
                                 Raabe, Wilhelm

                         Die Chronik der Sperlingsgasse

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                                 Wilhelm Raabe

                         Die Chronik der Sperlingsgasse

                                                                 Am 15. November

Es ist eigentlich eine bse Zeit! Das Lachen ist teuer geworden in der Welt,
Stirnrunzeln und Seufzen gar wohlfeil. Auf der Ferne liegen blutig dunkel die
Donnerwolken des Krieges, und ber die Nhe haben Krankheit, Hunger und Not
ihren unheimlichen Schleier gelegt; - es ist eine bse Zeit! Dazu ist's Herbst,
trauriger melancholischer Herbst, und ein feiner, kalter Vorwinterregen rieselt
schon wochenlang herab auf die groe Stadt; - es ist eine bse Zeit! Die
Menschen haben lange Gesichter und schwere Herzen, und wenn sich zwei Bekannte
begegnen, zucken sie die Achsel und eilen fast ohne Gru aneinander vorber; -
es ist eine bse Zeit! - Mimutig hatte ich die Zeitung weggeworfen, mir eine
frische Pfeife gestopft, ein Buch herangenommen und aufgeschlagen, Es war ein
einfaches altes Buch, in welches Meister Daniel Chodowiecki gar hbsche Bilder
gezeichnet hatte: Asmus omnia sua secum portans, der prchtige Wandsbecker Bote
des alten Matthias Claudius, weiland homme de lettres zu Wandsbeck, und recht
ein Tag war's, darin zu blttern. Der Regen, das Brummen und Poltern des Feuers
im Ofen, der Widerschein desselben auf dem Boden und an den Wnden - alles trug
dazu bei, mich die Welt da drauen ganz vergessen zu machen und mich ganz in die
Welt von Herz und Gemt auf den Blttern vor mir zu versenken.
    Aufs Geratewohl schlug ich eine Seite auf: Sieh! - Da ist der herbstliche
Garten zu Wandsbeck. Es ist ebenso nebelig und trbe wie heute; leise sinken die
gelben Bltter zur Erde, als brche eine unsichtbare Hand sie ab, eins nach dem
andern. Wer kommt da den Gang herauf im geblmten bunten Schlafrock, die weie
Zipfelmtze ber dem Ohr? - Er ist's - Matthias Claudius, der wackere Asmus
selbst! - Bedchtiglich schreitet er einher, von Zeit zu Zeit stehenbleibend;
jetzt ein welkes Blatt aufnehmend und das zierliche Geder desselben
betrachtend; jetzt in die nebelige Luft hinaufschauend. Er scheint in Gedanken
versunken zu sein. Denkt er vielleicht an den Vetter oder den Freund Hein, an
den Invaliden Grgel mit der Pudelmtze und dem neuen Stelzbein, denkt er an die
neue Kanone oder an das Ohr des schuftigen Hofmarschalls Albiboghoi? Wer wei! -
Sieh! Wieder bleibt er stehen. Was fllt ihm ein!? Lustig wirft er die weie
Zipfelmtze in die Luft und tut einen kleinen Sprung: ein groer Gedanke ist ihm
aufs Herz geschossen - das groe neue Fest der Herbstling ist erfunden der
Herbstling, so anmutig zu feiern, wenn der erste Schnee fllt, mit Kinderjubel
und Bratpfeln und Lcheln auf den Gesichtern von jung und alt! -
    Wenn der erste Schnee fllt - - - wie ich in diesem Augenblick wieder einmal
einen Blick zur grauen Himmelsdecke hinaufwerfe, da - kommt er herunter -
wirklich herunter, der erste Schnee!
    Schnee! Schnee! Der erste Schnee! -
    In groen wrigen Flocken, dem Regen untermischt, schlgt er an die
Scheiben, grend wie ein alter Bekannter, der aus weiter Ferne nach langer
Abwesenheit zurckkommt. Schnell springe ich auf und ans Fenster. Welche
Vernderung da drauen! Die Leute, die eben noch mrrisch und unzufrieden mit
sich und der Welt umherschlichen, sehen jetzt ganz anders aus. Gegen den Regen
suchte jeder sich durch Mntel und Schirme auf alle Weise zu schtzen, dem
Schnee aber kehrt man lustig und verwegen das Gesicht zu.
    Der erste Schnee! Der erste Schnee!
    An den Fenstern erscheinen lachende Kindergesichter, kleine Hndchen
klatschen frhlich zusammen: welche Gedanken an weie Dcher und grne,
funkelnde Tannenbume! Wie phantastisch die Sperlingsgasse in dem wirbelnden,
weien Gestber aussieht! Wie die wasserholenden Dienstmdchen am Brunnen
kichern! Der fatale Wind! -
    Gehorsamster Diener, Herr Professor Niepeguck! Auch im ersten Schnee?
    rztliche Verordnung! brummt der Weise und lchelt herauf zu mir, so gut
es Wrde und Hypochondrie erlauben.
    Auf der Sophienkirche schlgt's jetzt! - Erst vier? Und schon fast Nacht! -
Vier! wiederholen die Glocken dumpf ber die ganze Stadt. Jetzt sind die
Schulen zu Ende! Hurra - hinaus in den beginnenden Winter: die Buben wild und
unbndig, die Mdchen ngstlich und trippelnd, dicht sich an den Huserwnden
hinwindend.
    Hier und dort blitzt nun schon in einem dunkeln Laden ein Licht auf, immer
geisterhafter wird das Aussehen der Sperlingsgasse.
    Da kommt der Lehrer selbst, seine Bcher unter dem Arm; aufmerksam
betrachtet er das Zerschmelzen einer Flocke auf seinem fadenscheinigen schwarzen
Rockrmel. Jetzt ist die Zeit fr einen Mrchenerzhler, fr einen Dichter. -
Ganz aufgeregt schritt ich hin und her; vergessen war die bse Zeit; - auch mir
war, wie weiland dem ehrlichen Matthias, ein groer Gedanke aufs Herz
geschossen. Ich fhre ihn aus, ich fhre ihn aus! brummte ich vor mich hin,
whrend ich auf und ab lief, wie verwundert mich auch alle meine Quartanten und
Folianten von den Bchergestellen anglotzten, wie spttisch auch das
Allongeperckengesicht auf dem Titelblatt der dort aufgeschlagenen Schwarte
hergrinste!
    Ein Bilderbuch der Sperlingsgasse!
    Eine Chronik der Sperlingsgasse!
    Ein Kinderkopf drckt sich drben im Hause gegen die Scheibe, und der
Lampenschein dahinter wirft den runden Schatten ber die Gasse in mein dunkles
Fenster und ber die Bchergestelle an der entgegengesetzten Wand. Ein gutes,
ein glckliches Omen! Grinst nur, ihr Meister in Folio und Quarto, ihr Aldinen
und Elzevire! Ein Bilderbuch der Sperlingsgasse; eine Chronik der
Sperlingsgasse! Ich mute mich wirklich setzen, so arg war mir die Aufregung in
die alten Beine gefahren, und benutzte das gleich, um ein Buch Papier zu falzen
fr meinen groen Gedanken und einen letzten Blick hinauszuwerfen in den ersten
Schnee. Bah! - Wo war er geblieben? Wie ein guter Diener war er, nachdem er die
Ankunft seines Meisters, des gestrengen Herrn Winters, verkndet hatte,
zurckgekehrt, ohne eine Spur zu hinterlassen. - - -

Ich bin ein einsamer alter Mann geworden! Die bunten, ewig wechselnden, ewig
neuen Bilder dieses groen Bilderbuches, Welt genannt, werden meinen alten Augen
dunkler und dunkler; mehr und mehr verschwimmen sie, mehr und mehr flieen sie
ineinander. Ich bin mit meinem Leben da angelangt, wo, wie in jenem bergang vom
Wachen zum Schlaf, die Erlebnisse des Tages sich noch dumpf im Gehirn des Mden
kreuzen, wo aber bereits die dunkle, traum-und geistervolle Nacht ber alles,
Gutes und Bses, ihren Schleier breitet. Ich bin alt und mde; es ist die Zeit,
wo die Erinnerung an die Stelle der Hoffnung tritt.
    Schaue ich auf aus meinen Trumen, so sehe ich zwar dasselbe Lcheln,
dasselbe Schmerzenszucken auf den Menschengesichtern um mich her wie vor langen,
blhenderen Jahren, aber wenn auch Freude und Leid dieselben geblieben sind auf
der alten Mutter Erde: die Gesichter selbst sind mir fremd - ich bin allein! -
Allein - und doch nicht allein. Aus der dmmerigen Nacht des Vergessens taucht
es auf und klingt es; Gestalten, Tne, Stimmen, die ich kannte, die ich vernahm,
die ich einst gern sah und hrte in vergangenen bsen und guten Tagen, werden
wieder wach und lebendig; tote, begrabene Frhlinge fangen wieder an zu grnen
und zu blhen; vergessener Kindermrchen entsinne ich mich: ich werde jung und -
fahre auf und - erwache!
    Versunken ist dann die Welt der Erinnerung, mich frstelt in der kalten,
traurigen Gegenwart, drckender fhle ich meine Einsamkeit, und weder meine
Folianten noch meine anderen mhsam aufgestapelten gelehrten Schtze vermgen
es, die aufsteigenden Kobolde und Qulgeister des Greisenalters zu verscheuchen.
Sie zu bannen, schreibe ich die folgenden Bltter, und ich schreibe, wie das
Alter schwatzt. Fr einen Freund will ich diese Bogen ansehen, fr einen Freund,
mit dem ich plaudere, der Geduld mit mir hat und nicht spttelt ber
Wiederholungen - ach, das Alter wiederholt ja so gern -, der nicht zum Aufbruch
treibt, wo die vertrocknete Blume irgendeiner sen Erinnerung mich fesselt, der
nicht zum Bleiben ntigt, wo ein trbes Angedenken unter der Asche der
Vergessenheit noch leise fortglimmt. Eine Chronik aber nenne ich diese Bogen,
weil ihr Inhalt, was den Zusammenhang betrifft, gar sehr jenen alten naiven
Aufzeichnungen gleichen wird, die in bunter Folge die Begebenheiten aus
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erzhlen: die jetzt eine Schlacht
mitliefern, jetzt das Erscheinen eines wundersamen Himmelszeichens beobachten;
die bald ber den nahen Weltuntergang predigen, bald wieder sich ber ein
Stachelschwein, welches die deutsche Kaiserin im Klostergarten vorfhren lt,
wundern und freuen. Und wie die alten Mnche hier und da zwischen die
Pergamentbltter ihrer Historien und Mebcher hbsche, farbige, zierlich
ausgeschnittene Heiligenbilder legten, so will auch ich hnliche Bltter
einflechten und durch die eintnigen, farblosen Aufzeichnungen meiner alten Tage
frischere, bltenvollere Ranken schlingen.
    Ich, der Greis - der zweiten Kindheit nahe, will von einem Kinde erzhlen,
dessen Leben durch das meinige ging wie ein Sonnenstrahl, den an einem Regentage
Wind und Wolken ber die Fluren jagen; der im Vorbeigleiten Blumen und Steine
kt und in derselben Minute das glckliche Gesicht der Mutter ber der Wiege,
die heie Stirn des Denkers ber seinem Buche und die bleichen Zge des
Sterbenden streifen kann. Ich schreibe keinen Roman und kann mich wenig um den
schriftstellerischen Kontrapunkt bekmmern; was mir die Vergangenheit gebracht
hat, was mir die Gegenwart gibt, will ich hier, in hbsche Rahmen gefat,
zusammenheften, und bin ich mde - nun so schlage ich dieses Heft zu, whle
weiter in meiner schweinsledernen Gelehrsamkeit und kompiliere lustig fort an
meinem wichtigen Werke De vanitate hominum, einem ausnehmend - dicken
Gegenstande.

                                                                 Am 20. November

Ich liebe in groen Stdten diese ltern Stadtteile mit ihren engen, krummen,
dunkeln Gassen, in welche der Sonnenschein nur verstohlen hineinzublicken wagt;
ich liebe sie mit ihren Giebelhusern und wundersamen Dachtraufen, mit ihren
alten Kartaunen und Feldschlangen, welche man als Prellsteine an die Ecken
gesetzt hat. Ich liebe diesen Mittelpunkt einer vergangenen Zeit, um welchen
sich ein neues Leben in liniengraden, parademig aufmarschierten Straen und
Pltzen angesetzt hat, und nie kann ich um die Ecke meiner Sperlingsgasse
biegen, ohne den alten Geschtzlauf mit der Jahreszahl 1589, der dort lehnt,
liebkosend mit der Hand zu berhren. Selbst die Bewohner des ltern Stadtteils
scheinen noch ein originelleres, sonderbareres Vlkchen zu sein als die Leute
der modernen Viertel. Hier in diesen winkligen Gassen wohnt das Volk des
Leichtsinns dicht neben dem der Arbeit und des Ernsts, und der
zusammengedrngtere Verkehr reibt die Menschen in tolleren, ergtzlicheren
Szenen aneinander als in den vornehmern, aber auch deren Straen. Hier gibt es
noch die alten Patrizierhuser - die Geschlechter selbst sind freilich meistens
lange dahin -, welche nach einer Eigentmlichkeit ihrer Bauart oder sonst einem
Wahrzeichen unter irgendeiner naiven, merkwrdigen Benennung im Munde des Volks
fortleben. Hier sind die dunkeln, verrauchten Kontore der alten gewichtigen
Handelsfirmen, hier ist das wahre Reich der Keller- und Dachwohnungen. Die
Dmmerung, die Nacht produzieren hier wundersamere Beleuchtungen durch
Lampenlicht und Mondschein, seltsamere Tne als anderswo. Das Klirren und chzen
der verrosteten Wetterfahnen, das Klappern des Windes mit den Dachziegeln, das
Weinen der Kinder, das Miauen der Katzen, das Gekeif der Weiber, wo klingt es
passender - man mchte sagen, dem Ort angemessener - als hier in diesen engen
Gassen, zwischen diesen hohen Husern, wo jeder Winkel, jede Ecke, jeder
Vorsprung den Ton auffngt, bricht und verndert zurckwirft! -
    Horch, wie in dem Augenblick, wo ich dieses niederschreibe, drunten in jenem
gewlbten Torwege die Drehorgel beginnt; wie sie ihre klagenden, an diesem Ort
wahrhaft melodischen Tonwogen ber das dumpfe Murren und Rollen der Arbeit
hinwlzt! - Die Stimme Gottes spricht zwar vernehmlich genug im Rauschen des
Windes, im Brausen der Wellen und im Donner, aber nicht vernehmlicher als in
diesen unbestimmten Tnen, welche das Getriebe der Menschenwelt hervorbringt.
Ich behaupte, ein angehender Dichter oder Maler - ein Musiker, das ist freilich
eine andere Sache - drfe nirgend anders wohnen als hier! Und fragst du auch, wo
die frischesten, originellsten Schpfaugen in allen Knsten entstanden sind, so
wird meistens die Antwort sein: in einer Dachstube! - In einer Dachstube im
Wineoffice Court war es, wo Oliver Goldsmith, von seiner Wirtin wegen der
rckstndigen Miete eingesperrt, dem Dr. Johnson unter alten Papieren,
abgetragenen Rcken, geleerten Madeiraflaschen und Plunder aller Art ein
besudeltes Manuskript hervorsuchte mit der berschrift: Der Landprediger von
Wakefield.
    In einer Dachstube schrieb Jean-Jacques Rousseau seine glhendsten,
erschtterndsten Bcher. In einer Dachstube lernte Jean Paul den Armenadvokat
Siebenks zeichnen und das Schulmeisterlein Wuz und das Leben Fibels! - -

Die Sperlingsgasse ist ein kurzer, enger Durchgang, der die Kronenstrae mit
einem Ufer des Flusses verknpft, welcher in vielen Armen und Kanlen die groe
Stadt durchwindet. Sie ist bevlkert und lebendig genug, einen mit nervsem
Kopfweh Behafteten wahnsinnig zu machen und ihn im Irrenhause enden zu lassen;
mir aber ist sie seit vielen Jahren eine unschtzbare Bhne des Weltlebens, wo
Krieg und Friede, Elend und Glck, Hunger und berflu, alle Antinomien des
Daseins sich widerspiegeln.
    In der Natur liegt alles ins Unendliche auseinander, im Geist konzentriert
sich das Universum in einem Punkt, dozierte einst mein alter Professor der
Logik. Ich schrieb das damals zwar gewissenhaft nach in meinem Heft, bekmmerte
mich aber nicht viel um die Wahrheit dieses Satzes. Damals war ich jung, und
Marie, die niedliche kleine Putzmacherin, wohnte mir gegenber und nhte
gewhnlich am Fenster, whrend ich, Kants Kritik der reinen Vernunft vor der
Nase, die Augen nur bei ihr hatte. Sehr kurzsichtig und zu arm, mir fr diese
Fensterstudien eine Brille, ein Fernglas oder einen Operngucker zuzulegen, war
ich in Verzweiflung. Ich begriff, was es heit: Alles liegt ins Unendliche
auseinander.
    Da stand ich eines schnen Nachmittags, wie gewhnlich, am Fenster, die Nase
gegen die Scheibe drckend, und drben unter Blumen, in einem lustigen, hellen
Sonnenstrahl, sa meine in Wahrheit ombra adorata. Was htte ich darum gegeben,
zu wissen, ob sie herberlchele!
    Auf einmal fiel mein Blick auf eines jener kleinen Blschen, die sich oft in
den Glasscheiben finden. Zufllig schaute ich hindurch nach meiner kleinen
Putzmacherin, und - ich begriff, da das Universum sich in einem Punkt
konzentrieren knne.
    So ist es auch mit diesem Traum- und Bilderbuch der Sperlingsgasse. Die
Bhne ist klein, der darauf Erscheinenden sind wenig, und doch knnen sie eine
Welt von Interesse in sich begreifen fr den Schreiber und eine Welt von
Langeweile fr den Fremden, den Unberufenen, dem einmal diese Bltter in die
Hnde fallen sollten.

                                                                 Am 30. November

Der Regen schlgt leise an meine Scheiben. Was und wer der sonderbare lange
Gesell ist, der vorgestern da drben in Nr. elf eingezogen ist, in jene Wohnung,
wo auch ich einmal hauste, wo einst auch der Doktor Wimmer sein Wesen trieb, hab
ich noch nicht herausgebracht. - Es ist recht eine Zeit, zu trumen. Ich sitze,
den Kopf auf die Hand gesttzt, am Fenster und lasse mich allmhlich immer mehr
einlullen von der monotonen Musik des Regens da drauen, bis ich endlich der
Gegenwart vollstndig entrckt bin. Ein Bild nach dem andern zieht wie in einer
Laterna magica an mir vorbei, verschwindend, wenn ich mich bestrebe, es
festzuhalten. Oh, es ist wahrlich nicht das, was mich am meisten fesselt und
hinreit, was ich auf das Papier festbannen kann; - ein ganz anderer Maler mte
ich sein, um das zu vermgen.
    Das verschlingt sich, um sich zu lsen; das verdichtet sich, um zu verwehen;
das leuchtet auf, um zu verfliegen, und jeder nchste Augenblick bringt etwas
anderes. Oft ertappe ich mich auf Gedanken, welche aufgeschrieben kindisch,
albern, trivial erscheinen wrden, die aber mir, dem alten Mann, in ihrem
flchtigen Vorbergleiten so s, so heimlich, so beseligend sind, da ich um
keinen Preis mich ihnen entreien knnte.
    Nur das Konkreteste vermag ich dann und wann festzuhalten, und diesmal sind
es Bilder aus meinem eigenen Leben, die ich hier dem Papier anvertraue.
    Was ist das fr eine kleine Stadt zwischen den grnen buchenbewachsenen
Bergen? Die roten Dcher schimmern in der Abendsonne; da und dort laufen die
Kornfelder an den Berghalden hinauf; aus einem Tal kommt rauschend und
pltschernd ein klarer Bach, der mitten durch die Stadt hpft, einen kleinen
Teich bildet, bedeckt am Rande mit Binsen und gelben Wasserlilien, und in einem
andern Tal verschwindet. Ich kenne das alles; ich kann die Bewohner der meisten
Huser mit Namen nennen; ich wei, wie es klingen wird, wenn man in dem spitzen,
schiefergedeckten Turm jener hbschen alten Kirche anfangen wird zu luten. Habe
ich nicht oft genug mich von den Glockenseilen hin und her schwingen lassen?
    Das ist Ulfelden, die Stadt meiner Kindheit - das ist meine Vaterstadt!
    Und schau, dort oben in dem Garten, der sich von jenem zerbrckelnden, noch
stehenden Teil der Stadtmauer aus den Berg hinanzieht, gelagert unter einem
blhenden Holunderstrauch, die drei Kinder. Da sitzt ein kleines Mdchen mit
groen, glnzenden Augen, dem wilden Franz aus dem Walde zuhrend. Franz Ralff,
aufgewachsen im Wald und jetzt in der Zucht bei dem Vater der kleinen Marie, dem
strengen lateinischen Stadtrektor Volkmann, erzhlt, ein gewaltiges angebissenes
Butterbrot in der Hand, kauend und zugleich durch seinen eigenen Vortrag
gerhrt, eine seiner wunderbaren Geschichten, die er aus der Waldeinsamkeit
mitgebracht hat und mit denen er uns kleines Volk stets zum Gruseln brachte
oder zu bringen versuchte.
    Und nun sieh da, im Grase ausgestreckt, da bin auch ich, der kleine Hans
Wachholder, der Sohn aus dem Pfarrhause, blinzelnd zu dem blauen Himmel
hinaufschauend und den kleinen weien Schfchen in der reinen Luft
nachtrumend.
    Die Glocken der heimkehrenden Herden erklingen zwischen den Bergen,
ringsumher summt und tnt unendliches Leben, im Gras, in den Bumen, in der
Luft; und das Kinderherz verstellt alles, es ist ja noch eins mit der Natur,
eins mit - Gott!
    Aber warum ffnet sich nicht dort unten die braune Tr, die aus dem
hbschen, vom Weinstock bersponnenen Hause mit den hellglnzenden Fenstern in
den Garten fhrt?
    Wo ist der alte Mann mit den ehrwrdigen grauen Haaren, der da allabendlich
seine Blumen zu begieen pflegt?
    Wo ist - wo ist meine Mutter? Meine Mutter!
    Keine freundliche Stimme antwortet! Ich selbst habe ja graue Haare. Vater
und Mutter schlummern lange in ihren vergessenen, eingesunkenen Grbern auf dem
kleinen Stadtkirchhof zu Ulfelden. Jngere Geschlechter sind seitdem
hinabgegangen.
    Pltzlich verndert sich das sonnige, sommerliche Bild.
    Da ist schon die groe Stadt! Diesmal ist es nicht Frhling, nicht blhender
Sommer, sondern eine strmische, dunkle Herbstnacht; - vielleicht wird eine
hnliche auf den heutigen Tag folgen. - In dieser Nacht sitzt hoch oben in einem
kleinen, mehr drei- als viereckigen Dachstbchen ein Student vor einem
gewaltigen schweinsledernen Folianten, ber welchen er hinwegstarrt. Wo wandern
seine Gedanken? Drauen jagt der Wind die Wolken vor dem Monde her, rttelt an
den Dachziegeln, schttelt den zerlumpten Schlafrock, welchen der erfinderische
Musensohn, um sich und seine Studien ganz von der Auenwelt abzusperren, vor dem
Fensterkreuz festgenagelt hat - kurz, gebrdet sich so unbndig, wie nur ein
Wind, der den Auftrag hat, das letzte Laub von den Bumen in Grten und Wldern
zu reien, sich gebrden kann. Lange hat der Musensohn in tiefe Gedanken
versunken dagesessen; jetzt springt er pltzlich auf und dreht mir das Gesicht
zu - - - das bin ich wieder: Johannes Wachholder, ein Student der Philosophie in
der groen Haupt- und Universittsstadt. Sehr aufgeregt scheint der Doppelgnger
meiner Jugend zu sein; mit so gewaltigen Schritten, als das enge, wunderlich
ausstaffierte Gemach nur erlaubt, rennt er auf und ab.
    Pltzlich springt er auf das Fenster zu, reit den improvisierten Vortang
herunter und lt einen prchtigen Mondenstrahl, der in diesem Augenblick durch
die zerrissenen Wolken fllt, herein.
    Marie! Marie! flstert mein Schattenbild leise, die Arme gegen ein schwach
erleuchtetes Fenster drben ausstreckend, gegen dessen herabgelassene Gardine
der kaum bemerkbare Schatten einer menschlichen Gestalt fllt, und - -
    Es ist eine gefhrliche Sache, in den Momenten ungewhnlicher Aufregung -
sei es Freude oder Schmerz, Ha oder Liebe - sich dem klaren, weien Licht des
Mondes auszusetzen. Das Volk sagt: Man wird dumm davon. Wirklich, wundersame
Gedanken bringt dieser reine Schein mit sich; allerlei tolles Zeug gewinnt
Macht, sich des Geistes zu bemchtigen und ihn unfhig zu machen, frderhin
gemtlich auf der ausgetretenen Strae des Alltagslebens weiterzutraben. Man
wird dumm davon! -Zauberhafte Aussichten in phantastische, nebelhafte Grnde
ffnen sich zu beiden Seiten; nie gehrte Stimmen werden wach, locken mit
Sirenensang, flstern unwiderstehlich, winken den Wanderer ab vom sicheren Wege,
und bald irrt der Bezauberte in den unentrinnbaren Armidengrten der Fee
Phantasie.
    Ich liebe dich, flstert mein Schattenbild, ich will dich reich, ich will
dich glcklich, ich will dich berhmt machen, ich will - der schreibende Greis
kann jetzt nur lcheln - die Welt fr dich gewinnen, Marie!
    Mehr noch flstert mein Doppelgnger, die Stirn an die Scheiben drckend,
hinber nach dem kleinen Stbchen, wo die Jugendgespielin, fortgerissen von dem
kalten Arm des Lebens aus der waldumgebenen, friedlichen Heimat, einsam in der
dunkeln, strmischen Nacht arbeitet, als ein anderer Schatten seine Trume von
Glck und Ruhm durchkreuzt.
    Da ist eine andere Gestalt; schwarze, dichte Locken umgeben ein
sonnverbranntes Gesicht, die Augen blitzen von Lebenslust und Lebenskraft, es
ist der Maler Franz Ralff, der, aus Italien zurckkehrend, voll der gttlichen
Welt des Altertums und voll der groen Gedanken einer ebenso gttlichen jngern
Zeit, den Freund umarmt.
    Und weiter schweift mein Geist. - Ich sehe noch immer die junge Waise in
ihrem kleinen Stbchen unter Blumen arbeitend. Ich sehe zwei Mnner im Strom des
Lebens kmpfen, ein Lcheln von ihr zu gewinnen; und ich sehe endlich den einen
mit keuchender Brust sich ans Ufer ringen und den schnen Preis erfassen,
whrend der andere weitergetrieben, willenlos und wissenlos auf einer kahlen,
skeptischen Sandbank sich wiederfindet. - Ich sehe mich, einen blden Grbler,
der sich nur durch erborgte und erheuchelte Stacheln zu schtzen wei, bis er
endlich, nach langem Umherschweifen in der Welt, hervorgeht aus dem Kampf, ein
ernster, sehender Mann, der Freund seines Freundes und dessen jungen Weibes.
    Ich lebe durch kurze Jahre von schmerzlich sem Glck; ich sehe whrend
dieser Jahre eine feine blondlockige Gestalt lchelnd, wie unser guter Genius,
Franz und mich umschweben und ihre schtzende Hand ausstrecken ber seine leicht
auflodernde Wildheit und meine hinbrtende Traurigkeit; - ich sehe bald ein
kleines Kind - Elise genannt in den Blttern dieser Chronik - des Abends aus den
Armen der Mutter in die des Vaters und aus den Armen des Vaters in die des
Freundes bergehen, mit groen, verwunderten Augen zu uns aufschauend - - -
    Pltzlich hrt der Regen auf, an die Fenster zu schlagen; ich schrecke empor
- es ist spte Nacht. Einen letzten Blick werfe ich noch in die Gasse hinunter.
Sie ist dunkel und de; der unzureichende Schein der einen Gaslaterne spiegelt
sich in den Smpfen des Pflasters, in den Rinnsteinen wider. Eine verhllte
Gestalt schleicht langsam und vorsichtig dicht an den Husern hin. Von Zeit zu
Zeit blickt sie sich um. Geht sie zu einem Verbrechen oder geht sie, ein gutes
Werk zu tun? Eine andere Gestalt kommt um die Ecke; - ein leiser Pfiff -
    Du hast mich lange warten lassen, Riekchen!
    Ich konnte nicht eher, die Mutter ist erst eben eingeschlafen...
    Ein in der Ferne rollender Wagen macht das brige unhrbar. Die Figuren
treten aus dem Schatten; ich sehe Ballputz unter den dunkelen Mnteln.
    Sie verschwinden um die Ecke, und ich schliee das Fenster.
    So endet das erste Blatt der Chronik, die wie die Geschichte der Menschheit,
wie die Geschichte des einzelnen beginnt mit - einem Traume.

                                                                  Am 2. Dezember

Es ist heute fr mich der Jahrestag eines groen Schmerzes, und doch trat heute
morgen der Humor auf meine Schwelle, schttelte seine Schellen, schwang seine
Pritsche und sagte:
    Lache, lache, Johannes, du bist alt und hast keine Zeit mehr zu verlieren.
    Jener sonderbare lange Mensch von drben, im abgetragenen grauen Flausrock,
einen ziemlich rot und schbig blickenden Hut unter dem Arme, klopfte an meine
Tr, kndigte sich als der Karikaturenzeichner Ulrich Strobel an, breitete eine
Menge der tollsten Bltter auf dem Tische vor mir aus und verlangte, ich solle
ihm fr den Winter - den Sommer ber bummele er drauen herum - eine Stelle als
Zeichner bei einem der hiesigen illustrierten Bltter verschaffen. Er
behauptete, meinen dicken Freund, den Doktor Wimmer in Mnchen, sehr gut zu
kennen, und malte wirklich als Wahrzeichen das heitere Gesicht des
vortrefflichen Schriftstellers sogleich auf die innere Seite des Deckels eines
daliegenden Buches. Ich versprach dem wunderlichen Burschen, dessen
Federzeichnungen wirklich ganz prchtig waren, von meinem geringen Ansehen in
der Literatur hiesiger Stadt fr ihn den mglichst besten Gebrauch zu machen,
und er schied, indem er in der Tr mir die Hand drckte, mich s-suerlich
anlchelte und sagte:
    Sie tun sehr wohl, mich so zu verbinden, verehrtester Herr, denn als braver
Nachbar wrde ich doch manche angenehme Seite an Ihnen entdecken, die, zu Papier
gebracht, sich sehr gut ausnehmen knnte. Gute Nachbarn werden wir brigens
diesen Winter hindurch wohl sein, teuerster Herr Wachholder, denn - Sie sehen
gern aus dem Fenster, eine Eigentmlichkeit aller der Leute, mit welchen sich
auf die eine oder die andere Weise leicht leben lt. Guten Morgen!
    Um eine originelle Bekanntschaft reicher kehrte ich zu meiner Chronik zurck
mit der Gewiheit, dem Meister Strobel von Zeit zu Zeit darin wieder zu
begegnen.

                                                                   Am Nachmittag

Es ist heute Jahrestag. Ich werde die Erinnerung nicht los, sie verfolgt mich,
wo ich gehe und stehe.
    Es war ein ebenso trber, regenfarbiger Winternachmittag wie jetzt, als ich
traurig dort drben in jenem Fenster sa - vor langen Jahren -, dort drben in
jenem Fenster, von welchem aus mir eben der Zeichner Strobel zunickt - und
traurig hinaufblickte zu der grauen, eintnigen Himmelsdecke. Die Gasse sah
damals wohl nicht viel anders aus als heute; doch sind viele Gesichter, deren
ich mich noch gar gut erinnere, verschwunden und haben andern Platz gemacht, und
nur einzelne, wie zum Beispiel der alte Kesselschmied Marquart im Keller
drunten, der heute wie vor so vielen Jahren lustig sein Eisen hmmert, haben
sich erhalten in diesem ununterbrochenen Strom des Gehens und Kommens. Diese
sind denn auch mit die Anhaltepunkte, an welche ich bei meinem Rckgedenken den
stellenweis unterbrochenen Faden meiner Chronik wieder anknpfe.
    Einem Wsserchen will ich diese Chronik vergleichen, einem Wsserchen,
welches sich aus dem Scho der Erde mhevoll losringt und, anfangs trbe, noch
die Spuren seiner dunklen, schmerzenvollen Geburtssttte an sich trgt. Bald
aber wird es in das helle Sonnenlicht sprudeln, Blumen werden sich in ihm
spiegeln, Vgelchen werden ihre Schnbel in ihm netzen. An dieser Stelle werdet
ihr es fast zu verlieren glauben, an jener wird es frhlich wieder hervorhpfen.
Es wird seine eigene Sprache reden in wagehalsigen Sprngen ber Felsen, im
listigen Suchen und Finden der Auswege - Gott bewahre es nur vor dem Verlaufen
im Sande!...
    So fahre ich fort:
    Es war, wie gesagt, ein trauriger, unheimlicher Tag, aber nicht er war es,
der damals so schwer auf meine Seele drckte. An jenem Tage sah ich von dem
Fenster dort drben die Fenster der Kammer meiner jetzigen Wohnung weit geffnet
trotz der Klte, trotz dem Regen. Die weien Vorhnge waren herabgelassen und an
den Seiten befestigt, damit der Wind, welcher sie heftig hin und her bewegte,
sie nicht abreie.
    Der Tod hatte seine finstere, kalte Hand trennend auf ein glckliches
Zusammenleben gelegt: der kleine Stuhl dort unter dem Efeugitter auf dem
Fenstertritt vor dem Nhtischchen war leer geworden.
    Marie Ralff war tot! - -
    Ich sah von meinem Fenster aus hier eine Gestalt im Zimmer auf und ab gehen.
Armer Franz! Armes kleines Kind! Armer -Johannes! - Sie war so lieblich, so
jungfrulich-frauenhaft mit ihrem Kindchen im Arm!
    Da hngt im Museum der Stadt ein kleines Madonnenbild, wo die Unberhrbare
den auf ihrem Scho stehenden kleinen Jesus gar liebend-verwundert und
mtterlich-stolz betrachtet. Dem Bilde glich sie, die ebenso blondlockig, ebenso
heilig, ebenso schn war, und oft genug bleibe ich vor diesem Bilde, einem Werk
des spanischen Meisters Morales, den seine Zeitgenossen el divino nannten,
stehen, alter vergangener schner Zeit gedenkend.
    Oh, ich liebte sie so, ich hatte so gelitten, als sie mich nur Freund und
ihn, meinen Freund Franz Ralff, Geliebter nannte. Und jetzt war sie tot;
einsam hatte sie uns zurckgelassen! Der Abend sank tiefer herab, und die
Dmmerung legte sich zwischen mich und das Drben. Ich hielt es nicht mehr aus,
ich mute hinber! Als ich eintrat, schritt Franz immer noch auf und ab; er
schien mich nicht zu bemerken, und still setzte ich mich in den Winkel neben die
Wiege, wo Martha, die Wrterin, ber dem Kinde wachte, welches ruhig schlief und
die kleinen Hnde zum Mndchen hinaufgezogen hatte.
    Ich wei nicht, wie lange ich da gesessen habe, ich wei von keinem meiner
Gedanken in jener Nacht Rechenschaft zu geben. Die tiefe Stille, die auf der
groen Stadt lag, lie nur das Gefhl mich berkommen, als ob das Leben auch
dieses zuckende, bewegte Herz eines ganzen groen Landes verlassen habe, als ob
das leise Picken der Wanduhr das letzte verklingende Getn des Weltenrades sei
und die ewige Stille nun binnen kurzem alles Leben zurckgeschlrft haben wrde.
    Das leise Weinen des Kindes neben mir erweckte mich endlich; Franz legte mir
die Hand auf die Schulter und fiel dann pltzlich erschpft auf einen Stuhl
neben mir.
    Gute Nacht, Johannes, sagte er, den Kopf an meine Brust legend, morgen
wollen wir sie begraben! -
    Es waren die ersten Worte, die er an dem Tage sprach!

                                                                  Am 3. Dezember

O cara, cara Maria, vale!
Vale, cara Maria!
Cara, cara Maria, vale!

Es war ein berhmter Dichter, der dies auf den Grabstein einer geliebten
Abgeschiedenen setzte, er hatte treffliche, herzerschtternde Gesnge gesungen;
hier wute er nichts weiter als diese drei Worte, herzzerreiend wiederkehrend.
Und jenes: Morgen! dmmerte. Das Leben der groen Stadt begann wieder seinen
gewhnlichen Gang; der Reichtum ghnte auf seinen Kissen oder hatte auch wohl
das Herz ebenso schwer als die Armut, die jetzt aus ihrem dunkeln Winkel
huschte, um einen neuen Ring der Kette ihres Leidens, einen neuen Tag ihrem
Dasein anzuschmieden. Die Gewerbe faten ihr Handwerkszeug; die groen Maschinen
begannen wieder zu hmmern und zu rauschen; die Wagen rollten in den Straen,
und der Taufzug begegnete dem Totenwagen; denn es war nicht die einzige Leiche
drben in der kleinen Kammer, die in der menschenvollen Stadt im letzten Schlaf
ausgestreckt lag.
    Ich ging hinber. Der Kesselschmied Marquart - er war damals noch jnger und
krftiger als heute - hatte sein Hmmern eingestellt und lehnte traurig in der
niedrigen Tr, die in seine unterirdische Werkstatt hinabfhrt; er liebte die
tote Marie so gut wie alle, die mit ihr je in Berhrung gekommen waren. Hatte
sie nicht fr jeden fremden Schmerz eine Trne, fr jede fremde Freude ein
teilnehmendes Lcheln? War sie nicht in der dunkeln Sperlingsgasse wie jene
sonnige, gute, kleine Fee, die berall, wo sie hintrat, eine Blume aus dem Boden
hervorrief?
    Auf dem Hausflur standen flsternde Frauen, die mir traurig, als ich
vorberging, zunickten, und auf einer Treppenstufe sa ein kleines schluchzendes
Mdchen, eine zerbrochene Puppe im Scho. Oh, ich wei das alles noch! Und jetzt
trat ich ein -
    Da lag sie in ihrem weien, mit roten Schleifen besetzten Kleide, eine
aufgeblhte Rose auf der Brust, in ihrem schwarzen Sarge, die einst so klaren
und innigen Augen geschlossen, die ewige, ernste Ruhe des Todes auf der reinen
Stirn! Franz fiel mir weinend um den Hals; junge Nachbarinnen in weien
Sonntagskleidern befestigten Girlanden von Tannenzweigen und Immergrn, aus
denen hier und da eine einsame Blume hervorschaute, um den schwarzen Schrein.
    Ach, die Armut und der Winter erlaubten nicht, allzuviel Ses der Sen
zu streuen!
    Der junge Tischler Rudolf unten aus dem Hause stand, die Augen mit der
Linken bedeckend. Hammer und Ngel in der Rechten, zur Seite; seine junge Braut
lehnte schluchzend das Haupt auf seine Schulter. Oh, ich wei das alles, alles
noch! - Einen letzten, langen, langen Blick warf ich auf die schne, bleiche,
stille Gespielin meiner Kindheit, die Heilige meiner Jnglingsjahre, die
Trsterin meines Mannesalters, dann hob ich leise Franz von ihrer Brust, ber
die er hingesunken war, auf und fhrte ihn an die Wiege seines Kindes. - Rudolf
der Tischler begann sein trauriges Werk. Unter dumpfen Hammerschlgen legte sich
der Deckel ber dies Reliquiarium eines Menschenlebens. Ein kalter Schauer
berlief mich! Vale, vale, cara Maria!
    Die Trger kamen, hoben die leichte Last auf die Schultern und trugen sie
die schmale, enge Treppe hinab; die Frauen schluchzten, Kinderkpfe lugten
verwundert-ernst durch die Haustr und wichen scheu zur Seite, als der traurige
Zug hinaustrat auf die Strae. Freunde und Bekannte hatten sich eingefunden, das
Weib des Malers auf dem letzten Wege zu begleiten; der Kesselschmied zog das
Mtzchen ab und strich mit seiner schwarzen, schwieligen Hand ber die Augen.
Den wie in einem bsen Traum gehenden Franz fhrend, schritt ich dem
Bretterhuschen nach, welches unser Liebstes barg. Oh, ich wei das alles noch
ganz genau! So ist das Menschenherz! Viele Jahre sind vorbergegangen seit jenem
traurigen Tage, und heute noch erinnere ich mich an alle die finsteren Gedanken,
die damals durch meine Brust zogen, whrend ich so manche jngere Freude
vergessen habe!
    Es lernt und sieht sich so manches auf einem solchen Gange fr den, der es
versteht, auf den Gesichtern der Begegnenden und Nachschauenden zu lesen.
    Sieh dort an der Ecke die arme, mit Lumpen bekleidete Frau aus dem Volk, wie
sie ihr Kind fester an sich drckt und flstert: Was sollte aus dir werden,
mein kleines Herz, wenn ich heute so still lge wie die, welche man da
forttrgt.
    Dort kommt eine elegante Equipage, Kutscher und Bediente in prchtiger
Livree mit Blumenstruen im Knopfloch. Bunte Hochzeitsbnder flattern an den
Kopfgeschirren der Pferde: der junge vornehme Mann fhrt seine schne Braut zur
Trauung: ihr Auge trifft den Sarg, der langsam auf den Schultern der Trger
daherschwankt, und die junge Verlobte birgt zitternd ihr juwelenblitzendes Haupt
an der Brust neben ihr.
    Sieh den Arbeiter, der dort das Beil sinken lt und stier dem Zuge des
Todes nachsieht. Schaffe weiter, Proletarier, auch drin Weib liegt zu Hause
sterbend: schaffe weiter, du hast keine Zeit zu verlieren; der Tod ist schnell,
aber du mut schneller sein, Mann der Arbeit, wenn du sie in ihren letzten
Stunden vor dem Hunger schtzen willst.
    Beugt das Haupt und tretet zur Seite, ihr kettenklirrenden Verbrecher! Der
Tod zieht vorber! Er wird auch euch einst von euern Ketten befreien! Beugt das
Haupt, ihr armen Geschpfe der Nacht, der Tod zieht vorber, und auch euch hebt
er einst, den erborgten Flitterputz, den armen beschmutzten Krper, die Snde
der Gesellschaft euch abstreifend, rein und heilig empor aus der Dunkelheit, dem
Schmutz und dem Elend.
    Von dir, du Sptter mit dem faden Lcheln auf den Lippen, fordere ich nicht,
da du zur Seite tretest! Der Zug des Todes mag dir ausweichen - du bist wrdig,
dein Leben doppelt und dreifach zu leben!
    Es ist ein langer Weg aus der Mitte der groen Stadt bis zu dem
Johanniskirchhofe drauen, und nie ist mir ein Weg so lang und doch zugleich so
kurz vorgekommen. Ich dachte an den Verurteilten, der dem Richtplatz nher und
nher kommt, dem jede Minute eine Ewigkeit und der stundenlange Weg ein
Augenblick ist. Ach, wir armen Menschen, ist nicht das ganze Leben ein solcher
Gang zum Richtplatz? Und doch freuen wir uns und jubeln ber die Blumen am Wege
und sehen in jedem Tautropfen, der in ihnen hngt, Himmel und Erde! Armes
glckliches Menschenherz!
    Die schweren, massigen Regenwolken wlzten sich dicht ber der Erde weg, als
wir aus dem Tor traten. Grau in grau Himmel und Erde! Grau in grau Herz und
Welt!
    Die Bume streckten ihre leeren ste wehmtig empor, eine Meise flog von Ast
zu Ast vor dem Zuge her.
    Und jetzt waren wir angelangt vor der Pforte des Friedhofes. Langsam wand
der Zug sich den Weg entlang, an frischen und eingesunkenen Hgeln, stolzen
Monumenten und drftig naivem Putz vorber der Stelle zu, wo die Hlle der toten
Marie ruhen sollte. Im folgenden Frhling machten wir einen hbschen, lieblichen
Ort daraus, wo die Goldregenbsche ihre duftenden Trauben herabhngen lieen und
die Vgel in den Rosenstruchern zwitscherten, heute jedoch war's ringsumher gar
traurig und unheimlich. Auf dem Grunde der Grube, die unser Liebstes aufnehmen
sollte, stand ein kleiner Sumpf Regenwasser, in welchem sich aber pltzlich eine
lichte blaue Stelle, die oben am Himmel zwischen den ziehenden Wolken
durchlugte, widerspiegelte. - - Ich habe nichts, nichts vergessen!
    Und nun, ihr Mnner, lat den Sarg hinabgleiten; gebt der alten schaffenden
Mutter Erde ihr schnes Kind zurck! Und nun, Franz, wirf drei Hnde voll Erde
auf die versinkende Welt deiner Freude! - Ergreift die Schaufeln, ihr Clowns,
und vollendet euer Geschft! Du alter, rotnsiger Bursch, bemhe dich nicht, ein
wehmtiges Gesicht zu ziehen, winke nur deinem Gefhrten, da er die Flasche bei
Yaughan fllen lasse, und brumme leise dein altes Totengrberlied in den Bart!
    Wie die Schollen dumpfer und dumpfer auf den Sarg poltern, und wie jeder Ton
das arme Herz erzittern lt in seinen tiefsten Tiefen! Wie das Auge sich
anklammert an den letzten Schein des schwarzen Holzes, der durch die bedeckende
Erde schimmert, bis endlich jede Spur verschwindet, die hinabgeworfene Erde nur
noch Erde trifft, die Hhle sich allmhlich fllt und endlich der Hgel sich
erhebt, der von nun an mit dem geliebten begrabenen Wesen in unsern Gedanken
identisch ist!
    Wunderliches Menschenvolk, so gro und so klein in demselben Augenblick!
Welch eine Tragdie, welch ein Kampf, welch ein - Puppenspiel jedes Leben, von
dem des Kindes, das vergeblich nach der glnzenden Mondscheibe verlangt und
verwelkt, ehe es das Wort ich aussprechen kann, bis zu dem des grbelnden
Philosophen, der in dasselbe Wrtchen ich das Universum legt und
zusammenbricht, ein krper- und geistesschwacher Greis, welcher kaum noch das
Gefhl fr Wrme und Klte behalten hat.
    Sieh um dich, Johannes: Verkehrt auf dem grauen Esel Zeit sitzend, reitet
die Menschheit ihrem Ziele zu. Horch, wie lustig die Schellen und Glckchen am
Sattelschmuck klingen, den Kronen, Tiaren, phrygische Mtzen - Mnner- und
Weiberkappen bilden. Welchem Ziel schleicht das graue Tier entgegen? Ist's das
wiedergewonnene Paradies, ist's das Schafott? Die Reiterin kennt es nicht; sie -
will es nicht kennen! Das Gesicht dem zurckgelegten Wege, der dunkeln
Vergangenheit zugewandt, lauscht sie den Glckchen, mag das Tier ber blumige
Friedensauen traben oder durch das Blut der Schlachtfelder waten sie lauscht und
trumt! Ja, sie trumt. Ein Traum ist das Leben der Menschheit, ein Traum ist
das Leben des Individuums. Wie und wo wird das Erwachen sein?
    Auf einem Berliner Friedhofe liegt ber der Asche eines volkstmlichen
Tonknstlers, der auch viel erdulden mute in seinem Leben, ein Stein, auf
welchen eine Freundeshand geschrieben hat:

Sein Lied war deutsch und deutsch sein Leid,
Sein Leben Kampf mit Not und Neid,
Das Leid flieht diesen Friedensort,
Der Kampf ist aus - das Lied tnt fort! -

Ich lege die Feder nieder und wiederhole leise diese Zeilen. Ich kann heute
nicht weiterschreiben.

