
                          Scheffel, Joseph Viktor von

                                    Ekkehard

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                           Joseph Viktor von Scheffel

                                    Ekkehard

                                    Vorwort.

Dies Buch ward verfat in dem guten Glauben, da es weder der
Geschichtschreibung noch der Poesie etwas schaden kann, wenn sie innige
Freundschaft miteinander schlieen und sich zu gemeinsamer Arbeit vereinen.
    Seit Jahrzehnten ist die Hinterlassenschaft unserer Vorfahren Gegenstand
allseitiger Forschung; ein Schwarm frhlicher Maulwrfe hat den Boden des
Mittelalters nach allen Richtungen durchwhlt und in fleiiger Bergmanns arbeit
eine solche Masse alten Stoffes zutage gefrdert, da die Sammelnden oft selbst
davor erstaunten: eine ganze, schne, in sich abgeschlossene Literatur, eine
Flle von Denkmalen bildender Kunst, ein organisch in sich aufgebautes
politisches und soziales Leben liegt ausgebreitet vor unsern Augen. Und doch ist
es all der guten auf diese Bestrebungen gerichteten Kraft kaum gelungen, die
Freude am geschichtlichen Verstndnis auch in weitere Kreise zu tragen; die
zahllosen Bnde stehen ruhig auf den Brettern unserer Bibliotheken, da und dort
hat sich schon wieder gedeihliches Spinnweb angesetzt, und der Staub, der
mitleidlos alles bedeckende, ist auch nicht ausgeblieben, so da der Gedanke
nicht zu den undenkbaren gehrt, die ganze altdeutsche Herrlichkeit, kaum erst
ans Tageslicht zurckbeschworen, mchte eines Morgens, wenn der Hahn krht,
wieder versunken sein in Schutt und Moder der Vergessenheit, gleich jenem
gespenstigen Kloster am See, von dem nur ein leise klingendes Glcklein tief
unter den Wellen dunkle Kunde gibt.
    Es ist hier nicht der Ort zu untersuchen, inwiefern der Grund dieser
Erscheinung dem Treiben und der Methode unserer Gelehrsamkeit beizumessen.
    Das Sammeln altertmlichen Stoffes kann wie das Sammeln von Goldkrnern zu
einer Leidenschaft werden, die zusammentrgt und zusammenscharrt, eben um
zusammen zu scharren, und ganz vergit, da das gewonnene Metall auch gereinigt,
umgeschmolzen und verwertet werden soll. Denn was wird sonst erreicht?
    Ein ewiges Befangenbleiben im Rohmaterial, eine Gleichwertschtzung des
Unbedeutenden wie des Bedeutenden, eine Scheu vor irgendeinem fertigen
Abschlieen, weil ja da oder dort noch ein Fetzen beigebracht werden knnte, der
neuen Aufschlu gibt, und im ganzen - eine Literatur von Gelehrten fr Gelehrte,
an der die Mehrzahl der Nation teilnahmslos vorbergeht und mit einem Blick zum
blauen Himmel ihrem Schpfer dankt, da sie nichts davon zu lesen braucht.
    Der Schreiber dieses Buches ist in sonnigen Jugendtagen einstmals mit
etlichen Freunden durch die rmische Campagna gestrichen. Da stieen sie auf
Reste eines alten Grabmals, und unter Schutt und Trmmern lag auch, von
graugrnem Akanthus berrankt, ein Haufe auseinandergerissener Mosaiksteine, die
ehedem in stattlichem Bild und Ornamentenwerk des Grabes Fuboden geschmckt. Es
erhub sich ein lebhaftes Gesprch darber, was all die zerstreuten gewrfelten
Steinchen in ihrem Zusammenhang dargestellt haben mochten. Einer, der ein
Archolog war, hob die einzelnen Stcke gegen's Licht und prfte, ob weier, ob
schwarzer Marmor; ein anderer, der sich mit Geschichtforschung plagte, sprach
gelehrt ber Grabdenkmale der Alten, - derweil war ein dritter schweigsam auf
dem Backsteingemuer gesessen, der zog sein Skizzenbuch und zeichnete ein
stolzes Viergespann mit schnaubenden Rossen und Wettkmpfern und viele schne
jonische Ornamentik darum; er hatte in der einen Ecke des Fubodens einen
unscheinbaren Rest des alten Bildes erschaut: Pferdefe und eines Wagenrades
Fragmente, da stand das Ganze klar vor seiner Seele, und er warf's mit kecken
Strichen hin, derweil die andern in Worten kramten ...
    Bei jener Gelegenheit war einiger Aufschlu zu gewinnen ber die Frage, wie
mit Erfolg an der geschichtlichen Wiederbelebung der Vergangenheit zu arbeiten
sei.
    Gewilich nur dann, wenn einer schpferisch wiederherstellenden Phantasie
ihre Rechte nicht verkmmert werden, wenn der, der die alten Gebeine ausgrbt,
sie zugleich auch mit dem Atemzug einer lebendigen Seele anhaucht, auf da sie
sich erheben und krftigen Schrittes als auferweckte Tote einherwandeln.
    In diesem Sinn nun kann der historische Roman das sein, was in blhender
Jugendzeit der Vlker die epische Dichtung, ein Stck nationaler Geschichte in
der Auffassung des Knstlers, der im gegebenen Raume eine Reihe Gestalten scharf
gezeichnet und farbenhell vorberfhrt, also da im Leben und Ringen und Leiden
der einzelnen zugleich der Inhalt des Zeitraumes sich wie zum Spiegelbild
zusammenfat.
    Auf der Grundlage historischer Studien das Schne und Darstellbare einer
Epoche umspannend, darf der Roman auch wohl verlangen, als ebenbrtiger Bruder
der Geschichte anerkannt zu werden, und wer ihn achselzuckend als das Werk
willkrlicher und flschender Laune zurckweisen wollte, der mag sich dabei
getrsten, da die Geschichte, wie sie bei uns geschrieben zu werden pflegt,
eben auch nur eine herkmmliche Zusammenschmiedung von Wahrem und Falschem ist,
der nur zu viel Schwerflligkeit anklebt, als da sie es, wie die Dichtung,
wagen darf, ihre Lcken spielend auszufllen.
    Wenn nicht alle Zeichen trgen, so ist unsere Zeit in einem eigentmlichen
Luterungsproze begriffen.
    In allen Gebieten schlgt die Erkenntnis durch, wie unsglich unser Denken
und Empfinden unter der Herrschaft der Abstraktion und der Phrase geschdigt
worden; da und dort Rstung zur Umkehr aus dem Abgezogenen, Blassen,
Begrifflichen zum Konkreten, Farbigen, Sinnlichen, statt miger
Selbstbeschauung des Geistes Beziehung auf Leben und Gegenwart, statt Formeln
und Schablonen naturgeschichtliche Analyse, statt der Kritik schpferische
Produktion, und unsere Enkel erleben vielleicht noch die Stunde, wo man von
manchem Kolo seitheriger Wissenschaft mit der gleichen lchelnden Ehrfurcht
spricht, wie von den Resten eines vorsndflutlichen Riesengetiers, und wo man
ohne Gefahr, als Barbar verschrien zu werden, behaupten darf, in einem Steinkrug
alten Weines ruhe nicht weniger Vernunft als in mancher umfangreichen Leistung
formaler Weisheit.
    Zur Herstellung frhlicher, unbefangener, von Poesie verklrter Anschauung
der Dinge mchte nun auch die vorliegende Arbeit einen Beitrag geben, und zwar
aus dem Gebiet unserer deutschen Vergangenheit.
    Unter dem unzhligen Wertvollen, was die groen Folianten der von Pertz
herausgegebenen Monumenta Germaniae bergen, glnzen gleich einer Perlenschnur
die sanktgallischen Klostergeschichten, die der Mnch Ratpert begonnen und
Ekkehard der Jngere (oder, zur Unterscheidung von drei gleichnamigen
Mitgliedern des Klosters, der Vierte benannt) bis ans Ende des zehnten
Jahrhunderts fortgefhrt hat. Wer sich durch die unerquicklichen und vielfltig
drren Jahrbcher anderer Klster mhsam durchgearbeitet hat, mag mit Behagen
und innerem Wohlgefallen an jenen Aufzeichnungen verweilen. Da ist trotz
mannigfacher Befangenheit und Unbehilflichkeit eine Flle anmutiger, aus der
berlieferung lterer Zeitgenossen und den Berichten von Augenzeugen geschpfter
Erzhlungen, Personen und Zustnde mit groben, aber deutlichen Strichen
gezeichnet, viel unbewute Poesie, treuherzige brave Welt- und Lebensansicht,
naive Frische, die dem Niedergeschriebenen berall das Geprge der Echtheit
verleiht, selbst dann, wenn Personen und Zeitrume etwas leichtsinnig
durcheinandergewrfelt worden und ein handgreiflicher Anachronismus dem Erzhler
gar keinen Schmerz verursacht.
    Ohne es aber zu beabsichtigen, fhren jene Schilderungen zugleich ber die
Schranken der Klostermauern hinaus und entrollen das Leben und Treiben, Bildung
und Sitte des damaligen alemannischen Landes mit der Treue eines nach der Natur
gemalten Bildes.
    Es war damals eine vergngliche und einen jeden, der ringende, unvollendete,
aber gesunde Kraft geleckter Fertigkeit vorzieht, anmutende Zeit im
sdwestlichen Deutschland. Anfnge von Kirche und Staat bei namhafter, aber
gemtreicher Roheit der brgerlichen Gesellschaft, - der aller sptern
Entwickelung so gefhrliche Geist des Feudalwesens noch harmlos im ersten
Entfalten, kein geschraubtes, bermtiges und geistig schwchliches Rittertum,
keine ppige unwissende Geistlichkeit, wohl aber ehrliche grobe Gesellen, deren
sozialer Verkehr zwar oftmals in einem sehr ausgedehnten System von Verbal- und
Realinjurien bestand, die aber in rauher Hlle einen tchtigen, fr alles Edle
empfnglichen Kern bargen, - Gelehrte, die morgens den Aristoteles verdeutschen
und abends zur Erholung auf die Wolfsjagd ziehen, vornehme Frauen, die fr das
Studium der Klassiker begeistert sind, Bauern, in deren Erinnerung das Heidentum
ihrer Vorvter ungetilgt neben dem neuen Glauben fortlebt, - berall naive,
starke Zustnde, denen man ohne rationalistischen Ingrimm selbst ihren Glauben
an Teufel und Dmonenspuk zugute halten darf. Dabei zwar politische Zerklftung
und Gleichgiltigkeit gegen das Reich, dessen Schwerpunkt sich nach Sachsen
bertragen hatte, aber tapferer Mannesmut im Unglck, der selbst die Mnche in
den Klosterzellen sthlt, das Psalterbuch mit dem Schwert zu vertauschen und
gegen die ungarische Verwstung zu Feld zu rcken, - trotz reichlicher
Gelegenheit zur Verwilderung eine dem Studium der Alten mit Begeisterung
zugewandte Wissenschaft, die in den zahlreich besuchten Klosterschulen eifrige
Jnger fand und in ihren humanen Strebungen an die besten Zeiten des sechzehnten
Jahrhunderts erinnert, leises Emporblhen der bildenden Knste, vereinzeltes
Aufblitzen bedeutender Geister, vom Wust der Gelehrsamkeit unerstickte Freude an
der Dichtung, frhliche Pflege nationaler Stoffe, wenn auch meist in
fremdlndischem Gewand.
    Kein Wunder, da es dem Verfasser dieses Buches, als er bei Gelegenheit
anderer Studien ber die Anfnge des Mittelalters mit dieser Epoche vertraut
wurde, erging wie einem Manne, der nach langer Wanderung durch unwirtsames Land
auf eine Herberge stt, die, wohnsam und gut bestellt in Kche und Keller, mit
liebreizender Aussicht vor den Fenstern, alles bietet, was sein Herz begehrt.
    Er begann, sich huslich drin einzurichten und durch mannigfaltige Ausflge
in verwandtes Gebiet sich mglichst vollstndig in Land und Leute einzuleben.
    Den Poeten aber ereilt ein eigenes Schicksal, wenn er sich mit der
Vergangenheit genau bekannt macht.
    Wo andere, denen die Natur gelehrtes Scheidewasser in die Adern gemischt,
viel allgemeine Stze und lehrreiche Betrachtungen als Preis der Arbeit
heraustzen, wachsen ihm Gestalten empor, erst von wallendem Nebel umflossen,
dann klar und durchsichtig, und sie schauen ihn ringend an und umtanzen ihn in
mitternchtigen Stunden und sprechen: Verdicht' uns!
    So kam es auch hier. Aus den naiven lateinischen Zeilen jener
Klostergeschichten hob und baute es sich empor wie Turm und Mauern des
Gotteshauses Sankt Gallen, viele altersgraue ehrwrdige Hupter wandelten in den
Kreuzgngen auf und ab, hinter den alten Handschriften saen die, die sie einst
geschrieben, die Klosterschler tummelten sich im Hofe, Horasang ertnte aus dem
Chor und des Wchters Hornruf vom Turme. Vor allen anderen aber trat leuchtend
hervor jene hohe gestrenge Frau, die sich den jugendschnen Lehrer aus des
heiligen Gallus Klosterfrieden entfhrte, um auf ihrem Klingsteinfelsen am
Bodensee klassischen Dichtern eine Sttte sinniger Pflege zu bereiten; die
schlichte Erzhlung der Klosterchronik von jenem dem Virgil gewidmeten Stilleben
ist selbst wieder ein Stck Poesie, so schn und echt, als sie irgend unter
Menschen zu finden.
    Wer aber von solchen Erscheinungen heimgesucht wird, dem bleibt nichts
brig, als sie zu beschwren und zu bannen. Und in den alten Geschichten hatte
ich nicht umsonst gelesen, auf welche Art Notker, der Stammler, einst hnlichen
Visionen zu Leibe ging: er ergriff einen knorrigen Haselstock und hieb tapfer
auf die Dmonen ein, bis sie ihm die schnsten Lieder offenbartenA1.
    Darum griff auch ich zu meinem Handgewaffen, der Stahlfeder, und sagte eines
Morgens den Folianten, den Quellen der Gestaltenseherei, Valet und zog hinaus
auf den Boden, den einst die Herzogin Hadwig und ihre Zeitgenossen beschritten;
und sa in der ehrwrdigen Bcherei des heiligen Gallus und fuhr in schaukelndem
Kahn ber den Bodensee und nistete mich bei der alten Linde am Abhang des
Hohentwiel ein, wo jetzt ein trefflicher schwbischer Schulthei die Trmmer der
alten Feste behtetA2, und stieg schlielich auch zu den luftigen Alpenhhen des
Sntis, wo das Wildkirchlein keck wie ein Adlerhorst herunterschaut auf die
grnen Appenzeller Tler. Dort in den Revieren des Schwbischen Meeres, die
Seele erfllt von dem Walten erloschener Geschlechter, das Herz erquickt von
warmem Sonnenschein und wrziger Bergluft, hab' ich diese Erzhlung entworfen
und zum grten Teil niedergeschrieben.
    Da nicht viel darin gesagt ist, was sich nicht auf gewissenhafte
kulturgeschichtliche Studien sttzt, darf wohl behauptet werden, wenn auch
Personen und Jahrzahlen, vielleicht Jahrzehnte mitunter ein weniges ineinander
verschoben wurden. Der Dichter darf sich, der inneren konomie seines Werkes
zulieb', manches erlauben, was dem strengen Historiker als Snde anzurechnen
wre. Sagt doch selbst der unbertroffene Geschichtschreiber Macaulay: Gern will
ich den Vorwurf tragen, die wrdige Hhe der Geschichte nicht eingehalten zu
haben, wenn es mir nur gelingt, den Englndern des neunzehnten Jahrhunderts ein
treues Gemlde des Lebens ihrer Vorfahren vorzufhren.
    Dem Wunsche sachverstndiger Freunde entsprechend, sind in Anmerkungen
einige Zeugnisse und Nachweise der Quellen angefhrt, zur Beruhigung derer, die
sonst nur Fabel und mige Erfindung in dem Dargestellten zu wittern geneigt
sein knnten. Wer aber auch ohne solche Nachweise Vertrauen auf eine gewisse
Echtheit des Inhalts setzt, der wird ersucht, sich in die Noten nicht weiter zu
vertiefen, sie sind Nebensache und wren berflssig, wenn das Ganze nicht als
Roman in die Welt ginge, der die Vermutung leichtsinnigen Spiels mit den
Tatsachen wider sich zu haben pflegt.
    Den Vorwrfen der Kritik wird mit Gemtsruhe entgegengesehen. Eine
Geschichte aus dem zehnten Jahrhundert? werden sie rufen, wer reitet so spt
durch Nacht und Wind? Und steht's nicht im neuesten Handbuch der
Nationalliteratur im Kapitel vom vaterlndischen RomanA3 gedruckt zu lesen:
Fragen wir, welche Zeiten vorzugsweise geeignet sein drften in der deutschen
Geschichte das Lokale mit dem Nationalinteresse zu vershnen, so werden wir wohl
zunchst das eigentliche Mittelalter ausschlieen mssen. Selbst die
Hohenstaufenzeit lt sich nur noch lyrisch anwenden, ihre Zeichnung fllt immer
dsseldorfisch aus.
    Auf all die Einwnde und Bedenken derer, die ein scharfes Benagen harmlosem
Genieen vorziehen, und den deutschen Geist mit vollen Segeln in ein
alexandrinisches oder byzantinisches Zeitalter hineinzurudern sich abmhen, hat
bereits eine literarische Dame des zehnten Jahrhunderts, die ehrwrdige Nonne
Hroswitha von Gandersheim, im frhlichen Selbstgefhl eigenen Schaffens die
richtige Antwort gegeben. Sie sagt in der Vorrede zu ihren anmutigen Komdien:
Si enim alicui placet mea devotio, gaudebo. Si autem pro mei abiectione vel pro
viciosi sermonis rusticitate nulli placet: memet ipsam tamen iuvat quod feci.
Zu deutsch: Wofern nun jemand an meiner bescheidenen Arbeit Wohlgefallen
findet, so wird mir dies sehr angenehm sein; sollte sie aber wegen der
Verleugnung meiner selbst oder der Rauheit eines unvollkommenen Stils niemanden
gefallen, so hab' ich doch selber meine Freude an dem, was ich geschaffen!

    Heidelberg, im Februar 1855.

                                    Funoten


A1 Ekkehardi IV. Casus, S. Galli, cap. 3., bei Pertz, Mon., II, 98.

A2 Vgl. das Gedicht Poetennot, Bd. 1, S. 244 dieser Ausgabe.

A3 Julian Schmidt, Geschichte der deutschen Literatur im 19. Jahrhundert. 1.
Band, S. 424 (Leipzig 1853).


                                Erstes Kapitel.

                         Hadwig, Herzogin von Schwaben.

Es war vor beinahe tausend Jahren. Die Welt wute weder von Schiepulver noch
von Buchdruckerkunst.
    ber dem Hegau lag ein trber, bleischwerer Himmel, doch war von der
Finsternis, die bekanntlich ber dem ganzen Mittelalter lastete, im einzelnen
nichts wahrzunehmen. Vom Bodensee her wogten die Nebel bers Ries und verdeckten
Land und Leute. Auch der Turm vom jungen Gotteshaus Radolfszelle war eingehllt,
aber das Frhglcklein war lustig durch Dunst und Dampf erklungen, wie das Wort
eines verstndigen Mannes durch verfinsternden Nebel der Toren.
    Es ist ein schnes Stck deutscher Erde, was dort zwischen Schwarzwald und
Schwbischem Meer sich auftut. Wer's mit einem falschen Gleichnis nicht allzu
genau nimmt, mag sich der Worte des DichtersA1 erinnern:

    Das Land der Alemannen mit seiner Berge Schnee,
    Mit seinem blauen Auge, dem klaren Bodensee,
    Mit seinen gelben Haaren, dem hrenschmuck der Auen,
    Recht wie ein deutsches Antlitz ist solches Land zu schauen.

