
                               Stifter, Adalbert

                                 Der Nachsommer

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                                Adalbert Stifter

                                 Der Nachsommer

                                  Erster Band

                              1. Die Huslichkeit

Mein Vater war ein Kaufmann. Er bewohnte einen Teil des ersten Stockwerkes eines
mig groen Hauses in der Stadt, in welchem er zur Miete war. In demselben
Hause hatte er auch das Verkaufsgewlbe, die Schreibstube nebst den
Warenbehltern und anderen Dingen, die er zu dem Betriebe seines Geschftes
bedurfte. In dem ersten Stockwerke wohnte auer uns nur noch eine Familie, die
aus zwei alten Leuten bestand, einem Manne und seiner Frau, welche alle Jahre
ein oder zwei Male bei uns speisten, und zu denen wir und die zu uns kamen, wenn
ein Fest oder ein Tag einfiel, an dem man sich Besuche zu machen oder Glck zu
wnschen pflegte. Mein Vater hatte zwei Kinder, mich, den erstgeborenen Sohn,
und eine Tochter, welche zwei Jahre jnger war als ich. Wir hatten in der
Wohnung jedes ein Zimmerchen, in welchem wir uns unseren Geschften, die uns
schon in der Kindheit regelmig aufgelegt wurden, widmen muten, und in welchem
wir schliefen. Die Mutter sah da nach, und erlaubte uns zuweilen, da wir in
ihrem Wohnzimmer sein und uns mit Spielen ergtzen durften.
    Der Vater war die meiste Zeit in dem Verkaufsgewlbe und in der
Schreibstube. Um zwlf Uhr kam er herauf, und es wurde in dem Speisezimmer
gespeiset. Die Diener des Vaters speisten an unserem Tische mit Vater und
Mutter, die zwei Mgde und der Magazinsknecht hatten in dem Gesindezimmer einen
Tisch fr sich. Wir Kinder bekamen einfache Speisen, der Vater und die Mutter
hatten zuweilen einen Braten und jedes Mal ein Glas guten Weines. Die
Handelsdiener bekamen auch von dem Braten und ein Glas desselben Weines. Anfangs
hatte der Vater nur einen Buchfhrer und zwei Diener, spter hatte er viere.
    In der Wohnung war ein Zimmer, welches ziemlich gro war. In demselben
standen breite flache Ksten von feinem Glanze und eingelegter Arbeit. Sie
hatten vorne Glastafeln, hinter den Glastafeln grnen Seidenstoff, und waren mit
Bchern angefllt. Der Vater hatte darum die grnen Seidenvorhnge, weil er es
nicht leiden konnte, da die Aufschriften der Bcher, die gewhnlich mit
goldenen Buchstaben auf dem Rcken derselben standen, hinter dem Glase von allen
Leuten gelesen werden konnten, gleichsam als wolle er mit den Bchern prahlen,
die er habe. Vor diesen Ksten stand er gerne und fter, wenn er sich nach
Tische oder zu einer andern Zeit einen Augenblick abkargen konnte, machte die
Flgel eines Kastens auf, sah die Bcher an, nahm eines oder das andere heraus,
blickte hinein, und stellte es wieder an seinen Platz. An Abenden, von denen er
selten einen auer Hause zubrachte, auer wenn er in Stadtgeschften abwesend
war, oder mit der Mutter ein Schauspiel besuchte, was er zuweilen und gerne tat,
sa er hufig eine Stunde, fter aber auch zwei oder gar darber, an einem
kunstreich geschnitzten alten Tische, der im Bcherzimmer auf einem ebenfalls
altertmlichen Teppiche stand, und las. Da durfte man ihn nicht stren, und
niemand durfte durch das Bcherzimmer gehen. Dann kam er heraus und sagte, jetzt
knne man zum Abendessen gehen, bei dem die Handelsdiener nicht zugegen waren,
und das nur in der Mutter und in unserer Gegenwart eingenommen wurde. Bei diesem
Abendessen sprach er sehr gerne zu uns Kindern, und erzhlte uns allerlei Dinge,
mitunter auch scherzhafte Geschichten und Mrchen. Das Buch, in dem er gelesen
hatte, stellte er genau immer wieder in den Schrein, aus dem er es genommen
hatte, und wenn man gleich nach seinem Heraustritte in das Bcherzimmer ging,
konnte man nicht im geringsten wahrnehmen, da eben jemand hier gewesen sei und
gelesen habe. berhaupt durfte bei dem Vater kein Zimmer die Spuren des
unmittelbaren Gebrauches zeigen, sondern mute immer aufgerumt sein, als wre
es ein Prunkzimmer. Es sollte dafr aber aussprechen, zu was es besonders
bestimmt sei. Die gemischten Zimmer, wie er sich ausdrckte, die mehreres
zugleich sein knnen, Schlafzimmer, Spielzimmer und dergleichen, konnte er nicht
leiden. Jedes Ding und jeder Mensch, pflegte er zu sagen, knne nur eines sein,
dieses aber mu er ganz sein. Dieser Zug strenger Genauigkeit prgte sich uns
ein und lie uns auf die Befehle der Eltern achten, wenn wir sie auch nicht
verstanden. So zum Beispiele durften nicht einmal wir Kinder das Schlafzimmer
der Eltern betreten. Eine alte Magd war mit Ordnung und Aufrumung desselben
betraut.
    In den Zimmern hingen hie und da Bilder, und es standen in manchen Gerte,
die aus alten Zeiten stammten, und an denen wunderliche Gestalten ausgeschnitten
waren, oder in welchen sich aus verschiedenen Hlzern eingelegte Laubwerke und
Kreise und Linien befanden.
    Der Vater hatte auch einen Kasten, in welchem Mnzen waren, von denen er uns
zuweilen einige zeigte. Da befanden sich vorzglich schne Taler, auf welchen
geharnischte Mnner standen, oder die Angesichter mit unendlich vielen Locken
zeigten, dann waren einige aus sehr alten Zeiten mit wunderschnen Kpfen von
Jnglingen oder Frauen, und eine mit einem Manne, der Flgel an den Fen hatte.
Er besa auch Steine, in welche Dinge geschnitten waren. Er hielt diese Steine
sehr hoch, und sagte, sie stammen aus dem kunstgebtesten Volke alter Zeiten,
nmlich aus dem alten Griechenlande her. Manchmal zeigte er sie Freunden, diese
standen lange an dem Kstchen derselben, hielten den einen oder den andern in
ihren Hnden, und sprachen darber.
    Zuweilen kamen Menschen zu uns, aber nicht oft. Manches Mal wurden Kinder zu
uns eingeladen, mit denen wir spielen durften, und fter gingen wir auch mit den
Eltern zu Leuten, welche Kinder hatten und uns Spiele veranstalteten. Den
Unterricht erhielten wir in dem Hause von Lehrern, und dieser Unterricht und die
sogenannten Arbeitsstunden, in denen von uns Kindern das verrichtet werden
mute, was uns als Geschft aufgetragen war, bildeten den regelmigen Verlauf
der Zeit, von welchem nicht abgewichen werden durfte.
    Die Mutter war eine freundliche Frau, die uns Kinder ungemein liebte, und
die weit eher ein Abweichen von dem angegebenen Zeitenlaufe zu Gunsten einer
Lust gestattet htte, wenn sie nicht von der Furcht vor dem Vater davon
abgehalten worden wre. Sie ging in dem Hause emsig herum, besorgte alles,
ordnete alles, lie aus der obgenannten Furcht keine Ausnahme zu, und war uns
ein eben so ehrwrdiges Bildnis des Guten wie der Vater, von welchem Bildnisse
gar nichts abgendert werden konnte. Zu Hause hatte sie gewhnlich sehr einfache
Kleider an. Nur zuweilen, wenn sie mit dem Vater irgend wohin gehen mute, tat
sie ihre stattlichen seidenen Kleider an und nahm ihren Schmuck, da wir
meinten, sie sei wie eine Fee, welche in unsern Bilderbchern abgebildet war.
Dabei fiel uns auf, da sie immer ganz einfache, obwohl sehr glnzende Steine
hatte, und da ihr der Vater nie die geschnittenen umhing, von denen er doch
sagte, da sie so schne Gestalten in sich htten.
    Da wir Kinder noch sehr jung waren, brachte die Mutter den Sommer immer mit
uns auf dem Lande zu. Der Vater konnte uns nicht Gesellschaft leisten, weil ihn
seine Geschfte in der Stadt festhielten; aber an jedem Sonntage und an jedem
Festtage kam er, blieb den ganzen Tag bei uns und lie sich von uns beherbergen.
Im Laufe der Woche besuchten wir ihn einmal, bisweilen auch zweimal in der
Stadt, in welchem Falle er uns dann bewirtete und beherbergte.
    Dies hrte endlich auf, anfnglich weil der Vater lter wurde und die
Mutter, die er sehr verehrte, nicht mehr leicht entbehren konnte; spter aber
aus dem Grunde, weil es ihm gelungen war, in der Vorstadt ein Haus mit einem
Garten zu erwerben, wo wir freie Luft genieen, uns bewegen, und gleichsam das
ganze Jahr hindurch auf dem Lande wohnen konnten.
    Die Erwerbung des Vorstadthauses war eine groe Freude. Es wurde nun von dem
alten finstern Stadthause in das freundliche und gerumige der Vorstadt gezogen.
Der Vater hatte es vorher im allgemeinen zusammen richten lassen, und selbst, da
wir schon darin wohnten, waren noch immer in verschiedenen Rumen desselben
Handwerksleute beschftigt. Das Haus war nur fr unsere Familie bestimmt. Es
wohnten nur noch unsere Handlungsdiener in demselben, und gleichsam als Pfrtner
und Grtner ein ltlicher Mann mit seiner Frau und seiner Tochter.
    In diesem Hause richtete sich der Vater ein viel greres Zimmer zum
Bcherzimmer ein, als er in der Stadtwohnung gehabt hatte, auch bestimmte er ein
eigenes Zimmer zum Bilderzimmer; denn in der Stadt muten die Bilder wegen
Mangel an Raum in verschiedenen Zimmern zerstreut sein. Die Wnde dieses neuen
Bilderzimmers wurden mit dunkelrotbraunen Tapeten berzogen, von denen sich die
Goldrahmen sehr schn abhoben. Der Fuboden war mit einem mattfarbigen Teppiche
belegt, damit er die Farben der Bilder nicht beirre. Der Vater hatte sich eine
Staffelei aus braunem Holze machen lassen, und diese stand in dem Zimmer, damit
man bald das eine bald das andere Bild darauf stellen und es genau in dem
rechten Lichte betrachten konnte.
    Fr die alten geschnitzten und eingelegten Gerte wurde auch ein eigenes
Zimmer hergerichtet. Der Vater hatte einmal aus dem Gebirge eine Zimmerdecke
mitgebracht, welche aus Lindenholz und aus dem Holze der Zirbelkiefer geschnitzt
war. Diese Decke lie er zusammen legen, und lie sie mit einigen Zutaten
versehen, die man nicht merkte, so da sie als Decke in dieses Zimmer pate. Das
freute uns Kinder sehr, und wir saen nun doppelt gerne in dem alten Zimmer,
wenn uns an Abenden der Vater und die Mutter dahin fhrten, und arbeiteten dort
etwas, und lieen uns von den Zeiten erzhlen, in denen solche Sachen gemacht
worden sind.
    Am Ende eines hlzernen Ganges, der in dem ersten Geschosse des Hauses gegen
den Garten hinaus lief, lie er ein glsernes Stbchen machen, das heit, ein
Stbchen, dessen zwei Wnde, die gegen den Garten schauten, aus lauter
Glastafeln bestanden; denn die Hinterwnde waren Holz. In dieses Stbchen tat er
alte Waffen aus verschiedenen Zeiten und mit verschiedenen Gestalten. Er lie an
den Stben, in die das Glas gefgt war, viel Efeu aus dem Garten herauf wachsen,
auch im Innern lie er Efeu an dem Gerippe ranken, da derselbe um die alten
Waffen rauschte, wenn einzelne Glastafeln geffnet wurden und der Wind durch
dieselben herein zog. Eine groe hlzerne Keule, welche in dem Stbchen war, und
welche mit greulichen Ngeln prangte, nannte er Morgenstern, was uns Kindern gar
nicht einleuchten wollte, da der Morgenstern viel schner war.
    Noch war ein Zimmerchen, das er mit kunstreich abgenhten rotseidenen
Stoffen, die er gekauft hatte, berziehen lie. Sonst aber wute man noch nicht,
was in das Zimmer kommen wrde.
    In dem Garten war Zwergobst, es waren Gemse-und Blumenbeete, und an dem
Ende desselben, von dem man auf die Berge sehen konnte, welche die Stadt in
einer Entfernung von einer halben Meile in einem groen Bogen umgeben, befanden
sich hohe Bume und Graspltze. Das alte Gewchshaus hatte der Vater teils
ausbessern, teils durch einen Zubau vergrern lassen.
    Sonst hatte das Haus auch noch einen groen Hof, der gegen den Garten zu
offen war, in dem wir, wenn das Gartengras na war, spielen durften, und gegen
welchen die Fenster der Kche, in der die Mutter sich viel befand, und der
Vorratskammern herab sahen.
    Der Vater ging tglich morgens in die Stadt in sein Verkaufsgewlbe und in
seine Schreibstube. Die Handelsdiener muten der Ordnung halber mit ihm gehen.
Um zwlf Uhr kam er zum Speisen so wie auch jene Diener, welche nicht eben die
Reihe traf, whrend der Speisestunde in dem Verkaufsgewlbe zu wachen.
Nachmittag ging er grtenteils auch wieder in die Stadt. Die Sonntage und die
Festtage brachte er mit uns zu.
    Von der Stadt wurden nun viel fter Leute mit ihren Kindern zu uns geladen,
da wir mehr Raum hatten, und wir durften im Hofe oder in dem Garten uns
ergtzen. Die Lehrer kamen zu uns jetzt in die Vorstadt, wie sie sonst in der
Stadt zu uns gekommen waren.
    Der Vater, welcher durch das viele Sitzen an dem Schreibtische sich eine
Krankheit zuzuziehen drohte, gnnte sich nur auf das Andringen der Mutter
tglich eine freie Zeit, welche er dazu verwendete, Bewegung zu machen. In
dieser Zeit ging er zuweilen in eine Gemldegalerie, oder zu einem Freunde, bei
welchem er ein Bild sehen konnte, oder er lie sich bei einem Fremden einfhren,
bei dem Merkwrdigkeiten zu treffen waren. An schnen Sommerfesttagen fuhren wir
auch zuweilen ins Freie und brachten den Tag in einem Dorfe oder auf einem Berge
zu.
    Die Mutter, welche ber die Erwerbung des Vorstadthauses auerordentlich
erfreut war, widmete sich mit gesteigerter Ttigkeit dem Hauswesen. Alle
Samstage prangte das Linnen wei wie Kirschenblte auf dem Aufhngeplatze im
Garten, und Zimmer fr Zimmer mute unter ihrer Aufsicht gereiniget werden,
auer denen, in welchen die Kostbarkeiten des Vaters waren, deren Abstubung und
Reinigung immer unter seinen Augen vor sich gehen mute. Das Obst, die Blumen
und die Gemse des Gartens besorgte sie mit dem Vater gemeinschaftlich. Sie
bekam einen Ruf in der Umgebung, da Nachbarinnen kamen und von ihr Dienstboten
verlangten, die in unserem Hause gelernt htten.
    Als wir nach und nach heran wuchsen, wurden wir immer mehr in den Umgang der
Eltern gezogen, der Vater zeigte uns seine Bilder und erklrte uns manches in
denselben. Er sagte, da er nur alte habe, die einen gewissen Wert besitzen, den
man immer haben knne, wenn man einmal gentigt sein sollte, die Bilder zu
verkaufen. Er zeigte uns, wenn wir spazieren gingen, die Wirkungen von Licht und
Schatten, er nannte uns die Farben, welche sich an den Gegenstnden befanden,
und erklrte uns die Linien, welche Bewegung verursachten, in welcher Bewegung
doch wieder eine Ruhe herrsche, und Ruhe in Bewegung sei die Bedingung eines
jeden Kunstwerkes. Er sprach mit uns auch von seinen Bchern. Er erzhlte uns,
da manche da seien, in welchen das enthalten wre, was sich mit dem
menschlichen Geschlechte seit seinem Beginne bis auf unsere Zeiten zugetragen
habe, da da die Geschichten von Mnnern und Frauen erzhlt werden, die einmal
sehr berhmt gewesen seien, und vor langer Zeit, oft vor mehr als tausend Jahren
gelebt haben. Er sagte, da in anderen das enthalten sei, was die Menschen in
vielen Jahren von der Welt und anderen Dingen, von ihrer Einrichtung und
Beschaffenheit in Erfahrung gebracht htten. In manchen sei zwar nicht
enthalten, was geschehen sei, oder wie sich manches befinde, sondern was die
Menschen sich gedacht haben, was sich htte zutragen knnen, oder was sie fr
Meinungen ber irdische und berirdische Dinge hegen.
    In dieser Zeit starb ein Grooheim von der Seite der Mutter. Die Mutter
erbte den Schmuck seiner vor ihm gestorbenen Frau, wir Kinder aber sein briges
Vermgen. Der Vater legte es als unser natrlicher Vormund unter mndelgemer
Sicherheit an, und tat alle Jahre die Zinsen dazu.
    Endlich waren wir so weit heran gewachsen, da der gewhnliche Unterricht,
den wir bisher genossen hatten, nach und nach aufhren mute. Zuerst traten
diejenigen Lehrer ab, die uns in den Anfangsgrnden der Kenntnisse unterwiesen
hatten, die man heut zu Tage fr alle Menschen fr notwendig hlt, dann
verminderten sich auch die, welche uns in den Gegenstnden Unterricht gegeben
hatten, die man Kindern beibringen lt, welche zu den gebildeteren oder
ausgezeichneteren Stnden gehren sollen. Die Schwester mute nebst einigen
Fchern, in denen sie sich noch weiter ausbilden sollte, nach und nach in die
Huslichkeit eingefhrt werden und die wichtigsten Dinge derselben erlernen, da
sie einmal wrdig in die Fustapfen der Mutter treten knnte. Ich trieb noch,
nachdem ich die Fcher erlernt hatte, die man in unseren Schulen als
Vorkenntnisse und Vorbereitungen zu den sogenannten Brodkenntnissen betrachtet,
einzelne Zweige fort, die schwieriger waren, und in denen eine Nachhilfe nicht
entbehrt werden konnte. Endlich trat in Bezug auf mich die Frage heran, was denn
in der Zukunft mit mir zu geschehen habe, und da tat der Vater etwas, was ihm
von vielen Leuten sehr bel genommen wurde. Er bestimmte mich nmlich zu einem
Wissenschafter im allgemeinen. Ich hatte bisher sehr fleiig gelernt und jeden
neuen Gegenstand, der von den Lehrern vorgenommen wurde, mit groem Eifer
ergriffen, so da, wenn die Frage war, wie ich in einem Unterrichtszweige gengt
habe, das Urteil der Lehrer immer auf groes Lob lautete. Ich hatte den
angedeuteten Lebensberuf von dem Vater selber verlangt, und er dem Verlangen
zugestimmt. Ich hatte ihn verlangt, weil mich ein gewisser Drang meines Herzens
dazu trieb. Das sah ich wohl trotz meiner Jugend schon ein, da ich nicht alle
Wissenschaften wrde erlernen knnen; aber was und wie viel ich lernen wrde,
das war mir eben so unbestimmt, als mein Gefhl unbestimmt war, welches mich zu
diesen Dingen trieb. Mir schwebte auch nicht ein besonderer Nutzen vor, den ich
durch mein Bestreben erreichen wollte, sondern es war mir nur, als mte ich so
tun, als liege etwas innerlich Gltiges und Wichtiges in der Zukunft. Was ich
aber im einzelnen beginnen, und an welchem Ende ich die Sache anfassen sollte,
das wute weder ich, noch wuten es die Meinigen. Ich hatte nicht die geringste
Vorliebe fr das eine oder das andere Fach, sondern es schienen alle
anstrebenswert, und ich hatte keinen Anhaltspunkt, aus dem ich htte schlieen
knnen, da ich zu irgend einem Gegenstande eine hervorragende Fhigkeit bese,
sondern es erschienen mir alle nicht unberwindlich. Auch meine Angehrigen
konnten kein Merkmal finden, aus dem sie einen ausschlielichen Beruf fr eine
Sache in mir htten wahrnehmen knnen.
    Nicht die Ungeheuerlichkeit, welche in diesem Beginnen lag, war es, was die
Leute meinem Vater bel nahmen, sondern sie sagten, er htte mir einen Stand,
der der brgerlichen Gesellschaft ntzlich ist, befehlen sollen, damit ich
demselben meine Zeit und mein Leben widme, und einmal mit dem Bewutsein
scheiden knne, meine Schuldigkeit getan zu haben.
    Gegen diesen Einwurf sagte mein Vater, der Mensch sei nicht zuerst der
menschlichen Gesellschaft wegen da, sondern seiner selbst willen. Und wenn jeder
seiner selbst willen auf die beste Art da sei, so sei er es auch fr die
menschliche Gesellschaft. Wen Gott zum besten Maler auf dieser Welt geschaffen
htte, der wrde der Menschheit einen schlechten Dienst tun, wenn er etwa ein
Gerichtsmann werden wollte: wenn er der grte Maler wird, so tut er auch der
Welt den grten Dienst, wozu ihn Gott erschaffen hat. Dies zeige sich immer
durch einen innern Drang an, der einen zu einem Dinge fhrt, und dem man folgen
soll. Wie knnte man denn sonst auch wissen, wozu man auf der Erde bestimmt ist,
ob zum Knstler, zum Feldherrn, zum Richter, wenn nicht ein Geist da wre, der
es sagt, und der zu den Dingen fhrt, in denen man sein Glck und seine
Befriedigung findet. Gott lenkt es schon so, da die Gaben gehrig verteilt
sind, so da jede Arbeit getan wird, die auf der Erde zu tun ist, und da nicht
eine Zeit eintritt, in der alle Menschen Baumeister sind. In diesen Gaben liegen
dann auch schon die gesellschaftlichen, und bei groen Knstlern,
Rechtsgelehrten, Staatsmnnern sei auch immer die Billigkeit, Milde,
Gerechtigkeit und Vaterlandsliebe. Und aus solchen Mnnern, welche ihren innern
Zug am weitesten ausgebildet, seien auch in Zeiten der Gefahr am ftesten die
Helfer und Retter ihres Vaterlandes hervorgegangen.
    Es gibt solche, die sagen, sie seien zum Wohle der Menschheit Kaufleute,
rzte, Staatsdiener geworden; aber in den meisten Fllen ist es nicht wahr. Wenn
nicht der innere Beruf sie dahin gezogen hat, so verbergen sie durch ihre
Aussage nur einen schlechteren Grund, nmlich da sie den Stand als ein Mittel
betrachteten, sich Geld und Gut und Lebensunterhalt zu erwerben. Oft sind sie
auch, ohne weiter ber eine Wahl mit sich zu Rate zu gehen, in den Stand geraten
oder durch Umstnde in ihn gestoen worden, und nehmen das Wohl der Menschheit
in den Mund, das sie bezweckt htten, um nicht ihre Schwche zu gestehen. Dann
ist noch eine eigene Gattung, welche immer von dem ffentlichen Wohle spricht.
Das sind die, welche mit ihren eigenen Angelegenheiten in Unordnung sind. Sie
geraten stets in Nten, haben stets rger und Unannehmlichkeiten, und zwar aus
ihrem eigenen Leichtsinne; und da liegt es ihnen als Ausweg neben der Hand, den
ffentlichen Zustnden ihre Lage schuld zu geben, und zu sagen, sie wren
eigentlich recht auf das Vaterland bedacht, und sie wrden alles am besten in
demselben einrichten. Aber wenn wirklich die Lage kmmt, da das Vaterland sie
beruft, so geht es dem Vaterlande, wie es frher ihren eigenen Angelegenheiten
gegangen ist. In Zeiten der Verirrung sind diese Menschen die selbstschtigsten
und oft auch grausamsten. Es ist aber auch kein Zweifel, da es solche gibt,
denen Gott den Gesellschaftstrieb und die Gesellschaftsgaben in besonderem Mae
verliehen hat. Diese widmen sich aus innerem Antriebe den Angelegenheiten der
Menschen, erkennen sie auch am sichersten, finden Freude in den Anordnungen, und
opfern oft ihr Leben fr ihren Beruf. Aber in der Zeit, in der sie ihr Leben
opfern, sei sie lange oder sei sie ein Augenblick, empfinden sie Freude, und
diese kmmt, weil sie ihrem innern Andrange nachgegeben haben.
    Gott hat uns auch nicht bei unseren Handlungen den Nutzen als Zweck
vorgezeichnet, weder den Nutzen fr uns noch fr andere, sondern er hat der
Ausbung der Tugend einen eigenen Reiz und eine eigene Schnheit gegeben,
welchen Dingen die edlen Gemter nachstreben. Wer Gutes tut, weil das Gegenteil
dem menschlichen Geschlechte schdlich ist, der steht auf der Leiter der
sittlichen Wesen schon ziemlich tief. Dieser mte zur Snde greifen, sobald sie
dem menschlichen Geschlechte oder ihm Nutzen bringt. Solche Menschen sind es
auch, denen alle Mittel gelten, und die fr das Vaterland, fr ihre Familie und
fr sich selber das Schlechte tun. Solche hat man zu Zeiten, wo sie im Groen
wirkten, Staatsmnner geheien, sie sind aber nur Afterstaatsmnner, und der
augenblickliche Nutzen, den sie erzielten, ist ein Afternutzen gewesen, und hat
sich in den Tagen des Gerichtes als bses Verhngnis erwiesen.
    Da bei dem Vater kein Eigennutz herrschte, beweist der Umstand, da er im
Rate der Stadt ein ffentliches Amt unentgeltlich verwaltete, da er fter die
ganze Nacht in diesem Amte arbeitete, und da er bei ffentlichen Dingen immer
mit bedeutenden Summen an der Spitze stand.
    Er sagte, man solle mich nur gehen lassen, es werde sich aus dem
Unbestimmten schon entwickeln, wozu ich taugen werde, und welche Rolle ich auf
der Welt einzunehmen htte.
    Ich mute meine krperlichen bungen fortsetzen. Schon als sehr kleine
Kinder muten wir so viele krperliche Bewegungen machen, als nur mglich war.
Das war einer der Hauptgrnde, weshalb wir im Sommer auf dem Lande wohnten, und
der Garten, welcher bei dem Vorstadthause war, war einer der Hauptbeweggrnde,
weshalb der Vater das Haus kaufte. Man lie uns als kleine Kinder gewhnlich so
viel gehen und laufen, als wir selber wollten, und machte nur ein Ende, wenn wir
selber aus Mdigkeit ruhten. Es hatte in der Stadt sich eine Anstalt entwickelt,
in welcher nach einer gewissen Ordnung Leibesbewegungen vorgenommen werden
sollten, um alle Teile des Krpers nach Bedrfnis zu ben und ihrer naturgemen
Entfaltung entgegen zu fhren. Diese Anstalt durfte ich besuchen, nachdem der
Vater den Rat erfahrener Mnner eingeholt und sich selber durch den Augenschein
von den Dingen berzeugt hatte, die da vorgenommen wurden. Fr Mdchen bestand
damals eine solche Anstalt nicht, daher lie der Vater fr die Schwester in
einem Zimmer unserer Wohnung so viele Vorrichtungen machen, als er und unser
Hausarzt, der ein Begnstiger dieser Dinge war, fr notwendig erachteten, und
die Schwester mute sich den bungen unterziehen, die durch die Vorrichtungen
mglich waren. Durch die Erwerbung des Vorstadthauses wurde die Sache noch mehr
erleichtert. Nicht nur hatten wir mehr Raum im Innern des Hauses, um alle
Vorrichtungen zu Krperbungen in besserem und ausgedehnterem Mae anlegen zu
knnen, sondern es war auch der Hofraum und der Garten da, in denen an sich
krperliche bungen vorgenommen werden konnten, und die auch weitere Anlagen
mglich machten. Da wir diese Sachen sehr gerne taten, begreift sich aus der
Feurigkeit und Beweglichkeit der Jugend von selber. Wir hatten schon in der
Kindheit schwimmen gelernt, und gingen im Sommer fast tglich, selbst da wir in
der Vorstadt wohnten, von wo aus der Weg weiter war, in die Anstalt, in welcher
man schwimmen konnte. Selbst fr Mdchen waren damals schon eigene
Schwimmanstalten errichtet. Auch auerdem machten wir gerne weite Wege,
besonders im Sommer. Wenn wir im Freien auer der Stadt waren, erlaubten die
Eltern, da ich mit der Schwester einen besonderen Umgang halten durfte. Wir
bten uns da im Zurcklegen bedeutender Wege oder in Besteigung eines Berges.
Dann kamen wir wieder an den Ort zurck, an welchem uns die Eltern erwarteten.
Anfangs ging meistens ein Diener mit uns, spter aber, da wir erwachsen waren,
lie man uns allein gehen. Um besser und mit mehr Bequemlichkeit fr die Eltern
an jede beliebige Stelle des Landes auerhalb der Stadt gelangen zu knnen,
schaffte der Vater in der Folge zwei Pferde an, und der Knecht, der bisher
Grtner und gelegentlich unser Aufseher gewesen war, wurde jetzt auch Kutscher.
In einer Reitschule, in welcher zu verschiedenen Zeiten Knaben und Mdchen
lernen konnten, hatten wir reiten gelernt, und hatten spter unsere bestimmten
Wochentage, an denen wir uns zu gewissen Stunden im Reiten ben konnten. Im
Garten hatte ich Gelegenheit, nach einem Ziele zu springen, auf schmalen Planken
zu gehen, auf Vorrichtungen zu klettern, und mit steinernen Scheiben nach einem
Ziele oder nach grtmglichster Entfernung zu werfen. Die Schwester, so sehr
sie von der Umgebung als Frulein behandelt wurde, liebte es doch sehr, bei
sogenannten grberen huslichen Arbeiten zuzugreifen, um zu zeigen, da sie
diese Dinge nicht nur verstehe, sondern an Kraft auch die noch bertreffe,
welche von Kindheit an bei diesen Arbeiten gewesen sind. Die Eltern legten ihr
bei diesem Beginnen nicht nur keine Hindernisse in den Weg, sondern billigten es
sogar. Auerdem trieb sie noch das Lesen ihrer Bcher, machte Musik, besonders
auf dem Klaviere und auf der Harfe, zu der sie auch sang, und malte mit
Wasserfarben.
    Als ich den letzten Lehrer verlor, der mich in Sprachen unterrichtet hatte,
als ich in denjenigen wissenschaftlichen Zweigen, in welchen man einen lngeren
Unterricht fr ntig gehalten hatte, weil sie schwieriger oder wichtiger waren,
solche Fortschritte gemacht hatte, da man einen Lehrer nicht mehr fr notwendig
erachtete, entstand die Frage, wie es in Bezug auf meine erwhlte
wissenschaftliche Laufhahn zu halten sei, ob man da einen gewissen Plan
entwerfen und zu dessen Ausfhrung Lehrer annehmen sollte. Ich bat, man mchte
mir gar keinen Lehrer mehr nehmen, ich wrde die Sachen schon selber zu
betreiben suchen. Der Vater ging auf meinen Wunsch ein, und ich war nun sehr
freudig, keinen Lehrer mehr zu haben und auf mich allein angewiesen zu sein.
    Ich fragte Mnner um Rat, welche einen groen wissenschaftlichen Namen
hatten und gewhnlich an der einen oder der andern Anstalt der Stadt beschftigt
waren. Ich nherte mich ihnen nur, wenn es ohne Verletzung der Bescheidenheit
geschehen konnte. Da es meistens nur eine Anfrage war, die ich in Bezug auf mein
Lernen an solche Mnner stellte, und da ich mich nicht in ihren Umgang drngte,
so nahmen sie meine Annherung nicht bel, und die Antwort war immer sehr
freundlich und liebevoll. Auch waren unter den Mnnern, die gelegentlich in
unser Haus kamen, manche, die in gelehrten Dingen bewandert waren. Auch an diese
wandte ich mich. Meistens betrafen die Anfragen Bcher, und die Folge, in
welcher sie vorgenommen werden sollten. Ich trieb anfangs jene Zweige fort, in
denen ich schon Unterricht erhalten hatte, weil man sie zu jener Zeit eben als
Grundlage einer allgemeinen menschlichen Bildung betrachtete, nur suchte ich zum
Teile mehr Ordnung in dieselben zu bringen, als bisher befolgt worden war, zum
Teile suchte ich mich auch in jenem Fache auszudehnen, das mir mehr zuzusagen
begann. Auf diese Weise geschah es, da in dem Ganzen doch noch eine ziemliche
Ordnung herrschte, da bei der Unbestimmtheit des ganzen Unternehmens die Gefahr
sehr nahe war, in die verschiedensten Dinge zersplittert und in die kleinsten
Kleinlichkeiten verschlagen zu werden. In Bezug auf die Fcher, die ich eben
angefangen hatte, besuchte ich auch Anstalten in unserer Stadt, die ihnen
frderlich werden konnten: Bchersammlungen, Sammlungen von Werkzeugen und
namentlich Orte, wo Versuche gemacht wurden, die ich wegen meiner Unreifheit und
wegen Mangel an Gelegenheit und Werkzeugen nie htte ausfhren knnen. Was ich
an Bchern und berhaupt an Lehrmitteln brauchte, schaffte der Vater
bereitwillig an.
    Ich war sehr eifrig und gab mich manchem einmal ergriffenen Gegenstande mit
all der entzndeten Lust hin, die der Jugend bei Lieblingsdingen eigen zu sein
pflegt. Obwohl ich bei meinen Besuchen der ffentlichen Anstalten zu
krperlicher oder geistiger Entwickelung, ferner bei den Besuchen, welche Leute
bei uns oder welche wir bei ihnen machten, sehr viele junge Leute kennen gelernt
hatte, so war ich doch nie dahin gekommen, so ausschlielich auf bloe
Vergngungen und noch dazu oft unbedeutende erpicht zu sein, wie ich es bei der
grten Zahl der jungen Leute gesehen hatte. Die Vergngungen, die in unserem
Hause vorkamen, wenn wir Leute zum Besuche bei uns hatten, waren auch immer
ernsterer Art. Ich lernte auch viele ltere Menschen kennen; aber ich achtete
damals weniger darauf, weil es bei der Jugend Sitte ist, sich mit lebhafter
Beteiligung mehr an die anzuschlieen, die ihnen an Jahren nher stehen, und
das, was an lteren Leuten befindlich ist, zu bersehen.
    Als ich achtzehn Jahre alt war, gab mir der Vater einen Teil meines
Eigentumes aus der Erbschaft vom Grooheime zur Verwaltung. Ich hatte bis dahin
kein Geld zu regelmiger Gebarung gehabt, sondern, wenn ich irgend etwas
brauchte, kaufte es der Vater, und zu Dingen von minderem Belange gab mir der
Vater das Geld, damit ich sie selber kaufe. Auch zu Vergngungen bekam ich
gelegentlich kleine Betrge. Von nun an aber, sagte der Vater, werde er mir am
ersten Tage eines jeden Monats eine bestimmte Summe auszahlen, ich solle darber
ein Buch fhren, er werde diese Auszahlungen bei der Verwaltung meines
Gesamtvermgens, welche Verwaltung ihm noch immer zustehe, in Abrechnung
bringen, und sein Buch und das meinige mten stimmen. Er gab mir einen Zettel,
auf welchem der Kreis dessen aufge- zeichnet war, was Ich von nun an mit meinen
monatlichen Einknften zu bestreiten htte. Er werde mir nie mehr von seinem
Gelde einen Gegenstand kaufen, der in den verzeichneten Kreis gehre. Ich msse
pnktlich verfahren und haushlterisch sein; denn er werde mir auch nie und
nicht einmal unter den dringendsten Bedingungen einen Vorschu geben. Wenn ich
zu seiner Zufriedenheit eine Zeit hindurch gewirtschaftet htte, dann werde er
meinen Kreis wieder erweitern, und er werde nach billigstem Ermessen sehen, in
welcher Zeit er mir auch vor der erreichten gesetzlichen Mndigkeit meine
Angelegenheiten ganz in die Hnde werde geben knnen.

                                2. Der Wanderer


Ich verfahr mit der Rente, welche mir der Vater ausgesetzt hatte, gut. Daher
wurde nach einiger Zeit mein Kreis erweitert, wie es der Vater versprochen
hatte. Ich sollte von nun an nicht blo nur einen Teil meiner Bedrfnisse von
dem zugewiesenen Einkommen decken, sondern alle. Deshalb wurde meine Rente
vergrert. Der Vater zahlte sie mir von nun an auch nicht mehr monatlich,
sondern vierteljhrig aus, um mich an grere Zeitabschnitte zu gewhnen. Sie
mir halbjhrig oder gar nach ganzen Jahren einzuhndigen wollte er nicht wagen,
damit ich doch nicht etwa in Unordnungen geriete. Er gab mir nicht die ganzen
Zinsen von der Erbschaft des Grooheims, sondern nur einen Teil, den andern Teil
legte er zu der Hauptsumme, so da mein Eigentum wuchs, wenn ich auch von meiner
Rente nichts erbrigte. Als Beschrnkung blieb die Einrichtung, da ich in dem
Hause meiner Eltern wohnen und an ihrem Tische speisen mute. Es ward dafr ein
Preis festgesetzt, den ich alle Vierteljahre zu entrichten hatte. Jedes andere
Bedrfnis, Kleider, Bcher, Gerte oder was es immer war, durfte ich nach meinem
Ermessen und nach meiner Einsicht befriedigen.
    Die Schwester erhielt auch Befugnisse in Hinsicht ihres Teiles der Erbschaft
des Grooheims, in so weit sie sich fr ein Mdchen schickten.
    Wir waren ber diese Einrichtung sehr erfreut, und beschlossen, nach dem
Wunsche und dem Willen der Eltern zu verfahren, um ihnen Freude zu machen.
    Ich ging, nachdem ich in den verschiedenen Zweigen der Kenntnisse, die ich
zuletzt mit meinen Lehrern betrieben hatte, und welche als allgemein notwendige
Kenntnisse fr einen gebildeten Menschen gelten, nach mehreren Richtungen
gearbeitet hatte, auf die Mathematik ber. Man hatte mir immer gesagt, sie sei
die schwerste und herrlichste Wissenschaft, sie sei die Grundlage zu allen
brigen, in ihr sei alles wahr, und was man aus ihr habe, sei ein bleibendes
Besitztum fr das ganze Leben. Ich kaufte mir die Bcher, die man mir riet, um
von den Vorkenntnissen, die ich bereits hatte, ausgehen und zu dem Hheren immer
weiter streben zu knnen. Ich kaufte mir eine sehr groe Schiefertafel, um auf
ihr meine Arbeiten ausfhren zu knnen. So sa ich nun in manchen Stunden, die
zum Erlernen von Kenntnissen bestimmt waren, an meinem Tische und rechnete. Ich
ging den Gngen der Mnner nach, welche die Gestaltungen dieser Wissenschaft
nach und nach erfunden hatten und von diesen Gestaltungen zu immer weiteren
gefhrt worden waren. Ich setzte mir bestimmte Zeitrume fest, in welchen ich
vom Weitergehen ablie, um das bis dahin Errungene wiederholen und meinem
Gedchtnisse einprgen zu knnen, ehe ich zu ferneren Teilen vorwrts schritt.
Die Bcher, welche ich nach und nach durchnehmen wollte, hatte ich in der
Ordnung auf einem Bcherbrett aufgestellt. Ich war nach einer verhltnismigen
Zeit in ziemlich schwierige Abteilungen des hheren Gebietes dieser Wissenschaft
vorgerckt. Der Vater erlaubte mir endlich, zuweilen im Sommer eine Zeit
hindurch entfernt von den Eltern auf irgend einem Punkte des Landes zu wohnen.
Zum ersten Aufenthalte dieser Art wurde das Landhaus eines Freundes meines
Vaters nicht gar ferne von der Stadt erwhlt. Ich erhielt ein Zimmerchen in dem
obersten Teile des Hauses, dessen Fenster auf die nahen Weinberge und zwischen
ihren Senkungen durch auf die entfernten Gebirge gingen. Die Frau des Hauses gab
mir in sehr kurzen Zwischenzeiten immer erneuerte schneeweie Fenstervorhnge.
Sehr oft kamen die Eltern heraus, besuchten mich und brachten den Tag auf dem
Lande zu. Sehr oft ging ich auch zu ihnen in die Stadt, und blieb manchmal sogar
ber Nacht in ihrem Hause.
    Der zweite Aufenthalt im nchst darauf folgenden Sommer war viel weiter von
der Stadt entfernt in dem Hause eines Landmanns. Man hat hufig in den Husern
unserer Landleute, in welchen alle Wohnstuben und andere Rumlichkeiten
ebenerdig sind, doch noch ein Gescho ber diesen Rumlichkeiten, in welchem
sich ein oder mehrere Gemcher befinden. Unter diesen Gemchern ist auch die
sogenannte obere Stube. Hufig ist sie blo das einzige Gemach des ersten
Geschosses. Die obere Stube ist gewissermaen das Prunkzimmer. In ihr stehen die
schneren Betten des Hauses, gewhnlich zwei, in ihr stehen die Schreine mit den
schnen Kleidern, in ihr hngen die Scheiben-und Jagdgewehre des Mannes, wenn er
dergleichen hat, so wie die Preise, die er im Schieen etwa schon gewonnen, in
ihr sind die schneren Geschirre der Frau, besonders wenn sie Krge aus Zinn
oder etwas aus Porzellan hat, und in ihr sind auch die besseren Bilder des
Hauses und sonstige Zierden, zum Beispiel ein schnes Jesukindlein aus Wachs,
welches in weiem feinem Flaume liegt. In einer solchen oberen Stube des Hauses
eines Landmanus wohnte ich. Das Haus war so weit von der Stadt entfernt, da ich
die Eltern nur ein einziges Mal mit Benutzung des Postwagens besuchen konnte,
sie aber gar nie zu mir kamen.
    Dieser Aufenthalt brachte Vernderungen in mir hervor.
    Weil ich mit den Meinigen nicht zusammen kommen konnte, so lebte die
Sehnsucht nach Mitteilung viel strker in mir, als wenn ich zu Hause gewesen
wre und sie jeden Augenblick htte befriedigen knnen. Ich schritt also zu
ausfhrlichen Briefen und Berichten. Ich hatte bisher immer aus Bchern gelernt,
deren ich mir bereits eine ziemliche Menge in meine Bcherksten von meinem
Gelde gekauft hatte; aber ich hatte mich nie gebt, etwas selber in grerem
Zusammenhange zusammen zu stellen. Jetzt mute ich es tun, ich tat es gerne, und
freute mich, nach und nach die Gabe der Darstellung und Erzhlung in mir wachsen
zu fhlen. Ich schritt zu immer zusammengesetzteren und geordneteren
Schilderungen.
    Auch eine andere Vernderung trat ein.
    Ich war schon als Knabe ein groer Freund der Wirklichkeit der Dinge
gewesen, wie sie sich so in der Schpfung oder in dem geregelten Gange des
menschlichen Lebens darstellte. Dies war oft eine groe Unannehmlichkeit fr
meine Umgebung gewesen. Ich fragte unaufhrlich um die Namen der Dinge, um ihr
Herkommen und ihren Gebrauch, und konnte mich nicht beruhigen, wenn die Antwort
eine hinausschiebende war. Auch konnte ich es nicht leiden, wenn man einen
Gegenstand zu etwas anderem machte, als er war. Besonders krnkte es mich, wenn
er, wie ich meinte, durch seine Vernderung schlechter wurde. Es machte mir
Kummer, als man einmal einen alten Baum des Gartens fllte und ihn in lauter
Kltze zerlegte. Die Kltze waren nun kein Baum mehr, und da sie morsch waren,
konnte man keinen Schemel, keinen Tisch, kein Kreuz, kein Pferd daraus
schnitzen. Als ich einmal das offene Land kennen gelernt und Fichten und Tannen
auf den Bergen stehen gesehen hatte, taten mir jederzeit die Bretter leid, aus
denen etwas in unserem Hause verfertigt wurde, weil sie einmal solche Fichten
und Tannen gewesen waren. Ich fragte den Vater, wenn wir durch die Stadt gingen,
wer die groe Kirche des heiligen Stephan gebaut habe, warum sie nur einen Turm
habe, warum dieser so spitzig sei, warum die Kirche so schwarz sei, wem dieses
oder jenes Haus gehre, warum es so gro sei, weshalb sich an einem andern Hause
immer zwei Fenster neben einander befnden, und in einem weiteren Hause zwei
steinerne Mnner das Sims des Haustores tragen. Der Vater beantwortete solche
Fragen je nach seinem Wissen. Bei einigen uerte er nur Mutmaungen, bei
anderen sagte er, er wisse es nicht. Wenn wir auf das Land kamen, wollte ich
alle Gewchse und Steine kennen, und fragte um die Namen der Landleute und der
Hunde. Der Vater pflegte zu sagen, ich mte einmal ein Beschreiber der Dinge
werden, oder ein Knstler, welcher aus Stoffen Gegenstnde fertigt, an denen er
so Anteil nimmt, oder wenigstens ein Gelehrter, der die Merkmale und
Beschaffenheiten der Sachen erforscht.
    Diese Eigenschaft nun fhrte mich, da ich auf dem Lande wohnte, in eine
besondere Richtung. Ich legte die Mathematik weg, und widmete mich der
Betrachtung meiner Umgebungen. Ich fing an, bei allen Vorkommnissen des Hauses,
in dem ich wohnte, zuzusehen. Ich lernte nach und nach alle Werkzeuge und ihre
Bestimmungen kennen. Ich ging mit den Arbeitern auf die Felder, auf die Wiesen
und in die Wlder, und arbeitete gelegentlich selber mit. Ich lernte in kurzer
Zeit auf diese Weise die Behandlung und Gewinnung aller Bodenerzeugnisse des
Landstriches, auf dem ich wohnte, kennen. Auch ihre erste lndliche Verarbeitung
zu Kunsterzeugnissen suchte ich in Erfahrung zu bringen. Ich lernte die
Bereitung des Weines aus Trauben kennen, des Garnes und der Leinwand aus Flachs,
des Butters und des Kses aus der Milch, des Mehles und Brotes aus dem Getreide.
Ich merkte mir die Namen, womit die Landleute ihre Dinge benannten, und lernte
bald die Merkmale kennen, aus denen man die Gte oder den geringeren Wert der
Bodenerzeugnisse oder ihre nchsten Umwandlungen beurteilen konnte. Selbst in
Gesprche, wie man dieses oder jenes auf eine vielleicht zweckmigere Weise
hervorbringen knnte, lie ich mich ein, fand aber da einen hartnckigen
Widerstand.
    Als ich diese Hervorbringung der ersten Erzeugnisse in jenem Striche des
Landes, in welchem ich mich aufhielt, kennen gelernt hatte, ging ich zu den
Gegenstnden des Gewerbfleies ber. Nicht weit von meiner Wohnung war ein
weites flaches Tal, das von einem Wasser durchstrmt war, welches sich durch
seine gleichbleibende Reichhaltigkeit und dadurch, da es im Winter nicht leicht
zufror, besonders zum Treiben von Werken eignete. In dem Tale waren daher
mehrere Fabriken zerstreut. Sie gehrten meistens zu ansehnlichen
Handelshusern. Die Eigentmer lebten in der Stadt, und besuchten zuweilen ihre
Werke, die von einem Verwalter oder Geschftsleiter versehen wurden. Ich
besuchte nach und nach alle diese Fabriken, und unterrichtete mich ber die
Erzeugnisse, welche da hervorgebracht wurden. Ich suchte den Hergang kennen zu
lernen, durch welchen der Stoff in die Fabrik geliefert wurde, durch welchen er
in die erste Umwandlung, von dieser in die zweite, und so durch alle Stufen
gefhrt wurde, bis er als letztes Erzeugnis der Fabrik hervorging. Ich lernte
hier die Gte der einlangenden Rohstoffe kennen, und wurde auf die Merkmale
aufmerksam gemacht, aus denen auf eine vorzgliche Beschaffenheit der endlich in
der Fabrik fertig gewordenen Erzeugnisse geschlossen werden konnte. Ich lernte
auch die Mittel und Wege kennen, durch welche die Umwandlungen, die die Stoffe
nach und nach zu erleiden hatten, bewirkt wurden. Die Maschinen, welche hiezu
grtenteils verwendet wurden, waren mir durch meine bereits erworbenen
Vorkenntnisse in ihren allgemeinen Einrichtungen schon bekannt. Es war mir daher
nicht schwer, ihre besonderen Wirkungen zu den einzelnen Zwecken, die hier
erreicht werden sollten, einsehen zu lernen. Ich ging durch die Geflligkeit der
dabei Angestellten alle Teile durch, bis ich das Ganze so vor mir hatte und
zusammen begreifen konnte, als htte ich es als Zeichnung auf dem Papier liegen,
wie ich ja bisher alle Einrichtungen solcher Art nur aus Zeichnungen kennen zu
lernen Gelegenheit hatte.
    In spterer Zeit begann ich, die Naturgeschichte zu betreiben. Ich fing bei
der Pflanzenkunde an. Ich suchte zuerst zu ergrnden, welche Pflanzen sich in
der Gegend befnden, in welcher ich mich aufhielt. Zu diesem Zwecke ging ich
nach allen Richtungen aus, und bestrebte mich, die Standorte und die Lebensweise
der verschiedenen Gewchse kennen zu lernen und alle Gattungen zu sammeln.
Welche ich mit mir tragen konnte, und welche nur einiger Maen aufzubewahren
waren, nahm ich mit in meine Wohnung. Von solchen, die ich nicht von dem Orte
bringen konnte, wozu besonders die Bume gehrten, machte ich mir
Beschreibungen, welche ich zu der Sammlung einlegte. Bei diesen Beschreibungen,
die ich immer nach allen sich mir darbietenden Eigenschaften der Pflanzen
machte, zeigte sich mir die Erfahrung, da nach meiner Beschreibung andere
Pflanzen in eine Gruppe zusammen gehrten, als welche von den Pflanzenkundigen
als zusammengehrig aufgefhrt wurden. Ich bemerkte, da von den Pflanzenlehrern
die Einteilungen der Pflanzen nur nach einem oder einigen Merkmalen, zum
Beispiele nach den Samenblttern oder nach den Bltenteilen gemacht wurden, und
da da Pflanzen in einer Gruppe beisammen stehen, welche in ihrer ganzen Gestalt
und in ihren meisten Eigenschaften sehr verschieden sind. Ich behielt die
herkmmlichen Einteilungen bei, und hatte aber auch meine Beschreibungen
daneben. In diesen Beschreibungen standen die Pflanzen nach sinnflligen Linien
und, wenn ich mich so ausdrcken drfte, nach ihrer Baufhrung beisammen.
    Bei den Mineralien, welche ich mir sammelte, geriet ich beinahe in dieselbe
Lage. Ich hatte mir schon seit meiner Kinderzeit manche Stcke zu erwerben
gesucht. Fast immer waren dieselben aus anderen Sammlungen gekauft oder
geschenkt worden. Sie waren schon Sammlungsstcke, hatten meistens das
Papierstckchen mit ihrem Namen auf sich aufgeklebt. Auch waren sie wo mglich
immer im Kristallzustande. Das System von Mohs hatte einmal groes Aufsehen
gemacht, ich war durch meine mathematischen Arbeiten darauf gefhrt worden,
hatte es kennen und lieben gelernt. Allein da ich jetzt meine Mineralien in der
Gegend meines Aufenthaltes suchte und zusammen trug, fand ich sie weit fter in
unkristallisiertem Zustande als in kristallisiertem, und sie zeigten da allerlei
Eigenschaften fr die Sinne, die sie dort nicht haben. Das Kristallisieren der
Stoffe, welches das System von Mohs voraussetzt, kam mir wieder wie ein Blhen
vor, und die Stoffe standen nach diesen Blten beisammen. Ich konnte nicht
lassen, auch hier neben den Einteilungen, die gebruchlich waren, mir ebenfalls
meine Beschreibungen zu machen.
    Ungefhr eine Meile von unserer Stadt liegt gegen Sonnenuntergang hin eine
Reihe von schnen Hgeln. Diese Hgel setzen sich in Stufenfolgen und nur hie
und da von etwas greren Ebenen unterbrochen immer weiter nach Sonnenuntergang
fort, bis sie endlich in hher gelegenes, noch hgligeres Land, das sogenannte
Oberland, bergehen. In der Nhe der Stadt sind die Hgel mehrfach von
Landhusern besetzt und mit Grten und Anlagen geschmckt, in weiterer
Entfernung werden sie lndlicher. Sie tragen Weinreben oder Felder auf ihren
Seiten, auch Wiesen sind zu treffen, und die Gipfel oder auch manche
Rckenstrecken sind mit laubigen, mehr busch- als baumartigen Wldern besetzt.
Die Bche und sonstigen Gewsser sind nicht gar hufig, und oft traf ich im
Sommer zwischen den Hgeln, wenn mich Durst oder Zufall hinab fhrte, das
ausgetrocknete, mit weien Steinen gefllte Bett eines Baches. In diesem
Hgellande war mein Aufenthalt, und in demselben rckte ich immer weiter gegen
Sonnenuntergang vor. Ich streifte weit und breit herum, und war oft mehrere Tage
von meiner Wohnung abwesend. Ich ging die einsamen Pfade, welche zwischen den
Feldern oder Weingelnden hinliefen und sich von Dorf zu Dorf, von Ort zu Ort
zogen und manche Meilen, ja Tagereisen in sich begriffen. Ich ging auf den
abgelegenen Waldpfaden, die in Stammholz oder Gebschen verborgen waren und
nicht selten im Laubwerk, Gras oder Gestrippe spurlos endeten. Ich durchwanderte
oft auch ohne Pfad Wiesen, Wald und sonstige Landflchen, um die Gegenstnde zu
finden, welche ich suchte. Da wenige von unseren Stadtbewohnern auf solche Wege
kommen, ist begreiflich, da sie nur kurze Zeit zu dem Genusse des Landlebens
sich gnnen knnen, und in derselben auf den breiten, herkmmlichen Straen des
Landvergngens bleiben und von anderen Pfaden nichts wissen. An der Mittagseite
war das ganze Hgelland viele Meilen lang von Hochgebirge gesumt. Auf einer
Stelle der Basteien unserer Stadt kann man zwischen Husern und Bumen ein
Fleckchen Blau von diesem Gebirge sehen. Ich ging oft auf jener Bastei, sah oft
dieses kleine blaue Fleckchen, und dachte nichts weiter als: das ist das
Gebirge. Selbst da ich von dem Hause meines ersten Sommeraufenthaltes einen Teil
des Hochgebirges erblickte, achtete ich nicht weiter darauf. Jetzt sah ich
zuweilen mit Vergngen von einer Anhhe oder von dem Gipfel eines Hgels ganze
Strecken der blauen Kette, welche in immer undeutlicheren Gliedern ferner und
ferner dahin lief. Oft, wenn ich durch wildes Gestrippe pltzlich auf einen
freien Abri kam, und mir die Abendrte entgegen schlug, weithin das Land in
Duft und roten Rauch legend, so setzte ich mich nieder, lie das Feuerwerk vor
mir verglimmen, und es kamen allerlei Gefhle in mein Herz.
    Wenn ich wieder in das Haus der Meinigen zurckkehrte, wurde ich recht
freudig empfangen, und die Mutter gewhnte sich an meine Abwesenheiten, da ich
stets gereifter von ihnen zurck kam. Sie und die Schwester halfen mir nicht
selten, die Sachen, die ich mitbrachte, aus ihren Behltnissen auspacken, damit
ich sie in den Rumen, die hiezu bestimmt waren, ordnen konnte.
    So war endlich die Zeit gekommen, in welcher es der Vater fr geraten fand,
mir die ganze Rente der Erbschaft des Grooheims zu freier Verfgung zu
bertragen. Er sagte, ich knne mit diesem Einkommen verfahren, wie es mir
beliebe, nur mte ich damit ausreichen. Er werde mir auf keine Weise aus dem
Seinigen etwas beitragen, noch mir je Vorschsse machen, da meine Jahreseinnahme
so reichlich sei, da sie meine jetzigen Bedrfnisse, selbst wenn sie noch um
vieles grer wrden, nicht nur hinlnglich decke, sondern da sie selbst auch
manche Vergngungen bestreiten knne, und da doch noch etwas brig bleiben
drfte. Es liege somit in meiner Hand, fr die Zukunft, die etwa grere
Ausgaben bringen knnte, mir auch eine grere Einnahme zu sichern. Meine
Wohnung und meinen Tisch drfe ich nicht mehr, wenn ich nicht wolle, in dem
Hause der Eltern nehmen, sondern wo ich immer wollte. Das Stammvermgen selber
werde er an dem Orte, an welchem es sich bisher befand, liegen lassen. Er fgte
bei, er werde mir dasselbe, sobald ich das vierundzwanzigste Jahr erreicht habe,
einhndigen. Dann knne ich es nach meinem eigenen Ermessen verwalten. Ich rate
dir aber, fahr er fort, dann nicht nach einer greren Rente zu geizen, weil
eine solche meistens nur mit einer greren Unsicherheit des Stammvermgens zu
erzielen ist. Sei immer deines Grundvermgens sicher, und mache die dadurch
entstehende kleinere Rente durch Migkeit grer. Solltest du den Rat deines
Vaters einholen wollen, so wird dir derselbe nie entzogen werden. Wenn ich
sterbe, oder freiwillig aus den Geschften zurck trete, so werdet ihr beide
auch noch von mir eine Vermehrung eures Eigentums erhalten. Wie gro dieselbe
sein wird, kann ich noch nicht sagen, ich bemhe mich, durch Vorsicht und durch
gut gegrndete Geschftsfhrung sie so gro als mglich und auch so sicher als
mglich zu machen; aber alle stehen wir in der Hand des Herrn, und er kann durch
Ereignisse, welche kein Menschenauge vorher sehen kann, meine Vermgensumstnde
bedeutend verndern. Darum sei weise, und gebare mit dem Deinigen, wie du bisher
zu meiner und zur Befriedigung deiner Mutter getan hast.
    Ich war gerhrt ber die Handlungsweise meines Vaters, und dankte ihm von
ganzem Herzen. Ich sagte, da ich mich stets bestreben werde, seinem Vertrauen
zu ent sprechen, da ich ihn instndig um seinen Rat bitte, und da ich in
Vermgensangelegenheiten wie in anderen nie gegen ihn handeln, und da ich auch
nicht den kleinsten Schritt tun wolle, ohne nach diesem Rat zu verlangen. Eine
Wohnung auer dem Hause zu beziehen, solange ich in unserer Stadt lebe, wre mir
sehr schmerzlich, und ich bitte in dem Hause meiner Eltern und an ihrem Tische
bleiben zu drfen, solange Gott nicht selber durch irgend eine Schickung eine
nderung herbei fhre.
    Der Vater und die Mutter waren ber diese Worte erfreut. Die Mutter sagte,
da sie mir zu meiner bisherigen Wohnung, die mir doch als einem nunmehr
selbstndigen Manne besonders bei meinen jetzigen Verhltnissen zu klein werden
drfte, noch einige Rumlichkeiten zugeben wolle, ohne da darum der Preis
unverhltnismig wachse. Ich war natrlicher Weise mit allem einverstanden. Ich
mute gleich mit der Mutter gehen und die mir zugedachte Vergrerung der
Wohnung besehen. Ich dankte ihr fr ihre Sorgfalt. Schon in den nchsten Tagen
richtete ich mich in der neuen Wohnung ein.
    Den Winter benutzte ich zum Teile mit Vorbereitungen, um im nchsten Sommer
wieder groe Wanderungen machen zu knnen. Ich hatte mir vorgenommen, nun
endlich einmal das Hochgebirge zu besuchen und in ihm so weit herum zu gehen,
als es mir zusagen wrde.
    Als der Sommer gekommen war, fuhr ich von der Stadt auf dem krzesten Wege
in das Gebirge. Von dem Orte meiner Ankunft aus wollte ich dann in ihm lngs
seiner Richtung von Sonnenaufgang nach Sonnenuntergang zu Fue fort wandern. Ich
begab mich sofort auf meinen Weg. Ich ging den Tlern entlang, selbst wenn sie
von meiner Richtung abwichen und allerlei Windungen verfolgten. Ich suchte nach
solchen Abschweifungen immer meinen Hauptweg wieder zu gewinnen. Ich stieg auch
auf Bergjoche, und ging auf der entgegengesetzten Seite wieder in das Tal hinab.
Ich erklomm manchen Gipfel und suchte von ihm die Gegend zu sehen und auch schon
die Richtung zu ersphen, in welcher ich in nchster Zeit vordringen wrde. Im
ganzen hielt ich mich stets, soweit es anging, nach dem Hauptzuge des Gebirges,
und wich von der Wasserscheide so wenig als mglich ab.
    In einem Tale an einem sehr klaren Wasser sah ich einmal einen toten Hirsch.
Er war gejagt worden, eine Kugel hatte seine Seite getroffen, und er mochte das
frische Wasser gesucht haben, um seinen Schmerz zu khlen. Er war aber an dem
Wasser gestorben. Jetzt lag er an demselben so, da sein Haupt in den Sand
gebettet war und seine Vorderfe in die reine Flut ragten. Ringsum war kein
lebendiges Wesen zu sehen. Das Tier gefiel mir so, da ich seine Schnheit
bewunderte und mit ihm groes Mitleid empfand. Sein Auge war noch kaum
gebrochen, es glnzte noch in einem schmerzlichen Glanze, und dasselbe, so wie
das Antlitz, das mir fast sprechend erschien, war gleichsam ein Vorwurf gegen
seine Mrder. Ich griff den Hirsch an, er war noch nicht kalt. Als ich eine
Weile bei dem toten Tiere gestanden war, hrte ich Laute in den Wldern des
Gebirges, die wie Jauchzen und wie Heulen von Hunden klangen. Diese Laute kamen
nher, waren deutlich zu erkennen, und bald sprang ein Paar schner Hunde ber
den Bach, denen noch einige folgten. Sie nherten sich mir. Als sie aber den
fremden Mann bei dem Wilde sahen, blieben einige in der Entfernung stehen und
bellten heftig gegen mich, whrend andere heulend weite Kreise um mich zogen, in
ihnen dahin flogen, und in Eilfertigkeit sich an Steinen berschlugen und
berstrzten. Nach geraumer Zeit kamen auch Mnner mit Schiegewehren. Als sich
diese dem Hirsche genhert hatten und neben mir standen, kamen auch die Hunde
herzu, hatten vor mir keine Scheu mehr, beschnupperten mich, und bewegten sich,
und zitterten um das Wild herum. Ich entfernte mich, nachdem die Jger auf dem
Schauplatze erschienen waren, sehr bald von ihm.
    Bisher hatte ich keine Tiere zu meinen Bestrebungen in der Naturgeschichte
aufgesucht, obwohl ich die Beschreibungen derselben eifrig gelesen und gelernt
hatte. Diese Vernachlssigung der leiblichen wirklichen Gestalt war bei mir so
weit gegangen, da ich, selbst da ich einen Teil des Sommers schon auf dem Lande
zubrachte, noch immer die Merkmale von Ziegen, Schafen, Khen aus meinen
Abbildungen nicht nach den Gestalten suchte, die vor mir wandelten.
    Ich schlug jetzt einen andern Weg ein. Der Hirsch, den ich gesehen hatte,
schwebte mir immer vor den Augen. Er war ein edler gefallner Held, und war ein
reines Wesen. Auch die Hunde, seine Feinde, erschienen mir berechtigt wie in
ihrem Berufe. Die schlanken springenden und gleichsam geschnellten Gestalten
blieben mir ebenfalls vor den Augen. Nur die Menschen, welche das Tier
geschossen hatten, waren mir widerwrtig, da sie daraus gleichsam ein Fest
gemacht hatten. Ich fing von der Stunde an, Tiere so aufzusuchen und zu
betrachten, wie ich bisher Steine und Pflanzen aufgesucht und betrachtet hatte.
Sowohl jetzt, da ich noch in dem Gebirge war, als auch spter zu Hause und bei
meinen weiteren Wanderungen betrachtete ich Tiere, und suchte ihre wesentlichen
Merkmale sowohl an ihrem Leibe als auch an ihrer Lebensart und Bestimmung zu
ergrnden. Ich schrieb das, was ich gesehen hatte, auf, und verglich es mit den
Beschreibungen und Einteilungen, die ich in meinen Bchern fand. Da geschah es
wieder, da ich mit diesen Bchern in Zwiespalt geriet, weil es meinen Augen
widerstrebte, Tiere nach Zehen oder anderen Dingen in einer Abteilung beisammen
zu sehen, die in ihrem Baue nach meiner Meinung ganz verschieden waren. Ich
stellte daher nicht wissenschaftlich, aber zu meinem Gebrauche eine andere
Einteilung zusammen.
    Einen besondern Zweck, den ich bei dem Besuche des Gebirges befolgen wollte,
hatte ich dieses erste Mal nicht, auer was sich zufllig fand. Ich war nur im
allgemeinen in das Gebirge gegangen, um es zu sehen. Als daher dieser erste
Drang etwas gesttigt war, begab ich mich auf dem nchsten Wege in das flache
Land hinaus, und fuhr auf diesem wieder nach Hause.
    Allein der kommende Sommer lockte mich abermals in das Gebirge. Hatte ich
das erste Mal nur im allgemeinen geschaut, und waren die Eindrcke wirkend auf
mich heran gekommen, so ging ich jetzt schon mehr in das Einzelne, ich war
meiner schon mehr Herr, und richtete die Betrachtung auf besondere Dinge. Viele
von ihnen drngten sich an meine Seele. Ich sa auf einem Steine, und sah die
breiten Schattenflchen und die scharfen, oft gleichsam mit einem Messer in sie
geschnittenen Lichter. Ich dachte nach, weshalb die Schatten hier so blau seien
und die Lichter so krftig und das Grn so feurig und die Wsser so blitzend.
Mir fielen die Bilder meines Vaters ein, auf denen Berge gemalt waren, und mir
wurde es, als htte ich sie mitnehmen sollen, um vergleichen zu knnen. Ich
blieb in kleinen Ortschaften zuweilen lnger, und betrachtete die Menschen, ihr
tgliches Gewerbe, ihr Fhlen, ihr Reden, Denken und Singen. Ich lernte die
Zither kennen, betrachtete sie, untersuchte sie, und hrte auf ihr spielen und
zu ihr singen. Sie erschien mir als ein Gegenstand, der nur allein in die Berge
gehrt und mit den Bergen eins ist. Die Wolken, ihre Bildung, ihr Anhngen an
die Bergwnde, ihr Suchen der Bergspitzen, so wie die Verhltnisse des Nebels
und seine Neigung zu den Bergen waren mir wunderbare Erscheinungen.
    Ich bestieg in diesem Sommer auch einige hohe Stellen, ich lie mich von den
Fhrern nicht blo auf das Eis der Gletscher geleiten, welches mich sehr anregte
und zur Betrachtung aufforderte, sondern bestieg auch mit ihrer Hilfe die
hchsten Zinnen der Berge.
    Ich sah die berreste einer alten, untergegangenen Welt in den Marmoren, die
in dem Gebirge vorkommen, und die man in manchen Tlern zu schleifen versteht.
Ich suchte besondere Arten aufzufinden, und sendete sie nach Hause. Den schnen
Enzian hatte ich im frheren Sommer schon der Schwester in meinen
Pflanzenbchern gebracht, jetzt brachte ich ihr auch Alpenrosen und Edelwei.
Von der Zirbelkiefer und dem Knieholze nahm ich die zierlichen Frchte. So
verging die Zeit, und so kam ich bereichert nach Hause.
    Ich ging von nun an jeden Sommer in das Gebirge.
    Wenn ich von den Zimmern meiner Wohnung in dem Hause meiner Eltern nach
einem dort verbrachten Winter gegen den Himmel blickte, und nicht mehr so oft an
demselben die grauen Wolken und den Nebel sah, sondern fter schon die blauen
und heiteren Lfte, wenn diese durch ihre Farbe schon gleichsam ihre grere
Weichheit ankndigten, wenn auf den Mauern und Schornsteinen und Ziegeldchern,
die ich nach vielen Richtungen bersehen konnte, schon immer krftigere Tafeln
von Sonnenschein lagen, kein Schnee sich mehr blicken lie, und an den Bumen
unseres Gartens die Knospen schwollen: so mahnte es mich bereits in das Freie.
Um diesem Drange nur vorlufig zu gengen, ging ich gerne aus der Stadt und
erquickte mich an der offenen Weite der Wiesen, der Felder, der Weinberge. Wenn
aber die Bume blhten und das erste Laub sich entwickelte, ging ich schon dem
Blau der Berge zu, wenngleich ihre Wnde noch von mannigfaltigem Schnee
erglnzten. Ich erwhlte mir nach und nach verschiedene Gegenden, an denen ich
mich aufhielt, um sie genau kennen zu lernen und zu genieen.
    Mein Vater hatte gegen diese Reisen nichts, auch war er mit der Art, wie ich
mit meinem Einkommen gebarte, sehr zufrieden. Es blieb nmlich in jedem Jahre
ein Erkleckliches ber, was zu dem Grundvermgen getan werden konnte. Ich sprte
desohngeachtet in meiner Lebensweise keinen Abgang. Ich strebte nach Dingen, die
meine Freude waren und wenig kosteten, weit weniger als die Vergngungen, denen
meine Bekannten sich hingaben. Ich hatte in Kleidern, Speise und Trank die
grte Einfachheit, weil es meiner Natur so zusagte, weil wir zur Migkeit
erzogen waren, und weil diese Gegenstnde, wenn ich ihnen groe Aufmerksamkeit
htte schenken sollen, mich von meinen Lieblingsbestrebungen abgelenkt htten.
So ging alles gut, Vater und Mutter freuten sich ber meine Ordnung, und ich
freute mich ber ihre Freude.
    Da verfiel ich eines Tages auf das Zeichnen. Ich knnte mir ja meine
Naturgegenstnde, dachte ich, eben so gut zeichnen als beschreiben, und die
Zeichnung sei am Ende noch sogar besser als die Beschreibung. Ich erstaunte,
weshalb ich denn nicht sogleich auf den Gedanken geraten sei. Ich hatte wohl
frher immer gezeichnet, aber mit mathematischen Linien, welche nach
Rechnungsgesetzen entstanden, Flchen und Krper in der Mekunst darstellten und
mit Zirkel und Richtscheit gemacht worden waren. Ich wute wohl recht gut, Da
man mit Linien alle mglichen Krper darstellen knne, und hatte es an den
Bildern meines Vaters vollfhrt gesehen; aber ich hatte nicht weiter darber
gedacht, da ich in einer andern Richtung beschftigt war. Es mute diese
Vernachlssigung von einer Eigenschaft in mir herrhren, die ich in einem hohen
Grade besa, und die man mir zum Vorwurfe machte. Wenn ich nmlich mit einem
Gegenstande eifrig beschftigt war, so verga ich darber manchen andern, der
vielleicht grere Bedeutung hatte. Sie sagten, das sei einseitig, ja es sei
sogar Mangel an Gefhl.
    Ich fing mein Zeichnen mit Pflanzen an, mit Blttern, mit Stielen, mit
Zweigen. Es war anfangs die hnlichkeit nicht sehr gro, und die Vollkommenheit
der Zeichnung lie viel zu wnschen brig, wie ich spter erkannte. Aber es
wurde immer besser, da ich eifrig war und vom Versuchen nicht ablie. Die frher
in meine Pflanzenbcher eingelegten Pflanzen, wie sorgsam sie auch vorbereitet
waren, verloren nach und nach nicht blo die Farbe, sondern auch die Gestalt,
und erinnerten nicht mehr entfernt an ihre ursprngliche Beschaffenheit. Die
gezeichneten Pflanzen dagegen bewahrten wenigstens die Gestalt, nicht zu
gedenken, Da es Pflanzen gibt, die wegen ihrer Beschaffenheit und selbst
solche, die wegen ihrer Gre in ein Pflanzenbuch nicht gelegt werden knnen,
wie zum Beispiele Pilze oder Bume. Diese konnten in einer Zeichnung sehr wohl
aufbewahrt werden. Die bloen Zeichnungen aber gengten mir nach und nach auch
nicht mehr, weil die Farbe fehlte, die bei den Pflanzen, besonders bei den
Blten, eine Hauptsache ist. Ich begann daher, meine Abbildungen mit Farben zu
versehen, und nicht eher zu ruhen, als bis die hnlichkeit mit den Urbildern
erschien und immer grer zu werden versprach.
    Nach den Pflanzen nahm ich auch andere Gegenstnde vor, deren Farbe etwas
Auffallendes und Faliches hatte. Ich geriet auf die Faltern, und suchte mehrere
nachzubilden. Die Farben von minder hervorragenden Gegenstnden, die zwar
unscheinbar, aber doch bedeutsam sind, wie die der Gesteine im unkristallischen
Zustande, kamen spter an die Reihe, und ich lernte ihre Reize nach und nach
wrdigen.
    Da ich nun einmal zeichnete und die Dinge deshalb doch viel genauer
betrachten mute, und da das Zeichnen und meine jetzigen Bestrebungen mich doch
nicht ganz ausfllten, kam ich auch noch auf eine andere, viel weiter gehende
Richtung.
    Ich habe schon gesagt, Da ich gerne auf hohe Berge stieg und von ihnen aus
die Gegenden betrachtete. Da stellten sich nun dem gebteren Auge die bildsamen
Gestalten der Erde in viel eindringlicheren Merkmalen dar und faten sich
bersichtlicher in groen Teilen zusammen. Da ffnete sich dem Gemte und der
Seele der Reiz des Entstehens dieser Gebilde, ihrer Falten und ihrer Erhebungen,
ihres Dahinstreichens und Abweichens von einer Richtung, ihres Zusammenstrebens
gegen einen Hauptpunkt und ihrer Zerstreuungen in die Flche. Es kam ein altes
Bild, das ich einmal in einem Buche gelesen und wieder vergessen hatte, in meine
Erinnerung. Wenn das Wasser in unendlich kleinen Trpfchen, die kaum durch ein
Vergrerungsglas ersichtlich sind, aus dem Dunste der Luft sich auf die Tafeln
unserer Fenster absetzt, und die Klte dazu kmmt, die ntig ist, so entsteht
die Decke von Fden, Sternen, Wedeln, Palmen und Blumen, die wir gefrorene
Fenster heien. Alle diese Dinge stellen sich zu einem Ganzen zusammen, und die
Strahlen, die Tler, die Rcken, die Knoten des Eises sind, durch ein
Vergrerungsglas angesehen, bewunderungswrdig. Eben so stellt sich von sehr
hohen Bergen aus gesehen die niedriger liegende Gestaltung der Erde dar. Sie mu
aus einem erstarrenden Stoffe entstanden sein, und streckt ihre Fcher und
Palmen in groartigem Mastabe aus. Der Berg selber, auf dem ich stehe, ist der
weie, helle und sehr glnzende Punkt, den wir in der Mitte der zarten Gewebe
unserer gefrorenen Fenster sehen. Die Palmenrnder der gefrorenen Fenstertafeln
werden durch Abbrcklung wegen des Luftzuges oder durch Schmelzung wegen der
Wrme lckenhaft und unterbrochen. An den Gebirgszgen geschehen Zerstrungen
durch Verwitterung in Folge des Einflusses des Wassers, der Luft, der Wrme und
der Klte. Nur braucht die Zerstrung der Eisnadeln an den Fenstern krzere Zeit
als der Nadeln der Gebirge. Die Betrachtung der unter mir liegenden Erde, der
ich oft mehrere Stunden widmete, erhob mein Herz zu hherer Bewegung, und es
erschien mir als ein wrdiges Bestreben, ja als ein Bestreben, zu dem alle meine
bisherigen Bemhungen nur Vorarbeiten gewesen waren, dem Entstehen dieser
Erdoberflche nachzuspren, und durch Sammlung vieler kleiner Tatsachen an den
verschiedensten Stellen sich in das groe und erhabene Ganze auszubreiten, das
sich unsern Blicken darstellt, wenn wir von Hochpunkt zu Hochpunkt auf unserer
Erde reisen, und sie endlich alle erfllt haben, und keine Bildung dem Auge mehr
zu untersuchen bleibt als die Weite und die Wlbung des Meeres.
    Ich begann, durch diese Gefhle und Betrachtungen angeregt, gleichsam als
Schlustein oder Zusammenfassung aller meiner bisherigen Arbeiten die
Wissenschaft der Bildung der Erdoberflche und dadurch vielleicht der Bildung
der Erde selber zu betreiben. Nebstdem, da ich gelegentlich von hohen Stellen
aus die Gestaltung der Erdoberflche genau zeichnete, gleichsam als wre sie
durch einen Spiegel gesehen worden, schaffte ich mir die vorzglichsten Werke
an, welche ber diese Wissenschaft handeln, machte mich mit den Vorrichtungen,
die man braucht, bekannt, so wie mit der Art ihrer Bentzung.
    Ich betrieb nun diesen Gegenstand mit fortgesetztem Eifer und mit einer
strengen Ordnung.
    Dabei lernte ich auch nach und nach den Himmel kennen, die Gestaltung seiner
Erscheinungen und die Verhltnisse seines Wetters.
    Meine Besuche der Berge hatten nun fast ausschlielich diesen Zweck zu ihrem
Inhalte.

                                 3. Die Einkehr


Eines Tages ging ich von dem Hochgebirge gegen das Hgelland hinaus. Ich wollte
nmlich von einem Gebirgszuge in einen andern bersiedeln und meinen Weg dahin
durch einen Teil des offenen Landes nehmen. Jedermann kennt die Vorberge, mit
welchen das Hochgebirge gleichsam wie mit einem bergange gegen das flachere
Land ausluft. Mit Laub- oder Nadelwald bedeckt ziehen sie in angenehmer Frbung
dahin, lassen hie und da das blaue Haupt eines Hochberges ber sich sehen, sind
hie und da von einer leuchtenden Wiese unterbrochen, fhren alle Wsser, die das
Gebirge liefert, und die gegen das Land hinaus gehen, zwischen sich, zeigen
manches Gebude und manches Kirchlein, und strecken sich nach allen Richtungen,
in denen das Gebirge sich abniedert, gegen die bebauteren und bewohnteren Teile
hinaus.
    Als ich von dem Hange dieser Berge herab ging und eine freiere Umsicht
gewann, erblickte ich gegen Untergang hin die sanften Wolken eines Gewitters,
das sich sachte zu bilden begann und den Himmel umschleierte. Ich schritt rstig
fort, und beobachtete das Zunehmen und Wachsen der Bewlkung. Als ich ziemlich
weit hinaus gekommen war, und mich in einem Teile des Landes befand, wo sanfte
Hgel mit migen Flchen wechseln, Meierhfe zerstreut sind, der Obstbau
gleichsam in Wldern sich durch das Land zieht, zwischen dem dunkeln Laube die
Kirchtrme schimmern, in den Talfurchen die Bche rauschen, und berall wegen
der greren Weitung, die das Land gibt, das blaue gezackte Band der Hochgebirge
zu erblicken ist, mute ich auf eine Einkehr denken; denn das Dorf, in welchem
ich Rast halten wollte, war kaum mehr zu erreichen. Das Gewitter war so weit
gediehen, da es in einer Stunde und bei begnstigenden Umstnden wohl noch
frher ausbrechen konnte.
    Vor mir hatte ich das Dorf Rohrberg, dessen Kirchturm von der Sonne scharf
beschienen ber Kirschen-und Weidenbumen hervorsah. Es lag nur ganz wenig
abseits von der Strae. Nher waren zwei Meierhfe, deren jeder in einer migen
Entfernung von der Strae in Wiesen und Feldern prangte. Auch war ein Haus auf
einem Hgel, das weder ein Bauerhaus noch irgend ein Wirtschaftsgebude eines
Brgers zu sein schien, sondern eher dem Landhause eines Stdters glich. Ich
hatte schon frher wiederholt, wenn ich durch die Gegend kam, das Haus
betrachtet, aber ich hatte mich nie nher um dasselbe bekmmert. Jetzt fiel es
mir um so mehr auf, weil es der nchste Unterkunftsplatz von meinem Standorte
aus war, und weil es mehr Bequemlichkeit als die Meierhfe zu geben versprach.
Dazu gesellte sich ein eigentmlicher Reiz. Es war, da schon ein groer Teil des
Landes mit Ausnahme des Rohrberger Kirchturmes im Schatten lag, noch hell
beleuchtet und sah mit einladendem, schimmerndem Wei in das Grau und Blau der
Landschaft hinaus.
    Ich beschlo also, in diesem Hause eine Unterkunft zu suchen.
    Ich forschte dem zu Folge nach einem Wege, der von der Strae auf den Hgel
des Hauses hinauffhren sollte. Nach meiner Kenntnis des Landesgebrauches war es
mir nicht schwer, den mit einem Zaune und mit Gebsch besumten Weg, der von der
Landstrae ab hinauf ging, zu finden. Ich schritt auf demselben empor und kam,
wie ich richtig vermutet hatte, vor das Haus. Es war noch immer von der Sonne
hell beschienen. Allein, da ich nher vor dasselbe trat, hatte ich einen
bewunderungswrdigen Anblick. Das Haus war ber und ber mit Rosen bedeckt, und
wie es in jenem fruchtbaren hgligen Lande ist, da, wenn einmal etwas blht,
gleich alles mit einander blht, so war es auch hier die Rosen schienen sich das
Wort gegeben zu haben, alle zur selben Zeit aufzubrechen, um das Haus in einen
berwurf der reizendsten Farbe und in eine Wolke der sesten Gerche zu hllen.
    Wenn ich sage, das Haus sei ber und ber mit Rosen bedeckt gewesen, so ist
das nicht so wortgetreu zu nehmen. Das Haus hatte zwei ziemlich hohe Geschosse.
Die Wand des Erdgeschosses war bis zu den Fenstern des oberen Geschosses mit den
Rosen bedeckt. Der brige Teil bis zu dem Dache war frei, und er war das
leuchtende weie Band, welches in die Landschaft hinaus geschaut und mich
gewissermaen herauf gelockt hatte. Die Rosen waren an einem Gitterwerke, das
sich vor der Wand des Hauses befand, befestigt. Sie bestanden aus lauter
Bumchen. Es waren winzige darunter, deren Bltter gleich ber der Erde
begannen, dann hhere, deren Stmmchen ber die ersten empor ragten, und so
fort, bis die letzten mit ihren Zweigen in die Fenster des oberen Geschosses
hinein sahen. Die Pflanzen waren so verteilt und gehegt, Da nirgends eine Lcke
entstand, und da die Wand des Hauses, soweit sie reichten, vollkommen von ihnen
bedeckt war.
    Ich hatte eine Vorrichtung dieser Art in einem so groen Mastabe noch nie
gesehen.
    Es waren zudem fast alle Rosengattungen da, die ich kannte, und einige, die
ich noch nicht kannte. Die Farben gingen von dem reinen Wei der weien Rosen
durch das gelbliche und rtliche Wei der bergangsrosen in das zarte Rot und in
den Purpur und in das bluliche und schwrzliche Rot der roten Rosen ber. Die
Gestalten und der Bau wechselten in eben demselben Mae. Die Pflanzen waren
nicht etwa nach Farben eingeteilt, sondern die Rcksicht der Anpflanzung schien
nur die zu sein, da in der Rosenwand keine Unterbrechung statt finden mge. Die
Farben blhten daher in einem Gemische durch einander.
    Auch das Grn der Bltter fiel mir auf. Es war sehr rein gehalten, und kein
bei Rosen fter als bei andern Pflanzen vorkommender belstand der grnen
Bltter und keine der hufigen Krankheiten kam mir zu Gesichte. Kein verdorrtes
oder durch Raupen zerfressenes oder durch ihr Spinnen verkrmmtes Blatt war zu
erblicken. Selbst das bei Rosen so gerne sich einnistende Ungeziefer fehlte.
Ganz entwickelt und in ihren verschiedenen Abstufungen des Grns prangend
standen die Bltter hervor. Sie gaben mit den Farben der Blumen gemischt einen
wunderlichen berzug des Hauses. Die Sonne, die noch immer gleichsam einzig auf
dieses Haus schien, gab den Rosen und den grnen Blttern derselben gleichsam
goldene und feurige Farben.
    Nachdem ich eine Weile, mein Vorhaben vergessend, vor diesen Blumen
gestanden war, ermahnte ich mich und dachte an das Weitere. Ich sah mich nach
einem Eingange des Hauses um. Allein ich erblickte keinen. Die ganze ziemlich
lange Wand desselben hatte keine Tr und kein Tor. Auch durch keinen Weg war der
Eingang zu dem Hause bemerkbar gemacht; denn der ganze Platz vor demselben war
ein reiner, durch den Rechen wohlgeordneter Sandplatz. Derselbe schnitt sich
durch ein Rasenband und eine Hecke von den angrenzenden, hinter meinem Rcken
liegenden Feldern ab. Zu beiden Seiten des Hauses in der Richtung seiner Lnge
setzten sich Grten fort, die durch ein hohes, eisernes, grn angestrichenes
Gitter von dem Sandplatze getrennt waren. In diesen Gittern mute also der
Eingang sein.
    Und so war es auch.
    In dem Gitter, welches dem den Hgel heranfhrenden Wege zunchst lag,
entdeckte ich die Tr oder eigentlich zwei Flgel einer Tr, die dem Gitter so
eingefgt waren, da sie von demselben bei dem ersten Anblicke nicht
unterschieden werden konnten. In den Tren waren die zwei messingenen
Schlogriffe, und an der Seite des einen Flgels ein Glockengriff.
    Ich sah zuerst ein wenig durch das Gitter in den Garten. Der Sandplatz
setzte sich hinter dem Gitter fort, nur war er besumt mit blhenden Gebschen
und unterbrochen mit hohen Obstbumen, welche Schatten gaben. In dem Schatten
standen Tische und Sthle; es war aber kein Mensch bei ihnen gegenwrtig. Der
Garten erstreckte sich rckwrts um das Haus herum und schien mir bedeutend weit
in die Tiefe zu gehen.
    Ich versuchte zuerst die Trgriffe, aber sie ffneten nicht. Dann nahm ich
meine Zuflucht zu dem Glockengriffe und lutete.
    Auf den Klang der Glocke kam ein Mann hinter den Gebschen des Gartens gegen
mich hervor. Als er an der innern Seite des Gitters vor mir stand, sah ich, Da
es ein Mann mit schneeweien Haaren war, die er nicht bedeckt hatte. Sonst war
er unscheinbar, und hatte eine Art Hausjacke an, oder wie man das Ding nennen
soll, das ihm berall enge anlag und fast bis auf die Knie herab reichte. Er sah
mich einen Augenblick an, da er zu mir herangekommen war, und sagte dann: Was
wollt Ihr, lieber Herr?
    Es ist ein Gewitter im Anzuge, antwortete ich, und es wird in kurzem ber
diese Gegend kommen. Ich bin ein Wandersmann, wie Ihr an meinem Rnzchen seht,
und bitte daher, Da mir in diesem Hause so lange ein Obdach gegeben werde, bis
der Regen oder wenigstens der schwerere vorber ist.
    Das Gewitter wird nicht zum Ausbruch kommen, sagte der Mann.
    Es wird keine Stunde dauern, da es kommt, entgegnete ich, ich bin mit
diesen Gebirgen sehr wohl bekannt, und verstehe mich auch auf die Wolken und
Gewitter derselben ein wenig.
    Ich bin aber mit dem Platze, auf welchem wir stehen, aller
Wahrscheinlichkeit nach weit lnger bekannt als Ihr mit dem Gebirge, da ich viel
lter bin als Ihr, antwortete er, ich kenne auch seine Wolken und Gewitter,
und wei, da heute auf dieses Haus, diesen Garten und diese Gegend kein Regen
niederfallen wird.
    Wir wollen nicht lange darber Meinungen hegen, ob ein Gewitter dieses Haus
netzen wird oder nicht, sagte ich; wenn Ihr Anstand nehmet, mir dieses
Gittertor zu ffnen, so habet die Gte und ruft den Herrn des Hauses herbei.
    Ich bin der Herr des Hauses.
    Auf dieses Wort sah ich mir den Mann etwas nher an. Sein Angesicht zeigte
zwar auch auf ein vorgercktes Alter; aber es schien mir jnger als die Haare,
und gehrte berhaupt zu jenen freundlichen, wohlgefrbten, nicht durch das Fett
der vorgerckteren Jahre entstellten Angesichtern, von denen man nie wei, wie
alt sie sind. Hierauf sagte ich: Nun mu ich wohl um Verzeihung bitten, da ich
so zudringlich gewesen bin, ohne weiteres auf die Sitte des Landes zu bauen.
Wenn Eure Behauptung, da kein Gewitter kommen werde, einer Ablehnung gleich
sein soll, werde ich mich augenblicklich entfernen. Denkt nicht, da ich als
junger Mann den Regen so scheue; es ist mir zwar nicht so angenehm, durchnt zu
werden, als trocken zu bleiben, es ist mir aber auch nicht so unangenehm, da
ich deshalb jemanden zur Last fallen sollte. Ich bin oft von dem Regen getroffen
worden, und es liegt nichts daran, wenn ich auch heute getroffen werde.
    Das sind eigentlich zwei Fragen, antwortete der Mann, und ich mu auf
beide etwas entgegnen. Das erste ist, Da Ihr in Naturdingen eine Unrichtigkeit
gesagt habt, was vielleicht daher kommt, da Ihr die Verhltnisse dieser Gegend
zu wenig kennt, oder auf die Vorkommnisse der Natur nicht genug achtet. Diesen
Irrtum mute ich berichtigen; denn in Sachen der Natur mu auf Wahrheit gesehen
werden. Das zweite ist, da, wenn Ihr mit oder ohne Gewitter in dieses Haus
kommen wollt, und wenn Ihr gesonnen seid, seine Gastfreundschaft anzunehmen, ich
sehr gerne willfahren werde. Dieses Haus hat schon manchen Gast gehabt, und
manchen gerne beherbergt; und wie ich an Euch sehe, wird es auch Euch gerne
beherbergen und so lange verpflegen, als Ihr es fr ntig erachten werdet. Darum
bitte ich Euch, tretet ein.
    Mit diesen Worten tat er einen Druck am Schlosse des Torflgels, der Flgel
ffnete sich, drehte sich mit einer Rolle auf einer halbkreisartigen
Eisenschiene und gab mir Raum zum Eintreten.
    Ich blieb nun einen Augenblick unentschlossen.
    Wenn das Gewitter nicht kmmt, sagte ich, so habe ich im Grunde keine
Ursache, hier einzutreten; denn ich bin nur des anziehenden Gewitters willen von
der Landstrae abgewichen und zu diesem Hause heraufgestiegen. Aber verzeiht
mir, wenn ich noch einmal die Frage anrege. Ich bin beinahe eine Art
Naturforscher, und habe mich mehrere Jahre mit Naturdingen, mit Beobachtungen
und namentlich mit diesem Gebirge beschftigt, und meine Erfahrungen sagen mir,
da heute ber diese Gegend und dieses Haus ein Gewitter kommen wird.
    Nun mt Ihr eigentlich vollends herein gehen, sagte er, jetzt handelt es
sich darum, da wir gemeinschaftlich abwarten, wer von uns beiden recht hat. Ich
bin zwar kein Naturforscher, und kann von mir nicht sagen, da ich mich mit
Naturwissenschaften beschftigt habe; aber ich habe manches ber diese
Gegenstnde gelesen, habe whrend meines Lebens mich bemht, die Dinge zu
beobachten und ber das Gelesene und Gesehene nachzudenken. In Folge dieser
Bestrebungen habe ich heute die unzweideutigen Zeichen gesehen, da die Wolken,
welche jetzt noch gegen Sonnenuntergang stehen, welche schon einmal gedonnert
haben, und von denen Ihr veranlat worden seid, zu mir herauf zu steigen, nicht
ber dieses Haus und berhaupt ber keine Gegend einen Regen bringen werden. Sie
werden sich vielleicht, wenn die Sonne tiefer kmmt, verteilen, und werden
zerstreut am Himmel herum stehen. Abends werden wir etwa einen Wind spren, und
morgen wird gewi wieder ein schner Tag sein. Es knnte sich zwar ereignen, da
einige schwere Tropfen fallen, oder ein kleiner Sprhregen nieder geht; aber
gewi nicht auf diesen Hgel.
    Da die Sache so ist, erwiderte ich, trete ich gerne ein, und harre mit
Euch gerne der Entscheidung, auf die ich begierig bin.
    Nach diesen Worten trat ich ein, er schlo das Gitter, und sagte, er wolle
mein Fhrer sein.
    Er fhrte mich um das Haus herum; denn in der den Rosen entgegengesetzten
Seite war die Tr. Er fhrte mich durch dieselbe ein, nachdem er sie mit einem
Schlssel geffnet hatte. Hinter der Tr erblickte ich einen Gang, welcher mit
Ammonitenmarmor gepflastert war.
    Dieser Eingang, sagte er, ist eigentlich der Haupteingang; aber da ich
mir nicht gerne das Pflaster des Ganges verderben lasse, halte ich ihn immer
gesperrt, und die Leute gehen durch eine Tr in die Zimmer, welche wir finden
wrden, wenn wir noch einmal um die Ecke des Hauses gingen. Des Pflasters willen
mu ich Euch auch bitten, diese Filzschuhe anzuziehen.
    Es standen einige Paare gelblicher Filzschuhe gleich innerhalb der Tr.
Niemand konnte mehr als ich von der Notwendigkeit berzeugt sein, diesen so
edlen und schnen Marmor zu schonen, der an sich so vortrefflich ist und hier
ganz meisterhaft geglttet war. Ich fuhr daher mit meinen Stiefeln in ein Paar
solcher Schuhe, er tat desgleichen, und so gingen wir ber den glatten Boden.
Der Gang, welcher von oben beleuchtet war, fhrte zu einer braunen getfelten
Tr. Vor derselben legte er die Filzschuhe ab, verlangte von mir, Da ich
dasselbe tue, und nachdem wir uns auf dem hlzernen Antritte der Tr der
Filzschuhe entledigt hatten, ffnete er dieselbe und fhrte mich in ein Zimmer.
Dem Ansehen nach war es ein Speisezimmer; denn in der Mitte desselben stand ein
Tisch, an dessen Bauart man sah, da er vergrert oder verkleinert werden
knne, je nachdem eine grere oder kleinere Anzahl von Personen um ihn sitzen
sollte. Auer dem Tische befanden sich nur Sthle in dem Zimmer und ein Schrein,
in welchem die Speisegertschaften enthalten sein konnten.
    Legt in diesem Zimmer, sagte der Mann, Euern Hut, Euern Stock und Euer
Rnzlein ab, ich werde Euch dann in ein anderes Gemach fahren, in welchem Ihr
ausruhen knnt.
    Als er dies gesagt und ich ihm Folge geleistet hatte, trat er zu einer
breiten Strohmatte und zu Fubrsten, die sich am Ausgange des Zimmers befanden,
reinigte sich an beiden sehr sorgsam seine Fubekleidung, und lud mich ein,
dasselbe zu tun. Ich tat es, und da ich fertig war, ffnete er die Ausgangstr,
die ebenfalls braun und getfelt war, und fhrte mich durch ein Vorgemach in ein
Ausruhezimmer, welches an der Seite des Vorgemaches lag.
    Dieses Vorgemach, sagte er, ist der eigentliche Eingang in das
Speisezimmer, und man kommt von der andern Tr in dasselbe.
    Das Ausruhezimmer war ein freundliches Gemach, und schien recht eigens zum
Sitzen und Ruhehalten bestimmt. Es befate nichts als lauter Tische und Sitze.
Auf den Tischen lagen aber nicht, wie es hufig in unsern Besuchzimmern
vorkmmt, Bcher oder Zeichnungen und dergleichen Dinge, sondern die Tafeln
derselben waren unbedeckt, und waren ausnehmend gut geglttet und gereinigt. Sie
waren von dunklem Mahagoniholze, das in der Zeit noch mehr nachgedunkelt war.
Ein einziges Gerte war da, welches kein Tisch und kein Sitz war, ein Gestelle
mit mehreren Fchern, welches Bcher enthielt. An den Wnden hingen
Kupferstiche.
    Hier knnt Ihr ausruhen, wenn Ihr vom Gehen mde seid, oder berhaupt ruhen
wollt, sagte der Mann, ich werde gehen und sorgen, da man Euch etwas zu essen
bereitet. Ihr mt wohl eine Weile allein bleiben. Auf dem Gestelle liegen
Bcher, wenn Ihr etwa ein wenig in dieselben blicken wollet.
    Nach diesen Worten entfernte er sich.
    Ich war in der Tat mde und setzte mich nieder.
    Als ich sa, konnte ich den Grund einsehen, weshalb der Mann vor dem
Eintritte in dieses Zimmer so sehr seine Fubekleidung gereinigt und mir den
Wunsch zu gleicher Reinigung ausgedrckt hatte. Das Zimmer enthielt nmlich
einen schn getfelten Fuboden, wie ich nie einen gleichen gesehen hatte. Es
war beinahe ein Teppich aus Holz. Ich konnte das Ding nicht genug bewundern. Man
hatte lauter Holzgattungen in ihren natrlichen Farben zusammengesetzt und sie
in ein Ganzes von Zeichnungen gebracht. Da ich von den Gerten meines Vaters her
an solche Dinge gewohnt war und sie etwas zu beurteilen verstand, sah ich ein,
da man alles nach einem in Farben ausgefhrten Plane gemacht haben mute,
welcher Plan mir selber wie ein Meisterstck erschien. Ich dachte, da drfe ich
ja gar nicht aufstehen und auf der Sache herum gehen, besonders wenn ich die
Ngel in Anschlag brachte, mit denen meine Gebirgsstiefel beschlagen waren. Auch
hatte ich keine Veranlassung zum Aufstehen, da mir die Ruhe nach einem ziemlich
langen Gange sehr angenehm war.
    Da sa ich nun in dem weien Hause, zu welchem ich hinauf gestiegen war, um
in ihm das Gewitter abzuwarten.
    Es schien noch immer die Sonne auf das Haus, blickte durch die Fenster
dieses Zimmers schief herein, und legte lichte Tafeln auf den schnen Fuboden
desselben.
    Als ich eine Weile gesessen war, bemchtigte sich meiner eine seltsame
Empfindung, welche ich mir anfangs nicht zu erklren vermochte. Es war mir
nmlich, als sitze ich nicht in einem Zimmer, sondern im Freien, und zwar in
einem stillen Walde. Ich blickte gegen die Fenster, um mir das Ding zu erklren;
aber die Fenster erteilten die Erklrung nicht: ich sah durch sie ein Stck
Himmel, teils rein, teils etwas bewlkt, und unter dem Himmel sah ich ein Stck
Gartengrn von emporragenden Bumen, ein Anblick, den ich wohl schon sehr oft
gehabt hatte. Ich sprte eine reine, freie Luft mich umgeben. Die Ursache davon
war, da die Fenster des Zimmers in ihren oberen Teilen offen waren. Diese
oberen Teile konnten nicht nach innen geffnet werden, wie das gewhnlich der
Fall ist, sondern waren nur zu verschieben, und zwar so, da einmal Glas in dem
Rahmen vorgeschoben werden konnte, ein anderes Mal ein zarter Flor von
wei-grauer Seide. Da ich in dem Zimmer sa, war das letztere der Fall. Die Luft
konnte frei herein strmen, Fliegen und Staub waren aber ausgeschlossen.
    Wenn nun gleich die reine Luft eine Mahnung des Freien gab, sah ich doch
hierin nicht die vllige Erklrung allein. Ich bemerkte noch etwas anderes. In
dem Zimmer, in welchem ich mich befand, hrte man nicht den geringsten Laut
eines bewohnten Hauses, den man doch sonst, es mag im Hause noch so ruhig sein,
mehr oder weniger in Zwischenrumen vernimmt. Diese Art Abwesenheit huslichen
Gerusches verbarg allerdings die Nachbarschaft bewohnter Rume, konnte aber
eben so wenig als die freie Luft die Waldempfindung geben.
    Endlich glaubte ich auf den Grund gekommen zu sein. Ich hrte nmlich fast
ununterbrochen bald nher bald ferner, bald leiser bald lauter vermischten
Vogelgesang. Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf diese Wahrnehmung, und
erkannte bald, da der Gesang nicht blo von Vgeln herrhre, die in der Nhe
menschlicher Wohnungen hausen, sondern auch von solchen, deren Stimme und
Zwitschern mir nur aus den Wldern und abgelegenen Bebuschungen bekannt war.
Dieses wenig auffallende, mir aus meinem Gebirgsaufenthalte bekannte und von mir
in der Tat nicht gleich beachtete Getn mochte wohl die Hauptursache meiner
Tuschung gewesen sein, obwohl die Stille des Raumes und die reine Luft auch
mitgewirkt haben konnten. Da ich nun genauer auf dieses gelegentliche
Vogelzwitschern achtete, fand ich wirklich, da Tne sehr einsamer und immer in
tiefen Wldern wohnender Vgel vorkamen. Es nahm sich dies wunderlich in einem
bewohnten und wohleingerichteten Zimmer aus.
    Da ich aber nun den Grund meiner Empfindung aufgefunden hatte, oder
aufgefunden zu haben glaubte, war auch ein groer Teil ihrer Dunkelheit und
mithin Annehmlichkeit verschwunden.
    Wie ich nun so fortwhrend auf den Vogelgesang merkte, fiel mir sogleich
auch etwas anderes ein. Wenn ein Gewitter im Anzuge ist und schwle Lfte in dem
Himmelsraume stocken, schweigen gewhnlich die Waldvgel. Ich erinnerte mich,
da ich in solchen Augenblicken oft in den schnsten, dichtesten, entlegensten
Wldern nicht den geringsten Laut gehrt habe, etwa ein einmaliges oder
zweimaliges Hmmern des Spechtes ausgenommen oder den kurzen Schrei jenes
Geiers, den die Landleute Gievogel nennen. Aber selbst er schweigt, wenn das
Gewitter in unmittelbarer Annherung ist. Nur bei den Menschen wohnende Vgel,
die das Gewitter frchten wie er, oder solche, die im weiten Freien hausen und
vielleicht dessen majesttische Annherung bewundern, zeigen sein Bevorstehen
an. So habe ich Schwalben vor den dicken Wolken eines heraufsteigenden Gewitters
mit ihrem weien Bauchgefieder kreuzen gesehen und selbst schreien gehrt, und
so habe ich Lerchen singend gegen die dunkeln Gewitterwolken aufsteigen gesehen.
Das Singen der Waldvgel erschien mir nun als ein schlimmes Zeichen fr meine
Voraussagung eines Gewitters. Auch fiel mir auf, da sich noch immer keine
Merkmale des Ausbruches zeigten, welchen ich nicht fr so ferne gehalten hatte,
als ich die Landstrae verlie. Die Sonne schien noch immer auf das Haus, und
ihre glnzenden Lichttafeln lagen noch immer auf dem schnen Fuboden des
Zimmers.
    Mein Beherberger schien es darauf angelegt zu haben, mich lange allein zu
lassen, wahrscheinlich, um mir Raum zur Ruhe und Bequemlichkeit zu geben; denn
er kam nicht so bald zurck, als ich nach seiner uerung erwartet hatte.
    Als ich eine geraume Weile gesessen war, und das Sitzen anfing, mir nicht
mehr jene Annehmlichkeit zu gewhren wie anfangs, stand ich auf und ging auf den
Fuspitzen, um den Boden zu schonen, zu dem Bchergestelle, um die Bcher
anzusehen. Es waren aber blo beinahe lauter Dichter. Ich fand Bnde von Herder,
Lessing, Goethe, Schiller, bersetzungen Shakespeares von Schlegel und Tieck,
einen griechischen Odysseus, dann aber auch etwas aus Ritters Erdbeschreibung,
aus Johannes Mllers Geschichte der Menschheit und aus Alexander und Wilhelm
Humboldt. Ich tat die Dichter bei Seite, und nahm Alexander Humboldts Reise in
die quinoktiallnder, die ich zwar schon kannte, in der ich aber immer gerne
las. Ich begab mich mit meinem Buche wieder zu meinem Sitze zurck.
    Als ich nicht gar kurze Zeit gelesen hatte, trat mein Beherberger herein.
    Ich hatte, weil er so lange abwesend war, gedacht, er werde sich etwa auch
umgekleidet haben, weil er doch nun einmal einen Gast habe, und weil sein Anzug
so gar unbedeutend war. Aber er kam in den nmlichen Kleidern zurck, in welchen
er vor mir an dem Gittertore gestanden war.
    Er entschuldigte sein Auenbleiben nicht, sondern sagte, ich mchte, wenn
ich ausgeruht htte und es mir genehm wre zu speisen, ihm in das Speisezimmer
folgen, es wrde dort fr mich aufgetragen werden.
    Ich sagte, ausgeruht htte ich schon; aber ich sei nur gekommen, um um
Unterstand zu bitten, nicht aber auch in anderer Weise, besonders in Hinsicht
von Speise und Trank lstig zu fallen.
    Ihr fallt nicht lstig, antwortete der Mann, Ihr mt etwas zu essen
bekommen, besonders da Ihr so lange da bleiben mt, bis sich die Sache wegen
des Gewitters entschieden hat. Da schon Mittag vorber ist, wir aber genau mit
der Mittagstunde des Tages zu Mittag essen, und von da bis zu dem Abendessen
nichts mehr aufgetragen wird, so mu fr Euch, wenn Ihr nicht bis abends warten
sollet, besonders aufgetragen werden. Solltet Ihr aber schon zu Mittag gegessen
haben und bis abends warten wollen, so fodert es doch die Ehre des Hauses, da
Euch etwas geboten werde, Ihr mget es dann annehmen oder nicht. Folgt mir daher
in das Speisezimmer.
    Ich legte das Buch neben mich auf den Sitz, und schickte mich an zu gehen.
    Er aber nahm das Buch, und legte es auf seinen Platz in dem Bchergestelle.
    Verzeiht, sagte er, es ist bei uns Sitte, da die Bcher, die auf dem
Gestelle sind, damit jemand, der in dem Zimmer wartet oder sich sonst aufhlt,
bei Gelegenheit und nach Wohlgefallen etwas lesen kann, nach dem Gebrauche
wieder auf das Gestelle gelegt werden, damit das Zimmer die ihm zugehrige
Gestalt behalte.
    Hierauf ffnete er die Tr und lud mich ein, in das mir bekannte
Speisezimmer voraus zu gehen.
    Als wir in demselben angelangt waren, sah ich, da in ausgezeichnet schnen
weien Linnen gedeckt sei, und zwar nur ein Gedecke, da sich eingemachte
Frchte, Wein, Wasser und Brod auf dem Tische befanden, und in einem Gefe
verkleinertes Eis war, es in den Wein zu tun. Mein Rnzlein und meinen
Schwarzdornstock sah ich nicht mehr, mein Hut aber lag noch auf seinem Platze.
    Mein Begleiter tat aus einer der Taschen seines Kleides ein, wie ich
vermutete, silbernes Glcklein hervor und lutete. Sofort erschien eine Magd und
brachte ein gebratenes Huhn und schnen rotgesprenkelten Kopfsalat.
    Mein Gastherr lud mich ein, mich zu setzen und zu essen.
    Da es so freundlich geboten war, nahm ich es an. Obwohl ich wirklich schon
einmal gegessen hatte, so war das vor dem Mittag gewesen, und ich war durch das
Wandern wieder hungrig geworden. Ich geno daher von dem Aufgesetzten.
    Mein Beherberger setzte sich zu mir, leistete mir Gesellschaft, a und trank
aber nichts.
    Da ich fertig war und die Egerte hingelegt hatte, bot er mir an, wenn ich
nicht zu mde sei, mich in den Garten zu fahren.
    Ich nahm es an.
    Er lutete wieder mit dem Glcklein, um den Befehl zu geben, da man
abrume, und fhrte mich nun nicht durch den Gang, durch welchen wir herein
gekommen waren, sondern durch einen mit gewhnlichen Steinen gepflasterten in
den Garten. Er hatte jetzt ein kleines Hubchen von durchbrochener Arbeit auf
seinen weien Haaren, wie man sie gerne Kindern aufsetzt, um ihre Locken
gleichsam wie in einem Netze einzufangen.
    Als wir in das Freie kamen, sah ich, da, whrend ich a, die Sonne auf das
Haus zu scheinen aufgehrt hatte, sie war von der Gewitterwand berholt worden.
Auf dem Garten so wie auf der Gegend lag der warme, trockene Schatten, wie er
bei solchen Gelegenheiten immer erscheint. Aber die Gewitterwand hatte sich
whrend meines Aufenthaltes in dem Hause wenig verndert, und gab nicht die
Aussicht auf baldigen Ausbruch des Regens.
    Ein Umblick berzeugte mich sogleich, da der Garten hinter dem Hause sehr
gro sei. Er war aber kein Garten, wie man sie gerne hinter und neben den
Landhusern der Stdter anlegt, nmlich, da man unfruchtbare oder hchstens
Zierfrchte tragende Gebsche und Bume pflegt und zwischen ihnen Rasen und
Sandwege oder einige Blumenhgel oder Blumenkreise herrichtet, sondern es war
ein Garten, der mich an den meiner Eltern bei dem Vorstadthause erinnerte. Es
war da eine weitlufige Anlage von Obstbumen, die aber hinlnglich Raum lieen,
da fruchtbare oder auch nur zum Blhen bestimmte Gestruche dazwischen stehen
konnten, und da Gemse und Blumen vollstndig zu gedeihen vermochten. Die
Blumen standen teils in eigenen Beeten, teils liefen sie als Einfriedigung hin,
teils befanden sie sich auf eigenen Pltzen, wo sie sich schn darstellten. Mich
empfingen von je her solche Grten mit dem Gefhle der Huslichkeit und
Ntzlichkeit, whrend die anderen einerseits mit keiner Frucht auf das Haus
denken, und andererseits wahrhaftig auch kein Wald sind. Was zur Rosenzeit
blhen konnte, blhte und duftete, und weil eben die schweren Wolken am Himmel
standen, so war aller Duft viel eindringender und strker. Dies deutete doch
wieder auf ein Gewitter hin.
    Nahe bei dem Hause befand sich ein Gewchshaus. Es zeigte uns aber gegen den
Weg, auf dem wir gingen, nicht seine Lnge, sondern seine Breite hin. Auch diese
Breite, welche teilweise Gebsche deckten, war mit Rosen bekleidet, und sah aus
wie ein Rosenhuschen im kleinen.
    Wir gingen einen gerumigen Gang, der mitten durch den Garten lief, entlang.
Er war anfangs eben, zog sich aber dann sachte aufwrts.
    Auch im Garten waren die Rosen beinahe herrschend. Entweder stand hie und da
auf einem geeigneten Platze ein einzelnes Bumchen, oder es waren Hecken nach
gewissen Richtungen angelegt, oder es zeigten sich Abteilungen, wo sie gute
Verhltnisse zum Gedeihen fanden und sich dem Auge angenehm darstellen konnten.
Eine Gruppe von sehr dunkeln, fast violetten Rosen war mit einem eigenen
zierlichen Gitter umgeben, um sie auszuzeichnen oder zu schtzen. Alle Blumen
waren wie die vor dem Hause besonders rein und klar entwickelt, sogar die
verblhenden erschienen in ihren Blttern noch kraftvoll und gesund.
    Ich machte in Hinsicht des letzten Umstandes eine Bemerkung.
    Habt Ihr denn nie eine jener alten Frauen gesehen, sagte mein Begleiter,
die in ihrer Jugend sehr schn gewesen waren und sich lange krftig erhalten
haben. Sie gleichen diesen Rosen. Wenn sie selbst schon unzhlige kleine Falten
in ihrem Angesichte haben, so ist doch noch zwischen den Falten die Anmut
herrschend und eine sehr schne, liebe Farbe.
    Ich antwortete, da ich das noch nie beobachtet htte, und wir gingen
weiter.
    Es waren auer den Rosen noch andere Blumen im Garten. Ganze Beete von
Aurikeln standen an schattigen Orten. Sie waren wohl lngst verblht, aber ihre
starken grnen Bltter zeigten, da sie in guter Pflege waren. Hie und da stand
eine Lilie an einer einsamen Stelle, und wohl entwickelte Nelken prangten in
Tpfen auf einem eigenen Schragen, an dem Vorrichtungen angebracht waren, die
Blumen vor Sonne zu bewahren. Sie waren noch nicht aufgeblht, aber die Knospen
waren weit vorgerckt und lieen treffliche Blumen ahnen. Es mochten nur die
auserwhlten auf dem Schragen stehen; denn ich sah die Schule dieser Pflanzen,
als wir etwas weiter kamen, in langen, weithingehenden Beeten angelegt. Sonst
waren die gewhnlichen Gartenblumen da, teils in Beeten, teils auf kleinen
abgesonderten Pltzen, teils als Einfassungen. Besonders schien sich auch die
Levkoje einer Vorliebe zu erfreuen, denn sie stand in groer Anzahl und
Schnheit, so wie in vielen Arten da. Ihr Duft ging wohltuend durch die Lfte.
Selbst in Tpfen sah ich diese Blume gepflegt und an zutrgliche Orte gestellt.
Was an Zwiebelgewchsen, Hyazinthen, Tulpen und dergleichen, vorhanden gewesen
sein mochte, konnte ich nicht ermessen, da die Zeit dieser Blumen lngst vorber
war.
    Auch die Zeit der Bltengestruche war vorber, und sie standen nur mit
ihren grnen Blttern am Wege oder an ihren Stellen.
    Die Gemse nahmen die weiten und greren Rume ein. Zwischen ihnen und an
ihren Seiten liefen Anpflanzungen von Erdbeeren. Sie schienen besonders gehegt,
waren hufig aufgebunden, und hatten Blechtfelchen zwischen sich, auf denen die
Namen standen.
    Die Obstbume waren durch den ganzen Garten verteilt, wir gingen an vielen
vorber. Auch an ihnen, besonders aber an den zahlreichen Zwergbumen sah ich
weie Tfelchen mit Namen.
    An manchen Bumen erblickte ich kleine Kstchen von Holz, bald an dem
Stamme, bald in den Zweigen. In unserem Oberlande gibt man den Staren gerne
solche Behlter, damit sie ihr Nest in dieselben bauen. Die hier befindlichen
Behltnisse waren aber anderer Art. Ich wollte fragen, aber in der Folge des
Gesprches verga ich wieder darauf.
    Da wir in dem Garten so fortgingen, hrte ich besonders aus seinem
bebuschten Teile wieder die Vogelstimmen, die ich in dem Wartezimmer gehrt
hatte, nur hier deutlicher und heller.
    Auch ein anderer Umstand fiel mir auf, da wir schon einen groen Teil des
Gartens durchwandert hatten; ich bemerkte nmlich gar keinen Raupenfra. Whrend
meines Ganges durch das Land hatte ich ihn aber doch gesehen, obwohl er mir, da
er nicht auerordentlich war und keinen Obstmiwachs befrchten lie, nicht
besonders aufgefallen war. Bei der Frische der Belaubung dieses Gartens fiel er
mir wieder ein. Ich sah das Laub deshalb nher an, und glaubte zu bemerken, da
es auch vollkommener sei als anderwrts, das grne Blatt war grer und dunkler,
es war immer ganz, und die grnen Kirschen und die kleinen pfelchen und
Birnchen sahen recht gesund daraus hervor. Ich betrachtete, durch diese Tatsache
aufmerksam gemacht, nun auch den Kohl genauer, der nicht weit von unserm Wege
stand. An ihm zeigte keine kahle Rippe, da die Raupe des Weilings genagt habe.
Die Bltter waren ganz und schn. Ich nahm mir vor, diese Beobachtung gegen
meinen Begleiter gelegentlich zur Sprache zu bringen.
    Wir waren mittlerweile bis an das Ende der Pflanzungen gelangt, und es
begann Rasengrund, der steiler anstieg, anfangs mit Bumen besetzt war, weiter
oben aber kahl fortlief.
    Wir stiegen auf ihm empor.
    Da wir auf eine ziemliche Hhe gelangt waren und Bume die Aussicht nicht
mehr hinderten, blieb ich ein wenig stehen, um den Himmel zu betrachten. Mein
Begleiter hielt ebenfalls an. Das Gewitter stand nicht mehr gegen
Sonnenuntergang allein, sondern jetzt berall. Wir hrten auch entfernten
Donner, der sich fter wiederholte.
    Wir hrten ihn bald gegen Sonnenuntergang, bald gegen Mittag, bald an Orten,
die wir nicht angeben konnten.
    Mein Mann mute seiner Sache sehr sicher sein; denn ich sah, da in dem
Garten Arbeiter sehr eitrig an den mehreren Ziehbrunnen zogen, um das Wasser in
die durch den Garten laufenden Rinnen zu leiten, und aus diesen in die
Wasserbehlter. Ich sah auch bereits Arbeiter gehen, ihre Giekannen in den
Wasserbehltern fllen und ihren Inhalt auf die Pflanzenbeete ausstreuen. Ich
war sehr begierig auf den Verlauf der Dinge, sagte aber gar nichts, und mein
Begleiter schwieg auch.
    Wir gingen nach kurzem Stillstande auf dem Rasengrunde wieder weiter
aufwrts, und zuletzt ziemlich steil.
    Endlich hatten wir die hchste Stelle erreicht, und mit ihr auch das Ende
des Gartens. Jenseits senkte sich der Boden wieder sanft abwrts. Auf diesem
Platze stand ein sehr groer Kirschbaum, der grte Baum des Gartens, vielleicht
der grte Obstbaum der Gegend. Um den Stamm des Baumes lief eine Holzbank, die
vier Tischchen nach den vier Weltgegenden vor sich hatte, da man hier ausruhen,
die Gegend besehen, oder lesen und schreiben konnte. Man sah an dieser Stelle
fast nach allen Richtungen des Himmels. Ich erinnerte mich nun ganz genau, da
ich diesen Baum wohl frher bei meinen Wanderungen von der Strae oder von
anderen Stellen aus gesehen hatte. Er war wie ein dunkler, ausgezeichneter Punkt
erschienen, der die hchste Stelle der Gegend krnte. Man mute an heiteren
Tagen von hier aus die ganze Gebirgskette im Sden sehen, jetzt aber war nichts
davon zu erblicken; denn alles flo in eine einzige Gewittermasse zusammen.
Gegen Mitternacht erschien ein freundlicher Hhenzug, hinter welchem nach meiner
Schtzung das Stdtchen Landegg liegen mute.
    Wir setzten uns ein wenig auf das Banklein. Es schien, da man an diesem
Pltzchen niemals vorber gehen konnte, ohne sich zu setzen und eine kleine
Umschau zu halten; denn das Gras war um den Baum herum abgetreten, da der kahle
Boden hervorsah, wie wenn ein Weg um den Baum ginge. Man mute sich daher gerne
an diesem Platze versammeln.
    Als wir kaum ein Weilchen ausgeruht hatten, sah ich eine Gestalt aus den
nicht sehr entfernten Bschen und Bumen hervortreten und gegen uns empor gehen.
Da sie etwas nher gekommen war, erkannte ich, da es ein Gemische von Knabe und
Jngling war. Zuweilen htte man meinen knnen, der Ankommende sei ganz ein
Jngling, und zuweilen, er sei noch ganz ein Knabe. Er trug ein blau- und
weigestreiftes Leinenzeug als Bekleidung, um den Hals hatte er nichts, und auf
dem Haupte auch nichts als eine dichte Menge brauner Locken.
    Da er herzugekommen war, sagte er: Ich sehe, da du mit einem fremden Manne
beschftigt bist, ich werde dich also nicht stren und wieder in den Garten
hinab gehen.
    Tue das, sagte mein Begleiter.
    Der Knabe machte eine schnelle und leichte Verbeugung gegen mich, wendete
sich um, und ging in derselben Richtung wieder zurck, in der er gekommen war.
    Wir blieben noch sitzen.
    Am Himmel nderte sich indessen wenig. Dieselbe Wolkendecke stand da, und
wir hrten denselben Donner. Nur da die Decke dunkler geworden zu sein schien,
so wurde jetzt zuweilen auch ein Blitz sichtbar.
    Nach einer Zeit sagte mein Begleiter: Eure Reise hat wohl nicht einen
Zweck, der durch den Aufenthalt von einigen Stunden oder von einem Tage oder von
einigen Tagen gestrt wrde.
    Es ist so, wie Ihr gesagt habt, antwortete ich, mein Zweck ist, soweit
meine Krfte reichen, wissenschaftliche Bestrebungen zu verfolgen, und nebenbei,
was ich auch nicht fr unwichtig halte, das Leben in der freien Natur zu
genieen.
    Dieses Letzte ist in der Tat auch nicht unwichtig, versetzte mein Nachbar,
und da Ihr Euren Reisezweck bezeichnet habt, so werdet Ihr gewi einwilligen,
wenn ich Euch einlade, heute nicht mehr weiter zu reisen, sondern die Nacht in
meinem Hause zuzubringen. Wnschet Ihr dann am morgigen Tage und an mehreren
darauf folgenden noch bei mir zu verweilen, so steht es nur bei Euch, so zu
tun.
    Ich wollte, wenn das Gewitter auch lange angedauert htte, doch heute noch
nach Rohrberg gehen, sagte ich. Da Ihr aber auf eine so freundliche Weise
gegen einen unbekannten Reisenden verfahrt, so sage ich gerne zu, die heutige
Nacht in Eurem Hause zuzubringen, und bin Euch dafr dankbar. Was morgen sein
wird, darber kann ich noch nicht entscheiden, weil das Morgen noch nicht da
ist.
    So haben wir also fr die kommende Nacht abgeschlossen, wie ich gleich
gedacht habe, sagte mein Begleiter, Ihr werdet wohl bemerkt haben, da Euer
Rnzlein und Euer Wanderstock nicht mehr in dem Speisezimmer waren, als Ihr zum
Essen dahin kamet.
    Ich habe es wirklich bemerkt, antwortete ich.
    Ich habe beides in Euer Zimmer bringen lassen, sagte er, weil ich schon
vermutete, da Ihr diese Nacht in unserm Hause zubringen wrdet.

                              4. Die Beherbergung


Nach einer Weile sagte mein Gastfreund: Da Ihr nun meine Nachtherberge
angenommen habt, so knnten wir von diesem Baume auch ein wenig in das Freie
gehen, da Ihr die Gegend besser kennen lernet. Wenn das Gewitter zum Ausbruche
kommen sollte, so kennen wir wohl beide die Anzeichen genug, da wir rechtzeitig
umkehren, um ungefhrdet das Haus zu erreichen.
    So kann es geschehen, sagte ich, und wir standen von dem Bnkchen auf.
    Einige Schritte hinter dem Kirschbaume war der Garten durch eine starke
Planke von der Umgebung getrennt. Als wir zu dieser Planke gekommen waren, zog
mein Begleiter einen Schlssel aus der Tasche, ffnete ein Pfrtchen, wir traten
hinaus, und er schlo hinter uns das Pfrtchen wieder zu.
    Hinter dem Garten fingen Felder an, auf denen die verschiedensten Getreide
standen. Die Getreide, welche sonst wohl bei dem geringsten Luftzuge zu wanken
beginnen mochten, standen ganz stille und pfeilrecht empor, das feine Haar der
hren, ber welches unsere Augen streiften, war gleichsam in einem unbeweglichen
goldgrnen Schimmer.
    Zwischen dem Getreide lief ein Fupfad durch. Derselbe war breit und
ziemlich ausgetreten. Er ging den Hgel entlang, nicht steigend und nicht
sinkend, so da er immer auf dem hchsten Teile der Anhhe blieb. Auf diesem
Pfade gingen wir dahin.
    Zu beiden Seiten des Weges stand glhroter Mohn in dem Getreide, und auch
erregte die leichten Bltter nicht.
    Es war berall ein Zirpen der Grillen; aber dieses war gleichsam eine andere
Stille, und erhhte die Erwartung, die aller Orten war. Durch die ber den
ganzen Himmel liegende Wolkendecke ging zuweilen ein tiefes Donnern, und ein
blasser Blitz lftete zeitweilig ihr Dunkel.
    Mein Begleiter ging ruhig neben mir, und strich manchmal sachte mit der Hand
an den grnen hren des Getreides hin. Er hatte sein Netz von den weien Haaren
abgenommen, hatte es in die Tasche gesteckt, und trug sein Haupt unbedeckt in
der milden Luft.
    Unser Weg fhrte uns zu einer Stelle, auf welcher kein Getreide stand. Es
war ein ziemlich groer Platz, der nur mit sehr kurzem Grase bedeckt war. Auf
diesem Platze befand sich wieder eine hlzerne Bank, und eine mittelgroe Esche.
    Ich habe diesen Fleck freigelassen, wie ich ihn von meinen Vorfahren
berkommen hatte, sagte mein Begleiter, obwohl er, wenn man ihn urbar machte
und den Baum ausgrbe, in einer Reihe von Jahren eine nicht unbedeutende Menge
von Getreide gbe. Die Arbeiter halten hier ihre Mittagsruhe, und verzehren hier
ihr Mittagsmahl, wenn es ihnen auf das Feld nachgebracht wird. Ich habe die Bank
machen lassen, weil ich auch gerne da sitze, wre es auch nur, um den Schnittern
zuzuschauen und die Feierlichkeit der Feldarbeiten zu betrachten. Alte
Gewohnheiten haben etwas Beruhigendes, sei es auch nur das des Bestehenden und
immer Gesehenen. Hier drfte es aber mehr sein, weshalb die Stelle unbebaut
blieb und der Baum auf derselben steht. Der Schatten dieser Esche ist wohl ein
sparsamer, aber da er der einzige dieser Gegend ist, wird er gesucht, und die
Leute, obwohl sie roh sind, achten gewi auch auf die Aussicht, die man hier
geniet. Setzt Euch nur zu mir nieder, und betrachtet das Wenige, was uns heute
der verschleierte Himmel gnnt.
    Wir setzten uns auf die Bank unter der Esche, so da wir gegen Mittag
schauten. Ich sah den Garten wie einen grnen Scho schrg unter mir liegen.
    An seinem Ende sah ich die weie mitternchtliche Mauer des Hauses, und ber
der weien Mauer das freundliche rote Dach. Von dem Gewchshause war nur das
Dach und der Schornstein ersichtlich.
    Weiter hin gegen Mittag war das Land und das Gebirge kaum zu erkennen wegen
des blauen Wolkenschattens und des blauen Wolkenduftes. Gegen Morgen stand der
weie Turm von Rohrberg, und gegen Abend war Getreide an Getreide, zuerst auf
unserm Hgel, dann jenseits desselben auf dem nchsten Hgel, und so fort,
soweit die Hgel sichtbar waren. Dazwischen zeigten sich, weie Meierhfe und
andere einzelne Huser oder Gruppen von Husern. Nach der Sitte des Landes
gingen Zeilen von Obstbumen zwischen den Getreidefeldern dahin, und in der Nhe
von Husern oder Drfern standen diese Bume dichter, gleichsam wie in Wldchen,
beisammen. Ich fragte meinen Nachbar teils nach den Husern, teils nach den
Besitzern der Felder.
    Die Felder von dem Kirschbaume gegen Sonnenuntergang hin bis zu der ersten
Zeile von Obstbumen sind unser, sagte mein Begleiter. Die wir von dem
Kirschbaum bis hieher durchwandert haben, gehren auch uns. Sie gehen noch bis
zu jenen langen Gebuden, die Ihr da unten seht, welche unsere
Wirtschaftsgebude sind. Gegen Mitternacht erstrecken sie sich, wenn Ihr umsehen
wollt, bis zu jenen Wiesen mit den Erlenbschen. Die Wiesen gehren auch uns,
und machen dort die Grenze unserer Besitzungen. Im Mittag gehren die Felder uns
bis zur Einfriedigung von Weidorn, wo Ihr die Strae verlassen habt. Ihr knnt
also sehen, da ein nicht ganz geringer Teil dieses Hgels von unserm Eigentume
bedeckt ist. Wir sind von diesem Eigentume umringt, wie von einem Freunde, der
nie wankt und nicht die Treue bricht.
    Mir fiel bei diesen Worten auf, da er vom Eigentume immer die Ausdrcke uns
und unser gebrauchte. Ich dachte, er werde etwa eine Gattin oder auch Kinder
einbeziehen. Mir fiel der Knabe ein, den ich im Heraufgehen gesehen hatte,
vielleicht ist dieser ein Sohn von ihm. Der Rest des Hgels ist an drei
Meierhfe verteilt, schlo er seine Rede, welche unsere nchsten Nachbarn
sind. Von den Niederungen an, die um den Hgel liegen, und jenseits welcher das
Land wieder aufsteigt, beginnen unsere entfernteren Nachbarn.
    Es ist ein gesegnetes, ein von Gott beglcktes Land, sagte ich.
    Ihr habt recht gesprochen, erwiderte er, Land und Halm ist eine Wohltat
Gottes. Es ist unglaublich, und der Mensch bedenkt es kaum, welch ein
unermelicher Wert in diesen Grsern ist. Lat sie einmal von unserem Erdteile
verschwinden, und wir verschmachten bei allem unserem sonstigen Reichtume vor
Hunger. Wer wei, ob die heien Lnder nicht so dnn bevlkert sind und das
Wissen und die Kunst nicht so tragen wie die klteren, weil sie kein Getreide
haben. Wie viel selbst dieser kleine Hgel gibt, wrdet Ihr kaum glauben. Ich
habe mir einmal die Mhe genommen, die Flche dieses Hgels, soweit sie
Getreideland ist, zu messen, um auf der Grundlage der Ertrgnisse unserer Felder
und der Ertrgnisfhigkeit der Felder der Nachbarn, die ich untersuchte, eine
Wahrscheinlichkeitsrechnung zu machen, welche Getreidemenge im Durchschnitte
jedes Jahr auf diesem Hgel wchst. Ihr wrdet die Zahlen nicht glauben, und
auch ich habe sie mir vorher nicht so gro vorgestellt. Wenn es Euch genehm ist,
werde ich Euch die Arbeit in unserem Hause zeigen. Ich dachte mir damals, das
Getreide gehre auch zu jenen unscheinbaren, nachhaltigen Dingen dieses Lebens
wie die Luft. Wir reden von dem Getreide und von der Luft nicht weiter, weil von
beiden so viel vorhanden ist und uns beide berall umgeben. Die ruhige
Verbrauchung und Erzeugung zieht eine unermeliche Kette durch die Menschheit in
den Jahrhunderten und Jahrtausenden. berall, wo Vlker mit bestimmten
geschichtlichen Zeichnungen auftreten und vernnftige Staatseinrichtungen haben,
finden wir sie schon zugleich mit dem Getreide, und wo der Hirte in lockreren
Gesellschaftsbanden, aber vereint mit seiner Herde lebt, da sind es zwar nicht
die Getreide, die ihn nhren, aber doch ihre geringeren Verwandten, die Grser,
die sein ebenfalls geringeres Dasein erhalten. - Aber verzeiht, da ich da so
von Grsern und Getreiden rede, es ist natrlich, da ich da mitten unter ihnen
wohne, und auf ihren Segen erst in meinem Alter mehr achten lernte.
    Ich habe nichts zu verzeihen, erwiderte ich; denn ich teile Eure Ansicht
ber das Getreide vollkommen, wenn ich auch ein Kind der groen Stadt bin. Ich
habe diese Gewchse viel beachtet, habe darber gelesen, freilich mehr von dem
Standpunkte der Pflanzenkunde, und habe, seit ich einen groen Teil des Jahres
in der freien Natur zubringe, ihre Wichtigkeit immer mehr und mehr einsehen
gelernt.
    Ihr wrdet es erst recht, sagte er, wenn Ihr Besitztmer httet, oder auf
Euren Besitztmern Euch mit der Pflege dieser Pflanzen besonders abgbet.
    Meine Eltern sind in der Stadt, antwortete ich, mein Vater treibt die
Kaufmannschaft, und auer einem Garten besitzt weder er noch ich einen liegenden
Grund.
    Das ist von groer Bedeutung, erwiderte er, den Wert dieser Pflanzen kann
keiner vollstndig ermessen, als der sie pflegt.
    Wir schwiegen nun eine Weile.
    Ich sah an seinen Wirtschaftsgebuden Leute beschftigt. Einige gingen an
den Toren ab und zu, in huslichen Arbeiten begriffen, andere mhten in einer
nahen Wiese Gras, und ein Teil war bedacht, das im Laufe des Tages getrocknete
Heu in hochbeladenen Wgen durch die Tore einzufhren. Ich konnte wegen der
groen Entfernung das Einzelne der Arbeiten nicht unterscheiden, so wie ich die
eigentliche Bauart und die nhere Einrichtung der Gebude nicht wahrnehmen
konnte.
    Was Ihr von den Husern und den Besitzern der Felder gesagt habt, da ich
sie Euch nennen soll, fahr er nach einer Weile fort, so hat dies seine
Schwierigkeit, besonders heute. Man kann zwar von diesem Platze aus die grte
Zahl der Nachbarn erblicken; aber heute, wo der Himmel umschleiert ist, sehen
wir nicht nur das Gebirge nicht, sondern es entgeht uns auch mancher weie Punkt
des untern Landes, der Wohnungen bezeichnet, von denen ich sprechen mchte.
Anderen Teils sind Euch die Leute unbekannt. Ihr solltet eigentlich in der
Gegend herumgewandert sein, in ihr gelebt haben, da sie zu Eurem Geiste sprche
und Ihr die Bewohner verstndet. Vielleicht kommt Ihr wieder und bleibt lnger
bei uns, vielleicht verlngert Ihr Euren jetzigen Aufenthalt. Indessen will ich
Euch im allgemeinen etwas sagen und von Besonderem hinzufgen, was Euch
ansprechen drfte. Ich besuche auch meiner Nachbarn willen gerne diesen Platz;
denn auerdem da hier auf der Hhe selbst an den schnsten Tagen immer ein
khler Luftzug geht, auerdem da ich hier unter meinen Arbeitern bin, sehe ich
von hier aus alle, die mich umgeben, es fllt mir manches von ihnen ein, und ich
ermesse, wie ich ihnen ntzen kann, oder wie berhaupt das Allgemeine gefrdert
werden mge. Sie sind im ganzen ungebildete, aber nicht ungelehrige Leute, wenn
man sie nach ihrer Art nimmt und nicht vorschnell in eine andere zwingen will.
Sie sind dann meist auch gutartig. Ich habe von ihnen manches fr mein Inneres
gewonnen und ihnen manchen ueren Vorteil verschafft. Sie ahmen nach, wenn sie
etwas durch lngere Erfahrung billigen. Man mu nur nicht ermden. Oft haben sie
mich zuerst verlacht, und endlich dann doch nachgeahmt. In vielem verlachen sie
mich noch, und ich ertrage es. Der Weg da durch meine Felder ist ein krzerer,
und da geht mancher vorbei, wenn ich auf der Bank sitze, er bleibt stehen, er
redet mit mir, ich erteile ihm Rat, und ich lerne aus seinen Worten. Meine
Felder sind bereits ertragfhiger gemacht worden als die ihrigen, das sehen sie,
und das ist bei ihnen der haltbarste Grund zu mancher Betrachtung. Nur die
Wiese, welche sich hinter unserem Rcken befindet, tiefer als die Felder liegt
und von einem kleinen Bache bewssert wird, habe ich nicht so verbessern knnen,
wie ich wollte; sie ist noch durch die Erlengestruche und durch die Erlenstcke
verunstaltet, die sich am Saume des Bchleins befinden und selbst hie und da
Sumpfstellen veranlassen; aber ich kann die Sache im wesentlichen nicht
abndern, weil ich die Erlengestruche und Erlenstcke zu anderen Dingen
notwendig brauche.
    Um meine Frage nach dem einzelnen seiner Nachbarn zu unterbrechen, die er,
wie ich jetzt einsah, nicht beantworten konnte, wenigstens nicht, wie sie
gestellt war, fragte ich ihn, ob denn zu seinem Anwesen nicht auch Waldgrund
gehre.
    Allerdings, antwortete er, aber derselbe liegt nicht so nahe, als es der
Bequemlichkeit wegen wnschenswert wre; aber er liegt auch entfernt genug, da
die Schnheit und Anmut dieses Getreidehgels nicht gestrt wird. Wenn Ihr auf
dem Wege nach Rohrberg fortgegangen wret, statt zu unserem Hause herauf zu
steigen, so wrdet Ihr nach einer halben Stunde Wanderns zu Eurer Rechten dicht
an der Strae die Ecke eines Buchenwaldes gefunden haben, um welche die Strae
herum geht. Diese Ecke erhebt sich rasch, erweitert sich nach rckwrts, wohin
man von der Strae nicht sehen kann, und gehrt einem Walde an, der weit in das
Land hinein geht. Man kann von hier aus ein groes Stck sehen. Dort links von
dem Felde, auf welchem die junge Gerste steht.
    Ich kenne den Wald recht gut, sagte ich, er schlingt sich um eine Hhe
und berhrt die Strae nur mit einem Stcke; aber wenn man ihn betritt, lernt
man seine Gre kennen. Es ist der Alizwald. Er hat mchtige Buchen und Ahorne,
die sich unter die Tannen mischen. Die Aliz geht von ihm in die Agger. An der
Aliz stehen beiderseits hohe Felsen mit seltenen Krutern, und von ihnen geht
gegen Mittag ein Streifen Landes mit den allerstrksten Buchen talwrts.
    Ihr kennt den Wald, sagte er.
    Ja, erwiderte ich, ich bin schon in ihm gewesen. Ich habe dort die grte
Doppelbuche gezeichnet, die ich je gesehen, ich habe Pflanzen und Steine
gesammelt und die Felsenlagen betrachtet.
    Jener Waldstreifen, der mit den starken Buchen bestanden ist, und noch
mehreres Land jenes Waldes gehrt zu diesem Anwesen, sagte mein Beherberger.
Es ist weiter von da gegen Mittag auch ein Bergbhel unser, auf dem
stellenweise die Birke sehr verkrppelt vorkommt, welche zum Brennen wenig
taugt, aber Holz zu feinen Arbeiten gibt.
    Ich kenne den Bhel auch, sagte ich, dort geht der Granit zu Ende, aus
dem der ganze mitternchtliche Teil unseres Landes besteht, und es beginnt gegen
Mittag zu nach und nach der Kalk, der endlich in den hchsten Gebirgen die
Landesgrenze an der Mittagseite macht.
    Ja, der Bhel ist der sdlichste Granitblock, sagte mein Begleiter, er
bersetzt sogar die Wsser. Wir knnen hier trotz des Duftes der Wolken hie und
da die Grenze sehen, in der sich der Granit abschneidet.
    Dort ist die Klamspitze, sagte er, die noch Granit hat, rechts der
Gaisbhl, dann die Asser, der Losen, und zuletzt die Grumhaut, die noch zu sehen
ist.
    Ich stimmte in allem bei.
    Der Abend kam indessen immer nher und nher, und der Nachmittag war
bedeutend vorgerckt.
    Das Gewitter an dem Himmel war mir aber endlich besonders merkwrdig
geworden.
    Ich hatte den Ausbruch desselben, als ich den Hgel zu dem weien Hause
empor stieg, um eine Unterkunft zu suchen, in kurzer Zeit erwartet; und nun
waren Stunden vergangen, und es war noch immer nicht ausgebrochen. ber den
ganzen Himmel stand es unbeweglich. Die Wolkendecke war an manchen Stellen fast
finster geworden, und Blitze zuckten aus diesen Stellen bald hher, bald tiefer
hervor. Der Donner folgte in ruhigem, schwerem Rollen auf diese Blitze; aber in
der Wolkendecke zeigte sich kein Zusammensammeln zu einem einzigen
Gewitterballen, und es war kein Anschicken zu einem Regen.
    Ich sagte endlich zu meinem Nachbar, indem ich auf die Mnner zeigte, welche
weiter unten in der Niederung, in welcher die Wirtschaftsgebude lagen, Gras
machten: Diese scheinen auch auf kein Gewitter und auf kein gewhnliches
Nachregnen fr den morgigen Tag zu rechnen, weil sie jetzt Gras mhen, das ihnen
in der Nacht ein tchtiger Regen durchnssen, oder morgen eine krftige Sonne zu
Heu trocknen kann.
    Diese wissen gar nichts von dem Wetter, sagte mein Begleiter, und sie
mhen das Gras nur, weil ich es so angeordnet habe.
    Das waren die einzigen Worte, die er ber das Wetter gesprochen hatte. Ich
veranlate ihn auch nicht zu mehreren.
    Wir gingen von diesem Feldersitze, auf dem wir nun schon eine Weile gesessen
waren, nicht mehr weiter von dem Hause weg, sondern nachdem wir uns erhoben
hatten, schlug mein Begleiter wieder den Rckweg ein.
    Wir gingen auf demselben Wege zurck, auf dem wir gekommen waren.
    Die Donner erschallten nun sogar lauter, und verkndeten sich bald an dieser
Stelle des Himmels, bald an jener. Als wir wieder in den Garten eingetreten
waren, als mein Begleiter das Pfrtchen hinter sich geschlossen hatte, und als
wir von dem groen Kirschbaume bereits abwrts gingen, sagte er zu mir:
Erlaubt, da ich nach dem Knaben rufe und ihm etwas befehle.
    Ich stimmte sogleich zu, und er rief gegen eine Stelle des Gebsches:
Gustav!
    Der Knabe, den ich im Heraufgehen gesehen hatte, kam fast an der nmlichen
Stelle des Gartens zum Vorscheine, an welcher er frher herausgetreten war. Da
er jetzt lnger vor uns stehen blieb, konnte ich ihn genauer betrachten. Sein
Angesicht erschien mir sehr rosig und schn, und besonders einnehmend zeigten
sich die groen schwarzen Augen unter den braunen Locken, die ich schon frher
beobachtet hatte.
    Gustav, sagte mein Begleiter, wenn du noch an deinem Tische oder sonst
irgendwo in dem Garten bleiben willst, so erinnere dich an das, was ich dir ber
Gewitter gesagt habe. Da die Wolken ber den ganzen Himmel stehen, so wei man
nicht, wann berhaupt ein Blitz auf die Erde niederfhrt, und an welcher Stelle
er sie treffen wird. Darum verweile unter keinem hheren Baume. Sonst kannst du
hier bleiben, wie du willst. Dieser Herr bleibt heute bei uns, und du wirst zur
Abendspeisestunde in dem Speisezimmer eintreffen.
    Ja, sagte der Knabe, verneigte sich, und ging wieder auf einem Sandwege in
die Gestruche des Gartens zurck.
    Dieser Knabe ist mein Pflegesohn, sagte mein Begleiter, er ist gewohnt,
zu dieser Tageszeit einen Spaziergang mit mir zu machen, darum kam er, da wir
bei dem Kirschbaume saen, von seinem Arbeitstische, den er im Garten hat, zu
uns empor, um mich zu suchen; allein da er sah, da ein Fremder da sei, ging er
wieder an seine Stelle zurck.
    Mir, der ich mich an den einfachen, folgerichtigen Ausdruck gewhnt hatte,
fiel es jetzt abermals auf, da mein Begleiter, der, wenn er von seinen Feldern
redete, fast immer den Ausdruck unser gebraucht hatte, nun, da er von seinem
Pflegesohne sprach, den Ausdruck mein whlte, da er doch, wenn er etwa seine
Gattin einbezog, jetzt auch das Wort unser gebrauchen sollte.
    Als wir von dem Rasengrunde hinab gekommen waren und den bepflanzten Garten
betreten hatten, gingen wir in ihm auf einem anderen Wege zurck, als auf dem
wir herauf gegangen waren.
    Auf diesem Wege sah ich nun, da der Besitzer des Gartens auch Weinreben in
demselben zog, obwohl das Land der Pflege dieses Gewchses nicht ganz gnstig
ist. Es waren eigene dunkle Mauern aufgefhrt, an denen die Reben mittelst
Holzgittern empor geleitet wurden. Durch andere Mauern wurden die Winde
abgehalten. Gegen Mittag allein waren die Stellen offen. So sammelte er die
Hitze und gewhrte Schutz. Auch Pfirsiche zog er auf dieselbe Weise, und aus den
Blttern derselben schlo ich auf sehr edle Gattungen.
    Wir gingen hier an groen Linden vorber, und in ihrer Nhe erblickte ich
ein Bienenhaus.
    Von dem Gewchshause sah ich auf dem Rckwege wohl die Lngenseite, konnte
aber nichts Nheres erkennen, weil mein Begleiter den Weg zu ihm nicht
einschlug. Ich wollte ihn auch nicht eigens darum ersuchen: ich vermutete, da
er mich zu seiner Familie fhren wrde.
    Da wir an dem Hause angekommen waren, geleitete er mich bei dem
gemeinschaftlichen Eingange desselben hinein, fhrte mich ber eine gewhnliche
Sandsteintreppe in das erste Stockwerk, und ging dort mit mir einen Gang
entlang, in dem viele Tren waren. Eine derselben ffnete er mit einem
Schlssel, den er schon in seiner Tasche in Bereitschaft hatte, und sagte: Das
ist Euer Zimmer, solange Ihr in diesem Hause bleibt. Ihr knnt jetzt in dasselbe
eintreten oder es verlassen, wie es Euch gefllt. Nur msset Ihr um acht Uhr
wieder da sein, zu welcher Stunde Ihr zum Abendessen werdet geholt werden. Ich
mu Euch nun allein lassen. In dem Wartezimmer habt Ihr heute in Humboldts
Reisen gelesen, ich habe das Buch in dieses Zimmer legen lassen. Wnschet Ihr
fr jetzt oder fr den Abend noch irgend ein Buch, so nennt es, da ich sehe, ob
es in meiner Bchersammlung enthalten ist.
    Ich lehnte das Anerbieten ab und sagte, da ich mit dem Vorhandenen schon
zufrieden sei, und wenn ich mich auer Humboldt mit noch andern Buchstaben
beschftigen wolle, so habe ich in meinem Rnzchen schon Vorrat, um teils etwas
mit Bleifeder zu schreiben, teils frher Geschriebenes durchzulesen und zu
verbessern, welche Beschftigung ich auf meinen Wanderungen hufig abends
vornehme.
    Er verabschiedete sich nach diesen Worten, und ich ging zur Tr hinein.
    Ich bersah mit einem Blicke das Zimmer. Es war ein gewhnliches
Fremdenzimmer, wie man es in jedem greren Hause auf dem Lande hat, wo man
zuweilen in die Lage kmmt, Herberge erteilen zu mssen. Die Gerte waren weder
neu noch nach der damals herrschenden Art gemacht, sondern aus verschiedenen
Zeiten, aber nicht unangenehm ins Auge fallend. Die berzge der Sessel und des
Ruhebettes waren gepretes Leder, was man damals schon selten mehr fand. Eine
gesellige Zugabe, die man nicht hufig in solchen Zimmern findet, war eine
altertmliche Pendeluhr in vollem Gange. Mein Rnzlein und mein Stock lagen, wie
der Mann gesagt hatte, schon in diesem Zimmer.
    Ich setzte mich nieder, nahm nach einer Weile mein Rnzlein, ffnete es, und
bltterte in den Papieren, die ich daraus hervor genommen hatte, und schrieb
gelegentlich in denselben.
    Da endlich die Dmmerung gekommen war, stand ich auf, ging gegen eines der
beiden offenstehenden Fenster, lehnte mich hinaus, und sah herum. Es war wieder
Getreide, das ich vor mir auf dem sachte hinabgehenden Hgel erblickte. Am
Morgen dieses Tages, da ich von meiner Nachtherberge aufgebrochen war, hatte ich
auch Getreide rings um mich gesehen; aber dasselbe war in einem lustigen Wogen
begriffen gewesen; whrend dieses reglos und unbewegt war wie ein Heer von
lockeren Lanzen. Vor dem Hause war der Sandplatz, den ich bei meiner Ankunft
schon gesehen und betreten hatte. Meine Fenster gingen also auf der Seite der
Rosenwand heraus. Von dem Garten tnte noch schwaches Vogelgezwitscher herber,
und der Duft von den Tausenden der Rosen stieg wie eine Opfergabe zu mir empor.
    An dem Himmel, dessen Dmmerung heute viel frher gekommen war, hatte sich
eine Vernderung eingefunden. Die Wolkendecke war geteilt, die Wolken standen in
einzelnen Stcken gleichsam wie Berge an dem Gewlbe herum, und einzelne reine
Teile blickten zwischen ihnen heraus. Die Blitze aber waren strker und
hufiger, die Donner klangen heller und krzer.
    Als ich eine Weile bei dem Fenster hinaus gesehen hatte, hrte ich ein
Pochen an meiner Tr, eine Magd trat herein und meldete, da man mich zum
Abendessen erwarte. Ich legte meine Papiere auf das Tischchen, das neben meinem
Bette stand, legte den Humboldt darauf, und folgte der Magd, nachdem ich die Tr
hinter mir gesperrt hatte. Sie fhrte mich in das Speisezimmer.
    Bei dem Eintritte sah ich drei Personen; den alten Mann, der mit mir den
Spaziergang gemacht hatte, einen andern, ebenfalls ltlichen Mann, der durch
nichts besonders auffiel als durch seine Kleidung, welche einen Priester
verriet, und den Pflegesohn des Hausbesitzers in seinem blaugestreiften
Linnengewande.
    Der Herr des Hauses stellte mich dem Priester vor, indem er sagte: Das ist
der hochwrdige Pfarrer von Rohrberg, der ein Gewitter frchtet und deshalb
diese Nacht in unserm Hause zubringen wird, und dann auf mich weisend fgte er
bei: Das ist ein fremder Reisender, der auch heute unser Dach mit uns teilen
will.
    Nach diesen Worten und nach einem kurzen stummen Gebete setzten wir uns zu
dem Tische an unsere angewiesenen Pltze. Das Abendessen war sehr einfach. Es
bestand aus Suppe, Braten und Wein, zu welchem wie zu dem an meinem Mittagsmahle
verkleinertes Eis gestellt wurde. Dieselbe Magd, welche mir mein Mittagessen
gebracht hatte, bediente uns. Ein mnnlicher Diener kam nicht in das Zimmer. Der
Pfarrer und mein Gastfreund sprachen fter Dinge, die die Gegend betrafen, und
ich ward gelegentlich einbezogen, wenn es sich um Allgemeineres handelte. Der
Knabe sprach gar nicht.
    Die Dunkelheit des Abends wurde endlich so stark, da die Kerzen, welche
frher mit der Dmmerung gekmpft hatten, nun vollkommen die Herrschaft
behaupteten, und die schwarzen Fenster nur zeitweise durch die hereinleuchtenden
Blitze erhellt wurden.
    Da das Essen beendet war und wir uns zur Trennung anschickten, sagte der
Hauswirt, da er den Pfarrer und mich ber die nhere Treppe in unser Zimmer
fhren wrde. Wir nahmen jeder eine Wachskerze, die uns angezndet von der Magd
gereicht wurde, whrend dessen sich der Knabe Gustav empfahl und durch die
gewhnliche Tr entfernte. Der Hauseigentmer fhrte uns bei der Tr hinaus, bei
der ich zuerst herein gekommen war. Wir befanden uns drauen in dem schnen
Marmorgange, von dem eine gleiche Marmortreppe emporfhrte. Wir durften die
Filzschuhe nicht anziehen, weil jetzt ber den Gang und die Treppe ein
Tuchstreifen lag, auf dem wir gingen. In der Mitte der Treppe, wo sie einen
Absatz machte, gleichsam einen erweiterten Platz oder eine Stiegenhalle, stand
eine Gestalt aus weiem Marmor auf einem Gestelle. Durch ein paar Blitze, die
eben jetzt fielen und das Haupt und die Schultern der Marmorgestalt noch rter
beschienen, als es unsere Kerzen konnten, ersah ich, da der Platz und die
Treppe von oben herab durch eine Glasbedeckung ihre Beleuchtung empfangen
muten.
    Als wir an das Ende der Treppe gelangt waren, wendete sich der Hauswirt mit
uns durch eine Tr links, und wir befanden uns in jenem Gange, in welchem mein
Zimmer lag. Es war der Gang der Gastzimmer, wie ich nun zu erkennen vermeinte.
Unser Gastfreund bezeichnete eines als das des Pfarrers, und fhrte mich zu dem
meinigen.
    Als wir in dasselbe getreten waren, fragte er mich, ob ich zu meiner
Bequemlichkeit noch etwas wnsche, besonders ob mir Bcher aus seinem
Bcherzimmer genehm wren.
    Als ich sagte, da ich keinen Wunsch habe und bis zum Schlafen schon
Beschftigung finden wrde, antwortete er: Ihr seid in Eurem Gemache und in
Eurem Rechte. Schlummert denn recht wohl.
    Ich wnsche Euch auch eine gute Nacht, erwiderte ich, und sage Euch Dank
fr die Mhe, die Ihr heute mit mir gehabt habet.
    Es war keine Mhe, antwortete er, denn sonst htte ich sie mir ja
ersparen knnen, wenn ich Euch gar nicht zu Nacht geladen htte.
    So ist es, antwortete ich.
    Erlaubt, sagte er, indem er ein kleines Wachskerzchen hervorzog und an
meinem Lichte anzndete.
    Nachdem er dieses Geschft vollbracht hatte, verbeugte er sich, was ich
erwiderte, und ging auf den Gang hinaus.
    Ich schlo hinter ihm die Tr, legte meinen Rock ab und lftete mein
Halstuch, weil, obgleich es schon spt war, die ruhige Nacht noch immer eine
groe Hitze und Schwle in sich hegte. Ich ging einige Male in dem Zimmer hin
und her, trat dann an ein Fenster, lehnte mich hinaus, und betrachtete den
Himmel. So viel die Dunkelheit und die noch immer hell leuchtenden Blitze
erkennen lieen, war die Gestalt der Dinge dieselbe, wie sie am Abend vor dem
Speisen gewesen war. Wolkentrmmer standen an dem Himmel, und, wie die Sterne
zeigten, waren zwischen ihnen reine Stellen. Zu Zeiten fuhr ein Blitz aus ihnen
ber den Getreidehgel und die Wipfel der unbewegten Bume, und der Donner
rollte ihm nach.
    Als ich eine Weile die freie Luft genossen hatte, schlo ich mein Fenster,
schlo auch das andere, und begab mich zur Ruhe.
    Nachdem ich noch eine Zeit lang, wie es meine Gewohnheit war, in dem Bette
gelesen und mitunter sogar mit Bleifeder etwas in meine Schriften geschrieben
hatte, lschte ich das Licht aus, und richtete mich zum Schlafen.
    Ehe der Schlummer vllig meine Sinne umfing, hrte ich noch, wie sich
drauen ein Wind erhob und die Wipfel der Bume zu starkem Rauschen bewegte. Ich
hatte aber nicht mehr genug Kraft, mich zu ermannen, sondern entschlief gleich
darauf vllig.
    Ich schlief recht ruhig und fest.
    Als ich erwachte, war mein erstes, zu sehen, ob es geregnet habe. Ich sprang
aus dem Bette und ri die Fenster auf. Die Sonne war bereits aufgegangen, der
ganze Himmel war heiter, kein Lftchen rhrte sich, aus dem Garten tnte das
Schmettern der Vogel, die Rosen dufteten, und die Erde zu meinen Fen war
vollkommen trocken. Nur der Sand war ein wenig gegen das Grn des begrenzenden
Rasens gefegt worden, und ein Mann war beschftigt, ihn wieder zu ebnen und in
ein gehriges Gleichgewicht zu bringen.
    Also hatte mein Gegner recht gehabt, und ich war begierig, zu erfahren, aus
welchen Grnden er seine Gewiheit, die er so sicher gegen mich behauptet hatte,
geschpft, und wie er diese Grnde entdeckt und erforscht habe.
    Um das recht bald zu erfahren und meine Abreise nicht so lange zu verzgern,
beschlo ich, mich anzukleiden und meinen Gastherrn ungesumt aufzusuchen.
    Als ich mit meinem Anzuge fertig war und mich in das Speisezimmer hinab
begeben hatte, fand ich dort eine Magd mit den Vorbereitungen zu dem Frhmahle
beschftigt, und fragte nach dem Herrn.
    Er ist in dem Garten auf der Ftterungstenne, sagte sie.
    Und wo ist die Ftterungstenne, wie du es nennst? fragte ich.
    Gleich hinter dem Hause und nicht weit von den Glashusern, erwiderte sie.
    Ich ging hinaus und schlug die Richtung gegen das Gewchshaus ein.
    Vor demselben fand ich meinen Gastfreund auf einem Sandplatze. Es war
derselbe Platz, von dem aus ich schon gestern das Gewchshaus mit seiner
schmalen Seite und dem kleinen Schornsteine gesehen hatte. Diese Seite war mit
Rosen bekleidet, da das Haus wie ein zweites, kleines Rosenhuschen hervor sah.
Mein Gastfreund war in einer seltsamen Beschftigung begriffen. Eine Unzahl
Vgel befand sich vor ihm auf dem Sande. Er hatte eine Art von lnglichem
geflochtenem Korbdeckel in der Hand und streuete aus demselben Futter unter die
Vgel. Er schien sich daran zu ergtzen, wie sie pickten, sich berkletterten,
berstrzten und kollerten, wie die gesttigten davon flogen und wieder neue
herbei schwirrten. Ich erkannte es nun deutlich, da auer den gewhnlichen
Gartenvgeln auch solche da waren, die mir sonst nur von tiefen und weit
abgelegenen Wldern bekannt waren. Sie erschienen gar nicht so scheu, als ich
mit allem Rechte vermuten mute. Sie trauten ihm vollkommen. Er stand wieder
barhuptig da, so da es mir schien, da er diese Sitte liebe, da er auch
gestern auf dem Spaziergange seine so leichte Kopfbedeckung eingesteckt hatte.
Seine Gestalt war vorgebeugt, und die schlichten, aber vollen weien Haare
hingen an seinen Schlfen herab. Sein Anzug war auch heute wieder sonderbar. Er
hatte wie gestern eine Art Jacke an, die fast bis auf die Knie hinab reichte.
Sie war weilich, hatte jedoch ber die Brust und den Rcken hinab einen
rtlichbraunen Streifen, der fast einen halben Fu breit war, als wre die Jacke
aus zwei Stoffen verfertigt worden, einem weien und einem roten. Beide Stoffe
aber zeigten ein hohes Alter; denn das Wei war gelblich braun und das Rot zu
Purpurbraun geworden. Unter der Jacke sah eine unscheinbare Fubekleidung
hervor, die mit Schnallenschuhen endete.
    Ich blieb hinter seinem Rcken in ziemlicher Entfernung stehen, um ihn nicht
zu stren und die Vgel nicht zu verscheuchen.
    Als er aber seinen Korb geleert hatte und seine Gste fortgeflogen waren,
trat ich nher. Er hatte sich eben umgewendet, um zurckzugehen, und da er mich
erblickte, sagte er: Seid Ihr schon ausgegangen? Ich hoffe, da Ihr gut
geschlafen habt.
    Ja, ich habe sehr gut geschlafen, erwiderte ich, ich habe noch den Wind
gehrt, der sich gestern abends erhoben hat, was weiter geschehen ist, wei ich
nicht; aber das wei ich, da heute die Erde trocken ist, und da Ihr recht
gehabt habet.
    Ich glaube, da nicht ein Tropfen auf diese Gegend vom Himmel gefallen
ist, antwortete er.
    Wie das Aussehen der Erde zeigt, glaube ich es auch, erwiderte ich; aber
nun mt Ihr mir auch wenigstens zum Teile sagen: woher Ihr dies so gewi wissen
konntet, und wie Ihr Euch diese Kenntnis erworben habt; denn das mt Ihr zu
gestehen, da sehr viele Zeichen gegen Euch waren.
    Ich will Euch etwas sagen, antwortete er, die Darlegung der Sache, die
Ihr da verlangt, drfte etwas lang werden, da ich sie Euch, der sich mit
Wissenschaften beschftigt, doch nicht oberflchlich geben kann; versprecht mir,
den heutigen Tag und die Nacht noch bei uns zuzubringen, da kann ich Euch nicht
nur dieses sagen, sondern noch vieles andere, Ihr knnt Verschiedenes anschauen,
und Ihr knnt mir von Eurer Wissenschaft erzhlen.
    Dieses offen und freundlich gemachte Anerbieten konnte ich nicht
ausschlagen, auch erlaubte mir meine Zeit recht gut, nicht nur einen, sondern
mehrere Tage zu einer Nebenbeschftigung zu verwenden. Ich gebrauchte daher die
gewhnliche Redeweise von Nichtlstigfallenwollen, und sagte unter dieser
Bedingung zu.
    Nun so geht mit mir zuerst zu einem Frhmahle, das ich mit Euch teilen
will, sagte er, der Herr Pfarrer von Rohrberg hat uns schon vor Tagesanbruch
verlassen, um zu rechter Zeit in seiner Kirche zu sein, und Gustav ist bereits
zu seiner Arbeit gegangen.
    Mit diesen Worten wendeten wir uns auf den Rckweg zu dem Hause. Als wir
dort angekommen waren, gab er das, was ich anfangs fr einen Korbdeckel gehalten
hatte, was aber ein eigens geflochtenes, sehr flaches und lngliches
Ftterungskrbchen war, einer Magd, da sie es auf seinen Platz lege, und wir
gingen in das Speisezimmer.
    Whrend des Frhmahles sagte ich: Ihr habt selbst da von gesprochen, da
ich hier Verschiedenes anschauen knne, wre es denn zu unbescheiden, wenn ich
bte, von dem Hause und dessen Umgebung manches nher be sehen zu drfen? Es ist
eine der lieblichsten Lagen, in der dieses Anwesen liegt, und ich habe bereits
so vieles davon gesehen, was meine Aufmerksamkeit aufregte, da der Wunsch
natrlich ist, noch mehreres besehen zu drfen.
    Wenn es Euch Vergngen macht, unser Haus und einiges Zubehr zu besehen,
antwortete er, so kann das gleich nach dem Frhmahle geschehen, es wird nicht
viele Zeit in Anspruch nehmen, da das Gebude nicht so gro ist. Es wird sich
dann auch das, was wir noch zu reden haben, natrlicher und verstndlicher
ergeben.
    Ja freilich, sagte ich, macht es mir Vergngen.
    Wir schritten also nach dem Frhmahle zu diesem Geschfte.
    Er fhrte mich ber die Treppe, auf welcher die weie Marmorgestalt stand,
hinauf. Heute fiel statt des roten zerstreuten Lichtes der Kerzen und der Blitze
von der vergangenen Nacht das stille weie Tageslicht auf sie herab, und machte
die Schultern und das Haupt in sanftem Glanze sich erhellen. Nicht nur die
Treppe war in diesem Stiegenhause von Marmor, sondern auch die Bekleidung der
Seitenwnde. Oben schlo gewlbtes Glas, das mit feinem Drahte berspannt war,
die Rume. Als wir die Treppe erstiegen hatten, ffnete mein Gastfreund eine
Tr, die der gegenber war, die zu dem Gange der Gastzimmer fhrte. Die Tr ging
in einen groen Saal. Auf der Schwelle, an der der Tuchstreifen, welcher ber
die Treppe empor lag, endete, standen wieder Filzschuhe. Da wir jeder ein Paar
derselben angezogen hatten, gingen wir in den Saal. Er war eine Sammlung von
Marmor. Der Fuboden war aus dem farbigsten Marmor zusammengestellt, der in
unseren Gebirgen zu finden ist. Die Tafeln griffen so ineinander, da eine Fuge
kaum zu erblicken war, der Marmor war sehr fein geschliffen und geglttet, und
die Farben waren so zusammengestellt, da der Fuboden wie ein liebliches Bild
zu betrachten war. berdies glnzte und schimmerte er noch in dem Lichte, das
bei den Fenstern hereinstrmte. Die Seitenwnde waren von einfachen, sanften
Farben. Ihr Sockel war mattgrn, die Haupttafeln hatten den lichtesten, fast
weien Marmor, den unsere Gebirge liefern, die Flachsulen waren schwach rot,
und die Simse, womit die Wnde an die Decke stieen, waren wieder aus schwach
Grnlich und Wei zusammengestellt, durch welche ein Gelb wie schne Goldleisten
lief. Die Decke war blagrau, und nicht von Marmor, nur in der Mitte derselben
zeigte sich eine Zusammenstellung von roten Ammoniten, und aus derselben ging
die Metallstange nieder, welche in vier Armen die vier dunkeln, fast schwarzen
Marmorlampen trug, die bestimmt waren, in der Nacht diesen Raum beleuchten zu
knnen. In dem Saale war kein Bild, kein Stuhl, kein Gerte, nur in den drei
Wnden war jedesmal eine Tr aus schnem dunklem Holze eingelegt, und in der
vierten Wand befanden sich die drei Fenster, durch welche der Saal bei Tag
beleuchtet wurde. Zwei davon standen offen, und zu dem Glanze des Marmors war
der Saal auch mit Rosenduft erfllt.
    Ich drckte mein Wohlgefallen ber die Hinrichtung eines solchen Zimmers
aus, den alten Mann, der mich begleitete, schien dieses Vergngen zu erfreuen,
er sprach aber nicht weiter darber.
    Aus diesem Saale fhrte er mich durch eine der Tren in eine Stube, deren
Fenster in den Garten gingen.
    Das ist gewissermaen mein Arbeitszimmer, sagte er, es hat auer am
frhen Morgen nicht viel Sonne, ist daher im Sommer angenehm, ich lese gerne
hier, oder schreibe, oder beschftige mich sonst mit Dingen, die mir Anteil
einflen.
    Ich dachte mit Lebhaftigkeit, ich knnte sagen, mit einer Art Sehnsucht auf
meinen Vater, da ich diese Stube betreten hatte. In ihr war nichts mehr von
Marmor, sie war wie unsere gewhnlichen Stuben; aber sie war mit altertmlichen
Gerten eingerichtet, wie sie mein Vater hatte und liebte. Allein die Gerte
erschienen mir so schn, da ich glaubte, nie etwas ihnen hnliches gesehen zu
haben. Ich unterrichtete meinen Gastfreund von der Eigenschaft meines Vaters,
und erzhlte ihm in kurzem von den Dingen, welche derselbe besa. Auch bat ich,
die Sachen nher betrachten zu drfen, um meinem Vater nach meiner Zurckkunft
von ihnen erzhlen und sie ihm, wenn auch nur notdrftig, beschreiben zu knnen.
Mein Begleiter willigte sehr gerne in mein Begehren. Es war vor allem ein
Schreibschrein, welcher meine Aufmerksamkeit erregte, weil er nicht nur das
grte, sondern wahrscheinlich auch das schnste Stck des Zimmers war. Vier
Delphine, welche sich mit dem Unterteil ihrer Hupter auf die Erde sttzten und
die Leiber in gewundener Stellung emporstreckten, trugen den Krper des
Schreines auf diesen gewundenen Leibern. Ich glaubte anfangs, die Delphine seien
aus Metall gearbeitet, mein Begleiter sagte mir aber, da sie aus Lindenholz
geschnitten und nach mittelalterlicher Art zu dem gelblich grnlichen Metalle
hergerichtet waren, dessen Verfertigung man jetzt nicht mehr zuwege bringt. Der
Krper des Schreines hatte eine allseitig gerundete Arbeit mit sechs Fchern.
ber ihm befand sich das Mittelstck, das in einer guten Schwingung flach
zurckging und die Klappe enthielt, die geffnet zum Schreiben diente. Von dem
Mittelstcke erhob sich der Aufsatz mit zwlf geschwungenen Fchern und einer
Mitteltr. An den Kanten des Aufsatzes und zu beiden Seiten der Mitteltr
befanden sich als Sulen vergoldete Gestalten. Die beiden grten zu den Seiten
der Tr waren starke Mnner, die die Hauptsimse trugen. Ein Schildchen, das sich
auf ihrer Brust ffnete, legte die Schlsselffnungen dar. Die zwei Gestalten an
den vorderen Seitenkanten waren Meerfrulein, die in bereinstimmung mit den
Tragfischen jedes in zwei Fischenden ausliefen. Die zwei letzten Gestalten an
den hintern Seitenkanten waren Mdchen in faltigen Gewndern. Alle Leiber der
Fische sowohl als der Sulen erschienen mir sehr natrlich gemacht. Die Fcher
hatten vergoldete Knpfe, an denen sie herausgezogen werden konnten. Auf der
achteckigen Flche dieser Knpfe waren Brustbilder geharnischter Mnner oder
geputzter Frauenzimmer eingegraben. Die Holzbelegung auf dem ganzen Schrein war
durchaus eingelegte Arbeit. Ahornlaubwerk in dunkeln Nuholzfeldern, umgeben von
geschlungenen Bndern und geflammtem Erlenholze. Die Bnder waren wie
geknitterte Seide, was daher kam, da sie aus kleinem, fein gestreiftem,
vielfarbigem Rosenholze senkrecht auf die Axe eingelegt waren. Die eingelegte
Arbeit befand sich nicht blo, wie es hufig bei derlei Gerten der Fall ist,
auf der Daransicht, sondern auch auf den Seitenteilen und den Friesen der
Sulen.
    Mein Begleiter stand neben mir, als ich diesem Gerte meine Aufmerksamkeit
widmete, und zeigte mir manches, und erklrte mir auf meine Bitte Dinge, die ich
nicht verstand.
    Auch eine andere Beobachtung machte ich, da ich mich in diesem Zimmer
befand, die meine Geistesttigkeit in Anspruch nahm. Es kam mir nmlich vor, da
der Anzug meines Begleiters nicht mehr so seltsam sei, als er mir gestern und
als er mir heute erschienen war, da ich ihn auf dem Ftterungsplatze gesehen
hatte. Bei diesen Gerten erschien er mir eher als zustimmend und hieher
gehrig, und ich begann die Vermutung zu hegen, Da ich vielleicht noch diesen
Anzug billigen werde, und Da der alte Mann in dieser Hinsicht verstndiger sein
drfte als ich.
    Auer dem Schreibschreine erregten noch zwei Tische meine Aufmerksamkeit,
die an Gre gleich waren und auch sonst gleiche Gestalt hatten, sich aber nur
darin unterschieden, da jeder auf seiner Platte eine andere Gestaltung trug.
Sie hatten nmlich jeder ein Schild auf der Platte, wie es Ritter und adeliche
Geschlechter fhrten, nur waren die Schilde nicht gleich. Aber auf beiden
Tischen waren sie umgeben und verschlungen mit Laubwerk, Blumen- und
Pflanzenwerk, und nie habe ich die feinen Fden der Halme, der Pflanzenbrte und
der Getreidehren zarter gesehen als hier, und doch waren sie von Holz in Holz
eingelegt. Die brige Gertschaft waren hochlehnige Sessel mit Schnitzwerk,
Flechtwerk und eingelegter Arbeit, zwei geschnitzte Sitzbnke, die man im
Mittelalter Gesiedel geheien hatte, geschnitzte Fahnen mit Bildern und endlich
zwei Schirme von gespanntem und gepretem Leder, auf welchem Blumen, Frchte,
Tiere, Knaben und Engel aus gemaltem Silber angebracht waren, das wie farbiges
Gold aussah. Der Fuboden des Zimmers war gleich den Gerten aus Flchen alter
eingelegter Arbeit zusammengestellt. Wir hatten wahrscheinlich wegen der
Schnheit dieses Bodens bei dem Eintritte in diese Stube die Filzschuhe an
unsern Fen behalten.
    Obwohl der alte Mann gesagt hatte, da dieses Zimmer sein Arbeitszimmer sei,
so waren doch keine unmittelbaren Spuren von Arbeit sichtbar. Alles schien in
den Laden verschlossen oder auf seinen Platz gestellt zu sein.
    Auch hier war mein Begleiter, als ich meine Freude ber dieses Zimmer
aussprach, nicht sehr wortreich, genau so wie in dem Marmorsaale; aber
gleichwohl glaubte ich das Vergngen ihm von seinem Angesichte herablesen zu
knnen.
    Das nchste Zimmer war wieder ein altertmliches. Es ging gleichfalls auf
den Garten. Sein Fuboden war wie in dem vorigen eingelegte Arbeit, aber auf ihm
standen drei Kleiderschreine, und das Zimmer war ein Kleiderzimmer. Die Schreine
waren gro, altertmlich eingelegt, und jeder hatte zwei Flgeltren. Sie
erschienen mir zwar minder schn als das Schreibgerste im vorigen Zimmer, aber
doch auch von groer Schnheit, besonders der mittlere, grte, der eine
vergoldete Bekrnung trug und auf seinen Hohltren ein sehr schnes Schild-,
Laub- und Bnderwerk zeigte. Auer den Schreinen waren nur noch Sthle da und
ein Gestelle, welches dazu bestimmt schien, gelegentlich Kleider darauf zu
hngen. Die inneren Seiten der Zimmertren waren ebenfalls zu den Gerten
stimmend, und bestanden aus Simswerk und eingelegter Arbeit.
    Als wir dieses Zimmer verlieen, legten wir die Filzschuhe ab.
    Das nchste Zimmer, gleichfalls auf den Garten gehend, war das Schlafgemach.
Es enthielt Gerte neuer Art, aber doch nicht ganz in der Gestaltung, wie ich
sie in der Stadt zu sehen gewohnt war. Man schien hier vor allem auf
Zweckmigkeit gesehen zu haben. Das Bett stand mitten im Zimmer und war mit
dichten Vorhngen umgeben. Es war sehr nieder, und hatte nur ein Tischchen neben
sich, auf dem Bcher lagen, ein Leuchter und eine Glocke standen, und sich
Gerte befanden, Licht zu machen. Sonst waren die Gerte eines Schlafzimmers da,
besonders solche, die zum Aus- und Ankleiden und zum Waschen behilflich waren.
Die Innenseiten der Tren waren hier wieder zu den Gerten stimmend.
    An das Schlafgemach stie ein Zimmer mit wissenschaftlichen Vorrichtungen,
namentlich zu Naturwissenschaften. Ich sah Werkzeuge der Naturlehre aus der
neuesten Zeit, deren Verfertiger ich entweder persnlich aus der Stadt kannte,
oder deren Namen, wenn die Gerte aus andern Lndern stammten, mir dennoch
bekannt waren. Es befanden sich Werkzeuge zu den vorzglichsten Teilen der
Naturlehre hier. Auch waren Sammlungen Von Naturkrpern vorhanden, vorzglich
aus dem Mineralreiche. Zwischen den Gerten und an den Wnden war Raum, mit den
vorhandenen Vorrichtungen Versuche anstellen zu knnen. Das Zimmer war
gleichfalls noch immer ein Gartenzimmer.
    Endlich gelangten wir in das Eckzimmer des Hauses, dessen Fenster teils auf
den Hauptkrper des Gartens gingen, teils nach Nordwesten sahen. Ich konnte aber
die Bestimmung dieses Zimmers nicht erraten, so seltsam kam es mir vor. An den
Wnden standen Schreine aus geglttetem Eichenholze mit sehr vielen kleinen
Fchern. An diesen Fchern waren Aufschriften, wie man sie in
Spezereiverkaufsbuden oder Apotheken findet. Einige dieser Aufschriften verstand
ich, sie waren Namen von Smereien oder Pflanzennamen. Die meisten aber verstand
ich nicht. Sonst war weder ein Stuhl noch ein anderes Gerte in dem Zimmer. Vor
den Fenstern waren wagrechte Brettchen befestigt, wie man sie hat, um
Blumentpfe darauf zu stellen; aber ich sah keine Blumentpfe auf ihnen, und bei
nherer Betrachtung zeigte sich auch, da sie zu schwach seien, um Blumentpfe
tragen zu knnen. Auch wren gewi solche auf ihnen gestanden, wenn sie dazu
bestimmt gewesen wren, da ich in allen Zimmern mit Ausnahme des Marmorsaales an
jedem nur einiger Maen geeigneten Platze Blumen aufgestellt gesehen hatte.
    Ich fragte meinen Begleiter nicht um den Zweck des Zimmers, und er uerte
sich auch nicht darber.
    Wir gelangten nun wieder in die Gemcher, die an der Mittagseite des Hauses
lagen und ber den Sandplatz auf die Felder hinaus sahen.
    Das erste nach dem Eckzimmer war ein Bcherzimmer. Es war gro und gerumig,
und stand voll von Bchern. Die Schreine derselben waren nicht so hoch, wie man
sie gewhnlich in Bcherzimmern sieht, sondern nur so, da man noch mit
Leichtigkeit um die hchsten Bcher langen konnte. Sie waren auch so flach, da
nur eine Reihe Bcher stehen konnte, keine die andere deckte, und alle
vorhandenen Bcher ihre Rcken zeigten. Von Gerten befand sich in dem Zimmer
gar nichts als in der Mitte desselben ein langer Tisch, um Bcher
darauflegenzuknnen. In seiner Lade waren die Verzeichnisse der Sammlung. Wir
gingen bei dieser allgemeinen Beschauung des Hauses nicht nher auf den Inhalt
der vorhandenen Bcher ein.
    Neben dem Bcherzimmer war ein Lesegemach. Es war klein und hatte nur ein
Fenster, das zum Unterschiede aller anderen Fenster des Hauses mit grnseidenen
Vorhngen versehen war, whrend die anderen grauseidne Rollzge besaen. An den
Wnden standen mehrere Arten von Sitzen, Tischen und Pulten, so da fr die
grte Bequemlichkeit der Leser gesorgt war. In der Mitte stand wie im
Bcherzimmer ein groer Tisch oder Schrein - denn er hatte mehrere Laden -, der
dazu diente, da man Tafeln, Mappen, Landkarten und dergleichen auf ihm
ausbreiten konnte. In den Laden lagen Kupferstiche. Was mir in diesem Zimmer
auffiel, war, da man nirgends Bcher oder etwas, das an den Zweck des Lesens
erinnerte, herumliegen sah.
    Nach dem Lesegemache kam wieder ein greres Zimmer, dessen Wnde mit
Bildern bedeckt waren. Die Bilder hatten lauter Goldrahmen, waren ausschlielich
lgemlde, und reichten nicht hher, als da man sie noch mit Bequemlichkeit
betrachten konnte. Sonst hingen sie aber so dicht, da man zwischen ihnen kein
Stckchen Wand zu erblicken vermochte. Von Gerten waren nur mehrere Sthle und
eine Staffelei da, um Bilder nach Gelegenheit aufstellen und besser betrachten
zu knnen. Diese Einrichtung erinnerte mich an das Bilderzimmer meines Vaters.
    Das Bilderzimmer fhrte durch die dritte Tr des Marmorsaales wieder in
denselben zurck, und so hatten wir die Runde in diesen Gemchern vollendet.
    Das ist nun meine Wohnung, sagte mein Begleiter, sie ist nicht gro und
von auerordentlicher Bedeutung, aber sie ist sehr angenehm. In dem anderen
Flgel des Hauses sind die Gastzimmer, welche beinahe alle dem gleichen, in
welchem Ihr heute nacht geschlafen habt. Auch ist Gustavs Wohnung dort, die wir
aber nicht besuchen knnen, weil wir ihn sonst in seinem Lernen stren wrden.
Durch den Saal und ber die Treppe knnen wir nun wieder in das Freie gelangen.
    Als wir den Saal durchschritten hatten, als wir ber die Treppe
hinabgegangen und zu dem Ausgange des Hauses gekommen waren, legten wir die
Filzschuhe ab, und mein Begleiter sagte: Ihr werdet Euch wundern, da in meinem
Hause Teile sind, in welchen man sich die Unbequemlichkeit auflegen mu, solche
Schuhe anzuziehen; aber es kann mit Fug nicht anders sein, denn die Fubden
sind zu empfindlich, als da man mit gewhnlichen Schuhen auf ihnen gehen
knnte, und die Abteilungen, welche solche Fubden haben, sind ja auch
eigentlich nicht zum Bewohnen, sondern nur zum Besehen bestimmt, und endlich
gewinnt sogar das Besehen an Wert, wenn man es mit Beschwerlichkeiten erkaufen
mu. Ich habe in diesen Zimmern gewhnlich weiche Schuhe mit Wollsohlen an. In
mein Arbeitszimmer kann ich auch ohne allen Umweg gelangen, da ich in dasselbe
nicht durch den Saal gehen mu, wie wir jetzt getan haben, sondern da von dem
Erdgeschosse ein Gang in das Zimmer hinauffhrt, den Ihr nicht gesehen haben
werdet, weil seine beiden Enden mit guten Tapetentren geschlossen sind. Der
Pfarrer von Rohrberg leidet an der Gicht und vertrgt heie Fe nicht, daher
belege ich fr ihn, wenn er anwesend ist, die Treppe oder die Zimmer mit einem
Streifen von Wollstoff, wie Ihr es gestern gesehen habt.
    Ich antwortete, da die Vorrichtung sehr zweckmig sei, und da sie berall
angewendet werden mu, wo kunstreiche oder sonst wertvolle Fubden zu schonen
sind.
    Da wir nun im Garten waren, sagte ich, indem ich mich umwendete und das Haus
betrachtete: Eure Wohnung ist nicht, wie Ihr sagt, von geringer Bedeutung. Sie
wird, so viel ich aus der kurzen Besichtigung entnehmen konnte, wenige ihres
Gleichen haben. Auch hatte ich nicht gedacht, da das Haus, wenn ich es so von
der Strae aus sah, eine so groe Rumlichkeit in sich htte.
    So mu ich Euch nun auch noch etwas anderes zeigen, erwiderte er, folgt
mir ein wenig durch jenes Gebsch. Er ging nach diesen Worten voran, ich folgte
ihm. Er schlug einen Weg gegen dichtes Gebsch ein. Als wir dort angekommen
waren, ging er auf einem schmalen Pfade durch dessen Verschlingung fort. Endlich
kamen sogar hohe Bume, unter denen der Weg dahin lief. Nach einer Weile tat
sich ein anmutiger Rasenplatz vor uns auf, der wieder ein langes, aus einem
Erdgeschosse bestehendes Gebude trug. Es hatte viele Fenster, die gegen uns
hersahen. Ich hatte es frher weder von der Strae aus erblickt, noch von den
Stellen des Gartens, auf denen ich gewesen war. Vermutlich waren die Bume daran
schuld, die es umstanden. Da wir uns nherten, ging ein feiner Rauch aus seinem
Schornsteine empor, obwohl, da es Sommer war, keine Einheizzeit, und da es noch
so frh am Vormittage war, keine Kochzeit die Ursache davon sein konnte. Als wir
nher kamen, hrte ich in dem Hause ein Schnarren und Schleifen, als ob in ihm
gesgt und gehobelt wrde. Da wir eingetreten waren, sah ich in der Tat eine
Schreinerwerksttte vor mir, in welcher ttig gearbeitet wurde. An den Fenstern,
durch welche reichliches Licht hereinfiel, standen die Schreinertische, und an
den brigen Wnden, welche fensterlos waren, lehnten Teile der in Arbeit
begriffenen Gegenstnde.
    Hier fand ich wieder eine hnlichkeit mit meinem Vater So wie er sich einen
jungen Mann abgerichtet hatte, der ihm seine altertmlichen Gerte nach seiner
Angabe wieder herstellte, so sah ich hier gleich eine ganze Werksttte dieser
Art; denn ich erkannte aus den Teilen, die herumstanden, da hier vorzglich an
der Wiederherstellung altertmlicher Gertschaften gearbeitet werde. Ob auch
Neues in dem Hause verfertigt werde, konnte ich bei dem ersten Anblicke nicht
erkennen.
    Von den Arbeitern hatte jeder einen Raum an den Fenstern fr sich, der von
dem Raume seines Nachbars durch gezogene Schranken abgesondert war. Er hatte
seine Gerte und seine eben notwendigen Arbeitsstcke in diesem Raume bei sich,
das andere, was er gerade nicht brauchte, hatte er an der Hinterwand des Hauses
hinter sich, so da eine bersichtliche Ordnung und Einheit bestand. Es waren
vier Arbeiter. In einem groen Schreine, der einen Teil der einen Seitenwand
einnahm, befanden sich vorrtige Werkzeuge, welche fr den Fall dienten, da
irgend eines unversehens untauglich wrde und zu seiner Herstellung zu viele
Zeit in Anspruch nhme. In einem andern Schreine an der entgegengesetzten
Seitenwand waren Flschchen und Bchschen, in denen sich die Flssigkeiten und
andere Gegenstnde befanden, die zur Erzeugung von Firnissen, Polituren oder
dazu dienten, dem Holze eine bestimmte Farbe oder das Ansehen von Alter zu
geben. Abgesondert von der Werkstube war ein Herd, auf welchem das zu
Schreinerarbeiten unentbehrliche Feuer brannte. Seine Sttte war feuerfest, um
die Werkstube und ihren Inhalt nicht zu gefhrden.
    Hier werden Dinge, sagte mein Begleiter, welche lange vor uns, ja oft
mehrere Jahrhunderte vor unserer Zeit verfertigt worden und in Verfall geraten
sind, wieder hergestellt, wenigstens so weit es die Zeit und die Umstnde nur
immer erlauben. Es wohnt in den alten Gerten beinahe wie in den alten Bildern
ein Reiz des Vergangenen und Abgeblhten, der bei dem Menschen, wenn er in die
hheren Jahre kmmt, immer strker wird. Darum sucht er das zu erhalten, was der
Vergangenheit angehrt, wie er ja auch eine Vergangenheit hat, die nicht mehr
recht zu der frischen Gegenwart der rings um ihn Aufwachsenden pat. Darum haben
wir hier eine Anstalt fr Gerte des Altertums gegrndet, die wir dem Untergange
entreien, zusammenstellen, reinigen, gltten und wieder in die Wohnlichkeit
einzufhren suchen.
    Es wurde, da ich mich in dem Schreinerhause befand, eben an der Platte eines
Tisches gearbeitet, die, wie mein Begleiter sagte, aus dem sechzehnten
Jahrhunderte stammte. Sie war in Hlzern von verschiedener, aber natrlicher
Farbe eingelegt. Blo wo grnes Laub vor kam, war es von grngebeiztem Holze.
Von auen war eine Verbrmung von in einander geschlungenen und schneckenartig
gewundenen Rollen Laubzweigen und Obst. Die innere Flche, welche von der
Verbrmung durch ein Bnderwerk von rotem Rosenholze abgeschnitten war, trug auf
einem Grunde von braunlich weiem Ahorne eine Sammlung von Musikgerten. Sie
waren freilich nicht in dem Verhltnisse ihrer Gren eingelegt. Die Geige war
viel kleiner als die Mandoline, die Trommel und der Dudelsack waren gleich gro,
und unter bei den zog sich die Flte wie ein Weberbaum dahin. Aber im einzelnen
erschienen mir die Sachen als sehr schn, und die Mandoline war so rein und
lieblich, wie ich solche Dinge nicht schner auf den alten Gemlden meines
Vaters gesehen hatte. Einer der Arbeiter schnitt Stocke aus Ahorn, Bux,
Sandelholz, Ebenholz, trkisch Hasel- und Rosenholz zurecht, damit sie in ihrer
kleineren Gestalt gehrig austrocknen konnten. Ein anderer lste schadhafte
Teile aus der Platte, und ebnete die Grundstellen, um die neuen Bestandteile
zweckmig einsetzen zu knnen. Der dritte schnitt und hobelte die Fe aus
einem Ahornbalken, und der vierte war beschftigt, nach einer in Farben
ausgefhrten Abbildung der Tischplatte, die er vor sich hatte, und aus einer
Menge von Hlzern, die neben ihm lagen, diejenigen zu bestimmen, die den auf der
Zeichnung befindlichen Farben am meisten entsprchen. Mein Begleiter sagte mir,
da das Gerste und die Fe des Tisches verloren gegangen seien und neu gemacht
werden mten.
    Ich fragte, wie man das einrichte, da das Neue zu dem Vorhandenen passe.
    Er antwortete: Wir haben eine Zeichnung gemacht, die ungefhr darstellte,
wie die Fe und das Gerste ausgesehen haben mgen.
    Auf meine neue Frage, wie man denn das wissen knne, antwortete er: Diese
Dinge haben so gut wie bedeutendere Gegenstnde ihre Geschichte, und aus dieser
Geschichte kann man das Aussehen und den Bau derselben zusammen setzen. Im
Verlaufe der Jahre haben sich die Gestaltungen der Gerte immer neu abgelset,
und wenn man auf diese Abfolge sein Augenmerk richtet, so kann man aus einem
vorhandenen Ganzen auf verloren gegangene Teile schlieen, und aus aufgefundenen
Teilen auf das Ganze gelangen. Wir haben mehrere Zeichnungen entworfen, in deren
jede immer die Tischplatte einbezogen war, und haben uns auf diese Weise immer
mehr der mutmalichen Beschaffenheit der Sache genhert. Endlich sind wir bei
einer Zeichnung geblieben, die uns nicht zu widersprechend schien.
    Auf meine Frage, ob er denn immer Arbeit fr seine Anstalt habe, antwortete
er: Sie ist nicht gleich so entstanden, wie Ihr sie hier sehet. Anfangs zeigte
sich die Lust an alten und vorelterlichen Dingen, und wie die Lust wuchs,
sammelten sich nach und nach schon die Gegenstnde an, die ihrer
Wiederherstellung entgegen sahen. Zuerst wurde die Ausbesserung bald auf diesem,
bald auf jenem Wege versucht und eingeleitet. Viele Irrwege sind betreten
worden. Indessen wuchs die Zahl der gesammelten Gegenstnde immer mehr, und
deutete schon auf die knftige Anstalt hin. Als man in Erfahrung brachte, da
ich altertmliche Gegenstnde kaufe, brachte man mir solche, oder zeigte mir die
Orte an, wo sie zu finden wren. Auch vereinigten sich mit uns hie und da
Mnner, welche auf die Dinge des Altertums ihr Augenmerk richteten, uns darber
schrieben, und wohl auch Zeichnungen einsandten. So erweiterte sich unser Kreis
immer mehr. Ungehrige Ausbesserungen aus frheren Zeiten gaben ebenfalls Stoff
zu erneuerter Arbeit, und da wir anfangs auch an verschiedenen Orten arbeiten
lieen, und hufig gentigt waren, die Orte zu wechseln, ehe wir uns hier
niederlieen, so verschleppte sich manche Zeit, und die Arbeitsgegenstnde
mehrten sich. Endlich gerieten wir auch auf den Gedanken, neue Gegenstnde zu
verfertigen. Wir gerieten auf ihn durch die alten Dinge, die wir immer in den
Hnden hatten. Diese neuen Gegenstnde wurden aber nicht in der Gestalt gemacht,
wie sie jetzt gebruchlich sind, sondern wie wir sie fr schn hielten. Wir
lernten an dem Alten; aber wir ahmten es nicht nach, wie es noch zuweilen in der
Baukunst geschieht, in der man in einem Stile, zum Beispiele in dem sogenannten
gotischen, ganze Bauwerke nachbildet. Wir suchten selbststndige Gegenstnde fr
die jetzige Zeit zu verfertigen mit Spuren des Lernens an vergangenen Zeiten.
Haben ja selbst unsere Vorfahrer aus ihren Vorfahrern geschpft, diese wieder
aus den ihrigen, und so fort, bis man auf unbedeutende und kindische Anfnge
stt. berall aber sind die eigentlichen Lehrmeister die Werke der Natur
gewesen.
    Sind solche neugemachte Gegenstnde in Eurem Hause vorhanden? fragte ich.
    Nichts von Bedeutung, antwortete er, einige sind an verschiedenen Punkten
der Gegend zerstreut, einige sind in einem anderen Orte als in diesem Hause
gesammelt. Wenn Ihr Lust zu solchen Dingen habt, oder sie in Zukunft fassen
solltet, und Euer Weg Euch wieder einmal hieher fhrt, so wird es nicht schwer
sein, Euch an den Ort zu geleiten, wo Ihr mehrere unserer besten Gegenstnde
sehen knnt.
    Es sind der Wege sehr verschiedene, erwiderte ich, die die Menschen
gehen, und wer wei es, ob der Weg, der mich wegen eines Gewitters zu Euch
herauf gefhrt hat, nicht ein sehr guter Weg gewesen ist, und ob ich ihn nicht
noch einmal gehe.
    Ihr habt da ein sehr wahres Wort gesprochen, antwortete er, die Wege der
Menschen sind sehr verschiedene. Ihr werdet dieses Wort erst recht einsehen,
wenn Ihr lter seid.
    Und habt Ihr dieses Haus eigens zu dem Zwecke der Schreinerei erbaut?
fragte ich weiter.
    Ja, antwortete er, wir haben es eigens zu diesem Zwecke erbaut. Es ist
aber viel spter entstanden als das Wohnhaus. Da wir einmal so weit waren, die
Sachen zu Hause machen zu lassen, so war der Schritt ein ganz leichter, uns eine
eigene Werksttte hiefr einzurichten. Der Bau dieses Hauses war aber bei weitem
nicht das Schwerste, viel schwerer war es, die Menschen zu finden. Ich hatte
mehrere Schreiner, und mute sie entlassen. Ich lernte nach und nach selber, und
da trat mir der Starrsinn, der Eigenwille und das Herkommen entgegen. Ich nahm
endlich solche Leute, die nicht Schreiner waren und sich erst hier unterrichten
sollten. Aber auch diese hatten wie die frhern eine Snde, welche in
arbeitenden Stnden und auch wohl in andern sehr hufig ist, die Snde der
Erfolggengsamkeit oder der Fahrlssigkeit, die stets sagt: Es ist so auch
recht, und die jede weitere Vorsicht fr unntig erachtet. Es ist diese Snde in
den unbedeutendsten und wichtigsten Dingen des Lebens vorhanden, und sie ist mir
in meinen frheren Jahren oft vorgekommen. Ich glaube, da sie die grten bel
gestiftet hat. Manche Leben sind durch sie verloren gegangen, sehr viele andere,
wenn sie auch nicht verloren waren, sind durch sie unglcklich oder unfruchtbar
geworden, Werke, die sonst entstanden wren, hat sie vereitelt, und die Kunst,
und was mit derselben zusammenhngt, wre mit ihr gar nicht mglich. Nur ganz
gute Menschen in einem Fache haben sie gar nicht, und aus denen werden die
Knstler, Dichter, Gelehrten, Staatsmnner und die groen Feldherren. Aber ich
komme von meiner Sache ab. In unserer Schreinerei machte sie blo, da wir zu
nichts Wesentlichem gelangten. Endlich fand ich einen Mann, der nicht gleich aus
der Arbeit ging, wenn ich ihn bekmpfte; aber innerlich mochte er recht oft
erzrnt gewesen sein und ber Eigensinn geklagt haben. Nach Bemhungen von
beiden Seiten gelang es. Die Werke gewannen Einflu, in denen das Genaue und
Zweckmige angestrebt war, und sie wurden zur Richtschnur genommen. Die
Einsicht in die Schnheit der Gestalten wuchs, und das Leichte und Feine wurde
dem Schweren und Groben vorgezogen. Er las Gehilfen aus und erzog sie in seinem
Sinne. Die Begabten fgten sich bald. Es wurde die Chemie und andere
Naturwissenschaften hergenommen, und im Lesen schner Bcher wurde das Innere
des Gemtes zu bilden versucht.
    Er ging nach diesen Worten gegen den Mann, der mit dem Aussuchen der Hlzer
nach dem vor ihm liegenden Plane der Tischplatte beschftigt war, und sagte:
Wollt Ihr nicht die Gte haben, uns einige Zeichnungen zu zeigen, Eustach?
    Der junge Mann, an den diese Worte gerichtet waren, erhob sich von seiner
Arbeit, und zeigte uns ein ruhiges, geflliges Wesen. Er legte die grne
Tuchschrze ab, welche er vorgebunden hatte, und ging aus seiner Arbeitsstelle
zu uns herber. Es befand sich neben dieser Stelle in der Wand eine Glastr,
hinter welcher grne Seide in Falten gespannt war. Diese Tr ffnete er und
fhrte uns in ein freundliches Zimmer. Das Zimmer hatte einen knstlich
eingelegten Fuboden, und enthielt mehrere breite glatte Tische. Aus der Lade
eines dieser Tische nahm der Mann eine groe Mappe mit Zeichnungen, ffnete sie,
und tat sie auf der Tischplatte auseinander. Ich sah, da diese Zeichnungen fr
mich zum Ansehen heraus genommen worden waren, und legte daher die Bltter
langsam um. Es waren lauter Zeichnungen von Bauwerken, und zwar teils im Ganzen,
teils von Bestandteilen derselben. Sie waren sowohl, wie man sich ausdrckt, im
Perspektive ausgefhrt als auch in Aufrissen, in Lngen und Querschnitten. Da
ich mich selber geraume Zeit mit Zeichnen beschftiget hatte, wenn auch mit
Zeichnen anderer Gegenstnde, so war ich bei diesen Blttern schon mehr an
meiner Stelle als bei den alten Gerten. Ich hatte immer bei dem Zeichnen von
Pflanzen und Steinen nach groer Genauigkeit gestrebt, und hatte mich bemht,
durch den Schwarzstift die Wesenheit derselben so auszudrcken, da man sie nach
Art und Gattung erkennen sollte. Freilich waren die vor mir liegenden
Zeichnungen die von Bauwerken. Ich hatte Bauwerke nie gezeichnet, ich hatte sie
eigentlich nie recht betrachtet. Aber andererseits waren die Linien, die hier
vorkamen, die von groen Krpern, von geschichteten Stoffen und von ausgedehnten
Flchen, wie sie bei mir auch an den Felsen und Bergen erschienen; oder sie
waren die leichten Wendungen von Zieraten, wie sie bei mir die Pflanzen boten.
Endlich waren ja alle Bauwerke aus Naturdingen entstanden, welche die Vorbilder
gaben, etwa aus Felsenkuppen oder Felsenzacken oder selbst aus Tannen, Fichten
oder anderen Bumen. Ich betrachtete daher die Zeichnungen recht genau, und sah
sie um ihre Treue und Sachgemheit an. Als ich sie schon alle durchgeblttert
hatte, legte ich sie wieder um, und schaute noch einmal jedes einzelne Blatt an.
    Die Zeichnungen waren smtlich mit dem Schwarzstifte ausgefhrt. Es war
Licht und Schatten angegeben, und die Linienfhrung war verstrkt oder gemigt,
um nicht blo die Krperlichkeit der Dinge, sondern auch das sogenannte
Luftperspektive darzustellen. In einigen Blttern waren Wasserfarben angewendet,
entweder, um blo einzelne Stellen zu bezeichnen, die eine besonders starke oder
eigentmliche Farbe hatten, wie etwa, wo das Grn der Pflanzen sich auffallend
von dem Gemuer, aus dem es sprote, abhob, oder wo der Stoff durch Einflu von
Sonne oder Wasser eine ungewhnliche Farbe erhalten hatte, wie zum Beispiele an
gewissen Steinen, die durch Wasser brunlich, ja beinahe rot werden; oder es
waren Farben angewendet, um dem Ganzen einen Ton der Wirklichkeit und
Zusammenstimmung zu geben; oder endlich, es waren einzelne sehr kleine Stellen
mit Farben, gleichsam mit Farbdruckern, wie man sich ausdrckt, bezeichnet, um
Flchen oder Krper oder ganze Abteilungen im Raume zurck zu drngen. Immer
aber waren die Farben so untergeordnet gehalten, da die Zeichnungen nicht in
Gemlde bergingen, sondern Zeichnungen blieben, die durch die Farbe nur noch
mehr gehoben wurden. Ich kannte diese Verfahrungsweise sehr gut, und hatte sie
selber oft angewendet.
    Was den Wert der Zeichnungen anbelangt, so erschien mir derselbe ein
ziemlich bedeutender. Die Hand, von der sie verfertigt worden waren, hielt ich
fr eine gebte, was ich daraus schlo, da in den vielen Zeichnungen kein
Fortschritt zu bemerken war, sondern da dieser schon in der Zeit vor den
Zeichnungen lag und hier angewendet wurde. Die Linien waren rein und sicher
gezogen, das sogenannte Linearperspektive war, so weit meine Augen urteilen
konnten - denn eine mathematische Prfung konnte ich nicht anlegen - richtig,
der Stoff des Schwarzstiftes war gut beherrscht, und mit seinen geringen Mitteln
war Haushaltung getroffen, darum standen die Krper klar da und lsten sich von
der Umgebung. Wo die Farbe eine Art Wirklichkeit angenommen hatte, war sie mit
Gegenstndlichkeit und Ma hingesetzt, was, wie ich aus Erfahrung wute, so
schwer zu finden ist, da die Dinge als Dinge, nicht als Frbungen gelten. Dies
ist besonders bei Gegenstnden der Fall, die minder entschiedene Farben haben,
wie Steine, Gemuer und dergleichen, whrend Dinge von deutlichen Farben
leichter zu behandeln sind, wie Blumen, Schmetterlinge, selbst manche Vgel.
    Eine besondere Tatsache aber fiel mir bei Betrachtung dieser Zeichnungen
auf. Bei den Bauverzierungen, welche von Gegenstnden der Natur genommen waren,
von Pflanzen oder selbst von Tieren, kamen bedeutende Fehler vor, ja es kamen
sogar Unmglichkeiten vor, die kaum ein Anfnger macht, sobald er nur die
Pflanze gut betrachtet. Bei den ganz gleichen Verzierungen an andern Bauwerken,
in andern Zeichnungen, waren diese Fehler nicht da, sondern die Verzierungen
waren in Hinsicht ihrer Urbilder in der Natur mit Richtigkeit angegeben. Ich
hatte, da ich einmal zeichnete, fter die Bilder meines Vaters betrachtet, und
in ihnen, selbst in solchen, die er fr sehr gut hielt, hnliche Fehler
gefunden. Da die Bilder meines Vaters aus alter Zeit waren, diese Zeichnungen
aber auch alte Bauwerke darstellten, so schlo ich, da sie vielleicht Abrisse
von wirklichen Bauten seien, und da die Fehler in den Zieraten der Zeichnungen
Fehler in den wirklichen Zieraten der Bauarten seien, und da die Zieraten,
deren Zeichnungen fehlerlos waren, auch an den Bauwerken keinen Fehler gehabt
haben. Es gewannen durch diesen Umstand die Zeichnungen in meinen Augen noch
mehr, da er gerade ihre groe Treue bewies.
    Auch ein eigentmlicher Gedanke kam mir bei der Betrachtung dieser
Zeichnungen in das Haupt. Ich hatte nie so viele Zeichnungen von Bauwerken
beisammen gesehen, so wie ich Bauwerke selber nicht zum Gegenstande meiner
Aufmerksamkeit gemacht hatte. Da ich nun alle diese Laubwerke, diese Ranken,
diese Zacken, diese Schwingungen, diese Schnecken in groer Abfolge sah,
erschienen sie mir gewissermaen wie Naturdinge, etwa wie eine Pflanzenwelt mit
ihren zugehrigen Tieren. Ich dachte, man knnte sie eben so zu einem
Gegenstande der Betrachtung und der Forschung machen wie die wirklichen Pflanzen
und andere Hervorbringungen der Erde, wenn sie hier auch nur eine steinerne Welt
sind. Ich hatte das nie recht beachtet, wenn ich auch hin und wieder an einer
Kirche oder an einem anderen Gebude einen steinernen Stengel oder eine Rose
oder eine Distelspitze oder einen Sulenschaft oder die Vergitterung einer Tr
ansah. Ich nahm mir vor, diese Gegenstnde nun genauer zu beobachten.
    Diese Zeichnungen sind lauter Abbildungen von wirklichen Bauwerken, die in
unserem Lande vorhanden sind, sagte mein Begleiter. Wir haben sie nach und
nach zusammen gebracht. Kein einziges Bauwerk unseres Landes, welches entweder
im Ganzen schn ist, oder an dem Teile schn sind, fehlt. Es ist nmlich auch
hier im Lande wie berall vorgekommen, da man zu den Teilen alter Kirchen oder
anderer Werke, die nicht fertig geworden sind, neue Zubaue in ganz anderer Art
gemacht hat, so da Bauwerke entstanden, die in verschiedenen Stilen ausgefhrt
und teils schn und teils hlich sind. Die Landkirchen, die auf verschiedenen
Stellen in unserer Zeit entstanden sind, haben wir nicht aufgenommen.
    Wer hat denn diese Zeichnungen verfertigt? fragte ich.
    Der Zeichner steht vor Euch, antwortete mein Begleiter, indem er auf den
jungen Mann wies.
    Ich sah den Mann an, und es zeigte sich ein leichtes Errten in seinem
Angesichte.
    Der Meister hat nach und nach die Teile des Landes besucht, fuhr mein
Gastfreund fort, und hat die Baugegenstnde gezeichnet, die ihm gefielen. Diese
Zeichnungen hat er in seinem Buche nach Hause gebracht, und sie dann auf
einzelnen Blttern im Reinen ausgefhrt. Auer den Zeichnungen von Bauwerken
haben wir auch die von inneren Ausstattungen derselben. Seid so gefllig und
zeigt auch diese Mappe, Eustach.
    Der junge Mann legte die Mappe, die wir eben betrachtet hatten, zusammen,
und tat sie in ihre Lade. Dann nahm er aus einer anderen Lade eine andere Mappe,
und legte sie mir mit den Worten vor: Hier sind die kirchlichen Gegenstnde.
    Ich sah die Zeichnungen in der Mappe, die er mir geffnet hatte, an, wie ich
frher die der Bauwerke angesehen hatte. Es waren Zeichnungen von Altren,
Chorsthlen, Kanzeln, Sakramentshuschen, Taufsteinen, Chorbrstungen, Sesseln,
einzelnen Gestalten, gemalten Fenstern und anderen Gegenstnden, die in Kirchen
vorkommen. Sie waren wie die Zeichnungen der Baugegenstnde entweder ganz in
Schwarzstift ausgefhrt oder teils in Schwarzstift, teils in Farben. Hatte ich
mich schon frher in diese Gegenstnde vertieft, so geschah es jetzt noch mehr.
Sie waren noch mannigfaltiger und fr die Augen anlockender als die Bauwerke.
Ich betrachtete jedes Blatt einzeln, und manches nahm ich noch einmal vor,
nachdem ich es schon hingelegt hatte. Als ich mit dieser Mappe fertig war, legte
mir der Meister eine neue vor und sagte: Hier sind die weltlichen Gegenstnde.
    Die Mappe enthielt Zeichnungen von sehr verschiedenen Gerten, die in
Wohnungen, Burgen, Klstern und dergleichen vorkommen, sie enthielt Abbildungen
von Vertflungen, von ganzen Zimmerdecken, Fenster- und Treinfassungen, ja von
eingelegten Fubden. Bei den weltlichen Gerten war viel mehr mit Farben
gearbeitet als bei den kirchlichen und bei den Bauten; denn die Wohngerte haben
sehr oft die Farbe als einen wesentlichen Gegenstand ihrer Erscheinung,
besonders wenn sie in verschiedenfarbigen Hlzern eingelegt sind. Ich fand in
dieser Sammlung von Zeichnungen Abbildungen von Gegenstnden, die ich in der
Wohnung meines Gastfreundes gesehen hatte. So war der Schreibschrein und der
groe Kleiderschrein vorhanden. Auch der Tisch, an dem noch in der
Schreinerstube gearbeitet wurde, stand hier schon fertig vor uns auf dem
Papiere. Ich bemerkte hiebei, da nur die Platte klar und krftig ausgefhrt
war, das Gerste und die Fe minder, gleichsam schattenhaft behandelt wurden.
Ich erkannte, da man so das Neue, was zu Gerten hinzukommen mute, bezeichnen
wollte.
    Mir gefiel diese Art sehr gut.
    Die Kirchengerte unsers Landes drften in dieser Sammlung ziemlich
vollstndig sein, sagte mein Gastfreund, wenigstens wird nichts Wesentliches
fehlen. Bei den weltlichen kann man das weniger sagen, da man nicht wissen kann,
was noch hie und da in dem Lande zerstreut ist.
    Als ich diese Mappe auch angesehen hatte, sagte mein Begleiter: Diese
Zeichnungen sind Nachbildungen von lauter wirklichen, aus lterer Zeit auf uns
gekommenen Gegenstnden, wir haben aber auch Zeichnungen selbststndig
entworfen, die Gerte oder andere kleinere Gegenstnde darstellen. Zeigt uns
auch diese, Meister.
    Der junge Mann legte die Mappe auf den Tisch.
    Sie war viel umfassender als jede der frheren, und enthielt nicht blo die
vollstndige Darstellung der ganzen Gegenstnde, sondern auch ihre Quer- und
Lngenschnitte und ihre Grundrisse. Es waren Abbildungen von verschiedenen
Gerten, dann von Verkleidungen, Fubden, Zimmerdecken, Nischen, und endlich
sogar von Baugegenstnden, Treppenhusern und Seitenkapellen. Man war mit groer
Zweifelsucht und Gewissenhaftigkeit zu Werke gegangen; manche Zeichnung war
vier-, ja fnfmal vorhanden, und jedes Mal verndert und verbessert. Die letzten
waren stets mit Farben angegeben, und dies besonders deutlich, wenn die
Gegenstnde in Holz oder Marmor auszufhren waren. Ich fragte, ob einige dieser
Dinge ausgefhrt worden sind.
    Freilich, antwortete mein Begleiter, wozu wren denn so viele Zeichnungen
angefertigt worden? Alle Gegenstnde, die Ihr fter gezeichnet sahet, und deren
letzte Zeichnung in Farben angegeben ist, sind in Wirklichkeit ausgearbeitet
worden. Diese Zeichnungen sind die Plne und Vorlagen zu den neuen Gerten, auf
deren Verfertigung, wie ich frher sagte, wir geraten sind. Wenn Ihr einmal in
den Ort, von dem ich Euch gesagt habe, da er mehrere enthlt, kommen solltet,
so wrdet Ihr dort nicht nur viele von denen, die hier gezeichnet sind, sehen,
sondern auch solche, die zusammen gehren und ein Ganzes bilden.
    Wenn man diese Zeichnungen betrachtet, sagte ich, und wenn man die
anderen betrachtet, welche ich frher gesehen habe, so kmmt man auf den
Gedanken, da die Bauwerke einer Zeit und die Gerte, welche in diesen Bauwerken
sein sollten, eine Einheit bilden, die nicht zerrissen werden kann.
    Allerdings bilden sie eine, erwiderte er, die Gerte sind ja die
Verwandten der Baukunst, etwa ihre Enkel oder Urenkel, und sind aus ihr
hervorgegangen. Dieses ist so wahr, da ja auch unsere heutigen Gerte zu
unserer heutigen Baukunst gehren. Unsere Zimmer sind fast wie hohle Wrfel oder
wie Kisten, und in solchen stehen die geradlinigen und geradflchigen Gerte
gut. Es ist daher nicht ohne Begrndung, wenn die viel schneren altertmlichen
Gerte in unseren Wohnungen manchen Leuten einen unheimlichen Eindruck machen,
sie widersprechen der Wohnung; aber hierin haben die Leute unrecht, wenn sie die
Gerte nicht schn finden, die Wohnung ist es, und diese sollte gendert werden.
Darum stehen in Schlssern und altertmlichen Bauten derlei Gerte noch am
schnsten, weil sie da eine ihnen hnliche Umgebung finden. Wir haben aus diesem
Verhltnisse Nutzen gezogen und aus unseren Zeichnungen der Bauwerke viel fr
die Zusammenstellung unserer Gerte gelernt, die wir eben nach ihnen
eingerichtet haben.
    Wenn man so viele dieser Dinge in so vielen Abbildungen vor sich sieht, wie
wir jetzt getan haben, sagte ich, so kann man nicht umhin, einen groen
Eindruck zu empfinden, den sie machen.
    Es haben sehr tiefsinnige Menschen vor uns gelebt, erwiderte er, man hat
es nicht immer erkannt, und fngt erst jetzt an, es wieder ein wenig einzusehen.
Ich wei nicht, ob ich es Rhrung oder Schwermut nennen soll, was ich empfinde,
wenn ich daran denke, da unsere Voreltern ihre grten und umfassendsten Werke
nicht vollendet haben. Sie muten auf eine solche Ewigkeit des
Schnheitsgefhles gerechnet haben, da sie berzeugt waren, die Nachwelt werde
an dem weiter bauen, was sie angefangen haben. Ihre unfertigen Kirchen stehen
wie Fremdlinge in unserer Zeit. Wir haben sie nicht mehr empfunden, oder haben
sie durch hliche Aftergebilde verunstaltet. Ich mchte jung sein, wenn eine
Zeit kmmt, in welcher in unserem Vaterlande das Gefhl fr diese Anfnge so
gro wird, da es die Mittel zusammenbringt, diese Anfnge weiter zu fhren. Die
Mittel sind vorhanden, nur werden sie auf etwas anderes angewendet, so wie man
diese Bauwerke nicht aus Mangel der Mittel unvollendet lie, sondern aus anderen
Grnden.
    Ich sagte nach diesen Worten, da ich in dem berhrten Punkte weniger
unterrichtet sei; aber in einem anderen Punkte knnte ich vielleicht etwas
sagen, nmlich in Hinsicht der Zeichnungen. Ich habe durch lngere Zeit her
Pflanzen, Steine, Tiere und andere Dinge gezeichnet, habe mich sehr gebt, und
drfte daher etwa ein Urteil wagen knnen. Diese Zeichnungen erscheinen mir in
Reinheit der Linien, in Richtigkeit des Perspektives, in kluger Hinstellung
Jedes Krperteiles und in passender Anwendung der Farben als ganz vortrefflich,
und ich fhle mich gedrungen, dieses zu sagen.
    Der Meister sagte zu diesem Lobe nichts, sondern er senkte den Blick zu
Boden, meinen Gastfreund aber schien mein Urteil zu freuen.
    Er bedeutete den Meister, die Mappe zusammen zu binden und in die Lade zu
legen, was auch geschah.
    Wir gingen von diesem Zimmer in die weiteren Rume des Schreinerhauses. Als
wir ber die Schwelle schritten, dachte ich, da ich von altertmlichen
Gegenstnden trotz der Sammlungen meines Vaters, von denen ich doch
lebenslnglich umgeben gewesen war, eigentlich bisher nicht viel verstanden habe
und erst lernen msse.
    Von dem Zimmer der Zeichnungen gingen wir in das Wohnzimmer des Meisters,
welches neben den gewhnlichen Gertstcken ebenfalls Zeichnungstische und
Staffeleien enthielt. Es war eben so freundlich eingerichtet wie das Zimmer der
Zeichnungen.
    Auch die Zimmer der Gehilfen besuchten wir, und betraten dann die
Nebenrume. Es waren dies Rume, die zu verschiedenen Gegenstnden, die eine
solche Anstalt fordert, notwendig sind. Der vorzglichste war das Trockenhaus,
welches hinter der Schreinerei angebracht war, aus der man in die untere und
obere Abteilung desselben gelangen konnte. Es hatte den Zweck, da in ihm alle
Gattungen von Holz, die man hier verarbeitete, jenen Zustand der Trockenheit
erreichen konnten, der in Gerten notwendig ist, da nicht spter wieder
Beschdigungen eintreten. In dem unteren Raume wurden die greren Holzkrper
aufbewahrt, in dem oberen die kleineren und feineren. Ich konnte sehen, wie sehr
es Ernst mit der Anlegung dieses Werkhauses war; denn ich fand in dem
Trockenhause nicht nur einen sehr groen Vorrat von Holz, sondern auch fast alle
Gattungen der inlndischen und auslndischen Hlzer. Ich hatte hierin von der
Zeit meiner naturwissenschaftlichen Bestrebungen her einige Kenntnis. Auerdem
war das Holz beinahe durchgngig schon in die vorlufigen Gestalten geschnitten,
in die es verarbeitet werden sollte, damit es auf diese Weise zu hinreichender
Beruhigung austrocknen konnte. Mein Begleiter zeigte mir die verschiedenen
Behltnisse und erklrte mir im allgemeinen ihren Inhalt.
    In dem unteren Raume sah ich Lrchenholz zu sehr groen, seltsamen Gestalten
verbunden, gleichsam zu schlanken Gersten, Rahmen und dergleichen, und fragte,
da ich mir die Sache nicht erklren konnte, um ihre Bedeutung.
    In unserem Lande, antwortete mein Begleiter, sind mehrere geschnitzte
Altre. Sie sind alle aus Lindenholz verfertigt, und einige von bedeutender
Schnheit. Sie stammen aus sehr frher Zeit, etwa zwischen dem dreizehnten und
fnfzehnten Jahrhunderte, und sind Flgelaltre, welche mit geffneten Flgeln
die Gestalt einer Monstranze haben. Sie sind zum Teile schon sehr beschdigt,
und drohen, in krzerer oder lngerer Zeit zu Grunde zu gehen. Da haben wir nun
einen auf meine Kosten wiederhergestellt, und arbeiten jetzt an einem zweiten.
Die Holzgerste, um die Ihr fragtet, sind Grundlagen, auf denen Verzierungen
befestigt werden mssen. Die Verzierungen sind noch ziemlich erhalten, ihre
Grundlagen aber sind sehr morsch geworden, weshalb wir neue anfertigen mssen,
wozu Ihr hier die Entwrfe sehet.
    Hat man Euch denn erlaubt, in einer Kirche einen Altar umzugestalten?
fragte ich.
    Man hat es uns erst nach vielen Schwierigkeiten erlaubt, antwortete er,
wir haben aber die Schwierigkeiten besiegt. Besonders kam uns das Mitrauen in
unsere Kenntnisse und Fhigkeiten entgegen, und hierin hatte man recht. Wohin
kme man denn, wenn man an vorhandenen Werken vorschnell Vernderungen anbringen
liee. Es knnten ja da Dinge von der grten Wichtigkeit verunstaltet oder
zerstrt werden. Wir muten angeben, was wir verndern oder hinzufgen wollten,
und wie die Sache nach der Umarbeitung aussehen wrde. Erst da wir dargelegt
hatten, da wir an den bestehenden Zusammenstellungen nichts ndern wrden, da
keine Verzierung an einen andern Platz komme, da kein Standbild an seinem
Angesichte, seinen Hnden oder den Faltungen seines Gewandes umgestaltet werde,
sondern da wir nur das Vorhandene in seiner jetzigen Gestalt erhalten wollen,
damit es nicht weiter zerfallen knne, da wir den Stoff, wo er gelitten hat,
mit Stoff erfllen wollen, damit die Ganzheit desselben vorhanden sei, da wir
an Zutaten nur die kleinsten Dinge anbringen wrden, deren Gestalt vollkommen
durch die gleichartigen Stcke bekannt wre und in gleichmiger Vollkommenheit
wie die alten verfertigt werden knnte, ferner als wir eine Zeichnung in Farben
angefertigt hatten, die darstellte, wie der gereinigte und wieder hergestellte
Altar aussehen wrde, und endlich als wir Schnitzereien von geringem Umfange,
einzelne Standbilder und dergleichen in unserem Sinne wieder hergestellt und zur
Anschauung gebracht hatten: lie man uns gewhren. Von Hindernissen, die nicht
von der Obrigkeit ausgingen, von Verdchtigungen und hnlichen Vorkommnissen
rede ich nicht, sie sind auch wenig zu meiner Kenntnis gekommen.
    Da habt Ihr ein langwieriges und, wie ich glaube, wichtiges Werk
unternommen, sagte ich.
    Die Arbeit hat mehrere Jahre gedauert, erwiderte er, und was die
Wichtigkeit anbelangt, so hat sich wohl niemand mehr den Zweifeln hingegeben, ob
wir die ntige Sachkenntnis besen, als wir selber. Darum haben wir auch gar
keine Vernderung in der Wesenheit der Sache vorgenommen. Selbst dort, wo es
deutlich erwiesen war, da Teile des Altars in der Zeit in eine andere Gruppe
gestellt worden waren, als sie ursprnglich gewesen sein konnten, lieen wir das
Vorgefundene bestehen. Wir befreiten nur die Gebilde von Schmutz und
bertnchung, befestigten das Zerbltterte und Lediggewordene, ergnzten das
Mangelnde, wo, wie ich gesagt habe, dessen Gestalt vollkommen bekannt war,
fllten alles, was durch Holzwrmer zerstrt war, mit Holz aus, beugten durch
ein erprobtes Mittel den knftigen Zerstrungen dieser Tiere vor, und berzogen
endlich den ganzen Altar, da er fertig war, mit einem sehr matten Firnisse. Es
wird einmal eine Zeit kommen, in welcher vom Staate aus vollkommen
sachverstndige Mnner in ein Amt werden vereinigt werden, das die
Wiederherstellung alter Kunstwerke einleiten, ihre Aufstellung in dem
ursprnglichen Sinne bewirken und ihre Verunstaltung fr kommende Zeiten
verhindern wird; denn so gut man uns gewhren lie, die ja auch eine
Verunstaltung htten hervorbringen knnen, so gut wird man in Zukunft auch
andere gewhren lassen, die minder zweifelschtig sind, oder im Eifer fr das
Schne nach ihrer Art verfahren und das Wesen des berkommenen zerstren.
    Und glaubt Ihr, da ein Gesetz, welches verbietet, an dem Wesen eines
vorgefundenen Kunstwerkes etwas zu ndern, dem Verfalle und der Zerstrung
desselben fr alle Zeiten vorbeugen wrde? fragte ich.
    Das glaube ich nicht, erwiderte er; denn es knnen Zeiten so geringen
Kunstsinnes kommen, da sie das Gesetz selber aufheben; aber auf eine lngere
Dauer und auf eine bessere Weise wre doch durch ein solches Gesetz gesorgt, als
wenn gar keines wre. Den besten Schutz fr Kunstwerke der Vorzeit wrde
freilich eine fortschreitende und nicht mehr erlahmende Kunstempfindung
gewhren. Aber alle Mittel, auch in ihrer grten Vollkommenheit angewendet,
wrden den endlichen Untergang eines Kunstwerkes nicht aufhalten knnen; dies
liegt in der immerwhrenden Ttigkeit und in dem Umwandlungstriebe der Menschen
und in der Vergnglichkeit des Stoffes. Alles, was ist, wie gro und gut es sei,
besteht eine Zeit, erfllt einen Zweck, und geht vorber. Und so wird auch
einmal ber alle Kunstwerke, die jetzt noch sind, ein ewiger Schleier der
Vergessenheit liegen, wie er jetzt ber denen liegt, die vor ihnen waren.
    Ihr arbeitet an der Herstellung eines zweiten Altares, sagte ich, da Ihr
einen schon vollendet habt: wrdet Ihr auch noch andere herstellen, da Ihr sagt,
da es mehrere in dem Lande gibt?
    Wenn ich die Mittel dazu htte, wrde ich es tun, erwiderte er, ich wrde
sogar, wenn ich reich genug wre, angefangene mittelalterliche Bauwerke
vollenden lassen. Da steht in Grnau, hart an der Grenze unseres Landes, an der
Stadtpfarrkirche ein Turm, welcher der schnste unseres Landes ist und der
hchste wre, wenn er vollendet wre; aber er ist nur ungefhr bis zu zwei
Dritteilen seiner Hhe fertig geworden. Dieser altdeutsche Turm wre das erste,
welches ich vollenden liee. Wenn Ihr wieder kommt, so fhre ich Euch in eine
Kirche, in welcher auf Landeskosten ein geschnitzter Flgelaltar wieder
hergestellt worden ist, der zu den bedeutendsten Kunstwerken gehrt, welche in
dieser Art vorhanden sind.
    Wir traten bei diesen Worten den Rckweg aus dem Trockenhause in die
Arbeitstube an. Mein Begleiter sagte auf diesem Wege: Da Eustach jetzt
vorzugsweise damit beschftigt ist, die im Laufe befindlichen Werke
auszufertigen, so hat er seinen Bruder, der herangewachsen ist, unterrichtet,
und dieser versieht jetzt hauptschlich das Geschft des Zeichnens. Er ist eben
daran, die Verzierungen, die in unserem Lande an Bauwerken, Holzarbeiten oder
sonstwo vorkommen, und die wir in unseren Blttern von greren Werken noch
nicht haben, zu zeichnen. Wir erwarten ihn in kurzer Zeit auf einige Tage zu
rck. An diesen Dingen knnte auch die Gegenwart lernen, falls sie lernen will.
Nicht blo aus dem Groen, wenn wir das Groe betrachteten, was unsere Voreltern
gemacht haben, und was die kunstsinnigsten vorchristlichen Vlker gemacht haben,
knnten wir lernen, wieder in edlen Gebuden wohnen oder von edlen Gerten
umringt sein, wenigstens wie die Griechen in schnen Tempeln beten; sondern wir
knnten uns auch im Kleinen vervollkommnen, die berzge unserer Zimmer knnten
schner sein, die gewhnlichen Gerte, Krge, Schalen, Lampen, Leuchter, xte
wrden schner werden, selbst die Zeichnungen auf den Stoffen zu Kleidern und
endlich auch der Schmuck der Frauen in schnen Steinen; er wrde die leichten
Bildungen der Vergangenheit annehmen, statt da jetzt oft eine Barbarei von
Steinen in einer Barbarei von Gold liegt. Ihr werdet mir recht geben, wenn Ihr
an die vielen Zeichnungen von Kreuzen, Rosen, Sternen denkt, die Ihr in unsern
Blttern mittelalterlicher Bauwerke gesehen habt.
    Ich bewunderte den Mann, der, da er so redete, in einem sonderbaren, ja
abgeschmackten Kleide neben mir ging.
    Wenigstens Achtung vor Leuten, die vor uns gelebt haben, knnte man aus
solchen Bestrebungen lernen, fahr er fort, statt da wir jetzt gewohnt sind,
immer von unseren Fortschritten gegenber der Unwissenheit unserer Voreltern
reden zu hren. Das groe Preisen von Dingen erinnert zu oft an Armut von
Erfahrungen.
    Wir waren bei diesen Worten wieder in die Werkstube gekommen, und
verabschiedeten uns von dem Meister. Ich reichte ihm die Hand, die er annahm,
und schttelte die seinige herzlich. Da wir aus dem Hause getreten waren und ich
umschaute, sah ich durch das Fenster, wie er eben seine grne Schrze herab nahm
und wieder umband. Auch hrten wir das Hobeln und Sgen wieder, das bei unserem
Besuche des Werkhauses ein wenig verstummt war. Wir betraten den Gebschpfad,
und kamen wieder in die Nhe des Wohnhauses.
    Ihr habt nun meine ganze Behausung gesehen, sagte mein Gastfreund.
    Ich habe ja Kche und Keller und Gesindestuben nicht gesehen, erwiderte
ich.
    Ihr sollt sie sehen, wenn Ihr wollt, sagte er.
    Ich nahm mein mehr im Scherze gesprochenes Wort nicht zurck, und wir gingen
wieder in das Haus.
    Ich sah hier eine groe gewlbte Kche, eine groe Speisekammer, drei Stuben
fr Dienstleute, eine fr eine Art Hausaufseher, dann die Waschstube, den
Backofen, den Keller und die Obstkammer. Wie ich vermutet hatte war dies alles
reinlich und zweckmig eingerichtet. Ich sah Mgde beschftigt, und wir trafen
auch den Hausaufseher in seinem Tagewerke begriffen. Das flache, feine Krbchen,
aus welchem mein Beherberger die Vgel gefttert hatte, lehnte in einer eigenen
Mauernische neben der Tr, welche sein bestimmter Platz zu sein schien.
    Wir gingen von diesen Rumen in das Gewchshaus. Es enthielt sehr viele
Pflanzen, meistens solche, welche zur Zeit gebruchlich waren. Auf den Gestellen
standen Kamelien mit gut gepflegten grnen Blttern, Rhododendern, darunter, wie
mir die Aufschrift sagte, gelbe, die ich nie gesehen hatte, Azaleen in sehr
mannigfaltigen Arten, und besonders viele neuhollndische Gewchse. Von Rosen
war die Teerose in hervorragender Anzahl da, und ihre Blumen blhten eben. An
das Gewchshaus stie ein kleines Glashaus mit Ananas. Auf dem Sandwege vor
beiden Husern standen Zitronen- und Orangenbume in Kbeln. Der alte Grtner
hatte noch weiere Haare als sein Herr. Er war ebenfalls ungewhnlich gekleidet,
nur konnte ich bei ihm das Ungewhnliche nicht finden. Das fiel mir auf, da er
viel reines Wei an sich hatte, welches im Vereine mit seiner weien Schrze
mich eher an einen Koch als an einen Grtner erinnerte.
    Da die schmale Seite des Gewchshauses von auen mit Rosen bekleidet sei,
wie die Sdseite des Wohnhauses, fiel mir wieder auf, aber es berhrte mich
nicht unangenehm.
    Die alte Gattin des Grtners, die wir in der Wohnung desselben fanden, war
eben so weigekleidet wie ihr Mann. An die Grtnerswohnung stieen die Kammern
der Gehilfen.
    Jetzt habt Ihr alles gesehen, sagte mein Gastfreund, da wir aus diesen
Kammern traten, auer den Gastzimmern, die ich Euch zeigen werde, wenn Ihr es
verlangt, und der Wohnung meines Ziehsohnes, die wir aber jetzt nicht betreten
knnen, weil wir ihn in seinem Lernen stren wrden.
    Wir wollen das auf eine sptere Stunde lassen, in der ich Euch daran
erinnern werde, sagte ich, jetzt habe ich aber ein anderes Anliegen an Eure
Gte, das mir nher am Herzen ist.
    Und dieses nhere Anliegen? fragte er.
    Da Ihr mir endlich sagt, antwortete ich, wie Ihr zu einer so
entschiedenen Gewiheit in Hinsicht des Wetters gekommen seid.
    Der Wunsch ist ein sehr gerechter, entgegnete er, und um so gerechter,
als Eure Meinung ber das Gewitter der Grund gewesen ist, weshalb Ihr zu unserem
Hause herauf gegangen seid, und als unser Streit ber das Gewitter der Grund
gewesen ist, da Ihr lnger da geblieben seid. Gehen wir aber gegen das
Bienenhaus, und setzen wir uns auf eine Bank unter eine Linde. Ich werde Euch
auf dem Wege und auf der Bank meine Sache erzhlen.
    Wir schlugen einen breiten Sandpfad ein, der anfangs von greren Obstbumen
und spter von hohen, schattenden Linden begrenzt war. Zwischen den Stmmen
standen Ruhebnke, auf dem Sande liefen pickende Vgel, und in den Zweigen wurde
heute wieder das Singen vollbracht, welches ich gestern schon wahrgenommen
hatte.
    Ihr habt die Sammlung von Werkzeugen der Naturlehre in meiner Wohnung
gesehen, fing mein Begleiter an, als wir auf dem Sandwege dahin gingen, sie
erklren schon einen Teil unserer Sache.
    Ich habe sie gesehen, antwortete ich, besonders habe ich das Barometer,
Thermometer, so wie einen Luftblau und Feuchtigkeitsmesser bemerkt; aber diese
Dinge habe ich auch, und sie haben eher, da ich sie vor meiner Wanderung
beobachtete, auf einen Niederschlag als auf sein Gegenteil gedeutet.
    Das Barometer ist gefallen, erwiderte er, und wies auf geringeren
Luftdruck hin, mit welchem sehr oft der Eintritt von Regen verbunden ist.
    Wohl, sagte ich.
    Der Zeiger des Feuchtigkeitsmessers, fuhr er fort, rckte mehr gegen den
Punkt der grten Feuchtigkeit.
    Ja, so ist es gewesen, antwortete ich.
    Aber der Elektrizittsmesser, sagte er, verkndigte wenig
Luftelektrizitat, da also eine Entladung derselben, womit in unseren Gegenden
gerne Regen verbunden ist, nicht erwartet werden konnte.
    Ich habe wohl auch die nmliche Beobachtung gemacht, entgegnete ich, aber
die elektrische Spannung steht nicht so sehr im Zusammenhange mit
Wettervernderungen, und ist meistens nur ihre Folge. Zudem hat sich gestern
gegen Abend Elektrizitt genug entwickelt, und alle Anzeichen, von denen Ihr
redet, verkndeten einen Niederschlag
    Ja, sie verkndeten ihn, und er ist erfolgt, sagte mein Begleiter; denn
es bildeten sich aus den unsichtbaren Wasserdnsten sichtbare Wolken, die ja
wohl sehr fein zerteiltes Wasser sind. Da ist der Niederschlag. Auf die geringe
elektrische Spannung legte ich kein Gewicht; ich wute, da, wenn einmal Wolken
entstnden, sich auch hinlngliche Elektrizitt einstellen wrde. Die Anzeichen,
von denen wir geredet haben, beziehen sich aber nur auf den kleinen Raum, in dem
man sich eben befindet, man mu auch einen weiteren betrachten, die Blue der
Luft und die Gestaltung der Wolken.
    Die Luft hatte schon gestern vormittags die tiefe und finstere Blue,
erwiderte ich, welche dem Regen vorangeht, und die Wolkenbildung begann bereits
am Mittage, und schritt sehr rasch vorwrts.
    Bis hieher habt Ihr recht, sagte mein Begleiter, und die Natur hat Euch
auch recht gegeben, indem sie eine ungewhnliche Menge von Wolken erzeugte. Aber
es gibt auch noch andere Merkmale, als die wir bisher besprochen haben, welche
Euch entgangen sind. Ihr werdet wissen, da Anzeichen bestehen, welche nur einer
gewissen Gegend eigen sind und von den Eingebornen verstanden werden, denen sie
von Geschlecht zu Geschlecht berliefert worden sind. Oft vermag die
Wissenschaft recht wohl den Grund der langen Erfahrung anzugeben. Ihr wit, da
in Gegenden ein kleines Wlklein an einer bestimmten Stelle des Himmels, der
sonst rein ist, erscheinend und dort schweben bleibend ein sicherer
Gewitteranzeiger fr diese Gegend ist, da ein trberer Ton an einer gewissen
Stelle des Himmels, ein Windsto aus einer gewissen Gegend her Vorboten eines
Landregens sind, und da der Regen immer kmmt. Solche Anzeichen hat auch diese
Gegend, und es sind gestern keine eingetreten, die auf Regen wiesen.
    Merkmale, die nur dieser Gegend angehren, erwiderte ich, konnte ich
nicht beobachten; aber ich glaube, da diese Merkmale allein Euch doch nicht
bestimmen konnten, einen so entscheidenden Ausspruch zu tun, wie Ihr getan
habt.
    Sie bestimmten mich auch nicht, antwortete er, ich hatte auch noch andere
Grnde.
    Nun.
    Alle die Vorzeichen, von denen wir bisher geredet haben, sind sehr grobe,
sagte er, und werden meistens von uns nur mittelst rumlicher Vernderungen
erkannt, die, wenn sie nicht eine gewisse Gre erreichen, von uns gar nicht
mehr beobachtet werden knnen. Der Schauplatz, auf welchem sich die
Witterungsverhltnisse gestalten, ist sehr gro; dort, wohin wir nicht sehen,
und woher die Wirkungen auf unsere wissenschaftlichen Werkzeuge nicht reichen
knnen, mgen vielleicht Ursachen und Gegenanzeigen sein, die, wenn sie uns
bekannt wren, unsere Vorhersage in ihr Gegenteil umstimmen wrden. Die
Anzeichen knnen daher auch tuschen. Es sind aber noch viel feinere
Vorrichtungen vorhanden, deren Beschaffenheit uns ein Geheimnis ist, die von
Ursachen, die wir sonst gar nicht mehr messen knnen, noch betroffen werden, und
deren Wirkung eine ganz gewisse ist.
    Und diese Werkzeuge?
    Sind die Nerven.
    Also empfindet Ihr durch Eure Nerven, wenn Regen kommen wird?
    Durch meine Nerven empfinde ich das nicht, antwortete er. Der Mensch
strt leider durch zu starke Einwirkungen, die er auf die Nerven macht, das
feine Leben derselben, und sie sprechen zu ihm nicht mehr so deutlich, als sie
sonst wohl knnten. Auch hat ihm die Natur etwas viel Hheres zum Ersatze
gegeben, den Verstand und die Vernunft, wodurch er sich zu helfen und sich seine
Stellung zu geben vermag. Ich meine die Nerven der Tiere.
    Es wird wohl wahr sein, was Ihr sagt, antwortete ich. Die Tiere hngen
mit der tiefer stehenden Natur noch viel unmittelbarer zusammen als wir. Es wird
nur darauf ankommen, da diese Beziehungen ergrndet werden und dafr ein
Ausdruck gefunden wird, besonders, was das kommende Wetter betrifft.
    Ich habe diesen Zusammenhang nicht ergrndet, entgegnete er, noch weniger
den Ausdruck dafr gefunden; beides drfte in dieser Allgemeinheit wohl sehr
schwer sein; aber ich habe zufllig einige Beobachtungen gemacht, habe sie dann
absichtlich wiederholt, und daraus Erfahrungen gesammelt und Ergebnisse zusammen
gestellt, die eine Voraussage mit fast vlliger Gewiheit mglich machen. Viele
Tiere sind von Regen und Sonnenschein so abhngig, ja bei einigen handelt es
sich geradezu um das Leben selber, je nachdem Sonne oder Regen ist, da ihnen
Gott notwendig hat Werkzeuge geben mssen, diese Dinge vorhinein empfinden zu
knnen. Diese Empfindung als Empfindung kann aber der Mensch nicht erkennen, er
kann sie nicht betrachten, weil sie sich den Sinnen entzieht; allein die Tiere
machen in Folge dieser Vorempfindung Anstalten fr ihre Zukunft, und diese
Anstalten kann der Mensch betrachten und daraus Schlsse ziehen. Es gibt einige,
die ihre Nahrung finden, wenn es feucht ist, andere verlieren sie in diesem
Falle. Manche mssen ihren Leib vor Regen bergen, manche ihre Brut in Sicherheit
bringen. Viele mssen ihre fr den Augenblick aufgeschlagene Wohnung verlassen
oder eine andere Arbeit suchen. Da nun die Vorempfindung gewi sein mu, wenn
die daraus folgende Handlung zur Sicherung fhren soll, da die Nerven schon
berhrt werden, wenn noch alle menschlichen wissenschaftlichen Werkzeuge
schweigen, so kann eine Voraussage ber das Wetter, die auf eine genaue
Betrachtung der Handlungen der Tiere gegrndet ist, mehr Anhalt gewhren, als
die aus allen wissenschaftlichen Werkzeugen zusammen genommen.
    Ihr erffnet da eine neue Richtung.
    Die Menschen haben darin schon vieles erfahren. Die besten Wetterkenner
sind die Insekten und berhaupt die kleinen Tiere. Sie sind aber viel schwerer
zu beobachten, da sie, wenn man dies tun will, nicht leicht zu finden sind, und
da man ihre Handlungen auch nicht immer leicht versteht. Aber von kleineren
Tieren hngen oft grere ab, deren Speise jene sind, und die Handlungen
kleinerer Tiere haben Handlungen grerer zur Folge, welche der Mensch leichter
berblickt. Freilich steht da ein Schlu in der Mitte, der die Gefahr zu irren
grer macht, als sie bei der unmittelbaren Betrachtung und der gleichsam
redenden Tatsache ist. Warum, damit ich ein Beispiel anfahre, steigt der
Laubfrosch tiefer, wenn Regen folgen soll, warum fliegt die Schwalbe niedriger
und springt der Fisch aus dem Wasser? Die Gefahr zu irren wird wohl bei
oftmaliger Wiederholung der Beobachtung und bei sorglicher Vergleichung
geringer; aber das Sicherste bleiben immer die Herden der kleinen Tiere. Das
habt Ihr gewi schon gehrt, da die Spinnen Wetterverkndiger sind, und da die
Ameisen den Regen vorher sagen. Man mu das Leben dieser kleinen Dinge
betrachten, ihre huslichen Einrichtungen anschauen, oft zu ihnen kommen, sehen,
wie sie ihre Zeit hinbringen, erforschen, welche Grenzen ihre Gebiete haben,
welche die Bedingungen ihres Glckes sind, und wie sie denselben nachkommen.
Darum wissen Jger, Holzhauer und Menschen, welche einsam sind und zur
Betrachtung dieses abgesonderten Lebens aufgefordert werden, das meiste von
diesen Dingen, und wie aus dem Benehmen von Tieren das Wetter vorherzusagen ist.
Es gehrt aber wie zu allem auch Liebe dazu.
    Hier ist der Sitz, unterbrach er sich, von welchem ich frher gesprochen
habe. Hier ist die schnste Linde meines Gartens, ich habe einen bessern
Ruheplatz unter ihr anbringen lassen, und gehe selten vorber, ohne mich eine
Weile nieder zu setzen, um mich an dem Summen in ihren sten zu ergtzen. Wollen
wir uns setzen?
    Ich willigte ein, wir setzten uns, das Summen war wirklich ber unsern
Huptern zu hren, und ich fragte: Habt Ihr nun diese Beobachtungen an den
Tieren, wie Ihr sagtet, gemacht?
    Auf Beobachtungen bin ich eigentlich nicht ausgegangen, antwortete er;
aber da ich lange in diesem Hause und in diesem Garten gelebt habe, hat sich
manches zusammengefunden; aus dem Zusammengefundenen haben sich Schlsse gebaut,
und ich bin durch diese Schlsse umgekehrt wieder zu Betrachtungen veranlat
worden. Viele Menschen, welche gewohnt sind, sich und ihre Bestrebungen als den
Mittelpunkt der Welt zu betrachten, halten diese Dinge fr klein, aber bei Gott
ist es nicht so; das ist nicht gro, an dem wir vielmal unsern Mastab umlegen
knnen, und das ist nicht klein, wofr wir keinen Mastab mehr haben. Das sehen
wir daraus, weil er alles mit gleicher Sorgfalt behandelt. Oft habe ich gedacht,
da die Erforschung des Menschen und seines Treibens, ja sogar seiner Geschichte
nur ein anderer Zweig der Naturwissenschaft sei, wenn er auch fr uns Menschen
wichtiger ist, als er fr Tiere wre. Ich habe zu einer Zeit Gelegenheit gehabt,
in diesem Zweige manches zu erfahren und mir einiges zu merken. Doch ich will zu
meinem Gegenstande zurckkehren. Von dem, was die kleinen Tiere tun, wenn Regen
oder Sonnenschein kommen soll, oder wie ich berhaupt aus ihren Handlungen
Schlsse ziehe, kann ich jetzt nicht reden, weil es zu umstndlich sein wrde,
obwohl es merkwrdig ist; aber das kann ich sagen, da nach meinen bisherigen
Erfahrungen gestern keines der Tierchen in meinem Garten ein Zeichen von Regen
gegeben hat, wir mgen von den Bienen anfangen, welche in diesen Zweigen summen,
und bis zu den Ameisen gelangen, die ihre Puppen an der Planke meines Gartens in
die Sonne legen, oder zu dem Springkfer, der sich seine Speise trocknet. Weil
mich nun diese Tiere, wenn ich zu ihnen kam, nie getuscht haben, so folgerte
ich, da die Wasserbildung, welche unsere grberen wissenschaftlichen Werkzeuge
voraussagten, nicht ber die Entstehung von Wolken hinausgehen wrde, da es
sonst die Tiere gewut htten. Was aber mit den Wolken geschehen wrde, erkannte
ich nicht genau, ich schlo nur, da durch die Abkhlung, die ihr Schatten
erzeugen mte, und durch die Luftstrmungen, denen sie selber ihr Dasein
verdankten, ein Wind entstehen knnte, der in der Nacht den Himmel wieder rein
fegen wrde.
    Und so geschah es auch, sagte ich.
    Ich konnte es um so sicherer voraussehen, erwiderte er, weil es an
unserem Himmel und in unserem Garten oft schon so gewesen ist wie gestern, und
stets so geworden ist, wie heute in der Nacht.
    Das ist ein weites Feld, von dem Ihr da redet, sagte ich, und da steht
der menschlichen Erkenntnis ein nicht unwichtiger Gegenstand gegenber. Er
beweist wieder, da jedes Wissen Auslufe hat, die man oft nicht ahnt, und wie
man die kleinsten Dinge nicht vernachlssigen soll, wenn man auch noch nicht
wei, wie sie mit den greren zusammenhngen. So kamen wohl auch die grten
Mnner zu den Werken, die wir bewundern, und so kann mit Hereinbeziehung dessen,
von dem Ihr redet, die Witterungskunde einer groen Erweiterung fhig sein.
    Diesen Glauben hege ich auch, erwiderte er. Euch Jngeren wird es in den
Naturwissenschaften berhaupt leichter, als es den lteren geworden ist. Man
schlgt jetzt mehr die Wege des Beobachtens und der Versuche ein, statt da man
frher mehr den Vermutungen, Lehrmeinungen, ja Einbildungen hingegeben war.
Diese Wege wurden lange nicht klar, obgleich sie einzelne wohl zu allen Zeiten
gegangen sind. Je mehr Boden man auf die neue Weise gewinnt, desto mehr Stoff
hat man als Hilfe zu fernern Erringungen. Man wendet sich jetzt auch mit Ernst
der Pflege der einzelnen Zweige zu, statt wie frher immer auf das Allgemeine zu
gehen; und es wird daher auch eine Zeit kommen, in der man dem Gegenstande eine
Aufmerksamkeit schenken wird, von dem wir jetzt gesprochen haben. Wenn die
Fruchtbarkeit, wie sie durch Jahrzehende in der Naturwissenschaft gewesen ist,
durch Jahrhunderte anhlt, so knnen wir gar nicht ahnen, wie weit es kommen
wird. Nur das eine wissen wir jetzt, da das noch unbebaute Feld unendlich
grer ist als das bebaute.
    Ich habe gestern einige Arbeiter bemerkt, sagte ich, welche, obwohl der
Himmel voll Wolken war, doch Wasser pumpten, ihre Giekannen fllten und die
Gewchse begossen. Haben diese vielleicht auch gewut, da kein Regen kommen
werde, oder haben sie blo Eure Befehle vollzogen, wie die Mher, die an dem
Meierhofe Gras abmhten?
    Das letztere ist der Fall, erwiderte er. Diese Arbeiter glauben jedes
Mal, da ich mich irre, wenn der uere Anschein gegen mich ist, wie oft sie
auch durch den Erfolg belehrt worden sein mgen. Und so werden sie gewi auch
gestern geglaubt haben, da Regen komme. Sie begossen die Gewchse, weil ich es
angeordnet habe, und weil es bei uns eingefhrt ist, da der, welcher wiederholt
den Anordnungen nicht nachkmmt, des Dienstes entlassen wird. Es sind aber
endlich auch noch andere Dinge auer den Tieren, welche das Wetter vorhersagen,
nmlich die Pflanzen.
    