                                                                  Am 5. Dezember

Meinem Versprechen gem hatte ich der Redaktion der Welken Bltter -
Wimmerianischen Angedenkens - einige der Federzeichnungen meines Nachbars
Strobel vorgelegt und konnte heute schon ihm seine Aufnahme unter die Zeichner
jenes witzigen Journals ankndigen. Da ich seine Nase hinter den Scheiben seiner
Fenster einige Male hatte hervorlugen sehen, so machte ich mich auf den Weg
hinber zu meiner alten Wohnung, in der ich, seit ich sie verlassen, so viele
ein- und ausziehen gesehen habe.
    Die dicke Madam Pimpernell hat es aufgegeben, in eigener, gewichtiger Person
ber den Vorrten des Viktualienladens zu thronen, sie hat sich in einen
gewaltigen, ausgepolsterten Lehnstuhl hinter dem Ofen zurckgezogen, von wo aus
sie oft genug Dorette - auch Rettchen genannt -, ihre hagere Tochter und
Nachfolgerin im Reich der Kse, der Butter und der Milch, zur Verzweiflung zu
bringen vermag.
    Das mittlere Stockwerk des Hauses Nr. elf steht augenblicklich leer, indem
nach heftigen Kmpfen mit dem Parterre, treppauf und -ab, die letzten
Einwohnerinnen: die verwitwete Geheime Oberfinanzsekretrin Trampel und ihre
zwei sehr ltlichen und sehr ansuerlichen Tchter Heloise und Klara - llise
und Knarre von der Madam Pimpernell genannt -, abgezogen sind. Klavier, Harfe
und Gitarre, die drei Marterinstrumente der Sperlingsgasse, nahmen sie
glcklicherweise mit, sowie auch den edlen Kater Eros und den ebenso edlen,
schiefbeinigen Teckelhund Anteros - Geschenke eines neuen und doch schon
antediluvianischen Ablards und Egmonts.
    Wie oft bin ich einst diese steilen, engen Treppen hinauf- und
hinabgeklettert, jetzt einen Haufen Bcher unter dem Arm, jetzt einen, wie ich
glaubte, Furore machen sollenden Leitartikel in der Rocktasche. Wie oft haben
Mariens kleine Fe diese schmutzigen Stufen betreten, wenn sie mit Franz zu
einem prchtigen Teeabend kam, dem ich immer mit so untadelhafter,
hausvterlicher Wrde vorzustehen wute! Wie ich dann ihr helles Lachen, welches
die feuchten, schwarzen Wnde so frhlich wiedergaben, erwartete; wie sie so
reizend ber meine verwilderte Stube sptteln konnte und dann trotz aller meiner
vorherigen stundenlangen Bemhungen erst durch fnf Minuten ihrer Anwesenheit
einen menschlichen Aufenthaltsort daraus machte! Wie ich dann spter von der
kleinen Qulerin gezwungen wurde, eine unglckliche Flte hervorzuholen und
steinerweichend eine klgliche Nachahmung von Guter Mond, du gehst so stille
hervorzujammern, bis Franz Einspruch tat oder mir der Atem ausging oder der
kleinen Tyrannin die Kraft zu lachen! Es waren selige Abende, und ich nahm das
Andenken daran mit hinauf bis zur Tr des Zeichners. Auf mein Anklopfen
erschallte drinnen ein unverstndliches Gebrumme; ich trat ein.
    Manche Junggesellenwirtschaft habe ich kennengelernt und kann viel vertragen
in dieser Hinsicht. Den Doktor Wimmer, den Schauspieler Mller, den Musiker
Schmidt, den Kandidaten der Theologie Schulze habe ich in ihrer Huslichkeit
gesehen, von meiner eigenen Unordnung nicht zu sprechen, aber eine solche
malerische Liederlichkeit war mir doch noch nicht vorgekommen. Eine Phantasie,
durch Justinus Kerners kakodmonischen Magnetismus in Verwirrung geraten, knnte
- gefroren, versteinert, verkrpert in einem anatomischen Museum ausgestellt -
keinen tolleren Anblick gewhren! Auf einem unaussprechlich lcherlichen Sofa,
viel zu kurz fr ihn, lag, den Kopf gegen die Tr, die Beine ber die Lehne
weggestreckt und die Fe gegen die Fensterwand gestemmt, der lange Zeichner,
die Zigarre, die groe Trostspenderin des neunzehnten Jahrhunderts, im Munde,
ein Zeichenbrett auf den Knien und den Stift in der Hand. Ein dreibeiniger
Tisch, der ohne Zweifel einst unter die Quadrupeden gehrt hatte, war an diese
Lagerstatt gezogen; ein leerer Bierkrug, eine halbgeleerte Zigarrenkiste,
Tuschnpfchen, bekritzelte Papiere und andere heterogene Gegenstnde bedeckten
ihn im reizendsten Mischmasch. Drei verschieden gestaltete Sthle hatte die
Bude aufzuweisen; der eine aus der Rokokozeit diente als Bibliothek, der
andere, ein grnangestrichener Gartenstuhl, verrichtete die Dienste eines
Kleiderschranks und der dritte, von dessen frherem Polster nur noch der
zerfetzte berzug herabhing, war, o horror! - zur - Toilette entwrdigt, und ein
Waschnapf, Seife, Kmme und Zahnbrsten machten sich viel breiter auf ihm, als
irgend ntig war. In einer Ecke des Zimmers lehnte der Ziegenhainer des
wanderlustigen Karikaturenzeichners, und auf ihm hing sein breitrandiger Filz.
In einem andern Winkel hing eine umfangreiche Reisetasche, und die Wnde entlang
war mit Stecknadeln eine tolle Zeichnung neben der andern festgenagelt. Das
Ganze ein wahres Pandmonium von Humor und skurrilem Unsinn.
    Ah, mein Nachbar! rief Meister Strobel, bei meinem Eintritt von seinem
Sofa aufspringend, mit der einen Hand das Zeichenbrett fortlehnend, mit der
andern den wackelnden Tisch am Fallen hindernd. Das ist sehr edel von Ihnen,
da Sie meinen Besuch so bald erwidern; seien Sie herzlichst gegrt und nehmen
Sie Platz! Mit diesen Worten lie er die Last des Bibliothekstuhls zur Erde
gleiten und zog ihn an den Tisch, von dem er ebenfalls die meisten Gegenstnde
an beliebige Pltze schleuderte.
    Ich bin gekommen, Ihnen mitzuteilen, Herr Strobel, da Ihre Bltter groen
Anklang bei der Redaktion der Welken Bltter gefunden haben und da dieselbe
stolz sein wird, Sie unter ihre Mitarbeiter zu zhlen.
    Sehr verbunden, sagte der Zeichner, der sich auf mysterise Weise eben am
Ofen beschftigte, bitte, nehmen Sie eine Zigarre und erlauben Sie mir, Ihnen
eine Tasse Kaffee anzubieten.
    Er sah und roch in einen sehr verdchtig aussehenden Topf, den er aus der
Ofenrhre nahm. - O weh, rief er, whrend ich alle Heiligen des Kalenders
anrief, die Quelle ist versiegt!
    Bitte, machen Sie keine Umstnde, Ihre Zigarren sind ausgezeichnet!
    Ja, sagte Strobel, sich nun wieder auf sein Sofa setzend, das ist der
einzige Luxus, den ich nicht entbehren knnte, und ich preise meinen Stern, der
mich in einer Zeit geboren werden lie, wo man die Redensart Kein Vergngen ohne
die Damen, in die jedenfalls passendere Kein Vergngen ohne eine Zigarre
umgendert hat.
    Sind Sie ein solcher Weiberfeind?
    Keineswegs; im Gegenteil, ich beuge mich ganz und gar dem franzsischen
Wort Ce que femme veut, Dieu le veut und ziehe - deshalb gerade - die nicht so
anspruchsvolle Zigarre vor, die fr uns glht, ohne das gleiche zu verlangen,
die interessant ist, ohne interessiert sein zu wollen, und so weiter, und so
weiter!
    Sie sind wirklich ein echtes Kind unserer Zeit, die durch zu viele und zu
verschiedenartige Anspannungen im ganzen bei dem einzelnen das Gehenlassen, die
Athaumasie, die Apathie zur Gottheit gemacht hat.
    Puh, sagte der Zeichner, eine gewaltige Dampfwolke fortblasend, ich
konnt's mir denken, da sind wir schon in einem solchen Gesprche, wie sie alles
Zusammenleben jetzt verbittern: brigens ist unsere Zeit durchaus nicht
apathisch, aber der einzelne fngt an, das wahre Prinzip herauszufinden, da
nmlich die Sache durch die Sache gehen mu. - Nicht jeder erste und taliter
qualiter beste soll sich fhig glauben, den Wegweiser spielen zu knnen, den Arm
ausstrecken und schreien: Holla, da lauft, dort geht der rechte Weg, dorthin
liegt das Ziel!
    Und die seitwrts abfhrenden Holzwege?...
    Laufen alle der groen Strae wieder zu, nachdem sie an irgendeiner
schnen, merkwrdigen, lehrreichen Stelle vorbergefhrt haben. Ich, der
Fuwanderer, habe nie soviel Erfahrungen fr den Geist, soviel Skizzen fr meine
Mappe heimgebracht, als wenn ich mich verirrt hatte.
    Sie mssen ein eigentmliches Leben gefhrt haben und fhren! sagte ich,
den sonderbaren Menschen vor mir ansehend. Er strich mit der Hand ber das
sonnverbrannte, verschrumpfte Gesicht und lchelte.
    
    Ein Leben, das gern auf Irrwegen geht, ist stets eigentmlich! sagte er.
brigens wird jeder Mensch mit irgendeiner Eigentmlichkeit geboren, die, wenn
man sie gewhren lt - was gewhnlich nicht geschieht -, sich durch das ganze
Leben zu ranken vermag, hier Blten treibend, dort Stacheln ansetzend, dort -
von auen gestochen - Gallpfel. Was mich betrifft, so bin ich von frhester
Jugend auf mit der unwiderstehlichsten Neigung behaftet gewesen, mein Leben auf
dem Rcken liegend hinzubringen und im Stehen und Gehen die Hnde in die
Hosentaschen zu stecken. Sie lcheln - aber was ich bin, bin ich dadurch
geworden.
    Ich lchelte nur ber die Richtigkeit Ihrer Bemerkung. Wir alle sind
Sonntagskinder, in jedem liegt ein Keim der Fhigkeit, das Geistervolk zu
belauschen, aber es ist freilich ein zarter Keim, und das Pflnzchen kommt nicht
gut fort unter dem Staub der Heerstrae und dem Lrm des Marktes.
    Holla, rief der Zeichner, pltzlich aufspringend und nach dem Fenster
eilend, sehen Sie, welch ein Bild!
    In der Dachwohnung ber der meinigen drben hatte sich ein Fenster geffnet.
Die kleine Ballettnzerin, welche dort wohnt, lie ihr hbsches Kindchen nach
dem leise herabsinkenden Schneeflocken greifen. Das Kind streckte die rmchen
aus und jubelte, wenn sich einer der groen weien Sterne auf seine Hndchen
legte oder auf sein Nschen. Die arme, ohne die Schminke der Bhne so bleiche
Mutter sah so glcklich aus, da niemand in diesem Augenblick die traurige
Geschichte des jungen Weibes geahnt htte.
    Ich habe auf ihrem Schreibtische Bltter gesehen mit der berschrift:
Chronik der Sperlingsgasse, sagte Strobel; das Bild da drben gehrt hinein,
wie es in meine Skizzenmappe gehrt.
    In meinen Blttern wrde es eine dunkle Seite bilden, antwortete ich, und
die Chronik hat deren genug. Wie wr's aber, wenn Sie Mitarbeiter dieser Chronik
der Sperlingsgasse wrden; Sie haben ein gar glckliches Auge!
    Glauben Sie? fragte der Karikaturenzeichner, der den Kleiderschrankstuhl
an das Fenster gezogen hatte und emsig auf einem Papier kritzelte. Sie wollen
keine dunkeln Bltter; - kennen Sie vielleicht die Geschichte jenes englischen
Zerrbildzeichners, der vor dem Spiegel an seinem eigenen Gesichte die Fratzen
der menschlichen Leidenschaften studierte?
    Nein, ich kenne die Geschichte nicht. Was ward mit ihm?
    Er - schnitt sich den Hals ab, sagte der Zeichner dumpf, seine vollendete
Skizze fortlegend.
    Verwundert schaute ich auf. Das Gesicht Strobels hatte einen Ausdruck von
Trbsinn angenommen, der mich fast erschreckte. Er sprach nicht weiter, und es
trat eine Pause ein, whrend welcher drben das Kind lachte und jubelte und die
Tnzerin den Spatzen, die sich zwitschernd auf die Dachrinne setzten, Brotkrumen
streute. Ich sah, da der Zeichner allein sein wollte, und ging; der sonderbare
Mensch begleitete mich bis zur Treppe. Dort sagte er, mir die Hand drckend und
lchelnd:
    Ich will aber doch Mitarbeiter Ihrer Chronik werden, Signore!
    So endete mein erster Besuch bei dem Karikaturenzeichner Ulrich Strobel.

                                                                 Am 10. Dezember

Es ist jetzt vollstndig Winter geworden; der Schnee liegt zu hoch in den
Straen, als da man den Schritt der verspteten Fugnger, das Rollen der Wagen
hren knnte. Es ist tiefe Nacht.
    Was ist das fr ein bleiches, verfallenes Gesicht, welches da vor mir
auftaucht? Ist das Franz - der lebensmutige, lebensglhende Franz Ralff, den ich
einst kannte?
    Drei Monate waren hingegangen, seit man die tote Marie zu ihrer stillen
Ruhesttte hinausgestragen hatte. Ich sa neben meinem Freunde, der, auf die
graugrundierte Leinwand vor ihm starrend, pltzlich begann:
    Hre, Johannes, ich mu dir eine Geschichte erzhlen. Es wird gut sein, da
du sie kennst; auch knnte wohl der Fall eintreten, da mein Kind sie erfahren
mte. Letzteres will ich dann dir berlassen, Johannes.
    Ich mu weit dazu ausholen, ich mu in unsere frheste Jugendzeit
zurckgehen, wo wir glckliche, ahnungslose Kinder waren. O Johannes, la mich
sie zurckrufen, diese seligen Tage! Klingt es dir nicht auch bei jeder
Erinnerung daran wie das Luten jener im Wald verlorenen Kirche? Oh, mein
Jugend-Waldleben! - Wie ich es jetzt vor mir sehe, dieses alte, braune,
verfallende Jgerhaus mitten in der grnen, duftenden Einsamkeit!
Vorbeipltschernd der klare Bach, der dann tiefer im Walde den stillen Teich
bildet, den die Sage so wundersam umschlungen hat! Wie oft bin ich, das
Kinderherz voll geheimnisvollen Bebens, an funkelnden Mondscheinabenden, wenn
die Bewohner des Jgerhauses vor der Tr saen und der alte Burchhard das
Waldhorn - du weit wie schn - blies, dem durch das Dunkel glitzernden Bach
nachgeschlichen, dem stillen Wasser zu, das Treiben der Nixen und Elfen zu
belauschen. Wie fuhr ich zusammen, wenn eine Eidechse im Grase raschelte oder
ein Nachtvogel schwerflligen Flugs ber den glnzenden Spiegel des Teichs
hinflatterte, indem ich dachte, jetzt msse das wundersame Geheimnis ans Licht
treten und sein Wesen und Wehen beginnen um die volle Scheibe des Mondes, die in
der klaren, stillen Flut widergespiegelt lag. Erst spter erfuhr ich, woher der
tiefe, geheime Zug in mir nach diesem Waldwasser stamme.
    Wie oft bin ich, wenn der Sturm in den Bumen rauschte, hinaufgestiegen in
eine hohe Tanne, um mich, die Arme fest um den rauhen, harzigen Stamm
geschlungen, das Herz gepret von Angst und unsglicher Seligkeit - hin und her
schleudern zu lassen vom Winde.
    Und dann, wenn drauen die heie Julisonne, die in diese Waldnacht nur
vorsichtig neugierig hineinzulugen wagte, auf der Welt lag: welch ein Trumen
war das! Welch eine Wonne war's, im Grase zu liegen, whrend der Rauhbach an
meiner Seite rauschte und murmelte und seine Kiesel langsam weiterschob, whrend
die Sonnenlichter an den schlanken Buchenstmmen oder ber den Wellchen des
Baches spielten und zitterten, die Wasserjungfer ber mich hinscho, ringsumher
die Glockenblumen ihre blauen Kelche der Erde zuneigten und der stolze Fingerhut
sich trotzend in seiner Pracht erhob, als spreche er jeden verirrten Strahl der
Sonne fr sein Eigentum an.
    Welche Winterabende waren das, wenn ich dem alten, weibrtigen Mann, den
ich Oheim nannte, auf dem Knie sa, mit den Quasten seiner kurzen Jgerpfeife
spielte und seinen Geschichten und Sagen lauschte, whrend die Hunde zu unsern
Fen schliefen und trumten und nur von Zeit zu Zeit aufhorchten, wenn der alte
Karo drauen anschlug.
    Es war ein glckliches Leben, dieses Leben im Walde, und es ist von groem
Einflu auf meine sptere knstlerische Entwickelung gewesen. Noch gar gut
erinnere ich mich des Tages, an welchem ich mein erstes Kunstwerk an der
Stalltr zustande brachte. Es war ein Portrt unseres alten Burchhards und
seines getreuen Begleiters, des kleinen Dachshundes, der die Eigentmlichkeit
hatte, gar keinen Namen zu besitzen, sondern nur auf einen besondern Pfiff
seines Herrn hrte.
    Der folgende Zeitraum meiner Geschichte, Johannes, ist dir fast so gut als
mir bekannt, und ich knnte schneller darber weggehen, wenn es mich nicht
berall, wo ihr Bild auftaucht, so gewaltig festhielte.
    Wieviel heimliche Trnen - der Oheim liebte das Weinen nicht - wischte ich
mir aus den Augen, als der Tag kam, an welchem ich meiner grnen Waldesnacht Ade
sagen mute. Gern htte ich mich an jeden Baum, an jeden Strauch, an welchem der
Weg aus dem Walde heraus vorbeifhrte, festgeklammert. Wie unermelich weit und
gro kam mir die Welt vor! Wie eine Eule, die man aus ihrer dunkeln Hhle in den
Sonnenschein gezerrt hat, schien ich mir anfangs in Ulfelden. Ich war
unglcklich, wie ein Kind von zwlf Jahren es nur sein kann, ehe ich mich in das
ungewohnte Leben hineinfand.
    Wie deutlich steht mir der erste Abend in unserer Kindheitsstadt noch vor
dem Gedchtnis! Der Oheim war zurckgekehrt in sein einsames Waldhaus, die Frau
Rektorin wirtschaftete in der Kche, der alte Rektor sa oben in seinem kleinen
Studierstbchen ber dem Tacitus, seinem Lieblingsschriftsteller, wie ich spter
erfuhr, und - ich kauerte einsam mit verquollenen, trnenden Augen auf der
grnen Bank vor dem Hause und blickte in dumpfem Hinbrten den vorbeischieenden
Schwalben nach: als auf einmal ein kleines, etwas schmutziges Hndchen mir einen
angebissenen rotbackigen Apfel hinhielt, ein Lockenkpfchen sich unter meine
Nase drngte und ein feines Stimmchen sagte:
    Nicht weinen... Junge... Mama auch Eierkuchen backen.
    Ich hatte damals groe Lust, die kleine Trsterin zurckzustoen, sie lie
sich aber nicht abweisen, und als ich ber ihr Mitgefhl strker zu schluchzen
anfing, fing auch sie an zu weinen. Unter diesem Trnenstrom wurden wir von dem
alten Rektor berrascht, welcher pltzlich in seinem rotgeblmten Schlafrock -
ein Portrt von ihm gibt es dort unter meinen Skizzen- und mit der langen Pfeife
im Munde hinter uns stand.
    Nun, kleines Volk, sagte er lchelnd, das ist ja eine prchtige Freundschaft
zwischen euch, die so mit Heulen anfngt! Wer hat denn dem andern etwas zuleide
getan?
    Diese diplomatische Wendung der Sache brachte auf einmal meinen Trnenstrom
zum Stehen, und auch die kleine Marie lchelte sogleich wieder durch die hellen
Tropfen, die ihr ber beide Backen rollten.
    Wird schon gehen, wird schon gehen! brummte der alte Scholarch, fuhr mit der
Hand ber meine Haare und ging dann zurck ins Haus, um seiner Frau beim
Eierkuchenbacken zuzusehen.
    Die kleine Marie aber fhrte mich zu ihrem Garten im Winkel, grub eine
keimende Bohne hervor, zeigte sie mir jubelnd und versprach mir ein hnliches
Feld fr meine Ttigkeit. Dann zogen wir uns in die Geiblattlaube zurck, wo
der Tisch gedeckt war. Da fand ich neben dem Nhzeuge der Frau Rektorin ein Buch
auf der Bank - ein Bilderbuch, welches mich den Wald, das Jgerhaus, den Ohm,
den alten Burchhard, mein ganzes Heimweh zuerst vergessen lie. Es war ein
zerlesener und zerbltterter Band des welt- und kinderbekannten Bertuchschen
Werts. Welch eine neue Welt ging mir da auf! - Und die kleine Marie lehnte neben
mir, lachte, erklrte und kitzelte mich mit Strohhalmen; dann kam die Frau
Rektorin mit dem Eierkuchen, und der Rektor verlie seinen Tacitus; die Glocken
der alten Stadtkirche luteten den morgenden Sonntag ein - ich hatte mich
gefunden! - Erinnerst du dich wohl noch, Hans, dieses Sonntagmorgens, der auf
meinen ersten Tag in Ulfelden folgte? Weit du wohl noch, wie du mir in der
Kirche zunicktest und beim Nachhausegehen unsere Freundschaft ihren Anfang nahm
durch eine Handvoll Kletten, welche du mir in die Haare warfest? Weit du wohl,
Johannes, wie ich aus dem blden Waldjungen zu dem tollsten, verwegensten
Schlingel der ganzen Gegend heranwuchs und nur duckte, wenn mich die kleine
Marie aus ihren groen Augen so traurig ansah? Es war eine prchtige Zeit, und -
das Latein war durchaus keine so bse Krankheit wie das Scharlachfriesel - ich
hatte diese Vorstellung aus dem Walde mitgebracht -, sondern hchstens ein
leichter Schnupfen, der bald wieder auszuschwitzen war.
    Dann kamen die Zeichenstunden bei dem alten Maler Gruner, der mir zuerst die
Welt des Schnen deutlicher vor die Augen legte, der in seiner trockenen,
kaustischen Weise das Leben, welches er sehr wohl kannte, an mir vorbergleiten
lie, da ich verlangte und mich hinaussehnte in diese so schn blhende Welt,
wo man nur die Hand auszustrecken brauchte, um Glck, Ruhm und Reichtum zu
erfassen.
    Den Wald hatte ich fast ganz vergessen; ich sehnte mich gar nicht zurck;
hinaus wollte ich in die Welt, Maler werden, tausend Trume hatte ich, und in
allen schwebte Mariens holdes Bild!
    Da wurde ich eines Tages zurckgerufen in das einsame Jgerhaus und fand
meinen alten Oheim auf dem Sterbebette. Eine Erkltung, die er sich zugezogen
und nicht beachtet, hatte bei seinem vorgerckten Alter eine tdliche Wendung
genommen. Alle rztliche und geistliche Hlfe verschmhend, hatte er nur nach
mir verlangt. Eine schreckliche Enthllung erwartete mich am Bette des Mannes,
an dessen Seite ich nur den alten Burchhard traf, whrend die Waldgrete, die
bejahrte Magd des Frsterhauses, ab- und zuging.
    Als ich - jetzt ein neunzehnjhriger Jngling - an das Lager meines Ohms
trat, sah mich dieser, eben aus einem kurzen, unruhigen Schlummer erwachend,
starr an.
    Er gleicht ihm immer mehr, murmelte er. Als ich mich ber ihn beugte, kte
mich der alte, strenge Mann und sagte mit erloschener Stimme:
    Franz - du siehst, es ist vorbei mit mir: ich brauche den Jagdranzen nicht
zu fllen und nicht fr Schiezeug zu sorgen fr den Gang, den ich jetzt gehen
mu. Heule nicht, Junge; weit, ich hab's nie leiden knnen. Ist Weibermode! Ich
mchte dir aber noch etwas sagen, eh ich abmarschiere vom Anstand; kannst dann
daraus machen, was du willst. Setze dich und hre zu! Schau, da hinten - der
Alte zeigte durch das offene Fenster, in welches grne Zweige schlugen und die
Abendsonne zitterte, whrend ein Buchfink davor sang -, da hinten hinter dem
Walde kommst du in die groe Ebene, wo du tagelang gehen kannst, ohne einen Berg
zu sehen. Die Leute nennen's ein schnes Land; - mag sein, hab's aber nie leiden
knnen und mag den Wald lieber. Einen Hgel aber gibt's doch da, mitten in dem
flachen Lande und den Kornfeldern, mit einem Schlo, Seeburg geheien, und am
Fue des Hgels ein Dorf desselbigen Namens. Daher stammt unsere Familie, da bin
ich geboren, da ist auch Burchhard her.
    Der Letzterwhnte nickte hier mit dem Kopfe und brummte vor sich hin: Beides
'ne gute Art, die Ralffs und Burchhards!
    Hast recht, Alter, fuhr mein Oheim fort, hoffe auch, der da (er wies auf
mich) soll nicht aus der Art schlagen, wenn er gleich unrecht Blut in den Adern
hat. Hre weiter, Junge: War ein stolz Volk, die Grafen Seeburg, die da seit
alter Zeit auf dem Neste saen. Hab's gelesen in alten Chroniken, wie sie die
Leute plagten und die Kaufleute fingen. Trieb's auch die neue Art, die damals in
seidenen Strmpfen und Schuhen ging, nicht viel besser, wenn auch anders. Halt
's Maul, Burchhard, wei, was du sagen willst. - Ich war damals ein schmucker
Bursch, wute trefflich mit der Bchse umzugehen, und war Andreas Ralff bekannt
als Meisterschtze auf Kirchweihen und Vogelschieen weit und breit, wie deine
Mutter, Franz, meine Schwester, als das schnste Mdchen im Lande. Sagte mir
damals der junge Graf, der eben von Reisen zurckkam: "Hr, Andreas, tritt in
meinen Dienst, will dich gut halten, und soll es dein Schaden nicht sein." Da
fate mich der Satan, da ich's fr mein Glck hielt und einschlug.
    Der Alte sthnte hier laut auf und barg den Kopf in den Kissen, whrend
Burchhard aufstand und leise eine Jgerweise aus dem Fenster pfiff. Ich beschwor
den Ohm, seine Erzhlung abzubrechen und zu verschieben.
    Hab das nie getan, sagte der alte, eiserne Mann, ist nicht rechte
Jgermanier, eine Kreatur angeschossen umherlaufen zu lassen. Reine Bchse,
reiner Schu. Schuf's der bse Feind, da der Graf die Luise zu sehen kriegte,
und - Burchhard, erzhl's dem Jungen weiter...
    Dieser, der wieder neben dem Bette seines alten Freundes sa, nickte finster
und fuhr fort in der unterbrochenen Erzhlung, den Blick auf den Boden geheftet.
    Waren wir zusammen aufgewachsen, und hatte ich sie gar lieb, die Luise, mit
ihren schwarzen Haaren und schwarzen Augen. Hatte aber nicht den Mut, ihr zu
sagen: Herzlieb, wolltest du mich nicht zum Manne nehmen? Wollte dich auch auf
'n Hnden tragen! Stand ich also immer und guckte ihr nach auf den Kirchwegen
und allenthalben, wenn sie durch das Dorf hpfte, lachend und schkernd, flink
wie ein Reh, lustig wie eine Amsel!...
    Der Kranke seufzte tief auf, Burchhard legte ihm das Kopfkissen zurecht und
schwieg dann, von seiner Erinnerung berwltigt, einige Minuten, whrend drauen
die Vgel gar lustig zwitscherten und die Sonne immer glhender dem Untergange
zusank.
    Pltzlich fuhr der Erzhler fast barsch auf:
    Was ist da weiter zu berichten! War sie ein jung Blut, und hatte ihr der
Pastor mehr Gutes als Bses von den Menschen erzhlt... Wurde Andreas in den
Wald geschickt auf Antrieb des Grafen; jubelte er mchtig, denn von je war's
sein Wunsch gewesen, ein Jgersmann zu sein, und zog er sogleich fort von
Seeburg, das alte verfallene Haus, so man ihm gab, instand zu setzen, da die
Luise nachfolgen knne. War ich damals nicht daheim, sondern im fremden
Franzosenland, wo das Volk der Plackerei und Adelswirtschaft mde geworden war
und reinen Tisch machte; schlug ich mich herum in der Champagne in dem Regiment
Weimar-Krassiere, bis der Herzog von Braunschweig und die Preuen und alle
retirieren muten durch Dreck und Regen. Kam ich zurck auf Urlaub, stellte mein
Pferd ab im Goldenen Hirschen, putzte den Staub von den hohen Stiefeln, rieb den
Harnisch so blank als mglich, setzte den Dreimaster verwegen aufs Ohr und fate
mir ein Herz - war ich nicht Wachtmeister in der sechsten Schwadron? -, meinen
heimlichen Schatz zu bitten um seine hbsche, weie Hand. Sahen mich die Leute
so sonderbar an, als ich durch das Dorf schritt dem kleinen Husel zu, wo mein
Schatz wohnte, und begegnete mir auch der Kastellan vom Schlo, der mich nicht
leiden konnte, und grinste er mich so hhnisch an, da ich den Pallasch fester
fate und einen welschen Fluch brummte. Ahnte ich aber nichts und schob alles
auf die Verwunderung ber mein martialisch Ansehen und schritt mit einem Herzen,
das halb freudig, halb furchtsam klopfte, der kleinen Tre in dem Zaune zu, der
das Ralffsche Haus umgab. Hrte ich aus dem kleinen Stbchen eine Stimme singen,
die mir gar fremd und doch gar bekannt vorkam. Sang die Stimme immer nur den
Anfang eines alten Liedes:

Es trgt mein Lieb ein schwarzes Kleid,
Darunter trgt sie gro Herzenleid
In ihren jungen Tagen...

Nahm ich den Hut ab und trat in die Hausflur. Gr Gott, Jungfer Lieschen, bin
zurck aus Franzosenland - wollte ich sagen, sprach aber kein Wort, sondern fiel
mir der Hut zur Erde, und mute ich mich am Pfosten halten, um nicht selbst zu
fallen. Da sa ein bleiches Wesen mit eingefallenen Wangen im Winkel, hatte die
Hnde im Scho gefaltet und zitterte, als ob ein heftiger Frost es schttle.
    "Luise, Luise!" schrie ich auf, in die Knie vor ihr strzend, in
unmenschlicher Angst.
    Die Gestalt erhob sich, kam schwankend auf mich zu und sagte, indem sie mit
eiskalter Hand mir ber die Stirn strich:
    "Ei, mein schn's Lieb, bist zurck aus fremdem Land? Hab lange auf dich
gewartet, mein blankes Herz!"
    Schlug mir das Herz, da mir der Harnisch zu springen drohte, den betastete
sie, und ber dessen Glanz schien sie sich zu freuen.
    Was weiter vorging, wei ich nicht; noch eine Zeitlang hrte ich den Gesang
wie aus weiter Ferne:

Es trgt mein Lieb ein schwarzes Kleid,
Darunter trgt sie gro Herzenleid

- dann vergingen mir die Sinne; - das war meine Heimkehr aus dem Franzosenkrieg.
Ich erwachte am Abend in meinem eigenen Huschen, das ich vermietet hatte, und
die alte Frau, die damals drinnen wohnte, sa neben mir. Glaubte ich getrumt zu
haben - einen bsen, bsen Traum; besann mich erst allmhlich wieder, und fgte
es Gott, da ich weinen konnte. Erzhlte mir die gute Frau den Eingang und
Ausgang des Leidens, und schaute ich nach meinen Pistolen, den bbischen Grafen
hinzuschicken vor Gottes Richterstuhl, erfuhr ich aber, da er auf und davon sei
in ferne Lnder; habe es ihn nicht mehr rasten und ruhen lassen, und sei er auf
einmal spurlos verschwunden gewesen, ohne ber sein Verbleiben etwas zu
hinterlassen...
    Und hat ihn Gott davor behtet, uns vor die Augen zu kommen, fiel mein Oheim
mit abgewandtem Gesicht ein.
    Schrieb ich dem Andreas am andern Morgen das Geschehene, denn er wute noch
nichts davon; es war ein feiges Volk, so ihm auf vier Meilen Weges nichts
vermeldet hatte.
    Der Kranke im Bett sthnte, als ob ihm das Herz zerbreche, whrend ich
schwindelnd und wortlos dasa...
    Verkauften wir unsere Liegenschaften und brachten wir die Luise und die,
Franz, ihr kleines Kind, hierher in den grnen Wald, allwo uns des Frsten
Durchlaucht einen Unterschlupf gab. Die Luise war immer still vor sich hin und
ward immer stiller; sie sang nicht mehr ihre alten Liederverse und sa am
liebsten in der Sonne und hielt ihre armen magern Finger gegen das Sonnenlicht.
Dann lachte sie wohl und sagte:
    "Noch immer - noch immer - wie es rinnt, rinnt!"
    Und eines Morgens - - - Ja, wie war's denn, was ich einmal im Franzosenland
von einem den Offizieren vorlesen hrte, als ich Wache vor dem Zelt stand. Ich
glaube. Herr Goethe oder so nannten sie ihn, der es las (er zog mit des Herzogs
Durchlaucht), und es handelte von einer dnischen Prinzessin, die wahnsinnig
wurde, weil ihr Liebster sich wahnsinnig gestellt hatte...
    Bleib bei der Stange, Burchhard, rief mein Oheim pltzlich, sich aufrichtend
- eines Morgens lag sie am Rande des Hungerteiches ertrunken im Wasser!
    Laut aufschreiend strzte ich auf die Knie und verbarg den Kopf in dem
Kissen des alten sterbenden Mannes. Dieser sa jetzt auf den Ellenbogen gelehnt
aufrecht, untersttzt von der weinenden Waldgrete, seine Augen funkelten; er
legte mir die Hand auf den Kopf und sagte leise:
    Er war jnger als Burchhard und ich; er wird leben - - such ihn!
    Damit sank er erschpft zurck, whrend ich betubt liegenblieb.
    Endlich legte mir der alte Burchhard die Hand auf die Schulter und fhrte
mich hinaus.
    Ich will dir ein Wahrzeichen geben, sagte er, als wir unter den grnen
Bumen waren, die auf jene Tragdie ebenso grn und lustig herabgesehen hatten.
Wieder einmal folgte ich dem Laufe des Baches durch die freudige Wildnis. Mit
welchen Gefhlen?! - Jetzt wute ich, woher der tiefinnere Zug nach dem stillen
Waldteiche in mir kam! Da lag die klare Flche in der Abendglut vor uns, der
leise Wind flsterte in den Binsen, schlug die gelben Irisglocken aneinander und
schaukelte die auf ihren breiten, saftigen Blttern schwimmenden Wasserrosen;
das war alles so friedlich, so heimlich, so schn, und doch - welch unnennbares
Grauen gewhrte mir der Anblick!
    Als ich sie da fand, sagte Burchhard, hielt sie die eine Hand fest zu, und
das Gold eines Ringes schimmerte durch die starren Finger. Komm mit!
    Der Alte fhrte mich seitab in den Wald, wo ein Stein, mit einem Kreuz
bezeichnet, im Moose lag. Er kniete nieder, hob ihn weg und whlte eine Zeitlang
in der Erde.
    Da! rief er pltzlich und schleuderte den kleinen goldenen Reif, als habe er
eine Schlange berhrt, ins Gras. Es war auch eine Schlange, die einen
wappengeschmckten Rubin mit Kopf und Schweifende umschlang. Du wirst ihn in
diesem Kstchen finden, Johannes!
    
    An jenem Abend noch starb mein Oheim, und ich fhrte seine Leiche, wie du
weit, Johannes, nach Ulfelden. Ich wei nicht, der Tod des alten Mannes
erschien mir als gleichgltig im Vergleich mit dem Schrecklichen, welches mir
enthllt war. - Es war brigens ein seltsamer Zug; wir hatten den schwarzen Sarg
auf einen niedern Wagen, mit Zweigen und Waldblumen geschmckt, gestellt; die
Holzhauer mit ihren xten, die umwohnenden Khler mit ihren Schrstangen gaben
ihm das Geleit. Dicht hinter dem Sarg schritt der alte Burchhard, die Bchse und
das Waldhorn ber der Schulter, die Hunde um ihn her. Von Zeit zu Zeit blies er
eine lustige schmetternde Jgerweise, die er dann ergreifend und seltsam in
einen Choral bergehen lie. Unter den letzten Bumen hielt er an, die Holzhauer
und Khler um ihn her; noch einmal blies er einen frhlichen Jagdgru, dann
drckte er mir schweigend die Hand und sagte dumpf: Lebe wohl, Franz Ralff, und
schritt langsam in den Wald zurck, und immer ferner hrte ich die Tne seines
Hornes verklingen. Der Ohm wurde auf dem Ulfeldener Kirchhof, dicht neben seiner
Schwester, meiner Mutter, begraben. Den alten Burchhard habe ich nicht wieder
gesehen; ich hielt's nun gar nicht mehr aus in der engen Welt um mich her, ich
ging nach Italien. Burchhard aber zog nach dem Harz, wo Verwandte von ihm lebten
und wo er auch bald gestorben ist.
    Das, Johannes, ist der Teil meiner Geschichte, den selbst du, mein Freund,
nicht kanntest. Ich berlasse dir nun, welche Anwendung du davon einst fr mein
Kind wirst machen knnen; von jenem Mann habe ich nie eine Spur entdecken
knnen. Versunken und vergessen! Das Schlo Seeburg ist jetzt eine Fabrik!

Da liegt das alte vergilbte Heft vor mir, aus welchem ich diese Bogen der
Chronik der Sperlingsgasse abgeschrieben habe. Lange sa ich noch an jenem Tage
neben meinem Freunde, er sprach viel von seinem Tode und lchelte oft trbe vor
sich hin. Whrend seiner Erzhlung hatte er mit der Reikohle die Umrisse eines
Kopfes auf der Leinwand vor ihm gezogen. Das Bild male ich dir erst noch,
Johannes, sagte er. Ich kannte die milden Zge zu wohl, um sie nicht selbst in
diesen leichten Linien zu erkennen.
    Und so geschah es! Je heller und sonniger die Farben auf der Leinwand
aufblhten, je lieblicher der Lockenkopf Mariens aus dem Grau auftauchte, desto
bleicher wurden die Wangen meines Freundes, und eines Morgens - war er ihr
hinabgefolgt und hatte sein kleines Kind und seinen Freund allein
zurckgelassen.