- wiewohl die Fortfhrung dieses Bildes Veranlassung werden knnte, die Hegauer
Berge als die Nasen in diesem Antlitz zu preisen.
    Dster ragte die Kuppe des hohen Twiel mit ihren Klingsteinzacken in die
Lfte. Als Denkstein strmischer Vorgeschichte unserer alten Mutter Erde stehen
jene schroffen malerischen Bergkegel in der Niederung, die einst gleich dem
jetzigen Becken des Sees von wogender Flut berstrmt war. Fr Fische und
Wassermven mag's ein denkwrdiger Tag gewesen sein, da es in den Tiefen brauste
und zischte, und die basaltischen Massen glhend durch der Erdrinde Spalten sich
ihren Weg ber die Wasserspiegel bahnten. Aber das ist schon lange her. Es ist
Gras gewachsen ber die Leiden derer, die bei jener Umwlzung mitleidlos
vernichtet wurden; nur die Berge stehen noch immer, ohne Zusammenhang mit ihren
Nachbarn, einsam und trotzig wie alle, die mit feurigem Kern im Herzen die
Schranken des Vorhandenen durchbrechen, und ihr Gestein klingt, als se noch
ein Gedchtnis an die frhliche Jugendzeit drin, da sie zuerst der Pracht der
Schpfung entgegengejubelt.
    Zur Zeit, da unsere Geschichte anhebt, trug der hohe Twiel schon Turm und
Mauern, eine feste Burg. Dort hatte Herr Burkhard gehaust, der Herzog in
Schwaben. Er war ein fester Degen gewesen und hatte manchen Kriegszug getan; die
Feinde des Kaisers waren auch die seinen, und dabei gab es immer Arbeit: wenn's
in Welschland ruhig war, fingen oben die Normnner an, und wenn die geworfen
waren, kam etwann der Ungar geritten, oder es war einmal ein Bischof bermtig
oder ein Grafe widerspenstig, - so war Herr Burkhard zeitlebens mehr im Sattel
als im Lehnstuhl gesessen. Demgem ist erklrlich, da er sich keinen sanften
Leumund geschaffen.
    In Schwaben sprachen sie, er habe die Herrschaft gefhrt, sozusagen als ein
Zwingherr, und im fernen Sachsen schrieben die Mnche in ihre Chroniken, er sei
ein kaum zu ertragender Kriegsmann gewesen1.
    Bevor Herr Burkhard zu seinen Vtern versammelt ward, hatte er sich noch ein
Ehgemahl erlesen. Das war die junge Frau Hadwig, Tochter des Herzogs in Bayern.
Aber in das Abendrot eines Lebens, das zur Neige geht, mag der Morgenstern nicht
freudig scheinen. Das hat seinen natrlichen Grund2. Darum hatte Frau Hadwig den
alten Herzog in Schwaben genommen ihrem Vater zu Gefallen, hatte ihn auch gehegt
und gepflegt, wie es einem grauen Haupt zukam, aber wie der Alte zu sterben
ging, hat ihr der Kummer das Herz nicht gebrochen.
    Da begrub sie ihn in der Gruft seiner Vter und lie ihm von grauem
Sandstein ein Grabmal setzen und stiftete eine ewige Lampe ber das Grab; kam
auch noch etliche Male zum Beten herunter, aber nicht allzuoft.
    Dann sa Frau Hadwig allein auf der Burg Hohentwiel; es waren ihr die
Erbgter des Hauses und mannigfalt Befugnis, im Land zu schalten und zu walten,
verblieben, sowie die Schutzvogtei ber das Hochstift Konstanz und die Klster
um den See, und hatte ihr der Kaiser gebrieft und gesiegelt zugesagt, da sie
als Reichsverweserin in Schwaben gebieten solle, solange der Witwenstuhl
unverrckt bleibe. Die junge Witib war von adeligem Gemt und nicht gewhnlicher
Schnheit. Aber die Nase brach unvermerkt kurz und stumpflich im Antlitz ab, und
der holdselige Mund war ein wenig aufgeworfen, und das Kinn sprang mit khner
Form vor, also, da das anmutige Grblein, so den Frauen so minnig ansteht, bei
ihr nicht zu finden war. Und wessen Antlitz also geschaffen, der trgt bei
scharfem Geist ein rauhes Herz im Busen und sein Wesen neigt zur Strenge. Darum
flte auch die Herzogin manchem ihres Landes trotz der lichten Rte ihrer
Wangen einen sonderbaren Schreck ein3.
    An jenem nebligen Tag stand Frau Hadwig im KlosettA2 ihrer Burg und schaute
in die Ferne hinaus. Sie trug ein stahlgrau Unterkleid, das in leichten Wellen
ber die gestickten Sandalen wallte, drber schmiegte sich eine bis zum Knie
reichende schwarze Tunika; im Grtel, der die Hften umschlo, glnzte ein
kostbarer Beryll. Ein goldfadengestricktes Netz hielt das kastanienbraune Haar
umfangen, doch unverwehrt umspielten sorgsam gewundene Locken die lichte Stirn.
    Auf dem Marmortischlein am Fenster stand ein phantastisch geformtes
dunkelgrn gebeiztes Metallgef, drin brannte ein fremdlndisch Rucherwerk und
wirbelte seine duftig weien Wlklein zur Decke des Gemachs. Die Wnde waren mit
buntfarbigen gewirkten Teppichen umhangen.
    Es gibt Tage, wo der Mensch mit jeglichem unzufrieden ist, und wenn er in
Mittelpunkt des Paradiesgartens gesetzt wrde, es wr' ihm auch nicht recht. Da
fliegen die Gedanken mimutig von dem zu jenem und wissen nicht, wo sie anhalten
sollen, - aus jedem Winkel grinst ein Fratzengesicht herfr, und wenn einer ein
fein Gehr hat, so mag er auch der Kobolde Gelchter vernehmen. Man sagt
dortlands, der schiefe Verlauf solcher Tage rhre gewhnlich davon her, da man
frhmorgens mit dem linken Fu zuerst aus dem Bett gesprungen sei, was
bestimmtem Naturgesetz zuwider.
    Die Herzogin hatte heute ihren Tag. Sie wollte zum Fenster hinausschauen, da
blies ihr ein feiner Luftzug den Nebel ins Angesicht; das war ihr nicht recht.
Sie hub einen zrnenden Husten an. Wenn Sonnenschein weit bers Land geglnzt
htte, sie wrde auch an ihm etwas ausgesetzt haben.
    Der Kmmerer Spazzo war eingetreten und stand ehrerbietig am Eingang. Er
warf einen wohlgeflligen Blick auf seine Gewandung, als wr' er sicher, seiner
Gebieterin Augen heut auf sich zu lenken, denn er hatte ein gestickt Hemde von
Glanzleinwand angelegt und ein saphirfarbiges Oberkleid mit purpurnen Sumen,
alles nach neustem Schnitt; erst gestern war des Bischofs Schneider von Konstanz
damit herbergekommen4.
    Der Wolfshund dessen von Fridingen hatte zwei Lmmer der Burgherde
zerrissen, da gedachte Herr Spazzo pnktlichen Vortrag zu erstatten und Frau
Hadwigs frstliches Gutachten einzuholen, ob er in friedlichem Austrag sich mit
dem Herrn des Schdigers vergleichen oder am nchsten Gaugericht Wehrgeld und
Bue einklagen solle5. Er hub seinen Spruch an. Aber eh' und bevor er zu Ende
gekommen, sah er, da ihm die Frstin ein Zeichen machte, dessen Bedeutung einem
verstndigen Mann nicht fremd bleiben konnte. Sie fuhr mit dem Zeigefinger der
Rechten erst nach der Stirn, dann wies sie mit gleichem Finger nach der Tr. Da
merkte der Kmmerer, da es seinem eigenen Witz anheimgestellt sei, nicht nur
den Bescheid wegen der Lmmer zu finden, sondern auch sich mit mglichster
Beschleunigung zu entfernen. Er verbeugte sich und ging.
    Mit heller Stimme rief Frau Hadwig jetzt: Praxedis! - Und wie's nicht
sogleich die Stufen zum Saal herauf huschte, rief sie noch einmal schrfer:
Praxedis!
    Es dauerte nicht lange, so schwebte die Gerufene ins Klosett herein.
    Praxedis war der Herzogin in Schwaben Kammerfrau, von griechischer Nation,
ein lebend Angedenken, da einst des Byzantiner Kaisers Vasilius Sohn um Hadwigs
Hand geworben6. Der hatte das des Gesangs und weiblicher Kunstfertigkeit
erfahrene Kind samt vielen Kleinodien und Schtzen der deutschen Herzogstochter
geschenkt und als Gegengabe einen Korb erbeutet. Man konnte damals Menschen
verschenken, auch kaufen. Freiheit war nicht jedem zu eigen. Aber eine
Unfreiheit, wie sie das Griechenkind auf der schwbischen Herzogsburg zu tragen
hatte, war nicht drckend.
    Praxedis war ein blasses feingezeichnetes Kpfchen, aus dem zwei groe
dunkle Augen unsglich wehmtig und lustig zugleich in die Welt vorschauten. Das
Haar trug sie in Flechten um die Stirn geschlungen; sie war schn.
    Praxedis, wo ist der Star? sprach Frau Hadwig.
    Ich werd' ihn bringen, sagte die Griechin. Und sie ging und brachte den
schwarzen Gesellen, der sa so breit und frech in seinem Kfig, als wenn sein
Dasein im Weltganzen eine klaffende Lcke auszufllen htte. Der Star hatte bei
Hadwigs Hochzeit sein Glck gemacht7. Ein alter Fiedelmann und Gaukler hatte ihm
unter langwieriger Mhsal einen lateinischen Hochzeitsgru eingetrichtert; das
gab einen groen Jubel, wie beim Festschmaus der Kfig auf den Tisch gestellt
ward und der Vogel seinen Spruch sprach: Es ist ein neuer Stern am
Schwabenhimmel aufgegangen, der Stern heit Hadwig, Heil ihm! und so weiter.
    Der Star war aber tiefer gebildet. Er konnte auer dem gereimten Klingklang
auch das Vaterunser hersagen. Der Star war auch hartnckig und konnte seine
Grillen haben, so gut wie eine Herzogin in Schwaben.
    Heute mute dieser eine Erinnerung an alte Zeit durch den Sinn geflogen
sein, der Star sollte den Hochzeitsspruch sagen. Der Star aber hatte seinen
frommen Tag. Und wie ihn Praxedis ins Gemach trug, rief er feierlich: Amen!
und wie Frau Hadwig ihm ein Stck Honigkuchen in den Kfig reichte und
schmeichelnd fragte: Wie war's mit dem Stern am schwbischen Himmel, Freund
Star? da sprach er langsam: Fhre uns nicht in Versuchung! Wie sie aber zur
Ergnzung seines Gedchtnisses ihm zuflsterte: Der Stern heit Hadwig, Heil
ihm! - da fuhr der Star in seiner Melodie fort und intonierte wrdig: Erlse
uns von dem bel!
    Frwahr, das fehlt noch, da auch die Vgel heutigentages unverschmt
werden, rief Frau Hadwig, Burgkatze, wo steckst du? und sie lockte die
schwarze Katze herbei, der war der Star schon lange ein Dorn im Auge, mit
funkelnden Augen kam sie geschlichen.
    Frau Hadwig erschlo den Kfig und berantwortete ihr den Vogel, der Star
aber, dem schon die scharfen Krallen das Gefieder zausten und etliche
Schwungfedern geknickt hatten, ersah noch ein Gelegenheitlein und entwischte
durch einen Spalt am Fenster.
    Bald war er verschwunden, ein schwarzer Punkt im Nebel.
    Eigentlich, sprach Frau Hadwig, htt' ich ihn auch im Kfig behalten
knnen. Praxedis, was meinst du?
    Meine Herrin hat bei allem recht, was sie tut, erwiderte diese.
    Praxedis, fuhr Frau Hadwig fort, hol' mir meinen Schmuck. Mich gelustet,
eine goldene Armspange anzulegen.
    Da ging Praxedis, die immerwillige, und brachte der Herzogin
Schmuckkstchen. Das war von getriebenem Silber, mit starken unfertigen Strichen
waren etliche Gestalten darin angebracht in erhabener Arbeit, der Heiland als
guter Hirt und Petrus mit dem Schlssel und Paulus mit dem Schwert, samt
allerhand Blattwerk und reich verschlungener Zierart, als wenn es frher zur
Aufbewahrung von Reliquien gedient htte. Es war durch Herrn Burkhard
eingebracht worden, doch sprach er nie gern davon, denn er kam zu selber Zeit
von einer Fehde heimgeritten, darin er einen burgundischen Bischof schwer
berrannt und niedergeworfen hatte.
    Wie die Herzogin das Kstchen aufschlug, gleiten und glnzten die
Kleinodien mannigfalt auf dem roten Sammtfutter. Bei solchen Denkzeichen der
Erinnerung kommen allerhand alte Geschichten herangeschwirrt. Auch das Bildnis
des griechischen Prinzen Konstantin lag dort, zierlich, geleckt und sonder Geist
vom Byzantiner Meister auf Goldgrund gemalt.
    Praxedis, sprach Frau Hadwig, wie wr's geworden, wenn ich deinem
spitznasigen, gelbwangigen Prinzen die Hand gereicht htte?
    Meine Herrin, war Praxedis' Antwort, es wre sicher gut geworden.
    Ei, fuhr Frau Hadwig fort, erzhl' mir etwas von deiner langweiligen
Heimat, ich mchte mir gern vorstellen, was ich fr einen Einzug in
Konstantinopolis gehalten htte.
    O Frstin, sprach Praxedis, meine Heimat ist schn - wehmtig lie sie
ihr dunkles Aug' in die neblige Ferne gleiten - und solch trber Himmel
wenigstens wr' Euch am Ufer des Marmormeers fr immer erspart. Auch Ihr httet
den Schrei des Staunens nicht unterdrckt, wenn wir auf stolzer Galeere
dahingefahren wren: an den sieben Trmen vorbei, da heben sich zuerst die
dunklen Massen, Palste, Kuppeln, Gotteshuser, alles im blendend weien Marmor,
aus den Brchen der Insel Prokonnesos, gro und stolz steigt die Lilie des
Meeres aus dem blauen Grunde auf, dort ein dunkler Wald von Zypressen, hier die
riesige Wlbung der hagia Sophia, auf und ab das weite Vorgebirg' des Goldenen
Horns; gegenber am asiatischen Gestade grt eine zweite Stadt, und als
blaugoldener Grtel schlingt sich das schiffbelastete Meer um den Zauber - o
Herrin, auch im Traum vermag ich hier im schwbischen Land den Glanz jenes
Anblicks nicht wieder zu schauen.
    Und dann, wenn die Sonne niedergestiegen und ber flimmernden Meereswellen
die schnelle Nacht aufgeht, der Knigsbraut zu Ehren alles im blaufahlen Glanz
griechischen Feuers, - jetzt fahren wir in Hafen ein, die groe Kette, die ihn
sonst absperrt, lst sich dem Brautschiff, Fackeln sprhen am Ufer, dort steht
des Kaisers Leibwache, die Warger mit ihren zweischneidigen Streitxten, und
die blauugigen Normnner, dort der Patriarch mit zahllosen Priestern, berall
Musik und Jubelruf, und der Knigssohn im Schmucke der Jugend empfngt die
Verlobte, nach dem Palaste von Blacharnae wallt der Festzug ...
    Und all diese Herrlichkeit habe ich versumt, spottete Frau Hadwig.
Praxedis, dein Bild ist nicht vollstndig. Und schon des andern Tags kommt der
Patriarch und erteilt der abendlndischen Christin einen scharfen
Glaubensunterricht, was von all den Ketzereien zu halten, die auf eurem
verstandesdrren Erdreich aufsprieen wie Stechapfel und Bilsenkraut, - und was
von den Bildern der Mnche und dem Konzilschlu zu Chalcedon und Nicaea; dann
kommt die Grohofmeisterin und lehrt die Gesetze der Sitte und Bewegung: so die
Stirn gefaltet und so die Schleppe getragen, diesen Fufall vor dem Kaiser und
jene Umarmung der Frau Schwiegermutter und diese Hflichkeit gegen jenen
Gnstling und jene gigantische Redensart gegen dieses Untier: Eure Gravitt,
Eure Eminenz, Eure erhabene und wunderbare Gre! - was am Menschen Lebenslust
und Kraft heit, wird abgettet, und der Herr Gemahl gibt sich auch als
gefirnites Pppchen zu erkennen, eines Tages steht der Feind vor den Toren oder
der Thronfolger ist den Blauen und Grnen des Zirkus nicht genehm, der Aufstand
tobt durch die Straen, und die deutsche Herzogstochter wird geblendet ins
Kloster gesteckt ... Was frommt's ihr dann, da ihre Kinder schon in der Wiege
mit dem Titel Alleredelster begrt wurden? Praxedis, ich wei, warum ich nicht
nach Konstantinopolis ging.
    Der Kaiser ist der Herr der Welt, sprach die Griechin; was der Wille
seiner Ewigkeit ordnet, ist wohlgetan: so hat man mich gelehrt.
    Hast du auch schon darber nachgedacht, da es dem Menschen ein kostbar Gut
ist, sein eigener Herr zu sein?
    Nein, sprach Praxedis.
    Das angeregte Gesprch behagte der Herzogin.
    Was hat denn, fuhr sie fort, euer Byzantiner Maler fr einen Bescheid
heimgebracht, da er mein Konterfei fertigen sollte?
    Die Griechin schien die Frage berhrt zu haben. Sie hatte sich erhoben und
stand am Fenster.
    Praxedis, sprach Frau Hadwig scharf, antworte!
    Da lchelte die Gefragte mild und sagte: Das ist schon eine lange Zeit her,
aber Herr Michael Thallelaios hat wenig Gutes von Euch gesprochen. Die schnsten
Farben habe er bereitgehalten, so erzhlt er uns, und die feinsten
Goldblttchen, Ihr seiet ein reizend Kind gewesen, wie man Euch zum Gemaltwerden
vor ihn fhrte, und es hab' ihn feierlich angemutet, als sollt' er seine ganze
Kunst zusammennehmen, wie damals, als er die Mutter Gottes frs Athoskloster
malte. Aber die Prinzessin Hadwig htten geruht, die Augen zu verdrehen, und wie
er eine bescheidene Einwendung erhoben, htten Eure Gnaden die Zunge gewiesen
und beide Hnde mit gestreckten Fingern an die Nase gehalten und in anmutig
gebrochenem Griechisch gesagt, das sei die rechte Stellung.
    Der Herr Hofmaler nahm Veranlassung, vieles ber den Mangel an Bildung in
deutschen Landen dran zu knpfen, und hat einen hohen Schwur getan, da er
zeitlebens dort kein Frulein mehr malen wolle. Und der Kaiser Basilius hat auf
den Bericht hin grimmig in seinen Bart gebrummt ...8
    La Seine Majestt brummen, sprach die Herzogin. Und flehe zum Himmel,
da er jeder andern die Geduld verleihen mge, die mir damals ausging. Ich habe
noch nicht Gelegenheit gehabt, einen Affen zu sehen, aber allem zufolge, was
glaubwrdige Mnner erzhlen, reicht Herrn Michaels Ahnentafel zu jenen
Mitgliedern der Schpfung hinauf.
    Sie hatte inzwischen die Armspange angelegt, es waren zwei ineinander
verstrickte Schlangen, die sich kssen, jede trug ein Krnlein auf dem Haupt9.
Da ihr unter dem vielen Geschmucke jetzt ein schwerer silberner Pfeil unter die
Hnde geraten war, so mute auch er seinen Aufenthalt im Gefngnis des Schreins
mit anderem Platze vertauschen. Er ward in die Maschen des goldfadigen
Haarnetzes gezogen.
    Als wollte sie des Schmuckes Wirkung prfen, ging Frau Hadwig mit groen
Schritten durchs Gemach. Ihr Gang war herausfordernd. Aber der Saal war leer;
selbst die Burgkatze war von dannen geschlichen. Spiegel waren keine an den
Wnden. Der Zustand wohnlicher Einrichtung berhaupt lie damals manches zu
wnschen brig.
    Praxedis' Gedanken waren noch bei der vorigen Geschichte. Gndige
Gebieterin, sprach sie, er hat mich doch gedauert.
    Wer?
    Des Kaisers Sohn. Ihr seid ihm im Traum erschienen, sagt' er, und all
sein Glck hab' er von Euch erhofft. Er hat auch geweint ...
    La die Toten ruhen, sprach Frau Hadwig rgerlich. Nimm lieber die Laute
und sing mir das griechische Liedlein:

Konstantin, du armer Knabe,
Konstantin, und la das Weinen!