    Von den Pflanzen wute ich es schon, und zwar besser als von den Tieren,
erwiderte ich.
    In meinem Garten und in meinem Gewchshause sind Pflanzen, sagte er,
welche einen auffallenden Zusammenhang mit dem Luftkreise zeigen, besonders
gegen das Nahen der Sonne, wenn sie lange in Wolken gewesen war. Aus dem Geruche
der Blumen kann man dem kommenden Regen entgegen sehen, ja sogar aus dem Grase
riecht man ihn beinahe. Mir kommen diese Dinge so zufllig in den Garten und in
das Haus; Ihr aber werdet sie weit besser und weit grndlicher kennen lernen,
wenn Ihr die Wege der neuen Wissenschaftlichkeit wandelt und die Hilfsmittel
bentzt, die es jetzt gibt, besonders die Rechnung. Wenn Ihr namentlich eine
einzelne Richtung einschlagt, so werdet Ihr in derselben ungewhnlich groe
Fortschritte machen.
    Woher schliet Ihr denn das? fragte ich.
    Aus Eurem Aussehen, erwiderte er, und schon aus der sehr bestimmten
Aussage, die Ihr gestern in Hinsicht des Wetters gemacht habt.
    Diese Aussage war aber falsch, antwortete ich, und aus ihr httet Ihr
gerade das Gegenteil schlieen knnen.
    Nein, das nicht, sagte er, Eure uerung zeigte, weil sie so bestimmt
war, da Ihr den Gegenstand genau beobachtet habt, und weil sie so warm war, da
Ihr ihn mit Liebe und mit Eifer umfat; da Eure Meinung desohngeachtet irrig
war, kam nur daher, weil Ihr einen Umstand, der auf sie Einflu hatte, nicht
kanntet, und ihn auch nicht leicht kennen konntet; sonst wrdet Ihr anders
geurteilt haben.
    Ja, Ihr redet wahr, ich wrde anders geurteilt haben, antwortete ich, und
ich werde nicht wieder so voreilig urteilen.
    Ihr habt gestern gesagt, da Ihr Euch mit Naturdingen beschftiget, fuhr
er fort, darf ich wohl fragen, ob Ihr eine bestimmte Richtung gewhlt habt, und
welche?
    Ich war durch die Frage ein wenig in Verwirrung gebracht, und antwortete:
Ich bin doch im Grunde nur ein gewhnlicher Fureisender. Ich besitze gerade so
viel Vermgen, um unabhngig leben zu knnen, und gehe in der Welt herum, um sie
anzusehen. Ich habe wohl vor kurzem alle Wissenschaften angefangen; aber davon
bin ich zurckgekommen, und habe mir nur hauptschlich die einzelne Wissenschaft
der Erdbildung zur Aufgabe gemacht. Um die Werke, welche ich hierin lese, zu
ergnzen, suche ich auf den Reisen, die ich in verschiedene Landesteile mache,
zu beobachten, schreibe meine Erfahrungen auf, und verfertige Zeichnungen. Da
die Werke vorzglich von Gebirgen handeln, so suche ich auch vorzglich die
Gebirge auf. Sie enthalten sonst auch vieles, das mir lieb ist.
    Diese Wissenschaft ist eine sehr weite, entgegnete mein Gastfreund, wenn
sie in der Bedeutung der Erdgeschichte genommen wird. Sie schliet manche
Wissenschaften ein, und setzt manche voraus. Die Berge sind wohl jetzt, wo diese
Wissenschaft noch jung ist, und wo man ihre ersten und greifbarsten Zge
sammelt, von der grten Bedeutung; aber es wird auch die Ebene an die Reihe
kommen, und ihre einfache und schwerer zu entziffernde Frage wird gewi nicht
von geringerer Wichtigkeit sein. Sie wird gewi wichtig sein, antwortete ich.
Ich habe die Ebene und ihre Sprache, die sie damals zu mir sprach, schon
geliebt, ehe ich meine jetzige Aufgabe betrieb, und ehe ich die Gebirge kannte.
    Ich glaube, entgegnete mein Begleiter, da in der gegenwrtigen Zeit der
Standpunkt der Wissenschaft, von welcher wir sprechen, der des Sammelns ist.
Entfernte Zeiten werden aus dem Stoffe etwas bauen, das wir noch nicht kennen.
Das Sammeln geht der Wissenschaft immer voraus; das ist nicht merkwrdig; denn
das Sammeln mu ja vor der Wissenschaft sein; aber das ist merkwrdig, da der
Drang des Sammelns in die Geister kmmt, wenn eine Wissenschaft erscheinen soll,
wenn sie auch noch nicht wissen, was diese Wissenschaft enthalten wird. Es geht
gleichsam der Reiz der Ahnung in die Herzen, wozu etwas da sein knne, und wozu
es Gott bestellt haben mge. Aber selbst ohne diesen Reiz hat das Sammeln etwas
sehr Einnehmendes. Ich habe meine Marmore alle selber in den Gebirgen gesammelt,
und habe ihren Bruch aus den Felsen, ihr Absgen, ihr Schleifen und ihre
Einfgungen geleitet. Die Arbeit hat mir manche Freude gebracht, und ich glaube,
da mir nur darum diese Steine so lieb sind, weil ich sie selber gesucht habe.
    Habt Ihr alle Arten unsers Gebirges? fragte ich.
    Ich habe nicht alle, antwortete er, ich htte sie vielleicht nach und
nach erhalten knnen, wenn ich meine Besuche stettig htte fortsetzen knnen.
Aber seit ich alt werde, wird es mir immer schwieriger. Wenn ich jetzt zu
seltnen Zeiten einmal an den Rand des Simmeises hinaufkomme, empfinde ich, da
es nicht mehr ist wie in der Jugend, wo man keine Grenze kennt als das Ende des
Tages oder die bare Unmglichkeit. Weil ich nun nicht mehr so groe Strecken
durchreisen kann, um etwa Marmor, der mir noch fehlt, in Blcken aufzusuchen, so
wird die Ausbeute immer geringer; sie wird auch aus dem Grunde geringer, weil
ich bereits so viel habe, und die Stellen also seltener sind, wo ich ein noch
Fehlendes finde. Da ich allen Marmor selber gesammelt habe, so kann ich wohl
auch kein Stck an meinem Hause anbringen, das mir von fremder Hand kme.
    Ihr habt also wahrscheinlich das Haus selber gebaut, oder es sehr
umgestaltet? fragte ich.
    Ich habe es selber gebaut, antwortete er. Das Wohnhaus, welches zu den
umliegenden Grnden gehrt, war frher der Meierhof, an dem Ihr gestern, da wir
auf dem Bnkchen der Felderrast saen, Leute Gras mhen gesehen habt. Ich habe
ihn von dem frheren Besitzer samt allen Lndereien, die dazu gehren, gekauft,
habe das Haus auf dem Hgel gebaut, und habe den Meierhof zum Wirtschaftsgebude
bestimmt.
    Aber den Garten knnt Ihr doch unmglich neu angelegt haben?
    Das ist eine eigene Entstehungsgeschichte, erwiderte er. Ich mu sagen:
ich habe ihn neu angelegt, und ich mu sagen: ich habe ihn nicht neu angelegt.
Ich habe mir mein Wohnhaus fr den Rest meiner Tage auf einen Platz gebaut, der
mir entsprechend schien. Der Meierhof stand in dem Tale, wie meistens die
Gebude dieser Art, damit sie das fette Gras, das man hufig in den Wirtschaften
braucht, um das Gehfte herum haben; ich wollte aber mit meiner Wohnung auf die
Anhhe. Da sie nun fertig war, sollte der Garten, der an dem Meierhofe stand und
nur mit vereinzelten Bumen oder mit Gruppen von ihnen zu mir langte,
heraufgezogen werden. Die Linde, unter welcher wir jetzt sitzen, so wie ihre
Kameraden, die um sie herum stehen oder einen Gartenweg bilden, stehen da, wo
sie gestanden sind. Der groe alte Kirschbaum auf der Anhhe stand mitten im
Getreide. Ich zog die Anhhe zu meinem Garten, legte einen Weg zu dem
Kirschbaume hinauf an, und baute um ihn ein Bnklein herum. Und so ging es mit
vielen andern Bumen. Manche, und darunter sehr bedeutende, da man es nicht
glauben sollte, haben wir bersetzt. Wir haben sie im Winter mit einem groen
Erdballen ausgegraben, sie mit Anwendung von Seilen umgelegt, hieher gefhrt,
und mit Hilfe von Hebeln und Balken in die vorgerichteten, gut zubereiteten
Gruben gesenkt. Waren die Zweige und ste gehrig gekrzt, so schlugen sie im
Frhlinge desto krftiger an, gleichsam als wren die Bume zu neuem Leben
erwacht. Die Gestruche und das Zwergobst ist alles neu gesetzt worden. In
krzerer Zeit, als man glauben sollte, hatten wir die Freude, zu sehen, da der
Garten so zusammengewachsen erschien, als wre er nie an einem andern Platze
gewesen. In der Nhe des Meierhofes habe ich manchen Rest von Bumen fllen
lassen, wenn er dem Getreidebau hinderlich war; denn ich legte dort Felder an,
wo ich die Bume genommen hatte, um an Boden auf jener Seite zu gewinnen, was
ich auf dieser durch Anlegung des Gartens verloren hatte.
    Ihr habt da einen reizenden Sitz, bemerkte ich.
    Nicht der Sitz allein, das ganze Land ist reizend, erwiderte er, und es
ist gut da wohnen, wenn man von den Menschen kmmt, wo sie ein wenig zu dicht an
einander sind, und wenn man fr die Krfte seines Wesens Ttigkeit mitbringt.
Zuweilen mu man auch einen Blick in sich selbst tun. Doch soll man nicht
stettig mit sich allein auch in dem schnsten Lande sein; man mu zu Zeiten
wieder zu seiner Gesellschaft zurckkehren, wre es auch nur, um sich an mancher
glnzenden Menschentrmmer, die aus unsrer Jugend noch brig ist, zu erquicken,
oder an manchem festen Turm von einem Menschen empor zu schauen, der sich
gerettet hat. Nach solchen Zeiten geht das Landleben wieder wie lindes l in das
geffnete Gemt. Man mu aber weit von der Stadt weg und von ihr unberhrt sein.
In der Stadt kommen die Vernderungen, welche die Knste und die Gewerbe bewirkt
haben, zur Erscheinung: auf dem Lande die, welche naheliegendes Bedrfnis oder
Einwirken der Naturgegenstnde auf einander hervorgebracht haben. Beide
vertragen sich nicht, und hat man das Erste hinter sich, so erscheint das Zweite
fast wie ein Bleibendes, und dann ruht vor dem Sinne ein schnes Bestehendes,
und zeigt sich dem Nachdenken ein schnes Vergangenes, das sich in menschlichen
Wandlungen und in Wandlungen von Naturdingen in eine Unendlichkeit zurckzieht.
    Ich antwortete nichts auf diese Rede, und wir schwiegen eine Weile.
    Endlich sagte er wieder: Ihr bleibt noch heute nachmittag und in der Nacht
bei uns?
    Nach dem, wie ich hier aufgenommen worden bin, antwortete ich, ist es ein
angenehmes Gefhl, noch den Tag und die Nacht hier zubringen zu drfen.
    So ist es gut, erwiderte er, Ihr mt aber auch erlauben, da ich Euch
einen Teil des Vormittags allein lasse, weil die Stunde naht, in der ich zu
Gustav gehen und ihm in seinem Lernen beistehen mu.
    Tut Euch nur keinen Zwang an, entgegnete ich.
    So werde ich Euch verlassen, antwortete er, geht indessen ein wenig in
dem Garten herum, oder seht das Feld an, oder besucht das Haus.
    Ich wnsche fr den Augenblick noch eine Weile unter diesem Baume sitzen
bleiben zu drfen, erwiderte ich.
    Tut, wie es Euch gefllt, antwortete er, nur erinnert Euch, da ich
gestern gesagt habe, da in diesem Hause um zwlf Uhr zu Mittag gegessen wird.
    Ich erinnere mich, sagte ich, und werde keine Unordnung machen.
    Eine kleine Weile nach diesen Worten stand er auf, strich sich mit seiner
Hand die Tierchen und sonstigen Krperchen, die von dem Baume auf ihn
herabgefallen waren, aus den Haaren, empfahl sich, und ging in der Richtung
gegen das Haus zu.

                                5. Der Abschied


Ich sa noch eine geraume Zeit unter dem Baume und legte mir zurecht, was ich
gesehen und vernommen. Die Bienen summten in dem Baume, und die Vgel sangen in
dem Garten. Das Haus, in welches der alte Mann gegangen war, blickte mit
einzelnen Teilen, sei es von der weien Wand, sei es von dem Ziegeldache, durch
das Grn der Bume herber, und zu meiner Rechten ging jenseits der Gebsche in
der Gegend, in welcher ich das Schreinerhaus vermutete, ein dnner Rauch in die
Luft empor. Das Singen der Vgel und das Summen der Bienen war mir beinahe eine
Stille, da ich durch meine Gebirgswanderungen an solche andauernde Laute gewohnt
war. Die Stille wurde unterbrochen durch einzelne Laute welche von den Arbeitern
im Garten herrhrten, entweder da man das Quicken einer Pumpe hrte, mit der
man Wasser pumpte und mittelst Rinnen in eine Tonne leitete, um es abends zum
Begieen zu verwenden, oder da eine menschliche Rede ferner oder nher
erscholl, die einen Befehl oder eine Auskunft enthielt. Die verschiedenen Flecke
des Himmels, welche durch das Grn der Bume hereinsahen, waren ganz blau, und
zeigten, wie sehr mein Gastfreund mit seiner Voraussage des schnen Wetters
recht gehabt hatte.
    Ich ri mich endlich aus meinen Gedanken, und ging in dem Garten empor.
    Ich ging zu dem groen Kirschbaume. Ich suchte das Freie, weil ich in dem
Garten wegen der beschrnkten Aussicht doch nicht einen genauen berblick in
Hinsicht der Witterungsverhltnisse machen konnte. Hier oben stand der Himmel
als eine groe, ausgedehnte Glocke ber mir, und in der ganzen Glocke war kein
einziges Wlklein. Das Hochgebirge, welches wir gestern nicht hatten sehen
knnen, stand heute in seiner ganzen Klarheit an der Lnge des sdlichen Himmels
dahin. Vor ihm waren die Vorlande mit manchen weien Punkten von Kirchen und
Drfern, nher zu mir zeigte sich mancher Turm von einer Ortschaft, die ich
kannte, und unter meinen Fen ruhte der Garten und das Haus, in welchem ich
gestern so freundlich aufgenommen worden war. Die Getreide, welche nicht weit
von mir hinter der Planke des Gartens standen, und die gestern ganz ruhig
gewesen waren, befanden sich heute in einem zwar schwachen, aber frhlichen
Wogen. Ich mute denken, da das Wetter nicht nur jetzt so schn sei, sondern
da es noch lange so schn bleiben werde.
    Von dem groen Kirschbaume ging ich wieder in den Garten zurck und
betrachtete verschiedene Gegenstnde.
    Ich ging auch noch einmal in das Gewchshaus. Ich konnte nun manches genauer
ansehen, als es mir frher mglich gewesen war, da ich mit meinem Begleiter das
Haus gleichsam nur durchschritten hatte. Der weie Grtner gesellte sich zu mir,
erluterte mir manches, gab mir ber Verschiedenes Auskunft und beantwortete
bereitwillig alle meine Fragen, wie weit seine Kenntnisse und seine bersicht es
zulieen. Als ich das Gebude verlassen wollte, sagte er mir, er wolle mir noch
etwas zeigen, was der Herr mir zu zeigen vergessen habe. Er fhrte mich auf
einen Platz, der mit Sand bedeckt war, der von allen Seiten der Sonne zugnglich
und doch durch Bume und Gebsche, die ihn in einer gewissen Entfernung umgaben,
vor heftigen Winden geschtzt war. Mitten auf dem Platze stand ein kleines
glsernes Haus, welches zum Teile in der Erde steckte. Dieser Umstand und dann
der, da es von Bumen umringt war, machten, da ich es frher nicht
wahrgenommen hatte. Als wir nher kamen, sah ich, da es ganz von Glas sei und
nur so viel Gerippe habe, als sich zur Festigkeit der Tafeln notwendig zeige. Es
war auch mit einem starken eisernen Gitter, wahrscheinlich des Hagels wegen,
umspannt. Als wir die einigen Stufen von der Flche des Gartens in das Innere
hinabgestiegen waren, sah ich, da sich Pflanzen in dem Hause befanden, und zwar
nur eine einzige Gattung, nmlich lauter Kaktus. Mehr als hundert Arten standen
in Tausenden von kleinen Tpfen da. Die niederen und runden standen frei, die
langen, welche Luftwurzeln treiben, hatten Wnde von Baumrinden neben sich, die
mit Erde eingerieben waren, damit die Pflanzen die Luftwurzeln in sie schlagen
konnten. Alle Glastafeln ber unseren Huptern waren geffnet, da die freie
Luft den ganzen Raum durchdringen konnte, und doch die Wirkung der
Sonnenstrahlen nicht beirrt war. Die Tpfe standen in Reihen auf hlzernen
Gestellen, die Gestelle aber waren wieder unterbrochen, so da man in allen
Richtungen herum gehen und alles betrachten konnte. Der Grtner fhrte mich
herum und zeigte mir die Abteilungen und Unterabteilungen, in welchen die
Gewchse beisammenstanden.
    Ich sagte, da ich mich freue, da mein Gastfreund auf die Familie dieser
Pflanzen eine solche Sorgfalt wende, da sie gewi besonders und merkwrdig
wren.
    Wenn man sie lnger betrachtet und lnger mit ihnen umgeht, werden sie
immer merkwrdiger, antwortete mein Nachbar. Die Stellung ihrer Bildungen ist
so mannigfaltig, die Stacheln knnen zu einer wahren Zierde und zu einer
Bewaffnung dienen, und die Blten sind verwunderlich wie Mrchen. In einem
Monate wrdet Ihr sehr schne sehen, jetzt sind sie noch zu wenig entwickelt.
    Ich sagte ihm, da ich schon Blten gesehen habe, nicht blo solche, die,
wie schn sie seien, doch berall wachsen, sondern auch andere, die selten sind,
und solche, die mit der Schnheit den lieblichen Duft vereinen. Ich sagte ihm,
da ich in frheren Zeiten Pflanzenkunde getrieben habe, zwar nicht in Bezug auf
Gartenpflege, sondern zu meiner Belehrung und Erheiterung, und da die Kaktus
nicht das Letzte gewesen wren, dem ich eine Aufmerksamkeit geschenkt habe.
    Wenn der Herr alte Sachen sammelt, sagte er, so wre es wohl auch recht,
wenn er dies auch mit alten Pflanzen tte. Im Inghofe ist in dem Gewchshause
ein Cereus, der strker als ein Mannesarm samt seiner Bekleidung ist. Er geht an
der Wand empor, biegt sich um und wchst an der Decke des Hauses hin, an welcher
er mit. Bndern befestigt ist. Der untere Teil ist schon Holz geworden, da man
Namen eingeschnitten hat. Ich glaube, es ist ein Cereus peruvianus. Sie schtzen
ihn nicht so hoch, und der Herr sollte den Cereus kaufen, wenn man auch wegen
seiner Lnge drei Wgen aneinander binden mte, um ihn herber bringen zu
knnen. Er ist gewi schon zweihundert Jahre alt.
    Ich antwortete auf diese Rede nicht, um ihm seine Zeitrechnung in Hinsicht
der Kaktuspflege in Europa nicht zu stren.
    Ich dankte ihm, da ich endlich alles gesehen hatte, fr seine Mhe, und
verlie das kleine Haus. Er verabschiedete sich sehr freundlich und mit vielen
Verbeugungen.
    Ich ging nun zu dem Eingangsgitter, durch welches mein Gastfreund mich
gestern hereingelassen hatte, weil ich auch auerhalb des Gartens ein wenig
herumsehen wollte. Ein Arbeiter, welcher in der Nhe beschftigt war, ffnete
mir die Tr, weil ich die Einrichtung des Schlosses nicht kannte, und ich trat
in das Freie. Ich ging auf der Seite des Hgels, auf welcher ich gestern
heraufgekommen war, in mehreren Richtungen herum. Wenn ich auch die Gegend des
Landes, in der ich mich befand, im allgemeinen sehr wohl kannte, so hatte ich
mich doch nie so lange in ihr aufgehalten, um in das Einzelne eindringen zu
knnen. Ich sah jetzt, da es ein sehr fruchtbarer, schner Teil sei, der mich
aufgenommen hatte, da sich anmutige Stellen zwischen die Krmmungen der Hgel
hineinziehen, und da ein dichtes Bewohntsein der Gegend etwas sehr Heiteres
erteile. Der Tag wurde nach und nach immer wrmer, ohne hei zu sein, und es war
jene Stille, die zur Zeit der Rosenblte weit mehr als zu einer anderen auf den
Feldern ist. In dieser Zeit sind alle Feldgewchse grn, sie sind im Wachsen
begriffen, und wenn nicht viele Wiesen in der Gegend sind, auf welchen zu jener
Zeit die Heuernte vorkmmt, so haben die Leute keine Arbeit auf den Feldern, und
lassen sie allein unter der befruchtenden Sonne. Die Stille war wie in dem
Hochgebirge; aber sie war nicht so einsam, weil man berall von der Geselligkeit
der Nhrpflanzen umgeben war.
    Der Klang einer fernen Dorfglocke und meine Uhr, die ich herauszog,
erinnerte mich daran, da es Mittag sei.
    Ich ging dem Hause zu, das Gitter wurde mir auf einen Zug an der
Glockenstange geffnet, und ich ging in das Speisezimmer. Dort fand ich meinen
Gastfreund und Gustav, und wir setzten uns zu Tische. Wir drei waren allein bei
dem Mahle.
    Whrend des Essens sagte mein Gastfreund: Ihr werdet Euch wundern, da wir
so allein unsere Speisen verzehren. Es ist in der Tat sehr zu bedauern, da die
alte Sitte abgekommen ist, da der Herr des Hauses zugleich mit den Seinigen und
seinem Gesinde beim Mahle sitzt. Die Dienstleute gehren auf diese Weise zu der
Familie, sie dienen oft lebenslang m demselben Hause, der Herr lebt mit ihnen
ein angenehmes gemeinschaftliches Leben, und weil alles, was im Staate und in
der Menschlichkeit gut ist, von der Familie kmmt, so werden sie nicht blo gute
Dienstleute, die den Dienst lieben, sondern leicht auch gute Menschen, die in
einfacher Frmmigkeit an dem Hause wie an einer unverrckbaren Kirche hngen,
und denen der Herr ein zuverlssiger Freund ist. Seit sie aber von ihm getrennt
sind, fr die Arbeit bezahlt werden und abgesondert ihre Nahrung erhalten,
gehren sie nicht zu ihm, nicht zu seinem Kinde, haben andere Zwecke,
widerstreben ihm, verlassen ihn leicht, und fallen, da sie familienlos und ohne
Bildung sind, leicht dem Laster anheim. Die Kluft zwischen den sogenannten
Gebildeten und Ungebildeten wird immer grer; wenn noch erst auch der Landmann
seine Speisen in seinem abgesonderten Stbchen verzehrt, wird dort eine
unnatrliche Unterscheidung, wo eine natrliche nicht vorhanden gewesen wre.
    Ich habe, fuhr er nach einer Weile fort, diese Sitte in unserem hiesigen
Hause einfhren wollen; allein die Leute waren auf eine andere Weise
herangewachsen, waren in sich selber hineingewachsen, konnten sich an ein
Fremdes nicht anschlieen, und htten nur die Freiheit ihres Wesens verloren. Es
ist kein Zweifel, da sie sich nach und nach in das Verhltnis wrden eingelebt
haben, besonders die Jngeren, bei denen die Erziehung noch wirkt; allein ich
bin so alt, da das Unternehmen weit ber den Rest meiner Jahre hinausgeht. Ich
befreite daher meine Dienstleute von dem Zwange, und jngere Nachfolger mgen
den Versuch wieder erneuern, wenn sie meine Meinung teilen.
    Mir fiel bei dieser Rede mein Elternhaus ein, in welchem es wohltuend ist,
da wenigstens die Handlungsdiener meines Vaters mit uns an dem Mittagstische
essen.
    Die Zeit nach dem Mittagsessen ward dazu bestimmt, den Meierhof zu besuchen,
und Gustav durfte uns begleiten.
    Wir gingen nicht den Weg, der an dem groen Kirschbaume vorber und auf der
Hhe der Felder dahin fhrt. Dieser Weg, sagte mein Gastfreund, sei mir schon
bekannt; sondern wir gingen in der Nhe der Bienenhtte durch ein Pfrtchen in
das Freie, und gingen auf einem Pfade ber den sanften Abhang hinab, der noch
mit hohen Obstbumen, die die besseren Arten des Landes trugen und von dem
Meierhofgarten brig geblieben waren, bedeckt war. Die Wiesen, ber die wir
wandelten, waren so gut, wie ich sie selten angetroffen habe.
    Da wir zu dem Gebude gekommen waren, sah ich, da es ein weitlufiges
Viereck war wie die greren Landhfe der Gegend, da man aber hie und da daran
gebessert, und da man es durch Zubauten erweitert hatte. Der Hofraum war an den
Gebuden herum mit breiten Steinen gepflastert, der brige Teil desselben war
mit grobem Quarzsande bedeckt, der fter umgearbeitet wurde. Die Gebude, welche
diesen Raum umgaben, enthielten die Stlle, Scheunen, Wagengewlbe und
Wohnungen. Das Vorratshaus stand weiter entfernt in dem Garten. Wir besahen die
Tiere, welche eben zu Hause waren, von den Pferden und Rindern angefangen bis zu
den Schweinen und dem Federvieh hinunter. Fr die Rinder war hinter dem Hause
ein schner Platz eingefangen, auf welchem sie in freie Luft gelassen werden
konnten. Es strmte frisches Wasser in einer tiefen Steinrinne durch den Platz,
von welchem sie trinken konnten. Ich hatte diese Einrichtung nie gesehen, und
sie gefiel mir sehr. Ein hnlicher Platz war fr das Federvieh eingefangen, und
nicht weit davon war ein Anger, auf welchem sich die Fllen tummeln konnten. Wir
besuchten auch die Wohnungen der Leute. Hier fielen mir die groen, schnen
Steinrahmen auf, die an den Fenstern gesetzt waren, auch konnte man leicht die
bedeutende Vergrerung der Fenster sehen. In der Wagenhalle waren nicht blo
die Wgen und anderen Fahrzeuge, sondern auch die brigen Landwirtschaftsgerte
in Vorrate vorhanden. Die Dngersttte, welche auch hier wie in den meisten
Wirtschaftshusern unseres Landes in dem Hofe gewesen war, ist auf einen Platz
hinter dem Hause verwiesen worden, den ringsum hohe Gebsche umfingen.
    Es ist hier noch vieles im Entstehen und Werden begriffen, sagte mein
Gastfreund, aber es geht langsam vorwrts. Man mu die Vorurteile der Leute
schonen, die unter anderen Umgebungen herangewachsen und sie gewohnt sind, damit
sie nicht durch das Neue beirrt werden und ihre Liebe zur Arbeit verlieren. Wir
mssen uns beruhigen, da schon so vieles geschehen ist, und auf das Weitere
hoffen.
    Die Leute, welche dieses Haus bewohnten, waren damit beschftigt, das Heu,
welches gestern gemht worden war, einzubringen oder, wo es not tat, vollkommen
zu trocknen. Mein Gastfreund redete mit manchem und fragte um Verschiedenes, das
sich auf die tglichen Geschfte bezog.
    Als wir von der entgegengesetzten Seite des Hauses fortgingen, sahen wir
auch den Garten, in welchem die Gemse und andere Dinge fr den Gebrauch des
Hofes gezogen wurden.
    Auf dem Rckwege schlugen wir eine andere Richtung ein, als auf der wir
gekommen waren. Hatten wir auf unserem Herwege den groen Kirschbaum nrdlich
gelassen, so lieen wir ihn jetzt sdlich, so da es schien, da wir den ganzen
Garten des Hauses umgehen wrden. Wir stiegen gegen jene Wiese hinan, von der
mir mein Gastfreund gestern gesagt hatte, da sie die nrdliche Grenze seines
Besitztums sei, und da er sie nicht nach seinem Willen habe verbessern knnen.
Der Weg fhrte sachte aufwrts, und in der Tiefe der Wiese kam uns in vielen
Windungen ein Bchlein, das mit Schilf und Gestrippe eingefat war, entgegen.
Als wir eine Strecke gegangen waren, sagte mein Begleiter: Das ist die Wiese,
die ich Euch gestern von dem Hgel herab gezeigt habe, und von der ich gesagt
habe, da bis dahin unser Eigentum gehe, und da ich sie nicht habe einrichten
knnen, wie ich gewollt htte. Ihr seht, da die Stellen an dem Bache versumpft
sind und saures Gras tragen. Dem wre leicht abzuhelfen und das mildeste Gras zu
erzielen, wenn man dem Bache einen geraden Lauf gbe, da er schneller abflsse,
die Wnde hie und da mit Steinen ausmauerte und die Niederungen mit trockener
Erde anfllte. Ich kann Euch jetzt den Grund zeigen, weshalb dieses nicht
geschieht. Ihr seht an beiden Seiten des Baches Erlenschlinge wachsen. Wenn
Ihr nher herzutretet, so werdet Ihr sehen, da diese Schlinge aus dicken
Blcken, gleichsam aus Knollen und Hckern von Holz, hervorwachsen, welches Holz
teils ber der Erde ist, teils in dem feuchten Boden derselben steckt.
    Wir waren bei diesen Worten zu dem Bache hinzugegangen, und ich sah, da es
so war.
    Diese ungestalteten Anhufungen von Holz, fuhr er fort, aus denen die
dnnen Ruten oder krppelhafte Aste hervorragen, bilden sich hier in sumpfigem
Boden, sie entstehen aber auch im Sande oder in Steinen, und sind ein
Aftererzeugnis des sonst recht schn emporwachsenden Erlenbaumes. In dem
vielteiligen Streben des Holzes, eine Menge Ruten oder zwietrchtige ste
anzusetzen und sich selber dabei zu vergrern, entsteht ein solches Verwinden
und Drehen der Fasern und Rinden, da, wenn man einen solchen Block
auseinandersgt und die Sgeflche glttet, sich die schnste Gestaltung von
Farbe und Zeichnung in Ringen, Flammen und allerlei Schlangenzgen darstellt, so
da diese Gattung Erlenholz sehr gesucht fr Schreinerarbeiten und sehr kostbar
ist. Als ich das Anwesen hier gekauft, die Wiese besehen und die Erlenblcke
entdeckt hatte, lie ich einen ausgraben, auseinandersgen, und untersuchte ihn
dann. Da fand ich, der ich damals im Erkennen des Holzes schon mehrere bung
hatte, da diese Blcke zu den schnsten gehren, die bestehen, und da die
feurige Farbe und der weiche, seidenartige Glanz des Holzes, auf welche Dinge
man besonders das Augenmerk richtet, kaum ihres Gleichen haben drften. Ich lie
mehrere Blcke ausgraben und Bltter aus ihnen schneiden. Ihr werdet die
Verwendung derselben in unserer Nachbarschaft sehen, wenn Ihr uns wieder
besuchen wollt und uns Zeit gebt, Euch dorthin zu fhren, wo sie sind. Die
brigen Blcke lie ich in dem Boden als einen Schatz, der da bleiben und sich
vermehren sollte. Nur wenn einer derselben nicht mehr zu treiben, sondern
vielmehr abzusterben beginnt, wird er herausgenommen, und wird zu Blttern
geschnitten, welche ich dann zu knftigen Arbeiten aufbewahre oder verkaufe. An
seiner Stelle bildet sich dann leicht ein anderer. Zu dem Entschlusse, diesen
Anwuchs zu pflegen, kam ich, nachdem ich einerseits vorher nach und nach die
Gegend um unser Haus immer nher kennen gelernt, alle Talmulden und Bachrinnen
erforscht und nirgends auch nur annhernd so brauchbares Erlenholz gefunden
hatte, und nachdem anderseits auch das, was mir auf mein Verlangen aus mehrern
Orten eingesendet worden war, sich dem unseren als nicht gleichkommend gezeigt
hatte. Ich lie oberhalb des Erlenwuchses einen Wasserbau auffhren, um die
Pflanzung vor berschwemmung und berkiesung zu sichern und das zu sehr
anschwellende Wasser in ein anderes Rinnsal zu leiten. Meine Nachbarn sahen das
Zweckdienliche der Sache ein, und zwei derselben legten sogar in den Grnden,
die nicht zu entwssern waren, solche Erlenpflanzungen an. Mit welchem Erfolge
dies geschah, lt sich noch nicht ermitteln, da die Pflanzen noch zu jung
sind.
    Wir betrachteten die Reihen dieser Gewchse, und gingen dann weiter.
    Wir gingen die Wiese entlang, streiften an einem Gehlze hin, berschritten
den Wasserbau, von dem mein Gastfreund gesprochen hatte, und begannen nicht nur
den Garten, sondern den ganzen Getreidehgel, auf dem das Haus steht, zu
umgehen.
    Da die Sonne immer wrmer, wenn auch nicht gar hei schien, wunderte ich
mich, da keiner von meinen zwei Begleitern eine Bedeckung auf dem Haupte trug.
Sie waren ohne einer solchen von dem Hause fortgegangen. Der alte Mann breitete
dem Glanze der Sonne die Flle seiner weien Haare unter, und der Zgling trug
auf seinem Scheitel die dichten, glnzenden braunen Locken. Ich wute nicht,
kamen mir die beiden ohne Kopfbedeckung sonderbar vor, oder ich neben ihnen mit
meinem Reisehute auf dem Haupte. Der Jngling hatte wenigstens den Vorteil, da
ihm die Sonne die Wangen noch mehr rtete und noch schner frbte, als sie sonst
waren.
    Ich betrachtete ihn berhaupt gerne. Sein leichter Gang war ein heiterer
Frhlingstag gegen den zwar auch noch krftigen, aber bestimmten und
abgemessenen Schritt seines Begleiters, seine schlanke Gestalt war der frhliche
Anfang, die seines Erziehers das Hinneigen zum Ende. Was sein Benehmen
anbelangt, so war er zurckgezogen und bescheiden, und mischte sich nicht in die
Gesprche, auer wenn er gefragt wurde. Ich wendete mich hufig an ihn und
fragte ihn um verschiedene Dinge, besonders um solche, die die Gegend umher
betrafen, und deren Kenntnis ich bei ihm voraussetzen mute. Er antwortete
sicher und mit einer gewissen Ehrerbietung gegen mich, obwohl ich ihm an Jahren
nicht so ferne stand als sein Erzieher. Er ging meistens, auch wenn der Weg
breit genug gewesen wre, hinter uns.
    Als wir den Hgel vollends umgangen hatten und an mehreren lndlichen
Wohnungen vorbeigekommen waren, stiegen wir auf der nmlichen Seite und auf dem
nmlichen Wege gegen das Haus empor, auf welchem ich gestern gegen dasselbe
hinangekommen war. Da wir es erreicht hatten, traten uns die Rosen entgegen, wie
sie mir gestern entgegengetreten waren. Ich nahm von diesem Anblicke
Gelegenheit, meinen Gastfreund der Rosen wegen zu fragen, da ich berhaupt
gesonnen war, dieser Blumen willen einmal eine Frage zu tun. Ich bat ihn, ob wir
denn zu besserer Betrachtung nicht nher auf den groen Sandplatz treten
wollten. Wir taten es, und standen vor der ganzen Wand von Blumen, die den
unteren Teil des weien Hauses deckte.
    Ich sagte, er msse ein besonderer Freund dieser Blumen sein, da er so viele
Arten hege, und da die Pflanzen hier in einer Vollkommenheit zu sehen seien wie
sonst nirgends.
    Ich liebe diese Blume allerdings sehr, antwortete er, halte sie auch fr
die schnste, und wei wirklich nicht mehr, welche von diesen beiden
Empfindungen aus der andern hervorgegangen ist.
    Ich wre auch geneigt, sagte ich, die Rose fr die schnste Blume zu
halten. Die Kamelia steht ihr nahe, dieselbe ist zart, klar und rein, oft ist
sie voll von Pracht; aber sie hat immer fr uns etwas Fremdes, sie steht immer
mit einem gewissen vornehmen Anstande da: das Weiche, ich mchte den Ausdruck
gebrauchen, das Se der Rose hat sie nicht. Wir wollen von dem Geruche gar
nicht einmal reden; denn der gehrt nicht hieher.
    Nein, sagte er, der gehrt nicht hieher, wenn wir von der Schnheit
sprechen; aber gehen wir ber die Schnheit hinaus und sprechen wir von dem
Geruche, so drfte keiner sein, der dem Rosengeruche an Lieblichkeit
gleichkmmt.
    Darber knnte nach einzelner Vorliebe gestritten werden, antwortete ich,
aber gewi wird die Rose weit mehr Freunde als Gegner haben. Sie wird sowohl
jetzt geehrt, als sie in der Vergangenheit geehrt wurde. Ihr Bild ist zu
Vergleichen das gebruchlichste, mit ihrer Farbe wird die Jugend und Schnheit
geschmckt, man umringt Wohnungen mit ihr, ihr Geruch wird fr ein Kleinod
gehalten und als etwas Kstliches versendet, und es hat Vlker gegeben, die die
Rosenpflege besonders schtzten, wie ja die waffenkundigen Rmer sich mit Rosen
krnzten. Besonders liebenswert ist sie, wenn sie so zur Anschauung gebracht
wird wie hier, wenn sie durch eigentmliche Mannigfaltigkeit und
Zusammenstellung erhht und ihr gleichsam geschmeichelt wird. Erstens ist hier
eine wahre Gewalt von Rosen, dann sind sie an der groen weien Flche des
Hauses verteilt, von der sie sich abheben; vor ihnen ist die weie Flche des
Sandes, und diese wird wieder durch das grne Rasenband und die Hecke wie durch
ein grnes Samtband und eine grne Verzierung von dem Getreidefelde getrennt.
    Ich habe auf diesen Umstand nicht eigens gedacht, sagte er, als ich sie
pflanzte, obwohl ich darauf sah, da sie sich auch so schn als mglich
darstellten.
    Aber ich begreife nicht, wie sie hier so gut gedeihen knnen, entgegnete
ich. Sie haben hier eigentlich die ungnstigsten Bedingungen. Da ist das
hlzerne Gitter, an das sie mit Zwang gebunden sind, die weie Wand, an der sich
die brennenden Sonnenstrahlen fangen, das berdach, welches dem Regen, Taue und
dem Einwirken des Himmelsgewlbes hinderlich ist, und endlich hlt das Haus ja
selber den freien Luftzug ab.
    Wir haben dieses Gedeihen nur nach und nach hervorrufen knnen, antwortete
er, und es sind viele Fehlgriffe getan worden. Wir lernten aber, und griffen
die Sache dann der Ordnung nach an. Es wurde die Erde, welche die Rosen
vorzglich lieben, teils von anderen Orten verschrieben, teils nach Angabe von
Bchern, die ich hiezu anschaffte, im Garten bereitet. Ich bin wohl nicht ganz
unerfahren hieher gekommen, ich hatte auch vorher schon Rosen gezogen, und habe
hier meine Erfahrungen angewendet. Als die Erde bereit war, wurde ein tiefer,
breiter Graben vor dem Hause gemacht und mit der Erde gefllt. Hierauf wurde das
hlzerne Gitter, welches reichlich mit lfarbe bestrichen war, da es von Wasser
nicht in Fulnis gesetzt werden konnte, aufgerichtet, und eines Frhlings wurden
die Rosenpflanzen, die ich entweder selbst gezogen oder von Blumenzchtern
eingesendet erhalten hatte, in die lockere Erde gesetzt. Da sie wuchsen, wurden
sie angebunden, im Laufe der Jahre versetzt, verwechselt, beschnitten und
dergleichen, bis sich die Wand allgemach erfllte. In dem Garten sind die
Vorratsbeere angelegt worden, gleichsam die Schule, in welcher die gezogen
werden, die einmal hieher kommen sollen. Wir haben gegen die Sonne eine Rolle
Lein wand unter dem Dache anbringen lassen, die durch einige leichte Zge mit
Schnren in ein Dach ber die Rosen verwandelt werden kann, das nur gedmpfte
Strahlen durchlt. So werden die Pflanzen vor der zu heien Sommersonne und die
Blumen vor derjenigen Sonne ge schtzt, die ihnen schaden knnte. Die heutige
ist ihnen nicht zu hei, Ihr seht, da sie sie frhlich aushalten. Was Ihr von
Tau und Regen sagt, so steht das Gitter nicht so nahe an dem Hause, da die
Einflsse des freien Himmels ganz abgehalten werden. Tau sammelt sich auf den
Rosen, und selbst Regen trufelt auf sie herunter. Damit wir aber doch
nachhelfen und zu jener Zeit Wasser geben knnen, wo es der Himmel versagt,
haben wir eine hohle Walze unter der Dachrinne, die mit uerst feinen Lchern
versehen ist, und aus Tonnen, die unter dem Dache stehen, mit Wasser gefllt
werden kann. Durch einen leichten Druck werden die Lcher geffnet, und das
Wasser fllt wie Tau auf die Rosen nieder. Es ist wirklich ein angenehmer
Anblick, zu sehen, wie in Zeiten hoher Not das Wasser von Blttern und Zweigen
rieselt und dieselben sich daran erfrischen. Und damit es endlich nicht an Luft
gebricht, wie Ihr frchtet, gibt es ein leichtes Mittel. Zuerst ist auf diesem
Hgel ein schwacher Luftzug ohnehin immer vorhanden und streicht an der Wand des
Hauses. Sollten aber die Blumen an ganz stillen Tagen doch einer Luft bedrfen,
so werden alle Fenster des Erdgeschosses geffnet, und zwar sowohl an dieser
Wand als auch an der entgegengesetzten. Da nun die entgegengesetzte Seite die
nrdliche ist und dort die Luft durch den Schatten abgekhlt wird, so strmt sie
bei jenen Fenstern herein und bei denen der Rosen heraus. Ihr knnt da an den
windstillsten Tagen ein sanftes Fcheln der Bltter sehen.
    Das sind bedeutende Anstalten, erwiderte ich, und beweisen Eure Liebe zu
diesen Blumen; aber aus ihnen allein erklrt sich doch noch nicht die besondere
Vollkommenheit dieser Gewchse, die ich nirgends gesehen habe, so da keine
unvollkommene Blume, kein drrer Zweig, kein unregelmiges Blatt vorkmmt.
    Zum Teile erklrt sich die Tatsache doch wohl aus diesen Anstalten, sagte
er. Luft, Sonne und Regen sind durch die sdliche Lage des Standortes und die
Vorrichtungen so weit verbessert, als sie hier verbessert werden knnen. Noch
mehr ist an der Erde getan worden. Da wir nicht wissen, welches denn der letzte
Grund des Gedeihens lebendiger Wesen berhaupt ist, so schlo ich, da den Rosen
am meisten gut tun msse, was von Rosen kmmt. Wir lieen daher seit jeher alle
Rosenabflle sammeln, besonders die Bltter und selbst die Zweige der wilden
Rosen, welche sich in der ganzen Gegend befinden. Diese Abflle werden zu Hgeln
in einem abgelegenen Teile unseres Gartens zusammengetan, den Einflssen von
Luft und Regen ausgesetzt, und so bereitet sich die Rosenerde. Wenn in einem
Hgel sich keine Spur mehr von Pflanzentum zeigt und nichts als milde Erde vor
die Augen tritt, so wird diese den Rosen gegeben. Die Pflanzen, welche neu
gesetzt werden, erhalten in ihrem Graben gleich so viel Erde, da sie auf
mehrere Jahre versorgt sind. ltere Rosen, welche von ihrem Standboden lngere
Zeit gezehrt haben, werden mit einer Neuerung beteilt. Entweder wird die Erde
oberhalb ihrer Wurzeln weggetan und ihnen neue gegeben, oder sie werden ganz
ausgehoben und ihr Standpunkt durchaus mit frischer Erde erfllt. Es ist
auffllig sichtbar, wie sich Blatt und Blume an dieser Gabe erfreuen. Aber trotz
der Erde und der Luft und der Sonne und der Feuchtigkeit wrdet Ihr die Rosen
hier nicht so schn sehen, als Ihr sie seht, wenn nicht noch andre Sorgfalt
angewendet wrde; denn immer entstehen manche bel aus Ursachen, die wir nicht
ergrnden knnen, oder die, wenn sie auch ergrndet sind, wir nicht zu vereiteln
vermgen. Endlich trifft ja die Gewchse wie alles Lebende der natrliche Tod.
Kranke Pflanzen werden nun bei uns sogleich ausgehoben, in den Garten, gleichsam
in das Rosenhospital, getan, und durch andere aus der Schule ersetzt.
Abgestorbene Bumchen kommen hier nicht leicht vor, weil sie schon in der Zeit
des Absterbens weggetan werden. Ttet aber eine Ursache eines schnell, so wird
es ohne Verzug entfernt. Eben so werden Teile, die erkranken oder zu Grunde
gehen, von dem Gitter getrennt. Die beste Zeit ist der Frhling, wo die Zweige
blo liegen. Da werden Winkelleitern, die uns den Zugang zu allen Teilen
gestatten, angelegt, und es wird das ganze Gitter untersucht. Man reinigt die
Rinde, pflegt sie, verbindet ihre Wunden, knpft die Zweige an, und schneidet
das Untaugliche weg. Aber auch im Sommer entfernen wir gleich jedes fehlerhafte
Blatt und jede unvollstndige Blume. Es haben nach und nach alle im Hause eine
Neigung zu den Rosen bekommen, sehen gerne nach, und zeigen es sogleich an, wenn
sich etwas Unrechtes bemerken lt. Auch in der Umgegend hat man Wohlgefallen an
diesen Blumen gefunden, man setzt sie in Grten und pflegt sie, ich schenke den
Leuten die Pflanzen aus meinen Vermehrungsbeeten und unterrichte sie in der
Behandlung. Zwei Wegestunden von hier ist ein Bauer, der wie ich eine ganze Wand
seines Hauses mit Rosen bepflanzt hat.
    Je mehr es mir wichtig erscheint, wie Ihr mit Euren Rosen umgeht,
antwortete ich, und fr je wichtiger Ihr sie selbst betrachtet, desto mehr mu
ich doch die Frage tun, warum Ihr denn gerade vorzugsweise an dieser Wand Eures
Hauses die Rosen zieht, wo ihr Standort doch nicht so ersprielich ist, und wo
man solche Anstalten machen mu, um ihr vlliges Gedeihen zu sichern. Es ist
zwar sehr schn, wie sie sich hier ausbreiten und darstellen; aber sollte man
sie denn im Garten nicht auch in Stellungen und Gruppen bringen knnen, die eben
so schn oder schner wren als diese hier, und noch den Vorteil htten, da
ihre Pflege viel leichter wre?
    Ich habe die Rosen an die Wand des Hauses gesetzt, erwiderte er, weil
sich eine Jugenderinnerung an diese Blume knpft und mir dir Art, sie so zu
ziehen, lieb macht. Ich glaube, da mir einzig darum die Rose so schn
erscheint, und da ich darum die groe Mhe fr diese Art ihrer Pflege
verwende.
    Ihr habt nichts von Ungeziefer gesagt, entgegnete ich. Nun wei ich aber
aus Erfahrung, da kaum eine Pflanzengattung, etwa die Pappel ausgenommen, so
gerne von Ungeziefer heimgesucht wird als die Rose, die in verschiedenen Arten
und Geschlechtern von demselben bewohnt und entstellt wird. Hier sehe ich von
dieser Plage gar nichts, als wre sie nicht vorhanden oder als wrde die Rose
von ihr durch irgendein knstliches Mittel befreit. Ihr werdet doch nicht, so
wie jedes kranke Blatt, auch jeden Blattwickler, jede Spinne, jede Blattlaus
abnehmen lassen? Aber dieses bringt mich sogar noch auf einen weiteren Umstand,
ber den ich mir eine Frage an Euch zu tun vorgenommen habe, welche ich gewi
noch vor meiner Abreise bei einer schicklichen Gelegenheit getan htte, welche
ich mir aber jetzt erlaube, da Ihr mit solcher Gte und Bereitwilligkeit mir die
Einsicht in die Dinge dieses Landsitzes gestattet habt. Bei meiner Wanderung
durch das flache Land hatte ich mehrfach Gelegenheit zu bemerken, da Obstbume
hufig kahle ste haben, oder da berhaupt das Laub zerstrt oder verunstaltet
war, was von Raupenfra herrhrte. Mir fiel die Sache nicht weiter auf, da ich
sie von Jugend an zu sehen gewohnt war, und da sie sich nicht in einem
ungewhnlichen Grade zeigte; aber das fiel mir auf, da so wie an diesen Rosen
auch in Eurem ganzen Garten nichts von dem bel zu sehen ist, kein drres Reis,
kein kahles Zweiglein, kein Stengel eines abgefressenen Blattes, ja nicht einmal
ein verletztes Blatt des Kohles, dem doch sonst der Weiling so gerne Schaden
tut. Im Angesichte dieses Wohlbefindens kamen mir die Zerstrungen wieder zu
Sinne, die ich in dem Lande gesehen hatte, und ich beschlo, in dieser Hinsicht
eine Frage an Euch zu tun, ob Ihr denn da eigentmliche Vorkehrungen habt; denn
das Ablesen der Raupen und Insekten hat sich ja berall als unzulnglich
gezeigt.
    Wir wrden allerdings durch Ablesen des Ungeziefers weder unsere Rosen noch
die Bume und Gestruche im Garten vor Verunglimpfung frei halten knnen,
antwortete er. Wir haben nun in der Tat andere Einrichtungen dagegen. Ich mu
Euch sagen, da es mich freue, da Ihr in meinem Garten die Abwesenheit des
Raupenfraes bemerkt habt, und ich werde Euch recht gerne darber Aufklrung
geben, und besonders darum, da es sich auch ausbreiten knne. Die Beantwortung
Eurer Frage kann aber am besten in dem Garten geschehen, weil ich Euch zur
Bekrftigung gleich manche Vorrichtungen zeigen und die Beweise dartun kann.
Wenn es Euch genehm ist, so gehen wir in den Garten, in welchem auch eine kleine
Ruhe auf irgend einem Bnkchen nach dem Gange von dem Meierhofe herauf nicht
unangenehm sein wird.
    Einen Augenblick lat mich noch diese Rosen betrachten, sagte ich.
    Tut nach Eurem Gefallen, antwortete er.
    Ich trat zuerst nher an das Gitter, um einzelnes zu betrachten. Ich sah nun
wirklich die reinliche Erde, in welcher die Stmmchen standen, und die nicht von
einem einzigen Grschen bewachsen war. Ich sah das gutbestrichene Holzgitter, an
welchem die Bumchen angebunden, und an welchem ihre Zweige ausgebreitet waren,
da sich keine leere Stelle an der Wand des Hauses zeigte. An jedem Stmmchen
hing der Name der Blume auf Papier geschrieben und in einer glsernen Hlse
hernieder. Diese glsernen Hlsen waren gegen den Regen geschtzt, indem sie
oben geschlossen, unten umgestlpt und mit einer kleinen Abflurinne versehen
waren. Nach dieser Betrachtung in der Nhe trat ich wieder zurck und besah noch
einmal die ganze Wand der Blumen durch mehrere Augenblicke. Nachdem ich dieses
getan hatte, sagte ich, da wir jetzt in den Garten gehen knnten.
    Wir nherten uns dem Torgitter, der alte Mann tat einen Druck wie gestern,
da er mich eingelassen hatte, das Tor ffnete sich, und wir gingen in den
Garten. Dort nherten wir uns einer Bank, die in angenehmem nachmittgigem
Schatten stand. Als wir uns auf ihr niedergesetzt hatten, sagte mein Gastfreund:
Unsere Mittel, die Bume, Gestruche und kleineren Pflanzen vor Kahlheit zu
bewahren, sind so einfach und in der Natur gegrndet, da es eine Schande wre
sie aufzuzhlen, wenn es andererseits nicht auch wahr wre, da sie nicht
berall angewendet werden, besonders das letzte. Was nun das Kahlwerden von
Bumen und sten anlangt, so entsteht es nicht immer durch Raupen, sondern oft
auch auf andern Wegen nach und nach. Gegen ein endliches Sterben und also
Entlaubtwerden des ganzen Baumes gibt es so wenig ein Mittel als gegen den Tod
des Menschen; aber so weit darf man es bei einem Baume im Garten nicht kommen
lassen, da er tot in demselben dasteht; sondern wenn man ihm durch
Zurckschneiden seiner ste fter Verjngungskrfte gegeben hat, wenn aber nach
und nach dieses Mittel anfngt, seine Wirkung nicht mehr zu bewhren, so tut man
dem Baume und dem Garten eine Wohltat, wenn man beide trennt. Ein solcher Baum
steht also in einem nur einiger Maen gut besorgten Garten oder auf anderem
Grunde gar nicht. Damit aber auch nicht Teile eines Baumes kahl dastehen, haben
wir mehrere Mittel. Sie bestehen aber darin, dem Baume zu geben, was ihm nottut,
und ihm zu nehmen, was ihm schadet. Darum gilt als Oberstes, da man nie einen
Baum an eine Stelle setze, auf der er nicht leben kann. Auf Stellen, die Bumen
berhaupt das Leben versagen, setzt wohl kein vernnftiger Mensch einen. Aber es
gibt auch Stellen, die nur darum nicht taugen, weil sie nicht bearbeitet sind,
oder weil ihnen etwas mangelt, was einem bestimmten Gewchse notwendig ist. Um
nun die Stelle gut zu bearbeiten, haben wir, ehe wir einen Baum setzten, eine so
tiefe Grube gegraben und mit gelockerter Erde gefllt, da der Baum bedeutend
alt werden konnte, ehe er gentigt war, seine Wurzeln in unbearbeiteten Boden zu
treiben. Selbst alte Stmme, die ich hier gefunden hatte, und deren Zustand mir
nicht gefiel, habe ich durch Herausnehmen, Lockern ihres Standortes und
Wiedereinsetzen zu vortrefflichem Gedeihen gebracht. Aber ehe wir die Grube
gegraben haben, ehe wir den Baum in dieselbe gesetzt haben, haben wir auch durch
Erfahrung oder Bcher herauszubringen gesucht, was ihm auch nebst der Erde noch
not tue, und welchen Platz er haben msse. Fr welchen Baum ein geeigneter Platz
im Garten nicht ist, der soll auch im Garten gar nicht sein. Welche Bume viele
Luft brauchen, setzen wir in die Luft, die das Licht lieben, in das Licht, die
den Schatten, in den Schatten. In den Schutz der greren oder
windwiderstandsfhigeren setzten wir diejenigen, welche des Schutzes bedurften.
Die Frost und Reif scheuen, stehen an Wnden oder warmen Orten. Und auf diese
Weise gedeihen nun alle durch ihre Lebenskraft und natrliche Nahrung. Im
Frhlinge wird jeder Stamm und seine strkeren ste durch eine Brste und gutes
Seifenwasser gewaschen und gereinigt. Durch die Brste werden die fremden
Stoffe, die dem Baume schaden knnten, entfernt, und das Waschen ist ein
ntzliches Bad fr die Rinde, die wie die Haut der Tiere von dem hchsten
Belange fr das Leben ist, und endlich werden die Stmme dadurch auch schn.
Unsere Bume haben kein Moos, die Rinde ist klar und bei den Kirschbumen fast
so fein wie graue Seide.
    Ich hatte wohl gesehen, da alle Bume eine sehr gesunde Rinde haben; aber
ich hatte dieses mit ihren schnen Blttern und mit ihrem guten Gedeihen
berhaupt als eine notwendige Folge in Zusammenhang gebracht.
    Wenn nun trotz aller Vorsichten doch einzelne Teile der Bume durch Winde,
Klte oder dergleichen kahl werden, fuhr mein Gastfreund fort, so werden
dieselben bei dem Beschneiden der Bume im Frhlinge entfernt. Der Schnitt wird
mit gutem Kitte verstrichen, da keine Nsse in das Holz dringen und in dem noch
gesunden Teile eine Krankheit erzeugen kann. Und so wrde in einem Garten nie
eine Kahlheit zu erblicken sein, wenn nicht uere Feinde kmen, die eine solche
zu bewirken trachteten. Derlei Feinde sind Hagel, Wolkenbrche und hnliche
Naturerscheinungen, gegen die es keine Mittel gibt Sie schaden aber auch nicht
so sehr. In unseren Gegenden sind sie selten, und ihre Wirkungen knnen auch
leicht durch schnelles Beseitigen des Zerstrten, durch Nachwuchs und
Nachpflanzungen unbemerkbar gemacht werden. Aber gefhrlichere Gegner sind die
Insekten, diese knnen die Gte eines Gartens zerstren, knnen seine Schnheit
entstellen, und ihm in manchen Jahren einen wahrhaft traurigen Anblick geben.
Dies ist der Umstand, von dem ich sagte, da ich seiner zuletzt Erwhnung tun
werde. Ihr seht, da unser Garten von der Insektenplage, die Ihr, wie Ihr sagt,
auf Eurer Wanderung an anderen Bumen bemerkt habt, in diesem Jahre frei ist.
    Ich habe pfelbume an warmen und stillen Orten fast ganz entlaubt
gesehen, antwortete ich. Es sind mir mehrere Flle dieser Art vorgekommen.
Aber da einzelne ste entlaubt waren, da das Laub von ganzen Bumen entstellt
war, habe ich oft gesehen. Allein ich habe es fr kein groes bel gehalten und
habe auf kein schlechtes Jahr geschlossen, weil ich wute, da diese
Zerstrungen immer vorkommen, und da ihr Schaden, wenn sie nicht im bermae
auftreten, nicht erheblich ist. Ich betrachtete die Erscheinung als ein Ding,
das so sein mu.
    Daran mchtet Ihr unrecht getan haben, sagte mein Gastfreund, einen
Schaden bringt diese Erscheinung immer, und wenn man ihn nach ganzen
Lnderstrichen berechnete, so knnte er ein sehr betrchtlicher sein, zu dem
noch der andere kmmt, da man den entlaubten Baum anschauen mu. Auch ist das
Ding keine Erscheinung, die so sein mu. Es gibt ein Mittel dagegen, und zwar
ein Mittel, das auer seiner Wirksamkeit auch noch sehr schn ist, und also zum
Nutzen einen Genu beschert, durch den uns die Natur gleichsam zu seiner
Anwendung leiten will. Aber dennoch, wie ich frher sagte, wird dieses Mittel
unter allen am wenigsten gebraucht, ja man beeifert sich sogar an vielen Orten,
es zu zerstren. Ihr solltet das Mittel schon wahrgenommen haben.
    Ich sah ihn fragend an.
    Habt Ihr nicht etwas in unserem Garten gehrt, das Euch besonders
auffallend war? fragte er.
    Den Vogelgesang, sagte ich pltzlich.
    Ihr habt richtig bemerkt, erwiderte er. Die Vgel sind in diesem Garten
unser Mittel gegen Raupen und schdliches Ungeziefer. Diese sind es, welche die
Bume, Gestruche, die kleinen Pflanzen und natrlich auch die Rosen weit besser
reinigen, als es Menschenhnde oder was immer fr Mittel zu bewerkstelligen im
Stande wren. Seit diese angenehmen Arbeiter uns Hilfe leisten, hat sich in
unserm Garten so wie im heurigen Jahre auch sonst nie mehr ein Raupenfra
eingefunden, der nur im geringsten bemerkbar gewesen wre.
    Aber Vgel sind ja an allen Orten, entgegnete ich. Sollten sie in Eurem
Garten mehr sein, um ihn mehr schtzen zu knnen?
    Sie sind auch mehr in unserem Garten, erwiderte er, weit mehr als an
jeder Stelle dieses Landes und vielleicht auch anderer Lnder.
    Und wie ist denn diese Mehrheit hieher gebracht worden? fragte ich.
    Es ist so, wie ich frher von den Bumen gesagt habe, man mu ihnen die
Bedingungen ihres Gedeihens geben, wenn man sie an einem Orte haben will; nur
da man die Tiere nicht erst an den Ort setzen mu wie die Bume, sie kommen
selber, besonders die Vgel, denen das bersiedeln so leicht ist.
    Und welche sind denn die Bedingungen ihres Gedeihens? fragte ich.
    Hauptschlich Schutz und Nahrung, erwiderte er.
    Wie kann man denn einen Vogel schtzen? fragte ich.
    Ihn kann man nicht schtzen, sagte mein Gastfreund, er schtzt sich
selber; aber die Gelegenheit zum Schutze kann man ihm geben. Die Singvgel,
welche sich nicht mit Waffen verteidigen knnen, suchen gegen Feinde und Wetter
Hhlungen in Bumen, Felsen, Mauern oder dergleichen auf, die so enge sind, da
ihnen ihr meistens grerer Feind in dieselben nicht folgen kann, und so tief,
da er auch nicht mit einem Schnabel oder einer Tatze bis auf den Grund zu
langen vermag - einige, wie die Spechte, machen sich selber die Hhlungen in die
Bume - oder sie gehen in solche Dickichte, da Raubvgel, Wiesel und hnliche
Verfolger nicht durchzudringen vermgen. Hiebei ist es ihnen noch mehr um den
Schutz ihrer Jungen, die sie in solchen Orten haben, als um ihren eigenen zu
tun. Erst, wenn so gesicherte Stellen nicht zu finden sind, und die Zeit drngt,
begngt sich der Singvogel zum Wohnen und Brten mit schlechteren Pltzen. Hat
eine Gegend hufige solche Zufluchtsorte, so darf man sicher schlieen, da sie
auch, wenn die andern Bedingungen nicht fehlen, viele Vgel hat. Denkt nur an
ein altes lcheriges Turmdach, wie ist es von Dohlen und Mauerschwalben
umschwrmt. Will man Vgel in eine Gegend ziehen, so mu man solche
Zufluchtsorte schaffen, und zwar so gut als mglich. Wir knnen, wie Ihr seht,
nicht Felsen und Baumstmme aushhlen, aber aus Holz gemachte Hhlungen knnen
wir berall auf die Bume aufhngen. Und dies tun wir auch. Wir machen diese
Hhlungen tief genug, richten das Schlupfloch von der Wetterseite weg, meistens
gegen Mittag, und machen es gerade so weit, da der Vogel, fr den es bestimmt
ist, ein und aus kann. Ihr mt ja derlei in den Bumen unseres Gartens gesehen
haben?
    Ich habe sie gesehen, erwiderte ich, habe dunkel vermutet, wozu sie
dienen knnten, habe aber die Vorstellung in Folge anderer Eindrcke wieder aus
dem Haupte verloren.
    Wenn wir etwa noch einmal ein wenig in den Garten herumgehn, sagte mein
Gastfreund, so werden wir mehrere solche Vogelbehlter sehen. Den Heckennistern
bauen wir ein so dichtes Geflechte von Dornzweigen und Dornsten in unsere
Bsche, da man meinen sollte, es knne kaum eine Hummel ein- und ausschlpfen;
aber der Vogel findet doch einen Eingang und baut sich sein Nest. Solcher Nester
knnt Ihr mehrere sehen, wenn Ihr wollt. Sie haben das Angenehme, da man diese
Federfamilien in ihrem Haushalte sieht, was bei den Hhlennistern nicht angeht.
Auf diese Weise schtzen wir die kleineren Vgel, die wir in unserem Garten
brauchen. Die groen, welche sich mit Schnabel, Krallen und Flgeln verteidigen
knnen, sind bei uns eher Feinde als Freunde, und werden nicht geduldet.
    Auer dem Schutze, fuhr er nach einer Weile fort brauchen die Vgel auch
Nahrung. Sie meiden die nahrungsarmen Orte, und unterscheiden sich hierdurch von
den Menschen, welche zuweilen groe Strecken weit gerade dahin wandern, wo sie
ihren Unterhalt nicht finden. Die Vgel, die fr unseren Garten passen, ernhren
sich meistens von Gewrmen und Insekten; aber wenn an einem Platze, der zum
Nisten geeignet ist, die Zahl der Vgel so gro wird, da sie ihre Nahrung nicht
mehr finden, so wandert ein Teil aus und sucht den Unterhalt des Lebens
anderswo. Will man daher an einem Orte eine so groe Zahl von Vgeln
zurckhalten, da man vollkommen sicher ist, da sie auch in den
ungezieferreichsten Jahren hinlnglich sind, um Schaden zu verhten, so mu man
ihnen auer ihrer von der Natur gegebenen Nahrung auch knstliche mit den
eigenen Hnden spenden. Tut man das, so kann man so viele Vgel an einem Platze
erziehen, als man will. Es kmmt nur darauf an, da man, um seinen Zweck nicht
aus den Augen zu verlieren, nur so viel Almosen gibt, als notwendig ist, einen
Nahrungsmangel zu verhindern. Es ist wohl in dieser Hinsicht im allgemeinen
nicht zu befrchten, da in der knstlichen Nahrung ein berma eintrete, da den
Tieren ohnehin die Insekten am liebsten sind. Nur wenn diese Nahrung gar zu
reizend fr sie gemacht wrde, knnte ein solches berma erfolgen, was leicht
an der Vermehrung des Ungeziefers erkannt werden wrde. Einige Erfahrung lt
einen schon den rechten Weg einhalten. Im Winter, in welchem einige Arten
dableiben, und in Zeiten, wo ihre natrliche Kost ganz mangelt, mu man sie
vollstndig ernhren, um sie an den Platz zu fesseln. Durch unsere Anstalten
sind Vgel, die im Frhlinge nach Pltzen suchten, wo sie sich anbauen knnten,
in unserem Garten geblieben, sie sind, da sie die Bequemlichkeit sahen und
Nahrung wuten, im nchsten Jahre wieder gekommen oder, wenn sie Wintervgel
waren, gar nicht fortgegangen. Weil aber auch die Jungen ein Heimatsgefhl haben
und gerne an Stellen bleiben, wo sie zuerst die Welt erblickten, so erkoren sich
auch diese den Garten zu ihrem knftigen Aufenthaltsorte. Zu den vorhandenen
kamen von Zeit zu Zeit auch neue Einwanderer, und so vermehrt sich die Zahl der
Vgel in dem Garten und sogar in der nchsten Umgebung von Jahr zu Jahr. Selbst
solche Vgel, die sonst nicht gewhnlich in Grten sind, sondern mehr in Wldern
und abgelegenen Gebschen, sind gelegentlich gekommen und, da es ihnen gefiel,
da geblieben, wenn ihnen auch manche Dinge, die sonst der Wald und die
Einsamkeit gewhrt, hier abgehen mochten. Zur Nahrung rechnen wir auch Licht,
Luft und Wrme. Diese Dinge geben wir nach Bedarf dadurch, da wir die Baupltze
zu den Nestern an den verschiedensten Stellen des Gartens anbringen, damit sich
die Paare die wrmeren oder khleren, luftigeren oder sonnigeren aussuchen
knnen. Fr welche keine taugliche Stelle mglich ist, die sind nicht hier. Es
sind das nur solche Vgel, fr welche die hiesigen Landstriche berhaupt nicht
passen, und diese Vgel sind dann auch fr unsere Landstriche nicht ntig. Zu
den geeigneten Zeiten besuchen uns auch Wanderer und Durchzgler, die auf der
Jahresreise begriffen sind. Sie htten eigentlich keinen Anspruch auf eine Gabe,
allein da sie sich unter die Einwohner mischen, so essen sie auch an ihrer
Schssel, und gehen dann weiter.
    Auf welche Weise gebt Ihr denn den Tieren die ntige Nahrung? fragte ich.
    Dazu haben wir verschiedene Einrichtungen, sagte er. Manche von den
Vgeln haben bei ihrem Speisen festen Boden unter den Fen, wie die Spechte,
die an den Bumen hacken, und solche, die ihre Nahrung auf der platten Erde
suchen: andere, besonders die Waldvgel, lieben das Schwanken der Zweige, wenn
sie essen, da sie ihr Mahl in eben diesen Zweigen suchen. Fr die ersten streut
man das Futter auf was immer fr Pltze, sie wissen dieselben schon zu finden.
Den anderen gibt man Gitter, die an Schnren hngen, und in denen in kleine
Trge gefllt oder auf Stifte gesteckt die Speise ist. Sie fliegen herzu und
wiegen sich essend in dem Gitter. Die Vgel werden auch nach und nach
zutraulich, nehmen es endlich nicht mehr so genau mit dem Tische, und es tummeln
sich Festfler und Schaukler auf der Ftterungstenne, die neben dem
Gewchshause ist, wo Ihr mich heute morgens gesehen habt.
    Ich habe das von heute morgens mehr fr zufllig als absichtlich gehalten,
sagte ich.
    Ich tue es gerne, wenn ich anwesend bin, erwiderte er, obwohl es auch
andere tun knnen. Fr die ganz schchternen, wie meistens die neuen Ankmmlinge
und die ganz und gar eingefleischten Waldvgel sind, haben wir abgelegene
Pltze, an die wir ihnen die Nahrung tun. Fr die vertraulicheren und
umgnglicheren bin ich sogar auf eine sehr bequeme und annehmliche
Verfahrungsweise gekommen. Ich habe in dem Hause ein Zimmer, vor dessen Fenstern
Brettchen befestigt sind, auf welche ich das Futter gebe. Die Federgste kommen
schon herzu und speisen vor meinen Augen. Ich habe dann auch das Zimmer gleich
zur Speisekammer eingerichtet, und bewahre dort in Ksten, deren kleine Fcher
mit Aufschriften versehen sind, dasjenige Futter, das entweder in Smereien
besteht oder dem schnellen Verderben nicht ausgesetzt ist.
    Das ist das Eckzimmer, sagte ich, das ich nicht begriff, und dessen
Brettchen ich fr Blumenbrettchen ansah, und doch fr solche nicht zweckmig
fand. Warum habt Ihr denn nicht gefragt? erwiderte er. Ich nahm es mir vor,
und habe wieder darauf vergessen, antwortete ich.
    Da die meisten Snger von lebendigen Tierchen leben, setzte er seine
Erzhlung fort, so ist es nicht ganz leicht, die Nahrung fr alle zu bereiten.
Da aber doch ein groer Teil nebst dem Ungeziefer auch Smereien nicht
verschmht, so sind in der Speisekammer alle Smereien, welche auf unseren
Fluren und in unseren Wldern reifen, und werden, wenn sie ausgehen oder
veralten, durch frische ersetzt. Fr solche, welche die Krner nicht lieben,
wird der Abgang durch Teile unseres Mahles, zartes Fleisch, Obst, Eierstckchen,
Gemse und dergleichen ersetzt, was unter die Krner gemischt wird. Die
Kohlmeise erhlt sehr gerne, wenn sie ttig ist, und besonders, wenn sie um ihre
Jungen sich gut annimmt, ein Stckchen Speck zur Belohnung, den sie
auerordentlich liebt. Auch Zucker wird zuweilen gestreut. Fr den Trank ist im
Garten reichlich gesorgt. In jede Wassertonne geht schief ein befestigter
Holzsteg, an welchem sie zu dem Wasser hinabklettern knnen. In den Gebschen
sind Steinnpfe, in die Wasser gegossen wird, und in dem Dickichte an der
Abendseite des Gartens ist ein kleines Quellchen, das wir mit steinernen Rndern
eingefat haben.
    Da habt Ihr ja Arbeit und Sorge in Flle mit diesen Gartenbewohnern, sagte
ich.
    Es bt sich leicht ein, antwortete er, und der Lohn dafr ist sehr gro.
Es ist kaum glaublich, zu welchen Erfahrungen man gelangt, wenn man durch
mehrere Jahre diese gefiederten Tiere hegt und gelegentlich die Augen auf ihre
Geschftigkeit richtet. Alle Mittel, welche die Menschen ersonnen haben, um die
Gewchse vor Ungeziefer zu bewahren, so trefflich sie auch sein mgen, so
fleiig sie auch angewendet werden, reichen nicht aus, wie es ja in der Lage der
Sache gegrndet ist. Wie viele Hnde von Menschen mten ttig sein, um die
unzhlbaren Stellen, an denen sich Ungeziefer erzeugt, zu entdecken und die
Mittel auf sie anzuwenden. Ja die ganz gereinigten Stellen geben auf die Dauer
keine Sicherheit und mssen stets von neuem untersucht werden. In den
verschiedensten Zeiten und unbeachtet entwickeln sich die Insekten auf Stengeln,
Blttern, Blten, unter der Rinde, und breiten sich unversehens und schnell aus.
Wie knnte man da die Keime entdecken und vor ihrer Entwicklung vernichten? Oft
sind die schdlichen Tierchen so klein, da wir sie mit unseren Augen kaum zu
entdecken vermgen, oft sind sie an Orten, die uns schwer zugnglich sind, zum
Beispiele in den uersten Spitzen der feinsten Zweige der Bume. Oft ist der
Schaden in grter Schnelligkeit entstanden, wenn man auch glaubt, da man seine
Augen an allen Stellen des Gartens gehabt, da man keine unbeachtet gelassen,
und da man seine Leute zur genauesten Untersuchung angeeifert hat. Zu dieser
Arbeit ist von Gott das Vogelgeschlecht bestimmt worden und insbesondere das der
kleinen und singenden, und zu dieser Arbeit reicht auch nur das Vogelgeschlecht
vollkommen aus. Alle Eigenschaften der Insekten, von denen ich gesprochen habe,
ihre Menge, ihre Kleinheit, ihre Verborgenheit, und endlich ihre schnelle und
pltzliche Entwicklung schtzen sie gegen die Vgel nicht. Sprechen wir von der
Menge. Alle Singvgel, wenn sie auch spter Smereien fressen, nhren doch ihre
Jungen von Raupen, Insekten, Wrmern, und da diese Jungen so schnell wachsen und
so zu sagen unaufhrlich essen, so bringt ein einziges Paar in einem einzigen
Tage eine erkleckliche Menge von solchen Tierchen in das Nest, was erst hundert
Paare in zehn, vierzehn, zwanzig Tagen. So lange brauchen ungefhr die Jungen
zum Flggewerden. Und alle Stellen, wie zahlreich sie auch sein knnen, werden
von den geschftigen Eltern durchsucht. Sprechen wir von der Kleinheit der
Tierchen. Sie oder ihre Larven und Eier mgen noch so klein sein, von den
scharfen, sphenden Augen eines Vogels werden sie entdeckt. Ja manche Vgel, wie
das Goldhhnchen, der Zaunknig, drfen ihren Jungen nur die kleinsten
Nahrungsstckchen bringen, weil dieselben, wenn sie dem Ei entschlpft sind,
selber kaum so gro wie eine Fliege oder eine kleine Spinne sind. Gehen wir
endlich auf die Abgelegenheit und Unerreichbarkeit der Aufenthaltsorte der
Insekten ber, so sind sie dadurch nicht vor dem Schnabel der Vgel geschtzt,
wenn sie fr ihre Jungen oder sich Nahrung brauchen. Was wre einem Vogel leicht
unzugnglich? In die hchsten Zweige schwingt er sich empor, an der Rinde hlt
er sich und bohrt in sie, durch die dichtesten Hecken dringt er, auf der Erde
luft er, und selbst unter Blcke und Steingerlle dringt er. Ja einmal sah ich
einen Buntspecht im Winter, da die ste zu Stein gefroren schienen, auf einen
solchen mit Gewalt loshmmern und sich aus dessen Innern die Nahrung holen. Die
Spechte zeigen auf diese Weise - ich sage es hier nebenbei - auch die ste an,
die morsch und vom Gewrme ergriffen sind und daher weggeschafft werden mssen.
Was zuletzt den unvorhergesehenen und pltzlichen Raupenfra anlangt, den der
Mensch zu spt entdeckt, so kann er sich nicht einstellen, da die Vgel berall
nachsehen und bei Zeiten abhelfen.
    Wie sehr diese Tiere fr das Ungeziefer geschaffen sind, sagte er nach
einer Weile, zeigt sich aus der Beobachtung, da sie die Arbeit unter sich
teilen. Die Blaumeise und die Tannenmeise entdeckt die Brut der Ringelraupe und
anderer Raupengattungen an den uersten Spitzen der Zweige, wo sie unter der
Rinde verborgen ist, indem sie, sich an die Zweige hngend, dieselben absucht,
die Kohlmeise durchsucht fleiig das Innere der Baumkrone, die Spechtmeise
klettert Stamm auf Stamm ab und holt die versteckten Eier hervor, der Finke, der
gerne in den Nadelbumen nistet, weshalb auch solche Bume in dem Garten sind,
geht gleichwohl gerne von ihnen herab und luft den Gngen der Kfer und
dergleichen nach, und ihn untersttzen oder bertreffen vielmehr die Ammerlinge,
die Grasmcken, die Rotkehlchen, die auf der Erde unter Kohlpflanzen und in
Hecken ihre Nahrung suchen und finden. Sie beirren sich wechselseitig nicht und
lassen in ihrer unglaublichen Ttigkeit nicht nach, ja sie scheinen sich eher
darin einander anzueifern. Ich habe nicht eigens Beobachtungen angestellt; aber
wenn man mehrere Jahre unter den Tieren lebt, so gibt sich die Betrachtung von
selber.
    Auch einen eigentmlichen Gedanken, fuhr er fort, hat das Walten dieser
Tiere in mir erweckt, oder vielmehr bestrkt; denn ich hatte ihn schon lngst.
Allen Tatsachen, die wichtig sind, hat Gott auer unserem Bewutsein ihres
Wertes auch noch einen Reiz fr uns beigesellt, der sie annehmlich in unser
Wesen gehen lt. Diesen Tierchen nun, die so ntzlich sind, hat er, ich mchte
sagen, die goldene Stimme mitgegeben, gegen die der verhrtetste Mensch nicht
verhrtet genug ist. Ich habe in unserem Garten mehr Vergngen gehabt als
manchmal in Slen, in denen die kunstreichste Musik aufgefhrt wurde, die selten
zu hren ist. Zwar singt ein Vogel in einem Kfiche auch; denn der Vogel ist
leichtsinnig, er erschrickt zwar heftig, er frchtet sich; aber bald ist der
Schrecken und die Furcht vergessen, er hpft, auf einen Halt fr seine Fe, und
trllert dort das Lied, das er gelernt hat, und das er immer wiederholt. Wenn er
jung und sogar auch alt gefangen wird, vergit er sich und sein Leid, wird ein
Hin- und Widerhpfer in kleinem Raume, da er sonst einen groen brauchte, und
singt seine Weise; aber dieser Gesang ist ein Gesang der Gewohnheit, nicht der
Lust. Wir haben an unserm Garten einen ungeheueren Kfich ohne Draht, Stangen
und Vogeltrchen, in welchem der Vogel vor auerordentlicher Freude, der er sich
so leicht hingibt, singt, in welchem wir das Zusammentnen vieler Stimmen hren
knnen, das in einem Zimmer beisammen nur ein Geschrei wre, und in welchem wir
endlich die husliche Wirtschaft der Vgel und ihre Gebrden sehen knnen, die
so verschieden sind und oft dem tiefsten Ernste ein Lcheln abgewinnen knnen.
Man hat uns in diesem Hegen von Vgeln in einem Garten nicht nachgeahmt. Die
Leute sind nicht verhrtet gegen die Schnheit des Vogels und gegen seinen
Gesang, ja diese beiden Eigenschaften sind das Unglck des Vogels. Sie wollen
dieselben genieen, sie wollen sie recht nahe genieen, und da sie keinen Kfig
mit unsichtbaren Drhten und Stangen machen knnen wie wir, in dem sie das
eigentliche Wesen des Vogels wahrnehmen knnten, so machen sie einen mit
sichtbaren, in welchem der Vogel eingesperrt ist und seinem zu frhen Tode
entgegen singt. Sie sind auf diese Weise nicht unfhlsam fr die Stimme des
Vogels, aber sie sind unfhlsam fr sein Leiden. Dazu kommt noch, da es der
Schwche und Eitelkeit des Menschen, besonders der Kinder, angenehm ist, eines
Vogels, der durch seine Schwingen und seine Schnelligkeit gleichsam aus dem
Bereiche menschlicher Kraft gezogen ist, Herr zu werden und ihn durch Witz und
Geschicklichkeit in seine Gewalt zu bringen. Darum ist seit alten Zeiten der
Vogelfang ein Vergngen gewesen, besonders fr junge Leute; aber wir mssen
sagen, da es ein sehr rohes Vergngen ist, das man eigentlich verachten sollte.
Freilich ist es noch schlechter und mu ohne weiteres verabscheut werden, wenn
man Singvgel nicht des Gesanges wegen fngt, sondern sie fngt und ttet, um
sie zu essen. Die unschuldigsten und mitunter schnsten Tiere, die durch ihren
einschmeichelnden Gesang und ihr liebliches Benehmen ohnehin unser Vergngen
sind, die uns nichts anders tun als lauter Wohltaten, werden wie Verbrecher
verfolgt, werden meistens, wenn sie ihrem Triebe der Geselligkeit folgen,
erschossen oder, wenn sie ihren nagenden Hunger stillen wollen, erhngt. Und
dies geschieht nicht, um ein unabweisliches Bedrfnis zu erfllen, sondern einer
Lust und Laune willen. Es wre unglaublich, wenn man nicht wte, da es aus
Mangel an Nachdenken oder aus Gewohnheit so geschieht. Aber das zeigt eben, wie
weit wir noch von wahrer Gesittung entfernt sind. Darum haben weise Menschen bei
wilden Vlkern und bei solchen, die ihre Gierde nicht zu zhmen wuten, oder
einen hhern Gebrauch von ihren Krften noch nicht machen konnten, den
Aberglauben aufgeregt, um einen Vogel seiner Schnheit oder Ntzlichkeit willen
zu retten. So ist die Schwalbe ein heiliger Vogel geworden, der dem Hause Segen
bringt, das er besucht, und den zu tten Snde ist. Und selten drfte es ein
Vogel mehr verdienen als die Schwalbe, die so wunderschn ist und so
unberechenbaren Nutzen bringt. So ist der Storch unter gttlichen Schutz
gestellt, und den Staren hngen wir hlzerne Huser in unsere Bume. Ich hoffe,
da, wenn unseren Nachbarn die Augen ber den Erfolg und den Nutzen des Hegens
von Singvgeln aufgehen, sie vielleicht auch dazu schreiten werden, uns
nachzuahmen; denn fr Erfolg und Nutzen sind sie am empfnglichsten. Ich glaube
aber auch, da unsere Obrigkeiten das Ding nicht gering achten sollten, da ein
strenges Gesetz gegen das Fangen und Tten der Singvgel zu geben wre, und da
das Gesetz auch mit Umsicht und Strenge aufrecht erhalten werden sollte. Dann
wrde dem menschlichen Geschlechte ein heiligendes Vergngen aufbewahrt bleiben,
wir wrden durch die Lnder wie durch schne Grten gehen, und die wirklichen
Grten wrden erquickend da stehen, in keinem Jahre leiden, und in besonders
unglcklichen nicht den Anblick der gnzlichen Kahlheit und der traurigen
Verdung zeigen. Wollt Ihr nicht auch ein wenig unsere gefiederten Freunde
ansehen?
    Sehr gerne, sagte ich.
    Wir standen vor dem Sitze auf und gingen mehr in die Tiefe des Gartens
zurck.
    Das vielstimmige Vogelgezwitscher durch den Garten und das helle Singen in
unserer Nhe, welches mir gestern nachmittag, da ich es in das Zimmer hinein
gehrt hatte, seltsam gewesen war, erschien mir nun sehr lieblich, ja ehrwrdig,
und wenn ich einen Vogel durch einen Baum huschen sah oder ber einen Sandweg
laufen, so erfllte es mich mit einer Gattung Freude. Mein Begleiter fhrte mich
zu einer Hecke, wies mit dem Finger hinein und sagte: Seht.
    Ich antwortete, da ich nichts she.
    Schaut nur genauer, sagte er, indem er mit dem Finger neuerdings die
Richtung wies.
    Ich sah nun unter einem uerst dichten Dornengeflechte, welches in die
Hecke gemacht worden war, ein Nest. In dem Neste sa ein Rotkehlchen, wenigstens
dem Rcken nach zu urteilen. Es flog nicht auf, sondern wendete nur ein wenig
den Kopf gegen uns und sah mit den schwarzen, glnzenden Augen unerschrocken und
vertraulich zu uns herauf.
    Dieses Rotkehlchen sitzt auf seinen Eiern, sagte mein Begleiter, es ist
eine Sptehe, wie sie fter vorkommen. Ich besuche es schon mehrere Tage und
lege ihm die Larve des Mehlkfers in die Nhe. Das wei der Schelm, darum frgt
er mich schon darnach, und frchtet den Fremden nicht, der bei mir ist.
    In der Tat, das Tierchen blieb ruhig in seinem Neste und lie sich durch
unser Reden und durch unsere Augen nicht beirren.
    Man mu eigentlich ehrlich gegen sie sein, sagte mein Gastfreund; aber
ich habe keine Larve in der Hand, darum bitte ich dich, Gustav, gehe in das Haus
und hole mir eine.
    Der Jngling wendete sich schnell um und eilte in das Haus.
    Indessen fhrte mich mein Begleiter eine Strecke vorwrts, und zeigte mir
neuerdings in einer Hecke unter Dornen ein Nest, in welchem eine Ammer sa.
    Diese sitzt auf ihren Jungen, die noch kaum die ersten Hrchen haben, und
erwrmt sie, sagte mein Begleiter. Sie kann nicht viel von ihnen weg, darum
bringt den meisten Teil der Nahrung der Vater herbei. Nach einigen Tagen aber
werden sie schon so stark, da sie der Mutter berall hervor sehen, wenn sie
sich auch zeitweilig auf sie setzt.
    Auch die Ammer flog bei unserer Annherung nicht auf, sondern sah uns ruhig
an.
    So zeigte mir mein Begleiter noch ein paar Nester, in denen Junge waren,
die, wenn sie sich allein befanden, auf das Gerusch unserer Annherung die
gelben Schnbel aufsperrten und Nahrung erwarteten. In zwei anderen waren
Mtter, die bei unserem Herannahen nicht aufflogen. Da wir im Vorbeigehen noch
eins trafen, bei welchem die Eltern zten, lieen sich diese nicht von ihrem
Geschfte abhalten, flogen herzu, und nhrten in unserer Gegenwart die Kinder.
    Ich habe Euch jetzt Nester gezeigt, die noch bevlkert sind, sagte mein
Gastfreund, die meisten sind schon leer, die Jugend flattert bereits in dem
Garten herum und bt sich zur Herbstreise. Die Nester sind zahlreicher, als man
vermutet, wir besuchen nur die, die uns bei der Hand sind.
    Indessen war Gustav mit der verlangten Larve gekommen und gab sie dem alten
Manne in die Hand. Dieser ging zu der Hecke, in welcher das Nest des
Rotkehlchens war, und legte die Larve auf den Weg daneben. Kaum hatte er sich
entfernt und war zu uns getreten, die wir in der Nhe standen, so schlpfte das
Rotkehlchen unter den untersten sten der Hecke heraus, rannte zu der Larve,
nahm sie, und lief wieder in die Hecke zurck.
    Ich wei nicht, welche tiefe Rhrung mich bei diesem Vorfalle berkam. Mein
Gastfreund erschien mir wie ein weiser Mann, der sich zu einem niedreren
Geschpfe herablt.
    Auch der Jngling Gustav war sehr heiter, und zeigte Freude, wenn er in die
Bsche blickte, in denen eine Wohnung war. Es war mir dies ein Beweis, da das
Zerstren der Vogelnester durch Wegnahme der Eier oder der Jungen und das Fangen
der Vgel berhaupt den Kindern nicht angeboren ist, sondern da dieser
Zerstrungstrieb, wenn er da ist, von Eltern oder Erziehern hervorgerufen und in
diese Bahn geleitet wurde, und da er durch eine bessere Erziehung sein
Gegenteil wird.
    Wir schritten weiter. In einer kleinen Fichte, die am Rande des Gartens
stand, zeigten sie mir noch eine Finkenwohnung, die an dem Stamme in das
Geflechte teils hervorgewachsener, teils knstlich eingefugter ste und Zweige
gebaut war. An anderen Bumen sahen wir auch in die aufgehngten Behlter Vgel
aus- und einschlpfen. Mein Begleiter sagte, da, wenn ich nur lnger hier wre,
mir selbst die Sitten der Vgel verstndlicher werden wrden.
    Ich erwiderte, da ich schon mehreres aus meinem Reisen im Gebirge und aus
meinen frheren Beschftigungen in den Naturwissenschaften kenne.
    Das ist doch immer weniger, sagte mein Gastfreund, als was man durch das
lebendige Beisammenleben inne wird.
    Es wurden einige Behlter, die mit aus Ruten geflochtenen Seilen an Bumen
befestigt waren, und von denen man wute, da sie nicht mehr bewohnt seien,
herabgenommen und auseinander gelegt, damit ich ihre Einrichtung she. Es war
nur eine einfache Hhlung, die aus zwei halbhohen Stcken bestand, die man
mittelst Ringen, die enger zu schrauben waren, aneinanderpressen konnte.
    Kein Singvogel, sagte mein Begleiter, geht in ein fertiges Nest, es mag
nun dasselbe in einer frheren Zeit von ihm selber oder einem anderen Vogel
gebaut worden sein, sondern er verfertigt sich sein Nest in jedem Frhlinge neu.
Deshalb haben wir die Behlter aus zwei Teilen machen lassen, da wir sie leicht
auseinander nehmen und die veralteten Nester heraus tun knnen. Auch zum
Reinigen der Behlter ist diese Einrichtung sehr tauglich; denn wenn sie
unbewohnt sind, nimmt allerlei Ungeziefer seine Zuflucht zu diesen Hhlungen,
und der Vogel scheut Unrat und verdorbene Luft und wrde eine unreine Hhlung
nicht besuchen. Im letzten Teile des Winters, wenn der Frhling schon in
Aussicht steht, werden alle diese Behlter herabgenommen, auf das sorgfltigste
gescheuert und in Stand gesetzt. Im Winter sind sie darum auf den Bumen, weil
doch mancher Vogel, der nicht abreist, Schutz in ihnen sucht. Die alten Nester
werden zerfasert und gegen den Frhling ihre Bestandteile mit neuen vermehrt in
dem Garten ausgestreut, damit die Familien Stoff fr ihre Huser finden.
    Ich sah im Vorbergehen auch die Kletterstbchen in den Wassertonnen, und im
Gebsche fanden wir das kleine rieselnde Wasserlein.
    Als wir uns auf dem Rckwege zum Hause befanden, sagte mein Begleiter: Ich
habe noch eine Art Gste, die ich fttere, nicht da sie mir ntzen, sondern da
sie mir nicht schaden. Gleich in der ersten Zeit meines Hierseins, da ich eine
sogenannte Baumschule anlegte, nmlich ein Grtchen, in welchem die zur
Veredlung tauglichen Stmmchen gezogen wurden, habe ich die Bemerkung gemacht,
da mir im Winter die Rinde an Stmmchen abgefressen wurde, und gerade die beste
und zarteste Rinde an den besten Stmmchen. Die beltter wiesen sich teils
durch ihre Spuren im Schnee, teils weil sie auch auf frischer Tat ertappt
wurden, als Hasen aus. Das Verjagen half nicht, weil sie wieder kamen, und doch
nicht Tag und Nacht jemand in der Baumschule Wache stehen konnte. Da dachte ich:
die armen Diebe fressen die Rinde nur, weil sie nichts Besseres haben, htten
sie es, so lieen sie die Rinde stehen. Ich sammelte nun alle Abflle von Kohl
und hnlichen Pflanzen, die im Garten und auf den Feldern brig blieben,
bewahrte sie im Keller auf, und legte sie bei Frost und hohem Schnee teilweise
auf die Felder auerhalb des Gartens. Meine Absicht wurde belohnt: die Hasen
fraen von den Dingen und lieen unsere Baumschule in Ruhe. Endlich wurde die
Zahl der Gste immer mehr, da sie die wohleingerichtete Tafel entdeckten; aber
weil sie mit dem Schlechtesten, selbst mit den dicken Strnken des Kohles
zufrieden waren und ich mir solche von unseren Feldern und von Nachbarn leicht
erwerben konnte, so fragte ich nichts darnach, und ftterte. Ich sah ihnen oft
aus dem Dachfenster mit dem Fernrohre zu. Es ist possierlich, wenn sie von der
Ferne herzulaufen, dem bequem daliegenden Frae mitrauen, Mnnchen machen,
hpfen, dann aber sich doch nicht helfen knnen, herzustrzen, und von dem Zeuge
hastig fressen, das sie im Sommer nicht anschauen wrden. Manche Leute legten
Schlingen, da sie wuten, da hier Hasen zusammenkamen. Aber da wir sehr
sorgfltig nachsprten und die Schlingen wegnehmen lieen, da ich auch verbot,
ber unsere Felder zu gehen, und die Betroffenen zur Verantwortung zog, verlor
sich die Sache wieder. Auch den Vgeln legten Buben in unserer Nhe Schlingen;
aber das half sehr wenig, da die Vgel in unserem Garten sehr gute Kost hatten
und nach der fremden Lockspeise nicht ausgingen. Die Beute an Vgeln war daher
nie gro, und mit einiger Aufsicht und Wachsamkeit, die wir in den ersten Jahren
einleiteten, geschah es, da dieser Unfug auch bald wieder aufhrte.
    Der alte Mann lud mich ein, in das Haus zu gehen und die Ftterungskammer
anzusehen.
    Auf dem Wege dahin sagte er: Unter die Feinde der Snger gehren auch die
Katzen, Hunde, Iltisse, Wiesel, Raubvgel. Gegen letzte schtzen die Dornen und
die Nestbehlter, und Hunde und Katzen werden in unserm Hause so erzogen, da
sie nicht in den Garten gehen, oder sie werden ganz von dem Hause entfernt.
    Wir waren indessen in das Haus gekommen, und gingen in das Eckzimmer, in
welchem ich die vielen Fcher gesehen hatte. Mein Begleiter zeigte mir die
Vorrte, indem er die Fcher herauszog und mir die Smereien wies. Die Speisen,
welche eben nicht in Smereien bestehen, wie Eier, Brod, Speck, werden beim
Bedarfe aus der Speisekammer des Hauses genommen.
    Meine Nachbaren uerten schon, sagte mein Begleiter, da auer der Mhe,
die das Erhalten der Singvgel macht, auch die Kosten zu ihrer Ernhrung in
keinem Verhltnisse zu ihrem Nutzen stehen. Aber das ist unrichtig. Die Mhe ist
ein Vergngen, das wird der, welcher einmal anfngt, bald inne werden, so wie
der Blumenfreund keine Mhe, sondern nur Pflege kennt, welche zudem bei den
Blumen viel mehr Ttigkeit in Anspruch nimmt als das Ziehen der Gesangvgel im
Freien; die Kosten aber sind in der Tat nicht ganz unbedeutend; allein wenn ich
die edlen Frchte eines einzigen Pflaumenbaumes, welchen mir die Raupen der
Vgel wegen nicht abgefressen haben, verkaufe, so deckt der Kaufschilling die
Nahrungskosten der Snger ganz und gar. Freilich ist der Nutzen desto grer, je
edler das Obst ist, welches in dem Garten gezogen wird, und dazu, da sie edles
Obst in dieser Gegend ziehen, sind sie schwer zu bewegen, weil sie meinen, es
gehe nicht. Wir mssen ihnen aber zeigen, da es geht, indem wir ihnen die
Frchte weisen und zu kosten geben, und wir mssen ihnen zeigen, da es ntzt,
indem wir ihnen Briefe unserer Handelsfreunde weisen, die uns das Obst abgekauft
haben. Von den Stmmchen, die in unserer Obstschule wachsen, geben wir ihnen ab,
und unterrichten sie, wie und auf welchen Platz sie gesetzt werden sollen.
    Wenn wieder einmal ein Jahr kommen sollte wie das, welches wir vor fnf
Jahren hatten, fuhr er fort, es war ein schlimmes Jahr, hei mit wenig Regen
und ungeheurem Raupenfra. Die Bume in Rohrberg, in Regau, in Landegg und
Pludern standen wie Fegebesen in die Hhe, und die grauen Fahnen der
Raupennester hingen von den entwrdigten sten herab. Unser Garten war
unverletzt und dunkelgrn, sogar jedes Blatt hatte seine natrliche Rnderung
und Ausspitzung. Wenn noch einmal ein solches Jahr kme, was Gott verhte, so
wrden sie wieder ein Stckchen Erfahrung machen, das sie das erste Mal nicht
gemacht haben.
    Ich sah unterdessen die Smereien und die Anstalten an, fragte manches und
lie mir manches erklren. Wir verlieen hierauf das Zimmer, und da wir auf dem
Gange waren und gegen Gustavs Zimmer gingen, sagte er: Da auch unntze Glieder
herbeikommen, Miggnger, Strefriede, das begreift sich. Ein groer
Hndelmacher ist der Sperling. Er geht in fremde Wohnungen, balgt sich mit
Freund und Feind, ist zudringlich zu unsern Smereien und Kirschen. Wenn die
Gesellschaft nicht gro ist, lasse ich sie gelten und streue ihnen sogar
Getreide. Sollten sie hier aber doch zu viel werden, so hilft die Windbchse,
und sie werden in den Meierhof hinabgescheucht. Als einen bsen Feind zeigte
sich der Rotschwanz. Er flog zu dem Bienenhause und schnappte die Tierchen weg.
Da half nichts, als ihn ohne Gnade mit der Windbchse zu tten. Wir lieen
beinahe in Ordnung Wache halten und die Verfolgung fortsetzen, bis dieses
Geschlecht ausblieb. Sie waren so klug, zu wissen, wo Gefahr ist, und gingen in
die Scheunen, in die Holzhtte des Meierhofes und die Ziegelhtte, wo die groen
Wespennester unter dem Dache sind. Wir lassen auch darum im Meierhofe und
anderen entfernteren Orten die grauen Kugeln solcher Nester, die sich unter den
Latten und Sparren der Dcher oder Dachvorsprnge ansiedeln, nicht zerstren,
damit sie diese Vgel hinziehen.
    Whrend dieses Gesprches waren wir in dem Gange der Gastzimmer zu der Tr
gekommen, die in Gustavs Wohnung fhrte. Mein Gastfreund fragte, ob ich diese
Wohnung nicht jetzt besehen wollte, und wir traten ein.
    Die Wohnung bestand aus zwei Zimmern, einem Arbeitszimmer und einem
Schlafzimmer. Beide waren, wie es bei solchen Zimmern selten der Fall ist, sehr
in Ordnung. Sonst war ihr Gerte sehr einfach. Bcherksten, Schreib- und
Zeichnungsgerte, ein Tisch, Schreine fr die Kleider, Sthle und das Bett. Der
Jngling stand fast errtend da, da ein Fremder in seiner Wohnung war. Wir
entfernten uns bald, und der Bewohner machte uns die leichte, feine Verbeugung,
die ich gestern schon an ihm bemerkt hatte, weil er uns nicht mehr begleiten,
sondern in den Zimmern zurckbleiben wollte, in welchen er noch Arbeit zu
verrichten hatte.
    Ihr knnet nun auch die Gastzimmer besuchen, sagte mein Begleiter, dann
habt Ihr alle Rume unseres Hauses gesehen.
    Ich willigte ein. Er nahm ein kleines silbernes Glcklein aus seiner Tasche
und lutete.
    Es erschien in kurzem eine Magd, von welcher er die Schlssel der Zimmer
verlangte. Sie holte dieselben, und brachte sie an einem Ringe, von welchem
einzelne los zu lsen waren. Jeder trug die Zahl seines Zimmers auf sich
eingegraben. Nachdem mein Beherberger die Magd verabschiedet hatte, schlo er
mir die einzelnen Zimmer auf. Sie waren einander vollkommen gleich. Sie waren
gleich gro, jedes hatte zwei Fenster, und jedes hatte hnliche Gerte wie das
meine.
    Ihr seht, sagte er, da wir in unserem Hause nicht so ungesellig sind und
bei dessen Anlegung schon auf Gste gerechnet haben. Es knnen im uersten
Notfalle noch mehr untergebracht werden, als die Zimmer anzeigen, wenn wir zwei
in ein Gemach tun, und noch andere Zimmer, namentlich die im Erdgeschosse in
Anspruch nehmen. Es ist aber in der Zeit, seit welcher dieses Haus besteht, der
Notfall noch nicht eingetreten.
    Als wir an die stliche Seite des Hauses gekommen waren, an die Seite, die
seiner Wohnung gerade entgegengesetzt lag, ffnete er eine Tr, und wir traten
nicht in ein Zimmer wie bisher, sondern in drei, welche sehr schn eingerichtet
waren und zu lieblichem Wohnen einluden. Das erste war ein Zimmer fr einen
Diener oder eigentlich eine Dienerin; denn es sah ganz aus wie das Zimmer, in
welchem die Mdchen meiner Mutter wohnten. Es standen groe Kleiderksten da,
mit grnem Zitz verhngte Betten, und es lagen Dinge herum, wie in dem
Mdchenzimmer meiner Mutter. Die zwei anderen Gemcher zeigten zwar nicht solche
Dinge, im Gegenteile, sie waren in der musterhaftesten Ordnung; aber sie wiesen
doch eine solche Gestalt, da man schlieen mute, da sie zu Wohnungen fr
Frauen bestimmt sind. Die Gerte des ersten waren von Mahagoniholz, die des
zweiten von Zedern. berall standen weichgepolsterte Sitze und schne Tische
herum. Auf dem Fuboden lagen weiche Teppiche, die Pfeiler hatten hohe Spiegel,
auerdem stand in jedem Zimmer noch ein beweglicher Ankleidespiegel, an den
Fenstern waren Arbeitstischchen, und in der Ecke jedes Zimmers stand von weien
Vorhngen dicht und undurchdringlich umgeben ein Bett. Jedes Gemach hatte ein
Blumentischchen, und an den Wnden hingen einige Gemlde.
    Als ich diese Zimmer eine Weile betrachtet hatte, ffnete mein Begleiter im
dritten Zimmer mittelst eines Drckers eine Tapetentr, die sich den Blicken
nicht gezeigt hatte, und fhrte mich noch in ein viertes, kleines Zimmer mit
einem einzigen Fenster. Das Zimmerchen war sehr schn. Es war ganz in sanft
rosenfarbener Seide ausgeschlagen, welche Zeichnungen in derselben, nur etwas
dunkleren Farbe hatte. An dieser schwach rosenroten Seide lief eine Polsterbank
von lichtgrauer Seide hin, die mit mattgrnen Bndern gerndert war. Sessel von
gleicher Art standen herum. Die Seide, grau in Grau gezeichnet, hob sich licht
und lieblich von dem Rot der Wnde ab, es machte fast einen Eindruck, wie wenn
weie Rosen neben roten sind. Die grnen Streifen erinnerten an das grne
Laubblatt der Rosen. In einer der hinteren Ecken des Zimmers war ein Kamin von
ebenfalls grauer, nur dunklerer Farbe mit grnen Streifen in den Simsen und sehr
schmalen Goldleisten. Vor der Polsterbank und den Sesseln stand ein Tisch,
dessen Platte grauer Marmor von derselben Farbe wie der Kamin war. Die Fe des
Tisches und der Sessel so wie die Fassungen an der Polsterbank und den anderen
Dingen waren von dem schnen veilchenblauen Amarantholze; aber so leicht
gearbeitet, da dieses Holz nirgends herrschte. An dem mit grauen
Seidenvorhngen gesumten Fenster, welches zwischen grnen Baumwlbungen auf die
Landschaft und das Gebirge hinaussah, stand ein Tischchen von demselben Holze
und ein reichgepolsterter Sessel und Schemmel, wie wenn hier der Platz fr eine
Frau zum Ruhen wre. An den Wnden hingen nur vier kleine, an Gre und Rahmen
vollkommen gleiche lgemlde. Der Fuboden war mit einem feinen grnen Teppiche
berspannt, dessen einfache Farbe sich nur ein wenig von dem Grn der Bnder
abhob. Es war gleichsam der Rasenteppich, ber dem die Farben der Rosen
schwebten. Die Schrzange und die anderen Gerte an dem Kamine hatten vergoldete
Griffe, auf dem Tische stand ein goldenes Glcklein.
    Kein Merkmal in dem Gemache zeigte an, da es bewohnt sei. Kein Gerte war
verrckt, an dem Teppiche zeigte sich keine Falte und an den Fenstervorhngen
keine Verknitterung.
    Als ich eine Zeit diese Dinge mit Staunen betrachtet hatte, ffnete mein
Begleiter wieder die Tapetentr, die man auch im Innern dieses Zimmers nicht
sehen konnte, und fhrte mich hinaus. Er hatte in dem Rosenzimmerchen nicht ein
Wort gesprochen, und ich auch nicht. Als wir durch die anderen Zimmer gegangen
waren und er sie hinter uns zugeschlossen hatte, sagte er mir ebenfalls ber den
Zweck dieser Wohnung nichts, und ich konnte natrlich nicht darum fragen.
    Als wir auf den Gang hinausgekommen waren, sagte er: Nun habt Ihr mein
ganzes Haus gesehen; wenn Ihr wieder einmal in der Zukunft vorberkommt, oder
Euch gar in der Ferne desselben erinnert, so knnt Ihr Euch gleich vorstellen,
wie es im Inneren aussieht.
    Bei diesen Worten nestelte er den Ring mit den Schlsseln in irgend eine
Tasche seines seltsamen Obergewandes.
    Es ist ein Bild, erwiderte ich auf seine Rede, das sich mir tief
eingeprgt hat, und das ich nicht so bald vergessen werde.
    Ich habe mir das beinahe gedacht, antwortete er.
    Da wir in die Nhe meines Zimmers gekommen waren, verabschiedete er sich,
indem er sagte, da er nun einen groen Teil meiner Zeit in Anspruch genommen
habe, und da er, um mich nicht noch mehr einzuengen, mir nichts weiter davon
entziehen wolle.
    Ich dankte ihm fr seine Geflligkeit und Freundlichkeit, mit welcher er mir
einen Teil des Tages gewidmet und mir seine Huslichkeit gezeigt habe, und wir
trennten uns. Ich nahm den Schlssel aus meiner Tasche und ffnete mein Zimmer,
um einzutreten; ihn aber hrte ich die Treppe hinabgehen.
    Ich blieb nun bis gegen Abend in meinem Gastgemache, teils, weil ich ermdet
war und wirklich einige Ruhe ntig hatte, teils, weil ich meinem Gastfreunde
nicht weiter lstig sein wollte.
    Am Abende ging ich wieder ein wenig auf die Felder auerhalb des Gartens
hinaus, und kam erst zur Speisestunde zurck. Ich hatte bei dieser Gelegenheit
gelernt, mir selber das Gitter zu ffnen und zu schlieen.
    Es war kein Gast da, und beim Abendessen wie beim Mittagessen waren nur mein
Gastfreund, Gustav und ich. Die Gesprche waren ber verschiedene gleichgltige
Dinge, wir trennten uns bald, ich verfgte mich auf mein Zimmer, las noch,
schrieb, entkleidete mich endlich, lschte das Licht, und begab mich zur Ruhe.
    Der nchste Morgen war wieder herrlich und heiter. Ich ffnete die Fenster,
lie Duft und Luft hereinstrmen, kleidete mich an, erfrischte mich mit
reichlichem Wasser zum Waschen, und ehe die Sonne nur einen einzigen Tautropfen
hatte aufsaugen knnen, stand ich schon mit meinem Rnzlein auf dem Rcken und
mit meinem Hute und dem Schwarzdornstocke in der Hand im Speisezimmer. Der alte
Mann und Gustav warteten meiner bereits.
    Nachdem das Frhmahl verzehrt worden war, wobei ich trotz der Forderung mein
Rnzlein nicht abgelegt hatte, dankte ich noch einmal fr die groe
Freundlichkeit und Offenheit, mit welcher ich hier aufgenommen worden war,
verabschiedete mich, und begab mich auf meinen Weg.
    Der alte Mann und Gustav begleiteten mich bis zum Gittertore des Gartens.
Der Alte ffnete, um mich hinauszulassen, so wie er vorgestern geffnet hatte,
um mir den Eingang zu gestatten. Beide gingen mit mir durch das geffnete Tor
hinaus. Als wir auf dem Sandplatze vor dem Hause, angeweht von dem Dufte der
Rosen, standen, sagte mein Beherberger: Nun lebt wohl und geht glcklich Eures
Weges. Wir kehren durch unser Gitter wieder in unseren Landaufenthalt und zu
unseren Beschftigungen zurck. Wenn Ihr in einer anderen Zeit wieder in die
Nhe kommt und es Euch gefllt, uns zu besuchen, so werdet Ihr mit
Freundlichkeit aufgenommen werden. Wenn Ihr aber gar, ohne da Euch Euer Weg
hier vorberfhrt, freiwillig zu uns kommt, um uns zu besuchen, so wird es uns
besonders freuen. Es ist keine Redensart, wenn ich sage, da es uns freuen
wrde, ich gebrauche diese Redensarten nicht, sondern es ist wirklich so. Wenn
Ihr das einmal wollt, so lebt in diesem Hause, so lange es Euch zusagt, und lebt
so ungebunden, als Ihr wollt, so wie auch wir so ungebunden leben werden, als
wir wollen. Wenn Ihr uns die Zeit vorher etwa durch einen Boten wissen machen
knntet, wre es gut, weil wir, wenn auch nicht oft, doch manchmal abwesend
sind.
    Ich glaube, da Ihr mich freundlich aufnehmen werdet, wenn ich wieder
komme, antwortete ich, weil Ihr es sagt, und Euer Wesen mir so erscheint, da
Ihr nicht eine unwahre Hflichkeit aussprechen wrdet. Ich begreife zwar den
Grund nicht, weshalb Ihr mich einladet, aber da Ihr es tut, nehme ich es mit
vieler Freude an, und sage Euch, da ich im nchsten Sommer, wenn mich auch mein
gewhnlicher Weg nicht hieher fhrt, freiwillig in diese Gegend und in dieses
Haus kommen werde, um eine kleine Zeit da zu bleiben.
    Tut es, und Ihr werdet sehen, da Ihr nicht unwillkommen seid, sagte er,
wenn Ihr auch die Zeit ausdehnt.
    Ich werde vielleicht das letztere tun, antwortete ich, und so lebet
wohl.
    Lebt wohl.
    Bei diesen Worten reichte er mir die Hand und drckte sie.
    Ich reichte meine Hand, da er sie losgelassen hatte, auch an den Knaben
Gustav, welcher sie annahm, aber nicht sprach, sondern mich blo mit seinen
Augen freundlich ansah.
    Hierauf schieden wir, indem sie durch das Gitter zurckgingen, ich aber den
Hut auf dem Haupte den Weg hinabwandelte, den ich vor zwei Tagen heraufgegangen
war.
    Ich fragte mich nun, bei wem ich denn diesen Tag und die zwei Nchte
zugebracht habe. Er hat um meinen Namen nicht gefragt, und hat mir den seinigen
nicht genannt. Ich konnte mir auf meine Frage keine Antwort geben.
    Und so ging ich denn nun weiter. Die grnen hren gaben jetzt in der
Morgensonne feurige Strahlen, whrend sie bei meinem Heraufgehen im Schatten des
herandrohenden Gewitters gestanden waren.
    Ich sah mich noch einmal um, da ich zwischen den Feldern hinabging, und sah
das weie Haus im Sonnenscheine stehen, wie ich es schon fter hatte stehen
gesehen, ich konnte noch den Rosenschimmer unterscheiden, und glaubte, noch das
Singen der zahlreichen Vgel im Garten vernehmen zu knnen.
    Hierauf wendete ich mich wieder um und ging abwrts, bis ich zu der Hecke
und der Einfriedigung der Felder kam, bei der ich vorgestern von der Strae
abgebogen hatte. Ich konnte mich nicht enthalten, noch einmal umzusehen. Das
Haus stand jetzt nur mehr wei da, wie ich es fter bei meinen Wanderungen
gesehen hatte.
    Ich ging nun auf der Landstrae in meiner Richtung vorwrts.
    Den ersten Mann, welcher mir begegnete, fragte ich, wem das weie Haus auf
dem Hgel gehre, und wie es hiee.
    Es ist der Aspermeier, dem es gehrt, antwortete der Mann, Ihr seid ja
gestern selber in dem Asperhofe gewesen und seid mit dem Aspermeier
herumgegangen.
    Aber der Besitzer jenes Hauses ist doch unmglich ein Meier? fragte ich;
denn mir war wohlbekannt, da man in der Gegend jeden greren Bauern einen
Meier nannte.
    Er ist anfangs nicht der Aspermeier gewesen, antwortete der Mann, aber er
hat von dem alten Aspermeier den Asperhof gekauft, und das Haus hat er gebaut,
welches in dem Garten steht und zu dem Asperhof gehrt, und jetzt ist er der
Aspermeier; denn der alte ist lngst gestorben.
    Hat er denn nicht auch einen andern Namen? fragte ich.
    Nein, wir heien ihn den Aspermeier, antwortete er. Ich sah, da der Mann
nichts weiteres von meinem Gastfreunde wisse und sich nicht um denselben
gekmmert habe, ich gab daher bei ihm jedes weitere Forschen auf.
    Es begegneten mir noch mehrere Menschen, von denen ich dieselbe Antwort
erhielt. Alle kehrten das Verhltnis um und sagten, das Haus im Garten gehre zu
dem Asperhofe. Ich beschlo daher, vorlufig jedes Forschen zu unterlassen, bis
ich zu einem Menschen gekommen sein wrde, von dem ich berechtigt war, eine
bessere Auskunft zu erwarten.
    Da mir aber der Name Aspermeier und Asperhof nicht gefiel, nannte ich das
Haus, in welchem ein solcher Rosendienst getrieben wurde, in meinem Haupte
vorlufig das Rosenhaus.
    Es begegnete mir aber niemand, den ich noch einmal htte fragen knnen.
    Ich lie, da ich so meines Weges weiter wandelte, die Dinge des letzten
Tages in mir vorbergehen. Mich freute es, da ich in dem Hause eine so groe
Reinlichkeit und Ordnung getroffen hatte, wie ich sie bisher nur in dem Hause
meiner Eltern gesehen hatte. Ich wiederholte, was der alte Mann mir gezeigt und
gesagt hatte, und es fiel mir ein, wie ich mich viel besser htte benehmen
knnen, wie ich auf manche Reden bessere Antworten geben und berhaupt viel
bessere Dinge htte sagen knnen.
    In diesen Betrachtungen wurde ich unterbrochen. Als ich ungefhr eine Stunde
auf dem Wege gewandert war, kam ich an die Ecke des Buchenwaldes, von dem wir
vorgestern abends gesprochen hatten, der zu den Besitzungen meines Gastfreundes
gehrt, und in welchem ich einmal eine Gabelbuche gezeichnet hatte. Der Weg geht
an dem Walde etwas steiler hinan und biegt um die Ecke desselben herum. Da ich
bis zu der Biegung gelangt war, kam mir ein Wagen entgegen, welcher mit
eingelegtem Radschuhe langsam die Strae herabfuhr. Er mochte darum langsamer
als gewhnlich fahren, weil sich diejenigen, welche in ihm saen, Vorsicht zum
Gesetze gemacht haben konnten. Es saen nmlich in dem offenen und des schnen
Wetters willen ganz zurckgelegten Wagen zwei Frauengestalten, eine ltere und
eine jngere. Beide hatten Schleier, welche von den Hten ber die Schultern
niedergingen. Die ltere hatte den Schleier ber das Angesicht gezogen, welches
aber doch, da der Schleier wei war, ein wenig gesehen werden konnte. Die
jngere hatte den Schleier zu beiden Seiten des Angesichts zurckgetan, und
zeigte dieses Angesicht der Luft. Ich sah sie beide an, und zog endlich zu einer
hflichen Begrung meinen Hut. Sie dankten freundlich, und der Wagen fuhr
vorber. Ich dachte mir, da der Wagen immer tiefer ber den Berg hinabging, ob
denn nicht eigentlich das menschliche Angesicht der schnste Gegenstand zum
Zeichnen wre.
    Ich sah dem Wagen noch nach, bis er durch die Biegung des Weges unsichtbar
geworden war. Dann ging ich an dem Waldrande vorwrts und aufwrts.
    Nach drei Stunden kam ich auf einen Hgel, von welchem ich in die Gegend
zurcksehen konnte, aus der ich gekommen war. Ich sah mit meinem Fernrohre, das
ich aus dem Rnzlein genommen hatte, deutlich den weien Punkt des Hauses, in
welchem ich die letzten zwei Nchte zugebracht hatte, und hinter dem Hause sah
ich die duftigen Berge. Wie war nun der Punkt so klein in der groen Welt.
    Ich kam bald in den Ort, in welchem ich, da ich bisher nirgends angehalten
hatte, mein Mittagsmahl einzunehmen gesonnen war, obwohl die Sonne bis zum
Scheitel noch einen kleinen Bogen zurckzulegen hatte.
    Ich fragte in dem Orte wieder um den Besitzer des weien Hauses, und
beschrieb dasselbe und seine Lage, so gut ich konnte. Man nannte mir einen Mann,
der einmal in hohen Staatsmtern gestanden war; man nannte mir aber zwei Namen,
den Freiherrn von Risach und einen Herrn Morgan. Ich war nun wieder ungewi wie
vorher.
    Am andern Tage morgens kam ich in den Gebirgszug, welcher das Ziel meiner
Wanderung war, und in welchen ich von dem anderen Gebirgszuge durch einen Teil
des flachen Landes berzusiedeln beschlossen hatte. Am Mittage kam ich in dem
Gasthofe an, den ich mir zur Wohnung ausgewhlt hatte. Mein Koffer war bereits
da, und man sagte mir, da man mich frher erwartet habe. Ich erzhlte die
Ursache meiner verspteten Ankunft, richtete mich in dem Zimmer, das ich mir
bestellt hatte, ein, und begab mich an die Geschfte, welche in diesem
Gebirgsteile zu betreiben ich mir vorgesetzt hatte.

                                 6. Der Besuch


Ich blieb ziemlich lange in meinem neuen Aufenthaltsorte. Es entwickelte sich
aus den Arbeiten ein Weiteres und Neues und hielt mich fest. Ich drang spter
noch tiefer in das Gebirgstal ein, und begann Dinge, die ich mir fr diesen
Sommer gar nicht einmal vorgenommen hatte.
    Im spten Herbste kehrte ich zu den Meinigen zurck. Es erging mir auf
dieser Reise, wie es mir auf jeder Heimreise ergangen war. Als ich das Gebirge
verlie, waren die Bergahornbltter und die der Birken und Eschen nicht nur
schon lngst abgefallen, sondern sie hatten auch bereits ihre schne gelbe Farbe
verloren und waren schmutzig schwarz geworden, was nicht mehr auf die Kinder der
Zweige erinnerte, die sie im Sommer gewesen waren, sondern auf die befruchtende
Erde, die sie im Winter fr den neuen Nachwuchs werden sollten, die Bewohner der
Bergtler und der Halden, die wohl gelegentlich in jeder Jahreszeit Feuer
machen, unterhielten es schon den ganzen Tag in ihrem Ofen, um sich zu wrmen,
und an heiteren Morgen glnzte der Reif auf den Bergwiesen, und hatte bereits
das Grn der Farenkruter in ein drres Rostbraun verwandelt: da ich aber in die
Ebene gelangt war und die Berge mir am Rande derselben nur mehr wie ein blauer
Saum erschienen, und da ich endlich gar auf dem breiten Strome zu unserer
Hauptstadt hinabfuhr, umfchelten mich so weiche und warme Lfte, da ich
meinte, ich htte die Berge zu frh verlassen. Es war aber nur der Unterschied
der Himmelsbeschaffenheit in dem Gebirge und in den entfernten Niederungen. Als
ich das Schiff verlassen hatte und an den Toren meiner Heimatstadt angekommen
war, trugen die Akazien noch ihr Laub, warmer Sonnenschein legte sich auf die
Umfassungsmauern und auf die Huser, und schngekleidete Menschen lustwandelten
in den Stunden des Nachmittages. Die liebliche rtliche und dunkelblaue Farbe
der Weintrauben, die man an dem Tore und auf dem Platze innerhalb desselben feil
bot, brachte mir manchen freundlichen und frhlichen Herbsttag meiner Kindheit
in Erinnerung.
    Ich ging die gerade Gasse entlang, ich beugte in ein paar Nebenstraen, und
stand endlich vor dem wohlbekannten Vorstadthause mit dem Garten.
    Da ich die Treppe hinangegangen war, da ich die Mutter und die Schwester
gefunden hatte, war die erste Frage nach Gesundheit und Wohlbefinden aller
Angehrigen. Es war alles im besten Stande, die Mutter hatte auch meine Zimmer
ordnen lassen, alles war abgestaubt, gereinigt und an seinem Platze, als htte
man mich gerade an diesem Tage erwartet.
    Nach einem kurzen Gesprche mit der Mutter und der Schwester kleidete ich
mich, ohne meinen Koffer zu erwarten, von meinen zurckgelassenen Kleidern auf
stdtische Weise an, um in die Stadt zu gehen und den Vater zu begren, der
noch auf seiner Handelsstube war. Das Gewimmel der Leute in den Gassen, das
Herumgehen geputzter Menschen in den Baumgngen des grnen Platzes zwischen der
Stadt und den Vorstdten, das Fahren der Wgen und ihr Rollen auf den mit
Steinwrfeln gepflasterten Straen, und endlich, als ich in die Stadt kam, die
schnen Warenauslagen und das Ansehnliche der Gebude befremdeten und beengten
mich beinahe als ein Gegensatz zu meinem Landaufenthalte; aber ich fand mich
nach und nach wieder hinein, und es stellte sich als das Langgewohnte und
Allbekannte wieder dar. Ich ging nicht zu meinen Freunden, an deren Wohnung ich
vorberkam, ich ging nicht in die Buchhandlung, in der ich manche Stunde des
Abends zuzubringen gewohnt war, und die an meinem Wege lag, sondern ich eilte zu
meinem Vater. Ich fand ihn an dem Schreibtische, und grte ihn ehrerbietig, und
wurde auch von ihm auf das herzlichste empfangen. Nach kurzer Unterredung ber
Wohlbefinden und andere allgemeine Dinge sagte er, da ich nach Hause gehen
mchte, er habe noch einiges zu tun, werde aber bald nachkommen, um mit der
Mutter, der Schwester und mir den Abend zuzubringen.
    Ich ging wieder gerades Weges nach Hause. Dort machte ich einen Gang durch
den Garten, sprach einige liebkosende Worte zu dem Hofhunde, der mich mit Heulen
und Freudensprngen begrte, und brachte dann noch eine Weile bei der Mutter
und der Schwester zu. Hierauf ging ich in alle Zimmer unserer Wohnung, besonders
in die mit den alten Gerten, den Bchern und Bildern. Sie kamen mir beinahe
unscheinbar vor.
    Nach einiger Zeit kam auch der Vater. Es war heute in dem Stbchen, in
welchem die alten Waffen hingen, und um welches der Efeu rankte, zum Abendessen
aufgedeckt worden. Man hatte sogar bis gegen Abend die Fenster offen lassen
knnen. Da whrend meines Ganges in die Stadt mein Koffer und meine Kisten von
dem Schiffe gekommen waren, konnte ich die Geschenke, welche ich von der Reise
mitgebracht hatte, in das Stbchen schaffen lassen: fr die Mutter einige
seltsame Tpfe und Geschirre, fr den Vater ein Ammonshorn von besonderer Gre
und Schnheit, andere Marmorstcke und eine Uhr aus dem siebenzehnten
Jahrhunderte, und fr die Schwester das gewhnliche Edelwei, getrockneten
Enzian, ein seidenes Bauertchlein und silberne Bruskettlein, wie man sie in
einigen Teilen des Gebirges trgt. Auch was man mir als Geschenke vorbereitet
hatte, kam in das Stblein: von der Mutter und Schwester verfertigte Arbeiten,
darunter eine Reisetasche von besonderer Schnheit, dann smtliche Arten guter
Bleifedern, nach den Abstufungen der Hrte in einem Fache geordnet, besonders
treffliche Federkiele, glattes Papier, und von dem Vater ein Gebirgsatlas,
dessen ich schon einige Male Erwhnung getan, und den er fr mich gekauft hatte.
Nachdem alles mit Freuden gegeben und empfangen worden war, setzte man sich zu
dem Tische, an dem wir heute abend nur allein waren, wie es nach und nach bei
jeder meiner Zurckknfte nach einer lngeren Abwesenheit der Gebrauch geworden
war. Es wurden die Speisen aufgetragen, von denen die Mutter vermutete, da sie
mir die liebsten sein knnten. Die Vertraulichkeit und die Liebe ohne Falsch,
wie man sie in jeder wohlgeordneten Familie findet, tat mir nach der lngeren
Vereinsamung auerordentlich wohl.
    Als die ersten Besprechungen ber alles, was zunchst die Angehrigen
betraf, und was man in der jngsten Zeit erlebt hatte, vorber waren, als man
mir den ganzen Gang des Hauswesens whrend meiner Abwesenheit auseinandergesetzt
hatte, mute ich auch von meiner Reise erzhlen. Ich erklrte ihren Zweck und
sagte, wo ich gewesen sei, und was ich getan habe, ihn zu erreichen. Ich
erwhnte auch des alten Mannes, und erzhlte, wie ich zu ihm gekommen sei, wie
gut ich von ihm aufgenommen worden sei, und was ich dort gesehen habe. Ich
sprach die Vermutung aus, da er seiner Sprache nach zu urteilen aus unserer
Stadt sein knnte. Mein Vater ging seine Erinnerungen durch, konnte aber auf
keinen Mann kommen, der dem von mir beschriebenen hnlich wre. Die Stadt ist
gro, meinte er, es knnten da viele Leute gelebt haben, ohne da er sie htte
kennen lernen knnen. Die Schwester meinte, vielleicht htte ich ihn auch der
Umgebung zu Folge, in welcher ich ihn gefunden habe, schon in einem anderen und
besonderen Lichte gesehen und in solchem dargestellt, woraus er schwerer zu
erkennen sei. Ich entgegnete, da ich gar nichts gesagt habe, als was ich
gesehen htte, und was so deutlich sei, da ich es, wenn ich mit Farben besser
umzugehen wte, sogar malen knnte. Man meinte, die Zeit werde die Sache wohl
aufklren, da er mich auf einen zweiten Besuch eingeladen habe, und ich gewi
nicht anstehen werde, denselben abzustatten. Da ich ihn nicht geradezu um
seinen Namen gefragt habe, billigten alle meine Angehrigen, da er weit mehr
getan, nmlich mich aufgenommen und beherbergt habe, ohne um meinen Namen oder
um meine Herkunft zu forschen.
    Der Vater erkundigte sich im Laufe des Gesprches genauer nach manchen
Gegenstnden in dem Hause des alten Mannes, deren ich Erwhnung getan hatte,
besonders fragte er nach den Marmoren, nach den alten Gerten, nach den
Schnitzarbeiten, nach den Bildsulen, nach den Gemlden und den Bchern. Die
Marmore konnte ich ihm fast ganz genau beschreiben, die alten Gerte beinahe
auch. Der Vater geriet ber die Beschreibung in Bewunderung und sagte, es wrde
fr ihn eine groe Freude sein, einmal solche Dinge mit eigenen Augen sehen zu
knnen. ber Schnitzarbeiten konnte ich schon weniger sagen, ber die Bcher
auch nicht viel, und das wenigste, beinahe gar nichts, ber Bildsulen und
Gemlde. Der Vater drang auch nicht darauf und verweilte nicht lange bei diesen
letzteren Gegenstnden - die Mutter meinte, es wre recht schn, wenn er sich
einmal aufmachte, eine Reise in das Oberland unternhme und die Sachen bei dem
alten Manne selber anshe. Er sitze jetzt immer wieder zu viel in seiner
Schreibstube, er gehe in letzter Zeit auch alle Nachmittage dahin und bleibe oft
bis in die Nacht dort. Eine Reise wrde sein Leben recht erfrischen, und der
alte Mann, der den Sohn so freundlich aufgenommen habe, wrde ihn gewi herzlich
empfangen und ihm als einem Kenner seine Sammlungen noch viel lieber zeigen als
einem andern. Wer wei, ob er nicht gar auf dieser Reise das eine oder andere
Stck fr seine Altertumszimmer erwerben knnte. Wenn er immer warte, bis die
dringendsten Geschfte vorber wren, und bis er sich mehr auf die jngeren
Leute in seiner Arbeitsstube verlassen knne, so werde er gar nie reisen; denn
die Geschfte seien immer dringend, und sein Mitrauen in die Krfte der
jngeren Leute wachse immer mehr, je lter er werde, und je mehr er selber alle
Sachen allein verrichten wolle.
    Der Vater antwortete, er werde nicht nur schon einmal reisen, sondern sogar
eines Tages sich in den Ruhestand setzen und keine Handelsgeschfte weiter
vornehmen.
    Die Mutter erwiderte, da dies sehr gut sein, und da ihr dieser Tag wie ein
zweiter Brauttag erscheinen werde.
    Ich mute dem Vater nun auch die einzelnen Holzgattungen angeben, aus denen
die verschiedenen Gerte in dem Rosenhause eingelegt seien, aus denen die
Fubden bestnden, und endlich aus welchen geschnitzt wrde. Ich tat es so
ziemlich gut, denn ich hatte bei der Betrachtung dieser Dinge an meinen Vater
gedacht, und hatte mir mehr gemerkt, als sonst der Fall gewesen sein wrde. Ich
mute ihm auch beschreiben, in welcher Ordnung diese Hlzer zusammengestellt
seien, welche Gestalten sie bildeten, und ob in der Zusammenstellung der Linien
und Farben ein schner Reiz liege. Ebenso mute ich ihm auch noch mehr von den
Marmorarten erzhlen, die in dem Gange und in dem Saale wren, und mute
darstellen, wie sie verbunden wren, welche Gattungen an einander grnzten, und
wie sie sich dadurch abhben. Ich nahm hufig ein Stck Papier und die Bleifeder
zur Hand, um zu versinnlichen, was ich gesehen htte. Er tat auch weitere
Fragen, und durch ihre zweckmige Aufeinanderfolge konnte ich mehr beantworten,
als ich mir gemerkt zu haben glaubte.
    Als es schon spt geworden war, mahnte die Mutter zur Ruhe, wir trennten uns
von dem Waffenhuschen und begaben uns zu Bette.
    Am anderen Tage begann ich meine Wohnung fr den Winter einzurichten. Ich
packte nach und nach die Sachen, welche ich von meiner Reise mitgebracht hatte,
aus, stellte sie nach gewohnter Art und Weise auf, und suchte sie in die
vorhandenen einzureihen. Diese Beschftigung nahm mehrere Tage in Anspruch.
    Am ersten Sonntage nach meiner Ankunft war ein Bewillkommungsmahl. Alle
Leute von dem Handelsgeschfte meines Vaters waren besonders eingeladen worden,
und es wurden bessere Speisen und besserer Wein auf den Tisch gesetzt. Auch die
zwei alten Leute, die in dem dunkeln Stadthause unsere Wohnungsnachbarn gewesen
waren, sind zu diesem Mahle geladen worden, weil sie mich sehr lieb hatten, und
weil die Frau gesagt hatte, da aus mir einmal groe Dinge werden wrden. Diese
Mahle waren schon seit ein paar Jahren Sitte, und die alten Leute waren jedesmal
Gste dabei.
    Als ich mit dem Hauptschlichsten in der Anordnung meiner Zimmer fertig war,
besuchte ich auch meine Freunde in der Stadt, und brachte wieder manche
Abenddmmerung in der Buchhandlung zu, welche mir ein lieber Aufenthalt geworden
war. Wenn ich durch die Gassen der Stadt ging, war es mir, als htte ich das,
was ich von dem alten Manne wute, in einem Mrchenbuche gelesen; wenn ich aber
wieder nach Hause kam und in die Zimmer mit den altertmlichen Gegenstnden und
mit den Bildern ging, so war er wieder wirklich und pate hieher als
Vergleichsgegenstand.
    Die Spuren, welche mit einer Ankunft nach einer lngeren Reise in einer
Wohnung immer unzertrennlich verbunden sind, namentlich, wenn man von dieser
Reise viele Gegenstnde mitgebracht hat, welche geordnet werden mssen, waren
endlich aus meinem Zimmer gewichen, meine Bcher standen und lagen zum Gebrauche
bereit, und meine Werkzeuge und Zeichnungsgertschaften waren in der Ordnung,
wie ich sie fr den Winter bedurfte. Dieser Winter war aber auch schon ziemlich
nahe. Die letzten schnen Sptherbsttage, die unserer Stadt so gerne zu Teil
werden, waren vorber, und die neblige, nasse und kalte Zeit hatte sich
eingestellt.
    In unserem Hause war whrend meiner Abwesenheit eine Vernderung
eingetreten. Meine Schwester Klotilde, welche bisher immer ein Kind gewesen war,
war in diesem Sommer pltzlich ein erwachsenes Mdchen geworden. Ich selber
hatte mich bei meiner Rckkehr sehr darber verwundert, und sie kam mir beinahe
ein wenig fremd vor.
    Diese Vernderung brachte fr den kommenden Winter auch eine Vernderung in
unser Haus. Unser Leben war fr die Hauptstadt eines groen Reiches bisher ein
sehr einfaches und beinah lndliches gewesen. Der Kreis der Familien, mit denen
wir verkehrten, hatte keine groe Ausdehnung gehabt, und auch da hatten sich die
Zusammenknfte mehr auf gelegentliche Besuche oder auf Spiele der Kinder im
Garten beschrnkt. Jetzt wurde es anders. Zu Klotilden kamen Freundinnen, mit
deren Eltern wir in Verbindung gewesen waren, diese hatten wieder Verwandte und
Bekannte, mit denen wir nach und nach in Beziehungen gerieten. Es kamen Leute zu
uns, es wurde Musik gemacht, vorgelesen, wir kamen auch zu anderen Leuten, wo
man sich ebenfalls mit Musik und hnlichen Dingen unterhielt. Diese Verhltnisse
bten aber auf unser Haus keinen so wesentlichen Einflu aus, da sie dasselbe
umgestaltet htten. Ich lernte auer den Freunden, die ich schon hatte, und an
deren Art und Weise ich gewhnt war, noch neue kennen. Sie hatten meistens ganz
andere Bestrebungen als ich, und schienen mir in den meisten Dingen berlegen zu
sein. Sie hielten mich auch fr besonders, und zwar zuerst darum, weil die Art
der Erziehung in unserem Hause eine andere gewesen war als in anderen Husern,
und dann, weil ich mich mit anderen Dingen beschftigte, als auf die sie ihre
Wnsche und Begierden richteten. Ich vermutete, da sie mich wegen meiner
Sonderlichkeit geringer achteten als sich unter einander selbst.
    Sie erwiesen meiner Schwester groe Aufmerksamkeiten und suchten ihr zu
gefallen. Die jungen Leute, welche in unser Haus kommen durften, waren nur
lauter solche, deren Eltern zu uns eingeladen waren, die wir auch besuchten, und
an deren Sitten sich kein Bedenken erhob.
    Meine Schwester wute nicht, da ihr die Mnner gefallen wollten, und sie
achtete nicht darauf. Ich aber kam in jenen Tagen, wenn mir einfiel, da meine
Schwester einmal einen Gatten haben werde, immer auf den nmlichen Gedanken, da
dies kein anderer Mann sein knne, als der so wre wie der Vater.
    Auch mich zogen diese jungen Mnner und andere, die nicht eben der Schwester
willen in das Haus kamen, fter in ihre Gesprche, sie erzhlten mir von ihren
Ansichten, Bestrebungen, Unterhaltungen, und manche vertrauten mir Dinge, welche
sie in ihrem geheimen Inneren dachten. So sagte mir einmal einer, namens
Preborn, welcher der Sohn eines alten Mannes war, der ein hohes Amt am Hofe
bekleidete, und fter in unser Haus kam, die junge Tarona sei die grte
Schnheit der Stadt, sie habe einen Wuchs, wie ihn niemand von der halben
Million der Einwohner der Stadt habe, wie ihn nie irgend jemand gehabt habe, und
wie ihn keine Knstler alter und neuer Zeit darstellen knnten. Augen habe sie,
welche Kiesel in Wachs verwandeln und Diamanten schmelzen knnten. Er liebe sie
mit solcher Heftigkeit, da er manche Nacht ohne Schlaf auf seinem Lager liege
oder in seiner Stube herum wandle. Sie lebe nicht hier, komme aber fter in die
Stadt, er werde sie mir zeigen, und ich msse ihm als Freund in seiner Lage
beistehen.
    Ich dachte, da vieles in diesen Worten nicht Ernst sein knne. Wenn er das
Mdchen so sehr liebe, so htte er es mir oder einem andern gar nicht sagen
sollen, auch wenn wir Freunde gewesen wren. Freunde waren wir aber nicht, wenn
man das Wort in der eigentlichen Bedeutung nimmt, wir waren es nur, wie man es
in der Stadt mit einer Redeweise von Leuten nennt, die einander sehr bekannt
sind und mit einander fter umgehen. Und endlich konnte er ja keinen Beistand
von mir erwarten, der ich in der Art mit Menschen umzugehen nicht sehr bewandert
war und in dieser Hinsicht weit unter ihm selber stand.
    Ich besuchte zuweilen auch den einen oder den anderen dieser jungen Leute
auer der Zeit, in der wir in Begleitung unserer Eltern zusammenkamen, und da
war ebenfalls fter von Mdchen die Rede. Sie sagten, wie sie diese oder jene
lieben, sich vergeblich nach ihr sehnen, oder von ihr Zeichen der Gegenneigung
erhalten htten. Ich dachte, das sollten sie nicht sagen; und wenn sie eine
mutwillige Bemerkung ber die Gestalt oder das Benehmen eines Mdchens
ausdrckten, so errtete ich, und es war mir, als wre meine Schwester beleidigt
worden.
    Ich ging nun fter in die Stadt und betrachtete aufmerksamer den alten Bau
unseres Erzdomes. Seit ich die Zeichnungen von Bauwerken in dem Rosenhause so
genau und in solcher Menge angesehen hatte, waren mir die Bauwerke nicht mehr so
fremd wie frher. Ich sah sie gerne an, ob sie irgend etwas hnliches mit den
Gegenstnden htten, die ich in den Zeichnungen gesehen hatte. Auf meiner Reise
von dem Rosenhause in das Gebirgstal, in welchem ich mich spter aufgehalten
hatte, und von diesem Gebirgstale bis zu dem Schiffe, das mich zur Heimreise
aufnehmen sollte, war mir nichts besonders Betrachtenswertes vorgekommen. Nur
einige Wegsulen sehr alter Art erinnerten an die reinen und anspruchlosen
Gestalten, wie ich sie bei dem Meister auf dem reinen Papier mit reinen Linien
gesehen hatte. Aber in der Nische der einen Wegsule war statt des Standbildes,
das einst darinnen gewesen war, und auf welches der Sockel noch hinwies, ein
neues Gemlde mit bunten Farben getan worden, in der anderen fehlte jede
Gestalt. Auf meiner Stromesfahrt kam ich wohl an Kirchen und Burgen vorber, die
der Beachtung wert sein mochten, aber mein Zweck fhrte mich in dem Schiffe
weiter. An dem Erzdome sah ich beinahe alle Gestalten von Verzierungen, Simsen,
Bgen, Sulen und greren Teilwerken, wie ich sie auf dem Papier im Rosenhause
gesehen hatte. Es ergtzte mich, in meiner Erinnerung diese Gestalten mit den
gesehenen zu vergleichen und sie gegenseitig abzuschtzen.
    Auch in Beziehung der Edelsteine fiel mir das ein, was der alte Mann in dem
Rosenhause ber die Fassung derselben gesagt hatte. Es gab Gelegenheit genug,
gefate Edelsteine zu sehen. In unzhligen Schaufenstern der Stadt liegen
Schmuckwerke zur Ansicht und zur Verlockung zum Kaufe aus. Ich betrachtete sie
berall, wo sie mir auf meinem Wege aufstieen, und ich mute denken, da der
alte Mann recht habe. Wenn ich mir die Zeichnungen von Kreuzen, Rosen, Sternen,
Nischen und dergleichen Dingen an mittelalterlichen Baugegenstnden, wie ich sie
im Rosenhause gesehen hatte, vergegenwrtigte, so waren sie viel leichter,
zarter und, ich mchte den Ausdruck gebrauchen, inniger als diese Sachen hier,
und waren doch nur Teile von Bauwerken, whrend diese Schmuck sein sollten. Mir
kam wirklich vor, da sie, wie er gesagt hatte, unbeholfen in Gold und
unbeholfen in den Edelsteinen seien. Nur bei einigen Verkaufsorten, die als die
vorzglichsten galten, fand ich eine Ausnahme. Ich sah, da dort die Fassungen
sehr einfach waren, ja da man, wenn die Edelsteine einmal eine grere Gestalt
und einen hheren Wert annahmen, schier gar keine Fassung mehr machte, sondern
nur so viel von Gold oder kleinen Diamanten anwendete, als unumgnglich ntig
schien, die Dinge nehmen und an dem menschlichen Krper befestigen zu knnen.
Mir schien dieses schon besser, weil hier die Edelsteine allein den Wert und die
Schnheit darstellen sollten. Ich dachte aber in meinem Herzen, da die
Edelsteine, wie schn sie auch seien, doch nur Stoffe wren, und da es viel
vorzglicher sein mte, wenn man sie, ohne da ihre Schnheit einer Eintrag
erhielte, doch auch mit einer Gestalt umgbe, welche auer der Lieblichkeit des
Stoffes auch den Geist des Menschen sehen liee, der hier ttig war, und an dem
man Freude haben knnte. Ich nahm mir vor, wenn ich wieder zu meinem alten
Gastfreunde kme, mit ihm ber die Sache zu reden. Ich sah, da ich in dem
Rosenhause etwas Ersprieliches gelernt hatte.
    Ich wurde bei jener Gelegenheit zufllig mit dem Sohne eines Schmuckhndlers
bekannt, welcher als der vorzglichste in der Stadt galt. Er zeigte mir fter
die wertvolleren Gegenstnde, die sie in dem Verkaufsgewlbe hatten, die aber
nie in einem Schaufenster lagen, er erklrte mir dieselben, und machte mich auf
die Merkmale aufmerksam, an denen man die Schnheit der Edelsteine erkennen
knne. Ich getraute mir nie, meine Ansichten ber die Fassung derselben
darzulegen. Er versprach mir, mich nher in die Kenntnis der Edelsteine
einzufhren, und ich nahm es recht gerne an.
    Weil ich durch meine Gebirgswanderungen an viele Bewegung gewhnt war, so
ging ich alle Tage entweder durch Teile der Stadt herum, oder ich machte einen
Weg in den Umgebungen derselben. Das Zutrgliche der starken Gebirgsluft
ersetzte mir hier die Herbstluft, die immer rauher wurde, und ich ging ihr sehr
gerne entgegen, wenn sie mit Nebeln gefllt oder hart von den Bergen her wehte,
die gegen Westen die Umgebungen unserer Stadt sumten.
    Ich fing auch in jener Zeit an, das Theater zuweilen zu besuchen. Der Vater
hatte, so lange wir Kinder waren, nie erlaubt, da wir ein Schauspiel zu sehen
bekmen. Er sagte, es wrde dadurch die Einbildungskraft der Kinder berreizt
und berstrzt, sie behingen sich mit allerlei willkrlichen Gefhlen, und
gerieten dann in Begierden oder gar Leidenschaften. Da wir mehr herangewachsen
waren, was bei mir schon seit lngerer Zeit, bei der Schwester aber kaum seit
einem Jahre der Fall war, durften wir zu seltenen Zeiten das Hoftheater
besuchen. Der Vater whlte zu diesen Besuchen jene Stcke aus, von denen er
glaubte, da sie uns angemessen wren und unser Wesen frderten. In die Oper
oder gar in das Ballet durften wir nie gehen, eben so wenig durften wir ein
Vorstadttheater besuchen. Wir sahen auch die Auffhrung eines Schauspiels nie
anders als in Gesellschaft unserer Eltern. Seit ich selbststndig gestellt war,
hatte ich auch die Freiheit, nach eigener Wahl die Schauspielhuser zu besuchen.
Da ich mich aber mit wissenschaftlichen Arbeiten beschftigte, hatte ich nach
dieser Richtung hin keinen mchtigen Zug. Aus Gewohnheit ging ich manchmal in
eines von den nmlichen Stcken, die ich schon mit den Eltern gesehen hatte. In
diesem Herbste wurde es anders. Ich whlte zuweilen selber ein Stck aus, dessen
Auffhrung im Hoftheater ich sehen wollte.
    Es lebte damals an der Hofbhne ein Knstler, von dem der Ruf sagte, da er
in der Darstellung des Knigs Lear von Shakespeare das Hchste leiste, was ein
Mensch in diesem Kunstzweige zu leisten im Stande sei. Die Hofbhne stand auch
in dem Rufe der Musteranstalt fr ganz Deutschland. Es wurde daher behauptet,
da es in deutscher Sprache auf keiner deutschen Bhne etwas gbe, was jener
Darstellung gleich kme, und ein groer Kenner von Schauspieldarstellungen sagte
in seinem Buche ber diese Dinge von dem Darsteller des Knigs Lear auf unserer
Hofbhne, da es unmglich wre, da er diese Handlung so darstellen knnte, wie
er sie darstellte, wenn nicht ein Strahl jenes wunderbaren Lichtes in ihm lebte,
wodurch dieses Meisterwerk erschaffen und mit unbertrefflicher Weisheit
ausgestattet worden ist.
    Ich beschlo daher, da ich diese Umstnde erfahren hatte, der nchsten
Vorstellung des Knigs Lear auf unserer Hofbhne beizuwohnen.
    Eines Tages war in den Zeitungen, die tglich zu dem Frhmahle des Vaters
kamen, fr die Hofbahne die Auffhrung des Knig Lear angekndigt und als
Darsteller des Lear der Mann genannt, von dem ich gesprochen habe, und der jetzt
schon dem Greisenalter entgegen geht. Die Jahreszeit war bereits in den Winter
hinein vorgerckt. Ich richtete meine Geschfte so ein, da ich in der Abendzeit
den Weg zu dem Hoftheater einschlagen konnte. Da ich gerne das Treiben der Stadt
ansehen wollte, wie ich auf meinen Reisen die Dinge im Gebirge untersuchte, ging
ich frher fort, um langsam den Weg zwischen der Vorstadt und der Stadt zurck
zu legen. Ich hatte einen einfachen Anzug angelegt, wie ich ihn gerne auf
Spaziergngen hatte, und eine Kappe genommen, die ich bei meinen Reisen trug. Es
fiel ein feiner Regen nieder, obwohl es in der unteren Luft ziemlich kalt war.
Der Regen war mir nicht unangenehm, sondern eher willkommen, wenn er mir auch
auf meinen Anzug fiel, an dem nicht viel zu verderben war. Ich schritt seinem
Rieseln mit Gemessenheit entgegen. Der Weg zwischen den Bumen auf dem freien
Raume vor der Stadt war durch das Eis, welches sich bildete, gleichsam mit Glas
berzogen, und die Leute, welche vor und neben mir gingen, glitten hufig aus.
Ich war an schwierige Wege gewhnt, und ging auf der Mitte der Eisbahn ohne
Beschwerde fort. Die Zweige der Bume glnzten in der Nachbarschaft der
brennenden Laternen, sonst war es berall finstere Nacht, und der ganze Raum und
die Mauern der Stadt waren in ihrer Dunkelheit verborgen. Als ich von dem
Gehwege in die Fahrstrae einbog, rasselten viele Wgen an mir vorber, und die
Pferde zerstampften und die Rder zerschnitten die sich bildende Eisdecke. Die
meisten von ihnen, wenn auch nicht alle, fahren in das Theater. Mir kam es
beinahe sonderbar vor, da sie und ich selber in diesem unfreundlichen Wetter
einem Raume zustrebten, in welchem eine erlogene Geschichte vorgespiegelt wird.
So kam ich in die erleuchtete berwlbung, in der die Wgen hielten, ich wendete
mich von ihr in den Eingang, kaufte meine Karte, steckte meine Kappe in die
Tasche meines berrockes, gab diesen in das Kleiderzimmer, und trat in den
hellen ebenerdigen Raum des Darstellungssaales.
    Ich hatte von meinem Vater die Gewohnheit angenommen, nie von oben herab
oder von groer Entfernung die Darstellung eines Schauspieles zu sehen, weil man
die Menschen, welche die Handlung darstellen, in ihrer gewhnlichen Stellung
nicht auf die obere Flche ihres Kopfes oder ihrer Schultern sehen soll, und
weil man ihre Mienen und Geberden soll betrachten knnen. Ich blieb daher
ungefhr am Ende des ersten Dritteiles der Lnge des Raumes stehen, und wartete,
bis sich der Saal fllen wrde und die Glocke zum Beginne des Stckes tnte.
    Sowohl die gewhnlichen Sitze als auch die Logen fllten sich sehr stark mit
geputzten Leuten, wie es Sitte war, und wahrscheinlich von dem Rufe des Stckes
und des Schauspielers angezogen, strmte heute eine weit grere und gemischtere
Menge, wie man bei dem ersten Blicke erkennen konnte, in diese Rume. Mnner,
die neben mir standen, sprachen dieses aus, und in der Tat war in der
Versammlung manche Gestalt zu sehen, die von den entferntesten Teilen der
Vorstdte gekommen sein mute. Die meisten, da endlich gleichsam Haupt an Haupt
war, blickten neugierig nach dem Vorhange der Bhne. Es war damals nicht meine
Gewohnheit, und ist es jetzt auch noch nicht, in berfllten Rumen die Menge
der Menschen, die Kleider, den Putz, die Lichter, die Angesichter und
dergleichen zu betrachten. Ich stand also ruhig, bis die Musik begann und
endete, bis sich der Vorhang hob und das Stck den Anfang nahm.
    Der Knig trat ein, und war, wie er spter von sich sagte, jeder Zoll ein
Knig. Aber er war auch ein bereilender und bedaurungswrdiger Tor. Regan,
Goneril und Cordelia redeten, wie sie nach ihrem Gemte reden muten, auch Kent
redete so, wie er nicht anders konnte. Der Knig empfing die Reden, wie er nach
seinem heftigen, leichtsinnigen und doch liebenswrdigen Gemte ebenfalls mute.
Er verbannte die einfache Cordelia, die ihre Antwort nicht schmcken konnte, der
er desto heftiger zrnte, da sie frher sein Liebling gewesen war, und gab sein
Reich den beiden anderen Tchtern, Regan und Goneril, die ihm auf seine Frage,
wer ihn am meisten liebe, mit bertriebenen Ausdrcken schmeichelten, und ihm
dadurch, wenn er der Betrachtung fhig gewesen wre, schon die Unchtheit ihrer
Liebe dartaten, was auch die edle Cordelia mit solchem Abscheu erfllte, da sie
auf die Frage, wie sie den Vater liebe, weniger zu antworten wute, als sie
vielleicht zu einer anderen Zeit, wo das Herz sich freiwillig ffnete, gesagt
htte. Gegen Kent, der Cordelia verteidigen wollte, watete er, und verbannte ihn
ebenfalls, und so sieht man bei dieser heftigen und kindischen Gemtsart des
Knigs blen Dingen entgegen.
    Ich kannte dieses Schauspiel nicht, und war bald von dem Gange der Handlung
eingenommen.
    Der Knig wohnt nun mit seinen hundert Rittern im ersten Monate bei der
einen Tochter, um im zweiten dann bei der anderen zu sein, und so abwechselnd
fortzufahren, wies es bedungen war. Die Folgen dieser schwachen Maregel zeigten
sich auch im Lande. In dem hohen Hause Glosters emprt sich ein unehelicher Sohn
gegen den Vater und den rechtmigen Bruder und ruft unnatrliche Dinge in die
Welt, da auch in des Knigs Hause unnatrliche und unzweckmige Dinge
geschahen. In dem Hofhalte der Tochter und in der in diesen Hofhalt
eingepflanzten zweiten Hofhaltung des Knigs und seiner hundert Ritter entstehen
Anstnde und Widrigkeiten, und die Entgegnungen der Tochter gegen das Tun des
Knigs und seines Gefolges sind sehr begreiflich, aber fast unheimlich. Beinahe
herzzerreiend ist nun die treuherzige, fast blde Zuversicht des Knigs, womit
er die eine Tochter, die mit schnden Worten seinen Handlungen entgegen getreten
war, verlt, um zu der anderen, sanfteren zu gehen, die ihn mit noch hrterem
Urteile abweist. Sein Diener ist hier in den Stock geschlagen, er selber findet
keine Aufnahme, weil man nicht vorbereitet ist, weil man die andere Schwester
erwartet, die man aufnehmen mu, man rt dem Knig, zu der verlassenen Tochter
zurckzukehren und sich ihren Maregeln zu fgen. Bei dem Knige war vorher
blindes Vertrauen in die Tchter, bereilung im Urteile gegen Cordelia,
Leichtsinn in Vergebung der Wrden: jetzt entsteht Reue, Scham, Wut und Raserei.
Er will nicht zu der Tochter zurckkehren, eher geht er in den Sturm und in das
Ungewitter auf die Haide hinaus, die gegen ihn wten drfen, denen er ja nichts
geschenkt hat. Er tritt in die Wste bei Nacht, Sturm und Ungewitter, der Greis
gibt die weien Haare den Winden preis, da er auf der Haide vorschreitet, von
niemanden begleitet als von dem Narren, er wirft den Mantel in die Luft, und da
er sich in Ausdrcken erschpft hat, wei er nichts mehr als die Worte: Lear!
Lear! Lear! aber in diesem einzigen Worte liegt seine ganze vergangene
Geschichte und liegen seine ganzen gegenwrtigen Gefhle. Er wirft sich spter
dem Narren an die Brust und ruft mit Angst: Narr, Narr! ich werde rasend - ich
mchte nicht rasend werden - nur nicht toll! Da er die drei letzten Worte milder
sagte, gleichsam bittend, so flossen mir die Trnen ber die Wangen herab, ich
verga die Menschen herum, und glaubte die Handlung als eben geschehend. Ich
stand, und sah unverwandt auf die Bhne. Der Knig wird nun wirklich toll, er
krnzt sich in den Tagen nach jener Sturmnacht mit Blumen, schwrmt auf den
Hgeln und Haiden, und hlt mit Bettlern einen hohen Gerichtshof. Es ist
indessen schon Botschaft an seine Tochter Cordelia getan worden, da Regan und
Goneril den Vater schnd behandeln. Diese war mit Heeresmacht gekommen, um ihn
zu retten. Man hatte ihn auf der Haide gefunden, und er liegt nun im Zelte
Cordelias und schlft. Whrend der letzten Zeit ist er in sich zusammengesunken,
er ist, whrend wir ihn so vor uns sahen, immer lter, ja gleichsam kleiner
geworden. Er hatte lange geschlafen, der Arzt glaubt, da der Zustand der
Geisteszerrttung nur in der bermannenden Heftigkeit der Gefhle gelegen war,
und da sich sein Geist durch die lange Ruhe und den erquickenden Schlaf wieder
stimmen werde. Der Knig erwacht endlich, blickt die Frau an, hat nicht den Mut,
die vor ihm stehende Cordelia als solche zu erkennen, und sagt im Mitrauen auf
seinen Geist mit Verschmtheit, er halte diese fremde Frau fr sein Kind
Cordelia. Da man ihn sanft von der Wahrheit seiner Vorstellung berzeugt,
gleitet er ohne Worte von dem Bette herab und bittet knieend und hndefaltend
sein eigenes Kind stumm um Vergebung. Mein Herz war in dem Augenblicke gleichsam
zermalmt, ich wute mich vor Schmerz kaum mehr zu fassen. Das hatte ich nicht
geahnt, von einem Schauspiele war schon lngst keine Rede mehr, das war die
wirklichste Wirklichkeit vor mir. Der gnstige Ausgang, welchen man den
Auffhrungen dieses Stckes in jener Zeit gab, um die frchterlichen Gefhle,
die diese Begebenheit erregt, zu mildern, tat auf mich keine Wirkung mehr, mein
Herz sagte, da das nicht mglich sei, und ich wute beinahe nicht mehr, was vor
mir und um mich vorging. Als ich mich ein wenig erholt hatte, tat ich fast scheu
einen Blick auf meine Umgebung, gleichsam, um mich zu berzeugen, ob man mich
beobachtet habe. Ich sah, da alle Angesichter auf die Bhne blickten, und da
sie in starker Erregung gleichsam auf den Schauplatz hingeheftet seien. Nur in
einer ebenerdigen Loge sehr nahe bei mir sa ein Mdchen, welches nicht auf die
Darstellung merkte, sie war schneebleich, und die Ihrigen waren um sie
beschftigt. Sie kam mir unbeschreiblich schn vor. Das Angesicht war von Trnen
bergossen, und ich richtete meinen Blick unverwandt auf sie. Da die bei ihr
Anwesenden sich um und vor sie stellten, gleichsam um sie vor der Betrachtung zu
decken, empfand ich mein Unrecht und wendete die Augen weg.
    Das Stck war indessen aus geworden, und um mich entstand die Unruhe, die
immer mit dem Fortgehen aus einem Schauspielhause verbunden ist. Ich nahm mein
Taschentuch heraus, wischte mir die Stirne und die Augen ab, und richtete mich
zum Fortgehen. Ich ging in das Kleiderzimmer, holte mir meinen berrock und zog
ihn an. Als ich in den Vorsaal kam, war dort ein sehr starkes Gedrnge, und da
er mehrere Ausgnge hatte, wogten die Menschen vielfach hin und her. Ich gab
mich einem greren Zuge hin, der langsam bei dem Hauptausgange ausmndete.
Pltzlich war es mir, als ob sich meinen Blicken, die auf den Ausgang gerichtet
waren, ganz nahe etwas zur Betrachtung aufdrngte. Ich zog sie zurck, und in
der Tat hatte ich zwei groe, schne Augen den meinigen gegenber, und das
Angesicht des Mdchens aus der ebenerdigen Loge war ganz nahe an dem meinigen.
Ich blickte sie fest an, und es war mir, als ob sie mich freundlich anshe und
mir lieblich zulchelte. Aber in dem Augenblicke war sie vorber. Sie war mit
einem Menschenstrome aus dem Logengange gekommen, dieser Strom hatte unseren Zug
gekreuzt und strebte bei einem Seitengange hinaus. Ich sah sie nur noch von
rckwrts, und sah, da sie in einen schwarzseidenen Mantel gehllt war. Ich war
endlich auch bei dem Hauptausgange hinausgekommen. Dort zog ich erst meine Kappe
aus der Tasche des berrockes, setzte sie auf, und blieb noch einen Augenblick
stehen, und sah den abfahrenden Wgen nach, die ihre roten Laternenlichter in
die trbe Nacht hinaustrugen. Es regnete noch viel dichter als bei meinem
Hereingehen. Ich schlug den Weg nach Hause ein. Ich gelangte aus den fahrenden
Wgen, ich gelangte aus dem greren Strome der Menschen, und bog in den
vereinsamteren Weg ein, der im Freien durch die Reihen der Bume der Vorstadt
zufhrte. Ich schritt neben den dsteren Laternen vorbei, kam wieder in die
Gassen der Vorstadt, durchging sie, und war endlich in dem Hause meiner Eltern.
    Es war beinahe Mitternacht geworden. Die Mutter, welche es sich bei solchen
Gelegenheiten nicht nehmen lt, besonders auf die Gesundheit der Ihrigen
bedacht zu sein, war noch angekleidet, und wartete meiner im Speisezimmer. Die
Magd, welche mir die Wohnung geffnet hatte, sagte mir dieses und wies mich
dahin. Die Mutter hatte noch ein Abendessen fr mich in Bereitschaft, und
wollte, da ich es einnehme. Ich sagte ihr aber, da ich noch zu sehr mit dem
Schauspiele beschftigt sei und nichts essen knne. Sie wurde besorgt, und
sprach von Arznei. Ich erwiderte ihr, da ich sehr wohl sei, und da mir gar
nichts als Ruhe not tue.
    Nun, wenn dir Ruhe not tut, so ruhe, sagte sie, ich will dich nicht
zwingen, ich habe es gut gemeint.
    Gut gemeint wie immer, teure Mutter, antwortete ich, darum danke ich
auch.
    Ich ergriff ihre Hand und kte sie. Wir wnschten uns gegenseitig eine gute
Nacht, nahmen Lichter und begaben uns auf unsere Zimmer.
    Ich entkleidete mich, legte mich auf mein Bett, lschte die Lichter aus, und
lie mein heftiges Herz nach und nach in Ruhe kommen. Es war schon beinahe gegen
Morgen, als ich einschlief.
    Das erste, was ich am andern Tage tat, war, da ich der Vater um die Werke
Shakespeares aus seiner Bchersammlung bat, und sie, da ich sie hatte, in meinem
Zimmer zur Lesung fr diesen Winter zurecht legte. Ich bte mich wieder im
Englischen, damit ich sie nicht in einer bersetzung lesen msse.
    Als ich im vergangenen Sommer von meinem alten Gast freunde Abschied
genommen hatte und an dem Saum, seines Waldes auf der Landstrae dahin ging,
waren mir zwei in einem Wagen fahrende Frauen begegnet. Damals hatte ich
gedacht, da das menschliche Angesicht de beste Gegenstand fr das Zeichnen sein
drfte. Diese Gedanke fiel mir wieder ein, und ich suchte mir Kennt nisse ber
das menschliche Antlitz zu verschaffen. Ich ging in die kaiserliche
Bildersammlung und betrachtet dort alle schnen Mdchenkpfe, welche ich
abgemalt fand. Ich ging fter hin und betrachtete die Kpfe. Abe auch von
lebenden Mdchen, mit denen ich zusammen traf, sah ich die Angesichter an, ja
ich ging an trockene Wintertagen auf ffentliche Spaziergnge und sah die
Angesichter der Mdchen an, die ich traf. Aber unter alle Kpfen, sowohl den
gemalten als auch den wirklicher war kein einziger, der ein Angesicht gehabt
htte, welches sich an Schnheit nur entfernt mit dem htte vergleichen knnen,
welches ich an dem Mdchen in der Loge gesehen hatte. Dieses eine wute ich,
obwohl ich mir das Angesicht eigentlich gar nicht mehr vorstellen konnte, und
obwohl ich es, wenn ich es wieder gesehen htte, nicht erkannt htte. Ich hatte
es in einer Ausnahmsstellung gesehen, und im ruhigen Leben mute e gewi ganz
anders sein.
    Mein Vater hatte ein Bild, auf welchem ein lesendes Kind gemalt war. Es
hatte eine so einfache Miene, nichts war in derselben als die Aufmerksamkeit des
Lesens, man sah auch nur die eine Seite des Angesichtes, und doch war alles so
hold. Ich versuchte das Angesicht zu zeichnen; allein ich vermochte durchaus
nicht die einfachen Zge, von denen noch dazu das Auge nicht zu sehen war,
sondern durch das Lid beschattet wurde, auch nur entfernt mit Linien wieder zu
geben. Ich durfte mir das Bild herabnehmen, ich durfte ihm eine Stellung geben,
wie ich wollte, um die Nachahmung zu versuchen; sie gelang nicht, wenn ich auch
alle meine Fertigkeit, die ich im Zeichnen anderer Gegenstnde bereits hatte,
darauf anwendete. Der Vater sagte mir endlich, da die Wirkung dieses Bildes
vorzglich in der Zartheit der Farbe liege, und da es daher nicht mglich sei,
dieselbe in schwarzen Linien nachzuahmen. Er machte mich berhaupt, da er meine
Bestrebungen sah, mehr mit den Eigenschaften der Farben bekannt, und ich suchte
mich auch in diesen Dingen zu unterrichten und zu ben.
    Sonderbar war es, da ich nie auf den Gedanken kam, meine Schwester zu
betrachten, ob ihre Zge zum Nachzeichnen geeignet wren, oder den Wunsch hegte,
ihr Angesicht zu zeichnen, obgleich es in meinen Augen nach dem des Mdchens in
der Loge das schnste auf der Welt war. Ich hatte nie den Mut dazu. Oft kam mir
auch jetzt noch der Gedanke, so schn und rein wie Klotilde knne doch nichts
mehr auf der Erde sein; aber da fielen mir die Zge des weinenden Mdchens ein,
das die Ihrigen zu beruhigen gestrebt hatten, und von dem ich mir einbildete,
da es mich im Vorsaale des Theaters freundlich angeblickt habe, und ich mute
sie vorziehen. Ich konnte sie mir zwar nicht vorstellen; aber es schwebte mir
ein unbestimmtes, dunkles Bild von Schnheit vor der Seele. Die Freundinnen
meiner Schwester oder andere Mdchen, mit denen ich gelegentlich zusammen kam,
hatten manche liebe, angenehme Eigenschaften in ihrem Angesichte, ich
betrachtete sie, und dachte mir, wie dieses oder jenes zu zeichnen wre, aber
ich mochte sie ebenfalls nie ersuchen, und so kam ich nicht dazu, ein lebendes
vor mir befindliches Angesicht zu zeichnen. Ich wiederholte also die Zge in der
Erinnerung oder zeichnete nach Gemlden. Man machte mich endlich auch darauf
aufmerksam, da ich immer Mdchenkpfe entwerfe. Ich war beschmt, und begann
spter Mnner, Greise, Frauen, ja auch andere Teile des Krpers zu zeichnen, so
weit ich sie in Vorlagen oder Gipsabgssen bekommen konnte.
    Trotz dieser Bestrebungen, welchen nach dem Grundsatze unsers Hauses kein
Hindernis in den Weg gelegt wurde, vernachlssigte ich meine Hauptbeschftigung
doch nicht. Es tat mir sehr wohl, zu Hause unter meinen Sammlungen herum zu
gehen, ich dachte oft an die Worte des alten Mannes in dem Rosenhause, und im
Gegensatze zu den Festen, zu denen ich geladen war, oder selbst zu Spaziergngen
und Geschftsbesuchen war mir meine Wohnung wie eine holde, bedeutungsvolle
Einsamkeit, die mir noch lieber wurde, weil ihre Fenster auf Grten und wenig
geruschvolle Gegenden hinausgingen.
    Die Heiterkeiten wurden in der Stadt immer grer, je nher der Winter
seinem Ende zuging, und ich hatte in dieser Hinsicht und oft auch in anderer
mehr Ursache und Pflicht, zu dieser oder jener Familie einen Gang zu tun.
    Bei einer solchen Gelegenheit ereignete sich mit mir ein Vorfall, der mich
nach dem Betwohnen bei der Auffhrung des Lear in jenem Winter am meisten
beschftigte.
    Wir waren seit Jahren mit einer Familie sehr befreundet, welche in der
Hofburg wohnte. Es war die Witwe und Tochter eines berhmten Mannes, der einmal
in groem Ansehen gestanden war. Da der Vater ein bedeutendes Hofamt bekleidet
hatte, wurde die Tochter nach seinem Tode auch ein Hoffrulein, weshalb sie mit
der Mutter in der Burg wohnte. Von den Shnen war einer in der Armee, der andere
bei einer Gesandtschaft. Wenn das Frulein nicht eben im Dienste war, wurde
zuweilen abends ein kleiner Kreis zur Mutter geladen, in welchem etwas
vorgelesen, gesprochen oder Musik gemacht wurde. Da die Mutter etwas lter
wurde, spielte man sogar zuweilen Karten. Wir waren fter an solchen Abenden bei
dieser Familie. In jenem Winter hatte ich ein Buch, welches mir von der Mutter
des Hoffruleins war geliehen worden, lnger behalten, als es eigentlich die
Hflichkeit erlaubte. Deshalb ging ich eines Mittags hin, um das Buch persnlich
zu berbringen und mich zu entschuldigen. Als ich von dem ueren Burgplatze
durch das hohe Gewlbe des Gehweges in den inneren gekommen war, fuhren eben aus
dem Hofe zu meiner Rechten mehrere Wgen heraus, die meinen Weg kreuzten und
mich zwangen, eine Weile stehen zu bleiben. Es standen noch mehrere Menschen
neben mir, und ich fragte, was diese Wgen bedeuteten.
    Es sind Glckwnsche, welche dem Kaiser nach seiner Wiedergenesung von
groen Herren abgestattet worden sind, und welche er eben angenommen hatte,
sagte ein Mann neben mir.
    Der letzte der Wgen war mit zwei Rappen bespannt, und in ihm sa ein
einzelner Mann. Er hatte den Hut neben sich liegen und trug die weien Haare
frei in der winterlichen Luft. Der berrock war ein wenig offen, und unter ihm
waren Ordenssterne sichtbar. Als der Wagen bei mir vorberfuhr, sah ich
deutlich, da mein alter Gastfreund, der mich in dem Rosenhause so wohlwollend
aufgenommen hatte, in demselben sitze. Er fuhr schnell vorbei, wie es bei Wgen
dieser Art Sitte ist, und schlug die Richtung nach der Stadt ein. Er fuhr bei
dem Tore aus der Burg, an welchem die zwei Riesen als Simstrger angebracht
sind. Ich wollte jemand von meinen Nachbaren fragen, wer der Mann sei; aber da
von den Wgen, welche die Fugnger aufgehalten hatten, der seinige der letzte
gewesen und der Weg sodann frei war, so waren alle Nachbaren bereits ihrer Wege
gegangen, und diejenigen, welche jetzt neben mir waren, hatten die Wgen nicht
in der Nhe gesehen.
    Ich ging daher ber den Hof, und stieg ber die sogenannte
Reichskanzleitreppe empor.
    Ich traf die alte Frau allein, bergab ihr das Buch und sagte meine
Entschuldigungen.
    Im Verlaufe des Gesprches erwhnte ich des Mannes, den ich in dem Wagen
gesehen hatte, und fragte, ob sie nicht wisse, wer er sei. Sie wute von gar
nichts.
    Ich habe nicht bei den Fenstern hinabgeschaut, sagte sie, es geht vieles
auf dem groen Hofe vor, ich achte nicht darauf. Ich habe gar nicht gewut, da
bei dem Kaiser eine Vorfahrt gewesen ist, er war vorgestern noch nicht ganz
gesund. Da mein Mann noch lebte, haben wir immer die Aussicht auf den groen
Platz der Hofburg gehabt, und wie bedeutende Dinge da auch vorgehen, so
wiederholen sich doch immer die nmlichen, wenn man viele Jahre zuschaut; und
endlich schaut man gar nicht mehr zu, und hat herinnen ein Buch oder sein
Strickzeug, wenn drauen in das Gewehr gerufen wird, oder Reiter zu hren sind,
oder Wagen rollen.
    Wer ist denn von denen, die in der Aufwartung bei dem Kaiser wegfuhren, in
dem letzten Wagen gesessen, Henriette? fragte sie ihre eben eintretende
Tochter, das Hoffrulein.
    Das ist der alte Risach gewesen, antwortete diese, er ist eigens
hereingekommen, um sich Seiner Majestt vorzustellen und seine Freude ber
dessen Wiedergenesung auszudrcken.
    Ich hatte in meiner Jugend fter den Namen Risach nennen gehrt, allein ich
hatte damals so wenig darauf geachtet, was ein Mann, dessen Namen ich hrte,
tue, da ich jetzt gar nicht wute, wer dieser Risach sei. Ich fragte daher mit
jener Rcksicht, die man bei solchen Fragen immer beobachtet, und erfuhr, da
der Freiherr von Risach zwar nicht die hchsten Staatswrden bekleidet habe, da
er aber in der wichtigen und schmerzlichen Zeit des nunmehr auch alternden
Kaisers in den belangreichsten Dingen ttig gewesen sei, da er mit den Mnnern,
welche die Angelegenheiten Europas leiteten, an der Schlichtung dieser
Angelegenheiten gearbeitet habe, da er von fremden Herrschern geschtzt worden
sei, da man gemeint habe, er werde einmal an die Spitze gelangen, da er aber
dann ausgetreten sei. Er lebe meistens auf dem Lande, komme aber fter herein
und besuche diesen oder jenen seiner Freunde. Der Kaiser achte ihn sehr, und es
drfte noch jetzt vorkommen, da hie und da nach seinem Rate gefragt werde. Er
soll reich geheiratet, aber seine Frau wieder verloren haben. berhaupt wisse
man diese Verhltnisse nicht genau.
    Alles dieses hatte mir das Hoffrulein gesagt.
    Siehst du, meine liebe Henriette, sprach die alte Frau, wie sich die
Dinge in der Welt verndern. Du weit es noch nicht, weil du noch jung bist, und
weil du nichts erfahren hast. Das Niedrige wird hoch, das Hohe wird niedrig,
eines wird so, das andere wird anders, und ein drittes bleibt bestehen. Dieser
Risach ist sehr oft in unser Haus gekommen. Da uns der Vater noch zuweilen in
dem alten Doktorwagen, den er hatte, und der dunkelgrn und schwarz angestrichen
war, spazieren fahren lie, ist er nicht einmal, sondern oft auf dem Kutschbocke
gesessen, oder er ist gar, wenn wir im Freien fuhren und uns die Leute nicht
sehen konnten, hinten aufgestanden wie ein Leibdiener, denn der Wagen des Vaters
hat ein Dienerbrett gehabt. Wir waren kaum anders als Kinder, er war ein junger
Student, der wenig Bekanntschaft hatte, dessen Herkunft man nicht wute, und um
den man auch nicht fragte. Wenn wir in dem Garten auf dem Landhause waren,
sprang er mit den Brdern auf den hlzernen Esel, oder sie jagten die Hunde in
das Wasser, oder setzten unsere Schaukel in Bewegung. Er brachte deinen Vater zu
meinen Brdern als Kameraden in das Haus. Man wute damals kaum, wer schner
gewesen sei, Risach oder dein Vater. Aber nach einer Zeit wurde Risach weniger
gesehen, ich wei nicht warum, es vergingen manche Jahre, und ich trat mit
deinem Vater in den heiligen Stand der Ehe. Die Brder waren als Staatsdiener
zerstreut, die Eltern waren endlich tot, von Risach wurde oft gesprochen, aber
wir kamen wenig zusammen. Der Vater begann seine Ttigkeit hauptschlich erst
dann, als Risach schon ausgetreten war. Da sitze ich jetzt nun wieder, aber in
einem anderen Teile der Burg, dein Vater hat die Erde verlassen mssen, du bist
nicht einmal mehr ein Kind, dienst deiner hohen gtigen Herrin, und da von
Risach die Rede war, meinte ich, es seien kaum einige Jahre vergangen, seit er
die Schaukel in unserem Garten bewegt hat.
    Ich fragte, ob nicht Risach eine Besitzung im Oberlande habe.
    Man sagte mir, da er dort eine habe.
    Ich wollte nicht weiter fragen, um nicht die ganze Darlegung meiner Einkehr
in diesem Sommer machen zu mssen.
    Als ich aber nach Hause gekommen war, erzhlte ich die heutige Begegnung
meinen Angehrigen bei dem Mittagsessen. Der Vater kannte den Freiherrn von
Risach sehr gut. Er war in frherer Zeit mehrere Male mit ihm zusammengekommen,
hatte ihn aber jetzt schon lange nicht gesehen. Als Anhaltspunkte, da mein
Beherberger in dem Rosenhause der Freiherr von Risach gewesen sei, dienten, da
ich ihn, wenn mich nicht in der Schnelligkeit des Fahrens eine hnlichkeit
getuscht hat, selber gesehen habe, da er im Oberlande eine Besitzung hat, da
er wohlhabend sei, was mein Beherberger sein msse, und da er hohe Geistesgaben
besitze, die mein Beherberger auch zu haben scheine. Man beschlo, in dieser
Sache nicht weiter zu forschen, da mein Beherberger mir seinen Namen nicht
freiwillig genannt habe, und die Dinge so zu belassen, wie sie seien.
    Auer diesen zwei Begebenheiten, die wenigstens fr mich von Bedeutung
waren, ereignete sich nichts in jenem Winter, was meine Aufmerksamkeit besonders
in Anspruch genommen htte. Ich war viel beschftigt, mute oft Stunden der
Nacht zu Hilfe nehmen, und so ging mir der Winter weit schneller vorber, als es
in frheren Jahren der Fall gewesen war. Im allgemeinen aber befriedigten mich
besonders die Hilfsmittel, die eine groe Stadt zur Ausbildung gibt, und die man
sonst nicht leicht findet.
    Als die Tge schon lnger wurden, als die eigentliche Stadtlust schon
aufgehrt hatte, und die stillen Wochen der Fastenzeit liefen, fragte ich eines
Tages Preborn, weshalb er mir denn die Grfin Tarona nicht gezeigt habe, die er
so liebe, die so schn sein soll, und zu deren Gewinnung er meinen Beistand
angerufen habe.
    Erstens ist sie keine Grfin, antwortete er mir, ich wei nicht genau
ihren Stand, ihr Vater ist tot, und sie lebt in der Gesellschaft einer reichen
Mutter; aber das wei ich, da sie nicht von Adel ist, was mir sehr zusagt, da
ich es auch nicht bin - und zweitens ist sie und ihre Mutter in diesem Winter
nicht in die Stadt gekommen. Das ist die Ursache, da ich sie dir nicht zeigen
konnte, und da du Gelegenheit fandest, einen Spott gegen mich zu richten. Du
mut sie aber vorerst sehen. Alle, denen heuer Schnheiten gesagt worden sind,
alle, die man gerhmt hat, alle, die geblendet haben, sind nichts, ja sie sind
noch weniger als nichts gegen sie.
    Ich antwortete ihm, da ich nicht spotten, sondern die Sache einfach habe
sagen wollen.
    Wie sich der Frhling immer mehr nherte, rstete ich mich zu meiner Reise.
Ich wollte heuer frher reisen, weil ich mir vorgenommen hatte, ehe ich in die
Berge ginge, einen Besuch in dem Rosenhause zu machen. Mit jedem Jahre wurden
meine Zurstungen weitlufiger, weil ich in jedem Jahre mehr Erfahrungen hatte
und meine Entwrfe weiter hinaus gingen. Heuer hatte ich auch beschlossen,
umfassendere Zeichnungswerkzeuge und sogar Farben mitzunehmen. Wie es mit jeder
Gewohnheit ist, war es auch bei mir. Wenn ich mich in jedem Herbste nach der
Huslichkeit zurck sehnte, war es mir in jedem Frhlinge wie einem Zugvogel,
der in jene Gegenden zurckkehren mu, die er in dem Herbste verlassen hatte.
    Als sich im Mrz in der Stadt schon recht liebliche Tge einstellten, welche
die Menschen in das Freie und auf die Wlle lockten, war ich mit meinen
Vorbereitungen fertig, und nachdem ich von den Meinigen den gewhnlichen
herzlichen Abschied genommen hatte, reisete ich eines Morgens ab.
    Mir war damals sowie jetzt noch jedes Fortfahren von den Angehrigen in der
Nacht sowie das Antreten irgend einer Reise in der Nacht sehr zuwider. Die Post
ging aber damals in das Oberland erst abends ab, darum fuhr ich lieber in einem
Mietwagen. Die Landhuser auer der Stadt, welche reichen Bewohnern derselben
gehrten, waren noch im Winterschlafe. Sie waren teilweise in ihren Umhllungen
mit Stroh oder mit Brettern befangen, was einen groen Gegensatz zu dem heiteren
Himmel und zu den Lerchen machte, welche schon berall sangen. Ich fuhr nur
durch die Ebene. Da ich in den Bereich der Hgel gelangte, verlie ich den Wagen
und setzte meinen Weg nach meiner gewhnlichen Art in kurzen Fureisen fort.
    Ich betrachtete wieder berall die Bauwerke, wo sie mir als betrachtenswert
aufstieen. Ich habe einmal irgendwo gelesen, da der Mensch leichter und klarer
zur Kenntnis und zur Liebe der Gegenstnde gelangt, wenn er Zeichnungen und
Gemlde von ihnen sieht, als wenn er sie selber betrachtet, weil ihm die
Beschrnktheit der Zeichnung alles kleiner und vereinzelter zusammen fat, was
er in der Wirklichkeit gro und mit Genossen vereint erblickt. Bei mir schien
sich dieser Ausspruch zu besttigen. Seit ich die Bauzeichnungen in dem
Rosenhause gesehen hatte, fate ich Bauwerke leichter auf, beurteilte sie
leichter, und ich begriff nicht, warum ich frher auf sie nicht so aufmerksam
gewesen war.
    Im Oberlande war es noch viel rauher, als ich es in der Stadt verlassen
hatte. Als ich eines Morgens an der Ecke des Buchenwaldes meines Gastfreundes
ankam, in welchem der Alizbach in die Agger fllt, war noch manches Wsserchen
mit einer Eisrinde bedeckt. Da ich das Rosenhaus erblickte, machte es einen ganz
anderen Eindruck als damals, da ich es als weie Stelle in dem gesttigten und
dunkeln Grn der Felder und Bume unter einem schwlen und heien Himmel gesehen
hatte. Die Felder hatten noch mit Ausnahme der grnen Streifen der Wintersaat
die braunen Schollen der nackten Erde, die Bume hatten noch kein Knspchen, und
da Wei des Hauses sah zu mir herber, als she ich es auf einem schwach
veilchenblauen Grunde.
    Ich ging auf der Strae in der Nhe von Rohrberg vorber, und kam endlich zu
der Stelle, wo der Feldweg von ihr ber den Hgel zu dem Rosenhause hinauffhrt.
Ich ging zwischen den Zunen und nackten Hecken dahin, ich ging auf der Hhe
zwischen den Feldern, und stand dann vor dem Gitter des Hauses. Wie anders war
es jetzt. Die Bume ragten mit dem schwarzen oder braunlichen Gezweige nackt in
die dunkelblaue Luft. Das einzige Grn waren die Gartengitter. ber die
Rosenbumchen an dem Hause war eine schngearbeitete Decke von Stroh
herabgelassen. Ich zog den Glockengriff, ein Mann erschien, der mich kannte und
einlie, und ich wurde zu dem Herrn gefhrt, der sich eben in dem Garten befand.
    Ich traf ihn in einer Kleidung wie im Sommer, nur da sie von wrmerem
Stoffe gemacht war. Die weien Haare hatte er wieder wie gewhnlich unbedeckt.
    Er schien mir wieder so sehr ein Ganzes mit seiner Umgebung, wie er es mir
im vorigen Sommer geschienen hatte.
    Man war damit beschftigt, die Stmme der Obstbume mit Wasser und Seife zu
reinigen. Auch sah ich, wie hie und da Arbeiter auf Leitern neben den Bumen
waren, um die abgestorbenen und berflssigen ste abzuschneiden. Als ich im
vorigen Sommer fort gegangen war, hatte mein Gastfreund gesagt, da ich meine
Wiederkunft vorher durch eine Botschaft anzeigen mge, damit ich ihn zu Hause
treffe. Er hatte aber wahrscheinlich nicht bedacht, da dieses Schwierigkeiten
habe, indem ich in der Regel selber nicht wissen kann, wie sich durch
Witterungsverhltnisse oder andere Umstnde meine Vorhaben zu ndern gezwungen
sein drften. Ich habe ihm also eine Botschaft nicht geschickt und ihn auf meine
Gefahr hin berrascht. Er aber nahm mich so freundlich auf, da er mich auf sich
zuschreiten sah, wie er mich bei dem vorigjhrigen Aufenthalte in seinem Hause
freundlich behandelt hat.
    Ich sagte, er mge es sich selber zuschreiben, da ich ihn schon so frh im
Jahre in seinem Hause berfalle; er habe mich so wohlwollend eingeladen, und ich
habe mir es nicht versagen knnen, hieher zu kommen, ehe die Tler und die
Fuwege in dem Gebirge so frei wren, da ich meine Beschftigungen in ihnen
anfangen knnte.
    Wir haben eine ganze Reihe von Gastzimmern, wie Ihr wit, sagte er, wir
sehen Gste sehr gerne, und Ihr seid gewi kein unlieber unter ihnen, wie ich
Euch schon im vergangenen Sommer gesagt habe.
    Er wollte mich in das Haus geleiten, ich sagte aber, da ich heute erst drei
Stunden gegangen sei, da meine Krfte sich noch in sehr gutem Zustande
befinden, und da er erlauben mge, da ich hier bei ihm in dem Garten bleibe.
Ich bitte ihn nur um das einzige, da er mein Rnzlein und meinen Stock in mein
Zimmer tragen lasse.
    Er nahm das silberne Glcklein, das er bei sich trug, aus der Tasche und
lutete. Der Klang war selbst im Freien sehr durchdringend, und es erschien auf
ihn eine Magd aus dem Hause, welcher er auftrug, mein Rnzlein, das ich
mittlerweile abgenommen hatte, und meinen Stock, den ich ihr darreichte, in mein
Zimmer zu tragen. Er gab ihr noch ferner einige Weisungen, was in dem Zimmer zu
geschehen habe.
    Ich fragte nach Gustav, ich fragte nach dem Zeichner in dem Schreinerhause,
und ich fragte sogar nach dem weien alten Grtner und seiner Frau. Gustav sei
gesund, erhielt ich zur Antwort, er vervollkommne sich an Geist und Krper. Er
sei eben in seiner Arbeitsstube beschftigt, er werde sich gewi sehr freuen,
mich zu sehen. Der Zeichner lebe fort wie frher und sei sehr eifrig, und was
die Grtnerleute anbelange, so verndern sich diese schon seit mehreren Jahren
gar nicht mehr und seien heuer, wie ich sie im vorigen Sommer gesehen habe. Ich
fragte endlich auch noch nach dem Gesinde, den Gartenarbeitern und den
Meierhofleuten. Sie seien alle ganz wohl, wurde geantwortet, es sei seit meinem
vorjhrigen Besuche kein Krankheitsfall vorgekommen, und es habe auch keines der
Leute eine grndliche Ursache zur Unzufriedenheit gegeben.
    Nach mehreren gleichgltigen Gesprchen, namentlich ber die Beschaffenheit
der Wege, auf denen ich hieher gekommen war, und ber das Vorrcken der
Wintersaaten auf den Feldern, wendete er sich wieder mehr der Arbeit, die vor
ihm geschah, zu, und auch ich richtete meine Aufmerksamkeit auf dieselbe. Ich
hatte mir einmal, da er mir erzhlte, da er die Baumstmme waschen lasse, die
Sache sehr umstndlich gedacht. Ich sah aber jetzt, da sie mittelst
Doppelleitern und Brettern sehr einfach vor sich gehe. Mit den langstieligen
Brsten konnte man in die hchsten Zweige emporfahren, und da die Leute von der
Zweckmigkeit der Maregel fest berzeugt waren und emsig arbeiteten, so
schritt das Werk mit einer von mir nicht geahnten Schnelligkeit vor. In der Tat,
wenn man einen gewaschenen und gebrsteten Stamm ansah, wie er rein und glatt in
der Luft stand, whrend sein Nachbar noch rauh und schmutzig war, so meinte man,
da dem einen sehr wohl sein msse, und da der andere verdrossen aussehe. Mir
fiel die stolze uerung ein, die mein Gastfreund im vergangenen Sommer zu mir
getan hatte, da ich nur den Stamm jenes Kirschbaumes ansehen solle, ob seine
Rinde nicht ausshe wie feine graue Seide. Sie war wirklich wie Seide, und mute
es gerade immer mehr werden, da sie in jedem Jahre aufs neue gepflegt wurde.
    Als wir nach einer Weile weiter in den Garten zurckgingen, sah ich auch
noch andere Arbeiten. Die Hecken wurden gebunden und geordnet, das Dornenreisig
zu den Nestern der Vgel unter ihnen hergerichtet, die Wege von den Schden des
Winters ausgebessert, unter den Zwergbumen, die schon beschnitten waren, die
Erde gelockert, und bei den schwcheren, welche Stbe hatten, nachgesehen, ob
diese festhielten und nicht etwa in der Erde abgefault wren. Es wurden
losgegangene Bnder wieder geknpft, im Gemsegarten umgegraben, Fenster an
Winterbeeten gelftet oder zugedeckt, die Pumpen ausgebessert, mancher Nagel
eingeschlagen, und endlich hie und da ein Behltnis fr die Vgel gereinigt und
befestigt.
    Ich verabschiedete mich von meinem Gastfreunde, da er sehr mit der Leitung
der Arbeiten beschftigt war, und ging allein in dem Garten herum, in Teilen, in
die ich wollte. Die Vgel waren schon zahlreich da, sie schlpften durch die
laublosen Zweige der Bume, und es begann schon hie und da ein Laut oder ein
Zwitschern. Besonders lieblich und hell schallte der Gesang der aufsteigenden
Lerchen von den den Garten umgebenden Feldern herein. Die Vorrichtungen zur
Ernhrung und Trnkung der Vgel waren wegen der Blattlosigkeit der Bume und
Gestruche mehr sichtbar, auch schaute ich mehr nach ihnen aus als bei meiner
ersten Ankunft, da ich jetzt bereits von ihnen wute. Ich sah mehrere zum
Aufstecken von Kernen dienende Gitter, von denen mir mein Gastfreund erzhlt
hatte.
    Ich betrachtete auch die Zweige. Die Knospen der Bltter und der Blten
waren schon sehr geschwollen und harrten der Zeit, in welcher sie aufbrechen
wrden.
    Ich stieg bis zu dem groen Kirschbaume empor, und sah ber den Garten, ber
das Haus und auf die Berge. Eine ganz heitere, dunkelblaue Luft war ber alles
ausgegossen. Dieser schne Tag, deren es in der frhen Jahreszeit noch ziemlich
wenige gibt, war es auch, der meinen Gastfreund bewog, so viele Arbeiten in dem
Garten zu veranlassen. Unter der heiteren Luft lag die Erde noch in bedeutender
de. Ich wollte auch zu der Felderrast hinber gehen; allein der Weg, der am
Morgen gefroren gewesen sein mochte, war jetzt weich und tief durchfeuchtet, da
das Gehen auf ihm sehr unangenehm und verunreinigend gewesen wre. Ich sah die
dunkeln Wintersaaten und die nackten Schollen der neben ihnen liegenden Felder
eine Weile an, und ging dann wieder hinab.
    Ich ging zu den Grtnerleuten. Mir kam es nicht vor, wie mein Gastfreund
gesagt hatte, da sie sich nicht verndert htten. Der Mann schien mir noch
weier geworden zu sein. Seine Haare unterschieden sich nicht mehr von der
Leinwand. Die Frau aber war unverndert. Sie mute von einer sehr
reinlichkeitliebenden Familie stammen, weil sie das Huschen so nett hielt und
den alten Mann so fleckenlos und knapp heraus kleidete. Er machte mir ganz genau
wieder den nmlichen Eindruck wie im vergangenen Jahre, als ob er einer ganz
anderen Beschftigung angehrte.
    Da ich von dem Gewchshause gegen die Ftterungstenne ging, begegnete mir
Gustav. Er lief mit einem Rufe auf mich zu und grte mich.
    Der Knabe hatte sich in kurzer Zeit sehr gendert. Er stand sehr schn neben
mir da, und gegen die rauhe Art der Natur, die noch kein Laub, kein Gras, keinen
Stengel, keine Blume getrieben hatte, sondern der Jahreszeit gem nur die
braunen Schollen, die braunen Stmme und die nackten Zweige zeigte, war er noch
schner, wie ich oft beim Zeichnen bemerkt hatte, da zum Beispiele Augen der
Tiere in struppigen Kpfen noch glnzender erschienen, und da feine
Kinderangesichtchen, wenn sie von Pelzwerk umgeben sind, noch feiner aussehen.
Ein sanftes Rot war auf seinen Wangen, braune Haarflle um die Stirne, und die
groen schwarzen Augen waren wie bei einem Mdchen. Es war, obwohl er sehr
heiter war, fast etwas Trauerndes in ihnen.
    Wir gingen dem Platze zu, auf welchem sein Ziehvater beschftigt war. Ich
erzhlte ihm auf dem Wege von meinen Angehrigen; von meiner Mutter, von meinem
Vater und von meiner lieblichen Schwester. Auch erzhlte ich ihm von der Stadt,
wie man dort lebe, was sie fr Vergngungen biete, was sie fr
Unannehmlichkeiten habe, und wie ich in ihr meine Zeit hinbringe. Er sagte mir,
da er jetzt schon in die Naturlehre eingerckt sei, da ihm der Vater Versuche
zeige, und da ihn die Sache sehr freue.
    Wir blieben eine Weile bei dem Ziehvater. Gustav zeigte mir allerlei, und
machte mich bald auf diese, bald auf jene Vernderung aufmerksam, welche sich
seit meiner frheren Anwesenheit ergeben habe.
    Der Mittag vereinigte uns in dem Hause.
    Da ich so, da die Speisen erschienen, meinem alten Gastfreunde gegenber
sa, fiel mir pltzlich auf, was der Mann fr schne Zhne habe. Sehr dicht,
wei, klein und mit einem feinen Schmelze berzogen saen sie in dem Munde, und
kein einziger fehlte. Seine Wangen hatten durch den vielen Aufenthalt in der
freien Luft ein gutes und gesundes Rot, nur seine Haare schienen mir wie bei dem
Grtner noch weier geworden zu sein.
    Nach dem Essen begab ich mich ein wenig in mein Zimmer. Es war sehr
freundlich hergerichtet worden, und in dem Ofen brannte ein erwrmendes Feuer.
    Nachmittags gingen wir in das Schreinerhaus. Eustach begrte mich, aus
seiner Stelle tretend, sehr heiter, und ich erwiderte seinen Gru auf das
herzlichste. Auch die andern Arbeiter gaben zu erkennen, da sie mich noch
kannten. Ich besah zuerst die Dinge nur flchtig und im allgemeinen. Der schne
Tisch war sehr weit vorgerckt; aber er war noch lange nicht fertig. Es waren
wieder ein paar neue Erwerbungen gemacht worden. Man zeigte sie mir und machte
mich darauf aufmerksam, was aus ihnen werden knne. Auch Plne zu
selbststndigen Arbeiten waren wieder gemacht worden, und man legte mir in
kurzem die Grundansichten auseinander. Ich bat Eustach, da er erlaube, da ich
ihn whrend meiner Anwesenheit ein paar Male besuche. Er gestand es sehr gerne
zu.
    Nach diesem Besuche machten wir trotz der sehr schlechten Wege einen weiten
Spaziergang. Da ich davon sprach, da ich schon die Vgel in dem Garten bemerkt
habe, sagte mein Gastfreund: Wenn Ihr lnger bei uns wret, so wrdet Ihr jetzt
eine ganze Lebensgeschichte dieser Tiere erfahren. Die Zurckgebliebenen fangen
schon an, sich zu erheitern, die fortgezogen sind, treffen bereits allmhlich
ein und werden mit Geschrei empfangen. Sie drngen sich sehr an die Tafel und
sputen sich, bis die in der Fremde erfahrnen Nahrungssorgen verwunden sind; denn
dort werden sie schwerlich einen Brodvater finden, der ihnen gibt. Von da an
werden sie immer inniger und singen tglich schner. Dann wird ein Gekose in den
Zweigen, und sie jagen sich. Hieran schliet sich die Huslichkeit. Sie sorgen
fr die Zukunft, und schleppen sich mit nrrischen Lappen zu dem Nesterbau. Ich
lasse ihnen dann allerlei Fden zupfen, sie nehmen sie aber nicht immer, sondern
ich sehe manchmal einen, wie er an einem kotigen Halme zerrt. Nun kmmt die Zeit
der Arbeit wie bei uns in den Mnnerjahren. Da werden die leichtsinnigen Vgel
ernsthaft, sie sind rastlos beschftigt, ihre Nachkommen zu fttern, sie zu
erziehen und zu unterrichten, da sie zu etwas Tchtigem tauglich werden,
namentlich zu der groen bevorstehenden Reise. Gegen den Herbst kmmt wieder
eine freiere Zeit. Da haben sie gleichsam einen Nachsommer, und spielen eine
Weile, ehe sie fort gehen.
    Als wir von dem Spaziergange zurckgekehrt waren und es Abend wurde,
versammelten wir uns an dem Kamine des Speisezimmers, in welchem ein lustiges
Feuerbrannte. Auch Eustach wurde herber geholt, und der weie Grtner mute
kommen und sagen, welche Fortschritte die Pflanzen in den Winterbeeten und in
den Gewchshusern gemacht hatten. Die Haushlterin Katharina setzte hie und da
ein warmes Getrnke auf ein Tischchen.
    Am andern Tage morgens ging ich zu meinem Gastfreunde in das
Ftterungszimmer, um zuzusehen. Er suchte sich alle Gattungen Nahrung aus den
Fchern zurecht, ffnete dann die Fenster und tat das Futter auf die Brettchen.
Er blieb an dem Fenster stehen, und ich bei ihm. Trotzdem kamen die Vgel in
Bgen oder geraden Linien herbei geflogen. Ihn frchteten sie nicht, weil sie
ihn als den Nhrvater kannten, und mich nicht, weil ich bei ihm stand. Sie
drngten sich, pickten, zwitscherten, und balgten sich sogar mitunter.
    Ich gebe im spteren Frhlinge und Sommer den Weibchen sehr gerne noch eine
leckere Draufgabe, sagte er, weil manches Mal eine bedrngte Mutter unter
ihnen sein kann. Die so hastig und zugleich so erschreckt fressen, sind Fremde.
Sie wrden um keinen Preis zu einem Menschen herzu gehen, wenn sie nicht der
bitterste Hunger ntigte. Ich habe in harten Wintern schon die seltensten Vgel
auf diesen Brettern gesehen.
    Als alles vorber war und sich keine Gste mehr einfanden, schlo er die
Fenster.
    Ich stieg von da auf den Dachboden des Hauses empor, weil er gesagt hatte,
da jetzt auch den Hasen auerhalb des Gartens Futter gestreut wrde, und da
man sie von da sehen knnte. Sie haben noch nichts als die karge Wintersaat und
Nadelreiser, weshalb man noch nachhelfen msse. Da die Magd die Bltter
ausgestreut und sich entfernt hatte, kamen schon Hasen herzu. Ich schraubte ein
Fernrohr an einen Balken, und es war lcherlich anzusehen, worauf mich Gustav
aufmerksam machte, wenn ein riesiger Hase in dem Fernrohre sa, mit
schreckhaften Augen auf das verdchtige Mahl sah, und schnell die Lippen
bewegte, als fre er schon. Da ich auch dies gesehen hatte, stieg ich wieder
herunter, und ging mit Gustav in das Zimmer, in welchem die Gerte zur
Naturlehre standen.
    Es sollte nun erst das Frhmahl eingenommen werden. Dasselbe wurde zur
Winterszeit immer in dem Zimmer der naturwissenschaftlichen Gertschaften
genommen, weil man, da man einen Teil des Vormittages in seinen Zimmern
zubrachte, nicht eigens dazu in das Speisezimmer hinabsteigen wollte, und weil
in derselben Zeit in den andern Wohngemchern des alten Mannes, im Arbeitszimmer
und Schlafzimmer, eben aufgerumt und gelftet wurde.
    Mein Gastfreund erwartete mich und Gustav schon; denn er war nicht mit uns
auf den Dachboden hinauf gestiegen. Das Gemach war sanft erwrmt, und in der
Nhe des Ofens stand ein Tisch, der gedeckt und mit allen Gerten versehen war,
ein angenehmes Frhmahl zu bereiten. Er stand auf einem freien Raume, um den
herum sich die Werkzeuge der Wissenschaft befanden.
    Da wir nach dem Frhmahle nun so saen, da eine anmutige Wrme das Zimmer
erfllte, da von dem Widerscheine der ganz schief die Fenster treffenden
Morgensonne das Messing, das Glas und das Holz der verschiedenartigen Werkzeuge
erglnzte, sagte ich zu meinem alten Gastfreunde: Es ist seltsam, da ich von
Eurer Besitzung in die Stadt und ihre Bestrebungen kam, lag mir Euer Wesen hier
wie ein Mrchen in der Erinnerung, und nun, da ich hier bin und das Ruhige vor
mir sehe, ist mir dieses Wesen wieder wirklich und das Stadtleben ein Mrchen.
Groes ist mir klein, Kleines ist mir gro.
    Es gehrt wohl beides und alles zu dem Ganzen, da sich das Leben erflle
und beglcke, antwortete er. Weil die Menschen nur ein Einziges wollen und
preisen, weil sie, um sich zu sttigen, sich in das Einseitige strzen, machen
sie sich unglcklich. Wenn wir nur in uns selber in Ordnung wren, dann wrden
wir viel mehr Freude an den Dingen dieser Erde haben. Aber wenn ein berma von
Wnschen und Begehrungen in uns ist, so hren wir nur diese immer an und
vermgen nicht die Unschuld der Dinge auer uns zu fassen. Leider heien wir sie
wichtig, wenn sie Gegenstnde unserer Leidenschaften sind, und unwichtig, wenn
sie zu diesen in keinen Beziehungen stehen, whrend es doch oft umgekehrt sein
kann.
    Ich verstand dieses Wort damals noch nicht so ganz genau, ich war noch zu
jung, und hrte selber oft nur mein eigenes Innere reden, nicht die Dinge um
mich.
    Gegen Mittag kam derjenige meiner Koffer, den ich in das Rosenhaus bestellt
hatte. Ich packte ihn aus, und zeigte Gustav, der mich besuchte, manche Bcher,
Zeichnungen und andere Dinge, die er enthielt, und richtete mich in meinem
Zimmer huslich ein.
    So gingen nun mehrere Tage dahin.
    In diesem Hause war jeder unabhngig und konnte seinem Ziele zustreben. Nur
durch die gemeinsame Hausordnung war man gewissermaen zu einem Bande verbunden.
Selbst Gustav erschien vllig frei. Das Gesetz, welches seine Arbeiten regelte,
war nur einmal gegeben, es war sehr einfach, der Jngling hatte es zu dem
seinigen gemacht, er hatte es dazu machen mssen, weil er verstndig war, und so
lebte er darnach.
    Gustav bat mich sehr, ich mchte einmal seinem Unterrichte in der Naturlehre
beiwohnen. Ich sagte es meinem Gastfreunde, und dieser hatte nichts dawider. So
war ich dann nicht einmal, sondern mehrere Male bei diesem Unterrichte zugegen.
Mein alter Gastfreund sa in einem Lehnsessel und erzhlte. Er beschrieb eine
Erscheinung, er machte die Erscheinung recht deutlich, zeigte sie, wenn es
mglich war, mit den Vorrichtungen seiner Sammlung, oder wo dies nicht mglich
war, suchte er sie durch Zeichnung oder Versinnbildlichung darzustellen. Dann
erzhlte er, auf welchem Wege die Menschen zur Kenntnis dieser Erscheinung
gekommen waren. Wenn er dieses vollendet hatte, tat er das gleiche mit einer
zweiten, verwandten Erscheinung. Und wenn er nun einen Kreis von
zusammengehrigen Erscheinungen, der ihm hinlnglich schien, ausgefhrt hatte,
dann hob er dasjenige, was allen Erscheinungen gleichartig ist, hervor und
stellte die Grunderscheinung oder das Gesetz dar. Bei diesem Unterrichte wurde
nicht ein gewisses Buch zu Grunde gelegt, sondern Gustav schrieb spter das, was
ihm erzhlt worden war, aus dem Gedchtnisse auf, der alte Mann besserte es dann
in seiner Gegenwart aus, und so erhielt der Knabe nicht nur ein Handbuch der
Naturwissenschaft, sondern lernte den Stoff selber schon durch das Aufschreiben
und Ausbessern. Was sich Gustav angeeignet hatte, wurde zu Zeiten gleichsam in
freundlichen Gesprchen durchgenommen. Die Sprache des Unterrichtes war stets so
einfach und klar, da ich meinte, ein Kind msse diese Dinge verstehen knnen.
Mir fiel es jetzt erst recht auf, wie ungehrig manche Lehrer in der Stadt in
dieser Wissenschaft verfahren, welche sie gewissermaen in eine
wissenschaftliche Necksprache kleiden, die ein Schler nicht versteht, und mit
welcher sie die Mathematik so in eins verflechten, da beide beides nicht sind
und ein Ganzes auch nicht darstellen. Ich sah, da Gustav auch die Rechnung auf
die Naturlehre anwandte, aber wo er es tat, erkannte ich, da er es stets mit
Sachkenntnis und Klarheit tat, und da er immer die Rechnung nicht als
Hauptsache, sondern hier als Dienerin der Natur betrachtete. Ich urteilte aus
meinen eigenen frheren Arbeiten, da er auch in diesem Fache einen grndlichen
Unterricht erhalten haben mute. Ich fragte ihn einmal darnach, und erfuhr, da
auch hierin sein Ziehvater sein Lehrer gewesen sei.
    Ich besuchte spter auch den Unterricht in der Lnderkunde. Hier fiel mir
auf, da gezeichnete Karten gebraucht wurden, welche alle den nmlichen Mastab
hatten, so da Ruland in einer auerordentlich groen, die Schweiz in einer
sehr kleinen Karte dargestellt war. Mir leuchtete der Zweck dieser Maregel ein,
damit nmlich bei der lebhaften jugendlichen Einbildungskraft ein Bild der
Grenverhltnisse dauernd eingeprgt werde. Ich erinnerte mich bei dieser
Gelegenheit einer Wette, die wir Kinder um eine Kleinigkeit ber die Frage
abgeschlossen hatten, ob Philadelphia nicht beinahe so sdlich wie Rom liege,
was die meisten mit Lachen verneinten. Eine herbeigebrachte Karte zeigte, da es
sdlicher als Neapel liege. Allgemein sagten damals auch die groen Leute, die
zugegen waren, da bei Kindern dieser Irrtum durch die Raumverhltnisse, in
denen unsere gewhnlichen Karten gezeichnet seien, veranlat werden mute. Die
Karten, welche Gustav gebrauchte, waren von dem Zeichner im Schreinerhause nach
Karten unserer sogenannten Atlasse verfertiget worden.
    Ich fragte meinen Gastfreund, ob Gustav auch Geschichte lerne, worauf er
erwiderte: Man nimmt sehr hufig mit jungen Schlern gleich zur Erdbeschreibung
auch Geschichte vor; ich glaube aber, da man hierin unrecht tut. Wenn man in
der Erdbeschreibung nicht blo die geschichtliche Einteilung der Erde und Lnder
vor Augen hat, was ich auch fr einen Fehler halte, sondern wenn man auf die
bleibenden Gestaltungen der Erde sieht, auf denen sich eben durch ihren Einflu
verschiedenartige Vlker gebildet haben, so ist die Erde ein Naturgegenstand,
und Erdbeschreibung zum groen Teile ein Bestandteil der Naturwissenschaft. Die
Naturwissenschaften sind uns aber viel greifbarer als die Wissenschaften der
Menschen, wenn ich ja Natur und Menschen gegenber stellen soll, weil man die
Gegenstnde der Natur auer sich hinstellen und betrachten kann, die Gegenstnde
der Menschheit aber uns durch uns selber verhllt sind. Man sollte meinen, da
das Gegenteil statthaben solle, da man sich selber besser als Fremdes kennen
solle, viele glauben es auch; aber es ist nicht so. Tatsachen der Menschheit, ja
Tatsachen unseres eigenen Innernwerden uns, wie ich schon einmal gesagt habe,
durch Leidenschaft und Eigensucht verborgen gehalten oder mindestens getrbt.
Glaubt nicht der grte Teil, da der Mensch die Krone der Schpfung, da er
besser als alles, selbst das Unerforschte sei? Und meinen die, welche aus ihrem
Ich nicht heraus zu schreiten vermgen, nicht, da das All nur der Schauplatz
dieses Ichs sei, selbst die unzhligen Welten des ewigen Raumes dazu gerechnet?
Und dennoch drfte es ganz anders sein. Ich glaube daher, da Gustav erst nach
Erlernung der Naturwissenschaften zu den Wissenschaften des Menschen bergehen
soll, und da er da ungefhr die Reihe beobachten soll: Krperlehre,
Seelenlehre, Denklehre, Sittenlehre, Rechtslehre, Geschichte. Hierauf mag er
etwas von den Bchern der sogenannten Weltweisheit lesen, dann aber mu er in
das Leben selber hinaus kommen.
    Zum Unterrichte fr Gustav waren gewisse Stunden festgesetzt, welche der
alte Mann nie versumte, andere Stunden waren fr die Selbstarbeit bestimmt,
welche Gustav wieder gewissenhaft hielt. Die brige Zeit war zu freier
Beschftigung berlassen.
    In solchen Zeiten waren wir manches Mal in dem Lesezimmer. Mein Gastfreund
kam auch fter, und gelegentlich auch Eustach oder der eine und der andere
Arbeiter. Fr Gustav waren nach der Wahl seines Lehrers die Bcher, die er lesen
durfte, bestimmt. Er benutzte sie fleiig, ich sah aber nie, da er nach einem
anderen langte. Eustach und die anderen Leute hatten freie Auswahl, und
natrlich ich auch. Da ich das erste Mal in diesem Hause war, hatte ich es
getadelt, da das Bcherzimmer von dem Lesezimmer abgesondert sei, es erschien
mir dieses als ein Umweg und eine Weitschweifigkeit. Da ich aber jetzt lnger
bei meinem Gastfreunde war, erkannte ich meine Meinung als einen Irrtum.
Dadurch, da in dem Bcherzimmer nichts geschah, als da dort nur die Bcher
waren, wurde es gewissermaen eingeweiht, die Bcher bekamen eine Wichtigkeit
und Wrde, das Zimmer ist ihr Tempel, und in einem Tempel wird nicht gearbeitet.
Diese Einrichtung ist auch eine Huldigung fr den Geist, der so mannigfaltig in
diesen gedruckten und beschriebenen Papieren und Pergamentblttern enthalten
ist. In dem Lesezimmer aber wird dann der wirkliche und der freundliche Gebrauch
dieses Geistes vermittelt, und seine Erhabenheit wird in unser unmittelbares und
irdisches Bedrfnis gezogen. Das Zimmer ist auch recht lieblich zum Lesen. Da
scheint die freundliche Sonne herein, da sind die grnen Vorhnge, da sind die
einladenden Sitze und Vorrichtungen zum Lesen und Schreiben. Selbst da man
jedes Buch nach dem zeitlichen Gebrauche wieder in das Bcherzimmer an seinen
Platz tragen mu, erschien mir jetzt gut; es vermittelt den Geist der Ordnung
und Reinheit, und ist gerade bei Bchern wie der Krper der Wissenschaft, das
System. Wenn ich mich jetzt an Bcherzimmer erinnerte, die ich schon sah, in
welchen Leitern, Tische, Sessel, Bnke waren, auf denen allen etwas lag, seien
es Bcher, Papiere, Schreibzeuge oder gar Gerte zum Abfegen; so erschienen mir
solche Bchersle wie Kirchen, in denen man mit Trdel wirtschaftet.
    Ich ging auch fter zu Eustach in das Schreinerhaus. An einem der ersten
sehr heiteren Tage nahm ich alle Zeichnungen mit seiner Erlaubnis heraus, und
sah sie noch einmal mit groer Mue und Genauigkeit an. Ich konnte es fast kaum
glauben, wie sehr mich meine Zeichnungsbungen whrend des vergangenen Winters
gefrdert hatten. Ich verstand jetzt vieles, was ich da vorfand, besser als im
Sommer, und es gefielen mir die meisten Dinge auch mehr. Ich teilte ihm manches
von meinen Zeichnungen mit, namentlich von Zeichnungen von Pflanzen, deren ich
dieses Mal eine grere Anzahl in meinem Koffer mitgebracht hatte. Bei meiner
ersten Anwesenheit hatte ich in dem Rnzchen nur einige Schriften, ein Fernrohr
und andere Sachen getragen, die in ein so kleines Behltnis gehen, Zeichnungen
aber nicht. Er hatte eine Freude an diesen Dingen; aber sonderbar war es
anzusehen, wie er die Pflanzenzeichnungen nicht als Pflanzenfreund und Kenner
anblickte, sondern als Baumeister, der ihre Gestalt verwenden kann. Er versuchte
spter selber auch Zeichnungen nach lebenden Pflanzen; aber hier trat der
Unterschied von einem Pflanzenfreunde noch mehr hervor: die Bilder wurden ihm
allgemach durch unmerkliche Zustze aus Gewchsen schne Verzierungen. Er suchte
sich auch in der Regel solche Vorbilder aus, die zu seinem Berufe in nherer
Beziehung standen, oder in eine solche gebracht werden konnten. In Bezug auf die
anderen Dinge, die in dem Schreinerhause gearbeitet wurden, zeigte er mir alles,
und erklrte mir manches, wenn ich nach Erklrung verlangte. Auch hierin glaubte
ich seit dem vorigen Sommer Fortschritte gemacht zu haben, namentlich, da ich
die Gegenstnde, die mein Vater besa, wohl genau betrachtet und mir eingeprgt
hatte, um ihre Bilder hieher bertragen und mit dem, was sich hier befand,
vergleichen zu knnen. Die Gestalten gingen jetzt leichter in mein Wesen ein,
mir gefiel vieles mehr als im vorigen Sommer, und ich wurde auf manches
aufmerksam, was ich damals nicht beachtet hatte. Wir saen zuweilen in dem
freundlichen Zimmer Eustachs, wenn die Vormittagssonne durch die geschlossenen
Vorhnge sanft herein blickte, und redeten von allerlei Dingen.
    An Nachmittagen, besonders wenn trbes Wetter war und die Geschfte im
Freien nicht eine groe Ausdehnung hatten, versammelte man sich in dem
Arbeitszimmer meines Gastfreundes. Dieses Zimmer war an Nachmittagen, wo es sehr
zusammengerumt, und wo mehr Mue war, der Vereinigungspunkt der kleinen
Gesellschaft, wenn sie sich berhaupt vereinigte. Mein alter Gastfreund hatte
sich dieses Gemach sehr wohnlich, wenn auch fr Einsamkeit geeignet, herrichten
lassen, wie er berhaupt, wenn er nicht eigens Menschen um sich versammelte, die
Einsamkeit liebte. Er hatte neben seinem Sessel einen Glockenzug, der durch den
Fuboden in die Gesindezimmer hinab ging, um schnell einen Diener rufen zu
knnen. In dem Schlafzimmer war etwas hnliches. Dort befanden sich auer dem
gewhnlichen Glockenzuge an den Seitenbrettern des Bettes zwei Platten, die
durch das leiseste Auflegen einer Hand eine laut und lange tnende Glocke in
Bewegung setzten, damit man, wenn dem alten Manne etwas zustiee, schnell zu
Hilfe eilen knnte. Zwei Diener hatten immer die Schlssel zu seinen Gemchern,
um auch in der Nacht von auen aufsperren zu knnen. Diese Vorrichtungen waren
eine Erfindung Eustachs, weil der alte Mann jede Einschrnkung durch
Dienerschaft, ja die Nhe derselben nicht wollte, um nicht gestrt zu werden. Er
lie auch nicht zu, da Gustav in einem Zimmer neben ihm schlafe, um sich nicht
an ihn zu gewhnen und ihn dann zu vermissen, da der Jngling doch einmal fort
msse. Wenn man in dem Arbeitszimmer meines Gastfreundes versammelt war,
besprach man gewhnlich Angelegenheiten des Besitztums, Vernderungen, die
notwendig sind, Arbeiten, die man vornehmen msse, und Gegenstnde der Kunst.
Hieher wurden die Plne und Entwrfe von Dingen gebracht, die man entweder in
Holz ausfhren wollte, oder die Anlagen in dem Garten oder Umnderungen an
Gebuden betrafen. Es war gut, diese Entwrfe gerade in dieses Zimmer zu
bringen, weil sie da eine sehr schne und ausgezeichnete Umgebung antrafen, und
sich daher jeder Fehler und jede Unzulnglichkeit, wenn derlei in dem Entwurfe
waren, sogleich aufzeigte und verbessert werden konnte. An dem Tage, wo mehrere
Menschen in das Arbeitszimmer des alten Mannes kamen, war immer ein Teppich ber
den auserlesenen Fuboden desselben gebreitet, damit er keine Beschdigung
erleide.
    Wenn trockene Wege waren, gingen wir fter in den Meierhof. Dort wurden die
Arbeiten, welche der erste Frhling bringt, rstig betrieben. Das Ganze war seit
meiner vorjhrigen Anwesenheit in Ordnung und Flle sehr vorgeschritten. Man
mute bis spt in den Herbst hinein und selbst im Winter, soweit es tunlich war,
fleiig gearbeitet haben. Im Innern des Hofes war nicht mehr blo die schne
Pflasterung an den Gebuden herum und der reinliche Sand ber den ganzen
Hofraum, sondern es war in der Mitte desselben ein kleiner Springquell, der mit
drei Strahlen in ein Becken fiel und eine Blumenanlage um sich hatte. Auf das
alles sahen die hellen Fenster des Hofes ringsum heraus. So sah dieser Teil des
Gebudes, obwohl zwei Seiten des Hofes Stlle und Scheunen waren, wie ein
Edelsitz aus. Ich fragte meinen Gastfreund, ob er neues Mauerwerk habe auffhren
lassen, da ich den Meierhof viel vollkommener sehe als im vergangenen Jahre, und
da er auch schner sei, als sie hier im Lande gebaut wurden.
    Ich habe keine Mauern auffhren lassen, antwortete er, nur die letzten
ueren Verschnerungen habe ich angebracht, und die Fenster habe ich
vergrert, der Grund war schon da. Die Meierhfe und die greren Bauerhfe
unserer Gegend sind nicht so hlich gebaut, als Ihr meint. Nur sind sie stets
bis auf ein gewisses Ma fertig, weiter nicht; die letzte Vollendung, gleichsam
die Feile fehlt, weil sie in dem Herzen der Bewohner fehlt. Ich habe blo dieses
Letzte gegeben. Wenn man mehrere Beispiele aufstellte, so wrden sich im Lande
die Ansichten ber das notwendige Aussehen und die Wohnbarkeit der Huser
ndern. Dieses Haus soll so ein Beispiel sein.
    Die Wege um den Hof und dessen Wiesen und Felder waren auch nicht mehr so,
wie sie grtenteils in dem vorigen Sommer gewesen waren. Sie waren fest, mit
weiem Quarze belegt, und scharf und wohl abgegrenzt.
    An schnen Mittagen, die bereits auch immer wrmer wurden, sa ich gerne auf
dem Bnkchen, das um den groen Kirschbaum lief, und sah auf die unbelaubten
Bume, auf die frisch geeggten Felder, auf die grnen Tafeln der Wintersaat, die
schon sprossenden Wiesen und durch den Duft, der in dem ersten Frhlinge gerne
aus Grnden quillt, auf die Hochgebirge, die mit dem Glanze des noch in
ungeheurer Menge auf ihnen liegenden Schnees spielten. Gustav schlo sich an
mich viel an, wahrscheinlich weil ich unter allen Bewohnern des Hauses ihm an
Alter am nchsten war. Er sa deshalb gerne bei mir auf dem Bnkchen. Wir gingen
manches Mal auf die Felderrast hinber, und er zeigte mir einen Strauch, auf dem
bald Blten hervor kommen wrden, oder eine sonnige Stelle, auf der das erste
Grn erschien, oder Steine, um die schon verfrhte Tierchen spielten.
    Eines Tages entdeckte ich in den Schreinen der Natursammlung eine
Zusammenstellung aller inlndischen Hlzer. Sie waren in lauter Wrfeln
aufgestellt, von denen zwei Flchen quer gegen die Fasern, die brigen vier nach
den Fasern geschnitten waren. Von diesen vier Flchen war eine rauh, die zweite
glatt, die dritte poliert, und die vierte hatte die Rinde. Im Innern der Wrfel,
welche hohl waren und geffnet werden konnten, befanden sich die getrockneten
Blten, die Fruchtteile, die Bltter und andere merkwrdige Zugehre der
Pflanze, zum Beispiel gar die Moose, die auf gewissen Orten gewhnlich wachsen.
Eustach sagte mir, der alte Herr - so nannten alle Bewohner des Hauses meinen
Gastfreund, nur Gustav nannte ihn Ziehvater - habe diese Sammlung angelegt und
die Anordnung so ausgedacht. Sie soll nach dem Willen des alten Herrn noch
einmal gemacht und der Gewerbschule zum Geschenke gegeben werden.
    Seine seltsame Kleidung und seine Gewohnheit, immer barhuptig zu gehen,
welch beides mir anfangs sehr aufgefallen war, beirrte mich endlich gar nicht
mehr, ja es stimmte eigentlich zu der Umgebung sowohl seiner Zimmer als der um
ihn herum wohnenden Bevlkerung, von der er sich nicht als etwas Vornehmes
abhob, der er viel mehr gleich war, und von der er sich doch wieder als etwas
Selbststndiges unterschied. Mir fiel im Gegenteile ein, da manches nicht
geschmackvoll sei, was wir so heien, am wenigsten der Stadtrock und der
Stadthut der Mnner.
    In die Zimmer, welche nach Frauenart eingerichtet waren, wurde ich einmal
auf meine Bitte gefhrt. Sie gefielen mir wieder sehr, besonders das letzte,
kleine, welchem ich jetzt den Namen die Rose gab. Man konnte in ihm sitzen,
sinnen und durch das liebliche Fenster auf die Landschaft blicken. Da ich nicht
um den Gebrauch dieser Zimmer fragte, begreift sich.
    Ich erzhlte meinem Gastfreunde oft von meinem Vater, von der Mutter und von
der Schwester. Ich erzhlte ihm von allen unsern huslichen Verhltnissen, und
beschrieb ihm mehrfach, so genau ich es konnte, die Dinge, die mein Vater in
seinen Zimmern hatte, und auf welche er einen Wert legte. Meinen Namen nannte
ich hiebei nicht, und er fragte auch nicht darnach.
    Ebenso wute ich, obwohl ich nun lnger in seinem Hause gewesen war, noch
immer seinen Namen nicht. Zufllig ist er nicht genannt worden, und da er ihn
nicht selber sagte, so wollte ich aus Grundsatz niemanden darum fragen. Von
Gustav oder Eustach wre er am leichtesten zu erfahren gewesen; aber diese zwei
mochte ich am wenigsten fragen, am allerwenigsten Gustav, wenn er unzhlige Male
unbefangen den Namen Ziehvater aussprach. Der Mann war sehr gut, sehr lieb und
sehr freundlich gegen mich, er nannte seinen Namen nicht, ich konnte auch nicht
mit Gewiheit voraussetzen, da er meine, ich kenne denselben; daher beschlo
ich, gar nicht, selbst nicht in der grten Entfernung von diesem Orte, um den
Namen des Besitzers des Rosenhauses zu fragen.
    Nach und nach nderte sich die Zeit immer mehr und immer gewaltiger. Die
Tage waren viel lnger geworden, die Sonne schien schon sehr warm, die Fristen,
in denen der Himmel sich klar und wolkenlos zeigte, wurden bereits lnger als
die, in denen er umwlkt oder neblich war, die Erde sprote, die Bume knospten,
an den Rosenbumchen vor dem Hause wurde sehr fleiig gearbeitet, alles war
heiter, und der Frhling war in seiner ganzen Flle eingetreten. Diese Zeit war
schon lange als diejenige bestimmt gewesen, in welcher ich abreisen wrde. Ich
sagte dieses noch einmal meinem Gastfreunde, und da ich Anstalten getroffen
hatte, meinen Koffer fort zu senden, wurde der Tag der Abreise festgesetzt.
    Wir hatten frher noch die Verabredung getroffen, da ich meine Arbeiten so
einrichten wolle, da ich zur Zeit der Rosenblte wiederkommen und wieder
lngere Zeit in dem Hause verbleiben knne. Da ich sah, da ich gerne
aufgenommen werde, und da ich in Hinsicht der ueren Mittel keine Last in dem
Hause sei, und da mein Gemt sich auch diesem Orte zugeneigt fhlte, so war mir
diese Verabredung ganz nach meinem Sinne. Nur, meinte mein Gastfreund, mte ich
dann in den Gebirgstlern schon zur Herreise aufbrechen, wenn dort kaum die
Rosen vllige Knospen htten, weil sie hier der bessern Erde und der bessern
Pflege willen frher blhen als an allen Teilen des Landes. Ich sagte es zu, und
so war alles in Ordnung.
    Am Tage vor meiner Abreise kam Eustachs Bruder zurck. Er mochte zwanzig und
einige Jahre alt sein, war schn gewachsen, hatte braune Wangen und dunkle
Locken und ein klein wenig aufgeworfene Lippen. Mir war, als wre ich dem Manne
schon einige Male auf meinen Reisen begegnet. Er brachte in seinem Buche viele
und darunter schne Zeichnungen mit, welche mit Anteil betrachtet wurden. Sie
sollten nun auf grerem Papiere und in knstlerischer Richtung ausgefhrt
werden.
    Als ich am Abende vor der Abreise noch im Meierhofe gewesen war, als ich am
Morgen derselben zu Eustach und den Grtnersleuten gegangen war, als ich den
Hausbewohnern Lebewohl gesagt und von meinem Gastfreunde und von Gustav vor dem
Hause Abschied genommen hatte: ging ich den Hgel hinunter, und ich hrte schon
von dem Garten und von den Hecken und aus den Saaten den krftigen
Frhlingsgesang der Vgel.