                                Have, pia anima

                                                                 Am 24. Dezember

Weihnachten! - Welch ein prchtiges Wort! - Immer hher trmt sich der Schnee in
den Straen; immer lnger werden die Eiszapfen an den Dachtraufen; immer
schwerer tauen am Morgen die gefrorenen Fensterscheiben auf! Ach in vielen armen
Wohnungen tun sie es gar nicht mehr. Hinter den meisten Fenstern lugen
erwartungsvolle Kindergesichter hervor; da und dort liegt auf der weien Decke
des Pflasters ein verlorner Tannenzweig. Es wird viel Goldschaum verkauft, und
bedeckte Platten von Eisenblech, die vorbeigetragen werden, verbreiten einen
wundervollen Duft.
    Was ist ein echter Hamburger Seelwe? fragte Strobel, der bei mir eintrat
und beim Abnehmen des Hutes ein Miniaturschneegestber hervorbrachte.
    Ein Hamburger Seelwe? fragte ich verwundert. Doch nicht etwa ein
Mitglied des Rats der Oberalten?
    Beinahe! lachte der Zeichner. Ein Hamburger Seelwe ist eine Hasenpfote,
auf welche oben ein menschenhnliches Gesicht geleimt ist. Ein solches
Individuum versteht an einem Tischrande gar anmutige Bewegungen zu machen. Sehen
Sie hier!
    Dabei zog er den Gegenstand unsres Gesprchs hervor, hing ihn an meinen
Schreibtisch und brachte ihn durch einen Sto wie eine Art Pendel in Bewegung.
    Ist das nicht eine wundervolle Erfindung?
    Prchtig, sagte ich, in meiner Jugend brachte man aber denselben Effekt
durch den abgenagten Brustknochen eines Gnsebratens, in welchen man eine Gabel
steckte, hervor; aber die Kultur mu ja fortschreiten.
    Ja, die Kultur schreitet fort! seufzte der Zeichner. Sogar die einfachen
Tannen machen allmhlich diesen Pyramiden von bunten Papierschnitzeln Platz.
Papier, Papier berall! Aber was ich sagen wollte: wre es nicht eigentlich die
Pflicht zweier Mitarbeiter der Welken Bltter, jetzt auf die Weihnachtswandrung
zu gehen?
    Auch ich wollte Sie eben dazu auffordern, sagte ich.
    Vorwrts! rief Strobel und stlpte seinen Filz wieder auf, whrend ich
meinen Mantel und roten, baumwollenen Regenschirm hervorsuchte.
    Wir gingen. Den Hamburger Seelwen lieen wir ruhig am Tisch fortbaumeln,
nachdem ihm Strobel noch einen letzten Sto gegeben hatte. Zur Weihnachtszeit
habe ich gern ein solches Spielzeug in der Nhe, erfreute sich doch auch der alt
und grau gewordene Jean Paul zu solcher Zeit gern an dem Farbenduft einer
hlzernen Kindertrompete.
    Welch ein Gang war das, den ich mit dem tollen Karikaturenzeichner in der
Dmmerung des Abends machte! In wieviel Keller- und andere Fenster mute der
Mensch gucken; in wieviel kleine frostgertete Hnde, die sich an den Ecken und
aus den Torwegen uns entgegenstreckten, lie er seine Viergroschenstcke
gleiten! Welch ein Gang war das! Die Geister, die den alten Scrooge des Meister
Boz ber die Weihnachtswelt fhrten, htten mich nicht besser leiten knnen als
Herr Ulrich Strobel. Jetzt betrachteten wir die phantastische Ausstellung eines
Ladens, jetzt die staunenden, verlangenden Gesichter davor; jetzt entdeckte
Strobel eine neue Idee in der Anfertigung eines Spielzeugs, jetzt ich; es war
wundervoll!
    An der Ecke des Weihnachtsmarktes blieben wir stehen, in das frhliche
Getmmel, welches sich dort umhertrieb, hineinblickend. Im ununterbrochenen Zuge
strmte das Volk an uns vorbei: Vter, auf jedem Arme und an jedem Rockscho ein
Kind. Handwerksgesellen mit dem Schatz, den sie aus der Kche der Gndigen
weggestohlen hatten, ehrliche, unbeschreiblich gutmtig und dumm lchelnde
Infanteristen, feine, schmucke Garde-Schtzen, schwere Dragoner und klobige
Artillerie. - Hier und da wanden sich junge Mdchen zierlich durch das Getmmel;
jedes Alter, jeder Stand war vertreten, ja sogar die vornehmste Welt berschritt
einmal ihre nrrischen Grenzen und zeigte ihren Kindern die - Freude des Volks.
    Der Zeichner war auf einmal sehr ernst geworden. Sehen Sie, sagte er, da
strmt die Quelle, aus welcher die Kinderwelt ihr erstes Christentum schpft!
Nicht dadurch, da man ihnen von Gott und so weiter Unverstndliches
vorrsoniert, sie Bibel- oder Gesangbuchverse auswendig lernen lt, nicht
dadurch, da man sie - womglich in den Windeln - in die Kirchen schleppt, legt
man den Keim der wunderbaren Religion in ihre Herzen. An das Gewhl vor den
Buden, an den grnen funkelnden Tannenbaum knpft das junge Gemt seine ersten,
wahren - und was mehr sagen will, wahrhaft kindlichen Begriffe davon!
    Ich wollte eben darauf etwas erwidern, als pltzlich eine Gestalt, in einen
dunkeln Mantel gehllt, ein Kind auf dem Arme tragend, an uns vorbeischlpfen
wollte. Ein Strahl der nchsten Gaslaterne fiel auf ihr Gesicht, es war die
kleine Tnzerin aus der Sperlingsgasse. Ich freute mich ber die Begegnung und
rief sie an:
    Das ist prchtig, Frulein Rosalie, da wir Sie treffen. Vielleicht werden
Sie uns erlauben, da wir Sie begleiten; denn um die Mysterien eines
Weihnachtsmarktes zu durchdringen, ist es jedenfalls ntig, ein Kind bei sich zu
haben.
    Die Tnzerin knickste und sagte: Oh, Sie sind zu gtig, meine Herren;
Alfred hat mir den ganzen Tag keine Ruhe gelassen, und da kein Theater ist, so
mute ich ihm doch die Herrlichkeit zeigen.
    Ja, Mann - sagte Alfred, unter einer dicken Pudelmtze gar verwegen
hervorschauend -, mitgehen!
    Ich stellte der Tnzerin den Nachbar Zeichner vor, und das vierblttrige
Kleeblatt war bald in der Stimmung, die ein Weihnachtsmarkt erfordert. Was fr
ein Talent, Kinder vor Entzcken auer sich zu bringen, entwickelte jetzt der
Karikaturenzeichner! Er hatte der Mutter den dicken Bengel sogleich abgenommen,
lie ihn nun gar nicht aus dem Aufkreischen herauskommen und schleppte ihn hoch
auf der Schulter durch das Gewhl voran. O ich bin Ihnen so dankbar, so
dankbar, Herr Wachholder, flsterte die kleine Tnzerin, zu deren Beschtzer
ich mich sehr gravittisch aufwarf.
    Liebes Kind, sagte ich ein Paar solcher Junggesellen wie ich und mein
Freund wrden solche Abende wie dieser sehr bel zubringen, wenn nicht dann
ausdrcklich eine Vorsehung ber sie wachte. Sie sollen einmal sehen, wie
prchtig wir heute abend noch Weihnachten feiern werden - hren Sie nur, wie
Alfred jubelt; sehen Sie, wie stolz und glcklich er unter der Pickelhaube
vorguckt, die ihm eben der Herr Strobel bergestlpt hat!
    Der Karikaturenzeichner htte sich in diesem Augenblick sehr gut selbst
abkonterfeien knnen - er tat es auch, aber spter. Wundervoll sah er aus. Im
Knopfloche baumelte ein gewaltiger Hampelmann, in der rechten Hand hatte er eine
groe Knarre, die er energisch schwenkte, whrend auf seinem linken Arm Alfred
mit aller Macht auf eine Trommel paukte.
    Kleine Dame, sagte der Zeichner jetzt zu unserer Begleiterin, stecken Sie
mir doch einmal jene Dte in die Rocktasche, ich komme nicht dazu! Heda, alter
Wachholder, schrie er dann mich an, gleiche ich nicht aufs Haar einer
Kammerverhandlung? Rechts Geknarre, links Getrommel, und fr das Fassen und
Einsacken der begehrten Sigkeiten weder Kraft noch Platz!
    Mama, der Onkel aber mal rechter Onkel! rief der Kleine entzckt von
seiner Hhe herab, als Rosalie der Anforderung Strobels nachkam und ich
ebenfalls die Taschen mit allerlei fllte.
    So ging es weiter, bis uns endlich die Klte zu heftig wurde. Der Zeichner
lste sich auf - wie er's nannte - und berlieferte mir die spielzeugbehangene
Linke, behielt jedoch die Knarre in der Rechten, und nun ging's durch die
menschen- und lichtererfllten Straen nach Hause. Wie glnzte heute abend die
alte, dunkle Sperlingsgasse! Von den Kellern bis zum sechsten Stock, bis in die
kleinste Dachstube war die Weihnachtszeit eingekehrt; freilich nicht
allenthalben auf gleich frhliche, selige, gnadenbringende Weise. Welch einen
Abend feierten wir nun! Wir lieen unsere kleine Begleiterin natrlich nicht zu
ihrem kaltgewordenen Stbchen hinaufsteigen. War ich nicht schon auf der
Universitt meines famosen Punschmachens wegen berhmt gewesen? (Eine Kunst, die
mir mein Vater mit auf den Lebensweg gegeben hatte.) Der Karikaturenzeichner
holte einen Tannenzweig, den er auf der Strae gefunden hatte, hervor und hielt
ihn ins Licht.
    Das ist der wahre Weihnachtsduft, sagte er, und in Ermangelung eines
Bessern mu man sich zu helfen wissen.
    Horch! Was trappelt auf einmal da drauen auf der Treppe? Ein leises Kichern
erschallt auf dem Vorsaal und scheint noch eine Treppe hher steigen zu wollen.
Zu mir? sagt Rosalie und springt verwundert nach der Tr.
    Ach, da ist sie?! schallt es drauen, und auch ich stecke meinen Kopf
heraus.
    Guten Abend, alter Herr! Guten Abend, Rosalie! Guten Abend, Rschen!
erschallt ein Chor heller, lustiger Stimmen.
    Wo ist Alfred, wir bringen ihm einen Weihnachtsbaum!
    
    Hurra, das ist's, was wir eben brauchen! schreit der Zeichner, seine
Knarre schwingend. Schnen guten Abend, meine Damen, und frhliche
Weihnachten!
    Aus dunkeln Mnteln und Schals und Pelzkragen entwickelt sich jetzt ein
halbes Dutzend kleiner Theaterfeen, die alle jubelnd und lachend meine Stube
fllen und - auf einmal alle ein verschiedenes Musikinstrument hervorholen,
welches sie auf dem Weihnachtsmarkt erstanden haben. Ein Heidenlrm bricht los;
das knarrt und quickt und plrrt und klappert, da die Wnde widerhallen und
Rosalie, welche beschwrend von einer der kleinen Ratten zur andern luft,
zuletzt, die Ohren zuhaltend in dem fernsten Winkel sich verkriecht.
    Endlich logt sich der Skandal mit dem ausgehenden Atem und der ausgehenden
Kraft des Karikaturenzeichners, der vor Wonne ber das Pandmonium kaum noch
seine Knarre schwingen kann.
    Welch ein Punsch war das! Welche Gesundheiten wurden ausgebracht! Welche
Geschichten wurden erzhlt! Vom Souffleur Flstervogel bis zum Ballettmeister
Spolpato, ja bis zu Seiner Exzellenz dem Herrn Intendanten hinauf.
    Heute abend malte Strobel keine Karikaturen, aber sich selbst machte er oft
genug zu einer. Beim Versuch, sich auf einer mit dem Halse auf der Erde
stehenden Flasche sitzend zu drehen, beim Zuckerreiben, beim Versuch, den
glimmenden Docht eines ausgeputzten Wachslichtes wieder anzublasen, und bei
anderen Kunststcken.
    Alfred, der durch Unterlegung von Pufendorfs und Bayles schweinslederner
Gelehrsamkeit und durch Auftrmung verschiedener dickbndiger Erziehungstheorien
dazu gebracht war, neben seiner kleinen Mutter sitzend, ber den Tisch blicken
zu knnen, jubelte mit, bis ihm die Augen zufielen und er auf meinem Sofa ein-
und weiterschlief bis elf Uhr, wo das Fest endete, die kleinen Gste wieder in
ihre Mntel krochen, mich fr einen gottvollen alten Herrn erklrten, Rschen
kten und nach einem vielstimmigen gute Nacht die Treppe hinabtrippelten.
Darauf trug Strobel den schlafenden Alfred eine Treppe hher (wozu ich
leuchtete) und - auch dieser Weihnachtsabend der Sperlingsgasse war vorbei.

                                                                    Am 1. Januar

Neujahrstag! - Ich habe einen Brief bekommen aus dem fernen Italien, ein
kstliches Neujahrsgeschenk. Er spricht von der alten dunkeln Sperlingsgasse und
Glck und Wiedersehen, und eine Frauenhand hat diese feinen, zierlichen
Buchstaben gekritzelt. Den Namen der Schreiberin nenne ich aber noch nicht,
sondern fahre in meinem Gedenkbuch fort, wozu ich diesmal eine neue Mappe
hervorsuchen mu. -

    So war ich denn allein mit der kleinen Elise, die unbewut ihres Waisentums
und des unbehlflichen Pflegevaters auf Marthas Scho tanzte, als ich auch von
dem Begrbnisse zurckkehrte in diese vor kurzem noch so frhliche, jetzt so de
Wohnung in Nr. sieben der Sperlingsgasse. Da stand - es steht noch da - auf dem
Fenstertritt Mariens kleines Nhtischchen mit unvollendeten Arbeiten,
Zwirnknulchen, Nadeln und Bndern, wie sie es an jenem Abend, ber Kopfweh
klagend, verlassen hatte, um nicht wieder davor zu sitzen, nicht wieder durch
die Rosen-und Resedastcke und das Efeugitter in die dunkle Gasse hinauszusehen.
Da waren noch allenthalben die Spuren ihrer zierlichen Geschftigkeit. Franz
hatte die letzten drei Monate wie ein Argus ber ihre Erhaltung gewacht. - Dort
auf jenem Stuhl hing ihr Htchen, dort das Handkrbchen, welches sie bei ihren
Einkufen mit sich fhrte.
    Im zweiten Fenster stand Franzens Staffelei: das vollendete Bild Mariens -
lchelnd, wie sie nur lcheln konnte - darauf lehnend. Seine farbenbedeckte
Palette hing daneben, seine Skizzenmappen und Rollen lehnten und lagen
allenthalben. Hinter der Tr hing sein zerdrckter Biber, den wir so oft auf
unsern Spaziergngen mit Blumen und Laubgewinden umkrnzten und der Marien,
seines jmmerlichen, manchen-sturmdurchlebten Aussehens wegen, ein solcher Dorn
im Auge war.
    Kein Fleckchen, kein Gert ohne seine traurig se Erinnerung. Zerbrochenes
Kinderspielzeug auf dem Boden... und ich allein mit dem Kinde in dieser kleinen
Welt eines verlornen Glcks - Erbe von soviel Schmerz und Trnen und
Verlassenheit!
    Aber jetzt galt es zu handeln, nicht zu trumen, Ich mute mich aufraffen.
Ich nahm der Wrterin das kleine Lieschen aus den Armen, kte es und versprach
mir leise dabei, dem Kinde meiner Freunde ein treuer Helfer zu sein im Glck und
Unglck, bei Nacht und bei Tage, und ich glaube den Schwur gehalten zu haben.
Das Kind sah mich mit seinen groen blauen - denen der Mutter so hnlichen Augen
lchelnd an, griff mit beiden Hndchen mir in die Haare und begann lustig zu
zausen, wobei die alte Martha mit gefalteten Hnden zusah. Martha war schon
Mariens Wrterin im Rektorhause zu Ulfelden gewesen, war mit ihr zur Stadt
gekommen und hatte sie nicht verlassen bis an ihren Tod.
    Da meine Wohnung drben in Nr. elf zu beschrnkt war, um die ganze kleine
Welt dahin berzusiedeln, so hielt ich zuerst mit der Martha einen Rat, dessen
Resultat war, da ich meine Bcher, Herbarien, Pfeifen und unleserlichen
Manuskripte nach Nr. sieben herberholte, worauf Martha alles aufs beste
einrichtete. Indem ich alle Liebe fr die Eltern nun in dem Kinde konzentrierte,
hoffte ich, auf den Trmmern des zusammengestrzten Glcks ein neues
hervorblhen sehen zu knnen. Drben blieb die Wohnung nicht lange leer; mein
dicker Freund, der Doktor Wimmer, zog ein und spielte eine geraume Zeit den
Haupthelden und Faxenmacher der Sperlingsgasse.

                                                                    Am 5. Januar

Elise! - Sooft ich diesen Namen niederschreibe, klingt es wieder in der immer
dunkler herabsinkenden Nacht meines Alters wie ein Kindermrchen, wie
Lerchenjubel und Nachtigallenklage, umgaukelt es mich so duftig, so leicht, so
elfenhaft... Elise, Elise, komm zurck! Sieh, ich bin alt und einsam! Weit du
nicht, da ich dich auf den Armen schaukelte, da ich ber dir wachte in langen
Nchten, wie nur eine Mutter ber ihrem Kinde wachen kann? - Und aus weiter
Ferne glaube ich oft eine zrtliche, wie Musik tnende Stimme zu vernehmen: Ich
komme! Ich komme! Geduld, nur noch eine kurze Zeit!
    Und ich warte und hoffe und flle diese Bltter mit den Namen meines Kindes
Elise.
    So tauche denn auf aus dem Dunkel, du Idyll, bringe mit dir deine
Mrchenwelt, dein Lcheln durch Trnen! Komm, mein kleines Herz - aus den
schweinsledernen Folianten lassen sich so hbsche Puppenstuben bauen; schau
einmal her, was fr ein prchtiges Bett gibt mein Papierkorb ab fr die Jungfern
Anna, Laura, Josephine, und wie die kleiegefllten Donnen sonst heien! Einen
niedlichen, goldgelben Kanarienvogel schenke ich dir, wenn du nicht weinen
willst und hbsch herzhaft den Lffel voll brauner Medizin herunterschluckst! -
Weine nicht, Liebchen, sieh, wie der Efeu aus deiner Mutter Heimatswalde
Blttchen an Blttchen ansetzt und immer hher an der Fensterwand sich
emporrankt. Schau, wie der Sonnenschein hindurchzittert und auf dem Fuboden
tanzt und flimmert; es ist wie im grnen Wald - Sonnenschein und blauer Himmel!
Du mut aber auch lcheln!
    Und wie der Efeu hher und hher emporsteigt, so wchst auch du, mein
kleines Lieb; schon umgeben ebenso feine lichtbraune Locken, wie die auf jenem
Bilde, dein Kpfchen. Wer hat dich gelehrt, dieses Kpfchen so hinberhngen zu
lassen nach der linken Seite, wie sie es tat?
    Schttle die Locken nicht so und gucke mich nicht so schelmisch an aus
deinen groen, glnzenden Augen! Soll das ein R sein, dieses Ungetm? Oh, welch
ein Klecks, Schriftstellerin! Welche Dintenverschwendung von den Hnden bis auf
die Nasenspitze! Wie wird die alte Martha waschen mssen! Du sagst, du habest
nun genug Buchstaben gemalt, du mssest jetzt hinunter in die Gasse; du meinst,
sogar die Fliegen hielten es nicht mehr aus in der Stube, du shest wohl, wie
sie mit den Kpfen gegen die Scheiben stieen?!
    Nun so lauf und fall nicht, Wildfang; ich sehe ein, wir mssen dich doch
wohl zu dem Herrn Roder in die Schule schicken, damit du das Stillsitzen lernst.
    Was ist das auf einmal fr ein helles Stimmchen, welches drben aus dem
Fenster meiner alten Wohnung in Nr. elf ruft:
    Onkel Wachholder, Onkel Wachholder! Ausgehen, ausgehen!
    Qult die kleine Hexe nicht schon wieder den Doktor der Philosophie Heinrich
Wimmer, der da drben seine guten Leitartikel und schlechten Romane schreibt?
Wirklich, es ist so. Eine Bastimme brummt herber:
    Wachholder, 's ist 'ne absolute Unmglichkeit, bei dem Heidenlrm, den Euer
Mdchen hier mit dem Buchdruckerjungen und dem Rezensenten - (Rezensent heit
der Hund des Doktors, ein ehrbarer schwarzer Pudel) - treibt, weiterzuschreiben.
Ich bin mitten in einer der sentimentalsten Phrasen abgeschnappt - die kleine
Range ist aus Rand und Band, und dabei grinst der Himmel Fritze im Winkel und
will Manuskript fr die morgende Nummer.
    Schicken Sie doch das Mdchen fort, Doktor, und riegeln Sie Ihren
Musentempel hinter ihr zu! lache ich hinber.
    Dummes Zeug, brummt der Doktor, der eine echte zeitungsschreibende
Bummelnatur ist und dem die Strung durchaus nicht mifllt. Dummes Zeug; ich
schreibe Fortsetzung folgt, und wir fhren die Dirne in Schreiers Hunde- und
Affenkomdie; der Rezensent hat's auch ntig, da seine sthetische Bildung
aufgefrischt werde, wie ein Pack verflucht sonderbar riechender Zeitungsnummern
in der Ecke zur Genge beweist. Machen Sie sich fertig, Verehrtester!
    Damit verschwindet der Doktor vom Fenster; ich hre drben auf der Treppe
ein Getrappel kleiner Fchen, und Liese erscheint, begleitet vom Rezensenten,
in der Haustr. Mit einem Satz ist sie ber die Gasse, ebenso schnell bei mir
und im Handumdrehen fertig, wenn's sein mte, eine Reise um die Welt
anzutreten.
    Einige Minuten spter strzt Fritze, der Druckerjunge, aus der Tr von
Nummer elf mit einem Blatt Papier, welches noch sehr na zu sein scheint, denn
er trgt es gar vorsichtig und hlt es mit beiden Hnden weit von sich ab. Jetzt
erscheint der Doktor ebenfalls in der Gasse, den streichischen Landsturm
pfeifend, die Zigarre im Munde und mit dem Hakenstock sehr burschikose
Fechterbungen gegen einen eingebildeten Gegner machend. Er brllt herauf:
    Wetter, edler Philosoph, lassen Sie die deutsche Presse nicht zu
unvernnftig lange warten.
    Halb gezogen von Lieschen, halb umgeworfen vom Rezensenten, der, wie es
scheint, seiner hheren Bildungsschule sehr ungeduldig entgegengeht, stolpere
ich die Treppe hinunter ber Eimer und Besen, ber Kinder und Krbe. Aus allen
Tren blicken alte und junge, mnnliche und weibliche Kpfe, die alle der
kleinen Liese Ralff freundlich zunicken. Und wirklich, sie ist auch - wie einst
ihre Mutter, nur jetzt noch auf andere Weise - das bewegende Prinzip der ganzen
Hausgenossenschaft. Auf der Gasse taucht der Klempner Marquart aus seiner Hhle
auf und erhlt von der Liese Gru und Handschlag, nicht aber vom Rezensenten,
der den Feuerarbeiter hat und, wie es so oft in der Welt geschieht, das
Werkzeug fr die Ursache nimmt. Hat nicht Marquart auf hohe polizeiliche
Anordnung ihm, dem ehrbaren, soliden Rezensenten, dem Muster aller Pudel, den
Maulkorb mit der Steuermarke um die beschnurrbartete Schnauze geschlossen? Wer
verdenkt es dem braven Kter, wenn er wehmtigwtig vor dem Keller den
husarenfederbuschartig zugeschnittenen Schwanz zwischen die Beine zieht und
seitwrts schielend vorbeischleicht, sich in die Bsche schlgt, wie Seume und
mein Freund Wimmer sagen? Und nun durch die Gassen! Himmel, was sollen wir der
Kleinen nicht alles versprochen haben! Da eine reizende Gliederpuppe mit
Wachsgesicht, an jenem Laden wieder ein wonniges kleines Puppenservice von
gemaltem Porzellan und so fort, da der Doktor ganz wehmtig den Hut auf die
Seite schiebt und sich hinter dem Ohr kratzt.
    Ja, kucke nur, Onkel Wimmer, hast du nicht gesagt, du wolltest mir solch
ein hbsches Kaffeegeschirr kaufen, wenn ich nicht wieder aus deinen alten,
schmutzigen Schreibbchern dem Rezensenten einen Federhut machen wolle?
    Denken Sie, Wachholder - sagt der Doktor zu mir -, da hatte die
Herostratin vorgestern einen ganzen Bogen Manuskript, das ganze zwanzigste
Kapitel der Flodoardine zu dem eben von ihr erwhnten Zwecke vermibraucht!
Denken Sie sich meine Verblfftheit, als der Kter so geschmckt aus seinem
Winkel mir entgegenstolziert, auf den Stuhl mir gegenber springt und einen
verachtenden Blick ber den Schreibtisch und die noch brigen Bogen wirft, als
wolle er sagen: Pah, aus dem andern Schund machen wir eine ganz famose Jacke!
    Kriege ich mein Geschirr? ruft der kleine Verzug zwischen uns ungeduldig.
    Ja, sagte der Doktor gravittisch; mit der zweiten Auflage der
Flodoardine!
    Ach, mault die Kleine, wehmtig ber diese dunkle, ihr unverstndliche
Vertrstung, ich sehe schon, du hast wieder mal kein Geld!
    Lachend marschierte ich weiter, whrend der Doktor ebenfalls etwas
Unverstndliches in den Bart brummte.
    Und jetzt sind wir am Eingange der buntgeschmckten Bude angekommen und
einen Augenblick, darauf auch drinnen. Affen und ffinnen, Hunde und Hndinnen
machten ihre Kunststcke, und die Bretter bedeuteten auch hier eine Welt, und
Affe und ffin, Hund und Hndin betrugen sich wie Menschen. Die kleine Elise
jauchzte, und Rezensent starrte verwundert seinen Stammesgenossen auf der Bhne
zu. Er schien ganz perplex, und von Zeit zu Zeit stie er einen heulenden Laut
aus, den der Doktor verdolmetschte:
    Berichterstatter war auer sich vor Entzcken.
    Bellte der gelehrte Pudel kurz und schroff, so meinte der Doktor, das
bedeute:
    Berichterstatter war auer sich ber die Insolenz eines so unreifen
Knstlers, vor einem so kritisch gebildeten Publikum, wie das unserer Residenz,
zu erscheinen.
    Wedelte das rezensierende Vieh mit seinem Husarenbusch, so hie das:
    Diese junge Knstlerin verdient alle Ermunterung. Bei fortgesetztem
fleiigem Studium verspricht sie etwas Groes zu leisten.
    Ghnte der Kter, so sagte der Doktor:
    Berichterstatter rt dem Verfasser dieses geistvollen Stcks, sein elendes
Machwerk nicht fr dramatische Poesie auszugehen. Mit einer Tragdie hat es
nichts gemein als fnf Akte!
    Als am Schlu der Vorstellung das groe und kleine Publikum sich erhob und
Beifall klatschte, der Pudel aber, wie von einer groen Verpflichtung befreit,
unter die Bank sprang, erklrte der Doktor, das bedeute:
    Gottlob, da die Geschichte vorbei ist. Jetzt kann man sich doch mit
Gemtsruhe eine Zigarre anznden und zu Butter und Wagener am Gnsemarkt gehen.
    Und das tat der Doktor auch. Vorher aber hob er die kleine Elise noch zu
sich empor und gab ihr - wie sehr sie sich auch strubte - einen tchtigen
Schmatz.
    Also bei der zweiten Auflage der Flodoardine schaffen wir uns ein neues
Teeservice an, sagte er lachend.
    Rezensent schien erst im Zweifel mit sich zu liegen, welcher von beiden
Parteien er folgen solle. Zuletzt gewann aber der Gedanke an Wurstschelle und so
weiter die Oberhand. Er trabte dem Doktor nach.
    Wir aber gehen nicht zu Butter und Wagener am Gnsemarkt. Wir kaufen noch
Obst von der alten Hkerfrau an der Ecke und kehren glcklich - das kleine Herz
voll vom Affen Ktz mit der Laterne und dem Spitz Hudiwudri, der lustigen Madame
Pompadour und all den andern Wundern - zurck in unsere Sperlingsgasse und
schlafen, mde vom Gehen, Lachen und Jubeln, schon beim Auskleiden ein.
    Dann steigt der volle, reine Mond ber den Dchern auf. Der Abendwind weht
frischere Lfte ber die groe Stadt. Der Lrm des Tages ist vorbei; manche
bedrckte Brust atmet leichter in der dmmerigen Khle. Mancher sehnige
Mannsarm, der den Tag ber den Hammer, das Beil, die Feile regierte, legt sich
sanft um ein befreundetes Wesen, das ihm neuen Mut im harten Kampf gegen die
Materie gibt; manche harte Hnde heben kleine, schlaftrunkene Kindchen aus den
rmlichen Bettchen, um an den kleinen Lippen Hoffnung und Mut zum neuen Schaffen
zu saugen! Und auch ich beuge mich dann ber meine schlafende Pflegetochter, den
leisen, ruhigen Atemzgen der kleinen Brust lauschend, whrend die alte Martha
am Fuende des Bettes strickt.
    Das Lockenkpfchen des Kindes liegt auf dem rechten rmchen, das Gesichtchen
ist in dem Kopfkissen vergraben; ich kann die lieblichen, reinen Zge nicht
sehen. - -
    Da sieh! Pltzlich wendet sich das Kind um und dreht mir voll das Gesicht zu
- es murmelt etwas. Mama! flstert es leise, und ein heiliges, glckseliges
Lcheln gleitet ber das Gesichtchen.
    Wer raunt der Waise das se Wort zu? - Die alte Martha hat die Hnde
gefaltet und betet leise. - Mama, liebe, liebe Mama! flstert das Kind wieder,
das rmchen ausstreckend.
    Ist es ein Traum, oder kommt die erdentote Mutter zurck, ber ihrem Kinde
zu schweben?
    Dann fllt wohl ein Mondstrahl glnzend durch das Efeugitter auf das Bild
Mariens, der Kanarienvogel zwitschert auch wie im Traume auf, eine Wolke legt
sich vor den Mond, der Strahl verschwindet - das Kind versenkt, sich umdrehend,
das Kpfchen wieder in die Kissen.
    Gute Nacht, Elise! Felicissima notte, sagen sie in dem schnen Italien, wo
du heute weilst, eine glckliche, liebende Frau: Felicissima notte, Elise!

                                                                   Am 10. Januar

Seit ich jene Mappe, berschrieben Ein Kinderleben, hervorgenommen habe, ist
in meinem bisherigen Fenster- und Gassenstudium eine Pause eingetreten. Es soll
drauen sehr kalter Winter sein; Strobel behauptet es, auch Rosalie ist nicht
dagegen. Ich kann nicht sagen, da ich viel davon wte. In diesen vergilbten
Blttern hier vor mir ist es sonniger Frhling und blhender Sommer. Es macht
mir Freude, mich darin zu verlieren, und ich erzhle deshalb weiter.
    Da ist so ein altes Blatt:
    Wir sind sehr ungndig. Ein alter, dicker, lchelnder Herr ist dagewesen,
hat uns den Puls gefhlt, noch mehr gelchelt, einigemal mit seinem
spiegelblanken Stockknopf seine Nasenspitze berhrt, hat Dinte und Papier
gefordert und kurze Zeit auf einem lnglichen Papierstreifchen gekritzelt.
Martha hat diesen Zettel darauf fortgetragen, der Alte hat uns auf das Kpfchen
geklopft und gesagt: Schwitzen, schwitzen!
    Brr! -
    Mhe genug hat's dem Onkel Wachholder gekostet, einen solchen kleinen,
strampelnden Wildfang zur Rson und ins Bett zu bringen. 's ist auch zuviel
verlangt, die Arme so ruhig unter die Decken zu halten und nur den Kopf frei zu
haben. - Himmel, was bringt Martha da fr einen kleinen, braunen Kerl an! Er
gleicht fast dem Sem, dem Ham oder dem Japhet aus dem Noahkasten, trgt ein
rotes Mtzchen ber das Gesicht gezogen und mit einem Faden umbunden und
schleppt hinter sich her einen langen papiernen Zopf. Was ist's fr ein Glck,
da wir noch nicht imstande sind, die Inschrift darauf zu lesen:

                             Frulein Elise Ralff.

                                                 Alle 2 St. einen Elffel voll.

Wir sehen den Burschen aber doch mitrauisch genug aus unserm Bettchen an, und
der Onkel Wimmer, der zur Hlfe herbergekommen ist (natrlich begleitet vom
Rezensenten), meint gegen mich gewandt:
    Geben Sie acht, Wachholder, ohne Spektakel wird's nicht abgehen. Das Volk
hat sich erkltet oder erhitzt; einerlei! Schwitzen, schwitzen! Schwei und
Blut! Probatum est.
    Martha kommt nun mit einem Lffel, einem Glas Wasser und einem Stck Zucker,
whrend die Kleine in ihrem Bette immer unruhiger wird und Rezensent immer
gespannter auf die Entwickelung der Dinge zu warten scheint.
    Ich mag nicht einnehmen! wehklagt jetzt Liese, als ich dem Meister Sem die
rote Mtze abziehe - es schmeckt so scheulich!
    Aha, lacht der Doktor Wimmer - die oktroyierte Verfassung!
    Whrend ich mich mit dem Lffel voll Medizin der Kleinen, die sich immer
weiter zurckzieht, nhere, suche ich vergeblich alle mglichen Grnde fr das
schnelle Herunterschlucken hervor.
    Gib's dem Rezensenten, er war auch gestern mit im Regen! ruft Lieschen
endlich weinerlich.
    Ja, das ist auch wahr: kommen Sie, Onkel Wachholder! Der Redaktionspudel
soll's wenigstens kosten, damit die Liese sieht, da es den Hals nicht gilt.
    Und der Doktor nimmt, den Rcken der Kleinen zukehrend, den Kter zwischen
die Knie, tut, als ob er ihm einen Lffel voll Mixtur eingsse, und liebkost den
Pudel dabei, da dieser freudig aufspringt und lustig bellt.
    Siehst du. Jungfer, wie prchtig es ihm geschmeckt hat! Allons, kleine
Donna! Frisch herunter! - - - Eins, zwei, drei und...
    Herunter war's. Schnell das Glas Wasser und das Stck Zucker dahinterher!
    Du hlicher Hund! sagt die Kleine rgerlich, den Mund in dem Deckbett
abwischend, whrend die alte Martha sie fester wieder zudeckt.
    Der Doktor geht nun zurck zu seinen Korrekturbogen, aber der Hund begleitet
ihn diesmal nicht, sondern springt auf den Stuhl neben dem Bettchen seiner
grollenden Gespielin und schaut gar ehrbar auf sie herab.
    Ja, kucke mich nur so an und lecke deinen Schnurrbart, sagt Lieschen. Es
schmeckte ja doch bitter?! Warte nur, wenn ich erst wieder aus dem Bett darf.
    Da Rezensent nicht antwortet, so nehme ich fr ihn das Wort:
    Vielleicht freute sich das arme Tier nur, da es nun auch bald wieder
gesund werden knne, es war doch ebenso na geworden wie du und hat gewi auch
die ganze Nacht hindurch gehustet.
    Nein, sagte die Kleine, er tat's nur, weil ich ihm meine Schrze ber den
Kopf gebunden hatte. Sieh nur, wie er sich freut, wie er seinen Schnurrbart
leckt!
    Dagegen lt sich nichts einwenden, das Redaktionsvieh leckt wirklich mit
ungeheuerm Behagen die Schnauze, und ich ziehe es vor, die moralische Seite
herauszukehren.
    Das war aber auch sehr unrecht von dir, Elise! Was hatte dir denn das arme
Tier getan? Eigentlich drfte ich dir nun die schne Geschichte, die ich wei,
gar nicht erzhlen.
    Wir wollen uns wieder vertragen, sagt Elise wehmtig und nickt dem Pudel
zu. Nicht wahr, du?
    Glcklicherweise legt Rezensent gravittisch seine schwarze Pfote auf die
Bettdecke, und so nehme ich den Frieden fr geschlossen an.
    Gut denn, wenn du hbsch artig und still liegenbleiben und weder Hndchen
noch Fchen hervorstrecken willst, so werde ich dir eine wunderbare Geschichte
erzhlen, die noch dazu ganz und gar wahr ist.
    Hre:
    Es war einmal ein - Kchenschrank, ein sehr vortrefflicher, alter,
ehrenfester Kchenschrank, und er stand und steht - drauen in unserer Kche, wo
wir ihn uns morgen ansehen wollen! - Er war fest verschlossen, welches von zwei
sehr wichtigen und angesehenen Personen, die davorstanden, fr das einzige bel
an ihm erklrt wurde. Martha hatte aber die Schlssel in ihrer Tasche, und beide
Personen, die ich dir sogleich nher beschreiben will, erklrten das einstimmig
- sie waren sonst selten einer Meinung - fr sehr unangenehm, sehr unrecht und
sehr Mitrauen und Verachtung erregend.
    Ich habe schon gesagt, da beide davorsitzende Personen von groem Ansehen
und Gewicht waren sowohl in der Kche wie auf dem Hofe und dem Boden. Beide
machten sich oft ntzlich, oft aber auch sehr unntz. Jede hatte ein Amt zu
verwalten und verwaltete es auch - das war ihre Pflicht; jede mischte sich aber
auch nur zu gern in Dinge, die sie durchaus nichts angingen, und das - war sehr
unartig. Vor dem Kchenschrank zum Beispiel hatten sie in diesem Augenblick
durchaus nichts zu tun, und doch waren sie da, guckten ihn an, guckten darunter,
guckten an ihm herauf. Es roch aber auch gar zu lieblich daraus hervor!
    Die eine dieser Personen war mit einem schnen weien Pelz beneidet, einen
kleinen Schnurrbart trug sie um das Stumpfnschen und schritt ganz leise, leise
auf vier Pfoten mit scharfen Krallen einher. Einen schnen, langen, spitzen
Schwanz hatte sie auch, und sie schwang ihn in diesem Augenblick heftig hin und
her, denn sie rgerte sich eben sehr, und zwar ber drei Dinge:
    erstens: ber den verschlossenen Schrank, zweitens: ber die andere Person,
    drittens: ber sich selbst.
Es war, es war... nun, Lieschen, wer war es?
    Die Katze, die Katze!
    Richtig, die Katze, Miez, der Madam Pimpernell ihre Katze. (Holla,
Rezensent! Du brauchst nicht aufzustehen!) Die andere Person war etwas grer
als Miez, hatte einen braunen Pelz an, marschierte auch auf vier Beinen einher
wie Miez, aber lange nicht so leise, und sie rgerte sich auch ber drei Dinge:
das Schlo am Schranke, die Katze und sich selbst. Ihren Schwanz htte sie
ebenfalls gern hin und her geschleudert, aber sie konnte es leider nicht, denn
sie besa nur einen ganz kleinen Stummel, nicht der Rede wert. Das machte sie
fast noch ergrimmter als Miez, denn die konnte doch wenigstens ihrem Zorn Luft
machen.
    Nun, wer mochte diese zweite Person wohl sein, Liese?
    Der Hund, Marquarts Bello! schrie Elise ganz entzckt.
    Geraten, es war Bello, der Edle, ein weitlufiger Verwandter vom
Rezensenten und sonst auch ein ganz netter Kerl, aber - wie gesagt - vor dem
Schrank hatte er nichts zu suchen!
    Nun? sagte Miez, den Bello anguckend.
    Nun? sagte Bello, die Miez anguckend.
    Miau! klagte Miez, den Schrank anguckend.
    Wau! heulte Bello, den Schrank anguckend.
    So weit waren sie; sie wollten aber dabei nicht bleiben!
    Packen Sie sich auf den Hof, sagte die Katze, was haben Sie hier zu gaffen?
    Sie htte ich Lust zu packen, schrie der Hund, scheren Sie sich geflligst
auf Ihren Boden und fangen Sie Muse. Auf kriegen Sie ihn doch nicht!
    Pah! sagte die Katze und schleuderte ihren schnen Schweif dem Hunde zu,
welches soviel heien sollte als: Armer Kurzstummel, wenn ich nur wollte! Das
war aber dem armen Bello zuviel, denn jede Anspielung auf seinen Stummel machte
ihn wtend, wie auch der Swinegel, der, wie du weit, mit dem Hasen auf der
Buxtehuder Heide um die Wette lief, nichts auf seine krummen Beine kommen lie.
    Auf sprang also Bello, heulte furchtbar und wollte eben der Miez an ihr
schnes glattes Fell, als auf einmal... Piep, piep, piep! es im Schranke
ertnte.
    Mause, Mi-ause, Mi-ause am Braten drinnen - und ich dri-auen, dri-auen,
dri-i-i-auen! jammerte die Katze.
    Wau, wau; das kommt von Ihrem albernen Betragen und Ihrer Nachlssigkeit!
heulte der Hund, und dann - kam Martha vom Markte zurck, und Hund und Katze
gingen hin, wo sie hergekommen waren.
    Jetzt aber, mein Kind, schlaf ein und schwitze recht tchtig, damit wir
morgen die Stelle besehen knnen, wo diese merkwrdige Geschichte vorgefallen
ist. Und so geschah's; Lieschen schlief ein, ich aber freute mich, wieder
einmal ein Mrchen beendet zu haben, wie ein wahres Mrchen enden mu, nmlich
ohne allzu klugen Schlu und ohne Moral. Da der Doktor nicht bei meiner
Erzhlung zugegen war, konnte mir ebenfalls nur lieb sein. Jedenfalls htte er
wieder schnde politische Vergleiche und Anspielungen losgelassen, was mir sehr
unangenehm gewesen wre.
    Herr Wachholder, sagte Martha auf einmal ganz treuherzig - das Loch im
Schranke hat der Tischler Rudolf schon wieder zugemacht. Die Muse knnen nun
nicht mehr hinein.
    Bis sie sich wieder durchgefressen haben, Martha! Ich dachte an den Doktor
und seine Anspielungen.

                                                                   Am 11. Januar

Wie der Efeu aus dem Ulfeldener Walde hher und hher hinaufsteigt an der Wand
des Fensters, gekt von der warmen Sonne, getrnkt von kleinen, sorgenden
Hnden, welche alle verwelkten gelben Bltter abpflcken, da die Pflanze immer
frisch und jung dastehe!
    Aus Tagen werden Wochen, aus Wochen Monate, aus Monaten Jahre, und das junge
Menschenkind wchst und entfaltet sich schner und blhender als die
kstlichste, wundersamste Pflanze. Die alte Martha wird immer lter und
gebckter, und graues Haar mischt sich mehr und mehr unter mein braunes. Zum
erstenmal ist der Tod an mein Kind herangetreten. Es hat ber der ersten Leiche
geweint. Der hbsche, goldgelbe Kanarienvogel, der so zahm und lieb war, lag
eines Morgens kalt und erstarrt auf dem Boden seines kleinen Hauses.
    So fand ihn Elise und schrie auf, nahm ihn in ihre Hnde hauchte ihn an und
suchte ihn zu erwrmen - ach, armes Kind die Toten kommen nicht wieder!
    Leg ihn nieder, deinen kleinen Freund; auch dir jungem Wesen ist es jetzt
schon nicht mehr vergnnt, zu klagen und zu trauern, wie du wohl mchtest; auch
dich hat das Leben jetzt schon erfat und in seine Wirbel gezogen; - gehe hin
mit deinem gedrckten kleinen Herzen - da du die Schule nicht versumst! - Elf
Jahre alt ist mein Kind jetzt in den Blttern der Chronik. Das runde Gesichtchen
zieht sich schon mehr und mehr zu jenem Oval, welches das Bild dort an der Wand
so lieblich macht; aus Lieschens Kinderstimme klingt mir nun oftmals - wenn sie
sich wundert, sich freut oder klagt - ein Ton entgegen, der mich fast erschreckt
auffahren lt. Es ist derselbe Ausruf, den sie an sich hatte! Wer hat ihn dich
gelehrt, kleines Herz? Diesen Ton, den ich fr ewig verklungen hielt und welcher
jetzt nach so langen Jahren wieder frisch und lebendig wird?
    Weine nicht mehr, Lieschen, sieh, ich will dich an ernstere Grber fhren,
drauen vor der Stadt. Da wollen wir uns hinsetzen unter die blhenden
Rosenbsche und denken, da die Welt so gro, so unendlich gro sei und doch
nichts darin verlorengehe! Da wollen wir auch dem toten Vogel sein kleines Grab
graben und uns vorstellen, da im nchsten Frhlinge aus seinem Leibe eine
hbsche goldgelbe Blume aufsprieen werde: zur Freude des bunten, winzigen
Schmetterlings und des groen, ewigen Gottes.
    Stecke dein Butterbrot in deine Korbtasche, Lieschen (wenn du es heute
vielleicht auch verschenken wirst) - gib mir einen Ku und gre den Herrn
Lehrer Roder. Du kannst ihn auch fragen, ob er nicht morgen am Sonntag mit uns
hinausgehen wolle in den Wald und vielleicht noch weiter.
    Lieschen nickte und ging - noch immer schluchzend: ich aber machte mich auf
den Weg zur Expedition der Welken Bltter, ohne eine Ahnung von dem neuen
tragischen Ereignis, welches den Tag noch wichtig machen sollte.
    Mohrenstrae Nr. 66 war damals schon und ist auch heut noch das Bro dieses
bekannten Blattes. Ich hatte bald meine Geschfte abgemacht mit dem
Hauptredakteur, dem Doktor Brummer, einem kleinen, quecksilbrigen Individuum mit
goldener Brille und roter Percke - jetzt lange tot -, und schwatzte noch mit
den anwesenden Journalisten und den Knstlern beiderlei Geschlechts, die gelobt
sein wollten, als pltzlich die Tr aufgerissen wurde und der Doktor Wimmer
erschien, begleitet von dem uns nur zu wohl bekannten dicken, hochrotgesichtigen
Polizeikommissar Stulpnase. Da sie miteinander eintraten, war es nicht
ausgemacht, wer von beiden den andern eigentlich mitschleppe.
    Meine Herren, schrie, einen gestempelten Bogen schwingend, der Doktor,
ausgewiesen!
    Ausgewiesen!? ertnte es im Chor verwundert und fragend.
    Ausgewiesen? Was das sein, Signore dottore? fragte Signora Lucia
Pollastra, die jngst angekommene Basngerin.
    Ausgewiesen - ausgewiesen - das heit - cela veut dire: -eliminito! sagte
der Hauptredakteur, der alle Sprachen zu kennen glaubte.
    Dio mio! rief die Sngerin, die so klug als zuvor war.
    Sehen Sie, Wimmer, ich hab's mir gleich gedacht! schrie eine feine
schsische Stimme, die dem zweiten Redakteur Flumann aus Dresen zugehrte -
wie konnten Sie aber auch das schreiben?
    Der Journalist nahm die letzte Nummer der Welken Bltter und las:
    ... Und wenn alle Esel dieser Maregel Beifall brllen sollten: ich kann sie
nur bewimmern!
    Und er hatte seinen Lohn dahin und wurde selbst gemaregelt! sagte der
Doktor, welcher sehr gemtlich, den Hut auf einem Ohr, die Zigarre im Munde, auf
einem hohen Dreibein sa.
    Ich htte das deinetwegen schon nicht aufnehmen sollen, Wimmer! sagte
Brummer.
    Dann httest du ja selbst unter die Beifallsbrller gehrt, Alter!
    Jetzt mischte sich aber die hohe Polizei ein, welche bis dahin
stillgeschwiegen und nur mit Wrde geschnauft hatte.
    Also in vierundzwanzig Stunden, Herr Doktor...
    Habe ich das Nest hinter mir, Edelster! Seien Sie unbesorgt! lachte der
Doktor. Aber halt, Verehrtester, wrden Sie mir vielleicht wohl erlauben, Ihnen
jetzt noch eine kleine Rede zu halten? - Fritze, Lmmel! Gib dem Herrn Kommissar
einen Stuhl!
    Fritze, der unendlich selig grinste, kam dem Gebote nach; die Polizei lie
sich schnaufend nieder, und ihr Opfer - begann:
    Ich habe in Jena studiert, Herr Polizeikommissarius. Das ist eine
allgemeinhistorische Tatsache, aber es knpft sich Bemerkenswertes daran. Damals
gab es dort einen raffiniert groben Philister, Deppe genannt, der alle
Augenblicke eine sehr drastische Redensart herausdonnerte, brigens aber der
Gott aller der wilden Vlkerschaften: Vandalen, Hunnen, Alanen, Viso-, Mso- und
Ostrogoten usw. usw. war. Verehrtester Herr Kommissarius, der deutsche Student,
viel zu zartfhlend, viel zu sehr von Albertis Komplimentierbuch angekrnkelt,
konnte unmglich diese Redensart adoptieren. Ebensowenig aber konnte er auch den
Effekt derselben auf Pedelle, Manicher und dergleichen Gesindel entbehren. Was
tat er? - Er deckte Rosen auf den Molch und sagte: Deppe! - Deppe berall! Deppe
konnte jeder Rektor magnificus, Deppe jeder Professor, Deppe jede
Professorentochter sagen. Also, Herr Polizeikommissarius: Deppe! - 'n Morgen,
meine Herren! Addio, Signora Pollastra, brllen auch Sie wohl! Ich mu packen!
    Damit schob sich der Doktor der Philosophie Heinrich Wimmer und verlie das
Expeditionszimmer der Welken Bltter, um es nie wieder zu betreten.
    Nie aber habe ich ein solches Gesicht wiedergesehen als das des edlen
Stulpnase. Sprachlos sa er da; auf einmal aber sprang er auf, stlpte den
Dreimaster ber und schrie:
    Man soll ja nicht denken, seinen Spa mit einer hohen Behrde treiben zu
knnen! Damit strzte auch er fort.
    Wenn er nur nicht herausbringt, was Deppe heit! sagte der Hauptredakteur
unter dem unendlichen Gelchter der Redaktion und der Anwesenden, und die
Versammlung lste sich auf. -
    Nach Hause zurckgekehrt, traf ich die kleine Liese, die bereits aus ihrer
Schule heimgekommen war, ber einer bunten Pappschachtel an, in welche Martha
den Vogel gelegt hatte. Den Doktor hrte ich drben gewaltig rumoren, und von
Zeit zu Zeit erschien er am Fenster, blies eine Rauchwolke zum blauen
Sommerhimmel hinauf oder pfiff eine Passage aus dem streichischen Landsturm,
seinem Lieblingsstck. Der kleinen Liese sagte ich von dem Schicksal ihres
dicken Freundes noch nichts; ich wollte ihr das Herz nicht noch schwerer machen.
Mittags konnte sie schon so vor Betrbnis nichts essen, obgleich sie ihr
Butterbrot richtig weggeschenkt hatte. Alle Augenblicke richteten sich ihre
Augen auf die bunte Schachtel, worin das tote Tier lag.
    Am Abend begruben wir es unter dem blhenden Rosenstrauch zu den Fen der
Grber von Franz und Marie. Die roten Abendwolken segelten ber uns weg, die
Rosen dufteten so herrlich, berall Licht und Blumen. Ich sa auf dem Bnkchen
neben den Grbern; Elise hatte ihr Kpfchen an meine Brust gelegt, sie hatte
sich so mde getrauert, da sie - o glckliche Kindheit! - die Augen schlo und
einschlummerte.
    Eine schne, ltere, bleiche, schwarzgekleidete Dame kam und kniete an einem
einfachen Denkmale nieder; arme Kinder legten, weiter weg an der Kirchhofsmauer,
Walblumenkrnze auf das Grab des toten Vaters; ein Greis schritt gebckt unter
den Steinen und Kreuzen umher, die Aufschriften lesend.
    In der Stadt verkndeten alle Glocken den morgenden Sonntag; voll und rein
wogten die feierlichen Klnge, die in den Straen im Rollen und Rauschen der
Arbeit ersticken, ber diese stille Welt hinweg. Immer goldner glnzte der
Himmel im Westen, immer tiefer sank die Sonne dem Horizont zu. Nacht ward's auf
der einen Hlfte dieses drehenden Balles, whrend auf dem groen Atlantischen
Ozean vielleicht eben ein Schiff, dem jungen Amerika entgegensegelnd, die Sonne
aufsteigend begrte. Vielleicht ist es nur ein Schiff, das jetzt im jungen Tage
segelt, whrend hier die Nacht sich ber so viele Millionen legt. Dort steht der
Fhrer auf dem Verdeck, das Fernrohr in der Hand; im Mastkorb schaut ein
freudiges Auge nach dem ersehnten Lande aus, berall Leben und Bewegung. - -
Hier zndet der einsame Denker seine Lampe an und schlgt die Bcher der
Vergangenheit auf, die Zukunft daraus zu entrtseln, und findet vielleicht, da
die Nacht, die auf den Vlkern liegt, ewig dauern wird, in demselben Augenblick,
wo auf jenem einsamen Schiff der Willkommensschu donnert, Amerika! die zu dem
Schiffsrand strzende Auswandrerschar ruft und eine Mutter ihr kleines,
lchelndes Kind in die Morgensonne und dem neuen Vaterland entgegenhlt!
    Das Gras fngt an, feucht zu werden, ich mu meine kleine Schlferin
aufwecken. Die bleiche Frau erhebt sich ebenfalls; sie kommt auf uns zu. Wir
kennen uns nicht; aber hier auf dem Kirchhof scheut sie sich nicht, sich ber
mich und das schlummernde Kind zu beugen.
    Lassen Sie mich die Kleine kssen! sagt sie.
    Ich sehe sie unter den Bumen verschwinden, ein Tuch vor den Augen.
    Elise erwacht: O wie schn! ruft sie, in die Glut des Abends schauend.
    Gute Nacht, Franz! Gute Nacht, Maria!
    Holla! Was ist in der Sperlingsgasse los? Als wir nach Haus kommen, herrscht
ein Tumult darin, wie ich ihn noch nie darin erlebt habe. In allen Haustren
schwatzende Gruppen, jede Arbeit eingestellt: Salatwaschen, Schuhflicken,
Strmpfestopfen, Hmmern, Sgen, Federkritzeln, alles ins Stocken geraten, nur
nicht - die Zungen!
    O je, o je, Herr Wachholder, sehen Sie mal da oben! schreit Martha, die
auf der Treppe unserer Haustr, umgeben von einem Kreis Nachbarinnen, Posto
gefat hat, mir schon von weitem zu.
    Was gibt's denn, Martha? Was ist los? rufe ich ihr entgegen.
    Der Herr Doktor Wimmer ist los! jubeln zwanzig Stimmen um mich her, und
zwanzig Finger zeigen nach dem Fenster des vortrefflichen Burschen, welcher bis
jetzt der bunte Hund der ganzen Gasse war.
    Ein groer Bogen Papier flattert dort oben, und darauf steht mit gewaltigen
Buchstaben:

                                   DR. WIMMER
                                    P. P. C.