    Sie ist zersprungen, war die Antwort, und alle Saiten zugrund' gerichtet,
seit die Frau Herzogin geruhten, sie ...
    Sie dem Grafen Boso von Burgund an Kopf zu - werfen, ergnzte Hadwig. Dem
ist nicht zu viel geschehen, 's war gar nicht notwendig, da er uneingeladen zur
Leichenfeier Herrn Burkhards kam und mir Trost zusprechen wollte, als wr' er
ein Heiliger. La die Laute flicken.
    Sag' mir indes, du griechische Goldblume, warum hab' ich heut den
festlichen Schmuck angelegt?
    Gott ist allwissend, sprach die Griechin, ich wei es nicht. Sie
schwieg. Frau Hadwig schwieg auch. Da trat eine jener schwlen inhaltsvollen
Pausen ein, wie sie der Selbsterkenntnis vorangehen. Endlich sprach die
Herzogin: Ich wei es auch nicht!
    Sie schlug mimutig die Augen nieder: Ich glaube, es geschah aus langer
Weile. Der Gipfel unseres Hohentwiel ist aber auch ein gar zu betrbtes Nest -
zumal fr eine Witib. Praxedis, weit du ein Mittel gegen die lange Weile?
    Ich habe einmal von einem weisen Prediger gehrt, sprach Praxedis, es
gb' mannigfalte Mittel dawider: Schlafen, Trinken, Reisen - das beste sei
Fasten und Beten.
    Da sttzte Frau Hadwig ihr Haupt auf die lilienweie Hand, sah die
dienstbereite Griechin scharf an und sprach: Morgen reisen wir!

                                    Funoten


A1 Gustav Schwab.

A2 Verschliebares Gemach, Kabinett. Die jetzt gewhnliche Bedeutung ist ganz
jung.


                                Zweites Kapitel.

                        Die Jnger des heiligen Gallus.

Des andern Tages fuhr die Herzogin samt Praxedis und groer Gefolgschaft im
lichten Schein des Frhmorgens ber den Bodensee. Der See war prchtig blau, die
Wimpel flaggten lustig, und war viel Kurzweil auf dem Schiff. Wer sollt' auch
traurig sein, wenn er ber die kristallklare Wasserflche dahinschwebt, die
baumumsumten Gestade mit Mauern und Trmen ziehen im bunten Wechsel an ihm
vorbei, fern dmmern die schneeigen Firnen und der Widerschein des weien Segels
verzittert im Spiele der Wellen?
    Keines wute, wo das Ziel der Fahrt. Sie waren's! aber so gewohnt.
    Wie sie an der Bucht von Rorschach10 anfuhren, hie die Herzogin einlenken.
Zum Ufer steuerte das Schiff, bers schwanke Brett stieg sie ans Land. Und der
Wasserzoller kam herbei, der dort den Welschlandfahrern das Durchgangsgeld
abnahm, und der Weibel des Marktes und wer immer am jungen Hafenplatz sehaft
war, sie riefen der Landesherrin ein rauhes: Heil Herro! Heil Liebo11! zu und
schwangen mchtige Tannenzweige. Grend schritt sie durch die Reihen und gebot
ihrem Kmmerer, etliche Silbermnzen auszuwerfen, aber es galt kein langes
Verweilen. Schon standen die Rosse bereit, die waren zur Nachtzeit insgeheim
vorausgeschickt worden; wie alle im Sattel saen, sprach Frau Hadwig: Zum
heiligen Gallus! Da schauten sich die Dienstleute verwundert an: Was soll uns
die Wallfahrt? Zum Antworten war's nicht Zeit, schon ging's im Trab das hgelige
Stck Landes hinauf, dem Gotteshause entgegen.
    Sankt Benedikt und seine Schler haben die bauliche Anlage ihrer Klster
wohl verstanden. Land ab, Land auf, so irgendwo eine Ansiedelung steht, die
gleich einer Festung einen ganzen Strich beherrscht, als Schlssel zu einem Tal,
als Mittelpunkt sich kreuzender Heerstraen, als Hort des feinsten Weinwuchses:
so mag der Vorberwandernde bis auf weitere Widerlegung die Vermutung
aussprechen, da sotanes Gotteshaus dem Orden Benedicti zugehre oder vielmehr
zugehrt habe, denn heutigentages sind die Klster seltener und die Wirtshuser
hufiger, was mit steigender Bildung zusammenhngt.
    Auch der irische Gallus hatte einen lblichen Platz erwhlt, da er, nach
Waldluft gierig12, in helvetischer Einde sich festsetzte; ein hochgelegenes
Tal, durch dunkle Bergrcken von den milderen Gestaden des Sees gesondert,
steinige Waldbche brausen vorber, und die riesigen Wnde des Alpsteins, dessen
Spitzen mit ewigem Schnee umhllt im Gewlke verschwinden, erheben sich als
schirmende Mauer zur Seite.
    Es war ein sonderbarer Zug, der jene Glaubensboten von Albion und Erin aufs
germanische Festland fhrte. Genau besehen ist's ihnen kaum zu allzu hohem
Verdienst anzurechnen. Die Gewohnheit, in die Fremde zu ziehen, ist den Briten
so in die Natur gewachsen, da sie nicht anders knnen13, schrieb schon in Karl
des Groen Tagen ein unbefangener schwbischer Mann. Sie kamen als Vorfahren der
heutigen Touristen, man kannte sie schon von weitem am fremdartig
zugeschnittenen Felleisen14. Und ein mancher blieb haften und ging nimmer heim,
wiewohl die ehrsamen Landesbewohner ihn fr sehr unntig halten mochten. Aber
die grere Zhigkeit, das Erbteil des britischen Wesens, lebensgewandte Kunst,
sich einzurichten, und beim Volk die mystische Ehrfurcht vor dem Fremden gab
ihren Strebungen im Dienst der Kirche Bestand.
    Andere Zeiten, andere Lieder! Heute bauen die Enkel jener Heiligen den
Schweizern fr gutes eidgenssisches Geld die Eisenbahn15.
    Aus der schmucklosen Zelle an der Steinach, wo der irische Einsiedel seine
Abenteuer mit Dornen, Bren und gespenstigen Wasserweibern bestand, war ein
umfangreich Kloster emporgewachsen. Stattlich ragte der achteckige Turm der
Kirche aus schindelgedeckten Dchern der Wohngebude; Schulhuser und
Kornspeicher, Kellerei und Scheunen waren daran gebaut, auch ein klappernd
Mhlrad lie sich hren, denn aller Bedarf zum Lebensunterhalt mu in des
Klosters nchster Nhe bereitet werden, auf da es den Mnchen nicht notwendig
falle, in die Ferne zu schweifen, was ihrem Seelenheil undiensam. Eine feste
Ringmauer mit Turm und Tor umschlo das Ganze, minder des Zierats als der
Sicherheit halber, maen mancher Gewaltige im Land das Gebot: La dich nicht
gelsten deines Nachbars Gut! dazumal nicht allzustrenge einhielt.
    Es war Mittagszeit vorber, schweigende Ruhe lag ber dem Tal. Des heiligen
Benedikt Regel ordnet fr diese Stunde, da ein jeder sich still auf seinem
Lager halte, und wiewohl von der gliederlsenden Glut italischer Mittagssonne,
die Menschen und Tier in des Schlummers Arme treibt, diesseits der Alpen wenig
zu verspren, folgten sie im Kloster doch pflichtgem dem Gebot16.
    Nur der Wchter auf dem Torturm stand, wie immer, treulich und aufrecht im
mckendurchsummten Stblein.
    Der Wchter hie Romeias und hielt gute Wacht. Da hrte er durch den nahen
Tannwald ein Rogetrabe; er spitzte sein Ohr nach der Richtung. Acht oder zehn
Berittene! sprach er nach prfendem Lauschen; er lie das Fallgatter vom Tor
herniederrasseln, zog das Brcklein, was ber den Wassergraben fhrte, auf und
langte sein Horn vom Nagel. Und weil sich einiges Spinnweb' drin festgesetzt
hatte, reinigte er dasselbe.
    Jetzt kamen die vordersten des Zuges am Waldsaum zum Vorschein. Da fuhr
Romeias mit der Rechten ber die Stirn und tat einen sonderbarlichen Blick
hinunter. Das Endergebnis seines Blickes war ein Wort: Weibervlker!? - er
sprach's halb fragend, halb als Ausruf, und lag weder Freudigkeit noch
Auferbauung in seinem Worte. Er griff sein Horn und blies dreimal hinein. Es war
ein ungefger stiermiger Ton, den er hervorlockte, und war dem Hornblasen
deutlich zu entnehmen, da weder Musen noch Grazien die Wiege des Romeias zu
Villingen im Schwarzwald umstanden hatten.
    Wenn einer im Wald sich umgeschaut hat, so hat er sicher schon das Getrieb
eines Ameisenhaufens angesehen. Da ist alles wohlgeordnet und geht seinen
gemeinsamen Gang und freut sich der Ruhe in der Bewegung: itzt fhrst du mit
deinem Stab darein und scheuchest die vordersten: da bricht Verwirrung aus,
Rennen und wimmelnder Zusammenlauf - alles hat der eine Sto verstrt. Also und
nicht anders fuhr der Sto aus Romeias Horn aufjagend ins stille Kloster.
    Da fllten sich die Fenster am Saal der Klosterschulen mit neugierigen
jungen Gesichtern, manch lieblicher Traum in einsamer Zelle entschwebte, ohne
seinen Schlu zu finden, manch tiefsinnige Meditation halbwachender Denker
desgleichen; der bse Sindolt, der in dieser Stunde auf seinem SchragenA1 des
Ovidius verboten Bchlein Von der Kunst, zu lieben zu ergrnden pflegte,
rollte eiligst die pergamentnen Bltter zusammen und barg sie im schtzenden
Versteck seines Strohsacks.
    Der Abt Cralo sprang aus seinem Lehnstuhl und reckte seine Arme der Decke
seines Gemachs entgegen, ein schlaftrunkener Mann; auf schwerem Steintisch stund
ein prachtvoll silbern Wasserbecken17, darein tauchte er den Zeigefinger und
netzte die Augen, des Schlummers Rest zu vertreiben. Dann hinkte er zum offenen
Sller seines Erkers und schaute hinab.
    Und er ward betrblich berrascht, als wr' ihm eine Walnu aufs Haupt
gefallen: Heiliger Benedikt, sei mir gndig, meine Base, die Herzogin!
    Sofort schrzte er seine Kutte, strich den schmalen Buschel Haare zurecht,
der ihm inmitten des kahlen Scheitels noch stattlich emporwuchs gleich einer
Fichte im den Sandfeld18, hing das gldene Kettlein mit dem Klostersigill um,
nahm seinen Abtsstab von Apfelbaumholz, dran der reichverzierte Elfenbeingriff
erglnzte, und stieg in den Hof hernieder.
    Wird's bald?, rief einer der Berittenen drauen. Da gebot er dem Wchter,
da er die Angekommenen nach ihrem Begehr frage. Romeias tat's.
    Jetzt ward drauen ins Horn gestoen, der Kmmerer Spazzo ritt als Herold
ans Tor und rief mit tiefer Stimme:
    Die Herzogin und Verweserin des Reichs in Schwabenland entbeut dem heiligen
Gallus ihren Gru. Schaffet Einla!
    Der Abt seufzte leise auf. Er stieg auf Romeias' Warte; an seinen Stab
gelehnt gab er denen vor dem Tor den Segen und sprach:
    Im Namen des heiligen Gallus dankt der unwrdigste seiner Jnger fr den
erlauchten Gru. Aber sein Kloster ist keine Arche, drin jegliche Gattung von
Lebendigem, Reines und Unreines, Mnnlein und Weiblein Eingang findet. Darum -
ob auch das Herz von Betrbnis erfllt wird - ist Einlaschaffen ein unmglich
Ding. Der Abt mu am Tag des Gerichts Rechenschaft ablegen ber die seiner Hut
vertrauten Seelen. Die Nhe einer Frau, und wr' sie auch die erlauchteste im
Lande, und der hinfllige Scherz der Kinder dieser Welt wr' allzu groe
Versuchung fr die, so zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit
trachten mssen. Beschweret das Gewissen des Hirten nicht, der um seine Lmmer
Sorge trgt. Kanonische Satzung sperrt das Tor.
    Die gndige Herzogin wird in Trogen oder Rorschach des Klosters Villa zu
ihrer Verfgung finden ...
    Frau Hadwig sa schon lange ungeduldig im Sattel; jetzt schlug sie mit der
Reitgerte ihren weien Zelter, da er sich mig bumte, und rief lachenden
Mundes:
    Spart die Umschweife, Vetter Cralo, ich will das Kloster sehen!
    Wehmtig hub der Abt an: Wehe dem, durch welchen rgernis in die Welt
kommt. Ihm wre heilsamer, da an seinem Hals ein Mhlstein ...
    Aber seine Warnung kam nicht zu Ende. Frau Hadwig nderte den Ton ihrer
Stimme: Herr Abt, die Herzogin in Schwaben mu das Kloster sehen! sprach sie
scharf.
    Da ward es dem Schwergeprften klar, da weiterer Widerspruch kaum mglich
ohne groe Gefahr fr des Gotteshauses Zukunft. Noch strubte sich sein
Gewissen. Wenn einer in zweifelhafter Lage aus sich selber keine Auskunft zu
schpfen wei, ist's dem schwanken Gemt wohlttig, andere zu gutem Rat
beizuziehen, das nimmt die Verantwortung und deckt den Rcken.
    Darum rief Herr Cralo jetzt hinunter: Da Ihr hartnckig darauf besteht, mu
ich's der Ratsversammlung der Brder vortragen. Bis dahin geduldet Euch!
    Er schritt zurck ber den Hof, im Herzen den stillen Wunsch, da eine
Sndflut vom Himmel die Heerstrae zerstren mge, die so leichtlich unberufenen
Besuch herbeifhre. Sein hinkender Gang war eilig und aufgeregt, und es ist
nicht zu verwundern, da berichtet wird, er sei in selber Zeit in dem
Klostergang auf- und abgeflattert wie ein Schwlblein vor dem Gewitter19.
    Fnfmal erklang jetzt das Glcklein von des heiligen Othmar Kapelle neben
der Hauptkirche und rief die Brder zum Kapitelsaal. Und der einsame Kreuzgang
belebte sich mit einherwandelnden Gestalten; gegenber vom sechseckigen Ausbau,
wo unter sulengetragenen Rundbogen der Springquell anmutig in die metallene
Schale niederpltscherte, war der Ort der Versammlung, eine einfache graue
Halle; auf erhhtem Ziegelsteinboden hob sich des Abtes Marmorstuhl, dran zwei
rohe Lwenkpfe ausgehauen, Stufen fhrten hinauf. Vergnglich streifte das Auge
von dort an den dunkeln Pfeilern und Sulen vorber ins Grn des Grtleins im
innern Hofe; Rosen und Malven blhten drin empor; die Natur sucht gtig auch die
heim, die sich ihr abgekehrt.
    In scharfem Gegensatz der Farbe hoben sich die weien Kutten und
dunkelfarbigen Oberkleider vom Steingrau der Wnde; lautlos traten die Berufenen
ein, flchtig Nicken des Hauptes war der gegenseitige Gru; wrmender
Sonnenstrahl fiel durchs schmale Fenster auf ihre Reihen.
    Es waren erprobte Mnner, ein heiliger und Gott wohlgeflliger Senat20.
    Der mit dem schmchtigen Krper und dem scharfen, von Fasten und Nachtwachen
geblaten Antlitz war Notker, der Stammler; ein wehmtig Zucken spielte um seine
Lippen, lange bung der Askesis hatte seinen Geist der Gegenwart entrckt.
Frher hatte er gar schne Singweisen erdacht, jetzt war er verdstert und ging
in der Stille der Nacht den Dmonen nach, mit ihnen zu kmpfen; in der Krypta
des heiligen Gallus hatte er jngst den Teufel erreicht und so
darniedergeschlagen, da er mit lautem Auwehschrei in einen Winkel sich barg;
und seine Neider sagten, auch sein schwermtiges Lied, Media vitaA2 sei
unheimlichen Ursprungs und vom bsen Feind geoffenbart als Lsegeld, da er ihn
in seiner Zelle siegreich zusammengetreten unter starkem Fue festhielt.
    Aber neben ihm lchelte ein gutmtig ehrenfest Gesicht aus eisgrauem Bart
herfr; der starke Tutilo war's, der sa am liebsten vor der Schnitzbank und
schnitzte die wunderfeinen Bildwerke in Elfenbein, noch gibt das Diptychon mit
Marias Himmelfahrt und dem Bren des heiligen Gallus Zeugnis von seiner Kunst.
Aber wenn ihm der Rcken sich krmmen wollte von der Arbeit Last, zog er singend
hinab auf die Wolfsjagd oder suchte einen ehrlichen Faustkampf zur Erholung, er
focht lieber mit bsen Menschen als mit nchtlichem Spuk und sagte oft im
Vertrauen zu seinem Freund Notker: Wer so manchem in Christenheit und
Heidenschaft ein blaues Denkzeichen verabreicht, wie ich, kann der Dmonomachia
A3 entbehren.
    Auch Ratpert kam herzu, der lang' erprobte Lehrer der Schule, der immer
unwillig auffuhr, wenn ihn das Kapitelglcklein von seinen Geschichtsbchern
abrief. In vornehmer Haltung trug er das Haupt; er und die beiden andern waren
ein Herz und eine Seele, ein dreiblttriger Klosterklee, so verschieden auch ihr
Wesen21. Weil er unter den letzten in den Saal trat, kam Ratpert neben seinen
Widersacher zu stehen, den bsen Sindolt, der tat, als she er ihn nicht, und
flsterte seinem Nachbar etwas zu; der war ein klein Mnnlein mit einem Gesicht
wie eine Spitzmaus und kniff den Mund zusammen, denn Sindolt hatte ihm soeben
zugeraunt, im groen Wrterbuch des Bischofs Salomo22 sei zu der Glosse:
Rabulista bedeutet einen, der ber jeglich Ding der Welt disputieren will, von
unbekannter Hand zugeschrieben worden: Wie Radolt, unser Denkmann.
    Aus dem Dunkel im Saalesgrund ragte Sintram hervor, der unermdliche
Schnschreiber, dessen Schriftzge die ganze zisalpinische Welt bewunderte23;
die grten von Sankt Gallus Jngern an Ma des Krpers waren die Schotten, die
am Eingang ihren Stand nahmen, Fortegian und Failan, Dubslan und Brendan und wie
sie alle hieen, eine untrennbare Landsmannschaft, aber mivergngt ber
Zurcksetzung; auch der rotbrtige Dubduin stand dabei, der trotz der schweren
eisernen Bukette nicht zum Propst gewhlt ward und zur Strafe fr seine
beienden Schmhverse auf die deutschen Mitbrder drei Jahre lang den drren
Pfirsichbaum im Klostergarten begieen mute.
    Und Notker, der Arzt, stund unter den Versammelten, der erst jngst des Abts
hinkendem Fu die groe Heilkur verordnet hatte mit Einreibung von Fischgehirn
und Umschlag einer frisch abgezogenen Wolfshaut, auf da die Wrme des Pelzes
die gekrmmten Sehnen gerad biege24: sie hieen ihn das Pfefferkorn ob seiner
Strenge in Handhabung der Klosterzucht; - und Wolo, der keine Frau ansehen
konnte und keine reifen pfel25, und Engelbert, der Einrichter des Tiergartens,
und Gerhard, der Prediger, und Folkard, der Maler: Wer kennt sie alle, die
lblichen Meister, bei deren Aufzhlung schon das nchstfolgende
Klostergeschlecht wehmtig bekannte, da solche Mnner von Tag zu Tag seltener
wrden?
    Jetzo bestieg der Abt seinen ragenden Steinsitz, und sie ratschlagten, was
zu tun. Der Fall war schwierig. Ratpert trat auf und wies aus den Aufzeichnungen
vergangener Zeit nach, auf welche Art einst dem groen Kaiser Karl ermglicht
worden, in des Klosters Inneres zu kommen26. Damals, sprach er, ward
angenommen, er sei ein Ordensbruder, solang' er in unsern Rumen weile, und alle
taten, als ob sie ihn nicht kenneten; kein Wort ward gesprochen von kaiserlicher
Wrde und Kriegstaten oder demtiger Huldigung, er mute einherwandeln wie ein
anderer auch, und da er des nicht beleidigt war, ist der Schutzbrief, den er
beim Abzug ber die Mauern hineinwarf, Zeuge.
    Aber damit war das groe Bedenken, da jetzt eine Frau Einla begehrte,
nicht gelst. Die strengeren Brder murrten, und Notker, das Pfefferkorn,
sprach: Sie ist die Witib jenes Landverwsters und Klosterschdigers, der den
kostbaren Kelch bei uns als Kriegssteuer erhob27 und hhnend dazu sagte: Gott
it nicht und trinkt nicht, was ntzen ihm die gldenen Gefe? Lat ihr das Tor
geschlossen!
    Das war jedoch dem Abt nicht recht. Er suchte einen Ausweg. Die Beratung
ward strmisch, sie sprachen hin und her. Der Bruder Wolo, da er hrte, da von
einer Frau die Rede, schlich leis von dannen und schlo sich in seine Zelle.
    Da hob sich unter den jngeren einer und erbat das Wort.
    Sprechet, Bruder Ekkehard28, rief der Abt.
    Und das wogende Gemurmel verstummte; alle hrten den Ekkehard gern. Er war
jung an Jahren, von schner Gestalt und fesselte jeden, der ihn schaute, durch
sittige Anmut; dabei weise und beredt, von klugverstndigem Rat und ein scharfer
Gelehrter. An der Klosterschule lehrte er den Virgilius, und wiewohl in der
Ordensregel geschrieben stund: zum Prtner soll ein weiser Greis erwhlt werden,
dem gesetztes Alter das Irrlichtelieren unmglich macht, damit die Ankommenden
mit gutem Bescheid empfangen seien, so waren die Brder eins, da er die
erforderlichen Eigenschaften besitze, und hatten ihm auch das Prtneramt
bertragen.
    Ein kaum sichtbares Lcheln war ber seinen Lippen gelegen, dieweil die
Alten sich stritten. Jetzt erhob er seine Stimme und sprach:
    Die Herzogin in Schwaben ist des Klosters Schirmvogt und gilt in solcher
Eigenschaft als wie ein Mann. Und wenn in unserer Satzung streng geboten ist,
da kein Weib den Fu ber des Klosters Schwelle setze: man kann sie ja darber
tragen.
    Da heiterten sich die Stirnen der Alten, als wre jedem ein Stein vom Herzen
gefallen, beifllig nickten die Kapuzen, auch der Abt war des verstndigen
Wortes nicht unbewegt und sprach:
    Frwahr, oftmals offenbart der Herr einem Jngeren das Dienlichste29,
Bruder Ekkehard, Ihr seid sanft wie die Taube, aber klug wie die Schlange, so
sollt Ihr des eigenen Rats Vollstrecker sein. Wir geben Euch Dispens.
    Dem Prtner scho das Blut in die Wangen, er verbeugte sich, seinen Gehorsam
anzudeuten.
    Und der Herzogin weibliche Begleitung? frug der Abt weiter. Da wurde der
Konvent eins, da fr diese auch die freimtigste Gesetzesauslegung keine
Mglichkeit des Eintritts erffne. Der bse Sindolt aber sprach: Die mgen
indessen zu den Klausnerinnen auf den Irenhgel gehen; wenn des heiligen Gallus
Herde von einer Landplage heimgesucht wird, soll die fromme Wiborad auch ein
Teil daran leiden.
    Der Abt pflog noch eine lange flsternde Verhandlung! mit Gerold, dem
Schaffner, wegen des Vesperimbisses; dann stieg er von seinem Steinsitz und zog
mit der Brder Schar den Gsten entgegen. Die waren drauen schon dreimal um des
Klosters Umfriedung herumgeritten und hatten sich mit Glimpf und Scherz des
Wartens Ungeduld vertrieben.
    In der Tonweise: Justus germinavit kamen jetzt die eintnigen schweren
Klnge des Lobliedes auf den heiligen Benedictus aus dem Klosterhof zu den
Wartenden gezogen, das schwere Tor knarrte auf, heraus schritt der Abt,
paarweise langsamen Ganges der Zug der Brder, die beiden Reihen erwiderten sich
die Strophen des Hymnus.
    Dann gab der Abt ein Zeichen, da der Gesang verstumme. Wie geht's Euch,
Vetter Cralo, rief die Herzogin leichtfertig vom Ro, hab' Euch lange nicht
gesehen. Hinket Ihr noch?
    Cralo aber sprach ernst: Es ist besser, der Hirt hinke als die Herde30.
Vernehmet des Klosters Beschlu.
    Und er erffnete die Bedingung, die sie auf den Eintritt gesetzt. Da sprach
Frau Hadwig lchelnd: Solang' ich den Scepter fhre in Schwabenland, ist mir
ein solcher Vorschlag nicht gemacht worden. Aber Eures Ordens Vorschrift soll
von uns kein Leides geschehen, welchem der Brder habt Ihr's zugewiesen, die
Landesherrin ber die Schwelle zu tragen?
    Sie lie ihr funkelnd Auge ber die geistliche Heerschar streifen. Wie sie
auf Notker, des Stammlers, unheimlich Schwrmerantlitz traf, flsterte sie leise
der Griechin zu: Mglich, da wir gleich wieder umkehren!
    Da sprach der Abt: Das ist des Prtners Amt, dort steht er.
    Frau Hadwig wandte den Blick in der Richtung, die des Abts Zeigefinger wies,
gesenkten Hauptes stund Ekkehard; sie erschaute die sinnige Gestalt im
rotwangigen Schimmer der Jugend, es war ein langer Blick, mit dem sie ber die
gedankenbewegten Zge und das wallende gelbliche Haupthaar und die breite Tonsur
streifte.
    Wir kehren nicht um! nickte sie zu ihrer Begleiterin, und bevor der
kurzhalsige Kmmerer, der meistenteils den guten Willen und das Zusptkommen
hatte, vom Gaul herab und ihrem Schimmel genaht war, sprang sie anmutig aus dem
Bgel, trat auf den Prtner zu und sprach: So tut, was Eures Amtes!
    Ekkehard hatte sich auf eine Anrede besonnen und gedachte mit Anwendung
tadellosen Lateins die sonderbare Freiheit zu rechtfertigen, aber wie sie stolz
und gebietend vor ihm stand, versagte ihm die Stimme, und die Rede blieb, wo sie
entstanden - in seinen Gedanken. Aber er war unverzagten Mutes und umfate mit
starkem Arm die Herzogin, die schmiegte sich vergnglich an ihren Trger und
lehnte den rechten Arm auf seine Schulter. Frhlich schritt er unter seiner
Brde ber die Schwelle, die kein Frauenfu berhren durfte, der Abt ihm zur
Seite, Kmmerer und Dienstmannen folgten, hoch schwangen die dienenden Knaben
ihre Weihrauchfsser, und die Mnche wandelten in gedoppelter Reihe, wie sie
gekommen, hinterdrein, die letzten Strophen ihres Loblieds singend.
    Es war ein wundersam Bild, wie es vor und nachmals in des Klosters
Geschichte nicht wieder vorkam, und lieen sich von Freunden unntzer Worte an
den Mnch, der die Herzogin trug, ersprieliche Bemerkungen anknpfen ber das
Verhltnis der Kirche zum Staat in damaligen Zeiten und dessen nderung in der
Gegenwart ...
    Die Naturverstndigen sagen, da durch Annherung lebender Krper unsichtbar
wirkende Krfte ttig werden, ausstrmen, ineinander bergehen und seltsamliche
Beziehungen herstellen. Das mochte sich auch an der Herzogin und dem Prtner
bewhren; dieweil sie sich in seinen Armen wiegte, gedachte sie leise: Frwahr,
noch keinem hat Sankt Benedikts Kapuze anmutiger gesessen als diesem31, und wie
er im khlen Klostergang seine Brde mit schchternem Anstand absetzte, fiel ihm
nichts auf, als da ihm die Strecke vom Tor bis hierher noch niemals so kurz
vorgekommen.
    Ich bin Euch wohl schwer gefallen? sprach die Herzogin sanft.
    Hohe Herrin, Ihr mgt kecklich sagen, wie da geschrieben steht: mein Joch
ist sanft und meine Brde ist leicht, war seine Erwiderung.
    Ich htte nicht gedacht, sprach sie darauf, da Ihr die Worte der Schrift
zu einer Schmeichelrede anwendet. Wie heiet Ihr?
    Er antwortete: Sie nennen mich Ekkehard.
    Ekkehard! ich danke Euch! sagte die Herzogin mit anmutvoller Handbewegung.
    Er trat zurck an ein Bogenfenster im Kreuzgang und schaute hinaus ins
Grtlein. War's ein Zufall, da ihm jetzt der heilige Christophorus vor die
Gedanken trat?
    Dem deuchte seine Brde auch leicht, da er anhub, das fremde Kindlein auf
starker Schulter ber den Strom zu tragen, aber schwer und schwerer senkte sich
die Last auf seinen Nacken und prete ihn hinab in die brausende Flut, tief,
tief, da sein Mut sich neigen wollte zu verzweifeln ...
    Der Abt hatte einen kstlichen Henkelkrug bringen lassen, damit ging er
selber zum Springquell, fllte ihn und trat vor die Herzogin: Der Abt soll den
Fremden das Wasser darbringen, ihre Hand zu netzen, sprach er, und sich samt
der ganzen Brderschaft zur Fuwaschung -
    Wir danken, fiel ihm Frau Hadwig in die Rede. Sie sprach's mit
entschiedenem Ton. Indes hatten zwei der Brder eine Truhe herabgeholt, sie
stand geffnet im Gang. Drein griff jetzt der Abt, zog eine funkelneue Kutte
herfr und sprach: So ernenne ich denn unseres Klosters erlauchten Schirmvogt
zum Mitglied und zugeschriebenen Bruder und schmck' ihn dessen zum Zeugnis mit
des Ordens Gewandung32.
    Frau Hadwig fgte sich. Leicht bog sie das Knie, da sie die Kutte aus seinen
Hnden empfing; sie warf das ungewohnte Kleidungsstck um, es stand ihr gut,
faltig war's und weit, wie die Regel besagt: Der Abt soll ein scharfes Auge
haben, da die Gewnder nicht zu kurz seien fr ihre Trger, sondern
wohlgemessen.
    Reizend sah das lichte Frauenantlitz aus der dunkeln Kapuze.
    Fr Euch gilt das Gleiche! rief nun der Abt zu der Herzogin Gefolge. Da
hatte der bse Sindolt seine Freude dran, Herrn Spazzo einzukleiden. Und wit
Ihr auch, raunte er ihm ins Ohr, was die Kutte fr Euch zu bedeuten hat? - Da
Ihr die Gelste der Welt abschwret und einen migen, armen und keuschen Wandel
gelobet fr immerdar!
    Herr Spazzo war schon mit dem rechten Arm in das faltige Ordensgewand
gefahren, schnell zog er ihn wieder zurck: Halt' an, zrnte er, da mu ich
Einsprache tun! Sindolt schlug ein Gelchter auf, da merkte der Kmmerer, es
sei so ernst nicht gemeint, und sprach: Bruder, Ihr seid ein Schalk!
    Bald prangten auch die Gefolgsmnner im Schmuck des Ordenskleides, manchem
der neuerschaffenen Mnche hing der lange Bart ordnungswidrig bis an den Grtel,
und das sittige Niederschlagen des Blicks gelang noch nicht ganz nach Vorschrift
33.
    Der Abt geleitete seine Gste zuerst zur Kirche.

