfing und sich zum Angriff rstete
... Schon sprang er einigen Mnnern entgegen, die mit Pistolen und Flinten,
halbnackt und schlaftrunken, von einem Felsenvorsprung her sich nherten ...
    Indessen hatte Hubertus den Nachen gewonnen und den ermatteten Federigo mit
Gewalt vom Ufer zu sich herbergezogen ...
    Sultan! Sultan! riefen beide im schaukelnden Kahne, den Hubertus schon
losband ...
    Da blitzte Pulver auf den Feuerrhren der Ankommenden auf, Schsse fielen,
Kugeln sausten ... Darber flog der Nachen vom Ufer ...
    Sultan, der nachsprang und von Federigo's ausgestreckten beiden Armen
nachgezogen werden sollte, sank unter, getroffen von einer Kugel, die seinem
Herrn gegolten ... Von der unruhigen Brandung geschleudert flog der Nachen
machtlos in die Weite ... Das treue Thier blieb auf dem Meeresgrund oder in der
Gewalt der Verfolger zurck ...
    Mit einem Schmerz, der sich in lauten Jammertnen kund gab, brach Federigo
auf dem Boden des Fahrzeugs zusammen - ...
    Ja - dieser wunderbaren Nacht mit ihrem Gefolge von Freude und
herzzerreiendem Leid mute jetzt Hubertus gedenken auf dem stillsten Orte der
Welt, in diesem einsamen Gebirgsthal Calabriens, ruhend auf einem Stein, um den
selbst die Eidechsen und Kfer jetzt schliefen ... Bilder des Kampfes, Bilder
neuer Gefahren traten vor sein erregtes Gemth ... Eine Ahnung, welche mit dem
von Neapel hinweggenommenen Eindruck der Falschheit zusammenhing, sagte dem
schlichten Mann, der alles, nur kein Menschenkenner war: Wenn sich Federigo's
ruheloses Leben erneuerte! Wenn der hochbetagte Greis in seinem dstern
Waldesdunkel nicht lnger sicher bliebe! ...
    Seit jener Flucht vom Felseneiland bei Ascoli waren fast zwlf Jahre
vergangen ... Doch traten gerade heute alle Einzelheiten derselben vor die Seele
des einsamen, hier wie am Grabe der Natur wachenden Wanderers ... Er gedachte,
wie damals der erste Schmerz um den Verlust des wie man glauben mute todten
Thieres alles andere berwog - wie die Flchtlinge damals sich vorstellen
muten, wie oft der brave Sultan gefangen gewesen sein mute, um ein Jahr zu
brauchen, die Spur seines Herrn von Piemont bis zur Mark Ancona wiederzufinden
-! ... Und am Ziel seines edlen Naturtriebes1 mute das treue Thier
zusammenbrechen - ...
    Aber Hubertus gedachte nun auch, wie damals mit dem anbrechenden Tage die
Sorge wuchs und ihre Krfte nicht mehr ausreichten, den Nachen zu regieren - wie
der Nachen ans Ufer getrieben wurde und die Landung neue Gefahren brachte, da
Federigo dem Vorschlag, sich den Grenzbeamten zu berliefern und nach Rom zu
fliehen, aufs allerentschiedenste widersprach, immer und immer als das Ziel
seiner vor dreiviertel Jahren unterbrochenen Pilgerschaft nach Loretto, das er
sich nur der Merkwrdigkeit und des allgemeinen Pilgerstromes wegen hatte
ansehen wollen, nur den Silaswald in Calabrien bezeichnete ... Wie erbebte noch
jetzt des guten Bruders Theilnahme unter der Erinnerung an die seltsamen Grnde,
welche fr diese Reise damals Federigo angab und Hubertus wol schwerlich
smmtlich erfahren hatte - ...
    Die von Ceccone geleiteten Fden der Verlockung der Bandiera in einen
Aufstand der Ruber hatten ebenso in Federigo's Hnden gelegen, wie die jener
Mittel, durch welche sich Grizzifalcone die Erkenntlichkeit des Frsten Rucca
erwerben wollte ... Jene Listen, welche er dem Ruber hatte schreiben mssen,
besa er - er warf sie zu Hubertus' Erstaunen zerrissen ins Meer ... Lebhafter
war Federigo's Drang, die Insurgenten in Korfu zu warnen ... Federigo hoffte
irgendwo eine Post anzutreffen, um einen Brief nach Korfu an die ihm
wohlbekannten Adressen der Emigration zu schicken ... Dies that er dann auch ...
Um die Landung in Porto d'Ascoli zu hintertreiben, um vor den Namen zu warnen,
die bisher nach Korfu gleichsam als Einverstandene und zur Invasion Ermunternde
geschrieben hatten, ergriff er die erste Gelegenheit, um einige Zeilen
aufzusetzen ... Hubertus erfuhr, da der Gefangene in jener Hhle Briefe, deren
Zusammenhang und Bestimmung er nicht kannte, anfangs harmlos geschrieben ... Als
er die Absichten ahnte, die ihm die unheimlichsten schienen, zwangen ihm nur
noch die furchtbarsten Qualen und Drohungen der von Cardinal Ceccone gedungenen
Ruber die Feder in die Hand - ...
    Eine Folge der, des unsichern Postganges wegen, mehrfach aufgesetzten, aber
in Korfu richtig angekommenen Briefe war dann die Landung der Bandiera in
Calabrien ... In jenem Briefe Attilio's, von welchem damals in Bertinazzi's Loge
sich Benno so mchtig hatte aufregen lassen, waren diese Mittheilungen
Federigo's smmtlich wiedergegeben worden ...
    Langsam kamen der Gerettete und Hubertus, welcher sich von seinem neuen
Freunde nicht zu trennen vermochte, durch die Abhnge des Monte Sasso und durch
die Abruzzen ... Endlich erreichten sie jenen alten Wald, in welchem Federigo
seine Tage beschlieen wollte ... Die religisen Gesprche des Pilgers, seine
genaue Bekanntschaft mit jenem deutschen Landstrich, wo Hubertus soviel Freude
und Leid erfahren, des Pilgers Bekanntschaft mit soviel Personen, die in die
schmerzlichsten Schicksale seines Lebens verwickelt waren, fesselten ihn in dem
Grade an den deutschen greisen Sonderling, da er sich nicht mehr von ihm
trennen mochte ... Durch ihn lie er dann an Lucinden nach Rom schreiben, bat
sie, seinen Aufenthalt vorlufig noch dem Cardinal und dem Frsten Rucca zu
verschweigen, fgte hinzu, sie mchte ihm insgeheim von seinem General die
Erlaubni erwirken, in San-Firmiano, einem Franciscanerkloster, bleiben zu
drfen, das glcklicherweise in der Nhe des Ortes lag, wo sich Federigo seine
Htte gebaut ... Sein frherer Pflegling, Pater Sebastus, war genesen und hatte
eine seinen Wnschen entsprechende Stellung gefunden ... Lucinde vermittelte
alles, was er wnschte und seine Bitte wurde gewhrt ...
    Durch eine wunderbare Fgung des Zufalls traf es sich auch, da gerade dies
pltzliche Verschlagenwerden nach dem Sden Italiens zugleich die Anknpfungen
an eine so lange von Hubertus verfolgte Absicht bot, sein von Brigitte von
Glpen ererbtes Vermgen dem verhaten Kloster Himmelpfort zu entziehen und
zweien Personen zuzuwenden, die ihm seine von Gott ihm auf die Seele gebundenen
Kinder schienen, da sie einst in seinen Armen gerettet blieben bei jenem
verzweifelten Sprunge aus der Hhe eines brennenden Hauses in Holland ...
    Einer derselben hatte seine Gte nicht verdient ... Und doch hatte wiederum
Jn Picard, damals Dionysius Schneid genannt, aus dem Brand von Westerhof von
ihm gerettet werden mssen ... Anderthalb Jahre war es damals her, da Lb
Seligmann am Eingang zur Kirche des Klosters Himmelpfort jenes furchtbare
Krachen gehrt und im Todtengewlbe Licht gesehen hatte ... Damals benutzte
Hubertus die gerade noch im Bau begriffene Begrbnisttte des Kronsyndikus, um
den muthmalichen Brandstifter im Todtengewlbe der Kirche zu verbergen ... Die
mchtige Marmorplatte, auf welche Namen und Wrden des Geschiedenen gemeielt
werden sollten, lie er oberhalb der Grube niederfallen, in die sein damals noch
unwiderstehlicher Arm den Verwundeten ber die hinunterfhrende Leiter trug ...
Fr einige Augenblicke machte er dann Licht und bereitete unter den Srgen dem
Kranken ein Lager ... Seine Drohungen mute Jn Picard aus einem so
entschlossenen Munde fr Ernst nehmen ... Drei Tage und drei Nchte verpflegte
ihn Hubertus, ohne in den Verstockten dringen, ganz seine auf Westerhof
vollfhrte That erforschen zu knnen ... Sein Interesse fr Terschka, seine
Sorge fr den auf seiner Zelle und unter des Pater Maurus' Zucht verzweifelnden
Klingsohr bestimmten ihn, diese Last sich je eher je lieber abzuschtteln ...
Lucinden hatte er das Wort gegeben, ihn nicht zu verrathen ... Zugleich
vertraute er dem Ton der Verstellung, die von einer dumpfen Bigotterie, die in
Picard lebte, untersttzt wurde, nahm von ihm das Gelbni der Besserung
entgegen, lie den gegen religise Eindrcke nicht Verschlossenen bei einem der
auf den Grbern angebrachten Kreuze schwren und vertraute dem Versprechen, da
der Zgling der Galeeren nach Amerika auswandern und dort mit Hlfe der groen
Summe, die er ihm fr diesen Fall bestimmt hatte, ein neues Leben beginnen wolle
... Diese Summe, vor kurzem erst erhoben, trug Hubertus in Papieren bei sich ...
Die Ueberraschung und Geldgier des Rubers nahm die Form einer Dankbarkeit an,
die aufrichtig schien ... Picard verma sich hoch und theuer, an den Ufern
irgend eines der Strme Amerikas Grundbesitz kaufen und sein Leben hinfort nur
noch der Reue und Arbeit widmen zu wollen ... Nach einigen Tagen, whrend ihn
Hubertus unter den Srgen verpflegt hatte, brachte er ihn mit grter
Behutsamkeit auf den Weg nach Bremen ...
    Picard ging, wie wir wissen, ber London und gerieth unter seine gewohnte
Gesellschaft ... Er verthat die fr England nicht zu groe Summe in kurzer Zeit
... Ohne Mittel, fiel er in seine frhern Gewohnheiten zurck ... Die
franzsische Sprache, deren er mchtig war, die anfnglich ihm so reich zu
Gebote stehenden Summen hatten ihn in Verbindungen gebracht, die weit ber die
Sphre gingen, auf welche seine rohe Bildung angewiesen war ... So war es
mglich geworden, da er Terschka begegnete, den er von Westerhof kannte ...
Ohne sich ihm als Dionysius Schneid zu erkennen zu geben - seine kunstreichen
Percken sind uns vom Finkenhof her bekannt - knpfte er an die ihm von Hubertus
ausgesprochenen Vermuthungen ber Terschka's Person an, erinnerte an ihre
gemeinschaftlich bei einem Mller, spter bei einem Scharfrichter verlebte
Jugendzeit und hatte, da sich Terschka, trotz der lockenden Aufforderung, die
sein Jugendgespiele an ihn richtete, er sollte sich getrost die auch ihm
bestimmte Summe vom alten Jugendkameraden, Franz Bosbeck, dem jetzigen
nrrischen Mnch Hubertus kommen lassen, befremdet und hchst entrstet zeigte
und diese Reden zurckwies, die Frechheit, Terschka's Rock- und Hemdrmel
aufzureien und ihm das hollndische Brandmal der Verbrecher auf seinem Arm zu
zeigen ... Terschka, nun zum Schweigen verurtheilt, kmpfte mit sich, was er
thun sollte ... Hubertus war nach Italien gegangen; eine Correspondenz mit dem
in Rom auf San-Pietro in Montorio Verweilenden war nicht mglich, ohne sein
Geheimni noch mehr zu compromittiren; - die groe Summe reizte ihn aber - fr
ihn bestimmt war sie in Witoborn niedergelegt ... Terschka mute sie zu bekommen
suchen ...
    Einstweilen suchte sich Terschka Picard's selbst zu entledigen ... Die
Reihen der Emigrationen waren von je gemischt ... Mit dem Schein des politischen
Flchtlings umgibt sich der betrgerische und flchtige Bankrottirer, der Spion,
der falsche Spieler ... Unter den verbannten Karlisten und Sicilianern gab es
Charaktere, fr deren erste Lebensanfnge niemand gutsagen konnte ... Nicht nur
Ceccone's Intrigue, die Intrigue der meisten Regierungen ging in England dahin,
irgendwie in das innere Getriebe der Conspirationen einzutreten. Zu Horchern und
Provocatoren geben sich dann reine Charaktere nicht her - so muten sich den oft
phantastischen und der Welt unkundigen Edelgesinnten Betrger zugesellen ... Das
groe Weltgewhl erschwert die gegenseitigen Prfungen ... Picard, der seit
Jahren schon verschiedene Namen gefhrt und in den abwechselndsten Lagen gelebt
hatte, schlo sich den fr Malta und Korfu geworbenen entschlossenen
Revolutionren an ... Boccheciampo, ein ehemaliger sicilianischer Bravo, ging
wie jeder andere Flchtling unter einer Mehrzahl unbescholtener und den reinsten
Ueberzeugungen lebender Mnner .... Diesem schlo sich Picard an ... Mit
goldenen Ringen, Uhrketten berladen, nannte er sich einen Belgier van der
Meulen ... Boccheciampo leitete jene Intrigue des Cardinals Ceccone, der zufolge
mit den rmischen Invasionen der Flchtlinge, um sie zu compromittiren, die
Ruberelemente der Mark Ancona und der Abruzzen verbunden werden sollten ... Van
der Meulen reiste mit Boccheciampo ber Gibraltar und Malta nach Korfu ... Hier
musterten die Bandiera ihr Fhnlein und beurtheilten es im besten Vertrauen auf
die Brgschaft der londoner Absender ... Schon sollte ein von ihnen gemiethetes
und commandirtes Schiff nach Porto d'Ascoli in See stechen, als die Briefe des
von Hubertus befreiten Federigo ankamen und die Insurgenten vor einer ihnen
gelegten Falle warnten ... So spielte sich der Schauplatz der demnach schon im
Keim hoffnungslosen Unternehmung auf eine andere Stelle Italiens, wo eine
gleichzeitige Erhebung Siciliens in Aussicht gestellt wurde ...
    Hier offenbarten sich die schlechten Elemente, die sich unter den
Insurgenten befanden2... Mit der dreifarbigen Fahne marschirten die
Verschworenen, die in Punta d'Allice landeten, ber Rossano auf Salerno zu, wo
gleichfalls eine Erhebung angesagt war ... Aber im Gegentheil; vorbereitet fand
man berall nur den Widerstand; smmtliche Brgergarden waren einberufen ...
Wuchs auch der Haufen der Insurgenten von Ort zu Ort, so konnte er doch die
erste Begegnung mit regulren Truppen nicht aushalten ... Die Trmmer des
zersprengten Corps suchten Schutz auf dem hohen Kamm der Apenninen ...
    Hier irrten sie bis auf die hchsten Gipfel und bis da hinauf, wo im
schmelzenden Schnee die Strme des Neto, Leso, Arvo ihren Ursprung nehmen ...
Hubertus erfuhr im Kloster, da die Bandiera mit zwanzig ihrer Angehrigen in
jene Schlucht gedrungen waren, wo unter den Bluteichen Fr Federigo seine Htte
erbaut hatte ... Unruhig, ob sich die Nachricht besttigte, da von Spezzano aus
eine Militrcolonne in den Wald rcken sollte, verlie Hubertus sein Kloster,
ging die Windungen des Neto entlang und begegnete zweien zerlumpten, Banditen
hnlichen Mnnern, die in Eile daherlaufend und sich scheu umblickend ihn
anriefen: Sind in San-Giovanni Soldaten? ... Kaum waren sie so nahe, um unter
seine Kapuze zu blicken, so wandte sich der eine ... Die Stimme, die Hubertus
gehrt, schien ihm bekannt; der flchtige Blick hatte ihm eine selbst in solcher
Verwilderung erkennbare Physiognomie ins Gedchtni gerufen ... Das ist ja
Picard! sagte er sich mit dem hchsten Erstaunen und beflgelte seine Schritte,
die Flchtigen einzuholen ... Je lebhafter sie von ihm verfolgt wurden, desto
schneller eilten sie vorwrts ... Bei San-Giovanni machten sie einen Umweg und
schlichen unterwrts durch die Kornfelder ... Hubertus folgte rastlos; zumal da
er sah, wie sie sich furchtsam die Mauern entlang drckten und den Schutz der
Grten suchten ... Es ist Picard! wiederholte er sich. Picard, den ich in
Amerika glaubte! Picard, der die Kraft meines Armes frchtet! ...
    Der Ideenkreis unsres guten Hubertus war klein - aber klar trat ihm Picard's
Theilnahme an jener von Porto d'Ascoli aus irregeleiteten Unternehmung vors Auge
... Eine Gefahr, sowol fr die ihm durch Federigo's Mittheilung
bemitleidenswerth gewordenen Brder Bandiera, wie fr Federigo, welcher die der
deutschen Sprache Kundigen vielleicht gastlich aufgenommen - stand lebhaft vor
seinen Augen ... Ahnend, da die Flchtlinge trotz der Soldaten ausdrcklich
Spezzano suchten, schnitt er ihnen bei seiner schon gewonnenen Terrainkenntni
den Weg ab ...
    Inzwischen kletterten die Flchtlinge aus der Tiefe, die keinen Weg mehr
bot, zur obersten Saumthierstrae empor ... Hier erwartete sie jedoch schon der
schreckhafte Mnch, ein Knochenskelett ... Hubertus trat ihnen muthig entgegen
... Picard! rief er, noch zweifelnd; aber Picard war es, er erkannte den Ruber
... Zurckbebend sagte dieser, und zum Tod erschrocken, in deutscher Sprache:
Jesus Maria! Seid Ihr es, Bosbeck? Ich glaubte Euch in Rom! Dort wollt' ich Euch
aufsuchen! Steht uns bei! Wir mssen nach Spezzano ... Sind Soldaten in
Spezzano? unterbrach der andere auf italienisch ... Picard fuhr fort: Ist alles
vorber, Alter so erzhl' ich Euch, wie schlecht es mir am Ohio gegangen ... Und
wieder rief mit wildem Ungestm der andere: Sagt rasch, rasch, rasch; sind
Soldaten in Spezzano? ...
    Was wollt ihr mit Soldaten? antwortete Hubertus, der wohl begriff, da des
Italieners Worte nach Soldaten ein Verlangen nach ihnen und keine Besorgni
ausdrckte ... Sie werden euch fangen -! setzte er forschend hinzu. Gewi seid
ihr von der Bandiera-Bande aus Korfu ...
    Das mag recht sein! erwiderte der andere - es war Boccheciampo ... Aber nur
schnell! Schnell! Fhrt uns auf dem krzesten Wege nach Spezzano! ...
    Aus Dem, was die athemlosen und erschpften Mnner sonst noch vorbrachten,
ersah Hubertus, da sich beide von den brigen Flchtlingen getrennt hatten,
sich mit den ausgestellten Posten der bewaffneten Macht in Verbindung zu setzen
hofften und ohne Zweifel einen Zug anzeigen wollten, welchen, wie er erfuhr, der
Rest der Insurrection von den Bluteichen aus diese Nacht ber den Kamm der
Montagne delle Porcine hinweg unternehmen wollte, um den Meerbusen von Squillace
und von dort die See zu gewinnen ... In San-Giovanni di Fiore, hrte er, wrde
dieser Zug um Mitternacht ankommen und leicht von den Truppen aufgehoben werden
knnen, wenn diese ihm nicht sofort bis zu den Bluteichen entgegengehen wollten
... Hubertus sah die verrtherische Absicht ...
    Diesen Zug wollt ihr angeben? fragte er und hielt schon Picard's Arm fest
...
    Picard kannte die Strke des Mnchs und erblate nicht wenig ber die
funkelnden Augen, deren unheimliche, einer Kraftentfaltung vorausblitzende Macht
er aus seinen Jugenderinnerungen heute zum zweiten mal wieder erkennen sollte
...
    Mit dem Narren in die Hlle! rief Boccheciampo, Hubertus' Gesinnung ahnend,
zog ein Pistol und ergriff zu gleicher Zeit Picard's Arm, um seinen Gefhrten zu
befreien und ihn sich nachzuziehen ...
    Einen Augenblick fuhr Hubertus vor dem Pistol zurck, sah auch, mit einem
zuckenden Blitz des Auges, da Picard mit der Linken ein blankes Messer aus
seinen Lumpen zog ... Doch schon hatte den wilden Mnch der Anblick zweier
Bsewichter, die, um den Preis ihrer eigenen Freiheit, andere ins sichere
Verderben ziehen wollten, zur Wuth entflammt ... Seine Hand drckte Picard's Arm
so mchtig, da dieser aufschrie und seinen Arm fr gebrochen erklrte ...
    Hubertus suchte am Felsen seinen Rcken zu decken, ohne dabei Picard's
rechten Arm loszulassen ...
    Lat mich! schrie dieser, drngte vorwrts und drohte mit seinem blitzenden
Messer in der Linken ... Wie ein dem Ertrinken Naher, mit der ganzen
fieberhaften Kraft, deren selbst die Feigheit fhig ist, wenn sie sich vor
uerster Gefahr zu retten sucht, suchte sich Picard loszuwinden und dem
Italiener zu folgen, dessen Pistol sich jetzt zur Mehrung seiner Wuth als nicht
geladen erwies ...
    Nun mute Hubertus auch Boccheciampo abwehren ... Alle drei rangen ...
Hubertus gegen zwei ... Immer nher kam der wilde Knul dem jhen Abgrund des
Felsenweges ... Mit verzweifelnder Anstrengung wollten sich die Ringenden der
andern Seite zuwenden, wo die Felswand wieder hher emporstieg ... Da ri sich
mit einer hhnischen Lache Boccheciampo pltzlich aus dem Knul los, strzte die
andern vom Rand des Weges in die Tiefe und entfloh ...
    Mit einem gellenden Schrei suchte Picard sich im Fall zu halten - Vergebens;
die beiden Sinkenden glitten tiefer und tiefer ... Unten rauschte die wilde Flut
des Neto ... Hubertus hielt sich an einer hervorragenden Strauchwurzel - ein
Moment - und er hrte, da Picard, der die Besinnung verloren hatte,
unaufhaltsam in die zuletzt nur noch schroff sich absenkende Tiefe strzte ...
    Eine Besinnung, eine Entschlunahme war anfangs auch fr Hubertus nicht
mglich ... Eine Viertelstunde verging, bis er so viel Kraft gesammelt hatte, um
sich wieder auf die Strae hinaufzuarbeiten ... Da hrte er in der Ferne Schsse
... Als er auf die Strae kam, hatte sie ein Piket Soldaten besetzt und hielt
Boccheciampo gefangen ... Auch den Mnch nahm man mit und lie ihn streng
bewachen ...
    In der Nacht krnte sich Boccheciampo's Verrath ... Aus dem Thurm zu
San-Giovanni, in welchen Hubertus, ohne die Flchtlinge warnen zu knnen,
gefangen gesetzt wurde, vernahm er, wie oberhalb Firmiano's, wo ein einsamer,
unbekannter Waldweg ber den hchsten Gebirgskamm fhrt, ein kurzer
verzweifelter Kampf der kleinen Schaar stattfand, die auf ihrem Wege gekreuzt
und zuletzt gefangen genommen wurde ... Boccheciampo hatte den Soldaten die
richtige Anzeige ihres nchtlichen Zugs gemacht ... Man fhrte die Verlorenen
nach Cosenza - ...
    Auch Fr Hubertus wurde spter dorthin abgefhrt ... Der Erzbischof nahm
sich des Klerikers an, berichtete an den General der Franciscaner nach Rom und
wieder kam die Weisung, den Worten des Bruders Hubertus vollen Glauben zu
schenken und ihm jede Nachsicht zu gewhren ... Die Nachforschung nach dem
verunglckten Gefhrten des mit Pension nach Stromboli geschickten Boccheciampo
gerieth ins Stocken ... Einige Wochen nach Hinrichtung der Bandiera, kam
Hubertus auf freien Fu ...
    Wie Hubertus erst heute wieder jene Stelle des Ringkampfs gesehen, wie er
jetzt zu jenem Felsenpfade ber sich emporblickte, der damals ein Todespfad fr
zwanzig Menschen geworden war, brachte ihm die bange Stimmung seines Gemths in
voller Gegenwrtigkeit auch den Augenblick zurck, wo er damals, nach Entlassung
aus seiner Haft in Cosenza, von jenem Kreuze aus, das er am verhngnivollen
Orte vom Sindico zu San-Giovanni auf Befehl der Regierung errichtet fand, ein
Wagstck vollfhrte, welches allen, die davon erfuhren, unglaublich erschien ...
    Mit Stricken, Hacke und Beil stieg der Tollkhne am schroffen Felsabhang
nieder und suchte dem Opfer beizukommen, das dort unten noch im feuchten Schose
des an jener Stelle von Menschenfu noch nicht berhrten Neto ruhte ...
    Im Ringen hatte Hubertus bemerkt, da Picard unter seinen zerlumpten
Kleidern ein Portefeuille trug, auch Geld und Geldeswerth bei sich hatte ... An
letzterm lag ihm nichts; im erstern aber fand er vielleicht Aufklrungen ber
die ihn wahrhaft emprende und mit hchstem Zorn erfllende Tuschung, der er
sich hingegeben vor noch nicht zwei Jahren, als er glaubte, Picard wre nach
Amerika gegangen ... Nur eine so von frhster Jugend gehrtete, an jede
Lebensgefahr gewhnte Natur, wie die seinige, konnte die Schwierigkeit dieser
Unternehmung berwinden ... Hundertmal glitt sein halbnackter Fu am zuletzt
vllig senkrechten, glcklicherweise strauchbewachsenen Abhang aus ... Nichts
hielt dann die Wucht des Krpers, als ein Zweig, eine Wurzel, welche die schon
blutig zerrissene Hand untersttzte ... Wo ein hervorragender Stein oder ein Ast
krftig genug schien, befestigte der Muthige mitgenommene Stricke, die den
Rckweg erleichtern sollten, falls sich aus der Tiefe der Schlucht selbst kein
anderer Ausweg bot ... Ganz allein, und ohne irgend einen Zeugen sich an diese
muthige Unternehmung wagend, kam Hubertus, blutend an Armen und Fen, endlich
bei den an dieser Stelle gehemmten, in einem Kessel wildtobenden Fall des Neto
an ...
    Hoch spritzte der Schaum des von zerrissenen Felsblcken zurckgeworfenen
Gewssers auf - weitab nur vom Rande des Strombetts lie sich an den Bschen
mhsam weiterklettern ... Die Kohlenaugen des alten Jgers sphten rundum ...
Hubertus fand, da der Wildbach irgendwo ein Hemmni hatte ... Von
Weidornbschen wildberwuchert zeigte sich ein Vorsprung, um den das schumende
Gewsser sich herumzwngen mute ...
    Endlich fand sich - unter den Bschen das Schreckbild einer zerschmetterten
und verwesten Leiche ... Der Kopf war schon unkenntlich, aber die andern Glieder
hatten sich noch unzerstrt erhalten - die khle Wasserluft verzgerte die
Auflsung ...
    Eine Weile whrte es, bis Hubertus es wagte nher zu treten und den vollen
Anblick des Schreckens dauernd zu ertragen ... Ein Dolch, den er nach
Landessitte in seiner Kutte trug, schnitt die Kleider der Leiche auseinander ...
In den Taschen lag noch Geld, eine Uhr; die Brieftasche war nicht zu finden ...
Hubertus durchsuchte den ganzen Krper ...
    Das Portefeuille war verschwunden ... Ohne Zweifel war es beim Sturze aus
der Tasche geglitten ... Aber auf dem steinigen Grund der krystallenen Woge
blinkte Gold auf ...
    Hubertus blickte weiter um sich ... Da lagen auch Bltter Papier,
eingeklemmt in die spitzen Steine ... Die nassen Bltter gingen beim Aufnehmen
auseinander ... Hubertus sah, da es Bruchstcke waren, die einem Pa oder einem
hnlichen Document angehrten ... Wieder suchte er mit sphendem Auge ... sie
fanden sich, jetzt auch am Ufer, einzelne zerstreute Bltter ... Vom Regen und
vom Schaum des Neto waren sie so aufgeweicht, da sie schon beim Aufnehmen unter
der Hand auseinandergingen ... Dennoch nahm er alles vorsichtig an sich und
