
                               Auerbach, Berthold

                                   Barfele

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                               Berthold Auerbach

                                   Barfele

                           1. Die Kinder klopfen an.

Morgens frh im Herbstnebel wandern zwei Kinder von sechs bis sieben Jahren, ein
Knabe und ein Mdchen, Hand in Hand durch die Gartenwege zum Dorf hinaus. Das
Mdchen, um ein Merkliches lter, hlt Schiefertafel, Bcher und Schreibhefte
unter dem Arm; der Knabe hat das Gleiche in einem offenen grauleinenen Beutel,
der ihm ber die Schulter hngt. Das Mdchen hat eine Haube von weiem Drill,
die fast bis an die Stirn reicht und die weit vorstehende Wlbung der Stirn um
so schrfer hervortreten lt; der Knabe ist barhaupt. Man hrt nur Einen
Schritt, denn der Knabe hat feste Schuhe an, das Mdchen aber ist barfu. So oft
es der Weg gestattet, gehen die Kinder neben einander, sind aber die Hecken zu
eng, geht das Mdchen immer voraus.
    Auf dem falben Laub an den Struchern liegt ein weier Duft und die
Mehlbeeren und Pfaffenhtchen, besonders aber die aufrechtstehenden Hagebutten
auf nacktem Stengel sind wie versilbert. Die Sperlinge in den Hecken zwitschern
und fliegen in unruhigen Haufen auf beim Herannahen der Kinder und setzen sich
wieder nicht weit von ihnen, bis sie von Neuem aufschwirren und endlich sich
hinein in einen Garten werfen, wo sie sich auf einem Apfelbaum niederlassen, da
die Bltter raschelnd niederfallen. Eine Elster fliegt rasch auf vom Weg,
feldein auf den groen Holzbirnenbaum, wo die Raben still hocken; sie mu ihnen
etwas mitgetheilt haben, denn die Raben fliegen auf, kreisen um den Baum und ein
Alter lt sich nieder auf der hchsten schwankenden Kronenspitze und die
anderen finden auf den niederen Aesten auch gute Pltze zum Ausschauen. Es
verlangt sie wohl auch zu wissen, warum die Kinder mit dem Schulzeug den
verkehrten Weg einschlagen und zum Dorfe hinauswandern; ja ein Rabe fliegt wie
ein Kundschafter voraus und setzt sich auf eine gekpfte Weide am Weiher. Die
Kinder aber gehen still ihres Weges bis da, wo sie am Weiher bei den Erlen die
Fahrstrae erreichen, sie gehen ber die Strae nach einem jenseits stehenden
niedrigen Hause. Das Haus ist verschlossen und die Kinder stehen an der Hausthr
und klopfen leise an. Das Mdchen ruft beherzt: Vater! Mutter! und der Knabe
ruft zaghaft nach: Vater! Mutter! Das Mdchen fat die bereifte Thrklinke und
drckt erst leise; die Bretter an der Thre knittern, es horcht auf, aber es
folgt Nichts nach, und jetzt wagt es in raschen Schlgen die Klinke auf und
nieder zu drcken, aber die Tne verhallen in der den Hausflur; keine
Menschenstimme antwortet, und den Mund an einen Thrspalt legend ruft der Knabe:
Vater! Mutter! Er schaut fragend auf zur Schwester, sein Hauch an der Thr ist
auch zu Reif geworden, wie er niederblickt.
    Aus dem nebelbedeckten Dorf tnt der Taktschlag der Drescher, bald wie
rascher sich berstrzender Wirbel, bald langsam und mde sich nachschleppend,
bald hell knatternd und dann wieder dumpf und hohl; jetzt tnen nur noch
einzelne Schlge, aber rasch fllt Alles wiederum ein von da und dort. Die
Kinder stehen wie verloren. Endlich lassen sie ab von Klopfen und Rufen und
setzen sich auf ausgegrabene Baumstmpfe. Diese liegen auf einem Haufen rings um
den Stamm des Vogelbeerbaums, der an der Seite des Hauses steht und jetzt mit
seinen rothen Beeren prangt. Die Kinder heften den Blick noch immer auf die
Thre, aber diese bleibt verschlossen.
    Die hat der Vater im Moos-Brunnenwald geholt, sagt das Mdchen auf die
Baumstmpfe zeigend; und mit altkluger Miene setzt es hinzu: Die geben gut
warm, die sind was werth, da ist viel Kien drin, das brennt wie eine Kerze; aber
der Spalterlohn ist das Grte dabei.
    Wenn ich nur schon gro wr', erwidert der Knabe, da nhm' ich des Vaters
groe Axt und den buchenen Schlgel und die zwei eisernen Speidel (Keile) und
den eschenen und da mu Alles auseinander wie Glas, und dann mach' ich daraus
einen schnen spitzigen Haufen wie der Kohlenbrenner Mathes im Wald und wenn der
Vater heimkommt, der wird sich aber freuen! Die Schwester schien doch schon
eine dmmernde Ahnung davon zu haben, da es mit dem Warten auf Vater und Mutter
nicht geheuer sein knne, denn sie sah den Bruder gar traurig an und da ihr
Blick an den Schuhen haftete, sagte sie: Dann mut du auch des Vaters Stiefel
anhaben. Aber komm', wir wollen Brutle lsen. Und wirst sehen, ich kann weiter
werfen als du.
    Im Fortgehen sagte das Mdchen: Ich will dir ein Rthsel aufgeben: welches
Holz macht hei, ohne da man's verbrennt?
    Des Schullehrers Lineal, wenn man Tatzen kriegt, erwiderte der Knabe.
    Nein, das mein' ich nicht; das Holz, das man spaltet, das macht hei, ohne
da man's verbrennt. Und bei der Hecke stehen bleibend, fragte sie: Es sitzt
auf einem Stckchen, hat ein rothes Rckchen, und das Buchlein voll Stein, was
mag das sein?
    Der Knabe besann sich ganz ernstlich und rief: Halt, du darfst mir's nicht
sagen, was es ist ... Das ist ja eine Hagebutte.
    Das Mdchen nickte beifllig und machte ein Gesicht, als ob sie ihm das
Rthsel zum Erstenmal aufgegeben htte, whrend sie es doch schon oft gethan
hatte und nur immer wieder aufnahm, um ihn damit zu erheitern.
    Die Sonne hatte grade die Nebel zertheilt und das kleine Thal stand in
hellglitzernder Pracht, als die Kinder nach dem Teiche gingen, um flache Steine
auf dem Wasser tanzen zu machen. Im Vorbergehen drckte das Mdchen nochmals an
der Hausklinke, aber sie ffnete sich noch immer nicht und auch am Fenster
zeigte sich nichts. Jetzt spielten die Kinder voll Jubel und Lachen am Teich und
das Mdchen schien eigentlich zufrieden, da der Bruder noch immer geschickter
war und darber triumphirte und ganz hitzig wurde; ja das Mdchen machte sich
offenbar ungeschickter als es wirklich war, denn seine Steine plumpsten fast
immer beim ersten Anwurf in die Tiefe, worber es weidlich ausgelacht wurde. Im
Eifer des Spiels vergaen die Kinder ganz, wo sie waren und warum sie eigentlich
dahergekommen. Und doch war Beides so traurig als seltsam.
    In dem jetzt verschlossenen Hause wohnten noch vor Kurzem der Josenhans mit
seiner Frau und seinen beiden Kindern Amrei (Anna Marie) und Dami (Damian). Der
Vater war Holzhauer im Walde, dabei aber auch anstellig zu allerlei Gewerk, denn
das Haus, das er in verwahrlostem Zustand erkauft, hatte er noch selber verputzt
und das Dach umgedeckt und noch im Herbst wollte er's von innen frisch
ausweien: der Kalk dazu liegt schon dort in der mit rthlichem Reiig
berdeckten Grube. Die Frau war eine der besten Taglhnerinnen im Dorfe, Tag und
Nacht in Leid und Freud' zu Allem bei der Hand; denn sie hatte ihre Kinder und
besonders die Amrei gut gewhnt, da sie schon frh fr sich selber sorgen
konnten. Erwerb und haushlterische Gengsamkeit machten das Haus zu einem der
glcklichsten im Dorf. Da warf eine schleichende Krankheit die Mutter nieder und
am andern Abend auch den Vater, und nach wenigen Tagen trug man zwei Srge aus
dem kleinen Hause. Man hatte die Kinder alsbald in das Nachbarhaus zum
Kohlenmathes gebracht und sie erfuhren den Tod der Eltern erst, als man sie
sonntglich ankleidete, um hinter den Leichen drein zu gehen.
    Der Josenhans und seine Frau hatten keine nahen Verwandten im Ort und doch
hrte man laut weinen und die Verstorbenen rhmen, und der Schulthei fhrte die
beiden Kinder hben und drben an der Hand, als sie hinter den Srgen drein
gingen. Noch am Grabe waren die Kinder still und harmlos, ja sie waren fast
heiter, wenn sie auch oft nach Vater und Mutter fragten; denn sie aen beim
Schulthei am Tisch und Jedermann war beraus freundlich gegen sie, und als sie
vom Tisch aufstanden, bekamen sie noch Kchle in ein Papier gewickelt zum
Mitnehmen. Als inde am Abend, auf Anordnung des Gemeinderaths, der
Krappenzacher den Dami mitnahm und die schwarze Marann' die Amrei abholte, da
wollten sich die Kinder nicht trennen und weinten laut und wollten heim. Der
Dami lie sich bald durch allerlei Vorspiegelungen beschwichtigen, Amrei aber
mute mit Gewalt gezwungen werden, ja sie ging nicht vom Fleck und der
Groknecht des Schultheien trug sie endlich auf dem Arm in das Haus der
schwarzen Marann'. Dort fand sie zwar ihr Bett aus dem Elternhause, aber sie
wollte sich nicht hineinlegen, bis sie vom Weinen mde auf dem Boden einschlief
und man sie mitsammt den Kleidern in's Bett steckte. Auch den Dami hrte man
beim Krappenzacher laut weinen, worauf er dann jmmerlich schrie und bald darauf
ward er still. Die vielverschrieene schwarze Marann' bewies aber schon an diesem
ersten Abend, wie still bedacht sie fr ihren Pflegling war. Sie hatte schon
viele, viele Jahre kein Kind mehr in ihrer Umgebung gehabt und jetzt stand sie
vor dem schlafenden und sagte fast laut: Glcklicher Kinderschlaf! Das weint
noch, und gleich darauf, im Umsehen, ist es eingeschlafen, ohne Dmmern, ohne
Hin- und Herwerfen.
    Sie seufzte schwer.
    Am andern Morgen ging Amrei frhzeitig zu ihrem Bruder und half ihn
ankleiden und trstete ihn ber das was ihm geschehen war; wenn der Vater kme,
werde er den Krappenzacher schon bezahlen. Dann gingen die beiden Kinder hinaus
an das elterliche Haus, klopften an die Thre und weinten laut, bis der
Kohlenmathes, der in der Nhe wohnte, herzukam und die Kinder in die Schule
brachte. Er bat den Lehrer, den Kindern zu erklren, da ihre Eltern todt seien,
er selber wisse ihnen das nicht deutlich zu machen und besonders die Amrei
scheine es gar nicht begreifen zu wollen. Der Lehrer that sein Mgliches und die
Kinder waren ruhig. Aber von der Schule gingen sie doch wieder nach dem
Elternhaus und warteten dort hungernd wie verirrt, bis man sie abholte.
    Das Haus des Josenhans mute der Hypothekenglubiger wieder an sich ziehen,
die Anzahlung, die der Verstorbene darauf gemacht, ging verloren, denn durch die
Auswanderungen ist namentlich der Huserwerth beispiellos gesunken; es stehen
viele Huser im Dorfe leer und so blieb auch das Haus des Josenhans unbewohnt.
Alle fahrende Habe war verkauft und daraus ein kleines Erbe fr die Kinder
erlst worden; das reichte aber bei weitem nicht aus, das Kostgeld fr sie zu
erschwingen, sie waren Kinder der Gemeinde und darum brachte man sie unter bei
denen, die sie am billigsten nahmen.
    Amrei verkndete eines Tages ihrem Bruder mit Jubel, sie wisse jetzt, wo die
Kukuksuhr der Eltern sei, der Kohlenmathes habe sie gekauft; und noch am Abend
standen die Kinder drauen am Hause und warteten bis der Kukuk rief, dann
lachten sie einander an.
    Und jeden Morgen gingen die Kinder nach dem elterlichen Haus, klopften an
und spielten dort am Weiher, wie wir sie heute sehen. Aber jetzt horchen sie
auf: das ist ein Ruf, den man in dieser Jahreszeit sonst nicht hrt, denn der
Kukuk beim Kohlenmathes ruft achtmal.
    Wir mssen in die Schule, sagte Amrei und wanderte mit ihrem Bruder rasch
wiederum den Gartenweg hinein in das Dorf. An der hintern Scheuer des
Rodelbauern sagte Dami: Bei unserm Pfleger haben sie heute schon viel
gedroschen. Er deutete dabei auf die Wieden der abgedroschenen Garben, die wie
Merkzeichen ber dem Halbthore der Scheuer hingen. Amrei nickte still.

                              2. Die ferne Seele.


Der Rodelbauer, dessen Haus mit dem rothangestrichenen Geblk und einem frommen
Spruch in groer Herzform, nicht weit vom Hause des Josenhans stand, hatte sich
vom Gemeinderath zum Pfleger der verwaisten Kinder ernennen lassen. Er weigerte
das um so weniger, da Josenhans vordem als Anderknecht bei ihm gedient hatte.
Seine Pflegschaft bestand aber in weiter nichts, als da er die unverkauften
Kleider des Vaters aufbewahrte und manchmal, wenn er Einem der Kinder begegnete,
im Vorbergehen fragte: bist brav? und ohne die Antwort abzuwarten, weiter
schritt. Dennoch war in den Kindern ein seltsamer Stolz, da sie erfuhren, da
der Grobauer ihr Pfleger sei; sie kamen sich dadurch als etwas ganz Besonderes,
fast Frnehmes vor. Sie standen oft abseits bei dem groen Hause und schauten
verlangend hinauf, als erwarteten sie Etwas und wuten nicht was; und bei den
Eggen und Pflgen neben der Scheune saen die Kinder oft und lasen immer wieder
den Bibelspruch am Hause. Das Haus redete doch mit ihnen, wenn auch sonst
Niemand daraus.
    Es war am Sonntag vor Allerseelen, als die Kinder wiederum vor dem
verschlossenen Elternhaus spielten - sie waren wie an den Ort gebannt - da kam
die Landfriedbuerin den Hochdorfer Weg herein; sie trug einen groen rothen
Regenschirm unterm Arm und ein schwarzes Gesangbuch in der Hand. Sie machte den
letzten Besuch in ihrem Geburtsorte, denn schon gestern hatte der Knecht auf
einem vierspnnigen Wagen den gesammten Hausrath zum Dorf hinausgefahren und
morgen in der Frhe wollte sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern auf das
neuerkaufte Gut im fernen Allgu ziehen. Schon von weitem bei der Hanfbreche
nickte die Landfriedbuerin den Kindern zu, denn Kinder sind ein guter Angang
- so nennt man die erste Begegnung - aber die Kinder konnten nichts davon sehen,
so wenig als von den wehmuthsvollen Mienen der Buerin. Als sie jetzt bei den
Kindern stand, sagte sie: Gr Gott, Kinder! Was thut denn ihr schon da? Wem
gehret ihr?
    Da dem Josenhans, antwortete Amrei, auf das Haus deutend.
    O ihr armen Kinder, rief die Buerin, die Hnde zusammenschlagend; dich
htt' ich kennen sollen, Mdle, grad so hat deine Mutter ausgesehen, wie sie mit
mir in die Schul' gegangen ist. Wir sind gute Kamrdinnen gewesen und euer Vater
hat ja bei meinem Vetter, dem Rodelbauer, gedient. Ich wei Alles von euch. Aber
sag' Amrei, warum hast du keine Schuhe an? Du kannst ja krank werden bei dem
Wetter? Sag' der Marann', die Landfriedbuerin von Hochdorf liee ihr sagen, es
sei nicht brav, da sie dich so herum laufen lt. Nein, brauchst Nichts sagen,
ich will schon selber mit ihr reden. Aber Amrei, du mut jetzt gro und
gescheidt sein und selber auf dich Acht geben. Denk' daran, wenn das deine
Mutter wt', da du in solcher Jahrszeit so barfu herumlaufst! Das Kind
schaute die Buerin gro an, als wollte es sagen: wei denn die Mutter Nichts
davon? Die Buerin aber fuhr fort: Das ist noch das Aergste, da ihr nicht
einmal wissen knnet, was fr rechtschaffene Eltern ihr gehabt: drum mssen's
euch ltere Leute sagen. Denket daran, da ihr euren Eltern erst die rechte
Seligkeit gebt, wenn sie im Himmel droben hren, wie hier unten die Menschen
sagen: des Josenhansen Kinder, die sind die Probe von allem Guten, da sieht man
recht deutlich den Segen der rechtschaffenen Eltern.
    Rasche Thrnen rannen bei diesen letzten Worten der Buerin von den Wangen.
Die schmerzliche Rhrung in ihrer Seele, die noch einen ganz andern Grund hatte,
brach jetzt bei diesen Gedanken und Worten unaufhaltsam hervor, und Eigenes und
Fremdes flo ineinander. Sie legte ihre Hand auf das Haupt des Mdchens, das im
Anblick der weinenden Frau auch heftig zu weinen begann; es mochte fhlen, wie
sich eine gute Seele ihm zuwendete, und eine dmmernde Ahnung, da es wirklich
seine Eltern verloren, begann ihm aufzugehen.
    Das Angesicht der Frau aber leuchtete pltzlich auf. Sie richtete das Auge,
in dem noch Thrnen hingen, zum Himmel auf und sagte: Guter Gott, das schickst
Du mir. Dann fuhr sie zu dem Kind gewendet fort: Horch, ich will dich
mitnehmen. Meine Lisbeth ist mir in deinem Alter genommen worden. Sag, willst du
mit mir in's Allgu gehen und bei mir bleiben?
    Ja, sagte Amrei entschlossen.
    Da fhlte sie sich von hinten angefat und geschlagen.
    Du darfst nicht, rief Dami, der sie umfate und sein ganzes Wesen
zitterte.
    Sei stet, beruhigte Amrei, die gute Frau nimmt dich ja auch mit. Nicht
wahr, mein Dami geht auch mit uns?
    Nein, Kind, das geht nicht, ich hab' Buben genug.
    Dann bleib' ich auch da, sagte Amrei und fate ihren Bruder an der Hand.
    Die fremde Frau war in sich zusammengeschauert und jetzt sah sie mit einer
Art von Erleichterung auf das Kind. In berwallender Empfindung, vom reinsten
Zuge des Wohlthuns erfat, hatte sie eine That und eine Verpflichtung auf sich
nehmen wollen, deren Schwere und Bedeutung sie nicht sattsam berlegt hatte, und
namentlich wie ihr Mann, ohne vorher gefragt zu sein, das aufnehmen werde. Als
jetzt das Kind selber sich weigerte, trat eine Ernchterung ein und ihr ward
Alles rasch klar; darum ging sie mit einer gewissen Erleichterung schnell auf
die Abwehr ihres Unternehmens ein. Sie hatte ihrem Herzen gengt, indem sie die
That thun wollte, und jetzt, da sich Hindernisse entgegenstellten, hatte sie
eine eigene Art von Befriedigung, da die That unterblieb, ohne da sie selbst
ihr Wort zurcknahm.
    Wie du willst, sagte die Buerin. Ich will dich nicht berreden. Wer
wei, vielleicht ist es auch besser so, da du zuerst gro wirst. In der Jugend
Noth ertragen lernen, das thut gut, das Bessere nimmt sich leicht an; wer noch
etwas Rechtes geworden ist, hat in der Jugend Schweres erfahren mssen. Sei nur
brav. Aber das behalt' im Andenken, da du allzeit, wenn du brav bist, um deiner
Eltern willen eine Unterkunft bei mir haben sollst, so lang mir Gott das Leben
lt. Denk' daran, da du nicht verlassen bist auf der Welt, wenn dir's bel
geht. Merk' dir nur die Landfriedbuerin in Zusmarshofen im Allgu. Und noch
Eins. Sag' im Dorf nichts davon, da ich dich hab' annehmen wollen; es ist auch
wegen der Leute, sie werden dir's bel nehmen, da du nicht mitgegangen bist.
Aber es ist schon gut so. Wart', ich will dir noch was geben, da du an mich
denkst. Sie suchte in den Taschen, aber pltzlich fuhr sie sich an den Hals und
sagte: Nein, nimm nur das. Sie hauchte sich mehrmals in die steifen Finger,
bis sie es zu Stande brachte, denn sie nestelte eine fnfreihige Granatschnur,
daran ein gehenkelter Schweden-Dukaten hing, vom Halse und schlang das
Geschmeide um den Hals des Kindes, wobei sie es kte. Amrei sah wie verzaubert
drein unter all diesen Hantierungen. Fr dich hab' ich leider Nichts, sagte
die Frau zu Dami, der eine Gerte, die er in der Hand hielt, in immer kleinere
Stcke zerbrach, aber ich schicke dir ein Paar lederne Hosen von meinem
Johannes, sie sind noch ganz gut. Du kannst sie tragen, wenn du grer bist.
Jetzt b'ht euch Gott, ihr lieben Kinder. Wenn's mglich ist, komme ich noch zu
dir Amrei. Schicke mir nach der Kirche jedenfalls die Marann.' Bleibet brav und
betet fleiig fr eure Eltern in der Ewigkeit und vergesset nicht, da ihr im
Himmel und auf Erden noch Annehmer habt.
    Die Buerin, die zum behenden Gang ihren Oberrock in Zwickel aufgesteckt
hatte, lie ihn jetzt beim Eingange des Dorfes herab, und mit raschen Schritten
ging sie das Dorf hinein und wendete sich nicht mehr um.
    Amrei fate sich an den Hals, beugte das Gesicht nieder und wollte immer die
Denkmnze betrachten, aber es gelang ihr nicht ganz. Dami kaute an dem letzten
Stck seiner Gerte, und als ihn jetzt die Schwester betrachtete und Thrnen in
seinen Augen sah, sagte sie:
    Wirst sehen, du kriegst das schnste Paar Hosen im Dorf.
    Und ich nehm' sie nicht, sagte Dami und spie dabei ein Stck Holz aus.
    Ich will ihr schon sagen, da sie dir auch ein Messer kaufen mu. Ich
bleib' heut' den ganzen Tag daheim, sie kommt ja noch zu uns.
    Ja, wenn sie schon da wr', entgegnete Dami, ohne zu wissen was er sagte;
nur sein Zorn und das Gefhl der Zurcksetzung hatte ihm diesen mitrauischen
Vorwurf eingegeben.
    Es lutete schon zum Erstenmal, die Kinder eilten ins Dorf zurck. Amrei
bergab mit kurzem Bericht den neugewonnenen Schmuck der Marann', und diese
sagte:
    Du bist ja ein Glckskind! Ich will dir's gut aufheben. Jetzt hurtig in die
Kirche.
    Whrend des Gottesdienstes sahen die beiden Kinder immer nach der
Landfriedbuerin und beim Ausgang warteten sie an der Thr; aber die vornehme
Buerin war von so vielen Menschen umringt, die alle in sie hineinredeten, da
sie sich immer im Kreise drehen mute, um bald da, bald dort zu antworten. Fr
den wartenden Blick der Kinder und deren stndiges Nicken fand sie keine
Aufmerksamkeit.
    Die Landfriedbuerin hatte das jngste Tchterchen des Rodelbauern, die
Rosel, an der Hand; sie war um ein Jahr lter als Amrei und diese stie in der
Entfernung immer vor sich hin, als mte sie die Zudringliche, die ihren Platz
einnahm, wegdrngen. Oder hatte die vornehme Buerin nur ein Auge fr Amrei
drauen beim letzten Haus in der Einsamkeit, aber mitten unter den Menschen
kannte sie sie nicht? Gelten da nur die Kinder reicher Leute, die Kinder der
Verwandten? Amrei erschrak, als sie diesen leise sich regenden Gedanken
pltzlich laut hrte, denn Dami sprach ihn aus; aber whrend sie mit dem Bruder
in ziemlicher Entfernung dem groen Trupp folgte, der die Landfriedbuerin
umgab, suchte sie den bsen Gedanken dem Bruder und wohl damit auch sich
auszureden. Die Landfriedbuerin verschwand endlich im Hause des Rodelbauern und
die Kinder kehrten still zurck, bis Dami pltzlich sagte:
    Wenn sie zu dir kommt, sag' nur auch, da sie auch zum Krappenzacher gehen
mu und ihm sagen, da er gut gegen mich sein soll.
    Amrei nickte und die Kinder trennten sich, ein Jedes ging nach dem Hause, wo
es eine Unterkunft gefunden hatte.
    Die Nebel, die sich am Morgen verzogen hatten, kamen am Mittag als voller
Regengu hernieder.
    Der groe rothe Regenschirm der Landfriedbuerin bewegte sich aufgespannt
hin und her im Dorf und man sah kaum die Gestalt, die darunter war. Die schwarze
Marann' hatte die Landfriedbuerin nicht getroffen und sagte bei der Heimkunft:
Sie kann ja auch zu mir kommen, ich will Nichts von ihr. Die beiden Kinder
wanderten wieder hinaus nach dem elterlichen Haus und saen dort
zusammengekauert auf der Thrschwelle und redeten fast kein Wort. Wieder
schienen sie zu ahnen, da die Eltern doch nicht wieder kmen und Dami wollte
zhlen wie viel Tropfen von der Dachtraufe fielen; aber es ging ihm allzuschnell
und er machte sich's leicht und schrie auf Einmal: Tausend Millionen!
    Da mu sie vorbei, wenn sie heimgeht, sagte Amrei, und da rufen wir sie;
schrei' nur auch recht mit, und dann wollen wir schon weiter mit ihr reden. So
sagte Amrei, denn die Kinder warteten hier noch auf die Landfriedbuerin.
    Es klatschte eine Peitsche im Dorf. Man hrte jenes nachspritzende
Pferdegetrapp im aufgeweichten Wege und ein Wagen rollte herbei.
    Wirst sehen, der Vater und die Mutter kommen in einer Kutsche und holen
uns, rief Dami.
    Amrei schaute traurig nach ihrem Bruder um und sagte: Schwtz nicht so
viel. Als sie sich umwendete, war der Wagen ganz nahe, es winkte Jemand von
demselben unter einem rothen Regenschirm hervor, und fort rollte das Gefhrte
und nur der Spitz des Kohlenmathes bellte ihm eine Weile nach und that als
wollte er mit seinen Zhnen die Speichen aufhalten; aber am Weiher kehrte er
wieder zurck, bellte noch einmal hinaus unter der Hausthre und schlpfte dann
hinein in's Haus.
    Haidi! fort ist sie! sagte Dami wie triumphirend; es war ja die
Landfriedbuerin. Hast des Rodelbauern Rappen nicht gekannt? Die haben sie
davon gefhrt. Vergi meine ledernen Hosen nicht! schrie er noch laut mit aller
Kraft seiner Stimme, obgleich der Wagen bereits im Thale verschwunden war und
jetzt schon die kleine Anhhe am Holderwasen hinaufkroch.
    Die Kinder kehrten still in's Dorf zurck.

                          3. Vom Baum am Elternhause.


Am Tage vor Allerseelen sagte die schwarze Marann' zu den Kindern:
    Jetzt holt ordentlich Vogelbeeren, morgen brauchen wir sie auf dem
Kirchhof.
    Ich wei wo, ich kann holen, sagte Dami mit einer wahrhaft gierigen Freude
und rannte zum Dorf hinaus, da ihn Amrei kaum erreichen konnte. Als sie am
elterlichen Hause ankam, war er schon oben auf dem Baum und neckte sie stolz,
sie solle auch heraufkommen, weil er wute, da sie das nicht knne. Er pflckte
nun die rothen Beeren und warf sie hinab in die Schrze der Schwester. Sie bat
ihn, er mge auch die Stiele mit abpflcken, sie wolle einen Kranz machen. Er
sagte: Das thu' ich nicht! Und doch kam fortan keine Beere ohne Stiel mehr
herunter.
    Horch wie die Spatzen schelten! rief Dami vom Baume, die rgern sich, da
ich ihnen ihr Futter wegnehme. Und als er endlich Alles abgepflckt hatte,
sagte er: Ich gehe nicht mehr herunter, ich bleib' da oben Tag und Nacht, bis
ich todt herunter falle, und komme gar nicht mehr zu dir, wenn du mir nicht was
versprichst.
    Was denn?
    Da du deinen Anhenker von der Landfriedbuerin nie trgst, so lange ich's
sehe; versprichst du mir das?
    Nein!
    So komm' ich nicht mehr herunter!
    Meinetwegen! sagte Amrei und ging mit den Vogelbeeren davon. Sie setzte
sich aber nicht weit entfernt hinter einen Holzsto, wand einen Kranz und
schielte dabei immer hinaus, ob Dami nicht endlich kme. Sie setzte sich den
Kranz auf und pltzlich berfiel sie eine unnennbare Angst wegen Dami. Sie
rannte zurck, Dami sa rittlings auf einem Ast an den Stamm zurckgelehnt und
die Arme bereinander geschlagen.
    Komm herunter, ich verspreche dir, was du willst! rief Amrei und in einem
Nu war Dami bei ihr auf dem Boden.
    Zu Hause schalt die schwarze Marann' ber das alberne Kind, das sich aus den
Beeren, die man zum Grabe der Eltern brauche, einen Kranz gemacht habe. Sie
zerri denselben schnell und sprach dabei einige unverstndliche Worte; dann
nahm sie beide Kinder an der Hand und fhrte sie hinaus nach dem Kirchhof. Wo
zwei Erdhaufen nahe an einander waren sagte sie:
    Da sind Eure Eltern. Die Kinder sahen sich staunend an. Die Marann' machte
nun mit einem Stock Furchen in Kreuzesform auf den Grbern und wies die Kinder
an, die Beeren da hinein zu stecken. Dami war behend dabei und triumphirte, da
er mit seinem rothen Kreuze frher fertig war als die Schwester. Amrei schaute
ihn nur gro an und erwiderte Nichts, und erst als Dami sagte: Das wird den
Vater freuen, schlug sie ihn hinterrcks und rief: Sei still. Dami weinte,
vielleicht rger als es ihm ernst war; da rief Amrei laut: Um Gotteswillen
verzeih mir, verzeih mir, da ich dir das gethan hab'. Hier, da verspreche ich
dir, ich will dir mein Lebenlang Alles thun was ich kann, und Alles geben was
ich hab'; gelt Dami, ich hab' dir nicht weh gethan? Kannst dich drauf verlassen,
es geschieht nie mehr so lang ich lebe, nie mehr, nie. O Mutter, o Vater, ich
will brav sein, ich versprech's euch; o Mutter, o Vater. - Sie konnte nicht
weiter reden, aber sie weinte nicht laut, nur sah man, es gab ihr einen Herzsto
nach dem andern und erst als die schwarze Marann' laut weinte, weinte Amrei mit
ihr.
    Sie gingen heim und als Dami gute Nacht sagte, raunte ihm Amrei leise in's
Ohr:
    Jetzt wei ich's wir sehen unsere Eltern nie mehr auf dieser Welt; aber
noch in dieser Mittheilung lag eine gewisse kindische Freude, ein Kinderstolz,
der sich damit brstet, Etwas zu wissen; und doch war in der Seele dieses Kindes
Etwas aufgetaucht vom Bewutsein jenes auf ewig abgeschnittenen Zusammenhanges
mit dem Leben, das sich aufthut im Gedanken der Elternlosigkeit.
    Wenn der Tod die Lippen geschlossen, die dich Kind nennen muten, ist dir
ein Lebensathem verschwunden, der nimmer wiederkehrt.
    Noch als die schwarze Marann' bei Amrei am Bette sa, sagte diese: Ich
mein' ich fall' und fall' jetzt immerfort, lasset mir nur Eure Hand; und sie
hielt die Hand fest und begann zu schlummern, aber so oft die schwarze Marann'
ihre Hand zurckziehen wollte, haschte sie wieder darnach. Die Marann' verstand,
was das Gefhl vom endlosen Fallen bei dem Kinde zu bedeuten hatte: das ist ja
beim Innewerden vom Tode der Eltern als schwebte man im Wurfe, man wei nicht
woher und wei nicht wohin.
    Erst spt gegen Mitternacht konnte die schwarze Marann' das Bett des Kindes
verlassen, nachdem sie ihre gewohnten zwlf Vaterunser wer wei zum wievielten
mal wiederholt hatte.
    Ein strenger Trotz lag auf dem Gesicht des schlafenden Kindes. Es hatte die
eine Hand auf die Brust gelegt und die schwarze Marann' hob sie ihm leise weg
und sagte halblaut vor sich hin:
    Wenn nur immer ein Auge, das ber dich wacht, und eine Hand die dir helfen
will, dir so wie jetzt im Schlaf, ohne da du es weit, die Schwere vom Herzen
nehmen knnte! Das kann aber kein Mensch, das kann nur Er ... Thu' du meinem
Kind in der Fremde was ich diesem da thue.
    Die schwarze Marann' war eine geschiechene Frau, d.h. die Leute frchteten
sich fast vor ihr, so herb erschien sie in ihrem Wesen. Sie hatte vor bald
achtzehn Jahren ihren Mann verloren, der bei einem ruberischen Anfall den er
mit Genossen auf den Eilwagen gemacht hatte, erschossen worden war. Die Marann'
trug ein Kind unter dem Herzen als die Leiche ihres Mannes mit dem
schwarzberuten Gesicht ins Dorf gebracht wurde; aber sie fate sich und wusch
dem Todten das Gesicht rein, als knnte sie damit auch seine schwarze Schuld
abwaschen. Drei Tchter starben ihr und nur das Kind, das sie damals unter dem
Herzen getragen, war noch am Leben. Es war ein schmucker Bursch geworden, wenn
auch mit seltsam schwrzlichem Gesicht und er war jetzt als Maurergesell in der
Fremde. Denn von der Zeit Brosi's her, und namentlich seit dessen Sohn Severin
sich mit dem Steinhammer zu so hohen Ehrenstellen hinaufgearbeitet, hatte sich
ein groer Theil des Nachwuchses in Haldenbrunn dem Maurerhandwerk gewidmet.
Unter den Kindern war allezeit von Severin die Rede, wie von dem Prinzen im
Mhrchen. So war auch das einzige Kind der schwarzen Marann' trotz deren
Widerrede Maurer geworden und jetzt auf der Wanderschaft, und sie die ihr
Lebenlang nicht aus dem Dorfe gekommen war und auch kein Verlangen hatte hinaus
zu kommen, sagte manchmal: sie komme sich vor, wie eine Henne, die eine Ente
ausgebrtet; aber sie gluckste fast immer in sich hinein.
    Man sollte es kaum glauben, da die schwarze Marann' eine der heitersten
Personen im Dorf war; man sah sie nie traurig, sie gnnte es den Menschen nicht,
da sie Mitleid mit ihr haben sollten. Und darum war sie ihnen unheimlich. Sie
war im Winter die fleiigste Spinnerin im Dorf und im Sommer die emsigste
Holzsammlerin, so da sie noch einen guten Theil davon verkaufen konnte, und
mein Johannes, (so hie ihr noch lebender Sohn) mein Johannes, hrte man in
jeder ihrer Reden. Die kleine Amrei hatte sie, wie sie sagte, nicht aus
Gutmthigkeit zu sich genommen, sondern nur weil sie ein lebendiges Wesen um
sich haben wollte. Sie that gern recht rauh vor den Leuten und war stolz darauf,
vor sich selber besser zu sein, als sie dafr galt.
    Der gerade Gegensatz zu ihr war der Krappenzacher, bei dem Dami ein
Unterkommen gefunden; der stellte sich drauen vor der Welt gern als der
gutmthigste Allesverschenker, im Geheimen aber knuffte und mihandelte er seine
Angehrigen und besonders den Dami, fr den er nur ein geringes Kostgeld
erhielt. Er hie eigentlich Zacharias und hatte seinen Spitznamen davon, weil er
einst seiner Frau ein Paar fein hergerichtete Tauben als Braten heimgebracht
hatte; es waren die aber ein Paar gerupfte Raben, hier zu Lande Krappen
genannt. Der Krappenzacher, der einen Stelzfu hatte, verbrachte seine meiste
Zeit damit, da er wollene Strmpfe und Jacken strickte, und so sa er mit
seinem Strickzeuge berall im Dorfe herum, wo es was zu plaudern gab; und dieses
Geplauder, bei dem er allerlei hrte, diente ihm zu sehr eintrglichen
Nebengeschften. Er war der sogenannte Heirathsmacher in der Gegend, denn
namentlich da, wo sich noch die groen geschlossenen Gter finden, geschehen die
Heirathen in der Regel durch Vermittler, die die entsprechenden
Vermgensverhltnisse genau auskundschaften und Alles vorher bestimmen. Und wenn
dann eine solche Heirath zu Stande gebracht war, spielte der Krappenzacher noch
bei der Hochzeit die Geige auf, denn darin war er ein landeskundiger Meister. Er
verstand aber auch die Clarinette und das Horn zu blasen, wenn ihm die Hnde vom
Geigen mde waren. Er war eben ein Allerweltsmensch.
    Das weinerliche und empfindliche Wesen Dami's war dem Krappenzacher hchlich
zuwider und er wollte es ihm damit austreiben, da er ihn recht viel weinen
machte und ihn neckte, wo er nur konnte.
    So waren die beiden Stmmchen, aus demselben Boden erwachsen, in
verschiedenes Erdreich verpflanzt. Standort und Bodensaft und die eigene Natur,
die sie in sich trugen, lieen sie verschiedenartig gedeihen.