                                7. Die Begegnung


Auf der Reise nach dem Orte meiner Bestimmung zeichnete ich ein schnes
Standbild, welches ich in der Nische einer Mauertrmmer fand. Ich hatte dazu
mein Zeichnungsbuch aus dem Rnzlein genommen, in welchem ich es jetzt immer
trug. Dies war die einzige Unterbrechung und der einzige Aufenthalt auf dieser
Reise gewesen.
    Als ich an meinem Bestimmungsorte angelangt war, war das erste, was ich tat,
da ich meine Zeit besser zu Rate hielt als frher. Ich mute mir bekennen, da
die Art, wie in dem Rosenhause das Tagewerk betrieben wurde, auf mich von groem
Einflusse sein solle. Da dort der Wert der Zeit sehr hoch angeschlagen und
dieses Gut sehr sorgfltig angewendet wurde, so fing ich, wenn ich mir auch
bisher einen groen Vorwurf nicht hatte machen knnen, dennoch an, mit viel mehr
Ordnung als bisher nach einem einzigen Ziele whrend einer bestimmten Zeit
hinzuarbeiten, whrend ich frher, durch augenblickliche Eindrcke bestimmt, mit
den Zielen fter wechselte, und, obwohl ich eifrig strebte, doch eine dem
Streben entsprechende Wirkung nicht jederzeit erreichte. Ich machte mir nun zur
Aufgabe, eine bestimmte Strecke zu durchforschen, und im Verlaufe berhaupt
nichts liegen zu lassen, was von Wesenheit wre, aber auch nichts auf eine
gelegenere Zukunft zu verschieben, so da, sollte ich bis zur Rosenzeit mit der
vorgesetzten Strecke nicht fertig werden, wenigstens der Teil, den ich
vollendete, wirklich fertig wre, und ich auf genau umschriebene Ergebnisse zu
deuten im Stande wre. Das sah ich nach dem Beginne der Arbeiten sehr bald, da
ich mir den Raum zu gro ausgesteckt hatte; aber auch das sah ich sehr bald, da
der kleinere Raum, den ich berwinden wrde, mir mehr an Erfolg sicherte, als
wenn ich wie in meiner Vergangenheit durch geraume Zeit den Blick so ziemlich
auf alles gespannt htte. Hiezu kam auch eine gewisse Zufriedenheit, die ich
fhlte, wenn ich sah, da sich Glied an Glied zu einer Ordnung an einander
reihte, whrend frher mehr ein ansprechender Stoff durcheinander lag als da
eine aus dem Stoffe hervorgehende Gestaltung sich entwickelt htte.
    Meine Kisten fllten sich, und stellten sich an einander. Meine Fhrer und
meine Trger gewannen auch einen Halt in der neuen Ordnung, und es wuchs ihnen
ein Zu trauen zu mir. Ich bekam eine Neigung zu ihnen, die sie erwiderten, so
da sich ein frhliches Zusammenleben immer mehr gestaltete und die Arbeit
heiter und darum auch zweckmig wurde. Oft, wenn wir abends in der Wirtsstube
um den groen viereckigen Ahorntisch, oder, da die Tage endlich heier wurden,
statt an den toten Brettern des Tisches drauen unter den lebenden und
rauschenden Ahornen saen, um welche ein fichtener Tisch zusammen gezimmert war,
und auf welche das viel fenstrige Gasthaus heraus sah, rechneten sie sich vor,
was heute, was seit vierzehn Tagen geschehen sei, wie viel wir, wie sie sich
ausdrckten, abgetan haben, und wie viel Gebirge zusammen gestellt worden sei.
Sie fingen auch bald an, die Sache nach ihrer Art zu begreifen, ber
Vorkommnisse in den Gebirgszgen zu reden und zu streiten und mir zuzumuten,
da, wenn ich mir merken knnte, woher alle die gesammelten Stcke seien, und
wenn ich die Hhe und die Mchtigkeit der Gebirge zu messen im Stande wre, ich
das Gebirge im kleinen auf einer Wiese oder auf einem Felde aufstellen knnte.
Ich sagte ihnen, da das ein Teil meines Zweckes sei, und wenn gleich das
Gebirge nicht auf einer Wiese oder auf einem Felde zusammengestellt werde, so
werde es doch auf dem Papiere gezeichnet, und werde mit solchen Farben bemalt,
da jeder, der sich auf diese Dinge verstnde, das Gebirge mit allem, woraus es
bestehe, vor Augen habe. Deshalb merke ich mir nicht nur, woher die Stcke
seien, und unter welchen Verhltnissen sie in den Bergen bestehen, sondern
schreibe es auch auf, damit es nicht vergessen werde, und beklebe auch die
Stcke mit Zetteln, auf denen alles Notwendige stehe. Diese Stcke, in ihrer
Ordnung aufgestellt, seien dann der Beweis dessen, was auf dem Papiere oder der
Karte, wie man das Ding nenne, aufgemalt sei. Sie meinten, da dieses sehr klug
getan sei, um, wenn einer einen Stein oder sonst etwas zu einem Baue oder
dergleichen bedrfe, gleich aus der Karte heraus lesen zu knnen, wo er zu
finden sei. Ich sagte ihnen, da ein anderer Zweck auch darin bestehe, aus dem,
was man in den Gebirgen finde, schlieen zu knnen, wie sie entstanden seien.
    Die Gebirge seien gar nicht entstanden, meinte einer, sondern seien seit
Erschaffung der Welt schon dagewesen. Sie wachsen auch, sagte ein anderer,
jeder Stein wchst, jeder Berg wchst wie die anderen Geschpfe. Nur, setzte
er hinzu, weil er gerne ein wenig schalkhaft war, wachsen sie nicht so schnell
wie die Schwmme.
    So stritten sie lnger und fter ber diesen Gegenstand, und so besprachen
wir uns ber unsere Arbeiten. Sie lernten durch den bloen Umgang mit den Dingen
des Gebirges und durch das ftere Anschauen derselben nach und nach ein Weiteres
und Richtigeres, und lchelten oft ber eine irrige Ansicht und Meinung, die sie
frher gehabt hatten.
    Mein Tagebuch der Aufzeichnungen zur Festhaltung der Ordnung dehnte sich
aus, die Bltter mehrten sich und gaben Aussicht zu einer umfassenden und
regelmigen Zusammenstellung des Stoffes, wenn die Wintertage oder sonst Tage
der Mue gekommen sein wrden.
    An Sonntagen oder zu anderen Zeiten, wo die Arbeit minder drngte, gab es
noch Gelegenheit zu manchen angenehmen Freuden und zu strkender Erholung.
    Eines Tages fanden wir ein Stck Marmor, von dem ich dachte, da ihn mein
Gastfreund in seinem Rosenhause noch gar nicht habe. Er war von dem reinsten
Wei, Rosenrot und Strohgelb in kleiner und lieblicher Mischung. Seine Art ist
eine der seltensten, und hier war sie in einem so groen Stcke vorhanden, wie
ich sie noch nie gesehen hatte. Ich beschlo, diesen Marmor meinem Gastfreunde
zum Geschenke zu machen. Ich versuchte, mir ein Eigentumsrecht darber zu
erwerben, und als mir dieses gelungen war, ging ich daran, das Stock, soweit
seine Festigkeit ununterbrochen war, heraus nehmen und in eine Gestalt schneiden
zu lassen, deren es fhig war. Es zeigte sich, da eine schne Tischplatte aus
diesem Stoffe zu verfertigen wre. Von den losen Schuttstcken nahm ich mehrere
der besseren mit, um allerlei Dinge der Erinnerung daraus machen zu lassen.
Eines lie ich zu einer Tafel schleifen und dieselbe gltten, da mein
Gastfreund die Zeichnung und die Farbe des Marmors auf das beste sehen knne.
    So war eine Strecke abgetan, als in den Tlern sich die kleinen Knospen der
Rosen zu zeigen anfingen, und selbst an dem Hagedorn, der in Feldgehegen oder an
Gebirgssteinen wuchs, die Bllchen zu der schnen, aber einfachen Blume sich
entwickelten, die die Ahnfrau unserer Rosen ist. Ich beschlo daher, meine Reise
in das Rosenhaus anzutreten. Ich habe mich kaum mit grerem Vergngen nach
einem langen Sommer zur Heimreise vorbereitet, als ich mich jetzt nach einer
wohlgeordneten Arbeit zu dem Besuche im Rosenhause anschickte, um dort eine
Weile einen angenehmen Landaufenthalt zu genieen.
    Eines Nachmittages stieg ich zu dem Hause empor, und fand die Rosen zwar
nicht blhend, aber so berfllt mit Knospen, da in nicht mehr fernen Tagen
eine reiche Blte zu erwarten war.
    Wie hat sich alles verndert, sagte ich zu dem Besitzer, nachdem ich ihn
begrt hatte, da ich im Frhlinge von hier fortging, war noch alles de, und
nun blttert, blht und duftet alles hier beinahe in solcher Flle wie im
vorigen Jahre zu der Zeit, da ich zum ersten Male in dieses Haus heraufkam.
    Ja, erwiderte er, wir sind wie der reiche Mann, der seine Schtze nicht
zhlen kann. Im Frhlinge kennt man jedes Grschen persnlich, das sich unter
den ersten aus dem Boden hervor wagt, und beachtet sorgsam sein Gedeihen, bis
ihrer so viele sind, da man nicht mehr nach ihnen sieht, da man nicht mehr
daran denkt, wie mhevoll sie hervor gekommen sind, ja la man Heu aus ihnen
macht, und gar nicht darauf achtet, da sie in diesem Jahre erst geworden sind,
sondern tut, als stnden sie von jeher auf dem Platze.
    Man hatte mir eine eigene Wohnung machen lassen, und fhrte mich in dieselbe
ein. Es waren zwei Zimmer am Anfange des Ganges der Gastzimmer, welche man durch
eine neugebrochene Tr zu einer einzigen Wohnung gemacht hatte. Das eine war
bedeutend gro, und hatte ursprnglich die Bestimmung gehabt, mehrere Personen
zugleich zu beherbergen. Es war jetzt ausgeleert, an seinen Wnden standen
Tische und Gestelle herum, so wie in seiner Mitte ein langer Tisch angebracht
war, damit ich meine Sachen, die ich etwa von dem Gebirge brchte, ausbreiten
knnte. Das zweite Zimmer war kleiner, und war zu meinem Schlaf- und Wohngemache
hergerichtet.
    Der alte Mann reichte mir die Schlssel zu dieser Wohnung. Auch zeigte man
mir in der leichten gemauerten Htte, die nicht weit hinter der Schreinerei an
der westlichen Grenze des Gartens lag und in frheren Zeiten zu den
Steinarbeiten benutzt worden war, einen Raum, den man ausgeleert hatte, und in
welchen ich Gegenstnde, die ich gesammelt htte, bis auf weitere Verfgung
niederlegen knnte. Sollte ich mehr brauchen, so knne noch mehr gerumt werden,
da jetzt die Arbeiten mit den Steinen fast beendigt seien und selten etwas
gesgt, geschliffen oder geglttet werde. Ich war ber diese Aufmerksamkeiten so
gerhrt, da ich fast keinen Dank dafr zu sagen vermochte. Ich begriff nicht,
was ich mir denn fr Verdienste um den Mann oder seine Umgebung erworben habe,
da man solche Anstalten mache. Das Eine gereichte zu meiner Beruhigung, da ich
aus diesen Vorrichtungen sah, da ich in dem Hause nicht unwillkommen sei; denn
sonst wre man nicht auf den Gedanken derselben geraten. Dieses Bewutsein
versprach meinen Bewegungen in den hiesigen Verhltnissen viel mehr Freiheit zu
geben. Ich stattete endlich doch meinen Dank ab, und man nahm ihn mit Vergngen
auf.
    Da ich in meiner Wohnung meine Wandersachen abgelegt hatte und die ersten
allgemeinen Gesprche vorber waren, wollte ich einen bersichtlichen Gang durch
den Garten machen. Ich ging bei der Seitentr des Hauses hinaus, und da ich auf
den kleinen Raum kam, der hier eingefat ist, kam der groe Hofhund auf mich zu
und wedelte. Als ich sah, da der alte Hilan mich erkenne und begre, war ich
so kindisch, mich darber zu freuen, weil es mir war, als sei ich kein Fremder,
sondern gehre gewissermaen zur Familie.
    Am nchsten Tage nach meiner Ankunft erschien der Wagen mit meinem Gepcke
und mit der Marmorplatte. Ich lie abladen, und bergab die Platte meinem
Gastfreunde mit dem Bedeuten, da ich ihm in derselben eine Erinnerung aus dem
Gebirge bringe. Zugleich hndigte ich ihm das kleinere, geschliffene Stck zur
genaueren Einsicht in die Natur des Marmors ein. Er besah das Stck und dann
auch die Platte sehr sorgfltig. Hierauf sagte er: Dieser Marmor ist
auerordentlich schn, ich habe ihn noch gar nicht in meiner Sammlung, auch
scheint die Platte dicht und ohne Unterbrechung zu sein, so da ein reiner
Schliff auf ihr mglich sein wird, ich bin sehr erfreut, in dem Besitze dieses
Stockes zu sein, und danke Euch sehr dafr. Allein in meinem Hause kann er als
Bestandteil desselben nicht verwendet werden, weil dort nur solche Stcke
angebracht sind, welche ich selber gesammelt habe, und weil ich an dieser Art
der Sammlung und an der Verbuchung darber eine solche Freude habe, da ich auch
in der Zukunft nicht von diesem Grundsatze abgehe. Es wird aber ganz gewi aus
diesem Marmor etwas gemacht werden, das seiner nicht unwert ist, ich hege die
Hoffnung, da es auch Euch gefallen wird, und ich wnsche, da die Gelegenheit
seiner Verwendung Euch und mir zur Freude gereiche.
    Ich hatte ohnehin ungefhr so etwas erwartet, und war beruhigt.
    Der Marmor wurde in die Steinhtte gebracht, um dort zu liegen, bis man ber
ihn verfgen wrde. Meine brigen Dinge aber lie ich in meine Wohnung bringen.
    Ich ging im Sommer immer sehr leicht gekleidet, entweder in ungebleichtem
oder gestreiftem Linnen. Den Kopf bedeckte meistens ein leichter Strohhut. Um
nun hier nicht aufzufallen, und um weniger von der einfachen Kleidung der
Hausbewohner abzustechen, nahm ich ein paar solcher Anzge samt einem Strohhute
aus dem Koffer, kleidete mich in einen, und legte dafr meinen Reiseanzug fr
eine knftige Wanderung zurck.
    Mein Gastfreund hatte auf seiner Besitzung eine etwas eigentmliche Tracht
teils eingefhrt, teils nahmen sie die Leute selber an. Die Dienerinnen des
Hauses waren in die Landestracht gekleidet, nur dort, wo diese, wie namentlich
in unserem Gebirge, ungefllig war oder in das Hliche ging, wurde sie durch
den Einflu des Hausbesitzers gemildert und mit kleinen Zutaten versehen, die
mir schn erschienen. Diese Zutaten fanden im Anfange Widerstand, aber da sie
von dem alten Herrn geschenkt wurden und man ihn nicht krnken wollte, wurden
sie angenommen, und spter von den Umwohnerinnen nicht nur beneidet, sondern
auch nachgeahmt. Die Mnner, welche in dem Hause dienten oder in dem Meierhofe
arbeiteten oder in dem Garten beschftigt waren, trugen gefrbtes Linnen, nur
war dasselbe nicht so dunkel, als es bei uns im Gebirge gebruchlich ist. Eine
Jacke oder eine andere Art berrock hatten sie im Sommer nicht, sondern sie
gingen in lediglichen Hemdrmeln, und um den Hals hatten sie ein loses Tuch
geschlungen. Auf dem Haupte trugen einige, wie der Hausherr, nichts, andere
hatten den gewhnlichen Strohhut. Eustach schien in seiner Kleidung niemanden
nachzuahmen, sondern sie selbst zu whlen. Er ging auch in gestreiftem Linnen,
meistens rostbraun mit grau oder wei; aber die Streifen waren fast handbreit,
oder es hatte der ganze Stoff nur zwei Farben, die Hlfte des Lngenblattes
braun, die Hlfte wei. Oft hatte er einen Strohhut, oft gar nichts auf dem
Haupte. Seine Arbeiter hatten hnliche Anzge, auf denen selten ein Schmutzfleck
zu sehen war; denn bei der Arbeit hatten sie groe grne Schrzen um. Unter
allen diesen Leuten hoben sich der Grtner und die Grtnerin heraus, welche blo
schneewei gingen.
    Ich zeigte meinem Gastfreunde und Eustach die Zeichnung, welche ich von dem
Standbilde in der Mauernische gemacht hatte. Sie freuten sich, da ich auf
derlei Dinge aufmerksam sei, und sagten, da sie dasselbe Bild auch unter ihren
Zeichnungen htten, nur da es jetzt mit mehreren anderen Blttern auer Hause
sei.
    Ich betrachtete nun alles, was mir in dem Garten und auf dem Felde im
vorigen Jahre in derselben Jahreszeit merkwrdig gewesen war. Die Bltter der
Bume, die Bltter des Kohles und die von anderen Gewchsen waren vom
Raupenfrae frei, und nicht nur die im Garten, sondern auch die in der nchsten
und in der in ziemliche Ferne reichenden Umgebung. Ich hatte bei meiner Herreise
eigens auf diesen Umstand mein Augenmerk gerichtet. Dennoch entbehrte der Garten
nicht des schnen Schmuckes der Faltern; denn einerseits konnten die Vgel doch
nicht alle und jede Raupen verzehren, und andererseits wehte der Wind diese
schnen lebendigen Blumen in unsern Garten, oder sie kamen auf ihren
Wanderungen, die sie manchmal in groe Entfernungen antreten, selber hieher. Der
Gesang der Vgel war mir wieder wie im vorigen Jahre eigentmlich, und er war
mir wieder ganz besonders schmelzend. Dadurch, da sie in verschiedenen Fernen
sind, die Laute also mit ungleicher Strke an das Ohr schlagen, dadurch, da sie
sich gelegentlich unterbrechen, da sie inzwischen allerlei zu tun haben, eine
Speise zu haschen, auf ein Junges zu merken, wird ein reizender Schmelz
veranlat wie in einem Walde, whrend die besten Singvgel in vielen Kfichen
nahe bei einander nur ein Geschrei machen, und dadurch, da sie in dem Garten
sich doch wieder nher sind als im Walde, wird der Schmelz krftiger, whrend er
im Walde zuweilen dnn und einsam ist. Ich sah die Nester, besuchte sie, und
lernte die Gebruche dieser Tiere kennen.
    In meinen Zimmern richtete ich mich ein, ich tat die Bcher und Papiere, die
ich mitgebracht hatte, heraus, um zu lesen, einzuzeichnen und zu ordnen. Ich
legte auch auf den groen Tisch und auf die Gestelle an den Wnden kleinere
Gegenstnde, die ich mitgebracht hatte, besonders Versteinerungen oder andere
deutlichere berreste, um sie zu benutzen. Gustav kam hufig zu mir herber, er
nahm Anteil an diesen Dingen, ich erklrte ihm manches, und mein Gastfreund sah
es nicht ungern, wenn ich mit ihm, entweder ein Buch in der Hand, unter den
schattigen Linden des Gartens, oder ohne Buch, auf groen Spaziergngen - denn
der alte Mann liebte die Bewegung noch sehr - von meiner Wissenschaft sprach. Er
erzhlte mir dagegen von der seinigen, und ich hrte ihm freundlich zu, wenn er
auch Dinge brachte, die mir schon besser bekannt waren. Zeiten, in denen ich
ohne Beschftigung und allein war, brachte ich auf Gngen in den Feldern, oder
auf einem Besuche in dem Schreinerhause, oder in dem Gewchshause oder bei den
Kaktus zu.
    Die wogenden Felder, die ich im vorigen Jahre um dieses Anwesen getroffen
hatte, waren auch heuer wogende, und wurden mit jedem Tage schner, dichter und
segensreicher, der Garten hllte sich in die Menge seiner Bltter und der nach
und nach schwellenden Frchte, der Gesang der Vgel wurde mir immer noch
lieblicher und schien die Zweige immer mehr zu erfllen, die scheuen Tiere
lernten mich kennen, nahmen von mir Futter und frchteten mich nicht mehr. Ich
lernte nach und nach alle Dienstleute kennen und nennen, sie waren freundlich
mit mir, und ich glaube, sie wurden mir gut, weil sie den Herrn mich mit
Wohlwollen behandeln sahen. Die Rosen gediehen sehr, Tausende harrten des
Augenblicks, in dem sie aufbrechen wrden. Ich half oft an den Beschftigungen,
die diesen Blumen gewidmet wurden, und war dabei, wenn die Rosenarbeiten
besichtiget wurden, und ausgemittelt ward, ob alles an ihnen in gutem Stande
sei. Ebenso ging ich gerne zum Besehen anderer Dinge mit, wenn auf Wiesen oder
im Walde gearbeitet wurde, in welch letzterem man jetzt daran war, das im Winter
geschlagene Holz zu verkleinern oder zum Baue oder zu Schreinerarbeiten
herzurichten. Ich trug oft meinen Strohhut, wenn der alte Mann und Gustav neben
mir barhuptig gingen, in der Hand, und ich mute bekennen, da die Luft viel
angenehmer durch die Haare strich, als wenn sie durch einen Hut auf dem Haupte
zurck gehalten wurde, und da die Hitze durch die Locken so gut wie durch einen
Hut von dem bloen Haupte abgehalten wurde.
    Eines Tages, da ich in meinem Zimmer sa, hrte ich einen Wagen zu dem Hause
herzufahren. Ich wei nicht, weshalb ich hinabging, den Wagen ankommen zu sehen.
Da ich an das Gitter gelangte, stand er schon auerhalb desselben. Er war von
zwei braunen Pferden herbeigezogen worden, der Kutscher sa noch auf dem Bocke,
und mute eben angehalten haben. Vor der Wagentr, mit dem Rcken gegen mich
gekehrt, stand mein Gastfreund, neben ihm Gustav, und neben diesem Katharina und
zwei Mgde. Der Wagen war noch gar nicht geffnet, er war ein geschlossener
Glserwagen, und hatte an der innern Seite seiner Fenster grne zugezogene
Seidenvorhnge. Einen Augenblick nach meiner Ankunft ffnete mein Gastfreund die
Wagentr. Er geleitete an seiner Hand eine Frauengestalt aus dem Wagen. Sie
hatte einen Schleier auf dem Hute, hatte aber den Schleier zurckgeschlagen, und
zeigte uns ihr Angesicht. Sie war eine alte Frau. Augenblicklich, da ich sie
sah, fiel mir das Bild ein, welches mein Gastfreund einmal ber manche alternde
Frauen von verblhenden Rosen hergenommen hatte. Sie gleichen diesen
verwelkenden Rosen. Wenn sie schon Falten in ihrem Angesichte haben, so ist doch
noch zwischen den Falten eine sehr schne, liebe Farbe, hatte er gesagt, und so
war es bei dieser Frau. ber die vielen feinen Fltchen war ein so sanftes und
zartes Rot, da man sie lieben mute, und da sie eine Rose dieses Hauses war,
die im Verblhen noch schner sind als andere Rosen in ihrer vollen Blte. Sie
hatte unter der Stirne zwei sehr groe schwarze Augen, unter dem Hute sahen zwei
sehr schmale Silberstreifen des Haares hervor, und der Mund war sehr lieb und
schn. Sie stieg von dem Wagentritte herab und sagte die Worte: Gott gre
dich, Gustav!
    Hiebei neigte sich der alte Mann gegen sie, sie neigte ihr Angesicht gegen
ihn, und die beiderseitigen Lippen kten sich zum Willkommensgrue.
    Nach dieser Frau kam eine zweite Frauengestalt aus dem Wagen. Sie hatte auch
einen Schleier um den Hut, und hatte ihn auch zurckgeschlagen. Unter dem Hute
sahen braune Locken hervor, das Antlitz war glatt und fein, sie war noch ein
Mdchen. Unter der Stirne waren gleichfalls groe schwarze Augen, der Mund war
hold und unsglich gtig, sie schien mir unermelich schn. Mehr konnte ich
nicht denken; denn mir fiel pltzlich ein, da es gegen die Sitte sei, da ich
hinter dem Gitter stehe und die Aussteigenden anschaue, whrend die, die sie
empfangen, mir den Rcken zuwenden und von meiner Anwesenheit nichts wissen. Ich
ging um die Ecke des Hauses zurck, und begab mich wieder in mein Wohnzimmer.
    Dort hrte ich nach einiger Zeit an Tritten und Gesprchen, da die ganze
Gesellschaft an meinem Zimmer vorbei den ganzen Gang entlang wahrscheinlich in
die schnen Gemcher an der stlichen Seite des Hauses gehe.
    Was weiter an dem Wagen geschehen sei, ob noch eine oder zwei Personen aus
demselben gestiegen seien, konnte ich nicht wissen; denn auch nicht einmal beim
Fenster wollte ich nun hinabsehen. Da aber Gegenstnde von demselben abgepackt
und in das Haus gebracht wurden, konnte ich an dem Reden und Rufen der Leute
erkennen. Auch den Wagen hrte ich endlich fortfahren, wahrscheinlich wurde er
in den Meierhof gebracht.
    Ich blieb immer in der Tiefe des Zimmers sitzen. Ich ging weder zu dem
Fenster, noch ging ich in den Garten, noch verlie ich berhaupt das Zimmer,
obwohl eine ziemlich lange Zeit ruhig und still verflo. Ich wollte lesen oder
schreiben, und tat es dann doch wieder nicht.
    Endlich, da vielleicht ein paar Stunden vergangen waren, kam Katharina und
sagte, der alte Herr lasse mich recht schn bitten, da ich in das Speisezimmer
kommen mge, man erwarte mich dort.
    Ich ging hinab.
    Als ich eingetreten war, sah ich, da mein Gastfreund in einem Lehnsessel an
dem Tische sa, neben ihm sa Gustav. An der entgegengesetzten Seite sa die
Frau. Ihr Sessel war aber ein wenig von dem Tische abgewendet und der Tr, durch
welche ich eintrat, zugekehrt. Hinter ihr und um eine Sesselhlfte seitwrts sa
das Mdchen.
    Sie waren nun ganz anders gekleidet, als da ich sie aus dem Wagen steigen
gesehen hatte. Statt des stdtischen Hutes, den sie da getragen hatten, deckte
jetzt ein Strohhut mit nicht gar breiten Flgeln, so da sie eben genug Schatten
gaben, das Haupt, die brigen Kleider bestanden aus einem einfachen, lichten,
mattfrbigen Stoffe, und waren ohne alle besonderen Verzierungen verfertigt, so
wie der Schnitt nichts Aufflliges hatte, weder eine zur Schau getragene
Lndlichkeit noch ein zu strenge festgehaltenes stdtisches Wesen.
    Es standen mehrere Diener herum, so wie Katharina, die mich geholt hatte,
auch wieder hinter mir in das Zimmer gegangen war und sich zu den dastehenden
Mgden gesellt hatte. Selbst der Grtner Simon war zugegen.
    Als ich in die Nhe des Tisches gekommen war, stand mein Gastfreund auf,
umging den Tisch, fhrte mich vor die Frau und sagte: Erlaube, da ich dir den
jungen Mann vorstelle, von dem ich dir erzhlt habe.
    Hierauf wendete er sich gegen mich und sagte: Diese Frau ist Gustavs
Mutter, Mathildis.
    Die Frau sagte in dem ersten Augenblicke nichts, sondern richtete ein
Weilchen die dunkeln Augen auf mich.
    Dann wies er mit der Hand auf das Mdchen und sagte: Diese ist Gustavs
Schwester Natalie.
    Ich wute nicht, waren die Wangen des Mdchens berhaupt so rot, oder war es
errtet. Ich war sehr befangen und konnte kein Wort hervor bringen. Es war mir
uerst auffallend, da er jetzt, wo er den Namen beinahe mit Notwendigkeit
brauchte, weder um den meinigen gefragt, noch den der Frauen genannt hatte. Ehe
ich recht mit mir zu Rate gehen konnte, ob zu der Verbeugung, welche ich gemacht
hatte, etwas gesagt werden solle oder nicht, fuhr er in seiner Rede fort und
sagte: Er ist ein freundlicher Hausgenosse von uns geworden, und schenkt uns
einige Zeit in unserer lndlichen Einsamkeit. Er strebt, die Berge und das Land
zu erforschen und zur Kenntnis des Bestehenden und zur Herstellung der
Geschichte des Gewordenen etwas beizutragen. Wenn auch die Taten und die
Frderung der Welt mehr das Geschft des Mannes und des Greises sind, so ziert
ein ernstes Wollen auch den Jngling, selbst wo es nicht so klar und so bestimmt
ist wie hier.
    Mein Freund hat mir von Euch erzhlt, sagte die Frau zu mir, indem sie
mich wieder mit den dunkeln, glnzenden Augen ansah, er hat mir gesagt, da Ihr
im vergangenen Jahre bei ihm waret, da Ihr ihn im Frhlinge besucht habt, und
da Ihr versprochen habt, zur Zeit der Rosenblte wieder eine Weile in diesem
Hause zuzubringen. Mein Sohn hat auch sehr oft von Euch gesprochen.
    Er scheint nicht ganz ungerne hier zu sein, sagte mein Gastfreund; denn
sein Angesicht wenigstens hat noch nicht bei dem frheren so wie bei dem
jetzigen Besuche die Heiterkeit verloren.
    Ich hatte mich whrend dieser Reden gesammelt, und sagte: Wenn ich auch aus
der groen Stadt komme, so bin ich doch wenig mit fremden Menschen in Verkehr
getreten, und wei daher nicht, wie mit ihnen umzugehen ist. In diesem Hause bin
ich, da ich irrtmlich ein Gewitter frchtete und um einen Unterstand
heraufging, sehr freundlich aufgenommen worden, ich bin wohlwollend eingeladen
worden, wieder zu kommen, und habe es getan. Es ist mir hier in kurzem so lieb
geworden wie bei meinen teuren Eltern, bei welchen auch eine Regelmigkeit und
Ordnung herrscht wie hier. Wenn ich nicht ungelegen bin, und die Umgebung mir
nicht abgeneigt ist, so sage ich gerne, wenn ich auch nicht wei, ob man es
sagen darf, da ich immer mit Freuden kommen werde, wenn man mich einladet.
    Ihr seid eingeladen, erwiderte mein Gastfreund, und Ihr mt aus unsern
Handlungen erkennen, da Ihr uns sehr willkommen seid. Nun werden auch Gustavs
Mutter und Schwester eine Weile in diesem Hause zubringen, und wir werden
erwarten, wie sich unser Leben entwickeln wird. Wollt Ihr Euch nicht ein wenig
zu mir setzen und abwarten, bis der Willkommensgru von allen, die da stehen,
vorber ist?
    Er ging wieder um den Tisch herum zurck, und ich folgte ihm. Gustav machte
mir Platz neben seinem Ziehvater, und sah mich mit der Freude an, welche ein
Sohn empfindet, der in der Fremde den Besuch der Mutter empfngt.
    Natalie hatte kein Wort gesprochen.
    Ich konnte jetzt, da ich ein wenig gegen die Frauen hin zu blicken
vermochte, recht deutlich sehen, da hier Gustavs Mutter und Schwester zugegen
seien; denn beide hatten dieselben groen schwarzen Augen wie Gustav, beide
dieselben Zge des Angesichtes, und Natalie hatte auch die braunen Locken
Gustavs, whrend die der Mutter die Silberfarbe des Alters trugen. Sie gingen
nun recht schn geordnet in einem viel breiteren Bande an beiden Seiten der
Stirne herab, als sie es unter dem Reisestrohhute getan hatten.
    Vor Mathilde war, whrend wir unsere Sitze eingenommen hatten, die
Haushlterin Katharina getreten.
    Die Frau sagte: Sei mir vielmal gegrt, Katharina, ich danke dir, du hast
deinen Herrn und meinen Sohn in deiner besonderen Obhut und bst viele Sorgfalt
an ihnen aus. Ich danke dir sehr. Ich habe dir etwas gebracht, nur als eine
kleine Erinnerung, ich werde es dir schon geben.
    Als Katharina zurck getreten war, als sich die anderen insgesamt nherten,
sich verbeugten und mehrere Mdchen der Frau die Hand kten, sagte sie: Seid
mir alle von Herzen gegrt, ihr sorgt alle fr den Herrn und seinen Ziehsohn.
Sei gegrt, Simon, sei gegrt, Klara, ich danke euch allen, und habe allen
etwas gebracht, damit ihr seht, da ich keines in meiner Zuneigung vergessen
habe; denn sonst ist es freilich nur eine Kleinigkeit.
    Die Leute wiederholten ihre Verbeugung, manche auch den Handku, und
entfernten sich. Sie hatten sich auch vor Natalie geneigt, welche den Gru recht
freundlich erwiderte.
    Als alle fort waren, sagte die Frau zu Gustav: Ich habe auch dir etwas
gebracht, das dir Freude machen soll, ich sage noch nicht was; allein ich habe
es nur vorlufig gebracht, und wir mssen erst den Ziehvater fragen, ob du es
schon ganz oder nur teilweise oder noch gar nicht gebrauchen darfst.
    Ich danke dir, Mutter, erwiderte der Sohn, du bist recht gut, liebe
Mutter, ich wei jetzt schon, was es ist, und wie der Ziehvater ausspricht,
werde ich genau tun.
    So wird es gut sein, antwortete sie.
    Nach dieser Rede waren alle aufgestanden.
    Du bist heuer zu sehr guter Zeit gekommen, Mathilde, sagte mein
Gastfreund, keine einzige der Rosen ist noch aufgebrochen; aber alle sind
bereit dazu.
    Wir hatten uns whrend dieser Rede der Tr genhert, und mein Gastfreund
hatte mich gebeten, bei der Gesellschaft zu bleiben.
    Wir gingen bei dem grnen Gitter hinaus, und gingen auf den Sandplatz vor
dem Hause. Die Leute muten von diesem Vorgange schon unterrichtet sein; denn
ihrer zwei brachten einen gerumigen Lehnsessel und stellten ihn in einer
gewissen Entfernung mit seiner Vorderseite gegen die Rosen.
    Die Frau setzte sich in den Sessel, legte die Hnde in den Scho, und
betrachtete die Rosen.
    Wir standen um sie. Natalie stand zu ihrer Linken, neben dieser Gustav, mein
Gastfreund stand hinter dem Stuhle, und ich stellte mich, um nicht zu nahe an
Natalie zu sein, an die rechte Seite und etwas weiter zurck.
    Nachdem die Frau eine ziemliche Zeit gesessen war, stand sie schweigend auf,
und wir verlieen den Platz.
    Wir gingen nun in das Schreinerhaus. Eustach war nicht bei der allgemeinen
Bewillkommung im Speisezimmer gewesen. Er mute wohl als Knstler betrachtet
werden, dem man einen Besuch zudenke. Ich erkannte aus dem ganzen Benehmen, da
das Verhltnis in der Tat so sei und als das richtigste empfunden werde. Eustach
mute das gewut haben; denn er stand mit seinen Leuten ohne die grnen Schrzen
vor der Tr, um die Angekommenen zu begren. Die Frau dankte freundlich fr den
Gru aller, redete Eustach herzlich an, fragte ihn um sein und seiner Leute
Wohlbefinden, um ihre Arbeiten und Bestrebungen, und sprach von vergangenen
Leistungen, was ich, da mir diese fremd waren, nicht ganz verstand. Hierauf
gingen wir in die Werksttte, wo die Frau jede der einzelnen Arbeiterstellen
besah. In dem Zimmer Eustachs sprach sie die Bitte aus, da er ihr bei ihrem
lngeren Aufenthalte manches einzelne zeigen und nher erklren mge.
    Von dem Schreinerhause gingen wir in die Grtnerwohnung, wo die Frau ein
Weilchen mit den alten Grtnerleuten sprach.
    Hierauf begaben wir uns in das Gewchshaus, zu den Ananas, zu den Kakteen
und in den Garten.
    Die Frau schien alle Stellen genau zu kennen; sie blickte mit Neugierde auf
die Pltze, auf denen sie gewisse Blumen zu finden hoffte, sie suchte bekannte
Vorrichtungen auf, und blickte sogar in Bsche, in denen etwa noch das Nest
eines Vogels zu erwarten war. Wo sich etwas seit frher verndert hatte,
bemerkte sie es und fragte um die Ursache. So waren wir durch den ganzen Garten
bis zu dem groen Kirschbaume und zu der Felderrast gekommen. Dort sprach sie
noch etwas mit meinem Gastfreunde ber die Ernte und ber die Verhltnisse der
Nachbarn.
    Natalie sprach uerst wenig.
    Als wir in das Haus zurck gekommen waren, begaben wir uns, da das
Mittagsmahl nahe war, auf unsere Zimmer. Mein Gastfreund sagte mir noch vorher,
ich mge mich zum Mittagessen nicht umkleiden; es sei dieses in seinem Hause
selbst bei Besuchen von Fremden nicht Sitte, und ich wrde nur auffallen. Ich
dankte ihm fr die Erinnerung. Als ich, da die Hausglocke zwlf Uhr geschlagen
hatte, in das Speisezimmer hinunter gegangen war, fand ich in der Tat die
Gesellschaft nicht umgekleidet. Mein Gastfreund war in den Kleidern, wie er sie
alle Tage hatte, und die Frauen trugen die nmlichen Gewnder, in denen sie den
Spaziergang gemacht hatten. Gustav und ich waren wie gewhnlich.
    Am oberen Ende des Tisches stand ein etwas grerer Stuhl, und vor ihm auf
dem Tische ein Sto von Tellern. Mein Gastfreund fhrte, da ein stummes Gebet
verrichtet worden war, die Frau zu diesem Stuhle, den sie sofort einnahm. Links
von ihr sa mein Gastfreund, rechts ich, neben meinem Gastfreunde Natalie, und
neben ihr Gustav. Mir fiel es auf, da er die Frau als ersten Gast zu dem Platze
mit den Tellern gefhrt hatte, den in meiner Eltern Hause meine Mutter einnahm,
und von dem aus sie vorlegte. Es mute aber hier so eingefhrt sein; denn
wirklich begann die Frau sofort die Teller der Reihe nach mit Suppe zu fllen,
die ein junges Aufwartemdchen an die Pltze trug.
    Mich erfllte das mit groer Behaglichkeit. Es war mir, als wenn das immer
bisher gefehlt htte. Es war nun etwas wie eine Familie in dieses Haus gekommen,
welcher Umstand mir die Wohnung meiner Eltern immer so lieb und angenehm gemacht
hatte.
    Das Essen war so einfach, wie es in allen Tagen gewesen war, die ich in dem
Rosenhause zugebracht hatte.
    Die Gesprche waren klar und ernst, und mein Gastfreund fhrte sie mit einer
offenen Heiterkeit und Ruhe.
    Nach dem Essen kam ein groer Korb, welchen Arabella, das Dienstmdchen
Mathildens, welches mit den Frauen gekommen war, welches ich aber nicht mehr
hatte aussteigen gesehen, herein gebracht hatte. Auer dem Korbe wurde auch ein
Pack in grauem Papiere und mit schnen Schnren zugeschnrt gebracht und auf
zwei Sessel gelegt, die an der Wand standen. In dem Korbe befanden sich die
Geschenke, welche Mathilde den Leuten mitgebracht hatte, und welche jetzt
ausgepackt waren. Ich sah, da diese Geschenkausteilung gebruchlich war und
fter vorkommen mute. Das Gesinde kam herein, und jede der Personen erhielt
etwas Geeignetes, sei es ein schwarzes seidnes Tuch fr ein Mdchen oder eine
Schrze oder ein Stoff auf ein Kleid, oder sei es fr einen Mann eine Reihe
Silberknpfe auf eine Weste oder eine glnzende Schnalle auf das Hutband oder
eine zierliche Geldtasche. Der Grtner empfing etwas, das in sehr feine
Metallbltter gewickelt war. Ich vermutete, da es eine besondere Art von
Schnupftabak sein msse.
    Als schon alles ausgeteilt war, als sich schon alle auf das beste bedankt
und aus dem Zimmer entfernt hatten, wies Mathilde auf den Pack, der noch immer
auf den Sesseln lag, und sagte: Gustav, komme her zu mir.
    Der Jngling stand auf und ging um den Tisch herum zu ihr. Sie nahm ihn
freundlich bei der Hand und sagte: Was noch da liegt, gehrt dir. Du hast mich
schon lange darum gebeten, und ich habe es dir lange versagen mssen, weil es
noch nicht fr dich war. Es sind Goethes Werke. Sie sind dein Eigentum. Vieles
ist fr das reifere Alter, ja fr das reifste. Du kannst die Wahl nicht treffen,
nach welcher du diese Bcher zur Hand nehmen oder auf sptere Tage aufsparen
sollst. Dein Ziehvater wird zu den vielen Wohltaten, die er dir erwies, auch
noch die fgen, da er fr dich whlt, und du wirst ihm in diesen Dingen eben so
folgen, wie du ihm bisher gefolgt hast.
    Gewi, liebe Mutter, werde ich es tun, gewi߫, sagte Gustav.
    Die Bcher sind nicht neue und schn eingebundene, wie du vielleicht
erwartest, fuhr sie fort. Es sind dieselben Bcher Goethes, in welchen ich in
so mancher Nachtstunde und in so mancher Tagesstunde mit Freude und mit
Schmerzen gelesen habe, und die mir oft Trost und Ruhe zuzufhren geeignet
waren. Es sind meine Bcher Goethes, die ich dir gebe. Ich dachte, sie knnten
dir lieber sein, wenn du auer dem Inhalte die Hand deiner Mutter daran fndest,
als etwa nur die des Buchbinders und Druckers.
    O lieber, viel lieber, teure Mutter, sind sie mir, antwortete Gustav, ich
kenne ja die Bcher, die mit dem feinen braunen Leder gebunden sind, die feine
Goldverzierung auf dem Rcken haben, und in der Goldverzierung die niedlichen
Buchstaben tragen, die Bcher, in denen ich dich so oft habe lesen gesehen,
weshalb es auch kam, da ich dich schon wiederholt um solche Bcher gebeten
habe.
    Ich dachte es, da sie dir lieber sind, sagte die Frau, und darum habe
ich sie dir gegeben. Da ich aber auch wohl noch gerne fr den berrest meines
Lebens ein Wort von diesem merkwrdigen Manne vernehmen mchte, werde ich mir
die Bcher neu kaufen, fr mich haben die neuen die Bedeutung wie die alten. Du
aber nimm die deinigen in Empfang und bringe sie an den Ort, der dir dafr
eingerumt ist.
    Gustav kte ihr die Hand und legte seinen Arm wie in unbeholfener
Zrtlichkeit auf die Schulter ihres Gewandes. Er sprach aber kein Wort, sondern
ging zu den Bchern, und begann, ihre Schnur zu lsen.
    Als ihm dies gelungen war, als er die Bcher aus den Umschlagpapieren gelst
und in mehreren geblttert hatte, kam er pltzlich mit einem in der Hand zu uns
und sagte: Aber siehst du, Mutter, da sind manche Zeilen mit einem feinen
Bleistifte unterstrichen, und mit demselben feingespitzten Stifte sind Worte an
den Rand geschrieben, die von deiner Hand sind. Diese Dinge sind dein Eigentum,
sie sind in den neugekauften Bchern nicht enthalten, und ich darf dir dein
Eigentum nicht entziehen.
    Ich gebe es dir aber, antwortete sie, ich gebe es dir am liebsten, der du
jetzt schon von mir entfernt bist, und in Zukunft wahrscheinlich noch viel
weiter von mir entfernt leben wirst. Wenn du in den Bchern liesest, so liesest
du das Herz des Dichters und das Hetz deiner Mutter, welches, wenn es auch an
Werte tief unter dem des Dichters steht, fr dich den unvergleichlichen Vorzug
hat, da es dein Mutterherz ist. Wenn ich an Stellen lesen werde, die ich
unterstrichen habe, werde ich denken, hier erinnert er sich an seine Mutter, und
wenn meine Augen ber Bltter gehen werden, auf welche ich Randbemerkungen
niedergeschrieben habe, wird mir dein Auge vorschweben, welches hier von dem
Gedruckten zu dem Geschriebenen sehen und die Schriftzge von einer vor sich
haben wird, die deine beste Freundin auf der Erde ist. So werden die Bcher
immer ein Band zwischen uns sein, wo wir uns auch befinden. Deine Schwester
Natalie ist bei mir, sie hrt fter als du meine Worte, und ich hre auch oft
ihre liebe Stimme und sehe ihr freundliches Angesicht.
    Nein, nein, Mutter, sagte Gustav, ich kann die Bcher nicht nehmen, ich
beraube dich und Natalie.
    Natalie wird schon etwas anderes bekommen, antwortete die Mutter. Da du
mich nicht beraubst, habe ich dir schon erklrt, und es war seit lngerer Zeit
mein wohldurchdachter Wille, da ich dir diese Bcher geben werde.
    Gustav machte keine Einwendungen mehr. Er nahm ihre Rechte in seine beiden
Hnde, drckte sie, kte sie, und ging dann wieder zu den Bchern.
    Als er alle ausgepackt hatte, holte er einen Diener, und lie sie durch ihn
in seine Wohnung tragen.
    Nach dem Essen war es im Plane, da wir uns zerstreuen sollten und jeder
sich nach seinem Sinne beschftige.
    
    Ich hatte es whrend des Vorganges mit den Bchern nicht vermocht, auf das
Angesicht Nataliens zu schauen, was etwa in ihr vorgehen mge, und was sich in
den Zgen spiegle. Ich mute mir nur denken, sie werde von dem hchsten Beifalle
ber die Handlung ihrer Mutter durchdrungen sein. Als wir uns aber von dem
Tische erhoben, als wir das stumme Gebet gesprochen und uns wechselweise
verneigt hatten, wobei ich meine Augen immer nur auf meinen alten Gastfreund und
auf die Frau gerichtet hatte, und als wir uns jetzt anschickten, das Zimmer zu
verlassen, und Natalie den Arm Gustavs nahm, und beide Geschwister sich
umkehrten, um der Tr zuzugehen, wagte ich es, den Blick zu dem Spiegel zu
erheben, in dem ich sie sehen mute. Ich sah aber fast nichts mehr als die vier
ganz gleichen schwarzen Augen sich in dem Spiegel umwenden.
    Wir traten alle in das Freie.
    Mein Gastfreund und die Frau begaben sich in eine Wirtschaftstube.
    Natalie und Gustav gingen in den Garten, er zeigte ihr verschiedenes, das
ihm etwa an dem Herzen lag, oder worber er sich freute, und sie nahm gewi den
Anteil, den die Schwester an den Bestrebungen des Bruders hat, den sie liebt,
auch wenn sie die Bestrebung nicht ganz verstehen sollte, und sie, wenn es auf
sie allein ankme, nicht zu den ihrigen machen wrde. So tut es ja auch Klotilde
mit mir in meiner Eltern Hause.
    Ich stand an dem Eingange des Hauses und sah den beiden Geschwistern nach,
so lange ich sie sehen konnte. Einmal erblickte ich sie, wie sie vorsichtig in
ein Gebsch schauten. Ich dachte mir, er werde ihr ein Vogelnest gezeigt haben,
und sie sehe mit Teilnahme auf die winzige befiederte Familie. Ein anderes Mal
standen sie bei Blumen und schauten sie an. Endlich sah ich nichts mehr. Das
lichte Gewand der Schwester war unter den Bumen und Gestruchen verschwunden,
manche schimmernde Stellen wurden zuweilen noch sichtbar, und dann nichts mehr.
Ich ging hierauf in meine Zimmer.
    Mir war, als msse ich dieses Mdchen schon irgendwo gesehen haben; aber da
ich mich bisher viel mehr mit leblosen Gegenstnden oder mit Pflanzen
beschftigt hatte als mit Menschen, so hatte ich keine Geschicklichkeit,
Menschen zu beurteilen, ich konnte mir die Gesichtszge derselben nicht zurecht
legen, sie mir nicht einprgen und sie nicht vergleichen; daher konnte ich auch
nicht ergrnden, wo ich Natalie schon einmal gesehen haben knnte.
    Ich blieb den ganzen Nachmittag in meiner Wohnung.
    Als die Hitze des Tages, welcher ganz heiter war, sich ein wenig gemildert
hatte, wurde ich aufgefordert, einen Spaziergang mit zu machen. An demselben
nahmen mein Gastfreund, Mathilde, Natalie, Gustav und ich Teil. Wir gingen durch
eine Strecke des Gartens. Mein Gastfreund, Mathilde und ich bildeten eine
Gruppe, da sie mich in ihr Gesprch gezogen hatten, und wir gingen, wo es die
Breite des Sandweges zulie, neben einander. Die andere Gruppe bildeten Natalie
und Gustav, und sie gingen eine ziemliche Anzahl Schritte vor uns. Unser
Gesprch betraf den Garten und seine verschiedenen Bestandteile, die sich zu
einem angenehmen Aufenthalte wohltuend ablsten, es betraf das Haus und manche
Verzierungen darin, es erweiterte sich auf die Fluren, auf denen wieder der
Segen stand, der den Menschen abermals um ein Jahr weiter helfen sollte, und es
ging auf das Land ber, auf manche gute Verhltnisse desselben und auf anderes,
was der Verbesserung bedrfte. Ich sah den zwei hohen Gestalten nach, die vor
uns gingen. Gustav ist mir heute pltzlich als vllig erwachsen erschienen. Ich
sah ihn neben der Schwester gehen, und sah, da er grer sei als sie. Dieser
Gedanke drngte sich mir mehrere Male auf. War er aber auch grer, so war ihre
Gestalt feiner und ihre Haltung anmutiger. Gustav hatte wie sein Ziehvater
nichts auf dem Haupte als die Flle seiner dichten braunen Locken, und als
Natalie den sanft schattenden Strohhut, den sie wie ihre Mutter auf hatte,
abgenommen und an den Arm gehngt hatte, so zeigten ihre Locken genau die Farbe
wie die Gustavs, und wenn die Geschwister, die sich sehr zu lieben schienen,
sehr nahe an einander gingen, so war es von ferne, als she man eine einzige
braune, glnzende Haarflle, und als teilen sich nur unten die Gestalten.
    Wir gingen bei der Pforte hinaus, die gegen den Meierhof fhrt, gingen aber
nicht in den Meierhof, sondern machten einen groen Bogen durch die Felder, und
kamen dann schief ber den sdlichen Abhang des Hgels wieder zu dem Hause
hinauf.
    Da die Tge sehr lang waren, so leuchtete noch die Abendrte, wenn wir von
unserem Abendessen, das pnktlich immer zur gleichen Zeit sein mute,
aufstanden. Wir gingen daher heute auch noch nach dem Abendessen in den Garten.
Wir gingen zu dem groen Kirschbaume empor. Dort setzten wir uns auf das
Bnklein. Mein Gastfreund und Mathilde saen in der Mitte, so da ihre
Angesichter gegen den Garten hinab gerichtet waren. Links von meinem Gastfreunde
sa ich, rechts von der Mutter sa Natalie und Gustav. Die Lfte dunkelten immer
mehr, ein blasser Schein war ber die Wipfel des Gartens, der jetzt schwieg, und
ber das Dach des Hauses gebreitet. Das Gesprch war heiter und ruhig, und die
Kinder wendeten oft ihr Angesicht herber, um an dem Gesprche Anteil zu nehmen
und gelegentlich selber ein Wort zu reden.
    Da sich der eine und der andere Stern an dem Himmel entzndete und in den
Tiefen der Gartengestruche schon die vllige Dunkelheit herrschte, gingen wir
in das Haus und in unsere Zimmer.
    Ich war sehr traurig. Ich legte meinen Strohhut auf den Tisch, legte meinen
Rock ab, und sah bei einem der offenen Fenster hinaus. Es war heute nicht wie
damals, da ich zum ersten Male in diesem Hause ber dem Rosengitter aus dem
offenen Fenster in die Nacht hinausgeschaut hatte. Es standen nicht die Wolken
am Himmel, die ihn nach Richtungen durchzogen und ihm Gestaltung gaben, sondern
es brannte bereits ber dem ganzen Gewlbe der einfache und ruhige
Sternenhimmel. Es ging kein Duft der Rosen zu meiner Nachtherberge herauf, da
sie noch in den Knospen waren, sondern es zog die einsame Luft kaum fhlbar
durch die Fenster herein, ich war nicht von dem Verlangen belebt wie damals, das
Wesen und die Art meines Gastfreundes zu erforschen, dies lag entweder aufgelst
vor mir, oder war nicht zu lsen. Das einzige war, da wieder Getreide auerhalb
des Sandplatzes vor den Rosen ruhig und unbewegt stand; aber es war eine andere
Gattung, und es war nicht zu erwarten, da es in der Nacht im Winde sich bewegen
und am Morgen, wenn ich die geklrten Augen ber die Gegend wendete, vor mir
wogen wrde.
    Als die Nacht schon sehr weit vorgerckt war, ging ich von dem Fenster, und
obwohl ich jeden Abend gewohnt war, ehe ich mich zur Ruhe begab, zu meinem
Schpfer zu beten, so kniete ich doch jetzt vor dem einfachen Tischlein hin und
tat ein heies, inbrnstiges Gebet zu Gott, dem ich alles und jedes, besonders
mein Sein und mein Schicksal und das Schicksal der Meinigen, anheim stellte.
    Dann entkleidete ich mich, schlo die Schlsser meiner Zimmer ab, und begab
mich zur Ruhe.
    Als ich schon zum Entschlummern war, kam mir der Gedanke, ich wolle nach
Mathilden und ihren Verhltnissen eben so wenig eine Frage tun, als ich sie nach
meinem Gastfreunde getan habe.
    Ich erwachte sehr zeitig; aber nach der Natur jener Jahreszeit war es schon
ganz licht, ein blauer, wolkenloser Himmel wlbte sich ber die Hgel, das
Getreide unter meinen Fen wogte wirklich nicht, sondern es stand unbewegt mit
starkem Taue wie mit feurigen Funken angetan in der aufgehenden Sonne da.
    Ich kleidete mich an, richtete meine Gedanken zu Gott, und setzte mich zu
meiner Arbeit.
    Nach geraumer Zeit hrte ich durch meine Fenster, welche ich bei weiter
fortschreitendem Morgen geffnet hatte, da auch am uersten Ende des Hauses
gegen Osten Fenster erklangen, welche geffnet wurden. In jener Gegend wohnten
die Frauen in den schnen, nach weiblicher Art eingerichteten Gemchern. Ich
ging zu meinem Fenster, schaute hinaus, und sah wirklich, da alle Fensterflgel
an jenem Teile des Hauses offen standen. Nach einer Zeit, da es bereits zur
Stunde des Frhmahles ging, hrte ich weibliche Schritte an meiner Tr vorber
der Marmortreppe zugehen, welche mit einem weichen Teppiche belegt war. Ich
hatte auch, obwohl sie gedmpft war, wahrscheinlich, um mich nicht zu stren,
Gustavs Stimme erkannt.
    Ich ging nach einer kleinen Weile auch ber die Marmortreppe an dem
Marmorbilde der Muse vorber in das Speisezimmer hinunter.
    Der Tag verging ungefhr wie der vorige, und so verflossen nach und nach
mehrere.
    Die Ordnung des Hauses war durch die Ankunft der Frauen fast gar nicht
gestrt worden, nur da solche Vorrichtungen vorgenommen werden muten, welche
die Aufmerksamkeit fr die Frauen verlangte. Die Unterrichts- und Lernstunden
Gustavs wurden eingehalten wie frher, und ebenso ging die Beschftigung meines
Gastfreundes ihren Gang. Mathilde beteiligte sich nach Frauenart an dem
Hauswesen. Sie sah auf das, was ihren Sohn betraf, und auf alles, was das
husliche Wohl des alten Mannes anging. Sie wurde gar nicht selten in der Kche
gesehen, wie sie mitten unter den Mgden stand und an den Arbeiten Teil nahm,
die da vorfielen. Sie begab sich auch gerne in die Speisekammer, in den Keller
oder an andere Orte, die wichtig waren. Sie sorgte fr die Dinge, welche den
Dienstleuten gehrten, in so ferne sie sich auf ihre Nahrung bezogen oder auf
ihre Wohnung oder auf ihre Kleider und Schlafstellen. Sie legte das Linnen, die
Kleider und anderes Eigentum des alten Herrn und ihres Sohnes zurecht, und
bewirkte, da, wo Verbesserungen notwendig waren, dieselben eintreten knnten.
Unter diesen Dingen ging sie manches Mal des Tages auf den Sandplatz vor dem
Hause und betrachtete gleichsam wehmtig die Rosen, die an der Wand des Hauses
empor wuchsen. Natalie brachte viele Zeit mit Gustav zu. Die Geschwister muten
sich auerordentlich lieben. Er zeigte ihr alle seine Bcher, namentlich, die
neu zu den alten hinzu gekommen waren, er erklrte ihr, was er jetzt lerne, und
suchte sie in dasselbe einzuweihen, wenn sie es auch schon wute und frher die
nmlichen Wege gegangen war. Wenn es die Umstnde mit sich brachten, schweiften
sie in dem Garten herum und freuten sich all des Lebens, was in demselben war,
und freuten sich des gegenseitigen Lebens, das sich an einander schmiegte, und
dessen sie sich kaum als eines gesonderten bewut wurden. Die Zeit, welche alle
frei hatten, brachten wir hufig gemeinschaftlich mit einander zu. Wir gingen in
den Garten, oder saen unter einem schattigen Baume, oder machten einen
Spaziergang, oder waren in dem Meierhofe. Ich vermochte nicht, in die Gesprche
so einzugehen, wie ich es mit meinem Gastfreunde allein tat, und wenn auch
Mathilde recht freundlich mit mir sprach, so wurde ich fast immer noch stummer.
    Die Rosen fingen an, sich stets mehr zu entwickeln, sehr viele waren bereits
aufgeblht, und stndlich ffneten andere den sanften Kelch. Wir gingen sehr oft
hinaus und betrachteten die Zierde, und es mute manchmal eine Leiter herbei, um
irgend etwas Strendes oder Unvollkommenes zu entfernen.
    Die Mittage waren lieb und angenehm. Auch das, da Mathilde und Natalie so
fein und passend, wenn auch einfach angezogen waren, wie ich es von meiner
Mutter und Schwester gewohnt war, gab dem Mahle einen gewissen Glanz, den ich
frher vermit hatte. Die Vorhnge waren gegen die unmittelbare Sonne jederzeit
zu, und es war eine gebrochene und sanfte Helle in dem Zimmer.
    Die Abende nach dem Abendessen brachten wir immer im Freien zu, da noch
lauter schne Tge gewesen waren. Meistens saen wir bei dem groen Kirschbaume
oben, welches bei weitem der schnste Platz zu einem Abendsitze war, obgleich er
auch zu jeder andern Zeit, wenn die Hitze nicht zu gro war, mit der grten
Annehmlichkeit erfllte. Mein Gastfreund fhrte die Gesprche klar und warm, und
Mathilde konnte ihm entsprechend antworten. Sie wurden mit einer Milde und
Einsicht gefhrt, da sie immer an sich zogen, da ich gerne meine
Aufmerksamkeit hin richtete und, wenn sie auch Gewhnliches betrafen, etwas
Neues und Eindringendes zu hren glaubte. Der alte Mann fhrte dann die Frau im
Sternenscheine oder bei dem schwachen Lichte der schmalen Mondessichel, die
jetzt immer deutlicher in dem Abendrote schwamm, ber den Hgel in das Haus
hinab, und die schlanken Gestalten der Kinder gingen an den dunkeln Bschen
dahin.
    Das alles war so einfach, klar und natrlich, da es mir immer war, die zwei
Leute seien Eheleute und Besitzer dieses Anwesens, Gustav und Natalie seien ihre
Kinder, und ich sei ein Freund, der sie hier in diesem abgeschiedenen Winkel der
Welt besucht habe, wo sie den stilleren Rest ihres Daseins in Unscheinbarkeit
und Ruhe hinbringen wollten.
    Eines Tages wurde eine feierliche Mahlzeit in dem Speisezimmer gehalten. Es
war Eustach, dann der Hausaufseher, der alte Grtner mit seiner Frau, der
Verwalter des Meierhofes und die Haushlterin Katharina geladen worden. Statt
Katharinen mute ein anderes die Herrschaft in der Kche fhren. Es mute, wie
ich aus allem entnahm, jedes Mal bei der Anwesenheit Mathildens die Sitte sein,
ein solches Gastmahl abzuhalten; die Leute fanden sich auf eine natrliche Art
in die Sache, und die Gesprche gingen mit einer Gemheit vor sich, welche auf
bung deutete. Mathilde konnte sie veranlassen, etwas zu sagen, was pate, und
was daher dem Sprechenden ein Selbstgefhl gab, das ihm den Aufenthalt in der
Umgebung angenehm machte. Eustach allein erhielt die Auszeichnung, da man das
bei ihm nicht fr ntig erachtete, er sprach daher auch weniger und nur in
allgemeinen Ausdrcken ber allgemeine Dinge. Er empfand, da er der hheren
Gesellschaft zugezhlt werde, wie ich es auch, da ich ihn nher kennen gelernt
hatte, ganz natrlich fand, whrend die anderen nicht merkten, da man sie empor
hebe. Der Grtner und seine Frau waren in ihrem weien, reinlichen Anzuge ein
sehr liebes greises Paar, welches auch die anderen mit einer gewissen
Auszeichnung behandelten. An Speisen war eine etwas reichlichere Auswahl als
gewhnlich, die Mnner bekamen einen guten Gebirgswein zum Getrnke, fr die
Frauen wurde ein ser neben die Backwerke gestellt.
    Da die Rosen immer mehr der Entfaltung entgegen gingen, wurden einmal Sessel
und Sthle in einem Halbkreise auf dem Sandplatze vor dem Hause aufgestellt, so
da die ffnung des Kreises gegen das Haus sah, und ein langer Tisch wurde in
die Mitte gestellt. Wir setzten uns auf die Sessel, der Grtner Simon war
gerufen worden, Eustach kam, und von den Leuten und Gartenarbeitern konnte
kommen, wer da wollte. Sie machten auch Gebrauch davon. Die Rosen wurden einer
sehr genauen Beurteilung unterzogen. Man fragte sich, welche die schnsten
seien, oder welche dem einen oder dem anderen mehr gefielen. Die Aussprche
erfolgten verschieden, und jedes suchte seine Meinung zu begrnden. Es lagen
Druckwerke und Abbildungen auf dem Tische, zu denen man dann seine Zuflucht
nahm, ohne eben jedes Mal ihrem Ausspruche beizupflichten. Man tat die Frage, ob
man nicht Bumchen versetzen solle, um eine schnere Mischung der Farben zu
erzielen. Der allgemeine Ausspruch ging dahin, da man es nicht tun solle, es
tte den Bumchen wehe, und wenn sie gro wren, knnten sie sogar eingehen;
eine zu ngstliche Zusammenstellung der Farben verrate die Absicht und stre die
Wirkung; eine reizende Zuflligkeit sei doch das angenehmste. Es wurde also
beschlossen, die Bume stehen zu lassen, wie sie standen. Man sprach sich nun
ber die Eigenschaften der verschiedenen Bumchen aus, man beurteilte ihre
Trefflichkeit an sich, ohne auf die Blumen Rcksicht zu nehmen, und oft wurde
der Grtner um Auskunft angerufen. ber die Gesundheit der Pflanzen und ihre
Pflege konnte kein Tadel ausgesprochen werden, sie waren heuer so vortrefflich,
wie sie alle Jahre vortrefflich gewesen waren. Auf den Tisch wurden nun
Erfrischungen gestellt und alle jene Vorrichtungen ausgebreitet, die zu einem
Vesperbrote notwendig sind. Aus den Reden Mathildens sah ich, da sie mit allen
hier befindlichen Rosenpflanzen sehr vertraut sei, und da sie selbst kleine
Vernderungen bemerkte, welche seit einem Jahre vorgegangen sind. Sie mute wohl
Lieblinge unter den Blumen haben, aber man erkannte, da sie allen ihre Neigung
in einem hohen Mae zugewendet habe. Ich schlo aus diesem Vorgange wieder,
welche Wichtigkeit diese Blumen fr dieses Haus haben.
    Gegen Abend desselben Tages kam ein Besuch in das Rosenhaus. Es war ein
Mann, welcher in der Nhe eine bedeutende Besitzung hatte, die er selber
bewirtschaftete, obwohl er sich im Winter eine geraume Zeit in der Stadt
aufhielt. Er war von seiner Gattin und zwei Tchtern begleitet. Sie waren auf
der Rckfahrt von einem Besuche begriffen, den sie in einem entfernteren Teile
der Gegend gemacht hatten, und waren, wie sie sagten, zu dem Hause herauf
gefahren, um zu sehen, ob die Rosen schon blhten, und um die gewhnliche Pracht
zu bewundern. Sie hatten im Sinne, am Abende wieder fort zu fahren, allein da
die Zeit so weit vorgerckt war, drang mein Gastfreund in sie, die Nacht in
seinem Hause zuzubringen, in welches Begehren sie auch einwilligten. Die Pferde
und der Wagen wurden in den Meierhof gebracht, den Reisenden wurden Zimmer
angewiesen.
    Sie gingen aus denselben aber wieder sehr bald hervor, man begab sich auf
den Sandplatz vor dem Hause, und die Rosenschau wurde aufs neue vorgenommen. Es
waren zum Teile noch die Sthle vorhanden, die man heute herausgetragen hatte,
obwohl der Tisch schon weggerumt war. Die Mutter setzte sich auf einen
derselben, und ntigte Mathilden, neben ihr Platz zu nehmen. Die Mdchen gingen
neben den Rosen hin, und man redete viel von den Blumen und bewunderte sie.
    Vor dem Abendessen wurde noch ein Gang durch den Garten und einen Teil der
Felder gemacht, dann begab sich alles auf seine Zimmer.
    Da die Stunde zu dem Abendmahle geschlagen hatte, versammelte man sich
wieder in dem Speisesaale. Der Fremde und seine Begleiterinnen hatten sich
umgekleidet, der Mann erschien sogar im schwarzen Fracke, die Frauen hatten
einen Anzug, wie man ihn in der Stadt bei nicht festlichen, aber
freundschaftlichen Besuchen hat. Wir waren in unseren gewhnlichen Kleidern.
Aber gerade durch den Anzug der Fremden, an dem sachgem nichts zu tadeln war,
was ich recht gut beurteilen konnte, weil ich solche Gewnder an meiner Mutter
und Schwester oft sah und auch oft Urteile darber hrte, wurden unsere Kleider
nicht in den Schatten gestellt, sondern sie taten eher denen der Fremden,
wenigstens in meinen Augen, Abbruch. Der geputzte Anzug erschien mir auffallend
und unnatrlich, whrend der andere einfach und zweckmig war. Es gewann den
Anschein, als ob Mathilde, Natalie, mein alter Gastfreund und selbst Gustav
bedeutende Menschen wren, indes jene einige aus der groen Menge darstellten,
wie sie sich berall befinden.
    Ich betrachtete whrend der Zeit des Essens und nachher, da wir uns noch
eine Weile in dem Speisezimmer aufhielten, sogar auch die Schnheit der Mdchen.
Die ltere von den beiden Tchtern der Fremden - wenigstens mir erschien sie als
die ltere - hie Julie. Sie hatte braune Haare wie Natalie. Dieselben waren
reich und waren schn um die Stirne geordnet. Die Augen waren braun, gro und
blickten mild. Die Wangen waren fein und ebenmig, und der Mund war uerst
sanft und wohlwollend. Ihre Gestalt hatte sich neben den Rosen und auf dem
Spaziergange als schlank und edel, und ihre Bewegungen hatten sich als
natrliche und wrdevolle gezeigt. Es lag ein groer, hinziehender Reiz in ihrem
Wesen. Die jngere, welche Apollonia hie, hatte gleichfalls braune, aber
lichtere Haare als die Schwester. Sie waren eben so reich und wo mglich noch
schner geordnet. Die Stirne trat klar und deutlich von ihnen ab, und unter
derselben blickten zwei blaue Augen, nicht so gro wie die braunen der
Schwester, aber noch einfacher, gtevoller und treuer hervor. Diese Augen
schienen von dem Vater zu kommen, der sie auch blau hatte, whrend die der
Mutter braun waren. Die Wangen und der Mund erschienen noch feiner als bei der
Schwester, und die Gestalt fast unmerkbar kleiner. War ihr Benehmen minder
anmutig als das der Schwester, so war es treuherziger und lieblicher. Meine
Freunde in der Stadt wrden gesagt haben, es seien zwei hinreiende Wesen, und
sie waren es auch. Natalie - ich wei nicht, war ihre Schnheit unendlich
grer, oder war es ein anderes Wesen in ihr, welches wirkte - ich hatte aber
dieses Wesen noch in einem geringen Mae zu ergrnden vermocht, da sie sehr
wenig zu mir gesprochen hatte, ich hatte ihren Gang und ihre Bewegungen nicht
beurteilen knnen, da ich mir nicht den Mut nahm, sie zu beobachten, wie man
eine Zeichnung beobachtet - aber sie war neben diesen zwei Mdchen weit hher,
wahr, klar und schn, da jeder Vergleich aufhrte. Wenn es wahr ist, da
Mdchen bezaubernd wirken knnen, so konnten die zwei Schwestern bezaubern; aber
um Natalie war etwas wie ein tiefes Glck verbreitet.
    Mathilde und mein Gastfreund schienen diese Familie sehr zu lieben und zu
achten, das zeigte das Benehmen gegen sie.
    Die Mutter der zwei Mdchen schien ungefhr vierzig Jahre alt zu sein. Sie
hatte noch alle Frische und Gesundheit einer schnen Frau, deren Gestalt nur
etwas zu voll war, als da sie zu einem Gegenstande der Zeichnung htte dienen
knnen, wie man wenigstens in Zeichnungen gerne schne Frauen vorstellt. Ihr
Gesprch und ihr Benehmen zeigte, da sie in der Welt zu dem sogenannten
vorzglicheren Umgang gehre. Der Vater schien ein kenntnisvoller Mann zu sein,
der mit dem Benehmen der feineren Stnde der Stadt die Einfachheit der Erfahrung
und die Gte eines Landwirtes verband, auf den die Natur einen sanften Einflu
bte. Ich hrte seiner Rede gerne zu. Mathilde erschien bedeutend lter als die
Mutter der zwei Mdchen, sie schien einstens wie Natalie gewesen zu sein, war
aber jetzt ein Bild der Ruhe und, ich mchte sagen, der Vergebung. Ich wei
nicht, warum mir in den Tagen dieser Ausdruck schon mehrere Male einfiel. Sie
sprach von den Gegenstnden, welche von den Besuchenden vorgebracht wurden,
brachte aber nie ihre eigenen Gegenstnde zum Gesprche. Sie sprach mit
Einfachheit, ohne von den Gegenstnden beherrscht zu werden, und ohne die
Gegenstnde ausschlielich beherrschen zu wollen. Mein Gastfreund ging in die
Ansichten seines Gutsnachbars ein und redete in der ihm eigentmlichen klaren
Weise, wobei er aber auch die Hflichkeit beging, den Gast die Gegenstnde des
Gesprches whlen zu lassen.
    So saen diese zwei Abteilungen von Menschen an demselben Tische und
bewegten sich in demselben Zimmer, wirklich zwei Abteilungen von Menschen.
    Daraus, da sie gerade zur Rosenblte herauf gefahren waren, erkannte ich,
da die Nachbarn meines Gastfreundes nicht blo um seine Vorliebe fr diese
Blumen wuten, sondern da sie etwa auch Anteil daran nahmen.
    Es wurde nach dem Essen nicht mehr ein Spaziergang gemacht, wie in diesen
Tagen, sondern man blieb in Gesprchen bei einander, und ging spter, als es
sonst in diesem Hause gebruchlich war, zur Ruhe.
    Am anderen Morgen wurde das Frhmahl in dem Garten eingenommen, und nachdem
man sich noch eine Weile in dem Gewchshause aufgehalten hatte, fuhren die Gste
mit der wiederholt vorgebrachten Bitte fort, sie doch auch recht bald auf ihrem
Gute zu besuchen, was zugesagt wurde.
    Nach dieser Unterbrechung gingen die Tage auf dem Rosenhause dahin, wie sie
seit der Ankunft der Frauen dahin gegangen waren. Die Zeit, welche jedes frei
hatte, brachten wir wieder fter gemeinschaftlich zu. Ich wurde nicht selten in
diesen Zeiten ausdrcklich zur Gesellschaft geladen. Natalie hatte auch ihre
Lernstunden, welche sie gewissenhaft hielt. Gustav sagte mir, da sie jetzt
Spanisch lerne und spanische Bcher mit hieher gebracht habe. Ich hatte doch den
Raum, welchen man mir in dem sogenannten Steinhause eingerumt hatte, bentzt,
und hatte mehrere meiner Gegenstnde dort hingebracht. Gustav las bereits in den
Bchern von Goethe. Sein Ziehvater hatte ihm Hermann und Dorothea ausgewhlt und
ihm gesagt, er solle das Werk so genau und sorgfltig lesen, da er jeden Vers
vllig verstehe, und wo ihm etwas dunkel sei, dort solle er fragen. Mir war es
rhrend, da die Bcher alle in Gustavs Zimmer aufgestellt waren, und da man
das Zutrauen hatte, da er kein anderes lesen werde, als welches ihm von dem
Ziehvater bezeichnet worden sei. Ich kam oft zu ihm, und wenn ich nach der
Kenntnis, die ich bereits von seinem Wesen gewonnen hatte, nicht gewut htte,
da er sein Versprechen halten werde, so htte ich mich durch meine Besuche von
dieser Tatsache berzeugt. Mathilde und Natalie standen oft dabei, wenn mein
Gastfreund fr seine gefiederten Gste auf der Ftterungstenne Krner streute,
und nicht selten, wenn ich des Morgens von einem Gange durch den Garten
zurckkam, sah ich, da bei der Ftterung in dem Eckzimmer, an dessen Fenstern
die Ftterungsbrettchen angebracht waren, eine schne Hand ttig sei, die ich
fr Nataliens erkannte. Wir besuchten manchmal die Nester, in welchen noch
gebrtet wurde oder sich Junge befanden. Die meisten aber waren schon leer, und
die Nachkommenschaft wohnte bereits in den Zweigen der Bume. Oft befanden wir
uns in dem Schreinerhause, sprachen mit den Leuten, betrachteten die
Fortschritte der Arbeit, und redeten darber. Wir besuchten sogar auch Nachbaren
und sahen uns in ihrer Wirtschaftlichkeit um. Wenn wir in dem Hause waren,
befanden wir uns in dem Arbeitszimmer meines Gastfreundes, es wurde etwas
gelesen, oder es wurde ein geistansprechender Versuch in dem Zimmer der
Naturlehre gemacht, oder wir waren in dem Bilderzimmer oder in dem Marmorsaale.
Mein Gastfreund mute oft seine Kunst ausben und das Wetter voraussagen. Immer,
wenn er eine bestimmte Aussage machte, traf sie ein. Oft verweigerte er aber
diese Aussage, weil, wie er erklrte, die Anzeigen nicht deutlich und
verstndlich genug fr ihn seien.
    Zuweilen waren wir auch in den Zimmern der Frauen. Wir kamen dahin, wenn wir
dazu geladen waren. Das kleine, letzte Zimmerchen mit der Tapetentr gehrte
insbesondere Mathilden. Ich hatte es Rosenzimmer genannt, und es wurde
scherzweise der Name beibehalten. Mir war es ein anmutiger Eindruck, da ich
sah, wie liebend und wie hold dieses Zimmer fr die alte Frau eingerichtet
worden war. Es herrschte eine zusammenstimmende Ruhe in diesem Zimmer mit den
sanften Farben Blarot, Weigrau, Grn, Mattveilchenblau und Gold. In all das
sah die Landschaft mit den lieblichen Gestalten der Hochgebirge herein. Mathilde
sa gerne auf dem eigentmlichen Sessel am Fenster und sah mit ihrem schnen
Angesichte hinaus, dessen Art mein Gastfreund einmal mit einer welkenden Rose
verglichen hatte.
    In den Zimmern las zuweilen Natalie etwas vor, wenn mein Gastfreund es
verlangte. Sonst wurde gesprochen. Ich sah auf ihrem Tische Papiere in schner
Ordnung und neben ihnen Bcher liegen. Ich konnte es nie ber mich bringen, auch
nur auf die Aufschrift dieser Bcher zu sehen, viel weniger gar eines zu nehmen
und hinein zu schauen. Es taten dies auch andere nie. An dem Fenster stand ein
verhllter Rahmen, an dem sie vielleicht etwas arbeitete; aber sie zeigte nichts
davon. Gustav, wahrscheinlich aus Neigung zu mir, um mich mit den schnen Dingen
zu erfreuen, die seine Schwester verfertigte, ging sie wiederholt darum an. Sie
lehnte es aber jedes Mal auf eine einfache Art ab. Ich hatte einmal in einer
Nacht, da meine Fenster offen waren, Zithertne vernommen. Ich kannte dieses
Musikgert des Gebirges sehr gut, ich hatte es bei meinen Wanderungen sehr oft
und von den verschiedensten Hnden spielen gehrt, und hatte mein Ohr fr seine
Klnge und Unterschiede zu bilden gesucht. Ich ging an das Fenster und hrte zu.
Es waren zwei Zithern, die im stlichen Flgel des Hauses abwechselnd gegen
einander und mit einander spielten. Wer bung im Hren dieser Klnge hat, merkt
es gleich, ob auf derselben Zither oder auf verschiedenen, und von denselben
Hnden oder verschiedenen gespielt wird. In den Gemchern der Frauen sah ich
spter die zwei Zithern liegen. Es wurde aber in unserer Gegenwart nie darauf
gespielt. Mein Gastfreund verlangte es nicht, ich ohnehin nicht, und in dieser
Angelegenheit beobachtete auch Gustav eine feste Enthaltung.
    Indessen war nach und nach die Zeit herangerckt, in welcher die Rosen in
der allerschnsten Blte standen.
    Das Wetter war sehr gnstig gewesen. Einige leichte Regen, welche mein
Gastfreund vorausgesagt hatte, waren dem Gedeihen bei weitem frderlicher
gewesen, als es fortdauernd schnes Wetter htte tun knnen. Sie khlten die
Luft von zu groer Hitze zu angenehmer Milde herab, und wuschen Blatt, Blume und
Stengel viel reiner von dem Staube, der selbst in weit von der Strae entfernten
und mitten in Feldern gelegenen Orten doch nach lange andauerndem schnem Wetter
sich auf Dchern, Mauern, Zunen, Blttern und Halmen sammelt, als es die
Sprhregen, die mein Gastfreund ein paar Male durch seine Vorrichtung unter dem
Dache auf die Rosen hatte ergehen lassen, zu tun im Stande gewesen waren.
    Unter dem klarsten, schnsten und tiefsten Blau des Himmels standen nun
eines Tages Tausende von den Blumen offen, es schien, da keine einzige Knospe
im Rckstande geblieben und nicht aufgegangen ist. In ihrer Farbe von dem
reinsten Wei in gelbliches Wei, in Gelb, in blasses Rot, in feuriges Rosenrot,
in Purpur, in Veilchenrot, in Schwarzrot zogen sie an der Flche dahin, da man
bei lebendiger Anschauung versucht wurde, jenen alten Vlkern recht zu geben,
die die Rosen fast gttlich verehrten und bei ihren Freuden und Festen sich mit
diesen Blumen bekrnzten. Man war tglich teils einzeln, teils zusammen zu dem
Rosengitter gekommen, um die Fort schritte zu betrachten, man hatte gelegentlich
auch andere Rosenteile und Rosenanlagen in dem Garten besucht; allein an diesem
Tage erklrte man einmtig, jetzt sei die Blte am schnsten, schner vermge
sie nicht mehr zu werden, und von jetzt an msse sie abzunehmen beginnen. Dies
hatte man zwar auch schon einige Tage frher gesagt; jetzt aber glaubte man sich
nicht mehr zu irren, jetzt glaubte man auf dem Gipfel angelangt zu sein. So weit
ich mich auf das vergangene Jahr zu erinnern vermochte, in welchem ich auch
diese Blumen in ihrer Blte angetroffen hatte, waren sie jetzt schner als
damals.
    Es kamen wiederholt Besuche an, die Rosen zu sehen. Die Liebe zu diesen
Blumen, welche in dem Rosenhause herrschte, und die zweckmige Pflege, welche
sie da erhielten, war in der Nachbarschaft bekannt geworden, und da kamen
manche, welche sich wirklich an dem ungewhnlichen Ergebnisse dieser Zucht
ergtzen wollten, und andere, die dem Besitzer etwas Angenehmes erzeigen
wollten, und wieder andere, die nichts Besseres zu tun wuten, als nachzuahmen,
was ihre Umgebung tat. Alle diese Arten waren nicht schwer von einander zu
unterscheiden. Die Behandlung derselben war von Seite meines Gastfreundes so
fein, da ich es nicht von ihm vermutet hatte, und da ich diese Eigenschaft an
ihm erst jetzt, wo ich ihn unter Menschen beobachten konnte, entdeckte.
    Auch Bauern kamen zu verschiedenen Zeiten und baten, da sie die Rosen
anschauen drfen. Nicht nur die Rosen wurden ihnen gezeigt, sondern auch alles
andere im Hause und Garten, was sie zu sehen wnschten, besonders aber der
Meierhof, in so ferne sie ihn nicht kannten, oder ihnen die letzten
Vernderungen in demselben neu waren.
    Eines Tages kam auch der Pfarrer von Rohrberg, den ich bei meinem
vorjhrigen Besuche in dem Rosenhause getroffen hatte. Er zeichnete sich einige
Rosen in ein Buch, das er mitgebracht hatte, und wendete sogar Wasserfarben an,
um die Farben der Blumen so getreu, als nur immer mglich ist, nachzuahmen. Die
Zeichnung aber sollte keine Kunstabbildung von Blumen sein, sondern er wollte
sich nur solche Blumen anmerken und von ihnen den Eindruck aufbewahren, deren
Art er in seinen Garten zu verpflanzen wnschte. Es bestand nmlich schon seit
lange her zwischen meinem Gastfreunde und dem Pfarrer das Verhltnis, da mein
Gastfreund dem Pfarrer Pflanzen gab, womit dieser seinen Garten zieren wollte,
den er teils neu um das Pfarrhaus angelegt, teils erweitert hatte.
    Unter allen aber schien Mathilde die Rosen am meisten zu lieben. Sie mute
berhaupt die Blumen sehr lieben; denn auf den Blumentischen in ihren Zimmern
standen stets die schnsten und frischesten des Gartens, auch wurde gerne auf
dem Tische, an welchem wir speisten, eine Gruppe von Gartentpfen mit ihren
Blumen zusammengestellt. Abgebrochen oder abgeschnitten und in Glser mit Wasser
gestellt durften in diesem Hause keine Blumen werden, auer sie waren welk, so
da man sie entfernen mute. Den Rosen aber wendete sie ihr meistes Augenmerk
zu. Nicht nur ging sie zu denen, welche im Garten in Struchen, Bumchen und
Gruppen standen, und bekmmerte sich um ihre Hegung und Pflege, sondern sie
besuchte auch ganz allein, wie ich schon frher bemerkt hatte, die, welche an
der Wand des Hauses blhten. Oft stand sie lange davor und betrachtete sie.
Zuweilen holte sie sich einen Schemel, stieg auf ihn, und ordnete in den
Zweigen. Sie nahm entweder ein welkes Laubblatt ab, das den Blicken der andern
entgangen war, oder bog eine Blume heraus, die am vollkommenen Aufblhen
gehindert war, oder las ein Kferchen ab, oder lftete die Zweige, wo sie sich
zu dicht und zu buschig gedrngt hatten. Zuweilen blieb sie auf dem Schemel
stehen, lie die Hand sinken, und betrachtete wie im Sinnen die vor ihr
ausgebreiteten Gewchse.
    Wirklich war der Tag, den man als den schnsten der Rosenblte bezeichnet
hatte, auch der schnste gewesen. Von ihm an begann sie abzunehmen, und die
Blumen fingen an zu welken, so da man fter die Leiter und die Schere zur Hand
nehmen mute, um Verunzierungen zu beseitigen.
    Auch zwei fremde Reisende waren in das Rosenhaus gekommen, welche sich eine
Nacht und einen Teil des darauf folgenden Vormittages in demselben aufgehalten
hatten. Sie hatten den Garten, die Felder und den Meierhof besehen. In seine
Zimmer und in die Schreinerei hatte sie mein Gastfreund nicht gefhrt, woraus
ich die mir angenehme Bemerkung zog, da er mir bei meiner ersten Ankunft in
seinem Hause eine Bevorzugung gab, die nicht jedem zu Teil wurde, da ich also
eine Art Zuneigung bei ihm gefunden haben mute.
    Gegen das Ende der Rosenblte kam Eustachs Bruder Roland in das Haus. Da er
sich mehrere Tage in demselben aufhielt, fand ich Gelegenheit, ihn genauer zu
beobachten. Er hatte noch nicht die Bildung seines Bruders, auch nicht dessen
Biegsamkeit; aber er schien mehr Kraft zu besitzen, die seinen Beschftigungen
einen wirksamen Erfolg versprach. Was mir auffiel, war, da er mehrere Male
seine dunkeln Augen lnger auf Natalien heftete, als mir schicklich erscheinen
wollte. Er hatte eine Reihe von Zeichnungen gebracht, und wollte noch einen
entfernteren Teil des Landes besuchen, ehe er wiederkehrte, um den Stoff
vollkommen zu ordnen.
    Ehe Mathilde und Natalie das Rosenhaus verlieen, mute noch der
versprochene Besuch auf dem Gute des Nachbars, welches Ingheim hie und von dem
Volke nicht selten der Inghof genannt wurde, gemacht werden. Es wurde
hingeschickt, und ein Tag genannt, an dem man kommen wollte, welcher auch
angenommen wurde. Am Morgen dieses Tages wurden die braunen Pferde, mit denen
Mathilde gekommen war, und die sie die Zeit ber in dem Meierhofe gelassen
hatte, vor den Wagen gespannt, der die Frauen gebracht hatte, und Mathilde und
Natalie setzten sich hinein. Mein Gastfreund, Gustav und ich, der ich eigens in
die Bitte des Gegenbesuches eingeschlossen worden war, stiegen in einen anderen
Wagen, der mit zwei sehr schnen Grauschimmeln meines Gastfreundes bespannt war.
Eine rasche Fahrt von einer Stunde brachte uns an den Ort unserer Bestimmung.
Ingheim ist ein Schlo, oder eigentlich sind zwei Schlsser da, welche noch von
mehreren anderen Gebuden umgehen sind. Das alte Schlo war einmal befestigt.
Die grauen, aus groen viereckigen Steinen erbauten runden Trme stehen noch,
ebenso die graue, aus gleichen Steinen erbaute Mauer zwischen den Trmen. Beide
Teile beginnen aber oben zu verfallen. Hinter den Trmen und Mauern steht das
alte, unbewohnte, ebenfalls graue Haus, scheinbar unversehrt; aber von den mit
Brettern verschlagenen Fenstern schaut die Unbewohntheit und Ungastlichkeit
herab. Vor diesen Werken des Altertums steht das neue, weie Haus, welches mit
seinen grnen Fensterlden und dem roten Ziegeldache sehr einladend aussieht.
Wenn man von der Ferne kmmt, meint man, es sei unmittelbar an das alte Schlo
angebaut, welches hinter ihm emporragt. Wenn man aber in dem Hause selber ist
und hinter dasselbe geht, so sieht man, da das alte Gemuer noch ziemlich weit
zurck ist, da es auf einem Felsen steht, und da es durch einen breiten, mit
einem Obstbaumwald bedeckten Graben von dem neuen Hause getrennt ist. Auch kann
man in der Ferne wegen der ungewhnlichen Gre des alten Schlosses die
Gerumigkeit des neuen Hauses nicht ermessen. Sobald man sich aber in demselben
befindet, so erkennt man, da es eine bedeutende Rumlichkeit habe, und nicht
blo fr das Unterkommen der Familie gesorgt ist, sondern auch eine ziemliche
Zahl von Gsten noch keine Ungelegenheit bereitet. Ich hatte wohl den Namen des
Schlosses fter gehrt, dasselbe aber nie gesehen. Es liegt so abseits von den
gewhnlichen Wegen, und ist durch einen groen Hgel so gedeckt, da es von
Reisenden, welche durch diese Gegend gewhnlich den Gebirgen zugehen, nicht
gesehen werden kann. Als wir uns nherten, entwickelten sich die mehreren
Bauwerke. Zuerst kamen wir zu den Wirtschaftsgebuden oder der sogenannten
Meierei. Dieselben standen, wie es bei vielen Besitzungen in unserem Lande der
Brauch ist, ziemlich weit entfernt von dem Wohnhause und bildeten eine eigene
Abteilung. Von da fhrte der Weg durch eine Allee uralter groer Linden eine
Strecke gegen das neue Haus. Die Allee ist ein Bruchstock von derjenigen, die
einmal gegen die Zugbrcke des alten Schlosses hinauf gefhrt hatte; sie brach
daher ab, und wir fuhren die brige Strecke durch schnen grnen Rasen, der mit
einzelnen Blumenhgeln geschmckt war, dem Hause zu. Dasselbe war von weilich
grauer Farbe und hatte sulenartige Streifen und Friese. Alle Fenster, soweit
die geffneten Lden eine Einsicht zulieen, zeigten von innen schwere Vorhnge.
Als der Wagen der Frauen unter dem berdache der Vorfahrt hielt, stand schon der
Herr von Ingheim samt seiner Gattin und seinen Tchtern am Ende der Treppe zur
Bewillkommung. Sie waren alle mit Geschmack gekleidet, so wie die Dienerschaft,
die hinter ihnen stand, in Festkleidern war. Der Herr half den Frauen aus dem
Wagen, und da wir mittlerweile auch ausgestiegen und herzugekommen waren, wurden
wir von der ganzen Familie begrt und die Treppe hinauf geleitet. Man fhrte
uns in ein groes Empfangzimmer und wies uns Pltze an. Mathilde und Natalie
hatten zwar festlichere Kleider an, als sie im Rosenhause trugen, aber
dieselben, so edel der Stoff war, zeigten doch keine bermige Verzierung oder
gar berladung. Mein Gastfreund, Gustav und ich waren gekleidet, wie man es zu
lndlichen Besuchen zu sein pflegt. So lieen wir uns in die prachtvollen
Polster, die hier berall ausgelegt waren, nieder. Auf einem Tische, ber den
ein schner Teppich gebreitet war, standen Erfrischungen verschiedener Art.
Andere Tische, die noch in dem Zimmer standen, waren unbedeckt. Die Gerte waren
von Mahagoniholz und schienen aus der ersten Werksktte der Stadt zu stammen.
Eben so waren die Spiegel, die Kronleuchter und andere Dinge des Zimmers. Eine
Ecke an einem Fenster nahm ein sehr schnes Klavier ein. Die ersten Gesprche
betrafen die gewhnlichen Dinge ber Wohlbefinden, ber Wetter, ber Gedeihen
der Feld-und Gartengewchse. Die Mnner nannten sich wechselweise Nachbar, die
Frauen benannten sich gar nicht.
    Als man etwas Weniges von den dastehenden Speisen genommen hatte, erhob man
sich, und wir gingen durch die Zimmer. Es war eine Reihe, deren Fenster
grtenteils gegen Mittag auf die Landschaft hinaus gingen. Alle waren sehr
schn nach neuer Art eingerichtet, besonders reich waren die Palisandergerte im
Empfangszimmer der Frau, in welchem so wie in dem Arbeitszimmer der Mdchen
wieder Klaviere standen. Der Herr des Hauses fhrte besonders mich in den Rumen
herum, dem sie noch fremd waren. Die brige Gesellschaft folgte uns gelegentlich
in das eine oder andere Gemach.
    Aus den Zimmern ging man in den Garten. Derselbe war wie viele wohlgehaltene
und schne Grten in der Nhe der Stadt. Schne Sandgnge, grne ausgeschnittene
Rasenpltze mit Blumenstcken, Gruppen von Zier- und Waldgebschen, ein
Gewchshaus mit Kamelien, Rhododendren, Azaleen, Eriken, Kalzeolarien und vielen
neuhollndischen Pflanzen, endlich Ruhebnke und Tische an geeigneten schattigen
Stellen. Der Obstgarten als Ntzlichkeitsstck war nicht bei dem Wohnhause,
sondern hinter dem Meierhofe.
    Von dem Garten gingen wir, wie es bei lndlichen Besuchen zu geschehen
pflegt, in die Meierei. Wir gingen durch die Reihen der glatten Rinder, die
meistens wei gestirnt waren, wir besahen die Schafe, die Pferde, das Geflgel,
die Milchkammer, die Ksebereitung, die Brauerei und hnliche Dinge. Hinter den
Scheuern trafen wir den Gemsegarten und den seht weitlufigen Obstgarten an.
Von diesen gingen wir in die wohlbestellten Felder und in die Wiesen. Der Wald,
welcher zu der Besitzung gehrt, wurde mir in der Ferne gezeigt.
    Nachdem wir unsern ziemlich bedeutenden Spaziergang beendigt hatten, wurden
wir in eine ebenerdige groe Speisehalle gefhrt, in welcher der Mittagtisch
gedeckt war. Ein einfaches, aber ausgesuchtes Mahl wurde aufgetragen, wobei die
Dienerschaft, hinter unseren Sthlen stehend, bediente. Hatte sich die Familie
Ingheim schon bei dem Besuche auf dem Rosenhause als unter die gebildeten
gehrig gezeigt, so war dies bei unserem Empfange in ihrem eigenen Hause wieder
der Fall. Sowohl bei Vater und Mutter als auch bei den Mdchen war Einfachheit,
Ruhe und Bescheidenheit. Die Gesprche bewegten sich um mehrere Gegenstnde, sie
rissen sich nicht einseitig nach einer gewissen Richtung hin, sondern schmiegten
sich mit Ma der Gesellschaft an. Einen Teil der Zeit nach dem Mittagessen
brachten wir in den Zimmern des ersten Stockwerkes zu. Es wurde Musik gemacht,
und zwar Klavier und Gesang. Zuerst spielte die Mutter etwas, dann beide Mdchen
allein, dann zusammen. Jedes der Mdchen sang auch ein Lied. Natalie sa in den
seidenen Polstern und hrte aufmerksam zu. Als man sie aber aufforderte, auch zu
spielen, verweigerte sie es.
    Gegen Abend fuhren wir wieder in das Rosenhaus zurck.
    Als Gustav aus unserem Wagen gesprungen war, als mein Gastfreund und ich
denselben verlassen hatten, und ich die edle, schlanke Gestalt Nataliens gegen
die Marmortreppe hinzu gehen sah, blieb ich ein Weilchen stehen, und begab mich
dann auch in meine Zimmer, wo ich bis zum Abendessen blieb.
    Dieses war wie gewhnlich, man machte aber nach demselben an diesem Tage
keinen Spaziergang mehr.
    Ich ging in mein Schlafzimmer, ffnete die Fenster, die man trotz des warmen
Tages, weil ich abwesend gewesen war, geschlossen gehalten harte, und lehnte
mich hinaus. Die Sterne begannen sachte zu glnzen, die Luft war mild und ruhig,
und die Rosendfte zogen zu mir herauf. Ich geriet in tiefes Sinnen. Es war mir
wie im Traume, die Stille der Nacht und die Dfte der Rosen mahnten an
Vergangenes; aber es war doch heute ganz anders.
    Nach diesem Besuche auf dem Inghofe folgten mehrere Regentage, und als diese
beendigt waren und wieder dem Sonnenscheine Platz machten, war auch die Zeit
heran genaht, in welcher Mathilde und Natalie das Rosenhaus verlassen sollten.
Es war schon mehreres gepackt worden, und darunter sah ich auch die beiden
Zithern, die man in samtene Fcher tat, welche ihrerseits wieder in lederne
Behltnisse gesteckt wurden.
    Endlich war der Tag der Abreise festgesetzt worden.
    Am Abende vorher war schon das Hauptschlichste, was mitgenommen werden
sollte, in den Wagen geschafft, und die Frauen hatten am Nachmittage an mehreren
Stellen Abschied genommen: bei den Grtnerleuten, in der Schreinerei und im
Meierhofe.
    Am andern Morgen erschienen sie bei dem Frhmahle in Reisekleidern, whrend
noch Arabella, das Dienstmdchen Mathildens, diejenigen Sachen, die bis zu dem
letzten Augenblick Leim Gebrauch gewesen waren, in den Wagen packte. Nach dem
Frhmahle, als die Frauen schon die Reisehte aufhatten, sagte Mathilde zu
meinem Gastfreunde: Ich danke dir, Gustav, lebe wohl, und komme bald in den
Sternenhof.
    Lebe wohl, Mathilde, sagte mein Gastfreund.
    Die zwei alten Leute kten sich wieder auf die Lippen, wie sie es bei der
Ankunft Mathildens getan hatten.
    Lebe wohl, Natalie, sagte er dann zu dem Mdchen.
    Dasselbe erwiderte nur leise die Worte: Dank fr alle Gte.
    Mathilde sagte zu dem Knaben: Sei folgsam, und nimm dir deinen Ziehvater
zum Vorbilde.
    Der Knabe kte ihr die Hand.
    Dann zu mir gewendet sprach sie: Habet Dank fr die freundlichen Stunden,
die Ihr uns in diesem Hause gewidmet habt. Der Besitzer wird Euch fr Euren
Besuch wohl schon danken. Bleibt meinem Knaben gut, wie Ihr es bisher gewesen
seid, und lat Euch seine Anhnglichkeit nicht leid tun. Wenn es Eure schne
Wissenschaft zult, so seid unter denen, die von diesem Hause aus den
Sternenhof besuchen werden. Eure Ankunft wird dort sehr willkommen sein.
    Den Dank mu wohl ich zurckgehen fr alle die Gte, welche mir von Euch
und von dem Besitzer dieses Hauses zu Teil geworden ist, erwiderte ich. Wenn
Gustav einige Zuneigung zu mir hat, so ist wohl die Gte seines Herzens die
Ursache, und wenn Ihr mich von dem Sternenhofe nicht zurck weiset, so werde ich
gewi unter den Besuchenden sein.
    Ich empfand, da ich mich auch von Natalien verabschieden sollte; ich
vermochte aber nicht, etwas zu sagen, und verbeugte mich nur stumm. Sie
erwiderte diese Verbeugung ebenfalls stumm.
    Hierauf verlie man das Haus und ging auf den Sandplatz hinaus. Die braunen
Pferde standen mit dem Wagen schon vor dem Gitter. Die Hausdienerschaft war
herbei gekommen, Eustach mit seinen Arbeitern stand da, der Grtner mit seinen
Leuten und seiner Frau und der Meier mit dem Groknechte aus dem Meierhofe waren
ebenfalls gekommen.
    Ich danke euch recht schn, lieben Leute, sagte Mathilde, ich danke euch
fr eure Freundschaft und Gte, seid fr euren Herrn treu und gut. Du,
Katharina, sehe auf ihn und Gustav, da keinem ein Ungemach zustt.
    Ich wei, ich wei, fuhr sie fort, als sie sah, da Katharina reden
wollte, du tust alles, was in deinen Krften ist, und noch mehr, als in deinen
Krften ist; aber es liegt schon so in dem Menschen, da er um Erfllung seiner
Herzenswnsche bittet, wenn er auch wei, da sie ohnehin erfllt werden, ja da
sie schon erfllt worden sind.
    Kommt recht gut nach Hause, sagte Katharina, indem sie Mathilden die Hand
kte und sich mit dem Zipfel ihrer Schrze die Augen trocknete.
    Alle drngten sich herzu und nahmen Abschied. Mathilde hatte fr ein jedes
liebe Worte. Auch von Natalien beurlaubte man sich, die gleichfalls freundlich
dankte.
    Eustach, verget den Sternenhof nicht ganz, sagte Mathilde zu diesem
gewendet, besucht uns mit den anderen. Ich will nicht sagen, da Euch auch die
Dinge dort notwendig haben knnten, Ihr sollt unsertwegen kommen.
    Ich werde kommen, hochverehrte Frau, erwiderte Eustach.
    Nun sprach sie noch einige Worte zu dem Grtner und seiner Frau und zu dem
Meier, worauf die Leute ein wenig zurck traten.
    Sei gut, mein Kind, sagte sie zu Gustav, indem sie ihm ein Kreuz mit
Daumen und Zeigefinger auf die Stirne machte und ihn auf dieselbe kte. Der
Knabe hielt ihre Hand fest umschlungen und kte sie. Ich sah in seinen groen
schwarzen Augen, die in Trnen schwammen, da er sich gerne an ihren Hals wrfe;
aber die Scham, die einen Bestandteil seines Wesens machte, mochte ihn zurck
halten.
    Bleibe lieb, Natalie, sagte mein Gastfreund.
    Das Mdchen htte bald die dargereichte Hand gekt, wenn er es zugelassen
htte.
    Teurer Gustav, habe noch einmal Dank, sagte Mathilde zu meinem
Gastfreunde. Sie hatte noch mehr sagen wollen; aber es brachen Trnen aus ihren
Augen. Sie nahm ein weies feines Tuch und drckte es fest gegen diese Augen,
aus denen sie heftig weinte.
    Mein Gastfreund stand da und hielt die Augen ruhig; aber es fielen Trnen
aus denselben herab.
    Reise recht glcklich, Mathilde, sagte er endlich, und wenn bei deinem
Aufenthalte bei uns etwas gefehlt hat, so rechne es nicht unserer Schuld an.
    Sie tat das Tuch von den Augen, die noch fortweinten, deutete auf Gustav und
sagte: Meine grte Schuld steht da, eine Schuld, welche ich wohl nie werde
tilgen knnen.
    Sie ist nicht auf Tilgung entstanden, erwiderte mein Gastfreund. Rede
nicht davon, Mathilde, wenn etwas Gutes geschieht, so geschieht es recht gerne.
    Sie hielten sich noch einen Augenblick bei den Hnden, whrend ein leichtes
Morgenlftchen einige Bltter der abgeblhten Rosen zu ihren Fen wehte.
    Dann fhrte er sie zu dem Wagen, sie stieg ein, und Natalie folgte ihr.
    Es war nach den mehreren Regentagen ein sehr klarer, nicht zu warmer Tag
gefolgt. Der Wagen war offen und zurck gelegt. Mathilde lie den Schleier von
dem nmlichen Hute, den sie bei ihrer Herfahrt gehabt hatte, ber ihr Angesicht
herabfallen; Natalie aber legte den ihrigen zurck, und gab ihre Augen den
Morgenlften. Nachdem auch noch Arabella in den Wagen gestiegen war, zogen die
Pferde an, die Rder furchten den Sand, und der Wagen ging auf dem Wege hinab
der Hauptstrae zu.
    Wir begaben uns wieder in das Haus zurck.
    Jeder ging in sein Zimmer und zu seinen Geschften.
    Nachdem ich eine Weile in meiner Wohnung gewesen war, suchte ich den Garten
auf. Ich ging zu mehreren Blumen, die in einer fr Blumen schon so weit
vorgerckten Jahreszeit noch blhten, ich ging zu den Gemsen, zu dem Zwergobste
und endlich zu dem groen Kirschbaume hinauf. Von demselben ging ich in das
Gewchshaus. Ich traf dort den Grtner, welcher an seinen Pflanzen arbeitete.
Als er mich eintreten sah, kam er mir entgegen und sagte: Es ist gut, da ich
allein mit Euch sprechen kann, habt Ihr ihn gesehen?
    Wen? fragte ich.
    Nun, Ihr waret ja auf dem Inghofe, antwortete er, da werdet Ihr wohl den
Cereus peruvianus angeschaut haben.
    Nein, den habe ich nicht angeschaut, erwiderte ich, indem ich mich wohl
des Gesprches erinnerte, in welchem er mir erzhlt hatte, da sich eine so
groe Pflanze dieser Art in dem Jnghofe befinde, ich habe auf ihn vergessen.
    Nun, wenn Ihr ihn vergessen habt, so wird ihn wohl der Herr angeschaut
haben, sagte er.
    Ich glaube, da uns niemand auf diese Pflanze aufmerksam gemacht hat, als
wir in dem Gewchshause waren, erwiderte ich; denn wenn jemand anderer sich
eigens zu dieser Pflanze gestellt htte, so htte ich es gewi bemerkt, und
htte sie auch angesehen.
    Das ist sehr sonderbar und sehr merkwrdig, sagte er; nun, wenn Ihr
vergessen habt, den Cereus peruvianus anzusehen, so mt Ihr einmal mit mir
hinbergehen; wir brauchen nicht zwei Stunden, und es ist ein angenehmer Weg. So
etwas seht Ihr nicht leicht anders wo. Sie bringen ihn nie zur Blte. Wenn ich
ihn hier htte, so wrde er bald so wei wie meine Haare blhen, natrlich viel
weier. Die unseren sind noch viel zu klein zum Blhen.
    Ich sagte ihm zu, da ich einmal mit ihm in den Inghof hinbergehen werde,
ja sogar, wenn es nicht eine Unschicklichkeit sei und nicht zu groe Hindernisse
im Wege stehen, da ich auch versuchen werde, dahin zu wirken, da diese Pflanze
zu ihm herberkomme.
    Er war sehr erfreut darber und sagte, die Hindernisse seien gar nicht gro,
sie achten den Cereus nicht, sonst htten sie ja die Gesellschaft zu ihm
hingefhrt, und der Herr wolle sich vielleicht keine Verbindlichkeit gegen den
Nachbar auflegen. Wenn ich aber eine Frsprache mache, so wrde der Cereus gewi
herber kommen.
    Wie doch der Mensch berall seine eigenen Angelegenheiten mit sich herum
fhrt, dachte ich, und wie er sie in die ganze brige Welt hineintrgt. Dieser
Mann beschftigt sich mit seinen Pflanzen und meint, alle Leute mten ihnen
ihre Aufmerksamkeit schenken, whrend ich doch ganz andere Gedanken in dem
Haupte habe, whrend mein Gastfreund seine eigenen Bestrebungen hat, und Gustav
seiner Ausbildung obliegt. Das eine Gute hatte aber die Ansprache des Grtners
fr mich, da sie mich von meinen wehmtigen und schmerzlichen Gefhlen ein
wenig abzog und mir die berzeugung brachte, wie wenig Berechtigung sie haben,
und wie wenig sie sich fr das Einzige und Wichtigste in der Welt halten drfen.
    Ich blieb noch lnger in dem Gewchshause und lie mir mehreres von dem
Grtner zeigen und erklren. Dann ging ich wieder in meine Wohnung und setzte
mich zu meiner Arbeit.
    Wir kamen bei dem Mittagessen zusammen, wir machten am Nachmittage einen
Spaziergang, und die Gesprche waren wie gewhnlich.
    Die Zeit auf dem Rosenhause flo nach dem Besuche der Frauen wieder so hin,
wie sie vor demselben hingeflossen war.
    Ich hatte die Mue, welche ich mir von meinen Arbeiten im Gebirge zu einem
Aufenthalte bei meinem Gastfreunde abgedungen hatte, beinahe schon erschpft.
Das, was ich mir in dem Rosenhause als Ergnzungsarbeit zu tun auferlegt hatte,
rckte auch seiner Vollendung entgegen. Ich lie mir aber desohngeachtet einen
Aufschub gefallen, weil man verabredet hatte, einen Besuch auf dem Sternenhofe
zu machen, was, wie ich einsah, Mathildens Wohnsitz war, und weil ich bei diesem
Besuche zugegen sein wollte. Auch war es im Plane, da wir eine Kirche besuchen
wollten, die in dem Hochlande lag, und in welcher sich ein sehr schner Altar
aus dem Mittelalter befand. Ich nahm mir vor, das, was mir an Zeit entginge,
durch ein lnger in den Herbst hinein fortgesetztes Verweilen im Gebirge wieder
einzubringen.
    Mein Gastfreund hatte in dem Meierhofe wieder Bauarbeiten beginnen lassen,
und beschftigte dort mehrere Leute. Er ging alle Tage hin, um bei den Arbeiten
nachzusehen. Wir begleiteten ihn sehr oft. Es war eben die letzte Einfuhr des
Heues aus den hheren in dem Alizwalde gelegenen Wiesen, deren Ertrag spter als
in der Ebene gemht wurde, im Gange. Wir erfreuten uns an dieser duftenden,
wrzigen Nahrung der Tiere, welche aus den Waldwiesen viel besser war als aus
den fetten Wiesen der Tler; denn auf den Bergwiesen wachsen sehr mannigfaltige
Kruter, die aus den sehr verschiedenartigen Gesteingrundlagen die Stoffe ihres
Gedeihens ziehen, whrend die gleichartigere Gartenerde der tiefen Grnde
wenigere, wenngleich wasserreichere Arten her vor bringt. Mein Gastfreund
widmete diesem Zweige eine sehr groe Aufmerksamkeit, weil er die erste
Bedingung des Gedeihens der Haustiere, dieser geselligen Mitarbeiter der
Menschen, ist. Alles, was die Wrze, den Wohlgeruch und, wie er sich ausdrckte,
die Nahrungslieblichkeit beeintrchtigen konnte, mute strenge hintan gehalten
werden, und wo durch Versehen oder Ungunst der Zeitverhltnisse doch dergleichen
eintrat, mute das minder Taugliche ganz beseitigt oder zu andern
Wirtschaftszwecken verwendet werden. Darum konnte man aber auch keine schneren,
glatteren, glnzenderen und frhlicheren Tiere sehen als auf dem Asperhofe. Der
Wirtschaftsvorteil lag auerdem noch als Zugabe bei; denn da das Schlechtere gar
nicht verwendet werden durfte, wurde bei der Behandlung und Einbringung die
grte Sorgfalt von den Leuten beobachtet, abgesehen davon, da mein Gastfreund
bei seiner Kenntnis der Witterungsverhltnisse weniger Schaden durch Regen oder
dergleichen erlitt als die meisten Landwirte, die sich um diese Kenntnis gar
nicht bekmmerten. Und der Nachteil der Nichtanwendung des Schlechteren wurde
weit durch den Vorteil des besseren Gedeihens der Tiere aufgewogen. In dem
Asperhofe konnte man immer mit einer geringeren Anzahl Tiere grere Arbeiten
ausfhren als in anderen Gehften. Hiezu kam noch eine gewisse Frhlichkeit und
Heiterkeit der untergeordneten Leute, die bei jeder sachgemen Fhrung eines
Geschftes, bei dem sie beteiligt sind, und bei einer wenn auch strengen, doch
stets freundlichen Behandlung nicht ausbleibt. Ich hrte bei meiner jetzigen
Anwesenheit fter von benachbarten Leuten die uerung, das htte man dem alten
Asperhofe nicht angesehen, da das noch heraus kommen knnte.
    Es wurde, da wieder mehrere Gewitter niedergegangen waren, die Luft sich
gereinigt hatte und einige schne Tage erwartet werden konnten, die Reise zu der
Kirche mit dem sehenswrdigen Altare festgesetzt.
    Im Norden unseres herrlichen Stromes, welcher das Land in einen nrdlichen
und sdlichen Teil teilt, erhebt sich ein Hochland, welches viele Meilen die
nrdlichen Ufer des Stromes begleitet. In seinem Sden ist eine acht bis zehn
Meilen breite, verhltnismig ebene Gegend von groer Fruchtbarkeit, die
endlich von dem Zuge der Alpen begrenzt ist. Ich war bisher nur vorzugsweise in
die Alpen gegangen, die nrdlichen Hochlande hatte ich blo ein einziges Mal
betreten und nur eine kleine Ecke derselben durchwandert. Jetzt sollte ich mit
meinem Gastfreunde eine Fahrt in das Innere derselben machen; denn die Kirche,
welche das Ziel unserer Reise war, steht weit nher an der nrdlichen als an der
sdlichen Grenze des Hochlandes. Wir fuhren in der Begleitung Eustachs von dem
Stromesufer die staffelartigen Erhebungen empor, und fuhren dann in dem hohen,
vielgehgelten Lande dahin. Wir fuhren oft mit unserm Gespann langsam bis auf
die hchste Spitze eines Berges, empor dann auf der Hhe fort, oder wie senkten
uns wieder in ein Tal, umfuhren oft in Windungen abwrts die Dachung des Berges,
legten eine enge Schlucht zurck, stiegen wieder empor, vernderten recht oft
unsere Richtung, und sahen die Hgel, die Gehfte und andere Bildungen von
verschiedenen Seiten. Wir erblickten oft von einer Spitze das ganze flache gegen
Mittag gelegene Land mit seiner erhabenen Hochgebirgskette, und waren dann
wieder in einem Talkessel, in welchem wir keine Gegenstnde neben unserem Wagen
hatten als eine dunkle, weitstige Fichte und eine Mhle. Oft, wenn wir uns
einem Gegenstande gleichsam auf einer Ebene nhern zu knnen schienen, war
pltzlich eine tiefe Schlucht in die Ebene geschnitten, und wir muten dieselbe
in Schlangenwindungen umfahren.
    Ich hatte bei meinem ersten Besuche dieses Hochlandes die Bemerkung gemacht,
da es mir da stiller und schweigsamer vorkomme, als wenn ich durch andere,
ebenfalls stille und schweigende Landschaften zog. Ich dachte nicht weiter
darber nach. Jetzt kam mir dieselbe Empfindung wieder. In diesem Lande liegen
die wenigen greren Ortschaften sehr weit von einander entfernt, die Gehfte
der Bauern stehen einzeln auf Hgeln oder in einer tiefen Schlucht oder an einem
nicht geahnten Abhange. Herum sind Wiesen, Felder, Wldchen und Gestein. Die
Bche gehen still in den Schluchten, und wo sie rauschen, hrt man ihr Rauschen
nicht, weil die Wege sehr oft auf den Hhen dahin fhren. Einen groen Flu hat
das Land nicht, und wenn man die ausgedehnte sdliche Ebene und das Hochgebirge
sieht, so ist es nur ein sehr groer, aber stiller Gesichtseindruck. In den
Alpen geht der Straenzug meistens nur in den Talrinnen an den Flssen oder
Wildbchen dahin, er kann sich wenig verzweigen, der Verkehr ist auf ihn
zusammengedrngt, und es regt sich auf ihm, und es wehet und rauscht an ihm.
    In diesem Lande sind noch viele wertvolle Altertmer zerstreut und
aufbewahrt, es haben einmal reiche Geschlechter in ihm gewohnt, und die Krieges-
und Vlkerstrme sind nicht durch das Land gegangen.
    Wir kamen in den kleinen Ort Kerberg. Er liegt in einem sehr abgeschiedenen
Winkel und ist von keinerlei Bedeutung. Nicht einmal eine Strae von nur etwas
lebhaftem Verkehre fhrt durch, sondern nur einer jener Landwege, wie sie zum
Austausche der Erzeugnisse der Bevlkerung dienen, und von dem guten Sand- und
Steinstoffe des Landes sehr gut gebaut sind. Nur die Lage ist schn, da hier die
Bildungen etwas grer sind und, mit dmmerigem Walde teilweise bekleidet,
anmutig zusammentreten. Und doch steht in diesem Orte die Kirche, zu welcher wir
auf der Reise waren. Hinter dem Orte ungefhr nach Mitternacht liegt ein
weitlufiges Schlo auf einem Berge, welches groe Garten- und Waldanlagen um
sich hat. Auf diesem Schlosse hat einmal ein reiches und mchtiges Geschlecht
gewohnt. Einer von ihnen hatte in dem kleinen Orte die Kirche bauen und
auszieren lassen. Er hat die Kirche im altdeutschen Stile gebaut, Spitzbogen
schlieen sie, schlanke Sulen aus Stein teilen sie in drei Schiffe, und hohe
Fenster mit Steinrosen und ihren Bgen und mit den kleinen vieleckigen Tfelchen
geben ihr Licht. Der Hochaltar ist aus Lindenholz geschnitzt, steht wie eine
Monstranze auf dem Priesterplatze, und ist von fnf Fenstern umgeben. Viele
Zeiten sind vorbergegangen. Der Grnder ist gestorben, man zeigt sein Bild aus
rotem Marmor in Halbarbeit auf einer Platte in der Kirche. Andere Menschen sind
gekommen, man machte Zutaten in der Kirche, man bemalte und bestrich die
steinernen Sulen und die aus gehauenen Steinen gebauten Wnde, man ersetzte die
zwei Seitenaltre, von deren Gestalt man jetzt nichts mehr wei, durch neue, und
es geht die Sage, da schne Glasgemlde die Monstranze umstanden haben, da sie
fortgekommen seien, und da gemeine viereckige Tafeln in die fnf Fenster
gesetzt wurden. Sie verunzieren in der Tat noch jetzt die Kirche. Die neuen
Besitzer des Schlosses waren nicht mehr so reich und mchtig, andere Zeiten
hatten andere Gedanken bekommen, und so war der geschnitzte Hochaltar von
Vgeln, Fliegen und Ungeziefer beschmutzt worden, die Sonne, die ungehindert
durch die viereckigen Tafeln hereinschien, hatte ihn ausgedrrt, Teile fielen
herab und wurden willkrlich wieder hinauf getan und durcheinander gestellt, und
in Arme, Angesichter und Gewnder bohrte sich der Wurm.
    Darum haben die Behrden des Landes den Altar wieder hergestellt, und zu
diesem gingen wir.
    Eustach geleitete uns in die Kirche, es war ein sonniger Vormittag, kein
Mensch war zugegen, und wir traten vor das Schnitzwerk. Eustach konnte vieles
aus den Regeln der alten Kunst und aus der Geschichte derselben erklren. Er
sprach ber das Mittelfeld, in welchem drei ganze, berlebensgroe Gestalten auf
reich verzierten Gestellen unter reichen berdchern standen. Es waren die
Gestalten des heiligen Petrus, des heiligen Wolfgang - beide in
Bischofsgewndern - und des heiligen Christophorus, wie er das Jesuskindlein auf
der Schulter trgt, und wie dasselbe nach der Legende dem riesenhaft starken
Manne schwer wie ein Weltball wird und seine Krfte erschpft, welche
Erschpfung in der Gestalt ausgedrckt ist. Sehr viele kleine Gestalten waren
noch nach der Sitte unserer Vorltern in dem Raume zerstreut. An dem Mittelfelde
waren in gezierten Rahmen zwei Flgel, auf welchen Bilder in halberhabener
Arbeit sich befanden: die Verkndigung des Engels, die Geburt des Heilandes, die
Opferung der drei Knige, und der Tod Marias. Oberhalb des Mittelstckes war ein
Giebel mit der emporstrebenden durchbrochenen Arbeit, die man, wie Eustach
meint, flschlich die gotische nennt, da sie vielmehr mittelalterlich deutsch
sei. In diese durchbrochene Arbeit waren mehrere Gestalten eingestreut. Zu
beiden Seiten hinter den Flgeln standen die Gestalten des heiligen Florian und
des heiligen Georg in mittelalterlicher Ritterrstung empor. Der heilige Florian
hatte das Sinnbild des brennenden Hauses und der heilige Georg das des Drachen
zu seinen Fen. Eustach behauptete, da sich nur aus der Ansicht eines
Sinnbildes die Kleinheit solcher Beigaben zu altertmlichen Gestalten erklre,
da unsere kunstsinnigen Altvordern gewi nicht den groen Fehler der
Unverhltnismigkeit der Krper der Gegenstnde gemacht haben wrden. Mein
Gastfreund sagte, ohne die Meinung Eustachs verwerfen zu wollen, da man die
Sache auch etwa so auslegen knne, da man durch die ber alles Ma
hinausgehende Gre der Gestalten, gegen welche ein Haus oder ein Drache klein
sei, ihre bernatrlichkeit habe ausdrcken wollen.
    Mein Gastfreund sagte, es mten einmal nicht nur viel kunstsinnigere Zeiten
gewesen sein als heute, sondern es mte die Kunst auch ein allgemeineres
Verstndnis bis in das unterste Volk hinab gefunden haben; denn wie wren sonst
Kunstwerke in so abgelegene Orte wir Kerberg gekommen, oder wie befnden sich
solche in noch kleineren Kirchen und Kapellen des Hochlandes, die oft einsam auf
einem Hgel stehen, oder mit ihren Mauern aus einem Waldberge hervor ragen, oder
wie wren kleine Kirchlein, Feldkapellen, Wegsulen, Denksteine alter Zeit mit
solcher Kunst gearbeitet: so wie heut zu Tage der Kunstverfall bis in die
hheren Stnde hinauf rage, weil man nicht nur in die Kirchen, Grber und
heiligen Orte abscheuliche Gestalten, die eher die Andacht zerstren als
befrdern, von dem Volke stellen lt, sondern auch bis zu sich hinauf in das
herrschaftliche Schlo so oft die leeren und geistesarmen Arbeiten einer
ohnmchtigen Zeit zieht. Meines Gastfreundes und Eustachs bemchtigte sich bei
diesen Betrachtungen eine Traurigkeit, welche ich nicht ganz begriff.
    Wir betrachteten nach dem Altare auch noch die Kirche, betrachteten das
Steinbild des Mannes, der sie hatte erbauen lassen, und betrachteten noch andere
alte Grabdenkmale und Inschriften. Es zeigte sich hier, da die fnf Fenster des
Priesterplatzes nicht wie die Fenster des Kirchenschiffes in ihren Spitzbogen
Steinrosen hatten, was als neuer Beweis galt, da das Glas aus diesen Fenstern
einmal heraus genommen worden war, und da man zu besserer Gewinnung der Gemlde
in den Spitzbogen oder gar zu bequemerer Einsetzung der viereckigen Tafeln die
steinernen Fassungen weggerumt habe.
    Ich ging mit manchem Gedanken bereichert neben meinen zwei Begleitern aus
der Kirche.
    Auf der Rckfahrt schlugen wir einen anderen Weg ein, damit ich auch noch
andere Teile des Landes zu sehen bekme. Wir besuchten noch ein paar Kirchen und
kleinere Bauwerke, und Eustach versprach mir, da er mir, wenn wir nach Hause
gekommen wren, die Zeichnungen von den Dingen zeigen wrde, welche wir gesehen
hatten. Die Mnner sprachen auf der Rckreise auch von der mutmalichen Zeit, in
welcher die Kirche, die das Ziel unserer Reise gewesen war, entstanden sein
knnte. Sie schlossen auf diese Zeit aus der Art und Weise des Baues und aus
manchen Verzierungen. Sie bedauerten nur, da man Nheres darber aus Urkunden
nicht erfahren knne, da das Schriftgewlbe des alten Schlosses unzugnglich
gehalten werde.
    Wir fuhren am Mittage des nchsten Tages wieder die staffelartigen
Erhebungen hinab, und gelangten in spter Nacht in das Rosenhaus.
    Ich mahnte in ein paar Tagen darauf den Grtner an unsern verabredeten Gang
nach Ingheim. Er freute sich ber meine Achtsamkeit, wie er es nannte, und an
einem freundlichen Nachmittage gingen wir in das Schlo hinber. Wir sagten die
Ursache unseres Besuches und wurden mit Zuvorkommenheit aufgenommen. Wir gingen
sogleich in das Gewchshaus, und es war in Wirklichkeit eine sehr schne und zu
ansehnlicher Gre ausgebildete Pflanze, zu der mich der Grtner Simon gefhrt
hatte. Ich kannte nicht genau, wie weit sich diese Pflanzen berhaupt
entwickeln, und welche Gre sie zu erreichen vermgen; aber eine grere habe
ich nirgends gesehen. Da man sie in Ingheim nicht viel achte, erkannte ich
ebenfalls; denn der Winkel des Gewchshauses, in welchem sie in freiem Boden
stand, war der vernachlssigteste, es lagen Blumenstbe, Bastbnder, welke
Bltter und dergleichen dort, und man hatte ihn mit Gestellen, auf welchen
andere Pflanzen standen, verstellt, da sein Anblick den Augen entzogen werde.
Man konnte den grnen Arm dieser Pflanze wohl an der Decke des Hauses hingehen
sehen, ich hatte aber dort hinauf bei meiner ersten Anwesenheit nicht geschaut.
Mein Begleiter erkannte jetzt, da es ein Cereus peruvianus sei, und erklrte
mir seine Merkmale. Sonst aber konnten wir keine Kaktus in Ingheim entdecken.
Nach mancher Aufmerksamkeit, die uns in dem Schlosse noch zu Teil wurde, begaben
wir uns gegen Abend wieder auf den Rckweg, und ich trstete meinen alten
Begleiter mit den Worten, da ich glaube, da es nicht schwer sein werde, diese
Pflanze in das Rosenhaus zu bringen. Dort wrde sie die Sammlung ergnzen und
zieren, whrend sie in Ingheim allein ist. Auch wird man wohl einem Wunsche
meines Gastfreundes willfhrig sein, und ich werde die Sache schon zu frdern
trachten.
    Nach kurzer Zeit traten wir unsern Weg zum Besuche in dem Sternenhofe an.
Dieses Mal fuhr auer Eustach auch Gustav mit. Die Grauschimmel wurden vor einen
greren Wagen gespannt, als wir in den Hochlanden gehabt hatten, und wir fuhren
mit ihnen ber den Hgel hinab. Es war sehr frh am Morgen, noch lange vor
Sonnenaufgang. Wir fuhren auf der Hauptstrae gegen Rohrberg zu, und fuhren
endlich auf der Anhhe an dem Alizwalde empor. Da die Pferde langsam den Weg
hinan gingen, sagte mein Gastfreund: Es ist mglich, da Ihr im vorigen Jahre
an dieser Stelle Mathilden und Natalien gesehen habt. Sie erzhlten mir, als sie
zum Besuche der Rosenblte zu mir kamen, und ich ihnen von Euch, von Eurer
Anwesenheit bei mir und von Eurer an dem Morgen ihrer Ankunft erfolgten Abreise
sagte, da sie einem Fureisenden auf der Alizhhe begegnet seien, der dem
ungefhr gleich gesehen habe, den ich ihnen beschrieben.
    Pltzlich war es mir ganz klar, da wirklich Mathilde und Natalie die zwei
Frauen gewesen waren, welchen ich an jenem Morgen an dieser Stelle begegnet bin.
Mir waren jetzt deutlich dieselben Reisehte vor Augen, die sie auch dieses Mal
aufgehabt hatten, ich sah die Zge Nataliens wieder, und auch der Wagen und die
braunen Pferde kamen mir in die Erinnerung. Darum also war mir Natalie immer als
schon einmal gesehen vorgeschwebt. Ich hatte ja sogar damals gedacht, da das
menschliche Angesicht etwa der edelste Gegenstand fr die Zeichnungskunst sein
drfte, und hatte sie als unbeholfner Mensch, der im Zurechtlegen aller
Eindrcke geschickter ist als in dem der menschlichen, doch wieder aus meiner
Vorstellungskraft verloren. Ich sagte zu meinem Gastfreunde, da er durch seine
Bemerkung meinem Gedchtnisse zu Hilfe gekommen sei, da ich jetzt alles klar
wisse, und da mir auf dieser Anhhe Mathilde und Natalie begegnet seien, und
da ich ihnen, da der Wagen langsam den Berg hinab fuhr, nachgesehen habe. Ich
habe es mir gleich so gedacht, erwiderte er. Aber auch etwas anderes fiel mir
ein, und machte, da mein Angesicht errtete. Also hatte mein Gastfreund von mir
mit den Frauen gesprochen und mich sogar beschrieben. Er hatte also einen Anteil
an mir genommen. Das freute mich von diesem Manne sehr.
    Als wir auf der Hhe des Berges angekommen waren, lie mein Gastfreund an
einer Stelle, wo das Seitengebsch des Weges eine Durchsicht erlaubte, halten,
stand im Wagen auf und bat mich, das gleiche zu tun. Er sagte, da man an dieser
Stelle das Stck des Alizwaldes, das zu dem Asperhofe gehre, bersehen knne.
Er wies mir mit dem Zeigefinger an den Farbunterschieden des Waldes, die durch
die Mischung der Buchen und Tannen, durch Licht und Schatten und durch andere
Merkmale hervorgebracht wurden, die Grenzen dieses Besitztumes nach. Als ich
dies genugsam verstanden und ihm auch mit dem Finger ungefhr die Stellen des
Waldes gezeigt hatte, an denen ich schon gewesen war, setzten wir uns wieder
nieder und fuhren weiter.
    Es war bei dieser Gelegenheit das erste Mal gewesen, da ich aus seinem
Munde den Namen Asperhof gehrt habe, mit dem er sein Besitztum bezeichnete.
    Nach kurzer Fahrt trennten wir uns von der nach Osten gehenden Hauptstrae
und schlugen einen gewhnlichen Verbindungsweg nach Sden ein. Wir fuhren also
dem Hochgebirge nher. Am Mittage blieben wir eine ziemlich lange Zeit zur
Erquickung und zum Ausruhen der Pferde, auf deren Pflege mein Gastfreund sehr
sah, in einem einzeln stehenden Gasthofe, und es war schon am Abende in tiefer
Dmmerung, als mir mein Gastfreund die Umrisse des Sternenhofes zeigte. Ich war
schon zweimal in der Gegend gewesen, erinnerte mich sogar im allgemeinen auf das
Gebude, und wute genau, da am Fue des Hgels, auf welchem es stand, sehr
schne Ahorne wuchsen. Ich hatte aber nie Ursache gehabt, mich weiter um diese
Gegenstnde zu kmmern.
    Wir kamen bei Sternenscheine zu den mir bekannten Ahornen, fuhren einen
Hgel empor, legten einen Torweg zurck, und hielten in einem Hofe. In demselben
standen vier groe Bume, an deren eigentmlichen gegen den dunkeln Nachthimmel
gehaltenen Bildungen ich erkannte, da es Ahorne seien. In ihrer Mitte
pltscherte ein Brunnen. Auf das Rollen des Wagens unter dem hallenden Torwege
kamen Diener mit Lichtern herbei, uns aus dem Wagen zu helfen. Gleich darauf
erschien auch Mathilde und Natalie in dem Hofe, um uns zu begren. Sie
geleiteten uns die Treppe hinan in einen Vorsaal, in welchem die Begrungen im
allgemeinen wiederholt wurden, und von wo aus man uns unsere Zimmer anwies.
    Das meinige war ein groes, freundliches Gemach, in welchem bereits auf dem
Tische zwei Kerzen brannten. Ich legte, da der Diener die Tr hinter sich
geschlossen hatte, meinen Hut auf den Tisch, und das nchste, was ich tat, war,
da ich mehrere Male schnell in dem Zimmer auf und nieder ging, um die durch das
Fahren ersteiften Glieder wieder ein wenig einzurichten. Als dieses ziemlich
gelungen war, trat ich an eines der offenen Fenster, um herum zu schauen. Es war
aber nicht viel zu sehen. Die Nacht war schon zu weit vorgerckt, und die
Lichter im Zimmer machten die Luft drauen noch finsterer. Ich sah nur so viel,
da meine Fenster ins Freie gingen. Nach und nach begrnzten sich vor meinen
Augen die dunkeln Gestalten der am Fue des Hgels stehenden Ahorne, dann kamen
Flecken von dunkler und fahler Farbe, wahrscheinlich Abwechslung von Feld und
Wald, weiter war nichts zu unterscheiden als der glnzende Himmel darber, der
von unzhligen Sternen, aber nicht von dem geringsten Stckchen Mond beleuchtet
war.
    Nach einer Zeit kam Gustav und holte mich zu dem Abendessen ab. Er hatte
eine groe Freude, da ich in dem Sternenhofe sei. Ich ordnete aus meinem
Reisesacke, der heraufgeschafft worden war, ein wenig meine Kleider, und folgte
dann Gustav in das Speisezimmer. Dasselbe war fast wie das in dem Rosenhause.
Mathilde sa wie dort in einem Ehrenstuhle oben an, ihr zur Rechten mein
Gastfreund und Natalie, ihr zur Linken ich, Eustach und Gustav. Auch hier
besorgte eine Haushlterin und eine Magd den Tisch. Der Hergang bei dem Speisen
war der nmliche wie an jenen Abenden bei meinem Gastfreunde, an denen wir alle
beisammen gewesen waren.
    Um von der Reise ausruhen zu knnen, trennte man sich bald und suchte seine
Zimmer.
    Ich entschlief unter Unruhe, sank aber nach und nach in festeren Schlummer,
und erwachte, da die Sonne schon aufgegangen war.
    Jetzt war es Zeit, herum zu schauen.
    Ich kleidete mich so schnell und so sorgfltig an, als ich konnte, ging an
ein Fenster, ffnete es und sah hinaus. Ein ganz gleicher, sehr schn grner
Rasen, der durch keine Blumengebsche oder dergleichen unterbrochen war, sondern
nur den weien Sandweg enthielt, breitete sich ber die gedehnte Dachung des
Hgels, auf der das Gebude stand, hinab. Auf dem Sandwege aber gingen Natalie
und Gustav herauf. Ich sah in die schnen, jugendlichen Angesichter, sie aber
konnten mich nicht sehen, weil sie ihre Augen nicht erhaben. Sie schienen in
traulichem Gesprche begriffen zu sein, und bei ihrer Annherung - an dem Gange,
an der Haltung, an den groen dunklen Augen, an den Zgen der Angesichter sah
ich wieder recht deutlich, da sie Geschwister seien. Ich sah auf sie, so lange
ich sie erblicken konnte, bis sie endlich der dunkle Torweg aufgenommen hatte.
    Jetzt war die Gegend sehr leer.
    Ich blickte kaum auf sie.
    Allgemach entwickelten sich aber wieder freundlich Felder, Wldchen und
Wiesen im Gemisch, ich erblickte Meierhofe rings herumgestreut, hie und da
erglnzte ein weier Kirchturm in der Ferne, und die Strae zog einen lichten
Streifen durch das Grn. Den Schlu machte das Hochgebirge, so klar, da man an
dem untern Teile seiner Wand die Talwindungen, an dem obern die Gestaltung der
Kanten und Flchen und die Schneetafeln wahrnehmen konnte.
    Sehr gro und schn waren die Ahorne, die unten am Hgel standen, deshalb
mochten sie schon frher bei meinen Reisen durch diese Gegend meine
Aufmerksamkeit erregt haben. Von ihnen zogen sich Erlenreihen fort, die den Lauf
der Bche anzeigten.
    Das Haus mute weitlufig sein; denn die Wand, in der sich meine Fenster
befanden, und die ich hinausgebeugt bersehen konnte, war sehr gro. Sie war
glatt mit vorspringenden steinernen Fenstersimsen, und hatte eine grauweiliche
Farbe, mit der sie offenbar erst in neuerer Zeit bertncht worden war.
    Hinter dem Hause mute vielleicht ein Garten oder ein Wldchen sein, weil
ich Vogelgesang herber hrte. Auch war es mir zuweilen, als vernhme ich das
Rauschen des Hofbrunnens.
    Der Tag war heiter.
    Ich harrte nun der Dinge, die kommen sollten.
    Ein Diener rief mich zu dem Frhmahle. Es war zu derselben Zeit wie im
Rosenhause. Als ich in das Speisezimmer getreten war, sagte mir Mathilde, da es
sehr lieb von mir sei, da ich ihre Freunde und ihren Sohn in den Sternenhof
begleitet habe, sie werde sich bemhen, da es mir in demselben gefalle, wozu
ihr ihr Freund, der mir den Asperhof anziehend mache, beistehen msse.
    Ich antwortete, da ich mich auf die Reise in den Sternenhof sehr gefreut
habe, und da ich mich freue, in demselben zu sein. Von einer Bedeutung sei es
nicht, da mir eine Rcksicht zu Teil werde, ich bitte nur, da man, wenn ich
etwas fehle, es nachsehe.
    Nach mir trat Eustach ein. Mathilde begrte auch ihn noch einmal.
    Gustav, der schon zugegen wer, gesellte sich zu mir.
    Die Frauen waren huslich und schn, aber minder einfach als in dem
Rosenhause gekleidet. Meinen Gastfreund sah ich zum ersten Male in ganz anderen
Kleidern als auf seiner Besitzung und auf dem Besuche zu Ingheim. Er war schwarz
mit einem Fracke, der einen etwas weiteren und bequemeren Schnitt hatte als
gewhnlich, und sogar einen leichten Biberhut trug er in der Hand.
    Nach dem Frhmahle sagte Mathilde, sie wolle mir ihre Wohnung zeigen. Die
andern gingen mit. Wir traten aus dem Speisezimmer in einen Vorsaal. Am Ende
desselben wurden zwei Flgeltren aufgetan, und ich sah in eine Reihe von
Zimmern, welche nach der ganzen Lnge des Hauses hinlaufen mute. Als wir
eingetreten waren, sah ich, da in den Zimmern alles mit der grten Reinheit,
Schnheit und Zusammenstimmung geordnet war. Die Tren standen offen, so da man
durch alle Zimmer sehen konnte. Die Gerte waren passend, die Wnde waren mit
zahlreichen Gemlden geziert, es standen Glasksten mit Bchern, es waren
musikalische Gerte da, und auf Gestellen, die an den rechten Orten angebracht
waren, befanden sich Blumen. Durch die Fenster sah die nhere Landschaft und die
ferneren Gebirge herein.
    Es zeigte sich, da diese Zimmer ein schner Spaziergang seien, der unter
dem Dache und zwischen den Wnden hinfhrte. Man konnte sie entlang schreiten,
von angenehmen Gegenstnden umgeben sein, und die Klte oder das Ungestm des
Wetters oder Winters nicht empfinden, whrend man doch Feld und Wald und Berg
erblickte. Selbst im Sommer konnte es Vergngen gewhren, hier bei offenen
Fenstern gleichsam halb im Freien und halb in der Kunst zu wandeln. Da ich
meinen Blick mehr auf das einzelne richtete, fielen mir die Gerte besonders
auf. Sie waren neu und nach sehr schnen Gedanken gebildet. Sie schickten sich
so in ihre Pltze, da sie gewissermaen nicht von auen gekommen, sondern
zugleich mit diesen Rumen entstanden zu sein schienen. Es waren an ihnen sehr
viele Holzarten vermischt, das erkannte ich sehr bald, es waren Holzarten, die
man sonst nicht gerne zu Gerten nimmt, aber sie schienen mir so zu stimmen, wie
in der Natur die sehr verschiedenen Geschpfe stimmen.
    Ich machte in dieser Hinsicht eine Bemerkung gegen meinen Gastfreund, und er
antwortete: Ihr habt einmal gefragt, ob Gegenstnde, die wir in unserem
Schreinerhause neu gemacht haben, in meinem Hause vorhanden seien, worauf ich
geantwortet habe, da nichts von Bedeutung in demselben sei, da sich aber
einige gesammelt in einem anderen Orte befinden, in den ich Euch, wenn Ihr Lust
zu solchen Dingen httet, geleiten wrde. Diese Zimmer hier sind der andere Ort,
und Ihr seht die neuen Gerte, die in unserem Schreinerhause verfertigt worden
sind.
    Es ist aber zu bewundern, wie sehr sie in ihren Abwechslungen und Gestalten
hieher passen, sagte ich.
    Als wir einmal den Plan gefat hatten, die Zimmer Mathildens nach und nach
mit neuen Gerten zu bestellen, erwiderte er, so wurde die ganze Reihe dieser
Zimmer im Grund- und Aufrisse aufgenommen, die Farben bestimmt, welche die Wnde
der einzelnen Zimmer haben sollten, und diese Farben gleich in die Zeichnungen
getragen. Hierauf wurde zur Bestimmung der Gre, der Gestalt und der Farbe,
mithin der Hlzer der einzelnen Gerte geschritten. Die Farbezeichnungen
derselben wurden verfertigt und mit den Zeichnungen der Zimmer verglichen. Die
Gestalten der Gerte sind nach der Art entworfen worden, die wir vom Altertume
lernten, wie ich Euch einmal sagte, aber so, da wir nicht das Altertum geradezu
nachahmten, sondern selbststndige Gegenstnde fr die jetzige Zeit verfertigten
mit Spuren des Lernens an vergangenen Zeiten. Wir sind nach und nach zu dieser
Ansicht gekommen, da wir sahen, da die neuen Gerte nicht schn sind, und da
die alten in neue Rume zu wohnlicher Zusammenstimmung nicht paten. Wir haben
uns selber gewundert, als die Sachen nach vielerlei Versuchen, Zeichnungen und
Entwrfen fertig waren, wie schn sie seien. In der Kunst, wenn man bei so
kleinen Dingen von Kunst reden kann, ist eben so wenig ein Sprung mglich als in
der Natur. Wer pltzlich etwas so Neues erfinden wollte, da weder den Teilen
noch der Gestaltung nach ein hnliches da gewesen ist, der wrde so tricht sein
wie der, der fordern wrde, da aus den vorhandenen Tieren und Pflanzen sich
pltzlich neue, nicht dagewesene entwickeln. Nur da in der Schpfung die
Allmhlichkeit immer rein und weise ist; in der Kunst aber, die der Freiheit des
Menschen anheim gegeben ist, oft Zerrissenheit, oft Stillstand, oft Rckschritt
erscheint. Was die Hlzer anbelangt, so sind da fast alle und die schnsten
Bltter verwendet worden, die wir aus den Knollen der Erlen geschnitten haben,
die in unserer Sumpfwiese gewachsen sind. Ihr knnt sie dann betrachten. Wir
haben uns aber auch bemht, Hlzer aus unserer ganzen Gegend zu sammeln, die uns
schn schienen, und haben nach und nach mehr zusammengebracht, als wir
anfnglich glaubten. Da ist der schneeige glatte Bergahorn, der Ringelahorn, die
Bltter der Knollen von dunkeln Ahorn - alles aus den Alizgrnden -, dann die
Birke von den Wnden und Klippen der Aliz, der Wachholder von der drren,
schiefen Haidefiche, die Esche, die Eberesche, die Eibe, die Ulme, selbst
Knorren von der Tanne, der Haselstrauch, der Kreuzdorn, die Schlehe und viele
andere Gestruche, die an Festigkeit und Zartheit wetteifern, dann aus unseren
Grten der Wallnubaum, die Pflaume, der Pfirsich, der Birnbaum, die Rose.
Eustach hat die Bltter der Hlzer alle gemalt und zur Vergleichung
zusammengestellt, er kann Euch die Zeichnung einmal im Asperhofe zeigen und die
vielen Arten noch angeben, die ich hier nicht genannt habe. In der Holzsammlung
mssen sie ja auch vorhanden sein.
    Ich betrachtete die Sachen genauer. Die Erlenbltter, von denen mir mein
Gastfreund im vorigen Jahre gesagt hatte, da sie an einem anderen Orte
verwendet worden seien, waren in der Tat auerordentlich, so feurig und fast
erhaben, auch ungemein gro, alles andere Holz, wie zart, wie schn in der
Zusammenstellung, da man gar nicht ahnen sollte, da dies in unseren Wldern
ist. Und die Gestalten der Gerte, wie leicht, wie fein, wie anschmiegend, sie
waren ganz anders, als die jetzt verfertigt werden, und waren doch neu und fr
unsere Zeit passend. Ich erkannte, welch ein Wert in den Zeichnungen liege, die
Eustach habe. Ich dachte an meinen Vater, der solche Dinge so liebt. Ach wenn er
nur hier wre, da er sie sehen knnte. Mir war, als gingen mir neue Kenntnisse
auf. Ich wagte einen Blick auf Natalie, ich wendete ihn aber schnell wieder weg;
sie stand so in Gedanken, da ich glaube, da sie errtete, als ich sie
anblickte.
    Mathilde sagte zu Eustach: Es ist im Verlaufe der Zeit, ohne da eine
absichtliche Strung vorgekommen wre, manches hier anders geworden und nicht
mehr so schn als anfangs. Wir werden es einmal, wenn Ihr Zeit habt und herber
kommen wollt, ansehen, Ihr knnt die Fehler erkennen und Mittel zur Abhilfe an
die Hand geben.
    Wir gingen nun weiter. Durch eine geffnete Tr gelangten wir in Zimmer,
welche in einer anderen Richtung des Hauses lagen. Die durchwanderten hatten
nach Sd gesehen, diese sahen nach West. Es war ein groer Saal und zwei
Seitengemcher. Waren die frheren Zimmer lieb und wohnlich gewesen, so waren
diese wahrhaft prachtvoll. Der Saal war mit Marmor gepflastert, die Zimmer
hatten altertmliche Wandbekleidung, altertmliche Fenstervorhnge und
altertmliche Gerte, der Fuboden des Saales enthielt die schnsten, seltensten
und zahlreichsten Gattungen unsers Marmors, nach einer Zeichnung eingelegt, und
so geglttet, da er alle Dinge spiegelte. Es war der ernsteste und feurigste
Teppich. Wir muten hier auch Filzschuhe anlegen. Auf diesem Spiegelboden
standen die schnsten und wohlerhaltensten alten Schreine und andere
Einrichtungsstcke. Es waren hier die grten versammelt. In den zwei
anstoenden Gemchern standen auf feurig farbigen Holzteppichen die kleineren,
zarteren und feineren. Waren gleich die altertmlichen Gerte nicht schner als
die bei meinem Gastfreunde - ich glaube, schnere wird es kaum geben-, so zeigte
sich hier eine Zusammenstimmung, als mten die, welche diese Dinge ursprnglich
hatten herrichten lassen, in ihren einstigen Trachten bei den Tren hereingehen.
Es ergriff einen ein Gefhl eines Bedeutungsvollen.
    Die Marmore, sagte mein Gastfreund, sind aller Orten erworben,
geschliffen, geglttet und nach einer altertmlichen Zeichnung vieler
Kirchenfenster eingesetzt worden.
    Aber da Ihr die Gerte so zusammen gefunden hat, da sie wie ein Einziges
stimmen, ist zu verwundern, sagte ich.
    Also empfindet Ihr, da sie stimmen? erwiderte er. Seht, das ist mir
lieb, da Ihr das sagt. Ihr seid ein Beobachter, der nicht von der Sucht nach
Altem befangen ist, wie uns unsere Gegner vorwerfen. Ihr empfangt also das
Gefhl von den Gegenstnden, und tragt es nicht in dieselben hinein, wie auch
unsere Gegner von uns sagen. Die Sache aber ist nur so: als man die Nichtigkeit
und Leere der letztvergangenen Zeiten erkannte, und wieder auf das Alte zurck
wies, und es nicht mehr als Plunder und Trdel ansah, sondern Schnes darin
suchte: da geschahen freilich trichte Dinge. Man sammelte wieder Altes und nur
Altes. Statt der neuen Mode mit neuen Gegenstnden kam die neueste mit alten
Gegenstnden. Man raffte Schreine, Betschemel, Tische und dergleichen zusammen,
weil sie alt waren, nicht weil sie schn waren, und stellte sie auf. Da standen
nun Dinge beisammen, die in ihren Zeiten weit von einander ablagen, es konnte
nicht fehlen, da ein Widerwrtiges herauskam, und da die Feinde des Alten,
wenn sie Gefhl hatten, sich abwenden muten. Nichts aber kann so wenig passen
als alte Dinge von sehr verschiedenen Zeiten. Die Voreltern legten so sehr einen
eigentmlichen Geist in ihre Dinge - es war der Geist ihres Gemtes und ihres
allgemeinen Gefhlslebens -, da sie diesem Geiste sogar den Zweck opferten. Man
bringt Linnen, Kleider und dergleichen in neue Gerte zweckmiger unter als in
alte. Man kann daher alte Gerte von ziemlich gleicher Zeit, aber verschiedenem
Zwecke ohne groe Strung des Geistes der Traulichkeit und Innigkeit, der in
ihnen wohnt, zusammenstellen, whrend von unseren Gerten, die keinen Geist,
aber einen Zweck haben, sogleich ein Widersinniges ausgeht, wenn man Dinge
verschiedenen Gebrauches in dasselbe Zimmer tut, wie etwa den Schreibtisch, den
Waschtisch, den Bcherschrein und das Bett. Die grte Wirkung erzielt man
freilich, wenn man alte Gerte aus derselben und guten Zeit, die also denselben
Geist haben, und auch Gerte des nmlichen Zweckes in ein Zimmer bringt. Da
spricht nun in der Wirklichkeit etwas ganz anderes als bei unseren neuen
Dingen.
    Und das scheint mir hier der Fall zu sein, sagte ich.
    Es ist nicht alles alt, erwiderte er. Viele Dinge sind so
unwiederbringlich verloren gegangen, da es fast unmglich ist, eine ganze
Wohnung mit Gegenstnden aus derselben Zeit einzurichten, da kein notwendiges
Stck fehlt. Wir haben daher lieber solche Stcke im alten Sinne neu gemacht,
als alte Stcke von einer ganz anderen Zeit zugemischt. Damit aber niemand irre
gefhrt werde, ist an jedem solchen altneuen Stcke ein Silberplttchen
eingefgt, auf welchem die Tatsache in Buchstaben eingegraben ist.
    Er zeigte mir nun jene Gegenstnde, welche in dem Schreinerhause als
Ergnzung hinzugemacht worden sind.
    Trotzdem war bei mir der Eindruck immer derselbe, und ich hatte bestndig
und bestndig den Gedanken an meinen Vater in dem Haupte. Man fhrte mich auch
zu den alten, schweren, mit Gold und Silber durchwirkten Fenstervorhngen und
zeigte mir dieselben als cht, so auch die ledernen, mit Farben und
Metallverzierungen versehenen Belege der Zimmerwnde. Nur hat man da in dem
Leder nachhelfen und ihm Nahrung geben mssen.
    Als ich diese ernsten und feierlichen Gemcher genugsam betrachtet hatte,
ffnete Mathilde das schwere Schlo der Ausgangstr, und wir kamen in mehrere
unbedeutende Rume, die nach Norden sahen, worunter auch der allgemeine
Eintrittssaal und das Speisezimmer waren. Von da gelangten wir in den Flgel,
dessen Fenster die Morgensonne hatten. Hier waren die Wohnzimmer Mathildens und
Nataliens. Jede hatte ein greres und ein kleineres Gemach. Sie waren einfach
mit neuen Gerten eingerichtet und drckten durch Dinge unmittelbaren Gebrauches
die Bewohntheit aus, ohne da ich die vielen Spielereien sah, mit denen gerne,
zwar nicht bei meinen Eltern, aber an anderen Orten unserer Stadt die Zimmer der
Frauen angefllt sind. In jeder der zwei Wohnungen sah ich eine der Zithern, die
in dem Rosenhause gewesen waren. Bei Natalien herrschten besonders Blumen vor.
Es standen Gestelle herum, auf welche sie von dem Garten herauf gebracht worden
waren, um hier zu verblhen. Auch standen grere Pflanzen, namentlich solche,
welche schne Bltter oder einen schnen Bau hatten, in einem Halbkreise und in
Gruppen auf dem Fuboden.
    In einem Vorsaale, der den Eintritt zu diesen Wohnungen bildete, befand sich
ein Klavier.
    Die Zimmer im zweiten Stockwerke des Hauses waren geblieben, wie sie frher
gewesen waren. Sie sahen so aus, wie sie gerne in weitlufigen alten Schlssern
auszusehen pflegen. Sie waren mit Gerten vieler Zeiten, die meistens ohne
Geschmack waren, mit Spielereien vergangener Geschlechter, mit einigen Waffen,
und mit Bildern, namentlich Bildnissen, die nach der Laune des Tages gemacht
waren, angefllt. Namentlich waren an den Wnden der Gnge Abbildungen
aufgehngt von groen Fischen, die man einmal gefangen, nebst beigefgter
Beschreibung, von Hirschen, die man geschossen, von Federwild, von Wildschweinen
und dergleichen. Auch Lieblingshunde fehlten nicht. In diesem Stockwerke waren
nach Sden die Gastzimmer, und der Flgel derselben war geordnet worden. Hier
befand sich auch mein Zimmer nebst dem Gustavs.
    Nach der Besichtigung der Zimmer gingen wir in das Freie. Die breite
Haupttreppe aus rotem Marmor fhrte in den Hof hinab. Derselbe zeigte, wie gro
das Gebude sei. Er war von vier ganz gleichen, langen Flgeln umschlossen. In
seiner Mitte war ein Becken von grauem Marmor, in welches sich aus einer
Verschlingung von Wassergttinnen vier Strahlen ergossen. Um das Becken standen
vier Ahorne, welche gewi nicht kleiner waren als die, welche den Schlohgel
sumten. Auf dem Sandplatze unter den Ahornen waren Ruhebnke ebenfalls aus
grauem Marmor. Von diesem Sandplatze liefen Sandwege wie Strahlen auseinander.
Der brige Raum war gleichfrmiger Rasen, nur da an den Mauern des Hauses eine
Pflasterung von glatten Steinen herum fhrte.
    Von dem Hofe gingen wir bei dem groen Tore hinaus. Ich wendete mich, da wir
drauen waren, unwillkrlich um, um das Gebude zu betrachten. ber dem Tore war
ein ziemlich umfangreiches steinernes Schild mit sieben Sternen. Sonst sah ich
nichts, als was ich bei meinem Morgenausblicke aus dem Fenster schon gesehen
hatte. Wir gingen auf einem Sandwege des grnen Rasens, wir umgingen das Haus,
und gelangten hinter demselben in den Garten. Hier sah ich, was ich mir schon
frher gedacht hatte, da das Gebude, welches man wohl ein Schlo nennen mute,
nur aus den vier groen Flgeln bestehe, welche ein vollkommenes Viereck
bildeten. Die Wirtschaftsgebude standen ziemlich weit entfernt in dem Tale.
    Der Garten begann mit Blumen, Obst und Gemse, zeigte aber, da er in der
Entfernung mit etwas endigen msse, das wie ein Laubwald aussah. Alles war rein
und schn gehalten. Der Garten war auch hier mit gefiederten Bewohnern
bevlkert, und man hatte hnliche Vorrichtungen wie im Asperhofe. Die Bume
standen daher auch vortrefflich und gesund. Rosen zeigten sich ebenfalls viele,
nur nicht in so besonderen Gruppierungen wie bei meinem Gastfreunde. Die
Gewchshuser des Gartens waren ausgedehnt und weit grer und sorgfltiger
gepflegt als auf dem Asperhofe. Der Grtner, ein junger und, wie es schien,
unterrichteter Mann, empfing uns mit Hflichkeit und Ehrfurcht am Eingange
derselben. Er zeigte mir mit mehr Genauigkeit seine Schtze, als ich mit der
Rcksicht auf meine Begleiter, denen nichts neu war, fr vereinbarlich hielt. Es
waren viele Pflanzen aus fremden Weltteilen da, sowohl im warmen als im kalten
Hause. Besonders erfreut war er ber seine reiche Sammlung von Ananas, die einen
eigenen Platz in einem Gewchshause einnahmen.
    Nicht weit hinter dem Gewchshause stand eine Gruppe von Linden, welche
beinahe so schn und so gro waren wie die in dem Garten des Asperhofes. Auch
war der Sand unter ihrem Schattendache so rein gefegt, und um die hnlichkeit zu
vollenden, liefen auf demselben Finken, Ammern, Schwarzkehlchen und andere Vgel
so traulich hin wie auf dem Sande des Rosenhauses. Da Bnke unter den Linden
standen, ist natrlich. Die Linde ist der Baum der Wohnlichkeit. Wo wre eine
Linde in deutschen Landen - und gewi ist es in andern auch so -, unter der
nicht eine Bank stnde, oder auf der nicht ein Bild hinge, oder neben welcher
sich nicht eine Kapelle befnde. Die Schnheit ihres Baues, das berdach ihres
Schattens und das gesellige Summen des Lebens in ihren Zweigen ladet dazu ein.
Wir gingen in den Schatten der Linden.
    Das ist eigentlich der schnste Platz in dem Sternenhofe, sagte Mathilde,
und jeder, der den Garten besucht, mu hier ein wenig ruhen, daher sollt Ihr
auch so tun.
    Mit diesen Worten wies sie auf die Bnke, die fast in einem Bogen unter den
Stmmen der Linden standen, und hinter denen sich eine Wand grnen Gebsches
aufbaute. Wir setzten uns nieder. Das Summen, wie es jedes Mal in diesen Bumen
ist, war gleichmig ber unserm Haupte, das stumme Laufen der Vgel ber den
reinen Sand war vor unsern Augen, und ihr gelegentlicher Aufflug in die Bume
tnte leicht in unsere Ohren.
    Nach einiger Zeit bemerkte ich, da auch mit Unterbrechungen ein leises
Rauschen hrbar sei, gleichsam als wrde es jetzt von einem leichten Lftchen
hergetragen, jetzt nicht. Ich uerte mich darber.
    Ihr habt recht gehrt, sagte Mathilde, wir werden die Sache gleich
sehen.
    Wir erhoben uns und gingen auf einem schmalen Sandpfade durch die Gebsche,
die sich in geringer Entfernung hinter den Linden befanden. Als wir etwa vierzig
oder fnfzig Schritte gegangen waren, ffnete sich das Dickicht, und ein freier
Platz empfing uns, der rckwrts mit dichtem Grn geschlossen war. Das Grn
bestand aus Efeu, welcher eine Mauer von groen Steinen bekleidete, die an ihren
beiden Enden riesenhafte Eichen hatte. In der Mitte der Mauer war eine groe
ffnung, oben mit einem Bogen begrenzt, gleichsam wie eine groe Nische oder wie
eine Tempelwlbung. Im Innern dieser Wlbung, die gleichfalls mit Eppich
berzogen war, ruhte eine Gestalt von schneeweiem Marmor - ich habe nie ein so
schimmerndes und fast durchsichtiges Wei des Marmors gesehen, das noch
besonders merkwrdig wurde durch das umgebende Grn. Die Gestalt war die eines
Mdchens, aber weit ber die gewhnliche Lebensgre, was aber in der Efeuwand
und neben den groen Eichen nicht auffiel. Sie sttzte das Haupt mit der einen
Hand, den anderen Arm hatte sie um ein Gef geschlungen, aus welchem Wasser in
ein vor ihr befindliches Becken rann. Aus dem Becken fiel das Wasser in eine in
den Sand gemauerte Vertiefung, von welcher es als kleines Bchlein in das
Gebsch lief.
    Wir standen eine Weile, betrachteten die Gestalt und redeten ber sie.
Eustach und ich kosteten auch mittelst einer alabasternen Schale, die in einer
Vertiefung des Efeus stand, von dem frischen Wasser, welches sich aus dem Gefe
ergo.
    Hierauf gingen wir hinter der Eppichwand ber eine Steintreppe empor und
erstiegen einen kleinen Hgel, auf welchem sich wieder Sitze befanden, die von
verschiedenen Gebschen beschattet waren. Gegen das Haus zu aber gewhrten sie
die Aussicht. Wir muten uns hier wieder ein wenig setzen. Zwischen den Eichen,
gleichsam wie in einem grnen, knorrigen Rahmen, erschien das Haus. Mit seinem
hohen, steilen Dache von altertmlichen Ziegeln und mit seinen breiten und
hochgefhrten Rauchfngen glich es einer Burg, zwar nicht einer Burg aus den
Ritterzeiten, aber doch aus den Jahren, in denen man noch den Harnisch trug,
aber schon die weichen Locken der Percke auf ihn herabfallen lie. Die Schwere
einer solchen Erscheinung sprach sich auch in dem ganzen Bauwerke aus. Zu beiden
Seiten des Schlosses sah man die Landschaft und hinten das liebliche Blau der
Gebirge. Die dunkeln Gestalten der Linden, unter denen wir gesessen waren,
befanden sich weiter links und strten die Aussicht nicht.
    Man hat sehr mit Unrecht in neuerer Zeit die Mauern dieses Schlosses mit
der weigrauen Tnche berzogen, sagte mein Gastfreund, wahrscheinlich um es
freundlicher zu machen, welche Absicht man sehr gerne zu Ende des vorigen
Jahrhunderts an den Tag legte. Wenn man die groen Steine, aus denen die
Hauptmauern errichtet sind, nicht bestrichen htte, so wrde das natrliche Grau
derselben mit dem Rostbraun des Daches und dem Grn der Bume einen sehr
zusammenstimmenden Eindruck gemacht haben. Jetzt aber steht das Schlo da wie
eine alte Frau, die wei gekleidet ist. Ich wrde den Versuch machen, wenn das
Schlo mein Eigentum wre, ob man nicht mit Wasser und Brsten und zuletzt auf
trockenem Wege mit einem feinen Meiel die Tnche beseitigen knnte. Alle Jahre
eine mige Summe darauf verwendet, wrde jhrlich die Aussicht, des widrigen
Anblickes erledigt zu werden, angenehm vermehren.
    Wir knnen ja den Versuch nahe an der Erde machen und aus der Arbeit einen
ungefhren Kostenanschlag verfertigen, sagte Mathilde; denn ich gestehe gerne
zu, da mich auch der Anblick dieser Farbe nicht erfreut, besonders, da die
Auenseite der Mauern ganz von Steinen ist, die mit feinen Fugen an einander
stoen, und man also bei Erbauung des Hauses auf keine andere Farbe als die der
Steine gerechnet hat. Jetzt ist das Schlo von innen viel natrlicher und, wenn
auch nicht an eine Kunstzeit erinnernd, doch in seiner Art zusammen stimmender
als von auen.
    Das Grau der Mauer mit den grauen Steinsimsen der Fenster, die nicht
ungeschickt gegliedert sind, mit der Hhe und Breite der Fenster, deren
Verhltnis zu den festen Zwischenrumen ein richtiges ist, wrde, glaube ich,
dem Hause ein schneres Ansehen geben, als man jetzt ahnt, sagte Eustach.
    Mir fielen bei dieser uerung die Worte ein, welche mein Gastfreund einmal
zu mir gesagt hatte, da alte Gerte in neuen Husern nicht gut stehen. Ich
erinnerte mich, da in dem Saale und in den alt eingerichteten Gemchern dieses
Schlosses die hohen Fenster, die breiten Rume zwischen ihnen und die
eigentmlich gestalteten Zimmerdecken den Gerten sehr zum Vorteile gereichten,
was in Zimmern der neuen Art gewi nicht der Fall gewesen wre.
    Als wir so sprachen, kamen Natalie und Gustav, die bei der Nymphe des
Brunnens zurckgeblieben waren, die Steintreppe zu uns empor. Die Angesichter
waren sanft gertet, die dunkeln Augen blickten heiter in das Freie, und die
beiden jugendlichen Gestalten stellten sich mit einer anmutigen Bewegung hinter
uns.
    Von diesem Hgel der Eichenaussicht gingen wir weiter in den Garten zurck,
und gelangten endlich in das Gemisch von Ahornen, Buchen, Eichen, Tannen und
anderen Bumen, welches wie ein Wldchen den Garten schlo. Wir gingen in den
Schatten ein, und die Freudenuerungen und das Geschmetter der Vgel war kaum
irgendwo grer als hier. Wir besuchten Stellen, wo man der Natur nachgeholfen
hatte, um diese Abteilung noch angenehmer zu machen, und Gustav zeigte mir
Bnke, Tischchen und andere Pltze, wo er mit Natalien gesessen war, wo sie
gelernt, wo sie als Kinder gespielt hatten. Wir gingen an den wunderbar von
Licht und Schatten gesprenkelten Stmmen dahin, wir gingen ber die dunkeln und
die leuchtenden Stellen der Sandwege, wir gingen an reichen grnenden Bschen,
an Ruhebnken und sogar an einer Quelle vorbei, und kamen durch Wendungen, die
ich nicht bemerkt hatte, an einer Stelle wieder in den freien Garten zurck, die
an der entgegengesetzten Seite von der lag, bei welcher wir das Wldchen
betreten hatten.
    Wir lieen jetzt die zwei groen Eichen links, eben so die Linden, und
gingen auf einem anderen Wege in das Schlo zurck.
    Das Mittagessen wurde an dem uerst schnen Grn des Hgels unmittelbar vor
dem Hause unter einem Dache von Linnen eingenommen.
    Am Nachmittage besprachen sich Mathilde und Eustach vorlufig ber das, was
in Hinsicht der Beschdigungen geschehen knnte, welche die neuen Gerte in den
Sdzimmern sowie die Fubden und zum Teile auch die alten Gerte in den
Westzimmern in der Zeit erlitten hatten. Gegen Abend wurden der Meierhof und die
Wirtschaftsgebude besucht.
    So wie Mathilde in dem Rosenhause um den weiblichen Anteil des Hauswesens
sich bekmmert, alles, was dahin einschlug, besehen und Anleitungen zu
Verbesserungen gegeben hatte: so tat es mein Gastfreund in dem Sternenhofe mit
allem, was auf die uere Verwaltung des Besitzes Bezug hatte, worin er mehr
Erfahrung zu haben schien als Mathilde. Er ging in alle Rume, besah die Tiere
und ihre Verpflegung, und besah die Anstalten zur Bewahrung oder Umgestaltung
der Wirtschaftserzeugnisse. War mir dieses Verhltnis schon in dem Rosenhause
ersichtlich gewesen, so war es hier noch mehr der Fall. In den Handlungen meines
Gastfreundes und in dem kleinen Teile, den ich von seinen Gesprchen mit
Mathilde ber husliche Dinge hrte, zeigte er sich als ein Mann, der mit der
Bewirtschaftung eines groen Besitzes vertraut ist, und die Pflichten, die ihm
in dieser Hinsicht zufallen, mit Eifer, mit Umsicht und mit einem Blicke ber
das Ganze erfllt, ohne eben deshalb die Grenzen zu berhren, innerhalb welcher
die Geschfte einer Frau liegen. Das geschah so natrlich, als mte es so sein,
und als wre es nicht anders mglich.
    Von dem Meierhofe gingen wir in die Wiesen und auf die Felder, welche zu der
Besitzung gehrten. Wir gingen endlich ber die Grenzen des Besitztumes hinaus,
gingen ber den Boden anderer Menschen, die wir zum Teile arbeitend auf den
Feldern trafen, und mit denen wir redeten. Wir gelangten endlich auf eine
Anhhe, die eine groe Umsicht gewhrte. Wir blieben hier stehen. Das erste, auf
das wir blickten, war das Schlo mit seinem grnen Hgel und im Schoe seiner
umgrtenden Ahorne und des begrenzenden Gartenwaldes. Dann gingen wir auf andere
Punkte ber. Man zeigte und nannte mir die einzelnen Huser, die zerstreut in
der Landschaft lagen und durch die Linien von Obstbumen, die hier berall durch
das Land gingen, wie durch grne Ketten zusammenhingen. Dann kam man auf die
entfernteren Ortschaften, deren Trme hier zu erblicken waren. In diesem Stoffe
konnte ich schon mehr mitreden, da mir die meisten Orte bekannt waren. Als wir
aber mit unsern Augen in die Gebirge gelangten, war ich fast der Bewandertste.
Ich geriet nach und nach in das Reden, da man mich um verschiedene Punkte
fragte, und sah, da ich Antwort zu geben wute. Ich nannte die Berge, deren
Spitzen erkennbar hervortraten, ich nannte auch Teile von ihnen, ich bezeichnete
die Tler, deren Windungen zu verfolgen waren, zeigte die Schneefelder, bemerkte
die Einsattlungen, durch welche Berge oder ganze Gebirgszge zusammenhingen oder
getrennt waren, und suchte die Richtungen zu verdeutlichen, in denen bekannte
Gebirgsortschaften lagen oder bekannte Menschenstmme wohnten. Natalie stand
neben mir, hrte sehr aufmerksam zu, und fragte sogar um einiges.
    Als die Sonne untergegangen war und die sanfte Glut von den Gipfeln der
Hochgebirge sich verlor, gingen wir in das Schlo zurck.
    Das Abendessen wurde in dem Speisezimmer eingenommen.
    So brachten wir mehrere Tage in freundlichem Umgange und in heiteren,
mitunter belehrenden Gesprchen hin.
    Endlich rsteten wir uns zur Abreise. Am frhesten Morgen war der Wagen
bespannt. Mathilde und Natalie waren aufgestanden, um uns Lebewohl zu sagen.
Mein Gastfreund nahm Abschied von Mathilde und Natalie, Eustach und Gustav
verabschiedeten sich, und ich glaubte auch einige Worte des Dankes fr die
gtige Aufnahme an Mathilde richten zu mssen. Sie gab eine freundliche Antwort
und lud mich ein, bald wieder zu kommen. Selbst zu Natalie sagte ich ein Wort
des Abschiedes, das sie leise erwiderte.
    Wie sie so vor mir stand, begriff ich wieder, wie ich bei ihrem ersten
Anblicke auf den Gedanken gekommen war, da der Mensch doch der hchste
Gegenstand fr die Zeichnungskunst sei, so s gehen ihre reinen Augen und so
lieb und hold gehen ihre Zge in die Seele des Betrachters.
    Wir stiegen in den Wagen, fuhren den grnen Rasenhgel hinab, wendeten
unsern Weg gegen Norden, und kamen spt in der Nacht im Rosenhause an.
    Mein Bleiben war nun in diesem Hause nicht mehr lange; denn ich hatte keine
Zeit mehr zu verlieren. Ich packte meine Sachen ein, bezeichnete die Kisten und
Koffer, welchen Weg sie zu nehmen htten, besuchte alle, von denen ich glaubte,
Abschied nehmen zu mssen, dankte meinem Gastfreunde fr alle Gte und
Freundlichkeit, leistete das Versprechen, wieder zu kommen, und wanderte eines
Tages ber den Rosenhgel hinunter. Da es zu einer Zeit geschah, in welcher
Gustav frei war, begleitete er und Eustach mich eine Stunde Weges.