wickelte es zum Trocknen in sein Taschentuch ...
    Nach langem Suchen dann nichts mehr findend, nahm er einige wild
durcheinanderliegende Steine, bildete in Manneslnge in der Erde eine Hhlung,
warf in sie die Reste des verwesten Krpers und bedeckte alles mit den Steinen
und buschigen Weidornzweigen, die er mit dem Dolch abschnitt ... Uhr und Geld
nahm er in sein Bndel noch hinzu, sprach einen kurzen Segen und machte sich auf
den Heimweg, dessen noch gesteigerte Schwierigkeiten die Gewandtheit seines
Krpers berwand ...
    Von jener Brieftasche fand sich nichts mehr - er durfte sich sagen, da die
Papierreste, die er gefunden, hinreichten, um einem so kleinen Behlter schon
einen ansehnlichen Umfang zu geben ... Das Geld flo dem nchsten Opferstock an
der Kirche von San-Giovanni zu; die Uhr und die Papiere wurden bei passender
Gelegenheit fr einen Besuch bei Federigo aufgespart ... Sie zu lesen
verhinderten - natrliche Schwierigkeiten ...
    Nicht zu oft durfte es Hubertus wagen, die Bluteichen zu besuchen ... Nur
dann ging er, wenn ihn zu mchtig die Sorge fr den immer mehr verwitternden
Greis ergriff - nach einem strmischen Wetter, nach einem Briefe, deren zuweilen
welche fr Federigo - dann waren sie eingelegt an Hubertus - beim Guardian
einliefen; diese kamen von Rom und waren, wie Hubertus gelegentlich bemerkte, in
seltsamen Chiffern geschrieben ...
    Als den Mnch eines Tages wieder die Htte seines Freundes mit seinem, dem
Leichnam abgenommenen Funde beherbergte, betrachtete dieser die Uhr mit
uerstem Erstaunen ... Der Eremit erkannte sie fr die seinige ... Nicht da
sie ihm jetzt geraubt war, sie hatte ihm vor vielen Jahren gehrt ... Da Picard
sie aus dem Grabe des alten Mevissen gestohlen, konnte durch die Mittheilungen
des Mnches theilweise errathen werden - Hubertus wute, da Picard auf dem
Friedhof eines deutschen Dorfes ein Grab erbrochen hatte ... War es das des
alten Mevissen -? dachte Federigo. Welche Verwickelungen konnten dann entstanden
sein, falls sein Vertrauter an solchen Erinnerungen noch mehr in die Grube mit
sich genommen hatte! - ... Mit einer Aufregung, die Hubertus an seinem Freunde
sonst nicht gewohnt war, durchflog dieser die Papierreste, die sich in Picard's
Nhe gefunden hatten ... Ihr Inhalt schien ihn allmhlich zu beruhigen ...
    Aus einigen Brieffragmenten ergab sich aber eine Beziehung Picard's zu
Terschka ... Sie hatten sich, das ersah man deutlich, in London gekannt ... Die
Briefe waren vorsichtig abgefat und enthielten sogar besonnene Mahnungen,
manche Ablehnung der Picard'schen Zudringlichkeit - Terschka's Ton war hier in
hohem Grade vertrauenerweckend - ...
    Die nunmehrige Entdeckung der Thatsache, da sich Hubertus damals auf Schlo
Westerhof in Terschka's Person nicht geirrt hatte, nahm ihn trotz Terschka's
damals so schroffer Ablehnung fr ihn ein ... Die Klage Terschka's ber seine
eigene hlflose Lage, auch die zuflligerweise in diesen Briefen von ihm
ausgesprochene Reue ber seine schnde Behandlung des guten Franz Bosbeck, der
ihm so wohlgesinnt gewesen, alles das konnte Hubertus nicht hren, ohne an sein
noch in Witoborn bei einem Advocaten stehendes Geld zu denken ... Auch Federigo
kannte von Castellungo her den Lebenslauf Terschka's, kannte seinen Uebertritt
zu einer Confession, die an Federigo und den Waldensern der nur in jngeren
Jahren fanatisch katholische Mnch zu achten gelernt hatte, und rieth dazu,
diesen Wink des Schicksals zu beachten ... Wenn Hubertus doch einmal sein
Vermgen dem Kloster Himmelpfort entziehen wollte - und nach seinem Tode wrde
Pater Maurus in Himmelpfort sich schon zu Gunsten seiner Ansprche regen und
geltend machen, da Hubertus nur als ein auf Urlaub befindlicher Mnch seiner
Provinz betrachtet werden konnte - so sollte er sich eilen, dem Erben, den er
sich nun einmal gewhlt und der hoffentlich besser damit verfahren wrde, als
Jn Picard, seine, wie man she, dringend ersehnte Hoffnung nicht zu entziehen -
Die Partheilichkeit, die Grfin Erdmuthe fr Terschka von jeher gezeigt, hatte
sich auch dem Einsiedler mitgetheilt ...
    Durch ihn, als Schreibkundigen, zugleich durch den wohlgesinnten Guardian
des Klosters Firmiano, leitete Hubertus eine Verhandlung mit den Gerichten im
fernen Witoborn ein, der zufolge Terschka die Summe, die er diesem gleich
anfangs bestimmt hatte, richtig in London ausgezahlt erhielt ... Es whrte ein
Jahr, bis diese Procedur zu Stande kam ... Terschka's Dankesbriefe hoben nicht
wenig das Gefhl des alten Mannes, der sich einer guten That bewut war und oft
mit Schmerz von seinem Schicksal sprach, das ihn gerade ber die, denen er Gutes
erweisen wollte, zum willenlosen und wie von Gott bestimmten Richter machte ...
    Die Rthsel, die den deutschen Pilger umgaben, hatten sich fr Hubertus nur
theilweise gelftet ... Bald nach dem Vorfall mit jener Uhr, einem
Zusammentreffen, das Federigo am wenigsten aufklren mochte, kam das Ende des
treuen Sultan, der, von seiner Wunde geheilt und einen Augenblick die Freiheit
nutzend, seinem Herrn wieder bis auf mehr als funfzig Meilen gefolgt war und am
Ziel seiner Sehnsucht durch den Pfarrer von San-Giovanni so misverstndlich sein
Ende finden mute3...
    Lebhafter denn je gedachte Hubertus heute der Folgen, welche damals eine an
sich so entschuldigte That des edlen Paolo Vigo nach sich zog ... Er gedachte
seiner Klagen damals, als sein zuflliger Ausgang aus dem Kloster, um zu
terminiren, ihn nach San-Gio fhrte, ein Volkshaufe um den verendenden Hund
stand, er ihn erkannte, ins Kloster trug, ganz so, wie zuweilen Sanct-Philippo
Neri, mit dem ihn Klingsohr so oft verglichen, abgebildet wird ... Paolo Vigo
erfuhr die Geschichte des Hundes, war davon aufs tiefste ergriffen und besuchte
den Eremiten unter den Bluteichen, gleichsam um seine rasche That zu
entschuldigen ... So knpfte sich zuletzt eine Freundschaft, die auch ihn ins
Strafkloster Firmiano brachte ...
    Hier aber zeigte sich die gute Wirkung solcher Nachbarschaft ... Jhzorn,
Vllerei, alle Leidenschaften, von denen das Amt des Priesters geschndet wird,
fingen dort allmhlich zu verschwinden an ... Nicht genug konnte der Guardian,
ein milder gutgesinnter Mann, nach Cosenza rhmen, wie sich seine Pfleglinge
gebessert htten ... Schickte man aber eben deshalb schon seit lange niemanden
mehr her? ... Nahm man eben deshalb niemanden mehr fort? ... Es war, als wenn
dies stille Waldkloster in der Welt vergessen war ... Hatte Hubertus Recht
gethan, so ausdrcklich die Jesuiten an die Existenz desselben zu erinnern? ...
    Gerade Diesem vorzugsweise nachdenkend, hrte Hubertus jetzt die Uhr des
Klosters die vierte, d.i. die elfte Stunde schlagen und machte sich, von Unruhe
getrieben, noch frher auf den Weg, als er anfangs beabsichtigt hatte ... Ueber
die Hhen wehte ein frischer Nachtwind ... Noch eine halbe Stunde brauchte er,
bis er am Klosterthor die Glocke zog ...
    Hier sollte ihn aber dann sogleich ein glcklicher Zufall begren ... Es
war Paolo Vigo selbst, der heute den Pfrtnerdienst verrichtete ... Eine edle
Gestalt voll ernster Wrde, mager, abgezehrt, begrte ihn ... Der Pfrtner trat
Hubertus mit dem frohesten Willkommen entgegen ...
    Hubertus sah ihn voll Erstaunen, band sich seine beim Steigen losgegangene
Kuttenschnur fester und sprach:
    Das mu ja dem Guardian ein Traum eingegeben haben, Euch gerade heute an die
Thr zu stellen! Ihr seid noch wach? Ich bitte Euch, bleibt es ja! ... Weckt
unsere Schlafscke die Matutin, so lat Euch nur vom Guardian auf der Stelle
Urlaub geben - ...
    Nicht wahr? Um unsern Vater aufzusuchen -? ... fiel Paolo Vigo mit
lebhaftester Erregung ein ... Ich konnte mir doch denken, da Ihr gerade zum
zwanzigsten August wieder zurcksein wrdet ...
    Zum zwanzigsten August -? ... Verderbt mir den Willkomm nicht! entgegnete
erschreckend Bruder Hubertus ... Bei Sanct-Hubert! Wo hatt' ich meinen Kalender!
... Haben wir heute den heiligen Rupert und bei Witoborn die ersten Schnepfen -
-! Und ich - ich - - Esel -! ...
    Morgen ist doch Sanct-Bernhard! besttigte Paolo Vigo. Wit ihr das nicht -?
... Ich stehe wie ein Soldat auf Schildwacht und bitte Gott, mir eine gute
Ablsung zu geben ... Ihr seid voll guter Anschlge, Bruder; sagt, wie fang' ich
es an, sofort zu den Bluteichen zu kommen! ... Drei Nchte hatt' ich denselben
Traum und keinen guten mein' ich ... Ich hrte an meiner Zelle kratzen, wie von
einem Hunde, der herein wollte ... Ich sah im Geist den guten Sultan vor mir ...
Oeffnete ich dann, so fand ich nichts - ... Dreimal das hintereinander! - Ich
glaube an solche Dinge nicht - aber ich meine doch - Federigo ist krank oder es
geschieht ihm sonst nichts Gutes - ...
    Der heilige Bernhard ist morgen -! sprach Hubertus dumpf und vor sich
hinsinnend, immer besorgter und im Ton des hrtesten Vorwurfs gegen sich selbst
... Leb' ich so in den Tag hinein! ... Ihr trumtet vom Sultan? Und ich trume
schon seit Neapel von nichts, als von Wlfen, die an den Bluteichen eine
Lmmerheerde fressen ... Wit Ihr hier denn auch nicht, warum unser San-Giovanni
drben so voll Soldaten steckt? ...
    San-Giovanni? ... entgegnete Paolo Vigo bestrzt ...
    Euer Pfarrhaus und alle Scheunen sind voll .... Auch in Spezzano siehts wie
im Lager aus ... Ist morgen Sanct-Bernhard -! ...
    Glaubtet Ihr, da ich um irgendetwas Anderes Urlaub wnschte, als um an
diesem Tage - Nun Ihr wit doch, da ich jedesmal, wo ich an diesem Tage nicht
bei den Bluteichen war, erklrte, ein Jahr aus meinem Leben verloren zu haben -!
...
    Hubertus hatte sich inzwischen durch die niedrig und rundbogig gewlbten
Gnge zum Refectorium begeben, wo noch auf dem Speisetische die Lampe brannte
... Paolo Vigo folgte ihm in den anmuthig khlen, von kleinen gewundenen Sulen
arabischen Geschmacks getragenen Raum ... Ein Schrank enthielt die Vorrichtung,
sich zu einem hier immer bereitstehenden Kruge voll Wein durch Drehen eines
Hahns frisches Quellwasser zur Mischung zu verschaffen ... Das Wasser trpfelte
hrbar von den oberen Bergen zu ... Hubertus war erschpft; Paolo fllte einen
der im Schrank stehenden hlzernen Becher mit Wein und Wasser und erwartete vom
so schweigsam gewordenen Sendboten nhere Aufklrungen ber Verhltnisse, die
beiden gleich theuer und werth waren ...
    Alles ringsum blieb still ... Nur die Wasserleitung trpfelte geheimnivoll
und lauschig in dem wieder geschlossenen Schrank ... Dstere Schatten warf die
matte Lampe durch die alterthmliche Halle ...
    Briefe sind ja von Cosenza gekommen? ... fragte Hubertus, der die Meldung
der Ankunft Rosalia Mateucci's ber die andern, ihm viel wichtigeren Dinge
vergessen hatte ...
    Briefe von Cosenza? Nein! Aber vom Sacro Officio aus Neapel! entgegnete
Paolo Vigo und setzte hinzu: Leider! Sie geben dem Guardian keine Hoffnung ...
Spracht Ihr denn nicht den Monsignore? ...
    Die bange Vorstellung, die den Alten schon lange beschftigte, es knnte
einen Schlag auf Federigo und seine geheimverbundenen Anhnger gelten, trat mit
qulender Gewiheit vor seine vom mhevollen Wandern ohnehin erhitzten
Vorstellungen; aus fieberhaftem Blut steigen nach krperlichen Anstrengungen
Wahnbilder und krankhafte Gedanken auf ... Der zwanzigste August war seit zehn
Jahren in den fast unzugnglichen Schluchten des Silaswaldes ein Tag, wo anfangs
nur drei oder vier Mnner, jetzt schon oft zwanzig bis dreiig mit ihren
Familien sich versammelten ... Hubertus uerte seine entschiedensten
Besorgnisse und Paolo Vigo redete sie ihm keinesweges aus ... Schon berechnete
Paolo, ob nicht vielleicht die Einquartierung in seinem Pfarrhause Anla geben
knnte, den Guardian um Urlaub zu bitten - ... Sinnend fuhr er fort, man mte
doch morgen in erster Frhe in San-Giovanni hren knnen, was die Soldaten
wollen ...
    Was sie wollen - hm! hm! fiel Hubertus ein - Wenn ich an die lachende Miene
des Monsignore denke und denke an den Golf von Neapel, der im Sonnenschein
funkelt wie ein Paradies und doch den Vesuv im Leibe hat, so wird mir bange wie
einer Mutter um ihr Kind ... Der zwanzigste August! ... Mein Sohn, ich bitte
Euch, mich dem Guardian nicht zu melden ... Ich bin noch nicht angekommen ...
Hrt Ihr! ... Lebt jetzt wohl! In drei Stunden bin ich an Federigo's Htte und
schicke Jeden nach Hause, der etwa heute oder morgen kommen sollte, um fr die
Seelen der armen Mrtyrer Pascal und Negrino zu beten ...
    Guter Bruder! entgegnete Paolo Vigo ablehnend und erklrte auch seinerseits
zu dieser Warnung bereit zu sein ... Ihr muthet Euch ein Ueberma zu ... O, da
ich statt Eurer hinauffliegen knnte! ... Soldaten! sagtet Ihr? ... Ich sagte ja
gleich, da der aus Neapel vom Sacro Officio angekommene Brief ebenso
hinterhaltig ist, wie schon lange das Benehmen des Erzbischofs von Cosenza ...
Und der Monsignore gab Euch in Nichts einen trstlichen Bescheid? ...
    So artig war er, sprach Hubertus, wie Papa Kattrepel in meiner alten Stadt
Grningen, der jeden Armensnder, wenn er ihm den Kopf abschlug, erst um
Verzeihung bat ... Lat mich doch jetzt nur sogleich gehen ... Schon hr' ich
den Rumor da oben ... Mitternacht mu vorber sein ... Geht! Geht! ... Ja, all
ihr Heiligen, da ich es nicht vergesse! Bei Sanct-Hubert's Bart, wo hab' ich
meine Gedanken! Gtiger Gott, mach' auf mein Alter keinen Schwabenkopf aus mir!
... Mein Sohn, lat Euch getrost Urlaub geben nach San-Gio! ... Da werdet ihr ja
eine Person finden, die viel lieber hat, Euch schon morgen wie sonst in Eurem
Hause oder beim alten Meister Pallantio die Polenta auf den Tisch zu stellen -
lieber, als den steilen Weg hieher zum Kloster erst heraufzuklettern -! ...
    Eine Person? Die Polenta? Wer? fragte Paolo Vigo und lie sich von Hubertus
die berraschende Begegnung mit dem keuchenden Pepe, mit Scagnarello, Rosalia
und Marietta Mateucci erzhlen ...
    Gtiger Himmel! rief Paolo Vigo in doppelter Freude - ... Erst aus Liebe zu
seiner seit Jahren nicht gesehenen Schwester - dann um die Gelegenheit, nun auf
alle Flle Urlaub zu bekommen ...
    Hubertus mute sich jetzt verstecken, wollte er unangemeldet bleiben ...
Schon ertnte die Glocke, welche die smmtlichen Bewohner des Klosters weckte
und in die Kirche rief, wo sie singen muten ...
    Whrend Paolo Vigo in grter Ueberraschung, in Spannung und Rhrung stand
und jedenfalls entschlossen blieb, den Guardian um die sofortige Erlaubni zu
bitten, seiner geliebten Schwester und ihrem holden, von ihm noch nie gesehenen
Kinde entgegenzugehen und auerhalb des Klosters bernachten zu drfen,
schlpfte Hubertus eine vom Refectorium in die Zellen fhrende enge Wendeltreppe
hinauf, um wo mglich, ehe die Frate kamen, seine Zelle zu erreichen und dort
sich zu verbergen ... Schon hrte man einen Mnch, der heute das Amt des Weckers
hatte, in einem entfernten Gange an die Zellenthren pochen ... Der Regel des
heiligen Franciscus gem rief er alle Schlfer aus ihren sesten Trumen ...
    Hubertus erreichte glcklich und unbemerkt seine dunkle Zelle ... Sie war
nicht breiter und nicht tiefer, als zwlf Fu, und enthielt als Bett einen Sack
von Maisstroh - die Decke darber war so grob wie seine Kutte ... Von
Glasfenstern war keine Rede; nur eine rohgezimmerte Holzjalousie schtzte gegen
die im Winter oft schneidend kalte Luft ...
    Hubertus warf sich auf sein Lager ... Er hatte vor Uebermdung jene
Empfindung, die ihn an die Zeiten erinnerte, wo auch er sich in Java an Opium
gewhnt hatte ... Traumartige Bilder traten vor die wachen Sinne ... Alles
schwebte um ihn in Licht und Farbe und Licht und Farbe war auch wieder wie Musik
... So soll einem an Erstickung Sterbenden der Tod sein ... Gestalten, die ihm
wie Hexen htten erscheinen drfen, waren ihm jetzt freundlich und nickten ihm
mit sem Lcheln ... Mit seiner noch nicht besonders geluterten Religion
nannte Hubertus das die Triumphe des Teufels, den er namentlich auch beim
nchtlichen Chorsingen um zwlf Uhr Mitternacht gern in Thtigkeit wute und oft
schon hinter dem groen Missale mit seinem Hrnerkopfe als einen hhnischen
Mitsnger oder am Weihwasserkessel, den verunreinigend, erblickt hatte ... Er
rttelte sich wach und horchte nur, ob der Lobgesang in der Kirche bald vorber
sein wrde ...
    Die Lampen in den Hnden, schlichen die Mnche und geistlichen Zchtlinge
erdfahl und schlaftaumelnd durch die Gnge ... Hubertus, der auch hier schon
manchen Verschlafenen - wie oft sonst Klingsohrn! - um solche Stunde auf den
Armen in den Chor getragen hatte, lauschte dem den Widerhall ... Endlich sangen
einige zwanzig Stimmen ... In einfacher Cantilene wurde ein Psalm vom Guardian
verlesen und seinen Worten an bestimmten Stellen von den andern respondirt ...
    Als nun wieder alles nachtstill geworden war und jeder auf seiner Zelle
wieder sein Lager erreicht hatte, erhob sich Hubertus von dem seinigen ... Hatte
Paolo Vigo Urlaub erhalten, so mute ein andrer Pfrtner fr ihn eingetreten
sein und jedenfalls erwartete ihn dann der Beurlaubte nirgend anderswo, als in
seiner eignen Zelle ...
    Letztere erreichte Hubertus ungesehen, trat bei Paolo ein und fand ihn in
der That bereit, das Kloster zu verlassen ... Auf die freudige Botschaft, seine
theure Schwester wre in San-Giovanni, war ihm die Erlaubni ertheilt worden,
ihrem Besuch zuvorzukommen und sie, wenn ihn sein Herz dazu triebe, berraschen
zu drfen ... Bleibt aber Ihr zurck! setzte Paolo Vigo bittend hinzu ... Alter,
Ihr seid zu erschpft ... Und nur darin steht mir bei; geht morgen frh meiner
Schwester entgegen und haltet sie vom Kloster eine Weile entfernt, bis ich um
die achte Stunde von den Bluteichen in San-Gio wieder zurck sein und Euch Alle
bei meinem alten Mener Pallantio begren kann - ...
    Wie zwei Jnger, die fr ihren Meister ihr Leben zu lassen bereit sind und
um den Vorzug in den Beweisen ihrer Liebe streiten, so standen sie am offenen
Fenster und stritten, ob es nicht gerathener wre, Paolo Vigo berliee den Gang
nach den Bluteichen, um die am Morgen dort Versammelten zu warnen, an Hubertus
und ginge lieber selbst nach San-Gio zur Ueberraschung fr seine Schwester ...
    Mein Sohn! bat Hubertus ... An mir ist wenig gelegen ... ... Wenn aber Euch
zum zweiten Mal eine Strafe trfe, wie sie Euch schon einmal so lange Eure
Freiheit gekostet hat! ... Jetzt brchet ihr ja geradezu auch das Herz Eurer
Schwester! ... Sie versprach, am Morgen zum Kloster zu kommen ... Ihr liebliches
Kind wird Euch die Wange kssen ... Wagt nichts Neues wieder, nachdem Ihr schon
so lange gebt habt ...
    Paolo Vigo hatte jedoch den Geist empfangen, der in edlen Dingen den
Menschen unwiderstehlich zum Selbstopfer treibt ... Eine heilige Glut
durchloderte ihn, seine Augen funkelten, wie die Sterne ber den leise
Flsternden ... Er ergriff die Hand des Greises und sprach:
    Wei ich doch nicht - ich ahne die letzte Stunde unseres Freundes ... Krank
ist er zum Tod schon seit lange und es geht das Gercht, da sein stilles Wirken
entdeckt ist ... Seit jenem letzten Brief, den Ihr aus Rom brachtet, mu eine
groe Vernderung mit ihm vorgegangen sein ... Ich sah ihn seitdem nur einmal -
und da schon wollte er Abschied nehmen fr immer, wogegen meine Worte kaum
aufkommen konnten ... Es schien, als wenn er eine wichtige Kunde aus der Welt
empfangen hatte, die ihn zur Auferstehung, zur Beendigung seiner
Einsiedlerschaft und zur Rckkehr ins Leben rief ... Schon aus freien Stcken
schien er gehen zu wollen und nun ahn' ich, er htte besser gethan, dieser
Regung zu folgen - ... Wenn man ihn heute holte, am Tage der Versammlung, ihn in
die Kerker der Inquisition wrfe -! Lebt wohl, Alter -! ...
    Nicht ohne mich -! ... sprach Hubertus und blieb dem Unheilverkndenden
unabweislich zur Seite ...
    Mein Fu ist jnger, als der Euere! bat Paolo und wollte nicht dulden, da
Hubertus weiter, als bis an die Zelle des Pfrtners folgte ...
    Whrend noch beide, und mehr mit Geberden als mit Reden, die ohnehin
geflstert werden muten, stritten, erscholl in einiger Entfernung auerhalb des
Klosters ein klagender musikalischer Ton ... Er kam von einer Pansflte, wie sie
hier die Hirten blasen ... Aus kleinen Rohrstben ist eine einfache Scala
zusammengesetzt, die unter gebten Lippen eine in nchtlicher Einsamkeit
wohllautende Wirkung hervorbringt ...
    Horch! rief Paolo Vigo und bedeutete Hubertus, Acht zu haben ...
    Die Flte blies eine Melodie ... Es waren die einfachen Tne eines
Kirchenliedes ...
    Tanto - Christo - amiamo! ... sprach Paolo Vigo mit Ueberraschung der
Melodie nach ... Es ist die Erkennungslosung der Freunde ... Man ruft uns ...
Seht ihr, eine Gefahr ist da ... O - mein Gott -! ...
    Auch Hubertus lauschte voll hchster Betroffenheit und rumte ein, so knnte
sich nur ein Verbndeter zu erkennen geben ...
    Herber von der Mauer des Klostergartens tnte die sanfte Flte fort und
fort ... Sie blies das alte Waldenserlied Tanto Christo amiamo - zu Ende ...
    Pater Clestino! rief nun schon Paolo Vigo mit starker Stimme in eine
Oeffnung, die aus dem Corridor in die Zelle des Pfrtners fhrte ... Ich gehe
... Bemht Euch aber nicht ... Ich ffne schon ... Gelobt sei Jesu Christ! ...
    Amen! rief Pater Clestino von drinnen her und lie getrost den Beurlaubten
den Riegel selbst zurckschieben ... Nur langsam erhob er sich, um ihn wieder
anzuziehen ...
    Doch auch Hubertus war inzwischen schon ungesehen entschlpft und kaum
konnte Paolo Vigo ihm folgen ...
    Mit raschen Schritten gingen beide dem Orte zu, wo aufs Neue unausgesetzt
die Melodie der Hirtenflte ertnte ...
    Endlich, an einem breitastigen, der Klostermauer sich anschmiegenden
trkischen Haselnustrauch entdeckten sie einen alten Hirten und einen Knaben
... Letzterer war es, der die Flte blies ...
    Der Hirt war ein wohlbekannter alter Freund ... Er gehrte zu den Nachkommen
des von den Waldensern hochgefeierten Negrino4... Ein uerlich schlichter, doch
kluger und allgemein geachteter, auch wohlhabender Ziegenhirt, der alte Ambrogio
Negrino aus San-Gio ... Oft reiste der schlichte Mann mit seinen Heerden bis
Salerno und trieb einen eintrglichen Handel mit den Gerbern selbst von Palermo
und Messina ... Heute, als Hubertus in seinem Hause vorsprechen wollte, hatte
man ihn auf der Messe zu Rossano geglaubt ... Inzwischen kam er heim und hatte
Veranlassung gefunden, sofort wieder die Flinte berzuwerfen, mit seinem
jngsten Sohn Matteo aufzubrechen und, wie er ankndigte, nach den Bluteichen zu
eilen ...
    Ihr Herren! rief er den Ankommenden entgegen. Gott segn' es, da ihr kommt!
... Ich sage euch! Es gibt eine groe Gefahr fr unsern Vater Federigo ... Die
Soldaten in San-Gio wissen von nichts, als von Morden, Brennen und
Gefangennehmen ... Und wen? - Das haben Offiziere im Weinrausch ausgeplaudert
... Um vier Uhr brechen sie auf und umzingeln die Bluteichen - ... Ueber den
Aspropotamo her kommen die andern - ... Wer mag ihnen verrathen haben, da heute
der zwanzigste des Monats ist! ... Bleibt daheim - Herr Pfarrer, und auch ihr,
guter Hubertus ... Nur deshalb raubte ich euch die Nachtruhe, weil ich euch
warnen wollte, falls euch der Geist getrieben htte, heute auch an den Eichen zu
erscheinen ...
    Nimmermehr, wir gehen mit Euch! fielen Hubertus und Paolo Vigo in banger
Besorgni ein ...
    Beide achteten der Bitten Ambrogio Negrino's nicht ... Sie verharrten dabei,
sich ihm anschlieen zu wollen - ... Unwiderstehlich zge sie ihr Verlangen, dem
greisen Freunde in einer Stunde so groer Gefahr nahe zu sein ... Ohne Clausur,
wie sie eben waren, wollten sie die glcklicherweise ihnen zu Gebote stehende
Freiheit nach dem Bedrfni ihres Herzens benutzen ...
    Matteo! rief Paolo Vigo dem nach San-Gio zurckgeschickten Knaben nach; geh
sogleich zu Meister Pallantio, meinem Kster, wecke die Signora, die diesen
Abend bei ihm angekommen ist und sprich zu ihr: Sie sollte unter keinerlei
Antrieb morgen hinauf nach San-Firmiano gehen ... Morgen in erster Frhe, so
Gott will, um acht oder neun Uhr wrd' ich schon selbst bei ihr vorsprechen -
...
    Ambrogio Negrino unterbrach:
    Heiliger Priester, wenn man Euch an den Bluteichen trfe - ...
    Wirst du ausrichten, Matteo, wiederholte Paolo Vigo, was du gehrt hast?
Willst du einen herzlichen Gru an meine liebe Schwester und die kleine Marietta
bestellen? ...
    Matteo gab jede Beruhigung und wandte sich mit diesen Auftrgen nach San-Gio
zurck ...
    Die drei Verbundenen gestatteten sich keinen lngern Aufenthalt, sondern
machten sich sofort auf den mhevollen Weg, der zu den Bluteichen fhrte ...