                                    Funoten


A1 Auf seinem Lager.

A2 Mitten im Leben (sind wir vom Tode umfangen). Vgl. Scheffels Anmerkung 188,
wo der gesamte Text mitgeteilt ist.

A3 Des Kampfes mit Dmonen.


                                Drittes Kapitel.

                               Wiborada Reclusa.

Einer von denen, die am wenigsten sich des unerwarteten Besuches ergtzten, war
Romeias, der Wchter am Tor. Er wute ungefhr, was ihm bevorstand, aber nicht
alles. Whrend der Abt die Herzogin empfing, kam Gerold, der Schaffner, zu ihm
und sprach: Romeias, rstet Euch, auszuziehen! Ihr sollt auf den nchsten
Meierhfen ansagen, da sie noch heut vor Abend die schuldigen Hhner34 zur
Ausschmckung der Mahlzeit schicken, und sollt einen guten Bissen Wildbret
beschaffen.
    Des war Romeias zufrieden. Es fgte sich nicht zum ersten Male, da er das
Gasthuhn zu heischen ging, und die Meier und Kellerer auf den Hfen duckten sich
des Romeias Worten, denn er hatte eine krftige Sprache zum Anbefehlen. Des
Weidwerks aber freute er sich zu jeder Zeit. Darum nahm Romeias seinen
Jagdspie, hing die Armbrust ber und wollte gehen, ein Rudel Hunde zu lsen.
Gerold, der Schaffner, aber zupfte ihn am Gewand und sagte: Romeias, noch
etwas! Ihr sollet auch der Herzogin Frauenzimmer, denen der Eintritt verwehrt
ist, hinauf ins Schwarzatal fhren und der frommen Wiborad vorstellen, da sie
bei ihr Kurzweil finden, bis der Abend kommt. Und sollet fein artig sein,
Romeias, es ist eine Griechin dabei mit gar dunkeln Augen ...
    Da legten sich drei tiefe Falten ber Romeias' Stirn, und er stie den
Jagdspie auf den Boden, da es klirrte: Weibervlker begleiten? rief er, -
dazu ist der Wchter am Tor des heiligen Gallus nicht nutz!
    Gerold aber nickte ihm bedeutungsvoll zu und sprach: Ihr mt's versuchen,
Romeias. Ist's nicht schon zugetroffen, da Wchter, die ihren Auftrag
getreulich erfllten, des Abends einen groen Steinkrug Klosterwein in ihrem
Stblein vorfanden? Hallo, Romeias!
    Des Mimutigen Antlitz heiterte sich. Und er ging hinab in den Hof und lste
die Hunde; der Sprhund und der Leithund sprangen an ihm hinauf, auch das
Biberhndlein klffte vergnglich und wollte mit ausziehen35, aber verchtlich
jagte er's heim, der Fischteich und seine Insassen gingen den Weidmann nichts
an. Von seinen Rden umbellt schritt er vors Tor.
    Praxedis und die anderen dienenden Frauen der Herzogin waren von den Pferden
gestiegen und saen auf einem Rain im Sonnenschein und hatten viel miteinander
zu schwatzen von Mnchen und Kutten und Brten und sonderbaren Launen ihrer
Herrschaft. Da trat Romeias vor sie hin und sprach: Vorwrts!
    Praxedis musterte den wilden Jgersmann und war sich nicht klar, was sie aus
ihm machen sollte; mit schnippischer Stimme fragte sie: Wohin, guter Freund?
Romeias aber hob seinen Spie und deutete nach einem nahen Hgel hinter dem
Walde und sagte nichts. Da sprach Praxedis: Sind die Worte bei Euch in Sankt
Gallen so teuer zu kaufen, da Ihr keinen andern Bescheid gebt?
    Die Dienerinnen lachten.
    Da sprach Romeias ernst: Mcht' euch doch allzusamt ein Donnerwetter sieben
Klafter tief in Erdboden hinein verschlagen!
    Praxedis erwiderte: Wir danken Euch, guter Freund! Hiemit war die
schickliche Einleitung zu einem Gesprch gefunden. Romeias erffnete seinen
Auftrag, die Frauen folgten ihm willig.
    Und allmhlich fand der Wchter, da es nicht der hrteste Dienst sei,
solche Gste zu geleiten, und wie die Griechin ihn des Nheren ber Wchterei
und Jagdhantierung befragte, ward seine Zunge gelst, und er erzhlte von Bren
und Wildschweinen, da es eine Freude war, und erzhlte sogar sein groes
Jagdstck von dem furchtbaren Eber, dem er einst den Speer in die Seite geworfen
und ihn doch nicht zu erlegen vermocht, denn er hatte Fe, einer Wagenlast an
Mae gleich, und Borsten, so hoch wie die Tannen des Forstes, und Zhne, zwlf
Ellen lang36, - und ward zusehends artiger, denn, wie die Griechin einmal ihren
Schritt hemmte, um einer Drossel Schlag zu belauschen, hielt auch Romeias
geduldig an, wiewohl ihm sonst ein Singvogel ein viel zu erbrmlich Stck Wild
war, als da er ihn groen Aufmerkens gewrdigt. Und wie Praxedis sich nach
einem schnen Goldkfer bckte, der im rtlichen Moos herumkletterte, wollte ihr
Romeias dienstwillig den Kfer mit schwerbesohltem Fu zur Hand schieben, und
da er ihn bei solcher Gelegenheit zertrat, war nicht seine Absicht.
    Sie stiegen einen dstern Bergpfad hinauf; ber zerklftete Nagelfluhfelsen
rann die Schwarza zu Tale. An jenem Abhang war einst der heilige Gall in die
Dornen gefallen und hatte zum Begleiter, der ihn aufrichten wollte, gesprochen:
La mich liegen, hier soll meine Ruhe sein und mein Haus fr alle Zeit37!
    Sie waren nicht lang' bergan geklommen, da kamen sie an einen freien,
tannwaldumsumten Platz. An schirmende Felswand angelehnt, stand dort eine
schlichte Kapelle in Form eines Kreuzes. Nah dabei war ein viereckig Huslein
gemauert, das mit der Rckseite auch an den Fels anstie; nur eine einzige
niedere Fensterffnung, mit einem Holzladen verschliebar, war dran zu schauen;
nirgends eine Tre oder anderweiter Eingang, und war nicht abzusehen, wie ein
Mensch in solch Gebu Einla finden mochte, wofern er nicht durch eine Lucke im
Dach von seiten der Felswand sich hinablie. Gegenber stund ein gleiches Gela,
so ebenfalls nur ein einzig Fensterlein hatte.
    Es war hufiger Brauch dazumal, da solche, die Neigung zum Mnchsleben
versprten, und die sich, wie der heilige Benedikt sagt38, stark genug fhlten,
den Kampf mit dem Teufel ohne Beihilfe frommer Genossenschaft auf eigene Faust
zu bestehen, sich in solch einen GadenA1 einmauern lieen. Man hie sie
Reclausi, Eingeschlossene, Klausner, und war ihre Nutzbarkeit und Lebensabsicht
der der Sulenheiligen in gyptenland zu vergleichen; scharfer Winterswind und
Schneefall macht freilich diesseits der Alpen die Absperrung in frischer Luft
unmglich, das Anachoretengelst war nicht minder stark39.
    In den vier engen Wnden hier auf dem Irenhgel hauste nun die Schwester
Wiborad40, eine vielgepriesene Klausnerin ihrer Zeit.
    Sie stammte aus Klingnau im Aargau und war eine stolze, sprde Jungfrau
gewesen, in mancher Kunst bewandert, und hatte von ihrem Bruder Hitto alle
Psalmen lateinisch beten gelernt und war ehedem nicht abgeneigt, einem Mann sein
Leben zu versen, wenn sie den rechten finden mchte, aber die Blte
aargauischer Landeskraft fand keine Gnade vor ihren Augen, und sie tat eine
Wallfahrt gen Rom. Und dort mu ihr unstet Gemt durchschttert worden sein,
keiner der Zeitgenossen hat erfahren wie; - drei Tage lang rannte ihr Bruder
Hitto das Forum auf und nieder und durch die Hallen des Kolosseum und unter
Konstantins Triumphbogen durch bis zum vierstirnigen Janus an der Tiber unten
und suchte seine Schwester und fand sie nicht; am Morgen des vierten Tags kam
sie zum Salarischen Tor herein und trug ihr Haupt hoch und ihre Augen leuchtend
und sprach, es sei alles nichts auf der Welt, solang' nicht dem heiligen
Martinus die Ehre erwiesen werde, die seinem Verdienst gebhre.
    Wie sie aber zurckkehrte in die Heimat, verschrieb sie ihr Hab und Gut der
Bischofskirche zu Konstanz mit dem Bedingnis, da die geistlichen Herren jeweils
am eilften jedes Herbstmonates dem heiligen Martin ein besonder Fest halten
sollten; sie selber trat in ein eng Huslein, wo die Klausnerin Zilia sich
sehaft gemacht, und fhrte ein klsterlich Leben. Und wie es ihr dort nimmer
zutrglich war, verzog sie sich ins Tal des heiligen Gallus; der Bischof selbst
gab ihr das Geleit und tat ihr den schwarzen Schleier um und fhrte sie an der
Hand in die Zelle am Irenhgel und sprach den Segen, darber; mit der Mauerkelle
tat er den ersten Schlag auf die Steine, mit denen der Eingang vermauert ward,
und drckte viermal sein Sigill auf das Blei, damit sie die Fugen lteten, und
schied sie von der Welt, und die Mnche sangen dazu, als wrd' einer begraben,
dumpf und traurig.
    Die Leute ringsum aber hielten die Klausnerin hoch in Ehren; sie sei eine
hartgeschmiedete Meisterin41, sagten sie, und an manchem Sonntag stund Haupt an
Haupt auf dem Wiesenplan, und Wiborad stund an ihrem Fensterlein und predigte
ihnen, und andere Frauen siedelten sich in die Nhe und suchten bei ihr
Anleitung zur Tugend.
    Wir sind an Ort und Stelle, sprach Romeias. Da blickte Praxedis mit ihren
Begleiterinnen um. Kein menschlich Wesen war zu erschauen; versptete
Schmetterlinge und Kfer summten im Sonnenschein, und die Grille zirpte
flgelwetzend im Gras. An Wiborads Zelle war der Fensterladen angelehnt, so da
nur ein schmaler Streif Sonnenlicht hineinfallen konnte. Dumpfes, langsam und
halb durch die Nase gesungenes Psalmodieren tnte durch die Einsamkeit.
    Romeias klopfte mit seinem Jagdspie an den Fensterladen, der blieb, wie er
war, angelehnt; das Psalmodieren tnte fort. Da sprach der Wchter: Wir mssen
sie anderweitig herausklopfen!
    Romeias war ein Mann von ungeschliffener Lebensart, sonst htte er nicht
getan, was er jetzt tat.
    Er begann ein Lied zu singen, womit er oftmals die Klosterschler ergtzte,
wenn sie in seine Turmstube entwischten, ihn am Bart zu zupfen und mit dem
groen Wchterhorn zu spielen. Es war eine jener Kantilenen, wie deren, seit da
es eine deutsche Zunge gibt, auf freier Heerstrae, an Wegscheiden und Waldecken
und draus auf weiter Heide schon manches gute Tausend in Wind gesungen und
wieder verweht worden, und lautete also:

Ich wei einen Stamm im Eichenschlag,
Der steht im grnesten Laube,
Dort lockt und lacht den ganzen Tag
Eine schne wilde Taube.

Ich wei einen Fels, draus schillt und schallt
Nur Krchzen und Geheule,
Dort haust fahlgrau und migestalt
Eine heis're Schleiereule.

Des Jgers Horn bringt sen Klang,
Des Jgers Pfeil Verderben:
Die Taube gr' ich mit Gesang,
Die Eul' mu mir ersterben!

    Romeias' Lied hatte ungefhr die Wirkung, als wenn er einen Feldstein in
Wiborads Laden geworfen. Alsbald erschien eine Gestalt an der viereckigen
Fensterffnung, auf hagerem Halse hob sich ein blasses, vergilbtes
Frauenantlitz, in dem der Mund eine feindselige Richtung aufwrts gegen die Nase
genommen; von dunklem Schleier vermummt, beugte sie sich weit aus dem
Fensterlein, die Augen glnzten unheimlich. Schon wieder, Satanas? rief sie.
    Da trat Romeias vor und sprach mit gemtlichem Ausdruck: Der bse Feind
wei keine so schnen Lieder wie Romeias, der Klosterwchter. Beruhigt Euch,
Schwester Wiborad, ich bring' ein paar seine Jungfrulein, die Herren im Kloster
lassen sie Euch zu annehmlicher Unterhaltung empfohlen sein.
    Hebet euch weg, ihr Truggestalten! rief die Klausnerin. Wir kennen die
Schlingen, die der Versucher legt. Weichet, weichet!
    Praxedis aber nherte sich der Zelle und neigte sich sittig vor der drren
Bewohnerin: sie komme nicht aus der Hlle, sondern vom Hohen Twiel herber,
setzte sie ihr auseinand. Ein wenig falsch konnte das Griechenkind auch sein,
denn wiewohl ihre Kenntnis von der Klause im Schwarzatal sich erst von heute
herschrieb, fgte sie doch bei, sie htte von dem auferbaulichen Wandel der
Schwester Wiborad schon so viel vernommen, da sie die erste Gelegenheit
genutzt, bei ihr anzusprechen.
    Da schien es, als wollten sich einige Runzeln auf Wiborads Stirn gltten.
Reich mir deine Hand, Fremde! sprach sie und reckte ihren Arm zum Fensterlein
hinaus. Die Kutte streifte sich ein weniges zurck, da war er in seiner ganzen
fleischlosen Magerkeit dem Sonnenschein ausgesetzt.
    Praxedis reichte ihr die Rechte. Wie der junge, lebenswarme Pulsschlag der
weien Hand an der Klausnerin drre Finger anschlug, ward sie langsam von der
Griechin Menschlichkeit berzeugt.
    Romeias merkte die Wendung zum Besseren, er wlzte etliche Felsstcke unter
das Fenster der Zelle. In zwei Stunden hol' ich euch wieder ab; beht' Gott,
ihr Jungfrulein! sprach er. Und erschreckt nicht, wenn sie in Verzuckung
kommt, flsterte er der Griechin zu.
    Hiemit pfiff Romeias seinen Hunden und schritt ins Waldesdickicht. Er legte
auch etwa dreiig Schritte ohne Hindernis zurck, aber dann drehte er sein
struppig Haupt und wandte den ganzen Menschen um; auf den Spie gestemmt,
schaute er unverrckt nach dem Platz vor der Klause, als htt' er etwas
verloren. Hatte aber nichts zurckgelassen.
    Praxedis lchelte und warf dem grbsten aller Wchter eine Kuhand zu. Da
machte Romeias kehrt, wollte seinen Spie schultern, lie ihn fallen, hob ihn
auf, stolperte, erholte sich wieder und verschwand in gutem Trab jenseits der
moosverwachsenen Stmme.
    O Kind der Welt, das in Finsternis wandelt, schalt die Klausnerin herab,
was soll die Bewegung deiner Hand?
    Ein Scherz ..., sprach Praxedis unbefangen.
    Eine Snde! rief Wiborad mit rauher Stimme. Praxedis erschrak.
    O Teufelswerk und Verblendung! fuhr jene predigend fort. Da lasset Ihr
Eure Augen listig herumstreifen, bis sie dem Manne als wie ein Blitz ins Herz
fahren, und werft ihm eine Kuhand zu, als wenn das nichts wre. Ist das nichts,
wenn einer rckwrts schaut, der vorwrts schauen sollte? Wer die Hand an den
Pflug zu legen hat und siehet zurck, der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes
42! Ein Scherz?! O reichet mir YsopA2, Euch zu entsndigen, und Schnee, Euch
rein zu waschen!
    Daran hab' ich nicht gedacht, sprach Praxedis errtend.
    Ihr denkt noch an vieles nicht, sprach Wiborad. Sie schaute Praxedis mit
einem musternden Blick von oben bis unten an. Ihr denkt auch nicht, da Ihr
heut ein grngelb Gewand traget, und da solch herausfordernde Farbe
weltabgewandten Augen ein Greuel ist, und da Ihr den Grtel so lose und
nachlssig drum geschlungen habet, als wret Ihr eine landfahrende Tnzerin.
Wachet und betet!
    Die Klausnerin verschwand eine Weile, dann kehrte sie zurck und reichte
einen grobgedrehten Strick heraus. Du dauerst mich, arme Lachtaube, sprach
sie. Rei ab die seidegestickte Umwindung und empfah' hier den Grtel der
Entsagung aus Wiborads Hnden; der soll dir eine Mahnung sein, da du unntzem
Schwatzen und Tun den Abschied gebest. Kommt aber wieder eine Versuchung eitlen
Herzens ber dich, Wchtern Kuhnde zuzuwerfen, so wende dein Haupt gen
Sonnenaufgang und singe den Psalm: Herr, zu meinem Beistand eile herbei! - und
will auch dann der Friede nicht bei dir einkehren, so brenn' ein Wachslicht an
und halt' den Zeigefinger ber die Flamme, so wirst du sicher sein zur Stunde43.
Das Feuer heilt das Feuer.
    Praxedis schlug die Augen nieder.
    Eure Worte sind bitter, sprach sie.
    Bitter! rief die Klausnerin, gelobt sei der Herr, da auf meinen Lippen
kein ser Schmack wohnt! Der Mund der Heiligen mu bitter sein. Da Pachomius in
der Wste sa, trat der Engel des Herrn zu ihm und brach die Bltter des
Lorbeerbaums und schrieb die Worte des Gebets drauf und gab sie dem Pachomius
und sprach: Verschling' die Bltter; sie werden schmecken in deinem Mund wie
Galle, aber dein Herz wird erfllt werden vom berschwall wahrer Weisheit. Und
Pachomius nahm die Bltter und a sie, und von Stund' an blieb sein Mund bitter,
sein Herz aber fllte sich mit Se und er pries den Herrn44.