                                  Zweiter Band



                               1. Die Erweiterung

Ich ging an den Ort, wo ich meine Arbeiten abgebrochen hatte. Die Leute, welche
von meiner Absicht wieder zu kommen unterrichtet waren, hatten mich schon lange
erwartet. Der alte Kaspar, welcher mein treuester Begleiter auf meinen
Gebirgswanderungen war und meistens in einem Ledersacke die wenigen Lebensmittel
trug, welche wir fr einen Tag brauchten, hatte schon mehrere Male in dem
Ahornwirtshause um mich gefragt, und war gewhnlich, wie mir die Wirtin sage,
ehe er eintrat, ein wenig auf der Gasse stehen geblieben und hatte auf die
vielen Fenster, welche von der hlzernen Zimmerung des Hauses auf die Ahorne
hinausschauten, empor geblickt, um zu sehen, ob nicht aus einem derselben mein
Haupt hervor rage. Jetzt sa er wieder bei mir an dem langen Fichtentische unter
den grnen Bumen, und die andern, denen er Botschaft getan hatte, fanden sich
ein. Ich war sehr erfreut, und es rhrte mein Herz, als ich sah, da diese Leute
mit Vergngen mein Wiederkommen ansahen und sich schon auf die Fortsetzung der
Arbeit freuten.
    Ich ging sehr rstig daran, gleichsam als ob mich mein Gewissen drngte,
das, was ich durch die lngere Abwesenheit versumt hatte, einzubringen. Ich
arbeitete fleiiger und ttiger als in allen frheren Zeiten, wir durchforschten
die Bergwnde lngs ihrer Einlagerungen in die Talsohlen und in ihren
verschiedenen Hhepunkten, die uns zugnglich waren, oder die wir uns durch
unsere Hmmer und Meiel zugnglich machten. Wir gingen die Tler entlang und
sphten nach Spuren ihrer Zusammensetzungen, und wir begleiteten die Wasser, die
in den Tiefen gingen, und untersuchten die Gebilde, welche von ihnen aus
entlegenen Stellen hergetragen und immer weiter und weiter geschoben wurden. Der
Hauptsammelplatz fr uns blieb das Ahornhaus, und wenn wir auch oft lnger von
demselben abwesend waren und in anderen Gebirgswirtshusern oder bei
Holzknechten oder auf einer Alpe oder gar im Freien bernachteten, so kamen wir
in Zwischenrumen doch immer wieder in das Ahornhaus zurck, wir wurden dort als
Eingebrgerte betrachtet, meine Leute fanden ihre Schlafstellen im Heu, ich
hatte mein bestndiges wohleingerichtetes Zimmer, und hatte ein Gela, in
welches ich meine gesammelten Gegenstnde konnte bringen lassen.
    Oft, wenn ich von dem Arbeiten ermdet war, oder wenn ich glaubte, in dem
Einsammeln meiner Gegenstnde genug getan zu haben, sa ich auf der Spitze eines
Felsens und schaute sehnschtig in die Landschaftsgebilde, welche mich umgaben,
oder blickte in einen der Seen nieder, wie sie unser Gebirge mehrere hat, oder
betrachtete die dunkle Tiefe einer Schlucht, oder suchte mir in den Mornen
eines Gletschers einen Steinbock aus und sa in der Einsamkeit und schaute auf
die blaue oder grne oder schillernde Farbe des Eises. Wenn ich wieder talwrts
kam und unter meinen Leuten war, die sich zusammenfanden, war es mir, als sei
mir alles wieder klarer und natrlicher.
    Von einem Jgersmanne, welcher aber mehr ein Herumstreicher war, als da er
an einem Platze durch lange Zeit als ein mit dem Bezirke und mit dem Wildstande
vertrauter Jger gedient htte, lie ich mir eine Zither ber die Gebirge
herber bringen. Er kannte, eben weil er nirgends lange blieb und an allen Orten
schon gedient hatte, das ganze Gebirge genau, und wute, wo die besten und
schnsten Zithern gemacht wrden. Er konnte dies darum auch am besten
beurteilen, weil er der fertigste und berhmteste Zitherspieler war, den es im
Gebirge gab. Er brachte mir eine sehr schne Zither, deren Griffbrett von
rabenschwarzem Holze war, in welchem sich aus Perlenmutter und Elfenbein
eingelegte Verzierungen befanden, und auf welchem die Stege von reinem,
glnzenden Silber gemacht waren. Die Bretter, sagte mein Bote, knnten von
keiner singreicheren Tanne sein; sie ist von dem Meister gesucht und in guten
Zeichen und Jahren eingebracht worden. Die Flein der Zither waren
elfenbeinerne Kugeln. Und in der Tat, wenn der Jgersmann auf ihr spielte, so
meinte ich nie einen seren Ton auf einem menschlichen Gerte gehrt zu haben.
Selbst was Mathilde und Natalie in dem Rosenhause gespielt hatten, war nicht so
gewesen; ich hatte weit und breit nichts gehrt, was an die Handhabung der
Zither durch diesen Jgersmann erinnerte. Ich lie ihn gerne in meiner Gegenwart
auf meiner Zither spielen, weil ihm keine so klang wie diese, und weil er sagte,
sie msse eingespielt werden. Er wurde mein Lehrer im Zitherspiele, und ich nahm
mir vor, da ich sah, da er meine Zither allen anderen vorzog, ihm, wenn ich
Ursache htte, mit unseren Lehrstunden zufrieden zu sein, eine gleiche zu
kaufen. Er hatte nmlich erzhlt, da der Meister mehrere aus dem gleichen Holze
wie die meinige und in gleicher Art gefertigt habe. Da sie nun ziemlich teuer
gewesen war, so schlo ich, da der Meister die gleichen nicht so schnell werde
verkaufen knnen, und da noch eine werde brig sein, wenn ich meinem Lehrer zu
dem gewhnlichen Lohne, den ich ihm in Geld zugedacht habe, noch dieses Geschenk
wrde hinzufgen wollen.
    Ich begann in demselben Sommer auch, mir eine Sammlung von Marmoren
anzulegen. Die Stcke, die ich gelegentlich fand, oder die ich mir erwarb,
wurden zu kleinen Krpern geschliffen, gleichsam dicken Tafeln, die auf ihren
Flchen die Art des Marmors zeigten. Wenn ich grere Stcke fand, so bestimmte
ich sie auer dem, da ich die gleiche Art in Tafeln in die Sammlung tat, zu
allerlei Gegenstnden, zu kleinen Dingen des Gebrauches auf Schreibtischen,
Schreinen, Waschtischen, oder zu Teilen von Gerten oder zu Gerten selbst. Ich
hoffte meinem Vater und meiner Mutter eine groe Freude zu machen, wenn ich nach
und nach als Nebengewinn meiner Arbeiten eine Zierde in ihr Haus oder gar in den
Garten brchte; denn ich sann auch darauf, aus einem Blocke, wenn ich einen
fnde, der gro genug wre, ein Wasserbecken machen zu lassen.
    Im Lautertale fand ich einmal Roland, den Bruder Eustachs. Er hatte in einer
alten Kirche gezeichnet, und war jetzt damit beschftigt, im Gasthause des
Lautertales diese Zeichnungen und einige andere, welche er in der Nhe entworfen
hatte, mehr in das Reine zu bringen. Es befand sich nmlich nicht weit von
Lautertal ein einsamer Hof oder eigentlich mehr ein festes, steinernes
schloartiges Haus, welches einmal einer Familie gehrt hatte, die durch Handel
mit Gebirgserzeugnissen und durch immer ausgedehnteren Verkehr in viele Gegenden
der Erde wohlhabend und durch Entartung ihrer Nachkommen, durch den Leichtsinn
derselben und durch Verschwendung wieder arm geworden war. Einer dieses
Geschlechtes hatte das groe steinerne Haus gebaut. Es gehrte jetzt einem
fremden Herrn aus der Stadt, welcher es seiner Lage und seiner Seltenheiten
willen gekauft hatte und es zuweilen besuchte. In dem Hause waren schne
Bauwerke, schne Steinarbeiten und schne Arbeiten aus Holz, teils in
Zimmerdecken, Tren und Fubden, teils in Gerten. Die Holzarbeit mute einmal
im Gebirge viel blhender gewesen sein als jetzt. Von diesen Gegenstnden durfte
nichts aus dem Hause gebracht werden, auch wurde von ihnen nichts verkauft.
Roland hatte die Erlaubnis erhalten zu zeichnen, was ihm als zeichnungswrdig
erscheinen wrde. Dieses Zweckes halber hielt er sich im Lautertalwirtshause
auf. Ich besuchte mit ihm fter das Haus, und wir gerieten in mannigfache
Gesprche, namentlich wenn wir abends, nachdem wir beide unser Tagewerk getan
hatten, an dem Wirtstische in der groen Stube zusammen kamen. Ich fand in ihm
einen sehr feurigen Mann von starken Entschlssen und von heftigem Begehren, sei
es, da ein Gegenstand der Kunst sein Hetz erfllte, oder da er sonst etwas in
den Bereich seines Wesens zu ziehen strebte. Er verlie diese Sttte frher als
ich.
    Ehe mich meine Geschfte aus der Gegend fhrten, fand ich noch etwas, das
mich meines Vaters willen sehr freute. Kaspar hatte fters meinen und Rolands
Gesprchen zugehrt und mitunter sogar in die Zeichnungen geblickt. Einmal sagte
er mir, da, wenn ich an alten Dingen so ein Vergngen htte, er mir etwas
zeigen knne, das sehr alt und sehr merkwrdig wre. Es gehre einem
Holzknechte, der ein Haus, einen Garten und ein kleines Feldwesen habe, das von
seinem Weibe und seinen heranwachsenden Kindern besorgt werde. Wir gingen einmal
auf meine Anregung in das Haus hinauf, das jenseits eines Waldarmes mitten in
einer trockenen Wiese nicht weit von kleinen Feldern und hart an einem groen
vereinzelten Steinblocke lag, wie sie sich losgerissen oft im Innern von
fruchtbaren Grnden befinden. Das alte Werk, welches ich hier traf, war die
Vertfelung von zwei Fensterpfeilern, ungefhr halbmanneshoch. Es war offenbar
der Rest einer viel greren Vertfelung, welche in der angegebenen Hhe auf dem
Fuboden lngs der ganzen Wnde eines Zimmers herum gelaufen war. Hier bestanden
nur mehr die Verkleidungen von zwei Fensterpfeilern; aber sie waren vollkommen
ganz. Halberhabne Gestalten von Engeln und Knaben, mit Laubwerk umgeben, standen
auf einem Sockel und trugen zarte Simse. Der Besitzer des Huschens hatte die
zwei Verkleidungen in seiner Prunkstube so aufgestellt, da sie mit der
unverzierten Hhlung gegen die Stube schauten. In diese Hhlung hatte er
geschnitzte und bemalte Heiligenbilder aus neuerer Zeit gestellt. Vermutlich war
das Werk einmal in dem steinernen Hause gewesen, und war dort weggekommen, da
etwa Nachfolger Vernderungen machten und Gegenstnde verschleuderten. Der
Besitzer des Wiesenhauses sagte uns, da sein Grovater die Dinge in einer
Versteigerung der Hagermhle gekauft habe, die wegen Verschwendung des Mllers
war eingeleitet worden. Meine Nachfragen um die Ergnzungen zu diesen
Verkleidungen waren vergeblich, und durch Vermittlung Kaspars erkaufte ich von
dem Besitzer die bergebliebenen Reste. Ich lie Kisten machen, legte die
gefugten Teile auseinander, packte sie selber ein, und sendete sie unterdessen
in das Ahornhaus zu meinen anderen Dingen.
    Ich blieb wirklich in jenem Herbste sehr lange im Gebirge. Es lag nicht nur
der Schnee schon auf den Bergen, sondern er deckte auch bereits das ganze Land,
und man fuhr schon in Schlitten statt in Wgen, als ich von dem Ahornhause
Abschied nahm. Ich hatte alle meine Sachen gepackt, und hatte sie voraus
gesendet, weil ich im knftigen Jahre nicht mehr in diesem freundlichen Hause,
sondern irgend wo anders meinen Aufenthalt wrde aufschlagen mssen. Ich sagte
allen meinen Leuten Lebewohl, und ging auf der glattgefrorenen Bahn neben dem
rauschenden Flusse, der schon Stcke Ufereis ansetzte, in die ebneren Lnder
hinaus. Mein Weg fhrte mich in seinem Verlaufe auf Anhhen dahin, von welchen
ich im Norden die Gegend des Rosenhauses und im Sden die des Sternenhofes
erblicken konnte. In dem weien Gewande, welches sich ber die Gefilde breitete,
und welches von den dunkeln Bndern der Wlder geschnitten war, konnte ich kaum
die Hgelgestaltungen erkennen, innerhalb welcher das Haus meines Freundes
liegen mute, noch weniger konnte ich die Umgebungen des Sternenhofes
unterscheiden, da ich nie im Winter in dieser Gegend gewesen war. Das aber wute
ich mit Gewiheit, in welcher Richtung das Haus liegen msse, an dem im
vergangenen Sommer so viele Rosen geblht haben, und in welcher das Schlo,
hinter dem die alten Linden standen und die Quelle flo, an der die weibliche
Gestalt aus weiem Marmor Wache hielt. Die wohltuenden Fden, die mich nach
beiden Richtungen zogen, wurden von dem strkeren Bande aufgehoben, das mich zu
den lieben, teuren Meinigen fhrte.
    Als ich das flache Land erreicht hatte und an dem Orte eingetroffen war, in
welchem mich meine Kisten erwarten sollten, bergab ich dieselben, die ich
unverletzt vorfand, meinem Frchter zur Befrderung an den Strom und empfahl sie
ihm, besonders die mit den Altertmern, auf das angelegentlichste. Am anderen
Tage reiste ich in einem Wagen nach. Am Strome lie ich die Kisten sorgfltig in
ein Schiff bringen, und fuhr am nchsten Morgen mit dem nmlichen Schiffe meiner
Vaterstadt zu.
    Ich langte glcklich dort an, lie meine Habseligkeiten in unser Haus
schaffen, packte zuerst die Kiste mit den Altertmern aus, und war beruhigt, als
die Holzschnitzereien unversehrt daraus hervor gingen. Die Freude meines Vaters
war auerordentlich, die Mutter freute sich des Vaters willen, und die
Schwester, deren glnzende Augen bald auf mich, bald auf den Vater schauten,
zeigte, da sie mit mir zufrieden sei. Dieses lie mir manches vergessen, das
beinahe wie eine Sorge in meinem Herzen war. Ich befand mich wieder bei meinen
Angehrigen, die mit allen Krften ihrer Seele an meinem Wohle Anteil nahmen,
und dies erfllte mich mit Ruhe und einer sen Empfindung, die mir in der
letzten Zeit beinahe fremd geworden war.
    Ich sah am anderen Tage, als ich in das Speisezimmer ging, den Vater, wie er
vor den Verkleidungen stand und sie betrachtete. Bald neigte er sich nher zu
ihnen, bald kniete er nieder und befhlte manches mit der Hand, oder untersuchte
es genauer mit den Augen. Mir klopfte das Hetz vor Freude, und die weien Haare,
welche unter den dunkeln immer hufiger auf seinem Haupte zum Vorschein kamen,
erschienen mir doppelt ehrwrdig, und die leichte Falte der Sorge auf seiner
Stirne, die in der Arbeit fr uns auf diesem Sitze seiner Gedanken entstanden
war, whrend ich meiner Freude nachgehen und die Welt und die Menschen genieen
konnte, und whrend meine Schwester wie eine prachtvolle Rose erblhen durfte,
erfllte mich beinahe mit einer Andacht. Die Mutter kam dazu, er zeigte ihr
manches, er erklrte ihr die Stellungen der Gestalten, die Fhrung und die
Schwingung der Stengel und der Bltter und die Einteilung des Ganzen. Die Mutter
verstand diese Dinge durch die langjhrige bung viel besser als ich, und ich
sah jetzt, da ich dem Vater etwas weit Schneres gebracht habe, als ich wute.
Ich nahm mir vor, im nchsten Frhlinge viel genauer nach den zu diesen
Verkleidungen noch gehrenden Teilen zu forschen; ich hatte frher nur im
allgemeinen gefragt, jetzt wollte ich aber auf das sorgfltigste in der ganzen
Gegend suchen. Nachdem wir noch eine Weile ber das Werk geredet hatten, fhrte
mich die Mutter durch alle meine Zimmer und zeigte mir, was man whrend meiner
Abwesenheit getan habe, um mir den Winteraufenthalt recht angenehm zu machen.
Die Schwester kam dazu, und da die Mutter fortgegangen war, schlang sie beide
Arme um meinen Hals, kte mich, und sagte, da ich so gut sei, und da sie mich
nach Vater und Mutter unter allen Dingen, die auf der Welt sein knnen, am
meisten und am auerordentlichsten liebe. Mir wren bei dieser Rede bald die
Trnen in die Augen getreten.
    Als ich spter in meinem Zimmer allein auf und ab ging, wollte mir mein Herz
immer sagen: Jetzt ist alles gut, jetzt ist alles gut.
    Ich kaufte mir am andern Tage eine spanische Sprachlehre, welche mir ein
Freund, der sich seit mehreren Jahren mit diesen Dingen abgegeben hatte, anriet.
Ich begann neben meinen anderen Arbeiten vorerst fr mich in diesem Buche zu
lernen, mir vorbehaltend, spter, wenn ich es fr ntig halten sollte, auch
einen Lehrer im Spanischen zu nehmen. Auch fuhr ich nicht nur fort, in den
Schauspielen Shakespeares zu lesen, sondern ich wendete die Zeit, die mir von
meinen Arbeiten brig blieb, auch der Lesung anderer dichterischer Werke zu. Ich
suchte die Schriften der alten Griechen und Rmer wieder hervor, von denen ich
schon Bruchstcke whrend meiner Studienjahre als Pflichterfllung hatte lesen
mssen. Damals waren mir die Gestaltungen dieser Vlker, die ich mit ruhigen und
khlen Krften hatte erfassen knnen, sehr angenehm gewesen, deshalb nahm ich
jetzt die Bcher dieser Art wieder vor.
    Meine Zither gereichte der Schwester zur Freude. Ich spielte ihr die Dinge
vor, die ich bereits auf diesen Saiten hervorzubringen im Stande war, ich zeigte
ihr die Anfangsgrnde, und als fr uns beide in dieser bung auch ein Meister
aus der Stadt in das Haus kam, lieh ich ihr die Zither, und versprach ihr, eine
eben so schne und gute, oder eine noch schnere und bessere fr sie aus dem
Gebirge zu schicken, wenn sie zu bekommen wre. Ich erzhlte ihr, da der Mann,
der mir in dem Gebirge Unterricht im Zitherspiele gebe, bei weitem schner, wenn
auch nicht so geknstelt spiele als der Meister in der Stadt. Ich sagte, ich
wolle in dem Gebirge sehr fleiig lernen und ihr, wenn ich wieder komme,
Unterricht in dem erteilen, was ich unterdessen in mein Eigentum verwandelt
htte.
    Unter diesen Beschftigungen und unter andern Dingen, welche schon frhere
Winter eingeleitet hatten, ging die kltere Jahreszeit dahin. Als die
Frhlingslfte wehten und die Erde abzutrocknen begann, trat ich meine
Sommerwanderung wieder an. Ich whlte doch abermals das Ahornhaus zu meinem
Aufenthalte, wenn ich auch wute, da ich oft weit von ihm weggehen und lange
von ihm wrde entfernt bleiben mssen. Es war mir schon zur Gewohnheit geworden,
und es war mir lieb und angenehm in ihm.
    Das erste, was ich vornahm, war, da ich Botschaft nach meinem
Zitherspieljgersmanne aussandte. Da er berall zu finden ist, kam er sehr bald,
und wir verabredeten, wie wir unsere bungen im Zitherspiele fortsetzen wrden.
Gleichzeitig begann ich die Forschungen nach jenen Teilen der Wandverkleidungen,
welche zu den meinem Vater berbrachten Pfeilerverkleidungen als Ergnzung
gehrten. Ich forschte in dem Hause nach, in welchem Roland im vergangenen
Sommer gezeichnet hatte, ich forschte bei dem Holzknechte, von welchem mir die
Pfeilerverkleidungen waren verkauft worden, ich dehnte meine Forschungen in alle
Teile der umliegenden Gegend aus, gab besonders Mnnern Auftrge, welche oft in
die abgelegensten Winkel von Husern und anderen Gebuden kommen, wie zum
Beispiele Zimmerleuten, Maurern, da sie mir sogleich Nachricht gben, wenn sie
etwas aus Holz Geschnitztes entdeckten, ich reiste selber an manche Stellen, um
nachzusehen: allein es fand sich nichts mehr vor. Als beinahe nicht zu
bezweifeln stellte sich heraus, da die von mir gekauften Verkleidungen einmal
zu dem steinernen Hause der ausgestorbenen Gebirgskaufherren gehrt haben, in
welchem sie die Unterwand eines ganzen Saales umgehen haben mochten. Bei einer
einmal vorgenommenen sogenannten Verschnerung spterer verschwenderisch
gewordener Nachkommen hat man sie wahrscheinlich weg getan und sie fremden
Hnden berlassen, die sie in abwechselnden Besitz brachten. Die
Pfeilerverkleidungen, welche gleichsam Nischen bildeten, in die man
Heiligenbilder tun konnte, sind brig geblieben, die anderen geraden Teile sind
verkommen oder sogar mutwillig zerschlagen oder verbrannt worden.
    Gleich in den ersten Tagen meines Aufenthaltes ging ich auch mit meinem
Jgersmanne von dem Ahornhause ber das Echergebirge in das Echertal, wo der
Meister wohnte, von dem der Jger die Zither fr mich gekauft hatte, und von dem
ich auch eine fr meine Schwester kaufen wollte. Dieser Mann verfertigte Zithern
fr das ganze umliegende Gebirge und zur Versendung. Er hatte noch zwei mit der
meinigen ganz gleiche. Ich whlte eine davon, da in der Arbeit und in dem Tone
gar keine Verschiedenheit wahrgenommen werden konnte. Der Meister sagte, er habe
lange keine so guten Zithern gemacht, und werde lange keine solchen mehr machen.
Sie seien alle drei von gleichem Holze, er habe es mit vieler Mhe gesucht und
mit vielen Schwierigkeiten gefunden. Er werde vielleicht auch nie mehr ein
solches finden. Auch werde er kaum mehr so kostbare Zithern machen, da seine
entfernten Abnehmer nur oberflchliche Ware verlangten, und auch die
Gebirgsleute, die wohl die Gte verstehen, doch nicht gerne teure Zithern
kauften.
    Von dem Zitherspiele, welches mein Jger mir mit bte, schrieb ich mir so
viel auf, als ich konnte, um es der Schwester zum Einlernen und zum Spielen zu
bringen.
    Gegen die Zeit der Rosenblte ging ich in den Asperhof und fand die zwei
Zimmer schon fr mich hergerichtet, welche ich im vorigen Sommer bewohnt hatte.
    Am ersten Tage erzhlte mir schon der Grtner Simon, der von seinem
Gewchshause zu mir herber gekommen war, da der Cereus peruvianus in dem
Asperhofe sei. Der Herr habe ihn von dem Inghofe gekauft, und da ich gewi
Ursache dieser Erwerbung sei, so msse er mir seinen Dank dafr abstatten. Ich
hatte allerdings mit meinem Gastfreunde ber den Cereus geredet, wie ich es dem
Grtner versprochen hatte; aber ich wute nicht, wie viel Anteil ich an dem
Kaufe htte, und sagte daher, da ich den Dank nur mit Zurckhaltung annehmen
knne. Ich mute dem Grtner in das Kaktushaus folgen, um den Cereus anzusehen.
Die Pflanze war in freien Grund gestellt, man hatte fr sie einen eigenen
Aufbau, gleichsam ein Trmchen, von doppeltem Glas auf dem Kaktushause
errichtet, und hatte durch Sttzen oder durch Lenkung der Sonnenstrahlen auf
gewisse Stellen des Gewchses Anstalten getroffen, da der Cereus, der sich an
der Decke des Gewchshauses im Inghofe hatte krmmen mssen, wieder gerade
wachsen knne. Ich htte nicht gedacht, da diese Pflanze so gro sei, und da
sie sich so schn darstellen wrde.
    Weil mein Vater an altertmlichen Dingen eine so groe Freude hatte, weil
ihn die Verkleidungen so sehr erfreut hatten, welche ich ihm im vergangenen
Herbste gebracht hatte, so tat ich an meinen Gastfreund, da ich eine Weile in
seinem Hause gewesen war, eine Bitte. Ich hatte die Bitte schon lnger auf dem
Herzen gehabt, tat sie aber erst jetzt, da man gar so gut und freundlich mit mir
in dem Rosenhause war. Ich ersuchte nmlich meinen Gastfreund, da er erlaube,
da ich einige seiner alten Gerte zeichnen und malen drfe, um meinem Vater die
Abbilder zu bringen, die ihm eine deutlichere Vorstellung geben wrden, als es
meine Beschreibungen zu tun im Stande wren.
    Er gab die Einwilligung sehr gerne und sagte: Wenn Ihr Eurem Vater ein
Vergngen bereiten wollet, so zeichnet und malet, wie Ihr wollt, ich habe nicht
nur nichts dagegen, sondern werde auch Sorge tragen, da in den Zimmern, die Ihr
bentzen wollt, gleich alles zu Eurer Bequemlichkeit hergerichtet werde. Sollte
Euch Eustach an die Hand gehen knnen, so wird er es gewi sehr gerne tun.
    Am folgenden Tage war in dem Zimmer, in welchem sich der groe
Kleiderschrein befand, mit dem ich anfangen wollte, eine Staffelei aufgestellt
und neben ihr ein Zeichnungstisch, ob ich mich des einen oder des andern
bedienen wollte. Der Schrein war von seiner Stelle weg in ein besseres Licht
gerckt, und alle Fenster bis auf eines waren mit ihren Vorhngen bedeckt, damit
eine einheitliche Beleuchtung auf den Gegenstand geleitet wrde, der gezeichnet
werden sollte. Eustach hatte alle seine Farbstoffe zu meiner Verfgung gestellt,
wenn etwa die von mir mitgebrachten irgendwo eine Lcke haben sollten. Das
zeigte sich sogleich klar, da die Zeichnungen jedenfalls mit Farben gemacht
werden mten, weil sonst gar keine Vorstellung von den Gegenstnden htte
erzeugt werden knnen, die aus verschiedenfarbigem Holze zusammengestellt waren.
    Ich ging sogleich an die Arbeit. Mein Gastfreund hatte auch fr meine Ruhe
gesorgt. So oft ich zeichnete, durfte niemand in das Zimmer kommen, in dem ich
war, und so lange sich berhaupt meine Gertschaften in demselben befanden,
durfte es zu keinem andern Gebrauche verwendet werden. Um desto mehr glaubte ich
meine Arbeit beschleunigen zu mssen.
    Es waren indessen Mathilde und Natalie in dem Asperhofe angekommen, und sie
lebten dort, wie sie im vorigen Jahre gelebt hatten.
    Ich zeichnete fleiig fort. Niemand stellte das Verlangen, meine Arbeit zu
sehen, Eustach hatte ich gebeten, da ich ihn zuweilen um Rat fragen drfe, was
er bereit willig zugestanden hatte. Ich fhrte ihn daher zu Zeiten in das
Zimmer; und er gab mir mit vieler Sachkenntnis an, was hie und da zu verbessern
wre. Nur Gustav lie Neugierde nach der Zeichnung blicken; nicht da ihm
geradezu eine uerung in dieser Hinsicht entfallen wre; aber da er sich so an
mich angeschlossen hatte, und da sein Wesen sehr offen und klar war, so erschien
es nicht schwer, den Wunsch, den er hegte, zu erkennen. Ich lud ihn daher ein,
mich in dem Zimmer zu besuchen, wenn ich zeichnete, und ich richtete es so ein,
da meine Zeichnungszeit in seine freien Stunden fiel. Er kam fleiig, sah mir
zu, fragte um allerlei, und geriet endlich darauf, auch ein solches Gemlde
versuchen zu wollen. Da mein Gastfreund nichts dawider hatte, so berlie ich
ihm meine Farben zur Bentzung, und er begann auf einem Tische neben mir sein
Geschft, indem er den nmlichen Schrein abbildete wie ich. Im Zeichnen war er
sehr unterrichtet, Eustach war sein Lehrmeister; dieser hatte aber bisher noch
immer nicht zugegeben, da sein Zgling den Gebrauch der Farben anfange, weil er
von dem Grundsatze ausging, da zuvor eine sehr sichere und behende Zeichnung
vorhanden sein msse. Die Spielerei aber mit dem Schreine - denn es war nichts
weiter als eine Spielerei - lie er als eine Ausnahme geschehen.
    Ich wurde in kurzem mit der ersten Arbeit fertig. Das Bild sah in den genau
und gewissenhaft nachgeahmten Farben fast noch lieblicher und reizender aus als
der Gegenstand selber, da alles ins kleinere und feinere zusammengerckt war.
    Da ich die Zeichnung vollendet hatte, legte ich sie meinem Gastfreunde und
Mathilde vor. Sie billigten dieselbe, und schlugen einige kleine nderungen vor.
Da ich die Notwendigkeit derselben einsah, nahm ich sie sogleich vor. Hierauf
wurde von ihnen so wie von Eustach die Abbildung fr fertig erklrt.
    Nach dem Kleiderschreine nahm ich den Schreibtisch mit den Delphinen vor.
    Weil ich durch die erste Zeichnung schon einige Fertigkeit erlangt hatte, so
ging es bei der zweiten schneller, und alles geriet mit mehr Leichtigkeit und
Schwung. Ich war fertig geworden, und legte auch diese Abbildung Mathilden,
meinem Gastfreunde und Eustach vor. Gustav hatte in der Zeit auch seine
Zeichnung des groen Schreines vollendet, und brachte sie herbei. Er wurde ein
wenig ausgelacht, und andererseits wurden ihm auch Dinge angegeben, die er noch
zu verndern und hinein zu machen htte. Auch bei mir wurden Verbesserungen
vorgeschlagen. Als wir beide mit unsern Ausfeilungen fertig waren, wurden in dem
Zimmer, in welchem wir gezeichnet hatten, die Gerte wieder an ihren Platz
gerckt, und die Staffelei und unsere Malergertschaften wurden daraus entfernt.
Ich hatte mir in diesem Zimmer nur die zwei Gegenstnde abzubilden vorgenommen.
    Hierauf versuchte ich noch einige kleinere Gegenstnde.
    Unterdessen waren manche Leute zum Besuche in das Rosenhaus gekommen, wir
selber hatten auch einige Nachbarn aufgesucht, hatten Spaziergnge gemacht, und
an mehreren Abenden saen wir im Garten oder vor den Rosen oder unter dem groen
Kirschbaume, und es wurde von verschiedenen Dingen gesprochen.
    Eustach sagte mir einmal, da ich von den Gerten in dem Sternenhofe redete
und die uerung machte, da meinen Vater Abbildungen von ihnen sehr freuen
wrden, es knne keinen Schwierigkeiten unterliegen, da ich in dem Sternenhofe
ebenso zeichnen drfe wie in dem Asperhause. Ich ging auf die Sache nicht ein,
da ich nicht den Mut hatte, mit Mathilde darber zu sprechen. Am andern Tage
zeigte mir Eustach die Einwilligung an, und Mathilde lud mich auf das
freundlichste ein und sagte, da mir in ihrem Hause jede Bequemlichkeit zu
Gebote stehen wrde. Ich dankte sehr freundlich fr die Gte, und nach mehreren
Tagen fuhr ich mit den Pferden meines Gastfreundes in den Sternenhof, whrend
Mathilde und Natalie noch in dem Rosenhause blieben.
    Im Sternenhofe fand ich zu meiner berraschung schon alles zu meinem
Empfange vorbereitet. Da Bilder in dem Schlosse waren, hatte man auch mehrere
Staffeleien, welche man mir zur Auswahl in das groe Zimmer gestellt hatte, in
welchem die altertmlichen Gerte standen. Auch ein Zeichnungstisch mit allem
Erforderlichen war in das Zimmer geschafft worden. Ich whlte unter den
Staffeleien eine, und lie die brigen wieder an ihre gewhnlichen Orte bringen.
Den Zeichnungstisch behielt ich zur Bequemlichkeit neben der Staffelei bei mir.
Es war nun zum Malen beinahe alles so eingerichtet wie im Asperhofe. Auch durfte
ich mir die Gerte, die ich zu zeichnen vorhatte, in das Licht rcken lassen,
wie ich wollte. Zum Wohnen und Schlafen hatte man mir das nmliche Zimmer
hergerichtet, in welchem ich bei meinem ersten Besuche gewesen war. Zum Speisen
wurde mir der Saal, in dem ich arbeitete, oder mein Wohnzimmer frei gestellt.
Ich whlte das letzte.
    Ich betrachtete mir vorerst die Gerte, und whlte diejenigen aus, die ich
abbilden wollte. Hierauf ging ich an die Arbeit. Ich malte sehr fleiig, um die
Unordnung, welche meine Arbeiten notwendig in dem Hause machen muten, so kurz
als mglich dauern zu lassen. Ich blieb daher den ganzen Tag in dem Saale, nur
des Abends, wenn es dmmerte, oder morgens, ehe die Sonne aufging, begab ich
mich in das Freie oder in den Garten, um einen Gang in der erquickenden Luft zu
machen, oder gelegentlich auch stille stehend oder auf einer Ruhebank sitzend
die weite Gegend um mich herum zu betrachten. Oft, wenn ich die Pinsel gereinigt
und all das unter Tags gebrauchte Malergerte geordnet und an seinen Platz
gelegt hatte, sa ich unter den alten hohen Linden im Garten und dachte nach,
bis das spte Abendrot durch die Bltter derselben herein fiel, und die Schatten
auf dem Sandboden so tief geworden waren, da man die kleinen Gegenstnde, die
auf diesem Boden lagen, nicht mehr sehen konnte. Noch fter aber war ich auf dem
Platze hinter der Efeuwand, von welchem aus das Schlo in die groen Eichen
eingerahmt zu erblicken war, und neben und hinter dem Schlosse sich die Gegend
und die Berge zeigten. Es war die Stille des Landes, wenn der heitere Spthimmel
sich ber das Schlo hinzog, wenn die Spitzen von dessen Dachfhnchen glnzten,
sich in Ruhe das Grn herum lagerte, und das Blau der Berge immer sanfter wurde.
Zuweilen in besonders heien Tagen ging ich auch in die Grotte, in welcher die
Marmornymphe war, freute mich der Khle, die da herrschte, sah das gleiche
Rinnen des Wassers, und sah den gleichen Marmor, auf dem nur zuweilen ein
Lichtchen zuckte, wenn sich ein spter Strahl in dem Wasser fing und auf die
Gestalt geworfen wurde.
    In dem Schlosse war es sehr einsam, die Diener waren in ihren abgelegenen
Zimmern, ganze Reihen von Fenstern waren durch herabgelassene Vorhnge bedeckt,
und zu dem Hofbrunnen ging selten eine Gestalt, um Wasser zu holen, daher er
zwischen den groen Ahornen eintnig fortrauschte. Diese Stille machte, da ich
desto mehr der Bewohnerinnen dachte, die jetzt abwesend waren, da ich meinte,
ihre Spuren entdecken zu knnen, und da ich dachte, ihren Gestalten irgendwo
begegnen zu mssen. Besser war es, wenn ich in die Landschaft hinausging. Dort
lebten die Klnge der Arbeit, dort sah ich heitere Menschen, die sich
beschftigten, und regsame Tiere, die ihnen halfen. Es war eine Art von
Verwalter in dem Schlosse, der den Auftrag haben mute, fr mich zu sorgen,
wenigstens tat er alles, was er zu meiner Bequemlichkeit fr ntig erachtete. Er
fragte oft nach meinen Wnschen, lie mehr Speisen und Getrnke auf meinen Tisch
stellen, als ntig war, sorgte stets fr frisches Wasser, Kerzen und andere
Dinge, lie eine Menge Bcher, die er aus der Bchersammlung des Schlosses
genommen haben mochte, in mein Zimmer bringen, und meinte zuweilen, da es die
Hflichkeit erfordere, da er mehrere Minuten mit mir spreche. Ich machte so
wenig als mglich Gebrauch von allen fr mich in diesem Schlosse eingeleiteten
Anstalten, und ging nicht einmal in die Meierei, in welcher es sehr lebhaft war,
um durch meine Gegenwart oder durch mein Zuschauen nicht jemanden in seiner
Arbeit zu beirren.
    Als ich mit den ausgewhlten Gegenstnden fertig war, hrte ich nicht auf;
denn aus ihnen entwickelten sich wieder andere Arbeiten, was seinen Grund darin
hatte, da ein Gegenstand den andern verlangte, was wieder daher rhrte, da die
Gerte dieses Zimmers und der Nebengemcher ein Ganzes bildeten, welches man
nicht zerstckt denken konnte. Was mir aber zu statten kam, war die groe bung,
die ich nach und nach erlangte, so da ich endlich in einem Tage mehr vor mich
brachte, als sonst in dreien.
    Eustach kam einmal herber, mich zu besuchen. Ich sah darin ein Zeichen, da
man mir Gelegenheit geben wollte, mich seines Rates zu bedienen. Ich tat dieses
auch, freute mich der Worte, die er sprach, und folgte den Ansichten, die er
entwickelte. Er erzhlte mir auch, da Mathilde und Natalie noch lange in dem
Asperhofe zu bleiben gedchten. Da, wie ich wute, ihr Besuch in dem vorigen
Sommer im Rosenhause viel krzer gewesen war, so verfiel ich auf den Gedanken,
ob sie nicht etwa gerade darum heuer lnger in demselben verweilten, um mir Mue
zu meinen Arbeiten in dem Sternenhofe zu geben. Ob es nun so sei oder nicht,
wute ich nicht, es konnte aber so sein, und darum beschlo ich, mein Malen
abzukrzen. Endlich mute ich doch einmal schlieen, da ich doch nicht alle
Gegenstnde abbilden konnte. Ich sagte Eustach die Zeit, in der ich fertig sein
wrde. Er blieb zwei Tage in dem Schlosse, verma manches, untersuchte einiges
in manchen Zimmern, und kehrte dann wieder in das Rosenhaus zurck.
    Ehe ich ganz fertig war, kamen alle vom Asperhofe herber und blieben einige
Tage. Auch Eustach kam wieder mit. Ich legte vor, was ich gemacht hatte, und es
geschah das nmliche, was in dem Rosenhause geschehen war Man billigte im
allgemeinen die Arbeit, und stellte hie und da etwas aus, was zu verbessern
wre. Ich hatte schor zu der Abbildung der Gerte im Asperhofe lfarben
angewendet, weil ich in Behandlung derselben nach und nach eine grere
Fertigkeit erlangt hatte als in der der Wasserfarben, und weil die Wirkung eine
viel grere war. Die Gerte des Sternenhofes hatte ich nun auch mit lfarben
abgebildet, und diese Abbildungen waren viel, gelungener als die im Rosenhause.
Ich erkannte die Vorschlge, welche mir gemacht worden waren, an und bemerkte
mir sie zur Ausfhrung.
    Eustach ging von dem Sternenhofe wieder in das Rosenhaus zurck; mein
Gastfreund, Mathilde, Natalie und Gustav machten eine kleine Reise.
    Auch mein Bleiben war nicht mehr lange in dem Schlosse Ich machte noch
fertig, was fertig zu machen war, ich verbesserte, was zu verbessern
vorgeschlagen worden war und was mir selber noch in der Zeit als
verbesserungswrdig einfiel, und wartete dann ab, bis alles gut getrocknet wre,
um es einpacken und fr den Vater in Bereitschaft halten zu knnen. Da dies
geschehen war, dankte ich dem Verwalter sehr verbindlich fr alle seine
Aufmerksamkeit, gab den Mdchen, die fr mich zu tun gehabt hatten, Geschenke,
welche ich mir zu diesem Zwecke schon frher angeschafft hatte, und bestieg den
Wagen, den mir der Verwalter zu meiner Zurckfahrt in das Rosenhaus zur
Verfgung gestellt hatte.
    Als ich in dem Rosenhause ankam, traf ich meinen Gastfreund und seine
Gesellschaft von der Reise schon zurckgekehrt an. Ich blieb noch mehrere Tage
bei ihnen, nahm dann Abschied, und begab mich in das Ahornhaus zu meinen
Arbeiten zurck.
    Ich suchte diese Arbeiten rasch zu betreiben; aber alles war jetzt anders
und nahm eine andere Frbung in meinem Herzen an.
    Als ich in dem Frhling die Hauptstadt verlassen hatte und dem langsam ber
einen Berg empor fahrenden Wagen folgte, war ich einmal bei einem Haufen von
Geschiebe stehen geblieben, das man aus einem Flubette genommen und an der
Strae aufgeschttet hatte, und hatte das Ding gleichsam mit Ehrfurcht
betrachtet. Ich erkannte in den roten, weien, grauen, schwarzgelben und
gesprenkelten Steinen, welche lauter plattgerundete Gestalten hatten, die Boten
von unserem Gebirge, ich erkannte jeden aus seiner Felsenstadt, von der er sich
losgetrennt hatte, und von der er ausgesendet worden war. Hier lag er unter
Kameraden, deren Geburtssttte oft viele Meilen von der seinigen entfernt ist,
alle waren sie an Gestalt gleich geworden, und alle harrten, da sie zerschlagen
und zu der Strae verwendet wrden.
    Besonders kamen mir die Gedanken, wozu dann alles da sei, wie es entstanden
sei, wie es zusammenhnge, und wie es zu unserem Herzen spreche.
    Einmal gelangte ich zu dem See hinunter und betrachtete an dem sonnigen
Nachmittage die Tatsache, da die Schnheit der absteigenden Berge meistens
gegen einen Seespiegel am grten ist. Kmmt das aus Zufall, haben die
abstrzenden, dem See zueilenden Wsser die Berge so schn gefurcht, gehhlt,
geschnitten, geklftet, oder entspringt unsere Empfindung von dem Gegensatze des
Wassers und der Berge, wie nmlich das erste eine weiche, glatte, feine Flche
bildet, die durch die rauhen absteigenden Riffe, Rinnen und Streifen geschnitten
wird whrend unterhalb nichts zu sehen ist, und so das Rtsel vermehrt wird? Ich
dachte bei dieser Gelegenheit: wenn das Wasser durchsichtiger wre, zwar nicht
so durchsichtig wie die Luft, doch beinahe so; dann mte man das ganze innere
Becken sehen, nicht so klar wie in der Luft, sondern in einem grnlichen
feuchten Schleier. Das mte sehr schn sein. Ich blieb in Folge dieses
Gedankens lnger an dem See, mietete mich in einem Gasthofe ein, und machte
mehrere Messungen der Tiefe des Wassers an verschiedenen Stellen, deren
Entfernung vom Ufer ich mittelst einer Meschnur bezeichnete. Ich dachte, auf
diese Weise knnte man annhernd die Gestalt des Seebeckens ergrnden, knnte es
zeichnen, und knnte das innere Becken von dem ueren durch eine sanftere,
grnlichere Farbe unterscheiden. Ich beschlo, bei einer ferneren Gelegenheit
die Messungen fortzusetzen.
    Diese Bestrebungen brachten mich auf die Betrachtung der Seltsamkeiten
unserer Erdgestaltungen. In dem Seegrunde sah ich ein Tal, in dessen Sohle, die
sich bei andern Tlern mit dem vieltausendfachen Pflanzenreichtume und den
niedergestrzten Gebirgsteilen fllt und so einen schnen Wechsel von Pflanzen
und Gestein darstellt, kein Pflanzengrund sich entwickelt, sondern das Gerlle
sich sachte mehrt, der Boden sich hebt und die ursprnglichen Klftungen
ausfllt. Dazu kommen die Stcke, die unmittelbar von den Wnden in den See
strzen, dazu kommen die Hgel, die auer der gewhnlichen Ordnung von
bedeutenden Hochwassern in den See geschoben und von dem nachtrglichen
Wellenschlage wieder abgeflacht werden. In Jahrtausenden und Jahrtausenden fllt
sich das Becken immer mehr, bis einmal, mgen hundert oder noch mehr
Jahrtausende vergangen sein, kein See mehr ist, auf der ungeheuren Dicke der
Gerllschichten der menschliche Fu wandelt, Pflanzen grnen und selbst Bume
stehen. So kannte ich manche Stellen, die einst Seegrund gewesen waren. Der
Flu, der Vater des Sees, hatte sich in seinem Weiterlaufe tiefer gewhlt, er
hatte den Seespiegel niederer gelegt, der Seegrund hatte sich gehoben, bis
nichts mehr war als ein Tal, an dem jetzt die Ufer als grne Wlle in langen
Strecken stehen, mit krftigen Krutern, blhenden Bschen und mancher lachenden
Wohnung von Menschen prangen, whrend das, was einmal ein mchtiges Wasser
gebildet hatte, jetzt als ein schmales Bndlein in glnzenden Schlangenlinien
durch die Landschaft geht.
    Ich betrachtete vom See aus die Schichtungen der Felsen. Was bei Kristallen
der Bltterdurchgang ist, das zeigt sich hier in groen Zgen. An manchen
Stellen ist die Neigung diese, an manchen ist sie eine andere. Sind diese
ungeheuern Bltter einst gestrzt worden, sind sie erhoben worden, werden sie
noch immer erhoben? Ich zeichnete manche Lagerungen in ihren schnen
Verhltnissen und in ihren Neigungen gegen die wagrechte Flche. Wenn ich so die
Bltter durchging und die Gestaltungen ansah, war es mir wie eine unbekannte
Geschichte, die ich nicht entrtseln konnte, und zu der es doch Anhaltspunkte
geben mute, um die Ahnungen in Nahrung zu setzen.
    Wenn ich die Stcke unbelebter Krper, die ich fr meine Schreine sammelte,
ansah, so fiel mir auf, da hier diese Krper liegen, dort andere, da ungeheure
Mengen desselben Stoffes zu groen Gebirgen aufgetrmt sind, und da wieder in
kleinen Abstnden kleine Lagerungen mit einander wechseln. Woher sind sie
gekommen, wie haben sie sich gehuft? Liegen sie nach einem Gesetze, und wie ist
dieses geworden? Oft sind Teile eines grern Krpers in Menge oder einzeln an
stellen, wo der Krper selber nicht ist, wo sie nicht sein sollen, wo sie
Fremdlinge sind. Wie sind sie an den Platz gekommen? Wie ist berhaupt an einer
Stelle gerade dieser Stoff entstanden und nicht ein anderer? Woher ist die
Berggestalt im groen gekommen? Ist sie noch in ihrer Reinheit da, oder hat sie
Vernderungen erlitten, und erleidet sie dieselben noch immer? Wie ist die
Gestalt der Erde selber geworden, wie hat sich ihr Antlitz gefurcht, sind die
Lcken gro, sind sie klein?
    Wenn ich auf meinen Marmor kam - wie bewunderungswrdig ist der Marmor! Wo
sind denn die Tiere hin, deren Spuren wir ahnungsvoll in diesen Gebilden sehen?
Seit welcher Zeit sind die Riesenschnecken verschwunden, deren Andenken uns hier
berliefert wird? Ein Andenken, das in ferne Zeiten zurck geht, die niemand
gemessen hat, die vielleicht niemand gesehen hat, und die lnger gedauert haben,
als der Ruhm irgend eines Sterblichen.
    Eine Tatsache fiel mir auf. Ich fand tote Wlder, gleichsam Gebeinhuser von
Wldern, nur da die Gebeine hier nicht in eine Halle gesammelt waren, sondern
noch aufrecht auf ihrem Boden standen. Weie, abgeschlte tote Bume in groer
Zahl, so da vermutet werden mute, da an dieser Stelle: ein Wald gestanden
sei. Die Bume waren Fichten oder Lrchen oder, Tannen. Jetzt konnte an der
Stelle ein Baum gar nicht mehr wachsen, es sind nur Kriechhlzer um die
abgestorbenen Stmme, und auch diese selten. Meistens bedeckt Gerlle den Boden,
oder grere, mit gelbem Moose berdeckte Steine. Ist diese Tatsache eine
vereinzelte, nur durch vereinzelte Ortsursachen hervorgebracht? Hngt sie mit
der groen Weltbildung zusammen? Sind die Berge gestiegen, und haben sie ihren
Wlderschmuck in hhere, todbringende Lfte gehoben? Oder hat sich der Boden
gendert, oder waren die Gletscherverhltnisse andere? Das Eis aber reichte
einst tiefer: wie ist das alles geworden?
    Wird sich vieles, wird sich alles noch einmal ganz ndern? In welch
schneller Folge geht es? Wenn durch das Wirken des Himmels und seiner Gewsser
das Gebirge bestndig zerbrckelt wird, wenn die Trmmer herabfallen, wenn sie
weiter zerklftet werden, und der Strom sie endlich als Sand und Geschiebe in
die Niederungen hinausfhrt, wie weit wird das kommen? Hat es schon lange
gedauert? Unermeliche Schichten von Geschieben in ebenen Lndern bejahen es.
Wird es noch lange dauern? So lange Luft, Licht, Wrme und Wasser dieselben
bleiben, so lange es Hhen gibt, so lange wird es dauern. Werden die Gebirge
also einstens verschwunden sein? Werden nur flache, unbedeutende Hhen und Hgel
die Ebenen unterbrechen, und werden selbst diese auseinander gewaschen werden?
Wird dann die Wrme in den feuchten Niederungen oder in tiefen, heien
Schluchten verschwinden, so wie die kalte Luft in Hhen auf die Erde ohne
Einflu sein wird, so da alle Glieder in unsern Lndern von demselben lauen
Stoffe umflossen sind und sich die Verhltnisse aller Gewchse ndern? Oder
dauert die Ttigkeit, durch welche die Berge gehoben wurden, noch heute fort,
da sie durch innere Kraft an Hhe ersetzen oder bertreffen, was sie von auen
her verlieren? Hrt die Hebungskraft einmal auf? Ist nach Jahrmillionen die Erde
weiter abgekhlt, ist ihre Rinde dicker, so da der heie Flu in ihrem Innern
seine Kristalle nicht mehr durch sie empor zu treiben vermag? Oder legt er
langsam und unmerklich stets die Rnder dieser Rinde auseinander, wenn er durch
sie seine Geschiebe hinan hebt? Wenn die Erde Wrme ausstrahlt und immer mehr
erkaltet, wird sie nicht kleiner? Sind dann die Umdrehungsgeschwindigkeiten
ihrer Kreise nicht geringer? ndert das nicht die Passate? Werden Winde, Wolken,
Regen nicht anders? Wie viele Millionen Jahre mssen verflieen, bis ein
menschliches Werkzeug die nderung messen kann?
    Solche Fragen stimmten mich ernst und feierlich, und es war, als wre in
mein Wesen ein inhaltreicheres Leben gekommen. Wenn ich gleich weniger sammelte
und zusammentrug als frher, so war es doch, als wrde ich in meinem Innern bei
weitem mehr gefrdert als in vergangenen Zeiten.
    Wenn eine Geschichte des Nachdenkens und Forschens wert ist, so ist es die
Geschichte der Erde, die ahnungsreichste, die reizendste, die es gibt, eine
Geschichte, in welcher die der Menschen nur ein Einschiebsel ist, und wer wei
es, welch ein kleines, da sie von anderen Geschichten vielleicht hherer Wesen
abgelset werden kann. Die Quellen zu der Geschichte der Erde bewahrt sie selber
wie in einem Schriftengewlbe in ihrem Innern auf, Quellen, die vielleicht in
Millionen Urkunden niedergelegt sind, und bei denen es nur darauf ankmmt, da
wir sie lesen lernen und sie durch Eifer und Rechthaberei nicht verflschen. Wer
wird diese Geschichte einmal klar vor Augen haben? Wird eine solche Zeit kommen,
oder wird sie nur der immer ganz wissen, der sie von Ewigkeit her gewut hat?
    Von solchen Fragen flchtete ich zu den Dichtern. Wenn ich von langen
Wanderungen in das Ahornhaus zurck kam, oder wenn ich ferne von dem Ahornhause
in irgend einem Stbchen eines Alpengebudes wohnte, so las ich in den Werken
eines Mannes, der nicht Fragen lste, sondern Gedanken und Gefhle gab, die wie
eine Lsung in holder Umhllung waren und wie ein Glck aussahen. Ich hatte
mannigfaltige solcher Mnner. Unter den Bchern waren auch solche, in denen
Schwulst enthalten war. Sie gaben die Natur in und auer dem Menschen nicht so,
wie sie ist, sondern sie suchten sie schner zu machen, und suchten besondere
Wirkungen hervorzubringen, Ich wendete mich von ihnen ab. Wem das nicht heilig
ist, was ist, wie wird er Besseres erschaffen knnen, als was Gott erschaffen
hat? In der Naturwissenschaft war ich gewohnt geworden, auf die Merkmale der
Dinge zu achten, diese Merkmale zu lieben und die Wesenheit der Dinge zu
verehren. Bei den Dichtern des Schwulstes fand ich gar keine Merkmale, und es
erschien mir endlich lcherlich, wenn einer schaffen wollte, der nichts gelernt
hat.
    Die Mnner gefielen mir, welche die Dinge und die Begebenheiten mit klaren
Augen angeschaut hatten und sie in einem sicheren Mae in dem Rahmen ihrer
eigenen inneren Gre vorfhrten. Andere gaben Gefhle in schner Sittenkraft,
die tief auf mich wirkten. Es ist unglaublich, welche Gewalt Worte ben knnen;
ich liebte die Worte, und liebte die Mnner, und sehnte mich oft nach einer
unbestimmten, unbekannten glcklichen Zukunft hinaus.
    Die Alten, die ich einst zu verstehen geglaubt hatte, kamen mir doch jetzt
anders vor als frher. Es schien mir, als wren sie natrlicher, wahrer,
einfacher und grer als die Mnner der neuen Zeit, und als lasse sie der Ernst
ihres Wesens und die Achtung vor sich selbst nicht zu den berschreitungen
gelangen, welche sptere Zeiten fr schn hielten. Ich trug Homeros, schylos,
Sophokles, Thukydides fast auf allen Wanderungen mit mir. Um sie zu verstehen,
nahm ich alle griechischen Sprachwerke, die mir empfohlen waren, vor und lernte
in ihnen. Am frderlichsten im Verstehen war aber das Lesen selber. Bei den
Alten nahm ich Geschichtschreiber gerne unter Dichter, sie schienen mir dort
einander nher zu stehen als bei den Neuen.
    Da geriet ich auch auf das Malen. Die Gebirge standen im Reize und im Ganzen
vor mir, wie ich sie frher nie gesehen hatte. Sie waren meinen Forschungen
stets Teile gewesen. Sie waren jetzt Bilder, so wie frher blo Gegenstnde. In
die Bilder konnte man sich versenken, weil sie eine Tiefe hatten, die
Gegenstnde lagen stets ausgebreitet zur Betrachtung da. So wie ich frher
Gegenstnde der Natur fr wissenschaftliche Zwecke gezeichnet hatte, wie ich bei
diesen Zeichnungen zur Anwendung von Farben gekommen war, wie ich ja vor kurzem
erst Gerte gezeichnet und gemalt hatte: so versuchte ich jetzt auch, den ganzen
Blick, in dem ein Hintereinanderstehendes, im Dufte Schwebendes, vom Himmel sich
Abhebendes enthalten war, auf Papier oder Leinwand zu zeichnen und mit lfarben
zu malen. Das sah ich sogleich, da es weit schwerer war als meine frheren
Bestrebungen, weil es sich hier darum handelte, ein Rumliches, das sich nicht
in gegebenen Abmessungen und mit seinen Naturfarben, sondern gleichsam als die
Seele eines Ganzen darstellte, zu erfassen, whrend ich frher nur einen
Gegenstand mit bekannten Linienverhltnissen und seiner ihm eigentmlichen Farbe
in die Mappe zu bertragen hatte. Die ersten Versuche milangen gnzlich. Dieses
schreckte mich aber nicht ab, sondern eiferte mich vielmehr noch immer strker
an. Ich versuchte wieder und immer wieder. Endlich vertilgte ich die Versuche
nicht mehr, wie ich frher getan hatte, sondern bewahrte sie zur Vergleichung
auf. Diese Vergleichung zeigte mir nach und nach, da sich die Versuche
besserten und die Zeichnung leichter und natrlicher wurde. Es war ein
gewaltiger Reiz fr das Herz, das Unnennbare, was in den Dingen vor mir lag, zu
ergreifen, und je mehr ich nach dem Ergreifen strebte, desto schner wurde auch
dieses Unnennbare vor mir selbst.
    Ich blieb so lange in dem Gebirge, als es nur mglich war, und als die
zunehmende Klte einen Aufenthalt im Freien nicht ganz und gar verbat.
    Im sptesten Herbste ging ich noch einmal zu meinem Gastfreunde in das
Rosenhaus. Es war zur Zeit, da in dem Gebirge schon mannigfaltige Schneelasten
auf den Hhen lagen und das flache Land sich schon jedes Schmuckes entuert
hatte. Der Garten meines Freundes war kahl, die Bienenhtte war in Stroh
eingehllt, in den laublosen Zweigen schrillte nur noch manche vereinzelte
Kohlmeise oder ein Wintervogel, und ber ihnen zogen in dem grauen Himmel die
grauen Dreiecke der Gnse nach dem Sden. Wir saen in den langen Abenden bei
dem Feuer des Kamins, arbeiteten unter Tags an der Einhllung und Einwinterung
der Gegenstnde, die es bedurften, oder machten an manchem Nachmittage einen
Spaziergang, wenn der regsame Nebel die Hgel und die Tler und die Ebenen
umwandelte.
    Ich zeigte meinem Gastfreunde meine Versuche im landschaftlichen Malen, weil
ich es gewissermaen fr eine Falschheit gehalten htte, ihm nichts von der
Vernderung zu sagen, die in mir vorgegangen war. Ich scheute mich sehr, die
Versuche vorzulegen, ich tat es aber doch, und zwar zu einer Zeit, da auch
Eustach zugegen war. Als Einleitung erklrte ich, wie ich nach und nach dazu
gekommen wre, diese Dinge zu machen.
    Es geht allen so, welche die Gebirge fter besuchen, und welche
Einbildungskraft und einiges Geschick in den Hnden haben, sagte mein
Gastfreund, Ihr braucht Euch deshalb nicht beinahe zu entschuldigen, es war zu
erwarten, da Ihr nicht blo bei Eurem Sammeln von Steinen und Versteinerungen
bleiben werdet, es ist so in der Natur, und es ist so gut.
    Die Entwrfe wurden mit viel mehr Ernst und Genauigkeit durchgenommen, als
sie verdienten. Da sowohl mein Gastfreund als auch Eustach jedes Blatt fter
betrachtet hatten, sprachen sie mit mir darber. Ihr Urteil ging einstimmig
darauf hinaus, da mir das Naturwissenschaftliche viel besser gelungen sei als
das Knstlerische. Die Steine, die sich in den Vordergrnden befnden, die
Pflanzen, die um sie herum wchsen, ein Stck alten Holzes, das da lge, Teile
von Gerlle, die gegen vorwrts sen, selbst die Gewsser, die sich unmittelbar
unter dem Blicke befnden, htte ich mit Treue und mit den ihnen eigentmlichen
Merkmalen ausgedrckt. Die Fernen, die groen Flchen der Schatten und der
Lichter an ganzen Bergkrpern und das Zurckgehen und Hinausweichen des
Himmelsgewlbes seien mir nicht gelungen. Man zeigte mir, da ich nicht nur in
den Farben viel zu bestimmt gewesen wre, da ich gemalt htte, was nur mein
Bewutsein an entfernten Stellen gesagt, nicht mein Auge, sondern da ich auch
die Hintergrnde zu gro gezeichnet htte, sie wren meinen Augen gro
erschienen, und das htte ich durch das Hinaufrcken der Linien angeben wollen.
Aber durch beides, durch Deutlichkeit der Malerei und durch die Vergrerung der
Fernen, htte ich die letzteren nher gerckt und ihnen das Groartige benommen,
das sie in der Wirklichkeit besen. Eustach riet mir, eine Glastafel mit
Kanadabalsam zu berziehen, wodurch sie etwas rauher wrde, so da Farben auf
ihr haften, ohne da sie die Durchsichtigkeit verlre, und durch diese Tafel
Fernen mit den an sie grenzenden nheren Gegenstnden mittelst eines Pinsels zu
zeichnen, und ich wrde sehen, wie klein sich die grten und ausgedehntesten
entfernten Berge darstellten, und wie gro das zunchstliegende Kleine wrde.
Dieses Verfahren aber empfehle er nur, damit man zur berzeugung der
Verhltnisse komme und einen Mastab gewinne, nicht aber, da man dadurch
knstlerische Aufnahmen von Landschaften mache, weil durch einen solchen Vorgang
die knstlerische Freiheit und Leichtigkeit verloren wrde, welche in Bezug auf
Darstellung das Wesen und das Herz der Kunst sei. Das Auge soll nur gebt und
unterrichtet werden, die Seele msse schaffen, das Auge soll ihr dienen. In
Hinsicht der Farbgebung der Fernen riet er mir, dort, wo ich einen Zweifel
htte, ob ich etwas she oder nur wisse, es lieber nicht anzugeben, und
berhaupt in der Farbe lieber unbestimmter als bestimmter zu sein, weil dadurch
die Gegenstnde an Groartigkeit gewinnen. Sie werden durch die Unbestimmtheit
ferner und durch dieses allein grer. Durch Linien des Zeichnenstiftes auf dem
kleinen Papiere oder der kleinen Leinwand knne man nichts gro machen. Durch
Verdeutlichung werden die Krper nher gerckt und verkleinert. Wenn berhaupt
ein Fehler gegen die Genauigkeit gemacht werden msse - und kein Mensch knne
Dinge, namentlich Landschaften, in ihrer vlligen Wesenheit geben -, so sei es
besser, die Gegenstnde groartiger und bersichtlicher zu geben, als in zu
viele einzelne Merkmale zerstreut. Das erste sei das Knstlerischer und
Wirksamere.
    Ich sah sehr gut ein, was sie sagten, und wute auch, woher die Fehler
kmen, von denen sie redeten. Ich hatte bisher alle Gegenstnde in Hinblick auf
meine Wissenschaft gezeichnet, und in dieser waren Merkmale die Hauptsache.
Diese muten in der Zeichnung ausgedrckt sein, und gerade die am schrfsten,
durch welche sich die Gegenstnde von verwandten unterschieden. Selbst bei
meinem Zeichnen von Angesichtern hatte ich deren Linien, ihr Krperliches, ihre
Licht- und Schattenverteilung unmittelbar vor mir. Daher war mein Auge gebt,
selbst bei fernen Gegenstnden das, was sie wirklich an sich hatten, zu sehen,
wenn es auch noch so undeutlich war, und dafr auf das, was ihnen durch Luft,
Licht und Dnste gegeben wurde, weniger zu achten, ja diese Dinge als
Hindernisse der Beobachtung eher weg zu denken, als zum Gegenstande der
Aufmerksamkeit zu machen. Durch das Urteil meiner Freunde wurde mir der Verstand
pltzlich geffnet, da ich das, was mir bisher immer als wesenlos erschienen
war, betrachten und kennen lernen msse. Durch Luft, Licht, Dnste, Wolken,
durch nahe stehende andere Krper gewinnen die Gegenstnde ein anderes Aussehen,
dieses msse ich ergrnden, und die veranlassenden Dinge msse ich, wenn es mir
mglich wre, so sehr zum Gegenstande meiner Wissenschaft machen, wie ich frher
die unmittelbar in die Augen springenden Merkmale gemacht hatte. Auf diese Weise
drfte es zu erreichen sein, da die Darstellung von Krpern gelnge, die in
einem Mittel und in einer Umgebung von anderen Krpern schwimmen. Ich sagte das
meinen Freunden, und sie billigten meinen Entschlu. Wenn der Nebel oder
berhaupt die trbe Jahreszeit einen Blick in die Ferne gestattete, wurde das,
was mit Worten gesagt wurde, auch an wirklichen Beispielen errtert, und wir
sprachen ber die Art und Weise, wie sich die entfernten Gebirge oder Teile von
ihnen oder nher gehende, von der Hauptkette sich ablsende Grnde darstellten.
Es ist unglaublich, wie sehr ich in jenem kurzen Herbstaufenthalte unterrichtet
wurde.
    Ich sprach mit meinem Gastfreunde auch von den Dichtern, welche ich las, und
erzhlte ihm von dem groen Eindrucke, welchen ihre Worte auf mich machten. Wir
gingen bei Gelegenheit einmal in sein Bcherzimmer, er fhrte mich vor die
Schreine, in welchen die Dichter standen, und zeigte mir, was er in dieser
Hinsicht besa. Er sagte auch, ich machte whrend des Aufenthaltes in seinem
Hause von den Bchern Gebrauch machen, wie ich wollte; ich knnte sie im
Lesezimmer bentzen oder auch in meine Wohnung mit hinbernehmen. Es waren Werke
in den ltesten Sprachen da, von Indien bis nach Griechenland und Italien, es
waren Werke der neueren Zeiten da, und auch der neuesten. Am zahlreichsten waren
natrlich die der Deutschen.
    Ich habe diese Bcher gesammelt, sagte er, nicht, als ob ich sie alle
verstnde; denn von manchen ist mir die Sprache vollkommen fremd; aber ich habe
im Verlaufe meines Lebens gelernt, da die Dichter, wenn sie es im rechten Sinne
sind, zu den grten Wohlttern der Menschheit zu rechnen sind. Sie sind die
Priester des Schnen und vermitteln als solche bei dem steten Wechsel der
Ansichten ber Welt, ber Menschenbestimmung, ber Menschenschicksal und selbst
ber gttliche Dinge das ewig Dauernde in uns und das allzeit Beglckende. Sie
gehen es uns im Gewande des Reizes, der nicht altert, der sich einfach hinstellt
und nicht richten und verurteilen will. Und wenn auch alle Knste dieses
Gttliche in der holden Gestalt bringen, so sind sie an einen Stoff gebunden,
der diese Gestalt vermitteln mu: die Musik an den Ton und Klang, die Malerei an
die Linien und die Farbe, die Bildnerkunst an den Stein, das Metall und
dergleichen, die Baukunst an die groen Massen irdischer Bestandteile, sie
mssen mehr oder minder mit diesem Stoffe ringen; nur die Dichtkunst hat beinahe
gar keinen Stoff mehr, ihr Stoff ist der Gedanke in seiner weitesten Bedeutung,
das Wort ist nicht der Stoff, es ist nur der Trger des Gedankens, wie etwa die
Luft den Klang an unser Ohr fhrt. Die Dichtkunst ist daher die reinste und
hchste unter den Knsten. Da ich nun meine, da es so ist, wie ich sage, so
habe ich die Mnner, welche die Stimme der Zeiten als groe in der Kunst des
Dichtens bezeichnete, hier zusammengestellt. Ich habe Dichter in fremden
Sprachen, die ich nicht verstand, dazu getan, wenn ich nur wute, da sie in der
Geschichte ihres Volkes vorzglich genannt werden, und wenn ich von einem
Fachmanne das Zeugnis hatte, da ich in dem Buche den Dichter besitze, den ich
meine. Sie mgen unverstanden hier stehen, oder es mag wohl einer oder der
andere in diesen Saal kommen, der manchen versteht und liest. Ich habe wohl auch
solche Bcher hieher gestellt, die mir gefallen, das Urteil der Zeit mag anders
lauten oder erst festzustellen sein. In diesen Bchern habe ich viel Glck
gefunden, und in dem Alter fast noch mehr als in der Jugend. Wenn auch die
Jugend die Worte aus einem goldenen Munde mit einem Sturme und mit Entzcken
aufnimmt, wenn sie auch dieselben mit einer Art Schwrmerei und mit Sehnsucht in
dem Busen trgt, so ist es doch fast stets mehr die Wrme des eigenen Gefhles,
die sie empfindet, als da sie die fremde Weisheit und Gre in ein besonnenes,
betrachtendes, abwgendes Herz aufnehmen knnte. Ihr seid selber jung, und die
Tiefe und Innigkeit der Dichtung mag Euch frdern und Euer Herz jedem knftigen
Groen ffnen, wie die reine Dichtkunst das immer an der Jugend tut; aber Ihr
werdet selber einmal sehen, um wie viel milder und klarer die verglhende Sonne
des Alters in die Gre eines fremden Geistes leuchtet als die feurige
Morgensonne der Jugend, die alles mit ihrem Glanze frbt, so wie es eine
Tatsache ist, da die innige, wahre und treue Liebe der alternden Gattin fester
und dauernder beglckt als die lodernde Leidenschaft der jungen, schnen, schim-
mernden Braut. Die Jugend sieht in der Dichtung die eigene Unbegrenztheit und
Unendlichkeit der Zukunft, diese verhllt die Mngel und ersetzt das Abgngige.
Sie dichtet in das Kunstwerk, was im eignen Herzen lebt. Daher kmmt die
Erscheinung, da Werke von bedeutend verschiedener Geltung die Jugend auf
gleiche Art entzcken knnen, und da Erzeugnisse hchster Gre, wenn sie keine
Widerspieglung der Jugendblte sind, nicht erfat werden knnen. In dem Alter
werden selbst solche Glanzstellen der Jugend, die schon sehr ferne liegen, wie
etwa die Sehnsucht der ersten Liebe mit ihrer Dunkelheit und Grenzenlosigkeit,
oder wie die holde und berauschende Seligkeit der Gegenliebe, oder die Trume
knftiger Taten und knftiger Gre, der Blick in ein unendliches, erst
kommendes Leben, oder wie das erste Stammeln in irgend einer Kunst von dem
Greise in dem sanften Spiegel seiner Erinnerung beglckender aufgefat als von
dem Jnglinge, der sie in dem Brausen seines Lebens berhrt, und an der grauen
Wimper mag manche beseligendere und mitunter schmerzlichere Trne hngen als der
feurige Funke, der in berwltigender Empfindung aus dem Auge des Jnglings
springt und keine Spur hinterlt. Ich lese jetzt selten mehr die grten
Geister im Zusammenhange - mit kleineren tue ich es wohl, weil sie in einzelnen
Stellen minder bedeutend sind -, aber ich lese immer in ihnen, und werde wohl
bis zu meinem Lebensende in ihnen lesen. Sie begleiten mich mit ihren Gedanken
wie mit groen Erquickungen durch den Rest meines Lebens, und werden mir wohl,
wie ich ahne, an der dunkeln Pforte Krnze aufhngen, als wren sie von meinen
eigenen Rosen geflochten. Deshalb gehe ich auch kein Buch aus dem Hause, weil
ich nicht wei, ob ich es nicht in nchster Zeit selber brauchen werde. Im Hause
stehen sie jedem, der davon Gebrauch machen will, zu Gebote. Nur fr Gustav wird
eine Auswahl getroffen, weil er noch zu jung ist und nicht alles sondern kann.
Er wrde hier zwar nichts gnzlich Schlechtes finden; aber nicht alles Gute
wrde er verstehen, und dann wre die daran gewendete Zeit verloren; oder er
knnte es miverstehen, und dann wre der Erfolg ein unrichtiger. Das Schlechte,
das sich Dichtkunst nennt, ist der Jugend sehr gefhrlich. In der Wissenschaft
zeigt es sich viel leichter auf. In der Mathematik liegt es in der Darstellung,
da solche Werke wohl kaum vorkommen drften, in denen sogar der Stoff fehlerhaft
wre, in der Naturwissenschaft liegt es in der Darstellung wie im Stoffe, in
welch letzterem es sich in der Gestalt gewagter Behauptungen ausspricht; nur in
der sogenannten Weisheitslehre kann es verborgener sein gleichwie in der
Dichtkunst, weil manche Weisheitslehre wie Dichtkunst zusammen gestellt ist und
wirkt; aber in den Werken der eigentlichen Dichtkunst versteckt es sich vor dem
blhenden Gemte des Jnglings, dieser breitet seine Blten und seine Begierden
darber, und saugt das Gift in sich. Ein klarer Verstand, der sich von Kindheit
an eben zur Klarheit hingebt hat, und ein gutes, reines Herz sind Schutzwehren
vor Schlechtigkeit und Sittenlosigkeit von Dichtungen, weil der klare Verstand
den hohlen Schwulst von sich abweist und das reine Herz die Unsittlichkeit
ablehnt. Aber beides geschieht nur gegen die Entschiedenheit des Schlechten. Wo
es in Reize verhllt ist und mit Reinem gemischt, dort ist es am bedenklichsten,
und da mssen Ratgeber und vterliche Freunde zu Hilfe stehen, da sie teils
aufklren, teils von vornherein die Annherung des bels aufhalten. Gegen die
Schlechtigkeit in der Darstellung oder gegen die lange Weile braucht man kein
Mittel als sie selber. Ihr seid zwar noch jung; aber Ihr seid nicht so jung zu
dem Lesen von Dichtern gekommen wie die meisten unserer Jnglinge, und Ihr habt
so viel in Wissenschaften gelernt, da ich glaube, da man Euch alle Dichter in
die Hnde geben kann, ohne Gefahr zu befrchten, selbst bei solchen, die in
ihrem Amte sehr zweifelhaft sind. Euer Geist wird sich wohl heraus finden und
gerade dadurch noch mehr klren. Da ich von der Weisheitslehre sprach, welche
man in unserem deutschen Lande noch immer als Weisheitsliebe mit dem
griechischen Worte Philosophie bezeichnet, mu ich Euch sagen, was Ihr wohl
vielleicht schon aus anderen Reden von mir gemerkt haben mgt, da ich nicht gar
sehr viel auf sie halte, wenn sie in ihrem eigenen und eigentmlichen Gewande
auftritt. Ich habe alte und neue Werke derselben mit gutem Willen durchgenommen;
aber ich habe mich zu viel mit der Natur abgegeben, als da ich auf ledigliche
Abhandlungen ohne gegebener Grundlage viel Gewicht legen knnte, ja sie sind mir
sogar widerwrtig. Vielleicht reden wir noch ein anderes Mal von dem
Gegenstande. Wenn ich je einige Weisheit gelernt habe, so habe ich sie nicht aus
den eigentlichsten Weisheitsbchern, am wenigsten aus den neuen - jetzt lese ich
gar keine mehr - gelernt; sondern ich habe sie aus Dichtern genommen, oder aus
der Geschichte, die mir am Ende wie die gegenstndlichste Dichtung vorkmmt.
    Als ich meinen Gastfreund so reden hrte, erinnerte ich mich, da ich ihn in
der Tat viel lesen gesehen habe. Oft war er mit einem Buche unter einem
schattigen Baume gesessen oder in rauherer Jahreszeit auf einer sonnigen Bank,
oft hatte er sich mit einem auf einen Spaziergang begeben, er ist sehr hufig in
dem Lesezimmer gewesen, und er trug Bcher in seine Arbeitsstube. Als wir die
letzte Fahrt in den Sternenhof gemacht hatten, hatte er Bcher mitgenommen, und
ich glaube von Gustav gehrt zu haben, da er auf jede Reise Bcher einpacke.
    Ich ging bei meinem jetzigen Aufenthalte in dem Rosenhause sehr oft in das
Bcherzimmer, und wie ich frher vor den Schrnken gestanden war, die die Werke
der Naturwissenschaften enthielten, und wie ich damals manches Buch in das
Lesezimmer mitgenommen hatte, so stand ich jetzt vor den Schreinen mit den
Dichtern, sah viele einzelne der vorhandenen Bcher an, trug manches in das
Lesezimmer oder mit Bewilligung meines Gastfreundes in meine Stube, und schrieb
mir die Aufschrift von manchem in mein Gedenkbuch, um es mir, wenn ich nach
Hause gekommen wre, zu kaufen.
    Gegen das Ende meines Aufenthaltes, da noch einige sonnige Tage kamen,
zeichnete und malte ich auch mehrere Stcke der schnen getfelten Fubden, die
in diesem Hause anzutreffen waren. Ich tat dies, um dem Vater von allen Dingen,
welche ich gesehen hatte, einiger Maen Abbildungen bringen zu knnen.
    Als es schon bald zu meiner Abreise kam, sagte mein Gastfreund, er htte
noch etwas mit mir zu reden, und er sprach: Weil Euch Euere Natur selber zum
Teile aus dem Kreise herausgezogen hat, den Ihr um Euch gesteckt habt, weil Ihr
zu Euren frheren Bestrebungen noch den Einblick in die Dichtungen gesellt habt,
so wie ja schon das Landschaftsmalen als ein bergang in das Kunstfach ein
Schritt aus Eurem Kreise war, so erlaubet mir, da ich als Freund, der Euch wohl
will, ein Wort zu Euch rede. Ihr solltet zu Eurem Wesen eine breitere Grundlage
legen. Wenn die Krfte des allgemeinen Lebens zugleich in allen oder vielen
Richtungen ttig sind, so wird der Mensch, eben weil alle Krfte wirksam sind,
weit eher befriedigt und erfllt, als wenn eine Kraft nach einer einzigen
Richtung hinzielt. Das Wesen wird dann im Ganzen leichter gerundet und gefestet.
Das Streben in einer Richtung legt dem Geiste eine Binde an, verhindert ihn, das
Nebenliegende zu sehen, und fhrt ihn in das Abenteuerliche. Spter, wenn der
Grund gelegt ist, mu der Mann sich wieder dem Einzigen zuwenden, wenn er
irgendwie etwas Bedeutendes leisten soll. Er wird dann nicht mehr in das
Einseitige verfallen. In der Jugend mu man sich allseitig ben, um als Mann
gerade dann fr das Einzelne tauglich zu sein. Ich sage nicht, da man sich in
das Tiefste des Lebens in allen Richtungen versenken msse, wie zum Beispiele in
allen Wissenschaften, wie Ihr ja selber einmal angefangen habt, das wre
berwltigend oder ttend, ohne dabei mglich zu sein; sondern da man das
Leben, wie es uns berall umgibt, aufsuche, da man seine Erscheinungen auf sich
wirken lasse, damit sie Spuren einprgen, unmerklich und unbewut, ohne da man
diese Erscheinungen der Wissenschaft unterwerfe. Darin, meine ich, besteht das
natrliche Wissen des Geistes zum Unterschiede von der absichtlichen Pflege
desselben. Er wird nach und nach gerecht fr die Vorkommnisse des Lebens. Ihr
habt, scheint es mir, zu jung einen einzelnen Zweig erfat, unterbrecht ihn ein
wenig, Ihr werdet ihn dann freier und groartiger wieder aufnehmen. Schaut auch
die unbedeutenden, ja nichtigen Erscheinungen des Lebens an. Geht in die Stadt,
sucht Euch deren Vorkommnisse zurecht zu legen, kommt dann zu uns auf das Land,
lebt einmal eine Weile mig bei uns, das heit, tut, was Euch der Augenblick
und die Neigung eingibt, wir wollen dieses Haus und den Garten genieen, wollen
den Nachbar Ingheim besuchen, wollen auch zu anderen, entfernteren Nachbarn
gehen, und die Dinge an uns vorber flieen lassen, wie sie flieen.
    Ich dankte ihm fr seine Bemerkungen, sagte, da ich selber so etwas
hnliches in mir empfinde, da ich wohl etwas unbeholfen gegen das Leben sei,
da meine Eltern und wohlmeinenden Freunde wohl Nachsicht mit mir haben mssen,
und da ich fr jeden Wink dankbar sei. Besonders freue mich die Einladung in
sein Haus, und ich werde ihr mit vieler Freude Folge leisten.
    Als die Zeit meiner Abreise herangekommen war, packte ich die Zeichnungen
und alles, was ich in dem Rosenhause hatte, ein, nahm den herzlichsten Abschied
von dem alten Manne, Gustav, Eustach, Roland, der gekommen war, verabschiedete
mich von allen Bewohnern des Hauses, Gartens und Meierhofes, und reisete zu
meinen Angehrigen in die Hauptstadt zurck.
    Das erste, was ich dort nach dem innigsten und aufrichtigsten Bewillkommen
sah, war, da mein Vater das teils glserne, teils hlzerne Huschen, in welchem
die alten Waffen hingen, um welches sich der Efeu rankte, und welches im Grunde
den uersten Ansatz oder gleichsam einen Erker des rechten Flgels des Hauses
gegen den Garten bildete, in dem vergangenen Sommer hatte umbauen lassen. Er
hatte es bedeutend vergrert, aber die Leisten, Spangen und Rahmen, in denen
das Glas befestigt war, hatte er in der frheren Art gelassen, nur waren sie dem
Stoffe nach neu gemacht und mit schnen Verzierungen und Schnitzereien versehen.
Die Simse des Daches waren nach mittelalterlicher Weise verfertigt, schn
geschnitzt und verziert. Der Efeu war wieder an Leisten empor geleitet worden
und blickte an manchen Stellen durch das Glas herein. Die Fenster waren nicht
mehr nach auen und innen zu ffnen wie frher, sondern zum Verschieden. Die
grte Vernderung aber war die, da der Vater hatte zwei Sulen auffhren
lassen, whrend frher die beiden Wnde, welche nach auen geschaut hatten, aus
Glas verfertigt gewesen waren. Diese zwei Pfeiler hatten genau die Abmessungen,
da die zwei Verkleidungen, welche ich ihm in dem vorigen Herbste gebracht
hatte, auf dieselben paten. Die Verkleidungen waren aber noch nicht auf ihnen,
weil das Mauerwerk zuerst austrocknen mute, da das Holz an demselben keinen
Schaden nehmen konnte. Der Vater hatte mir nur den ganzen Plan und die
Vorrichtungen zu seiner Ausfhrung gesagt. So wie es mich einerseits freute, da
der Vater das Holzkunstwerk so schtzte, da er eigens zu dem Zwecke, es
anbringen zu knnen, das Huschen hatte umbauen lassen, so war es mir
andererseits erst recht schmerzlich, da ich die Ergnzungen zu den
Verkleidungen nicht aufzufinden im Stande gewesen war. Ich sagte dem Vater von
meinen Bemhungen und von meinem Leidwesen wegen des schlechten Erfolges. Er und
die Mutter trsteten mich und sagten, es sei alles auch in der vorhandenen
Gestalt recht schn, was verschwunden ist und nicht mehr erlangt werden kann,
msse man nicht eigensinnig anstreben, sondern sich an dem, was eine gute Gunst
uns noch erhalten habe, freuen. Das Huschen werde eine Erinnerung sein, und so
oft man sich in demselben, wenn es vollkommen in den Stand gesetzt sein wrde,
befinden werde, werde einem die Zeit vorschweben, in welcher das Holzwerk
gemacht worden sei, und die, in welcher ein lieber Sohn es zur Freude des Vaters
aus dem Gebirge gebracht habe.
    Ich mute mich wohl, obgleich ungern, beruhigen. Es erschien mir jetzt erst
recht schn, wenn die Verkleidungen am ganzen Innern des Huschens herum liefen,
und ber ihnen einerseits die Pfeiler und andererseits die Fenster schimmerten.
    Nach einigen Tagen, in welchen die ersten Besprechungen gefhrt wurden, die
nach einer Reise eines Familiengliedes im Schoe einer Familie immer vorfallen,
wenn auch die Reise eine jhrlich wiederkommende ist, legte ich dem Vater, da
unterdessen auch meine Koffer und Kisten angekommen waren, die Abbildungen vor,
welche ich von den Gerten und Fubden im Rosenhause und im Sternenhofe gemacht
hatte. Ich war auf die Wirkung sehr neugierig. Ich hatte einen Sonntag
abgewartet, an welchem er Zeit hatte, und an welchem er gerne nach dem
Mittagessen eine geraume Weile in dem Kreise seiner Familie zubrachte. Ich legte
die Bltter vor ihm auf einem Tische auseinander. Er schien mir bei ihrem
Anblick - ich kann sagen - betroffen. Er sah die Bltter genau an, nahm jedes
mehrere Male in die Hand, und sagte lngere Zeit kein Wort. Endlich ging seine
Empfindung in eine unverhohlene Freude ber. Er sagte, ich wisse gar nicht, was
ich gemacht htte, ich wisse gar nicht, welchen Wert diese Dinge htten, ich
htte in frherer Zeit die Schnheit und Zusammenstimmigkeit dieser Dinge mit
Worten gar nicht so in das rechte Licht gestellt, wie es sich jetzt in Farbe und
Zeichnung, wenn auch beides mangelhaft wre, beurkunde. Im ersten Augenblicke
hielt der Vater die Gerte, welche ich in dem Sternenhofe abgebildet hatte, fr
wirklich alte; als ich ihn aber auf die tatschlichen Verhltnisse derselben
aufmerksam machte, sagte er, das msse ein auerordentlicher Mensch sein, der
diese Entwrfe gemacht habe, er msse nicht nur mit der alten Bauart und
Zusammenstellung der Gerte sehr vertraut sein, sondern er msse auch ein
ungewhnliches Schnheitsgefhl haben, um aus der Menge der berlieferten
Gestalten das zu whlen, was er gewhlt habe. Und die Zusammenreihung der Gerte
sei so aus einem Gusse, als wren sie einstens zu einem Zwecke und in einer Zeit
verfertigt worden. Auch die wirklich alten Gerte im Rosenhause seien von einer
Schnheit, wie er sie nie gesehen habe, obgleich ihm die vorzglichsten und
berhmtesten Sammlungen der Stadt und mancher Schlsser bekannt wren. Zwei so
auserlesene Stcke wie den groen Kleiderschrein und den Schreibschrein mit den
Delphinen drfte man kaum irgendwo finden. Sie wren wert, in einem kaiserlichen
Gemache zu stehen.
    Ich erzhlte ihm, um den Mann, der die Entwrfe fr den Sternenhof gemacht
hatte, nher zu bezeichnen, da ich viele Bauzeichnungen und Zeichnungen von
anderen Dingen in dem Rosenhause gesehen habe, welche weit hhere Gegenstnde
darstellen, und auch mit einer ungleich greren Vollendung ausgefhrt seien,
als ich bei meinen Abbildungen anzubringen im Stande gewesen wre. Diese
Arbeiten seien bei dem Manne Vorbildungen gewesen, damit er die Entwrfe htte
machen knnen, die er gemacht habe.
    Er schien auf meine Worte nicht zu achten, sondern legte irgend ein Blatt
hin, nahm ein anderes auf und betrachtete es.
    So weit ich aus den Abbildungen urteilen kann, sagte er, sind die
altertmlichen Gegenstnde, welche du mir da veranschaulicht hast, nicht nur an
sich sehr vortrefflich, sondern sie sind auch hchst wahrscheinlich, wie Farbe
und Zeichnung dartut, sehr zweckmig wieder hergestellt. Meine Habseligkeiten
sinken dagegen zu Unbedeutenheiten herab, und ich sehe aus diesen Blttern, wie
man die Sache anfassen mu, wenn man die Zeit, die Kenntnisse und die Mittel
dazu hat.
    Mich freute es jetzt recht sehr, da ich auf den Gedanken gekommen war, dem
Vater diese Dinge nachzubilden, um ihm eine Vorstellung von ihnen zu gehen, mich
freute sein Anteil, den er an ihnen nahm, und die Freude, die er darber hatte.
    Es sind nun zwei Wege, die zu gehen sind, meinte die Mutter, entweder
kannst du dir nach diesen Gemlden die Dinge, die sie darstellen, machen lassen,
um dich immerwhrend daran zu ergtzen, oder du kannst in den Asperhof und
Sternenhof reisen und sie in Wirklichkeit sehen, um eine Freude zu haben, so
lange du sie siehst, und in der Erinnerung dich zu laben, wenn du wieder
weggereist bist.
    Der Vater antwortete: Die Gerte, die hier gezeichnet sind, nachmachen zu
lassen, ist eine Unzukmmlichkeit; denn erstens mte hiezu die Einwilligung des
Eigentmers erlangt werden, und wenn sie auch erlangt worden wre, so htten
zweitens die nachgebildeten Gegenstnde in meinen Augen nicht den Wert, den sie
haben sollten, weil sie doch nur, wie die Maler sagen, Kopien wren. Es bte
sich auch noch der Gedanke, mit Einwilligung des Eigentmers nach diesen
Abbildungen neue Zusammenstellungen entwerfen und in Wirklichkeit ausfhren zu
lassen; allein das verlangt eine so groe Geschicklichkeit, welche ich nicht nur
mir nicht zutraue, sondern welche ich auch an den Arbeitern in hnlichen Dingen,
die ich in unserer Stadt kenne, nicht aufzufinden hoffe. Und zuletzt wren die
verfertigten Gegenstnde doch noch immer nichts mehr als halbe Kopien. Das
Verfertigen geht also nicht. Was deinen zweiten Weg anbelangt, Mutter, so werde
ich ihn gewi gehen. Ich habe mir schon frher bei den Erzhlungen von diesen
Dingen vorgenommen, die Reise zu ihnen zu machen; jetzt aber, da ich die
Abbildungen sehe, werde ich die Reise nicht nur um so gewisser, sondern auch in
viel nherer Zeit machen, als es wohl sonst htte geschehen knnen.
    Das wird recht schn sein, riefen wir fast alle aus einem Munde.
    Die Mutter sagte: Du solltest gleich die Zeit bestimmen, und solltest
gleich mit deinem Sohne verabreden, da er dich in derselben zu dem alten Manne
in das Rosenhaus fhre, welcher dich schon auch in den Sternenhof geleiten
wrde.
    Nun, so drnget nur nicht, erwiderte er, es wird geschehen, das ist
genug; binden, wit ihr, kann sich ein Mann nicht, der von seinem Geschfte
abhngt und nicht wissen kann, welche Umstnde einzutreten vermgen, die von ihm
Zeit und Handlungen fordern.
    Die Mutter kannte ihn zu gut, um weiter in ihn zu dringen, er wrde bei
seinem ausgesprochenen Satze geblieben sein. Sie beruhigte sich mit dem
Erlangten.
    Sowohl sie als die Schwester dankten mir, da ich dem Vater die Bilder
gebracht hatte, die ihm ein solches Vergngen bereiteten.
    Die Fubden mssen auch vortrefflich sein, rief er aus. Sie sind viel
schner, als die ungefhre Malerei andeuten kann, erwiderte ich, mein Pinsel
kann noch immer nicht den Glanz und die Zartheit und das Seidenartige der
Holzfasern ausdrcken, was man alles dort so liebt, da nur mit Filzschuhen auf
diesen Bden gegangen werden darf.
    Das kann ich mir denken, antwortete er, das kann ich mir denken.
    Hierauf mute ich ihm alle Hlzer nennen, die hier mit Farben angegeben
waren, und aus denen die abgebildeten Gegenstnde bestanden. Die meisten kannte
er ohnehin, was mich freute, weil es der Beweis war, da ich die Farben nicht
unsachgem angewendet habe. Die er nicht kannte, nannte ich ihm. Ich wute sie
fast alle ganz genau anzugeben.
    Er verwunderte sich wieder und immer aufs neue, und suchte sich die
Gegenstnde recht lebhaft vorzustellen.
    Die Mutter und Schwester fragten mich, ob ich recht lange zu dieser Arbeit
gebraucht htte, und ob ich nicht dabei beklommen gewesen wre.
    Ich antwortete, da ich des Zweckes willen sehr fleiig gewesen sei, da es
anfnglich langsam gegangen sei, da ich aber nach und nach bung erlangt htte,
und da ich dann weit schneller vorwrts gekommen sei, als ich selber geahnt
habe. Und was die Beklemmung anbelangt, so htte ich sie freilich im Anfange
gehabt; aber da die Dinge einmal auf mich gewirkt htten, da ich in Eifer
geraten wre, da sich hie und da ein Gelingen eingestellt htte, namentlich da
mir durch die Entschiedenheit der Erscheinung mancher Holzgattung die Farbe
gleichsam von selber in die Hand gegeben worden wre; so htte sich bald die
Unbefangenheit eingefunden und nach und nach sich die Lust hinzu gesellt.
    Nach diesen Worten zeigte mir der Vater auch manchen Fehler, den ich in den
Arbeiten gemacht htte, und setzte mir auseinander, wie ich selbe, falls ich
wieder hnliche Dinge entwerfen sollte, vermeiden knnte. Da er Gemlde hatte,
da er sich seit Jahren mit denselben beschftigt hatte, so durfte ihm wohl ein
Urteil in dieser Hinsicht zugewachsen sein, und ich erkannte das, was er sagte,
als vollkommen richtig an, und glaubte mich aber auch befhigt zu fhlen, es in
Zukunft besser zu machen.
    Nach den Fehlern ging der Vater auch auf die Vorzge der Arbeit ber und
sagte, da er nach den Zeichnungen von Kpfen, die ich vor einiger Zeit gemacht
htte, zu schlieen, von mir nicht erwartet htte, da ich etwas so Sachgemes
in lfarben wrde ausfhren knnen.
    Dieser Sonntagsnachmittag war eine sehr liebe, angenehme Zeit.
    Die Freundlichkeit der Schwester, die sie besonders an diesem Nachmittage an
den Tag legte, war mir ein schnerer Lohn, als wenn ein Kenner gesagt htte, da
meine Bltter ausgezeichnet seien, das Lob der Mutter, da ich auf den Vater und
das vterliche Haus gedacht habe und aus Liebe zu beiden, um Freude zu bereiten,
eine beschwerliche Arbeit unternommen habe, erregte mir die angenehmsten
Gefhle, und da auch der Vater mit einigen gewhlten Worten seinen Dank
aussprach und sagte, da er dieses Zartgefhl nicht vergessen werde, konnte ich
nur mit groer Gewalt die Trnen bemeistern.
    Ich gab ihm alle Bltter als Eigentum, und er reihte sie seiner Sammlung von
Merkwrdigkeiten ein.
    Am nchsten Tage packte ich die Zithern aus, legte beide der Schwester vor,
und lie ihr die Wahl, ob sie die meinige oder die neuangekaufte als fr sie
gehrig annehmen wolle. Sie whlte die neue und freute sich darber sehr. Ich
zeigte ihr auch die Stcke, welche ich mir nach dem Spiele meines
Gebirgslehrmeisters geschrieben hatte, und lie sie ihr in ihrem Zimmer, da sie
sie abschreiben lassen knne, und da sie ihre bungen darnach begnne. Ich
versprach ihr, in diesem Winter ihr Lehrer in dieser Kunst zu sein.
    Nach einiger Zeit brachte ich auch meine Malereien von Gebirgslandschaften
zum Vorscheine. Ich hatte bis dahin immer nicht den Mut dazu gehabt; aber
endlich machte mir mein Gewissen zu bittere Vorwrfe, da ich gegen meine
Angehrigen Heimlichkeiten habe. Ich zeigte meinem Vater die Bltter auch an
einem Sonntagsnachmittage. Ich blickte ihm erstaunt in das Angesicht, als er
dieselben gesehen hatte und das nmliche sagte, was mein Gastfreund im
Rosenhause und was Eustach gesagt hatten. Bei diesen letzten beiden hatte es
mich nicht gewundert, da ich sie fr Kenner hielt, und da sie Gebirgsbewohner
waren. Der Vater aber, der zwar Bilder besa, war ein Kaufherr und war nie lange
in dem Gebirge gewesen. Es erhhte dies meine Ehrfurcht gegen ihn noch mehr. Er
zeigte mir, wo ich unwahr gewesen war, und setzte mir auseinander, wie es htte
sein sollen, was ich augenblicklich begriff. Das, was er lobte und richtig fand,
gefiel mir selber nachher doppelt so wohl.
    Klotilden mute ich die Bltter noch einmal und allein in ihrem Zimmer
zeigen. Sie verlangte, da ich ihr beinahe alles erklre. Sie war nie in hherem
oder im Urgebirge gewesen, sie wollte sehen, wie diese Dinge beschaffen seien,
und sie reizten ihre Aufmerksamkeit sehr. Obgleich meine Malereien keine
Kunstwerke waren, wie ich jetzt immer mehr einsah, so hatten sie doch einen
Vorzug, den ich erst spter recht erkannte, und der darin bestand, da ich nicht
wie ein Knstler nach Abrundung noch zusammenstimmender Wirkung oder Anwendung
von Schulregeln rang, sondern mich ohne vorgefater Einbung den Dingen hingab
und sie so darzustellen suchte, wie ich sie sah. Dadurch gewannen sie, was sie
auch an Schmelz und Einheit verloren, an Naturwahrheit in einzelnen Stcken, und
gaben dem Nichtkenner und dem, der nie die Gebirge gesehen hatte, eine bessere
Vorstellung als schne und knstlerisch vollendete Gemlde, wenn sie nicht die
vollendetsten waren, die dann freilich auch die Wahrheit im hchsten Mae
trugen. Aus diesem Grunde sagte mir Klotilde durch eine Art unbewuter Ahnung,
sie wisse jetzt, wie die Berge aussehen, was sie aus vielen und guten Bildern
nicht gewut htte. Sie uerte auch den Wunsch, einmal die hohen Berge selber
sehen zu knnen, und meinte, wenn der Vater die Reise in das Rosenhaus und in
den Sternenhof mache und bei dieser Gelegenheit auch die Gebirge besuche, werde
sie ihn bitten, sie mitreisen zu lassen. Ich erzhlte ihr nun recht viel von den
Bergen, beschrieb ihr ihre Herrlichkeit und Gre, machte sie mit manchen
Eigentmlichkeiten derselben bekannt, und setzte ihr meine verschiedenen Reisen
in denselben und meine Bestrebungen ausfhrlicher als sonst auseinander. Ich
hatte nie so viel von den Gebirgen mit ihr geredet. Nach diesen Worten verlangte
sie auch, da ich sie unterrichte, eben solche Abbildungen verfertigen zu
knnen, wie sie hier vor ihr liegen. Sie wolle sich Farben und alle andere dazu
notwendigen Gertschaften verschaffen. Da sie ohnehin ziemlich gut zeichnen
konnte, so war die Sache nicht so schwierig, als sie beim ersten Anscheine
ausgesehen hatte. Ich versprach ihr meinen Beistand, wenn die Eltern einwilligen
wrden.
    Wir fragten nach einiger Zeit die Eltern. Sie hatten im ganzen nichts
dagegen, nur die Mutter verlangte ausdrcklich, da diese Arbeiten nur
Nebendinge sein sollen, Dinge zum Vergngen, nicht Hauptbeschftigungen; denn
die Hauptpflicht des Weibes sei ihr Haus, diese Dinge knnen zwar auch recht
wohl in das Haus gehren; aber einseitig oder gar mit Leidenschaft betrieben,
untergraben sie eher das Haus, als sie es bauen helfen. Klotilde aber sei schon
so alt, da sie sich ihrem knftigen Berufe zuwenden msse.
    Wir begriffen das alles und versprachen, nichts ins berma gehen lassen zu
wollen.
    Es wurden alle Erfordernisse angeschafft, und wir begannen in gegnnten
Zeiten die Arbeit.
    Auch Spanisch wollte die Schwester von mir lernen. Ich betrieb es fort, und
da ich ihr voraus war, wurde ich auch hierin ihr Lehrer, was die Mutter mit
derselben Einschrnkung wie das Landschaftsmalen gelten lie. Es waren also in
unserem Hause fr dieses Jahr mehr Beschftigungen fr mich vorhanden als in
anderen Zeiten.
    Es war mir in jenem Herbste besonders wunderbar, da weder Vater noch Mutter
genauer nach meinem Gastfreunde fragten. Sie muten entweder nach meinen
Erzhlungen ein entschiedenes Vertrauen in ihn setzen, oder sie wollten durch zu
vieles Einmischen die Unbefangenheit meiner Handlungen nicht stren.
    Bei allen huslichen Bestrebungen fing ich bei dem herannahenden Winter doch
ein etwas anderes Leben an, als ich es bisher gefhrt hatte, und zwar ein etwas
mannigfaltigeres. Ich hatte in vergangener Zeit nur solche Stadtkreise besucht,
in welche meine Eltern geladen worden waren, oder in welche ich durch Freunde,
die ich gewann, gezogen wurde. Diese Kreise bestanden grtenteils aus Leuten
von hnlichem Stande mit dem meines Vaters. Ich sprte Neigung in mir, nun auch
Sitten und Gebruche so wie Ansichten und Meinungen solcher Menschen kennen zu
lernen, die sich auf glnzenderen Lebenswegen befanden. Der Zufall gab bald hier
bald da Gelegenheit dazu, und teils suchte ich auch Gelegenheiten. Es geschah,
da ich Bekanntschaften machte, und mitunter auch fortsetzen konnte. Ich lernte
Leute von hherem Adel kennen, lernte sehen, wie sie sich bewegen, wie sie sich
gegenseitig behandeln, und wie sie sich gegen solche, die nicht ihres Standes
sind, benehmen.
    Es lebte eine alte, edle verwitwete Frstin in unserer Stadt, deren zu frh
verstorbener Gemahl den Oberbefehl in den letzten groen Kriegen gefhrt hatte.
Sie war hufig mit ihm im Felde gewesen und hatte da die Verhltnisse von
Kriegsheeren und ihren Bewegungen kennen gelernt, sie war in den grten Stdten
Europas gewesen und hatte die Bekanntschaft von Menschen gemacht, in deren
Hnden die ganzen Zustnde des Weltteiles lagen, sie hatte das gelesen, was die
hervorragendsten Mnner und Frauen in Dichtungen, in betrachtenden Werken und
zum Teile in Wissenschaften, die ihr zugnglich waren, geschrieben haben, und
sie hatte alles Schne genossen, was die Knste hervorbringen. Einstens war sie
in den hheren Kreisen eine der auerordentlichsten Schnheiten gewesen, und
noch jetzt konnte man sich kaum etwas Lieblicheres denken als die freundlichen,
klugen und innigen Zge dieses Angesichtes. Ein Mann, der sich viel mit Gemlden
und ihrer Beurteilung abgab und oft in die Nhe der Frstin kam, sagte einmal,
da nur Rembrandt im Stande gewesen wre, die feinen Tne und die kunstgemen
Obergnge ihres Angesichtes zu malen. Sie hatte jetzt eine Wohnung an der
Ostgrenze der innern Stadt, damit die Morgensonne ihre Zimmer fllte, und damit
sie den freien Blick ber das frische Grn und auf die entfernten Vorstdte
htte. Blhende Shne in hohen kriegerischen Wrden besuchten die alte,
ehrwrdige Mutter hier, so oft ihr Dienst ihre Anwesenheit in der Stadt
gestattete, und so oft whrend dieser Anwesenheit ein Augenblick es erlaubte.
Schne Enkel und Enkelinnen gingen bei ihr aus und ein, und eine zahlreiche
Verwandtschaft wurde bald in diesen, bald in jenen Mitgliedern in ihren Zimmern
gesehen. Aber geistige Erholung oder Anstrengung - wie man den Ausdruck nehmen
will - war ihr ein Bedrfnis geblieben. Sie wollte nicht blo das wissen, was
jetzt noch auf den geistigen Gebieten hervor gebracht wurde, und in dieser
Beziehung, wenn irgend ein Werk Ruhm erlangte und Aufsehen machte, suchte sie
auch an dessen Pforte zu klopfen und zu sehen, ob sie eintreten knnte; sondern
sie nahm oft auch ein Buch von solchen Personen in die Hand, die in ihre
Jugendzeit gefallen und dort bedeutsam gewesen waren, sie ging das Werk durch
und erforschte, ob sie auch jetzt noch die zahlreichen mit Rotstift gemachten
Zeichen und Anmerkungen wieder in derselben Art machen, oder ob sie andere an
ihre Stelle setzen wrde; ja sie nahm Werke der ltesten Vergangenheit vor, die
jetzt die Leute, auer sie wren Gelehrte, nur in dem Munde fhren, nicht lesen;
sie wollte doch sehen, was sie enthielten, und wenn sie ihr gefielen, wurden sie
nach manchen Zwischenzeiten wieder hervorgeholt. Von dem, was in den
Verhltnissen der Staaten und Vlker vorging, wollte sie bestndig unterrichtet
sein. Sie empfing daher von manchen ihrer Verwandten und Bekannten Briefe, und
die vorzglichsten Zeitungsbltter muten auf ihren Tisch kommen. Weil aber,
obwohl ihre Augen noch nicht so schwach waren, das viele Lesen, das sie sich
hatte auflegen mssen, bei ihrem Alter doch htte beschwerlich werden knnen,
hatte sie eine Vorleserin, welche einen Teil, und zwar den grten, des
Lesestoffes auf sich nahm und ihr vortrug. Diese Vorleserin war aber keine bloe
Vorleserin, sondern vielmehr eine Gesellschafterin der Frstin, die mit ihr ber
das Gelesene sprach, und die eine solche Bildung besa, da sie dem Geiste der
alten Frau Nahrung zu geben vermochte, so wie sie von diesem Geiste auch Nahrung
empfing. Nach dem Urteile von Mnnern, die ber solche Dinge sprechen knnen,
war die Gesellschafterin von auerordentlicher Begabung, sie war im Stande,
jedes Groe in sich aufzunehmen und wieder zu geben, so wie ihre eigenen
Hervorbringungen, zu denen sie sich zuweilen verleiten lie, zu den
beachtenswertesten der Zeit gehrten. Sie blieb immer um die Frstin, auch wenn
diese im Sommer auf ein Landgut, das in einem entfernten Teile des Reiches lag
und ihr Lieblingsaufenthalt war, ging, oder wenn sie sich auf Reisen befand,
oder eine Zeit an einer schnen Stelle unsers Gebirges weilte, wie sie gerne
tat.
    An manchen Abenden zu der Zeit, da sie in der Stadt war, sammelte die
Frstin einen kleinen Kreis um sich, in welchem entweder etwas vorgelesen wurde,
oder in welchem man ber wissenschaftliche oder gesellige oder Staatsdinge oder
Dinge der Kunst sprach. Die Kreise waren regelmig an gleichen Tagen der Woche,
sie waren in der Stadt bekannt, wurden sehr hoch geachtet oder verspottet, wie
eben der Beurteilende war, wurden gesucht, und bestanden zuweilen aus sehr
bedeutenden Personen. In diese Kreise hatte ich Zutritt erlangt. Die Frstin
hatte mich einige Male getroffen, es war einmal von meiner Wissenschaft die Rede
gewesen, sie war sehr neugierig, was man denn von der Geschichte der Erdbildung
wisse, und aus welchen Umstnden man seine Schlsse ziehe, und sie hatte mich in
ihre Nhe gezogen. Ich hrte aufmerksam zu, wenn ich an den bestimmten Abenden
in ihrem Gesellschaftszimmer war, sprach selber wenig, und meistens nur, wenn
ich dazu aufgefordert wurde. Die Frstin sa in schwarzem oder aschgrauem
Seidenkleide - lichtere trug sie nie - in ihrem Polsterstuhle und hatte einen
Schemel unter ihren Fen. Die Lampe trug gegen ihre Seite hin einen grnen
Schirm und go ihr Licht in die Gegend der Vorleserin oder des Vorlesers, wenn
eben gelesen wurde, Die andern saen nach ihrer Bequemlichkeit herum. Meistens
bildete sich von selber eine Art Kreis. Man hrte in tiefer Stille dem Vorlesen
zu und nahm an den Gesprchen, die nach dem Lesen folgten, oder die, wenn gar
keine Vorlesung war, den ganzen Abend erfllten, den eifrigsten Anteil. Die
Frstin konnte ihnen den lebhaftesten und tiefsten Fortgang geben. Es schien,
da das, was die vorzglichsten Mnner in ihrer Gegenwart sprachen, von ihr
angeregt wurde, und da ihre grte Gabe darin bestand, das, was in anderen war,
hervor zu rufen. Sie sa dabei mit ihrer uerst zierlichen Gestalt auf die
anmutigste Weise in ihrem Stuhle, und bewegte noch als hochbetagte Frau die
Gesellschaft mit ihrer lieblichen Schnheit. Zuweilen, wenn sich ihr Inneres
erregte, stand sie auf, hielt sich an ihrem Stuhle, und erklrte und sprach zu
den Anwesenden mit ihrer klaren, zarten, wohllautenden Stimme.
    Ich lernte verschiedene Menschen in den Zimmern der Frstin kennen. Zuweilen
war es ein hervorragender Knstler, den man dort sprechen hrte, zuweilen ein
Staatsmann, der mit den wichtigsten Angelegenheiten unseres Landes betraut war,
oder es war sonst eine bedeutende Persnlichkeit der Gesellschaft, oder es waren
die Sulen und die Fhrer unseres tapferen Heeres. Ich hrte bei der Frstin
Aussprche, die ich mir merken wollte, die ich mir aufschrieb, und die mir ein
unveruerliches Eigentum bleiben sollten. Ich gestehe es, da ich nie ohne eine
gewisse Beklemmung in das Zimmer mit den blaubemalten Wnden und den
dunkelblauen Gerten und den einigen Bildern, worunter mich besonders das anzog,
welches ihren Landsitz darstellte, trat, und ich gestehe es, da ich nie das
Zimmer ohne Ruhe und Befriedigung verlie. Ich empfand, da jene Abende fr mich
von groer Bedeutung, da sie eine Zukunft seien.
    Auer den besonders hervorragenden Menschen lernte ich bei der Frstin auch
noch andere Personen des hheren Adels unseres Reiches kennen, kam manches Mal
mit den Kreisen desselben in Berhrung, und sah seine Art, seine Lebensweise und
seine Sitten.
    Neben diesen Abteilungen der menschlichen Gesellschaft kam ich auch mit
anderen zusammen. Es war in der Stadt ein ffentlicher Ort, welcher
hauptschlich von Knstlern aller Art besucht wurde, welche sich dort
besprachen, Erfrischungen zu sich nahmen, Zeitungen lasen, oder sich mit
krperlichen Spielen ergtzten. Diesen Ort besuchte ich gerne. Da war der eine
oder der andere Schauspieler von der Hofbhne oder von der Oper, da war ein
Maler, dessen Namen damals hoch gepriesen wurde, da waren Tonknstler, so wohl
ausbende als dichtende, da waren Bildhauer und Baumeister, vorzglich aber
waren es Schriftsteller und Dichter, und es befanden sich darunter auch
Vorstnde und Mitarbeiter an Zeitungsanstalten. Von anderen Personen waren
hhere Staatsdiener, Brger, Kaufleute und berhaupt solche vorhanden, die einen
Anteil an Kunst und Wissenschaft und an einem dahin abzielenden Umgange nahmen.
Wenn auch eigentlich nur eine ungezwungene Heiterkeit herrschte, wenn auch nur
Spiele zu krperlicher Bewegung und daneben das Schachspiel vorzuherrschen
schienen, so waren doch auch Gesprche, und wie es bei solchen Mnnern zu
erwarten war, Gesprche sehr lebhafter Natur im Gange, und waren doch im Grunde
die Hauptsache. Da konnte man in leichten Worten den tiefen Geist des einen
sehen, oder den ruhigen, der alles zersetzt und in seine Bestandteile auflst,
oder den lebhaften, der darber weggeht, oder den leichtfertigen, der alles
verlacht, oder den, dessen Sitten selbst ein wenig bedenklich waren. Oft war es
nur ein Wort, ein Witz, der den Grund geben konnte, um Schlsse zu bauen. Trotz
meiner Schchternheit, die mich ferne hielt, geriet ich doch in Gesprche und
lernte den einen und andern Mann von denen kennen, die sich hier einfanden.
Selbst das uere Benehmen und Gebaren von Mnnern, die sonst solche Geltung
haben, schien mir nicht gleichgiltig.
    Ich besuchte in jenem Winter auch gerne Orte, an welchen sich viele Menschen
zu ihren Vergngungen versammeln, um die Art ihrer Erscheinung, ihr Wesen und
ihr Verhalten als eines Ganzen sehen zu knnen. Vorzglich ging ich dahin, wo
das eigentliche Volk, wie man es jetzt hufig zum Gegensatze der sogenannten
Gebildeten nennt, zusammen kmmt. Die man gebildet nennt, sind fast berall
gleich; das Volk aber ist ursprnglich, wie ich es bei meinen Wanderungen schon
kennen lernte, und hat seine zugearteten Bruche und Sitten.
    Ich ging in die guten Darstellungen von Musikstcken, ich fuhr im Besuche
des Hoftheaters fort, ging jetzt auch in die Oper, und besuchte manche
ffentliche wissenschaftliche Vortrge, dann Kunst- und Bchersammlungen,
hauptschlich aber zur Vervollkommnung meiner eigenen knftigen Arbeiten die
Sammlungen von Gemlden.
    Den Umgang mit meinem neuen Freunde, dem Sohne des Juwelenhndlers, setzte
ich fort. Wir begannen endlich in der Tat einen eigenen Unterrichtsgang ber
Edelsteine und Perlen. Zwei Tage in der Woche waren festgesetzt, an denen ich zu
einer bestimmten fr ihn verfgbaren Stunde kam, und so lange blieb, als es eben
seine Zeit gestattete. Er fhrte mich zuerst in die Kenntnis aller jener
Mineralien ein, welche man Edelsteine nennt und vorzglich zu Schmuck bentzt.
Eben so zeigte er mir alle Gattungen von Perlen. Hierauf unterrichtete er mich
in dem Verfahren, die Juwelen zu erkennen und von falschen zu unterscheiden.
Spter erst ging er auf die Merkmale der schnen und der minder schnen ber.
Bei diesem Unterrichte kamen mir meine Kenntnisse in den Naturwissenschaften
sehr zu statten, ja ich war sogar im Stande, durch Angaben aus meinem Fache die
Kenntnisse meines Freundes zu erweitern, besonders was das Verhalten der
Edelsteine zum Lichtdurchgang, zur doppelten Brechung und zu der sogenannten
Polarisation des Lichtes anbelangt. Ich hatte aber noch immer nicht den Mut,
ber die gebruchliche Fassung der Edelsteine mit ihm zu sprechen und meine
Gedanken hierber ihm mitzuteilen.
    Unter diesen Dingen ging neben meinen eigentlichen Arbeiten der Unterricht,
den ich meiner Schwester gab, regelmig fort. In der Malerei hatte sie noch
viel grere Schwierigkeiten als ich, weil sie einesteils weniger gebt war, und
weil sie andernteils die Urbilder nicht gesehen, sondern nur fehlerhafte
Abbilder vor sich hatte. Im Zitherspiel ging es weit besser. Ich wurde heuer ein
wirksamerer Lehrer, als ich es in dem vergangenen Jahre gewesen war, und konnte
nach dem, was ich gelernt hatte, berhaupt ein besserer Lehrer fr sie sein, als
einer in der Stadt zu finden gewesen wre, obwohl diese Schwierigkeiten
berwanden, deren Besiegung mir und Klotilden eine Unmglichkeit gewesen wre.
Nach meinen Ansichten, die ich in den Bergen gelernt hatte, kam es aber darauf
nicht an. Wir lernten endlich wechselweise von einander, und brachten manche
freudige und empfindungsreiche Stunde an der Zither zu.
    Ich mute zuletzt Klotilden auch im Spanischen unterrichten. Da ich immer
einige Schritte vor ihr voraus war, so konnte ich allerdings einen Lehrer fr
sie wenigstens in den Anfangsgrnden vorstellen. Wie es im weiteren Verlaufe zu
machen wre, wrde sich zeigen. Wir lebten uns in ein wechselseitiges
Ttigkeitsleben hinein.
    So verging der Winter, und ich blieb damals bis ziemlich tief in das
Frhjahr hinein bei den Meinigen in der Stadt.

                               2. Die Annherung


Obwohl fast den ganzen Winter hindurch davon die Rede gewesen war, da mich der
Vater in dem nchsten Frhlinge in das Gebirge begleiten werde, und da er bei
dieser Gelegenheit den Mann im Rosenhause besuchen wolle, um dessen Seltenheiten
und Kostbarkeiten zu sehen, so hatte er doch, als der Frhling gekommen war,
nicht Zeit, sich von seinen Geschften zu trennen, und ich mute wie in allen
frheren Jahren meine Reise allein antreten.
    Als ich zu meinem Gastfreunde gekommen war, war das erste, da ich ihm von
den Wandverkleidungen erzhlte. Ich hatte frher ihrer nicht erwhnt, weil ich
sie doch nicht fr so wichtig gehalten hatte. Ich erzhlte ihm, da ich sie in
dem Lautertale gefunden und gekauft habe, und da sie aus Schnitzarbeit von
Gestalten und Verzierungen bestnden. Der Vater, dem ich sie gebracht, habe eine
groe Freude darber gehabt, habe sie nicht nur mit groem Vergngen empfangen,
sondern habe auch einen Teil eines Nebenbaues unseres Hauses umgebaut, um die
Verkleidungen geschickt anbringen zu knnen. Dieses letztere habe mir erst
gezeigt, wie wert der Vater diese Dinge halte, und dies habe mich bestimmt, noch
genauer nachzuforschen, ob ich denn die Ergnzungen zu dem Getfel nicht
aufzufinden vermge; denn das, was der Vater habe, seien nur Bruchstcke, und
zwar zwei Pfeilerverkleidungen, das brige fehle. Ich habe wohl schon
Nachforschungen in der besten Art, wie ich glaube, angestellt; aber ich wolle
sie doch noch fortsetzen, und versuchen, ob ich nicht noch neue Mittel und Wege
auffinden knne, zu meinem Ziele, wenn es noch vorhanden sei, zu gelangen, oder
die grtmgliche Gewiheit zu erhalten, da das Gesuchte nicht mehr bestehe.
Ich beschrieb meinem Gastfreunde, so gut ich es aus der Erinnerung konnte, die
Vertflungen und machte ihn mit dem Fundorte und den Nebenumstnden bekannt. Ich
verhehlte ihm nicht, da ich das darum tue, da er mir einen Rat geben mge, wie
ich etwa weiter vorzugehen habe. Es handle sich um einen Gegenstand, der meinem
Vater nahe gehe. Nicht vorzglich, weil diese Dinge schn seien, obwohl dies
auch ein Antrieb fr sich sein knnte, sondern hauptschlich darum suche ich
darnach zu forschen, weil sie dem Vater Freude machen. Je lter er werde, desto
mehr schliee er sich in einem engen Raume ab, sein Geschftszimmer und sein
Haus werden nach und nach seine ganze Welt, und da seien es vorzglich Werke der
bildenden Kunst und die Bcher, mit denen er sich beschftige, und die Wirkung,
welche diese Dinge auf ihn machen, wachse mit den Jahren. Er habe sich von dem
Schnitzwerke in den ersten Tagen kaum trennen knnen, er habe es in allen Teilen
genau betrachtet, und sei zuletzt so mit demselben bekannt geworden, als wre er
bei dessen Verfertigung zugegen gewesen. Darum wolle ich so vorgehen, da ich
mich nicht in die Lage setze, mir einen Vorwurf machen zu mssen, da ich in
meinen Nachforschungen etwas versumt habe. Bisher seien sie freilich fruchtlos
gewesen.
    Mein Gastfreund fragte mich noch um einige Teile des Werkes und seines
Auffindens, die ich ihm nicht dargestellt hatte, oder die ihm dunkel geblieben
waren, und lie sich die rtlichkeiten des Auffindens noch einmal auf das
umstndlichste beschreiben. Hierauf sagte er mir, ich mge an meinen Vater
ungesumt einen Brief senden und ihn bitten, die genauen Ausmae des
Schnitzwerkes nach auen und nach innen zu nehmen und mir zu schicken. Ich
begriff augenblicklich die Zweckmigkeit der Maregel, und schmte mich, da
sie mir selber nicht frher eingefallen war. Er selber wolle vorlufig an Roland
schreiben, und ihm dann, wenn sie eingelangt wren, die Ausmae schicken. Auch
wolle er seine Geschftsfhrer in jener Gegend beauftragen, sich um die Sache zu
bemhen. Wenn das Gesuchte zu finden ist, so drfte Roland der geeignetste
Mithelfer sein, und die anderen Mnner, die er noch auffordern werde, htten
sich schon in den verschiedensten Gelegenheiten sehr erprobt.
    Ich dankte meinem Gastfreunde auf das verbindlichste fr seine Geflligkeit,
und versprach, in nichts sumig zu sein.
    Am nchsten Morgen trug ein Bote meinen Brief an den Vater und die Briefe
meines Gastfreundes an Roland und andere Mnner auf die nchste Post. Mein
Gastfreund mute bis in die tiefe Nacht geschrieben haben; denn es war ein
ganzes Pckchen von Briefen. Mich rhrte diese Gte auerordentlich; denn ich
wute nicht, wie ich sie verdient hatte.
    Da ich in der ersten Zeit meines Aufenthaltes in dem Rosenhause gleich an
alle Orte ging, die mir lieb waren, begreift sich.
    In dem Zeichnungszimmer Eustachs fand ich den Musiktisch fertig. Es war seit
seiner Vollendung erst eine kurze Zeit verflossen, deshalb stand er noch an
dieser Stelle. Ich hatte nicht geahnt, da das Werk, das ich bei Beginn seiner
Wiederherstellung gesehen hatte, sich so darstellen wrde, wenn es fertig wre.
Ich hatte Bilder, Bauwerke, Zeichnungen und dergleichen in jngster Zeit in
groer Menge gesehen und selber hnliche Dinge verfertigt, ich konnte mir daher
in solchen Sachen ein kleines Urteil zutrauen; aber, wenn ich nicht gewut
htte, da der Rahmen und das Gestelle des Tisches neu gemacht worden sei, so
htte ich es nie erkannt, so sehr pate beides im Baue, in der ganzen Art und
selbst in der Farbe des Holzes zu der Platte. Das ganze Werk stand rein,
glnzend und klar vor den Augen. Die Farben der verschiedenen Hlzer an den
Verzierungen, am Laubwerke, am Obste und an den Gerten trat unter der Macht des
Harzes krftig und scharf hervor. Selbst die Miverhltnisse der Gren in den
verschiedenen eingelegten Gerten, zum Beispiele zwischen der Flte, der Geige,
der Trommel, welche mir bei meinem ersten Besuche in dem Schreinerhause Ansto
gegeben hatten, erschienen mir jetzt als naiv, und hatten etwas Anziehendes fr
mich, welches mir die Tischplatte lieber machte, als wenn sie ganz fehlerfrei
oder etwa nach neuen Kunstbegriffen gemacht gewesen wre. Ich fragte Eustach,
wohin der Tisch zu stehen kommen wrde. Er konnte es mir nicht sagen. Es sei
darber nichts erffnet worden, ob er in dem Hause bleiben, oder ob er irgend
wohin versendet werden wrde. Jetzt bleibe er hier stehen, damit alle
Nachtrocknungen in jener allmhlichen Stufenfolge vor sich gehen knnen, wie sie
bei jedem neuverfertigten Gerte eintreten mssen, da es nicht Schaden leide.
Die meisten der neuverfertigten oder wiederhergestellten Werke seien zu diesem
Zwecke in dem Zeichnungszimmer stehen geblieben, wenn sie anders dort Platz
hatten. Ich betrachtete den Tisch noch eine Weile, und ging dann zu andern
Gegenstnden ber.
    Auch die Grtnerleute besuchte ich, die Leute des Meierhofes, die
Gartenarbeiter, die Dienstleute des Hauses und einige Nachbaren, zu denen wir
frher fter gekommen waren, und die ich nher kennen gelernt hatte.
    Obwohl ich nach dem Rate und der Einladung meines Gastfreundes entschlossen
war, heuer meine Berufsarbeit, wenigstens jenes Berufes, den ich mir selber
aufgelegt hatte, ruhen zu lassen, sondern einen Teil des Sommers in dem
Rosenhause zu verleben und mich meiner Laune und dem Augenblicke hinzugeben:
hatte ich doch nicht den Willen, gar nichts zu tun, was mir die grte Qual
gewesen wre, sondern mich bei meinen Handlungen von meinem Vergngen und der
Gelegenheit leiten zu lassen. Mein Gastfreund hatte mir die nmlichen zwei
Zimmer eingerumt, welche ich bisher stets inne gehabt hatte, und freute sich,
da ich seinen Rat befolgen und einmal auch anderswohin sehen wolle als immer
einseitig auf meine Arbeiten, und da ich einmal zu einem allgemeineren
Bewutsein kommen wolle, als zu dem ich mich bisher gebannt htte. Ich hatte
viele Bcher und Schriften mitgebracht, hatte alle Werkzeuge zur lmalerei bei
mir, und hatte doch aus Vorsicht auch einige Vorrichtungen zu Vermessungen und
dergleichen eingepackt.
    Wenn man von dem Rosenhause ber den Hgel, auf dem der groe Kirschbaum
steht, nordwrts geht, so kmmt man in die Wiese, durch welche der Bach fliet,
an dem mein Gastfreund jene Erlengewchse zieht, welche ihm das schne Holz
liefern, das er neben anderen Hlzern zu seinen Schreinerarbeiten verwendet. Wir
waren fter zu diesem Bache gekommen und seinen Ufern entlang gegangen. Er flo
aus einem Gehlze hervor, in welchem mein Gastfreund einige Wasserwerke hatte
auffhren lassen, um die Wiese vor berschwemmungen zu sichern und die
Verwilderung des Baches zu verhindern. Im Innern des Gehlzes befindet sich ein
ziemlich groer Teich, eigentlich ein kleiner See, da er nicht mit Kunst
angelegt, sondern grtenteils von selber entstanden war. Nur Geringes hatte man
hinzu gefgt, um nicht Versumpfungen an seinen Rndern und berflutungen bei
seinem Ausflusse entstehen zu lassen. Das Wasser dieses Waldbeckens ist so klar,
da man in ziemlicher Tiefe noch alle die bunten Steine sehen kann, welche auf
dem Grunde liegen. Nur schienen sie grnlich blau gefrbt, wie es bei allen
Wssern der Fall ist, die aus unsern Kalkalpen oder in deren Nhe flieen. Rings
um dieses Wasser ist das Gezweige so dicht, da man keinen Stein und kaum einen
Uferrand sehen kann, sondern die Zweige aus dem Wasser zu ragen scheinen. Die
Bume, die da stehen, sind eines Teils Nadelholz, das mit seinem Ernste sich in
die Heiterkeit mischt, die auf den sten, Blttern und Wipfeln der Laubbume
ruht, die den vorherrschenden Teil bilden. Vorzugsweise ist die Erle, der Ahorn,
die Buche, die Birke und die Esche vorhanden. Zwischen den Stmmen ist
reichliches Wuchergestrippe. Der Bach in der Erlenwiese meines Gastfreundes
verdankt dem See sein Dasein; aber da dieser aus Quellzuflssen lebt, so ist der
ausflieende Bach oft so trocken, da man, ohne sich die Sohle zu netzen, ber
seine hervorragenden Steine gehen kann. Wo er aus dem See geht, ist eine kleine
Htte erbaut, die den Hauptzweck hat, da die, welche in dem See sich baden
wollen, in ihr sich entkleiden knnen. Der Seegrund geht mit seinen schnen
Kieseln so sachte in die Tiefe, da man ziemlich weit vorwrts gehen und das
wallende Wasser genieen kann, ohne den Grund zu verlieren. Auch zum Lernen des
Schwimmens ist dieser Teil sehr geeignet, weil man an allen Stellen Grund findet
und sich unbefangener den bungen hingeben kann. Weiter drauen beginnt das
Gebiet derer, die ihrer Arme und ihrer Bewegungen schon vollstndig Herr sind.
Gustav ging an Sommertagen fast jeden zweiten Tag mit Eustach oder mit jemand
anderm oder zuweilen auch mit meinem Gastfreunde zu dem See hinaus, um in
demselben zu schwimmen. Diese Ttigkeit, so wie die andern Krperbewegungen und
bungen, die fr ihn in dem Rosenhause angeordnet waren, schienen ihm viele
Freude zu machen. Mein Gastfreund hielt auf krperliche bungen sehr viel, da
sie zur Entwicklung und Gesundheit unumgnglich notwendig seien. Er lobte diese
bungen sehr an den Griechen und Rmern, welche beiden Vlker er auf eine
hervorragende Weise ehrte. Das liege auf der Hand, pflegte er zu sagen, da, so
wie die Krankheit des Krpers den Geist zu etwas anderem mache, als er in der
Gesundheit des Krpers ist, ein krftiger und in hohem Mae entwickelter Krper
die Grundlage zu allem dem abgebe, was tchtig und herzhaft heit. Bei den alten
Rmern ist ein groer Teil ihrer Erfolge in der Geschichte und ihres frheren
Glckes in der Pflege und Entwicklung ihres Krpers zu suchen. Ihr Glck dauerte
auch nur so lange, als die vernnftige Pflege ihrer Leibesbungen dauerte. In
neuen Schulen vernachlssige man diese Pflege zu sehr, die bei uns um so
notwendiger wre, als sich durch das Zusammengehuftsein in dunstigen und heien
Stuben ohnehin bel erzeugen, die dem Aufenthalte in freier Luft fremd sind.
Darum werden auch die Geisteskrfte von Schlern der neuen Zeit nicht
entwickelt, wie sie sollten, und wie sie es bei Kindern, die in Wald und Feldern
schweifen, freilich auf Kosten ihres hheren Wesens wirklich sind. Daher stamme
ein Teil der Schalheit und Trgheit unserer Zeiten. Ich ging mit Gustav jetzt,
da ich viele Mue hatte, sehr fleiig zu dem Wldchen, und da ich in der Kunst
des Schwimmens eine groe Fertigkeit hatte, so sah er an mir ein Vorbild, dem er
nachstreben konnte, und lernte Gelenkigkeit und Ausdauer mehr, als er es ohne
mich gekonnt htte.
    berhaupt gewann Gustav eine immer grere Neigung zu mir. Es mochte, wie
ich mir schon frher gedacht hatte, zuerst der Umstand eingewirkt haben, da ich
ihm an Alter nicht so sehr ferne stand. Dazu mochte sich gesellt haben, da ich,
der ich eigentlich sehr einsam und abgeschlossen erzogen worden war, viel tiefer
in sptere Jahre hinein die Merkmale der Kindheit bewahrt haben mochte als
andere Leute, die gleichen Alters mit mir waren, und zuletzt konnte jetzt auch
das wirken, da ich bei meiner Geschftlosigkeit viel mehr Berhrungspunkte mit
ihm fand, als es bei meinen frheren Anwesenheiten in dem Rosenhause der Fall
gewesen war.
    Ich schrieb nun auf dem Asperhofe mehr Briefe als sonst, ich las in
Dichtern, betrachtete alles um mich herum, schweifte oft weit in die Gegend
hinaus; aber diese Lebensweise wurde mir bald beschwerlich, und ich suchte etwas
hervor, was mich tiefer beschftigte. Die Dichter als das Edelste, was mir jetzt
begegnete, riefen wieder das Malen hervor. Ich richtete meine Zeichnungsgerte
und meine Vorrichtungen zur Malerei in den Stand, und begann wieder meine
bungen im Malen der Landschaft. Ich malte je nach der Laune bald ein Stck
Himmel, bald eine Wolke, bald einen Baum oder Gruppen von Bumen entfernte
Berge, Getreidehgel und dergleichen. Auch schlo ich menschliche Gestalten
nicht aus und versuchte Teile derselben. Ich versuchte das Antlitz des Grtner
Simon und das seiner Gattin auf die Leinwand zu bringen. Die beiden Leute hatten
eine groe Freude ber das Ding, und ich gab ihnen die Bilder in ihre Stube,
nachdem ich vorher nette Rahmen dazu bestellt und in der Zeit, bis sie
eintrafen, mir Abbilder von den Kpfen fr meine eigene Mappe gemacht hatte. Ich
malte die Hnde oder Bsten verschiedener Leute, die sich in dem Rosenhause oder
in dem Meierhofe befanden. Meinen Gastfreund oder Eustach oder Gustav zu bitten,
da sie mir als Gegenstand meiner Kunstbestrebungen dienen sollten, hatte ich
nicht den Mut, weil die Erfolge noch gar zu unbedeutend waren.
    Gustav nahm unter allen den grten Anteil an diesen Dingen. So wie er im
vorigen Jahre Gerte mit mir gemalt hatte, versuchte er es heuer auch mit den
Landschaften. Sein Ziehvater und sein Zeichnungslehrer hatten nichts dagegen, da
nur freie Stunden zu diesen Beschftigungen verwendet wurden, da seine
Krperbungen nicht darunter zu leiden hatten, und da sich dadurch das Band
zwischen mir und ihm noch mehr befestigte, was mein Gastfreund nicht ungern zu
sehen schien, da doch zuletzt der Jngling niemanden hatte, an wen er das Gefhl
der Freundschaft leiten sollte, das in seinen Jahren so gerne erwacht, und das
sich in sanftem Zuge an einen Gegenstand richtet. Da unter seiner Hand ein Baum,
ein Stein, ein Berg, ein Wsserchen in lieblichen Farben hervorging, hatte er
eine unaussprechliche Freude. Bei Eustach hatte er nur grtenteils Bau- und
Gertezeichnungen gesehen, und Roland hatte auch nur hnliches von seinen Reisen
zurck gebracht. Was von Landschaften in der Gemldesammlung seines Ziehvaters
hing, auf denen er wohl grne Bume, weie Wolken, blaue Berge beobachten
konnte, hatte er nie um seine Entstehung angeschaut, sondern die Dinge waren da,
wie auch andere Dinge da sind, das Haus, der Getreidehgel, der Berg, der ferne
Kirchturm, und er hatte nicht daran gedacht, da auch er solche Gegenstnde
hervorzubringen vermchte. Er redete auf Spaziergngen davon, wie dieser Baum
sich baue, wie jener Berg sich runde, und er erzhlte mir, da ihm oft von dem
Zeichnen lebhaft trume.
    Man lie den Jngling auch auf grere Entfernungen von dem Rosenhause mit
mir gehen. Seine Arbeiten wurden dabei so eingerichtet, da, wenn sie auch
unterbrochen werden muten, ein wesentlicher Schaden sich nicht einstellen
konnte. Dafr gewann er an Gesundheit und krperlicher Abhrtung bedeutend. Wir
waren nicht selten mehrere Tage abwesend, und Gustav vergngte es sehr, wenn wir
abends nach unserem leichten Mahle in einem Gasthause in unser Zimmer gingen,
wenn er durch die Fenster auf eine fremde Landschaft hinausschauen konnte, wenn
er sein Rnzlein und seine Reisesachen auf dem Tische zurecht richten und dann
die ermdeten Glieder auf dem Gastbette ausstrecken durfte. Wir bestiegen hohe
Berge, wir gingen an Felswnden hin, wir begleiteten den Lauf rauschender Bche,
und schifften ber Seen. Er wurde stark, und das zeigte sich sichtbar, wenn wir
von einer Gebirgswanderung - denn fast immer gingen wir in das Gebirge -
zurckkehrten, wenn seine Wangen gebrunt waren, als wollten sie beinahe schwarz
werden, wenn seine Locken die dunkle Stirne beschatteten und die groen Augen
lebhaft aus dem Angesichte hervor leuchteten. Ich wei nicht, welcher innre Zug
von Neigung mich zu dem Jnglinge hinwendete, der in seinem Geiste zuletzt doch
nur ein Knabe war, den ich ber die einfachsten Dinge tglicher Erfahrung
belehren mute, namentlich, wenn es Wanderungsangelegenheiten waren, und der mir
in seiner Seele nichts bieten konnte, wodurch ich erweitert und gehoben werden
mute, es mte nur das Bild der vollkommensten Gte und Reinheit gewesen sein,
das ich tglich mehr an ihm sehen, lieben und verehren lernte.
    Ich ging auch einige Male zu dem Lautersee. Ich hatte im vorigen Jahre
angefangen, seine Tiefe an verschiedenen Stellen zu messen, um ein Bild
darzustellen, in welchem sich die Berge, die den See umstanden, sichtbar auch
unter der Wasserflche fortsetzten und nur durch einen tieferen Ton gedmpft
waren. Der Reiz, der diese Aufnahme herbei gefhrt hatte, stellte sich wieder
ein, und ich setzte die Messungen nach einem Plane fort, um die Talsohle des
Sees immer richtiger zu ergrnden und das Bild einer greren Sicherstellung
entgegen zu fhren. Gustav begleitete mich mehrere Male und arbeitete mit den
Mnnern, die ich gedungen hatte, das Schiff zu lenken, die Schnre auszuwerfen,
die Kloben zu richten, an denen sich die Senkgewichte abwickelten, oder andere
Dinge zu tun, die sich als notwendig erwiesen.
    Besondere Freude machte es mir, da ich nach und nach die Feinheiten des
menschlichen Angesichtes immer besser behandeln lernte, besonders, was mir
frher so schwer war, wenn der leichte Duft der Farbe ber die Wangen schner
Mdchen ging, die sich sanft rundeten, schier keine Abwechslung zeigten, und
doch so mannigfaltig waren. Mir waren die Versuche am angenehmsten, das
Liebliche, Sittige, Schelmische, das sich an manchen jungen Land- oder
Gebirgsmdchen darstellte, auf der Leinwand nachzuahmen.
    Eines Abends, da Blitze fast um den ganzen Gesichtskreis leuchteten und ich
von dem Garten gegen das Haus ging, fand ich die Tr, welche zu dem Gange des
Ammonitenmarmors zu der breiten Marmortreppe und zu dem Marmorsaale fhrte,
offen stehen. Ein Arbeiter, der in der Nhe war, sagte mir, da wahrscheinlich
der Herr durch die Tr hinein gegangen sei, da er sich vermutlich in dem
steinernen Saale befinden werde, in welchen er gerne gehe, wenn Gewitter am
Himmel stnden, und da die Tr vielleicht offen geblieben sei, damit Gustav,
wenn er kme, auch hinaufgehen knnte. Ich blickte in den Marmorgang, sah hinter
der Schwelle mehrere Paare von Filzschuhen stehen, und beschlo, auch in den
steinernen Saal hinauf zu gehen, um meinen Gastfreund aufzusuchen. Ich legte ein
Paar von passenden Filzschuhen an und ging den Gang des Ammonitenmarmors
entlang. Ich kam zu der Marmortreppe und stieg langsam auf ihr empor. Es war
heute kein Tuchstreifen ber sie gelegt, sie stand in ihrem ganzen feinen Glanze
da, und erhellte sich noch mehr, wenn ein Blitz durch den Himmel ging und von
der Glasbedachung, die ber der Treppe war, hereingeleitet wurde. So gelangte
ich bis in die Mitte der Treppe, wo in einer Unterbrechung und Erweiterung
gleichsam wie in einer Halle nicht weit von der Wand die Bildsule von weiem
Marmor steht. Es war noch so licht, da man alle Gegenstnde in klaren Linien
und deutlichen Schatten sehen konnte. Ich blickte auf die Bildsule, und sie kam
mir heute ganz anders vor. Die Mdchengestalt stand in so schner Bildung, wie
sie ein Knstler ersinnen, wie sie sich eine Einbildungskraft vorstellen, oder
wie sie ein sehr tiefes Herz ahnen kann, auf dem niedern Sockel vor mir, welcher
eher eine Stufe schien, auf die sie gestiegen war, um herumblicken zu knnen.
Ich vermochte nun nicht weiter zu gehen, und richtete meine Augen genauer auf
die Gestalt. Sie schien mir von heidnischer Bildung zu sein. Das Haupt stand auf
dem Nachen, als blhete es auf demselben. Dieser war ein wenig, aber kaum
merklich vorwrts gebogen, und auf ihm lag das eigentmliche Licht, das nur der
Marmor hat, und das das dicke Glas des Treppendaches hereinsendete. Der Bau der
Haare, welcher leicht geordnet gegen den Nacken niederging, schnitt diesen mit
einem flchtigen Schatten, der das Licht noch lieblicher machte. Die Stirne war
rein, und es ist begreiflich, da man nur aus Marmor so etwas machen kann. Ich
habe nicht gewut, da eine menschliche Stirne so schn ist. Sie schien mir
unschuldvoll zu sein, und doch der Sitz von erhabenen Gedanken. Unter diesem
Throne war die klare Wange ruhig und ernst, dann der Mund, so feingebildet, als
sollte er verstndige Worte sagen oder schne Lieder singen, und als sollte er
doch so gtig sein. Das Ganze schlo das Kinn wie ein ruhiges Ma. Da sich die
Gestalt nicht regte, schien blo in dem strengen, bedeutungsvollen Himmel zu
liegen, der mit den fernen stehenden Gewittern ber das Glasdach gespannt war
und zur Betrachtung einlud. Edle Schatten wie schne Hauche hoben den sanften
Glanz der Brust, und dann waren Gewnder bis an die Knchel hinunter. Ich dachte
an Nausikae, wie sie an der Pforte des goldenen Saales stand und zu Odysseus die
Worte sagte: Fremdling, wenn du in dein Land kmmst, so gedenke meiner. Der
eine Arm war gesenkt und hielt in den Fingern ein kleines Stbchen, der andere
war in der Gewandung zum Teile verhllt, die er ein wenig emporhob. Das Kleid
war eher eine schn geschlungene Hlle als ein nach einem gebruchlichen
Schnitte Verfertigtes. Es erzhlte von der reinen, geschlossenen Gestalt, und
war so stofflich treu, da man meinte, man knne es falten und in einen Schrein
verpacken. Die einfache Wand des grauen Ammonitenmarmors hob die weie Gestalt
noch schrfer ab und stellte sie freier. Wenn ein Blitz geschah, flo ein
rosenrotes Licht an ihr hernieder, und dann war wieder die frhere Farbe da. Mir
dnkte es gut, da man diese Gestalt nicht in ein Zimmer gestellt hatte, in
welchem Fenster sind, durch die alltgliche Gegenstnde herein schauen, und
durch die verworrene Lichter einstrmen, sondern da man sie in einen Raum getan
hat, der ihr allein gehrt, der sein Licht von oben bekmmt und sie mit einer
dmmerigen Helle wie mit einem Tempel umfngt. Auch durfte der Raum nicht einer
des tglichen Gebrauchs sein, und es war sehr geeignet, da die Wnde rings
herum mit einem kostbaren Steine bekleidet sind. Ich hatte eine Empfindung, als
ob ich bei einem lebenden schweigenden Wesen stnde, und hatte fast einen
Schauer, als ob sich das Mdchen in jedem Augenblicke regen wrde. Ich blickte
die Gestalt an und sah mehrere Male die rtlichen Blitze und die graulich weie
Farbe auf ihr wechseln. Da ich lange geschaut hatte, ging ich weiter. Wenn es
mglich wre, mit Filzschuhen noch leichter aufzutreten, als es ohnehin stets
geschehen mu, so htte ich es getan. Ich ging mit dem lautlosen Tritte langsam
ber die glnzenden Stufen des Marmors bis zu dem steinernen Saale hinan. Seine
Tr war halb geffnet. Ich trat hinein.
    Mein Gastfreund war wirklich in demselben. Er ging in leichten Schuhen mit
Sohlen, die noch weicher als Filz waren, auf dem gegltteten Pflaster auf und
nieder.
    Da er mich kommen sah, ging er auf mich zu und blieb vor mir stehen.
    Ich habe die Tr zu dem Marmorgange offen gesehen, sagte ich, man hat mir
berichtet, da Ihr hier oben sein knntet, und da bin ich herauf gegangen, Euch
zu suchen.
    Daran hat Ihr recht getan, erwiderte er.
    Warum habt Ihr mir denn nicht gesagt, sprach ich weiter, da die
Bildsule, welche auf Eurer Marmortreppe steht, so schn ist?
    Wer hat es Euch denn jetzt gesagt? fragte er. Ich habe es selber
gesehen, antwortete ich.
    Nun, dann werdet Ihr es um so sicherer wissen und mit desto grerer
Festigkeit glauben, erwiderte er, als wenn Euch jemand eine Behauptung darber
gesagt htte.
    Ich habe nmlich den Glauben, da das Bildwerk sehr schn sei, antwortete
ich, mich verbessernd.
    Ich teile mit Euch den Glauben, da das Werk von groer Bedeutung sei,
sagte er.
    Und warum hat Ihr denn nie zu mir darber gesprochen? fragte ich.
    Weil ich dachte, da Ihr es nach einer bestimmten Zeit selber betrachten
und fr schn erachten werdet, antwortete er.
    Wenn Ihr mir es frher gesagt httet, so htte ich es frher gewut,
erwiderte ich.
    Jemanden sagen, da etwas schn sei, antwortete er, heit nicht immer,
jemanden den Besitz der Schnheit geben. Er kann in vielen Fllen blo glauben.
Gewi aber verkmmert man dadurch demjenigen das Besitzen des Schnen, der
ohnehin aus eigenem Antriebe darauf gekommen wre. Dies setzte ich bei Euch
voraus, und darum wartete ich sehr gerne auf Euch.
    Aber was mt Ihr denn die Zeit her ber mich gedacht haben, da ich diese
Bildsule sehen konnte, und ber sie geschwiegen habe? fragte ich.
    Ich habe gedacht, da Ihr wahrhaftig seid, sagte er, und ich habe Euch
hher geachtet als die, welche ohne berzeugung von dem Werke reden, oder als
die, welche es darum loben, weil sie hren, da es von andern gelobt wird.
    Und wo habt Ihr denn das herrliche Bildwerk hergenommen? fragte ich.
    Es stammt aus dem alten Griechenlande, antwortete er, und seine
Geschichte ist sonderbar. Es stand viele Jahre in einer Bretterbude bei Cum in
Italien. Sein unterer Teil war mit Holz verbaut, weil man den Platz, an dem es
stand, und der teils offen, teils gedeckt war, zu hufigem Ballschlagen
verwendete, und die Blle nicht selten in die Bude der Gestalt flogen. Deshalb
legte man von der Brust abwrts einen dachartigen Schutz an, der die Blle
geschickt herab rollen machte, und ber den sich die Gestalt wie eine Bste
darstellte. Es waren in dem Raume teils an den Bretterbauten, teils an
Mauerstcken, aus denen er bestand, noch andere Gestalten angebracht, ein
kleiner Herkules, mehrere Kpfe und ein altertmlicher Stier von etwa drei Fu
Hhe; denn der Platz wurde auch zu Tnzen bentzt und war an den Stellen, die
keine Wand hatten, mit Schlinggewchsen und Trauben begrenzt, an andern war er
offen und blickte ber Myrten, Lorbeer, Eichen auf die blauen Berge und den
heiteren Himmel dieses Landes hinaus. Gedeckt waren nur Teile des Raumes,
besonders dort, wo die Gestalten standen. Diese hatten Dcher ber sich wie die
niedlichen Tfelchen, welche italienische Mdchen auf dem Kopfe tragen. Im
brigen war die Bedeckung das Gezelt des Himmels. Mich brachte ein gnstiger
Zufall nach Cum und zu diesem Ballplatze, auf dem sich eben junges Volk
belustigte. Gegen Abend, da sie nach Hause gegangen waren, besichtigte ich das
Mauerwerk, welches aus Resten alter Kunstbauten bestand, und die Gestalten,
welche smtlich aus Gips waren, wie sie in Italien so hufig alten, edlen
Kunstwerken nachgebildet werden. Den Herkules kannte ich insbesondere sehr gut,
nur war er hier viel kleiner gebildet. Die Bste des Mdchens - fr eine solche
hielt ich die Gestalt - war mir unbekannt, allein sie gefiel mir sehr. Da ich
mich ber die reizende Lage dieses Pltzchens aussprach, sagte die Besitzerin,
eine wahrhaftige altrmische Sibylle, es werde hier in kurzem noch viel schner
werden. Ihr Sohn, der sich durch Handel Geld erworben, werde den Platz in einen
Saal mit Sulen verwandeln, es werden Tische herum stehen, und es werden
vornehme Fremde kommen, sich hier zu ergtzen. Die Gestalten mssen weg, weil
sie ungleich seien und weil Menschen und Tiere unter einander stehen, ihr Sohn
habe schon die schnsten Gipsarbeiten bestellt, die alle gleich gro wren. Sie
fhrte mich zu dem Mdchen und zeigte mir durch eine Spalte der Bretter, da
dasselbe in ganzer Gestalt da stehe und also die andern Dinge weit berrage. Man
habe darum an dem oberen Rande der Balken, mit denen die Gestalt umbaut ist,
einen hlzernen bemalten Sockel angebracht, von dem der Oberleib wie eine Bste
herab schaue. Dadurch sei die Sache wieder zu den anderen gestimmt worden. Ich
fragte, wann ihr Sohn hieherkomme, und wann das Umbauen beginnen wrde. Da sie
mir das gesagt hatte, entfernte ich mich. Zur Zeit des mir von der Alten
angegebenen Beginnes des Umbaues fand ich mich auf dem Platze wieder ein. Ich
traf den Sohn der Witwe - eine solche war sie - hier an, und der Bau hatte schon
begonnen. Die alten, reizenden Mauerstcke waren zum Teile abgetragen, und ihre
Stoffe waren geschichtet, um zu dem neuen Baue verwendet zu werden. Die
Schlinggewchse und Reben waren ausgerottet, die Gestruche vor dem Platze
vernichtet, und man ebnete ihre Stelle, um dort Rasen anzulegen. Auf der
Sdseite baute man schon die Sockelmauern, auf welche die Sulen von Ziegeln zu
stehen kommen sollten. Die Gestalt des Mdchens, von der man die
Balkenverhllung weggenommen hatte, lag in einer Htte, welche grtenteils
Baugerte enthielt. Neben ihr lagen der Herkules, der Stier und die Kpfe, die,
wie ich jetzt sah, alte Rmer darstellten. Mir gefiel nun auch die frher nicht
gesehene brige Gestalt des Mdchens, die nicht wesentlich verletzt war,
auerordentlich, und ich erhandelte sie, da die Dinge zum Zwecke des Verkaufes
in der Bretterhtte lagen. Aber der Verkufer sagte, er gebe von der Sammlung
nichts einzeln weg, und ich mute den Stier, den Herkules und die Kpfe mit
kaufen. Der Kaufschilling war nicht geringe, da mein Gegenmann die Schnheit der
Gestalt recht gut kannte und sie geltend machte; aber ich fgte mich. Ich lie
Kisten machen, um die Dinge fortzuschaffen. Den Stier, den Herkules und die
Kpfe verkaufte ich in Italien um ein Geringes, die Mdchengestalt sendete ich
wohlverpackt, da der Gips nicht leide, an meinen damaligen Aufenthaltsort; ich
kann Euch den Namen jetzt nicht nennen, es war ein kleines Stdtchen an dem
Gebirge. Mir fiel schon damals auf, da das Fahrgeld fr die Gestalt sehr hoch
sei, und da man sich ber ihr Gewicht beklagt habe; allein ich hielt es fr
italienische List, um von mir, dem Fremden, etwas mehr heraus zu pressen. Als
ich aber nach Deutschland zurchgekehrt war, und als eines Tages die
Gipsgestalt, fr deren gute Verpackung und berbringung ich durch mir
wohlbekannte Versendungsvermittler gesorgt hatte, in dem Asperhofe ankam,
berzeugte ich mich selber von dem ungemeinen Gewichte der Last. Da der
Bretterverschlag, in welchem sich die Gestalt befand, nicht so schwer sein
konnte, so entstand in mir und Eustach, der damals schon in dem Asperhofe war,
der Gedanke, die Gestalt mchte etwas na geworden sein und durch die Nsse
gelitten haben. Wir lieen das Standbild in die hlzerne Htte schaffen, welche
ich teils zu seinem Empfange, teils zur Reinigung von den vielen Schmutzflecken,
die es an seinem frheren Standorte erhalten hatte, vor dem Eingange in den
Garten hatte aufbauen lassen. Da es dort von den Brettern und von allen seinen
andern Hllen befreit worden war, sahen wir, da sich unsere Furcht nicht
besttigte. Die Gestalt war so trocken, wie Gips nur berhaupt zu sein vermag.
Wir setzten nach und nach die Vorrichtungen in Gebrauch, durch die wir die
Gestalt in die Nhe der Glaswand der Htte auf eine drehbare Scheibe stellen
konnten, um sie nach Bequemlichkeit betrachten und reinigen zu knnen. Da sie
auf der Scheibe stand und wir uns von der Sicherheit ihres Standes berzeugt
hatten, gingen wir zu ihrer Betrachtung ber. Eustach war ber ihre Schnheit
entzckt, und machte mich auf manches aufmerksam, was mir auf dem Tanz- und
Ballplatze bei Cum und spter in der Bauhtte entgangen war. Freilich stand die
Gestalt jetzt viel vorteilhafter, da durch die reinen Scheiben der Glaswand das
klare Licht auf sie fiel und alle Schwingungen und Schwellungen der Gestaltung
deutlich machte. Da wir die berzeugung gewonnen hatten, da ein edles Werk in
das Haus gekommen sei, beschlossen wir, sofort zu dessen Reinigung zu schreiten.
Wir nahmen uns vor, dort, wo der Schmutz nur locker auf der Oberflche liege und
dem reinen Wasser und dem Pinsel weiche, auch nur Wasser und den Pinsel
anzuwenden. Leichtes bertnchen und sanftes Gltten wrde die letzte Nachhlfe
geben. Fr tiefer gehende Verunreinigung wurde die Anwendung des Messers und der
Feile beschlossen; nur sollte die uerste Vorsicht beobachtet und lieber eine
kleine Verunreinigung gelassen werden, als da eine sichtbare Umgestaltung des
Stoffes vorgenommen wrde. Eustach machte in meiner Gegenwart Versuche, und ich
billigte sein Verfahren. Es wurde nun sogleich ans Werk geschritten, und die
Arbeit in der nchsten Zeit fortgesetzt. Eines Tages kam Eustach zu mir herauf
und sagte, er msse mich auf einen sonderbaren Umstand aufmerksam machen. Er sei
auf dem Schulterblatte mit dem feinen Messer auf einen Stoff gestoen, der nicht
das Taube des Gipses habe, sondern das Messer gleiten mache und etwas wie die
Ahnung eines Klanges merken lasse. Wenn die Sache nicht zu unwahrscheinlich
wre, wrde er sagen, da der Stoff Marmor sei. Ich ging mit ihm in die
Bretterhtte hinab. Er zeigte mir die Stelle. Es war ein Platz, mit dem die
Gestalt hufig, wenn sie gelegt wurde, auf den Boden kam, und der daher durch
diesen Umstand und zum Teile durch Versendungen, denen die Gestalt ausgesetzt
gewesen sein mochte, mehr abgentzt war als andere. Ich lie das Messer auf
dieser Stelle gleiten, ich lie es an ihr erklingen, und auch ich hatte das
Gefhl, da es Marmor sei, was ich eben behandle. Weil der Platz, an dem die
Versuche gemacht wurden, doch zu augenfllig war, um weiter gehen zu knnen und
ihn etwa zu veranstalten, so beschlossen wir an einem unscheinbareren einen
neuen Versuch zu machen. In der Ferse des linken Fues fehlte ein kleines
Stckchen, dort mute jedenfalls Gips eingesetzt werden, dort beschlossen wir zu
forschen. Wir drehten die Gestalt mit ihrer Scheibe in eine Lage, in welcher das
helle Licht auf die Lcke an der Ferse fiel. Es zeigte sich, da neben der
kleinen Vertiefung noch ein Stckchen Gips ledig sei und bei der leisesten
Berhrung herabfallen msse. Wir setzten das Messer an, das Stck sprang weg,
und es zeigte sich auf dem Grunde, der blo wurde, ein Stoff, der nicht Gips
war. Das Auge sagte, es sei Marmor. Ich holte ein Vergrerungsglas, wir
leiteten durch Spiegel ein schimmerndes Licht auf die Stelle, ich schaute durch
das Glas auf sie, und mir funkelten die feinen Kristalle des weien Marmors
entgegen. Eustach sah ebenfalls durch die Linse, wir versuchten an dem Platze
noch andere Mittel, und es stellte sich fest, da die untersuchte Flche Marmor
sei. Nun begannen wir, um das Unglaubliche vllig zu beweisen oder unsere
Meinung zu widerlegen, auch an andern Stellen Untersuchungen. Wir fingen an
Stellen an, welche ohnehin ein wenig schadhaft waren, und gingen nach und nach
zu anderen ber. Wir beobachteten zuletzt gar nicht mehr so genau die
Vorsichten, die wir uns am Anfange auferlegt hatten, und kamen zu dem
Ergebnisse, da an zahlreichen Stellen unter dem Gipse der Gestalt weier Marmor
sei. Der Schlu war nun erklrlich, da an allen Stellen, auch den nicht
untersuchten, der Gips ber Marmor liege. Das groe Gewicht der Gestalt war
nicht der letzte Grund unserer Vermutung. Durch welchen Zufall oder durch welch
seltsames Beginnen die Marmorgestalt mit Gips knne ber zogen worden sein, war
uns unerklrlich. Am wahrscheinlichsten deuchte uns, da es einmal irgend ein
Besitzer getan habe, damit ein fremder Feind, der etwa seine Wohnstadt und ihre
Kunstwerke bedrohte, die Gestalt als aus wertlosem Stoffe bestehend nicht mit
sich fort nehme. Weil nun doch der Feind die Gestalt genommen habe, oder weil
ein anderer hindernder Umstand eingetreten sei, habe die Decke nicht mehr
weggenommen werden knnen, und der edle Kern habe undenkbar lange Jahre in der
schlechten Hlle stecken mssen. Wir fingen nun auf dem Wirbel des Hauptes an,
den Gips nach und nach zu beseitigen. Teils, und zwar im roheren, geschah es mit
dem Messer, teils, und zwar gegen das Ende, wurden Pinsel und das auflsende
Mittel des Wassers angewendet. Wir rckten so von dem Haupte ber die Gestalt
hinunter, und alles und jedes war Marmor. Durch den Gips war der Marmor vor den
Unbilden folgender Zeiten geschtzt worden, da er nicht das trbe Wasser der
Erde oder sonstige Unreinigkeiten einsaugen mute, und er war reiner, als ich je
Marmore aus der alten Zeit gesehen habe, ja er war so wei, als sei die Gestalt
vor nicht gar langer Zeit erst gemacht worden. Da aller Gips beseitigt war,
wurde die Oberflche, welche doch durch die feinsten zurckgebliebenen Teile des
berzuges rauh war, durch weiche wollene Tcher so lange geglttet, bis sich der
glnzende Marmor zeigte und durch Licht und Schatten die feinste und zartest
empfundene Schwingung sichtbar wurde. Jetzt war die Gestalt erst noch viel
schner, als sie sich in Gips dargestellt hatte, und Eustach und ich waren von
Bewunderung ergriffen. Da sie nicht aus neuer Zeit stamme, sondern dem alten
Volke der Griechen angehre, erkannten wir bald. Ich hatte so viele und darunter
die als die schnsten gepriesenen Bildwerke der alten Heidenzeit gesehen, und
vermochte daher zwischen ihren und den Arbeiten des Mittelalters oder der neuen
Zeit zu vergleichen. Ich hatte alle Abbildungen, welche von den Bildwerken der
alten Zeit zu bekommen waren, in den Asperhof gebracht, so da ich neuerdings
Vergleichungen anstellen konnte, und da auch Eustach, welcher nicht so viel in
Wirklichkeit gesehen hatte, ein Urteil zu gewinnen vermochte. Nur nach sehr
langen und sehr genauen Untersuchungen gaben wir uns mit Festigkeit dem Gedanken
hin, da das Standbild aus der alten Griechenzeit herrhre. Wir lernten bei
diesen Untersuchungen, zu deren grerer Sicherstellung wir sogar Reisen
unternahmen, die Merkmale der alten und neuen Bildwerke so weit kennen, da wir
die berzeugung gewannen, die besten Werke beider Zeiten gleich bei der ersten
Betrachtung von einander unterscheiden zu knnen. Das Schlechte ist freilich
schwerer in Hinsicht seiner Zeit zu ermitteln. Merkwrdig ist es, da vllig
Wertloses aus der alten Zeit gar nicht auf uns gekommen ist. Entweder ist es
nicht entstanden, oder eine kunstbegeisterte Zeit hat es sogleich beseitigt. Wir
haben in jener Untersuchungszeit viel ber alte Kunst gelernt. Von wem und aus
welchem Zeitabschnitte aber unser Standbild herrhre, konnten wir nicht
ermitteln. Das war jedoch gewi, da es nicht der strengen Zeit angehre und von
der spteren, weicheren stamme. Ehe ich aber das Bild aus der Htte, in welcher
es stand, entfernte, ja ehe ich an den Platz dachte, auf welchen ich es stellen
wollte, mute etwas anderes geschehen. Ich reiste nach Italien und suchte bei
Cum den Verkufer meines Standbildes auf. Er war mit den Umnderungen seines
Platzes beinahe fertig. Dieser war jetzt eine Halle neuer Art, in welcher einige
Menschen sen roten Wein tranken, in welcher neue Gipsbilder standen, um welche
grner Rasen war, und aus welcher man eine schne Aussicht hatte. Ich erzhlte
ihm von der Entdeckung, welche ich gemacht hatte, und sagte, er mge nun nach
derselben den Preis des Bildes bestimmen. Er knnte es zu diesem Zwecke selber
in Deutschland besehen oder es besehen lassen. Er fand beides nicht fr ntig,
sondern forderte sogleich eine ansehnliche Summe, die den Wert eines solchen
Gegenstandes, deren Preise in den verschiedenen Zeiten sehr wechseln, darstellen
mochte. Ich war damals schon in den Besitz meiner greren Habe gekommen, die
mir durch eine Erbschaft zugefallen war, und zeigte mich bereit, die Summe zu
erlegen, nur mchte ich mich ber das Herkommen des Standbildes noch nher
unterrichten und mir die Gewiheit ber das Recht verschaffen, das mein Vormann
bei so vernderter Sachlage ber das Bild habe. Meine Forschungen fhrten zu
nichts weiter, als da das Bild seit vielen Menschenaltern schon in dem Besitze
der Familie sei, von welcher ich es habe, da einmal berreste eines alten
Gebudes hier gewesen wren, da man das Gebude nach und nach abgebrochen habe,
da man aus Wasserbecken, niederen Sulengittern und andern Dingen von weiem
Steine Kalk gebrannt, und da man aus den Resten des Gebudes und mit dem Kalke
Huser in den Umgebungen gebaut habe. Es seien mehrere Standbilder bei den
Trmmern gewesen und seien verkauft worden. Fr das weie Mdchen mit dem Stabe
in der Hand habe man einmal einen Mantel aus Holz gemacht, darber ist ein
Streit in Hinsicht der Zahlung entstanden, und die Schrift, welche den Grovater
des jetzigen Besitzers zur Zahlung verurteilte, ist mir in dem Amte zur Einsicht
und beglaubigten Abschrift gewiesen worden. Nachdem ich mir noch einen
Kaufvertrag ber das Marmorbild von einem Notar hatte verfassen lassen und mich
mit einer gefertigten Abschrift versehen hatte, erlegte ich die geforderte
Summe, und reiste wieder nach Hause. Hier wurde beraten, wohin das nun mit allem
Rechte mein genannte Standbild kommen sollte. Es war nicht schwer, die Stelle
auszufinden. Ich hatte auf der Marmortreppe schon einen Absatz errichtet, der
einerseits die Treppe unterbrechen und ihr dadurch Zierlichkeit verleihen, und
andrerseits dazu dienen sollte, da einmal ein Standbild auf ihm stehe und der
Treppe den grten Schmuck verleihe. Nachdem wir uns durch Messungen berzeugt
hatten, da die Gestalt fr den Platz nicht zu hoch sei, wurde der kleine Sockel
verfertigt, auf dem sie jetzt steht, es wurde eine Vorrichtung gebaut, sie auf
den Platz zu bringen, und sie wurde auf ihn gebracht. Wir standen nun oft vor
der Gestalt und betrachteten sie. Die Wirkung wurde statt schwcher immer grer
und nachhaltiger, und unter allen Kunstgegenstnden, die ich habe, ist mir
dieser der liebste. Das ist der hohe Wert der Kunstdenkmale der alten heitern
Griechenwelt, nicht blo der Denkmale der bildenden Kunst, die wir noch haben,
sondern auch der der Dichtung, da sie in ihrer Einfachheit und Reinheit das
Gemt erfllen und es, wenn die Lebensjahre des Menschen nach und nach flieen,
nicht verlassen, sondern es mit Ruhe und Gre noch mehr erweitern und mit
Unscheinbarkeit und Gesetzmigkeit zu immer grerer Bewunderung hinreien.
Dagegen ist in der Neuzeit oft ein unruhiges Ringen nach Wirkung, das die Seele
nicht gefangen nimmt, sondern als ein Unwahres von sich stt. Es sind manche
Mnner gekommen, das Standbild zu betrachten, manche Freunde und Kenner der
alten Kunst, und der Erfolg ist fast immer derselbe gewesen, ein Ernst der
Anerkennung und der Wrdigung. Wir, Eustach und ich, sind in den Dingen der
alten Kunst sehr hiedurch vorgeschritten, und beide sind wir von der alten Kunst
erst recht zur Erkenntnis der mittelalterlichen gekommen. Wenn wir die
unnachahmliche Reinheit, Klarheit, Mannigfaltigkeit und Durchbildung der alten
Gestaltungen betrachtet hatten und zu denen des Mittelalters gingen, bei welchen
groe Fehler in diesen Beziehungen walten, so sahen wir hier ein Inneres, ein
Gemt voll Ungeziertheit, voll Glauben und voll Innigkeit, das uns fast im
Stammeln so rhrt, wie uns jenes dort im vollendeten Ausdrucke erhebt. ber die
Zeit der Entstehung unseres Standbildes knnen wir auch jetzt noch nichts Festes
behaupten, auch nicht, ob es mit anderen aus dem Volke von Standbildern, das in
Hellas stand, nach Rom gekommen ist, oder ob es unter den Rmern von einem
Griechen gefertigt worden ist, wie man es in jener Rmerzeit, da griechische
Kunst mit nicht hinlnglichem Verstndnisse ber Italien ausgebreitet wurde, in
den Sitz eines Rmers gebracht hat, und wie es auf ein ganz anderes, entferntes
Geschlecht bergegangen ist.
    Er schwieg nach diesen Worten, und ich sah den Mann an. Wir waren, whrend
er sprach, in dem Saale auf und nieder gegangen. Ich begriff, warum er diesen
Saal bei Abendgewittern aufsucht. Durch die hellen Fenster schaut der ganze
sdliche Himmel herein, und auch Teile des westlichen und des stlichen sind zu
erblicken. Die ganze Kette der hiesigen Alpen kann am Rande des Gesichtskreises
gesehen werden. Wenn nun ein Gewitter in jenem Raume entsteht - und am schnsten
sind Gewitterwnde oder Gewitterberge, wenn sie sich ber fernhinziehende
Gebirge lagern, oder lngs des Kammes derselben dahin gehen -, so kann er
dasselbe frei betrachten, und es breitet sich vor ihm aus. Zu dem Ernste der
Wolkenwnde gesellt sich der Ernst der Wnde von Marmor, und da in dem Saale
gar keine Gerte sind, vermehrt noch die Einsamkeit und Gre. Wenn nun vollends
schon eine schwache Abenddmmerung eingetreten ist, so zeigt die Oberflche des
Marmors den Widerschein der Blitze, und whrend wir so auf und nieder gingen,
war einige Male der reine, kalte Marmor wie in eine Glut getaucht, und nur die
hlzernen Tren standen dunkel in dem Feuer, oder zeigten ihre dstere Fgung.
    Ich fragte meinen Gastfreund, ob er das Marmorstandbild schon lange besitze.
    Die Zahl der Jahre ist nicht sehr gro, antwortete er, ich kann sie Euch
aber nicht genau angeben, weil ich sie nicht in meinem Gedchtnisse behalten
habe. Ich werde in meinen Bchern nachsehen, und werde Euch morgen sagen, wie
lange das Bild in meinem Hause steht.
    Ihr werdet wohl erlauben, sagte ich, da ich die Gestalt fter ansehen
darf, und da ich mir nach und nach einprge und immer klarer mache, warum sie
denn so schn ist, und welches die Merkmale sind, die auf uns eine solche
Wirkung machen.
    Ihr drft sie besehen, so oft Ihr wollt, antwortete er, den Schlssel zu
der Tr des Marmorganges gebe ich Euch sehr gerne, oder Ihr knnt auch von dem
Gange der Gastzimmer ber die Marmortreppe hinabgehen, nur mt Ihr sorgen, da
Ihr immer Filzschuhe in Bereitschaft habt, sie anzuziehen. Ich freue mich jetzt,
da ich den Marmorgang und die Treppe so habe machen lassen, wie sie gemacht
sind. Ich habe damals schon immer daran gedacht, da auf die Treppe ein Bild von
weiem Marmor wird gestellt werden, da dann am besten das Licht von oben darauf
herabfllt, und da die umgebenden Wnde so wie der Boden eine dunklere, sanfte
Farbe haben mssen. Das reine Wei - in der lichten Dmmerung der Treppe
erscheint es fast als ganz rein - steht sehr deutlich von der umgebenden
tieferen Farbe ab. Was aber die Merkmale anbelangt, an denen Ihr die Schnheit
erkennen wollt, so werdet Ihr keine finden. Das ist eben das Wesen der besten
Werke der alten Kunst, und ich glaube, das ist das Wesen der hchsten Kunst
berhaupt, da man keine einzelnen Teile oder einzelne Absichten findet, von
denen man sagen kann, das ist das schnste, sondern das Ganze ist schn, von dem
Ganzen mchte man sagen, es ist das schnste; die Teile sind blo natrlich.
Darin liegt auch die groe Gewalt, die solche Kunstwerke auf den ebenmig
gebildeten Geist ausben, eine Gewalt, die in ihrer Wirkung bei einem Menschen,
wenn er altert, nicht abnimmt, sondern wchst, und darum ist es fr den in der
Kunst Gebildeten so wie fr den vllig Unbefangenen, wenn sein Gemt nur
berhaupt dem Reize zugnglich ist, so leicht, solche Kunstwerke zu erkennen.
Ich erinnere mich eines Beispieles fr diese meine Behauptung, welches sehr
merkwrdig ist. Ich war einmal in einem Saale von alten Standbildern, in welchem
sich ein aus weiem Marmor verfertigter, auf seinem Sitze zurckgesunkener und
schlafender Jngling befand. Es kamen Landleute in den Saal, deren Tracht
schlieen lie, da sie in einem sehr entfernten Teile des Landes wohnten. Sie
hatten lange Rcke, und auf ihren Schnallenschuhen lag der Staub einer
vielleicht erst heute morgen vollbrachten Wanderung. Als sie in die Nhe des
Jnglings kamen, gingen sie behutsam auf den Spitzen ihrer Schuhe vollends
hinzu. Eine so unmittelbare und tiefe Anerkennung ist wohl selten einem Meister
zu Teil geworden. Wer aber in einer bestimmten Richtung befangen ist und nur die
Schnheit, die in ihr liegt, zu fassen und zu genieen versteht, oder wer sich
in einzelne Reize, die die neuen Werke bringen, hineingelebt hat, fr den ist es
sehr schwer, solche Werke des Altertums zu verstehen, sie erscheinen ihm
meistens leer und langweilig. Ihr waret eigentlich auch in diesem Falle. Wenn
gleich nicht von der neuen, nur bestimmte Seiten gebenden Kunst befangen, habt
Ihr doch Abbildungen von gewissen Gegenstnden, besonders denen Eurer
wissenschaftlichen Bestrebungen, zu sehr und zu lange in einer Richtung gemacht,
als da Euer Auge sich nicht daran gewhnt, Euer Gemt sich nicht dazu
hingeneigt htte, und ungefger geworden wre, etwas anderes mit gleicher Liebe
aufzunehmen, das in einer anderen Richtung lag, oder vielmehr, das sich in
keiner oder in allen Richtungen befand. Ich habe gar nie gezweifelt, da Ihr zu
dieser Allgemeinheit gelangen werdet, weil schne Krfte in Euch sind, die noch
auf keinen Afterweg geleitet sind und nach Erfllung streben; aber ich habe
nicht gedacht, da dies so bald geschehen werde, da Ihr noch zu kraftvoll in dem
auf seiner Stufe hchst lobenswerten Streben nach dem Einzelnen begriffen waret.
Ich habe geglaubt, irgend ein groes allgemeines menschliches Gefhl, das Euch
ergreifen wrde, wrde Euch auf den Standpunkt fhren, auf dem ich Euch jetzt
sehe.
    Ich konnte eine geraume Zeit auf diese letzte Rede meines Gastfreundes
nichts antworten. Wir gingen schweigend in dem Saale auf und nieder, und es war
um so stiller, als unsere mit weichen Sohlen bekleideten Fe nicht das
geringste Gerusch auf dem glnzenden Fuboden machten. Blitze zuckten zuweilen
in den Spiegelflchen um und unter uns, der Donner rollte gleichsam bei den
offenen Fenstern herein, und die Wolken bauten sich in Gebirgen oder in Trmmern
oder in luftigen Lnderstrecken durch den weiten Raum auf, den die Fenster des
Saales beherrschten.
    Ich sagte endlich, da ich mich jetzt erinnere, wie mein Vater oft geuert
habe, da in schnen Kunstwerken Ruhe in Bewegung sein msse.
    Es ist ein gewhnlicher Kunstausdruck, entgegnete mein Gastfreund, allein
es tte es auch ohne ihn. Man versteht gewhnlich unter Bewegung Bewegbarkeit.
Bewegung kann die bildende Kunst, von der wir hier eigentlich reden, gar nicht
darstellen. Da die Kunst in der Regel lebende Wesen, Menschen, Tiere, Pflanzen -
und selbst die Landschaft trotz der starrenden Berge ist mit ihren beweglichen
Wolken und ihrem Pflanzenschmucke dem Knstler ein Atmendes; denn sonst wird sie
ihm ein Erstarrendes - darstellt, so mu sie diese Gegenstnde so darstellen,
da es dem Beschauer erscheint, sie knnten sich im nchsten Augenblicke
bewegen. Ich will hier wieder aus dem Altertume ein Beispiel anfhren. Alle
Stoffe, mit welchen Menschen sich bekleiden, nehmen nach der Art der Bewegungen,
denen sich verschiedene Menschen gerne hingeben, verschiedene Gestaltungen an.
Ein Freund von mir erkannte einen alten wohlbekannten und trefflichen
Schauspieler einmal bei einer Gelegenheit, bei welcher er nur ein Stck des
Rockes des Schauspielers sehen konnte. Wenn nun die Gestaltungen der Stoffe, die
sich meistens in Falten kund gehen, nach der Wirklichkeit nachgebildet werden,
nicht nach willkrlichen Zurechtlegungen, die man nach herkmmlichen
Schnheitsgesetzen an der Gliederpuppe macht, so liegt in diesen nachgebildeten
Gestaltungen zuerst eine bestimmte Eigentmlichkeit und Einzelheit, die den
Gegenstand sinnlich hinstellt, und dann drckt die Gestaltung nicht blo den
Zustand aus, in dem sie gegenwrtig ist, sondern sie weist auch auf den zurck,
der unmittelbar vorher war, und von dem sich die Gebilde noch leise vorfinden,
und sie lt zugleich den nchstknftigen ahnen, zu dem die Bildungen neigen.
Dies ist es, was bei Gewandungen ganz vorzglich fr das beschauende Auge den
Begriff der Bewegung gibt und mithin der Lebendigkeit. Dies ist es, da die Alten
so gerne nach der Natur arbeiteten, was sie dort, wo sie Gewnder anbringen, so
rneisterhaft handhaben, da der Spruch entstanden ist, sie stellten nicht nur
dar, was ist, sondern auch, was zunchst war und sein wird. Darum bilden sie in
der Gewandung nicht blo die Hauptteile, sondern auch die entsprechenden
Unterabteilungen, und dies mit einer solchen Zartheit und Genauigkeit, da man
auf den Stoff des Werkes vergit und nur den Stoff der Gewandung sieht, und ihn
zusammenlegen und in der Hand ballen zu knnen vermeint. Solcher Bildung
gegenber legen manche Neuen sogenannte edle Falten zurecht, bilden sie im Erze
oder Marmor nach, vermeiden hiebei in sorglichem Mae zu groe Einzelheiten, um
nicht unruhig zu werden, und erzielen hiebei, da man allerdings groe, edle
Massen von Faltungen sieht, da aber in der Falte der Stoff des Werkes, nicht
des Gewandes herrscht, da man die marmorne, die erzene Falte sieht, da das
Gemt erkltet wird, und da man meint, der Mann, der damit angetan ist, knne
nicht gehen, weil ihn die erzene Falte hindere. Wie es mit dem Gewande ist, ist
es auch mit dem Leibe, der das Gewand der Seele ist, und die Seele allein kann
ja nur der Gegenstand sein, welchen der Knstler durch das Bild und Gleichnis
des Leibes darstellt. Hier auch lieen sich die Alten von der Natur leiten, und
wenn sie Snden begingen, die das Auge des naturforschenden Zergliederers
strenge genommen tadeln mte, so begingen sie keine, die das nicht so stofflich
blickende Auge der Kunst zu verdammen gezwungen wre. Dafr zeigt die Schwingung
der Gliederflchen in ihren Teilen und Unterabteilungen eine solche Ausbildung
und Durchfhrung, da die Zustnde von jetzt und von unmittelbar vorher und
nachher sichtbar werden, da die Glieder, wie ich vorher von der Gewandung
sagte, die Vorstellung der Beweglichkeit geben, und da sie leben. Wie bei den
Gewndern bilden manche Neue auch die Glieder ins Grere, Allgemeinere, weniger
Ausgefhrte, um nicht krampfig zu werden, und dann geraten die Muskeln gerne wie
glatte, sprde, unbiegsame Glaskrper, und die Gestalt kann sich nicht rhren.
Das Gesagte mag ungefhr den Begriff von dem geben, was man in der Kunst unter
Bewegung versteht. Was man unter Ruhe begreift, das mag wohl zuerst darin
bestehen, da jeder Gegenstand, den die bildende Kunst darstellt, genau
betrachtet, in Ruhe ist. Der laufende Wagen, das rennende Pferd, der strzende
Wasserfall, die jagende Wolke, selbst der zuckende Blitz sind in der Abbildung
ein Starres, Bleibendes, und der Knstler kann nur durch die frher von mir
angedeuteten Mittel die Bewegung als Bewegbarkeit, als Tuschung des Auges
darstellen, wodurch er zugleich seinen Gegenstand ber die Grnzen des
unmittelbar Dargestellten hinaushebt und ihm eine ungleich grere Bedeutung
gibt. Aber die dargestellte Bewegung darf nicht zu gewaltsam sein, sonst helfen
die Mittel nicht, der Knstler scheitert und wird lcherlich. Zum Beispiele
Pferde, die von einem Felsen durch die Luft hinabstrzen, drfen nicht in der
Luft fallend gemalt werden wenigstens drfte dies leichter eine den Verstand
befriedigende Zeichnung als ein das ganze Kunstvermgen entzckendes Bild
werden. Darum darf der in seinen Gestalten sich stets erneuende Wasserfall mit
weit geringerer Gefahr dargestellt werden als eine Flssigkeit, die aus einem
Gefe gegossen wird, wobei die Einbildungskraft sich mit dem Gedanken qult,
da das Gef nicht leer wird. Der in hohen Lften auf seinen Schwingen ruhende
Geier ist im Bilde erhaben, der dicht vor unsern Augen auf seine Beute strzende
kann sehr milich werden. Der an Bergen emporsteigende Nebel ist lieblich, der
von einer abgefeuerten Kanone aufsteigende Rauch verletzt uns durch sein
immerwhrendes Bleiben. Es ist begreiflich, da die Grenzen zwischen dem
Darstellbaren in der Bewegung nicht fest zu bestimmen sind, und da grere
Begabungen viel weiter hierin gehen drfen als kleinere. So sah ich schon sehr
oft gemalte fahrende Wgen. Die Pferde sind gewhnlich ihrer Fustellung nach im
schnsten Laufe begriffen, wahrend die Speichen der Wagenrder klar und sichtbar
in vlliger Ruhe starren. Der grere Knstler wird uns den Nebel der sausenden
Speichen darstellen, und manches andere zutun und zusammenstellen, da wir den
Wagen wirklich fahren sehen. Auer dem hier gegebenen Begriffe von stofflicher
Ruhe mag wohl unter Ruhe weit fter die knstlerische zu verstehen sein, die ein
Kunstwerk, sei es Bild, Dichtung oder Musik, nie entbehren kann, ohne
aufzuhren, ein Kunstwerk zu sein. Es ist diese Ruhe jene allseitige
bereinstimmung aller Teile zu einem Ganzen, erzeugt durch jene Besonnenheit,
die in hchster kunstliebender Begeisterung nie fehlen darf, durch jenes
Schweben ber dem Kunstwerke und das ordnende berschauen desselben, wie stark
auch Empfindungen oder Taten in demselben strmen mgen, die das Kunstschaffen
des Menschen dem Schaffen Gottes hnlich macht, und Ma und Ordnung blicken
lt, die uns so entzcken. Bewegung regt an, Ruhe erfllt, und so entsteht
jener Abschlu in der Seele, den wir Schnheit nennen. Es ist nicht zu zweifeln,
da sich andere vielleicht anderes bei diesen Worten denken, da dieses Andere
gut oder besser als das Meinige sein kann - gewhnlich geht es mit solchen
Gangwrtern so, da jeder seinen eigenen Sinn hinein legt. Das beste ist, da
die schaffende Kraft in der Regel nicht nach solchen aufgestellten Stzen wirkt,
sondern das Rechte trifft, weil sie die Kraft ist, und es desto sicherer trifft,
je mehr sie sich auf ihrem eigentmlichen Wege naturgem ausbildet. Fr das
Verstndnis der Kunst, fr solche, welche ihre Werke beschauen und sich darber
besprechen, sind Auslegungen derselben Einkleidung ihres Wesens in Worte eine
sehr ntzliche Sache, nur mu man die Worte nicht zum Hauptgegenstande machen
und auf einen Sinn, den man ihnen beilegt, nicht so bestehen, da man alles
verdammt, was nicht nach diesem Sinne ist. Sonst mte man ja den grten und
einzigen Knstler am meisten tadeln, Gott, der so unzhlige Gestaltungen
erschaffen hat, und dessen Werke ja wirklich von Menschen untergeordneten
Geistes getadelt werden, die meinen, sie htten es anders gemacht.
    Bei diesen Worten kam Gustav in den Saal. Die Dmmerung hatte schon stark
zugenommen, es regnete aber noch Immer nicht.
    Dieser steht noch auf demselben Stande, auf welchem Ihr frher gestanden
seid, sagte mein Gastfreund, auf Gustav weisend, der auf ihn zuging.
    Wie meinst du das, Vater? fragte der Knabe.
    Wir redeten von Kunst, antwortete mein Gastfreund, und da behaupte ich,
da du noch nicht in der Lage bist, Kunstwerke so erkennen und beurteilen zu
knnen wie unser Gast hier.
    Wohl, das behaupte ich selber, sagte Gustav, er ist darum auch teilweise
mein Lehrer, und wenn er in der Erkenntnis der Kunst dir und Eustach und der
Mutter nachstrebt, so werde ich meines Teils ihm wieder nachstreben.
    Das ist gut, sagte mein Gastfreund, aber das ist es nicht so ganz, wovon
wir sprachen, allein es tut nichts zur Sache, und gehrt auch nicht zur
Wesenheit.
    Mit diesen Worten, gleichsam um ferneren Fragen vorzubeugen, trat er an ein
Fenster, und wir mit ihm.
    Wir betrachteten eine Weile die Erscheinung vor uns, die ber dem immer
dunkler werdenden Gefilde immer groartiger wurde, und gingen dann, da der Abend
beinahe in Finsternis bergehen wollte, und die Stunde des Abendessens gekommen
war, ber die Marmortreppe in das Speisezimmer hinunter.
    Das Gewitter war in der Nacht ausgebrochen, hatte einen Teil derselben mit
Donnern und einen Teil mit bloem Regen erfllt, und machte dann einem sehr
schnen und heiteren Morgen Platz.
    Das erste, was ich an diesem Tage tat, war, da ich zu dem marmornen
Standbilde ging. Ich hatte es gestern, da wir ber die Treppe hinabstiegen,
nicht mehr deutlich und nur von einem Blitze oberflchlich beleuchtet gesehen.
Die Finsternis war auf der Treppe schon zu gro gewesen. Heute stand es in der
ruhigen und klaren Helle des Tages, welche das Glasdach auf die Treppe sendete,
schmucklos und einfach da. Ich hatte nicht gedacht, da das Bild so gro sei.
Ich stellte mich ihm gegenber und betrachtete es lange. Mein Gastfreund hatte
recht, ich konnte keine eigentliche einzelne Schnheit entdecken, was wir im
neuen Sinne Schnheit heien, und ich erinnerte mich auf der Treppe sogar, da
ich oft von einem Buche oder von einem Schauspiele, ja von einem Bilde sagen
gehrt hatte, es sei voller Schnheiten, und dem Standbilde gegenber fiel mir
ein, wie unrecht entweder ein solcher Spruch sei, oder, wenn er berechtigt ist,
wie arm ein Werk sei, das nur Schnheiten hat, selbst dann, wenn es voll von
ihnen ist, und das nicht selber eine Schnheit ist; denn ein groes Werk, das
sah ich jetzt ein, hat keine Schnheiten, und um so weniger, je einheitlicher
und einziger es ist. Ich geriet sogar auf den Gedanken und auf die Erfahrung,
die ich mir nie klar gemacht hatte, da, wenn man sagt, dieser Mann, diese Frau
habe eine schne Stimme, schne Augen, einen schnen Mund, eben damit zugleich
gesagt ist, das andere sei nicht so schn; denn sonst wrde man nicht einzelnes
herausheben. Was bei einem lebenden Menschen gilt, dachte ich, gilt bei einem
Kunstwerke nicht, bei welchem alle Teile gleich schn sein mssen, so da keiner
auffllt, sonst ist es eben als Kunstwerk nicht rein, und ist im strengsten
Sinne genommen keines. Dessenohngeachtet, da ich, oder vielmehr eben darum,
weil ich keine einzelnen Schnheiten an dem Standbilde zu entdecken vermochte,
machte es, wie ich mir jetzt ganz klar bewut war, wieder einen
auerordentlichen Eindruck auf mich.
    Der Eindruck war aber nicht einer, wie ich ihn fter vor schnen Sachen
hatte, ja selbst vor Dichtungen, sondern er war, wenn ich den Ausdruck
gebrauchen darf, allgemeiner, geheimer, unentrtselbarer, er wirkte
eindringlicher und gewaltiger; aber seine Ursache lag auch in hheren Fernen,
und mir wurde begreiflich, ein welch hohes Ding die Schnheit sei, wie schwerer
sie zu erfassen und zu bringen sei, als einzelne Dinge, die die Menschen
erfreuen, und wie sie in dem groen Gemte liege, und von da auf die Menschen
hinausgehe, um Groes zu stiften und zu erzeugen. Ich empfand, da ich in diesen
Tagen in mir um vieles weiter gerckt werde.
    In der nchsten Zeit sprach ich auch mit Eustach ber das Standbild. Er war
sehr erfreut darber, da ich es als so schn erkannte, und sagte, da er sich
schon lange darnach gesehnt habe, mit mir ber dieses Werk zu sprechen; allein
es sei unmglich gewesen, da ich selber nie davon geredet habe, und eine
Zwiesprache nur dann ersprielich werde, wenn man beiderseitig von einem
Gegenstande durchdrungen sei. Wir betrachteten nun miteinander das Bildwerk, und
machten uns wechselseitig auf Dinge aufmerksam, die wir an demselben zu erkennen
glaubten. Besonders war es Eustach, der ber das Marmorbild, so sehr es sich in
seiner Einfachheit und seiner tglich sich vor mir immer staunenswerter
entwickelnden Natrlichkeit jeder Einzelverhandlung zu entziehen schien, doch
ber sein Entstehen, ber die Art seiner Verhltnisse, ber seine
Gesetzmigkeit und ber das Geheimnis einer Wirkung sachkundig zu sprechen
wute. Ich hrte begierig zu, und empfand, da es wahr sei, was er sprach,
obgleich ich ihn nicht immer so genau verstand wie meinen Gastfreund, da er
nicht so klar und einfach zu sprechen wute wie dieser. Ich schritt in der
Erkenntnis des Bildes vor, und es war mir, als ob es nach seinen Worten immer
nher an mich heran gerckt wrde.
    Er suchte viele Zeichnungen hervor, auf denen sich Abbildungen von
Standbildern oder andern geschnitzten oder auf anderem Wege hervorgebrachten
Gestalten des Mittelalters befanden. Wir verglichen diese Gestalten mit der aus
dem Griechentume stammenden. Auch wirkliche Gestaltungen von kleinen Engeln,
Heiligen oder anderen Personen, die sich in dem Rosenhause oder in der Nhe
befanden, suchte er zur Vergleichung herbei zu bringen. Es zeigte sich hier fr
meine Augen, da das wahr sei, was mein Gastfreund ber griechische und
mittelalterliche Kunst gesagt hatte. Es war mir wie ein jugendlicher und doch
mnnlich gereifter Sinn voll Ma und Besonnenheit so wie voll herrlicher
Sinnflligkeit, der aus dem Griechenwerke sprach. In den mittelalterlichen
Gebilden war es mir ein liebes, einfaches, argloses Gemt, das glubig und innig
nach Mitteln griff, sich auszusprechen, der Mittel nicht vllig Herr wurde, dies
nicht wute, und doch Wirkungen hervorbrachte, die noch jetzt ihre Macht auf uns
uern und uns mit Staunen erfllen. Es ist die Seele, die da spricht und in
ihrer Reinheit und in ihrem Ernste uns mit Bewunderung erfllt, whrend sptere
Zeiten, von denen Eustach zahlreiche Abbildungen von Bildwerken vorlegte, trotz
ihrer Einsicht, ihrer Aufgeklrtheit und ihrer Kenntnis der Kunstmittel nur
frostige Gestalten in unwahren Flattergewndern und bertriebenen Geberden
hervorbrachten, die keine Glut und keine Innigkeit haben, weil sie der Knstler
nicht hatte, und die nicht einmal irgend eine Seele zeigen, weil der Knstler
nicht mit der Seele arbeitete, sondern mit irgend einer berlegung nach eben
herrschenden Gestaltungsansichten, weshalb er das, was ihm an Gefhl abging,
durch Unruhe und Heftigkeit des Werkes zu ersetzen suchte. Was die
Sinnflligkeit anlangt, so schien mir das Mittelalter nicht nach Vollendung in
derselben gestrebt zu haben. Neben einem Haupte, das in seiner Einfachheit und
Gegenstndlichkeit trefflich und tadellos war, befinden sich wieder Bildungen
und Gliederungen, die beinahe unmglich sind. Der Knstler sah dies nicht; denn
er fand den Zustand seines Gemtes in dem Ausdrucke seines Werkes, mehr hatte er
nicht beabsichtiget, und nach Verschmelzung des Sinnentumes strebte er nicht,
weil es ihm, wenigstens in seiner Kunstttigkeit, ferne lag, und er einen Mangel
nicht empfand. Darum stellt sich auch bei uns die Wirkung der Innerlichkeit ein,
obgleich wir, unhnlich dem schaffenden Knstler des Mittelalters, die
sinnlichen Mngel des Werkes empfinden. Dies spricht um so mehr fr die
Trefflichkeit der damaligen Arbeiten. Es waren recht schne Tage, die ich mit
Eustach in diesen Vergleichungen und diesen Bestrebungen hinbrachte.
    Ich wurde auch wieder auf die Gemlde alter und lngstvergangener Zeiten
zurckgefhrt. Ich hatte in meiner frhesten Jugend eine Abneigung vor alten
Gemlden gehabt. Ich glaubte, da in ihnen eine Dunkelheit und Dsterheit
herrsche, die dem frhlichen Reize der Farben, wie er in den neuen Bildern sich
vorstellt, und wie ich ihn auch in der Natur zu sehen meinte, entgegen und weit
untergeordnet sei. Diese Meinung hatte ich zwar fahren gelassen, als ich selber
zu malen begonnen und nach und nach gesehen hatte, da die Dinge der Natur und
selber das menschliche Angesicht die heftigen Farben nicht haben, die sich in
dem Farbekasten befinden, da aber dafr die Natur eine Kraft des Lichtes und
des Schattens besitze, die wenigstens ich durch alle meine Farben nicht
darzustellen vermochte. Desohngeachtet war mir die Erkenntnis dessen, was die
Malerkunst in frheren Zeiten hervorgebracht hatte, nicht in dem Mae
aufgegangen, als es der Sache nach notwendig gewesen wre. Wenn ich gleich im
einzelnen vorgeschritten war und manches in alten Bildern als sehr schn erkannt
hatte, so war ich doch fort und fort zu sehr in meinen Bestrebungen auf dem
Gebiete der Natur befangen, als da ich auf andere Gebilde als die der Natur mit
krftiger Innerlichkeit geachtet htte. Darum erschienen mir Pflanzen, Faltern,
Bume, Steine, Wsser, selbst das menschliche Angesicht als Gegenstnde, die
wrdig wren, von der Malerkunst nachgebildet zu werden; aber alte Bilder
erschienen mir nicht als Nachbildungen, sondern gewissermaen als kostbare
Gegenstnde, die da sind, und auf denen sich Dinge befinden, die man gewohnt ist
als auf Gemlden befindliche zu sehen. Diese Richtung hatte fr mich den Nutzen,
da ich bei meinen Versuchen, Gegenstnde der Natur zu malen, nicht in die
Nachahmung irgend eines Meisters verfiel, sondern da meine Arbeiten mit all
ihrer Fehlerhaftigkeit etwas sehr Gegenstndliches und Naturwahres hatten; aber
es erwuchs mir auch der Nachteil daraus, da ich nie aus alten Meistern lernte,
wie dieser oder jener die Farben und Linien behandelt habe, und da ich mir
alles selber mhevoll erfinden mute, und in vielem gar zu einem Ziele nicht
gelangte. Obwohl ich spter der Betrachtung mittelalterlicher Gemlde mich mehr
zuwandte und sogar im Winter viele Zeit in Gemldesammlungen unserer Stadt
zubrachte, so war doch mein frherer Zustand noch mehr oder weniger unbewut
vorherrschend, und die Kunst des Pinsels fand von mir nicht die Hingabe, die sie
verdient htte. Als ich jetzt mit Eustach die Zeichnungen mittelalterlicher
bildender Kunst durchging, als ich mit ihm ein mir wie ein neues Wunder
aufgegangenes Werk des alten Griechentums betrachtete, als ich dieses Werk mit
den minder alten unserer Vorfahren verglich und die Unterschiede und Beziehungen
einsehen lernte: da fing ich auch an, die Gemlde meines Gastfreundes anders zu
betrachten, als ich bisher sie und andere Gemlde betrachtet hatte. Ich ging
nicht nur oft in sein Bilderzimmer und verweilte lange Zeit in demselben,
sondern ich lie mir auch das Verzeichnis der Bilder geben, um nach und nach die
Meister kennen zu lernen, die er versammelt hatte, ich bat, da mir erlaubt
werde, mir das eine oder andere Bild, wie ich es eben wnschte, auf die
Staffelei stellen zu drfen, um es so kennen zu lernen, wie mich ein innerer
Drang trieb, und ich brachte oft mehrere Tage in Untersuchung eines einzigen
Bildes zu. Welch ein neues Reich ffnete sich vor meinen Blicken! Wie die
Dichter mir eine Welt der Seele aufschlossen, so lag hier wieder eine Welt, es
war wieder eine Welt der Seele, wieder dieselbe Welt der hochgehenden Seele der
Dichtkunst; aber mit wie ganz anderen Mitteln war sie hier erstrebt und
erreicht. Welche Kraft, welche Anmut, welche Flle, welche Zartheit, und wie war
dem Schpfer eine hnliche; eine gleiche, aber menschliche Schpfung
nachgeschaffen. Ich lernte die Beziehungen der alten Malerei - mein Freund hatte
fast lauter alte Bilder - zu der Natur kennen. Ich lernte einsehen, da die
alten Meister die Natur getreuer und liebvoller nachahmten als die neuen, ja da
sie im Erlernen der Zge der Natur eine unsgliche Ausdauer und Geduld hatten,
vielleicht mehr, als ich empfand, da ich selber htte, und vielleicht mehr, als
mancher Kunstjnger der Gegenwart haben mag. Ich konnte nicht aburteilen, da ich
zu wenige Werke der Gegenwart kannte und so betrachtet hatte, als ich jetzt
ltere Bilder betrachtete; aber es schien mir ein greres Eingehen in das Wesen
der Natur kaum mglich. Ich begriff nicht, wie ich das so lange nicht in dem
Mae hatte sehen knnen, als ich es htte sehen sollen. Wenn aber auch die
Alten, wie ich hier mit ihnen umging, sich der Wirklichkeit sehr beflissen und
sich ihr sehr hingaben, so ging das doch nicht so weit, als ich bei der
Abbildung meiner naturwissenschaftlichen Gegenstnde geschritten war, von denen
ich alle Einzelheiten, so weit es nur immer mglich gewesen war, zu gehen
gesucht hatte. Dies wre, wie ich einsah, der Kunst hinderlich gewesen, und
statt einen ruhigen Gesamteindruck zu erzielen, wre sie in lauter Einzelheiten
zerfallen. Die Meister, welche mein Gastfreund in seiner Sammlung besa,
verstanden es, das Einzelne der Natur in groen Zgen zu fassen und mit
einfachen Mitteln - oft mit einem einzigen Pinselstriche darzustellen, so da
man die kleinsten Merkmale zu erblicken whnte, bei nherer Betrachtung aber
sah, da sie nur der Erfolg einer groen und allgemeinen Behandlung waren. Diese
groe Behandlung sicherte ihnen aber auch Wirkungen im Groen, die dem entgehen,
welcher die kleinsten Gliederungen in ihren kleinsten Teilen bildet. Ich sah
erst jetzt, welche schne Gestalten aus dem menschlichen Geschlechte auf der
Malerleinwand lebten, wie edel ihre Glieder sind, wie mannigfaltig - strahlend,
krftig, geistvoll, milde - ihr Antlitz, wie adelig ihre Gewnder, und wre es
eine Bettlerjacke, und wie treffend die Umgebung. Ich sah, da die Farbe der
Angesichter und anderer Teile das leuchtende Licht menschlicher Gestaltungen
ist, nicht der Farbestoff, mit dem der Unkundige seinen Gebilden ein widriges
Rot und Wei gibt, da die Schatten so tief gehen, wie sie die Natur zeigt, und
da die Umgebung eine noch grere Tiefe hat, wodurch jene Kraft erzielt wird,
die sich der nhert, welche die Schpfung durch wirklichen Sonnenschein gibt,
den niemand malen kann, weil man den Pinsel nicht in Licht zu tauchen vermag,
eine Kraft, die ich jetzt an den alten Bildern so bewunderte. Von der
auermenschlichen Natur sah ich leuchtende Wolken, klare Himmelsgebilde, ragende
reiche Bume, gedehnte Ebenen, starrende Felsen, ferne Berge, helle
dahinflieende Bche, spiegelnde Seen und grne Weiden, ich sah ernste Bauwerke,
und ich sah das sogenannte stille Leben in Pflanzen, Blumen, Frchten, in Tieren
und Tierchen. Ich bewunderte das Geschick und den Geist, womit alles
zurechtgelegt und hervorgebracht ist. Ich erkannte, wie unsere Vorfahren
Landschaften und Tiere malten. Ich erstaunte ber den zarten Schmelz, womit
einer mittelst berfarben seinen Gebilden eine Durchsichtigkeit gab, oder ber
die Strke, womit ein anderer undurchsichtige Farben hinstellte, da sie einen
Berg bildeten, der das Licht fngt und spiegelt, und es so zwingt, das Bild mit
zu malen, zu dem ein Licht in dem Farbenkasten nicht war. Ich erkannte, wie der
eine in durchsichtigen Farben untermalte und auf diese seine festen, krperigen
Farben aufsetzte, oder wie ein anderer Farbe auf Farbe mit breitem Pinsel
hinstellt und mit ihm die bergnge vermittelt und mit ihm die Zeichnung
umreit. Da alte Bilder dsterer sind, erschien mir einleuchtend, da das l die
Farben nachdunkeln macht und der Firnis eine dunkle, brunliche Farbe erhlt.
Beides haben umsichtige Meister mehr als voreilige zu vermeiden gewut, und mein
Gastfreund hatte Bilder, die in schner Pracht und Farbenherrlichkeit
leuchteten, obwohl auch bei ihnen die Wrde bewahrt blieb, da sie mehr die
Kraft des Tones als auffallende oder etwa gar unwahre Farben brachten. Da ich
schon viel mit Farben beschftigt gewesen war, so verweilte ich oft lange bei
einem Bilde, um zu ergrnden, wie es gemalt ist, und auf welche Weise die Stoffe
behandelt worden sind. In dem Rosenzimmerchen Mathildens, wohin mich mein
Gastfreund fhrte, um auch dort die Bilder zu sehen, hingen vier kleine Gemlde,
davon zwei von Tizian waren, eines von Dominichino und eines von Guido Reni. Sie
waren an Gre fast gleich und hatten gleiche Rahmen. Sie waren die schnsten,
die mein Gastfreund besa. Je mehr man sie betrachtete, desto mehr fesselten sie
die Seele.
    Ich bat ihn fast zu oft, mir diese vier Bildchen zu zeigen, und er ermdete
nicht, mir immer die Frauengemcher aufzuschlieen, mich in das Zimmerchen zu
fhren, mich die Bilder betrachten zu lassen und mit mir darber zu sprechen. Er
nahm sie fter herab und stellte sie auf dem Tische oder auf einem Sessel so
auf, da sie in dem besten Lichte standen. Ich brachte merkwrdige Tage in jener
Zeit in dem Rosenhause meines Freundes zu. Mein Wesen war in einer hohen, in
einer edlen und veredelnden Stimmung.
    Ich fragte ihn einmal, woher er denn die Bilder erhalten habe.
    Sie sind recht nach und nach in das Haus gekommen, wie es der Sammelflei
und mitunter auch der Zufall gefgt hat, antwortete er. Ich habe von einem
Oheime mehrere geerbt; sie waren aber nicht die besten, wie ich sie jetzt habe,
ich verkaufte einen Teil davon, um mir andere, wenn auch wenigere, aber bessere
zu kaufen. Ich habe Euch schon einmal gesagt, da ich in Italien gewesen bin.
Ich habe drei Reisen in dieses Land gemacht. Da hat sich manches gefunden. Ich
habe stets nach Bildern gesucht, habe manches gekauft, manches wieder verkauft,
Neues gekauft, und so war ein fortlaufender Wechsel, bis es so wurde, wie es
jetzt ist. Nun aber verkaufe oder vertausche ich nichts mehr, selbst wenn mir
etwas Auerordentliches vorkme, das ich nicht ohne Weggabe eines Frheren
erkaufen knnte. Mit dem Alter wird man so anhnglich an das Gewohnte, da man
es nicht missen kann, wenn es auch verbraucht zu werden beginnt und verschossen
und verschollen ist. Ich lege alte Kleider nicht gerne ab, und wenn ich eines
der Bilder, die mich nun so lange umgeben, aus dem Hause lassen mte, so wrde
ich einem groen Schmerze nicht entgehen. Sie mgen nun bleiben, wie sie sind,
und wo sie sind, bis ich scheide. Selbst der Gedanke, da ein Nachfolger die
Bilder so lasse und sie ehre, wie sie hier sind, hat fr mich etwas sehr
Angenehmes, obwohl er tricht ist und ich ihm aus dem Wege gehe; denn darin
besteht das Leben der Welt, da ein Streben und Erringen und darum ein Wandel
ist, welcher Wandel auch hier eintreten wird. Ich habe auch lngere Zeit schon
nichts mehr gekauft, auer einer recht lieben kleinen Landschaft von Ruysdael,
die neben der Tr im Bilderzimmer hngt, und die Ihr so gerne anschaut. Ich
wrde nur etwas sehr Wertvolles kaufen, in so ferne es meine Krfte zulieen.
Ich habe oft Jahre lang auf ein Bild warten mssen, das mir sehr gefiel, und das
ich zu haben wnschte, entweder, weil der Besitzer eigensinnig war und, obwohl
er das Bild weggeben wollte, doch Bedingungen an die Hingabe knpfte, die nicht
zu erfllen waren, oder weil er sich von dem Bilde nicht trennen wollte,
obgleich er es mihandelte und zu Grunde gehen lie. Zuweilen mute ich
schlechtere Bilder kaufen, die durch Farbenreiz oder andere Eigenschaften das
Auge ansprachen, um einen Vorrat zum Tausche zu haben. Es gibt nmlich Leute,
welche Freude an Bildern haben, welche ltere, bedeutende Bilder nicht weggehen,
wenn sie solche besitzen, sie aber doch nicht erkennen und sie durch schlechte
Behandlung Schaden leiden lassen. Sie ziehen ein Gemlde vor, welches sie besser
verstehen, welches ihnen mehr gefllt, wenn es auch im Werte minder ist, und
sind zu einem Tausche bereit. Dieser macht ihnen Freude, und wenn ich ihnen
darlegte, da ihr Gemlde einen hheren Wert habe als das meinige, und wenn ich
diesen Wert nach genauer Schtzung durch Geld ausglich, so war das Vergngen
noch grer; denn sie zweifelten doch immer, ob ich recht habe und das alte Bild
nicht aus Vorliebe berschtze, da ihnen ja ihre Augen sagten, da der
Unterschied nicht so gro sei. Auf diese Weise bekam ich manches Angenehme, ohne
meinem Billigkeitsgefhle nahe treten zu mssen, was bei Bildergeschften so
leicht der Fall wird. Die heilige Maria mit dem Kinde, welche Euch so wohl
gefllt, und welche ich beinahe eine Zierde meiner Sammlung nennen mchte, hat
mir Roland auf dem Dachboden eines Hauses gefunden. Er war dorthin mit dem
Eigentmer gestiegen, um altes Eisenwerk, darunter sich mittelalterliche Sporen
und eine Klinge befanden, zu kaufen. Das Bild war ohne Blindrahmen, und war
nicht etwa zusammengerollt, sondern wie ein Tuch zusammengelegt, und lag im
Staube. Roland konnte nicht genau erkennen, ob es einen Wert habe, und kaufte es
dem Manne um ein Geringes ab. Ein Soldat hatte es einmal aus Italien geschickt.
Er hatte es als bloe Packleinwand bentzt, und hatte Wsche und alte Kleider in
dasselbe getan, die ihm zu Hause ausgebessert werden sollten. Darum hatte das
Bild Brche, wo nmlich die Leinwand zusammengelegt gewesen war, an welchen
Brchen sich keine Farbe zeigte, da sie durch die Gewalt des Umbiegens
weggesprungen war. Auch hatte man, da wahrscheinlich die Flche zum Zwecke einer
Umhllung zu gro gewesen war, Streifen von ihr weggeschnitten. Man sah die
Schnitte noch ganz deutlich, whrend die anderen Rnder sehr alt waren und noch
die Spuren von den Ngeln zeigten, mit denen sie einst an den Blindrahmen
befestigt gewesen waren. Auch war, durch die Mihandlungen der Zeiten
herbeigefhrt, an andern Stellen als an denen der Brche die Farbe verschwunden,
so da man nicht nur den Grund des Gemldes, sondern hie und da auch die
lediglichen nackten Fden der alten Leinwand sehen konnte. So kam das Bild auf
dem Asperhofe an. Wir breiteten es zuerst auseinander, wuschen es mit reinem
Wasser, und muten dann, um es als Flche zu erhalten und es betrachten zu
knnen, Gewichte auf seine vier Ecken legen. So lag es auf dem Fuboden des
Zimmers vor uns. Wir erkannten, da es das Werk eines italienischen Malers sei,
wir erkannten auch, da es aus lterer Zeit stamme; aber von welchem Knstler es
herrhre, oder auch nur aus welcher Zeit es sei, war nach dem Zustande, in
welchem die Malerei sich befand, durchaus nicht zu bestimmen. Teile, welche ganz
waren, lieen indessen ahnen, da das Gemlde einen nicht zu geringen Wert haben
drfte. Wir gingen nun daran, ein Brett zu verfertigen, auf welches das Bild
geklebt werden knnte. Wir bereiten solche Bretter gewhnlich aus Eichenholz,
das aus zwei bereinanderliegenden Stcken, deren Fasern auf einander senkrecht
sind, und einem Roste besteht, damit dem sogenannten Werfen oder Verbiegen des
Holzes vorgebeugt werde. Als das Brett fertig und die Verkittung an demselben
vollkommen ausgetrocknet war, wurde das Gemlde auf dasselbe aufgezogen. Wir
hatten dort, wo die Rnder des Bildes weggeschnitten waren, die Holzflche
grer gemacht und die neu entstandenen Stellen mit passender Leinwand gut
ausgeklebt, um dem Gemlde annhernd wieder eine Gestalt geben zu knnen, die es
ursprnglich gehabt haben mochte, und in der es sich den Augen wohlgefllig
zeigte. Hierauf wurde daran gegangen, das Bild von dem alten hie und da noch
vorfindlichen Firnisse und von dem Schmutze, den es hatte, zu reinigen. Der
Firnis war durch die gewhnlichen Mittel leicht wegzubringen, nicht so leicht
aber der durch Jahrhunderte veraltete Schmutz, ohne da man in Gefahr kam, auch
die Farben zu beschdigen. Das gereinigte, auf der Staffelei stehende Gemlde
wies uns nun eine viel grere Schnheit, als es uns nach der ersten,
oberflchlichen Waschung gezeigt hatte; aber es war durch die vielen Sprnge,
Risse und nackten Stellen noch so verunstaltet, da eine genaue Wrdigung auch
jetzt nicht mglich war, selbst wenn wir bedeutend grere Erfahrungen gehabt
htten, als wir hatten. Roland und Eustach schritten zur Ausbesserung. Kein Ding
kann schwieriger sein, und durch keins sind Gemlde so sehr entstellt und
entwertet worden. Ich glaube, wir haben einen nicht unrichtigen Weg
eingeschlagen. Eine ursprngliche Farbe durfte gar nicht bedeckt werden. Zum
Glcke hatte das Bild gar nie eine Ausbesserung oder sogenannte bermalung
erhalten, so da entweder nur die ursprngliche Farbe vorhanden war, oder gar
keine. In die farbentblten Stellen wurde die Farbe, welche die umgrenzenden
Rnder zeigten, gleichsam wie ein Stift eingesetzt, bis die Grube erfllt war.
Wir nahmen die Farben so trocken als mglich und so dicht gerieben, als es der
Laufer auf dem Steine, ohne stecken zu bleiben, zuwege bringen konnte. Wenn sich
aber doch wieder nach dem Trocknen eine Vertiefung zeigte, wurde dieselbe
neuerdings mit der nmlichen Farbe ausgefllt, und so fortgefahren, bis eine;
Hhlung nicht mehr entstand. Erhhungen, die blieben, wurden mit einem feinen
Messer gleichgeschliffen. Auch ber unausrottbaren Schmutz wurde die Farbe
seiner Umgebung gelegt. Wenn die Farbe nach lngerer Zeit durch das 01, das sie
enthielt, und durch andere Ursachen, die vielleicht noch mitwirken,
nachgedunkelt war und sich in dem Gemlde als Fleck zeigte, wurde mit uerst
trockener Farbe und mit der Spitze eines feinen Pinsels die Stelle so lange
gleichsam ausgepunktet, bis sie sich von der Umgebung durchaus nicht mehr
unterschied. Dieses Verfahren wurde zuweilen mehrere Male wiederholt. Zuletzt
konnte man mit freien Augen die Pltze, an welchen sich neue Farben befanden,
gar nicht mehr erkennen. Nur das Vergrerungsglas zeigte noch die
Ausbesserungen. Wir brachten Jahre mit diesem Verfahren zu, besonders da
Zwischenzeiten waren, die mit andern Arbeiten ausgefllt werden muten, und da
unser Vorgehen selber Zwischenzeiten bedingte, in denen die Farben auszutrocknen
hatten, oder in denen man ihnen Zeit geben mute, die Vernderungen zu zeigen,
die notwendig bei ihnen eintreten mssen. Dafr aber war an dem vollendeten
Gemlde nicht zu merken, da es nicht in allen Teilen ein altes sei, es hatte
die feinen Sprnge alter Bilder und hatte alle die Reinheit und Klarheit des
Pinsels, der es ursprnglich geschaffen hatte. Wenn man alte Bilder bei
Ausbesserungen bermalt und dadurch stimmt, so ist nicht selten ein berzug ber
die feinen Linien, welche die Zeit in alte Bilder sprengt, und dieser berzug
zeigt nicht nur, da das Bild ausgebessert worden ist, sondern er stellt auch
einen feinen Schleier dar, der ber die Farben gebreitet ist und sie trb und
undurchsichtig macht. Solche Bilder geben oft einen dstern, unerfreulichen und
schwerlastenden Eindruck. Es werden viele unser Tun in Herstellung alter Bilder
unbedeutend und unerheblich nennen, besonders da es so viele Zeit und so viele
Anstalten erforderte; uns aber machte es eine groe und eine innige Freude. Ihr
werdet es gewi nicht tadeln, da Ihr einen so groen Anteil an den
Hervorbringungen der Kunst zu nehmen beginnt. Wenn nach und nach die Gestalt
eines alten Meisters vor uns aufstand, so war es nicht blo das Gefhl eines
Erschaffens, das uns beseelte, sondern das noch viel hhere eines Wiederbelebens
eines Dinges, das sonst verloren gewesen wre, und das wir selber nicht htten
erschaffen knnen. Als schon bereits einige Teile des Bildes fertig waren zeigte
es sich, da die Farben reiner und glnzender seien, als wir gedacht hatten, und
da das Bild einen vorzglicheren Wert habe, als anfangs unsere Vermutung war.
So lange die vielen Sprnge und farblosen Stellen und so lange die unreinen
Flecke, die wir nicht hatten beseitigen knnen, auf dem Gemlde waren, bten sie
auch auf das Nichtzerstrte und sogar auf das sehr wohl Erhaltene einen Einflu
aus und lieen es im ganzen mifrbiger erscheinen, als es war. Nachdem aber in
einer ziemlich groen Flche die widerstreitenden Stellen mit den entsprechenden
Farben zugedeckt waren, und die neue Farbe die alte, statt ihr zu widersprechen,
untersttzte, so kam eine Reinheit, ein Schmelz, eine Durchsichtigkeit und sogar
ein Feuer zu Stande, da wir in Erstaunen gerieten; denn bei starkbeschdigten
Bildern kann man die Folgerichtigkeit der bergnge nicht beurteilen, bis man
sie nicht vollendet vor sich hat. Freilich mochte der besondere Farbenflu sich
noch hher darstellen, da er von den unverbesserten und widerwrtigen Stellen
umgeben und gehoben wurde; aber das war schon vorauszusehen, da, wenn das ganze
Bild fertig sein wrde, seine Stimmung einen entschieden knstlerischen Eindruck
machen msse. Ich hatte whrend der Arbeit viele Mhe darauf verwendet, die
ganze Geschichte und die Herkunft des Bildes zu erforschen; allein ich kam zu
keinem Ergebnisse. Der Soldat, der die Leinwand aus Italien geschickt hatte, war
lngst gestorben, und es lebte berhaupt niemand mehr, der in nherer Beziehung
zu dem Ereignisse gestanden wre; denn dasselbe hatte sich weit frher
zugetragen, als ich gedacht hatte. Der Grovater des letzten Besitzers des
Bildes hatte fter erzhlt, da er sagen gehrt habe, da ein aus dem Hause
gebrtiger Soldat einmal seine Strmpfe und Hemden in ein Muttergottesbild
eingewickelt aus Welschland nach Hause geschickt habe. Die Wahrheit der
Erzhlung bestttigte sich dadurch, da man noch das alte zerstrte Marienbild
auf dem Dachboden des Hauses fand. Ich konnte auch nicht ergrnden, welche
Gelegenheit es gewesen sei, die jenen deutschen Soldaten nach Welschland gefhrt
hatte. Von dem, herauszufinden, aus welcher Gegend Italiens das Bild gekommen
sei, konnte nun vollends gar keine Rede mehr sein. Als nach langer Zeit, nach
vieler Mhe und mancher Unterbrechung das Gemlde in einem schnen, altertmlich
gearbeiteten Goldrahmen fertig vor uns stand, war es eine Art Fest fr uns.
Roland war herbei gerufen worden, da er gegen den Schlu des Werkes eine Reise
angetreten und die Vollendung seinem Bruder berlassen hatte. Mehrere Nachbaren
waren geladen worden, ja ein Freund und Kenner alter Kunst, dem ich die Sache
gemeldet hatte, war sogar von ziemlich weiter Entfernung herzugekommen, um die
Wiederherstellung zu sehen, und andere, wenn sie auch nicht geladen waren,
hatten sich eingefunden, da sie durch Zufall Kenntnis von der Begebenheit
erhalten hatten, und wuten, da sie auf dem Asperhofe nicht unwillkommen sein
wrden. Es ist nicht wahr, was man fter sagt, da eine schne Frau ohne Schmuck
schner sei als in demselben: und eben so ist es nicht wahr, da ein Gemlde zu
seiner Geltung nicht des Rahmens bedrfe. Ich hatte zu unserem Marienbilde einen
Rahmen nach Zeichnungen aus mittelalterlichen Gegenstnden bestellt, und hatte
dessen Ausfhrung gelegentlich, wenn mich ein Geschft oder mein Wille in die
Stadt brachte, berwacht. Er war weit eher auf dem Asperhofe angekommen, als das
Bild fertig war, und mute die Zeit ber in seiner Kiste verpackt harren. Wir
versuchten auch nicht ein einziges Mal das Bild in ihn zu fgen, ehe es fertig
war, um den Eindruck nicht zu schwchen. Bei neuen Bildern zeigt freilich der
Rahmen erst, da noch manches hinzuzufgen und zu ndern ist, und vieles mu an
solchen Bildern erst gemacht werden, wenn man sie bereits in einem Rahmen
gesehen hat. Bei alten Bildern, die wiederhergestellt werden, ist das anders,
besonders, wenn sie auf unsere Weise hergestellt werden. Da gibt das Vorhandene
den Weg der Herstellung an, man kann nicht anders malen, als man malt, und die
Tiefe, das Feuer und der Glanz der Farben ist daher durch das bereits auf der
Leinwand Befindliche bedingt. Wie dann das Bild in einem Rahmen aussehen werde,
liegt nicht in der Willkr des Wiederherstellers, und wenn es in dem Rahmen
trefflich oder minder gut steht, so ist das Sache des ursprnglichen Meisters,
dessen Werk man nicht ndern darf. Als unsere Maria, welche noch nicht einmal
einen Firnis erhalten hatte, aus den altertmlichen Gestalten des Rahmens, die
sehr paten, heraussah, so war es ein wunderbarer Anblick, und erst jetzt sahen
wir, welche Lieblichkeit und Kraft der alte Meister in seinem Bilde dargelegt
hatte. Obwohl der Rahmen erhabene Arbeit in Blumen, Verzierungen und sogar in
Teilen der menschlichen Gestalt enthielt, und auf demselben Glanzlichter von
starker Wirkung angebracht waren, so erschien das Bild doch nicht unruhig, ja es
beherrschte den Rahmen und machte seinen Reichtum zu einer anmutigen
Mannigfaltigkeit, whrend es selber durch seine Gewalt sich geltend machte und
in den erhebenden Farben von wrdigem Schmucke umgehen thronte. Ein leiser Ruf
entschlpfte den Lippen aller Anwesenden, und ich freute mich, da ich mich
nicht getuscht hatte, als ich, auf die Macht des Bildes rechnend, einen so
reichen Rahmen fr dasselbe bestellt hatte. Wir standen lange davor und
betrachteten die Schnheit der Farbengebung an den entblten Teilen so wie die
der Gewandung und der Grnde, was im Vereine mit der Einfachheit und Hoheit der
Linienfhrung und mit der mavollen Anordnung der Flchen ein so wrdevolles und
heiliges Ganzes bildete, da man sich eines tiefen Ernstes nicht erwehren
konnte, der wie wahrhaftige Andacht war. Erst spter fingen wir zu sprechen an,
beredeten dieses und jenes, und kamen, wie es natrlich war, dahin, Vermutungen
ber den Meister zu wagen. Es wurde Guido Reni genannt, es wurde Tizian genannt,
es wurde die Raffaelische Schule genannt. Fr alles hatte man Grnde, und der
Schlu war, wie er es auch noch heute ist, da man nicht wute, von wem das Bild
sei. Roland war auerordentlich vergngt, da er die Sache in ihrer Entstellung
schon geahnt und durch den Kauf eine so zweckmige Handlung ausgefhrt habe.
Damals war er noch auerordentlich jung, er war bei weitem nicht so eingebt wie
jetzt, und war daher seiner Handlung nicht ganz sicher. Eustach sah man es an,
da ihm, wie der Volksausdruck sagt, das Herz vor Freude lache. Eine freundliche
Bewirtung meiner Gste war damals das Ende des Tages. Wir suchten in der
folgenden Zeit eine Stelle, an welcher das Bild am vorteilhaftesten aufgehngt
werden knnte. Roland erhielt eine Belohnung in einem Werke, das er sich schon
lngst gewnscht hatte, und Eustach, das sah ich wohl, fand seine schnste
Befriedigung darin, da er nher in unsere Kunstkreise gezogen wurde. Dem Manne,
von welchem das Bild in seinem verstmmelten Zustande gekauft worden war, gab
ich noch eine Summe, mit welcher er weit ber seine Erwartung abgefunden war;
denn das Bild htte er doch nie herstellen lassen knnen, er wre auch auf den
Gedanken nicht gekommen, und ohne Roland wre das Bild nicht verkauft worden,
bis es immer mehr verfallen und einmal vernichtet worden wre. Oft stand ich in
spteren Zeiten noch davor und hatte manche Freude in Betrachtung des Werkes.
Ich sah das Angesicht und die Hnde der Mutter an, und sah das teils nackte,
teils durch schne Tcher schicklich verhllte Kind. Ein dem Lande Italien so
hufig zukommendes Zeichen ist es, da das Kind nicht in den Armen der Mutter
gehalten wird, sondern da es mit schnem Hinneigen zu derselben und von ihr
leicht und sanft umfat auf einem erhhten Gegenstande vor ihr steht. Der
Knstler hat dadurch nicht nur Gelegenheit gefunden, den Krper des Kindes in
einer weit schneren Stellung zu malen, als wenn er von der Mutter an ihren
Busen gehalten gewesen wre, sondern er hat noch den weit hheren Vorteil
erreicht, das gttliche Kind in seiner Kraft und in seiner Freiheit zu zeigen,
was die Wirkung hat, als ehrten wir gleichsam schon die Macht, mit welcher es
einstens handeln wird. Da sdliche Vlker den Heiland als Kind in so groer
sinnlicher Schnheit malen, hat mich immer entzckt, und wenn auf meinem Bilde
das heilige Kind eher wie ein krftiger, wunderschner Leib des Sdens aussieht,
so beirrt mich das nicht, sehen doch die Jesuskinder und die Johanneskinder des
herrlichen Raffael auch so aus, und die Wirkung ist doch eine so gewaltige. Da
die Mutter, deren Mund so schn ist, die Augen gegen Himmel wendet, sagt mir
nicht ganz zu. Die Wirkung, scheint mir, ist hierin ein wenig berboten, und der
Knstler legt in eine Handlung, die er seine Gestalt vor uns vornehmen lt,
eine Bedeutung, von der er nicht machen kann, da wir sie in der bloen Gestalt
sehen. Wer durch einfachere Mittel wirkt, wirkt besser. Wenn er die Heiligkeit
und Hoheit statt in die erhobenen Augen in die bloe Gestalt htte legen Knnen,
wobei die Augen einfach vor sich hinblickten, so htte er besser getan. Raffael
lt seine Madonnen ruhig und ernst blicken, und sie werden Himmelskniginnen,
whrend so manche andere nur betende Mdchen sind. Aus diesem mchte ich auch
schlieen, da das Bild nicht aus der Raffaelschen Schule ist, so sehr die
herrliche Gestalt des Kindes daran erinnert. Das Bild hngt nicht mehr dort, wo
es anfangs war. Wir haben alle Bilder mehrere Male umgehngt, und es gewhrt
eine eigene Freude, zu versuchen, ob in einer andern Anordnung die Wirkung des
Ganzen nicht eine bessere sei. Auch darber haben wir ernste Beratungen und
vielerlei Versuche angestellt, welche Farbe wir den Wnden geben sollen, da
sich die Bilder am besten von ihnen abheben. Wir blieben dann bei dem rtlichen
Braun stehen, das Ihr jetzt noch in dem Gemldezimmer findet. Ich lasse nun
nichts mehr ndern. Die jetzige Lage der Bilder ist mir zu einer Gewohnheit und
ist mir lieb geworden, und ich mchte ohne beln Eindruck die Sache nicht anders
sehen. Sie ist mir eine Freude und eine Blume meines Alters geworden. Die
Erwerbung der Bilder, die, wie Ihr schon aus meinen frheren Worten schlieen
knnt, nicht immer so leicht war wie die der heiligen Maria, stellt eine eigene
Linie in dem Gange meines Lebens dar, und diese Linie ist mit vielem versehen,
was mir teils einen freudigen, teils einen trben Rckblick gewhrt. Wir sind in
manche Verhltnisse geraten, haben manche Menschen kennen gelernt, und haben
manche Zeit mit Wiederherstellung der Bilder, mit Verwindung von Tuschungen,
mit Hineinleben in Schnheiten zu gebracht, wir haben auch manche zu Zeichnungen
und Entwrfen von Rahmen verwendet; denn alle Gemlde haben wir nach und nach in
neue, von uns entworfene Rahmen getan, und so stehen nun die Werke um mich wie
alte, hochverehrungswrdige Freunde, die es tglich mehr werden, und die eine
Annehmlichkeit und eine Wonne fr meine noch brigen Tage sind.
    Da ich durch die Erzhlung meines Gastfreundes der Sammlung seiner Bilder
noch mehr zugewendet wurde, begreift sich.
    Ich lenkte meine Aufmerksamkeit nun auch auf die Kupferstiche meines
Gastfreundes. Da dieselben nicht unter Glas und Rahmen waren, sondern sich in
groen Laden des Tisches im Lesezimmer befanden, so konnte man sie weit bequemer
betrachten als die Gemlde. Ich nahm mir zuerst die Mappen nach einander heraus
und sah alle Kupferstiche der Reihe nach an. Dann aber ging ich an eine mehr
geordnete Betrachtung. So wie mein Gastfreund nicht Bcher aus dem Hause gab,
wohl aber einem Gaste in sein Zimmer die verlangten bringen lie, so tat er es
auch mit den Kupferstichen, nur gab er immer gleich eine ganze Mappe in ein
Zimmer, nicht aber leicht einzelne Bltter. Er tat dies der Erhaltung und
Schonung willen. Weil ich nun nicht viele Stunden im Lesezimmer ununterbrochen
mit Ansehen von Kupferstichen zubringen mochte, so lie mir mein Gastfreund die
einzelnen Mappen nach und nach in meine Wohnung bringen, und ich konnte die in
ihnen enthaltenen Werke mit Mue betrachten, konnte diese Beschftigung auch
durch anderes unterbrechen, und konnte, wenn ich die Mappe durch eine beliebige
Zeit in meiner Wohnung gehabt hatte, dieselbe durch eine andere ersetzen.
Spter, da ich alle Mappen genau durchsucht hatte, wobei ich mir diejenigen
Werke aufzeichnete, die mir ganz besonders gefielen, oder die von meinem
Gastfreunde und Eustach als vorzglich bezeichnet waren, schlug ich mir bei
Gelegenheit nur die eine oder die andere auf, um das eine oder andere mir sehr
liebe Werk des Grabstichels zu besehen. Ich merkte mir in meinem Gedenkbache
auch diejenigen an, welche ich mir gleichfalls kaufen wollte, wenn es solche
waren, die man noch im Handel bekommen konnte. Ich lernte bei diesen
Untersuchungen die Art und Weise des Vortrags verschiedener Meister und
verschiedener Zeiten kennen und endlich auch wrdigen, und ich fand wieder, wie
es bei den Gemlden der Fall ist, da mit geringen Ausnahmen auch diese Kunst
eine schnere Vergangenheit gehabt habe, als sie eine Gegenwart habe, ja bei den
Kupferstichen konnte ich dies noch genauer kennen lernen als bei Gemlden, da
mein Freund alte und neue Kupferstiche hatte, whrend in seinem Bilderzimmer nur
sehr wenige neue Bilder hingen, die Vergleichung also schwieriger war, und ich
mich auf die neuen Bilder weniger erinnerte, welche ich in der Stadt gesehen
hatte, und welche ich auch mit anderen Augen mochte angeschaut haben. Ich lernte
die Feinheiten, die Groartigkeit, die Schnheit, die Ruhe in der Behandlung
immer mehr kennen und wrdigen, und beschlo, da mir Kupferstiche weit leichter
zu erwerben waren als Gemlde, vorlufig damit zu beginnen, mir Bltter, die ich
fr trefflich hielt, zu kaufen und eine Sammlung anzubahnen. Es war eine
ziemliche Zeit hingegangen, die ich mit Betrachtung und Einprgung der
Kupferstiche und Gemlde verbrachte. Eustach war hufig bei mir, wir sprachen
ber die Dinge, und ich lernte tglich hher von diesem Manne denken.
    Ich kam whrend dieser Zeit auch fter in das Schreinerhaus und andere
Werksttten und sah zu, was da verfertiget werde.
    Bei diesen Veranlassungen fiel es mir auf, da mein Gastfreund noch nicht
begonnen hatte, aus dem in Wahrheit gewi auerordentlich schnen Marmor, den
ich ihm gebracht hatte, dessen Schnheit ich ganz gewi zu beurteilen verstand,
und der ihm selber viele Freude gemacht zu haben schien, etwas verfertigen zu
lassen. Ich konnte auch den Marmor in dem Rosenhause gar nicht auffinden. Er war
in dem Vorratshause gelegen, wo sich auch fter Steine von mir befunden hatten.
Jetzt war er nicht mehr dort. War er, um nicht Verletzungen zu erfahren, in
einen anderen, sicheren Ort gebracht werden, oder hatte man ihn doch irgendwohin
gesendet, wo an ihm gearbeitet wurde? Das letzte war nicht denkbar, da mein
Gastfreund alle Dinge aus Holz und Stein in seinem Hause arbeiten lie, wozu
auch nicht nur die Vorrichtungen und Werkzeuge vorhanden waren, sondern wohin
auch zu jeder Zeit die etwa noch mangelnden Arbeitskrfte gezogen werden knnen.
    Ich machte eines Tages eine Reise in das Lautertal, und hielt mich einige
Zeit in demselben auf. Es war nicht, um meine gewhnliche Beschftigung dort
vorzunehmen, sondern um nach den Arbeiten mit meinem Marmor zu sehen. In der
Nhe des Ahorngasthauses - etwa zwei Wegestunden von demselben entfernt - befand
sich die Anstalt, in welcher Marmor gesgt und geschliffen wurde, und in welcher
man verschiedene Dinge aus Marmor verfertigte. Der Ort hie das Rothmoor,
weshalb, konnte ich nicht ergrnden; denn es war berall Gestein und rauschendes
Wasser, und von einem Moore war auf Meilen in der Lnge und Breite nichts zu
finden; aber der Ort hie so. Es befanden sich dort mehrere Stcke Marmor von
mir, damit aus denselben etwas fr den Vater ge macht wrde. Das grte Stck
war fast rosenrot, und es sollte daraus ein Wasserbecken Fr den Garten werden.
    Das Becken aber hatte ich selber entworfen. Aus groer Vorliebe Fr Gewchse
hatte ich seine Gestalt aus dem Gewchsreiche genommen. Es war ein Blatt,
welches dem der Einheere sehr hnlich war, in welchem die glnzende
dunkelschwarze Kugel liegt. Ich hatte das Blatt nach einem wirklichen aus Wachs
gebildet, nur die Auszackung machte ich geringer und die Tiefe grer. Das
Wachsblatt wurde von einem Arbeiter, der des Gestaltens sehr kundig war, in Gips
bedeutend grer nachgebildet, und nach dem Gipsblatte sollte das Marmorbecken
gearbeitet werden. In der Tiefe desselben sollte wie bei dem Einbeerenblatte die
Kugel liegen, und aus einem Stiele, der sich ber das Blatt erhebt, soll das
Wasser in einem feinen Strahle in das Blatt springen. Das Blatt selber sollte
von Rosenmarmor, der Stamm und Stengel von einem anderen, dunkleren sein. Ich
bestrebte mich, in dem Rothmoore nachzusehen, wie weit die Arbeit gediehen sei,
und versuchte durch Besprechungen Fr grere Leichtigkeit und Reinheit
einzuwirken. Aus anderem Marmor sollten andere Dinge verfertigt werden. Zuerst
das Pflaster um die Einbeere herum. Das Blatt sollte sein Wasser auf dieses
Pflaster hinabgieen, dasselbe sollte auf seiner Ebene eine sanfte Rinne bilden,
um das Wasser weiter zu leiten. Die Farbe des Pflasters sollte bla gelblich
sein. Ich hatte eine erkleckliche Anzahl Stcke hiezu zusammengebracht. Fr eine
Laube in dem Garten hatte ich die Platte eines Tischchens beabsichtigt. Sonst
waren noch kleine Tragsteine, ein paar Simse und Briefbeschwerer im Werke. Die
Sachen waren in Arbeit. Als Daraufgabe war ein Nest, in welchem zwei Eier lagen,
deren Marmor fast tuschend die Farbe von Kiebitzeiern hatte.
    Ich war mit den Arbeiten, so weit sie jetzt gediehen waren, sehr zufrieden.
Der Stein zu dem Becken war nicht nur in seine allgemeine Gestalt geschnitten
worden, sondern das Blatt war in rohen Umrissen fertig, so da zur feineren
Ausfeilung und zur Glttung geschritten werden konnte. Es arbeiteten zwei
Menschen ausschlielich an diesem Gegenstande. Mit dem Gipsvorbilde lie ich
noch einige Vernderungen vornehmen. Es war mir nicht leicht genug und zeigte
mir nicht hinlnglich das Weiche des Pflanzenlebens. Ich ging in die Berge,
suchte Pflanzen der Einbeere, und brachte sie samt ihrer Erde in Tpfen zurck,
damit sie nicht zu schnell welkten und uns lnger als Muster dienen knnten. An
diesen Pflanzen suchte ich zu zeigen, was an dem Vorbilde noch fehle.
    Ich erklrte, wo ein Blattteil sich sanfter legen, ein Rand sich weicher
krmmen msse, damit endlich das Steinbild, wenn es fertig wre, nicht den
Eindruck hervor bringe, als ob es gemacht worden, sondern den, als ob es
gewachsen wre. Da ich mich bemhte, die Sache ohne Verletzung des Mannes,
welcher das Gipsvorbild verfertiget hatte, darzulegen und sie eher in das Gewand
einer Beratung einzukleiden, so ging man auf meine Ansichten sehr gerne ein, und
da die ersten Versuche gelangen, und das Becken durch die grere hnlichkeit,
die es mit dem Blatte erlangte, auch sichtbar an Schnheit gewann, so ging man
mit Eifer an die Fortsetzung, suchte sich den Pflanzenmerkmalen immer mehr zu
nhern, und erlebte die Freude, da endlich das Werk in ungemein edlerer
Vollendung dastand als frher. Selbst fr knftige Arbeiten hatte man durch
dieses Verfahren einen Anhaltspunkt gewonnen und Hoffnungen geschpft, sich in
schnere und heiterere Kreise zu schwingen. Der Werkmeister sprach unverhohlen
mit mir ber die Sache. Frher hatte man nach hergebrachten Gestalten und
Zeichnungen Gegenstnde verfertigt, dieselben versandt, und Preise dafr
erhalten, die solchen Waren gewhnlich zukommen, so da die Anstalt bestehen
konnte, aber einer gehbigen und wohlhabenden Blte doch nicht teilhaftig war.
Da man sich an Pflanzen als Vorbilder wenden knne, war ihnen nicht
eingefallen. Jetzt richtete man den Blick auf sie, und fand, da alle Berge voll
von Dingen stnden, die ihnen Fingerzeige geben knnten, wie sie ihre Werke zu
verfertigen und zu veredeln htten.
    Ich blieb so lange da, bis das Gipsblatt vollkommen fertig war, und bis ich
mich darber beruhigt hatte, welche Werkzeuge zum Messen angewendet wrden,
damit die Gestalt des Vorbildes mit allen ihren Verhltnissen in die Nachbildung
bergehen knnte.
    Nachdem ich noch die Bitte um Beschleunigung der Arbeit angebracht hatte,
damit ich sie so bald als mglich in den Garten des Vaters bringen knnte, und
nachdem ich versprochen hatte, in diesem Sommer noch einen Besuch in der Anstalt
zu machen, trat ich den Rckweg in das Rosenhaus wieder an.
    Ich bestieg auf meiner Wanderung, die ich in den Bergen zu Fue machte, das
Eiskar, setzte mich auf einen Steinblock und sah beinahe den ganzen Nachmittag
in tiefem Sinnen auf die Landschaften, die vor mir ausgebreitet waren, hinaus.
    In dem Rosenhause beschftigte ich mich wieder mit Betrachtung der Bilder.
Ich nahm sogar ein Vergrerungsglas und sah die Gemlde an, wie denn die
verschiedenen alten Meister gemalt haben, ob der eine einen stumpfen, starren
Pinsel genommen habe, der andere einen langen, weichen, ob sie mit breitem oder
spitzigem gearbeitet, ob sie viel untermalt haben oder gleich mit den schweren,
undurchsichtigen Farben darauf gegangen seien, ob sie in kleinen Flchen fertig
gemacht oder das Groe vorerst angelegt und es in allen Teilen nach und nach der
Vollendung zugefhrt htten.
    Mein Gastfreund war in diesen Dingen sehr erfahren und stand mir bei.
    Von den Dichtern nahm ich jetzt Calderon vor. Ich konnte ihn bereits in dem
Spanischen lesen, und vertiefte mich mit groem Eifer in seinen Geist.
    Wir besuchten mehrere Male den Inghof. Es wurde dort Musik gemacht, es wurde
gespielt, wir besuchten die schnsten Teile der Umgebung, oder besahen, was der
Garten oder der Meierhof oder das Haus Vorzgliches aufzuweisen hatte.
    Zur Zeit der Rosenblte kam Mathilde und Natalie auf den Asperhof. Wir
wuten den Tag der Ankunft, und erwarteten sie. Als sie ausgestiegen waren, als
Mathilde und mein Gastfreund sich begrt hatten, als einige Worte von den
Lippen der Mutter zu Gustav gesprochen worden waren, wendete sie sich zu mir und
sprach mit den freundlichsten Mienen und mit dem liebevollsten Blick ihrer Augen
die Freude aus, mich hier zu finden, zu wissen, da ich mich schon ziemlich
lange bei ihrem Freunde und ihrem Sohne aufgehalten habe, und zu hoffen, da ich
die ganze schne Jahreszeit auf dem Asperhofe zubringen werde.
    Ich erwiderte, da ich heuer beschlossen habe, den ganzen Sommer ber blo
fr mein Vergngen zu leben, und da ich es mit groem Danke anerkennen msse,
da mir erlaubt sei, auf diesem Sitze verweilen zu drfen, der das Herz, den
Verstand und das ganze Wesen eines jungen Mannes so zu bilden geeignet sei.
    Natalie stand vor mir, da dieses gesprochen worden war. Sie erschien mir in
diesem Jahre vollkommener geworden, und war so auerordentlich schn, wie ich
nie in meinem ganzen Leben ein weibliches Wesen gesehen habe.
    Sie sagte kein Wort zu mir, sondern sah mich nur an. Ich war nicht im
Stande, etwas aufzufinden, was ich zur Bewillkommung htte sagen knnen. Ich
verbeugte mich stumm, und sie erwiderte diese Verbeugung durch eine gleiche.
    Hierauf gingen wir in das Haus.
    Die Tage verflossen wie die in den vergangenen Jahren. Nur eine einzige
Ausnahme trat ein. Man begann nach und nach von den Bildern zu sprechen, man
sprach von der Marmorgestalt, welche auf der schnen Treppe des Hauses stand,
man ging fter in das Bilderzimmer und besah verschiedenes, und man verweilte
manche Augenblicke in der dmmerigen Helle der Treppe, auf welche von oben die
sanfte Flut des Lichtes hernieder sank, und vergngte sich an der Herrlichkeit
der dort befindlichen Gestalt und der Pracht ihrer Gliederung. Ich erkannte, da
Mathilde in der Beurteilung der Kunst erfahren sei, und da sie dieselbe mit
warmem Hetzen liebe. Auch an Natalien sah ich, da sie in Kunstdingen nicht
fremd sei, und da sie in ihrer Neigung etwas gelten. Ich machte also jetzt die
Erfahrung, da man in frherer Zeit, da ich mein Augenmerk noch weniger auf
Gemlde und hnliche Kunstwerke gerichtet hatte, und dieselben einen tiefen
Platz in meinem Innern noch nicht einnahmen, mich geschont habe, da man nicht
eingegangen sei, in meiner Gegenwart von den in dem Hause befindlichen
Kunstwerken zu sprechen, um mich nicht in einen Kreis zu ntigen, der in jenem
Augenblicke noch beinahe auerhalb meiner Seelenkrfte lag. Mir kam jetzt auch
zu Sinne, da in gleicher Weise mein Vater nie zu mir auf eigenen Antrieb von
seinen Bildern gesprochen habe, und da er sich nur in so weit ber dieselben
eingelassen, als ich selber darauf zu sprechen kam und um dieses oder jenes
fragte. Sie haben also smtlich einen Gegenstand vermieden, der in mir noch
nicht gelufig war, und von dem sie erwarteten, da ich vielleicht mein Gemt zu
ihm hinwenden wrde. Mich erfllte diese Betrachtung einigermaen mit Scham, und
ich erschien mir gegenber all den Personen, die nun durch meine Vorstellung
gingen, als ungefg und unbehilflich; aber da sie immer so gut und liebreich
gegen mich gewesen waren, so schlo ich aus diesem Umstande, da sie nicht
nachteilig ber mich geurteilt, und da sie meinen Anteil an dem, was ihnen
bereits teuer war, als sicher bevorstehend betrachtet haben. Dieser Gedanke
beruhigte mich eines Teiles wieder. Besonders aber gereichte es mir zur
Genugtuung, da sie mit einer Art von Freude in die Gesprche eingingen, die
sich jetzt ber bildende Kunst entspannen, da also das nicht unsachgem sein
mute, was ich in dieser Richtung jetzt uerte, und da es ihnen angenehm war,
mit mir auf einer Lebensrichtung zusammen zu treffen, welche fr sie Wichtigkeit
hatte.
    Eines Tages, da die Blte der Rosen schon beinahe zu Ende war, wurde ich
unfreiwillig der Zeuge einiger Worte, welche Mathilde an meinen Gastfreund
richtete, und welche offenbar nur fr diesen allein bestimmt waren. Ich
zeichnete in einer Stube des Erdgeschosses ein Fenstergitter. Das Erdgescho des
Hauses hatte lauter eiserne Fenstergitter. Diese waren aber nicht jene
grostbigen Gitter, wie man sie an vielen Husern und auch an Gefngnissen
anbringt, sondern sie waren sanft geschweift, und hatten oben und unten eine
flache Wlbung, die mitten gleichsam wie in einen Schlustein in eine schne
Rose zusammenlief. Diese Rose war von vorzglich leichter Arbeit, und war ihrem
Vorbilde treuer, als ich irgendwo in Eisen gesehen hatte. Auerdem war das ganze
Gitter in zierlicher Art zusammengestellt, und die Stbe hatten nebst der
Schlurose noch manche andere bedeutsame Verzierungen. Es war fast gegen Abend,
als ich mich in einer Stube des Erdgeschosses, deren Fenster auf die Rosen
hinausgingen, befand, um mir vorlufig die ganze Gestalt des Gitters, die auen
zu sehr von den Rosen verdeckt war, zu entwerfen. Die einzelnen Verzierungen,
deren Hauptentwicklung nach auen ging, wollte ich mir spter einmal von dorther
zeichnen. Da ich in meine Arbeit vertieft war, dunkelte es vor dem Fenster, wie
wenn die Laubbltter vor demselben von einem Schatten bedeckt wrden. Da ich
genauer hinsah, erkannte ich, da jemand vor dem Fenster stehe, den ich aber der
dichten Ranken willen nicht erkennen konnte. In diesem Augenblicke ertnte durch
das geffnete Fenster klar und deutlich Mathildens Stimme, die sagte: Wie diese
Rosen abgeblht sind, so ist unser Glck abgeblht.
    Ihr antwortete die Stimme meines Gastfreundes, welche sagte: Es ist nicht
abgeblht, es hat nur eine andere Gestalt.
    Ich stand auf, entfernte mich von dem Fenster und ging in die Mitte des
Zimmers, um von dem weiteren Verlaufe des Gesprches nicht mehr zu vernehmen. Da
ich ferner berlegt hatte, da es nicht geziemend sei, wenn mein Gastfreund und
Mathilde spter erfhren, da ich zu der Zeit, als sie ein Gesprch vor dem
Fenster gefhrt hatten, in der Stube gewesen sei, der jenes Fenster angehrte,
so entfernte ich mich auch aus derselben und ging in den Garten. Da ich nach
einer Zeit meinen Gastfreund, Mathilden, Natalie und Gustav gegen den groen
Kirschbaum zugehen sah, begab ich mich wieder in die Stube und holte mir meine
Zeichnungsgerte, die ich dort liegen gelassen hatte; denn der Abend war
mittlerweile so dunkel geworden, da ich zum Weiterzeichnen nicht mehr sehen
konnte.
    Als die Rosenblte gnzlich vorber war, beschlossen wir, uns auch eine Zeit
in dem Sternenhofe aufzuhalten. Da wir den Hgel zu ihm hinan fuhren, sah ich,
da Gerste an dem Mauerwerke aufgeschlagen waren, und als wir uns genhert
hatten, erkannte ich, da die Arbeiter, die sich auf den Gersten befanden,
damit beschftigt waren, die Tnche von den breiten Steinen, welche an die
Oberflche der Mauern gingen, abzunehmen und die Steine zu reinigen. Man hatte
vorher an einem abgelegenen Teile des Hauses einen Versuch gemacht, welcher sich
bewhrte, und welcher dartat, da das Haus ohne Tnche viel schner aussehen
werde.
    In dem Sternenhofe wurde ich so freundlich behandelt wie in der frheren
Zeit, ja wenn ich meinem Gefhle trauen durfte, und wenn man so feine
Unterscheidungen machen darf, noch freundlicher als frher. Mathilde zeigte mir
selber alles, von dem sie glaubte, da es mir von einigem Werte sein knnte, und
erklrte mir bei diesem Vorgange alles, von dem sie glaubte, da es einer
Erklrung bedrfen knnte. Whrend dieses meines Aufenthaltes erfuhr ich auch,
da Mathilde das Schlo von einem vornehmen Manne gekauft hatte, der selten auf
demselben gewesen war und es ziemlich vernachlssigt hatte. Vor ihm war es im
Besitze einer Verwandten gewesen, deren Grovater es gekauft hatte. In der Zeit
vorher war ein hufiger Wechsel der Eigentmer gewesen, und das Gut war sehr
herab gekommen. Mathilde fing damit an, da sie die zum Schlosse gehrigen
Untertanen, welche Zehnte und Gaben in dasselbe zu entrichten hatten, gegen ein
vereinbartes Entgelt fr alle Zeiten von ihren Pflichten entband und sie zu
unbeschrnkten Eigentmern auf ihrem Grunde machte. Das zweite, was sie tat,
bestand darin, da sie die Liegenschaften des Schlosses selber zu bewirtschaften
begann, da sie einen geschlossenen Hausstand von Gesinde und ihrer eigenen
Familie begrndete und mit diesem Hausstande lebte.
    Sie richtete den Meierhof zurecht, und brachte mit Hilfe ttiger Leute, die
sie aufnahm, die Felder, die Wiesen und Wlder in einen besseren Stand. Die
schnen Zeilen von Obstbumen, welche durch die Fluren liefen, und die mir bei
meinem ersten Aufenthalte schon so sehr gefallen hatten, waren von ihr selber
gepflanzt, und wenn sie gute, selbst ziemlich erwachsene Obstbume irgendwo
erhalten konnte, so scheute sie nicht die Zeit und den Aufwand, sie bringen und
auf ihren Grund setzen zu lassen. Da die Nachbarn dieses Verfahren allmhlich
nachahmten, so erhielt die Gegend das eigentmliche und wohlgefllige Ansehen,
das sie von den umliegenden Lndereien unterschied.
    Die Gemlde, welche sich in den Wohnzimmern Mathildens und Nataliens
befanden, hatten nach meiner Meinung im ganzen genommen zwar nicht den Wert wie
die im Asperhofe, aber es waren manche darunter, welche mir nach meinen jetzigen
Ansichten mit der grten Meisterschaft gemacht schienen. Ich sagte die Sache
meinem Gastfreunde, er bestttigte sie und zeigte mir Gemlde von Tizian, Guido
Reni, Paul Veronese, Van Dyck und Holbein. Unbedeutende oder gar schlechte
Bilder, wie ich sie, so weit mir jetzt dieses meine Rckerinnerung pltzlich und
wiederholt vor Augen brachte, in manchen Sammlungen, die mir in frheren Jahren
zugnglich gewesen waren, gesehen hatte, befanden sich weder in der Wohnung
Mathildens noch in dem Asperhofe. Wir sprachen auch hier so wie in dem
Rosenhause von den Gemlden, und es gehrte zu den schnsten Augenblicken, wenn
ein Bild auf die Staffelei getan worden war, wenn man die Fenster, die ein
strendes Licht htten senden knnen, verhllt hatte, wenn das Bild in die
rechte Helle gerckt worden war, und wenn wir uns nun davor befanden. Mathilde
und mein Gastfreund saen gewhnlich, Eustach und ich standen, neben uns
Natalie, und nicht selten auch Gustav, welcher bei solchen Gelegenheiten sehr
bescheiden und aufmerksam war. fter sprach hauptschlich mein Gastfreund von
dem Bilde, fter aber auch Eustach, wozu Mathilde ihre Worte oder einfachen
Meinungen gesellte. Man wiederholte vielleicht oft gesagte Worte, man zeigte
sich manches, das man schon oft gesehen hatte, und machte sich auf Dinge
aufmerksam, die man ohnehin kannte. So wiederholte man den Genu und verlebte
sich in das Kunstwerk. Ich sprach sehr selten mit, hchstens fragte ich und lie
mir etwas erklren. Natalie stand daneben und redete niemals ein Wort.
    Zur Nymphe des Brunnens, die unter der Eppichwand im Garten war, ging ich
auch fter. Frher hatte ich den wunderschnen Marmor bewundert, desgleichen mir
nicht vorgekommen war; jetzt erschien mir auch die Gestalt als ein sehr schnes
Gebilde. Ich verglich sie mit der auf der Treppe im Hause meines Gastfreundes
stehenden. Wenn auch jenes an Hoheit, Wrde und Ernst weit den Vorzug in meinen
Augen hatte, so war dieses doch auch fr mich sehr anmutig, weich und klar, es
hatte eine beschwichtigende Ruhe, wie die Gttin eines Quells sollte, und hatte
doch wieder jenes Reine und, ich mchte sagen, Fremde, das ein Gemlde nicht
hat, das aber der Marmor so gerne zeigt. Ich wurde mir dieser Empfindung des
Fremden jetzt klarer bewut, und ich erfuhr auch, da sie mich schon in frherer
Zeit ergriffen hatte, wenn ich mich Marmorbildwerken gegenber befand. Es wirkte
bei dieser Gestalt noch ein Besonderes mit, was in meiner Beschftigung der
Erdforschung seinen Grund hat, nmlich, da der Marmor gar so schn und fast
fleckenlos war. Er gehrte zu jener Gattung, die an den Rndern durchscheinend
ist, deren Weie beinahe funkelt und uns verleitet zu meinen, man she die
zarten Kristalle wie Eisnadeln oder wie Zuckerkrner schimmern. Diese Reinheit
hatte fr mich an der Gestalt etwas Erhabenes. Nur dort, wo das Wasser aus dem
Kruge flo, den die Gestalt umschlungen hielt, war ein grnlicher Schein in dem
Marmor, und der Staffel, auf dem der am tiefsten herabgehende Fu ruhte, war
ebenfalls grn und von unten durch die herauf dringende Feuchtigkeit ein wenig
verunreinigt. Der Marmor an dem Bilde meines Freundes war wohl trefflich, es
mochte wahrscheinlich parischer sein, aber er hatte schon einigermaen die Farbe
alten Marmors, whrend die Nymphe wie neu war, als wre der Marmor aus Carrara.
Ich dachte mir wohl auch, und meine Freunde bestttigten es, da das Bildwerk
neueren Ursprunges sei; aber wie bei dem meines Gastfreundes wute man auch hier
den Meister nicht.
    Ich sa sehr gerne in der Grotte bei dem Bildwerke. Es war da ein Sitz von
weiem Marmor in einer Vertiefung, die sich seitwrts von der Nymphe in das
Bauwerk zurck zog, und von der aus man die Gestalt sehr gut betrachten konnte.
Es war ein sanftes Dmmern auf dem Marmor, und im Dmmern war es wieder, als
leuchtete der Marmor. Man konnte hier auch das leise Rinnen des Wassers aus dem
Kruge, das Kruseln desselben in dem Becken, das Hinabtrufeln auf den Boden und
das gelegentliche Blitzen auf demselben sehen.
    Zur Wohnung hatte man mir dieselbe Rumlichkeit gegeben, die ich in den
ersten zwei Malen inne hatte, da ich in diesem Schlosse war. Man hatte sie mit
allen Bequemlichkeiten ausgestattet, auf die man nur immer denken konnte, und
deren ich zum grten Teile nicht bedurfte; denn ich war in meinem Reiseleben
gewohnt geworden, in den ueren Dingen auf das einfachste vorzugehen.
    Da wir von dem Sternenhofe Abschied nahmen, sagte mir Mathilde auf die
liebe, freundliche Weise Lebewohl, mit der sie mich empfangen hatte.
    Wir besuchten auf unserer Rckreise mehrere Landwirte, welche in der Gegend
einen groen Ruf genossen, und besahen, was sie auf ihren Gtern eingefhrt
hatten, und was sie zum Wohle des Landes auszubreiten wnschten. Mein Gastfreund
nahm Rebstecklinge, Abteilungen von Samen und Abbildungen von neuen
Vorrichtungen mit nach Hause.
    Ehe ich die Rckreise zu den Meinigen antrat, ging ich noch einmal in das
Rothmoor, um zu sehen, wie weit die Arbeiten aus meinem Marmor gediehen wren.
Von den kleineren Dingen waren manche fertig. Das Wasserbecken und die greren
Arbeiten muten in das nchste Jahr hinber genommen werden. Ich billigte diese
Anordnung; denn es war mir lieber, da die Sache gut gemacht wrde, als da sie
bald fertig wre. Das Vollendete packte ich ein, um es mit nach Hause zu nehmen.
    In dem Rosenhause fand ich bei meiner Zurckkunft einen Brief von Roland,
der ber die Ergebnisse der Nachforschungen nach den Ergnzungen zu den
Pfeilerverkleidungen meines Vaters sprach. Es war keine Hoffnung vorhanden, die
Ergnzungen zu finden. Im ganzen Gebirge war nichts, was mit den beschriebenen
Verkleidungen hnlichkeit hatte, berhaupt sind da keine Verkleidungen und
Vertflungen vorhanden gewesen, wohin Roland seit Jahren seine Wanderungen
angestellt hatte, sie mten denn sehr verborgen sein, wornach man ein Auffinden
so dem Zufalle anheim geben msse, wie das durch Zufall entdeckt worden sei, was
ich meinem Vater gebracht htte. In Hinsicht der Vertflungen aber, um welche es
sich hier handle, sei beinahe Gewiheit vorhanden, da sie zerstrt worden
seien. Die Ausmae, welche ihm ber die in den Hnden meines Vaters befindlichen
Werke zugesendet worden seien, passen genau auf ein Gemach im Steinhause des
Lautertales, woher gleich anfangs der Ursprung der Dinge vermutet worden sei,
und welches Gemach jetzt de steht. Es habe zwei Pfeiler, an denen die noch
vorhandenen Verkleidungen gewesen sein mssen. Die Zwischenarbeiten sind eben so
zerstrt worden wie vieles, was sich in jenem steinernen Schlchen befunden
habe; denn sonst mten sie sich entweder in dem Gebude oder in der Gegend
vorfinden, was beides nicht der Fall ist, oder sie mten sehr im Verborgenen
sein, da doch sonst die Nachforschungen, welche nun schon durch zwei Jahre
angestellt und bekannt geworden seien, die Leute veranlat haben drften, die
Sachen zum Verkaufe um einen guten Kaufschilling zu bringen. Man msse also
seine Gedanken dahin richten, da nichts zu finden sei, und wenn doch noch etwas
gefunden wrde, so msse man es als eine unverhoffte Gunst ansehen. Mein
Gastfreund und ich sagten, da wir ungefhr auf dieses Ergebnis gefat gewesen
seien.
    Als der Herbst ziemlich vorgeschritten war, begab ich mich auf die Rckreise
in meine Heimat. Es war ein sehr heiterer Sonntagsmorgen, den ich zu meiner
Ankunft auserwhlt hatte, weil ich wute, da an diesem Tage der Vater zu Hause
sein wrde, und ich daher den Nachmittag in dem vollen Kreise der Meinigen
zubringen konnte. Ich war nicht wie gewhnlich auf einem Schiffe gekommen,
sondern ich hatte meine Wanderung lngs des ganzen Gebirges gegen Sonnenaufgang
unternommen, und war dann mitternachtwrts mit einem Wagen in unsere Stadt
gefahren. Den Vater traf ich sehr heiter an, er schien gleichsam um mehrere
Jahre jnger geworden zu sein. Die Augen glnzten in seinem Angesichte, als wre
ihm eine sehr groe Freude widerfahren. Auch die anderen sahen sehr vergngt und
frhlich aus.
    Nach dem Mittagessen fhrte er mich in das glserne Huschen und zeigte mir,
da sich die Verkleidungen bereits auf den Pfeilern befnden. Es war ein
bewunderungswrdiger Anblick, ich htte nie gedacht, da sich die Schnitzerei so
gut darstellen wrde. Sie war vollkommen gereinigt und schwach mit Firnis
berzogen worden.
    Siehst du, sagte der Vater, wie sich alles schn gestaltet hat. Die
Holzverkleidung fgt sich, als wre sie fr diese Pfeiler gemacht worden. Es ist
fast auch so der Fall; wenn nicht die Holzverkleidung fr die Pfeiler gemacht
worden ist, so sind doch die Pfeiler fr die Holzverkleidung gemacht worden. Was
aber von weit grerer Bedeutung ist, besteht darin, da das Holzkunstwerk in
das ganze Huschen so pat, als wre sie ursprnglich fr dasselbe bestimmt
gewesen - und dies freut mich am meisten. Ich kann mich daher auch nicht so
betrben wie du, da die anderen Teile der Verkleidungen nicht aufzufinden
gewesen sind. Ich mte ja das ganze Huschen wieder umbauen, wenn die
Ergnzungen zum Vorscheine gekommen wren; denn schwerlich wrden sie hieher
passen, und zu verstmmeln oder zu vergrern wrden sie ihrer Natur nach nicht
sein. Wir wollen daher das Vorhandene genieen, und kmmt durch ein Wunder die
Ergnzung zum Vorscheine, so wird sich schon zeigen, was zu tun sei. Du siehst,
wir haben uns viele Mhe gegeben, die Lcken auszufllen und alles in einen
natrlichen Zusammenhang zu bringen.
    So war es auch. ber den Verkleidungen befanden sich an den Pfeilern Spiegel
eingesetzt, deren Rahmen die Verzierungen der Verkleidung fortsetzten und zu den
Verzierungen der Fensterstbe und Fensterkreuze hinber leiteten. Unter den
Fenstern waren Simse und Vertflungen so angebracht, da sie eine ruhigere
Flche zwischen den Schnitzwerken abgaben. Ich sprach gegen meinen Vater meine
Bewunderung aus, da man der Sache eine solche Gestalt zu geben gewut habe.
    Es ist uns aber auch ein sehr tchtiger Lehrmeister beigestanden,
erwiderte er, und wir waren in der Lage, nach seinem Rate noch manches in
unserem begonnenen Werke abzundern; denn sonst wre es nicht so geworden, wie
es geworden ist. Setze dich zu uns, da ich es dir erzhle.
    Er sa mit der Mutter auf einer Bank, die aus feinen Rohrstben geflochten
war, die Schwester und ich nahmen ihnen gegenber auf Sesseln Platz.
    Dein Gastfreund, fing er an, hat uns ausgefunden, und hat, als du zwei
Wochen fort warest, seine Bauzeichnungen und die Zeichnungen vieler anderer
Gegenstnde hieher gesendet, da ich sie ansehe. Er hat mir auch den Antrag
gemacht, da ich manche, die mir besonders gefielen, zu meinem Gebrauche
nachzeichnen lassen drfe, nur mchte ich ihm die Bltter vorher alle senden und
die bezeichnen, deren Nachbildung ich wnschte, er wrde sie mir dann
gelegentlich zu diesem Gebrauche zustellen. Ich lehnte diese Erlaubnis ab, nur
einzelnes von Verzierungen oder Stben lie ich flchtig heraus zeichnen, in so
ferne ich erkannte, da es mir bei meinen nchsten Anordnungen wrde dienlich
sein. Den grten Nutzen aber schpften wir - mein Arbeiter und ich - aus der
Anschauung des Ganzen berhaupt. Wir lernten hier neue Dinge kennen, wir sahen,
da es Schneres gibt, als wir selber haben, so da wir den Plan und die
Ausfhrung zu den Arbeiten in dem Huschen hier viel besser machten, als wir
sonst beides gemacht haben wrden. Die Zeichnungen von den Bauwerken, Gerten
und anderen Dingen, welche mir dein Gastfreund gesandt hat, sind so schn, da
es vielleicht wenige gleiche gibt. Ich habe wohl in jngeren Jahren bei meinen
Reisen und Wanderungen sehr schne und hie und da schnere Bauwerke gesehen;
aber Zeichnungen von Bauwerken habe ich nie so vollendet klar und rein gesehen.
Ich hatte eine groe Freude bei dem Anschauen dieser Dinge, und wer in dem
Besitze einer so trefflichen Sammlung der schnsten, zahlreichen und dabei so
mannigfaltigen Gegenstnde ist, der kann niemals mehr bei seinen Anordnungen in
das Unbedeutende, Leere und Nichtige verfallen, ja er mu bei gehriger
Bentzung, und wenn sein Geist die Dinge in sich aufzunehmen versteht, nur das
Hohe und Reine hervorbringen. Das ist eine seltne Gunst des Schicksales, wenn
ein Mann die Mue, Mittel und Mitarbeiter hat, solche Werke anlegen zu knnen.
Es gehrte zu meinen schnsten Augenblicken, in diesen Sammlungen blttern zu
drfen und mich in die Anschauung dessen, was mich besonders ansprach, zu
vertiefen. Vielleicht gnnt es doch noch einmal eine sptere Gunst, von dem
Anerbieten dieses Mannes Gebrauch machen zu knnen und hie und da etwas zu
Stande zu bringen, was nicht ganz ein unwerter Zuwachs zu meinen letzten Tagen
ist. Also gefllt dir das, was wir zu unseren Verkleidungen hatten hinzu machen
lassen?
    Vater, sehr, erwiderte ich; aber ich habe jetzt andere Dinge zu reden;
ich kann mich von meinem Erstaunen nicht erholen, da mein Gastfreund seine
Zeichnungen hieher gesendet hat, die er so liebt, die er gewi nicht weniger
liebt als seine Bcher, von denen er doch keines aus seinem Hause gibt. Ich habe
eine so groe Freude ber dieses Ereignis, da ich nicht Worte finde, sie nur
halb auszudrcken. Vater, mein Gefhl hat in jngster Zeit einen solchen
Aufschwung genommen, da ich die Sache selber nicht begreife, ich mu mit dir
darber reden, ich habe sehr viele Dinge mit dir zu reden. Und meinem
Gastfreunde mu ich auf das wrmste und heieste danken, sobald ich ihn sehe, er
hat mir durch die Sendung der Zeichnungen an dich die hchste Gunst erzeigt, die
er mir nur zu erzeigen im Stande war.
    Dann mu ich dich bitten, mit mir zu gehen und noch etwas anzuschauen,
sagte mein Vater.
    Er fhrte mich in sein Altertumszimmer. Die Mutter und die Schwester gingen
mit.
    An einem Pfeiler, der mit einem langen, altertmlich gefaten Spiegel
geschmckt war, stand der Tisch mit den Musikgerten, den ich im Rosenhause in
der Wiederherstellung befindlich und zu Anfang dieses Sommers bereits vollendet
gesehen hatte.
    Ich konnte vor Verwunderung kein Wort sagen.
    Der Vater, der mein Gefhl verstand, sagte: Der Tisch ist mein Eigentum. Er
ist mir in diesem Sommer gesendet worden, und es war die Bitte beigefgt, ich
mge ihn unter meinen andern Dingen als Erinnerung an einen Mann aufstellen,
dessen grte Freude es wre, einem andern, der seine Neigung gleichen Dingen
zuwende wie er, ein Vergngen zu machen.
    Da mu ich nun augenblicklich zu meinem Freunde reisen, rief ich.
    Den Dank habe ich ihm wohl schon ausgedrckt, sagte der Vater, aber wenn
du hingehen und es mit dem eigenen Munde tun willst, so freut es mich um desto
mehr. Die Schwester hpfte oder sprang beinahe in dem Zimmer herum und rief:
Ich habe es mir gedacht, da er so handeln wird, ich habe es mir gedacht. O der
Freude, o der Freude! Wirst du bald abreisen?
    Morgen mit dem frhesten Tagesanbruch, erwiderte ich, heute mssen noch
Pferde bestellt werden.
    Es ist eine spte Jahreszeit, und du bist kaum gekommen, mein Sohn, sagte
die Mutter; aber ich halte dich nicht ab. Der Tisch und noch mehr die Gesinnung
des Mannes, der ihn sendete, haben auf deinen Vater wie ein Glck gewirkt. Das
mssen vortreffliche Menschen sein.
    Sie haben ihres Gleichen nicht auf Erden, rief ich.
    Ohne zu sumen schickte ich den Knecht auf die Post, um mir auf den nchsten
Morgen um vier Uhr zwei Pferde zu bestellen. Dann sprachen wir noch von dem
Tische. Der Vater breitete sich ber seine Eigenschaften aus, er erklrte uns
dieses und jenes, und setzte mir dann in einer lngeren Beweisfhrung
auseinander, warum er gerade auf diesem Platze stehen msse, auf dem er stehe.
Ohne von den Gemlden des Vaters etwas zu sagen, auf welche ich mich sehr
gefreut hatte, und von denen ich mit dem Vater hatte reden wollen, und ohne auf
meinen diesjhrigen Sommeraufenthalt nher einzugehen, lie ich den Rest des
Tages verflieen und erwartete mit Ungeduld den Morgen. Nur gelegentliche Fragen
des Vaters beantwortete ich, und hrte zu, wenn er wieder von dem sprach, was in
diesem Sommer ein Ereignis fr ihn gewesen war. Vor dem Schlafengehen nahmen wir
Abschied, und ich begab mich auf meine Zimmer.
    Um drei Uhr des Morgens war ein leichter Lederkoffer gepackt, und eine halbe
Stunde spter stand ich in guten Reisekleidern da. In dem Speisezimmer, in
welchem noch ein Frhstck fr mich bereit stand, erwartete mich die Mutter und
die Schwester. Der Vater, sagten sie, schlummere noch sehr sanft. Das Frhmahl
war eingenommen, die Pferde standen vor dem Haustore, die Mutter verabschiedete
sich von mir, die Schwester begleitete mich zu dem Wagen, kte mich dort auf
das innigste und freudigste, ich stieg ein, und der Wagen fuhr in der noch
berall dicht herrschenden Finsternis davon.
    Ich war nie mit eigenen Postpferden gefahren, weil ich die Auslage fr
Verschwendung hielt. Jetzt tat ich es, mir ging die Reise noch immer nicht
schnell genug, und auf jeder Post, wo ich neue Pferde und einen neuen Wagen
erhielt, deuchte mir der Aufenthalt zu lange.
    Ich hatte den Vater um den Brief nicht gefragt, der mit den Zeichnungen oder
mit dem Tische gekommen war, auch hatte ich mich nicht um die Art erkundigt, wie
diese Dinge eingelangt seien. Der Vater hatte ebenfalls nichts davon erwhnt.
Ich beschlo, meinem Vorhaben treu zu bleiben und hierber eine Frage nicht zu
stellen.
    Nach einer nur durch das notwendige Essen von mir unterbrochenen Fahrt bei
Tag und Nacht kam ich gegen den Mittag des zweiten Tages in dem Rosenhause an.
Ich hielt vor dem Gitter, gab einem Knechte, der gar nicht erstaunt war, weil er
an mein Gehen und Kommen in diesem Hause gewohnt sein mochte, meinen Koffer,
sendete Wagen und Pferde auf die letzte Post, in die sie gehrten, zurck, ging
in das Haus und fragte nach meinem Freunde.
    Er sei in seinem Arbeitszimmer sagte man mir.
    Ich lie mich melden, und wurde hinaufgewiesen.
    Er kam mit lchelnd entgegen, als ich eintrat. Ich sagte, er scheine zu
wissen, weshalb ich komme.
    Ich glaube es mir denken zu knnen, antwortete er.
    Dann werdet Ihr Euch nicht wundern, sagte ich, da ich in diesem Jahre,
fr welches ich schon Abschied genommen habe, mittelst einer sehr eiligen Reise
noch einmal in Euer Haus komme. Ihr habt meinem Vater eine doppelte Freude
erwiesen, Ihr hat zu mir nichts gesagt, mein Vater hat mir auch nichts
geschrieben, wahrscheinlich, um den Eindruck, wenn ich die Sache selber she,
grer zu machen: ich mte ein sehr unrechtlicher Mensch sein, wenn ich nicht
kme und fr den Jubel, der in mein Herz kam, nicht dankte. Ich wei nicht,
wodurch ich es denn verdient habe, da Ihr das getan habt, was Ihr tatet; ich
wei nicht, wie Ihr denn mit meinem Vater zusammenhnget, da Ihr ihm ein so
kostbares Geschenk macht, und da Ihr mit den Zeichnungen so in Liebe an ihn
dachtet. Ich danke Euch tausendmal und auf das herzlichste dafr. Ich habe Euch
fr alles Freundliche, was mir in Eurem Hause zu Teil geworden ist, in meinem
Herzen gedankt, ich habe Euch auch mit Worten gedankt. Dieses aber ist das
Liebste, was mir von Euch gekommen ist, und ich biete Euch den heiesten Dank
dafr an, der sich am besten aussprechen wrde, wenn es mir nur auch einmal
gegnnt wre, fr Euch etwas tun zu knnen.
    Das drfte sich vielleicht auch einmal fgen, antwortete er, das Beste
aber, was der Mensch fr einen andern tun kann, ist doch immer das, was er fr
ihn ist. Das Angenehmste an der Sache ist mir, da ich mich nicht getuscht
habe, und da Euer Vater an den Sendungen Freude hatte, und da die Freude des
Vaters auch Euch Freude machte. Im brigen ist ja alles sehr einfach und
natrlich. Ihr habt mir von den altertmlichen Dingen erzhlt, welche Euer Vater
besitzt, und welche ihm Vergngen machen, Ihr habt von seinen Bildern
gesprochen, Ihr habt ihm Schnitzwerke gebracht, fr welche er eigens einen
kleinen Erker seines Hauses umbauen lie, Ihr habt Euch groe Mhe gegeben, die
Ergnzungen zu den Schnitzereien zu finden, habt sogar meinen Rat hiebei
eingeholt, und es war Euch unangenehm, befrchten zu mssen, da Ihr das
Gesuchte trotz alles Strebens nicht finden wrdet. Da dachte ich, da ich
vielleicht mit einem meiner Gegenstnde Eurem Vater ein Vergngen machen knnte,
besprach mich mit Eustach, und sandte den Tisch. Das bersenden der Zeichnungen
war auch ganz folgerichtig. Ihr habt im vorigen Jahre mit vieler Mhe hier und
im Sternenhofe Abbildungen von Gerten gemacht, um Eurem Vater nur im
allgemeinen eine Vorstellung von dem zu geben, was hier ist. Wie nahe lag es
also, ihm Zeichnungen zu schicken, in denen noch weit mehr, weit Umfassenderes
und weit Edleres enthalten ist, obgleich sie nur die Sammlung eines einzelnen
Menschen sind, und weit hinter dem zurckstehen, was an Prachtwerken hie und da
besteht. Wir haben vielerlei an alten Gerten hier, wir knnen etwas entbehren,
haben schon manches weggegeben, und geben gerne etwas einem Manne, der damit
Freude hat, und der es zu pflegen und zu achten versteht.
    Es wrde mir sehr viel Schmerz machen, sagte ich, wenn Ihr nur im
entferntesten denken knntet, da ich mit meinen Handlungen auf ein solches
Ergebnis habe hinzielen knnen.
    Das habe ich nie geglaubt, mein junger Freund, antwortete er, sonst htte
ich die Sachen gar nicht geschickt. Aber es ist die zwlfte Stunde nahe. Gehet
mit mir in das Speisezimmer. Wir wuten zwar von Eurer Ankunft nichts; aber es
wird sich schon etwas vorfinden, da Ihr nicht Hunger leiden msset, und da
auch wir nicht einen Abbruch leiden.
    Mit diesen Worten gingen wir in das Speisezimmer.
    Nach dem Essen wurde ich von Gustav in meine Wohnung geleitet, die immer in
reinlichem Stande gehalten wurde, und die jetzt von einem schwachen Feuer
wohlttig erwrmt war. Mir tat eine Ruhe etwas not, und die mige Wrme
erquickte meine Glieder.
    Im Laufe des Nachmittages sagte mein Gastfreund zu mir: Es ist nie ein so
schner Sptherbst gewesen als heuer, meine Witterungsbcher weisen keinen
solchen seit meinem Hiersein aus, und es sind alle Anzeichen vorhanden, da
dieser Zustand noch mehrere Tage dauern wird. Nirgends aber sind solche klare
Sptherbsttage schner als in unseren nrdlichen Hochlanden. Whrend nicht
selten in der Tiefe Morgennebel liegen, ja der Strom tglich in seinem Tale
morgens den Nebelstreifen fhrt, schaut auf die Hupter des Hochlandes der
wolkenlose Himmel herab, und geht ber sie eine reine Sonne auf, die sie auch
den ganzen Tag hindurch nicht verlt. Darum ist es auch in dieser Jahreszeit in
den Hochlanden verhltnismig warm, und whrend die rauhen Nebel in der
Tiefgegend schon die Bltter von den Obstbumen gestreift haben, prangt oben
noch mancher Birkenwald, mancher Schlehenstrauch, manches Buchengehege mit
seinem goldenen und roten Schmucke. Nachmittags ist dann gewhnlich auch die
Aussicht ber das ganze Tiefland deutlicher als je zu irgend einer Zeit im
Sommer. Wir haben daher beschlossen, heuer noch eine Reise in das Hochland zu
machen, wie ich es in frherer Zeit schon in manchen Jahren getan habe. Die
Entfernungen sind dort nicht so gro, und sollten sich die Vorboten melden, da
das Wetter sich zur nderung anschicke, so knnen wir jederzeit den Heimweg
antreten und ohne viel Ungemach den Asperhof wieder erreichen. Morgen wird
Mathilde und Natalie eintreffen, sie fahren mit uns, auch Eustach begleitet uns.
Wolltet Ihr nicht auch den Weg mit uns machen und einige Tage der lieblichen
Sptzeit mit uns genieen? Kmmt dann Schnee oder Regen, wenn wir wieder in
meinem Hause angelangt sind, so werdet Ihr wohl auf dem Postwagen Eure Heimreise
machen knnen, und das Wetter wird Euch nicht viel anhaben.
    Es kann mir nie viel anhaben, entgegnete ich, weil ich gegen seine
Einflsse abgehrtet bin, auch knnte mir in dem Gefhle, welches ich gegen Euch
habe, keine grere Annehmlichkeit begegnen, als einige Zeit in Eurer
Gesellschaft zu reisen; aber zu Hause wissen sie nichts davon und erwarten mich
wahrscheinlich schon bald.
    Ihr knntet sie ja in einem Briefe verstndigen, sagte er.
    Das kann ich tun, erwiderte ich. Wenn ich auch gleich nach meiner Ankunft
nach einer viele Monate dauernden Abwesenheit wieder fortgereist bin, wenn sie
mich auch schon in den nchsten Tagen erwarten, so werden sie doch einsehen, da
ein lngerer Aufenthalt in der Gesellschaft eines Mannes, zu welchem ich in
einer Angelegenheit wie die zwischen uns vorgefallene gereist bin, nur in der
Natur der Sache gegrndet ist. Sie wrden es weit bler nehmen, wenn ich unter
den bestehenden Verhltnissen nach Hause kme, als wenn ich noch eine Weile bei
Euch bleibe.
    Ich habe Euch meine Frage und mein Anerbieten gestellt, antwortete mein
Gastfreund, handelt nach Eurem besten Ermessen. Was Ihr tut, wird wohl das
Rechte sein.
    Ich schreibe sogleich den Brief.
    Gut, und ich werde ihn sofort auf die Post senden.
    Ich ging in meine Zimmer und schrieb einen Brief an den Vater. Es war wohl
das Rechte, was ich tat. Wie schwer wrden es mir Vater, Mutter und Schwester
verziehen haben, wenn ich mich nicht mit Freude an einen Mann zu einer kurzen
Reise angeschlossen htte, der so an unserm Hause gehandelt hat.
    Als ich mit dem Briefe fertig war, trug ich ihn hinab, und der Knecht, der
gewhnlich zu allen Botengngen verwendet wurde, wartete schon auf ihn, um nebst
anderen Auftrgen ihn an den Ort zu bringen, in welchem er auf die Post kommen
sollte.
    Am anderen Tage, schon im Verlaufe des Vormittages, kamen Mathilde und
Natalie. Es schien, da allen die Ursache, weshalb ich, nachdem ich schon
Abschied genommen hatte, wieder in das Rosenhaus gekommen war, Freude machte.
Sie sahen mich freundlicher an. Selbst Natalie, die mich so gemieden hatte, war
anders. Ich glaubte einige Male, wenn ich abgewendet war, ihren Blick auf mich
gerichtet zu wissen, den sie aber sogleich, wenn ich hinsah, weg wendete. Gustav
schlo sich mit ganzem Herzen an mich an und hatte darber kein Hehl. Ich wute
schon, da er mir immer seine Neigung in groem Mae zugewendet habe, und ich
erwiderte sie aus dem Grunde meiner Seele.
    Nachmittags wurden die Vorbereitungen zur Reise gemacht, und am anderen
Morgen noch vor Aufgang der Sonne fuhren wir ab. Mit Mathilde fuhren Natalie und
ein Dienstmdchen, mit meinem Gastfreunde fuhren Eustach, Gustav und ich. Mit
Roland sollten wir irgend wo im Lande zusammen treffen, er sollte eine Strecke
mit uns reisen, und fr diesen Fall war es dann bestimmt, da Gustav in dem
Wagen der Mutter untergebracht werden mute. Die eigentmliche Art des
Hochlandes erzeugte einen eigentmlichen Plan des Reisens. Wir hatten nmlich
beschlossen, ber manchen steilen und lnger dauernden Berg hinan zu gehen, eben
so ber manchen hinab. Dies sollte die ganze Gesellschaft zuweilen zusammen
bringen, zuweilen trennen. Man konnte auf diese Art manches gemeinschaftlich
genieen, manches vereinzelt, sich aber in Krze davon Mitteilungen machen.
    Ehe noch die Sonne den hchsten Punkt ihres Bogens erklommen hatte, waren
wir bereits die Dachung empor gekommen, welche das niedrere Land von dem
Hochlande trennt, und fuhren nun in das eigentliche Ziel unserer Reise hinein.
    Mein Gastfreund hatte recht. In dem milden, sanften Schimmer der
Nachmittagsonne, die hier fast wrmer schien als in den Ebenen und Tlern des
Tieflandes, fuhren wir einem lieblichen Schauplatze entgegen. Selbst
untergeordnete Umstnde vereinigten sich, die Reise angenehm zu machen. Die
sandigen Straen des Oberlandes, welche auch sehr gut gebaut waren, zeigten
sich, ohne staubig zu sein, sehr trocken, was von den Wegen in der Tiefe nicht
gesagt werden konnte, die teils durch die tglichen Morgennebel getrnkt, teils
ihres schweren Bodens halber schon in langen Strecken feucht, khl und schmutzig
waten. So rollten wir bequem dahin, alles war klar, durchsichtig und ruhig.
Nataliens gelber Reisestrohhut tauchte vor uns auf oder verschwand, so wie ihr
Wagen einen leichten Wall hinan ging oder jenseits desselben hinab fuhr. Die
Sonne stand an dem wolkenlosen Himmel, aber schon tief gegen Sden, gleichsam
als wollte sie fr dieses Jahr Abschied nehmen. Die letzte Kraft ihrer Strahlen
glnzte noch um manches Gestein und um die bunten Farben des Gestrippes an dem
Gesteine. Die Felder waren abgeerntet und umgepflgt, sie lagen kahl den Hgeln
und Hngen entlang, nur die grnen Tafeln der Wintersaaten leuchteten hervor.
Die Haustiere, des Sommerzwanges entledigt, der sie auf einen kleinen Weidefleck
gebannt hatte, gingen auf den Wiesen, um das nachsprossende Gras zu genieen,
oder gar auf den Saatfeldern umher. Die Wldchen, die die unzhligen Hgel
krnten, glnzten noch in dieser spten Zeit des Jahres entweder goldgelb in dem
unverlorenen Schmuck des Laubes oder rtlich, oder es zogen sich bunte Streifen
durch das dunkle, bergan klimmende Grn der Fhren empor. Und ber allem dem war
doch ein blauer, sanfter Hauch, der es milderte und ihm einen lieben Reiz gab.
Besonders gegen die Talrinnen oder Tiefen zu war die blaue Farbe zart und schn.
Aus diesem Dufte heraus leuchteten hie und da entfernte Kirchtrme oder
schimmerten einzelne weie Punkte von Husern. Das Tiefland war von den
Morgennebeln befreit, es lag samt dem Hochgebirge, das es gegen Sden begrenzte,
berall sichtbar da und sumte weithinstreichend das abgeschlossene
Hgelgelnde, auf dem wir fuhren, wie eine entfernte, duftige, schweigende
Fabel. Von Menschentreiben darin war kaum etwas zu sehen, nicht die
Begrenzzungen der Felder, geschweige eine Wohnung, nur das blitzende Band des
Stromes war hie und da durch das Blau gezogen. Es war unsglich, wie mir alles
gefiel, es gefiel mir bei weitem mehr als frher, da ich das erste Mal dieses
Land mit meinem Gastfreunde genauer besah. Ich tauchte meine ganze Seele in den
holden Sptduft, der alles umschleierte, ich senkte sie in die tiefen
Einschnitte, an denen wir gelegentlich hin fuhren, und bergab sie mit tiefem
innerem Abschlusse der Ruhe und Stille, die um uns waltete.
    Als wir einmal einen langen Berg emporklommen, dessen Weg einerseits an
kleinen Felsstcken, Gestrippe und Wiesen dahinging, andererseits aber den Blick
in eine Schlucht und jenseits derselben auf Berge, Wiesen, Felder und entfernte
Waldbnder gewhrte, als die Wgen voran gingen, und die ganze Gesellschaft
langsam folgte, vielfach stehen bleibend und sich besprechend, geriet ich neben
Natalien, die mich, nachdem wir eine Weile geschwiegen hatten, fragte, ob ich
noch das Spanische betreibe.
    Ich antwortete ihr, da ich es erst seit kurzem zu lernen begonnen habe, da
ich aber seit der Zeit immer darin fortgefahren sei, und da ich zuletzt mich an
Calderon gewagt habe.
    Sie sagte, von ihrer Mutter sei ihr das Spanische empfohlen worden. Es
gefalle ihr, sie werde nicht davon ablassen, so weit nmlich ihre Krfte darin
ausreichen, und sie finde in dem Inhalte der spanischen Schriften, besonders in
der Einsamkeit der Romanzen, in den Pfaden der Maultiertreiber und in den
Schluchten und Bergen eine hnlichkeit mit dem Lande, in dem wir reisen. Darum
gefalle ihr das Spanische, weil ihr dieses Land hier so gefalle. Sie wrde am
liebsten, wenn es auf sie ankme, in diesen Bergen wohnen.
    Mir gefllt auch dieses Land, erwiderte ich, es gefllt mir mehr, als ich
je gedacht htte. Da ich zum ersten Male hier war, bte es auf mich schier
keinen Reiz aus, ja mit seinem raschen Wechsel und doch mit der groen
hnlichkeit aller Grnde stie es mich eher ab, als es mich anzog. Da ich mit
unserem Gastfreunde spter einmal einen greren Teil bereiste, war es ganz
anders, ich fand mich zu dieser Weitsicht und Beschrnktheit, zu dieser Enge und
Groartigkeit, zu dieser Einfachheit und Mannigfaltigkeit hingeneigt. Ich fhlte
mich bewegt, obwohl ich an ganz andere Gestalten gewohnt war und sie liebte,
nmlich an die des Hochgebirges. Heute aber gefllt mir alles, was uns umgibt,
es gefllt mir so, da ich es kaum zu sagen im Stande bin.
    Seht, das geht immer so, erwiderte sie. Als ich mit meinem Vater zum
ersten Male hier war, freilich befand ich mich noch in den Kinderjahren, war mir
das unaufhrliche Auf- und Abfahren so unangenehm, da ich mich auf das uerste
wieder in unsere Stadt und in deren Ebenen zurck sehnte. Nach langer Zeit fuhr
ich mit der Mutter durch diese Gegenden und spter wiederholt in derselben
Gesellschaft wie heute, auer Euch, und jedes Mal wurde mir das Land und seine
Gestaltungen, ja selbst seine Bewohner lieber. Auch das ist eigentmlich und
angenehm, da man Wagenreisen und Fureisen verbinden kann. Wenn man, wie wir
jetzt tun, die Wgen verlt und einen langen Berg hinan geht, oder ihn hinab
geht, wird einem das Land bekannter, als wenn man immer in dem Wagen bleibt. Es
tritt nher an uns. Die Gestruche an dem Wege, die Steinmauern, die sie hier so
gerne um die Felder legen, ein Birkenwldchen mit den kleinsten Dingen, die
unter seinen Stmmen wachsen, die Wiesen, die sich in eine Schlucht hinab
ziehen, und die Baumwipfel, welche aus der Schlucht herauf sehen, hat man
unmittelbar vor Augen. In Ebenen eilt man schnell vorbei. Hier ist gerade so
eine Schlucht, wie ich sprach.
    Wir blieben ein Weilchen stehen und sahen in die Schlucht hinab. Beide
sprachen wir gar nichts. Endlich fragte ich sie, woher sie denn wisse, da ich
die spanische Sprache lerne.
    Unser Gastfreund hat es uns gesagt, erwiderte sie, er hat uns auch
gesagt, da Ihr Calderon leset.
    Nach diesen Worten gingen wir weiter. Die andere Gesellschaft, welche vor
uns gewesen war, blieb im Gesprche stehen, und wir erreichten sie. Die
Gesprche wurden allgemeiner, und betrafen meistens die Gegenstnde, welche man
eben entweder in nchster Nhe oder in groer Entfernung sah.
    Weil nach Untergang der Sonne gleich groe Khle eintrat, und unsere Reise
nicht den Zweck hatte, groe Strecken zurck zu legen, sondern das zu genieen,
was die Zeit und der Weg boten, so wurde, als die Sonne hinter den Waldsumen
hinab sank, Halt gemacht und die Nachtherberge bezogen. Die Einteilung war schon
so gemacht worden, da wir zu dieser Zeit in einem greren Orte eintrafen. Wir
gingen noch ins Freie. Wie schnell war in kurzem der Schauplatz gendert. Die
belebende und frbende Sonne war verschwunden, alles stand einfrbiger da, die
Khle der Luft lie sich empfinden, in der Tiefe der Wiesengrnde zogen sich
sehr bald Nebelfden hin, das ferne Hochgebirge stand scharf in der klaren Luft,
whrend das Tiefland verschwamm und Schleier wurde. Der Westhimmel war ber den
dunkeln Wldern hellgelb, manche Rauchsule stieg aus einer Wohnung gegen ihn
auf, und bald auch glnzte hie und da ein Stern, die feine Mondessichel wurde
ber den Zacken des westlichen Waldes sichtbar, um in sie zu sinken.
    Wir gingen nun in ein Zimmer, das fr uns geheizt worden war, verzehrten
dort unser Abendessen, blieben noch eine Zeit in Gesprchen sitzen, und begaben
uns dann in unsere Schlafgemcher.
    Am andern Tage war ein klarer Reif ber Wiesen und Felder. Die Nebelfden
unserer Umgebung waren verschwunden, alles lag scharf und funkelnd da, nur das
Tiefland war ein einziger wogender Nebel, jenseits dessen das Hochgebirge
deutlich mit seinen frischen und sonnigen Schneefeldern dastand.
    Kurz nach Aufgang der Sonne fuhren wir fort, und bald waren ihre milden
Strahlen zu spren. Wir empfanden sie, der Reif schmolz weg, und in kurzem
zeigte sich uns die Gegend wieder wie gestern.
    Wir besuchten eine Kirche, in welcher mein Gastfreund Ausbesserungen an
alten Schnitzereien machen lie. Es war aber gerade jetzt nicht viel zu sehen.
Ein Teil der Gegenstnde war in das Rosenhaus abgegangen, ein anderer war
abgebrochen und lag zum Einpacken bereit. Die Kirche war klein und sehr alt. Sie
war in den ersten Anfngen der gotischen Kunst gebaut. Ihre Abbildung befand
sich unter den Bauzeichnungen Eustachs. Als wir alles besehen hatten, fuhren wir
wieder weiter.
    Nachmittags gesellte sich Roland zu uns. Er hatte uns in einem Gasthause
erwartet, in welchem unsere Pferde Futter bekamen.
    Ich konnte, da wir uns eine Weile in dem Hause aufhielten, und spter bei
einer andern Gelegenheit, da wir eine Strecke zu Fu gingen, wieder bemerken,
da seine Blicke zuweilen auf Natalien hafteten.
    Er hatte Zeichnungen in einem Buche, das er bei sich trug, und er hatte
Bemerkungen und Vorschlge in sein Gedenkbuch geschrieben. Er teilte von beiden
einiges mit, soweit es die Reise gestattete, und versprach, abends, wenn wir in
der Herberge angelangt sein wrden, noch mehreres vorzulegen.
    Am nchsten Tage nachmittags kamen wir nach Kerberg und besahen die Kirche
und den schnen geschnitzten Hochaltar. Mir gefiel er jetzt viel besser, als da
ich ihn in Gesellschaft meines Gastfreundes und Eustachs zum ersten Male gesehen
hatte. Ich begriff nicht, wie ich damals mit so wenig Anteil vor diesem
auerordentlichen Werke hatte stehen knnen; denn auerordentlich erschien es
mir trotz seiner Fehler, die, wie ich wohl sah, in jedem Werke altdeutscher
Kunst zu finden sein wrden, die ich aber in dem Bildnerwerke, das auf der
Treppe meines Freundes stand, nicht fand. Wir blieben lange in der Kirche, und
ich wre gerne noch lnger geblieben. Vor der Ruhe, dem Ernste, der Wrde und
der Kindlichkeit dieses Werkes kam eine Ehrfurcht, ja fast ein Schauer in mein
Herz, und die Einfachheit der Anlage bei dem groen Reichtume des Einzelnen
beruhigte das Auge und das Gemt. Wir sprachen ber das Werk, und aus dem
Gesprche erkannte ich jetzt recht deutlich, da frher auch vor diesem Werke
die zwei Mnner auf meine Unkenntnis Rcksicht genommen hatten, und ich dankte
es ihnen in meinem Herzen. Ich nahm mir vor, einmal von dieser Schnitzarbeit ein
genaues Abbild zu machen und es meinem Vater zu bringen.
    Ich uerte mich, wie schn, wie gro einmal die Kunst gewirkt habe, und wie
dies jetzt anders geworden scheine.
    Es sind in der Kunst viele Anfnge gemacht worden, sagte mein Gastfreund.
Wenn man die Werke betrachtet, die uns aus sehr alten Zeiten berliefert worden
sind, aus den Zeiten der egyptischen Reiche, des assyrischen, medischen,
persischen, der Reiche Indiens, Kleinasiens, Griechenlands, Roms - vieles wird
noch erst in unsern Zeiten aus der Erde zu Tage gefrdert, vieles harrt noch der
zuknftigen Enthllung, wer wei, ob nicht sogar auch Amerika Schtzenswertes
verbirgt -, wenn man diese Werke betrachtet, und wenn man die besten Schriften
liest, die ber die Entwicklung der Kunst geschrieben worden sind, so sieht man,
da die Menschen in der Erschaffung einer Schpfung, die der des gttlichen
Schpfers hnlich sein soll - und das ist ja die Kunst, sie nimmt Teile, grere
oder kleinere, der Schpfung und ahmt sie nach -, immer in Anfngen geblieben
sind, sie sind gewissermaen Kinder, die nachffen. Wer hat noch erst nur einen
Grashalm so treu gemacht, wie sie auf der Wiese zu Millionen wachsen, wer hat
einen Stein, eine Wolke, ein Wasser, ein Gebirge, die gelenkige Schnheit der
Tiere, die Pracht der menschlichen Glieder nachgebildet, da sie nicht hinter
den Urbildern wie schattenhafte Wesen stehen, und wer hat erst die Unendlichkeit
des Geistes darzustellen gewut, die schon in der Endlichkeit einzelner Dinge
liegt, in einem Sturme, im Gewitter, in der Fruchtbarkeit der Erde mit ihren
Winden, Wolkenzgen, in dem Erdballe selber, und dann in der Unendlichkeit des
Alls? Oder wer hat nur diesen Geist zu fassen gewut? Einige Vlker sind
sinniger und inniger geworden, andere haben ins Grere und Weitere gearbeitet,
wieder andere haben den Umri mit keuscher und reiner Seele aufgenommen, und
andere sind schlicht und einfltig gewesen. Nicht ein einzelnes von diesen ist
die Kunst, alles zusammen ist die Kunst, was da gewesen ist, und was noch kommen
wird. Wir gleichen den Kindern auch darin, da, wenn sie ein Haus, eine Kirche,
einen Berg aus Erde nur entfernt hnlich ausgefhrt haben, sie eine grere
Freude darber empfinden, als wenn sie das um Unvergleichliches schnere Haus,
die schnere Kirche oder den schneren Berg selbst ansehen. Wir haben ein
innigeres und seres Gefhl in unserem Wesen, wenn wir eine durch Kunst
gebildete Landschaft, Blumen oder einen Menschen sehen, als wenn diese
Gegenstnde in Wirklichkeit vor uns sind. Was die Kinder bewundern, ist der
Geist eines Kindes, der doch so viel in der Nachahmung hervorgebracht hat, und
was wir in der Kunst bewundern, ist, da der Geist eines Menschen uns gleichsam
sinnlich greifbar, ein Gegenstand unserer Liebe und Verehrung, wenn auch
fehlerhaft, doch dem etwas nachgeschaffen hat, den wir in unserer Vernunft zu
fassen streben, den wir nicht in den beschrnkten Kreis unserer Liebe ziehen
knnen, und vor dem die Schauer der Anbetung und Demtigung in Anbetracht seiner
Majestt immer grer werden, je nher wir ihn erkennen. Darum ist die Kunst ein
Zweig der Religion und darum hat sie ihre schnsten Tage bei allen Vlkern im
Dienste der Religion zugebracht. Wie weit sie es in dem Nachschaffen bringen
kann, vermag niemand zu wissen. Wenn schne Anfnge da gewesen sind, wie zum
Beispiele im Griechentume, wenn sie wieder zurck gesunken sind, so kann man
nicht sagen, die Kunst sei zu Grunde gegangen; andere Anfnge werden wieder
kommen, sie werden ganz anderes bilden, wenn ihnen gleich allen das nmliche zu
Grunde liegt und liegen wird, das Gttliche; und niemand kann sagen, was in
zehntausend, in hunderttausend Jahren, in Millionen von Jahren oder in Hunderten
von Billionen von Jahren sein wird, da niemand den Plan des Schpfers mit dem
menschlichen Geschlechte auf der Erde kennt. Darum ist auch in der Kunst nichts
ganz unschn, so lange es noch ein Kunstwerk ist, das heit, so lange es das
Gttliche nicht verneint, sondern es auszudrcken strebt, und darum ist auch
nichts in ihr ohne Mglichkeit der bertreffung schn, weil es dann schon das
Gttliche selber wre, nicht ein Versuch des menschlichen Ausdruckes desselben.
Aus dem nmlichen Grunde sind nicht alle Werke aus den schnsten Zeiten gleich
schn und nicht alle aus den verkommensten oder rohesten gleich hlich. Was
wre denn die Kunst, wenn die Erhebung zu dem Gttlichen so leicht wre, wie
gro oder klein auch die Stufe der Erhebung sei, da sie vielen ohne innere
Gre und ohne Sammlung dieser Gre bis zum sichtlichen Zeichen gelnge? Das
Gttliche mte nicht so gro sein, und die Kunst wrde uns nicht so entzcken.
Darum ist auch die Kunst so gro, weil es noch unzhlige Erhebungen zum
Gttlichen gibt, ohne da sie den Kunstausdruck finden, Ergebung, Pflichttreue,
das Gebet, Reinheit des Wandels, woran wir uns auch erfreuen, ja woran die
Freude den hchsten Gipfel erreichen kann, ohne da sie doch Kunstgefhl wird.
Sie kann etwas Hheres sein, sie wird als Hchstes dem Unendlichen gegenber
sogar Anbetung, und ist daher ernster und strenger als das Kunstgefhl, hat aber
nicht das Holde des Reizes desselben. Daher ist die Kunst nur mglich in einer
gewissen Beschrnkung, in der die Annherung zu dem Gttlichen von dem Banne der
Sinne umringt ist und gerade ihren Ausdruck in den Sinnen findet. Darum hat nur
der Mensch allein die Kunst, und wird sie haben, so lange er ist, wie sehr die
uerungen derselben auch wechseln mgen. Es wre des hchsten Wunsches wrdig,
wenn nach Abschlu des Menschlichen ein Geist die gesamte Kunst des menschlichen
Geschlechtes von ihrem Entstehen bis zu ihrem Vergehen zusammenfassen und
berschauen drfte.
    Mathilde antwortete hierauf mit Lcheln: Das wre ja im Groen, was du
jetzt im Kleinen tust, und es drfte hiezu eine ewige Zeit und ein unendlicher
Raum ntig sein.
    Wer wei, wie es mit diese n Dingen ist, erwiderte mein Gastfreund, und
es wird hier wie berall gut sein: Ergebung, Vertrauen, Warten.
    Eustach ffnete die Mappe, in welcher er die Zeichnung des Altares und die
Zeichnungen von Teilen der Kirche, von der Kirche selber und von Gegenstnden
hatte, die sich in der Kirche befanden.
    Wir verglichen die Zeichnung mit dem Altare, es wurde manches bemerkt,
manches gelobt, manches zur Verbesserung der Zeichnung vorgeschlagen.
    Wir betrachteten auch die Kirche, wir betrachteten Teile derselben, wir
besahen Grabmler, und unter ihnen auch den groen roten Stein, auf welchem der
Mann mit der hohen, schnen Stirne abgebildet ist, der die Kirche und den Altar
gegrndet hatte.
    Wir blieben an diesem Tage in Kerberg. Wir stiegen auf den Berg, auf welchem
das alte Schlo lag, und sahen das Schlo und den in dem tiefsten herbstlichen
Zustande stehenden Garten an. Wir gingen auf den Stellen, auf welchen die alten
mchtigen und reichen Leute gegangen waren, die einst hier gewohnt hatten, und
auch der Mann, als dessen Tat die Kirche in dem Tale steht.
    Was alle diese Menschen getan haben, sagte mein Gastfreund, wre zum
Teile in den Papieren und Pergamenten enthalten, die in den Schlssern und
Husern dieses Landes und mitunter auch in entfernten Stdten liegen. Einige
wissen einen Teil dieser Taten, die meisten sind damit vllig unbekannt, und
diejenigen, welche auf den Spuren herum gehen, die ihre Vorfahren getreten
haben, wissen oft nicht, wer diese gewesen sind. Es wre nicht unziemlich, wenn
durch ffnung der Briefgewlbe in allen Lndern auch Einzelgeschichten von
Familien und Gegenden verfat wrden, die unser Herz oft nher berhren und uns
greiflicher sind als die groen Geschichten der groen Reiche. Man betritt wohl
diesen Weg, aber vielleicht nicht ausreichend und nicht in der rechten Art.
    Von Kerberg aus wendeten wir uns am folgenden Tage den hher gelegenen
Teilen des Landes zu, das dichter und ausgebreiteter bewaldet war als die bisher
befahrenen Gegenden, und von dem uns durch das Dmmer des Vormittages die
breiten und weithinziehenden Bergesrcken mit Nadeldunkel und Buchenrot entgegen
sahen.
    Mein Gastfreund hatte recht gehabt. Ein Tag wurde immer schner als der
andere. Nicht der geringste Nebel war auf der Erde, auf welcher wir reiseten,
nicht das geringste Wlkchen am Himmel, der sich ber uns spannte. Die Sonne
begleitete uns freundlich an jedem Tage, und wenn sie schied, schien sie zu
versprechen, morgen wieder so freundlich zu erscheinen.
    Roland blieb drei Tage bei uns, dann verlie er uns, nachdem er vorher noch
Zeichnungen und andere Papiere in den Wagen meines Gastfreundes gepackt hatte.
Er wollte noch bis zum Eintritt des schlechten Wetters in dem Lande bleiben und
dann in das Rosenhaus zurckkehren.
    Alles war recht lieb und freundlich auf dieser Reise, die Gesprche waren
traulich und angenehm, und jedes Ding, eine kleine alte Kirche, in der einst
Glubige gebetet, eine Mauertrmmer auf einem Berge, wo einst mchtige und
gebietende Menschen gehaust hatten, ein Baum auf einer Anhhe, der allein stand,
ein Huschen an dem Wege, auf das die Sonne schien, alles gewann einen
eigentmlichen sanften Reiz und eine Bedeutung.
    Am achten Tage wandten wir unsere Wgen wieder gegen Sden, und am neunten
abends trafen wir in dem Asperhofe ein.
    Ehe ich mich zu meiner Heimreise rstete, sah ich noch einmal manches der
herrlichen Bilder meines Gastfreundes, drckte manches Auerordentliche der
Bcher in meine Seele, sah die geliebten Angesichter der Menschen, die mich
umgaben, und sah manchen Blick der Landschaft, die sich zu tiefem Ersterben
rstete.
    Mein Herz war gehoben und geschwellt, und es war, als breitete sich in
meinem Geiste die Frage aus, ob nun ein solches Vorgehen, ob die Kunst, die
Dichtung, die Wissenschaft das Leben umschreibe und vollende, oder ob es noch
ein Ferneres gbe, das es umschliee und es mit weit grerem Glck erflle.