                                    Funoten


1 Ein Factum.

2 Mazzini hat ber die Vorwrfe, die ihm wegen seiner mangelhaften Ausrstung
der Bandiera'schen Expedition gemacht wurden, eine eigene Rechtfertigungsschrift
herausgegeben.

3 Gleichfalls Factum.

4 Starb den Hungertod in Cosenza.


                                      11.

Paolo Vigo's Wort: Er nahm Abschied von mir wie auf ewig wurde nun auch von
dem alten Ziegenhirten wiederholt ...
    Es fiel ihnen allen auf die Seele, als wrden sie den Geliebten nicht
wiedersehen, wenn sie sich nicht eilten, es noch einmal jetzt zu thun ...
    Da sie zu dem Ende die Wrfel ihres eigenen Looses warfen, kmmerte sie
wenig ...
    Sie hofften jedoch auf ihr zeitiges Eintreffen ... Wenn noch Zeit zum
Ergreifen und Ausfhren eines Entschlusses gelassen war, so sollte sich ihr
Freund, nach Negrino's Meinung, am sichersten ber den Monte Gigante hinweg nach
dem Meerbusen von Squillace begeben oder im uersten Fall in einer in der Nhe
befindlichen Hhle verbergen ...
    Jhrlich nur einmal, am 20. August, fanden sich die letzten Trmmer der
einst so zahlreich im unteren Italien ausgebreiteten Shne des Peter Waldus
zusammen ... Drei Jahrhunderte waren seit jenen Scheiterhaufen verflossen, die
auch die Fortschritte der Reformation in Calabrien geendet hatten ... Fr
Federigo fand davon im Silaswalde keine andern noch ersichtlichen Spuren, als
die Bluteichen, wo einst Hunderte der Reformirten und Waldenser - wie die
Schafe mit dem Messer abgestochen wurden ... Zufllig begegnete ihm dort ein
alter Ziegenhirt, Ambrogio Negrino, der ihm diese Dinge erluterte und sich dann
selbst als einen Nachkommen des Mrtyrers Negrino zu erkennen gab ... Ihm
verdankte der Einsiedler die Bekanntschaft mit noch einigen andern Trmmern der
alten Sekte ... Gehrten sie auch alle der herrschenden Kirche an, so hatten
sich doch alte Gebruche, Erkennungszeichen, Gebete, letztere meist in
provenalischer Sprache in ihren Familienkreisen erhalten - Ambrogio Negrino
besa ein altes Buch, das er selbst nicht lesen konnte - die waldensische Nobla
Leyon ... Federigo bersetzte sie ihm - anfangs allein; bald brachte Negrino
andere mit, die gleichfalls diesen Gru ihrer Vorvordern aus alten Jahrhunderten
aus seinem Munde vernehmen wollten ...
    Der Kreis von Verehrern und Freunden des Einsiedlers, der seinerseits noch
unter dem besonders ber ihm wachenden Schutze des Mnchs Hubertus zu
San-Firmiano stand, mehrte sich wider Willen Federigo's ... Von Nah und Fern
wurde sein Rath begehrt ... Freilich hielten ihn die Meisten fr einen
Hexenmeister ... Wie Paolo Vigo veranlat wurde, ihn zu besuchen, wurde erzhlt
... Aus seinen wiederholten Wanderungen in die Wildni und den ihr folgenden
Errterungen entstanden in Paolo Vigo Zweifel, ernste, kummervolle
Betrachtungen; er verrieth die Resultate derselben in seinem Wirkungskreise und
erlitt die Strafe einer, wie wir gesehen, nicht endenden Suspension und
Einsperrung in San-Firmiano ...
    Der Einsiedler, erschreckt von solchen Vorkommnissen, bat fort und fort
seine Freunde, ihn der todeshnlichen Stille in seinem Waldthale zu berlassen
... Hubertus besorgte dann und wann einen Brief, den der deutsche Sonderling
nach Rom schrieb und von dorther beantwortet erhielt ... Das war des Eremiten
einziger Verkehr mit der Welt ... Er lebte vom Honig seiner Bienen, von
Frchten, die er selbst zog, von Vorrthen, die seine Freunde ihm brachten ...
Zuletzt war es Sitte geworden, da alle die, welche auf dreiig Miglien in der
Runde gleichsam unter des alten Ambrogio Negrino Controle standen, ihn
wenigstens einmal im Jahre besuchten, am 20. August, den er nach langem Struben
endlich als Erinnerungstag an die alte Schreckenszeit festgesetzt hatte ...
    Ich habe es immer gefrchtet, sprach Hubertus, die athemlose Eile des
Wanderns unterbrechend, und lie sich wiederholt erzhlen, was der weltkundige,
weitgereiste Hirt, ein Greis mit langen weien Locken, sonnenverbranntem braunem
Antlitz, von den Reden der Offiziere gehrt hatte ... Um vier Uhr, wiederholte
Ambrogio Negrino in einer gewhlteren Sprache, als dem hier blichen Patois,
rcken die Truppen von San-Giovanni aus, vertheilen sich in den Bergen und
wollen von verschiedenen Seiten dem Thal der Bluteichen so beizukommen suchen,
da sie die ketzerische, dem Teufel opfernde Versammlung mitten in ihren Greueln
aufheben knnen ...
    Die Mglichkeit einer so irrthmlichen Auffassung ihrer Versammlungen war
ihnen nach dem Geist ihrer Umgebungen vollkommen erklrlich ... Sie verweilten
nicht bei dem Ausdruck ihres Schmerzes ber ein so groes Misverstndni; sie
berlegten nur ... Die Versammlung mute verhindert und Fr Federigo, wenn sein
Entkommen unmglich war, in einer Felsenspalte verborgen werden, welche Ambrogio
Negrino schon lange fr diesen Fall aufgefunden und jedem Uneingeweihten
unzugnglich gemacht hatte ...
    So sehr auch die Mnner eilten, sie konnten nicht hoffen, vor Anbruch des
Morgens an Ort und Stelle zu sein ... Auf dem krzeren Pfade, den sie
einschlugen, um an die Abhnge der oft schneebedeckten Serra del Imperatore zu
kommen, begegneten sie Niemanden ... So durften sie annehmen, da die
geheimverbundenen Getreuen sich lngst schon auf den Weg gemacht, ja an der
Htte ihres Meisters schon die Nacht verbracht hatten ...
    Die Wanderer kannten sich in ihrer Theilnahme fr den einsamen Bewohner des
Waldes und hatten nicht nthig, diese noch durch viel Worte kundzugeben ... Sie
tauschten nur ihr Urtheil ber die krzeren Wege aus, wenn die Wildni berhaupt
noch etwas bot, was einen Weg sich nennen lie ... Nur kleine ausgetrocknete
Strombetten waren noch die besten dieser Wege; diese gingen verborgen unter
Gestrpp und Bschen hin ...
    Die Nachtluft wurde frischer ... Nebel stiegen auf, die den
leichtbekleideten Wanderern ein frostiges Schauern verursachten ... Der Hirt bot
Paolo Vigo seinen langhaarigen Mantel, den dieser nicht abschlug ... Zum Glck
trug der Pfarrer Schuhe, nicht, wie Hubertus, Sandalen ...
    Hubertus hatte, als wre ihm seine ganze Kraft ungeschwcht zurckgekehrt,
sein dolchartiges Messer gezogen ... An manchem Gebsch von Steineichen, wo
durch die stachlichten Bltter schwer hindurchkommen war, schnitt er die Zweige
nieder und machte die Wildni wegsam ... Dann kamen zuweilen Buchenhaine, die
wie zum nchtlichen Reigen der Elfen bestimmt schienen; so licht und traulich
glnzten sie im abnehmenden Mondlicht und unter den allmhlich erblassenden
Sternen ...
    Eine Sorge der Verbundenen konnte sein, ob nicht auch den Lauf des Neto
herauf von Strongoli oder aus Umbriatico ber den Aspropotamo und Gigante her
schon Corps Bewaffneter herberkamen und das Thal der Bluteichen bereits frher
eingeschlossen hatten, als es von ihnen erreicht wurde ...
    Schon war es vier Uhr ... Schon sah man die zunehmende Helle ... Immer
matter wurde die Scheibe des Mondes, immer rthlicher erglnzten am blauenden
Himmel die Sterne ... Schon zeigte sich auf Serra del Imperatore, einem Berg,
der an manchen Stellen gen Ost offen und riesig gro vor ihnen lag, die
dunkelrothe Glut der aufgehenden Sonne ... Die Spitze des Aspropotamo war die
erste, die vom Sonnenlicht hell aufleuchtete ... Aengstlich sphten sie rundum,
ob nicht irgendwo am Rand des von andern Seiten zugnglichen, in grnen und
grauen Nebeln schwimmenden Thales eine Waffe blitzte ...
    Wie sie fast erwartet hatten, so geschah es auch ... Als sie mit hellem
Tagesanbruch endlich in der Ferne die Bluteichen sahen, entdeckten sie ein reges
Gewimmel von Menschen unter den mchtigen Baumkronen ... Bald erscholl auch aus
der Tiefe, zu der sie niederstiegen, ein vielstimmiger Gesang ... Er erklang
gegen die dumpfe Litanei in San-Firmiano wie ein jubelndes Schwirren der Lerche
in blauer Luft verglichen mit dem trben Ruf der Unke ... Reine helle Frauen-
und Kinderstimmen schwangen sich wie geflgelte Tongeister ber die Laubdcher
... Sie sangen die auch ihnen wohlbekannten einfachen Hymnen, die aus alten
Zeiten stammend das Lob des Hchsten priesen und die heilsame Veranstaltung der
Erlsung und die Hoffnung aller Christen ... Dazwischen lutete ein Glcklein,
von welchem sie wuten, da es denen, die vielleicht noch entfernt waren, den
Weg zur Htte andeuten sollte ... Alles das geschah wie im tiefsten Frieden ...
    Wol htten die Wanderer sich sagen mgen: Wer wollte diese stille Andacht
stren! Wer knnte hier etwas finden wollen, was vor Gott oder Menschen ein
Verbrechen wre! ... Dennoch muten sie eilen, die gefahrvolle Feier zu
unterbrechen ...
    Nach einer kurzen Stille, welche die Wanderer durch einen die Betenden
erschreckenden Zuruf aus der Ferne nicht unterbrechen mochten, begannen die
Stimmen aufs neue und lieen nach einem vollen, mchtig an den Bergwnden
widerhallenden Gesang jene Pausen eintreten, von denen die Wanderer wuten, da
sie die bis zu ihnen herauf nicht hrbare Stimme Federigo's fllte ... Federigo
sprach dann die Worte vor, die zu singen waren ... Alles das, erinnerungsfrisch
vor ihre Seele tretend, bewegte sie um so mchtiger, als noch immer der Anblick
der Htte selbst verborgen blieb ...
    Endlich aber zeigten sich die Windungen von Radgleisen, die im grnen,
weichen, oft morastigen, dann von den herrlichsten Farrenkrutern berwucherten
Boden von kleinen Karren zurckgeblieben waren ... Es muten heute von weitweg,
auch von Rossano und Conigliano die dem Ziegenhirten wohlbekannten Nachkommen
der Waldenser erschienen sein ... Der helle Lichtstrahl des immer hher und
hher ber dem Meeresspiegel heraufgestiegenen Sonnengeschirrs fiel auf die
obern Rnder des Thals ... Die Nebel zertheilten sich und nun hatte ihr
besorgter und zugleich verklrter Blick die volle Aussicht auf die Gruppe der
Menschen, die da unten versammelt waren und die sie meist kannten ... Kinder
lagen im Grase; andre hielten die Mtter auf ihren Armen; Mnner in zottigen
Schafspelzen, andere im kurzen Rock des Alpenjgers, Fischer, die vom Meer
herbergekommen, in ihren rothen Mtzen und ihren braunen Mnteln - alle
umstanden die Htte ... Ein Haufe von nahezu achtzig Seelen, hochbetagte Greise
darunter; aller Mienen mit jenem Ausdruck, den eine gutmthige Denkart geben ...
Noch verdeckten sie das Bild des Mannes, der ihnen, auf die zufllige
Veranlassung seiner Begegnung mit Ambrogio Negrino, zehn Jahre lang hier nichts,
als nur die Geschichte ihrer unglcklichen Vorfahren erzhlte und nicht hindern
konnte, da sie von ihm Belehrung und Anleitung zu reinem Sinn, zur Beurtheilung
des Glaubens begehrten, in welchem sie leben muten ... Federigo enthielt sich
jeder Aufwiegelung ihres an die Gebruche der herrschenden Kirche gebundenen
Gewissens ... Auch war die Hhe der Bildung, die im Waldenserthal bei
Castellungo geherrscht hatte, hier nicht anzutreffen ...
    Schon wollte Negrino hinunterrufen, da hinderte ihn die jetzt hrbar
werdende weiche, volle, innig zum Herzen dringende Stimme des Sprechers ... Die
dem Volk vollkommen verstndliche, wenn auch fremdartige italienische Rede
desselben fesselte sie ... Was bestimmte nur die Warner, diese Feier nicht zu
unterbrechen! Was gab ihnen so urpltzlich ein felsenfestes Vertrauen auf den
Gott, der sich in jedem Menschenherzen, auch in dem der Verfolger, offenbaren
msse -! ... Hubertus kndigte sich sonst durch scherzende Tne an, die ihn bei
Jung und Alt im Gebirge bekannt machten; jetzt beschien der erste Sonnenstrahl,
der sich durch den Imperatore und den Gigante stahl, die glnzende Stirn, die
weien Locken des Freundes und Lehrers, sein unter weien Brauen aufgeschlagenes
begeistertes Auge - jetzt stand er im Pilgerkleid von schwarzem rauhwollenem
Tuch, mit entbltem Halse, um den Leib einen schwarzen Seidengrtel, so
hoheitsvoll und edel, da alle drei aufhorchen und den Fu hemmen muten ... Die
Farbe des Antlitzes, die Hnde, alles sah am Freunde blasser und krankhafter aus
als sonst ... Das von ihren Augen wieder aufgenommene theure Bild eines Greises,
den fr seine letzten Lebenstage noch durch die Erregung seines Geistes ein
jugendliches Feuer durchglhte, schlo doch in der That die Besorgni nicht aus,
da diese Lebenstage kaum bis zum beginnenden Winter andauern konnten ...
    Federigo sah die Dahereilenden nicht ... Sein Blick war nach innen gewandt
... Schon sprach er Worte, welche die Kommenden allmhlich im Zusammenhang
verstehen konnten ... Zu den Erweckungen der Waldenser hatten im Piemont gewisse
Formen einer ffentlichen Beichte gehrt ... Wie die ersten Christen sich ein
Gemeindeleben aus ihren Privatbeziehungen bildeten und eine Oeffentlichkeit der
letzteren einfhrten, bei welcher nicht fehlen konnte, da die persnlichsten
Leidenschaften zur Klage und Rge kamen, so walteten die Diaconen und Barben
auch bei den Waldensern des Amts der Gerechtigkeit und des Auflegens von Buen
und Strafen ... Ebenso trat auch hier bei diesen Versammlungen einer nach dem
andern vor und wurde entweder aus eigenem Antriebe oder durch Mahnung veranlat,
sich zu vertheidigen, sich zu erklren, Lehre oder Vershnung anzunehmen ...
Hubertus und Paolo Vigo kannten den Segen, welchen diese Verstndigungen der
kleinen Gemeinde unter ihren Gliedern schon seit lange hervorgebracht hatten1 -
...
    Unterwegs hatte Paolo Vigo seinen Begleitern, so wenig sie auch durch
Gesprch ihre Schritte hemmen mochten, doch gelegentlich wiedererzhlt, warum
Fr Federigo, als die Genossen Negrino's ihn endlich zur Abhaltung mindestens
Einer Versammlung im Jahre berredeten, gerade den Tag des heiligen Bernhard
dazu whlte ... Nicht nur, da in der Hhe des August die wichtigsten Ernten
beendet waren, Fr Federigo hatte ihm auch das Gedchtni des Abtes Bernhard von
Clairvaux als ein festzuhaltendes Spiegelbild frommerer Zeiten dargestellt, wo
einsichtsvolle freimthige Priester noch zu heilsamen Zwecken in den Rath der
Groen traten ... Siebenhundert Jahre war es her und in der Bltezeit des
Mittelalters, als ein hoher Ernst die Vlker ergriff und Mnner erstehen lie,
die in einer wilden, kriegerischen Epoche kaum von solcher Weihe und Thatkraft
erwartet werden durften ... Damals, als die Philosophie in Frankreich, England
und Italien erblhte, die Dichtkunst sogar ber das rohere Deutschland hie und
da einen milden Glanz der Sitten verbreitete, die Kreuzzge einen seltenen
Aufschwung des Gemths und der Phantasie hervorriefen, zerstrte Rom und die
Herrschaft der Ppste noch nicht alle Hoffnungen der Vlker und verdunkelte noch
nicht alle Lichtschimmer einer besseren Aufklrung ... Ein einfacher Brger in
Lyon, Pierre Vaux (Peter Waldus), las damals die Bibel in einigen Abschnitten,
welche in die gewandteste und poesiefhigste Sprache damaliger Zeit, die
provenalische, bersetzt waren ... Ein wunderbarer Lichtglanz berfiel ihn beim
Lesen des den Laien gnzlich unbekannten Buches - gerade wie die Jnger, die
nach Christi Tod im Dunkeln wandelten, pltzlich an ihrer Seite einen Wanderer
bemerkten, der so mchtig die Schrift auslegte ... Waldus las seine Entdeckungen
Befreundeten vor, lie auf seine Kosten die Bibel noch vollstndiger in die
Sprache seiner Landsleute bersetzen und nahm die einfachen Formen des ersten
apostolischen Christenthums an ... Sein Vermgen gab er seiner Gemeinde; ihre
Priester, denen die Ehe unverboten blieb, whlte die Gemeinde selbst; von den
Sacramenten behielt man nur Taufe und Abendmahl; letzteres hrte auf ein
mystischer Act zu sein und blieb nur noch ein Opfer der Erinnerung; es war eine
Reformation ohne Schulgeznk, ohne Disputation der Theologen, eine Luterung der
Lehre allein durch das Herz ... Mit reiender Schnelligkeit verbreitete sich das
Wirken der Waldenser ... Ein ganzer Grtel Europas von den franzsischen
Abhngen der Pyrenen an bis nach Sditalien fiel vom herrschenden
Kirchengeiste, vom weltlichen Streit der Ppste mit dem Kaiser und von
Geistlichen ab, die damals sogar die Waffen fhrten und oft im glnzenden
Harnisch zu Ro saen, im wildesten Kampfgewhl die zum Segnen bestimmte Hand
mit Blut besudelnd ... Mit einem warmen, lebendigen Eifer fr die apostolische
Reinheit der Lehre und des kirchlichen Lebens ging Hand in Hand die Gesittung
... Gerade dieser Grtel Europas wurde der blhendste an Gewerbflei,
Erfindungen, in Knsten und Wissenschaften ... Immer weiter und weiter schwang
sich ein lichtheller Iris-Bogen ber Europa ... Burgund, Deutschland, Bhmen
erglnzten von seinem siebenfachen Strahl ... Wo der Webstuhl sauste, wo die
Industrie der Stdte mit dem Betrieb des Ackerbaues zu regem Austausch ihrer
Erzeugnisse verkehrte, da erschollen auch bald die neugedichteten Lieder zum Lob
des Hchsten ... Ganze Stdte, ganze Lnderstrecken hatten schon keinen andern
Gottesdienst mehr, als den der Waldenser, der Humiliaten, Armen Brder, der
selbst die Kirchen und ihre Pracht fr berflssig erklrte und jeden grnen
Rasenplatz, jedes Laubdach einer Eiche fr eine Gott wohlgefllige Kapelle
erklrte ...
    Paolo Vigo schilderte die furchtbare Verfolgung, welche von Rom aus ber
diese Bekenner des reinen Christenthums anbrach ... Die Ppste nannte er, die
zum Morden aufforderten ... Jene Schreckensthaten des Abtes von Citeaux und
jenes Vorbildes eines Alba, des Grafen Simon von Montfort, schilderte er, wie
sie mit Feuer und Schwert Mnner, Weiber, Kinder vertilgten ... Damals kam der
Satz der rmischen Kirche auf: Ketzern ist keine Treue zu halten; ppstliche
Legaten schwuren auf die Hostie, da, wenn die Ketzer ihnen die Mauern ffneten,
sie nur allein mit einigen Priestern einziehen wrden, um die bethrten Bewohner
zu bekehren; geschah es aber, so warfen sie die Priesterkleider ab, zogen
verborgene Schwerter, die Reisigen der fanatisirten Glaubensarmee brachen nach
und kein Sugling auf dem Mutterarm entkam dem allgemeinen Blutbade ...
Beutegier, Habsucht schrten die Verfolgung ... Simon von Montfort, Abt Arnold
schlugen herrenlos gewordene Lnderstrecken zu Frstenthmern zusammen ...
Damals war Raimund, Graf von Toulouse, das unglckliche Oberhaupt der bedrngten
evangelischen Bekenner, wie spterhin das Haupt der Hugenotten Coligny ...
Endlich flchteten sich die letzten Reste dieses unablssigen Mordens in die
Berge, die Pyrenen, die Alpen, die Apenninen ... Jahrhundertelang erhielten sie
sich dort, trotz einer sie auch hier erreichenden zweiten blutigen Verfolgung,
die dann das Werk der neuen Kreuzritter wurde, der Jesuiten ... Damals griffen
sie in den Thlern Piemonts wieder zu den Waffen ... Zu den tapfern Namen, die
in lteren Tagen mit Maccabermuth ihre heilige Sache, Haus, Herd, Weib und Kind
vertheidigten, gesellten sich neue, wie Heinrich Arnaud, der in offener Schlacht
mit einer kleinen Schaar Tausende zurckgeschlagen hatte, sich ber die
steilsten Felsen Piemonts zurckzog, ein Lager in einer Schlucht wie eine
Festung erbaute, acht Monate lang, nur von Krutern lebend, mit seiner kleinen
Schaar gegen die Kanonen kmpfte, die auf sein kleines Huflein von den
Felswnden aus ein mrderisches Feuer unterhielten, bis sich Arnaud endlich mit
dem Rest seiner Schaar, 350 an der Zahl, einen ruhmvollen Abzug erkmpfte ...
Wie dann auch in Calabrien die Waldenser hingesunken waren, hatte Federigo oft
genug erzhlt ... Damals starb Negrino in Cosenza den Hungertod, Pascal in Rom
auf dem Scheiterhaufen ... Oft hatte Federigo's rhrende Stimme geklagt, da
besonders solche Thorheiten verderblich wren, die selbst in den Gemthern der
Edeldenkenden Raum gewinnen knnten ... Bernhard von Clairvaux, Abt eines
Klosters in Frankreich, Lehrer seines Jahrhunderts, ein Orakel der Frsten, ein
Rath ihrer Rathgeber, ein Straf- und Buprediger der Geistlichkeit, sogar den
Ppsten ein: Bis hierher und nicht weiter! gebietend; - ach! auch der, wie die
heilige und so edle Hildegard, sah in den Thaten und Lehren der Waldenser nur
die Eingebungen des Teufels -! ... Ambrogio Negrino und Hubertus waren nicht
befhigt, sich zu all den Bildern und Erinnerungen aufzuschwingen, die von Paolo
Vigo's fiebernderregten Lippen kamen ...
    Herr, erleuchte die Weisen! verstanden jetzt auch die Ankmmlinge aus
Federigo's Rede ... Mildere ihr Vertrauen auf die eigene Kraft! Wecke dem Guten
und Gerechten Deine Frsprecher im Rath der Groen! Ersticke den Durst nach
Rache im Gemth beleidigter Machthaber! ...
    Es schien in der That, als wollte Federigo von seinen Freunden Abschied
nehmen ... Mehr als sonst ri ihn heute seine Rede hin ... Er berhrte
katholische Punkte, die er sonst vermieden hatte - er wollte Niemanden die
Mglichkeit nehmen, mit seinem Pfarrer in leidlicher Verbindung zu leben ...
    Mit groer Wehmuth sprach er:
    Der heilige Bernhard kann uns in vielem ein Vorbild sein - hochragend wie
jener Berg im Norden, der mit ewigem Schnee bedeckt, seinen Namen trgt ...
Wisset, da Bernhard jene Lehre, nach welcher auch die Mutter Jesu ohne Snde
empfangen sein soll, fr Snde hielt -! ... Ihr fragtet mich darum, weil der
Heilige Vater diese neue Lehre zu verehren befohlen hat -! Nun wohl! Eines
Weibes Name ist heilig, wohl trgt Maria die Erdkugel in Hnden, wenn Maria die
Kraft bedeuten soll, deren ein schwaches Weib in seinem Aufschwung fhig ist ...
Wohl ist zu fassen mglich, wie die alte wilde grausame Zeit, die heidnische,
die selbst des Heilands spottete, der am Kreuze sich selbst nicht htte helfen
knnen, doch vor einer Mutter erschrak, vor einer Mutter sich beugte - o noch
den Mrder befllt vor seiner Hinrichtung die Trauer um den Kummer, den er
seiner Mutter bereitete ...
    Hier stockte der Redner und wollte abbrechen ... Aber einige Stimmen
unterbrachen ihn und deutlich vernahm man aus einem schlichten Hirtenmunde, der
dazwischen sprach, die Worte:
    Wo Maria dann auch ganz die Knigin des Himmels werden soll, wo bleibt ihr
Sohn? Wo kommt der wahre Mittler zu seiner ihm allein gebhrenden Ehre? ...
    Im hchsten Grade gespannt horchten die Ankmmlinge und sogen die Worte ein,
welche Federigo erwiderte:
    Lasset das gehen -! ... Seht, es war ja sogar ein anderer Heiliger -
Bonaventura sein Name - ein Heiliger, der zur Zeit jenes Bernhard lebte - auch
der hat den Psalm David's genommen: Herr, auf dich traue ich, la mich
nimmermehr zu Schanden werden! - und hat in jedem Seufzer des Vertrauens und
der Liebe zu Gott an die Stelle Gottes - ruchlos, um es nur auszusprechen - ein
Weib mit seinen menschlichen Fehlen und menschlichem Elend gesetzt: Maria, auf
dich traue ich -! Mutter Gottes, du hast mich erlset! So den ganzen Psalm -!
... Und dennoch danken wir auch dem heiligen Bonaventura so viel Entsiegelungen
der frischesten Lebensbrunnen des christlichen Geistes - ...
    Nein, unterbrachen die Stimmen der Aufgeregten, er lsterte -! ...
    Ich beschwre euch, rief Federigo, habt Mitleid mit jenen armen
Verblendeten, in deren Schoose ihr, kummervoll genug ihre Bruche theilend, voll
Bangen und voll Zagen lebt ... Lat sie die Altre einer Frau zu Ehren mit
Zierrath und mit Bndern schmcken -! Lat sie ihr Gebet des Morgens, des
Mittags und des Abends wenigstens an Etwas richten, was dem Heiland verwandt ist
-! ... Aber das ist wahr (nun erhob sich des Sprechers Stimme, von dem man sah,
da ihn die Gesinnungen seiner Umgebungen fortrissen), wenn Maria es ist, die
uns erlst und vor Gott vertreten soll, so konnten jene Ruber, die mit dem
Giosafat eure Htten verbrannten, eure Heerden raubten, getrost auf ihrer
fhllosen Brust ihr Bildni tragen -! ...
    Eine freudige Zustimmung ging mit Zornesruf durch die Reihen - ...
    Wehe einem Kind, fuhr Federigo, aufgeregt und ganz sich vergessend fort, das
fr seine Bewhrung im Leben nur die Nachsicht einer Mutter hat! ... Nie, nie,
wenn auch heute in Spezzano die Lampen brennen werden, nie sollt ihr auf
Frsprache nur der Mutterschwche hoffen! Denkt an die klugen Jungfrauen, die im
Dunkeln ihr Oel hteten und die Lampen nur anzndeten, wenn ihr rechter
Brutigam, der Heiland, kam! ... Nein, ich sehe es, ihr glaubt nicht an die
Wahrheit eines gotteslsterlichen Bildes, das sich in einer der groen und
herrlichen Kirchen Milanos befindet und das einen Traum unsres heutigen heiligen
Bernhard darstellen soll -! ... Zwei Schiffe steuern dem Himmel zu; des einen
Steuer fhrt der Herr; des andern Maria ... Jenes bricht zusammen und seine
Mannschaft sinkt in den Abgrund; dieses gleitet sicher dem Hafen des Himmels zu
- Maria streckt ihre hlfreiche Hand nach den Scheiternden aus und nun kommen
auch sie in den Hafen der Gnade, sie, die mit Christo gingen, sie, die mit
Christo verloren sein sollen, sie, nur noch erlst durch Maria -! ...
    Ein Ausruf des Schreckens ber solche Lehren theilte sich selbst Negrino,
Hubertus und Paolo Vigo mit ...
    Zorn regt sich in eurer Brust? sprach Federigo - Eure Blicke sagen:
Nimmermehr kann solches ein Heiliger auch nur getrumt haben! ... Ihr sprecht:
Du von Rom verrathener, von Rom auf das Steuer eines untergehenden Schiffes
verwiesener Heiland, du, du bist allein der wahre Fhrer! Deine Hand streckte
sich einst aus und lie ber Wellen den Verzagenden sogar hinweggehen! Der
Nachen, den du, du gezimmert hast, Sohn des Zimmermanns, die Flagge, die du als
Wahrzeichen aufgesteckt, sie, die dein mit dem Blut beschriebenes Kreuz trgt,
sie sollte nicht die glckliche Fahrt, die Einkehr in den Hafen der Seligen
gewinnen? ... - Doch wohin verirren wir uns - meine Freunde -! Ihr mt in eure
Wohnungen zurck - wieder sein, was euch drei Jahrhunderte zu sein zwangen -
mt leben mit den schuldlosen Nachkommen der Mrder euerer Urvter - Vergebt
ihnen im Geiste der Liebe und Hoffnung -! Versagt euern Priestern nicht die
Spenden, die sie noch begehren drfen! Auch die Spenden der Andacht nicht, die
in diesen Lndern blich! Ein Korn Goldes ist immer noch bei dem schlechten Blei
verdorbener Lehre! Noch ist die Zeit nicht reif, wo der Schmelztiegel Gut und
Bse scheiden wird! Aber das Lamm wird bald das fnfte Siegel aufthun, von
welchem ich euch schon oft gesprochen habe! Unter den Altren des Himmels werden
die Seelen derer, die erwrgt wurden um des Wortes Gottes willen zu zeugen
beginnen, da es auf Erden weithin widerschalle! ... Die Stunde kommt nher -!
O, bald wird die Freiheit im Glauben und Denken auch fr Italien anbrechen! Auch
in diese Thler wird der Lichtstrahl einer neuen Sonne dringen! Lutert euch fr
diesen groen Augenblick! Thut das Gute, tragt im Herzen euren reinen Sinn und
eure geluterte Hoffnung! Wenn ich - ach! heute von euch scheide - ja, Geliebte
ich scheide von euch! Es ist das letzte, letzte - Mal - ...
    Warum mute nur das Ohr der drei Ankmmlinge und aller in Thrnen gebadeten
Hrer so gebannt sein von dem allgemeinen Schluchzen, Wehklagen, von den Thrnen
des Redners, da jene sich still hinter einer der Bluteichen verbargen und die
Worte ihres Freundes und Lehrers nicht stren mochten -! ...
    Jetzt mute Hubertus, der Schrfersphende, die erstickte Abschiedsrede
Federigo's unterbrechen, mute auf die ihnen gegenberliegenden waldbedeckten
Berge deuten und in wilder Hast wie ein Verzckter rufen:
    Besteigt den Nachen Jesu! Rettet, rettet euch! ...
    Und auch aus dem um den Greis zusammengedrngten Haufen muten nun wol
andere, die seinen Leib zu umfassen, seine Hnde, seine Fe zu kssen nicht
hindurchdringen konnten, ihr Auge auf die von Hubertus bezeichnete Stelle
gerichtet und unter den Bumen an einzelnen offenen Stellen schon dieselbe
Strung erblickt haben ... Ihr Ruf fiel in den des Mnches ein ...
    Voll Entsetzen erkannten Paolo Vigo und Ambrogio Negrino, die mechanisch dem
voranstrmenden Hubertus gefolgt waren, die Flinten der gefrchteten Jger von
Salerno, die in der That, unabhngig vom Corps in San-Giovanni, ber den
Aspropotamo und Gigante gekommen waren ...
    Schon stand Hubertus mitten unter den in noch wildere Aufregung gerathenden,
theilweise zu den Waffen greifenden Verbndeten ... Die Frauen flchteten sich
zu ihren Karren ... Die Kinder drckten sich schreiend an ihre Vter, die
rathschlagend zusammentraten ... Hubertus hatte Federigo schnell begrt und
seine Hand ergriffen, um ihn den Weg zu fhren, den Ambrogio zum Entkommen fr
den sichersten hielt ...
    Federigo deutete gelassen auf eine andere Stelle des dichten Waldkranzes, wo
die rothen Pnktchen sich mehrten, die Federbsche an den Hten der Jger von
Salerno ... Die von San-Giovanni erwarteten Truppen htten allerdings vor drei
Stunden noch nicht eintreffen knnen ... Dies war ein Detachement, das vom
Meerbusen von Squillace gekommen ...
    Nun war alles auseinander gesprengt und raffte die Karren, die ausgelegten
Gerthschaften, die Kinder zusammen ... Die Mnner standen unentschlossen, ob
sie zur Flucht oder zu Widerstand schreiten sollten ... Heute zum erstenmal
hatte ihr stetes Drngen, da ihr Freund und Rathgeber sie ber Rom, ber die
Priester und die Lehre der Kirche aufklren sollte, eine Erhrung gefunden - Den
Greis hatte der Schmerz der Trennung fortgerissen ... Vier Mnner, unter ihnen
Ambrogio, schwangen ihre Flinten ber Federigo's Haupt ... Die Hitze des
sdlichen Temperaments war bei diesen Mnnern von ihrer religisen Denkart nicht
berwunden worden ... Hatte man auch nur ein Dutzend Schuwaffen, funfzehn
Alpenstbe waren mit Eisen beschlagen; Messer, welche die Fischer und
Kohlenbrenner am Grtel trugen, waren lang und geschliffen ... Hubertus wartete
nur auf das Zeichen, das Federigo geben sollte ... Er selbst hatte sich mit
einem: Halt da! denen gegenbergestellt, die ihn nicht kennen mochten und das
Erscheinen eines Mnches und eines Priesters fr die Vorboten einer
unentrinnbaren Gewaltthat ansahen ...
    Meine Freunde! rief Federigo in die wilde Bewegung ... Verschlimmert die
Sache nicht noch mehr, als sie schon ist! ... Wir wissen, da diese Krieger das
Gebirge durchstreifen seit den blutigen Aufstnden an den Meeresksten ... Wer
wei, ob sie nur uns suchen ... Wo Weiber und Kinder zugegen sind, konnte nichts
Uebles geschehen ...
    Ambrogio Negrino mute ihm diese Voraussetzung nehmen ... Er erzhlte, was
von ihm in San-Giovanni gehrt worden ... Paolo Vigo und Hubertus riethen,
lieber sofort das Aeuerste anzunehmen und die Sicherheit zu suchen ... Seit dem
Aufstand der Bandiera war nicht vorgekommen, da sich zu gleicher Zeit eine so
groe Anzahl von Soldaten in diesen Gegenden hatte erblicken lassen ... Viele
der Frauen hatten Soldaten im Leben nicht gesehen ... Sie standen starr vor
Entsetzen und mehrten die Rathlosigkeit der Mnner, von denen die Mehrzahl sich
vertheidigen wollte ...
    Federigo bat alle, sich der Sorge um ihn selbst zu entschlagen und nur auf
die eigene Rettung bedacht zu sein ... Den Zumuthungen zur Flucht widerstand er
entschieden, ordnete die Leute so, da sie in zerstreuten Haufen sich auf die
Heimkehr ber solche Wege begaben, die nur ihm bekannt waren ... War auch das
Thal so eng, da ein auf dem Gebirgskamm pltzlich fallender, schon als
Alarmzeichen dienender Schu ringsum in siebenfachem Echo widerhallte, so
fehlten Auswege nicht und nicht alle Gebirgsspalten konnten zu gleicher Zeit
besetzt sein ...
    Inzwischen mehrten sich die verdchtigen Zeichen und schon wurden die
militrischen Commandos hrbar ...
    An ein Entrinnen ist nicht zu denken! sagte zu aller Schrecken der jetzt fr
immer dem Verderben geweihte Pfarrer von San-Giovanni ... Ambrogio und Hubertus
schilderten zu wiederholter Besttigung, was sie in San-Giovanni und Spezzano
gesehen hatten ...
    Inzwischen war von den Entschlosseneren unter den Mnnern ein Rckzug
angeordnet worden, der vielleicht ber die Serra del Imperatore mglich war ...
Eiligst warf man die Gerthschaften auf die Karren, gebot den Kindern Ruhe,
brachte die Maulthiere und Esel in Bewegung und in einer Viertelstunde war es um
Federigo's Htte still geworden ... Nur noch Hubertus, Paolo Vigo und Ambrogio
Negrino blieben zurck ...
    Instndigst bat sie der Greis, jenen Felsenspalt, den er kannte und fr
vollkommen sicher erklren mute, statt seiner aufzusuchen ... Eilt euch, meine
Freunde! sprach er ... Kmmert euch nicht mehr um mich ... Meine Stunden sind
gezhlt und ich habe nicht einmal eine schlimme Hoffnung fr mich - ich habe sie
nur fr euch ...
    Wir sind dort alle sicher ... entgegnete Ambrogio ...
    Ich beschwre euch, geht allein! wiederholte Federigo ... Ich suche mein
Ende ... Lat, lat mir, was beschieden ist -! ... Ich versichere euch, es wacht
nicht nur Gott ber mich, sondern auch manche Freundesseele unter den Menschen
... Soll ich euch, meine geliebten, theuern Freunde, unglcklicher machen, als
ihr jetzt schon mit euerm getheilten, zaghaften Herzen seid? ... Gott ist mein
Zeuge, ich pflanzte nichts in euch, was nicht schon in euch war! ... Ich hielt
euch zurck, euch den grten Gefahren preiszugeben ... Wenn ich mich dem
Drngen nach Entscheidung heute fgte, so ist es billig, da mich die Folgen
allein treffen ... Flieht, flieht -! ... Bewahrt euer Geheimni, lehrt diese
Menschen das ihrige hten - bald brechen neue Zeiten an! ... Vielleicht vernimmt
noch Euer Ohr den Sieg des Evangeliums von Rom! ...
    In diesem Wettstreit - die Verehrer des Greises wollten sein Schicksal
theilen - mehrte sich die Unruhe ringsum ... Das Thal wurde lebendiger ... Von
Aexten getroffen brachen hie und da die Zweige zusammen ... Hier blitzten
Flinten auf, dort entluden sich welche ... Federigo wehrte Hubertus, der ihn auf
seinen Armen forttragen wollte ... Rettet nur euch! bat er wiederholt ... Fr
mich ist gesorgt ...
    Alle starrten, als sie sahen, wie Federigo jetzt in seine Htte trat, dort
ein brennendes Licht ergriff, die Flamme an die Wnde hielt, die von drrem
Moose gefugt waren, und seine Einsiedelei in Flammen steckte ...
    Paolo Vigo suchte das verzehrende Feuer abzuhalten von den Gedankenschtzen,
die hier in Bchern und Blttern aufgehuft lagen und aus denen er jahrelang
Trost und Erhebung geschpft hatte ... Aber die Papiere und Bcher brannten
schon und bald zngelte die Flamme um die ganze Htte ...
    Gedanken an Rettung und Flucht verlieen nun die drei Freunde gnzlich ...
Willenlos lieen sie den Greis gewhren ... Sein Betragen war seltsam ... So
fast, als kme ihm dieser Ueberfall erwnscht, ja als wre er frher oder spter
auf einen solchen vorbereitet gewesen ...
    Aus dem Brande ergriff er einige wenige Bcher, um sie zu retten und
seltsamerweise noch drei Stbe, von denen er jedem der Freunde einen einhndigte
mit den Worten:
    Schtzt euer Leben und euere Freiheit - ... Bewahrt aber, jeder von euch,
wie irgend mglich, diesen Stab, den ich euch auf die Seele binde -! ...
    Nun vollends blieben sie wie angewurzelt stehen ...
    Er wiederholte seine Worte und setzte hinzu:
    Sucht mit uerster Anstrengung euch diese Stbe zu erhalten ... Wenn ihr
nicht entweichen wollt, ihr Armen, so bitt' ich nur noch dies ... Es kommt ein
Augenblick, wo ich oder irgendwer euch mittheilt, welche Anwendung ihr von
diesen Stben machen sollt ...
    Die Htte brannte nieder ... Eine Viertelstunde darauf waren auf einer
rauchenden Trmmersttte alle vier die Gefangenen der Inquisition ...
    Fnfzehn auf der Flucht noch aufgegriffene Mnner, an ihrer Spitze auf einem
und demselben Karren Federigo, Hubertus, Paolo Vigo und Ambrogio Negrino, kamen
am Abend desselben Tages zu Spezzano nicht nur von Reitern und Fuvolk geleitet
an, sondern vom Schwarm der Bewohner des halben Gebirgs ...
    Das Kirchenfest von Spezzano mit all den Spen, die mit tausend Lichtern
und Lampen die Gottheit, wie die Chinesen den Neumond feiern, war im vollen
Gange ...
    Die Ketzer von den Bluteichen! hie es - ... Und mancher staunte, darunter
einem alten Bekannten zu begegnen ... An der Spitze des Zugs befand sich der
Hexenmeister, der von den Fanatikern verspottet, von den meisten mit
unheimlichem Grauen betrachtet wurde ... Die Mehrzahl wurde nach Cosenza
abgefhrt ... Die vier verbundenen Freunde kamen nach Neapel ...
    Der Abschied, den sie alle von einander und von den Ihrigen nahmen, lie
selbst die von ihrem Pfarrer fanatisirten Bewohner von Spezzano glauben, da die
Ketzer Menschen bleiben wie andere ... Das Weinen der Frauen steckte an ... Die
Volkshaufen konnten zuletzt von den Mnchen und Priestern, die anhetzen wollten,
nicht mehr recht zu Beschimpfungen entflammt werden ...
    Am meisten rhrte der Abschied, den Rosalia Mateucci von ihrem in
San-Giovanni in solcher Lage begrten Bruder, dem Pfarrer Paolo Vigo, nahm ...
In Spezzano entri ihm zwar eine Frau das Kind, das er segnen wollte, aber das
halbe San-Giovanni, das bis Spezzano mitgezogen war, trat dazwischen und
Scagnarello erbot sich sogar, die weinende Rosalia nach Cosenza umsonst zu
fahren ... Was sie an Geld bei sich trug, hatte sie dem heigeliebten,
unglcklichen Bruder aufgezwungen, den in so unwrdiger, diesseits und jenseits
verlorner Erniedrigung wiederzusehen ihr das Herz brach ... Paolo Vigo sprach
laut ber die Freude, leiden zu drfen um des Heilands willen ... Als er laut
betete, senkten sich die Hupter ... Niemand unterbrach seine feierlich erhobene
Rede ...
    Paolo Vigo zog allem, was ihn treffen konnte, das Glck vor, bei Federigo zu
sein ... Alles hatte man ihm genommen, nur den Stab nicht, den auch die beiden
andern Gefangenen trugen ... Der Pfarrer von Spezzano zeigte dem Guardian von
San-Firmiano, der seinen beiden Klosterangehrigen bis Spezzano gefolgt war,
eine Vollmacht des Erzbischofs von Cosenza, der zufolge das Kloster die beiden
Leviten nicht reclamiren durfte ...
    Rosalia Mateucci schwur dem hochheiligsten Erzbischof von Cosenza eine Rache
- wie sie nur vom Blick einer Neapolitanerin begleitet sein konnte ...
    Transporte von Gefangenen waren und sind in diesem Lande an sich etwas
Gewhnliches ...
    Der Wagen, begleitet von sechs Schweizer-Dragonern, glitt niederwrts - der
kreidigen, staubbedeckten Landstrae und - den blauen Wogen des Meeres zu - hin
nach Neapel, wo Hubertus, mit Verzweiflung sich allein als den Urheber aller
dieser Schrecken anklagend, nur einen einzigen Gegenstand suchte - die
Rauchsule des Vesuv ...

                                    Funoten


1 Rehfues' Neue Medea.


                                      12.