Aus dem offenen Fenster aber beugt sich - Herrn Polizeikommissarius Stulpnases
ehrwrdiges Vollmondgesicht, und seine weibehandschuhten Hnde sind bemht, den
Zettel abzunehmen.
    Ich berliefere schnell die verwunderte Liese der alten Martha und steige
die Treppen zu der Wohnung des Doktors hinauf, welches sehr langsam geht, denn
vor mir her schiebt sich eine unheschreibliche, wunderbare Masse von
Kleidungsstcken chzend und sthnend den engen Weg langsam, langsam hinauf.
    Das war die dicke Madam Pimpernell, die das Ereignis seit langen Jahren zum
ersten Male wieder in die obern Rume ihres Hauses trieb.
    Das Zimmer beschrieb ich neulich bei meinem Besuch des Zeichners Strobel und
brauche daher jetzt nur zu sagen, da der Nachla des Doktors in einem
zerspaltenen Stiefelknecht, einer leeren Zigarrenkiste Fumadores regalia und -
einem Exemplar der Flodoardine bestand.
    Stulpnase sa da auf einem Stuhl, schaute das leere Nest wehmtig-grimmig an
und chzte:
    Ausgewiesen! Nun gar ausgekniffen! Donnerwetter - ohne erst fr seinen
Deppe gesessen zu haben.
    Jotte, einer armen Witfrau ihren besten Mieter abzutreiben, is das in der
Ordnung, Herr Kumzarius? Habe ich darum Ihrer Frau die Butter immer um 'nen
Dreier billiger gelassen? greint die dicke Madam Pimpernell, die ebenfalls dem
Beamten gegenber auf einen Stuhl gesunken ist.
    Halte Sie das Maul. Frau! schnauzt Stulpnase, worauf die Dicke ein Gesicht
macht, wie es einst jedes brave korinthische Weib geschnitten haben mu, als es
das Wort des Apostels Paulus hrte: Mulier taceat in ecclesia.
    Nach einer feierlichen Stille von einigen Minuten stt Stulpnase ein
dumpfes Geheul aus und seufzt in sich: Deppe. Pltzlich aber, mit Wut auf
seine Brusttasche schlagend, schreit er: Und hier hab ich den Verhaftsbefehl:
Beleidigung eines Beamten im Dienst, und - ausgekniffen!
    Ich wage es nicht, den aufgebrachten Leuen durch Lachen noch mehr zu reizen,
verschwinde und platze erst auf der Treppe los, die beiden Wrdigen einander
gegenber sitzen lassend.
    In der Gasse steckt mir Marquart ein Billett zu und flstert geheimnisvoll,
nach dem Fenster des Doktors deutend:
    Das hat er zurckgelassen fr Sie, Herr Wachholder!
    Der Zettel lautet:
Liebster Freund!
Eine hohe Polizei wei, was Deppe heit, obgleich es nicht im
Konversationslexikon steht. Ein Freund hat mich gewarnt - ich verschwinde! - In
den bhmischen Wldern sehen wir uns wieder!
                                                                     Dr. Wimmer.

P. Scr. Der Redaktionspudel begleitet mich!

Onkel, was soll denn das alles bedeuten, wo ist denn der Onkel Doktor? fragt
die kleine Liese, welche, obgleich schon im Nachtzeug, nicht vom Fenster
weggekommen ist.
    Ich schreibe: pour prendre cong auf einen Zettel, und Lieschen, die jetzt
schon eine kleine Gelehrte ist, hat mit Hlfe eines Diktionrs noch vor dem
Schlafengehen heraus: Um - nehmen - Abschied.
    Der Onkel Wimmer mu eine kleine Reise machen, Schatz!
    Damit geht Elise getrstet zu Bette und verschlft und vertrumt sanft ihren
ersten Schmerz, In diesem Alter gengt noch eine Nacht, ihn zu begraben.

                                                                   Am 12. Januar

Ich hab's mir wohl gedacht, als ich diese Bogen falzte, und ich hab's auch wohl
mit aufgeschrieben, da ihr Inhalt nicht viel Zusammenhang haben wrde. Ich
weile in der Minute und springe ber Jahre fort: ich male Bilder und bringe
keine Handlung; ich breche ab, ohne den alten Ton ausklingen zu lassen: ich will
nicht lehren, sondern ich will vergessen, ich - schreibe keinen Roman!
    Heute werfe ich zum erstenmal einen prfenden Blick zurck und mu selber
lcheln. Alter Kopf, was machst du? Was werden die vernnftigen Leute sagen,
wenn diese Bltter einmal das Unglck haben sollten, hinauszugeraten unter sie?
    Doch - einerlei! La sie sprechen, was sie wollen: ich segne doch die
Stunde, wo ich den Entschlu fate, diese Bltter zu bekritzeln, mit einem Fu
in der Gegenwart und Wirklichkeit, mit dem andern im Traum und in der
Vergangenheit! - Wieviel trabe, einsame Stunden sind mir dadurch nicht
vorbergeschlpft sonnig und hell, ein Bild das andere nachziehend, dieses
festgehalten, jenes entgleitend: ein buntes, freundliches Wechselspiel! So
schreibe ich weiter.
    Manche alte verstaubte Mappe mit Bchern, Heften, Zeichnungen, vertrockneten
Blumen und Bndern liegt da: ich brauche nur hineinzugreifen, um eine se oder
traurige Erinnerung aufsteigen zu lassen, keine aber so duftig, so waldfrisch
als die folgende, welche ich berschreibe:

                                Ein Tag im Walde

Fahren wir, oder gehen wir? hatte Lieschen am Abend jenes auf den vorigen
Seiten beschriebenen, so ereignisvollen Tages noch gefragt.
    Wir fahren! war die Antwort gewesen, und glcklich darber hatte das Kind
das Nschen nach der Wand gekehrt und war eingeschlafen.
    Mit dem Wagen erschien am andern Morgen auch Roder, der Lehrer Elisens, den
leichten Strohhut auf dem Kopf, die grne Botanisierbchse auf dem Rcken, schon
an der Ecke lustig nach dem Fenster hinaufwinkend.
    Die alte Martha hatte den Kaffee fertig, und Lieschen, die bei ihrem Eifer,
ebenfalls fertig zu sein, diesmal mehr Hlfe als gewhnlich ntig gehabt hatte,
sprang die Treppe hinunter und erschien nun, den Lehrer hinter sich herziehend.
    Roder ist einer jener Volkslehrer, wie sie nur Deutschland hervorbringt. Er
ist, wie es sich fast von selbst versteht, der Sohn eines Schulmeisters, der
wiederum der Sohn eines Schulmeisters war; denn wenn es einen Stand gibt, der
sich durch Generationen fortpflanzt, so ist es das deutsche Volkslehrertum. Da
bringt der Vater vom Lande einen seiner gewhnlich sehr zahlreichen Shne in die
Stadt mit einer Bibel, einem Gesangbuch und vor allem einem Choralbuch als
Bibliothek. Der Junge ist der Stolz seines Vaters. Wer hat ein greres Talent,
die Orgel zu spielen? Wer hat eine bessere Stimme - wenn sie auch gerade sich
setzt? So ausgerstet betritt der junge Gelehrte den Schauplatz seiner weitern
Ausbildung; gewaltig packt ihn anfangs das Heimweh unter der wilden Bande seiner
Mitschler, die ihn hnseln und zum besten haben in seiner Gutmtigkeit und
Unerfahrenheit. Das Leben ist ihm anfangs nur ein erster April, wo man die
Narren umherschickt - in den April. Selbst der Zuwachs seiner Bibliothek,
bestehend aus den Schulbchern seiner Klasse und Funkes Naturgeschichte, vermag
ihn nur mittelmig zu trsten; ein grerer Freund ist ihm in dieser Epoche
seines Daseins das alte wacklige Klavier, welches ihm der Vater fr ein billiges
gemietet und in sein Dachstbchen gestellt hat. Davor sitzt der Arme und spielt
seine Chorle und Volksweisen - letztere nach dem Gehr, und denkt zurck an
sein Dorf, an seine Eltern und Geschwister und vor allem an die Schule, wo er
der Erste war - ja sogar in der Ernte den Vater zuweilen vertreten durfte;
whrend er hier - er, der groe Bengel! - ganz unten seinen Platz unter den
Kleinsten, Dummsten und Faulsten bekommen hat!
    Warte nur, armer Kerl - sieh, da bricht schon der erste freudige Strahl in
dein dunkles Sein. Gewhnlich gibt es auf jeder Schule einen Lehrer, der ein
Original, ein Sammler, vielleicht ein leidenschaftlicher Naturfreund ist, womit
meistens die Gabe der Mitteilung sich verbindet, dem begegne, du armes einsames
Gemt, und du wirst einen Freund gefunden haben. Jetzt verndert sich alles!
    Welch ein Schweifen nun ber Berg und Tal; welch ein Versenken in all die
kleinen und kleinsten gewaltigen Wunder in der Luft, im Wasser, auf und unter
der Erde! Wie sich das Dachstbchen fllt mit Kfern, Schmetterlingen, Herbarien
usw. Welch eine selige Ermdung an jedem Abend, welch ein Trumen in der Nacht,
welch ein Erwachen am Morgen!
    Nun zieht eine Wissenschaft alle andern nach sich; die Klassen werden
durchflogen - den Schiller lernen wir auswendig, und die Welt dehnt sich immer
schner und weiter vor uns aus. - Ach, ein Faust zu sein, ist es nicht ntig,
alles studiert zu haben: das Wollen allein gengt, den Mephistopheles aus dem
Nebel hervortreten zu lassen!
    Sttze nur die heie Stirn auf die Hand, du Sohn Deutschlands, in langen
durchwachten Nchten, beschwre nur die Geister alter und neuer Zeit herauf, sie
sind doch stets um dich, die Gespenster: Lebensnot und Zweifel und vergebliches
Streben!
    Der Arm der Notwendigkeit fat dich und schleudert dich mit deinem
Wissensdrang in ein kleines abgelegenes Walddorf oder an die Armenschule einer
groen Stadt; da begrab dein volles Herz und suche - zu vergessen!
    Glcklich, wenn du's kannst; glcklicher aber vielleicht doch, wenn es dir
gegeben ist, auch hier weiterzusuchen. Der Pulsschlag des Weltgeistes pocht ja
berall: Suchet, so werdet ihr ihn finden! sagt das schnste der Bcher, das
so leicht zu verstehen ist und so schwer verstanden wird.
    Ungeduldig klatscht der Kutscher unten vor der Tr, ungeduldig treibt Elise;
whrend Martha noch immer Zurstungen macht wie zu einer Reise nach dem Nordpol.
Endlich aber steigen wir in den Wagen.
    Unsere Sonntagsodyssee beginnt.
    Htte der Onkel Doktor nicht morgen abreisen knnen? fragt noch Lieschen,
nach dem Zettel droben schauend, auf welchem die Madam Pimpernell ankndigt:
    Hier ist eine Stube mit Kabinett zu vermieten.
    Roder lchelt, scheint etwas auf dem Herzen zu haben, aber sich gegenwrtig
auf Weiteres nicht einlassen zu wollen, und so rollen wir durch die noch stillen
Straen dem Tore zu. An den Wochentagen ist's um diese Zeit schon lebendig
genug, heute aber schlft das Volk der Arbeit in den Morgen und den Sonntag
hinein; es hat das Recht dazu nach sechs Schpfungstagen.
    Jetzt sind wir in den grnen Anlagen, die sich rings um die Stadt ziehen.
Landhuser und Grten fassen auf beiden Seiten die Strae ein. Eine
Eisenbahnlinie geht mitten ber den Weg, und wir mssen anhalten, denn ein Zug
fliegt eben brausend und schnaubend dem Bahnhofe zu. Der Sonntag, der den
Stdter hinausfhrt, bringt den Landmann hinein in die Stadt, und alle die
Tausende, die heute ein- und ausfliegen werden, suchen alle ein anderes Ziel des
Genusses, jeder die Freude auf eine andere Weise.
    Schon haben wir die letzten Grten hinter uns und fahren nun langsam die
Pappelallee hinauf den Hhen zu, welche im weiten Umkreis die groe Ebene und
die groe Stadt umgrenzen. Die Sonne steigt empor ber dem Walde; die Knospen,
die Bltter, die Blumen tragen alle einen Tautropfen, das Geschenk der Nacht;
die Lerche erhebt sich jubelnd in die blaue frische Luft, und auch sie schttelt
Tau von den Flgeln. Wenn wir zurckblicken, liegt die groe Stadt noch verhllt
in dem silbergrauen Duftschleier, den sie selbst sich weht und den sie, wie
Penelope den ihrigen, nur zertrennt, um ihn von neuem zu knpfen. Wie eingewebte
Goldsterne blitzen die Kreuze der Trme - die Zeichen des Leids - darauf. - Wir
aber fahren schon im vollen Sonnenschein, und jetzt sind wir am Rande des Waldes
angekommen; nun brauchen wir den Wagen nicht mehr, und schnell rollt er die
Hhen wieder hinab der Stadt zu.
    Was trappelt auf einmal vor uns und raschelt durch das welke Laub des
vorigen Jahres, das den Boden bedeckt? Was bricht da durchs Gebsch, die Ohren
und den schwarzen Pelz na vom Morgentau, lustig jetzt um uns her bellend und
springend und die hellen, blitzenden Tropfen abschttelnd?
    Hurra! Willkommen im Walde! ruft eine wohlbekannte Bastimme.
    Wer trabt da lachend her - hinter einer kleinen Rauchwolke, eine hohe,
schwankende Knigskerze auf dem Hut - auf dem Fupfade, der seitab tiefer ins
Holz fhrt?
    Willkommen, fahrender Recke! ruft Roder, den Hut schwingend.
    Allerseits schnsten guten Morgen! grt der ausgewiesene Doktor, den
abgenommenen Maulkorb des Pudels in die Hhe schleudernd und wiederfangend.
    Hast du mit Rezensent im Walde geschlafen? fragt die kleine Liese.
    Der Herr Polizeikommissarius lt Sie gren, Wimmer! lache ich.
    Jeder hat zu gleicher Zeit zu fragen und zu antworten, und jeder tut es
auch, whrend Rezensent sich immer dicht an Elise hlt, von Zeit zu Zeit ein
kurzes fideles Gebell ausstt und fest unsern Proviantkorb im Auge behlt.
    Mit pathetischer Gebrde tritt jetzt der Doktor an den Rand der Hhe,
streckt den Arm gegen die Stadt aus und deklamiert: Ha, da liegt sie - die
Undankbare, sie, wo ich meine Nchte durchwachte und meine Tage verschlief
Snger und Sngerinnen, Schauspieler und Schauspielerinnen, Ballettnzer und
Ballettnzerinnen lobte oder herunterri - wo ich so manchen Leitartikel schrieb
- wo ich so manche Pfeife rauchte! Da liegt sie wollstig trumend im
Morgenschlummer, whrend ich umherirre, verbannt, vertrieben, an die Luft
gesetzt, eliminito, wie der Doktor Brummer sagte, gejagt, gemaregelt - ein Lamm
im scharfen Nordwind. Nest! - Brste dich mit deinen Gardeleutnants, deiner
famosen Musenbude, die ich dort ber die Dcher zwischen dem Pfeffer- und
Salzfasse ragen sehe - ich verachte dich, ein deutscher Zeitungsschreiber! Mache
in der Liste deiner unter polizeilicher Aufsicht Stehenden ein dickes Kreuz
hinter dem Namen: Heinrich Theobald Wimmer Dr. phil., setze ein dreimal
unterstrichenes Ausgewiesen dahinter; ich schttle deinen Staub Von meinen
Fen, ich Verachte dich! - Bin ich nicht heimatsberechtigt in Mnchen an der
Isar, stehen nicht viele Lcher offen im edlen Was-ist-des-Deutschen-Vaterland?
Zeugt nicht dieser solide Bauch (hier schlug sich der Doktor auf den erwhnten
Krperteil) Von Bayern? Es lebe Mnchen! - Ha, prophetisch verknde ich dir,
ausweisender Pascha von soundsoviel Roschweifen: ein Schmchtigerer, aber
Giftigerer wird meine Stelle einnehmen. Erfahren sollst du,
zeitungenberwachende Behrde, da das, was ihr Unkraut nennt, wenigstens auch
die Tugend desselben hat: nmlich nicht zu verderben und auszugehen! Fort in die
Bresche, mein unbekannter Mitkmpfer! Mein Segen begleitet dich! Dixi, ich habe
gesprochen! - Komm, Lieschen!
    Damit warf der Doktor den Maulkorb den Berg hinunter der Stadt zu, hob die
Kleine empor, setzte sie mit ihrer Tasche und den ersten whrend seiner Rede von
ihr gepflckten Blumen auf seine Schulter und schrie: Allons, meine Herren;
hinein in den Wald! Kehren wir dem Neste den Rcken zu!
    Mit diesen Worten trabte der tolle Gesell auf dem Fupfad, auf dem er
gekommen war, zurck ins Holz; Roder und ich folgten lachend. Der
Exredaktionspudel sprang auch wie toll hinter uns her; gaudeamus igitur tnte
des Doktors Ba in das beginnende Konzert der Vgel, unser Sommersonntag im
Walde hatte begonnen.
    Welch ein Tag war das!
    Dieses erste Eintreten in die grne Bltterwelt - dieses Aufatmen aus voller
Brust! Der Doktor hatte mit der sich gewaltig strubenden Liese einen
ordentlichen Galopp angeschlagen und war unsern Augen entschwunden, unsern Ohren
aber nicht. Die Kleine lachte - wurde rgerlich - bat; der Pudel bellte aus
Leibeskrften, und der Doktor fiel aus einem seiner Studentenlieder ins andere.
    Mit seiner Ausweisung schien der alte Jenenser Bursch alle
gesellschaftlichen Bande fr aufgelst zu halten.
    Das ist ein sonderbarer Menschentypus, sagte Roder lchelnd, als wir
langsamer hinterhergingen: die personifizierte Gutmtigkeit unter dieser
tollen, barocken Maske. Wir sind Jugendfreunde, welches sonderbar scheinen kann,
da er in Lumpenhausen das Gymnasium besuchte, whrend ich auf dem Seminar mich
zum Schulmeisterlein einpuppte. Ebensogut htte ein Guelfe mit einem Ghibellinen
Arm in Arm auf der via dei malcontenti in Florenz spazierengehen knnen. - Aber
es war so, er lehrte mich Zigarren drehen, ich dagegen brachte ihm bei, sich auf
dem Klavier mit einem Finger zu dem famosen Liede zu begleiten:

Mihi est propositum
In taberna mori...

Spter verlor ich ihn aus den Augen; ich wurde Hlfslehrer in Lammsdorf, er ging
auf die Universitt. Da sa ich eines Abends und untersuchte Moose durch die
Lupe, als mich pltzlich jemand auf die Schulter klopfte und eine Bierbastimme
- wie weiland Leibgeber zum Armenadvokat Siebenks - 'n Morgen, Roder hinter mir
sagte. Es war Wimmer, der, wegen bertretung der Duellgesetze relegiert, die
groe Tour machte, wie er sagte. Geld besa er schon damals nicht, aber viel
Humor und guten Mut, und so hat das Schicksal uns fters wieder einander in den
Weg gefhrt, und immer war der Doktor Wimmer - derselbe...
    Und aussterben wird diese Art nicht in Deutschland, solange man noch die
Namen: Bier, Romantik und Politik nennen hrt, sagte ich.
    Halt, rief der Lehrer, welch ein prchtiges Aconitum, entschuldigen Sie!
Damit sprang er ins Gebsch, die Pflanze auszugraben, whrend ich in den Bart
murmelte:
    Und auch deine Art, deutsche Seele, wird nicht ausgehen, solange noch in
eine Blte das deutsche Gemt sich versenken kann zwischen Weichsel und Rhein.
    Onkel Wachholder, Onkel Wachholder! Kommt alle schnell, schnell einmal
her! rief jetzt Lieschen in der Ferne.
    Was gibt's denn, Liese? ruft Roder, seine Blume in die Botanisierbchse
legend.
    Ein wunder-wunderhbsches Vogelnest hat der Onkel Doktor gefunden! schallt
es wieder, und wir setzten uns in Trab.
    Auf einem kleinen sonnigen Platz seitab vom Wege stand der Doktor, hochrot
vom Singen und Rennen, und lie die Kleine in einen Fliederbusch schauen. Liese,
den Atem anhaltend, um die kleine piepende Welt nicht zu stren, guckte selig
durch die Zweige, whrend der Rezensent das Wunder weiter unten suchte und, den
Kopf und Leib im Laubwerk verborgen, nur die Hinterbeine und den wedelnden
Husarenbusch zeigte.
    Nicht wahr, Liese, das mute ich dir doch zeigen? 's ist doch prchtig,
wenn einen die Polizei so frh hinausjagt in den Wald!
    Ein Buch guckte dem Doktor hinten aus der Rocktasche, und der Lehrer zog's
ihm heraus. Es war - Reineke de Vo߫, des Doktors ewiger Begleiter auf allen
seinen Fahrten, den er fast auswendig wute. Bei der Berhrung des Lehrers sah
er sich auch sogleich um und begann:

De quad deyt, de schuwet gern dat licht:
Also dede ok Reinke de bsewicht.
He hadde in de stad so vele missdan,
Dat he dar nicht dorfte kamen noch gan.
He schuwede seer des Konniges hoff
Darin he hadde seer kranken loff! -

Aber hier, Liese, ist's was anderes; wenn wir hier ein Vogelnest finden, so
drfen wir auch hineingucken und unsere Meinung darber sagen.
    O das ist wunder-wunderhbsch, ruft die Kleine, welche gar nicht hrt, was
der Doktor sagt. Sieh, der alte Vogel frchtet sich gar nicht - oh, welche
groe Schnbel - er sitzt ganz still zwischen seinen Jungen und sieht nur nach
dem Rezensenten hinunter! - Er tut dir nichts, kleiner Vogel, bleib ruhig
sitzen! -
    Jetzt lie der Doktor das Kind auf den Boden gleiten: Nun lauf zu Fu߫,
sagte er, das Gras ist trocken.
    Welch ein Tag! Noch zogen weie Wlkchen ber die Baumwelt weg, bald aber
hatte die Sonne sie verzehrt, und das ewige Blau lchelte rein und klar auf uns
herab. Immer tiefer versenkten wir uns in die duftende Wildnis: Wo lassen wir
alle die Blumen, die wir pflcken, Lieschen? - Die Hndchen sind schon so voll,
da wir bei jedem Schritt eine verlieren und da der Doktor sagen mu:
    Ist's nicht wie im Mrchen, wo der Vater die verlorenen Kinder durch
hingestreute Steinchen wiederfindet? Ein verfolgter Zeitungsschreiber -
schrecklich - die Hscher sind ihm auf den Fersen - wo hat er sich hingewendet?
- Ha, sagt der erfahrenste der Sprer, ein wahrer Pfadfinder auf der
Vagabondenjagd - seht die Blumen - untermischt mit Zigarrenenden! Lat uns
dieser Spur folgen, Bruder! - Ha, seht hier im weichen Boden die Hundetapfen! -
Er ist's, er ist's. - Fort, ihm nach! - Schrecklich!
    Bravo, Wimmer! lachte der Lehrer, der wieder eine Pflanze im Gehen
zerlegte. Welcher Stoff fr dein nchstes Werk: wo du es auch schreiben magst,
ich hoffe auf ein Exemplar.
    In Mnchen werde ich es schreiben, Verehrtester! Habe ich nicht einen
Kontrakt mit dem Buchhndler und Eigentmer der Knospen - Gabriel Pmpel, in der
Tasche? Ist nicht Gabriel Pmpel mein Onkel? Ist nicht Nannette Pmpel meine
Kusine? Wetter, ich sehne mich ordentlich nach dem Nannerl!
    Doktor! Doktor! rufe ich lchelnd.
    Wahrhaftig, seufzt der eliminierte Schriftsteller, ich habe heute
ordentlich Lust, solid zu werden.
    Ehrlicher alter Bursch!
    Also das waren deine Gedanken, sagt der Lehrer lchelnd und gerhrt, als
du gestern den ganzen Nachmittag auf meinem Sofa lagst? Ich konnte dich vor
Tabaksqualm nicht recht sehen, aber du schienst mir auergewhnlich nachdenklich
und trumerisch. Gottlob, wenn diese Exilierung so ausschlge.
    Hurra, schreit der Doktor, den Hut in die Luft werfend: Es leben die
Knospen! Es lebe das Bockbier! Es lebe das Haus Pmpel und Kompanie!
    Der Exredaktionspudel ist auer sich; jetzt hat er die grte Lust, Elise
vor Wonne ber den Haufen zu werfen, jetzt springt er an seinem Herrn in die
Hhe, jetzt ist er im Gebsch verschwunden, jetzt kommt er auf der andern Seite
wieder zum Vorschein! Bums - da liegt er im Grase, wlzt sich, da man nicht
wei, was oben oder unten. Beine oder Rcken, Kopf oder Schwanz ist!
    Wer hat eine Uhr? Niemand? Desto besser, der Magen ist unsere Uhr. Hier
unter dieser prchtigen Buche wollen wir uns lagern. Wie das Moos so weich ist!
Ausgepackt die Taschen, den Korb, die Botanisierbchse! Eine Flasche Wein
erscheint. Wer hat einen Korkzieher? Niemand? Desto besser, wir schlagen ihr den
Hals ab; ein niedliches Glas hat Elise mitgebracht.
    Holla, Roder, aufgepat! Rezensent hat den Kopf in Ihrer Rocktasche!
    Welch Behagen, sich so im weichen Grase auszustrecken! Wie das schmeckt im
grnen Walde! - Die alte Martha soll leben, sie hat prchtig gesorgt.
    Komm, Kind, unsere kleinen Beine sind doch wohl mde! Was bedeuten diese
Faden? Aha, jetzt werden wir Krnze winden. Welche prchtigen wilden Rosen!
    Sieh, da kriecht ein Marienkfer auf deinem Arm, Lieschen; - er entfaltet
die Flgel - prr, dahin geht er, ein kleines rotes Pnktchen im Sonnenstrahl.
    Elise schaut ihm nach und fngt an zu singen:

Marienvogel kleine,
Rhre deine Beine,
Kriech an meinem Finger 'nauf,
Setz dich als das Knpflein drauf!
Ist er nicht ein hoher Turm
Fr so kleinen roten Wurm?

Und dann mit ganz feiner Stimme:

Roten Purpur trag ich,
Flglein viere schlag ich!
Gar kein Flglein regst du,
Nur zwei Bein bewegst du -
Sechs Beine rhr ich,
Sieben Punkte fhr ich,
Fliege hher als der Turm!
Wer ist nun der kleine Wurm? - Etsch!

Die Sonne mu drauen gar hei und drckend sein, sie steht hoch im Mittage.
Hier aber hat sie die Herrschaft mit dem Schatten zu teilen, und zwar so, da
man gar nicht mehr wei, wo Dunkel, wo Licht ist, so flimmert und zuckt beides
durcheinander.
    Wirst du mde, Lieschen? Berauscht dich der Waldduft, kleines Herz? Komm,
lege dein Kpfchen hierher: keine Mcke, keine Fliege, und wenn sie noch so
golden wre, soll dich im Schlummer stren. Schliee dreist die Augen und trume
einen hbschen Elfentraum von Schmetterlingen und Blumen und kleinen Vgeln.
    Wie behaglich der Pudel ghnt und, den Kopf auf die Vorderpfoten gelegt, mit
den Augen blinzelt.
    's ist doch ein ganz ander Ding ohne Maulkorb, nicht wahr, Rezensent?
    Wie, der Doktor so nachdenklich die blauen Zigarrenwlkchen von sich blst!
Denkt er an seinen ersten Aufsatz in den Knospen, denkt er an die Mnchener
Kusine?
    Wie sich der Lehrer mit leuchtenden Augen in die Pflanzenschtze seiner
Botanisierbchse vertieft!
    Heda, Roder, was fr ein Heft schaut da zwischen den Blttern und
Wurzelwerk hervor?
    Her damit!
    Der Lehrer errtet und reicht lchelnd das Heft herber.
    Was sehe ich! Vermag der Schulstaub solche Blten zu treiben?!
    Grinsend streckte der Doktor Wimmer den Kopf ber meine Schulter und machte
nach einigen Blicken auf das Manuskript sogleich Anstalt, es fr die Knospen
mit Beschlag zu belegen, aber der Lehrer tat gewaltig Einsprache dagegen. Spter
schenkte er es mir. Soll ich ein Blatt daraus der Chronik einschieben?
    Es sei! Da ist eins.

Ich lag am Rande des Bachs und sann nach ber die Geschicke der Vlker und
Knige und ber - meine Liebe. Hinten in der Trkei lagen jene einander in den
Haaren, und drben in der kleinen Gartenlaube sa mein Schatz und schmollte. Ah!
    Lippe-Detmold ist mein Vaterland - was geht mich die Orientalische Frage an
und der General Sabalkanskoi und die Schlacht bei Navarino?!
    Aber das Frauenzimmer dort?
    Beim groen Pan, damit mu es anders werden!
    Rot wie die Liebe ist der Abendhimmel: goldne Wlkchen, weie Tauben
schweben darin hin und wider wie Liebesgedanken... Wo sind meine Diplomaten, wo
meine Kabinettskuriere?
    Es schwanken die Grser - es regt sich - es luft, es kriecht, es klettert,
es hpft, es flattert und fliegt - tausendbeinig, tausendflgelig! Es zwitschert
und summt tausendtnig!
    Dichter-Minister, Frhlings-Rte, Liebes-Gesandte versammeln sich um mich zu
Rat und Tat.
    Wohlan - die Konferenzen sind erffnet! Allen Gegenwrtigen und Zuknftigen
Gru! Wen send ich zuerst an jene dort hinter, den Holunderblten?
    Ach! Du da - fort mit dir zu ihr hin - du mein leichtgeflgelter, magenloser
Herold, du, den sie den roten Augenspiegel nennen, zeig ihr auf deinen weien
Schwingen die beiden Purpurtropfen, sag ihr, es sei Herzblut - mein Herzblut aus
dem wilden Kampf um die Liebe, die rote Liebe! Da flattert der Bote der Laube
zu; es zittert mein Herz, mein banges Herz. - (Sie - niest!!!) O Dank, Dank, ihr
ewigen, guten Gtter, Dank fr, das Omen! (Erklte dich nicht, Luise, nimm ein
Tuch um, hrst du?)
    Wer ist der zweite meiner Boten? Schnell, schnell, meine kleine emsige Biene
- hin zu ihr - summe ihr ins Ohr Honiggedanken, Hausgedanken, Leinen- und
Drellgedanken!
    (Was hat das Frauenzimmer zu lachen ber ihrem Nhzeuge in der kleinen
Laube?)
    Und nun mein letzter Bote, mein schwarzer Trauermantel, flattere hin zu ihr!
Hr, was du ihr sagen sollst. Sag ihr: Luise, Luise, der Tag ist zu Ende - die
Eintagsfliegen wurden mde, todmde - der Bach schaukelt ihre armen kleinen
Leiber fort, vorber an den Blumen, ber denen sie vor einer Stunde noch tanzten
und spielten. Luise, Luise, das Leben ist kurz; Luise, die Nacht bricht herein;
sieh den rotfinstern Streif im Westen, sieh, wie es im Osten unheimlich zuckt
und leuchtet - horch, wie es grollt!
    (Es regt sich in der kleinen Laube! Sie seufzt!) Luise, Luise!
    (Sie tritt heraus!)
    Luise, Luise!
    Die Bume schtteln ihre Blten herab auf sie: Ave Luisa! Der Abendwind
flstert ihr zu: Ave Luisa! Die Blumen des Tages neigen sich ihr: Ave Luisa! Die
Blumen der Nacht ffnen ihre Weihrauchkelche ihr - Ave Luisa! Ave Luisa! (Sie
winkt... sie lchelt...)
    Friede!
    Friede!
    Friede! Lutet die Glocken im Reich!!! Erleuchtet die groen Stdte, die
Drfer; erleuchtet jedes einsame Haus, Orgelklang in allen Domen, Kirchen und
Kapellen! Auf die Knie, auf die Knie alles Volk! Mnner, Weiber, Greise, Kinder.
Jnglinge und Jungfrauen!

Herr Gott! Dich loben wir!
Herr Gott! Wir danken dir!

Friede! Friede im Himmel und auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!

Ich kannte diese Luise des Lehrers gar gut. War sie nicht Gouvernante bei den
Kindern des Baron Silberheim? Hat sie nicht spter den Lehrer Roder geheiratet?
Hat sie nicht Glck und Kummer und Verbannung mit ihm geteilt?
    Seid gegrt, Otto und Luise Roder, wo ihr auch weilen mgt!
    Ei, das war schn! sagte Lieschen erwachend und das Kpfchen aufrichtend.
Sie dachte an ihren Traum im Grnen, nicht an des Lehrers Phantasien - die hatte
sie richtig verschlafen.
    Was hat dir denn getrumt, Lieschen? fragte der Doktor, und das Kind
blickte ihn verwundert an.
    Hab ich denn geschlafen? fragte sie.
    Das kann man bei solchem kleinen Mdchen, wie du bist, Liese, niemals recht
wissen. Was hat du denn gesehen und gehrt? Erzhle mal! sagte ich.
    Oh, es war wunderschn, was ich gesehen habe! Ich konnte gar nicht ber das
Gras weggucken; es war wie ein kleiner Wald, und welch eine Menge kleiner Tiere
lief darin herum! Und wenn ich die Augen zumachte, wurde alles so rot, als
brennte der ganze Himmel, da ich sie schnell wieder aufmachen mute. Ich
dachte, ich wre ganz allein, da kam auf einmal ein wunderschner gelber
Schmetterling mit zwei groen Augen in den Flgeln, die unten ganz spitz
zuliefen, der setzte sich dicht vor meinem Gesicht auf einen Halm und sagte mit
ganz feiner, feiner Stimme:
    Ein schnes Kompliment, kleines Frulein, und ob Sie nicht zum Tee kommen
wollten zur Waldrosenknigin?
    Der Herr Lehrer las in diesem Augenblick was vor, ich htte gern weiter
zugehrt und sagte es dem Schmetterling auch. Der aber sagte: bei der Knigin
se ein gelehrter Herr, namens Brennessel, der hielte gar nichts von der
Geschichte, ich solle daher nur dreist mitkommen. Ich fragte den Schmetterling,
ob's sehr weit wre; er meinte: weit wr's nicht, aber wir mten einen Umweg
machen, da lge ein gro schwarz Tier im Grase, das habe greulich nach ihm
geschnappt, als er vorbergeflogen sei. Das war der arme Rezensent! Dann sagte
der Schmetterling: er msse auch den giftigen Wolken ausweichen, die da
herumzgen und ihm seine hbschen Flgel ganz schwarz machten. Das war des Onkel
Wimmers Zigarrendampf! - Ich war auf einmal so klein geworden, da mich der
schne gelbe Schmetterling ganz leicht auf seinen Rcken nehmen und forttragen
konnte zu dem Rosenbusch dort bei der Buche. Da war eine gar niedliche vornehme
Gesellschaft bei der Knigin. Da war der brummige, bse, alte Herr Brennessel,
dem jeder gern auswich; da war die dicke Madam Klatschrose, die dicht hinter der
hbschen Knigin stand. Frulein Elise, sagte die Knigin, ich freue mich sehr,
Ihre Bekanntschaft zu machen. Ist das Ihr Onkel dorten, der den hlichen Dampf
ausblst? - Nein, sagte ich, das ist der Onkel Doktor, den sie weggejagt haben
aus der Stadt; er schreibt Bcher und ist unartig gewesen und hat zuviel Kleckse
und Schreibfehler gemacht! - So, er schreibt Bcher? Dann will ich ihn mal
besuchen! sagte der kluge Herr Brennessel bse...
    Alle Wetter, lachte der Doktor hier, halb rgerlich ber Liesens Traum,
und griff mit der Hand hinter sich, um sich aufzurichten. Au, Teufel! schrie
er pltzlich. Er hatte wirklich mit der Hand in einen Brennesselbusch gefat!
    Wir lachten herzlich, und nur Lieschen sagte ganz ernst: Siehst du, Onkel
Wimmer, das war er! Dann fuhr sie fort:
    Wir tranken nun Tee aus wunderniedlichem Geschirr (Onkel Wachholder, gib
mir noch ein Butterbrot!), und jeder erzhlte eine hbsche Geschichte vom
Frhling, Sommer oder Herbst; vom Winter aber wuten sie nichts - da schlafen
sie. Dabei hrte ich aber immer den Herrn Lehrer lesen, und Herr Brennnessel
brummte dann dazwischen. Der war auch der einzige, welcher vom Winter erzhlen
wollte, es ward aber nicht gelitten. - Auf einmal hrte Herr Roder auf zu lesen,
und ich lag wieder bei dir, Onkel Wachholder, im Grase, und Rezensent steckte
dicht vor meinem Gesicht seine schwarze Nase zwischen den Halmen durch und
guckte mich gro an. Das habe ich gesehen! - War das nicht hbsch? Und nun, Herr
Roder - lesen Sie Ihre Geschichten noch einmal - bitte, bitte!
    Danke schn, sagte lachend der Lehrer. Der kluge Herr Brennessel hatte
ganz recht, und jetzt sehe ich auch ein: meine Geschichten sind gar nicht
hbsch.
    Wie lange haben wir so getrumt und erzhlt und im grnen Gras und weichen
Moos gelegen? - Schon steigt die Sonne wieder abwrts am blauen Himmel! Mu
nicht der Doktor heute noch durch den Wald nach der nchsten Eisenbahnstation? -
Auf, Liese, winde dem Rezensenten den letzten Kranz um den schwarzen Pelz! Lat
nichts zurck von euern Sachen! Vorwrts! - Auf engen, schattigen Waldpfaden
geht's nun quer durch das Holz, bis wir endlich das Rollen der Wagen auf der
groen Landstrae hren und zuletzt den weien Streif durch die Stmme schimmern
sehen. Horch, Geigen- und Hornmusik! Im Weien Ro mitten im Wald an der
Chaussee ist Tanz. Die Haustr ist mit Laubgewinden geschmckt; Stadtvolk und
Landvolk drngt sich allenthalben davor und dadrinnen, im Haus und im Garten.
Wir erobern noch eine schattige Laube, und der Doktor gert in sein Element.
Jetzt ist er oben im Saal, schwenkt sich lustig herum mit einer frischen
Landdirne oder einer kleinen bleichen Nhterin aus der Stadt; jetzt erregt er
unter den Kegelnden ein schallendes Gelchter durch einen wohlangebrachten Witz;
jetzt sitzt er wieder bei uns, den Rock ausgezogen, glhend, pustend, fchelnd.
Und berall, wo der Doktor ist, ist auch der Pudel. Jetzt oben im Saal wie toll
zwischen die Tanzenden fahrend, jetzt, ausgewiesen wie sein Herr aus der Stadt,
steckt er seine feuchte Schnauze unter unserm Tische hervor.
    Immer tiefer sinkt die Sonne herab. Doktor, Doktor, wir mssen scheiden!
    Und der Doktor zieht den Rock wieder an und hngt die Reisetasche um. Wir
alle stehen auf.
    Also mut du wirklich fort, Onkel Wimmer? fragt Elise weinerlich.
    Jaja, liebes Kind! sagt der wunderliche Mensch pltzlich ernst. Er hebt
die Kleine empor, die sich diesmal nicht strubt, sondern selbst ihm einen
herzhaften Ku gibt.
    Wirst du auch wohl zuweilen an den Pudel und mich denken, Lieschen?
    Ganz gewi߫, schluchzt Lieschen, und ich will schreiben, und der Pudel -
nein, du mut's auch tun! Der Doktor setzt die Kleine vorsichtig wieder auf
ihren Stuhl. Lebt wohl, Wachholder, sagt er, leb wohl, Roder, alter Freund!
    Der Pudel blickt ganz verblfft von seinem ernsten Herrn auf uns und wieder
zurck: es mu etwas nicht ganz in der Ordnung sein.
    Lebt alle wohl! Ein frhliches Wiedersehen! Alle! En avant, Rezensent!
schreit der Doktor, ber die Gartenhecke und den Chausseegraben springend, und
rennt, ohne sich umzusehen dem Walde zu. Am Rande bleibt er noch einmal stehen
und schwenkt den Hut.
    Smollis! ruft der Lehrer, ihm mit einem Glase zuwinkend. Gr die
Mnchener Kusine, die hbsche Nannerl!
    Fiducit! Soll geschehen! ruft der Doktor zurck und verschwindet hinter
den Bschen. Rezensent steht noch am Rande, blickt nach uns herber und stt
ein kurzes Gebell aus.
    Jetzt ist auch er verschwunden.
    Wir sitzen noch eine Weile still allein.
    Gott gehe dem ehrlichen alten Gesellen Glck! sagt der Lehrer vor sich
hin. Ein Omnibus will eben nach der Stadt abfahren. Was sollen wir noch hier?
Wir nehmen Pltze und steigen ein.
    Zurck geht's nun nach der groen Stadt, die staubige Landstrae hinunter.
Frhliche Gesichter jedes Alters und Geschlechts um uns her im dichtbepackten
Wagen! Wie die Sonne so prchtig untergeht! Ade, du schner Wald! Ade, du alter
Freund Wimmer!
    Da sind wir schon in den Anlagen. Welche sonntglich geputzte Menge noch
ein- und ausstrmt! Wir steigen aus auf dem freien Platz vor dem Tor; den Weg
durch die Stadt bis in unsere Sperlingsgasse knnen wir wohl noch zu Fue
machen.
    Da sind wir, als es eben dmmerig wird. Sieh, dort steht die alte Martha
strickend in der Tr; sie erblickt uns und ruft:
    Guten Abend, guten Abend!
    Ach, Martha, das war schn - und - der Onkel Doktor ist fort! sagt die
kleine mde Elise. Auch der Lehrer sagt jetzt gute Nacht und kehrt zurck in
sein einsames Stbchen, eine lange Woche mhsamer Arbeit vor sich.
    Das war ein Sommertag im Walde, den ich hier aufzeichne in einer den kalten
Winternacht.