    Praxedis schwieg. Es blieb eine Zeitlang still. Die andern Frauen der
Herzogin waren nicht mehr zu sehen. Wie die Klausnerin ihren Grtel
herausreichte, hatten sie einand mit dem Ellbogen angestoen und waren leise um
das Huslein geschlichen. Sie pflckten einen groen Strau Heidekraut und
Herbstblumen im Walde und kicherten dazu.
    Wollen wir auch einen solchen Grtel umlegen? sprach die eine.
    Wenn die Sonne schwarz aufgeht, sprach die andere.
    Praxedis hatte den Strick ins Gras gelegt. Ich will Euch Eures Grtels
nicht berauben, sprach sie jetzt schchtern zum Fenster der Zelle hinauf.
    O harmlos Gemt, sprach Wiborad, der Grtel, den wir tragen, ist kein
Kinderspiel wie der, den ich dir reichte; der Grtel Wiborads ist ein eiserner
Reif mit stumpfen Stacheln und klirrt wie eine Kette und schneidet ein; - deine
Augen erschauerten seines Anblicks45.
    Praxedis schaute nach dem Wald, als wolle sie sphen, ob Romeias nicht bald
zurckkehre. Die Klausnerin mochte bemerken, da es ihrem Gast nicht allzu
behaglich war, sie reichte ein Brett aus ihrem Fensterlein, drauf war ein halb
Dutzend rotgrner pfel gelegt.
    Wird dir die Zeit lang, Tochter der Welt? sprach sie. Greif' zu, wenn die
Worte des Heils dich nicht sttigen. Backwerk und Sigkeiten hab' ich nicht,
aber auch diese pfel gefallen dem Herrn wohl, sie sind die Speise der Armen.
    Die Griechin wute, was der Anstand erheischt. Aber es waren Holzpfel. Wie
sie den ersten zur Hlfte verzehrt, verzog sich ihr anmutiger Mund, und
unfreiwillige Trnen perlten in den Augen.
    Wie schmecken sie? rief die Klausnerin. Da tat Praxedis, als ob des Apfels
Rest zufllig ihrer Hand entfalle: Wenn der Schpfer allen solche Herbigkeit
anerschaffen, so htte Eva nimmermehr vom Apfel gekostet, sprach sie mit
sauersem Lcheln.
    Wiborad war beleidigt. Gut! erwiderte sie, da du der Eva Angedenken
nicht erlschen lssest. Die hat denselben Geschmack gehabt wie du, drum ist
auch die Snde in die Welt gekommen46.
    Die Griechin blickte nach dem Himmel. Aber nicht aus Rhrung. Ein Falke
kreiste einsam ber Wiborads Zelle. O knnt' ich mit dir ber den Bodensee
fliegen, dachte sie. Dann wiegte sie schalkhaft ihr Haupt.
    Wie mu ich's anfangen, fragte sie, da ich vollkommen werde wie Ihr?
    Der Welt grndlich entsagen, antwortete Wiborad, ist eine Gnade von oben;
der Mensch kann sich's nicht geben. Fasten, Quellwasser trinken, das Fleisch
abtten, Psalmen beten, das all sind nur Vorbereitungen. Das Wichtigste ist ein
guter Schutzheiliger. Wir Frauen sind ein zerbrechlich Volk, aber eindringlich
Gebet ruft die Streiter Gottes an unsere Seite, die helfen. Schau her ans kleine
Fenster, da steht er oft in nchtlicher Stille, der Erlesene meiner Gedanken,
der tapfere Bischof Martinus, und hlt Schild und Lanze wider die anstrmenden
Teufel; ein blauer Strahlenkranz geht von seinem Haupte aus, es zuckt durchs
Dunkel wie Wetterleuchten, wenn er naht, und grunzend entfliehen die Dmonen.
Und wenn der Kampf geendet, dann pflegt er gar traulichen Zwiespruch; ich klag'
ihm, was das Herz bedrngt, all die Not, die ich mit den Nachbarinnen habe, und
alles Leid, das mir die Klosterleute zufgen, und der Heilige nickt und
schttelt die wallenden Locken und nimmt alles mit sich himmelaufwrts und teilt
es seinem Freund, dem Erzengel Michael, mit, der hat jeden Montag die Wache am
Thron Gott Vaters47, so kommt's an den rechten Ort, und Wiborad, die Letzte der
Letzten im Dienste des Hochthronenden, ist nicht vergessen ...
    Da will ich den heiligen Martinus auch zu meinem Schutzpatron erwhlen,
sprach Praxedis. Aber darauf hatte Wiborads Lobspruch nicht gezielt. Sie warf
einen verchtlich eiferschtigen Blick auf die roten Wangen der Griechin: Der
Herr verzeih' Euch Eure Anmaung, sprach sie mit gefalteten Hnden; - glaubt
Ihr, das ist mit einem leichtfertigen Wort und mit einem glatten Gesicht getan?
Unerhrt! Viel lange Jahre hab' ich gerungen und die Falten der Askesis wie
Narben auf der Stirn getragen und war noch nicht von ihm begnadigt, da er mir
nur einen Blick zuwarf. Es ist ein frnehmer Heiliger und ein tapferer
Kriegsmann vor dem Herrn, der schaut nur auf erprobte Streiterinnen.
    Er wird mein Gebet nicht grblich abweisen, warf Praxedis ein.
    Ihr sollt aber nicht zu ihm beten, rief Wiborad zornig, Ihr drft nicht
zu ihm beten. Was hat er mit Euch zu schaffen? Fr Euresgleichen sind andere
Schutzheilige. Ich will Euch einen sagen. Nehmt Ihr den frommen Vater Pachomius
zum Patron.
    Den kenn' ich nicht, sagte Praxedis.
    Schlimm genug, so lern' ihn itzt kennen. Der war ein ehrwrdiger Einsiedel
in der thebaischen Wste, a Wurzeln und Heuschrecken und war so fromm, da er
schon bei Lebzeiten die Harmonie der Sphren und Planeten erklingen hrte, und
sprach oft: Wenn alle Menschen das hren knnten, was meine Ohren zu hren
gewrdigt sind, sie lieen Haus und Hof, und wer den rechten Schuh angezogen,
liee den linken und liefe in Orient. In Alexandria aber war eine Maid, die hie
Thas, und niemand wute, was unendlicher an ihr, die Schnheit oder der
Leichtsinn. Da sprach Pachomius: Eine solche ist dem ganzen Land gypten eine
Plage, und machte sich auf, schnitt seinen Bart, salbte sich und bestieg sein
Krokodil, das er durch Kraft des Gebets dienstbar gemacht; das trug ihn auf
schuppigem Rcken den Nil hinab, und er ging zu ihr, als wr' er ein Liebhaber.
Seinen groen Palmstock hatte er auch mitgenommen und erschtterte das Herz der
Snderin dermaen, da sie ihre Seidengewande verbrannte und ihren Schmuck dazu
und dem Pachomius folgte wie ein Zicklein dem Hirten. Und er schlo sie in ein
Felsengrab ein, daran lie er nur ein klein Fenster und unterwies sie im Gebet,
und nach fnf Jahren war der Thas Luterung zu Ende und vier Engel trugen ihre
Seele gerettet gen Himmel48.
    Aber Praxedis war nicht sehr auferbaut. Der alte Wstenvater mit seinem
struppigen Bart und den bittern Lippen ist ihr nicht vornehm genug: da soll ich
mit ihm vorliebnehmen, dachte sie. Sie wagte nicht, es auszusprechen.
    Jetzt tnte die Vesperglocke vom Kloster durch den Tannenwald herauf. Da
trat die Klausnerin vom Fenster ab und schlo ihren Laden. Dumpfes Psalmbeten
ward drinnen hrbar, untermischt mit einem Gerusch wie von niederfallenden
Streichen. Sie geielte sich.
    Inzwischen hatte Romeias im fernen Gehlz das Gejaid begonnen und warf
seinen Spie; aber er hatte einen Eichstrunk fr ein Rehlein angesehen. Zrnend
zog er sein Gescho aus dem widerstrebenden Holz, - es war das erstemal in
seinem Leben, da ihm solches vorkam.
    Vor Wiborads Klause war's lange still. Dann tnte ihre Stimme wieder, aber
wie verwandelt, mit klangvoller Leidenschaft: Steig' hernieder, heiliger
Martinus, tapferer Kriegstribun, du meine Trsteinsamkeit, Stern im Dunkel der
Zeit! steig' hernieder, meine Seele ist gerstet, dich zu erschauen, meine Augen
drsten nach dir49.
    Und wieder war's still auf dem Plan - da schreckte Praxedis zusammen. Ein
dumpfer Schrei klang in der Zelle auf. Sie sprang ans Fenster und schaute
hinein: die Klausnerin war in die Kniee gesunken, die Arme hoch erhoben, ihr
Auge glsern starrend. Neben ihr lag die Geiel, das Werkzeug der Bue.
    Um Gottes willen! rief Praxedis, was ist Euch?
    Wiborad fuhr empor und prete der Griechin Hand krampfhaft. Menschenkind,
sprach sie mit gebrochenem Ton, die du Wiborads Schmerzen zu sehen gewrdigt
bist, klopf' an deine Brust, es ist ein Zeichen geschehen. Ausgeblieben ist der
Erwhlte meiner Gedanken, er zrnt, da sein Name von unheiligen Lippen entweiht
ward, aber der heilige Gallus ist dem Aug' meiner Seele erschienen, er, der noch
niemals Einkehr hier genommen - und sein Antlitz war das eines Dulders und sein
Gewand zerrissen und brandig. Seinem Kloster droht ein Unheil. Wir mssen eine
Frbitte tun, da seine Jnger nicht straucheln auf dem Pfad der Gerechten.
    Sie beugte sich aus dem schmalen Fenster und rief zur nachbarlichen Klause
hinber: Schwester Wendelgard!
    Da schob sich drben das Ldlein zurck, ein ltlich Antlitz erschien, das
war die brave Frau Wendelgard, die dort um ihren Ehegemahl trauerte, der vom
letzten Heereszug nimmer heimgekommen.
    Schwester Wendelgard, sprach Wiborad, la uns dreimal singen den Psalm:
Sei mir gndig, o Gott, nach deiner Huld.
    Aber die Schwester Wendelgard hatte just mit trumender Sehnsucht ihres
Eheherrn gedacht; sie wute in festem Gottvertrauen, da er dereinst noch
heimkehren werde aus der Hunnen Landen, und htte am liebsten jetzt schon die
Pforte ihrer Klause eingetreten, hinauszuschreiten in die wehende Luft, ihm
entgegen.
    Es ist nicht die Stunde des Psallierens, rief sie hinber.
    Desto lieblicher klingt freiwillige Andacht zum Himmel empor, sprach
Wiborad. Und sie intonierte mit rauher Stimme den Psalm. Aber die Antwort blieb
aus. Was stimmst du nicht in Davids Schallgesang?
    Ich mag nicht, war Wendelgards einfache Antwort. Es war ihr in
langjhrigem Klausnertum allmhlich schwl geworden. Viel tausend Psalmen hatte
sie auf Wiborads Gehei gesungen, da der heilige Martinus ihren Ehegespons
heraushaue aus der Feinde Gewalt, aber die Sonne ging auf, die Sonne ging nieder
- noch immer blieb er aus. Und die hagere Nachbarin mit ihren Phantasmen war ihr
verleidet.
    Wiborad aber wandte ihre Augen unverrckt dem Himmel zu, gleich einem, der
am hellen Tage einen Kometen zu entdecken gedenkt: O Gef voll Ungehorsam und
Bosheit, rief sie, ich will fr dich beten, da die bsen Geister von dir
gebannet werden. Dein Aug' ist blind, dein Sinn ist wirr.
    Doch ruhig antwortete die Gescholtene: Richtet nicht, auf da auch ihr
nicht gerichtet werdet. Mein Aug' ist noch so scharf wie vor Jahresfrist, da es
Euch in mondumglnzter Nacht erschauen konnte, wie Ihr aus dem Fenster der
Klause stieget und hinausgewandelt seid, Gott wei wohin, - und mein Sinn erwgt
noch wohl, ob Psalmengesang aus solchem Munde ein Wunder zu wirken imstande.
    Da verzog sich Wiborads bleiches Antlitz, als ob sie auf einen Kieselstein
gebissen htte. Weh dir, Teufelgeblendete! schrie sie, ein Schwall scheltender
Reden entstrmte ihren Lippen; die Nachbarin blieb keine Antwort schuldig,
schneller und schneller kam Wort auf Wort geflogen, verschlang sich, verwirrte
sich; von den Felswnden klang unharmonischer Widerhall drein und schreckte ein
Kuzleinpaar auf, das dort in den Spalten horstete und scharf krchzend von
dannen flatterte ... am Portal des Mnsters zu Worms, da die Kniginnen einander
schalten, ging's snftlicher zu als jetzo.
    Mit stummem Erstaunen horchte Praxedis dem Lrm; gern wre sie
beschwichtigend dazwischen getreten, aber Sanftes taugt nicht, um Schneidiges zu
trennen.
    Da tnte vergnglicher Schall des Hifthorns vom Walde her und klffendes
Rdengebell; langsam kam des Romeias hohe Gestalt geschritten. Das zweitemal, da
er den Spie geworfen, war's kein Baumstrunk, sondern ein stattlicher Zehnender;
der Hirsch hing ihm auf dem Rcken, sechs lebende Hasen, die der Klostermeier
von Tablatt in Schlingen gefangen, trug er gefestigt am Grtel.
    Und wie der Weidmann die Klausnerinnen erschaute, freute sich sein Herz;
kein Wrtchen sprach er, wohl aber lste er der lebenden Hslein zwei ihrer
Bande; einen in der Rechten, einen in der Linken schwingend, warf er sie so
sicher durch die engen Klausfenster der Streitenden, da Wiborad, vom weichen
Fell elektrisch am Haupte berhrt, mit lautem Aufschrei zurckfuhr. Der braven
Wendelgard hatte sich in whrender Hitze des Zwiespruchs der schwarze Habit
gelst, der Hase fuhr ihr so pltzlich zwischen Hals und Kapuze und verfing sich
in der Gewandung und suchte einen Ausweg und wute nicht wohin, da auch sie ein
jher Schreck berfiel. Da stellten beide die Scheltung ein, die Fensterlden
schlossen sich, ruhig ward's auf dem Hgel50.
    Wir wollen heim, spach Romeias zur Griechin, es will Abend werden.
Praxedis war weder vom Geznk noch von Romeias' Friedestiftung so auferbaut, da
sie lnger zu bleiben gewnscht htte. Ihre Begleiterinnen hatten bereits auf
eigene Faust den Rckzug angetreten.
    Die Hasen gelten bei Euch nicht viel, sprach sie zum Wchter, da Ihr sie
so grob in die Welt hinauswerfet.
    Nicht viel, lachte Romeias, doch wr' das Geschenk eines Dankes wert.
    Zu selber Zeit hob sich die Dachluke an Wiborads Zelle, die hagere Gestalt
ward zur Hlfte sichtbar, ein miger Feldstein flog ber Romeias Haupt hin, er
traf ihn nicht. Das war der Dank fr den Hasen.
    Man ersieht daraus, da die Formen geselligen Verkehrs mannigfach von den
heutigen verschieden waren.
    Praxedis sprach ihr Befremden aus.
    So etwas kommt alle paar Wochen einmal vor, erwiderte Romeias. Miger
Geifer und Zorn schafft alten Einsiedlerinnen neue Lebenskraft; es ist ein gut
Werk, zu Erregung derselben beizutragen.
    Aber sie ist eine Heilige, sagte Praxedis scheu.
    Da brummte Romeias in Bart. Sie soll froh sein, sprach er, wenn sie's
ist. Ich will ihr das Fell ihrer Heiligkeit nicht abziehen51. Aber seit ich in
Konstanz meiner Mutter Schwester besucht, hab' ich allerhand erfahren, was mir
nicht grn aussieht. Es ist dort noch nicht vergessen, wie sie vor des Bischofs
Gericht sich verantworten mute wegen dem und jenem, was mich nichts angeht, und
die Konstanzer Kaufleute erzhlen, ohne da man sie fragt, wie ihnen die
Klausnerinnen am Mnster das Almosengeld, das fromme Pilgrime zutrugen, gegen
Wucherzins ausgeliehen52. Was kann ich dafr, da mir schon in Knabenzeit im
Steinbruch ein seltsam groer Kiesel in die Hnde kam? Wie ich den aufgehmmert,
sa eine Krte drin und machte verwunderte Augen. Seitdem wei ich, was eine
Klausnerin ist. Schnipp, schnapp - trari, trara!
    Romeias geleitete seine neue Freundin zur Pforte des auer Klosterbann
gelegenen Hauses, das zu ihrer Herbergung bestimmt war. Dort standen die
Dienerinnen, der Strau Waldblumen, den sie gepflckt, lag auf dem Steintisch am
Eingang.
    Wir mssen Abschied nehmen, sagte der Wchter.
    Lebt wohl, sprach Praxedis.
    Da ging er. Nach dreiig Schritten schaute er scharf zurck. Aber zweimal
geht die Sonne an einem Tage nicht auf, am wenigsten fr einen Wchter am
Klostertor. Es ward ihm keine Kuhand mehr zugeworfen. Praxedis war ins Haus
gegangen.
    Da wandelte Romeias langsam zurck, griff, ohne anzufragen, den Blumenstrau
vom Steintisch und zog ab. Den Hirsch und die vier Hasen lieferte er der
Klosterkche. Dann bezog er seine Wchterstube, nagelte den Strau an die Wand
und malte mit Kohle ein Herz dazu, das hatte zwei Augen und einen langen Strich
als Nase und einen Querstrich als Mund.
    Der Klosterschler Burkard kam herauf, mit ihm zu spielen. Den fate er mit
gewaltiger Hand, reichte ihm die Kohle, stellte ihn vor die Wand und sprach:
Schreib den Namen drunter!
    Was fr einen Namen? frug der Knabe.
    Ihren! sprach Romeias.
    Was wei ich von ihr und ihrem Namen, sagte der Klosterschler
verdrielich.
    Da sieht man's wieder, brummte Romeias, wozu das Studieren gut ist! Sitzt
der Bub' jeden Tag acht Stunden hinter seinen Eselshuten und wei nicht einmal,
wie ein fremdes Frauenzimmer heit! ...