Was Lucinde vor Jahren geahnt hatte, da sie nach einer kurzen glnzenden
Periode des Glcks nur zu bald wieder in Elend versinken wrde, war allerdings
nach dem Tode Ceccone's fr einige Zeit eingetroffen ...
    Aber wie sie am Tage nach dem Hochzeitsfest Olympiens berechnet hatte, sie
war wenigstens die rechtmige Grfin Sarzana geblieben ... In ihrer Theilnahme
an den Demonstrationen modischer Kirchlichkeit lag eine Vershnung fr alles,
was in zweideutiger Weise ihren Ruf treffen konnte ... Sie war eine Berin,
trug nur dunkle Farben, senkte ihr ohnehin schon zur Erde sich neigendes Haupt
in dem Grad, da die jetzt fast Sechsunddreiigjhrige einen gekrmmten Rcken
bekommen zu haben schien und mit ihren noch immer blitzenden Feueraugen die
Menschen, das Leben und die Welt von unten her um so unheimlicher betrachtete
...
    Jetzt, wo Friede und Ruhe wieder in Rom eingezogen war, hatte sie sogar die
Mittel gefunden, eine Art Kreis um sich zu ziehen ... Die Sorge um einen
solchen Kreis ist nicht gering; sie ist mit steter Aufregung und mancherlei
Aerger verbunden ... Sie hatte einen Donnerstag proclamirt, an dem ihr Haus
allgemein und massenhaft zugnglich war, whrend sonst zu ihrem engern Kreise
nur wenige Intimitten gehrten ...
    Diese Wiederherstellung war ihr in diesem Herbst und Winter nach vielen
Mhen gelungen ... Die Donnerstage der Grfin Sarzana waren besucht ...
    Die Wohnung, die sie innehatte, gehrte dem ltesten Rom des Mittelalters an
und lag in der Strae der Kaufleute ... Hier standen alte Palste, die den
herabgekommenen Geschlechtern alter Tage gehrten; dunkle, verwitterte
Steinmassen, im Erdgescho und Bodengela oft zu Waarenmagazinen benutzt,
umgeben von bauflligen Nachbarhusern ... Es lag ein gewisser Nimbus um diese
alterthmlichen Wohnungen und selbst im dritten Stock, den die Grfin Sarzana
bewohnte, war einer dieser Palste leidlich anstndig, auch wenn man im
Eingang an den Fssern eines groen Kaufmannsgeschftes vorber mute und die
Treppen mit Wollscken verengt fand, die innenwrts auf die oberen Bden
gewunden wurden ... Darum hatten die inneren Gemcher, zumal wenn sie erleuchtet
waren, doch durch Bauart und architektonische Ausschmckung ein beinahe
frstliches Aussehen ... An ihren Donnerstagen bedienten mehre Diener in
Livree ... Fr gewhnlich hatte die Grfin nur ihrer zwei ... Auch eine
Equipage, eine gemiethete freilich, durfte nicht fehlen ...
    Es war ein Geheimni, woher die Einnahmen dieser deutschen Dame flossen ...
Oft hatten ihr Bonaventura, Paula, Graf Hugo vergeblich Pensionen angeboten ...
Ceccone's letzter Wille verlangte, da sie zeitlebens das kleine Palais
bewohnte, in welchem ihm Graf Sarzana den Tod gegeben ... Sie bezog es nicht;
verwerthete aber die Vergnstigung durch Vermiethung ... Als Olympia in London
selbst nicht mehr mit ihren Einnahmen auskommen konnte, stellte sie die
Bedingung, da Grfin Sarzana das Palais ihres Onkels entweder bezog oder die
Nutznieung an sie, seine Erbin, abtrat ... Lucinde zog letzteres vor ... Nun,
wo ihr jhrlich tausend Scudi fehlten, traten die harten Zeiten ein ... Ihre
Missionsreisen wurden ihr zwar bezahlt, sie wohnte in Ordenshusern, auch
hatte sie eine Hlfe, die ihr manchmal in uersten Fllen beistand - die alte
Frstin Rucca ... Nur wurde auch diese vom Herzog Pumpeo so in Anspruch
genommen, da sie Schulden hatte und dann im Gegentheil von Lucinden zu borgen
kam ... Lucinde nahm in solchen Fllen keinen Anstand, ber die Brsen derer zu
gebieten, die unter ihren Bekanntschaften reich waren ... So bei Frau von
Sicking, die auf ihren geistlichen Tendenzreisen oft nach Rom kam und Lucindens
Protection begehrte ... Treudchen Ley, deren Gatte, Piter Kattendyk, sich nicht
nur in die ernste Lebensaufgabe geworfen hatte, Stadt- und Commerzienrath zu
werden, sondern sich auch mit der so schmhlich von ihm beleidigten Kirche und
Religion auszushnen (Professor Guido Goldfinger hatte das Geschft gerettet und
schwang sein Scepter ber die Hauptbcher mit tyrannischer Gewalt), auch
Treudchen Piter Kattendyk lie ihrer Freundin Grfin Lucinde Sarzana eine
regelmige, wenn auch nur kleine Pension auszahlen ... Goldfinger hatte diese
als Tribut der Familie, desgleichen infolge letzten Willens der selig
verblichenen Schwiegermutter Wally Kattendyk, anerkannt und sogar etwas
vergrert unter ausdrcklicher Nebenbedingung, da Lucinde in der Peterskirche
an einem gewissen Altar fr das Haus Kattendyk und die Angehrigen desselben
jhrlich eine Messe lesen lassen sollte - sie erstand sie wohlfeiler, als von
Deutschland aus mglich war ...
    Alle diese Hlfsmittel wrden nicht ausgereicht haben, z.B. dem Andenken des
Grafen Sarzana, trotzdem, da er fr die Sache des Atheismus gefallen war, auf
dem Kirchhof an Porta Pancrazio ein glnzendes Denkmal zu setzen, im eigenen
Wagen zu reisen, einen alten Palazzo in der Strada dei Mercanti zu bewohnen,
einen Jour fixe, regelmig zwei Bediente und eine Equipage zu halten - wenn
nicht Lucinde noch einen Beistand gefunden htte, welcher der frommen
Convertitin seltsamerweise - aus der Trkei kam ...
    Grfin Sarzana kannte Italien und wute, da dort Speculation nicht schndet
... Sollte es allmhlich herauskommen, da sie einen Handel mit allerlei
kostbaren trkischen Waaren, Shwals, Seidenstoffen, Kleinodien trieb - was that
ihr das -! ... Diese Dinge kamen ihr aus Kleinasien zu, wo in Brussa, an den
Abhngen des Olympos, da wo einst im ambrosischen Licht die Gtter Homer's
gethront, Abdallah Muschir Bei wohnte, ein vornehmer reicher Mann, Renegat,
niemand anders, als der ehemalige ppstliche Sporenritter und Oberprocurator
Dominicus Rck ...
    Wir kennen die Schreckensscene, als Ceccone, der ohne Lucindens Plaudereien
nicht leben konnte, in einem Cabinet, dessen Thr durch Zufallen von innen sich
von selbst verschlo, bei ihr verweilte, Sarzana mit blanker Klinge die Thr
sprengte und nach dem Cardinal stach ... Als damals Lucinde zu den
Lebendigbegrabenen geflohen war, lie sich eines Tages am Sprachgitter ein
Fremder melden, welcher seinen Namen nicht nennen mochte ... Ueberall Mord und
Verrath frchtend, wagte sich Lucinde nicht ans Gitter, sondern lie sich
verleugnen ... Dieselbe Meldung kam acht Tage spter wieder ... Als sie nun
tiefverschleiert und wie eine Nonne am Gitter erschien und den Mann erkannte,
welcher sie zu sprechen wnschte und den sie zum letzten mal gesehen als einen
fast von ihrer eigenen Hand Erhngten, erbebte sie, berflog in schneller
Fassung die gegenwrtige Stellung, in der sie sich befand, ihre Rcksichten, die
Gesinnung, die sie zur Schau tragen sollte, wechselte nur wenige kalte Worte mit
ihm und gab sich ganz den Nimbus, der ihr als Grfin und Fromme gebhrte ... Bei
einer dritten Meldung nahm sie den unheimlichen Besucher gar nicht an ...
Inzwischen blieb sie bei den alten Parzen des Klosters wohnen und sah die
wahnsinnige Lucrezia Biancchi in ihren Armen sterben ... Jetzt schrieb ihr Rck
... Ob sie denn ganz die deutsche Heimat vergessen htte, ob sie ihn fr
unwrdig hielte, dem Puppenspieler Weltgeist hinter die Coulissen zu sehen, mit
einzublicken in die Gedankenmaschinerie einer groen, stolzen und die Welt
verachtenden Seele, wie die ihrige - oder ob sie Furcht haben knnte - vor wem?
- vor was? - Vor sich selbst - doch gewi am wenigsten! - Wol gar vor ihm -! ...
Er bot ihr, die in so viele Geheimnisse seines Daseins eingeweiht war, die ihn
vor den schrecklichen Folgen der Rache Hammaker's vom Hochgericht hernieder
bewahrt hatte, den Mitgebrauch seines Vermgens, das er, nach einer Trennung von
seiner Frau, so weit an sich gebracht hatte, als ihm sein eigen Erworbenes nicht
entzogen werden konnte ... Zur Ehe nehmen konnte er Lucinden nur dann, wenn
beide die Religion wechselten ... Auch das schlug Nck vor ... Er schilderte den
schwarzen Falken, einen Indianerhuptling voll Tapferkeit, Gromuth,
Gerechtigkeitliebe, der an nichts geglaubt htte, als an den groen Geist -
... Er erluterte die Philosophie Buddha's mit wenig Federstrichen - ...
Jedenfalls schlug er nicht den verhaten Rckschritt des Protestantismus,
sondern, wenn sie wolle, Islam oder Judenthum vor ... Lucinde war damals so
unglcklich, da sie diese Zeilen lange mit Aufmerksamkeit betrachtete. Es war
ein Brief in den Wendungen, wie sie Nck liebte - Cynismus abwechselnd mit
Melancholie ... Offen gestand er, da er sich daheim nicht mehr htte halten
knnen; zu schlimme Gerchte htten ihn verfolgt; ein ruheloser, unstter Geist
irre er jetzt von Stadt zu Stadt und wiche Jedem aus, der sich, weil er wisse,
da er einen Kopf, zwei Arme und zwei Beine htte, ein vernnftiges Wesen dnke
... Rom, fr dessen Macht und Herrlichkeit er sonst seine eigene Vernunft
eingesetzt, erschiene ihm eine wste Einde ... Er msse sein altes von Hause
mitgebrachtes Rom nehmen und ber die langweilige Stadt, die er hier antrfe,
berstlpen, um hier nur auszuhalten ... Nur den ihm geistesverwandten
Klingsohr htte er besucht und von diesem die Empfehlung eines ehemaligen
trkischen Priesters, der Christ geworden, erhalten ... Um seinerseits umgekehrt
vielleicht ein Trke zu werden, lerne er von diesem die trkische Sprache ... Er
bot Lucinden an, sein Weib zu werden und mit ihm nach Kairo zu gehen ...
    Sie antwortete ihm nicht und Nck verschwand dann aus Rom ... In Neapel
vervollkommnete er seine Kenntnisse im Trkischen, ging nach Stambul, von da
nach Brussa ... Ohne ihr die ihm bewiesene Klte nachzutragen, schrieb er
Lucinden als Abdallah Muschir Bei ... Die beredtesten Schilderungen zeigten ihn
als leidlich glcklich; er beschrieb seine Einrichtung, den Harem seiner Frauen;
- nur bedauerte er, da er krank und alt wre ... Gerade dies von Erdbeben
heimgesuchte, jedoch ber alle Beschreibung schne Brussa htte er gewhlt, weil
die berhmten Schwefelquellen der Stadt direct aus der Hlle flssen ...
Seinen Justinian knne er nun nicht mehr verwerthen und htte auch nach so
langer Advocatenpraxis ein unwiderstehliches Bedrfni nach Ehrlichkeit ...
Deshalb wolle er - Kaufmann werden, wie sein Schwager Guido Goldfinger - im
Orient befleiigte der Kaufmannsstand sich wirklich der Ehrlichkeit ... An den
berhmten Seidenwebereien Brussas betheiligte sich Abdallah Muschir Bei mit
Kapitalien ...
    Jetzt antwortete ihm Lucinde und es vergingen seitdem nie sechs Monate, wo
nicht ber Stambul und Venedig her ein Geschenk an kostbaren Stoffen, seidenen
oder wollenen, an Teppichen und Shwals, auch an kostbaren Geschmeiden fr sie
ankam ... Da in diesen Briefen jeder seinen Standpunkt beibehielt, so konnten
sie nicht ohne Reiz zur Fortsetzung bleiben ... Abdallah verharrte dabei, da er
Lucinden geliebt htte, liebe und lieben wrde in Ewigkeit ... Auch noch jetzt
knnte er seinen Sklavinnen nur Geschmack abgewinnen, wenn seine Phantasie sie
in Lucinden verwandelte ... Die Geschenke Abdallah's zurckzuschicken oder
abzulehnen war zu umstndlich - Lucinde behielt sie und verkaufte sie
gelegentlich, wenn sie in Noth war ... Ein einziger Shwal half ihr dann auf
Monate ...
    Ihre demnach mit trkischem Geld unterhaltenen ultramontanen Donnerstage
wurden von allen jenen Menschen besucht, die nach Rom ziehen, wie die Weisen des
Morgenlands nach Bethlehem ... Alle Nationen waren hier vertreten ... Die
slchelnden jesuitischen Abbs der Franzosen; die englischen
Katakombenwallerinnen, die im feuchtmodernden Tuffgestein die
anderthalbjahrtausendalten Futapfen der Wiseman'schen Fabiola suchten;
deutsche Knstler, die den Untergang des Geschmacks von den zu weltlichen
Madonnen Raphael's herleiteten und an Giotto anknpften; Gelehrte, die alle
gangbaren Geschichtsbcher umschrieben, so, da sie immer das Gegentheil dessen,
was die deutschen Kaiser erstrebten, als das Richtigere darstellten, die Ppste
zu allen Zeiten Recht behalten lieen - meist fanatische, geistvolle Menschen -
und Grfin Sarzana wute selbst Die unter ihnen zu fesseln, die nicht die
Intrigue liebten ... Das Deutsche, mit dem sie oft begrt wurde, behauptete sie
vergessen zu haben; schon lange sprach sie ihr Italienisch mit Feinheit und
jedenfalls in jenem rauhen, tiefliegenden Ton, der am gewhnlichen Organ der
Italienerinnen den bekannten Wohllaut ihres Gesangs bezweifeln lassen knnte ...
Ihre Kunst, einen Abend belebt zu machen, Niemanden zu lange im Schatten stehen
zu lassen, galt fr musterhaft ... Gelehrte Streitigkeiten duldete sie bis zu
einem gewissen Grade, der jedoch bei weitem ber den der Oberflchlichkeit
hinausging - ... Viel hockte sie unter Bchern, die ihr Klingsohr bis an seinen
vor einigen Jahren erfolgten Tod zutrug - die Hektik, die Cigarre und der
Orvieto untergruben ihn -; sie lernte unaufhrlich und konnte aus Bibel und
Kirchenvtern eine Menge Beispiele fr Behauptungen anfhren, die den grten
Lichtern der Sapienza und des Collegio anregend waren ... Ihr Vorsprung war
dabei der, da sie alles Vergangene so nahm, wie Gegenwrtiges ... Die Menschen
hatten nach ihrer Auffassung zu allen Zeiten dieselben Schwchen, dieselben
Bedrfnisse; die Forderungen der Natur waren sich zu allen Zeiten gleich ...
Sonderbar! sagte sie - Die Gelehrten sind auf diese Voraussetzung so wenig
gerstet! Fr das Natrlichste, fr den Gebrauch eines Nasentuches in der Hand
Cicero's, mu ihnen erst ein Citat aus einem alten Schriftsteller die
beruhigende Anlehnung geben! ...
    Von Klingsohr, dem es gegangen, wie den deutschen Lanzknechten im
Mittelalter, wenn sie bis zu dem altgefhrlichen Capua kamen, schrieb ihr
Abdallah Muschir Bei: Ist er nun zu seinem Vater und zum Kronsyndikus! O,
dieses eitlen Prahlers! Er erstrebte eine Bedeutung, zu welcher ihm weniger
Flei und Beharrlichkeit, wie er vorgab, als schpferisch geistige Kraft fehlte!
Statt letzteres offen einzugestehen, schmhte er die Trauben, die ihm zu hoch
hingen! Das ganze deutsche Volk ist wie Klingsohr und gewi fressen es auch noch
einmal die Kalmcken und Tartaren! ... Lucinde theilte diese Ansichten ... Als
sie die ihr von Klingsohr hinterlassene Habe desselben musterte, Brauchbares
verkaufte, seine Papiere, seine angefangenen philosophischen Werke unbarmherzig
ins Feuer warf, sogar seine Gedichte, in denen doch nur sie besungen war, lie
sie sich selbst von jener Brieftasche nicht rhren, die einst in Klingsohr's und
ihrem eigenen Jugendleben eine so groe Rolle gespielt hatte ... Nachdem sie
einen Augenblick zweifelhaft gewesen, ob sie dies Angedenken an die dsteren
Verwickelungen im Hause der Asselyns und Wittekinds nicht gleichfalls mit in
jenes Kstchen von Ebenholz legen sollte, das ihren ganzen Lebensschatz enthielt
- mit zu den noch unverkauften Gold- und Silbergeschenken Nck's - zu all den
Briefen und Blttchen, die sie von Bonaventura's Hand besa - zu Serlo's
Denkwrdigkeiten und zur Urkunde Leo Perl's - verbrannte sie es - gerade an
einem Tage, wo drei deutsche Pilger bei ihr vorgesprochen hatten, die zu Fu
nach Rom gewallfahrtet kamen, Stephan Lengenich, Jean Baptiste Maria Schnuphase
und der Paramentensticker Calasantius Pelikan aus Wien ... - Alle drei erhielten
zeitig den gesandtschaftlichen Rath abzureisen - sie betranken sich tglich ...
    So gab es der Abwechselungen genug, zu denen sich dann die Reisen, der
Aufenthalt in Genua, in Coni gesellte, bis die Revolutionen ausbrachen, wo sich
Lucinde in Venedig und glcklicherweise durch die Hlfe hielt, die ihr aus dem
Orient kam ...
    Jetzt war ein halbes Jahr seit Wiederherstellung der gttlichen Ordnung
verflossen ... Wieder war die rmische Saison, kurz vor dem Carneval, in
aufsteigender Hhe ... Wieder war ein Donnerstag gewesen ...
    Lucinde sa, zufrieden mit der Zahl ihrer heutigen Gste, mit der Erinnerung
an ihre eigenen Einflle und Repliken, die sie zum Besten gegeben (was mustert
man nicht alles nach einem Gesellschaftsabend am Effect, den man im Leben machen
soll oder will!) ... Die Herzogin von Amarillas war zugegen gewesen, noch immer
tief in Trauer gehllt - im brigen starr, versteinert, bis zum Peinlichen
unbeweglich geworden ... Olympia Rucca, die zur Besserung ihrer Finanzen mit
ihren Schwiegerltern Frieden geschlossen hatte und sich gleichfalls noch
derselben Trauer widmete, die auch nicht Ercolano, ihr Gatte, um Csar Montalto
abgelegt hatte - Ercolano sah in Benno's Verhltni zu Olympien nur eine
persnliche Aufopferung der Freundschaft zu Gunsten seines Friedens, zur
Vereinfachung seiner Sorgen um eine nun einmal schwer zu behandelnde Frau -
Es gibt solche Ehemnner -! sagte Lucinde ... Auch Fefelotti, der wiederum
allmchtige Cardinal, war dagewesen und hatte Lucinden durch eine heimlich
zugeflsterte Mittheilung erfreut ... Sie hatte den Athem des Mannes zwar nicht
gern in ihrer Nhe, aber sie hrte doch mit Vergngen, was er ihr heute
zugezischelt ... Es erfllte sich also, da (irgendwo in Europa) mit einem
hochbetagten lutherischen Landesvater, bei dessen Hoftheater die beiden Frulein
Serlo als Tnzerinnen engagirt, dann im geheimen zu Freiinnen von *** erhoben
waren, durch Vermittelung dieser Favoritinnen ein fr Rom gnstiges Concordat
abgeschlossen werden sollte ... Hatte auch Lucinde, die dies Arrangement zu
Stande gebracht, gerade kein besonderes Interesse an der Summe, die man ihr
zahlen wollte, wenn die Freiinnen von *** nebst ihrer alten Mutter so lange
weinten und sich kasteiten und sich abhrmten und den alten Landesvater selbst
beim Champagner und nachts zwlf Uhr, wenn er im Mantel verhllt nach Hause
schlich, durch ihre Gewissensbisse peinigten, bis dieser nachgab und den fr ein
protestantisches Land schmhlichen Vertrag mit Rom abschlo1 - ihr gengte
schon, sich die Curie grndlich verpflichtet zu haben und bitterlchelnd - an
Serlo's Phantasieen ber die Zukunft seiner Tchter denken zu knnen - ...
    Heute war ein neuer Gast zum dritten mal dagewesen - Pater Stanislaus aus
dem Al Ges, Wenzel von Terschka ... Sechs Monate hatte dieser Verlorene in Rom
verweilt, ohne da ihn jemand erblickte ... Man sagte allgemein, er htte eine
qualvolle Gefangenschaft, dann eine glorreiche Umnderung seines Sinnes zu
bestehen gehabt und nun wre er nahezu ein Heiliger geworden ... Jedem, der etwa
erstaunte, wie hier mglich gewesen, da ein Mann erst Priester, dann als
solcher weltlich beurlaubt, beauftragt, in kurzer Robe sich in die allgemeine
Gesellschaft zu mischen, dann in London zum Ketzerthum bergetreten war, wieder
nach Rom zurckkehrte, sein altes Priesterkleid - re quasi bene gesta sagte
Lucinde - wieder anzog - Dem wurde erwidert: All diese Wandelungen im Leben
Wenzel von Terschka's beruhen auf Verleumdung! Nie war er vorher ein Priester!
Nie war er ein Protestant! Jetzt erst fhrte ihn das Bedrfni der Heiligung
ber ein leichtsinniges Leben in die geschlossenen Rume eines Buhauses! Erst
jetzt ist er geistlich geworden; jetzt in den Orden des heiligen Ignaz getreten
- und auch jetzt erst heit er Pater Stanislaus ... Allen denen, die etwa an der
Richtigkeit dieser Darstellung zweifeln mochten, mute dieselbe glaubhaft
erscheinen, wenn sie die hohle Wange, das dster irrende Auge, den scheuen
Blick, den fast verstummten Mund, eine erschreckende Vernichtung an einem Mann
wiederfanden, der sonst in Gesellschaften wie Quecksilber glitt ... Der dritte
Donnerstag war es heute, wo der unheimlich brtende, willenlos gewordene - alte
Mann bei Grfin Sarzana sa ... Mit dem Schlag der zehnten Stunde brach er
jedesmal auf; er, dem sonst die Nacht gehren mute ... Punkt fnfzehn Minuten
nach zehn mute Pater Stanislaus hinter seinen dstern Mauern sein ...
    Lucinde urtheilte ber diese Eindrcke, wie ber etwas, was sich von selbst
verstand auf dem Gebiet ihres Wirkens und Lebens ... Sie, die ja auch in dieser
Weise zu den Wiedergeborenen gehrte, lie ganz ebenso Terschka gelten ... Sie
begrte ihn ohne jeden Schein einer Kritik und gab dem Pater Stanislaus die
Ehre, die seinem Stande gebhrte ...
    Nur ein einziges nagendes Gefhl qulte Lucinden unausgesetzt ... Sie, die
sonst die Reue als unntze Selbstqulerei verwarf, bereute doch Eines ... Es
war ein Wort, das ihr einst bei ihrer ersten Bekanntschaft mit Cardinal Ceccone
ber den damaligen Bischof von Robillante entfallen war: Ich besitze in meinen
Hnden etwas, was ihn auf ewig vernichten kann! ... Da ihr dies Wort hatte
entschlpfen knnen, war nur mglich gewesen im ersten Rausch ber die ihr
gewordenen neuen Erfolge - auch im Zorn nur ber Bonaventura's damalige Abreise
von Wien ... Bonaventura hatte sie in einer Stadt, wohin sie ihm verkleidet
durch ganz Deutschland nachgereist war, zurckgelassen, ohne sich weiter um sie
zu kmmern ...
    Oft hatte sie diese Aeuerung, die sie auch aus Furcht vor den Drohungen des
Grafen Hugo that, wenn sie daran erinnert wurde, in Abrede gestellt, hatte ihren
Sinn harmlos zu deuten gesucht; aber Ceccone, Olympia, die Herzogin von
Amarillas hatten die Aeuerung behalten, oft wiederholt und so rckhaltlos
wiederholt, da sie Fefelotti bekannt wurde ... Dieser, von Ha und Rache gegen
Bonaventura seit Jahren unvernderlich erfllt, hatte der Vorgeschichte
Bonaventura's nachgesprt, dem Verschwinden seines Vaters, dem beraubten Sarge
auf dem Friedhof von Sanct-Wolfgang ... Nach ihrer fernern frhern Aeuerung:
Kme, was ich habe, zu Tage, so mte der Unglckliche auf ewig in ein
Kloster! fehlte nicht viel, da die seit dem Tode Benno's zu einem groen
Schlage der Rache Verbundenen, Fefelotti, Olympia, die Herzogin, schon aus sich
selbst heraus die volle Wahrheit trafen ... Zu einer solchen Entsagung konnte
nur Jemand gezwungen werden, der mit einem dem Priesterthum widersprechenden
Makel behaftet war ... Selbst die Besuche Terschka's, sein lauerndes Umblicken
und grbelndes Schweigen schien dem Privatgefhl Lucindens, das von ihrer
ffentlich gespielten Rolle abwich, mit einer Verschwrung gegen Bonaventura -
sogar mit ihrem Kstchen in Verbindung zu stehen ...
    Bonaventura war noch in Rom - mannichfach begnadet und hher noch gehoben,
als er schon stand ... Im Sommer angekommen, hatte er seine Mutter sterbend
gefunden, sie aus dem Leben scheiden sehen, von seinem Stiefvater, der dann nach
Deutschland zurckkehrte, Abschied genommen und eben nach Neapel reisen wollen,
als er durch einen jener pltzlichen Einflle, welche an dem inzwischen wieder
auf den Stuhl Petri zurckgekehrten Statthalter Christi alle Welt kannte, zum
Cardinal erhoben wurde ... Quid vobis videtur? hatte es aus des heiligen Vaters
Munde im Consistorium geheien und alles blickte auf Fefelotti ... Die alte
Regel, zu solchen persnlichen Willensacten des Papstes zu schweigen und ihm die
volle Gerechtsame seines Herzens zu lassen, Cardinle nach eigener Gemthsregung
zu ernennen, wurde auch hier innegehalten so sehr sich die Zeiten verndert und
die Porporati den Charakter einer Stndekammer angenommen hatten, aus deren
Majoritt weltlichverpflichtete Minister kamen ... Die Trauer eines Sohnes um
seine Mutter war die nchste Ursache dieser Erhhung ... Ein Erzbischof mute
hierher nach Rom zu solchem Leide kommen - -! Der heilige Vater konnte ihm dafr
nur den Purpur schenken ...
    Fefelotti schumte vor Wuth ber die ewigen Rckflle des
unverbesserlichen Schwrmers, der die dreifache Krone trug ... Er strmte zu
Lucinden, warf ihr die Vernderung ihrer Gesinnungen fr den Verhaten vor,
reizte sie durch Paula's Glck, die gleichfalls in Rom war, und verlangte von
ihr geradezu - jenes Gewisse, das sie gegen die Creatur einer ihm feindlichen
Partei, wie er Bonaventura nannte, seit Jahren in Hnden htte ...
    Die dstern schwarzen Augenbrauen zusammenziehend stellte Lucinde ihre
ehemalige Aeuerung wiederholt in Abrede ... Jetzt zumal, wo sie mit Bonaventura
auf dem Fu neuer Hoffnungen stand ... Ihre Jahre schreckten sie nicht - ... Sie
hatte die drei verbundenen Freunde Bonaventura, den Grafen Hugo und Paula nicht
aus dem Auge verloren ... Sie beobachtete scharf ... Sie hatte in Erfahrung
gebracht, da sich im Herzen dieser drei Verbundenen groe Kmpfe vollzogen;
Bonaventura sprach fr die Wnsche des Grafen, der ganz nach Wien bersiedeln
oder wieder in Militrdienste treten wollte ... Paula stand an einem Scheidewege
- ob Rom, ob Wien ... Ging sie nach Wien, so waren die Wrfel gefallen - Diese
Ehe hatte dann ihre natrliche Ordnung gefunden ... Und Bonaventura -? ...
Lucinde war so erregt von dem Gedanken, Bonaventura wre als Cardinal nun an Rom
gebunden, msse dann und wann von Coni herber kommen, knne sich ihr, ihrer
Macht, ihrem Einflu nicht entziehen, da sie Fefelotti mit Indignation von sich
wies und diesen Gegenstand nie wieder zu erwhnen bat ...
    Auffallend war es, da der neuernannte Cardinal, dem am Tage der Uebergabe
des Purpurhutes eines der ersten Frstenhuser Roms die blichen Honneurs machte
- Olympia, die Herzogin von Amarillas wohnten diesen Festen nicht bei - doch
noch so lange in Rom verblieb ... Der Herbst war gekommen - sogar auf den Winter
kehrte der jngste der Cardinle immer noch nicht nach seinem Erzbisthum zurck
... Niemand wute die Veranlassung dieser verzgerten Abreise ... Bonaventura
selbst schtzte fr sein Bleiben Studien ber Rom vor ... Sein einziger Umgang
war Ambrosi und die Salem-Camphausen'sche Familie ... Selbst als es mit Olympia
zu den unangenehmsten gesellschaftlichen Reibungen kam, blieb dennoch
Bonaventura bis in das neue Jahr hinein ... Er will den Carneval sehen! hie es
... Man beruhigte sich scheinbar, nur Fefelotti umgab ihn mit Spionen ...
    Auch Lucinde forschte ... Ganz leise hatte sie einige Fden von einem
Verkehr aufgegriffen, welchen der neue Cardinal mit Neapel, ja mit dem
Silaswalde unterhielt ... Ende August schon hatte sie in Erfahrung gebracht, da
Fr Hubertus und jener Einsiedler, welcher ihnen vor Jahren soviel zu schaffen
gemacht, auf Befehl der Inquisition gefangen genommen worden ... Noch zuckte
Fefelotti, den sie deshalb befragte, die Achsel und sagte: Die Jesuiten lieen
diesen Ketzer allerdings gefangennehmen, muten ihn aber mit seinen Genossen an
die Dominicaner ausliefern! Sie kennen die Eifersucht der weien Kutten gegen
die schwarzen! ... Lucinde hrte, da Bonaventura's Verbleiben in Rom mit
Geheimnissen des Sacro Officio zusammenhing; die klare Uebersicht des
Tatschlichen fehlte ihr noch ... Sie durfte erbangen ber ein Wiederbegegnen
mit Hubertus; aber sie wollte glcklich sein, wollte hoffen - fate alles im
heitersten Sinne auf und frchtete fr nichts ...
    Heute sa sie in der allerlebhaftesten Spannung ... Der Grund, warum sie
heute noch nicht zur Ruhe gehen wollte und konnte, war kein anderer, als die
noch wie im Sturm der Mdchenbrust gefhlte Spannung ihrer Ungeduld, ob die fr
morgen frh beim ersten Morgengrauen angesetzte endliche Abreise des Grafen -
mit oder ohne Paula stattfand - ...
    Das grfliche Paar lebte sehr zurckgezogen in einem der groen Hotels an
Piazza d'Espagna ... Der Schleier des Geheimnivollen, welcher Bonaventura, der
seinerseits bei Ambrosi wohnte, und die Freunde umgab, war selbst fr Lucinden
in den meisten Dingen undurchdringlich ... Lucinde hatte auch fr die
gegenwrtige Situation nichts anderes ersphen knnen, als die Absicht des
Grafen, in erster Morgenfrhe die lngst beabsichtigte und immer wieder
aufgeschobene Reise nach Deutschland anzutreten ... In erster Morgenfrhe sollte
ein Bekannter eines ihrer Bedienten von Piazza d'Espagna, wo dieser im Hotel
aufwartete, die Nachricht bringen, ob Graf Hugo - mit oder ohne seine Gemahlin
abgereist war ...
    Reiste der Graf mit Paula, so war es ihre Absicht, fr ihre noch immer
glhende Liebe eine neue Demonstration zu versuchen ... Sie wollte beim Cardinal
Ambrosi vorfahren, wollte die Urkunde Leo Perl's, eingesiegelt, mit einem
Schreiben an Bonaventura versehen, am Palast der Reliquien abgeben - sie wollte
die Bitte hinzufgen, den Empfang ihr durch eine ausdrckliche Meldung an ihren
Wagenschlag oder einen Gru am Fenster beantworten zu wollen ... Reiste Paula
nach Wien, so hatte sie die Absicht, sich aufs neue in der Glut ihrer nur mit
dem Tode ersterbenden Liebe zu zeigen, selbst mit Gefahr, den Bund, der sich
gegen Bonaventura verschworen zu haben schien, zu Gegnern zu bekommen und die
Protection Fefelotti's zu verlieren ... An ihre schon grauen Haare, an ihren
gekrmmten Rcken, an ihre sechsunddreiig Jahre sollte sie dabei denken -? ...
Was ist einem Weib von Geist - ihr Spiegel! Liebesfhigkeit gibt ihr der Wille
und des Willens ewige Jugend! ... Da scheut sie keinen Wettkampf mit der glatten
Wange des Mdchens - eine Jungfrau war sie ohnehin geblieben bei allen ihren
Herzensconflicten mit Oskar Binder, Klingsohr, Serlo, Nck, Ceccone, Fefelotti -
Grfin Sarzana war sie nur am Altar geworden ...
    Lucinde nahm aus ihrem Schreibbureau ihr Kstchen ... Es hatte die Form
einer grern Reisecassette, war von schwarzgefrbtem Holz und mit einem guten
Schlo versehen ... Sie schlo es auf - bltterte in Serlo's Papieren - lie
einige Brochen von Trkisen und Diamanten am Lichte funkeln - verlor sich in
Trume, berlegte den Brief, welchen sie schreiben wollte, verschlo ihr
Kstchen wieder und wollte nun zur Ruhe gehen ...
    Als sie in ihrem Schlafcabinet begonnen hatte sich zu entkleiden, hrte sie
in der Nhe ein Gerusch ... Es war ein eigenthmlicher Ton, dessen Ursache sie
sich nicht erklren konnte ...
    Sie ergriff ihr Licht ...
    Indem sie um sich leuchtete, fiel ihr ein, da sie im Nebenzimmer ihr
Schreibbureau offengelassen und ihr Kstchen nicht wieder eingeschlossen hatte -
...
    Darber schon zitternd trat sie ins Nebenzimmer, fand hier alles still,
verschlo rasch ihr Kstchen und blickte um sich ... Wieder erscholl der
fremdartige leise Ton, der von irgend woher drauen und dicht neben ihrem
Fenster hrbar blieb ... Jetzt htte sie den Ton so erklren mgen, als bewegte
der Wind einen Klingeldraht ...
    Da ein solcher nicht in der Nhe und die Luft still war, die Nacht eher
schwl, als windbewegt, so konnte jenes Gerusch vom Winde nicht herkommen ...
Es dauerte fort ... Sollten Diebe in der Nhe sein? ... Ihren Dienstboten zu
rufen, versagte ihr bei diesem Gedanken schon der Athem ... Sie wohnte zwar in
einer lebhaften Strae, aber mit dem Gegenber eines alten unbewohnten Palastes
... Lauter Ruf htte auch vielleicht die Diebe entwischen lassen ...
    Jetzt bemerkte sie, whrend jener leise schnurrende Ton fortdauerte, am
Fenster einen Schatten, wie von einem Seil ...
    Ihr Auge blieb auf diesen hin- und herschwankenden Schatten starr gebannt
...