                               4. Thu' dich auf.


Am Allerseelentag, er war trbe und neblig, waren die Kinder mitten unter den
Versammelten auf dem Kirchhof. Der Krappenzacher hatte Dami an der Hand dahin
gefhrt. Amrei aber war allein gekommen ohne die schwarze Marann' und Viele
schimpften ber die hartherzige Frau, und einige trafen einen Theil der
Wahrheit, indem sie sagten: die Marann' wolle nichts von dem Besuchen der
Grber, weil sie nicht wisse wo das Grab ihres Mannes sei. Amrei war still und
vergo keine Thrne, whrend Dami bei den mitleidigen Reden der Menschen
jmmerlich weinte, freilich auch, wenn ihn der Krappenzacher mehrmals heimlich
geknufft und gezwickt hatte. Amrei starrte eine Zeitlang trumerisch vergessen
hinein in die Lichter zu Hupten der Grber und sah staunend, wie die Flamme das
Wachs auffrit, der Docht immer mehr verkohlt, bis endlich das Licht ganz
herabgebrannt ist.
    Unter den Versammelten bewegte sich auch ein Mann in vornehmer stdtischer
Kleidung, mit einem Band im Knopfloch; es war der Oberbaurath Severin, der auf
einer Inspectionsreise begriffen, hier das Grab seiner Eltern, Brosi und Moni,
besuchte. Seine Geschwister und deren Angehrigen umgaben ihn stets mit einer
gewissen Ehrerbietung und die Andacht war fast ganz abgelenkt und auf diesen
Vornehmen alle Aufmerksamkeit gerichtet.
    Auch Amrei betrachtete ihn und fragte den Krappenzacher: Ist das ein
Hochzeiter?
    Warum?
    Weil er ein Bndel im Knopfloch hat.
    Statt aller Antwort hatte der Krappenzacher nichts Eiligeres zu thun, als
auf eine Gruppe loszugehen und zu sagen, welch' eine dumme Rede da das Kind
gethan habe. Und mitten unter den Grbern erscholl lautes Gelchter ber solche
Albernheit. Nur die Rodelbuerin sagte: Ich finde das gar nicht so hirnlos.
Wenn's auch ein Ehrenzeichen ist, was der Severin hat, es bleibt doch
wunderlich, da auf dem Kirchhof mit einer Auszeichnung herumzulaufen; da, wo
sich zeigt, was aus uns Allen wird, habe man im Leben Kleider von Seide oder von
Zwillich angehabt. Es hat mich schon verdrossen, da er damit in der Kirche war;
so Etwas mu man abthun, ehe man in die Kirche geht, um wie viel mehr auf dem
Kirchhof.
    Die Kunde von der Frage der kleinen Amrei mute doch auch bis zu Severin
gedrungen sein, denn man sah ihn hastig seinen Oberrock zuknpfen und dabei
nickte er nach dem Kinde hin. Jetzt hrte man ihn fragen, wer das sei und kaum
hatte er die Antwort vernommen, als er auf die beiden Kinder an den frischen
Grbern zueilte und zu Amrei sagte: Komm her, Kind, mach' deine Hand auf, hier
schenke ich dir einen Dukaten; davon schaffe dir an, was du brauchst.
    Das Kind starrte drein und antwortete nicht. Und kaum hatte Severin den
Rcken gewendet, als es ihm halblaut nachrief: Ich nehm' nichts geschenkt, und
ihm dabei den Dukaten nachschleuderte. Viele, die das gesehen hatten, kamen auf
Amrei zu und schimpften auf sie hinein und eben als sie daran waren, sie zu
mihandeln, wurde sie wiederum von der Rodelbuerin, die sie schon einmal mit
Worten beschtzt hatte, vor den rohen Hnden gerettet. Auch sie verlangte inde,
da Amrei wenigstens Severin nacheile und ihm danke; doch Amrei gab auf
keinerlei Rede eine Antwort; sie blieb starr, so da auch ihre Beschtzerin von
ihr ablie. Nur mit groer Mhe fand man den Dukaten wieder und ein
Gemeinderath, der zugegen war, nahm ihn sogleich in Verwahrung, um ihn dem
Pfleger der Kinder zu bergeben.
    Dieses Ereigni brachte der kleinen Amrei einen seltsamen Ruf im Dorf. Man
sagte, sie sei doch erst wenige Tage bei der schwarzen Marann' und habe schon
ganz deren Art und Weise. Man fand es unerhrt, da ein Kind aus solcher
Armuthei einen solchen Stolz haben knne; und indem man ihr diesen Stolz auf
allen Wegen und Stegen vorwarf, ward sie dessen erst recht inne, und in der
jungen Kinderseele regte sich ein Trotz, ihn nur desto mehr zu bewahren. Die
schwarze Marann' that auch das Ihre, um solche Stimmung zu befestigen, denn sie
sagte: Es kann einem Armen kein greres Glck geschehen, als wenn man es fr
stolz hlt; dadurch ist man davor bewahrt, da Jedes auf einem herumtrampelt und
noch verlangt, da man sich dafr bedanke.
    Im Winter war Amrei sehr viel bei dem Krappenzacher und hrte ihn besonders
gern geigen. Ja der Krappenzacher sagte ihr einmal das groe Lob: Du bist nicht
dumm, denn Amrei hatte nach einem langen Geigenspiel bemerkt: Was doch so eine
Geige den Athem so lang anhalten kann; das kann ich nicht. Und wenn daheim in
stillen Winternchten die schwarze Marann' funkelnde und schauererregende
Zaubergeschichten erzhlte, da horchte Amrei mit offenem Munde und mehrmals rief
sie die Alte zurckhaltend: O Marann' haltet ein, ich mu wieder schnaufen.
    Niemand achtete sehr auf Amrei, und diese konnte trumen, wie es ihr in den
Sinn kam und nur der Lehrer sagte einmal in der Gemeinderathssitzung: solch' ein
Kind sei ihm noch nicht vorgekommen; es sei trotzig und nachgiebig, trumerisch
und wachsam. In der That bildete sich schon frh bei allem kindischen
Selbstvergessen ein Gefhl der Selbstverantwortlichkeit, eine Wehrhaftigkeit im
Gegensatze zur Welt, zu ihrer Gte und Bosheit in der kleinen Amrei aus, whrend
Dami bei allen kleinen Anlssen weinend zur Schwester kam und ihr klagte. Er
hatte immer Mitleid mit sich selber, und wenn er in Raufhndel von Spielgenossen
niedergeworfen wurde, klagte er: Ja, weil ich ein Waisenkind bin, schlagen sie
mich. O wenn das mein Vater, meine Mutter wte! Und dann weinte er doppelt
ber die erfahrene Unbill. Dami lie sich von allen Menschen zu essen schenken
und wurde dadurch gefrig, whrend Amrei mit Wenigem vorlieb nahm und sich
dadurch uerst mig gewhnte. Selbst die wildesten Buben frchteten Amrei,
ohne da man wute, woran sie ihre Kraft bewiesen hatte, whrend Dami vor ganz
kleinen Jungen davon lief. In der Schule war Dami stets spielerisch, er bewegte
die Fe und bog mit der Hand die Ecken der Bltter um, whrend er las. Amrei
dagegen war stets zierlich und gewandt, aber sie weinte oft in der Schule, nicht
wegen der Strafen, die sie selbst bekam, sondern so oft Dami gestraft wurde.
    Am meisten konnte Amrei den Dami vergngen, wenn sie ihm Rthsel schenkte.
Noch immer saen die beiden Kinder viel am Hause ihres reichen Pflegers, bald
bei den Wagen, bald beim Backofen hinter dem Haus, an dem sie sich von auen
wrmten, besonders im Herbste. Und Amrei fragte: Was ist das Beste am
Backofen?
    Du weit ja, ich kann nichts errathen, erwiderte Dami klagend.
    So will ich dir's sagen: Das Beste am Backofen ist, da er das Brod nicht
selber frit. Und auf den Wagen vor dem Hause deutend fragte Amrei: Was ist
lauter Loch und hlt doch?
    Ohne lange auf Antwort zu warten, setzte sie gleich hinzu: Das ist die
Kette.
    Jetzt diese Rthsel schenkst du mir, sagte Dami und Amrei erwiderte: Ja,
du darfst sie aufgeben. Aber siehst du dort die Schafe kommen? Jetzt wei ich
noch ein Rthsel.
    Nein, rief Dami, nein, ich kann nicht drei behalten, ich hab' genug an
zweien.
    Nein, das mut noch hren, sonst nehm' ich die andern wieder. Und Dami
sagte ngstlich in sich hinein, um es ja nicht zu vergessen: Kette.
Selberfressen, whrend Amrei fragte: Auf welcher Seite haben die Schafe die
meiste Wolle? - Mh! Mh! auf der auswendigen! setzte sie sogleich mit
scherzendem Gesang hinzu, und Dami sprang davon, um seinen Kameraden die Rthsel
aufzugeben. Er hielt beide Hnde fest zu Fusten zusammengepret als htte er
darin die Rthsel und wolle sie nicht verlieren. Als er aber bei den Kameraden
ankam, wute er doch nur noch das von der Kette, und des Rodelbauern Aeltester,
den er gar nicht gefragt hatte und der viel zu gro dazu war, sagte schnell die
Auflsung und Dami kam wieder weinend zur Schwester zurck.
    Die Rthselkunst der kleinen Amrei blieb aber nicht lange verborgen im Dorf
und selbst reiche, ernsthafte Bauern, die sonst mit Niemand, am wenigsten mit
einem armen Kind viel Worte machen, lieen sich herbei, da und dort der kleinen
Amrei ein Rthsel aufzugeben. Da sie selber viele dergleichen wute, das konnte
sie von der schwarzen Marann' haben; aber da sie neugesetzte so oft zu
beantworten verstand, das erregte allgemeine Verwunderung. Amrei htte nicht
mehr unaufgehalten ber die Strae oder auf's Feld gehen knnen, wenn sie nicht
bald ein Mittel dagegen gefunden htte. Sie stellte als Gesetz fest, da sie
Niemand ein Rthsel lse, dem sie nicht auch eins aufgeben drfe. Sie aber wute
solche zu drechseln, da man wie gebannt war. Noch nie war im Dorf einem armen
Kinde so viel Beachtung zugewendet worden, als der kleinen Amrei. Aber je mehr
sie heran wuchs, um so weniger Aufmerksamkeit wurde ihr geschenkt; denn die
Menschen betrachten nur die Blthen und die Frchte mit theilnehmendem Auge,
nicht aber jenen langen Uebergang, wo das Eine zum Andern wird. -
    Amrei ging in ihr vierzehntes Jahr und war aus der Schule entlassen worden.
Die Ermahnungen, die dabei an sie gerichtet wurden, machten nur wenig Eindruck.
Das Verhalten der Selbstverantwortlichkeit, das sonst das Kinderherz so mchtig
und rthselvoll bewegt, war ihr nicht neu; sie war von frh an darauf
hingewiesen. Und jetzt eben in diesen Tagen gab ihr das Schicksal ein Rthsel
auf, das schwer zu lsen war.
    Die Kinder hatten einen Ohm, der sieben Stunden von Haldenbrunn, in Fluorn
Holzhauer war; sie hatten ihn nur Einmal gesehen bei dem Begrbni der Eltern,
er ging hinter dem Schulthei, der die Kinder an der Hand fhrte. Seitdem
trumten die Kinder viel von dem Ohm in Fluorn. Man sagte ihnen oft, er she dem
Vater hnlich und nun waren sie noch begieriger, ihn zu sehen. Denn wenn sie
auch noch manchmal glaubten, Vater und Mutter mten pltzlich kommen, es knne
ja gar nicht sein, da sie nicht mehr da wren, so gewhnten sie sich doch nach
und nach daran, die Hoffnung aufzugeben und das um so mehr, je fter der
Allerseelentag wiedergekehrt war, zu dem sie das Grab der Eltern mit Vogelbeeren
besteckten, und nachdem sie schon lange auf ein und demselben schwarzen Kreuze
den Namen der Eltern lesen konnten. Aber auch den Ohm in Fluorn vergaen sie
endlich fast ganz, denn sie hrten viele Jahre nichts von ihm. Da wurden die
beiden Kinder eines Tages in das Haus ihres Pflegers gerufen. Dort sa ein Mann,
gro und lang und mit braunem Gesicht.
    Kommet her, Kinder, rief der Mann den Eintretenden zu. Er hatte eine
rauhe, trockene Stimme. Kennet ihr mich nicht mehr?
    Die Kinder sahen ihn mit aufgerissenen Augen an. Erwachte in ihnen eine
Erinnerung an den Klang der vterlichen Stimme?
    Der Mann fuhr fort: Ich bin ja eures Vaters Bruder. Komm her, Lisbeth! Und
auch du, Dami!
    Ich heie nicht Lisbeth! Ich heie Amrei! sagte das Mdchen und weinte. Es
gab dem Ohm keine Hand. Ein Gefhl der Verfremdung machte es zittern, weil der
Ohm es bei falschem Namen genannt.
    Wenn Ihr mein Ohm seid, warum wisset Ihr denn nicht mehr wie ich heie?
fragte Amrei nochmals.
    Du bist ein dummes Kind, gleich gehst du hin und giebst ihm die Hand,
herrschte der Rodelbauer und setzte dann zu dem Fremden halblaut hinzu: Es ist
ein unebenes Kind. Die schwarze Marann' hat ihm allerlei Wunderliches in den
Kopf gesetzt und du weit ja, es ist nicht geheuer bei ihr.
    Amrei schaute sich verwundert um, und gab dem Ohm zitternd die Hand. Dami
hatte das schon, frher gethan und fragte jetzt: Ohm, hast du uns auch was
mitgebracht?
    Hab' nicht viel zum Mitbringen; ich bring' euch selber mit, ihr geht mit
mir. Weit du, Amrei, da das gar nicht brav ist, da du deinen Ohm nicht gern
hast? Du hast ja sonst Niemand auf der Welt. Wen hast du denn sonst noch? Komm
besser her, da setz' dich neben mich - noch nher. Siehst du? dein Dami der ist
viel gescheiter. Er sieht auch mehr in unsere Familie, aber du gehrst doch auch
zu uns.
    Eine Magd kam und brachte viele Mannskleider und legte sie auf den Tisch.
    Das sind deines Bruders Kleider, sagte der Rodelbauer zu dem Fremden und
dieser fuhr zu Amrei fort: Siehst du? das sind deines Vaters Kleider, die
nehmen wir jetzt mit und ihr geht auch mit, zuerst nach Fluorn und dann ber den
Bach.
    Amrei berhrte zitternd den Rock des Vaters und dessen blaugestreifte Weste.
Der Ohm aber hob die Kleider auf, wies auf die zertragenen Ellenbogen hin und
sagte zum Rodelbauer: Diese sind nicht viel werth, die lasse ich mir nicht hoch
anschlagen, und ich wei nicht einmal, ob ich die drben in Amerika tragen kann
ohne ausgespottet zu werden.
    Amrei fate krampfhaft einen Rockzipfel. Da man die Kleider ihres Vaters,
an die sie wie an ein kostbares und unbezahlbares Kleinod gedacht hatte, wenig
werth nannte, das schien sie zu krnken, und da diese Kleider in Amerika
getragen und dort ausgespottet werden sollten, das Alles verwirrte sie fast; und
berhaupt, was sollte denn das mit Amerika?
    Sie wurde darber bald aufgeklrt, denn die Rodelbuerin kam und mit ihr die
schwarze Marann', und die Rodelbuerin sagte: Hr einmal, Mann, ich meine, das
geht nicht so schnell, da man die Kinder da mit dem Mann nach Amerika schickt.
    Es ist ja ihr einziger leiblicher Verwandter, der Bruder des Josenhans.
    Ja freilich, aber er hat bis jetzt nicht viel davon gezeigt, da er ein
Verwandter; und ich meine, man kann das nicht ohne den Gemeinderath, und der
kann's nicht einmal allein. Die Kinder haben hier ein Heimathsrecht, und das
kann man ihnen nicht im Schlaf nehmen, denn die Kinder knnen ja noch nicht
selber sagen, was sie wollen. Das heit Einen im Schlaf forttragen.
    Meine Amrei ist aufgeweckt genug, die ist jetzt dreizehn Jahr alt, aber
gescheiter als eine andere von dreiig, die wei was sie will, sagte die
schwarze Marann'.
    Ihr Beide httet sollen Gemeinderath werden, sagte der Rodelbauer, aber
ich bin auch der Meinung, da man die Kinder nicht wie Klber am Strick nimmt
und fortzieht. Gut, lasset den Mann selber mit ihnen reden, nachher lt sich
schon weiter sehen was zu machen ist; er ist einmal ihr natrlicher Annehmer und
hat das Recht Vaterstelle an ihnen zu vertreten, wenn er will. Hr' einmal, geh'
du jetzt mit deinen Bruderskindern ein wenig vor's Dorf hinaus und ihr Weiber
bleibet da, es rede ihnen Keines zu und Keines ab.
    Der Holzhauer nahm die beiden Kinder an der Hand und verlie mit ihnen Stube
und Haus.
    Wohin wollen wir gehen? fragte er die Kinder auf der Strae.
    Wenn du unser Vater sein willst, geh' mit uns heim; da drunten ist unser
Haus, sagte Dami.
    Ist es denn offen? fragte der Ohm.
    Nein, aber der Kohlenmathes hat den Schlssel, er hat uns aber noch nie
hineingelassen. Ich springe voraus und hole den Schlssel. Und behend machte
sich Dami los und sprang davon.
    Amrei kam sich wie gefesselt vor an der Hand des Ohms und dieser redete doch
jetzt mit zutraulicher Innigkeit in sie hinein; er erzhlte fast wie zu seiner
Entschuldigung, da er selber eine schwere Familie habe, so da er sich mit Frau
und fnf Kindern nur mit Noth fortbringen knnte. Nun aber erhalte er von einem
Mann, der groe Waldungen in Amerika besitze, freie Ueberfahrt und nach fnf
Jahren, wenn er den Wald umgerodet habe, ein groes Ackergut vom besten Boden
als freies Eigenthum. Als Dank gegen Gott, der ihm das fr sich und seine Kinder
bescherte, habe er sich sogleich vorgesetzt, eine Wohlthat zu thun und die
Kinder seines Bruders mitzunehmen: er wolle sie aber nicht zwingen, und nehme
sie berhaupt nur mit, wenn sie ihn von ganzem Herzen gern htten und ihn als
ihren zweiten Vater betrachteten. Amrei sah ihn nach diesen Worten gro an. Wenn
sie es nur htte machen knnen, da sie diesen Mann liebte! Aber sie frchtete
sich fast vor ihm; sie wute Nichts dagegen zu thun. Und da er so pltzlich wie
aus den Wolken fiel und verlangte: hab' mich lieb! das machte sie eher
widersacherisch gegen ihn.
    Wo ist denn deine Frau? fragte Amrei. Sie mochte wohl fhlen, da eine
Frau sie milder und allmliger angefat htte.
    Ich will dir nur ehrlich sagen, erwiderte der Ohm, meine Frau mengt sich
nicht in diese Sache, sie hat gesagt, sie rede mir nicht zu und nicht ab. Sie
ist ein bischen herb, aber nur von Anfang, und wenn du gut gegen sie bist, und
du bist ja gescheit, so kannst du sie um den Finger wickeln. Und wenn dir auch
einmal etwas geschieht, was dir nicht recht ist, denk' du bist bei deines Vaters
Bruder und sag' mir's ganz allein, und ich will dir helfen wo ich kann. Aber du
wirst sehen, du fngst jetzt erst zu leben an.
    Amrei standen die Thrnen in den Augen bei diesen Worten und doch konnte sie
nichts sagen; sie fhlte sich fremd diesem Manne gegenber. Seine Stimme bewegte
sie, aber wenn sie ihn ansah, wre sie gerne entflohen.
    Da kam Dami mit dem Schlssel. Amrei wollte ihm denselben abnehmen, aber er
gab ihn nicht her. In der eigenthmlichen pedantischen Gewissenhaftigkeit der
Kinder sagte er, da er des Kohlenmathesen Frau heilig versprochen habe, den
Schlssel nur dem Ohm zu geben. Dieser empfing ihn und Amrei war's, als ob sich
ein zaubervolles Geheimni aufthue, da der Schlssel zum Erstenmal im Schlo
rasselte und jetzt sich drehte - die Klinke bog sich nieder und die Thre ging
auf. Eine eigenthmliche Gruftklte hauchte aus dem schwarzen Hausflur, der
zugleich als Kche gedient hatte. Auf dem Herde lag noch ein Hufchen Asche, an
der Stubenthre waren noch die Anfangsbuchstaben vom Caspar, Melchior, Balthes
und darunter die Jahrzahl vom Tode der Eltern mit Kreide angeschrieben. Amrei
las sie laut; das hatte noch der Vater angeschrieben. Schau, rief Dami, der
Achter ist grade so gezogen, wie du ihn machst, und wie's der Lehrer nicht
leiden will, so von rechts nach links. Amrei winkte ihm still zu sein. Sie fand
es frchterlich und sndhaft, da der Dami hier so leicht sprach, hier, wo es
ihr war wie in der Kirche, ja wie mitten in der Ewigkeit, ganz auerhalb der
Welt und doch mitten drin. Sie ffnete selber die Stubenthre. Die Stube war
finster wie ein Grab, denn die Laden waren geschlossen und nur durch eine Ritze
drang ein zitternder Sonnenstrahl herein und just auf einen Engelkopf am
Kachelofen, so da der Engel zu lachen schien. Amrei fiel erschrocken nieder,
und als sie sich aufrichtete, hatte der Ohm einen Fensterladen geffnet und
warme Luft drang von auen herein. Hier innen war es so kalt. In der Stube war
nichts mehr von Hausrath als eine an die Wand genagelte Bank. - Dort hatte die
Mutter gesponnen und dort hatte sie die Hndchen Amrei's zusamengefgt und sie
stricken gelehrt.
    So, Kinder, jetzt wollen wir wieder gehen, sagte der Ohm, da ist nicht
gut sein. Kommet mit zum Bcker, ich kauf' Jedem ein Weibrod; oder wollet ihr
lieber eine Brezel?
    Nein, noch eine Weile dableiben, sprach Amrei und streichelte immer den
Platz, worauf die Mutter gesessen hatte. Auf einen weien Fleck an der Wand
deutend, fuhr sie dann halblaut fort: Da hat unsere Kukuksuhr gehangen und dort
der Soldatenabschied von unserm Vater und da die Strnge Garn, die die Mutter
gesponnen hat; sie hat noch feiner spinnen knnen als die schwarze Marann', ja
die schwarze Marann' hat's selber gesagt: immer einen Schneller mehr aus dem
Pfund als jedes Andere und Alles so gleichling - da ist kein Kntele drin
gewesen, und siehst den Ring da oben an der Decke? Das ist schn gewesen, wenn
sie da den Zwirn gemacht hat. Wenn ich damals schon bei Verstand gewesen wre,
htte ich nicht zugegeben, da man der Mutter ihre Kunkel verkauft, es wre mein
Erbstck; aber es hat sich eben Niemand unserer angenommen. O Mutter! o Vater!
wenn ihr es wtet, wie wir herumgestoen worden sind, es thte euch noch
jammern in der Seligkeit.
    Amrei fing laut an zu weinen und Dami weinte mit. Selbst der Ohm trocknete
sich eine Thrne und drang nochmals darauf, da man jetzt fortgehe, denn es
rgerte ihn zugleich, da er sich und den Kindern dieses unnthige Herzeleid
gemacht; Amrei aber sagte heftig: Wenn Ihr auch gehet, ich gehe nicht mit.
    Wie meinst du das? Du willst gar nicht mitgehen?
    Amrei erschrack, sie ward erst inne, was sie gesagt hatte, aber sie
erwiderte bald:
    Nein, vom Andern wei ich noch nichts. Ich meine nur so: gutwillig gehe ich
jetzt nicht aus dem Haus, bis ich Alles wiedergesehen habe. Komm, Dami, du bist
ja mein Bruder, komm mit auf den Speicher, weit? wo wir Versteckens gespielt
haben, hinterm Kamin; und dann wollen wir zum Fenster 'nausgucken, wo wir die
Morcheln getrocknet haben. Weit nicht mehr, das schne Guldenstck, das der
Vater dafr bekommen hat?
    Es raschelte Etwas und kollerte ber der Decke. Alle Drei erschracken. Aber
der Ohm sagte schnell: Bleib' da, Dami, und du auch. Was wollet ihr da oben?
Hret ihr nicht, wie die Mus' rasseln?
    Komm du nur mit, die werden uns nicht fressen, drngte Amrei; aber Dami
erklrte, da er nicht mitgehe, und obgleich Amrei innerlich Furcht hatte, fate
sie sich doch ein Herz und ging allein nach dem Speicher hinauf. Sie kam aber
bald wieder zurck, leichenbla, und hatte nichts als einen Bschel altes
Kmmelstroh in der Hand.
    Der Dami geht mit mir nach Amerika, sagte der Ohm zu der Hinzutretenden,
und diese erwiderte, das Stroh in der Hand zerbrechend: Ich habe nichts
dagegen. Ich wei noch nicht was ich thue, aber er kann auch allein gehen.
    Nein, rief Dami, das thu' ich nicht. Du bist damals mit der
Landfriedbuerin nicht gegangen, wie sie dich hat mitnehmen wollen, und so gehe
ich auch nicht allein, aber mit dir.
    Nun denn, so berleg' dir's, du bist gescheit genug, schlo der Ohm,
verriegelte wiederum den Laden, so da man im Finstern stand, drngte dann die
Kinder zur Stubenthr und zum Hausflur hinaus, verschlo die Hausthr und ging,
dem Kohlenmathes den Schlssel wieder zu bringen und dann mit Dami allein in's
Dorf hinein. Noch aus der Ferne rief er Amrei zu: Du hast noch bis Morgen frh
Zeit, dann geh' ich fort, ob ihr mitgehet oder nicht.
    Amrei war allein und sie schaute den Weggehenden nach, und es kam ihr
seltsam vor, da ein Mensch vom andern weggehen kann. Dort geht er hin und er
gehrt doch zu dir und du zu ihm.
    Seltsam! Wie es im wirklichen Traume geschieht, da das blos leise Angeregte
sich in ihm erneuert und mit allerlei Wunderlichkeiten verflicht, so erging es
jetzt Amrei im wachen Traum. Nur ganz flchtig hatte Dami von der Begegnung mit
der Landfriedbuerin gesprochen; ihr Gedenken war halb erloschen in der
Erinnerung, und jetzt wachte es wieder hell auf wie ein Bild aus vergangenem
vorgetrumtem Leben. Amrei sagte sich fast laut: Wer wei, ob sie nicht auch
manchmal so pltzlich, man kann nicht sagen woher, an dich denkt, und vielleicht
jetzt eben in dieser Minute; und hier, dort unten hat sie dir's ja versprochen,
da sie dir eine Annehmerin sein will, wenn du kommst, dort bei den Kopfweiden.
Warum bleiben nur die Bume stehen, da man sie allzeit sieht? Warum wird nicht
auch ein Wort so Etwas wie ein Baum, das steht fest und man kann sich dran
halten? Ja, es kommt nur darauf an, ob man will, da hat man's so gut wie einen
Baum .... Und was so eine ehrenhafte Buerin sagt, das ist fest und getreu; und
sie hat doch auch geweint, weil sie fort gemut von der Heimath, und ist doch
schon lang hinaus verheirathet aus dem Dorf und hat Kinder, ja, und der eine
heit Johannes. Amrei stand an dem Vogelbeerbaum und legte die Hand an den
Stamm und sagte: Du, warum gehst denn du nicht fort? warum heien dich die
Menschen nicht auch auswandern? Vielleicht wre dir's auch besser anderswo. Aber
freilich, du bist zu gro und du hast dich nicht selber hergesetzt, und wer
wei, ob du nicht an einem andern Orte verkmest. Man kann dich nur umhacken und
nicht versetzen. Dummes Zeug! Ich hab' ja auch von da weggemut. Ja, wenn's mein
Vater wre, da mt' ich mit ihm gehen. Er hat mich nicht zu fragen, und wer
viel fragt, geht viel irr'. Es kann mir Niemand rathen, auch die Marann' nicht.
Und beim Ohm ist's doch so, er denkt: ich thu dir Gutes und du mut mir's wieder
bezahlen. Wenn er hart gegen mich ist und gegen den Dami, weil er ungeschickt
ist, und wir gehen auf und davon .... wohin sollen wir dann in der wilden
fremden Welt? Und hier kennt uns jeder Mensch und jede Hecke, jeder Baum hat ein
bekanntes Gesicht. Gelt, du kennst mich? sagte sie wieder aufschauend zu dem
Baum. O wenn du reden knntest! Du bist doch auch von Gott geschaffen, o warum
kannst du nicht reden? Du hast doch auch meinen Vater und meine Mutter so gut
gekannt, warum kannst du mir nicht sagen, was sie mir rathen wrden? O lieber
Vater, o liebe Mutter, mir ist so weh, da ich fort soll. Ich habe doch hier
Nichts und fast Niemand; aber mir ist's, als mt' ich aus dem warmen Bett in
den kalten Schnee. Ist das, was mir so weh thut, ein Zeichen, da ich nicht fort
soll? Ist das das rechte Gewissen, oder ist es nur eine dumme Angst? Wenn jetzt
nur eine Stimme vom Himmel km' und tht mir's sagen.
    Das dreizehnjhrige Kind zitterte von innerer Angst und der Zwiespalt des
Lebens that sich zum Erstenmal schreiend in ihm auf. Und wieder sprach sie halb,
halb dachte sie, aber jetzt entschlossen:
    Wenn ich allein wre, da wei ich fest, ich ginge nicht, ich bliebe da; es
thut mir zu weh; und ich kann mir schon allein forthelfen. Gut, merk' dir das.
Also Eins hast du fest, mit dir selber bist du im Reinen. Ja, aber was ist das
fr ein dummes Denken! Wie kann ich mir's denken, da ich allein wre ohne den
Dami? Ich bin ja gar nicht allein da, der Dami gehrt zu mir und ich zu ihm. Und
fr den Dami wr's doch besser, er wre in einer Vatersgewalt; das tht' ihn
aufrichten. Wozu brauchst du aber einen Andern? kannst du nicht selber fr ihn
sorgen, wenn's nthig ist? Und wenn er so eingeheimst wird, ich seh' schon, da
bleibt er sein Lebenlang nichts als ein Knecht, der Pudel fr andere Leute; und
wer wei, wie die Kinder des Ohms gegen uns sind. Weil sie selber arme Leute
sind, werden sie die Herren gegen uns spielen. Nein, nein, sie sind gewi brav
und das ist schn, wenn man so sagen kann: guten Tag, Vetter, guten Morgen,
Bas'. Wenn nur der Ohm eins von den Kindern mitgebracht htt', da knnt' ich
viel besser reden, und knnte auch Alles besser erkundschaften. O wie ist das
Alles auf Einmal so schwer ...
    Amrei setzte sich nieder am Baum und ein Buchfink kam dahergetrippelt,
pickte sich ein Krnchen auf, schaute sich um und flog davon. Ueber das Gesicht
Amrei's kroch Etwas, sie wischte es ab. Es war ein Abgottskfer. Sie lie ihn
auf ihrer Hand herumkriechen, zwischen Berg und Thal ihrer Finger, bis er auf
die Spitze des Fingers kam und davon flog. Was der wohl erzhlen wird, wo er
gewesen sei, dachte Amrei, und so ein Thierchen hat es gut: wo es hinfliegt,
ist es daheim. Und horch! wie die Lerchen singen, die haben's gut, die brauchen
sich nicht zu besinnen was sie zu sagen und was sie zu thun haben. Und dort
treibt der Metzger mit seinem Hund ein Kalb aus dem Dorfe. Der Metzgerhund hat
eine ganz andere Stimme als die Lerche ...
    Wohin mit dem Fllen? rief der Kohlenmathes aus dem Fenster einem jungen
Burschen zu, der ein schnes junges Fllen am Halfter fhrte.
    Der Rodelbauer hat's verkauft, lautet die Antwort, und bald wieherte das
Fllen weiter unten im Thale. Amrei, die das hrte, mute wiederum denken: Ja,
so ein Thier verkauft man von der Mutter weg und die Mutter wei es kaum; und
wer's bezahlt, der hat's eigen; aber einen Menschen kann man nicht kaufen und
wer nicht will, fr den giebt's kein Halfter. Und dort kommt jetzt der
Rodelbauer mit seinen Pferden, und das groe Fllen springt nebenher. Du wirst
auch bald eingespannt. Und vielleicht wirst du auch verkauft. Ein Mensch wird
nicht gekauft, er verdingt sich blos. So ein Thier kriegt fr seine Arbeit
keinen andern Lohn als Essen und Trinken und braucht auch sonst nichts, aber ein
Mensch kriegt noch Geld dazu als Lohn. Ja, ich kann jetzt Magd sein und von
meinem Lohn thue ich den Dami in die Lehre, er will ja auch Maurer werden. Und
wenn wir beim Ohm sind, ist der Dami nicht mehr so mein wie jetzt. Und horch,
jetzt fliegt der Staar heim, da oben in's Haus, das ihm noch der Vater
hergerichtet und er singt noch einmal lustig. Und der Vater hat das Haus aus
alten Brettern gemacht. Ich wei noch, wie er gesagt hat, da ein Staar nicht in
ein Haus von neuen Brettern zieht, und so ist mir's auch ... Du Baum, jetzt wei
ich's: wenn du rauschest, so lange ich heute noch da bin, so bleibe ich da. ...
Und Amrei horchte tief auf. Bald war's ihr, als rauschte der Baum, dann aber sah
sie nach den Zweigen und diese waren unbewegt, sie wute nicht mehr was sie
hrte.
    Mit lrmendem Geschnatter kam es jetzt herbei und eine Staubwolke ging
voraus. Es war die Gnseheerde, die vom Holderwasen hereinkam. Amrei ahmte vor
sich hin lange das Geschnatter nach.
    Die Augen fielen ihr zu, sie war eingeschlummert.
    Ein ganzer Frhling von Blthen war aufgebrochen in dieser Seele und die
Blthenbume im Thale, die den Nachtthau einsogen, schickten ihre Dfte hinber
zu dem Kinde, das eingeschlafen war auf der Heimatherde, von der es sich nicht
trennen konnte.
    Es war schon lange Nacht als sie erwachte und eine Stimme rief: Amrei, wo
bist du? Sie richtete sich auf und antwortete nicht. Sie schaute verwundert
nach den Sternen, und es war ihr, als ob diese Stimme vom Himmel kme; erst als
sich der Ruf wiederholte, erkannte sie den Ton der Marann' und antwortete: Da
bin ich! Und jetzt kam die schwarze Marann' und sagte: O das ist gut, da ich
dich gefunden habe. Im ganzen Dorf sind sie wie nrrisch. Der Eine sagt: er habe
dich im Wald gesehen; der Andere ist dir im Feld begegnet, wie du jammernd dahin
gerannt bist und auf keinen Ruf dich umgekehrt hast. Und mir ist's gewesen als
wenn du in den Teich gesprungen wrst. Brauchst dich nicht zu frchten, du armes
Kind, brauchst nicht davon zu laufen. Es kann dich Niemand zwingen, da du mit
deinem Ohm gehst.
    Wer hat denn gesagt, da ich nicht will?
    Pltzlich fuhr ein rascher Windhauch durch den Baum, da er mchtig
rauschte.
    Und freilich will ich nicht! schlo Amrei und hielt die Hand an den Baum.
    Komm heim, es bricht ein arges Wetter los, der Wind wird's gleich da
haben, drngte die schwarze Marann'.
    Wie taumelnd ging Amrei mit der schwarzen Marann' in's Dorf hinein. Was war
denn das, da die Menschen sie durch Feld und Wald irrend gesehen haben wollten
oder sprach das nur die Marann'? Die Nacht war stockdunkel und nur pltzlich
leuchteten rasche Blitze und lieen die Huser im hellen Tageslicht erscheinen,
so da das Auge geblendet wurde und man stillstehen mute, und war der Blitz
verschwunden, so sah man gar nichts mehr. Im eigenen Heimatsdorf waren die
Beiden wie in der Fremde verirrt und schritten nur unsicher vorwrts. Dazu
wirbelte ein Staub auf, so da man vor Betubung fast nicht vom Fleck kam; in
Schwei gebadet arbeiteten sie sich vorwrts und kamen endlich unter schwer
fallenden Tropfen an ihrer Behausung an.
    Ein Windsto ri die Hausthr auf und Amrei sagte:
    Thu' dich auf.
    Sie mochte an ein Mhrchen gedacht haben, wo sich auf ein Rthselwort das
Zauberschlo aufthut.

                            5. Auf dem Holderwasen.


Als am andern Morgen der Ohm kam, erklrte ihm Amrei, da sie dableibe. - Es lag
eine seltsame Mischung von Bitterkeit und Wohlwollen darin als der Ohm sagte:
Freilich du artest deiner Mutter nach, und die hat nie Etwas von uns wissen
wollen; aber ich kann den Dami allein nicht mitnehmen, wenn er auch ginge. Der
kann noch lange nichts als Brod essen; du httest es auch verdienen knnen.
    Amrei entgegnete, da sie das vor der Hand hier zu Lande wolle, und da sie
mit ihrem Bruder ja spter, wenn der Ohm noch so gut gesinnt bleibe, zu ihm
kommen knne.
    In der Art, wie nun der Ohm seine Theilnahme fr die Kinder ausdrckte,
wurde der Entschlu Amrei's wieder etwas schwankend, aber sie wagte das nicht
kund zu geben; sie sagte nur: Gret mir auch Eure Kinder und saget ihnen, da
es mir recht hart ist, da ich meine nchsten Anverwandten gar nie gesehen hab',
und da sie jetzt weit ber's Meer ziehen und ich sie jetzt vielleicht mein
Lebenlang nicht mehr sehe.
    Der Ohm machte sich rasch auf und gab Amrei nur noch den Auftrag, den Dami
von ihm zu gren, er habe keine Zeit mehr, ihm Lebewohl zu sagen.
    Er ging davon.
    Als bald darauf Dami kam und die Abreise des Ohms erfuhr, wollte er ihm
nachrennen und selbst Amrei war fast entschlossen dazu; aber sie bezwang sich
wieder, dem nicht nachzugeben. Sie redete und that, als ob Jemand ihr jedes Wort
und jede Regung befohlen htte, und doch schweiften ihre Gedanken fort die Wege
nach, die jetzt der Ohm ging. Sie ging mit ihrem Bruder Hand in Hand durch das
Dorf und nickte allen Leuten zu, die ihr begegneten. Sie war ja jetzt erst
wieder zu Allen zurckgekehrt. Man hatte sie ja forrtreien wollen und sie
meinte, alle Anderen mten ebenso froh sein wie sie selber; aber sie merkte
bald, da man sie nicht nur gern gehen lie, sondern da man ihr sogar zrnte,
weil sie nicht gegangen war. Der Krappenzacher machte ihr die Augen auf, indem
er sagte: Ja Kind, du hast einen Trotzkopf und das ganze Dorf ist dir bs, weil
du dein Glck mit Fen von dir gestoen hast. Wer wei, ob's ein Glck gewesen
wr', aber sie nennen's jetzt so, und wer dich ansieht, rechnet dir vor, was du
Alles aus der Gemeinde hast. Darum mach', da du bald aus dem ffentlichen
Almosen kommst.
    Ja was soll ich machen?
    Die Rodelbuerin mchte dich gern in Dienst nehmen, aber der Bauer will
nicht.
    Amrei mochte fhlen, da sie sich fortan doppelt tapfer halten msse, damit
sie kein Vorwurf treffe, weder von sich noch von Andern, und sie fragte daher
abermals: Wisset Ihr denn gar Nichts?
    Freilich, du mut dich nur vor Nichts scheuen als vor'm Betteln. Hast denn
nicht gehrt, da der nrrische Fridolin gestern der Kirchbuerin zwei Gnse
todtgeschlagen hat? Der Ganshirtendienst wr' jetzt leer und ich rathe dir, nimm
du ihn.
    Das war nun bald geschehen und am Mittag trieb Amrei die Gnse auf den
Holderwasen, wie man den Weideplatz auf der kleinen Anhhe beim Hungerbrunnen
nannte. Dami half der Schwester getreulich dabei.
    Die schwarze Marann' war inde sehr unzufrieden mit dieser neuen Bedienstung
und behauptete, wohl nicht mit Unrecht: Es geht Einem sein Leben lang nach,
wenn man so einen Dienst gehabt hat; die Leute vergessen's Einem nie und sehen
Einen immer drauf an, und es besinnt sich Jedes, dich einmal in Dienst zu
nehmen, weil es heien wird: das ist ja die Gnsehirtin; und wenn man dich auch
aus Barmherzigkeit nimmt, kriegst du schlechten Lohn und schlechte Behandlung,
da heit es immer, das ist gut genug fr die Gnsehirtin.
    Das wird nicht so arg sein, erwiderte Amrei, und Ihr habt mir ja viel
hundert Geschichten erzhlt wie eine Gnsehirtin Knigin geworden ist.
    Das war in alten Zeiten. Aber wer wei, du bist noch von der alten Welt;
manchmal ist mir's gar nicht, als wrst du ein Kind, wer wei, du alte Seele,
vielleicht geschieht dir noch ein Wunder.
    Der Hinweis, da sie noch nicht auf der untersten Stufe der Ehrenleiter
gestanden, sondern da es noch etwas gebe, wodurch sie herabsteige, machte Amrei
pltzlich stutzig. Fr sich selber eroberte sie nichts weiter daraus, aber sie
duldete es fortan nicht mehr, da Dami mit ihr die Gnse htete. Er war ein
Mann, er sollte einer werden, und ihm konnte es schaden, wenn man ihm einst
nachsagte, da er vormals die Gnse gehtet habe. Aber mit allem Eifer konnte
sie ihm das nicht klar machen, und er trutzte mit ihr; denn so ist es immer:
gerade an dem Punkt, wo das Verstndni aufhrt, beginnt eine innere
Verdrossenheit. Die innere Unmacht bersetzt sich gern in die Einbildung uern
Unrechts und erfahrener Krnkung.
    Dami bekam inde auch bald ein Amt. Er wurde von seinem Pfleger, dem
Rodelbauer, als Vogelscheuche benutzt: er durfte im Baumgarten des Rodelbauern
den ganzen Tag die Rassel drehen, um die Sperlinge von den Frhkirschen und aus
den Salatbeeten zu verscheuchen, aber gab das Amt, das ihn Anfangs als Spiel
vergngt hatte, bald wieder auf.
    Es war ein frhliches aber auch ein mhsames Amt, das Amrei bernommen
hatte, besonders war es ihr oft schwer, da sie Nichts zu machen wute, wodurch
sie die Thiere an sich fesselte. Ja, sie waren kaum von einander zu
unterscheiden. Und es war nicht uneben, was ihr einst die schwarze Marann', als
sie aus dem Moosbrunnenwalde kam, darber sagte: Die Thiere, die in Heerden
leben, sind alle Jedes fr sich allein dumm.
    Und ich mein' auch, setzte Amrei fort, die Gnse sind dewegen dumm, weil
sie zu vielerlei knnen; sie knnen schwimmen und laufen und fliegen, sind aber
nicht im Wasser, nicht auf dem Boden und nicht in der Luft recht daheim und das
macht sie dumm.
    Ich bleib' dabei, entgegnete die schwarze Marann', in dir steckt noch ein
alter Einsiedel.
    In der That bildete sich auch ein einsiedlerisches Trumen in Amrei aus,
seltsam durchzogen von allerlei heller Lebensberechnung. Wie sie bei allem
Trumen und Betrachten emsig fortstrickte und keine Masche fallen lie, und wie
hier an der Ecke beim Holzbirnenbaum der betubende Nachtschatten und die
erfrischende Erdbeere so nahe beieinander wachsen, da sie fast aus derselben
Wurzel zu sprossen scheinen, so waren klares Ausschauen und trumerisches
Hindmmern im Herzen des Kindes nahe beisammen.
    Der Holderwasen war kein einsam abgelegener Platz, den die stille
Mrchenwelt, draus es glimmt und glitzert, gern heimsucht. Mitten durch den
Holderwasen fhrte ein Feldweg nach Endringen und nicht weit davon standen die
verschiedenfarbigen Grenzpfhle mit den Wappenschildern zweier Herren, deren
Lnder hier an einander stieen. Mit Ackerfuhrwerk allerlei Art zogen hier die
Bauern vorber, und Mnner, Frauen und Mdchen gingen hin und her mit Hacke,
Sense und Sichel. Die Landjger der beiden Lnder kamen auch oft vorber und der
Flintenlauf glitzerte von fernher und noch weit nach. Ja Amrei wurde fast immer
vom Endringer Landjger begrt, wenn sie am Wege sa, und sie sollte manchmal
Auskunft geben ob nicht Dieser oder Jener hier vorbeigekommen sei; aber sie
wute nie Bescheid, vielleicht auch verhehlte sie ihn aus jener innern Abneigung
des Volkes und besonders der Dorfkinder, denen die Landjger fr allzeit
gewaffnete Feinde der Menschheit erscheinen, die da umgehen und suchen wen sie
verschlingen.
    Der Theisles-Manz, der hier am Weg die Steine klopfte, redete fast kein Wort
mit Amrei; er ging verdrossen von Steinhaufen zu Steinhaufen und sein Klopfen
war noch unaufhrlicher als das Picken des Spechts im Moosbrunnenwald und
gehrte mit zu dem Schrillen und Zirpen der Heuschrecken in den nahen Wiesen und
Kleefeldern.
    Ueber alles menschliche Getriebe hinweg wurde Amrei doch oft in's Reich der
Trume getragen. Frei schwang sich ihre Seele hinauf und wiegte sich in
ungemessenen Bezirken. Wie die Lerchen in der Luft singen und jubeln und Nichts
davon wollen: wo ist die Grenze des Ackers von Diesem und Jenem? ja wie sie sich
hinwegschwingen ber die Grenzpfhle ganzer Lnder, so wute die Seele des
Kindes Nichts mehr von den Schranken, die das beengte Leben der Wirklichkeit
setzt. Das Gewohnte wird zum Wunder, das Wunder wird zum Alltglichen. Horch!
wie der Kukuck ruft! Das ist das lebendige Echo des Waldes, das sich selbst ruft
und antwortet; und jetzt sitzt der Vogel ber dir im Holzbirnenbaum, darfst aber
nicht aufschauen, sonst fliegt er fort. Wie er so laut ruft, so unermdlich! wie
weit das tnt, wie weit man das hrt! der kleine Vogel hat eine strkere Stimme
als ein Mensch. Setz' dich auf den Baum, ahme ihm nach, man hrt dich nicht so
weit als den faustgroen Vogel. Still, vielleicht ist es doch ein verzauberter
Prinz und pltzlich fngt er an zu reden. Ja, gieb du mir nur Rthsel auf, la
mich nur besinnen, ich finde schon die Auflsung und dann erlse ich dich, und
wir ziehen in dein goldenes Schlo und nehmen die schwarze Marann' und den Dami
mit und der Dami heirathet die Prinzessin, deine Schwester; und wir lassen der
schwarzen Marann' ihren Johannes in der ganzen Welt suchen und wer ihn findet,
kriegt ein Knigreich. Ach, warum ist denn das Alles nicht wahr? und warum hat
man denn das Alles ausgedacht, wenn es nicht wahr ist?
    Whrend die Gedanken Amrei's ber alle Grenzen hinausgegangen waren, fhlten
sich auch die Gnse unbeschrnkt und thaten sich gtlich an benachbarten Klee-
oder gar Gersten- und Haferckern. Aus ihren Trumen erwachend scheuchte dann
Amrei mit schwerer Mhe die Gnse wieder zurck, und wenn diese Freibeuter bei
ihrem Regimente angekommen waren, wuten sie gar viel zu erzhlen von dem
gelobten Lande, wo sie sich gtlich gethan; da war des Erzhlens und Schnatterns
kein Ende und noch lange sprach da und dort eine Gans wie trumend ein
bedeutsames Wort vor sich hin und da und dort steckte eine den Schnabel unter
den Flgel und trumte in sich hinein. Und wieder trug es Amrei hinauf. Schau,
dort fliegen die Vgel, kein Vogel in der Luft strauchelt, auch die Schwalbe
nicht in ihrem Kreuzfluge; immer sicher, immer frei. O! wer nur auch fliegen
knnte! Wie mte die Welt aussehen von da oben, wo die Lerche ist. Juchhe!
Immer hher, immer hher und weiter und weiter! Ich fliege in die weite Welt zu
der Landfriedbuerin, und sehe was sie macht und frage, ob sie noch mein
gedenkt.

Gedenkst du mein in fernen Landen?

So sang Amrei pltzlich aus all dem Denken, Schwirren und Sinnen heraus. Und ihr
Athem, der beim Gedanken des Fluges tiefer und rascher gegangen war, als schwebe
sie schon wirklich in hherer Luftschicht, wurde wieder ruhig und gemessen.
    Aber nicht immer glhten die Wangen in wachen Trumen, nicht immer leuchtete
die Sonne hell in die offenen Blthen und in die wogende Saat. Noch im Frhling
kamen jene nakalten Tage, in denen die Blthenbume wie frierende Fremdlinge
stehen und Tagelang lt sich die Sonne kaum blicken und ein starres Frsteln
geht durch die Natur, nur bisweilen unterbrochen vom Aufzucken eines Windstoes,
der Blthen von den Bumen reit und forttrgt. Die Lerche allein jubilirt noch
in den Lften, wohl ber den Wolken, und der Fink stt seinen klagenden Ton aus
vom Holzbirnenbaum, an dessen Stamm gelehnt Amrei steht. Der Theisles-Manz hat
sich weiter unten beim rothangestrichenen hlzernen Kreuz unter die Linde
gestellt und jetzt in streifweisen Schttern prasselt der Hagel hernieder, und
die Gnse strecken die Schnbel empor, wie man sagt, damit es ihnen das weiche
Hirn nicht einschlage; aber da drben hinter Endringen ist's schon hell und die
Sonne bricht bald hervor, und die Berge, der Wald, die Felder, Alles sieht aus
wie ein Menschenantlitz, das sich ausgeweint hat und nun hellglnzend in Freude
strahlt. Die Vgel in der Luft und von den Bumen jubeln und die Gnse, die sich
im Wetterschauer zusammengedrngt und die Schnbel verwundert aufgestreckt
hatten, wagen sich wieder auseinander, und grasen und schnattern und besprechen
das vorbergegangene Ereigni mit der jungen flaumweichen Brut, die dergleichen
noch nicht erlebt hat.
    Gleich nachdem Amrei vom ersten Unwetter berfallen worden war, hatte sie
fr knftige Flle Vorsorge getroffen. Sie trug von nun an immer einen leeren
Kornsack, den sie noch vom Vater ererbt hatte, mit hinaus auf den Ganstrieb.
Zwei gekreuzte Aexte mit dem Namen des Vaters waren noch deutlich auf dem Sack
abgemalt, und bei Gewittern deckte sie sich mit dem Sacke zu und wickelte sich
fast hinein; da sa sie dann wie unter einem schtzenden Dach und schaute hinein
in den unfabaren wilden Kampf am Himmel. Ein kalter Schauer, der in Wehmuth
berging, wollte sich gar oft ihrer bemchtigen, sie wollte weinen ber ihr
Schicksal, das sie so allein, verlassen von Vater und Mutter, hinaus gestellt;
aber sie gewann schon frh eine Kunst und eine Kraft, die sich schwer lernt und
bt: die Thrnen hinabwrgen. Das macht die Augen frisch und doppelt hell mitten
in allem Trbsal und aus ihm heraus.
    Amrei bezwang ihre Wehmuth besonders in Erinnerung an einen Spruch der
schwarzen Marann': wer nicht will, da ihm die Hnde frieren, mu eine Faust
machen. Amrei that so, geistig und krperlich, sah trotzig in die Welt hinein
und bald kam Heiterkeit ber ihr Antlitz; sie freute sich der prchtigen Blitze
und ahmte leise vor sich den Donner nach. Die Gnse, die sich wieder
zusammengeduckt hatten, schauten wieder seltsam drein, sie hatten's aber doch
gut: alle Kleider, die sie brauchen, sind ihnen auf den Leib gewachsen und fr
das was man ihnen im Frhling ausgerupft hat, ist schon wieder anders da, und
jetzt da das Wetter vorber ist, jubelt wieder Alles in der Luft und auf den
Bumen und die Gnse machen sich's im warmen Sonnenschein bequem, sie setzen
sich nieder und fressen sitzend das neugewrzte Gras im Umkreise.
    Von dem tausendfltigen Sinnen, das in Amrei lebte, erhielt nur die schwarze
Marann' bisweilen Kunde, wenn sie vom Wald kommend ihre Holzlast und ihren Sack
mit gefangenen Maikfern und Wrmern bei der Hirtin abstellte. Da sagte Amrei
eines Tages: Bas', wisset ihr auch warum der Wind weht?
    Nein, weit denn du's?
    Ja, ich hab's gemerkt. Gucket, Alles was wchst mu sich umthun. Der Vogel
da fliegt, der Kfer da kriecht, der Has', der Hirsch, das Pferd und alle Thiere
die laufen, und der Fisch schwimmt und der Frosch auch, und da steht der Baum
und das Korn und das Gras und das kann nicht fort und soll doch wachsen und sich
umthun, und da kommt der Wind und sagt: bleib' du nur stehen, ich will dich
schon umthun, so. Siehst du, wie ich dich drehe und wende und biege und
schttle? Sei froh, da ich komm', du mtest sonst verhocken und es wrde
nichts aus dir; es thut dir gut, wenn ich dich md mache, du wirst es schon
spren.
    Die schwarze Marann' sagte darauf nichts weiter als ihren gewohnten Spruch:
Ich bleibe dabei, in dir steckt die Seele von einem alten Einsiedel.
    Nur einmal half die Marann' den stillen Betrachtungen der Amrei auf eine
andere Spur.
    Die Wachtel schlug bereits im hohen Roggenfeld und neben Amrei sang fast
einen ganzen Tag unaufhrlich eine Feldlerche am Boden, sie wanderte hin und her
und sang immer so innig, so in's tiefste Herz hinein, es war wie ein Saugen der
Lebenslust. Das klang noch viel schner als die Tne der Himmelslerche, die sich
aufschwingt in die Luft, und oftmals kam der Vogel ganz nahe und Amrei sagte
fast laut vor sich hin: Warum kann ich dir's nicht sagen, da ich dir nichts
thun will? bleib' nur da! Aber der Vogel war scheu und versteckte sich immer
wieder. Und Amrei sagte schnell berlegt vor sich hin: Es ist doch wieder gut,
da die Vgel scheu sind; man knnte ja sonst die diebischen Sperlinge nicht
vertreiben. Als am Mittag die Marann' kam, sagte Amrei: Ich mcht' nur wissen,
was so ein Vogel den lieben langen Tag zu sagen hat, und er schwtzt sich gar
nicht aus.
    Darauf erwiderte die Marann': Schau, so ein Thierlein kann nichts bei sich
behalten und in sich hinein reden, im Menschen aber spricht sich auch immer
etwas in ihm fort, das hrt auch nie auf, aber es wird nicht laut; da sind
Gedanken, die singen, weinen und reden, aber ganz still, man hrt's selber kaum;
so ein Vogel aber, wenn er zu singen aufgehrt hat, ist fertig und frit oder
schlft.
    Als die schwarze Marann' mit ihrer Holztraget fortging, schaute ihr Amrei
lchelnd nach: Die ist jetzt ein stillsingender Vogel, dachte sie und Niemand
als die Sonne sah wie das Kind noch lange vor sich hinlchelte.
    Tag auf Tag lebte Amrei so dahin, stundenlang konnte sie trumerisch
zusehen, wie der Schatten vom Gezweige des Holzbirnenbaums sich von dem Winde
auf der Erde bewegte, da die dunkeln Punkte wie Ameisen durcheinanderkrochen;
dann starrte sie wieder auf eine feststehende Wolkenbank, die am Himmel glnzte,
oder auf jagende flchtige Wolken, die einander fortschoben. Und wie drauen im
weiten Raum, so standen und jagten, stiegen und zerflossen auch in der Seele des
Kindes allerlei Wolkenbilder, unfalich und nur vom Augenblick Dasein und
Gestalt empfangend. Wer aber wei, wie die Wolkenbildungen drauen in der Weite
und im engen Herzensraum zerflieen und sich wandeln?
    Wenn der Frhling anbricht ber der Erde, du kannst nicht fassen all das
tausendfltige Keimen und Sprossen auf dem Grund, all das Singen und Jubeln auf
den Zweigen und in den Lften. Eine einzige Lerche fasse fest mit Aug und Ohr,
sie schwingt sich auf, eine Weile siehst du sie noch wie sie die Flgel schlgt,
eine Weile unterscheidest du sie noch als dunkeln Punkt, dann aber ist sie
verschwunden dem Auge und auch dem Ohr. Du hrst nur noch ein Singen und weit
nicht von wannen es kommt. Und knntest du nur einer einzigen Lerche im freien
Raum einen ganzen Tag lauschen, du wrdest hren, da sie am Morgen, am Mittag
und am Abend ganz anders singt; und knntest du ihr nachspren vom ersten
zaghaften Frhlingsjauchzen an, du wrdest hren, wie ganz andere Tne sie im
Frhling, im Sommer und im Herbst in ihren Gesang mischt. Und schon ber den
ersten Stoppelfeldern singt eine neue Lerchenbrut.
    Und wenn der Frhling anbricht in einem Menschengemthe, wenn die ganze Welt
sich aufthut, vor ihm, in ihm, du kannst die tausend Stimmen, die es umflieen,
das tausendfltige Knospen auf dem Grunde und wie es immer weiter gedeiht, nicht
fassen und festhalten. Du weit nur noch, da es singt, da es sprot.
    Und wie still lebt sich's dann wieder, wie eine festgewurzelte Pflanze. Da
ist der Wiesenzaun beim Holzbirnenbaum, die Schlehen blhen frh auf und werden
nur selten zeitig. Und welch eine schne Blthe hatte die Mehlbeere, wie krftig
duftete das und jetzt sind schon kleine Birnen daraus geworden und schon frben
sie sich roth und auch die giftige Eimbeere beginnt schon schwarz zu werden. Es
kommen jene hellen, schnittreifen Erntetage, wo der Himmel so wolkenlos blau,
da man oft den ganzen Tag den Mond wie ein feingezirkeltes Wlkchen am Himmel
sieht. Drauen in der Natur und im Menschengemth ist es wie leises
Athemanhalten vor einem Ziele.
    Das war bald ein Leben auf dem Wege, der durch den Holderwasen fhrt!
Schnellrasselnd fuhren die leeren Leiterwagen dahin und darauf saen Frauen und
Kinder und lachten, auf- und niedergehoben vom Schttern des Wagens wie vom
Lachen, und dann fuhren die garbenbeladenen Wagen leise und nur manchmal
krchzend heimwrts und Schnitter und Schnitterinnen gingen nebenher.
    Amrei hatte von der reichen Ernte fast nicht mehr als ihre Gnse, die sich
manchmal in kecker Zudringlichkeit an die beladenen Wagen herandrngten und eine
herunterhngende Aehre abrauften.
    Wenn das erste Stoppelfeld drauen im Feldgebreite sich aufthut, kommt bei
aller Freude ber den eingeheimsten Erntesegen doch auch ein gewisses Bangen in
das Menschengemth: die Erwartung ist Erfllung geworden, und wo alles so wogend
stand, wird es nun kahl. Die Zeit wandelt sich. Der Sommer wendet sich zur
Neige.
    Der Brunnen auf dem Holderwasen, in dessen Abflu sich die Gnse behaglich
tummelten, hatte das beste Wasser in der Gegend und die Vorberziehenden
versumten selten, an der breiten Rhre zu trinken, whrend ihr Zugvieh inde
vorauslief; sich den Mund abwischend und den Davongeeilten nachschreiend lief
man ihm dann nach. Andere trnkten vom Feld heimkehrend hier Zugvieh.
    Amrei erwarb sich die Gunst vieler Menschen durch einen kleinen irdenen
Topf, den sie sich von der schwarzen Marann' erbettelt hatte, und so oft nun ein
Vorberziehender sich nach dem Brunnen begab, kam Amrei herbei und sagte: Da
knnet Ihr besser trinken. Bei Rckgabe des Topfes ruhte mancher freundliche
Blick bald lnger bald krzer auf ihr und das that ihr so wohl, da sie fast
bse wurde, wenn Leute vorbergingen ohne zu trinken. Sie stand dann mit ihrem
Topfe beim Brunnen, lie voll laufen und go aus und wenn all dieses
Zeichengeben nichts half, berraschte sie die Gnse mit einem unverhofften Bade
und berschttete sie.
    Eines Tages kam ein Bernerwgelein mit zwei stattlichen Schimmeln daher
gefahren, ein breiter oberlndischer Bauer nahm den Doppelsitz fast vllig ein.
Er hielt am Weg und fragte:
    Mdle! hast du nichts, da man da trinken kann?
    Freilich, ich hol' schon. Behend brachte Amrei ihr Gef voll Wasser
herbei.
    Ah! sagte der Oberlnder, nachdem er einen guten Zug gethan und absetzte,
und mit triefendem Munde fuhr er dann, halb in den Krug hinein sprechend, fort:
Es giebt doch in der ganzen Welt kein solches Wasser mehr.
    Er setzte wieder an und winkte dabei Amrei, da sie still sein solle, denn
er hatte eben wieder mchtig zu trinken begonnen, und es gehrt zu den besondern
Unannehmlichkeiten, whrend des Trinkens angesprochen zu werden. Man trinkt in
Hast und sprt ein Drcken davon.
    Das Kind schien das zu verstehen und erst nachdem der Bauer den Krug
zurckgegeben, sagte es:
    Ja, das Wasser ist gut und gesund, und wenn Ihr Eure Pferde trnken wollt,
fr die ist es besonders gut; sie kriegen keinen Strngel.
    Meine Gul' sind hei und drfen jetzt nicht saufen. Bist du von
Haldenbrunn, Mdle?
    Freilich!
    Und wie heit du?
    Amrei.
    Und wem gehrst du?
    Niemand mehr. Mein Vater ist der Josenhans gewesen.
    Der Josenhans, der beim Rodelbauer gedient hat?
    Ja!
    Hab' ihn gut gekannt. Ist hart, da er so frh hat sterben mssen. Wart',
Kind, ich geb' dir was. Er holte einen groen Lederbeutel aus der Tasche,
suchte lange darin und sagte endlich: Sh! da nimm!
    Ich will nichts geschenkt, ich danke, ich nehm' nichts.
    Nimm nur, von mir kannst schon nehmen. Ist nicht der Rodelbauer dein
Pfleger?
    Ja wohl.
    Htt' auch was Gescheiteres thun knnen, als dich zur Ganshirtin zu machen.
Beht dich Gott!
    Fort rollte der Wagen und Amrei hielt eine Mnze in der Hand.
    Von mir kannst schon nehmen ... Wer ist denn der Mann, da er das sagt, und
warum gibt er sich nicht zu erkennen? Ei das ist ein Groschen, da ist ein Vogel
drauf. Nun, er wird nicht arm davon und ich nicht reich.
    Den ganzen Tag bot Amrei keinem Vorberziehenden mehr ihren Topf an. Sie
hatte eine geheime Scheu, da sie wieder beschenkt werden knnte.
    Als sie am Abend heim kam, sagte ihr die schwarze Marann', da der
Rodelbauer nach ihr geschickt habe, sie solle gleich zu ihm kommen.
    Amrei eilte zu ihm und der Rodelbauer sagte zu ihr beim Eintritt:
    Was hast du dem Landfriedbauer gesagt?
    Ich kenne keinen Landfriedbauer.
    Er ist ja heut bei dir gewesen auf dem Holderwasen und hat dir was
geschenkt.
    Ich hab' nicht gewut wer es ist und da ist sein Geld noch.
    Das geht mich nichts an. Sag offen und ehrlich du Teufelsmdle: habe ich
dir zugeredet, da du Ganshirtin werden sollst? Und wenn du es nicht noch heut'
am Tage aufgiebst, bin ich dein Pfleger nicht mehr. Ich lasse mir so was nicht
nachsagen.
    Ich werde allen Menschen berichten, da Ihr nicht dran Schuld seid; aber
den Dienst aufgeben, das kann ich nicht, den Sommer ber wenigstens bleib' ich
dabei. Ich mu ausfhren, was ich angefangen hab'.
    Du bist ein hagebchenes Gewchs, schlo der Bauer und verlie die Stube;
die Buerin aber, die krank im Bette lag, rief: Du hast Recht, bleib' nur so,
ich prophezeie dir's, da dir's noch gut geht. Man wird noch in hundert Jahren
von Einem, das Glck hat, im Dorfe sagen: Dem geht's wie des Brosi's Severin und
wie des Josenhansen Amrei. Dir fllt dein trocken Brod noch in den Honigtopf.
    Die kranke Rodelbuerin galt fr berhirnt; und von einer wahren
Gespensterfurcht gepackt, eilte Amrei davon, ohne eine Antwort zu geben.
    Der schwarzen Marann' erzhlte Amrei, da ihr ein Wunder geschehen sei: der
Landfriedbauer, an dessen Frau sie oft denke, habe mit ihr geredet, sich ihrer
beim Rodelbauer angenommen und ihr Etwas geschenkt. Sie zeigte nun das
Geldstck. Da rief die Marann' lachend:
    Ja, das htt' ich von selbst errathen, da das der Landfriedbauer gewesen
ist. Das ist der Aechte! Schenkt der dem armen Kind einen falschen Groschen!
    Warum ist er denn falsch? fragte Amrei und Thrnen schossen ihr in die
Augen.
    Das ist ein abschtziger Vgeles-Groschen, der ist nur anderthalb Kreuzer
werth.
    Er hat mir eben nur anderthalb Kreuzer schenken wollen, sagte Amrei
trotzig. Und hier zum Erstenmal zeigte sich ein innerer Widerspruch Amrei's mit
der schwarzen Marann'. Diese freute sich fast ber jede Boshaftigkeit, die sie
von den Menschen hrte, Amrei dagegen legte gern Alles zum Guten aus, sie war
immer glcklich, und so sehr sie sich auch in der Einsamkeit in Trume verlor,
sie erwartete doch in der That Nichts; sie war berrascht von Allem was sie
bekam und war stets dankbar dafr.
    Er hat mir nur anderthalb Kreuzer schenken wollen, nicht mehr, und das ist
genug und ich bin zufrieden. Das sagte sie noch oft herb vor sich hin, whrend
sie einsam ihre Suppe a, als sprche sie noch mit der Marann', die gar nicht in
der Stube war und unterde ihre Ziege molk.
    Noch in der Nacht nhte sich Amrei zwei Flicken zusammen und den Groschen
dazwischen, hing das wie ein Amulett um den Hals und verbarg es an der Brust. Es
war, als ob der geprgte Vogel auf der Mnze allerlei in der Brust, darauf er
ruhte, wecke; denn voll innerer Lust sang und summte Amrei allerlei Lieder,
Tagelang vom Morgen bis zum Abend, und dabei dachte sie immer wieder hinaus zu
dem Landfriedbauer; sie kannte jetzt den Bauer und die Buerin und hatte von
Beiden ein Andenken, und es war ihr immer, als liee man sie nur noch eine Weile
da, dann kommt wieder das Bernerwgelein mit den zwei Schimmeln, drinn sitzen
die Bauersleute und holen sie ab und sagen: Du bist unser Kind; denn gewi
erzhlt jetzt der Bauer daheim von dem Begegni mit ihr.
    Mit seltsamen Blicken starrte sie oft in den Herbsthimmel, er war so hell,
so wolkenrein; und auf der Erde, da sind die Wiesen noch so grn und der Hanf
liegt zum Drren darber gebreitet wie ein feines Netz, die Zeitlosen schauen
dazwischen auf und die Raben fliegen darber hin und ihr schwarzes Gefieder
glitzert hell im Sonnenglanz; kein Luftzug weht, die Khe weiden auf den
Stoppelckern, Peitschenknallen und Singen tnt von allen Aeckern und der
Holzbirnenbaum schauert still in sich zusammen und schttelt die Bltter ab. Der
Herbst ist da.
    So oft Amrei jetzt Abends heimkehrte, schaute sie die schwarze Marann'
fragend an, sie meinte, diese msse ihr sagen, da der Landfriedbauer geschickt
habe, um sie abzuholen, und mit schwerem Herzen trieb sie die Gnse auf die
Stoppelfelder, die so entfernt waren vom Weg und immer wieder lenkte sie nach
dem Holderwasen. Aber schon standen die Hecken bltterlos, die Lerchen
zwitscherten kaum mehr in schwerem niederem Fluge, und noch immer kam keine
Nachricht, und Amrei hatte ein tiefes Bangen vor dem Winter, als wie vor einem
Kerker. Sie trstete sich nur mit dem Lohne, den sie jetzt erhielt, und der war
allerdings reichlich. Keine ihrer Untergebenen war gefallen, ja nicht einmal
eine flgellahm geworden. Die schwarze Marann' verkaufte die Federn, die Amrei
gesammelt hatte, zu gutem Preise, und wies Amrei an, sich neben dem bruchlichen
Geldlohn, das gewhnliche Stck Kirchweihkuchen fr jede einzelne Gans, die sie
gehtet, in Brod verwandeln zu lassen. Und so hatten sie fast den ganzen Winter
vollauf Brod, freilich oft sehr altbackenes, aber Amrei hatte, wie die schwarze
Marann' sagte, lauter gesunde Mauszhne, mit denen sie Alles knuppern konnte.