                                    Funoten


A1 Kleines Haus, Gemach.

A2 Pflanze, zur Reinigung dienend (nach 3. Mos. 14, 52).


                                Viertes Kapitel.

                                  Im Kloster.

Frau Hadwig hatte inzwischen am Grab des heiligen Gallus ihre Andacht
verrichtet. Dann gedachte der Abt, ihr einen Gang im schattigen Klostergarten
vorzuschlagen; aber sie bat, ihr zuvrderst den Kirchenschatz zu zeigen. Der
Frauen Gemt, wie hoch es auch genaturt sein mag, erfreut sich allzeit an
Schmuck, Zierat und prchtiger Gewandung. Da wollte der Abt mit einiger Ausrede
ihren Sinn ablenken, vermeinend, sie seien nur ein arm Klsterlein und seine
Base werde auf ihren Fahrten im Reich und am Kaiserhof schon Preiswrdigeres
erschaut haben: es half ihm nicht.
    Sie traten in die Sakristei.
    Er lie die gebrunten Schrnke ffnen, da war viel zu bewundern an
purpurnen Megewndern, an Priesterkleidern mit Stickerei und gewirkten
Darstellungen aus heiliger Geschichte. War auch manches darauf abgebildet, was
noch nahe an rmisches Heidentum anstreifte, zum Beispiel die Hochzeit des
Merkurius mit der PhilologieA1.
    Hernach wurden die Truhen aufgeschlossen, da glnzte es vom Schein edler
Metalle, silberne Ampeln gleiten herfr und Kronen, Streifen getriebenen Goldes
zur Einfassung der Evangelienbcher und der Altarverzierung53; Mnche des
Klosters hatten sie, ums Knie gebunden, aus welschen Landen ber unsichere
Alpenpfade sicher eingebracht; - kstliche Gefe in seltsamen Formen, Leuchter
in Delphinengestalt, sulengetragene Schalen, Leuchttrmen gleich,
Weihrauchbehlter und viel anderes - ein reicher Schatz. Auch ein Kelch von
Bernstein war dabei54, der schimmerte lieblich, so man ihn ans Licht hielt; am
Rand war ein Stck ausgebrochen.
    Als mein Vorgnger Hartmuth am Sterben lag, sprach der Abt, ward's
gepulvert und ihm mit Wein und Honig eingegeben, das Fieber zu stillen.
    Mitten im Bernstein sa ein Mcklein, so fein erhalten, als wr's erst
neulich hereingeflogen, und hat sich dies Insekt, wie es in vorgeschichtlichen
Zeiten vergnglich auf seinem Grashalm sa und vom zhflssigen Erdharz
berstrmt ward, auch nicht trumen lassen, da es in solcher Weise auf die
Nachwelt bergehen werde.
    Auf derlei stummes Zeugnis wirkender Naturkraft ward aber damals kein
aufmerkend Auge gerichtet; wenigstens war der Kmmerer Spazzo, der ebenfalls mit
Sorgfalt alles musterte, mit andern Dingen beschftigt. Er dachte, um wieviel
ergtzlicher es sein mcht', mit diesen frommen Mnnern in Fehde zu liegen und,
statt als Gastfreund einzureiten, Platz und Schatz mit strmender Hand zu
nehmen. Und weil er schon manchen Umschlag vornehmer Freundschaft erlebt,
bereitete er sein Gemt auf diese Mglichkeit, fate den Eingang der Sakristei
genau ins Aug' und murmelte: Also vom Chor die erste Pforte zur Rechten!
    Der Abt mochte auch der Ansicht sein, da lang' fortgesetzter Anblick von
Gold und Silber Hunger nach Besitz errege; er lie die letzte Truhe, welche der
Kostbarkeiten vorzglichste barg, nicht mehr erschlieen und drngte, da sie
ins Freie kamen.
    Sie lenkten ihre Schritte zum Klostergarten. Der war weitschichtig angelegt
und trug an Kraut und Gemse viel nach Bedarf der Kche; zudem auch ntzliches
Arzneigewchs und heilbringende Wurzeln.
    Beim Baumgarten war ein groer Raum abgeteilt fr wild Getier und Gevgel,
wie solches teils in den nahen Alpen hauste, teils als Geschenk fremder Gste
dem Garten verehrt war55.
    Da erfreute sich Frau Hadwig am ungeschlachten Wesen der Bren: in
nrrischen Sprngen kletterten sie am Baum ihres Twingers auf und nieder;
daneben erging sich ein kurznasiger Affe, der mit einer Meerkatze zusammen an
einer Kette durchs Leben tollte, - zwei Geschpfe, von denen ein Dichter
damaliger Zeit sagt, da weder das eine noch das andere eine Spur nutzbringender
Anlage als Berechtigungsgrund seines Vorhandenseins aufzuweisen vermge56.
    Ein alter Steinbock stund in seines Raumes Enge, der Sohn der Hochalpe
senkte sein Haupt, still und geduckt; seit er die schneidige Luft der Gletscher
entbehren mute, war er blind geworden, denn nicht jedweder gedeiht in den
Niederungen der Menschen.
    In anderem Behltnis waren dickhutige Dachse angebaut; der bse Sindolt
lachte, wie sie vorberkamen: Sei gegrt, du kleines, niedertrchtig Getier,
sprach er, du erlesen Wildbret der Klosterknechte!
    Wieder anderswo pfiff es durchdringend. Ein Rudel Murmeltiere lief den
Ritzen zwischen den knstlich geschichteten Felsen zu. Frau Hadwig hatte solch
kurzweilig Geschpf noch nicht erschaut. Da erklrte ihr der Abt deren
Lebensart:
    Die schlafen mehr als jede andere Kreatur, sprach er; auch wenn sie
wachen, mgen sie ohne Phantasieren nicht sein, und so der Winter herzustreicht,
lesen sie allenthalb Halm und Heu zusammen, und eines von ihnen legt sich auf
den Rcken, richtet die vier Fe ob sich, die andern legen auf es alles, so sie
zusammengeraspelt haben, nehmen es danach beim Schweif und ziehen's wie einen
geladenen Frachtwagen zu ihrer Hhle57.
    Da sprach Sindolt zum dicken Kmmerer Spazzo: Wie schade, da Ihr keine
Bergmaus geworden, das wr' eine anmutige Verrichtung fr Euch!
    Wie der Abt sich abgewendet, hub der bse Sindolt eine neue Art der
Erklrung an: Das ist unser Tutilo! sprach er und deutete auf einen Bren, der
soeben seinen Nebenbr rcklings zu Boden geworfen, - das der blinde Thieto!
er deutete auf den Steinbock; eben wollte er auch seinem Abte die Ehre einer
nicht schmeichelhaften Vergleichung erweisen, da fiel ihm die Herzogin in die
Rede: Wenn Ihr alles zu vergleichen wisset, habt Ihr auch fr mich ein
Sinnbild?
    Sindolt ward verlegen. Zum guten Glck stand bei den Kranichen und Reihern
ein schmucker Silberfasan und wiegte sein perlgrau glnzend Gefieder im
Sonnenschein.
    Dort! sprach Sindolt.
    Aber die Herzogin wandte sich zu Ekkehard, der trumerisch in das Gewimmel
der Tierwelt schaute: Einverstanden? frug sie. Er fuhr auf: O Herrin, sprach
er mit weicher Stimme, wer ist so vermessen, unter dem, was da kreucht und
fleucht, ein Sinnbild fr Euch zu suchen?
    Wenn Wir's aber verlangen ...
    Dann wei ich nur einen Vogel, sprach Ekkehard, wir haben ihn nicht und
niemand hat ihn; in klaren Mitternchten fliegt er hoch zu unsern Huptern und
streift mit den Schwingen den Himmel. Der Vogel heit Caradrion; wenn seine
Fittiche sich zur Erde senken, soll ein siecher Mann genesen: da kehret sich der
Vogel zu dem Manne und tut seinen Schnabel ber des Mannes Mund, nimmt des
Mannes Unkraft an sich und fhrt auf zur Sonne und lutert sich im ew'gen Licht:
da ist der Mann gerettet58.
    Der Abt kam wieder herbei und unterbrach weitere Sinnreden. Auf einem
Apfelbaum sa ein dienender Bruder, pflckte die pfel und sammelte sie in
Krbe. Wie sich die Herzogin zum Schatten der Bume wandte, wollte er
herniedersteigen, aber sie winkte ihm, zu bleiben. Jetzt ertnte es wie Gesang
zarter Knabenstimmen in des Gartens Niederung: die Zglinge der innern
Klosterschule kamen heran, der Herzogin ihre Huldigung zu bringen; blutjunge
Brschlein, trugen sie bereits die Kutte, und mancher hatte die Tonsur aufs
eilfjhrige Haupt geschoren. Wie sie aber in Prozession daherzogen, die
rotbackigen btlein der Zukunft, gefhrt von ihren Lehrern, den Blick zur Erde
niedergeschlagen, und wie sie so ernst und langsam ihre Sequenzen sangen: da
flog ein leiser Spott ber Frau Hadwigs Antlitz, mit starkem Fu stie sie den
nahestehenden Korb um, da die pfel lustig unter den Zug der Schler rollten
und an ihren Kapuzen emporsprangen. Aber unbeirrt zogen sie ihres Weges; nur der
kleinsten einer wollte sich bcken nach der lockenden Frucht, doch streng hielt
ihn sein Nebenmnnlein am Grtel59.
    Wohlgefllig sah der Abt die Haltung des jungen Volkes und sprach:
Disziplin unterscheidet den Menschen vom Tier60! und wenn Ihr der Hesperiden
pfel unter sie werfen wolltet, sie blieben fest.
    Frau Hadwig war gerhrt. Sind alle Eure Schler so gut gezogen? frug sie.
    So Ihr Euch berzeugen wollt, sprach der Abt, die groen in der ueren
Schule wissen nicht minder, was Zucht und Gehorsam ist.
    Die Herzogin nickte. Da fhrte sie der Abt zur uern Klosterschule, wo
zumeist vornehmer Laien Shne und diejenigen erzogen wurden, die sich
weltgeistlichem Stand widmen wollten.
    Sie traten in die Klasse der ltesten ein. Auf der Lehrkanzel stand Ratpert,
der Vielgelehrte, und unterwies seine Jugend im Verstndnis von Aristoteles'
Logica. Geduckt saen die Schler ber ihren Pergamenten, kaum wandten sich
die Hupter nach den Eingetretenen. Der Lehrmeister gedachte Ehre einzulegen.
Notker Labeo! rief er. Der war die Perle seiner Schler, die Hoffnung der
Wissenschaft; auf schmchtigem Krper ein mchtiges Haupt, dran eine gewaltige
Unterlippe kritisch in die Welt hervorragte, das Wahrzeichen strenger Ausdauer
auf den steinigen Pfaden des Forschens und Ursache seines bernamens.
    Der wird brav, flsterte der Abt, die ganze Welt sei ein Buch, hat er
schon im zwlften Jahre gesagt, und die Klster die klassischen Stellen drin61.
    Der Aufgerufene lie seine klugen uglein ber den griechischen Text
hingleiten und bersetzte mit gewichtigem Ernst den stagiritischen Tiefsinn:
    ... Findest du an einem Holze oder Steine einen als Linie laufenden Strich,
der ist der eben liegenden Teile so gemeine March. Spaltet sich an dem Striche
der Stein oder das Holz entzwei, so sehen wir strichweise zwei Durchschnitte an
dem sichtbaren Spalte, die vorher nur ein Strich und Linie waren. Und berdies
sehen wir zwo neue Oberflchen, die also breit sind, als dick der Krper war, da
man vor die neue Oberflche nicht sah. Darum erhellet, da dieser Krper vorhin
zusammenhngend war62.
    Aber wie dieser Begriff des Zusammenhngenden glcklich herausgeklaubt war,
streckten etliche der jungen Logiker die Kpfe zusammen und flsterten und
flsterten lauter, - selbst der Klosterschler Hepidan, der unbeirrt von Notkers
trefflicher Verdeutschung seine ganze Mhe aufwandte, einen Teufel mit doppeltem
Flgelpaar und Ringelschwanz in die Bank einzuschneiden, stellte seine Arbeit
ein ... itzt wandte der Lehrmeister sich an den Folgenden: Wie wird aber die
Oberflche eine gemeine March? Da las der seinen griechischen Text, aber die
Bewegung in den Schulbnken ward strker, es summte und brummte wie ferne
Sturmglocken, zur bersetzung kam's nicht mehr, pltzlich strmten die Zglinge
Ratperts lrmend vor, sie strmten auf die Herzogin ein, rissen sie von des Abts
und ihres Kmmerers Seite: Gefangen! gefangen! schrie die holde Jugend und
begann sich mit den Schulbnken zu verschanzen: Gefangen! wir haben die
Herzogin in Schwaben gefangen! Was soll ihr Lsegeld sein?
    Frau Hadwig hatte sich schon in mancherlei Lebenslagen befunden. Da sie als
Gefangene unter Schulknaben fallen knne, war ihr noch nicht zu Sinn gekommen.
Weil die Sache neu war, hatte sie Reiz fr sie; sie fgte sich.
    Ratpert, der Lehrmeister, holte aus seinem Holzverschlag eine mchtige Rute
hervor, schwang sie druend zur Umkehr und rief, ein zweiter Neptunus, die
virgilischen VerseA2 ins Getmmel:

So weit hat das Vertrauen auf euer Geschlecht euch verleitet?
Himmel und Erde sogar, ohn' alles Gehei von mir selber,
Wagt ihr zu mischen, ihr Winde, und solchen Tumult zu erheben?!
Quos ego!!

    Erneuter Halloruf war die Antwort. Schon war der Saal durch Schulbnke und
Schemel abgesperrt. Herr Spazzo berlegte den Gedanken eines Sturms und
krftiger Faustschlge an die Hauptrdelsfhrer. Der Abt war sprachlos, die
Keckheit war ihm lhmend in die Glieder gefahren.
    Die hohe Gefangene stand am andern Ende des Hrsaals in einer Fensternische,
umringt von ihren fnfzehnjhrigen Entfhrern.
    Was soll das alles, ihr schlimmen Knaben? frug sie lchelnd.
    Da trat einer der Aufrhrer vor, beugte sein Knie und sprach demtig: Wer
als Fremder kommt, ist sonder Schutz und Friede, und friedlose Leute hlt man
gefangen, bis sie sich der Unfreiheit lsen63.
    Lernt ihr das auch aus euern griechischen Bchern?
    Nein, Herrin, das ist deutscher Brauch.
    So will ich mich denn auslsen, lachte Frau Hadwig, erfate den
rotwangigen Logiker und zog ihn zu sich heran, ihn zu kssen; der aber ri sich
von ihr los, sprang in den Kreis der lrmenden Genossen und rief:
    Die Mnze kennen wir nicht!
    Was heischet ihr denn fr ein Lsegeld? fragte die Herzogin. Sie war der
Ungeduld nahe.
    Der Bischof Salomo von Konstanz war auch unser Gefangener, sprach der
Schler, der hat uns drei weitere Vakanztage erwirkt im Jahre und eine
Rekreation an Fleisch und Brot, und hat's in seinem Testament gebrieft und
angewiesen64.
    O nimmersatte Jugend! sprach Frau Hadwig, so mu ich's zum mindesten dem
Bischof gleichtun. Habt ihr schon Felchen aus dem Bodensee verspeist?
    Nein! riefen die Jungen.
    So sollt ihr jhrlich sechs Felchen zum Angedenken an mich erhalten. Der
Fisch ist gut fr junge Schnbel.
    Gebt Ihr's mit Brief und Siegel?
    Wenn's sein mu!
    Langes Leben der Frau Herzogin in Schwaben! Heil ihr! rief's von allen
Seiten, Heil, sie ist frei! Die Schulbnke wurden in Ordnung gestellt, der
Ausgang gelichtet, springend und jubelnd geleiteten sie die Gefangene zurck. Im
Hintergrund flogen die Pergamentbltter der Logica als Freudenzeichen in die
Hhe, selbst Notker Labeos Mundwinkel neigten sich zu einem grblichen Lachen,
und Frau Hadwig sprach: Sie waren recht huldvoll, die jungen Herren; wollet die
Rute wieder in Verschlag tun, Herr Professor!
    An ein Weitererklren des Aristoteles war heut nicht mehr zu denken. Ob die
Ausgelassenheit der Schler nicht in nahem Zusammenhang mit ihrem Studium der
Logik stand? Der Ernst ist oftmals ein gar zu drrer, blattloser, hohler Stamm,
sonst htt' die Torheit nicht Raum, ihn ppig grn zu umranken ...
    Wie die Herzogin mit dem Abt den Hrsaal verlassen, sprach dieser: Es
brigt noch, Euch des Klosters Bcherei zu zeigen, die Arzneikammer
lernbegieriger Seelen, das Zeughaus fr die Waffen des Wissens. Aber Frau
Hadwig war ermdet, sie dankte. Ich mu mein Wort halten, sprach sie, und die
Schenkung an Eure Schulknaben urkundlich machen. Wollet die Handfeste aufsetzen
lassen, da wir sie mit Unterschrift und Sigill versehen.
    Herr Cralo fhrte seinen Gast nach seinen Gemchern. Den Kreuzgang entlang
wandelnd, kamen sie an einem Gela vorber, des Tre war offen. An kahler Wand
stand eine niedere Sule, von der in halber Mannshhe eine Kette niederhing.
ber dem Portal war in verblaten Farben eine Gestalt gemalt, sie hielt in
magern Fingern eine Rute. Wen der Herr lieb hat, zchtigt er; er stupet einen
jeglichen, den er zum Sohne annimmt (Hebr. XII, 6), war in groen Buchstaben
darunter geschrieben.
    Frau Hadwig warf dem Abt einen fragenden Blick zu.
    Die Geielkammer65! sprach er.
    Ist keiner der Brder zur Zeit einer Strafe verfallen, fragte sie, es
mcht' ein lehrreich Beispiel sein ...
    Da zuckte der bse Sindolt mit dem rechten Fu, als wr' er in einen Dorn
getreten, rckte sein Ohr rckwrts, wie wenn von dort eine Stimme ihm riefe,
sprach: Ich komme sogleich, und enteilte ins Dunkel des Ganges.
    Er wute warum.
    Notker, der Stammler, hatte nach jhriger Arbeit die Abschreibung eines
Psalterbuchs vollendet und es mit zierlich feinen Federzeichnungen geziert; das
hatte der neidische Sindolt nchtlicherweile zerschnitten und die Weinkanne
drber geschttet. Drob war er zu dreimaliger Geielstrafe verdammt, der letzten
Vollzug stand noch aus: er kannte das rtlein und die Buwerkzeuge, die ihrem
Rang nach an der Wand hingen, vom neunfltigen Skorpion herab bis zur
einfachen Wespe.
    Der Abt drngte, da sie vorberkamen. Seine Prunkgemcher waren mit Blumen
geschmckt. Frau Hadwig warf sich in den einfachen Lehnstuhl, auszuruhen vom
Wechsel des Erschauten. Sie hatte in wenig Stunden viel erlebt. Es war noch eine
halbe Stunde zum Abendimbi.
    Wer zu dieser Frist einen Rundgang durch des Klosters Zellen gemacht, der
htte sich berzeugen mgen, wie kein einziger Bewohner des Stiftes unberhrt
vom Eindruck des vornehmen Besuchs geblieben. Auch die weltabgeschiedensten
Gemter fhlen, da einer Frau Huldigung gebhrt.
    Dem grauen Tutilo war's beim Empfang schwer aufs Herz gefallen, da der
linke rmel seiner Kutte mit einem Loch geschmckt war; sonst wr's wohl bis zum
nchsten hohen Festtag ungeflickt geblieben, aber itzt galt kein Verzug; mit
Nadel und Zwirn gewaffnet sa er auf dem Schragen und besserte den Schaden.
    Und weil er gerade im Zug war, legte er auch seinen Sandalen eine neue Sohle
an und festigte sie mit Ngeln. Er summte eine Melodei, da die Arbeit besser
gedieh.
    Radolt, das Denkmnnlein, ging mit gerunzelter Stirn auf seiner Zelle auf
und nieder, vermeinend, es werde sich eine Gelegenheit ergeben, in frei
ersonnener Rede des hohen Gastes Ruhm zu preisen. Den Eindruck unmittelbaren
Ergusses zu erhhen, studierte er sie vorher. Er wollte des Tacitus Spruch von
den Germanen66 zugrund' legen: Sie glauben auch, da den Frauen etwas Heiliges
und Zukunftvoraussehendes inwohne, darum verschmhen sie niemals ihren Rat und
fgen sich ihren Bescheiden. Es war dies fast das einzige, was er aus
Hrensagen von den Frauen wute, aber er zwinkte mit den Eichhrnleinsaugen und
war sicher, von dort unter etlichen bissigen Ausfllen auf seine Mitbrder einen
bergang zum Lob der Herzogin zu finden. Leider blieb die Gelegenheit zur
Anbringung einer Rede aus, weil er sie nicht zu finden verstand.
    In anderer Zelle saen der Brder sechs unter dem riesigen Elfenbeinkamm67,
der an eiserner Kette von der Decke herabhing, - Abt Hartmuths ntzliche
Stiftung - die vorgeschriebenen Gebete murmelnd, erwies einer dem andern den
Dienst sorglicher Glttung des Haupthaares. Ward auch manch berwachsene Tonsur
in jener Zeit zu strahlendem Glanze erneut.
    In der Kche aber ward unter Gerold, des Schaffners, Leitung eine Ttigkeit
entwickelt, die nichts zu wnschen briglie.
    Jetzo lutete das Glcklein, dessen Ton auch von den frmmsten Brdern noch
keiner unwillig gehrt, der Ruf zur Abendmahlzeit. Abt Cralo geleitete die
Herzogin ins Refektorium. Sieben Sulen teilten den luftigen Saal hlftig ab, an
vierzehn Tischen standen, wie Heerscharen der streitenden Kirche, des Klosters
Mitglieder, Priester und Diakonen; sie erwiesen dem hohen Gast keine sonderliche
Aufmerksamkeit.
    Das Amt des Vorlesers68 vor dem Imbi stund in dieser Woche bei Ekkehard,
dem Prtner. Der Herzogin zu Ehren hatte er den vierundvierzigsten Psalm
erkoren; er trat auf und sprach einleitend: Herr, ffne meine Lippen, auf da
mein Mund dein Lob verknde, und alle sprachen's ihm murmelnd nach, als Segen
zu seiner Lesung.
    Nun erhub er seine Stimme und begann den Psalm, den die Schrift selber einen
lieblichen Gesang nennet:
    Es quillet mein Herz eine schne Rede, ich will reden mein Gedicht dem
Knige, meine Zunge sei der Griffel des Geschwindschreibers.
    Der Schnste bist du von den Shnen des Menschen, Anmut ist gegossen ber
deine Lippen, denn Gott hat dich gesegnet ewig.
    Grte um die Hfte dein Schwert, du Held, deinen Ruhm und deinen Schmuck.
Und geschmckt zeuch aus, ein Hort der Wahrheit, Milde und des Rechts.
    Ja, Wunder wird zeigen deine Rechte! Deine Pfeile seien geschrft, Vlker
sollen unter dir strzen, die im Herzen Feinde des Knigs sind.
    Dein Thron vor Gott steht immer und ewig, ein gerechter Scepter ist der
Scepter deines Reichs.
    Du liebest das Recht und hassest das Unrecht, drum hat dich Gott, dein Gott,
gesalbt mit dem l der Freude, mehr denn alle Genossen; Myrrhen, Aloe und Cassia
duften all deine Kleider, aus elfenbeinernen Palsten erfreuen Saiten dich ...69