    Sie klingelte jetzt heftig ... Im gleichen Augenblick strzte vom Dach ber
ihr ein Ziegel oder sonst ein Gegenstand auf die Strae, der unten zerbrach ...
    Auf ihren Balcon, der vielleicht gar durch ein Seil von oben her sollte
erstiegen werden, hinauszustrzen hatte sie keinen Muth ... Der groe weite
Saal, zu welchem jener Balcon gehrte, war unheimlich; um zu den Bedienten und
Mdchen zu gelangen, mute sie ihn durchschreiten ...
    Sie klingelte wiederholt und bekam endlich die Hlfe ihrer Leute ...
    Vom Balcon aus entdeckte man in der That einen vom Plattdach herabhngenden
Strick ...
    Die Diener, leidlich beherzte Bursche aus dem Gebirg, sprangen, ungeachtet
alles Abmahnens, mit groen Kchenmessern einen Stock hher und von dort, wo
sich die Waarenlager eines Tuchhndlers befanden, auf die Plattform ...
    Hier regte sich nichts ... Man hatte nur den freien, sternenhellen Himmel
und ein unabsehbares Durcheinander von Schornsteinen ... Der Dieb hatte sich
also bereits in eines der Nachbarhuser geflchtet ...
    Luigi, einer der Bedienten, fand das Seil, das mit dreifachem Knoten um
einen hohen Schornstein gewunden war und das jedenfalls einen Menschen halten
konnte, der sich - etwa auf diesem Wege zum Balcon htte hinunterlassen wollen
...
    Ueber dem lauten Rufen und Errtern wurde auch die nchste Nachbarschaft im
zweiten und dritten Stock lebendig ... Die Mgde machten sich durch das lauteste
Schreien Muth ...
    Die Nachforschungen, jetzt von den Nachbarn untersttzt, fhrten zu keiner
Entdeckung, welche den Strick erklren konnte ... Beim Schein des von Lucinden
in ihr Schlafcabinet getragenen und da erst von ihm entdeckten Lichtes hatte
sich ohne Zweifel der Dieb aus dem Staube gemacht ... Die Grfin mute warnen,
die Untersuchungen auf dem Boden fortzusetzen, da die Lichter hin und her
flackerten ... Jetzt erst erkannte sie, in welcher feuergefhrlichen
Nachbarschaft sie lebte -! ... Die Tuchhndler des Ghetto hatten hier ihre
Vorrthe an Tuch und Wolle liegen ... Das Parterre war allerdings so verfallen,
da dem Besitzer des Hauses auf anderm Wege fr diese Rume keine Miethe mehr
wurde ...
    Als es still geworden, der Strick abgeschnitten, die Schlsser und Riegel
der Schrnke untersucht waren und alles wieder zur Ruhe ging, warf sich die
Grfin in hchster Aufregung auf ihr Bett und lie sich von den schreckhaftesten
Bildern peinigen, die diesen Ueberfall als wirklich vollzogen ausmalten ...
    Und wenn er sich wiederholte -? Wenn der Dieb wol gar im Hause, in den
Zimmern noch versteckt wre? ...
    Sie hatte sich eingeriegelt und ihr kostbares Kstchen jetzt mit in ihr
Schlafcabinet genommen ...
    Allerdings lag es nahe, an ihre wunderlichen Handelsgeschfte, an ihren
hufigen Verkauf von Pretiosen zu denken ... Ihr aber bildeten sich andere
Vorstellungen ... ... Sie dachte an die abenteuerlichsten Absichten - sie sah
einen Abgesandten Fefelotti's, der sich ihres Kstchens bemchtigen sollte ...
Die lngst verbleichten Bilder Picard's, Hammaker's, Oskar Binder's tauchten mit
frischen Farben vor ihren Augen auf ...
    Der Morgen erst bot Beruhigung, der ermuthigende, alles belebende
Sonnenschein ... Rings ffneten sich die an jedem Fenster in Rom angebrachten
Markisen, die sich Lucinde freuen konnte diese Nacht nicht geschlossen gehabt zu
haben; denn nur so hatte sie hren knnen, was am Fenster vorging ...
    Von allen Bewohnern der Strae schien das nchtliche Ereigni errtert zu
werden ... Neugierige sammelten sich, blickten nach oben und disputirten ...
Noch einmal suchte man auf den Dchern die Spur des Diebes und fand noch manchen
Ziegelstein losgerissen und manchen alten leeren Blumentopf zertrmmert ... Aber
die Oeffnung, wo der Dieb niedergestiegen und entkommen sein mute, konnte in
einer Huserreihe, welche sich bis an Piazza Navona zog, nicht entdeckt werden
...
    Um sechs Uhr kam eine Botschaft, welche die Theilnahme Lucindens fr jede
andere Angelegenheit, selbst fr den Besuch des Polizeimeisters (natrlich eines
Prlaten) und die Untersuchung des von ihm als corpus delicti entgegengenommenen
und vielleicht auf Entdeckungen fhrenden Stricks zurckdrngte ... Ihr
Kundschafter zeigte ihr an, da Graf Hugo nach fnf Uhr in einem leichten
Reisewagen, welchen drei Pferde zogen und dem sich ein hochbepackter
vierspnniger, Gepck und Dienerschaft fhrend, anschlo, abgereist war ...
Paula war nicht zurckgeblieben ... Sie folgte ihrem Gatten nach Wien ...
    So war denn die Entscheidung erfolgt - das jahrelang Keimende endlich zur
Reise gediehen - ... Neue Sterne - neue Bahnen ... Paula folgte den Mahnungen
ihres einst gegebenen Jaworts und zahlte die lang gestundete Schuld der Ehe ...
Lucinde erkannte die ganze Tragweite dieser Vernderungen; ihre Phantasie ging
ber sie noch hinaus ... Nun galt es in Bonaventura's Leben die freigewordene
Stelle einnehmen ... Und wie ergriff sie die Aufgabe, die ihr ein neues Hoffen
stellte -! ... Entschieden und offen wollte sie den Geliebten vor den geheimen
Conspirationen der Herzogin und der Frstin warnen, die schon seine Heimat,
Castellungo, Neapel und die Verliee der Inquisition in den Kreis ihrer
Forschungen gezogen zu haben schienen ... Sie wollte ihm den nchtlichen
Ueberfall anzeigen, den sie heute erlebt hatte und Veranlassung daraus nehmen,
zunchst die Urkunde einzusiegeln und einen Augenblick zu ersphen, wo sie
Bonaventura bei seinem Freunde sicher zu Hause fand ... Auch sie hielt sich in
seiner Nhe einen Spion, einen Priester, welchen dem fremden Kirchenfrsten seit
einem halben Jahr die Congregation der Bischfe zur Verfgung gestellt hatte ...
    Ihre tgliche Messe hrte sie - um es mit keinem zu verderben - bald hier,
bald dort ... Sie kleidete sich an und fuhr zunchst an einen Ort in der Nhe
des Ambrosi'schen Palastes, wo ihrer an jedem Morgen jener Priester harren und
ihr sagen mute, wo sie den Freund den Tag ber sehen knnte, was er beginnen,
wo celebriren, wo in Gesellschaft sein wrde ... Der junge Abbate sprang dann an
den Wagenschlag; sie lehnte ihm ihr Ohr hin und erfuhr, wo sie hoffen konnte
Bonaventura zu begegnen ...
    Heute hrte sie zwei Nachrichten ... Eine erfreuliche, die, da beide
Cardinle dem groen Sprachenfest der Propaganda beiwohnen wrden, sie also
Bonaventura sehen knnte - ... Dann eine erschreckende - beide Cardinle wrden
einen Ausflug nach Neapel machen ...
    Es war Winterszeit und letztres schon glaublich ... Konnte sie aber nicht
folgen? ... Konnte sie nicht den neuesten Ausbruch des Vesuv sehen wollen oder
vom rmischen Winter, der diesmal sogar Eis gebracht hatte, gleichfalls
vertrieben werden? ... Andrerseits sah sie mit zunehmendem Befremden die
wichtige Rolle, die im Leben Bonaventura's Neapel zu spielen anfing - ...
    Mit diesen wichtigen Kunden fuhr sie in die nchste Kirche - die des
Al-Ges, in der eigentlich Jeder die Messe hren mute, wenn er zum guten Ton,
namentlich zum triumphirenden der Reaction gehren wollte - ...
    Whrend sie dort, ber ihre nchsten Entschlsse brtend kniete, sa
Bonaventura in den dsteren Zimmern des Katakombenpalastes in der That voll
tiefster Trauer ...
    Die Unfhigkeit des Grafen, lnger seine Liebe zu beherrschen, hatte im
Wettkampf dreier Herzen den Sieg davongetragen ... Noch vor einigen Tagen hatte
Paula vom Eintritt in ein Kloster gesprochen - ... Der Tod der Prsidentin von
Wittekind war unmittelbar und in der ganzen Herbigkeit eines sich nur ungern dem
Gesetz der Natur bequemenden Scheidens von den Freunden miterlebt worden - ...
Nun erfuhr Bonaventura, da das stille Gute Nacht! des gestrigen Abends der Hhe
seines Lebens gegolten hatte ... Nun konnte es nur noch abwrts gehen ... Es war
zwischen den Freunden so verabredet worden, da sie sich ganz ohne Abschied
trennten ...
    Die nchste Zerstreuung, die nchste Fllung der Lcke seines Innern bot die
Reise nach Neapel ...
    Ambrosi kannte jede Beziehung im Leben seines Freundes ... Als Bonaventura's
Mutter gestorben war, ging eine Anzeige dieser Entscheidung in den Silaswald ...
... Bonaventura wrde die Botschaft selbst berbracht haben, htte ihn nicht
noch des Prsidenten Gegenwart und tiefste Betrbni zurckgehalten - dann, als
der Prsident abreiste und nun der Vater, wenigstens fr ihn, auferstehen, der
Sohn ihm an die Brust sinken konnte, seine Ernennung zum Cardinal ...
    Federigo's Absicht, selbst nach Rom pilgern zu wollen, hatten die Freunde
nicht erfahren knnen ... Denn die jesuitische Reaction, die mit dem Jahre 1849
ber Europa hereinbrach, drang selbst bis in jenen dunkeln Winkel eines
calabrischen Waldes und machte den Einsiedler zum Gefangenen ... Monsignore
Cocle, Bevollmchtigter Fefelotti's, hatte jene Versammlung des 20. August
gesprengt und smmtliche Ketzer des Silaswaldes festnehmen lassen ...
    Ambrosi mute das Aeuerste aufbieten, Bonaventura von unberlegten
Schritten zurckzuhalten ... Sofort nach Neapel zu reisen, dort an die Pforte
der Inquisition zu klopfen, wie Bonaventura wollte - es war fr einen Cardinal
und Erzbischof unmglich, falls nicht davon zu gleicher Zeit Vater und Sohn die
grten Nachtheile haben sollten ... Ambrosi kannte aber den Ha der Dominicaner
gegen die Jesuiten, die Inquisition gehrte jenen; er zog den General-Inquisitor
ins Vertrauen ... Pater Lanfranco wirkte in der That im gnstigsten Sinne nach
Neapel ... Bald wurde, zur Wuth der Jesuiten, der alte Negrino freigegeben,
selbst Paolo Vigo sollte unter gewissen Bedingungen zu Ostern das Sacro Offizio
verlassen ... Von Fr Federigo sowol wie von dem, auf Betrieb der Jesuiten, aufs
heftigste von den Franciscanern reclamirten Hubertus hie es, beide wrden nach
Rom geschickt werden, sobald die Acten spruchreif wren und den letzten Spruch
sollte dann das heilige Officium von Rom fllen ...
    Alles das wurde allerdings in einem Stil verhandelt, wie er den in solchen
Fllen ehemals blichen Scheiterhaufen entsprach ... Im geheimen gab aber Pater
Lanfranco die Versicherung, da schon bis zur Weihnachtszeit beide Gefangene in
Rom sein wrden; schon jetzt wrden sie besser gehalten, als jemals andere in
hnlicher Lage ...
    Alles das geschah aus Achtung vor den Empfehlungen zweier Cardinle und
vorzugsweise den Jesuiten zum Trotz - ... Eine sofortige Unterbrechung der
blichen Proceduren war nicht mglich ... Federigo galt fr einen Waldenser, war
beschuldigt, Proselyten gemacht zu haben, Bonaventura mute sich ergeben in Das,
was zunchst nicht zu ndern war ...
    Ambrosi bat den Freund in Rom auszuharren ... Er beschwor ihn, sein
Interesse fr den unglcklichen Vater nicht zu sehr zu verrathen - unfehlbar
wrde er ihn damit nur verderben - ... Die beiden Frauen, die vor Jahren die
malosesten Huldigungen vor dem Bischof von Robillante zur Schau getragen
hatten, saen jetzt im Palast des alten, zum schbigsten Wucherer gesunkenen
Rucca, auf Villa Tibur und Torresani, und ersannen nichts als Krnkungen fr
einen Priester, dessen Erhhung sie nicht hindern konnten ... Die Herzogin hatte
sich dem Prsidenten mit kalter vornehmer Haltung als seine Stiefmutter
vorgestellt ... Obschon Erbin eines Vermgens, das Friedrich von Wittekind
seinem natrlichen Bruder ausgesetzt hatte, gab sie sich doch die Miene, diese
Mittel nicht zu bedrfen ... Beide Frauen waren jetzt verbunden mit Fefelotti
... Sie sahen Terschka bei sich, sie hatten Geheimnisse, die selbst die schlau
aufmerkende, freilich immer sanft erscheinende, immer demthig ergebene Grfin
Sarzana nicht erfuhr ... Ambrosi bat, alles seiner Fhrung und der nchsten,
sicher nicht zu entfernten Zeit zu berlassen ...
    Mit Ambrosi war jener Austausch der Freundesbeichten, von welchem sie vor
Jahren gesprochen hatten, wirklich erfolgt ... Einer sah auf den Grund des
andern ... Ja - Ambrosi war ein Schler Federigo's und nur glcklicher, als
Paolo Vigo ... Ambrosi war ein Mrtyrer geworden - um einst mehr zu sein, als
ein Mnch ... Was ist ein Dorfpfarrer, sagte er in der That, ganz nach
Bonaventura's Ahnung, der mit einem Bischof einen Streit beginnt! ... Nur ein
mit dem Papste Streit beginnender Bischof reformirt die Kirche! ... Das war
seine Losung ... Die politischen Strme unterbrachen seine Entwickelung, aber
die Stunde reifte ... Vor dem 20. August 18** hatte auch er dem Bruder Federigo
geloben mssen, nichts zu sein, als Katholik wie die andern ...
    Bonaventura hatte dem Freunde offen gestanden, wer Federigo war ... Mehr
noch - er hatte ihm gesagt, da ihm - die Taufe fehlte ... Getauft bist du mit
dem Geiste Gottes! war die Antwort des muthigen Priesters, der ihm ebenso offen
gestand, er htte sein Leben daran gegeben - einst Statthalter Christi zu werden
... Sein Gebet um Kraft und Ausdauer war nichtsdestoweniger ein reines, ein
aufrichtiges ... Er brauchte seine Tugend nicht zu heucheln ... Einmal nur
strauchelte er, als Olympia von ihm gesagt hatte, seine Lippen htten im
Beichtstuhl ihren Mund berhrt ... Ach, er htte sie geliebt! gestand er dem
Freunde. Er htte sein Bekenntni darber, als er bestraft werden sollte, nicht
zurckgehalten - Aber - seltsam! selbst dieser Fanatismus, dem Geist einer
Sache, nicht ihrem Buchstaben wahr sein zu wollen, htte sich ihm in Segen
verwandeln mssen - fr um so heiliger htte man ihn seitdem gehalten -! ...
Wenn Bonaventura sagte: Die Welt erkennt noch Heilige, wenn es ihrer nur gbe -!
- so berhoben sich beide nicht - ihr Sinn war der der Luterung, Demuth und
Entsagung - ...
    Die Rettung der katholischen Kirche ist ein allgemeines Concil ... In dessen
Hnde legt der Statthalter Christi seine Gewalt nieder - ... Das war ihre Losung
und beide liebten das Kreuz ... Da die Religion nicht Philosophie sein knne,
verstand sich ihnen, ebenso von selbst, wie, da der Katholicismus nicht zum
Lutherthum bergeht ...
    Der treuverbundene Freund hatte dem Trauernden, dessen Liebe zu Paula aufs
tiefste aus den eigenen Entbehrungen seines Lebens von ihm nachgefhlt werden
konnte, unausgesetzt Nachrichten vom Vater aus Neapel gebracht, hatte ihn um
Migung gebeten, hatte alles gethan, um die Ungeduld des Sohns von bereilten
Schritten zurckzuhalten ... Bis zur Weihnachtszeit wollte sich Bonaventura
zufrieden geben ... Aber die Roratemessen kamen, die Weihnachtskrippen, das neue
Jahr brach an - die Gefangenen kamen nicht. Nun wollten sie allerdings beide
selbst nach Neapel ...
    Den Vormittag des 6. Januar brachte Bonaventura mit geschftlichen Briefen
zu, die an sein erzbischfliches Kapitel gerichtet werden muten ...
    Er speiste allein - Ambrosi war auswrts und durch sein Amt bis ber Mittag
gehindert ...
    Als Ambrosi zurckkam, begleitete er den Freund zur Piazza d'Espagna, wo die
Missionre der Propaganda ihr groes Sprachenfest hielten ...
    Dort muten sie Pater Lanfranco finden ... Ertheilte ihnen dieser keine
Beruhigung, so wollten sie am nchsten Morgen nach Neapel reisen ...
    Der Saal war berfllt ... Alle Welt ergreift in Rom die Gelegenheit,
Wrdentrger der Kirche in reicher Anzahl versammelt zu sehen ... Erschienen sie
hier auch nicht in ihren groen auergewhnlichen Prachtgewndern, so trugen
doch viele ihre regelmigen Ordenskleider ... Griechen, Armenier, Kopten,
Maroniten befinden sich immer in ihren eigenthmlichen Trachten ... Auch fr den
Freund der Physiognomik gibt es schwerlich einen interessanteren Genu, als
soviel markirte Priesterkpfe zu studiren ...
    Bonaventura und Ambrosi kamen an, als die Feierlichkeit schon im Gange war
...
    Die Schler der Propaganda, jngere und ltere Scholaren, darunter manche
bereits geweihte Kleriker, sprachen in all den Zungen, in welchen sie einst auf
Missionsreisen die Botschaft des Heils zu verkndigen hofften ... Wenigstens
konnten Proben von einem Viertelhundert Sprachen vernommen werden ...
    Ein erhabener Gedanke - ergreifend seine Bedeutung - aber die Ausfhrung
brachte Spe mit sich ... Drollig erklang es dem italienischen Ohr, wenn ihm
Slavisch gesprochen wurde ... Ambrosi hatte Bonaventura in eine Falle gelockt
... Er wollte ihn aufheitern ... ... Als beide ankamen, lachte die Versammlung
grade ber die Art, wie sich eine Lobpreisung des Hchsten im Polnischen ausnahm
...
    Bonaventura glaubte anfangs in einen Concertsaal zu treten ... Bald
entdeckte er die kleine Frstin Rucca, die in elegantester Toilette neben ihrem
Ercolano sa und so vertraulich mit diesem lachte, als htte die zehnjhrige
Episode ihres Lebens mit Benno gar nicht stattgefunden ... In einer gestickten
ordenberladenen Uniform sa Ercolano, lorgnettirte die Damen und klatschte wie
im Theater mit seinen hellen Glaeehandschuhen Beifall, wenn eine gewandte Zunge
rasch ber die schwierigen Passagen der fremden Idiome hinwegkam ... Neben
Olympien sa zur andern Seite die Herzogin von Amarillas mit schneeweien
Haaren; sie blickte mit unvershnlichem Groll auf Bonaventura ... Olympia beugte
sich demuthsvoll dem Cardinal Ambrosi und verzehrte ihn noch jetzt mit
slchelndem Gru - eine Geberde, die ihr auch jetzt noch angenehm stand; gegen
Bonaventura dagegen verwandelte sie die sen Zge in jene ihr eigne pltzliche
Klte und verneigte nicht einmal ihr Haupt, wie dies die Herzogin doch beiden
that ...
    Grfin Sarzana fehlte nicht ... Sie hatte in ihrer Nhe so viele, die sich
mit ihr unterhielten, da ihr Olympia schon neidische Blicke zuscho ... Der von
Ambrosi den Freunden bestellte Sitz war zufllig dem der Grfin Sarzana so nahe,
da sie mit Bonaventura einige Worte wechseln konnte ... Natrlich galten diese
der Abreise Paula's ... Schlielich sagte sie:
    Morgen in der Frhe, um zwlf Uhr - find' ich Sie da in Ihrer Wohnung,
Eminenz? ... Zu keinem Besuch ... Nur einen gewissen Gegenstand wollt' ich an
Ihrem Portal abgeben und eine Beruhigung ber den richtigen Empfang haben ...
Und denken Sie sich - diese Nacht sollte - bei mir - ...
    Ein schallendes Gelchter machte ihre fernere Rede fr Bonaventura unhrbar
... Ein Neger hatte eben madagassisch gesprochen und Gurgeltne hervorgebracht,
die noch kaum der menschlichen Sprache anzugehren schienen - ...
    Bonaventura war ber Lucindens Anblick, ihre Rede, ihr Bedauern wegen
Paula's ergriffen ... Welche glnzende Toilette hatte die Grfin gemacht -! ...
Sie trug ein schwersammetnes Kleid von dunkelrother Farbe ... Arme und Hals
waren frei ... Den allzu grellen Effect milderte ein schwarzer um den Hals
festzugehender Spitzenberwurf ... Um den Nacken schlang sich eine Kette von
schwarzen Perlen - mit jenem goldenen Kreuze, das sie nie ablegte ... Hier und
da war ihr Haar schon grau; ein kleines schwarzes Spitzentuch, das an beiden
Seiten mit Brillantnadeln festgehalten wurde, lag darber ... Die unter den
Spitzen vorschimmernden immer noch wohlgerundeten braunen Arme trugen am
Handgelenk kleine zierlich gewundene Schlangen aus schwarzer Lava ...
    Vorzugsweise schien Frst Ercolano die Claque zu leiten ... Eine Cterie ihm
hnlich aufgeputzter Dandies schlug auf seinen Wink die Hnde zusammen, so oft
eine halsbrechende Passage ohne Stocken von den Lippen der Sprecher glitt, unter
denen sich Neger und Malaien befanden ... Selbst das heilige Hebrisch fand
keine Gnade vor den Ohren dieser Zuhrer, denen die andchtiger gestimmten
Fremden schon zuweilen zischen muten ... Freilich klangen einzelne Sprachen
komisch genug; andere desto melodischer; z.B. Trkisch ... Als trkisch
gesprochen wurde, schlug Grfin Sarzana die Augen nieder ... Frchtete sie, um
Abdallah Muschir Bei beobachtet zu werden -? ... Das Arabische klang schroff,
rasch, wie Rosseshuffschlag2... Ein syrischer Priester sprach kurdisch; in
sanftem Wellenschlag flossen oft die Idiome der wildesten Vlker ... Dunkel
dagegen und trbe erklangen die Sprachen des Nordens, das Englisch der Irlnder
und Schotten ... Einige frmliche Wettreden wurden aufgefhrt, an denen mehrere
Sprecher theilnahmen ... Auch das Hollndische wurde hrbar - Deutsch durch den
rauhesten oberbairischen Dialekt, der nicht im mindesten Anklang fand und
vorzugsweise von Olympien lcherlich gefunden wurde, indem sie hhnische Blicke
auf Bonaventura warf ...
    Ein unverkennbarer Blick aus den Augen der Grfin Sarzana sagte: Sprchest
Du das Deutsche, so wr' es Wohllaut und die Sprache der Gtter! ...
    Die Stimmung, in welcher sich Bonaventura befand (vor ihm lagen die Fenster
der von Paula heute verlassenen Wohnung; sie waren geffnet, mit Spuren der
Abreise ihrer bisherigen Bewohner) bestimmte ihn, ihrem Blick durch milden
Ausdruck des seinigen zu erwidern ... War es eine durch die deutsche Sprache
geweckte Rhrung beim Gedanken an die Heimat, beim Hinblick auf alles, was sein
Leben, das Leben seiner Nachbarin auf dem Boden des Vaterlandes schon
durchlaufen hatte und wie sie beide das Gewand einer fremden Nationalitt
angezogen hatten und jetzt in der That durch ihre Lage Verbundene waren - oder
welches andere Gefhl ihn ergriffen haben mochte - sein Blick blieb voll Milde
und Antheil ... Lucinde htte gewnscht, die Rckgabe der Urkunde schon fr
heute angesagt zu haben ... Sie suchte nach einer Gelegenheit, sich ihm
verstndlich zu machen und hatte ihn auf alle Flle wegen Neapels zu befragen -
...
    Vor Bonaventura saen mehre Mnche in schlichten Ordensgewndern ...
    Unter ihnen befand sich Pater Lanfranco, der General der Dominicaner ...
    Ambrosi blinzelte seitwrts auf Bonaventura und flsterte ihm die Bitte, an
den General keine Frage wegen Federigo's zu richten ... Neben dem General saen
zwei fremde, wie es schien, angesehene Weltpriester, denen sich anmerken lie,
da sie zu den Affiliirten der Jesuiten gehrten ... Rmischkatholische
Geistliche haben darin einen Blick, der sich selten tuscht ...
    Pater Lanfranco in seiner weien Kutte sa mit gebeugtem Haupte,
unbeweglich; am kahlen Scheitel war ersichtlich nur sein Gehr in Thtigkeit ...
Ein sdfranzsischer Kopf, scharf ausgeprgt ... Ein Schdel nicht rund, eher
lnglich und nach oben viereckt auslaufend, wie die getrocknete Feige ... Bei
einem Lobgesang auf Maria in provenalischer Sprache wurde seine unbewegliche
Gestalt lebendiger ...
    Ein italienischer Zgling trat auf und sprach malaiisch - die Abwechslung
blieb die bunteste - ...
    Als der Redner in seinem wunderlich lautenden Vortrag stockte, sagte einer
der Nebenmnner des Generals:
    Im Sacro Officio sollen Ihre Brder in Neapel einen Mnch haben, der diese
Sprache besser versteht! ...
    Sie kommt mir vor, entgegnete Lanfranco in fremdartigem Italienisch, als
balancirte ein Jongleur auf der Lippe mit geschliffenen Messern; da kann wol
eins zur Erde fallen ...
    Bonaventura konnte nicht den Namen Neapels nennen hren ohne aufzuhorchen
... Noch dachte er nicht an den Bruder Hubertus, dessen ehemaliges Leben in Java
ihm bekannt sein durfte ...
    Nach einer Weile wurde auch ein auf dem Programm verzeichneter hollndischer
Vortrag gehalten, fr welchen der General der Jesuiten, ein Hollnder, competent
gewesen wre - er war nicht anwesend ...
    Diese Probe ging gelufiger ...
    Der General der Dominicaner sagte zu seinem Nebenmann:
    Ist Ihr Malaie nicht auch mit dem Hollndischen vertraut? ...
    Gewi! sagten seine beiden Nebenmnner zu gleicher Zeit und einer fgte
hinzu:
    Jener Bruder Franciscaner, der vor Jahren den Pasqualetto erscho ...
    Bonaventura, erkennend, da von Hubertus die Rede war, wollte sich in die
Unterhaltung einmischen, als ihn Ambrosi mit einer heimlichen Handbewegung
zurckhielt ...
    Merkt Ihr denn nicht, mein Freund, flsterte er ihm zu, da es nur darauf
abgesehen ist, Ihre Aufmerksamkeit zu erregen? ...
    In der That warfen die beiden Weltgeistlichen flchtig schielende Blicke auf
die hinter ihnen Sitzenden und trugen ihre Plaudereien so stark auf, da
Ambrosi's Verdacht sich besttigte ...
    Der General schien wie Ambrosi zu denken und schwieg ...
    Doch nun wurden von seinen Nebenmnnern auch die Ketzer des Silaswaldes
erwhnt ... Fr Federigo's Name fiel, fr beide, Bonaventura und Ambrosi, ein
elektrischer Schlag ...
    Immer wieder unterbrach der Redeactus, das Beifallklatschen und Lachen, das
Blttern in den Programmen eine Unterhaltung, die der General offenbar auf
andere Gegenstnde zu lenken suchte, als die waren, an denen seine Nebenmnner
festhielten ...
    Jetzt sagte der Gesprchigste, der dem General zur Linken sa:
    Eure Gnaden werden am besten die Bcher lesen knnen, welche bei jenem
Hexenmeister im Silaswald gefunden wurden; die meisten verbrannte er in seiner
Htte ... Sie sind in provenalischer Sprache geschrieben ...
    Sind die Gefangenen eingetroffen? fragte jetzt der andere ...
    Ich hrte bei Monsignore Cocle, fuhr der erste fort, da Einer von ihnen
kaum die Anstrengung der Reise berleben wird ...
    Dennoch sind sie da! sprach Lanfranco scharf und bestimmt und schnitt damit
das Gesprch ab ...
    Die Wirkung dieser Worte, wurden sie nun in berechneter Weise so betont
gesprochen oder nicht, war keine andere, als da sich Bonaventura sofort erhob
und zum Gehen Bahn machte ...
    Das Aufsehen dieser Entfernung, der sich auch Cardinal Ambrosi anschlo, war
allgemein ... Jetzt sah man recht, wie diese beiden Priestererscheinungen das
Interesse der rmischen Gesellschaft bildeten ... Fr ihren hohen Rang zwei noch
so jugendliche und mnnlich schne Gestalten ... Der eine schlank und ernst wie
die Cypresse, der andere blhend wie ein Rosenstrauch ... Von manchem Maler,
mancher englischen Touristin, wurden ihre Zge verstohlen aufgefangen ... Beide
senkten ihre Augen ... Jener, um nur seiner Sinne mchtig zu bleiben und im
berfllten Saal nicht ohnmchtig zu werden; dieser mit der ihm eignen
lchelnden Schchternheit, die ihm selbst in seinem jetzigen reiferen Alter
geblieben war ... Der Salonwitz nannte beide Freunde die Insparables, andere
Castor und Pollux, andere Orest und Pylades - natrlich mit jenen
verdchtigen Nebenbeziehungen, die dem katholischen Priesterstand zur Strafe
anhaften werden, solange er das Weib verschmht ...
    Im Vorsaal wurde dem Cardinal Ambrosi von einem Dominicaner ein Brief
bergeben ... Er erbrach ihn rasch ...
    Als die beiden Freunde in ihrer alterthmlichen vergoldeten Kutsche saen,
gab Ambrosi den Brief an Bonaventura ... Er enthielt die Worte:
    Die Mnner von Calabrien sind angekommen ... Dem Besuch des Erzbischofs von
Coni bei seinem Dicesanen, dem Einsiedler von Castellungo, steht nichts im Wege
- Leider findet er den Mann, trotz aller rztlichen Bemhungen, dem Tode nahe
...
    Zum Vatican! rief Bonaventura dem Kutscher mit fieberhaft
zusammenschlagenden Zhnen ...
    Beruhige dich -! sprach Ambrosi und zitterte doch selbst ...
    Wir treffen ihn sterbend -! ... Wie ich geahnt! - Meine Strafe -! ...
    Ambrosi versuchte Hoffnungen auszusprechen ... Die Stimme versagte ihm ...
Wie eine Mutter nach ihrer Geburtsstunde von Fieberschauern erschttert wird, so
lag Bonaventura in Ambrosi's Armen ... Selbst dem Befremden, das Ambrosi ber
die Reden der beiden Geistlichen aus Neapel auszudrcken versuchte, konnte sein
Ohr nicht mehr achten ...
    Der Wagen jagte ber den Corso, der Tiberbrcke zu und zum Vatican - ...
    Fr viele der beim Sprachenfest Zurckgebliebenen hatte die Sitzung durch
die Entfernung der beiden gefeierten jungen Cardinle ihr Interesse verloren ...
Da sie nicht wiederkamen, so entfernten sich auch andere ... Sogar Olympiens
Wagen und der der Herzogin rollten bald dahin ... Vor ihnen hatten sich schon
die beiden Weltgeistlichen entfernt ... Nun ging auch der General der
Dominicaner ...
    Lucindens scharfes Auge beobachtete wohl, wie alles das in irgend einem
Zusammenhange stand, wie irgend etwas vorgefallen sein mute, was erschtternd
in das Leben ihres Heiligen griff ... Was konnte es sein -! Ihr konnte etwas
verloren gehen -? ... Was hatte Olympia im Werk? ... Auch ihr war nur ein
flchtiger Gru von ihr zu Theil geworden - ... Schon oft hatte auch Olympia
nach dem Inhalt ihres Kstchens verlangt - ... Schon oft hatte auch sie von den
Geheimnissen der Inquisition gesprochen und ihre Thorheit verwnscht, die sie
vor Jahren die Dominicaner, um Bonaventura's willen, beleidigen lie - ...
    Lucinde, hochaufgeregt, erhob sich ... Da sie am Palast der Katakomben
halten und durch ihren Bedienten hinaufsagen lie: Grfin Sarzana erkundige
sich, ob Seine Eminenz ein Uebelbefinden betroffen htte? war in der Ordnung ...
Sie erfuhr, da beide Cardinle noch nicht zurck waren ...
    So konnte der Gesundheit des Freundes nichts Bedenkliches begegnet sein -
...
    Sie sann den Grnden seiner schnellen Entfernung vergeblich nach und verlor
sich in Vorstellungen wunderlicher Art ... Und wie es dem Menschen geht, da er
seine eigne Betheiligung am Schicksal andrer nur allein vor Augen hat und, sei's
im guten oder schlimmen Sinne, diese bertreibt, so stand ihr auch nur ihr
Geheimni ber Bonaventura's Taufe vor Augen. Es ist entdeckt -! sagte sie sich
... Sturla wute davon ... Es fehlt noch die authentische Besttigung - die
Urkunde aus meiner Hand -! ... Man wollte sie schon diese Nacht stehlen - ...
Sie htte ihm Leo Perl's Brief noch heute zurckgeben mgen ...
    Bei alledem - welch glckliche Beziehung schien sich nun doch, ohne Paula,
wiederherzustellen -! ...
    Die Wonnen eines liebenden weiblichen Herzens sind nicht zu ermessen ... So
nur allein am Fenster des Geliebten einige Minuten harren, so nur die Kunde
empfangen zu drfen, man wrde die Anfrage ausrichten - er kommt - er denkt an
dich - er besinnt sich auf den gewissen Gegenstand - er lchelt - er erinnert
sich der beiden Abschiede, die ich von ihm nahm, jener beiden Male, wo ich vor
ihm auf der Erde lag - alles das schon allein kann eine Welt des Glcks fr ein
wahnbethrtes, fr die grten Lebenshoffnungen von kleinen Almosen zehrendes
Herz werden ...
    Die Grfin kam in ihre heute aus Besorgni doppelt erhellte Wohnung gerade
zur rechten Zeit, um sich mit dem Monsignore Vice-Camerlengo, dem Gouverneur von
Rom, zu verstndigen ... Auch dieser Beamte war ein Priester ... Er ertheilte
den im Kirchenstaat in solchen Fllen blichen Bescheid: Lassen Sie es auf sich
beruhen, Eccellenza -! Entdeckt man die Sache, wie sie ist, so knnte es - noch
schlimmer werden! ...
    Lucinde kannte Rom ... Der hohe Prlat blieb eine Weile zum Plaudern; dann
war sie allein - frei - schlo sich in ihr Zimmer ein und begann den Brief, der
die Urkunde begleiten sollte ... Sie hauchte in diese Zeilen ihr ganzes Leben
...