                                3. Der Einblick


Ich fuhr bei sehr schlechtem Wetter, welches mit Wind, Regen und Schnee nach den
hellen und sonnigen Tagen, die wir in den Hochlanden zugebracht hatten, gefolgt
war, von dem Rosenhause ab. Die Pferde meines Gastfreundes brachten mich auf die
erste Post, wo schon ein Platz fr mich in dem in der Richtung nach meiner
Heimat gehenden Postwagen bestellt war. Mathilde und Natalie waren zwei Tage vor
mir abgereist, da sich schon die Zeichen an dem Himmel zeigten, da die milden
Tage fr dieses Jahr zu Ende gehen wrden. Roland war von seiner Wanderung in
dem Asperhofe eingetroffen. Alles hatte auf strmische nderung in dem Luftraume
hingedeutet. Ich wei nicht, warum ich so lange geblieben war. Es erschien mir
auch einerlei, ob das Wetter bel sei oder nicht. Ich war von meinen Wanderungen
her an jedes Wetter gewohnt, um so mehr konnte mir dasselbe gleichgltig sein,
wenn ich in einem vollkommen geschtzten Wagen sa und auf einer wohlgebauten
Hauptstrae dahin rollte.
    Am dritten Tage mittags nach meiner Abreise von dem Rosenhause traf ich bei
den Meinigen ein. Die zweite Ankunft in diesem Jahre.
    Sie hatten aus meinem Briefe die Versptung meiner Ankunft entnommen, den
Grund vollstndig gebilligt, und wren, wie ich ganz richtig vorausgesehen
hatte, unwillig auf mich geworden, wenn ich anders gehandelt htte. Ich erzhlte
nun alles, was sich nach meiner schnellen Abreise von Hause begeben hatte. Da
bei meiner ersten Ankunft gleich die eine Ursache zur Wiederabreise vorgekommen
war, so konnte ich auch jetzt erst nach und nach erzhlen, was sich im
vergangenen Sommer mit mir zugetragen habe. Der Vater kam sehr hufig auf die
Zeichnungen zurck, die ihm mein Gastfreund gesendet hatte, und aus seinen Reden
war zu entnehmen, wie sehr er die Geschicklichkeit des Mannes anerkannte, der
die Zeichnungen gemacht hatte, und wie hoch in seiner Achtung der stehe, auf
dessen Veranlassung sie entstanden waren. Er fhrte mich neuerdings zu dem
Musikgerttische, zeigte mir noch einmal, warum er ihn gerade an diesen Platz
gestellt habe, und fragte mich wieder, ob ich mit der Wahl des Ortes
einverstanden sei. Mich wunderte anfangs die Frage, da er sonst nicht gewohnt
war, mich in solchen Dingen zu Rate zu ziehen. Nach meiner Ansicht war der Tisch
in dem Altertumszimmer an dem Fensterpfeiler in passender Umgebung sehr gut
gestellt und zeigte seine Eigenschaften in dem besten Lichte. Ich wiederholte
daher meine vollkommene Billigung des Platzes, die ich schon vor meiner Abreise
ausgesprochen hatte. Spter aber sah ich wohl recht deutlich, da es nur die
Freude an diesem Stcke war, was den Vater zur Wiederholung der Frage ber die
Zweckmigkeit des Platzes und zum wiederholten Zurckkommen zu dem Tische
veranlat hatte. Das freudige Wesen, welches ich bei meiner ersten Ankunft in
seiner ganzen Gestalt ausgedrckt gesehen zu haben glaubte, erschien mir jetzt
auch noch ber ihn verbreitet. Selbst die Mutter und die Schwester schienen mir
vergngter zu sein als in andern Zeiten - ja mir war es, als liebten mich alle
mehr als sonst, so gut, so freundlich, so hingebend waren sie. Wie sehr dieses
Gefhl, von den Seinen geliebt zu sein, das Herz beseligt, ist mit Worten nicht
auszusprechen.
    Ich erzhlte meinem Vater von dem Marmorbilde, welches auf der Treppe im
Hause meines Gastfreundes steht, und suchte ihm eine Beschreibung von diesem
Kunstwerke zu machen. Er sah mich sehr aufmerksam an, ja mir war es einige Male,
als she er mich gewissermaen betroffen an. Er fragte um manches, und
veranlate mich, neuerdings von dem Bilderwerke zu sprechen. Es schien ihn sehr
angelegentlich zu berhren. Ich erzhlte ihm dann auch von der Brunnengestalt in
dem Sternenhofe, verglich sie mit der Treppengestalt im Rosenhause, suchte den
Unterschied hervorzuheben, und suchte fr die Treppengestalt weit den Vorzug zu
gewinnen, obgleich sie der lteren Zeit angehre, und die andere etwa erst im
vergangenen Jahrhunderte verfertigt worden sei, und obgleich diese fast blendend
reinen Marmor habe, die andere aber einen, dem man das hohe Alter schon ansehe.
Er fragte auch hier noch um Vergleichungspunkte, und ich sah, da er die Sache
ergriff und Einsicht von ihr hatte. Ich erzhlte ihm dann auch von den Gemlden
meines Gastfreundes, ich nannte ihm die Meister, von denen Werke vorhanden
wren, und bemhte mich, Beschreibungen von den Bildern zu geben, welche mich am
meisten in Anspruch genommen htten. Er tat auch in dieser Hinsicht zahlreiche
Fragen, und machte, da ich mich ber den Gegenstand weiter ausbreitete, als ich
wohl ursprnglich im Sinne hatte.
    Am zweiten Tage nach meiner Ankunft, da wir wieder von diesen Dingen
gesprochen hatten, nahm er mich bei der Hand und fhrte mich in sein
Bilderzimmer. Ich war absichtlich seit meiner Ankunft nicht in demselben
gewesen, und hatte mir dessen Besuch auf eine ruhigere Zeit aufgehoben. Ich
hatte die zwei Tage in Gesprchen mit meinen Eltern hingebracht, zum Teile hatte
ich sie auch bentzt, die Dinge, welche ich ihnen und der Schwester gebracht
hatte, zu bergeben. Darunter waren auch die kleineren Marmorgegenstnde, welche
im Rothmoore fertig geworden waren. Der Rest der Zeit war mit Auspacken,
Einrumen und mit einigen Ankunftsbesuchen ausgefllt worden. Da wir in das
Zimmer getreten waren und die Mitte desselben erreicht hatten, lie er meine
Hand fahren, sagte aber nichts. Ich war im grten Erstaunen. Die Bilder, welche
vorhanden waren, und deren Zahl geringe war, weit geringer als bei meinem
Gastfreunde, ja selbst im Sternenhofe, erschienen mir als auerordentlich schn,
als ganz vollendete, zusammenstimmende Meisterwerke, wie sie, wenn ich dem
ersten Eindrucke trauen durfte, bei meinem Gastfreunde in dieser gleich hohen
und zusammen gehrigen Schnheit nicht vorhanden waren. Es befand sich, wie ich
bald entdeckte, kein Bild der neueren oder neuesten Zeit darunter, smtlich
gehrten sie der lteren Zeit an, wenigstens, wie ich wahrzunehmen glaubte, dem
sechzehnten Jahrhunderte. Ein ganz tiefes eigentmliches Gefhl kam in meine
Seele. Das ist die groe und nicht zu beschreibende Liebe des Vaters. Diese
kostbaren Dinge besa er, an diesen Dingen hing sein Herz, sein Sohn war vorber
gegangen, ohne sie zu beachten, und der Vater entzog dem Sohne doch kein
Teilchen der Zuneigung, er opferte sich ihm, er opferte ihm fast sein Leben, er
sorgte fr ihn, und suchte ihm nicht einmal zu beweisen, wie schn die Sachen
wren. Ich erfuhr, wie sehr ich auch hier geschont worden war.
    Das sind ja herrliche Bilder, rief ich in Rhrung aus.
    Ich glaube, da sie nicht unbedeutend sind, erwiderte er mit einer durch
Bewegung ergriffenen Stimme.
    Dann gingen wir nher, um sie zu betrachten. Es waren in der Tat lauter alte
Gemlde, keines von besonders groen Abmessungen, keines von kunstwidriger
Kleinheit. Ich tat die Bemerkung, da er keine neuen Bilder habe.
    Es hat sich so gefgt, sagte er, ich habe schon einige der hier
befindlichen Stcke von deinem Grovater, der auch ein Freund von solchen Dingen
war, geerbt, und anderes habe ich gelegentlich erworben. Die mittelalterliche
Kunst steht wohl hher als die neue. In ihr ist ein grerer Reichtum schner
Werke vorhanden als in der neuen, es ist daher leichter mglich, ein
fehlerfreies altes Bild zu erwerben als ein neues. Wer Bilder unserer Zeiten
liebt, gibt solche, die an Schnheit keinen Tadel verdienen, nicht zum Kaufe,
sie sind daher nicht leicht zu erhalten. Bilder, die von Anfngern oder von
solchen herrhren, die schwach in der Kunst sind, stehen leicht und an vielen
Orten teils von den Knstlern, teils von Hndlern, wie es auch in frheren
Zeiten gewesen sein wird, zum Kaufen. Zu diesen konnte ich nie eine Neigung
fassen, daher ist es gekommen, da ich lauter alte Bilder besitze. Es war ein
krftiges und gewaltiges Geschlecht, das damals wirkte. Dann kam eine
schwchliche und entartetere Zeit. Sie meinte es besser zu machen, wenn sie die
Gestalten reicher und verblasener bildete, wenn sie heftiger in der Farbe und
weniger tief im Schatten wrde. Sie lernte das Alte nach und nach miachten,
daher lie sie dasselbe verfallen, ja die mit der Unkenntnis eintretende Rohheit
zerstrte manches, besonders wenn wilde und verworrene Zeitlufe eintraten. Man
wendete dann wieder um und achtete allgemeiner wieder das Alte - von allen
Seiten miachtet war es niemals. - Man suchte sogar nachzuahmen, nicht blo in
der Malerkunst, sondern auch, und zwar noch mehr, in der Baukunst; man konnte
aber das Vorbild weder in der Grundeinheit noch in der Ausfhrung erreichen, so
gut und treu die neuen Einzelnheiten auch gewesen sein mochten. Es ist langsam
besser geworden, was sich eben in dem Zeichen kund tat, da man alte Bauwerke
wieder schtzte - ich selber wei noch eine Zeit, in welcher Reisende und
Schriftsteller, die man fr gelehrt und spruchberechtigt achtete, die gotische
Bauweise fr barbarisch und veraltet erklrten -, da man alte Bilder hervor
zog, ja alte Gerte sammelte, und in dem Schnitte der Kleider alte Gebilde und
Wendungen teilweise einfhrte. Mge man auf diesem Wege zum Besseren fortfahren
und nicht blo das Alte wieder zu einer Mode machen, die den Geist nicht kennt,
sondern nur die Vernderung liebt. Du kannst es noch erleben, wenn wieder eine
Hohe eintritt; denn ein Schwellen von Tiefe in Hhe und ein Sinken aus der Hhe
in die Tiefe war immer vorhanden. Wenn die Erkenntnis des Altertums, nicht blo
des unsern, sondern des noch schnern des Griechentums, wie es sich jetzt
auszusprechen scheint, immer fortschreitet und nicht ermattet, so werden wir
auch dahin kommen, da wir eigene Werke werden ersinnen knnen, in denen die
ernste Schnheitsmuse steht, nicht Leidenschaft oder Absicht oder ein
uerlicher Reiz oder ledigliche planlose Heftigkeit, Werke, die nicht
nachgeahmt sind, oder in denen nur ein lterer Stil ausgedrckt ist. Wenn wir
dahin gekommen sind, dann drften wir wohl auch gesellschaftlich auf einer Stufe
stehen, da nicht blo Teile unseres Volkes nach auen mchtig sind, sondern das
ganze Volk, und da es dann mit seinem Leben gelassen krftig auf das Leben
anderer Vlker wirkt. Ich denke immer, die sind glcklich, die die Lerchen
dieses Frhlings singen hren; aber diese werden den Zustand nicht so empfinden
wie der, der andere gesehen hat, so wie der Unschuldige seine Unschuld nicht
empfindet, der rechtliche Mann seine Rechtschaffenheit nicht hoch anschlgt, und
verdorbene Zeiten ihre Verdorbenheit nicht kennen.
    Ich dachte, da mein Vater so sprach, an meinen Gastfreund, der hnlich fhlt
und sich hnlich ausspricht. Aber es ist ja kein Wunder, da Mnner, die ein
hnliches Streben haben, also auch hnlichen Geist besitzen, auf hnliche
Gedanken kommen, besonders, wenn sie an Alter nicht zu verschieden sind.
    Wir betrachteten nun das Einzelne.
    Mein Vater hatte Bilder von Tizian, Guido Reni, Paul Veronese, Annibale
Caracci, Dominichino, Salvator Rosa, Nikolaus Poussin, Claude Lorrain, Albrecht
Drer, den beiden Holbein, Lukas Cranach, Van Dyck, Rembrandt, Ostade, Potter,
van der Neer, Wouvermann und Jakob Ruisdael. Wir gingen von dem einen zu dem
andern, betrachteten ein jedes, taten manches Bild auf die Staffelei, und
redeten ber ein jedes. Mein Herz war voll Freude. Es erschien mir jetzt immer
deutlicher, was ich beim ersten Anblicke nur vermutet hatte, da die Bilder in
dem Gemldezimmer meines Vaters lauter vorzgliche seien, und da sie noch dazu
an Wert so sehr zusammen stimmten, da das Ganze eben den Eindruck eines
Auerordentlichen machte. Ich hatte schon so viel Urteil gewonnen, da ich
dachte, nicht gar zu weit mehr in die Irre geraten zu knnen. Ich uerte mich
in dieser Beziehung gegen meinen Vater, und er versicherte in der Tat, da er
glaube, da er nicht nur gute Meister besitze, sondern auch von diesen Meistern
nach seiner Erfahrung, die er sich in vielen Jahren, in vielen Gemldesammlungen
und im Lesen vieler Werke ber Kunst erworben habe, bessere von ihren Arbeiten.
Ich gab mich den Bildern immer inniger hin und konnte mich von manchem kaum
trennen. Das Kpfchen von einem jungen Mdchen, das ich mir einmal zu einem
Zeichnungsmuster genommen hatte, stammte von Hans Holbein dem jngern her. Es
war so zart, so lieb, da es jetzt auch wieder einen Zauber auf mich ausbte,
wie es wohl auch damals ausgebt haben mute; denn sonst htte ich es ja nicht
zum Vorbilde genommen. Kaum waren hier Mittel zu entdecken, mit denen der
Knstler gewirkt hatte. Eine so einfache, so natrliche Frbung mit wenig Glanz
und Vortreten der Farben, so gering scheinende, harmlose Linien, und doch eine
solche Lieblichkeit, Reinheit, Bescheidenheit, da man kaum weggehen konnte. Die
blonden Haare, die sich von der Stirn gegen hinten zogen, waren fast mit keinem
Aufwande gemacht, und doch konnte es kaum etwas Schneres geben als diese
blonden Locken. Der Vater erlaubte, da ich mir das Bild zweimal auf die
Staffelei stellen durfte.
    Als wir mit dem Anschauen der Bilder fertig waren, zog der Vater eine flache
Lade aus einem Kasten in dem Altertumszimmer, stellte die Lade auf einen Tisch
in der Nhe des Fensters, und lud mich ein, hinzu zu gehen und seine
geschnittenen Steine anzusehen.
    Ich tat es.
    Hier war meine Verwunderung fast noch groer als bei den Bildern. Ich fand
auf den Steinen die Gestalten wieder, wie die eine war, welche auf der Treppe
des Hauses meines Gastfreundes stand.
    Das sind lauter antike Bildungen, sagte mein Vater.
    Es waren verschiedene Steine von verschiedenem Werte und verschiedener
Gre. Edelsteine, die durch ihren Stoff einen hohen Wert nach unsern heutigen
Begriffen haben, wie Saphire, Rubine, waren nicht dabei; doch aber mindere, die
wohl als Schmuck getragen werden knnen und, wie ich mich jetzt deutlich
erinnerte, von unserer Mutter auch bei Gelegenheiten getragen wurden. Es war ein
Onyx da, auf welchem eine Gruppe in der gewhnlichen halb erhabenen Arbeit
geschnitten war. Ein Mann sa in einem altertmlichen Stuhle. Er hatte nur
geringe Bekleidung. Seine Arme ruhten sehr schlicht an seiner Seite, und sein
feines Angesicht war nur ein wenig gehoben. Er war noch ein sehr junger Mann.
Frauen, Mdchen, Jnglinge standen seitwrts in leichterer Arbeit und weniger
krftig hervorgehoben, eine Gttin hielt einen Kranz oberhalb des Hauptes des
sitzenden Mannes. Mein Vater sagte, das sei sein bester wie grter Stein, und
der sitzende Mann drfte Augustus sein. Wenigstens stimme sein Halbangesicht,
wie es auf dem Steine sei, mit jenen Halbangesichtern Augustus' zusammen, die
man auf den gut erhaltenen Mnzen dieses Mannes sehe. Die Gestalt, die
Gliederung, die Haltung dieses Mannes, die Gestalten der Mdchen, Frauen und
Jnglinge, ihre Bekleidung, ihre Stellungen in Ruhe und Einfachheit, die
deutliche und naturgeme Ausfhrung der kleinen Teile in den Gliedern und
Gewndern machten auf mich wieder jene ernste, tiefe, fremde, zauberartige
Wirkung, welche die Gestalt auf der Treppe in dem Hause meines Gastfreundes in
mir hervorgebracht hatte, da ich im vergangenen Sommer whrend des Gewitters zu
ihr empor gestiegen war. Auf den andern Steinen befanden sich Mnner in Helmen,
entweder schne junge Angesichter oder alte mit ehrwrdigen Brten. Solche, die
in mittleren Mannesjahren standen, waren gar nicht vorhanden. Auch Frauenkpfe
waren auf einigen Steinen zu sehen. Auf mehreren zeigten sich ganze Gestalten,
ein Hermes mit den Flgeln an den Fen, ein schreitender Jngling, oder einer,
der mit dem Arme zum Wurfe mit einem Steine ausholt. Diese Gestalten waren so
genau und richtig, da sie das Vergrerungsglas ertrugen. Steine mit andern
Dingen als menschliche Gestalten hatte mein Vater gar nicht. Ich erinnerte mich,
da ich irgendwo - des Ortes konnte ich mich nicht mehr entsinnen Kfer auf
Steine geschnitten gesehen hatte.
    Ich habe die Steine mit menschlichen Gestalten vorgezogen, sagte mein
Vater, als ich in dieser Hinsicht eine Bemerkung machte, weil sie mir doch
dasjenige schienen, was zu dem Menschen in der nchsten Beziehung steht. Ich bin
nicht reich genug, eine groe Sammlung von geschnittenen Steinen anlegen zu
knnen, in welcher alle Gattungen enthalten sind, so fern man berhaupt
Gelegenheit hat, sie zu kaufen, und weil ich das nicht konnte, so habe ich mich
lediglich auf menschliche Gestalten beschrnkt, und unter diesen wieder auf
jene, deren Erwerb mir ohne Einflu auf mein Hauswesen mglich war; denn es gibt
da Kunstwerke in diesem Fache, welche ein ganzes Vermgen in Anspruch nehmen,
von dessen Rente manche kleine Familie, deren Ansprche nicht zu bedeutend sind,
leben knnte.
    Die Mnner in den Helmen trugen diese Kopfbedeckung in der gewhnlichen Art,
wie man sie auf den alten Mnzen sieht, und wie ich sie schon auf Abbildungen
von Kunstwerken in halberhabener Arbeit gesehen habe, die sich auf griechischen
oder rmischen Bauten befanden. Die einfache Art, den Helm zu tragen, wenn er
auch eine noch so kostbare Arbeit ist, habe ich an Abbildungen aus spteren
Zeiten, namentlich aus dem Mittelalter, nicht mehr gefunden. Die Angesichter
hatten Zge, die etwas Fremdes wiesen, das jetzt nicht mehr vorkmmt und auf
eine entlegene Zeit zurckdeutet. Die Zge waren meistens einfach, ia sogar oft
unbegreiflich einfach, und doch waren sie schn, schner und menschlich
richtiger - so schien es mir wenigstens -, als sie jetzt vorkommen. Die Stirnen,
die Nasen, die Lippen waren strenger, ungeknstelter, und schienen der
Ursprnglichkeit der menschlichen Gestalt nher. Dies war selbst bei den
Abbildungen der Greise der Fall, und sogar da, wo man vermuten durfte, das
abgebildete Haupt sei das Bildnis eines Menschen, der wirklich gelebt hat. Es
konnte diese Gestaltung nicht Eingebung des Knstlers sein, da offenbar die
Steine verschiedenen Zeiten und verschiedenen Meistern angehrten; sie mute
also Eigentum jener Vergangenheit gewesen sein. Die Kpfe der Frauen waren auch
schn, oft berraschend schn; sie hatten aber auch etwas Eigentmliches, das
sich von unsern gewohnten Vorstellungen entfernte, sei es in der Art, das
Haupthaar aufzustecken und es zu tragen, sei es, wie sich Stirne und Nase
zeigten, sei es im Nacken, im Halse, im Beginne der Brust oder der Arme, wenn
diese feile noch auf dem Bilde waren, sei es in dem uns fernliegenden Ganzen.
Allgemein aber waren diese Kpfe krftiger und erinnerten mehr an die
Mnnlichkeit als die unserer heutigen Frauen. Sie erschienen dadurch reizender
und ehrfurchterweckender. Die Ausfhrung dieser Abbildungen zeigte sich so rein,
so entwickelt und folgerichtig, da man nirgends, auch nicht im Kleinsten,
versucht wurde, zu denken, da etwas fehle, ja da man im Gegenteile die Gebilde
wie Naturnotwendigkeiten ansah, und da einem in der Erinnerung an sptere Werke
war, diese seien kindliche Anfnge und Versuche. Die Knstler haben also groe
und einfache Schnheitsbegriffe gehabt, sie haben sich diese aus der Schnheit
ihrer Umgebung genommen, und diese Schnheit der Umgebung durch ihre
Schnheitsbegriffe wieder verschnert. So sehr mir die Bilder des Vaters
gefielen, so sehr mir die Bilder meines Gastfreundes gefallen hatten, so sehr
wurde ich, wie ich durch die Marmorgestalt meines Gastfreundes ernster und hher
gestimmt worden war als durch seine Bilder, auch durch die geschnittnen Steine
meines Vaters ernster und hher gestimmt als durch seine Bilder. Er mute das
fhlen. Er sagte nach einer Weile, da wir die Steine angeschaut hatten, da ich
mich in dieselben vertieft und manchen mehrere Male in meine Hnde genommen
hatte: Das, was die Griechen in der Bildnerei geschaffen haben, ist das
Schnste, welches auf der Welt besteht, nichts kann ihm in andern Knsten und in
spteren Zeiten an Einfachheit, Gre und Richtigkeit an die Seite gesetzt
werden, es wre denn in der Musik, in der wir in der Tat einzelne Satzstcke und
vielleicht ganze Werke haben, die der antiken Schlichtheit und Gre verglichen
werden knnen. Das haben aber Menschen hervorgebracht, deren Lebensbildung auch
einfach und antik gewesen ist, ich will nur Bach, Hndel, Haydn, Mozart nennen.
Es ist sehr schade, da von der griechischen Malerei nichts brig geblieben ist
als Teile von dem, was in dieser Kunst immer als ein untergeordneter Zweig
betrachtet worden ist, von der Wandmalerei und Gebudeverzierung. Da die
griechische Dichtkunst das Hchste ist, was in dieser Kunstabteilung besteht, da
ihre Baukunst als Muster einfacher Schnheit besonders fr die Gestaltungen
ihres Landes gilt, da ihre Geschichtschreiber und Redner kaum ihres Gleichen
haben, so ist anzunehmen, da ihre Malerei auch diesen Dingen gleichgeartet
gewesen sein msse. Sie sprechen in Schriften, die bis auf unsere Tage gekommen
sind, von ihren Bauwerken, von ihrer Weltweisheit, Geschichtschreibung,
Dichtkunst und Bildnerkunst nicht hher als von ihrer Malerei, ja nicht selten
scheint es, als zgen sie diese noch vor, also mu auch sie vom hchsten Belange
gewesen sein; denn es ist nicht anzunehmen, da Schriftsteller, die doch endlich
der Ausdruck, wenn auch der gehobene, ihrer Zeit und ihres Volkes sind, so feine
Kenntnisse und so feines Gefhl in andern Knsten gehabt haben und fr Fehler
der Malerei blind gewesen wren. Wahrscheinlich wrden wir uns an Strenge und
Rundung in ihrer Malerei ergtzen und sie bewundern, wie wir es mit ihren
Bildsulen tun. Ob wir an ihnen fr unsere Malerei etwas lernen knnten, wei
ich nicht, so wie ich nicht wei, wie viel es ist, was wir an ihrer Bildhauerei
gelernt haben. Diese Steine sind durch viele Jahre mein Vergngen gewesen. Oft
in trben Stunden, wenn Sorgen und Zweifel das Leben seines Duftes beraubten und
es drr vor mich hinzubreiten schienen, bin ich zu dieser Sammlung gegangen,
habe diese Gestalten angeschaut, bin in eine andere Zeit und in eine andere Welt
versetzt worden, und bin ein anderer Mensch geworden.
    Ich sah meinen Vater an. Hatte ich frher schon oft Gelegenheit gehabt, ihn
hoch zu achten, und hatte ich zu verschiedenen Zeiten entdeckt, da er
bedeutendere Eigenschaften besitze, als ich geahnt hatte, so war ich doch nie in
der Lage, ihn beurteilen zu knnen, wie ich ihn jetzt beurteilte. In Geschfte
der eintnigsten Art gezwungen, oder vielleicht selber und freiwillig in diese
Geschfte gegangen - denn er fhrte sie mit einer Ordnung, mit einer
Rechtlichkeit, mit einer Ausdauer, mit einer Anhnglichkeit an sie, da man
staunen mute -, hatte er, der unscheinbar seinen brgerlichen Obliegenheiten
nachkam, und von dem viele nur glauben mochten, da er in seinem Hause einige
Spielereien von alten Gerten, Bildern und Bchern habe, vielleicht einen
tieferen und einsameren Kreis um sich gezogen, als ich jetzt noch erkennen
konnte, und hatte ohne Anspruch an diesem Kreise fort gebaut. Ich empfand
Ehrfurcht vor ihm, und fragte ihn, ob er die Schriftsteller, von denen er
spreche, griechisch gelesen habe.
    Wie knnte ich sie denn anders gelesen haben und noch lesen, wenn ich sie
lieben soll, antwortete er, die alte vorchristliche Welt hat so ganz andere
Vorstellungen als die unsere, die Vlkerwanderung hat so sehr einen Abschnitt in
der Geschichte gemacht, da die Werke der vorher gewesenen Vlker gar nicht
bersetzt werden knnen, weil unsere Sprachen in ihrem Krper und in ihrem
Geiste auf die alten Vorstellungen nicht passen. Im Lesen in ihrer Sprache und
in ihren Dichtungen und Geschichten wird man nach und nach einer von ihnen, und
lernt ihre Art beurteilen, was man sonst nie mehr kann. In unsern Schulen lernen
wir ja rmisch und griechisch, und wenn man in der Zeit nach der Schule noch
etwas nachhilft und fleiig in den alten Schriften liest, so fgt sich die Sache
ohne Mhe, und gelingt leichter, als man etwa das Franzsische, Italienische
oder Englische lernt, wie es ja jetzt die meisten Leute tun.
    Du hast ja aber auch diese Sprachen gelernt, sagte ich.
    Wie sie auch andere lernen, antwortete er, und wie es mein Stand
foderte.
    Ich habe es bis heute nicht gewut, da du in den alten Sprachen Bcher
liesest, sagte ich, und was noch mehr ist, da du dich in die Dichtkunst, in
die Geschichte und Weltweisheit der Vlker, deren Schriften du liesest,
vertiefest. Du weit, da wir uns nie anmaten, die Bcher zu untersuchen, in
denen du liesest.
    Es war keine Ursache vorhanden, dir zu erzhlen, was ich lese, antwortete
er, ich dachte, es wird sich schon geben. Deine Mutter wute es wohl.
    Die Hochachtung fr den Vater, der ohne Aufheben mehr war, als der Sohn
geahnt hatte, und der geduldig auf den Sohn gewartet hatte, ob er auf dem Wege
zu ihm stoen werde, war nicht die einzige Frucht dieses Tages. Ich empfand
recht wohl, da der Vater auch mich hher achtete, und da er eine groe Freude
habe, da der Sohn nun auch in Kunstdingen sich ihm nhere. Da wir in einigen
wissenschaftlichen Sachen zusammen trafen, wute ich wohl, da wir ber
Gegenstnde der Geschichte, der Dichtungen und ber andere in jngster Zeit
manchmal gesprochen hatten, ich wute aber nie, in wie ferne und auf welchen
Wegen der Vater zu diesen Dingen gekommen war. Heute hatte ich einen grern
Einblick getan, und ich wute nun auch gar nicht, welch eine geregelte
wissenschaftliche Bildung der Vater aus seinen frheren Jahren hinter sich habe,
und ob es nicht etwa gar aus dieser wissenschaftlichen Bildung herzuschreiben
sei, da er mich gerade meinen Weg habe gehen lassen, der mir selber zuweilen
abenteuerlich vorgekommen war. Ich mute jetzt doppelt wnschen, da mein Vater
einmal mit meinem Gastfreunde zusammen kme, um mit ihm ber hnliche
Gegenstnde zu sprechen, wie er heute zu mir gesprochen hatte. Ich konnte doch
nicht hinreichend eingehen, und wute auch nicht, in wie ferne er in seinen
Urteilen ber altgriechische Bildnerkunst, Dichtkunst, Malerei und ber die
neuere Musik recht habe. Allein der Vater arbeitete so ruhig in seinem
Berufsgeschfte weiter, er war in alle Einzelheiten desselben so vertieft und
sorgte fr den regelmigen Fortgang desselben, da es nicht leicht zu erwarten
war, da er sich zu einer Reise entschlieen wrde.
    Gegen das Ende unseres Gesprches kam auch die Mutter und Klotilde herein.
Das Angesicht der Mutter wurde sehr heiter, als sie uns bei den Steinen stehen
sah, als sie sah, da der Vater sie mir zeigte und erklrte, und als sie auch
erkennen mochte, da in dem Wesen des Vaters eine Freude sei, und da die
Annherung, die sie geahnt habe, wirklich eingetreten sei.
    Wir gingen noch einige Male bald in das Bilderzimmer, bald in das
Altertumszimmer, in welchem noch immer die Lade mit den Steinen auf dem Tische
stand, und redeten ber Verschiedenes.
    Diese Kunstwerke, sagte der Vater, da er die Steine wieder verschlossen
hatte, und da wir uns aus diesem Zimmer entfernten, knnt ihr in euren Besitz
bringen. Wenn ihr Sinn und tiefe Liebe fr dieselben habet, so werdet ihr sie
nach unserem Tode in einer von mir gemachten und, wie ich glaube, gerechten
Teilung empfangen. Sterbe ich vor eurer Mutter, so bleiben sie als Denkmal
unseres friedlichen Hauses in der Lage, in der sie jetzt sind, und sie werden
euch erst eingehndigt, wenn mir auch die Mutter gefolgt ist. Will Klotilde dir
ihren Anteil abtreten, so ist die Summe schon bestimmt, welche du ihr dafr
geben mut, und so auch umgekehrt. Ist bei beiden nach unserm Absterben eine
solche Liebe zu diesen Bildern und Steinen nicht vorhanden, da ihr sie
unzersplittert bewahret, so ist schon bestimmt, da auf eure hierin eingeholte
Erklrung dieselben gegen ein Entgelt, das nicht unbillig ist, an einen Ort
bergehen, an welchem sie beisammen bleiben. Ich glaube aber wohl, da diese
Neigung in unserm Hause fortdauern werde.
    Wir antworteten auf diese Rede nichts, weil sie einen Gegenstand berhrte,
der, wie entfernt wir ihn uns auch denken muten, doch schmerzlich auf uns
einwirkte.
    Ich verlegte mich nach dieser gemachten Erfahrung mit noch grerem Eifer
auf die Kenntnis der Werke der bildenden Kunst. Ich lernte mich in die Bilder
des Vaters bis in die kleinsten Einzelheiten hinein, und war zu diesem Zwecke
sehr oft und zuweilen lange in dem Bilderzimmer, ich besuchte alle greren
zugnglichen Sammlungen und suchte deren Bilder zu ergrnden, ich besah alle
Bildnerwerke, die in unserer Stadt einen Ruf hatten, und strebte nach einer
genauen Kenntnis ihrer Beschaffenheiten, ich las endlich namhafte Werke ber die
Kunst und verglich meine Gedanken und Gefhle mit den in den Bchern gefundenen.
Ich sprach viel mit meinem Vater ber diese Gegenstnde, wir nherten uns immer
mehr, meine Empfindungen wurden stets inniger, und ich versenkte meine Seele in
sie. Unsern Erzdom bewunderte ich jetzt in einem hheren Mae als in allen
frheren Zeiten, und ich stand manche Stunde vor seinem ungeheuren Baue. Selbst
die Gebilde der Mathematik, wenn ich wieder zu Zeiten etwas in ihr zu tun hatte,
erschienen mir zuweilen schn und zierlich, was mir namentlich bei einigen
franzsischen Mathematikern geschah. Das Malen schner Kpfe setzte ich fort,
und eben so wurde das Zeichnen und Malen von Landschaften, welches ich im
vorigen Jahre mit der Schwester begonnen hatte, nicht bei Seite gesetzt. Ich
nahm mit ihr die Zeichnungen vor, welche sie im vergangenen Sommer whrend
meiner Abwesenheit gemacht hatte, und so wie ich von meinem Gastfreunde, von
Eustach und von dem Vater ber die Fehler belehrt worden war, die sich in meinen
Landschaftsversuchen befanden, so belehrte ich Klotilden wieder ber die
ihrigen.
    Seit ich Mathilden kannte, besonders aber jetzt, nachdem ich fter in ihrer
Gesellschaft gewesen war, und im Sptherbste die Reise mit ihr und den andern in
das Hochland gemacht hatte, war ich auch auf die Angesichter ltlicher und alter
Frauen aufmerksam geworden. Man tut sehr unrecht, und ich bin mir bewut, da
ich es auch getan habe, und gewi handeln andere Leute in ihrer Jugend ebenfalls
so, wenn man die Angesichter von Frauen und Mdchen, sobald sie ein gewisses
Alter erreicht haben, sofort beseitigt! und sie fr etwas hlt, das die
Betrachtung nicht mehr lohnt. Ich fing jetzt zu denken an, da es anders sei.
Die groe Schnheit und Jugend reit unsere Aufmerksamkeit hin und erregt ein
tiefstes Gefallen; warum sollten wir aber mit dem Geiste nicht auch ein
Angesicht betrachten, ber welches Jahre hingegangen sind? Liegt nicht eine
Geschichte darin, oft eine unbekannte voll Schmerzen oder Schnheit, die ihren
Widerschein auf die Zge giet, da wir sie mit Rhrung lesen oder ahnen? Die
Jugend weist auf die Zukunft hin, das Alter erzhlt von einer Vergangenheit. Hat
diese kein Recht auf unsern Anteil? Als ich Mathilden das erste Mal sah, fiel
mir das Bild der verblhenden Rose ein, welches mein Gastfreund von ihr
gebraucht hatte, es fiel mir ein, weil ich es so treffend fand; und spter oft,
wenn ich Mathilden betrachtete, gesellte sich das Bild wieder zu meinen
Gedanken, es erregten sich neue, und es erzeugte sich eine ganze Folge davon.
Ich hatte mir einmal gedacht, da Mathilde aussehe wie ein Bild der Vergebung,
und spter dachte ich es mir fter. Ihr Angesicht mute sehr Schn gewesen sein,
vielleicht gar so schn wie jetzt Nataliens, nun ist es ganz anders; aber es
spricht leise von einer Vergangenheit, da wir meinen, wir mten sie vernehmen
knnen, und wir vernhmen sie auch gerne, weil sie uns so anziehend scheint. Sie
mu manche Neigungen gehabt haben, sie mu manche Freuden erlebt und manches Gut
verloren haben, sie hat Schmerzen und Kummer ertragen; aber sie hat alles Gott
geopfert, und hat gesucht, mit sich in das Gleiche zu kommen, sie ist mit den
Menschen gut gewesen, und jetzt ist sie in tiefem Glcke mit manchem unerfllten
Wunsche und mit mancher kleinern und grern Sorge, die sie sinnen macht. Als
ich einen Mann sagen gehrt hatte, da die Frstin, in deren Abendgesellschaften
ich zuweilen sein durfte, so schne Tne in dem Angesichte habe, da sie nur
Rembrandt zu malen im Stande wre, wurde ich nicht blo auf die Frstin noch
mehr aufmerksam, die in ihrem hohen Alter noch so schn war, sondern ich
betrachtete auch Mathilden wieder genauer, und lernte die Schnheit, wenn schon
manche Jahre ber sie gegangen sind, besser kennen. Ich fing nun an, Mnner und
Frauen, die in hherem Alter sind, zu betrachten und sie um die Bedeutung ihrer
Zge zu erforschen. Dabei fielen mir die Greisenkpfe auf den Steinen meines
Vaters ein. Ich betrachtete die Steine fter, da mir der Zugang zu denselben
erlaubt war, und verglich die Kpfe die sich auf ihnen befanden, mit denjenigen,
die mir in dem jetzt lebenden Geschlechte aufstieen. Beide Arten waren wirklich
nicht mit einander vergleichbar, und es zeigten sich in ihnen die
Verschiedenheiten menschlicher Geschlechter. Das Antlitz der Frstin erschien
mir nun um vieles schner als in der frheren Zeit, da ich aber nicht auf den
Wunsch geriet, es malen zu wollen, also noch weniger dem Wunsche einen Ausdruck
gab, begreift sich. In den Angesichtern der manchen, welche ich jetzt eifriger
betrachtete, fand ich freilich oft etwas, das mir nicht gefiel, sei es Neid, sei
es irgend eine Begierlichkeit, sei es bloe Abgelebtheit oder Geistlosigkeit,
sei es etwas anderes, ich stellte bei solchen Gelegenheiten meine Betrachtung
bald ein, und hegte nicht den Wunsch, das Gesehene zu malen. Seit ich Gustav
besser kennen gelernt hatte und nher mit ihm befreundet worden war, betrachtete
ich auch gerne Kpfe von Jnglingen, ob sie nicht Gegenstnde zum Malen abgben.
Wenn gleich sein Angesicht ebenfalls nicht jenen schnen und einfachen
Angesichtern auf den Steinen meines Vaters glich, die besonders edel und
merkwrdig aus den Helmen heraus sahen, so war es ihnen doch nher als alle
andern, welche ich jetzt zu erblicken Gelegenheit hatte, und war berhaupt so
schn, wie es selten einen Kopf eines Knaben geben wird, der eben in das
Jnglingsalter bertritt. Wenn der Ausdruck der Mienen der Jnglinge unserer
Stadt sehr oft darauf hinwies, da ihr Geist verzogen worden sein mag, wenn sie
etwas Weichliches oder etwas zu sehr Herausforderndes oder etwas hatten, das
schon ber ihre Jahre hinausging, ohne doch Kraft zu zeigen: so war Gustavs
Antlitz so krftig, da es vor Gesundheit zu schwellen schien, es war so
einfach, da es gleichsam keinen Wunsch, keine Sorge, kein Leiden, keine
Bewegung aussprach, und doch war es wieder so weich und gtig, da man, wenn der
feurige Blick nicht gewesen wre, in das Angesicht eines Mdchens zu blicken
geglaubt haben wrde.
    Ich zeichnete und malte meine Kpfe jetzt anders als noch kurz vorher. Wenn
ich frher, vorzglich bei Beginne dieser meiner Beschftigung, nur auf
Richtigkeit der ueren Linien sah, so weit ich dieselbe darzustellen vermochte,
und wenn ich nur die Farben annherungsweise zu erringen im Stande war, so
glaubte ich mein Ziel erreicht zu haben: jetzt sah ich aber auf den Ausdruck,
gleichsam, wenn ich das Wort gebrauchen darf, auf die Seele, welche durch die
Linien und die Farben dargestellt wird. Seit ich die Marmorgestalt in dem Hause
meines Gastfreundes so lieben gelernt hatte und in die Bilder mich vertiefte,
welche ich in dem Rosenhause getroffen hatte und in dem Hause meines Vaters
vorfand, war alles anders als frher, ich suchte und haschte nach irgend einem
Innern, nach irgend etwas, das weit auer dem Bereiche von Linien und Farben
lag, das grer war als diese Dinge, und doch durch sie darzustellen sein mute.
Einen Kopf so zu zeichnen oder gar zu malen, wie ich jetzt wollte, war viel
schwerer, als wie ich frher anstrebte, es war, ohne einen Vergleich zuzulassen,
schwerer; aber es war nicht zu umgehen, wenn man berhaupt die Sache machen
wollte, es war dichten, wenn ein Dichtungswerk geliefert sein sollte. Ich
stellte meine Aufgabe kleiner, ich suchte die Zge auf einem bescheidenen Raume
zu entwerfen, und begngte mich mit den Andeutungen in Zeichnung und Farben,
wenn nur ein Inneres zu sprechen begann, ohne da ich darauf beharrte, da aus
dem Begonnenen ein ausgefhrtes Bild werden sollte, was nicht selten, wenn ich
es versuchte, das Innere wieder vertilgte und das Gemlde seelenlos machte. Mein
Vater wurde der Richter, und war jetzt ein strenger, whrend er frher alles
einfach hatte gelten lassen, was ich unternahm. Er pflegte zu sagen, das, was
ich jetzt vor Augen habe, sei das Knstlerische, mein Frheres sei ein Vergngen
gewesen. Ich nahm hufig, wenn ich nicht in das Reine kommen konnte, zu den
Bildern meine Zuflucht, und suchte zu ergrnden, wie es dieser und jener gemacht
habe, um zu dem Ausdrucke zu gelangen, den er darstellte. Mein Vater sagte, das
sei der geschichtliche Weg der Kunst, man knne ihn verfolgen, wenn man groe
Bildersammlungen besuche, und wenn die Werke ohne groe Lcken da sind, um sie
vergleichen zu knnen. Das sei auch auer der genauesten Betrachtung der Natur
und der Liebe zu ihr der Weg, auf dem die Kunst wachse, und auf dem sie bei den
verschiedenen Anfngen, die sie in verschiedenen Zeiten und Rumen gehabt habe,
gewachsen ist, bis sie wieder versank oder zerstrt wurde, um wieder zu
beginnen, und zu versuchen, ob sie steigen knne. Wo der bare Hochmut auftritt,
der alles Gewesene verwirft und aus sich schaffen will, dort ist es mit der
Kunst wie auch mit andern Dingen in dieser Welt aus, und man wirft sich in das
bloe Leere.
    Auer dem Zeichnungsunterrichte setzte ich mit der Schwester auch die
bungen in der spanischen Sprache und im Zitherspiele fort. Sie war ohnehin von
Kindheit an geneigt gewesen, alles, was ich tat, ein wenig nachzuahmen, und ich
hatte immer die Lust gehabt, ihr Fhrer zu werden. Dies blieb jetzt zum Teile
auch so fort.
    Der Unterricht, welchen mir mein Freund, der Sohn des Juwelenhndlers, in
der Edelsteinkunde gegeben hatte, wurde wieder aufgenommen und fortgesetzt. Da
wir auch auerdem in manchen Stunden einen freundlichen Umgang mit einander
pflegten, so nahm ich mir eines Tages, obwohl es mir stets schwer wird, jemanden
ber seinen ihm eigentmlichen Beruf etwas zu sagen, doch den Mut, ihn meine
Gedanken ber die Fassung der Edelsteine wissen zu lassen, wie ich nmlich
glaube, da es nicht richtig sei, wenn die Edelsteine von der Fassung erdrckt
wrden; da ich es aber auch fr nicht richtig halte, wenn sie keine andere
Fassung htten, als die sie brauchten, um an dem Kleidungsstcke mit dem Halt,
den sie bentigen, befestigt werden zu knnen; und da daher der Mittelweg sich
darbiete, da die Schnheit des Steines durch die Schnheit der Gestaltgebung
vergrert werde, wodurch es sich mglich mache, da der an sich so kostbare
Stoff das Kostbarste wrde, nmlich ein Kunstwerk. Ich wies hiebei auf die
Gestaltungen hin, welche die Kunst des Mittelalters hege, und aus denen
geschpft und weiter fortgeschritten werden knne.
    Du hast im Grunde vollkommen recht, erwiderte mein Freund, wir fhlen das
alle mehr oder minder klar, auer denen, welchen alles gleichgltig und
unwesentlich ist, was nicht unmittelbar zum Erwerbe fhrt; darum sind auch
allerlei Versuche gemacht worden, und werden noch gemacht, die Fassung zu
vergeistigen. Sie gelingen in so ferne mehr oder weniger, je nachdem es grere
oder kleinere Knstler sind, welche die Entwrfe machen. Hierin liegt aber eine
mehrfache Schwierigkeit. Zuerst sind die, welche in Juwelen und Perlen arbeiten,
sehr selten Knstler, sie knnen es nicht leicht werden, weil die Vorbereitung
dazu zu viel Zeit und Krfte in Anspruch nehmen wrde; werden sie es aber, so
bleiben sie gleich Knstler, verfertigen Kunstwerke, und arbeiten nicht in
Edelsteinen, was ihrem Geiste und ihrem Einkommen abtrglich wre. Mssen nun
Knstler um Entwrfe angegangen werden, so bietet sich zweitens der belstand,
da der Knstler die Juwelen zu wenig kennt und die Fassung daher zu wenig auf
ihre Natur berechnen kann, wozu sich noch gesellt, da die groen Knstler
schwer zugnglich sind, Entwrfe fr Edelsteinfassungen auszuarbeiten, es mte
denn dies eine besondere Liebhaberei sein; und wenn sie es tun, so kmmt die
Fassung sehr teuer. Deshalb mu man zu geringeren Knstlern seine Zuflucht
nehmen, welche dann auch wieder geringere Entwrfe liefern. Wir haben die Sache
in unserer Handelsstube ganz im Klaren. Wir versuchen auch von Zeit zu Zeit ein
wirkliches Kunstwerk in Perlen und edlen Steinen darzustellen, und warten, ob
ein Kenner komme und es bernehme; denn der Leute, welche Edelsteine brauchen,
sind viel mehr, als welche Kunstdinge suchen. Solche Werke in groer Zahl
ausfhren zu lassen hindert uns der Mangel an zahlreichen trefflichen Entwrfen
und der Mangel an Kufern, da der Juwelenverkauf doch endlich unser Erwerb ist.
Da unsere gewhnlichen Kunden aber doch so viel Geschmack haben, da sie eine
unedle Fassung beleidigen wrde, so whlen wir den natrlichsten Weg, die
Fassung im Stoffe edel und in der Gestalt auf das einfachste zu machen, so da
die Schnheit der Steine oder der Perlen allein es ist, was herrscht, und der
Anker, an dem es haftet, sich verbirgt. Was deinen Gedanken von
mittelalterlichen Gestaltungen anbelangt, so ist er nicht neu; man hat schon
solche versucht, und der Freiherr von Risach hat bei uns nach beigebrachten
Zeichnungen Dinge hnlicher Art verfertigen lassen.
    Mir leuchtete die Sache sehr ein, und ich konnte sie nicht weiter beregen.
Ich betrachtete von nun an mit noch grerer Sorgfalt und Genauigkeit die
Arbeiten, welche mein Freund in den verschiedenen Werksttten der Stadt machen
lie. Sie waren meistens sehr schn, ja ich glaube, schner, als man sie
irgendwo zu sehen gewohnt ist. Desungeachtet mute ich behaupten, da, wenn nur
berhaupt ein edlerer und hherer Sinn fr Kunst vorhanden wre, diejenigen
Leute, welche groe Summen fr Schmuck ausgeben, dieselben Summen oder
vielleicht noch grere dahin verwenden wrden, da sie gleich wirkliche
Kunstwerke in Juwelen bestellten. Dagegen erwiderte mein Freund, da, wie hoch
der Kunstsinn auch stehe, und wie weit er sich verbreite, doch die Zahl derer
immer grer bleiben wrde, welche blo Schmuck als Schmucksachen kaufen, als
derer, welche Kunstwerke in Kleinodien entwerfen und ausfahren lassen, was er
allerdings als die hchste Spitze seines Berufes ansehen wrde. Dazu komme noch,
da mancher, der Kunstsinn habe, von der Schnheit der Steine sich gefangen
nehmen lasse, und zuletzt nichts begehre als diese einzige Schnheit. In dem
letzten Grunde hatte mein Freund ganz besonders recht; denn je mehr ich selber
die Steine betrachtete, je mehr ich mit ihnen umging, eine desto grere Macht
bten sie auf mich, da ich begriff, da es Menschen gibt, welche blo eine
Edelsteinsammlung ohne Fassung anlegen und sich daran ergtzen. Es liegt etwas
Zauberhaftes in dem feinen samtartigen Glanze der Farbe der Edelsteine. Ich zog
die farbigen vor, und so sehr die Diamanten funkelten, so ergriff mich doch mehr
das einfache, reiche, tiefe Glhen der farbigen.
    Meinen Beruf, den ich im Sommer bei Seite gesetzt hatte, nahm ich wieder
auf. Ich machte mir gleichsam Vorwrfe, da ich ihn so verlassen und mich einem
planlosen Leben hatte hingeben knnen. Ich tat das, wozu der Winter gewhnlich
ausersehen war, und setzte die Arbeiten der vorigen Zeiten fort. Das Regelmige
der Beschftigung bte bald seine sanfte Wirkung auf mich; denn was ich trotz
der freudigen Stimmung, in welcher ich aus meinen Erringungen in der Kunst und
in der Wissenschaft war, doch Schmerzliches in mir hatte, das wich zurck und
mute erblassen vor der festen, ernsten, strengen Beschftigung, die der Tag
foderte, und die ihn in seine Zeiten zerlegte.
    Ich besuchte auch, wie im vergangenen Winter, meine Kreise, dann Musik- und
Kunstanstalten.
    Da das alles vereinigt werden konnte, mute eine genaue Zeiteinteilung
gemacht werden, und ich mute die Zeit richtig verwenden. Dazu war ich wohl von
Kindheit an gewhnt worden, ich stand sehr frh auf, und hatte manches fr den
Tag schon an der Lampe fertig gemacht, wenn die allgemeine Frhstunde in unserm
Hause heran rckte und man sich zu dem Frhmahle versammelte. Dazu brauchte ich
nicht viel Schlaf und konnte manche Stunde von der beginnenden Nacht nehmen. Die
Ttigkeit strkte, und wenn ein Schwung und eine Erhebung in meinem Wesen war,
so wurde der Schwung und die Erhebung durch die Ttigkeit noch klarer und
fester.
    Einer meiner ersten Gnge war nach meiner Zurckkunft zu der Frstin, um
mich ihr vorzustellen. Sie war selber erst vor wenigen Tagen von ihrem
Lieblingslandsitze in die Stadt zurckgekehrt und noch nicht recht heimisch. Sie
empfing mich sehr freundlich wie immer, und fragte mich um meine Beschftigungen
whrend des Sommers. Ich konnte ihr nicht viel sagen, und erzhlte ihr auer den
Messungen, die ich am Lautersee vorgenommen hatte, von meinen Kunstbestrebungen,
meiner Kunstneigung und meiner Liebe zu den Dichtungen. Von den besonderen
Verhltnissen zu meinem Gastfreunde erwhnte ich nur das Allgemeine, weil ich es
fr anmaend gehalten htte, einer alten, wrdigen Frau, deren Beziehungen
ausgebreitet und inhaltsreich waren, unaufgefodert Einzelheiten von meinem Leben
mitzuteilen. Sie ging auch nicht nher darauf ein, dafr verweilte sie desto
eifriger bei der Kunst und bei den Dichtern. Sie fragte mich, was ich gelesen
htte, wie ich es aufgefat htte, und was ich darber dchte. Sie zeigte sich
hiebei mit allen den Werken bekannt, welche ich ihr nannte, nur hatte sie das
Griechische, von dem ich ihr erzhlte, blo in der bersetzung gelesen. Sie ging
im allgemeinen auf die Gegenstnde ein, und verweilte bei manchem einzelnen ganz
besonders. Unsere Ansichten trafen oft zusammen, oft gingen sie auch
auseinander, und sie suchte ihre Meinung zu begrnden, was mir zum mindesten
immer manche neue Gesichtspunkte gab. In Bezug auf die Kunst verlangte sie, da
ich ihr einige Zeichnungen und Malereien zeigen mchte, deren Wahl ich selber
vornehmen knne, wenn ich schon nicht alle vor ihre Augen bringen wollte. Ich
sagte, da alle wohl zu viel wren, namentlich, da ich in erster Zeit so viele
blo naturwissenschaftliche Zeichnungen gemacht habe, und da ich selber die
Grnze nicht angeben knne, wo die naturwissenschaftlichen Zeichnungen in die
knstlerisch angelegten bergingen. Ich wrde aus allen Zeitabschnitten etwas
auswhlen und es ihr bringen. Es wurde ein Tag bestimmt, an welchem ich zur
Mittagszeit zu ihr kommen sollte.
    Ich kam an dem Tage, es war niemand als die Vorleserin zugegen, und es wurde
der Befehl gegeben, niemanden vorzulassen; denn ihr allein htte ich ja die
Zeichnungen gebracht, nicht jedem fremden Auge, das dazu kme. Sie sah alle
Bltter an und billigte alle, besonders erregten naturwissenschaftliche
Pflanzenzeichnungen ihre Aufmerksamkeit, weil sie sich viel mit Pflanzenkunde
beschftigt hatte, noch jetzt Anteil an dieser Wissenschaft nahm, und sie
besonders bei ihren Landaufenthalten pflegte. Sie freute sich an der Genauigkeit
der Abbildungen, und sagte mir ganz richtig, welche den Urbildern am meisten
entsprchen. Nach diesen Pflanzenzeichnungen sagten ihr am meisten die der Kpfe
zu. An den landschaftlichen Versuchen mochte ihr die Einseitigkeit aufgefallen
sein, da sie gewi eine Kennerin landschaftlicher Bildungen war, weil sie sehr
gerne im Sommer einige Wochen an irgend einer der schnsten Stellen unseres
Landes verweilte. Sie uerte sich aber in dieser Richtung nicht. Von den Kpfen
sagte sie, da man auf diese Weise eine ganze Sammlung merkwrdiger Menschen
anlegen knnte. Ich erwiderte, darauf sei ich nicht ausgegangen, ich knnte auch
nicht so leicht beurteilen, wer ein merkwrdiger Mensch sei. Es habe mir nur, da
ich lange Zeit Gegenstnde der Natur gezeichnet hatte, eingeleuchtet, da das
menschliche Antlitz der wrdigste Gegenstand fr Zeichnungen sei, und da habe
ich die Versuche begonnen, es in solchen auszudrcken. Ich habe anfangs dabei
unwissend fast immer die Richtung von Naturzeichnungen verfolgt, bis sich mir
etwas Hheres zeigte, dessen Darstellung darber hinausgeht, das uns erst die
Zge und Mienen recht menschlich macht, und dessen Vergegenwrtigung ich nun
anstrebe, in Ungewiheit, ob es gelingen werde oder nicht.
    Sie fragte auch nach denjenigen von meinen wissenschaftlichen Bestrebungen,
die ich im Zusammenhange aufgeschrieben habe, und lie den Wunsch blicken, etwas
Zusammengehriges zu erfahren. Die Geschichte, wie unsere Erde entstanden sei,
und wie sie sich bis auf die heutigen Tage entwickelt habe, mte den grten
Anteil erwecken. Ich entgegnete, da wir nicht so weit seien, und da ich am
wenigsten zu denen gehre, welche einen ergiebigen Stoff zu neuen Schlssen
geliefert haben, so sehr ich mich auch bestrebe, fr mich und, wenn es angeht,
auch fr andere so viel zu frdern, als mir nur immer mglich ist. Wenn sie
davon und auch von dem, was andere getan haben, Mitteilungen zu empfangen
wnsche, ohne sich eben in die vorhandenen wissenschaftlichen Werke vertiefen
und den Gegenstand als eigenen Zweck vornehmen zu wollen, so werde sich wohl
Zeit und Gelegenheit finden. Sie zeigte sich zufrieden, und entlie mich mit
jener Gte und Anmut, die ihr so eigen war.
    Seit dieser Zeit verwandelte sich mein Verhltnis zu ihr in ein anderes. Da
ich nun einmal unter Tags in ihrer Wohnung gewesen war, geschah dies fter,
entweder, wenn wir Werke oder Abbildungen anzuschauen hatten, wozu das Licht der
abendlichen Lampen nicht ausreichend gewesen wre, oder wenn sie mich zu
Gesprchen einladen lie, die dann gewhnlich zwischen ihr, ihrer
Gesellschafterin und mir vorfielen - selten geschah es, da einer ihrer Shne
gelegentlich anwesend war oder eine Enkelin oder jemand von ihren nheren
Anverwandten -, und bei denen meistens die Geschichte der Erde oder etwas in die
Naturlehre Einschlgiges der Gegenstand war. fter machte ich auch selber einen
kurzen Besuch, um mich um den Zustand ihrer Gesundheit zu erkundigen. Auch die
Abende kamen in Bezug auf mich in eine andere Gestalt. Da wir einmal von
Dichtungen geredet hatten, mit denen ich mich in der letzten Zeit beschftigte,
und da gerade diese Dichtungen aus einer vergangenen Zeit stammten, die nichts
mit den Tageserzeugnissen gemein hatte, da die Frstin sich in ihren jetzigen
Jahren mit diesen Dingen nicht beschftigte, und die Zeit schon ziemlich weit
hinter ihr lag, in der sie Kenntnis von solchen Werken genommen hatte: so wurde
beschlossen, wieder das eine oder das andere vorzunehmen und es gemeinschaftlich
zu genieen. Das geschah an Abenden, und ich mute oft die Pflicht des Vorlesers
bernehmen, besonders wenn die Gesellschaft nicht zahlreich war, was sich gerne
an Abenden ereignete, in denen Dichtungen vorgenommen wurden. In diese Pflicht
geriet ich bei Gelegenheit der Vornahme einiger spanischen Romanzen. Die
Frstin, die Gesellschafterin, ich und noch ein Mann, welcher zugegen war,
verstanden schlecht spanisch; doch war beschlossen worden, die Romanzen in
spanischer Sprache zu lesen. Das Vorlesen wurde mir aufgetragen, und wie
schlecht oder gut es ging, wir verstanden doch mit eingemischten Erklrungen und
mit gelegentlichen Gesprchen in unserer Muttersprache zuletzt die Romanzen.
Nach diesem Vorgange mute ich nun auch fter in deutscher Sprache vorlesen, und
es geschah nicht selten, da ich um meine Meinung ber Teile des Gelesenen
befragt wurde, und da man eine Erklrung verlangte. Dies wurde um so mehr der
Fall, als wir uns auch ber Abteilungen aus Cervantes und Calderon wagten. In
andern Sprachen, besonders im Italienischen des Dante und Tasso, las sehr gerne
die Gesellschafterin der Frstin. Das Alte aus dem Griechischen es wurde nur die
Ilias und Odysseus, dann einiges aus schylos vorgenommen - mute ich ganz
allein in deutscher bersetzung vorlesen. Es wurde da auch sehr viel ber das
uralte gesellschaftliche Leben der Griechen, ber ihre huslichen Einrichtungen,
ber ihren Staat, ihre Kunst und ber die Gestalt und Beschaffenheit ihres
Landes und ihrer Meere gesprochen. Ich wurde zu diesen Beschftigungen in diesem
Winter weit fter zu der Frstin eingeladen, als es frher der Fall gewesen war.
Der Frhling und die Zeit, in welcher man wieder den Landaufenthalt zu suchen
pflegt, kam uns zu frh, wir verabredeten noch, was wir in dem nchsten Winter
vorzunehmen gedchten, und die Frstin beurlaubte mich mit vieler und sehr
gewinnender Freundlichkeit.
    Die Beschftigungen im Kreise unserer Familie bestanden jetzt in sehr
hufigen Gesprchen zwischen dem Vater und mir ber die Kunst und ber Bcher.
Er erzhlte mir, wie er dazu gekommen wre, Bilder lieb zu gewinnen und sich
Bilder zu sammeln. Er kam hiebei auf seine Jugend, und da er in einer
freudigeren und erregteren Stimmung war als sonst, so erzhlte er mir
ausfhrlich, wie er dieselbe verlebt habe. Er stellte mir dar, wie er sich die
Mittel, um etwas lernen zu knnen, selber habe verschaffen mssen, und wie ihm
sein lterer Bruder, der ein sehr begabter Mensch gewesen wre, hierin zwar ein
wenig, aber in der Tat sehr wenig habe beistehen knnen, weil er sich selbst
alles habe herbei schaffen mssen und nur um wenige Jahre lter gewesen sei.
Nach Anweisung vernnftiger Menschen habe er zu lesen begonnen, und manchen
freien Tag in seiner Lehrzeit habe er in seiner Kammer bei den Bchern
zugebracht. Er habe, da er frei wurde und teils in unserer Stadt, teils in den
ersten Handelspltzen Europas Dienste tat, die Bekanntschaft von Knstlern
gemacht, habe sie in ihren Arbeitsstuben besucht, habe ber die Art zu malen
sich Kenntnisse gesammelt, und sei mit diesen Kenntnissen in die berhmtesten
Bildersammlungen der grten Stdte gegangen. Hiebei sei es ihm widerfahren, da
er zweimal im Lernen habe von vorne anfangen mssen. So sei es ihm in Rom, wohin
er sich von Triest aus begeben hatte, um dort ein halbes Jahr fr sich selber zu
leben, klar geworden, da er gar nichts wisse. Er habe wieder unverdrossen
angefangen, und von Rom schreibe sich seine Liebe fr alte Bilder her. Sein
Bruder habe den Weg durch die Staatsschulen gemacht, und da er ihn sehr liebte,
habe er von ihm auch die Liebe zu den alten Sprachen angenommen. In seinen
Diensten habe er mehr freie Zeit gehabt, als da er noch lernte, und diese Zeit
habe er zu seinen Lieblingsneigungen angewendet. Mit einem alten Abte, der die
Verwaltung seines Klosters abgegeben hatte und seine wrdevolle Mue, wie er
sich ausdrckte, im Winter in unserer Stadt geno, habe er alte Dichter und
Geschichtschreiber gelesen. Der Abt sei ein groer Freund der alten Schriften
gewesen, habe bei ihm Neigung zu diesen Dingen entdeckt, und sei ihm mit seinen
Kenntnissen beigestanden. Er habe sehr oft im Zimmer des Abtes laut aus den
sogenannten Klassikern lesen mssen. Die Bekanntschaft desselben habe er bei
seinem Dienstherrn in unserer Stadt gemacht, in dessen Hause dem Abte, der einst
Lehrer dieses Dienstherrn gewesen sei, jhrlich ein oder zwei Male ein Fest
gegeben wurde. Der Dienstherr, der letzte, bei dem sich mein Vater befunden, sei
ein Ehrenmann gewesen, der seinen Leuten nicht nur Gelegenheit verschafft habe,
etwas lernen zu knnen, indem er sie zu den vorkommenden Reisen bentzte, auf
denen sie Geschftsfreunde, Handelsverbindungen, Verkehrswege und dergleichen
kennen lernten, sondern der ihnen auch Zeit gnnte, selber, wenn sie nicht die
Mittel zu groen Geschftsanlagen besaen, mit kleinen Anfngen zu greren
Unternehmungen und zu endlicher Selbststndigkeit schreiten zu knnen. So habe
auch der Vater mit kleinen Ersparnissen begonnen, habe sich aus gedehnt, und sei
endlich, da die Anfnge unter den Flgeln seines Herrn geschehen seien, mit
dessen Untersttzung ein selbststndiger Kaufmann geworden. Was er zu
Vergngungen htte verwenden knnen, habe er bei Seite gelegt, und habe sich
entweder ein Buch oder ein Kunstwerk gekauft, oder habe eine Reise zu seiner
Belehrung gemacht. Da sich seine Verbindungen mehrten und stets ergiebiger zu
werden versprachen, habe er meine Mutter kennen gelernt und ihre Hand gewonnen.
Sie habe eine nicht unbetrchtliche Mitgift in das Haus gebracht, und so sei
gemeinschaftlich der Grund gelegt worden, da wir Kinder nun nicht nur frei und
unabhngig bei unsern Eltern in ihrem eigenen Hause leben knnen, sondern auch
fr die Zukunft einen Notpfennig zu erwarten htten, und da er selber sich mit
manchem habe umringen knnen, was ihm die sanfte Neigung seines Herzens ge boten
habe, und was ihm als Erheiterung und nach der Liebe seiner Gattin und der
Wohlgeratenheit seiner Kinder auch als Lohn seines Alters dienen werde. Der be
tagte Abt habe ihn als seinen letzten Schler noch ge traut, und sei bald darauf
gestorben. Mit der jungen Frau habe er dreimal seine alten Eltern, welche fern
in einem waldigen Lande von einer wenig ergiebigen Feldwirtschaft lebten,
besucht, sie seien dann kurz darauf eins nach dem andern gestorben. Sein edler
Dienstherr habe uns noch aus der Taufe gehoben, sei dann von den Geschften
zurck getreten, habe bei seinem einzigen Kinde, einer Tochter, die an einen
angesehenen Gterbesitzer verheiratet war, gelebt, und sei bei ihr auch endlich
gestorben. So haben sich alle Verhltnisse gendert. Das heimatliche Waldhaus
mit der geringen Feldwirtschaft habe er und sein Bruder einer Schwester
geschenkt, diese sei ohne Kinder gestorben, und da weder er noch der Bruder das
Haus bewirtschaften konnten, so haben sie eingewilligt, da es an einen
entfernten Verwandten falle. Der Bruder sei whrend unserer Unmndigkeit
gestorben, eben so die Groeltern von mtterlicher Seite, und endlich ein
Grooheim von eben dieser Seite, der uns Kinder zu Erben eingesetzt, und da die
Mutter keine Geschwister gehabt habe, so seien wir nun allein, und so sei keine
Verwandtschaft weder von vterlicher noch von mtterlicher Seite brig. Er habe
die Liebe, welche ihm durch den Tod seiner Angehrigen, denen er, besonders dem
Bruder, eine treue Erinnerung weihe, anheimgefallen sei, an die Mutter und uns
bertragen, sein Haus sei nun sein Alles, und wir zwei, die Schwester und ich,
sollten verbunden bleiben und sollten in Neigung nicht von einander lassen,
besonders wenn auch wir allein sein und er und die Mutter im Kirchhofe
schlummern wrden.
    Diese Ermahnung zur Liebe war nicht ntig; denn da wir, die Schwester und
ich, uns mehr lieben knnten, als wir taten, schien uns nicht mglich, nur die
Eltern liebten wir beide noch mehr, und wenn eine Anspielung darauf gemacht
wurde, da sie uns einst verlassen sollten, so betrbte uns das auerordentlich,
und wohin wir die Liebe, die uns dann zurckfallen sollte, wenden wrden, wuten
wir sehr wohl, wir wrden sie an gar nichts wenden, sie wrde von selber ber
die Grabhgel hinaus gegen die verstorbenen Eltern bis an unser Lebensende
fortdauern.
    Die andern Vorkommnisse, die zwar auch in unserer Familie, aber nicht in ihr
allein, sondern zugleich in Gesellschaft von geladenen Menschen vorfielen, waren
mir nicht so angenehm als in frheren Zeiten, ja sie waren mir eher widerwrtig
und dnkten mir Zeitverlust. Sie bestanden beinahe gleichmig wie in frheren
Jahren aus abendlichen Kreisen, in denen gesprochen wurde, oder aus
Gesellschaften, in denen etwas Musik oder gar Tanz vorkam. An dem letzteren nahm
ich gar keinen Teil, und die Schwester, welche, wie ich schon seit lnger
wahrnahm, schier alle meine Neigungen teilte, tat es sehr wenig, und flchtete
an solchen Abenden sehr gerne zu mir. Ich hatte die Leute, darunter aber
vorzglich die jungen welche bei solchen Gelegenheiten zu uns kamen, schon genau
kennen gelernt, und wenn ich in frherer Zeit eine Scheu, ja sogar eine gewisse
Gattung von Ehrfurcht vor ihnen gehabt hatte, so war dies jetzt nicht mehr der
Fall; ich hatte durch Nachdenken und durch Erfahrungen im Umgange mit andern
Menschen einsehen gelernt, da das, wovor ich besonders eine Scheu hatte,
nmlich ihre Sicherheit und Vornehmheit, nur ein Ding ist, welches man lernt,
wenn man sehr viel in solchen Gesellschaften ist, wie sie bei uns waren, und
wenn man in diesen Gesellschaften viel spricht und in den Vordergrund tritt. Und
da dieses Ding nicht schwer zu erlernen ist, sah ich daraus, da es solche inne
hatten, deren Geisteskrfte hoch zu achten ich nicht veranlat war. Meine
Erfahrungen an Menschen hatte ich aber nicht blo in hohen Stnden gemacht,
sondern auch in niedern, und in diesen zwar nicht in der Stadt, sondern bei
Gebirgsbewohnern und Landbebauern. In hohen Stnden sah ich junge Leute,
namentlich bei der Frstin war das der Fall, welche jenes Benehmen, das mir
sonst so hoch ber mir schien, nicht hatten, sondern sich einfach und wenig
vortretend gaben, hflich und nicht linkisch waren, und an das Wort, das ich
fter in meiner Jugend gehrt, aber falsch verstanden hatte, ein junger Mann von
guter Erziehung erinnerten. In den untern Stnden habe ich manchen Mann kennen
gelernt, der, wenn er vor solchen stand, die er fr hher erachtete als sich
selbst, nicht die Mhe bernahm, auch hher in seinem Benehmen sein zu wollen,
sondern der ruhig so sprach, wie er die Sache verstand, und ruhig die Rede
anhrte, die ihm ein anderer erwiderte. Dieser Mann schien mir auch von hherer
Erziehung als die, welche viele Arten des Benehmens wissen und ersichtlich
machen. Ein gltiges Beispiel gab mein Gastfreund, der noch einfacher war als
jene Mnner, von denen ich sagte, da ich sie bei der Frstin gesehen habe, und
dessen Rede und Tun so klare Achtung erzeugten. Selbst sein Anzug, der anfangs
auffiel, stimmte zu allem. Auch Eustach, Gustav aber ganz gewi, standen im
entschiedenen Vorzuge vor meinen Gesellschaftsleuten. Weil ich nun diese
Menschen sehr gut kannte, und weil sie mir keine hohe Rcksichtnahme mehr
einflten, war es mir unersprielich, mit ihnen zu sein, und es erschien mir,
da ich die Zeit besser wrde bentzen knnen. Aber auch die Erfahrungen in
dieser Hinsicht mochte mein Vater fr ntzlich gehalten haben. Ich machte sie
nur an jungen Mnnern. ber Mdchen konnte ich ein Urteil gar nicht sagen, weil
ich sehr wenig mit ihnen sprach, und weil mich natrlich keine in meiner
Zurckgezogenheit aufsuchen konnte. Bei lteren Leuten, Mnnern wie Frauen, kam
mir oft jemand entgegen, dem ich Achtung zollen mute; aber auch zu alten Leuten
wie zu Mdchen konnte ich mich nicht drngen. Unter denen, welchen ich mehr
zugetan war, stand der Sohn des Juwelenhndlers oben an, ich war ihm wirklich in
der eigentlichen Bedeutung ein Freund. Wir brachten auer unseren
Kleinodienlehrstunden manche Zeit mit einander zu, wir besprachen verschiedene
Dinge, und lasen auch mitunter kleine Abschnitte von Schriften mit einander, die
wir gemeinschaftlich achteten. Seine Eltern waren sehr liebenswrdig und fein.
Der junge Breporn war mir auch nicht unangenehm. Er sprach noch fter von der
schnen Tarona, und bedauerte sehr, da sie auf weite Reisen gegangen und daher
gar nicht in die Stadt gekommen sei, weswegen er mir sie nie habe zeigen knnen.
An den eigentlichen Vergngungen, die junge Mnner unter sich anstellten, nahm
ich nur ungemein selten Teil. Da ich ber auch berhaupt viel weniger mit
Mnnern meines Alters umging, und nicht, wie es bei vielen jungen Leuen in
unserer Stadt der Gebrauch ist, Tage mit ihnen zubrachte und dies fter
wiederholte, rhrte daher, da ich viele Beschftigungen hatte, und da mir
daher zu wenig eit brig blieb, sie auf anderes zu verwenden. Am liebsten war es
mir, wenn ich mit meinen Angehrigen allein war.
    Ich ging nach dem Winter ziemlich spt im Frhlinge auf das Land. So
erfreulich der letzte Sommer fr mich gewesen war, so sehr er mein Herz gehoben
hatte, so war doch etwas Unliebes in dem Grunde meines Innern zurck geblieben,
was nichts anders schien als das Bewutsein, da ich in meinem Berufe nicht
weiter gearbeitet habe und einer planlosen Beschftigung anheim gegeben gewesen
sei. Ich wollte das nun einbringen und den grten Teil des Sommers einer festen
und angestrengten Ttigkeit weihen. Ich nahm alle Gerte und Werke mit, welche
ich zur Fortsetzung meiner Arbeiten brauchte. Freie Stunden, die nach genauer
Zeiteinteilung brig blieben, wollte ich dann meinen Lieblingsdingen widmen.
    Ich kam in das Ahornwirtshaus, und bestellte mir dahin auch die Leute, die
ich verwenden wollte, wenn sie sich nmlich bereit erklrten, mir in entferntere
Teile der Gebirge zu folgen, wohin mich heuer meine Arbeiten fhren wrden. Der
alte Kaspar wollte mit gehen, zwei andere auch, und so hatte ich genug. Ich
erkundigte mich nach meinem Zitherspiellehrer, er war fort und so gut wie
verschollen. Kein Mensch wute etwas von ihm. Ich ging in das Rothmoor, um
nachzusehen, wie weit die Marmorarbeiten gediehen waren. Sie wurden heuer
fertig, und ich konnte sie im Herbste nach Hause bringen lassen. Da das
geschehen war, verlie ich fr diesen Sommer das Ahornwirtshaus, in welchem ich
nun so lange gewohnt hatte, um mich in die Bergabteilung zu begeben, die ich
durchforschen wollte. Ich ging mit einem wehmtigen Gefhle von dem Hause fort.
    An einer Stelle, wo das Gebirge weit verzweigt und wild verflochten, aber
desohngeachtet bei weitem nicht so schn war wie das, welches ich verlassen
hatte, setzte ich mich wie in einem Mittelpunkte meiner Bestrebungen fest. Ich
vermite das heitere, fensterschimmernde Ahornhaus, ich vermite das ganze Tal,
in dem ich beinahe heimisch geworden war. In einem Hause, das an der ffnung
dreier Tler lag und mir daher den geeignetesten Platz abgab, mietete ich mich
ein. Schwarzer Tannenwald sah auf meine Fenster, schritt an den Bchen, welche
aus den drei Tlern kamen, neben feuchten Wiesen und andern offnen Stellen in
die Talgrnde hinein, und zog sich auf die Berge. Die hheren Kuppen oder gar
die Schneeberge konnte man wegen der Enge des Tales ber den finstern Tannen
nicht sehen. Das mochte auch die Ursache sein, da das Haus und die mehreren in
den Waldlehnen zerstreuten und an den Bchen hingehenden Htten die Tann hieen.
Mauern, mit grnem Moose bewachsen, bildeten mein Haus und grenzten an ein
zerfallenes Grtchen, in welchem wenig mehr als Schnittlauch wuchs. Auf der
Gasse war der Boden schwarz, und dieselbe Schwrze zog sich in das Gras hinein;
denn das einzige, welches hufig an diesem Wirtshause ankam und da hielt, damit
sich Menschen und Tiere erquickten, waren Kohlenfuhren. In dem ganzen bei
nherer Besichtigung sich als ungeheuer zeigenden Waldgebiete waren die
Kohlenbrennereien zerstreut, und ganze Zge von den schwarzen Fuhrwerken und den
schwarzen Fuhrmnnern zogen die dstere Strae hinaus, um die Kohlen gegen die
Ebenen zu bringen, von wo sie sogar bis in unsere Stadt befrdert wurden. Nur
ein einziges Zimmer mit kleinen Fenstern und eisernen Kreuzen daran konnte ich
haben. In demselben war ein Tisch, zwei Sthle, ein Bett und eine bemalte Truhe,
in die ich Kleider und andere Dinge legen konnte. Fr meine greren Kisten
wurde mir ein Verschlag in einem Schoppen eingerumt. Kaspar und die andern
schliefen, wenn wir uns in dem Hause befanden, in der Scheuer im Heu. Ich lie
mein Gepcke grtenteils in meinen Koffern, hing nur das Ntige an Ngel, die
in dem Zimmer waren, legte meine Schreibgerte, meine wissenschaftlichen Bcher
und meine Dichter auf den Tisch, fllte das Bettgestelle mit meinen von Hause
mitgebrachten Bettstcken, stellte meine Bergstcke in eine Ecke, und war
eingerichtet. Die Sonne, welche am spten Vormittage bei einem Fenster meines
Zimmers hereinkam, streifte am Nachmittage das andere, um bald die Spitzen der
Tannen zu vergolden und zu verschwinden. Ich war in manchen hnlichen Herbergen
schon gewesen, war daran gewhnt, fgte mich, und wurde mit dem Wirte, der
Wirtin und einer rhrigen Tochter, einfachen, gutmtigen Leuten, die einen
kleinen Gedankenkreis hatten, bald bekannt. Sonst kam noch manches Mal ein
Gebirgsjger, ein seltener Wandersmann oder ein Hausierer in das Tannwirtshaus.
Die grte Zahl der Gste bestand auer den Kohlenfhrern in Holzknechten,
welche in den groen Wldern zerstreut waren, und welche gerne an Samstagen oder
an Tagen vor groen Festen heraus kamen, um zu den Ihrigen zu gehen. Da
verweilten sie denn nun nicht selten gerne ein wenig in dem Tannwirtshause, um
sich ein Gutes zu tun. Die Hauptbeschftigung aller Bewohner der Tann war die
Holzarbeit, und ihr Hauptreichtum waren Khe und Ziegen, welche tglich in die
Wlder gingen, und von welchen die jngeren den ganzen Sommer hindurch auf der
Hhe der Waldungen und der Holzschlge blieben.
    Von diesem Hause aus fingen wir nun an, unsere Beschftigungen zu betreiben.
Durch die langen und weithingestreckten Waldungen ging unser Hammer, und die
Leute trugen die Zeugen der verschiedenen Bodenbeschaffenheiten, auf denen die
ausgedehnten Waldbestnde wuchsen, in der Gestalt der mannigfaltigen Gesteine in
die Tann. Wenn auch von unserem Gasthause aus die Felsenberge oder gar das Eis
nicht zu erblicken waren, so waren sie darum nicht weniger vorhanden. Weil hier
alles groartiger war, da wir uns tiefer im Gebirge und nher seinem Urstocke
befanden, so dehnten sich auch die Wlder in mchtigeren Anschwellungen aus, und
wenn man durch eine Reihe von Stunden in dem dunkeln Schatten der feuchten
Tannen und Fichten gegangen war, so wurden endlich ihre Reihen lichter, ihr
Bestand minderte sich, erstorbene Stmme oder solche, die durch Unflle zerstrt
worden waren, wurden hufiger, das trockene Gestein mehrte sich, und wenn nun
freie Pltze mit kurzem Grase oder Sandgrie oder Knieholz folgten, so sah man
dmmerige Wnde in riesigen Abmessungen vor den Augen stehen, und blitzende
Schneefelder waren in ihnen, oder zwischen auseinanderschreitenden Felsen
schaute ein ganz in Wei gehllter Berg hervor. Die Gesteinwelt folgte nun in
noch greren Ausdehnungen auf die Waldwelt. Uns fhrte unsere Absicht oft aus
der Umschlieung der Wlder in das Freie der Berge hinaus. Wenn die Bestandteile
eines ganzen Gesteinzuges ergrndet waren, wenn alle Wsser, die der Gesteinzug
in die Tler sendet, untersucht waren, um jedes Geschiebe, das der Bach fhrt,
zu betrachten und zu verzeichnen, wenn nun nichts Neues nach mehrfacher und
genauer Untersuchung sich mehr ergab, so wurde versucht, sich des Zuges selbst
zu bemchtigen und seine Glieder, so weit es die Macht und Gewalt der Natur
zulie, zu begehen. In die wildesten und abgelegensten Grnde fhrte uns so
unser Plan, auf die schroffsten Grate kamen wir, wo ein scheuer Geier oder
irgend ein unbekanntes Ding vor uns aufflog, und ein einsamer Holzarm
hervorwuchs, den in Jahrhunderten kein menschliches Auge gesehen hatte; auf
lichte Hhen gelangten wir, welche die ungeheure Wucht der Wlder, in denen
unser Wirtshaus lag, und die angebauteren Gefilde drauen, in denen die Menschen
wohnten, wie ein kleines Bild zu unsern Fen legten. Meine Leute wurden immer
eifriger. Wie berhaupt der Mensch einen Trieb hat, die Natur zu besiegen und
sich zu ihrem Herrn zu machen, was schon die Kinder durch kleines Bauen und
Zusammenfgen, noch mehr aber durch Zerstren zeigen, und was die Erwachsenen
dadurch dartun, da sie die Erde nicht nur zur nahrungsprossenden machen, wie
der Dichter des Achilleus so oft sagt, sondern sie auch vielfach zu ihrem
Vergngen umgestalten, so sucht auch der Bergbewohner seine Berge, die er lieb
hat, zu zhmen, er sucht sie zu besteigen, zu berwinden, und sucht selbst dort
hinan zu klettern, wohin ihn ein weiterer wichtigerer Zweck gar nicht treibt.
Die Erzhlung solcher bestandener Zge bildet einen Teil der Wrze des Lebens
der Bergbewohner. Meine Leute waren in einer gesteigerten Freude und Empfindung,
wenn wir mit dem Hammer und Meiel teils Stufen in die glatten Wnde schlugen,
teils Lcher machten, unsere vorrtigen Eisen eintrieben, auf solche Weise
Leitern verfertigten, und auf einen Standort gelangten, auf den zu gelangen eine
Unmglichkeit schien. Wir kamen oft eine Reihe von Tagen nicht in unser
Tannwirtshaus hinab.
    Ich suchte auch gerne auf die Gipfel hoher Berge zu gelangen, wenn mich
selbst eben meine Beschftigung nicht dahin fhrte. Ich stand auf dem Felsen,
der das Eis und den Schnee berragte, an dessen Fu sich der Firnschrund befand,
den man hatte berspringen mssen, oder zu dessen berwindung wir nicht selten
Leitern verfertigten und ber das Eis trugen, ich stand auf der zuweilen ganz
kleinen Flche des letzten Steines, oberhalb dessen keiner mehr war, und sah auf
das Gewimmel der Berge um mich und unter mir, die entweder noch hher mit den
weien Hrnern in den Himmel ragten und mich besiegten, oder die meinen Stand in
anderen Luftebenen fortsetzten, oder die einschrumpften und hinab sanken und
kleine Zeichnungen zeigten, ich sah die Tler wie rauchige Falten durch die
Gebilde ziehen und manchen See wie ein kleines Tfelchen unten stehen, ich sah
die Lnder wie eine schwache Mappe vor mir liegen, ich sah in die Gegend, wo
gleichsam wie in einen staubigen Nebel getaucht die Stadt sein mute, in der
alle lebten, die mir teuer waren, Vater, Mutter und Schwester, ich sah nach den
Hhen, die von hier aus wie blauliche Lmmerwolken erschienen, auf denen das
Asperhaus sein mute und der Sternenhof, wo mein lieber Gastfreund hauste, wo
die gute, klare Mathilde wohnte, wo Eustach war, wo der frhliche, feurige
Gustav sich befand, und wo Nataliens Augen blickten. Alles schwieg unter mir,
als wre die Welt ausgestorben, als wre das, da sich alles von Leben rege und
rhre, ein Traum gewesen. Nicht einmal ein Rauch war auf die Hhe hinauf zu
sehen, und da wir zu solchen Besteigungen stets schne Tage whlten, so war auch
meistens der Himmel heiter und in der dunkelblauen Finsternis hin eine endlosere
Wste, als er in der Tiefe und in den mit kleinen Gegenstnden angefllten
Lndern erscheint. Wenn wir hinab stiegen, wenn Kaspar hinter uns die Eisen aus
den Steinen zog und in den Sack tat, den er an einem Stricke um die Schultern
hngen hatte, wenn wir nun die Leiter ber den Firnschrund zurckzogen, oder im
Falle, da wir keine Leiter gebraucht hatten, ber den Spalt gesprungen waren,
so zeigte sich in dem Ernste von Kaspars harten Zgen oder in den Angesichtern
der andern, die uns begleiteten, eine gewisse Vernderung, so da ich schlo,
da der Stand, auf dem wir gestanden waren, einen Eindruck auf sie gemacht haben
mute.
    Die Stunden oder Tage, die ich mir von meiner Arbeit abdingen konnte, weil
ich Ruhe brauchte oder das Wetter mich hinderte, wendete ich zur Entwerfung
leichter Landschaftsgebilde an, und die Tiefe der Nacht wurde, ehe sich die
Augen schlossen, durch die groen Worte eines, der schon lngst gestorben war,
und der sie uns in einem Buche hinterlassen hatte, erhellt, und wenn die Kerze
ausgelscht war, wurden die Worte in jenes Reich mit hinber genommen, das uns
so rtselhaft ist, und das einen Zustand vorbildet, der uns noch unergrndlicher
erscheint.
    Wie in der jngstvergangenen Zeit konnte ich auch jetzt nicht mehr mit der
bloen Sammlung des Stoffes meiner Wissenschaft mich begngen, ich konnte nicht
mehr das Vorgefundene blo einzeichnen, da ein Bild entstehe, wie alles ber
einander und neben einander gelagert ist ich tat dieses zwar jetzt auch sehr
genau -, sondern ich mute mich stets um die Ursachen fragen, warum etwas sei,
und um die Art, wie es seinen Anfang genommen habe. Ich baute in diesen Gedanken
fort, und schrieb, was durch meine Seele ging, auf. Vielleicht wird einmal in
irgend einer Zukunft etwas daraus.
    Zur Zeit der Rosenblte machte ich einen Abschnitt in meinem Beginnen, ich
wollte mir eine Unterbrechung gnnen und den Asperhof besuchen.
    Ich lohnte meine Leute ab, gab ihnen das Versprechen, da ich sie in Zukunft
wieder verwenden werde, legte zu ihrem Lohne noch ein kleines Heimreisegeld, und
entlie sie. In dem Tannhause verpackte ich alles wohl, was mein Eigentum war,
berichtigte das, was ich schuldig geworden, sagte, da ich wieder kommen werde,
da man mir das Dagelassene unterdessen gut bewahren mge, und fuhr in einem
einspnnigen Gebirgswglein durch den tiefen Weg, der von dem rauschenden Bache
des Tannwirtshauses waldaufwrts fhrt, davon. Als ich die Heerstrae erreicht
hatte, sendete ich meinen Fuhrmann zurck, und whlte fr die weitere Fahrt
einen Platz im Postwagen. Die Strecke von der letzten Post zu meinem Freunde
legte ich zu Fue zurck. Fr Nachsendung meines Gepckes trug ich Sorge.
    Ich war spter gekommen, als ich eigentlich beabsichtigt hatte. In der
tiefen Abgeschiedenheit und in der hohen, khlen Lage der Tann hatte ich mich
ber das, was drauen geschah, getuscht. In dem freieren Lande war ein warmer
Frhling und ein sehr warmer Frhsommer gewesen, was ich in den Bergen nicht so
genau hatte ermessen knnen. Darum blhten schon die Rosen mit freudiger Flle
in allen Grten, an denen ich vorber kam. In schner Vollkommenheit schauten
die untadeligen Laubkronen meines Gastfreundes ber das dunkle Dach des Hauses
und standen an den beiden Flgeln des Gartengitters, als ich den Hgel hinan
stieg. Die Fenstervorhnge, welche teils ein wenig geffnet, teils der Hitze
willen geschlossen waren, laden mich gastlich ein, und der Schmelz des Gesanges
der Vgel und mancher lautere vereinzelte Ruf grte mich wie einen, der hier
schon lange bekannt ist.
    Da ich die Einrichtung des Gittertores kannte, drckte ich an der
Vorrichtung, der Flgel ffnete sich, und ich trat in den Garten.
    Mein Gastfreund war bei den Bienen. Ich erfuhr das von dem Grtner, welcher
der erste war, den ich zu sehen bekam. Er ordnete etwas an einem Geranienbeete
in der Nhe des Einganges. Ich schlug den Weg zu den Bienen ein. Mein Gastfreund
stand vor der Htte und erwartete das Erscheinen einer jungen Familie, die
schwrmen wollte. Er sagte mir dieses, als ich hinzutrat, ihn zu begren. Der
Empfang war beinahe bewegt, wie zwischen einem Vater und einem Sohne, so sehr
war meine Liebe zu ihm schon gewachsen, und eben so mochte auch er schon eine
Zuneigung zu mir gewonnen haben.
    Da er doch wohl von seinem Vorhaben nicht weggehen konnte, sagte ich, ich
wolle die andern auch begren, und er billigte es. Er hatte mir erzhlt, da
Mathilde und Natalie in dem Asperhofe seien.
    Ich ging gegen das Haus. Gustav hatte es schon erfahren, da ich da sei, er
flog die Treppe herunter und auf mich zu. Gru, Gegengru, Fragen, Antworten,
Vorwrfe, da ich so spt gekommen sei, und da ich in dem Frhlinge doch nicht
einige Tage bentzt habe, um in den Asperhof zu gehen. Er sagte, da er mir sehr
viel zu er zhlen habe, da er mir alles erzhlen wolle und da Ich recht lange,
lange da bleiben msse.
    Er fhrte mich nun zu seiner Mutter. Diese sa an einem Tische im Gebsche
und las. Sie stand auf, da sie mich nahen sah, und ging mir entgegen. Sie
reichte mir die Hand, die ich, wie es in unserer Stadt Sitte war, kssen wollte.
Sie lie es nicht zu. Ich hatte wohl schon frher bemerkt, da sie nicht zugab,
da ihr die Hand gekt werde; aber ich hatte in dem Augenblicke nicht daran
gedacht. Sie sagte, da ich ihr sehr willkommen sei, da sie mich schon frher
erwartet habe, und da ich nun eine nicht zu kurze Zeit meinen hiesigen Freunden
schenken msse. Wir gingen unter diesen Worten wieder zu dem Tische zurck, auf
den sie ihr Buch gelegt hatte, und sie hie mich an ihm Platz nehmen. Ich setzte
mich auf einen der dastehenden Sthle. Gustav blieb neben uns stehen. Ihr
Angesicht war so heiter und freundlich, da ich meinte, es nie so gesehen zu
haben. Oder es war wohl immer so, nur in meiner Erinnerung war es ein wenig
zurck getreten. Wirklich, so oft ich Mathilden nach lngerer Trennung sah,
erschien sie mir, obwohl sie eine alternde Frau war, immer lieblicher und immer
anmutiger. Zwischen den Fltchen des Alters und auf den Zgen, welche auf eine
Reihe von Jahren wiesen, wohnte eine Schnheit, welche rhrte und Zutrauen
erweckte. Und mehr als diese Schnheit war es, wie ich wohl jetzt erkannte, da
ich so viele Angesichter so genau betrachtet hatte, um sie nachzubilden, die
Seele, welche gtig und abgeschlossen sich darstellte und auf die Menschen, die
ihr naheten, wirkte. Um die reine Stirne zog sich das Wei der Haubenkrause, und
hnliche weie Streifen waren um die feinen Hnde. Auf dem Tische stand ein
Blumentopf mit einer dunkeln, fast veilchenblauen Rose. Sie lehnte sich in dem
Rohrstuhle, auf dem sie sa, zurck, faltete die Hnde auf ihrem Schoe und
sagte: Wir werden in dem Sternenhofe ein kleines Fest feiern. Ihr wit, da wir
begonnen haben, die Tnche, womit die groen Steinflchen, die die Mauern unsers
Hauses bekleiden, in frheren Jahren berstrichen worden sind, wegzunehmen, weil
unser Freund meinte, da dieselbe das Haus entstelle, und da es sich weit
schner zeigen wrde, wenn sie weggenommen und der bloe Stein sichtbar wre.
Heuer ist nun die ganze vordere Flche des Hauses fertig geworden! die Gerste
werden eben abgebrochen, und da werden, wenn die Spuren auch auf dem Boden vor
dem Hause vertilgt sind, wenn der Sand geebnet ist, wenn der Rasen gereinigt und
gewaschen ist, da er keine Kalkflecke, sondern das reine Grn zeigt wir alle
hinausfahren, um die Sache zu betrachten und ein Urteil abzugeben, ob das Haus
den Gewinn gemacht habe, der sich uns versprochen hat. Es werden auch andere
Menschen kommen, es werden wahrscheinlich sich einige Nachbarn einfinden, und da
Ihr zu unsern Freunden aus dem Asperhofe gehrt, und da wir alle Euer Urteil in
Anschlag bringen mchten, so seid Ihr gebeten, auch dabei zu sein und die
Gesellschaft zu vermehren.
    Mein Urteil ist wohl sehr geringe, antwortete ich, und wenn es nicht ganz
verwerflich ist, und wenn ich mir einige Kenntnisse und eine bestimmte
Empfindung des Schnen erworben habe, so danke ich alles dem Besitzer dieses
Hauses, der mich so gtig aufgenommen und manches in mir hervor gezogen hat, das
wohl sonst nie zu irgend einer Bedeutung gekommen wre. Ich werde also kaum zur
Feststellung der Sache auf dem Sternenhofe etwas beitragen knnen, und meine
Ansicht wird gewi die meines Gastfreundes und Eustachs sein, aber da Ihr mich
so freundlich einladet, und da es mir eine Freude macht, in Eurem Hause sein zu
knnen, so nehme ich die Einladung gerne an, vorausgesetzt, da die Zeit nicht
zu spt bestimmt ist, da ich doch wohl noch in diesem Sommer in den Ort meiner
jetzigen Ttigkeit zurckkehren und einiges vor mich bringen mchte.
    Die Zeit ist sehr nahe, erwiderte sie, es ist ohnehin schon seit lnger
her gebruchlich, da nach der Rosenblte, zu welcher ich immer in diesem Hause
eingeladen bin, unsere hiesigen Freunde auf eine Weile in den Sternenhof hinber
fahren. Das wird auch heuer so sein. Whrend hier die feinen Bltter dieser
Blumen sich vollkommen entwickeln und endlich welken und abfallen, wird unser
Hausverwalter in dem Sternenhofe alles in Ordnung bringen, da keine Verwirrung
mehr zu sehr sichtbar ist, er wird uns hierber einen Brief schreiben, und wir
werden den Tag der Zusammenkunft bestimmen. Von dem Urteile, wenn irgend eines
mit einem berwiegenden Gewichte zu Stande kmmt, wird es abhngen, ob auch die
Kosten zu der Reinigung der andern Teile des Hauses verwendet werden, oder ob
der jetzige Zustand, da eine Seite von der Tnche befreit ist, die brigen aber
damit behaftet sind, der gewi weniger schn ist, als wenn alles bertncht
geblieben wre, fortbestehen, oder ob gar das Befreite wieder bertncht werden
solle. Da Ihr brigens Eure Ansichten geringe achtet, daran tut Ihr unrecht.
Wenn in der Nhe unsers Freundes einiges an Euch frher zur Blte kam, so ist
dies wohl sehr natrlich; es ist ja alles an uns Menschen so, da es wieder von
andern Menschen gro gezogen wird, und es ist das glckliche Vorrecht
bedeutender Menschen, da sie in andern auch das Bedeutende, das wohl sonst
spter zum Vorscheine gekommen wre, frher entwickeln. Wie sicher in Euch die
Anlage zu dem Hheren und Greren vorhanden war, zeigt schon die Wahl, mit der
Ihr aus eigenem Antriebe auf eine wissenschaftliche Beschftigung gekommen seid,
die sonst unsere jungen Leute in den Jahren, in denen Ihr Euch entschieden habt,
nicht zu ergreifen pflegen, und da Euer Herz dem Schnen zugewendet war, geht
daraus hervor, da Ihr schon bald begannet, die Gegenstnde Eurer Wissenschaft
abzubilden, worauf der, dem der bildende Sinn mangelt, nicht so leicht verfllt,
er macht sich eher schriftliche Verzeichnisse, und endlich habt Ihr ja in kurzem
die Abbildung anderer Dinge, menschlicher Kpfe, Landschaften versucht, und habt
Euch auf die Dichter gewendet. Da es aber auch nicht ein unglcklicher Tag war,
an welchem Ihr ber diesen Hgel herauf ginget, zeigt sich in einer Tatsache:
Ihr liebt den Besitzer dieses Hauses, und einen Menschen lieben knnen ist fr
den, der das Gefhl hat, ein groer Gewinn.
    Gustav hatte whrend dieser Rede die Mutter stets freundlich angesehen.
    Ich aber sagte: Er ist ein ungewhnlicher, ein ganz auerordentlicher
Mensch.
    Sie erwiderte auf diese Worte nichts, sondern schwieg eine Weile. Spter
fing sie wieder an: Ich habe mir diese Rosenpflanze auf den Tisch gestellt,
gewissermaen als die Gesellschafterin meines Lesens - gefllt Euch die Blume?
    Sie gefllt mir sehr, antwortete ich, wie mir berhaupt alle Rosen
gefallen, die in diesem Hause gezogen werden.
    Sie ist eine neue Art, sagte sie, ich habe aus England einen Brief
bekommen, in welchem eine Freundin mit Auszeichnung von einer Rose sprach, die
sie in Kew gesehen habe, und deren Namen sie hinzu fgte. Da ich in dem
Verzeichnisse unserer Rosen den Namen nicht fand, dachte ich, da dies eine Art
sein drfte, welche unser Freund nicht hat. Ich schrieb an die Freundin, ob sie
mir eine solche Rosenpflanze verschaffen knne. Mit Hilfe eines Mannes, der uns
beide kennt, erhielt sie die Pflanze und in diesem Frhlinge wurde sie mir in
einem Topfe sehr wohl und sinnreich verpackt aus England geschickt. Ich pflegte
sie, und da die Blumen sich entwickeln wollten, brachte ich sie unserm Freunde.
Die Rosen ffneten sich hier vollends, und wir sahen - besonders er, der alle
Merkmale genau kennt -, da diese Blume sich in der Sammlung dieses Hauses noch
nicht befindet. Eustach bildete sie ab, da wir sie festhalten, und ob die,
welche in Zukunft kommen werden, ihr gleichen. Mein Freund schrieb nach England
um Pfropfreiser fr den nchsten Frhling, diese Pflanze bleibt indessen in dem
Topfe und wird hier besorgt werden.
    Whrend sie so sprach, regten sich die Zweige neben einem schmalen Pfade,
der aus dem Gebsche auf den Platz fhrte, und Natalie trat auf dem Pfade
hervor. Sie war erhitzt, und trug einen Strau von Feldblumen in der Hand. Sie
mute nicht gewut haben, da ein Fremder bei der Mutter sei; denn sie erschrak
sehr, und mir schien, als ginge durch das Rot des erwrmten Angesichtes eine
Blsse, die wieder mit einem noch strkeren Rot wechselte. Ich war ebenfalls
beinahe erschrocken und stand auf.
    Sie war an der Ecke des Gebsches stehen geblieben, und ich sagte die Worte:
Mich freut es sehr, mein Frulein, Euch so wohl zu sehen.
    Mich freut es auch, da Ihr wohl seid, erwiderte sie.
    Mein Kind, du bist sehr erhitzt, sagte die Mutter, du mut weit gewesen
sein, es kmmt schon die Mittagsstunde, und in derselben solltest du nicht so
weit gehen. Setze dich ein wenig auf einen dieser Sessel, aber setze dich in die
Sonne, damit du nicht zu schnell abkhlest. Natalie blieb noch ein ganz kleines
Weilchen stehen, dann rckte sie folgsam einen von den herumstehenden Sesseln
so, da er ganz von der Sonne beschienen wurde, und setzte sich auf ihn. Sie
hatte den runden Hut mit dem nicht gar groen Schirme, wie ihn Mathilde und sie
sehr gerne auf Spaziergngen in der Nhe des Rosenhauses und des Sternenhofes
trugen, als sie aus dem Gebsche getreten war, in der Hand gehabt, jetzt, da die
Sonne auf ihren Scheitel schien, setzte sie ihn auf. Sie legte den Strau von
Feldblumen, den sie gebracht hatte, auf den Tisch, und fing an, die einzelnen
Gewchse heraus zu suchen und gleichsam zu einem neuen Straue zu ordnen.
    Wo bist du denn gewesen? fragte die Mutter.
    Ich bin zu mehreren Rosenstellen in dem Garten gegangen, antwortete
Natalie, ich bin zwischen den Gebschen neben den Zwergobstbumen und unter den
groen Bumen, dann zu dem Kirschbaume empor und von da in das Freie hinaus
gegangen. Dort standen die Saaten, und es blhten Blumen zwischen den Halmen und
in dem Grase. Ich ging auf dem schmalen Wege zwischen den Getreiden fort, ich
kam zur Felderrast, sa dort ein wenig, ging dann auf dem Getreidehgel auf
mehreren Rainen ohne Weg zwischen den Feldern herum, pflckte diese Blumen, und
ging dann wieder in den Garten zurck.
    Und hast du dich denn lange auf dem Berge aufgehalten, und hast du alle
Zeit zu dem Aufsuchen und Pflcken dieser Blumen verwendet? fragte Mathilde.
    Ich wei nicht, wie lange ich mich auf dem Berge aufgehalten habe; aber ich
meine, es wird nicht lange gewesen sein, antwortete Natalie, ich habe nicht
blo diese Blumen gepflckt, sondern auch auf die Gebirge geschaut, ich habe auf
den Himmel gesehen, und auf die Gegend, auf diesen Garten und auf dieses Haus
geblickt.
    Mein Kind, sagte Mathilde, es ist kein bel, wenn du in den Umgebungen
dieses Hauses herum gehst; aber es ist nicht gut, wenn du in der heien Sonne,
die gegen Mittag zwar nicht am heiesten ist, aber immerhin schon hei genug,
auf dem Hgel herum gehst, welcher ihr ganz ausgesetzt ist, welcher keinen Baum
- auer bei der Felderrast - und keinen Strauch hat, der Schatten bieten knnte.
Und du weit auch nicht, wie lange du in der Hitze verweilest, wenn du dich in
das Herumsehen vertiefest, oder wenn du Blumen pflckest und in dieser
Beschftigung die Zeit nicht beachtest.
    Ich habe mich in das Blumenpflcken nicht vertieft, erwiderte Natalie,
ich habe die Blumen nur so gelegentlich gelesen, wie sie mir in meinem
Dahingehen aufstieen. Die Sonne tut mir nicht so weh, liebe Mutter, wie du
meinst, ich empfinde mich in ihr sehr wohl und sehr frei, ich werde nicht mde,
und die Wrme des Krpers strkt mich eher, als da sie mich drckt.
    Du hast auch den Hut an dem Arme getragen, sagte die Mutter.
    Ja, das habe ich getan, antwortete Natalie, aber du weit, da ich dichte
Haare habe, auf dieselben legt sich die Sonnenwrme wohlttig, wohlttiger, als
wenn ich den Hut auf dem Haupte trage, der so hei macht, und die freie Luft
geht angenehm, wenn man das Haupt entblt hat, an der Stirne und an den Haaren
dahin.
    Ich betrachtete Natalie, da sie so sprach. Ich erkannte erst jetzt, warum
sie mir immer so merkwrdig gewesen ist, ich erkannte es, seit ich die
geschnittenen Steine meines Vaters gesehen hatte. Mir erschien es, Natalie sehe
einem der Angesichter hnlich, welche ich auf den Steinen erblickt hatte, oder
vielmehr in ihren Zgen war das nmliche, was in den Zgen auf den Angesichtern
der geschnittenen Steine ist. Die Stirne, die Nase, der Mund, die Augen, die
Wangen hatten genau etwas, was die Frauen dieser Steine hatten, das Freie, das
Hohe, das Einfache, das Zarte und doch das Krftige, welches auf einen
vollstndig gebildeten Krper hinweist, aber auch auf einen eigentmlichen
Willen und eine eigentmliche Seele. Ich blickte auf Gustav, der noch immer
neben dem Tische stand, ob ich auch an ihm etwas hnliches entdecken knnte. Er
war noch nicht so entwickelt, da sich an ihm schon das Wesen der Gestalt
aussprechen konnte, die Zge waren noch zu rund und zu weich; aber es deuchte
mir, da er in wenigen Jahren so aussehen wrde, wie die Jnglingsangesichter
unter den Helmen auf den Steinen aussehen, und da er dann Natalien noch mehr
gleichen wrde. Ich blickte auch Mathilden an; aber ihre Zge waren wieder in
das Sanftere des Alters bergegangen; ich glaubte desohngeachtet, vor nicht
langer Zeit mte auch sie ausgesehen haben, wie die lteren Frauen auf den
Steinen aussehen. Natalie stammte also gleichsam aus einem Geschlechte, das
vergangen war, und das anders und selbststndiger war als das jetzige. Ich sah
lange auf die Gestalt, welche beim Sprechen bald die Augen zu uns aufschlug,
bald sie wieder auf ihre Blumen nieder senkte. Da ihr Haupt so antik erschien,
wie der Vater mit einem altrmischen Beiworte von seinen Steinen sagte, mochte
zum Teile auch daher kommen - wenigstens gewann ihre Erscheinung dadurch -, da
es mit einem richtig gebildeten Halse aus einem ganz einfachen, schmucklosen
Kleide hervor sah. Keine berflssige Zutat von Stoffen und keine Kette oder
sonst ein Schmuck umgab den Hals - dieses macht nur die blo anmutigen
Angesichter noch anmutiger -, sondern das Kleid mit einer nicht auffallenden
Farbe und mit einem nicht auffallenden Schnitte schlo den reinen Hals und ging
an der brigen Gestalt hernieder.
    Die Mutter sah Natalien freundlich an, da sie sprach, und sagte dann: Der
Jugend ist alles gut, der Jugend schlgt alles zum Gedeihen aus, sie wird wohl
auch empfinden, was ihr not tut, wie das Alter empfindet, was es bedarf - Ruhe
und Stille -, und unser Freund sagt ja auch, man soll der Natur ihr Wort reden
lassen; darum magst du gehen, wie du fhlest, da du es bedarfst, Natalie, du
wirst kein Unrecht begehen, wie du es ja nie tust, du wirst keine Maregel auer
Acht lassen, die wir dir gesagt haben, und du wirst dich in deine Gedanken nicht
so vertiefen, da du deinen Krper vergest.
    Das werde ich nicht tun, Mutter, entgegnete Natalie, aber lasse mich
gehen, es ist ein Wunsch in mir, so zu verfahren. Ich werde ihn migen, wie ich
kann; ich tue es um deinetwillen, Mutter, da du dich nicht beunruhigest. Ich
mchte auf dem Felderhgel herum gehen, dann auch in dem Tale und in dem Walde,
ich mchte auch in dem Lande gehen und alles darin beschauen und betrachten. Und
die Ruhe schliet dann so schn das Gemt und den Willen ab.
    Da Natalie doch durch das Wandeln in der heien Sonne unmittelbar vor der
Mittagszeit sich erhitzt habe, zeigte ihr Angesicht. Dasselbe behielt die Rte,
welche es nach dem ersten Erblassen erhalten hatte, und verlor sie nur in
geringem Mae, whrend sie an dem Tische sa, was doch eine geraume Zeit
dauerte. Es blhte dieses Rot wie ein sanftes Licht auf ihren Wangen und
verschnerte sie gleichsam wie ein klarer Schimmer.
    Sie fuhr in ihrem Geschfte mit den Blumen fort, sie legte eine nach der
andern von dem greren Straue zu dem kleineren, bis der kleinere Strau der
grere wurde, der grere aber sich immer verkleinerte. Sie schied keine
einzige Blume aus, sie warf nicht einmal einen Grashalm weg, der sich
eingefunden hatte; es erschien also, da sie weniger eine Auslese der Blumen
machen als dem alten Straue eine neue, schnere Gestalt geben wollte. So war es
auch; denn der alte Strau war endlich verschwunden, und der neue lag allein auf
dem Tische.
    Mathilde hatte ihr Buch immer vor sich auf dem Tische liegen und sah nicht
wieder hinein. Sie frug mich um meinen letzten Aufenthalt und um meine letzten
Arbeiten. Ich setzte ihr beides auseinander.
    Gustav hatte sich indessen auch auf einen Sessel ganz nahe an mir gesetzt
und hrte aufmerksam zu.
    Als die Sonne im Mittage angekommen war und nachgerade unsern ganzen Tisch
erfllt hatte, erschien Arabella, um uns zum Mittagessen zu rufen.
    Ein Mann, der in dem Garten arbeitete, mute den Blumentopf in das Haus
tragen. Mathilde nahm das Buch und ein Arbeitskrbchen, das neben ihr auf dem
Tische gestanden war, Natalie nahm ihren Blumenstrau, hing ihren Hut wieder an
ihren Arm, und so gingen wir in das Haus. Die Frauen wandelten vor uns, Gustav
und ich gingen hinter ihnen.
    Da ich mich gegen meinen Gastfreund, gegen Eustach, gegen Gustav und selbst
gegen die Leute des Hauses verteidigen mute, weil ich heuer so spt gekommen
sei, nahm mich nicht Wunder, da ich immer so freundlich hier aufgenommen worden
war, und da man sich beinahe daran gewhnt hatte, da ich alle Sommer in das
Rosenhaus komme, wie ja auch mir diese Besuche zur Gewohnheit geworden waren.
    Mein Gastfreund und ich sprachen von den Dingen, welche ich im Laufe des
heurigen Sommers unternommen hatte, so wie er mir auch in den ersten Tagen alles
zeigte, was in dem Rosenhause geschah, und was sich in meiner Abwesenheit
verndert hatte.
    Ich sah, da die Zeit der Rosenblte nicht so lange dauern werde, weil ich
ja auch nicht zu ihrem ersten Anfange, sondern etwas spter gekommen war.
    Die Bilder gaben mir wieder eine se Empfindung, und die hohe Gestalt auf
der Treppe trat mir immer nher, seit ich die geschnittenen Steine gesehen
hatte, und seit ich wute, da etwas unter den Lebenden wandle, das hnlich sei.
Ich ging mit Gustav oder allein fter in der Gegend herum.
    Eines Nachmittages waren wir in dem Rosenzimmer. Mathilde sprach recht
freundlich von verschiedenen Gegenstnden des Lebens, von den Erscheinungen
desselben, wie man sie aufnehmen msse, und wie sie in dem Laufe der Jahre sich
ablsen. Mein Gastfreund antwortete ihr. Bei dieser Gelegenheit sah ich erst,
wie zart und schn fr das Zimmer gesorgt worden war; denn die vier an Gre wie
an Rahmen gleichen Gemlde, die in demselben hingen, waren trotz ihrer Kleinheit
bei weitem das Herrlichste und Auerordentlichste, was es an Gemlden im
Rosenhause gab. Ich hatte mein Urteil doch schon so weit gebildet, um bei dem
groen Unterschiede, der da waltete, das einsehen zu knnen. Doch leitete ich
auch meinen Gastfreund auf den Gegenstand, und er gab meine Wahrnehmung freilich
in sehr bescheidenen Ausdrcken, weil Mathilde zugegen war, zu. Wir besahen,
nachdem das Gesprch eine Wendung genommen hatte, die Bilder, und machten uns
auf das Zarte, Liebliche und Hohe derselben aufmerksam.
    Besuche, wie gewhnlich zur Rosenzeit, kamen auch heuer; aber ich mischte
mich weniger als etwa in frheren Jahren unter die Leute.
    Natalie ging wirklich, wie ich jetzt selber wahrnahm, in diesem Sommer mehr
als in vergangenen im Garten und in der Gegend herum, sie ging viel weiter, und
ging auch fter allein. Sie ging nicht blo bei dem groen Kirschbaume fter in
das Freie, und ging dort zwischen den Saaten herum, sondern sie ging auch
geradewegs ber den Hgel hinab zu der Strae, oder sie ging in den Meierhof
oder lngs der Hgel dahin, oder sie ging ein Stck auf dem Wege nach dem
Jnghofe. Wenn sie zurckgekehrt war, sa sie in ihrem Lehnstuhle und blickte auf
das, was vor ihr oder in ihrer Umgebung geschah.
    Eines Tages, da ich selber einen weiten Weg gemacht hatte und gegen Abend in
das Rosenhaus zurck kehrte, sah ich, da ich von dem Erlenbache hinauf eine
krzere Richtung eingeschlagen hatte, auf bloem Rasen zwischen den Feldern
gegangen, auf der Hhe angekommen war und nun gegen die Felderrast zuging, auf
dem Bnklein, das unter der Esche derselben steht, eine Gestalt sitzen. Ich
kmmerte mich nicht viel um sie, und ging meines Weges, welcher gerade auf den
Baum zufhrte, weiter. Ich konnte, wie nahe ich auch kam, die Gestalt nicht
erkennen; denn sie hatte nicht nur den Rcken gegen mich gekehrt, sondern war
auch durch den grten Teil des Baumstammes gedeckt. Ihr Angesicht blickte nach
Sden. Sie regte sich nicht und wendete sich nicht. So kam ich fast dicht gegen
sie heran. Sie mute nun meinen Tritt im Grase oder mein Anstreifen an das
Getreide gehrt haben; denn sie erhob sich pltzlich, wendete sich um, damit sie
mich she, und ich stand vor Natalien. Kaum zwei Schritte waren wir von einander
entfernt. Das Bnklein stand zwischen uns. Der Baumstamm war jetzt etwas
seitwrts. Wir erschraken beide. Ich hatte nmlich nicht - auch nicht im
entferntesten daran gedacht, da Natalie auf dem Bnklein sitzen knne, und sie
mute erschrocken sein, weil sie pltzlich Schritte hinter sich gehrt hatte, wo
doch kein Weg ging, und weil sie, da sie sich umwendete, einen Mann vor sich
stehen gesehen hatte. Ich mute annehmen, da sie nicht gleich erkannt habe, da
ich es sei.
    Ein Weilchen standen wir stumm einander gegenber, dann sagte ich: Seid Ihr
es, Frulein, ich hatte nicht gedacht, da ich Euch unter dem Eschenbaume
sitzend finden wrde.
    Ich war ermdet, antwortete sie, und setzte mich auf die Bank, um zu
ruhen. Auch drfte es wohl an der Zeit spter geworden sein, als man gewohnt
ist, mich nach Hause kommen zu sehen.
    Wenn Ihr ermdet seid, sagte ich, so will ich nicht Ursache sein, da Ihr
steht, ich bitte, setzet Euch, ich will, so schnell ich kann, durch die Felder
und den Garten eilen und Euch Gustav herauf senden, da er Euch nach Hause
begleitet.
    Das wird nicht ntig sein, erwiderte sie, es ist ja noch nicht Abend, und
selbst wenn es Abend wre, so droht wohl nirgends ringsherum eine Gefahr. Ich
bin schon viel weiter allein gegangen, ich bin allein nach Hause zurckgekehrt,
meine Mutter und unser Gastfreund haben deshalb keine Besorgnisse gehabt. Heute
bin ich bis auf dem Raitbhel bei dem roten Kreuze gewesen, und bin von dort zu
der Bank hieher zurck gegangen.
    Das ist ja fast ber eine Stunde Weges, sagte ich.
    Ich wei nicht, wie lange ich gegangen bin, antwortete sie, ich ging
zwischen den Feldern hin, auf denen die ungeheure Menge des Getreides steht, ich
ging an manchem Strauche hin, den der Rain enthlt, ich ging an manchem Baume
vorbei, der in dem Getreide steht, und kam zu dem roten Kreuze, das aus den
Saaten empor ragte.
    Wenn ich sehr gut gehe, sagte ich, so brauche ich von hier bis zu dem
roten Kreuze eine Stunde.
    Ich habe, wie ich sagte, die Zeit nicht gezhlt, entgegnete sie, ich bin
von hier zu dem Kreuze gegangen, und bin von dem Kreuze wieder hieher zurck
gekehrt.
    Whrend dieser Worte war ich aus der ungefgen Stellung im Grase hinter dem
Bnklein auf den freien Raum herber getreten, der sich vor dem Baume
ausbreitet, Natalie hatte eine leichte Bewegung gemacht und sich wieder auf das
Bnkchen gesetzt.
    Nach einem solchen Gange bedrft Ihr freilich der Ruhe, sprach ich.
    Es ist auch nicht gerade deswillen, antwortete sie, weshalb ich diese
Bank suchte. So ermdet ich bin, so knnte ich wohl noch recht gut den Weg durch
die Felder und den Garten nach Hause, ja noch einen viel weiteren machen; aber
es gesellte sich zu dem krperlichen Wunsche noch ein anderer.
    Nun?
    Auf diesem Platze ist es schn, das Auge kann sich ergehen, ich bin bei
meinen Gedanken, ich brauche diese Gedanken nicht zu unterbrechen, was ich doch
tun mu, wenn ich zu den Meinigen zurck kehre.
    Und darum ruhet Ihr hier?
    Darum ruhe ich hier.
    Seid Ihr von Eurer Kindheit an gerne allein in den Feldern gegangen?
    Ich erinnere mich des Wunsches nicht, antwortete sie, wie es denn
berhaupt einige Zeitabschnitte in meiner Kindheit gibt, an welche ich mich
nicht genau erinnern kann, und da der Wunsch in meinem Gedchtnisse nicht
gegenwrtig ist, so wird auch die Tatsache nicht gewesen sein, obwohl es wahr
ist, da ich als Kind lebhafte Bewegungen sehr geliebt habe.
    Und jetzt fhrt Euch Eure Neigung fter in das Freie? fragte Ich.
    Ich gehe gerne herum, wo ich nicht beengt bin, antwortete sie, ich gehe
zwischen den Feldern und den wallenden Saaten, ich steige auf die sanften Hgel
empor, ich wandere an den bltterreichen Bumen vorber, und gehe so fort, bis
mich eine fremde Gegend ansieht, der Himmel ber derselben gleichsam ein anderer
ist und andere Wolken hegt. Im Gehen sinne und denke ich dann. Der Himmel, die
Wolken darin, das Getreide, die Bume, die Gestruche, das Gras, die Blumen
stren mich nicht. Wenn ich recht ermdet bin und auf einem Bnklein wie hier
oder auf einem Sessel in unserem Garten oder selbst auf einem Sitze in unserem
Zimmer ausruhen kann, so denke ich, ich werde nun nicht wieder so weit gehen. -
- Und wo seid denn Ihr gewesen? fragte sie, nachdem sie sich unterbrochen und
ein Weilchen geschwiegen hatte.
    Ich bin nach dem Essen von dem Erlenbache zu dem Teiche hinauf gegangen,
antwortete ich, dann durch das Gehlze auf den Balkhgel empor, von dem man die
Gegend von Landegg sieht und den Turm seiner Pfarrkirche erblicken kann. Von dem
Balkhgel bin ich dann noch auf den Hhen fortgegangen, bis ich zu den
Rohrhusern gekommen bin. Da ich dort schon zwei starke Wegstunden von dem
Asperhofe entfernt war, schlug ich den Rckweg ein. Ich hatte im Hingehen viele
Zeit verbraucht, weil ich hufig stehen geblieben war und verschiedene Dinge
angesehen hatte, deshalb whlte ich nun einen krzeren Rckgang. Ich ging auf
Feldpfaden und mannigfaltigen Kirchenwegen durch die Felder, bis ich zwischen
Dernhof und Ambach wieder zu dem Seewalde und zu dem Erlenbache herabkam. Von
dort aus waren mir Raine bekannt, die am krzesten auf die Felderrast herber
fhrten. Obwohl auf ihnen kein Weg fhrt, ging ich doch auf ihrem Grase fort,
und kam so gegen Euch herzu.
    Da mt Ihr ja recht mde sein, sagte sie, und machte eine Bewegung auf
dem Bnklein, um mir Platz neben sich zu verschaffen.
    Ich wute nicht recht, wie ich tun sollte, setzte mich aber doch an ihrer
Seite nieder.
    Habt Ihr etwa ein Buch mit Euch genommen, um auf dieser Bank zu lesen,
fragte ich, oder habt Ihr nicht Blumen gepflckt?
    Ich habe kein Buch mitgenommen, und habe keine Blumen gepflckt,
antwortete sie, ich kann nicht lesen, wenn ich gehe, und kann auch nicht lesen,
wenn ich im freien Felde auf einer Bank oder auf einem Steine sitze.
    Wirklich sah ich auch gar nichts neben ihr, sie hatte kein Krbchen oder
sonst irgend etwas, das Frauen gerne mit sich zu tragen pflegen, um Gegenstnde
hinein legen zu knnen; sie sa mig auf dem Bnklein, und ihr Strohhut, den
sie von dem Haupte genommen hatte, lag neben ihr in dem Grase.
    Die Blumen pflcke ich, fuhr sie nach einem Weilchen fort, wenn sie bei
Gelegenheit an dem Wege stehen. Hier herum ist meistens der Mohn, der aber wenig
zu Struen pat, weil er gerne die Bltter fallen lt, dann sind die
Kornblumen, die Wegnelken, die Glocken und andere. Oft pflcke ich auch keine
Blumen, wenn sie noch so reichlich vor mir stehen.
    Mir war es seltsam, da ich mit Natalien allein unter der Esche der
Felderrast sitze. Ihre Fuspitzen ragten in den Staub der vor uns befindlichen
offenen Stelle hinaus, und der Saum ihrer Kleider berhrte denselben Staub. In
der Krone der Esche rhrte sich kein Blttchen; denn die Luft war still. Weit
vor uns hinabgehend und weit zu unserer Rechten und Linken hin so wie rckwrts
war das grne, der Reife entgegen harrende Getreide. Aus dem Saume desselben,
der uns am nchsten war, sahen uns der rote Mohn und die blauen Kornblumen an.
Die Sonne ging dem Untergange zu, und der Himmel glnzte an der Stelle, gegen
die sie ging, fast weiglhend ber die Saatfelder herber, keine Wolke war, und
das Hochgebirge stand rein und scharf geschnitten an dem sdlichen Himmel.
    Und habt Ihr bei dem roten Kreuze auch ein wenig geruht? fragte ich nach
einer Weile.
    Bei dem roten Kreuze habe ich nicht geruht, antwortete sie, man kann dort
nicht ruhen, es steht fast unter lauter Halmen des Getreides, ich lehnte mich
mit einem Arme an seinen Stamm und sah auf die Gegend hinaus, auf die Felder,
auf die Obstbume und auf die Huser der Menschen, dann wendete ich mich wieder
um und schlug den Rckweg zu diesem Bnklein ein.
    Wenn heiterer Himmel ist und die Sonne scheint, dann ist es in der Weite
schn, sagte ich.
    Es ist wohl schn, erwiderte sie, die Berge gehen wie eine Kette mit
silbernen Spitzen dahin, die Wlder sind ausgebreitet, die Felder tragen den
Segen fr die Menschen, und unter all den Dingen liegt das Haus, in welchem die
Mutter und der Bruder und der vterliche Freund sind; aber ich gehe auch an
bewlkten Tagen auf den Hgel, oder an solchen, an denen man nichts deutlich
sehen kann. Als Bestes bringt der Gang, da man allein ist, ganz allein, sich
selber hingegeben. Tut Ihr bei Euren Wanderungen nicht auch so, und wie
erscheint denn Euch die Welt, die Ihr zu erforschen trachtet?
    Es war zu verschiedenen Zeiten verschieden, antwortete ich; einmal war
die Welt so klar als schn, ich suchte manches zu erkennen, zeichnete manches,
und schrieb mir manches auf. Dann wurden alle Dinge schwieriger, die
wissenschaftlichen Aufgaben waren nicht so leicht zu lsen, sie verwickelten
sich und wiesen immer wieder auf neue Fragen hin. Dann kam eine andre Zeit; es
war mir, als sei die Wissenschaft nicht mehr das Letzte, es liege nichts daran,
ob man ein Einzelnes wisse oder nicht, die Welt erglnzte wie von einer innern
Schnheit, die man auf ein Mal fassen soll, nicht zerstckt, ich bewunderte sie,
ich liebte sie, ich suchte sie an mich zu ziehen, und sehnte mich nach etwas
Unbekanntem und Groem, das da sein msse.
    Sie sagte nach diesen Worten eine Zeit hindurch nichts; dann aber fragte
sie: Und Ihr werdet in diesem Sommer noch einmal in Euren Aufenthaltsort
zurckkehren, den Ihr Euch jetzt zu Eurer Arbeit auserkoren habt?
    Ich werde in denselben zurck kehren, antwortete ich.
    Und den Winter bringt Ihr bei Euren lieben Angehrigen zu? fragte sie
weiter.
    Ich werde ihn wie alle bisherigen in dem Hause meiner Eltern verleben,
sagte ich.
    Und seid Ihr in dem Winter im Sternenhofe? fragte ich nach einiger Zeit.
    Wir haben ihn frher zuweilen in der Stadt zugebracht, antwortete sie,
jetzt sind wir schon einige Male in dem Sternenhofe geblieben, und zwei Mal
haben wir eine Reise gemacht.
    Habt Ihr auer Klotilden keine andere Schwester? fragte sie, nachdem wir
wieder ein Weilchen geschwiegen hatten.
    Ich habe keine andere, erwiderte ich, wir sind nur zwei Kinder, und das
Glck, einen Bruder zu besitzen, habe ich gar nie kennen gelernt.
    Und mir ist wieder das Glck, eine Schwester zu haben, nie zu Teil
geworden, antwortete sie.
    Die Sonne war schon untergegangen, die Dmmerung trat ein, und wir waren
immer sitzen geblieben. Endlich stand sie auf und langte nach ihrem Hute, der in
dem Grase lag. Ich hob denselben auf und reichte ihn ihr dar. Sie setzte ihn auf
und schickte sich zum Fortgehen an. Ich bot ihr meinen Arm. Sie legte ihren Arm
in den meinigen, aber so leicht, da ich ihn kaum empfand. Wir schlugen nicht
den Weg auf den Anhhen hin zu dem Gartenpfrtchen ein, das in der Nhe des
Kirschbaumes ist, sondern wir gingen auf dem Pfade, der von der Felderrast
zwischen dem Getreide abwrts luft, gegen den Meierhof hinab. Wir sprachen nun
gar nicht mehr. Ihr Kleid fhlte ich sich neben mir regen, ihren Tritt fhlte
ich im Gehen. Ein Wsserlein, das unter Tags nicht zu vernehmen war, hrte man
rauschen, und der Abendhimmel, der immer goldener wurde, flammte ber uns und
ber den Hgeln der Getreide und um manchen Baum, der beinahe schwarz da stand.
Wir gingen bis zu dem Meierhofe. Von demselben gingen wir ber die Wiese, die zu
dem Hause meines Gastfreundes fhrt, und schlugen den Pfad zu dem
Gartenpfrtchen ein, das in jener Richtung in der Gegend der Bienenhtte
angebracht ist. Wir gingen durch das Pfrtchen in den Garten, gingen an der
Bienenhtte hin, gingen zwischen Blumen, die da standen, zwischen Gestruch, das
den Weg sumte, und endlich unter Bumen dahin, und kamen in das Haus. Wir
gingen in den Speisesaal, in welchem die andern schon versammelt waren. Natalie
zog hier ihren Arm aus dem meinigen. Man fragte uns nicht, woher wir gekommen
wren, und wie wir uns getroffen htten. Man ging bald zu dem Abendessen, da die
Zeit desselben schon heran gekommen war. Whrend des Essens sprachen Natalie und
ich fast nichts.
    Als wir uns im Speisesaale getrennt hatten, und als jedes in sein Zimmer
gegangen war, lschte ich die Lichter in dem meinigen sogleich aus, setzte mich
in einen der gepolsterten Lehnsthle, und sah auf die Lichttafeln, welche der
inzwischen heraufgekommene Mond auf die Fubden meiner Zimmer legte. Ich ging
sehr spt schlafen, las aber nicht mehr, wie ich es sonst in jeder Nacht gewohnt
war, sondern blieb auf meinem Lager liegen, und konnte sehr lange den Schlummer
nicht finden.
    In den Tagen, die auf jenen Abend folgten, schien es mir, als weiche mir
Natalie aus. Die Zithern hrte ich wieder in ein paar Nchten, sie wurden sehr
gut gespielt, was ich jetzt mehr empfinden und beurteilen konnte als frher. Ich
sprach aber nichts darber, und noch weniger sagte ich etwas davon, da ich
selber in diesem Spiele nicht mehr so unerfahren sei. Meine Zither hatte ich nie
in das Rosenhaus mitgenommen.
    Endlich nahte die Zeit, in welcher man in den Sternenhof gehen sollte.
Mathilde und Natalie reisten in Begleitung ihrer Dienerin frher dahin, um
Vorkehrungen zu treffen und die Gste zu empfangen. Wir sollten spter folgen.
    In der Zeit zwischen der Abreise Mathildens und der unsrigen tat mein
Gastfreund eine Bitte an mich. Sie bestand darin, da ich ihm in dem kommenden
Winter eine genaue Zeichnung von den Vertflungen anfertigen mchte, welche ich
meinem Vater aus dem Lautertale gebracht hatte, und welche von ihm in die
Pfeiler des Glashuschens eingesetzt worden waren. Die Zeichnung mchte ich ihm
dann im nchsten Sommer mitbringen. Ich fhlte mich sehr vergngt darber, da
ich dem Manne, zu welchem mich eine solche Neigung zog, und dem ich so viel
verdankte, einen Dienst erweisen konnte, und versprach, da ich die Zeichnung so
genau und so gut machen werde, als es meine Krfte gestatten.
    An einem der folgenden Tage fahren mein Gastfreund, Eustach, Roland, Gustav
und ich in den Sternenhof ab.

                                  4. Das Fest


Ein Fest in dem Sinne, wie man das Wort gewhnlich nimmt, war es nicht, was in
dem Sternenhofe vorkommen sollte, sondern es waren mehrere Menschen zu einem
gemeinschaftlichen Besuche eingeladen worden, und diese Einladungen hatte man
auch nicht eigens und feierlich, sondern nur gelegentlich gemacht. brigens
stand es in Hinsicht des Sternenhofes so wie des Asperhofes jedem Freunde und
jedem Bekannten frei, zu was immer fr einer Zeit einen Besuch zu machen und
eine Weile zu bleiben.
    Als wir am zweiten Tage nach unserer Abreise von dem Asperhofe - wir hatten
einen kleinen Umweg gemacht in dem Sternenhofe eintrafen, waren schon mehrere
Menschen versammelt. Fremde Diener, zuweilen seltsam gekleidet, gingen, wie sich
das allemal findet, wenn mehrere Familien zusammen kommen, in der Nhe des
Schlosses herum oder auf dem Wege zwischen dem Meierhofe und dem Schlosse hin
und her. Man hatte einen Teil der Wgen und Pferde in dem Meierhofe
untergebracht. Wir fuhren bei dem Tore hinein, und unser Wagen hielt im Hofe.
Ich hatte schon, da wir den Hgel hinan fahren und uns dem Schlosse nherten,
einen Blick auf dessen vorderste Mauer geworfen, an der jetzt die bloen Steine
ohne Tnche sichtbar waren, und hatte mein Urteil schnell gefat. Mir gefiel die
neue Gestalt um auerordentliches besser als die frhere, an welche ich jetzt
kaum zurck denken mochte. Meine Begleiter uerten sich whrend des
Hinzufahrens nicht, ich sagte natrlich auch nichts. Im Hofe nherten sich
Diener, welche unser Gepcke in Empfang nehmen und Wagen und Pferde unterbringen
sollten. Der Hausverwalter fhrte uns die groe Treppe hinan und geleitete uns
in das Gesellschaftszimmer. Dasselbe war eines von jenen Zimmern, die in einer
Reihe fortlaufen und mit den neuen, im Asperhofe verfertigten Gerten versehen
sind. Die Tren aller dieser Zimmer standen offen. Mathilde sa an einem Tische
und eine ltliche Frau neben ihr. Mehrere andere Frauen und Mdchen so wie
ltere und jngere Mnner saen an verschiedenen Stellen umher. Auf dem
unscheinbarsten Platze sa Natalie. Mathilde so wie Natalie waren gekleidet, wie
die Frauen und Mdchen von den besseren Stnden gekleidet zu sein pflegten; aber
ich konnte doch nicht umhin, zu bemerken, da ihre Kleider weit einfacher
gemacht und verziert waren als die der anderen Frauen, da sie aber viel besser
zusammen stimmten und ein edleres Geprge trugen, als man dies sonst findet. Mir
war, als she ich den Geist meines Gastfreundes daraus hervorblicken, und wenn
ich an hhere Kreise unserer Stadt, zu denen ich Zutritt hatte, dachte, so
schien es mir auch, da gerade dieser Anzug derjenige vornehme sei, nach welchem
die andern strebten. Mathilde stand auf und verbeugte sich freundlich gegen uns.
Das taten die andern auch, und wir taten es gegen Mathilde und gegen die andern.
Hierauf setzte man sich wieder, und der Hausverwalter und zwei Diener sorgten,
da wir Sitze bekamen. Ich setzte mich an eine Stelle, welche sehr wenig
auffllig war. Die Sitte des gegenseitigen Vorstellens der Personen, wie sie
fast berall vorkmmt, scheint in dem Rosenhause und in dem Sternenhofe nicht
strenge gebruchlich zu sein; denn ich wute schon mehrere Flle, in denen es
unterblieben war; besonders wenn sich mehrere Menschen zusammen gefunden hatten.
Bei der gegenwrtigen Gelegenheit unterblieb es auch. Man berlie es eher den
Bemhungen des Einzelnen, sich die Kenntnis ber eine Person zu verschaffen, an
der ihm gelegen war, oder man berlie es eher dem Zufalle, mit einander bekannt
zu werden, als da man bei jedem neuen Ankmmlinge das Verzeichnis der
Anwesenden gegen ihn wiederholt htte. Zudem schienen sich hier die meisten
Personen zu kennen. Mich wollte man wahrscheinlich aus dem Spiele lassen, weil
ich nie, wenn fremde Menschen in den Asperhof gekommen waren, gefragt hatte, wer
sie seien. Gustav benahm sich hier auch beinahe wie ein Fremder. Nachdem er sich
gegen seine Mutter sehr artig verbeugt, in die allgemeine Verbeugung gegen die
andern eingestimmt und Natalien zugelchelt hatte, setzte er sich bescheiden auf
einen abgelegenen Platz und hrte aufmerksam zu. Mein Gastfreund und Eustach so
wie auch Roland waren in den gebruchlichen Besuchkleidern, ich ebenfalls. Mir
kamen diese Mnner in ihren schwarzen Kleidern fremder und fast geringer vor als
in ihrem gewhnlichen Hausanzuge. Mein Gastfreund war bald mit verschiedenen
Anwesenden im Gesprche. Allgemein wurde von allgemeinen und gewhnlichen Dingen
geredet, und das Gesprch ging bald zwischen einzelnen, bald zwischen mehreren
Personen hin und wider. Ich sprach wenig, und fast ausschlielich nur, wenn ich
angeredet und gefragt wurde. Ich sah auf die Versammlung vor mir oder auf
manchen Einzelnen oder auf Natalien. Roland rckte einmal seinen Stuhl zu mir
und knpfte ein Gesprch ber Dinge an, die uns beiden nahe lagen.
Wahrscheinlich tat er es, weil er sich eben so vereinsamt unter den Menschen
empfand wie ich.
    Nachdem man den Nachmittagstee, bei dem man eigentlich versammelt war,
verzehrt und sich schon zum grten Teile erhoben hatte und in Gruppen zusammen
getreten war, wurde der Vorschlag gemacht, sich in den Garten zu begeben und
dort einen Spaziergang zu machen. Der Vorschlag fand Beifall. Mathilde erhob
sich, und mit ihr die lteren Frauen. Die jngeren waren ohnehin schon
gestanden. Ein schner alter Herr, wahrscheinlich der Gatte der ltlichen Frau,
welche neben Mathilden gesessen war, bot der Hausfrau den Arm, um sie ber die
Treppe hinab zu geleiten, dasselbe tat mein Gastfreund mit der ltlichen Frau.
Einige Paare entstanden noch auf diese Weise, das andere ging gemischt. Ich
blieb stehen und lie die Leute an mir vorber gehen, um mich nicht
vorzudrngen. Natalie ging mit einem schnen Mdchen an mir vorber, und sprach
mit demselben, als sie an mir vorbei ging. Ich war mit Roland und Gustav der
letzte, welcher ber die Treppe hinab ging. Im Garten war es so, wie es bei
einer greren Anzahl von Gsten in hnlichen Fllen immer zu sein pflegt. Man
bewegte sich langsam vorwrts, man blieb bald hier, bald da stehen, betrachtete
dieses oder jenes, besprach sich, ging wieder weiter, lste sich in Teile, und
vereinigte sich wieder. Ich achtete auf alles, was gesprochen wurde, gar nicht.
Natalie sah ich mit demselben Mdchen gehen, mit dem sie an mir in dem
Gesellschaftszimmer vorber gegangen war, dann gesellten sich noch ein paar
hinzu. Ich sah sie mit ihrem lichtbraunen Seidenkleide zwischen andern
hervorschimmern, dann sah ich sie wieder nicht, dann sah ich sie abermals
wieder. Gebsche deckten sie dann ganz. Die jungen Mnner, welche ich in der
Gesellschaft getroffen hatte, gingen bald mit dem lteren Teile, bald mit dem
jngeren. Roland und Gustav gesellten sich zu mir, und wenn Gustav fragte, wie
es dort aussehe, wo ich jetzt gearbeitet habe, ob hohe Berge sind, weite Tler,
und ob es so freundlich ist wie am Lautersee, und ob ich noch weiter vordringen
wolle, und in welche Berge ich dann komme: so sprach Roland wieder von den
Anwesenden und nannte mir manchen und erzhlte mir von ihren Verhltnissen.
Durch seine Reisen in dem Lande, durch seinen Aufenthalt in Kirchen, Kapellen,
verfallenen Schlssern und an allen bedeutenderen Orten erfuhr er mehr, als
irgend ein anderer erfahren konnte, und durch sein lebhaftes Wesen und sein
gutes Gedchtnis wurde er zur Erforschung angeleitet, und war im Stande, das
Erforschte zu bewahren. Die ltliche Frau, welche wir bei unserem Eintritte in
das Gesellschaftszimmer neben Mathilden sitzen gesehen hatten, war die
Besitzerin eines groen Anwesens, etwa eine halbe Tagereise von dem Sternenhofe
entfernt. Ihr Name war Tillburg, wie auch ihr Schlo hie. Sie hatte sich mit
allen Annehmlichkeiten und mit allem, was prchtig war, umringt. Ihre
Gewchshuser waren die schnsten im Lande, ihr Garten enthielt alles, was in
der Zeit als vorzglich auftauchte, und wurde von zwei Grtnern und einem
Obergrtner nebst vielen Gehilfen besorgt, ihre Zimmer wiesen Gerte und Stoffe
von allen Hauptstdten der Welt auf, und ihre Wgen waren das Bequemste und
Zierlichste, was man in dieser Art hatte. Gemlde, Bcher, Zeitschriften, kleine
Spielereien waren in ihren Wohnzimmern zerstreut. Sie machte Besuche in der
Umgegend, und empfing auch solche gerne Im Winter ist sie selten in ihrem
Schlosse und immer nur auf kurze Zeit, sie macht gerne Reisen und hlt sich
besonders oft in sdlichen Gegenden auf, von denen sie Merkwrdigkeiten
zurckbringt. Sie war die einzige Tochter und Erbin ihrer Eltern, ein Bruder,
den sie hatte war in der zartesten Jugend gestorben. Der Mann mit dem
freundlichen Angesichte, welcher Mathilden aus dem Saale gefhrt hatte, war ihr
Gatte. Er war ebenfalls das einzige Kind reicher Eltern, die Verbindung hatte
sich ergeben, und so waren zwei groe Vermgen in eins zusammen gekommen. Er
teilte nicht gerade die Liebhabereien seiner Gattin, war ihnen aber auch nicht
entgegen. Er hatte keine Leidenschaften, war einfach, machte seiner Gattin, die
er sehr liebte, gerne eine Freude, und fand in den Reisen derselben, auf denen
er sie begleitete, halb sein eigenes Vergngen, halb eines, weil er das ihrige
teilte. Er verwaltete aber von jeher die Besitzungen sehr einsichtig. Die
Tillburg stammt von ihm. Einer von den jungen Mnnern, die im
Gesellschaftszimmer waren, der schlanke Mann mit den lebhaften dunkeln Augen ist
der Sohn, und zwar das einzige Kind dieser Eheleute, er ist gut erzogen worden,
und man kann nicht wissen, ob von Tillburg her nicht zartere Beziehungen zu dem
Sternenhofe gewnscht werden.
    Gustav machte bei diesen Worten eine leichte Seitenbewegung gegen Roland,
sah ihn an, sagte aber nichts.
    Ich erinnerte mich der Tillburg, die ich sehr gut kannte, aber nie betreten
hatte. Ich war fter in ihrer Nhe vorber gekommen, und hatte die vier runden
Trme an ihren vier Ecken, denen man in der neueren Zeit eine lichte Farbe
gegeben hatte, eine Tnche, wie man sie gerade jetzt von dem Sternenhofe wieder
weg haben will, nicht angenehm empfunden, wie sie sich so scharf von dem Grn
der nahen Bume und dem Blau der fernen Berge und des Himmels abhoben, welchen
letzteren sie beinahe finster machten.
    Der kleinere Mann mit den weien Haaren, der in der Nhe des mittleren
Fensters gesessen und fter aufgestanden war, fuhr Roland fort, ist der
Besitzer von Haberg. Sein Vater hatte die Besitzung erst gekauft und sie
ursprnglich fr einen jngeren Sohn bestimmt, da der ltere das Stammgut
Weibach erben sollte; allein der jngere Sohn und der Vater starben, und so
hatte der ltere Weibach und Haberg. Er bergab nach einiger Zeit seinem Sohne
das Stammgut und zog sich nach Haberg zurck. Er ist einer jener Mnner, die
immer erfinden und bauen mssen. In Weibach hat er schon mehrere Bauten
aufgefhrt. In Haberg richtete er eine Musterwirtschaft ein, er verbesserte die
Felder und Wiesen und friedigte sie mit schnen Hecken ein, er errichtete einen
auserlesenen Viehstand, und fhrte in geschtzten Lagen den Hopfenbau ein, der
sich unter seine Nachbarn verbreitete und eine Quelle des Wohlstandes erffnete.
Er dmmte dem Ritflusse Wiesen ab, er mauerte die Ufer des Mhlbaches heraus, er
baute eine Flachsrstanstalt, baute neue Stlle, Scheuern, Trockenhuser,
Brcken, Stege, Gartenhuser, und ndert im Innern des Schlosses bestndig um.
Er ist im Laufe des ganzen Tages mit Nachschauen und Anordnen beschftigt,
zeichnet und entwirft in der Nacht, und wenn irgendwo im Lande ber Fhrung
einer Strae oder Anlegung eines Bewirtschaftungsplanes oder Errichtung eines
Gebudes Rat gepflogen wird, so wird er gerufen, und er macht bereitwillig die
Reisen auf seine eigenen Kosten. Selbst bei der Regierung des Landes ist sein
Wort nicht ohne Bedeutung. Die Frau mit dem aschgrauen Kleide ist seine Gattin,
und die zwei Mdchen, welche vor kurzem mit Natalie gegen die Eichen zugingen,
sind seine Tchter. Frau und Tchter reden ihm zu, er solle sich mehr Ruhe
gnnen, da er schon alt wird, er sagt immer: Das ist das Letzte, was ich baue;
allein ich glaube, den letzten Plan zu einem Baue wird er auf seinem Totenbette
machen. Unser Freund hlt in diesen Dingen groe Stcke auf ihn.
    Da wir um die Ecke eines Gebsches bogen und gegen die Eichen, welche an der
Eppichwand stehen, zugingen, sahen wir wieder eine Menschengruppe vor uns.
Roland, der einmal im Zuge war, sagte: Der Mann in dem feinen schwarzen Anzuge,
vor dem seine Gattin in dem nelkenbraunen Seidenkleide geht, ist der Freiherr
von Wachten, dessen Sohn hier ebenfalls zugegen ist, ein Mann von mittelgroer
Gestalt, der im Gesellschaftszimmer so lange am Eckfenster gestanden war, ein
junger Mann von vielen angenehmen Eigenschaften, der aber zu oft in den
Sternenhof kmmt, als da es sich durch bloen Zufall erklren liee. Der
Freiherr verwaltet seine Besitzungen gut, er hat keine besondere Vorliebe, hlt
alles und jedes in der ihm zugehrigen Ordnung, und wird immer reicher. Da er
nur den einzigen Sohn und keine Tochter hat, so wird die knftige Gattin seines
Sohnes eine sehr ansehnliche und sehr reiche Frau. Die Familie lebt im Winter
hufig in der Stadt. Die Gter liegen etwas zerstreut. Thondorf mit den schnen
Wiesen und dem groen Waldgarten mt Ihr ja kennen.
    Ich kenne es, antwortete ich.
    Auf dem Randek hat er ein zerfallendes Schlo, fuhr Roland fort, in
welchem wunderschne Tren sind, die aus dem sechzehnten Jahrhunderte stammen
drften. Der Verwalter rt ihm, die Tren nicht herzugeben, und so zerfallen sie
nach und nach. Sie sind in unsern Zeichnungsbchern enthalten, und wrden
Gemcher, im Stile jener Zeit gebaut und eingerichtet, sehr zieren. Sogar zu
Tischen oder anderen Dingen, falls man sie als Tren nicht verwenden knnte,
wrden sie sehr brauchbar sein. Ich habe auch in der sehr zerfallenen Kapelle
von Randek auerordentlich schne Tragsteine gezeichnet. Meistens wohnt der
Freiherr im Sommer in Wahlstein schon ziemlich tief in den Bergen, wo die Elm
hervorstrmt.
    Ich kenne den Sitz, antwortete ich, und kenne auch die Familie im
allgemeinen.
    Der Mann mit den schneeweien Haaren, sprach Roland weiter, heit
Sandung, er veredelt die Schafzucht, und der eine von den zwei neben ihm
gehenden Mnnern ist der Besitzer des sogenannten Berghofes, ein allgemein
geachteter Mann, und der andere ist der Oberamtmann von Landegg. Es fehlen noch
die vom Inghof, dann sind mehrere Vertreter der hier herum wohnenden Leute
vorhanden. Ich teile sie, wenn ich in meiner Liebhaberei im Lande herum reise,
nach ihren Liebhabereien in Gruppen ein, und man knnte eine Landmappe so nach
diesen Liebhabereien mit Farben zeichnen, wie Ihr die Gebirge mit Farben
zeichnet, um das Vorkommen der verschiedenen Gesteine anzuzeigen.
    Da wir wieder eine Wendung machten, ganz nahe an der rechten Seite der
Eppichwand, ging Mathilde mit der Frau von Tillburg auf einem Nebenwege gegen
uns hervor. Sie blieb vor uns stehen und sagte zu mir: Ihr habt meiner
Brunnennymphe nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt, als Ihr solltet; Ihr zieht
die Gestalt auf der Treppe unsers Freundes zu sehr vor. Sie verdient es wohl;
allein Ihr mt doch die hiesige auch ein wenig genauer ansehen und sie mir ein
wenig schn heien.
    Ich habe sie schn geheien, erwiderte ich, und wenn meine ganz
unbedeutende Meinung etwas gilt, so soll ihr die Anerkennung gewi nicht
entgehen.
    Wir besuchen nun ohnehin alle die Grotte, entgegnete sie.
    Nach diesen Worten ging sie mit ihrer Begleiterin auf dem Hauptwege gegen
die Eppichwand vor, wir folgten. Die anderen kamen in verschiedenen Richtungen
herzu, und man ging zu der Marmorgestalt in der Brunnenhalle.
    Einige gingen hinein, andere blieben mehr am Eingange stehen, und man redete
ber die Gestalt. Diese ruhte indessen in ihrer Lage, und die Quelle rann sanft
und stettig fort. Es waren nur allgemeine Dinge, welche ber das Bildwerk
gesprochen wurden. Mir kam es fremd vor, die geputzten Menschen in den
verschiedenfarbigen Kleidern vor dem reinen, weien, weichen Marmor stehen zu
sehen. Roland und ich sprachen nichts.
    Man entfernte sich wieder von dem Marmor, ging langsam an der Eppichwand
hin, und stieg die Stufen zu der Aussicht empor. Auf dieser verweilte man eine
Zeit, und ging dann gegen die Linden zurck. Nach Betrachtung der Linden und des
schnen Platzes unter ihnen begab sich der Zug wieder auf den Rckweg in das
Schlo. Eustach hatte ich beinahe die ganze Zeit nicht gesehen.
    Zugleich mit uns kamen im Schlosse Wgen an, in denen die von Ingheim und
noch einige Gste saen. Nachdem man sich bewillkommt hatte, und nachdem die
Angekommenen sich von den berflssigen Reisekleidern be freit hatten, teilte
sich, wie es bei hnlichen Gelegenheiten stets vorkmmt, die Gesellschaft in
Gruppen, von denen einige vor dem Hause standen und plauderten, andere auf den
Sandwegen im Rasen herumgingen, wieder andere gegen den Meierhof wandelten. Als
die Abendrte hinter den Bumen erschien, die in schnen Zeilen im Westen des
Schlosses die Felder sumten, und als ihr Glhen immer blsser wurde und dem
Gelb des Sptabends Platz machte, sammelten sich die Leute wieder. Die einen
kehrten von ihrem Spaziergange, die anderen von ihrem Gesprche, die dritten von
ihrer Betrachtung verschiedener Gegenstnde zurck, und man begab sich in das
Speisezimmer. In demselben begann nun ein Abend, wie sie auf dem Lande, wo man
von dem Umgange mit seinesgleichen viel ausgeschlossener ist, zu den
vergngtesten gehren. Ich habe diese Betrachtung, da ich im Sommer immer ferne
von der Stadt war, fter machen knnen. Da man Menschen, mit denen man gleiche
Gesinnungen und gleiche Meinungen hat, auf dem Lande viel seltener sieht als in
der Stadt, da man mit dem Raume nicht so kargen mu wie in der Stadt, wo jede
Familie nur das mit vielen Kosten erschwingt, was sie fr sich und nchste
Angehrige braucht, da die Lebensmittel auf dem Lande gewhnlich aus der ersten
und unmittelbaren Quelle bei der Hand sind, auch strenge Anforderungen hierin
nicht gemacht werden: so ist man auf dem Lande viel gastfreundlicher als in der
Stadt, und Gelegenheiten, wo man sich in einem Zimmer und um einen Tisch
versammelt, werden da viel frhlicher, ungezwungener und auch herzlicher
begangen, weil man sich freut, sich wieder zu sehen, weil man um alles fragen
will, was sich an den verschiedenen Stellen, woher die Ankmmlinge gekommen
sind, zugetragen hat, weil man die eigenen Erlebnisse mitteilen, und weil man
seine Ansichten austauschen will.
    Der Tisch war schon gedeckt, der Hausverwalter wies allen ihre Pltze an,
die zur Vermeidung von dennoch mglichen Verwirrungen noch berdies durch von
seiner Hand geschriebene Zettel bezeichnet waren, und man setzte sich. Der Mann
hatte gesorgt, da solche, die sich gut kannten, nahe zusammen kamen.
Desohngeachtet schritt man mit der Freimtigkeit des Landes und alter Bekannter
dazu, die Zettel noch zu verwechseln und sich gegen die Anordnungen des Mannes
zusammen zu setzen. Von der Decke des Zimmers hing eine sanft brennende Lampe
hernieder, und auer ihr wurde die Tafel noch durch verteilte strahlende Kerzen
erhellt. Mathilde nahm den Mittelsitz ein, und richtete ihre Freundlichkeit und
ihr ruhiges Wesen gegen alle, die in ihrem Bereiche waren, und selbst gegen die
entferntesten Pltze suchte sie ihre Aufmerksamkeit zu erstrecken. Die
bekannteren und lteren Gste saen ihr zunchst, die jngeren entfernter.
Julie, die Tochter Ingheims, mit den heiteren braunen Augen sa mir fast
gegenber, ihre Schwester, die blauugige Apollonia, etwas weiter unten. Sie
hatten sehr geschmackvolle Kleider an, das Geschmeide, das sie trugen, htte,
wie ich meinte, etwas weniger sein sollen. Neben beiden saen die jungen Mnner
Tillburg und Wachten. Natalie sa zwischen Eustach und Roland. Ob es so
angeordnet, ob es ihre eigene Wahl war, wute ich nicht. Man trug ein einfaches
Mahl auf, und frhliche Gesprche belebten es. Man sprach von den Begebnissen
der Gegend, man neckte sich mit kleinen Erlebnissen, man teilte sich Erfahrungen
mit, die man in seinem Kreise gemacht hatte, man sprach von Bchern, die in der
Gegend neu waren, und beurteilte sie, man erzhlte, was man im Bereiche seiner
Liebhaberei Neues erworben, was man fr Reisen gemacht und was man fr fernere
vorhabe. Auch auf die Geschichte des Landes kam es, auf seine Verwaltung, auf
Verbesserungen, die zu machen wren, und auf Schtze, die noch ungehoben liegen.
Selbst Wissenschaft und Kunst war nicht ausgeschlossen. Mancher Scherz
erheiterte die Anwesenden, und man schien sehr vergngt, sich so in einen Kreis
versammelt zu haben, wo sich Neues ergab, und wo man Altes wieder beleben
konnte.
    Nach ein paar schnell vergangenen Stunden stand man auf, die Lichter zu dem
Gange in die verschiedenen Schlafgemcher wurden angezndet, und man begab sich
allmhlich zur Ruhe.
    Am andern Morgen nach dem Frhmahle, da die hher gestiegene Sonne die
Grser bereits getrocknet hatte, begab man sich in das Freie, um das Urteil ber
die Arbeiten an der Vorderseite des Hauses zu fllen. Alle gingen mit. Selbst
Dienerschaft stand seitwrts in der Nhe, als ob sie wte, was geschehe - und
sie wute es wohl auch -, und als ob sie sich dabei beteiligen sollte. Man ging
einige hundert Schritte von der Vorderseite des Hauses weg, wendete sich dann
um, blieb im Grase stehen und betrachtete die von der Tnche befreite Wand.
Hierauf umging man in einem weiten Bogen eine Ecke des Hauses, um auch eine Wand
zu sehen, auf welcher sich noch die Tnche befand. Nachdem man beides wohl
angeschaut hatte, nahm man einen Stand ein, der beide Ansichten gestattete.
    Nach und nach wurden Meinungen laut. Man fragte zuerst die lteren und
ansehnlicheren Gste. Diese gaben fast alle ihr Urteil unbestimmt und mit
Vorsicht ab. Beide Einrichtungen htten ihr Gutes, an beiden wird etwas
auszustellen sein, und es komme auf Geschmack und Vorliebe an. Da das Gesprch
allgemeiner wurde, traten schon manche Meinungen abgeschlossener hervor. Einige
sagten, es sei etwas Besonderes und nicht berall Vorkommendes, die nackten
Steine aus einer Wand stehen zu lassen. Wenn die Kosten nicht zu scheuen sind,
mge man es an dem ganzen Schlosse so machen, und man habe dann etwas sehr
Eigenes. Andere meinten, es sei doch berall Sitte, die Wnde selbst gegen auen
mit einer Tnche zu bekleiden, ein licht getnchtes Haus sei sehr freundlich,
darum htten auch die Vorbesitzer dieses Hauses so getan, um sein Ansehen dem
neuen Geschmacke nher zu bringen. Darauf sagten wieder andere, die Gedanken der
Menschen seien wechselvoll, einmal habe man die groen viereckigen Steine, aus
denen das uere dieser Wnde bestehe, nackt hervor sehen lassen, spter habe
man sie berstrichen, jetzt sei eine Zeit gekommen, wo man wieder auf das Alte
zurck gehe und es verehre, man knne also die Steine wieder nackt legen. Mein
Gastfreund vernahm die Meinungen, und antwortete in unbestimmten und nicht auf
eine einzelne Ansicht gestellten Worten, da alles, was gesagt wurde, sich
ungefhr in demselben Kreise bewegte. Mathilde sprach nur Unbedeutendes, und
Eustach und Roland schwiegen ganz. Von der feurigen Natur des letzten wunderte
es mich am meisten. Ich schlo aus dieser Tatsache, da meine Freunde ihre
Meinung entweder schon gefat hatten, oder da sie dieselbe erst fr sich fassen
wollten. Diese eben abgehaltene Beschau erschien mir also als etwas Allgemeines,
Unwesentliches, als eine nachbarliche Artigkeit, als eine Gelegenheit, zusammen
zu kommen, um sich gemeinschaftlich zu sehen und zu sprechen, wie man es bei
andern Anlssen auch tut.
    Mir erschien die Blolegung der Steine unbedingt als das Natrlichste. Wie
ich wohl schon erkennen gelernt hatte, ist bei Denkmlern - und je grer und
wrdiger sie sein sollen, um desto mehr ist dies der Fall - der Stoff nicht
gleichgltig, und dann darf er aber nicht mit Fremdartigem vermengt werden. Ein
Siegesbogen, selbst wenn er unter Dach steht, darf von Marmor sein, weniger
schon von Ziegeln oder Holz, ganz und gar nicht von gegossenem Eisen oder
festgeklebtem Papier. Eine Bildsule kann von Marmor, Metall oder Holz sein,
weniger von groben Steinen, ganz und gar nicht von allerlei zusammengefgten
Bestandteilen. Unsere neuen Huser, die nur bestimmt sind, Menschen aufzunehmen,
um ihnen Obdach zu geben, haben nichts Denkmalartiges, sei es ein Denkmal fr
den Glanz einer Familie, sei es ein Denkmal der abgeschlossenen und
wohlgenossenen Wohnlichkeit fr irgend ein Geschlecht. Darum werden sie
fachartig aus Ziegeln gebaut und mit einer Schicht berstrichen, wie man auch
lackiertes Gerte macht oder knstliches Gestein malt. Schon die aus bloem
Holze zur Wohnung eines Geschlechtes in unsern Gebirgslndern (nicht zur
Spielerei in Grten) erbauten Huser haben Denkmalartiges, noch mehr die
Schlsser, die aus festen Steinen gefgt sind, die Torbogen, die Pfeiler, die
Brcken und noch mehr die aus Stein gebauten Kirchen. Daraus ergab sich mir von
selber, da diejenigen, die dieses Schlo so bauten, da die Auenseiten der
Wnde fest gefgte, viereckige, unbestrichene Steine sind, recht gehabt haben,
und da die, welche die Steine bestrichen, im Unrechte waren, und da die,
welche sie wieder blo legen, abermals im Rechte sind. Ich sah, da man an
smtlichen Steinen, weil sonst die Kalktnche nicht zu vertilgen gewesen wre,
die Oberflche mit scharfen Hmmern erneuert hatte. Dies gab wohl den Steinen
etwas, das ein lichteres Grau ist, als die alten Simse und Tragsteine hatten,
die nicht getncht waren; allein durch Zeit und Wetter werden sich auch die
erneuerten Steinoberflchen wieder dunkler frben.
    Man ging, da man eine Weile gesprochen hatte, obwohl ein eigentliches Urteil
nicht gefllt worden war, wieder in das Haus zurck, und auch die Dienerschaft,
welche zugeschaut hatte, ging auseinander, gleichsam als ob die Sache jetzt aus
wre.
    In dem Hause zerstreuten sich die Gste, manche begaben sich in Zimmer,
manche gingen in das Freie.
    Ich nahm in meinem Schlafgemache, wozu mir das nmliche Zimmer, welches ich
frher bewohnt hatte, angewiesen worden war, einen Leichteren Hut und einen
bequemeren Rock, und ging dann auch in den Garten. Ich ging ganz allein in einem
dunkeln Gange zwischen Gebschen hin, und es war mir wohl, da ich allein war.
Ich schlug die abgelegenen, wenig gangbaren und auch weniger im Stande
gehaltenen Wege ein, damit ich niemanden begegne, und damit sich niemand zu mir
geselle. Es war auch wirklich kein Mensch in den Gngen, und ich sah nur kleine
Vgel, welche ungescheut in ihnen liefen und Futter von der Erde pickten. Ich
umging den Lindenplatz und kam hinter ihm aus dem Gebsche heraus. Von da ging
ich in einem groen Umwege der Eppichwand zu, und hatte vor, in die
Nymphengrotte zu treten, wenn niemand in ihr wre. Als ich schon nahe an der
Grotte war und schief in dieselbe blicken konnte, sah ich, da Natalie auf dem
Marmorbnklein sitze, welches sich seit wrts von der Nymphengestalt befand. Sie
sa an dem innersten Ende des Bnkleins. Ihr blagraues Seidenkleid schimmerte
aus der dunkeln Hhlung heraus. Einen Arm lie sie an ihrer Gestalt ruhen, den
andern hatte sie auf die Lehne des Bnkleins gesttzt, und barg die Stirn in
ihrer Hand. Ich blieb stehen, und wute nicht, was ich tun sollte. Da ich nicht
in die Grotte gehen wolle, war mir klar; allein die kleinste Wendung, die ich
machte, konnte ein Gerusch erregen und sie stren. Aber ohne da ich ein
Gerusch machte, sah sie auf, und sah mich stehen. Sie erhob sich, ging aus der
Grotte, ging mit beeilten Schritten an der Eppichwand hin, und entfernte sich in
das Gebsch. In kurzem sah ich den Schimmer ihres Kleides verschwinden. Eine
ganz kleine Zeit blieb ich stehen, dann ging ich in die Grotte hinein. Ich
setzte mich auf dieselbe Marmorbank, auf der sie gesessen war, und sah in das
Rinnen des Wassers, sah auf die einsame Alabasterschale, die neben dem Becken
stand, und sah auf den ruhigen, glnzenden Marmor. Ich sa sehr lange. Da sich
Stimmen nherten, und da ich vermuten mute, da man die Brunnengestalt besuchen
wrde, stand ich auf, ging aus der Grotte, ging in das Gebsch, und begab mich
auf denselben Wegen, auf denen ich gekommen war, in das Schlo zurck.
    Der Mittag vereinigte noch einmal alle Gste bei dem Mahle. Mehrere von
ihnen hatten beschlossen, gleich nach demselben fort zu fahren, um noch vor der
Nacht ihre Heimat zu erreichen. Man brachte einen frhlichen Trinkspruch aus auf
die schne Gestaltung des Schlosses und einen Dank fr die herzliche Bewirtung.
Der Spruch wurde mit einem Wunsche fr das Wohl der Gesellschaft und fr
baldiges Wiedersehen erwidert. Die heitere Sommersonne verklrte das Zimmer, und
die Blumen des Gartens schmckten es.
    Nach dem Mahle fuhren mehrere der Gste fort, und im Laufe des Nachmittages
entfernten sich alle.
    Wir, die nach dem Asperhofe muten, hatten beschlossen, morgen frh
abzufahren.
    Bei dem Abendessen kam das Gesprch auf das Unternehmen an dem Hause. Ich
sah, da die briggebliebenen schon einig waren. Es sprach nun mein Gastfreund,
es sprachen Eustach und Roland. Sie hatten alle meine Ansicht. Ich wurde
aufgefordert, auch meine Meinung zu sagen. Ich sprach sie nach meiner innern
Empfindung aus. Alle mochten sie wohl so erwartet haben. ber den Aufwand zur
Deckung der knftigen Kosten sprach mein Gastfreund mit Mathilden besonders.
Durch das Abschlagen der Steine mit scharfen Hmmern hatten sich die Auslagen
grer gezeigt, als man anfangs vermuten konnte. Mein Gastfreund riet daher, da
man die Arbeit auf lngere Fristen ausdehnen solle, wodurch die Kosten weniger
empfindlich wrden, und, da doch das Schaffen des Schnen das Vergngen bilde,
dieses Vergngen sich verlngere. Man billigte den Vorschlag, und freute sich
auf das Wachsen des Edleren, und freute sich auf den Augenblick, wenn das Haus
in einem wrdigen Gewande da stehen wrde, und man die Beruhigung htte, es so
dem knftigen Besitzer bergeben zu knnen.
    Mit dem Anbruche des nchsten Tages fuhren mein Gastfreund, Eustach, Roland,
Gustav und ich auf dem Wege nach dem Rosenhause dahin.
    Als ich in Hinsicht der eben zugebrachten Tage etwas ber das Landleben
sagte und die Annehmlichkeiten desselben berhrte, und als wir eine Zeit ber
diesen Gegenstand gesprochen hatten, sagte mein Gastfreund: Das
gesellschaftliche Leben in den Stdten, wenn man es in dem Sinne nimmt, da man
immer mit fremden Personen zusammen ist, bei denen man entweder mit andern zum
Besuche ist, oder die mit andern bei uns sind, ist nicht ersprielich. Es ist
das nmliche Einerlei, wie das Leben in Orten, die den groen Stdten nahe sind.
Man sehnt sich, ein anderes Einerlei aufzusuchen; denn wohl ist jedes Leben und
jede uerung einer Gegend ein Einerlei, und es gewhrt einen Abschlu, von dem
einen Einerlei in ein anderes ber zu gehen. Aber es gibt auch ein Einerlei,
welches so erhaben ist, da es als Flle die ganze Seele ergreift, und als
Einfachheit das All umschliet. Es sind erwhlte Menschen, die zu diesem kommen
und es zur Fassung ihres Lebens machen knnen.
    In der Weltgeschichte kmmt wohl hnliches vor, sagte ich.
    In der Weltgeschichte kmmt es vor, antwortete er, wo ein Mensch durch
eine groe Tat, die sein Leben erfllt, diesem Leben eine einfache Gestalt geben
kann, abgelst von allem Kleinlichen - in der Wissenschaft, wo ein groartiges
Feld hchsten Erringens vor dem Menschen liegt - oder in der Klarheit und Ruhe
der Lebensanschauungen, die endlich alles auf einige ausgedehnte, aber
einfltige Grundlinien zurck fhrt. Jedoch sind auch hier Mae und Abstufungen
wie in allen andern Dingen des Lebens.
    Von den zwei Hauptzeitrumen, welche das menschliche Geschlecht betroffen
haben, erwiderte ich, von dem sogenannten antiken und dem heutigen, drfte
wohl der griechisch-rmische das meiste von dem Gesagten aufzuweisen haben.
    Wir wissen zuletzt gar nicht, welche Zeitrume es in der Geschichte gegeben
hat, antwortete er. Die Griechen und Rmer sind unserer Zeit am nchsten, wir
sind aus ihnen hervor gegangen, und wissen von ihnen auch das meiste. Wer wei,
wie viele Vlkerabschnitte es gegeben hat, und wie viele unbekannte
Geschichtsquellen noch verborgen sind. Wenn einmal ganze Reihen solcher
Vlkerzustnde wie Griechen-und Rmertum vorliegen, dann lt sich eher ber
unsere Frage etwas sagen. Oder sind etwa solche Reihen nur dagewesen und
vergessen worden, und werden berhaupt die hintersten Stcke der Weltgeschichte
vergessen, wenn sich vorne neue ansetzen und ihrer Entwicklung entgegen eilen?
Wer wird dann nach zehntausend Jahren noch von Hellenen oder von uns reden? Ganz
andere Vorstellungen werden kommen, die Menschen werden ganz andere Worte haben,
mit ihnen in ganz anderen Stzen reden, und wir wrden sie gar nicht verstehen,
wie wir nicht verstehen wrden, wenn etwas zehntausend Jahre vor uns gesagt
worden wre und uns vorlge, selbst wenn wir der Sprache mchtig wren. Was ist
dann jeder Ruhm? Aber kehren wir zu unserem Gegenstande zurck, und sehen wir
von Egyptern, Assyrern, Indern, Medern, Hebrern, Persern, von denen Kunde zu
uns herber gekommen ist, ab, und vergleichen wir uns nur allein mit der
griechisch-rmischen Welt, so drfte in ihr wirklich mehr einfache Lebensgre
gelegen sein, als in der unsern liegt. Ich verwundere mich oft, wenn ich in der
Lage bin, zu entscheiden, welchen von beiden ich den Preis geben soll, Csars
Taten oder Csars Schriften, wie sehr ich im Schwanken begriffen bin, und wie
wenig ich es wei. Beides ist so klar, so stark, so unbeirrt, da wir wenig
desgleichen haben drften.
    Jene alten Verhltnisse des Handelns und Denkens waren aber, wie ich
glaube, auch weniger verwickelt als die unsrigen, sagte ich.
    Sie hatten einen nicht so ausgedehnten Schauplatz wie wir, erwiderte er,
obwohl auch der Platz der Taten zu Csars Zeit - Britannien, Gallien, Italien,
Asien, Afrika- oder zu Alexanders Zeit - Griechenland und Orient nicht ganz
klein war. Ihre Verhltnisse nach auen gestalteten sich daher leichter; aber im
Innern drften sie bei der groen Zahl der mithandelnden Personen, von denen die
meisten Stimme und Gewalt in Staatsdingen hatten, nicht so leicht gewesen sein,
und die Macht, diese Gemter durch Wort, Erscheinung und Handlung zu gewinnen
und zu leiten, drfte schwierig zu erwerben gewesen sein, und drfte eben dem
Wesen eines Mannes die feste Gestalt aufgedrckt haben, die wir so oft an ihm
bewundern. Unsere Zeit ist eine ganz verschiedene. Sie ist auf den Zusammensturz
jener gefolgt, und erscheint mir als eine bergangszeit, nach welcher eine
kommen wird, von der das griechische und rmische Altertum weit wird bertroffen
werden. Wir arbeiten an einem besondern Gewichte der Weltuhr, das den Alten,
deren Sinn vorzglich auf Staatsdinge, auf das Recht und mitunter auf die Kunst
ging, noch ziemlich unbekannt war, an den Naturwissenschaften. Wir knnen jetzt
noch nicht ahnen, was die Pflege dieses Gewichtes fr einen Einflu haben wird
auf die Umgestaltung der Welt und des Lebens. Wir haben zum Teile die Stze
dieser Wissenschaften noch als totes Eigentum in den Bchern oder Lehrzimmern,
zum Teile haben wir sie erst auf die Gewerbe, auf den Handel, auf den Bau von
Straen und hnlichen Dingen verwendet, wir stehen noch zu sehr in dem Brausen
dieses Anfanges, um die Ergebnisse beurteilen zu knnen, ja wir stehen erst ganz
am Anfange des Anfanges. Wie wird es sein, wenn wir mit der Schnelligkeit des
Blitzes Nachrichten ber die ganze Erde werden verbreiten knnen, wenn wir
selber mit groer Geschwindigkeit und in kurzer Zeit an die verschiedensten
Stellen der Erde werden gelangen, und wenn wir mit gleicher Schnelligkeit groe
Lasten werden befrdern knnen? Werden die Gter der Erde da nicht durch die
Mglichkeit des leichten Austauschens gemeinsam werden, da allen alles
zugnglich ist? Jetzt kann sich eine kleine Landstadt und ihre Umgebung mit dem,
was sie hat, was sie ist, und was sie wei, absperren, bald wird es aber nicht
mehr so sein, sie wird in den allgemeinen Verkehr gerissen werden. Dann wird, um
der Allberhrung gengen zu knnen, das, was der Geringste wissen und knnen
mu, um vieles grer sein als jetzt. Die Staaten, die durch Entwicklung des
Verstandes und durch Bildung sich dieses Wissen zuerst erwerben, werden an
Reichtum, an Macht und Glanz vorausschreiten und die andern sogar in Frage
stellen knnen. Welche Umgestaltungen wird aber erst auch der Geist in seinem
ganzen Wesen erlangen? Diese Wirkung ist bei weitem die wichtigste. Der Kampf in
dieser Richtung wird sich fortkmpfen, er ist entstanden, weil neue menschliche
Verhltnisse eintraten, das Brausen, von welchem ich sprach, wird noch strker
werden, wie lange es dauern wird, welche bel entstehen werden, vermag ich nicht
zu sagen; aber es wird eine Abklrung folgen, die bermacht des Stoffes wird vor
dem Geiste, der endlich doch siegen wird, eine bloe Macht werden, die er
gebraucht, und weil er einen neuen menschlichen Gewinn gemacht hat, wird eine
Zeit der Gre kommen, die in der Geschichte noch nicht dagewesen ist. Ich
glaube, da so Stufen nach Stufen in Jahrtausenden erstiegen werden. Wie weit
das geht, wie es werden, wie es enden wird, vermag ein irdischer Verstand nicht
zu ergrnden. Nur das scheint mir sicher, andere Zeiten und andere Fassungen des
Lebens werden kommen, wie sehr auch das, was dem Geiste und Krper des Menschen
als letzter Grund inne wohnt, beharren mag.
    Wir gingen nun in manches Einzelne dieses Stoffes ein, behandelten es im
Fahren, und suchten die mglichen Folgen anzugeben. Besonders wurden Zweige der
Naturwissenschaften genannt, welche vorzugsweise vorgeschritten waren und
Einflu zu gewinnen schienen, wie die Chemie und andere. Roland war entschieden
fr Neuerung, wenn sie auch alles umstrzte, mein Gastfreund und Eustach hegten
den Wunsch, da jenes Neue, welches bleiben soll, weil es gut ist - denn wie
vieles Neue ist nicht gut - nur allgemach Platz finden und ohne zu groe Strung
sich einbrgern mchte. So ist der bergang ein lngerer, aber er ist ein
ruhigerer, und seine Folgen sind dauernder.
    Nach dem Mittagsessen kam das Gesprch auf die Brunnennymphe im Sternenhofe,
und mein Gastfreund erzhlte mir, wie sie erworben worden war. Ein Mann, der
entfernt mit Mathilden verwandt war, hatte zu seinem groen Vermgen noch
Erbschaften gemacht. Er verlegte sich auf Sammlungen. Er hatte Mnzen, er hatte
Siegel, er hatte keltische und rmische Altertmer, Musikgerte, Tulpen und
Georginen, Bcher, Gemlde und Bildsulen. Er baute in seinem Garten an sein
Haus, welches etwas erhht stand, eine groe Flche, die er mit Steinen
pflasterte, und von welcher knstliche steinerne Stufen in mehreren Richtungen
nach dem Garten hinab gingen. Auf die Brstungen dieser Flche und auf die
Einfassungen der Treppen wurden Bildsulen gesetzt. Es gehrte zu den grten
Vergngungen des Mannes, auf der Flche hin und her zu gehen. Das tat er auch
oft, wenn die heieste Sonne am Himmel stand und das Pflaster in die Sohlen
brannte. Auerdem hatte er auch noch Bildsulen auf den Treppen des Hauses und
in den Zimmern. Die Nymphe, welche jetzt Mathilde besitzt, hatte er in einem
Brunnentempel im Garten. Er hatte sie von seinem Grooheime geerbt. Sie soll zu
den Jugendzeiten desselben von einem italienischen Bildbauer fr einen Frsten
verfertigt worden sein, dessen schneller Todfall das bergehen an ihre
Bestimmung vereitelte. So kam sie nach mehreren Zufllen an den Grooheim, der
Verbindungen mit dem Knstler hatte. Man sagt, diese Bildsule sei der Anfang zu
der Bildsulenliebhaberei des Vetters Mathildens gewesen. Als dieser Mann starb,
fand sich ein letzter Wille geschrieben vor, da alle Kunstwerke an Kunstkenner
oder Kunstliebhaber, nicht aber an Hndler verkauft werden, und da das Geld
dafr und die anderen Dinge, die er hinterlassen, und zwar letztere nach einem
Schtzungswerte, unter seine entfernten Verwandten verteilt werden sollten; denn
Kinder oder nhere Verwandte hatte er nicht. Da nun die Nymphe weitaus das
schnste Kunstwerk war, welches er besa, da Mathilde es immer bewundert hatte,
da sie schon im Besitze des Sternenhofes war und in demselben schon schne
Gemlde untergebracht hatte: so war es ihr nicht schwer, sich als eine
Kunstliebhaberin auszuweisen und das Bildwerk anzukaufen. Man gnnte es ihr mehr
als einem Fremden, weil auf diese Weise das Kunstwerk gewissermaen in der
Familie blieb, und sie berdies auch mehr in die gemeinschaftliche Erbschaft
zahlte, als ein Fremder getan haben wrde. Sie brachte das ihr so liebe Werk in
den Sternenhof und stellte es dort in einem Saale auf. Erst lange darnach wurde
durch Eustachs und meines Gastfreundes Bemhungen zwischen den Eichen, die schon
standen, die Eppichwand und die Quellengrotte gebaut, und so der Gestalt ein
wrdiger und wirkungsvollerer Aufenthaltsort gegeben, da sie fr den Saal doch
immer zu gro und ihre Stellung und ihre Beschftigung unpassend gewesen war.
Den Krug, aus welchem das Wasser rann, hatte sie schon, das Becken und die Bank
sind neu gemacht worden, die Alabasterschale hat Mathilde aus ihrem Besitztum
dazu gegeben.
    Wir kamen am Abende im Rosenhause an. Am andern Tage bat ich meinen
Gastfreund, er mge erlauben, da ich eine Nachzeichnung von der Zeichnung des
Kerberger Altares, die er besitze, mache und diese Zeichnung meinem Vater zum
Geschenke bringe. Er erlaubte es sehr gerne. Die Zeichnung war nach dem
Vorschlage, welcher auf der Reise in das Hochland gemacht worden war, von Roland
verbessert worden, und so wurde sie mir bergeben.
    Ich schlo mich in mein Zimmer ein, und arbeitete mehrere Tage fleiig von
Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, bis ich mit der Zeichnung fertig war. Ich
verpackte sie nun sehr wohl, und gab meinem Gastfreunde die Urzeichnung zurck.
    Nun hielt ich mich nicht mehr lnger in dem Asperhofe auf, und eilte in die
Tann.
    Ich stieg dort auf Berge, ich arbeitete sehr angestrengt, ich spielte sehr
viel auf meiner Zither, und las in meinen Bchern.
    Eines Tages, gegen den Sptsommer hin, hrte ich mit allem auf. Ich packte
meine Kisten, tat die Wertzeuge und die Schriften, die sich auf meine Arbeiten
bezogen, in ihre Fcher und Koffer, entlie fast alle Leute, versah die Kisten
mit Aufschriften, verordnete ihre Versendung, und ging dann in das Lautertal.
Dort nahm ich nur den alten Kaspar und von den jungen Mnnern einen, der mir
besonders lieb geworden war, und beschlo, die Messung des Lautersees zu Ende zu
bringen.
    Ich mietete mich in dem Seewirtshause ein, richtete alle Gerte, welche mir
zu meinem Vorhaben ntig waren, zurecht, lie diejenigen neu verfertigen, welche
ich nicht hatte, und ging ans Werk. Ich arbeitete recht fleiig. So lange das
Licht des Tages leuchtete, waren wir auf dem Wasser. Nachts - auer einigen
Stunden Schlafes - war ich an dem Papiere teils mit Rechnungen, teils mit
Schreiben, teils sogar mit Zeichnen beschftigt. Ich wiederholte einige
Messungen, welche ich in frheren Zeiten vorgenommen hatte, um mich von der
Bestndigkeit oder Wandelbarkeit des Wasserstandes oder des Seegrundes zu
berzeugen. Da ein durchaus gleicher Wasserstand nicht zu denken ist, so bezog
ich meine Messungen auf einen mittleren Stand, und stellte immer die Frage, wie
tief unter diesem Stande die bestimmten Stellen des Seegrundes liegen. Dieser
mittlere Stand, der nach demjenigen genommen wurde, welcher in der meisten Zeit
des Jahres herrscht, war in meiner Abbildung auch der Wasserspiegel. Ihn nahm
ich bei den Nachmessungen zur Richtschnur. In greren Entfernungen von dem Ufer
hatte sich der Seegrund seit dem Beginne meiner Messungen nicht gendert, oder
wenn er sich gendert hatte, war es so wenig, da es durch unsere Mewerkzeuge
nicht wahrzunehmen war. An jenen Ufern oder in der Nhe derselben, wo groe
Tiefen herrschten und steile, ruhige Wnde standen, an denen bei Regengssen
hchstens schmale Bnder oder seichte Wasserflchen niederrieseln, war ebenfalls
keine Vernderung. Aber an seichten Stellen bei flacheren Ufern, wo der Regen
Gerlle und andere Dinge einfhrt, fanden sich schon Vernderungen vor. Am
meisten aber waren die Wandlungen und am grten, wo eine Schlucht sich gegen
das Wasser ffnete, aus welcher ein Bergbach hervorstrmte, der, je nachdem er
weiter her flo oder bei Gssen heftiger anschwoll, auch grere Berge von
Gerlle in den See schob und dort liegen lie. Nach der Wiederholung dieser
alten Messungen wurde zu neuen geschritten, die zur Vollendung der mir zum Ziele
gesetzten Kenntnisse notwendig waren. Ebenso wurden die Zeichnungen der Gebilde,
welche sich auerhalb des Wassers als Ufer befanden, fleiig fortgesetzt.
    Zweimal wurde die Arbeit unterbrochen. Ich ging in das Rothmoor, um
nachzusehen, wie weit die Dinge, die aus meinen Marmoren verfertigt werden
sollten, gediehen wren, und wie gut sie ausgefhrt wrden. Die Fortschritte
waren zu loben. Man sagte - und ich selber sah die Mglichkeit ein -, da in
diesem Sommer noch alles fertig werden wrde. Aber in Hinsicht der Gte hatte
ich Ausstellungen zu machen. Ich ordnete mit Bitten, Vorstellungen und
Versprechen an, da man das, was ich angab, so genau und so rein mache, wie ich
es wollte.
    Wenn Regenzeit war, so da die Wolken an den Bergen herum hingen, und weder
diese noch die Gestalt des Sees richtig zu berblicken waren, so blieb ich zu
Hause, und zeichnete und malte dasjenige in mein Hauptblatt, was ich im Freien
auf viele Nebenbltter aufgenommen hatte. So rckte das Unternehmen der
Vollendung immer nher.
    Endlich waren die Arbeiten im Freien beendigt, und es erbrigte nur noch,
die vielen Angaben, welche in meinen Papieren zerstreut waren, und welche ich
bisher nicht hatte bewltigen knnen, in die Zeichnung einzutragen, und die
Gestalten, welche ich auf einzelnen Blttern hatte, teils mit der Hauptzeichnung
wegen der Richtigkeit zu vergleichen, teils diese, wo es nottat, zu ergnzen.
Auch Farben muten auf verschiedene Stellen aufgetragen werden.
    Nach langer Arbeit und nach vielen Schwierigkeiten, die ich zur Erzielung
einer groen Genauigkeit zu berwinden hatte, war das Werk eines Tages fertig,
und der ganze Entwurf lag in schwermtiger Dsterheit und in einer Schnheit vor
meinen Augen, die ich selber nicht erwartet hatte. Ich betrachtete allein die
Abbildung eine Weile, da niemand war, der das Anschauen mit mir geteilt htte,
rollte dann das Blatt auf eine Walze, verpackte es sehr gut in einen Koffer,
nahm von dem See und von allen Bewohnern des Seewirtshauses Abschied, und begab
mich auf den Weg in das Ahornhaus des Lautertales.
    Dort siedelte ich mich an. Ich ging nun tglich in das Rothmoor, blieb den
ganzen Tag dort, und kehrte abends zurck, so da ich in der Dmmerung im
Ahornhause ankam. Ich sah im Rothmoore den Arbeiten an meinen Marmoren zu, dem
Schneiden, Feilen, Reiben, Schleifen und Gltten. Ich gab auch an, wie manches
zu behandeln sei, und wie es einer greren Vollendung, namentlich aber einer
grern Genauigkeit entgegen gefhrt werden knnte.
    Das Wasserbecken meines Vaters wurde nach und nach fertig, und die kleineren
Dinge, welche gemacht werden sollten, waren ebenfalls vollendet. Die Sonne
schien in die Bauhtte, und das Becken erglnzte recht rein und schn in
derselben. Ich lie von starken Balken Behltnisse zimmern. In diese wurden die
Teile des Beckens mit Winden, Hebeln und Stricken gepackt und zur Versendung
bereitet. Die Wgen muten eigens vorgerichtet werden, damit die Behltnisse an
den Strom gebracht werden knnten. Diese Vorrichtung war endlich fertig. Das
Aufladen wurde bewerkstelligt, und die Wgen gingen ab. Ich ging mit ihnen bis
an den Strom, und verlie sie keinen Augenblick, um wo mglich jeden Unfall zu
verhten. Am Strome wurden die Behltnisse auf ein Schiff verladen und weiter
befrdert. Von dem Landungsplatze vor unserer Stadt wurden sie endlich wieder
durch starke Wgen in unsern Garten gebracht.
    Es wurde nun daran geschritten, das Wasserwerk in diesem Herbste noch fertig
zu machen. Der Vater hatte auf Briefe von mir und auf gesendete Mae den Dingen
bereits vorarbeiten lassen. Es wurden nun noch mehrere Arbeiter gedungen und ein
Wasserbaukundiger genommen, welcher die Arbeiten zu leiten hatte. Ich war den
ganzen Tag bei dem Werke zugegen und half mit. Der Vater kargte sich ebenfalls
alle mgliche Zeit ab, um zugegen sein und zuschauen zu knnen. Die Rhren
wurden gelegt, die Steigrhre verzapft, der Stengel ber sie gebaut, mit den
ntigen Eisen gestrkt und verltet, und an demselben wurde das Blatt befestigt.
Der Pfropfen, welcher den in das Blatt mndenden Stengel geschlossen gehalten
hatte, wurde gelftet, und der reine Strahl fiel auf die im Blatte liegende
Einbeere hinunter, fllte das Becken, und glitt von demselben, als es gefllt
war, auf den sanften gelb marmornen Fuboden nieder und rieselte in dessen Rinne
weiter. Die Farben stimmten sehr gut zusammen, das Dunkel des Stengels hob sich
von dem Rosenrot des Blattes ab, und das Gelb des Fubodens gab dem Rosenrot
eine schnere Farbe und einen feineren Glanz. Es waren mehrere Gste zur
Erffnung des Werkes geladen worden, und diese so wie Vater, Mutter und
Schwester freuten sich des Gelingens.
    Der Vater reichte mir als Gegengeschenk, sehr schn gebunden und auf den
Deckeln mit halberhabener Arbeit versehen, das Nibelungenlied. Ich dankte ihm
sehr dafr.
    Es wurde beschlossen, fr den Winter ein Bretterhuschen ber das Wasserwerk
machen zu lassen und dasselbe gut zu verwahren, da keine Klte eindringen
knne. Fr den Frhling wurden Plane entworfen, wie man die Gartenumgebungen des
Beckens einrichten solle, da der ganze Anblick ein desto wrdigerer und
schnerer sei. Man hoffte, bis zum Eintritte der besseren Jahreszeit mit den
Entwrfen im Reinen zu sein und beginnen zu knnen.
    Ich bergab auer dem Becken auch die andern Marmorgegenstnde, welche in
dem Rothmoore waren verfertiget worden. Darunter befanden sich Sulen und Simse,
welche an einer Stelle verwendet werden sollten, die am Ende des Gartens lag,
eine Aussicht auf die Berge und auf die Umgebung bot, und auf welcher der Vater
etwas zu errichten vorhatte, das der Aussicht wrdig wre und sie besser
genieen lasse. Ich meinte, es drfte eine schne Fassung anzulegen sein, die
den Platz begrenzt, die breite Flchen hat, da man sich auf dieselben lehnen
und Dinge auf sie legen knne, und an der sich Sitze befnden, auf welchen man
ausruhen knne. Wenn in der Nhe dieser Fassung ein Tisch wre, wrde es noch
besser sein. Auerdem hatte ich Schalen zu beliebigem Gebrauche gebracht, Ringe,
die einen Vorhang fassen, Tischplatten, Pfeilerverzierungen, Steine von
verschiedener Farbe, die im Vierecke geschliffen waren, und die man der Reihe
nach auf Papier oder hnliches legen konnte, und noch mehrere Dinge dieser Art.
    Dem Vater zeigte ich die Zeichnung von dem Kerberger Altare und sagte, da
ich sie eigens fr ihn gemacht habe und sie ihm hiemit bergebe. Er war sehr
erfreut darber und dankte mir dafr. Der Altar war ihm zwar nicht neu, er hatte
ihn in frherer Zeit, ehe er wieder hergestellt worden war, gesehen, und die
Zeichnung des wiederhergestellten Altares war unter den von meinem Gastfreunde
dem Vater im vorigen Jahre gesendeten Zeichnungen gewesen. Desohngeachtet war es
ihm sehr angenehm, die Zeichnung zu besitzen und sie fter und nach Mue
betrachten zu knnen. Er machte mich auf mehrere Dinge aufmerksam, die er nach
wiederholter Betrachtung entdeckt hatte. Zuerst sah er, da der Altar viel
reicher und mannigfaltiger sei, als da er ihn in noch unverbessertem Zustande
vor vielen Jahren in Wirklichkeit gesehen hatte; dann machte er mich darauf
aufmerksam, da dieses Werk schon die Rundlinien habe, da die Trmchen durch
gewundene Stbe in Gestalten von Pyramiden gebildet, und da die menschlichen
Gestalten schon sehr durchgearbeitet seien, was alles darauf hindeute, da das
Werk nicht mehr der Zeit der strengen gotischen Bauart angehre, sondern
derjenigen, wo diese Art sich schon zu verwandeln begonnen hatte. Auch zeigte er
mir, da Teile der Verzierungen im Laufe der Zeiten an andere Orte gestellt
worden seien, als an die sie gehren, da die Bsten sich nicht an dem rechten
Platze befinden, und da menschliche Gestalten verloren gegangen sein mssen. Er
holte Bcher aus seinem Bcherschreine herbei, in denen Abbildungen waren, und
aus denen er mir die Wahrheit dessen bewies, was er behauptete. Ich sagte ihm,
da mein Gastfreund und Eustach der nmlichen Meinung sind, da aber die
Wiederherstellungen, welche man an dem Altare gemacht hat, im strengen
Wortverstande nicht Wiederherstellungen gewesen seien, sondern da man sich
zuerst nur zum Zwecke gesetzt habe, den Stoff zu erhalten, und weitere
Umnderungen oder grere Ergnzungen einer ferneren Zeit aufzubewahren, wenn
sich berhaupt die Mittel und Wege dazu fnden. Nur solche Ergnzungen sind
gemacht worden, bei denen die Gestalt des Gegenstandes unzweifelhaft gegeben
war.
    Die Bcher des Vaters machten mich auf die Sache, die sie behandelten, mehr
aufmerksam, ich bat ihn, da er sie mir in meine Wohnung leihe, und begann sie
durchzugehen. Sie fhrten mich dahin, da ich die Baukunst und ihre Geschichte
vom Anfange an genauer kennen zu lernen wnschte, und mir alle Bcher, die hiezu
ntig waren, nach dem Rate meines Vaters und anderer ankaufte.