                             6. Die Eigenbrtlerin.


Eine Frau, die ein einsam abgeschiedenes Leben fhrt und sich ihre Nahrung ganz
allein kocht und brt, nennt man eine Eigenbrtlerin und eine solche hat in der
Regel auch noch allerlei Besonderheiten. Niemand hatte mehr Recht und mehr
Neigung eine Eigenbrtlerin zu sein, als die schwarze Marann', obgleich sie nie
Etwas zu braten hatte, denn Habermus und Kartoffeln und Kartoffeln und Habermus
waren ihre einzigen Speisen. Sie lebte immer abgesondert in sich hinein und
verkehrte nicht gern mit den Menschen. Nur gegen den Herbst war sie stets voll
hastiger Unruhe, sie plauderte um diese Zeit viel vor sich hin und redete auch
die Menschen von freien Stcken an, besonders Fremde, die durch das Dorf gingen;
denn sie erkundigte sich, ob die Maurer von da und dort schon zur Winterrast
heimgekehrt seien und ob sie nichts von ihrem Johannes berichtet htten. Wenn
sie die Leinwand, die sie den Sommer ber gebleicht hatte, noch einmal kochte
und auswusch und dabei die ganze Nacht aufblieb, murmelte sie stets vor sich
hin. Man verstand nichts davon, nur der Zwischenruf war deutlich, denn da hie
es: Das ist fr dich und das ist fr mich; sie sprach nmlich tglich zwlf
Vaterunser fr ihren Johannes, aber in der Waschnacht da wurden sie zu
unzhligen. Und wenn der erste Schnee fiel, war sie immer besonders heiter.
Jetzt giebt's keine Arbeit mehr drauen, jetzt kommt er gewi heim. Sie sprach
dann oft mit einer weien Henne im Gitter und sagte ihr, da sie sterben msse,
wenn der Johannes komme.
    So trieb sie's nun schon viele Jahre und die Leute im Dorfe lieen ab, ihr
vorzuhalten, da es nrrisch sei, immer an die Heimkehr des Johannes zu denken,
denn sie war doch nicht zu bekehren und sie wurde den Menschen unheimlich.
    In diesem Herbst wurden es nun achtzehn Jahre, seit der Johannes davon
gegangen war, und jedes Jahr wurde Johann Michael Winkler als verschollen
ausgeschrieben in der Zeitung bis zu seinem fnfzigsten Jahre. Er stand jetzt
gerade im sechs und dreiigsten.
    Im Dorfe ging die Sage, Johannes sei unter die Zigeuner gegangen, und die
Mutter hielt auch einmal einen jungen Zigeuner, der dem Verschollenen auffallend
hnlich sah, fr denselben; er war auch so pfostig (untersetzt), hatte die
gleiche dunkle Gesichtsfarbe und schien es nicht ungern zu haben, da man ihn
fr den Johannes hielt; aber die Mutter hatte ihn auf die Probe gestellt, sie
hatte noch das Gesangbuch und den Corfirmandenspruch des Johannes und wer den
nicht kennt und nicht anzugeben wei, wer seine Pathen sind, und was mit ihm
geschehen ist an dem Tage, als des Brosi's Severin mit der Englnderin ankam und
spter als der neue Rathhausbrunnen gegraben wurde, wer diese und andere
Wahrzeichen nicht kennt, das ist der Falsche. Dennoch beherbergte die Marann'
immer den jungen Zigeuner so oft er in das Dorf kam und die Kinder auf der
Strae schrieen ihm: Johannes! nach.
    Der Johannes wurde als militrpflichtig auch als Ausreier ausgeschrieben
und obgleich die Mutter sagte, da er zu klein und unter dem Maa
durchgeschlpft wre, wute sie doch, da er bei der Heimkehr einer Strafe nicht
entgehe und sie meinte, er kme nur dewegen nicht wieder. Es war nun gar
seltsam, wie sie in einem Athem um das Wohl des Sohnes und um den Tod des
Landesfrsten betete; denn man hatte ihr gesagt, da wenn der regierende Frst
strbe, der Thronfolger beim Regierungsantritt allgemeinen Straferla fr alles
Geschehene verknden werde.
    Jedes Jahr lie sich die Marann' vom Schullehrer das Blatt schenken, in dem
Johannes ausgeschrieben war, und sie legte es zu seinem Gesangbuch; aber dieses
Jahr war es gut, da die Marann' nicht lesen konnte, und der Lehrer schickte ihr
ein anderes Blatt statt des gewnschten. Denn ein seltsames Gemurmel ging durch
das ganze Dorf. Wo Zwei bei einander standen, sprach man davon und da hie es:
Der schwarzen Marann' sagt man nichts. Das bringt sie um. Das macht sie
nrrisch. Es war nmlich ein Bericht des Gesandten aus Paris von einer
Mittheilung aus Algier angekommen, und nun ging durch alle hohen und niederen
Aemter bis zum Gemeinderath die Nachricht: da Johannes Winkler von Haldenbrunn
in Algier bei einem Vorpostengefechte gefallen sei.
    Man sprach im Dorfe viel davon, wie wunderlich es sei, da so viele hohe
Aemter sich jetzt um den todten Johannes so viel bemhten. Aber am Schlusse des
so wohlgeleiteten Berichtestroms hielt man ihn auf. In der Gemeinderaths-Sitzung
wurde beschlossen, da man der schwarzen Marann' nichts davon sage. Es wre
Unrecht, ihr noch die paar Jahre ihres Lebens zu verbittern, indem man ihr den
letzten Trost raube.
    Statt aber die Nachricht geheim zu halten, hatten die Gemeinderthe nichts
Eiligeres zu thun, als es daheim auszuplaudern und nun wute das ganze Dorf
davon bis auf die schwarze Marann' allein. Ein Jeder betrachtete sie mit
seltsamem Blick; man frchtete, sich vor ihr zu verrathen, man redete sie nicht
an, man dankte kaum ihrem Grue. Es bedurfte der ganzen eigenthmlichen Art der
schwarzen Marann', um dadurch nicht verwirrt zu werden. Und sprach ja einmal
Jemand mit ihr und lie sich verleiten vom Tode des Johannes zu reden, so
geschah es nur in jener Weise des Vermuthens und Beschwichtigens, die schon seit
Jahren gng und gbe war, und die Marann' glaubte jetzt eben so wenig daran als
ehedem, denn von dem Todtenschein sprach ja Niemand.
    Es wre wohl besser gewesen, auch Amrei htte nichts davon gewut; aber es
lag ein eigener verfhrerischer Reiz darin, dem Unberhrbaren so nahe als
mglich zu kommen und darum sprach Jedes mit Amrei von dem traurigen Ereigni,
warnte sie, der schwarzen Marann' etwas davon zu sagen und wollte wissen, ob die
Mutter keine Ahnungen, keine Trume habe, ob es nicht umgehe im Hause. Amrei war
immer innerlich voll Zittern und Beben. Sie allein war der schwarzen Marann' so
nahe und hatte Etwas was sie vor ihr verborgen halten mute. Auch die Leute, bei
denen die schwarze Marann' eine Stube zur Miethe hatte, hielten es nicht mehr
aus in ihrer Nhe, und sie bekundeten ihr Mitleid zuerst damit, da sie ihr die
Miethe kndigten. Aber wie seltsam hngen die Dinge im Leben zusammen! Eben
durch dieses Ereigni erfuhr Amrei Leid und Lust, denn das elterliche Haus
ffnete sich ihr wieder; die schwarze Marann' zog in dasselbe und Amrei, die
Anfangs voll Beben darin hin- und herging, und wenn sie Feuer anmachte und wenn
sie Wasser holte, immer glaubte: jetzt msse die Mutter kommen und der Vater,
fand sich doch nach und nach wieder ganz heimisch in demselben. Sie spann Tag
und Nacht, bis sie so viel erbrigt hatte, um vom Kohlenmathes die Kukuksuhr,
die ihren Eltern gehrt hatte, wieder zu kaufen. Jetzt hatte sie doch auch
wieder ein Stck eigenen Hausrath. Aber der Kukuk hatte Noth gelitten in der
Fremde, er hatte die Hlfte seiner Stimme verloren, die andere Hlfte blieb ihm
im Halse stecken; er rief nur noch Kuk, und so oft er das that, setzte Amrei
in der ersten Zeit immer das andere Kuk fast unwillkrlich hinzu. Als Amrei
darber klagte, da die Kukuksuhr nur noch halb tnte und berhaupt nicht mehr
so schn sei wie in ihrer frhen Kindheit, da sagte die Marann':
    Wer wei, wenn man in spteren Jahren das wieder bekme, was Einen in der
Kindheit ganz glcklich gemacht hat, ich glaube, es htte auch nur noch den
halben Schlag wie deine Kukuksuhr. Wenn ich's dich nur lehren knnte, Kind! Aber
so etwas kann man nicht schenken. Es hat mich viel gekostet, bis ich's gelernt
habe: Wnsch' dir nichts von gestern. Viel Schwei, viel Thrnen. Und du wirst's
auch nicht anders kriegen. Hng' dich an Nichts, an keinen Menschen und an keine
Sache, dann kannst du fliegen.
    Die Reden der Marann' waren wild und scheu zugleich und sie kamen nur heraus
in der Dmmerzeit, wie das Wild im Walde.
    Es gelang Amrei nur schwer, sich an sie zu gewhnen.
    
    Die schwarze Marann' konnte das Kukukrufen nicht leiden und hing das
Schlaggewicht an der Uhr ganz aus, so da die Uhr nur noch mit dem Pendelschlag
hin und herpickte, aber keine Stunde mehr laut angab. Der schwarzen Marann' war
das Sprechen der Uhr zuwider, ja sogar das Ticken strte sie und die Uhr blieb
endlich ganz unaufgezogen, denn die Marann' sagte, sie habe allzeit die Uhr im
Kopf und es war in der That wunderbar wie das eintraf. Sie wute zu jeder Minute
anzugeben, wie viel es an der Zeit sei, obgleich ihr das sehr gleichgltig sein
konnte; aber es lag eine besondere Gewecktheit in der Harrenden und wie sie
immer hinaushorchte, um ihren Sohn kommen zu hren, so war sie eigenthmlich
wach, und obgleich sie Niemand im Dorfe besuchte und mit Niemand sprach, wute
sie doch Alles, selbst das Geheimste was im Dorfe vorging. Sie errieth es aus
der Art, wie sich die Menschen begegneten, aus abgerissenen Worten. Und weil
dies wunderbar erschien, war sie gefrchtet und gemieden. Sie bezeichnete sich
selbst gern nach einem landlufigen Ausdruck als eine alterlebte Frau, und
doch war sie uerst behend. Jahraus jahrein a sie tglich einige
Wachholderbeeren und man sagte: davon sei sie so munter und man sehe ihr ihre 66
Jahre nicht an. Eben da jetzt die beiden Sechse beisammen standen, brachte sie
auch nach einem alten Wortspiele in den Ruf einer Hexe, obgleich man nicht mehr
recht daran glauben wollte. Man sagte: sie melke ihre schwarze Ziege oft
stundenlang und diese gebe immer gar viel Milch, aber die schwarze Marann' ziehe
whrend sie melke nur immer den Khen dessen, den sie hasse, die Milch aus dem
Euter; besonders auf des Rodelbauern Vieh habe sie es abgesehen. Und die groe
Hhnerzucht, die die schwarze Marann' trieb, galt auch fr Hexerei; denn woher
nahm sie das Futter dazu, und woher konnte sie immer Eier und Hhner verkaufen?
Freilich sah man sie oft im Sommer Maikfer, Heuschrecken und allerlei Wrmer
sammeln, und in mondlosen Nchten wie ein Irrlicht durch die Grben schleichen;
sie trug einen brennenden Span und sammelte die Regenwrmer die da
herausschlichen, und murmelte allerlei dabei. Ja, man sagt, da sie in stillen
Winternchten mit ihrer Ziege und ihren Hhnern, die sie bei sich in der Stube
berwinterte, allerlei wunderliche Gesprche hielte. Das ganze von der
Schulbildung verscheuchte wilde Heer der Hexen- und Zaubergeschichten wachte
wieder auf und wurde an die schwarze Marann' geheftet.
    Amrei frchtete sich auch manchmal in langen stillen Winternchten, wenn sie
spinnend bei der Marann' sa und man nichts hrte als manchmal das verschlafene
Glucksen der Hhner und ein traumhaftes Mekern der Ziege; und es erschien in der
That zauberisch, wie schnell die Marann' immer spann. Ja, sagte sie einmal,
ich meine, mein Johannes hilft mir spinnen, und doch klagte sie wieder, da
sie in diesem Winter zum Erstenmal nicht mehr so ganz und immer an ihren
Johannes denke. Sie machte sich Vorwrfe darber und sagte: sie sei eine
schlechte Mutter und klagte, es wre ihr immer, als wenn ihr die Gesichtszge
ihres Johannes nach und nach verschwinden, und als ob sie vergesse, was er da
und da gethan habe, wie er gelacht, gesungen und geweint und wie er auf den Baum
geklettert und in den Graben gesprungen sei.
    Es wre doch schrecklich, sagte sie, wenn Einem das nach und nach so
verschwinden knnte, da man nichts Rechtes mehr davon wei, und sie erzhlte
dann Amrei mit sichtlichem Zwang alles bis auf's Kleinste und Amrei war es tief
unheimlich, immer und immer wieder von einem Todten so reden zu hren, als ob er
noch lebte. Und wieder klagte die Marann': Es ist doch sndlich, da ich gar
nicht mehr weinen kann um meinen Johannes. Ich habe einmal gehrt, da man um
einen Verlorenen weinen kann, so lang er lebt und bis er verfault ist. Ist er
wieder zur Erde geworden, so hrt auch das Weinen auf. Nein, das kann nicht
sein, das darf nicht sein, mein Johannes kann nicht todt sein; das darfst du mir
nicht anthun, du dort oben, oder ich werf' dir den Bettel vor die Thr. Da, da,
vor meiner Thr, da sitzt der Tod, da ist der Weiher und da kann ich mich
ersufen wie einen blinden Hund, und das geschieht, wenn du mir das anthust;
aber nein, verzeih mir's guter Gott, da ich so wider die Wand renne, aber mach'
da einmal eine Thr' auf, mach' auf und la meinen Johannes hereinkommen. O die
Freud'! Komm, da setz' dich her, Johannes. Erzhl' mir gar nichts, ich will gar
nichts wissen, du bist da; und jetzt ist's gut. Die langen langen Jahre sind nur
eine Minute gewesen. Was geht's mich an, wo du gewandert bist? Wo du gewesen
bist, da bin Ich nicht gewesen, und jetzt bist du da. Und ich lasse dich nicht
mehr von der Hand bis sie kalt ist. O Amrei, und mein Johannes mu warten, bis
du gro bist, ich sag' weiter nichts. Warum red'st du nichts?
    Amrei war die Kehle wie zugeschnrt. Es war ihr immer, als ob der Todte
dastnde, gespensterhaft; auf ihren Lippen ruhte das Geheimni und sie konnte es
anrufen und die Decke fiel ein und alles war begraben.
    Manchmal war die Marann' aber auch gesprchsam in anderer Weise, obgleich
Alles auf dem einen Grunde ruhte, auf dem Andenken an ihren Sohn. Und schwer
stellte sich hier die Frage der Weltordnung heraus: Warum hier ein Kind todt,
auf das die Mutter wartet, so zitternd, mit ganzer Seele wartet, und ich und
mein Dami wir sind verlorene Kinder, mchten so gern die Hand der Mutter fassen
und diese Hand ist Staub geworden? ...
    Das war ein dumpfes mchtiges Gebiet, wohin das Denken des armen Kindes
getrieben wurde und es wute sich nicht anders aus dem Wirrsal zu helfen, als
indem es leise das Einmaleins vor sich hin sagte.
    Besonders an Samstagabenden erzhlte die schwarze Marann' gern. Nach altem
Aberglauben spann sie am Samstagabend nie, da strickte sie immer, und wenn sie
eine Geschichte zu erzhlen hatte, wickelte sie zuerst ein gut Theil von ihrem
Garnknuel ab, um nicht aufgehalten zu sein und dann erzhlte sie am Faden fort
ohne Unterbrechung.
    O Kind, schlo sie dann oft, merk' dir Etwas, in dir steckt ja auch ein
Einsiedel: wer gut grad fort leben will, der sollte ganz allein sein, Niemand
gern haben und von Niemand was mgen. Weit du, wer reich ist? Wer nichts
braucht, als was er aus sich hat. Und wer ist arm? Wer auf Fremdes wartet, was
ihm zukommt. Da sitzt Einer und wartet auf seine Hnde, die ein Anderer am Leib
hat, und wartet auf seine Augen, die einem Andern im Kopf stecken. Bleib' allein
fr dich, dann hast du deine Hnde immer bei dir, dann brauchst du keine
anderen, kannst dir selber helfen. Wer auf Etwas hofft, was ihm von einem Andern
kommen soll, der ist ein Bettler; hoffe nur etwas vom Glck, von einem
Geschwister, ja von Gott selbst; du bist ein Bettler, du stehst da und hlst die
Hand auf bis dir etwas hineinfliegt. Bleib' allein, das ist das Beste, da hast
du Alles in Einem; allein, o wie gut ist Allein! Schau, tief im Ameisenhaufen
liegt ein klein winziger funkelnder Stein, wer den findet, kann sich unsichtbar
machen und kann ihm Niemand was anhaben; aber das kriecht durcheinander, wer
findet ihn? Und es giebt ein Geheimni in der Welt, aber wer kann's fassen?
Nimm's auf, nimm's zu dir. Es giebt kein Glck und kein Unglck. Jeder kann sich
Alles selber machen, wenn er sich recht kennt und die andern Menschen auch, aber
nur unter Einem Beding: er mu allein bleiben. Allein! Allein! Sonst hilft's
nichts.
    Aus dem Tiefsten langjhriger schwerer Vereinsamung heraus gab die Marann'
dem eben erst aus dem Kinde entwachsenen Mdchen noch halbverschlossene Worte;
das Mdchen konnte sie nicht fassen; aber wer wei, was auch von
Halbverstandenem in aufmerksam offener Seele haften bleibt? Und nach wildem
Umschauen fuhr die schwarze Marann' fort: O knnt' ich nur allein sein! Aber
ich habe mich vergeben, ein Stck von mir ist unterm Boden und ein anderes luft
in der Welt herum, wer wei wo? Ich wollt' ich wre die schwarze Ziege da.
    So freundlich und hell auch die schwarze Marann' begann, immer ging der
Schlu ihrer Rede wieder in dumpfes Hadern und Trauern ber, und sie, die allein
sein wollte, an Nichts denken und Nichts lieben, lebte doch nur im Denken an
ihren Sohn und in der Liebe zu ihm.
    Amrei ergriff ein entscheidendes Mittel, um aus diesem unheimlichen
Alleinsein mit der schwarzen Marann' erlst zu werden; sie verlangte, da auch
Dami ins Haus genommen werde, und so heftig sich die schwarze Marann' auch
dagegen wehrte, Amrei drohte, selber das Haus zu verlassen und schmeichelte der
schwarzen Marann' so kindlich und that ihr was sie an den Augen absehen konnte,
bis sie endlich nachgab.
    Dami, der vom Krappenzacher das Wollstricken gelernt hatte, sa nun mit in
der elterlichen Stube; und Nachts, wenn die Geschwister auf dem Speicher
schliefen, weckte Eines das Andere, wenn sie die schwarze Marann' drunten
murmeln und hin- und herlaufen hrten.
    Durch die Uebersiedelung Dami's zur schwarzen Marann' kam inde neues
Ungemach. Dami war beraus unzufrieden, da er dies elende Handwerk, das nur fr
einen Krppel tauge, habe lernen mssen; er wollte auch Maurer werden, und
obgleich Amrei sehr dagegen sprach, denn sie ahnte, da ihr Bruder nicht dabei
aushalten werde, bestrkte ihn die schwarze Marann' darin. Sie htte gern alle
jungen Bursche zu Maurern gemacht, um sie in die Fremde zu schicken, damit sie
Kundschaft erhalte von ihrem Johannes.
    Die schwarze Marann' ging selten in die Kirche, aber sie liebte es, wenn man
ihr Gesangbuch entlehnte, um damit in die Kirche zu gehen; es schien ihr ein
eigenes Gengen, da ihr Gesangbuch dort sei, und eine besondere Freude hatte
sie, wenn ein fremder Handwerksbursch, der im Ort arbeitete, das
zurckgebliebene Gesangbuch des Johannes zu gleichem Zweck entlehnte; es schien
ihr als ob ihr Johannes bete in der heimathlichen Kirche, weil aus seinem
Gesangbuch die Worte gesprochen und gesungen wurden, und Dami mute nun jeden
Sonntag zweimal mit dem Gesangbuch des Johannes in die Kirche.
    Ging aber die schwarze Marann' nicht zur Kirche, so war sie bei Einer
Feierlichkeit im Dorfe selbst und in den Nachbardrfern immer zu sehen. Es gab
nmlich kein Leichenbegngni, bei dem die schwarze Marann' nicht leidtragend
mitging und bei Predigt und Einsegnung, selbst am Grabe eines kleinen Kindes,
weinte sie so heftig, als wre sie die nchste Angehrige; aber dann war sie auf
dem Heimweg immer wieder ganz besonders aufgerumt; dieses Weinen schien ihr
eine wahre Erleichterung zu sein. Sie schluckte das ganze Jahr so viel stille
Trauer hinunter, da sie dankbar dafr war, wenn sie wirklich weinen konnte.
    War es nun den Menschen zu verargen, da sie sie fr eine unheimliche
Erscheinung hielten und zumal da sie noch dazu ein Geheimni gegen sie auf den
Lippen hatten? Auch auf Amrei ging ein Theil dieser Gemiedenheit ber, und in
manchen Husern, wo sie sich helfend oder mittheilend auf Besuch einstellte,
lie man sie nicht undeutlich merken, da man ihre Anwesenheit nicht wnsche,
zumal da sie schon jetzt eine Seltsamkeit zeigte, die Allen im Dorf wunderbar
vorkam. Sie ging mit Ausnahme des hchsten Winters stets barfu und man sagte,
sie msse ein Geheimmittel haben, da sie nicht krank werde und sterbe.
    Nur in des Rodelbauern Haus wurde sie noch gern geduldet; war ja der
Rodelbauer ihr Vormund. Aber die Rodelbuerin, die sich ihrer immer angenommen
und ihr versprochen hatte, sie einst zu sich zu nehmen, wenn sie erwachsen sei,
konnte diesen Plan nicht ausfhren. Sie selber wurde von einem Andern
angenommen; der Tod nahm sie zu sich. Whrend sonst erst im spteren Leben sich
die Schwere des Daseins aufthut, wie da und dort ein Anhang abfllt und nur noch
ein Gedanken daran verbleibt, erfuhr dies Amrei schon in der Jugendfrhe und
heftiger als alle Angehrigen weinten die schwarze Marann' und Amrei bei dem
Begrbni der Rodelbuerin.
    Der Rodelbauer klagte immer fast nur, wie herb es sei, da er jetzt schon
das Gut abgeben msse. Und noch war keines seiner drei Kinder verheirathet. Aber
kaum war ein Jahr vorber - der Dami arbeitete schon den zweiten Frhling im
Steinbruch - als eine Doppelhochzeit im Dorfe gefeiert wurde; denn der
Rodelbauer verheirathete seine lteste Tochter und zugleich seinen einzigen Sohn
dem er am Hochzeitstage das Gut bergab; da wurde Amrei eben auf dieser
Doppelhochzeit neu benamt und in ein anderes Leben bergefhrt.
    Auf dem Vorplatz des groen Tanzbodens waren die Kinder versammelt und
whrend die Erwachsenen drin tanzten und jauchzten, ahmten die Kinder hier das
Gleiche nach. Aber seltsam! mit Amrei wollte kein Knabe und kein Mdchen tanzen,
und man wute nicht, wer es zuerst gesagt, aber man hatte es gehrt, da eine
Stimme rief: Mit dir tanzt Keiner, du bist ja das Barfele und: Barfele!
Barfele! Barfele! schrie es nun von allen Seiten. Amrei stand das Weinen in
den Augen, aber hier bte sie schnell wieder jene Kraft, mit der sie Spott und
Krnkung bezwang; sie drckte die Thrnen hinab, fate hben und drben ihre
Schrze, tanzte mit sich allein herum und so zierlich, so biegsam, da alle
Kinder inne hielten. Und bald nickten die Erwachsenen unter der Thr einander
zu, und ein Kreis von Mnnern und Frauen bildete sich um Amrei und besonders der
Rodelbauer, der sich an diesem Tage doppelt gtlich gethan, schnalzte mit den
Hnden und pfiff lustig den Walzer, den die Musik drin aufspielte, und Amrei
tanzte unaufhrlich fort und schien gar keine Mdigkeit zu kennen. Als endlich
die Musik verstummte, fate der Rodelbauer Amrei an der Hand und fragte: Du
Blitzmdle, wer hat dich denn das so schn gelehrt?
    Niemand.
    Warum tanzest du denn mit Niemand?
    Es ist besser man thut's allein, da braucht man auf Niemand zu warten und
hat seinen Tnzer immer bei sich.
    Hast schon was von der Hochzeit bekommen? fragte der Rodelbauer
wohlgefllig schmunzelnd.
    Nein.
    Komm herein und i, sagte der stolze Bauer und fhrte das arme Kind hinein
und setzte es an den Hochzeitstisch, auf den immerfort den ganzen Tag
aufgetragen wurde. Amrei a nicht viel und der Rodelbauer wollte sich den Spa
bereiten, das Kind trunken zu machen, es erwiderte aber keck:
    Wenn ich noch mehr trinke, kann ich nicht mehr allein gehen und die Marann'
sagt: allein ist das beste Fuhrwerk, da ist immer eingespannt.
    Alles staunte ber die Weisheit des Kindes.
    Der junge Rodelbauer kam mit seiner Frau und fragte das Kind neckisch: Hast
du uns auch ein Hochzeitgeschenk gebracht? Wenn man so it, mu man auch ein
Hochzeitgeschenk bringen.
    Der Hochzeitsvater steckte in unbegreiflicher Gromuth dem Kinde bei dieser
Frage heimlich einen Sechsbtzner zu. Amrei aber behielt den Sechsbtzner fest
in der Hand, nickte gegen den Alten und sagte dann dem jungen Paare: Ich hab'
das Wort und ein Drangeld. Eure Mutter selig hat mir immer versprochen, da ich
bei ihr dienen und niemand Anders als ich Kindsmagd bei ihrem ersten Enkelchen
sein soll.
    Ja, das hat die Buerin selig immer gewollt, sagte der Alte und redete zu.
Was er aus Furcht, da er die Waise dann versorgen msse, seiner Frau ihr
Lebenlang versagt hatte, das that er jetzt, wo er ihr keine Freude mehr damit
machen konnte, und gab sich vor den Leuten den Anschein, als ob er's zu ihrem
Gedenken thue. Aber er that's auch jetzt noch nicht aus Gte, sondern in der
richtigen Berechnung, da die Waise ihm, dem entthronten Bauer, der ihr Pfleger
war, dienstgefllig sein werde, und die Last ihrer Versorgung, die die bloe
Ablohnung berstieg, fiel Anderen zu, nicht ihm selber.
    Die jungen Brautleute sahen einander an, und der junge Rodelbauer sagte:
Bring' morgen dein Bndel in unser Haus. Du kannst bei uns einstehen.
    Gut, sagte Amrei, morgen bring' ich mein Bndel; aber jetzt' mcht ich
mein Bndel mitnehmen. Gebet mir da ein Flschchen Wein und das Fleisch will ich
einwickeln und es der Marann' und meinem Dami bringen.
    Man willfahrte Amrei, aber der alte Rodelbauer sagte ihr jetzt leise: Gieb
mir meinen Sechsbtzner wieder. Ich hab' gemeint, du willst ihn schenken.
    Ich will ihn als Drangeld von Euch behalten, erwiderte Amrei schlau, und
Ihr werdet sehen, ich will ihn euch schon wett machen.
    Der Rodelbauer lachte halb rgerlich in sich hinein und Amrei ging mit Geld,
Wein und Fleisch davon zu der schwarzen Marann'.
    Das Haus war verschlossen, und es war ein groer Abstand, zwischen dem
lauten musikschallenden Lrmen und Schmausen im Hochzeithause und der stillen
Oede hier. Amrei wute, wo sie die Marann' erwarten konnte auf ihrem Heimwege;
sie ging fast immer nach dem Steinbruch und sa dort eine Zeitlang hinter der
Hecke und hrte zu wie Spitzhammer und Meisel arbeiteten. Das war ihr wie eine
Melodie, die aus den Zeiten klang, wo Johannes einst auch hier gearbeitet hatte
und da sa sie oft lange und hrte es picken.
    Amrei traf hier richtig die Marann' und noch eine halbe Stunde vor
Feierabend rief sie auch den Dami aus dem Steinbruch und hier drauen bei den
Felsen wurde ein Hochzeitmahl gehalten, frhlicher als drin bei der rauschenden
Musik. Besonders Dami jauchzte laut und die Marann' that auch heiter, nur trank
sie keinen Tropfen Wein, sie wollte nicht eher einen Tropfen Wein ber die
Lippen bringen, als bis zur Hochzeit des Johannes. Als Amrei nun unter
Heiterkeit erzhlte, da sie einen Dienst bei dem jungen Rodelbauer bekommen
habe und morgen antrete, da erhob sich die schwarze Marann' in wildem Zorn und
einen Stein aufhebend und ihn an die Brust drckend sagte sie: Es wre
tausendmal besser, ich htte dich da drinnen, so einen Stein, als ein lebendig
Herz. Warum kann ich nicht allein sein? Warum habe ich mich wieder verfhren
lassen, Jemand gern zu haben? Aber jetzt ist's vorbei, auf ewig! Wie ich den
Stein da hinunterschleudere, so schleudere ich fort alle Anhnglichkeit an
irgend einen Menschen. Du falsches treuloses Kind! Kaum kann es die Flgel
heben, fort fliegt's. Aber es ist gut so, ich bin allein und mein Johannes soll
auch allein bleiben, wenn er kommt, und es ist Nichts was ich gewollt hab'.
    Und fort rannte sie dem Dorfe zu.
    Es ist doch eine Hexe, sagte Dami hinter ihr drein, ich will den Wein
nicht mehr trinken, wer wei ob sie ihn nicht verhext hat.
    Trink' du ihn nur, sie ist eine strenge Eigenbrtlerin und hat ein schweres
Kreuz auf sich; ich will sie schon wieder gut machen.
    So trstete Amrei.

                         7. Die barmherzige Schwester.


Das war nun ein volles Leben im Hause des Rodelbauern. Barfele, so hie man
nun fortan Amrei, war zu allem anstellig und wute sich gleich bei Allen beliebt
zu machen: sie wute der jungen Buerin, die fremd in's Dorf und in's Haus
gekommen war, zu sagen, was hier der Brauch sei, lehrte sie die Eigenschaften
ihrer nchsten Angehrigen kennen und sich danach richten, und dem alten
Rodelbauer, der den ganzen Tag trotzte und sich nicht zufrieden geben konnte,
weil er sich so frhe zur Ruhe gesetzt, wute sie allerlei Geflligkeiten zu
erweisen und ihm zu erzhlen, wie gar gut die Shnerin sei, und es nur nicht so
von sich zu geben wisse; und als nach kaum einem Jahre das erste Kind kam,
zeigte sich Amrei darber so glcklich und in allen Erfordernissen so geschickt,
da Jedes im Hause ihres Lobes voll war; aber nach Art dieser Leute so voll, da
man sie bei dem kleinsten Ungeschick eher dafr auszankte, als da man sie je in
der That lobte.
    Aber Amrei wartete auch nicht darauf; und namentlich dem Grovater wute sie
das erste Enkelchen immer so gut zuzutragen und zur geschickten Zeit wieder zu
entziehen, da man seine Freude daran haben mute. Beim ersten Zahne des Enkels,
den sie dem Rodelbauer zeigen konnte, sagte dieser: Ich schenke dir einen
Sechsbtzner, weil du mir die Freude machst. Aber weit du? den, den du mir
gestohlen hast an der Hochzeit; jetzt darfst du ihn ehrlich behalten.
    Dabei war aber die schwarze Marann' nicht vergessen. Es war allerdings ein
schwer Stck Arbeit, mit ihr wieder in's Geleise zu kommen. Die Marann' wollte
vom Barfele nichts mehr wissen, und ihre neue Herrschaft wollte es nicht
dulden, da sie zu ihr hinginge, besonders nicht mit dem Kinde, da man noch
immer frchtete, da ihm durch die Hexe ein Leid geschehe. Es bedurfte groer
Kunst und Ausdauer, um diese Feindseligkeit zu besiegen; aber es gelang dennoch.
Ja, Barfele wute es dahin zu bringen, da der Rodelbauer die schwarze Marann'
mehrmals besuchte. Das wurde als ein wahres Wunder im ganzen Dorf berichtet.
Aber die Besuche wurden bald wieder eingestellt, denn die schwarze Marann' sagte
einmal: Ich bin jetzt bald siebzig Jahre und ohne die Freundschaft eines
Grobauern ausgekommen; es ist mir nicht der Mhe werth, das noch zu ndern.
    Auch Dami war natrlich oft bei seiner Schwester, aber der junge Rodelbauer
wollte das nicht dulden, denn er sagte nicht mit Unrecht, er msse dadurch den
grogewachsenen Burschen auch ernhren, man in einem solchen Hause nicht
aufpassen, ob ein Dienstbote ihm nicht allerlei zustecke. Er verbot daher auer
Sonntag Nachmittags Dami den Besuch des Hauses. Dami hatte inde selbst zu sehr
in das Behagen hineingeschaut, in einem so reich erfllten Bauernwesen zu
stehen; ihm wsserte der Mund danach, auch so mitten drinn zu sein und sei es
nur als Knecht. Das Steinmetzenleben war gar so hungrig. Barfele hatte viel zu
widersprechen; er solle bedenken, da er nun schon das zweite Handwerk habe und
dabei bleiben msse; das sei nichts, da man immer wieder Anderes anfange und
glaube, dabei sei man glcklich; man msse auf dem Fleck, auf dem man steht, es
sein, sonst werde man es nie. Dami lie sich eine Zeitlang beschwichtigen, und
so gro war bereits die unwillkrliche Geltung Barfele's, und so natrlich die
Annahme, da sie fr ihren Bruder sorge, da man ihn immer nur des Barfele's
Dami hie, als wre er nicht ihr Bruder, sondern ihr Sohn, und doch war er um
einen Kopf grer als sie, und that nicht als ob er ihr unterthan sei. Ja, er
sprach es oft aus, wie es ihn wurme, da man ihn fr geringer halte als sie,
weil er nicht solch Maulwerk habe. Die Unzufriedenheit mit sich und seinem Beruf
lie er zuerst und immer an der Schwester aus. Sie trug es geduldig, und weil er
nun vor der Welt zeigte, da sie ihm gehorchen msse, gewann sie dadurch nur
immermehr an Ansehen und Uebermacht in der Oeffentlichkeit. Denn Jeder sagte: es
sei brav von dem Barfele, was sie an ihrem Bruder thte, und sie stieg dadurch
noch, da sie sich von ihm gewaltthtig behandeln lie, whrend sie fr ihn
sorgte wie eine Mutter. Sie wusch und nhte ihm in den Nchten, da er zu den
Saubersten im Dorf gehrte, und bei zwei Paar Rahmenschuhen, die sie als Theil
ihres Lohnes jedes halbe Jahr bekam, hatte sie beim Schuhmacher noch
daraufbezahlt, damit er solche ihrem Dami mache, und sie selber ging allzeit
barfu und nur selten sah man sie einmal des Sonntags in Schuhen in die Kirche
gehen. Barfele hatte viel Kummer davon, da Dami, man wute nicht wie,
allgemeine Zielscheibe des Spottes und der Neckerei im Dorfe geworden war. Sie
lie ihn scharf darum an, da er das nicht dulden solle, er aber verlangte: sie
mge es den Leuten wehren und nicht ihm, er knne nicht dagegen aufkommen. Das
war nun nicht thunlich, und innerlich war es dem Dami auch eigentlich gar nicht
unlieb, da er berall gehnselt wurde; es krnkte ihn zwar manchmal, wenn Alles
ber ihn lachte und viel Jngere sich etwas gegen ihn herausnahmen, aber es
wurmte ihn noch weit mehr, wenn man ihn gar nicht beachtete, und dann machte er
sich gewaltsam zum Narren und gab sich der Neckerei preis.
    Bei Barfele dagegen war allerdings die Gefahr, der Einsiedel zu werden,
den die Marann' immer in ihr erkennen wollte. Sie hatte sich an eine einzige
Gespielin angeschlossen, es war die Tochter des Kohlenmathes, die aber nun schon
seit Jahren in einer Fabrik im Elsa arbeitete und man hrte nichts mehr von
ihr. Barfele lebte so fr sich, da man sie gar nicht zur Jugend im Dorfe
zhlte; sie war mit ihren Altersgenossen freundlich und gesprchsam, aber ihre
eigentliche Gespielin war doch nur die schwarze Marann'. Und eben weil Barfele
so abgeschieden lebte, hatte sie keinen Einflu auf das Verhalten Dami's, der,
wenn auch geneckt und gehnselt, doch immer des Anschlusses bedrftig war und
nie allein sein konnte wie seine Schwester.
    Jetzt aber hatte sich Dami pltzlich ganz frei gemacht, und eines schnen
Sonntags zeigte er seiner Schwester die Drangabe, die er bekommen hatte, denn er
hatte sich als Knecht zum Scheckennarr von Hirlingen verdungen.
    Httest du mir das gesagt, sagte Barfele, ich htte einen bessern
Dienst fr dich gewut. Ich htte dir einen Brief gegeben an die
Landfriedbuerin im Allgu, und da httest du's gehabt wie der Sohn vom Haus.
    O schweig' nur von der, sagte Dami hart, die ist mir nun schon bald
dreizehn Jahr ein paar lederne Hosen schuldig, die sie mir versprochen hat.
Weit du noch? Damals, wie wir klein gewesen sind und gemeint haben, wir knnten
noch klopfen, da Vater und Mutter aufmachen. Schweig' mir von der
Landfriedbuerin, wer wei, ob die noch mit Einem Wort an uns denkt, wer wei ob
sie gar noch lebt.
    Ja sie lebt noch, sie ist ja eine Verwandte von meinem Haus und es wird oft
von ihr gesprochen, und sie hat alle ihre Kinder verheirathet bis auf einen
einzigen Sohn, der den Hof kriegt.
    Jetzt willst du mir nur meinen neuen Dienst verleiden, klagte Dami, und
sagst mir, ich htte einen bessern kriegen knnen. Ist das recht? Seine Stimme
zitterte.
    O, sei nicht immer so weichmthig, sagte Barfele. Schwtz' ich dir denn
was von deinem Glck herunter? Du thust immer gleich, als ob dich die Gnse
beien. Ich will dir nur noch sagen: jetzt bleib' einmal bei dem was du hast,
sei darauf bedacht, da du auf deinem Platz bleibst. Das ist nichts, so wie ein
Kukuk jede Nacht auf einem andern Baum schlafen. Ich knnt' auch andere Pltze
kriegen, aber ich will nicht, und ich hab's dahin gebracht, da mir's hier gut
geht. Schau, wer jede Minut' auf einen andern Platz springt, den behandelt man
auch wie einen Fremden; man wei, da er morgen nicht mehr zum Haus gehren kann
und da ist er schon heut nicht daheim drin.
    Ich brauch' deine Predigt nicht, sagte Dami, und wollte zornig davon
gehen. Gegen mich thust du immer kratzig und gegen die ganze Welt bist du
geschmeidig.
    Weil du eben mein Bruder bist, sagte Barfele lachend.
    Es gelang ihr jetzt den Bruder zu beschwichtigen und sie sagte: Schau, mir
fllt was ein, aber du mut vorher gut sein, denn auf einem bsen Herzen darf
der Rock nicht ligen. Der Rodelbauer hat ja noch die Kleider von unserm Vater
selig; du bist ja gro, die sind dir jetzt grad recht und du giebst dir auch ein
Ansehen, wenn du mit solchem rechtschaffenen Gewand auf den Hof kommst, da sehen
deine Nebendiensten auch, wo du her bist und was du fr ordentliche Eltern
gehabt hast.
    Das leuchtete Dami ein, und trotz vielem Widerspruch, denn er wollte die
Kleider jetzt noch nicht hergeben, brachte Barfele den alten Nodelbauer dazu,
da er dieselben Dami einhndigte und dann fhrte Barfele den Dami hinauf in
ihre Kammer und er mute sogleich den Rock und die Weste des Vaters anziehen; er
widerstrebte, aber was sie einmal wollte, das mute doch geschehen. Nur den Hut
lie sich Dami nicht aufzwingen, und als er den Rock anhatte, legte sie die Hand
auf die Schulter und sagte:
    So, jetzt bist du mein Bruder und mein Vater, und jetzt geht der Rock zum
Erstenmal wieder ber Feld und es ist ein neuer Mensch drum. Schau Dami, du hast
das schnste Ehrenkleid, was es geben kann auf der Welt; halt' es in Ehren, sei
drin so rechtschaffen wie unser Vater selig gewesen ist.
    Sie konnte nicht mehr weiter sprechen und legte ihr Haupt auf die Schulter
des Bruders und Thrnen fielen auf das Kleid des Vaters.
    Du sagst, ich sei weichmthig, trstete sie Dami, und du bist es weit
eher.
    Allerdings war Barfele von Allem schnell tief ergriffen, aber sie war
dabei auch stark und leichtlebig wie ein Kind; es war wie damals die Marann' bei
ihrem ersten Einschlafen bemerkt hatte, Wachen und Schlafen, Weinen und Lachen
hart neben einander; sie ging in jedem Ereigni und jeder Empfindung voll auf,
kam aber auch rasch wieder darber hinweg und in's Gleichgewicht.
    Sie weinte noch immer.
    Du machst Einem das Herz so schwer, jammerte Dami, und es ist schon
schwer genug, da ich fort mu aus der Heimath unter fremde Menschen. Du httest
mich eher aufheitern sollen, als jetzt so, so -
    Rechtschaffenes Denken ist die beste Aufheiterung, sagte Barfele, das
macht gar nicht schwer. Aber du hast Recht, du hast geladen genug, und da kann
ein einziges Pfund, das man darauf thut, Einen niederreien. Aber komm, ich will
jetzt sehen, was die Sonne dazu sagt, wenn der Vater jetzt zum Erstenmal wieder
vor sie kommt. Nein, das hab' ich ja nicht sagen wollen. Komm, jetzt wirst schon
wissen, wo wir noch hingehen wollen, wo du noch Abschied nehmen mut; und wenn
du nur eine Stunde weit fortgehst, du gehst doch aus dem Ort, und da mu man
dort Abschied nehmen. Ist mir auch schwer genug, da ich dich nicht mehr bei mir
haben soll, nein, ich meine, da ich nicht mehr bei dir sein soll; ich will dich
nicht regieren, wie die Leute sagen. Ja, ja, die alte Marann' hat doch Recht:
allein, das ist ein groes Wort, das lernt man nicht aus was da drin steckt. So
lang du noch da drben ber der Gasse gewesen bist, und wenn ich dich oft acht
Tage nicht gesehen habe, was thut's? Ich kann dich jede Minute haben, das ist so
gut als wenn man bei einander ist; aber jetzt? Nun, es ist ja nicht aus der
Welt. Aber ich bitt' dich, verhebe dich nicht, da du keinen Schaden leidest,
und wenn du was zerrissen hast, schick' mir's nur; ich flick' und strick' dir
noch, und jetzt komm', jetzt wollen wir auf den Kirchhof.
    Dami wehrte sich dagegen und wieder mit dem Vorhalte, da es im schon schwer
genug sei, und da er sich's nicht noch schwerer machen wolle. Barfele
willfahrte auch hierin. Er zog die Kleider des Vaters wieder aus und Barfele
packte sie in den Sack, den sie einst beim Gnsehten als Mantel getragen hatte
und auf dem noch der Name des Vaters stand. Sie beschwor aber Dami, da er ihr
den Sack mit nchster Gelegenheit wieder zurckschicke.
    Die Geschmister gingen mit einander fort. Ein Hirlinger Fuhrwerk fuhr durch
das Dorf. Dami rief es an und packte schnell seine Habseligkeiten auf. Dann ging
er Hand in Hand mit der Schwester das Dorf hinaus und Barfele suchte ihn zu
erheitern, indem sie sagte:
    Weit du noch, was ich dir da beim Backofen fr ein Rthsel aufgegeben
habe?
    Nein!
    Besinn' dich: was ist das Beste am Backofen? Weit's nicht mehr?
    Nein!
    Das Beste am Backofen ist, da er das Brod nicht selber frit.
    Ja, ja, du kannst lustig sein, du bleibst daheim.
    Du hast's ja gewollt, und du kannst auch lustig sein; wolle du nur recht.
    Still geleitete sie ihren Bruder bis auf den Holderwasen, dort beim
Holzbirnenbaum sagte sie:
    Hier wollen wir Abschied nehmen. Beht' dich Gott und frcht' dich vor
keinem Teufel.
    Sie schttelten sich wacker die Hnde und Dami ging Hirlingen zu, Barfele
nach dem Dorf. Erst unten am Berg, wo Dami sie nicht mehr sehen konnte, wagte
sie es, die Schrze aufzuheben und sich die Thrnen abzutrocknen, die ihr die
Wangen herabrollten, und laut vor sich hin sagte sie:
    Verzeih' mir's Gott, da ich das von dem Allein auch gesagt hab'; ich danke
dir, da du mir einen Bruder gegeben hast. La mir ihn nur, so lang ich lebe.
    Sie kehrte in's Dorf zurck, es kam ihr leer vor, und in der Dmmerung, als
sie die Kinder des Rodelbauern einwiegte, konnte sie nicht ein einziges Lied
ber die Lippen bringen, whrend sie sonst immer sang wie eine Lerche. Sie mute
immer denken, wo jetzt ihr Bruder sei, was man mit ihm rede, wie man ihn
empfange, und doch konnte sie sich das nicht vorstellen. Sie wre gern hingeeilt
und htte gern allen Menschen gesagt, wie gut er sei und da sie gegen ihn auch
gut sein mgen; aber sie trstete sich wieder, da Niemand ganz und berall fr
den Andern sorgen knne. Und sie hoffte, es wrde ihm gut thun, da er sich
selber forthelfe.
    Als es schon Nacht war, ging sie in ihre Kammer, wusch sich auf's Neue,
zpfte sich frisch und kleidete sich nochmals an, als ob es Morgen wre; und mit
dieser seltsamen Verdoppelung des neuen Tages begann ihr fast nochmals ein neues
Erwachen.
    Als Alles schlief, ging sie noch einmal hinber zur schwarzen Marann' und
ohne Licht sa sie Stundenlang bei ihr am Bett in der dunklen Stube; sie
sprachen davon wie das sei, wenn man einen Menschen drauen in der Welt habe,
der doch ein Stck von Einem sei, und erst als die Marann' eingeschlafen war,
schlich sich Barfele davon. Sie nahm aber noch den Kbel und trug Wasser fr
die Marann' und legte das Holz auf den Herd und so geschichtet, da es am andern
Morgen nur angezndet zu werden brauchte. Dann erst ging sie nach Hause.
    Was ist Wohlthtigkeit, die in Geldspenden besteht? Eine in die Hand gelegte
fremde Kraft, die wiederum von ihr entuert wird. Wie anders ist es, die
eingeborne Kraft selbst einzusetzen, ein Stck Leben hinzugeben und noch dazu
das einzige das verblieben ist. Die Stunden der Ruhe, die Sonntagsfreiheit, die
Barfele gegeben war, opferte sie alle der schwarzen Marann' und sie lie sich
dabei noch zanken und schelten, wenn sie Etwas gegen die Gewohnheit der
Eigenbrtlerin gethan hatte; und es fiel ihr nicht ein, dabei zu denken oder zu
sagen: wie knnt' Ihr mich noch zanken und schelten ber etwas was ich Euch
schenke? Ja sie wute kaum mehr da sie es that. Nur wenn sie an Sonntagsabenden
bei der Vereinsamten still vor dem Hause sa und zum Tausendstenmale gehrt
hatte, welch ein schmucker Bursch der Johannes am Sonntag gewesen sei und wenn
dann die jungen Burschen und Mdchen durch das Dorf zogen und allerlei Lieder
sangen, da wurde sie etwas davon gewahr, da sie hier sa und ihre Lustbarkeit
opferte und sie sang leise vor sich hin die Lieder mit, die von den Wandelnden
im Verein gesungen wurden; aber wenn sie die Marann' ansah, hielt sie inne und
sie dachte darber nach, wie es doch eigentlich gut wre, da der Dami nicht
mehr im Dorf sei. Er war nicht mehr die Zielscheibe allgemeiner Neckerei und
wenn er zurckkam, war er gewi ein Bursch vor dem alle Respekt haben muten.
    An Winterabenden, wenn im Hause des Rodelbauern gesponnen und gesungen
wurde, da allein durfte Barfele mitsingen, und obgleich sie einen hellen,
lauten Ton hatte, lie sie sich doch dazu herbei, fast immer die zweite Stimme
zu singen. Die Rosel, des Rodelbauern noch ledige Schwester, die um ein Jahr
lter als Barfele war, sang immer die erste Stimme, und es verstand sich von
selbst, da auch die Stimme Barfele's ihr dienen mute, wie denn berhaupt die
Rosel, eine stolze und schneidige Person, das Barfele durchaus als Lastthier
im Hause betrachtete und behandelte; allerdings weniger vor den Leuten als im
Geheimen. Und eben weil Barfele im ganzen Dorf dafr angesehen war, da sie im
Hauswesen des Rodelbauern wacker angriff und Alles in Stand hielt, war es eine
Hauptangelegenheit der Rosel, sich bei den Leuten zu berhmen, wie viel Geduld
man mit dem Barfele haben msse; wie ihm die Gnsehirtin in allen Stcken
nachginge, und wie sie es als ein Werk der Barmherzigkeit betrachte, das
Barfele nicht so vor den Augen der Welt erscheinen zu lassen wie es eigentlich
sei.
    Ein besonderer Gegenstand des Aufziehens und des nicht immer whligen
Spottes waren die Schuhe des Barfele. Trotzdem es fast immer barfu ging, und
hchstens im Winter in abgeschnittenen Stiefeln des Bauern, lie es sich dennoch
bei jedem halbjhrigen Lohne die gebruchlichen Rahmenschuhe geben; sie standen
aber oben in der Kammer unberhrt und Barfele ging doch so stolz, als htte es
alle die Schuhe auf Einmal an.
    Sechs Paar Schuhe standen neben einander seitdem Dami beim Scheckennarren
diente. Die Schuhe waren mit Heu ausgestopft und von Zeit zu Zeit trnkte sie
Barfele mit Fett, damit sie geschmeidig blieben. Barfele war vollauf
herangewachsen, nicht sehr hoch, aber stmmig untersetzt. Sie kleidete sich
immer rmlich, aber sauber und anmuthig, und Anmuth ist die Pracht der Armuth,
die nichts kostet und nicht zu kaufen ist. Nur weil der Rodelbauer es der Ehre
des Hauses angemessen hielt, zog Barfele des Sonntags ein besseres Kleid an,
um sich vor den Leuten zu zeigten; dann aber kleidete sie sich rasch wieder um,
und sa bei der schwarzen Marann' in ihrem Werktagskleide oder sie stand auch
bei ihren Blumen, die sie vor ihrem Dachfenster in alten Tpfen pflegte. Nelken,
Gelbveigelein und Rosmarin gediehen hier vortrefflich, und wenn sie auch manchen
Ableger davon auf das Grab der Eltern gepflanzt hatte, es wucherte Alles doppelt
nach, und die Nelken hingen in windenartigen Bscheln fast hinab bis auf den
Laubengang, der sich um das ganze Haus zog. Das weit vorgeneigte Strohdach des
Hauses bildete aber auch einen vortrefflichen Schutz fr die Blumen und wenn
Barfele daheim war, fiel im Sommer kein warmer Regen, bei dem sie nicht die
Blumenscherben in den Garten trug, um sie dort ganz nahe dem mtterlichen Boden
vollregnen zu lassen. Besonders ein kleiner Rosmarinstock, der in dem Topfe war,
den einst Barfele auf dem Holderwasen zum allgemeinen Gebrauch bei sich gehabt
hatte, besonders dieser Rosmarinstock war uerst zierlich gebaut wie ein
kleiner Baum, und Barfele ballte oft die rechte Faust und schlug die andere
Hand darber, indem sie vor sich hin sagte:
    Wenn's eine Hochzeit giebt von meinen Nchsten, ja von meinem Dami, dann
steck' ich den an. Ein anderer Gedanke stieg in ihr auf, vor dem sie errthete
bis in die Schlfe hinein und sie beugte sich und roch an dem Rosmarin: wie
einen Duft aus der Zukunft sog sie Etwas aus ihm ein und mit wilder Hast
versteckte sie das Rosmarinstmmchen zwischen die andern groen Pflanzen, da
sie es nicht mehr sah und eben schlo sie das Fenster, da lutete es Sturm.
    Es brennt beim Scheckennarren in Hirlingen! hie es bald. Die Spritze
wurde herausgethan und Barfele fuhr auf derselben mit der Lschmannschaft
davon.
    Mein Dami! mein Dami! jammerte sie immer in sich hinein, aber es war ja
Tag und bei Tag konnten Menschen nicht in einem Brande verunglcken. Und
richtig! als man bei Hirlingen ankam, war das Haus schon niedergebrannt, aber am
Wege in einem Baumgarten stand Dami und band eben die beiden Schecken, schne,
stattliche Pferde an einen Baum, und rings herum lief Alles scheckig, Ochsen,
Khe und Rinder.
    Man hielt an, Barfele durfte absteigen, und mit einem: Gottlob, da dir
nichts geschehen ist, eilte sie auf den Bruder zu. Dieser aber antwortete ihr
nicht und hielt beide Hnde auf den Hals des einen Gaules gelegt.
    Was ist? Warum redest du nicht? hast du dir Schaden gethan?
    Ich nicht, aber das Feuer.
    Was ist denn?
    All mein Sach' ist verbrannt, meine Kleider und mein bischen Geld. Ich habe
nichts als was ich auf dem Leib trage.
    Und des Vaters Kleider sind auch verbrannt?
    Sind sie denn feuerfest? sagte Dami zornig. Frage nicht so dumm.
    Barfele wollte weinen ber dieses harte Anlassen des Bruders, aber sie
fhlte rasch, wie durch einen Naturtrieb, da Unglck sehr oft im ersten Anprall
unwirsch, hart und hndelschtig macht; sie sagte daher nur:
    Dank' Gott, da du dein Leben noch hast, des Vaters Kleider, freilich, da
ist was mit verbrannt, was man sich nicht mehr erwerben kann, aber sie wren
doch auch einmal zu Grunde gegangen, so oder so.
    All dein Geschwtz ist fr die Katz', sagte Dami und streichelte immer das
Pferd. Da steh' ich nun wie der Gott verla mich nicht. Da, wenn die Gule
reden knnten, die wrden anders reden, aber ich bin eben zum Unglck geboren.
Was ich gut thue, ist nichts, und doch -
    Er konnte nicht mehr reden, es erstickte ihm die Stimme.
    Was ist denn geschehen?
    Da die Gule und die Khe und Ochsen, ja es ist uns kein Stckle Vieh
verbrannt auer den Schweinen, die haben wir nicht retten knnen. Schau, der
Gaul da drben, der hat mir da mein Hemd aufgerissen, wie ich ihn aus dem Stall
ziehe, mein zuderhndiger Gaul der hat mir nichts gethan, der kennt mich. Gelt,
du kennst mich, Humpele? Gelt wir kennen einander? Der Gaul legte seinen Kopf
ber den Hals des andern und schaute Dami gro an, der jetzt fortfuhr:
    Und wie ich dem Bauer mit Freude berichte, da ich das Vieh alles gerettet
habe, da sagt er: das war nicht nthig, ist Alles versichert und gut, htt' mir
besser bezahlt werden mssen! Ja, denk' ich bei mir, aber da das unschuldige
Vieh sterben soll, ist denn das nichts? Ist's denn, wenn's bezahlt ist, Alles?
Ist denn das Leben nichts? Der Bauer mu mir was angesehen haben von dem was ich
denk', und da fragt er mich: du hast doch dein Gewand und dein Sach' gerettet?
und da sag' ich: nein, nein, kein Fdele, ich bin gleich in den Stall
gesprungen, und da sagt er: du bist ein Tralle! Wie? sag' ich, Ihr seid ja
versichert, wenn das Vieh bezahlt worden wre, da werden doch auch meine Kleider
bezahlt und es sind auch noch Kleider von meinem Vater selig dabei und vierzehn
Gulden, meine Taschenuhr und meine Pfeife. Und da sagt er: rauch draus! Mein
Sach' ist versichert und nicht das von den Dienstboten! Ich sag': das wird sich
zeigen, und ich lass' es auf einen Proce ankommen, und da sagt er: so jetzt
kannst du gleich gehen. Wer einen Proce anfangen will, hat aufgekndigt. Ich
htte dir ein paar Gulden geschenkt, aber so kriegst du keinen Heller. Jetzt
mach', da du fortkommst! ... Da bin ich nun, und ich mein', ich sollt' meinen
zuderhndigen Gaul mitnehmen, ich hab' ihm das Leben gerettet, und er ging' gern
mit mir. Gelt du? Aber ich habe das Stehlen nicht gelernt, und ich wt' mir
auch nicht zu helfen, und es wre am besten, ich sprnge jetzt in's Wasser. Ich
komme mein Lebtag zu nichts und ich hab' nichts.
    Aber ich hab' noch und will dir helfen.
    Nein, das thu' ich nicht mehr, da ich dich aussauge; du mut dir's auch
sauer verdienen.
    Es gelang Barfele ihren Bruder zu trsten und ihn so weit zu bringen, da
er mit ihr heimging; aber kaum waren sie hundert Schritte gegangen, als etwas
hinter ihnen drein trabte. Der Gaul hatte sich losgerissen und war Dami gefolgt
und dieser mute das Thier, das er so sehr liebte, mit Steinwrfen zurckjagen.
    Dami schmte sich seines Unglcks und lie sich fast vor keinem Menschen
sehen. Weil er sein Unglck nicht verbergen konnte und Spott darber frchtete,
versteckte er sich selber.
    Nur an den ersten Husern des Dorfes hielt er sich auf. Die schwarze Marann'
schenkte ihm einen Rock ihres erschossenen Mannes. Dami hatte einen
unberwindlichen Abscheu davor, ihn anzuziehen, aber Barfele, die ehedem den
Rock des Vaters als ein Heiligthum betrachtet und gepriesen hatte, fand jetzt
eben so viel Grnde zu beweisen, da ein Rock doch eigentlich nichts sei, da
gar nichts darauf ankme, wer ihn einst auf dem Leibe gehabt.
    Der Kohlenmathes, der nicht weit von der schwarzen Marann' wohnte, nahm Dami
mit als Gehlfen beim Holzschlagen und Kohlenbrennen. Dami war das abgeschiedene
Leben am willkommensten; er wollte nur noch ausharren, bis er Soldat werden
mute und dann wollte er als Einsteher eintreten und auf Lebenszeit Soldat
bleiben; beim Soldatenleben ist doch Gerechtigkeit und Ordnung und da hat
Niemand Geschwister und Niemand ein eigen Haus und man ist in Kleidung und
Speise und Trank versorgt und wenn's Krieg giebt, ist ein frischer Soldatentod
noch das Beste.
    Das war es was Dami am Sonntag im Moosbrunnenwalde aussprach, wenn Barfele
hinabkam zum Meiler, ihm Schmalz und Mehl und Rauchtabak brachte und ihn oft
belehren wollte, wie er auer der gewhnlichen Speise der Waldkhler, die in
schmalzgebhtem Brod besteht, auch die Kndel die er sich selbst bereitete,
schmackhafter machen knne; aber Dami wollte das nicht, gerade so wie sie
auskamen, war es ihm recht: er wrgte gern Schlechtes hinab, obgleich er htte
Besseres essen knnen und berhaupt gefiel er sich in einer Selbstverwahrlosung,
bis er einst zum Soldaten herausgeputzt wrde. Barfele kmpfte gegen dieses
ewige Hinausschauen nach einer kommenden Zeit und das Verlorengehenlassen der
Gegenwart, sie wollte den Dami, der sich in innerer Schlaffheit wohlgefiel und
sich dabei selbst bemitleidete, immer aufrichten; aber diesem schien in dem
inneren Zerfallen fast wohl zu sein. Er konnte sich eben dabei recht
bemitleiden, und bedurfte keiner Kraftanstrengung. Nur mit Mhe brachte es
Barfele dahin, da sich Dami von seinem Verdienste wenigstens eine eigene Axt
erwarb und zwar die des Vaters, die der Kohlenmathes bei der Versteigerung
gekauft hatte.
    In tiefer Verzweiflung kehrte oft Barfele aus dem Walde zurck, aber sie
hielt nicht lange an; die innere Zuversicht und der frohe Muth der in ihr lebte,
drngte sich unwillkrlich als heller Gesang auf ihre Lippen, und wer es nicht
wute, htte nie gemerkt, da Barfele je einen Kummer gehabt oder je einen
habe. Die Freudigkeit, die aus der unbewuten Empfindung flo, da sie straff
und unverdrossen ihre Pflicht that und Wohlthtigkeit bte an der schwarzen
Marann' und an Dami, prgte ihrem Antlitz eine unvertilgbare Heiterkeit auf. Im
ganzen Hause konnte Niemand so gut, lachen als das Barfele, und der alte
Rodelbauer sagte: ihr Lachen tne just wie Wachtel schlag, und weil sie ihm
allzeit dienstfertig und ehrerbietig war, gab er ihr zu verstehen, da er sie
einstmals in sein Testament setze. Barfele kmmerte sich nicht darum und baute
nicht viel darauf, sie erwartete nur den Lohn, den sie mit Recht und Sicherheit
ansprechen konnte, und was sie Gutes that, that sie aus einem innern Wohlwollen
ohne auf Entgelt zu warten.