                                    Funoten


1 Ein Factum?

2 Neigebaur: Der Papst und sein Reich.


                                      13.

Besucht man in Rom die Peterskirche, lt sich ihre geheimen Kammern
aufschlieen, die gleich frstlichen Antichambren eingerichteten Sakristeien,
und schreitet man dann ber einen kleinen, der deutschen Nation uralt
angehrenden Kirchhof und an Gebuden vorber, in denen die Wsche des heiligen
Vaters und das Leingerth zum Kirchengebrauch im Sanct-Peter gereinigt und
getrocknet wird, so findet man in einer engen menschenleeren Gasse ein unschnes
Eckgebude mit kleinen, unregelmigen Fenstern - ein Gebude, das einer alten
Kaserne gleicht ...
    Ein unfrmliches Thor sieht vollends dem Eingang zu einer Festung hnlich
... Im dstern Hofe befindet sich ein Wachtposten ... Man gefllt sich in Rom
darin, dies Gebude der Welt als ein solches zu zeigen, das sich gleichsam
berlebt htte ... Es ist der Palast der Inquisition ...
    Michael Ghislieri, als Pius V. Anstifter der Bartolomusnacht, war einst der
Besitzer dieses Palastes und machte ihn den Dominicanern zum Geschenk ...
    Im vorderen Hause wohnen die Inquisitoren und ihre Familiaren ... Dann
kommen zwei Hfe, die von einem Mittelgebude getrennt werden ... Im hintern
Hause liegen die Gefngnisse des Sacro Officio ... ...
    Im achtzehnten Jahrhundert war auch in die katholische Kirche der
freisinnige Geist der Zeit gedrungen - die Franzosen der Republik fanden 1797
die Gefngnisse der Inquisition leer ... Ihre Folterkammern und unterirdischen
Verliee konnten nicht entfernt werden; sie blieben grauenvoll genug anzusehen,
wie nur ein alter Hungerthurm von Florenz oder Pisa ... Die Rmlinge behaupten,
die Revolution von 1848 htte das Bedrfni gehabt, wirkliche Gefangene, Opfer
der Inquisition, jedenfalls menschliche Gebeine, Todtenschdel, Zangen und
Folterinstrumente vorzufinden und die Dictatoren der Republik htten zu dem Ende
das Arrangement getroffen, dergleichen vorfinden zu lassen ... Einige
Professoren der Sapienza sind noch jetzt bereit, zu erzhlen, da ein ganzer
Vorrath von Gerippen, Knochen, unter andern das Skelett einer Frau, von deren
Schdel noch das schnste Haar niederflo, aus der Anatomie zu diesem Zweck wre
geliefert worden ...
    Als noch lebenden Gefangenen entdeckte der strmende Volkshaufe von 1848
einen einzigen ... Einen gyptischen Erzbischof, der hier seit Jahren
eingekerkert sa; widerrechtlich hatte er die erzbischfliche Weihe empfangen,
entkleidet konnte er derselben nicht mehr werden, der Duft der priesterlichen
Salbung verfliegt selbst am Verbrecher nicht - so mute der gyptische falsche
Kirchenfrst sich gefallen lassen, hier im lebenslnglichen Kerker Erzbischof
eines Pyramidengrabes zu sein ... Die Aegypter lieben und verehren die Thiere
... Der Gefngniwrter, ein Laienbruder der Dominicaner, besa einen Vogel ...
Diesem hatte der falsche Erzbischof die schnsten Weisen gelehrt, ihn tglich
gefttert - einige Jahre lang ... Da brach der Volkshaufe ein, befreite ihn -
der Aegypter kehrte in die Welt zurck, wute aber nicht, was er in ihr beginnen
sollte ... Er hatte Sehnsucht nach seinem Vogel und bat, ihn lebenslnglich in
seinen Kerker zurckzulassen1) ...
    Die alten Verliee, in denen es einst nicht so idyllisch herging, sind noch
da; sogar die Reste des Neronischen Circus, auf welchen diese ganze Umgebung des
Vatican gebaut wurde ... Folterkammern, und nicht aus heidnischer, sondern
christlicher Zeit, eiserne Ringe an den Mauern, Inschriften an den Wnden, die
von den Gefangenen herrhren, wie: Selig sind, die um Gerechtigkeit willen
leiden, denn das Himmelreich ist ihrer - Alles das findet sich ... Auch die
Sttten sind da, wo die Bekenner des geluterten Glaubens verbrannt wurden, wie
jener Luigi Pascal aus dem Silaswalde ... Hier liegen noch zu Tausenden die
Exemplare jener oft kaum noch aufzutreibenden Bcher, die Rom verbrennen lie
... Die Proceacten aller Inquisitionsopfer liegen hier beisammen zu Kapiteln in
der Geschichte des menschlichen Geistes, die noch geschrieben werden sollen ...
Und noch jetzt stehen ber der Schwelle jedes Kerkers Bibelsprche, die gewi
oft mit grausamem Hohn die Seele des Gefangenen verwunden muten, wenn er sie
beschritt und las: Du wirst verflucht sein, wenn du eingehst, und verflucht,
wenn du ausgehst! -2) ...
    Die Verurtheilung der Bibelleser und der Verbreiter des Protestantismus
durch die Inquisition fehlt allerdings auch noch jetzt keineswegs ... Die
Dominicaner von Florenz, die einst ihren eigenen Prior Savonarola verbrannten,
thaten auch noch gegen das Madiai'sche Ehepaar3) ihre Pflicht ... Aber die
Folterwerkzeuge und Hinrichtungen sind jetzt in Italien an die politischen
Gefngnisse bergegangen ... Vorfhrungen und Verurtheilungen im
schwarzverhangenen Saale des Tribunals mit dem Wappen Pius' V. und dem Portrt
des heiligen Dominicus kommen nur noch selten vor ... Die Qualificatoren und
Familiaren der Inquisition sitzen dann wie beim Gericht der Vehme ... Die
Fenster sind verhangen - Altar und Crucifix stehen unter einem Baldachin von
schwarzem Sammet - sechs Wachskerzen sind angezndet ... Zur Seite erhebt sich
eine schwarze Estrade, auf welche der Pater Anklger tritt, um die
Beschuldigungen vorzulesen ... Beginnt ein Gericht, so ffnet ein Official der
Inquisitoren die Thr und ruft: Ruhe! Ruhe! Ruhe! Es nahen die heiligen Vter!
... Dann treten diese, in ihren weien Kutten, schwarzen Mnteln und Kapuzen,
feierlich ein, knieen vor dem Altar, beten, erheben sich, und ihr Fhrer, der
Inquisitor-Commissarius, beginnt den heiligen Erleuchtungsgesang: Veni Creator
spiritus ... Dann ergreift der Vorsitzende die silberne Klingel und die
Angeklagten mssen erscheinen - in braunen Kleidern, um den Hals den Strick, in
der Hand eine brennende Kerze ...
    Auch ein aus Neapel hereingebrachter waldensischer Geistlicher und ein
Laienbruder des heiligen Franciscus, der eines unsteten, abenteuerlichen Lebens
angeklagt: war, mit ihnen ein Geistlicher, welcher trotz seiner Klausur in einem
Strafkloster dennoch zu mehreren von jenem Geistlichen verfhrten ketzerischen
Seelen hielt, endlich ein alter Hirt aus Calabrien hatten allerdings so noch im
vorigen Jahr vor einem Gericht der dortigen Inquisition gestanden ...
    Das heilige Officium von Neapel lieferte sie auf hhere Weisung nach Rom -
wohin drei von ihnen vor kurzem angekommen waren ... Verschmachtet der Eine -
nicht infolge der an ihm verbten Martern oder peinlicher Entbehrungen, sondern
durch die Jahre ... Die beiden andern gedrckt durch Kummer und Sorge um diesen
ihren greisen Mitgefangenen ... Negrino wurde in den Silaswald zurckgeschickt
...
    Einen Tag vor ihrer Abreise von Neapel standen sie alle vier vor dem
dortigen Gericht zum letzten mal - ... Den Bruder Federigo muten schon da die
Laienbrder der Dominicaner tragen ... Was ihnen allen zur Last gelegt wurde,
hatten die Gefangenen eingestanden ... Der Spruch war nicht zu hart ... Die
Jesuiten wollten das Verderben dieser Leute - so trotzten die Dominicaner ...
Das ist die innere hierarchische Welt ... Hubertus sollte zu seinem gleichfalls
in Alarm gebrachten Orden zurck in die Strafzellen auf San-Pietro in Montorio
... Federigo sollte seinen Spruch in Rom empfangen ... Paolo Vigo hatte geloben
mssen, Italien zu verlassen ... Negrino wurde auf einige Jahre excommunicirt
und unter polizeiliche und kirchliche Aufsicht gestellt ...
    Die Oberaufsicht ber die Gefngnisse der Inquisition hat nicht der General
der Dominicaner allein, sondern mit ihm ein Maestro del Sacro Palazzo,
gleichfalls ein Dominicaner, zu gleicher Zeit Haushofmeister des Papstes, nach
unserm Sprachgebrauch Kammerherr und Oberhofmarschall ... Die Aufsicht im
Inquisitionspalast selbst fhrt ein einfacher Prlat des Officiums ...
    Dieser war keinesweges erstaunt, in so eiliger Hast zwei Cardinle vorfahren
zu sehen ... Der General, - dieser war es, der dem Cardinal Ambrosi geschrieben
- hatte bereits auch ihn instruirt ... Der Erzbischof von Coni hatte
ordnungsgem die seelsorgliche Competenz fr den ehemaligen Eremiten von
Castellungo ... Waren vollends beide Deutsche, so konnte der Besuch ganz in der
Ordnung erscheinen ... Im Vatican waren Bonaventura und Ambrosi gerngesehen; der
Maestro del Sacro Palazzo, Hofmarschall Pater Tommaso hatte schon seit lngerer
Zeit zu allen, jene Ketzer aus dem Silaswald betreffenden Wnschen Ambrosi's
seine Zustimmung gegeben ...
    Cardinal Ambrosi stieg zuerst aus und erklrte mit bewegter Stimme,
Monsignore d'Asselyno wnsche Einla in die Zelle des sogenannten Fr Federigo
...
    Der Prlat setzte der Erfllung dieses Wunsches nichts entgegen und machte
dem noch im Wagen sitzenden Cardinal d'Asselyno die Anzeige, der General und
Pater Tommaso htten bereits die entsprechenden Befehle gegeben ...
    Bonaventura stieg aus - ... Seine Caudatarien muten ihm aus dem Wagen
helfen ...
    Ambrosi kannte Hubertus von ihrem Zusammenleben im Kloster San-Pietro in
Montorio her ... Nicht auffallen durfte es, wenn auch er wnschte, solange zu
einem der Gefangenen gelassen zu werden ... Hubertus war ein Mitglied des
Ordens, dem er selbst angehrte ...
    Der Prlat erklrte, da Hubertus und Paolo Vigo versprochen htten, sich
bis auf weiteres nach San- in Montorio zu begeben - aber der Aelteste der
Gefangenen, Fr Federigo, wre bedenklich erkrankt und schiene seinem Ende nah
... In Ambrosi's Antlitz zuckte es schmerzlich auf - er wollte die vielleicht
letzte Begegnung zwischen Vater und Sohn nicht stren ... Obschon selbst von
mchtigster Sehnsucht nach seinem alten Lehrer ergriffen, lie er Bonaventura
den Vortritt ...
    Der Prlat fhrte seinen hohen Besuch ber den Hof eine Stiege hinauf, wo
sich die Cardinle trennen muten ... Noch geleitete Ambrosi den halb
ohnmchtigen Freund bis vor die Zelle, die er bat fr diesen aufzuschlieen ...
Ueber ihr standen die grausamen Worte aus dem 109. Psalm: Der Satan mu stehen
zu deiner Rechten!4... Wie auch die Jesuiten alles aufboten, die Dominicaner
zur Ausbung ihrer alten Gerechtsame zu zwingen, doch konnte man sagen: Der
Katholicismus dieser Form ist todt und das Al-Ges kann und wird ihn nicht
wieder lebendig machen ...
    Die Thr steht offen! sprach der Prlat ... Zwei Vter sind beschftigt, dem
Unglcklichen die letzten Trstungen zu geben ... Aerzte hat er abgelehnt ...
Doch sind deren in der Nhe ... Sie geben keine Hoffnung - ...
    Die letzten Trstungen! - sprach fr sich Ambrosi und setzte laut hinzu:
Ueberlat die Vorbereitung seinem Oberhirten! ... In der Stille der Einsamkeit
wird die Seele des Armen seinen Mahnungen zugnglicher sein ...
    Der Prlat, einverstanden und verbindlich sich verbeugend, ffnete ohne
Argwohn die Thr ...
    Zwei weigekleidete Mnche saen in einem dunklen Vorgemach und lasen mit
lauter Stimme im Brevier ... Der Prlat winkte ihnen aufzuhren und ihm zu
folgen ... Sie traten mit ihm hinaus ...
    Bonaventura's Seele drohte den Krper zu verlassen ... Bewutlos hob er den
Fu ber die Schwelle - Die Thr wurde leise hinter ihm angelehnt ... Hinter dem
dunklen Vorgemach folgte ein Zwischenzimmer ... Es wurde durch eine Lampe
erhellt, die in einem dritten Raum, in einem Alkoven stand ... Noch konnte der
athemlos und zitternd Stehende nicht das Lager entdecken, wo jener ihm nun
endlich zugngliche - Begriff lag, der einen Augenblick nach dem Gru der Liebe
und des Erkennens vielleicht fr immer aus dem Leben schied ... Ein Begriff -?
... Wenn die Person, die ihn erfllte, dennoch eine andre war -? ...
    Eine Weile verharrte Bonaventura in einer unbeweglichen Stellung ... Alle
Lebensstrme schienen in diesem Augenblick ihm zu stocken ... Eine unendliche
Freude und ein unendlicher Schmerz stritten um die Herrschaft in seinem Innern
...
    Qui - viene? ... erscholl es jetzt mit einem Ton, der dem Lauschenden durch
die Seele schnitt und der ihm nicht bekannt war ...
    Bonaventura schritt nher ... Jetzt sah er, da in einem Winkel des Alkovens
ein Bett stand, auf welchem eine Gestalt in einem braunen, warmwollenen
Berkleide lag ... Er sah nur die langen weien Haare des ihm abgewandten
Hauptes ... Auch eine erwrmende Decke lag auf dem ausgestreckten Krper ...
    Siete - voi, miei - cari - figliuoli? ... fragte die Stimme und setzte die
Anwesenheit der Mnche voraus ...
    Die Stimme durchschnitt des Sohnes Herz ... Nun war es doch wie ein Klang,
den er kennen mute - ein Klang wie die Erinnerung eines Weihnachtliedes der
Jugendzeit ...
    Legite dunque! ... La vostra lettura - non mi dispiace ... sprach der Greis
mit matter Stimme - Die Bewegung, welche die Rede unterbrach, schien von
Fieberfrost zu kommen ...
    Bonaventura trat einen Schritt vor und fragte, mit leiser Stimme und in
deutscher Sprache:
    Habt Ihr es kalt, mein - Vater -? ...
    Kalt und caldo die beiden Sprachen Gegenstze ... Bonaventura sprach so
leise, da vernehmbar nur das Wort kalt von seinen Lippen kam ...
    Caldo! Caldo! sprach der Greis mit Misverstndni und deutete mit beruhigtem
Ton an, die Wrme der Decke genge ihm ....
    Bonaventura sah nun vollkommen die langausgestreckte Gestalt - die sich ein
wenig wandte, da der Schatten, welchen der Angekommene auf die weigetnchte
Wand fallen lie, den Greis zu befremden und aufzuregen schien ...
    Caldo - nahm Bonaventura, sich jetzt ein Herz fassend, das Wort wieder auf
und setzte in italienischer Sprache die verhngnivolle, den Moment der
Erkennung, wenn es sein Vater war, entscheidende Frage hinzu: Caldo come sotto
una coperta di neve -! ...
    Auf dies Wort: Warm wie unter einer Schneedecke? - folgte erst eine
Todtenstille ... Dann richtete sich der Greis auf, sank, da die Kraft nicht
ausreichte, auf seine beiden Arme zurck, die sich gegen das Lager anstemmten,
und richtete die mit weien Brauen umbuschten Augen weit aufgerissen auf die im
Glanz ihrer Cardinalswrde vor ihm stehende Gestalt ...
    Er mochte denken: Kommt ihr endlich - und bist du Ambrosi oder mein Sohn?
...
    Nun sah Bonaventura das von den Spuren des Alters, des Kummers und der
nahenden Auflsung zerstrte Angesicht, sah Zge, die nur mhsam aus dem weien
Barte, aus dem langhinflutenden Haare zu erkennen waren - aber - es war sein
Vater ... Hatte ihm der Ton der Stimme schon die volle Besttigung gegeben,
jetzt bedurfte es keiner weiteren Versicherung ... Langsam sank Bonaventura zur
Erde nieder und beugte sein Haupt vor dem Greise, der nur durch diese Zeichen
der Liebe und durch die kostbaren Gewnder seinen Sohn erkannte - ... Durch die
lange Reihe der Jahre hatte auch dieser eine Vernderung seines Ausdrucks
erfahren, die jenen Jngling, dessen Bild der Vater im Herzen trug, nicht
wiedererkennen lie ...
    Bona -! hauchte der Greis ... Was weckst du - mich vom - Tode -! ... Ich
liege - unter dem Schnee - der Alpen ...
    Und der Tod der Mutter - erst - durfte den Schnee schmelzen! ... wehklagte
Bonaventura mit thrnenerstickter Stimme und mit einem wie vorwurfsvollen, doch
innigzrtlichen Ton ...
    Der Greis legte die mageren, zitternden Finger auf das purpurrothe
Sammetbaret und die Tonsur des Sohnes ... Wie ein Blinder, der durch Tasten sich
erfhlen mu, was sein Auge nicht erkennt ... Schon war er auf sein Lager
zurckgesunken, als er mit Thrnen hauchte:
    Der Mensch ist sich - seine eigene Welt ... Was zrnst du mir -! ... Dann -
lange ihn betrachtend - fgte er fast scherzend und doch tief wehmthig hinzu:
Ich - kenne - dich nicht ...
    Mein Vater! rief Bonaventura, des Ortes, wo er sich befand, nicht mehr
achtend, beugte sich ber den Greis und bedeckte ihn mit seinen Kssen ...
    Die Thrnen mehrten sich in des Greises Augen, die sich wieder schlieen
muten ... Leise sprach er:
    Nur eine - kurze - Auferstehung! ...
    Lebe, mein Vater! ... Ist denn kein Arzt hier? ... O, verschmhst du alles?
... Da ich einen Heiligen Gottes nicht noch erhht sehen soll -! ...
    Die rechte Hand des Greises deutete eine Weile nach oben - warnte zur
Vorsicht, wobei ein unendlich liebevoller Blick der Augen ihn untersttzte -
dann sank die Hand kraftlos auf die Decke ...
    Eine Pause trat ein, die nur vom stillen Weinen Bonaventura's und von den
liebkosenden Bewegungen seines Vaters unterbrochen wurde ...
    Hat dich Gott so erhht! ... sprach der Greis, die Gewnder des wiederholt
Knienden berhrend ... Und als dieser schwieg und die Zeichen seiner Wrde mit
Geringschtzung betrachtete, setzte er hinzu:
    Als du - Bischof in Robillante wurdest, da - mut' ich fliehen ... Denn
eines Mannes - That soll - nicht halb sein ... Ich wollte nicht - mehr fr die
Welt - am wenigsten die Meinen - am Leben sein ... Deine Mutter - wollt' ich
glcklich machen ...
    Sie wurde es nicht -! ... sprach der Sohn ...
    Der Greis erwiderte nichts ...
    Damals schon wollt' ich dich einem Schicksal entreien, dem du nun doch
erlegen bist -! fuhr der Sohn fort und betrachtete die elende Umgebung ... Man
wird dich mir herausgeben mssen ... Man soll dich in einer Snfte in meine
Wohnung, in die Wohnung deines edeln Ambrosi tragen - ...
    Ambrosi! sprach der Vater und faltete voll Verehrung die Hnde ... Wo ist -
er -? ...
    Ich rufe ihn - fuhr Bonaventura fort ...
    Der Greis tastete nach seiner Hand und sprach:
    Zum - Ketzer - und mich - in das Haus - der Cardinle? ... Ich sehe - auch
so - mit Freuden auf meine - Saat ... Herzen fand ich, in denen sie aufgegangen
... Auch in den euern ... Mein Geheimni - bleibe bedeckt - vom - Grabe ...
    Vater! flehte Bonaventura, wir beide sehnen uns nach dem Martyrium! ... Auch
Vincente ist angekommen an der Grenze seiner groen Gelbde ... Nur auf der Hhe
wollte er leiden, wie Jesus auf einem Berge litt ... Dank, Dank deiner Lehre ...
Er ist heilig - nicht ich! ...
    Der Greis faltete, allen diesen Worten scharf aufmerkend, seine Hnde und
sprach:
    Die Zeugen des gekreuzigten - Lammes seh' ich - in weien Gewndern ... Sind
das - die Glocken - der Peterskirche - die so luten -? ... Kann - auf Erden -
Stolz wol ewig - whren? ...
    Mit bangem Herzen hatte sich Bonaventura erhoben und eine hlzerne Bank dem
rmlichen Bette nhergerckt ... Erschttert von dem, auch ihm aus der Seele
gesprochenen Worte, da die Peterskirche nur den Eindruck des Stolzes mache und
beschmt vom Pomp seiner bunten Kleider, bat er wiederholt:
    Schon die sechste Stunde ist es ... Alles ist dunkel ... Ich lasse eine
Snfte bringen und sie tragen dich in die Wohnung Ambrosi's ... Und das Officium
gestattet es ... Mehr noch, ich bekenne dich als meinen Vater ...
    Mein Sohn! wiederholte abwehrend der Greis ... Unser Geheimni decke das
Grab ... Schon um Wittekind's willen ... Ich habe den seligsten Tod ... Schner,
als ich ihn je getrumt ... Konnt' ich nicht in meiner Wildni - bittrer enden?
... In Castellungo - ... Horch, was - luten - so - die Glocken -! ...
    Die Augen des Greises wandten sich wie innenwrts ...
    Jedes Wort ist ein ewiger Vorwurf meines Innern! nahm Bonaventura mit
uerstem Schmerz die abbrechende Rede des ohne Zweifel in Erinnerungen an
Grfin Erdmuthe und an seine Htte bei Castellungo verlorenen Vaters auf ...
    Dieser betrachtete ihn und sprach liebevoll mit zurckkehrendem Bewutsein:
    Nein, mein Sohn! ... Vor dem Tode - deiner Mutter dich wiederzusehen - das
htt' ich nicht ertragen ... Lieber htt' ich vor Schaam mir selbst den Tod
gegeben - den ich nun auch - in - Jesu Namen - ...
    Gib uns nicht den Schmerz, da du nicht mehr leben willst -! unterbrach
Bonaventura ...
    La nur noch die beiden treuen Seelen - entgegnete der Greis, die mich so
oft - erquickt, so oft dem Leben - erhalten haben, nicht ohne deinen Schutz -
wenn du, hoff' ich, noch Schutz verleihen kannst, nachdem du - einem Ketzer -
deine Theilnahme bewiesen ...
    Einem Ketzer! Vater! ... sprach Bonaventura und setzte dicht am Ohr des
Greises hinzu: Ich selbst - bin ich - denn nicht - selbst - ein Ungetaufter! ...
    Der Greis wandte die Augen auf den Sohn voll Bestrzung ...
    Was Leo Perl einst - dem Bischof von Witoborn - bekannte - ich sollte es ja
erfahren! fuhr Bonaventura fort ... War es nicht dein Wunsch? ... Im Sarge
deines alten treuen Dieners fand sich ja - ...
    Mein Wunsch? unterbrach der Vater staunend und seine letzte Kraft
zusammenraffend ...
    Bonaventura hielt inne ... Die Aufmerksamkeit des Greises war zu erregt ...
Auch machte ihn ein oberhalb des Zimmers wie von einem Futritt vernehmbares
Gerusch einen Moment betroffen ...
    Dann begann er leise eine Erzhlung vom ersten Eindruck, welchen damals das
Verschwinden des Vaters auf die Welt und ihn gemacht htte, vom neuen Bund der
Mutter, von des Onkels Frsorge fr ihn, von seinem eigenen Entschlu, Priester
zu werden, von seiner Pfarre in Sanct-Wolfgang, einem Ort, wo dann zufllig des
Onkels Max ehemaliger Diener schon seit Jahren sich niedergelassen hatte ...
Bonaventura erzhlte, wie treu der alte Mevissen sein Geheimni gehtet - treu,
falls er gewut, da der Verschollene lebte ... Dann schilderte Bonaventura die
beim Tode Mevissen's vorgefallenen Dinge, welche durch Hubertus dem Vater nur
hatten unvollstndig bekannt werden knnen ... Eben war er an die Beraubung des
Sarges angekommen, als ihm der vernderte Blick des Vaters auffiel ...
Bonaventura mute sich unterbrechen und fragen:
    Vater - wie ist dir -! ...
    Dieser antwortete schon nicht mehr und lag wie betubt ...
    Bonaventura eilte, um nach Wasser zu suchen ... Aus einem Glase, das er mit
Wasser gefllt fand, benetzte er dem Greise die Stirn ...
    Noch einmal schlug Friedrich von Asselyn die Augen auf ... Liebevoll lie er
das Beginnen des Sohnes gewhren ... Pltzlich starrten seine Augen nach einer
Uhr, die an der Wand hing, und er sprach:
    La dir - von meinen Begleitern - die ich deiner Liebe empfehle - ...
    Vater! ... unterbrach Bonaventura, voll Entsetzen die Vernderung der
Gesichtszge, ein krampfhaftes Zucken des Kinns, ein Schtteln der Hnde
bemerkend ...
    Die - Stunde - ist - - hauchte der Sterbende mit kaum noch vernehmbarem Ton
...
    Bonaventura wollte die Mnche und etwaigen andern heilkundigen Beistand
rufen ...
    Der Vater hielt noch krampfhaft seine rechte Hand fest ...
    Bonaventura's Linke nahm mit seinem Taschentuch vom Mund des Sterbenden
schon leichte Schaumblschen ... Zugleich vernahm er noch die Worte:
    La dir von meinen Begleitern - la dir von ihnen - die Pilgerstbe geben
... Dort der meine ... Ich sehe ihn nicht ... Ist's ein Baum - ... Er grnt -
und wchst -! ... Sieh die khlen - Schatten ... Die Zweige wie sie - dicht -
...
    Vater, dich tuscht dein Auge ...
    Bonaventura sah die Kennzeichen des Todes, deren er in kurzer Zeit so viele
hatte sammeln mssen ...
    Ein Baum - wie die Eichen in - Castellungo ... Ha! Sieh - das Feuer! ...
Sieh, von rosigen Wolken - alles bedeckt ... Von Licht - und - Wonne des
Triumphs ... Sie kommen von allen Zonen und bekennen das Lob des Hchsten ...
Ils - engendron - Dio - in lor - - mesmes ... - In sich Gott und - Gott - in -
uns ... - Die - Nobla Leyon - hrst du - der - Waldenser - Lobgesang - ...
    Vater! flehte Bonaventura und mhte sich, dem Sinn dieser Worte zu folgen -
- Ich rufe Ambrosi - den Arzt - ...
    Der Sterbende beherrschte noch einmal sein unaufhaltsam ihn fortreiendes
Irrereden und fuhr fort:
    Die Nobla Leyon nimm - ffne die Wanderstbe - meiner - Fhrer ... In ihnen
- findest du - mein Leben - und deines - ... Kennst - - die Nobla - Leyon? ...
    Ich kenne sie ... hauchte Bonaventura mit stockendem Athem und die
schweibedeckte Stirn des Vaters trocknend ... Er verstand, da in den
Wanderstben der Gefangenen ihm ein letzter Gru gesagt werden sollte ...
    In kurzen abgerissenen Stzen sprach der Vater:
    Sie knnen nicht lesen, was - die Chiffern sagen - ... Der Schlssel - ist -
die Nobla Leyon ... Im - Anfang - war das Wort - und das Wort - ...
    Bonaventura's Lebensgeister blieben in fieberhafter Spannung, whrend die
des Vaters entschwanden ...
    Die Nobla Leyon - macht die Chiffern - der Pilgerstbe - zu Worten ... O
frayres - entende - una - nobla. - A - und - B ... Mein Alpha und - Omega -
Herr bleib - mit - Deiner - Gnade - ...
    Der Irreredende erhob die Stimme zum Singen - ...
    Die ersten Worte der Nobla Leyon enthalten das Alphabet - des -
Testamentes, das du mir - hinterlassen wolltest -! sprach Bonaventura dicht am
Ohr des Sterbenden - ...
    Amen! sprach der Greis und sank zusammen ...
    Und wieder regte es sich in der Nhe ... Und wieder war es, als huschten
oberhalb schleichende Futritte ...
    Diesmal kam auch Gerusch von der Thr ... Ohne Zweifel setzten die
Harrenden voraus, da die Beichte des Ketzers vorber war .... Wenn sein
Seelenhirt noch lnger blieb konnte es sein, da ihm auch aus seiner Hand die
letzte Oelung und das Abendmahl ertheilt wurde ...
    Die Thr ffnete sich ... Der General der Dominicaner trat selbst herein,
die Monstranz in der Hand ... Ein Assistent hinter, ihm mit den Werkzeugen der
letzten Oelung ... Die Thr blieb offen ... Drauen standen Cardinal Ambrosi,
der Prlat des Hauses - Bruder Hubertus und Paolo Vigo folgten - beide
freigegeben, um ihre Wanderung auf San-Pietro in Montorio anzutreten, wohin man
auch Paolo Vigo zunchst verwies ... Schon hielten beide ihre Habe und ihre
Stbe in den Hnden ... Alle Dominicanermnche murmelten drauen das Confiteor
...
    Der Sterbende erhielt noch einmal einen Augenblick seine Geisteskraft,
bersah, was geschehen sollte, bersah die Lage des Sohnes ... Mit letzter Kraft
der Stimme murmelte er - zuerst das lateinische Confiteor, dann begann er
italienisch und ging allmhlich in die deutsche Sprache ber mit den Worten:
    Lasset uns beten! ... Ich bekenne - an der - katholischen Kirche alles, was
wir ihr - schuldig sind - aus dem Geist der Liebe - und der Dankbarkeit ... Wer
in dieser Kirche - - geboren wurde - ...
    Weiter vermochte der Sterbende nicht zu reden ...
    Schon wollte Ambrosi von seinem Gefhl bermannt, vortreten, als ihn die
laute Rede des calabrischen Priesters veranlate, diesem den Vortritt zu lassen
...
    Paolo Vigo trat vor, beugte sich am Sterbelager nieder und erhob die Stimme,
um zu vollenden, was zu sprechen nicht mehr in seines Lehrers Kraft stand ...
    Wer in dieser Kirche geboren wurde, sprach Paolo Vigo fest und bestimmt und
des Generals und der Cardinle nicht achtend, der hat sie gelernt unter dem
Bilde einer Mutter verehren ... Nun wohl - ein reiferer Verstand des erwachsenen
Kindes erkennt die Schwchen seiner Aeltern; doch wird ein Sohn die silberne
Locke des Vaters schonen und selbst Flecken am Ruf ihrer Mutter die Tochter
bersehen ... Was die Kirche an heiligen Gebruchen besitzt, seh' ich allmhlich
- entkleidet seiner dunkeln, unnatrlichen Zauber - ... Priester! Legt die
Gewnder der Ueppigkeit und des Stolzes ab! Werdet Menschen! Redet die Sprache,
die euer Volk versteht, auf da der Ruf: Sursum corda! auch wahrhaft zum Empor
der Herzen wird ... Lat die Messe, wenn sie gelutert wird! Ein Zwiegesprch
sei sie mit Gott - ... Bilder des Gekreuzigten - tragt sie im Herzen -! Und
solange die Vlker der Erde nicht aus eitel Weisen bestehen, solange noch Heide
und Muselman die strahlenden Ordenszeichen ihres Glaubens verehren, verehrt auch
uerlich das Kreuz ... Macht es jedoch lebendiger noch in euch - ... Lebendig
macht alle Strme des Heils -! ... Hinweg mit Dem, was das Herz erstarrt -! ...
Freiheit dem Gebundenen ... Sakrament sei nicht die eiserne Fessel -! ... Im Tod
rufe dir den Arzt der Seele - wenn ein Zeichen und ein Wort von ihm statt -
deiner reden soll ... Netzt sogar dem mden Wanderer, wie Magdalena dem Herrn,
die Glieder ... Erquickt ihn, wenn er es begehrt, durch - das Brot des Lebens! -
...
    Die Umstehenden erkannten aus diesen Worten der Verzckung wohl die
Irrlehren, fr welche Paolo Vigo versprochen hatte, Italiens Boden zu verlassen
... Doch der General warf einen Blick auf die Mnche, die Paolo Vigo umringten
... Sein wrdiges Benehmen gebot ihnen Ruhe ... Er bergab dem Erzbischof das
heilige Brot, das dieser dem Sterbenden reichte ...
    Auch mit dem Salbl benetzte Bonaventura die Stirn und die Hnde des
Entschlafenden ... Heiliger, als dies Oel aus geweihtem Gef, lie er auf die
immer mehr erstarrenden Zge des Sterbenden seine Thrnen rinnen, unbesorgt um
die rings im Kreise ersichtliche Befremdung ...
    Die Ceremonie jener gewaltsamen Bekehrungen wie sie hier in diesen Rumen
oft genug vorgekommen sein mochten, war vorber - ... Die berfllten engen
Rume entleerten sich ... Ein Arzt hielt dem Sterbenden den Puls ... Cardinal
Ambrosi, der dem Sohn bisjetzt in allem den Vorrang gelassen, beugte sich ber
den Entschlummernden, der ihn nicht mehr erkannt hatte, und sprach:
    Er ist - hinber - ...
    Pater Lanfranco wute und erzhlte, da der Erzbischof in diesem Sterbenden
einen nahen Verwandten getroffen hatte ...
    Bonaventura wandte sich ... Als der Freund die Augenlider des Sterbenden
schlo, durchbrach sein Gefhl jede Rcksicht ... Zu mchtig zerri der Schmerz
sein Inneres ... Ueber die ausgestreckt liegende erstarrte Gestalt warf er sich
und rief in italienischer Sprache, da alle es hrten:
    Lebe - wohl - mein theurer Vater -! ...
    Die Priester, die Mnche und Aerzte sahen besttigt, da der deutsche
Cardinal in diesem waldensischen Prediger, der seiner Herkunft nach gleichfalls
ein Deutscher war, einen nahen Verwandten - padre, einen Freund, einen
Gnner - wiedergefunden hatte ... Ein Wunder war es, das ganz Rom beschftigen
mute ... Aber selbst den Heiligen Vater durfte es rhren, zu hren - Cardinal
d'Asselyno hatte im Kerker der Inquisition einen ihm aus seiner Jugendzeit
unendlich werthen Angehrigen gefunden und ihn in seiner letzten Stunde bekehrt
... So nur und nicht anders konnte seines Ruhmes neue Mehrung lauten ...
    General Lanfranco hatte sich zuerst entfernt ...
    Bonaventura war vom Freund emporgezogen worden ... Hubertus und Paolo Vigo,
jener in der Franciscaner-, dieser in der Berkutte, drckten ihre Lippen auf
die Wange des Gestorbenen - auch auf Bonaventura's beide Hnde ...
Bedeutungsvoll gab ihm Paolo Vigo seinen Stab und sagte - er mchte sich darauf
sttzen ...
    Bonaventura ergriff den Stab ... Der andere, den ebenso Hubertus trug,
konnte gefunden werden, von wem er wollte - niemand htte seinen Inhalt
entziffern knnen ... Der dritte, der Stab Federigo's, war vielleicht in der
That nicht zu finden ... Niemand brauchte sich darum zu beunruhigen ...
    Da die beiden Cardinle noch lnger blieben, war nicht zu rechtfertigen ...
Das Leben des Greises war entflohen ... Hubertus hatte sich ber ihn gebeugt,
hatte eine Wollflocke seiner Kapuze an seinen Mund gelegt - sie bewegte sich
nicht mehr ...
    Mit einem letzten Scheideblick ebenso sprachloser wie, wenn die Sprache auch
nicht versagt htte, unaussprechbarer Rhrung rissen sich beide Cardinle vom
rmlichen Lager los, auf welchem sie den abenteuerlichsten Schwrmer, einen
Mrtyrer der Ehegesetze der katholischen Kirche, als Leichnam zurcklieen ...
    Die Bestattung mute freilich an jener Stelle erfolgen, wo die Asche der
verbrannten Mrtyrer, eines Pascal, eines Paleario moderte ... Aber bei allem,
was die Sachlage hier mit sich brachte, war doch fr ein ehrenvolles Begrbni,
wenn auch innerhalb dieser Mauern, gesorgt ... Schon morgen in allererster Frhe
wollten die Freunde zurckkehren ...
    Das dstere Gebude war jetzt von Kerzen erhellt, die die Laienbrder der
Dominicaner trugen ... Schon kamen einige derselben, um die Leiche in die
Todtenkammer zu bringen ...
    Hubertus hielt den die steinernen Stufen hinunterschwankenden Bonaventura,
den er in Witoborn als Domkapitular so oft gesehen und nun den leiblichen Sohn
seines geliebten Federigo nennen durfte - Ambrosi hatte ihm auf seiner Zelle
sein so lange verschlossenes Auge geffnet, auch die Grnde genannt, die ein
Verschweigen des Geheimnisses und selbst noch in dieser Stunde, um des
Prsidenten von Wittekind willen, dringend anriethen - ... Jetzt begriff
Hubertus, wie mit dem Tod der Mutter Bonaventura's die Sehnsucht des Eremiten
sich regen durfte, in die Welt zurckzukehren; begriff, wie seine
Gefangennehmung im August ihm so willkommen, ja nach den Mittheilungen aus Rom,
die von Ambrosi kamen, nicht unerwartet erscheinen durfte; Hubertus begriff
schlielich auch die Schonung, die ihnen allen zu Theil wurde ...
    Ambrosi nahm den zweiten Alpenstab ... Die Uhr des Verstorbenen hatte der
Prlat an sich genommen - sie gehrte, den Regeln des Hauses gem, den
Laienbrdern ...
    Bonaventura sttzte sich nicht auf den empfangenen Stab ... Er schritt voll
Fassung, wenn auch tief sein Haupt zur Erde neigend, dem Ausgang zu ...
    Inzwischen beschftigte die Aufmerksamkeit der mit staunender Bewunderung
vor zwei fr ihre fromme Opferfreudigkeit so wunderbar belohnten Cardinlen die
Treppe niedersteigenden Begleitung derselben ein Lrmen drauen auf der Strae
... Eine Glocke der Peterskirche lutete in unablssiger Hast ... Es war die
Feuerglocke des groen Doms ... Andere Glocken fielen mit gleicher Eile ein ...
An der nahen Porta Cavallaggieri, wo die Kasernen liegen, erscholl das Blasen
einer Trompete ... Trommeln lrmten ...
    Eine Feuersbrunst! hie es ...
    Ein nicht zu hufiger Vorfall im steinernen Rom ...
    Die erst langsam dahinschreitende Begleitung bewegte sich allmhlich rascher
... Bonaventura und Ambrosi blieben mit ihren nchsten Begleitern, langsamer
durch die Hfe schreitend, allein zurck ...
    Da verschwand pltzlich auch Hubertus ... Er war nicht dem Drngen nach dem
Hausthor gefolgt ... Es hie, er wre zurckgekehrt ...
    Seht da! Wer ist der Mann? rief pltzlich, alle erschreckend, seine Stimme
von einer Galerie herab, die rings um den Hof ging ... Er rief diese Worte einem
Manne nach, der in gebckter Haltung an einer andern Stelle der Galerie durch
eine Thr verschwand ... Es war ein Mann in einem schwarzen, fast priesterlichen
Oberkleid gewesen ... Rasch war derselbe in eine hohe Glasthr, die auf die
Galerie fhrte, zurckgetreten ...
    Ein einziger leidensvoller Blick, den Bonaventura vom Hofe aus in die Hhe
warf, lie in Ambrosi den Gedanken entstehen: Glaubt der Freund - da er
belauscht wurde -? ...
    Hubertus blieb verschwunden ...
    Inzwischen aber waren die Cardinle zu sehr ergriffen, um dem Zwischenfall
lange nachzudenken, und standen schon am geffneten Schlage ihrer Kutsche ...
Auch die Caudatarien besttigten eine Feuersbrunst ... Zugleich hatten sie von
einem soeben hier gestorbenen deutschen Verwandten des Cardinals d'Asselyno
gehrt und durften nichts Auffallendes darin finden, da die Cardinle tief
erschttert waren, herzlich von dem im Kreise einiger Dominicaner stehenden
Paolo Vigo Abschied nahmen, ebenso wenig, wie, da ihnen letztrer als Andenken
an den Pilger von Loretto zwei Wanderstbe in den Wagen nachreichte ...
    Hubertus war inzwischen nicht zu finden ... Die bestrzten Mnche, die ihn
und Paolo Vigo nach San-Pietro in Montorio escortiren sollten, suchten ihn ...
    Beide auf San-Pietro schon morgen zu besuchen und sie dem dortigen Guardian
zu empfehlen, wurde von Ambrosi versprochen ...
    So stiegen die Freunde ein ...
    Die Menschen ringsum rannten indessen der Piazza Navona zu ... Dort sollte
das Feuer sein ... Ueber die Tiberbrcke von der Engelsburg abschwenkend sahen
beide die Rauchsule ...
    Bonaventura's Haupt lag auf den Schultern des Freundes ...
    Ambrosi lie ihn schweigend gewhren ... Worte des Trostes helfen nicht in
solcher Lage ... Auch ihn betrbte es, da er nicht noch einmal Fr Federigo
umarmen und ihm sagen konnte: Sieh, bis hieher kam ich durch deinen Rath und
deine Lehre! ... Er hatte vorgezogen, alle Gefahren zu bewachen, alle mislichen
Zeichen drauen den Dominicanern zum Guten zu deuten und dem Freund die Vorhand
zu lassen ... Er hatte sich in allem, was seither geschehen, kraftvoll und
entschlossen gehalten ...
    Was sollen die Stbe? fragte er endlich sanft, als sich der Wagen in den
Straen mhsam durch das Gewhl der Menschen Bahn machte ...
    Bonaventura nahm sie und betrachtete sie voll Rhrung ... Noch konnte er
nichts erwidern ...
    Inzwischen hatten sie den Corso erreicht, auf dem wenigstens fr Wgen Platz
blieb ...
    Endlich in ihrer entlegenen Wohnung angelangt, schwankte Bonaventura aus dem
Wagen und sank, als beide allein waren, ohnmchtig zusammen ...
    Lange whrte es, bis sich der Unglckliche erholte ...
    Auf Ambrosi's dringendes Verlangen mute er einige Strkung zu sich nehmen
...
    Dann trat ein stilles Weinen ein ... Die Natur erholte sich erst, als sie
ihre Rechte gefordert hatte ...
    Mit den ersten Worten, deren er fhig war, bat Bonaventura um ein Exemplar
der Nobla Leyon ...

                                    Funoten


1 Thatsache.

2 Wrtlich zu lesen.

3 1856.

4 Vorhandene Inschrift.


                                      14.