                                  5. Der Bund


Der Winter verging wie gewhnlich. Ich richtete meine mitgebrachten Dinge in
Ordnung, und holte an Schreibgeschften nach, was im Sommer wegen der Ttigkeit
im Freien und der anderweitig verlorenen Zeit im Rckstande geblieben war. Der
Umgang mit den Meinigen in dem engsten Kreise des Hauses war mir das Liebste, er
war mein grtes Vergngen, er war meine hchste Freude. Der Vater bezeigte mir
von Tag zu Tag mehr Achtung. Liebe konnte er mir nicht in grerem Mae
bezeigen, denn diese hatte er mir immer hchstmglich bewiesen; aber so wie er
frher bei der zrtlichsten Sorg falt fr mein Wohl und bei der Herbeischaffung
alles dessen, was zu meinem Unterhalte und meiner Ausbildung notwendig gewesen
ist, mich meine Wege gehen lie, immer freundlich und liebevoll war, und nicht
begehrte, da ich mich in andere Richtungen begebe, die ihm etwa bequemer sein
mochten: so war er zwar dies jetzt alles auch; aber er fragte mich doch hufiger
um meine Bestrebungen und lie sich die Dinge, welche darauf Bezug hatten,
auseinandersetzen, er holte meinen Rat und meine Meinung in Angelegenheiten
seiner Sammlungen oder in denen des Hauses ein und handelte darnach, er sprach
ber Werke der Dichter, der Geschichtschreiber, der Kunst mit mir, und tat dies
fter, als es in frheren Zeiten der Fall gewesen war. Er brachte in meiner
Gesellschaft manche Zeit bei seinen Bildern, bei seinen Bchern und bei seinen
andern Dingen zu, und versammelte uns gerne in dem Glashuschen, das eine
erwrmte Luft durchwehte, die sich traulich um die alten Waffen, die alten
Schnitzwerke und die Pfeilerverkleidungen ergo. Er sprach von verschiedenen
Dingen, und schien sich wohl zu fhlen, den Abend in dem engsten Kreise seiner
Familie zubringen zu knnen. Mir schien es, da er zu der jetzigen Zeit nicht
nur frher aus seiner Schreibstube nach Hause komme als sonst, sondern da er
sich auch mehr innerhalb der Mauern desselben aufhalte als in frheren Jahren.
Die Mutter war sehr freudig ber die Heiterkeit des Vaters, sie ging gerne in
seine Plne ein, und befrderte alles, was sie in ihrem Kreise zu der Erfllung
derselben tun konnte. Sie schien uns Kinder mehr zu lieben als in jeder
vergangenen Zeit. Klotilde wendete sich immer mehr und mehr zu mir, sie war
gleichsam mein Bruder, ich war ihr Freund, ihr Ratgeber, ihr Gesellschafter. Sie
schien gar keine andere Empfindung als fr unser Haus zu haben. Wir setzten
unsere bungen im Spanischen, im Zitherspielen, im Zeichnen und Malen fort.
Trotz dieser Dinge war sie auch im Hauswesen eifrig, um der Mutter Folge zu
leisten und ihren Beifall zu gewinnen. Wenn etwas in dieser Art, das eine
grere Sorgfalt und Geschicklichkeit erheischte, besonders gelang und dies
erkannt wurde, so war ihre Befriedigung grer, als wenn sie bei einer ernsten
und wichtigen Bewerbung vor einer ansehnlichen Versammlung den Preis davon
getragen htte.
    In den Gesellschaften, die in kleineren oder greren Kreisen, nur seltener
als in frheren Jahren, in unserem Hause statt fanden, wurden jetzt auch mehr
Gesprche gefhrt, als da wir noch jnger waren. Es wurden ernsthafte Dinge in
Untersuchung gezogen, Angelegenheiten des Staates, allgemeine ffentliche
Unternehmungen oder Erscheinungen, die von sich reden machten. Man sprach auch
von seinen Beschftigungen, von seinen Liebhabereien oder von dem gewhnlichen
Tagesstoffe, wie etwa das Theater ist, oder wie Begebenheiten sind, die sich in
den nchsten Umgebungen zutragen. Im brigen wurde auch zu den bekannten
Vergngungen gegriffen, Musik, Tanz, Liedersingen. Manche jngere Leute lernten
sich da neu kennen, ltere setzten die frher bestandene Bekanntschaft fort.
    Ich besuchte meine Freunde, besprach mich mit ihnen, und erzhlte ihnen im
allgemeinen, womit ich mich eben beschftige. Sie teilten mir aus dem Kreise
ihrer Erlebnisse mit, und machten mich auf manche Persnlichkeiten aufmerksamen.
    Ich setzte meine Malerei fort, ich betrieb die Edelsteinkunde, und besuchte
manches Theater. Das Lesen der Bcher ber Baukunst vergngte mich sehr, und es
erffnete sich mir da ein neues Feld, das manches Ersprieliche und manche
Frderung versprach.
    Die Abende bei der Frstin erschienen mir immer wichtiger. Es hatte sich
nach und nach eine Gesellschaft zusammen gefunden, deren Mitglieder sich hufig
und gerne in dem Zimmer der Frstin versammelten. Es wurden die anziehendsten
Stoffe verhandelt, und man schrak nicht zurck, wenn jemand die Fragen der
allerneuesten Weltweisheit auf die Bahn brachte. Man legte sich die Dinge
zurecht, wie man konnte, man kleidete die eigentmliche Redeweise der
sogenannten Fachmnner in die gewhnliche Sprache, und wendete den gewhnlichen
Verstand darauf an. Was durch diese Mittel und durch die der Gesellschaft
herausgebracht werden konnte, das besa man, und wenn es von der Gesellschaft
als ein Gewinn betrachtet wurde, so behielt man es als einen Gewinn. Wenn aber
nur Worte da zu sein schienen, von denen man eine greifbare Bedeutung nicht
ermitteln konnte, so lie man die Sache dahin gestellt sein, ohne ihr eine Folge
zu geben, und ohne ber sie aburteilen zu wollen. Die Dichter und das Spanische
wurden lebhaft fortgesetzt.
    Wenn sehr klare Tage waren und eine heitere Sonne ein erhellendes Licht in
den Zimmern vermittelte, so war ich in dem Glashuschen und arbeitete an den
Abbildungen der Pfeilerverkleidungen fr meinen Gastfreund. Ich wollte sie so
gut machen, als es mir nur mglich wre, um dem Manne, dem ich so viel
verdankte, und den ich so hoch achtete, Zufriedenheit abzugewinnen, oder ihm gar
etwa ein Vergngen zu bereiten. Ich wollte zuerst Zeichnungen von den
Verkleidungen entwerfen, und nach ihnen Bilder in lfarben ausfhren. Ich machte
die Zeichnungen auf lichtbraunes Papier, tiefte die Schatten in Schwarz ab,
erhhte die Lichter in einem helleren Braun, und setzte die hchsten
Glanzstellen mit Wei auf. Als ich die Zeichnungen in dieser Art fertig hatte,
und durch vielfache Vergleichungen und Abmessungen berzeugt war, da sie in
allen Verhltnissen richtig seien, setzte ich noch den Mastab hinzu, nach dem
sie ausgefhrt waren. Ich schritt nun zur Verfertigung der Bilder. Sie wurden
etwas kleiner als die Entwrfe gemacht, aber im genauen Verhltnisse zu
denselben. Ich benutzte zum Malen immer die nmlichen Vormittagsstunden, um die
Glanzpunkte, die Lichter und die Schatten in ihrer vollen Richtigkeit zu
erfassen, und auch der Farbe im allgemeinen ihre Treue geben zu knnen. Es
zeigte sich mir da eine Erfahrung in den Farben wieder besttigt, die ich schon
frher gemacht hatte. Auf die mit schwachem Firnisse berzogenen
Holzschnitzwerke nahmen die umgebenden Gegenstnde einen solchen Einflu, da
sich Schwerter, Morgensterne, dunkelrotes Faltenwerk, die Fhrung der Wnde, des
Fubodens, die Fenstervorhnge und die Zimmerdecke in unbestimmten Ausdehnungen
und unklaren Umrissen in ihnen spiegelten. Ich merkte bald, da, wenn alle diese
Dinge in die Farbe der Abbildungen aufgenommen werden sollten, die dargestellten
Gegenstnde wohl an Reichtum und Reiz gewinnen, aber an Verstndlichkeit
verlieren wrden, so lange man nicht das Zimmer mit allem, was es enthlt, mit
malt und dadurch die Begrndung aufzeigt. Da ich dies nicht konnte und mein
Zweck es auch nicht erheischte, so entfernte ich alles Zufllige und stark
Einwirkende aus dem Zimmer, und malte dann die Schnitzereien, wie sie sich samt
den bergebliebenen Einwirkungen mir zeigten, um einerseits wahr zu sein, und um
andererseits, wenn ich jede Einwirkung der Umgebung weg liee, nicht etwas
geradezu Unmgliches an ihre Stelle zu setzen und den Gegenstand seines Lebens
zu berauben, weil er dadurch aus jeder Umgebung gerckt wrde, keinen Platz
seines Daseins und also berhaupt kein Dasein htte. Was die wirkliche Ortsfarbe
der Schnitzereien sei, wrde sich aus dem Ganzen schon ergeben und mte aus ihm
erkannt werden. Ich wendete bei der Arbeit sehr viele Mhe auf, und suchte sie
so genau, als es meiner Kraft und meinen Kenntnissen mglich war, zu verrichten.
Ich erhhte und vertiefte die Farben so lange, und suchte nach dem richtigen
Tone und dem erforderlichen Feuer so lange, bis das Bild neben die Gegenstnde
gestellt aus der Ferne von ihnen nicht zu unterscheiden war. Die Zeichnung des
Bildes mute richtig sein, weil sie vollkommen genau nach dem ursprnglichen
Entwurfe gemacht worden war, den ich nach mathematischen Weisungen zusammen
gestellt hatte. Als die Sache nach meiner Meinung fertig war, zeigte ich sie dem
Vater, welcher sie auch mit Ausnahme von kleinen Anstnden, die er erhob,
billigte. Die Anstnde beseitigte ich zu seiner Zufriedenheit. Hierauf wurde
alles in taugliche Fcher gebracht und zur Verfhrung bereit gehalten.
    Es waren fast die Tage des Vorfrhlings herangekommen, ehe ich mit diesem
Werke fertig war. Dies hatte seinen Grund auch vorzglich darin, da ich die
spteren, hellen Wintertage mehr als die frheren, trben hatte benutzen knnen.
    Im Frhlinge trat ich meine Reise wieder an.
    Ich machte zuerst einen Besuch bei meinem Gastfreunde, brachte ihm die
Fcher, in denen die Abbildungen der Pfeilerverkleidungen enthalten waren, und
hndigte ihm sowohl den Entwurf als auch das Farbenbild der Schnitzereien ein.
Er berief Eustach in seine Stabe, in welcher die Dinge ausgepackt wurden,
herber. Beide sprachen sich sehr gnstig ber die Arbeit aus, und zwar
gnstiger als ber jede frhere, die ich ihnen vorgelegt hatte. Ich war darber
sehr erfreut. Eustach sagte, da man sehr gut die Ortsfarben und die, welche
durch fremde Einwirkungen entstanden waren, unterscheiden knne, und da man aus
den letzten die Beschaffenheit der Umgebungen zu ahnen vermge. Sie stellten das
Bild in die ntige Entfernung und betrachteten es mit Gefallen. Besonders
anerkennend sprach Eustach ber die Richtigkeit und Brauchbarkeit des unfarbigen
Entwurfes.
    Ich reiste nach dem kurzen Besuche in dem Rosenhause in die Gegend der Tann,
blieb auch dort nur kurz, und drang tiefer in das Gebirge ein, um eine
Mittelstelle zu finden, von der aus ich meine neuen Arbeiten unternehmen knnte.
Als ich eine solche gefunden hatte, ging ich in das Lautertal und dort in das
Ahornwirtshaus, um meinen Kaspar und die andern, welche mir im vorigen Jahre
geholfen hatten, auch fr das heurige zu dingen. Als dies, wie ich glaube, zu
gegenseitiger Zufriedenheit abgetan war, blieb ich noch einige Tage in dem
Ahornhause, teils damit sich meine Leute zu der Abreise rsten konnten, teils um
das mir liebgewordene Haus, das liebgewordene Tal und die Umgebung wieder ein
wenig zu genieen. Ich ging bei dieser Gelegenheit mehrere Male in das Rothmoor,
um dort nachzusehen, was man eben fr Gegenstnde aus Marmor mache. Mir schien
es, als wre die Anstalt seit einem Jahre sehr gediehen. Ich besprach mich dort
auch ber Arbeiten, die fr mich auszufahren wren, falls ich den hiezu ntigen
Marmor fnde. Erkundigungen, um auf Spuren der Ergnzungen der
Pfeilerverkleidungen meines Vaters, die ich in dieser Gegend gekauft hatte, zu
kommen, waren auch heuer wie in frherer Zeit fruchtlos.
    Ein Ereignis trat in dem Lautertale ein, das mich sehr erheiterte. Mein
Zitherspiellehrer, der einige Zeit gleichsam verschollen war, war wieder da. Er
zeigte viele Freude, mich zu sehen, und sagte, er wolle mir in das Kargrat
folgen, welches jetzt der Mittelpunkt meiner Arbeiten war, ein Drfchen auf
grasigen, baum- und buschlosen Anhhen ganz nahe an dem ewigen Eise, mit armen
Bewohnern und einem vielleicht noch rmeren, gengsamen Pfarrer. Er sagte, er
wolle diejenigen Arbeiten, die ich ihm auftragen werde, gegen Lohn verrichten,
und in freier Zeit wollen wir auf der Zither spielen. Er habe noch keinen
Schler gehabt, mit dem ihm die bungen auf der Zither so viele Freude gemacht
htten. Ich beschlo, einen Versuch zu wagen, und wir wurden ber die
gegenseitigen Bedingungen einig.
    Als alles in Bereitschaft war, gingen wir aus dem Ahornhause in das Kargrat
ab. Ich ging mit den Leuten auf abgelegenen und schneller zum Ziele fhrenden
Gebirgspfaden. Nur einmal hatten wir eine Strecke gebahnter Strae, auf welcher
ich zwei leichte Wgen mietete. Im Kargrat fand ich ein kleines Zimmerchen. Fr
meine Leute wurde eine Scheune zurecht gerichtet, und zur Aufbewahrung meiner
Gegenstnde wurde aus Brettern ein ganz kleines Huschen eigens erbaut. Wir
waren nun in der Nhe der hchsten Hhen. In mein winziges Fenster sahen die
drei Schneehupter der Leiterkpfe, hinter denen die steile, ziemlich schlanke,
blendend weie Nadel der Karspitze hervorragte, und neben denen die
edelsteinglnzenden Bnke der Simmen oder des Simmieises sich dehnten. Um den
sehr spitzen Kirchturm des Drfchens wehte die scharfe, fast harte Gebirgsluft
und senkte sich auf unsere Hupter und Angesichter nieder. Weit ab gegen die
Tiefe zu lagen die anderen Berge und die dichter bewohnten und bevlkerten
Lnder.
    ber das Zitherspiel meines wiedergefundenen Lehrers war ich wirklich sehr
erfreut. Ich hatte in der Zeit, whrend welcher ich ihn nicht gesehen hatte,
schon beinahe vergessen, wie vortrefflich er spiele. Alles, was ich seit dem
gehrt hatte, erblate zur Unbedeutenheit gegen sein Spiel, von dem ich den
Ausdruck hchste Herrlichkeit gebrauchen mu. Er scheint von diesem seinem
Musikgerte auch ergriffen und beherrscht zu sein; wenn er spielt, ist er ein
anderer Mensch, und greift in seine und in die Tiefen anderer Menschen, und zwar
in gute. Auf diesen Berghhen war das schne Spiel fast noch schner, noch
rhrender und einsamer.
    Wie uns im vorigen Jahre Wlder und Wnde eingeschlossen hatten, und nur
wenige Stellen uns freien Umblick verschafften, so waren wir heuer fast immer
auf freien Hhen, und nur ausnahmsweise umschlossen uns Wnde oder Wlder. Der
hufigste Begleiter unserer Bestrebungen war das Eis.
    Als die Kalendertage sagten, da die Rosenblte schon beinahe vorber sein
msse, beschlo ich, meine Freunde zu besuchen. Ich ordnete im Kargrat alles fr
meine Abwesenheit und Wiederkunft an, und begab mich auf den Weg.
    Als ich in dem Asperhofe ankam, sagten mir der Grtner und die Dienstleute,
da Mathilde, Natalie, mein Gastfreund, Eustach, Roland und Gustav in den
Sternenhof fort seien. Die Rosen waren schon verblht, und man hatte mich nicht
mehr erwartet. Mein Gastfreund hatte gesagt, da ich, weil ich ihm im Frhlinge
mitgeteilt hatte, da ich heuer ganz nahe an dem Simmieise wohnen werde,
wahrscheinlich im Sommer von dorther den weiten Weg nicht werde haben machen
wollen, und da zu vermuten sei, da ich im Herbste meine Arbeit abkrzen und
auf eine Zeit bei meinen Freunden einsprechen werde. Sollte ich aber dennoch
kommen, so hatten die Leute den Auftrag, zu sagen, da man mich bitte, in den
Sternenhof nach zu kommen.
    Ich mietete also des andern Tages auf der Post einen leichten Wagen und
schlug die Richtung nach dem Sternenhofe ein.
    Als ich in der Umgebung desselben angekommen war, sah ich an Zunen und in
Grten noch manche Rose frisch blhen, obwohl im Asperhofe weder auf dem Gitter
noch im Garten eine zu erblicken gewesen war, auer mancher welken und
gerunzelten Blume, die man abzunehmen vergessen hatte. Auch auf der Anhhe, die
zu dem Schlosse empor leitete, waren an Rosenbschen, die gelegentlich den Rasen
sumten, weil man im Sternenhofe die Rosen nicht eigens pflegte, sondern sie nur
wie gewhnlich als schnen Gartenschmuck zog, noch Knospen, die ihres
Aufbrechens harrten. Diese Tatsache mag daher kommen, weil der Sternenhof nher
an den Gebirgen und hher liegt als das Rosenhaus meines Freundes.
    In dem Hofe des Hauses nahmen die Leute mein Gepck und die Pferde in
Empfang und wiesen mich die groe Treppe hinan. Da ich gemeldet worden war,
wurde ich in Mathildens Zimmer gefhrt, und fand sie in demselben allein. Sie
ging mir fast bis zu der Tr entgegen und empfing mich mit derselben offenen
Herzlichkeit und Freundlichkeit, die ihr immer eigen war. Sie fhrte mich zu dem
Tische, der an einem mit Blumen geschmckten Fenster stand, wo sie gerne sa,
und wies mir ihr gegenber einen Stuhl an dem Tische an. Als wir uns gesetzt
hatten, sagte sie: Es freut mich sehr, da Ihr noch gekommen seid, wir haben
geglaubt, da Ihr heuer den weiten Weg nicht machen wrdet.
    Wo man mich so freundlich aufnimmt, antwortete ich, und wo man mich so
gtig behandelt, dahin mache ich gerne einen Weg, ich mache ihn jedes Jahr, wenn
er auch weit ist, und wenn ich auch meine Beschftigung unterbrechen mu.
    Und jetzt findet Ihr mich und Natalien nur allein in diesem Hause,
erwiderte sie, die Mnner, da sie sahen, da Ihr nach dem Abblhen der Rosen
noch nicht gekommen waret, meinten, Ihr wrdet im Sommer nun gar nicht mehr
kommen, und haben eine kleine Reise angetreten, die auch Gustav mitmacht, weil
er das Reisen so liebt. Sie besuchen eine kleine Kirche in einem abgelegenen
Gebirgstale, deren Zeichnung Roland gebracht hat. Die Kirche wurde in der
Zeichnung sehr schn befunden, und zu ihr sind sie nun unter Rolands Fhrung auf
dem Wege. Wo sie nach der Besichtigung derselben hinfahren werden, wei ich
nicht; aber das wei ich, da sie nur einige Tage ausbleiben und in den
Sternenhof zurckkehren werden. Ihr mt sie hier erwarten, sie werden eine
Freude haben, Euch zu sehen, und ich werde mich bemhen, alles Erforderliche
einzuleiten, da Ihr indessen hier die beste Bequemlichkeit haben knnet.
    Der Bequemlichkeit, erwiderte ich, bin ich weder gewohnt, noch schlage
ich sie hoch an. Ich mchte nur nicht eine Strung in Euer jetziges einsames
Hauswesen bringen. Das Hchste, was mir zu Teil werden kann, habe ich empfangen,
eine freundliche Aufnahme.
    Wenn auch gewi eine freundliche Aufnahme das Hchste ist, und wenn Ihr
auch eine Bequemlichkeit nicht begehret, antwortete sie, so ist die
Freundlichkeit in den Mienen bei der Aufnahme eines Gastes nicht das Einzige, so
schtzenswert sie dort ist, sondern sie mu sich auch in der Tat uern, und es
mu uns erlaubt sein, unsere Pflicht, die uns lieb ist, zu erfllen und dem
Gaste eine so gute Wohnlichkeit zu bereiten, als es die Umstnde erlauben, er
mag sie nun bentzen oder nicht.
    Was Ihr fr eine Pflicht haltet, will ich nicht bestreiten, antwortete
ich, ich will es nicht beirren, nur wnschen mu ich, da es mit so wenig
eigener Aufopferung als mglich verbunden ist.
    Diese wird nicht gro sein, sagte sie, auf einige Aufmerksamkeit in
Hinsicht der Genauigkeit und Willigkeit der Leute kmmt es an, und diese msset
Ihr mir schon erlauben.
    Sie zog mit diesen Worten an einer Glockenschnur, und bedeutete den
hereinkommenden Diener, da er ihr den Hausverwalter rufe.
    Da dieser erschienen war, sagte sie ihm mit sehr einfachen und kurzen
Worten, da fr einen lngeren Aufenthalt fr mich in dem Hause auf das beste
gesorgt werden mge. Als er sich entfernen wollte, trug sie ihm noch auf,
vorerst dem Frulein zu sagen, wer gekommen sei, sie wrde es spter auch selber
melden, und zum Abendessen wrden wir in dem Speisezimmer zusammen kommen.
    Der Hausverwalter entfernte sich, und Mathilde sagte, jetzt wre das
Hauptschlichste getan, und es erbrige spter nur noch, sich einen Bericht ber
die Mittel und die Art der Ausfhrung geben zu lassen.
    Wir gingen nun auf andere Gesprche ber. Mathilde fragte mich um mein
Befinden und um das Allgemeine meiner Beschftigungen, denen ich mich in diesem
Sommer hingegeben habe.
    Ich antwortete ihr, da mein krperliches Befinden immer gleich wohl
geblieben sei. Man habe mich von Kindheit an zu einem einfachen Leben
angeleitet, und dieses, verbunden mit viel Aufenthalt im Freien, habe mir eine
lauernde und heitere Gesundheit gegeben. Mein geistiges Befinden hnge von
meinen Beschftigungen ab. Ich suche dieselben nach meiner Einsicht zu regeln,
und wenn sie ordnet und nach meiner Meinung mit Aussicht auf einen Erfolg vor
sich gehen, so geben sie mir Ruhe und Haltung. Sie sind aber in den letzten
Jahren, was meine Hauptrichtung anbelangt, fast immer dieselben geblieben, nur
der Schauplatz habe sich gendert. Die Nebenrichtungen sind freilich andere
geworden, und dies werde wohl fortdauern, so lange das Leben daure.
    Hierauf fragte ich nach dem Wohlbefinden aller unserer Freunde.
    Mathilde antwortete, man knne hierber sehr befriedigt sein. Mein
Gastfreund fahre in seinem einfachen Leben fort, er bestrebe sich, da sein
kleiner Fleck Landes seine Schuldigkeit, die jedem Landbesitze zum Zwecke des
Bestehenden obliege, bestmglich erflle, er tue seinen Nachbarn und andern
Leuten viel Gutes, er tue es ohne Geprnge, und suche hauptschlich, da es in
ganzer Stille geschehe, er schmcke sich sein Leben mit der Kunst, mit der
Wissenschaft und mit andern Dingen, die halb in dieses Gebiet, halb beinahe in
das der Liebhabereien schlagen, und er suche endlich sein Dasein mit jener Ruhe
der Anbetung der hchsten Macht zu erfllen, die alles Bestehende ordnet. Was
zuletzt auch noch zum Glcke gehrt, das Wohlwollen der Menschen, komme ihm von
selber entgegen. Eustach und der ziemlich selbststndige Roland haben sich zum
Teile an dieses Gewebe von Ttigkeiten angeschlossen, zum Teile folgen sie
eigenen Antrieben und Verhltnissen. Gustav strebe erst auf der Leiter seiner
Jugend empor, und sie glaube, er strebe nicht unrichtig. Wenn dieses sei, so
werde dann die letzte Sprosse an jede Hhe dieses Lebens anzulegen sein, auf der
ihm einmal zu wandeln bestimmt sein drfte. Was endlich sie selber und Natalie
betreffe, so sei das Leben der Frauen immer ein abhngiges und ergnzendes, und
darin fhle es sich beruhigt und befestigt. Sie beide htten den Halt von
Verwandten und nahen Angehrigen, dem sie zur Festigung von Natur aus zugewiesen
wren, verloren, sie leben unsicher auf ihrem Besitztume, sie mten manches aus
sich schpfen wie ein Mann, und genieen der weiblichen Rechte nur in dem
Widerscheine des Lebens ihrer Freunde, mit dem der Lauf der Jahre sie verbunden
habe. Das sei die Lage, sie daure ihrer Natur nach so fort, und gehe ihrer
Entwicklung entgegen.
    Mich hatte diese Darstellung Mathildens beinahe ernst gemacht. Die Stimmung
milderte sich wieder, da wir auf die Erzhlung von Dingen kamen, die sich in
diesem Sommer zugetragen hatten. Mathilde berichtete mir ber die Rosenblte,
ber die Besuche in derselben, ber ihr Leben auf dem Sternenhofe und ber das
Gedeihen alles dessen, was der Jahresernte entgegen sehe. Ich beschrieb ihr ein
wenig meinen jetzigen Aufenthaltsort, erklrte ihr, was ich anstrebe, und
erzhlte ihr, auf welchen Wegen und mit welchen Mitteln wir es auszufhren
versuchen.
    Nachdem das Gesprch auf diese Art eine Zeit gedauert hatte, empfahl ich
mich und begab mich in mein Zimmer.
    Es war mir dieselbe Wohnung eingerumt und hergerichtet worden, welche ich
jedes Mal, so oft ich in dem Sternenhofe gewesen war, inne gehabt hatte. Ein
Diener hatte mich von dem Vorzimmer Mathildens in dieselbe gefhrt. Sie hatte
beinahe genau dasselbe Ansehen wie frher, wenn ich ein Bewohner dieses Hauses
gewesen war. Sogar die Bcher, welche der Hausverwalter jedes Mal zu meiner
Beschftigung herbeigeschafft hatte, waren nicht vergessen worden. Nachdem ich
mich eine Weile allein befunden hatte, trat dieser Hausverwalter herein und
fragte mich, ob alles in der Wohnung in gehriger Ordnung sei, oder ob ich einen
Wunsch habe. Als ich ihm die Versicherung gegeben hatte, da alles ber meine
Bedrfnisse trefflich sei, und nachdem ich ihm fr seine Mhe und Sorgfalt
gedankt hatte, entfernte er sich wieder.
    Ich berlie mich eine Zeit der Ruhe, dann ging ich in den Rumen herum, sah
bald bei dem einen, bald bei dem andern Fenster auf die bekannten Gegenstnde,
auf die nahen Felder und auf die entfernten Gebirge hinaus, und kleidete mich
dann zu dem Abendessen anders an.
    Zu diesem Abendessen wurde ich bald, da ich spt am Tage in dem Schlosse
angekommen war, gerufen.
    Ich begab mich in den Speisesaal und fand dort bereits Mathilden und
Natalien. Mathilde hatte sich anders angekleidet, als ich sie bei meiner Ankunft
in ihrem Zimmer getroffen hatte. Von Natalien wute ich dies nicht; aber da sie
ein hnliches Kleid anhatte wie Mathilde, so vermutete ich es, und mute
berzeugt sein, da man ihr meine Ankunft gemeldet habe. Wir begrten uns sehr
einfach und setzten uns zu dem Tische.
    Mir war es uerst seltsam und befremdend, da ich mit Mathilden und
Natalien allein in ihrem Hause bei dem Abendtische sitze.
    Die Gesprche bewegten sich um gewhnliche Dinge.
    Nach dem Speisen entfernte ich mich bald, um die Frauen nicht zu belstigen,
und zog mich in meine Wohnung zurck.
    Dort beschftigte ich mich eine Zeit mit Papieren und Bchern, die ich aus
meinem Koffer hervorgesucht hatte, geriet dann in Sinnen und Denken, und begab
mich endlich zur Ruhe.
    Der folgende Tag wurde zu einem einsamen Morgenspaziergange bentzt, dann
frhstckten wir mit einander, dann gingen wir in den Garten, dann beschftigte
ich mich bei den Bildern in den Zimmern. Der Nachmittag wurde zu einem Gange in
Teile des Meierhofes und auf die Felder verwendet, und der Abend war wie der
vorhergegangene.
    Mit Natalien war ich, da sie jetzt mit ihrer Mutter allein in dem Schlosse
wohnte, beinahe fremder, als ich es sonst unter vielen Leuten gewesen war.
    Wir hatten an diesem Tage nicht viel mit einander gesprochen, und nur die
allergewhnlichsten Dinge.
    Der zweite Tag verging wie der erste. Ich hatte die Bilder wieder angesehen,
ich war in den Zimmern mit den altertmlichen Gerten gewesen, und hatte den
Gngen, Gemchern und Abbildungen des oberen Stockwerkes einen Besuch gemacht.
    Am dritten Tage meines Aufenthaltes in dem Sternenhofe nachmittags, da ich
eine Weile in die Zeilen des alten Homer geblickt hatte, wollte ich meine
Wohnung, in der ich mich befand, verlassen und in den Garten gehen. Ich legte
die Worte Homers auf den Tisch, begab mich in das Vorzimmer, schlo die Tr
meiner Wohnung hinter mir ab und ging ber die kleinere Treppe im hinteren Teile
des Hauses in den Garten. Es war ein sehr schner Tag, keine einzige Wolke stand
an dem Himmel, die Sonne schien warm auf die Blumen, daher es stille von
Arbeiten und selbst vom Gesange der Vgel war. Nur das einfache Scharren und
leise Hmmern der Arbeiter hrte ich, welche mit der Hinwegschaffung der Tnche
des Hauses in der Nhe meines Ausganges auf Gersten beschftigt waren. Ich ging
neben Gebschen und verspteten Blumen einem Schatten zu, welcher sich mir auf
einem Sandwege bot, der mit ziemlich hohen Hecken gesumt war. Der Sandweg
fhrte mich zu den Linden, und von diesen ging ich durch eine berlaubung der
Eppichwand zu. Ich ging an ihr entlang und trat in die Grotte des Brunnens. Ich
war von der linken Seite der Wand gekommen, von welcher man beim Herannahen den
schneren Anblick der Quellnymphe hat, dafr aber das Bnkchen nicht gewahr
wird, welches in der Grotte der Nymphe gegenber angebracht ist. Als ich
eingetreten war, sah ich Natalien auf dem Bnklein sitzen. Sie war sehr
erschrocken, und stand auf. Ich war auch erschrocken; dennoch sah ich in ihr
Angesicht. In demselben war ein Schwanken zwischen Rot und Bla, und ihre Augen
waren auf mich gerichtet.
    Ich sagte: Mein Frulein, Ihr werdet mir es glauben, wenn ich Euch sage,
da ich von dem Laubgange an der linken Seite dieser Wand gegen die Grotte
gekommen bin und Euch nicht habe sehen knnen, sonst wre ich nicht eingetreten
und htte Euch nicht gestrt.
    Sie antwortete nichts, und sah mich noch immer an.
    Ich sagte wieder: Da ich Euch nun einmal beunruhigt habe, wenn auch gegen
meinen Willen, so werdet Ihr mir es wohl gtig verzeihen, und ich werde mich
sogleich entfernen.
    Ach nein, nein, sagte sie.
    Da ich schwankte und die Bedeutung der Worte nicht er kannte, fragte ich:
Zrnet Ihr mir, Natalie?
    Nein, ich zrne Euch nicht, antwortete sie und richtete die Augen, die sie
eben niedergeschlagen hatte, wieder auf mich.
    Ihr seid auf diesen Platz gegangen, um allein zu sein, sagte ich, also
mu ich Euch verlassen.
    Wenn Ihr mich nicht aus Absicht meidet, so ist es nicht ein Mssen, da Ihr
mich verlasset, antwortete sie.
    Wenn es nicht eine Pflicht ist, Euch zu verlassen, erwiderte ich, so mt
Ihr Euren Platz wieder einnehmen, von dem ich Euch verscheucht habe. Tut es,
Natalie, setzt Euch auf Eure frhere Stelle nieder.
    Sie lie sich auf das Bnkchen nieder ganz vorn gegen den Ausgang und
sttzte sich auf die Marmorlehne.
    Ich kam nun auf diese Weise zwischen sie und die Gestalt zu stehen. Da ich
dieses fr unschicklich hielt, so trat ich ein wenig gegen den Hintergrund.
Allein jetzt stand ich wieder aufrecht vor dem leeren Teile der Bank in der
nicht sehr hohen Halle, und da mir auch dieses eher unziemend als ziemend
erschien, so setzte ich mich auf den andern Teil der Bank und sagte: Liebt Ihr
wohl diesen Platz mehr als andere?
    Ich liebe ihn, antwortete sie, weil er abgeschlossen ist, und weil die
Gestalt schn ist. Liebt Ihr ihn nicht auch?
    Ich habe die Gestalt immer mehr lieben gelernt, je lnger ich sie kannte,
antwortete ich.
    Ihr ginget frher fter her? fragte sie.
    Als ich durch die Gte Eurer Mutter manche Gerte in dem Sternenhofe
zeichnete und fast allein in demselben wohnte, habe ich oft diese Halle
besucht, erwiderte ich. Und spter auch, wenn ich durch freundliche Einladung
hieher kam, habe ich nie versumt, an diese Stelle zu gehen.
    Ich habe Euch hier gesehen, sagte sie.
    Die Anlage ist gemacht, da sie das Gemt und den Versrand erfllet,
antwortete ich, die grne Wand des Eppichs schliet ruhig ab, die zwei Eichen
stehen wie Wchter, und das Wei des Steins geht sanft von dem Dunkel der
Bltter und des Gartens weg.
    Es ist alles nach und nach entstanden, wie die Mutter erzhlt, erwiderte
sie, der Eppich ist erzogen worden, die Wand vergrert, erweitert und bis an
die Eichen gefhrt. Selbst in der Halle war es einmal anders. Die Bank war nicht
da. Aber da der Marmor so oft betrachtet wurde, da die Menschen vor ihm standen,
oder selbst in der Halle neben ihm, da die Mutter ebenfalls die Gestalt gerne
betrachtete, und lange betrachtete: so lie sie aus dem gleichen Stoffe, aus dem
die Nymphe gearbeitet ist, diese Bank machen, und lie dieselbe mit der
kunstreichen vorchristlich ausgefhrten Lehne versehen, damit sie einerseits zu
dem vorhandenen Werke stimme, und damit andererseits das Werk mit Ruhe und
Erquickung angesehen werden knne. Mit der Zeit ist auch die Alabasterschale
hieher gekommen.
    Die Menschen werden von solchen Werken gezogen, antwortete ich, und die
Lust des Schauens findet sich.
    Ich habe diese Gestalt von meiner Kindheit an gesehen und habe mich an sie
gewhnt, sagte sie, haltet Ihr nicht auch den bloen Stein schon fr sehr
schn?
    Ich halte ihn fr ganz besonders schn, erwiderte ich.
    Mir ist immer, wenn ich ihn lange betrachte, sagte sie, als htte er eine
sehr groe Tiefe, als sollte man in ihn eindringen knnen, und als wre er
durchsichtig, was er nicht ist. Er hlt eine reine Flche den Augen entgegen,
die so zart ist, da sie kaum Widerstand leistet, und in der man als
Anhaltspunkte nur die vielen feinen Splitter funkeln sieht.
    Der Stein ist auch durchsichtig, antwortete ich, nur mu man eine dnne
Schichte haben, durch die man sehen will. Dann scheint die Welt fast goldartig,
wenn man sie durch ihn ansieht. Wenn mehrere Schichten bereinander liegen, so
werden sie in ihrem Anblicke von auen wei, wie der Schnee, der auch aus lauter
durchsichtigen kleinen Eisnadeln besteht, wei wird, wenn Millionen solcher
Nadeln auf einander liegen.
    So habe ich nicht unrecht empfunden, sagte sie. Nein, erwiderte ich,
Ihr habt recht geahnt.
    Wenn die Edelsteine nicht nach dem geachtet werden, was sie kosten, sagte
sie, sondern nach dem, wie sie edel sind, so gehrt der Marmor gewi unter die
Edelsteine. Er gehrt unter dieselben, er gehrt gewilich unter dieselben,
erwiderte ich. Wenn er auch als bloer Stoff nicht so hoch im Preise steht wie
die gesuchten Steine, die nur in kleinen Stcken vorkommen, so ist er doch so
auserlesen und so wunderbar, da er nicht blo in der weien, sondern auch in
jeder andern Farbe begehrt wird, da man die verschiedensten Dinge aus ihm
macht, und da das Hchste, was menschliche bildende Kunst darzustellen vermag,
in der Reinheit des weien Marmors ausgefhrt wird.
    Das ist es, was mich auch immer sehr ergriff, wenn ich hier sa und
betrachtete, sagte sie, da in dem harten Steine das Weiche und Runde der
Gestaltung ausgedrckt ist, und da man zu der Darstellung des Schnsten in der
Welt den Stoff nimmt, der keine Makel hat. Dies sehe ich sogar immer an der
Gestalt auf der Treppe unsers Freundes, welche noch schner und
ehrfurchterweckender als dieses Bildwerk hier ist, wenn gleich ihr Stoff in der
Lnge der vielen Jahre, die er gedauert hat, verunreinigt worden war.
    Es ist gewi nicht ohne Bedeutung, entgegnete ich, da die Menschen in
den edelsten und selbst hie und da ltesten Vlkern zu diesem Stoffe griffen,
wenn sie hohes Gttliches oder Menschliches bilden wollten, whrend sie
Ausschmckungen in Laubwerk, Simsen, Sulen, Tiergestalten und selbst
untergeordnete Menschen- und Gtterbilder aus farbigem Marmor, aus Sandstein,
aus Holz, Ton, Gold oder Silber verfertigten. Es wre zugnglicherer,
behandelbarerer Stoff gewesen: Holz, Erde, weicher Stein, manche Metalle: sie
aber gruben weien Marmor aus der Erde und bildeten aus ihm. Aber auch die
andern Edelsteine, aus denen man verschiedene Dinge macht, geschnittene Steine,
allerlei Gestalten, Blumen- und Zierwerk, so wie endlich diejenigen, die man
besonders Edelsteine nennt und zum Schmucke der menschlichen Gestalt und hoher
Dinge anwendet, haben in ihrem Stoffe etwas, das anzieht und den menschlichen
Geist zu sich leitet, es ist nicht blo die Seltenheit oder das Schimmern, das
sie wertvoll macht.
    Habt Ihr auch die Edelsteine kennen zu lernen gesucht? fragte sie.
    Ein Freund hat mir vieles von ihnen gezeigt und erklrt, antwortete ich.
    Sie sind freilich fr die Menschen sehr merkwrdig, sagte sie.
    Es ist etwas Tiefes und Ergreifendes in ihnen, antwortete ich, gleichsam
ein Geist in ihrem Wesen, der zu uns spricht, wie zum Beispiele in der Ruhe des
Smaragdes, dessen Schimmerpunkten kein Grn der Natur gleicht, es mte nur auf
Vogelgefiedern wie das des Kolibri oder auf den Flgeldecken von Kfern sein -
wie in der Flle des Rubins, der mit dem rosensamtnen Lichtblicke gleichsam als
der vornehmste unter den gefrbten Steinen zu uns aufsieht - wie in dem Rtsel
des Opals der unergrndlich ist - und wie in der Kraft des Diamantes, der wegen
seines groen Lichtbrechungsvermgens in einer Schnelligkeit wie der Blitz den
Wechsel des Feuers und der Farben gibt, den kaum die Schneesterne noch der
Sprhregen des Wasserfalles haben. Alles, was den edlen Steinen nachgemacht
wird, ist der Krper ohne diesen Geist, es ist der inhaltleere, sprde, harte
Glanz statt der reichen Tiefe und Milde.
    Ihr habt von der Perle nicht gesprochen.
    Sie ist kein Edelstein, gesellt sich aber im Gebrauche gerne zu ihm. In
ihrem uern Ansehen ist sie wohl das Bescheidenste; aber nichts schmckt mit
dem so sanft umflorten Seidenglanze die menschliche Schnheit schner als die
Perle. Selbst an dem Kleide eines Mannes, wo sie etwas hlt, wie die Schleife
des Halstuches oder wie die Falte des Brustlinnens, dnkt sie mich das Wrdigste
und Ernsteste.
    Und liebt Ihr die Edelsteine als Schmuck? fragte sie.
    Wenn die schnsten Steine ihrer Art ausgewhlt werden, antwortete ich,
wenn sie in einer Fassung sind, welche richtigen Kunstgesetzen entspricht, und
wenn diese Fassung an der Stelle, wo sie ist, einen Zweck erfllt, also
notwendig erscheint: dann ist wohl kein Schmuck des menschlichen Krpers
feierlicher als der der Edelsteine.
    Wir schwiegen nach diesen Worten, und ich konnte Natalien jetzt erst ein
wenig betrachten. Sie hatte ein mattes, hellgraues Seidenkleid an, wie sie es
berhaupt gerne trug. Das Kleid reichte, wie es bei ihr immer der Fall war, bis
zum Halse und bis zu den Kncheln der Hand. Von Schmuck hatte sie gar nichts an
sich, nicht das geringste, whrend ihr Krper doch so stimmend zu Edelsteinen
gewesen wre. Ohrgehnge, welche damals alle Frauen und Mdchen trugen, hatte
weder Mathilde je, seit ich sie kannte, getragen, noch trug sie Natalie.
    In unserem Schweigen sahen wir gleichsam wie durch Verabredung gegen das
rieselnde Wasser.
    Endlich sagte sie: Wir haben von dem Angenehmen dieses Ortes gesprochen,
und sind von dem edlen Steine des Marmors auf die Edelsteine gekommen; aber
eines Dinges wre noch Erwhnung zu tun, das diesen Ort ganz besonders
auszeichnet.
    Welches Dinges?
    Des Wassers. Nicht blo, da dieses Wasser vor vieler, die ich kenne, gut
zur Erquickung gegen den Durst ist, so hat sein Spielen und sein Flieen gerade
an dieser Stelle und durch diese Vorrichtungen etwas Besnftigendes und etwas
Beachtungswertes.
    Ich fhle wie Ihr, antwortete ich, und wie oft habe ich dem schnen
Glnzen und dem schattenden Dunkel dieses lebendigen flchtigen Krpers an
dieser Stelle zugesehen, eines Krpers, der wie die Luft wohl viel
bewunderungswrdiger wre, als es die Menschen zu erkennen scheinen.
    Ich halte auch das Wasser und die Luft fr bewunderungswrdig, entgegnete
sie, die Menschen achten nur so wenig auf beides, weil sie berall von ihnen
umgeben sind. Das Wasser erscheint mir als das bewegte Leben des Erdkrpers, wie
die Luft sein ungeheurer Odem ist.
    Wie richtig sprecht Ihr, sagte ich, und es sind auch Menschen gewesen,
die das Wasser sehr geachtet haben; wie hoch haben die Griechen ihr Meer
gehalten, und wie riesenhafte Werke haben die Rmer aufgefhrt, um sich das
Labsal eines guten Wassers zuzuleiten. Sie haben freilich nur auf den Krper
Rcksicht genommen, und haben nicht, wie die Griechen die Schnheit ihres Meeres
betrachteten, die Schnheit des Wassers vor Augen gehabt; sondern sie haben sich
nur dieses Kleinod der Gesundheit in bester Art verschaffen wollen. Und ist wohl
etwas auer der Luft, das mit grerem Adel in unser Wesen eingeht als das
Wasser? Soll nicht nur das Reinste und Edelste sich mit uns vereinigen? Sollte
dies nicht gerade in den gesundheitverderbenden Stdten sein, wo sie aber nur
Vertiefungen machen, und das Wasser trinken, das aus ihnen kmmt? Ich bin in den
Bergen gewesen, in Tlern, in Ebenen, in der groen Stadt, und habe in der
Hitze, im Durste, in der Bewegung den kostbaren Kristall des Wassers und seine
Unterschiede kennen gelernt. Wie erquickt der Quell in den Bergen und selbst in
den Hgeln, vorzglich wenn er am reinsten aus dem reinen Granit fliet, und,
Natalie, wie schn ist auerdem der Quell!
    Hatte nun Natalie schon frher einen Durst empfunden, und hatte derselbe ihr
Gesprch auf das Wasser gelenkt, oder war durch das Gesprch ein leichter Durst
in ihr hervorgerufen worden: sie stand nun auf, nahm die Alabasterschale in die
Hand, lie sie sich in dem sanften Strahle fllen, setzte sie an ihre schnen
Lippen, trank einen Teil des Wassers, lie das brige in das tiefere Becken
flieen, stellte die leere Schale an ihren Platz, und setzte sich wieder zu mir
auf die Bank.
    Mir war das Herz ein wenig gedrckt, und ich sagte: Wenn wir beide das
Schne dieses Ortes betrachtet, und wenn wir von ihm und von andern Dingen, auf
die er uns fhrte, gerne gesprochen haben, so ist doch etwas in ihm, was mir
Schmerz erregt.
    Was kann Euch denn an diesem Orte Schmerz erregen? fragte sie.
    Natalie, antwortete ich, es ist jetzt ein Jahr, da Ihr mich an dieser
Halle absichtlich gemieden habt. Ihr saet auf derselben Bank, auf welcher Ihr
jetzt sitzet, ich stand im Garten, Ihr tratet heraus und ginget von mir mit
beeiligten Schritten in das Gebsch.
    Sie wendete ihr Angesicht gegen mich, sah mich mit den dunkeln Augen an und
sagte: Dessen erinnert Ihr Euch, und das macht Euch Schmerz?
    Es macht mir jetzt im Rckblicke Schmerz, und hat ihn mir damals gemacht,
antwortete ich.
    Ihr habt mich ja aber auch gemieden, sagte sie.
    Ich hielt mich ferne, um nicht den Schein zu haben, als drnge ich mich zu
Euch, entgegnete ich.
    War ich Euch denn von einer Bedeutung? fragte sie.
    Natalie, antwortete ich, ich habe eine Schwester, die ich im hchsten
Mae liebe, ich habe viele Mdchen in unserer Stadt und in dem Lande kennen
gelernt; aber keines, selbst nicht meine Schwester, achte ich so hoch wie Euch,
keines ist mir stets so gegenwrtig und erfllt mein ganzes Wesen wie Ihr.
    Bei diesen Worten traten die Trnen aus ihren Augen und flossen ber ihre
Wangen herab.
    Ich erstaunte, ich blickte sie an und sagte: Wenn diese schnen Tropfen
sprechen, Natalie, sagen sie, da Ihr mir auch ein wenig gut seid?
    Wie meinem Leben, antwortete sie.
    Ich erstaunte noch mehr, und sprach: Wie kann es denn sein, ich habe es
nicht geglaubt.
    Ich habe es auch von Euch nicht geglaubt, erwiderte sie.
    Ihr konntet es leicht wissen, sagte ich. Ihr seid so gut, so rein, so
einfach. So seid Ihr vor mir gewandelt, Ihr waret mir begreiflich wie das Blau
des Himmels, und Eure Seele erschien mir so tief, wie das Blau des Himmels tief
ist. Ich habe Euch mehrere Jahre gekannt, Ihr waret stets bedeutend vor der
herrlichen Gestalt Eurer Mutter und der Eures ehrwrdigen Freundes, Ihr waret
heute, wie Ihr gestern gewesen waret, und morgen wie heute, und so habe ich Euch
in meine Seele genommen zu denen, die ich dort liebe, zu Vater, Mutter,
Schwester - nein, Natalie, noch tiefer, tiefer -
    Sie sah mich bei diesen Worten sehr freundlich an, ihre Trnen flossen noch
hufiger, und sie reichte mir ihre Hand herber.
    Ich fate die Hand, ich konnte nichts sagen, und blickte sie nur an.
    Nach mehreren Augenblicken lie ich ihre Hand los und sagte: Natalie, es
ist mir nicht begreiflich, wie ist es denn mglich, da Ihr mir gut seid, mir,
der gar nichts ist und nichts bedeutet?
    Ihr wit nicht, wer Ihr seid, antwortete sie. Es ist gekommen, wie es
kommen mute. Wir haben viele Zeit in der Stadt zugebracht, wir sind oft den
ganzen Winter in derselben gewesen, wir haben Reisen gemacht, haben verschiedene
Lnder und Stdte gesehen, wir sind in London, Paris und Rom gewesen. Ich habe
viele junge Mnner kennen gelernt. Darunter sind wichtige und bedeutende
gewesen. Ich habe gesehen, da mancher Anteil an mir nahm; aber es hat mich
eingeschchtert, und wenn einer durch sprechende Blicke oder durch andere
Merkmale es mir nher legte, so entstand eine Angst in mir, und ich mute mich
nur noch ferner halten. Wir gingen wieder in die Heimat zurck. Da kamet Ihr
eines Sommers in den Asperhof, und ich sah Euch. Ihr kamet im nchsten Sommer
wieder. Ihr waret ohne Anspruch, ich sah, wie Ihr die Dinge dieser Erde liebtet,
wie Ihr ihnen nach ginget, und wie Ihr sie in Eurer Wissenschaft hegtet - ich
sah, wie Ihr meine Mutter verehrtet, unsern Freund hochachtetet, den Knaben
Gustav beinahe liebtet, von Eurem Vater, Eurer Mutter und Eurer Schwester nur
mit Ehrerbietung sprachet, und da - - da -
    Da, Natalie?
    Da liebte ich Euch, weil Ihr so einfach, so gut und doch so ernst seid.
    Und ich liebte Euch mehr, als ich je irgend ein Ding dieser Erde zu lieben
vermochte.
    Ich habe manchen Schmerz um Euch empfunden, wenn ich in den Feldern
herumging.
    Ich habe es ja nicht gewut, Natalie, und weil ich es nicht wute, so mute
ich mein Inneres verbergen und gegen jedermann schweigen, gegen den Vater, gegen
die Mutter, gegen die Schwester, und sogar gegen mich. Ich bin fortgefahren, das
zu tun, was ich fr meine Pflicht erachtete, ich bin in die Berge gegangen, habe
mir ihre Zusammensetzung aufgeschrieben, habe Gesteine gesammelt und Seen
gemessen, ich bin auf den Rat Eures Freundes einen Sommer beschftigungslos in
dem Asperhofe gewesen, bin dann wieder in die Wildnis gegangen und zu der Grenze
des Eises emporgestiegen. Ich konnte nur Eure Mutter, Euren Freund und Euren
Bruder immer wrmer lieben; aber, Natalie, wenn ich auf den Hhen der Berge war,
habe ich Euer Bild in dem heitern Himmel gesehen, der ber mir ausgespannt war,
wenn ich auf die festen, starren Felsen blickte, so erblickte ich es auch in dem
Dufte, der vor denselben webte, wenn ich auf die Lnder der Menschen
hinausschaute, so war es in der Stille, die ber der Welt gelagert war, und wenn
ich zu Hause in die Zge der Meinigen blickte, so schwebte es auch in denen.
    Und nun hat sich alles recht gelset.
    Es hat sich wohl gelset, meine liebe, liebe Natalie. Mein teurer
Freund!
    Wir reichten uns bei diesen Worten die Hnde wieder, und saen schweigend
da.
    Wie hatte seit einigen Augenblicken alles sich um mich verndert, und wie
hatten die Dinge eine Gestalt gewonnen, die ihnen sonst nicht eigen war.
Nataliens Augen, in welche ich schauen konnte, standen in einem Schimmer, wie
ich sie nie, seit ich sie kenne, gesehen hatte. Das unermdlich flieende
Wasser, die Alabasterschale, der Marmor waren verjngt; die weien Flimmer auf
der Gestalt und die wunderbar im Schatten blhenden Lichter waren anders; die
Flssigkeit rann, pltscherte oder pippte oder tnte im einzelnen Falle anders;
das sonnenglnzende Grn von drauen sah als ein neues freundlich herein, und
selbst das Hmmern, mit welchem man die Tnche von den Mauern des Hauses
herabschlug, tnte jetzt als ein ganz verschiedenes in die Grotte von dem, das
ich gehrt hatte, als ich aus dem Hause gegangen war.
    Nach einer geraumen Weile sagte Natalie: Und von dem Abende im Hoftheater
habt Ihr auch nie etwas gesprochen.
    Von welchem Abende, Natalie?
    Als Knig Lear aufgefhrt wurde.
    Ihr seid doch nicht das Mdchen in der Loge gewesen? Ich bin es gewesen.
    Nein, Ihr seid so blhend wie eine Rose, und jenes Mdchen war bla wie
eine weie Lilie.
    Es mute mich der Schmerz entfrbt haben. Ich war kindisch, und es hat mir
damals wohlgetan, in Euren Augen allein unter allen denen, die die Loge umgaben,
ein Mitgefhl mit meiner Empfindung zu lesen. Diese Empfindung wurde durch Euer
Mitgefhl zwar noch strker, so da sie beinahe zu mchtig wurde; aber es war
gut. Ich habe nie einer Vorstellung beigewohnt, die so ergreifend gewesen wre.
Ich sah es als einen gnstigen Zufall an, da mir Eure Augen, die bei dem Leiden
des alten Knigs bergeflossen waren, bei dem Fortgehen aus dem Schauspielhause
so nahe kamen. Ich glaubte, ihnen mit meinen Blicken dafr danken zu mssen, da
sie mir beigestimmt hatten, wo ich sonst vereinsamt gewesen wre. Habt Ihr das
nicht erkannt?
    Ich habe es erkannt, und habe gedacht, da der Blick des Mdchens
wohlwollend sei, und da er ein Einverstndnis ber unsere gemeinschaftliche
Empfindung bei der Vorstellung bedeuten knne.
    Und Ihr habt mich also nicht wieder erkannt? Nein, Natalie.
    Ich habe Euch gleich erkannt, als ich Euch in dem Asperhofe sah.
    Es ist mir lieb, da es Eure Augen gewesen sind, die mir den Dank gesagt
haben; der Dank ist tief in mein Gemt gedrungen. Aber wie konnte es auch anders
sein, da Eure Augen das Liebste und Holdeste sind, was fr mich die Erde hat.
    Ich habe Euch schon damals in meinem Herzen hher gestellt als die andern,
obwohl Ihr ein Fremder waret, und obwohl ich denken konnte, da Ihr mir in
meinem ganzen Leben fremd bleiben werdet.
    Natalie, was mir heute begegnet ist, bildet eine Wendung in meinem Leben,
und ein so tiefes Ereignis, da ich es kaum denken kann. Ich mu suchen, alles
zurecht zu legen und mich an den Gedanken der Zukunft zu gewhnen.
    Es ist ein Glck, das uns ohne Verdienst vom Himmel gefallen, weil es
grer ist als jedes Verdienst.
    Drum lasset uns es dankbar aufnehmen. Und ewig bewahren.
    Wie war es gut, Natalie, da ich die Worte Homers, die ich heute nachmittag
las, nicht in mein Herz aufnehmen konnte, da ich das Buch weglegte, in den
Garten ging, und da das Schicksal meine Schritte zu dem Marmor des Brunnens
lenkte.
    Wenn unsere Wesen zu einander neigten, obgleich wir es nicht gegenseitig
wuten, so wrden sie sich doch zugefhrt worden sein, wann und wo es immer
geschehen wre, das wei ich nun mit Sicherheit.
    Aber sagt, warum habt Ihr mich denn gemieden, Natalie?
    Ich habe Euch nicht gemieden, ich konnte mit Euch nicht sprechen, wie es
mir in meinem Innern war, und ich konnte auch nicht so sein, als ob Ihr ein
Fremder wret. Doch war mir Eure Gegenwart sehr lieb. Aber warum habt denn auch
Ihr Euch ferne von mir gehalten?
    Mir war wie Euch. Da Ihr so weit von mir waret, konnte ich mich nicht
nahen. Eure Gegenwart verherrlichte mir alles, was uns umgab, aber das dunkle
knftige Glck schien mir unerreichbar.
    Nun ist doch erfllet, was sich vorbereitete. Ja, es ist erfllt.
    Nach einem kleinen Schweigen fuhr ich fort: Ihr habt gesagt, Natalie, da
wir das Glck, das uns vom Himmel gefallen ist, ewig aufbewahren sollen. Wir
sollen es auch ewig aufbewahren. Schlieen wir den Bund, da wir uns lieben
wollen, so lange das Leben whrt, und da wir treu sein wollen, was auch immer
komme, und was die Zukunft bringe, ob es uns aufbewahrt ist, da wir in
Vereinigung die Sonne und den Himmel genieen, oder ob jedes allein zu beiden
emporblickt und nur des andern mit Schmerzen gedenken kann.
    Ja, mein Freund, Liebe, unvernderliche Liebe, so lange das Leben whrt,
und Treue, was auch die Zukunft von Gunst oder Ungunst bringen mag.
    O Natalie, wie wallt mein Herz in Freude! Ich habe es nicht geahnt, da es
so entzckend ist, Euch zu besitzen, die mir unerreichbar schien.
    Ich habe auch nicht gedacht, da Ihr Euer Herz von den groen Dingen, denen
Ihr ergeben waret, wegkehren und mir zuwenden werdet.
    O meine geliebte, meine teure, ewig mir gehrende Natalie!
    Mein einziger, mein unvergelicher Freund!
    Ich war von Empfindung berwltigt, ich zog sie nher an mich und neigte
mein Angesicht zu ihrem. Sie wendete ihr Haupt herber und gab mit Gte ihre
schnen Lippen meinem Munde, um den Ku zu empfangen, den ich bot.
    Ewig fr dich allein, sagte ich.
    Ewig fr dich allein, sagte sie leise.
    Schon als ich die sen Lippen an meinen fhlte, war mir, als sei ein
Zittern in ihr, und als flieen ihre Trnen wieder.
    Da ich mein Haupt wegwendete, und in ihr Angesicht schaute, sah ich die
Trnen in ihren Augen.
    Ich fhlte die Tropfen auch in den meinen hervorquellen, die ich nicht mehr
zurckhalten konnte. Ich zog Natalien wieder nher an mich, legte ihr Angesicht
an meine Brust, neigte meine Wange auf ihre schnen Haare, legte die eine Hand
auf ihr Haupt, und hielt sie so sanft umfat und an mein Herz gedrckt. Sie
regte sich nicht, und ich fhlte ihr Weinen. Da diese Stellung sich wieder
lste, da sie mir in das Angesicht schaute, drckte ich noch einmal einen heien
Ku auf ihre Lippen, zum Zeichen der ewigen Vereinigung und der unbegrenzten
Liebe. Sie schlang auch ihre Arme um meinen Hals und erwiderte den Ku zu
gleichem Zeichen der Einheit und der Liebe.
    Mir war in diesem Augenblicke, da Natalie nun meiner Treue und Gte
hingegeben, da sie ein Leben eins mit meinem Leben sei. Ich schwor mir, mit
allem, was gro, gut, schn und stark in mir ist, zu streben, ihre Zukunft zu
schmcken und sie so glcklich zu machen, als es nur in meiner Macht ist und
erreicht werden kann.
    Wir saen nun schweigend neben einander, wir konnten nicht sprechen, und
drckten uns nur die Hnde als Bestttigung des geschlonen Bundes und des
innigsten Verstndnisses.
    Da eine Zeit vergangen war, sagte endlich Natalie: Mein Freund, wir haben
uns der Fortdauer und der Unaufhrlichkeit unserer Neigung versichert, und diese
Neigung wird auch dauern; aber was nun geschehen und wie sich alles andere
gestalten wird, das hngt von unsern Angehrigen ab, von meiner Mutter und von
Euren Eltern.
    Sie werden unser Glck mit Wohlwollen ansehen.
    Ich hoffe es auch; aber wenn ich das vollste Recht htte, meine Handlungen
selber zu bestimmen, so wrde ich nie auch nicht ein Teilchen meines Lebens so
einrichten, da es meiner Mutter nicht gefiele; es wre kein Glck fr mich. Ich
werde so handeln, so lange wir beisammen auf der Erde sind. Ihr tut wohl auch
so?
    Ich tue es; weil ich meine Eltern liebe, und weil mir eine Freude nur als
solche gilt, wenn sie auch die ihre ist.
    Und noch jemand mu gefragt werden. Wer?
    Unser edler Freund. Er ist so gut, so weise, so uneigenntzig. Er hat
unserm Leben einen Halt gegeben, als wir ratlos waren, er ist uns beigestanden,
als wir es bedurften, und jetzt ist er der zweite Vater Gustavs geworden.
    Ja, Natalie, er soll und mu gefragt werden; aber sprecht, wenn eins von
diesen nein sagt?
    Wenn eines nein sagt, und wir es nicht berzeugen knnen, so wird es recht
haben, und wir werden uns dann lieben, so lange wir leben, wir werden einander
treu sein in dieser und jener Welt; aber wir drften uns dann nicht mehr sehen.
    Wenn wir ihnen die Entscheidung ber uns anheim gegeben haben, so mte es
wohl so sein; aber es wird gewi nicht, gewi nicht geschehen.
    Ich glaube mit Zuversicht, da es nicht geschehen wird.
    Mein Vater wird sich freuen, wenn ich ihm sage, wie Ihr seid, er wird Euch
lieben, wenn er Euch sieht, die Mutter wird Euch eine zweite Mutter sein, und
Klotilde wird sich Euch mit ganzer Seele zuwenden.
    Ich verehre Eure Eltern und liebe Klotilde schon so lange, als ich Euch von
ihnen reden und erzhlen hrte. Mit meiner Mutter werde ich noch heute sprechen,
ich knnte die Nacht nicht ber das Geheimnis heraufgehen lassen. Wenn Ihr zu
Euren Eltern reiset, sagt ihnen, was geschehen ist, und sendet bald Nachricht
hieher.
    Ja, Natalie.
    Geht Ihr von hier wieder in die Berge?
    Ich wollte es; nun aber hat sich Wichtigeres ereignet, und ich mu gleich
zu meinen Eltern. Nur auf kurzes will ich, so schnell es geht, in meinen
jetzigen Standort reisen, um die Arbeiten abzubestellen, die Leute zu entlassen
und alles in Ordnung zu bringen.
    Das mu wohl so sein.
    Die Antwort meiner Eltern bringt dann nicht eine Nachricht, sondern ich
selber.
    Das ist noch erfreulicher. Mit unserm Freunde wird wohl hier geredet
werden.
    Natalie, dann habt Ihr eine Schwester an Klotilden, und ich einen Bruder an
Gustav.
    Ihr habt ihn ja immer sehr geliebt. Alles ist so schn, da es fast zu
schn ist.
    Dann sprachen wir von der Zurckkunft der Mnner, was sie sagen wrden, und
wie unser Gastfreund die schnelle Wendung der Dinge aufnehmen werde.
    Zuletzt, als die Gemter zu einer sanfteren Ruhe zurckgekehrt waren,
erhoben wir uns, um in das Haus zu gehen. Ich bot Natalien meinen Arm, den sie
annahm. Ich fhrte sie der Eppichwand entlang, ich fhrte sie durch einen
schnen Gang des Gartens, und wir gelangten dann in offnere freie Stellen, in
denen wir eine Umsicht hatten.
    Als wir da eine Strecke vorwrts gekommen waren, sahen wir Mathilden
auerhalb des Gartens gegen den Meierhof gehen. Das Pfrtchen, welches von dem
Garten gegen den Meierhof fhrt, war in der Nhe und stand offen.
    Ich werde meiner Mutter folgen, und werde gleich jetzt mit ihr sprechen,
sagte Natalie.
    Wenn Ihr es fr gut haltet, so tut es, erwiderte ich. Ja, ich tue es,
mein Freund. Lebt wohl.
    Lebt wohl.
    Sie zog ihren Arm aus dem meinigen, wir reichten uns die Hnde, drckten sie
uns, und Natalie schlug den Weg zu dem Pfrtchen ein.
    Ich sah ihr nach, sie blickte noch einmal gegen mich um, ging dann durch das
Pfrtchen, und das graue Seidenkleid verschwand unter den grnen Hecken des
Grundes. Ich ging in das Haus und begab mich in meine Wohnung.
    Da lag das Buch, in welchem die Worte Homers waren, die heute die Gewalt
ber mein Herz verloren hatten es lag, wie ich es auf den Tisch gelegt hatte.
Was war indessen geschehen. Die schnste Jungfrau dieser Erde hatte ich an mein
Herz gedrckt. Aber was will das sagen? Das edelste, wrmste, herrlichste Gemt
ist mein, es ist mir in Liebe und Neigung zugetan. Wie habe ich das verdient,
wie kann ich es verdienen?!
    Ich setzte mich nieder und sah gegen die Ruhe der heitern Luft hinaus.
    Ich verlie an diesem Tage gar nicht mehr das Haus. Gegen Abend ging ich in
den Gang, der im Norden des Hauses hinluft, und sah auf den Garten hinaus. Auf
einer freien Stelle, in welcher ein weier Pfad durch Wiesengrn hingeht, sah
ich Mathilden mit Natalien wandeln.
    Ich ging wieder in mein Zimmer zurck.
    Als es dunkelte, wurde ich zu dem Abendessen gerufen.
    Da Mathilde und Natalie in den Speisesaal getreten waren, und mich Mathilde
mit einem sanften Lcheln und mit der Freundlichkeit, die ihr immer eigen war,
ein, an ihrer Seite Platz zu nehmen.

                                  Dritter Band



                               1. Die Entfaltung

Wir waren in dem nmlichen Zimmer zum Speisen zusammen gekommen, in dem wir die
Zeit her, die ich im Schlosse gewesen war, unser Mahl am Morgen, Mittag und
Abend, wie es die Tageszeit brachte, eingenommen hatten, der Tisch war mit dem
klaren, weien, feinen Linnen gedeckt, in das schnere und altertmlichere
Blumen, als jetzt gebruchlich sind, gleichsam wie Silber in Silber eingewebt
waren, der Diener stand mit den weien Handschuhen hinter uns, der Hausverwalter
ging in dem Zimmer hin und her, und es war an der Wand der Schrein mit den
Fcherabteilungen, in denen die mannigfaltigen Dinge sich befanden, die in einem
Speisezimmer stets ntig sind; aber heute war mir alles wie feenhaft. Mathilde
hatte ein veilchenblaues Seidenkleid mit dunkleren Streifen an, und um die
Schultern war ein Gewebe von schwarzen Spitzen. Sie kleidete sich jedes Mal,
wenn ein Gast da war, zum Speisen neu an, hatte es bisher meinetwillen auch
getan, und hatte es an diesem Abende nicht unterlassen. Mit dem feinen, lieben
und freundlichen Angesichte, das durch die dunkle Seide fast noch feiner und
schner wurde, lie sie sich in ihren Armstuhl zwischen uns nieder. Natalie war
rechts und ich links. Natalie hatte nicht Zeit gefunden, ihr Kleid zu wechseln,
sie hatte dasselbe lichtgraue Seidenkleid an, das sie am Nachmittage getragen
hatte, und das mir so lieb geworden war. Ich getraute mir fast nicht, sie
anzusehen, und auch sie hatte die groen, schnen, unbeschreiblich edlen Augen
grtenteils auf die Mutter gerichtet. So vergingen einige Augenblicke. Es wurde
das Gebet gesprochen, das Mathilde immer in ihrem Armstuhle sitzend stille mit
gefalteten Hnden verrichtete, und das daher die anderen ebenfalls sitzend und
stille vollbrachten. Als dieses geschehen war, wurden, wie es der Gebrauch in
diesem Hause eingefhrt hatte, die Flgeltren geffnet, ein Diener trat mit
einem Topfe herein, setzte ihn auf den Tisch, der Hausverwalter nahm den Deckel
desselben ab und sagte, wie er immer tat: Ich wnsche sehr wohl zu speisen.
    Mathilde streckte den Arm mit dem dunkeln Seidenkleide aus, nahm den groen
silbernen Lffel und schpfte, wie sie es sich nie nehmen lie zu tun, Suppe fr
uns auf die Teller, welche der Diener darreichte. Der Hausverwalter hatte, da er
alles in Ordnung sah, das Zimmer nach seiner Gepflogenheit verlassen. Das
Abendessen war nun wie alle Tage. Mathilde sprach freundlich und heiter von
verschiedenen Gegenstnden, die sich eben darboten, und verga nicht, der
abwesenden Freunde zu erwhnen und des Vergngens zu gedenken, das ihre
Rckkunft veranlassen werde. Sie sprach von der Ernte, von dem Segen, der heuer
berall so reichlich verbreitet sei, und wie sich alles, was sich auf der Erde
befinde, doch zuletzt immer wieder in das Rechte wende. Als die Zeit des
Abendessens vorber war, erhob sie sich, und es wurden die Anstalten gemacht,
da sich jedes in seine Wohnung begebe. Mit derselben sanften Gte, mit der sie
mich vor dem Abendessen begrt hatte, verabschiedete sie sich nun, wir
wnschten uns wechselseitig eine glckliche Ruhe und trennten uns.
    Als ich in meinem Zimmer angekommen war, trat ich in der Nacht dieses Tages,
der fr mich in meinem bisherigen Leben am merkwrdigsten geworden war, an das
Fenster und blickte gegen den Himmel. Es stand kein Mond an demselben und keine
Wolke, aber in der milden Nacht brannten so viele Sterne, als wre der Himmel
mit ihnen angefllt, und als berhrten sie sich gleichsam mit ihren Spitzen. Die
Feierlichkeit traf mich erhebender, und die Pracht des Himmels war mir
eindringender als sonst, wenn ich sie auch mit groer Aufmerksamkeit betrachtet
hatte. Ich mute mich in der neuen Welt erst zurecht finden. Ich sah lange mit
einem sehr tiefen Gefhle zu dem sternbedeckten Gewlbe hinauf. Mein Gemt war
so ernst, wie es nie in meinem ganzen Leben gewesen war. Es lag ein fernes,
unbekanntes Land vor mir. Ich ging zu dem Lichte, das auf meinem Tische brannte,
und stellte meinen undurchsichtigen Schirm vor dasselbe, da seine Helle nur in
die hinteren Teile des Zimmers falle und mir den Schein des Sternenhimmels nicht
beirre. Dann ging ich wieder zu dem Fenster, und blieb vor demselben. Die Zeit
verflo, und die Nachtfeier ging indessen fort. Wie es sonderbar ist, dachte
ich, da in der Zeit, in der die kleinen, wenn auch vieltausendfltigen
Schnheiten der Erde verschwinden und sich erst die unermeliche Schnheit des
Weltraums in der fernen stillen Lichtpracht auftut, der Mensch und die grte
Zahl der andern Geschpfe zum Schlummer bestimmt ist! Rhrt es daher, da wir
nur auf kurze Augenblicke und nur in der rtselhaften Zeit der Traumwelt zu
jenen Gren hinan sehen drfen, von denen wir eine Ahnung haben, und die wir
vielleicht einmal immer nher und nher werden schauen drfen? Sollen wir
hienieden nie mehr als eine Ahnung haben? Oder ist es der groen Zahl der
Menschen nur darum blo in kurzen schlummerlosen Augenblicken gestattet, zu dem
Sternenhimmel zu schauen, damit die Herrlichkeit desselben uns nicht gewhnlich
werde und die Gre sich nicht dadurch verliere? Aber ich bin ja wiederholt in
ganzen Nchten allein gefahren, die Sternbilder haben sich an dem Himmel sachte
bewegt, ich habe meine Augen auf sie gerichtet gehalten, sie sind
dunkelschwarzen gestaltlosen Wldern oder Erdrndern zugesunken, andere sind im
Osten aufgestiegen, so hat es fortgedauert, die Stellungen haben sich sanft
gendert, und das Leuchten hat fortgelchelt, bis der Himmel von der nahenden
Sonne lichter wurde, das Morgenrot im Osten erschien und die Sterne wie ein
ausgebranntes Feuerwerksgerste erloschen waren. Haben da meine vom Nachtwachen
brennenden Augen die verschwundene stille Gre nicht fr hher erkannt als den
klaren Tag, der alles deutlich macht? Wer kann wissen, wie dies ist. Wie wird es
jenen Geschpfen sein, denen nur die Nacht zugewiesen ist, die den Tag nicht
kennen? Jenen groen wunderbaren Blumen ferner Lnder, die ihr Auge ffnen, wenn
die Sonne untergegangen ist, und die ihr meistens weies Kleid schlaff und
verblht herabhngen lassen, wenn die Sonne wieder aufgeht? Oder den Tieren,
denen die Nacht ihr Tag ist? Es war eine Weihe und eine Verehrung des
Unendlichen in mir.
    Trumend, ehe ich entschlief, begab ich mich auf mein Lager, nachdem ich
vorher das Licht ausgelscht und die Vorhnge der Fenster absichtlich nicht
zugezogen hatte, damit ich die Sterne hereinscheinen she.
    Des anderen Morgens sammelte ich mich, um mir bewut zu werden, was
geschehen ist, und welche tiefe Pflichten ich eingegangen war. Ich kleidete mich
an, um in das Freie zu gehen, und mein Angesicht und meinen Krper der khlen
Morgenluft zu geben.
    Als ich mein Zimmer verlassen hatte, suchte ich einen Gang zu gewinnen, der
im sdlichen Teile des Schlosses in der Lnge desselben dahin luft. Seine
Fenster mnden in den Hof, und von ihm gehen Tren in die gegen Mittag liegenden
Zimmer Mathildens und Nataliens. Diese Tren, einst vielleicht zum Gebrauche fr
Gste bestimmt, waren jetzt meistens geschlossen, weil die Verbindung im Innern
der Zimmer hergestellt war. Ich hatte den Gang darum aufgesucht, weil er an der
Westseite des Schlosses zu einer kleinen Treppe fhlt, die abwrts geht und in
ein Pfrtchen endet, das gewhnlich des Morgens geffnet wurde, und durch das
man unmittelbar in die Felder auf breite, trockene Wege gelangen konnte, die den
Wanderer unbemerkter ins Weite fhren, als es durch den Hauptausgang des
Schlosses mglich gewesen wre. Die Bewohnerinnen der Zimmer, die an den Gang
stieen, glaubte ich darum nicht stren zu knnen, weil das Steinpflaster des
Ganges seiner ganzen Lnge nach mit einem weichen Teppiche belegt war, der keine
Tritte hren lie. Auerdem hatte die Sonne auch bereits einen so hohen
Morgenbogen zurckgelegt, da zu vermuten war, da alle im Schlosse schon lngst
aufgestanden sein wrden.
    Da ich gegen das Ende des Ganges und in die Nhe der Treppe gekommen war,
sah ich eine Tr offen stehen, von der ich vermutete, da sie zu den Zimmern der
Frauen fhren msse. War die Tr offen, weil man fortgehen wollte, oder weil man
eben gekommen war? Oder hatte eine Dienerin in der Eile offen gelassen, oder war
irgend ein anderer Grund? Ich zauderte, ob ich vorbeigehen sollte; allein da ich
wute, da die Tr doch nur in einen Vorsaal ging, und da die Treppe schon so
nahe war, die mich ins Freie fhren sollte, so beschlo ich, vorbei zu gehen und
meine Schritte zu beschleunigen. Ich schritt auf dem weichen Teppiche fort und
trat nur behutsamer auf. Da ich an der Tr angekommen war, sah ich hinein. Was
ich vermutet hatte, besttigte sich, die Tr ging in einen Vorsaal. Derselbe war
nur klein und mit gewhnlichen Gerten versehen. Aber nicht blo in den Vorsaal
konnte ich blicken, sondern auch in ein weiteres Zimmer, das mit einer groen
Glastr an den Vorsaal stie, welche Glastr noch berdies halb geffnet war. In
diesem Zimmer aber stand Natalie. An den Wnden hinter ihr erhoben sich edle
mittelalterliche Schreine. Sie stand fast mitten in dem Gemache vor einem
Tische, auf welchem zwei Zithern lagen, und von welchem ein sehr reicher
altertmlicher Teppich nieder ging. Sie war vollstndig gleichsam wie zum
Ausgehen gekleidet, nur hatte sie keinen Hut auf dem Haupte. Ihre schnen Locken
waren auf dem Hinterhaupte geordnet und wurden von einem Bande oder etwas
hnlichem getragen. Das Kleid reichte wie gewhnlich bis zu dem Halse und schlo
dort ohne irgend einer fremden Zutat. Es war wieder von lichtem grauem
Seidenstoffe, hatte aber sehr feine stark rote Streifen. Es schlo die Hften
sehr genau, und ging dann in reichen Falten bis auf den Fuboden nieder. Die
rmel waren enge, reichten bis zum Handgelenke, und hatten an diesem wie am
Oberarme dunkle Querstreifen, die wie ein Armband schlossen. Natalie stand ganz
aufrecht, ja der Oberkrper war sogar ein wenig zurckgebogen. Der linke Arm war
ausgestreckt und sttzte sich mittelst eines aufrecht stehenden Buches, auf das
sie die Hand legte, auf das Tischchen. Die rechte Hand lag leicht auf dem linken
Unterarm. Das unbeschreiblich schne Angesicht war in Ruhe, als htten die
Augen, die jetzt von den Lidern bedeckt waren, sich gesenkt, und sie dchte
nach. Eine solche reine, feine Geistigkeit war in ihren Zgen, wie ich sie an
ihr, die immer die tiefste Seele aussprach, doch nie gesehen hatte. Ich verstand
auch, was die Gestalt sprach, ich hrte gleichsam ihre inneren Worte: Es ist
nun eingetreten! Sie hatte mich nicht kommen gehrt, weil der Teppich den
Fuboden des Ganges bedeckte, und sie konnte mich nicht sehen, weil ihr
Angesicht gegen Sden gerichtet war. Ich beobachtete nur zwei Augenblicke ihre
sinnende Stellung, und ging dann leise vorber und die Treppe hinunter. Es
erfllte mich gleichsam mit einem Meere von Wonne, Natalien von der nmlichen
Empfindung beseelt zu sehen, die ich hatte, von der Empfindung, sich das
errungene, kaum gehoffte und so hoch gehaltene Gut geistig zu sichern, sich klar
zu machen, was man erhalten hat, und in welche neue, unermelich wichtige
Wendung des Lebens man eingetreten sei. Ich konnte es kaum fassen, da ich es
sei, um den eine Gestalt, die das Schnste ausdrckt, was mir bis jetzt bekannt
geworden ist, eine Gestalt, die man wohl auch stolz geheien, die sich bisher
von jeder Neigung abgewendet hatte, in diese tiefe sinnende Empfindung gesunken
sei. Ich dachte mir, da ich, so lange ich lebe, und sollte mein Leben bis an
die uerste Grenze des menschlichen Alters oder darber hinaus gehen, mit jedem
Tropfen meines Blutes, mit jeder Faser meines Herzens sie lieben werde, sie mge
leben oder tot sein, und da ich sie fort und fort durch alle Zeiten in der
tiefsten Seele meiner Seele tragen werde. Es erschien mir als das seste
Gefhl, sie nicht nur in diesem Leben, sondern in tausend Leben, die nach
tausend Toden folgen mgen, immer lieben zu knnen. Wie viel hatte ich in der
Welt gesehen, wie viel hatte mich erfreut, an wie vielem hatte ich Wohlgefallen
gehabt: und wie ist jetzt alles nichts, und wie ist es das hchste Glck, eine
reine, tiefe, schne menschliche Seele ganz sein eigen nennen zu knnen, ganz
sein eigen.
    Ich ging durch das Pfrtchen hinaus, das ich nur angelehnt fand, und ging
auf dem Wege fort, der an dieser Seite vor dem Schlosse vorbei fhrt, und dann
in die Felder hinaus geht. Er ist breit, mit feinem Sande belegt, und eignet
sich daher seiner Trockenheit willen ganz besonders zu Morgenspaziergngen. Er
ist von dem vorigen Besitzer des Schlosses angelegt und von Mathilden verbessert
worden. Er geht von dem Pfrtchen nach beiden Richtungen, nach Norden und nach
Sden, ziemlich weit fort und bildet auf diese Weise zu dem Schlosse eine
Berhrungslinie. Roland hatte ihn scherzweise auch immer den Berhrweg genannt.
Die Obstbume, die ihn jetzt hufig sumen, hat Mathilde meistens schon
erwachsen an ihn versetzt. Frher war der ganze Weg eine Allee von Pappeln
gewesen; allein da er ganz gerade durch die Gegend geht und mit den geraden
Bumen bepflanzt war, so erschien er sehr unschn und fr einen Lustweg, was er
sein sollte, wenig geeignet. Nach Beratungen mit ihren Freunden hatte Mathilde
die Pappeln, welche auerdem auch den Feldern sehr schdlich waren, nach und
nach beseitigt. Sie waren gefllt und ihre Wurzeln ausgegraben worden. Da man
die Obstbume an ihre Stelle setzte, vermied man es absichtlich, an allen
Pltzen, an welchen Pappeln gestanden waren, Obstbume zu pflanzen, damit nicht
wieder statt der Pappelallee eine Obstbaumallee wrde, was zwar minder unschn
als frher gewesen wre, aber doch immer noch nicht schn. Durch diese
Unterbrechung der Baumpflanzung erhielt der Weg, dessen gerade Richtung schwer
zu beseitigen gewesen wre, und die doch sonst zu eigentmlich war, als da man
sie htte abndern sollen, wenn man nicht alles nach ganz neuen Gedanken
einrichten wollte, die ntige Abwechslung. Mitternachtwrts von dem Schlosse
fhrt er durch Wiesen und Felder an Gebschen hin, steigt dann zu einem Walde
hinan, in welchen er eine Strecke eindringt. Sdwrts geht er durch Felder, hat
dort besonders schne Apfelbume an seinen Seiten, wlbt sich sanft ber einen
Ackerrcken und gewhrt von ihm eine schne Aussicht in die Gebirge.
    Ich schlug die Richtung nach Sden ein, wie ich berhaupt sehr gerne bei dem
Beginne eines Spazierganges so gehe, da ich leicht nach Mittag sehe, das Licht
vor mir habe, und in den schneren Glanz und die lieblichere Frbung der Wolken
blicken kann. Der Himmel war wie gestern ganz heiter, die Sonne stand in seinem
stlichen Teile und begann die Tropfen, welche an allen Grsern und an dem Laube
der Bume hingen, aufzusaugen. Die Morgenkhle war noch nicht vergangen, obwohl
der Einflu der Sonne immer mehr und mehr bemerkbar wurde. Ich sah mit neuen
Augen auf alle Dinge um mich, es schien, als htten sie sich verjngt, und als
mte ich mich wieder allmhlich an ihren Anblick gewhnen. Ich kam auf die
Anhhe, und sah auf den langen Zug der Gebirge. Die blauen Spitzen blickten auf
mich herber, und die vielen Schneefelder zeigten mir ihren feinen Glanz. Ich
sah auch die Berghupter an dem Kargrat, wo ich zuletzt gearbeitet hatte. Mir
war, als wre es schon viele Jahre, seit ich in jenen Eisfeldern und
Schneegrnden gewesen war. Ich lie, whrend ich so dastand, die milde Luft, den
Glanz der Sonne und das Prangen der Dinge auf mich wirken. Sonst hatte ich immer
irgend ein Buch in meine Tasche gesteckt, wenn ich in der Gegend herum gehen
wollte; heute hatte ich es nicht getan. Mir war jetzt nicht, als sollte ich
irgend ein Buch lesen. Ich ging nach einer Weile wieder an den Bumen dahin, an
denen schon die mannigfaltigen pfel hingen, die jeder nach seiner Art brachte,
und die schon hie und da ihre eigentmliche Farbe zu erhalten begannen. Ich ging
so lange auf der Anhhe des Felderrckens fort, bis sie sich leicht zu senken
anfing, ber welche Senkung der Weg noch hinabgeht, um in dem Tale an der Grenze
eines fremden Gutes zu enden, oder vielmehr in einen anderen Weg berzugehen,
der die Eigenschaften aller jener Fuwege hat, die in unzhligen Richtungen
unser Land durchziehen, und auf deren taugliche Beschaffenheit, Verbesserung,
oder Verschnerung niemand denkt. Ich ging auf der Senkung des Weges nicht mehr
hinunter, weil ich nicht talwrts kommen wollte, wo die Blicke beengt sind.
    Ich wendete mich um, und hatte den Anblick des Schlosses vor mir, welches
jetzt von solcher Bedeutung fr mich geworden war. Die Fenster schimmerten in
dem Glanze der Sonne, das Grau der von der Tnche befreiten sdlichen Mauer
schaute sanft zu mir herber, das dunkle Dach hob sich von der Blue der
nrdlichen Luft ab, und ein leichter Rauch stieg von einigen seiner Schornsteine
auf.
    Ich ging langsam auf dem Rcken des Feldes an den Obstbumen vorber meines
Weges zurck, bis er sachte gegen das Schlo abwrts zu gehen begann.
    An dieser Stelle sah ich jetzt, da mir eine Gestalt, welche mir frher
durch Baumkronen verdeckt gewesen sein mochte, entgegen kam, welche die Gestalt
Nataliens war. Wir gingen beide schneller, als wir uns erblickten, um uns frher
zu erreichen. Da wir nun zusammen trafen, blickte mich Natalie mit ihren groen
dunkeln Augen freundlich an und reichte mir die Hand. Ich empfing sie, drckte
sie herzlich und sagte einen innigen Gru.
    Es ist recht schn, sprach sie, da wir gleichzeitig einen Weg gehen, den
ich heute schon einmal gehen wollte, und den ich jetzt wirklich gehe.
    Wie habt Ihr denn die Nacht zugebracht, Natalie? fragte ich.
    Ich habe sehr lange den Schlummer nicht gefunden, antwortete sie, dann
kam er doch in sehr leichter, flchtiger Gestalt. Ich erwachte bald und stand
auf. Am Morgen wollte ich auf diesen Weg heraus gehen und ihn bis ber die
Felderanhhe fortsetzen; aber ich hatte ein Kleid angezogen, welches zu einem
Gange auer dem Hause nicht tauglich war. Ich mute mich daher spter umkleiden,
und ging jetzt heraus, um die Morgenluft zu genieen.
    Ich sah wirklich, da sie das lichte graue Kleid mit den feinen tiefroten
Streifen nicht mehr an habe, sondern ein einfacheres, krzeres mattbraunes
trage. Jenes Kleid wre freilich zu einem Morgenspaziergange nicht tauglich
gewesen, weil es in reichen Falten fast bis auf den Fuboden nieder ging. Sie
hatte jetzt einen leichten Strohhut auf dem Haupte, welchen sie immer bei ihren
Wanderungen durch die Felder trug. Ich fragte sie, ob sie glaube, da noch so
viel Zeit vor dem Frhmahle sei, da sie ber die Felderanhhe hinaus und wieder
in das Schlo zurckkommen knne.
    Wohl ist noch so viel Zeit:, erwiderte sie, ich wre ja sonst nicht
fortgegangen, weil ich eine Strung in der Hausordnung nicht verursachen
mchte.
    Dann erlaubt Ihr wohl, da ich Euch begleite, sagte ich.
    Es wird mir sehr lieb sein, antwortete sie.
    Ich begab mich an ihre Seite, und wir wandelten den Weg, den ich gekommen
war, zurck.
    Ich htte ihr sehr gerne meinen Arm angeboten; aber ich hatte nicht den Mut
dazu.
    Wir gingen langsam auf dem feinen Sandwege dahin, an einem Baumstamme nach
dem andern vorber, und die Schatten, welche die Bume auf den Weg warfen, und
die Lichter, welche die Sonne dazwischen legte, wichen hinter uns zurck.
Anfangs sprachen wir gar nicht, dann aber sagte Natalie: Und habt Ihr die Nacht
in Ruhe und Wohlsein zugebracht?
    Ich habe sehr wenig Schlaf gefunden; aber ich habe es nicht unangenehm
empfunden, entgegnete ich, die Fenster meiner Wohnung, welche mir Eure Mutter
so freundlich hatte einrichten lassen, gehen in das Freie, ein groer Teil des
Sternenhimmels sah zu mir herein. Ich habe sehr lange die Sterne betrachtet. Am
Morgen stand ich frhe auf, und da ich glaubte, da ich niemand in dem Schlosse
mehr stren wrde, ging ich in das Freie, um die milde Luft zu genieen.
    Es ist ein eigenes, erquickendes Labsal, die reine Luft des heiteren
Sommers zu atmen, erwiderte sie.
    Es ist die erhebendste Nahrung, die uns der Himmel gegeben hat, antwortete
ich. Das wei ich, wenn ich auf einem hohen Berge stehe und die Luft in ihrer
Weite wie ein unausmebares Meer um mich herum ist. Aber nicht blo die Luft des
Sommers ist erquickend, auch die des Winters ist es, jede ist es, welche rein
ist, und in welcher sich nicht Teile finden, die unserm Wesen widerstreben.
    Ich gehe oft mit der Mutter an stillen Wintertagen gerade diesen Weg, auf
dem wir jetzt wandeln. Er ist wohl und breit ausgefahren, weil die Bewohner von
Erlthal und die der umliegenden Huser im Winter von ihrem tief gelegenen
Fahrwege eine kleine Abbeugung ber die Felder machen, und dann unseren
Spazierweg seiner ganzen Lnge nach befahren. Da ist es oft recht schn, wenn
die Zweige der Bume voll von Kristallen hngen, oder wenn sie bereift sind und
ein feines Gitterwerk ber ihren Stmmen und sten tragen. Oft ist es sogar, als
wenn sich auch der Reif in der Luft befnde und sie mit ihm erfllt wre. Ein
feiner Duft schwebt in ihr, da man die nchsten Dinge nur wie in einen Rauch
gehllt sehen kann. Ein anderes Mal ist der Himmel wieder so klar, da man alles
deutlich erblickt. Er spannt sich dunkelblau ber die Gefilde, die in der Sonne
glnzen, und wenn wir auf die Hhe der Felder kommen, knnen wir von ihr den
ganzen Zug der Gebirge sehen. Im Winter ist die Landschaft sehr still, weil die
Menschen sich in ihren Husern halten, so viel sie knnen, weil die Singvgel
Abschied genommen haben, weil das Wild in die tieferen Wlder zurck gegangen
ist, und weil selbst ein Gespann nicht den tnenden Hufschlag und das Rollen der
Rder hren lt, sondern nur der einfache Klang der Pferdeglocke, die man hier
hat, anzeigt, da irgend wo jemand durch die Stille des Winters fhrt. Wir gehen
auf der klaren Bahn dahin, die Mutter leitet die Gesprche auf verschiedene
Dinge, und das Ziel unserer Wanderung ist gewhnlich die Stelle, wo der Weg in
das Tal hinabzugehen anfngt. In der Stadt habt Ihr die schnen
Winterspaziergnge nicht, welche uns das Land gewhrt.
    Nein, Natalie, die haben wir nicht. Wir haben von der dem Winter als Winter
eigentmlichen Wesenheit nichts als die Klte; denn der Schnee wird auch aus der
Stadt fortgeschafft, erwiderte ich, und nicht blo im Winter, auch im Sommer
hat die Stadt nichts, was sich nur entfernt mit der Freiheit und Weite des
offenen Landes vergleichen liee. Eine erweiterte Pflege der Kunst und der
Wissenschaft, eine erhhte Geselligkeit und die Regierung des menschlichen
Geschlechts sind in der Stadt, und diese Dinge begreifen auch das, was man in
der Stadt sucht. Einen Teil von Wissenschaft und Kunst aber kann man wohl auch
auf dem Lande hegen, und ob grere Zweige der allgemeinen Leitung der Menschen
auch auf das Land gelegt werden knnten, als jetzt geschieht, wei ich nicht, da
ich hierin zu wenig Kenntnisse habe. Ich trage schon lange den Gedanken in mir,
einmal auch im Winter in das Hochgebirge zu gehen und dort eine Zeit
zuzubringen, um Erfahrungen zu sammeln. Es ist seltsam und reizt zur Nachahmung,
was uns die Bcher melden, die von Leuten verfat wurden, welche im Winter
hochgelegene Gegenden besucht oder gar die Spitzen bedeutender Berge erstiegen
haben.
    Wenn es fr Leben und Gesundheit keine Gefahr hat, solltet Ihr es tun,
antwortete sie. Es ist wohl ein Vorrecht der Mnner, das Grere wagen und
erfahren zu knnen. Wenn wir zuweilen im Winter in groen Stdten gewesen sind
und dort das Leben der verschiedenen Menschen gesehen haben, dann sind wir gerne
in den Sternenhof zurckgegangen. Wir haben hier in manchen greren Zeitrumen
alle Jahreszeiten genossen, und haben jeden Wechsel derselben im Freien kennen
gelernt. Wir sind mit Freunden verbunden, deren Umgang uns veredelt, erhebt, und
zu denen wir kleine Reisen machen. Wir haben einige Ergebnisse der Kunst und in
einem gewissen Mae auch der Wissenschaft, so weit es sich fr Frauen ziemt, in
unsere Einsamkeit gezogen.
    Der Sternenhof ist ein edler und ein wrdevoller Sitz, entgegnete ich, er
hat sich ein schnes Teil des Menschlichen gesammelt, und mu nicht das
Widerwrtige desselben hinnehmen. Aber es muten auch viele Umstnde
zusammentreffen, damit es so werden konnte, wie es ward.
    Das sagt die Mutter auch, erwiderte sie, und sie sagt, sie msse der
Vorsehung sehr danken, da sie ihre Bestrebungen so untersttzt und geleitet
habe, weil wohl sonst das Wenigste zu Stande gekommen wre.
    Wir hatten in der Zeit dieses Gesprches nach und nach die hchste Stelle
des Weges erreicht. Vor uns ging es wieder abwrts. Wir blieben eine Weile
stehen.
    Sagt mir doch, begann Natalie wieder, wo liegt denn das Kargrat, in
welchem Ihr Euch in diesem Teile des Sommers aufgehalten habt? Man mu es ja von
hier aus sehen knnen.
    Freilich kann man es sehen, antwortete ich, es liegt fast im uersten
Westen des Teiles der Kette, der von hier aus sichtbar ist. Wenn Ihr von jenen
Schneefeldern, die rechts von der sanftblauen Kuppe, welche gerade ber der
Grenzeiche Eures Weizenfeldes sichtbar ist, liegen, und die fast wie zwei
gleiche, mit der Spitze nach aufwrts gerichtete Dreiecke aussehen, wieder nach
rechts geht, so werdet Ihr lichte, fast wagrecht gehende Stellen in dem
graulichen Dmmer des Gebirges sehen, das sind die Eisfelder des Kargrats.
    Ich sehe sie sehr deutlich, erwiderte sie, ich sehe auch die Spitzen, die
ber das Eis empor ragen. Und auf diesem Eise seid Ihr gewesen?
    An seinen Grenzen, die es in allen Richtungen umgeben, antwortete ich,
und auf ihm selber.
    Da mt Ihr ja auch deutlich hieher gesehen haben, sagte sie.
    Die Berggestaltungen des Kargrates, die wir hier sehen, erwiderte ich,
sind so gro, da wir seine Teile wohl von hier aus unterscheiden knnen; aber
die Abteilungen der hiesigen Gegend sind so klein, da ihre Gliederungen von
dort aus nicht erblickt werden knnen. Das Land liegt wie eine mit Duft
berschwebte einfache Flche unten. Mit dem Fernrohre konnte ich mir einzelne
bekannte Stellen suchen, und ich habe mir die Bildungen der Hgel und Wlder des
Sternenhofes gesucht.
    Ach nennt mir doch einige von den Spitzen, die wir von hier aus sehen
knnen, sagte sie.
    Das ist die Kargratspitze, die Ihr ber dem Eise als hchste seht,
erwiderte ich, und rechts ist die Glommspitze und dann der Ethern und das
Krummhorn. Links sind nur zwei, der Aschkogel und die Sente.
    Ich sehe sie, sagte sie, ich sehe sie.
    Und dann sind noch geringere Erhhungen, fuhr ich fort, die sich gegen
die weiteren Berghnge senken, die keinen Namen haben, und die man hier nicht
sieht.
    Da wir noch eine Weile gestanden waren, die Berge betrachtet und gesprochen
hatten, wendeten wir uns um und wandelten dem Schlosse zu.
    Es ist doch sonderbar, sagte Natalie, da diese Berge keinen weien
Marmor hervorbringen, da sie doch so viel verschiedenfarbigen haben.
    Da tut Ihr unseren Bergen ein kleines Unrecht, antwortete ich, sie haben
schon Lager von weiem Marmor, aus denen man bereits Stcke zu mannigfaltigen
Zwecken bricht, und gewi werden sie in ihren Verzweigungen noch Stellen bergen,
wo vielleicht der feinste und ungetrbteste weie Marmor ist.
    Ich wrde es lieben, mir Dinge aus solchem Marmor machen zu lassen, sagte
sie.
    Das knnt Ihr ja tun, erwiderte ich, kein Stoff ist geeigneter dazu.
    Ich knnte aber nach meinen Krften nur kleine Gegenstnde anfertigen
lassen, Verzierungen und dergleichen, sagte sie, wenn ich die rechten Stcke
bekommen knnte, und wenn meine Freunde mir mit ihrem Rate beistnden.
    Ihr knnt sie bekommen, antwortete ich, und ich selber knnte Euch hierin
helfen, wenn Ihr es wnscht.
    Es wird mir sehr lieb sein, erwiderte sie, unser Freund hat edle Werke
aus farbigem Marmor in seinem Hause ausfhren lassen, und Ihr habt ja auch
schne Dinge aus solchem fr Eure Eltern veranlat.
    Ja, und ich suche noch immer schne Stocke Marmor zu erwerben, um sie
gelegentlich zu knftigen Werken zu verwenden, antwortete ich.
    Meine Vorliebe fr den weien Marmor habe ich wohl aus den reichen, schnen
und groartigen Dingen gezogen, entgegnete sie, die ich in Italien aus ihm
ausgefhrt gesehen habe. Besonders wird mir Florenz und Rom unvergelich sein.
Das sind Dinge, die unsere hchste Bewunderung erregen, und doch, habe ich immer
gedacht, ist es menschlicher Sinn und menschlicher Geist, der sie entworfen und
ausgefhrt hat. Euch werden auch Gegenstnde bei Eurem Aufenthalte im Freien
erschienen sein, die das Gemt mchtig in Anspruch nehmen.
    Die Kunstgebilde leiten die Augen auf sich, und mit Recht, antwortete ich,
sie erfllen mit Bewunderung und Liebe. Die natrlichen Dinge sind das Werk
einer anderen Hand, und wenn sie auf dem rechten Wege betrachtet werden, regen
sie auch das hchste Erstaunen an
    So habe ich wohl immer gefhlt, sagte sie.
    Ich habe auf meinem Lebenswege durch viele Jahre Werke der Schpfung
betrachtet, erwiderte ich, und dann auch, so weit es mir mglich war, Werke
der Kunst kennen gelernt, und beide entzckten meine Seele.
    Mit diesen Gesprchen waren wir allmhlich dem Schlosse nher gekommen, und
waren jetzt bei dem Pfrtchen.
    An demselben blieb Natalie stehen und sagte die Worte: Ich habe gestern
sehr lange mit der Mutter gesprochen, sie hat von ihrer Seite eine Einwendung
gegen unseren Bund nicht zu machen.
    Ihre feinen Zge berzog ein sanftes Rot, als sie diese Worte zu mir sprach.
Sie wollte nun sogleich durch das Pfrtchen hinein gehen, ich hielt sie aber
zurck und sagte: Frulein, ich hielte es nicht fr Recht, wenn ich Euch etwas
verhehlte. Ich habe Euch heute schon einmal gesehen, ehe wir zusammentrafen. Als
ich am Morgen ber den Gang hinter Euren Zimmern ins Freie gehen wollte, standen
die Tren in einen Vorsaal und in ein Zimmer offen, und ich sah Euch in diesem
letztern an einem mit einem altertmlichen Teppiche behngten Tischchen die Hand
auf ein Buch gesttzt stehen.
    Ich dachte an mein neues Schicksal, sagte sie.
    Ich wute es, ich wute es, antwortete ich, und mgen die himmlischen
Mchte es so gnstig gestalten, als es der Wille derer ist, die Euch
wohlwollen.
    Ich reichte ihr beide Hnde, sie fate sie, und wir drckten uns dieselben.
    Darauf ging sie in das Pfrtchen ein und ber die Treppe empor.
    Ich wartete noch ein wenig.
    Da sie oben war und die Tr hinter sich geschlossen hatte, stieg ich auch
die Treppe empor.
    Das ganze Wesen Nataliens schien mir an diesem Morgen glnzender, als es die
ganze Zeit her gewesen war, und ich ging mit einem tief, tief geschwellten
Herzen in mein Zimmer.
    Dort kleidete ich mich in so weit um, als es ntig war, die Spuren des
Morgenspazierganges zu beseitigen und anstndig zu erscheinen, dann ging ich, da
die Stunde des Frhmahles schon heran nahte, in das Speisezimmer.
    Ich war in demselben allein. Der Tisch war schon gedeckt und alles zum
Morgenmahle in Bereitschaft gesetzt. Nachdem ich eine Weile gewartet hatte, kam
Mathilde mit Natalie zugleich in das Zimmer. Natalie hatte sich umgekleidet, sie
hatte jetzt ein festlicheres Kleid an, als sie beim Morgenspaziergange getragen
hatte, weil sie gleich Mathilden bei Tische einen Gast durch ein besseres Kleid
ehrte. Mit der gewhnlichen Ruhe und Heiterkeit, aber mit einer fast noch
greren Freundlichkeit als sonst, begrte mich Mathilde und wies mir meinen
Platz an. Wir setzten uns. Wir waren nun bei dem Frhmahle, wie wir es die
mehreren Tage her gewohnt waren. Dieselben Gegenstnde befanden sich auf dem
Tische, und derselbe Vorgang wurde befolgt wie immer. Obgleich nur ein
Dienstmdchen ab und zu ging, und wir in den Zwischenzeiten allein waren, indem
Mathilde nach ihrer Gepflogenheit manche Handlungen, die bei einem solchen
Frhmahle ntig sind, an dem Tische selbst verrichtete, so wurde doch ber
unsere besonderen Angelegenheiten auch jetzt nicht gesprochen. Gewhnliche
Dinge, wie sie sich an gewhnlichen Tagen darbieten, bildeten den Inhalt der
Gesprche. Teils Kunst, teils die schnen Tage der Jahreszeit, die eben war, und
teils ein Abschnitt des Aufenthaltes whrend der Rosenzeit im Asperhofe wurden
abgehandelt. Dann standen wir auf und trennten uns.
    Und so wurde auch am ganzen Tage von dem Verhltnisse, inwelches ich zu
Natalien getreten war, nichts gesprochen. Wir fanden uns noch im Laufe des
Vormittages im Garten zusammen. Mathilde zeigte mir einige Vernderungen, welche
sie vorgenommen hatte. Mehrere zu sehr in geraden Linien gezogene geschorne
Hecken, die sich noch in einem abgelegenen Teile des Gartens befunden hatten,
waren beseitigt worden und hatten einer leichteren und geflligeren Anlage Platz
gemacht. Blumenbeete waren gezogen worden, und mehrere Pflanzen, welche man erst
kennen gelernt hatte, welche mein Gastfreund sehr liebte, und unter denen sich
auerordentlich schne befanden, waren in eine Gruppe gestellt worden. Mathilde
nannte ihre Namen, Natalie hrte aufmerksam zu. Am Nachmittage wurde ein
Spaziergang gemacht. Zuerst besuchten wir die Arbeiter, welche mit der
Hinwegschaffung der Tnche von der Steinbekleidung des Hauses beschftigt waren,
und sahen eine Zeit hindurch zu. Mathilde tat mehrere Fragen, und lie sich in
Errterungen ber Dinge ein, die diese Angelegenheit betrafen. Dann gingen wir
in einem groen Bogen lngs des Rckens der Anhhen herum, die zu einem Teile
das Tal beherrschen, in dem das Schlo liegt. Wir kamen an dem Saume eines
Wldchens vorber, von dem man das Schlo, den Garten und die Wirtschaftsgebude
sehen konnte, und gingen endlich durch den nrdlichen Arm desselben Spazierweges
in das Schlo zurck, in dessen sdlichem Teile ich heute morgens mit Natalien
gewandelt war.
    Gegen Abend kam der Wagen mit den Wanderern an.
    Mein Gastfreund stieg zuerst heraus, dann folgten fast gleichzeitig die
brigen, jngeren Mnner. Ich wurde von allen gegrt und von allen getadelt,
da ich so spt gekommen sei. Man begab sich in das gemeinschaftliche
Gesellschaftszimmer und besprach sich dort eine Weile, ehe man sich in die
Gemcher verfgen wollte, die fr einen jeden bestimmt waren.
    Mein Gastfreund fragte mich, wo ich mich heuer aufgehalten, und welche Teile
des Gebirges ich durchstreift habe. Ich antwortete ihm, da ich ihm schon im
allgemeinen gesagt habe, da ich an den Simmigletscher gehen werde, da ich aber
meinen besonderen Wohnort im Kargrat aufgeschlagen habe, in dem mit dem
Gebirgsstocke gleichnamigen kleinen Drflein. Von da aus habe ich meine
Streifereien gemacht. Ich nannte ihm die einzelnen Richtungen, weil er besonders
in der Gegend der Simmen sehr bekannt war. Eustach sprach ber die schnen
Naturbilder, die in jenen Gestaltungen vorkommen. Roland sagte, ich mchte doch
auch einmal die Klamkirche, in der sie gewesen seien, besuchen; die Zeichnungen
werde mir Eustach schon zeigen, damit ich einen vorlufigen berblick davon zu
erlangen vermge. Gustav grte mich einfach mit seiner Liebe und Freundschaft,
wie er es immer getan hatte. Auf die gelegentliche Frage meines Gastfreundes, ob
ich nun lange in der Gesellschaft meiner Freunde zu bleiben gesonnen sei,
antwortete ich, da mich eine wichtige Angelegenheit vielleicht schon in sehr
kurzer Zeit fortfahren knnte.
    Nach diesen allgemeinen Gesprchen begaben sich die Reisenden in ihre
Zimmer, um die Spuren der Reise zu beseitigen, staubige Kleider abzulegen, sich
sonst zu erfrischen, oder Mitgebrachtes in eine Ordnung zu richten.
    Wir sahen uns erst bei dem Abendessen wieder.
    Dasselbe war so heiter und freundlich, wie es immer gewesen war.
    Am anderen Morgen nach dem Frhmahle ging mein Gastfreund eine Zeit mit
Mathilden im Garten spazieren, dann kam er in mein Zimmer und sagte zu mir: Ihr
habt recht, und es ist sehr gut von Euch, da Ihr das, was Euren hiesigen
Freunden lieb und angenehm ist, Euren Eltern und Euren Angehrigen sagen wollt.
    Ich erwiderte nichts, errtete, und verneigte mich sehr ehrerbietig.
    Ich erklrte im Laufe des Vormittages, da ich, sobald es nur immer mglich
wre, abreisen mte. Man stellte mir Pferde bis zur nchsten Post zur
Verfgung, und nachdem ich mein kleines Gepck geordnet hatte, beschlo ich,
noch vor dem Mittage die Reise anzutreten. Man lie es zu. Ich nahm Abschied.
Die klaren, heiteren Augen meines Gastfreundes begleiteten mich, als ich von ihm
hinwegging. Mathilde war sanft und gtig, Natalie stand in der Vertiefung eines
Fensters, ich ging zu ihr hin und sagte leise: Liebe, liebe Natalie, lebet
wohl.
    Mein lieber, teurer Freund, lebet wohl, antwortete sie ebenfalls leise,
und wir reichten uns die Hnde.
    Nach einem Augenblicke verabschiedete ich mich auch von den anderen, die, da
sie wuten, da ich abreisen werde, in das Gesellschaftszimmer gekommen waren.
Ich schttelte Eustach und Roland die Hnde, und empfing Gustavs Ku, welche
innigere Art des Bewillkommens und Scheidens schon seit lngerer Zeit zwischen
uns blich geworden war, und welche mir heute so besonders wichtig wurde.
    Hierauf ging ich die Treppe hinab und bestieg den Wagen.
    Mathildens Pferde brachten mich auf die nchste Post. Dort sendete ich sie
zurck, und nahm andere in der Richtung nach dem Kargrat. Ich gnnte mir wenig
Ruhe. Als ich dort angekommen war, erklrte ich meinen Leuten, da Umstnde
eingetreten wren, welche die Fortsetzung der heurigen Arbeiten nicht erlaubten.
Ich entlie sie also, hndigte ihnen aber den Lohn ein, den sie bekommen htten,
wenn sie mir in der ganzen vertragsmigen Zeit gedient htten. Sie waren
hierber zufrieden. Der Jger und Zitherspieler war frher, ehe ich gekommen
war, fortgegangen. Wohin er sich begeben habe, wuten die Leute selber nicht.
Das Verhltnis mit meinen Arbeitern zu ordnen, war mir das Wichtigste auf meinem
Arbeitsplatze gewesen; deshalb war ich hingereist. Ich hatte ihnen vor meinem
Besuche im Asperhofe gesagt, da ich bald wieder kommen werde, hatte ihnen
whrend meiner Abwesenheit Arbeit aufgetragen, und hatte ihnen Arbeit nach
meiner Wiederkunft in Aussicht gestellt. Dieses mute nun umgendert werden. Da
es geschehen war, gab ich meine Sachen im Kargrat so in Verwahrung, da sie
gesichert waren, und reiste sogleich wieder ab. Ich hatte die Pferde, die ich
von dem letzten greren Orte in das Kargrat mitgenommen hatte, bei mir
behalten, und fuhr jetzt mit ihnen wieder fort. Auf dem ersten Postamte
verlangte ich eigene Postpferde, und schlug die Richtung zu meinen Eltern ein.
    Als ich dort angekommen war, machte mein unvermutetes Erscheinen beinahe den
Eindruck des Erstaunens. Alle Ereignisse waren so schnell gekommen, da, da
einmal meine Abreise zu meinen Eltern festgesetzt war, ein Brief, der sie von
meiner Ankunft benachrichtigt htte, wahrscheinlich nicht frher zu ihnen
gekommen wre als ich selbst. Sie konnten sich daher nicht erklren, warum ich
ohne vorhergegangene Benachrichtigung nun im Sommer statt im Herbste komme. Ich
sagte ihnen auf ihre Frage, da allerdings ein Grund zu meiner jetzigen
Heimreise vorhanden sei, aber keineswegs ein unangenehmer, da ich in Ungeduld
so schnell abgereist sei, und da ich ihnen eine frhere Nachricht von meiner
Ankunft nicht habe zugehen lassen knnen. Hierauf waren sie beruhigt, und wie es
ihre Art war, fragten sie mich nun nicht nach meinem Grunde.
    Am anderen Morgen, ehe der Vater in die Stadt ging, begab ich mich zu ihm m
das Bcherzimmer und sagte ihm, da ich zu Natalien, der Tochter der Freundin
meines Gastfreundes, schon seit langer Zeit her eine Zuneigung gefat habe, da
diese Neigung in mir verborgen geblieben, und da es mein Vorsatz gewesen sei,
sie, wenn sie ohne Aussicht wre, zu unterdrcken, ohne da ich je zu irgend
jemanden ein Wort darber sagte. Nun habe aber Natalie auch mich ihres Anteils
nicht fr unwert gehalten, ich habe davon nichts gewut, bis ein Zufall, da wir
von anderen, weit entlegenen Dingen sprachen, die gegenseitig unbekannte
Stimmung zu Tage brachte. Da haben wir nun einen Bund geschlossen, da wir uns
unsere Neigung bewahren wollen, so lange wir leben, und da wir sie in dieser
Art nie einem anderen Wesen schenken wrden. Natalie habe verlangt, und mein
Sinn stimmte diesem Verlangen vollkommen bei, da wir unseren Angehrigen diese
Tatsache mitteilen sollten, damit wir uns unseres Gutes durch ihre Zustimmung
erfreuen, oder, wenn von einem Teile die Billigung versagt wrde, die Neigung
zwar unverndert erhalten, aber den persnlichen Umgang aufheben. Da nun
Nataliens Angehrige nichts eingewendet haben, so sei ich hier, um die Sache
meinen Eltern zu sagen, und ihm sage ich sie zuerst, der Mutter wrde ich sie
spter mitteilen.
    Mein Sohn, antwortete er, du bist mndig, du hast das Recht, Vertrge
abzuschlieen, und hast einen sehr wichtigen abgeschlossen. Da ich dich genau
kenne, da ich dich seit einiger Zeit noch viel genauer kennen zu lernen
Gelegenheit hatte, als ich dich frher kannte, so wei ich, da deine Wahl einen
Gegenstand getroffen hat, der, wenn ihm auch gewi wie allen Menschen Fehler
eigen sind, an Wert und Gte entsprechen wird. Wahrscheinlich hat er beide Dinge
in einem hheren Mae als die Menschen, wie sie in grerer Menge jetzt berall
sind. In dieser Meinung bestrken mich noch mehrere Umstnde. Euere Neigung ist
nicht schnell entstanden, sondern hat sich vorbereitet, du hast sie berwinden
wollen, du hast nichts gesagt, du hast uns von Natalien wenig erzhlt, also ist
es kein hastiges, fortreiendes Verlangen, welches dich erfat hat, sondern eine
auf dem Grunde der Hochachtung beruhende Zuneigung. Bei Natalien ist es
wahrscheinlich auch so, weil, wie du gesagt hast, ihre Gegenneigung vorhanden
war, ehe du sie erkennen konntest. Ferner hat bei deinem Gastfreunde die
Gesamtheit deines Wesens eine so entschiedene Frderung erhalten, du hast nach
manchem Besuche bei ihm auch so hervorragende Einzelheiten zurckgebracht, da
ihm eine groe Gte und Bildung eigen sein mu, die auf seine Umgebung bergeht.
Ich habe nichts einzuwenden.
    Obgleich ich mir vorgestellt hatte, da mein Vater dem geschlossenen Bunde
kein Hindernis entgegenstellen werde, so war ich doch bei dieser Unterredung
beklommen und ernst gewesen, so wie in der Haltung meines Vaters eine tiefe
Ergriffenheit nicht zu verkennen gewesen war. Jetzt, da er geredet hatte, kam in
mein Herz eine Freudigkeit, die sich auch in meinen Augen und in meinen Mienen
ausgedrckt haben mute. Mein Vater blickte mich gtig und freundlich an und
sagte: Du wirst mit der Mutter von diesem Gegenstande nicht so leicht sprechen,
ich werde deine Stelle vertreten und ihr von dem geschlossenen Bunde erzhlen,
da du schneller ber die Mitteilung hinwegkmmst. Lasse den Vormittag vergehen,
nach dem Mittagessen werde ich die Mutter in dieses Zimmer bitten. Klotilde wird
dann gelegentlich auch Kenntnis von deinem Schritte erhalten.
    Wir verlieen nun das Bcherzimmer. Mein Vater rstete sich, in seine
Geschftsstube in die Stadt zu gehen, wie er sich jeden Morgen gerstet hatte.
Als er fertig war, nahm er von der Mutter Abschied und ging fort. Der Vormittag
verflo, wie gewhnlich die Zeit nach meiner Ankunft verflossen war. Die Mutter
und Klotilde fragten nicht nach dem Grunde meines ungewhnlichen Zurckkommens,
und gingen ihren Geschften nach. Als das Mittagmahl vorber war, nahm der Vater
die Mutter in das Bcherzimmer, und blieb eine Weile mit ihr dort. Als sie
wieder zu mir und Klotilden herauskamen, blickte sie mich freundlich an, sagte
aber nichts.
    Sie setzten sich wieder zu uns, und wir blieben noch eine Zeit an dem Tische
sitzen.
    Als wir aufgestanden waren, gingen wir in den Garten, welchen ich jetzt
durch eine Reihe von Jahren nicht im Sommer gesehen hatte. Die Rosen, welche hie
und da zerstreut waren, glichen nicht denen meines Gastfreundes, waren aber auch
nicht schlechter als die, welche sich in dem Sternenhofe befanden. Der Garten,
welcher mir in meiner Kindheit immer so lieb und traulich gewesen war, erschien
mir jetzt klein und unbedeutend, obwohl seine Blumen, die gerade in dieser
Sommerzeit noch blhten, seine Obstbume, seine Gemse, Weinreben und
Pfirsichgitter nicht zu den geringsten der Stadt gehrten. Es zeigte sich nur
eben der Unterschied eines Stadtgartens und des Gartens eines reichen
Landbesitzers. Man wies mir alles, was man fr wichtig erachtete, und machte
mich auf alle Vernderungen aufmerksam. Man schien sich gleichsam zu freuen, da
man mich doch einmal zu Anfang der heieren Jahreszeit hier habe, whrend ich
sonst nur immer am Beginne der klteren gekommen war, wenn die Bltter abfielen
und der Garten sich seines Schmuckes entuerte. Gegen den Abend ging der Vater
wieder in die Stadt. Wir blieben in dem Garten. Da sich in einem Augenblicke die
Schwester mit dem Aufbinden eines Rebenzweiges beschftigte und ich mit der
Mutter allein an dem Marmorbrunnen der Einbeere stand, in welchen das kstliche,
helle Wasser nieder rieselte, sagte sie zu mir: Ich wnsche, da jedes Glck
und jeder Segen vom Himmel dich auf dem sehr wichtigen Schritte begleiten mge,
den du getan hast, mein Sohn. Wenn du auch sorgsam gewhlt hast, und wenn auch
alle Bedingungen zum Gedeihen vorhanden sind, so bleibt der Schritt doch ein
schwerer und wichtiger; noch steht das Zusammenfinden und das Einleben in
einander bevor.
    Mge es uns Gott so gewhren, wie wir glauben es erwarten zu drfen,
antwortete ich, ich wollte auch kein Glck grnden, ohne da ich meine Eltern
darum fragte, und ohne da ihr Wille mit dem meinigen bereinstimmte. Zuerst
mute wohl Gewiheit gesucht werden, ob sich die Neigungen zusammen gefunden
htten. Als dieses erkannt war, mute der Sinn und die Zustimmung der
Angehrigen erforscht werden, und deshalb bin ich hier.
    Der Vater sagt, erwiderte sie, da alles recht ist, da der Weg sich
ebnen wird, und da jene Dinge, die in jeder Verbindung und also auch in dieser
im Anfange ungefgig sind, hier eher ihre Gleichung finden werden als irgendwo.
Wenn er es aber auch nicht gesagt htte, so wte ich es doch. Du bist unter so
vortrefflichen Leuten gewesen, du wrdest auch ohne dem nicht unwrdig gewhlt
haben, und hast du gewhlt, so ist dein Geist gut, und wird sich in Krze in ein
Frauenherz finden, wie auch sie ihr Leben in dem deinigen finden wird. Es sind
nicht alle, es sind nicht viele Verbindungen dieser Art glcklich; ich kenne
einen groen Teil der Stadt, und habe auch einen nicht zu kleinen Teil des
Lebens beobachtet. Du hast im Grunde nur unsere Ehe gesehen: mge die deinige so
glcklich sein, als es die meine mit deinem ehrwrdigen Vater ist.
    Ich antwortete nicht, es wurden mir die Augen na.
    Klotilde wird jetzt einsam sein, fuhr die Mutter fort, sie hat keine
andere Neigung als unser Haus, als Vater und Mutter und als dich.
    Mutter, antwortete ich, wenn du Natalien sehen wirst, wenn du erfahren
wirst, wie sie einfach und gerecht ist, wie ihr Sinn nach dem Gltigen und Hohen
strebt, wie sie schlicht vor uns allen wandelt, und wie sie viel, viel besser
ist als ich, so wirst du nicht mehr von einer Vereinsamung sprechen, sondern von
einer Verbindung, Klotilde wird um eines mehr haben als jetzt, und du und der
Vater werdet um eines mehr haben. Aber auch Mathilde, mein Gastfreund und der
Kreis jener trefflichen Menschen wird in eure Verbindung gezogen werden, ihr
werdet zu ihnen hingezogen werden, und was bis jetzt getrennt war, wird Einigung
sein.
    Ich habe mir es so gedacht, mein Sohn, antwortete die Mutter, und ich
glaube wohl, da es so kommen wird; aber Klotilde wird die Art ihrer Neigung zu
dir umwandeln mssen, und mge das alles mit gelindem Kelche vorbergehen.
    Zu dem Ende dieser Worte war auch Klotilde herzu gekommen. Sie brachte mir
eine Rose und sagte mit heiteren Mienen, da sie mir dieselbe blo darum gebe,
um mir einen kleinen Ersatz fr alle die Rosen zu bieten, welche ich heuer im
Asperhofe durch meine Hieherreise versumt habe.
    Mir fiel es bei diesen Worten erst auf, da im vterlichen Garten die Rosen
blhten, whrend sie doch in dem hher gelegenen und einer rauheren Luft
ausgesetzten Asperhofe schon verblht waren. Ich sprach davon. Man fand den
Grund bald heraus. Die Asperhofrosen waren den ganzen Tag der Sonne ausgesetzt,
mochten auch besser gepflegt werden und einen besseren Boden haben, whrend hier
teils durch Bume, die man des kleineren Raumes wegen enger setzen mute, teils
durch die Mauern nherer und entfernterer Huser vielfltig Schatten entstand.
    Ich nahm die Rose und sagte, Klotilde wrde meinem Gastfreunde einen
schlechten Dienst tun, wenn sie in seinem Garten eine Rose pflckte.
    Dort wrde ich nicht den Mut dazu haben, antwortete sie.
    Wir blieben nun eine Weile bei dem Marmorwasserwerke stehen. Klotilde zeigte
mir, was der Vater im Frhlinge habe machen lassen, zum Teile, um den Wasserzug
noch mehr zu sichern, zum Teile, um Verschnerungen anzubringen. Ich sah, wie
trefflich und zweckmig er die Dinge hatte zubereiten lassen, und wie sehr ich
von ihm lernen knne. Ich freute mich schon auf die Zeit, die nicht mehr ferne
sein konnte, in welcher der Vater mit meinem Gastfreunde zusammen kommen wrde.
    Als wir von dem Wasserwerke weg gingen, fhrte mich Klotilde nun zu dem
Platze, von welchem eine Aussicht in die Gegend geboten ist, und den man mit
einer Brustwehr zu versehen beschlossen hatte. Die Brustwehr war schon zum Teile
fertig. Sie war aufgemauert, war mit den von mir gebrachten Marmorplatten
belegt, und war seitwrts mit Marmor bekleidet, den sich der Vater verschafft
hatte. Auch meine Simse und Tragsteine waren verwendet. Ich sah aber, da noch
vieles an Marmor fehlte, und versprach, da ich suchen werde, zu Stande zu
bringen, da die ganze Brustwehr aus gleichartigen Stcken und in gleicher Weise
knne hergestellt werden. Du siehst, da wir auch in der Ferne deiner denken
und dir etwas Angenehmes zu bereiten streben, sagte Klotilde.
    Ich habe ja nie daran gezweifelt, antwortete ich, und denke auch eurer,
wie meine Briefe beweisen.
    Du solltest doch wieder einmal einen ganzen Sommer hier bleiben, sagte
sie.
    Wer wei, was geschieht, erwiderte ich.
    Als die Dunkelheit bereits mit ihrer vollen Macht hereinzubrechen anfing,
kam der Vater wieder aus der Stadt, und wir nahmen unser Abendessen in dem
Waffenhuschen. Da sehr lange Tage waren, und da es nach dem Eintreten der
vlligen Finsternis schon ziemlich spt war, so konnten wir nach dem Speisen
nicht mehr so lange in dem Huschen mit den glsernen Wnden beim Brennen der
traulichen Lichter sitzen bleiben, wie in dem Herbste, wenn ich nach einer
langen Sommerarbeit wieder zu den Meinigen zurckgekehrt war. Auch hatte man
heute in dem lauen Abende mehrere der Glasabteilungen geffnet, der Eppich
flsterte in einem gelegentlichen Luftzuge, und die Flamme im Innern der Lampe
wankte unerfreulich. Wir trennten uns, und suchten unsere Ruhe.
    Am anderen Tage am frhesten Morgen kam Klotilde zu mir. Als ich auf ihr
Pochen geffnet hatte und sie eingetreten war, verkndigte ihr Angesicht, da
die Mutter ber meine Angelegenheit mit ihr gesprochen habe. Sie sah mich an,
ging nher, fiel mir um den Hals, und brach in einen Strom von Trnen aus. Ich
lie ihr ein Weilchen freien Lauf, und sagte dann sanft: Klotilde, wie ist dir
denn?
    Wohl und wehe, antwortete sie, indem sie sich von mir zu einem Sitze
fhren lie, auf den ich mich neben ihr niederlie.
    Du weit nun also alles?
    Ich wei alles. Warum hast du mir es denn nicht frher gesagt?
    Ich mute doch vorher mit den Eltern sprechen, und dann, Klotilde, hatte
ich gegen dich gerade den wenigsten Mut.
    Und warum hast du nicht in frheren Sommern etwas gesagt?
    Weil nichts zu sagen war. Es ist erst jetzt zu gegenseitiger Kenntnis
gekommen, und da bin ich hergeeilt, mich den Meinigen zu offenbaren. Als das
Gefhl nur das meine war, und die Zukunft sich noch verhllte, durfte ich nicht
reden, weil es mir nicht mnnlich schien, und weil die Empfindung, die
vielleicht in kurzem gnzlich weggetan werden mute, durch Worte nicht
gesteigert werden durfte.
    Ich habe es immer geahnt, sagte Klotilde, und habe dir immer das hchste
und grte Glck gewnscht. Sie mu sehr gut, sehr lieb, sehr treu sein. Ich
habe nur das Verlangen, da sie dich so liebt wie ich.
    Klotilde, antwortete ich, du wirst sie sehen, du wirst sie kennen lernen,
du wirst sie lieben; und wenn sie mich dann auch nicht mit der in der Geburt
gegrndeten schwesterlichen Liebe liebt, so liebt sie mich mit einer anderen,
die auch mein Glck, dein Glck, das Glck der Eltern vermehren wird.
    Ich habe oft gedacht, wenn du von ihr erzhltest, wie wenig du auch
sagtest, und gerade, weil du wenig sagtest, fuhr sie fort, da sich etwa da
ein Band entwickeln knnte, da es sehr zu wnschen wre, da du ihre Neigung
gewnnest, und da daraus eine bessere Einigung entstehen knnte als durch die
Verbindung mit einem Mdchen unserer Stadt oder mit einem anderen.
    Und nun ist es so, erwiderte ich.
    Warum hast du denn nie ein Bild von ihr gemalt? fragte sie.
    Weil ich sie eben so wenig oder noch weniger darum bitten konnte als dich
oder die Mutter oder den Vater. Ich hatte nicht das Herz dazu, antwortete ich.
    Nun sei recht glcklich, sei zufrieden bis in dein hchstes Alter, und
bereue nie, auch nicht im geringsten, den Schritt, den du getan hast, sagte
sie.
    Ich glaube, da ich ihn nie bereuen werde, und ich danke dir innig fr
deine Wnsche, meine teure, meine geliebte Klotilde, erwiderte ich.
    Sie trocknete ihre Trnen mit dem Tuche, ordnete gleichsam ihr ganzes Wesen,
und sah mich freundlich an.
    Wer wird jetzt mit mir zeichnen, spanische Bcher lesen, Zither spielen,
wem werde ich alles sagen, was mir in das Herz kmmt? sprach sie nach einer
Weile.
    Mir, Klotilde, erwiderte ich, alles, was ich frher war, werde ich dir
bleiben. Lesen, zeichnen, Zither spielen wirst du mit Natalien; auch mitteilen
wirst du dich ihr, und mit ihr wirst du das alles vollfhren, was du bisher mit
mir vollfhrt hast. Lerne sie nur erst kennen, und du wirst begreifen, da es
wahr ist, was ich sage.
    Ich mchte sie gerne sehr bald sehen, sagte sie.
    Du wirst sie bald sehen, antwortete ich, es mu sich jetzt eine
Verbindung unserer Familie mit jenen Menschen, bei denen ich bisher so hufig
gewesen bin, anknpfen; ich wnsche selber, da du sie bald, sehr bald sehest.
    Bis dahin aber mut du mir sehr viel von ihr erzhlen, und wenn es mglich
ist, mut du mir ein Bild von ihr bringen, sagte sie.
    Ich werde dir erzhlen, antwortete ich, jetzt, da wir einmal von der
Sache gesprochen haben, werde ich dir sehr gerne erzhlen, ich werde mit dir
leichter von dem Bunde reden als mit ihr selber. Ob ich dir ein Bild werde
bringen oder schicken knnen, wei ich nicht; wenn es mglich ist, werde ich es
tun. Aber es wird nur in dem Falle sein knnen, wenn ein Bild von ihr da ist,
und man es mir oder eine Abbildung davon berlt. Behalte es dann, bis du mit
ihr selber zusammen kmmst und wir in freundlicher Verbindung mit einander
leben. Endlich aber, Klotilde...
    Endlich?
    Endlich wird doch auch die Zeit kommen, in welcher du von uns ausscheiden
wirst, zwar nicht mit deinem Geiste, wohl aber mit einem Teile deiner
Beziehungen, wenn nmlich auch du eine tiefere Verbindung eingehst.
    Nie, nie werde ich das tun, rief sie beinahe heftig, nein, ich knnte ihm
zrnen, ihm, der mein Herz hier wegfhren wrde. Ich liebe nur den Vater, die
Mutter und dich. Ich liebe dieses stille Haus und alle, die berechtigt in
demselben aus und ein gehen, ich liebe das, was es enthlt, und die Dinge, die
sich in ihm allmhlich gestalten, ich werde Natalien und ihre Angehrigen
lieben, aber nie einen Fremden, der mich von euch ziehen wollte.
    Er wird dich aber von uns ziehen, Klotilde, sagte ich, und du wirst doch
da bleiben, er wird berechtigt sein, hier aus und ein zu gehen, er wird ein Ding
sein, das sich in dem Hause allmhlich gestaltet, und du wirst vielleicht nicht
von Vater und Mutter gehen drfen, gewi aber wird kein Zwang sein, da du sie
oder mich weniger lieben mssest.
    Nein, nein, rede mir nicht von diesen Dingen, erwiderte sie, es peinigt
mich und zerstrt mir das Herz, das ich dir mit groer Teilnahme in der
Morgenstunde habe bringen wollen.
    Nun, so reden wir nicht mehr davon, Klotilde, sagte ich, sei nur
beruhigt, und bleibe bei mir.
    Ich bleibe ja bei dir, antwortete sie, und sprich freundlich zu mir.
    Sie hatte die letzte Spur der Trnen von ihrem Angesichte vertilgt, sie
setzte sich auf dem Sitze neben mir noch mehr zurecht, und ich mute mit ihr
sprechen. Sie fragte mich von neuem um Natalien, wie sie aussehe, was sie tue,
wie sie sich zu ihrer Mutter, ihrem Bruder und zu meinem Gastfreunde verhalte.
Ich mute ihr erzhlen, wann ich sie zum ersten Male gesehen habe, wann ich in
dem Sternenhofe gewesen sei, wann sie den Asperhof besucht habe, wann ein
Ahnungsgefhl in mein Herz gekommen, wie es dort gewachsen sei, wie ich mit mir
gekmpft habe, was dann gekommen sei, und wie es sich gefgt habe, da wir
endlich die Worte zu einander gefunden haben.
    Ich erzhlte ihr gerne, ich erzhlte ihr immer leichter, und je mehr sich
die Worte von dem Herzen lseten, desto ser wurde mein Gefhl. Ich hatte nicht
geglaubt, da ich von diesem meinen innersten Wesen zu irgend jemanden sprechen
knnte; aber Klotildens Seele war der einzige liebe Schrein, in welchem ich das
Teure niederlegen konnte.
    Wir blieben sehr lange sitzen, immer fragte mich Klotilde wieder um Neues
und wieder um Altes. Da kam die Mutter in meine Stube. Da sie uns in
vertraulichem Gesprche sitzen fand, setzte sie sich auch zu dem Tische, der vor
mir und Klotilden stand, und sagte nach einer kurzen Weile, da sie gekommen
sei, uns zum Frhmahle zu holen. Sie htte Klotilden nirgends gesehen, und htte
gemeint, da sie an diesem Morgen bei mir sein msse.
    Meine geliebten Kinder, fuhr sie fort, bewahrt euch eure Liebe,
entfremdet euch nie eure Herzen, und bleibt euch in allen Lagen zugewandt, wie
ihr euch jetzt und wie ihr den Eltern zugewandt seid; dann werdet ihr einen
Schatz haben, der einer der schnsten im Leben ist, und der so oft verkannt
wird. Ihr werdet in eurer Vereinigung sittlich stark sein, ihr werdet die Freude
eures Vaters bilden, und mir werdet ihr das Glck meines Alters sein.
    Wir antworteten nichts auf diese Rede, weil uns ihr Inhalt so natrlich war,
und folgten der Mutter aus dem Zimmer.
    Der Vater harrte schon unser in dem Speisegemache, und da jetzt die Ursache
meiner unvermuteten Nachhausekunft allen bekannt war, und keines sich dagegen
erklrte, so sprachen wir nun unverhohlen gemeinschaftlich von der
Angelegenheit. Die Eltern hegten die besten Erwartungen von dem neuen Bunde und
freuten sich der bereinstimmung zwischen mir und der Schwester. Ich mute ihnen
nun, wie ich es schon gegen Klotilde getan hatte, noch mehreres von Natalien
erzhlen, wie sie sei, was sie tue, wohin sich ihre Bildung neige, und wie sie
ihre Jugend knne zugebracht haben. Auch von Mathilden und dem Sternenhofe, so
wie von dem Asperhofe und meinem Gastfreunde mute ich noch manches nachholen,
was das Bild ergnzen sollte, welches sich die Meinigen von den dortigen
Verhltnissen machten. Ich sagte ihnen auch, da ein gnstiges Geschick hier
walte, da gerade Natalie jenes Mdchen gewesen sei, welches einmal bei der
Auffhrung des Knig Lear in einer Loge neben mir so ergriffen gewesen sei,
welches mir groen Anteil eingeflt und mich, der ich den Schmerz im
Trauerspiele geteilt htte, im Herausgehen gleichsam zum Danke freundlich
angeblickt habe. Erst in letzter Zeit sei das aufgeklrt worden.
    Der Vater sagte, da die Familien, die durch lngere Zeit gleichsam durch
ein unsichtbares Band verbunden gewesen waren, durch das Band der geistigen
Entwicklung seines Sohnes und des Verkehrs desselben mit beiden Teilen, auch in
der Wirklichkeit sich nhern, sich kennen lernen und in eine Verbindung treten
werden.
    Die Mutter entgegnete, das sei jetzt die dringendste Veranlassung, ja es sei
nicht nur eine gesellschaftliche, sondern sogar eine Familienpflicht, da der
Vater, welcher, je lter er werde, mit einer desto wrmeren Ausdauer, welche
unbegreiflich ist, sich an seine Arbeitsstube kette, nun endlich einmal sich den
Geschften entreie, eine Reise mache, und sich in derselben nur mit heiteren
und schnen Dingen beschftige.
    Nicht nur ich werde eine Reise machen, antwortete er, sondern auch du und
Klotilde. Wir werden die Menschen dort, welche meinen Sohn so freundlich
aufgenommen haben, besuchen. Aber auch sie werden eine Reise machen; denn auch
sie werden zu uns in die Stadt kommen und in diesen Zimmern verweilen. Wann aber
diese Reisen stattfinden werden, lt sich jetzt noch gar nicht beurteilen.
Jedenfalls mu unser Sohn zuerst allein wieder hinreisen, und mu die
Einwilligung seiner Familie berbringen. Seinem Ermessen und hauptschlich den
Ratschlgen seines lteren Freundes wird es dann anheimgegeben sein, wie die
Sachen im weiteren Verlaufe sich entwickeln sollen. Die Reise unseres Sohnes mu
aber sogleich geschehen; denn so fordert es die neue Pflicht, die er eingegangen
ist. Wir werden abwarten, welche Nachrichten er uns von seiner Ankunft im
Sternenhofe zusenden, oder welche Meinung er uns selber berbringen wird.
    Die Reise, mein Vater, entgegnete ich, wnsche ich, so bald es nur
mglich ist, anzutreten, am liebsten sogleich morgen, oder, wenn ein Aufschub
sein mu, doch bermorgen.
    Es wird nicht versptet sein, wenn du bermorgen reisest, da sich doch noch
einiges zum Besprechen ergeben kann, antwortete er.
    Klotilde uerte ihre Freude, da einmal alle eine Reise antreten wrden.
    Und fr den guten Vater knnte nun fter der Anla gegeben sein, sagte die
Mutter, da er in das Freiere und Weitere komme, da er reine Luft atme, und
Berg und Wald und Feld betrachte.
    Ich werde doch einmal, meine liebe Therese, mein Buch abschlieen,
erwiderte der Vater, und es wird fr mich der Stillstand der Geschfte
eintreten. Sie mgen in andere Hnde bergehen, oder sich ganz auflsen. Dann
wird es Zeit sein, im Anblicke von Berg, Wald und Feld ein Haus zu mieten oder
zu bauen, da wir im Sommer dort und im Winter hier wohnen, wenn wir nicht gar
lieber auch manchen Winter drauen bleiben wollen.
    So hast du oft gesagt, antwortete die Mutter, aber es ist nicht
geschehen.
    Wenn Zeit und Ort darnach angetan sind, wird es geschehen, erwiderte er.
    Wenn dann noch deine Gesundheit und dein geistiges Wesen davon den
gewnschten Nutzen ziehen, sagte die Mutter, werde ich jeden Winter preisen,
welchen wir mitten in irgend einem Lande zubringen.
    Es wird sich vieles ereignen, woran wir jetzt nicht denken, antwortete der
Vater.
    Wir standen von dem Frhmahle auf, und jedes ging an seine Geschfte.
    Im Laufe des Vormittages lie mich die Mutter wieder zu sich bitten und
fragte mich, wie ich es denn zu halten gedenke, wo ich mit Natalien wohnen
wolle. Es sei in dem Hause Platz genug, nur mte alles gerichtet werden. Auch
seien viele andere Dinge zu ordnen, besonders meine Kleider, in denen ich doch
nun anders sein msse. Sie wnsche meine Meinung zu hren, damit man zu rechter
Zeit beginnen knne, um noch fertig zu werden.
    Ich sagte, da ich in der Tat auf diese Angelegenheit nicht gedacht habe,
da ihre Erwgung wohl noch Zeit habe, und da wir vor allem den Vater um Rat
fragen sollten.
    Sie war damit einverstanden.
    Als wir nach dem Mittagsessen den Vater fragten, war er meiner Meinung, da
es noch zu frhe sei, an diese Dinge zu denken. Es wrde schon zu rechter Zeit
geschehen, da alles, was not tue, in Ordnung gesetzt werden knne. Jetzt seien
andere Dinge zu besprechen und zu bedenken. Wenn es an der Zeit sei, werde es
die Mutter erfahren, da sie alle ihre Maregeln ausreichend treffen knne.
    Sie war damit zufrieden.
    Nachmittags fragte ich in der Stadt im Hause der Frstin an, und erfuhr, da
dieselbe zufllig auf mehrere Tage anwesend sei. Sie habe die Absicht, nach Riva
zu gehen, um dort einige Wochen an den Ufern des blauen Gardasees zu verleben.
Sie sei jetzt eben damit beschftigt, die Vorbereitungen zu dieser Reise zu
machen. Ich lie anfragen, wann ich sie sprechen knnte, und wurde auf den
nchsten Tag um zwlf Uhr bestellt.
    Ich nahm zu dieser Zeit eine Mappe mit einigen meiner Arbeiten zu mir, und
verfgte mich in ihre Wohnung. Nach den freundlichen Empfangsworten drckte sie
ihre Verwunderung aus, mich jetzt hier zu finden. Ich gab die Verwunderung fr
ihre Person zurck. Sie fhrte mir als Grund ihre beabsichtigte Reise an, und
ich sagte, da pltzlich gekommene Angelegenheiten meinen Sommeraufenthalt
unterbrochen und mich in die Stadt geleitet htten.
    Sie fragte mich um meine Arbeiten whrend der Zeit meiner Abwesenheit.
    Ich erklrte ihr dieselben. Als ich von dem Simmigletscher sprach, nahm sie
besonderen Anteil, weil ihr dieses Gebirge aus frherer Zeit her bekannt war.
Ich mute ihr genau beschreiben und zeigen, wo wir gewesen, und was wir getan
haben. Ich zog die Zeichnungen, die ich in Farben von den Eisfeldern, ihren
Einrnderungen, ihrer Einbuchtung, ihrer Abgleitung und ihres oberen Ursprunges
gemacht hatte und in meiner Mappe mit mir trug, hervor und breitete sie vor ihr
aus. Sie lie sich jedes, auch das Kleinste, an diesen Zeichnungen beschreiben
und erklren. Ich mute ihr auch versprechen, bei nchster gnstiger Gelegenheit
meine Zeichnung von dem Grunde des Lautersees ihr vorzulegen und auf das
genaueste zu errtern. Es sei ihr dies doppelt wnschenswert, weil sie jetzt
selber zu einem See reise, der einer der merkwrdigsten des sdlichen
Alpenabhanges sei. Hierauf befragte sie mich um meine anderen Bestrebungen auf
dem Gebiete der bildenden Kunst, worauf ich erwiderte, da ich heuer auer den
Gletscherzeichnungen, die doch wieder fast nur wissenschaftlicher Natur seien,
nichts hatte machen knnen, weder in Landschaften noch in Abbildung menschlicher
Kpfe.
    Wenn Ihr ein sehr schnes, jugendliches Angesicht abbilden wollt, sagte
sie, so msset Ihr suchen, das Angesicht der jungen Tarona abbilden zu drfen.
Ich bin alt, habe viel erfahren, habe sehr viele Menschen gesehen und
betrachtet, aber es ist mir wenig vorgekommen, das edler, einnehmender und
liebenswrdiger gewesen wre als die Zge der Tarona.
    Ich errtete sehr tief bei diesen Worten.
    Sie richtete die klaren, lieben Augen auf mich, lchelte sehr fein und
sagte: Haltet Ihr etwa schon jemanden fr das Schnste?
    Ich antwortete nicht, und sie schien auch eine Antwort nicht zu erwarten.
Von Natalien konnte ich ihr nichts sagen, da die Sache nicht so weit gediehen
war, um sie andern verkndigen zu knnen.
    Wir brachen ab, ich verabschiedete mich bald, sie reichte mir gtig die
Hand, welche ich kte, und lud mich ein, ja im knftigen Winter sehr bald von
dem Gebirge zurck zu kommen, da auch sie sehr bald in der Stadt einzutreffen
gedenke.
    Ich antwortete, da ich ber jenen Zeitpunkt jetzt durchaus nicht zu
verfgen im Stande sei.
    Am zweiten Tage morgens stand ich reisefertig in meinem Zimmer. Der Wagen
war vor das Haus bestellt worden. Ich hatte mir es nicht versagen knnen, in
einem besonderen Wagen so schnell als mglich in den Sternenhof zu fahren.
Vater, Mutter und Schwester waren in dem Speisezimmer, um von mir Abschied zu
nehmen. Ich begab mich auch in dasselbe, und wir nahmen ein kleines Frhmahl
ein. Nach demselben sagte ich Lebewohl.
    Gott segne dich, mein Sohn, sprach die Mutter, Gott segne dich auf deinem
Wege, er ist der entscheidende, du bist nie einen so wichtigen gegangen. Wenn
mein Gebet und meine Wnsche etwas vermgen, wirst du ihn nicht bereuen.
    Sie kte mich auf den Mund und machte mir das Zeichen des Kreuzes auf die
Stirn.
    Der Vater sagte: Du hast von deiner frhen Jugend an erfahren, da ich mich
nicht in deine Angelegenheiten menge; handle selbststndig, und trage die
Folgen. Wenn du mich frgst, wie du jetzt getan hast, so werde ich dir immer
beistehen, in so weit es meine grere Erfahrung vermag. Aber einen Rat mchte
ich dir doch in dieser wichtigen Angelegenheit geben, oder vielmehr nicht einen
Rat geben, sondern deine Aufmerksamkeit mchte ich auf einen Umstand leiten, auf
den du vielleicht in der Befangenheit dieser Tage nicht gedacht hast. Ehe du das
ernste Band schlieest, ist noch manches fr dich notwendig, deinen Geist und
dein Gemt zu strken und zu festigen. Eine Reise in die wichtigsten Stdte
Europas und zu den bedeutendsten Vlkern ist ein sehr gutes Mittel dazu. Du
kannst es, deine Vermgenslage hat sich sehr gebessert, und ich lege wohl auch
etwas dazu, wie ich berhaupt mit dir Abrechnung halten mu.
    Ich war sehr bewegt und konnte nicht sprechen. Ich nahm den Vater nur bei
der Hand und dankte ihm stumm.
    Klotilde nahm mit Trnen Abschied und sagte leise, als ich sie an mich
drckte: Gehe mit Gott, es wird alles recht sein, was du tust, weil du gut
bist, und weil du auch klug bist.
    Ich sprach die Hoffnung aus, da ich bald wieder kommen werde, und ging die
Treppe hinab.
    Meine Reise war sehr schnell, weil berall die Pferde schon bestellt waren,
weil ich nirgends schlief und zum Essen nur die krzeste Zeit verwendete.
    Als ich im Sternenhofe in das Zimmer Mathildens trat, kam sie mir entgegen
und sagte: Seid willkommen, es ist alles, wie ich gedacht habe; denn sonst
wret Ihr nicht zu mir, sondern zu unserm Freunde gekommen.
    Meine Angehrigen ehren Euch, ehren unseren Freund, und glauben an unser
Glck und an unsere Zukunft, erwiderte ich.
    Seid willkommen, Natalie, sagte ich, als diese gerufen worden und in das
Zimmer getreten war, ich bringe freundliche Gre von den Meinigen.
    Seid willkommen, antwortete sie, ich habe immer gehofft, da es so
geschehen und da Eure Abwesenheit so kurz sein wird.
    Meine Hoffnung war wohl auch dieselbe, erwiderte ich, aber jetzt ist
alles klar, und jetzt ist vllige Beruhigung vorhanden.
    Wir blieben bei Mathilden und sprachen einige Zeit mit einander.
    Am zweiten Tage nach meiner Ankunft reiste ich zu meinem Gastfreunde.
Mathilde hatte mir einen Wagen und Pferde mit gegeben.
    Als ich in das Schreinerhaus gekommen war, in welchem sich mein Gastfreund
bei meiner Ankunft befand, reichte er mir die Hand und sagte: Ich bin von Eurer
Rckkunft bereits benachrichtigt; man hat mir von dem Sternenhofe gleich nach
Eurem Eintreffen in demselben geschrieben.
    Eustach sah mich seltsam an, so da ich vermutete, er wisse auch bereits von
der Sache.
    Wir gingen nun in das Haus, und man ffnete mir meine gewhnliche Wohnung.
Gustav kam nach einer Weile zu mir herauf und konnte seiner Freude beinahe kein
Ende machen, da alles sei, wie es ist. Mein Gastfreund hatte ihm die Tatsache
erst heute erffnet. Er sprach ohne Rckhalt aus, da ihm die Sache so weit,
weit lieber sei, als wenn Tillburg seine Schwester aus dem Hause gefhrt htte,
dessen Wille wohl immer dahin gerichtet gewesen wre.

                                2. Das Vertrauen


Ich blieb einige Zeit bei meinem Gastfreunde, teils weil er es selber verlangte,
teils um jene Ruhe zu gewinnen, die ich sonst immer hatte, und die ich brauchte,
um in meinen Bestrebungen klar zu sehen und sie nach gemachter Einsicht zu
ordnen.
    Die Leute blickten mich fragend oder verwundert an. Vermutlich hatte es sich
ausgebreitet, in welche Beziehung ich zu Personen getreten bin, welche Freunde
des Hauses sind, und welche oft in dasselbe als Besuchende kommen. Nirgends aber
trat mir der Anschein entgegen, als ob man mir das Verhltnis mignnte oder es
mit ungnstigen Augen anshe. Im Gegenteile, die Leute waren fast freundlicher
und dienstwilliger als vorher. Ich kam in das Gartenhaus. Der Grtner Simon trat
mir mit einer Art Ehrerbietung entgegen und rief seine Gattin Clara herbei, um
ihr zu sagen, da ich da sei, und um sie zu veranlassen, da sie mir ihre
Verbeugung mache. Er hatte dies sonst nie getan. Als diese Art von Vorstellung
vorber war, fhrte er mich erst in den Garten, wie er mit kurzem Ausdrucke blo
seine Gewchshuser nannte. Er zeigte mir wieder seine Pflanzen, erklrte mir,
was neu erworben worden war, was sich besonders schn entwickelt habe, und was
in gutem Stande geblieben sei; er erzhlte mir auch, welche Verluste man
erlitten habe, wie die Pflanzen im schnsten Gedeihen gewesen seien, die man
verloren habe, und welchen besonderen Ursachen man ihren Verlust zuschreiben
msse. Er bedachte hiebei nicht, da etwa meine Gedanken anderswo sein knnten,
wie er bei einer frheren Gelegenheit auch nicht geahnt hatte, da mein Gemt
abwesend sei, da er mir ebenfalls mit vieler Lust und groer Umsicht seine
Gewchse erklrt hatte. Besonders eifrig war er in der Darlegung der Vorzge und
Schnheiten der Rose, welche die Frau des Sternenhofes fr den Herrn des Hauses
aus England verschrieben habe. Er fhrte mich zu ihr und zeigte mir alle
Vortrefflichkeiten derselben. Dann mute ich auch mit ihm in das Kaktushaus
gehen, wo er mir sogleich den Cereus Peruvianus wies, der durch meine Gte, wie
er sich ausdrckte, in den Asperhof gekommen sei. Er wachse bereits steilrecht
in seinem Glasfache empor, was durch viele Mhe und Kunst bewirkt worden sei.
Die gelbliche Farbe vom Inghofe sei in die dunkelblaugrne, gleichsam mit einem
Dufte berflogene bergegangen, welche die vllige Gesundheit der Pflanze
beweise. Wenn es so fortgehe, so knne auch noch die Freude der fabelhaften
weien Blumen der lebendigen Sule in dieses Haus kommen. Er fhrte mich dann zu
einigen Kaktusgestalten, die eben im Blhen begriffen waren. Es lag eine
ziemlich groe Sammellinse in der Nhe, um die Blumen und nebstbei auch die
Waffen und die Gestaltungen der Pflanzenkrper unter dem Einflusse des vollen
Sonnenlichtes betrachten zu knnen. Er bat mich, die Linse zu gebrauchen. Es war
eine farblos zeigende und zugleich eine, bei welcher die Abweichung wegen der
Kugelgestalt auf ein Kleinstes gebracht war. berhaupt wies sie sich als
vortrefflich aus. Er erzhlte mir, da der Herr das Vergrerungsglas eigens zum
Betrachten der Kakteen habe machen, es in das schne Elfenbein fassen und in das
reine Sammetfach habe legen lassen. Heute erst sei er noch in dem Kaktushause
gewesen und habe mit dem Glase die Blten und viele Stacheln angeschaut. Ich
bediente mich des Glases und sah in den von den seidenartigen Blumenblttern
umstandenen gelben, weien oder rosafarbigen Kelch hinein, wie sie eben
vorhanden waren. Da der Glanz dieser Blumenfarben besonders schn, weit schner
als die feinste Seide und als der der meisten Blumen sei, wute ich ohnehin,
mute es mir aber doch von dem Grtner Simon zeigen lassen, so wie er auch der
schnen, grn oder rosig oder dunkelrotbraun dmmernden Tiefe des Kelches
erwhnte, aus der die Wucht der schlanken Staubfden aufsteige, die keine Blte
so zierlich habe. berhaupt seien die Kaktusblumen die schnsten auf der Welt,
wenn man etwa einige Schmarotzergewchse und ganz wenige andere vereinzelte
Blumen ausnehme. Er machte mich auch auf einen Umstand aufmerksam, den ich nicht
wute, oder den ich nicht beobachtet hatte, da nmlich bei einigen Kugelkaktus
sich die Blumen stets aus neuen Stachelaugen meistens mit ganz kurzem Stengel
entwickeln, whrend sie bei andern auf einem mehr oder minder hohen Stiele aus
vorjhrigen oder noch lteren Stachelaugen sich erheben. Er sagte, das werde
gewi einmal einen Grund zu einer neuen Einteilung dieser Kaktusgestalt geben.
Er zeigte mir an vorhandenen Gewchsen den Unterschied, und ich mute ihn
erkennen. Er sagte, da dies nicht zufllig sei, und da er die Tatsache schon
dreiig Jahre beobachte. Damals, als er jung gewesen, seien kaum einige dieser
Gestaltungen bekannt gewesen, jetzt vermehre sich die Kenntnis derselben
bedeutend, seit die Menschen zur Einsicht ihrer Schnheit gekommen sind, und
Reisende Pflanzen aus Amerika senden, wie jener Reisende, der von deutschen
Landen aus fast in der ganzen Welt gewesen sei. Es knne nur Unverstand oder
Oberflchlichkeit oder Kurzsichtigkeit diese Pflanzengattung ungestaltig nennen,
da doch nichts regelmiger und mannigfaltiger und dabei reizender sei als eben
sie. Nur eine erste genaue Betrachtung und Vergleichung derselben sei ntig, und
nur ein sehr kurzes Fortsetzen dieser Betrachtung, damit die Gegner dieser
Pflanzen in warme Verehrer derselben bergehen - es mte nur ein Mensch
berhaupt kein Freund der Pflanzen sein, welche Gattung es vielleicht in der
Welt nicht gibt. Als ich das Pflanzenhaus verlie, begleitete er mich bis an die
Grenze der Gewchshuser, und auch seine Gattin trat aus der Tr ihrer Wohnung,
um sich von mir zu verabschieden.
    In dem Blumengarten und in der Abteilung der Gemse blieben die Arbeitsleute
vor mir stehen, nahmen den Hut ab und grten mich artig.
    Eustach war mild und freundlich wie gewhnlich, aber er war noch weit
inniger, als er es in frheren Zeiten gewesen war. Mich freute die Billigung
gerade von diesem Menschen ungemein. Er zeigte mir alles, was in der Arbeit war,
und was sich an wirklichen Dingen, was an Zeichnungen, was an Nachrichten in der
jngsten Zeit zu dem bereits Vorhandenen hinzugefunden hatte. Er sagte, da mein
Gastfreund in kurzem eine ziemlich weit entfernte Kirche besuchen werde, in
welcher man auf seine Kosten Wiederherstellungen mache, und da er mich zu
dieser Reise einladen wolle. Ich sah unter allen vorhandenen Dingen und Stoffen
den sehr schnen Marmor nicht, den ich meinem Gastfreunde zum Geschenke gemacht
hatte, und war auch nie in Kenntnis gekommen, da daraus etwas verfertigt worden
sei. Es sprach niemand davon, und ich fragte auch nicht. In mancher Stunde sah
ich den Arbeiten zu, welche in dem Schreinerhause ausgefhrt wurden.
    Roland war wie gewhnlich im Sommer nicht in dem Asperhofe anwesend.
    Mit Eustach besuchte ich auch die Bilder meines Gastfreundes, seine
Kupferstiche, seine Schnitzereien und seine Gerte. Wir sprachen ber die Dinge,
und ich suchte mir ihren Wert und ihre Bedeutung immer mehr eigen zu machen.
Auch in das Bcherzimmer, den Marmorsaal und das Treppenhaus meines Gastfreundes
ging ich. Wie war die Gestalt auf der Treppe erhaben, edel und rein gegen die
Nymphe in der Grotte des Gartens im Sternenhofe, die mir in der letzten Zeit so
lieb geworden war. Durch meine Bitte lie sich mein Freund bewegen, mir die
Zimmer aufzuschlieen, in denen Mathilde und Natalie whrend ihres Aufenthaltes
in dem Asperhofe wohnen. Ich blieb lnger als in den anderen in dem letzten,
kleinen Gemache mit der Tapetentr, welches ich die Rose genannt hatte. Mich
umwehte die Ruhe und Klarheit, die in dem ganzen Wesen Mathildens ausgeprgt
ist, die in den Farben und Gestalten des Zimmers sich zeigte, und die in den
unvergleichlichen Bildern lag, die hier aufgehngt waren.
    Wir gingen auch in den Meierhof. Die Leute begegneten mir achtungsvoll, sie
zeigten mir alle Rume, und wiesen, was sich in ihnen befinde, was dort
gearbeitet werde, wozu sie dienen, und was sich in neuerer Zeit gendert habe.
Der Meier hatte seine besondere Freude an der neuen, von ihm selbst verbesserten
Zucht der Fllen und an dem Volke aller von meinem Gastfreunde eingefhrten
Gattungen von Hhnern. Als wir uns von dem Meierhofe entfernten, und uns der
vielstimmige Gesang der Vgel aus dem Garten des Hauses entgegen schallte, sah
ich im Rckblicke, da sich unter dem Torwege eine Gruppe von Mgden mit ihren
blauen Schrzen und weien Hemdrmeln gesammelt habe und uns nachschaue.
    Wenn ich auch erkannte, da ich der Gegenstand der Aufmerksamkeit geworden
war, so entschlpfte doch niemandem ein Wort, welches einen Grund dieser
Aufmerksamkeit angedeutet htte.
    Gustav, welcher wohl anfangs seine Freude gegen mich ausgesprochen hatte,
da es sei, wie es ist, und da keiner von denen, die es gewollt hatten, seine
Schwester fortgefhrt, sprach nun von dem Gegenstande nicht mehr, und schlo
sich nur noch herzlicher, wenn dieses mglich war, an mich an.
    Mein Gastfreund sagte mir endlich auch von der Reise nach der Kirche, von
welcher Eustach gesprochen hatte, und lud mich zu derselben ein. Ich nahm die
Einladung an.
    Wir fuhren eines Morgens von dem Asperhofe fort, mein Gastfreund, Eustach,
Gustav und ich. Gustav wird, wie mir mein Gastfreund sagte, auf jede kleinere
Reise von ihm mitgenommen. Wenn dies bei ausgedehnteren Reisen nicht der Fall
sein kann, so wird er zu seiner Mutter in den Sternenhof gebracht. Wir kamen
erst am zweiten Tage bei der Kirche an. Roland, welcher von unserer Ankunft
unterrichtet gewesen war, erwartete uns dort. Die Kirche war ein Gebude im
altdeutschen Sinn. Sie stammte, wie meine Freunde versicherten, aus dem
vierzehnten Jahrhunderte her. Die Gemeinde war nicht gro und nicht besonders
wohlhabend. Die letztvergangenen Jahrhunderte hatten an dieser Kirche viel
verschuldet. Man hatte Fenster zumauern lassen, entweder ganz oder zum Teile,
man hatte aus den Nischen der Sulen die Steinbilder entfernt, und hatte
hlzerne, die vergoldet und gemalt waren, an ihre Stelle gebracht. Weil aber
diese grer waren als ihre Vorgnger, so hat man die Stellen, an die sie kommen
sollten, hufig ausgebrochen und die frheren berdcher mit ihren Verzierungen
weggeschlagen. Auch ist das Innere der ganzen Kirche mit bunten Farben bemalt
worden. Als dieses in dem Laufe der Jahre auch wieder schadhaft wurde und sich
Ausbesserungsarbeiten an der Kirche als dringlich notwendig erwiesen, gab sich
auch kund, da die Mittel dazu schwer aufzubringen sein wrden. Die Gemeinde
geriet beinahe ber den Umfang der Arbeiten, die vorzunehmen wren, in groen
Hader. Offenbar waren in frheren Zeiten reiche und mchtige Wohltter gewesen,
welche die Kirche hervorgerufen und erhalten hatten. In der Nhe stehen noch die
Trmmer der Schlsser, in denen jene wohlhabenden Geschlechter gehaust hatten.
Jetzt steht die Kirche allein als erhaltenes Denkmal jener Zeit auf dem Hgel,
einige in neuerer Zeit erbaute Huser stehen um sie herum, und rings liegt die
Gemeinde in den in dem Hgellande zerstreuten Gehften. Die Besitzer der
Schloruinen wohnen in weit entfernten Gegenden und haben, da sie ganz anderen
Geschlechtern angehren, entweder nie eine Liebe zu der einsamen Kirche gehabt,
oder haben sie verloren. Der Pfarrer, ein schlichter, frommer Mann, der zwar
keine tiefen Kenntnisse der Kunst hatte, aber seit Jahren an den Anblick seiner
Kirche gewhnt war und sie, da sie zu verfallen begann, wieder gerne in einem so
guten Zustande gesehen htte, als nur mglich ist, schlug alle Wege ein, zu
seinem Ziele zu gelangen, die ihm nur immer in den Sinn kamen. Er sammelte auch
Gaben. Auf letztem Wege kam er zu meinem Gastfreunde. Dieser nahm Anteil an der
Kirche, die er unter seinen Zeichnungen hatte, reiste selber hin und besah sie.
Er versprach, da er, wenn man seinen Plan zur Wiederherstellung der Kirche
billige und annehme, alle Kosten der Arbeit, die ber den bereits vorhandenen
Vorrat hinausreichen, tragen und die Arbeit in einer gewissen Zahl von Jahren
beendigen werde. Der Plan wurde ausgearbeitet und von allen, welche in der
Angelegenheit etwas zu sprechen hatten, genehmigt, nachdem der Pfarrer schon
vorher, ohne ihn gesehen zu haben, sehr fr ihn gedankt und sich berall eifrig
fr seine Annahme verwendet hatte. Es wurde dann zur Ausfhrung geschritten, und
in dieser Ausfhrung war mein Gastfreund begriffen. Die Fllmauern in den
Fenstern wurden vorsichtig weggebrochen, da man keine der Verzierungen, welche
in Mrtel und Ziegeln begraben waren, beschdige, und dann wurden Glasscheiben
in der Art der noch erhaltenen in die ausgebrochenen Fenster eingesetzt. Die
hlzernen Bilder von Heiligen wurden aus der Kirche entfernt, die Nischen wurden
in ihrer ursprnglichen Gestalt wieder hergestellt. Wo man unter dem Dache der
Kirche oder in anderen Rumen die alten schlanken Gestalten der Heiligenbilder
wieder finden konnte, wurden sie, wenn sie beschdigt waren, ergnzt und an ihre
mutmalichen Stellen gesetzt. Fr welche Nischen man keine Standbilder auffinden
konnte, die wurden leer gelassen. Man hielt es fr besser, da sie in diesem
Zustande verharren, als da man eins der hlzernen Bilder, welche zu der Bauart
der Kirche nicht paten, in ihnen zurckgelassen htte. Freilich wre die
Verfertigung von neuen Standbildern das Zweckmigste gewesen; allein das war
nicht in den Plan der Wiederherstellung aufgenommen worden, weil es ber die zu
diesem Werke verfgbaren Krfte meines Gastfreundes ging. Alle Nischen aber,
auch die leeren, wurden, wenn Beschdigungen an ihnen vorkamen, in guten Stand
gesetzt. Die berdcher ber ihnen wurden mit ihren Verzierungen wieder
hergestellt. Zu der bertnchung des Innern der Kirche war ein Plan entworfen
worden, nach welchem die Farbe jener Teile, die nicht Stein waren, so unbestimmt
gehalten werden sollte, da ihr Anblick dem eines bloen Stoffes am hnlichsten
wre. Die Gewlbrippen, deren Stein nicht mit Farbe bestrichen war, so wie alles
andere von Stein wurde unberhrt gelassen und sollte mit seiner blo stofflichen
Oberflche wirken. Die Gerste zu der bertnchung waren bereits dort
geschlagen, wo man mit Leitern nicht auslangen konnte. Freilich wre in der
Kirche noch vieles andere zu verbessern gewesen. Man hatte den alten Chor
verkleidet und ganz neue Mauern zu einer Emporkirche aufgefhrt, man hatte ein
Seitenkapellchen im neuesten Sinne hinzugefgt, und es war ein Teil der Wand des
Nebenschiffes ausgenommen worden, um eine Vertiefung zu mauern, in welche ein
neuer Seitenaltar zu stehen kam. Alle diese Fehler konnten wegen
Unzulnglichkeit der Mittel nicht verbessert werden. Der Hauptaltar in
altdeutscher Art war geblieben. Roland sagte, es sei ein Glck gewesen, da man
im vorigen Jahrhunderte nicht mehr so viel Geld gehabt habe als zur Zeit der
Erbauung der Kirche, denn sonst htte man gewi den ursprnglichen Altar
weggenommen und htte einen in dem abscheulichen Sinne des vergangenen
Jahrhunderts an seine Stelle gesetzt. Mein Gastfreund besah alles, was da
gearbeitet wurde, und es ward ein Rat mit Eustach und Roland gehalten, dem auch
ich beigezogen wurde, um zu errtern, ob alles dem gefaten Plane getreu
gehalten werde, und ob man nicht manches mit Aufwendung einer migen Summe noch
zu dem ursprnglich Beabsichtigten hinzu tun knnte, was der Kirche not tte,
und was ihr zur Zierde gereichte. Die Ansichten vereinigten sich sehr bald, da
die Mnner nach der nmlichen Richtung hin strebten, und da ihre Bildungen in
dieser Hinsicht sich wechselweise zu dem gleichen Ergebnisse durchdrungen
hatten. Ich konnte sehr wenig mit reden, obgleich ich gefragt wurde, weil ich
einerseits zu wenig mit den vorhandenen Grundlagen vertraut war, und weil
andererseits meine Kenntnisse in dem Einzelnen der Kunst, um welche es sich hier
handelte, mit denen meiner Freunde nicht Schritt halten konnten. Der Pfarrer
hatte uns sehr freundlich aufgenommen, und wollte uns smtlich in seinem kleinen
Hause beherbergen. Mein Gastfreund lehnte es ab, und wir richteten uns, so gut
es ging, in dem Gasthofe ein. Der Ehrerbietung und des Dankes aber konnte der
bescheidene Pfarrer gegen meinen Gastfreund kein Ende finden. Auch kam eine
Abordnung mehrerer Gemeindeglieder, um, wie sie sagten, ihre Aufwartung zu
machen und ihren Dank darzubringen. Wirklich wenn man die schlanken, edlen
Gestaltungen der Kirche ansah, welche da einsam auf ihrem Hgel in einem
abgelegenen Teile des Landes stand, in dem man sie gar nicht gesucht htte, und
die schon geschehenen Verbesserungen betrachtete, welche ihre feinen Glieder
wieder zu Ansehn und Geltung brachten, so konnte man nicht umhin, sich zu
freuen, da die reinen blauen Lfte wieder den reinen einfachen Bau umfchelten,
wie sie ihn umfchelt hatten, als er nach dem Haupte des lngst verstorbenen
Meisters aus den Hnden der Arbeitsleute hervor gegangen war. Und wirklich mute
man sich auch zum Danke verpflichtet fhlen, da es einen Mann gab, wie mein
Gastfreund war, der aus Liebe zu schnen Dingen, und, ich mu wohl auch
hinzufgen, aus Liebe zur Menschheit, einen Teil seines Einkommens, seiner Zeit
und seiner Einsicht opfert, um manch Edles dem Verfalle zu entreien und vor die
Augen der Menschen wohlgebildete und hohe Gestaltungen zu bringen, da sie sich
daran, wenn sie dessen fhig sind und den Willen haben, erheben und erbauen
knnen.
    Das alles wuten aber die Gemeindeglieder nicht, sie dankten nur, weil sie
meinten, da es ihre Schuldigkeit sei.
    Nachdem mein Gastfreund den Bau gut befunden und mit Eustach, dem
eigentlichen Werkmeister, das Nhere angeordnet hatte, und nachdem auch Roland
die Zusicherung gegeben hatte, da er dem Wunsche meines Gastfreundes gem
fter nachsehen und Bericht erstatten werde, rsteten wir uns, unsere
verschiedenen Wege zu gehen. Roland wollte wieder in das nahe liegende Gebirge
zurckkehren, von dem er zu der Kirche heraus gekommen war, und wir wollten den
Weg nach dem Asperhofe antreten. Roland entfernte sich zuerst. Wir besuchten
noch den Inhaber eines Glaswerkes in der Nhe, der von groem Einflusse war, und
begaben uns dann auf den Weg nach dem Hause meines Freundes.
    Auf dem Rckwege kamen wir ber die Bildung des Schnen zu sprechen, wie es
gut sei, da Menschen aufstehen, die es darstellen, da ber ihre Mitbrder auch
dieses sanfte Licht sich verbreite und sie immer zu hellerer Klarheit fort
fhre; da es aber auch gut sei, da Menschen bestehen, welche geeignet sind,
das Schne in sich aufzunehmen und es durch Umgang auf andere zu bertragen,
besonders, wenn sie noch wie mein Gastfreund das Schne berall aufsuchen, es
erhalten, und es durch Mhe und Kraft wieder herzustellen suchen, wo es Schaden
gelitten hatte. Es sei ein ganz eigenes Ding um die Befhigung und den Drang
hiezu.
    Wir haben schon einmal ber hnliches gesprochen, sagte mein Gastfreund,
meine Erfahrungen in der Zeit meines Lebens haben mich gelehrt, da es ganz
bestimmte Anlagen zu ganz bestimmten Dingen gibt, mit denen die Menschen geboren
werden. Nur in der Gre unterscheiden sich diese Anlagen, in der Mglichkeit,
sich auszusprechen, und in der Gelegenheit, krftig zur Wirksamkeit kommen zu
knnen. Dadurch scheint Gott die Mannigfaltigkeit der Taten mit ihrem
nachdrcklichsten Erfolge, wie es auf der Erde notwendig ist, vermitteln zu
wollen. Es erschien mir immer merkwrdig, wo ich Gelegenheit hatte, es zu
beobachten, wie bei Menschen, die bestimmt sind, ganz Ungewhnliches in einer
Richtung zu leisten, sich ihre Anlage bis in die feinsten Fden ihres
Gegenstandes ausspricht und zu ihm hindrngt, whrend sie in anderm bis zum
Kindlichen unwissend bleiben knnen. Einer, der ber Kunstdinge trotz aller
Belehrung, trotz alles Umganges, trotz langjhriger tglicher Berhrung mit
auserlesenen Kunstwerken nie anderes als Ungereimtes sagen konnte, war ein
Staatsmann, der die feinsten Abschattungen seines Gegenstandes durchdrang, der
die Gedanken der Vlker und die Absichten der Menschen und Regierungen, mit
denen er verkehrte, erriet, und es verstand, alle Dinge seinen Zwecken dienstbar
machen zu knnen, so da das anderen wie ein Zauberwerk eines Geistes erschien,
was gleichsam ein Naturgesetz war. In meiner Jugend kannte ich einen Mann, der
mit einem Verstande, ber den wir uns vor Bewunderung kaum zu fassen wuten, in
die Tiefen eines Kunstwesens, das er besprechen wollte, einging, und Gedanken zu
Tage brachte, von denen wir nicht begriffen, wie sie in das Herz eines Menschen
haben kommen knnen; whrend er die Meinungen und Absichten ganz gewhnlicher
Menschen und gerade solcher, die tief unter ihm standen, nicht durchschaute, und
den notwendigen Gang der Staaten nicht sah, weil ihm das Auge dafr versagt war,
oder weil er im Drange seiner Gegenstnde darauf nicht achtete. Ich knnte noch
mehrere Beispiele anfhren: den zum Feldherrn Geborenen im Richtersaale um Mein
und Dein, oder den, der wissenschaftliche Stoffe frdert, in der Bildung eines
Heeres. So hat Gott es auch manchen gegeben, da sie dem Schnen nachgehen
mssen und sich zu ihm wie zu einer Sonne wenden, von der sie nicht lassen
knnen. Es ist aber immer nur eine bestimmte Zahl von solchen, deren einzelne
Anlage zu einer besonderen groen Wirksamkeit ausgeprgt ist. Ihrer knnen nicht
viele sein, und neben ihnen werden die geboren, bei denen sich eine gewisse
Richtung nicht ausspricht, die das Alltgliche tun, und deren eigentmliche
Anlage darin besteht, da sie gerade keine hervorragende Anlage zu einem
hervorragenden Gegenstande haben. Sie mssen in groer Menge sein, da die Welt
in ihren Angeln bleibt, da das Stoffliche gefrdert werde und alle Wege im
Betriebe sind. Sehr hufig aber kmmt es nun leider auf den Umstand an, da der
rechten Anlage der rechte Gegenstand zugefhrt wird, was so oft nicht der Fall
ist.
    Knnte denn nicht die Anlage den Gegenstand suchen, und sucht sie ihn nicht
auch oft? fragte Eustach.
    Wenn sie in groer Macht und Flle vorhanden ist, sucht sie ihn,
entgegnete mein Gastfreund, zuweilen aber geht sie in dem Suchen zu Grunde.
    Das ist ja traurig, und dann wird ihr Zweck verfehlt, antwortete Eustach.
    Ich glaube nicht, da ihr Zweck ganz verfehlt wird, sagte mein Gastfreund,
das Suchen und das, was sie in diesem Suchen frdert und in sich und anderen
erzeugt, war ihr Zweck. Es mssen eben verschiedene, und zwar verschieden hohe
und verschieden geartete Stufen erstiegen werden. Wenn jede Anlage mit vlliger
Blindheit ihrem Gegenstande zugefhrt wrde und ihn ergreifen und erschpfen
mte, so wre eine viel schnere und reichere Blume dahin, die Freiheit der
Seele, die ihre Anlage einem Gegenstande zuwenden kann oder sich von ihm fern
halten, die ihr Paradies sehen, sich von ihm abwenden und dann trauern kann, da
sie sich von ihm abgewendet hat, oder die endlich in das Paradies eingeht, und
sich glcklich fhlt, da sie eingegangen ist.
    Oft habe ich schon gedacht, sagte ich, da die Kunst so sehr auf die
Menschen wirkt, wie ich an mir selber, wenn auch nur erst kurze Zeit, zu
beobachten Gelegenheit hatte, ob denn der Knstler bei der Anlage seines Werkes
seine Mitmenschen vor Augen habe und dahin rechne, wie er es einrichten msse,
da auf sie die Wirkung gemacht werde, die er beabsichtiget.
    Ich hege keinen Zweifel, da es nicht so ist, erwiderte mein Gastfreund,
wenn der Mensch berhaupt seine ihm angeborne Anlage nicht kennt, selbst wenn
sie eine sehr bedeutende sein sollte, und wenn er mannigfaltige Handlungen
vornehmen mu, ehe seine Umgebung ihn oder er sich selber inne wird, ja wenn er
zuletzt sich seiner Freiheit gem seiner Anlage hingeben oder sich von ihr
abwenden kann: so wird er wohl im Wirken dieser Anlage nicht so zu rechnen im
Stande sein, da sie an einem gewissen Punkte anlanden msse; sondern je grer
die Kraft ist, um so mehr, glaube ich, wirkt sie nach den ihr eigentmlichen
Gesetzen, und das dem Menschen inwohnende Groe strebt unbewut der
uerlichkeiten seinem Ziele zu, und erreicht desto Wirkungsvolleres, je tiefer
und unbeirrter es strebt. Das Gttliche scheint immer nur von dem Himmel zu
fallen. Es hat wohl Menschen gegeben, welche berechnet haben, wie ein Erzeugnis
auf die Mitmenschen wirken soll, die Wirkung ist auch gekommen, sie ist oft eine
groe gewesen, aber keine knstlerische und keine tiefe; sie haben etwas anderes
erreicht, das ein Zuflliges und ueres war, das die, welche nach ihnen kamen,
nicht teilten, und von dem sie nicht begriffen, wie es auf die Vorgnger hatte
wirken knnen. Diese Menschen bauten vergngliche Werke und waren nicht
Knstler, whrend das durch die wirkliche Macht der Kunst Geschaffene, weil es
die reine Blte der Menschheit ist, nach allen Zeiten wirkt und entzckt, so
lange die Menschen nicht ihr Kstlichstes, die Menschheit, weggeworfen haben.
    Es ist einmal in der Stadt die Frage gestellt worden, sagte ich, ob ein
Knstler, wenn er wte, da sein Werk, das er beabsichtigt, zwar ein
unbertroffenes Meisterwerk sein wird, da es aber die Mitwelt nicht versteht,
und da es auch keine Nachwelt verstehen wird, es doch schaffen msse oder
nicht. Einige meinten, es sei gro, wenn er es tte, er tue es fr sich, er sei
seine Mit- und Nachwelt. Andere sagten, wenn er etwas schaffe, von dem er wisse,
da es die Mitwelt nicht verstehe, so sei er schon tricht, und vollends, wenn
er es schaffe und wei, da auch keine Nachwelt es begreifen wird.
    Dieser Fall wird wohl kaum sein, antwortete mein Gastfreund, der Knstler
macht sein Werk, wie die Blume blht, sie blht, wenn sie auch in der Wste ist
und nie ein Auge auf sie fllt. Der wahre Knstler stellt sich die Frage gar
nicht, ob sein Werk verstanden werden wird oder nicht. Ihm ist klar und schn
vor Augen, was er bildet, wie sollte er meinen, da reine, unbeschdigte Augen
es nicht sehen? Was rot ist, ist es nicht allen rot? Was selbst der gemeine Mann
fr schn hlt, glaubt er das nicht fr alle schn? Und sollte der Knstler das
wirklich Schne nicht fr die Geweihten schn halten? Woher kme denn sonst die
Erscheinung, da einer ein herrliches Werk macht, das seine Mitwelt nicht
ergreift? Er wundert sich, weil er eines andern Glaubens war. Es sind dies die
Grten, welche ihrem Volke voran gehen und auf einer Hhe der Gefhle und
Gedanken stehen, zu der sie ihre Welt erst durch ihre Werke fhren mssen. Nach
Jahrzehenden denkt und fhlt man wie jene Knstler, und man begreift nicht, wie
sie konnten miverstanden werden. Aber man hat durch diese Knstler erst so
denken und fhlen gelernt. Daher die Erscheinung, da gerade die grten
Menschen die naivsten sind. Wenn nun der frher angegebene Fall mglich wre,
wenn es einen wahren Knstler gbe, der zugleich wte, da sein beabsichtigtes
Werk nie verstanden werden wrde, so wrde er es doch machen, und wenn er es
unterlt, so ist er schon gar kein Knstler mehr, sondern ein Mensch, der an
Dingen hngt, die auer der Kunstliegen. Hieher gehrt auch jene rhrende
Erscheinung, die von manchen Menschen so bitter getadelt wird, da einer, dem
recht leicht gangbare Wege zur Verfgung stnden, sich reichlich und angenehm zu
nhren, ja zu Wohlstand zu gelangen, lieber in Armut, Not, Entbehrung, Hunger
und Elend lebt, und immer Kunstbestrebungen macht, die ihm keinen ueren Erfolg
bringen, und oft auch wirklich kein Erzeugnis von nur einigem Kunstwerte sind.
Er stirbt dann im Armenhause oder als Bettler oder in einem Hause, wo er aus
Gnaden gehalten wurde.
    Wir waren unseres Freundes Meinung. Eustach ohnehin schon, weil er die
Kunstdinge als das Hchste des irdischen Lebens ansah, und ein Kunststreben als
bloes Bestreben schon fr hoch hielt, wie er auch zu sagen pflegte, das Gute
sei gut, weil es gut sei. Ich stimmte bei, weil mich das, was mein Gastfreund
sagte, berzeugte, und Gustav mochte es geglaubt haben - Erfahrungen hatte er
nicht -, weil ihm alles Wahrheit war, was sein Pflegevater sagte.
    Von einem Streben, das gewissermaen sein eigener Zweck sei, vom Vertiefen
der Menschen in einen Gegenstand, dem scheinbar kein uerer Erfolg entspricht,
und dem der damit Behaftete doch alles andere opfert, kamen wir berhaupt auf
verschiedenes, an das der Mensch sein Herz hngt, das ihn erfllt, und das sein
Dasein oder Teile seines Daseins umschreibt. Nachdem wir wirklich eine grere
Zahl von Dingen durchsprochen hatten, die zu dem Menschen in das von uns
angefhrte Verhltnis treten knnen, als ich je vermutet htte, machte mein
Gastfreund folgenden Ausspruch: Wenn wir hier alle die Dinge ausschlieen, die
nur den Krper oder das Tierische des Menschen betreffen und befriedigen, und
deren andauerndes Begehren mit Hinwegsetzung alles andern wir mit dem Namen
Leidenschaft bezeichnen, weshalb es denn nichts Falscheres geben kann, als wenn
man von edlen Leidenschaften spricht, und wenn wir als Gegenstnde hchsten
Strebens nur das Edelste des Menschen nennen: so drfte alles Drngen nach
solchen Gegenstnden vielleicht nicht mit Unrecht nur mit einem Namen zu
benennen sein, mit Liebe. Lieben als unbedingte Werthaltung mit unbedingter
Hinneigung kann man nur das Gttliche oder eigentlich nur Gott; aber da uns Gott
fr irdisches Fhlen zu unerreichbar ist, kann Liebe zu ihm nur Anbetung sein,
und er gab uns fr die Liebe auf Erden Teile des Gttlichen in verschiedenen
Gestalten, denen wir uns zuneigen knnen: so ist die Liebe der Eltern zu den
Kindern, die Liebe des Vaters zur Mutter, der Mutter zum Vater, die Liebe der
Geschwister, die Liebe des Brutigams zur Braut, der Braut zum Brutigam, die
Liebe des Freundes zum Freunde, die Liebe zum Vaterlande, zur Kunst, zur
Wissenschaft, zur Natur, und endlich gleichsam kleine Rinnsale, die sich von dem
groen Strome abzweigen, Beschftigungen mit einzelnen, gleichsam kleinlichen
Gegenstnden, denen sich oft der Mensch am Abende seines Lebens wie kindlichen
Notbehelfen hingibt, Blumenpflege, Zucht einer einzigen Gewchsart, einer
Tierart und so weiter, was wir mit dem Namen Liebhaberei belegen. Wen die
greren Gegenstnde der Liebe verlassen haben, oder wer sie nie gehabt hat, und
wer endlich auch gar keine Liebhaberei besitzt, der lebt kaum und betet auch
kaum Gott an, er ist nur da. So fat es sich, glaube ich, zusammen, was wir mit
der Richtung groer Krfte nach groen Zielen bezeichnen, und so findet es seine
Berechtigung.
    Jene Zeit, sagte er nach einer Weile, in welcher die Kirchen gebaut
worden sind, wie wir eben eine besucht haben, war in dieser Hinsicht weit grer
als die unsrige, ihr Streben war ein hheres, es war die Verherrlichung Gottes
in seinen Tempeln, whrend wir jetzt hauptschlich auf den stofflichen Verkehr
sehen, auf die Hervorbringung des Stoffes und auf die Verwendung des Stoffes,
was nicht einmal ein an sich gltiges Streben ist, sondern nur beziehungsweise,
in so fern ihm ein hherer Gedanke zu Grunde gelegt werden kann. Das Streben
unserer lteren Vorgnger war auch insbesondere darum ein hheres, weil ihm
immer Erfolge zur Seite standen, die Hervorbringung eines wahrhaft Schnen. Jene
Tempel waren die Bewunderung ihrer Zeit, Jahrhunderte bauten daran, sie liebten
sie also, und jene Tempel sind auch jetzt in ihrer Unvollendung oder in ihren
Trmmern die Bewunderung einer wieder erwachenden Zeit, die ihre Verdsterung
abgeschttelt hat, aber zum allseitigen Handeln noch nicht durchgedrungen ist.
Sogar das Streben unserer unmittelbaren Vorgnger, welche sehr viele Kirchen
nach ihrer Schnheitsvorstellung gebaut, noch mehr Kirchen aber durch zahllose
Zubauten, durch Aufstellung von Altren, durch Umnderungen entstellt und uns
eine sehr groe Zahl solcher Denkmale hinterlassen haben, ist in so ferne noch
hher als das unsere, indem es auch auf Erbauung von Gotteshusern ausging, auf
Darstellung eines Schnen und Kirchlichen, wenn es sich auch in dem Wesen des
Schnen von den Vorbildern der frheren Jahrhunderte entfernt hat. Wenn unsere
Zeit von dem Stofflichen wieder in das Hhere bergeht, wie es den Anschein hat,
werden wir in Baugegenstnden nicht auch gleich das Schne verwirklichen knnen.
Wir werden anfangs in der bloen Nachahmung des als schn Erkannten aus lteren
Zeiten befangen sein, dann wird durch den Eigenwillen der unmittelbar Betrauten
manches Ungereimte entstehen, bis nach und nach die Zahl der heller Blickenden
grer wird, bis man nach einer allgemeineren und begrndeteren Einsicht
vorgeht, und aus den alten Bauarten neue, der Zeit eigentmlich zugehrige
entsprieen.
    In der Kirche, welche wir eben gesehen haben, sagte ich, liegt nach
meiner Meinung eine eigentmliche Schnheit, da es nicht begreiflich ist, wie
eine Zeit gekommen ist, in welcher man es verkennen und so manches hinzufgen
konnte, was vielleicht schon an sich unschn ist, gewi aber nicht pat.
    Es waren rauhe Zeiten ber unser Vaterland gekommen, erwiderte er, welche
nur in Streit und Verwstung die Krfte bten und die tieferen Richtungen der
menschlichen Seele ausrotteten. Als diese Zeiten vorber waren, hatte man die
Vorstellung des Schnen verloren, an seine Stelle trat die bloe Zeitrichtung,
die nichts als schn erkannte als sich selber, und daher auch sich selber
berall hinstellte, es mochte passen oder nicht. So kam es, da rmische und
korinthische Simse zwischen altdeutsche Sulen gefgt wurden.
    Aber auch unter den altdeutschen Kirchen ist diese, welche wir verlassen
haben, wenn ich nach den Kirchen, die ich gesehen habe, urteilen darf, eine der
schnsten und edelsten, sagte ich.
    Sie ist klein, erwiderte mein Gastfreund, aber sie bertrifft manche
groe. Sie strebt schlank empor wie Halme die sich wiegen, und gleicht auch den
Halmen darin, da ihre Bgen so natrlich und leicht aufspringen wie Halme, die
da nicken. Die Rosen in den Fensterbgen, die Verzierungen an den Sulenknufen,
an den Bogenrippen, so wie die Rose der Turmspitze sind so leicht wie die
verschiedenen Gewchse, die in dem Halmenfelde sich entwickeln.
    Darum berkam mich auch wieder ein Gedanke, antwortete ich, den ich schon
fter hatte, da man nmlich die Fassung von Edelsteinen im Sinne altdeutscher
Baudenkmale einrichten sollte, und da man dadurch zu schneren Gestaltungen
kme.
    Wenn Ihr den Gedanken so nehmet, erwiderte er, da sich die, welche
Edelsteine fassen, im Sinne der alten Baumeister bilden sollen, welche Wrdiges
und Schnes auf einfache und erhebende Art darstellten, so drftet Ihr, glaube
ich, recht haben. Wenn Ihr aber meint, da Gestaltungen, welche an
mittelalterlichen Gebuden vorkommen, im verkleinerten Mastabe sofort als
Schmuckdinge zu gebrauchen seien, so drftet Ihr Euch irren.
    So habe ich es gemeint, sagte ich.
    Wir haben schon einmal ber diesen Gegenstand gesprochen, erwiderte er,
und ich habe damals selber auf die altertmliche Kunst als die Grundlage von
Schmuck hingewiesen; aber ich habe damit nicht blo die Baukunst gemeint,
sondern jede Kunst, auch die der Gerte, der Kirchenstoffe, der weltlichen
Stoffe, die Malerkunst, die Bildhauerkunst, die Holzschneidekunst und hnliches.
Auch habe ich nicht die unmittelbare Nachahmung der Gestaltungen gemeint,
sondern die Erkennung des Geistes, der in diesen Gestaltungen wohnt, das
Erfllen des Gemtes mit diesem Geiste, und dann das Schaffen in dieser
Erkenntnis und in diesem Erflltsein. Es steht der bertragung der baulichen
Gestaltungen auf Schmuck auch ein stoffliches Hindernis entgegen. Die Gebude,
an denen der Schnheitssinn besonders zur Ausprgung kam, waren immer mehr oder
weniger ernste Gegenstnde: Kirchen, Palste, Brcken, und im Altertume Sulen
und Bgen. Im Mittelalter sind die Kirchen weit das berwiegende; bleiben wir
also bei ihnen. Um den Ernst und die Wrde der Kirche darzustellen, ist der
Stoff nicht gleichgltig, aus dem man sie verfertiget. Man whlte den Stein als
den Stoff, aus dem das Groartigste und Gewaltigste von dem, was sich erhebt,
besteht, die Gebirge. Er leiht ihnen dort, wo er nicht von Wald oder Rasen
berkleidet ist, sondern nackt zu Tage steht, das erhabenste Ansehen. Daher gibt
er auch der Kirche die Gewalt ihres Eindruckes. Er mu dabei mit seiner
einfachen Oberflche wirken und darf nicht bemalt oder getncht sein. Das
Nchste unter dem Emporstrebenden, was sich an das Gebirge anschliet, ist der
Wald. Ein Baum bt nach dem Felsen die grte Macht. Daher ist eine Kirche in
Wrde und knstlerischem Ansehen auch noch von Holz denkbar, sobald es nicht
bemalt und nicht bestrichen ist. Eine eiserne Kirche oder gar eine von Silber
knnte nicht anders als widrig wirken, sie wrde nur wie roher Prunk aussehen,
und von einer Kirche aus Papier, gesetzt, man knnte den Wnden auf die Dauer
Widerstand gegen Wetter und den Verzierungen durch Pressen oder dergleichen die
schnsten Gestalten geben, wendet sich das Herz mit Widerwillen und Verachtung
ab. Mit dem Stoffe hngt die Gestaltung zusammen. Der Stein ist ernst, er strebt
auf und lt sich nicht in die weichsten, feinsten und gewundensten
Erscheinungen biegen. Ich rede von dem Bausteine, nicht von dem Marmor. Daher
hat man die Gestalten der Kirche aus ihm emporstrebend einfach und stark
gemacht, und wo Biegungen vorkommen, sind sie mit Ma und mit einem gewissen
Adel ausgefhrt, und berladen nicht die Wnde und die andern Bildungen. In der
Zeit, als sie das bergewicht zu bekommen anfingen, hrte auch die strenge
Schnheit der Kirchen auf, und die Niedlichkeit begann. Zu den Fassungen unseres
Schmuckes nehmen wir Metall, und zwar meistens Gold. Das Metall aber hat
wesentlich andere Merkmale als der Stein. Es ist schwerer; darf also, ohne uns
zu drcken, nicht in greren Stcken angewendet werden, sondern mu in zarte
Gestaltungen auseinander laufen. Dabei hat es unter allen Stoffen die grte
Biegsamkeit und Dehnbarkeit, wir glauben ihm daher die khnsten Windungen und
Verschlingungen, und fordern sie von ihm. Die Bildungen, besonders Zieraten aus
Gold, knnen daher nicht genau dieselben sein wie die aus Stein, wenn beide
schn sein sollen. Aber aus dem inneren Geiste des einen, glaube ich, kann man
recht gut und soll man den innern Geist des andern kennen, und es drfte
Treffliches heraus kommen.
    Ich vermochte gegen diese Ansicht nichts Wesentliches einzuwenden. Eustach
fhrte sie noch genauer durch Beispiele aus, die er von bekannten
Steingestaltungen an Kirchen hernahm. Er zeigte, wie eine gelufige, leichte
kirchliche Steinbildung, wenn man sie etwa aus Gold machen lasse, sogleich
schwer, trg und unbeholfen werde, und er zeigte auch, wie man nach und nach die
Steingestaltung umwandeln msse, da sie zu einer fr Gold tauge und da lebendig
und eigentmlich werde. Er versprach mir, da er mir ber diese Angelegenheit,
wenn wir nach Hause gekommen sein wrden, Zeichnungen zeigen wrde. Ich sah
hieraus, wie sehr meine Freunde ber diesen Gegenstand nachgedacht haben, und
wie sie tatschlich in ihn eingegangen seien.
    Es sind aber nicht blo die uerlichkeiten an unserer Kirche sehr schn,
fuhr mein Gastfreund fort, sondern die Gestalten der Heiligen auf dem Altare
und in den Nischen sind schner, als man sie sonst meistens aus dem Zeitalter,
aus welchem die Kirche stammt, zu sehen gewohnt ist. Wenn ich sagte, da die
griechischen Bilder- gestalten eine grere sinnliche Schnheit haben als die
aus dem Mittelalter, so ist dieses nicht ausnahmslos so. Es gibt auch hchst
liebliche Gestalten aus dem Mittelalter, und wo keine Verzeichnung ist, und wo
sich Sinnlichkeit zeigt, sind sie meistens wrmer als die griechischen. In der
kleinen Kirche ist hnliches vorhanden deshalb habe ich so gerne ihre
Wiederherstellung bernommen, deshalb bedaure ich, da meine Mittel nicht so
gro sind, die gnzliche Vollendung herbeifhren zu knnen, und deshalb habe ich
so sehr nach den Gestalten, die in den Nischen fehlen, suchen lassen, um so viel
als mglich die Kirche zu bevlkern, wenn auch der Gedanke Raum hatte, da
vielleicht nicht einmal alle Gestalten fertig geworden und alle Pltze besetzt
gewesen seien. Vielleicht steht einmal eine hhere und allgemeinere Kraft auf,
die diese und noch wichtigere Kirchen wieder in ihrer Reinheit darstellt.
    Wir kamen am zweiten Tage in dem Asperhofe an, und ich sagte, da ich nun
nicht mehr lange da verweilen knne. Mein Gastfreund erwiderte, da er in
einigen Tagen in den Sternenhof fahren werde, und da er mich einlade, ihn zu
begleiten, und da ich bis dahin noch bei ihm bleiben mge.
    Ich erklrte, da bei mir wohl einige Tage keinen wesentlichen Unterschied
machten, da ich aber doch wnsche, bald zu meinen Eltern zurckkehren zu
knnen.
    So war der Abend vor der Abreise in den Sternenhof gekommen, und mein
Gastfreund sagte an demselben in einem gelegenen Augenblicke zu mir: Ihr tretet
nun zu jemandem, der mir nahe ist, in ein inniges Verhltnis; es ist billig, da
Ihr alles wisset, wie es in dem Sternenhofe ist, und in welchen Beziehungen ich
zu demselben stehe. Ich werde Euch alles darlegen. Damit Ihr aber in noch viel
grerer Ruhe seid und mit Klarheit das Mitgeteilte aufnehmen knnet, so werde
ich es Euch erzhlen, wenn Ihr wieder in den Asperhof kommt. Ihr werdet jetzt zu
Euren Eltern gehen, wie Ihr sagt, um ihnen zu berichten, wie Ihr aufgenommen
worden seid, und wie die Angelegenheit steht. Wenn Ihr dann nach Eurem
beliebigen Willen wieder zu mir kommt, sei es zu was immer fr einer Zeit, so
werdet Ihr willkommen sein und bereitwilligen Empfang finden.
    Am anderen Morgen sa ich nebst Gustav mit ihm in dem Wagen, und wir fuhren
dem Sternenhofe zu.
    Wir wurden dort so freundlich und heiter aufgenommen wie immer, ja noch
freundlicher und heiterer als sonst. Die Zimmer, welche wir immer bewohnt
hatten, standen fr uns wie fr Personen, welche zu der Familie gehrten, in
Bereitschaft. Natalie stand mit lieblichen Mienen neben ihrer Mutter und sah
ihren lteren Freund und mich an. Ich grte mit Ehrerbietung die Mutter und
fast mit gleicher Ehrerbietung die Tochter. Gustav war etwas schchterner als
sonst, und blickte bald mich, bald Natalien an. Wir sprachen die gewhnlichen
Bewillkommungsworte und andere unbedeutende Dinge. Dann verfgten wir uns in
unsere Zimmer.
    Noch an demselben Tage und am nchsten besah mein Gastfreund verschiedene
Dinge, welche zur Bewirtschaftung des Gutes gehrten, besprach sich mit
Mathilden darber, besuchte selbst ziemlich entfernte Stellen, und ordnete im
Namen Mathildens an. Auch die Arbeiten in der Hinwegschaffung der Tnche von der
Auenseite des Schlosses besah er. Er stieg selber auf die Gerste, untersuchte
die Genauigkeit der Hinwegschaffung der aufgetragenen Kruste und die Reinheit
der Steine. Er prfte die Gre der in einer gewhnlichen Zeit vollbrachten
Arbeit, und gab Auftrge fr die Zukunft. Wir waren bei den meisten dieser
Beschftigungen gemeinschaftlich zugegen. Man behandelte mich auf eine
ausgezeichnete Art. Mathilde war so sanft, so gelassen und milde wie immer. Wer
nicht genauer geblickt htte, wrde keinen Unterschied zwischen sonst und jetzt
gewahr geworden sein. Sie war immer gtig, und konnte daher nicht gtiger sein.
Ich empfand aber doch einen Unterschied. Sie richtete das Wort so offen an mich
wie frher; aber es war doch jetzt anders. Sie fragte mich oft, wenn es sich um
Dinge des Schlosses, des Gartens, der Felder, der Wirtschaft handelte, um meine
Meinung wie einen, der ein Recht habe, und der fast wie ein Eigentmer sei. Sie
fragte gewi nicht, um meine Meinung so grndlich zu wissen; denn mein
Gastfreund gab die besten Urteile ber alle diese Gegenstnde ab, sondern sie
fragte so, weil ich einer der Ihrigen war. Sie hob aber diese Fragen nicht
hervor und betonte sie nicht, wie jemand getan htte, bei dem sie Absicht
gewesen wren, sondern sie empfand das Zusammengehrige unseres Wesens, und gab
es so. Mir ging diese Behandlung ungemein lieb in die Seele. Mein Gastfreund war
wohl beinahe gar nicht anders; denn sein Wesen war immer ein ganzes und
geschlossenes; aber auch er schien herzlicher als sonst. Gustav verlor sein
anfngliches schchternes Wesen. Obwohl er auch jetzt noch kein Wort sagte,
welches auf unser Verhltnis anspielte - das taten auch die anderen nicht, und
er hatte eine zu gute Erziehung erhalten, um, obgleich er noch so jung war,
hierin eine Ausnahme zu machen -, so ging er doch zuweilen pltzlich an meine
Seite, nahm mich bei meinem Arme, drckte ihn, oder nahm mich bei der Hand und
drckte sie mit der seinen. Nur mit Natalie war es ganz anders. Wir waren
beinahe scheuer und fremder, als wir es vor jenem Hervorleuchten des Gefhles in
der Grotte der Brunnennymphe gewesen waren. Ich durfte sie am Arme fhren, wir
durften mit einander sprechen; aber wenn dies geschah, so redeten wir von
gleichgltigen Dingen, welche weit entfernt von unseren jetzigen Beziehungen
lagen. Und dennoch fhlte ich ein Glck, wenn ich an ihrer Seite ging, da ich
es kaum mit Worten htte sagen knnen. Alles, die Wolken, die Sterne, die Bume,
die Felder schwebten in einem Glanze, und selbst die Personen ihrer Mutter und
ihres alten Freundes waren verklrter. Da in Natalien hnliches war, wute ich,
ohne da sie es sagte.
    Wenn wir an dem Scheunentore des Meierhofes vorbeigingen, oder an einer
anderen Tr oder an einem Felde oder sonst an einem Platze, auf welchem
gearbeitet wurde, so traten die Menschen zusammen, blickten uns nach, und sahen
uns mit denselben bedeutungsvollen Augen an, mit denen man mich in dem Asperhofe
angeschaut hatte. Es war mir also klar, da man auch hier wute, in welchen
Beziehungen ich zu der Tochter des Hauses stehe. Ich htte es auch aus der
greren Ehrerbietung der Diener heraus lesen knnen, wenn es mir nicht schon
sonst deutlich gewesen wre. Aber auch hier wie in dem Asperhofe bemerkte ich,
da es etwas Freundliches war, etwas, das wie Freude aussah, was sich in den
Mienen der Leute spiegelte. Sie muten also auch hier mit dem, was sich
vorbereitete, zufrieden sein. Ich war darber tief vergngt; denn auf welchem
Stande der Entwickelung die Leute immer stehen mgen, so ist es doch gewi, wie
ich aus dem Umgange mit vielen Menschen reichlich erfahren habe, da Geringere
die Hheren oft sehr richtig beurteilen, und, namentlich wenn Verbindungen
geschlossen werden, seien es Freundschaften, seien es Ehen, mit richtiger Kraft
erkennen, was zusammen gehrt, und was nicht. Da sie mich also zu Natalien
gehrig ansahen, erfllte mich mit nachhaltender inniger Freude. Wie Natalie
ber diese Kundgebungen der Leute dachte, konnte ich nicht erkennen.
    Nachdem so drei Tage vergangen waren, nachdem wir die verschiedensten
Stellen des Schlosses, des Gartens, der Felder und der Wlder gemeinschaftlich
besucht hatten, nachdem wir auch manchen Augenblick in den Gemldezimmern und in
denen mit den altertmlichen Gerten zugebracht und an Verschiedenem uns erfreut
hatten, nachdem endlich auch alles, was in Angelegenheiten des Gutes zu
besprechen und zu ordnen war, zwischen Mathilden und meinem Gastfreunde
besprochen und geordnet worden war, wurde auf den nchsten Tag die Abreise
beschlossen. Wir verabschiedeten uns auf eine hnliche Weise, wie wir uns
bewillkommt hatten, der Wagen war vorgefahren, und wir schlugen die Richtung
zurck ein, in der wir vor vier Tagen gekommen waren.
    Ich fuhr mit meinem Gastfreunde nur bis an die Poststrae, und auf derselben
bis zur ersten Post. Dort trennten wir uns. Er fuhr auf Nebenwegen dem Asperhofe
zu, weil er mir zu lieb einen Umweg gemacht hatte, ich aber schlug mit
Postpferden die Richtung gegen das Kargrat ein. Ich war entschlossen, im Kargrat
fr jetzt ganz abzubrechen und also die Gegenstnde, die ich noch dort hatte,
fortschaffen zu lassen. Als ich in dem kleinen Orte eingetroffen war, richtete
ich meine Verhltnisse zurecht, lie alle meine Dinge einpacken, und schickte
sie fort. Ich nahm von dem Pfarrer, welchen ich kennen gelernt hatte, Abschied,
verabschiedete mich auch von meinen Wirtsleuten und von den anderen Menschen,
die mir bekannt geworden waren, sagte, da ich nicht wei, wann ich in das
Kargrat zurckkehren werde, um meine Arbeiten, welche ich wegen eines schnell
eingetretenen Umstandes hatte abbrechen mssen, fortzusetzen, und reiste wieder
ab.
    Ich ging jetzt in das Lautertal, um es zu besuchen. Es war in der Richtung
nach meiner Heimat ein geringer Umweg, und ich wollte das Tal, das mir lieb
geworden war, wieder sehen. Besonders aber fhrte mich ein Zweck dahin. Obwohl
ich wenig Hoffnung hatte, da mein Auftrag, den ich in dem Tale gegeben hatte,
zu forschen, ob sich nicht doch noch die Ergnzungen zu den Vertflungen meines
Vaters fnden, einen Erfolg haben werde, so wollte ich doch nicht nach Hause
reisen, ohne in dieser Hinsicht Nachfrage gehalten zu haben. Die gewnschten
Ergnzungen hatten sich zwar nicht gefunden, auch keine Spur zu denselben war
entdeckt worden; aber manche Leute hatte ich gesehen, denen ich in frheren
Tagen geneigt worden war, Gegenstnde hatte ich erblickt, von denen ich in
vergangenen Jahren zu meinem Vergngen umringt gewesen war, und manches kleine
Zwiegesprch hatte ich gepflogen, welches mir und den Leuten, mit denen es
gepflogen worden war, zu einiger Erquickung gereichte.
    Ich ging auch in das Rothmoor. Dort fand ich die Arbeiten noch in einem
hheren Mae entwickelt und im Gange, als sie es bei meiner letzten Anwesenheit
gewesen waren. Von mehreren Orten hatte man Bestellungen eingesendet, selbst von
unserer Stadt, wo das Becken der Einbeere bekannt geworden war und manchen
Beifall gefunden hatte, waren Briefe geschickt worden. Fremde kamen zu Zeiten in
diese abgelegene Gegend, machten Kufe und hinterlieen Auftrge. Ich sah also,
da sich manches hier gebessert habe, betrachtete die Arbeiten, und bestellte
auch wieder einige neue, weil ich teils noch Stcke schnen Marmors hatte, aus
denen irgend etwas gemacht werden konnte, und weil anderen Teils in dem Garten
des Vaters zur Brstung oder zu anderen Stellen noch Gegenstnde fehlten. Die
Leute hatten mich recht freundlich und zuvorkommend empfangen, sie zeigten mir,
was im Gange war, welche Verbesserungen sie eingefhrt hatten, und welche sie
noch beabsichtigen. Sie lieen hiebei nicht unerwhnt, da ich der kleinen
Anstalt immer zugetan gewesen sei, und da ich zu den Verbesserungen manchen
Anla und manchen Fingerzeig gegeben habe. Ich drckte meine Freude ber alles
das aus, und versprach, da ich, wenn ich in die Nhe kme, jederzeit recht
gerne einen kurzen Besuch in dem Rothmoor machen wrde.
    Nach diesem unbedeutenden Aufenthalte im Lautertale und im Rothmoor setzte
ich meine Reise zu meinen Eltern ohne weitere Verzgerung fort.