                                8. Sack und Axt.


Das Haus des Scheckennarren war wieder aufgebaut, stattlicher als je; der Winter
kam herbei und die Loosung der Rekruten. Noch nie war mehr Betrbni ber ein
glckliches Loos entstanden als da Dami sich freispielte. Er war wie verzweifelt
und Barfele fast mit ihm, denn auch ihr war der Soldatenstand als treffliches
Mittel erschienen, um das lssige Wesen Dami's aufzurichten; dennoch sagte sie
ihm jetzt:
    Nimm das als Fingerzeig, du sollst jetzt fr dich selber als Mann
einstehen. Aber du thust noch immer wie ein kleines Kind, das nicht allein essen
kann und dem man zu essen geben mu.
    Du wirfst mir vor, da ich dich ausfresse?
    Nein, das mein ich nicht. Sei nicht immer so leidmthig, steh' nicht immer
da: wer will mir was thun? Gutes oder Bses? Schlag' selber um dich!
    Und das will ich auch und ich hole weit aus! schlo Dami. Er gab lange
nicht kund, was er eigentlich vorhatte, aber er ging seltsam aufrecht durch das
Dorf und sprach frei mit Jedem, er arbeitete fleiig im Walde bei den
Holzschlgern, er hatte die Axt des Vaters und mit ihr fast die Kraft dessen,
der sie ehedem so rstig gehandhabt.
    Als ihm Barfele einmal im Frhlingsanfang bei der Heimkehr vom
Moosbrunnenwald begegnete, sagte er, die Axt von der Schulter nehmend: Was
meinst, wo die hingeht?
    In's Holz! antwortete Barfele. Aber sie geht nicht allein, man mu sie
hacken.
    Hast Recht, aber sie geht zu ihrem Bruder, und der Eine hackt hben und der
Andere drben und da krachen die Bume wie geladene Kanonen und du hrst nichts
davon, oder wenn du willst, ja aber sonst Keiner im Ort.
    Ich verstehe dich vom Simri kein Mle, antwortete Barfele. Ich bin zu
alt zum Rthselaufgeben. Red' deutlich.
    Ja, ich gehe zum Ohm nach Amerika.
    So? Gleich heut? scherzte Barfele. Weit wie des Maurers Martin einmal
seiner Mutter zum Fenster hinaufgerufen hat: Mutter, wirf mir ein frisches
Sacktuch 'raus, ich will nach Amerika spaziren? Die so leicht fliegen wollen,
sind alle noch da.
    Wirst schon sehen, wie lang' ich noch da bin, sagte Dami und ging ohne
Weiteres fort in das Haus des Kohlenmathes. Barfele wollte sich ber den
lcherlichen Plan Dami's lustig machen, aber es gelang ihr nicht; sie fhlte,
da etwas Ernst dabei sei, und noch in der Nacht, als Alles schon im Bett lag,
eilte sie zu ihrem Bruder und erklrte ihm ein fr allemal, da sie nicht
mitgehe. Sie glaubte ihn dadurch pltzlich besiegt zu haben, aber Dami sagte
kurzweg: Ich bin dir nicht angewachsen. Sein Plan wurde immer fester.
    In Barfele war auf einmal wieder all das Wogen von Ueberlegungen, das sie
schon einmal in der Kindheit befallen hatte; aber jetzt sprach sie nicht mehr
mit dem Vogelbeerbaum, als ob er ihr Antwort geben knne, und aus allen
Erwgungen heraus lautete der Schlu: Er hat Recht, da er geht; ich hab' aber
auch Recht, da ich da bleibe! Sie freute sich eigentlich innerlich, da Dami
einen so khnen Entschlu fassen knne, das zeigte doch von mnnlicher Kraft;
und that es ihr auch tief wehe, fortan vielleicht allein zu sein in der weiten
Welt, so fand sie es doch Recht, da der Bruder mit gesundem Muth hinausgriff.
Dennoch glaubte sie ihm noch nicht ganz. Am andern Abend pate sie ihm ab und
sagte ihm:
    Sprich nur mit keinem Menschen von deinem Auswanderungsplan, sonst wirst du
ausgelacht, wenn du's nicht ausfhrst.
    Hast Recht! sagte Dami, aber nicht deswegen; ich frchte mich nicht
davor, mich vor andern Menschen zu binden; so gewi als ich die fnf Finger da
an der Hand habe, so gewi gehe ich, ehe hier die Kirschen zeitig sind; und wenn
ich mich durchbetteln und wenn ich mich durchstehlen mu, da ich fortkomme. Nur
das Eine thut mir weh, da ich fort mu und nicht dem Scheckennarren einen Tuck
anthun kann, den er sein Leben lang sprt.
    Das ist die rechte Gromnnigkeit, eiferte Barfele, das ist die echte
Herzensliederlichkeit, einen Rachegedanken hinter sich zu lassen. Dort, dort
drben liegen unsere Eltern, komm' mit, komm' mit auf ihr Grab und sage das dort
noch einmal, wenn du kannst. Weit, wer der Nichtsnutzigste ist? Wer sich
verderben lt. Gieb die Axt her, du bist nicht werth da die Hand zu haben, wo
der Vater seine Hand gehabt hat, wenn du das nicht gleich mit Stumpf und Stiel
aus der Seele reiest! Die Axt gieb her! Die soll kein Mensch haben, der von
Stehlen und Morden spricht. Die Axt gieb her! Oder ich wei nicht was ich thue.
    Kleinlaut sagte Dami: Es ist nur so ein Gedanke gewesen. Glaub' mir, ich
hab's nicht gewollt, ich kann ja das auch nicht; aber weil sie mich immer so den
Kegelbuben heien, da hab' ich gemeint, ich msse auch einmal wettern und
dreinfluchen und dreinhauen. Aber du hast Recht. Sieh, wenn du willst, gehe ich
noch heut Nacht hin zum Scheckennarren und sage ihm, da ich keinen bsen
Gedanken im Herzen gegen ihn hab'.
    Das brauchst du nicht, das ist wieder zu viel; aber weil du so Einsicht
annimmst, so will ich dir helfen was ich kann.
    Das Beste wre, du gingest mit.
    Nein, das kann ich nicht, ich wei nicht warum, aber ich kann nicht. Aber
das habe ich nicht verschworen: wenn du mir schreibst, da dir's beim Ohm gut
geht, da komme ich nach. So in den Nebel hinein, wo man nichts wei ... ich
ndere nicht gern, und ich hab's ja eigentlich gut hier. Aber jetzt la uns
berlegen, wie du fort kommst.
    Es ist eine Eigenheit vieler Auswandernden, und giebt Zeugni von einer
finstern Seite der Menschennatur berhaupt und unserer vaterlndischen Zustnde
insbesondere, da die lebendig Scheidenden gern noch vor ihrem Abgang ungestraft
Rache nehmen, und bei Vielen ist es das Erste was sie in der neuen Welt thun,
da sie nach der alten Welt an die Gerichte schreiben, und allerlei Angebereien
ber geheimgebliebene Verbrechen machen.
    Es waren schreckliche Beispiele dieser Art in der Gegend vorgekommen, und
Barfele flammte darum doppelt im Zorn auf, weil auch ihr Bruder sich zu den
aus dem Verstecke Schieenden hatte gesellen wollen. Darum war sie jetzt doppelt
zufrieden, als sie den bsen Willen Dami's besiegt hatte; denn tiefer als alle
Wohlthat erquickt das innere Gefhl, einen Andern von Laster und Irrweg
zurckgefhrt zu haben.
    Mit der ganzen sichern Klarheit ihres Wesens erwog sie nun alle Umstnde.
Die Frau des Ohms hatte an ihre Schwester geschrieben, da es ihnen wohlgehe,
und so wute man den Aufenthaltsort des Ohms.
    Die Ersparnisse Dami's waren sehr gering, und auch die Barfele's reichten
nicht voll aus. Dami sprach davon, da die Gemeinde ihm eine namhafte Beisteuer
geben msse; die Schwester wollte nichts davon wissen, und sie sagte: Das soll
das Letzte sein, wenn alles Anders fehlgeschlagen hat. Sie erklrte nicht, was
sie noch sonst versuchen knne. Ihr erster Gedanke war allerdings, sich an die
Landfriedbuerin in Zusmarshofen zu wenden; aber sie wute, wie solch ein
Bettelbrief einer reichen Buerin erscheinen msse, die vielleicht auch nicht
einmal baar Geld habe; dann dachte sie an den Rodelbauer, der ihr versprochen
hatte, sie in sein Testament zu setzen, er sollte ihr das Zugedachte jetzt
geben, und wenn es auch weniger sei. Dann fiel ihr wieder ein, da man
vielleicht den Scheckennarren, dem es wieder beraus wohl erging, zu einer
Beisteuer bewegen knne. Sie sagte von alledem dem Dami nichts, aber wie sie
sein Gewand musterte, wie sie mit vieler Mhe der schwarzen Marann' von ihrer
aufgespeicherten Leinwand ein Stck auf Borg abkaufte, alsbald zuschnitt und in
der Nacht vernhte, alle diese entschiedenen Vorbereitungen machten Dami fast
zittern. Er hatte freilich gethan, als ob der Auswanderungsplan bei ihm
unerschtterlich fest sei, und doch kam er sich jetzt wie gebunden, wie
gezwungen vor, als ob er durch den festen Willen der Schwester zur Ausfhrung
genthigt wrde. Ja, die Schwester erschien ihm fast hartherzig, als ob sie ihn
fortdrnge, ihn los sein wolle. Er wagte jedoch nicht, die deutlich zu sagen,
er wute nur allerlei Quengeleien vorzubringen und Barfele deutete diese als
das verdeckte Wehe des Abschieds, das kleine Hindernisse gern als Nthigung
annimmt, um sich von einem Vorhaben abbringen zu lassen und doch dabei eine
Entschuldigung vor sich zu haben. Sie machte sich nun vor Allem an den alten
Rodelbauer und verlangte geradezu, da er ihr das Erbstck, welches er schon
lange versprochen, jetzt gebe.
    Der alte Rodelbauer sagte: Was pressirst du so? Kannst nicht warten? Was
hast?
    Nichts hab' ich und kann nicht warten. Sie erzhlte, da sie ihren Bruder
aussteuern wolle, der nach Amerika auswandere. Das war ein glcklicher Griff fr
den alten Rodelbauer; er konnte seine Zhigkeit noch als Gutmthigkeit, als
weise Frsorge hinstellen, und bedeutete Barfele, da er ihr jetzt keinen
rothen Heller gebe, er wolle nicht schuld sein, da sie sich ganz ausziehe fr
ihren Bruder. Nun bat Barfele, da er der Frsprech sei beim Scheckennarren;
dazu lie er sich endlich herbei, und that gro damit, da er sich zum Betteln
hergebe bei einem fremden Mann fr einen fremden Menschen; aber die Ausfhrung
verschob er von Tag zu Tag, bis er sich endlich, da Barfele nicht ablie, auf
den Weg machte. Wie vorauszusehen war, kam er mit leerer Hand zurck, denn des
Scheckennarren erste Frage war natrlich: was denn der Rodelbauer gebe? Und als
dieser geradezu sagte, da er sich vor der Hand zu nichts verstehe, so war das
der gewiesene Weg und der Scheckennarr blieb auch auf demselben. Als Barfele
ihren Kummer ber diese Hartherzigkeit der schwarzen Marann' klagte, rief diese
aus: Ja, so sind die Menschen! Wenn morgen Einer in's Wasser springt, und man
zieht ihn todt heraus, da sagt ein Jedes: htt' er mir's nur gesagt, was ihm
fehlt, ich htt's ihm ja gern gegeben und ihm in Allem geholfen. Was gab' ich
nicht drum, wenn ich ihn wieder in's Leben bringen knnte! - Aber ihn beim Leben
erhalten, dazu wollte sich keine Hand aufthun.
    Und eben dadurch, da sich Barfele die ganze Schwere der Dinge immer voll
auf that, lernte sie sie leicht ertragen. Drum mu man sich nur auf sich selbst
verlassen, war ihr innerer Wahlspruch, und statt sich niederdrcken zu lassen
von Hindernissen, wurde sie dadurch nur immer schnellkrftiger. Sie raffte
zusammen und machte zu Gelde, was sie nur hatte, und der reiche Anhenker, den
sie einst von der Landfriedbuerin erhalten, wanderte zur Wittwe des alten
Heiligenpflegers, die sich in ihrem Wittwenstande an einem ergiebigen Wucher auf
Faustpfnder erfreute. Auch der Dukaten, den sie dem Oberbaurath auf dem
Kirchhofe einst nachgeworfen hatte, wurde jetzt wieder gefordert und seltsamer
Weise erbot sich nun der Rodelbauer, beim Gemeinderath in dem er sa, eine
namhafte Untersttzung fr den auswandernden Dami zu erwirken. Mit ffentlichen
Geldern war er gern gromthig und tugendhaft. Dennoch erschrak Barfele, als
er ihr nach wenigen Tagen verkndete, es sei beim Gemeinderath Alles bewilligt,
aber nur auf die Bedingung hin, da Dami das Heimathsrecht im Dorf aufgebe. Das
hatte sich von selbst verstanden, man hatte gar nicht anders gedacht; aber
jetzt, da es eine Bedingung war, erschien es als ein Schreckbild: nirgends mehr
daheim zu sein. Dem Dami sagte Barfele nichts von diesen ihren Gedanken und
Dami schien wieder froh und wohlgemuth. Besonders die schwarze Marann' redete
ihm viel zu, denn sie htte gern das ganze Dorf in die Fremde geschickt, um
endlich Kunde von ihrem Johannes zu bekommen; und jetzt glaubte sie steif und
fest, da ihr Johannes ber dem Meer sei. Der Krappenzacher hatte ihr gesagt:
das Meer, die salzige Fluth, Verhindere die Thrnen, die man um Einen weinen
wolle, der am andern Ufer sei.
    Barfele erhielt von ihrer Dienstherrschaft die Erlaubni, den Bruder zu
begleiten, als er seinen Ueberfahrtsvertrag mit dem Agenten in der Stadt
abschlieen wollte. Wie erstaunten sie aber, als sie hier hrten, da dies
bereits geschehen sei. Der Gemeinderath hatte es schon bewerkstelligt, und Dami
geno des Armenrechtes und der entsprechenden Verpflichtungen. Er mute vom
Schiff aus, bevor dasselbe in's weite Meer segelte, eine Bescheinigung seiner
Abfahrt unterzeichnen und erst dann wurde das Geld ausgezahlt.
    Traurig kehrten die Geschwister heim in's Dorf, schweigend gingen sie dahin.
Dami war von Verdrossenheit berfallen, da nun Etwas geschehen msse, weil er's
einmal gesagt, und Barfele empfand ein tiefes Wehe, da doch ihr Bruder
eigentlich wie auf dem Schub fortgeschafft wrde. An der Gemarkung sagte Dami
laut zu dem Stock, auf dem der Ortsname und Amtsbezirk stand:
    Du da! Beht' dich Gott! Ich bin nicht mehr bei dir daheim, und alle
Menschen da drin die, sind mir jetzt grad so viel wie du.
    Barfele weinte, aber sie nahm sich vor, da dies das Letztemal sein solle
bis zur Abreise Dami's und auch bei dieser selbst. Sie hielt Wort. Die Leute im
Dorfe sagten: das Barfele msse kein Herz im Leibe haben, denn es waren ihr
die Augen nicht na geworden als ihr Bruder schied und die Leute wollen gern
selbst die Thrnen sehen. Was kmmern sie die heimlich geweinten? Barfele aber
hielt sich wach und straff. Nur in den letzten Tagen vor der Abreise Dami's
versumte sie zum Erstenmal ihre Pflicht, denn sie vernachlssigte ihre Arbeit
und war immer beim Dami; sie lie sich von der Rosel darber ausschelten und
sagte nur: Du hast Recht. Sie lief aber doch ihrem Bruder berall nach, sie
wollte keine Minute verlieren, da er noch da war, sie meinte, sie knne ihm in
jedem Augenblick noch etwas Besonderes erweisen, noch etwas Besonderes sagen fr
Lebenlang, und qulte sich wieder, da sie ganz gewhnliche Sachen sprach, ja,
da sie sogar manchmal mit ihm stritt.
    O diese Abschiedsstunden, wie bedrcken sie das Herz, wie pret sich da alle
Vergangenheit und Zukunft in einen Augenblick zusammen und man wei nirgends
anzufassen und nur ein Blick, eine Berhrung mu Alles sagen!
    Amrei gewann inde doch noch Worte. Als sie ihrem Bruder das Leinenzeug
vorzhlte, sagte sie: Das sind gute saubere Hemden, halt' dich gut und sauber
drin. Und als sie Alles in den groen Sack packte, auf dem noch der Name des
Vaters stand, sagte sie: Bring' den wieder mit, voll lauter Gimgold. Wirst
sehen, wie gern du dann hier wieder die Brgerannahme bekommst, und des
Rodelbauern Rosel, wenn sie bis dahin noch ledig ist, springt dir ber sieben
Huser nach. Und als sie die Axt des Vaters in die groe Kiste legte, sagte
sie: O wie glatt ist der Stiel! Wie oft ist er durch des Vaters Hand gegangen
und ich mein', ich spr' noch seine Hand da drauf. So, jetzt hab' ich das
Wahrzeichen: Sack und Axt. Arbeiten und Einsammeln das ist das Beste und da
bleibt man lustig und gesund und glcklich. Beht' dich Gott und sag' auch recht
oft vor dich hin: Sack und Axt. Ich will's auch oft thun und das soll unser
Gedenken sein, unser Zuruf, wenn wir weit, weit von einander sind, bis du mir
schreibst oder mich holst oder wie du's kannst, wie's eben Gott will, Sack und
Axt! da drin steckt Alles. Da kann man Alles hineinthun, alle Gedanken und Alles
was man erworben hat.
    Und noch als Dami auf dem Wagen sa und sie ihm zum Letztenmal die Hand
reichte, die sie lange nicht lassen wollte, bis er endlich davon fuhr, da rief
sie ihm noch mit heller Stimme nach: Sack und Axt! Vergi das nicht. Er
schaute zurck und winkte, und - war verschwunden.

                            9. Ein ungebetener Gast.


Gelobt sei Amerika! rief der Nachtwchter zum Ergtzen Aller mehrere Nchte beim
Stundenanrufen aus, statt des blichen Dankspruches gegen Gott. Und der
Krappenzacher, der, weil er selber nichts galt, gern bei den rechten Leuten
auf die Armen schimpfte, sagte am Sonntag beim Ausgang aus der Kirche und
Nachmittags auf der langen Bank vor dem Auerhahn: Der Columbus ist ein wahrer
Heiland gewesen. Von was kann der Einen nicht Alles erlsen! Ja, das Amerika ist
der Saukbel von der alten Welt, da schttet man hinein, was man in der Kche
nicht mehr brauchen kann: Kraut und Rben und Alles durcheinander und fr die,
wo im Schlo hinterm Haus wohnen und Franzsisch verstehen oui! oui! ist es noch
ein gutes Fressen.
    Bei der Armuth an Gesprchstoffen war natrlich der ausgewanderte Dami
geraume Zeit Gegenstand der Unterhaltung; und wer zum Gemeinderath gehrte,
pries seine Weisheit, da er sich von einem Menschen befreit habe, der gewi
einmal der Gemeinde zur Last gefallen wre. Denn wer in allerlei Gewerben
herumkutschirt, fhrt in's Elend.
    Natrlich gab es viele gutmthige Menschen, die Barfele Alles berichteten,
was man ber ihren Bruder sagte und wie man ber ihn spottete. Aber Barfele
lachte darber, und als von Bremen aus ein schner Brief von Dami kam - man
htte es gar nicht geglaubt, da er Alles so ordentlich setzen kann - da
triumphirte sie vor den Augen der Menschen und las den Brief mehrmals vor.
Innerlich aber war sie traurig, einen solchen Bruder wohl auf ewig verloren zu
haben. Sie machte sich Vorwrfe, da sie ihn nicht genug habe aufkommen lassen,
da sie ihn nicht genug vorn hin gestellt habe; denn das zeigte sich jetzt,
welch ein geweckter Bursch der Dami war und dabei so gut. Er, der von Allem im
Dorf hatte Abschied nehmen wollen wie von dem Stock an der Gemarkung, fllte
jetzt fast eine ganze Seite mit lauter Gren an Einzelne und Jeder hie der
Liebe und der Gute und der Brave und Barfele erntete viel Lob, berall
wo sie die Gre ausrichtete und dabei immer genau zeigte: Seht, da steht's!
    Barfele war eine Zeitlang still und in sich gekehrt, es schien sie zu
gereuen, da sie den Bruder fortgelassen oder nicht mit ihm gegangen war. Sonst
hrte man sie in Stall und Scheune und Kche und Kammer und beim Ausgang, mit
der Sense ber der Schulter und dem Grastuch unter'm Arm, immer singen; jetzt
war sie still. Sie schien das gewaltsam zurckzuhalten. Aber es gab ein gutes
Mittel, die Lieder wieder hinaustnen zu lassen. Am Abend schlferte sie die
Kinder des Rodelbauern ein und dabei sang sie unaufhrlich, wenn die Kinder auch
schon lange schliefen. Dann eilte sie noch zur schwarzen Marann' und versorgte
sie mit Holz und Wasser und Allem was sie bedurfte.
    An Sonntag-Nachmittagen, wenn Alles sich vergngte, stand Barfele oft
still und unbewegt an der Thrpfoste ihres Hauses und schaute hinein in die Welt
und den Himmel und sah wie die Vgel flogen und trumte so vor sich hin, bald
hinaus in's Weite, wo der Dami jetzt sei und wie es ihm ergehe, und dann konnte
sie wieder unverwandten Blickes lange Zeit einen umgelegten Pflug betrachten und
einem Huhn, das sich in den Sand eingrub, zuschauen. Wenn ein Fuhrwerk durch's
Dorf fuhr, schaute sie auf und sagte fast laut: Die fahren zu Jemand! Auf allen
Straen der Welt geht kein Mensch zu mir, denkt kein Mensch an mich; und gehr'
ich denn nicht auch her? Und dann war's ihr immer als erwarte sie Etwas, ihr
Herz pochte schneller wie einem Ankommenden entgegen. Und unwillkrlich sang
sie:

Alle Wsserlein auf Erden
Die haben ihren Lauf;
Kein Mensch ist ja auf Erden,
Der mir mein Herz macht auf.

    Ich wollte, ich wre so alt wie Ihr, sagte sie einmal aus solchen Trumen
heraus, als sie bei der schwarzen Marann' ankam.
    Sei froh, da der Wunsch kein Wahr ist, erwiderte die schwarze Marann'.
Wie ich so alt war wie du, da war ich lustig und hab' drunten in der Gipsmhle
132 Pfund gewogen.
    Ihr seid doch Einmal wie das Andermal und ich bin gar nicht gleich.
    Wenn man gleich sein will, mu man sich die Nase abschneiden, da ist man im
ganzen Gesicht gleich. Du Nrrle, grm' dir deine jungen Jahre nicht ab, es
giebt sie dir Keiner wieder heraus. Die alten kommen schon von selber.
    Es gelang der schwarzen Marann' leicht, Barfele zu trsten. Nur wenn sie
allein war, lag noch ein seltsames Bangen auf ihr. Was soll das werden?
    Ein wunderliches Hin- und Herreden ging durch das Dorf. Man sprach seit
vielen Tagen davon, da es in Endringen eine Nachhochzeit gebe, wie seit
Menschengedenken keine in der Gegend gewesen sei. Die lteste Tochter des
Dominik und des Ameile heirathete einen reichen Holzhndler im Murgthal und man
sagte, das gbe eine Lustbarkeit wie man sie noch nie erfahren.
    Der Tag rckte immer nher heran. Wo sich zwei Mdchen begegnen, ziehen sie
sich hinter eine Hecke, eine Heuflur und knnen gar kein Ende finden und
behaupten doch stets, da sie gewaltig Eile htten. Man sagt, es kme Alles aus
dem Oberlande und aus dem ganzen Murgthal und von dreiig Stunden Wegs her, denn
das sei eine groe Familie. Am Rathhausbrunnen, da war erst das rechte Leben, da
wollte kein Mdchen ein neues Kleidungsstck haben, um sich andern Tages
umsomehr an der Ueberraschung und dem Staunen zu erfreuen. Vor lauter Fragen und
Hin-und Herreden verga man das Wasserschpfen, und Barfele, die am sptesten
gekommen war, ging am frhesten mit vollem Kbel wieder heim. Was ging sie der
Tanz an! Und doch war's ihr immer, als hrte sie berall Musik.
    Am andern Tag hatte Barfele viel im Hause hin und her zu rennen, denn sie
sollte die Rosel aufputzen. Sie erhielt manchen heimlichen Knuff beim Zpfen,
aber sie ertrug es still.
    Die Rosel hatte ein gewaltiges Haar und das sollte auch gewaltig prangen.
Sie wollte heute etwas Neues damit probiren. Sie wollte einen
Maria-Theresienzopf haben, wie man hier zu Lande ein kunstreiches Geflecht aus
vierzehn Strngen nennt, das sollte als neu Aufsehen erregen. Es gelang
Barfele das schwere Kunstwerk zu Stande zu bringen; aber kaum war es fertig,
als die Rosel es im Unmuth wieder aufri und sie sah wild aus wie ihr die
Strnge ber den ganzen Kopf und ber das Gesicht hingen, dabei war sie aber
doch schn und stattlich und gewaltig im Umfang, und ihr ganzes Gebhren sprach
es aus: minder als vier Rosse knnen nicht in dem Hause sein, in das ich einmal
heirathe! Und in der That warben viele Hofshne um sie, aber sie schien noch
keine Lust zu haben, sich fr irgend Einen zu bestimmen. Sie blieb nun bei den
landesblichen zwei Zpfen, die den Rcken hinabhingen, mit eingeflochtenen
rothen Bndern, die fast bis an den Boden hinabreichten. Sie stand fertig
geschmckt da und nun verlangte sie einen Blumenstrau. Sie selbst hatte die ihr
zugehrigen Blumen verwildern lassen, und trotz aller Einsprache mute Barfele
doch endlich nachgeben und ihre schngehegten Blumen vor dem Fenster fast aller
Blthen berauben. Auch das kleine Rosmarinstckchen verlangte Rosel zu haben,
aber Barfele wollte sich eher zerreien lassen, ehe sie das hergab; und die
Rosel spottete und lachte, schimpfte und schalt ber die einfltige Ganshirtin,
die so eigenwillig thue und die man doch um Gotteswillen im Hause habe.
Barfele antwortete nicht und sie sah Rosel nur an mit einem Blick, vor dem
Rosel die Augen niederschlug. Jetzt hatte sich eine rothe Wollrose auf dem
linken Schuh verschoben und Barfele war eben niedergekniet, um sie behutsam
festzunhen; da sagte die Rosel halb in Reue ber ihr Benehmen, halb doch noch
im Spott:
    Barfele, heut' thu' ich's nicht anders, heut mut du mit zum Tanz.
    Spotte nicht so, was willst du denn von mir?
    Ich spotte nicht, betheuerts die Rosel noch halb neckisch, du solltest
auch einmal tanzen, bist ja auch ein junges Mdle, und es wird auch
Deinesgleichen auf dem Tanz sein; unser Robub geht ja auch und es kann auch ein
Bauernsohn mit dir tanzen, ich will schon einen Ueberzhligen schicken.
    La mich in Frieden oder ich steche dich, mahnte Barfele am Boden,
zitternd vor Freude und Trauer.
    Die Schwgerin hat Recht, nahm die junge Buerin nun das Wort, die bis
jetzt zu Allem geschwiegen hatte, und ich gebe dir kein gutes Wort mehr, wenn
du heute nicht mit zum Tanz gehst. Komm, da setz' dich hin, ich will dich auch
einmal bedienen.
    Und einmal ber das andere bergo Barfele eine Flammenrthe, wie sie so
da sa und ihre Meisterin sie bediente; und als sie ihr die Haare aus dem
Gesicht that und sie alle nach hinten wendete, wollte Barfele fast vom Stuhl
sinken, da die Buerin sagte: Ich zpf' dich, wie die Allguerinnen gehen. Das
wird dich ganz gut herausputzen, und du siehst auch so aus wie eins Allguerin;
so untersetzt und so braun und so kugelig; du siehst aus wie die Tochter von der
Landfriedbuerin in Zusmarshofen.
    Was die? warum wie die? fragte Barfele und zitterte am ganzen Leib. Was
war's, warum sie jetzt gerade an die Buerin erinnert wurde, die ihr von Kind
auf im Sinne lag und die ihr damals erschienen war wie eine wohlthtige Fee aus
dem Mrchen? Aber sie hatte keinen Ring den sie drehen konnte, damit sie
erscheinen msse; sie konnte sie nur innerlich herbannen, und das geschah oft
fast unwillkrlich.
    Halt' dich ruhig, sonst rupf' ich dich, befahl die Buerin, und Barfele
hielt still und athmete kaum. Und wie ihr die Haare so mitten durch getheilt
wurden, und wie sie so da sa, die Hnde zusammengepret und Alles mit sich
machen lassen mute, und die hochschwangere Frau sie bald warm anhauchte, bald
an ihr herumbosselte, da kam sie sich vor als wrde sie pltzlich verzaubert,
und sie redete kein Wort, als drfe sie den Zauber nicht verscheuchen, und
senkte demthig den Blick.
    Ich wollt', ich knnte dich zu deiner Hochzeit so einkleiden! sagte die
Buerin, die heute von lauter Gte berflo. Ich mchte dir einen
rechtschaffenen Hof gnnen und es wre Keiner mit dir angefhrt; aber heutigen
Tages geschieht das nicht mehr. Da springt das Geld nach dem Geld. Nun sei du
nur zufrieden. So lang mir ein Auge offen steht, soll dir bei mir nichts fehlen,
und wenn ich sterbe - ich wei nicht, es ist mir diemal so bang um die schwere
Stunde - gelt, du verl'st meine Kinder nicht und vertrittst an ihnen
Mutterstelle?
    O Gott im Himmel, wie knnt Ihr nur so was denken! rief Barfele und
Thrnen rannen ihr aus den Augen. Das ist eine Snde, und man kann auch
sndigen, da man Gedanken ber sich kommen lt, die nicht recht sind.
    Ja, ja, du hast recht, sagte die Buerin, aber wart' noch, sitz' noch
still, ich will dir meinen Anhenker holen und den will ich dir um den Hals
thun.
    Nein, um Gotteswillen nicht; ich trage nichts was nicht mein ist. Ich tht'
mich in den Boden hinein schmen vor mir selber.
    Ja, aber so kannst du nicht gehen. Oder hast du vielleicht noch selber
Etwas?
    Barfele erzhlte, da sie allerdings einen Anhenker habe, den sie als Kind
von der Landfriedbuerin erhalten, der aber wegen Dami's Auswanderung verpfndet
sei bei der Wittwe des Heiligenpflegers.
    Barfele mute nun stillsitzen und versprechen, sich nicht im Spiegel zu
sehen, bis die Buerin wieder kme, die nun forteilte, um das Kleinod zu holen
und selber fr das Darlehen zu brgen.
    Welche Schauer flossen nun durch die Seele Barfele's, wie sie so da sa,
sie, die allzeit Dienende nun bedient, und in der That fast wie verzaubert. Sie
frchtete sich fast vor dem Tanz, sie war jetzt so gut und so freundlich
behandelt - wer wei wie sie herumgestoen wird und Keiner sieht nach ihr um,
und all ihr uerer Schmuck und ihre innere Lust ist vergebens! Nein, sagte
sie vor sich hin, und wenn ich weiter nichts habe als da ich mich gefreut
habe, das ist auch genug; und wenn ich mich gleich wieder ausziehen und daheim
bleiben mte, ich wre schon glckselig.
    Die Buerin kam mit dem Schmuck und das Lob des Schmuckes und Schimpfen auf
die Heiligenpflegerin, die einem armen Mdchen solche Blutzinsen abnehme, ging
seltsam durcheinander. Sie versprach, noch heute das Darlehen zu bezahlen und es
Barfele allmlig am Lohn abzuziehen.
    Jetzt endlich durfte Barfele sich betrachten. Die Frau hielt ihr selber
den Spiegel vor und aus den Mienen Beider glnzte es und sprach es wie ein
jauchzender Wechselgesang der Freude.
    Ich kenn' mich gar nicht! ich kenn' mich gar nicht! sagte Barfele immer
und betastete sich auf und nieder mit beiden Hnden im Gesicht. Ach Gott, wenn
nur mein' Mutter mich so sehen knnte! Aber sie wird Euch gewi vom Himmel herab
segnen, da Ihr so gut zu mir seid, und sie wird Euch beistehen in der schweren
Stunde; brauchet nichts zu frchten.
    Jetzt mach' aber ein ander Gesicht, sagte die Buerin, nicht so ein
Gotteserbarm; aber es wird schon kommen, wenn du die Musik hrst.
    Ich mein', ich hre sie schon, sagte Barfele. Ja, horchet, da ist sie.
In der That fuhr eben ein groer Leiterwagen mit grnen Reisern besteckt durch
das Dorf und darauf sa die ganze Musik, und der Krappenzacher stand mitten
zwischen den Musikanten und blies die Trompete, da es schmetterte.
    Nun war kein Halt mehr im Dorf, Alles machte sich eilig davon. Die
Bernerwgelein, einspnnig und zweispnnig, aus dem Dorf selber und aus den
benachbarten, die hier durch muten, jagten einander fast wie im Wettrennen.
Rosel stieg zu ihrem Bruder auf den Vordersitz und Barfele sa hinten im
Korbe. Sie schaute immer vor sich nieder, so lange man durch das Dorf fuhr, so
schmte sie sich. Nur beim Elternhause wagte sie aufzublicken: die schwarze
Marann' grte heraus, der rothe Gockelhahn krhte auf der Holzbeuge und der
Vogelbeerbaum nickte: Glck auf den Weg!
    Jetzt fuhr man durch das Thal, wo der Manz die Steine klopfte, jetzt ber
den Holderwasen, wo eine alte Frau die Gnse htete. Barfele nickte ihr
freundlich. Ach Gott, wie komm' denn ich dazu, da ich hier so stolz und
geschmckt vorbeifahre, und ist's denn nicht eine gute Stunde bis Endringen und
man meint doch, man wre kaum eingesessen und jetzt heit's schon absteigen! und
die Rosel ist schon begrt und umstanden von allerlei Gefreundeten und: Ist
das eine Schwester deiner Schwgerin, die du da bei dir hast? heit es
vielfach.
    Nein, es ist nur unsere Magd, antwortete Rosel. Mehrere Bettler aus
Haldenbrunn die hier waren, betrachteten Barfele staunend; sie kannten sie
offenbar nicht und erst als sie sie lange angesehen hatten riefen sie: Ei, das
ist ja das Barfele.
    Das ist nur unsere Magd. Dieses Wrtchen nur war Barfele tief in's
Herz gedrungen, aber sie fate sich schnell und lchelte, denn in ihr sprach es:
La dir nicht von einem Wrtchen deine Freude verderben. Wenn du das anfngst,
da trittst du berall auf Dornen. Die Rosel nahm Barfele bei Seite und sagte:
    Geh' du nur einstweilen auf den Tanzboden, oder anderswohin wenn du sonst
Bekannte im Ort hast. Bei der Musik sehe ich dich hernach schon wieder.
    Ja, da stand Barfele wie verlassen und sie kam sich vor, als htte sie
ihre Kleider gestohlen und gehre gar nicht daher, sie war ein Eindringling.
Wie kommst du dazu, da du zu so einer Hochzeit gehst? fragte sie sich und sie
wre am liebsten wieder heimgekehrt. Sie ging durch das Dorf aus und ein, dort
an dem schnen Hause vorbei, das fr den Brosi erbaut worden war und worin auch
heute viel Leben sich zeigte; denn die Oberbaurthin hielt mit ihren Shnen und
Tchtern hier ihre Sommerfrische. Barfele ging wieder das Dorf hinein und
schaute sich nicht um und doch wnschte sie, da Jemand sie anrufe, damit sie
sich zu ihm geselle.
    Am Ende des Dorfes begegnete ihr ein schmucker Reiter auf einem Schimmel,
der das Dorf hereinritt. Er trug eine fremde Bauerntracht und sah stolz drein;
jetzt hielt er an, stemmte die Rechte mit der Reitgerte in die Seite, mit der
linken klaschte er den Hals seines Pferdes und sagte: Guten Morgen, schnes
Jungferle! Schon mde vom Tanz?
    Das ist leicht gefragt vom Gaul herunter, lautete die Antwort.
    Der Reiter ritt davon und Barfele sa lange Zeit hinter einer Haselhecke
und mute Allerlei in sich hineindenken und ihre Wangen glhten von einer Rthe,
die der Aerger ber sich selbst, ber die spitze Antwort auf eine harmlose
Frage, die Betroffenheit und ein unbegreifliches inneres Wogen anfachte: Was
kann der gute Mensch dafr, da du so verdrielich bist? Und gut ist er. Er hat
so eine herzliche Stimme gehabt. Und schmuck ist er auch. Aber was geht das
Alles mich an? Ich will von der ganzen Welt nichts mehr, von gar nichts ...
    So zu Jubel gespannt hatte sie den Tag begonnen und jetzt wnschte sie sich
den Tod. Hier hinter der Hecke einschlafen und nicht mehr sein, o wie herrlich
wre das! Du sollst keine Freude haben, warum noch so lange herumlaufen? Wie
zirpen die Heimchen im Grase und ein warmer Dampf steigt auf von der Erde und
eine Grasmcke zwitschert immer fort und es ist als ob sie mit ihrer Stimme
immer in sich hinein lange und frische noch innigere Tne heraushole und sich
gar nicht genug thun knne, das so recht von ganzem Herzen zu sagen was sie zu
sagen hat, und droben singen die Lerchen und jeder Vogel singt fr sich und
Keiner hrt auf den Andern und Keiner stimmt dem Andern bei und doch ist Alles
...
    Noch nie in ihrem Leben war Amrei am hellen Tag und nun gar des Morgens
eingeschlafen und jetzt, sie hatte ihr Kopftuch ber die Augen gezogen, und
jetzt kte der Sonnenstrahl ihre geschlossenen Lippen, die im Schlafe noch
immer wie trotzig gepret waren und die Rthe auf ihrem Kinn frbte sich rther.
Sie schlief wohl eine Stunde, da wachte sie zuckend pltzlich auf. Der Reiter
auf dem Schimmel war auf sie zugeritten und jetzt eben hob das Pferd seine
beiden Vorderfe, um sie auf ihre Brust zu stellen. Es war nur ein Traum
gewesen und Amrei schaute sich um, als wre sie pltzlich vom Himmel gefallen;
sie sah staunend wo sie war, betrachtete verwundert sich selbst; aber Musikklang
aus dem Dorfe weckte schnell Alles und sie ging neu gekrftigt in's Dorf zurck,
wo bereits Alles noch lebendiger geworden war. Sie sprte es, sie hatte sich
ausgeruht von dem Allerlei was heute schon mit ihr vorgegangen war. Jetzt
sollten sie nur kommen die Tnzer! Sie wollte tanzen bis zum andern Morgen und
nicht ausruhen und nicht mde werden.
    Die frische Rthe eines Kinderschlafes lag auf ihrem Angesicht und Alles sah
sie staunend an. Sie ging nach dem Tanzboden; da tnte die Musik, aber in den
leeren Raum, es waren keine Tnzer da. Nur die Mdchen, die heute zur Bedienung
der Gste gedungen waren, tanzten miteinander herum. Der Krappenzacher
betrachtete Barfele lange und schttelte den Kopf. Er schien sie offenbar
nicht zu kennen. Amrei drckte sich an den Wnden hin und wieder hinaus. Sie
begegnete Dominik dem Furchenbauer, der heut' in voller Freude strahlte.
    Mit Verlaub, sagte er, gehrt die Jungfer zu den Hochzeitgsten?
    Nein, ich bin nur eine Magd, und bin mit meiner Haustochter, des
Rodelbauern Rosel gekommen.
    Gut, so geh' hinauf auf den Hof zur Buerin, und sag' ihr, ich schick'
dich, du wolltest ihr helfen; man kann heute nicht Hnde genug in unserm Hause
haben.
    Weil Ihr es seid, recht gern, sagte Amrei und machte sich auf den Weg.
Unterwegs mute sie viel daran denken, da der Dominik auch Knecht gewesen sei
und ... Ja, so Etwas kommt nur alle hundert Jahr' Einmal vor. Und es hat viel
Blut gekostet ehe er zu dem Hof gekommen ist, da ist doch arg.
    Die Furchenbuerin Ameile hie die Ankommende, die im Anerbieten ihrer
Dienste zugleich die Jacke abzog und sich eine groe Schrze mit Brustlatz
ausbat, freundlich willkommen; aber die Buerin that es nicht anders, Amrei
mute vorher selber sattsam Hunger und Durst stillen; bevor sie Andere bediente.
Amrei willfahrte ohne viel Umstnde und schon mit den ersten Worten gewann sie
die Furchenbuerin, denn sie sagte: Ich will nur gleich zugreifen, ich mu
gestehen, ich bin hungrig und ich will Euch nicht viel Mhe machen mit Zureden.
    Amrei blieb nun in der Kche und gab den Auftragenden Alles so geschickt in
die Hand und wute bald Alles so zu stellen und zu greifen, da die Buerin
sagte: Ihr beiden Amrei's, du da und meine Bruderstochter, Ihr knnt jetzt
schon Alles machen und ich will bei den Gsten bleiben.
    Die Amrei von Siebenhfen, die sogenante Schmalzgrfin, die weit und breit
als stolz und trotzig bekannt war, benahm sich ausnehmend freundlich gegen
Barfele und die Furchenbuerin sagte einmal zu Barfele: Es list schad, da
du kein Bursch bist; ich glaub', die Amrei tht' dich auf dem Fleck heirathen
und dich nicht heimschicken wie alle anderen Freier.
    Ich hab' einen Bruder, der ist noch zu haben, aber er ist in Amerika,
scherzte Barfele.
    La ihn drben, sagte die Schmalzgrfin, am besten wr's, man knnte alle
Mannsleute hinberschicken und wir blieben allein da.
    Amrei verlie den Hof nicht, bis wieder Alles an Platz gestellt war und als
sie ihre Schrze auszog, war sie noch so wei und unzerknittert wie beim
Anziehen.
    Du wirst md sein und nimmer tanzen knnen, sagte die Buerin, als Amrei
endlich mit einem Geschenk Abschied nahm, und diese sagte:
    Was md sein? Das ist ja nur gespielt. Und glaubet mir, es ist mir jetzt
wohler, da ich heut schon Etwas geschafft habe. So einen ganzen Tag blos zur
Lustbarkeit, ich wt' ihn nicht herumzubringen, und das ist's gewi auch
gewesen, warum ich heute Morgen so traurig war, es hat mir was gefehlt; aber
jetzt bin ich vollauf zum Feiertag aufgelegt, ganz aus dem Geschirr, jetzt wre
ich erst recht aufgelegt zum Tanzen - wenn ich nur Tnzer kriege.
    Ameile wute Barfele keine bessere Ehre anzuthun, als indem sie sie wie
eine vornehme Buerin im Hause herumfhrte und in der Brautstube zeigte sie ihr
die groe Kiste mit den Kunkelschenken (Hochzeitsgeschenken) und ffnete die
hohen, blaugemalten Schrnke, drauf Name und Jahrzahl geschrieben war und darin
vollgestopft die Aussteuer und zahlreiches Linnenzeug, Alles mit bunten Bndern
gebunden und mit knstlichen Nelken besteckt. Im Kleiderschranke mindestens
dreiig Kleider, daneben die hohen Betten, die Wiege, die Kunkel mit den schnen
Spindeln um und um mit Kinderzeug behangen, das die Gespielen geschenkt hatten.
    O lieber Gott! sagte Barfele, wie glcklich ist doch so ein Kind aus so
einem Haus.
    Bist du neidisch? fragte die Buerin und im Andenken, da sie das Alles
einer Armen zeige, setzte sie hinzu: Glaub' mir, das viele Sach' macht es nicht
aus; es sind Viele glcklicher, die keinen Strumpf von den Eltern bekommen.
    Ja wohl, das wei ich, und bin auch nicht neidisch um das viele Gut, weit
eher darum, da Euer Kind Euch und so vielen Menschen danken kann fr das Gute,
was es von ihnen hat. Solche Gewnder von der Mutter mssen doppelt warm
halten.
    Die Buerin zeigte ihr Wohlgefallen an Barfele dadurch, da sie ihr das
Geleite gab bis vor den Hof, ebensogut als Einer, die acht Rokpfe im Stall
hatte.
    Es tummelte sich schon Alles wild durcheinander als Amrei auf den Tanzboden
kam. Sie blieb zuerst schchtern auf der Flur stehen. Wo ist denn die
Kinderschaar, die sonst sich hier erlustigte und die Vorfreude des knftigen
Lebens im Vorhof geno? Ach freilich, das ist ja jetzt von der hohen
Staatsregierung verboten, das Kirchen- und Schulamt hat die Kinder verbannt, da
sie nicht zusehen drfen oder gar sich selbst nach den Tanzweisen drehen wie
einst noch in der Kinderzeit Amrei's.
    Es ist das auch einer jener stillen Mordschlge vom grnen Tisch.
    Auf der leeren Flur, ber die nur manchmal Einer hin und her eilt, wandelt
der Landjger einsam auf und ab.
    Als der Landjger Amrei so daher kommen sah, wie lauter Licht im Angesichte,
ging er auf sie zu und sagte:
    Guten Abend, Amrei! So? kommst auch?
    Amrei schauderte zusammen und stand leichenbla: hatte sie etwas
Strafflliges gethan? Sie durchforschte ihr ganzes Leben und wute nichts und er
that doch so vertraut, als ob er sie schon einmal transportirt htte. In diesen
Gedanken stand sie schaudernd da als mte sie eine Verbrecherin sein und
erwiderte endlich: Dank' schn, ich wei nichts davon, da wir uns dutzen.
Wollt Ihr was?
    Oho wie stolz, ich fress' dich nicht, darfst mir ordentlich Antwort geben.
Warum bist denn so bs? Was?
    Ich bin nicht bs, ich will Niemand was zu leid thun, ich bin halt ein
dummes Mdle.
    Stell' dich nicht so duckmuserig.
    Woher wisset Ihr denn was ich bin?
    Weil du so mit dem Licht flankirst.
    Was? Wo? Wo hab' ich mit dem Licht flankirt? Ich nehm' immer eine Laterne
wenn ich in den Stall gehe.
    Der Landjger lachte und sagte: Da, da, mit deinen braunen Guckerle, da
flankirst du mit dem Licht, deine Augen, die sind ja wie zwei Feuerkugeln.
    Gehet aus dem Weg, da Ihr nicht anbrennet, Ihr knntet in die Luft fahren
mit Eurem Pulver da in der Patrontasche.
    Es ist nichts drin, sagte der Landjger in Verlegenheit, um doch Etwas zu
sagen. Aber mich hast du schon versengt.
    Ich sehe nichts davon, es ist Alles noch ganz. Es ist genug, lasset mich
gehen.
    Ich halt' dich nicht, du Krippenbeierle; du knntest Einem das Leben sauer
machen, der dich gern hat.
    Braucht mich Niemand gern zu haben, sagte Amrei und ri sich los, als wre
sie plzlich von Ketten befreit. Sie stellte sich unter die Thre wo noch viele
Zuschauer sich zusammendrngten. Eben begann wieder ein neuer Tanz, sie wiegte
sich auf dem Platze nach dem Takt hin und her; das Gefhl, Einen abgetrumpft zu
haben, machte sie neu lustig, sie htte es mit der ganzen Welt aufgenommen und
nicht nur mit einem einzigen Landjger. Dieser war aber auch bald wieder da, und
stellte sich hinter Amrei und redete Allerlei zu ihr; sie gab keine Antwort und
that als ob sie gar nichts hre, sie nickte den Vorbertanzenden zu als ob sie
von ihnen begrt worden wre. Nur als der Landjger sagte: Wenn ich heirathen
drfte, dich tht ich nehmen, da sagte sie:
    Was nehmen? Ich geb' mich aber nicht her.
    Der Landjger war froh, wenigstens wieder eine Antwort zu haben, und er fuhr
fort:
    Wenn ich nur einmal tanzen drfte, ich tht gleich Einen mit dir machen.
    Ich kann nicht tanzen, sagte Amrei.
    Eben schwieg die Musik und Amrei stie die Vordern mchtig an, drngte sich
hinein, um ein verborgnes Pltzchen zu suchen; sie hrte nur noch hinter sich
sagen: Die kann tanzen, besser als eine landauf und landab.