Zu seinem hchsten Erstaunen erfuhr der Freund die nhere Bewandtni, die es mit
den Stben haben sollte ...
    Es waren Hirtenstbe, wie sie in Calabriens Bergen getragen werden ... Die
Griffe gewunden - die Spitzen von Eisen ...
    Griffe und Spitzen, das sah man bald, lieen sich abschrauben ... Das Innere
fand sich ausgehhlt ...
    In beiden Stben befand sich eine mit lateinischen Buchstaben beschriebene
Rolle Papier ...
    Das Geschriebene war ein Durcheinander von unaussprechbaren Wortformen ...
    Die Nobla Leyon gab den Schlssel ... Die Buchstabenordnung war dieselbe,
die bereits in dem zwischen Ambrosi und Federigo gepflogenen Briefwechsel
gewaltet hatte ... Beide Rollen hatten denselben Inhalt ...
    Schon entzifferte Ambrosi ein Wort nach dem andern und schrieb auf, was er
gefunden ... Er stockte ... Es war deutsch - die Ausbung einer schon lange
gelufigen Fertigkeit wurde gehindert ...
    Ambrosi bat den Freund, sich zu ruhen ... Inzwischen, sagte er, wollte er
versuchen, den Inhalt, soweit ihm mglich, mechanisch zu dechiffriren ... Das
Vertrauen des Freundes gehrte ihm in allem ... Es konnte auch hier kein
Geheimni mehr geben, dessen Kunde sie nicht theilen wollten ...
    Nach wenigen Stunden schon, whrend die sonstige Stille der nach hinten
hinaus gelegenen Wohnzimmer des alten Gebudes anfangs noch vom Lrm der Glocken
und Feuersignale gestrt wurde, Bonaventura stillverzweifelnd sein Haupt
sttzend und zum Tod erschpft auf einem Ruhelager sich wand und sein ganzes
vergangenes und zuknftiges Leben an sich vorbergleiten lie, unterbrochen vom
Bild der letzten Liebesblicke des Vaters, kam Ambrosi in hoher Aufregung mit
einer Anzahl Bltter, auf welche bereits ein groer Theil der Erffnungen
Federigo's an seinen Sohn mechanisch niedergeschrieben war ... Die deutsche
Sprache kannte er zu wenig, um ganz zu verstehen, was, Buchstabe an Buchstabe
gereiht, seine Bltter bedeckte ...
    Es war nun auch von drauen her still geworden ... Schon mochte die zehnte
Stunde geschlagen haben ...
    Bonaventura konnte leicht die Buchstaben zu Worten fgen und die Stze durch
Punkte trennen ... Durch gegenseitige Untersttzung kamen die Freunde zu
folgender Entzifferung:
    Mein Sohn! Das ist ein Brief, den dein Vater dir aus dem Jenseits schickt
-! ... Hre - richte und gedenke mein -! ...
    Du erfuhrst von den Zeiten, wo ich einst beauftragt war, den Uebergang
Witoborns an unsere Regierung zu regeln ... Du kennst die Grnde, welche mich
damals den Tod wnschen lieen ... Oft, oft berfielen mich Gedanken an
Selbstmord -! .... Sie hafteten nicht, weil Selbstmord nur denkbar ist im
Zustand einer Verzweiflung, die mit dem ganzen Leben abzuschlieen vermag - Das
war nicht meine Lage ... Wohl ging mein Blut strmisch, wenn ich sah, wie mein
Weib am besten meiner Freunde hing, dieser an ihr; dacht' ich aber an die
Mittel, mich solcher Schmach zu entziehen, so lockte mich wol die Welle des
Stromes, der Blitz der tdtlichen Waffe eine Weile; bald aber erkannte ich dann
wieder, wenn nur die Gesetze unserer Kirche ber die Ehescheidung andre wren,
da der Anfang eines neuen Lebens voll neuer Bewhrung fr mich anbrechen knnte
- ... Ich wollte den Wunsch des geistig schon lange ehelich verbundenen Paares
erfllen und wrde eine Scheidung durch Confessionswechsel mglich gemacht haben
- aber in diesem Punkte wrde die Mutter nicht meinem Beispiel haben folgen
knnen - aus innerem Triebe nicht - auch ihres neuen Gatten wegen nicht, der
sich kaum wrde entschlossen haben, schon aus Rcksicht auf den schlimmen Ruf
seines Vaters, dem Geist der Provinz ein Aergerni zu geben ... So kam ich,
ohnehin von manchem Misverhltni zu meinem Beruf getrieben, auf den Entschlu,
mir den Schein des Todes zu geben - ...
    Die Entzifferung ging noch bis jetzt aufs leichteste von statten ...
    Ich lie dich einem neuen Vater und die Mutter einem neuen Gatten zurck,
der ein reicher Mann war und fr euch beide sorgen konnte ... Auerdem hattest
du den Onkel. Hatte zwar mein Bruder Franz schon den Adoptivsohn meines Bruders
Max, den dieser aus Spanien mitgebracht, in seine vterliche Obhut genommen -
...
    Wie? unterbrach Bonaventura seine Worteintheilung und Uebersetzung des
Berichtes fr den aufmerkenden und in Bonaventura's Familienverhltnissen vllig
heimischen Freund; kannte selbst der Vater nicht die Herkunft Benno's? ... Er
las staunend weiter:
    - so gestattete ihm doch sein gutes Herz und seine Vermgenslage, auch dich
in deiner Laufbahn zu befrdern, die dir ohnehin, da du Soldat werden solltest,
bald die volle Selbstndigkeit geben konnte ... Zur Ausfhrung meines Vorhabens
bedurfte ich Beistand ... Ich konnte mich auf einen Menschen verlassen, der,
seines Zeichens ein einfacher Tischler, mit meinem Bruder Max unter Napoleon in
Spanien gedient hatte, ihm eine Rettung seines Lebens verdankte, aber auch ohne
diesen Anla ein Muster von Pnktlichkeit und Verschwiegenheit gewesen wre ...
Ihr alle, die ihr mich berleben werdet, vor allem auch du, Benno von Asselyn,
niemand von euch wird je geahnt haben, da mit dem schweren Amt, einen kaum
geborenen Knaben aus Spanien mitzubringen, dieser alte treue Mevissen in
Verbindung stand - ... Selbst mir bekannte es der Brave nie, warum auf seinem
Todbett Max die Weisung hinterlassen, eine Summe, die ich ihm noch schuldete, in
besserer Zeit, wenn ich knnte, einem in der Nhe Kochers am Fall, in
Sanct-Wolfgang, wohnenden und von dort gebrtigen Tischler, einem ehemaligen
Soldaten seiner Compagnie, auszuzahlen ... Da die Zahlung nicht drngte, ich
auch die Summe nicht sofort besa, sprach ich zu niemand davon, am wenigsten zu
unserm guten Bruder Franz ... Letztrer wrde die Summe gegeben, aber auch die
Verwendung derselben haben erfahren wollen ... Benno war schon damals zum Hfner
Hedemann in Borkenhagen bei Witoborn gegeben ... Ohne Zweifel ist Benno entweder
das Kind einer spanischen vornehmen Frau oder einer Nonne ... Mevissen kannte
das Geheimni; er htete es wie ein Soldat die Parole seines Wachtpostens ...
    Bonaventura mute voll Rhrung ausrufen:
    Guter, kindlicher Sinn des Vaters -! ... Alle diese Dinge - wie waren sie so
ganz anders und nur dir blieben sie verborgen! ... Die Neugier seines ltesten
Bruders, meines freundlichen Erziehers war seine Furcht! ... Und gerade in
dessen Hnden lagen, selbst dem Bruder verborgen, die Fden aller der
Veranstaltungen, die fr den armen geopferten Benno getroffen werden muten -!
...
    Ambrosi kannte die Beziehungen und vermochte voll gesteigerten Antheils zu
folgen ...
    Es drngte mich, endlich jene Schuld von einigen hundert Thalern an den
alten Soldaten in Sanct-Wolfgang zu berichtigen ... Als ich Abschied von meinem
bisherigen Dasein und meinem Namen nehmen wollte, besuchte ich deshalb den
kleinen Ort, den Mevissen bewohnte ... Ich fand einen rthselhaft verschlossenen
Menschen; einfach und wrdig sein Benehmen; obschon nicht mehr jung, hatte er
geheirathet, sein Weib war gestorben; ohne Kinder hielt er eine kleine
Tischlerwerkstatt fr die einfachen Bedrfnisse des Landlebens, die ihn ernhrte
... Die Summe, welche ich ihm schuldete, mochte er frher mehr bedurft haben,
als jetzt; dennoch hatte er nicht gedrngt ... Nach den ersten Verstndigungen
sah ich wohl, da sich Mevissen jene Summe durch irgend einen werthvollen
Beistand, den er dem Bruder geleistet, verdient hatte ... Ich suchte den Anla
seiner Bewhrung zu erfahren und zeigte mich voll Neugier schon aus Interesse
fr Benno's Vater, meinen zu frh vollendeten Bruder Max ... Ich grbelte,
forschte - kein anderes Wort kam von den Lippen des schlichten Mannes, als da
mein Bruder - sein bravster Chef gewesen ... Angezogen von soviel Ehrlichkeit
und Charakterstrke, beredete ich ihn, mich als Diener auf einer Schweizerreise,
die ich machen wollte, zu begleiten ... Er nahm diesen Vorschlag an und ihm
verdank' ich die Ausfhrung meines gewagten Unternehmens - ... Den Schein zu
erwecken, da ich zu den Opfern der Lawinen des groen Sanct-Bernhard gehrte,
das war die Aufgabe ...
    Ambrosi seufzte ... Bonaventura's Herz klopfte voll gespannter Erwartung ...
Es war die noch nicht ganz enthllte Stelle im Leben des Vaters ...
    Im Canton Wallis, zu Martigny, legt' ich alles ab, was an mich erinnern
konnte. Ich hatte mir neue Kleider gekauft, die in einem Packet verborgen werden
muten, das Mevissen trug - Das meiste, was mein Koffer enthielt, hatten wir
verbrannt - ... Der Dunst, den die verbrannten Papiere und die sengenden Kleider
verbreiteten, fiel im Gasthof zu Martigny auf; so hielten wir mit unsern
Zerstrungen inne ... Einiges mute auch fr das Leichenhaus auf dem groen
Sanct-Bernhard zurckbehalten werden ... Mevissen's Handschlag durfte mir
gengen, um die Gewiheit zu haben, da von ihm sein Geheimni wrde mit ins
Grab genommen werden ... Unter dem Zurckbehaltenen befand sich vielleicht eine
seltsame Urkunde, von welcher ich dir reden mu - aus Grnden, die du erfahren
sollst - ...
    Bonaventura verstand das schmerzliche Lcheln seines Freundes ... Es galt
der Erinnerung an die Qualen, die sich frher, in seinem jetzt berwundenen
Glauben, der unrichtig Getaufte ber seine Lage bereitet hatte ...
    Mein Sohn! Ich rufe dir mit der Schrift: Wer Ohren hat, zu hren, der hre!
- - Ich hatte in Witoborn mit dem Husarenrittmeister von Enckefu, dem neuen
Landrath des neugebildeten Kreises, die Besitzergreifung, namentlich die Archive
aus einer heillosen Verwirrung zu ordnen, in welche sie whrend des Krieges
gerathen waren, wo man die wichtigsten Acten zu Streu fr die Pferde benutzt
hatte ... Bischof Konrad war ein wohlwollender, aufgeklrter Mann ... Ich hatte
sein Vertrauen gewonnen; auch er liebte, wie ich, alte Drucke, Miniaturen,
kunstvolle Heiligenschreine, ohne da er darum, wie ich, auch geistig unter den
Ranken und Blten der damals modischen Romantik und Phantastik wohnte ... Auf
einem Krankenlager, von welchem er nicht wieder erstehen sollte, bergibt mir
der Bischof einen soeben empfangenen Brief des am selben Tage zur Ruhe
bestatteten Pfarrers von Borkenhagen, eines getauften Juden ... Nehmen Sie das!
sprach der Bischof. Es ist das Testament eines Narren! Ich soll es nach Rom
schicken! Wahnsinn! Doch - da manches Geheimni Ihrer Familie betheiligt ist -
zerreien Sie die Stilbung -! Sie ist lateinisch geschrieben - ...
    Ich las den Ergu eines melancholischen Gemthes, das, zerfallen mit sich
selbst und mit der Welt, in diesem Brief das Judenthum fr die vollkommenste
Religion erklrte, die Lehre Jesu nur eine von Jesus nicht beabsichtigte
Abweichung vom Judenthum nannte und sich in seiner letzten Stunde von einem
Gaukelspiel lossagte, das er jahrelang mit Bewutsein getrieben htte ... In
dieser Ueberzeugung, hie es in dem merkwrdigen Briefe, htte er zwar nicht
damals gehandelt, als er den Glauben gewechselt - damals htte er Jesus und der
christlichen Kirche etwas abzubitten gehabt - aber die Erinnerung an seine
Verwandte, die Thrnen einer verlassenen Geliebten htten ihn bestimmen sollen,
wenigstens nicht auch Priester zu werden ... Er htte es werden mssen; er htte
die Weihen annehmen mssen aus Furcht vor einem Tyrannen, dem Kronsyndikus auf
Schlo Neuhof ... Mihandlung, Drohung, sogar Weinen und Flehen dieses Mannes
htten ihm so lange zugesetzt, bis er Priester wurde ... Jahrelang aber htte er
sein Amt mit Unlust und ohne Ueberzeugung gefhrt ... In diesem Sinne, schrieb
er, htte er die Sakramente ertheilt, ohne die entsprechende Richtung des
Willens ... Getauft htt' er in bestimmter Voraussetzung, da das, was er that,
eine leere Formel war ... So zunchst alle Verwandte des Kronsyndikus - sogleich
seinen ersten Tufling, Bonaventura von Asselyn ... Seine erste Trauung,
zwischen Ulrich von Hlleshoven und Monika von Ubbelohde, gleichfalls Verwandte
seines Peinigers, wre von ihm vollzogen worden, ohne den Willen und die
Ueberzeugung, da er wollte, was er that ... Mit diesem bittern Hohn gegen sein
Geschick, zu welchem sich die Andeutung ber eine unrichtige Ehe gesellte, die
einst irgendwo von ihm vorher schon htte geschlossen werden mssen - und wie zu
vermuthen war, auch diese auf Anstiften des Krnsyndikus - wollte der
menschenfeindliche Mann, der ein Rabbiner, ja, wie man aus einigen Stellen
seines Briefes ersah, ein Kabbalist geblieben war, aus dem Leben scheiden ...
    Bonaventura erkannte jetzt die Grnde, warum Lucinde vor Jahren, damals, als
sie seinen Epheu zerstrte, von Monika's Ehe als von einer lslichen gesprochen
...
    Meine Empfindungen waren damals noch so katholisch, da ich ber diese
Entdeckung den grten Schmerz empfand und darber anders dachte, als mein
hochbetagter freidenkerischer Bischof, der einige Tage nach Uebergabe der
Urkunde an mich gleichfalls aus dem Leben schied ... Aber sollte ich meiner
Familie, meinem eigenen Kinde noch einen neuen, von mir mit Entsetzen
empfundenen Makel anhngen? ... ... Ich dankte der Vorsehung fr diese
glckliche Wendung, die ein so wichtiges Document in meine Hand gelangen lie
... Sollte ich sie zerstren? Daran verhinderte mich mein rechtglubiges Gemth,
ja der feste Entschlu, eines Tages deine richtige Taufe nachholen zu wollen ...
Und in diese Schrecken und Beunruhigungen meines Gewissens mischte sich die
immer mehr gesteigerte Trauer um mein unseliges Verhltni zu deiner Mutter ...
Ein treuer, aufrichtiger Freund, den ich um so mehr liebte, als seine khle und
verstndige Natur zu meinem eigenen Wesen die heilsamste Ergnzung bot, konnte
sich einer Leidenschaft nicht entwinden, die die einzige war, welche ihn
vielleicht je berkommen ... Noch mehr, ich war von ihm abhngig; die Gter des
Lebens, die ich nie zu verwalten wute, verbanden uns, whrend alles andere uns
htte rathen mssen, uns zu trennen ... Eine Lage entstand, die vor der Welt
meine Ehre in einem Grade blostellte, der mich ber mich selbst verzweifeln
machte ... Ich sprach nie von dem, was mich drckte, und doch erkannte ich
alles, was vorging ... Ich sah, da Wittekind meinen Haushalt bestritt, meine
Schulden bezahlte, die Entscheidungen in jeder Frage gab, wo meine Zustimmung
kaum noch begehrt wurde ... Schon gab ich mir die Miene, solche Zustimmungen von
meiner Seite gar nicht mehr zu beanspruchen - ich vergebe deiner Mutter; sie
folgte ihrem weiblichen Sinn, der sich an Starkes und Verwandtes halten will -
unwahr ist es, da sich nur die Gegenstze lieben - ...
    Die Freundschaft der Lesenden, grade die aus dem Gefhl entsprungen war,
sich verwandt zu sein, mute diesen Ausspruch besttigen ... Bonaventura dachte
an die Sterbeaugenblicke seiner Mutter, die in Einem Punkte ruhigere gewesen
waren, als er erwartet hatte - ihr zweiter Gatte hatte mit der Ueberzeugung von
ihr Abschied nehmen drfen, da ihr ganzes Glck und ihre wahre Lebensbestimmung
nur er gewesen ... Bonaventura gedachte des Tages, wo auf Schlo Westerhof die
Mutter ihm gesagt hatte, gern beuge sich ein Weib dem Worte: Und er soll dein
Herr sein! - wenn der Gatte es nur wre -! ...
    O mein Sohn, damals verehrte ich noch eine Kirche, die einer Form zu Liebe
zwei Menschen, und wenn sie sich hassen und wenn sie sich zum Anla ewiger
Verwilderung werden, doch aneinanderschmiedet - eine Kirche, die dem frivolsten
Priesterwillen eine Macht ber unser ewiges und zeitliches Wohl gibt ... Aber
mein Sinn sollte sich ndern ... Er nderte sich in dem Grade, da ich nicht fr
mich allein der Wohlthat der Erleuchtung theilhaftig werden wollte ... Als du
Geistlicher wurdest, als ich hrte, du httest dich den Rmlingen angeschlossen,
da erfreute es mich zu vernehmen, da Mevissen jene Urkunde damals beim
Verbrennen meiner Effecten im Gasthof zur Balance zu Martigny zurckbehalten
hatte ... Mein braver Begleiter schrieb mir zuweilen und unter anderm meldete
er: Einiges hab' ich nicht verbrennen mgen ... Besonders auch Geschriebenes
nicht ... Es ist bei mir sicher wie im Grabe ... Und sollte sich einst noch
einmal Ihr Wille ndern oder eine andere Zeit kommen, wo Sie bereuen, was Sie
gethan - dann lassen Sie in Gottes und seiner Heiligen Namen mein Grab ffnen.
Was ich nicht vernichtete, finden Sie dort! ... Und dies Grab ist erbrochen
worden -! ... Ich wei es - ein Ruber, dessen Hand mein treuer Hubertus
richtete, hat die Witterung gehabt, da ein Schatz - der Liebe mit diesem armen
Manne begraben wurde -! Da es zu spt sein mute, ihn zur Verantwortung zu
ziehen und mich zu beruhigen ber das Verbleiben jener Urkunde -! In deinem
eignen Dorfe mute ein Fluch zu Tage kommen, den deinem Leben ein wahnwitziger
Priester geschleudert -! Hast du ihn nie vernommen, so vernimm ihn von mir! ...
Bona, du bist Wrdentrger einer Kirche, die ein Recht beansprucht, dich sofort
aus ihrem Schoose auszustoen ... Warum? ... Weil es ein Priester so wollte -!
Mit einem Zucken seiner Miene, einem tckischen Hinterhalt seiner Gedanken
wollte -! Bona, verknde diese Vermessenheit des katholischen Priesterthums -!
... Verknde sie der Welt! Zeige, wohin die Anmaung der Concilien und der
Ppste gefhrt hat! Frage, ob alle die neugetauft werden mssen, die du tauftest
- alle die neu verbunden, die du verbandest - alle Snden noch einmal vergeben,
die du vergeben -! ... Ich wnschte, da die dreifache Krone dein Haupt zierte
und du sagen knntest: Hre, hre, Christenheit - wenn Roms Gesetze Recht
behalten, so ist sein oberster Priester jetzt - ein Heide -! ...
    Tieferschttert hielten die Freunde in ihrer Arbeit inne ... Schon schlug
die mitternchtige Stunde ... Eisige Schauer berliefen sie ... Ein Diener kam
und schrte die schon erloschene Flamme im Kamin ... Einen kurzen Bericht, den
er vom jetzt gelschten Brande an Piazza Navona gab, hrten die Tiefergriffenen
kaum ... Abwesend war ihr Geist, ergriffen ihr Ohr und ihr Auge von dem, was sie
dem entrollten Papier entzifferten, ebenso wie von den Andeutungen eines
Zukunftbildes, das sich mit himmlischen Farben vor ihrem geistigen Blick
entrollte ...
    Doch, fuhr Bonaventura fort, die Buchstaben zu lesen und zu bersetzen,
die Ambrosi mit Geschicklichkeit zu Papier brachte - kehre mit mir zurck auf
den Tag meines scheinbaren Todes! ... Gefahrvolle Schneestrme hatten geweht und
mhsam erklommen wir die mchtige Hhe ... In der Nhe des Hospizes warfen wir
Pilgermntel ber, lieen uns die Morgue aufschlieen und, whrend Mevissen
beschftigt war, den fhrenden Augustinerbruder nach einem der dort
aufgestellten Gerippe, vor welchen alles, was an und bei ihnen gefunden wurde,
beisammen lag, zu fragen und ihn zu zerstreuen, legte ich vor einen der jngst
Verunglckten, der mir an Wuchs ziemlich glich und an dem durch seinen Sturz
zerschmetterten Kopf vllig unkenntlich war, mein Portefeuille und den Trauring
deiner Mutter - ...
    Ambrosi sagte:
    Vor meinen Vater -! ... Wie hat das Schicksal uns so wunderbar verbunden -!
... -
    Bonaventura, erlst von dem jahrelang ihn qulenden Bilde eines
unheimlicheren Zusammenhangs der Todesarten ihrer Vter, der natrlichen des
Professors Ambrosi, der knstlichen Friedrich's von Asselyn - konnte nur mit
seinen zitternden beiden Hnden die linke Hand Ambrosi's ergreifen und mit
stummer Geberde aussprechen, was er empfand ...
    Als ich dann noch die Portefeuilles vertauscht hatte, fiel mir erst die
ganze Schwere meiner That aufs Gewissen ... Mein Fhrer, muthvoller als ich,
mahnte zum Gehen - seine Absicht mute sein, soviel als mglich fr die
Augustiner nicht wiedererkennbar zu erscheinen ... Am Hospiz, wo uns die Mnche
einluden, einzutreten, trennte sich Mevissen - er mute es schnell thun, um
unsere Physiognomieen nicht zu lange dem Gedchtni der Nachblickenden
einzuprgen ... ... Es war ein Abschied fr ewig und dennoch ging Mevissen - wie
zu einem Wiedersehn auf den folgenden Tag - ...
    Solche Treue lebte jahrelang neben mir und dem Onkel - ohne ihres Ruhmes zu
begehren -! schaltete Bonaventura ein ...
    Aber, der Gedanke: Die Spur jenes Unglcklichen, fr welchen du nun
genommen werden wirst, blieb vielleicht den Seinigen auf ewig verloren - du hast
ein Verbrechen auf dich geladen, grer, als dein Selbstmord gewesen wre! - der
verfolgte mich bald mit allen Schrecken eines bsen Gewissens ... Im
Portefeuille des Todten, fr welchen man mich nehmen konnte und sollte, fand ich
keinen Namen, nur Hhenmessungen und Zahlenreihen ... Noch im ersten Eifer
meiner scheinbaren Selbstvernichtung warf ich diese Anklage gegen mich in die
Tiefe eines Waldstroms ... Ringend, mich in die Stimmung meines alten
Leichtsinns, meiner romantischen Sorglosigkeit, meiner angebornen lssigen Natur
zurckzuschmeicheln, umging ich Turin ... Die Thler, die ich mit meinen neuen
Kleidern durchwanderte, waren zufllig Waldenserthler ... Ich kannte die
romanische Sprache ... Aber ich floh vor allem, was mich an Religion erinnerte
... Nur mein romantischer Trieb gab mir Kraft, nur jener phantastische Sinn, der
dem Schnen und Reizvollen sich ergibt und moralischer Imputationen nicht achtet
... Ich wollte nach Genua, wollte mit dem Rest meiner Baarschaft zu Schiff gehen
und mir in Sdamerika ein neues Leben begrnden ... Ueber Coni hinaus wurde ich
krank; seelisch und krperlich angegriffen, schleppt' ich mich jetzt nur noch
langsam vorwrts ... Scheu mied ich die groe Strae und ruhte mich oft in
Wldern ... Da war es denn, wo ich in einem einsamen Thale aus einem schnen
Hause einen vollstimmigen Choral vernahm ... Ich trat in einen neugebauten Raum,
wo ein Redner geistliche Erweckungen hielt ... Der Gottesdienst war bald zu Ende
... Ich sah eine hohe stolze Dame, der, als sie aus dem Hause trat, alle
ehrerbietig auswichen, ich grte sie und folgte ihr ... Zu meinem Erstaunen
sprach sie mit ihrem Diener deutsch ... Ich redete sie in gleicher Sprache an
... Dies gethan zu haben, bereute ich freilich sofort, denn ich hrte ihren
Namen und mute erstaunen, mich in der Nhe eines entfernten Zweigs meiner
eigenen Familie zu befinden ... Entfliehen konnte ich nicht; ich war zu
hinfllig, wurde krank, kam dem Tod nahe und befand mich monatelang in einem
Zustand fast der Geistesabwesenheit ... Als ich genas, war ich so von
Dankbarkeit und Ehrfurcht vor dieser edlen Frau erfllt, da ich mich nicht mehr
von ihr trennen konnte ... Da ich mich als Katholiken bekannt hatte, durfte sie
in meiner Absicht, als Einsiedler in ihrer Nhe zu leben, nichts Auffallendes
finden ...
    In Bonaventura's Innern klangen die Lieder des Dichters Novalis ... Sein
Vater klagte sich nur allein an ... Was sein trumerischphantastischer Sinn
htte aus dem Geist der Zeit entschuldigen knnen, ergnzte nur die Liebe und
Bildung des Sohnes ...
    Die Gewissensschuld, der Schmerz um meine That auf dem Hospiz, die
Gewiheit, da aus meinem geglaubten und besttigten Tode bereits ein neues
Leben in der aufgegebenen Heimat erblht war (die Grfin erzhlte mir von einer
Heirath des Prsidenten von Wittekind, eines Cousins der reichen Erbin, mit der
sie zu processiren angefangen - eine Zeitungsannonce nannte den Namen der Gattin
Friedrich's von Wittekind -) alles das gab mir eine tiefe Traurigkeit und mehrte
den Abschlu mit dem Leben ... So entstand die Neigung, mich um die Lehre der
Waldenser zu kmmern ... Grfin Erdmuthe gab mir die alten Schriften, die sie
gesammelt hatte und die in ihrem Text vielleicht niemand so verstand, wie ich
...
    Auch Ambrosi war in ein tiefes Erinnern versunken und schien kaum zuzuhren
...
    Bonaventura chiffrirte inzwischen fr sich weiter und las ...
    Die Darstellung des Vaters lenkte jedoch auf jene Empfindungen zurck, die
sich in Ambrosi's Innern angesponnen haben muten; deshalb begann der Freund
aufs neue die laute Mittheilung ...
    Ich wrde vergebens gerungen haben, aus meinen durch die Ehegesetze
geweckten Zweifeln an Roms Hierarchie zu einer Vershnung mit dem ewigen Grund
aller Dinge, der in unserm Gewissen den einzigen Weg zu seiner Erkenntni
vorgezeichnet hat, zu gelangen, wenn nicht ein wunderbares Erlebni mich zum
Frieden mit mir selbst gebracht htte ... Alle Schtze der Erde sind nichts
gegen die Seligkeit eines erlsten Schuldbewutseins ... Dann streckt jubelnd
die Dankbarkeit ihre Hnde gen Himmel und ruft: Verhngni, Zufall oder wie dein
Name sein mag, ewiges Gesetz des Lebens, ich bringe dir den Dank einer befreiten
Seele bis in den Sphrensang der Sterne -! ... Unter den vielen, die in meine
Waldhtte kamen, um sich Raths zu erholen, wie ich ihn grade geben konnte, kam
auch ein anmuthiger Jngling ... Seine Mienen hatten einen melancholisch
trauernden Ausdruck ... Ich konnte ihn nicht sehen, ohne sogleich mit tiefster
Wehmuth auch deiner zu gedenken ... Es war verboten, da sich die geistlichen
Schler von Robillante, berhaupt rechtglubige Seelen meiner Htte nahten -
dennoch geschah es - ich wurde ein Beichtiger wider Willen ... Auch diese
Schler, die sich oft in den Wldern tummelten, gingen nicht, ehe ich nicht
jedem gethan oder gerathen, wie und was er wollte ... Vielen Umwohnern mut' ich
Briefe schreiben, andern ber ihre Geldsachen rathen, manchen lehrte ich die
Sprachen, auch deutsch - Knaben wie Mdchen ... Jener Schler aus Robillante
wollte Deutsch lernen ... Die Gabe der Sprachen schien dem jungen Novizen
versagt; desto reger war sein Forschereifer in Aufgaben der Phantasie und des
Gemths ... Vincente Ambrosi wollte Mnch werden; ich that nichts, um ihn in
diesem Entschlu wankend zu machen, kmpfte auch nicht gegen seinen Glauben, den
er mit Hingebung und innerlich ergriff ... In ihm liebte ich dich ... Schon
lange bewohnte ich meine einsame Htte und war noch ohne Seelenruhe, immer noch
gefoltert vom Hinblick auf den Sanct-Bernhard und meinen Betrug ... Meine
Thrnen feuchteten oft mein nchtliches Lager ... Oft trieb es mich, nach dem
Hospiz zurckzukehren und nach allem zu forschen, was seither dort geschehen war
... Aber die Vorstellung: Deine Gattin hat sich mit dem Freund vermhlt und darf
nicht in Bigamie leben! schreckte mich; man konnte mich erkennen; diese einsam
wohnenden Mnche behalten die wenigen Eindrcke, die ihnen werden, desto
lebhafter ... Immer und immer aber sah mein gefoltertes Gewissen die grten
Verwickelungen entstanden aus den verwechselten Portefeuilles, aus dem Hinlegen
meines Ringes unter die Sachen, die einem andern gehrten, dessen Spur nun
verloren und der, fr mich geltend, begraben wurde ... Was half mir das Glck
meines ueren Schicksals, die liebevolle Sorge und der Schutz meiner Grfin -
... Mir fehlte Seelenfriede ... Diesen fand ich erst, als mich wieder jener
Priesterzgling besuchte, der oft in diese Gegend Almosen zu suchen ausgeschickt
wurde ... Er klagte ber die Nichtbefriedigung seines Innern und erschlo mir
zum ersten mal, warum sein Gemth stets so krank, sein Sinn so traurig war ...
Er hatte bei unsrer ersten Begegnung frher Deutsch von mir lernen wollen, weil
er nur zu sehr bedauerte, es in einer ernsten Sache, von der er damals nicht
sprach - es lie sich an den Selbstmord des Vaters denken - nicht verstanden zu
haben ... Er wre das einzige Kind seiner Aeltern; seine Mutter, eine Frau von
hoher Bildung, wre eben aus dem Leben geschieden gewesen, sein Vater, Lehrer
der Mathematik am Colleg zu Robillante, um sich in seinem tiefen Schmerz
aufzurichten, htte ihn ins Seminar gegeben und eine Fureise in die Alpen
angetreten ... Um die Savoyer und Deutschen Alpenzu vergleichen, htte er vier
Wochen ausbleiben wollen und wre nicht zurckgekehrt ... Da alle
Nachforschungen ohne Resultat blieben, machte sich nach einigen Monaten der Sohn
auf den Weg, um wenigstens Einiges ber des Unglcklichen Schicksal in Erfahrung
zu bringen ... Der Vater war die Strae ber den kleinen Bernhard, den
Bernhardin, gegangen, hatte von da aus die Walliser, die Berner Alpen besucht -
berall fand er des Vaters Spuren, auch auf der Heimkehr noch am Genfersee, noch
in Martigny, ja bis zum Hospiz hinauf ... Da war dann pltzlich derjenige, von
welchem er geglaubt hatte, da es unfehlbar nur sein unglcklicher Vater htte
sein mssen - ein anderer, den gleichfalls der Schneesturm berfallen, ein von
einem deutschen Domherrn und seinem Diener damals erst vor einigen Wochen in
Saint-Remy begrabener, ein Deutscher, Friedrich von Asselyn genannt - Den Namen
hatte er deutlich und richtig aufgeschrieben; er stand in Saint-Remy auf meinem
vom Bruder Franz gesetzten Grabstein - ...
    Die Freunde konnten an dieser Stelle nichts thun, als sich gerhrt die Hnde
drcken ...
    Weinen durfte ich bei der Erzhlung des Jnglings - denn sein Leid htte
jeden gerhrt ... Mein Weinen war aber ein Weinen der Freude, das der junge
Geistliche nicht begreifen konnte ... Ich rief ihm, da mein Entschlu, mein
Geheimni zu hten, so lange deine Mutter lebte, feststehen sollte: Ich kann dir
nicht sagen, mein Vincente, da dein Vater lebt; aber glaube mir, die Stunde der
Trauer, als alles dir zu sagen schien: Du findest ihn, wenn auch im
schreckhaftesten Bild des Todes, und du sahst dich dann doch in deiner
schmerzlichen Hoffnung getuscht - diese Stunde, mein Sohn, wird dir gelohnt
werden mit ewigen Himmelskronen! ... Der Jngling deutete alles im Bilde ... Ich
wurde ihm nher verbunden und tiefer verloren wir uns in die groen Aufgaben des
Lebens ... Von dieser Zeit an erhob sich mein Inneres zum Dank gegen Gott ...
Denn Dank gegen Gott, das ist das Gefhl, dessen Ausdruck wir tausendmal im
Munde fhren und doch nur selten verstehen, selten in die Ursachen seiner wahren
Beseligung zergliedern knnen ...
    Wieder hielten die Freunde inne ... Wieder besiegelte ihr Hndedruck den
gottgeschlossenen Bund ihres Lebens ...
    Nun wagte ich, auch an die Luterung Anderer, an die der Kirche zu denken
... Grfin Erdmuthens Glaube bertrgt unser Glck auf die Wohlthat der Erlsung
durch die Gnade ... Dies Bild der Gnade begriff ich und pries am Glauben der
Protestanten, da sie, die so Vieles aufgaben, was sie noch wie andere Christen
htten hten und tragen sollen, sich das Bewutsein einer fast persnlichen Wahl
und Fhrung Gottes gewonnen hatten ... Ich sah die Hand der Vergebung vor mir,
ich fhlte an mir selbst die wider Verdienst geschenkte Gnade des groen
Erlsungswerkes ... Nun verstand ich die reinen, andchtigen Bcher der
Waldenser, kindliche Hingebungen an die Schrift ... Die Bibel wurde mir ein Buch
gttlich gefhrter Menschenschicksale ... Liebe, Glaube und Hoffnung wurde mein
Evangelium ... - Warum mehr? Und wozu irgend etwas, was nicht auf diesem Grunde
ruht? ... So lehrte ich an manchen Tagen unter meinen alten Eichen und die
Menschen kamen von nah und von fern, bis die Verfolgungen sie hinderten ... Da
htt' ich denn schon den wirklichen Tod suchen knnen, wenn in dieser Welt auf
solchen Drang der Tod gesetzt ist ... Immer entschlossener theilt' ich die
Ueberzeugung der Grfin, da das Verderben der Welt der Stuhl des Antichrists in
Rom ist ... Die Fortschritte der Bibelverbreitung, das Wirken englischer
Missionre gerade auf italienischem Boden, die enge Verbindung zwischen Politik
und Religion gerade in diesem Lande, der erwachende Freiheitsdrang Italiens, der
nur allein ber die Zerstrung der Priesterherrschaft Roms hinweg sein ersehntes
Ziel des Volks-und Brgerwohls erringen kann, alles das erfllte mich mit hoher
Spannung ... Ja, in einer solchen Stunde kam mir der Gedanke, nicht allein
meinen zweiten Sohn, Vincente Ambrosi, fr die Sache einer groen Reform zu
gewinnen - ihn nannt' ich auch in diesem Sinn schon mein - sondern auch meinen
ersten, der, wie ich hrte, in die Netze der Rmlinge gefallen war ... Noch
schob ich es auf, bis ich hrte, da sich Dein Wahn sogar an den Unternehmungen
jenes Kirchenfrsten betheiligte, von denen mir die Grfin in hchster Aufregung
leidenschaftlichster Parteinahme fr den gekrnten Vorkmpfer des
Protestantismus in Deutschland erzhlte ... Da schrieb ich dem Bruder Franz und
dir, Bonaventura, sub sigillo confessionis eine Aufforderung zu einem Tag des
Concils unter den Eichen von Castellungo ... Es war eine That, die selbst die
Mglichkeit, mich, deine Mutter, uns alle zu beschmen, nicht scheute, eine That
der Uebereilung gewi, geschehen in jener alten Hast, die ich noch nicht ganz
berwunden hatte - Ach, es sollten Prfungen kommen, die mein Blut in ruhigere
Wallung, mein Denken in khlere Erwgung brachten - ...
    Cardinal Ambrosi mute besttigen, da Bonaventura's Vater schon damals von
seiner baldigen Entfernung aus Castellungo gesprochen ...
    Die Gestndnisse kehrten auf den in heftigste Erregung gerathenen, auf und
niederschreitenden Vincente selbst zurck ...
    Wie aber erreicht man ein allgemeines Concil? Wie setzt man die Majestt
dreier Jahrhunderte des Lichts zum Richter ber das Concil von Trident? Arme
Mnche und Landpfarrer haben keine Stimme im Rath der Kirche! Ein Cardinal, ein
Papst mu es sein, der dem Schpfer das Wort nachstammelt: Es werde Licht! Und
wie wird man Cardinal, wie Papst -!- So sprach mein Schler eines Tags mit
bebender Stimme. Dazu sind alle Wege offen! erwiderte ich lchelnd. Keiner ist
freilich sicher! Einer, setzte ich hinzu, wre neu, der: In Rom ein Mnch im
alten Sinn der Vter zu sein! Werde ein Heiliger, mein Sohn! sprach ich ... Das
will ich werden! antwortete Vincente ... Ich erschrak, ergriff seine Hand und
fuhr fort: Mein Sohn, kein Urtheil ber die Menschen und Dinge dieser Erde darf
dann frher ber deine Lippen kommen, bis die khle Erde oder der Purpur deine
Stirn bedeckt! Das schwr' ich zum dreieinigen Gott! sprach Vincente Ambrosi und
ging nach Rom - ...
    Ambrosi hatte sich niedergelassen, legte sein Haupt auf den Tisch und
faltete die Hnde ...
    Auch Bonaventura's Schweigen war ein Gebet ...
    Nach einer feierlichen Stille sagte er:
    Und ich, ich mute dir das letzte Wiedersehen deines Vorlufers und Apostels
rauben -! Den Blick - der Bewunderung -! ...
    Er ist jetzt unter uns! sprach Ambrosi mit verklrtem Blick gen Himmel ...
Und wie bald - einigt uns alle - das groe Gottesherz -! ...
    Eine lange Pause trat ein ...
    Dann mahnte Ambrosi selbst, da der Freund fortfuhr ...
    Dieser las: Als mein treuer Schler nach Rom zu den strengen Alcantarinern
gepilgert war, htte ich in hoher, gttlicher Freude in meiner Klause leben
knnen, wenn ich mich nicht einige Jahre spter htte zu jenen Briefen hinreien
lassen ... So lebte ich mit Zittern und Zagen unter den Eichen von Castellungo,
hoffend und wieder erbangend, erbangend, da meine Entdeckung nahe war ...
Mevissen mute todt sein - ich hrte nichts von ihm ... So ging noch ein Jahr,
noch ein zweites hin ... Da kam pltzlich die Nachricht, da mein eigener Sohn
als Bischof in Robillante erwartet wird -! ... Ich wute nichts vom Zusammenhang
dieser wunderbaren Wendung, ich sah nur die Wirkung meiner Mahnung an die Eichen
von Castellungo ... Dein Denken, dein Fhlen entnahm ich aus dem, was ich allein
von dir wute ... Es war mir verhat; ich htte frchten mssen, dich in die
traurigsten Conflicte zu verwickeln ... So entfloh ich ... Ich bot alles auf,
dir, deiner Mutter, deinem zweiten Vater die volle Freiheit eueres Lebens zu
lassen, mir nur den Schein meines Todes ... Ambrosi wurde der treue Vermittler
zwischen deiner Liebe und meiner Furcht ... Ich hrte von deiner vernderten
Richtung, von deinen Kmpfen, deinen Siegen ... Ist es nicht gut, zu entbehren
um einen Gewinn? ... Sah ich dich nicht, ob hier, ob dort, in meinen Armen,
vereint mit dir in jenen groen Opfern, die nie ausbleiben werden, solange die
Erde in ihren Bahnen der Dunkelheit und der Sehnsucht zum unsterblichen Lichte
rollt -! ... Ich frchtete nichts von den Schrecken dieser Welt - nichts von den
Schrecken Italiens ... Mssen sich nicht selbst die Drohnisse der Natur in
Quellen der Freude verwandeln, wenn sie uns die Gemeinsamkeit des Erdenlooses
lehren und das Bild eines groen Zweckes aufstellen, dem aus Tod erst an der
ewigen Schpfungsquelle die Erfllung wird! ... Wenn ich dir schildern sollte,
wie ich auf meinem Pilgergang nach Loretto, in der Gefangenschaft der Ruber, im
Silaswald in jener Waldeinsamkeit, die ich in meinen Jugendtrumen so oft
gepriesen und ersehnt, hin und her bewegt wurde von einer Welt andringender,
mich stets beschftigender Thatsachen, wie ich namentlich im Hinblick auf dich
und deine groe Laufbahn von Zweifel, Hoffnung, innigster Vater- ja
Freundesliebe bewegt wurde - dann soviel freundliche Genien fand, die mich auch
wiederum einen Jngling wie Ambrosi, entsagungsmuthig, willensstark und
willensrein finden lieen - Paolo Vigo - wie ich nun drei schon einem
Gottesreiche gewonnen sah, das mit klingenden Harfen nher und nher den Nebeln
der Erde kommt - ...
    Bis hierher hatten die Freunde gelesen, als die Lampe erlosch und sie sahen,
da der helle Morgen tagte ...
    Sie hatten das Schwinden der Zeit nicht bemerkt ... Auch das Verglimmen des
Feuers im Kamin nicht ... Nun meldeten sich die Rechte der Natur im Gefhl, da
es Winter war ...
    Drauen luteten die Morgenglocken ... Sie waren so selig ergriffen von
Freundschaft, Liebe und Hoffnung, da ihnen die Besinnung auf die Welt, sogar
der Hinblick auf die in den den Mauern des Inquisitionspalastes liegende Hlle
der edlen, schwrmerischen Seele, die hier zu ihnen sprach, wie ein Traum, eine
mrchenhafte Jugenderinnerung war ...
    Den Rest der Bltter wollten sie auf den stilleren Abend lassen und wenige
Stunden noch ruhen ... Dann hatten sie die Absicht, zunchst zum General der
Dominicaner zu fahren und dem zu danken ... Hierauf wollten sie in den
Inquisitionspalast, spter nach San-Pietro in Montorio ...
    Schon hrte man von der Strae her den Lrm des Tages ...
    Eben wollten die Freunde sich trennen, als sie bemerkten, da der Diener,
welcher die auf dem entlegenen Zimmer Eingeschlossenen nicht ferner hatte stren
drfen und auch inzwischen geruht hatte und sie staunend noch nicht zu Bett
gegangen wiederfand, noch eine Erffnung fr sie bereitzuhalten schien ... Er
sagte, da die trbe Nachricht erst nach Mitternacht gekommen wre und er nicht
sofort sie zu melden gewagt htte ...
    Es war verhngt, da sich keine Ruhe auf die leidberladenen Herzen senken
sollte ...
    Die Feuersbrunst hatte auf Via dei Mercanti stattgefunden ... ... Sie war
seit Jahren eine der grten, die in Rom stattgefunden ... Die daselbst in einem
alten Palast befindlichen Waarenmagazine waren von den wthenden Flammen
zerstrt worden ... Von oben und unten sich begegnend hatten sie die Stiegen
unbetretbar gemacht ... Man beklagte Verlust an Menschenleben ...
    Ambrosi und Bonaventura fragten nach Grfin Sarzana ...
    Der Diener berichtete ihren Tod ...
    Ein Franciscanerbruder, erzhlte er und die sich mehrende Dienerschaft
ergnzte seinen Bericht, htte retten wollen ... Muthig strzte sich der Mnch
in die Flammen, zumal als man zu sehen glaubte, da eine Dame, die oben einen
Ausgang aus der Zerstrung suchte, einem Ruber ein Kstchen entri, das sie mit
Verzweiflung und hlferufend vor ihm zu wahren suchte ... Auf einer mit
Eisenblech beschlagenen Leiter erreichte der Mnch den Balcon, der schon mit
brennendem, zur Rettung bestimmtem Gerth berhuft war, kletterte in ein vom
wirbelnden Qualm und mit knisternden Funken erflltes Zimmer, wo durch die
zersprungenen Fensterscheiben hindurch deutlich das Ringen der Dame mit einem
Mann erblickt werden konnte, dem sie jenes Kstchen nicht berlassen zu wollen
schien ... Der Mnch machte sich Bahn, ergriff den kleinen Schrein, warf ihn auf
die Strae - in die verzehrende Glut, die ihn sofort zerstrte ... Die Flamme
loderte so hoch auf, da bereits die glhend gewordene Leiter brannte ... Eine
neue versuchte man anzulegen ... Vergebens ... Noch einmal hrte man aus dem
allgemeinen Lrm der Verwstung und Zerstrung heraus die Stimme des Mnchs, der
seine schon brennende Kutte abgerissen hatte, hrte den mchtigen Ausruf: Schon
einmal gelang es, Brderchen! ... Da verloren sich die italienischen Worte, die
der Muthige noch verstndlich gerufen hatte, in eine fremde Sprache ... Mit dem
einen Arm ergriff der Mnch den Ruber, mit dem andern die Grfin Sarzana, hob
beide hochhinweg ber die brennenden Gerthschaften auf dem Balcon und schickte
sich zum Sprunge an ... Die Balken des Daches strzen, die Flamme sucht mit
gierigem Schlund die schon Erstickenden ... Jetzt, mit dem Ausruf: Noch einmal
in Jesu Namen! springt der Rettende in die Tiefe ... Mit zerschmetterten
Gliedern lagen drei Menschen auf der Strae - bedeckt von den brennenden Balken
und dem Schutt der Zerstrung - ... Sie lagen todt - ...
    Whrend Bonaventura erstarrt zur Bildsule, von Ambrosi gehalten, jedes Wort
wie die Spitze eines Dolches fhlte, doch mit dem innigsten Antheil sein Ohr
darhielt, fuhr der Bericht fort:
    Nun stellte es sich heraus, da der eine der beiden Mnner jener deutsche
Mnch war, der einst den Grizzifalcone erschossen hat, Fr Hubertus ... Der
andere hat sich keineswegs als Ruber herausgestellt ... Es war - ein Freund der
unglcklichen frommen Grfin, der nur allein zum Helfen gekommen war - ein
Priester des Al-Ges, Pater Stanislaus ... Die Grfin Sarzana wurde ber die
Engelsbrcke getragen, noch hatte sie einige Besinnung; sie erreichte das
Krankenhaus der Deutschen nicht mehr ... An den Stufen der Peterskirche hielt
die Bahre ... Dort ist sie verschieden ...
    Bonaventura war auf einen Sessel gesunken ...
    Den todten Pater Stanislaus, hie es, holten seine Ordensbrder ... Fr
Hubertus htte, versicherte man, mit seinem Muth und seiner unbndigen Kraft den
schreckhaften Ausgang auf alle Flle verhindert, wr' er nur anfangs auf dem
Brandplatz verblieben ... Aber mitten im Gewhl behauptete er die Spur eines
Mannes verloren zu haben, dem sein leichtbeschwingter Fu aus dem Sacro Officio
gefolgt war und den er im Gedrng der Menschen aus den Augen verlor ... Darber
verstrich die Zeit ... Endlich erblickte er in jenem vermeintlichen Kampf mit
Grfin Sarzana den Gesuchten, rief Worte in einer unverstndlichen Sprache
hinauf, kletterte in die Hhe - alles stand entsetzt ... Es war - als wenn der
Tod, ein Knochengeripp, beleuchtet vom blutrothen Schein der Flammen, die schon
brennenden Sprossen der Leiter herabklimmen wollte, zwei Leben im Arm - Der
Erfolg des Sprunges gab dem Sensenmann, was er suchte - ...
    Die Erzhlenden hielten auf einen Wink Ambrosi's inne ...
    Bonaventura vernahm nichts mehr.