                               3. Die Mitteilung


Zu Hause hatten sie mich noch nicht erwartet, weil ich ihnen durch meinen Brief
angezeigt hatte, da ich mit meinem Gastfreunde eine kleine Reise zu einer
altertmlichen Kirche machen wrde. Auch hatten sie sich vorgestellt, da ich
noch einmal in meinen Aufenthaltsort in das Hochgebirge gehen und mich auf der
Rckreise eine Zeit in dem Sternenhofe aufhalten werde. Sie irrten aber; denn
obwohl ich in beiden Orten war, war ich doch nicht lange dort, und es drngte
mein Herz, den Meinigen zu erffnen, wie meine Angelegenheiten stehen. Als ich
dieses getan hatte, waren sie bei weitem weniger ergriffen, als ich erwartet
hatte. Sie freuten sich, aber sie sagten, sie htten gewut, da es so sein
wrde, ja sie htten seit Jahren die jetzige Entwicklung schon geahnt. Im Rosen
hause und im Sternenhofe, meinten sie, wrde man mich nicht so freundschaftlich
und gtig behandelt haben, wenn man mich nicht lieb gehabt, und wenn man nicht
selbst das, was sich jetzt ereignet hat, als etwas Angenehmes betrachtet htte,
dessen Spuren man ja doch habe entstehen sehen mssen. So lieb mir diese Ansicht
war, weil sie die Gesinnungen meiner Angehrigen gegen mich ausdrckte, so
konnte ich doch nicht umhin, zu denken, da nur die Meinigen die Sache so
betrachten, weil sie eben die Meinigen sind, und da sie mich auch darum des
Empfangenen fr wrdig erachteten. Ich aber wute es anders, weil ich Natalien
und ihre Umgebung kannte und ihren Wert zu ahnen vermachte. Ich konnte das, was
mir begegnete, nur als ein Glck ansehen, welches mir ein gnstiges Schicksal
entgegen gefhrt hatte, und dessen immer wrdiger zu werden ich mich bestreben
msse.
    Mein Vater sagte, es sei alles gut, die Mutter lie in wehmtiger und
freudiger Stimmung immer wieder die Worte fallen, da denn so gar nichts fr ein
so wichtiges Verhltnis vorbereitet sei; die Schwester sah mich fter sinnend
und betrachtend an.
    Ich sprach die Bitte aus, da die Eltern mir nun beistehen mten, das, was
in den gegenwrtigen Verhltnissen zu tun sei, auf das schicklichste zu tun, und
ich legte auch den Wunsch dar, da ich nach des Vaters Ansicht eine grere
Reise unternehmen mchte.
    Es sind mehrere Dinge ntig, sagte der Vater. Zuerst, glaube ich,
erwartet man von deinen Eltern eine Annherung an sie; denn die Angehrigen der
Braut knnen sich nicht schicklich zuerst den Angehrigen des Brutigams
vorstellen. Auerdem hat mir dein Gastfreund Liebes erwiesen, was ich ihm noch
nicht habe vergelten knnen. Ferner hat dir dein Gastfreund Mitteilungen zu
machen, die er fr notwendig hlt; und endlich solltest du wirklich, wie du auch
selber wnschest, eine grere Reise machen, um wenigstens im allgemeinen
Menschen und Welt nher kennen zu lernen. Was deine Gegenleute tun werden, ist
ihre Sache, und wir mssen es erwarten. Unsere Angelegenheit ist jetzt, das, was
uns obliegt, auf solche Weise zu tun, da wir uns weder vordrngen, noch da
etwas geschehe, was wie geringere Achtung dessen ausshe, was uns durch diese
Verbindung geboten wird. Ich glaube, die natrlichste Ordnung wre folgende. Du
mut zuerst die Mitteilungen deines Freundes anhren, weil sie dir zuerst ohne
Bedingung angetragen worden sind. Dann werde ich mit deiner Mutter eine Reise
zur Mutter deiner Braut machen und bei dieser Gelegenheit deinen Gastfreund
besuchen. Endlich magst du den Vorschlag tun, da du eine Reise zu hherer
Ausbildung zu unternehmen wnschest. Weil aber dein Gastfreund selber gesagt
hat, da du, ehe er dir seine Mitteilungen macht, zu grerer Ruhe kommen
sollst, und weil es andererseits unziemend wre, zu sehr zu drngen, so kannst
du nicht jetzt sogleich zu ihm gehen und ihn um seine Erffnungen bitten,
sondern du mut eine Zeit verflieen lassen und ihn spter, vielleicht im
Winter, besuchen. Dadurch sieht er auch, da du einerseits nicht zudringlich
bist, und da du andererseits, da du in ungewohnter Jahreszeit zu ihm kmmst,
doch die Sehnsucht zu erkennen gibst, deine Sache zu frdern. Und damit du
gewisser zu der erforderlichen Ruhe gelangest, schlage ich dir vor, mich auf
einer kleinen Reise in meine Geburtsgegend zu begleiten, die wir in Krze
antreten knnen. Wenn du dann im Winter zu deinem Gastfreunde kmmst, so kannst
du ihm unsere Gre bringen und ihm sagen, da wir mit Beginn der schneren
Jahreszeit kommen und fr dich um die Hand der Tochter seiner Freundin werben
werden.
    Alle waren mit diesem Vorschlage vollkommen einverstanden. Besonders freute
sich die Mutter, als sie hrte, da der Vater von freien Stcken auf einen
Reiseplan gekommen sei, dessen Richtung sie gar nicht erraten htte.
    Ich mu mich ja ben, erwiderte er, wenn ich im Frhlinge eine Reise in
das Oberland bis in die Nhe der Gebirge antreten soll, die uns auch in den
Rosenhof bringt und wei Gott wie weit noch fhren kann; denn wenn Leute, die
immer zu Hause sind, einmal von der Wanderungslust ergriffen werden, dann knnen
sie auch ihres Reisens kein Ende finden, und besuchen Gegend um Gegend.
    Ich aber sagte hierauf: Weil Klotilde nie die Gebirge gesehen hat, weil sie
in dieser ganzen Angelegenheit am weitesten zurckgesetzt ist, weil ich ihr
immer versprochen habe, sie in die Berge zu fhren, und weil die Erfllung
dieses Versprechens durch meine grere Reise wieder hinaus geschoben werden
knnte: so mache ich ihr den Vorschlag, mit mir, wenn ich mit dem Vater von
unserer kleinen Reise zurckgekommen bin, einen Teil des Herbstes in dem
Hochgebirge zuzubringen. Die Tage des Herbstes, selbst die des Sptherbstes,
sind in den Gebirgen meistens sehr schn, und wir knnen in den klaren Lften
weiter herum sehen, als es oft in dem schwlen und gewitterreichen Dunstkreise
der Monate Juni oder Juli mglich ist.
    Klotilde nahm diesen Vorschlag mit Freude an, und ich versprach ihr, in den
Tagen, die noch bis zu meiner Abreise mit dem Vater verflieen werden, alles
anzugeben, was sie an Kleidern und sonstigen Dingen zu der Gebirgsreise bedrfe,
welche Gegenstnde sie dann whrend meiner Abreise vorrichten lassen knne.
    Wenn ich zu den Mitteilungen meines Freundes an Ruhe gewinnen mu, setzte
ich hinzu, so knnten diese Reisen das beste Mittel dazu abgeben.
    Der Vater und die Mutter waren mit meinem Vorschlage sehr zufrieden. Die
Mutter sagte nur, sie werde an den Vorbereitungen Klotildens mitarbeiten, und
besonders darauf sehen, da alles vorhanden sei, was zu dem Schutze der
Gesundheit gehre.
    Ich erwiderte, da das sehr gut sei, und da ich auch bei der Reise selber
alle Maregeln ergreifen werde, da Klotildens Gesundheit keinen Schaden leide.
    Wir fingen wirklich am andern Tage an, die Dinge zu bereden, welche Klotilde
zur Reise brauche. Sie ging rstig an die Anschaffung. Ich entwarf ein
Verzeichnis der Notwendigkeiten, welches ich nach und nach ergnzte. Als einige
Zeit verflossen war, glaubte ich es so vervollstndigt zu haben, da nun nicht
leicht mehr etwas Wesentliches vergessen werden konnte.
    Indessen rckte auch der Tag heran, an welchem ich mit dem Vater abreisen
sollte.
    Am frhen Morgen desselben setzten wir uns in den leichten Reisewagen,
dessen sich der Vater immer bedient hatte, wenn er grere Entfernungen
zurcklegen mute. Jetzt war er lange nicht mehr aus dem Wagenbehltnis
gekommen. Auf Anordnung der Mutter wurde er einige Tage vorher von Sachkundigen
genau untersucht, ob er nicht heimliche Gebrechen habe, welche uns in Schaden
bringen knnten. Als dies einstimmig verneint worden war, gab sie sich
zufrieden. Wir hatten Postpferde, wechselten dieselben an gehrigen Orten, und
hielten uns in ihnen so lange auf, als es uns beliebte. Gegen jeden Abend lie
der Vater noch bei Tageslicht halten, es wurde das Nachtlager bestellt, und wir
machten vor dem Abendessen einen Spaziergang. In diesen Tagen, an denen ich mehr
Stunden hintereinander ununterbrochen mit dem Vater zubrachte, als dies je
vorher der Fall gewesen war, sprach ich auch mehr mit ihm als je zu einer
anderen Zeit. Wir sprachen von Kunstdingen: er erzhlte mir von seinen Bildern,
sagte mir manches ber ihre Erwerbung, was ich noch nicht wute, und verbreitete
sich in guter Rede ber ihren Kunstwert, er kam auf seine Steine und erklrte
mir manches; wir ergingen uns in Bchern, die uns beiden gelufig waren, setzten
ihren Wert, wenn er dichterisch oder wissenschaftlich war, auseinander und
erinnerten uns gegenseitig an Teile des Inhaltes; wir sprachen auch von
Zeitereignissen und von der Lage unseres Staates. Er erzhlte mir endlich von
seinem kaufmnnischen Geschfte und machte mich mit dessen Grundlagen und
Stellungen bekannt. Er zeigte mir Teile der Gegend, durch die wir fuhren, und
unterrichtete mich von dem Schicksale mancher Familie, die in diesem oder jenem
Abschnitte der Landschaft wohnten. Unter diesen Verhltnissen kamen wir am
vierten Tage an dem Orte unserer Bestimmung an. Die Gegend war mir vllig
unbekannt, weil mich meine Wanderungen nie hieher getragen hatten.
    Am Saume des Waldes, der den Norden unseres Landes begrenzt, ging ein Tal
hin, das einst Wald gewesen war, und das jetzt zerstreute Huser, einzelne
Felder, Wiesen, Felsen, Schluchten und rinnende Wasser in seinem Bereiche hegte.
Eines der Huser, halb aus Holz gezimmert und halb gemauert, war das Geburtshaus
meines Vaters. Es stand am Rande eines Wldschens, das von dem groen Walde
herstammte, der einst diese ganzen Gegenden bedeckt hatte. Es war gegen West
durch eine Gruppe sehr groer und dicht stehender Buchen gedeckt, da ihm die
Winde von dorther wenig anhaben konnten, hatte gegen Ost den Schutz eines
Felsens, im Norden den des groen Waldbandes, und schaute gegen Sden auf seine
nicht unbetrchtlichen Wiesen und Felder, deren Ergiebigkeit im Getreide gering,
in Futterkrutern auerordentlich war, weshalb der grere Reichtum auch in
Herden bestand. Wir fuhren in das Gasthaus des Tales, lieen unsere Reisedinge
abpacken, bestellten uns auf einige Tage Wohnung, und besuchten dann die sehr
entfernten Verwandten, welche jetzt des Vaters Stammhaus bewohnten. Es war gegen
Mittag. Sie nahmen uns, da wir uns entdeckt hatten, sehr freundlich auf und
verlangten, da wir unser Gepcke holen lassen und bei ihnen wohnen sollten. Nur
auf die dringenden Vorstellungen des Vaters, da wir ihnen die Bequemlichkeit
nhmen und selber keine gewnnen, gaben sie nach, und verlangten nur noch, da
wir zum bevorstehenden Mittagessen bei ihnen bleiben sollten, was wir annahmen.
    Da wir nun in der groen Wohnstube saen, zeigte mir der Vater den
gerumigen Ahorntisch, bei dem er und seine Geschwister ihre Nahrung eingenommen
hatten. Der Tisch war alt geworden, aber der Vater sagte, da er noch in
derselben Ecke stehe, von den zwei Fenstern beglnzt und von der
hereinscheinenden Sonne beleuchtet wie einst. Er zeigte mir seine gewesene,
neben der Stube befindliche Schlafkammer. Dann gingen wir hinaus, er wies mir
die Treppe, die auf den hlzernen Gang fhrte, welcher rings um den Hof lief,
und den Quell, der sich noch immer mit hellem Wasser in den Granittrog ergo,
welchen schon sein Urgrovater hatte hauen lassen, er wies mir den Stall, die
Scheune und hinter ihr den Waldweg, auf dem er, noch ein halbes Kind, mit einem
Stabe in der Hand die Heimat verlassen habe, um in der Fremde sein Glck zu
suchen. Wir gingen sogar in das Freie und dort herum. Der Vater blieb hufig
stehen, und erinnerte sich noch der Fruchtgattungen, welche auf verschiedenen
Stellen gestanden waren, als er mit einem Tfelchen, darauf sich rote und
schwarze Buchstaben befanden, in das eine Viertelstunde entlegene hlzerne Haus
ging, das an der Strae stand, von Buchen umgeben war und die Schule fr alle
Kinder des Tales vorstellte. Er sagte, es sei alles noch wie zur Zeit seiner
Kindheit, die nmlichen Begrenzungen, die nmlichen kleinen Feldwege und
dieselben Wassergrben und Quellrinnsale. Er sagte, es sei ihm, als stnden
sogar dieselben Arnikablumen auf der Wiese, die er als Knabe angeschaut habe,
und da er mich zu dem Steinbhl gefhrt hatte, der am Rande der Felder lag, so
ragten die Himbeerzweige empor, rankten sich die dornenreichen Brombeerreben um
die Steine und wucherten die Erdbeerbltter, gerade wie die, von denen er als
Knabe gepflckt hatte. Vom Steinbhl gingen wir zu dem einfachen Essen, das wir
mit unsern Verwandten verzehrten. Nach demselben besuchten wir mit dem jetzigen
Eigentmer alle Besitzungen. Der Vater sagte, dort habe sein Vater gepflgt,
geeggt, gegraben, hier habe seine Mutter mit der Schwester, der Magd und den
Tagelhnern Heu gemacht, dort seien die Khe und Ziegen gegen den Wald hinan
gegangen, wie sie jetzt gehen, und die Seinigen haben ausgesehen, wie die Leute
jetzt aussehen.
    Als wir zurckgekehrt waren, verabschiedeten wir uns, der Vater dankte fr
die Bewirtung und sagte, da er gegen den Abend noch einmal in das Haus kommen
werde.
    Da wir uns in dem Zimmer unseres Gasthofes befanden, ffnete der Vater
seinen Koffer und nahm allerlei Dinge aus demselben hervor, welche zu Geschenken
fr die Bewohner des Hauses bestimmt waren, in dem wir gespeist hatten. Ich war
von ihm nie in die Kenntnis gesetzt worden, welche Bewohner wir in seinem
Vaterhause treffen wrden, er mute sie wohl auch selber nicht genau gekannt
haben. Ich war also nicht mit Geschenken versehen. Der Vater hatte aber auch fr
diesen Fall gesorgt, er gab mir mehrere Dinge, besonders Stoffe, kleine
Schmucksachen und hnliches, um es bei unserem Abendbesuche in dem Hause
auszuteilen. Er hatte nicht gleich bei seiner Ankunft die Geschenke mitnehmen
wollen, weil er es, obwohl die Leute nur die gewhnlichen Talbewohner dieser
Gegend waren, fr unschicklich hielt, mit Gaben belastet das Haus zu betreten
und ihnen gleichsam sagen zu wollen: Ich glaube, da ihr das fr das Wichtigste
haltet. Jetzt aber war er ihnen etwas schuldig geworden und konnte den Dank fr
die gute Aufnahme abstatten.
    Als wir die Geschenke in dem Hause verteilt und dafr die Freude und den
Dank der Empfnger geerntet hatten, die in zwei Eheleuten mittlerer Jahre, in
deren zwei Shnen, einer Tochter und in einer alten Gromutter bestanden - den
Knecht und die zwei Mgde nicht gerechnet -, war es mittlerweile Nacht geworden,
und wir kehrten wieder in unsere Herberge zurck.
    Wir blieben noch vier Tage in der Gegend. Der Vater besuchte in meiner
Begleitung viele Stellen, die ihm einst lieb gewesen waren, einen kleinen See,
einen Felsblock, von dem eine schne Aussicht war, eine Gartenanlage in einem
nicht sehr entfernten schlohnlichen Gebude, die hlzerne Schule, und vor
allen die eine und eine halbe Wegestunde entfernte Kirche, welche das Gotteshaus
des Tales war, und um welche der Kirchhof bog, in welchem sein Vater und seine
Mutter ruhten. Eine weie Marmortafel, die er und sein Bruder hatten setzen
lassen, ehrte ihr Angedenken. Sonst ging der Vater auch fast in allen Zeiten des
Tages auf den Wegen der Felder und des Waldes herum.
    Am fnften Tage traten wir die Rckreise zu den Unsrigen an.
    Wir waren am frhen Morgen noch zu unsern Verwandten gegangen. Sie waren,
wie es bei Landleuten in solchen Fllen gebruchlich ist, schner angekleidet
als sonst und erwarteten uns. Wir nahmen in herzlicher Weise Abschied. Ich
versprach, da ich ohnehin das Wandern gewohnt sei und viele Gegenden besuche,
auch hieher wieder zu kommen und noch fter in dem kleinen Hause vorzusprechen.
Der Vater sagte, es knne sein, da er wieder komme, oder auch nicht, wie es
sich eben beim Alter fge. Man msse erwarten, was Gott gewhre. Die Leute
begleiteten uns in das Gasthaus, und blieben da, bis wir den Wagen bestiegen
hatten. Aus den Worten ihres Abschiedes und ihrer Danksagungen erkannte ich, da
der Vater ihnen auch eine Summe Geldes gegeben haben msse. Sie sahen uns sehr
lange nach.
    Im Fortfahren war der Vater anfangs ernst und wortkarg, es mochte ihm das
Herz schwer gewesen sein. Spter entwickelte sich bei uns wieder ein Verkehr der
Rede, wie er auf der Herreise gewesen war.
    Am Abende des dritten Tages nach unserer Abfahrt waren wir wieder in dem
Hause in der Vaterstadt.
    Die Mutter war sehr erfreut, da der Aufenthalt von eilf Tagen in der freien
Luft fr den Vater von so wohlttigen Folgen gewesen sei. Seine Wangen haben
sich nicht nur schn rot gefrbt, sie seien auch voller geworden, und das Auge
sei weit klarer, als wenn es immer auf das Papier seiner Schreibstube geblickt
htte.
    Das ist nur die Wirkung des Anfangs und eine Folge des Reizes des Wechsels
auf die krperlichen Gebilde, sagte der Vater, im Verlaufe der Zeit gewhnt
sich Blut, Muskel und Nerv an die freie Luft und Bewegung, und das erste rtet
sich nicht mehr so, und die letzten schwellen. Allerdings aber wirkt viel
Aufenthalt in freier Luft und gehrige Bewegung, in welche sich keine Sorgen
mischen, weit gnstiger auf die Gesundheit, als ein stetiges Sitzen in Stuben
und ein Hingeben an Gedanken fr die Zukunft. Wir werden schon einmal, und wer
wei wie nahe die Zeit ist, auch dieses Glck genieen und uns recht darber
freuen.
    Wir werden uns treuen, wenn du es genieest, erwiderte die Mutter, du
entbehrst es am meisten, und dir ist es am ntigsten. Wir andern knnen in
unsern Garten und in die Umgebung der Stadt gehen, du suchst immer die dstere
Stube. Weil du es aber schon so oft gesagt hast, so wird es doch einmal wahr
werden.
    Es wird wahr werden, Mutter, antwortete der Vater, es wird wahr werden.
    Sie wendete sich an uns, wir sollen bestttigen, da der Vater nie so gesund
und so heiter ausgesehen habe als nach dieser kurzen Reise.
    Wir gaben es zu.
    Nun mute aber auch noch auf eine andere Reise gedacht werden, weil heuer
einmal der Sommer der Reisen war, und wir muten dieselbe ins Werk setzen, meine
und Klotildens Fahrt ins Gebirge. Der Herbst war schon da, wie ich an den
Buchenblttern um das Geburthaus meines Vaters hatte wahrnehmen knnen, die
bereits im Begriffe waren, die rote Farbe vor ihrem Abfallen zu gewinnen. Es war
keine Zeit mehr zu verlieren.
    Fr Klotilden waren die Vorbereitungen fertig, ich brauchte keine, weil ich
immer in Bereitschaft war, und so konnten wir ungesumt unsere verabredete Fahrt
beginnen.
    Die Mutter legte mir das Wohl der Schwester sehr an das Herz, der Vater
sagte, wir sollen die Mue nach unserer besten Einsicht genieen, und so fuhren
wir bei dem Aufgange einer klaren Herbstsonne aus dem Tore unseres Hauses.
    Ich wollte die Schwester, welche ihre erste grere Reise machte, nicht der
Berhrung mit andern Menschen in einem gemeinschaftlichen Wagen aussetzen, da
man deren Wesen und Benehmen nicht voraus wissen konnte; deshalb zog ich es vor,
mit Postpferden so lange zu fahren, als es mir gut erscheinen wrde, und dann
die Art unsers Weiterkommens im Gebirge je nach der Sachlage zu bestimmen. Es
hatte diese Art zu reisen noch den Vorteil, da ich anhalten konnte, wo ich
wollte, und da ich der Schwester manches erklren durfte, ohne dabei auf jemand
Rcksicht nehmen zu mssen, der als Zeuge gegenwrtig wre. Auch konnten wir uns
in unseren geschwisterlichen Gesprchen ber unsere Angehrigen, unser Haus und
andere Dinge nach der freien Stimmung unserer Seele bewegen. Auf diese Art
fuhren wir zwei Tage. Ich gnnte ihr fter Ruhe, da sie ein fortwhrendes Fahren
nicht gewohnt war, und endete immer noch lange vor Abend unsere Tagreise. Wir
sahen die Berge schon immer in der Nhe von einigen Meilen mit unserem Wege
gleich laufen; aber ihre Teile waren hier weniger wichtig. Es war mir uerst
lieblich, die Gestalt der Schwester neben mir in dem Wagen zu wissen, ihr
schnes Angesicht zu sehen und ihren Atem zu empfinden. Ihre schwesterliche Rede
und die frische Weise, alles, was ihr neu war, in die vollkommen klare Seele
aufzunehmen, war mir unaussprechlich wohlttig.
    Am Vormittage des dritten Tages lie ich sie ruhen. Fr den Nachmittag
mietete ich einen Wagen, und wir fahren von der Poststrae weg gerade dem
Gebirge zu. Unsere Fahrt war von angenehmer und heiterer Stimmung begleitet, und
wir ergingen uns in mannigfaltigen Gesprchen. Als die blauen Berge in der
klaren Luft, die einen milchig grnlichen Schimmer hatte, uns entgegen traten,
leuchtete ihr Auge immer freundlicher, und ihre Mienen waren teilnehmend der
Gegend, in die wir fuhren, zugekehrt. Gleich wie bei dem Vater rteten sich nach
dieser dreitgigen Reise auch ihre zarten Wangen, und ihre Augen wurden
glnzender. So kamen wir endlich an dem Orte an, den ich fr unsere Nachtruhe
bestimmt hatte. An demselben rauschte die grne Afel mit ihren Gebirgswssern
vorber, welches Rauschen durch ein schief ber das Flubett gezogenes Wehr noch
vermehrt wurde. Waldhnge in langen Rcken begannen schon sich zu erheben, und
oberhalb des dunkeln Randes eines bedeutend hohen Buchenwaldes blickte bereits
das rote Haupt eines im Abende glhenden Berges herein, auf welchem schon
einzelne Strecken von Schnee lagen.
    Des andern Tages mietete ich ein Gebirgswgelchen, wie sie zum Fortkommen
auf Wegen, die nicht Poststraen sind, in den Gebirgen am besten dienen, und
deren Pferde an die Gegenstnde des Gebirges und an die Beschaffenheit seiner
Wege gewhnt und daher am zuverlssigsten sind. Wir brachten unsere Sachen in
demselben, so gut es ging, unter, und fuhren der glnzenden Afel entgegen, immer
tiefer in die Berge hinein. Ich nannte jeden Namen eines vorzglichen Berges,
machte auf die Bildungen aufmerksam, und suchte die Farben, die Lichter und die
Schatten zu errtern. berall begannen schon die Laubwlder die rtliche und
gelbliche Frbung anzunehmen, was den Hauch ber all den Gestaltungen noch
lieblicher machte.
    Da ich in eine gewisse Tiefe des Gebirges gekommen war, nderte ich die
Richtung und fuhr nun nach der Lnge desselben hin. Als zwei Tage vergangen
waren und der dritte auch schon dem Nachmittag zuneigte, blickte uns aus der
Tiefe des Tales das Gewsser des Lautersees entgegen. Wir kamen um den Rcken
eines breiten Waldberges herum, und die Glanzstellen entwickelten sich immer
mehr. Endlich lag der grte Teil des Spiegels unter dem Gezweige der Tannen,
der Buchen und der Ahorne zu unsern Fen. Wir sanken mit unserem Wglein auf
dem schmalen Wege immer tiefer und tiefer, bis wir nach etwa zwei Stunden an dem
Ufer des Sees anlangten und die Steinchen in seinen seichten Buchten htten
zhlen knnen. Wir fuhren an dem Ufer dahin, umfuhren eine kleine Strecke des
Sees, und kamen in dem Seewirtshause an. Dort lohnte ich unsern Fuhrmann ab und
mietete uns fr mehrere Tage ein. Klotilde mute dasselbe Zimmer bekommen,
welches ich whrend der Zeiten meiner Vermessungen des Lautersees innegehabt
hatte. Ich begngte mich mit einem kleineren Stbchen in ihrer Nhe. Man staunte
das schne und, wie man sich ausdrckte, vornehme Mdchen an, und ich gewann
sichtbar an Ansehen, da ich eine solche Schwester hatte. Alle, die ein Ruder
fahren konnten, oder die gebt waren, Steigeisen anzulegen und einen Alpenstock
zu gebrauchen, kamen herzu und boten ihre Dienste an. Ich sagte, da ich sie
rufen werde, wenn wir sie bedrfen, und da wir uns dann ihrer Gesellschaft sehr
erfreuen wrden.
    Zuerst machte ich Klotilden ein wenig in ihrem Zimmerchen wohnhaft. Ich
zeigte ihr bedeutsame Stellen, die sie aus ihren Fenstern sehen konnte, und
nannte ihr dieselben. Ich zeigte ihr, wie ich in verschiedenen Richtungen auf
dem See gefahren war, um seine Tiefe zu messen, und wie wir uns bald auf dieser,
bald auf jener Stelle des Wassers festsetzen muten. Sie richtete sich Farben
und Zeichnungsgerte zurecht, um zu versuchen, ob sie nicht auch nach der
unmittelbaren Anschauung von den Rumen ihres Zimmerchens aus etwas von den
Gestaltungen, die sie hier sehen konnte, auf das Papier zu bertragen vermchte.
    Die folgenden Tage brachten wir damit zu, in den Umgebungen des Seehauses
Spaziergnge zu machen, damit Klotilde sich ein wenig in diese Bildungen
einlebe. Das vorausgesagte schne Wetter war eingetroffen, es dauerte fort, und
so konnten wir uns der Freude und dem Vergngen, welche diese Gnge uns
gewhrten, um so ungestrter hingeben, als auch der Stand unserer Gesundheit ein
vortrefflicher war, und die Befrchtungen, welche die Mutter und zum Teile auch
ich in Hinsicht Klotildens gehegt hatten, nicht in Erfllung gingen. Wir
schickten von hier aus Briefe nach Hause.
    In der Folge der Tage fhrte ich sie auf den See hinaus. Ich fhrte sie auf
die verschiedenen Teile, die entweder an sich schn und bedeutend waren, oder
von denen man schne und merkwrdige Anblicke gewinnen konnte. Ich untersttzte
sie mit allen meinen Erfahrungen, die ich mir durch meine mehrfltigen
Aufenthalte in dem Gebirge gesammelt hatte. Sie nahm alles mit einer tiefen
Seele auf, und durch meine Hilfe waren ihr manche Umwege erspart, welche
diejenigen, die zum ersten Male die Berge besuchen, machen mssen, ehe es ihnen
gelingt, sich die Gre und Erhabenheit der Gebirge aufschlieen zu knnen. Auf
den Seefahrten untersttzten uns zwei junge Schiffer, die meine steten Begleiter
bei meinen Messungen gewesen waren. Wir gingen auch bergan. Ich hatte Klotilden
Fubekleidungen machen lassen, welche nach innen weich, nach auen aber hart und
dem rauhen Gerlle Widerstand leistend waren. Auf dem Haupte trug sie einen
bequemen Schirmhut und in der Hand einen eigens fr sie gemachten Alpenstock.
Wenn wir auf die Hhen kamen, wurde mit Freude die Aussicht genossen. Klotilde
versuchte auch nach der Anschauung etwas zu zeichnen und zu malen; aber die
Ergebnisse waren noch weit mangelhafter als bei mir, da sie einen geringeren
Vorrat von Erfahrung zu dem Versuche brachte.
    Nachdem ber eine Woche vergangen war, fhrte ich Klotilden mittelst eines
gleichen Fuhrwerkes, wie wir sie bisher im Gebirge gehabt hatten, in das
Lautertal und in das Ahornhaus. Dort fanden wir ein besseres Unterkommen als in
dem Seehause, und wir erhielten zwei nebeneinander befindliche gerumige und
freundliche Zimmer, deren Fenster auf die Ahorne vor dem Hause hinausgingen und
durch die gelben Bltter derselben auf die blauduftigen Hhen sahen, die vom
Hause gegen den Sden standen. Ich zeigte meine Schwester der Wirtin, ich zeigte
sie dem alten Kaspar, der auf die Kunde meiner Ankunft sogleich herbei gekommen
war, und ich zeigte sie den andern, welche sich gleichfalls reichlich
eingefunden hatten. Es war hier ein noch grerer Jubel als in dem Seehause, es
freute sie, da eine solche Jungfrau in die Berge gekommen, und da sie meine
Schwester sei.
    Sie boten ihr Dienste an und nherten sich mit einiger Scheu. Klotilde
betrachtete alle diese Menschen, die ich ihr als meine Begleiter und Gehilfen
bei meinen Arbeiten vorstellte, mit Vergngen, sie sprach mit ihnen, und lie
sich wieder erzhlen. Sie lernte sich immer mehr in die Art dieser Leute ein.
Ich fragte um meinen Zitherspiellehrer, weil ich Klotilden diesen Mann zeigen
wollte, und weil ich auch wnschte, da sie sein auerordentliches Spiel mit
eigenen Ohren hren mchte. Wir hatten zu diesem Zwecke unsere beiden Zithern in
unserm Gepcke mitgenommen. Man sagte mir aber, da seit der Zeit, als ich ihnen
erzhlt habe, da er von meinen Arbeiten fortgegangen sei, kein Mensch weder in
den nhern noch in den fernern Tlern etwas von ihm gehrt habe. Ich sagte also
Klotilden, da sie keinen andern als die gewhnlichen einheimischen
Zitherspieler werde hren knnen, wie sie dieselben auch bereits gehrt habe,
und wie sie ihr anziehender erschienen seien als die Kunstspieler in der Stadt
und als ich, der ich wahrscheinlich ein Zwitter zwischen einem Kunstspieler und
einem Spieler des Gebirges sei. Wir richteten uns in unserem Zimmer ein, und
begannen ungefhr so zu leben, wie wir in der Umgebung des Seehauses gelebt
hatten. Ich fhrte Klotilden in das Echertal zu dem Meister, welcher unsere
Zithern verfertiget hatte. Er besa noch immer die dritte Zither, welche mit
meiner und Klotildens ganz gleich war. Er sagte, es seien zwar Kufer von
Zithern gekommen, die diese gepriesen htten; aber das seien Gebirgsleute
gewesen, die nicht so viel Geld haben, sich eine solche Zither kaufen zu knnen.
Die andern, welche die Mittel besen, vorzglich Reisende, ziehen Zithern vor,
welche eine schne Ausschmckung haben, wenn sie auch teurer sind, und lassen
die stehen, deren Tugenden sie nicht zu schtzen wissen. Er spielte ein wenig
auf ihr, er spielte mit einer groen Fertigkeit; aber in jener wilden und
weichen Weise, mit welcher mein schweifender Jgersmann spielte, und welche
gerade diesem Musikgerte so zusagte, vermochte weder er zu spielen, noch hatte
ich jemanden so spielen gehrt. Ich sagte dem alten Manne, da das Mdchen meine
Schwester sei, und da sie auch eine von den drei Zithern besitze, von denen er
sage, da sie die besten seien, die er in seinem Leben gemacht habe. Er hatte
seine Freude darber, gab Klotilden ein Bndel Saiten und sagte: Es sind meine
besten Zithern, und werden wohl auch meine besten bleiben.
    Wir besuchten die Tler und einige Berge um das Ahornhaus, und Kaspar oder
ein anderer waren zuweilen unsere Begleiter und Trger.
    Ich fhrte Klotilden auch in das Huschen, in welchem ich die
Pfeilerverkleidungen fr den Vater gekauft hatte, ich fhrte sie in das
steinerne Schlo, in welchem sie ursprnglich gewesen sein mochten, ich fhrte
sie auch in das Rothmoor, wo sie das Arbeiten in Marmor betrachten konnte.
    Wir blieben lnger in dem Ahornhause, als wir im Seehause gewesen waren, und
alle Menschen waren hier noch freundlicher, zutraulicher und hilfreicher als
dort. Die Wirtin war unerfllte in Dienstanerbietungen gegen meine Schwester. Zu
Ende unseres Aufenthaltes traten hier khle und regnerische Tage ein. Wir
verbrachten sie still in der heitern Wohnlichkeit des Hauses. Aber aus der
Beschaffenheit des Laubes an den Bumen und dem Aussehen der Herbstpflanzen auf
den Matten, aus dem Verhalten der Tiere und aus der Beschaffenheit des Pelzes
derselben erkannte ich, da die dauernde kalte und unfreundliche Zeit noch nicht
gekommen sei, und da noch warme und klare Tage eintreten mssen. Als daher das
Wetter sich wieder aufheiterte, verlie ich mit Klotilden das Ahornhaus und
schlug den Weg in das Kargrat ein.
    Ich hatte mich in meinen Voraussetzungen nicht getuscht. Nachdem zwei halb
heitere und khle Tage gewesen waren, die wir mit Fahren zugebracht hatten, zog
wieder ein ganz heiterer, zwar am Morgen kalter, in seinem Verlaufe aber sich
schnell erwrmender Tag ber die beschneiten Gipfel herauf, dem eine Reihe
schner und warmer Tage folgte, die den Schnee auf den Hhen und den, welcher
das Eis der Gletscher bedeckt hatte, wieder weg nahmen, und das letztere so weit
sichtbar machten, als es in diesem Sommer berhaupt sichtbar gewesen war. Wir
hatten am zweiten dieser schnen Tage das Kargrat erreicht. Die Reise war darum
von so langer Dauer gewesen, weil wir kleine Tagefahrten gemacht hatten, und
weil wir die Berge hinan und hinab recht langsam gefahren waren. Wir zogen in
die rmlichkeit unserer Wohnung, die durch die Gre und de der Gegend, von
welcher sie umgeben war, noch mehr herabgedrckt wurde, ein. Am zweiten Tage
nach unserer Ankunft, da alles vorbereitet worden war, folgte mir Klotilde auf
das Simmieis. Es waren Fhrer, Trger von Lebensmitteln und von allem, was auf
einer solchen Wanderung notwendig oder ntzlich sein konnte, und endlich auch
solche, die eine Snfte hatten, mitgegangen. Wir waren am ersten Tage bis zur
Karzuflucht gekommen. Dort waren wir in dem aus Holzblcken fr die Besteiger
der Karspitze gezimmerten Huschen ber Nacht geblieben, hatten aus
mitgebrachtem Holze Feuer gemacht und uns unser Abendessen bereitet. Mit Anbruch
des nchsten Tages gingen wir weiter und kamen im Glanze des Vormittages auf die
Wlbung des Gletschers. Da an eine Besteigung der Karspitze nicht gedacht
werden konnte, war natrlich. Wir betrachteten hier nun, was zu betrachten war,
und als sich Klte in den Gliedern einstellen wollte, traten wir den Rckweg an.
In der Zuflucht wurden wieder Speisen bereitet, und dann gingen wir vollends
hinab. Als wir zurckgekehrt waren, sank mir Klotilde fast erschpft an das
Herz.
    Ich legte am andern Tage Klotilden mehrere Zeichnungen, die ich von
Gletschern, ihren Einfassungen, Wlbungen, Spaltungen, Zusammenschiebungen und
dergleichen gemacht hatte, vor, damit sie in der frischen Erinnerung das
Gesehene mit dem Abgebildeten vergleichen konnte. Ich machte auf vieles
aufmerksam, fhrte manches in ihr Gedchtnis zurck, und erwhnte hier auch als
an der geeignetsten Stelle, wie sehr die Abbildung hinter der Wirklichkeit
zurck bleibe. In den nchsten zwei Tagen besuchten wir noch verschiedene
Stellen, von denen wir das Eis und die Schneegestaltungen dieser Berge
betrachten konnten. Auch einen Wassersturz von einer steilrechten Wand zeigte
ich Klotilden. Hierauf aber begann ich, auf unsere Rckreise zu den Eltern zu
denken. Die Zeit war nach und nach so vorgerckt, da ein Aufenthalt in diesen
hochgelegenen Rumen besonders fr ein der Stadt gewohntes Mdchen nicht mehr
ersprielich war. Ich schlug daher Klotilden vor, nun auf dem nchsten Wege
durch das ebenere Land unsere Heimat zu gewinnen zu suchen. Sie war damit
einverstanden. Von dem nchsten greren Orte her wurde ein Fuhrwerk bestellt,
welches uns auf die erste Post bringen sollte. Wir nahmen von unserer Wirtin und
ihrem Manne so wie von unsern Trgern und Fhrern, die noch zum Empfange eines
kleinen Geschenkes herbei gekommen waren, Abschied, wir verabschiedeten uns von
dem Pfarrer, der uns zuweilen besucht und uns auf Schnheiten, von seinem
kleinen Gesichtskreise aus, aufmerksam gemacht hatte, und fuhren auf unserem
Karren, der nur mit einem Pferde bespannt war, auf dem schmalen Wege von dem
Kargrat hinab. Das letzte, was wir von dem kleinen rtchen sahen, war die mit
Schindeln bedeckte Wand des Pfarrhofes und die gleichfalls mit Schindeln
bedeckte Wand der schmalen Seite der Kirche. Ich sagte Klotilden, da diese
Bedeckungen notwendig seien, um die in diesen Hhen stark wirkende Gewalt des
Regens und des Schnees von dem Mauerwerke abzuhalten. Wir konnten nur noch einen
Blick auf die zwei Gebude tun, dann trat eine Hhe zwischen unsere Augen und
sie. Wir glitten mit unserem Fuhrwerke sehr schnell abwrts, wilde Grnde
umgaben uns, und endlich empfing uns der Wald, der die Niederungen suchte, in
ihnen dahin zog, und schon wohnlicher und wrmer war. Wir kamen unter Wiegen und
chzen unseres Wgleins immer tiefer und tiefer, Fahrgeleise von Holzwegen, die
den Wald durchstrichen, mndeten in unsere Strae, diese wurde fester und
breiter, und wir fuhren zuweilen schon eben und behaglich dahin.
    Als wir den Ort erreicht hatten, an welchem sich die nchste Post befand,
lohnte ich den Fhrer meines Wgleins ab, sendete ihn zurck, und nahm
Postpferde. Wir fuhren in gerader Richtung auf dem krzesten Wege aus dem
Gebirge gegen das flachere Land, um die Heerstrae zu gewinnen, die nach unserer
Heimat fhrte. Immer mehr und mehr sanken die Berge hinter uns zurck, die milde
Herbstsonne, die sie beschien, frbte sie immer blauer und blauer, die Hhen,
die uns jetzt begegneten, wurden stets kleiner und kleiner, bis wir in das Land
hinaus kamen, dessen Gefilde mit lauter dem Menschen nutzbarem Grunde bedeckt
waren. Dort trafen wir auf die groe Strae. Bisher waren wir gegen Norden
gefahren, jetzt nderten wir die Richtung und fuhren dem Osten zu. Wir hatten
auch bessere Wgen.
    Da wir einen Tag auf dieser Strae gefahren waren, lie ich an einem Orte
halten, und beschlo, einen Tag an demselben zu bleiben; den Abend und die Nacht
brachten wir in Ruhe zu. Am andern Tage gegen Mittag fhrte ich die Schwester
auf einen mig hohen Hgel. Der Tag war ein sehr schner Herbsttag, der
Schleier, welcher im Vormittage so Hgel als Grnde zart umwebt hatte, war einer
vlligen Klarheit gewichen. Ich befestigte mittelst Schrauben mein Fernrohr an
dem Stamme einer Eiche und richtete es. Dann hie ich Klotilden durchsehen und
fragte sie, was sie she.
    Ein hohes, dunkles Dach, sagte sie, aus welchem mehrere breite und
mchtige Rauchfnge empor ragen. Unter dem Dache ist ein Gemuer von ebenfalls
dunkler Farbe, in welchem groe Fenster in gemen Entfernungen stehen. Das
Gebude scheint ein Viereck zu sein.
    Und was siehst du weiter, Klotilde, wenn du das Rohr in die Umgebungen des
Gebudes richtest? fragte ich.
    Bume, die hinter dem Hause stehen, gleichsam wie ein Garten, antwortete
sie. Die Mauern des Gebudes sind dort licht wie die unserer Huser. Dann sehe
ich Felder, in ihnen wieder Bume, hie und da ein Haus, und endlich wolkenartige
Spitzen, die wie das Hochgebirge sind, das wir verlassen haben.
    Es ist das Hochgebirge, antwortete ich.
    Ist das etwa - -? fragte sie, den Kopf von dem Fernrohre wegwendend und
mich ansehend.
    Ja, Klotilde, das Gebude ist der Sternenhof, antwortete ich.
    Wo Natalie wohnt? fragte sie.
    Wo Natalie wohnt, wo die edle Mathilde verweilt, wo so treffliche Menschen
ein und aus gehen, wohin meine Gedanken sich mit Empfindung wenden, wo sanfte
Gegenstnde der Kunst thronen, und wo ein liebes Land um all die Mauern herum
liegt, antwortete ich.
    Das ist der Sternenhof! sagte Klotilde, blickte wieder in das Fernrohr,
und sah lange durch dasselbe.
    Ich habe dich mit Freude auf diesen Hgel gefhrt, Klotilde, sagte ich,
um dir diesen Ort zu zeigen, in dem mein warmes Herz schlgt und ein tiefer
Teil von meinem Wesen wohnt.
    Ach lieber, teurer Bruder, antwortete sie, wie oft gehen meine Gedanken
an den Ort, und wie oft weilt mein Gemt in seinen mir noch unbekannten Mauern!
    Du begreifst aber, sagte ich, da wir jetzt nicht hingehen knnen, und
da die Angelegenheit ihre naturgeme Entwicklung haben mu. Ich begreife
es, antwortete sie. Du wirst sie sehen, an deinem Herzen halten, und sie
lieben, sagte ich.
    Klotilde sah wieder in das Rohr, sie sah sehr lange in dasselbe und
betrachtete alles genau. Ich lenkte ihren Blick auf die Teile, die mir wichtig
schienen, erklrte ihr alles, und erzhlte von dem Schlosse und von denen, die
in demselben sind.
    Es war indessen der Mittag gekommen, wir lsten das Fernrohr ab, und gingen
langsam unserer Wohnung zu.
    Kann man hier nicht auch das Rosenhaus deines Freundes sehen? fragte sie
im Heimgehen.
    Hier nicht, erwiderte ich, hier ist nicht einmal der hchste Teil der
Rosenhausgegend zu erblichen, weil der Kronwald, den du gegen Norden siehst, sie
deckt. Im Weiterfahren werden wir auf einen Hgel kommen, von dem aus ich dir
die Anhhe zeigen kann, auf welcher das Haus liegt, und von dem aus du mit dem
Fernrohre das Haus sehen kannst.
    Wir gingen in unsere Wohnung, und am nchsten Tage fuhren wir weiter. Als
wir an die Stelle gekommen waren, von welcher man die Hhe des Asperhofes sehen
konnte, lie ich halten, wir stiegen aus, ich zeigte Klotilden den Hgel, auf
welchem das Haus meines Gastfreundes liegt, richtete das Fernrohr, und lie sie
durch dasselbe das Haus erblicken. Wir waren aber hier so weit von dem Asperhofe
entfernt, da man selbst durch das Fernrohr das Haus nur als ein weies
Sternchen sehen konnte. Nach dessen Betrachtung fuhren wir wieder weiter.
    Als nach diesem Tage der dritte vergangen war, fuhren wir gegen Abend durch
den Torweg des Vorstadthauses unserer Eltern ein.
    Mutter, rief ich, da uns diese und der Vater, der unsere Ankunft gewut
hatte und daher zu Hause geblieben war, entgegen kamen, ich bringe sie dir
gesund und blhend zurck.
    Wirklich war Klotilde, wie es dem Vater auf seiner kleinen Reise ergangen
war, durch die Luft und die Bewegung krftiger, heiterer und in ihrem Angesichte
reicher an Farbe geworden, als sie es je in der Stadt gewesen war.
    Sie sprang von dem Wagen in die Arme der Mutter und begrte diese und dann
auch den Vater freudenvoll; denn es war das erste Mal gewesen, da sie die
Eltern verlassen hatte und auf lngere Zeit in ziemlicher Entfernung von ihnen
gewesen war. Man fhrte sie die Treppe hinan, und dann in ihr Zimmer. Dort mute
sie erzhlen, erzhlte gerne, und unterbrach sich fter, indem sie das
inzwischen heraufgebrachte Gepck aufschlo und die mannigfaltigen Dinge heraus
nahm, die sie in den verschiedenen Ortschaften zu Geschenken und Erinnerungen
gekauft oder an mancherlei Wanderstellen gesammelt hatte. Ich war ebenfalls mit
in ihr Zimmer gegangen, und als wir geraume Weile bei ihr gewesen waren,
entfernten wir uns und berlieen sie einer notwendigen Ruhe.
    Nun folgte fr Klotilden fast eine Zeit der Betubung, sie beschrieb, sie
erzhlte wieder, sie setzte sich vor Zeichnungen hin, bltterte in ihnen, oder
zeichnete selber, und suchte in der Erinnerung Gesehenes nachzubilden.
    Aber auch fr mich war diese Reise nicht ohne Erfolg gewesen. Was ich halb
im Scherze, halb im Ernste gesagt hatte, da ich durch diese Reise zu einer
greren Ruhe kommen werde, ist in Wirklichkeit eingetroffen. Klotilde, welche
alle die Gegenstnde, die mir lngst bekannt waren, mit neuen Augen angeschaut,
welche alles so frisch, so klar und so tief in ihr Gemt aufgenommen hatte,
hatte meine Gedanken auf sich gelenkt, hatte mir selber etwas Frisches und
Ursprngliches gegeben und mir Freude ber ihre Freude mitgeteilt, so da ich
gleichsam gestrkter und befestigter ber meine Beziehungen nachdenken und sie
mir gewissermaen vor mir selber zurecht legen konnte.
    Ich hatte mit Natalien keinen Briefwechsel verabredet, ich hatte nicht daran
gedacht, sie wahrscheinlich auch nicht. Unser Verhltnis erschien mir so hoch,
da es mir kleiner vorgekommen wre, wenn wir uns gegenseitig Briefe geschickt
htten. Wir muten in der Festigkeit der berzeugung der Liebe des andern ruhen,
durften uns nicht durch Ungeduld vermindern, und muten warten, wie sich alles
entwickeln werde. So konnte ich mit dem Gefhle von Seligkeit von Natalien fern
sein, konnte mich freuen, da alles so ist, wie es ist, und konnte dessen
harren, was meine Eltern und Nataliens Angehrige beginnen werden.
    Klotilden, welche ihren Bergen, Lften, Seen und Wldern die Farbe geben
wollte, die sie gesehen hatte, suchte ich beizustehen, und zeigte ihr, worin sie
fehle, und wie sie es immer besser machen knne. Wir wuten es jetzt, da man
die zarte Kraft, wie sie uns in der Wesenheit der Hochgebirge entgegen tritt,
nicht darstellen knne, und die Kunst des Groen Meisters nur in der besten
Annherung bestehe. Auch in ihrem Bestreben, die Art, wie sie im Gebirge die
Zither spielen gehrt hatte, und die eigentmlichen Tne, die ihr dort
vorgekommen waren, nachzuahmen, suchte ich ihr zu helfen. Wir konnten wohl beide
unsere Vorbilder nicht vllig erreichen, freuten uns aber doch unserer Versuche.
Bei einigen Freunden machte ich gelegentlich zwei oder drei Besuche.
    So war der Winter gekommen. Ich fate, weil ich schon nach dem Rate des
Vaters beschlossen hatte, im Winter meinen Gastfreund zu besuchen, zugleich auch
den Entschlu, einmal im Winter in das Hochgebirge zu gehen und, wenn dies
mglich sein sollte, einen hohen Berg zu besteigen und auf dem Eise eines
Gletschers zu verweilen. Ich bestimmte hierzu den Januar als den bestndigsten
und meistens auch klarsten Monat des Winters. Gleich nach seinem Beginne fuhr
ich von dem Hause meiner Eltern ab, und fuhr in dem flimmernden Schnee und in
der blendenden Hlle, die alle Fluren deckte, im Schlitten der Gegend zu, in
welcher meine Freunde lebten. Das Wetter war schon durch zehn Tage bestndig und
mig kalt gewesen, der Schnee war reichlich, und auf der Bahn glitten die
Fahrzeuge wie in den Lften dahin. Wie ich sonst nie anders als im offenen Wagen
fuhr, so fuhr ich auch jetzt, mit guten Pelzen versehen, im offenen Schlitten
und freute mich der weichen Hlle, die um meinen Krper war, und auch der, die
berall und allberall lag, freute mich der schweigenden bereiften Wlder, der
ruhenden Obstbume, die ihre weien Gitter ausstreckten, der Huser, von denen
der wohnliche Rauch aufstieg, und der Unzahl der Sterne, die nachts in dem
kalten und finsteren Himmel feuriger funkelten als je sonst im Sommer. Ich hatte
vor, zuerst die Gebirge und dann meinen Gastfreund zu besuchen.
    Ich fuhr bis in die Nhe des Lautertales. Da ich die Strae verlassen
sollte, mietete ich einen einspnnigen Schlitten, weil in den Seitenwegen, auf
denen man immer im Winter nur mit einem Pferde fhrt, die Bahn zu enge ist, als
da zwei Pferde sicher neben einander gehen knnten, und fuhr in das Tal und in
das Ahornwirtshaus. Die Ahorne streckten ungeheure, abenteuerlich gestaltete,
entbltterte und mit feinen Zweigen wie mit Brten versehene Arme der
winterlichen Luft entgegen, das fensterreiche Wirtshaus war in seiner braunen
Farbe gegen die Schneedecke auf seinem Dache und gegen den Schnee, der berall
ringsum lag, noch brauner als sonst, und die Fichtentische vor dem Hause waren
abgebrochen und in Aufbewahrung getan worden. Die Wirtin empfing mich mit
Erstaunen und mit Freude, da ich in einer solchen Jahreszeit komme, und gab mir
das beste Versprechen, da meine Stube so warm und heimlich sein solle, als wehe
kein einziges Lftchen hinein, und so licht, als schiene die Sonne, wenn sie
berhaupt scheint, sonst nirgends hin als auf meine Fenster. Ich lie meine
Gertschaften in die Stube bringen, und bald loderte auch ein lustiges Feuer in
dem Ofen derselben, der ausnahmsweise, wie es sonst in den Gebirgen fast gar
nicht vorkmmt, von innen zu heizen war. Die Wirtin hatte es so einrichten
lassen, weil von auen der Zugang zu dem Ofen so schwer gewesen war. Als ich
mich ein wenig erwrmt und meine Hauptsachen in Ordnung gebracht hatte, ging ich
in die allgemeine Gaststube hinunter. In ihr waren verschiedene Leute anwesend,
die der Weg vorbei fhrte, oder die eine kleine Erquickung und ein Gesprch
suchten. Bei den vielen und sehr nahe stehenden Fenstern drang ein reichliches
Licht herein, so da die Sonnenstrahlen des Wintertages um die Tische spielten,
was um so wohlttiger war, da auch eine behagliche Wrme von den in dem Groen
Ofen brennenden Kltzen das Zimmer erfllte. Ich fragte wieder um meinen
Zitherspiellehrer, es hatte niemand etwas von ihm gehrt. Ich fragte um den
alten Kaspar, er war gesund, und es wurde auf meine Bitte um ihn gesendet. Ich
sagte, da ich im Sinne htte, von dem Lautersee in die Eisfelder der Echern
hinaufzusteigen. Ich htte anfangs Lust gehabt, das Simmieis an der Karspitze zu
besuchen; aber der Zugang ins Kargrat sei mir im Winter sehr unangenehm, und
wenn die Echern auch etwas tiefer liegen als die Simmen, so seinen sie doch
schner und von unvergleichlich wohlgebildeten Felsen eingefat. Alle rieten mir
von meinem Unternehmen ab, es sei im Winter nicht durchzudringen, und die Klte
sei auf den Bergen so gro, da sie kein Mensch zu ertragen vermge. Ich
widerlegte die Einwrfe vorerst dadurch, da ich sagte, es sei eben im Winter
niemand auf den Echern gewesen, wie sie selber berichten, und da man daher
nichts Sicheres wissen knne.
    Aber man kann es sich denken, erwiderten viele. Erfahrung ist noch
besser, sagte ich.
    Indessen kam der alte Kaspar. Die Sache wurde ihm gleich von den Anwesenden
erzhlt, und er riet auch entschieden von dem Unternehmen ab. Ich sagte, da
viele Forscher in Naturdingen im Winter schon auf hohen Bergen gewesen seien,
auf hheren als den Echern, da sie dort Nchte und zuweilen auch eine Reihe von
Tagen und Nchten zugebracht haben. Man wendete immer ein, das seien andere
Berge gewesen, und in den hiesigen gehe es durchaus nicht. Der alte Kaspar
verstand sich endlich ganz allein dazu, mich, wenn ich durchaus wolle, zu
begleiten. Aber das Wetter, meinte er, mten wir uns sorgsam dazu auslesen. Ich
erwiderte ihm, da ich Gerte bei mir htte, die mir anzeigen, wenn eine schne
Zeit bevorstehe, da ich mich auch ein wenig auf die Zeichen an dem Himmel
verstehe, und da ich selber auf den Hhen nicht gar gerne in einen Schneesturm
oder in einen langedauernden Nebel geraten mchte. Alle andern Leute, welche mir
sonst gerne bei meinen Bergarbeiten geholfen hatten, und welche ich ebenfalls
ins Wirtshaus hatte rufen lassen, lehnten es durchaus ab, mich im Winter in die
Echern zu begleiten. Dem Kaspar sagte ich, er msse sich vorbereiten. Ich htte
selber verschiedene Dinge bei mir, von denen er sich die aussuchen knne, von
welchen er glaube, da er sie auf unserer Wanderung mitnehmen mge. Den Tag, an
welchem wir zum See hinunter gehen werden, wrde ich ihm dann schon sagen. Ich
ging unter den lebhaftesten Gesprchen der Anwesenden ber diesen Gegenstand in
meine Stube zurck, und brachte den Abend in derselben zu. Ich wute, da sie
nun tief in die Nacht hinein ber die Sache sprechen wrden, und da in den
nchsten Tagen fr das ganze Tal diese Unternehmung den Stoff der Unterredungen
bilden wrde.
    Es meldete sich nun auch wirklich keiner mehr, um mich und Kaspar zu
begleiten.
    Die Zeit bis zum Beginne unsers Unternehmens brachte ich damit zu, da ich
Wanderungen in der Umgegend machte. Ich betrachtete die Wlder, die in Ruhe und
Pracht dastanden, ich betrachtete die Hhen, auf welchen die unermelichen
Schneemengen lagen, ich betrachtete die Echernwand, von der eine Last von
Eiszapfen niederhing, deren manche die Dicke von Bumen hatten, zuweilen
losbrachen und mit Krachen und Klingen in den Schnee niederstrzten, ich ging
auf Berge und schaute in die stille, gleichsam verdichtete Winterluft, und auf
alle die weien Gebilde, die durch dunkle Wlder, durch Felsen und durch das
sanfte Blau der fernen Bergzge geschnitten waren.
    Gegen die Mitte des Januars, zu welcher Zeit gewhnlich das Wetter am
ausdauerndsten zu sein pflegt, stellten sich die Zeichen ein, da lngere Zeit
schne Tage sein werden. Ein etwas weicher Luftzug der vorigen Tage hatte sich
verloren, die graue Decke am Himmel war verschwunden, und den verwaschenen
Federwolken war eine tiefe Blue gefolgt. Die Luft zog aus Osten, die Klte
mehrte sich, der Schnee flimmerte, und abends zeigte sich der feine blauliche
Duft in den Grnden, der heitere Morgen und immer grere Klte versprach. Meine
Werkzeuge gaben starken Luftdruck und groe Trockenheit an.
    Ich sagte dem alten Kaspar, da wir nunmehr aufbrechen wrden. Wir nahmen an
Alpenstcken, Steigeisen, Stricken, Schneereifen, Decken, Kleidern, was wir
ntig erachteten, eine Schaufel, eine Axt, Kochgeschirr und Lebensmittel auf
mehrere Tage. So bepackt gingen wir zu dem See. Dort teilten wir unsere Dinge in
zwei bequeme Lasten, da jeder mit der seinigen so leicht als mglich gehen
knne, und erwarteten den nchsten Morgen.
    Beim Grauen des Lichtes machten wir uns auf den Weg, und stiegen mit unseren
sehr hohen Stiefeln, die ich eigens zu diesem Zwecke hatte machen lassen, in den
tiefen Schnee der Wege, die zu den Hhen, auf die wir wollten, fhrten, die aber
nur im Sommer betreten wurden, die jetzt keine Spur zeigten, und die wir nur
fanden, weil wir der Gegend sehr kundig waren. Wir gingen mehrere Stunden in
diesem tiefen Schnee, dann kamen Wlder, in denen er niederer lag, und durch
welche das Fortkommen leichter war. Viele Gerlle und schiefliegende Wnde, die
nun folgten, zeigten ebenfalls weniger Schnee als die Tiefe, und es war ber sie
im Winter leichter zu gehen, als ich es im Sommer gefunden hatte, da die
Unebenheiten und die kleinen scharfen Riffe und Steine mit einer Schneedecke
berhllt waren. Als wir die ersten Vorberge berwunden hatten und auf die
Hochebene der Echern gekommen waren, von der man wieder den blauen See recht
tief und dunkel in der weien Umgebung unten liegen sah, machten wir ein wenig
Halt. Die Oberflche der Echern oder die Hochebene, wie man sie auch gerne
nennt, ist aber nichts weniger als eine Ebene, sie ist es nur im Vergleiche mit
den steilen Abhngen, welche ihre Seitenwnde gegen den See bilden. Sie besteht
aus einer Groen Anzahl von Gipfeln, die hinter und neben einander stehen,
verschieden an Gre und Gestalt sind, tiefe Rinnen zwischen sich haben, und
bald in einer Spitze sich erheben, bald breitgedehnte Flchen darstellen. Diese
sind mit kurzem Grase und hie und da mit Kniefhren bedeckt, und unzhlige
Felsblcke ragen aus ihnen empor. Es ist hier am schwersten durchzukommen.
Selbst im Sommer ist es schwierig, die rechte Richtung zu behalten, weil die
Gestaltungen einander so hnlich sind, und ein ausgetretener Pfad begreiflicher
Weise nicht da ist: wie viel mehr im Winter, in welchem die Gestalten durch
Schneeverhllungen berdeckt und entstellt sind, und selbst da, wo sie
hervorragen, ein ungewohntes und fremdartiges Ansehen haben. Es sind mehrere
Alpenhtten in diesem Gebiete zerstreut, und es befinden sich im Sommer Herden
hier oben, die aber, wie zahlreich sie auch sind, in der Groen Ausdehnung
verschwinden und sich gegenseitig oft Monate lang nicht sehen. Wir wnschten
noch beim Lichte des Tages ber diese Erdbildungen hinber zu kommen, und hatten
vor, zur Einhaltung der Richtung uns gegenseitig in unserer Kenntnis der Riffe
und der Hgelgestaltungen zu untersttzen und uns die entscheidenden Bildungen
wechselseitig zu nennen und zu beschreiben. Am oberen Ende der Hochebene, wo
wieder die greren Felsenbildungen beginnen und das Verirren weit weniger
mglich ist, steht im Bereiche groer Kalksteinblcke eine Sennhtte, die
Ziegenalpe genannt, welche das Ziel unserer heutigen Wanderung war. Am Rande der
Bergansteigung und dem Anfange der Hochebene, wo wir jetzt waren, setzten wir
uns nieder. Es liegt da ein groer Stein, der beinahe ganz schwarz ist. Er ist
nicht nur dieser Farbe willen an sich merkwrdig, sondern besonders darum, weil
er durch eben diese Farbe, dann durch seine Gre und seine seltsame Gestalt von
weitem gesehen werden kann, und denen, die von der Ziegenalpe durch die
Hochebene abwrts kommen, zum Zeichen und, wenn sie bei ihm angelangt sind, zur
Beruhigung des richtig zurckgelegten Weges dient. Weil vielen, die auf der
Hochebene sind, Sennen, Alpenwanderern, Jgern, der Stein ein Versammlungsort
ist, so findet sich von ihm ab schon ein merkbar ausgetretener Pfad, und man
kann die Richtung zu dem See hinab nicht mehr leicht verfehlen. Auch ist die
gegen Sonnenaufgang berhngende Gestalt des Felsens geeignet, vor Regen und
heftigen Westwinden zu schtzen. Als wir bei ihm angelangt waren, sahen wir
freilich keine Spur eines Menschen rings um ihn; denn unberhrter Schnee lag bis
zu seinen Wnden hinzu, und er stand noch einmal so schwarz aus dieser Umgebung
hervor. Wir fanden aber auf kleineren Steinen, die unter seinem berdache lagen,
und auf die der Schnee nicht hereingefallen war, Raum zum Sitzen, und folgten
dieser Einladung willig, da sich schon Ermdung eingestellt hatte. Kaspar
schnallte die Umhllungen der Decken auseinander und holte zwei leichte, aber
wrmende Pelze und andere Pelzsachen hervor, die ich dazu bestimmt hatte, unsere
Krper und Fe, die im Wandern sich sehr erwrmt hatten, in der Ruhe vor
Verkhlung zu schtzen. Als wir diese Pelzdinge umgetan hatten, schritten wir
dazu, uns durch Speise und Trank zu erquicken. Etwas Wein und Brod reichte zu
dem Zwecke hin. Ich betrachtete, nachdem unser Mahl vollendet war, den
Wrmemesser, welchen ich gleich nach unserer Ankunft an einer freien Stelle auf
meinen Alpenstock aufgehngt hatte, und zeigte meinem Begleiter Kaspar, da die
Wrme hier oben grer sei, als wir sie gestern zu gleicher Tageszeit unten in
der Ebene des Sees gehabt hatten. Die Sonne schien sehr krftig auf den Schnee,
es wehte kein Lftchen, an dem grnlich blaulichen Himmel lagerten nur ein paar
sehr dnne weiliche Streifen. Auch konnte man von dem Steinvorsprunge, von dem
aus der See zu erblicken war, fast deutlich wahrnehmen, da unten nicht nur die
dichtere, sondern auch kltere Luft liege. Denn so deutlich und klar der See zu
erblicken war, so zog sich doch an den weien oder weigesprenkelten Wnden
desselben ein feiner, blaulich schillernder Dunst hin, zum Zeichen, da dort
unsere obere, wrmere Luft mit der unteren, schon seit lngerer Zeit ber dem
See stehenden klteren zusammengrenze, und sich da ein sanfter Beschlag bilde.
Ich schaute nur noch auf den Feuchtigkeitsmesser und den des Luftdruckes, dann
packte Kaspar unsere Decken und Pelze, ich meine Gerte ein, und wir gingen
unsers Weges weiter.
    Mit groer Vorsicht suchten wir die Richtung, die uns nottat, zu bestimmen.
Auf jeder Stelle, die eine grere Umsicht gewhrte, hielten wir etwas an, und
suchten uns die Gestalt der Umgebung zu vergegenwrtigen und uns des Raumes, auf
dem wir standen, zu vergewissern. Ich zog zum berflusse auch noch die
Magnetnadel zu Rate. In den Niederungen und Mulden zwischen einzelnen Hben
muten wir uns der Schneereife bedienen. Gegen den sptern Nachmittag stiegen
uns die hheren und dunkleren Zacken der Echern aus dem Schnee entgegen. Als die
Sonne fast nur mehr um ihre eigene Breite von dem Rande des Gesichtskreises
entfernt war, kamen wir in der Ziegenalpe an. Hier hatten wir einen
eigentmlichen Anblick. Es ist da eine Stelle, von welcher aus man nicht mehr zu
dem See oder zu seiner Umgebung zurcksehen kann, dafr ffnet sich gegen
Sonnenuntergang ein weiter Blick in die Lichtung des Lautertales, besonders aber
in das Echertal, in welchem der Mann wohnt, welcher meine und Klotildens Zither
gemacht hatte. In diese Ferne wollte ich noch einen Blick tun, ehe wir in die
Htte gingen. Aber ich konnte die Taler nicht sehen.
    Die Wirkung, welche sich aus dem Aneinandergrenzen der oberen, wrmeren Luft
und der unteren, klteren, wie ich schon am schwarzen Steine bemerkt hatte,
ergab, war noch strker geworden, und ein einfaches, wagrechtes, weilichgraues
Nebelmeer war zu meinen Fen ausgespannt. Es schien riesig gro zu sein und ich
ber ihm in der Luft zu schweben. Einzelne schwarze Knollen von Felsen ragten
ber dasselbe empor, dann dehnte es sich weithin, ein trbblauer Strich
entfernter Gebirge zog an seinem Rande, und dann war der gesttigte, goldgelbe,
ganz reine Himmel, an dem eine grelle, fast strahlenlose Sonne stand, zu ihrem
Untergange bereitet. Das Bild war von unbeschreiblicher Gre. Kaspar, welcher
neben mir stand, sagte: Verehrter Herr, der Winter ist doch auch recht schn.
    Ja, Kaspar, sagte ich, er ist schn, er ist sehr schn.
    Wir blieben stehen, bis die Sonne untergegangen war. Die Farbe des Himmels
wurde fr einen Augenblick noch hher und flammender, dann begann alles nach und
nach zu erbleichen, und schmolz zuletzt in ein farbloses Ganzes zusammen. Nur
die gewaltigen Erhebungen, die gegen Sden standen, und die das Eis, das wir
besuchen wollten, enthielten, glommen noch von einem unsichern Lichte, whrend
mancher Stern ber ihnen erschien. Wir gingen nun in dem beinahe finster
gewordenen und ziemlich unwegsamen Raume zur Htte, um in derselben unsere
Vorbereitungen zum bernachten zu treffen. Die Htte war, wie es im Winter immer
ist, wo sie leer steht, nicht gesperrt. Ein Holzriegel, der sehr leicht zu
beseitigen war, schlo die Tr. Wir traten ein, steckten eine Kerze in unsern
Handleuchter und machten Licht. Wir suchten das Gemach der Sennerinnen und
lieen uns dort nieder. In den Schlafstellen war etwas Heu, ein grober
Brettertisch stand in der Mitte des Gemaches, eine Bank lief an der Wand hin,
und eine bewegliche stand an dem Tische. Wir hatten vor, hier erst unser
eigentliches warmes Tagesmahl zu bereiten. Aber, worauf wir kaum gefat waren,
es zeigte sich nirgends auch nicht der geringste Vorrat von Holz. Ich hatte fr
den Fall Weingeist bei mir, um einige Schnitten Braten in einer flachen Pfanne
rsten zu knnen; aber wir zogen es vorzglich wegen der Erwrmung des Krpers
vor, ein Stock Bank zu verbrennen und dem Eigentmer Ersatz zu leisten. Kaspar
machte sich mit der Axt an die Arbeit, und bald loderte ein lustiges Feuer auf
dem Herde. Ein Abendessen wurde bereitet, wie wir es oft bei unsern
Gebirgsarbeiten bereitet hatten, aus dem Heu der Schlafstellen, den Decken und
den Pelzen wurden Betten zurecht gemacht, und nachdem ich noch meine
Mewerkzeuge, die im Freien vor der Htte aufgehngt waren, betrachtet hatte,
begaben wir uns zur Ruhe. Auch jetzt am spten Abende war bei ganz heiterem,
sternenvollen Himmel eine viel mindere Klte in dieser Hhe, als ich vermutet
hatte.
    Ehe der Tag graute, standen wir auf, machten Licht, kleideten uns
vollstndig an, richteten all unsere Dinge zurecht, bereiteten ein Frhmahl,
verzehrten es, und traten unsern Weg an. Die Echernspitze stand fast schwarz im
Sden, wir konnten sie deutlich in die blasse Luft ber dem Haustein, der uns
noch unsere Eisfelder deckte, empor ragen sehen. Der Tag war wieder ganz heiter.
Obgleich es noch nicht licht war, durften wir eine Verirrung nicht frchten,
denn wir muten geraume Zeit zwischen Felsen empor gehen, die unsere Richtung
von beiden Seiten begrenzten und uns nicht abweichen lieen. Wir legten, weil
der Schnee in diesen Rinnen sich angehuft hatte, unsere Schneereifen an und
gingen in der ungewissen Dmmerung vorwrts. Nach etwas mehr als einer Stunde
Wanderung kamen wir auf die Hhe hinaus, wo die Gegend sich wieder ffnet und
gegen Osten weite Felder hinziehen. Diese biegen, nachdem sie sich ziemlich hoch
erhoben, gegen Sden um einen Fels herum, und lassen dann den Eisstock
erblicken, zu dem wir wollten. Dieser drckt mit groer Macht von Sden gegen
Norden herab und hat zu seiner sdlichen Begrenzung die Echernspitze. Auf den
erklommenen Feldern war es schon ganz licht; allein die Berge, welche wir am
stlichen Rande derselben unter uns und weit drauen erblicken sollten, waren
nicht zu sehen, sondern am Rande der mit Schnee bedeckten Felder setzte sich
eine Farbe, die nur ein klein wenig von der Schneefarbe verschieden war, fast
ins Unermeliche fort, die des Nebels. Er hatte seit gestern noch mehr berhand
genommen und begrenzte unsere Hhe als Insel. Kaspar wollte erschrecken. Ich
aber machte ihn aufmerksam, da der Himmel ber uns ganz heiter sei, Da dieser
Nebel von jenem sehr verschieden sei, der bei dem Beginne des Regen- oder
Schneewetters zuerst die Spitzen der Berge in Gestalt von Wolken einhllt, sich
dann immer tiefer, oft bis zur Hlfte der Berge hinabzieht und den Wanderern so
frchterlich ist; unser Nebel sei kein Hochnebel, sondern ein Tiefnebel, der die
Bergspitzen, auf denen das Verirren so schrecklich sei, freilasse, und der beim
Hhersteigen der Sonne verschwinden werde. Im schlimmsten Falle, wenn er auch
bliebe, sei er nur eine wagrechte Schichte, die nicht hher stehe, als wo der
schwarze Stein liegt. Von dort hinab aber ist uns der Weg sehr bekannt, wir
mssen unsere eigenen Fustapfen finden und knnen an ihnen abwrts gehen.
Kaspar, welcher mit dem Gebirgsleben sehr vertraut war, sah meine Grnde ein und
war beruhigt.
    Whrend wir standen und sprachen, fing sich an einer Stelle der Nebel im
Osten zu lichten an, die Schneefelder verfrbten sich zu einer schneren und
anmutigeren Farbe, als das Bleigrau war, mit dem sie bisher bedeckt gewesen
waren, und in der lichten Stelle des Nebels begann ein Punkt zu glhen, der
immer grer wurde, und endlich in der Gre eines Tellers schweben blieb, zwar
trbrot, aber so innig glimmend wie der feurigste Rubin. Die Sonne war es, die
die niederen Berge berwunden hatte und den Nebel durchbrannte. Immer rtlicher
wurde der Schnee, immer deutlicher, fast grnlich seine Schatten, die hohen
Felsen zu unserer Rechten, die im Westen standen, sprten auch die sich nhernde
Leuchte und rteten sich. Sonst war nichts zu sehen als der ungeheure dunkle,
ganz heitere Himmel ber uns, und in der einfachen Groen Flche, die die Natur
hieher gelegt hatte, standen nur die zwei Menschen, die da winzig genug sein
muten. Der Nebel fing endlich an seiner uersten Grenze zu leuchten an wie
geschmolzenes Metall, der Himmel lichtete sich, und die Sonne quoll wie
blitzendes Erz aus ihrer Umhllung empor. Die Lichter schossen pltzlich ber
den Schnee zu unsern Fen und fingen sich an den Felsen. Der freudige Tag war
da.
    Wir banden uns die Stricke um den Leib und lieen ein ziemlich langes Stck
von der Leibbinde des einen zu der des andern gehen, damit, wenn einer, da wir
jetzt ber eine sehr schiefe Flche zu gehen hatten, gleiten sollte, er durch
den andern gehalten wrde. Im Sommer war diese Flche mit vielen kleinen und
scharfen Steinen bedeckt, daher der bergang ber sie viel leichter. Im Winter
kannte man den Boden nicht, und der Schnee konnte ins Gleiten geraten. Ohne
Hilfe der Schneereife, die hier, weil sie unbehilflich machten, nur gefhrlich
werden konnten, gelangten wir mit angewandter Vorsicht glcklich hinber, lsten
die Stricke, bogen nach einer darauf erfolgten mehrstndigen Wanderung um die
Felsen, und standen an dem Gletscher und auf dem ewigen Schnee.
    Auf dem Eise, da wir nach uns sehr bekannten Richtungen auf demselben
vorschritten, zeigte sich beinahe mit Rcksicht auf den Sommer gar keine
Vernderung. Da auch im Sommer fast jeder Regen des Tales die Hhen entweder gar
nicht trifft, oder auf ihnen Schnee ist, so war es jetzt auf dem Gletscher wie
im Sommer, und wir schritten auf bekannten Gebieten vorwrts. Wo die Eismengen
geborsten und zertrmmert waren, hatte sie an ihren Oberflchen der Schnee
bedeckt, mit den Seitenflchen sahen sie grnlich oder blaulich schillernd aus
dem allgemeinen Wei hervor, weiter aufwrts, wo die Gletscherwlbung rein
dalag, war sie mit Schnee bedeckt. Der einzige Unterschied bestand, da jetzt
keine einzige breite oder lange Eisstelle blogelegt in ihrer grnlichen Farbe
da stand, was doch zuweilen im Sommer geschieht. Wir verweilten einige Zeit auf
dem Eise, und nahmen auf demselben auch unser Mittagsmahl, in Wein und Brod
bestehend, ein. Unter uns hatte sich aber indessen eine Vernderung vorbereitet.
Der Nebel war nach und nach geschwunden, ein Teil der fernen oder der nheren
Berge war nach dem andern sichtbar geworden, verschwunden, wieder sichtbar
geworden, und endlich stand alles im Sonnenglanze ohne ein Flckchen Nebel, der
wie ausgetilgt war, in sanfter Blue oder wie in goldigem Schimmer oder wie im
fernen matten Silberglanze in tiefem Schweigen und unbeweglich da. Die Sonne
strahlte einsam ohne einer geselligen Wolke an dem Himmel. Die Klte war auch
hier nicht gro, geringer, als ich sie im Tale beobachtet hatte, und nicht viel
grer, als sie auch zu Sommerszeiten auf diesen Hhen ist.
    Nachdem wir uns eine geraume Weile auf dem Eise aufgehalten hatten, traten
wir den Rckweg an. Wir gelangten leicht an den gewhnlichen Ausgang des
Gletschers, von wo aus man das Hinabgehen ber die Berge einleitet. Wir fanden
unsere Fustapfen, die in der ungetrbten Oberflche des Schnees, da hierauf
selten auch Tiere kommen, sehr deutlich erkennbar waren, und gingen nach ihnen
fort. Wir kamen glcklich ber die schiefe Flche und langten gegen Abend in der
Ziegenalpe an.
    Es war hier schon zu dunkel, um noch etwas von der Umgebung sehen zu knnen.
Wir hielten in der Htte wieder unser warm zubereitetes Abendmahl, wrmten uns
am Reste der Bank, und erquickten uns durch Schlaf. Der nchste Morgen war
abermals klar, in den Tlern lag wieder der Nebel. Da auch die Nacht vollkommen
windstill gewesen war, so hatten wir uns jetzt in Hinsicht unsers Rckweges ber
die Hochebene nicht zu sorgen. Unsere Fustapien standen vollkommen unverwischt
da, und ihnen konnten wir uns anvertrauen. Selbst da, wo wir ratend gestanden
waren und etwa den Alpenstock seitwrts unseres Standortes in den Schnee
gestoen hatten, war die Spur noch vllig sichtbar. Wir kamen frher, als wir
gedacht hatten, an dem schwarzen Steine an. Dort hielten wir wieder unser
Mittagmahl, und gingen dann unter dem sich immer mehr und mehr lichtenden Nebel,
der uns aber hier kein wesentliches Hindernis mehr machte, die steile Senkung
der Berge hinunter. Der an ihrem Fue beobachtete Wrmemesser zeigte wirklich
eine grere Klte, als wir auf den Bergen gehabt hatten.
    Am Nachmittage waren wir wieder in dem Seewirtshause.
    Am andern Tage gingen wir in das Ahornhaus im Lautertale. Alles umringte uns
und wollte unsere Erlebnisse wissen. Sie wunderten sich, da die Unternehmung so
einfach gewesen sei, besonders aber, da die Klte, die schon im Sommer gegen
die Wrme der Tler so abstehe, im Winter nicht ganz frchterlich soll gewesen
sein. Kaspar war ein wichtiger Mann geworden.
    Ich aber war von dem, was ich oben gesehen und gefunden hatte, vollkommen
erfllt. Die tiefe Empfindung, welche jetzt immer in meinem Herzen war, und
welche mich angetrieben hatte, im Winter die Hhen der Berge zu suchen, hatte
mich nicht getuscht. Ein erhabenes Gefhl war in meine Seele gekommen, fast so
erhaben wie meine Liebe zu Natalien. Ja diese Liebe wurde durch das Gefhl noch
gehoben und veredelt, und mit Andacht gegen Gott den Herrn, der so viel Schnes
geschaffen und uns so glcklich gemacht hat, entschlief ich, als ich wieder zum
ersten Male in meinem Bette in der wohnlichen Stube des Ahornhauses ruhte.
    Es hat mich nicht gereut, da ich noch die Weihe dieser Unternehmung auf
mich genommen hatte, ehe ich zu meinem Gastfreunde ging, um ihm meinen
Winterbesuch zu machen.
    Ich hielt mich nur noch so lange in dem Lautertale auf, um noch die
bedeutendsten Stellen desselben im Winterschmucke zu sehen, und um die
Einleitung zu treffen, da dem Eigentmer der Ziegenalpe die Bank, die wir
verbrannt hatten, ersetzt wrde. Dann fuhr ich in einem Schlitten in der
Richtung nach dem Asperhofe hinaus. Kaspar hatte recht herzlich von mir Abschied
genommen, er war mir durch diese Unternehmung noch mehr befreundet geworden, als
er es frher gewesen war.
    Die grere Wrme in den oberen Teilen der Luft, welche nur ein Vorbote des
beginnenden Sdwindes gewesen war, hatte sich nun vllig geltend gemacht, der
Sdwind war in den Hhen eingetreten, obwohl es in der Tiefe noch kalt war,
Wolken hatten die Berge umhllt, zogen ber die Lnder hinaus, und schttelten
Regen herab, der in Gestalt von Eiskrnern unten ankam und mir um das Haupt und
die Wangen prasselte, als ich in dem Asperhofe eintraf.
    Die Pferde und der Schlitten wurden in den Meierhof gebracht, ich ging zu
meinem Gastfreunde. Er sa in seinem Arbeitszimmer und ordnete Pergamentbltter,
von denen er einen groen Sto vor sich hatte. Ich begrte ihn, und er empfing
mich wie immer gleich freundlich.
    Ich sagte ihm, da ich seit meiner letzten Anwesenheit im Asperhofe fast
immer gereist sei. Erst htte ich noch das Kargrat besucht, weil ich dort zu
ordnen gehabt htte, dann sei ich zu meinen Eltern gegangen, hierauf habe ich
mit meinem Vater einen Besuch in seiner Heimat gemacht, dann sei ich mit meiner
Schwester auf eine Zeit, um ihr ein Vergngen zu bereiten, in das Hochgebirge
gefahren, als hierauf der Winter gekommen sei, habe ich die Echerngletscher
besucht, und nun sei ich hier.
    Ihr seid wie immer herzlich willkommen, sagte er, bleibt bei uns, so
lange es Euch gefllt, und seht unser Haus wie das Eurer Eltern an.
    Ich danke Euch, ich danke Euch sehr, erwiderte ich.
    Er zog an der Klingel zu seinen Fen, und die alte Katharina kam herauf. Er
befahl ihr, meine Zimmer zu hetzen, da ich sie sehr bald bentzen knne.
    Es ist schon geschehen, antwortete sie. Als wir den jungen Herrn
hereinfahren sahen, lie ich durch Ludmilla gleich heizen, es brennt schon; aber
ein wenig gelftet mu noch werden, neue berzge mssen kommen, der Staub mu
abgewischt werden, Ihr mt Euch schon ein wenig gedulden.
    Es ist gut und recht, sagte mein Gastfreund, sorge nur, da alles
wohnlich sei.
    Es wird schon werden, antwortete Katharina, und verlie das Zimmer.
    Ihr knnt, wenn Ihr wollt, sagte er dann zu mir, indessen, bis Eure
Wohnung in Ordnung ist, mit mir zu Eustach hinber gehen und sehen, was eben
gearbeitet wird. Wir knnen hiebei auch bei Gustav anklopfen und ihm sagen, da
Ihr gekommen seid.
    Ich nahm den Vorschlag an. Er zog eine Art berrock ber seine Kleider, die
beinahe wie im Sommer waren, an, und wir gingen aus dem Zimmer. Wir begaben uns
zuerst zu Gustav, und ich begrte ihn. Er flog an mein Herz, und sein Ziehvater
sagte ihm, er drfe uns in das Schreinerhaus begleiten. Er nahm gar kein
berkleid, sondern verwechselte nur seinen Zimmerrock mit einem etwas wrmeren,
und war bereit, uns zu folgen. Wir gingen ber die gemeinschaftliche Treppe
hinab, und als wir unten angekommen waren, sah ich, da mein Gastfreund auch
heute an dem unfreundlichen Wintertage barhuptig ging. Gustav hatte eine ganz
leichte Kappe auf dem Haupte. Wir gingen ber den Sandplatz dem Gebsche zu. Die
Eiskrner, welche eine bereifte weie und rauhe Gestalt hatten, mischten sich
mit den weien Haaren meines Freundes und sprangen auf seinem zwar nicht
leichten, aber doch nicht fr eine strenge Winterklte eingerichteten berrocke.
Die Bume des Gartens, die uns nahe standen, seufzten in dem Winde, der von den
Hhen immer mehr gegen die Niederungen herab kam und an Heftigkeit mit jeder
Stunde wuchs. So gelangten wir gegen das Schreinerhaus. Wie bei meiner ersten
Annherung stieg auch heute ein leichter Rauch aus demselben empor, aber er ging
nicht wie damals in einer geraden luftigen Sule in die Hhe, sondern wie er die
Mauern des Schornsteins verlie, wurde er von dem Winde genommen, in Flatterzeug
verwandelt und nach verschiedenen Richtungen gerissen. Auch waren nicht die
grnen Wipfel da, an denen er damals empor gestiegen war, sondern die nackten
ste mit den feinen Ruten der Zweige standen empor und neigten sich im Winde
ber das Haus herber. Auf dem Dache desselben lag der Schnee. Von Tnen konnten
wir bei dieser Annherung aus dem Innern nichts hren, weil auen das Sausen des
Windes um uns war.
    Da wir eingetreten waren, kam uns Eustach entgegen, und er grte mich noch
freundlicher und herzlicher, als er es sonst immer getan hatte. Ich bemerkte,
da um zwei Arbeiter mehr als gewhnlich in dem Hause beschftigt waren. Es
mute also viele oder dringende Arbeit geben. Die Wrme gegen den Wind drauen
empfing uns angenehm und wohnlich im Hause. Eustach geleitete uns durch die
Werkstube in sein Gemach. Ich sagte ihm, da ich gekommen sei, um auch einen
kleinen Teil des Winters in dem Asperhofe zu bleiben, den ich in demselben nie
gesehen, und den ich nur meistens in der Stadt verlebt habe, wo seine Wesenheit
durch die vielen Huser und durch die vielen Anstalten gegen ihn gebrochen
werde.
    Bei uns knnt Ihr ihn in seiner vlligen Gestalt sehen, sagte Eustach,
und er ist immer schn, selbst dann noch, wenn er seine Art so weit verleugnet,
da er mit warmen Winden, blaugeballten Wolken und Regengssen ber die
schneelose Gegend daher fhrt. So weit vergit er sich bei uns nie, da er in
ein Afterbild des Sommers wie zuweilen in sdlichen Lndern verfllt und warme
Sommertage und allerlei Grn zum Vorschein bringt. Dann wre er freilich nicht
auszuhalten.
    Ich erzhlte ihm von meinem Besuche auf dem Echerngletscher, und sagte, da
ich doch auch schon manchen schnen und strmischen Wintertag im Freien und
ferne von der groen Stadt zugebracht habe.
    Hierauf zeigte er mir Zeichnungen, welche zu den frheren neu hinzu gekommen
waren, und zeigte mir Grund und Aufrisse und andere Plne zu den Werken, an
denen eben gearbeitet werde. Unter den Zeichnungen befanden sich schon einige,
die nach Gegenstnden in der Kirche von Klam genommen worden waren, und unter
den Plnen befanden sich viele, die zu den Ausbesserungen gehrten, die mein
Gastfreund in der Kirche vornehmen lie, welche ich mit ihm besucht hatte.
    Nach einer Weile gingen wir auch in die Arbeitsstube und besahen die Dinge,
die da gemacht wurden. Meistens betrafen sie Gegenstnde, welche fr die Kirche,
fr die eben gearbeitet wurde, gehrten. Dann sah ich ein Zimmerungswerk aus
feinen Eichen- und Lrchenbohlen, welches wie der Hintergrund zu Schnitzwerken
von Vertflungen aussah, auch erblickte ich Simse wie zu Vertflungen gehrend.
Von Geraten war ein Schrein in Arbeit, der aus den verschiedensten Hlzern, ja
mitunter aus seltsamen, die man sonst gar nicht zu Schreinerarbeiten nimmt,
bestehen sollte. Er schien mir sehr gro werden zu wollen; aber seinen Zweck und
seine Gestalt konnte ich aus den Anfngen, die zu erblicken waren, nicht
erraten. Ich fragte auch nicht darnach, und man berichtete mir nichts darber.
    Als wir uns eine Zeit in dem Schreinerhause aufgehalten und auch ber andere
Gegenstnde gesprochen hatten, als sich in demselben befanden oder mit demselben
in Beziehung standen, entfernten wir uns wieder, und mein Freund und Gustav
geleiteten mich in das Wohnhaus zurck und dort in meine Zimmer. In ihnen war es
bereits warm, ein lebhaftes Feuer mute den Tnen nach, die zu hren waren, in
dem Ofen brennen, alles war gefegt und gereinigt, weie Fenstervorhnge und
weie berzge glnzten an dem Bette und an jenen Gerten, fr die sie gehrten,
und alle meine Reisesachen, welche ich in dem Schlitten gefhrt hatte, waren
bereits in meiner Wohnung vorhanden. Mein Gastfreund sagte, ich mge mich hier
nun zurecht finden und einrichten, und er verlie mich dann mit Gustav.
    Ich pachte nun die Gegenstnde, welche ich in meinen Reisebehltnissen
hatte, aus, und verteilte sie so, da die beiden Gemcher, welche mir zur
Verfgung standen, recht winterlich behaglich, wozu die Wrme, die in den
Zimmern herrschte, einlud, ausgestattet waren. Ich wollte es so tun, ich mochte
mich nun lange oder kurz in diesen Rumen aufzuhalten haben, was von den
Umstnden abhing, die nicht in meiner Berechnung lagen. Besonders richtete ich
mir meine Bcher, meine Schreibdinge und auch Vorbereitungen zu gelegentlichem
Zeichnen so her, da alles dies meinen Wnschen, so weit ich das jetzt einsah,
auf das beste entsprach. Nachdem ich mit allem fertig war, kleidete ich mich
auch um, damit die Reisekleider mit bequemeren und huslicheren vertauscht
wren.
    Hierauf machte ich einen Spaziergang. Ich ging in dem Garten meinen
gewhnlichen Weg zu dem groen Kirschbaume hinauf. Aus dem in dem Schnee wohl
ausgetretenen Pfade sah ich, da hier hufig gegangen werde, und da der Garten
im Winter nicht verwaist ist, wie es bei so vielen Grten geschieht, und wie es
aber auch bei meinen Eltern nicht geduldet wird, denen der Garten auch im Winter
ein Freund ist. Selbst die Nebenpfade waren gut ausgetreten, und an manchen
Stellen sah ich, da man nach dauerndem Schneefalle auch die Schaufel angewendet
habe. Die zarteren Bumchen und Gewchse waren mit Stroh verwahrt, alles, was
hinter Glas stehen sollte, war wohl geschlossen und durch Verdmmungen
geschtzt, und alle Beete und alle Rume, die in ihrer Schneehlle dalagen,
waren durch die um sie gefhrten Wege gleichsam eingerahmt und geordnet. Die
Zweige der Bume waren von ihrem Reife befreit, der Schnee, der in kleinen
Kgelchen daher jagte, konnte auf ihnen nicht haften, und sie standen desto
dunkler und beinahe schwarz von dem umgebenden Schnee ab. Sie beugten sich im
Winde und sausten dort, wo sie in mchtigen Abteilungen einem groen Baume
angehrten und in ihrer Dichtheit gleichsam eine Menge darstellten. In den
entlaubten sten konnte ich desto deutlicher und hufiger die Nestbehlter
sehen, welche auf den Bumen angebracht waren. Von den gefiederten Bewohnern des
Gartens war aber nichts zu sehen und zu hren. Waren wenige oder keine da,
konnte man sie in dem Sturme nicht bemerken, oder haben sie sich in
Schlupfwinkel, namentlich in ihre Huschen zurckgezogen? In den Zweigen des
groen Kirschbaumes herrschte der Wind ganz besonders. Ich stellte mich unter
den Baum neben die an seinem Stamme befindliche Bank und sah gegen Sden. Das
dunkle Baumgitter lag unter mir, wie schwarze regellose Gewebe auf den Schnee
gezeichnet, weiter war das Haus mit seinem weien Dache, und weiter war nichts;
denn die fernere Gegend war kaum zu erblicken. Bleiche Stellen oder dunklere
Ballen schimmerten durch, je nachdem das Auge sich auf Schneeflchen oder Wlder
richtete, aber nichts war deutlich zu erkennen, und in langen Streifen,
gleichsam in nebligen Fden, aus denen ein Gewebe zu verfertigen ist, hing der
fallende Schnee von dem Himmel herunter. Von dem Kirschbaume konnte ich nicht in
das Freie hinausgehen; denn das Pfrtchen war geschlossen. Ich wendete mich
daher um und ging auf einem anderen Wege wieder in das Haus zurck.
    An demselben Tage erfuhr ich auch, da Roland anwesend sei. Mein Gastfreund
holte mich ab, mich zu ihm zu begleiten. Man hatte ihm in dem Wohnhause ein
groes Zimmer zurecht gerichtet. In demselben malte er eben eine Landschaft in
lfarben. Als wir eintraten, sahen wir ihn vor seiner Staffelei stehen, die zwar
nicht mitten in dem Zimmer, doch weiter von dem Fenster entfernt war, als dies
sonst gewhnlich der Fall zu sein pflegt. Das zweite der Fenster war mit einem
Vorhange bedeckt. Er hatte ein leinenes berkleid an seinem Oberkrper an, und
hielt gerade das Malerbrett und den Stab in der Hand. Er legte beides auf den
nahestehenden Tisch, da er uns kommen sah, und ging uns entgegen. Mein
Gastfreund sagte, da er mich zu dem Besuche bei ihm aufgefordert habe, und da
Roland wohl nichts dagegen haben werde.
    Der Besuch ist mir sehr erfreulich, sagte er, aber gegen mein Bild wird
wohl viel einzuwenden sein.
    Wer wei das? sagte mein Gastfreund.
    Ich wende viel ein, antwortete Roland, und andere, die sich des
Gegenstandes bemchtigen, werden auch wohl viel einzuwenden haben.
    Wir waren whrend dieser Worte vor das Bild getreten.
    Ich hatte nie etwas hnliches gesehen. Nicht, da ich gemeint htte, da das
Bild so vortrefflich sei, das konnte man noch nicht beurteilen, da sich vieles
in den ersten Anfngen befand, auch glaubte ich zu bemerken, da manches wohl
kaum wrde bemeistert werden knnen. Aber in der Anlage und in dem Gedanken
erschien mir das Bild merkwrdig. Es war sehr gro, es war grer, als man
gewhnlich landschaftliche Gegenstnde behandelt sieht, und wenn es nicht
gerollt wird, so kann es aus dem Zimmer, in welchem es entsteht, gar nicht
gebracht werden. Auf diesem wsten Raume waren nicht Berge oder Wasserfluten
oder Ebenen oder Wlder oder die glatte See mit schnen Schiffen dargestellt,
sondern es waren starre Felsen da, die nicht als geordnete Gebilde empor
standen, sondern wie zufllig als Blcke und selbst hie und da schief in der
Erde staken, gleichsam als Fremdlinge, die, wie jene Normannen auf dem Boden der
Insel, die ihnen nicht gehrte, sich sehaft gemacht hatten. Aber der Boden war
nicht wie der jener Insel, oder vielmehr, er war so, wo er nicht von den im
Altertume berhmten Kornfeldern bekleidet oder von den dunkeln, fruchtbringenden
Bumen bedeckt ist, sondern wo er zerrissen und vielgestaltig, ohne Baum und
Strauch, mit den drren Grsern, den wei leuchtenden Furchen, in denen ein aus
unzhligen Steinen bestehender Quarz angehuft ist, und mit dem Gerlle und mit
dem Trmmerwerke, das berall ausgest ist, der drrenden Sonne entgegenschaut.
So war Rolands Boden, so bedeckte er die ungeheure Flche, und so war er in sehr
groen und einfachen Abteilungen gehalten, und ber ihm waren Wolken, welche
einzeln und vielzhlig schimmernd und Schatten werfend in einem Himmel standen,
welcher tief und hei und sdlich war.
    Wir standen eine Weile vor dem Bilde und betrachteten es. Roland stand
hinter uns, und da ich mich einmal wendete, sah ich, da er die Leinwand mit
glnzenden Augen betrachte. Wir sprachen wenig oder beinahe nichts.
    Er hat sich die Aufgabe eines Gegenstandes gestellt, den er noch nicht
gesehen hat, sagte mein Gastfreund, er hlt sich ihn nur in seiner
Einbildungskraft vor Augen. Wir werden sehen, wie weit er gelingt. Ich habe wohl
solche Dinge oder vielmehr ihnen hnliches weit unten im Sden gesehen.
    Ich bin nicht auf irgend etwas Besonderes ausgegangen, antwortete Roland,
sondern habe nur so Gestaltungen, wie sie sich in dem Gemte finden, entfaltet.
Ich will auch Versuche in lfarben machen, welche mich immer mehr gereizt haben
als meine Wasserfarben, und in denen sich Gewaltiges und Feuriges darstellen
lassen mu.
    Ich bemerkte, als ich seine Gerte nher betrachtete, da er Pinsel mit
ungewhnlich langen Stielen habe, da er also sehr aus der Ferne arbeiten msse,
was bei einer so groen Leinwandflche wohl auch nicht anders sein kann, und was
ich auch aus der Behandlung ersah. Seine Pinsel waren ziemlich gro, und ich sah
auch lange, feine Stbe, an deren Spitzen Zeichnungskohlen angebunden waren, mit
welchen er entworfen haben mute. Die Farben waren in starken Mengen auf der
Palette vorhanden.
    Der Herr dieses Hauses ist so gtig, sagte Roland, und lt mich hier
wirtschaften, whrend ich verbunden wre, Zeichnungen zu machen, welche wir eben
brauchen, und whrend ich an Entwrfen arbeiten sollte, die zu den Dingen
notwendig sind, die eben ausgefhrt werden.
    Das wird sich alles finden, antwortete mein Gastfreund, Ihr habt mir
schon Entwrfe gemacht, die mir gefallen. Arbeitet und whlt nach Eurem
Gutdnken, Euer Geist wird Euch schon leiten.
    Um Roland, der hier vor seinem Werke stand, und dessen ganze Umgebung, wie
sie in dem Zimmer ausgebreitet war, auf Ausfhrung dieses Werkes hinzielte,
nicht lnger zu stren, da die Wintertage ohnehin so kurz waren, entfernten wir
uns.
    Da wir den Gang entlang gingen, sagte mein Gastfreund Er sollte reisen.
    Als es dunkel geworden war, versammelten wir uns in dem Arbeitszimmer meines
Gastfreundes bei dem wohlgeheizten Ofen. Es war Eustach, Roland, Gustav und ich
zugegen. Es wurde von den verschiedensten Dingen gesprochen, am meisten aber von
der Kunst und von den Gegenstnden, welche eben in der Ausfhrung begriffen
waren. Es mochte wohl vieles vorkommen, was Gustav nicht verstand, er sprach
auch sehr wenig mit; aber es mochte doch das Gesprch ihn mannigfaltig frdern,
und selbst das Unverstandene mochte Ahnungen erregen, die weiter fhren, oder
die aufbewahrt werden, und in Zukunft geeignet sind, feste Gestaltungen, die
sich fgen wollen, einleiten zu helfen. Ich wute das sehr wohl aus meiner
eigenen Jugend und selbst auch aus der jetzigen Zeit.
    Da ich in mein Schlafgemach zurckgekehrt war, fhlte ich es recht angenehm,
da die Scheite aus dem Buchenwalde meines Gastfreundes, der ein Teil des
Alizwaldes war, in dem Ofen brennen. Ich beschftigte mich noch eine Zeit mit
Lesen und teilweise auch mit Schreiben.
    Am anderen Morgen war Regen. Er fiel in Strmen aus blaulich gefrbten,
gleichartigen, ber den Himmel dahin jagenden Wolken herab. Der Wind hatte zu
solcher Heftigkeit zugenommen, da er um das ganze Haus heulte. Da er aus
Sdwesten kam, schlug der Regen an meine Fenster und rann an dem Glase in
wsserigen Flchen nieder. Aber da das Haus sehr gut gebaut war, so hatte Regen
und Wind keine anderen Folgen, als da man sich recht geborgen in dem
schtzenden Zimmer fand. Auch ist es nicht zu leugnen, da der Sturm, wenn er
eine gewisse Gre erreicht, etwas Erhabenes hat und das Gemt zu strken im
Stande ist. Ich hatte die ersten Morgenstunden bei Licht in Wrme damit
hingebracht, dem Vater und der Mutter einen Brief zu schreiben, worin ich ihnen
anzeigte, da ich auf dem Echerneise gewesen sei, da ich alle Vorsicht beim
Hinaufsteigen und Heruntergehen angewendet habe, da uns nicht der geringste
Unfall zugestoen sei, und da ich mich seit gestern bei meinem Freunde im
Rosenhause befinde. An Klotilden legte ich ein besonderes Blatt bei, worin ich,
auf ihre teilweise Kenntnis des Gebirges, die sie sich auf der mit mir gemachten
Reise erworben hatte, bauend, eine kleine Beschreibung des winterlichen
Hochgebirgbesuches gab. Als es dann heller geworden und die Stunde zum Frhmahle
gekommen war, ging ich in das Speisezimmer hinunter. Ich erfuhr nun hier, da es
im Winter der Gebrauch sei, da Eustach und Roland, deren gestrige Anwesenheit
bei dem Abendessen ich fr zufllig gehalten hatte, mit meinem Gastfreunde und
Gustav an einem Tische speisen. Es sollte auch im Sommer so sein; allein da oft
in dieser Jahreszeit in dem Schreinerhause lange vor Sonnenaufgang aufgestanden
und zu einer Arbeit geschritten wird, so verndern sich die Stunden, an denen
eine Erquickung des Krpers notwendig wird, und Eustach hat selber gebeten, da
ihm dann die Zeit und Art seines Essens zu eigener Wahl berlassen werde. Roland
ist ohnehin zu jener Jahreszeit meistens von dem Hause abwesend. Ich war nie so
spt im Winter in dem Rosenhause gewesen, da ich diese Einrichtung htte kennen
lernen knnen. Mein Gastfreund, Eustach, Roland, Gustav und ich saen also bei
dem Frhmahltische. Das Gesprch drehte sich hauptschlich um das Wetter,
welches so strmisch herein gebrochen war, und es wurde erlutert, wie es hatte
kommen mssen, wie es sich erklren lasse, wie es ganz natrlich sei, wie jedes
Hauswesen sich auf solche Wintertage in der Verfassung halten msse, und wie,
wenn das der Fall sei, man dann derlei Ereignisse mit Geduld ertragen, ja darin
eine nicht unangenehme Abwechslung finden knne. Nach dem Frhmahle begab sich
jedes an seine Arbeit. Mein Gastfreund ging in sein Zimmer, um dort im Ordnen
der Pergamente, das er angefangen hatte, fortzufahren, Eustach ging in die
Schreinerei, Roland, fr den die Zeit trotz des trben Tages doch endlich auch
hell genug zum Malen geworden war, begab sich zu seinem Bilde, Gustav setzte
sein Lernen fort, und ich ging wieder in meine Zimmer.
    Da ich dort eine Zeit mit Lesen und Schreiben zugebracht hatte, und da der
Sturm, statt sich zu mildern, in den Vormittagstunden nur noch heftiger geworden
war, beschlo ich doch, wie es meine Gewohnheit war, auf eine Zeit in das Freie
zu gehen. Ich whlte eine zweckmige Fubekleidung, nahm meinen Wachsmantel,
der eine Wachshaube hatte, die man ber den Kopf ziehen konnte, und ging ber
die gemeinschaftliche Treppe hinab. Ich schlug den Weg durch das Gittertor auf
den Sandplatz vor dem Hause ein. Dort konnte der Sdwestwind recht an meine
Person fallen, und er trieb mir die Tropfen, welche fr einen Winterregen
bedeutend gro waren, mit Prasseln auf meinen berwurf, in das Angesicht, in die
Augen und auf die Hnde. Ich blieb auf dem Platze ein wenig stehen und
betrachtete die Rosen, welche an der Wand des Hauses gezogen wurden. Manche
Stmmchen waren durch Stroh geschtzt, bei manchen war stellenweise die Erde
ber den Wurzeln mit einer schtzenden Decke bekleidet, andere waren blo fest
gebunden, bei allen aber sah ich, da man auerordentliche Schutzmittel nicht
angewendet habe, und da alle nur gegen Verletzungen von uerlicher Gewalt
gesichert waren. Der Schnee konnte sie berhllen, wie ich noch die Spuren sah,
der Regen konnte sie begieen, wie ich heute erfuhr, aber nirgends konnte der
Wind ein Stmmchen oder einen Zweig lostrennen und mit ihm spielen oder ihn
zerren. Die ganze Wand des Hauses war auch im brigen unversehrt, und der Regen,
der gegen dieselbe anschlug, konnte ihr nichts anhaben. Ich ging von dem
Sandplatze ber den Hgel hinunter. Der Schnee hatte schon die Gewalt des Regens
versprt, welcher ziemlich warm war. Die weiche, sanfte und flaumige Gestalt war
verloren gegangen, etwas Glattes und Eisiges hatte sich eingestellt, und hie und
da standen gezackte Eistrmmer gleichsam wie zerfressen da. Das Wasser rann in
Schneefurchen, die es gewhlt hatte, nieder, und an offenen Stellen, wo es durch
die lcherichte Beschaffenheit des Schnees nicht verschluckt wurde, rieselte es
ber die Grser hinab. Ich ging, ohne auf einen Weg zu achten, durch den
wsserigen Schnee fort. In der Tiefe des Tales lenkte ich gegen Osten. Ich ging
eine Strecke fort, ging dort ber die Wiesen, und lie das Schauspiel auf mich
wirken. Es war fast herrlich, wie der Wind, welcher den Schnee nicht mehr heben
konnte, den Regen auf ihn nieder jagte, wie schon Stellen blo lagen, wie die
grauen Schleier gleichsam bnderweise nieder rollten, und wie die trben Wolken
ber dem bleichen Gefilde unbekmmert um Menschentum und Menschenwerke dahin
zogen.
    Ich richtete endlich in der Tiefe der Wiesen meinen Weg nordwrts gegen den
Meierhof hinauf. Als ich dort angelangt war, erfuhr ich, da der Herr, wie man
hier meinen Gastfreund kurzweg nannte, heute auch schon da gewesen, aber bereits
wieder fortgegangen sei. Er hatte mehreres besichtigt und mehreres angeordnet.
Ich fragte, ob er heute auch barhuptig gewesen sei, und es wurde bejaht. Da ich
den Meierhof besehen hatte und in verschiedenen Rumen desselben herum gegangen
war, sah ich erst recht, was ein wohleingerichtetes Haus sei. Der Regen fiel auf
dasselbe nieder wie auf einen Stein, in den er nicht eindringen, und von dem er
uerlich nur in Jahrhunderten etwas herab waschen knne. Keine Ritze zeigte
sich fr das Einlassen des Wassers bereit, und kein Teilchen der Bekleidung
schichte sich zur Loslsen an. Im Innern wurden die Arbeiten getan wie an jedem
Tage. Die Knechte reinigten Getreide mit der so genannten Getreideputzmhle,
schaufelten es seitwrts, und maen es in Scke, damit es auf den Schttboden
gebracht werde. Der Meier war dabei beschftigt, ordnete an, und prfte die
Reinheit. Ein Teil der Mgde war in den Stllen beschftigt, ein Teil richtete
auf der Futtertenne das Futter zurecht, ein Teil spann, und die Frau des Meiers
ordnete in der Milchkammer. Ich sprach mit allen, und sie zeigten Freude, da
ich sogar in dieser Jahreszeit einmal gekommen sei.
    Von dem Meierhofe ging ich ber den mit Obstbumen bepflanzten Raum gegen
den Garten hinber. Das Pfrtchen an dieser Seite war unter Tags selbst im
Winter nicht gesperrt. Ich ging durch dasselbe ein und begab mich in die Wohnung
des Grtners. Dort legte ich meinen Wachsmantel, unter dessen Falten das Wasser
rann, ab und setzte mich auf die reine weie Bank vor dem Ofen. Der alte Mann
und seine Frau empfingen mich recht freundlich. In ihrem ganzen Wesen war etwas
sehr Aufrichtiges. Seit geraumer Zeit war bei diesen alten Leuten beinahe etwas
Elternhaftes gegen mich gewesen. Die Grtnersfrau Clara sah mich immer wieder
gleichsam verstohlen von der Seite an. Wahrscheinlich dachte sie an Natalien.
Der alte Simon fragte mich, ob ich denn nicht in die Gewchshuser gehen und die
Pflanzen auch im Winter besehen wolle.
    Das sei auer dem Besuche, den ich ihm und seiner Gattin machen wollte,
meine Nebenabsicht gewesen, erwiderte ich.
    Er nahm einen anderen Rock um, und geleitete mich in die Gewchshuser,
welche an seine Wohnung stieen. Ich nahm wirklich groen Anteil an den Pflanzen
selber, da ich mich ja in frherer Zeit viel mit Pflanzen beschftigt hatte, und
nahm Anteil an dem Zustande derselben. Wir gingen in alle Rume des nicht
unbetrchtlich groen Kalthauses, und begaben uns dann in das Warmhaus. Nicht
blo, da ich die Pflanzen nach meiner Absicht betrachtete, nahm ich mir auch
die Zeit, freundlich anzuhren, was mein Begleiter ber die einzelnen sagte, und
hrte zu, wie er sich ber Lieblinge ziemlich weit verbreitete. Diese Hingabe an
seine Rede und die Teilnahme an seinen Pfleglingen, die ich ihm stets bewiesen
hatte, mochten nebst dem Anteile, den er mir an der Erwerbung des Cereus
peruvianus zuschrieb, Ursache sein, da er eine gewisse Anhnglichkeit gegen
mich hegte. Als wir an dem Ausgange der Gewchshuser waren, welcher seiner
Wohnung entgegengesetzt lag, fragte er mich, ob ich auch in das Kaktushaus gehen
wolle, er werde zu diesem Behufe, da wir einen freien Raum zu berschreiten
htten, meinen Wachsmantel holen. Ich sagte ihm aber, da dies nicht ntig sei,
da er ja auch ohne Schutz herber gehe, da mein Gastfreund heute schon
barhuptig in dem Meierhofe gewesen sei, und da es mir nicht schaden werde,
wenn ich auch einmal eine kurze Strecke im Regen ohne Kopfbedeckung gehe.
    Ja der Herr, der ist alles gewohnt, antwortete er.
    Ich bin zwar nicht alles, aber vieles gewohnt, erwiderte ich, und wir
gehen schon so hinber.
    Er lie sich von seinem Vorhaben endlich abbringen, und wir gingen in das
Kaktushaus. Er zeigte mir alle Gewchse dieser Art, besonders den Peruvianus,
welcher wirklich eine prachtvolle Pflanze geworden war, er verbreitete sich ber
die Behandlung dieser Gewchse wahrend des Winters, sagte, da mancher schon im
Hornung blht, da nicht alle eine gewisse Klte vertragen, sondern in der
wrmeren Abteilung des Hauses stehen mssen, besonders verlangen dieses viele
Cereusarten, und er ging dann auf die Einrichtung des Hauses selber ber, und
hob es als eine Vorzglichkeit heraus, da der Herr fr jene Stellen, an denen
die Glser ber einander liegen, ein so treffliches Bindemittel gefunden habe,
durch welches das Hereinziehen des Wassers an den bereinandergelegten Stellen
des Glases unmglich sei und das diesen Pflanzen so nachteilige Herabfallen von
Wassertropfen vermieden werde. Dadurch kann es auch allein geschehen, da an
Regentagen und an Tagen, an welchen Schnee schmilzt, das Haus nicht mit Brettern
gedeckt werden msse, was finster macht und den Pflanzen schdlich ist. Ich
knne das ja heute sehen, wie bei einem Regen so heftiger Art nicht ein
Trpflein herein dringen kann oder vom Winde hereingeschlagen wird. Bretter
wrden berhaupt ber dieses Haus nicht gelegt. Gegen den Hagel sei es durch
dickes Glas und den Panzer geschtzt, und wenn kalte Nchte zu erwarten sind,
werde eine Strohdecke angewendet, und der Schnee werde durch Besen entfernt. Mir
war wirklich der Umstand merkwrdig und wichtig, da hier kein Herabtropfen von
dem Glasdache statt finde, was meinem Vater so unangenehm ist. Ich nahm mir vor,
meinen Gastfreund um Erffnung des Verfahrens zu ersuchen, um dasselbe dem Vater
mitzuteilen. Als wir auf dem Rckwege durch die anderen Gewchshuser gingen,
sah ich, da auch hier kein Herabtropfen vorhanden sei, und mein Begleiter
besttigte es.
    Da ich noch ein Weilchen in der Wohnung der Grtner leute geblieben war und
mit der Grtnerfrau gesprochen hatte, machte ich Anstalt zum Heimwege. Die
Grtnerfrau hatte meinen Wachsmantel in der Zeit, in der ich mit ihrem Manne in
den Gewchshusern gewesen war, an seiner Auenflche von allem Wasser befreit
und ihn berhaupt handlich und angenehm hergerichtet. Ich dankte ihr, sagte, da
er wohl bald wieder verknittert sein wrde, empfahl mich freundlich, nahm die
anderseitigen freundlichen Empfehlungen in Empfang, und ging dann in meine
Zimmer.
    Dort kleidete ich mich sorgfltig um, und ging dann zu meinem Gastfreunde.
Er war eben mit Gustav beschftigt, der ihm Rechenschaft von seinen
Morgenarbeiten ablegte. Ich fragte, ob es mir erlaubt wre, in das Bildergemach
oder in hnliche zu gehen.
    Das Lesezimmer und das Bilderzimmer so wie das mit den Kupferstichen sind
ordnungsgem geheizt, antwortete mein Gastfreund, der Bchersaal, der
Marmorsaal und die Marmortreppe werden leidlich warm sein. Verschlossen ist
keiner der Rume. Bedient Euch derselben, wie Ihr es zu Hause tun wrdet.
    Ich dankte, und entfernte mich. Nach meiner Kenntnis der Tageinteilung wute
ich, da er seine Beschftigung mit Gustav fortsetzte.
    Ich ging zuerst auf die Marmortreppe. Ich suchte sie von oben zu gewinnen.
Als ich von dem gemeinschaftlichen Gange in den oberen Teil des Marmorganges
eingetreten war, zog ich, wie es hier vorgeschrieben war, Filzschuhe, welche
immer in Bereitschaft standen, an, und ging die glatte, schne Treppe hinunter.
Als ich in die Mitte derselben gekommen war, wo sich der breite Absatz befindet,
hielt ich an; denn das war das Ziel meiner Wanderung gewesen. Ich wollte die
altertmliche Marmorgestalt betrachten. Selbst heute in dem bleiernen Lichte,
das durch die Glaswlbung, welche noch dazu durch das auf ihr rinnende Wasser
getrbt war, gleichsam trge nieder fiel, war die Erscheinung eine gewaltige und
erhebende. Die hehre Jungfrau, sonst immer sanft und hoch, stand heute in den
flssigen Schleiern des dumpferen Lichtes zwar trb, aber mild da, und der Ernst
des Tages legte sich auch als Ernst auf ihre unaussprechlich anmutigen Glieder.
Ich sah die Gestalt lange an, sie war mir wie bei jedem erneuerten Anblicke
wieder neu. Wie sehr mir auch die blendend weie Gestalt der Brunnennymphe im
Sternenhofe nach der jngsten Vergangenheit als liebes Bild in die Seele geprgt
worden war, so war sie doch ein Bild aus unserer Zeit, und war mit unseren
Krften zu fassen: hier stand das Altertum in seiner Gre und Herrlichkeit. Was
ist der Mensch, und wie hoch wird er, wenn er in solcher Umgebung, und zwar in
solcher Umgebung von grerer Flle weilen darf.
    Ich ging langsam die Treppe wieder hinan, und ging in den Marmorsaal. Seine
Gre, seine Leerheit, der, wenn ein solches Wort erlaubt ist, dunkle Glanz, der
von dem dunkeln und mit ungewissen und zweideutigen Lichtern wechselnden Tage
auf seinen Wnden lag und wechselte, lie sich nach dem Anblicke der Gestalt des
Altertums tragen und ertragen. Ja der Saal erschien mir in dem finstern Tage
noch grer und ernster als sonst, und ich weilte gerne in ihm, fast so gerne
wie an jenem Abende, an welchem ich mit meinem Gastfreunde unter dem sanften
Blitzen eines Gewitterhimmels in ihm auf und ab gegangen war. Ich ging auch
jetzt wieder in demselben hin und wider, und lie den Sturm drauen mit seinen
trben Lichtern, die Wnde herinnen mit ihrem matten Glanze und die Erinnerung
der eben gesehenen Gestalt in mir wirken.
    Nach einer Zeit trat ich durch die Tr, welche in das Bilderzimmer fhrt.
Die Bilder hingen in dem dsteren Glanze des Tages da und konnten selbst dort,
wo der Knstler die kraftvollsten Mittel des Lichtes und Schattens angewendet
hatte, nicht zur vollen Wirksamkeit gelangen, weil das, was die Bilder erst
recht malen hilft, fehlte, die Macht eines sonnigen und heiteren Tages. Selbst
als ich zu einigen, die ich besonders liebte, nher getreten war, selbst als ich
vor einem Guido, der auf der Staffelei stand, die nahe an das Fenster und in das
beste Licht gerckt worden war, niedersa, um ihn zu betrachten, konnte die
Empfindung, die sonst diese Werke in mir erregten, nicht emporkeimen. Ich
erkannte bald die Ursache, welche darin bestand, da ohnehin eine viel hhere in
meinem Gemte waltete, welche durch die Gestalt des Altertums in mir
hervorgerufen worden war. Die Gemlde erschienen mir beinahe klein. Ich ging in
das Bcherzimmer, nahm mir Odysseus aus seinem Schreine, begab mich in das
Lesezimmer, in welchem die gesellige Flamme, die Freundin des Menschen, die ihm
in der Finsternis Licht und im Winter des Nordens Wrme gibt, hinter dem feinen
Gitter eines Kamines freundlich loderte, und in welchem alles auf das
reinlichste geordnet war, setzte mich in einiger Entfernung von dem Fenster in
einen weichen Sitz, und begann unter dem Prasseln des Regens an den Fenstern von
der ersten Zeile an zu lesen. Die fremden Worte, die als lebendig gesprochen
einer fernen Zeit angehrten, die Gestalten, welche durch diese Worte in unsere
Zeit mit all ihrer ihnen einstens angehrigen Eigentmlichkeit heraufgefhrt
wurden, schlossen sich an die Jungfrau an, welche ich auf der Treppe hatte
stehen gesehen. Als Nausikae kam, war es mir wieder, wie es mir bei der ersten
richtigen Betrachtung der Marmorgestalt gewesen war, die Gewnder des harten
Stoffes lseten sich zu leichter Milde, die Glieder bewegten sich, das Angesicht
erhielt wandelbares Leben, und die Gestalt trat als Nausikae zu mir. Es war auch
die Erinnerung jenes Abends gewesen, die heute meine Hand, als ich von der
Treppe in den Marmorsaal und in das Bilderzimmer herauf gekommen war und in
diesen keine Befriedigung gefunden hatte, zu den Worten Homers im Odysseus
greifen lie. Als die Helden das Mahl in dem Saale genossen hatten, als der
Snger gerufen worden war, als die Worte jenes Liedes vernommen worden waren,
dessen Ruhm damals bis zu dem Himmel reichte, als Odysseus das Haupt verhllt
hatte, damit man die Trnen nicht she, welche ihm aus den Augen flossen, als
endlich Nausikae schlicht und mit tiefem Gefhle an den Sulen der Pforte des
Saales stand: da gesellte sich auch lchelnd das schne Bild Nataliens zu mir;
sie war die Nausikae von jetzt, so wahr, so einfach, nicht prunkend mit ihrem
Gefhle und es nicht verhehlend. Beide Gestalten verschmolzen in einander, und
ich las und dachte zugleich, und bald las ich, und bald dachte ich, und als ich
endlich sehr lange blo allein gedacht hatte, nahm ich das Buch, das vor mir auf
dem Tische lag, wieder auf, trug es in das Bcherzimmer auf seinen Platz, und
ging durch den Marmorsaal und den Gang der Gastzimmer in meine Wohnung zurck.
    Das Werk des Vormittages war abgetan.
    Am Mittagtische fanden sich wieder dieselben Personen ein, welche bei dem
Frhmahle versammelt gewesen waren. Nach dem Genusse eines einfachen, aber fr
Gedeihen und Gesundheit sehr wohl zubereiteten Mahles, wie es immer in dem
Rosenhause sein mute, nach manchem freundlichen und erheiternden Gesprche
stand man auf, um wieder zu seinen Geschften zu gehen, die jedem ernst und
wichtig genug waren, mochten sie nun im Erwerben von Kenntnissen bestehen, wie
fast ausschlielich bei Gustav, oder mochten sie im Vorwrtsdringen in der Kunst
oder auf wissenschaftlichem Felde oder in einer richtigeren Gestaltung der
eigenen Lebenslage enthalten sein.
    Fr den heutigen Nachmittag war ein besonderes Geschft Vorbehalten worden,
zu welchem auch Roland kommen und deshalb seine heutige Arbeit an seinem Bilde
abbrechen mute. Es war eine Sammlung von Kupferstichen eingelangt, welche zum
Kaufe angeboten waren, und deren Besichtigung man auf den heutigen Nachmittag
anberaumt hatte. Mein Gastfreund lud mich zu der Sache ein. Die Kupferstiche
lagen in zwei Mappen in dem Zimmer meines Gastfreundes. Wir gingen ber die
Treppe, die fr die Dienerschaft bestimmt war, in sein Zimmer empor, und rckten
den Tisch, auf welchem die Mappen lagen, nher an ein Fenster, damit wir die
Bltter besser betrachten konnten. Die Mappen wurden geffnet, und bald sah man,
da der Sammler der in denselben enthaltenen Stcke kein Mann gewesen sei, der
von der Tiefe der Kunst, von ihrem Ernste und von ihrer Bedeutung fr das
menschliche Leben eine Vorstellung gehabt habe. Er war eben ein Sammler
gewhnlicher Art gewesen, der die Menge und die Mannigfaltigkeit der Stocke vor
Augen gehabt hatte. Jetzt lag er im Grabe, und seine Erben muten weder fr die
Verhltnisse der Kunst zum menschlichen Leben, noch fr Sammeln von was immer
fr einer Art einen Sinn gehabt haben, daher sie alle Hefte meinem Gastfreunde,
von dem sie gehrt hatten, da er solche Merkwrdigkeiten suche, zum Verkaufe
anboten. Neben ganz wertlosen Erzeugnissen des Grabstichels nach heutiger
unbedeutender Weise, wie sie in Bchern und Bilderwerken zum Behufe des
Gelderwerbes vorkommen, neben Steinzeichnungen mit der Feder und der Kreide
befanden sich auch bessere Werke von jetzt und besonders einige Stcke aus
lterer Zeit von groem Werte. Mein Gastfreund und seine zwei Gehilfen sprachen
bei dieser Gelegenheit manches ber Kupferstiche, was mir neu war, und woran ich
die Bedeutung dieses Kunstzweiges mehr kennen lernte, als ich sie frher kannte.
Da er die bersetzung der Werke der groen Meister aller Zeiten vermitteln kann,
da er ein Bild, das nur einmal da ist, das fr viele Menschen an fernen und
ihnen nie erreichbaren Orten sich befindet, oder das als Eigentum eines
einzelnen Mannes nicht einmal allen denen, die denselben Ort mit ihm bewohnen,
zugnglich ist, vervielfltiget und zur Anschauung in viele Orte und in ferne
Zeiten bringen kann, so sollte man ihm wohl die grte Aufmerksamkeit schenken.
Wenn er nicht einer gewissen, zu bestimmten Zeiten in Schwung kommenden Art
huldigt, sondern strebt, die Seele des Meisters, wie sie sich in dem Bilde
darstellt, wieder zu geben, wenn er nicht blo die Stoffe, wie sie sich in dem
Bilde befinden, von der Zartheit des menschlichen Angesichtes und der
menschlichen Hnde angefangen durch den Glanz der Seide und die Gltte des
Metalles bis zu der Rauhigkeit der Felsen und Teppiche herab, sondern auch sogar
die Farben, die der Maler angewendet hat, durch verschiedene, aber immer klare,
leicht gefhrte und schngeschwungene Linien, die niemals unbedeutend, niemals
durch Absonderlichkeit auffallend sein, niemals einen bloen Fleck bilden
drfen, und die er zur Bemeisterung jedes neuen Gegenstandes neu erfinden kann,
darstellt: dann kann er zwar nicht der Malerei in ihren Wirkungen an die Seite
gesetzt werden, die sie auf ihre Beschauer geradehin ausbt, aber er kann ihr an
Kunstwirkung berhaupt als ebenbrtig erkannt werden, weil er auf eine grere
Zahl von Menschen wirkt, und bei denen, welche die nachgeahmten Gemlde nicht
sehen knnen, eine desto tiefere und vollere Kunstwirkung hervorbringt, je
tiefer und edler er selber ist. Dies habe ich bei meinem Gastfreunde in der
Zeit, als ich mit ihm in Verbindung war, immer mehr kennen gelernt, und dies ist
mir wieder besonders klar geworden, als die Kupferstiche durchgesehen wurden,
und als man ber ihren Wert und ber Mittel, Wege und Wirkung der
Kupferstecherkunst berhaupt sprach. Es wurde, da man die Einzelheiten der guten
Bltter genau untersucht und ihre Vorzge und ihre Mngel sorglich besprochen
hatte, festgesetzt, da man der guten Stcke willen die ganze Sammlung kaufen
wolle, wenn ihr Preis einen gewissen Betrag, den man anbot, und den man
gerechter und billiger Weise geben konnte, nicht berstiege. Die schlechten
Bltter wollte man dann vernichten, weil sie durch ihr Dasein eine gute Wirkung
nicht nur nicht hervorbringen, sondern das Gefhl dessen, der nichts Besseres
sieht, statt es zu heben, in eine rohere und verbildetere Richtung lenken, als
es nhme, wenn ihm nichts als die Gegenstnde der Natur geboten wrden. Den
Geist des Menschen, sagten die Mnner, verunreinige falsche Kunst mehr als die
Unberhrtheit von jeder Kunst. Da es dmmerte, wurden die Kupferstiche in ihre
Behltnisse getan, der Tisch wurde wieder an seine Stelle gerckt, und wir
trennten uns.
    Der Sturm hatte eher zu als ab genommen, und der Regen schlug in Strmen an
die Fenster.
    Abends waren wir wieder in dem Arbeitszimmer meines Gastfreundes vereinigt,
nur Gustav fehlte, weil er sich in seinem Zimmer noch mit seiner Tagesaufgabe
beschftigte. Ehe wir zu dem Abendessen gingen, zeichnete mein Gastfreund noch
den Stand der naturwissenschaftlichen Gerte, welche sich auf Luftdruck,
Feuchtigkeit, Wrme, Elektrizitt und dergleichen bezogen, in seine Bcher, und
dann ging er durch das ganze Haus und besah den Verhalt der Dinge in demselben,
die gefrderten Arbeiten der Hausleute, ihr jetziges Tun und den allflligen
Einflu des heutigen strmischen Wetters.
    Bei dem Abendessen wurde, nachdem man die Nahrungsbedrfnisse in kurzer Zeit
gestillt und heitere Gesprche gefhrt hatte, noch aus einem Buche vorgelesen,
das damal neu war. Es betraf grtenteils die Geschichte des Seidenbaues und der
Seidenweberei, und besonders wurde der Abschnitt behandelt, wie dieses Gewerbe
aus dem fernsten Morgenlande nach Syrien, nach Arabien, Egypten, Byzanz, dem
Peloponnes, nach Sicilien, Spanien, Italien und Frankreich gekommen sei. Mein
Gastfreund behauptete, da in der Anfertigung von jenen Prachtstoffen, die aus
Seide und Gold oder Silber bestanden, was die Feinheit und Zartheit des Gewebes,
was dessen Weichheit, verbunden mit mildem Glanze, gegen den die heutigen Stoffe
dieser Art in ihrer Steifheit und in ihrem harten Schimmer stark abstehen, und
was endlich den Schwung, die feine Zierlichkeit und die reiche Einbildungskraft
in den Zeichnungen betrifft, die Zeit des dreizehnten und vierzehnten
Jahrhunderts den spteren Zeiten und besonders der unsrigen weit vorzuziehen
sei. Er habe zu spt angefangen, diesem Zweige des Altertumes, der beinahe ein
Zweig der Kunst sei, seine Aufmerksamkeit zu widmen. Eine Sammlung solcher
Stoffe mte merkwrdig sein, er knne aber keine mehr anlegen, da sie Reisen
durch ganz Europa, ja durch nicht unbedeutende Teile von Asien und Afrika
voraussetze und wahrscheinlich die Krfte eines einzelnen Mannes berschreite.
Gesellschaften oder der Staat knnten solche Sammlungen zur Vergleichung, zur
Belehrung, ja zur Bereicherung der Geschichte selber zu Stande bringen. In
reichen Abteien, in den Kleiderschreinen alter berhmter Kirchen, in
Schatzkammern und andern Behltnissen kniglicher Burgen und grerer Schlsser
drfte sich vieles finden, was dort zu entbehren wre und in einer Sammlung
Sprache und Bedeutung gewnne. Wie viel mte nach den Kreuzzgen aus dem
Morgenlande nach Europa gekommen sein, da selbst einfache Ritter mit dort
gewonnener Beute an Gold und kostbaren Stoffen in die Heimat zurckgekehrt
seien, und sich Prunk auer bei kirchlichen Feierlichkeiten, Krnungen,
Aufzgen, Kampfspielen auch im gewhnlichen Verkehre mehr eingefunden hatte, als
er frher gewesen war. Wie mte dieser Zweig auch ein Licht auf die mit seinem
Blhen ganz gleich laufende Zeit werfen, in welcher jene merkwrdigen Kirchen
gebaut wurden, deren erhabene berbleibsel noch heute unsere Bewunderung
erregen, wie mte er auch eine Beziehung erffnen zur Verzierungskunst jener
Zeit in Steinmetzarbeit, in Elfenbein- und Holzschnitzerei, ja zum Beginne der
spter blhenden groen Malerschulen in dem Norden und Sden Europas, und wie
mte er sogar auf Gedanken ber Anschauungsweise der Vlker, ihre Verbindungen
und ihre Handelswege leiten. Tun das ja auch Mnzen, tun es Siegel und andere
diesen untergeordnete Dinge. Roland sagte, er wolle nun solche Stoffe zu sammeln
suchen.
    Wir gingen an jenem Abende spter auseinander als gewhnlich.
    Am anderen Morgen, als ich aufgestanden war und das beginnende Licht einen
Ausblick durch die Fenster gestattete, sah ich frischen Schnee ber alle Gefilde
ausgebreitet, und in dichten Flocken, die um das Glas der Fenster spielten, fiel
er noch immer von dem Himmel herunter. Der Wind hatte etwas nachgelassen, die
Klte mute gestiegen sein.
    Wir machten an diesem Tage alle zusammen einen ziemlich groen Spaziergang.
Im Garten wurde herumgegangen, ob etwas zu richten sei, die Gewchshuser wurden
besucht, in dem Meierhofe wurde nachgesehen, und abends wurde in dem Buche,
welches von der Seidenweberei handelte, weiter gelesen. Der Schneefall hatte bis
in die Dmmerung gedauert, dann kamen heitere Stellen an dem Himmel zum
Vorscheine.
    Wie diese zwei Tage vergangen waren, so vergingen nun mehrere, und mein
Gastfreund begann nicht, seine Mitteilungen, welche er versprochen hatte, zu
machen. Wir hatten auer der Zeit, die jeder in seiner Wohnung bei seinen
Arbeiten zubrachte, manche Gnge durch die Gegend gemacht, was um so angenehmer
war, als nach den strmischen Tagen bei meiner Ankunft sich heiteres, stilles
und kaltes Wetter eingestellt hatte. Ich war zu mancher Zeit in der Gesellschaft
meines Gastfreundes, ich sah ihm zu, wenn er seine Vgel vor dem Fenster
ftterte, oder wenn er fr Ernhrung der Hasen auerhalb der Grenze seines
Gartens sorgte, was des tiefen Schnees willen, der gefallen war, doppelt
notwendig wurde, wir hatten weitere Fahrten in dem Schlitten gemacht, um
Nachbarn zu besuchen, manches zu besprechen, oder die freie Luft und die
Bewegung zu genieen, einmal war ich mit meinem Gastfreunde zu einer Brcke
gefahren, die er mit mehreren Mnnern beschauen sollte, weil man vorhatte, sie
im Frhlinge neu zu bauen - man hatte meinen Gastfreund nicht verschont und ihn
mit Gemeindemtern betraut -, mehrere Male waren wir in verschiedenen Teilen der
Wlder gewesen, um bei dem Fllen der Hlzer nachzusehen, welche zum Bauen und
zur Verarbeitung in dem Schreinerhause verwendet werden sollten, welche Fllung
in dieser Jahreszeit vor sich gehen mute; wir waren auch einmal im Jnghofe
gewesen und hatten die dortigen Gewchshuser besehen. Der Hausverwalter und der
Grtner hatten uns bereitwillig und freundlich herum gefhrt. Der Herr des
Besitztums war mit seiner Familie in der Stadt.
    Eines Tages kam mein Gastfreund in meine Wohnung, was er fter tat, teils um
mich zu besuchen, teils um nach zu sehen, ob es mir nicht an etwas Notwendigem
gebreche. Nachdem das Gesprch ber verschiedene Dinge eine Weile gedauert
hatte, sagte er: Ihr werdet wohl wissen, da ich der Freiherr von Risach bin.
    Lange wute ich es nicht, antwortete ich, jetzt wei ich es schon eine
geraume Zeit.
    Habt Ihr nie gefragt?
    Ich habe nach der ersten Nacht, die ich in Eurem Hause zugebracht habe,
einen Bauersmann gefragt, welcher mir die Antwort gab, Ihr seiet der Aspermeier.
An demselben Tage forschte ich auch in weiterer Entfernung, ohne etwas Genaues
zu erfahren. Spter habe ich nie mehr gefragt.
    Und warum habt Ihr denn nie gefragt?
    Ihr habt Euch mir nicht genannt; daraus schlo ich, da Ihr nicht fr ntig
hieltet, mir Euren Namen zu sagen, und daraus zog ich fr mich die Maregel, da
ich Euch nicht fragen drfe, und wenn ich Euch nicht fragen durfte, durfte ich
es auch einen andern nicht.
    Man nennt mich hier in der ganzen Gegend den Asperherrn, antwortete er,
weil es bei uns gebruchlich ist, den Besitzer eines Gutes nach dem Gute, nicht
nach seiner Familie zu benennen. Jener Name erbt in Hinsicht aller Besitzer bei
dem Volke fort, dieser ndert sich bei einer nderung des Besitzstandes, und da
mte das Volk stets wieder einen neuen Namen erlernen, wozu es viel zu
beharrend ist. Einige Landleute nennen mich auch den Aspermeier, wie mein
Vorgnger geheien hat.
    Ich habe einmal zufllig Euren richtigen Namen nennen gehrt, sagte ich.
    Ihr werdet dann auch wissen, da ich in Staatsdiensten gestanden bin,
erwiderte er.
    Ich wei es, sagte ich.
    Ich war fr dieselben nicht geeignet, antwortete er.
    Dann sagt Ihr etwas, dem alle Leute, die ich bisher ber Euch gehrt habe,
widersprechen. Sie loben Eure Staatslaufbahn insgesamt, erwiderte ich.
    Sie sehen vielleicht auf einige einzelne Ergebnisse, antwortete er, aber
sie wissen nicht, mit welchem Ungemache des Entstehens diese aus meinem Herzen
gekommen sind. Sie knnen auch nicht wissen, wie die Ergebnisse geworden wren,
wenn ein anderer von gleicher Begabung, aber von grerer Gemtseignung fr den
Staatsdienst, oder wenn gar einer von auch noch grerer Begabung sie gefrdert
htte.
    Das kann man von jedem Dinge Sagen, erwiderte ich.
    Man kann es, antwortete er, dann soll man aber das, was nicht gerade
milungen ist, auch nicht sogleich loben. Hrt mich an. Der Staatsdienst oder
der Dienst des allgemeinen Wesens berhaupt, wie er sich bis heute entwickelt
hat, umfat eine groe Zahl von Personen. Zu diesem Dienste wird auch von den
Gesetzen eine gewisse Ausbildung und ein gewisser Stufengang in Erlangung dieser
Ausbildung gefordert, und mu gefordert werden. Je nachdem nun die Hoffnung
vorhanden ist, da einer nach Vollendung der geforderten Ausbildung und ihres
Stufenganges sogleich im Staatsdienste Beschftigung finden, und da er in einer
entsprechenden Zeit in jene hheren Stellen empor rcken werde, welche einer
Familie einen anstndigen Unterhalt gewhren, widmen sich mehr oder wenigere
Jnglinge der Staatslaufbahn. Aus der Zahl derer, welche mit gutem Erfolge den
vorgeschriebenen Bildungsweg zurckgelegt haben, whlt der Staat seine Diener,
und mu sie im ganzen daraus whlen. Es ist wohl kein Zweifel, da auch
auerhalb dieses Kreises Mnner von Begabung fr den Staatsdienst sind, von
groer Begabung, ja von auerordentlicher Begabung; aber der Staat kann sie,
jene ungewhnlichen Flle abgerechnet, wo ihre Begabung durch besondere Zuflle
zur Erscheinung gelangt und mit dem Staate in Wechselwirkung gert, nicht
whlen, weil er sie nicht kennt, und weil das Whlen ohne nhere Kenntnis und
ohne die vorliegende Gewhr der erlangten vorgeschriebenen Ausbildung Gefahr
drohte und Verwirrung und Mileitung in die Geschfte bringen knnte. Wie nun
diejenigen, welche die Vorbereitungsjahre zurckgelegt haben, beschaffen sind,
so mu sie der Staat nehmen. Oft sind selbst groe Begabungen in grerer Zahl
darunter, oft sind sie in geringerer, oft ist im Durchschnitte nur
Gewhnlichkeit vorhanden. Auf diese Beschaffenheit seines Personenstoffes mute
nun der Staat die Einrichtung seines Dienstes grnden. Der Sachstoff dieses
Dienstes mute eine Fassung bekommen, die es mglich macht, da die zur
Erreichung des Staatszweckes ntigen Geschfte fortgehen und keinen Abbruch und
keine wesentliche Schwchung erleiden, wenn bessere oder geringere einzelne
Krfte abwechselnd auf die einzelnen Stellen gelangen, in denen sie ttig sind.
Ich knnte ein Beispiel gebrauchen und sagen, jene Uhr wre die vortrefflichste,
welche so gebaut wre, da sie richtig ginge, wenn auch ihre Teile verndert
wrden, schlechtere an die Stelle besserer, bessere an die Stelle schlechterer
kmen. Aber eine solche Uhr drfte kaum mglich sein. Der Staatsdienst mute
sich aber so mglich machen, oder sich nach der Entwicklung, die er heute
erlangt hat, aufgeben. Es ist nun einleuchtend, da die Fassung des Dienstes
eine strenge sein mu, da es nicht erlaubt sein knne, da ein Einzelner den
Dienstesinhalt in einer andern Fassung als in der vorgeschriebenen anstrebe, ja
da sogar mit Rcksicht auf die Zusammenhaltung des Ganzen ein Einzelnes minder
gut verrichtet werden mu, als man es von seinem Standpunkte allein betrachtet
tun knnte. Die Eignung zum Staatsdienste von Seite des Gemtes, abgesehen von
den andern Fhigkeiten, besteht nun auch in wesentlichen Teilen darin, da man
entweder das Einzelne mit Eifer zu tun im Stande ist, ohne dessen Zusammenhang
mit dem groen Ganzen zu kennen, oder da man Scharfsinn genug hat, den
Zusammenhang des Einzelnen mit dem Ganzen zum Wohle und Zwecke des Allgemeinen
einzusehen, und da man dann dieses Einzelne mit Lust und Begeisterung
vollfhrt. Das letztere tut der eigentliche Staatsmann, das erste der sogenannte
gute Staatsdiener. Ich war keins von beiden. Ich hatte von Kindheit an, freilich
ohne es damals oder in den Jugendjahren zu wissen, zwei Eigenschaften, die dem
Gesagten geradezu entgegen standen. Ich war erstens gerne der Herr meiner
Handlungen. Ich entwarf gerne das Bild dessen, was ich tun sollte, selbst, und
vollfhrte es auch gerne mit meiner alleinigen Kraft. Daraus folgte, da ich
schon als Kind, wie meine Mutter erzhlte, eine Speise, ein Spielzeug und
dergleichen lieber nahm, als mir geben lie, da ich gegen Hilfe widerspnstig
war, da man mich als Knaben und Jngling ungehorsam und eigensinnig nannte, und
da man in meinen Mnnerjahren mir Starrsinn vorwarf. Das hinderte aber nicht,
da ich dort, wo mir ein Fremdes durch Grnde und hohe Triebfedern untersttzt
gegeben wurde, dasselbe als mein Eigenes aufnahm und mit der tiefsten
Begeisterung durchfhrte. Das habe ich einmal in meinem Leben gegen meine
strkste Neigung, die ich hatte, getan, um der Ehre und der Pflicht zu gengen.
Ich werde es Euch spter erzhlen. Daraus folgt, da ich eigensinnig in der
Bedeutung des Wortes, wie man es gewhnlich nimmt, nicht gewesen bin, und es
auch im Alter, in dem man berhaupt immer milder wird, gewi nicht bin. Eine
zweite Eigenschaft von mir war, da ich sehr gerne die Erfolge meiner Handlungen
abgesondert von jedem Fremdartigen vor mir haben wollte, um klar den
Zusammenhang des Gewollten und Gewirkten berschauen und mein Tun fr die
Zukunft regeln zu knnen. Eine Handlung, die nur gesetzt wird, um einer
Vorschrift zu gengen oder eine Fassung zu vollenden, konnte mir Pein erregen.
Daraus folgte, da ich Taten, deren letzter Zweck ferne lag oder mir nicht
deutlich war, nur lssig zu vollfhren geneigt war, whrend ich Handlungen, wenn
ihr Ziel auch sehr schwer und nur durch viele Mittelglieder zu erreichen war,
mit Eifer und Lust zu Ende fhrte, sobald ich mir nur den Hauptzweck und die
Mittelzwecke deutlich machen und mir aneignen konnte. Im ersten Falle vermochte
ich es mir nur durch die Vorstellung, da der Zweck, wenn auch dunkel, doch ein
hoher sei, abzuringen, da ich mit aller Kraft an das Werk ging, wobei ich aber
immer zum Eilen geneigt war, weshalb man mich auch ungeduldig schalt: im zweiten
Falle gingen die Krfte von selber an das Werk, und es wurde mit der grten
Ausdauer und mit Verwendung aller gegebenen Zeit zu Stande gebracht, weshalb man
mich auch wieder hartnckig nannte. Ihr werdet in diesem Hause Dinge gesehen
haben, aus denen Euch klar geworden ist, da ich Zwecke auch mit groer Geduld
verfolgen kann. Sonderbar ist es berhaupt, und drfte von grerer Bedeutung
sein, als man ahnt, da mit dem zunehmenden Alter die Weitaussichtigkeit der
Plne wchst, man denkt an Dinge, die unabsehliche Strecken jenseits alles
Lebenszieles liegen, was man in der Jugend nicht tut, und das Alter setzt mehr
Bume und baut mehr Huser als die Jugend. Ihr seht, da mir zwei Hauptdinge zum
Staatsdiener fehlen, das Geschick zum Gehorchen, was eine Grundbedingung jeder
Gliederung von Personen und Sachen ist, und das Geschick zu einer ttigen
Einreibung in ein Ganzes und krftiger Arbeit fr Zwecke, die auer dem
Gesichtskreise liegen, was nicht minder eine Grundbedingung fr jede Gliederung
ist. Ich wollte immer am Grundstzlichen ndern und die Pfeiler verbessern,
statt in einem Gegebenen nach Krften vorzugehen, ich wollte die Zwecke allein
entwerfen, und wollte jede Sache so tun, wie sie fr sich am besten ist, ohne
auf das Ganze zu sehen, und ohne zu beachten, ob nicht durch mein Vorgehen
anderswo eine Lcke gerissen werde, die mehr schadet, als mein Erfolg ntzt. Ich
wurde, da ich noch kaum mehr als ein Knabe war, in meine Laufbahn gefhrt, ohne
da ich sie und mich kannte, und ich ging in derselben fort, so weit ich konnte,
weil ich einmal in ihr war, und mich schmte, meine Pflicht nicht zu tun. Wenn
einiges Gute durch mich zu Stande kam, so rhrt es daher, da ich einerseits in
Betrachtung meines Amtes und seiner Gebote meinen Krften eine mgliche
Ttigkeit abrang, und da andererseits die Zeitereignisse solche Aufgaben herbei
fhrten, bei denen ich die Plne des Handelns entwerfen und selber durchfhren
konnte. Wie tief aber mein Wesen litt, wenn ich in Arten des Handelns, die
seiner Natur entgegengesetzt sind, begriffen war, das kann ich Euch jetzt kaum
ausdrcken, noch wre ich damals im Stande gewesen, es auszudrcken. Mir fiel in
jener Zeit immer und unabweislich die Vergleichung ein, wenn etwas, das Flossen
hat, fliegen, und etwas, das Flgel hat, schwimmen mu. Ich legte deshalb in
einem gewissen Lebensalter meine mter nieder. Wenn Ihr fragt, ob es denn
notwendig sei, da sich in der Gliederung des Staatsdienstes eine so groe
Anzahl von Personen befinde, und ob man nicht einen Teil der allgemeinen
Geschfte, wie sie jetzt sind, zu besondern Geschften machen und sie besondern
Krperschaften oder Personen, die sie hauptschlich angehen, berlassen knnte,
wodurch eine grere bersichtlichkeit in den Staatsdienst kme, und wodurch es
mglich wrde, da sich hervorragende Begabungen mehr im Entwerfen und
Vollfhren von Plnen zu allgemeinem Besten geltend machen knnten: so antworte
ich: diese Frage ist allerdings eine wichtige und ihre richtige Beantwortung von
der grten Bedeutung; aber eben die richtige Beantwortung in allen ihren
Einzelnheiten drfte eine der schwersten Aufgaben sein, und ich getraue mir
nicht, von mir zu behaupten, da ich diese richtige Beantwortung zu geben im
Stande wre. Auch liegt dieser Gegenstand unserem heutigen Gesprche zu ferne,
und wir knnen ein anderes Mal von ihm reden, so weit wir im Urteile ber ihn zu
kommen vermgen. Das ist gewi: wenn auch im gegenwrtigen Staatsdienste
Vernderungen notwendig sein sollten, und wenn die Vernderungen in dem frher
angefhrten Sinne vor sich gehen werden, so hat der gegenwrtige Zustand doch in
den allgemeinen Umwandlungen, denen der Staat so wie jedes menschliche Ding und
die Erde selbst unterworfen ist, sein Recht, er ist ein Glied der Kette und wird
seinem Nachfolger so weichen, wie er selber aus seinem Vorlufer hervor gegangen
ist. Wir haben schon vielmal ber Lebensberuf gesprochen, und da es so schwer
ist, seine Krfte zu einer Zeit zu kennen, in welcher man ihnen ihre Richtung
vorzeichnen, das heit, einen Lebensweg whlen mu. Wir hatten bei unsern
Gesprchen hauptschlich die Kunst im Auge, aber auch von jeder andern
Lebensbeschftigung gilt dasselbe. Selten sind die Krfte so gro, da sie sich
der Betrachtung aufdrngen und die Angehrigen eines jungen Menschen zur
Ergreifung des rechten Gegenstandes fr ihn fhren, oder da sie selber mit
groer Gewalt ihren Gegenstand ergreifen. Ich hatte auer den Eigenschaften
meines Geistes, die ich Euch eben darlegte, noch eine besondere, deren Wesenheit
ich erst sehr spt erkannte. Von Kindheit an hatte ich einen Trieb zur
Hervorbringung von Dingen, die sinnlich wahrnehmbar sind. Bloe Beziehungen und
Verhltnisse sowie die Abziehung von Begriffen hatten fr mich wenig Wert, ich
konnte sie in die Versammlung der Wesen meines Hauptes nicht einreihen. Da ich
noch klein war, legte ich allerlei Dinge an einander und gab dem so Entstandenen
den Namen einer Ortschaft, den ich etwa zufllig fter gehrt hatte, oder ich
bog eine Gerte, einen Blumenstengel und dergleichen zu einer Gestalt und gab ihr
einen Namen, oder ich machte aus einem Fleckchen Tuch den Vetter, die Muhme; ja
sogar jenen abgezogenen Begriffen und Verhltnissen, von denen ich sprach, gab
ich Gestalten, und konnte sie mir merken. So erinnere ich mich noch jetzt, da
ich als Kind fter das Wort Kriegswerbung hrte. Wir bekamen damals einen neuen
Ahorntisch, dessen Plattenteile durch dunkelfarbige Holzkeile an einander
gehalten wurden. Der Querschnitt dieser Keile kam als eine dunkle Gestalt an der
Dicke der Platte quer ber die Fuge zum Vorscheine, und diese Gestalt hie ich
die Kriegswerbung. Diese sinnliche Regung, die wohl alle Kinder haben, wurde bei
mir, da ich heran wuchs, immer deutlicher und strker. Ich hatte Freude an
allem, was als Wahrnehmbares hervorgebracht wurde, an dem Keimen des ersten
Grsleins, an dem Knospen der Gestruche, an dem Blhen der Gewchse, an dem
ersten Reife, der ersten Schneeflocke, an dem Sausen des Windes, dem Rauschen
des Regens, ja an dem Blitze und Donner, obwohl ich beide frchtete. Ich ging
zusehen, wenn die Zimmerleute Holz aushauten, wenn eine Htte gezimmert, ein
Brett angenagelt wurde. Ja die Worte, die einen Gegenstand sinnlich vorstellbar
bezeichneten, waren mir weit lieber als die, welche ihn nur allgemein angaben.
So zum Beispiele traf es mich viel mchtiger, wenn jemand sagte: der Graf reitet
auf dem Schecken, als: er reitet auf einem Pferde. Ich zeichnete mit einem
Rotstifte Hirsche, Reiter, Hunde, Blumen, mit Vorliebe aber Stdte, von denen
ich ganz wunderbare Gestalten zusammensetzte. Ich machte aus feuchtem Lehm
Palste, aus Holzrinde Altre und Kirchen. Ich nenne diesen Trieb
Schaffungslust. Er ist bei vielen Menschen mehr oder minder vorhanden. Eine noch
grere Zahl aber hat die Bewahrungslust, von der der Geiz eine hliche Abart
ist. Selbst in spteren Jahren trat diese Lust nicht zurck. Da ich einmal an
unserem schnen Strome zu wohnen kam, und im ersten Winter zum ersten Male das
Treibeis sah, konnte ich mich nicht satt sehen an dem Entstehen desselben und an
dem gegenseitigen Anstoen und Abreiben der mehr oder minder runden Kuchen.
Selbst in den nchst folgenden Wintern stand ich oft stundenlange an dem Ufer
und sah den Eisbildungen zu, besonders der Entstehung des Standeises. Das, was
vielen so unangenehm ist, das Verlassen einer Wohnung und das Beziehen einer
andern, machte mir Lust. Mich freute das Einpacken, das Auspacken und die
Instandesetzung der neuen Rume. In den Jnglingsjahren trat eine weitere Seite
dieses Triebes hervor. Ich liebte nicht blo Gestalten, sondern ich liebte
schne Gestalten. Dies war wohl auch schon in dem Kindertriebe vorhanden. Rote
Farben, sternartige oder vielverschlungene Dinge sprachen mich mehr an als
andere. Es kam aber diese Eigenschaft damals weniger zum Bewutsein. Als
Jngling begehrte ich die Gestalten, wie sie als Krper aus der Bildhauerei und
Baukunst hervor gehen, als Flchen, Linien und Farben aus der Malerei, als Folge
der Gefhle in der Musik, der menschlich sittlichen und der irdisch merkwrdigen
Zustnde in der Dichtkunst. Ich gab mich diesen Gestalten mit Wrme hin, und
verlangte Gebilde, die ihnen hnlich sind, im Leben. Felsen, Berge, Wolken,
Bume, die ihnen glichen, liebte ich, die entgegengesetzten verachtete ich.
Menschen, menschliche Handlungen und Verhltnisse, die ihnen entsprachen, zogen
mich an, die andern stieen mich ab. Es war, ich erkannte es spt, im Grunde die
Wesenheit eines Knstlers, die sich in mir offenbarte und ihre Erfllung
heischte. Ob ich ein guter oder ein mittelmiger Knstler geworden wre, wei
ich nicht. Ein groer aber wahrscheinlich nicht, weil dann nach allem Vermuten
doch die Begabung durchgebrochen wre und ihren Gegenstand ergriffen htte.
Vielleicht irre ich mich auch darin, und es war mehr blo die Anlage des
Kunstverstndnisses, was sich offenbarte, als die der Kunstgestaltung. Wie das
aber auch ist: in jedem Falle waren die Krfte, die sich in mir regten, dem
Wirken eines Staatsdieners eher hinderlich als frderlich. Sie verlangten
Gestalten und bewegten sich um Gestalten. So wie aber der Staat selber die
Ordnung der gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen ist, also nicht eine
Gestalt, sondern eine Fassung: so beziehen sich die Ergebnisse der Arbeiten der
Staatsmnner meist auf Beziehungen und Verhltnisse der Staatsglieder oder der
Staaten, sie liefern daher Fassungen, nicht Gestalten. So wie ich in der
Kindheit oft den abgezogenen Begriffen eine Gestalt leihen mute, um sie halten
zu knnen, so habe ich oft in gereiften Jahren im Staatsdienste, wenn es sich um
Staatsbeziehungen, um Forderungen anderer Staaten an uns oder unseres Staates an
andere handelte, mir die Staaten als einen Krper und eine Gestalt gedacht, und
ihre Beziehungen dann an ihre Gestalten angeknpft. Auch habe ich nie vermocht,
die bloen eigenen Beziehungen oder den Nutzen unseres Staates allein als das
hchste Gesetz und die Richtschnur meiner Handlungen zu betrachten. Die
Ehrfurcht vor den Dingen, wie sie an sich sind, war bei mir so gro, da ich bei
Verwicklungen, streitigen Ansprchen und bei der Notwendigkeit, manche Sachen zu
ordnen, nicht auf unsern Nutzen sah, sondern auf das, was die Dinge nur fr sich
forderten, und was ihrer Wesenheit gem war, damit sie das wieder werden, was
sie waren, und das, was ihnen genommen wurde, erhalten, ohne welchem sie nicht
sein knnen, was sie sind. Diese meine Eigenschaft hat mir manchen Kummer
bereitet, sie hat mir hohen Tadel zugezogen; aber sie hat mir auch Achtung und
Anerkennung eingebracht. Wenn meine Meinung angenommen und ins Werk gesetzt
worden war, so hatte die neue Ordnung der Dinge, weil sie auf das Wesentliche
ihrer Natur gegrndet war, Bestand, sie brachte in so ferne, weil wir vor
erneuerten Unordnungen, also vor wiederholter Kraftanstrengung geschtzt waren,
unserem Staate einen greren Nutzen, als wenn wir frher den einseitigen
angestrebt htten, und ich erhielt Ehrenzeichen, Lob und Befrderung. Wenn ich
in jenen Tagen der schweren Arbeit eine Ruhezeit hatte, und auf einer kleinen
Reise die erhabene Gestalt eines Berges sah, oder eine Hgelreihe sich trmender
Wolken, oder die blauen Augen eines freundlichen Landmdchens, oder den
schlanken Krper eines Jnglings auf einem schnen Pferde - oder wenn ich auch
nur in meinem Zimmer vor meinen Gemlden stand, deren ich damals schon manche
sammelte, oder vor einer kleinen Bildsule: so verbreitete sich eine Ruhe und
ein Wohlbehagen ber mein Inneres, als wre es in seine Ordnung gerckt worden.
Wenn ein knstlerisches Gestaltungsvermgen in mir war, so war es das eines
Baumeisters oder eines Bildhauers oder auch noch das eines Malers, gewi aber
nicht das eines Dichters oder gar eines Tonsetzers. Die ersteren Gegenstnde
zogen mich immer mehr an, die letzteren standen mir ferner. Wenn es aber mehr
eine Kunstliebe war, was sich in mir uerte, nicht eine Schpfungskraft, so war
es immerhin auch ein Vermgen der Gestalten, aber nur eines, die Gestalten
aufzunehmen. Wenn diese Art von Eigentmlichkeit den Besitzer zunchst beglckt,
wie ja jede Kraft, selbst die Schaffungskraft, zuerst ihres Besitzers willen da
ist, so bezieht sie sich doch auch auf andere Menschen, wie in zweiter Hinsicht
jede Kraft, selbst die eigenste eines Menschen, nicht in ihm verschlossen
bleiben kann, sondern auf andere bergeht. Es ist eine sehr falsche Behauptung,
die man aber oft hrt, da jedes groe Kunstwerk auf seine Zeit eine groe
Wirkung hervorbringen msse, da ferner das Werk, welches eine groe Wirkung
hervor bringt, auch ein groes Kunstwerk sei, und da dort, wo bei einem Werke
die Wirkung ausbleibt, von einer Kunst nicht geredet werden kann. Wenn irgend
ein Teil der Menschheit, ein Volk rein und gesund am Leibe und an der Seele ist,
wenn seine Krfte gleichmig entwickelt, nicht aber nach einer Seite
unverhltnismig angespannt und ttig sind, so nimmt dieses Volk ein reines und
wahres Kunstwerk treu und warm in sein Herz auf, wozu es keiner Gelehrsamkeit,
sondern nur seiner schlichten Krfte bedarf, die das Werk als ein ihnen
Gleichartiges aufnehmen und hegen. Wenn aber die Begabungen eines Volkes, und
seien sie noch so hoch, nach einer Richtung hin in weiten Rumen voraus eilen,
wenn sie gar auf bloe Sinneslust oder auf Laster gerichtet sind, so mssen die
Werke, welche eine groe Wirkung hervor bringen sollen, auf jene Richtung, in
der die Krfte vorzugsweise ttig sind, hinzielen, oder sie mssen Sinneslust
und Laster darstellen. Reine Werke sind einem solchen Volke ein Fremdes, es
wendet sich von ihnen. Daher rhrt die Erscheinung, da edle Werke der Kunst ein
Zeitalter rhren und begeistern knnen, und da dann ein Volk kmmt, dem sie
nicht mehr sprechen. Sie verhllen ihr Haupt, und harren, bis andere
Geschlechter an ihnen vorber wandeln, die wieder reines Sinnes sind und zu
ihnen empor blicken. Diesen lcheln sie, und von diesen werden sie wieder wie
herbergerettete Heiligtmer in Tempel gebracht. In entarteten Vlkern blht
zuweilen, aber sehr selten, ein reines Werk wie ein vereinsamter Strahl hervor,
es wird nicht beachtet und wird spter von einem Menschenforscher entdeckt, wie
jener Gerechte in Sodoma. Damit aber der Dienst der Kunst leichter erhalten
werde, sind in jedem Zeitalter solche, denen ein tieferer Sinn fr Kunstwerke
gegeben ward, sie sehen mit klarerem Auge in ihre Teile, nehmen sie mit Wrme
und Freude in ihr Herz, und bergeben sie so ihren Mitmenschen. Wenn man die
Erschaffenden Gtter nennt, so sind jene die Priester dieser Gtter. Sie
verzgern den Schritt des Unheiles, wenn der Kunstdienst zu verfallen beginnt,
und sie tragen, wenn es nach der Finsternis wieder hell werden soll, die Leuchte
voran. Wenn ich nun ein solcher war, wenn ich bestimmt war, durch Anschauung
hoher Gestalten der Kunst und der Schpfung, die mir ja immer mit freundlichen
Augen zugewinkt haben, Freude in mein Herz zu sammeln, und Freude, Erkenntnis
und Verehrung der Gestalten auf meine Mitmenschen zu bertragen, so war mir
meine Staatslaufbahn in diesem Berufe wieder sehr hinderlich, und drftige
Sptblten knnen den Sommer, dessen krftige Lfte und warme Sonne unbentzt
vorber gingen, nicht ersetzen. Es ist traurig, da man sich nicht so leicht den
Weg, der der vorzglichste in jedem Leben sein soll, whlen kann. Ich
wiederhole, was wir oft gesagt haben, und womit Euer ehrwrdiger Vater auch
bereinstimmt, da der Mensch seinen Lebensweg seiner selbst willen zur
vollstndigen Erfllung seiner Krfte whlen soll. Dadurch dient er auch dem
Ganzen am besten, wie er nur immer dienen kann. Es wre die schwerste Snde,
seinen Weg nur ausschlielich dazu zu whlen, wie man sich so oft ausdrckt, der
Menschheit ntzlich zu werden. Man gbe sich selber auf, und mte in den
meisten Fllen im eigentlichen Sinne sein Pfand vergraben. Aber was ist es mit
der Wahl? Unsere gesellschaftlichen Verhltnisse sind so geworden, da zur
Befriedigung unserer stofflichen Bedrfnisse ein sehr groer Aufwand gehrt.
Daher werden junge Leute, ehe sie sich selber bewut werden, in Laufbahnen
gebracht, die ihnen den Erwerb dessen, was sie zur Befriedigung der angefhrten
Bedrfnisse brauchen, sichern. Von einem Berufe ist da nicht die Rede. Das ist
schlimm, sehr schlimm, und die Menschheit wird dadurch immer mehr eine Herde. Wo
noch eine Wahl mglich ist, weil man nicht nach sogenanntem Broderwerbe
auszugehen braucht, dort sollte man sich seiner Krfte sehr klar bewut werden,
ehe man ihnen den Wirkungskreis zuteilt. Aber mu man nicht in der Jugend
whlen, weil es sonst zu spt ist? Und kann man sich in der Jugend immer seiner
Kraft bewut werden? Es ist schwierig, und mgen, die beteiligt sind, darber
wachen, da weniger leichtsinnig verfahren werde. Lasset uns ber diesen
Gegenstand abbrechen. Ich wollte Euch das, was ich gesagt habe, sagen, ehe ich
Euch erzhle, wie ich mit den Angehrigen Eurer knftigen Braut zusammen hnge.
Ich sagte es Euch, damit Ihr ungefhr den Stand beurteilen knnt, auf dem ich
nun stehe. Wir wollen zur Fortsetzung eine andere Zeit bestimmen.
    Nach diesen Worten ging das Gesprch auf andere Gegenstnde ber, wir
machten dann auch einen Spaziergang, dem sich auch Gustav zugesellte.