                                                                   Am 25. Januar

Die Klte ist aufs hchste gestiegen. Wenige Nasen werden in der Sperlingsgasse
herausgestreckt, und die es werden, laufen rot und blau an. Welch ein Knstler
der Winter ist! Die Spatzen fhrt er gelb und den freien Deutschen macht er
ausrufen: Mein Haus ist meine Burg!
    Was kann ein Chronikenschreiber bei so bewandten Umstnden Besseres tun, als
sein Haus einzig und allein zum Gegenstand seiner Aufzeichnungen zu machen und
die groe Welt drauen, die allgemeine Gassengeschichte, gehen zu lassen, wie
sie will?
    Im Jahre der Gnade 1619 verbrannten sie zu Rom einen Gottesleugner, genannt
Julius Csar Vanini, der hob, auf seinem Scheiterhaufen stehend, einen Strohhalm
zwischen den Holzkltzen auf und sagte lchelnd: Wenn ich auch das Dasein
Gottes leugnen wrde, dieser Halm wrde es beweisen! - Die Geschichte eines
Hauses ist die Geschichte seiner Bewohner, die Geschichte seiner Bewohner ist
die Geschichte der Zeit, in welcher sie lebten und leben, die Geschichte der
Zeiten ist die Geschichte der Menschheit, und die Geschichte der Menschheit ist
die Geschichte - Gottes! Wohin fhrt uns das? Kehren wir schnell um und steigen
wir die Treppen hinunter in das unterste Stockwerk.
    Da sitzt in dem vorderen Zimmer des Hauswirts und Tischlermeisters Werner
eine weihaarige, gebckte Frau in ihrem Lehnstuhl hinter dem Ofen, spinnend vom
Morgen bis zum Abend. Das ist die alte Mutter, der Hausfrau, die Tochter des
Erbauers des Hauses, welche, den Grundstein legen und den Knopf auf die
Giebelspitze setzen sah und mit dem Hause und seiner Geschichte verwachsen ist
durch und durch.
    Manche Leiche hat sie in den langen Jahren ihres Lebens hinaustragen sehen:
ihre Eltern und alle ihre Geschwister, ihren Mann und alle ihre Kinder bis auf
eins, die Anna, die Frau des jetzigen Besitzers. Sie hat den Sarg Mariens mit
schmcken helfen und den Sarg Franzens; sie hat ihre Freundin, meine alte
Martha, mit hinausbegleitet zum Johanniskirchhof, wo dieselbe begraben ward an
der Seite ihrer Herrin, und manchen andern vom Dachstbchen bis zur
Kellerwohnung.
    Einst war sie das schnste Mdchen der Gasse - wie sie jetzt noch die
schnste alte Frau ist -, und als der Hausknopf geschlossen werden sollte und
jedes Glied der damals zahlreichen Familie ein Gedenkzeichen hineintat, legte
sie errtend und unbemerkt ein kleines Blttchen hinzu, welches aus fernem Land
gekommen war und die berschrift trug:

            Dieses kleine Briefelein kommt an die
            Herzallerliebste in Herz und Liebe.

und schlo:

... meiner Liebsten noch einen Gru und Ku, und hoff ich zu kommen im Frhling
mit den Schwalben und Hochzeit zu feiern freudiglich mit meinen Schatz, den
grt und kt in Gedankensinn sein herzlieber

                                                               Gottfried Karsten
                                                               Tischlergeselle.

Oft, wenn der Wind die alte Wetterfahne knirschen und kreischen lt, mag sie
wohl an das Blttchen im Knopf darunter denken und an den, der's schrieb und der
nun auch schon so lange tot und begraben ist.
    An wie manches Kindbett im Hause aber auch ist die alte Margarete Karsten
gerufen, und wie manches junge Leben hat sie aufblhen sehen im Hause Nr. sieben
in der Sperlingsgasse!
    Wer wei soviel Wiegenlieder wie sie? Wer wei soviel Mrchen, die alle
anfangen: Es war einmal und damit enden da jemand in ein Fa mit Ngeln und
Ottern gesteckt und den Berg hinabgerollt wird? Wer im Hause hat zu allen
Tageszeiten so viele Kinder um sich, die den Geschichten lauschen, dem
schnurrenden Rade zusehen und abends mit der zunehmenden Dmmerung immer dichter
an den groen Lehnstuhl sich drngen? Wie oft habe ich einst da die kleine Elise
mit Rezensent an ihrer Seite gefunden, andchtig lauschend, und wie oft, wenn
ich mit der besten Absicht kam, sie heraufzuholen zu Bett bin ich selbst sitzen
geblieben, den Schlu einer Historie ab wartend, bis endlich auch noch Martha
herabkam und es uns fast ging wie dem Herrn, welcher den Jochen ausschickte, den
Pudel zu holen.
    Heute freilich treffe ich die kleine Liese nicht auf der Fubank am
Lehnstuhl sitzend, auch die alte Martha kommt nicht mehr herunter, uns beide
abzuholen; aber einen anderen treffe ich hufig genug seit Mitte des vorigen
Herbstes, und dieser andere ist kein Geringerer als unser Freund und Nachbar,
der Karikaturenzeichner Strobel. In der Werkstatt bei Meister und Gesellen, in
der Kche bei der Hausmutter, berall ist der Zeichner ein willkommener Gast.
Die Gesellen portrtiert er fr ihre respektiven Schtze, mit dem Meister
politisiert er, die Meisterin lehrt er neue Gerichte fabrizieren - er hat unter
seiner Bibliothek ein dickes Kochbuch -, und der Gromutter - hrt er zu.
    So traf ich ihn heute abend, als ich herunterkam, einen geborgten Leimtopf
wieder abzuliefern. Da es Feierabend war, so war die ganze Familie in der Stube
versammelt, der Zeichner hatte alle seine Gesprchselemente beieinander und
pltscherte mit Wonne darin herum.
    ... Also Meister, sagte er, als ich eintrat, Wer, meinen Sie, kriegt
dabei die Prgel?
    Der Russe nicht! antwortete nach einer kleinen Pause bedchtig der
Meister, der mit der Brille auf der Nase die Zeitung hinter das Licht hielt, um
besser zu sehen.
    Also die Alliierten?
    Der Meister nimmt eine Prise, und da seine Erinnerungen nur bis zu den
Befreiungskriegen gehen, sieht er verwundert auf, es scheint ihm auch das
unwahrscheinlich. Pltzlich aber besinnt er sich.
    Donnerwetter, da sind ja jetzt auch die Franzosen bei! ruft er. Himmel!
Das hat sich ja auf einmal ganz umgedreht!
    Richtig, Meister, sagt der Zeichner, den Tischlermeister auf die Schulter
klopfend. Richtig! Alles in der Welt dreht sich von Zeit zu Zeit um.
    Meisterin, die Kartoffeln brennen an! unterbricht Anton, der Lehrjunge,
die Politik.
    Wir kommen gleich! ruft Strobel lachend. - Ich gehe auch mit, Meisterin,
und die Kinder auch! Vorwrts! En avant! On with you, boys! Hinaus in - die
Kche!
    So werden die Kartoffeln gerettet, der Meister studiert seine Zeitung
weiter, und das Spinnrad summt und schnurrt im Winkel wie immer. Endlich kommen
Strobel, die Frau Anna und die Kinder zurck, und die Alte fragt:
    Also der Franzos ist auch wieder dabei? Ist das derselbe, der Anno sechs
hier war?
    Nein, sagt Strobel, jetzt trgt er rote Hosen.
    Und der Napoleon - ich meine, der ist lange tot?
    Ja, Mutter, sagt der Meister, von seiner Zeitung aufsehend, das ist auch
ein anderer.
    Gott, sagt die Gromutter, wenn ich noch daran denke, wie das kleine,
gelbe, schwarze Volk hier war und in den Straen kauderwelschte, und eine Sorte
hatte in ihren Hten groe Kochlffel stecken, und acht hatten wir hier im
Haus.
    Strobel, der jetzt die Alte da hat, wo sie ihm interessant wird, rckt einen
Schemel an ihren Lehnstuhl und sagt: Gromutter, es ist noch frh, erzhlen Sie
uns noch etwas von den achten; wenn der Meister seine Zeitung liest, ist gar
kein Auskommen mit ihm. Kommen Sie, Wachholder, rcken Sie her. Burschen, seht,
wo ihr Pltze findet, und haltet das Maul, die Gromutter will von den acht
Franzosen in Numero sieben erzhlen!
    Die Alte lchelt und bringt ihr Rad wieder in Gang: Solchen gelehrten
Herren soll ich erzhlen? Die haben ja alles viel besser in Bchern gelesen; von
allen achten wei ich auch nichts.
    Gromutter, was ich in Bchern gelesen, habe ich gottlob nun bald wieder
vergessen, sagt der Zeichner, und wenn Sie von allen achten nichts wissen, so
sind wir auch mit vier zufrieden oder mit so viel, als Sie wollen; erzhlen Sie
nur.
    Nun, wenn Sie's denn wollen, so mu ich mich mal besinnen. - Gut!
    Also es war Anno sechs, als der Franzos im Lande rumorte und drunten
schrecklich hausen sollte, denn er hatte einen groen Sieg erfochten und
glaubte, das Recht dazu zu haben. Die Leute frchteten sich alle sehr, gruben
ihre Lffel weg und nheten ihren Kindern jedem ein Goldstck in den Rocksaum,
auf den Fall, da sie abhanden kmen oder mitgenommen wrden. Aber mein Seliger
tat gar nicht, als ob ihn das was anginge. - Wenn sie kommen, sind sie da -
sagte er, und dabei blieb er, und wenn die Nachbarn kamen und klagten und
jammerten, sagte er nur: Einmal wir, einmal sie! Und wenn sie ihm die Ohren zu
voll schrien, zog er eine weie Zipfelmtze, die er zu meiner Verwunderung seit
kurzer Zeit immer in der Tasche fhrte - darber und tat, als ob er einschliefe.
Es war immer ein sonderlicher Mann, Annchen, dein Vater.
    Gut. Eines Morgens erhub sich ein Lrm: Sie sind da! Heiliger Gott, mir
fuhr's ordentlich in die Knie; meine Jungen (Gott hab sie selig) in allen
Gassen, Gott wei wo, und nur mein Annchen hatt ich in der Wiege; mein Alter
hatte mal wieder die Zipfelmtze hervorgekriegt und bergezogen und sgete im
Hofe.
    Gottfried, Gottfried! schreie ich, sie sind da! sie sind da! Er tat, als ob
er's nicht hrte, obgleich ich dichte bei ihm stand. In meiner Angst und auch
vor rger ri ich ihm die dumme Mtze ab, warf sie auf die Erde und schrie
wieder: Und die Jungen sind auf der Strae - heiliger Vater! - und unsere Lffel
- Mann! - Mann!
    Er hob ganz ruhig seine Mtze auf, klopfte die Sgespne an mir ab, setzte
sie ruhig wieder auf und sagte: Ja - wenn's so ist, werden sie wohl durchs
Wassertor kommen, daher geht der Weg von Jena. Ich glaube, so hie es. Dann
sgt' er weiter.
    Richtig, da trommelte es schon die lange Strae vom Wassertor her herunter -
mir zitterte das Herz immer mehr! -
    Meister Karsten! Meister Karsten! Schnell, schnell! schrien pltzlich
mehrere Nachbarn, die in den Hof strzten im besten Sonntagsstaat. Ihr sollt
kommen, Ihr sollt mit zur Depentatschon an den franzschen General!
    So?! sagt mein Gottfried, stellte seine Sge hin und ging langsam in das
Haus, gefolgt von den Nachbarn, dem Herrn Sekretr Schreiber, dem Herrn Rat
Pusteback, dem Schornsteinfeger Blachdorf und dem Schmied Pruster und andern,
Alle zogen mit meinem Alten in die Stuben, weil sie dachten, er wrde nun gleich
in den Bratenrock fahren und mitrennen. Aber proste Mahlzeit! - An den
Tabakskasten ging mein Alter, stopfte sich eine Pfeife, schlug langsam Feuer und
sagte:
    Nun, so kommt, meine Herren!
    Die standen alle mit offenen Mulern da, aber mein Gottfried lie sich nicht
irremachen. In Schlafrock und Pantoffeln marschierte er ruhig - ich sehe ihn wie
heute - voran bis an die nchste Straenecke. Da blieb er stehen und die
Nachbarn um ihn herum, zeigte mit der Pfeifenspitze auf einen Zettel, der da
klebte und auf welchem stand:

                       Ruhe ist die erste Brgerpflicht!

oder so was - ich hab's vergessen -, klappte seinen Pfeifendeckel zu, drehte
sich langsam um und ging ins Haus zurck. Meine beiden Jungen brachte er mit,
worber ich seelenfroh war. Da, Mutter, sagte er, als er sie in die Tre schob.
Heb sie mir auf, sagte er, wir brauchen sie einst mal.
    Ich wute damals nicht, was das heien sollte; spter erfuhr ich's!
    Hier traten der alten Frau die Trnen in die Augen, und ihr Spinnrad hrte
auf zu schnurren. Es herrschte eine tiefe Stille im Zimmer.
    Gut. Von nun ab bekmmerte sich mein alter Seliger um nichts mehr drauen,
sondern ging wieder zu seinem Sgebock und sgte weiter, bis die Einquartierung
kam. Herr meines Lebens, da httet ihr den Mann sehen sollen! Das ganze Haus kam
in Aufruhr; das Beste, was Kch und Keller hielt, ward aufgetischt, und je mehr
die kleinen gelben Kerle schwadronierten und sakermentierten, desto frhlicher
wurde mein Alter.
    Das ist die rechte Sorte! rief er immer, sich die Hnde reibend. Solche
muten's sein! Wenn nur genug von ihnen da sind!
    Franzsisch hatt er etwas von der Wanderschaft mitgebracht, und so waren sie
bald die besten Freunde miteinander und auf du und du, da die Nachbarn
ordentlich die Nasen rmpften. Die aber gingen zu allen Depentatschonen und
illuminierten und bekrnzten ihre Huser und so - das tat aber mein Gottfried
nicht, und wenn er einen vom Rat der Stadt sah, zog er jedesmal richtig die
Zipfelmtze herunter ber die Ohren. Gut, da war ein Franzos zwischen den
andern, der war von daher, wo sie halb deutsch, halb franzsch sprechen, den
konnt ich auch verstehen, und es war so gut, als wenn ich franzsch gekonnt
htte. Was geschieht? Eines Abends sitzen sie alle zusammen, und mein Alter
mitten drinnen, und kauderwelschten, da einem Hren und Sehen verging, und sa
ich im Winkel und strickte, und die Jungen spielten im Winkel. Spricht mein
Alter auf einmal zu dem Deutschfranzos: Nun sagt mal, Kamerad, wie lange denkt
ihr denn eigentlich noch in Deutschland zu bleiben?
    Der Deutschfranzos stie mit den andern den Kopf zusammen, und sie
schnatterten was in ihrer Sprache. Dann lachten sie aus vollem Halse.
    Immer bleiben wir da! sagt der Deutschfranzos. Wir sein einmal da; wir gehen
nit raus wieder!
    Woui! schrien die andern und hielten sich die Buche. Nit raus, nit raus!
    Ne, sagt mein Alter, immer nicht. Ihr seid zwar da, und unsereins kann
unserm Herrgott nur dankbar sein, da er euch geschickt hat, aber immer -
    Nit raus, nit raus! schrien die Franzosen.
    Lasset euch handeln! sagt mein Alter, ich biete zwlf Jahr - hchstens!
    Nit raus, nit raus! kauderwelschten die wieder.
    Willem! Ludwig! Kommt mal her! rief mein Alter jetzt die Jungen, die
sogleich angesprungen kamen und sich an seine Knie stellten.
    Richt't euch! rief mein Alter. Augen rechts! Seht mal, Jungens, die da - das
sind Franzosen, die eigentlich hier nicht in unsere Stube gehren. Das kleine
Annchen kann gar nicht schlafen vor ihrem Spektakel - - und doch haben sie Lust,
immer dazubleiben! Was meint ihr, Jungens - wenn ihr stark genug wret?
    Kuckten meine Jungen gewaltig wunderbar aus den Augen und die Franzmnner an
und dann sich und dann meinen Alten!
    Das sich finden - ich gro werden - ich schon Pustebacks Theodor zwinge,
sagte Willem, mein Kleinster, Ludwig, mein ltester, sagte gar nichts, aber auf
einmal rann ihm eine dicke Trne ber die Backe, und sein Vater klopfte ihn auf
die Schulter und sagte:
    Warte nur, mein Junge, du kommst zuerst.
    Die Franzosen hatten ihren Heidenjubel; und besonders einer - sie nannten
ihn Pir oder so - wute sich gar nicht zu helfen vor Lachen. Mein Alter aber
war sehr ernst geworden und sprach den ganzen Abend kein Wort mehr. Die andere
Woche zogen die Franzmnner ab und lachten noch beim Abschied, als sie uns allen
die Hand drckten und ordentlich sich bedankten fr gute Bewirtung:
    Nit raus, nit raus!
    Wird sich finden, sagte mein Alter. Wird sich finden! schrien meine beiden
Jungen.
    Gut, nun kamen lange Jahre und immer andere Franzosen.
    Bald ist's genug, brummte mein Gottfried. Und einmal zogen sie alle hinauf
nach Norden, aber zurck kam keiner. Und dann fing's auf einmal an zu rumoren im
Lande, und an den Ecken klebten ganz andere Zettel, die mein Alter immer las und
wobei er mit dem Kopf nickte. Er war die Zeit nicht viel zu Haus.
    Da kam er eines Tages zurck und rief den Ludwig aus der Werkstatt, und sie
kamen beide in die Kche zu mir.
    Sieh, Mutter, sagte mein Gottfried, 's ist gut, da dein Feuer brennt! Pa
auf, Ludchen! Damit zog mein Alter seine Zipfelmtze aus der Tasche und warf sie
unter meinen Topf, da sie verschwielte und das ganze Haus voll Qualm ward; dann
ging er mit meinem Ludwig fort und kam allein und ganz still wieder.
    Am andern Morgen zog ein Trupp schwarzer Reiter in die Stadt - auch durch
das Wassertor. Einer kam zu Pferd hier in die Sperlingsgasse vor unser Haus und
stieg ab - mir sank das Herz in die Knie - es war mein Ludwig!
    Adjes, Mutter! Adjes, Vater! rief er - beht euch Gott, 's wird sich schon
machen! - und dann ritt er fort den andern nach, die schon durch das Grne Tor
zogen.
    Da geht's nach Frankreich, Alte! rief mein Mann, whrend ich heulte und
jammerte. Aber es war noch so weit nicht.
    Wir hrten lange Zeit nichts, bis eines Tages alle Glocken in der Stadt
luteten und auch im ganzen Land, wie sie sagten. Es war eine groe Schlacht
gewesen, und unsere hatten gewonnen, und mein Ludwig war - tot!
    Der erste, sagte mein Alter.
    Wieder ging ein Jahr hin, und einmal kam das Kanonenschieen so nahe, da
die Leute vor das Tor liefen, es zu hren; natrlich liefen mein Gottfried und
ich mit. Da kamen bald aus der Gegend her, wo es so rollte und donnerte, Wagen
mit Verwundeten, Freund und Feind durcheinander, und immer mehr und mehr. Die
wurden alle in die Stadt gebracht.
    Herr, mein Heiland! mute ich auf einmal ausrufen, ist das nicht der Pir
von damals, von Anno sechs?
    Richtig, er war's. Mit abgeschossenem Bein lag er auf dem Stroh und wimmerte
ganz jmmerlich. Den nehm ich mit, sagte mein Alter und bat ihn sich aus, und
wir brachten ihn hier ins Haus - in Ihre Stube, Herr Wachholder. Da kurierten
wir ihn. Als er besser wurde, hatte mein Mann oft seine Reden mit ihm. Einmal
war der Franzos obenauf, einmal mein Alter. Da hie es pltzlich, die Deutschen
seien wieder geschlagen und der Napoleon abermals Obermeister. Mein Alter sah
den Willem bedenklich an, als ginge er mit sich zu Rat; als aber in der Nacht
die Sturmglocken auf allen Drfern luteten, wute ich, was geschehen wrde, und
weinte die ganze Nacht, und am Morgen zog auch mein Willem fort mit den grnen
Jgern zu Fu, und Minchen Schmidt, die mit ihrer alten Mutter in Ihrer Stube
drben wohnte, Herr Strobel, weinte auch und winkte mit dem Taschentuch. Vorher
aber fhrte ihn mein Alter noch an das Bett des Franzosen und sagte Das ist der
zweite! - Der Franzos schaute ganz kurios und bewildert drein und sagte gar
nichts, sondern drehte sich nach der Wand.
    Das Kanonenschieen kam nun nicht wieder so nah, und der Willem schrieb von
groen Schlachten, wo viele tausend Menschen zu Tod kamen, aber er nicht, und
die Briefe kamen immer ferner her, und auf einmal standen gar welsche Namen
darauf. Die brachte mein Alter dem Franzos herauf, der nun schon ganz gut
Deutsch konnte, und sagte lachend zu ihm: Nun, Gevatter! Nit raus? Nit raus? Und
der Franzos machte ein gar erbrmlich Gesicht und sagte, den Brief in der Hand:
Das sein mein 'Eimatsort, da wohnen mein Vater und mein Mutter. Mein Alter aber
sa am Bett und rechnete an den Fingern: Eins, zwei, vier - acht. Acht Jahr,
Gevatter Franzos! Warum habt Ihr dunnemalen meine zwlf nicht genommen?
    Die Briefe von unserm Willem kamen nun immer seltener, und auf einmal
blieben sie ganz aus, und eines Tages kommt mein Alter nach Haus, setzet sich an
den Tisch, legt den Kopf auf beide Arme und weint. - Ich dachte, der Himmel
fiele ber mich - - - der und weinen!
    Der andere! sthnte mein Alter in sich hinein, und ich fiel in Ohnmacht zu
Boden.
    Da vor der groen Franzosenstadt Paris mu ein Berg sein - ich kann den
Namen nicht ordentlich aussprechen -, von wo man die Stadt ganz bersehen kann.
Da schossen sie zum letztenmal aufeinander, und da ist auch dem Willem eine
Kugel mitten durch die Brust gegangen, wie der Kamerad schrieb, und ist er da
begraben mit vielen, vielen andern aus Deutschland. - Das ist meine Geschichte!
Den Franzosen aber kurierten wir aus, und mein Alter gab ihm einen Zehrpfennig
und brachte ihn an das Tor, wo der Weg nach Frankreich geht, den auch meine
Jungen gezogen waren, sah ihn da abhumpeln und kam wieder nach Haus, murmelnd:
Nit raus, nit raus! - Gott hab ihn selig, den Mann, es war ein wunderlicher,
dein Vater, Annchen.
    So erzhlte die alte Margarete Karsten, und wir alle saen um sie herum, als
sie geendet hatte, jeder seinen eigenen Gedanken nachhngend. Der Meister hatte
lngst seine Zeitung weggelegt, und auch die Gesellen, die nach und nach
eingetreten und gewhnlich ziemlich frhlich und laut waren, standen und saen
diesmal ganz still umher.
    Nun will ich noch was erzhlen! rief pltzlich die Alte, deren Augen durch
die wachgewordenen Erinnerungen in einem seltsamen Glanz leuchteten. Ich will
was erzhlen, was lange nachher geschah und doch mit dazu gehrt! - Wenn die
Fensterscheiben nicht so gefroren wren, knntet ihr den Turm der neuen
Sophienkirche sehen, die gebaut wurde, nachdem die alte abgebrannt ist. In der
alten war's, wo eine Tafel an der Wand hing, wo die Namen aller der drauf
standen, welche in dem Franzosenkriege aus unserm Viertel gefallen waren und
worunter auch meine Jungen waren: Ludwig Friedrich Karl Karsten und Wilhelm
Johannes Albert Karsten. Die Tafel hatten wir unserm Kirchstuhl grade gegenber,
und des Sonntags schauten wir immer darauf und dachten an unsre braven Jungen,
und mein Alter war stolz auf die Tafel und ich auch, wenn ich auch genug darber
geweint hatte und noch weinte. Aber es blieb nicht so bei meinem Gottfried. Es
kam eine Zeit, .da schlich er an der Tafel vorbei, ohne aufzukucken, und wenn
wir an unserm Platze saen und sein Blick fiel mal drauf hin, sah er schnell weg
oder auf den Boden oder murmelte etwas, was ich nicht verstand.
    Gut, eines Tages gegen Abend stand ein schreckbares Gewitter ber der Stadt;
es donnerte und blitzte unbndig, und auf einmal hie es: in der Sophienkirche
hat's eingeschlagen! - Richtig - da brannte sie lichterloh. Mein Alter, der
sonst bei so was immer vorn dran war, rhrte diesmal nicht Hand, nicht Fu, und
es htte auch nichts geholfen. Er hatte mich unterm Arm, und wir standen in der
Menschenmenge und sahen zu. Auf einmal schwankt der Turm, der wie eine Fackel
war, hin und her und strzt dann herunter auf das Kirchendach mit einem Krach,
da Menschen und Pferde in die Knie schossen und ich mit. Mein Alter aber blieb
aufrecht stehen und kehrte sich um und brachte mich nach Hause. Als wir in
unserer Stube waren, ging er den ganzen Abend auf und ab, bis er pltzlich vor
mir stehenblieb und sagte:
    Mutter, gottlob, die Tafel ist verbrannt! Mutter, ich konnt sie nicht mehr
ansehen! - Gute Nacht, Mutter! - Ich verstand ihn gar nicht und fragte, was das
bedeuten solle, aber er schttelte nur mit dem Kopf und ging zu Bett. Und das
will ich auch tun, mein Flachs ist zu Ende! Gute Nacht, ihr Herrn, gute Nacht,
Kinder! - Komm, Annechen! - Damit erhob sich die alte Frau und ging, auf ihren
Stock und den Arm ihrer Tochter gesttzt, hinaus ihrer kleinen Kammer zu, um von
ihrem alten Gottfried mit dem eisernen Herzen, um von den beiden erschossenen
Freiheitskmpfern weiterzutrumen. Der Karikaturenzeichner machte heute abend
keinen Witz mehr, der Meister sog an der erloschenen Pfeife. Es war, als wage
keiner sich von seinem Platz zu rhren; es war, als msse nun gleich die Tr
sich ffnen und der alte gewaltige Mann hereintreten mit dem schwarzen Reiter
und dem grnen Jger an seiner Seite, von denen der eine an der Oder und der
andere dicht vor Paris begraben liegt auf dem Montmartre.
    Ich wei, warum der Meister Karsten die Tafel nicht mehr ansehen konntet
rief pltzlich eine klangvolle Mannsstimme, da alle fast erschrocken aufsahen.
Es war Rudolf, der Altgeselle, der sich in seinem Winkel hoch aufgerichtet
hatte.
    Ich auch! rief Bernhard, der zweite Gesell, seinem Gefhrten die Hand auf
die Schulter legend.
    Ich auch! rief Strobel aufspringend. Wieviel Wissende noch?
    Ich auch! rief der Meister. Ich auch! sagte ich. In dem Wissen liegt
die Zukunft - Gott segne das Vaterland! Und dann - - - kam die Meisterin mit
den Kartoffeln.

                                                                  Am 10. Februar

Und wieder berschreibe ich ein Blatt der Chronik:

                                     Elise

Wir haben gejubelt und gelacht, auch wohl geweint ber kleine Schmerzen und
verunglckte Freuden! - Wie die Jahre kommen und gehen!
    Der Efeu hat nun eine ordentliche, schattige, grne Laube gebildet: rote und
blaue Wachsbilder hat eine kleine schmckende Hand zwischen das Bltterwerk
gehngt; wieder flattert ein zahmer Kanarienvogel in der Stube hin und her, von
meinen Bchern und Schreibereien auf eine hbsche runde Schulter im Fenster oder
auf einen niedlichen Finger, der ihm winkend hingehalten wird. - Elise ist nun
dreizehn Jahr alt auf den Blttern dieser Chronik. Oft, wenn ein lustiger
Sonnenstrahl ber das Bltterwerk schiet, zwitschert wohl Flmmchen - so heit
der neue kleine Freund - frhlich auf, hpft aus seinem Bauer, dreht das
Kpfchen mit den funkelnden kohlschwarzen uglein einigemal hin und her und
flattert dann zum offenen Fenster hinaus. Einen Augenblick glnzt es, hin und
her schieend, wie ein Goldpnktchen im Sonnenschein, dann flattert es nach der
jenseitigen Huserreihe und verschwindet in einem Fenster des mittleren
Stockwerkes in Nr. zwlf. Von dort ward es herbergebracht, auch dort hat es ein
kleines Messingbauer.
    Neue Gesichter sind aufgetaucht, neue Fden schlingen sich wundersam in
unser Leben und damit heute an diesem regnichten, windigen Februartage auch in
diese Bltter.
    Was tot war, wird lebendig; was Fluch war, wird Segen; die Snde der Vter
wird nicht heimgesucht an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied!
    Eine helle, frische Stimme erschallt unten im Hause; ein leichter Schritt
kommt die Treppe herauf - Elise horcht. Nach einigen Minuten erschallt pltzlich
drauen ein Gepolter, Marthas Stimme lt sich hren, klagend und rgerlich. Da
ist er - der Taugenichts der Gasse!
    Die Tr wird halb aufgerissen, und herein schaut ein lachendes,
kerngesundes, mit unzhligen Sommerflecken bedecktes Knabengesicht.
    Nun, Gustav, was gibt's wieder?
    O gar nichts! sagt das mauvais sujet, den Mund von einem Ohr bis zum
andern ziehend, whrend Martha jetzt klglich drauen nach Elisen ruft. Was mag
er nur angefangen haben? sagt diese aufspringend und hinausgehend. Ein helles,
herzliches Gelchter, in welches ich sie drauen ausbrechen hre, zwingt auch
mich, von meinen Bchern aufzustehen, whrend Gustav sich ganz ehrbar in einen
Band von Beckers Weltgeschichte vertieft zu haben scheint. Ich nehme die mglich
ernsteste Miene an und schreite hinaus. Welch ein Anblick erwartet mich!
    Die gute Alte hat hchstwahrscheinlich ihre Mittagsruhe gehalten und ist,
das Strickzeug im Scho, eingeschlafen. Diesen gnstigen Augenblick zu benutzen,
hat der Taugenichts, der vielleicht mit sehr guten Vorstzen die Treppe
heraufkam, doch nicht unterlassen knnen.
    Festgebunden sitzt die Unglckliche in ihrem Stuhle; Handtcher, Bindfaden,
das Garn ihres Strickzeuges, kurz alles nur mgliche Bindematerial ist benutzt,
sie unvermgend zu machen, sich zu rhren. Vor ihr auf einem noch dazu sehr
zierlich gedeckten Tischchen steht ein groer Napf Milch, der
hchstwahrscheinlich zu den wichtigsten kulinarischen Zwecken bestimmt war, und
um ihn im Kreis sitzt schlrfend und schmatzend - die ganze Katzenwelt des
Hauses, von Zeit zu Zeit einen hhnenden Blick nach dem Lehnstuhl werfend, wo
die gefesselte Kchentyrannin strampelt und droht in wahrhaft tantalischen
Qualen.
    Lieschen - so jag sie doch weg - (Elise hat vor Lachen die Kraft gar nicht
dazu und sitzt atemlos auf einem Schemel) o der Schlingel - aber, Herr
Wachholder, jagen Sie sie doch weg - es bleibt ja nichts brig - o meine schne
Milch - der Bsewicht! Ja, der Bsewicht - wo war er, als diese Tragikomdie zu
Ende gekommen war und man sich nach dem Urheber umsah? Der Band von Beckers
Weltgeschichte lag freilich noch aufgeschlagen da, aber von Gustav - nirgends
eine Spur!

Wer ist dieser Gustav?
    Der Enkel eines Mannes, dessen Name schon einmal gar unheimlich in diese
Bltter hineingeklungen ist, der Enkel des Grafen Friedrich Seeburg.
    Es war im Jahr 1842, als in die Wohnung drben in Nr. zwlf, in deren
Fenster spter der Kanarienvogel so oft hinberflatterte, eine schne, schwarz
gekleidete, bleiche Frau zog, welche sich Helene Berg nannte, die Witwe eines
vor kurzem verstorbenen Mediziners. Sie war es, die schon einmal durch unser
Leben und durch die Bltter dieser Chronik geglitten ist mit jenem Sonnabend im
Sommer 1841, als wir den toten kleinen Vogel auf dem Johanniskirchhofe begruben
zu den Fuen der Grber von Franz und Marie. Sie kte damals die kleine Elise,
aber wir kannten einander nicht. - Georg Berg stand auf dem Grabstein, an
welchem sie gekniet und geweint hatte, und in der rmlichen Wohnung drben in
Nr. zwlf, in der engen, dunkeln Sperlingsgasse verklingt die letzte Saite der
unheilvollen, wilden Geschichte, die einst der sterbende Jger dem Maler Franz
Ralff erzhlte. - Ist das Lied vorbei? Eine junge, frhlichere Weise nahm den
letzten Ton auf, und Gustav und Elise Berg wird die neue Melodie lauten!
    Wie die Letzte aus dem stolzen Hause der Grafen Seeburg das Zusammenhngen
ihres Schicksals mit dem kleinen Mdchen an meiner Seite erfuhr? - Ihre
Geschichte?
    Ich frchte mich fast, die Decke, die ber soviel kaum vergessenem und
begrabenem Unheil liegt, wieder aufzuritzen.
    Sieh, welch ein schner Ring! sagte einmal Elise, der Frau Helene, die bei
uns sa, jenen Reif zeigend, den vor langen, langen Jahren der alte Burchhard am
Hungerteiche im Ulfeldener Walde der toten Luise aus der erstarrten Hand gezogen
hatte, der so lange Jahre unter jenem bekreuzten Stein gelegen hatte und der,
das Wappen des Grafen von Seeburg trug! - Ich habe nicht ntig aufzuschreiben,
was folgte! - - - - Wir trennten uns damals so bald nicht. Den ganzen Abend lie
die weinende Helene die kleine Elise nicht aus den Armen, und Gustav - Gustav,
der Taugenichts der Gasse, begrte jubelnd seine Kusine auf seine Weise.
    Nachdem er lange unstet sich umhergetrieben hatte, heiratete in Italien der
Graf Friedrich Seeburg eine schne, vornehme, aber arme Italienerin; sie ward
die Mutter Helenens und starb, sie gebrend, im zweiten Jahr ihrer Ehe. Die
Griechen dachten sich die Kluft zwischen Gott und dem Menschtum ausgefllt durch
ein Vermittelndes, das Dmonische: da schwebten, damit das Ganze in sich selbst
verbunden sei, Geister viel und vielerlei auf und nieder, strafende und
lohnende Boten der Gottheit, und niemand entging seinen Taten. Diese Geister
Verfolgten auch den Grafen: Reue, Ruhelosigkeit, Lebensberdru hieen sie, und
auf jede Lebensfreude legten sie ihre erttende Hand. Wieder zog der Graf ber
die Alpen nach Deutschland. Das Schlo Seeburg war verkauft - er kam nach Wien,
wo er menschenscheu und finster in einem einsamen kleinen Hause wohnte. Oft
hrte ihn seine Tochter auf und ab gehen in der Nacht; sie hatte keine
Bekanntinnen, keine Freundin; eine alte Dienerin ihrer Mutter war ihr ganzer
Umgang. So verlebte sie ihre ersten Jugendjahre fast ganz sich selbst
berlassen, whrend ihr Vater immer finsterer und finsterer ward. Er verbot ihr
zu singen, zu spielen; sie seufzte und fgte sich. Da wurde eines Morgens der
alte Graf Seeburg tot im Bett gefunden; kein Mensch war bei seinen letzten
Augenblicken zugegen gewesen, er war gestorben, wie ihn Helene nur gekannt hatte
- einsam und allein. Einsam und verlassen war aber auch sie jetzt, ein junges
Mdchen in einer groen, fremden Stadt, die sie nicht kannte, wo niemand sie
kannte. Es fand sich, da die Hinterlassenschaft ihres Vaters kaum hinreichte,
die whrend seines Aufenthalts in Wien gemachten Schulden zu bezahlen.
    Unter den wenigen, die von Zeit zu Zeit das Haus ihres Vaters betreten
hatten, war ein Doktor Berg, ein nicht mehr ganz junger Mann, und dieser war der
einzige, der, an das Totenbett des alten Grafen gerufen, nachdem er ihm die
Augen zugedrckt hatte, sich der jungen Waise annahm. Er brachte ihre
Vermgensverhltnisse in Ordnung; er fhrte sie, die ebenfalls fast
menschenscheu Gewordene, zu guten Menschen, zu seiner alten freundlichen Mutter.
Er schien alles, was er tat, nur als seine Pflicht anzusehen, und er, der ihr
anfangs gleichgltig war, gewann ihre Zuneigung mehr und mehr. Da bot er ihr
seine Hand, und die Grfin Helene Seeburg ward seine zufriedene, glckliche
Gattin, bald noch glcklicher durch die Geburt eines Sohnes, der Gustav genannt
wurde. Da zwangen Verhltnisse - auch seine Mutter war gestorben - den Doktor
Berg, Wien zu verlassen; er zog hierher und bemhte sich, eine Praxis zu
gewinnen. Eben schien es ihm zu gelingen, als eine heftige Seuche, die
verheerend von Osten kam und ber das ganze Land todbringend zog, auch ihn
wegraffte; er lie seine Frau und seinen Sohn fast unbemittelt zurck. Auf dem
Johanniskirchhof, zwanzig Schritte von Franz und Marie Ralff, ward er begraben.
    Das war es, was die Frau Helene Berg erzhlte, whrend der Ring mit dem
Wappen der Grafen Seeburg, die Schlange, die den Rubin umwand, vor ihr auf dem
Tische funkelte. Noch an demselben Abend trug ich ihn auf die Knigsbrcke und
warf ihn weithin in den Strom, nachdem ich ihn in zwei Stcke zerbrochen hatte.
Helene lehnte neben mir am Gelnder, und schweigend gingen wir zurck in die
Sperlingsgasse zu - unsern Kindern.

War's nicht ein hbsches, ein glckliches Vorzeichen, dieser kleine goldgelbe
Vogel, der zwischen den beiden Wohnungen hin und her flatterte, der seine
Wohnung dort und hier hatte, oft ein kleiner treuer Bote war und an seinem
beweglichen Hlschen gar wichtige Nachrichten, Fragen oder Antworten hinber-
und herbertrug?
    Schau mal nach, Liese, das Flmmchen trgt wieder einen Zettel am Halse.
Jetzt werden wir wohl erfahren, wo der Bsewicht, ber den ich die alte Martha
drauen noch brummen hre, steckt.
    Zwitschernd hpft Flmmchen auf Elisens Hand. Sie nimmt ihm den Zettel ab,
und in einer weitbeinigen Knabenhandschrift lautet die Botschaft:
Liese!
Da ich mich vor morgen bei Euch nicht zu zeigen wage und noch dazu leider
gezwungen bin (scheulich!), 3 Seiten, schreibe drei Seiten, voll lateinischen
Unsinns zu bersetzen (ich mchte nur wissen, wozu ein Maler, und ich will einer
werden, Latein braucht?????), so bitte ich Dich, den Onkel (Du brauchst ihm
diesen Brief nicht zu zeigen) ebenso auf seinem Lehnstuhl festzubinden, wie ich
die alte Martha festgebunden habe, und so bald als mglich vor die Tr zu
kommen. - Ich will Dir mal was Wichtiges sagen.
                                                                          Gustav

P. Scr. Ich passe auf, und wenn ich Deine Nasenspitze sehe, schleiche ich an den
Husern hin zu Euerer Tr! Komme bald!!

P. Scr. Bring Deine Korbtasche mit!

Was mag er nur wollen? fragt Lieschen, die schon nach dem Nagel guckt, an
welchem ihre Tasche hngt, whrend ich trotz des warnenden Passus den Brief des
beltters und seine echte Tertianerlogik studiere. Es ist prchtig: weil ich
ein Exerzitium von bedenklichster Lnge machen mu - so komme so bald als
mglich! Und dann die kleine Heuchlerin, die recht gut wei, was der Faulpelz
will!
    Was fr einen Tag haben wir heute, Lieschen?
    Ah - Sonnabend! ruft Elise. Jetzt wei ich's! Er hat sein Taschengeld
gekriegt.
    Welches eigentlich die alte Martha konfiszieren mte. Hre, Lieschen;
schreib ihm als Bedingung Deines Kommens vor, da die scheuliche Arbeit fertig
sein msse.
    Wie lange dauert das wohl, Onkel? fragt die Liese ganz bedenklich; sie
zge das So bald als mglich unbedingt vor.
    Nun - zwei Stunden; mindestens!
    Oh, oh, zwei Stunden?!
    Ja, und dann wimmelt sie doch noch von Fehlern, einer immer schlimmer als
der andere.
    Onkel, Gustav sagt aber: je lnger er an einer Arbeit se, desto mehr
Bcke mache er.
    Nun denn, wenn er das sagt, so soll er sie frs erste nur fertigmachen und
mit herberbringen. Schreib ihm das!
    Elise stellt jetzt eine groe Auswahl unter meinen Federn an und beklagt
sich sehr ber unsere schlechte Dinte, whrend Flmmchen, auf einer Stuhllehne
sitzend, anfangs geduldig wartet, dann aber, als ihm die Sache zu lange dauert,
sich bemht, ber dem Tisch flatternd, ebenfalls in das Dintenfa zu schauen, um
den Grund der Zgerung zu erfahren. Endlich jedoch ist Elise mit ihren
Vorbereitungen fertig und schreibt:
Lieber Gustav!
Dein Brief ist glcklich angekommen. Flmmchen hat ihn gebracht. Die alte Martha
hat einen nassen Waschlappen im Fenster liegen; sie will Dich tchtig waschen,
wenn Du kommst. Den Onkel kann ich nicht festbinden, er rennt heute immer in der
Stube auf und ab und sitzt keinen Augenblick still. Du sollst erst Dein
Exerzitium fertigmachen und es mitbringen, eher soll ich nicht kommen! Mach
schnell!!! Meine Tasche bringe ich mit!
                                                                          Elise

Auch diese Botschaft wird dem Flmmchen umgehngt - - die Praxis hat es gelehrig
gemacht; zwitschernd schttelt es das Kpfchen, als wolle es sagen: nun ist's
aber genug, jetzt komme ich nicht wieder, und - verschwunden ist's. Elise sitzt
wartend vor ihrem Nhtischchen unter der Efeulaube, ich vertiefe mich wieder in
meine Bcher, aber keine halbe Stunde vergeht, da ertnt unterm Fenster ein
heller Pfiff, und Elise springt auf und schaut hinaus.
    Da ist er schon! ruft sie halb zurck mir zu.
    Komm herauf, Gustav! ruft sie hinunter.
    Dieses weniger! erschallt unten die Schlerredensart, und mich wundert
wirklich, da der Bengel diesmal nicht die noch dazugehrende weise
Benachrichtigung damit Verbindet; aber mein Bruder blst die Flte.
    Hast du dein Exer? (scilicet zitium) ruft Elise.
    Versteht sich; fix und fertig, komm herunter, du kannst es ihm
hinaufbringen.
    Elise sieht mich fragend an, und ich nicke. Herunter ist sie wie der Blitz,
und ich gehe ans offene Fenster, hte mich aber wohl, etwas von meiner werten
Persnlichkeit sehen zu lassen.
    Du bist aber schnell damit fertig geworden, Gustav! sagt Elise, und ich
stelle mir oben lebhaft vor, wie der Schlingel grinst, als er ihr sein Machwerk
einhndigt.