                           10. Nur ein einziger Tanz.


Der Krappenzacher reichte Barfele, die er jetzt erkannte, von der Musikbhne
herab das Glas. Sie nippte und gab es zurck und der Krappenzacher sagte: Wenn
du tanzest, Amrei, da spiele ich alle meine Instrumente durch, da die Engel vom
Himmel herunter kmen und mitthten.
    Ja, wenn kein Engel vom Himmel herunter kommt und mich auffordert, werde
ich keinen Tnzer kriegen, sagte Amrei halb spttisch, halb schwermthig, und
jetzt dachte sie darber nach, warum denn ein Landjger beim Tanze sein msse.
Sie hielt sich aber bei diesem Gedanken nicht auf und dachte gleich weiter: er
ist doch auch ein Mensch wie andere, wenn er auch einen Sbel um hat, und bevor
er Landjger worden ist, war er doch auch ein Bursch wie Andere, und es ist doch
eine Plag' fr ihn, da er nicht mittanzen darf. Aber was geht das mich an? Ich
mu auch zugucken und ich krieg' kein Geld dafr.
    Eine kurze Weile ging Alles viel stiller und gemigter auf dem Tanzboden
her, denn die englische Frau, so hie Agy, die Frau des Oberbauraths Severin,
noch immer im Dorf und in der ganzen Umgegend, war mit ihren Kindern auf den
Tanz gekommen. Die vornehmen Holzhndler lieen Champagner knallen und brachten
der Englnderin ein Glas, sie trank auf das Wohl des jungen Paares und wute
dann Jeden durch ein huldvolles Wort zu beglcken. In den Mienen aller
Anwesenden stand ein stetiges wohlgeflliges Lcheln. Agy that manchem Burschen,
der ihr im blumenbekrnzten Glase zutrank, mit Nippen Bescheid, und die alten
Weiber in der Nhe Barfele's wuten viel Lob von der englischen Frau zu sagen
und waren schon lange aufgestanden, ehe sie sich ihnen nahte und ein paar Worte
mit ihnen sprach. Und als Agy weggegangen war, brach der Jubel, Singen, Tanzen
und Stampfen und Jauchzen mit neuer Macht los.
    Der Oberknecht des Rodelbauern kam auf Amrei zu und sie schauerte schon in
sich zusammen, voller Erwartung, aber der Oberknecht sagte:
    Da Barfele, heb' mir meine Pfeif' auf bis ich getanzt habe. Und viele
junge Mdchen aus dem Orte kamen und von der Einen erhielt sie eine Jacke, von
der Andern eine Haube, ein Halstuch, einen Hausschlssel, Alles lie sie sich
aufhalsen und sie stand immer mehr bepackt da, je mehr ein Tanz nach dem andern
vorberging. Sie lchelte immer vor sich hin, aber es kam Niemand. Jetzt wurde
ein Walzer aufgespielt, so weich, das geht ja wie wenn man drauf schwimmen
knnte. Und jetzt ein Hopfer, wer kann noch ruhig stehen? Hei! wie da Alles
hpft und stampft und springt, wie sie Alle in Lust hoch aufathmen, wie die
Augen glnzen und die alten Weiber die in der Ecke sitzen, wo Amrei steht,
klagen ber Staub und Hitze, gehen aber doch nicht heim. Da ... Amrei zuckt
zusammen, ihr Blick ist auf einen schnen Burschen geheftet, der jetzt stolz in
dem Getmmel hin und hergeht. Das ist ja der Reiter, der ihr heute Morgen
begegnete, und den sie so schnippisch abgefertigt. Alle Blicke sind auf ihn
gerichtet, wie er die linke Hand auf dem Rcken, mit der rechten die
silberbeschlagene Pfeife hlt, sein silbernes Uhrgehnge tanzt hin und her, und
wie schn ist die schwarzsammtne Jacke und die schwarzsammtnen weiten
Beinkleider und die rothe Weste. Aber schner ist noch sein runder Kopf, mit
gerolltem braunem Haar, die Stirn ist schneewei, von den Augen an aber das
Antlitz tief gebrunt und ein leichter voller Bart bedeckt Kinn und Wange.
    Das ist ein Staatsmensch, sagte eine der alten Frauen.
    Und was hat der fr himmelblaue Augen! ergnzte eine Andere, die sind so
schelmisch und so gutherzig zugleich.
    Woher der nur sein mag? Aus der hiesigen Gegend ist er nicht, sprach eine
Dritte, und eine Vierte fgte hinzu:
    Das ist gewi wieder ein Freier fr die Amrei.
    Barfele zuckte zusammen. Was soll das sein? Was soll das heien? Sie wird
bald belehrt was damit gemeint ist, denn die Erste sagte wieder:
    Da dauert er mich, die Schmalzgrfin fhrt alle Mannsleut' am Narrenseil
herum.
    Ja, auch die Schmalzgrfin heit Amrei.
    Der Bursche war mehrmals durch den Saal gegangen und lie die Augen um und
um schweifen, da pltzlich bleibt er stehen, nicht weit von Barfele, er winkt
ihr, es berluft sie siedend hei, aber sie ist wie festgebannt, sie regt sich
nicht. Und nein, er hat gewi Jemand hinter dir gewinkt, dich meint er gewi
nicht. Er drngt vor, Amrei macht Platz. Er sucht gewi eine Andere.
    Nein, dich will ich, sagte der Bursche ihre Hand fassend. Willst du?
    Amrei kann nicht reden, aber was braucht's dessen auch? Sie wirft schnell
Alles was sie in den Hnden hat in einen Winkel: Jacken, Halstcher, Hauben,
Tabakspfeifen und Hausschlssel. Sie steht flgge da und der Bursche wirft einen
Thaler zu den Musikanten hinauf und kaum sieht der Krappenzacher Amrei an der
Hand des fremden Tnzers, als er in die Trompete stt, da die Wnde zittern,
und frhlicher kann es den Seligen nicht erklingen beim jngsten Gericht als
jetzt Amrei; sie drehte sich, sie wute nicht wie, sie war wie getragen von der
Berhrung des Fremden und schwebte von selbst, und es war ja gar Niemand sonst
da. Freilich, die Beiden tanzten so schn, da Alle unwillkrlich anhielten und
ihnen zuschauten.
    Wir sind allein, sagte Amrei whrend des Tanzes und gleich darauf sprte
sie den heien Athem des Tnzers, der ihr erwiederte:
    O wren wir allein, allein auf der Welt! Warum kann man nicht so fort
tanzen bis in den Tod hinein?
    Es ist mir jetzt grad, sagte Amrei, wie wenn wir zwei Tauben wren, die
in der Luft fliegen. Juhu! fort, in den Himmel hinein und Juhu! jauchzte der
Bursche laut, da es aufscho, wie eine feurige Rakete, die zum Himmel
aufspringt und Juhu! jauchzte Amrei mit und immer seliger schwangen sie sich und
Amrei sagte: Sag' ist denn auch noch Musik? Spielen denn die Musikanten noch?
Ich hre sie gar nicht mehr.
    Freilich spielen sie noch, hrst du denn nichts?
    Ja, jetzt, ja, sagte Amrei und sie hielten inne, ihr Tnzer mochte fhlen,
da es ihr vor Glckseligkeit fast schwindelig zu Muthe werden wollte.
    Der Fremde fhrte Amrei an den Tisch und gab ihr zu trinken, er lie dabei
ihre Hand nicht los. Er fate den Schweden-Dukaten an ihrem Halsgeschmeide und
sagte: Der hat einen guten Platz.
    Es ist auch von guter Hand, erwiderte Barfele, ich hab' den Anhenker
geschenkt gekriegt als kleines Kind.
    Von einem Verwandten?
    Nein, die Buerin ist nicht mit mir verwandt.
    Das Tanzen thut dir wohl, wie es scheint?
    O wie wohl! Denk' nur, man mu das ganze Jahr so viel springen und es
spielt Einem Niemand auf dazu. Jetzt thut das doppelt wohl.
    Du siehst kugelig rund aus, sagte der Fremde scherzend, du mut gut im
Futter stehen.
    Rasch erwiderte Amrei: Das Futter macht's nicht aus, aber wie's Einem
schmeckt.
    Der Fremde nickte und nach einer Weile sagte er wieder halb fragend: Du
bist des Bauern Tochter von ...?
    Nein, ich dien', sagte Amrei und schaute ihm fest in's Auge, er aber
wollte das seine niederschlagen, die Wimper zuckte, und er hielt das Auge
gewaltsam auf, und dieser Kampf und Sieg des leiblichen Auges schien das Abbild
dessen was in ihm vorging; er wollte fast das Mdchen stehen lassen, doch wie im
Selbsttrotze sich zwingend sagte er:
    Komm', wir wollen noch einen tanzen.
    Er hielt ihre Hand fest und nun begann von Neuem Jubel und Lust, aber
diesesmal ruhiger und stetiger. Die Beiden fhlten, da die Gehobenheit in den
Himmel nun wohl zu Ende sei, und wie aus diesen Gedanken heraus sagte Amrei:
    Wir sind doch glckselig mit einander gewesen, wenn wir uns auch unser
Lebtag nimmer wieder sehen und Keines wei wie das Andere heit.
    Der Bursche nickte und sagte: Ja wohl.
    Amrei nahm in Verlegenheit ihren linken Zopf in den Mund und sagte wieder
nach einer Weile:
    Was man einmal gehabt hat, das kann man Einem nicht mehr nehmen, und sei du
auch wer du bist, la dich's nicht gereuen, du hast einem armen Mdchen fr sein
Lebenlang ein Gutes geschenkt.
    Es reut mich nicht, sagte der Bursche, aber dich hat's gereut, wie du
mich heute Morgen so abgetrumpft hast.
    O ja, da hast du Gottes Recht! sagte Amrei, und der Bursche fragte:
    Getraust du dir mit mir in's Feld zu gehen?
    Ja.
    Und traust du mir?
    Ja.
    Was werden aber die Deinigen dazu sagen?
    Ich hab' mich vor Niemand zu verantworten als vor mir selber, ich bin ein
Waisenkind.
    Hand in Hand verlieen die Beiden den Tanzsaal. Barfele hrte
verschiedentlich hinter sich flstern und pispern und sie hielt die Augen auf
den Boden geheftet. Sie hatte sich doch wohl zu viel zugetraut.
    Drauen zwischen den Kornfeldern, wo eben kaum die ersten Aehren aufschossen
und noch halb verhllt in den Deckblttern lagen, da schauten die Beiden
einander stumm an. Sie redeten lange kein Wort und der Bursche fragte zuerst
wieder halb fr sich:
    Ich mcht' nur wissen: woher es kommt, da man einem Menschen beim ersten
Anblick gleich, ich wei nicht wie, gleich so ... gleich so ... vertraulich sein
kann. Woher wei man denn, was in dem Gesicht geschrieben steht?
    Da haben wir eine arme Seele erlst, rief Amrei, denn du weit ja, wenn
Zwei in derselben Minute das Gleiche denken, erlsen sie eine arme Seele, und
just auf das Wort hin hab' ich dasselbe was du sagst, bei mir gedacht.
    So? und weit du nun warum?
    Ja.
    Willst du mir's sagen?
    Warum nicht? Schau, ich bin Ganshirtin gewesen ...
    Bei diesen Worten zuckte der Bursche wieder zusammen, aber er that als ob
ihm was in's Auge geflogen wre und rieb sich die Augen und Barfele fuhr
unverzagt fort:
    Schau, wenn man so allein drauen sitzt und liegt im Feld, da sinnt man
ber Hunderterlei und da kommen Einem wunderliche Gedanken und da hab' ich ganz
deutlich gesehen: - gieb nur acht darauf, und du wirst es auch finden - jeder
Fruchtbaum sieht, wenn man ihn so berhaupt und im Ganzen betrachtet, just aus
wie die Frucht die er trgt. Schau den Apfelbaum, sieht er nicht aus, so in's
Breite gelegt, so mit Schrundenschnitten, wie ein Apfel selber? Und so der
Birnenbaum und so der Kirschenbaum. Sieh sie nur einmal drauf an; schau, was der
Kirschenbaum einen langen Stiel hat, wie die Kirsche selber. Und so mein' ich
auch ...
    Ja, was meinst du?
    Lach' mich nicht aus. Wie die Fruchtbume aussehen wie die Frchte die sie
tragen, so wre es auch bei den Menschen, und man sieht es ihnen gleich an. Aber
freilich, die Bume haben ihr ehrlich Gesicht und die Menschen knnen sich
verstellen. Aber gelt, ich schwtz' dummes Zeug?
    Nein, du hast nicht umsonst die Gnse gehtet, sagte der Bursche in
seltsam gemischter Empfindung, mit dir lt sich gut reden. Ich mchte dir gern
einen Ku geben, wenn ich mich nicht einer Snde frchten tht'.
    Barfele zitterte am ganzen Leib; sie bckte sich um eine Blume zu brechen,
lie aber wieder ab. Es entstand eine lange Pause und der Bursche fuhr fort:
    Wir sehen uns wohl niemals wieder, drum ist's besser so.
    Hand in Hand gingen die Beiden wieder zurck in den Tanzsaal. Und nun
tanzten sie noch einmal ohne ein Wort zu reden und als der Tanz zu Ende war,
fhrte sie der Bursche wieder an den Tisch und sprach: Jetzt sag' ich dir
Lebewohl! Aber verschnaufe nur und dann trink noch einmal.
    Er reichte ihr das Glas und als sie es absetzte sagte er:
    Du mut austrinken, mir zu lieb, ganz bis auf den Grund.
    Amrei trank fort und fort und als sie endlich das leere Glas in der Hand
hatte und sich umschaute, war der fremde Bursche verschwunden. Sie ging hinab
vor das Haus und da sah sie ihn noch nicht weit entfernt auf seinem Schimmel
davon reiten; aber er wendete sich nicht mehr um.
    Die Nebel zogen wie Schleierwolken auf dem Wiesenthal dahin, die Sonne war
schon hinab, Barfele sagte fast laut vor sich hin:
    Ich wollt' es sollte gar nicht wieder morgen werden, immer heut, immer
heut! und sie stand in Trumen verloren. Die Nacht kam rasch herbei. Der Mond
wie eine dnne Sichel stand schon auf den dunkeln Bergen und nicht weit von ihm,
Haldenbrunn zu, der Abendstern. - Ein Bernerwgelchen nach dem andern fuhr
wieder davon. Barfele hielt sich zum Gefhrte ihres Meisters, das eben auch
angespannt wurde. Da kam Rosel und sagte ihrem Bruder, da sie den Burschen und
Mdchen aus dem Dorfe versprochen habe: heute gemeinsam mit ihnen heimzugehen,
und es verstand sich nun von selbst, da der Bauer nicht allein mit der Magd
fuhr. Das Bernerwgelchen rasselte heim. Die Rosel mute Barfele gesehen
haben, aber sie that, als ob sie nicht da wre und Barfele ging noch einmal
hinaus, den Weg, den der fremde Reiter dahin geritten war. Wohin ist er nur
geritten? Wie viel hundert Drfer und Weiler liegen hier nach diesem Weg hinaus,
wer kann sagen, wo er sich hingewendet? Barfele fand die Stelle, wo er sie
heute frh zum Erstenmal begrt; sie wiederholte laut seine Anrede vor sich
hin. Sie sa noch einmal dort hinter der Haselhecke, wo sie heute Morgen
geschlafen und getrumt. Eine Goldammer sa auf einer schlanken Spitze und ihre
sechs Tne lauteten gerade: was thust denn du noch da? Was thust denn du noch
da? Barfele hatte heute eine ganze Lebensgeschichte erlebt. War denn das nur
ein einziger Tag? Sie kehrte wieder zurck zum Tanze, aber sie ging nicht mehr
hinauf, sie ging allein heimwrts nach Haldenbrunn, wohl den halben Weg, aber
pltzlich kehrte sie wieder um, sie schien nicht fortzuknnen von dem Ort, wo
sie so glckselig gewesen war, und sie sagte sich nur, es schicke sich nicht,
da sie allein heimkehre. Sie wollte gemeinsam mit den Burschen und Mdchen
ihres Dorfes gehen. Als sie wieder vor dem Wirthshaus in Endringen ankam, waren
bereits Mehrere aus ihrem Orte versammelt. Und: So? Bist auch da, Barfele? das
war der einzige Gru, der ihr ward. Nun gab es ein Hin- und Herlaufen, denn
Manche, die gedrngt hatten, da man heimkehre, tanzten noch oben, und jetzt
kamen noch fremde Bursche und baten und bettelten und drngten, da man nur noch
diesen Tanz dableibe. Und in der That willfahrte man und Barfele ging mit
hinauf, aber sie sah nur zu. Endlich hie es: wer jetzt noch tanzt, den lassen
wir da! Und mit vieler Mhe, mit Hin- und Herrennen war endlich der ganze
Haldenbrunner Trupp beisammen vor dem Hause. Ein Theil der Musik gab ihnen das
Geleite bis vor das Dorf und mancher verschlafene Hausvater sah noch heraus, und
da und dort kam eine hier verheirathete Gespielin, die nicht mehr zum Tanze
ging, an das Fenster und rief: Glck auf den Weg!
    Die Nacht war dunkel. Man hatte lange Kieferspne als Fackeln mitgenommen,
und die Burschen, die sie trugen, tanzten damit auf und nieder und jauchzten.
Kaum aber war die Musik zurckgekehrt, kaum war man eine Strecke vor Endringen
hinausgekommen, als es hie: Die Fackeln blenden nur! und besonders zwei
beurlaubte Soldaten, die in ganzer Uniform unter dem Trupp waren, spotteten im
Bewutsein ihrer angehngten Sbel ber die Fackeln. Man verlschte sie in einem
Graben. Nun fehlte noch Dieser und Jener und Diese und Jene. Man rief ihnen zu
und sie antworteten aus der Ferne. Die Rosel wurde von des Kappelbauern Sohn von
Lauterbach begleitet, aber kaum war er fort und kaum war sie bei ihren
Ortsangehrigen, als sie laut sagte: Ich will Nichts von Dem. Einige Bursche
stimmten ein Lied an und Einzelne sangen mit, aber es war kein rechter
Zusammenhalt mehr, denn die Soldaten wollten neue Lieder zum Besten geben. Es
wurde nur manchmal laut gelacht, denn einer der Soldaten war ein Enkel des
lustigen Brosi, der Sohn der Gypsmllerin Monika, und der brachte allerlei Witze
vor, denen besonders der Schneiderjrg, der mit ging, zum Stichblatt dienen
mute. Und wieder wurde gesungen und jetzt schien man sich geeinigt zu haben,
denn es tnte voll und hell.
    Barfele ging immer hinter drein, eine gute Strecke von ihren
Ortsangehrigen entfernt. Man lie sie gewhren und das war das Beste, was man
ihr anthun konnte. Sie war bei ihren Ortsangehrigen und doch allein und sie
schaute sich oft um nach den Feldern und Wldern: wie war das wunderlich jetzt
in der Nacht, so fremd, und doch wieder so vertraut. Die ganze Welt war ihr so
wunderlich wie sie sich selbst geworden war. Und wie sie ging, einen Schritt
nach dem andern, wie fortgeschoben und gezogen, und nicht wute, da sie sich
bewegte; so bewegten sich die Gedanken in ihr von selbst, hin und her; das
schwirrte von selbst so fort, sie konnte es nicht fassen, nicht leiten; sie
wute nicht was es war. Ihre Wangen erglhten, als ob jeder Stern am Himmelszelt
eine heistrahlende Sonne wre und in ihr entstammte das Herz. Und jetzt, ja als
htte sie's selbst angegeben, als htte sie's selbst angestimmt, sangen ihre
vorausgehenden Ortsgenossen das Lied, das ihr am Morgen auf die Lippen gekommen
war.

Es waren zwei Liebchen im Allgu,
Und die hatten einander so lieb.

Und der junge Knab zog in Kriege:
Und wann kommst du wiederum heim?

Das kann ich dir ja nicht sagen
Welches Jahr, welchen Tag, welche Stund ...

    Und jetzt wurde das Nachtlied gesungen und Amrei sang mit aus der Ferne:

Zur schnen guten Nacht, Schatz lebe wohl!
Wenn alle Leute schlafen
So mu ich wachen,
Mu traurig sein.

Zur schnen guten Nacht, Schatz lebe wohl!
Leb immer in Freuden
Und ich mu dich meiden
Bis ich wiederum komm.

Wenn ich wiederum komm, komm ich recht zu dir,
Und dann thu ich dich kssen
Und das schmeckt so se,
Schatz, du bist mein.

Schatz du bist mein und ich bin dein!
Und das thut mich erfreuen
Und du wirst's nicht bereuen,
Schatz, lebe wohl!

    Man kam endlich am Dorfe an und eine Gruppe nach der andern fiel ab.
Barfele blieb an ihrem Elternhause bei dem Vogelbeerbaum noch lange sinnend
und trumend stehen. Sie wollte hinein und der Marann' Alles sagen, gab es
jedoch auf. Warum heute noch die Nachtruhe stren und wozu soll's? Sie ging
still heimwrts, Alles lag in festem Schlaf.
    Als sie endlich in das Haus eintrat, kam ihr Alles noch viel seltsamer vor
als drauen: so fremd, so gar nicht dazu gehrig. Warum kommst du denn wieder
heim? Was willst du denn eigentlich da? Es war ein wundersames Fragen, das in
jedem Tone fr sie lag, wie der Hund bellte und wie die Treppe knackte, wie die
Khe im Stalle brummten, das Alles war ein Fragen: Wer kommt denn da heim? Wer
ist denn das? Und als sie endlich in ihrer Kammer war, da sa sie still nieder
und starrte in's Licht und pltzlich stand sie auf, fate die Ampel und
leuchtete damit in den Spiegel und sah darin ihr Antlitz und sie selber fragte
fast immer: Wer ist denn das? ... Und so hat er mich gesehen, so siehst du
aus, setzte ein zweiter Gedanke hinzu. Es mu ihm doch was an dir gefallen
haben, warum htt' er dich sonst so angesehen? Ein stilles Gefhl der
Befriedigung stieg in ihr auf, das noch gesteigert wurde durch den Gedanken: Du
bist doch jetzt auch einmal als eine Person angesehen worden, du bist bis daher
immer nur zum Dienen und Helfen fr Andere dagewesen. Gut Nacht, Amrei, das war
einmal ein Tag! Aber es mute doch endlich dieser Tag ein Ende haben.
Mitternacht war vorber und Barfele legte ein Stck nach dem andern von ihrer
Kleidung gar sorglich wieder zusammen. Ei, das ist ja noch die Musik, horch,
wie der wiegende Walzer tnt! Sie ffnete das Fenster. Es tnt keine Musik, sie
liegt ihr nur in den Ohren. Drunten bei der schwarzen Marann' krht schon der
Hahn, die Frsche quaken, es nahen Schritte von Mnnern die des Weges kommen,
das sind wohl spte Heimgnger von der Hochzeit, die Schritte tnen so laut in
der Nacht. Die jungen Gnse im Hause schnattern in der Steige. Ja, die Gnse
schlafen nur stundenweise, so bei Tag, so bei Nacht. Die Bume stehen still,
unbewegt. Wie ist doch so ein Baum ganz anders in der Nacht als am Tage! Solch
eine geschlossene dunkle Masse, wie ein Riese in seinem Mantel. Wie mu das sich
regen in dem unbewegt stehenden Baume. Was ist das fr eine Welt, in der solches
ist! - Kein Windhauch regt sich, und doch ist es wieder wie ein Tropfen von den
Bumen; das sind wohl Raupen und Kfer, die niederfallen. Eine Wachtel schlgt,
das kann keine andere sein, als die beim Auerhahnwirth eingesperrte. Sie wei
nicht, da es Nacht ist. Und schau, der Abendstern der bei Sonnenuntergang
entfernt und tief unter dem Monde stand, steht jetzt nahe und ber ihm, und je
mehr man ihn ansieht, je mehr glnzt er. Sprt er wohl den Blick eines Menschen?
Jetzt still, horch, wie die Nachtigall schlgt, das ist ein Gesang, so tief, so
weit; ist es denn nur ein einziger Vogel? Und jetzt - Amrei schaudert zusammen -
mit dem Glockenschlag Ein Uhr rutscht ein Ziegel vom Dach und fllt klatschend
auf den Boden. Amrei zittert, wie von Gespensterfurcht gepackt, sie zwingt sich,
noch eine Weile der Nachtigall zuzuhorchen, dann aber schliet sie das Fenster.
Ein Nachtfalter, der wie eine groe fliegende Raupe mit vielen Flgeln aussieht,
hat sich mit in das Dachstbchen gewagt und fliegt um das Licht, angezogen und
abgestoen, so grau und grauenhaft. Amrei fat ihn endlich und wirft ihn hinaus
in die Nacht.
    Indem sie nun Haube, Goller und Jacke in eine Truhe legte, ergriff sie
unwillkrlich ihr altes Schreibebuch von der Schule her, das sie noch aufbewahrt
hatte, und sie las darin, sie wute selbst nicht warum, allerlei Sittensprche.
Wie steif und sorglich waren die dahin gezeichnet. Ja, es mochte sie aus diesen
Blttern etwas anmuthen, da sie doch einmal eine Vergangenheit gehabt, denn es
schien, da das Alles verschwunden war.
    Jetzt hurtig in's Bett! rief sie sich zu; aber mit der ganzen
Bedachtsamkeit ihres Wesens knpfte sie die Bnder alle leise und ruhig auf, und
verknotete sich einmal eine Schlinge, sie lie nicht ab bis sie mit Fingern,
Zhnen und Nadeln auseinander gebracht war. Noch nie in ihrem Leben hatte sie
einen Knoten entzwei geschnitten, und noch jetzt in ihrer hohen Erregung verlie
sie ihr bedachtsamer Ordnungssinn nicht, und es gelang ihr das anscheinend
Unentwirrbarste zu lsen. Endlich lschte sie ruhig und behutsam die Ampel und
lag im Bett; aber sie fand keine Ruhe, rasch sprang sie wieder heraus und legte
sich unter das offene Fenster, hineinstarrend in die dunkle Nacht und in das
Sternengeflimmer, und in keuscher Schamhaftigkeit vor sich selber bedeckte sie
Busen und Hals mit beiden Hnden.
    Das war ein Schauen und Sinnen, so schrankenlos, so wortlos, so
nichtswollend und doch Alles fassend. Eine Minute Gestorbensein und Leben im
All, in der Ewigkeit.
    In der Seele dieser armen Magd in der Dachkammer hatte sich aufgethan alles
unendliche Leben, alle Hoheit und alle Seligkeit, die der Mensch in sich
schliet, und diese Hoheit fragt nicht, wer ist es, aus dem ich erstehe, und die
ewigen Sterne erglnzen ber der niedersten Htte ....
    Ein Windzug der das Fenster klappend zuschlug, weckte Amrei auf, sie wute
nicht, wie sie in's Bett gekommen war, und jetzt war Tag.

                           11. Wie's im Liede steht.


Kein Feuer, keine Kohle
Kann brennen so hei,
Als heimlich stille Liebe,
Von der Niemand nichts wei.

    So sang Amrei Morgens am Herdfeuer stehend, whrend Alles im Hause noch
schlief.
    Der Robub, der den Pferden zum Erstenmal Futter aufsteckte, kam in die
Kche und holte sich eine Kohls fr seine Pfeife.
    Was thust denn du schon so frh auf, wenn die Spatzen murren? fragte er
Barfele.
    Ich mache eine Trnke fr die Klberkuh, antwortete Barfele, Mehl und
Kleie einrhrend, ohne sich umzuschauen.
    Ich und der Oberknecht wir haben dich gestern Abend beim Tanz noch gesucht,
aber du bist nirgends zu finden gewesen, fragte der Robub. Freilich, du hast
nimmer tanzen wollen; du bist zufrieden, da dich der fremde Prinz zum Narren
gehalten hat.
    Es ist kein Prinz und er hat mich nicht zum Narren gehabt. Und wre das
auch, ich mcht' lieber von so Einem zum Narren, als von dir und dem Oberknecht
zum Gescheiten gehabt sein.
    Warum hat er dir aber nicht gesagt, wer er ist?
    Weil ich ihn nicht gefragt habe, erwiderte Barfele.
    Der Robub machte einen derben Witz und lachte selber darber; denn es giebt
Gebiete, in denen der Einfltigste noch witzig ist. Das Antlitz Barfele's
flammte auf in doppelter Rthe, angeglht vom Herdfeuer und von innerer Flamme,
sie knirschte die Zhne ber einander und jetzt sagte sie:
    Ich will dir was sagen: du mut selber wissen was du werth bist und ich
kann dir's nicht verbieten, da du vor dir selber keinen Respect hast; aber das
kann ich dir verbieten, da du vor mir keinen Respect hast. Das sag' ich dir.
Und jetzt gehst du hinaus aus der Kche, du hast hier nichts zu thun, und wenn
du nicht gleich gehst, will ich dir zeigen, wie man hinauskommt.
    Willst du die Meistersleute wecken?
    Ich brauch' sie nicht, rief Barfele und hob ein brennendes Scheit vom
Herde, das knatternd Funken sprhte. Fort, oder ich zeichne dich.
    Der Robub schlich mit gezwungenem Lachen davon. Barfele aber schrzte
sich hoch auf und ging schwer aufathmend mit der dampfenden Trnke hinab in den
Stall.
    Die Klberkuh schien es mit Dank zu empfinden, da sie schon in so frher
Stunde bedacht wurde, sie brummte, setzte mehrmals ab im Saufen und schaute
Barfele mit groen Augen an.
    Ja, jetzt werd' ich viel gefragt und gehnselt werden, sagte Barfele vor
sich hin, aber was thut's?
    Mit dem Melkkbel auf eine andere Kuh losgehend sang sie:

Dreh dich um und dreh dich um
Rothg'scheckete Kuh,
Wer wird dich denn melken
Wenn ich heirathen thu?

    Was da! Einfltiges Zeug! setzte sie dann, wie sich selbst ausscheltend
hinzu. Sie vollfhrte ihre Arbeit nun still, und allmlig erwachte das Leben im
Hause, und kaum war Rosel erwacht, als sie Barfele nachlief und sie ausschalt,
denn Rosel hatte ein schnes Halstuch verloren. Sie behauptete, sie habe es
Barfele zum Aufbewahren gegeben, diese aber habe in ihrer Mannstollheit Alles
weggeworfen als der Fremde sie aufforderte, und wer wei ob's nicht ein Dieb
war, der den Gaul und die Kleider gestohlen hat und den man morgen in Ketten
einbringt, und es sei eine Schande gewesen, wie Barfele laut beim Tanze
gejauchzt habe, und sie solle sich in Acht nehmen, denn der Enzian-Valentin habe
gesagt: wenn eine Henne krht wie ein Hahn, schlgt das Wetter ein und giebt's
Unglck. Sie habe sie zum Ersten- und Letztenmale mit zum Tanz genommen; sie
habe sich fast die Augen aus dem Kopf geschmt, da sie sich berall habe mssen
sagen lassen: so Eine dient bei Euch! Wenn ihr die Schwgerin nicht die Stange
hielte und es ihr nachginge, mte die Gnshirtin sogleich fort aus dem Haus.
    Barfele lie alles ruhig ber sich ergehen, sie hatte heute schon die
beiden Endpunkte dessen wahrgenommen, was sie nun erfahren msse, und sie hatte
darauf von selbst gethan, wie sie es nun immer halten wollte: wer sie
ausschimpfte, den schttelte sie mit Schweigen von sich; wer sie ausspottete,
den trumpfte sie ab. Hatte sie auch nicht immer ein brennendes Scheit bei der
Hand wie beim Robuben; sie hatte Blicke und Worte, die den gleichen Dienst
thaten.
    Barfele konnte der schwarzen Marann' nicht genug erzhlen, was ihr die
Rosel anthat, und da sie es zu Hause nicht thun konnte, lie Barfele hier ihre
Zunge los und schalt auf die Rosel mit den heftigsten Worten. Schnell aber
besann sie sich wieder und sagte:
    Ach Gott, das ist nicht recht, die macht mich jetzt auch so schlecht, da
ich solche Worte in den Mund nehme.
    Die Marann' aber trstete: Da du so schimpfest, das ist brav. Schau, wenn
man etwas Ekelhaftes sieht, mu man ausspeien, sonst wird man krank, und wenn
man etwas Schlechtes sieht und hrt und erfhrt, da mu man schimpfen, da mu
die Seele auch ausspeien, sonst wird sie schlecht.
    Barfele mute lachen ber die wunderlichen Trstungen der schwarzen
Marann'.
    Tag um Tag verging in alter Weise und man verga bald Hochzeit und Tanz und
Alles was dabei geschehen war. Barfele aber sprte ein ewiges Hinausdenken,
das sie gar nicht bewltigen konnte.
    Es war gut, da sie der schwarzen Marann' Alles anvertrauen konnte. Ich
meine, ich habe mich versndigt, da ich damals so ber Alles hinaus lustig
war, klagte sie einmal.
    An wem hast dich versndigt?
    Ich meine, Gott straft mich dafr.
    O Kind, was machst du da? Gott liebt die Menschen wie seine Kinder. Giebt
es fr Eltern eine grere Freude als ihre Kinder lustig zu sehen? Ein Vater,
eine Mutter, die ihre Kinder frhlich tanzen sehen, sind doppelt glcklich, und
so denk' auch: Gott hat dir zugesehen wie du getanzt hast und hat sich recht
gefreut und deine Eltern haben dich auch tanzen sehen und haben sich auch
gefreut. La du die ungestorbenen Menschen reden was sie wollen. Wenn mein
Johannes kommt, hei, der kann tanzen! Aber ich sage nichts. Du hast an mir einen
Menschen, der dir recht giebt; was brauchst du denn mehr?
    Freilich, Wort und Beistand der schwarzen Marann' waren trstlich, aber
Barfele hatte ihr doch nicht Alles gesagt; es war ihr nicht blo um das Gerede
der Menschen zu thun, und es war nicht mehr wahr, da sie sich daran gengen
lie: nur Einmal vollauf glcklich gewesen zu sein. Sie sehnte sich doch wieder
nach dem Manne, der ihr wie eine erlsende Erscheinung gekommen war, der sie so
ganz verndert hatte, und nun nichts mehr von ihr wute.
    Ja, Barfele war sehr verndert. Sie lie es an keiner Arbeit fehlen, man
konnte ihr nichts nachreden; aber eine tiefe Schwermuth setzte sich in ihr fest.
Jetzt kam noch ein anderer Grund dazu, der sich vor der Welt offen geltend
machen durfte. Dami hatte von Amerika aus noch kein Wort geschrieben und sie
verga sich so weit, da sie einmal zur schwarzen Marann' sagte:
    Es heit nicht umsonst im Sprchwort, wenn man Feuer unter einem leeren
Topf hat, verbrennt eine arme Seel'. Unter meinem Herzen brennt ein Feuer und
meine arme Seele verbrennt.
    Was ist denn?
    Da der Dami auch nicht schreibt! Das Warten, das ist die schrecklichst
gemordete Zeit, es giebt keine, die man rger umbringen kann als mit dem Warten;
da ist man ja in keiner Stunde, in keiner Minute mehr daheim, auf keinem Boden
mehr fest, und immer mit einem Fu in der Luft.
    O Kind! Sag' das nicht, jammerte die Marann'. Was willst denn du vom
Warten reden? Denk' an mich und ich warte geduldig und ich warte bis zu meiner
letzten Stunde und geb's nicht auf.
    In der Erkenntni fremden Kummers lste sich der Schmerz Barfele's in
Thrnen auf und sie klagte: Mir ist so schwer, ich denk' jetzt immer an's
Sterben. Wie viel tausend Kbel Wasser mu ich noch holen und wie viel Sonntage
giebt's noch? Man sollte sich eigentlich gar nicht so viel grmen, das Leben hat
ja so bald ein Ende, und wenn die Rosel zankt, denk' ich: ja zank' du nur, wir
sterben Beide bald, dann hat's ein End'. Und dann berfllt mich wieder eine
Angst, da ich mich so arg vor dem Sterben frchte. Wenn ich so liege und will
mir denken, wie es ist, wenn ich todt bin: ich hre nichts, ich sehe nichts,
dieses Auge, dieses Ohr ist todt. Alles da um mich her ist nicht mehr da, es
wird Tag und ich wei nichts mehr davon; man mht, man erntet, ich bin nicht
mehr dabei. O warum ist denn das Sterben!.. Was willst du machen? Haben andere
auch sterben mssen und die waren noch mehr als du. Man mu es ruhig ertragen. -
Horch, der Schtz schellt aus, so unterbrach sich Barfele in der seltsamen
Klage, und sie, die eben sterben wollte und wieder nicht sterben wollte, htte
doch gern erfahren, was der Dorfschtz noch ausschellt.
    La ihn schellen, er bringt dir doch nichts, sagte die Alte wehmthig
lchelnd. O was ist der Mensch! Wie mu Jeder wieder die harte Nu aufzuknacken
suchen und sie doch endlich ungeffnet bei Seite legen! Ich will dir sagen,
Amrei, was mit dir ist: du bist jetzt sterbensverliebt. Sei froh, so gut wird es
wenigen Menschen, es wird wenigen Menschen so wohl, da sie eine rechte Liebe in
sich spren; aber nimm dir ein Beispiel an mir, la die Hoffnung nicht fahren.
Weit, wer schon bei lebendigem Leib gestorben ist? Wer nicht von jedem Tag,
absonderlich wer nicht von jedem Frhling meint: jetzt fngt das Leben erst
recht an, jetzt kommt etwas, was noch gar nie dagewesen ist. Dir mu es noch gut
gehen, du thust ja lauter Gottesthaten. Was hast du an deinem Bruder gethan, was
an mir, was am alten Rodelbauer, was an allen Menschen! Aber es ist gut, da du
nicht weit, was du thust. Wer Gutes thut und betet und immer daran
    denkt und sich was drauf einbildet, der betet sich durch den Himmel durch
und mu auf der andern Seite die Gnse hten.
    Das hab' ich schon hier gethan, davon bin ich erlst, lachte Barfele uud
die Alte fuhr fort:
    Mir sagt eine Stimme, da der, der mit dir getanzt hat, mein Johannes
gewesen ist, kein anderer Mensch. Und ich will dir's nur sagen: wenn er nicht
verheirathet ist, dich mu er nehmen. Sammetkleider hat mein Johannes immer gern
gehabt und ich denk' jetzt so: er luft jetzt um die Grenze herum, bis unser
Knig stirbt, dann kommt er herein in's Land: aber Unrecht ist's, da er mir
nichts sagen lt und es thut mir so and (bang) nach ihm.
    Barfele schauderte vor der unverwstlichen Hoffnungskraft der schwarzen
Marann' und wie sie sich immer und immer an ihr festhielt.
    Sie erwhnte fortan selten den Fremden, nur wenn sie von der Hoffnung auf
Wiederkehr sprach und dabei Dami nannte, konnte sie sich nicht enthalten, dabei
auch zugleich an den Fremden zu denken. Er war ja nicht ber dem Meer und konnte
doch auch wiederkommen und schreiben; aber freilich, er hat dich ja nicht
gefragt: wo du her bist. Wieviel tausend Stdte und Drfer und Einsiedelhfe
giebt's in der Welt, vielleicht sucht er dich und findet dich nimmer wieder.
Aber nein, er kann ja in Endringen fragen. Er kann nur den Dominik fragen und
das Ameile und die werden ihm gut Bescheid geben. Aber ich wei nicht, wo er
ist, ich kann nichts thun.
    Es war wieder Frhling geworden und Amrei stand bei ihren Blumen am Fenster,
da kam eine Biene daher geflogen und saugte sich fest an dem offenen Kelch. Ja
so ist's, dachte Barfele, so ein Mdchen ist wie eine Pflanze festgewachsen an
den Ort, das kann nicht herumgehen und suchen, das mu warten bis das da
zufliegt.

Wenn ich ein Vglein wr'
Und auch zwei Flgelein htt',
Flg ich zu dir;
Weil's aber nicht kann sein,
Bleib ich allhier.

Bin ich gleich weit von dir,
Bin ich doch im Tranrn bei dir
Und red' mit dir;
Wenn ich erwachen thu',
Bin ich allein.

Es vergeht kein' Stund in der Nacht,
Da nicht mein Herz erwacht
Und an dich denkt -

    So sang Barfele.
    Es war wunderbar, wie jetzt alle Lieder auf Barfele gesetzt waren, und wie
viel Tausend haben sich diese schon aus der Seele gesungen und wie viel Tausende
werden sie sich noch aus der Seele singen. Ihr, die ihr euch sehnt und endlich
ein Herz umschlungen haltet, ihr haltet damit umschlungen das Lieben aller
derer, die je waren und sein werden.

                              12. Er ist gekommen.


Barfele stand eines Sonntags Nachmittags nach ihrer Gewohnheit an die
Thrpfoste des Hauses gelehnt und schaute trumend vor sich hin; da kam der
Enkel des Kohlenmathes das Dorf herausgesprungen und winkte schon von fern und
rief:
    Er ist gekommen! Barfele, er ist gekommen!
    Barfele zitterten die Kniee und mit bebender Stimme rief sie: Wo ist er?
wo?
    Bei meinem Grovater im Moosbrunnenwald.
    Wo? Wer? Wer schickt dich?
    Dein Dami. Er ist drunten im Wald.
    Barfele mute sich auf die Steinbank vor dem Hause setzen, aber nur eine
Minute, dann bezwang sie sich selbst, richtete sich straff auf mit den Worten:
Mein Dami? Mein Bruder?
    Ja, des Barfele's Dami, sagte der Knabe treuherzig, und er hat mir
versprochen, du gbest mir einen Kreuzer, wenn ich zu dir Boten gehe und es dir
sage; jetzt gieb mir einen Kreuzer.
    Mein Dami wird dir schon drei dafr geben.
    O nein, sagte der Knabe, er hat ja zu meinem Grovater geheult, weil er
keinen Kreuzer mehr habe.
    Ich habe jetzt auch keinen, sagte Bafele, aber ich bleib' dir gut
dafr.
    Sie ging schnell zurck in's Haus, bat die Neben magd an ihrer Statt die
Khe zu melken, wenn sie zum Abend nicht wieder da sei; sie msse schnell einen
Gang machen. Mit Herzklopfen, bald im Zorn auf Dami, bald in Wehmuth ber ihn
und sein Ungeschick, bald in Aerger, da er wieder da sei und dann wieder in
Vorwrfen, da sie ihrem einzigen Bruder so begegne, ging Barfele das Feld
hinaus, das Thal hinab nach dem Moosbrunnenwald. Der Weg zum Kohlenmathes war
nicht zu verfehlen, ob man gleich von dem Fuweg abseits gehen mute. Der Geruch
des Meilers fhrte unfehlbar zu ihm.
    Wie singen die Vgel in den Bumen und ein jammerndes Menschenkind wandelt
drunter hin, und wie traurig mu es Dami sein, der das Alles wiedersteht, und es
mu ihm hart gegangen sein, wenn er keinen andern Ausweg mehr wei, als heim und
sich an dich hngen und dich aussaugen. Andre Schwestern haben an den Brdern
eine Hlfe und ich ... Aber ich will dir jetzt schon zeigen, Dami, du mut
bleiben wo ich dich hinstelle und darfst nicht zucken.
    In solcherlei Gedanken ging Barfele dahin und war endlich beim
Kohlenmathes angekommen. Aber sie sah hier keinen Menschen auer dem
Kohlenmathes, der vor seiner Blockhtte beim Meiler sa und seine Holzpfeife mit
beiden Hnden hielt und rauchte, denn ein Khler thut es seinem Meiler nach und
raucht immer.
    Hat mich Jemand zum Narren gehabt? fragte sich Barfele. O das wre
schndlich! Was thue ich denn den Menschen, da sie mich zum Narren haben? Aber
ich krieg's schon heraus, wer das angestellt hat; der soll mir's ben.
    Mit geballter Faust und flammenrothem Gesicht stand sie jetzt vor dem
Kohlenmathes. Dieser hob kaum das Antlitz nach ihr, viel weniger da er ein Wort
redete; er war, so lang die Sonne schien, fast immer wortlos und nur des Nachts,
wenn ihm Niemand in's Auge sehen konnte, sprach er viel und gern.
    Barfele starrte eine Minute in das schwarze Antlitz des Khlers und dann
fragte sie zornig: Wo ist mein Dami?
    Der Alte schttelte mit dem Kopfe verneinend. Da fragte Barfele nochmals
mit dem Fue aufstampfend: Ist mein Dami bei Euch?
    Der Alte legte die Hnde aus einander und zeigte rechts und links, da er
nicht da sei.
    Wer hat denn zu mir geschickt? fragte Barfele immer heftiger: So redet
doch!
    Der Khler wies mit dem rechten Daumen nach der Seite, wo ein Fuweg sich um
den Berg hinzog.
    Um Gotteswillen, saget doch ein Wort, drngte Barfele vor Zorn weinend,
nur ein einziges Wort. Ist mein Dami da oder wo ist er?
    Endlich sagte der Alte: Er ist da, dir entgegengegangen, den Fuweg, und
gleich als htte er viel zu viel gesprochen, prete er rasch die Lippen zusammen
und ging um den Meiler.
    Da stand nun Barfele und lachte hhnisch und wehmthig ber den
einfltigen Bruder. Er schickt nach mir und bleibt doch nicht an einer Stelle,
wo man ihn finden kann; und wenn ich jetzt den Weg hinauf gehe - wie konnte er
nur glauben, da ich den Fuweg gehe? das ist ihm jetzt gewi auch eingefallen
und er geht einen andern und ist nicht mehr zu finden und wir laufen um ein
ander herum wie im Nebel.
    Barfele setzte sich still auf einen Baumstumpf und in ihr brannte es wie
in dem Meiler, die Flamme konnte nicht ausschlagen, sie mute still in sich
verkohlen. Die Vgel sangen, der Wald rauschte, ach, was ist das Alles, wenn
kein heller Ton im Herzen klingt ... wie aus einem Traum erinnerte sich jetzt
Barfele, wie sie einst Liebesgedanken nachgehangen. Wie kommst du dazu, so
etwas in dir aufkommen zu lassen? Hast du nicht Elend genug an dir und an deinem
Bruder? Und der Gedanke dieser Liebe war ihr jetzt wie mitten im Winter die
Erinnerung an einen hellen Sommertag. Man kann's nur glauben, da es einst so
sonnig warm gewesen, aber man wei nichts mehr davon. Jetzt mute sie lernen was
Warten heit: hoch oben auf einer Spitze, wo kaum eine Hand breit Boden; und
wenn du erst weit wie es ist, bist du im alten Elend und in noch grerem ...
    Sie ging hinein in die Blockhtte des Khlers, da lag ein Sack locker und
kaum halb voll, und auf dem Sacke stand der Name des Vaters.
    O wie bist du herumgeschleppt! sagte sie fast laut. Sie kam aber schnell
ber die Erregung des Gemthes hinweg und wollte sehen, was denn Dami wieder mit
zurckgebracht. Er hat doch mindestens die guten Hemden noch, die du ihm von
der Leinwand der schwarzen Marann' hast machen lassen? Und vielleicht ist auch
ein Geschenk von dem Ohm aus Amerika darin. Aber wenn er noch etwas Ordentliches
htte, wre er dann zuerst zum Kohlenmathes im Wald? Htte er sich nicht gleich
im Dorf gezeigt?
    Barfele hatte Zeit diesen Gedanken nachzuhngen, denn das Sackbndel war
wahrhaft kunstmig verknotet, und nur ihrer gewohnten Geschicklichkeit und
Unablssigkeit gelang es, ihn endlich zu entwirren. Sie that Alles heraus was in
dem Sacke war und mit zornigem Blicke sagte sie vor sich hin: O du Garnichts!
da ist ja kein heiles Hemd mehr. Du hast jetzt die Wahl, ob du Bettellump oder
Lumpenbettler heien willst.
    Das war keine gute Stimmung, in der sie den Bruder wieder begren konnte,
und dieser mochte es fhlen, denn er stand lauernd am Eingang der Blockhtte bis
Barfele wieder Alles in den Sack gethan hatte. Dann trat er auf sie zu und
sagte: Gr Gott Amrei! Ich bringe dir nichts als schwarze Wsche, aber du bist
sauber und wirst mich auch wieder ...
    O lieber Dami, wie siehst du aus! schrie Barfele und lag an seinem
Halse, aber schnell ri sie sich wieder los und sagte:
    Um Gotteswillen, du riechst ja nach Branntwein. Bist du schon so weit?
    Nein, der Kohlenmathes hat mir nur ein bischen Wachholdergeist gegeben, ich
hab' auf keinem Bein mehr stehen knnen; es ist mir schlecht gegangen, aber
schlecht bin ich drum nicht geworden, das glaub' mir, ich kann dir's freilich
nicht beweisen.
    Ich glaub' dir. Du wirst doch das Einzige was du auf der Welt hast, nicht
betrgen? O wie verwildert und elend siehst du aus! Du hast ja einen groen Bart
wie ein Scherenschleifer. Das leid' ich nicht, den mut du heruntermachen. Du
bist doch sonst gesund? Es fehlt dir doch nichts?
    Gesund bin ich und will Soldat werden.
    Was du bist und was du wirst, das wollen wir schon noch berlegen, jetzt
sag', wie es dir ergangen ist.
    Dami stie ein Scheit halbverbranntes Holz, von den sogenannten
unbrauchbaren Brnden mit dem Fue weg und sagte: Siehst du? Grad so bin ich;
nicht ganz Kohle geworden und doch auch kein frisch Holz mehr.
    Barfele ermahnte ihn, er soll ohne Klage erzhlen, und nun berichtete Dami
eine lange, lange Geschichte, wie er es beim Ohm nicht ausgehalten, wie
hartherzig und eigenntzig der sei, besonders aber, wie ihm die Frau jeden
Bissen mignnt habe, den er im Hause geno, wie er dann da und dort gearbeitet,
aber immer mehr die Hartherzigkeit der Menschen erfahren habe; in Amerika da
knnte ein Mensch den Andern im Elend verkommen sehen und er schaut nicht nach
ihm um. Barfele mute fast lachen als in der Erzhlung immer und immer wieder
der Endreim vorkam: Und da haben sie mich auf die Strae geworfen. Sie konnte
nicht umhin einzuschalten: Ja, so bist du, du lt dich immer werfen. Bist
schon als Kind so gewesen: wenn du einmal gestolpert bist, da hast du dich
fallen lassen wie ein Stck Holz. Man mu aus dem Stolper auch einen Hopser
machen, drum sagt man ja im Sprchwort: von Stolpe nach Danzig (tanz ich). Sei
lustig. Weit, was man thun mu, wenn Einem die Menschen weh thun wollen?
    Man mu ihnen aus dem Weg gehen.
    Nein, man mu ihnen weh thun, wenn man kann, und am wehesten thut man
ihnen, wenn man sich aufrecht erhlt und was vor sich bringt. Aber du stellst
dich immer hin und sagst zur Welt: thu' mir gut, thu' mir bs, kss' mich,
schlag' mich, wie du willst. - Das ist leicht. Du lssest dir Alles geschehen
und dann hast du Erbarmen mit dir selbst. Wr' mir auch recht, wenn mich ein
Anderes da und dort hinstellte, wenn ich's nicht selbst zu thun htte; aber du
mut jetzt selbst Einsteher fr dich sein, hast dich genug in der Welt
herumstoen lassen, jetzt zeig' einmal den Meister.
    Vorwrfe und Lehren werden einem Unglcklichen gegenber oft zu ungerechten
Hrten und auch Dami nahm die Worte der Schwester als solche. Es war
frchterlich, da sie es nicht einsah, wie er der unglcklichste Mensch auf der
Welt sei. Sie mochte ihm noch so streng vorhalten, da er das nicht glauben mge
und wenn er es nicht glaube, so sei es auch nicht der Fall. Aber das
Schwierigste von Allem ist: einem Menschen den Glauben an sich beizubringen; die
Meisten gewinnen ihn erst, nachdem ihnen Etwas gelungen ist.
    Dami wollte der herzlosen Schwester kein Wort weiter erzhlen und erst
spter gelang es ihr, da er ausfhrlich von seinen Fahrten und Schicksalen
berichtete und wie er zuletzt als Heizer auf einem Dampfschiff nach der alten
Welt zurckgekehrt sei. Indem sie ihm jetzt seine selbstqulerische
Weichmthigkeit vorhielt, ward sie inne, da auch sie nicht frei davon war.
    Durch den fast ausschlielichen Verkehr mit der schwarzen Marann' hatte sie
sich gewhnt, immer so viel von sich zu reden und an sich zu denken, und sie war
in ein schweres Wesen gerathen. Jetzt, indem sie den Bruder aufrichtete, that
sie es auch unwillkrlich mit sich selbst; denn das ist die geheimnivolle Macht
des Menschenzusammenhanges, da wir immer, indem wir Anderen helfen, uns selbst
mit helfen.
    Wir haben vier gesunde Hnde, schlo sie, und da wollen wir sehen, ob wir
uns nicht durch die Welt durchschlagen, und durchschlagen ist tausendmal besser
als sich durchbetteln. Jetzt komm', Dami; jetzt komm' mit heim.
    Dami wollte sich im Orte gar nicht zeigen, er frchtete sich vor dem
Gesptte, das von allen Seiten auf ihn losbreche, er wollte vor der Hand noch
versteckt bleiben; aber Barfele sagte ihm: Jetzt gehst mit, am hellen
Sonntag, und mitten durch das Dorf, und lst dich ausspotten. La sie nur reden
und deuten und lachen, dann bist du fertig und bist's los, hast den bittern
Kolben auf einmal verschluckt und nicht tropfenweis.
    Erst nach vielem und heftigem Widerstreben und erst nachdem der schweigsame
Kohlenmathes auch sein Wort und Barfele Recht gegeben hatte, lie Dami sich
fhren. Und in der That hagelte und regnete es von allen Seiten bald grob, bald
spitz auf des Barfele's Dami los, der auf Gemeindekosten eine Vergngungsreise
nach Amerika gemacht habe. Nur die schwarze Marann' nahm ihn freundlich auf und
ihr zweites Wort war: Hast du nichts von meinem Johannes gehrt?
    Dami konnte keine Kunde geben. Und in doppelter Weise mute Dami heute Haar
lassen, denn noch am Abend brachte Barfele den Bader, der ihm den wilden
Vollbart abnehmen und ihm das landesbliche glatte Gesicht geben mute.
    Schon am andern Morgen wurde Dami auf's Rathhaus beschieden, und da er davor
zitterte, er wute nicht warum, versprach Barfele ihn zu begleiten und das war
gut, wenn es gleich nicht viel half.
    Der Gemeinderath verkndete Dami, da er aus dem Ort ausgewiesen sei; er
habe kein Recht hier zu bleiben, um vielleicht der Gemeinde wieder zur Last zu
fallen.
    Alle Gemeinderthe staunten, da Barfele hierauf erwiderte:
    Ja wohl, Ihr knnet ihn ausweisen; aber wisset Ihr wann? Wenn Ihr
hinausgehen knnt auf den Kirchhof, dort wo unser Vater und unsere Mutter liegt
und wenn Ihr zu den Begrabenen sagen knnt: Auf! geht fort mit Eurem Kind! -
Dann knnt Ihr ihn ausweisen. Man kann Niemand ausweisen aus dem Ort, wo seine
Eltern begraben sind, da ist er mehr als daheim; und wenn's tausend und
tausendmal da in den Bchern steht (sie deutete auf die gebundenen
Regierungsbltter) und anders stehen mag, es geht doch nicht und Ihr knnet
nicht.
    Ein Gemeinderath sagte dem Schullehrer in's Ohr: Diese Reden hat das
Barfele von niemand Anders gelernt als von der schwarzen Marann'! Und der
Heiligenpfleger neigte sich zum Schulthei und sagte: Warum duldest du, da das
Aschenbuttel so schreit? Klingle dem Schtz, er soll sie in's Narrenhusle
stecken.
    Der Schulthei aber lchelte und erklrte Barfele, da sich die Gemeinde
von allen Ueberlasten, die ihr durch den Dami werden knnten, losgekauft habe,
indem sie den grten Theil des Ueberfahrtsgeldes fr ihn auslegte.
    Ja, wo ist er denn jetzt daheim? fragte Barfele.
    Wo man ihn annimmt, aber hier nicht und vor der Hand nirgends.
    Ja, ich bin nirgends daheim, sagte Dami, dem es fast wohl that, immer noch
mehr unglcklich zu sein. Jetzt konnte es doch Niemand lugnen, da es keinem
Menschen auf der Welt schlechter ginge als ihm.
    Barfele kmpfte noch dagegen, aber sie sah bald, hier half nichts, das
Gesetz schien wider sie und nun betheuerte sie, da ihr eher das Blut unter den
Ngeln hervorflieen solle, ehe sie je wieder etwas fr sich und ihren Bruder
von der Gemeinde annehme und sie versprach alles Erhaltene zurckzuerstatten.
    Soll ich das auch in's Protokoll nehmen? fragte der Gemeindeschreiber die
Umsitzenden und Barfele antwortete: Ja, schreibet's nur, bei euch gilt ja
doch nur das Geschriebene. Barfele unterzeichnete das Protokoll, aber als
dies geschehen war, wurde Dami dennoch verkndet, da er als Fremder die
Erlaubni habe: drei Tage im Dorfe zu bleiben, wenn er bis dahin kein
Unterkommen gefunden, werde er ausgewiesen und nthigenfalls mit Zwangsmitteln
ber die Grenze gebracht.
    Ohne weiter ein Wort zu sagen verlie Barfele mit Dami das Rathhaus, und
Dami weinte darber, da sie ihn unnthig gezwungen habe, in's Dorf
zurckzukehren; er wre besser im Wald geblieben und htte sich damit den Spott
und jetzt den Kummer erspart, zu wissen, da er aus seinem Heimathsort als
Fremder ausgewiesen sei. Barfele wollte ihm erwidern, da es besser sei, wenn
man Alles klar wisse und sei es auch das Herbste; aber sie verschluckte das, sie
selber fhlte, da sie alle Kraft brauche, um sich aufrecht zu erhalten; sie
fhlte sich auch ausgewiesen mit ihrem Bruder und sie empfand es, da sie einer
Welt gegenber stand, die sich auf Macht und Gesetze sttzte und sie selber
hatte nur die leere Hand; aber sie hielt sich jetzt aufrechter als je.
    Das Ungeschick und Migeschick Dami's drckte sie nicht nieder, denn so ist
der Mensch: hat er ein Schmerzen das ihn ganz erfllt, dann trgt er ein
anderes, und sei es noch so schwer, oft leichter, als wenn es allein gekommen
wre. Und weil Barfele ein unnennbares Wehe empfand, gegen das sie nichts thun
konnte, trug sie das nennbare, gegen das sie wirken konnte, um so williger und
freier. Sie gnnte sich keine Minute der Trumerei mehr und ging immer mit
straffen Armen und mit geballter Faust hin und her, als wollte sie sagen: wo ist
denn die Arbeit und sei es auch die schwerste, ich nehme sie ber mich, wenn ich
nur mich und meinen Bruder aus der Abhngigkeit und Verlassenheit herausbringe.
Sie dachte jetzt selber daran mit Dami in's Elsa zu wandern und dort in einer
Fabrik zu arbeiten. Es kam ihr schrecklich vor, da sie das sollte; aber sie
wollte sich dazu zwingen. Wenn nur der Sommer vorber war, dann sollte es
fortgehen, und Lebewohl Heimath! Wir sind ja auch daheim in der Fremde.
    Der nchste Annehmer, den die beiden Waisen in der Ortsregierung gehabt
hatten, war jetzt machtlos. Der alte Rodelbauer lag schwer krank danieder und in
der Nacht nach der strmischen Gemeinderathssitzung verschied er.
    Barfele und die schwarze Marann' waren diejenigen, die am meisten bei
seiner Beerdigung auf dem Kirchhofe weinten. Die schwarze Marann' sagte auf dem
Heimwege noch als besonderen Grund: Der Rodelbauer ist der letzte noch Lebende
gewesen, mit dem ich einstmals in meinen jungen Jahren getanzt habe. Mein
letzter Tnzer ist nun gestorben.
    Bald aber hielt sie ihm eine andere Nachrede, denn es zeigte sich, da der
Rodelbauer, der Barfele so jahrelang darauf vertrstet, sie in seinem
Testamente gar nicht erwhnt, viel weniger ihr etwas vererbt hatte. Als die
schwarze Marann' gar nicht aufhren wollte mit Klagen und Schelten, sagte
Barfele: Das geht jetzt in Einem hin, es ist nun einmal so, es hagelt jetzt
von allen Seiten auf mich los; aber die Sonne wird schon wieder scheinen.
    Die Erben des Rodelbauern schenkten inde Barfele einige Kleider des
Alten; sie htte sie gern zurckgewiesen, aber durfte sie es wagen, jetzt noch
mehr Trotz kund zu geben? Auch Dami wollte die Kleider nicht annehmen, aber er
mute nachgeben. Es schien einmal sein Loos, in den Kleidern allerlei
Abgeschiedener sein Leben zu verbringen.
    Der Kohlenmathes nahm Dami zu sich in den Wald zum Meiler, und Zutrger
sagten dem Dami, er solle nur einen Proce anfangen, man knne ihn nicht
ausweisen, weil er noch an keinem andern Orte angenommen sei, das sei
stillschweigende Voraussetzung beim Aufgeben des Heimathsrechtes.
    Die Leute schienen sich fast daran zu erlustigen, da die armen Waisen weder
Zeit noch Geld hatten, einen Rechtsstreit anzufangen.
    Dami schien sich wohlzugefallen in der Einsamkeit des Waldes. Es war so nach
seiner Art, da man sich nicht an- und auszuziehen brauchte, und jedesmal am
Sonntag Nachmittag kostete es Barfele einen Kampf, bis sich Dami nur ein
bischen reinigte; dann sa sie bei ihm und dem Mathes, und man sprach wenig, und
Barfele konnte ihre Gedanken nicht abhalten, da sie in der Irre umhergingen
in der Welt und Den suchten, der sie einst einen ganzen Tag so glcklich gemacht
und in den Himmel gehoben hatte. Wute er nichts mehr von ihr und dachte er
nicht mehr an sie? Kann denn der Mensch den andern vergessen, mit dem er einmal
so glcklich war?
    Es war am Sonntag Morgen gegen Ende Mai, Alles war in der Kirche. Es hatte
am Tage vorher geregnet. Ein frischer erquickender Athem hauchte von Berg und
Thal, denn die Sonne schien hell hernieder. Auch Barfele hatte in die Kirche
gehen wollen, aber sie lag wie festgebannt unter dem Fenster, whrend es
lutete, und sie versumte die Kirche. Das war seltsam und noch nie geschehen.
Nun da es zu spt war, entschlo sie sich, allein zu bleiben und daheim in ihrem
Gesangbuch zu lesen. Sie kramte in ihrer Truhe und war berrascht von allerlei
Sachen, die sie besa. Sie sa auf dem Boden und las eben einen Gesang und
summte ihn halb laut vor sich hin, da regte sich etwas am Fenster. Sie schaute
sich um: eine weie Taube steht auf dem Simse und schaut nach ihr, und wie sich
die Blicke des Mdchens und der Taube begegnen, fliegt die Taube davon und
Barfele schaut ihr nach, wie sie hinausfliegt ber das Feld und sich dort
niederlt. Dieses Begegni, das doch so natrlich war, macht sie pltzlich ganz
froh, und sie nickt immer hinaus in's Weite nach den Bergen, nach Feld und Wald.
Sie ist den ganzen Tag ungewhnlich heiter. Sie kann nicht sagen warum, es ist
ihr, als ob ihr eine Freude in der Seele jauchzte, sie wei nicht woher sie kam.
Und so oft sie auch am Mittag an die Thrpfoste gelehnt, den Kopf schttelt ber
die seltsame Erregung die sie sprt: sie weicht nicht von ihr. Es mu sein, es
mu doch sein, da so Jemand an dich gedacht hat; und warum kann das nicht sein,
da so eine Taube der stille Bote ist, der mir das sagt? Die Thiere leben doch
auch auf der Welt, wo die Gedanken der Menschen hin und her stiegen, und wer
wei, ob sie nicht Alles still davon tragen.
    Die Menschen, die an Barfele vorbergingen, konnten nicht ahnen, was fr
ein seltsames Sinnen sich in ihr bewegte.