                                4. Der Rckblick


Ohne da ich eine nhere oder entferntere Aufforderung oder Bitte gemacht htte,
fuhr mein Gastfreund nach Verlauf eines Tages in seinen Mitteilungen fort. Er
hatte gefragt, ob er eine Zeit in meinem Zimmer zubringen drfe, und ich hatte
es begreiflicher Weise bejaht. Wir saen an einem angenehmen und stillen Feuer,
das von sehr groen und dichten Buchenkltzen unterhalten wurde, er lehnte sich
in seinem Polsterstuhle zurck und sagte: Ich mchte, wenn es Euch genehm ist,
heute meine Mitteilungen an Euch vollenden. Ich habe Sorge getragen, da wir
nicht gestrt werden, Ihr drft nur sagen, ob Ihr mich hren wollt.
    Ihr wit, da es mir nicht nur angenehm, sondern auch meine Pflicht ist,
antwortete ich.
    Zuerst mu ich von mir erzhlen, begann er, es drfte so notwendig sein.
Ich bin im Dorfe Dallkreuz in dem sogenannten Hinterwalde geboren worden. Ihr
wit, da der Name Hinterwald nicht mehr so viel zu bedeuten hat, als er sagt.
Einmal war er wie ber die ganze Gegend, welche von unserem Strome als ein
Gebilde von Hgeln nordwrts geht, auch ber die Grnde von Dallkreuz
verbreitet. Dallkreuz war damals nicht, und sein Entstehen mochte mit dem
Aufschlagen von einigen Holzarbeiterhtten begonnen haben. Jetzt sind Felder,
Wiesen und Weiden ber das ganze Hgelland gebreitet, und einige Reste der alten
Waldungen schauen ernst auf diese Grnde herab. Das Haus meines Vaters stand
auerhalb des Ortes in der Nhe einiger anderer, war aber doch frei genug, um
auf Wiesen, Felder, Grten und im Sden auf ein sehr schnes blaues Waldband zu
sehen. Als ich ein Knabe von zehn Jahren war, kannte ich alle Bume und
Gestruche der Gegend und konnte sie nennen, ich kannte die vorzglichsten
Pflanzen und Gesteine, ich kannte alle Wege, wute, wohin sie fhrten, und war
in allen benachbarten Orten schon gewesen, die sie berhren. Ich kannte alle
Hunde von Dallkreuz, wute, welche Farben sie hatten, wie sie hieen, und wem
sie gehrten. Ich liebte die Wiesen, die Felder, die Gestruche, unser Haus
auerordentlich, und unsere Kirchenglocken deuchten mir das Lieblichste und
Anmutigste, was es nur auf Erden geben kann. Meine Eltern lebten in Frieden und
Eintracht, ich hatte noch eine Schwester, welche meine Knabenfahrten mit mir
machen mute. Zu unserem Hause, das nur ein Erdgescho hatte, welches aber
schneewei war und weithin in dem Grn leuchtete, gehrten Wiesen, Felder und
Wldchen. Der Vater lie aber das durch Knechte verwalten, er selber trieb einen
Handel mit Flachs und Linnen, der ihn auf vielfache Reisen fhrte. Ich wurde, da
ich noch ein Kind war, zu dem Erben dieser Dinge bestimmt, sollte aber vorher
auf einer Lehranstalt die notwendige Ausbildung bekommen. Der Vater hatte, als
dessen Eltern, die ich nur wenig gekannt hatte, gestorben waren, keine
Verwandten mehr. Meine Mutter, die der Vater von ferne her geholt hatte, hatte
noch einen Bruder, der aber mit ihr, weil sie als von einem wohlhabenden Hause
stammend eine Verbindung unter ihrem Stande, wie er sich ausdrckte, geschlossen
hatte, zerfallen war, und durch nichts vershnt werden konnte. Wir wuten nichts
von ihm, man vermied es, seiner Erwhnung zu tun, und oft in einem ganzen Jahre
wurde sein Name nicht genannt. Die Zustnde meines Vaters aber blhten empor,
und er war fast der Angesehenste in der Gegend. In dem Jahre, nach dessen Ende
ich in die Lehranstalt abgehen sollte, trafen mehrere Unglcksflle ein.
Hagelschaden verwstete die Felder, ein Teil des Gebudes brannte ab, und als
das alles wieder hergestellt und in das Geleise gebracht worden war, starb der
Vater eines pltzlichen, unvorhergesehenen Todes. Ein lssiger Vormund,
hinterlistige Handelsfreunde, welche zweifelhafte Forderungen stellten, und ein
unglcklicher Proze, der daraus entsprang, brachten fr die Mutter eine Lage
herbei, in welcher sie mit Sorgen fr unsere Zukunft zu kmpfen hatte. Sie war,
da man endlich alles zur Ruhe gebracht hatte, auf das Notdrftigste beschrnkt.
Ich mute im Herbste das geliebte Haus, das geliebte Tal und die geliebten
Angehrigen verlassen. Mit rmlicher Ausstattung ging ich an der Hand eines
greren Schlers zu Fu den ziemlich weiten Weg in die Lehranstalt. Dort
gehrte ich zu den Drftigsten. Aber die Mutter sandte das, was sie senden
konnte, so genau und zu rechter Zeit, da ich nie viel, aber doch das zum
Bestehen Ntige hatte. Es war an der Anstalt Sitte, da die Knaben in den
hheren Abteilungen denen in den niedreren auerordentlichen Unterricht
erteilten und dafr ein Entgelt bekamen. Da ich einer der besten Schler war, so
wurden mir in meinem vierten Lehrjahre schon einige Knaben zum Unterrichten
zugeteilt, und ich konnte der Mutter die Auslagen fr mich erleichtern. Nach
zwei Jahren erwarb ich mir bereits so viel, da ich meinen ganzen Unterhalt
selbst bestreiten konnte. Jede Jahresferien brachte ich bei der Mutter und
Schwester in dem weien Hause zu. Von dem Antreten des Hauses als Erbschaft war
nun keine Rede mehr. Ich dachte, ich werde mir durch meine Kenntnisse eine
Stellung verschaffen und das Haus und den Grundbesitz einmal als Notpfennig der
Schwester berlassen. So war die Zeit heran gekommen, in welcher ich mich fr
einen Lebensberuf entscheiden mute. Die damals bliche Vorbereitungsschule, die
ich eben zurckgelegt hatte, fhrte nur zu einigen Lebensstellungen und machte
zu andern eher untauglich als tauglich. Ich entschlo mich fr den Staatsdienst,
weil mir die andern Stufen, zu denen ich von meinen jetzigen Kenntnissen
emporsteigen konnte, noch weniger zusagten. Meine Mutter konnte mir mit keinem
Rate beistehen. Ich hatte mir ein kleines Smmchen durch auerordentliche
Sparsamkeit zusammengelegt. Mit diesem und tausend Segenswnschen der Mutter
versehen und mit den Abschiedstrnen der geliebten Schwester benetzt, begab ich
mich auf die Reise in die Stadt. Zu Fue wanderte ich durch unser Tal hinaus,
und suchte durch allerlei Betrachtungen die Trnen zu ersticken, welche mir
immer in die Augen steigen wollten. Als unsere Wldergestalten hinter mir lagen,
als die Herbstsonne schon auf ganz andere Felder schien, als ich durch meine
Jugend hindurch gesehen hatte, wurde mein Gemt nach und nach leichter, und ich
durfte nicht mehr frchten, da mir jeder, der mir begegnete, ansehen knne, da
mir das Weinen so nahe sei. Die Entschlossenheit, welche mir eingegeben hatte,
in die groe Stadt zu gehen und dort mein Heil in dem Berufe eines Staatsdieners
zu suchen, lie mich immer fester und rascher meinen Weg verfolgen und tausend
glnzende Schlsser in die Luft bauen. Als ich an jenem Rande angekommen war, wo
unser hheres Land in groen Abstzen gegen den Strom hinabgeht und ganz andere
Gestaltungen anfangen, sah ich noch einmal um, segnete das Mutterherz, das nun
beinahe schon eine Tagereise weit hinter mir lag, streichelte gleichsam mit den
Fingern die schnen, langwimperigen Augenlider der Schwester, die immer etwas
bla aussah, segnete unser weies Haus mit dem roten Dache, segnete all die
Felder und Wldchen, die hinter mir lagen, und die ich durchwandelt hatte, und
stieg, nun wirklich schwere Trnen in den Augen tragend, in den tiefen Weg
hinunter, welcher damals, unter hohem Laubdache hingehend, einen der Psse
ausmachte, die das rauhere Oberland mit dem tiefen Stromlande verbinden. Ich
konnte nun, nachdem ich drei Schritte gemacht hatte, die Gestaltungen meines
Geburtslandes nicht mehr sehen, nur sein Rand war alles, was meine Augen
erreichen konnten, und was mich noch lange begleiten wrde. Ganz andere
Bildungen lagen vor mir. Es war mir, ich msse umkehren, um nur noch einmal
zurck schauen zu knnen. Ich tat es aber nicht, weil ich mich vor mir selber
schmte, und ich ging beeiligten Schrittes den Weg hinunter und immer tiefer
hinunter. Ich durfte auch nichts verzgern, wenn ich vor Einbruch der Nacht noch
zu dem Strome hinunter gelangen wollte, auf dem mich am andern Morgen ein Schiff
weiter tragen sollte. Die herbstliche Abendsonne spielte durch die Zweige,
manche Kohlmeise lie einen Ruf erschallen, wie ihn die hatten erschallen
lassen, welche jetzt noch in meinen heimatlichen Bergwldchen verweilten,
mancher Fuhrmann, mancher Wanderer begegnete mir, ich ging mit ernstem Herzen
weiter, und als die Sonne untergegangen war, hrte ich das Rauschen des Stromes,
der mir nun so wichtig geworden war, und sah sein goldenes abendliches Glnzen.
    Ich vergesse mich, unterbrach sich hier mein Gastfreund, und erzhle Euch
Dinge, die nicht wichtig sind; aber es gibt Erinnerungen, die, wie unbedeutende
Gegenstnde sie auch fr andere betreffen, doch fr den Eigentmer im hchsten
Alter so krftig dastehen, als ob sie die grte Schnheit der Vergangenheit
enthielten.
    Ich bitte Euch, entgegnete ich, fahret so fort, und entzieht mir nicht
die Bilder, die Euch aus frheren Zeiten brig sind, sie gehen schner in das
Gemt und verbinden leichter, was verbunden werden soll, als wenn von dem
lebendigen Leben ein flacher Schatten gegeben werden sollte. Auch ist meine
Zeit, wenn anders die Eurige nicht strenger zugemessen ist, kein Hindernis, da
Ihr mir irgend etwas vorenthalten solltet.
    Meine Zeit, antwortete er, ist entweder so gemessen, da ich nichts
anderes tun sollte, als auf mein Ende sehen, oder da ich ber sie verfgen
kann, wie ich will; denn was sollte ein so alter Mann noch Ausschlieliches zu
tun haben? Er mag fr die paar Stunden, die ihm brig sind, noch Blumen zurecht
legen, wie er will. Ich tue ja eigentlich hier auf dieser Besitzung nichts
anders. Auch drfte das, was ich Euch sagen will, fr Euch nicht ganz unwichtig
sein, wie sich wohl in der Folge zeigen wird. Ich fahre daher fort, wie sich
eben unter den Worten die Erzhlung gibt.
    Die Nacht verbrachte ich in gutem Schlummer, und der erste Morgen sah mich
auf einem jener rohen kleinen Schiffe, wie sie damals mit verschiedenen Gtern
beladen unsern Strom abwrts befuhren und auch Menschen mit sich nahmen. Mehrere
junge Leute, die entweder ganz gleichen oder hnlichen Beruf mit mir verfolgten,
standen auf dem Verdecke und legten sogar manches Mal Hand an die Ruder, da
unser Schiff auf dem breiten, rauchenden Strome sich abwrts bewegte, und die
kleine Stadt, die uns Nachtherberge gegeben hatte, sich aus den Morgennebeln
ringend unsern Augen immer weiter und weiter zurck trat. Manches Lied, mancher
Spruch, der aus der Schar meiner Begleiter hervortrat, machte seine Wirkung auf
mich, und ich wurde strker und entschlossener.
    Als am Abende des zweiten Tages unserer Wasserfahrt der hohe, schlanke Turm
der Stadt, deren Miteinwohner ich nun werden sollte, gleichsam luftig blau unter
den Gebschen der Ufer sichtbar wurde, als man sich rief und das Zeichen sich
zeigte, das man nun nach Verlauf von etwas mehr als einer Stunde erreichen
werde, wollte mir das Herz im Busen wieder unruhiger pochen. Dieses Merkmal
vergangener Menschenalter, dachte ich, welches so viele groe und gewaltige
Schicksale gesehen hatte, wird nun auch auf dein kleines Geschick herabsehen, es
mag sich nun gut oder bel abspinnen, und wird, wenn es lngstens abgelaufen
ist, wieder auf andere schauen. Wir fuhren rascher zu, weil alles hoffnungsvoll
die Ruder fhrte, die Entschloneren sangen ein Lied, und ehe noch die Stunde um
war, legte unser Schiff an der steinernen Einfassung des Flusses im Angesichte
sehr groer Huser an. Ein lterer Schler, der schon zwei Jahre in der Stadt
zugebracht hatte und jetzt von den bei seinen Eltern verlebten Ferien
zurckkehrte, erbot sich, mir einen Gasthof zur Unterkunft zu zeigen und mir
morgen zur Auffindung eines Wohnzimmerchens fr mich behilflich zu sein. Ich
nahm es dankbar an. Unter dem Torwege des Gasthofes, in den er mich gefhrt
hatte, nahm er Abschied von mir und versprach, mich morgen mit Tagesanbruch zu
besuchen. Er hielt Wort, ehe ich angekleidet war, stand er schon in meinem
Zimmer, und ehe die Sonne den Mittag erreichte, waren meine Sachen schon in
einem Mietzimmerchen, das wir fr mich gefunden hatten, untergebracht. Er
verabschiedete sich, und suchte seine wohlbekannten Kreise auf. Ich habe ihn
spter selten mehr gesehen da uns nur die Schiffahrt zusammengebracht hatte, und
da seine Laufbahn eine ganz andere war als die meine. Als ich von meinem
Stbchen ausging, die Stadt zu betrachten, befiel mich wieder eine sehr groe
Bangigkeit. Diese ungeheure Wildnis von Mauern und Dchern, dieses unermeliche
Gewimmel von Menschen, die sich alle fremd sind und an einander vorbereilen,
die Unmglichkeit, wenn ich einige Gassen weit gegangen war, mich zurecht zu
finden, und die Notwendigkeit, wenn ich nach Hause wollte, mich Schritt fr
Schritt durchfragen zu mssen, wirkte sehr niederdrckend auf mich, der ich
bisher immer in einer Familie gelebt hatte und stets an Orten gewesen war, in
denen ich alle Huser und Menschen kannte. Ich ging zu dem Vorstande der
Rechtsschule, um mich fr die Vorbereitungsjahre zum Staatsdienste einschreiben
zu lassen. Er nahm mich meiner trefflichen Zeugnisse willen sehr gut auf und
ermahnte mich, durch die groe Stadt mich von meinem Fleie nicht abbringen zu
lassen. Ach Gott, die groe Stadt war fr mich bei meinen so kargen Mitteln
nichts als ein Wald, dessen Bume auf mich keine Beziehung haben, und sie trieb
mich durch ihre Fremdartigkeit eher zum Fleie an, als da sie mich abgehalten
htte. Am Tage der Erffnung des Unterrichtes ging ich, der ich nun doch schon
einige auf mich bezgliche Wege wute, in die hohe Schule. Dort wogte ein groes
Gewimmel durch einander. Alle Fcher wurden hier gelehrt, und fr alle Fcher
fanden sich Schler. Die meisten sahen sehr begabt, gebildet und behende aus, so
da ich wieder im Glauben an meine nur geringen Krfte zu zagen anfing, hier
gleichen Schritt halten zu knnen. Ich begab mich in den Lehrsaal, in den ich
gehrte, und setzte mich auf einen der mittleren Pltze. Die Lehrstunde begann
und ging vorber, so wie nun viele nach und nach begannen und vorber gingen.
Sie und die ganze Stadt hatten noch immer etwas Ungewhnliches fr mich. Das
Liebste war mir, in meinem Stbchen zu sitzen, an meine Vergangenheit zu denken
und sehr lange Briefe an meine Mutter zu schreiben.
    Als einige Zeit verflossen war, wuchs mir Mut und Kraft im Herzen. Unser
Lehrer, ein wrdiger Rat in der Rechtsversammlung der Schule, lehrte fragend.
Ich schrieb getreulich seine Lehren in meine Hefte. Als schon eine groe Zahl
meiner Mitschler gefragt worden war, als endlich die Reihe auch mich getroffen
hatte, erkannte ich, da ich vielen, die mich an Kleidern und uerem Benehmen
bertrafen, in unserem Lehrfache nicht nachstehe, sondern einer groen Zahl vor
sei. Dies lehrte mich nach und nach die mir bisher fremd gebliebenen
Verhltnisse der Stadt wrdigen, und sie wurden mir immer mehr und mehr
vertraut. Einige Schler hatte ich schon frher gekannt, da sie vor mir von der
nmlichen Lehranstalt, in der ich bisher gewesen war, hieher bergetreten waren,
andere lernte ich noch kennen. Als meine Barschaft, mit der ich sehr strenge
Haus hielt, sich schon sichtlich zu verringern begann, wurde ich von einem
meiner Mitschler, der mein Nachbar auf der Schulbank war und aus meinem Munde
gehrt hatte, da ich frher Unterricht gegeben habe, aufgefordert, seine zwei
kleinen Schwestern zu unterrichten. Wir hatten durch die tgliche Berhrung eine
Art Freundschaft geschlossen, und waren einander geneigt. Als er daher zu Hause
gehrt hatte, da man fr die zwei kleinen Mdchen einen Lehrer suche, schlug er
mich vor, und erzhlte mir auch von der Sache. Die Eltern wollten mich sehen, er
fhrte mich zu ihnen, und ich wurde angenommen. Auch hatten die Schritte, welche
ich selber nach meiner Berechnung der Dinge getan hatte, um durch Erteilung von
Unterricht einen Erwerb zu bekommen, Erfolg. Sie hatten zwar keinen bedeutenden,
auf einen solchen hatte ich nicht gerechnet, aber sie hatten doch einen. So war
das in Erfllung gegangen, was ich durch meine Umsiedlung in die groe Stadt
angestrebt hatte. Ich lebte jetzt sorgenfrei, hatte in dem Hause meines
Freundes, in welches ich fter geladen wurde, eine Gattung Familienumgang, und
konnte mit allem Eifer der Erlernung meines Faches mich widmen.
    In den ersten Ferien besuchte ich die Mutter und Schwester. Ich hatte die
besten Zeugnisse in meinem Koffer, und konnte ihnen von meinen sehr guten
anderweitigen Erfolgen erzhlen; denn gegen das Ende des Schuljahres hatten sich
diese sehr gebessert. Mit ganz anderem Herzen als vor einem Jahre konnte ich
nach dem Ende der Ferien das mtterliche Haus verlassen und die Reise in die
Stadt antreten.
    Nach dem zweiten Jahre konnte ich die Meinigen nicht mehr besuchen. Ich war
in der Stadt bekannt geworden, die Art, wie ich Kinder unterrichtete sagte
vielen Familien zu, man suchte mich, und gab mir auch einen greren Lohn. Ich
konnte mir dadurch mehr erwerben, legte mir stets etwas als Sparpfennig zurck,
und hatte bei der Freudigkeit meines Gemtes ber diesen Fortgang Kraft genug,
neben meinem Fache auch noch meine Lieblingswissenschaften Mathematik und
Naturlehre zu betreiben. Nur das einzige war strend, da die Familien, bei
denen ich Unterricht gab, nicht gerne sahen, da ich durch eine Reise den
Unterricht unterbreche. Es war diese Forderung eine begreifliche, ich blieb mit
den Meinigen in einem lebhafteren Briefwechsel als frher, und verabredete mit
ihnen, da ich nicht eher als nach Beendigung meines Lehrganges sie wieder
besuchen, dann aber einige Monate bei ihnen bleiben wolle. Hiemit waren auch
die, in deren Dienste ich stand, zufrieden.
    Die Stadt, welche mir anfangs so unheimlich gewesen war, wurde mir immer
lieber. Ich gewhnte mich daran, immer fremde Menschen in den Gassen und auf den
Pltzen zu sehen und darunter nur selten einem Bekannten zu begegnen; es
erschien mir dieses so weltbrgerlich, und wie es frher mein Gemt
niedergedrckt hatte, so sthlte es jetzt dasselbe. Einen schnen Einflu bten
auf mich die groen wissenschaftlichen und Kunsthilfsmittel, welche die Stadt
besitzt. Ich besuchte die Bchersammlungen, die der Gemlde, ich ging gerne in
das Schauspiel, und hrte gute Musik. Es lebte von jeher ein groer Eifer fr
wissenschaftliche Bestrebungen in mir, und ich konnte demselben jetzt bei der
Heiterkeit meiner Lage Nahrung geben. Was ich bedurfte, und was ich durch meine
Mittel mir nicht htte anschaffen knnen, fand ich in den Sammlungen. Da ich den
sogenannten Vergngungen nicht nachging, sondern in meinen Bestrebungen mein
Vergngen fand, so hatte ich Zeit genug, und weil ich gesund und stark war,
reichte auch meine Kraft aus. In hohem Mae befriedigten mich einige schne
Gebude, besonders Kirchen, dann Bildsulen und Gemlde. Ich brachte manchen Tag
damit zu, mich in die Betrachtung der kleinsten Teile dieser Dinge zu vertiefen.
Auch hatte ich manche Familien kennen gelernt, wurde bei ihnen aufgenommen, und
bildete nach und nach meinen Umgang mit Menschen etwas mehr heraus.
    Da ich in dem zweiten Jahre meiner Lernzeit war, vermhlte sich meine
Schwester. Ich hatte ihren jetzigen Gatten schon frher gekannt. Er war ein sehr
guter Mann, hatte keine Leidenschaften, keine beln Gewohnheiten, war huslich
sogar auch ttig, hatte eine angenehme Krpererscheinung, war aber sonst nichts
mehr. Diese Vermhlung hatte mir keine Freude und kein Leid gemacht. Da ich
meine Schwester so liebte, so war mir stets, da sie nie einen andern Mann als
den allerherrlichsten bekommen solle. Dies war nun wohl nicht der Fall. Die
Mutter schrieb mir, da mein Schwager seine Gattin sehr verehre, da er lange
und treu um sie geworben und endlich ihr Herz gewonnen habe. Sie wohnen in
unserem Hause, und von da aus treibe er still und emsig sein kleines
Handelsgeschft, das sie nhre. Ich schrieb einen Brief entgegen, worin ich den
Vermhlten Glck und Segen wnschte und den Schwager bat, seine Gattin sehr zu
lieben, zu schonen und zu ehren; denn ich glaube, da sie es verdiene. Die
Antworten versprachen alles, so wie die folgenden Briefe immer den Stempel eines
stillen huslichen Friedens trugen.
    In diesen Verhltnissen kam die Zeit heran, da ich mit den letzten Prfungen
meine Vorbereitungsjahre beendigt hatte. Ich richtete eben mein Reisegepcke
zusammen, um der Verabredung gem nach langer Trennung die Meinigen wieder zu
sehen, als ein Brief von der Hand der Schwester kam, dessen Inneres hufige
Trnenspuren zeigte, und der mir sagte, da unsere Mutter gestorben sei. Sie war
vor einiger Zeit krank geworden, man hielt das bel nicht fr gefhrlich, und da
man mich in der Vorbereitung zu meinen letzten Prfungen wute, so wollte man
mir, um mich nicht zu stren, keine Meldung von der Krankheit zukommen lassen.
So zog es sich durch zehn Tage hin, von wo es sich rasch verschlimmerte und, ehe
man es sich versah, mit dem Tode endigte. Man konnte mir nur mehr diesen melden.
Ich raffte sofort alles zusammen, was zu einer Reise ntig schien, schrieb zwei
Zeilen an einen Freund, worin ich ihn bat, die Sache meinen Bekannten, die ich
ihm bezeichnete, zu melden und mich zu entschuldigen, da ich ohne Abschied
abreise. Hierauf ging ich auf die Post und lie mich einschreiben. Zwei Stunden
darnach sa ich schon in dem Wagen, und obwohl wir in der Nacht wie am Tage
fuhren, obwohl ich von der letzten Post aus, an der der Weg nach meiner Heimat
ablenkte, eigene Pferde nahm und mittelst Wechsels derselben unaufhrlich
fortfuhr, so kam ich doch zu spt, um die irdische Hlle meiner Mutter noch
einmal sehen zu knnen. Sie ruhte bereits im Grabe. Nur in ihren Kleidern, in
Gerten, im Arbeitszeuge, das auf ihrem Tischchen lag, sah ich die Spuren ihres
Daseins. Ich warf mich in eine Lehnbank und wollte in Trnen vergehen. Es war
der erste groe Verlust, den ich erlitten hatte. Zur Zeit des Todes des Vaters
war ich zu jung gewesen, um ihn recht empfinden zu knnen. Obwohl der erste
Schmerz unsglich hei gewesen war und ich geglaubt hatte, ihn nicht berleben
zu knnen, so verminderte er sich wider meinen Willen von Tag zu Tag immer mehr,
bis er zu einem Schatten wurde und ich mir nach Verlauf von einigen Jahren keine
Vorstellung mehr von dem Vater machen konnte. Jetzt war es anders. Ich hatte
mich daran gewhnt, die Mutter als das Bild der grten huslichen Reinheit zu
betrachten, als das Bild des Duldens, der Sanftmut, des Ordnens und des
Bestehens. So war sie ein Mittelpunkt fr unser Denken geworden, und mir kam
fast nicht zu Sinne, da das je einmal anders werden knne. Jetzt wute ich
erst, wie sehr wir sie liebten. Sie, die nie gefordert hatte, die nie auf sich
irgend eine Beziehung gemacht hatte, die geruschlos immer gegeben hatte, die
jedes Schicksal als eine Fgung des Himmels empfangen hatte, und die in ruhigem
Glauben ihre Kinder der Zukunft anvertraut hatte, war nicht mehr. Unter der
Decke der Schollen schlummerte ihr Herz, das dort vielleicht so ergebungsvoll
schlummerte, wie es sonst in der Kammer unter der Hlle seiner weien Decke
geschlummert hatte. Die Schwester war wie ein Schatten, sie wollte mich trsten,
und ich wute nicht, ob sie des Trostes nicht noch bedrftiger wre als ich. Der
Gatte meiner Schwester war in einer gewissen Ergebung, er war stille, und ging
an die Beschftigungen seines Berufes. Ich lie mir nach einer Zeit das frische
Grab der Mutter zeigen, weinte dort meine Seele aus, und betete fr sie zu dem
Herrn des Himmels. Da ich in das Haus zurckgekehrt war, besuchte ich alle
Rume, in denen sie zuletzt geweilt hatte, besonders ihr eigenes Stbchen, in
welchem man alles gelassen hatte, wie es bei ihrer Erkrankung gewesen war. Der
Schwager und die Schwester boten mir an und baten mich, eine Zeit bei ihnen zu
verweilen. Ich nahm es an. In dem hinteren Teile des Hauses, den ich immer am
meisten geliebt hatte, war schon vor der Erkrankung der Mutter ein Zimmer fr
mich grtenteils durch ihre Hnde hergerichtet worden. Dieses Zimmer bezog ich,
und packte darin meinen Koffer aus. Seine zwei Fenster gingen in den Garten, die
weien Fenstervorhnge hatte noch die Mutter geordnet, und das Linnen des Bettes
war durch ihre vorsorglichen Finger gleichgestrichen worden. Ich getraute mir
kaum etwas zu berhren, um es nicht zu zerstren. Ich blieb sehr lange
unbeweglich in dem Zimmer sitzen. Dann ging ich wieder durch das ganze Haus. Es
schien mir gar nicht, als ob es das wre, in welchem ich die Tage meiner
Kindheit verlebt hatte. Es erschien mir so gro und fremd. Die Wohnung, welche
sich meine Schwester und ihr Gatte darin eingerichtet hatten, war frher nicht
da gewesen, dafr war das Gemach fr Vater und Mutter, das immer auch nach
seinem Tode noch bestanden war, verschwunden, ebenso fand ich das Zimmer fr uns
Kinder nicht mehr, welches ich in allen Ferien, die ich zu Hause zugebracht
hatte, noch in dem Zustande aus unserer frheren Zeit her gesehen hatte. Es war
eben eine neue Haushaltung in dem Gebude eingerichtet worden. Unter dem Dache
angekommen, sah ich, da man schadhafte Stellen des Daches ausgebessert hatte,
da man neue Ziegel genommen hatte, und da an den Kanten, wo sich frher die
Rundziegel befunden hatten, die neue Art der Verklebung durch Mrtel angewendet
worden war. Dies alles tat mir wehe, obwohl es natrlich war, und obwohl ich es
zu einer andern Zeit kaum beachtet haben wrde. Jetzt aber war mein Gemt durch
den Schmerz erregt, und jetzt schien es mir, als ob man alles Alte, auch die
Mutter aus dem Hause hinaus gedrngt htte.
    Ich lebte von jetzt an still in dem Zimmer, las, schrieb, ging tglich auf
das Grab der Mutter, besuchte die Felder und manches Wldchen, hielt mich aber
von den Menschen ferne, weil sie immer von meinem Verluste redeten und mit den
Worten in ihm stets whlten. Das Haus war auch sehr stille. Die Vermhlten
hatten noch keine Kinder, mein Schwager, dessen Wesen friedlich und einfach war,
befand sich grtenteils auer Hause, die Schwester besorgte mit der einzigen
Magd, die sie hatte, die huslichen Geschfte, und wenn die Abenddmmerung kam,
wurde die Tr, die gegen die Strae ging, mit den eisernen Stangen von innen
verriegelt, und nur die in den Garten fhrende blieb offen, bis die Stunde zum
Schlafen kam, wo sie dann auch die Schwester mit eigenen Hnden schlo. Das
husliche Glck der zwei Ehegatten schien fest gegrndet zu sein, das war eine
Linderung fr meine Wunde, und ich verzieh dem Schwager, da er nicht ein Mann
war, der durch hohe Begabung und den Schwung seiner Seele die Schwester zu einem
himmlischen Glcke emporgefhrt hatte.
    So vergingen mehrere Wochen. Vor meiner Abreise ging ich noch in unser
Gerichtsamt, verzichtete dort fr meine Schwester auf jeden Erbanspruch des von
unsern Eltern hinterlassenen Besitztumes, und lie meine Rechte auf die
Schwester berschreiben. So war den beiden Gatten das Dasein, so lange es ihnen
der Himmel verlieh, gesichert; ich hatte als Erbteil den Unterricht bekommen,
und hoffte durch das, was er mir an Kenntnissen eingebracht hatte, und was ich
mir noch erwerben wollte, den Unterhalt meines Lebens schon zu decken. Hierauf
reiste ich, von dem Danke und von den wrmsten Wnschen fr mein Wohl von der
Schwester und dem Schwager begleitet, wieder in die Stadt ab.
    In derselben begann ich jetzt ein sehr zurckgezogenes Leben zu fhren. Ich
hatte mir so viel erspart, da ich nur einen kleinen Teil meiner Zeit zum
Unterricht geben verwenden mute. Die brige wendete ich fr mich an, und
verlegte mich auf Naturwissenschaften, auf Geschichte und Staatswissenschaften.
Meinen eigentlichen Beruf lie ich etwas auer Acht. Die Wissenschaften und die
Kunst, deren Vergngen ich nie entsagte, fllten mein Herz aus. Ich suchte jetzt
weniger als je die Gesellschaft von Menschen auf. Die Notwendigkeit, die Zeit
der Vorbereitung zu meinem Berufe recht zu benutzen und mir auerdem noch meinen
Lebensunterhalt zu erwerben, hatte mich schon in frheren Jahren fast nur auf
mich allein zurckgewiesen, und ich setzte jetzt dies Leben fort.
    Allein es dauerte nicht lange in dieser Art. Schon nach einem halben Jahre,
als ich das Grab der Mutter verlassen hatte, kam mir von meinem Schwager die
Nachricht zu, da zu den zwei Grbern des Vaters und der Mutter auf unserer
Familienbegrbnissttte ein drittes Grab gekommen sei, das meiner Schwester. Sie
hatte sich seit dem Tode der Mutter nicht recht erholt, und eine unversehene
Verkhlung raffte sie dahin. Der Schwager schrieb mir, und wie ich sah, in
aufrichtigem Kummer, da er nun ganz verlassen sei, da er keine Freude mehr
habe, da er einsam sein Leben zubringen wolle, da er wohl von der Verewigten
zum Erben eingesetzt worden sei, da er aber gerne mit mir teilen wolle, er habe
kein Kind, seine einzige Freude liege im Grabe, er achte nicht mehr viel auf
Besitzungen, sein Stckchen Brod, welches fr sein einfaches Leben recht klein
sein drfe, werde er fr die Zeit schon finden, die er noch zubringen msse, ehe
er zu Kornelien gehen knne. Da der Mann meine Schwester sehr geliebt hatte, da
ihre Briefe an mich immer von ihrem Glcke erzhlten, gnnte ich ihm das kleine
Besitztum, und schrieb ihm zurck, da ich keine Ansprche erhebe, und da er
das Hinterlassene ungeteilt genieen mge. Er dankte mir, ich sah aber aus
seinem Briefe, da er ber das Geschenk eben keine sonderliche Freude habe.
    Ich zog mich nun noch mehr zurck, und mein Leben war sehr trbe. Ich
zeichnete viel, ich bildete zuweilen auch etwas in Ton, und suchte sogar manches
in Farben darzustellen. Nach einiger Zeit kam mir von befreundeter Hand der
Antrag, da ich bei einer gebildeten und wohlhabenden Familie wohnen mchte, da
ich einen Teil des Unterrichtes eines Knaben, der in der Familie sei, gegen
vorteilhafte Bedingungen bernehmen mchte worunter auch die war, da ich nicht
gebunden sei, da ich fter abwesend sein und zum Teile sogar kleine Reisen
machen knne. In der Verdung, in der ich mich befand, hatte die Aussicht auf
ein Familienleben eine Art Anziehung fr mich, und ich nahm den Antrag unter der
Bedingung an, da ich die Freiheit haben msse, in jedem Augenblicke das
Verhltnis wieder auflsen zu knnen. Die Bedingung wurde zugestanden, ich
packte meine Sachen, und nach drei Tagen fuhr ich in der Richtung nach dem
Landsitze der Familie ab. Dieser Sitz war ein angenehmes Haus in der Nhe groer
Meiereien, die einem Grafen gehrten. Das Haus war beinahe zwei Tagereisen von
der Stadt entfernt. Es war sehr gerumig, hatte eine sonnige Lage, liebliche
Rasenpltze um sich, und hing mit einem groen Garten zusammen, in dem teils
Gemse, teils Obst, teils Blumen gezogen wurden. Der Besitzer des Hauses war ein
Mann, der von reichlichen Renten lebte, sonst aber kein Amt noch irgend eine
andere Beschftigung zum Gelderwerb hatte. So war er mir geschildert worden, mit
dem Beifgen, da er ein sehr guter Mann sei, mit dem sich jedermann vertrage,
da er eine treffliche, sorgsame Frau habe, und da auer dem Knaben nur noch
ein halberwachsenes Mdchen da sei. Diese Dinge waren es auch vorzglich, welche
mich zur Annahme bestimmt hatten. Mein Name sei der Familie in einem Hause
genannt worden, mit dem sie in sehr inniger Beziehung stand, und ich sei sehr
empfohlen worden. Man hatte mir auf die letzte Post einen Wagen entgegen
gesandt. Es war ein schner Nachmittag, als ich in Heinbach, das war der Name
des Hauses, einfuhr. Wir hielten unter einem hohen Torwege, zwei Diener kamen
die Treppe herab, um meine Sachen in Empfang zu nehmen und mir mein Zimmer zu
zeigen. Als ich noch im Wagen mit Herausnehmen von ein paar Bchern und andern
Kleinigkeiten beschftigt war, kam auch der Herr des Hauses herunter, begrte
mich artig, und fhrte mich selber in meine Wohnung, die aus zwei freundlichen
Zimmern bestand. Er sagte, ich mge mich hier zurecht richten, mge hiebei nur
meine Bequemlichkeit vor Augen haben, ein Diener sei angewiesen, meine Befehle
zu vollziehen, und wenn ich fertig sei und etwa heute noch wnsche, mit seiner
Gattin zu sprechen, so mge ich klingeln, der Diener werde mich zu ihr fhren.
Hierauf verlie er mich unter hflichem Abschiede. Der Mann gefiel mir sehr
wohl. Ich entledigte mich meiner staubigen Kleider, reinigte mich, legte nur das
Notwendigste in meinem Zimmer in Ordnung, kleidete mich dann besuchsgem an,
und lie die Frau des Hauses fragen, ob ich bei ihr erscheinen drfe. Sie
sendete eine bejahende Antwort. Ich wurde ber einen Gang gefhrt, in welchem
allerlei Bilder hingen, wir traten in einen Vorsaal und von dem in das Zimmer
der Frau. Es war ein groes Zimmer mit drei Fenstern, an welches ein niedliches
Gemach stie. In diesem Zimmer waren heitere Gerte, einige Bilder, und die
Nachmittagssonne war durch sanfte Vorhnge gedmpft. Die Frau sa an einem
groen Tische, zu ihren Fen spielte ein Knabe, und seitwrts an einem kleinen
Tischchen sa ein Mdchen und hatte ein Buch vor sich. Es schien, es habe
vorgelesen. Die Frau stand auf und ging mir entgegen. Sie war sehr schn, noch
ziemlich jung, und was mir am meisten auffiel, war, da sie sehr schne braune
Haare, aber tief dunkle, groe schwarze Augen hatte. Ich erschrak ein wenig,
wute aber nicht warum. Mit einer Freundlichkeit, die mein Zutrauen gewann, hie
sie mich einen Platz nehmen, und als ich dies getan hatte, nannte sie meinen
Vor- und Familiennamen, hie mich beinahe herzlich willkommen, und sagte, da
sie sich schon sehr gesehnt habe, mich unter ihrem Dache zu sehen.
    Alfred, rief sie, komm und ksse diesem Herrn die Hand.
    Der Knabe, welcher bisher neben ihr gespielt hatte, stand auf, trat vor
mich, kte mir die Hand und sagte: Sei willkommen!
    Sei auch du willkommen, erwiderte ich und drckte ein wenig das Hndchen des
Knaben. Er hatte ein sehr rosiges Angesicht, ebenfalls braune Haare wie die
Mutter, aber dunkelblaue Augen, wie ich sie an dem Vater gesehen zu haben
glaubte.
    Das ist das Kind, dessentwillen ich Euch so sehr in unser Haus gewnscht
habe, sagte sie. Ihr sollt dasselbe weniger unterrichten, dazu sind Lehrer da,
welche das Haus besuchen, sondern wir bitten Euch, da Ihr bei uns lebet, da
Ihr dem Knaben fter Eure Gesellschaft gnnt, da er auer dem Umgange mit
seinem Vater auch den eines jungen Mannes hat, was auf ihn Einflu nehmen mge.
Erziehung ist wohl nichts als Umgang, ein Knabe, selbst wenn er so klein ist,
mu nicht immer mit seiner Mutter oder wieder nur mit Knaben umgehen. Der
Unterricht ist viel leichter als die Erziehung. Zu ihm darf man nur etwas wissen
und es mitteilen knnen, zur Erziehung mu man etwas sein. Wenn aber einmal
jemand etwas ist, dann, glaube ich, erzieht er auch leicht. Meine Freundin
Adele, die Gattin des Kaufherrn, dessen Warengewlbe dem groen Tore des
Erzdomes gegenber ist, hat mir von Euch erzhlt. Wenn Ihr es fr gut findet,
den Knaben auch in irgend etwas zu unterrichten, so ist es Eurem Ermessen
berlassen, wie und wie weit Ihr es tut.
    Ich konnte auf diese Worte nichts antworten; ich war sehr errtet.
    Mathilde, sagte die Frau, begre auch diesen Herrn, er wird jetzt bei uns
wohnen.
    Das Mdchen, welches immer bei seinem aufgeschlagenen Buche sitzen geblieben
war, stand jetzt auf und nherte sich mir. Ich erstaunte, da das Mdchen schon
so gro sei, ich hatte es mir kleiner gedacht. Es war auf einem etwas niederen
Stuhle gesessen. Da es in meine Nhe gekommen war, stand ich auf, wir verneigten
uns gegen einander, Mathilde ging wieder zu ihrem Sitze, und ich nahm auch den
meinigen wieder ein. Die Frau hatte wohl diese Begrung eingeleitet, um mein
Errten vorber gehen zu machen. Es war auch zum groen Teile vorber gegangen.
Sie hatte eine Antwort auf ihre an mich gerichtete Rede auch wahrscheinlich
nicht erwartet. Sie fragte mich jetzt um mehrere gleichgltige Dinge, die ich
beantwortete. In meine nheren Verhltnisse oder etwa gar in die in meiner
Familie ging sie nicht ein. Nachdem die Unterredung eine Weile gedauert hatte,
verabschiedete sie mich, sagte, ich mchte von der Reise etwas ausruhen, bei dem
Abendessen wrden wir uns wieder sehen. Der Knabe hatte whrend der ganzen Zeit
meine Hand gehalten, war neben mir stehen geblieben, und hatte fter zu meinem
Angesichte heraufgeschaut. Ich lste jetzt meine Hand aus der seinen, grte ihn
noch, verneigte mich vor der Mutter, und verlie das Zimmer.
    Als ich in meiner Wohnung angekommen war, setzte ich mich auf einen der
schnen Sthle nieder. Jetzt wute ich, weshalb man mir so gute Bedingungen
gestellt hatte, und wie schwer meine Aufgabe war. Ich zagte. Das Benehmen der
Frau hatte mir sehr gefallen, darum zagte ich noch mehr. Als ich eine Zeit auf
meinem Stuhle gesessen war, erhob ich mich wieder, und es fiel mir ein, da ich
ja dem Herrn des Hauses auch einen Besuch zu machen habe. Ich klingelte, und
verlangte von dem eintretenden Diener, da er mich zu dem Herrn fhre. Der
Diener antwortete, der Herr sei in den Wald gegangen und werde erst abends
zurckkehren. Er hatte den Befehl hinterlassen, da man mir sage, ich mge nur
meine Reisesachen auspacken, mge ausruhen, und mge mir seinethalben keine
Pflichten auflegen, morgen knne das Weitere besprochen werden. Ich legte daher
die Kleider, welche ich zu dem Besuche bei der Frau genommen hatte, wieder ab,
zog mich anders an, und brachte meine Sachen nun in meiner Wohnung in Ordnung.
Bei dieser Beschftigung ging mir nach und nach der ganze Rest des noch brigen
Tages dahin. Als ich fertig war, dmmerte es bereits. Nachdem ich mich gereinigt
und zum Abendessen angekleidet hatte, sagte mir mein Diener, da sich der Herr,
der schon nach Hause zurckgekehrt sei, zum Besuche bei mir melde. Ich sagte zu,
der Herr kam und fragte, ob man in meiner Wohnung alles nach Gebhr vorbereitet
habe, und ob ich nichts vermisse. Ich antwortete, da alles meine Erwartung
bertreffe und daher ein weiteres Begehren die grte Unbescheidenheit wre. Er
sagte, da er nun wnsche, da mein Eintritt in sein Haus gesegnet sei, da mein
Aufenthalt darin erfreulich sein mge, und da ich es einst nicht mit Reue und
Schmerz verlasse. Hierauf lud er mich zum Abendessen ein. Wir gingen in ein sehr
heiteres Speisezimmer, in welchem ein einfaches Abendmahl unter einfachen
Gesprchen eingenommen wurde. Bei demselben war der Herr, die Frau, die zwei
Kinder und ich gegenwrtig.
    Am nchsten Vormittage lie ich anfragen, ob ich den Herrn besuchen drfe.
Ich wurde dazu eingeladen, und mein Diener fhrte mich zu ihm. Ich war in
denselben Besuchkleidern wie gestern bei der Frau. Der Herr sa bei Papieren und
Schriften, er erhob sich bei meinem Eintritte, ging mir entgegen, grte mich
auf das ausgezeichnetste und fhrte mich zu einem Tische. Er war schon vllig
und sehr fein angekleidet. Als wir uns niedergelassen hatten, sagte er: Seid mir
noch einmal in meinem Hause willkommen. Ihr seid uns so empfohlen worden, da
wir uns glcklich schtzen, da Ihr zu uns gekommen seid, da Ihr eine Zeit bei
uns wohnen wollt, und da Ihr erlaubt, da mein lieber Knabe, dem ich eine
glckselige Zukunft wnsche, Eure Gesellschaft geniee. Ich glaube, Ihr werdet
vielleicht in einiger Zeit sehen, da wir Eure Freunde sind, und Ihr werdet uns
etwa auch Eure Freundschaft schenken. Richtet Eure Beschftigungen ein, wie Ihr
wollt, verlegt Euch auf das, was Euer knftiger Beruf fordert, und betrachtet
Euch in allen Stcken wie in Eurem eigenen Hause. Ihr werdet Euch wohl hier an
Einfachheit gewhnen mssen. Wir haben hier und in der Stadt wenig Besuch, und
machen auch wenig. Mathilde wird von der Frau selber erzogen. Mit Erzieherinnen
hatten wir kein Glck. Wir gaben es daher auf, fr Mathilden eine
Gesellschafterin zu suchen. Sie ist bei der Mutter, zuweilen sieht sie Mdchen
ihres Alters, und manches Mal wohnt sie Gesprchen und Spaziergngen mit zwei
lteren guten und lieben Mdchen bei. Sonst ist sie in ihrer Ausbildung
begriffen, und bringt ihre Zeit mit Lernen zu. Wie es mit dem Knaben ist, werdet
Ihr wohl sehen. Man hat uns gesagt, da Ihr in der Stadt sehr zurckgezogen
gelebt habt, deshalb glaubten wir, da Ihr bei uns nicht gar sehr die
menschliche Gesellschaft vermissen werdet. Ich beschftige mich mit einigen
wissenschaftlichen Dingen, und wenn Euch ein Gesprch hierin, falls wir in den
Gegenstnden zusammentreffen, nicht unangenehm ist, so betrachtet mich als Euren
lteren Bruder, und zwar nicht blo hierin, sondern auch in allen anderen
Dingen.
    Ich bin durch Eure Gte sehr beschmt, antwortete ich, und sehe jetzt erst,
wie gro die Aufgabe ist, die ich in Eurem Hause habe. Ich wei nicht, ob ich
ihr auch nur in einem geringen Mae werde gengen knnen.
    Es wird vielleicht nicht schwer sein, zu gengen, erwiderte er.
    Wenn es aber doch nicht geschhe? fragte ich.
    Dann wren wir so offen und sagten es Euch, damit man darnach handeln
knnte, antwortete er.
    Das erleichtert mir mein Herz sehr, erwiderte ich; denn auf diese Weise wird
nie Mitrauen aufkommen knnen. Ich habe bisher nur in zwei Familien gelebt, in
der meiner Mutter - denn mein Vater ist in meiner frhen Jugend gestorben - und
in der eines wrdigen alten Amtmannes, in dessen Hause ich whrend meiner
lateinischen Schulen in Kost und Wohnung war. Die erste Familie ist mir wie
jedem Menschen unvergelich, und die zweite ist es mir auch.
    Vielleicht wird es auch die unsere, sagte er, jetzt lat Euch das Haus und
sein Zugehr zeigen, da Ihr den Schauplatz kennt, auf dem Ihr ein Weilchen
leben sollt. Oder wollt Ihr etwas anders tun, so tut es. Zu mir steht Euch der
Zutritt stets offen, lat Euch nicht ansagen, und klopft nicht an meine Tr.
    Mit diesen Worten war unser Gesprch zu Ende, wir erhoben uns,
verabschiedeten uns, er reichte mir freundlich die Hand, und ich verlie das
Zimmer.
    Ich kleidete mich nun in meine gewhnlichen Kleider, und lie fragen, ob
Alfred Zeit habe, mich zu begleiten und mir etwas von dem Hause und dem Garten
zu zeigen. Man antwortete, da Alfred gleich kommen werde, und da er
hinlnglich Zeit habe. Die Mutter fhrte den Knaben selbst zu mir, und sie
brachte auch einen Diener mit, welcher einen Bund Schlssel trug, und den
Auftrag hatte, mir die Rume des Hauses zu zeigen. Der Diener war ein alter Mann
und schien die Aufsicht ber die andern Dienstleute zu haben. Die Mutter
entfernte sich sogleich wieder. Ich sprach einige freundliche Worte mit dem
Knaben, welcher ber sieben Jahre alt schien, er erwiderte diese Worte
unbefangen und, wie ich glaubte, zutraulich. Dann gingen wir, die Rume des
Hauses zu betrachten. Das Haus war nicht alt, es war kein Schlo, und mochte in
dem siebenzehnten Jahrhunderte gebaut worden sein. Es bestand aus zwei Flgeln,
die einen rechten Winkel bildeten und einen Sandplatz einschlossen. Die Zufahrt
war aber von entgegengesetzter Seite, daher der Sandplatz, welcher Blumenbeete
hatte, mehr einem Garten und einem Spielplatze fr die Kinder als einer Anfahrt
glich. Es waren auf demselben, und zwar an den Mauern des Hauses, auch
Linnendcher zum Aufspannen gegen die Sonne angebracht. Das Haus hatte ein
Erdgescho und ein Stockwerk. Durch beide lief der Lnge nach ein breiter Gang,
von dem aus man in die Zimmer gelangen konnte. Die Mauern des Ganges waren
schneewei, hatten Stuckarbeit, schn vergitterte Fenster, und zeigten braune,
wohlgebohnte Gemchertren. An vielen Stellen der Gnge hingen Gemlde. Sie
waren durchaus nicht vorzglich, aber auch bei weitem nicht so schlecht, als
solche Gang- und Treppengemlde gewhnlich zu sein pflegen. Die Gegenstnde,
welche auf ihnen abgebildet waren, drehten sich in einem kleinen Kreise:
Landschaften mit Ansichten der Umgegend oder merkwrdiger Gebude, Tiere -
vorzglich Hunde mit Jagdgertschaften -, Kchengeschirr, oder Inneres von
Zimmern und anderen Gelassen. Der alte Diener schlo manche Gemcher auf, die im
Gebrauche waren; denn das Haus hatte mehr, als die jetzigen Bewohner bentzten.
Es war ein groer, mit sehr schnen Gerten versehener Saal da, in welchem, wenn
es notwendig war, Gesellschaften aufgenommen wurden, dann waren andere Zimmer zu
verschiedenem Gebrauche, darunter ein sehr groes Bcherzimmer und die Zimmer
fr Gste. Alles war sehr schn eingerichtet und rein und ordentlich gehalten.
Als wir das Haus gesehen hatten, sagte Alfred, Raimund, der alte Diener, sei nun
nicht mehr vonnten, den Garten werde er mir schon allein zeigen. Ich war damit
einverstanden, verabschiedete den alten Diener, und ging mit Alfred ins Freie.
Das Erdgescho, worin sich die Kche, die Gesindezimmer und dergleichen
befanden, hatten wir nicht besucht. Die Stlle und Wagenbehlter waren abseits
des Hauses in eigenen Gebuden. Als wir in das Freie gekommen waren, zeigte sich
ein sehr schner Rasenplatz, der von mannigfaltigen knstlich angelegten Wegen
durchkreuzt war. Auf diesem Rasenplatze standen in ziemlichen Entfernungen sehr
groe Bume. Zu jedem fhrte ein Weg, und fast unter jedem stand ein Bnkchen
oder ein Sitz. Alfred fhrte mich zu den meisten und nannte mir sie. Mich
erfreute dieses Zeichen des Gedchtnisses und der Aufmerksamkeit. Er erzhlte
mir auch, was sie bald unter diesem, bald unter jenem Baume getan, und wie sie
gespielt htten. Die Bume waren Eichen, Linden, Ulmen und eine Anzahl sehr
groer Birnbume. Diese Art von Wald hatte etwas sehr Anmutiges.
    Ich darf allein nicht zu dem Teiche gehen, sagte Alfred, weil ich leicht
hinein fallen knnte, und ich gehe auch nicht hin; aber weil du heute bei mir
bist, so drfen wir ihn besuchen. Komme mit, ich habe Brot bei mir, um es den
Enten und den Fischen zu geben.
    Er fate mich bei der Hand, und ich lie mich von ihm fhren. Er geleitete
mich durch ein kleines Gebsch zu einem mig groen Teiche, der das Merkwrdige
hatte, da auf ihm hlzerne Httchen in geringen Entfernungen angebracht waren,
die die Bestimmung hatten, da darin Wildenten nisteten. Das geschah auch
reichlich. Es war noch nicht so weit im Sommer, und wir sahen noch manche Mutter
mit ihren fast erwachsenen, aber noch nicht flugfhigen Jungen auf dem Wasser
herumschwimmen. An den Ufern waren an verschiedenen Stellen Futterbrettchen
angebracht. Im Wasser selber bewegte sich eine groe Zahl schwerflliger
Karpfen. Alfred zog ein Weibrot aus seiner Tasche, zerbrach es in kleine
Stckchen, warf diese einzeln in das Wasser, und hatte seine Freude daran, wenn
die Enten und auch manch ungeschickter Mund eines Karpfen darnach haschten. Es
schien, da er mich dieses Zweckes halber zu dem Teiche gefhrt hatte. Als er
mit seinem Brote fertig war, gingen wir weiter. Er sagte: Wenn du auch den
Garten sehen willst, so werde ich dich schon hinfhren.
    Ja wohl will ich ihn sehen, antwortete ich.
    Er fhrte mich nun aus dem Gebsche, wir begaben uns auf die
entgegengesetzte Seite des Hauses, dort war ein mit einem Gitter umgebener
groer Garten, und wir gingen durch das Tor desselben hinein. Blumen, Gemse,
Zwerg- und Lattenobst empfingen uns. In der Ferne sah ich die greren und
wahrscheinlich sehr edlen Obstbume stehen. Da mir der Garten um viel mehr
gefiel als der Teich, sagte ich Alfred nicht, er mochte es auch nicht wissen. In
sehr schner Art waren hier die Blumen gepflegt, die man gewhnlich in Grten
findet. Sie hatten nicht blo ihre ihnen zusagenden Pltze, sondern sie waren
auch zu einem sehr schnen Ganzen zusammengestellt. An Gemsen glaubte ich die
besten Arten zu sehen, wie man sie nur immer in den Handlungen der Stadt finden
konnte. Zwischen ihnen stand das Zwergobst. Die Gewchshuser enthielten Blumen,
aber auch Frchte. Ein sehr langer Gang, welcher mit Wein berwlbt war, fhrte
uns in den Obstgarten. Die Bume standen in guten Entfernungen, waren gut
gehalten, hatten Grasboden unter sich, und es fhrten auch hier wieder Wege von
einem zum andern. An seiner rechten Seite war dieser Gartenteil von dichtem
Haselnugebsche begrenzt. Ein Pfad fhrte uns durch dasselbe hindurch. Wir
trafen jenseits einen freien Platz, auf welchem ein ziemlich groes Gartenhaus
stand. Es war gemauert, hatte hohe Fenster, ein Ziegeldach, und seine Gestalt
war ein Sechseck. Die Auenseite dieses Hauses war ganz mit Rosen berdeckt. Es
waren Latten an dem Mauerwerke angebracht, und an diese Latten waren die
Rosenzweige gebunden. Sie standen in Erde vor dem Hause, hatten verschiedene
Gre, und waren so gebunden, da die ganzen Mauern berdeckt waren. Da eben die
Zeit der Rosenblte war, und diese Rosen auch auerordentlich reich blhten, so
war es nicht anders, als stnde ein Tempel von Rosen da und es wren Fenster in
dieselben eingesetzt. Alle Farben, von dem dunkelsten Rot, gleichsam
Veilchenblau, durch das Rosenrot und Gelb bis zu dem Wei waren vorhanden. Bis
in eine groe Entfernung verbreitete sich der Duft. Ich stand lange vor diesem
Hause, und Alfred stand neben mir. Auer den Rosen an dem Gartenhause waren auf
dem ganzen Platze Rosengestruche und Rosenbumchen in Beeten zerstreut. Sie
waren nach einem sinnvollen Plane geordnet, das zeigte sich gleich bei dem
ersten Blicke. Alle Stmmchen trugen Tfelchen mit ihrem Namen.
    Das ist der Rosengarten, sagte Alfred, da sind viele Rosen, es darf aber
keine abgepflckt werden.
    Wer pflanzt denn diese Rosen, und wer pflegt sie? fragte ich.
    Der Vater und die Mutter, antwortete Alfred, und der Grtner mu ihnen
helfen.
    Ich ging zu allen Rosenbeeten, und ging dann um das ganze Haus herum. Als
ich alles betrachtet hatte, gingen wir auch in das Haus hinein. Es war mit
Marmor gepflastert, auf dem feine Rohrmatten lagen. In der Mitte stand ein Tisch
und an den Wnden Bnkchen, deren Sitze von Rohr geflochten waren. Eine
angenehme Khle wehte in dem Hause; denn die Fenster, durch welche die Sonne
herein scheinen konnte, waren durch gegliederte Balken zu schtzen. Da wir
wieder aus dem Innern dieses Gartenhauses getreten waren, besuchten wir noch
einmal den Obstgarten, und gingen bis an sein Ende. Da wir an das Gartengitter
gekommen waren, sagte Alfred: Hier ist der Garten zu Ende, und wir mssen wieder
umkehren.
    Das taten wir auch, wir gingen wieder zu dem Eingangstore zurck,
durchschritten es, begaben uns in das Haus, und ich fhrte Alfred zu seiner
Mutter.
    Das war das Haus und der Garten in Heinbach, der Besitzung des Herrn und der
Frau Makloden.
    Der erste Tag verging sehr gut, so auch ein zweiter, ein dritter und
mehrere. Ich wohnte mich in meine zwei Zimmer ein, und die Stille des Landes tat
mir in meiner jetzigen Gemtsverfassung sehr wohl. Fr den Unterricht Alfreds
war in der Art gesorgt, da der Graf, dessen Meiereien in der Nhe von Heinbach
lagen, und ein Herr von Heinbach, wie man Makloden jetzt auch nannte, eine Summe
stifteten und dem Lehrer der Gemeinde Heinbach zulegten, unter der Bedingung,
da ein in gewissen Fchern gebildeter Mann stets diese Stelle bekleide, welchen
sie in Vorschlag zu bringen das Recht hatten, und der die Verbindlichkeit
bernahm, die Kinder des Hauses Heinbach und die des Verwalters der Meiereien in
ihren Wohnungen zu unterrichten, wofr er aber besonders bezahlt wurde. Die
Schule und die Kirche Heinbach waren eine kleine halbe Wegstunde von dem
Herrenhause entfernt. Der Lehrer kam jeden Nachmittag herber und blieb eine
Zeit bei Alfred. Mathilde wurde nur mehr in seltenen Stunden noch von ihm
unterrichtet. Fr Alfred sollte ich die Art der Lehrstunden einrichten, was ich
auch im bereinkommen mit dem Lehrer, der ein sehr bescheidener und nicht
ungebildeter junger Mann war, tat. Den Unterricht in gewissen Dingen, jetzt vor
allem den Sprachunterricht, behielt ich mir vor. So kam die Sache in den Gang,
und so ging sie fort.
    Das Leben in Heinbach war wirklich sehr einfach. Man stand mit der
Morgensonne auf, versammelte sich in dem Speisezimmer zum Frhmahle, dem einiges
Gesprch folgte, und ging dann an seine Geschfte. Die Kinder muten ihre
Aufgaben machen, von denen Mathilde besonders von der Mutter manche in einigen
Zweigen bekam. Der Vater ging in seine Stube, las, schrieb, oder er sah in dem
Garten oder in dem kleinen Grundbesitze nach, der zu dem Hause gehrte. Ich war
teils in meiner Wohnung mit meinen Arbeiten, die ich in der Stadt begonnen hatte
und hier fortsetzte, beschftigt, teils war ich in Alfreds Zimmer und berwachte
und leitete, was er zu tun hatte. Die Mutter stand mir hierin bei, und sie hielt
es fr ihre Pflicht, noch mehr um Alfred zu sein als ich. Der Mittag versammelte
uns wieder in dem Speisezimmer, am Nachmittage waren Lehrstunden, und der Rest
des Tages wurde zu Gesprchen, zu Spaziergngen, zum Aufenthalte im Garten,
oder, besonders wenn Regenwetter war, zum gemeinschaftlichen Lesen eines Buches
bentzt. Was man im Freien tun konnte, wurde lieber im Freien als in Zimmern
abgemacht. Besonders war hiezu der Aufenthalt unter den Linnendchern am Hause
geeignet, den die Mutter sehr liebte. Stundenlang war sie mit irgend einer
weiblichen Arbeit und die Kinder mit ihrem Schreibzeuge oder mit Bchern auf
diesem Platze beschftigt. Dies war besonders der Fall, wenn die Vormittagssonne
die Luft durchwrzte, und doch noch nicht so viel Kraft hatte, die Mauern zu
erhitzen und den Aufenthalt an ihnen zu verleiden. Auch wurden die
mannigfaltigen Bnkchen auf dem Rasenplatze, vor welche man Tischchen stellte,
und das Innere des Rosenhauses bentzt. Zuweilen wurden grere Spaziergnge
verabredet. An solchen Tagen waren keine Lehrstunden, man bestimmte die Zeit, in
welcher fortgegangen werden sollte, alle muten gerstet sein, und mit dem
betreffenden Glockenschlage wurde aufgebrochen. Wir besuchten zuweilen einen
Berg, einen Wald, oder gingen durch schne, ansprechende Grnde. Manches Mal war
es auch eine Ortschaft, in welche wir uns begaben. Um das Haus lagen in geringen
Entfernungen Besitztmer von Familien, mit denen die Bewohner von Heinbach
Umgang pflegten. fter fuhr ein Wagen vor unserem Hause vor, fter fuhr der
unsere in die Nachbarschaft. Die Kinder mischten sich zur Geselligkeit, und
ltere traten zusammen. Die Mutter Alfreds sah es gerne, wie sie mir sagte, wenn
eine Freundin Mathildens bei ihr durch lngere Zeit verweilte, sie aber konnte
sich nie entschlieen, ihre Tochter zu anderen Leuten auf Besuch zu geben. Sie
wollte nicht getrennt sein. Auch, meinte sie, wrde sich Mathilde fern von ihr
nicht wohl fhlen. Von Knsten wurde bei wechselseitigen Besuchen vorzglich die
Musik gebt. Es war der Gesang, der gepflegt wurde, das Klavier, und zu
vierstimmigen Darstellungen die Geigen. Der Vater Alfreds schien mir ein Meister
auf der Geige zu sein. Wir hrten solchen Vorstellungen zu. Wir Unbeschftigten
sahen aber auch sehr gerne zu, wenn die Kinder auf dem Rasenplatze hpften und
sich in ihren Spielen ergtzten. Bei alle dem besorgte die Mutter Alfreds aber
auch ihr ausgedehntes Hauswesen. Sie gab den Dienern und Mgden hervor, was das
Haus brauchte, sorgte fr die richtige und zweckmige Verwendung, leitete die
Einkufe, und ordnete die Arbeiten an. Die Bekleidung des Herrn, der Frau und
der Kinder war sehr ausgezeichnet, aber auch sehr einfach und wohlbildend. Nach
dem Abendessen sa man oft noch eine geraume Weile in Gesprchen bei dem Tische,
und dann suchte jedes sein Zimmer.
    So war eine Zeit vergangen, und so kam nach und nach der Herbst. Ich lebte
mich immer mehr in das Haus ein und fhlte mich mit jedem Tage wohler. Man
behandelte mich sehr gtig. Was ich bedurfte, war immer da, ehe das Bedrfnis
sich noch klar dargestellt hatte. Aber auch nicht blo das wurde hergestellt,
was ich bedurfte, sondern auch das, was zum Schmucke des Lebens geeignet ist.
Blumen, die ich liebte, wurden in Tpfen in meine Zimmer gestellt, ein Buch, ein
neues Zeichnungsgerte fand sich von Zeit zu Zeit ein, und da ich einmal auf
mehrere Tage abwesend war, sah ich bei meiner Rckkehr meine Wohnung mit Farben
bekleidet, die ich einmal bei einem Besuche in einem Nachbarschlosse sehr gelobt
hatte. Bei Spaziergngen gesellte sich der Vater Alfreds gerne zu mir, wir
gingen abgesondert von den andern und fhrten Gesprche, die mir in dem, was er
sagte, sehr inhaltreich schienen. Ebenso war die Mutter Alfreds nicht ungeneigt,
sich mit mir zu besprechen. Wenn ich in Alfreds Zimmer war, das an das ihrige
grenzte, kam sie gerne herein und sprach mit mir, oder sie lie mich in ihr
Zimmer treten, wies mir einen Sitz an und redete mit mir. Ich hatte ihr nach und
nach alle meine Familienverhltnisse erzhlt, sie hatte teilnehmend zugehrt,
und hatte manches Wort gesprochen, das hchst wohlttig in meine Seele ging.
Alfred war mir gleich in den ersten Tagen zugetan, und diese Neigung wuchs. Sein
Wesen war nicht verbildet. Er war krperlich sehr gesund, und dies wirkte auch
auf seinen Geist, der nebstdem berall von den Seinigen mit Ma und Ruhe umgeben
war. Er lernte sehr genau, und lernte leicht und gut, er war folgsam und
wahrhaftig. Ich wurde ihm bald zugeneigt. Noch ehe der Winter kam, verlangte er,
da er nicht mehr neben der Mutter, sondern neben mir wohnen solle, er sei ja
kein so kleiner Knabe mehr, da er die Mutter immer brauche, und er msse nun
bald neben den Mnnern sein. Man willfahrte ihm auf meine Bitte, er bekam ein
Zimmer neben mir, und der Diener, der bis jetzt nebst andern meine Auftrge zu
besorgen gehabt hatte, wurde uns gemeinschaftlich beigegeben. Sein Krper
entwickelte sich auch ziemlich regsam, er war in dem Sommer gewachsen, sein
Haupt war regelmiger und sein Blick war strker geworden.
    So endete der Herbst, und als bereits die Reife an jedem Morgen auf den
Wiesen lagen, zogen wir in die Stadt. Hier nderte sich manches. Alfred und ich
wohnten wohl wieder neben einander; aber statt des Himmels und der Berge und der
grnen Bume sahen Huser und Mauern in unsere Fenster herein. Ich war es von
frherem Stadtleben gewohnt, und Alfred achtete wenig darauf. Es wurden mehr
Lehrer in mehr Fchern genommen, und die Lehrstunden waren gedrngter als auf
dem Lande. Auch kamen wir mit viel mehr Menschen in Berhrung, und die
Einwirkungen vervielfltigten sich. Aber auch hier wurde ich nicht minder gut
behandelt als auf dem Lande. Ich wurde nach und nach zur Familie gerechnet, und
alles, was berhaupt der Familie gemeinschaftlich zukam, wurde auch mir
zugeteilt. Die Mutter Alfreds sorgte fr meine huslichen Angelegenheiten, und
nur die Anschaffung von Kleidern, Bchern und dergleichen war meine Sache.
    Als kaum die ersten Frhlingslfte kamen, gingen wir wieder nach Heinbach.
Mathilde, Alfred und ich saen in einem Wagen, der Vater und die Mutter in einem
anderen. Alfred wollte nicht von mir getrennt sein, er wollte neben mir sitzen.
Man mute es daher so einrichten, da Mathilde uns gegenber sa. Sie war, als
ich das Haus betreten hatte, noch nicht vllig vierzehn Jahre alt. Jetzt ging
sie gegen fnfzehn. Sie war in dem vergangenen Jahre bedeutend gewachsen, so da
sie wohl so gro war wie ein vollendetes Mdchen. Ihr Krper war uerst
schlank, aber sehr gefllig gebildet. Man kleidete sie gerne in dunkle Stoffe,
die ihr wohl standen. Wenn sie in dem tiefen Blau oder in dem Nelkenbraun oder
in der Farbe des Veilchens ging, und das schne Wei das Kleid oben sumte, so
wurde eine Anmut sichtbar, die gleichsam sagte, da alles sei, wie es sein mu.
Ihre Wangen waren sehr frisch, sanft rot, und wurden jetzt ein wenig lnglich,
ihr Mund war fast rosenrot, die groen Augen waren sehr glnzend schwarz, und
die reinen braunen Haare gingen von der sanften Stirne zurck. Die Mutter liebte
sie sehr, sie lie sie fast gar nicht von sich, sprach mit ihr, ging mit ihr
spazieren, unterrichtete sie auf dem Lande selber, und wohnte in der Stadt jeder
Unterrichtsstunde bei, die ein fremder Lehrer erteilte. Nur mit mir und Alfred
lie sie sie im vergangenen Sommer oft im Garten auf dem Rasenplatze, ja sogar
in der Gegend herum gehen. Da ging ich mit beiden Kindern, fragte sie, erzhlte
ihnen, lie mich selber fragen, und lie mir erzhlen. Alfred hielt mich
grtenteils an der Hand, oder suchte sich berhaupt irgendwie an mich
anzuhngen, sei es selbst mit einem Hakenstbchen, das er sich von irgend einem
Busche geschnitten hatte. Mathilde wandelte neben uns. Ich hatte nur den
Auftrag, zu sorgen, da sie keine heftigen Bewegungen mache, welche an sich fr
ein Mdchen nicht anstndig sind und ihrer Gesundheit schaden knnten, und da
sie nicht in sumpfige oder unreine Gegenden komme und sich ihre Schuhe oder ihre
Kleider beschmutze; denn man hielt sie sehr rein. Ihre Kleider muten immer ohne
Makel sein, ihre Zhne, ihre Hnde muten sehr rein sein, und ihr Haupt und ihre
Haare wurden tglich so vortrefflich geordnet, da kein Tadel entstehen konnte.
Ich zeigte den Kindern die Berge, die zu sehen waren, und nannte sie, ich lehrte
sie die Bume, die Gestruche und selbst manche Wiesenpflanzen kennen, ich las
ihnen Steinchen, Schneckenhuschen, Muscheln auf, und erzhlte ihnen von dem
Haushalte der Tiere, selbst solcher, die gro und mchtig sind und in entfernten
Wldern oder gar in Wsten wohnen. Alfred liebte das Walten und das Tun der
Vgel sehr, besonders ihren Gesang. Er freute sich, aus dem Fluge einen Vogel zu
erraten, und wenn die Stimmen in dem Gebsche oder im Walde ertnten, konnte er
alle die Snger herzhlen, von denen sie strmten. Er lehrte dies ein wenig auch
Mathilden, und fragte sie bei manchem Laute, woher er rhre. Ich hatte die
Vorschriften der Mutter nie berschritten, und Mathilde gewann an Schnheit des
Aussehens und an Gesundheit durch diese Spaziergnge. So wie die Mutter im
Sommer und Herbste sie mit uns hatte herum gehen lassen, so lie sie sie jetzt
mit uns fahren. Sie sa zwei Tage uns gegenber. Es war am Morgen und Abende
noch ziemlich khl. Ich hatte einen Mantel, und Alfred war in einen warmen
berrock geknpft. Mathilde hatte ber ihr dunkles Wollkleid, aus dem nicht
einmal die Spitzen ihrer Schuhe hervorsahen, ein Mntelchen, das ihren ganzen
Oberkrper bis an das Kinn verhllte, auf dem Haupte hatte sie einen warmen,
wohlgeftterten Hut, dessen weite Flgel sich wohl anschmiegten, so da nichts
als beinahe nur die Wangen, welche in der Mrzluft noch rter geworden waren,
und die glnzenden Augen hervorsahen. Wir beredeten, was wir in dem nchsten
Sommer vornehmen wollten. Der Hauptinhalt unserer Gesprche aber war, da alles,
was uns auf unserem Wege oder in dessen Nhe begegnete, bemerkt wurde, da wir
es nannten und darber sprachen. So kamen wir endlich bei heiterem und klarem
Mrzwetter in Heinbach an. Die Bume vor den Fenstern hatten noch kein Laub, der
Garten war de, und die Felder waren noch nicht grn, auer dort, wo sie die
Wintersaaten trugen.
    Obwohl es drauen sehr unwirtlich war, wenn man den uerst freundlichen
blauen Himmel abrechnet, so war es in dem Hause sehr heimisch. Alles war auf das
reinlichste geputzt und zu dem Empfange der Bewohner hergerichtet. Die Zimmer
glnzten, die Fenster spiegelten, durch die Vorhnge schien eine helle Mrzsonne
herein, und in den Kaminen brannte ein behagliches Feuer. Meine zwei Gemcher
waren um ein sehr liebliches Eckzimmerchen vermehrt worden, und man hatte mir
schnere und bequemere Gerte in meine Wohnung gestellt. Ich traf jetzt die
Veranstaltung, da die Tr von meiner Wohnung in Alfreds Zimmer immer offen war,
da beide Wohnungen eine bildeten, und da ich gleichsam neben einem jngeren
Bruder lebte. Hatte ich eine Arbeit vor, bei der eine Strung hindernd gewesen
wre, so ging ich in mein Eckzimmer.
    Das Leben in dem Landhause begann jetzt wieder wie in dem vorigen Sommer.
Wenn auch noch kein Laub auf den Bumen war, wenn sich das Grn der Wiesen noch
drftig zeigte, und auf den Feldern fr die Sommerfrucht noch die nackte Scholle
lag, so gingen wir doch schon vielfach spazieren. Alfred und ich gingen tglich,
selbst wenn trbes Wetter war, nur nicht, wenn heftiger Regen von dem Himmel
strmte. Wenn nach einem klaren Morgen, an dem wir noch die Erde und die Dcher
wei gesehen hatten, ein heiterer Tag kam und die Wege trocken waren, ging
Mathilde mit uns, und wir fhrten sie auf Anhhen oder Felder, wo wir kurz
vorher die schnsten Triller der Lerchen gehrt hatten. Diese Snger waren die
einzigen, die mit uns schon die Gegend bevlkerten.
    Nach und nach wurde das Wei auf Feld und Wiesen seltener, die Sonne schien
krftiger, das Feuer in den Kaminen war nicht mehr ntig, die Wiesen gewannen
Grn, die Bume Knospen, und an den Zweigen der Lattenpfirsiche im Garten
erschienen einzelne Blten. Die Snger der Luft erschienen in verschiedenen
Gestalten und Farben. Wenn ich irgendwo Veilchen oder andere Frhlingsblumen
fand, welche Mathilde nicht mit uns hatte pflcken knnen, so brachte ich sie
ihr in einem Straue fr das Blumenglas ihres Tischchens nach Hause. Als Dank
fr solche Aufmerksamkeiten erhielt ich zu meinem Geburtsfeste, welches in die
ersten Tage des Frhlings fiel, von ihrer Hand gestickt ein rundes Deckchen,
worauf ein silberner Handleuchter, den mir Mathildens Mutter gab, zu stehen
bestimmt war.
    Der Frhling war endlich mit voller Pracht gekommen. Im vergangenen Jahre
hatte ich ihn in dieser Gegend nicht gesehen, weil ich erst spter angelangt
war. berhaupt hatte ich meines lngern Stadtlebens willen schon lange nicht
einen vollkommenen Frhling in der Tiefe des Landes erblickt. Nur an der Grenze
des Landes, das heit, wo es an die Stadt reicht, hatte ich den einen oder
andern Frhlingstag zugebracht, oder irgend einen Sonnenblick erlauscht. Das
teilt man aber mit vielen, die aus der Stadt hinaus kommen, und mu es im
Gedrnge und Staube genieen. In Heinbach war Einsamkeit und Stille, die blaue
Luft schien unermelich, und die Bltenflle wollte die Bume erdrcken. Jeden
Morgen strmte neue Wrze durch die geffneten Fenster. Man fhlte in Heinbach,
wie sehr mich Ungewohnten dieser Reichtum berrasche und freue, und man suchte
mir diese Freude auf jede Weise noch fhlbarer zu machen und sie zu erhhen.
Jeden Tag wurden die Blumen in meiner Wohnung durch neu aufgeblhte aus den
Gewchshusern ersetzt. Wenn in dem freien Grunde sich etwas zeigte, sei es ein
Gestruch, sei es eine Blume, so machte man mich darauf aufmerksam, man brachte
den grten Teil der Zeit im Freien zu und machte weit fter und weit lngere
Spaziergnge als sonst. Mathilde erzhlte mir es, wenn sie den Gesang eines
Vogels gehrt hatte, wenn Faltern vorber geflogen waren, wenn sich ein Becher
in einem Gebsche geffnet hatte, ja sie gab mir zuweilen Blumen, um sie in
meiner Wohnung aufzubewahren.
    So verging der Frhling, und der Sommer rckte vor. War mir das Leben im
vergangenen Jahre in dieser Familie angenehm gewesen, so war es mir in diesem
noch angenehmer. Wir gewhnten uns immer mehr an einander, und mir war zuweilen,
als htte ich wieder eine unzerstrbare Heimat. Der Herr des Hauses zeichnete
mich aus, er besuchte mich oft in meiner Wohnung und sprach lange mit mir, er
lud mich zu sich, zeigte mir seine Sammlungen, seine Arbeiten, und sprach ber
Gegenstnde, die bewiesen, da er mich auch achte. Mathildens Mutter war sehr
liebreich, freundlich und gtig. Sie sorgte wie frher fr mich; aber sie tat es
einfacher, und fast wie ein Ding, das sich von selber verstehe. Wir waren oft
alle in ihrem Zimmer und spielten ein kindisches Spiel oder trieben Musik.
Alfred hatte gleich anfangs schon viel Zutrauen zu mir gezeigt, dieses Zutrauen
war immer gewachsen, und war dann unbedingt geworden. Er war ein vortrefflicher
Knabe, offen, klar, einfach, gutmtig, lebendig, ohne doch einem heftigen Zorne
anheimzufallen, heiter, unschuldig und folgsam. Er war jetzt gegen neun Jahre
alt, entwickelte sich stets frhlicher, und gewann am Geiste sowie am Krper.
Mathilde wurde immer herrlicher, sie war zuletzt feiner als die Rosen an dem
Gartenhause, zu denen wir sehr gerne gingen. Ich liebte beide Kinder unsglich.
Wenn Alfred Unterrichtsstunde hatte, war ich dabei, und leitete und berwachte
sie, ich berwachte sein Lernen, und fragte ihn immer um das Gelernte, damit er
sich bei dem Lehrer keine Ble gebe. Die Gegenstnde, die ich mit ihm vornahm,
vermehrte ich ansehnlich, ich suchte sie ihm recht gut beizubringen, und er
lernte sie auch besser als frher bei andern Lehrern. Vater und Mutter waren oft
bei dem Unterrichte zugegen und berzeugten sich von den Fortschritten. Mathilde
nahm ich nicht nur sehr gerne, sondern viel lieber als frher zu unsern
Spaziergngen mit. Ich sprach mit ihr, ich erzhlte ihr, ich zeigte ihr
Gegenstnde, die an unserm Wege waren, hrte ihre Fragen, ihre Erzhlungen, und
beantwortete sie. Bei rauhen Wegen oder wo Nsse zu befrchten war, zeigte ich
ihr die besseren Stellen oder die Richtungen, auf denen man trockenen Fues
gehen konnte. Zu Hause nahm ich an ihren Bestrebungen Anteil. Ich sah fter ihre
Zeichnungen an, und gab ihr einen Rat, den sie sehr gerne verlangte und
befolgte. Sie freute sich sehr, wenn das Vernderte dann viel besser aussah. Ich
war dabei, wenn sie auf dem Klaviere spielte, und hrte zu, so lange ihre Finger
aus den Saiten die Tne hervor zu locken suchten. Ich schrieb ihr in Hefte sehr
zierlich ab, wenn sie irgendwo einen Gesang hrte und sich denselben aus dem
Gedchtnisse in Musiknoten aufschrieb. Dies war besonders in Hinsicht der Zither
der Fall, die sie spielen zu lernen angefangen hatte, die sie sehr liebte, und
auf der sie bedeutende Fortschritte machte. Oft hrte die Mutter Mathildens mit
Aufmerksamkeit zu, wenn sie anmutige Weisen aus den Metallsaiten hervorbrachte,
und ich und Alfred regten uns nicht und lauschten. Ich las ihr und der Mutter
aus ihren Bchern vor, und bezeichnete schne Stellen durch eingelegte Zeichen.
Auch Blumen, Waldfrchte und dergleichen brachte ich ihr, wenn ich dachte, da
sie ihr Freude machen knnten.
    Der Sommer war beinahe vergangen, und der Herbst stand bevor. Wir hatten so
viel getan, da uns die Zeit sehr kurz schien. Wir waren uns auch genug, um
unsere Stunden zu erfllen. Wenn fremde Kinder zugegen waren, wenn Spiele
veranstaltet waren, und alle auf dem heiteren Rasen hpften und sprangen, stand
Mathilde seitwrts und sah teilnahmlos zu. Wir fuhren auch nicht so oft in die
Nachbarschaft wie im vergangenen Jahre, und verlangten es auch nicht.
    Eines Tages nachmittags standen wir drei an dem Ausgange des langen
Laubenweges, der mit Reben bekleidet ist und zu dem Obstgarten fhrt. Mathilde
und ich standen ganz allein an der Mndung des Laubganges, Alfred war unter den
Bumen damit beschftigt gewesen, einige Tfelchen, die an den Stmmen hingen
und schmutzig geworden waren, zu reinigen, dann las er abgefallenes halbreifes
Obst zusammen, legte es in Hufchen, und sonderte das bessere von dem
schlechteren ab. Ich sagte zu Mathilden, da der Sommer nun bald zu Ende sei,
da die Tage mit immer grerer Schnelligkeit krzer werden, da bald die Abende
khl sein wrden, da dann dieses Laub sich gelb frben, da man die Trauben
ablesen und endlich in die Stadt zurckkehren wrde.
    Sie fragte mich, ob ich denn nicht gerne in die Stadt gehe.
    Ich sagte, da ich nicht gerne gehe, da es hier gar so schn sei, und da
es mir vorkomme, in der Stadt werde alles anders werden.
    Es ist wirklich sehr schn, antwortete sie, hier sind wir alle viel mehr
beisammen, in der Stadt kommen Fremde dazwischen, man wird getrennt, und es ist,
als wre man in eine andere Ortschaft gereist. Es ist doch das grte Glck,
jemanden recht zu lieben.
    Ich habe keinen Vater, keine Mutter und keine Geschwister mehr, erwiderte
ich, und ich wei daher nicht, wie es ist.
    Man liebt den Vater, die Mutter, die Geschwister, sagte sie, und andere
Leute.
    Mathilde, liebst du denn auch mich? erwiderte ich.
    Ich hatte sie nie du genannt, ich wute auch nicht, wie mir die Worte in den
Mund kamen, es war, als wren sie mir durch eine fremde Macht hineingelegt
worden. Kaum hatte ich sie gesagt, so rief sie: Gustav, Gustav, so
auerordentlich, wie es gar nicht auszusprechen ist.
    Mir brachen die heftigsten Trnen hervor.
    Da flog sie auf mich zu, drckte die sanften Lippen auf meinen Mund und
schlang die jungen Arme um meinen Nacken. Ich umfate sie auch und drckte die
schlanke Gestalt so heftig an mich, da ich meinte, sie nicht loslassen zu
knnen. Sie zitterte in meinen Armen und seufzte.
    Von jetzt an war mir in der ganzen Welt nichts teurer als dieses se Kind.
    Als wir uns losgelassen hatten, als sie vor mir stand, erglhend in
unsglicher Scham, gestreift von den Lichtern und Schatten des Weinlaubes, und
als sich, da sie den sen Atem zog, ihr Busen hob und senkte: war ich wie
bezaubert, kein Kind stand mehr vor mir, sondern eine vollendete Jungfrau, der
ich Ehrfurcht schuldig war. Ich fhlte mich beklommen.
    Nach einer Weile sagte ich: Teure, teure Mathilde.
    Mein teurer, teurer Gustav, antwortete sie.
    Ich reichte ihr die Hand und sagte: Auf immer, Mathilde.
    Auf ewig, antwortete sie, indem sie meine Hand fate.
    In diesem Augenblicke kam Alfred auf uns herzu. Er bemerkte nichts. Wir
gingen schweigend neben ihm in dem Gange dahin. Er erzhlte uns, da die Namen
der Bume, die auf weie Blechtfelchen geschrieben sind, welche Tfelchen an
Draht von dem untersten Aste jedes Baumes hernieder hngen, von den Leuten oft
sehr verunreinigt wrden, da man sie alle putzen solle und da der Vater den
Befehl erlassen sollte, da ein jeder, der einen Baum wscht, putzt oder
dergleichen, oder der sonst eine Arbeit bei ihm verrichtet, sich sehr in Acht zu
nehmen habe, da er das Tfelchen nicht bespritzt oder sonst eine Unreinigkeit
darauf bringt. Dann erzhlte er uns, da er schne Borsdorfer pfel gefunden
habe, welche durch einen Insektenstich zu einer frheren, beinahe vollkommenen
Reife gediehen seien. Er habe sie am Stamme des Baumes zusammengelegt, und werde
den Vater bitten, sie zu untersuchen, ob man sie nicht doch brauchen knne. Dann
seien viele andere, welche vor der Zeit abfielen, weil die Bume heuer mit zu
viel Obst beladen wren, und ihre Kraft nicht genug ist, alle zur Reife zu
bringen. Diese habe er auch zusammengelegt, so viele er in der ersten Baumreihe
habe finden knnen. Sie werden wohl zu gar nichts tauglich sein. Er freue sich
schon sehr auf den Herbst:, wo man alles das herabnehmen werde, und wo auch die
schnen roten, blauen und goldgrnen Trauben von diesem Ganggelnder
heruntergelesen werden wrden. Es sei gar nicht mehr lange bis dahin.
    Wir sprachen nicht, und gingen einige Male in dem Gange mit ihm hin und
wider.
    Die groe Erregung hatte sich ein wenig gelegt, und wir gingen in das Haus.
Ich ging aber nicht mit Mathilden zu ihrer Mutter, wie ich sonst immer getan
hatte, sondern nachdem ich Alfred in sein Zimmer geschickt hatte, schweifte ich
durch die Bsche herum, und ging immer wieder auf den Platz, von welchem ich die
Fenster sehen konnte, innerhalb welcher die teuerste aller Gestalten verweilte.
Ich meinte, ich msse sie durch mein Sehnen zu mir herausziehen knnen. Es war
erst ein Augenblick, seit wir uns getrennt hatten, und mir erschien es so lange.
Ich glaubte, ohne sie nicht bestehen zu knnen, ich glaubte, jede Zeit sei ein
verlornes Gut, in welcher ich das holde, schlanke Mdchen nicht an mein Herz
drckte. Ich hatte frher nie irgend ein Mdchen bei der Hand gefat als meine
Schwester, ich hatte nie mit einem ein liebes Wort geredet oder einen
freundlichen Blick gewechselt. Dieses Gefhl war jetzt wie ein Sturmwind ber
mich gekommen. Ich glaubte sie durch die Mauern in ihrem Zimmer gehen sehen zu
mssen mit dem langen kornblumenblauen Kleide, mit den glanzvollen Augen und dem
rosenherrlichen Munde. Es bewegte sich der Fenstervorhang; aber sie war nicht an
demselben, es schimmerte an dem Glase wie von einem rosigen Angesichte; aber es
war nur ein schiefes Hereinleuchten der beginnenden Abendrte gewesen. Ich ging
wieder durch die Bsche, ich ging durch den Weinlaubengang in den Obstgarten,
der Weinlaubengang war mir jetzt ein fremdwichtiges Ding, wie ein Palast aus dem
fernsten Morgenlande. Ich ging durch das Haselnugebsch zu dem Rosenhause, es
war, als blhten und glhten alle Rosen um das Haus, obwohl nur die grnen
Bltter und die Ranken um dasselbe waren. Ich ging wieder zu unserem Wohnhause
zurck, und ging auf den Platz, von dem ich Mathildens Fenster sehen mute. Sie
beugte sich aus einem heraus und suchte mit den Augen. Als sie mich erblickt
hatte, fuhr sie zurck. Auch mir war es gewesen da ich die holde Gestalt sah,
als hatte mich ein Wetterstrahl getroffen. Ich ging wieder in die Bsche. Es
waren Flieder in jener Gegend, die eine Strecke Rasen sumten und in ihrer Mitte
eine Bank hatten, um im Schatten ruhen zu knnen. Zu dieser Bank ging ich immer
wieder zurck. Dann ging ich wieder auf ein Fleckchen Rasen und sah gegen die
Fenster. Sie beugte sich wieder heraus. Dies taten wir ungezhlte Male, bis der
Flieder in dem Rot der Abendrte schwamm und die Fenster wie Rubinen glnzten.
Es war zauberhaft, ein ses Geheimnis mit einander zu haben, sich seiner bewut
zu sein und es als Glut im Herzen zu hegen. Ich trug es entzckt in meine
Wohnung.
    Als wir zum Abendessen zusammen kamen, fragte mich Mathildens Mutter: Warum
seid Ihr denn heute, da Ihr mit den Kindern aus dem Garten zurckgekehrt waret,
nicht mehr zu mir gegangen?
    Ich vermochte auf diese Frage nicht ein Wort zu antworten; es wurde aber
nicht beachtet.
    Ich schlief in der ganzen Nacht kaum einige Augenblicke. Ich freute mich
schon auf den Morgen, an dem ich sie wieder sehen wrde. Wir trafen alle in dem
Speisesaale zu dem Frhmahle zusammen. Ein Blick, ein leichtes Errten sagte
alles, sie sagten, da wir uns besaen, und da wir es wuten. Den ganzen Morgen
brachte ich mit Alfred im eifrigen Lernen zu. Gegen Mittag, als Grser und
Laubbltter getrocknet waren, gingen wir in den Garten. Mathilde flog mit einem
Buche, in dem sie eben gelesen hatte, aus dem Hause, sie eilte auf uns zu, und
wir tauschten den Blick der Einigung. Sie sah mich innig an, und ich fhlte, wie
meine Empfindung aus meinen Augen strmte. Wir gingen durch den Blumengarten und
durch den Gemsegarten auf den Weinlaubengang zu. Es war, als htten wir uns
verabredet, dorthin zu gehn. Mathilde und ich sprachen gewhnliche Dinge, und in
den gewhnlichen Dingen lag ein Sinn, den wir verstanden. Sie gab mir ein
Weinblatt, und ich verbarg das Weinblatt an meinem Herzen. Ich reichte ihr ein
Blmchen, und sie steckte das Blmchen in ihren Busen. Ich nahm ihr das
Papierstreifchen, welches als Merkmal in ihrem Buche steckte, und behielt es bei
mir. Sie wollte es wieder haben, ich gab es nicht, und sie lchelte und lie es
mir. Wir kamen in das Haselgebsch, durchstreiften es, und traten vor die Rosen
des Gartenhauses. Sie nahm einige welke Bltter ab und reinigte dadurch den
Zweig.
    Ich tat das nmliche mit dem Nachbarzweige. Sie gab mir ein grnes
Rosenblatt, ich knickte einen zarten Zweig, was eigentlich nicht erlaubt war,
und gab ihr den Zweig. Sie wendete sich einen Augenblick ab, und da sie sich
wieder uns zugewandt, hatte sie den Rosenzweig bei sich verborgen. Wir gingen in
das Gartenhaus, sie stand an dem Tische und sttzte sich mit ihrer Hand auf die
Platte desselben. Ich legte meine Hand auch auf die Platte, und nach einigen
Augenblicken hatten sich unsere Finger berhrt. Sie stand wie eine feurige
Flamme da, und mein ganzes Wesen zitterte. Im vorigen Sommer hatte ich ihr oft
die Hand gereicht, um ihr ber eine schwierige Stelle zu helfen, um sie auf
einem schwanken Stege zu sttzen, oder sie auf schmalem Pfade zu geleiten. Jetzt
frchteten wir, uns die Hnde zu geben, und die Berhrung war von der grten
Wirkung. Es ist nicht zu sagen, woher es kommt, da vor einem Herzen die Erde,
der Himmel, die Sterne, die Sonne, das ganze Weltall verschwindet, und vor dem
Herzen eines Wesens, das nur ein Mdchen ist, und das andere noch ein Kind
heien. Aber sie war wie der Stengel einer himmlischen Lilie, zaubervoll,
anmutsvoll, unbegreiflich.
    Wir gingen wieder in das Haus, und wir gingen, ehe wir zu dem Mittagessen
gerufen wurden, zu der Mutter. Bei der Mutter waren wir stiller und wortarmer
als gewhnlich. Mathilde suchte sich ein Papierstreifchen und legte es wieder an
jener Stelle in das Buch, wo ich ihr das Merkzeichen herausgenommen hatte. Dann
setzte sie sich zu dem Klaviere und rief einzelne Tne aus den Saiten. Alfred
erzhlte, was wir in dem Garten getan hatten, und berichtete der Mutter, da wir
verdorrte und unbrauchbare Bltter von den Rosenzweigen, die an den Latten des
Gartenhauses angebunden sind, herabgenommen htten. Hierauf wurden wir zu dem
Mittagessen gerufen. Nachmittag war kein Spaziergang. Die Eltern gingen nicht,
und ich schlug Alfred und Mathilden keinen vor. Ich nahm ein Buch eines
Lieblingsdichters, las sehr lange, und feurige Trnen wie heie Tropfen kamen
fter in meine Augen. Spter sa ich auf der Bank in dem Fliedergebsche und
schaute zuweilen durch die Zweige auf die Wohnung Mathildens. Dort stand manches
Mal das Mdchen, das so schn wie ein Engel war, an dem Fenster. Gegen den Abend
spielte Mathilde in dem Zimmer der Mutter auf dem Klaviere sehr ernst, sehr
schn und sehr ergreifend. Dann nahm sie noch die Zither, und spielte auf
derselben ebenfalls. Die Saiten muten sie so ergriffen haben, da sie nicht
aufhren konnte. Sie spielte immer fort, und die Tne wurden immer rhrender,
und ihre Verbindung immer natrlicher. Die Mutter lobte sie sehr. Der Vater,
welcher in einem Geschfte in der nchsten kleinen Stadt gewesen war, kam
endlich auch zur Mutter, und wir blieben in dem Zimmer derselben, bis wir zu dem
Abendessen gerufen wurden. Der Vater nahm Mathilden an den Arm und fhrte sie
zrtlich in den Speisesaal.
    Es begann nun eine merkwrdige Zeit. In meinem und Mathildens Leben war ein
Wendepunkt eingetreten. Wir hatten uns nicht verabredet, da wir unsere Gefhle
geheim halten wollen; dennoch hielten wir sie geheim, wir hielten sie geheim vor
dem Vater, vor der Mutter, vor Alfred und vor allen Menschen. Nur in Zeichen,
die sich von selber gaben, und in Worten, die nur uns verstndlich waren, und
die wie von selber auf die Lippen kamen, machten wir sie uns gegenseitig kund.
Tausend Fden fanden sich, an denen unsere Seelen zu einander hin und her gehen
konnten, und wenn wir in dem Besitze von diesen tausend Fden waren, so fanden
sich wieder tausend, und mehrten sich immer. Die Lfte, die Grser, die spten
Blumen der Herbstwiese, die Frchte, der Ruf der Vgel, die Worte eines Buches,
der Klang der Saiten, selbst das Schweigen waren unsere Boten. Und je tiefer
sich das Gefhl verbergen mute, desto gewaltiger war es, desto drngender
loderte es in dem Innern. Auf Spaziergnge gingen wir drei, Mathilde, Alfred und
ich, jetzt weniger als sonst, es war, als scheuten wir uns vor der Anregung. Die
Mutter reichte oft den Sommerhut und munterte auf. Das war dann ein groes, ein
namenloses Glck. Die ganze Welt schwamm vor den Blicken, wir gingen Seite an
Seite, unsere Seelen waren verbunden, der Himmel, die Wolken, die Berge
lchelten uns an, unsere Worte konnten wir hren, und wenn wir nicht sprachen,
so konnten wir unsere Tritte vernehmen, und wenn auch das nicht war, oder wenn
wir stille standen, so wuten wir, da wir uns besaen, der Besitz war ein
unermelicher, und wenn wir nach Hause kamen, war es, als sei er noch um ein
Unsgliches vermehrt worden. Wenn wir in dem Hause waren, so wurde ein Buch
gereicht, in dem unsere Gefhle standen, und das andere erkannte die Gefhle,
oder es wurden sprechende Musiktne hervorgesucht, oder es wurden Blumen in den
Fenstern zusammengestellt, welche von unserer Vergangenheit redeten, die so kurz
und doch so lang war. Wenn wir durch den Garten gingen, wenn Alfred um einen
Busch bog, wenn er in dem Gange des Weinlaubes vor uns lief, wenn er frher aus
dem Haselgebsche war als wir, wenn er uns in dem Innern des Gartenhauses allein
lie, konnten wir uns mit den Fingern berhren, konnten uns die Hand reichen,
oder konnten gar Herz an Herz fliegen, uns einen Augenblick halten, die heien
Lippen an einander drcken und die Worte stammeln: Mathilde, dein auf immer und
auf ewig, nur dein allein, und nur dein, nur dein allein!
    O ewig dein, ewig, ewig, Gustav, dein, nur dein, und nur dein allein.
    Diese Augenblicke waren die allerglckseligsten.
    So war der tiefe Herbst gekommen. Wir hatten in dem Reste des Sommers ein
ueres nicht vermit. Mathilde und Alfred hatten immer weniger verlangt, in die
Nachbarschaft zu fahren, und so war es gekommen, da auch die Eltern weniger
fuhren, und da auch Fremde weniger zu uns kamen. Wenn sie aber da waren, wenn
auch Alfred an den Spielen und Ergtzungen der Kinder Teil nahm, so war Mathilde
doch teilnahmloser als je. Sie hielt sich ferne, wie eine, die nicht hieher
gehrt. Auch in ihrem krperlichen Wesen war in dieser kurzen Zeit eine groe
Vernderung vorgegangen. Sie war strker geworden, ihre Wangen waren purpurner,
ihre Augen glnzender geworden. Alfred liebte mich sehr. Neben seinen Eltern und
seiner Schwester liebte er vielleicht nichts so sehr als mich, und ich vergalt
es ihm mit ganzer Seele.
    Der spte Herbst war endlich dem Beginne des Winters gewichen. Wie wir sehr
frh von der Stadt auf das Land gingen, so blieben wir auch sehr tief in die
sinkende Jahreszeit hinein auf demselben. Alfreds Erwartung war in Erfllung
gegangen. Das Obst und die Trauben waren abgenommen worden. Auf den Zweigen der
Bume war kein Blatt mehr, und der Nebel und der Frost zogen sich durch die
Grnde des Tales. Da gingen wir in die Stadt. Dort war Mathilde enger umgrenzt.
Lehrer, Erziehungsstunden, Unterricht, Arbeiten drngten sich an sie heran. Ihr
ganzes Wesen aber war begeisterter und getragener, und ich erschien mir reich,
um vieles reicher als die Besitzer all der Huser, der Palste und des Glanzes
der ungeheuren Stadt. Wir konnten uns nur seltener sprechen; aber wenn sie mir
auf dem Gange begegnete, wenn sie mir in dem Zimmer der Mutter einige Worte
sagen konnte, wenn in der Menge das Geschick uns an einander vorberfhrte, oder
wenn uns ein anderer gnstiger Augenblick gegeben war: dann sagten mir ihre
schnen Augen, dann sagten einige Worte, wie sehr wir uns liebten, wie
unvernderlich diese Liebe sei, und wie unbegrenzt unsere Seelen einander
beherrschten. Sie wurde jetzt auch von andern Leuten bemerkt, und junge Mnner
richteten ihre Augen auf sie; aber wenn man ihr entgegen kam, wenn ihr gehuldigt
wurde, wenn man sie in einer Familie feierte: so war sie ganz ruhig gegen diese
Dinge, setzte ihnen gar keine uerung entgegen, und ihr engelschnes Wesen
sagte mir, es sagte es nur von mir verstanden, da sie mit ihrer wundervollen
Gestalt, mit der Wrme ihrer Seele und dem Glanz ihres Aufblhens nur mich
beglcke, und da es ihr Wonne mache, mich beglcken zu knnen. Oft, wenn ich
von weiten Gngen in der Stadt zurckkehrte und zu dem Hause kam, in welchem wir
wohnten, blieb ich stehen und betrachtete das Haus. Es war merkwrdiger, es war
gefeit worden vor den Husern der Stadt, und mit Rhrung sah ich auf die Mauern,
innerhalb welcher das Wesen wohnte, das von berirdischen Rumen gekommen war,
meine Seele zu erfllen. Mathilde sah die Vergtterung, welche ich ihr weihte,
sie sah dieselbe genau auf den geheimen Wegen, auf denen ich ihre Liebe
erkannte, und Freude leuchtete darber von ihrer Stirne, welche gleichfalls nur
von mir gesehen wurde. Die Eltern Mathildens fingen auch an, sie in
vorzglichere Stoffe zu kleiden, als sie bisher getan hatten, und wenn sie mit
edlen Gewndern angetan vor mir stand, kam sie mir ferner und nher, fremder und
angehriger vor als sonst.
    Eines Tages, als ich ber die Treppe unsers Hauses, welches nur von unserer
Familie allein bewohnt wurde, herabging, um einen Freund zu besuchen, begegnete
mir Mathilde. Sie war mit der Mutter an das Haus gefahren, die Mutter war in dem
Wagen sitzen geblieben, sie aber sollte hinaufgehen, um irgend etwas zu holen.
Sie war in schwarze Seide gekleidet, ein seidenes Mntelchen war um ihre
Schaltern, und aus dem Hute mit dem grnen Flore sah das blhende, durch die
Klte erfrischte Angesicht hervor. Da wir uns hinter einer Biegung der Treppe
begegneten, wurde sie dunkelglhend. Ich erschrak, und sagte aber: O Mathilde,
Mathilde, du himmelvolles Wesen, alle streben sie nach dir, wie wird das werden,
o wie wird das werden?!
    Gustav, Gustav, antwortete sie, du bist der trefflichste von allen, du bist
ihr Knig, du bist der Einzige, alles ist gut und herrlich, und Millionen Krfte
sollen es nicht zerreien knnen.
    Ich ergriff ihre Hand, ein glhender Ku, nur einen Augenblick gegeben, aber
mit fest aneinandergedrckten Lippen, bekrftigte die Worte. Ich hrte ihre
Seide die Treppe emporrauschen, ich aber ging die Stufen hinunter. Da ich unten
die glserne Doppeltr der Treppe geffnet hatte, sah ich den Wagen stehen.
Hinter den Fenstern desselben sa freundlich die Mutter Mathildens und sah mich
an. Ich grte sie ehrerbietig, und ging vorber. Ich ging nun nicht mehr zu dem
Freunde, den ich hatte besuchen wollen.
    Mit Alfred betrieb ich das, was er zu lernen hatte, immer eifriger, ich war
immer sorgsamer, da er es gut inne habe, und legte, wo ich konnte, wie frher
und in noch grerem Mae selber Hand an. Auch auf den Gang seiner Entwicklung
im allgemeinen suchte ich so einzuwirken, wie es mir nur mglich war. Ich sprach
sehr viel mit ihm, und ging sehr viel mit ihm um. Er schlo sich, da er es wohl
wute, da ich ihn liebe, immer inniger an mich an, ja er schlo sich auf das
innigste und fast ausschlielich an mich. Er wohnte wie auf dem Lande so auch in
der Stadt neben mir.
    Im ersten Frhlinge fuhren wir wieder wie im vorigen Jahre nach Heinbach. Es
war wieder die Veranstaltung getroffen, da Mathilde, Alfred und ich in einem
Wagen fuhren. Alfred sa wieder neben mir und schmiegte sich an mich. Mathilde
sa gegenber. Und so konnten wir uns zwei Tage mit den Augen der Liebe
ungehindert ansehen, und konnten mit einander sprechen. Und wenn wir auch von
gleichgltigen Dingen redeten, so hrten wir doch unsere Stimme, und in
gewhnlichen Dingen zitterte das tiefe Herz durch. Jene zwei Tage waren die
glckseligsten meines Lebens.
    Auf dem Lande begann nun wieder ein Leben, wie es im vergangenen Jahre
gewesen war. Wir waren ungebunden und konnten leichter unsere Seelen tauschen.
Wir waren freier in dem Zimmer der Mutter oder in dem des Vaters, wir konnten
den Garten besuchen, wir konnten unter den Bumen des Rasenplatzes wandeln, und
wir konnten spazieren gehen. Am liebsten wurde uns der Weinlaubengang. Er war
ein Heiligtum geworden, seine Zweige sahen uns vertraut an, seine Bltter wurden
unsere Zeugen, und durch seine Verschlingungen bebte manches tiefe Wort und
wehte mancher Hauch der unergrndlichsten Glckseligkeit. Fast eben so lieb war
uns das Gartenhaus. Manchen Flog der Wonne deckte es mit seinen schtzenden
Mauern, und es umgab uns wie ein stiller Tempel, wenn wir alle drei eintraten
und zwei Gemter wallten. Wir gingen oft an diese beiden Orte. Die
Verbindungsfden wuchsen tausendfach, Mathilde wurde stets noch herrlicher, sie
wurde von andern immer heier begehrt, aber ihre Seele schlo sich nur fester an
die meinige.
    Ich machte jetzt oft sehr groe Wege allein. Wenn ich so weit war, da ich
das Haus nicht mehr sehen konnte, und wenn ich so dastand und die weien Wolken
betrachtete, die ber dem Hause stehen muten, und wenn ich auf den Wald sah,
jenseits dessen das Haus sich befand, so kam eine tiefe Bewegung in mich. Und
wenn ich dann nach Hause eilte, ins Innere der Mauern ging, sie da sah und an
ihr die Freude des Wiedersehens erkannte, so frohlockte gleichsam springend mir
das Herz in dem Busen ber meinen unendlichen Besitz.
    Dennoch war allgemach etwas da, das wie ein bel in mein Glck bohrte. Es
nagte der Gedanke an mir, da wir die Eltern Mathildens tuschen. Sie ahnten
nicht, was bestand, und wir sagten es ihnen nicht. Immer drckender wurde mir
das Gefhl, und immer ngstender lastete es auf meiner Seele. Es war wie das
Unheil der Alten, welches immer grer wird, wenn man es berhrt.
    Eines Tages, da eben die Rosenblte war, sagte ich zu Mathilden, ich wolle
zur Mutter gehen, ihr alles entdecken und sie um ihr gtiges Vorwort bei dem
Vater bitten. Mathilde antwortete, das werde gut sein, sie wnsche es, und unser
Glck msse dadurch sich erst recht klren und befestigen.
    Ich ging nun zur Mutter Mathildens, und sagte ihr alles mit schlichten
Worten, aber mit zagender Stimme.
    Ich habe das von Euch nicht erwartet und nicht geahnt, erwiderte sie, ich
kann Euch auch einen Bescheid nicht geben. Ich mu erst mit meinem Gatten
sprechen. Kommt in einer Stunde in mein Zimmer, und ich werde Euch antworten.
    Ich verbeugte mich, verlie ihr Gemach, und begab mich in mein Eckzimmer.
    Als die Stunde vorber war, ging ich in das Besuchzimmer der Mutter
Mathildens. Sie erwartete mich schon. Sie sa an ihrem Tische, um den wir uns so
oft versammelt hatten. Sie bot mir auch einen Stuhl an. Nachdem ich mich gesetzt
hatte, sagte sie: Mein Gatte ist mit mir gleicher Ansicht. Wir haben Euch ein
Vertrauen geschenkt, das so gro war, da wir es nicht verantworten knnen. Ihr
gabet uns Grund zu diesem Vertrauen. Wir wollen nicht weiter darber rechten.
Aber eins mu gesprochen werden. Die Verbindung, welche ihr beide geschlossen
habt, ist ohne Ziel, wenigstens ist jetzt ein Ziel nicht abzusehen. Ihr mgt
wohl beide einen gleichen Anteil an der Schlieung dieses Bundes haben. Aber
beide drftet ihr vielleicht an seine Folgen nicht gedacht haben, sonst knnten
wir euch schwerer entschuldigen. Ihr habt euch nur eurem Gefhle hingegeben. Ich
begreife das. Ich kann mir nur nicht erklren, da ich es nicht schon frher
begriffen habe. Ich habe Euch so - so sehr vertraut. Hrt mich aber jetzt an.
Mathilde ist noch ein Kind, es mu eine Reihe von Jahren vergehen, in denen sie
noch lernen mu, was ihr fr ihren einstigen Beruf not tut, es mu noch eine
Reihe von Jahren vergehen, ehe sie nur begreift, was der Bund ist, den sie eben
geschlossen hat. Sie ist lebhaft, sie hat ein Gefhl von ihrer Seele Besitz
nehmen lassen, welches ihr angenehm ist, und welches wahrscheinlich diese ihre
ganze Seele erfllt. Sollen wir sie in diesem Gefhle befangen sein lassen in
der ganzen Zeit, in der sie erst die wichtigsten Vorbereitungen zu ihrem
knftigen Leben treffen mu, oder soll sie ruhiger sein, um diese Vorbereitungen
in dem rechten Mae treffen zu knnen? Soll das Gefhl nun fortdauern, immer
fort, bis wir sagen knnen, da sie Braut sei? Wenn es fortdauert, wird es nicht
peinigende Stunden bringen, da es nicht so bald in seinen natrlichen Abschlu
gelangen kann, und Zweifel, Ungeduld, Vorwrtstreiben, Unmut und Schmerz in
seinem Gefolge fhren? Wird es da nicht jene schnen, edlen, heitern, ruhigen
Tage wegfressen, die der aufblhenden Jungfrau bestimmt sind, ehe sie den
Brautkranz in ihre Haare flicht? Sind nicht oft frhzeitige, auf weite Ziele
gerichtete Neigungen die Zerstrerinnen des Lebensglckes geworden? Wenn Ihr
Mathilden liebt, wenn Ihr sie mit wahrhafter Liebe Eures Herzens liebt, knnt
Ihr sie einer solchen Gefahr aussetzen wollen? Grbt nicht tiefes Sehnen und
heftiges Fhlen durch Jahre fortgesetzt alle Krfte des Menschen an? Und wie,
wenn die Neigung des einen schwindet, und das andere trostlos ist? oder wenn sie
in beiden ermattet und eine Leere hinter sich lt? Ihr werdet beide sagen, das
sei bei euch nicht mglich. Ich wei, da ihr jetzt so fhlt, ich wei, da es
bei euch vielleicht auch nicht mglich ist; allein ich habe oft gesehen, da
Neigungen aufhrten und sich nderten, ja da die strksten Gefhle, welche
allen Gewalten trotzten, dann, da sie keinen andern Widerstand mehr hatten als
die zhe, immer dauernde, aufreibende Zeit, dieser stillen und unscheinbaren
Gewalt unterlegen sind. Soll Mathilde - ich will sagen Eure Mathilde - dieser
Mglichkeit anheim gegeben werden? Ist ihr das Leben, in das sie jetzt mit
frischer Seele hinein sieht, nicht zu gnnen? Es ist grere Liebe, auf die
eigene Seligkeit nicht achten, ja die gegenwrtige Seligkeit des geliebten
Gegenstandes auch nicht achten, aber dafr das ruhige, feste und dauernde Glck
desselben begrnden. Das, glaube ich, ist Eure und ist Mathildens Pflicht. Ihr
knnt mir nicht einwenden, da dieses Glck durch eine Verbindung, die sogleich
geschlossen wird, zu begrnden sei. Wenn auch Mathildens Vermgen so gro wre,
da daraus ein Familienbesitzstand gegrndet werden knnte, wenn Ihr es auch
ber Euch vermchtet, von dem Vermgen Eurer Gattin wenigstens eine Zeit
hindurch zu leben, was ich bezweifle, so wre damit doch noch nichts gewonnen,
da Mathilde, wie ich sagte, die bei weitem grere Zahl von Eigenschaften noch
nicht besitzt, welche eine Gattin und Mutter besitzen mu, da sie ferner nach
den Ansichten, die wir ber das krperliche Wohl unserer Kinder fr unsere
Pflicht halten, wenigstens vor sechs oder sieben Jahren sich nicht vermhlen
kann, und da also die Unsicherheit und Gefahr, wie ich frher sprach, auch bei
dieser Eurer Behauptung fr sie und Euch vorhanden wren. Da die Kinder in dem
Alter Mathildens ihren Eitern ohne Bedingung zu folgen haben, und da gute
Kinder, wozu ich Mathilden zhle, auch wenn es ihrem Herzen Schmerz macht, gerne
folgen, weil sie der Liebe und der bessern Einsicht der Eltern vertrauen: so
htte ich nur sagen drfen, mein Gatte und ich erkennen, da zum Wohle
Mathildens das Band, das sie geschlungen hat, nicht fortdauern drfe, und da
sie daher dasselbe abbrechen mge; allein ich habe Euch die Grnde unserer
Ansicht entwickelt, weil ich Euch hochachte, und weil ich auch gesehen habe, da
Ihr mir zugetan seid, wie ja auch Euer Gestndnis beweist, welches freilich
etwas frher htte gemacht werden sollen. Erlaubt, da ich nun auch von Euch
etwas spreche. Ihr seid, wenn auch lter als Mathilde, doch als Mann noch so
jung, da Ihr die Lage, in der Ihr seid, kaum zu beurteilen fhig sein drftet.
Mein Gatte und ich sind der Ansicht, da Ihr, so weit wir Euch kennen, durch
Euer Gefhl, das immer edel und warm ist, in die Neigung zu Mathilden, der wir
auch als Eltern immerhin einigen Liebreiz zusprechen mssen, gestrzt worden
seid, da sich Euch das Gefhl als etwas Hohes und Erhabenes angekndigt hat,
das Euch noch dazu so beseligte, und da Ihr daher an keinen Widerstand gedacht
habt, der Euch ja auch als Untreue an Mathilden erscheinen mute. Allein Eure
Lage, in dieser Art genommen, darf nicht als die gesetzmige bezeichnet werden.
Ihr seid so jung, Ihr habt Euch in den Anfang einer Laufbahn begeben. Ihr mt
nun in derselben fortfahren, oder, wenn Ihr sie mibilligt, eine andere
einschlagen. In ganz und gar keiner kann ein Mann von Eurer Begabung und Eurem
inneren Wesen nicht bleiben. Welche lange Zeit liegt nun vor Euch, die Ihr
bentzen mt, Euch in jene feste Lebensttigkeit zu bringen, die Euch not tut,
und Euch jene uere Unabhngigkeit zu erwerben, die Ihr braucht, damit Ihr
beides zur Errichtung eines dauernden Familienverhltnisses anwenden knnt.
Welche Unsicherheit in Euren Bestrebungen, wenn Ihr eine verfrhte Neigung in
dieselben hinein nehmt, und welche Gefahren in dieser Euch beherrschenden
Neigung fr Euer Wesen und Euer Herz! Es wird euch beiden jetzt Schmerz machen,
das geknpfte Band zu lsen oder wenigstens aufzuschieben, wir wissen es, wir
fhlen den Schmerz, ihr beide dauert uns, und wir machen uns Vorwrfe, da wir
die entstandene Sachlage nicht zu verhindern gewut haben; aber ihr werdet beide
ruhiger werden, Mathilde wird ihre Bildung vollenden knnen, Ihr werdet in Eurem
zuknftigen Stande Euch befestiget haben, und dann kann wieder gesprochen
werden. Ihr httet auch ohne diese Neigung nicht lange mehr in Eurer
gegenwrtigen Stellung bleiben knnen. Wir verdanken Euch sehr viel. Unser
Alfred und auch Mathilde reiften an Euch sehr schn empor. Aber eben deshalb
htten wir es nicht ber unser Gewissen bringen knnen, Euch lnger zu unserem
Vorteile von Eurer Zukunft abzuhalten, und mein Gatte hatte sich vorgenommen,
mit Euch ber diese Sache zu sprechen. berdenkt, was ich Euch sagte. Ich
verlange heute keine Antwort; aber gebt sie mir in diesen Tagen. Ich habe noch
einen Wunsch, ich kenne Euch, und ich will ihn Euch deshalb anvertrauen. Ihr
habt eine sehr groe Gewalt ber Mathilden, wie wir wohl immer gesehen haben,
wie sie uns in ihrer Gre aber nicht erschienen ist, wendet, wenn meine Worte
bei Euch einen Eindruck machten, diese Gewalt auf sie an, um sie von dem zu
berzeugen, was ich Euch gesagt habe, und um das arme Kind zu beruhigen. Wenn es
Euch gelingt, glaubt mir, so erweiset Ihr Mathilden dadurch eine groe Liebe,
Ihr erweiset sie Euch und auch uns. Geht dann mit dem Eifer der Begabung und der
Ausdauer, wie Ihr sie in unserem Hause bewiesen habt, an Euren Beruf. Wir waren
Euch alle sehr zugetan, Ihr werdet wieder Neigung und Anhnglichkeit finden, Ihr
werdet ruhiger werden, und alles wird sich zum Guten wenden.
    Sie hatte ausgesprochen, legte ihre schne, freundliche Hand auf den Tisch,
und sah mich an.
    Ihr seid ja so bla wie eine getnchte Wand, sagte sie nach einem Weilchen.
    In meine Augen drangen einzelne Trnen, und ich antwortete: Jetzt bin ich
ganz allein. Mein Vater, meine Mutter, meine Schwester sind gestorben. Mehr
konnte ich nicht sagen, meine Lippen bebten vor unsglichem Schmerz.
    Sie stand auf, legte ihre Hand auf meinen Scheitel, und sagte unter Trnen
mit ihrer lieblichen Stimme: Gustav, mein Sohn! du bist es ja immer gewesen, und
ich kann einen besseren nicht wnschen. Geht jetzt beide den Weg eurer
Ausbildung, und wenn dann einst euer gereiftes Wesen dasselbe sagt, was jetzt
das wallende Herz sagt, dann kommt beide, wir werden euch segnen. Strt aber
durch Fortspinnen, Steigern und vielleicht Abarten eurer jetzigen heftigen
Gefhle nicht die euch so ntige letzte Entwicklung.
    Es war das erste Mal gewesen, da sie mich du genannt hatte.
    Sie verlie mich und ging einige Schritte im Zimmer hin und wider.
    Verehrte Frau, sagte ich nach einer Weile, es ist nicht ntig, da ich Euch
morgen oder in diesen Tagen antworte; ich kann es jetzt sogleich. Was Ihr mir an
Grnden gesagt habt, wird sehr richtig sein, ich glaube, da es wirklich so ist,
wie Ihr sagt; allein mein ganzes Innere kmpft dagegen, und wenn das Gesagte
noch so wahr ist, so vermag ich es nicht zu fassen. Erlaubt, da eine Zeit
hierber vergehe, und da ich dann noch einmal durchdenke, was ich jetzt nicht
denken kann. Aber eins ist es, was ich fasse. Ein Kind darf seinen Eltern nicht
ungehorsam sein, wenn es nicht auf ewig mit ihnen brechen, wenn es nicht die
Eltern oder sich selbst verwerfen soll. Mathilde kann ihre guten Eltern nicht
verwerfen, und sie ist selber so gut, da sie auch sich nicht verwerfen kann.
Ihre Eltern verlangen, da sie jetzt das geschlossene Band auflsen mge, und
sie wird folgen. Ich will es nicht versuchen, durch Bitten das Gebot der Eltern
wenden zu wollen. Die Grnde, welche Ihr mir gesagt habt, und welche in mein
Wesen nicht eindringen wollen, werden in dem Eurigen fest haften, sonst httet
Ihr mir sie nicht so nachdrcklich gesagt, httet sie mir nicht mit solcher Gte
und zuletzt nicht mit Trnen gesagt. Ihr werdet davon nicht lassen knnen. Wir
haben uns nicht vorzustellen vermocht, da das, was fr uns ein so hohes Glck
war, fr die Eltern ein Unheil sein wird. Ihr habt es mir mit Eurer tiefsten
berzeugung gesagt. Selbst wenn Ihr irrtet, selbst wenn unsere Bitten Euch zu
erweichen vermchten, so wrde Euer freudiger Wille, Euer Herz und Euer Segen
mit dem Bunde nicht sein, und ein Bund ohne der Freude der Eltern, ein Bund mit
der Trauer von Vater und Mutter mte auch ein Bund der Trauer sein, er wre ein
ewiger Stachel, und Euer ernstes oder bekmmertes Antlitz wrde ein
unvertilgbarer Vorwurf sein. Darum ist der Bund, und wre er der berechtigteste,
aus, er ist aus auf so lange, als die Eltern ihm nicht beistimmen knnen. Eure
ungehorsame Tochter wrde ich nicht so unaussprechlich lieben knnen, wie ich
sie jetzt liebe, Eure gehorsame werde ich ehren und mit tiefster Seele, wie fern
ich auch sein mag, lieben, so lange ich lebe. Wir werden daher das Band losen,
wie schmerzhaft die Lsung auch sein mag. - O Mutter, Mutter! - lat Euch diesen
Namen zum ersten und vielleicht auch zum letzten Male geben - der Schmerz ist so
gro, da ihn keine Zunge aussprechen kann? und da ich mir seine Gre nie
vorzustellen vermocht habe.
    Ich erkenne es, antwortete sie, und darum ist ja der Kummer, den ich und
mein Gatte empfinden, so gro, da wir unserem teuren Kinde und Euch, den wir
auch lieben, die Seelenkrnkung nicht ersparen knnen.
    Ich werde morgen Mathilden sagen, erwiderte ich, da sie ihrem Vater und
ihrer Mutter gehorchen msse. Heute erlaubt mir, verehrte Frau, da ich meine
Gedanken etwas ordne - und da ich auch noch andere Dinge ordne, die not tun.
    Die Trnen waren mir wieder in die Augen getreten.
    Sammelt Euch, lieber Gustav, sagte sie, und tut, was Ihr fr gut haltet,
sprecht mit Mathilden, oder sprecht auch nicht, ich schreibe Euch nichts vor. Es
wird eine Zeit kommen, in der Ihr einsehen werdet, da ich Euch nicht so unrecht
tue, als Ihr jetzt vielleicht glauben mgt.
    Ich kte ihr die Hand, die sie mir gtig gab, und verlie das Zimmer.
    Am andern Tage bat ich Mathilden, mit mir einen Gang in den Garten zu
machen. Wir gingen durch den ersten Teil desselben, und wir gingen durch den
Weinlaubengang bis zu dem Gartenhause, an dem die Rosen blhten. Whrend wir so
wandelten, sprachen wir fast kein Wort, auer da wir sagten, wie uns hie und da
eine Blume gefalle, wie das Weinlaub schn sei, und wie der Tag sich so
ausgeheitert habe. Wir waren zu gespannt auf das, was da kommen werde, Mathilde
auf das, was ich ihr mitzuteilen habe, und ich auf das, wie sie die Mitteilung
aufnehmen werde. In der Nhe des Gartenhauses war eine Bank, auf welche von
einem Rosengebsche Schatten fiel. Ich lud sie ein, mit mir auf der Bank Platz
zu nehmen. Sie tat es. Es war das erste Mal, da wir ganz allein in den Garten
gingen, und da wir allein bei einander auf einer Bank saen. Es war das
Vorzeichen, da uns dies in Zukunft entweder ungestrt werde gestattet sein,
oder da es das letzte Mal sei, und da man darum ein unbedingtes Vertrauen in
uns setze. Ich sah, da Mathilde das empfinde; denn in ihrem ganzen Wesen war
die hchste Erwartung ausgeprgt. Desohngeachtet rief sie mit keinem Worte den
Anfang der Mitteilungen hervor. Mein Wesen mochte sie in Angst gesetzt haben;
denn obwohl ich mir unzhlige Male in der Nacht die Worte zusammengestellt
hatte, mit denen ich sie anreden wollte, so konnte ich doch jetzt nicht
sprechen, und obwohl ich suchte, meine Empfindungen zu bemeistern, so mochte
doch der Schmerz in meinem uern zu lesen gewesen sein. Da wir schon eine Weile
gesessen waren, auf unsere Fuspitzen gesehen, und, was zu verwundern war, uns
nicht an der Hand gefat hatten, fing ich an, mit zitternder Stimme und mit
stockendem Atem zu sagen, was ihre Eltern meinen, und da sie den Wunsch hegen,
da wir wenigstens fr die jetzige Zeit unser Band auflsen mgen. Ich ging auf
die Grnde, welche die Mutter angegeben hatte, nicht ein, und legte Mathilden
nur dar, da sie zu gehorchen habe, und da unter Ungehorsam unser Bund nicht
bestehen knne.
    Als ich geendet hatte, war sie im hchsten Mae erstaunt.
    Ich bitte dich, wiederhole mir nur in kurzem, was du gesprochen hast, und
was wir tun sollen, sagte sie.
    Du mut den Willen deiner Eltern tun und das Band mit mir lsen, antwortete
ich.
    Und das schlgst du vor, und das hast du der Mutter versprochen, bei mir
auszuwirken?, fragte sie.
    Mathilde, nicht auszuwirken, antwortete ich, wir mssen gehorchen; denn der
Wille der Eltern ist das Gesetz der Kinder.
    Ich mu gehorchen, rief sie, indem sie von der Bank aufsprang, und ich werde
auch gehorchen; aber du mut nicht gehorchen, deine Eltern sind sie nicht. Du
mutest nicht hieher kommen und den Auftrag bernehmen, mit mir das Band der
Liebe, das wir geschlossen hatten, aufzulsen. Du mutest sagen: Frau, Eure
Tochter wird Euch gehorsam sein, sagt Ihr nur Euren Willen; aber ich bin nicht
verbunden, Eure Vorschriften zu befolgen, ich werde Euer Kind lieben, so lange
ein Blutstropfen in mir ist, ich werde mit aller Kraft streben, einst in ihren
Besitz zu gelangen. Und da sie Euch gehorsam ist, so wird sie mit mir nicht mehr
sprechen, sie wird mich nicht mehr ansehen, ich werde weit von hier fortgehen;
aber lieben werde ich sie doch, so lange dieses Leben whrt und das knftige,
ich werde nie einer andern ein Teilchen von Neigung schenken, und werde nie von
ihr lassen. So httest du sprechen sollen, und wenn du von unserm Schlosse
fortgegangen wrest, so htte ich gewut, da du so gesprochen hast, und tausend
Millionen Ketten htten mich nicht von dir gerissen, und jubelnd htte ich einst
in Erfllung gebracht, was dir dieses strmische Herz gegeben. Du hast den Bund
aufgelste, ehe du mit mir hieher gegangen bist, ehe du mich zu dieser Bank
gefhrt hast, die ich dir gutwillig folgte, weil ich nicht wute, was du getan
hast. Wenn jetzt auch der Vater und die Mutter kmen und sagten: Nehmet euch,
besitzet euch in Ewigkeit, so wre doch alles aus. Du hast die Treue gebrochen,
die ich fester gewhnt habe als die Sulen der Welt und die Sterne an dem Baue
des Himmels.
    Mathilde, sagte ich, was ich jetzt tue, ist unendlich schwerer, als was du
verlangtest.
    Schwer oder nicht schwer, von dem ist hier nicht die Rede, antwortete sie,
von dem, was sein mu, ist die Rede, von dem, dessen Gegenteil ich fr unmglich
hielt. Gustav, Gustav, Gustav, wie konntest du das tun?
    Sie ging einige Schritte von mir weg, kniete, gegen die Rosen, die an dem
Gartenhause blhten, gewendet, in das Gras nieder, schlug die beiden Hnde
zusammen und rief unter strmenden Trnen: Hrt es, ihr tausend Blumen, die
herabschauten, als er diese Lippen kte, hre es du, Weinlaub, das den
flsternden Schwur der ewigen Treue vernommen hat, ich habe ihn geliebt, wie es
mit keiner Zunge, in keiner Sprache ausgesprochen werden kann. Dieses Herz ist
jung an Jahren, aber es ist reich an Gromut; alles, was in ihm lebte, habe ich
dem Geliebten hingegeben, es war kein Gedanke in mir als er, das ganze knftige
Leben, das noch viele Jahre umfassen konnte, htte ich wie einen Hauch fr ihn
hingeopfert, jeden Tropfen Blut htte ich langsam aus den Adern flieen und jede
Faser aus dem Leibe ziehen lassen - und ich htte gejauchzt dazu. Ich habe
gemeint, da er das wei, weil ich gemeint habe, da er es auch tun wrde. Und
nun fhrt er mich heraus, um mir zu sagen, was er sagte. Wren was immer fr
Schmerzen von auen gekommen, was immer fr Kmpfe, Anstrengungen und
Erduldungen; ich htte sie ertragen, aber nun er - er -! Er macht es unmglich
fr alle Zeiten, da ich ihm noch angehren kann, weil er den Zauber zerstrt
hat, der alles band, den Zauber, der ein unzerreibares Aneinanderhalten in die
Jahre der Zukunft und in die Ewigkeit malte.
    Ich ging zu ihr hinzu, um sie empor zu heben. Ich ergriff ihre Hand. Ihre
Hand war wie Glut. Sie stand auf, entzog mir die Hand, und ging gegen das
Gartenhaus, an dem die Rosen blhten.
    Mathilde, sagte ich, es handelt sich nicht um den Bruch der Treue, die Treue
ist nicht gebrochen worden. Verwechsle die Dinge nicht. Wir haben gegen die
Eltern unrecht gehandelt, da wir ihnen verbargen, was wir getan haben, und da
wir in dem Verbergen beharrend geblieben sind. Sie frchten bles fr uns. Nicht
die Zerstrung unserer Gefhle verlangen sie, nur die Aufhebung des uerlichen
unseres Bundes auf eine Zeit.
    Kannst du eine Zeit nicht mehr du sein? erwiderte sie, kannst du eine Zeit
dein Herz nicht schlagen lassen? ueres, Inneres, das ist alles eins, und alles
ist die Liebe. Du hast nie geliebt, weil du es nicht weit.
    Mathilde, antwortete ich, du warst immer so gut, du warst edel, rein,
herrlich, da ich dich mit allen Krften in meine Seele schlo: heute bist du
zum ersten Male ungerecht. Meine Liebe ist unendlich, ist unzerstrbar, und der
Schmerz, da ich dich lassen mu, ist unsglich, ich habe nicht gewut, da es
einen so groen auf Erden gibt; nur der ist grer, von dir verkannt zu sein.
Ich unterscheide nicht, wer dir das Gebot der Eltern htte sagen sollen, es ist
das einerlei, sie sind die Eltern, das Gebot ist das Gebot, und das Heiligste in
uns sagt, da die Eitern geehrt werden mssen, da das Band zwischen Eltern und
Kind nicht zerstrt werden darf, wenn auch das Herz bricht. So fhlte ich, so
handelte ich, und ich wollte dir das Notwendige recht sanft und weich sagen,
darum bernahm ich die Sendung; ich glaubte, es knne dir niemand das Bittere so
sanft und weich sagen wie ich, darum kam ich. Aus Gte, aus Mitleid kam ich. Die
Pflicht leitete mich, in der Pflicht bricht mein Herz, und in dem brechenden
Herzen bist du.
    Ja, ja, das sind die Worte, sagte sie, indem ihr Schluchzen immer heftiger
und fast krampfhaft wurde, das sind die Worte, denen ich sonst so gerne
lauschte, die so s in meine Seele gingen, die schon s waren, als du es noch
nicht wutest, denen ich glaubte, wie der ewigen Wahrheit. Du httest es nicht
unternehmen mssen, mich zur Zerreiung unserer Liebe bewegen zu wollen, es
soll, wenn hundertmal Pflicht, dir nicht mglich gewesen sein. Darum kann ich
dir jetzt nicht mehr glauben, deine Liebe ist nicht die, die ich dachte, und die
die meinige ist. Ich habe den Vergleichpunkt verloren, und wei nicht, wie alles
ist. Wenn du einst gesagt httest, der Himmel ist nicht der Himmel, die Erde
nicht die Erde, ich htte es dir geglaubt. Jetzt wei ich es nicht, ob ich dir
glauben soll, was du sagst. Ich kann nicht anders, ich wei es nicht, und ich
kann nicht machen, da ich es wei. O Gott! da es geworden ist, wie es ward,
und da zerstrbar ist, was ich fr ewig hielt! Wie werde ich es ertragen
knnen?
    Sie barg ihr Angesicht in den Rosen vor ihr, und ihre glhende Wange war
auch jetzt noch schner als die Rosen. Sie drckte das Angesicht ganz in die
Blumen und weinte so, da ich glaubte, ich fhle das Zittern ihres Krpers, oder
es werde eine Ohnmacht ihren Schmerz erschpfen. Ich wollte sprechen, ich
versuchte es mehrere Male; aber ich konnte nicht, die Brust war mir zerpret und
die Werkzeuge des Sprechens ohne Macht. Ich fate nach ihrem Krper, sie zuckte
aber weg, wenn sie es empfand. Dann stand ich unbeweglich neben ihr. Ich griff
mit der bloen Hand in die Zweige der Rosen, drckte, da mir leichter wrde,
die Dornen derselben in die Hand, und lie das Blut an ihr nieder rinnen.
    Als das eine Zeit gedauert hatte, als sich ihr Weinen etwas gemildert hatte,
hob sie das Angesicht empor, trocknete mit dem Tuche, das sie aus der Tasche
genommen, die Trnen und sagte: Es ist alles vorber. Weshalb wir noch lnger
hier bleiben sollen, dazu ist kein Grund, lasse uns wieder in das Haus gehen und
das Weitere dieser Handlung verfolgen. Wer uns begegnet, soll nicht sehen, da
ich so sehr geweint habe.
    Sie trocknete neuerdings mit dem Tuche die Augen, lie neue Trnen nicht
mehr hervorquellen, richtete sich empor, strich sich die Haare ein wenig zurecht
und sagte: Gehen wir in das Haus.
    Sie richtete sich mit diesen Worten zum Gehen gegen den Weinlaubengang, und
ich ging neben ihr. Das Blut an meiner Hand konnte sie nicht sehen. Ich
unternahm es nicht mehr, sie zu trsten, ich sah, da ihre Verfassung dafr
nicht empfnglich war. Auch erkannte ich, da sie im Zorne gegen mich ihren
Schmerz leichter ertrage, als wenn dieser Zorn nicht gewesen wre. Wir gingen
schweigend in das Haus. Dort gingen wir in das Zimmer der Mutter. Mathilde warf
sich ihrer Mutter an das Herz. Ich kte der Frau die Hand, und entfernte mich.
    Den ganzen brigen Teil des Tages verbrachte ich damit, meine Habe zu
packen, um morgen dieses Haus verlassen zu knnen. Mathildens Vater besuchte
mich einmal und sagte: Krnket Euch nicht zu sehr, es wird vielleicht noch alles
gut.
    Im brigen waren seine Grnde, die er freundlich und sanft sagte, die
nmlichen wie die seiner Gattin. Auch Mathildens Mutter kam einmal zu mir
herber, lchelte trbsinnig bei meinem Treiben und gab mir die Hand. Meine
Hoffnungen waren dsterer, als es die dieser zwei Menschen zu sein schienen.
Mathildens Glauben an mich war erschttert. Da ich meine Absicht, morgen
abreisen zu wollen, erklrt hatte, und man nichts mehr dagegen einwendete, was
man anfangs tat, rief ich Alfred und sagte ihm, da ich nicht etwa eine grere
Reise vor habe, wie er glauben mochte, sondern da ich auf lange, vielleicht auf
immer dieses Haus verlasse. Es seien Umstnde eingetreten, die dies notwendig
machten. Er fiel mir mit Schluchzen um den Hals, ich konnte ihn gar nicht
besnftigen, ja ich weinte beinahe selber laut. Er wurde spter zu beiden
Eltern, die in der Schreibstube des Vaters waren, geholt, damit sie ihn
beruhigten. Sein Schlafzimmer war heute unter der Aufsicht eines Dieners ein
anderes. Als er in dasselbe gebracht worden war, ging ich zu den Eltern und
sagte ihnen den Dank fr alles Gute, das ich in ihrem Hause genossen habe. Sie
dankten mir auch und lieen mich Hoffnungen erblicken. Es ward verabredet, da
ich mit den Pferden des Hauses auf die nchste Post gebracht werden solle.
Mathilde erschien nicht zum Abendessen.
    Am nchsten Morgen wurde der Wagen bepackt. Ich machte mich reisefertig. Es
war mir erlaubt worden, von Mathilden Abschied nehmen zu drfen. Sie weigerte
sich aber, mich zu sehen. Ich ging daher in meine Wohnung, reichte dem alten
Raimund die Hand und sagte: Lebe wohl, Raimund.
    Lebt recht wohl, junger Herr, antwortete er, und seid recht glcklich.
    Du weit nicht, Raimund!
    Ich wei, ich wei, junger Herr - es kann ja werden. Lebe wohl.
    Ich ging nun die Treppe hinab, er begleitete mich. Unten bei dem Wagen stand
der Herr und die Frau des Hauses und mehrere von den Dienstleuten. Auch vom
Meierhofe waren Leute herbei gekommen. Alfred, der spt entschlummert war,
schlief noch; die Besitzer des Hauses nahmen auf eine auszeichnende Weise von
mir Abschied, die Umstehenden beurlaubten sich auch, wnschten mir Glck und
eine frhliche Wiederkehr. Ich bestieg den Wagen und fuhr von Heinbach dahin.
    Der Besitzer dieses Hauses hatte mir einmal gesagt: Vielleicht verlasset Ihr
einst unser Haus nicht mit Rene und Schmerz.
    Ich verlie es nicht mit Rene, aber mit Schmerz.
    Er hatte auch die Vermutung ausgesprochen, da mir etwa auch seine Familie
unvergelich bleiben drfte. Sie blieb mir unvergelich.
    Ich verabschiedete auf der Post den Wagen aus Heinbach, das letzte Merkmal
aus diesem Orte, und lie mich nach der Stadt einschreiben, wo ich so lange
gewesen war, wo ich meine Lernzeit vollendet hatte, von wo ich nach Heinbach
gegangen war, und wo sich das Haus von Mathildens Eltern befand. Ich blieb aber
nicht in der Stadt.
    In der Nhe meiner Heimat ist im Walde eine Felskuppe, von welcher man sehr
weit sieht. Sie geht mit ihrem nrdlichen Rcken sanft ab und trgt auf ihm sehr
dunkle Tannen. Gegen Sden strzt sie steil ab, ist hoch und geklftet, und
sieht auf einen dnnbestandenen Wald, zwischen dessen Stmmen Weidegrund ist.
Jenseits des Waldes erblickt man Wiesen und Feld, weiter ein blauliches Moor,
dann ein dunkelblaues Waldband, und ber diesem die fernen Hochgebirge. Ich ging
von der Stadt in meine Heimat und von der Heimat auf diese Felskuppe. Ich sa
auf ihr und weinte bitterlich. Jetzt war ich verdet, wie ich frher nie verdet
gewesen war. Ich sah in das dunkle Innere der Schlnde und fragte, ob ich mich
hinabwerfen solle. Das Bild meiner verstorbenen Mutter mischte sich in diese
unklare schauerliche Vorstellung und wurde mir ein Liebes, an das ich denken
mute. Ich ging tglich auf diese Kuppe, und blieb oft mehrere Stunden auf ihr
sitzen. Ich wei nicht, warum ich sie suchte. In meiner Jugend war ich oft auf
ihr, und wir machten uns das Vergngen, Steine ziemlicher Gre von ihr hinab zu
werfen, um den Steinstaub aufwirbeln zu sehen, wenn der geworfene auf Klippen
stie, und um sein Gepolter in den Klippen und sein Rasseln in dem am Fue des
Felsens befindlichen Gerlle zu hren. Von dieser Kuppe war kein Einblick in
jene Lnder, in denen Mathildens Wohnung lag, man sah nicht einmal Gebirgszge,
die an sie grenzten. Ich ging auch nach und nach in anderen Teilen der Umgebung
meines Heimatortes herum. Mein Schwager war ein sanfter und stiller Mann, und
wir sprachen in meinem Geburtshause oft einen ganzen Tag hindurch nicht mehr als
einige Worte.
    Als eine geraume Zeit vergangen war, dachte ich auf meine Abreise und auf
meine Berufsarbeiten, die ich schon so lange vergessen hatte, und auf die ich,
in dem Hause in Heinbach befangen, vielleicht noch lnger nicht gedacht haben
wrde.
    Ich ging wieder in die Stadt, in der ich meine Habe gelassen hatte, und
widmete mich ernstlich der Laufbahn, zu welcher ich eigentlich die
Vorbereitungsschulen besucht hatte. Ich meldete mich zum Staatsdienste, wurde
eingereiht, und arbeitete jetzt sehr fleiig in dem Bereiche der unteren
Stellen, in welchem ich war. Ich lebte noch zurckgezogener als sonst. Mein
kleiner Gehalt und das Ertrgnis meines Ersparten reichten hin, meine
Bedrfnisse zu decken. Ich wohnte in einem Teile der Vorstadt, welcher von dem
Hause der Eltern Mathildens sehr weit entfernt war. Im Winter ging ich fast
nirgends hin, als von meiner Wohnstube in meine Amtsstube, welcher Weg wohl sehr
lange war, und von der Amtsstube in meine Wohnstube. Meine Nahrung nahm ich in
einem kleinen Gasthause an meinem Wege ein. Freunde und Genossen besuchte ich
wenig, mir war alle Verbindung mit Menschen verleidet. Als Erholung diente mir
der Betrieb der Geschichte, der Staatswissenschaften und der Wissenschaften der
Natur. Ein Gang auf dem Walle der ueren Stadt oder eine Wanderung in einen
einsamen Teil der Umgebungen der Stadt gaben mir Luft und Bewegung. Mathilden
sah ich einmal. Sie fuhr mit ihrer Mutter in einem offenen Wagen in einer der
breiten Straen der Vorstdte in einer Gegend, in welcher ich sie nicht vermutet
hatte. Ich blickte hin, erkannte sie, und meinte umsinken zu mssen. Ob sie mich
gesehen hat, wei ich nicht. Ich ging dann in meine Amtsstube zu meinem
Schreibtische. In der ersten Zeit wurde ich von meinen Vorgesetzten wenig
beachtet. Ich arbeitete mit einem auerordentlichen Fleie, er war mir Arznei
fr eine Wunde geworden, und ich flchtete gern zu dieser Arznei. So lange alle
die Verhltnisse, welche in meinen Amtsgeschften vorkamen, in meinem Haupte
waren, war nichts anderes darin. Schmerzvoll waren nur die Zwischenrume. Auch
die Wissenschaften leiteten nicht so sicher ab. Mein Flei lenkte endlich die
Aufmerksamkeit auf sich, man befrderte mich. Anfangs ging es langsamer, dann
schneller. Nach dem Verlaufe von mehreren Jahren war ich in einer der
ehrenvolleren Stellungen des Staatsdienstes, welche zu dem Verkehre mit dem
gebildeteren Teile der Stadteinwohnerschaft berechtigten, und ich hatte die
gegrndete Aussicht, noch weiter zu steigen. In solchen Verhltnissen werden
gewhnlich die Ehen mit Mdchen aus ansehnlicheren Husern geschlossen, welche
dann zu glcklichem und ehrenvollem Familienleben fhren. Mathilde mute jetzt
einundzwanzig oder zweiundzwanzig Jahre alt sein. Irgend eine Annherung ihrer
Eltern an mich hatte nicht statt gefunden, auch konnte ich nicht die geringsten
Merkmale auffinden, wie unermdlich ich auch suchte, da sie sich nach mir
erkundigt htten. Ich konnte also unmittelbare Schritte zur Annherung an sie
nicht tun. Ich leitete also solche mittelbar ein, welche sie auf die gewisseste
Art von der Unwandelbarkeit meiner Neigung berzeugten. Ich erhielt die
unzweideutigen Beweise zurck, da mich Mathilde verachte. Zu einer
Verehelichung, wozu ihres Reichtums und ihrer unbeschreiblichen Schnheit willen
sich die glnzendsten Antrge fanden, konnte sie nicht gebracht werden. Mit
tiefem, schwerem Ernste breitete ich nun das Bahrtuch der Bestattung ber die
heiligsten Gefhle meines Lebens.
    Ich will Euch nicht mit dem behelligen, wie es mir weiter in meiner
Staatslaufbahn erging. Es gehrt nicht hieher, und ist Euch wohl im wesentlichen
bekannt. Die Kriege brachen aus, ich wurde abwechselnd zu verschiedenen Stellen
versetzt, groe umfassende Arbeiten, Reisen, Berichte, Vorschlge wurden
erfordert, ich wurde zu Sendungen verwendet, kam mit den verschiedensten
Menschen in Berhrung, und der Kaiser wurde, ich kann es wohl sagen, beinahe
mein Freund. Als ich in den Freiherrnrang erhoben wurde, kam mein alter Oheim
Ferdinand aus der Entfernung zu mir, um, wie er sagte, mir seine Aufwartung zu
machen. Obwohl er meine Mutter vernachlssigt hatte, ja nach dem Tode meines
Vaters durch seine Zurckhaltung beinahe hart gegen sie gewesen war, so nahm ich
ihn doch freundlich auf, weil er in meiner Verlassenheit zuletzt der einzige
Verwandte war, den ich noch hatte. Wir blieben seit jener Zeit mit einander in
Briefwechsel. Es kamen wohl viele Menschen mit mir in Verbindung, und ich lernte
manche Seiten der Gesellschaft kennen; aber teils waren die Verbindungen
Geschftsverbindungen, teils drngten sich Menschen an mich, die durch mich zu
steigen hofften, teils waren die Begegnungen ganz gleichgltig. Wie schwer mir
aber meine Geschfte wurden, wie sehr ich im Grunde zu ihnen nicht geeignet war,
davon habe ich Euch schon gesagt. Ich war nach und nach beinahe ein alter Mann
geworden. Da ich viel in der Entfernung lebte, wute ich manche Beziehungen der
Hauptstadt nicht. Mathilde hatte sich in etwas vorgerckteren Jahren vermhlt.
Der Friede wurde dauernd hergestellt, ich blieb wieder bestndig in der
Hauptstadt, und hier tat ich etwas, das mir ein Vorwurf bis zu meinem Lebensende
sein wird, weil es nicht nach den reinen Gesetzen der Natur ist, obwohl es
tausend Mal und tausend Mal in der Welt geschieht. Ich heiratete ohne Liebe und
Neigung. Es war zwar keine Abneigung vorhanden, aber auch keine Neigung. Die
Hochachtung war gegenseitig gro. Man hatte mir viel davon gesagt, da es meine
Pflicht sei, mir einen Familienstand zu grnden, da ich im Alter von teuern
Angehrigen umgeben sein msse, die mich lieben, pflegen und schtzen, und auf
die meine Ehren und mein Name bergehen knnen. Es sei auch Pflicht gegen die
Menschheit und den Staat. Auf meine Einwendung, da ich eine Neigung gegen
irgend ein weibliches Wesen nicht habe, sagten sie, Neigungen fhren oft zu
unglcklichen Verbindungen, Kenntnis der gegenseitigen Beschaffenheit und
wechselseitige Hochachtung bauen dauerndes Glck. Trotz meiner gereifteren Jahre
hatte ich in diesen Dingen noch immer sehr wenige Kenntnisse. Meine
Jugendneigung, die so heftig und beinahe ausschweifend gewesen war, hatte kein
Glck gebracht. Ich heiratete also ein Mdchen, welches nicht mehr jung war,
eine angenehme Bildung hatte, vom reinsten Wandel war, und gegen mich tiefe
Verehrung empfand. Man sagte, ich htte reich geheiratet, weil mein Hauswesen
ein ansehnliches war; allein die Sache verhielt sich nicht so. Meine Gattin
hatte mir eine namhafte Mitgift gebracht, aber ich htte eine grere Gabe
hinzulegen knnen. Da ich in meinem migen Leben beinahe nichts brauchte, so
hatte ich, besonders da ich einmal in hherer Stellung war, bedeutende
Ersparungen gemacht. Diese legte ich in den damaligen Staatspapieren nieder, und
da dieselben nach Beendigung des Krieges ansehnlich stiegen, so war ich beinahe
ein reicher Mann. Wir lebten zwei Jahre in dieser Ehe, und in dieser wute ich,
was ich vor der Schlieung derselben nicht gewut hatte, da nmlich keine ohne
Neigung eingegangen werden soll. Wir lebten in Eintracht, wir lebten in hoher
Verehrung der gegenseitigen guten Eigenschaften, wir lebten in wechselweisem
Vertrauen und in wechselweiser Aufmerksamkeit, man nannte unsere Ehe musterhaft;
aber wir lebten blo ohne Unglck. Zu dem Glcke gehrt mehr als Verneinendes,
es ist der Inbegriff der Holdseligkeit des Wesens eines andern, zu dem alle
unsre Krfte einzig und frhlich hinziehn. Als Julie nach zwei Jahren gestorben
war, betrauerte ich sie redlich; aber Mathildens Bild war unberhrt in meinem
Herzen stehen geblieben. Ich war jetzt wieder allein. Zur Schlieung einer neuen
Ehe war ich nicht mehr zu bewegen. Ich wute jetzt, was ich vorher nicht gewut
hatte. Liebe und Neigung, dachte ich, ist ein Ding, das seinen Zug an meinem
Herzen vorber genommen hatte.
    Ein Jahr nach dem Tode Juliens starb mein Oheim und setzte mich zu dem Erben
seines betrchtlichen Vermgens ein.
    Meine Geschfte wurden mir indessen von Tag zu Tag schwerer. So wie ich in
frheren Zeiten schon gedacht hatte, da der Staatsdienst meiner Eigenheit nicht
entspreche, und da ich besser tte, wenn ich ihn verliee: so wuchs dieser
Gedanke bei genauerem Nachdenken und schrferem Selbstbeobachten zu immer
grerer Gewiheit, und ich beschlo, meine mter niederzulegen. Meine Freunde
suchten mich daran zu verhindern, und mancher, den ich als feste Sule des
Staates kennen zu lernen Gelegenheit gehabt, und mit dem ich in schwierigen
Zeiten manche harte Amtsstunde durchgemacht hatte, sagte eindringlich, da ich
meine Ttigkeit nicht einstellen sollte. Aber ich blieb unerschttert. Ich
zeigte meinen Austritt an. Der Kaiser nahm ihn wohlwollend und mit bersendeten
Ehren an. Ich hatte die Absicht, mir fr die letzten Tage meines Lebens einen
Landsitz zu grnden, und dort einigen wissenschaftlichen Arbeiten, einigem
Genusse der Kunst, so weit ich dazu fhig wre, der Bewirtschaftung meiner
Felder und Grten und hie und da einer gemeinntzigen Maregel fr die Umgebung
zu leben. Manches Mal knnte ich in die Stadt gehen, um meine alten Freunde zu
besuchen, und zuweilen knnte ich eine Reise in die entfernteren Lnder
unternehmen. Ich ging in meine Heimat. Dort fand ich meinen Schwager schon seit
vier Jahren gestorben, das Haus in fremden Hnden und vllig umgebaut. Ich
reiste bald wieder ab. Nach mehreren miglckten Versuchen fand ich diesen
Platz, auf dem ich jetzt lebe, und setzte mich hier fest. Ich kaufte den
Asperhof, baute das Haus auf dem Hgel, und gab nach und nach der Besitzung die
Gestalt, in der Ihr sie jetzt sehet. Mir hatte das Land gefallen, mir hatte
diese reizende Stelle gefallen, ich kaufte noch mehrere Wiesen, Wlder und
Felder hinzu, besuchte alle Teile der Umgebung, gewann meine Beschftigung lieb,
und machte mehrere Reisen in die bedeutendsten Lnder Europas. So bleichten sich
meine Haare, und Freude und Behagen schien sich bei mir einstellen zu wollen.
    Als ich schon ziemlich lange hier gewesen war, meldete man mir eines Tages,
da eine Frau den Hgel herangefahren sei, und da sie jetzt mit einem Knaben
vor den Rosen, die sich an den Wnden des Hauses befinden, stehe. Ich ging
hinaus, sah den Wagen, und sah auch die Frau mit dem Knaben vor den Rosen
stehen. Ich ging auf sie zu. Mathilde war es, die, einen Knaben an der Hand
haltend und von strmenden Trnen berflutet, die Rosen ansah. Ihr Angesicht war
gealtert, und ihre Gestalt war die einer Frau mit zunehmenden Jahren.
    Gustav, Gustav, rief sie, da sie mich angeblickt hatte, ich kann dich nicht
anders nennen als du. Ich bin gekommen, dich des schweren Unrechtes willen, das
ich dir zugefgt habe, um Vergebung zu bitten. Nimm mich einen Augenblick in
dein Haus auf.
    Mathilde, sagte ich, sei gegrt, sei auf diesem Boden, sei tausend Mal
gegrt, und halte dieses Haus fr deines.
    Ich war mit diesen Worten zu ihr hinzugetreten, hatte ihre Hand gefat, und
hatte sie auf den Mund gekt.
    Sie lie meine Hand nicht los, drckte sie stark, und ihr Schluchzen wurde
so heftig, da ich meinte, ihre mir noch immer so teuere Brust msse
zerspringen.
    Mathilde, sagte ich sanft, erhole dich. Fhre mich in das Haus, sprach sie
leise. Ich rief erst durch mein Glckchen, welches ich immer bei mir trage,
meinen Hausverwalter herzu und befahl ihm, Wagen und Pferde unterzubringen. Dann
fate ich Mathildens Arm und fhrte sie in das Haus. Als wir in dem Speisezimmer
angelangt waren, sagte ich zu dem Knaben: Setze dich hier nieder und warte, bis
ich mit deiner Mutter gesprochen und die Trnen, die ihr jetzt so weh tun,
gemildert habe.
    Der Knabe sah mich traulich an, und gehorchte. Ich fhrte Mathilde in das
Wartezimmer und bot ihr einen Sitz an. Als sie sich in die weichen Kissen
niedergelassen hatte, nahm ich ihr gegenber auf einem Stuhle Platz. Sie weinte
fort; aber ihre Trnen wurden nach und nach linder. Ich sprach nichts. Nachdem
eine Zeit vergangen war, quollen ihre Tropfen sparsamer und weniger aus den
Augen, und endlich trocknete sie die letzten mit ihrem Tuche ab. Wir saen nun
schweigend da und sahen einander an. Sie mochte auf meine weien Haare schauen,
und ich blickte in ihr Angesicht. Dasselbe war schon verblht; aber auf den
Wangen und um den Mund lag der liebe Reiz und die sanfte Schwermut, die an
abgeblhten Frauen so rhrend sind, wenn gleichsam ein Himmel vergangener
Schnheit hinter ihnen liegt, der noch nachgespiegelt wird. Ich erkannte in den
Zgen die einstige prangende Jugend.
    Gustav, sagte sie, so sehen wir uns wieder. Ich konnte das Unrecht nicht
mehr tragen, das ich dir angetan habe. Es ist kein Unrecht geschehen, Mathilde,
sagte ich.
    Ja, du bist immer gut gewesen, antwortete sie, das wute ich, darum bin ich
gekommen. Du bist auch jetzt gut, das sagt dein liebes Auge, das noch so schn
ist wie einst, da es meine Wonne war. O ich bitte dich, Gustav, verzeihe mir.
    O teure Mathilde, ich habe dir nichts zu verzeihen, oder du hast es mir
auch, antwortete ich. Die Erklrung liegt darin, da du nicht zu sehen
vermochtest, was zu sehen war, und da ich dann nicht naher zu treten vermochte,
als ich htte nher treten sollen. In der Liebe liegt alles.
    Dein schmerzhaftes Zrnen war die Liebe, und mein schmerzhaftes Zurckhalten
war auch die Liebe. In ihr liegt unser Fehler, und in ihr liegt unser Lohn.
    Ja, in der Liebe, erwiderte sie, die wir nicht ausrotten konnten. Gustav,
ich bin dir doch trotz allem treu ge blieben, und habe nur dich allein geliebt.
Viele haben mich begehrt, ich wies sie ab; man hat mir einen Gatten gegeben, der
gut, aber fremd neben mir lebte, ich kannte nur dich, die Blume meiner Jugend,
die nie verblht ist.
    Und du liebst mich auch, das sagen die tausend Rosen vor den Mauern deines
Hauses, und es ist ein Strafgericht fr mich, da ich gerade zu der Zeit ihrer
Blte ge kommen bin.
    Rede nicht von Strafgerichten, Mathilde, erwiderte ich, und weil alles
andere so ist, so lasse die Vergangenheit, und sage, welche deine Lage jetzt
ist. Kann ich dir in irgend etwas helfen?
    Nein, Gustav, entgegnete sie, die grte Hilfe ist die, da du du bist.
Meine Lage ist sehr einfach. Der Vater und die Mutter sind schon lngst tot, der
Gatte ist eben falls vor langem gestorben, und Alfred - du hast ihn ja recht
geliebt -
    Wie ich einen Sohn lieben wrde, antwortete ich.
    Er ist auch tot, sagte sie, er hat kein Weib, kein Kind hinterlassen, das
Haus in Heinbach und das in der Stadt hat er noch bei seinen Lebzeiten verkauft.
Ich bin im Be sitze des Vermgens der Familie, und lebe mit meinen Kindern
einsam. Lieber Gustav, ich habe dir den Knaben gebracht - - wie wutest du denn,
da er mein Sohn sei?
    Ich habe deine schwarzen Augen und deine braunen Locken an ihm gesehen,
antwortete ich.
    Ich habe dir den Knaben gebracht, sagte sie, da du shest, da er ist wie
dein Alfred - fast sein Ebenbild -, aber er hat niemanden, der so lieb mit ihm
umgeht, wie du mit Alfred umgegangen bist, der ihn so liebt, wie du Alfred
geliebt hast, und den er wieder so lieben knnte, wie Alfred dich geliebt hat.
    Wie heit der Knabe? fragte ich. Gustav, wie du, antwortete sie.
    Ich konnte meine Trnen nicht zurckhalten.
    Mathilde, sagte ich, ich habe nicht Weib, nicht Kind, nicht Anverwandte. Du
warst das einzige, was ich in meinem ganzen Leben besa und behielt. Lasse mir
den Knaben, lasse ihn bei mir, ich will ihn lehren, ich will ihn erziehen.
    O mein Gustav, rief sie mit den schmerzlichsten Tnen der Rhrung, wie wahr
ist mein Gefhl, das mich an dich, den besten der Menschen, wies, als ich ein
Kind war, und das mich nicht verlassen hatte, so lange ich lebte.
    Sie war aufgestanden, hatte ihr Haupt auf meine Schulter gelegt, und weinte
auf das innigste. Ich konnte mich nicht mehr beherrschen, meine Trnen flossen
unaufhaltsam, ich schlang meine Arme um sie und drckte sie an mein Herz. Und
ich wei nicht, ob je der heie Ku der Jugendliebe tiefer in die Seele
gedrungen und zu grrer Hhe erhebend gewesen ist als dieses versptete
Umfassen der alten Leute, in denen zwei Herzen zitterten, die von der tiefsten
Liebe berquollen. Was im Menschen rein und herrlich ist, bleibt unverwstlich,
und ist ein Kleinod in allen Zeiten.
    Als wir uns getrennt hatten, geleitete ich sie zu ihrem Sitze, nahm den
meinigen wieder ein und fragte: Hast du noch andere Kinder?
    Ein Mdchen, welches mehrere Jahre lter ist als der Knabe, erwiderte sie,
ich werde dir dasselbe auch bringen, es hat ebenfalls die schwarzen Augen und
die braunen Haare wie ich. Das Mdchen behalte ich, den Knaben lasse, weil du so
gtig bist, um dich leben, so lange du willst. Er mge werden wie du. O ich
hatte kaum geahnt, wie hier alles werden wird.
    Mathilde, beruhige dich jetzt, sagte ich, ich werde den Knaben holen, wir
werden mit ihm freundlich sprechen. Ich tat es, trat mit dem Knaben an der Hand
herein, und wir sprachen mit dem Kinde und abwechselnd unter uns noch eine
geraume Weile. Ich zeigte Mathilden hierauf das Haus, den Garten, den Meierhof
und alles andere. Gegend Abend fuhr sie wieder fort, um in Rohrberg zu
bernachten. Den Knaben sollte sie der Verabredung gem wieder mit sich nehmen,
ihn ausrsten und vorbereiten, und ihn, wie sie es fr gelegen halte, bringen.
Wir blieben von dem Augenblicke an in Briefwechsel, und als eine Zeit vergangen
war, brachte sie mir Gustav, der noch bei mir ist, sie brachte mir auch
Natalien, die damals im ersten Aufblhen begriffen war. Eine grere Gleichheit
als zwischen diesem Kinde und dem Kinde Mathilde kann nicht mehr gedacht werden.
Ich erschrak, als ich das Mdchen sah. Ob in den Jahren, in denen jetzt Natalie
ist, Mathilde auch ihr gleich gewesen ist, kann ich nicht sagen; denn da war ich
von Mathilden schon getrennt.
    Es begann nun eine sehr liebliche Zeit. Mathilde kam mit Natalien fter, um
uns zu besuchen. Ich machte ihr in den ersten Tagen den Vorschlag, da ich die
Rosen, wenn sie ihr schmerzliche Erinnerungen weckten, von dem Hause entfernen
wolle. Sie lie es aber nicht zu, sie sagte, sie seien ihr das Teuerste geworden
und bilden den Schmuck dieses Hauses. Sie hatte sich zu einer solchen Milde und
Ruhe gestimmt, wie Ihr sie jetzt kennt, und diese Lage ihres Wesens befestigte
sich immer mehr, je mehr sich ihre ueren Verhltnisse einer Gleichmigkeit
zuneigten, und je mehr ihr Inneres, ich darf es wohl sagen, sich beglckt
fhlte. Ein freundlicher Verkehr hatte sich entwickelt, Gustav hatte sich an
mich gewhnt, ich an ihn, und aus der Gewhnung war Liebe entstanden. Mathilde
gab Rat in meinem Hauswesen, ich in der Verwaltung ihrer Angelegenheiten.
Nataliens Erziehung wurde oft zwischen uns besprochen, und Schritte getan, die
wir verabredet hatten. Und in der gegenseitigen Hilfeleistung strkte sich die
Neigung, die wir gegen einander hatten, die nie verschwunden war, die sich zu
einem edlen, tiefen, freundlichen Gefhle gebildet hatte, und die nun offen und
rechtmig bestehen konnte. Ich hatte wieder jemanden, den ich zu lieben
vermochte, und Mathilde konnte ihr Herz, das mir immer gehrt hatte, unumwunden
an mein Wohl und an mein Wesen wenden. Nach einer Zeit wurde der Sternenhof
verkuflich. Ich schlug Mathilden den Kauf vor. Sie besah das Gut. Seiner
Nachbarschaft mit mir willen und schon seiner Linden willen, die sie an die
groen Bume auf dem Rasenplatze vor dem Hause in Heinbach erinnerten, war sie
zu dem Kaufe geneigt. Auch hatte der Sternenhof berhaupt groe hnlichkeit mit
dem Hause in Heinbach, war an sich eine sehr angenehme Besitzung, und gab
Mathilden fr den Rest ihres Lebens einen festen Punkt und einige Abrundung
ihrer Verhltnisse. Also wurde er erworben. Um dieselbe Zeit lie ich in meinem
Hause die Wohnung fr Mathilden und Natalien herrichten. In dem Sternenhofe war
viel Arbeit, bis alles zur geflligen Wohnlichkeit geordnet war. Und auch nach
dieser Zeit wurde bestndig gendert und umgewandelt, bis das Haus so war, wie
es jetzt ist. Und selber jetzt, wie Ihr wit, wird dort wie hier gebaut,
befestigt, verschnert, und es wird wohl immer so fortgehen. Die Rosen, dieses
Merkmal unserer Trennung und Vereinigung, sollten vorzugsweise auf dem Asperhofe
bleiben, weil es Mathilden lieb war, da sie dieselben dort gefunden hatte. Jede
Rosenbltezeit verlebte sie bei mir, sie liebte diese Blumen auerordentlich,
pflegte sie, und konnte sich freuen, wenn sie mir eine Art, die ich noch nicht
hatte, zubringen konnte. Dafr lie ich ihr in ihrem Schlosse die Gerte machen,
die ihr so viel Vergngen bereiten. Gustav wurde von Tag zu Tage trefflicher,
und versprach, einmal ein Mann zu werden, woran seines Gleichen Freude haben
sollten. Natalie wurde nicht blo schn und herrlich, sondern sie wurde auch im
Umgange mit ihrer Mutter so rein und edel, wie wenige sind. Sie hatte das tiefe
Gefhl ihrer Mutter erhalten; aber teils durch ihr Wesen, teils durch eine sehr
sorgfltige Erziehung ist mehr Ruhe und Stettigkeit in ihr Dasein gekommen.
Zwischen Mathilden und mir war ein eigenes Verhltnis. Es gibt eine eheliche
Liebe, die nach den Tagen der feurigen, gewitterartigen Liebe, die den Mann zu
dem Weibe fhrt, als stille, durchaus aufrichtige, se Freundschaft auftritt,
die ber alles Lob und ber allen Tadel erhaben ist, und die vielleicht das
Spiegelklarste ist, was menschliche Verhltnisse aufzuweisen haben. Diese Liebe
trat ein. Sie ist innig, ohne Selbstsucht, freut sich, mit dem andern zusammen
zu sein, sucht seine Tage zu schmcken und zu verlngern, ist zart, und hat
gleichsam keinen irdischen Ursprung an sich. Mathilde nimmt Anteil an jeder
meiner Bestrebungen. Sie geht mit mir in den Rumen meines Hauses herum, ist mit
mir in dem Garten, betrachtet die Blumen oder Gemse, ist in dem Meierhofe und
schaut seine Ertrgnisse an, geht in das Schreinerhaus und betrachtet, was wir
machen, und sie beteiligt sich an unserer Kunst und selbst an unsern
wissenschaftlichen Bestrebungen. Ich sehe in ihrem Hause nach, betrachte die
Dinge im Schlosse, im Meierhofe, auf den Feldern, nehme Teil an ihren Wnschen
und Meinungen, und schlo die Erziehung und die Zukunft ihrer Kinder in mein
Herz. So leben wir in Glck und Stettigkeit gleichsam einen Nachsommer ohne
vorhergegangenen Sommer. Meine Sammlungen vervollstndigen sich, die
Baulichkeiten runden sich immer mehr, ich habe Menschen an mich gezogen, ich
habe hier mehr gelernt als sonst in meinem ganzen Leben, die Spielereien gehen
ihren Gang, und etwas Weniges ntze ich doch auch noch.
    Er schwieg nach diesen Worten eine Weile, und ich auch. Dann fuhr er wieder
fort: Ich habe das alles mitteilen mssen, damit Ihr wit, wie ich mit der
Familie in dem Sternenhofe zusammenhnge, und damit in dem Kreise, in welchen
Ihr nun auch tretet, fr Euch Klarheit ist. Die Kinder wissen die Verhltnisse
im allgemeinen, ein nheres Eingehen war fr sie nicht so ntig wie fr Euch.
Ich wnsche nicht, da Ihr gegen Eure knftige Gattin Geheimnisse habt, Ihr
knnt Natalien mitteilen, was ich Euch sagte, ich konnte es, wie Ihr begreifet,
nicht. ber Nataliens Zukunft sprach ich oft mit Mathilden. Sie sollte einen
Gatten bekommen, den sie aus tiefer Neigung nimmt. Es sollte die gegenseitige
grte Hochachtung vorhanden sein. Durch beides sollte sie das Glck finden, das
ihre Mutter und ihren vterlichen Freund gemieden hat. Mathilde hat in
Begleitung des alten Raimund, der seitdem gestorben ist, groe Reisen gemacht.
Sie hat auf denselben dauerndere Ruhe gesucht, und auch gefunden. Sie hat sie in
der Betrachtung der edelsten Kunstwerke des menschlichen Geschlechtes und in der
Anschauung mancher Vlker und ihres Treibens gefunden. Natalie ist dadurch
befestigt, veredelt und geglttet worden. Manche junge Mnner hat sie kennen
gelernt, aber sie hat nie ein Zeichen einer Neigung gegeben. Sogenannte sehr
glnzende Verbindungen sind auf diese Weise fr sie verloren gegangen. Ich htte
auch groe Sorge gehabt, wenn ich unter unseren jungen Mnnern htte whlen
mssen. Als Ihr zum ersten Male an dem Gitter meines Hauses standet, und ich
Euch sah, dachte ich: das ist vielleicht der Gatte fr Natalien. Warum ich es
dachte, wei ich nicht. Spter dachte ich es wieder, wute aber warum. Natalie
sah Euch, und liebte Euch, so wie Ihr sie. Wir kannten das Keimen der
gegenseitigen Neigung. Bei Natalien trat sie anfangs in einem hheren Schwunge
ihres ganzen Wesens, spter in einer etwas schmerzlichen Unruhe auf. In Euch
erschlo sie Euer Herz zu einer frheren Blte der Kunst und zu einem Eingehen
in die tieferen Schtze der Wissenschaft. Wir warteten auf die Entwicklung. Zu
grerer Sicherheit und zur Erprfung der Dauer ihrer Gefhle brachten wir
absichtlich Natalien zwei Winter nicht in die Stadt, da sie von Euch getrennt
sei, ja sie wurde von ihrer Mutter wieder auf grere Reisen und in grere
Gesellschaften gebracht. Ihre Gefhle aber blieben bestndig, und die
Entwicklung trat ein. Wir geben Euch mit Freuden das Mdchen in Eure Liebe und
in Euren Schutz, Ihr werdet sie beglcken, und sie Euch; denn Ihr werdet Euch
nicht ndern, und sie wird sich auch nicht ndern. Gustav wird einmal den
Sternenhof, und was dazu gehrt, erhalten; denn das Haus ist Mathilden so lieb
geworden, da sie wnscht, da es ein Eigentum ihrer Familie bleibe, und da die
kommenden Geschlechter das ehren, was die erste Besitzerin darin niedergelegt
hat. Gustav wird es tun, das wissen wir schon, und seinen Nachfolgern die
gleiche Gesinnung einzupflanzen, wird wohl auch sein Bestreben sein. Natalie
erhlt von mir den Asperhof mit allem, was in ihm ist, nebst meinen Barschaften.
Ihr werdet mein Andenken hier nicht verunehren.
    Mir traten die Trnen in die Augen, da er so sprach, und ich reichte ihm
meine Hand hinber. Er nahm sie und drckte sie herzlich.
    Ihr knnt hier auf dem Asperhofe wohnen, oder in dem Sternenhofe, oder bei
Euren Eltern. berall wird Platz fr Euch zu machen sein. Ihr knnt auch Euern
Aufenthalt abwechselnd zwischen uns teilen, und das wird wohl wahrscheinlich der
Fall sein, bis sich alle unsere Verhltnisse dem neuen Ereignisse gem
gerichtet haben. Die Schriften bezglich der bertragung meines Vermgens an
Natalien werden ihr nach der Vermhlung eingehndigt werden. So lange ich lebe,
erhlt sie einen Teil, den Rest nach meinem Tode. Wie Ihr mit dem, was sie jetzt
empfngt, gebaren sollt, darber wird Euer Vater die beste Belehrung geben
knnen. Er wird wohl mit mir auch darber sprechen. Natalie erhlt auch nach
ihrer Vermhlung den Teil, der ihr aus dem Nachlasse ihres Vaters Tarona
gebhrt.
    Ist Nataliens Name Tarona? fragte ich.
    Habt Ihr das nicht gewut? fragte er seinerseits.
    Ich habe Mathilden immer die Frau von Sternenhof nennen gehrt, antwortete
ich, bin mit Mathilden und Natalien nirgends zusammen gewesen als im
Sternenhofe, Asperhofe und Inghofe, und da wurden beide stets bei ihrem Vornamen
genannt. Weitere Forschungen stellte ich gar nie an.
    Mathilde lie geschehen, da sie nach dem Sternenhofe geheien wurde, der
Name war ihr lieber. So mag es wohl gekommen sein, da Ihr keinen andern gehrt
habt. Fr Gustav wird die Erlaubnis zur Fhrung dieses Namens nachgesucht
werden.
    Aber die Tarona, erzhlte man mir, sei gerade in jenem Winter, an welchem
ich Natalien in der Loge gesehen habe, nicht in der Stadt gewesen, sagte ich,
und dachte an Preborn, welcher mir diese Tatsache mitgeteilt hatte.
    Ganz richtig, erwiderte mein Gastfreund, wir sind auch nur zur Auffhrung
des Knig Lear hingefahren. Ich war in der Loge hinter Natalien, habe Euch aber
nicht gesehen.
    Ich Euch auch nicht, antwortete ich.
    Natalie hat uns von dem jungen Manne erzhlt, der ihr im Schauspielhause
aufgefallen sei, erwiderte er, aber erst nach langer Zeit konnte sie uns
erffnen, da Ihr es gewesen seid.
    Habe ich Euch nicht einmal im Winter in der Stadt nach der Wiedergenesung
des Kaisers, mit Euren Ehrenzeichen geschmckt, fahren gesehen? fragte ich.
    Das ist mglich, antwortete er, ich war in jener Zeit in der Stadt und an
dem Hofe.
    Nun, mein sehr lieber junger Freund, sagte er nach einer Weile, ich habe
Euch von meinem Leben erzhlt, da Ihr einer der Unseren werden sollt, ich habe
zu Euch von meinem tiefsten Herzen geredet, und jetzt enden wir dieses
Gesprch.
    Ich bin Euch Dank schuldig, antwortete ich, allein all das Gehrte ist
noch zu mchtig und neu in mir, als da ich jetzt die Worte des Dankes finden
knnte. Nur eins berhrt mich fast wie ein Schmerz, da Ihr mit Mathilden nach
Eurer Wiedervereinigung nicht in einen nhern Bund getreten seid.
    Der Greis errtete bei diesen Worten, er errtete so tief und zugleich so
schon, wie ich es nie an ihm gesehen hatte.
    Die Zeit war vorber, antwortete er, das Verhltnis wre nicht mehr so
schn gewesen, und Mathilde hat es auch wohl nie gewnscht.
    Er war schon frher aufgestanden, jetzt reichte er mir die Hand, drckte die
meine herzlich, und verlie das Zimmer.
    Ich blieb eine geraume Weile stehen, und suchte meine Gedanken zur Sammlung
zu bringen. Das wre mir nie zu Sinne gekommen, als ich zum ersten Male zu
diesem Hause heraufstieg und des andern Tages seinen Inhalt: sah, da alles so
kommen wrde, wie es kam, und da das alles zu meinem Eigentume bestimmt sei.
Auch begriff ich jetzt, weshalb er meistens, wenn er von seinem Besitze sprach,
das Wort unser gebrauchte. Er bezog es schon auf Mathilden und ihre Kinder.
    Nachdem ich noch eine Zeit in meiner Wohnung verweilt hatte, verlie ich
sie, um in frischer Luft einen Spaziergang zu machen und noch das Gehrte in mir
ausklingen zu lassen.

                                5. Der Abschlu


Am nchsten Tage ging ich im Laufe des Vormittages zu einer Stunde, an welcher
ich meinen Gastfreund weniger beschftigt wute, in gewhltem Anzuge in seine
Stube, und dankte ihm innig fr das Vertrauen, welches er mir geschenkt habe,
und fr die Achtung, welche er mir dadurch erweise, da er mich wrdig erachte,
Nataliens Gatte zu werden.
    Was das Vertrauen anbelangt, erwiderte er, so ist es natrlich, da man
nicht jeden, der uns ferne steht, in unsere innersten Angelegenheiten einweiht;
aber eben so natrlich ist es, da derjenige, der fr die Zukunft einen Teil,
ich mchte sagen, unserer Familie ausmachen wird, auch alles wisse, was diese
Familie betrifft. Ich habe Euch das Wesentlichste gesagt, einzelne kleine
Umstnde, die der Vorstellungskraft nicht immer gegenwrtig sind, ndern wohl an
der Sachlage nichts. Was die Hochachtung anbelangt, die darin liegt, da ich
Euch zu Nataliens Gatten geeignet erachte, so habt Ihr vor allen Mnnern dieser
Erde den unermelichen Vorzug, da Euch Natalie liebt, und Euch und keinen
andern will; aber auch trotz dieses Vorzuges wrden Mathilde und ich, dem man
hierin ein Recht eingerumt hat, nie eingewilligt haben, wenn uns Euer Wesen
nicht die Zuversicht eingeflt htte, da da ein dauernd glckliches
Familienband geknpft werden knne. Was die Hochachtung anbelangt, die ich Euch,
abgesehen von dieser Angelegenheit, schuldig bin, so habe ich meiner Meinung
nach Euch die Beweise derselben gegeben. Wenn ich auch gedacht habe, Ihr drftet
Nataliens knftiger Gatte sein, so war der Eintritt dieses Ereignisses so
unbestimmt, da es ja auf die Entstehung einer gegenseitigen Neigung ankam, da
der Gedanke daran auf mein Benehmen gegen Euch keinen Einflu haben konnte, ja
im Verlaufe der Zeiten war der Gedanke erst der Sohn meiner Meinung von Euch.
    Ihr habt mir wirklich so viele Beweise Eures Wohlwollens und Eurer Schonung
gegeben, antwortete ich, da ich gar nicht wei, wie ich sie verdiene; denn
Vorzge von was immer fr einer Art sind gar nicht an mir.
    Das Urteil ber den Grund, woraus Achtung und Neigung oder Miachtung und
Abneigung entsteht, mu immer andern berlassen werden; denn wenn man zuletzt
auch annhernd wei, was man in einem Fache geleistet hat, wenn man sich auch
seines guten Willens im Wandel bewut ist, so kennt man doch alle Abschattungen
seines Wesens nicht, in wie ferne sie gegen andere gerichtet sind, man kennt sie
nur in der Richtung gegen sich selbst, und beide Richtungen sind sehr
verschieden. brigens, mein lieber Sohn, wenn es auch ganz in der Ordnung ist,
da man in der Gesellschaft der Menschen einen gewissen Anstand und Abstand in
Kleidern und sonstigem Benehmen zeigt, so wre es in der eigenen Familie eine
Last. Komme also in Zukunft in deinen Alltagsgewndern zu mir. Und wenn ich auch
kein Verwandter deiner Braut bin, so betrachte mich als einen solchen, wie etwa
als ihren Pflegevater. Es wird schon alles recht werden, es wird schon alles gut
werden.
    Er hatte bei diesen Worten die Hand auf mein Haupt gelegt, sah mich an, und
in seinen Augen standen Trnen.
    Ich hatte nie im Verkehre mit mir die Augen dieses Greises na werden
gesehen; ich war daher sehr erschttert, und sagte: So erlaubt mir, da ich in
dieser ernsten Stunde auch meinen Dank fr das ausspreche, was ich in diesem
Hause geworden bin; denn wenn ich irgend etwas bin, so bin ich es hier geworden,
und gewhrt mir in dieser Stunde auch eine Bitte, die mir sehr am Herzen liegt:
erlaubt, da ich Eure ehrwrdige Hand ksse.
    Nun, nur dieses eine Mal, erwiderte er, oder hchstens noch einmal, wenn
du mit Natalien, die ein Kleinod meines Herzens ist, von dem Altare gehst.
    Ich fate seine Hand und drckte sie an meine Lippen; er legte aber die
andere um meinen Nacken und drckte mich an sein Herz. Ich konnte vor Rhrung
nicht sprechen.
    Bleibe noch eine Weile in diesem Hause, sagte er spter, dann gehe zu den
Deinigen und leiste ihnen Gesellschaft. Dein Vater bedarf deiner Person auch.
    Darf ich den Meinigen Eure Mitteilung erzhlen? fragte ich.
    Ihr mt es sogar tun, antwortete er, denn Eure Eltern haben ein Recht,
zu wissen, in welche Gesellschaft ihr Sohn durch Schlieung eines sehr heiligen
Bundes tritt, und sie haben auch ein Recht, zu wnschen, da ihr Sohn nicht
Geheimnisse vor ihnen habe. Ich werde brigens wohl selber mit Eurem Vater ber
dieses und viele andere Dinge sprechen.
    Wir beurlaubten uns hierauf, und ich verlie das Zimmer.
    Den Rest des Vormittages verbrachte ich mit Abfassung eines Briefes an meine
Eltern.
    Am Nachmittage suchte ich Gustav auf, und er erhielt die Erlaubnis, mit mir
einen weiteren Weg in der Gegend zu machen. Wir kamen in der Dmmerung zurck,
und er mute die Zeit, welche er am Tage verloren hatte, bei der Lampe
nachholen.
    Unter Arbeiten in meinen Papieren, in welche ich einige Ordnung zu bringen
suchte, im Umgange mit meinem Gastfreunde, der mir leutselig manche Zeit
schenkte, unter manchem Besuche im Schreinerhause, wo Eustach sehr beschftigt
war, oder bei seinem Bruder Roland, der jeden lichten Augenblick des Tages zu
seinem Bilde bentzte, und endlich unter manchem weiten Gange in der Umgebung,
da dieser Winter der erste war, den ich so tief im Lande zubrachte, verging noch
die Zeit bis gegen die Mitte des Hornung. Ich nahm nun Abschied, sendete meine
Sachen auf die Post nach Rohrberg und ging zu Fue nach, harrte dort der Ankunft
des Wagens aus dem Westen, erhielt, da er gekommen war, einen Platz in ihm, und
fuhr meiner Heimat zu.
    Ich wurde, wie immer, sehr freudig von den Meinigen gegrt, und mute ihnen
von der Winterreise im Hochgebirge erzhlen. Ich tat es, und erzhlte ihnen in
den ersten Tagen auch, was mir mein Gastfreund mitgeteilt hatte. Es war ihnen
bisher unbekannt gewesen.
    Ich habe Risach oft nennen gehrt, sagte mein Vater, und stets war der
Ausdruck der Hochachtung mit der Nennung seines Namens verbunden. Von der
Familie, welche Heinbach besa, habe ich nur Alfred flchtig gekannt. Mit Tarona
war ich einmal in einer entfernten Geschftsverbindung gestanden.
    Die Jugendbeziehungen meines Gastfreundes zu Mathilden muten sehr geheim
gehalten worden sein, da weder je der Vater noch irgend jemand aus seiner
Bekanntschaft von dieser Sache etwas gehrt hatte, obwohl ber hnliche
Gegenstnde die Sprechlust am regesten zu sein pflegt. Da meine Mitteilungen
auf meine Angehrigen nach dem Bunde mit Natalien den grten Eindruck machten,
ist begreiflich. Desohngeachtet hatte ich doch auch dem Vater etwas gebracht,
was ihn sehr freute. Ich war in den letzten Tagen meines Aufenthaltes in dem
Rosenhause noch bei dem Grtner gewesen, und hatte ihn ersucht, mir die
Vorschrift zur Bereitung des Bindemittels an den Glsern des Gewchshauses zu
verschaffen, wodurch das Hineinziehen des Wassers zwischen die Glser und das
dadurch bewirkte Herabtropfen verhindert wird. Er hatte die Vorschrift wohl
nicht selber, ging aber zu meinem Gastfreunde, und durch diesen erhielt ich sie.
Ich erzhlte meinem Vater von der Sache und bergab ihm die Anleitung zur
Bereitung.
    Das wird das fr die Pflanzen so schdliche Herabtropfen des Winterwassers
in unserem hiesigen Gewchshause also fr die Zukunft verhindern, sagte er,
noch mehr freue ich mich aber, es gleich neu in den neuen Gewchshusern
anwenden zu knnen, welche neben dem Landhause stehen werden, das ich bauen
werde.
    Die Mutter lchelte.
    Bereitet euch einstweilen auf die Reise in den Sternenhof und in das
Rosenhaus vor, sagte der Vater, alles andere ist geschehen, der Schritt, der
nun zu tun ist, liegt uns ob. In den ersten Tagen des Frhlings werden wir
hinreisen, und ich werde fr meinen Sohn werben. Ihr Weiber bereitet euch gerne
auf solche Dinge vor, tut es und beeilt euch, ihr habt nicht lange Zeiten vor
euch, zwei Monate und etwas darber. Was mir bis dahin obliegt, wird nicht auf
sich warten lassen.
    Da diese Maregel Beifall hatte, ging aus der Sachlage hervor; die Zeit zur
Vorbereitung aber wollte man etwas kurz nennen. Der Vater sagte, es drfe nicht
das geringste zugegeben werden, weil man es sonst der Wichtigkeit des
Verhltnisses nhme. Das war einleuchtend.
    Es ging nun an ein Arbeiten und Bestellen, und kein Tag war, dem nicht seine
Last zugeteilt wurde. Die Mutter traf auch Vorbereitungen fr den Fall, da die
neuen Ehegatten in ihrem Hause wohnen wrden. Der Vater sagte ihr zwar, da
meiner Verbindung noch meine groe Reise vorangehen werde; allein sie widerlegte
ihn mit der Bemerkung, da es keinen Schaden bringe, wenn manches frher fertig
sei, als man es eben brauche. Er lie sofort ihrem hausmtterlichen Sinne seinen
Lauf.
    Zu Ende des Mrzes brachte der Vater einen sehr schnen Wagen in das Haus.
Es war ein Reisewagen fr vier Personen. Er hatte den Wagen nach seinen eigenen
Angaben machen lassen.
    Wir mssen unsere Freunde ehren, sagte er, wir mssen uns selber ehren,
und wer kann wissen, ob wir den Wagen nicht noch fter brauchen werden.
    Er verlangte, da man ihn genau besehe und in Hinsicht seiner Bequemlichkeit
besonders fr Reisegegenstnde von Frauen prfe. Es geschah, und man mute die
Einrichtung des Wagens loben. Es war Festigkeit mit Leichtigkeit verbunden, und
bei einer geflligen Gestalt bot er Rumlichkeit fr alle ntigen Dinge.
    Ich bin nun fertig, sagte er, sorgt, da Eure Vorbereitungen nicht zu
lange dauern.
    Aber auch die Frauen waren zu der rechten Zeit in Bereitschaft. Der Vater
hatte den Beginn der Baumblte und des Bltterknospens als Reisezeit bestimmt,
und zu dieser Zeit fuhren wir auch fort.
    Ich fuhr nun einen Weg, den ich so oft allein oder mit Fremden in einem
Wagen zurckgelegt hatte, mit allen meinen Angehrigen. Wir fuhren mit Pferden,
die wir uns auf jeder Post geben lieen; allein wir fuhren zur Bequemlichkeit
der Mutter und Klotildens, weshalb wir uns oft lnger an einem Orte aufhielten
und kleine Tagereisen machten. Ein sehr schnes Wetter und eine Flle von weien
und rotschimmernden Blten begleitete uns.
    Am vierten Tage vormittags fuhren wir in dem Sternenhofe ein. Mathilde war
von unserer Ankunft unterrichtet worden. Wir hatten das Wagendach zurckgelegt,
und alle Blicke meiner Angehrigen hafteten schon von weiter Entfernung her auf
dem Bltenhgel, auf dem das Schlo stand, sie richteten sich jetzt auf die
Gestalt des Bauwerkes, endlich auf das Sternenschild ber dem Tore auf die
Wlbung des Torweges, und zuletzt auf Mathilden und Natalien, die da standen, um
uns zu empfangen. Wir stiegen aus. Natalie wechselte die Farben zwischen bla
und purpurrot. Man wartete nicht weiter mit dem Grue. Klotilde und Natalie
lagen sich an dem Halse und weinten. Meine ehrwrdige Mutter war von Mathilden
umfat und an das Herz gedrckt. Dann wurde der Vater von ihr anmutsvoll und
herzlich gegrt, sie reichte ihm beide Hnde und sah ihn mit ihren Augen, die
noch immer so schn waren, auf das innigste an. Natalie hatte indessen die Hand
meiner Mutter gefat und sie gekt. Diese gab den Ku auf die Stirne des
schnen Mdchens zurck. Der Vater wollte wahrscheinlich etwas Heiteres oder gar
Scherzhaftes zu Natalien sagen; aber als er sie nher anblickte, wurde er sehr
ernst und beinahe scheu, er grte sie anstndig und sehr fein. Wahrscheinlich
hatte ihn ihre Schnheit berrascht, oder er erinnerte sich, wie es auch mir
ergangen war, an die Pracht seiner geschnittenen Steine. Klotilde wurde von
Mathilden auch an das Herz gedrckt. Auf mich dachte beinahe niemand. Ob dieser
Empfang der strengen Umgangssitte oder irgend einer Rangordnung gem war,
darnach fragte niemand. Wir gingen unter einander gemischt die Treppe hinan und
wurden in Mathildens Gesellschaftszimmer gefhrt. Dort lieh man den Gren erst
lebhaftere Worte und einen geregelten Ausdruck.
    So lange haben wir uns gekannt, und erst jetzt sehen wir uns, sagte
Mathilde zu meinen Eltern, als sie dieselben zum Niedersitzen auf ihre Pltze
veranlat hatte.
    Es war ein Wunsch von vielen Jahren, entgegnete mein Vater, da wir die
Menschen shen, die gegen meinen Sohn so wohlwollend waren, und die sein Wesen
so sehr gehoben hatten.
    Das ist nun Natalie, meine teure Klotilde, sagte ich, indem ich beide
Mdchen einander vorstellte, das ist Natalie, die ich so sehr liebe, so sehr
wie dich selbst.
    Nein, mehr als mich, und so ist es auch recht, erwiderte Klotilde.
    Sei meine Schwester, sagte Natalie, ich werde dich lieben wie eine
Schwester, ich werde dich lieben, so sehr es nur mein Herz vermag.
    Ich nenne dich auch du, erwiderte Klotilde, ich liebe meinen Bruder wie
mein eigenes Herz, und werde dich auch so lieben.
    Die beiden Mdchen umarmten sich wieder und kten sich wieder.
    Als wir uns um den Tisch gesetzt hatten, sagte ich zu Natalien: Und mich
grt Ihr beinahe gar nicht.
    Ihr wit es ja doch, erwiderte sie, indem sie mich freundlich ansah.
    Das Gesprch dauerte nun allgemeiner ber denselben Gegenstand fort.
    Die zwei Frauen konnten sich kaum genug betrachten und nahmen sich immer
wieder bei den Hnden.
    Als man endlich auf andere Gegenstnde bergegangen war und ber die Reise
und ihre Annehmlichkeiten und Unannehmlichkeiten gesprochen hatte, sagte mein
Vater, da wir noch smtlich in Reisekleidern seien, da wir uns verabschieden
mten, und er fragte, wann er die Ehre haben knnte, sich Mathilden wieder
vorstellen zu drfen.
    Nicht Vorstellung, erwiderte sie, Besuch, wann Ihr immer wollt.
    Also in zwei Stunden, entgegnete mein Vater.
    Wir gingen in unsere Zimmer, und mein Vater wies uns an, uns in Festkleider
zu kleiden. Nach zwei Stunden ging er allein mit der Mutter, beide wie an einem
hohen Festtage geschmckt, zu Mathilden, welche sie zu sprechen verlangten.
Mathilde empfing sie in dem groen Gesellschaftszimmer, und mein Vater warb um
die Hand Nataliens fr mich.
    Nach wenigen Augenblicken wurden Natalie, Klotilde und ich hineingerufen,
und Mathilde sagte: Der Herr und die Frau Drendorf haben fr ihren Sohn
Heinrich um deine Hand geworben, Natalie.
    Natalie, welche in einem so festlichen Kleide da stand, wie ich sie nie
gesehen hatte, weshalb sie mir beinahe fremd erschien, blickte mich mit Trnen
in den Augen an. Ich ging auf sie zu, fate sie an der Hand, fhrte sie vor ihre
Mutter, und wir sprachen einige Worte des Dankes. Sie entgegnete sehr
freundlich. Dann gingen wir zu meinen Eltern und dankten ihnen gleichfalls, die
gleichfalls freundlich antworteten, Klotilde war in ihrem Festanzuge sehr
befangen, was auch fast bei allen andern der Fall war. Mein Vater lste die
Stimmung, indem er zu einem Tische schritt, auf welchen er ein Kstchen
niedergestellt hatte. Er nahm das Kstchen, nherte sich Natalien und sagte:
Liebe Braut und knftige Tochter, hier bringe ich ein kleines Geschenk; aber es
ist eine Bedingung daran geknpft. Ihr seht, da ein Faden um das Schlo liegt,
und da der Faden ein Siegel trgt. Schneidet den Faden nicht eher ab als nach
Eurer Vermhlung. Den Grund meiner Bitte werdet Ihr dann auch sehen. Wollt Ihr
sie freundlich erfllen?
    Ich danke fr Eure Gte innig, antwortete Natalie, und ich werde die
Bedingung erfllen.
    Sie empfing das Kstchen aus der Hand des Vaters. Auch die Mutter und
Klotilde gaben ihr Geschenke, so wie Mathilde und Natalie Gegenstnde aus den
benachbarten Zimmern herbeiholten, um die Mutter, Klotilden und den Vater zu
beschenken. Natalie und ich gaben uns nichts. Dann setzten wir uns um einen
Tisch nieder, und es begannen herzliche Gesprche. Am Schlusse sagte Mathilde.
So wre denn der Bund, den die Herzen unserer Kinder geschlossen haben, auch
durch die Beistimmung der Eltern bekrftigt. Der Tag der ewigen Verbindung mag
nach ihrem Wunsche und unserer Meinung festgesetzt werden. Wir wollen darber
jetzt nicht sprechen, sondern es der Beratung und Vereinbarung anheimgeben.
    Nach diesen Worten trennten wir uns und begaben uns in unsere Zimmer.
    Die festlichen Kleider wurden nun abgelegt, und es begann das Besuchsleben,
wie es in hnlichen Verhltnissen, und namentlich, wenn man in so nahe
Beziehungen getreten ist, der Fall zu sein pflegt. Mathilde fhrte nach und nach
den Vater und die Mutter in alle Teile des Schlosses, des Gartens, des
Meierhofes, der Felder, der Wiesen und der Wlder. Sie zeigte ihnen alle Zimmer
des Hauses: ihre Wohnzimmer, die Zimmer mit den alten Gerten, sie zeigte ihnen
die Bilder und was sich nur immer in dem Schlosse befand. Sie ging mit ihnen in
den Garten: zu den Linden, zu allen Obstbumen, zu den Blumenbeeten, in die
Grotte mit der Brunnennymphe, auf die Eppichwand und in jede Anlage, die in dem
Garten enthalten war. Ebenso wurde alles, was sich auf die Landwirtschaft bezog,
auf das genaueste durchgenommen. Gegen den Abend, wenn die Sonnenstrahlen milde
auf die blhende Erde leuchteten, wurde ein gemeinschaftlicher Gang durch irgend
einen Teil der Gegend gemacht. Wiederholt gingen wir die ganze Lnge des
Berhrweges durch, und die Eltern fanden Gefallen an dieser Bahn, die eine freie
und rstige Bewegung in trben Tagen so wie im Winter auf eine angenehme Weise
gestatte. Der Vater konnte ber alles der Freude und des Lobes kein Ende finden.
Mathilde und die Mutter sprachen oft lange und immer sehr freundlich mit
einander, sie tauschten wahrscheinlich ihre Ansichten ber Huslichkeit und
Verwaltung des Zugehrigen aus. Natalie und Klotilde waren fast unzertrennlich,
sie schlossen sich an einander an, bezeigten sich jede Innigkeit, und oft, wenn
wir alle in das Schlo zurckgekehrt waren, gingen sie noch auf einem einsamen
Wege des Gartens oder auf einem Pfade des nchstgelegenen Feldes herum.
    Siehst du, Klotilde, sagte ich, ich konnte dir kein Bild von Natalien
bringen, weil keins da war, jetzt hast du sie selber.
    Um wie viel lieber als jedes Bild, antwortete sie, aber ein Bild mu doch
ausgefhrt werden, damit man spter wisse, wie sie in diesen Jahren ausgesehen
habe.
    Acht Tage entlie uns Mathilde nicht von dem Sternenhofe, und jeder Tag fand
seine freundliche Beschftigung. Am neunten wurden die Anstalten gemacht, da
wir alle in das Rosenhaus abreisen konnten. Mathilde und die Eltern fuhren in
unserem Reisewagen. Natalie, Klotilde und ich in dem Wagen Mathildens.
    Als wir den Hgel hinanfuhren, konnte mein Vater seine Neugierde kaum mehr
bemeistern. Ich sah ihn fter in dem Wagen aufstehen und herumblicken. Es war
ein wolkig heiterer Tag, Strichregen gingen auf entferntere Wlder nieder,
Sonnenblicke schnitten goldne Bilder auf den Hgeln und Ebenen aus, und das Haus
meines Gastfreundes schaute sanft von seiner Anhhe hernieder. Obwohl, da wir
von der Stadt abfuhren, dort bereits alles in Blte stand, war in der Umgebung
des Rosenhauses trotz der Zeit, die wir auf der Reise und in dem Hause
Mathildens zugebracht hatten, doch noch die Baumblte nicht vorber, sondern sie
war erst in ihrer vollen Entfaltung. Denn das Land hier lag um ein Bedeutendes
hher als die Stadt. Ein Teil des Wintergetreides stand auf dem Hgel in
ppigstem Wuchse, ein Teil schickte sich dazu an, das Sommergetreide keimte hie
und da, und hie und da war noch die braune Erde zu sehen.
    Mein Gastfreund hatte durch Mathilden Nachricht von unserer Ankunft
erhalten. Als wir bei dem Gitter anfuhren, stand er mit Gustav, Eustach, Roland,
mit der Haushlterin Katharine, mit dem Hausverwalter, mit dem Grtner und
anderen Leuten auf dem Sandplatze vor dem Gitter, um uns zu empfangen. Wir
stiegen aus, und da standen sich nun mein Vater und mein Gastfreund gegenber.
Der letztere hatte schneeweie Haare, mein Vater etwas minder weie, aber liebe,
ehrwrdige Mnner waren beide. Sie reichten sich die Hand, sahen sich einen
Augenblick an, und schttelten sich dann ihre Rechte herzlich.
    Seid mir gegrt, seid mir tausendmal gegrt an meiner Schwelle, sagte
mein Gastfreund, selten ist hier einer eingegangen, der so willkommen gewesen
wre wie Ihr, und selten habe ich mich nach jemanden so gesehnt wie nach Euch.
Wir sind nun so lange in Verbindung, und ich habe Euch schon so lange in der
Liebe Eures Sohnes geliebt.
    Ich Euch in der Liebe Eures jungen Freundes, erwiderte mein Vater, es ist
einer meiner liebsten Tage, der mich unter dieses Dach bringt. Ich komme in das
Haus des Mannes, den ich durch meinen Sohn kenne, obgleich ich auch den
Staatsmann hochachten mu. Ich komme mit der Schuld des Dankes belastet. Ihr
habt mich ausgezeichnet, ehe ich es nur im geringsten Mae um Euch verdient
hatte.
    Lat das jetzt, es machte mir ja selber Freude, entgegnete mein
Gastfreund, aber seht, so begeht man Fehler, wenn man von einer Leidenschaft
befangen ist, besonders, wenn zwei alte Altertumsfreunde zusammentreffen. Ich
habe versumt, Eurer verehrten Gattin meinen ersten Gru darzubringen, wie es
Pflicht gewesen wre. Aber, teure Frau, Ihr werdet es, wenn auch nicht ganz
entschuldigen, doch als ein geringeres Vergehen ansehen als eine andere Frau, da
Ihr Euren Gatten und seine Beziehung zu seinen Schtzen kennt. Seid mir gegrt,
und wenn ich sage, da ich Euch nicht minder als Euren Gatten hieher gewnscht
habe, so sage ich die Wahrheit, und Euer eigener Sohn ist gegen Euch Zeuge, wenn
Ihr meine Worte bezweifeln wolltet. Es freut mich, Euch in mein Haus fhren zu
knnen, erlaubt, da ich Eure Hand fasse. Mathilde, Natalie, Heinrich, ihr
msset heute etwas Nebensache sein, und dieses Frulein, das ich wohl schon als
Klotilde kenne, wird erlauben, da ich sie auch ein wenig liebe und um
Gegenneigung bitte. Gustav, fhre das Frulein.
    Gnnt mir die Gnade, Euch fhren zu drfen, sagte Gustav zu Klotilden.
    Sie sah den Jngling sanft an und sagte: Ich bitte um die Geflligkeit.
    Ehe wir gehen, sagte mein Gastfreund noch, sehet noch hier meine zwei
ausgezeichneten Knstler Eustach und Roland, die mit mir in unserem Besitze
leben, den ich Sorgenfrei nennen wrde, wenn er nicht voll von Sorgen steckte.
Sie wollen Euch vor dem Hause begren. Seht da auch meine Katharine, die das
Haus zusammenhlt, und dann meinen Hausverwalter und Grtner und andere, welche
die Lust des Empfanges nicht missen wollten.
    Mein Vater reichte jedem die Hand, und die Mutter und Klotilde verbeugten
sich auf das artigste.
    Hierauf nahm mein Gastfreund den Arm meiner Mutter, mein Vater den
Mathildens, ich Nataliens, Gustav Klotildens, und so gingen wir bei dem
Eisengitter in den Garten und in das Haus. Die Wgen fuhren in den Meierhof. In
dem Hause wurden wir gleich in unsere Zimmer gefhrt. Mathilde und Natalie
gingen in ihre gewhnliche Wohnung. Fr meinen Vater und fr meine Mutter war
ein Aufenthalt von drei Zimmern eigens gerichtet worden. Sie hatten sehr schne
Wandbekleidungen und vorzgliche Gerte. Fr alle und jede Bequemlichkeit war
gesorgt. Klotilde hatte ein zierliches blablaues Zimmerchen daneben. Ich ging
von der Wohnung meiner Eltern in meine Zimmer, welche die gewhnlichen waren.
Gustav besuchte mich hier in dem ersten Augen blicke und umschlang mich mit der
grten Freude und Liebe.
    Nun ist doch alles sicher und gewi߫, sagte er.
    Sicher und gewi, entgegnete ich, wenn Gott sein Vollbringen gibt. Jetzt
bist du mein teurer, vielgeliebter Bruder in der Tat, wenn du es auch der
Fassung nach erst in einiger Zeit wirst.
    Darf ich auch du sagen? fragte er.
    Von ganzem Herzen, erwiderte ich.
    Also du, mein geliebter, mein teurer Bruder, sagte er.
    Auf immer, so lange wir leben, was auch sonst fr Zwischenflle kommen
mgen, sagte ich.
    Auf immer, antwortete er, aber jetzt kleide dich schnell um, damit du
nicht zu spt kommst. Man wird in dem Besuchsaale zu ebener Erde noch einmal zu
einem Grue zusammenkommen, ehe man zum Mittagessen geht. Ich mu mich selber
zurecht richten.
    Es war so, wie Gustav gesagt hatte, und es war an alle die Einladung
ergangen. Er verlie mich, und ich kleidete mich um.
    Wir versammelten uns in dem Besuchzimmer zu ebener Erde, in welchem ich, da
ich das erste Mal in diesem Hause war, allein gewartet hatte, whrend mein
Gastfreund gegangen war, ein Mittagessen fr mich zu bestellen. Ich hatte damals
den Gesang der Vgel hereingehrt. Der eingelegte Fuboden war heute mit einem
sehr schnen Teppiche ganz berspannt. Auch Eustach und Roland waren zu der
Versammlung eingeladen worden.
    Als sich alle eingefunden hatten, stand mein Gastfreund, welcher so festlich
angezogen war wie wir, auf und sprach: Ich richte noch einmal an alle, welche
gekommen sind, den Empfangsgru innerhalb der Wnde dieses Hauses. Es ist ein
schner Tag. Wenn gleich mancher liebe Freund und gewissermaen
Schlachtkamerade, den ich noch besitze, nicht hier ist, so kann eben nicht immer
alles, was man liebt, versammelt sein. Das Eigentliche ist hier, ist aus einem
lieben Anlasse hier, aus welchem ein noch schnerer Tag fr manche hervorgehen
kann. Ihr, sehr hochgeehrte Frau, die Mutter des jungen Mannes, welcher zu
verschiedenen Malen unter dem Dache dieses Hauses gewohnt hat, seid dem Hause
willkommen. Es hat Euren Namen oft gehrt und die Namen Eurer Tugenden, und wenn
der Schall der Rede oft auch ganz anderes zu verknden schien, so gingen
unbewut Eure Eigenschaften daraus hervor, sammelten sich hier, und erzeugten
Ehrerbietung und, erlaubt einem alten Manne das Wort, Liebe. Ihr, mein edler
Freund - gnnt mir den Namen auch, den ich Euch so gerne gebe -, ein graues
Haupt wie ich, aber ehrwrdiger in der Verehrung seiner Kinder, und darum auch
in der anderer Leute, Ihr habt mit Eurer Gattin unsichtbar dieses Haus bewohnt,
und ehrt es, da es Eure Gestalt nun selber in seinen Rumen sieht. Ihr,
Klotilde, wandeltet mit Euren Eltern hier, und seid gleichfalls in Eurem
Eigentume. Zu dir, Mathilde, spreche ich erst jetzt, nachdem ich zu den andern
gesprochen habe, die nicht so oft die Schwelle dieses Hauses betreten haben wie
du. Du bringst uns heute etwas, das allen lieb sein wird. Sei deshalb nicht mehr
gegrt und willkommen, als du hier immer gegrt und willkommen gewesen bist.
Sei willkommen, Natalie, und seid gegret, Heinrich. Eustach, Roland, Gustav
sind als Zeugen hier von dem, was da geschieht.
    Meine Mutter antwortete hierauf: Ich habe immer gedacht, da wir in diesem
Hause werden herzlich empfangen werden, es ist so, ich danke sehr dafr.
    Ich danke auch, und mge die gute Meinung von uns sich bewhren, sagte der
Vater.
    Klotilde verneigte sich nur.
    Mathilde sprach: Sei bedankt fr deinen Gru, Gustav; und wenn du sagst,
da ich etwas bringe, das allen lieb sein wird, so berichte ich, da Heinrich
Drendorf und Natalie vor neun Tagen im Sternenhofe verlobt worden sind. Wir
haben den Weg zu dir gemacht, um deine Billigung zu dieser Vornahme zu erwirken.
Du hast immer wie ein Vater an Natalien gehandelt. Was sie ist, ist sie
grtenteils durch dich. Daher knnte ein Band sie nie beglcken, das deinen
vollen Segen nicht htte.
    Natalie ist ein gutes, treffliches Mdchen, erwiderte mein Gastfreund,
sie ist durch ihr innerstes Wesen und durch ihre Erziehung das geworden, was
sie ist. Ich mag ein weniges beigetragen haben, wie alle nicht bsen Menschen,
mit denen wir umgehen, zu unserem Wesen etwas Gutes beitragen. Du weit, da der
geschlossene Bund meine Billigung hat, und da ich ihm alles Glck wnsche. Weil
du mich aber Vater Nataliens nennst, so mut du erlauben, da ich auch als Vater
handle. Natalie erhlt als meine Erbin den Asperhof mit allem Zubehr und allem,
was darin ist, sie erhlt auch, da ich gar keine Verwandten besitze, meine ganze
brige Habe. Die Ausfolgung geschieht in der Art, da sie einen Teil des
gesamten Vermgens an ihrem Vermhlungstage empfngt, nebst den Papieren, welche
ihr das Anrecht auf den Rest zusprechen, der ihr an meinem Todestage anheim
fllt. Einige Geschenke an Freunde und Diener werden in den Papieren enthalten
sein, die sie gerne verabfolgen wird. Weil ich Vater bin, so werde ich auch
meine liebe Tochter ausstatten, von ihrer Mutter kann sie nur Geschenke
annehmen. Und einen Eigensinn mt ihr mir gestatten, dessen Bekmpfung von
eurer Seite mich sehr schmerzen wrde. Die Vermhlung soll auf dem Asperhofe
gefeiert werden. Hieher ist der Brutigam vor mehreren Jahren zuerst gekommen,
hier habt ihr ihn kennen gelernt, hier ist vielleicht die Neigung gekeimt, und
hier endlich wohnt ja der Vater, wie er eben genannt worden ist. Vom
Vermhlungstage an wird im Asperhofe fr die jungen Eheleute eine Wohnung in
Bereitschaft stehen, es wird aber an sie nicht die Forderung gestellt werden,
da sie dieselbe bentzen. Sie sollen nach ihrer Wahl ihre Wohnung aufschlagen:
entweder im Asperhofe oder im Sternenhofe oder in der Stadt, oder auch
abwechslungsweise, wie es ihnen gefllt.
    Mathilde war whrend dieser ganzen Rede mit Wrde und Anstand in ihrem Sitze
gesessen, wie berhaupt in der ganzen Versammlung ein tiefer Ernst herrschte.
Mathilde suchte ihre Haltung zu bewahren; allein aus ihren Augen strzten
Trnen, und ihr Mund zitterte vor starker Bewegung. Sie stand auf und wollte
reden; aber sie konnte nicht, und reichte nur ihre Hand an Risach. Dieser ging
um den Tisch - denn eine Ecke desselben trennte sie -, drckte Mathilden sanft
in ihren Sitz nieder, kte sie sachte auf die Stirne, und strich einmal mit
seiner Hand ber ihre Haare, die sie glatt gescheitelt ber der feinen Stirne
hatte.
    Mein Vater nahm hierauf, da Risach wieder an seinem Platze war, das Wort und
sprach: Es ist noch ein Vater da, welcher auch einige Worte reden und einige
Bedingungen stellen mchte. Vor allem, Freiherr von Risach, empfanget den
innigsten Dank von mir im Namen meiner Familie, da Ihr ein Mitglied derselben
zu einem Mitgliede der Eurigen aufzunehmen fr wrdig erachtet habt. Unserer
Familie ist dadurch eine Ehre erzeigt worden, und mein Sohn Heinrich wird sich
sicherlich bestreben, sich alle jene Eigenschaften zu erwerben, welche ihm zur
Erfllung seiner neuen Pflichten und zur Darstellung jener Menschenwrde
berhaupt ntig sind, ohne welche man ein Teil der besseren menschlichen
Gesellschaft nicht sein kann. Ich hoffe, da ich hierin fr meinen Sohn brgen
kann, und Ihr selber hofft es, da Ihr ihn in die Stellung aufgenommen habt, in
der er ist. Mein Sohn wird in die neue Haushaltung bringen, was nicht fr
unbillig erachtet werden soll. In meinem Hause in der Stadt wird eine anstndige
Wohnung fr die Neuvermhlten immer in Bereitschaft stehen, und wenn ich das
Landleben einmal vorziehen sollte, so werden sie auch in meiner neuen Wohnung
einen Platz finden. Ihr eigenes stndiges Haus mgen sie nach Belieben
aufschlagen. Da die Vermhlung in dem Asperhofe sei, ist nach meiner Meinung
gerecht, und ich glaube, es wird niemand die Maregel bestreiten. Und nun habe
ich noch eine Bitte an Euch, Freiherr von Risach, nehmt mich alten Mann und
meine alte Gattin nebst unsrer Tochter nicht ungerne in Euren Familienkreis auf.
Wir sind brgerliche Leute, und haben als solche einfach gelebt; aber in jedem
Verhltnisse unsere Ehre und unsern guten Namen aufrecht zu erhalten gesucht.
    Ich kenne Euch schon lange, antwortete Risach, obwohl nicht persnlich,
und habe Euch schon lange hoch geachtet. Noch hher achtete und liebte ich Euch,
als ich Euren Sohn kennen gelernt hatte. Wie sehr es mich freut, in eine nhere
Umgangsverbindung mit Euch zu kommen, kann Euch Euer Sohn sagen, und wird Euch
die Zukunft zeigen. Was die Brgerlichkeit anlangt, so gehrte ich zu diesem
Stande. Vergngliche Handlungen, die man Verdienste nannte, haben mich auf eine
Zeit aus ihm gerckt, ich kehre durch meine angenommene Tochter wieder zu ihm
zurck, der mir allein gebhrt. Ehrenvoller, wrdiger Mann einer stettigen
Ttigkeit und eines wohlgegrndeten Familienlebens, wenn Ihr mich, der ich
beides nicht habe, fr wert erachtet, so kommt an mein Herz, und lat uns die
letzten Lebenstage freundlich mit einander gehen.
    Beide Mnner verlieen ihre Pltze, begegneten sich auf halbem Wege zu
einander, schlossen sich in die Arme, und hielten sich einen Augenblick fest.
Wie erschtternd das auf alle wirkte, zeigte die Tatsache, da es totenstill im
Zimmer war, und da manche Augen feucht wurden.
    Meine Mutter war, da Risach Mathilden verlassen hatte, zu ihr gegangen,
hatte sich neben sie gesetzt und hatte ihre beiden Hnde gefat. Die Frauen
kten sich und hielten sich noch immer beinahe umfangen.
    Ich und Natalie traten jetzt vor Risach und sagten, da wir ihm fr alles
Liebe und Gute gegen uns aufs tiefste danken, und da unser einziges Bestreben
sein werde, seiner guten Meinung ber uns immer wrdiger zu werden.
    Ihr seid lieb und freundlich und ehrlich, sagte er, und alles wird gut
werden.
    Wir gingen wieder an unsere Pltze, und Eustach, Klotilde, Roland, Gustav
und selbst die Eltern wnschten uns nun alles Glck und allen Segen.
    Hierauf nahm das Gesprch eine Wendung auf einfachere und gewhnlichere
Dinge. Man stand auch fter auf und mischte sich durcheinander. Meine Mutter
hatte heute einige der schnsten geschnittenen Steine meines Vaters als Schmuck
an ihrem Krper. Mein Gastfreund hatte fter darauf hingeblickt; allein jetzt
konnten er und Eustach dem Reize nicht mehr widerstehen, sie traten zu meiner
Mutter, betrachteten verwundert die Steine, und sprachen ber dieselben. Spter
kam auch Roland hinzu. Meinem Vater glnzten die Augen vor Freude.
    Als das Gesprch noch eine Weile gedauert hatte, trennte man sich, und
bestellte sich auf einen Spaziergang, der noch vor dem Mittagessen statt finden
sollte. Auf dem Sandplatze vor dem Rosengitter an dem Hause wollte man sich
versammeln.
    Wir kleideten uns in andere Kleider, und kamen vor dem Hause zusammen.
    Mein Vater, der wahrscheinlich sehr neugierig war, alles in diesem Hause zu
sehen, hatte sich zu Risach gesellt, sie standen vor den Rosengewchsen, und
mein Gastfreund erklrte dem Vater alles. Mathilde war an der Seite meiner
Mutter, Klotilde und Natalie hielten sich an den Armen, und ich und Gustav so
wie zu Zeiten auch Eustach und Roland hielten uns in der Nhe der alten Mnner
auf. Wir gingen von dem Sandplatze in den Garten, damit die Meinigen zuerst
diesen shen. Mein Gastfreund machte fr meinen Vater den Fhrer, und zeigte und
erklrte ihm alles. Wo meine Mutter und Klotilde an dem Gesehenen Anteil nahmen,
wurde es ihnen von ihren Begleiterinnen erlutert.
    Da sehe ich ja aber doch Faltern, sagte mein Vater, als wir eine geraume
Strecke in dem Garten vorwrts gekommen waren.
    Es wre wohl kaum denkbar und mglich, da meine Vgel alle Keime
ausrotteten, antwortete mein Gastfreund, sie hindern nur die unmige
Verbreitung. Einiges bleibt aber immer brig, was fr das nchste Jahr Nahrung
liefert. Zudem kommen auch von der Ferne Faltern hergeflogen. Sie wren wohl
auch die schnste Zierde eines Gartens, wenn ihre Raupen nicht so oft fr unsere
menschlichen Bedrfnisse so schdlich wren.
    Bringen denn nicht aber auch die Vgel manchen Baumfrchten Schaden?
fragte mein Vater.
    Ja, sie bringen Schaden, entgegnete mein Gastfreund, er trifft
hauptschlich die Kirschenarten und andere weichere Obstgattungen; aber im
Verhltnisse zu dem Nutzen, den mir die Vgel bringen, ist der Schaden sehr
geringe, sie sollen von dem berflusse, den sie mir verschaffen, auch einen Teil
genieen, und endlich, da sie neben ihrer natrlichen Nahrung von mir noch
auerordentliche und mitunter Leckerbissen bekommen, so ist dadurch der Anla zu
Angriffen auf mein Obst geringer.
    Wir gingen durch den ganzen Garten. Jedes Blumenbeet, jede einzelne
merkwrdigere Blume, jeder Baum, jedes Gemsebeet, der Lindengang, die
Bienenhtte, die Gewchshuser, alles wurde genau betrachtet. Der Tag hatte sich
beinahe ganz ausgeheitert, und eine Flle von Blten lastete und duftete
berall. Wir gingen bis zu dem groen Kirschbaume empor, und sahen von ihm ber
den Garten zurck. Der Vater fhlte sich ganz glcklich, alles das sehen und
betrachten zu knnen. Die Mutter mochte wohl ihren Umgebungen nicht so viel
Aufmerksamkeit geschenkt haben wie der Vater, und sie mochte mit Mathilden mehr
ber das Wohl und Wehe und ber die Zukunft ihrer Kinder gesprochen haben. Auch
drfte der Inhalt der Gesprche zwischen Klotilden und Natalien nicht
vorherrschend der Garten gewesen sein. Sie konnten manche Fden ber andere
Dinge anzuknpfen gehabt haben.
    Von dem groen Kirschbaume mute wieder in das Haus zurckgegangen werden,
weil die Zeit, welche noch bis zu dem Mittagessen gegeben gewesen war, ihren
Ablauf genommen hatte. Man verfgte sich einen Augenblick in seine Zimmer, und
versammelte sich dann im Speisesaale.
    Der Nachmittag war zur Besichtigung des Meierhofes, der Wiesen und Felder
bestimmt. Wir gingen von dem groen Kirschbaume auf den Getreidehgel hinaus und
auf ihm fort bis zu der Felderrast. Wir gingen genau den Weg, welchen ich an
jenem Abende mit meinem Gastfreunde gegangen war, als ich mich zum ersten Male
in dem Asperhofe befunden hatte. Wir sahen von der Felderrast ein wenig herum.
Die Esche hatte eben ihre ersten kleinen Bltter angesetzt und suchte sie
auszubreiten. Wir konnten uns nicht niedersetzen, weil das Bnkchen dazu viel zu
klein war. Von der Felderrast gingen wir in den Meierhof. Wir schlugen den Weg
ein, welchen ich einmal mit Natalien allein gewandelt war. Nach der Besichtigung
des Meierhofes, in welchem mein Gastfreund meinem Vater das Kleinste und Grte
zeigte, und in welchem er ihm erklrte, wie alles frher ausgesehen hatte, was
daraus geworden war, und was noch werden sollte, gingen wir durch die
Meierhofwiesen, durch die Felder am Abhange des Hgels des Rosenhauses, dann den
Hgel herum, endlich in das Gehlze des Teiches hinauf, und von ihm an dem
Erlenbache zurck, so da wir wieder zu dem groen Kirschbaume kamen und von ihm
in das Haus zurckkehrten. Es war mittlerweile Abend geworden. Alles hatte die
Bewunderung meines Vaters erregt.
    Der nchste Tag war dazu bestimmt, das Innere des Hauses, seine Kunstschtze
und alles, was es sonst enthielt, zu besehen. Mein Gastfreund fhrte meinen
Vater zuerst in alle Zimmer des Erdgeschosses, dann ber den Marmorgang die
Treppe hinan zur Marmorgestalt. Wir waren alle mit, auer Eustach und Roland.
Bei der Marmorgestalt hielten wir uns sehr lange auf. Von ihr gingen wir in den
Marmorsaal, in welchem mein Gastfreund meinem Vater alle Marmorarten nannte und
ihm die Orte ihres Vorkommens bezeichnete. Dann besuchten wir nach und nach die
Wohnzimmer meines Gastfreundes, die Zimmer mit den Bildern, Bchern,
Kupferstichen, das Lesezimmer, das Eckzimmer mit den Vogelbrettchen, und endlich
die Gastzimmer und die Wohnung Mathildens. Auch Rolands Gemach wurde besehen, in
welchem auf einer Staffelei sein beinahe fertiges Bild stand. Den Beschlu
machte der Besuch des Schreinerhauses und die Besichtigung seiner Einrichtung
und alles dessen, was da eben gefrdert wurde. War mein Vater schon gestern voll
Bewunderung gewesen, so war er heute beinahe auer sich. Die Marmorgestalt hatte
seinen Beifall so sehr, da er sagte, er knne sich von seinen Reisen her nicht
auf vieles erinnern, was von altertmlichen Werken besser wre als diese
Gestalt. Sie wurde von allen Seiten besehen und wieder besehen, dieser Teil und
jener Teil und das Ganze wurde besprochen. So etwas, sagte mein Vater, knne er
nicht entfernt aufweisen, nur einige seiner alten geschnittenen Steine knnten
neben dieser Gestalt noch besehen werden. Der Marmorsaal gefiel ihm sehr, und
der Gedanke, ein solches Gemach zu bauen, erschien ihm als ein uerst
glcklicher. Er pries die Geduld meines Gastfreundes im Suchen des Marmors, und
lobte die, welche die Zusammenstellung entworfen hatten, da etwas so Reines und
Groartiges zu Stande gekommen sei. Die alten Gerte, die Bilder, die Bcher,
die Kupferstiche beschftigten meinen Vater auf das lebhafteste, er sah alles
genau an, und sprach als Liebhaber und auch als Kenner ber vieles. Mein
Gastfreund verstndigte sich leicht mit ihm, ihre Ansichten trafen hufig
zusammen und ergnzten sich hufig, in so ferne man berhaupt Ansichten in einer
Gesellschaft, in welcher man sich kurz fassen mute, aussprechen konnte. Meine
Mutter freute sich innig ber die Freude des Vaters. So war es denn also doch in
Erfllung gegangen, was sie so oft gewnscht hatte, da mein Vater das Haus
meines Gastfreundes besuchte, und es war auf eine liebe Art in Erfllung
gegangen, die sie sich gewi einstens nicht gedacht hatte. Rolands Bild
betrachtete der Vater sehr aufmerksam, er hielt es fr hchst bedeutend, er
sprach mit Risach ber Verschiedenes in demselben, und uerte sich, da, nach
diesem Werke zu urteilen, Roland eine hoffnungsvolle Zukunft vor sich haben
drfte. Da es meinen Gastfreund mit Vergngen erfllte, da seine Schpfungen
mit solcher Anerkennung von einem Manne, aus dessen Worten die Berechtigung zu
einem Urteile hervorging, betrachtet werden, ist begreiflich. Die zwei Mnner
schlossen sich immer mehr an einander, und vergaen zuweilen ein wenig die
brige Gesellschaft. In dem Schreinerhause, in welchem Eustach den Fhrer
machte, wurden nicht nur alle Zeichnungen und Plne durchgesehen, sondern die
ganze Einrichtung und die Art, wie hier verfahren werde, samt allen Werkzeugen
wurde einer genauen Beobachtung unterzogen. Der Vater war voll der Billigung
darber. Mit Besichtigung dieser Dinge war der ganze Tag verbraucht worden.
    Am nchsten Tage fuhr man in den Alizwald, damit mein Gastfreund meinen
Eltern den Forst zeigen konnte, welcher zu dem Asperhofe gehrte.
    Die folgenden Tage waren fr die Gesellschaft schon weniger vereinigend. Man
zerstreute sich und ging dem nach, was eben die meiste Anziehungskraft ausbte.
Zu mir und Natalien kamen nach und nach alle Bewohner des Rosenhauses und des
Meierhofes, um uns Glck und Segen zu unserer bevorstehenden Vereinigung zu
wnschen. Sie hatten jetzt erst nach geschehener Verlobung die Gewiheit davon
erhalten, hatten es aber in frherer Zeit aus den Vorgngen, die sie sahen,
gemutmat und geschlossen. Mein Vater holte vieles wieder im einzelnen nach, was
er im allgemeinen gesehen hatte, er war bald hier, bald dort, und war viel mit
dem Besitzer des Hauses beschftigt. Die Frauen lieen sich das angelegen sein,
was Sache des Hauswesens ist, und verkehrten manche Weile mit Katharinen. Wir
jngeren Leute gingen viel in dem Garten herum, besuchten manche Stelle, und
machten Spaziergnge. Wir waren mehrere Male bei den Grtnerleuten, saen einmal
lange bei ihrem Tische, und besahen einmal ausfhrlich fr uns die Gewchshuser
und lieen uns das Vorhandene von dem Grtner erklren. Eines Tages waren wir
auch alle im Inghofe, und die Bewohner des Inghofes waren eines andern Tages im
Asperhofe. Der Pfarrer von Rohrberg und mehrere der angeseheneren Bewohner der
Gegend waren von nahe oder von ferne herzugekommen, um zu dem Ihnen bekannt
gewordenen Ereignisse ihren Glckwunsch darzubringen. Selbst Bauersleute der
Nachbarschaft und andere, die mich und Natalien kannten, kamen zu demselben
Zwecke.
    Wir muten zwlf Tage in dem Asperhofe zubringen, dann aber wurde unser
Reisewagen bepackt, und wir traten die Rckreise in unsere Vaterstadt an.
    Da wir zu Hause angekommen waren, wurde sogleich daran gegangen, Zimmer in
Bereitschaft zu setzen, da wir den Gegenbesuch, wenn er eintreffen wrde,
anstandsvoll empfangen knnten. Ich rstete mich indessen auch noch zu etwas
anderem, was noch vor der Verbindung mit Natalien statthaben mute, zu meiner
groen Reise. Ich suchte die Anstalten so zu treffen, da ich glaubte, nichts
Wesentliches auer Acht gelassen zu haben. Die Notwendigkeit, mir durch diese
Reise noch manches, was mir fehlte, anzueignen und in dieser Hinsicht nicht zu
weit hinter Natalien zurckstehen zu mssen, war mir einleuchtend, und eben so
einleuchtend war es mir, da ich eine grere Reise allein machen msse, ehe ich
in knftiger Zeit mit Natalien eine Reise antreten knnte. Ich hatte auch vor,
mich gleich nach der Zeit, in der uns der Gegenbesuch abgestattet sein wrde,
auf die Reise zu begeben.
    Der Gegenbesuch kam drei Wochen nach dem Tage, an welchem wir in der Stadt
angelangt waren. Ein Brief hatte ihn vorher angekndigt. Mathilde, Risach,
Natalie und Gustav trafen in einem schnen Reisewagen ein. Sie wurden in die fr
sie in Bereitschaft gehaltenen Zimmer gefhrt. Nachdem sie sich umgekleidet
hatten, kamen wir zum Grue in unserem Besuchzimmer zusammen. Der Empfang in
unserem Hause war so herzlich und innig, wie er nur immer in dem Sternenhofe und
in dem Hause meines Gastfreundes gewesen war. In allen Mienen war Freude, und
alle Worte setzten die begonnene Bekanntschaft und die sich entwickelnde
Freundschaft fort. Selbst bis auf die Dienerschaft pflanzte sich das angenehme
Gefhl ber. Aus einzelnen Worten und aus den heitern Angesichtern entnahm man,
wie sehr ihnen die wunderschne Braut gefalle. Was unser Haus und die Stadt fr
die Gste Angenehmes bieten konnte, wurde ihnen zur Verfgung gestellt. Wie auf
den beiden Landsitzen wurde auch hier alles gezeigt, was das Haus enthlt. Die
Gste wurden in die Zimmer gefhrt, besahen Bilder, Bcher, alte Schreine und
geschnittene Steine. Sie kamen in das glserne Eckhuschen und in alle Teile des
Gartens. In Hinsicht der Bilder meines Vaters sprach sich mein Gastfreund dahin
aus, da sie als Ganzes durchaus wertvoller seien als seine Sammlung, obwohl er
auch einzelne Stcke besitze, welche dem Besten aus meines Vaters Sammlung an
die Seite gestellt werden knnten. Meinen Vater freute dieses Urteil, und er
sagte, er htte ungefhr dasselbe gefllt. Die geschnittenen Steine, sagte mein
Gastfreund, seien auserlesen, und denen htte er nichts Gleiches entgegen zu
stellen, es mte nur das Marmorstandbild sein.
    Das ist es auch, und das ist das Hchste, was in beiden Kunstsammlungen
besteht, erwiderte mein Vater.
    Die Schnitzarbeiten im Glashuschen waren meinem Gastfreunde aus meinen
Abbildungen bekannt. Er beschftigte sich aber doch mit ihrer genauen
Besichtigung und erteilte ihnen mit Rcksicht auf die Zeit ihrer Entstehung viel
Lob. Mein Einbeerblatt aus Marmor im Garten wurde einer Anerkennung nicht fr
unwrdig erachtet. Meinen Vater erquickte die Wrdigung seiner Schtze von einem
Manne, wie Risach war, sehr, und ich glaube, er hatte keine angenehmeren Stunden
gehabt, seit er all diese Dinge zusammen gebracht, als die Zeit, die Risach bei
ihm gewesen war. Selbst jenen Augenblick drfte er kaum vorgezogen haben, da
sich zum ersten Male meine Augen fr den Wert dessen geffnet hatten, was er
besa. Bei mir war es damals nur Gefhl gewesen, bei Risach war jetzt es Urteil.
    Zum Vergngen auer dem Hause geschahen zwei Theaterbesuche, drei
gemeinschaftliche Besuche in Kunstsammlungen und einige Fahrten in die Umgebung.
    Bei dieser Zusammenkunft wurde auch die Vermhlungszeit besprochen. Ich
sollte meine angekndigte Reise unternehmen, und nach der Zurckkunft sollte
kein Aufschub mehr stattfinden. Der Tag werde dann festgestellt werden. Nach
dieser Verabredung wurde Abschied genommen. Der Abschied war dieses Mal sehr
schwer, weil er auf lnger genommen wurde, und weil unglckliche Zuflle in der
Abwesenheit nicht unmglich sein konnten. Aber wir waren standhaft, wir scheuten
uns, vor Zeugen, selbst vor so lieben, einen Schmerz zu uern, sondern trennten
uns, und versprachen, uns zu schreiben.
    Als uns unsere Gste verlassen hatten, zeigten wir in Briefen an einige uns
sehr befreundete Familien meine Verlobung an. Zur Frstin ging ich selbst, um
ihr dieses Verhltnis zu erffnen. Sie lchelte herzlich und sagte, da sie sehr
wohl bemerkt habe, da ich einmal, da sie des Namens Tarona Erwhnung getan
hatte, uerst heftig errtet sei.
    Ich erwiderte, da ich damals nur errtet sei, weil sie mich auf einer
inneren Neigung betroffen habe, den Namen Tarona habe ich in jener Zeit an
Natalien noch gar nicht gekannt. Ich sprach auch von meiner Reise, sie lobte
diesen Entschlu sehr, und erzhlte mir von den Verhltnissen verschiedener
Hauptstdte, in denen sie in frheren Jahren zeitweilig gewohnt hatte. Sie
erwhnte kurz auch manches ber das uere Ansehen der Lnder, da sie eine groe
Freundin landschaftlicher Schnheiten war. Sie hatte eben in dem Augenblicke
vor, wieder an den Gardasee zu gehen, den sie schon fter besucht hatte. Das war
auch die Ursache, da sie noch so spt im Frhlinge in der Stadt war. Sie
ersuchte mich, nach meiner Zurckkunft wieder bei ihr auf ein Weilchen zu
erscheinen. Ich versprach es.
    Meine Reise wurde nun keinen Augenblick mehr verzgert. Ich nahm von den
Meinigen Abschied, und fuhr eines Tages zu dem Tore unserer Stadt hinaus.
    Ich ging zuerst ber die Schweiz nach Italien; nach Venedig, Florenz, Rom,
Neapel, Syrakus, Palermo, Malta. Von Malta schiffte ich mich nach Spanien ein,
das ich von Sden nach Norden mit vielfachen Abweichungen durchzog. Ich war in
Gibraltar, Granada, Sevilla, Cordoba, Toledo, Madrid und vielen anderen,
minderen Stdten. Von Spanien ging ich nach Frankreich, von dort nach England,
Irland und Schottland, und von dort ber die Niederlande und Deutschland in
meine Heimat zurck. Ich war um einen und einen halben Monat weniger als zwei
Jahre abwesend gewesen. Wieder war es Frhling, als ich zurckkehrte, die
mchtige Welt der Alpen, der Feuerberge Neapels und Siciliens, der Schneeberge
des sdlichen Spaniens, der Pyrenen und der Nebelberge Schottlands hatten auf
mich gewirkt. Das Meer, vielleicht das Groartigste, was die Erde besitzt, nahm
ich in meine Seele auf. Unendlich viel Anmutiges und Merkwrdiges umringte mich.
Ich sah Vlker, und lernte sie in ihrer Heimat begreifen und oft lieben. Ich sah
verschiedene Gattungen von Menschen mit ihren Hoffnungen, Wnschen und
Bedrfnissen, ich sah manches von dem Getriebe des Verkehres, und in bedeutenden
Stdten blieb ich lange, und beschftigte mich mit ihren Kunstanstalten,
Bcherschtzen, ihrem Verkehre, gesellschaftlichem und wissenschaftlichem Leben
und mit lieben Briefen, die aus der Heimat kamen, und mit solchen, die dorthin
abgingen.
    Ich kam auf meiner Rckreise frher in die Gegend des Asperhofes und des
Sternenhofes als in meine Heimat. Ich sprach daher in beiden ein. Alles war sehr
wohl und gesund, und fand mich sehr gebrunt. Hier erfuhr ich auch eine
Vernderung, die mit meinem Vater vorgegangen war, und die sie mir in den
Briefen verschwiegen hatten, damit ich berrascht wrde. Alle seine
Anspielungen, da er pltzlich einmal in den Ruhestand treten werde, da er
sich, ehe man sichs versehe, auf dem Lande befinden werde, da sich vieles
ereignen werde, woran man jetzt nicht denke, da man nicht wisse, ob man nicht
den Reisewagen fter brauchen knne, waren in Erfllung gegangen. Er hatte sein
Handelsgeschft abgetreten, und hatte den auf einer sehr lieblichen Stelle
zwischen dem Asperhofe und Sternenhofe gelegenen, verkuflich gewordenen
Gusterhof gekauft, den er eben fr sich einrichten lasse. Man freute sich schon
darauf, wie er sich in diesem neuen Besitztume huslich und wohnlich
niederlassen werde. Ich nahm mir nicht Zeit, diesen Hof, den ich von auen
kannte, zu besuchen, weil ich Natalien, die mir wie ein Gut wieder gegeben
worden war, nicht noch unntig lnger von meiner Seite entfernt wissen wollte.
Nach innigem Empfange und Abschiede reiste ich zu meinen Eltern, und reiste Tag
und Nacht, um bald einzutreffen. Sie wuten von meiner Ankunft, und empfingen
mich freudig. Ich richtete mich sogleich in meiner Wohnung ein. Es war mir
seltsam und wohltuend, den Vater jetzt immer zu Hause und ihn stets mit Plnen,
Entwrfen, Zeichnungen umringt zu sehen. Er war whrend meiner Abwesenheit fnf
Male in dem Gusterhofe und bei diesen Gelegenheiten fter bei Mathilde oder
Risach als Gast gewesen. Die Mutter und Klotilde hatten ihn zweimal begleitet.
Er war in diesen zwei Jahren um ein gut Teil jnger geworden. Auch die Bewohner
des Sternen- und Asperhofes hatten sich einmal im Winter bei meinen Eltern als
Gste eingefunden. Die Bande waren sehr schn und lieb geflochten.
    Gleich am ersten Tage meiner Anwesenheit im elterlichen Hause fhrte mich
meine Mutter in die Zimmer, die fr mich und Natalien als Wohnung hergerichtet
worden waren, wenn wir uns in der Stadt aufhalten wollten. Ich hatte gar nicht
gedacht, da in dem Hause so viel Platz sei, so gerumig war die Wohnung. Sie
war zugleich so schn und edel angeordnet, da ich meine Freude daran hatte. Ich
sprach bei dieser Gelegenheit von dem Vermhlungstage, und die Mutter
antwortete, da der Vater glaube, es sei nun keine Ursache einer Sumnis, und
von uns als von der Seite des Brutigams msse die Anregung ausgehen. Ich bat um
Beschleunigung, und am folgenden Tage gingen schon unsere Briefe in den
Sternenhof und zu Risach ab. In kurzem kam die Antwort zurck, und der Tag war
nach unsern Vorschlgen festgesetzt. Der Sammelplatz war der Asperhof.
    Meinem Versprechen getreu, stellte ich mich nun auch bei der Frstin. Sie
war schon auf ihren Landsitz abgereist. Ich schrieb ihr daher einige Zeilen, da
ich zurck: sei, und zeigte ihr meinen Vermhlungstag an. In kurzer Zeit kam
eine Antwort von ihr nebst einem Pckchen, welches ein Erinnerungszeichen an
meine Vermhlungsfeier von ihr enthalte. Sie knne es mir nicht persnlich
bergeben, weil sie seit einigen Wochen krnklich sei und sich deshalb so frh
auf das Land habe begeben mssen. Das Erinnerungszeichen liege schon seit lnger
in Bereitschaft. Ich ffnete das Pckchen. Es enthielt eine einzige, aber sehr
groe und sehr schne Perle. Die Fassung war fast keine. Nur ein Stengel und ein
Goldscheibchen hafteten an der Perle, da sie eingeknpft werden konnte. Ich
freute mich auerordentlich ber die Gesinnung der edlen Frstin, ber die
Trefflichkeit des Geschmackes und ber dessen Sinnigkeit; denn eine Perle ist es
ja in meinen Augen, die ich mir als Geschenk an meine Brust zu heften im
Begriffe war. Ich schrieb eine innige Dankanwort zurck.
    Unsere Vorbereitungen waren bald gemacht, und wir reisten ab.
    Wir knnen ja unsere letzten Rstungen in meinem Landhause machen, sagte
der Vater mit heiterem Lcheln.
    Wir fuhren in den Gusterhof. Eine kleine, aber freundlich bestellte Wohnung,
die der Vater vorlufig fr solche Gelegenheiten hatte herrichten lassen,
empfing uns. Es war ein liebliches Gefhl, in unserem eigenen, uns zugehrigen
Landsitze zu sein. Der Vater schien dieses Gefhl am tiefsten zu hegen, und die
Mutter freute sich dessen ungemein. Wir blieben hier so lange und
vervollstndigten unsere Vorbereitungen, da wir zwei Tage vor der Vermhlung in
dem Asperhofe eintreffen konnten. Mathilde und Natalie waren schon anwesend, da
wir ankamen. Wir begrten uns herzlich. Alles war in einer gewissen Spannung
der Vorbereitungen. Ich konnte Natalien oft nur auf einige Augenblicke sehen.
Klotilde wurde auch sofort hineingezogen. Botschaften kamen und gingen ab, Gste
und Trauzeugen trafen ein. Ich selber war in einer Art Beklemmung.
    Am Nachmittage des ersten Tages fand ich einmal Mathilden, meinen Gastfreund
und Gustav im Lindengange auf und ab wandeln. Ich gesellte mich zu ihnen. Gustav
verlie uns bald.
    Wir sprachen eben davon, da mein Sohn sich nun bald von hier entfernen und
in die Welt gehen msse, sagte Mathilde, habt Ihr ihn nach Eurer Reise nicht
auch verndert gefunden?
    Er ist ein vollkommner Jngling geworden, erwiderte ich, ich habe auf
meinen Reisen keinen gesehen, der ihm gleich wre. Er war ein sehr kraftvoller
Knabe, und ist auch ein solcher Jngling geworden, aber, wie ich glaube,
gemilderter und sanfter. Ja sogar in seinen Augen, die noch glnzender geworden
sind, erscheint mir etwas, das beinahe wie das Schmachten bei einem Mdchen
ist.
    Es freut mich, da Ihr das auch bemerkt habt, sagte mein Gastfreund, es
ist so, und es ist sehr gut, wenn auch gefhrlich, da es so ist. Gerade bei
sehr kraftvollen Jnglingen, deren Herz von keinem bsen Hauche angeweht worden
ist, tritt in gewissen Jahren ein Schmachten ein, das noch holder wirkt als bei
heranblhenden Mdchen. Es ist dies nicht Schwche, sondern gerade berflle von
Kraft, die so reizend wirkt, wenn sie aus den meistens dunkeln,
sanftschimmernden Augen blickt und gleichsam wie ein Juwel an den unschuldigen
Wimpern hngt. Solche Jnglinge dulden aber auch, wenn bse Schicksalstage
kommen, mit einem Starkmute, der der Krone eines Mrtyrers wert wre, und wenn
das Vaterland Opfer heischt, legen Sie ihr junges Leben einfach und gut auf den
Altar. Sie knnen aber auch zu falscher Begeisterung getrieben und mibraucht
werden, und wenn ein solches Jnglingsauge zu rechter Zeit in das rechte
Mdchenauge schaut, so flammt die pltzlichste, heieste, aber oft auch
unglcklichste Liebe empor, weil der junge unverflschte Mann sie fast
unausrottbar in sein Herz nimmt. Wir werden, wenn die jetzige Angelegenheit
vorber ist, weiter von dem sprechen, was etwa not tut.
    Ich sehe ja das Gute und die Gefahr, sagte Mathilde. Wir gingen bald in
das Haus zurck.
    Er mu in die Hrte der Welt, die wird ihn sthlen, sagte mein Gastfreund
auf dem Wege dahin.
    Endlich war der Vermhlungstag angebrochen. Die Trauung sollte am Vormittage
in der Kirche zu Rohrberg stattfinden, in welche der Asperhof eingepfarrt war.
Der Versammlungsort war der Marmorsaal, dessen Fuboden zu diesem Zwecke mit
feinem grnem Tuche berspannt worden war. Gleiches Tuch lag auf allen Treppen.
Ich kleidete mich in meinen Zimmern an, tat ein Gebet zu Gott, und wurde von
einem meiner Trauzeugen in den Marmorsaal gefhrt. Von unsern Angehrigen waren
erst die Mnner dort. Die Zeugen und die meisten Gste waren zugegen. Risach war
im Staatskleide und mit allen seinen Ehren geschmckt. Da tat sich die Tr, die
von dem Gange hereinfhrte, auf, und Natalie mit ihrer und meiner Mutter, mit
Klotilden und mit noch andern Frauen und Mdchen trat herein. Sie war prachtvoll
gekleidet und mit Edelsteinen gleichsam berst; aber sie war sehr bla. Die
Edelsteine waren in mittelalterlicher Fassung, das sah ich wohl; aber ich hatte
nicht die Stimmung, auch nur einen Augenblick darauf zu achten. Ich ging ihr
entgegen und reichte ihr sanft die Hand zum Grue. Sie zitterte sehr.
    Mein Gastfreund sagte zu meinen Eltern: Das Lieblingsgesprch Eures Sohnes
waren bisher seine Eltern und seine Schwester, wer ein so guter Sohn ist, wird
auch ein guter Gatte werden.
    Die schneren Eigenschaften, die eine Zukunft gewhren, sagte mein Vater,
hat er von Euch gebracht, wir haben es wohl gesehen, und haben ihn darum immer
mehr geliebt, Ihr habt ihn gebildet und veredelt.
    Ich mu antworten wie bei Natalien, erwiderte mein Gastfreund, sein
Selbst hat sich entwickelt, und aller Umgang, der ihm zu Teil geworden, vorerst
der Eurige, hat geholfen.
    Ich wollte etwas sprechen, konnte aber vor Bewegung nicht.
    Gustav, der in der Nhe der Frauen stand, sah mich an, ich ihn auch. Er war
ebenfalls sehr bla.
    Indessen hatten sich alle nach und nach eingefunden, die bei der Trauung
gegenwrtig sein sollten, die Stunde der Abfahrt war da, und der Hausverwalter
meldete, da alles in Bereitschaft sei.
    Mathilde machte Natalien das Zeichen des Kreuzes auf die Stirne, den Mund
und die Brust, und diese beugte sich mit ihren Lippen auf die Hand der Mutter
nieder. Dann faten die Mdchen den Schleier, der wie ein Silbernebel von dem
Haupte Nataliens bis zu ihren Fen reichte, hllten sie in ihn, und Natalie
ging, von ihren Mdchen umringt und von den Frauen geleitet, die Treppe
hinunter, auf welcher die Marmorgestalt stand. Wir folgten. Mit mir waren meine
Zeugen und Risach und der Vater. Den ersten Teil der Wagenreihe nahmen die
Frauen, die Braut und die Mdchen ein, den letzten die Mnner und ich. Wir
stiegen ein, der Zug setzte sich in Bewegung. Es war viel Volk gekommen, die
Brautfahrt zu sehen. Darunter erblickte ich meinen Zitherspiellehrer, welcher
mir mit einem grnen Hute, auf dem er Federn hatte, winkte. Die Bewohner des
Meierhofes und die Diener des Hauses waren grtenteils vorausgegangen, und
harrten unser in der Kirche. Einige befanden sich auch in den Wgen. Der Zug
fuhr langsam den Hgel hinab.
    In der Kirche erwartete uns der Pfarrer von Rohrberg, wir traten vor den
Altar, und die Trauung ward vollbracht.
    Zum Zurckfahren kamen Natalie und ich allein in einen Wagen. Sie sprach
nichts, der Schleier blieb zurckgeschlagen, und Tropfen nach Tropfen flo aus
ihren Augen.
    Da wir wieder in dem Marmorsaale waren, wurden auf den langen Tisch, den man
heute hier aufgerichtet und mit vielen Sthlen umgeben hatte, von Risach und von
meinem Vater die Papiere niedergelegt, die sich auf unsere Vermhlung und unser
Vermgen bezogen. Ich aber nahm indessen Natalien an der Hand und fhrte sie
durch das Bilder- und Lesezimmer in das Bcherzimmer, in welchem wir allein
waren. Dort stellte ich mich ihr gegenber und breitete die Arme aus. Sie
strzte an meine Brust. Wir umschlangen uns fest und weinten beide beinahe laut.
    Meine teure, meine einzige Natalie! sagte ich.
    O mein geliebter, mein teurer Gatte, antwortete sie, dieses Herz gehrt
nun ewig dir, habe Nachsicht mit seinen Gebrechen und seiner Schwche.
    O mein teures Weib, entgegnete ich, ich werde dich ohne Ende ehren und
lieben, wie ich dich heute ehre und liebe. Habe auch du Geduld mit mir.
    O Heinrich, du bist ja so gut, antwortete sie.
    Natalie, ich werde suchen, jeden Fehler dir zu Liebe abzulegen, erwiderte
ich, und bis dahin werde ich jeden so verhllen, da er dich nicht verwunde.
    Und ich werde bestrebt sein, dich nie zu krnken, antwortete sie.
    Alles wird gut werden, sagte ich.
    Es wird alles gut werden, wie unser zweiter Vater gesagt hat, antwortete
sie.
    Ich fhrte sie nher an das Fenster, und da standen wir und hielten uns an
den Hnden. Die Frhlingssonne schien herein, und neben den Diamanten glnzten
die Tropfen, die auf ihr schnes Kleid gefallen waren.
    Natalie, bist du glcklich? sagte ich nach einer Weile.
    Ich bin es im hohen Mae, antwortete sie, mgest du es auch sein.
    Du bist mein Kleinod und mein hchstes Gut auf dieser Erde, erwiderte ich,
es ist mir noch wie im Traume, da ich es errungen habe, und ich will es
erhalten, so lange ich lebe.
    Ich kte sie auf den Mund, den sie freundlich bot. In ihre feinen Wangen
war das Rot zurckgekehrt.
    In diesem Augenblicke hrten wir Tritte in dem Nebenzimmer, und Mathilde,
meine Mutter, Risach, mein Vater und Klotilde, die uns gesucht hatten, traten
ein.
    Mutter, teure Mutter, sagte ich zu Mathilden, indem ich allen entgegen
ging, Mathildens Hand fate und sie zu kssen strebte. Mathilde hatte sich nie
die Hand von irgend jemanden kssen lassen. Dieses Mal erlaubte sie, da ich es
tue, indem sie sanft sagte: Nur das eine Mal.
    Dann kte sie mich auf die Stirne und sagte: Sei so glcklich, mein Sohn,
als du es verdienst, und als es die wnscht, die dir heute ihr halbes Leben
gegeben hat.
    Risach sagte zu mir: Mein Sohn, ich werde dich jetzt du nennen, und du mut
zu mir wie zu deinem ersten Vater auch dies Wrtchen sagen - mein Sohn, nach
dem, was heute vorgefallen, ist deine erste Pflicht, ein edles, reines,
grundgeordnetes Familienleben zu errichten. Du hast das Vorbild an deinen Eltern
vor dir, werde, wie sie sind. Die Familie ist es, die unsern Zeiten not tut, sie
tut mehr not als Kunst und Wissenschaft, als Verkehr, Handel, Aufschwung,
Fortschritt, oder wie alles heit, was begehrungswert erscheint. Auf der Familie
ruht die Kunst, die Wissenschaft, der menschliche Fortschritt, der Staat. Wenn
Ehen nicht beglcktes Familienleben werden, so bringst du vergeblich das Hchste
in der Wissenschaft und Kunst hervor, du reichst es einem Geschlechte, das
sittlich verkommt, dem deine Gabe endlich nichts mehr ntzt, und das zuletzt
unterlt, solche Gter hervor zu bringen. Wenn du auf dem Boden der Familie
einmal stehend - viele schlieen keine Ehe, und wirken doch Groes - wenn du
aber auf dem Boden der Familie einmal stehst, so bist du nur Mensch, wenn du
ganz und rein auf ihm stehst. Wirke dann auch fr die Kunst oder fr die
Wissenschaft, und wenn du Ungewhnliches und Ausgezeichnetes leistest, so wirst
du mit Recht gepriesen, ntze dann auch deinen Nachbarn in gemeinschaftlichen
Angelegenheiten, und folge dem Rufe des Staates, wenn es not tut. Dann hast du
dir gelebt und allen Zeiten. Gehe nur den Weg deines Herzens wie bisher, und
alles wird sich wohl gestalten.
    Ich reichte ihm die Hand, er zog mich an sich und kte mich auf den Mund.
    Natalie war indessen in den Armen meiner Mutter, meines Vaters und
Klotildens gewesen.
    Er wird gewi bleiben, wie er heute ist, sagte sie, wahrscheinlich auf
einen Wunsch fr die Zukunft antwortend.
    Nein, mein teures Kind, sagte meine Mutter, er wird nicht so bleiben, das
weit du jetzt noch nicht: er wird mehr werden, und du wirst mehr werden. Die
Liebe wird eine andere, in vielen Jahren ist sie eine ganz andere; aber in jedem
Jahre ist sie eine grere, und wenn du sagst, jetzt lieben wir uns am meisten,
so ist es in kurzem nicht mehr wahr, und wenn du statt des blhenden Jnglings
einst einen welken Greis vor dir hast, so liebst du ihn anders, als du den
Jngling geliebt hast; aber du liebst ihn unsglich mehr, du liebst ihn treuer,
ernster und unzerreibarer.
    Mein Vater wandte sich ab und fuhr sich mit der Hand ber die Augen.
    Meine Mutter kte Natalien noch einmal und sagte: Du liebe, gute, teure
Tochter.
    Natalie gab den Ku zurck und schlang die Arme um den Hals meiner Mutter.
    Kinder, jetzt mssen wir zu den andern gehen, sagte Risach.
    Wir gingen in den Saal. Dort gab Risach Papiere in die Hnde Nataliens. Sie
legte sie in die meinigen. Mein Vater gab mir auch Papiere. Alle Anwesenden
wnschten uns nun Glck, vor allen Gustav, den ich die letzte Zeit her gar nicht
gesehen hatte. Er fiel der Schwester um den Hals und auch mir. In seinen schnen
Augen perlten Trnen. Dann beglckwnschten uns Eustach, Roland, die vom
Inghofe, der Pfarrer von Rohrberg, der mich auf unser erstes Zusammentreffen in
diesem Hause an jenem Gewitterabende erinnerte, und alle andern.
    Risach sagte, da jetzt jedem zwei Stunden zur Verfgung gegeben seien, dann
msse sich alles in dem Marmorsaale zu einem kleinen Mahle versammeln.
    Natalie wurde von ihren Trauungsjungfrauen in die Gemcher ihrer Mutter
gefhrt, da sie dort die Trauungsgewnder ablege. Ich ging in meine Wohnung,
kleidete mich um, und verschlo die Papiere, ohne sie anzusehen. Nach einer
geraumen Zeit ging ich in das Vorzimmer zu Mathildens Wohnung und fragte, ob
Natalie schon in Bereitschaft sei, ich liee bitten, mit mir einen kurzen Gang
durch den Garten zu machen. Sie erschien in einem schnen, aber sehr einfachen
Seidenkleide, und ging mit mir die Treppe hinab. Sie reichte mir den Arm, und
wir wandelten eine Zeit unter den groen Linden und auf anderen Gngen des
Gartens herum.
    Nachdem die zwei Stunden verflossen waren, wurde mit der Glocke das Zeichen
zum Mahle gegeben. Alles begab sich in den Saal und erhielt dort seine Sitze
angewiesen. Das Mahl war, wie gewhnlich bei Risach, einfach, aber vortrefflich.
Fr Kenner und Liebhaber standen sehr edle Weine bereit. Es war nie in dem Saale
ein Mahl abgehalten worden, und der Ernst des Marmors, bemerkte mein gewesener
Gastfreund, drfe nur in den Ernst des edelsten Weines nieder blicken.
Trinksprche wurden ausgebracht, und sogar Reime auf ewiges Wohl hergesagt.
    Habe ich es gut gemacht, Natta, sagte mein einstiger Gastfreund, da ich
dir den rechten Mann ausgesucht habe? Du meintest immer, ich verstnde mich
nicht auf diese Dinge, aber ich habe ihn auf den ersten Blick erkannt. Nicht
blo die Liebe ist so schnell wie die Elektrizitt, sondern auch der
Geschftsblick.
    Aber Vater, sagte Natalie errtend, wir haben ja ber diesen Gegenstand
nie gestritten, und ich konnte dir die Fhigkeit nicht absprechen.
    So hast du dir es gewi gedacht, erwiderte er, aber richtig habe ich doch
geurteilt: er war immer sehr bescheiden, hat nie vorlaut geforscht und gedrngt,
und wird gewi ein sanfter Mann werden.
    Und du, Heinrich, sagte er nach einer Weile, werde darum nicht stolz.
Verdankst du mir nicht endlich ganz und gar alles? Du hast einmal, da du zum
ersten Male in diesem Hause warst, in der Schreinerei gesagt, da der Wege sehr
verschiedene sind, und da man nicht wissen knne, ob der, der dich eines
Gewitters wegen zu mir herauf gefhrt hat, nicht ein sehr guter Weg gewesen ist,
worauf ich antwortete, da du ein wahres Wort gesprochen habest, und da du es
erst recht einsehen werdest, wenn du lter bist; denn in dem Alter, dachte ich
mir damals, bersieht man erst die Wege, wie ich die meinigen bersehen habe.
Wer htte aber damals geglaubt, da mein Wort die Bedeutung bekommen werde, die
es heute hat? Und alles hing davon ab, da du hartnckig gemeint hast, ein
Gewitter werde kommen, und da du meinen Gegenreden nicht geglaubt hast.
    Darum, Vater, war es Fgung, und die Vorsicht selber hat mich zu meinem
Glcke gefhrt, sagte ich.
    Die alte Frau, die in dem dunkeln Stadthause unsere Wohnungsnachbarin und
zuweilen unser Gast war, sagte mein Vater, hat dir, Heinrich, die Weissagung
gemacht, es werde recht viel aus dir werden: und nun bist du blo, wie du selber
sagst, glcklich geworden.
    Das andere wird kommen, riefen mehrere Stimmen.
    Eine gute Eigenschaft habe ich an deiner Gattin zu ihren andern Tugenden
entdeckt, fuhr mein Vater fort, sie ist nicht neugierig; oder hast du, liebe
Tochter, das Kstchen schon erffnet, welches ich dir gegeben habe?
    Nein, Vater, ich wartete auf deinen Wink, antwortete Natalie.
    So lasse das Kstchen bringen, entgegnete mein Vater.
    Es geschah. Der Faden mit dem Siegel wurde entzwei geschnitten, das Kstchen
geffnet, und auf weiem Samt lag ein auerordentlich schner Schmuck von
Smaragden. Ein allgemeiner Ruf der Verwunderung machte sich hrbar. Nicht nur
waren die Steine an sich, obwohl nicht zu den grten ihrer Art gehrend, sehr
schn, sondern die Fassung, die Steine nicht drckend, war doch so leicht und so
schn, da das Ganze wie ein zusammengehriges, in einander gewachsenes Werk,
wie ein wirkliches Kunstwerk erschien. Selbst Eustach und Roland sprachen ihre
Bewunderung aus, und vollends Risach. Sie versicherten, da sie keine neue
Arbeit gesehen htten, die dieser gliche.
    Dein Freund, mein Heinrich, hat diesen Schmuck fertigen lassen, sagte mein
Vater, wir haben Smaragde gewhlt, weil er eben sehr schne und in
erforderlicher Anzahl hatte, weil Smaragde unter allen farbigen Steinen den Ton
des weiblichen Halses und Angesichtes am sanftesten heben, und weil du tief
gefrbte und reine Smaragde so liebst. Und alle hier sind tief und rein. Wir
haben gesucht, nach deinen Grundstzen die Steine fassen zu lassen. Es sind
viele Zeichnungen gemacht, gewhlt, verworfen und wieder gewhlt worden. Es
drfte der beste Zeichner unserer Stadt sein, der endlich das Vorliegende
zusammen gestellt hat. Es wurde hierauf beinahe Tag und Nacht gearbeitet, um zu
rechter Zeit fertig zu sein. Geffnet sollte das Kstchen darum nicht werden,
damit meine Tochter nicht etwa blo mir zu Liebe diesen Schmuck an ihrem
Trauungstage nehme, und einen schneren und kostbareren, den sie besitze, zu
ihrem Leidwesen ruhen lasse.
    Sie besitzt keinen schneren, erwiderte Risach, wir haben den, welchen
sie heute trug, nach Zeichnungen, die wir aus mittelalterlichen Gegenstnden
frei zusammen trugen, ebenfalls bei Heinrichs Freunde verfertigen lassen.
Mathilde, la doch den Schmuck herbei bringen, da wir beide vergleichen.
    Mathilde reichte an Natalien ein Schlsselchen, und diese holte selber das
Fach, in welchem der Schmuck lag. Er war eine Zusammensetzung von Diamanten und
Rubinen. Er sah so zart, rein und edel aus, wie ein in Farben gesetztes
mittelalterliches Kunstwerk. Ein wahrer Zauber lag um diese Innigkeit von
Wasserglanz und Rosenrte in die sinnigen Gestalten verteilt, die nur aus den
Gedanken unserer Vorfahren so genommen werden knnen. Und dennoch stand nach
einstimmigem Urteile der Smaragdschmuck nicht zurck. Der Knstler der Gegenwart
kam zu Ehren.
    Es ist aber auch keiner in unserer Stadt und vielleicht in weiten Kreisen,
der so zeichnen kann, sagte mein Vater, er huldigt keinem Zeitgeschmacke,
sondern nur der Wesenheit der Dinge, und hat ein so tiefes Gemt, da der
hchste Ernst und die hchste Schnheit daraus hervorblicken. Oft wehte es mich
aus seinen Gestalten so an wie aus den Nibelungen oder wie aus der Geschichte
der Ottone. Wenn dieser Mann nicht so bescheiden wre und statt den Dingen,
womit man ihn berhuft, lieber groe Gemlde machte, er wrde seines Gleichen
jetzt nicht haben und nur mit den grten Meistern der Vergangenheit
zusammengestellt werden knnen.
    Ein Schmuck in seinem Fache, sagte eine Stimme, ist doch wie ein Bild
ohne Rahmen, oder noch mehr wie ein Rahmen ohne Bild.
    Freilich ist es so, entgegnete Risach, man kann jedes Ding nur an seinem
Platze beurteilen, und da mein Freund als mein Nebenbuhler aufgetreten ist, so
wre es nicht zu verwerfen - - Natta, bist du mein liebes Kind?
    Vater, wie gerne! antwortete diese.
    Sie stand von ihrem Stuhle auf, entfernte sich, und kam so gekleidet wieder,
da man ihr einen kostbaren Schmuck umlegen konnte. Es geschah zuerst mit den
Diamanten und Rubinen. Wie herrlich war Natalie, und es bewhrte sich, da der
Schmuck der Rahmen sei. Am Vormittage in beklemmenden und tieferen Gefhlen
befangen, konnte ich dem Schmucke keine Aufmerksamkeit schenken. Jetzt sah ich
die schnen Gestaltungen wie von einem sanften Scheine umgehen. Im Mittelpunkte
aller Blicke errtete die junge Frau, und die Rosen ihrer Farbe gaben den
Rubinen erst die Seele, und empfingen sie von ihnen. Der Ausdruck der
Bewunderung war allgemein. Hierauf wurde der Smaragdschmuck umgelegt. Aber auch
er war vollendet. Der dunkle, tiefe Stein gab der Oberflche von Nataliens
Bildungen etwas Ernstes, Feierliches, fremdartig Schnes. War der Diamantschmuck
wie fromm erschienen, so erschien der Smaragdschmuck wie heldenartig. Keiner
erhielt den Preis. Risach und der Vater stimmten selber berein. Natalie nahm
ihn wieder ab, beide Schmuckstcke wurden in ihre Fcher gelegt, Natalie trug
sie fort, und erschien nach einer Zeit wieder in ihrem frheren Anzuge.
    Bei dem Smaragdschmucke hatte sich etwas Aufflliges ereignet. Von ihm waren
die Ohrgehnge im Fache zurckgeblieben. Der Diamantschmuck enthielt keine
Ohrgehnge. Mathilde und Natalie trugen Ohrgehnge nicht, weil nach ihrer
Meinung der Schmuck dem Krper dienen soll. Wenn aber der Krper verwundet wird,
um Schmuck in die Verletzung zu hngen, werde er Diener des Schmuckes.
    Als noch immer von den Steinen gesprochen wurde, was ihre Bestimmung sei,
und wie sie sich auf dem Krper ganz anders ansehen lassen als in ihrem Fache,
sagte Eustach etwas, das mir als sehr wahr erschien: Was die innere Bestimmung
der Edelsteine ist, sprach er, kann nach meiner Meinung niemand wissen: fr
den Menschen sind sie als Schmuck an seinem Krper am schnsten, und zwar zuerst
an den Teilen, die er entblt trgt, dann aber an seinem Gewande, und an allem,
was sonst mit ihm in Berhrung kommt, wie Knigskronen, Waffen. An bloen
Gerten, wie wichtig sie sind, erscheinen die Steine als tot, und an Tieren sind
sie entwrdigt.
    Man sprach noch lnger ber diesen Gegenstand und erluterte ihn durch
Beispiele.
    Da heute unser Wettkampf unentschieden geblieben ist, sagte Risach zu
meinem Vater, so wollen wir nun sehen, wer mit geringerem Aufwande seinen Sitz
zu einem greren Kunstwerke machen kann, du deinen Drenhof, oder wenn du ihn
lieber Gusterhof nennen willst, oder ich meinen Asperhof.
    Du bist schon im Vorsprunge, entgegnete mein Vater, und hast gute
Zeichner bei dir; ich fange erst an, und mein Zeichner liefert mir
wahrscheinlich keine Zeichnung mehr.
    Wenn es uns im Asperhofe an Arbeit fehlt, so werden wir in den Drenhof
hinber geliehen, sagte Eustach.
    Auch dann, wenn wir hier Arbeit haben, erwiderte Risach, ich will dem
Feinde Waffen liefern.
    Der Nachmittag war ziemlich vorgerckt, und es fehlte nicht mehr viel zum
Abende. Das Mahl war schon lngst aus, und man sa nur mehr, wie es fter
geschieht, im Gesprche um den Tisch.
    Mir war schon lnger her das Benehmen des Grtners Simon aufgefallen; denn
er, so wie die vorzglicheren Diener des Hauses und Meierhofes, war zu Tische
geladen worden. Die andern hatten in dem Meierhofe ein Mahl. Ich hatte ihm am
Morgen zur Erinnerung an den heutigen Tag eine silberne Dose mit meinem Namen in
dem Deckel gegeben. Diese Dose hatte er bei sich auf dem Tische und sprach ihr
unruhig zu. Manches Mal flsterte er mit seinem Weibe, das an seiner Seite sa,
und fter ging er fort und kam wieder. Eben trat er nach einer solchen
Entfernung wieder in den Saal. Er setzte sich nicht und schien mit sich zu
kmpfen. Endlich trat er zu mir und sprach: Alles Gute belohnt sich, und Euch
erwartet heute noch eine groe Freude.
    Ich sah ihn befremdet an.
    Ihr habt den Cereus peruvianus vom Untergange gerettet, fuhr er fort,
wenigstens htte er leicht untergehen knnen, und Ihr seid Ursache gewesen, da
er in dieses Haus gekommen ist, und heute noch wird er blhen. Ich habe ihn
durch Kalte zurck zu halten gesucht, selbst auf die Gefahr hin, da er die
Knospe abwerfe, damit er nicht eher blhe als heute. Es ist alles gut gegangen.
Eine Knospe steht zum Entfalten bereit. In mehreren Minuten kann sie offen sein.
Wenn die Gesellschaft dem Gewchshause die Ehre antun wollte....
    Ja, Simon, ja, wir gehen hin, sagte mein Gastfreund.
    Sofort erhob man sich von dem Tische und rstete sich zu dem Gange in die
Gewchshuser. Simon hatte alles andere um die Stelle des Peruvianus, der in ein
eigenes Glashuschen hinein ragte, entfernt und Platz zum Betrachten der Pflanze
gemacht. Die Blume war, da wir hinkamen, bereits offen. Eine groe, weie,
prachtvolle, fremdartige Blume. Alles war einstimmig im Lobe derselben.
    So viele Menschen den Peruvianus haben, sagte Simon, denn gar selten ist
er eben nicht, so mchtig gro sie auch seinen Stamm ziehen, so selten bringen
sie ihn zur Blte. Wenige Menschen in Europa haben diese weie Blume gesehen.
Jetzt ffnet sie sich, morgen mit Tagesanbruch ist sie hin. Sie ist kostbar mit
ihrer Gegenwart. Mir ist es geglckt, sie blhen zu machen - und gerade heute. -
Es ist ein Glck, das die wahrste Freude hervorbringen mu.
    Wir blieben ziemlich lange, und erwarteten das vllige Entfalten.
    Es kommen auch nicht viele Blumen wie bei gemeinen Gewchsen hervor, sagte
Simon wieder, sondern stets nur eine, spter etwa wieder eine.
    Mein Gastfreund schien wirklich Freude an der Blume zu haben, ebenso auch
Mathilde. Natalie und ich dankten Simon besonders fr seine groe Aufmerksamkeit
und sagten, da wir ihm diese berraschung nie vergessen werden. Dem alten Manne
standen die Trnen in den Augen. Er hatte Lampen um die Blume angebracht, die
bei hereinbrechender Dmmerung angezndet werden sollten, wenn etwa jemand die
Blume in der Nacht betrachten wolle. Bei lngerem Anschauen gefiel uns die Blume
immer mehr. Es drften in unsern Grten wenige sein, die an Seltsamkeit,
Vornehmheit und Schnheit ihr gleichen. Von den Anwesenden hatte sie nie einer
gesehen. Wir gingen endlich fort, und der eine und der andere versprach, im
Laufe des Abends noch einmal zu kommen.
    Da wir auf dem Rckwege waren und an dem Gebsche, das sich in der Nhe des
Lindenganges befindet, vorbeigingen, ertnte dicht am Wege in den Bschen ein
Zitherklang. Risach, welcher meine Mutter fhrte, blieb stehen, ebenso mein
Vater und Mathilde, und dann auch die andern, die sich eben in unserer Nhe
befanden. Ich war mit Natalien mehr gegen den Busch getreten; denn ich erkannte
augenblicklich den Klang meines Zitherspiellehrers. Er trug eine ihm
eigentmliche Weise vor, dann hielt er inne, dann spielte er wieder, dann hielt
er wieder inne, und so fort. Es waren lauter Weisen, die er selber ersonnen
hatte, oder die ihm vielleicht eben in dem Augenblicke in den Sinn gekommen
waren. Er spielte mit aller Kraft und Kunst, die ich an ihm so oft bewundert
hatte, ja er schien heute noch besser als je zu spielen. Es war, als wenn er
nichts auf Erden liebte als seine Zither. Alles, was sich in der Nhe befand,
lauschte unbeweglich, und nicht einmal ein Zeichen eines Beifalles wurde laut.
Nur Mathilde sah einmal auf Natalien hin, und zwar so bedeutsam, als wollte sie
sagen: das haben wir nicht gehrt, und das vermgen wir nicht hervorzubringen.
Die Zither war ein lebendiges Wesen, das in einer Sprache sprach, die allen
fremd war, und die alle verstanden. Als die Tne endlich nicht mehr wieder
beginnen zu wollen schienen, trat ich mit Natalien ins Gebsch, und da sa mein
Zitherspiellehrer an einem Tischchen und hatte seine Zither vor sich. Sein Anzug
war graues Tuch und sehr abgetragen, sein grner Hut lag neben der Zither auf
dem Tische.
    Joseph, bist du wieder in der Gegend? fragte ich ihn.
    So recht nicht, antwortete er, ich bin gekommen, Euch auf der Hochzeit
einmal gut aufzuspielen.
    Das hast du getan, und das kann keiner so, sagte ich, du sollst dafr
eine Freude haben, und ich wei dir eine zu verschaffen, welche dir die grte
ist. Bessere Hnde knnen das, was ich dir geben will, nicht fassen, als die
deinen. Das Rechte mu zusammenkommen. Ich bin dir ohnehin auch noch einen Dank
schuldig fr dein eifriges Lehren und fr deine Begleitung im Gebirge.
    Dafr habt Ihr mich bezahlt, und das Heutige tat ich freiwillig, sagte er.
    Warte nur einige Tage hier, dann wirst du empfangen, was ich meine, sprach
ich.
    Ich warte gerne, erwiderte er.
    Du sollst gut gehalten sein, sagte ich.
    Indessen waren alle andern auch herbeigekommen und berschtteten den Mann
mit Lob. Risach lud ihn ein, eine Weile in seinem Hause zu bleiben. Er spielte
noch einige Weisen, er verga beinahe, da ihm jemand zuhre, spielte sich
hinein, und hrte endlich auf, ohne auf die Umstehenden Rcksicht zu nehmen,
genau so, wie er es immer tat. Wir entfernten uns dann.
    Ich rief sogleich den Hausverwalter herbei, sagte ihm, er mge mir einen
Boten besorgen, welcher auf der Stelle in das Echertal abzugehen bereit sei. Der
Hausverwalter versprach es. Ich schrieb einige Zeilen an den Zithermacher, legte
das ntige Geld bei, versprach noch mehr zu senden, wenn es ntig sein sollte,
und verlangte, da er die dritte Zither, welche die gleiche von der meinigen und
der meiner Schwester sei, in eine Kiste wohlverpackt dem Boten mitgebe, der den
Brief bringt. Der Bote erschien, ich gab ihm das Schreiben und die ntigen
Weisungen, und er versprach, die heutige Nacht zu Hilfe zu nehmen und in
krzester Frist zurck zu sein. Ich hielt mich nun fr sicher, da nicht etwa im
letzten Augenblicke die Zither wegkomme, wenn sie berhaupt noch da sei.
    Indessen war es tief Abend geworden. Ich ging mit Natalien und Klotilden
noch einmal zu dem Cereus peruvianus, der im Lampenlichte fast noch schner war.
Simon schien bei ihm wachen zu wollen. Immer gingen Leute ab und zu. Joseph
hrten wir auch noch einmal spielen. Er spielte in der groen unteren Stube, wir
traten ein, er hatte guten Wein vor sich, den ihm Risach gesendet hatte. Das
ganze Hausvolk war um ihn versammelt. Wir hrten lange zu, und Klotilde begriff
jetzt, warum ich im Gebirge so gestrebt habe, da sie diesen Mann hre.
    Ein Teil der Gste hatte noch heute das Haus verlassen, ein anderer wollte
es bei Anbruch des nchsten Tages tun, und einige wollten noch bleiben.
    Im Laufe des folgenden Vormittages, da sich die Zahl der Anwesenden schon
sehr gelichtet hatte, kamen noch einige Geschenke zum Vorscheine. Risach fhrte
uns in das Vorratshaus, welches neben dem Schreinerhause war. Dort hatte man
einen Platz geschafft, auf welchem mehrere mit Tchern verhllte Gegenstnde
standen. Risach lie den ersten enthllen, es war ein kunstreich geschnittener
Tisch, und hatte den Marmor als Platte, welchen ich einst meinem Gastfreunde
gebracht hatte, und ber dessen Schicksal ich spter in Ungewiheit war.
    Die Platte ist schner als tausende, sagte Risach, darum gebe ich das
Geschenk meines einstigen Freundes in dieser Gestalt meinem jetzigen Sohne.
Keinen Dank, bis alles vorber ist.
    Nun wurde ein groer, hoher Schrein enthllt.
    Ein Scherz von Eustach an dich, mein Sohn, sagte Risach.
    Der Schrein war von allen Hlzern, welche unser Land aufzuweisen hat, in
eingelegter Arbeit verfertigt. Eustach hatte die Zusammenstellung entworfen. Die
Sache sah auerordentlich reizend aus. Ich hatte bei meinem Winterbesuche im
Asperhofe an diesem Schreine arbeiten gesehen. Ich hatte damals die Ansammlung
von Hlzern seltsam gefunden, auch hatte ich den Zweck des Schreines nicht
erkannt. Er war in mein Arbeitszimmer fr meine Mappen bestimmt.
    Zuletzt wurden mehrere Gegenstnde enthllt. Es waren die Ergnzungen zu
meines Vaters Vertflungen. Das war gleich auf den ersten Blick zu erkennen und
erregte Freude; aber o6 sie die rechten oder nachgebildete seien, war nicht zu
entscheiden. Risach klrte alles auf. Es waren nachgebildete. Zu diesem Behufe
hatte man von mir die Abbildungen der Vertflungen des Vaters verlangt. Roland
hatte vergeblich nach den echten geforscht. Er hatte Messungen nach den
vorhandenen Resten vorgenommen und nach Orten gesucht, auf welche die Messungen
paten. In einem abgelegenen Teile der Holzbauten des steinernen Hauses hatte er
endlich Bohlen gefunden, welche den Messungen genau entsprachen. Die Bohlen
waren teils vermorscht, teils zerrissen, und trugen die Verletzungen, wie man
die Schnitzereien von ihnen herab gerissen hatte. Es war nun fast gewi, da die
Ergnzungen verloren gegangen seien. Man machte daher die Nachbildungen. In
demselben Winterbesuche hatte ich auch das Bohlenwerk zu diesen Schnitzereien
gesehen. Mein Vater erklrte die Arbeit fr auerordentlich schn.
    Sie hat auch lange gedauert, mein lieber Freund, sagte Risach, aber wir
haben sie fr dich zu Stande gebracht, und sie wird genau in dein Glashuschen
passen oder leicht einzupassen sein; auer du zgest vor, die Schnitzereien in
den Drenhof bringen zu lassen.
    So wird es auch geschehen, mein Freund, sagte mein Vater.
    Nun ging es erst an ein Danksagen und an ein Ausdrcken der Freude. Die
Geber lehnten jeden Dank von sich ab. Man beschlo, die Gegenstande in kurzer
Zeit auf ihren Bestimmungsort zu bringen.
    An diesem Tage und in den folgenden verlieen uns nach und nach alle
Fremden, und erst jetzt begann ein liebes Leben unter lauter Angehrigen. Risach
hatte fr mich und Natalien eine sehr schne Wohnung herrichten lassen. Sie
konnte nicht gro sein, war aber sehr zierlich. In den zwei Jahren meiner
Abwesenheit waren ihre Wnde bekleidet und waren neue, ausgezeichnete Gerte fr
sie angeschafft worden. Wir beschlossen aber, unsere regelmige Wohnung so
lange in dem Sternenhofe aufzuschlagen, bis ihn Gustav wrde bernehmen knnen,
damit Mathilde in der Zwischenzeit nicht zu vereinsamt wre. Dabei wrde ich oft
in den Asperhof kommen, um mit Risach zu beratschlagen oder zu arbeiten, oft
wrden auch die andern kommen, und oft wrden wir uns da oder im Gusterhofe oder
im Sternenhofe oder in der Stadt besuchen und zeitweilig dort wohnen. Mit
Natalien hatte ich eine grere Reise vor. Fr den Fall, da ich in was immer
fr Angelegenheiten abwesend sein sollte, nahm jedes Haus das Recht in Anspruch,
Natalien beherbergen zu drfen. Der Zitherspieler spielte tglich und oft
ziemlich lange vor uns. Am fnften Tage kam die Zither. Ich berreichte sie ihm,
und er, da er sie erkannte, wurde fast bla vor Freude. Dieses Geschenk durfte
das beste fr ihn genannt werden; von diesem Geschenke wird er sich nicht
trennen, whrend es von jedem andern zweifelhaft wre, ob er es nicht
verschleudere. Als er die Zither gestimmt und auf ihr gespielt hatte, sahen wir
erst, wie trefflich sie sei. Er wollte fast gar nicht aufhren zu spielen.
Risach lie ihm noch ber ihr Fach ein wasserdichtes Lederbehltnis machen. Nach
mehreren Tagen nahm er Abschied und verlie uns.
    Wir machten alle eine kleine Reise in das Ahornwirtshaus, und ich stellte
Kaspar und alle andern, die mit mir in Verbindung gewesen waren, Risach,
Mathilden, meinen Eltern und Natalien vor. Wir blieben sechs Tage in dem
Ahornhause. Von da gingen wir in den Sternenhof. Die Tnche war nun berall von
ihm weggenommen worden, und er stand in seiner reinen, ursprnglichen Gestalt
da. Auch hier wurden wir in die Wohnung eingefhrt, die whrend meiner
Abwesenheit fr uns hergestellt worden war. Sie konnte in dem weitlufigen
Gebude viel grer sein als die im Asperhofe. Sie war zu einer vollstndigen
Haushaltung hergerichtet.
    Von dem Sternenhofe gingen wir in die Stadt. Dort machten wir alle Besuche,
welche in den Kreisen meiner Eltern und in denen Mathildens notwendig waren.
Risach stellte manchem Freunde seine angenommene und neuvermhlte Tochter nebst
ihrem Gatten und ihrer Mutter vor. Ich erfuhr, da meine Vermhlung mit Natalie
Tarona Aufsehen errege; ich erfuhr, da insbesonders einige meiner Freunde - sie
hatten sich wenigstens immer so genannt - geuert haben, das sei unbegreiflich.
Nataliens Neigung zu mir war mir stets ein Geschenk und daher unbegreiflich; da
aber nun diese es aussprachen, begriff ich, da es nicht unbegreiflich sei. Ich
besuchte meinen Juwelenfreund, der wirklich ein Freund geblieben war. Er hatte
die innigste Freude ber mein Glck. Ich fhrte ihn in unsere Familien ein.
Bekannt war er mit allen Teilen schon lange gewesen. Ich dankte ihm sehr fr die
prachtvolle Fassung der Diamanten und Rubinen und des Smaragdschmuckes. Er
fhlte sich ber Risachs und meines Vaters Urteil sehr beglckt.
    Wenn wir solche Kunden in groer Zahl htten, wie diese zwei Mnner sind,
teurer Freund, sagte er, dann wrde unsere Beschftigung bald an die Grenzen
der Kunst gelangen, ja sich mit ihr vereinigen. Wir wrden freudig arbeiten, und
die Kufer wrden erkennen, da die geistige Arbeit auch einen Preis habe wie
die Steine und das Gold.
    Ich nahm bei ihm eine sehr wertvolle und mit Kunst verzierte Uhr als
Gegenscherz fr Eustachs Mappenschrein. Klotilde hatte sie ausgewhlt. Fr
Roland lie ich einen Rubin in einen Ring fassen, da er ihn zur Erinnerung an
mich trage und meine Dankbarkeit fr seine Bemhungen zur Auffindung der
Ergnzungen der Pfeilerverkleidungen anerkenne.
    Er ist ohnehin ein Nebenbuhler von mir, sagte ich, er hat Natalien oft
lange und bedeutend angesehen.
    Das hat einen sehr unschuldigen Grund, entgegnete mein Gastfreund, Roland
erwarb sich ein Liebchen mit gleichen Augen und Haaren, wie sie Natalie besitzt.
Er hat uns das fter gesagt. Das Mdchen ist die Tochter eines Forstmeisters im
Gebirge und ihm uerst zugetan. Da nun der Arme ihren Anblick oft lange
entbehren mu? so sah er zur Erquickung Natalien an. Es hat Schwierigkeiten mit
diesem jungen Manne, ich wnsche sein Wohl. Er kann ein bedeutender Knstler
werden, oder auch ein unglcklicher Mensch, wenn sich nmlich sein Feuer, das
der Kunst entgegen wallt, von seinem Gegenstande abwendet und sich gegen das
Innere des jungen Mannes richtet. Ich hoffe aber, da ich alles werde ins
Gleiche bringen knnen.
    Da alle notwendigen Dinge in der Stadt abgetan waren, wurde die Rckreise
angetreten, und zwar in den Asperhof. Die Zeit der Rosenblte war herangerckt,
und heuer sollte sie von den vereinigten Familien als ein Denkzeichen der
Vergangenheit und aber auch als eins der Zukunft zum ersten Male in dieser
Vereinigung und mit besonderer Festlichkeit begangen werden. Mein Vater sollte
sehen, welche Gewalt die Menge und die Mannigfaltigkeit auszuben im Stande ist,
wenn diese Menge und Mannigfaltigkeit auch nur lauter Rosen sind. Nach Verlauf
der Rosenblte sollte alles und jedes, das durch diese Vermhlung unterbrochen
worden war, in das alte Geleise zurckkehren.
    Da wir in dem Asperhofe angekommen waren, gelangte ich erst zu einiger Ruhe.
Da sah ich auch gelegentlich die Papiere an, die uns Risach und der Vater
gegeben hatten, und erstaunte sehr. Beide enthielten fr uns viel mehr, als wir
nur entfernt vermutet hatten. Risach wollte bis zu seinem Tode das Haus in der
Art wie bisher fort bewirtschaften, damit, wie er sagte, er seinen Nachsommer
bis zum Ende ausgenieen knne. Unser Rat und unsere Hilfe in der
Bewirtschaftung wird ihm Freude machen. Einen namhaften Teil seiner Barschaft
hatte er uns bergeben. Und weil fter zwei Familien in dem Asperhofe sein
knnen, so lagen den Papieren Plane bei, da auf einem schnen Platze zwischen
dem Rosenhause und dem Meierhofe hart am Getreide ein neues Haus aufgefhrt und
sogleich zum Baue geschritten werden mge. Aber auch das von dem Vater uns
bergebene war der gesamten Habe Risachs ebenbrtig, und bertraf weit meine
Erwartungen. Als wir unsern Dank abstatteten und ich mein Befremden ausdrckte,
sagte der Vater: Du kannst darber ganz ruhig sein; ich tue mir und Klotilden
keinen Abbruch. Ich habe auch meine heimlichen Freuden und meine Leidenschaften
gehabt. Das geben verachtete brgerliche Gewerbe eben, brgerlich und schlicht
betrieben. Was unscheinbar ist, hat auch seinen Stolz und seine Gre. Jetzt
aber will ich der Schreibstubenleidenschaft, die sich nach und nach eingefunden,
Lebewohl sagen und nur meinen kleineren Spielereien leben, da ich auch einen
Nachsommer habe wie dein Risach.
    Als wir einige Zeit in dem Rosenhause verweilt hatten, traten eines Tages
Natalie und ich zu unserem neuen Vater und baten ihn, er mge ein Versprechen
von uns annehmen, dessen Annahme uns sehr freuen wrde.
    Und was ist das? fragte er.
    Da wir, wenn du uns dereinst in dieser Welt frher verlassen solltest als
wir dich, keine Vernderung in allem, wie es sich in dem Hause und in der
Besitzung vorfindet, machen wollen, damit dein teures Andenken bestehe und
forterbe, sagten wir.
    Da tut ihr zu viel, antwortete er, ihr versprecht etwas, dessen Gre ihr
nicht kennt. Diese Bande darf ich nicht um euren Willen und eure Verhltnisse
legen, sie knnten von den belsten Folgen sein. Wollt ihr mein Gedchtnis in
mannigfachem Bestehenlassen ehren, tut es, und pflanzt auch euren Nachkommen
diesen Sinn ein sonst ndert, wie ihr wnscht, und wie es not tut. Wir wollen,
so lange ich lebe, selber noch mit einander ndern, verschnern, bauen; ich will
noch eine Freude haben, und mit euch zu ndern und zu wirken ist mir lieber, als
wenn ich es allein tue.
    Aber der Erlenbach mu als Denkmal der schnen Gerte bestehen bleiben.
    Setzt eine Urkunde auf, da ihm nichts angetan werde von Geschlecht zu
Geschlecht, bis seine Reste vermodern, oder ein Wolkengu ihn von seiner Stelle
feget.
    Er kte Natalien, wie er gerne tat, auf die Stirne, mir reichte er die
Hand.
    Als die Rosenzeit wirklich recht innig und zum Staunen meiner Angehrigen,
welche so etwas nie gesehen hatten, vorber gegangen war, nahmen wir Abschied,
die Vereinigung, welche nun so lange bestanden hatte, lste sich, und die Tage
kehrten in ihren gewhnlichen Abflu zurck. Meine Eltern gingen mit Klotilden
in den Gusterhof, wo sie bis zum Winter bleiben wollten, und ich siedelte mit
Natalien in unsere stndige Wohnung, in den Sternenhof ber. Wir sollten nun die
eigentliche Familie desselben sein, Mathilde werde bei uns wohnen und mit an
unserem Tische speisen. Die Bewirtschaftung des Gutes sollte ebenfalls ich
leiten. Ich bernahm die Pflicht und bat um Mathildens Beihilfe, so ausgedehnt
sie dieselbe leisten wolle. Sie sagte es zu.
    So rckte nun die Zeit in ihr altes Recht, und ein einfaches, gleichmiges
Leben ging Woche nach Woche dahin.
    Nur im Herbste fand eine Abwechslung statt. Die Vettern aus dem Geburtshause
des Vaters besuchten meine Eltern in dem Gusterhofe. Wir fuhren zu ihnen
hinber. Der Vater lie sie reichlich beschenkt in einem Wagen in ihre Heimat
zurckfhren.
    Mit Beginn des Winters war Rolands Bild fertig. Es war seiner Gre willen
zu rollen, hatte einen groen Goldrahmen, der zu zerlegen war, und wurde in dem
Marmorsaale auf einer Staffelei aufgestellt. Wir reisten alle in den Asperhof.
Das Bild wurde vielfach betrachtet und besprochen. Roland war in einer
gehobenen, schwebenden Stimmung; denn was auch die Meinung seiner Umgebung war,
wie sehr sie auch das Hervorgebrachte lobte und wohl auch Hindeutungen gab, was
noch zu verbessern wre: so mochte ihm sein Inneres versprechen, da er einmal
vielleicht noch weit Hheres, ja ein ganz Groes zu Stande zu bringen vermgen
werde. Risach sagte ihm die Mittel zu, reisen zu knnen, und ordnete die
Zubereitung zu einer baldigen Abreise nach Rom an. Gustav mute noch den Winter
im Asperhofe zubringen. Im Frhlinge sollte er endlich in die Welt gehen.
    So waren nun mannigfaltige Beziehungen geordnet und geknpft.
    Mathilde hatte einmal, da ich sie im Sternenhofe besuchte, zu mir gesagt,
das Leben der Frauen sei ein beschrnktes und abhngiges, sie und Natalie htten
den Halt von Verwandten verloren, sie mten manches aus sich schpfen, wie ein
Mann, und in dem Widerscheine ihrer Freunde leben. Das sei ihre Lage, sie daure
ihrer Natur nach fort und gehe ihrer Entwicklung entgegen. Ich hatte mir die
Worte gemerkt und hatte sie tief ins Herz genommen.
    Ein Teil dieser Entwicklung, glaubte ich nun, war gekommen, der zweite wird
mit Gustavs Ansiedlung eintreten. An mir hatten die Frauen wieder einen Halt
gewonnen, da sich ein fester Kern ihres Daseins wieder darstelle; ein neues
Band war durch mich von ihnen zu den Meinigen geschlungen, und selbst das
Verhltnis zu Risach hatte an Rundung und Festigkeit gewonnen. Den Abschlu der
Familienzusammengehrigkeit wird dann Gustav bringen.
    Was mich selber anbelangt, so hatte ich nach der gemeinschaftlichen Reise in
die hheren Lande die Frage an mich gestellt, ob ein Umgang mit lieben Freunden,
ob die Kunst, die Dichtung! die Wissenschaft das Leben umschreibe und vollende,
oder ob es noch ein Ferneres gbe, das es umschliee und es mit weit grerem
Glck erflle. Dieses grere Glck, ein Glck, das unerschpflich scheint, ist
mir nun von einer ganz anderen Seite gekommen, als ich damals ahnte. Ob ich es
nun in der Wissenschaft, der ich nie abtrnnig werden wollte, weit werde bringen
knnen, ob mir Gott die Gnade geben wird, unter den Groen derselben zu sein,
das wei ich nicht; aber eines ist gewi, das reine Familienleben, wie es Risach
verlangt, ist gegrndet, es wird, wie unsre Neigung und unsre Herzen verbrgen,
in ungeminderter Flle dauern, ich werde meine Habe verwalten, werde sonst noch
ntzen, und jedes, selbst das wissenschaftliche Bestreben hat nun Einfachheit,
Halt und Bedeutung.