Mit Geduld und Spucke
Fngt man jede Mucke!

lautet die Antwort: Hier, nimm dich in acht, es ist noch na; und hre,
Lieschen - komm schnell wieder herunter, eh er hineingekuckt hat: er knnte mich
noch zurckrufen!
    Taugenichts! Das mag was Schnes sein! moralisiert Elise, die ich nun die
Treppe heraufkommen hre.
    Da ist's, Onkel! ruft sie in die kaum handbreit geffnete Tr, wirft das
edle Manuskript auf den nchsten Stuhl, schlgt die Tr zu und - in drei Stzen
ist sie die Treppe hinunter.
    Liese, Lieschen, Elise! rufe ich, aber wer nicht hrt, ist Frulein Elise
Johanne Ralff.
    Komm schnell, er ruft schon! sagt unten der Schlingel, sie am Arm fassend,
und fort sind sie um die Ecke!
    Da liegt nun das blaue Heft, auf dem Umschlag: Gustav Berg und drunter die
geniale bersetzung Gustavus Mons mit Angabe von Wohnort, Datum und Jahreszahl.
Ich schlage es auf, und es ist in der Tat zweifelhaft, ob der Kollaborator
Besenmeier es mit roter Dinte oder ob es Meister Gustavus Mons mit schwarzer
geschrieben hat. - Hier sind die neuesten Seiten. Reizend! Ita uno tempore
quatuor locibus (Schlingel!) pugnabatur etc. etc. Als Schulmeister mte ich
ausrufen: Was soll aus dem Jungen werden? Als Nichtschulmeister aber halte ich
mich an das - Lschblatt und rufe aus: Was kann aus dem Jungen werden! - Hier
an vier Orten schlagen sie ebenfalls, Rmer, Karthager, Mazedonier, Sarden,
und zwar besser als im Latein: Pferde, Menschen, Hannibal ante portas, Triarier,
Veliten, Principes! Ausgezeichnet! Ich werde dem Schlingel eine tchtige Rede
halten sowohl ber seine locibus, als auch ber die Unverschmtheit, ein Heft
mit solch beschmiertem Lschblatt drin abliefern zu wollen. Das letztere aber
werde ich konfiszieren, und Zeichenstunde soll der Junge auch haben; dieser
Signifer hat doch etwas zu lange Arme.
    Eine halbe Stunde sitze ich nun noch arbeitend, dann schlgt es auf der
Sophienkirche sechs. Ich wei nicht, ist es das schlechte Beispiel, welches mir
da eben gegeben wurde, oder der blaue Sommerhimmel und die Sonne drauen; auf
meinem Papier rucke ich nicht weiter, wohl aber unruhig auf dem Stuhl hin und
her. Elise hat brigens auch recht: unsere Dinte ist wirklich abscheulich. Ich
schlage meine Bcher zu, ziehe den Rock an und gehe den Tnen eines Fortepianos
nach, welche von drben herberklingen. Wenn ich in Nr. zwlf die Treppe
hinaufgestiegen bin, so finde ich dort in dem einfach, aber hbsch
ausgestatteten Zimmer des ersten Stocks eine Dame vor dem Klavier sitzen, die
mir freundlich zunickt, ohne sich in ihren Phantasien stren zu lassen. Ich
setze mich neben die Rosen- und Resedatpfe im Fenster, der Musik lauschend, und
kann dabei zugleich einen musternden Blick ber das Zimmer gleiten lassen. Hier
gleich neben mir unter den Blumen steht Flmmchens Messingbauer, in welchem der
kleine Vogel bereits auf der Stange sitzt und das Kpfchen unter den Flgel
gezogen hat. Mde von den Anstrengungen des Tages, ist er frh zu Bett gegangen.
Im zweiten Fenster mir gegenber steht ein hnliches Nhtischen wie das, vor
welchem ich sitze; ein Stickrahmen mit angefangener Arbeit liegt darauf. Das ist
Elisens Platz; auch sie hat wie Flmmchen hier eine zweite Behausung. Zwischen
beiden Fenstern, gegen das Licht gezogen, macht sich ein einst rot bemalt
gewesener Tisch breit; bedeckt mit Bchern, Schreibzeug, Heften, Federmessern
usw. usw., bekritzelt, zerschnitten, zerhackt, ist er der Schauplatz von Gustavs
stillen Freuden.
    Hier brtet das Genie ber seinen locibus, den Kopf auf beide Fuste
gesttzt und in den Haaren whlend; hier fllen sich die Bltter mit Fratzen
aller Art statt mit lateinischen Phrasen; hier werden alle die Dummheiten
ausgebrtet, welche die Gasse in Verwunderung und Verwirrung setzen sollen; hier
werden mit dem demtigsten Gesicht, der reuevollsten Miene die Ermahnungen und
Vorwrfe, welche die Mutter von ihrem Thron herab auf das Haupt des Taugenichts
der Sperlingsgasse schttet, in Empfang genommen und richtig quittiert durch -
einen tollen Streich eine Viertelstunde nachher; hier, kurz hier - ist Gustav
Bergs Schreibtisch!
    Als die Tante Helene ihr Spiel beendet hat, erzhle ich ihr die Geschichte
des Katzendiners, von dem sie natrlich noch nicht das mindeste wei.
    Ich kann ihn nicht mehr bndigen! ruft sie halb lachend, halb in
Verzweiflung aus. Und die Elise verdirbt er mir auch ganz! Statt zu sticken und
Vokabeln aufzuschlagen, schieen sie sich mit Papierkugeln: wenn er ihr einen
Kfer in den Nacken gleiten lt, bin ich sicher, da sie ihm einen Zopf
ansteckt oder einen Eselskopf auf den Rcken malt. Ich spreche und schelte mich
heiser und mde, aber es hilft nichts! Tante, er hat angefangen, ich sa ganz
ruhig! Mutter, 's ist nicht wahr, sie hat zuerst geschossen! So geht das den
ganzen lieben Tag! Wo mgen sie nur jetzt wieder stecken?
    Wenn man den Wolf an die Wand malt, so kommt er um die Ecke! sagt das
Sprichwort, und unsere Altvordern wuten, was sie taten, als sie es aufbrachten.
Mit Helenens Frage ffnet sich die Tr, oder vielmehr sie wird aufgerissen, und
herein, hochrot, strzen - Windbeutel und Wildfang! Kaum erblickt mich aber
Freund Gustav, so macht er kehrt und sucht schleunigst die Tr wiederzugewinnen,
glcklicherweise aber bin ich diesmal schneller.
    Halt, Meister! Hiergeblieben!
    Ja, hiergeblieben, Gustav! ruft die Mutter.
    Ich beginne nun das Verhr.
    Wie alt bist du jetzt, Gustav? Antwort!
    Vierzehn und ein halb!
    Welchen Platz in der Klasse hast du jetzt?
    Ich bin der Vierundzwanzigste von oben!
    Und von unten?
    Der - der - der Fnfte! - (Pause.)
    Ich lege nun ein Gesicht an wie Zeus Kronion, wenn's lange hei gewesen ist
und er donnern will, und beginne eine Rede, die anfngt: Als ich in deinem Alter
war (wie notabene alle Vter und Erzieher beginnen, seit Adam seinen
Erstgeborenen rffelte); ich flechte die Milchgeschichte ein, gehe dann zu den
locibus in der letzten Arbeit ber, bringe einen kleinen Seitenhieb auf Elise
an und ende, indem ich die rhrend-pathetische Seite - den Kummer der Mutter -
herauskehre.
    Whrend der ganzen Dauer dieser Pauke hat mein Missetter, bald auf dem
einen, bald auf dem andern Fu stehend, mit einem dummpfiffigreuigwehmtigen
Gesicht angestrengt einen Punkt oben an der Decke, der ihm sehr merkwrdig
erscheinen mu, ins Auge gefat. Kaum aber habe ich geendet, so verliert auch
besagter Punkt alles Interesse fr den Schlingel, die Erde hat ihn wieder, er
schiebt sich hinter Elise, die fortwhrend mit ihrer Schrze zu tun gehabt hat,
und dann zu seiner Mutter, die ihm bemerkt:
    Siehst du; ich hab's dir oft gesagt, aber auf mich hrst du nicht. Wie hei
ihr seid! Geh aus dem Zugwind, Elise, Kind, du erkltest dich! Wo habt ihr
eigentlich gesteckt?
    Wir sind nur auf dem Fontnenplatz gewesen! sagt Elise, mit dem Rcken der
Hand ber den Mund fahrend.
    So! - Und was habt ihr da gemacht?
    Wir haben die Goldfische gefttert!
    Die Goldfische?! - Gustav, wieviel von deinem Taschengeld hast du noch?
    Bei dieser Wendung des Gesprchs steht Gustav auf einmal wieder auf einem
Bein und scheint sehr zu bedauern, da er sich nicht wie die Gnse mit dem
andern hinterm Ohr kratzen kann. Langsam fhrt er mit der Hand in die Tasche,
besinnt sich aber und zieht sie schnell zurck.
    Nun?
    Hast du's mir zum Ausgehen gegeben, Mama? fragt der Schlingel, den seine
Erziehung Weiberlogik kennengelehrt hat.
    Freilich - aber- aber - - -
    Nun, ausgegeben hab ich's! Liese kann es bezeugen!
    Ja, das kann ich! ruft Lieschen ganz eifrig. Darber braucht ihr ihn
nicht auszuschelten!
    Ich komme jetzt der bedrngten Tante zu Hlfe.
    Ausgeben kann er's freilich, aber das Wie ist jetzt die Frage. Was habt ihr
mit dem Gelde angefangen?
    Das Paar sieht sich stumm an. Pltzlich greift Liese in ihre Tasche, zieht
einen Kirschkern hervor und schnellt ihn Gustav an die Nase. Die Frage ist
gelst.
    Ach so! ruft die Tante Berg. Nun, es ist gut, da es fort ist, so kann er
wenigstens nicht wieder Zigarren dafr kaufen wie vorige Woche.
    Auch ich bin ganz damit einverstanden, whrend Elise dem Vetter den
Ellenbogen in die Seite stt und ihm zuflstert: Warte nur, morgen kriege ich
meins!

Glckliche Kindheit! Alle spteren Lebensalter, die eine einsame Minute frhlich
vertrumen wollen, lassen dich vor sich aufsteigen, und ich - der alternde
Greis, flle diese Bogen mit lngst vergangenen, lngst vergessenen
Kindergedanken und Kindersorgen! Trumt nicht sogar die Menschheit von einem
goldenen Zeitalter, einer lngst untergegangenen glcklichen Kinder-Welt?

                                                                  Am 28. Februar

Es ist gar kein bler Monat, dieser Februar, man mu ihn nur zu nehmen wissen! -
Da ist erstlich die ungeheuere Merkwrdigkeit der fehlenden Tage. Wie habe ich
mir einst, vor langen Jahren, den Kopf ber ihr Verbleiben zerbrochen! Jeder
andere Monat pate aufs Haar mit Einunddreiig auf den Knchel der Hand, mit
Dreiig in, das Grbchen, und nur dieser eine Februar - 's war zu merkwrdig! -
Das ist ein Stck aus der formellen Seite der Vorzge dieses Monats, jetzt
wollen wir aber auch die inhaltvolle in Betrachtung ziehen. Was ist an diesem
Regen auszusetzen? Tut er nicht sein mglichstes, die Pflicht eines braven
Regens zu erfllen? Macht er nicht na, was das Zeug halten will und mehr? Der
alte Marquart in seinem Keller ist freilich bel dran, seine Barrikaden und
Dmme, die er brummend errichtet, werden weggeschwemmt, seine Treppe verwandelt
sich in einen Niagarafall. Alles, was Loch heit, nimmt der Regen von Gottes
Gnaden in Besitz. Immer ist er da; seine Ausdauer grenzt fast an Hartnckigkeit!
Man sollte meinen, nachts wrde er sich doch wohl etwas Ruhe gnnen. Bewahre! Da
pladdert und pltschert er erst recht. Da wscht er Nachtschwrmer von auen,
nachdem sie sich von innen gewaschen haben; da wscht er Doktoren und Hebammen
auf ihren Berufswegen; da wscht er Kutscher und Pferde, Herren und Damen -
maskiert und unmaskiert; da wscht er Katzen auf den Dchern und Ratten in den
Rinnsteinen; da wscht er Nachtwchter und Schildwachen selbst in ihrem
Schilderhaus. Alles, was er erreichen kann, wscht er! Kurz: Bei Tag und Nacht
allgemeiner Scheuertag, und Hausmtterchen Natur so unliebenswrdig, wie nur
eine Hausfrau um drei Uhr nachmittags an einem Sonnabend sein kann. Das ist das
Bulletin des Februars, den man einst mensis purgatorius nannte. - Jetzt finde
ich auch einen Vergleich fr das Aussehen der groen Stadt. Lange genug hab ich
mich besonnen, keiner schien passend. Nun aber hab ich's! Aufs Haar gleicht sie
einem unglcklichen Hausvater, den die Fluten des sonnabendlichen Scheuerns auf
einen Stuhl am kalten Ofen geschwemmt haben, wo er sitzt - ein neuer Robinson
Crusoe - mit Kind, Hund. Katze und Dompfaffenbauer, die Beine auf einem hohen
Schemel stehend und die Schlafrockenden herabhngend in die Wogen.
    Brr! - Das ist mal wieder ein Wetter, um in alten Mappen zu whlen, und ich
whle auch darin schon seit geraumer Zeit! Da mu ein Brief sein, den ich trotz
aller Mhe nicht finden kann und der doch eigentlich schon frher der Chronik
htte eingelegt werden sollen. Briefe mit spterm Datum von derselben Hand finde
ich genug; sie berichten von Kindtaufen, und einer auch von dem Hinscheiden
eines ehrwrdigen Pudels. Rezensent genannt. Ich mchte aber gern ein lteres
Schreiben haben, welches noch nicht von Kindtaufen erzhlt! Gottlob, hier ist's!
Die Chronik htte es, wie gesagt, viel frher aufnehmen mssen, aber was tut's?
Je lter solche Briefe werden, je lter ihr Schreiber selbst geworden ist, desto
frischer klingen sie!
    Hier ist das Skriptum:

                    Unter Verantwortlichkeit der Redaktion.

Liebe und Getreue!
    Eben hatte ich diesen Anfang Liebe und Getreue gemacht, als sich auf einmal
ein kleines Patschhndchen auf meine Schulter legte, ein brauner Lockenkopf sich
vorbeugte und ein Stimmen ganz fein sagte:
    Erlaube, liebes Kind (liebes Kind, das bin ich, der Dr. Wimmer) - erlaube,
liebes Kind, an was fr ein Frauenzimmer willst du da schreiben? Ich sah
verwundert auf und erblickte eine kleine runde Dame (sie sitzt jetzt neben mir
und zieht mich fr das rund tchtig am Ohr), die ein allerliebstes Mulchen
machte:
    Liebes Kind, ich mcht's halt gern wissen!
    Sollst du auch, Schatz, sagte ich lachend. Gib acht, es ist eine seltsame
Geschichte! - Es war einmal ein Mann, der lief in der Welt herum, und die Leute
nannten ihn Dr. Heinrich Wimmer; einige freilich titulierten ihn auch Esel oder
so. Das waren aber nur die, welchen er, dasselbe Epitheton gegeben hatte - was
er oft sogar schriftlich, schwarz auf wei, tat. Gut, dieser Mensch hatte
eigentlich nur wenig wahre Freunde (Bekannte genug), denn er war so eine Art von
Vagabond, wenn auch nicht in der schlimmsten Bedeutung des Worts. Er war ein
Literat. Zu den Freunden, die ihn ertrugen und nicht Esel nannten, gehrte
erstens ein Schulmeister namens Roder, zweitens ein ltlicher Herr, Wachholder
genannt, und drittens - ein junges Mdchen (beruhige dich, Nannette, sie war
hchstens elf Jahr alt, als wir schieden), namens Elise Ralff. Wir wohnten in
einer groen Stadt, wo es viel Staub gibt und aus der sie mich,
hchstwahrscheinlich aus Sorge um meine Gesundheit, wegjagten, weil jener Staub
mich stets zum Husten brachte, ziemlich dicht zusammen und betrugen uns
gegeneinander, wie gute Freunde sich betragen mssen. Sogar der Pudel Rezensent,
mein vierter Freund, fhlte oft eine menschliche Rhrung darber, wie es in der
Tat ein vortreffliches Vieh ist, was du auch dagegen sagen magst, Nannerl!
    Und nun hre - grimme Othelloin, das Liebe und Getreue gilt den drei
Freunden und halt nicht einem Frauenzimmer, du Eifersucht!
    Da wir nun aber einmal dabei sind, so la dir auch weitererzhlen, liebe
Nannette. Mit diesen Freunden lag ich an dem Tage, an welchem ich den letzten
Staub von den Fen ber jene Sand-Stadt schttelte, in einem Holze, wo wir den
ganzen Tag ber Vogelnester gesucht, Blumen gepflckt und Mrchen erzhlt
hatten, als auf einmal ein Gefhl bodenloser Einsamkeit und moralischen
Katzenjammers usw. usw. ber mich kam. Da stieg pltzlich, mitten im grnen
Walde, wo die Vgel so lustig sangen und die Sonne so hell und frhlich durch
die Zweige schien, ein Gedanke in mir auf, ein Gedanke an ein kleines hbsches
Mdchen, mit welchem ich einst zusammen gespielt und an das ich oft - oft
gedacht hatte in sptern Jahren. - Daran aber dacht ich in dem Augenblick nicht,
da zwischen dem Kinderspiel und dem Waldtage so lange Zeit lag; - ich dachte -
ich dachte: Heinrich, warum gehst du nicht nach Mnchen, wo du geboren bist, wo
dein - Onkel Pmpel, wo dein - kleines liebes Mhmchen Nannette wohnt?
    Wie ein Lichtstrahl, viel heller und frhlicher als die Sonne -durchzuckte
mich das, ich sprang auf, warf den Hut in die Luft und schrie: Hurra, ich gehe
nach Mnchen zu meinem Onkel Pmpel, zu meiner Kusine Nannerl! - Die Freunde
sahen mich verwundert und lchelnd an, und der Lehrer Roder sagte: Junge, das
wre prchtig, wenn du - solide wrdest!
    (Gib mir einen Ku, Schatz, und ich erzhle weiter.)
    Sieh, da wand die kleine Liese Ralff dem Pudel einen hbschen
Waldblumenkranz um den Pelz, sie drckten mir alle die Hand - das kleine Mdchen
weinte sogar - und - - - ich ging nach Mnchen.
    Lange Jahre waren hingegangen, seit ich meine Vaterstadt nicht gesehen
hatte, und ganz wehmtig gestimmt schritt ich in der Abenddmmerung durch die
alten bekannten Gassen der Altstadt. Da lag das Haus meiner Eltern - Fremde
wohnten darin. Ich lugte durch die Ritze eines Fensterladens und sah zwei
Kinder, die allein am Tische bei der Lampe saen; sie waren sehr eifrig in ein
Gnsespiel vertieft, und ich dachte an unsere Jugend, Nannerl, und das Herz ward
mir immer schwerer. - Seidelgasse Nr. 20, da stand ich nun vor einem andern
Haus. Dort hing ein altes wohlbekanntes Schild, Pmpel's Buchhandlung darauf
gemalt. Der Laden war bereits geschlossen, der Onkel jedenfalls schon im
Hofbruhaus; ein Lichtschein erhellte noch die Fenster des obern Stockwerks.
    Ich wagte kaum die Klingel zu ziehen. Endlich tat ich's aber doch. Mein
Gott, ebenso jmmerlich klang die Glocke schon vor zehn Jahren. Schlrfende
Schritte nherten sich - die Tr ging auf; wahrhaftig, da war sie noch, die
dicke Waberl, eher jnger als lter! Der Pudel und ich htten sie beinah ber
den Haufen geworfen; sie kannte mich nicht und stand starr vor Schrecken und
Verwunderung, als ich mit meinem vierbeinigen Begleiter in zwei Stzen die
Treppe hinauf war.
    Eine kleine, runde... (Au, mein Ohr! Hr einmal, Nannette, das ist das Ohr,
in welches es bei mir hineingeht, was wird das fr eine Ehe abgehen, wenn du mir
das abkneifst! Nannette, ich wrde in deiner Stelle mal das andere, zu welchem
es herausgeht, nehmen!) Dame trat mir entgegen:
    Der Vater ist nicht zu Haus, mein Herr! - - - Ich antwortete nicht, sondern
nahm ihr das Licht aus der Hand - die kleine runde Dame erschrak ebenfalls gar
sehr - und hielt es so, da mir der Schein voll ins Gesicht fiel.
    Herr Gott, der Vetter Heinrich! rief die kleine, rrr... Dame. (Nannette, sag
mal, ich glaube, ich habe dir in dem Augenblick einen Ku gegeben?)
    O welch abscheulicher Bart - - und eine Brille trgt er auch! Waberl,
Waberl, schnell nach dem Bruhaus: der Vetter Wimmer sei da!
    Ja, er war da, der Vetter Heinrich Wimmer, und der alte Onkel kam auch; er
umarmte den Landlufer und steckte ihn in seinen Sonntagsschlafrock: er wollte -
- ja, was wollte er nicht alles! Der Pudel sprang wie toll und machte sogleich
als ein vernnftiger Kter Freundschaft mit dem dicken Pmpelschen Kater Hinz.
    Und dann - dann ward ich Redakteur der Knospen, unter der Bedingung, den
fatalen politischen Husten vorher erst auszuschwitzen; dann ward ich von deinem
Papa, meinem guten, dicken, vortrefflichen Onkel, in den deutschen Buchhandel
eingeschossen, und dann -- Nun, Nannette, und dann? - - - - - - - - - - - - -
Meine Herren und Freunde, was hab ich Ihnen, da geschrieben! - So geht's, wenn
man verlobt ist und neben seiner Braut einen Brief schreiben will! Die reine
Unmglichkeit! Statt eines soliden, nach allen Regeln der Logik und
Briefschreibekunst abgefaten Berichts schmiere ich Ihnen meine Unterhaltung mit
dem Frauenzimmer. 's ist gttlich!
    Nun - was tut's? Die Hauptmomente meiner Geschichte habt Ihr doch bei der
Gelegenheit erfahren. Ich habe eine neue Seite meines Lebens aufgeschlagen; und
wer hat diese vita nuova bewirkt? Der edle Polizeikommissar Stulpnase nebst
seinen Myrmidonen und - meine kleine Beatrice, genannt Nannette Pmpel! Gesegnet
sei das Haus Pmpel &amp; Komp. bis ins tausendste Glied!! -
    Ich schliee. Meine gentilissima verlangt ebenfalls Platz auf diesem Bogen.
Mich soll's wundern, was sie schreiben wird; ihre Augen leuchten gar arglistig.
                                                                      Dr. Wimmer

Liebe, kleine Elise!
    Obgleich wir uns noch nicht mit Augen gesehen haben, so kann ich doch halt
nicht unterlassen, Dir, Herz, diesen ganz kleinen Brief zu schreiben, der bse
Mensch hat nicht viel Raum bergelassen. So ganz bse freilich ist er doch
nicht, denn er hat mir viel Gutes und Schnes von Dir erzhlt, aber sage doch
den beiden Herren, die ich auch nicht kenne, da sie das trichte Zeuch, was er
alles geschrieben hat, halt nicht alles glauben. Ich hab ihn durchaus nicht
soviel ins Ohr gekneift, als er sagt. - Liebes Kind, Ihr mt uns einmal alle
besuchen. Ich habe zwei Kanarienvgel und einen Stieglitz, der sich sein Futter
selbst heraufzieht. Ich htte Dir gern eins von den Vgelchen geschickt, aber
der Onkel Doktor meint, sie knnten das Fahren nicht vertragen, das knnte
selbst sein hlicher Puhdel nicht. Es ist nur gut, da das schwarze Tier sich
so vor meinem schnen bunten Hinz frchtet; sie beien sich zwar halt nicht,
aber sie sehen sich oft schief an von der Seite. Liebes Kind, besuche uns einmal
und gre den Herrn Onkel Wachholder und den Herrn Lehrer recht schn!
                                                       Deine unbekannte Freundin
                                                                     Nannette P.

P. Scr. Verehrtester, berreichen Sie doch meiner dicken Freundin, der Madam
Pimpernell, beifolgende drei Fnftalerscheine; da wird ein noch zu tilgender
Schuldenrest sein.
                                                                          Dr. W.

P. Scr. Ich mu in die Kche, sonst htte ich mich eben noch recht ber den
Doktor zu beklagen. Er ist recht bse. Gestern hat er sein Dintenfa ber meine
beste Tischdecke gegossen. Das geht mein Lebtag nicht wieder heraus! - Aber das
ist das wenigste. - 's ist nur gut, da ich den Tabaksdampf gewohnt bin, auch
mein Papa macht furchtbare Wolken, und die Gardinen mssen nun noch einmal so
bald gewaschen werden. Adieu!
                                                                        Nannette

P. Scr. Der Onkel Pmpel hat sich's in den Kopf gesetzt, dem armen Puhdel, wie
Nann'l schreibt - auf seine alten Tage noch das Totstellen beizubringen.
                                                                          Dr. W.

P. Scr. Bier mag er schon! (Ich meine halt den Pudehl - so wird's wohl recht
geschrieben sein.) Gott, ich mu wirklich in die Kchen!
                                                                              N.

P. Scr. Nannette ist fort! Meine lieben Freunde, ich bin sehr glcklich und
fidel! Ich hoffe auf baldige Nachrichten von Euch allen. Gru und Brderschaft!
                        Euer
 H. Wimmer

Welchen Jubel hatte einst dieser Doppelbrief mit seinen Postskripten in der
Sperlingsgasse erregt! Wie tanzte an jenem Augustnachmittag im Jahr 1841, als er
ankam, der Lehrer Roder mit der kleinen Elise im Zimmer herum! Heute, wo ich ihn
wieder hervorsuchte, ist weder Roder bei mir - sie haben ihn im Jahr
Achtzehnhundertundneunundvierzig nach Amerika gejagt, sie frchteten sich
gewaltig vor ihm -, noch guckt das kleine Lieschen, auf einem Stuhl stehend, mir
ber die Schulter. Aber allein bin ich doch nicht beim Wiederlesen; trotz dem
Regen hat sich der Zeichner Strobel herausgewagt und ist, da das Glck dem
Khnen lchelt, wohlbehalten, wenn auch etwas durchnt, bei mir angekommen.
    Es ist ein prchtiges Ehepaar geworden, sagte er lchelnd, indem er mir
die Nadel einfdelte, mit welcher ich das Dokument der Chronik anheften wollte.
Seit der Doktor den bsen politischen Husten, der ihn sonst plagte, losgeworden
ist, hat er einen Umfang gewonnen, dem nur das Embonpoint der kleinen fidelen
Frau Doktorin Nannerl nahe kommt. Und diese kleinen, fetten Wimmerleins: Hansl,
Fritzl und Eliserl, das jngste Wurm, wie der Doktor sagt! - Und diese
Nachkommenschaft des edeln Rezensent! - Fr jedes Wimmerlein ein Pudel, einer
immer schwrzer und schnurrbrtiger als der andere. Wie heien sie doch?
Richtig: Stulpnas (gewhnlich Stulp abgekrzt), Dinte und Quirl. Es ist ein
Schauspiel fr Gtter, die Familie spazierengehen zu sehen. Voran schreitet der
Doktor mit dem alten Grovater Pmpel, dann folgen Dinte und Quirl, die den
Korbwagen ziehen, in welchem das Kroop Elise liegt. Neben ihnen trabt Stulp mit
des Doktors Hut und Stock, und zuletzt kommt die Nannerl, an der Rechten den
Hans, an der Linken den Fritz. Von Zeit zu Zeit treibt sie mit dem Sonnenschirm
das Paar der Zugtiere an oder ruft dem Doktor zu:
    Wimmer, du wirst gleich dein Taschentuch verlieren!
    Oder:
    Wimmer, renne nicht so mit dem Vater. Wir kommen halt nicht mit!
    Oder:
    Wimmer, Stulp hat nur noch deinen Stock!
    Dann dreht sich der Doktor gravittisch um, wirft einen Feldherrnblick ber
den langsam daherziehenden Heereszug, pustet und fchelt, knpft die Weste auf,
bindet das Halstuch ab oder zieht wohl gar den Rock aus und sagt:
    Schatz, das Spazierengehen mssen wir aufstecken. Beim Zeus, es wird zu
angreifend fr unsereinen! - Stulp, Schlingel, hol meinen Hut - dort, allons!
    Whrend nun der Zug so lange hlt, bis Stulp mit dem Verlorenen zurckkommt,
sagt der Alte wohl:
    Heinerich, pa auf, das neue Komplimentierbuch geht nicht!
    Weshalb nicht, Papa?
    Wir sind hierzulande nicht recht dran gewhnt! lautet die Antwort.
    Das wei ich schon aus den Nibelungen und dem Parzival, sagt der Doktor,
eine gewaltige Rauchwolke auspuffend. Es soll aber schon gehen, Onkel und
Schwiegerpapa Pmpel! Das Ungewohnte und Ungewhnliche macht am meisten Glck.
Fritzl, la den Frosch in Ruhe, setz ihn wieder ins Gras, sonst kriegst du ihn
gebraten zum Abendessen, was keinem jungen Bayern angenehm sein kann! -
Vorwrts! Yankee doodle doodle dandy! Damit setzt sich das Haus Pmpel &amp;
Komp. wieder in Marsch.
    Ich lachte herzlich ber diese Schilderung. Es wachse, blhe und grne das
Haus Pmpel &amp; Kompanie wie - wie - -
    Hopfen! - Vivat hoch! schrie der Zeichner, nahm den Hut und trabte wieder
davon. Wo er gesessen hatte, stand ein kleiner Sumpf Regenwasser: einen Schirm
brauchte ich ihm also nicht anzubieten.

                                                                   Abends 11 Uhr

Wie traurig hat dieser Tag geendet! Ich wollte die Geschichte der armen Tnzerin
ber mir, die wir einst auf den Weihnachtsmarkt begleiten, nicht erzhlen, aus
Furcht, diesem Bilderbuch eine dunkle Seite mehr zu schaffen; aber die
unsichtbare Hand, welche die gewaltigen Bltter des Buches Welt und Leben eins
nach dem andern umwendet, mit ihren zertretenen Generationen, gemordeten Vlkern
und gestorbenen Individuen, will es anders als der kleine nachzeichnende Mensch.
Dunkel wird doch dieses Blatt, dunkel - wie der Tod!
    Herr Wachholder, sagte die Frau Anna Werner, die um neun Uhr abends an
meiner Tr klopfte. Herr Wachholder, das Kind der Tnzerin stirbt in dieser
Nacht! Der Doktor Ehrhard, der eben oben ist, hat's gesagt. Ist's nicht
schrecklich, da die Mutter in diesem Augenblick tanzen mu? Sie haben ihr nicht
erlauben wollen, die schlechten Menschen, wegzubleiben diesen Abend: es wre
heute der Geburtstag der Knigin, sie msse tanzen!
    Arme, arme Mutter! Ein hbscher, leichtsinniger Schmetterling, gaukeltest
du, bist die Verfhrung kam und siegte. Verlassen, verspottet, suchtest du dein
Glck nur in den Augen, in dem Lcheln deines Kindes, und jetzt nimmt dir der
Tod auch das!
    Arme, arme Mutter! Mit geschminkten Wangen und den Tod im Herzen zu tanzen!
Du hrst nicht die tausend jubelnden Stimmen der Menge, du hrst nicht die
rauschende Musik: das chzen des winzigen, sterbenden Wesens in der fernen
Dachstube bertnt alles. - Ich steige die enge, dunkle Treppe hinauf, die zu
der Wohnung der Tnzerin fhrt. Frau Anna und der gute, alte Doktor Ehrhard
sitzen an dem Bettchen des kranken Kindes. Eine verdeckte Lampe wirft ein trbes
Licht ber das kleine Zimmerchen; hier und da liegt auf den Sthlen
phantastischer Putz, eine schwarze Halbmaske unter den Arzneiglsern auf dem
Tische. Der Doktor legt das Ohr dem Knaben auf die Brust und lauscht den
schweren, ngstlichen Atemzgen; ich stehe am Fenster und horche in die Nacht
hinaus. Der Regen schlgt noch immer gegen die Scheiben; aus einem Tanzlokal der
niedrigsten Volksklasse dringen die schrillen, schneidenden Tne einer Geige bis
hier herauf. - Jetzt zieht der Doktor die Uhr hervor und sagt leise und ernst:
    Sie mu sich beeilen!
    Das Kind sthnt in seinem unruhigen Schlaf; die Hand des Todes drckt schwer
und schwerer auf das kleine unwissende Herz, dem sich gleich ein Geheimnis
enthllen wird, vor welchem alle Weisheit der Erde ratlos steht.
    Auf der Sophienkirche schlgt es dumpf zehn. Der Wind macht sich pltzlich
auf und rttelt an den schlechtverwahrten Fenstern. Die Februarnacht wird immer
unheimlicher und dsterer.
    Unter Blumenkrnzen sich verneigend, steht jetzt im Theater die groe,
berhmte Knstlerin, die Menge jubelt und klatscht Beifall; der Knig, die
Knigin, das Publikum haben sich erhoben - der schwere, goldbesternte Vorhang
rollt langsam nieder. Die bleiche Knigin ist mde in ihren Wagen gestiegen; die
groe Knstlerin nimmt die Glckwnsche und Schmeicheleien der sie Umgebenden in
Empfang; leer wird das eben noch so menschengefllte Opernhaus, und - die arme
Choristin ist halb bewutlos an einer Kulisse zu Boden gesunken, um, wie aus
wildem Traume zu noch wilderer Wirklichkeit erwachend, mit dem herzzerreienden
Schrei: Mein Kind, mein Kind! fortzustrzen. - Wir in dem kleinen Dachstbchen
haben das nicht gesehen, nicht gehrt, aber jeder krzer werdende Atemzug des
sterbenden Kindes sagte uns, was dort in dem lichterglnzenden, musikerfllten
Gebude am andern Ende der groen Stadt geschehe.
    Horch! Ein Wagen rasselt heran; er hlt drunten.
    Die Mutter, sagt der Doktor aufstehend. Es war Zeit!
    Ein eiliger Schritt kommt die Treppe herauf; eine Frau, in einen dunkeln
Mantel gehllt, erscheint todbleich und atemlos in der Tr. Sie lt den
regenfeuchten Mantel fallen, und im phantastischen Kostm der Teufelinnen, wie
wir es in Satanella sahen, strzt sie auf das Bettchen zu.
    Mein Kind! Mein Kind! flstert sie, in grlicher Angst den Doktor
ansehend. Sie beugt sich, sie hrt den leisen Atem des Kindes: Es lebt noch! -
Das schwarze Lockenhaupt mit dem Flitterputz von Glasdiamanten und feuerroten
Bndern sinkt auf das rmliche Kissen.
    Mama, liebe Mama! sthnt das sterbende Kind, mit den kleinen fieberheien
Hndchen durch die schwarzen Haare der Mutter greifend, da die Steine darin
blitzen und funkeln. - - Jetzt luft ein Schauer ber den kleinen Krper - -
    Vorber! - sagt der alte Doktor dumpf, mir die Hand drckend.
    Frau Anna und eine Nachbarin blieben die Nacht bei der armen, bewutlosen
Mutter.

                                                                      Am 7. Mrz

Gestern nachmittag begannen die schweren Regenwolken, die wochenlang ber der
groen Stadt gehangen hatten, sich zu heben. Sie zerrissen im Norden wie ein
Vorhang und wlzten sich langsam und schwerfllig dem Sden zu. Ein Sonnenstrahl
glitt pfeilschnell ber die Fenster und Wnde mir gegenber, um ebenso schnell
zu schwinden; ein anderer von etwas lngerer Dauer folgte ihm, und jetzt liegt
der prchtigste Frhlingssonnenschein auf den Dchern und in den Straen der
Stadt. Wahrlich, jetzt gleicht die Stadt nicht mehr einem scheuergeplagten
Ehemann; sie gleicht vielmehr seiner bessern Hlfte, die nun ihre Pflicht getan
zu haben meint, erschpft auf einen Stuhl zum Kaffeetrinken niedersinkt und
lispelt: Puh! Hab ich mich abgeqult, aber gottlob, nun ist's auch mal wieder
rein!
    Ja, rein ist's! Verschwunden ist der Schnee, der zuletzt doch gar zu grau
und unansehnlich geworden war; viel mimutige, verdrossene Gesichter haben sich
aufgehellt, und - die kleine Leiche von oben ist fort. Die alte Gromutter
Karsten hat auch ihr nachgeblickt; sie hat die arme Mutter auf die Stirn gekt,
als man den Sarg hinabtrug, und hat, gleichsam als wundere sie sich ber etwas,
lange das Haupt geschttelt. Wer wei, wieviel jngere Leben sie noch
dahinschwinden sieht!
    Ich habe diese Bltter, glaub ich, einmal ein Traumbuch genannt - wahrlich,
sie sind es auch.
    Wie Schatten ziehen die Bilder bald hell und sonnig, bald finster und
traurig vorber. Jetzt ist der dunkle Grund, aus dem sie sich ablsen, ganz
bedeckt von Leben und Jubel; jetzt taucht wieder die unheimliche finstere Folie
auf. Die Freude verstummt, der Jubel verhallt, es ist tote Nacht allenthalben,
die nur dann und wann ein Klagelaut unterbricht. Sei die Nacht aber auch noch so
dunkel, ein Stern funkelt stets hinein: Elise! - Ich brauche nur in meine alte
Mappen und Erinnerungsbcher mich zu versenken, und die Gespenster entfliehen,
die Nebel sinken, und es wird wieder frhlicher Tag in mir.

                                     Elise!

Die Knospe, die hundert duftige Blumenbltter in ihrer grnen Hlle einschlo,
entfaltet sich wie ein ses, liebliches Geheimnis. Noch ein warmer Ku der
Sonne, und die Zentifolie, den reinen Tautropfen der Jugend und der Unschuld im
Busen, ist die schnste der Erdenblten.
    Ich glaube an keine Offenbarung als an die, welche wir im Auge des geliebten
Wesens lesen; sie allein ist wahr, sie allein ist untrglich; in dem Auge der
Liebe allein schauen wir Gott von Angesicht zu Angesicht. Die Zunge ist
schwach und des Menschen Sprache unvollkommen; die Schrift ist noch schwcher
und unvollkommener, und ein Blatt Papier zum Urquell der Erkenntnis des ewigen
Geistes machen zu wollen ist ein arm tricht Beginnen. Ich drcke die Augen zu,
und - sie ist vor mir mit ihrem sen Lcheln, sie schlgt sie auf, diese groen
blauen Augen, in denen ich Trost suche und finde. Elise, Elise, nun bist du ein
groes, schnes Mdchen geworden, und das Bild dort, welches, dein toter Vater
von deiner toten Mutter malte, gleicht einem Spiegel, wenn du so sinnend davor
stehst und so straurig lchelnd zu ihm emporblickst. Die wilden Spiele, die
tollen Streiche in dem Hause und auf der Gasse sind vorber (wenn auch noch
nicht ganz, Schelm); wo du sonst lachtest, Elise, lchelst du jetzt, wo du sonst
weintest und klagtest, senkst du jetzt die Augen und trumst; wo du sonst den
Schrzenzipfel in den Mund stecktest oder die rmchen auf dem Rcken ineinander
wandest, fliegt jetzt ein hohes Rot ber deine Wangen - du bist eine Jungfrau
geworden in den Blttern der Chronik, Elise!

Oftmals lssest du, vor dem Nhtischchen deiner Mutter unter der Efeulaube
sitzend, die Arbeit lauschend in den Scho sinken, das Kpfchen in das dichteste
Bltterwerk verbergend. Eine helle, frische Stimme klingt dann von drben
herber, ein Studentenlied anstimmend. Wo will Flmmchen hin, Elise? - Einen
Augenblick; sitzt es auf ihrer Schulter, ihr ins Ohr zwitschernd, als habe es
ihr ein wichtiges, ein gar wichtiges Geheimnis mitzuteilen, dann verschwindet es
aus dem Fenster. Wo ist es geblieben?
    Die Stimme drben, die pltzlich mitten in ihrem Gesang abbricht, gibt
Antwort darauf. Ein wohlbekanntes, wenig verndertes, braunes Gesicht, von
dunkeln Locken umwallt, erscheint in Nr. zwlf am Fenster; es ist der junge
Maler Gustav Berg, der Vetter Gustav, der einstige Taugenichts der Gasse, jetzt
ein denkender Knstler und, wie man munkelt, oft genug der Taugenichts des
Ateliers beim Meister Frey in der Rosenstrae.
    Kusine, Kusine Elise! Onkel Wachholder! ruft er. Die Mama ist auer sich!
Flmmchen hat ein Leinlglas umgestoen und - Unordnung ber Unordnung - nicht
nur eine sehr angenehme Verschnerung auf dem Fuboden, sondern auch eine sehr
unangenehme Verbesserung auf meiner Zeichnung angebracht. Es ist keine
Mglichkeit, weiterzuarbeiten! Wie wr's mit einem Spaziergang?
    Ich denke lchelnd an den Doktor Wimmer, der auch einst oft genug hnliches
von drben herberrief; die Chronik der Sperlingsgasse hat ihre Wiederholungen
wie alles in der Welt. - Elise setzt ihren Strohhut auf, und wir gehen hinber.
Auf der Treppe schon empfngt uns Gustav, noch im leichten farbebeschmutzten
Malrock, den Kanarienvogel auf dem Finger.
    Da ist der Verbrecher, lacht er. Sieh, Lieschen, wie unschuldig er
aussieht, grade wie du, die doch auch um kein Haarbreit besser ist als er.
    Was? - Was hab ich denn verbrochen? fragt Elise.
    Hre nicht auf den bsen Menschen, sagt die Tante Helene, die jetzt in der
Tr erscheint.
    So; - das ist ja prchtig, Mama! Hre nicht auf den bsen Menschen! Das ist
himmlisch! Onkel Wachholder, das Frauenzimmervolk hngt wie Pech zusammen; ich
rufe Sie zum Richter auf. Aber kommen Sie herein, die Sache ist zu wichtig, als
da man sie auf der Treppe abmachen knnte.
    Wir treten ein, jeder sucht sich einen Platz, und Gustav beginnt:
    Hren Sie zu, Onkel! Heute morgen gehe ich, mit meiner Zeichenmappe unter
dem Arm, ganz solide von hier weg. Die besten Vorstze und Gesinnungen bewegten
meinen Busen, und ich rechnete mir innerlich fr den immensen Flei, den ich
heute beweisen wollte, verschiedene Bummeleien zugute. Ich wollte, ich htte das
Selbstgesprch, welches ich hielt, stenographieren knnen, es wrde mir jetzt
von groem Nutzen sein. An mancher Scylla und Charybdis, wo meine guten Vorstze
sonst dann und wann gescheitert waren, war ich diesmal glcklich vorbeigesegelt.
Als mich Thomas Helldorf aus seinem Fenster anbrllte, hatte ich mich taub
gestellt, als aus Schnollys Konditorei Leopold Dunkel mir zuwinkte, hatte ich
mich blind gestellt; gefhllos zu sein, hatte ich geheuchelt, als Richard
Breimller mich in die Seite stie und mir den Arm fast ausrenkte, um mich mit
zu einem groartigen Frhstck zu ziehen, welches die unmoralischen Menschen,
die Freiwilligen von den Zweiunddreiigern, gaben. Ich entwickelte eine riesige
Moral! Da biege ich im vollen Gefhl meiner Sittlichkeit um, die Ecke, die auf
den Gemsemarkt fhrt, und - renne gegen einen Korb oder vielmehr eine
Korbtrgerin, die mir entgegenkommt und mir ohne weiteres mit ihrem Sonnenschirm
den Weg versperrt...
    O dieser Lgner! fllt hier Elise ein. Wer hat dir den Weg versperrt?
Hast du mich nicht angehalten? Hast du mir nicht meinen Korb weggenommen? Du...
    ... die mir also den Weg versperrt und...
    Verleumder! - Hast du mir nicht meinen ganzen Korb umgekramt und die grte
Mohrrbe hervorgezogen, um sie auf der Stelle mit deinem Messer...
    ... die mir, wie gesagt, den Weg versperrt und sagt: .Sieh, das ist
prchtig. Gustav; jetzt sollst du wider deinen Willen einmal zu etwas ntzlich
sein; hier, nimm meinen Korb! -  Kannst du das leugnen, Liese?
    Onkel, er lgt entsetzlich, sagt Elise, er verdreht die ganze Geschichte.
Ich htte ihn doch nicht den Korb tragen lassen?! Er war es, der ihn nicht
wieder herausgab, und da er noch dazu zwischen jedem Bi, den er an seine
Mohrrbe tat, an einem Rosenstrauch roch, welchen er ebenfalls herausgewhlt
hatte, so sagte ich: Ich habe keine Zeit mehr...
    Onkel Wachholder, unterbricht jetzt Gustav, ich verband das Schne mit
dem Ntzlichen! Mama, sind rohe Mohrrben nicht etwa gut gegen - gegen alles
mgliche?
    ... ich habe keine Zeit mehr, und wenn du den Korb einmal nicht wieder
herausgehen willst, so behalte ihn und schleppe ihn meinetwegen!
    Siehst du! Seht ihr! Da gesteht sie ihre Schlechtigkeit selbst ein. Denken
Sie, Onkel Wachholder, auf einmal dreht sie sich um, rennt davon wie eine
Gazelle und lt mich an der Ecke stehen wie ein Kamel, beladen mit Rosen von
Schiras und Gemse aus dem Tal von Schm. Elise, Lieschen, Kusine Ralff! rufe
ich aus vollem Halse; Liese, mit dem Korb kann ich doch nicht ins Atelier gehen!
Himmlische Kusine Lieschen, befreie mich von diesem Stilleben! - Wer aber nicht
hrt, ist Elise. Was war zu tun? Ich setze mich in Trab; mit Korb und Mappe, mit
Rben und Rosen hinter ihr her. Solch eine Jagd! - Von Zeit zu Zeit sehe ich
ihren Strohhut oder ihr blaues Kleid zwischen dem Schwefelholz-, Herings-,
Butter- und Ksehandel - - ich glaube sie zu haben - Tuschung, da ist sie
wieder hinter einer Bude verschwunden! Ich fange an, dem kaufenden und
verkaufenden Publikum sehr lcherlich zu werden mit meiner Mohrrbe, die ich
noch immer krampfhaft in der Hand halte. Ich trete in einen Eierkorb! Riesiger
Skandal! - Die Polizei erscheint! Verkoofen Se Ihr Grnkraut sachte, sagt
grinsend Polizeimann Nr. 69, immer langtemang! - Ich bezahle fr den Eierkorb
mit blutendem Herzen und gelben Stiefeln; von Elise keine Spur! - Neue Jagd -
ich glitsche ber einen Kohlstrunk aus - baff, da liege ich mit Korb und Mappe;
Kohlrben, Rosen, Zwiebeln, meine Zeichnungen und Elisens Marktrechnungen im
malerischen Durcheinander um mich her. O Jotte, det arme Kind, sagte eine dicke
Gemsefrau, ebent in die Eier und nu in den..! Soll ich Se ufhelfen, Mnneken? -
Immer langtemang, grinst wieder der Polizeimann Nr. 69, der mir wie mein bses
Prinzip gefolgt ist. - Ich suche meine Schtze, die ich zu allen Teufeln
wnsche, gleich im Liegen auf und erhebe mich dann in einer wirklich anmutigen
Verfassung. Auer Atem und hinkend schlage ich mich durch die Menge und sinke
auf den Eckstein an derselben Ecke, wo mein Leiden begonnen hatte. Ich stelle
den Korb zwischen die Beine und starre mit uerst bitterm Gefhl hinein. Soll
ich das Ungetm wirklich hinschleppen nach der Sperlingsgasse? Vorber an der
Kaserne der Zweiunddreiiger und an Schnollys Konditorei? - Einen Spitznamen
htte ich und meine ganze Nachkommenschaft weg - drei Ellen lang! Mein innerster
Mensch strubte sich zu mchtig dagegen. Eine Droschke konnte ich nicht nehmen,
denn meinen Geldvorrat hatte das Eierunglck aufgefressen, es blieb mir nichts
anderes brig, als eine neue Mohrrbe abzukratzen, meine Verzweiflung an ihr zu
verbeien. Das kommt davon, wenn man mit soliden Vorstzen von Hause weggeht!
Wie gemtlich htte ich in dem Augenblick statt auf diesem fatalen Eckstein bei
dem Frhstck der Freiwilligen sitzen knnen! Ich wei nicht, wie lange ich so
brtend da gekauert habe, als ich pltzlich, um zum Himmel zu schauen, meinen
Blick aufschlage, aber ihn halbwegs erstarrt ruhen lasse! - - Da sa sie! -
Kichernd lehnt sie an dem Eckstein der andern Straenecke mir gegenber, eine
groe, grne, angebissene Birne in der Hand! Guten Morgen, Vetter! lacht sie,
ohne sich vom Fleck zu rhren. Knntest du mir jetzt vielleicht meinen Korb
geben? Ich mu wirklich nach Haus; der Onkel kriegt sonst nichts zu essen! - 
Ich fahre mit der Hand ber die Stirn, ich mu wirklich erst meine Sinne
zusammensuchen; ich stoe einen tiefen Seufzer aus - da erhebt sie sich, als
schicke sie sich an, wieder fortzurennen. In Todesangst springe ich auf, bin in
einem Satz mit dem verdammten Korb an ihrer Seite, hnge ihn ihr an den Arm und
sinke nun auf den Eckstein neben ihr, um auch ihn als Sitzmittel zu probieren. -
Hab ich dich aber gesucht, Gustav! hohnlchelt die Boshafte. Gott, wie siehst du
aus? Wo hast du denn gesteckt? - Daimonih! murmele ich dumpf, whrend es noch
dumpfer auf der unierten Kirche elf schlgt und die Atelierszeit ihrem Ende
naht; und so ziehen wir nach Haus, Elise immer kichernd voran, ich hinkend
hinter ihr her, meine Rocksche vorsichtig zusammenhaltend. Eine derangierte
Toilette, ein leerer Geldbeutel, mde Beine, ein grlicher Nachgeschmack von
den fatalen Mohrrben und das bodenlose Gefhl, mich unendlich lcherlich
gemacht zu haben, das waren die Ergebnisse dieses Morgens! Und nun richten Sie,
Onkel Johannes!
    Onkel, la das Richten nur sein, sagt Elise. Er hat sich schon selbst
gerichtet. Hat er nicht?
    Ich glaube auch, sagt die Tante Berg.
    Ich desgleichen, gehe ich mein Verdikt ab.
    Das dachte ich wohl, brummt der denkende Knstler. Wann htte je die
Unschuld gesiegt?! Abgemacht. Wie wird's nun mit unserm Spaziergang?
    Ja, wo wollen wir hin? ruft Elise, und Gustav meint:
    Ein Vorschlag zur Gte: wir gehen nach dem Wasserhof; da ist bal champtre!
Was meinst du, Lieschen?
    