                          13. Aus einem Mutterherzen.


Whrend Barfele im Dorf und in Feld und Wald trumte und sorgte und kmmerte,
bald von seltsamen Freudenschauern sich durchrieselt fhlte, bald sich wie
ausgestoen vorkam in der weiten Welt, schickten Eltern ihr Kind fort, freilich,
damit es um so reicher wiederkomme.
    Droben im Allgu, auf dem groen Bauernhofe, genannt zur wilden Reuthe,
sa der Landfriedbauer mit seiner Frau bei ihrem jngsten Sohne, und der Bauer
sagte: Hr' einmal Johannes, jetzt ist mehr als ein Jahr um, seitdem du
zurckgekehrt bist, und ich wei nicht, was mit dir ist; du bist damals wie ein
geschlagener Hund heimgekommen und hast gesagt, du wollest dir lieber hier in
der Gegend eine Frau suchen, aber ich sehe nichts davon. Willst du mir noch
einmal folgen, dann will ich dir kein Wort mehr zureden.
    Ja, ich will, sagte der junge Mann, ohne sich aufzurichten.
    Nun gut, versuch's noch einmal; Einmal ist Keinmal, und ich sage dir, du
machst mich und die Mutter glcklich, wenn du dir eine Frau nimmst aus unserer
Gegend, und am liebsten, wo die Mutter her ist. Ich kann dir's schon in's
Gesicht sagen, Buerin, es giebt in der ganzen Welt nur Einen guten Schlag
Weibsleut', und der ist bei uns daheim, und du bist gescheit, Johannes, du wirst
schon eine Rechtschaffene finden, und dann wirst du es uns noch auf dem
Todtenbett danken, da wir dich in unsere Heimath geschickt haben, dir eine Frau
zu holen. Wenn ich nur fort knnte, ich ginge mit dir, und wir Beide fnden
schon die Rechte. Aber ich hab' mit unserm Jrg geredet; er will mit dir gehen,
wenn du ihn darum ansprichst. Reit' hinber und sag's ihm.
    Wenn ich meine Meinung sagen darf, erwiderte der Sohn, wenn ich noch
einmal gehen soll, mcht' ich wieder allein. Ich bin einmal so. Das vertrgt bei
mir kein anderes Aug', ich mcht' mit Niemand darber reden. Wenn's mglich
wr', mcht' ich am liebsten ungesehen und stumm Alles erkundschaften; und kommt
man nun gar zu Zweit', da ist's so gut, wie wenn man's ausschellen lie', und
Alles putzt sich auf.
    Wie du willst, sagte der Vater, du bist einmal so aus der Art. Weit was?
Mach' dich jetzt gleich auf den Weg; es fehlt uns ein Gespann zu unserm
Schimmel, such' dir einen dazu, aber nicht auf dem Markt; und wenn du so in den
Husern herumkommst, kannst du schon viel sehen und kannst auch auf dem Heimweg
ein Bernerwgelein kaufen. - Der Dominik in Endringen soll ja noch drei Tchter
haben wie die Orgelpfeifen, such' dir Eine aus, aus Dem Haus wre uns eine
Tochter recht.
    Ja, ergnzte die Mutter; das Ameile hat gewi brave Tchter.
    Und besser wr's, fuhr der Vater fort, du siehst dir einmal in
Siebenhfen die Amrei an, des Schmalzgrafen Tochter, die hat einen ganzen Hof,
den knnte man gut verkaufen, die Siebenhfener Bauern, die schlecken die Finger
darnach, wenn sie nur noch Aecker kriegen knnten, und da ist baar Geld, da
giebt's keine Zieler; aber ich red' dir weiter nichts zu, du hast ja deine Augen
selber bei dir. Komm', mach' dich gleich auf den Weg. Ich fll' dir die
Geldgurt' voll. Zweihundert Kronenthaler werden genug sein, und der Dominik
leiht dir, wenn du mehr brauchst. Gieb dich nur zu erkennen. Ich kann's noch
nicht verstehen, da du dich damals auf der Hochzeit nicht zu erkennen gegeben
hast; es mu dir was geschehen sein, aber ich will nichts wissen.
    Ja, weil er's nicht sagt, ergnzte die Mutter lchelnd.
    Der Bauer machte sich nun gleich daran, die Geldgurte zu fllen. Er brach
zwei gestelte Rollen auf und man sah es ihm an, es that ihm wohl, wie er so
die grobe Mnze von der einen Hand in die andere laufen lie. Er machte Hufchen
von je zehn Thalern und zhlte sie zwei- dreimal ab, um sich ja nicht zu irren.
    Nun meinetwegen, sagte der junge Mann und richtete sich auf - Es ist der
fremde Tnzer von der Hochzeit in Endringen. Bald bringt er den gesattelten
Schimmel aus dem Stall, schnallt noch den Mantelsack darauf und ein schner
Wolfshund springt dabei an ihm empor und leckt ihm die Hnde.
    Ja, ja, ich nehm' dich mit, sagte der Bursche zu dem Hund und erschien zum
Erstenmal im ganzen Gesicht freundlich und er rief zum Vater hinein in die
Stube: Vater, darf ich den Lux mitnehmen?
    Ja, wie du willst, lautete von drinnen die Antwort aus dem Klingen der
Thaler heraus. Der Hund schien Hin- und Widerrede verstanden zu haben. Er sprang
bellend und sich im Kreise drehend im Hof umher.
    Der Bursche ging hinein in die Stube und indem er sich die Geldgurte
umschnallte, sagte er: Ihr habt Recht, Vater, es wird mir jetzt schon wohler,
weil ich jetzt aus dem So-hinleben mich herausmache, und ich wei nicht, man
soll freilich keinen Aberglauben haben, aber es hat mir doch wohlgethan, da der
Schimmel sich nach mir wendet wie ich in den Stall komme und wiehert, und da
der Hund so auch mit will; es ist doch ein gutes Zeichen, und wenn man die
Thiere befragen knnte, wer wei, ob die Einem nicht den besten Rath geben
knnten.
    Die Mutter lchelte, aber der Vater sagte: Vergi nicht, da du dich an den
Krappenzacher hltst und geh' nicht voran und bind' dich nicht, ehe du ihn
befragt hast; der kennt das Inwendige aller Menschen auf zehn Stunden Wegs im
Umkreis und ist ein lebendiges Hypothekenbuch. Jetzt beht' dich Gott und la
dir Zeit, du kannst auf zehn Tag ausbleiben.
    Vater und Sohn schttelten sich die Hnde und die Mutter sagte: Ich geb'
dir noch ein Stck das Geleite.
    Der Bursche fhrte nun das Pferd am Zgel und ging neben der Mutter her,
still bis hinaus vor den Hof und erst bei einer Biegung des Weges sagte die
Mutter zagend: Ich mchte dir gern Anweisungen geben.
    Ja, ja, nur zu, ich hre gern drauf.
    Nun begann die Mutter, indem sie die Hand des Sohnes fate: Bleib' stehen,
ich kann im Gehen nicht gut reden. - Schau, da sie dir gefllt, das ist
natrlich das Erste: ohne Lieb' ist keine Freud', und ich bin nun eine alte
Frau, gelt ich darf Alles sagen?
    Ja, ja!
    Wenn du dich nicht drauf freust und es nicht wie ein Gnadengeschenk vom
Himmel ansiehst, da du ihr einen Ku geben darfst, da ist's die rechte Liebe
nicht, aber ... bleib' doch stehen ... und auch diese Liebe reicht noch nicht
aus, da kann sich noch etwas Anderes dahinter verstecken. Glaub' mir ... Die
alte Frau hielt stotternd inne und wurde flammroth im Gesichte. Schau, wo der
rechte Respekt nicht ist, und wo man nicht Freud daran hat, da eine Frau grad
so eine Sache in die Hand nimmt und grad so wegstellt und nicht anders, da
geht's schwer; und vor Allem achte darauf, wie sie sich zu den Dienstboten
stellt.
    Ich will Euch immer abnehmen und in klein Geld wechseln, was Ihr meinet,
Mutter; das Sprechen wird Euch schwer. Jetzt das verstehe ich schon. Sie darf
nicht zu stolz und nicht zu vertraut sein.
    Das freilich, aber ich seh's Einer am Mund an, ob der Mund schon geflucht
und geschimpft und gescholten hat, und ob er's gern thut. Ja, wenn du sie im
Aerger weinen sehen, wenn du sie im Zorn ertappen knntest, da wre sie am
besten kennen zu lernen; da springt der versteckte inwendige Mensch heraus und
das ist oft einer mit Geierkrallen wie ein Teufel. O Kind! Ich hab' viel
erfahren und in's Aug' gefat. Ich seh' daran, wie Eine das Licht auslscht,
wie's in ihr aussieht und was sie fr ein Gemth hat. Die so im Vorbeigehen mit
einem Hui das Licht ausblst, mag's fnkeln und blaken, das ist Eine, die sich
auf ihr schnelles Schaffen was einbildet und sie thut doch Alles nur halb und
hat keine Ruhe im Gemth.
    Ja, Mutter, das machet Ihr mir zu schwer; eine Lotterie ist und bleibt es
immer.
    Ja, ja, du brauchst auch nicht Alles zu behalten, was ich mein', nur so
obenhin; wenn dir's nachher vorkommt, wirst schon finden, wie ich's gemeint
habe. Und dann pa auf: ob sie gut beim Arbeiten redet, ob sie etwas in die Hand
nimmt, wenn sie mit dir spricht, und nicht allemal still hlt, wenn sie ein Wort
sagt, und nicht eine Scheinarbeit thut. Ich sage dir, Arbeitsamkeit ist bei
einer Frau Alles. Meiner Mutter Red' ist immer gewesen: ein Mdchen darf nie mit
leeren Hnden gehen und mu ber drei Zune springen, um ein Federchen
aufzulesen. Und dabei mu sie doch beim Schaffen ruhig und stetig sein, nicht so
um sich rasen und aufbegehren, als wolle sie jetzt grad' ein Stck von der Welt
herunter reien. Und wenn sie dir Red' und Antwort giebt, merk' auf, ob sie
nicht zu bld und nicht zu keck ist. Du glaubst gar nicht, die Mdchen sind ganz
anders, wenn sie einen Mannshut sehen, als wenn sie unter sich sind; und die wo
immer gar so thun, als ob sie bei Jedem sagen wollten: fri mich nicht! das sind
die Schlimmsten; aber die so ein gewetztes Mundstck haben und die meinen, wenn
Jemand in der Stube sei, drfte das Maul gar nicht still stehen, die sind noch
rger.
    Der Bursche lachte und sagte: Mutter, Ihr solltet einmal predigen gehen in
der Welt herum und Kirche halten fr die Mdchen allein.
    Ja, das knnte ich auch, sagte die Mutter ebenfalls lachend, aber ich
bringe das Letzte zuerst vor. Natrlich, da du zuerst drauf siehst, wie sie zu
Eltern und Geschwistern steht; du bist ja selber ein gutes Kind, da brauch' ich
dir nichts zu sagen. Das vierte Gebot kennst du.
    Ja, Mutter, da seid ruhig und da habe ich mein besonderes Merkzeichen: die
viel Wesens von der Elternliebe machen, da ist's nichts; das zeigt sich am
besten wie man thut; und wer viel davon schwtzt, ist md und matt, wenn's an's
Thun geht.
    Du bist ja gescheit, sagte die Mutter in spttischer Glckseligkeit, legte
die Hand auf die Brust und schaute zu ihrem Sohn auf: Soll ich dir noch mehr
sagen?
    Ja, ich hr' Euch immer gern.
    Mir ist, wie wenn ich heut' zum Erstenmal so recht mit dir reden knnte,
und wenn ich sterbe, so habe ich nichts mehr hinter mir was ich vergessen habe.
Das vierte Gebot! ja, da fllt mir ein, was mein Vater einmal gesagt hat. O, der
hat Alles verstanden und viel in Schriften gelesen und ich habe einmal zugehrt
wie er zum Pfarrer, der oft bei ihm war, gesagt hat: Ich wei den Grund, warum
beim vierten Gebot allein eine Belohnung ausgesetzt ist, und man meint doch da
wre es grad am unnthigsten, denn das ist ja das natrlichste. Aber es heit:
Ehre Vater und Mutter damit du lange lebest!.. damit ist nicht gemeint, da ein
braves Kind siebzig oder achtzig Jahr alt wird; nein, wer Vater und Mutter ehrt,
lebt lange, aber rckwrts. Er hat das Leben von seinen Eltern in sich, in der
Erinnerung, in Gedanken, und das kann ihm nicht genommen werden und er lebt
lange auf Erden, wie alt er auch sei. Und wer Vater und Mutter nicht ehrt, der
ist erst heut auf die Welt gekommen und morgen nicht mehr da.
    Mutter, das ist ein gutes Wort, das verstehe ich und werde es auch nicht
vergessen und meine Kinder sollen's auch lernen; aber je mehr Ihr so redet, je
schwerer wird mir's, da ich Eine finde; ich meine sie mte so sein wie Ihr.
    O Kind, sei nicht so einfltig! Mit neunzehn, zwanzig Jahren bin ich auch
noch ganz anders gewesen, wild und eigenwillig, und auch jetzt bin ich noch
nicht wie ich sein mchte! Aber was ich dir noch sagen wollte? ja, von wegen der
Frau. Es ist wunderlich, warum es gerade dir so schwer wird. Aber dir ist von
Klein auf Alles schwerer geworden, du hast erst mit zwei Jahren laufen gelernt
und kannst doch jetzt springen wie ein Fllen. Nur noch ein paar Kleinigkeiten,
aber da kennt man oft Groes draus. Merk' auf, wie sie lacht; nicht so
pflatschig zum Ausschtten, und nicht so spitzig zum Schnbelchen machen, nein,
so von innen heraus. Ich wollt', du wtest wie du lachst, dann knntest du's
schon abmerken.
    Der Sohn mute hierbei laut auflachen und die Mutter sagte immer: Ja, ja,
so ist's, so hat grad mein Vater auch gelacht, so hat's ihm den Buckel
geschttelt und die Achseln gehoben. Und je mehr die Mutter das sagte, um so
mehr mute der Sohn lachen und sie stimmte endlich selbst mit ein und so oft das
Eine aufhrte, steckte das fortgesetzte Lachen des Andern es wieder an. Sie
setzten sich an einen Wegrain, lieen das Pferd grasen und indem die Mutter ein
Maasliebchen abpflckte und damit in der Hand spielte, sagte sie: Ja, das ist
auch was, das hat viel zu bedeuten. Gieb Acht, ob ihr Blumen gedeihen, da steckt
viel drin, mehr als man glaubt.
    Man hrte in der Ferne Mdchen singen und die Mutter sagte: Merk' auch auf,
ob sie beim Singen gern gleich die zweite Stimme singt; die wo gern immer den
Ton angeben, das hat etwas zu bedeuten; und schau! da kommen Schulkinder, die
sagen mir auch was. Wenn du's erkundschaften kannst, ob sie ihr Schreibbuch aus
der Schule noch hat, das ist auch wichtig.
    Ja, Mutter, Ihr nehmt noch die ganze Welt zum Wahrzeichen. Was soll denn
das jetzt zu bedeuten haben, ob sie ihr Schreibbuch noch hat?
    Da du noch fragst, das zeigt, da du noch nicht ganz gescheit bist. Ein
Mdchen, das nicht gern Alles aufbewahrt, was einmal gegolten hat, das hat kein
rechtes Herz.
    Der Sohn hatte whrend des Redens versucht, die Treibschnur an der Peitsche,
die sich verknotet hatte, aufzuknpfen, jetzt holte er das Messer aus der Tasche
und schnitt den Knoten entzwei. Mit dem Finger darauf hindeutend, sagte die
Mutter:
    Siehst du? das darfst du thun, aber das Mdchen nicht. Gieb Acht, ob sie
einen Knoten schnell zerschneidet; da liegt ein Geheimni drin.
    Das kann ich errathen, sagte der Sohn. Aber Euer Schuhbndel ist Euch
aufgegangen und wir mssen jetzt fort.
    Ja, und du bringst mich damit noch auf was, sagte die Mutter. Schau, das
ist noch eins der besten Zeichen: gieb Acht, wie sie die Schuhe vertritt, nach
innen oder nach auen, und ob sie schlurkt und viel Schuhwerk zerreit.
    Da mte ich zum Schuhmacher laufen, sagte der Sohn lchelnd, o Mutter,
alles Das, was Ihr sagt, das findet man nicht bei einander.
    Ja, ja, ich red' zu viel und du brauchst ja nicht Alles behalten, es soll
dich nur daran erinnern, wenn's dir vorkommt. Ich meine nur: nicht was Eine hat
oder erbt ist die Hauptsache, sondern was Eine braucht. Jetzt aber, du weit,
ich habe dich ruhig gehen lassen, jetzt mach' mir dein Herz auf und sag': was
ist dir denn geschehen, da du voriges Jahr von der Hochzeit in Endringen
heimgekommen bist wie behext und seitdem nicht mehr der alte Bursch bist von
ehedem? Sag's, vielleicht kann ich dir helfen.
    O Mutter, das knnet Ihr nicht, aber ich will's Euch sagen. Ich hab' Eine
gesehen, die die Rechte gewesen wre, aber es ist die Unrechte gewesen.
    Um Gotteswillen! Du hast dich doch nicht in eine Ehefrau verliebt?
    Nein, es ist aber doch die Unrechte gewesen. Was soll ich da viel drum
herum reden? Es war eine Magd.
    Der Sohn athmete tief auf und Mutter und Sohn schwiegen eine geraume Weile;
endlich legte die Mutter die Hand auf seine Schulter und sagte: O du bist brav,
ich danke Gott, da er dich so hat werden lassen. Das hast du brav gemacht, da
du dir das aus dem Sinn geschlagen. Dein Vater htt' das nie zugegeben und du
weit ja, was Vatersegen zu bedeuten hat.
    Nein, Mutter, ich will mich nicht braver machen als ich bin; es hat mir
selber ganz allein nicht gefallen, da sie eine Magd ist; das geht nicht und
drum bin ich fort. Aber es ist mir doch hrter geworden, mir das aus dem Sinn zu
bringen als ich geglaubt habe, aber jetzt ist's vorbei, und es mu vorbei sein,
ich habe mir das Wort gegeben, da ich mich nicht nach ihr erkundige, Niemand
frage wo sie ist und wer sie ist, ich bringe Euch, will's Gott, eine rechte
Bauerntochter.
    
    Du hast doch den Rechtschaffenen an dem Mdchen gemacht und hast ihm nicht
den Kopf verwirrt?
    Mutter, da, meine Hand, ich habe mir nichts vorzuwerfen.
    Ich glaube dir, sagte die Mutter, und drckte mehrmals seine Hand, und
Glck und Segen auf den Weg.
    Der Sohn stieg auf und die Mutter sah ihm nach, und jetzt rief sie: Halt',
ich mu dir noch was sagen, ich habe das Beste vergessen.
    Der Sohn wendete das Pferd, und bei der Mutter angekommen, sagte er
lchelnd: Aber nicht wahr, Mutter, das ist das Letzte?
    Ja, und die beste Probe. Frage das Mdchen auch nach den Armen im Ort und
dann lauf' herum und horch die Armen aus was sie ber sie reden. Das mu eine
schlechte Bauerntochter sein, die nicht ein Armes an der Hand hat, dem sie Gutes
thut. Merk' dir das, und jetzt beht' dich Gott und reit' scharf zu.
    Und wie er nun davon ritt, sprach die Mutter noch ein Gebet auf seinen Weg,
dann kehrte sie zurck nach dem Hof.
    Ich htt' ihm doch noch sagen sollen, da er sich auch nach des Josenhansen
Kindern erkundigen soll, was aus Denen geworden ist, sagte die Mutter in
seltsamer Erregung vor sich hin, und wer wei die verborgenen Wege, die die
Seele geht, die Strmungen die hinziehen ber unserer erkennbaren Schicht oder
tief unter ihr? Es erwacht eine lngst verklungene Lied- und Tanzweise in deiner
Erinnerung, du kannst sie nicht laut singen, du bringst die Tne nicht zusammen,
aber innerlich erklingt es dir ganz deutlich und es ist dir als ob du es
hrtest. Was ist's, das pltzlich diese verklungenen Tne in dir erweckte?
    Warum dachte gerade jetzt die Mutter an diese Kinder, die schon lngst aus
ihrem Gedchtni entschwunden waren? War die andchtige Stimmung von jetzt wie
eine Erinnerung an eine andere lngst verklungene und erweckte sie damit die
begleitenden Umstnde derselben? Wer kann die unwgbaren und unsichtbaren
Elemente fassen, die hin und her, von Mensch zu Mensch, von Erinnerung zu
Erinnnerung schweben und schwingen.
    Als die Mutter in den Hof zurckkam zu dem Bauer, sagte dieser spttisch:
    Du hast ihm gewi noch viel Unterweisung gegeben, wie man die Beste fischt;
ich habe auch dafr vorgesorgt, ich habe voraus an den Krappenzacher
geschrieben, der wird ihn schon in die rechten Huser bringen. Er mu Eine
bringen, die brav Batzen hat.
    Das Batzenhaben macht die Bravheit nicht aus, entgegegnete die Mutter.
    So gescheit bin ich auch, hhnte der Bauer, aber warum soll Eine nicht
brav sein knnen und doch auch brav Batzen haben?
    Die Mutter schwieg. Nach einer Weile aber sagte sie:
    An den Krappenzacher hast ihn gewiesen? Beim Krappenzacher ist der Bub vom
Josenhans untergebracht gewesen. So knpfte sie jetzt durch den Namen laut an
ihre frhere Erinnerung an und jetzt erst wurde sie sich bewut, wessen sie sich
erinnert hatte.
    Ich wei nicht, was du redest, sagte der Bauer, was hast du mit dem Kind
vom Josenhans beim Krappenzacher? Warum sagst du jetzt nicht, da ich das
gescheit gemacht habe?
    Ja, ja, das ist gescheit, besttigte die Frau, aber dem Alten gengte das
nachtrgliche Lob nicht, und er ging brummend hinaus.
    Ein gewisses rgerliches Bangen, da es doch mit dem Johannes schief gehen
knne, und da man sich vielleicht zu sehr bereilt habe, machte den Alten
unwirsch fr die Gegenwart und fr Alles was ihn umgab.

                            14. Der Schimmelreiter.


Am Abend desselben Tages, an dem Johannes ausgeritten war von Zusmarshofen, kam
der Krappenzacher in's Haus des Rodelbauern und sa mit diesem lange im
Hinterstbchen und las ihm leise einen Brief vor.
    Hundert Kronenthaler mut du mir geben, wenn die Sache in's Reine kommt,
und das will ich schriftlich, sagte der Krappenzacher.
    Ich meine, fnfzig Kronenthaler wren auch genug, das ist ein schn Stck
Geld.
    Nein, keinen rothen Heller weniger als runde Hundert, und ich schenke dir
dabei noch gut und gern hundert, aber ich gnne es dir und deiner Schwester, und
thue gern Einem im Ort einen Gefallen. Ich bekme in Endringen und in
Siebenhfen gut und gern das Doppelte. Deine Rosel ist eine rechte
Bauerntochter, da kann man nichts dagegen sagen, aber was Besonderes ist sie
nicht, da kann man fragen: was kostet das Dutzend von denen?
    Sei still, das leid' ich nicht.
    Ja, ja, will still sein, und dich nicht im Schreiben verwirren. Jetzt
schreib' gleich.
    Der Rodelbauer mute dem Krappenzacher willfahren und als er geschrieben
hatte, sagte er:
    Wie meinst, soll ich meiner Rosel etwas davon sagen?
    Freilich mut du das, aber sie soll sich nichts merken lassen, und auch
Niemand im Ort; das vertrgt das Schnaufen nicht, und ein Jedes hat seine
Feinde, du und deine Schwester auch. Kannst mir's glauben. Sag' der Rosel, sie
soll sich alltagsmig anziehen, und die Khe melken, wenn er kommt. Ich lasse
ihn allein zu dir in's Haus; hast ja gelesen, da der Landfriedbauer schreibt:
er habe seinen eigenen Kopf, und liefe gleich davon, wenn er merke, da da etwas
angelegt sei. Mut aber noch schnell heut' Abend hinberschicken nach
Lauterbach, und dir den Schimmel von deinem Schwager holen lassen; ich will den
Freier dann schon durch einen Unterhndler nach einem Gaul zu dir schicken. La
du dir auch nichts merken.
    Der Krappenzacher ging weg und der Rodelbauer rief seine Schwester und seine
Frau in's Hinterstbchen und theilte ihnen unter Auferlegung der Geheimhaltung
mit, da morgen ein Freier fr die Rosel kme, und zwar ein Mensch wie ein
Prinz, der einen Hof habe, wie es keinen zweiten gebe, mit einem Wort, des
Landfriedbauern Johannes von Zusmarshofen. Er gab nun die weiteren Anordnungen,
wie sie der Krappenzacher bestimmt hatte, und empfahl nochmals das strengste
Geheimhalten.
    Nach dem Nachtessen konnte sich inde Rosel nicht enthalten, das Barfele
zu fragen, ob sie, wenn sie heirathe, gern mit ihr ginge als Magd; sie gbe ihr
doppelt mehr Lohn als sie jetzt habe, und sie brauche dann auch nicht ber den
Rhein in eine Fabrik. Barfele gab ausweichende Antwort, denn sie war nicht
geneigt mit der Rosel zu gehen und wute, da diese bei ihrem Antrag noch andere
Absichten hatte: sie wollte zuerst ihren Triumph anbringen, da sie einen Mann
kriege, und was fr Einen, und dann sollte Barfele ihr das Hauswesen in Stand
halten, um das sie sich bisher fast gar nichts bekmmert hatte. Das htte nun
Barfele gern gethan fr eine ihr zugeneigte Herrin, aber nicht fr Rosel; und
sollte sie einmal von ihrer jetzigen Meisterin fort, dann wollte sie nicht mehr
in Dienst, dann lieber fr sich, sei es auch in der Fabrik mit ihrem Bruder.
    Und noch als sich Barfele zu Bette legen wollte, rief sie die Meisterin,
und vertraute ihr das Geheimni mit dem Hinzufgen: Du hast zwar immer Geduld
gehabt mit der Rosel, jetzt aber hab' doppelte, so lange der Freier da ist, da
es keinen Lrmen im Hause giebt.
    Ja, ich finde es aber schlecht, da sie jetzt das Einzigemal die Khe
melken will; das heit ja den guten Menschen betrgen, und sie kann ja gar nicht
melken.
    Du und ich wir knnen die Welt nicht ndern, sagte die Meisterin, ich
mein', du hast fr dich allein schwer genug; la du Andre treiben was sie
wollen.
    Barfele legte sich mit dem schweren Gedanken nieder, wie doch die Menschen
sich gar kein Gewissen daraus machen, einander zu betrgen. Sie wute zwar
nicht, wer der Betrogene sein wrde; aber sie hatte tiefes Mitleid mit dem armen
jungen Mann und schwarz wurde es ihr vor den Augen als sie denken mute: wer
wei, vielleicht wird die Rosel mit ihm ebenso angefhrt, als er mit ihr.
    Am Morgen als Barfele in aller Frhe zum Fenster hinaus sah, schrak sie
pltzlich zurck als wre ihr ein Schu an die Stirn gefahren. Himmel was ist
denn das? Sie rieb sich hastig die Augen und ri sie wieder auf und fragte
sich, ob sie noch trume. Das ist ja der Schimmelreiter von der Endringer
Hochzeit, er kommt daher in's Dorf, er holt dich, nein, er wei nichts; aber er
soll's wissen. Nein, nein, was willst du? Er kommt nher, immer nher, er
schaut nicht auf ... Eine doppelt aufgeblhte Nelke fllt von der Hand
Barfele's ber dem Fensterbrett auf ihn nieder, sie trifft den Mantelsack
seines Pferdes, aber er sieht sie nicht, und sie fllt auf die Strae und
Barfele eilt hinab und nimmt das verrtherische Zeichen wieder zu sich, und
jetzt geht es ihr auf wie ein neuer frchterlicher Tag: das ist ja der Freier
der Rosel, der ist's, den sie gemeint hat am gestrigen Abend. Sie hatte ihn
nicht genannt, aber es kann kein Anderer sein, Keiner, und der soll betrogen
werden? Im Schuppen auf dem grnen Klee, den sie den Khen aufstecken wollte,
kniete Barfele und betete inbrnstig zu Gott, er mge ihn davor bewahren, da
er die Rosel bekme. Da er ihr eigen werden sollte - sie wagte es nicht sich
dem Gedanken hinzugeben und nicht ihn zu verscheuchen.
    Kaum hatte sie gemolken, als sie zur schwarzen Marann' hinber eilte; sie
wollte sie fragen, was sie thun solle; die schwarze Marann' lag schwer krank,
sie war fast taub geworden und verstand kaum mehr zusammenhngende Worte, und
Barfele wagte es nicht, das Geheimni, das ihr halb anvertraut worden und das
sie halb errathen hatte, so laut zu schreien, da es die schwarze Marann'
verstehen konnte. Es konnten Leute von der Strae es hren. Rathlos kehrte sie
wieder nach Hause zurck.
    Barfele mute in's Feld und den ganzen Tag drauen bleiben beim
Einpflanzen der Rbensetzlinge. Bei jedem Schritte fast zgerte sie und wollte
zurck und dem Fremden Alles sagen; aber das Gebot der Unterthnigkeit drngte
sie fort zu der angewiesenen Pflicht, und dann dachte sie: wenn er so einfltig
und unbesonnen ist, da er so fahrlssig hineinrennt, dann ist ihm nicht zu
helfen, dann verdient er's nicht besser und - versprochen ist ja noch nicht
geheirathet, trstete sie sich zuletzt. Sie war aber den ganzen Tag voll Unruhe,
und als sie Abends heimgekehrt die Khe melkte und Rosel mit dem vollen Kbel an
einer ausgemolkenen Kuh sa und hell sang, da hrte sie den Fremden mit dem
Bauer im benachbarten Pferdestall. Es handelte sich um einen Schimmel. Aber
woher kam denn der Schimmel in den Stall? sie hatten ja bisher keinen? Jetzt
fragte der Fremde: Wer ist das, das daneben singt?
    Das ist meine Schwester, sagte der Bauer und auf dieses Wort hin fiel
Barfele ein und sang die zweite Stimme, so mchtig, so trotzig, da sie ihn
zwingen wollte, da er auch fragen msse, wer denn drben das sei; aber das
Singen hatte den Uebelstand, da man dadurch nicht hren konnte, ob er denn
wirklich gefragt habe. Und als Rosel mit dem vollen Kbel ber den Hof ging, wo
eben jetzt der Schimmel vorgefhrt und beschaut wurde, sagte der Bauer:
    Da, die da, das ist meine Schwester. Rosel! Stell' ab und richt' was zum
Nachtessen, wir haben einen Verwandten zum Gast, ich will ihn schon
hinaufbringen.
    Und die Kleine da hat wohl die zweite Stimme gesungen? fragte der Fremde.
Ist das auch eine Schwester?
    Nein, das ist so halb und halb ein angenommenes Kind; mein Vater ist sein
Pfleger gewesen.
    Der Bauer wute recht wohl, da solche Mildthtigkeit ein schner Ruhm eines
Hauses sei und darum hatte er es vermieden, Barfele gradaus Magd zu nennen.
    Barfele war aber innerlichst froh, da der Fremde nun doch von ihr wute.
Wenn er gescheit ist, mu er sich bei mir nach der Rosel erkundigen, berechnete
sie richtig, und dann war die Anknpfung gegeben, und er war wenigstens vor
Unglck bewahrt.
    Rosel trug das Essen auf, und der Fremde war gar erstaunt, da so schnell
eine so schne Gasterei hergerichtet sei; er konnte nicht wissen, da Alles
vorbereitet war, und Rosel entschuldigte, da er einstweilen frlieb nehmen
sollte mit der geringen Aufwartung, er sei's gewi zu Hause besser gewohnt. Sie
rechnete nicht ohne Klugheit, da das Hervorheben eines weltbekannten Ruhmes
Jedem wohlthue.
    Barfele mute heute in der Kche bleiben und Rosel Alles in die Hand geben
und immer und immer bat sie: So sag' mir doch um Gotteswillen, wer ist's denn?
Wie heit er denn? Aber Rosel gab keine Antwort, und die Meisterin lste
endlich das Geheimni, indem sie erklrte: Jetzt kannst du's schon sagen, es
ist des Landfriedbauern Johannes von Zusmarshofen. Nicht wahr, Amrei, du hast
noch ein Andenken von seiner Mutter?
    Ja, ja, sagte Barfele, und sie mute sich auf den Herd niedersetzen, so
war es ihr in die Kniee gefahren. Wie wunderbar war das Alles! Also der Sohn
ihrer ersten Wohlthterin ist es. Nun mu ihm geholfen werden, und wenn das
ganze Dorf mich steinigt, ich leid's nicht! sprach sie in sich hinein.
    Der Fremde ging fort, man gab ihm das Geleite, aber noch auf der Treppe
kehrte er wieder um und sagte: Meine Pfeife ist mir ausgegangen, und ich znd'
mir sie am liebsten mit einer Kohle an. Er wollte offenbar mustern, wie es in
der Kche ausshe. Die Rosel drngte sich vor ihm herein, und reichte ihm mit
einer Zange eine Kohle, sie stand gerade vor Barfele, das hinten an der Esse
auf dem Herd sa.
    Und noch spt in der Nacht, als Alles im Hause schon schlief, verlie
Barfele dasselbe und rannte im Dorfe hin und her. Sie sucht Jemand, dem sie es
sagen knnte, damit er den Johannes warne, aber sie wei Niemand. Halt, da wohnt
der Heiligenpfleger, der ist ein Feind des Rodelbauern, und der wei Alles
geschmlzt anzubringen; aber.. zu einem Feinde deines Meisters gehst du nicht,
und berhaupt zu Keinem hier. Hast schon Feinde genug von der
Gemeinderathssitzung her wegen des Dami. Ja, der Dami, der kann's. Warum nicht?
Ein Mann kann eher davon reden, was kann man ihm Hinterhltiges zutrauen? Und
der Johannes, ja, so heit er, er wird ihm das nicht vergessen, ja, und dann hat
der Dami einen Annehmer, und was fr einen! So einen Mann! So eine Familie! Da
kann's ihm nicht mehr fehlen. Nein, der Dami darf sich nicht in's Dorf wagen. O
lieber Gott! er ist ja ausgewiesen! Aber der Kohlenmathes, der knnte es, und
vielleicht doch der Dami.
    Hin und her wie ein Irrlicht schweifte ihr Denken, und sie selber irrte
durch die Feldwege, ohne zu wissen wohin, und es war ihr heute so schreckhaft,
wie das immer ist, wenn man nichts wei von der Welt und in Gedanken so dahin
geht; sie erschrak vor jedem Tone, die Frsche im Weiher krchzten so
frchterlich, und die Schnarren in den Wiesen so heimtckisch, die Bume stehen
so schwarz in die Nacht hinein. Es hat heute gegen Endringen Zu gewittert. Der
Himmel ist von fliegenden Wolken berzogen, nur manchmal blinkt ein Stern
hervor. Barfele eilt durch das Feld in den Wald, sie will doch zum Dami, sie
mu sich wenigstens mit einem Menschen davon ausreden. Wie ist es im Wald so
dunkel! Was ist das fr ein Vogel, der jetzt in der Nacht zwitschert, fast wie
eine Amsel, wenn sie am Abend heimfliegt, und ich komm' komm' komm'; komm'
schon, komm' schon! lautet der Klang? Und jetzt schlgt die Nachtigall, so ohne
Athemholen, so von innen heraus, quellend, sprudelnd, leise rieselnd, wie ein
Waldquell, der aus dem Innersten der Erde gespeist wird.
    Mehr hin und her schlngelten sich nicht die Wurzeln auf dem Waldwege, als
die Gedanken Barfele's durcheinander liefen.
    Nein, der Plan ist nichts! Geh' nur wieder heim, sagte sie sich endlich,
und kehrte um, aber noch lange wanderte sie in den Feldern umher; sie glaubte
nicht mehr an Irrlichter, aber heute war es doch, als ob eines sie hin- und
herfhrte, und heute zum Erstenmal sprte sie auch, da sie im Nachtthau so
lange barfu umherging, und dabei brannten ihr die Wangen. In Schwei gebadet
kam sie endlich heim in ihre Kammer.