                                  Neuntes Buch

                                      18??

Selbst am brausenden Donnerton des Wassersturzes nistet ein Vogel im traulichen
Versteck ...
    Die ermdete Menschenseele, Erquickung bedrfend, sucht sich ihre Ordnung
aus den Schrecken der Zerstrung, sucht - und findet ihre alte, ihr so
wohlbekannte Gewhnung an Freud' und Leid - auch in Sturm und Ungewitter ...
    Am Fu eines alten unschnen Gemuers in Rom, die Pyramide des Cestius
genannt und, der Inschrift zufolge, das Grabdenkmal eines wohlhabenden Kochs aus
Kaiser Augustus' Zeit, schmettert in die blaue sonnige Frhlingsluft eine
Nachtigall ...
    Die Sngerin der Haine wrde vielleicht entfliehen, wenn die Fittiche der
Nachtunholde, das ringelnde Schleichen einer Schlange sie umkreisten - die
Wildheit der Menschen strt sie nicht ...
    Kanonen donnern - ... Wilde Lieder erschallen - ... Tausende von Menschen
ben sich im Dienst der Waffen ... Die Nachtigall singt ihre Klage unter
Rosenbschen ...
    Am Fu des alten Gemuers breitet sich ein Kirchhof aus ...
    Wohlgewhlt dieser Platz beim alten Cajus Cestius, Koch und Gastwirth in dem
alten Rom -! Auch Herberge gab er ohne Zweifel den Fremden - den Griechen,
Persern, Afrikanern ... Und dieser Kirchhof hier gibt jetzt den Juden und
Ketzern Herberge, wenn sie in Rom ihr Auge schlossen ... Diese Rosen und Lilien
an dem alten Gemuer, wo die Nachtigall schlgt, gehren dem Kirchhof der
Protestanten ...
    Rom ist in Waffen ...
    Ein Dictator ist erstanden ... Eben steht er oben und berschaut an diesem
entlegenen Ende der Stadt, vom Monte Testaccio aus, die Ebene mit seinem
Fernrohr ... Eine krftige, gedrungene Gestalt mit gebruntem Antlitz,
schlichtem, schon weiem Haar, fast deutschen Augen ... Ein Italiener ist's mit
dem grauen Reiterhut und einer rothen wallenden Feder drauf ... Sein
militrischer Stab begleitet ihn ...
    Von hier aus sieht man deutlich drei Heere zu gleicher Zeit, die in Latiums
groer Ebene, der Campagna, so lagern, wie einst die Cimbern und Teutonen hier
und zur Zeit der Vlkerwanderung die Hunnen lagerten ... Dem Meere zu liegt das
Heer der Franken ... Dem Gebirge zu das Heer der Deutschen - was eben
Deutsche unter Oesterreichs Fahnen sind - ... An der sdlichen Seite liegt das
Heer der Italiener, im Bund mit der Erhebung in Rom und seinem sieggewohnten
Fhrer ...
    Der Monte Testaccio ist ein seltsamer Berg ... Vom Abfall der Kchen, die
eine Verwaltung, die im Alterthum sorgsamer als die sptere ppstliche war, hier
auf einen Haufen an die Thore der Stadt schaffen lie, hat sich ein Hgel
erhoben, in welchem Unkraut wuchert auf angeflogener Erde, die, in die Ritzen
eingedrungen, den Mrtel dieser zu einem Ganzen vereinigten Scherben bildet ...
Wie mancher schne Henkelkrug liegt da in Trmmern -! ... Wessen Hand mag ihn
einst an die drstende Lippe gesetzt haben -! ...
    Noch sind die Gtter des friedlichen Hauses nicht ganz von diesen Gefen
gewichen, die ihnen einst geweiht waren ... Der Monte Testaccio ist ausgehhlt
und verbreitet sen Kelterduft aus zahllosen Weinkellern ... Hier hatte
vielleicht schon Cajus Cestius seine Weinvorrthe ... Ueber diese Trmmer gibt
es Treppen, Estraden, Lauben von Akazien- und Holunderbschen, wo die, die einen
Guten im Khlen zu schtzen wissen, in Hemdrmeln sitzen und das schne Aller
Weisheit sich entschlagen ben, das in Rom von jeher beim Becher geliebt wurde
...
    Auch heute fehlen, wie nicht die Nachtigall und die Rosen unter den Grbern,
so auch die Trinker nicht ... Massenhaft durchforschen sie die heiteren
Katakomben des Testaccio ... Wilde und sanfte Gestalten gemischt - Priester und
Mnche sogar - in Waffen, die meisten mit rother Blouse - die Bchsen sind in
Haufen zusammengestellt ... Der nahe Kirchhof strt da Niemanden - hat doch der
Tod seit Jahren in Italien furchtbare Ernten gehalten ... Throne brachen
zusammen ... Vlker kmpften gegen Vlker ... Die letzte Entscheidung ber
Italiens Wiedergeburt ist nahe herbeigekommen ...
    Die Waffenruhe trat ein durch den Tod des Stellvertreters Christi ...
    Ihrer mehre sind sich in kurzer Frist gefolgt ... Einige Greise sanken in
strmischer Zeit dahin, wie schon sonst ein Stephan II. nur drei Tage auf jenem
Stuhl sa, auf welchem man, nach Innocenz' III. Wort, zwar weniger, als Gott,
aber mehr, als ein Mensch ist - Bonifaz VII. ermordete ihn. Auch dieser wich in
einem Jahre schon vor Donus II. Auch Clemens II. Freiherr von Horneburg, ein
Deutscher, blieb in jener Schwebe zwischen Himmel und Erde nur ein Jahr; Gregor
VIII. nur wenige Wochen ... So herab bis zu Pius VIII., der gleichfalls nur
wenig ber ein Jahr die Himmelsschlssel trug ... Seitdem kamen andere und schon
hatte Frankreich in Avignon, Oesterreich in Salzburg einen oder den andern
whlen und krnen lassen ...
    Das neuntgige Trauergelut unterbrach den Kanonendonner in der Campagna und
Roms Dictator, bestrmt von seinen Kriegern, bestrmt vom freisinnigen Theil
Europas, da Er am wenigsten noch in Rom eine Papstwahl dulden mchte, erhob
dennoch sein Schwert und sprach:
    Der letzte der Reihe! ... Doch hrt sein Wort! Ist es ein Prtendent auf die
weltliche Herrschaft Roms, wie sie alle waren, so senden wir ihn zu den beiden
Heersulen drauen, deren Bajonnete ihn halten mgen, den Schatten ohne Macht
und Wrde ... Ist es aber ein Nachfolger Petri im Geiste Petri, ein
Friedensfrst und Apostel, so soll die Welt seine segnende Hand nicht entbehren
... Dann wird unser Schild ihn tragen ... Unser ihm zujubelnder Beifall feiert
eine Erlsungsstunde der Menschheit ...
    Drei Tage dauerte nun schon das Conclave von nur noch dreiig Cardinlen ...
Immer noch eine ansehnliche Zahl von Anwesenden unter den meist unvollstndigen
Siebzig - in solcher Zeit -! ... Offen und ehrlich hatte der Dictator in die
Welt gerufen, da jeder, der den Purpur trge, unbekmmert an die Thore Roms
pochen drfe; Rom wrde ihm ffnen und ihn schtzen ...
    So ruhten denn nun seit zwlf Tagen die Waffen und an das Schreckensvolle,
an brennende Dcher, strzende Thrme, an die Verheerungen der Seuchen, hatte
sich die bedrngte Stadt schon wieder so gewhnt, da zwlf Ruhe- und Trauertage
Festtage schienen ... An die Thore, die mit haushohen Barrikaden befestigt
waren, hinter die Schanzkrbe der Mauern wagten sich die Frauen, die Kinder, die
Greise ... Bang und erwartungsvoll umstanden sie die Batterieen, die mit
brennenden Lunten den Monte Cavallo umgaben, wo die Cardinle eingemauert und
den Heiligen Geist erwartend saen ...
    Der Dictator hatte wieder sein Ro bestiegen und sprengte mit seinem Stab
vom Fu des Testaccio dem Thor der Bocca della Verit zu und zur Stadt zurck
... Er blickte sorglos ... Durch nichts verrieth er, da die Welt in diesem
Augenblick einer Mine glich, die ein einziger Funke in die Luft sprengen und ihn
vor allem selbst vernichten konnte ...
    Lchelnd grte er zwei ihm wohlbekannte Damen in Trauer, welche die
allgemeine Erlsung vom Schrecken dieser Tage benutzten, um den Sonnenschein,
die Nachtigall, die Rosen und die Grber zu besuchen ... Von bebenden
Hoffnungen, schmerzlichen Erinnerungen bewegt, suchten sie Erholung auf dem
Friedhof ...
    Ein blhender Knabe von sieben bis acht Jahren sa munter und ruhig vor
ihnen ...
    Die Reiter bogen aus und lieen den offenen Wagen hindurch ... Mitten durch
die Zelte und Gruppen der singenden oder sich im Kriegsspiel benden Krieger
hindurchfahrend, steigen die Frauen, der Knabe und ein Diener am Thor des
Friedhofs der Protestanten aus ... Sie tragen Krnze in den Hnden ...
    Der kleine grne Fleck dieses Todtenackers war in den letzten Strmen
sichtlich verschont geblieben ... Manche der Ahornbume, die seine Alleen
bildeten, lagen zwar niedergesgt; ebenso Strucher mit verwelkten Schneeballen
oder Jasmindolden; die Grber waren verschont geblieben ... Der stille
Geisterhauch, der doppelt geheimnivoll ber diese in der Fremde Gestorbenen
hinweht, schien ruhige Gre der Sehnsucht nach dem Vaterlande hinber oder von
dorther zurckzutragen ... Aeltern, Geschwister, Kinder der hier Ruhenden weilen
in der Ferne ... Manchem jenseits der Alpen Weinenden ruht hier sein ganzes
Glck - unter einem - wie oft! - nur einfachen grnen Hgel ... Doch prangen
auch auf marmornem Monument die Bildnisse berhmter Knstler, Gelehrten,
hochgefeierter Staatsmnner ... Meist sind die Zge der Abgebildeten leidend -
man sieht es, der Geschiedene hatte noch auf diese milde weiche Luft, auf diesen
heitern Sonnenschein seine Hoffnung gesetzt und sie betrog ihn - ... Drftige
Holzkreuze mahnen an manchen armen jungen Maler, der in Italien sein Ideal
gesucht und in einem rmischen Spital in einer einzigen Fiebernacht es finden
sollte ...
    Jetzt halten die beiden Damen in Trauer - hohe, schlanke, edle Gestalten,
gefolgt vom Diener und gefhrt vom voranspringenden Knaben - vor einem
Denkstein, auf welchem der Name zu lesen steht:
    Graf Hugo von Salem-Camphausen.
    Sie nehmen dem Diener ihre Rosen und Lorberkrnze ab, die dieser aus dem
Wagen mitgebracht, und legen sie auf das Grab, das erst krzlich seine
Vollendung erhalten hatte ... Graf Hugo, nicht in die Dienste seiner Armee
zurckgetreten, hatte auf Schlo Salem seiner Gattin gelebt und dem Sohn, den
sie ihm gebar ... Benno Thiebold Bonaventura Graf von Dorste-Salem-Camphausen
wurde lutherisch getauft ... Graf Hugo starb bei allem Glck an einem Siechthum
des Herzens - es hatte seit Jahren der Kmpfe zu viel bestanden ... In Rom hatte
er Genesung gehofft und heute vor einem Jahr erlosch sein Auge ... Das da ist
sein lieber Sohn - er wird erzogen von zwei Mttern statt einer - ... Von Paula
und von Armgart ... Letztere ist nun auch schon von grauen und nicht (wie bei
ihrem auf Castellungo noch mit dem Vater lebenden streitbar rhrsamen
Mtterchen) verfrhten Locken ...
    Das heutige Opfer der Freundschaft und Dankbarkeit konnte nicht lange
whren; denn die bangen weiblichen Herzen entdeckten bald, da sie zu allein
waren in so wildem Kriegerjubel - ... Es war eine Stunde Allerseelen ... Sie
gedachten voll Innigkeit aller Todtenhgel, die sich ihnen in der Welt schon
erhoben ... In der Ferne das noch immer von Armgart mit Rosen und
Vergimeinnicht umfriedigte Grab des Onkels Dechanten - Benno's - der Tante
Benigna, des Onkel Levinus - des Prsidenten von Wittekind - ... - ... Auch in
der Nhe gab es trauervolle Erinnerungen ... Nicht weit von hier, auf dem
Kirchhof der Laterangemeinde, lag ein Hgel, der die Herzogin von Amarillas
bedeckte, von welcher man sagte, da sie ein Jahr vor ihrem Ende nachts wie ein
verstrter Geist in ihren Zimmern umirrte und die Ruhe suchte, die ihr nur noch
der Tod geben konnte ... Am Vatican befand sich Lucindens Grab ... Im
Inquisitionspalast ein Hgel, der Bonaventura's Vater deckte .... Bruder
Hubertus' Asche ruhte auf San-Pietro in Montorio ... Terschka's Ruhesttte
kannte man nicht ... Die Frauen suchten und forschten auch nicht nach ihr -
ebenso wenig, wie nach den Umstnden, unter denen Lucinde, Terschka und Hubertus
aus dem Leben gingen ... Es gab darber grauenvolle Sagen - Armgart und Paula
glaubten ihnen nicht; nicht mehr um der Religion willen, sondern deshalb, weil
ein weibliches Herz die Schleier bser Dinge ungern gelstet sieht ... Wo ist
der Widerhall zu finden, die ganze Grabesrede, die jedem dieser Menschen
gebhrte! ... Nur in Gott ruhen sie; nachfhlen und von ihnen trumen mag der
Dichter ... Paula und Armgart waren gerechter als andere - was man von Lucinden
sprach, erschpfte selbst ihrem Urtheil nicht die volle Wahrheit ...
    Oder sollte Lucinde wirklich den Tod gefunden haben, berrascht bei einem
Briefe, den sie gerade an Bonaventura schrieb -? ... Vor einem offenen Kstchen,
in welchem Documente lagen, die - mit den Schicksalen der Familien Wittekind und
Asselyn zusammenhingen, mit Benno's Ursprung, wie man glaubte, mit seines Vaters
betrgerischer zweiter Ehe, mit dem scheinbaren Tod des weiland Regierungsraths
von Asselyn -! Was lie sich nicht alles an unheimlichen Stellen im Leid dieser
Familien auffinden -! ... Oder sollte es wahr sein, da Fefelotti, das Al-Ges
und Olympia im Bunde jenes Kstchen bei Gelegenheit einer Feuersbrunst ebenso
wollten verloren gehen lassen, wie die verhngnivolle falsche Urkunde, die
Hammaker geschrieben, einst bei jenem Brande zu Westerhof gefunden wurde -? ...
War es wirklich Terschka, der diesen Raub hatte auf sich nehmen wollen - -
mssen - ihn schon lange versuchte -? ... Hatte Terschka's Ohr im
Inquisitionspalast, in welchen nur die Verschlagenheit des ehemaligen Anwohners
der Porta Cavallagieri sich einzuschleichen wute, die Beziehungen belauschen
sollen, die zwischen Bonaventura, und dem deutschen Einsiedler aus dem Silaswald
obwalteten -? ... Und hatte die Feuersbrunst zu frh begonnen und der Mnch mit
dem Todtenkopf, der alte Freund aus ihrer Jugendzeit, der zwischen Westerhof und
Himmelpfort so oft im wogenden Kornfeld traulich mit ihnen plauderte und
scherzend ihnen Cyanenkrnze wand, seinen seit Jahren gesuchten zweiten
Schtzling in dem Augenblick wiedergefunden, wo ihn zugleich auch ber diesen
der Himmel zum Richter machte - freilich mit dem Einsatz seines eignen Endes -?
...
    Wandte sich alledem ein grbelndes Forschen und Staunen zu, so lieen die
beiden Frauen andere die geheimen Fden offen und klar darlegen; sie selbst
verglichen das Meiste, was im Schoose Gottes ruht, dem stillwaltenden
Naturgeheimni, das oft ein einfaches Summen schwrmender Kfer im heien
Sommerbrand tiefer auszudrcken scheint, als Bibliotheken voll Menschenweisheit
- ... Mochten sie nicht glauben, da ein Falter, der von Blume zu Blume fliegt,
vom All mehr schon erfahren hat, als wir -? ...
    So war es ihnen, wenn man von Lucinde sprach ...
    Eine Stunde verging ... Die dstern Vorstellungen schwanden im Hinblick auf
die Enthllungen des Conclave ... Bonaventura, der muthige Bekmpfer der jetzt
berall aus Italien vertriebenen und nur noch in Spanien und Deutschland
nistenden Jesuiten, Bonaventura, der noch immer in Coni wohnende Segner alles
dessen, was Fefelotti von Trident und Brixen, zuletzt von Salzburg, Wien und
Wrzburg verdammte - auch er war eingezogen in den wiederum vermauerten Palast
des Quirinal ...
    Von ihrer Wohnung aus, die sie in Palazzo Ruspigliosi genommen, hatten die
Frauen den Einzug der Cardinle mit angesehen ... Die lange Procession war durch
die Krieger hindurchgegangen, deren drohendes Toben der Dictator beschwichtigten
mute ... Tausende bis in die hchsten Dcher und Schornsteine hinauf blickten
nieder auf die seit lange zum ersten mal wieder zusammengekommenen hchsten
Wrdentrger der in Auflsung begriffenen Hierarchie ... Noch befanden sich
unter ihnen manche der Alten und Unverbesserlichen ... Da eine hagere,
leichenfahle Gestalt, gebeugt von der Last der Jahre, aber funkelnden
ehrgeizigen Auges ... Dort eine beleibte, freundlich lchelnde, selbst mit dem
Buchlein grende und nicht minder hoffnungsvolle - trotz der Sorgen, die auf
dieser erledigten Krone lasteten ... Hier eine mit wirklichem Schmerz
niederblickende, der schweren Zeit gedenkend - ... Geprft waren sie alle, diese
letzten Mrtyrer, durch die bittersten Erfahrungen, zum mindesten durch ihre
ungewohnten Entbehrungen ... In dieser diesmaligen Wahl entschied sich die Frage
der scularisirten Hierarchie fr immer ...
    Unter ihnen schritt Cardinal Vincente Ambrosi - gern als der knftige
Stellvertreter Christi bezeichnet ... Noch immer gab er ein wohlthuendes Bild
mnnlicher Schnheit ... Schneewei sein Haar, schwarz die scharfe Augenbraue
... Ihm galt der Zuruf der Rmer - ... Um so mehr, da man wute, da das alte
Recht der drei groen rechtglubigen Dynastieen Frankreich, Oesterreich und
Spanien gegen ihn gebt werden sollte - das Recht, da, als Bevollmchtigter
einer dieser Monarchieen, ein Cardinal gegen ihn protestiren durfte ... Gegen
Einen nur und Einmal nur durfte protestirt werden - dann stirbt die Biene, wenn
sie den Stachel in ihren Feind senkte, wie Cardinal Wiseman sagt ...
    Auch Fefelotti folgte ... Krumm, ganz vom Alter gebeugt, citronengelb,
gefhrt von zwei Conclavisten ... Ein Zischen und Hhnen der Masse verfolgte
ihn, wie mit Spieruthen; jeder Mund hatte eine andere bse That von ihm zu
erzhlen ... Auch die Feuersbrunst vor Jahren auf Strada dei Mercanti wurde nur
ihm, nur der Frstin Olympia Rucca mit ihm im Bunde zugeschrieben ... Letztere
war nach Spanien entflohen und lebte ihre angeborene Natur, vielleicht auch
innern Schmerz, jedenfalls die Zerstrung und den gnzlichen Verfall, den
solchen Naturen das Alter verhngt, in den Stiergefechten von Madrid, im Muth
der Espadas und Picadoren aus ... Alle Trmmer des ehemaligen Roms verendeten in
Spanien - Der junge Rucca befand sich dort mit seinen Orden, mit seinen Titeln
und dem klingenden Werth aller seiner verkauften Gter - ...
    Ein Glck fr Fefelotti, da ihm im Zug der Cardinle Bonaventura d'Asselyno
folgte - sein Gegner, ein Name, den Italien verehrte - ... Sogleich verstummte
der Hohn, als die rollenden Augen dieser wilden Menschen den Erzbischof von Coni
sahen ... Auf Bonaventura paten die Worte Samuelis: Sieh nicht auf sein
Angesicht, noch auf die Hhe seiner Gestalt - sieh auf sein Herz ... Angesicht
und Gestalt ragten im Zuge majesttisch und doch sprach nur jeder von seinem
muthigen Geist, von seinem edlen Herzen - Nach des Prsidenten von Wittekind
Tode wute alle Welt die Geschichte Federigo's ...
    Drei Tage hatte das Volk durch einen kleinen Schornstein am Quirinal den
aufsteigenden Rauch beobachtet, der vom Verbrennen der Wahlzettel im Ofen der
Kapelle des Conclave kommt ... Im kleinen Garten, der zu dem von seinem Besitzer
verlassenen und deshalb leicht zu ermiethenden Palast Ruspigliosi gehrte,
wandelten Paula und Armgart schon seit drei Tagen auf und nieder wie mit
Flgeln, die ihr Wille gewaltsam niederhalten mute; bangfrohe Sehnsucht und
Erwartung hob ihre Seelen, als wre nur noch der Aether ihr Bereich ...
    Die dreifache Krone gewinnt nur Er -! sprach Armgart zur Freundin, der sie
Fhrerin und Lenkerin aller ihrer Lebensentschlsse geworden ... In deinen
Jugendtrumen hast du ihn so gesehen; so wird es sich auch erfllen! ...
    Was sah' ich nicht alles und die Erfllung - - blieb aus! ... sprach Paula
...
    Alles kam anders - als wir erwarteten, aber es traf zu - zum Guten -! ...
    Armgart durfte gewi so sprechen in Rcksicht auf den eignen Frieden, der in
ihr Inneres eingezogen war ... Thiebold's Hand hatte sie abgelehnt, aber die
fortdauernden Beweise seiner Freundschaft lie sie sich gefallen; wenn die
Trennungen zu lange dauerten, konnte sie seine erheiternde Nhe kaum entbehren
... Thiebold, reich und guter Laune, gefllig, alles zum Besten wendend, reiste
zwischen den letzten Trmmern seiner schneren Vergangenheit hin und her ...
    Sein Pathe, Benno, wie er genannt wurde, hatte jetzt nur die Krieger im
Auge, die Kanonen an den Schanzkrben hinter dem braunen Gestein der
Cestiuspyramide, die dreifarbigen Fahnen und die blitzenden Bajonnete auf dem
nahegelegenen alten Rmerthor ...
    Als ich heute in unserm Hause das Bild des Guido an der Decke betrachtete,
sprach Paula, den Aufgang Aurorens ber die Gewsser, mut' ich deiner Erzhlung
gedenken, die du nach dem Schreckenstage des Westerhofer Brandes vom Jagdgelag
auf Mnnichhof gabst - an des seligen Onkels Schilderung der Farben, die dem
Aufgang der Sonne ber Meereswogen vorangehen ... So geh' ich auch heute ganz in
Licht und Purpur ...
    Armgart drckte die Hand der Freundin und sprach:
    Wir sind bis zu Grbern gekommen und haben immer noch Hoffnungen fr diese
Erde -! ...
    Whrend sie so plauderten auf dem marmornen Sarkophage, versunken in Trume
und Erinnerungen, und ihre Augen dem Knaben folgten, der nach Schmetterlingen
haschte, erbebte pltzlich die Luft vom Donner eines Kanonenschusses ...
    Die Krieger ringsum griffen zu den Waffen ... Auch auf dem Monte Testaccio
wurde es lebendig ... Der Schu kam von der inneren Stadt ...
    Bald fielen, whrend die Kanonenschsse sich wiederholten, Glocken ein ...
Immer mehr und mehr der ehernen Zungen begannen auf allen Thrmen zu luten ...
Ueber die ganze Stadt wehte ein einziger klingender Luftstrom ...
    Die Wahl ist vollzogen! rief Armgart und brach auf ... Der Knabe wurde
gerufen ...
    Sicher war es jetzt kaum zum Hindurchkommen, wenn man auf den Monte Cavallo
zurckfahren wollte ... Paula mute schon gefhrt werden ... Sie schwankte in
zitternder Erwartung ...
    Der Donner der Kanonen, das Luten der Glocken whrte fort ...
    Pfeilgeschwind scho der Wagen durch die Vorstdte ... Im Innern der Stadt
mut' es langsamer gehen ...
    Haben wir das versumt! klagte Armgart und zugleich erwartungsvoll
forschend, so oft der Wagen im Gewhl der Truppen, der Bivouaks, der Volksmassen
halten mute ... Sie fragte, was man wisse ...
    Man hrte nur Trommeln, Commandowrter, Drohungen sogar - ...
    Zu den Waffen! schrie das Volk und von Trastevere strmten die Menschen in
wilder Wuth ber die Brcken ...
    Was mag es geben! fragten sich die Frauen, voll Bangen ber eine unerwartete
Wendung ...
    Da zur bestimmten Stunde aus dem kleinen Schornstein nicht Rauch gekommen
war, galt bis jetzt fr das einzige Zeichen, da Jemand das richtige Zweidrittel
der Stimmen fr die Wahl erhalten hatte ... Wer es war? wute noch niemand ...
War es Fefelotti - dann Tod und Verderben -! ...
    Dem Monte Cavallo zu, wo nur denen Platz gelassen wurde, die beweisen
konnten, da sie dort wohnten, hie es:
    Fefelotti ist es nicht ...
    Aber auch Ambrosi war es nicht ...
    Man hatte gehrt, da von den drei weien Gewndern, die fr den
neugewhlten Papst bereitgehalten werden mssen, nicht dasjenige geholt worden
war, das zu einer kleinen Gestalt pate ... Anfangs hie es: Man holte das
mittlere ... Endlich, schon an dem von Truppen umlagerten vermauerten Palast,
lrmten die Rufe wie bei den Vorbereitungen zu einem Bhnenspiel durcheinander:
La roba grande! ...
    Halb ohnmchtig ber die Schlufolgerungen, die sich aus diesem blichen
Vorspiel eines berlebten Vorgangs ziehen lieen, kam Paula am Thor des Palazzo
Ruspigliosi an ... Armgart sprang aus dem Wagen - eilte durch die Sle, ri
eines der von den Dienern und deren Freunden und Angehrigen nicht belagerten
Fenster auf und blickte in den schon vom Abendlicht beleuchteten
menschenberseten Platz ... Hoch und herrlich bumten sich ber dem Gewhl von
Menschen, Rossen, Kanonen, Waffen aller Art, wehenden Fahnen die Kolosse der
Dioskuren, die Phidias und Praxiteles geschaffen ... Jeder der ehernen
Rossebndiger hatte in der einen freien Hand die dreifarbige Fahne ...
    Armgart rief nach Paula ...
    Diese schwankte nher - krampfhaft ihren Sohn umfassend ... Ueber dem Portal
des ppstlichen Palastes am groen Fenster wurde es lebendig ... Eine Mauer, vor
wenig Tagen erst aufgefhrt, rissen in wilder Hast Arbeiter im Schurzfell,
nieder ... Stein auf Stein fiel ... Die Balconthr wird frei ... Ein
lieblichster Abendsonnenstrahl fllt auf die bunten Gewnder der Mnner, die
jetzt auf dem Balcon erscheinen ...
    Cardinal Ambrosi tritt hervor, jubelnd vom Volk bewillkommt ... Er trgt
eine Rolle in der Hand ... Trotz des Purpurstrahls der Sonne und seiner Gewnder
erschien er vor Aufregung hocherrthet ...
    Das Jauchzen, das Rufen der Menge, die ihn gleichsam fr eine getuschte
Hoffnung schadlos hielt - er konnte nicht der Gewhlte sein - hrte endlich auf
... Todtenstille trat ein, unterbrochen vom Krachen der Kanonen auf der
Engelsburg, vom Luten der Glocken ...
    Ambrosi, wie Johannes der Tufer den Ruhm seines Freundes Jesus verkndete,
rief mit lauter Stimme:
    Annuncio vobis gaudium maximum! ... Habemus Papam eminentissimum Cardinalem
Archiepiscopum Cuneensem Dominum Bonaventuram d'Asselyno ...
    Trommeln wirbelten, Trompeten schmetterten - Fahnen flatterten ...
    Von seinem Ro herab salutirte der Dictator mit seinem im Sonnenstrahl
blinkenden Schwert dem neuen Bischof Roms, einem Deutschen ...
    Wohlgefllig und neugierig murmelnd ging es durch die Reihen ... Der Name
war bekannt und in seinem Ruf bewhrt ... Es war eine Wahl, die zugleich ein
Symbol der Universalitt und Unparteilichkeit der Kirche erscheinen durfte ...
    In italienischer Sprache fuhr Ambrosi fort:
    Der erste Papst, der nicht heilig gesprochen wurde, hie Liberius I .... Der
neue Bischof von Rom nennt sich in Demuth Liberius II ....
    Die Spannung mehrte sich ...
    Ambrosi fuhr fort:
    Liberius II. nimmt die Wahl unter der von den Cardinlen zugestandenen
Bedingung an, da seine erste That als gekrnter Bischof von Rom die Berufung
eines allgemeinen Concils ist ...
    Der Dictator schwang sein Schwert ... Ein Sturm der freudigsten
Unterbrechung folgte ... Die Krieger riefen wie mit ehernen Zungen: Evviva! ...
    Ambrosi fuhr fort:
    Auf da sich jedes katholische Herz auf die seit dreihundert Jahren ruhende
Frage der Kirche und Lehre, auf eine Kirchenverbesserung nach dem Wort Gottes,
Christi und der Apostel vorbereite, gibt das versammelte Conclave der zweiten
Bedingung des neuen Herrschers der Kirche die Zustimmung: In allen Sprachen der
Christenheit ist das Lesen der Bibel gestattet! Von allen Kanzeln der
katholischen Christenheit sollen die Vlker ausdrcklich sieben Wochen lang und
in jeder Abendstunde dazu aufgefordert und angeleitet werden -! ...
    Der Dictator nahm seinen Reiterhut mit der wallenden Feder vom greisen
Haupte ... Geisterhaft lag ein heiliges Schweigen ber dem Menschenmeer ...
    Endlich schlo Ambrosi:
    Und da das Concil in heiliger Stille, fern vom Gerusch der Waffen und
weltlichen Strungen gehalten werde, so ist dafr ein stilles Alpenthal Italiens
bestimmt in der Erzdicese des Gewhlten ... Zwischen Coni und Robillante im
Piemont liegt das Schlo Castellungo ... Dorthin und zum 20. August dieses
Jahres, zum Tag des heiligen Bernhard von Clairvaux ist die Versammlung der
Bischfe der Christenheit ausgeschrieben! ... Betet, da der Geist Gottes die
Sttte und die Stunde segnen mge! ...
    Der Jubelruf nahm an Kraft und lufterschtternder Macht noch zu, als, von
den blichen Gewohnheiten der Papstwahl abweichend, diesmal der Gewhlte selbst
vom Cardinalvicar vorgefhrt wurde und an dem riesigen Fenster in den Kleidern
seiner Wrde erschien ...
    Diese Kleider sind eines Zauberers Tracht - In Persien tragen sich so die
Eingeweihten der Geheimnisse der Natur ...
    Aber der neue Zauberer von Rom erschien, ob auch unter silbergesticktem,
weien Traghimmel, ob auch in der Sottana von weiem Moor, ob auch die weie
Mozzetta auf der Brust, ob auch mit dem rothsammetnen Baret auf, dem edlen
Dulderhaupt, doch wie ein Mensch der Demuth und Schwche, wie ein Vater, ein
Freund, ein Bruder aller Menschen - ...
    Alle blickten zu ihm auf voll Liebe ... Lang umflossen die weien Locken das
allmhlich freudig niederlchelnde Haupt des Gewhlten ... Die Hnde streckten
sich segnend ber die in endlosen Jubel ausbrechende Menge; an der Rechten
blitzte der mchtige Fischerring Petri - ...
    Die Abendsonne beglnzte einen Verklrten ... Als ihre Strahlen sein braunes
Auge trafen, mute er es schlieen ... Er schlo es auch um des thrnenvollen
Blickes willen auf jene beiden Frauen am wohlbekannten Fenster, deren weie
Tcher ihm: Hosiannah, Sieger und Ueberwinder -! entgegenwinkten - ...
    Das sah der letzte der Ppste wol nicht, wie hinter den Frauen ein krftiger
Mnnerarm sich Bahn machte und einen Knaben emporhielt ... Thiebold war es,
pltzlich angekommen und keine Gefahr des Krieges scheuend ... Wie konnte Er -
fehlen bei solchem Augenblick der Verheiungen und Erfllungen -! ...
    Endlos war der Jubelruf des Volks ...
    Ging es zum Frieden mit der Welt oder zur letzten Entscheidung mit dem
Schwert - die hier Versammelten riefen die Forderung der Jahrhunderte, die
unvertilgbar ewige Losung und das gottgegebene Erbe der Menschheit:
    Freiheit -! Freiheit -! Freiheit -!

                                     Ende.