    Kann man da hingehen? fragt die Tante Berg bedenklich.
    Warum nicht? Sind wir doch dabei! sagt der denkende Knstler, gravittisch
den Halskragen in die Hhe zupfend. brigens ist heute auch das Atelier mit
seinen Schwestern da: ebenso der Professor Frey mit seinen sechs Nichten,
und...
    Nach dem Wasserhof! rufe ich elektrisiert. Tante Berg, man kann dahin
gehen!
    Und wir gehen hin. -
    Wer kennt nicht den Wasserhof? Hat ihn nicht Goethe im Faust unsterblich
gemacht? Der Weg dahin ist gar nicht schn. Welcher Weg um diese Stadt ist
schn? Es lebe der Wasserhof! Da gibt es Schatten und khle Lauben am Tage,
Musik, bunte Lampen und fliegende Johanniswrmer am Abend; da gibt es Kellner
mit einst weien Servietten, die in der rechten Hosentasche stecken; da gibt es
vor allem einen - prchtigen Tanzplatz im Grnen!
    Lieschen, heute morgen hast du mir einen Korb gegeben; ich will dir das
verzeihen, wenn du mir jetzt keinen anhngen willst: Mein Frulein, darf ich um
den ersten Walzer bitten?
    La uns erst ankommen, Vetter! sagt Lieschen, die auf dem ganzen Wege
stets die Vorderste wre, wenn nicht Gustav gleichen Schritt mit ihr hielte. - -
    Da sind wir! Heda, da sitzt schon der alte Meister Frey mit der langen
Pfeife hinter einer Flasche Wein, behaglich dem lustigen Treiben zuschauend und
lchelnd das schwarze Kppchen auf den langen weien Haaren hin und her
schiebend. Schon aus der Ferne winkt er uns, als wir uns durch die Menge
drngen, und ruft uns sein Willkommen entgegen. Hurra, da ist das Atelier mit
seinen Schwestern, wie Gustav sagt, und die sechs Nichten des Professors. Eine
lustige Gruppe: lange Haare, schwarze Sammetrcke, Kalabreser mit gewaltigen
Troddeln, dann wieder weie Kleider, bunte Bnder, Strohhte und Gustav und
Elise natrlich sogleich mitten dazwischen. Beim heiligen Vocabulus, ist das
nicht der lange Oberlehrer Besenmeier, der da, aptus adliciendis feminarum
animis, der dicken Frau Rektorin Dippelmann einen Stuhl erobert? Wahrlich, er
ist's, und da ist der Rektor selbst, der Ruten und Beile so vollstndig abgelegt
hat, da ihn in diesem Augenblick jeder Sekundaner ohne bse Folgen um - Feuer
fr seine Zigarre bitten knnte. Wen haben wir hier? Darf ich meinen Augen
trauen? Der knigliche Professor der Gottesgelahrtheit, Hof- und Domprediger Dr.
Niepeguck!? - Wirklich, er ist's; mit Frau und Kindern steuert er durch die
Menge. Weg die Dogmatik! lautet das Studentenlied: warum sollte der alte
Hallenser das an einem solchen prchtigen Abend nicht auch noch einmal in - das
Doppelkinn summen drfen? Wie die Universitt vertreten ist! Professoren
Privatdozenten und Studenten von allen Fakultten und Verbindungen! Dacht ich
mir's doch, da sind auch die unmoralischen Menschen, die Freiwilligen!
Natrlich durften sie nicht fehlen! -
    Guten Abend, Ccilie, Anna! Guten Abend, Elise, Johanne, Klrchen,
Josephine! Das ist ja prchtig, da ihr auch da seid! schwirrt und summt das
durcheinander.
    Gott, wo bleibt mein Tnzer! Der abscheuliche Mensch wird mich doch nicht 
sitzen lassen?!
    Auf keinen Fall, mein Frulein! sagt der Auskultator Krippenstapel, sein
ambrosisches Haupt ber die Schulter der erschrockenen Sprecherin streckend und
etwas von nur Personalarrest murmelnd.
    Lieschen, keinen Korb - bitte! ruft Gustav, ein Paar wundersame Handschuh
anziehend und eine Rosenknospe ins Knopfloch steckend.
    Nun, Vetter - wenn's denn nicht anders sein kann - so komm schnell, die
Musik fngt schon an.
    Hre, Peter van Laar, sagt Gustav schon im Rennen zu einem wohlbeleibten
Kunstjnger, wenn du mich wieder auf den Fu trittst wie neulich, stecke ich
dich morgen mit der Nase in dein Terpentinfa! Komm, Lieschen! -
    Prr - davon sind sie: Mutwill'ge Sommervgel.
    Ich habe unterdessen mit der Tante Helene Platz am Tische des Meister Frey
genommen, der eben unter schallendem Gelchter eine Schnurre aus seinem
italischen Wanderleben beendet. Der Domprediger redet ber die Wirkungen des
Weibiers auf seine Konstitution, whrend Petrus und Paulus, seine Sprlinge,
sich unter dem Tisch wlzen und balgen und die Frau Domprediger sich darber
aufhlt, da die Kellner sich mit der Hand schneuzen.
    Es ist immer noch besser als in die Serviette! sagt der Rektor Dippelmann,
eine Prise nehmend und in der Zerstreuung die Dose der Tante Helene anbietend.
An ein und demselben Punkt werden nun zwei Gesprche angeknpft: die Weiber
plumpsen in die groe Wsche und der Domprediger mit dem Rektor Dippelmann in
die - Theologie.
    Kommen Sie, Wachholder, sagt der Professor Frey, wir wollen lieber den
Kindern beim Tanzen zusehen! Mir wird wsserig und schwl zugleich.
    Da ich wirklich etwas hnliches in mir spre, nehme ich den Vorschlag mit
Freuden an, und wir wandeln durch die Gnge mit den bunten Lampen und
Laubgewinden dem Tanzplatz zu. Da ist ein lustiges Treiben.
    Welche prchtigen Reflexe! ruft der alte Maler ganz enthusiasmiert. Sehen
Sie, Wachholder, da kommt der Berg, aus dem ich Ihnen trotz seiner sporadischen
Bummelei und Liederlichkeit doch noch einen echten Knstler mache. Nun,
fanello, wendet er sich an den Herbeieilenden, ich hoffe, Ihr werdet meine
Mdchen nicht drren lassen - wie sie sagen!
    Der denkende Knstler grinst auf eine unbeschreibliche Weise:
    Wir tun unser mglichstes, Herr Professor. Sehen Sie nur den Peter Laar!
Segelt er nicht wie ein wahrer Fapresto mit Frulein Julie dahin? Hier knnen
Sie sich doch wahrlich nicht beklagen, da er keine Fortschritte mache. Sehen
Sie nur, wie er weiterkommt. Sehen Sie, wie - buff! Dacht ich's doch! Da bohrt
er den Auskultator Krippenstapel mit seiner Donna zu Grund! Alle Wetter! Das
gibt Skandal! Da mu ich retten!
    Herr! schreit der knigliche Auskultator, wtend aufspringend und seine
Tnzerin trostlos-lcherlich auf ihrem sant sitzen lassend. Herr, knnen Sie
nicht sehen, haben Sie keine Augen im Kopfe, Sie...
    Halt, Krippenstapel! fllt hier Gustav ein, den gefallenen Engel des
Juristen aufhebend. Sie sollen frchterlich gercht werden, ich gebe Ihnen mein
Ehrenwort! Peter Holzmann, Bamboccio, Ungetm! Ein schreckliches Los harrt
morgen deiner! - Mein Frulein, Sie haben sich doch nicht weh getan? Wollen Sie
eine kalte Messerklinge auflegen, das soll gut sein gegen Beulen? - Frulein
Julie, gehen Sie doch geflligst dem dicken Ungeheuer an Ihrer Seite einen
tchtigen Nasenstber als Vorgeschmack! Krippenstapel, sei'n Sie ein guter Kerl
und fangen Sie keinen Lrm an; kommen Sie, lassen Sie sich von Ihrer Dame eine
Stecknadel geben, ehe Sie weiterschweben. Vergessen Sie's nicht, es ist wichtig;
ich als sthetiker mu das wissen!
    Ein allgemeines Gelchter lst die Sache in Wohlgefallen auf. Krippenstapel
schleicht mit seiner Stecknadel ingrimmig ins Gebsch: seine Dame verkndet
hinter ihrem Taschentuch, keine kalte Messerklinge anwenden zu wollen; Peter
Holzmann stolpert mit Frulein Julie zu einem Sitz, und alle brigen Paare
ordnen sich zu einem neuen Tanz.
    Schon whrend des Verlaufs dieser Szene habe ich mich gewundert, nirgends
Elisens Lockenkopf hervorlugen zu sehen, nirgends ihr helles Lachen zu hren;
als nun ein neuer Tanz beginnt und sie auch jetzt nicht erscheint, wird mir die
Sache bedenklich.
    Gustav, heda hier! Wo hast du denn meine Liese gelassen?
    Ich? - Onkel, fragen Sie lieber: wo hat dich die Liese gelassen. Sie
behauptet bse zu sein und ist mit Frulein Henriette Frey weggelaufen, nachdem
sie mich einen - einen Teekessel genannt hat.
    So? - Was habt ihr denn wieder vorgehabt?
    Ich kann mich auf Weiteres nicht einlassen! sagt der denkende Knstler,
zieht ein wehmtig-sein-sollendes Gesicht und verschwindet unter der Menge.
    Wenn die Sachen so stehen, lacht der alte Frey, so werden die Mdchen
jetzt wohl bei der Wsche und Theologie sitzen. Kommen Sie, wir mssen uns doch
erkundigen, was der Friedensstifter (machte er seine Sache nicht prchtig?) da
fr Unheil und Unfrieden angestiftet hat!
    Ich kann's mir schon vorstellen, brumme ich in den Bart, und so schlagen
wir uns seitwrts ins Gebsch und gelangen zu unserm Tisch zurck.
    Richtig, da sitzen die Turteltubchen! ruft der Professor. Wie andchtig
sie dem Oberlehrer Besenmeier zuzuhren scheinen und doch ganz woanders sind!
Kurre, kurre, kurre, Frulein Elise, mein Tubchen, was hat Ihnen denn ein
gewisser - hm - gewisser Teekessel getan?
    Wer? fragt Lieschen, die sich dicht an die Tante gedrngt hat und von ihr
mit einem gewaltigen Tuche umwickelt ist, whrend Henriette an ihrer andern
Seite emsig sich mit ihrer Teetasse beschftigt.
    Wer? fragst du! nehme ich das Wort. Nun, wir begegneten eben jemand, der
ziemlich nahe am - berkochen war.
    Ach, du meinst den Vetter! - Pah - der!
    Nun, was hat's gegeben? Tante Helene, hat sie Ihnen vielleicht schon ihr
Herz ausgeschttet?
    Nein! sagt die Tante. Haben sie sich wieder gezankt?
    Es scheint so! Frulein Henriette, Sie wissen gewi etwas Nheres davon?
    Soll ich's sagen, Lieschen? fragt kichernd Henriette, ihre Freundin am Ohr
zupfend.
    Meinetwegen! sagt Elise, mit einem Gesicht wie Menschenha und Reue einen
Nachtschmetterling verscheuchend, der ihr um den Kopf flattert und mit aller
Gewalt sich in ihren Locken fangen will.
    Er hat - Herr Gustav hat gesagt; - wenn er ihr nicht die Tnzer schicke und
Propaganda (ich glaube, so heit's) fr sie mache, so wurde sie - ihr Lebtag
auer ihm keinen kriegen. Sie msse daher hbsch dankbar und zuvorkommend gegen
ihn sein und
    Ein Ausruf des Entsetzens entringt sich allen.
    Abscheulich! ruft die Tante Berg. Finis mundi! lacht der Rektor
Dippelmann. Schndlich! chzt die Frau Rektorin:
    Grlich! die Frau Dompredigerin. Beim Himmel, das ist stark! meint ihr
Gemahl. Das htte ich nicht gedacht! brumm ich. Das soll er ben, ruft der
Professor Frey, und...
    Er bt es schon! sagt eine Stimme, und der beltter guckt durch das
Gebsch hinter Elisens Platze. Teilweise hat er es sogar schon gebt!
    Mit diesen Worten windet sich der Blasphemist vollends hervor, schiebt sich
ganz sachte zwischen seine Mutter und Elise, die schnell nach der andern Seite
rckt, wohin er ihr ebenso schnell folgt. Seinen Arm um sie legend, hlt er
folgende Rede: Lieschen, englische Kusine Ralff, ich beschwre dich, hre mich!
- Glaubst du etwa, ich habe, nachdem du jenem Schauplatz eitler Freuden den
Rcken gewandt, weitergewalzt? Du irrst! Du irrst! Gute Werke habe ich getan,
meine Schuld zu shnen: den edlen Holzmann - Holzmann, komm mal her und gib mir
die Schachtel mit den feurigen Trnen! -, den edlen Holzmann habe ich aus den
Klauen des racheschnaubenden Krippenstapels gerettet; Frulein Thekla Stichel
habe ich aus der amsantesten aller Lagen, oder vielmehr Sitzungen,
emporgezogen; als mitten im Contretanz dem Freiwilligen Breimller der Steg ri
und ihm die Unnennbare bis zum Knie hinaufschnurrte, habe ich ihm eine Droschke
herbeigepfiffen; kurz berall, wo Trnen zu trocknen waren, war auch ich - wie
gesagt, nur um meine Schuld zu ben. Und hier, Lieschen (Holzmann, gib mir die
Schachtel), nicht allein getrocknet habe ich Trnen, auch gesammelt habe ich
welche! - Sieh, Lieschen!
    Einen Ausruf der Verwunderung und Freude stt Elise trotz ihrem Groll aus,
als ihr der Bsewicht den Inhalt seiner Schachtel in den Scho schttet und
unzhlige funkelnde, leuchtende Johanniswrmer um sie herum kriechen und
schwirren.
    Die Lampen sind weit genug entfernt, da die Tierchen in ihrem ganzen Glanz
erscheinen knnen, und es ist wirklich ein hbscher Anblick - diese besternte
Elise!
    Das sind meine Reuetrnen, und du - kriegst Tnzer leider zu viel - ohne
mich! - und ich bin ein Teekessel und et cetera - Lieschen?! - Lieschen, gucke
mich mal an!
    Taugenichts! sagt Elise, dem Snder in die Haare greifend, und - der
Friede ist geschlossen! -
    War denn der alte Meister Frey an diesem Abend ganz aus Rand und Band? Auf
einmal verkndete er, da er seinen morgenden 69sten Geburtstag (es war der
letzte seines Lebens) jetzt feiern wolle, da bei solchen Gelegenheiten das
Improvisieren den wahren Genu und Jubel hervorbringe. Das halbe Atelier machte
er halb betrunken, die ganze weibliche Welt ganz angeheitert. Ein Kranz wurde
ihm aufgesetzt trotz allem Struben - ein Kranz, der nur so sein mute. Der
Domprediger hielt eine Rede, die Verehrter Greis anfing und hnlich endete,
und Reden wurden losgelassen und Toaste ausgebracht bis zwlf Uhr. Dann erhob
sich das alte bekrnzte Geburtstagskind, beklagte sich ber Nachtkhle und
Nachtfeuchte, und - das Fest war vorbei.

Vorbei! Wo sind heute alle die, welche es feierten?
    Tot ist der alte Meister Frey, zerstreut in alle Welt sind seine Schler.
Peter Holzmann, genannt Peter van Laar oder auch Bamboccio, ist 1849 in einer
rmischen Villa von franzsischen Plnderern erstochen, als er eine Raffaelsche
Madonna vor ihrer Zerstrungswut schtzen wollte. Der Domprediger ist noch immer
nicht zum Mormonentum bergetreten, und der Oberlehrer Besenmeier hat Frulein
Julie Frey geheiratet und steht - mit dem Grtel, mit dem Schleier reit der
schne Wahn entzwei - frchterlich unter dem Pantoffel. Die Frau Rektor
Dippelmann knpft noch wie immer alle Morgen ihrem Gemahl die Halsbinde um,
steckt ihm das Butterbrot, in die gestrige Zeitung gewickelt, in die Rocktasche
und sieht ihm stolz nach aus dem Fenster, wie er ber die Friedensbrcke nach
dem Schimmelstdtischen Gymnasium wandelt.
    Und Gustav und Elise? - - - Ich werde nachher dieses Blatt der Chronik
hinbertragen zu jener schnen ltlichen Frau in Nr. zwlf der Sperlingsgasse,
deren Fortepianoklnge sich schon den ganzen Nachmittag ber in meine Gedanken
verwoben haben. Dann werden wir von Gustav und Elise sprechen!

                                                                     Am 14. Mrz

Hren Sie, Wachholder, sagte heute Strobel, mit den zusammengehefteten Bogen
der Chronik aufs Knie schlagend, wenn Ihnen einmal Freund Hein das Lebenslicht
ausgeblasen hat, irgend jemand unter Ihrem Nachla diese Bltter aufwhlt und er
sich die Mhe gibt, hineinzugucken, ehe er sie zu gemeinntzigen Zwecken
verwendet, so wird er in demselben Fall sein wie der alte Albrecht Drer, der
ein Jagdbild lobte, aber sich zugleich beklagte, er knne nicht recht
unterscheiden, was eigentlich die Hunde und was die Hasen sein sollten. Sie
wrfeln wirklich Traum und Historie, Vergangenheit und Gegenwart zu toll
durcheinander, Teuerster; wer darber nicht konfus wird, der ist es schon! Und
wenn Sie noch Ihre Bilder einfach hinstellten wie ein alter, vernnftiger,
gelangweilter Herr und Memoirenschreiber! Aber nein, da rennt Ihnen Ihr
Mitarbeitertum der Welken Bltter zwischen die Beine, da putzen Sie Ihre
Erinnerungen auf mit dem, was Ihnen der Augenblick eingibt, hngen hier ein
Glckchen an und da eins, und ehe man's sich versieht, haben Sie ein Ding
hingestellt wie - wie ein Gebude aus den bunten Steinen eines Kinderbaukastens.
Das ist hbsch und bunt, aber - es pat nichts recht zusammen, und wenn man es
genau besieht - puh! - Nehmen Sie's nicht bel, aber manchmal gleicht Ihre
Chronik doch dem Machwerk eines angehenden literarischen Lichts, das sich mit
Rousseau getrstet hat: Avec quelque talent qu'on puisse tre n, l'art d'crire
ne s'apprend pas tout d'un coup.
    Ich hatte dieser langen Rede des Karikaturenzeichners geduldig zugehrt,
jetzt sagte ich, whrend ich erbost meine Pfeife ausklopfte: Sie haben vor
einiger Zeit versprochen, ein Mitarbeiter meiner Chronik werden zu wollen, ich
nehme Sie jetzt nach Ihrer so tief eingehenden Kritik sogleich beim Wort und -
lasse Sie mit Dinte, Feder und Papier allein, da Sie Ihren Beitrag derselben
auf der Stelle anhngen. Der einst Konfuswerdende mag auch von Ihnen etwas mit
aufwhlen. Guten Abend!
    Der Karikaturenmaler lachte, sagte fiat und begann eine Feder zu
schneiden, whrend ich Hut und Stock nahm und abzog mit dem Gefhl eines
Menschen, der eine belebte Strae hinabzieht unter der festen berzeugung, da
ihm hinten ein ungreifbares, ellenlanges Band vom Vorhemde ber den Rockkragen
baumelt. Und recht hat er doch! brummte ich, indem ich die Treppe hinabstieg.
Wenn nur die Liese erst wieder da wre! Komm zurck, Schlingel von Gustav, und
bringe sie mit, da euer alter Onkel ruhig wieder an seinem Werke de vanitate
weiterschreiben kann!
    Damit trat ich aus dem Hause und zog eben die Handschuh an, als sich oben
mein Fenster ffnete, der Karikaturenzeichner den Kopf heraussteckte und
herunterrief:
    Hren Sie, alter Herr, ich kann Sie so nicht weggehen lassen - ich habe
Gewissensbisse und mu erst l in Ihre Wunden gieen! Hren Sie, meine Tante
teilt die Bcher in zwei Arten: gute, ber welchen sie nach Tisch einschlafen
kann, und schlechte, bei denen das nicht geht. Ihre Chronik wrde sie unter die
ersteren rechnen, wenn sie, aufgewhlt, ihr in die Hnde fallen sollte. Adieu!
    Ich wandte dem unverschmten Gesellen lachend den Rcken und marschierte ab.

                                                                        Am Abend

Ich bin zurckgekommen von meinem Spaziergang und sitze wieder allein und einsam
vor den zerstreuten Bogen meiner Chronik. Der Karikaturenzeichner hat wirklich
ein Blatt vollgekritzelt, alle meine Federn verdorben, einen Dintenklecks auf
den Fuboden gemacht, meinen Siegellackvorrat zerbissen, zerdreht und zerbrochen
und - eine Ecke von meinem Schreibtisch abgeschnitzelt. - Er hat mir fast die
Fortsetzung der Aufzeichnung meiner Phantasien verleidet, und es war doch so
s, wenn der Blick an irgendeinen Gegenstand meines Zimmers, dort an jenes
kleine leere Messingbauer, an jenen Sessel vor dem Nhtischchen, an ein altes
Blatt, eine vertrocknete Blume, eine bunte Zeichnung in meiner Mappe sich
festhing und allmhlich eine Erinnerung nach der andern aufstieg und sich
blhend und grnend darumschlang. Wir sind doch trichte Menschen! Wie oft
durchkreuzt die Furcht vor dem Lcherlichwerden unsere innigsten, zartesten
Gefhle! Man schmt sich der Trne und spottet; man schmt sich des frhlichen
Lachens und - schneidet ein langweiliges Gesicht; die Tragdien des Lebens sucht
man hinter der komischen Maske zu spielen, die Komdien hinter der tragischen;
man ist ein Betrger und Selbstquler zugleich! - Mit einem Kinderbaukasten
verglich Strobel diese bunten Bltter ohne Zusammenhang? Gut, gut - mag es sein
- ich werde weiter damit spielen, weiter luftige, tolle Gebude damit bauen, da
die fern sind welche mir die farbigsten Steine dazu lieferten! Ich werde von der
Vergangenheit im Prsens und von der Gegenwart im Imperfektum sprechen, ich
werde Mrchen erzhlen und daran glauben, Wahres zu einem Mrchen machen und
zuerst - die bekritzelten Bltter des Meisters Strobel der Chronik anheften!
Hier sind sie:




                                  Strobeliana


3 Uhr. - Ich habe mir eine Zigarre angezndet, den Bogen neben mich ins Fenster
gelegt und beginne meine Beobachtungen. Zuerst bringe ich zu Papier natrlich
das Wetter: das holdseligste Himmelblau, den prchtigsten Sonnenschein. Htte
ich nur einen Funken poetischen Feuers in mir, so wrde ich mir beide durch ein
junges, schnes Paar personifizieren, welches da hoch oben im Himmelszelt auf
seinem weien, weichen Wolkendivan tndelt und kost und total vergessen hat, da
noch soviel hunderttausend deutsche Hausfrauen auf - Mrzschnee warten zum
Seifekochen! Wahrhaftig, da ist ja eine Fliege! Welch ein Fund fr einen
Chronikenschreiber! Summend stt sie gegen die sonnebeschienenen Scheiben, die
wir schnell schlieen wollen, um das arme Tierchen zu seinem Besten vor dem
heuchlerischen Frhling da drauen zu bewahren. Sie scheint auch jetzt ihre
Torheit einzusehen, sie lt ab und umfliegt mich. Halt, jetzt setzt sie sich
auf meine Knie nach mehreren vergeblichen Angriffen auf meine Nasenspitze; sie
nimmt den Kopf zwischen beide Vorderbeine, kratzt sich hinter den Ohren und - -
- kleiner.....! - Dahin geht sie, eine Spur hinterlassend auf meinem Knie und -
in der Chronik der Sperlingsgasse. Ich wollte, es gbe ein Sprichwort: Schmt
euch vor den Fliegen an der Wand. Um wieviel menschliche Tollheiten und
Torheiten schnurren diese winzigen Flgelwesen! Wer wei, was der Punkt, den der
kleine Tourist da eben niedergelegt hat, eigentlich bedeutet? Wer wei, ob es
nicht ein deponiertes Tagebuch ist, voll der geistreichsten Bemerkungen, ein
Tagebuch, das man nur aufzurollen und zu entziffern brauchte wie einen
gyptischen Papyrus, um wunderbare, unerhrte Dinge zu erfahren? Welch eine
Revolution wurde es hervorbringen, wenn dem so wre, wenn man sich vor den
Fliegen an der Wand schmen mte! Wie wrden die Fliegenklatschen in Gang
kommen! Arme Fliegen! Kein redlicher Greis in gestreifter kalmankener Jacke
wrde euch mehr verschonen zur Wintergesellschaft. Wie den Vogel Dudu wrde
man euch ausrotten und hchstens einige, in Uniform gesteckt, mit einer Kokarde
auf jedem Flgel, als Regierungsbeamte besolden. Es wre schrecklich, und ich
breche ab. -
    3 1/4 Uhr. - Welche Reisegedanken dieser blaue Himmel schon wieder in mir
erweckt! An solchen Vorfrhlingstagen, wo der Geist die Last des Winters noch
nicht ganz abgeschttelt hat, ist's, wo die Sehnsucht nach der Ferne uns am
mchtigsten ergreift. Es ist ein sonderbares Ding um diese Sehnsucht, die wir
nie verlieren, so alt wir sein mgen. Da zupft etwas an unserm tiefsten Innern:
Komm heraus, komm heraus, was sitzest du so still, du Tor, und hltst Maulaffen
feil? Hier findest du nicht, worber du grbelst, wonach du dich sehnst, ohne es
zu kennen Sieh, wie blau, wie duftig die Ferne! Viel, viel weiter liegt's! Komm
heraus, heraus!
    Bah, diese blaue, duftige Ferne: wie oft hab ich mich von ihr verlocken
lassen. Die Erde lt uns ja nicht los; wir sind ihre Kinder, und sie ist nichts
ohne uns, wir nichts ohne sie. - Folge jetzt der lockenden Stimme, deine Fe
werden schon in den weichen Boden versinken; nrrische Sprnge wirst du mit den
Erdklen an den Stiefeln machen! Fhle, da zur Zeit, wo die Sehnsucht am
strksten ist, auch die Fesseln am strksten sind; kehre um, ziehe Pantoffeln an
und nimm die gestrige Zeitung vor die Nase: das Glck liegt nicht in der ferne,
nicht ber dem wechselnden Mond! -
    3 1/2 Uhr. - Da hre ich eben unten in der Gasse eine merkwrdige Redensart
aus dem Munde eines Tagelhners, der einen andern, sehr belgelaunt Aussehenden
mit den Worten auf die Schulter klopft: Man mu nie verzweifeln; kommt's nicht
gut, so kommt's doch schlecht heraus! In demselben Augenblick ffnet sich
nebenan ein Fenster. Eine beschmierte rote Sammetmtze auf einem Wald schwarzer
Haare beugt sich hervor; es ist mein wrdiger Freund Monsieur Anastase
Tourbillon, seines Zeichens ein franzsischer Sprachlehrer. Er scheint die
Redensart drunten auch gehrt und - verstanden zu haben und ghnt: Ah, ouf,
quelle bte allemande! Eh vogue la galre, jusqu' la mort tout est vie!
    Da habt ihr die beiden Nationen und..... Wetter! - da gebe ich nicht acht,
und - meine Fliege von vorhin entschlpft summend aus dem wiedergeffneten
Fenster! Nie mehr wird sie wieder meinen Freund Wachholder umschwirren, nie mehr
auf dem Rande der Zuckerdose umherspazieren oder gegen die Scheiben stoen! Sie
hat, was sie wollte - unbegrenzte Freiheit, aber ach - heute abend - keinen
warmen Ofen mehr, sich daran zu wrmen: in den Rinnsteinen der Sperlingsgasse
fliet weder Milch noch Honig! - Verflucht sei die Freiheit! Amen! -
    3 3/4 Uhr. - Die meisten Dichterwerke der neusten Zeit gleichen dem Bilde
jenes italischen Meisters, der seine Geliebte malte als Herodias und sich in dem
Kopfe des Tufers auf der Schssel portrtierte. Da pinseln uns die Herren ein
Weibsbild, Tendenz genannt, hin, welches anzubeten sie heucheln und welches auf
dem Prsentierteller hochachtungsvoll und ergebenst uns das Verzerrte Haupt des
werten Schriftstellers selbst berreicht. Die Ntzlichkeit solchen Treibens lt
sich nicht abstreiten, also - nur immer zu! - Wie komm ich darauf? -
    4 Uhr. - Es ist merkwrdig; seit ich dieses Blatt bemale, ist dieselbe
Traumseligkeit ber mich gekommen, die dieser Chronik ein so zerfetztes,
zerlumptes Ansehen gegeben hat. Wachholder hat recht, es ist ein eigentmlich
behagliches Gefhl, seinen Gedankenspielen sich so ganz und gar hinzugehen, ohne
sich, Geist herausqulend, im Kreise zu drehn wie ein hartleibiger Pudel.
    Wo war ich eben, als das Kindergeschrei drunten auf der Strae mich
aufweckte? Ich will versuchen, es der Chronik einzuverleiben, worin zugleich fr
meinen ehrenwerten Freund Wachholder die grte Genugtuung fr meine vorigen
Reden liegen wird.
    Es war an einem Sonntagmorgen im Juli, als ich auf braunschweigschem Grund
und Boden am Uferrand der Weser lag und hinberblickte nach dem jenseitigen
Westfalen. Frh vor Sonnenaufgang war ich, ber Berg und Tal streifend, mit dem
ersten Strahl im Osten in ein gleichgltiges Dorf hinabgestiegen. Ich hatte
Kaffee getrunken unter der Linde vor dem Dorfkrug, hatte behaglich das Treiben
des Sonntagsmorgens im Dorf belauscht und andchtig der kleinen Glocke zugehrt,
die in dem spitzen, schiefergedeckten Kirchturm lutete. Manchem hbschen,
drallen niederschsischen Mdchen, das sich ber den sonderbaren, pltzlich ins
Dorf geschneiten Fremdling wunderte, hatte ich lchelnd zugenickt; ich hatte
Bekanntschaft mit der gesamten Kinder-, Hhner-, Gnse- und Entenwelt des
Krugs gemacht, dem weien Spitz den Pelz gestreichelt und manche Frage ber
Woher und Wohin beantwortet. Mit meinem Wirt (der zugleich Ortsvorsteher war)
hatte ich das Bienenhaus besucht, darauf die Gemeinde, den Kantor und Pastor in
die Kirche gehen sehen und hatte mich zuletzt allein im Hofe unter der Linde
gefunden, nur umgehen von der quackenden, piepsenden geflgelten Schar des
Federviehs. Aus diesem dolce far niente hatte mich pltzlich das Schreien eines
Kindes aufgeschreckt. Es drang aus dem Haus hinter mir und bewog mich,
aufzustehen und in das niedere, vom Weinstock umsponnene Fenster zu sehen. Eine
alte Frau war eben beschftigt, einen widerspenstigen, heulenden, strampelnden
Bengel von vier Jahren mit Wasser, Seife und einem wollenen Lappen tchtig zu
waschen, welcher Prozedur drei bis vier andere kleine Blaen angstvoll zusahen,
wartend, bis die Reihe an sie kommen wrde.
    Nun, Mutter, sagte ich, mich auf die Fensterbank lehnend; und Ihr seid
nicht in der Kirche?
    Die Alte sah auf und sagte lachend: Et geit nich immer; ek mott dsse
lttgen Panzen waschen und antrecken - Herre - Kinderschrieen is ok een
Gesangbauksversch!
    Ich nahm den Hut ab und trat unwillkrlich einen Schritt zurck. Welch eine
wunderbar schne Predigt lag in den fnf Worten des alten Weibes! Eine Schwalbe
beschrieb eben ihren Bogen um mich, ihrem Neste unter dem niedrigen Dachrande
zu, und klammerte sich, ihre Beute im Schnabel, an die Tr ihrer kleinen
Wohnung, begrt von dem jubelnden Gezwitscher der federlosen Brut. Ich konnte
der alten Frau kein Wort mehr sagen.
    Kinderschrieen is ok een Gesangbauksversch! murmelte ich leise, zu meinem
Tisch unter der Linde zurckgehend. Ich ri ein Blatt aus meiner Brieftasche,
schrieb darauf: Kinderschreien is ok een Gesangbauksversch, und zog es mit einem
Strau Waldblumen unter das Hutband.
    Trumend schritt ich dann durch die Tr des Dorfkirchhofs, vorber an den
bunten, geputzten Grbern, zu dem offnen Kirchtor (auf dem Lande braucht der
Protestantismus seine Kirchen whrend des Gottesdienstes noch nicht zu
schlieen) und lehnte andchtig an der Esche davor. Mit groer Freude hrte ich,
wie der junge Pastor eine Gellertsche Fabel in das Gleichnis aus dem fernen
Orient schlang, whrend die Schwalben in dem heiligen Gebude hin und her
schossen und ein verirrter Schmetterling seinen Weg durch die geffnete Kirchtr
eben wieder zurckfand.
    Kinderschrieen is ok een Gesangbauksversch! rief ich, ber die niedere
Mauer in das freie Feld springend und durch die gelben Kornwogen mit ihrem Kranz
von Flatterrosen am Rande der Weser zu wandernd. Da hatte ich mich ins Gras
unter einen Weidenbusch geworfen und trumte in das Murren des alten Stromes
neben mir hinein, whrend drben im katholischen Lande eine Prozession singend
den Kapellenberg zu dem Marienbild hinaufzog und hinter mir die protestantischen
Orgeltne leise verklangen. Welch ein wundervoller, blauer, lchelnder Himmel
ber beiden Ufern, ber beiden Religionen, welch eine wogende Gefhlswelt im
Busen, anknpfend an die fnf Worte der alten Buerin! Ich war damals jnger als
jetzt und legte das Gesicht in die Hnde:

Nenn's Glck! Herz! Liebe! Gott!
Ich habe keinen Namen
Dafr! Gefhl ist alles - - -

Ein nher kommender Gesang weckte mich pltzlich: ich blickte auf. Brausend und
schnaufend, die gelben Fluten gewaltig peitschend, kam der Hermann die Weser
herunter. Der Kapitn stand auf dem Rderkasten und griff grend an den Hut,
als das Schiff vorbeischo. Hunderte von Auswandrern trug der Dampfer an mir
vorber, hinunter den Strom, der einst so viele Rmerleichen der Nordsee
zugewlzt hatte. Ein Mnnerchor sang: Was ist des Deutschen Vaterland, und die
alten Eichen schienen traurig die Wipfel zu schtteln; sie wuten keine Antwort
darauf zu geben, und das Schiff flog weiter. Die Weser trgt keine fremden
Leichen mehr zur Nordsee hinab, wohl aber murrend und grollend ihre eigenen
unglcklichen Shne und Tchter! - Ich verlie meinen Ruheplatz und ging durch
den Buchenwald den nchsten Berg hinauf bis zu einer freien Stelle, von wo aus
der Blick weit hinausschweifen konnte ins schne Land des Sachsengaus. Welch
eine Scholle deutscher Erde! Dort jene blauen Hhenzge - der Teutoburger Wald!
Dort jene schlanken Trme - die groe germanische Kultursttte, das Kloster
Corvey! Dort jene Berggruppe - der Ith, cui Idistaviso nomen, sagt Tacitus. Ich
bevlkerte die Gegend mit den Gestalten der Vorzeit. Ich sah die achtzehnte,
neunzehnte und zwanzigste Legion unter dem Prokonsul Varus gegen die Weser
ziehen und lauschte ihrem fern verhallenden Todesschrei. Ich sah den Germanicus
denselben Weg kommen und lauschte dem Schlachtlrm am Idistavisus, bis der groe
Arminius, der turbator Germaniae, durch die Legionen und den Urwald sein
weies Ro spornte, das Gesicht unkenntlich durch das eigene herabrieselnde
Blut, geschlagen, todmde. Ich sah, wie er die Cheruska von neuem aufrief zum
neuen Kampf gegen die urbs, wie das Volk zu den Waffen griff: Pugnam volunt,
arma rapiunt plebes, primores, juventus, senes!
    Aber wo ist denn die Puppe? kam mir damit pltzlich in den Sinn. Ich
schleuderte den Tacitus ins Gras, stellte mich auf die Zehen, reckte den Hals
aus, so lang als mglich, und schaute hinber nach dem Teutoburger Walde. Da
eine vorliegende Bergdruffel (wie Joach. Heinr. Campe sagt) mir einen Teil der
fernen, blauen Hhen verbarg, gab ich mir sogar die Mhe, in eine hohe Buche
hinaufzusteigen, wo ich auch das Fernglas zu Hlfe nahm. Vergeblich - nirgends
eine Spur vom Hermannsbild! Alles, was ich zu sehen bekam, war der groe
Christoffel bei Kassel, und mit einem leisen Fluch kletterte ich wieder herunter
von meinem luftigen Auslug. Hatte ich aber eben einen leisen Segenswunsch von
mir gegeben, so lie ich jetzt einen um so lautern los. Ich sah schn aus! Das
hat man davon, brummte ich, whrend ich mir das Blut aus dem aufgeritzten
Daumen sog, das hat man davon, wenn man sich nach deutscher Gre umguckt:
einen Dorn stt man sich in den Finger, die Hosen zerreit man, und zu sehen
kriegt man nichts als - den groen Christoffel. rgerlich schob ich mein
Fernglas zusammen, steckte den Tacitus zurck in die Tasche und ging hinkend den
Berg hinunter wieder der Weser zu. rgerlich warf ich mich, am Rande des Flusses
angekommen, abermals ins Gras. Was hatte sich alles zwischen die gefhlsselige
Stimmung von vorhin und den jetzigen Augenblick gedrngt! Der Himmel war noch
ebenso blau, die Berge noch ebenso grn, der Papierstreifen von vorhin steckte
noch neben den Waldblumen an meinem Hute, und doch - wie verndert blickte mich
das alles an! Htte das Dampfschiff mit seinen Auswandrern nicht spter kommen
knnen, da es doch sonst immer lange genug auf sich warten lt? Htte ich Narr
nicht unterlassen knnen, nach dem Hermannsbild auszuschauen? Wie ruhig knnte
ich dann jetzt im Grase meinen Mittagsschlaf halten, ohne mich ber den groen
Christoffel, den so viele brave Katten mit ihrem Blute bezahlt haben, zu rgern!
- Ich versuchte mancherlei, um meinen Gleichmut wiederzugewinnen; ich kitzelte
mich mit einem Grashalm am Nasenwinkel, ich portrtierte einen dicken,
gemtlichen Frosch, der sich unter einem Klettenbusch sonnte - es half alles
nichts! - Der Dmon Mimut lie mich nicht los, wtend sprang ich auf, schrie:
Hole der Henker die Wirtschaft! und marschierte brummend auf Rhle zu - - -
Wetter, was ist das fr ein Lrm in der Sperlingsgasse?! Heda - da ist ein
Hundefuhrwerk in einen Viktualienkeller hinabgepoltert, und ich - ich, der
Karikaturenzeichner Ulrich Strobel, sitze hier und schmiere Unsinn zusammen! Hol
der Henker auch die Chronik der Sperlingsgasse! - Adieu, Wachholder!

                                                              Am 21. Mrz. Abend

Es gibt ein Mrchen - ich wei nicht, wer es erzhlt hat - von einem, der nach
groem Unglck sich wnschte, die Erinnerung zu verlieren, und dem in einer
dunkeln Nacht sein Wunsch gewhrt ward. Er empfand von da an keinen Schmerz,
keine Freude mehr; er verlernte zu weinen und zu lachen; es ward ihm einerlei,
ob er Blumenknospen oder Menschenherzen zertrat: alles das hbsche Spielzeug,
welches das Leben seinen Kindern mitgibt auf ihrem Wege von der Wiege bis zum
Grabe, zerbrach ihm in den Hnden mit der Erinnerung. Das ist eine schreckliche
Vorstellung! Ihr Weisen und Prediger der Vlker, nicht der Gedanke an Glck oder
Unheil in der Zukunft ist's, der liebevoll, rein, heilig macht; nie ist dieser
Gedanke rein von Egoismus, und ber jede Blte, die das Menschenherz treiben
soll, legt er den Mehltau der Selbstsucht: die wahre, lautere Quelle jeder
Tugend, jeder wahren Aufopferung ist die traurig se Vergangenheit mit ihren
erloschenen Bildern, mit ihren ganz oder halb verklungenen Taten und Trumen.
Wer knnte ein Kind beleidigen, der daran denkt, da er einst selbst sich an die
Mutterbrust geschmiegt, da ein Mutterauge auf ihn herabgelchelt hat? Die
Erinnerung ist das Gewinde, welches die Wiege mit dem Grabe verknpft, und mag
das dunkle, stachlichte Grn des Leidens, des Irrtums noch so vorwaltend sein,
niemals wird's hier und da an einer hervorleuchtenden Blume fehlen, bei welcher
wir verweilen und flstern knnen: Wie lieblich und heilig ist diese Sttte!
    Ich habe meine kleine Lampe angezndet und trume wieder ber den Blttern
meiner Chronik. Das, was die ltliche, freundlich-schne Frau, die mir heute den
Strau junger Veilchenknospen herberbrachte, auf den Wogen ihrer Melodien sich
schaukeln lt, kann ich ja nur auf diese Weise festhalten. - Ich habe bis jetzt
Bilder gezeichnet aus unserer Kinder Kinderleben, heute will ich ein anderes
farbiges Blatt malen, wie ein Zauberspiegel voll blhenden Lebens, voll sen
Flsterns, voll trumenden Sehnens und lchelnden Trumens - ein einziges Blatt
aus der vollen Pracht des Herzensfrhlings, ein einziges Blatt aus der Zeit der
jungen Liebe!