                            15. Gebannt und erlst.


Am Morgen als Barfele erwachte, lag das Halsgeschmeide, das sie einst von der
Landfriedbuerin erhalten, auf ihrem Bett; sie mute sich lange besinnen, bis
sie sich erinnerte, da sie dasselbe noch gestern Abend herausgenommen und lange
betrachtet hatte.
    Als sie sich aufrichten wollte, waren ihr alle Glieder wie zerschlagen und
die Hnde mhsam in einander klammernd jammerte sie:
    Um Gotteswillen nur jetzt nicht krank sein! Ich habe keine Zeit dazu, ich
kann jetzt nicht. Wie im Zorn gegen ihren Krper, ihn mit der Willenskraft
gewaltsam bezwingend, stand sie auf; aber wie erschrack sie, als sie sich jetzt
in dem kleinen Spiegel betrachtete. Ihr ganzes Gesicht war geschwollen. Das ist
die Strafe, weil du gestern Nacht noch so herumgelaufen bist und hast fremde
Menschen und auch bse zu Hlfe rufen wollen. Sie schlug sich wie zur
Zchtigung in's schmerzende Gesicht, nun aber verband sie sich ber und ber und
ging an ihre Arbeit.
    Als die Meisterin sie sah, wollte sie, da sie sich zu Bette lege; aber die
Rosel schimpfte, das sei eine Bosheit des Barfele, da sie jetzt krank sein
wolle, sie habe das zum Possen gethan, weil sie wisse, da man sie jetzt nthig
habe. Barfele war still und als sie im Schuppen war und Klee in die Raufe
steckte, da sagte eine helle Stimme: Guten Morgen! Schon fleiig?
    Es war seine Stimme.
    Nur ein bisle, antwortete Barfele und bi dann die Zhne ber einander,
vor Allem ber den neidischen Teufel, der sie so verhext und entstellt hatte,
da er sie unmglich erkennen konnte.
    Sollte sie sich jetzt zu erkennen geben?
    Man mu es abwarten.
    Whrend sie nun molk, fragte Johannes Allerlei. Zuerst ber das
Milchergebni der Khe und ob man verkaufe und wie, und wer buttere und ob
vielleicht Eines im Hause Buch darber fhre.
    Barfele zitterte, es war jetzt in ihrer Hand, ihre Nebenbuhlerin zu
beseitigen, indem sie zeigte wie sie war; aber wie seltsam zusammengesponnen
sind die Fden alles Thuns! Sie schmte sich vor Allem, ber ihre Meistersleute
schlecht zu sprechen, obgleich sie nur eigentlich die Rosel getroffen htte,
denn die Anderen waren brav; aber sie wute, da es auch einen Dienstboten
schndet, wenn er das innere Wesen des Hauses zur Schande preisgiebt. Sie
sicherte sich daher, indem sie zuerst sagte: das stehe einem Dienstboten nicht
wohl an, seine Meistersleute zu beurtheilen; und gutherzig sind sie Alle,
setzte sie in innerem Gerechtigkeitssinn hinzu; denn in der That war dies auch
Rosel trotz ihres heftigen und herrischen Wesens. Jetzt fiel ihr was Gutes ein.
Sagte sie gleich wie die Rosel sei, so reiste er schnell wieder ab, er war dann
freilich von der Rosel los, aber er war dann auch fort, und mit kluger Rede
sagte sie daher:
    Ihr scheint mir bedachtsam, wie auch Eure Eltern den Namen dafr haben. Ihr
wisset aber, da man kein Stckle Vieh in einem Tag recht kennt; so mein' ich,
Ihr solltet ein bischen hier bleiben und nachher knnen auch wir Zwei einander
besser kennen lernen und da wird dann schon ein Wort das andre geben, und wenn
ich Euch dienstlich sein kann, an mir soll's nicht fehlen. Ich wei zwar nicht,
warum Ihr so viel ausfraget ...
    O du bist ein Schelm, aber du gefllst mir, sagte Johannes.
    Barfele zuckte zusammen, so da die Kuh vor ihr zurckwich und sie fast
den Melkkbel verschttete.
    Und du sollst auch ein gutes Trinkgeld haben, setzte Johannes hinzu und
lie einen Thaler, den er schon in der Hand gehabt, wieder in die Tasche fallen.
    Ich will Euch noch 'was sagen, begann Barfele nochmals, als sie sich zu
einer andern Kuh begab. Der Heiligenpfleger ist ein Feind von meinem Meister,
da Ihr das ja wisset, wenn er sich an Euch anklammern will.
    Ja, ja, ich seh' schon, mit dir kann man reden; aber du hast ja ein
geschwollenes Gesicht, den Kopf verbinden, das hilft dir Nichts, wenn du so
barfu gehst.
    Ich bin's so gewohnt, sagte Barfele, aber ich will Euch folgen. Ich
danke.
    Man hrte oben Schritte nahen. Wir reden schon noch mehr mit einander,
schlo der Bursche und ging davon.
    Ich danke dir, dicker Backen! sagte Barfele hinter ihm drein und
streichelte die geschwollene Wange, du bist gescheit gewesen; durch dich kann
ich ja mit ihm reden, wie wenn ich nicht da wre, unter der Larve wie der
Fastnachtshansel. Juchhe! das ist lustig.
    Wunderbar war's, wie diese innere Freudigkeit ihr krperliches Fiebern fast
auflste; nur mde war sie, unsglich mde und es war ihr lieb und that ihr wehe
zugleich als sie den Oberknecht das Bernerwgelein schmieren sah und hrte, da
der Meister jetzt gleich mit dem Fremden ber Land fahren wolle. Sie eilte in
die Kche und da hrte sie, wie in der Stube der Bauer zu Johannes sagte: Wenn
du reiten willst, Johannes, das wre ganz geschickt; da knntest du zu mir auf's
Bernerwgelein sitzen, Rosel, und du Johannes reitest nebenher.
    Da fhrt die Buerin aber auch mit, setzte Johannes nach einer Pause
hinzu.
    Ich hab ein Kind an der Brust, ich kann nicht weg, sagte die Buerin.
    Und ich mag auch nicht so am Werktag im Land herumfahren, ergnzte Rosel.
    Oh was! Wenn so ein Vetter da ist, darfst du schon einen freien Tag
machen, drngte der Bauer, denn er wollte, da Johannes alsbald mit der Rosel
beim Furchenbauer ankomme, damit sich dieser keine Hoffnung mache fr eine
seiner Tchter; zugleich wute er auch, da so eine kleine Ausfahrt ber Land
ihr Gutes habe und die Leute rascher zusammenbringe als achttgiger Besuch im
Hause. Johannes schwieg und der Bauer in seinem innern Drngen stie ihn an und
sagte halblaut: Red' ihr doch zu; es kann sein, sie folgt dir eher und geht
mit.
    Ich mein', sagte Johannes laut, deine Schwester hat Recht, da sie nicht
so mitten in der Woche im Land herumfahren will. Ich spann meinen Schimmel zu
deinem, dann knnen wir auch sehen wie sie mit einander gehen und zum Nachtessen
sind wir wieder da, wenn nicht schon frher.
    Barfele, die das Alles hrte, bi sich auf die Lippen und konnte sich fast
gar nicht halten vor Lachen ber die Rede des Johannes, ja, dachte sie vor sich
hin. Den habt ihr noch nicht am Halfter, geschweige denn am Zaum, der lt sich
nicht gleich in der Welt herumfhren wie versprochen, da er nicht mehr
zurckkann.
    Sie mute ihr Tuch von dem Gesichte abthun, so hei wurde es ihr vor Freude.
    Das war nun ein seltsamer Tag heute im Hause und Rosel erzhlte halb
rgerlich, was fr wunderliche Fragen der Johannes an sie gestellt habe, und
Barfele jubele innerlich, denn alles Das was er wissen wollte und wovon sie
sich recht gut abnehmen konnte, warum er es fragte, alles Das war ja in ihr
erfllt. Aber was ntzt das? Er kennt dich nicht, und wenn er dich auch kennt,
du bist ein armes Waisenkind und in Dienst, da kann nimmer was draus werden. Er
kennt dich nicht und wird dich nicht fragen.
    Am Abend als die beiden Mnner zurckkehrten, hatte Barfele schon das Tuch
um die Stirne abnehmen knnen, nur das um Kinn und Schlfe gebundene mute sie
noch behalten und breit vorziehen.
    Johannes schien jetzt weder Wort noch Blick fr sie zu haben. Dagegen war
sein Hund bei ihr in der Kche und sie gab ihm zu fressen und streichelte ihn
und redete auf ihn hinein: Ja! Wenn du ihm nur Alles sagen knntest, du wrdest
ihm gewi Alles treu berichten!
    Der Hund legte seinen Kopf in den Schoo Barfele's und schaute sie mit
verstndnireichen Augen an, dann schttelte er den Kopf, wie wenn er sagen
wollte: es ist hart, ich kann leider Gottes nicht reden.
    Jetzt ging Barfele hinein in die Kammer und sang die Kinder, die schon
lange schliefen, noch einmal ein mit allerlei Liedern; aber den Walzer, den sie
einst mit Johannes getanzt, sang sie am meisten. Johannes horchte wie verwirrt
darauf hin und schien abwesend in seinen Reden. Rosel ging in die Kammer und
hie Barfele schweigen.
    Noch spt in der Nacht, als Barfele eben fr die schwarze Marann' Wasser
geholt hatte und mit dem vollen Kbel auf dem Kopf nach dem Elternhause ging,
begegnete ihr eben Johannes, der sich nach dem Wirthshause begab. Mit gepreter
Stimme sagte sie: Guten Abend!
    Ei, du bist's? sagte Johannes, wohin denn noch mit dem Wasser?
    Zu der schwarzen Marann'.
    Wer ist denn das?
    Eine arme bettlgerige Frau.
    Die Rosel hat mir ja gesagt, es gebe hier keine Armen?
    O, lieber Gott, mehr als genug; aber die Rosel hat's gewi nur gesagt, weil
sie meint, es wre eine Schande fr das Dorf. Gutmthig ist sie, das knnt Ihr
mir glauben, sie schenkt gern weg.
    Du bist eine gute Vertheidigung, aber bleib' nicht stehen mit dem schweren
Kbel. Darf ich mit dir gehen?
    Warum nicht?
    Du hast Recht, du gehst einen guten Weg und da bist du behtet, und vor mir
brauchst du dich gar nicht zu frchten.
    Ich frchte mich vor Niemand und am wenigsten vor Euch. Ich hab's Euch
heute angesehen, da Ihr gut seid.
    Wo denn?
    Weil Ihr mir gerathen habt, wie ich das geschwollene Gesicht wegbringe; es
hat mir schon geholfen, ich hab' jetzt Schuhe an.
    Das ist brav von dir, da du folgst, sagte Johannes mit Wohlgefallen und
der Hund schien das Wohlgefallen an Barfele zu bemerken, denn er sprang an ihr
hinauf und leckte ihre freie Hand.
    Kommm her, Lux, befahl Johannes.
    Nein, lasset ihn nur, entgegnete Barfele, wir sind schon gute Freunde,
er ist heute bei mir in der Kche gewesen; mich und meinen Bruder haben die
Hunde alle gern.
    So? du hast auch noch einen Bruder?
    Ja, und da hab' ich Euch bitten wollen, Ihr thtet Euch einen Gotteslohn
erwerben, wenn Ihr ihn als Knecht zu Euch nehmen knntet; er wird Euch gewi
sein Lebenlang treu dienen.
    Wo ist denn dein Bruder?
    Da drunten im Wald, er ist vor der Hand Kohlenbrenner.
    Ja, wir haben wenig Wald und gar keine Khlerei, einen Senn' knnt' ich
eher brauchen.
    Ja, dazu wird er sich auch anschicken. Jetzt, da ist das Haus.
    Ich warte, bis du wieder kommst, sagte Johannes und Barfele ging hinein,
das Wasser abzustellen, das Feuer herzurichten, und der Marann' frisch zu
betten.
    Als sie heraus kam, war Johannes noch da, der Hund sprang ihr entgegen, und
lange stand sie hier noch bei Johannes an dem Vogelbeerbaum; der flsterte so
still und wiegte seine Zweige, und sie sprachen ber allerlei, und Johannes
lobte ihre Klugheit und ihren regen Sinn, und sagte zuletzt: Wenn du einmal
deinen Platz ndern willst, du wrst die rechte Person fr meine Mutter.
    Das ist das grte Lob, was mir ein Mensch auf der Welt htte sagen knen,
betheuerte Barfele, und ich habe noch ein Andenken von ihr. Sie erzhlte nun
die Begebenheit aus der Kinderzeit, und Beide lachten, als Barfele bemerkte,
wie der Dami es nicht vergessen wolle, da die Landfriedbuerin ihm noch ein
Paar lederne Hosen schuldig sei.
    Er soll sie haben, betheuerte Johannes.
    Sie gingen noch mit einander das Dorf hinein, und Johannes gab ihr eine Hand
zur Guten Nacht.
    Barfele wollte ihm sagen, da er ihr schon einmal eine Hand gegeben, aber
wie von dem Gedanken erschreckt, flog sie davon und hinein in's Haus. Sie gab
ihm keine Antwort auf seine Gute Nacht! Johannes ging sinnend und innerlich
verwirrt in seine Herberge im Auerhahn.
    Barfele aber fand am andern Morgen den dicken Backen wie weggeblasen, und
lustiger trllerte es noch nie durch Haus, Hof und Stall und Scheuer, als am
heutigen Tage, und heute auch sollte sich's entscheiden, heute mute sich
Johannes erklren. Der Nodelbauer wollte seine Schwester nicht lnger in's
Geschrei bringen, wenn's vielleicht doch nichts wre.
    Fast den ganzen Tag sa Johannes drin in der Stube bei der Rosel; sie nhte
an einem Mannshemde, und gegen Abend kamen die Schwiegereltern des Rodelbauern
und andere Gefreundete. Es mu sich entscheiden.
    In der Kche prozelte der Braten, und das Fichtenholz knackte, und die
Wangen Barfeles brannten von dem Feuer auf dem Herde und von innerem Feuer
angefacht. Der Krappenzacher ging ab und zu, herauf und herunter in groer
Geschftigkeit, er that im ganzen Hause wie daheim, und rauchte aus der Pfeife
des Rodelbauern.
    Also ist's doch entschieden! klagte Barfele in sich hinein.
    Es war Nacht geworden und viele Lichter brannten im Hause, Rosel ging hoch
aufgeputzt zwischen Stube und Kche hin und her und wute doch nichts
anzurhren. Eine alte Frau, die ehemals als Kchin in der Stadt gedient hatte,
war mit zum Kochen angenommen worden. Es war Alles bereit.
    Jetzt sagte die junge Buerin zu Barfele: Geh nauf und mach' dich
g'sunntigt (sonntglich angekleidet).
    Warum?
    Du mut heute aufwarten, du kriegst dann auch ein besser Letzgeld.
    Ich mchte in der Kche bleiben.
    Nein, thu' was ich dir gesagt habe, und mach' hurtig.
    Amrei ging in ihre Kammer, und todtmde setzte sie sich eine Minute
verschnaufend auf ihre Truhe; es war ihr so bang, so schwer,- wenn sie nur jetzt
einschlafen und nimmer aufwachen knnte. Aber die Pflicht rief, und kaum hatte
sie das erste Stck ihres Sonntagsgewandes in der Hand, als Freude in ihr
aufblitzte, und das Abendroth, das einen hellen Strahl in die Dachkammer
schickte, zitterte auf den hochgertheten Wangen Amrei's.
    Mach dich g'sunntigt! Sie hatte nur Ein Sonntagskleid, und das war jenes,
das sie damals beim Tanz auf der Nachhochzeit in Endringen angehabt, und jedes
Biegen und Rauschen des Gewandes tnte Freude und jenen Walzer, den sie damals
getanzt; aber wie die Nacht rasch hereinsank und Amrei nur noch im Dunkeln Alles
festknpfte, so bannte sie auch wieder alle Freude hinweg, und sie sagte sich
nur, da sie Johannes zu Ehren sich so ankleide, und um ihm zu zeigen, wie sehr
sie Alles hochhalte, was aus seiner Familie kommt, band sie zuletzt auch noch
den Anhenker um.
    So kam Barfele geschmckt, wie damals zum Tanze in Endringen, von ihrer
Kammer herab.
    Was ist das? Was hast du, dich so anzuziehen? schrie Rosel im Aerger und
in der Unruhe, da der Brutigam so lang ausblieb. Was hast du deinen ganzen
Reichthum an? Ist das eine Magd, die so ein Halsband an hat und so eine
Denkmnze? Was mu er davon denken! Gleich thust du das herunter!
    Nein, das thu' ich nicht, das hat mir seine Mutter geschenkt, wie ich noch
ein kleines Kind war und das hab' ich angehabt, wie wir in Endringen mit
einander getanzt haben.
    Man hrte ein Gerusch auf der Treppe, aber Niemand achtete darauf, denn
Rosel schrie jetzt:
    So, du nichtsnutzige verteufelte Hex', du wrst ja in Lumpen verfault, wenn
man dich nicht herausgenommen htte, du willst mir meinen Brutigam wegnehmen?
    Hei' ihn nicht so, ehe er's ist, antwortete Amrei mit einer seltsamen
Mischung von Tnen und die alte Kchin aus der Kche rief: Das Barfele hat
Recht, man darf ein Kind nicht bei seinem Namen nennen, eh' es getauft ist: das
ist lebensgefhrlich.
    Amrei lachte und die Rosel schrie:
    Warum lachst du?
    Soll ich heulen? sagte Barfele, ich htte Grund genug, aber ich mag
nicht.
    Wart', ich will dir zeigen was du mut, schrie Rosel: da! und sie ri
Barfele nieder auf den Boden und schlug ihr in's Gesicht.
    Ich will mich ja ausziehen, la los! schrie Barfele, aber Rosel lie
ohnedies ab, denn wie aus dem Boden herausgewachsen, stand jetzt Johannes vor
ihr.
    Er war leichenbla, seine Lippen bebten, er konnte kein Wort hervorbringen
und legte nur die Hand schtzend auf Barfele, die noch auf der Erde kniete.
Endlich rief er mit gepretem Athem:
    Sag', bist du's wirklich? Die von Endringen? Du bist da? Da im Haus bist
du? Und so geht man mit dir um? Red' doch ein Wort! Nur ein Wort!
    Johannes! rief Barfele und er hob sie mit beiden Armen empor und mit
mchtiger Stimme sagte er:
    So, jetzt wei ich wo ich bin. Ja, und mit mir gehst du, und mein bist du!
Willst du? Ich hab' dich gefunden und habe dich nicht gesucht! und jetzt bleibst
du bei mir, meine Frau. Das hat Gott gewollt.
    Wer jetzt in das Auge Barfeles htte sehen knnen! Aber noch hat kein
sterbliches Auge den Blitz am Himmel vllig erfat, und erwarte es ihn noch so
fest, es wird doch geblendet; und es giebt Blitze im Menschenauge, die nie und
nimmer fest gesehen, es giebt Regungen im Menschengemthe, die nie und nimmer
fest gefat werden; sie schwingen sich ber die Welt und lassen sich nicht
halten.
    Ein rascher Freudenblitz, wie er in dem Auge erglnzen mte, dem sich der
Himmel aufthut, hatte aus dem Antlitze Amrei's gezuckt und jetzt bedeckte sie
das Gesicht mit beiden Hnden und die Thrnen quollen ihr zwischen den Fingern:
hervor. Johannes hielt seine Hand auf ihr.
    Alle Gefreundeten waren herzugekommen, und sahen staunend was hier vorging.
    Was ist denn das mit dem Barfele? Was ist denn da? lrmte der
Rodelbauer.
    So? Barfele heit du? jauchzte Johannes, er lachte laut und heftig und
rief wieder: Jetzt komm'. Willst du mich? Sag's nur hier gleich, da sind Zeugen
und die mssen's besttigen. Sag Ja! und nur der Tod soll uns von einander
scheiden.
    Ja! und nur der Tod soll uns von einander scheiden! rief Barfele und
warf sich an seinen Hals.
    Gut, so nimm sie gleich aus dem Haus! schrie der Rodelbauer schumend vor
Zorn.
    Ja, und das brauchst du mir nicht zu heien, und ich dank' dir fr die gute
Aufwartung, Vetter; wenn du einmal zu uns kommst, wollen wir's wett machen. So
erwiderte Johannes. Er fate sich mit beiden Hnden an den Kopf und rief: Herr
Gott! O Mutter, Mutter! Was wirst Du dich freuen!
    Geh hinauf, Barfele, und nimm deine Truhe gleich mit, es soll nichts mehr
von dir im Haus sein, befahl der Rodelbauer.
    Ja wohl, und mit weniger Geschrei geschieht das auch, erwiderte Johannes.
Komm', ich geh' mit dir, Barfele, sag', wie heit denn du eigentlich?
    Amrei!
    Ich htt' schon einmal eine Amrei haben sollen, das ist die Schmalzgrfin,
und du bist meine Salzgrfin. Juchhe! Jetzt komm', ich will auch deine Kammer
sehen, wo du so lang gelebt hast; jetzt kriegst du ein weitmchtiges groes
Haus.
    Der Hund ging immer mit borstig aufstehenden Rckenhaaren um den Rodelbauer
herum, er merkte wohl, da der Rodelbauer eigentlich gern den Johannes erwrgt
htte; und erst als Johannes und Barfele die Treppe hinauf waren, ging der
Hund ihnen nach.
    Johannes lie die Kiste stehen, weil er sie nicht auf's Pferd nehmen, konnte
und packte alle Habseligkeiten Barfeles in den Sack, den sie noch vom Vater
ererbt hatte und Barfele erzhlte dabei durcheinander, was der Sack schon
Alles mitgemacht habe und die ganze Welt drngte sich zusammen in eine Minute
und war ein tausendjhriges Wunder. Barfele sah staunend drein als Johannes
ihr Schreibebuch aus der Kindheit mit Freude begrte und dabei rief: Das
bring' ich meiner Mutter, das hat sie geahnt; es giebt noch Wunder in der Welt.
    Barfele fragte nicht weiter danach. War denn nicht Alles ein Wunder, was
mit ihr geschah? Und als wte sie, da die Rosel alsbald die Blumen ausreien
und auf die Strae werfen wrde, so fuhr sie noch einmal mit der Hand ber die
Pflanzen alle hin, sie khlten ihre Hand mit Nachtthau, und jetzt ging sie mit
dem Johannes hinab und eben als sie das Haus verlassen wollte, drckte ihr noch
Jemand im Finstern still die Hand; es war die Buerin, die ihr so noch Lebewohl
sagte.
    Auf der Schwelle rief noch Barfele, indem sie die Hand an der Thrpfoste
hielt, an der sie so oft trumend gelehnt hatte: Mge Gott diesem Hause alles
Gute vergelten und alles Bse vergeben! Aber kaum war sie einige Schritte
entfernt als sie rief: Ach Gott, ich habe ja alle meine Schuhe vergessen; die
stehen oben auf dem Brett. Und noch hatte sie diese Worte kaum ausgesprochen
als wie nachtrabend die Schuhe von dem Fenster herabflogen auf die Strae.
    Lauf' drin zum Teufel! schrie eine Stimme aus dem Dachfenster. Die Stimme
tnte tief und heiser, und doch war's die Rosel.
    Barfele las die Schuhe zusammen und trug sie mit Johannes, der den Sack
auf dem Rcken hatte, nach dem Wirthshaus.
    Der Mond schien hell und im Dorfe war bereits Alles still.
    Barfele wollte nicht im Wirthshaus bleiben.
    Und ich mchte am liebsten heut noch fort, setzte Johannes hinzu.
    Ich will bei der Marann' bleiben, entgegnete Barfele, das ist mein
Elternhaus, und du lt mir deinen Hund. Gelt, du bleibst bei mir, Lux? Ich
frchte, sie thun mir heute Nacht was an, wenn ich hier bleibe.
    Ich wach' vor dem Haus, entgegnete Johannes, aber es wre besser, wir
gingen jetzt gleich; was willst du denn noch hier?
    Vor Allem mu ich noch zu der Marann'. Sie hat Mutterstelle an mir
vertreten und ich hab' sie heute den ganzen Tag noch nicht gesehen und nichts
fr sie sorgen knnen, und sie ist noch krank dazu. Ach Gott, es ist hart, da
ich sie allein lassen mu. Aber was will ich machen? Komm', geh mit zu ihr.
    Sie gingen mit einander durch das schlafende mondbeschienene Dorf Hand in
Hand. Nicht weit von dem Elternhause blieb Barfele stehen und sagte: Siehst
du? Auf diesem Fleck da, da hat mir deine Mutter den Anhenker geschenkt und
einen Ku gegeben.
    So? Und da hast noch einen und noch einen.
    Selig umarmten sich die Liebenden. Der Vogelbeerbaum rauschte drein, und vom
Wald her tnte Nachtigallenschlag.
    So, jetzt ist's genug, nur noch den und dann gehst mit herein zur Marann'.
O lieber Gott im siebenten Himel! Was wird die sich freuen!
    Sie gingen mit einander hinein in das Haus und als Barfele die Stubenthr
ffnete, fiel eben wieder, wie damals der Sonnenstrahl, jetzt ein breiter
Mondstrahl auf den Engel am Kachelofen, und er schien jetzt noch frhlicher zu
lachen und zu tanzen; und jetzt rief Barfele mit mchtiger Stimme: Marann'!
Marann'! Wachet auf! Marann', Glck und Segen ist da. Wachet auf!
    Die Alte richtete sich auf, der Mondstrahl fiel auf ihr Antlitz und ihren
Hals, sie ri die Augen weit auf und fragte: Was ist? Was ist? Wer ruft?
    Freut Euch, da bring' ich Euch meinen Johannes!
    Meinen Johannes! schrie die Alte gellend. Lieber Gott, meinen Johannes!
Wie lang ... wie lang ... ich hab' dich, ich hab' dich, ich danke Dir Gott
tausend und tausendmal! O mein Kind! Ich sehe dich mit tausend Augen und
tausendfach ... Nein da, da deine Hand! ... Komm' her! dort in der Kiste die
Aussteuer ... Nehmt das Tuch ... Mein Sohn! Mein Sohn! Ja, ja, die ist dein ...
Johannes, mein Sohn! mein Sohn! Sie lachte krampfhaft auf und fiel zurck in's
Bett. Amrei und Johannes waren davor niedergekniet und als sie sich aufrichteten
und sich ber die Alte beugten, athmete sie nicht mehr.
    O Gott, sie ist todt, die Freude hat sie getdtet! schrie Barfele, und
sie hat dich fr ihren Sohn gehalten. Sie ist glcklich gestorben. O! wie ist
denn das Alles in der Welt, o wie ist das Alles! Sie sank wiederum am Bett
nieder und weinte und schluchzte bitterlich.
    Endlich richtete sie Johannes auf und Barfele drckte der Todten die Augen
zu. Sie stand lange mit Johannes still am Bette, dann sagte sie:
    Komm', ich will Leute wecken, da sie bei der Leiche wachen. Gott hat's
wunderbar gut gemacht. Sie hat Niemand mehr gehabt, der fr sie sorgt, wenn ich
fort bin, und Gott hat ihr noch die hchste Freude in der letzten Minute
gegeben. Wie lang, wie lang hat sie auf diese Freude gewartet!
    Ja, jetzt kannst aber heute nicht hier bleiben, sagte Johannes, und jetzt
folgst mir und gehst gleich heute noch mit mir.
    Barfele weckte die Frau des Todtengrbers und schickte sie zur schwarzen
Marann', und sie war so wunderbar gefat, da sie dieser sogleich sagte, man
solle die Blumen, die auf ihrem Fensterbrett stehen, auf das Grab der schwarzen
Marann' pflanzen und nicht vergessen, da man ihr, wie sie immer gewnscht
htte, ihr Gesangbuch und das ihres Sohnes unter den Kopf lege.
    Als sie endlich Alles angeordnet hatte, richtete sie sich hoch auf, streckte
und bumte sich, und sagte: So! Jetzt ist Alles fertig; aber verzeih mir nur,
du guter Mensch, da du jetzt gleich so mit mir in das Elend hinein sehen mut
und verzeih mir auch, wenn ich jetzt nicht so bin wie ich eigentlich sein
mcht'; ich seh' wohl, es ist Alles gut, und Gott htt's nicht besser machen
knnen, aber der Schreck liegt mir noch in allen Gliedern, und Sterben ist doch
gar eine harte Sache, du kannst nicht glauben, wie ich mir darber fast das Hirn
aus dem Kopf gedacht habe. Aber jetzt ist's schon gut, ich will schon wieder
heiter sein, ich bin ja die glckseligste Braut auf Erden.
    Ja, du hast Recht, komm, wir wollen fort. Willst du mit mir auf dem Gaul
sitzen? fragte Johannes.
    Ja. Ist das noch der Schimmel den du auf der Endringer Hochzeit gehabt
hast?
    Freilich.
    Und o! der Rodelbauer! Schickt der noch in der Nacht eh du kommst nach
Lauterbach und lt sich einen Schimmel holen, damit du in's Haus kommen kannst.
Hotto! Schimmele, geh' nur wieder heim, schlo sie fast freudig, und so kehrten
sie in Denken und Empfinden wieder in's gewhnliche Leben zurck und lernten aus
ihm ihre Glckseligkeit neu kennen.

                                16. Silbertrab.


Nicht wahr, es ist kein Traum? Wir sind Beide mit einander wach, und morgen
wird's Tag und dann wieder ein Tag und so tausendmal fort? So sprach Barfle
mit dem Lux, der bei ihr verblieben war, whrend Johannes drin im Stall den
Schimmel aufschirrte. Jetzt kam er heraus, packte den Sack auf und sagte: Da
sitz' ich drauf und du sitzest vor mir im Sattel.
    La mich lieber auf meinem Sack sitzen.
    Wie du willst.
    Er schwang sich hinauf, dann sagte er: So, jetzt tritt auf meinen Fu,
tritt nur fest drauf und gieb mir deine beiden Hnde, und leicht schwang sie
sich hinauf und er hob sie empor und kte sie und sagte dann: Jetzt kann ich
mit dir machen was ich will, du bist in meiner Gewalt.
    Ich frchte mich nicht, sagte Barfele, und du bist auch in meiner
Gewalt.
    Schweigend ritten sie mit einander durch das Dorf hinaus. Im letzten Haus
brannte noch ein Licht, dort wachte die Todtengrberin bei der Leiche der
Marann' und Johannes lie Barfele sich ausweinen.
    Erst als sie ber den Holderwasen ritten, sagte Barfele: Da hab' ich
einen ganzen Sommer die Gnse gehtet und da hab' ich einmal deinem Vater zu
trinken gegeben aus dem Brunnen dort. Beht' dich Gott du Holzbirnenbaum, und
euch, ihr Felder und ihr Wlder! Es ist mir, wie wenn ich Alles nur getrumt
htte, und verzeih mir nur, lieber Johannes, ich mcht' mich freuen und kann
doch nicht und darf doch nicht, wenn ich denk', da da drin eine Todte liegt; es
ist eine Snde wenn ich mich freue und eine Snde, wenn ich mich nicht freue.
Weit was, Johannes? Ich sag', es ist schon ein Jahr um und ich freue mich; aber
nein, ber's Jahr ist schn und heut' ist auch schn, ich freue mich heut',
just. Jetzt reiten wir in den Himmel hinein! Ach, was hab' ich da auf dem
Holderwasen fr Trume gehabt, da der Kukuk vielleicht ein verzauberter Prinz
sei, und jetzt sitz' ich auf dem Gaul und jetzt bin ich Salzgrfin geworden. Das
freut mich, da du mich Salzgrfin geheien hast; ich wei, da sie jetzt in
Haldenbrunn darber sptteln, aber mir ist's recht, da du mich Salzgrfin
geheien hast. Kennst du denn auch die Geschichte von dem: so lieb wie das
Salz?
    Nein, was ist denn das?
    Es ist einmal ein Knig gewesen und der fragt seine Tochter: wie lieb hast
du mich denn? und da sagte sie: ich hab' dich so lieb ... so lieb wie das Salz.
Der Knig denkt, das ist eine einfltige Antwort und ist bs darber. Es vergeht
nicht lange Zeit, da giebt der Knig eine groe Gasterei und die Tochter macht
es, da alle Speisen ungesalzen auf den Tisch kommen. Da hat's natrlich dem
Knig nicht geschmeckt und er fragt die Tochter: warum ist denn heut Alles so
schlecht gekocht? das schmeckt ja Alles nach gar nichts - und da sagt sie: seht
Ihr nun? Weil das Salz fehlt. Und hab' ich nun nicht Recht gehabt, da ich
gesagt habe, ich hab' Euch so lieb, so lieb wie das Salz? Der Knig hat ihr
Recht gegeben und darum sagt man noch heutigen Tages: so lieb wie das Salz. Die
Geschichte hat mir die schwarze Marann' erzhlt. Ach Gott, die kann jetzt nicht
mehr erzhlen. Da drin liegt eine Todte und horch! dort schlgt die Nachtigall,
so glckselig. Aber jetzt vorbei. Ich will schon deine Salzgrfin sein,
Johannes. Du sollst es schon spren. Ja, ich bin glckselig, just, o die Marann'
hat ja auch gesagt: Gott freut sich, wenn die Menschen lustig sind, wie sich
Eltern freuen, wenn ihre Kinder tanzen und singen; getanzt haben wir schon und
jetzt komm', jetzt wollen wir singen. Wend' jetzt da links ab in den Wald, wir
reiten zu meinem Bruder, sie haben jetzt den Meiler da unten an der Strae. -
Sing' Nachtigall! wir singen mit!

Nachtigall, ich hr' dich singen;
Das Herz im Leib mcht' mir zerspringen;
Komm nur bald und sag mir wohl,
Wie ich mich verhalten soll!

    Und die Beiden sangen allerlei Lieder, traurig und lustig, ohne Aufhren,
und Barfele sang die zweite Stimme ebenso wie die erste. Am meisten aber
sangen sie den Lndler, den sie auf der Endringer Hochzeit dreimal mit einander
getanzt und so oft sie absetzten, berichtete bald das Eine bald das Andere wie
es des Fernen gedacht und Johannes sagte:
    Es ist mir schwer geworden, den Lndler aus dem Kopf zu kriegen, denn da
hast du immer drin herum getanzt. Ich hab' keine Magd zur Frau haben wollen,
denn ich mu dir nur sagen, ich bin stolz.
    Das ist recht, ich bin's auch.
    Nun erzhlte Johannes, wie er mit sich gekmpft habe, wie das aber nun gut
sei, denn jetzt sei Alles vorbei. Er berichtete, wie er zum Ersten- und
Zweitenmal in die Heimath der Mutter geschickt worden, um sich von da eine Frau
zu holen. Wie ihm Barfele damals beim Antritt in Endringen gleich in's Herz
gestiegen sei, er habe es gesprt und sich darum nicht zu erkennen gegeben, als
er gehrt, da sie eine Magd sei.
    Barfele berichtete dagegen von dem Benehmen der Rosel in Endringen und wie
sie's damals zum erstenmal gekrnkt habe, da die Nosel sagte: es ist nur unsere
Magd; und wie sie dann ihren Mimuth zuerst an ihm ausgelassen und doch dann von
ihm getrumt und es ihm doppelt angerechnet habe, da er so gut gegen sie war.
Und nach allerlei beweglicher Hin-und Widerrede schlo Johannes: Ich knnte
nrrisch werden, wenn ich mir denken will, es htte anders kommen knnen. Wie
knnte das nur sein, ich zge mit einer andern als du heimwrts? Wie wre das
nur mglich?
    Nach ihrer besonnenen Art sagte Barfele:
    Denk' nicht zu viel, wie's htt' anders sein knnen; so und so, und anders.
Wie's einmal ist, ist es recht und mu recht sein, sei's Freud' oder Leid, und
Gott hat's so gewollt und jetzt ist's an uns, da wir's weiter recht machen.
    Ja, sagte Johannes, wenn ich die Augen zumache und dich so reden hre, so
meine ich, ich hre meine Mutter. Grade so htte sie auch gesagt. Und auch deine
Stimme ist fast so.
    Sie mu jetzt von uns trumen, sagte Barfele. Ich glaub's ganz gewi
und fest. Und nach ihrer Art inmitten aller lebenssichern Fassung doch erfllt
von allerlei Wundersamem, mit dem ihre Jugend vollgepfropft war, sagte sie
jetzt:
    Wie heit denn dein Gaul?
    Wie er aussieht.
    Nein, wir wollen ihm einen Namen geben, und weit du wie? Silbertrab.
    Und nach der Weise des Lndlers, den sie mit einander getanzt, sang jetzt
Johannes immer und immer das eine Wort: Silbertrab! Silbertrab! und Barfele
sang mit, und eben jetzt indem sie keinerlei Worte mehr sangen, die irgend was
sagten, ward ihre Lustigkeit die reine, volle, unbegrenzte, sie konnten allerlei
Jubel hineinlegen und hinausklingen lassen. Und wieder hing sich allerlei Jodeln
daran; denn es giebt ein Glockengelute in der Seele, das keinen
zusammenhngenden Ton mehr hat, keine bestimmte Weise und doch Alles in sich
schliet; und hin und her und auf und ab in Jubeltnen schwang und wiegte sich
das Herz der Liebenden. Und wieder ging's an Schelmenlieder und Amrei sang:

Mein Schatz halt' ich fest,
Wie der Baum seine Aest,
Wie der Apfel seinen Kern,
Ich hab' ihn so gern.

    Und Johannes erwiderte:

In Ewigkeit la ich mein Schtzele net (nicht)
Und wenn es der Teufel am Kettele ht;
Am Kettele, am Schnrle, am Bndele, am Seil,
In Ewigkeit mir mein Schtzle nicht feil.

    Und wieder sang Amrei:

Tausendmal denk' ich dran,
Wie mein Schatz tanzen kann
'rum und 'num hin und her,
Wie ich's begehr'.

    Johannes sang wieder:

Und alleweil ein bisle lustig
Und alleweil fidel,
Der Teufel ist g'storben,
's kommt niemand in d'Hll'!

    Und jetzt sangen sie gemeinsam in langgezogenen Tnen das tiefe Lied:

Auf Trauern folgt groe Freud,
Das trstet mich allezeit;
Wei mir ein schwarzbraunes Mgdelein
Die hat zwei schwarzbraune Aeugelein,
Die mir mein Herz erfreut.

Mein eigen will sie sein,
Keinem Andern mehr als mein,
Und so leben wir in Freud und Leid
Bis uns der Tod von einander scheidt.

    Das war ein helles Klingen im Wald wo der Mondschein durch die Wipfel
spielte und an Zweigen und Stmmen hing und zwei frhliche Menschenkinder mit
der Nachtigall um die Wette sangen. -
    Und drunten beim Meiler sa noch in stiller Nacht der Dami beim
Kohlenbrenner und der Kohlenbrenner, der in der Nacht gern sprach, erzhlte
allerlei Wundergeschichten aus der Vergangenheit, wo der Wald hier zu Lande noch
so geschlossen bestanden war, da ein Eichhrnchen ohne auf den Boden zu kommen
von Baum zu Baum vom Neckar bis zum Bodensee hpfen konnte und jetzt eben
berichtete er die Geschichte vom Schimmelreiter, der eine Wandlung des alten
Heidengottes ist und berall Glanz und Pracht verbreitet und Glck ausgiet.
    Es giebt Sagen und Mrchen, die sind fr die Seele, was fr das Auge das
Hineinstarren in ein loderndes Feuer: wie das zngelt und sich verschlingt und
in bunten Farben spielt, hier verlischt und dort wieder ausbricht und pltzlich
wieder Alles in eine Flammenwoge sich erhebt. Und wendest du dich ab von der
Flamme, so ist die Nacht noch dunkler.
    So hrte Dami zu und so schaute er sich manchmal um, und der Kohlenmathes
erzhlte eintnig fort.
    Da hielt er inne, dort kam vom Berg herab ein Schimmel und drauf sang es so
lieblich. Will die Wunderwelt herabsteigen? Und immer nher kam das Pferd und
darauf sah ein wunderlicher Reiter, so breit und hatte zwei Kpfe, und das kam
immer nher und jetzt rief bald eine Mnnerstimme bald eine Frauenstimme: Dami!
Dami! Dami! Die Beiden wollten in den Boden sinken vor Schreck, sie konnten sich
nicht bewegen, und jetzt war es da, und jetzt stieg es ab und: Dami, ich
bin's! rief Barfele und erzhlte Alles was geschehen war.
    Dami hatte gar nichts zu sagen und streichelte nur bald das Pferd und bald
den Hund und nickte als Johannes versprach: er wolle ihn zu sich nehmen und ihn
zum Almhirten machen, er solle dreiig Khe auf der Alm haben und Buttern und
Ksen lernen.
    Du kommst aus dem Schwarzen in's Weie, sagte Barfele, da knnte man
ein Rthsel daraus machen.
    Dami gewann endlich die Sprache und sagte: Und ein Paar lederne Hosen
auch. Alle lachten und er erklrte, da ihm die Landfriedbuerin noch ein Paar
lederne Hosen schuldig sei.
    Ich geb' dir einstweilen meine Pfeife, da, das soll die Schwagerpfeife
sein, sagte Johannes und reichte Dami seine Pfeife.
    Ja, dann hast du ja keine, sagte Amrei in halber Einrede.
    Ich brauch' jetzt keine.
    Wie selig sprang Dami in die Hhe und in die Blockhtte hinein, mit seiner
silberbeschlagenen Pfeife, aber man htte es nicht glauben sollen, da er einen
so frhlichen Spa machen knne; nach einer Weile kam er wieder und hatte den
Hut des Kohlenmathes auf und seinen langen Rock an und in jeder Hand eine lange
Fackel. Mit gravittischem Gang und Ton lie er nun die Brautleute an: Was ist
das? Da, Johannes, da hab' ich zwei Fackeln, da will ich dir mit heimleuchten.
Wie kommst du dazu, so mir nichts dir nichts meinem Schwester fortzunehmen? Ich
bin der grojhrige Bruder und bei mir mut du um sie anhalten und ehe ich Ja!
gesagt habe gilt Alles nichts.
    Amrei lachte frhlich und Johannes hielt frmlich bei Dami um die Hand
seiner Schwester an.
    Dami wollte den Scherz noch weiter treiben, denn er gefiel sich in der
Rolle, in der ihm einmal so Etwas gelungen war. Aber Amrei wute, da da kein
Verla auf ihn war; er konnte allerlei Albernheit vorbringen und den Scherz in
sein Gegentheil verkehren. Sie sah schon, wie der Dami mehrmals die Hand auf und
zu machend nach dem Uhrgehnge des Johannes griff und immer wieder, bevor er es
gefat, zurckzog; sie sagte daher streng, wie man einem tollenden Kinde wehrt:
Jetzt ist's genug: das hast du gut gemacht, jetzt la es dabei!
    Dami entlarvte sich wieder und sagte nur noch zu Johannes: So ist's recht!
Du hast eine stahlbeschlagene Frau und ich eine silberbeschlagene Pfeife. Als
Niemand lachte, setzte er hinzu: Gelt, Schwager, das httest du nicht geglaubt,
da du so einen gescheiten Schwager hast? Ja, sie hat's nicht allein, wir sind
in Einem Topf gekocht. Ja Schwager!
    Er schien als wollte er die Freude: Schwager! sagen zu knnen, vllig
auskosten.
    Man stieg endlich wieder auf, denn das Brautpaar wollte noch nach der Stadt
und schon als sie ein Stck weg waren, schrie Dami in den Wald: Schwager!
Vergi meine ledernen Hosen nicht! Helles Lachen antwortete, und wiederum tnte
Gesang und die Brautleute ritten fort und fort in die Mondnacht hinein.

                            17. Ueber Berg und Thal.


Es lt sich nicht so fortleben in gleichem Athem, es wechseln Nacht und Tag,
lautlose Ruhe und wildes Rauschen und Brausen und die Jahreszeiten alle. So im
Leben der Natur, so im Menschenherzen, und wohl dem Menschenherzen, das auch in
aller Bewegung sich nicht aus seiner Bahn verirrt.
    Es war Tag geworden, als die beiden Liebenden vor der Stadt ankamen und
schon eine weite Strecke vorher, als ihnen der erste Mensch begegnete, waren sie
abgestiegen. Sie fhlten, da ihre Auffahrt gar seltsam erscheinen mute und der
erste Mensch war ihnen wie ein Bote der Erinnerung, da sie sich wieder
einfinden mten in die gewohnte Ordnung der Menschen und ihre
Herkmmlichkeiten. Johannes fhrte das Pferd an der einen Hand, mit der andern
hielt er Amrei, sie gingen lautlos dahin, und so oft sie einander ansahen,
erglnzten ihre Gesichter wie die von Kindern, die aus dem Schlaf erwachen. So
oft sie aber wieder vor sich niederschauten, waren sie gedankenvoll und
bekmmert um das, was nun werden sollte.
    Als ob sie mit Johannes schon darber gesprochen htte, und in der
unmitelbaren Zuversicht, da er das Gleiche gedacht haben msse, wie sie, sagte
jetzt Amrei:
    Freilich wohl wr's gescheiter gewesen, wir htten die Sache ruhiger
gemacht; du wrst zuerst heim und ich war' derweil wo geblieben, meinetwegen
wenn nicht anders beim Kohlenmathes im Wald, und du httest mich dann abgeholt
mit deiner Mutter oder mir geschrieben und ich wre nachgekommen mit meinem Dami
Aber weit du, was ich denk'?
    Just Alles wei ich noch nicht.
    Ich denke, da Reue das Dmmste ist, was man in sich aufkommen lassen kann.
Wenn man sich den Kopf herunter reit, man kann Gestern nicht mehr zu Heute
machen. Was wir gethan haben, so mitten drin, in dem Jubel, das ist recht
gewesen und mu recht bleiben. Da kann man jetzt, wenn man ein bischen nchtern
ist, nicht darber schimpfen. Jetzt mssen wir nur daran denken, wie wir weiter
Alles gut machen und du bist ja so ein gerader Mensch, du wirst sehen, kannst
Alles mit mir berlegen, sag' mir nur Alles frei heraus. Kannst mir sagen was du
willst; du thust mir nicht weh damit; aber wenn du mir Etwas nicht sagst, da
thust mir weh damit. Gelt du hast auch keine Reue?
    Kannst du ein Rthsel lsen? fragte Johannes.
    Ja, das habe ich als Kind gut knnen.
    Nun so sag' mir: was ist das? Es ist ein einfaches Wort, thut man den
ersten Buchstaben vorn 'runter, da mcht' man sich den Kopf 'runter reien, und
thut man ihn wieder auf, da ist alles fest.
    Das ist leicht, sagte Barfele, kinderleicht, das ist Reu' und Treu'.
Und wie die Lerchen ber ihnen zu singen begannen, so sangen sie jetzt auch das
Rthsellied und Johannes begann:

Ei Jungfrau, ich will dir was aufzurathen geben,
Wann du es errathest so heirath' ich dich:
Was ist weier als der Schnee?
Was ist grner als der Klee?
Was ist schwrzer als die Kohl'?
Willst du mein Weibchen sein.
Errathen wirst du's wohl.

    Amrei:

Die Kirschenblust (Blthe) ist weier als der Schnee
Und wann sie verblhet hat grner als der Klee,
Und wann sie verreifet hat schwrzer als die Kohl',
Weil ich dein Weiblein bin, errathen kann ich's wohl.

    Johannes:

Was fr ein Knig hat keinen Thron?
Was fr ein Knecht hat keinen Lohn?

    Amrei:

Der Knig in dem Kartenspiel hat keinen Thron,
Der Stiefelknecht hat keinen Lohn.

    Johannes:

Welches Feuer hat keine Hitz?
Und welches Messer hat keine Spitz?

    Amrei:

Ein abgemaltes Feuer hat keine Hitz,
Ein abgebrochenes Messer hat keine Spitz.

    Pltzlich schnalzte Johannes mit den Fingern und sagte: Jetzt gieb Acht,
und er sang:

Was hat keinen Kopf und doch einen Hals?
Und was schmeckt gut ohne Salz und Schmalz?

    Amrei erwiderte rasch:

Die Flasch' hat keinen Kopf und doch einen Hals,
Und Alles was gezuckert ist schmeckt ohne Schmalz und Salz.

    Du hast's nur halb errathen, lachte Johannes, bist in der Kche stecken
geblieben; ich hab's so gemeint:

    Die Flasch' hat keinen Kopf und doch einen Hals,
    Und der Ku von deinem Mund schmeckt ohne Schmalz und Salz.

    Und nun sangen sie noch den letzten Vers des vielgewundenen Rthselliedes:

Was fr ein Herz thut keinen Schlag?
Was fr ein Tag hat keine Nacht?
Das Herz an der Schnalle thut keinen Schlag,
Der allerjngste Tag hat keine Nacht.

Ei Jungfrau, ich kann ihr nichts aufzurathen geben,
Und ist es ihr wie mir, so heirathen wir.
Ich bin ja keine Schnalle, mein Herz thut manchen Schlag,
Und eine schne Nacht hat auch der Hochzeitstag.

    Am ersten Wirthshaus vor dem Thor kehrten sie ein und Amrei sagte, als sie
mit Johannes in der Stube war und dieser einen guten Kaffee bestellt hatte:
    Die Welt ist doch prchtig eingerichtet! Da haben die Leute ein Haus
hergestellt und Sthle und Bnke und Tische und eine Kche, darauf brennt das
Feuer und da haben sie Kaffee und Milch und Zucker und das schne Geschirr und
das richten sie Alles her, wie wenn wir's bestellt htten, und wenn wir weiter
kommen, sind immer wieder Leute da und Huser und Alles drin. Es ist gerade wie
im Mhrlein: Tischlein deck' dich!
    Aber Knppel aus dem Sack! gehrt auch dazu, sagte Johannes, griff in die
Tasche und holte eine Hand voll Geld heraus, ohne das kriegst du nichts.
    Ja freilich, sagte Amrei, wer diese Rder hat, der kann durch die Welt
rollen. Sag' Johannes, hat dir je in deinem Leben ein Kaffee so geschmeckt, wie
der? Und das frische Weibrod! Du hast nur zu viel bestellt; wir kennen das
nicht Alles ermachen; das Weibrod das steck' ich zu mir, aber es ist schad um
den guten Kaffee; o! wie manchem Armen tht' der wohl, und wir mssen ihn da
stehen lassen und du mut ihn doch bezahlen.
    Das macht nichts, man kann's nicht so genau nehmen in der Welt.
    Ja, ja, du hast Recht, ich bin halt noch genau gewhnt; mut mir's nicht
bel nehmen; wenn ich so was sage, es geschieht im Unverstand.
    Das hast du leicht sagen, weil du weit, da du gescheit bist.
    Amrei stand bald auf, sie glhte vor Hitze, und als sie jetzt vor dem
Spiegel stand, rief sie laut: O lieber Gott! bin denn ich das? Ich kenn' mich
gar nicht mehr.
    Aber ich kenn' dich, sagte Johannes, du heit Amrei und Barfele und
Salzgrfin, aber das ist noch nicht genug, du kriegst jetzt noch einen Namen
dazu: Landfriedbuerin ist auch nicht bel.
    O lieber Gott! kann denn das sein? Ich meine jetzt, es wre nicht mglich.
    Ja es giebt noch harte Bretter zu bohren, aber das ficht mich nichts an.
Jetzt leg' dich ein wenig schlafen, ich will derweil nach einem Bernerwgele
umschauen; du kannst am Tag nicht mit mir reiten, und wir brauchen ohnedies
eins.
    Ich kann nicht schlafen, ich mu noch einen Brief nach Haldenbrunn
schreiben; ich bin so fort und hab' doch auch viel Gutes genossen da, und hab'
auch noch andre Sachen anzugeben.
    Ja, mach' das, bis ich wieder komm'.
    Johannes ging davon, und Amrei schaute ihm mit seltsamen Gedanken nach: da
geht er und gehrt doch zu dir, und wie er so stolz geht! Ist es denn mglich,
da es wahr ist, er ist dein? Er schaut nicht mehr um, aber der Hund, der mit
ihm geht; Amrei winkt ihm und lockt ihn, und richtig, da kommt er zurck
gerannt. Sie ging ihm vor das Haus entgegen, und als er an ihr hinauf sprang,
sagte sie: Ja, ja, schon gut, es ist recht von dir, da du bei mir bleibst, da
ich nicht so allein bin; aber jetzt komm' herein, ich mu schreiben.
    Sie schrieb einen groen Brief an den Schulthei in Haldenbrunn, dankte der
ganzen Gemeinde fr die Wohlthaten, die sie empfangen, und versprach: einstens
ein Kind aus dem Ort zu sich zu nehmen, wenn sie es machen knne, und
verpflichtete nochmals den Schulthei, da man der schwarzen Marann' ihr
Gesangbuch unter den Kopf lege. Als sie den Brief zusiegelte, prete sie ihre
Lippen dabei zusammen und sagte: So, jetzt bin ich fertig mit dem was in
Haldenbrunn noch lebt. Sie ri aber doch schnell den Brief wieder auf, denn sie
hielt es fr Pflicht, Johannes zu zeigen, was sie geschrieben. Dieser aber kam
lange nicht und Amrei errthete, als die gesprchsame Wirthin sagte: Ihr Mann
hat wohl auf dem Amt zu thun? Da Johannes zum Erstenmal ihr Mann genannt
wurde, das traf sie tief in's Herz.
    Sie konnte nicht antworten, und die Wirthin sah sie staunend an. Amrei wute
sich vor ihren seltsamen Blicken nicht anders zu flchten, als indem sie vor das
Haus ging und dort auf aufgeschichteten Brettern mit dem Hunde sa und auf
Johannes wartete. Sie streichelte den Hund, und schaute ihm tief glcklich in
die treuen Augen. - Kein Thier sucht und vertrgt den anhaltenden Menschenblick,
nur dem Hunde scheint das gegeben, aber auch sein Auge zuckt bald und er
blinzelt gern aus der Ferne.
    Wie ist doch die Welt auf Einmal so rthselvoll und so offenbar!
    Amrei ging mit dem Hunde hinein in den Stall, sah zu wie der Schimmel fra,
und sagte: Ja, lieber Silbertrab, la dir's nur schmecken, und bring' uns gut
heim, und Gott gebe, da es uns Allen gut geht.
    Johannes kam lange nicht, und als sie ihn endlich sah, ging sie auf ihn zu
und sagte: Gelt, wenn du wieder was zu besorgen hast auf der Reise, nimmst mich
mit?
    So! Ist dir's bang geworden? Hast gemeint, ich wr' davon? Ha, wie wr's,
wenn ich dich jetzt da sitzen lie' und davon ritt'?
    Amrei zuckte zusammen, dann sagte sie streng: Just witzig bist du nicht.
Mit so Etwas seinen Spa haben, das ist zum Erbarmen einfltig! Du dauerst mich,
da du das gethan hast, du hast dir damit was gethan, es ist bs, wenn du es
weit, und bs, wenn du es nicht weit. Du willst mir davon reiten und meinst,
jetzt soll ich zum Spa heulen? Meinst du vielleicht, weil du den Gaul hast und
Geld, wrst du der Herr? Nein, dein Gaul hat uns Beide mitgenommen, und ich bin
mit dir gegangen. Wie meinst, wenn ich den Spa machen und sagen tht': wie
wr's, wenn ich dich da sitzen lie'? Du dauerst mich, da du den Spa gemacht
hast.
    Ja, ja, du sollst Recht haben, aber hr' doch jetzt einmal auf.
    Nein, ich red' so lang noch was in mir ist von einer Sache, wo ich die
Beleidigte bin, und an mir ist es, von der Sache aufzuhren, wenn ich will. Und
dich selber hast du auch beleidigt, Den der du sein sollst und der du auch bist.
Wenn ein Anderes was sagt, was nicht recht ist, kann ich drber weg springen;
aber an dir darf kein Schmutzfleckchen sein, und glaub' mir, mit so etwas Spa
machen, das ist grad, wie wenn man mit dem Crucifix da Puppe spielen wollte.
    Oho! So arg ist's nicht; aber allem Anschein nach verstehst du keinen
Spa.
    Ich versteh' wohl, das wirst du schon erfahren, aber nicht mit so Etwas,
und jetzt ist's gut. Jetzt bin ich fertig und denke nicht mehr dran.
    Dieser kleine Zwischenfall zeigte Beiden schon frh, da sie bei aller
liebenden Hingebung sich doch vor einander zusammennehmen muten, und Amrei
fhlte, da sie zu heftig gewesen war, und ebenso Johannes, da es ihm nicht
anstand, mit der Verlassenheit Amrei's und ihrer vlligen Hingegebenheit an ihn
ein Spiel zu treiben. Sie sagten das einander nicht, aber Jedes fhlte es dem
Andern ab.
    Das kleine Morgenwlkchen, das aufgestiegen war, zerflo bald vor der
helldurchbrechenden Sonne, und Amrei jubelte wie ein Kind, als ein schnes
grnes Bernerwgelein kam, mit einem halbrunden gepolsterten Sitz drauf. Noch
bevor angespannt war, setzte sie sich hinauf und klatschte in die Hnde vor
Freude. Jetzt mut mich nur noch fliegen machen, sagte sie zu Johannes, der
den Schimmel einspannte, ich bin mit dir geritten, jetzt fahr' ich, und nun
bleibt nichts als Fliegen.
    Und im hellen Morgen fuhren sie auf schngebahnter Strae dahin. Dem
Schimmel schien das Fahren leicht, und Lux bellte vor Freude immer vor ihm her.
    Denk' nur, Johannes, sagte Amrei nach einer Strecke, denk' nur, die
Wirthin hat mich schon fr deine Frau gehalten.
    Und das bist du schon, und darum frag' ich nichts danach, was sie Alle dazu
sagen mgen. Du Himmel und ihr Lerchen und ihr Bume und ihr Felder und Berge!
Schaut her, das ist mein Weible! Und wenn sie zankt, ist sie grad so lieb, wie
wenn sie Einem was Schnes sagt. O meine Mutter ist eine weise Frau, o die hat's
gewut: sie hat gesagt, ich soll darauf achten, wie sie im Zorn weint, da kommt
der inwendige Mensch heraus. Das war ein lieber, scharfer, schner, bser, der
heute bei dir herausgekommen ist, wie du dort gezankt hast. Jetzt kenn' ich die
ganze Sippschaft, die in dir steckt, und sie ist mir recht. O du ganze weite
Welt! Ich dank' dir, da du da bist, du Alles, Alles. Welt! Ich frag' dich, hast
du, so lang du stehst, so ein lieb Weible gesehen? Juchhe, juchhe!
    Und wo Einer am Wege ging, an dem man vorbei fuhr, fate Johannes Amrei an,
und rief: Schau, schau, das ist mein Weible! bis ihn Amrei dringend bat, das
zu lassen, er aber sagte: Ich wei mir vor Freude nicht zu helfen. Ich knnte
es der ganzen Welt zurufen, da Alles mit mir jubelt, und ich wei gar nicht,
wie knnen die Menschen da nur noch zu Acker fahren und Holz spalten und Alles,
und wissen nicht, wie selig ich bin.
    Amrei sah eine arme Frau am Wege gehen, knpfte schnell ein Paar ihrer so
sehr geliebten Schuhe ab, und warf sie der Armen hin, die den Davoneilenden
staunend nachsah und dankte. Es berhrte Amrei wie eine selige Empfindung, da
sie zum Erstenmal in ihrem Leben eine Werthsache, die sie selber noch wohl
brauchen konnte, verschenkt hatte. Anfangs, als sie es so rasch weggegeben und
darber nachsann, dachte sie vor Allem nur daran, und das kam noch oft wieder,
wie viel eigentlich die Schuhe werth gewesen seien; das Besitzthum wollte sich
nicht leicht ablsen von ihr, sie hatte es zu fest in Gedanken besessen, und sie
dachte gar nicht mehr daran, wie viel sie eigentlich an der schwarzen Marann'
gethan - da sie die Schuhe hergegeben, erschien ihr als ihre erste Wohlthat,
und die Empfindung derselben beglckte sie gewi noch mehr als die Empfngerin;
sie lchelte immer vor sich hin, sie hatte ein geheimes Geschenk in der Seele,
das ihr Herz in Freuden hpfen machte, und als sie Johannes fragte: Was hast
denn? Warum lachst denn immer so wie ein Kind im Schlaf? sagte sie:
    O Gott, es ist ja auch Alles wie ein Traum. Ich kann jetzt herschenken. Ich
gehe in Gedanken noch jetzt immer mit der Frau, und wei wie sie sich freut.
    Das ist brav, da du gern schenkst.
    O was will denn das heien: im Glck herschenken, das ist wie wenn ein
volles Glas berfliet: ich bin so voll, ich mcht' gern Alles herschenken, ich
mcht' auch wie du gern alle Menschen anrufen. Ich meine, ich knnte sie alle
speisen und trnken. Ich meine, ich se an einer langen Hochzeittafel ganz
allein mit dir, und ich bin so voll, ich kann gar nichts essen, ich bin satt.
    Ja, ja, das ist gut, sagte Johannes. Aber schenke keine von deinen
Schuhen mehr weg. Wenn ich sie ansehe, denk' ich an die vielen schnen guten
Jahre, die drin stecken, da kannst du viele schne Jahre herumlaufen, bis sie
zerrissen sind.
    Wie kommst du jetzt darauf? Wieviel hundertmal hab' ich das gedacht, wenn
ich die Schuhe angesehen hab'. Aber jetzt erzhl' mir auch von deinem Daheim,
sonst schwtz' ich immer von mir. Erzhl'.
    Das that Johannes gern, und whrend er erzhlte und Amrei mit weit offenen
Augen zuhrte, tanzte mitten durch Alles in ihrem Geist immer ein glckseliges
Bild neben her, das war die Arme am Wege in den geschenkten neuen Schuhen.
    Nachdem Johannes die Menschen daheim geschildert, rhmte er vor Allem das
Vieh und sagte: Das ist Alles so wohlgenhrt und gesund und rund, da kein
Tropfen Wasser drauf stehen bleibt.
    Mir will's gar nicht in den Sinn, sagte Amrei, da ich auf Einmal so
reich sein soll. Wenn ich bedenke, da ich selber so viel eigene Felder und Khe
und Mehl und Schmalz und Obst und Kisten und Kasten haben soll, da mein' ich,
ich htte bisher mein Lebenlang geschlafen, und wre jetzt auf Einmal
aufgewacht. Nein, nein, das ist nicht so. Mir kommt es schrecklich vor, da ich
auf Einmal fr so Vieles verantwortlich sein soll. Gelt, deine Mutter hilft mir
noch? Sie ist ja noch gut bei der Hand. Ich wei gar nicht, wie man's macht, da
ich nicht Alles an die Armen verschenke; aber nein, das geht nicht, es ist ja
nicht mein. Ich hab's ja auch nur geschenkt.
    Almosengeben armet nicht! ist ein Sprchwort meiner Mutter, erwiderte
Johannes.
    Es lt sich nicht sagen, mit welchem Jubel die beiden Liebenden
dahinfuhren. Jedes Wort machte sie glcklich. Als Amrei fragte: Habt ihr auch
Schwalben am Haus? und Johannes dies bejahte mit dem Beisatze, da sie auch ein
Storchennest htten, da war Amrei ganz glcklich, und ahmte das
Storchengeschnatter nach, und schilderte gar lustig, wie der Storch mit
ernsthaftem Gesicht auf einem Bein stehe und von oben herunter in sein Haus
schaue.
    War es eine Verabredung, oder war es die innere Macht des Augenblicks? Sie
sprachen nichts davon, wie nun die eigentliche Auffahrt und das Eintreten in's
elterliche Haus vor sich gehen sollte, bis sie gegen Abend in den Amtsbezirk
kamen, in dem Zusmarshofen lag. Erst jetzt, als Johannes schon einigen Leuten
begegnete, die ihn kannten, ihn grten, und ihn verwundert anschauten, erklrte
er Amrei, da er sich zweierlei ausgedacht habe, wie man die Sache am besten
anfange. Entweder wolle er Amrei zu seiner Schwester bringen, die hier abseits
wohnte - man sah den Kirchthurm ihres Dorfes hinter einem Vorberge - er wollte
dann allein nach Hause und Alles erklren; oder er wolle Amrei gleich mit in's
Haus nehmen, das heit, sie sollte eine Viertelstunde vorher absteigen und als
Magd in's Haus kommen.
    Amrei zeigte ihre ganze Klugheit, indem sie auseinandersetzte, was zu diesem
Verfahren bestimme und was daraus hervorgehen knne. Halte sie sich bei der
Schwester auf, so htte sie zuerst eine Person zu gewinnen, die nicht die
entscheidende sei und es knnte allerlei Hin- und Herzerrereien geben, die nicht
zu berechnen wren, abgesehen davon, da es in spteren Zeiten immer eine
miliche Erinnerung, und in der ganzen Umgegend ein Gerede bleibe, da sie sich
nicht geradezu in's Haus gewagt habe. Da scheine der zweite Weg besser. Aber es
gehe ihr wider die Seele, mit einer Lge in's Hans zu kommen. Freilich habe ihr
die Mutter vor Jahren versprochen, sie in Dienst zu nehmen; aber sie wolle ja
jetzt nicht in Dienst und es sei wie ein Diebstahl, wenn sie sich in die Gunst
der Eltern einschleichen wolle, und sie wisse gewi, da sie in dieser
Verlarvung Alles ungeschickt thte. Sie knne dabei nicht gradaus sein, und wenn
sie dem Vater nur einen Stuhl stellen wolle, werfe sie ihn gewi um, denn sie
msse immer dabei denken: du thust's, um ihn zu hintergehen. Und wenn alles Das
auch noch ginge: wie sie denn vor den Dienstleuten erscheinen msse, wenn sie
spter hren, da die Meisterin sich als Magd in's Haus eingeschmuggelt habe und
sie knne mit Johannes whrend der ganzen Zeit kein Wort reden.
    Diese ganze Auseinandersetzung schlo sie mit den Worten: Ich hab' dir das
Alles nur gesagt, weil du auch meine Gedanken hren willst, und wenn du Etwas
mit mir berlegst, so mu ich doch frei herausreden; ich sage dir aber auch
gleich: was Du willst, wenn du es fest sagst, so thue ich es, und wenn du sagst
so, thu' ich's auch. Ich folge dir ohne Widerrede und ich will's so gut machen
als ich kann, was du mir auferlegst.
    Ja, ja, du hast Recht, sagte Johannes im schweren Besinnen, es ist Beides
ein ungerader Weg, der erste weniger; und wir sind jetzt schon so nahe, da wir
uns schnell besinnen mssen. Siehst du dort die Waldble da drben auf dem Berg
mit der kleinen Htte? Du siehst auch die Khe, so ganz klein wie Kfer? Da ist
unsere Frhalm, da will ich unsern Dami hinsetzen.
    Staunend sagte Amrei: O Gott wohin wagen sich nicht die Menschen! Das mu
aber ein gut Grasgelnde sein.
    Freilich, aber wenn mir der Vater das Gut bergiebt, fhre ich doch mehr
Stallftterung ein, es ist ntzlicher; aber die alten Leute bleiben gern beim
Alten. Ach! Was schwtzen wir da? Wir sind jetzt schon so nah. Htten wir uns
nur frher besonnen. Mir brennt der Kopf.
    Bleib' nur ruhig, wir mssen uns in Ruhe besinnen; ich habe schon eine Spur
wie's zu machen wr', nur noch nicht ganz deutlich.
    Was? Wie meinst?
    Nein, besinn' du dich; vielleicht kommst du selber drauf. Es gehrt dir,
da du's einrichtest und wir sind jetzt Beide so in Wirrwar, da wir einen Halt
dran haben, wenn wir Beide zugleich draufkommen.
    Ja mir fllt schon was ein. Da im zweitnchsten Ort ist ein Pfarrer, den
ich gut kenne, der wird uns am besten rathen. Aber halt! So ist's besser! Ich
bleib' unten im Thal beim Mller, und du gehst allein hinauf auf den Hof zu
meinen Eltern und sagst ihnen Alles gradaus, rund und klein. Meine Mutter hast
du gleich an der Hand, aber du bist ja gescheit, du wirst auch den Vater so
herumkriegen, da du ihn um den Finger wickelst. So ist Alles besser. Wir
brauchen nicht zu warten und haben keine fremden Menschen zu Hlfe genommen! Ist
dir das recht? Ist dir das nicht zu viel?
    Das ist auch ganz mein Gedanke gewesen. Aber jetzt wird nichts mehr
berlegt, gar nichts; das steht fest wie geschrieben und das wird ausgefhrt,
und frisch an's Werk macht den Meister. So ist's recht. O du weit gar nicht,
was du fr ein lieber, guter, prchtiger, ehrlicher Kerl bist.
    Nein du! Aber es ist jetzt Eins, wir sind jetzt Beide zusammen ein einziger
braver Mensch und das wollen wir bleiben. Da guck, hier gieb mir die Hand, so,
da die Wiese ist unser erstes Feld. Gr Gott, Weible, so, jetzt bist du daheim.
Und Juchhe! da ist unser Storch und fliegt auf. Storch! Sag' gr Gott! Da ist
die neue Meisterin. Ich will dir spter schon noch mehr sagen. - Jetzt Amrei,
mach' nur nicht so lang oben und schick' mir gleich Eins in die Mhle; wenn der
Robub daheim ist, am besten den, der kann springen wie ein Has'. So, siehst du
dort das Haus mit dem Storchennest und die zwei Scheuern dort am Berg, links vom
Wald? Es ist eine Linde am Haus, siehst du's?
    Ja!
    Das ist unser Haus. Jetzt komm, steig ab, du kannst den Weg jetzt nicht
mehr fehlen.
    Johannes stieg ab und half auch Amrei von dem Wagen und diese hielt das
Halsgeschmeide, das sie in die Tasche gesteckt hatte, wie einen Rosenkranz
zwischen den gefalteten Hnden und betete leise. Auch Johannes zog den Hut ab
und seine Lippen bewegten sich.
    Die Beiden sprachen kein Wort mehr und Amrei ging voraus. Johannes stand
noch lange an den Schimmel gelehnt und schaute ihr nach. Jetzt wendete sie sich
und scheuchte den Hund zurck, der ihr gefolgt war, er wollte aber nicht gehen,
rannte in's Feld abseits und wieder zu ihr, bis Johannes ihm pfiff, dann erst
kam das Thier zurck.
    Johannes fuhr nach der Mhle und hielt dort an. Er hrte, da sein Vater vor
einer Stunde da gewesen sei, um ihn hier zu erwarten; er sei aber wieder
umgekehrt. Johannes freute sich, da sein Vater wieder wohl auf den Beinen war
und da Amrei nun beide Eltern zu Hause trfe. Die Leute in der Mhle wuten
nicht, was das mit Johannes war, da er bei ihnen anhielt und doch fast auf kein
Wort hrte. Er ging bald in das Haus, bald aus demselben, bald auf den Weg nach
dem Hofe, bald kehrte er wieder zurck. Denn Johannes war voll Unruhe, er zhlte
die Schritte, die Amrei ging. Jetzt war sie an diesem Felde, und jetzt an
diesem, jetzt am Buchenhage, jetzt sprach sie mit den Eltern ... Es lie sich
doch nicht ausdenken wie es war.
    Und pltzlich war Johannes aus der Mhle verschwunden und das Fuhrwerk blieb
zurck ....