Oh, da sie ewig grnen bliebe,
Die schne Zeit der jungen Liebe!

sang der Dichter, und berall treffen wir den Spruch an, auf Kaffeetassen, in
Stammbchern und auf Pfeifenkpfen. Das soll kein Spott sein! Was das Volk
erfat hat, will es auch vor sich sehen, es spielt mit ihm, es spricht den
gereimten Gedanken, den es zu seinem Eigentum gemacht hat, oft zwar mit einem
Lcheln auf den Lippen aus, aber es trgt ihn darum doch tief im Herzen. Das
Volk steigt nicht zu dem Wahren und Schnen hinauf, sondern zieht es zu sich
herab, aber nicht, um es unter die Fe zu treten, sondern um es zu herzen, zu
liebkosen, um es im ewig wechselnden Spiel zu drehen und zu wenden und sich ber
seinen Glanz zu wundern und zu freuen. Ober der Wiege des ewigen Kindes
Menschheit schweben die guten Genien, die groen Weltdichter, schtten aus
ihren Fllhrnern die goldenen Weihnachtsfrchte herab und sind mit ihren
Wiegenliedern stets da, wenn hliche schwarze Kobolde erschreckend
dazwischengelugt haben.
    Schn ist die Zeit der jungen Liebe! Sie ist gleich der Morgendmmerung, wo
der Himmel im Osten leise sich rtet, wo Knospen, Blumen und alles Leben dem
kommenden Tage in die Arme schlummern und nur hin und wieder eine Lerche, den
Tau von den Flgeln schttelnd, jubelnd, glckverkndend emporsteigt. Noch
bedeckt der Nebelduft zauberhaft, geheimnisvoll alle Abgrnde und den Stellen
des Lebens; die jungen Herzen glauben nur Blumen und flatternde Schmetterlinge
und bunte nesterbauende Vglein unter dem Schleier der Zukunft verborgen.
    Ses Geliebtsein, seres Lieben! hat ein anderer Dichter einmal
ausgerufen, und ich, ein alter, einsamer Mann, bedecke die Augen mit der Hand,
denke an die Grber auf dem Johanniskirchhof, denke an den Stern meiner Jugend:
Maria! - - - Wrde ich diese Erinnerung mit all ihrem Schmerz fr der ganzen
Welt Macht, Reichtum, Weisheit lassen? - - - Ich glaube nicht. -
    Der Mond kommt wieder hervor ber die Dcher und vermischt sein weies Licht
mit dem kleinen Schein meiner Lampe; ber und durch den alten immergrnen Efeu
aus dem Ulfeldener Walde schiet er seine blanken Strahlen, seltsame Schatten
auf den Fuboden und an die Wnde werfend. Mit sich bringt er das heutige Blatt
der Chronik der Sperlingsgasse.

Dort auf dem Sthlchen im Fenster zeichnet sich die feine, liebliche Gestalt
Elisens dunkel in der Monddmmerung eines lange vergangenen Abends ab, whrend
auf einem andern Stuhl niedriger neben ihr eine andere Gestalt sitzt. Was haben
die beiden so heimlich, so leise sich zuzuraunen, was haben sie zu kichern? Ein
Garnknuel, das von Lieschens Nhtisch fllt und ber den Boden rollend um
Stuhl- und andere Beine sich schlingt, ein verirrter Nachtschmetterling, eine
vorbeischieende Fledermaus, ein Ball, der von der Strae ins Zimmer fliegt und
ber dessen Herausgabe Gustav mit dem unvorsichtigen Besitzer kapituliert,
alles, alles wird in dieser Mondscheindmmerung zu einem Mrchen, zu einem
Traum. Ist nicht die Dmmerung die Zeit der Mrchen; ist nicht die Zeit der
jungen Liebe die Zeit des Traums? -
    Liebe kleine Elise! flstert Gustav, in das mondbeglnzte, zu ihm sich
herabbeugende Gesicht schauend.
    Lieber groer Junge! lchelt Elise, indem sie dem vormaligen Taugenichts
der Gasse die Locken aus der Stirn streicht. Sie sagen einander weiter nichts,
aber diese abgebrochenen Worte enthalten alles, was das Menschenherz in seinen
heiligsten Augenblicken bewegt.
    Ich liebe dich so! flstert Gustav wieder, worauf Elise nichts erwidert,
sondern den Kopf in die Bltter ihres Efeus verbirgt. Der Mond kann sich in
diesem Augenblick wahrscheinlich in einem flimmernden Perlentrpfchen, das in
einem blauen Auge hngt, spiegeln, und als das Kpfchen sich wieder erhebt aus
dem grnen Bltterwerk, ist an Gustav die Reihe, Elise die Locken aus der Stirn
zu streichen.
    Sieh, wie der Mond da oben schwimmt, sagt Elise. Warum macht er uns oft
so tiefes Heimweh, als ob wir hier auf der Erde gar nicht recht zu Hause wren,
Gustav? Sieh, da ist nur noch ein einziger kleiner Stern, mutterseelenallein,
wie ein goldener Funken. Sieh - rechts vom Monde!
    Ich sehe noch zwei! sagt Gustav. Ganz nah und habe darum auch gar kein
Heimweh und - willst du wohl wieder die Augen aufmachen, Blondkopf! - Sieh, das
hast du davon; was ich noch Weises sagen wollte, hab ich nun rein vergessen!
    Dann war's gewi eine Lge, Braunkopf! meint Elise lachend. Und nun steh
auf, der Onkel und die Tante sitzen da den ganzen Abend im Dunkeln; - es ist
sehr unrecht, da wir uns gar nicht um sie bekmmern. Komm, wir mssen wirklich
zusehen, ob sie nicht eingeschlafen sind.
    Gewi waren sie nicht eingeschlafen. Nur das Spinnrad der alten Martha hatte
aufgehrt zu schnurren, und schlummernd sa sie in ihrem Winkel.
    Soll ich euch Licht anznden, oder - sollen wir wieder einmal einen
Mondscheingang machen? fragt Elise, mir den Arm um die Schulter legend.
    Euch? fragt die Tante Helene. Warum denn nur euch Licht anznden?
    Das will ich dir sagen, Mama, mischt sich Gustav ein. Du kannst
bekanntlich keine Muse sehen, und da es seit einiger Zeit hier beim Onkel
Wachholder ordentlich von ihnen wimmelt, so sind wir deinetwegen so aufopfernd,
im Dunkeln zu sitzen.
    Waren das etwa Muse, was wir da am Fenster knuspern und pispern hrten?
frage ich.
    Ich habe nichts gehrt! sagt Lieschen treuherzig, whrend Gustav:
Versteht sich! ruft und den Inhalt eines Obstkrbchens in seine Taschen
ausleert.
    Was machst du da, Museknig? fragt seine Mutter.
    Ich verproviantiere mich zu unserer Mondscheinfahrt, Mama; Lieschens Frage
war natrlich hchst berflssig. Da, Liese, nimm den Rest - ich kann nicht mehr
lassen.
    Elise lt sich das nicht zweimal sagen und scheint in der Tat ihre Frage
fr unntig zu halten. Nach einigen Einwendungen der Tante wegen kalter
Abendluft usw. machen wir uns auf, hinaus in die Sommermondscheinnacht!
    Die scharfen Schatten auf dem Pflaster und an den Huserwnden, das Glitzern
der Fensterscheiben, die ziehenden, beleuchteten Wolken am dunkeln Nachthimmel,
die flsternden Gruppen in den Haustren und an den Straenecken, alles wird nun
zu einen Bilde fr Gustav, zu einem Mrchen fr Elise. Da beleben sich die
Straen, Gassen und Pltze mit den wundersamsten Gestalten; auf den Ecksteinen
lauern zusammengekauert grimbrtige Kobolde; aus den dunkeln Torwegen der alten
Patrizierhuser treten seltsame Gesellen mit nickenden Federn und weiten
Mnteln, und schne Damen besteigen weie Zelter, in die Nacht davonreitend;
Sldner im Harnisch, die Partisanen auf den Schultern, ziehen ber den Markt;
Prozessionen vermummter Mnche winden sich langsam aus dem Domportal, und -
alles liegt morgen in den hbschesten Skizzen festgebannt auf Elisens
Nhtischchen oder treibt sich auf dem Fuboden umher.
    Natrlich sind Gustav und Elise uns immer einige Schritte voraus, und nur
von Zeit zu Zeit kann ich abgerissene Stze ihrer Unterhaltung erfassen. Ich
denke an Paul und Virginie unter den Palmbumen von Isle-de-France: ich denke an
die beiden sern Gestalten des deutschen Mrchens, an Jorinde und Joringel, von
denen es heit: Sie waren in den Brauttagen, und sie hatten ihr grtes
Vergngen eins am andern. - Nachdem wir manche Strae durchstreift und vor dem
erleuchteten Opernhause die ein- und ausstrmende Menge, die harrenden
Equipagen, die Blumen und Zuckerwerk verkaufenden Kinder betrachtet haben,
finden wir uns zuletzt auf dem Schloplatz an dem Becken des lustig im
Mondschein sprudelnden Springbrunnens zusammen. Von den Rasenpltzen bringt ein
warmer Luftzug den Duft der Nachtviolen, der Holunder- und Goldregenbsche zu
uns herber; am sdlichen Himmel wetterleuchtet eine dunkle Wolke prchtig in
die Mondnacht hinein, und neben uns pltschert und murmelt - als wolle er sich
selbst in den Schlaf sprechen - der Springbrunnen. Es ist eine herrliche
Sommernacht!
    Woran denkt Elise? Wie nachdenklich sie, das Kinn in die Hand gelegt, dem
schwatzenden Wasserspiel zuschaut!
    Lieschen, woran denkst du? fragt die Tante Helene.
    Ihr wrdet lachen, antwortet Elise. Es ist ein Traum und ein Mrchen.
    Erzhlen! Erzhlen! ruft Gustav, den Arm ihr um die Hfte legend.

Was soll ich anfangen heute an diesem einsamen Abend? Ich ergreife ein Heftchen
von blarotem Papier, bedeckt mit mdchenhaft zierlichen Schriftzgen,
durchwoben mit hbschen feinen Federzeichnungen. Da ist's. So erzhlte Elise an
jenem fernen Abend, als der Brunnen neben uns pltscherte:
    Ich sa neulich mal des Abends ganz allein. Du warst ausgegangen, Onkel;
Gustav war am Morgen schon mit seiner groen Mappe angezogen, um Bume und
Bauerhuser zu zeichnen; wo die Tante war, wei ich nicht; kurz, ich war
mutterseelenallein, und nur mein guter, dicker Kater schnurrte auf der Fubank
neben mir und putzte sich den Schnauzbart. Ich hatte eine Menge Augen an meinem
Strickzeug fallen lassen und durchaus keine Lust, sie wieder aufzunehmen. So
schrob ich denn die Lampe tief herunter und blickte aus dem Fenster in den Mond,
der nicht ganz so voll wie heute ber die Dcher und Schornsteine heraufkam. Es
war ganz dmmerig in der Stube, und nur zuweilen tanzte ein Lichtschein aus den
Fenstern drben ber die Wnde. Da pltzlich war der Mond hoch genug gestiegen,
ein glnzender, lustiger Strahl scho wie ein weier Blitz ber meinen Topf mit
Nachtviolen und ein Glas mit Waldblumen, welches neben mir stand, und - mit ihm
kam mein Mrchen oder mein Traum. Es war zu hbsch! - Zuerst guckte ich eine
ganze Weile in die glnzende Strae auf dem Boden, die immer weiter rckte, als
- auf einmal - ihr glaubt's gewi nicht - der ganze Strahl von unzhligen,
kleinen, zierlichen, durchsichtigen Flgelgestalten lebte, die darin auf- und
abschwebten und durch ihren Glanz selbst die Bahn bildeten. Halb erschrocken und
halb erfreut sah ich diesem wundersamen Weben zu, als pltzlich das Blumenglas
im Fenster einen schrillen, langanhaltenden Ton, wie er entsteht, wenn man mit
dem Finger um den Rand eines Glases streicht, von sich gab. Das Wasser darin hob
und senkte sich, blitzte, funkelte und bewegte die Waldrosen hin und her; die
Blten der Nachtviolen ffneten sich, und aus jeder schwebte ebenfalls ein
zierlich geflgeltes Wesen, fast noch feiner als die Lichtgeisterchen. Nach
allen Seiten flatterten sie, den kstlichsten Duft verbreitend. Whrenddessen
tnte der schrille Ton des Glases fort, bis er mit einem Male aufhrte, gleich
einem Faden durchschnitten, worauf eine tiefe Stille eintrat. - Jetzt hatte der
Mondstrahl deinen Schreibtisch erreicht, Onkelchen; das kleine Geistervolk
tanzte lustig ber deinen Bchern und Papieren, und so weit hatte ich mich schon
von meiner Verwunderung erholt, da ich herzlich ber die sonderbaren Kapriolen
einiger der winzigen Dingerchen lachen konnte, die auf alle Weise sich bemhten,
in unser groes Dintenfa zu gucken, ohne den Mut zu haben, sich in die Nhe zu
wagen. Andere wieder schwebten ber den Federn, und noch andere machten sich um
einen recht dicken, abscheulichen Dintenklecks zu schaffen, welcher nicht
trocknen wollte; sie schienen ihm das Lebenslicht mit aller Macht ausblasen zu
wollen. Ich wei nicht, wie lange ich diesen zauberischen Wesen zugesehen hatte,
als eine Menge feiner Stimmchen Folge, folge! rief und ich, immer kleiner
werdend, endlich selbst als ein solches geflgeltes Figrchen in den Tanz
gezogen wurde und mit den Geistern des Mondlichts und den Duftgeistern der
Waldblumen und der Nachtviolen langsam dem Fenster zuschwebte. Denn wie der Mond
noch hher stieg, zog sich auch der Strahl mit seinen glnzenden Bewohnern
wieder zurck und lief hinab an der Hauswand, um in die Gasse hinunterzusteigen.
- Ich hatte durchaus keine Furcht, trotzdem da es da drauen wie eine
verzauberte Welt war. - Die ganze Gasse war ein Gewirr von Tnen und Licht, und
nichts von dem Leben und Weben des Geistervolks war mir mehr verborgen, und von
Geistervolk lebte und wehte alles! Dabei hatte ich auch nicht die Fhigkeit
verloren, die grbere, gewhnliche Welt zu schauen und zu vernehmen; ich kannte
und belauschte die Leute in den Haustren, die Kinderkpfe in den Fenstern, die
schlafenden Sperlinge und Schwalben in ihren Nestern; es war wunderhbsch! -
Jetzt zog der Strahl mit seinen Bewohnern schrg ber unsere Wand fort und glitt
auf die Fenster unserer Nachbarn zu. Halb zehn Uhr hrte ich's schlagen, als der
Reigen vor dem Fenster der armen Frau Nudhart, die mit ihrem kranken Kind da
wohnt, ankam und zitternd ber einen knospenden Rosenbusch in das kleine Zimmer
glitt. Leise singend schwebten die Geisterchen des Lichts, und ich mit ihnen,
ber den Fuboden hin, jagten sich um den Schatten des Rosenbusches auf dem
Boden, kten das bleiche Kindergesicht auf dem Bettchen und die ebenso bleichen
Zge der darber hingebeugten, armen, sorgenvollen Mutter. Wir bringen Hoffnung,
wir bringen Genesung, wir bringen Leben! flsterten die Geister. Das kranke Kind
legte seine magern Hndchen lchelnd in den zitternden Strahl auf seinem Kissen.
Wir bringen Hoffnung, Genesung, wir bringen Leben, sang ich mit im Chor, und
fast widerstrebend folgte ich dem zurckweichenden Strahl. Noch einen letzten
Blick konnte ich zurck ins Zimmer werfen, und im nchsten Augenblick schwebte
ich schon wieder in der Gasse. Die Tante aber mute jetzt wohl nach Haus
gekommen sein, denn pltzlich mischten sich die Tne ihres Flgels in den
Reigen: ich hrte, wie der alte Marquart drunten vor seinem Keller die Jungen
zur Ruhe ermahnte. Aber mein Abenteuer war noch nicht zu Ende. Wir waren jetzt
vor dem Fenster des ersten Stockes unseres Nachbarhauses; ein heller
Lampenschein drang aus dem Zimmer hervor, und ber ein Glas mit Goldfischen und
das Strickzeug in den Hnden der Frau Hofrtin Zehrbein schwebten wir hinein
lustig und glnzend ohne eine Ahnung des Schrecklichen, welches uns bevorstand.
Mein Frulein, lispelte eine Stimme, in deren Inhaber ich den Assessor Kluckhuhn
erkannte. Mein Frulein, inkommodiert Sie diese abominable schwle Luft nicht zu
sehr, bitte, so lassen Sie uns noch einmal jene kstliche Barcarole aus "Hayde"
hren. - Um Gottes willen! dachte ich, aber schon war's zu spt, meinen winzigen
Begleitern das Drohende mitzuteilen und zu schneller Flucht zu raten; schon
hatte Eulalia begonnen:

Das Lido-Fest ist heute,
Lust und Vergngen ringsum lchelt...

Entsetzen fate die Geisterschar; ihre schillernden, glnzenden Farben
verblichen; von dem Resonanzboden des chzenden Musikkastens (wie Gustav sagt)
und zwischen den Lippen der Sngerin entwickelte sich eine migestaltete
Gnomenschar, die, gespenstisch kreischend und jammernd, sich in der Luft
berstrzte und berschlug und grimmig ber die Geister des Lichts herfiel. Es
war schrecklich! Schon fhlte ich mich von einem koboldartigen C, welches mich
an dem Hals gepackt hielt, halb erdrosselt und zappelte wie eine unglckliche
Mcke in den Krallen der Spinne; da - erhob sich die Frau Hofrtin: die weie
Gardine sank herab: wie ein elektrischer Schlag durchzuckte es mich und das
ganze Heer des Lichts! Gerettet! - An der Auenseite des Tuchs hing der Strahl
mit seinen Kindern, bleich und angegriffen; drinnen aber tnte es fort:

Ein schner Herr, ein holder Jngling,
Mit mildem, liebendem Aug
Umflattert mich, mit schmeichelnder Zunge!...

Schnell und schneller sank jetzt der Strahl herab, und eben berhrte er die
Erde, da - erwachte ich, und Gustav, dicht vor mir, den Kopf auf beide Fuste
gesttzt, grinste mich an. - (Au! Nein, du hast mich nicht angegrinst?) Eine
dicke schwarze Wolke stand vor dem Mond, und mein Traum war zu Ende, mein
Mrchen ist zu Ende!

Das Mrchen war zu Ende, aber noch nicht unser Mondscheinabend damals.
    Und nun, Gustav, Qulgeist... hier... da...
    Mit diesen Worten greift Elise in das Wasserbecken neben ihr und schleudert
eine Handvoll blitzender Tropfen ihrem nichts ahnenden Gefhrten ins Gesicht.
Erschrocken und prustend springt dieser zur Seite, worauf die beltterin, bse
Folgen ahnend, sogleich, um das Becken herum, die Flucht ergreift.
    Ihr seid Zeugen, da sie angefangen hat! ruft Gustav, ebenfalls die Hand
ins Wasser tauchend und Elisen nacheilend.
    Tante! Tante! - Onkel, Hlfe! schreit diese, mit der abgebundenen Schrze
den Verfolger im Rennen abwehrend und ihn mit der andern, freien Hand
unaufhrlich bespritzend.
    Warte, Wasserjungfer! ruft Gustav und bemchtigt sich der Schrze. Das
sollst du ben, Verrterin!
    Mit einem Schrei lt Elise ihre gide fahren, und - wie ein Reh ist sie
seitwrts im Gebsch hinter den Holunderstruchen verschwunden, doch nicht, ohne
ihren durchnten Verfolger auf den Fersen zu haben.
    Diese Wildfnge! seufzt die Tante Helene, auf eine Bank sinkend, whrend
ich Taschentuch, Arbeitskrbchen und umherrollende pfel, welches alles das
Frauenzimmer, den Ausgang ihres Attentats vorhersehend, sogleich zu Boden
geworfen hat, aufsuche, wie es einem guten Onkel und Vormund geziemt. Hren Sie
nur, wie das Mdchen kreischt!
    Indem wir noch der wilden Jagd zwischen den Bschen lauschen, belebt sich
pltzlich die Szene, und andere Figuren kommen durch die Monddmmerung. Mdchen-
und Mnnerstimmen, kichernd und summend und Opernmelodien pfeifend! Jetzt treten
die Kommenden aus dem Schatten in den hellern Lichtkreis um das Fontnenbecken
Der Onkel Wachholder! rufen verwundert mehrere Stimmen, und im nchsten
Augenblick sind wir von den Nachtschwrmern und Abendfaltern umgehen und
erkennen in ihnen wohlbekannte Freunde und Freundinnen von Gustav und Elise. Ein
Gewirr von Begrungen und Fragen erhebt sich nun. Wo ist Frulein Ralff, wo
ist Lieschen, wo ist die Liese, wo ist Herr Gustav, wo steckt der Mensch?
schwirrt das durcheinander und wird beantwortet, bis endlich Gustav und Elise
zurckkommen von ihrer wilden Jagd, keuchend und rot, die Haare in Unordnung,
Elise mit einem groen Ri im Kleide, aber beide Arm in Arm wie artige,
vertrgliche Kinder. - Jetzt geht der Jubel erst recht an! Das ist schn, das
ist prchtig, das ist ausgezeichnet; guten Abend, Natalie; guten Abend, Ida; ich
gre Sie, mein Frulein; wo kommt ihr her, ihr Herumtreiber, usw usw.
    Wie ist doch die Jugend so schn; wie wenig bedarf sie, um glcklich zu
sein! Ein bichen Mondschein, ein paar klingende Wassertropfen, die Strophe
eines Liedes, und die jungen Herzen fhlen Gedichte, wie sie noch nie dem Papier
anvertraut werden konnten. Ich, der alte Mann, welch ein Dichter, welch ein
Maler mte ich sein, wenn ich alle diese frischen, blhenden Gestalten, die da
heute an diesem einsamen Abend wieder um mich her auftauchen, mit ihrem
frhlichen Lachen, ihren kleinen Sorgen und Freuden, ihren kleinen Snden und
Tugenden, mit ihren verstohlenen Seufzern, noch verstohleneren Zrtlichkeiten
und ihren lauten Neckereien auf die Bltter dieser Chronik festbannen wollte!
Wie abgeblat und schal sieht alles aus, was ich bis jetzt zusammengetragen und
niedergeschrieben habe; wie farbenbunt und frisch erlebte es sich!

Aber wo war auf einmal der Mond geblieben? Die dunkeln Wolkenmassen, die im
Sden lange genug gedroht hatten, hatten sich unbemerkt herangewlzt; es grollte
und murrte in der Ferne, und schwere warme Regentropfen schlugen vereinzelt in
die lenes susurros sub noctem, in das leise Geflster im Schatten der Nacht.
    Kennt ihr das Rette sich, wer kann! bei einem pltzlich hereinbrechenden
Gewitter in einer groen Stadt? Alle Gruppen lsen sich - Schrzen werden ber
den Kopf, Taschentcher ber die Hte gebunden; hier flchtet ein Prchen unter
eine laubige Akazie, dort ein dicker alter Herr unter den Vorsprung eines
Hauses; hier schlpft leichtfig ein junges Mdchen dicht an den Huserwnden
hin, dort wandelt langsam und gleichmtig ein Naturmensch daher, nichts vor dem
Regen schtzend als seine glhende Zigarre.
    Die Droschken scheinen sich zu vervielfltigen, und - s ist's, vom
sichern Hafen Schiffbrchige zu sehen - an allen Fenstern erscheinen lachende
Gesichter. Studenten, Referendare, junge Theologen usw. wischen ihre Brillen ab;
Maler verlassen ihre Paletten und Staffeleien und machen Studien nach dem Leben;
Tanten und Mtter schelten ber Indezenz. - Platsch, platsch! Alle Dachrinnen
senden wie hmische Ungeheuer ihre Wassergsse der dahertrabenden Menschheit in
den Nacken. Es ist lcherlich-schrecklich bei Tage, schrecklich bei Nacht!
    Siehst du, Lieschen, das hast du erst gewollt - so lange hast du mit dem
Wasser gespielt! Das kommt davon! ruft rgerlich die Tante Helene. Gustavs
Jubel erreicht den hchsten Grad, und lachend schleppt er seine Mutter nach,
whrend diesmal ich mit Liesen vorauslaufe. Nach allen Seiten haben sich unsere
Freunde und Freundinnen von vorhin zerstreut. Das Gewitter kommt immer nher,
der Donner brummt ganz artig, und die Blitze sind gar nicht bel. Selbst Gustav
meint: Gottlob, da ist die Sperlingsgasse! Welche berschwemmung! - Gute Nacht
und keine langen Worte! - Gustav verschwindet mit seiner Mutter hinter ihrer
Haustr, und auch wir erreichen glcklich die unsrige.
    Gott, Herr Wachholder, was habe ich fr 'ne Angst gehabt! ruft die alte
Martha uns von der Treppe entgegen.
    Lieschen pustet und chzt und lacht, hlt Arme und Hnde weit ab vom Leibe
und wird so schnell als mglich ins Bett geschickt. Gustav ruft natrlich von
drben noch einige Fragen herber, auf welche wir aber nicht antworten, und der
Mondschein-Spaziergang ist zu Ende.

                                                                    Am 15. April

Der April, der einst mensis novarum hie, ist der wahre Monat des Humors. Regen
und Sonnenschein, Lachen und Weinen trgt er in einem Sack; und Regenschauer und
Sonnenblicke, Gelchter und Trnen brachte er auch diesmal mit, und manch einer
bekam sein Teil davon. Ich liebe diesen januskpfigen Monat, welcher mit dem
einen Gesichte grau und mrrisch in den endenden Winter zurckschaut, mit dem
andern jugendlich frhlich dem nahen Frhling entgegenlchelt. Wie ein Gedicht
Jean Pauls greift er hinein in seine Schtze und schlingt ineinander Reif und
keimendes Grn, verirrte Schneeflocken und kleine Marienblmchen, Regentropfen
und Veilchenknospen, flackerndes Ofenfeuer und Schneeglckchen,
Aschermittwochsklagen und Auferstehungsglocken. Ich liebe den April, den sie den
Vernderlichen, den Unbestndigen nennen und den sie mit Herrengunst und
Frauenlieb in einen so bswilligen Reim gebracht haben. -
    Ich wurde diesen Morgen schon ziemlich frh durch das Gerusch des Regens,
der an meine Fenster schlug, erweckt, blieb aber noch eine geraume Zeit liegen
und trumte zwischen Schlaf und Wachen in diese monotone Musik hinein. Das
benutzte ein schadenfroher Dmon des Trbsinns und des rgernisses, um mich in
ein Netz trauriger, regenfarbiger Gedanken einzuspinnen, welches mir Welt und
Leben in einem so jmmerlichen Lichte vorspiegelte und so drckend wurde, da
ich mich zuletzt nur durch einen herzhaften Sprung aus dem Bette daraus erretten
konnte. - Aprilwetter! Die Hosen zog ich - wie weiland Freund Yorick - bereits
wieder als ein Philosoph an, und der erste Sonnenblick, der pfeilschnell ber
die Fenster der gegenberliegenden Huser und die Nase des mir zuwinkenden
Strobels glitt, vertrieb alle die Nebel, welche auf meiner Seele gelastet
hatten. Frischen Mutes konnte ich mich wieder an meine Vanitas setzen, und als
ich gar in einem der schweinsledernen, verstaubten Trster, die ich gestern von
der Kniglichen Bibliothek mitgebracht hatte, eine alte vertrocknete Blume aus
einem vergangenen Frhling fand, konnte ich schon wieder die seltsamsten
Mutmaungen ber die Art und Weise, wie das tote Frhlingskind zwischen diese
Bltter kam, anstellen. Hatte sie vielleicht an einem lang vergangenen Feiertage
ein uralter, lngst vermoderter Kollege mitgebracht von einem lustigen Feldwege,
oder hatte sie vielleicht eins seiner Kinder spielend in dem Folianten des
gelehrten Vaters gepret? Hatte sie etwa ein Student von der Geliebten erhalten
und hier aufbewahrt und vergessen? Welche Vermutungen! Hbsch und anmutig, und
um so hbscher und anmutiger, als sie nicht unwahrscheinlich sind.
    Oh, versteht es nur, Blumen zwischen die den Bltter des Lebens zu legen:
frchtet euch nicht, kindisch zu heien bei zu klugen Kpfen; ihr werdet keine
Reue empfinden, wenn ihr zurckblttert und auf die vergilbten Angedenken
trefft!
    Sei mir gegrt, wechselnder April, du verzogenes Kind der alten Mutter Zeit
und - -
    Beschtze deinen Sohn Ulrich Georg Strobel! - Guten Morgen, Meister
Wachholder! sagte eine Stimme hinter mir.
    Es war der Karikaturenzeichner, der, den grauen Filz auf dem Kopf, die
Reisetasche ber der Schulter, den Eichenstock in der Hand, hinter mir stand.
    Ach Gott, nun ist meine Zeit vorbei! fuhr er lachend fort. Ich komme,
Ihnen Lebewohl zu sagen, alter Herr.
    Was, Sie wollen fort? Was fllt Ihnen ein?

Kann Deutschland nit finden,
Rutsch allweil drauf 'rum!

sang der Zeichner und zeigte auf eine lustige blaue Stelle zwischen den
ziehenden Wolken. Es ist nicht anders; haben Sie einen Gru an die freie, weite
Welt zu bestellen, heraus damit! Oder noch besser: kommen Sie - dort steht Ihr
Regenschirm -, begleiten Sie mich! Hren Sie, wie lustig der Spatz da ins
Fenster pfeift!
    Was sollte ich machen; ich schlug meinen Folianten zu, der tolle Vagabond
bot mir seinen Arm, und wir traten hinaus in die Gasse.
    Leben Sie wohl, Mama; viel Glck, mein Frulein! rief der Zeichner seiner
Hausgenossenschaft zu, die ganz aufgeregt in der Tr stand. Gott gr Euch,
Freund Marquart: lebt wohl, Mutter Karsten; lebt wohl, Meister und Meisterin;
lebt wohl, lebt wohl! rief er nach rechts und links hinber. An der Ecke warf
er noch einen letzten Blick hinauf nach seiner verlassenen Wohnung, wo die
Fenster offenstanden und eine zerrissene Gardine lustig im Frhlingswinde
flatterte, und brummte: Zum Teufel, du Nest!
    Und wo wollen Sie nun hin? fragte ich meinen wunderlichen Begleiter.
    Der Zeichner lachte. Was meinen Sie, sagte er, wenn ich mir das
Vlkergewhl im Orient ein wenig anshe, Kostme zeichnete und ber das Bemhen
lachte, einen neu eintretenden Faktor der Menschheitsentwicklung durch
Lancasterkanonen und Kriegsschiffe aufhalten zu wollen?
    Was?! rief ich mit offnem Munde.
    Wem gilt das Was? lachte Strobel. Meinem Vorhaben oder meiner Meinung?
    Sie glauben...
    Ich glaube, da die Erde jung ist, alter Freund! Wir brauchen frisches Blut
und wollen nicht meinen, da, weil man uns nur Geschichte der Vergangenheit
lehrt, es keine der Zukunft geben werde. Wir leben uns gar zu gern in alles ein:
in unsern Rock, in unsern Krper, in unsere Familie, in unser Volk: wir freuen
uns, wenn ein kleiner verwandter Mitbrger das Licht der Welt erblickt; wir
rgern uns, wenn wir den Rock zerreien oder ein Krhenauge bekommen; wir
betrben uns, wenn unser Vater, unsere Mutter stirbt; aber wir halten das alles
fr natrlich - blo weil wir es leichter bersehen knnen. Soll nun auf einmal
in dem Krhenaugenkriegen, Geborenwerden und Sterben der groen Vlkerfamilie
der Erde ein Stillstand eintreten ein deus ex machina mit Manschetten in das
ewige Werden fahren und sagen: Stop! Halt da! Entwickelt euch in euch selbst und
- entschlaft an Euthanasie? Bah!
    Der Redner blies eine gewaltige Rauchwolke aus seiner Zigarre und fuhr fort,
whrend ich den Kopf bedachtsam schttelte:
    Es hat den Griechen nichts geholfen, die besten Dichter, Bildhauer und
Maler zu sein, die geistreichsten philosophischen Systeme aufstellen zu knnen:
die eisernen Mnner Roms klopften an, stellten die griechische Bildung sub
hasta, spielten Wrfel auf den Gemlden, fabrizierten korinthisches Erz aus den
Metallstatuen, und - die Weltgeschichte ging einen Schritt vorwrts. Es hat den
Rmern nichts geholfen, die grten Kriegs- und Verwaltungsknstler zu sein -
Zndnadelgewehre und Lancasterkanonen sind Spielzeug im Kampf gegen die eine
Macht im Weltall, welche die Gestirne treibt und die Wandervgel und welche die
Vlker bewegt zur rechten Zeit. Die Barbaren kmmerten sich nicht um
Kommandowrter: sie strmten die Tore Roms, und - die Weltgeschichte ging einen
Schritt weiter!
    Ich schttelte wieder das Haupt und brummte: Immer zertrmmern,
zertrmmern!
    Meine Mutter starb, indem sie mich gebar! sagte der Zeichner grimmig und
stand still. Wir hatten den Ausgang der Sperlingsgasse erreicht; ein kleiner
Handwagen, mit Kisten und Kasten beladen, versperrte uns den Weg. Jetzt will
ich Ihnen auch sagen, wo ich in der Tat hin will, nicht, wohin ich gehen knnte
, sagte Strobel. Kommen Sie!
    Verwundert folgte ich dem in eine dunkle Kellerwohnung Hinabsteigenden.
    So ist das menschliche Leben. Lange, lange Jahre hatte ich in dieser Gasse
gewohnt, tglich fast war ich vor diesem Hause, vor diesen trben Fenstern
vorbeigegangen, und heute, am letzten Tage, den die arme hier wohnende Familie
dahinter zubringt, steige ich zum ersten Male die feuchten Stufen hinab zu ihr.
Der Zeichner stellte mich dem Hausherrn vor, dem Schuhmacher Burger, einem
Manne, welchem eine ganze Passionsgeschichte vom Gesichte abzulesen war. Heute
abend fhrt ihn und die Seinigen die Eisenbahn der Seestadt zu, von wo sie ein
Schiff nach einer neuen Heimat, nach dem jungen Amerika bringen soll; und der
Zeichner - will die Familie begleiten nach Hamburg.
    Die wenigen des Mitnehmens werten Habseligkeiten der rmlichen Wohnung waren
schon zusammengepackt; die bleichen, traurigen Gesichter der Eltern, das
teilnahmlose der alten Gromutter, die auch heute noch am gewohnten Platz hinter
dem Ofen spann, die Kinder, welche verwundert in den Winkeln kauerten, alles
machte einen tiefen wehmtigen Eindruck auf mich.
    Es ist nicht mehr die alte germanische Wander- und Abenteuerlust, welche das
Volk forttreibt von Haus und Hof, aus den Stdten und vom Lande, die den Khler
aus seinem Walde, den Bergmann aus seinem dunkeln Schacht reit, die den Hirten
herabzieht von seinen Alpenweiden und sie alle fortwirbelt, dem fernen Westen
zu: Not, Elend und Druck sind's, welche jetzt das Volk geieln, da es mit
blutendem Herzen die Heimat verlt. Mit blutendem Herzen; denn trotz der
Stammzerrissenheit, trotz aller Biegsamkeit des Nationalcharakters, der so
leicht sich fremden Eigentmlichkeiten anschmiegt und unterwirft - worin
brigens in diesem Augenblick vielleicht allein die welthistorische Bedeutung
Deutschlands liegt -, trotz alledem hngt kein Volk so an seinem Vaterland als
das deutsche.
    In englischen Schriften luft Deutschland fters als the fatherland kat'
exoxhn. Das wird zwar mit einem gewissen sneer gesagt, aber es ist eine Ehre
fr unsere Nation, und wir knnen stolz darauf sein.
    O ihr Dichter und Schriftsteller Deutschlands, sagt und schreibt nichts,
euer Volk zu entmutigen, wie es leider von euch, die ihr die stolzesten Namen in
Poesie und Wissenschaften fhrt, so oft geschieht! Scheltet, spottet, geielt,
aber htet euch, jene schwchliche Resignation, von welcher der nchste Schritt
zur Gleichgltigkeit fhrt, zu befrdern oder gar sie hervorrufen zu wollen.
    Als die Juden an den Wassern zu Babel saen und ihre Harfen an die Weiden
hingen, weinten sie, aber sie riefen:

Vergesse ich dein, Jerusalem,
so werde meiner Rechten vergessen!

Die Worte waren krftig genug, selbst die zuckenden Glieder eines Volkes durch
die Jahrtausende zu erhalten.
    Ihr habt die Gewohnheit, ihr Prediger und Vormnder des Volks, den
Wegziehenden einen Bibelvers in das Gesangbuch des Heimatdorfs zu schreiben;
schreibt:

Vergesse ich dein, Deutschland, groes Vaterland:
so werde meiner Rechten vergessen!

Der Spruch in aller Herzen, und - das Vaterland ist ewig!

Das letzte Hausgert war zusammengebunden und auf den kleinen Wagen in der Gasse
gelegt. Traurig schauten sich die armen Leute in ihrer verdeten Wohnung, die
alle Leiden und Freuden der Familie gesehen hatte, um.
    's ist 'n hart Ding, 's ist 'n hart Ding! sagte seufzend der Meister, und
Strobel klopfte ihn leise auf die Schulter.
    Es ist Zeit, Mann! Fat Euch ein Herz, geht Eurer Frau mit einem guten
Beispiel voran.
    Der Totengrber hat versprochen, er will unseres Fritzen Hgel drauen
nicht verrotten lassen! schluchzte die Frau.
    Burger wischte sich mit dem rmel ber die Augen, erhob sich aus seinem
Hinbrten und ging, seine alte Mutter hinaufzufhren auf die Gasse; seine Frau
weinte laut, brach einen Zweig von der verkmmerten Myrte im Fenster, legte ihn
in ihr Gebetbuch und nahm ihr jngstes Kind auf den Arm, whrend sich die andern
an ihre Schrze und ihren Rock hingen. Die Familie stieg die enge, schwarze
Treppe, welche auf die Strae fhrte, hinauf - sie hatte ihren langen Weg
begonnen!
    Drauen wechselte Regen mit Sonnenschein, wie der April es mit sich brachte.
Der Meister zog seinen Wagen voraus, wir andern folgten. Einen letzten Blick
werft zurck in die enge, dunkle, arme Sperlingsgasse - ihr werdet wohl oft
genug an sie denken -, und dann hinaus in die weite Welt, ihr Wanderer!
    Bis an das Tor brachte ich den Zeichner und seine Schtzlinge. Ein letzter
Hndedruck, ein letzter Gru! Wer wei, ob wir nicht noch einmal uns
wiedersehen, Strobel! Lebt wohl, lebt wohl! - Und wieder einmal konnte ich
einsam und allein zurckkehren, einsam und allein dies Blatt der Chronik der
Sperlingsgasse aufzuzeichnen.

                                                                Am 1. Mai. Abend

Ich sa heute nachmittag drauen im Park in den warmen Sonnenstrahlen, die hell
und lustig durch die noch kahlen Zweige der hheren Bume und durch das mit
zartem, frischem Grn bedeckte niedere Gestruch fielen. Kinder mit Struen von
Frhlingsblumen zogen an mir vorber: ein Maikfer, mit einem Zwirnfaden am
Bein, hing schlaftrunken an einem Zweige mir zur Seite, und ein
stubengesichtiger junger Mann, dem ein Buch hinten aus der Rocktasche guckte,
grub sorgsam eine Pflanze aus. Es war ein prchtiger Frhlingsnachmittag. Da
begannen auf einmal in der Stadt die Glocken zu luten, den morgenden Sonntag zu
verknden, und wieder schwebte, von den Himmelstnen getragen, eine se
Erinnerung heran.
    Es war auch ein erster Mai. Da war der Frhling gekommen mit jungem Grn,
bauenden Schwalben und einem - Hochzeitstage in der alten, dunklen
Sperlingsgasse. Sie hatten Blumen gestreut und mit Blumen und Laubkrnzen die
Pfosten umwunden: sie hatten Sonntagskleider angezogen in der Sperlingsgasse,
und alle hatten frhliche, frhliche Gesichter. Und der Himmel war blau, und die
Sonne schien strahlend durch den Efeu, welchen vor so langen Jahren Marie Ralff
im Ulfeldener Walde ausgegraben hatte; aber weder Himmelsblau noch Sonnenschein
kamen an heiliger Reinheit dem Gesichtchen gleich, das sich an jenem ersten Mai
an meine Schulter schmiegte und durch Trnen lchelnd zu mir aufschaute. Das
Bild der Mutter sah aus seinem Rahmen und den Krnzen, die es heute umwanden,
ebenfalls lchelnd auf uns herab. Lcheln, Lcheln berall! Und als das junge
Herzchen an meiner Brust pochte, auf der andern Seite Gustav mir den Arm um die
Schulter legte, als Helene weinend der jungen Braut den Kranz in die Locken
drckte, da war es mir, als sei nun ein lange dunkles Rtsel gelst, und ich
senkte das Haupt vor der geheimnisvollen Macht, welche die Geschicke lenkt und
ein Auge hat fr das Kind in der Wiege und die Nation im Todeskampf. Wie die
Fden laufen muten, um hier in der armen Gasse sich zusamenzuschrzen zu einem
neuen Bunde! Wie so viele Herzen fast brechen wollten, um ein neues Glck
aufsprieen zu lassen! Das ist die groe, ewige Melodie, welche der Weltgeist
greift auf der Harfe des Lebens und welche die Mutter im Lcheln ihres Kindes,
der Denker in den Blttern der Natur und Geschichte wahrnimmt. -
    Wir sprachen an jenem Tage nicht viel! Das Glck ist stumm, und was die
Liebe - die wahre Offenbarung Gottes - sich zuflstert, hat noch kein Dichter
auf Papyrus, Pergament oder Papier festgehalten. Die kleine Kirche war gar
feierlich heilig, als der junge Maler - er dachte in dem Augenblick gewi nicht
an sein gefeiertes Bild: Milton, den Galilei im Gefngnis zu Rom besuchend -,
als der junge Maler seine schne Braut hineinfhrte an den geschmckten,
lichterglnzenden Altar. Und niemand fehlte in dem Kreise teilnehmender
Gesichter umher! Da war das Atelier, da waren Elisens Freundinnen, da war vor
allem die alte Martha und die Hausgenossenschaft und Nachbarschaft der
Sperlingsgasse. Die Orgel begann den Choral - und die Jungfrau Elise Johanna
Ralff und Herr Gustav Theodor Maximilian Berg wurden durch ein ganz leises,
leises Ja und ein anderes viel lauteres auf eine gar verfngliche Frage Mann und
Frau! -

Die Chronik der Gasse nhert sich ihrem Ende. Was sollte ich auch noch vieles
erzhlen? Unsere Kinder sind glcklich in dem schnen Italien; die alte Martha
schlft nicht weit von Mariens Grabe auf dem Johanniskirchhofe: ich bin alt und
grau. Wenn ein Paket von Rom gekommen ist, so gehe ich hinber zu der
freundlichen, schnen, weihaarigen Frau, die da drben in Nr. zwlf gewhnlich
strickend am Fenster sitzt, und unsere alten Herzen schlagen hher bei dem
frischen Lebensglck, welches uns aus den engbeschriebenen Bogen
entgegenleuchtet. Wir folgen den Kindern durch alle die alten und neuen
Herrlichkeiten, wir stehen mit ihnen vor dem Laokoon, wir steigen mit ihnen zum
Kapitol hinauf, unsere Schritte hallen an ihrer Seite in den Slen des Vatikans,
in den Loggien Raffaels wider. Wie eine reizende Mrchenarabeske ist jeder Brief
blauer Himmel und Sonne und ein frhliches Lachen auf jeder Seite!
    Es ist spt in der Nacht, als ich dieses schreibe; tiefe Dunkelheit herrscht
in der Gasse; kein einziges erhelltes Fenster ist zu erblicken. Der einzige
Laut, den ich vernehme, ist das Schlagen der Turmuhren oder der Pfiff des
Nachtwchters. Da liegen alle die bekritzelten Bogen vor mir - bunt genug sehen
sie aus! -
    Was sollte ich noch viel hinzufgen? Wenn die alten Chronikenschreiber ihre
Aufzeichnungen bis zu ihren Tagen fortgefhrt und ihr Werk beendet hatten,
hefteten sie noch einige weie Bogen hinten an, damit der knftige Besitzer die
wenigen Ereignisse, welche vor dem Untergang der Welt noch geschehen wrden,
darauf nachtragen knne. Das nachzuahmen habe ich nicht im Sinn. Diese Erde wird
sich noch lange drehen, in dieser engen Gasse wird noch manches Kind geboren
werden, manche Leiche wird man hinaustragen und unter den letzteren vielleicht
in nicht langer Zeit auch den, welchen sie Johannes Wachholder nannten. - Was
die paar Tage, die mir noch brig sind, bringen werden, will ich in Ruhe
erwarten: viel Neues knnen sie mir nicht zeigen. -
    Ich ffne das Fenster und blicke in die dunkle, stille, warme Nacht hinaus.
Hier und da flimmert ein einsamer Stern an der schwarzen Himmelsdecke. Wie
feierlich der Glockenton in der Nacht klingt! Zwlf Uhr. In wieviel Trume mag
sich dieser Schall verschlingen? Der grbelnde Gelehrte wird von seinem Buche
verwirrt aufsehen, das junge Mdchen wird von Tanz- und Ballmusik trumen, der
arme Kranke wird von dem kommenden Tage Genesung erflehen, die Mutter wird im
Schlaf ihr kleines Kind fester an sich drcken, und der Herrscher, die Stirn
wund vom Druck einer Krone des Zeitalters der Revolution, wird das Haupt in die
Kissen senken und seufzen: Ein neuer Tag! -
    Meine Lampe flackert und ist dem Erlschen nahe. Mit mder Hand schliee ich
das Fenster und schreibe diese letzten Zeilen nieder:
    Seid gegrt, alle ihr Herzen bei Tage und bei Nacht; sei gegrt, du
groes, trumendes Vaterland; sei gegrt, du kleine, enge, dunkle Gasse; sei
gegrt, du groe, schaffende Gewalt, die du die ewige Liebe bist! - Amen! Das
sei das Ende der Chronik der Sperlingsgasse! - -