                            18. Das erste Herdfeuer.


Amrei war unterde wie traumverloren dahin gegangen. Sie schaute wie fragend
nach den Bumen auf; die stehen so ruhig auf dem Fleck und die werden so stehen
und auf dich niederschauen, Jahre, Jahrzehnte, dein ganzes Leben lang als deine
Lebensgenossen; und was wirst du derweil erfahren!
    Amrei war aber doch schon so alt geworden, da sie nicht mehr nach einem
Halt in der Auenwelt tastete. Es war schon lange, seitdem sie mit dem
Vogelbeerbaum gesprochen hatte. - Sie wollte ihre Gedanken wegbannen von Allem
was sie umgab, und doch starrte sie wieder hinein in die Felder, die ihr eigen
werden sollten, und wollte sich immer vordenken, was nun kommen sollte; Eintritt
und Empfang, Anrede und Antwort, hin und her. Wie ein Wirrwarr von tausend
Mglichkeiten schwirrte Alles um sie her und sie sagte endlich fast laut, und
der Silbertrabwalzer spielte sich ihr im Kopfe: Was da, was da, vorher
besinnen? Wenn aufgespielt wird, tanz' ich - Hopser oder Walzer. Ich wei nicht,
wie ich die Fe setze, sie thun's allein; und ich kann mir's nicht denken, und
ich will mir's nicht denken, wie ich vielleicht in einer Stunde den Weg da
wieder zurckkehre, und die Seele ist mir aus dem Leibe genommen, und ich mu
doch gehen, einen Schritt nach dem andern. Genug! Jetzt la kommen, was kommen
will; ich bin ja auch dabei.
    Und es lag noch mehr als diese ausgesprochene Zuversicht in ihrem Wesen; sie
hatte nicht umsonst von Kindheit an Rthsel gelst und von Tag zu Tag mit dem
Leben gerungen. Die ganze Kraft dessen, was sie geworden, ruhte still und
sichertreffend in ihr. Ohne weitere Frage, wie man einer Nothwendigkeit entgegen
geht, still in sich zusammengefat, ging sie muthig und festen Schrittes dahin.
    Sie war noch nicht weit gegangen, da sa ein Bauer mit einem rothen
Schleedornstock zwischen den Fen und beide Hnde und das Kinn darauf sttzend
am Weg.
    Gr Gott! sagte Amrei, thut das Ausruhen gut?
    Ja. Wohin willst?
    Dahinauf auf den Hof. Wollet Ihr mit? Ihr knnet Euch an mir fhren.
    Ja, so ist's! grinste der Alte, vor dreiig Jahren wre mir das lieber
gewesen, wenn mir so ein schnes Mdle das gesagt htte, da wre ich gesprungen
wie ein Fllen.
    Zu denen, die springen knnen wie die Fllen, sagt man das aber nicht!
lachte Amrei.
    Du bist reich, sagte der Alte, der eine mige Unterhaltung am heien
Mittag zu lieben schien. Er nahm vergnglich eine Prise aus seiner Horndose.
    Woher seht Ihr, da ich reich bin?
    Deine Zhne sind zehntausend Gulden werth, es gbe Mancher zehntausend
Gulden drum, wenn er sie im Maul htte.
    Ich hab' jetzt keine Zeit zum Spaen. Beht' Euch Gott.
    Wart' nur, ich geh' mit, aber mut nicht schnell laufen.
    Amrei half nun dem Alten behutsam auf und der Alte sagte: Du bist stark.
Er hatte sich in seiner neckischen Weise noch schwerer und unbehlflicher
gemacht, als er war. Im Gehen fragte er jetzt: Zu wem willst du denn auf dem
Hof?
    Zum Bauern und zu der Buerin.
    Was willst du denn von ihnen?
    Das will ich ihnen selber sagen.
    Wenn du was geschenkt haben willst, da kehr' lieber gleich wieder um; die
Buerin gb' dir schon, aber sie ist ber Nichts Meister, und der Bauer der ist
zh, der hat ein Sperrholz im Genick und einen steifen Daumen dazu.
    Ich will nichts geschenkt, ich bring' ihnen was, sagte Amrei.
    Es begegnete den Beiden ein lterer Mann, der mit der Sense in's Feld ging,
und der Alte neben Amrei rief ihn an und fragte ihn mit seltsamem Augenzwinkern:
Weit nicht, ist der geizige Landfriedbauer nicht daheim? Ich glaub', aber
ich wei es nicht, lautete die Antwort des Mannes mit der Sense, und er ging
davon feldein. Es zuckte etwas in seinem Gesichte, und noch jetzt, als er so
hinwandelte, schttelte es ihm den Rcken auf und nieder, er lachte offenbar und
Amrei schaute starr in das Antlitz ihres Begleiters und gewahrte die Schelmerei
darin und pltzlich erkannte sie in den eingefallenen Zgen die jenes Mannes,
dem sie einst auf dem Holderwasen zu trinken gegeben hatte, und leise mit den
Fingern schnalzend, dachte sie: Wart, dich krieg' ich, und laut sagte sie:
das ist schlecht von Euch, da ihr so von dem Bauer redet, zu einem Fremden,
wie ich, das Ihr nicht kennet, und das vielleicht eine Verwandte von ihm ist,
und es ist auch gewi gelogen, was Ihr saget; freilich soll der Bauer zh sein,
aber wenn's drauf ankommt, hat er gewi auch ein rechtschaffenes Herz und hngt
nur nicht an die groe Glocke, was er Gutes thut, und wer so brave Kinder hat,
wie man die Seinen berhmt, der mu auch rechtschaffen sein, und es kann sein,
er macht sich vor der Welt gern schlecht, weil es ihm nicht der Mhe werth ist,
was Andere von ihm denken, und ich kann ihm das nicht bel nehmen.
    Du hast dein Maul nicht vergessen. Woher bist denn?
    Nicht aus der Gegend, vom Schwarzwald her.
    Wie heit der Ort?
    Haldenbrunn.
    So? Und du bist zu Fu daher gekommen?
    Nein, es hat mich unterwegs Einer mitfahren lassen, es ist der Sohn von dem
Bauern da. Ein gerader braver Mensch.
    So? Ich htte dich in seinen Jahren auch mitfahren lassen.
    Man war am Hofe angekommen und der Alte ging mit Amrei in die Stube und
rief: Mutter, wo bist?
    Die Frau kam aus der Kammer und die Hand Amrei's zuckte, sie wre ihr gern
um den Hals gefallen, aber sie konnte nicht, sie durfte nicht, und der Alte
sagte unter herzerschtterndem Lachen: Denk' nur Buerin, das ist ein Mdle aus
Haldenbrunn, und es hat dem Landfriedbauer und der Buerin was zu sagen, aber
mir will's nichts davon kund geben. Jetzt sag' du, wie man mich heit.
    Das ist ja der Bauer, sagte die Buerin, nahm als Zeichen des Willkomms
dem Alten den Hut vom Kopfe und hing den Hut an das Ofengelnder.
    Ja, merkst's jetzt? sagte der Alte triumphirend gegen Amrei, jetzt sag',
was du willst.
    Setz' dich, sagte die Mutter, und wies Amrei auf einen Stuhl. Mit schwerem
Athemholen begann diese nun:
    Ihr knnt mir's glauben, da kein Kind mehr hat an Euch denken knnen als
ich, schon vorher, schon vor den letzten Tagen. Erinnert Ihr Euch des
Josenhansen am Weiher, wo der Fahrweg gegen Endringen geht?
    Freilich, freilich, sagten die beiden Alten.
    Und ich bin des Josenhansen Tochter.
    Guck', ist mir doch gewesen, als ob ich dich kenn', sagte die Alte. Gr
Gott! Sie reichte die Hand und fuhr fort: Bist ein starkes saubres Mdle
geworden. Jetzt sag', was fhrt dich denn so weit daher?
    Sie ist ein Stck mit unserm Johannes gefahren, sprach der Bauer
dazwischen, er kommt bald nach.
    Die Mutter erschrak, sie ahnte Etwas und erinnerte ihren Mann, da sie
damals, als Johannes weggeritten sei, an des Josenhansen Kinder gedacht habe.
    Und ich habe ja auch noch ein Andenken von Euch Beiden, sagte Amrei und
holte den Anhenker und ein eingewickeltes Geldstck aus der Tasche. Das da habt
Ihr mir damals geschenkt, wie Ihr zum Letztenmal im Ort gewesen seid.
    Guck' und hast mich angelogen und hast gesagt, du habest es verloren,
schalt der Bauer zu seiner Frau.
    Und da, fuhr Amrei fort, ihm den eingewickelten Groschen hinreichend, da
ist das Geldstck, das Ihr mir geschenkt habt, wie ich auf dem Holderwasen die
Gnse gehtet und Euch am Brunnen Wasser geschpft hab'.
    Ja, ja, ist Alles richtig, aber was soll denn jetzt das Alles? Was dir
geschenkt ist, kannst du behalten, sagte der Bauer.
    Amrei stand auf und sagte: Ich habe aber jetzt noch eine Bitte, lasset mich
ein paar Minuten reden, ganz frei. Darf ich?
    Ja, warum nicht?
    Schaut, Euer Johannes hat mich mitnehmen wollen und zu Euch bringen als
Magd, und ich htt' auch gern bei Euch gedient zu andern Zeiten, lieber als
sonstwo; aber jetzt wr's unehrlich gewesen, und gegen Wen ich mein Lebenlang
ehrlich sein will, Dem will ich nicht zum Erstenmal unehrlich mit einer Lge
gekommen sein. Jetzt mu Alles sonnenklar sein. Mit Einem Wort: der Johannes und
ich, wir haben uns von Grund des Herzens gern und er will mich zur Frau haben
...
    Oha! schrie der Bauer und stand rasch auf; man htte es deutlich sehen
knnen, da seine frhere Unbeholfenheit nur geheuchelt war. Oha! schrie er
nochmals, als ob ihm ein Gaul durchginge. Die Mutter aber hielt ihn bei der Hand
fest und sagte: La sie doch ausreden.
    Und Amrei fuhr fort:
    Glaubet mir, ich bin gescheit genug, und ich wei, da man Eines nicht aus
Mitleid zur Schwiegertochter machen kann; Ihr knnet mir was schenken, viel
schenken, aber zur Schwiegertochter machen aus Barmherzigkeit, das kann man
nicht, und das will ich auch nicht. Ich habe keinen Groschen Geld - ei ja doch
den Groschen, den Ihr mir auf dem Holderwasen geschenkt habt, den hab' ich noch,
es hat ihn Niemand fr einen Groschen nehmen wollen, sagte sie zum Bauer
gewendet, und dieser mute unwillkrlich lcheln. Ich habe nichts, ja noch
mehr, ich habe einen Bruder, der wohl gesund und stark ist, fr den ich aber
doch noch sorgen mu, und ich habe die Gnse gehtet und war das Geringste im
Ort, das ist Alles; aber das geringste Unrecht kann man mir auch nicht
nachsagen, und das ist auch wieder Alles - und was dem Menschen eigentlich von
Gott gegeben ist, darin sag' ich zu jeder Prinzessin: ich stell' mich um kein
Haar breit gegen dich zurck, und wenn du sieben goldene Kronen auf dem Kopf
hast. Es wre mir lieber, es tht' ein Anderes fr mich reden, ich red' nicht
gern; aber ich hab' mein Lebenlang fr mich allein Annehmer sein mssen, und
thue es heut' zum Letztenmal, wo es sich entscheidet ber Leben und Tod. Heit
das, versteht mich nicht falsch: wollt Ihr mich nicht, so gehe ich in Ruhe fort,
ich thue mir kein Leid an, ich springe nicht in's Wasser und ich hnge mich
nicht; ich suche mir wieder einen Dienst, und will Gott danken, da mich einmal
so ein braver Mensch hat zur Frau haben wollen, und will annehmen, es ist Gottes
Wille nicht gewesen ... Die Stimme Amrei's zitterte, und ihre Gestalt wurde
grer, und ihre Stimme wurde mchtiger, als sie sich jetzt zusammennahm und
rief: Aber prfet Euch, fraget Euch tief im Herzensgrund, ob das Gottes Wille
ist, was Ihr thut. Weiter sage ich nichts. -
    Amrei setzte sich nieder. Alle drei waren still und der Alte sagte: Du
kannst ja predigen wie ein Pfarrer. Die Mutter aber trocknete sich die Augen
mit der Schrze und sagte: Warum nicht? die Pfarrer haben auch nicht mehr als
Ein Hirn und Ein Herz.
    Ja du! hhnte der Alte, du hast ja auch so was Geistliches; wenn man dir
mit so ein paar Reden kommt, da bist du gleich gekocht.
    Und du thust, wie wenn du nicht gar werden wolltest vor deinem Ende, sagte
die Buerin im Trotze.
    So? hhnte der Alte. Guck, du Heilige vom Unterland! du bringst schnen
Frieden in unser Haus. Jetzt hast's gleich fertig gebracht, da Die da scharf
gegen mich aufsitzt; die hast du schon gefangen. Nun, ihr werdet warten knnen,
bis mich der Tod gestreckt hat, dann knnt ihr ja machen, was ihr wollt.
    Nein, rief Amrei, das will ich nicht, so wenig ich will, da mich der
Johannes zur Frau nehme ohne Euren Segen, so wenig will ich, da die Snde in
unseren Herzen sei, da wir Beide auf Euren Tod warten. Ich habe meine Eltern
kaum gekannt, ich kann mich ihrer nicht mehr erinnern; ich habe sie nur lieb,
wie man Gott lieb hat, ohne da man ihn je gesehen hat. Aber ich wei doch auch,
was Sterben ist. Gestern in der Nacht hab' ich der schwarzen Marann' die Augen
zugedrckt; ich habe ihr mein Lebenlang gethan, was sie gewollt hat, und jetzt,
wo sie todt ist, da habe ich doch schon oft denken mssen: wie manchmal bist du
unwillig und herb gegen sie gewesen, wie httest du ihr noch manches Gute thun
knnen, und jetzt liegt sie da, und jetzt ist's vorbei; du kannst nichts mehr
thun, und nichts mehr abbitten. Ich wei, was Sterben ist, und will nicht ...
    Aber Ich will! schrie der Alte, und ballte die Fuste und knirschte die
Zhne. Aber Ich will, schrie er nochmals. Da bleibst, und unser bist! Und
jetzt mag kommen, was da will, mag reden wer da will. Du kriegst meinen
Johannes, und keine Andere.
    Die Mutter rannte auf den Alten los und umarmte ihn, und dieser, der das gar
nicht gewohnt war, rief unwillkrlich: Was machst du da?
    Dir einen Ku geben, du verdienst's, du bist braver, als du dich geben
willst.
    Der Alte, der whrend der ganzen Zeit eine Prise zwischen den Fingern
gehabt, wollte die Prise nicht verschwenden, er schnupfte sie daher schnell und
sagte: Nun, meinetwegen, dann aber setzte er hinzu: Aber jetzt hast du den
Abschied, ich habe eine viel Jngere, und von der schmeckt's viel besser. Komm
her, du verstellter Pfarrer.
    Ich komm' schon, aber ruft mich zuerst bei meinem Namen.
    Ja, wie heit du denn?
    Das brauchet Ihr nicht zu wissen, Ihr knnet mir ja selber einen Namen
geben, wisset schon welchen.
    Du bist gescheit! Nun meinetwegen, so komm her, Shnerin. Ist dir der Name
recht?
    Und als Antwort flog Amrei aus ihn zu.
    Und ich, ich werde gar nicht gefragt? schalt die Mutter in heller
Glckseligkeit und der Alte war ganz bermthig geworden in seiner Freude. Er
nahm Amrei an der Hand und sagte in nachspottendem Predigertone:
    Nun frage ich Sie wohlehrsame Cordula Katharina, genannt Landfriedbuerin:
wollen Sie hier diese - er fragte das Mdchen bei Seite - ja wie heit du denn
eigentlich mit dem Taufnamen?
    Amrei!
    Und der Alte fuhr fort in gleichem Tone: Wollen Sie hier diese Amrei
Josenhans von Haldenbrunn zu Ihrer Schwiegertochter annehmen, sie nicht zu Worte
kommen lassen wie Sie bei Ihrem Manne thun, sie schlecht fttern, ausschimpfen,
unterdrcken, und berhaupt was man so nennt in das Haus metzgen?
    Der Alte schien wie nrrisch, es war etwas ganz Seltsames mit ihm
vorgegangen und whrend Amrei an dem Halse der Mutter hing und gar nicht von ihr
los lassen wollte, schlug der Alte mit seinem Rothdornstock auf den Tisch und
schrie polternd: Wo bleibt denn der nichtsnutzige Bub, der Johannes? Schickt
uns der Bursch seine Braut auf den Hals und fhrt derweil in der Welt herum? Ist
das erhrt?
    Jetzt ri sich Amrei los und sagte, da man sogleich den Robub oder ein
Anderes nach der Mhle schicken solle, dort warte Johannes.
    Der Vater behauptete, er msse mindestens noch drei Stunden da in der Mhle
zappeln; das msse seine Strafe sein, weil er sich so feig hinter die Schrze
versteckt habe. Wenn er heimkehre, msse man ihm eine Haube aufsetzen; berhaupt
wollte er ihn jetzt noch gar nicht dahaben, denn wenn der Johannes da sei, da
habe er nichts mehr von der Braut und es sei ihm schon jetzt rgerlich, wenn er
an das Gethue denke.
    Die Mutter wute sich inde hinauszuschleichen und wollte den schnellfigen
Robuben nach der Mhle schicken; aber sie traf hier auf Johannes, der auf
Umwegen Amrei nachgegangen war. Er hatte sie doch nicht allein den Wechselfllen
der Entscheidung aussetzen wollen. Jetzt mute er sich auf den Wunsch der Mutter
nochmals verstecken, um dem Vater seine Freude zu lassen.
    Die Mutter kehrte in die Stube zurck und sie erinnerte daran, da doch
Amrei auch was essen msse. Sie wollte schnell einen Eierkuchen machen, aber
Amrei bat, da sie ihr gestatte, das erste Feuer im Hause, das ihr was bereite,
selber anzuznden, zugleich auch um den Eltern Etwas zu kochen.
    Es wurde ihr willfahrt und die beiden Alten gingen mit ihr in die Kche und
sie wute Alles so geschickt anzufassen, sah mit einem Blicke, wo Alles stand,
und hatte fast gar nichts zu fragen, und Alles, was sie that, that sie so fest
und so zierlich, da der Alte immer seiner Frau zunickte und einmal sagte: Die
ist in der Haushaltung auf Noten eingespielt, die kann Alles vom Blatt weg, wie
der neue Schullehrer.
    Am hell lodernden Feuer standen die Drei, als Johannes herzutrat. Und Heller
loderte die Flamme nicht auf dem Herde, als die innerste Glckseligkeit in den
Augen Aller glnzte. Der Herd mit seinem Feuer ward zum heiligen Altar, um den
andchtige Menschen standen, die doch nur lachten und einander neckten.

                              19. Geheime Schtze.


Amrei wute sich im Hause bald so heimisch zu machen, da sie schon am zweiten
Tage darin lebte, als wre sie von Kindheit an hier aufgewachsen, und der Alte
trppelte ihr berall nach und schaute ihr zu, wie sie Alles so geschickt
aufnahm und so stet und gemessen vollfhrte; ohne Hast und ohne Rast.
    Es giebt Menschen, die, wenn sie gehen und nur das Kleinste holen, einen
Teller, einen Krug, da scheuchen sie die Gedanken aller Sitzenden auf, sie
schleppen so zu sagen Blick und Gedanken der Sitzenden und Zuschauenden mit sich
herum. Amrei dagegen verstand Alles so zu thun und zu leisten, da man bei ihrem
Hantieren die Ruhe nur um so mehr empfand und ihr fr Jegliches nur um so
dankbarer war.
    Wie oft und oft hatte der Bauer darber gescholten, da allemal, wenn man
Salz brauche, Eines vom Tische aufstehen msse. Amrei deckte den Tisch und auf
das ausgebreitete Tischtuch stellte sie immer zuerst das Salzfa. Als der Bauer
Amrei darber lobte, sagte die Buerin lchelnd: Du thust jetzt, als ob du
vorher gar nicht gelebt httest, als ob du Alles httest ungesalzen und
ungeschmalzen essen mssen, und der Johannes erzhlte, da man Amrei auch die
Salzgrfin hiee, und fgte dann die Geschichte von dem Knig und seiner Tochter
hinzu.
    Das war ein glckseliges Beisammensein in der Stube, im Hof und auf dem
Felde, und der Bauer sagte immer: es habe ihm seit Jahren das Essen nicht so
geschmeckt wie jetzt, und er lie sich von Amrei drei- viermal des Tages, zu
ganz ungewhnlichen Zeiten Etwas herrichten und sie mute bei ihm sitzen bis er
gegessen hatte.
    Die Buerin fhrte Amrei mit innerstem Behagen in den Milchkeller und in die
Vorrathskammern und auch einen groen buntgemalten Schrank voll schn
geschichteter Leinwand ffnete sie und sagte: Das ist deine Aussteuer; es fehlt
nichts als die Schuhe. Mich freut's besonders, da du dir deine Dienstschuhe so
aufgespart hast. Ich habe da meinen besondern Aberglauben.
    Wenn Amrei sie ber Alles fragte wie es bisher im Hause gehalten worden,
nickte sie und schluckte dabei vor Behagen, sie drckte aber ihre Freude als
solche nicht aus, sondern nur in dem ganzen anheimelnden Ton, mit dem die
gewhnlichsten Dinge gesprochen wurden, lag die Freude selbst als innewohnender
Herzschlag. Und als sie nun begann Barfele Einzelnes im Hauswesen zu
bergeben, sagte sie: Kind, ich will dir was sagen: wenn dir was im Hauswesen
nicht gefllt, an der Ordnung wie's bis jetzt gewesen ist, mach's nur ohne Scheu
anders wie dir's ansteht; ich gehre nicht zu denen, die meinen, wie sie's
eingerichtet haben, so msse es ewig bleiben und da liee sich gar nichts daran
ndern. Du hast freie Hand und es wird mich freuen, wenn ich frischen Vorspann
sehe. Aber wenn du mir folgen willst, ich rath' dir's zu Gutem, thu's nach und
nach.
    Das war eine wohlthuende Empfindung, in der sich geistig und krperlich
jugendfrische und allbewhrte Kraft die Hand reichten, indem Amrei von Grund des
Herzens erklrte, da sie Alles wohlbestellt finde und da sie hochbeglckt und
beseligt sein werde, wenn sie einst als alterlebte Mutter das Hauswesen in einem
solchen Zustande wie jetzt zeigen knne.
    Du denkst weit hinaus, sagte die Alte. Aber das ist gut, wer weit vor
denkt, denkt auch weit zurck und du wirst mich nicht vergessen, wenn ich einmal
nicht mehr bin. -
    Es waren Boten ausgegangen, um den Shnen und dem Schwiegersohne des Hauses
das Familienereigni anzukndigen und sie auf nchsten Sonntag nach Zusmarshofen
zu entbieten und seitdem trppelte der Alte immer noch mehr um Amrei herum, er
schien Etwas auf dem Herzen zu haben und es wurde ihm schwer, es
herauszubringen.
    Man sagt von vergrabenen Schtzen, da ein schwarzes Unthier darauf hockt
und in den heiligen Nchten erscheint auf der Oberflche, wo solch ein Schatz
begraben ist, ein blaues Flmmchen und ein Sonntagskind kann es sehen, und wenn
es sich dabei ruhig und unerschtterlich verhlt, kann es den Schatz heben. Man
htte es nicht glauben sollen, da in dem alten Landfriedbauer auch solch ein
Schatz vergraben wre und darauf hockte der schwarze Trotz und die
Menschenverachtung, und Amrei sah das blaue Flmmchen darber schweben und sie
wute sich so zu verhalten, da sie den Schatz erlste. Es lie sich nicht
sagen, wie sie's dem Alten angethan, da er das sichtliche Bestreben hatte: vor
ihr als besonders gut und treumeinend zu erscheinen; schon da er sich um ein
armes Mdchen so viel Mhe gab, das war ja fast ein Wunder. Und nur das war
Amrei klar: er wollte es seiner Frau nicht gnnen, da sie allein als die
Gerechte und Liebreiche erschien und er als der Bissige und Wilde, vor dem man
sich frchten msse; und eben das, da Amrei bevor sie ihn erkannt, ihm gesagt
hatte: sie glaube, es sei ihm nicht der Mhe werth, vor den Menschen gut zu
erscheinen - eben das machte ihm das Herz auf. Er wute, so oft er sie allein
traf, jetzt so viel zu reden, es war als htte er alle seine Gedanken in einem
Spartopf gehabt, den er nun aufmachte: und da waren gar wunderliche alte
abgeschtzte Mnzen, groe Denkmnzen, die gar nicht im Umlauf sind, die nur bei
denkwrdigen Gelegenheiten geprgt wurden, auch unvergriffene und zwar ganz von
Silber, ohne Kupferzuthat. Er konnte seine Sache nicht so gut vorbringen wie
damals die Mutter zu Johannes. Seine Sprache war steif in allen Gelenken, aber
er wute doch Alles zu treffen und er benahm sich fast, als ob er der Annehmer
Amrei's gegen die Mutter sein msse und es war nicht uneben als er ihr sagte:
Schau, die Buerin ist die gut Stund' selber, aber die gut Stund' ist noch
nicht gut Tag, gute Woch' und gut Jahr. Es ist halt ein Weibsbild, bei denen ist
immer Aprilwetter und ein Weibsbild ist nur ein halber Mensch, darauf besteh'
ich, und da bringt mich Keines davon.
    Ihr redet uns schnes Lob nach, sagte Amrei.
    Ja, es ist wahr, sagte der Alte, ich red' ja zu Dir, aber wie gesagt: die
Buerin ist seelengut, nur zu viel, und da verdriet sie's gleich, wenn man
nicht macht, was sie will, weil sie's doch so gut meint, und sie glaubt, man
wisse nicht wie gut sie sei, wenn man ihr nicht folgt. Sie kann sich nicht
denken, da man ihr eben nicht folgt, weil's manchmal ungeschickt ist was sie
will, wenn sie's auch noch so gut meint. Und das merk' dir besonders: thu' ihr
nichts nach grad so wie sie's macht, mach's auf deine eigene Art wie's recht
ist, das hat sie viel lieber. Sie hat's gar nicht gern, wenn's den Schein hat
als ob man ihr unterthnig sei, aber das wirst du Alles schon merken. Und wenn
dir was vorkommt, um Gotteswillen, mach' deinen Mann nicht wirbelsinnig; es
giebt nichts Aergeres, als wenn der Mann dasteht zwischen der Mutter und der
Shnerin und die Mutter sagt: ich gelte nichts mehr vor der Shnerin, ja die
Kinder werden Einem untreu - und die Shnerin sagt: jetzt seh' ich wer du bist,
du lt deine Frau unterdrcken. Ich rathe dir, wenn dir einmal so etwas
vorkommt, was du nicht allein klein kriegen kannst, sag's mir im Stillen; ich
will dir schon helfen; aber mach' deinen Mann nicht wirbelsinnig, er ist
ohnedies ein bischen stark verkindelt von seiner Mutter, aber er wird jetzt
schon herber werden, fahre du nur langsam und la dich's immer dnken: ich wre
von deiner Familie und bin dein natrlicher Annehmer und es ist auch so: von
deiner Mutter Seite her bin ich weitlufig etwas verwandt mit dir.
    Und nun suchte er eine seltsam gegliederte Verwandtschaft
auseinanderzuhaspeln, aber er fand den rechten Faden nicht und verwirrte die
Gliederung immer mehr wie einen Strang Garn, und dann schlo er immer zuletzt
mit den Worten: Du kannst mir's auf's Wort glauben, da wir verwandt sind; ja
wir sind verwandt, aber ich kann's nur nicht so aufzhlen.
    Es war nun doch noch vor seinem Ende die Zeit gekommen, da er nicht mehr
blos die falschen Groschen aus seinem Besitzthum herschenkte; es that ihm wohl,
nun endlich das wirklich Geltende und Werthvolle anzugreifen.
    Eines Abends rief er Amrei zu sich hinter das Haus und sagte zu ihr: Schau,
Mdle, du bist brav und gescheit, aber du kannst doch nicht wissen, wie ein Mann
ist. Mein Johannes hat ein gutes Herz, aber es kann ihn doch einmal wurmen, da
du so gar nichts gehabt hast. Da, komm her, da nimm das, sag' aber keiner
Menschenseele was davon, von wem es ist. Sag', du habest es mit Flei verborgen.
Da nimm! Und er reichte ihr einen vollgestopften Strumpf voll Kronenthaler und
setzte noch hinzu: Man htte das erst nach meinem Tod finden sollen, aber es
ist besser, er kriegt es jetzt und meint, es wre von dir. Eure ganze Geschichte
ist ja gegen alle gewhnliche Art, da auch das noch dabei sein kann, da du
einen geheimen Schatz gehabt hast. Vergi aber nicht, es sind auch zwei und
dreiig Federnthaler dabei, die gelten einen Groschen mehr als gewhnliche
Thaler. Heb's nur gut auf, thu's in den Schrank, wo die Leinwand drin ist, und
trag' den Schlssel immer bei dir. Und am Sonntag, wenn die Sippschaft bei
einander ist, schttest du's auf den Tisch aus.
    Ich thue das nicht gern, ich mein' das sollte der Johannes thun, wenn's
berhaupt nthig ist.
    Es ist nthig, aber mag's meinetwegen der Johannes thun; aber still,
versteck's schnell, da, thu's in deine Schrze, ich hr' den Johannes, ich
glaub', er ist eiferschtig.
    Die Beiden trennten sich rasch.
    Noch am selben Abend nahm die Mutter Amrei mit auf den Speicher und holte
einen ziemlich schweren Sack aus einer Truhe; das Band daran war auf's
Abenteuerlichste verknpft und sie sagte zu Amrei: Mach' mir das Band auf.
    Amrei versuchte, es ging schwer.
    Wart, ich will eine Scheere nehmen, wir wollen's aufschneiden.
    Nein, sagte Amrei, das thu' ich nicht gern; habt nur ein bischen Geduld,
Schwieger, werdet schon sehen, ich bring's auf.
    Die Mutter lchelte, whrend Amrei mit vieler Mhe, aber mit kunstgebter
Hand den Knoten doch endlich aufbrachte, und jetzt sagte sie: So, das ist brav,
und jetzt schau einmal hinein was drin ist.
    Amrei sah Silber- und Goldstcke, und die Mutter fuhr fort: Schau Kind, du
hast am Bauer ein Wunder gethan, ich kann's noch nicht verstehen, wie er's
zugegeben hat; aber ganz hast du ihn doch noch nicht bekehrt. Mein Mann redet
immer drauf herum, da es doch gar so arg sei, da du so gar Nichts habest; er
kann's noch nicht verwinden, er meint immer, du mtest im Geheimen ein schnes
Vermgen besitzen und du habest uns nur angefhrt, um uns auf die Probe zu
stellen, ob wir dich allein ohne Alles gern annehmen; er lt sich das nicht
ausreden und da bin ich auf einen Gedanken gefallen. Gott wird uns dies nicht
zur Snde anrechnen. Schau, das hab' ich mir erspart in den sechs und dreiig
Jahren, die wir mit einander hausen, ohne Unterschleif und es ist auch noch
Erbstck von meiner Mutter dabei. Und jetzt nimm du's und sag' nur, es sei dein
Eigenthum. Das wird den Bauer ganz glcklich machen, besonders weil er so
gescheit gewesen ist und das im Voraus geahnt hat. Was guckst du so verwirrt
drein? Glaub' mir, wenn ich dir was sage, kannst du es thun, es ist kein
Unrecht, ich hab' mir's berlegt hin und her; jetzt versteck's und red' mir kein
Wort dagegen, gar kein Wort, sag mir keinen Dank und gar nichts, es ist ja eins,
ob's mein Kind jetzt kriegt oder spter, und es macht meinem Mann noch bei
Lebzeiten eine Freud'. Jetzt fertig, bind's wieder zu.
    Am andern Morgen in der Frhe erzhlte Amrei dem Johannes Alles was die
Eltern ihr gesagt und gegeben hatten, und Johannes jubelte: O Gott im Himmel
verzeih' mir! Von meiner Mutter htt' ich so was glauben knnen, aber von meinem
Vater htte ich mir das nie trumen lassen. Du bist ja eine wahre Hexe, und
schau, es bleibt dabei, da wir Keinem vom Andern etwas sagen, und das ist noch
das Prchtige, da Eins das Andere anfhren will, und Jedes ist wirklich
angefhrt, denn Jedes mu meinen: Du habest das andere Geld noch wirklich im
Geheimen fr dich gehabt. Juchhe! Das ist lustig zum Kehraus. -

    Mitten in aller Freude im Hause herrschte aber doch auch wieder allerlei
Besorgni.

                            20. Im Familiengeleise.


Nicht die Sittlichkeit regiert die Welt, sondern eine verhrtete Form derselben:
die Sitte. Wie die Welt nun einmal geworden ist, verzeiht sie eher eine
Verletzung der Sittlichkeit als eine Verletzung der Sitte. Wohl den Zeiten und
den Vlkern, in denen Sitte und Sittlichkeit noch Eins ist. Aller Kampf, der
sich im Groen wie im Kleinen, im Allgemeinen wie im Einzelnen abspielt, dreht
sich darum, den Widerspruch dieser Beiden wieder aufzuheben und die erstarrte
Form der Sitte wieder fr die innere Sittlichkeit flssig zu machen, das
Geprgte nach seinem innern Werthgehalte neu zu bestimmen.
    Auch hier in dieser kleinen Geschichte von Menschen, die dem groen
Weltgewirr abseits liegen, spiegelt sich das wiederum ab.
    Die Mutter, die innerlich am meisten sich freute mit der glcklichen
Erfllung, war doch wieder voll eigenthmlicher Besorgni wegen der Weltmeinung.
Ihr habt's doch leichtsinnig gemacht, klagte sie zu Amrei, da du so in's
Haus gekommen bist und da man dich nicht abholen kann zur Hochzeit. Das ist
halt nicht schn und ist nicht der Brauch. Wenn ich dich nur noch fortschicken
knnte auf einige Zeit oder auch den Johannes, da Alles mehr Schick bekme.
Und dem Johannes klagte sie: Ich hre schon, was es fr Gerede giebt, wenn du
so schnell heirathest: zweimal aufgeboten und das Drittemal abgekauft. Alles so
kurz angebunden, das thun liederliche Menschen.
    Sie lie sich aber in Beidem wieder beschwichtigen und sie lchelte, als
Johannes sagte: Ihr habt doch sonst Alles so gut durchstudirt wie ein Pfarrer;
jetzt Mutter, warum sollen denn ehrliche Leute eine Sache lassen, weil sich
unehrliche dahinter verstecken? Kann man mir was Bses nachreden!
    Nein, du bist dein Leben lang brav gewesen.
    Gut. Drum soll man jetzt auch in Etwas an mich glauben, und glauben, da
das auch brav sei, was nicht im ersten Augenma so aussehen mag; ich kann das
verlangen. Und wie ich und meine Amrei zusammengekommen sind, das ist einmal so
aus der Ordnung, das hat seinen besonderen Weg von der Landstrae ab. Und es ist
kein schlechter Weg. Das ist ja wie ein Wunder, wenn man Alles recht bedenkt,
und was geht uns das an, wenn die Leute heut' kein Wunder mehr wollen, und da
allerlei Unsauberkeit finden mchten? Man mu Courage haben und nicht in Allem
nach der Welt fragen. Der Pfarrer von Hirlingen hat einmal gesagt: wenn heutigen
Tages ein Prophet aufstnde, mte er vorher sein Staatsexamen machen, ob's auch
in der alten Ordnung ist, was er will. Jetzt, Mutter, wenn man bei sich wei,
da Etwas recht ist, da geht man grad durch und stt hben und drben weg, was
Einem im Weg ist. La sie nur eine Weile verwundert dreinglotzen, sie werden
sich mit der Zeit schon anders besinnen.
    Die Mutter mochte fhlen, da ein Wunder wohl als glckliche pltzliche
Erscheinung gelten knne, da aber auch das Ungewhnlichste sich allmlig doch
wieder einfgen msse in die Gesetze des Herkommens und des gewohnten stetigen
Ganges, da die Hochzeit wohl wie ein Wunder erscheinen knne, die Ehe aber
nicht, die eine geregelte Fortsetzung in sich schliet. Sie sagte daher: Mit
all' den Leuten, die du jetzt gering ansiehst und stolz, weil du weit, du thust
das Rechte, mit denen mut du noch wieder leben und verlangst, da sie dich
nicht scheel ansehen, und dir deine Ehre lassen; und dafr, da die Menschen das
thun, mut du ihnen das Gehrige auch geben und lassen; du kannst sie nicht
zwingen, da sie an dir eine Ausnahme sehen sollen, und du kannst nicht Jedem
nachlaufen und ihm sagen: wenn du wtest, wie's gekommen ist, du wrdest mir
rechtschaffen Recht geben. Johannes aber erwiderte:
    Ihr werdet es erfahren, da Niemand gegen meine Amrei was haben kann, der
sie nur eine Stunde gesehen hat. Und er hatte ein gutes Mittel, die Mutter
nicht nur zu beschwichtigen, sondern auch innerlichst zu erquicken, indem er ihr
berichtete, wie alles Das, was sie als Mahnung und Erwartung ausgesprochen habe,
wie angefremt (bestellt) eingetroffen sei, und sie mute lachen, als er
schlo: Ihr habt den Leisten im Kopf gehabt, nach dem die Schuhe da oben
gemacht sind; und die drin herumlaufen soll, pat wie gegossen darauf.
    Die Mutter lie sich beruhigen, und am Samstag Morgen vor dem Familienrath
kam Dann, er mute aber sogleich wieder zurck nach Haldenbrunn, um dort bei
Schulthei und Amt alle nthigen Papiere zu besorgen.
    Der erste Sonntag war ein schwerer Tag auf dem Hofe des Landfriedbauern. Die
Alten hatten Amrei angenommen, aber wie wird es mit der Familie werden? Es ist
nicht leicht in solch eine schwere Familie zu kommen, wenn man nicht mit Ro und
Wagen hineinfhrt und allerlei Hausrath und Geld und eine breite Verwandtschaft
Bahn macht.
    Das war ein Fahren am nchsten Sonntag vom Oberland und Unterland her zum
Landfriedbauern. Es kamen angefahren die Schwger und Schwgerinnen mit ihrer
Sippe. Der Johannes hat sich eine Frau geholt und hat sie gleich mitgebracht,
ohne da Eltern, ohne da Pfarrer, ohne da Obrigkeit ein Wort dazu gesagt. Das
mu eine Schne sein, die er hinter dem Zaun gefunden. So hie es allerwrts.
Die Pferde an den Wagen sprten, was beim Landfriedbauern geschehen war, sie
bekamen manchen Hieb, und wenn sie ausschlugen, ging es ihnen noch rger, und
wer da fuhr, hieb drauf los, bis ihm der Arm mde wurde, und dann gab's noch
manchen Zank mit der Frau, die daneben sa und ber solch ungebhrliches,
waghalsiges Dreinfahren schimpfte und weinte. - Eine kleine Wagenburg stand im
Hofe des Landfriedbauern und drin in der Stube war die ganze schwere Familie
versammelt. Mit hohen Wasserstiefeln, mit ngelbeschlagenen Schnrschuhen, mit
dreieckigen Hten, wo bei dem Einen die Spitze, bei dem Andern die Breite nach
vorn sa, war man beisammen. Die Frauen pisperten unter einander und winkten
dann ihren Mnnern oder sagten ihnen leise: sie sollten nur sie machen lassen,
sie wollten den fremden Vogel schon hinausbeien, und es war ein bitterbses
Lachen, das entstand, als man bald da, bald dort hrte, da Amrei die Gnse
gehtet habe.
    Endlich kam Amrei, aber sie konnte Niemand die Hand reichen. Sie trug eine
groe Glasflasche voll Rothwein unterm Arm und so viel Glser und zwei Teller
mit Backwerk, da es schien, sie habe ganz allein sieben Hnde, jedes
Fingergelenk war eine Hand, und sie stellte Alles so ruhig und geruschlos auf
den Tisch, auf dem die Schwiegermutter ein weies Tuch ausgebreitet hatte, da
Alle sie staunend betrachteten. Sie schenkte ruhig alle Glser voll, sie
zitterte nicht dabei, und jetzt sagte sie: Die Eltern haben mir das Recht
gegeben. Euch von Herzen willkommen zu heien. Jetzt trinket.
    Wir sind's nicht gewohnt des Morgens! sagte ein schwerer Mann mit
ungewhnlich groer Nase und fltzte sich auf seinem Stuhle weit aus. Es war
Jrg, der lteste Bruder des Johannes.
    Wir trinken nur Gnsewein! sagte eine der Frauen und ein nicht sehr
verhaltenes Lachen entstand.
    Amrei fhlte den Stich wohl, aber sie hielt an sich und die Schwester des
Johannes war die Erste, die ihr Bescheid that und das Glas ergriff. Sie stie
zuerst mit Johannes an: Gesegne dir's Gott! Nur halb stie sie mit Amrei an,
die auch ihr Glas hinhielt. Nun hielten es die andern Frauen fr unhflich, ja
sogar fr sndhaft - denn es gilt beim ersten Trunk - dem sogenannten
Johannestrunke, fr sndhaft, nicht Bescheid zu thun - nicht auch zuzugreifen
und auch die Mnner lieen sich dazu bewegen, und man hrte eine Zeitlang Glser
klingen und wieder absetzen.
    Der Vater hat Recht, sagte endlich die alte Landfriedbuerin zu ihrer
Tochter, die Amrei sieht doch aus, wie wenn sie deine Schwester wr', aber
eigentlich noch mehr sieht sie der verstorbenen Lisbeth hnlich.
    Ja es ist Keines verkrzt. Wenn ja die Lisbeth am Leben geblieben wr',
wr' das Vermgen ja auch um einen Theil geringer, sagte der Vater und die
Mutter setzte hinzu:
    Jetzt haben wir sie aber wieder.
    Der Alte traf den Punkt, der Alle wurmte, obgleich sie sich Alle einredeten,
da sie gegen Amrei nur eingenommen seien, weil sie so familienlos
dahergekommen. Und whrend Amrei mit der Schwester des Johannes sprach, sagte
der Alte leise zu seinem ltesten Sohne:
    Der sieht man nicht an, was hinter ihr steckt. Denk' nur, sie hat im
Geheimen einen gehauften Sack voll Kronenthaler gehabt; aber mut Niemand was
davon sagen. Das ward so unweigerlich befolgt, da binnen wenigen Minuten Alle
in der Stube es wuten, bis auf die Schwester des Johannes, die sich spter viel
zu Gute drauf that, da sie mit Amrei so gewesen sei, obgleich sie geglaubt
hatte, da Amrei keinen Heller besitze.
    Richtig! Johannes war hinausgegangen und jetzt kam er wieder mit einem
Sacke, auf dem der Name: Josenhans von Haldenbrunn geschrieben war, und er
leerte den reichen Inhalt desselben klirrend und rasselnd auf den Tisch und
Alles staunte, am meisten aber der Vater und die Mutter.
    So hatte Amrei also wirklich einen geheimen Schatz gehabt! Denn das war ja
viel mehr als Jedes ihr gegeben!
    Amrei wagte es nicht aufzuschauen und Jedes lobte sie ber ihre beispiellose
Bescheidenheit. Nun gelang es Amrei, Alle nach und nach fr sich zu gewinnen und
als die schwere Familie am Abend Abschied nahm, sagte ihr Jedes im Geheimen:
Schau, ich bin's nicht gewesen, der gegen dich war, weil du Nichts hast, Der
und Der und Die und Die haben dir's immer vorgehalten. Ich sag' jetzt wie ich
frher gedacht und auch gesagt habe: wenn du auch nichts gehabt httest als was
du auf dem Leib trgst, du bist wie gedrechselt fr unsere Familie und eine
bessere Frau fr den Johannes und eine bessere Shnerin fr die Eltern htt' ich
mir nicht wnschen mgen.
    Das war freilich jetzt leicht, weil sie Alle glaubten, da Amrei ein
namhaftes baares Vermgen beibrachte. -
    Im Allgu redete man noch Jahrelang von der wunderbaren Art wie der junge
Landfriedbauer sich seine Frau geholt und wie er und seine Frau an ihrer eigenen
Hochzeit so schn mit einander getanzt hatten, und besonders einen Walzer, den
sie Silbertrab nannten, und sie hatten sich dazu vom Unterland her die Musik
kommen lassen.
    Und Dami? Er ist einer der ruhmvollsten Hirten im Allgu und hat einen hohen
Namen, denn er heit hier zu Lande der Geierdami, denn Dami hat schon zwei
gefhrliche Geierhorste ausgehoben zur Rache dafr, weil ihm zweimal
nacheinander frischgeworfene Lmmer davon getragen wurden. Wenn es noch
Ritterschlag gbe, er hiee: Damian von Geierhorst; aber der Mannesstamm derer
Josenhansen von Geierhorst stirbt mit ihm aus, denn er bleibt ledig, ist aber
ein guter Ohm, besser als der in Amerika. Wenn das Vieh gesommert hat, wei er
zur Winterszeit den Kindern seiner Schwester viel zu erzhlen vom Leben in
Amerika, vom Kohlenmathes im Moosbrunnenwald und von Hirtenfahrten im
Allgugebirge; da wei er besonders viel kluge Streiche von seiner sogenannten
Heerkuh, die die tiefklingende Vorschelle trgt. Und Dami sagte einst seiner
Schwester: Buerin, denn so nennt er sie stets, Buerin, dein ltester Bub
artet dir nach, der hat auch so Worte wie du. Denk' nur, sagt mir der Bursche
heute: gelt Ohm, deine Heerkuh ist deine Herzkuh? Ja, der ist ganz nach deinem
Model.
    Der Landfriedbauer Johannes wollte sein erstes Tchterchen gern Barfele
taufen lassen, aber es ist nicht mehr gestattet, da man neue Namen aus
Lebensereignissen bilde; der Name Barfele wurde nicht angenommen im
Kirchenregister und Johannes lie das Kind Barbara nennen, nderte das aber
aus eigener Machtvollkommenheit in Barfele.