    Die Herzogin schien die Huldigung zu verstehen; als wenn sie selber mit den
Worten des Psalms angeredet wre, hefteten sich ihre Augen auf Ekkehard. Aber
auch dem Abt war's nicht entgangen, da gab er ein Zeichen abzubrechen, und der
Psalm blieb unbeendet, als sich mnniglich zu Tisch setzte.
    Das aber konnte Herr Cralo nicht hindern, da Frau Hadwig dem emsigen
Vorleser befahl, an ihrer Seite Platz zu nehmen; es war zwar der Rangstufung
folgend der Sitz zu ihrer Linken dem alten Dekan Gozbert zugedacht, aber dem
war's schon lang zumute, als km' er auf glhende Kohlen zu sitzen, denn er
hatte mit Frau Hadwigs seligem Gemahl dereinst einen grblichen Wortwechsel
gepflogen, wie der dem Klosterschatz das unfreiwillige Kriegsanlehen auflegte,
und war von damals auch der Herzogin giftig gestimmt, - kaum merkte er die
Absicht, so drckte er sich vergnglich seitwrts und schob den Prtner auf den
Dekanssitz. Neben Ekkehard kam der Herzogin Kmmerer Spazzo zu sitzen, dem zur
Seite der Mnch Sindolt.
    Die Mahlzeit begann. Der Kchenmeister, wohl wissend, wie bei Ankunft
fremder Gste Erweiterung der schmalen Klosterkost gestattet sei, hatte es nicht
beim blichen Mus mit Hlsenfrchten70 bewenden lassen. Auch der strenge
Kchenzettel des seligen Abt Hartmuth ward nicht eingehalten.
    Wohl erschien zuerst ein dampfender Hirsebrei, auf da, wer gewissenhaft bei
der Regel71 bleiben wollte, sich daran ersttige; aber Schssel auf Schssel
folgte, bei mchtigem Hirschziemer fehlte der Brenschinken nicht, sogar der
Biber vom obern Fischteich hatte sein Leben lassen mssen; Fasanen, Rebhhner,
Turteltauben und des Vogelherds kleinere Ausbeute folgten, der Fische aber eine
unendliche Auswahl, so da schlielich ein jeglich Getier, watendes, fliegendes,
schwimmendes und kriechendes, auf der Klostertafel seine Vertretung fand.
    Und mancher der Brder kmpfte damals einen schweren Kampf in seines Gemtes
Tiefe; selbst Gozbert, der alte Dekan ... des Hirsebreis war er gesttigt und
hatte mit mchtigem Stirnrunzeln des Hirsches Braten und des Bren Schinken
weggeschoben, als wr's eine Versuchung des bsen Feindes: aber wie auch ein
schn brunlich gebraten Birkhuhn in seine Nhe gestellt ward, da schlug der
Bratenduft trumerisch an seine Nase, mit dem Duft hielten die Geschichten
seiner Jugend bei ihm Rckkehr: wie er selber vor vierzig Jahren dem Weidwerk
oblag und in frhem Morgennebel dem balzenden Auerhahn nachstellte, und die
Geschichte von des Frsters Tchterlein, die ihm damals begegnet, und ...
zweimal noch kmpfte er des Arms Bewegung zurck, das drittemal hielt's nimmer,
des Birkhuhns Hlfte lag vor ihm und ward in Eile verzehrt.
    Der Kmmerer Spazzo hatte Beifall nickend der Schsseln mannigfache Zahl
erscheinen sehen, ein groer Rheinlank72, der Fische besten einer, war schier
unter seinen Hnden verschwunden, fragend schaute er sich nach einigem Getrnk
um, da zog Sindolt, sein Nachbar, ein steinern Krglein herbei, schenkte ihm den
metallenen Becher voll, stie mit ihm an und sprach: Des Klosterweins Auslese!
Herr Spazzo gedachte einen mchtigen Zug zu tun, aber es schttelte ihn wie
Fieberfrost, und den Becher absetzend, sagte er: Da mchte der Teufel
Klosterbruder sein! Der bse Sindolt hatte ihm ein saures Apfelweinlein mit dem
Saft von Brombeeren gemischt vorgesetzt. Wie aber Herr Spazzo ihm schier mit
einem Faustschlag gelohnt htte, holte er, ihn zu snftigen, des dunkelroten
Valtelliners einen Henkelkrug. Der Valtelliner ist ein wackerer Wein, in dem
schon der Kaiser Augustus seinen Schmerz ber die Varusschlacht niedergetrunken
73; und allmhlich vershnte sich Herr Spazzo, trank auch auf das Wohlergehen
des Bischofs von Chur, dem das Kloster diesen Wein verdankte, ohne da er ihm
sonst nher bekannt war, seinen Becher leer, und Sindolt tat wacker Bescheid.
    Was sagt euer Patron zu solchem Trinken? fragte der Kmmerer.
    Sankt Benedikt war ein weiser Mann, sprach Sindolt. Darum schrieb er in
sein Gesetz: Wiewohl zu lesen steht, da der Wein berhaupt kein Trunk fr
Mnche sei, so mag dies doch heutigentages keinem einzigen mehr mit berzeugung
eingeredet werden. Darum, und schwchlicheren Gemtes Hinflligkeit erwgend,
ordnen wir dem einzelnen eine halbe Ma fr den Tag zu. Keiner aber soll trinken
bis zur Sttigkeit, denn der Wein macht auch den Weisesten abtrnnig vom Pfade
der Weisheit ...74
    Gut! sprach Spazzo und trank seinen Becher aus.
    Wit Ihr aber auch, frug Sindolt, was den Brdern zu tun vorgeschrieben
steht, in deren Gegend wenig oder gar kein Rebensaft gedeihen mag? Die sollen
Gott loben und preisen und nicht murren.
    Auch gut! sprach Spazzo und trank wiederholt seinen Becher aus.
    Der Abt suchte inzwischen seine frnehme Base nach Krften zu unterhalten.
Er fing an, Herrn Burkhards trefflichen Eigenschaften einen Nachruf zu halten.
Aber Frau Hadwigs Antworten waren karg und einsilbig. Da merkte der Abt, da
alles seine Zeit habe, namentlich die Liebe einer Witib zum verstorbenen
Ehemann. Er wandte das Gesprch und fragte, wie ihr des Klosters Schulen
gefallen.
    Mich dauert das junge Vlklein, sprach die Herzogin, da es in jungen
Tagen so vieles erlernen mu. Ist das nicht wie eine Last, die Ihr ihnen
aufbrdet, an der sie zeitlebens keuchend schleppen mssen?
    Erlaubet, edle Base, erwiderte der Abt, da ich Euch als Freund und
Blutsverwandter gemahne, weniger in den Tag hinein zu reden. Das Studium der
Wissenschaft ist dem jungen Menschen kein lstiger Zwang, es ist wie Erdbeeren;
je mehr er geniet, desto grer der Hunger.
    Was hat aber die heidnische Kunst Logica mit der Gottesgelahrtheit zu
schaffen? frug Frau Hadwig.
    Die wird in rechten Hnden zur Waffe, die Kirche Gottes zu schtzen,
sprach der Abt. Mit ihren Knsten haben der Ketzer viele die Glubigen
angefochten, jetzt fechten wir mit gleichem Rstzeug wider sie, und glaubet mir,
ein sauber Griechisch oder Latein ist eine feinere Waffe als unsere einheimische
Sprache, die sich auch in des Gewandtesten Hand nur wie eine Keule schwingt.
    Ei, sprach die Herzogin, mssen Wir noch bei Euch lernen, was fein sei?
Ich habe seither gelebt, ohne Latein zu sprechen, Herr Vetter.
    Es mcht' Euch nicht schaden, wenn Ihr's noch lerntet, sprach der Abt.
Und wenn die ersten Wohlklnge der Latinitt Euer Gehr erquickt haben, werdet
Ihr zugeben, da unsere Muttersprache ein junger Br ist, der nicht stehen und
gehen lernt, wenn ihn nicht klassische Zunge beleckt75. Zudem lehrt alter Rmer
Mund Weisheit, fraget einmal den Mann zu Eurer Linken.
    Ist's wahr? wandte sich Frau Hadwig an Ekkehard, der schweigend dem
Zwiespruch gelauscht hatte.
    Es wre wahr, hohe Herrin! sprach er mit Feuer, so es Euch vonnten wre,
Weisheit zu lernen.
    Frau Hadwig drohte mit dem Finger: Habt Ihr selber denn Erquickung aus den
alten Pergamenten geschpft?
    Erquickung und Glck! sprach Ekkehard, und seine Augen leuchteten.
Glaubet mir, Herrin, es tut in allen Lebenslagen wohl, sich bei den Klassikern
Rats zu erholen; lehrt uns nicht Cicero auf den verschlungenen Pfaden weltlicher
Klugheit den rechten Steg wandeln? Schpfen wir nicht aus Sallust und Livius
Anweisung zu Mannesmut und Strke, aus Virgils Gesngen die Ahnung
unvergnglicher Schnheit? Die Schrift ist uns Leitstern des Glaubens, die Alten
aber leuchten zu uns herber wie das Sptrot einer Sonne, die auch nach ihrem
Niedergang noch mit erquickendem Widerschein in des Menschen Gemt strahlt ...
    Ekkehard sprach mit Bewegung. Die Herzogin hatte seit dem Tag, als der alte
Herzog Burkhard um ihre Hand anhielt, keinen Menschen mehr gesehen, der fr
etwas begeistert war. Sie trug einen hohen Geist in sich, der sich leicht auch
Fremdartigem zuwandte. Griechisch hatte sie in jungen Tagen der byzantinischen
Werbung wegen schnell gelernt. Latein flte ihr eine Art Ehrfurcht ein, weil es
ihr fremd war. Unbekanntes imponiert, Erkenntnis fhrt auf den wahren Wert, der
meist geringer ist als der geahnte. Mit dem Namen Virgilius war auch der Begriff
des Zauberhaften verbunden ...
    In jener Stunde stieg in Hadwigs Herz der Entschlu auf, Lateinisch zu
lernen. Zeit dazu hatte sie. Wie sie ihren Nachbarn Ekkehard noch einmal
angeschaut hatte, wute sie auch, wer ihr Lehrer sein sollte ...
    Der stattliche Nachtisch, auf dem Pfirsiche, Melonen und trockene Feigen
geprangt hatten, war verzehrt. Lebhaftes Gesprch an den andern Tischen deutete
auf nicht unfleiiges Kreisen des Weinkrugs.
    Auch nach der Mahlzeit - so wollte es des Ordens Regel - war zur Erbauung
der Gemter ein Abschnitt aus der Schrift oder dem Leben heiliger Vter zu
verlesen.
    Ekkehard hatte am Tag zuvor das Leben des heiligen Benediktus begonnen, das
einst Papst Gregorius abgefat. Die Brder rckten die Tische zusammen, der
Weinkrug stand unbewegt und es ward still in der Runde. Ekkehard fuhr mit dem
zweiten Kapitel76 fort:
    Eines Tages aber, dieweil er allein war, nahte ihm der Versucher. Denn ein
schwarzer kleiner Vogel, der gemeiniglich Krhe geheien ist, begann um sein
Haupt zu flattern und setzte ihm so unablssig zu, da ihn der heilige Mann mit
der Hand htte ergreifen mgen, so er ihn fangen gewollt.
    Er aber schlug das Zeichen des Kreuzes, da wich der Vogel.
    Wie aber derselbe Vogel verschwunden war, folgte eine so groe Versuchung
des Fleisches, wie sie der heilige Mann noch niemalen erprobt. Denn vor langer
Zeit hatte er eine gewisse Frau erschauet. Diese stellte ihm der bse Feind
jetzo vor die Augen des Geistes und entzndete das Herz des Knechtes Gottes
durch jene Gestalt mit solchem Feuer, da eine verzehrende Liebe in ihm zu
glhen begann und er, von Lust und Sehnsucht bewltigt, seinen Einsiedelstand
jh zu verlassen gedachte.
    Da warf pltzlich des Himmels Gnade einen Schein auf ihn, da er zu sich
selber rckkehrte. Und er sah ihm zur Seite ein dicht Gebsch von Brennesseln
und Drnern stehen, zog sein Gewand aus und warf sich nackt in die Stacheln des
Gedrns und den Brand der Nesseln, bis da er am ganzen Krper verwundet von
dannen ging.
    Also lschete er des Geistes Wunde durch die Wunden der Haut und siegte ob
der Snde ...
    Frau Hadwig war von dieser Vorlesung nicht erbaut; sie lie ihre Augen
gelangweilt im Saal die Runde machen. Der Kmmerer Spazzo - deuchte auch ihm die
Wahl des Kapitels unpassend, oder war ihm der Valtelliner zu Hupten gestiegen?
- schlug unversehens dem Vorleser das Buch zu, da der holzbeschlagene Deckel
klappte, hob ihm seinen Pokal entgegen und sprach: Soll leben der heilige
Benedikt! und wie ihn Ekkehard vorwurfsvoll ansah, stimmte schon die jngere
Mannschaft der Klosterbrder lrmend ein, sie hielten den Trinkspruch fr ernst;
da und dort ward das Loblied auf den heiligen Mann intoniert, diesmal als
frhlicher Zechgesang, und lauter Jubel klang durch den Saal.
    Dieweil aber Abt Cralo bedenklich umschaute und Herr Spazzo immer noch
beschftigt war, mit den jungen Klerikern auf das Wohl ihres Schutzpatrons zu
trinken, neigte sich Frau Hadwig zu Ekkehard und frug ihn mit nicht allzulauter
Stimme:
    Wrdet Ihr mich das Lateinische lehren, junger Verehrer des Altertums, wenn
ich's lernen wollte77?
    Da klang es in Ekkehards Herz wie ein Widerhall des Gelesenen: Wirf dich in
die Nesseln und Dornen und sag' nein! er aber sprach:
    Befehlet, ich gehorche!
    Die Herzogin schaute den jungen Mnch noch einmal mit einem sonderbar
flchtigen Blicke an, wandte sich dann zum Abt und sprach ber gleichgltige
Dinge.
    Die Klosterbrder zeigten noch kein Verlangen, des Tages gnstige
Gelegenheit unbenutzt verstreichen zu lassen. In des Abts Augen mochte ein
gndig milder Schein leuchten, und der Kellermeister schob auch keinen Riegel
fr, wenn sie mit leeren Krgen die Stufen hinabstiegen. Am vierten Tisch begann
der alte Tutilo gemtlich zu werden und erzhlte seine unvermeidliche Geschichte
mit den zwei Rubern78; immer lauter klang seine starke Stimme durch den Saal:
Der eine also zur Flucht sich gewendet - ich ihm nach mit meinem Eichpfahl - er
Spie und Schild weg zu Boden, - ich ihn am Hals gefat - den weggeworfenen
Spie in seine Faust gedrckt: du Schlingel von einem Ruber, zu was bist auf
der Welt? Fechten sollst mit mir! ...
    Aber sie hatten's schon allzuoft hren mssen, wie er dann dem
Kampfgentigten den Schdel eingeschlagen, und zupften und ntigten an ihm, sie
wollten ein schnes Lied anstimmen; wie er endlich mit dem Haupte nickte,
strmten etliche hinaus: bald kamen sie wieder mit Instrumenten. Der brachte
eine Laute, jener ein Geiglein, worauf nur eine Saite gespannt, ein anderer eine
Art Hackbrett mit eingeschlagenen Metallstiften, zu deren Anschlag ein
Stimmschlssel dienlich war, wiederum ein anderer eine kleine zehnsaitige Harfe,
Psalter hieen sie das seltsam geformte Instrument und sahen in seiner
dreieckigen Gestalt ein Symbol der Dreieinigkeit79.
    Und sie reichten ihm seinen dunkeln Taktstab von Ebenholz. Da erhob sich
lchelnd der graue Knstler und gab ihnen das Zeichen zu einer Musica, die er
selbst in jungen Tagen aufgesetzet; mit Freudigkeit hrten's die andern80. Nur
Gerold, dem Schaffner, ward's mit dem Aufklingen der Melodien melancholisch zu
Gemte, er berzhlte die abgetragenen Schsseln und die geleerten Steinkrge,
und wie ein Text zur Singweise flog's ihm durch den Sinn: Wieviel hat dieser Tag
verschlungen an Klostergeld und Gut81? Leise schlug er mit sandalenbeschwertem
Fue den Takt, bis der letzte Ton verklang.
    Zu unterst am Tische sa ein stiller Gast mit blagelbem Angesicht und
schwarzkrausem Gelock; er war aus Welschland und hatte von des Klosters Gtern
im Lombardischen die Saumtiere mit Kastanien und l herbergeleitet. In
wehmtigem Schweigen lie er die Flut der Tne ber sich erbrausen.
    Nun, Meister Johannes, sprach Folkard, der Maler, zu ihm, ist die welsche
Feinfhligkeit jetzt zufrieden gestellt? Den Kaiser Julianus mutete einst
unserer Vorvter Gesang an wie das Geschrei wilder VgelA3, aber seitdem haben
wir's gelernt. Klingt's Euch nicht lieblicher als Sang der Schwanen82?
    Lieblicher - als Sang der Schwanen - - wiederholte der Fremde wie im
Traum. Dann erhob er sich und schlich leise von dannen. Es hat's keiner im
Kloster zu lesen bekommen, was er in jener Nacht noch ins Tagebuch seiner Reise
eintrug:
    Diese Mnner diesseits der Alpen, schrieb er, wenn sie auch den Donner
ihrer Stimmen hoch gegen Himmel erdrhnen lassen, knnen sich doch nimmer zur
Se einer gehobenen Modulation erschwingen. Wahrhaft barbarisch ist die Rauheit
solch abgetrunkener Kehlen; wenn sie durch Beugung und Wiederaufrichtung des
Tons einen sanften Gesang zu ermglichen suchen, schauert die Natur und es
klingt wie das Fahren eines Wagens, der in Winterszeit ber gefrorenes Pflaster
dahin knarrt ...83
    Herr Spazzo gedachte, was lblich begonnen, auch lblich zu enden, er
schlich sich fort ber den Hof in das Gebude, wo Praxedis und die Dienerinnen
waren, und sprach: Ihr sollet zur Herzogin kommen, und zwar gleich - sie
lachten erst ob seiner Kutte, folgten ihm aber zum Saal, und war keiner, der sie
von der Schwelle zurckhielt. Und wie die Mgdlein an des Refektoriums Eingang
sichtbar wurden, entstand ein Gemurmel und ein Kopfwenden im Saal, als sollte
jetzo ein Tanzen und Springen anheben, wie es diese Wnde noch nicht erschaut.
    Herr Cralo, der Abt, aber wandte sich an die Herzogin und sprach: Frau
Base?! - und sprach's mit so duldender Wehmut, da sie aus ihren Gedanken
auffuhr. Und sie sah auf einmal ihren Kmmerer und sich selber in der
Mnchskutte mit andern Augen an denn zuvor, und schaute die Reihen trinkender
Mnner, dem entferntesten verdeckte der Kapuze vorstehender Rand das Antlitz,
da es aussah, als werde der Wein in leeren Gewandes Abgrund geschttet, und die
Musik klang ihr gellend in die Ohren, als wrde hier ein Mummenschanz gefeiert,
der schon allzulang' gedauert ...
    Da sprach sie: Es ist Zeit schlafen zu gehen! und ging mit ihrem Gefolg
nach dem Schulhaus hinber, wo ihr Nachtlager sein sollte.
    Wit Ihr auch, was des Tanzens Lohn gewesen wr'? frug Sindolt einen der
Mnche, der ob dieser Wendung der Dinge hchlich betrbt schien. Der schaute ihn
starr an. Da machte ihm Sindolt eine unverkennbare Gebrde, die hie:
Geielung!

                                    Funoten


A1 Unter dieser Allegorie hatte der Afrikaner Martianus Capella im 5.
Jahrhundert eine Enzyklopdie der sieben freien Knste gegeben, die im
Mittelalter als Schulbuch viel benutzt ward; Notker Labeo bersetzte sie ins
Deutsche. Eine Alba mit Darstellungen daraus hatte Hadwig nach Kapitel 90 der
Casus S. Galli dem Ekkehard geschenkt.

A2 neis 1, 132 ff. Worte Neptuns.

A3 Flavius Julianus Apostata, Kaiser 361-363, vergleicht in seinem Misopogon
den Gesang der Alemannen dem Rufe rauh krchzender Vgel.


                                Fnftes Kapitel.

                               Ekkehards Auszug.

Frhmorgens darauf sa die Herzogin samt ihren Leuten im Sattel, heimzureiten,
und der Abt hatte keine Einwendung erhoben, da sie sich jegliche
Abschiedsfeierlichkeit verbat. Darum lag das Kloster in stiller Ruhe, als drben
schon die Rosse wieherten, nur Herr Cralo kam pflichtschuldig herber. Er wute,
was die Sitte gebot.
    Zwei Brder begleiteten ihn.
    Der eine trug einen schmucken Becher von Kristall, mit silbergetriebenem Fu
und Aufsatz geschmckt, und sa manches gute Stcklein Onyx und Smaragd in der
silbernen Umfassung; der andere trug ein Krglein mit Wein. Und der Abt schpfte
ein weniges in den Becher, wnschte seiner erlauchten Base einen gesegneten Tag
und bat, mit ihm des Abschieds Minne zu trinken und den Becher zu freundlichem
Angedenken zu behalten84.
    Fr den Fall, da das Geschenk nicht gengend befunden werden sollte, hatte
er noch ein seltsam Schaustck im Rckhalt, das war silbern zwar, doch
unansehnlicher Gestalt und tuschend einem schlichten Brote gleichgeformt, innen
aber gefllt mit gldenen Byzantinern bis zum Rande85; - vorerst lie der Abt
nichts davon vermerken und trug's sorglich verborgen in der Kutte.
    Frau Hadwig nahm den dargebotenen Becher, tat, als wenn sie daran nippte,
gab ihn aber wieder zurck und sprach: Erlaubet, teurer Vetter, was soll der
Frau das Trinkgef? Ich heische ein anderweit Gastgeschenk. Habet Ihr nicht
gestern von Quellen der Weisheit gesprochen?
    Ihr sollet mir aus des Klosters Bcherei einen Virgilius verehren!
    Immer zu Scherz geneigt, sagte Herr Cralo, der eine gewichtigere Forderung
erwartet hatte, was soll Euch der Virgilius, so Ihr der Sprache nicht kundig
seid?
    Es versteht sich, da Ihr mir den Lehrer dazu gebet, sprach die Herzogin
ernst.
    Da schttelte der Abt bedenklich das Haupt: Seit wann werden die Jnger des
heiligen Gall als Gastgeschenke vergeben?
    Sie aber sprach: Ihr werdet mich verstanden haben. Der blonde Prtner wird
mein Lehrer sein, und heut am dritten Tage lngstens wird der Virgilius und er
sich bei mir einstellen! Gedenket, da des Klosters Streit um die Gter im
Rheintal und die Besttigung seiner Freiheiten in Schwaben in meiner Hand ruhet,
und da ich nicht abgeneigt, auch auf dem Twieler Felsen den Jngern Sankt
Benedikts ein Klsterlein herzurichten ...
    Lebet wohl, Herr Vetter!
    Da winkte Herr Cralo betrbt dem dienenden Bruder: Traget den Kelch in die
Schatzkammer zurck. Frau Hadwig reichte ihm anmutig die Rechte, die Rosse
stampften, Herr Spazzo schwang den Hut - in leichtem Trab ritt der Zug aus des
Klosters Bann heimwrts.
    Von des Wchters Turmstube ward ein mchtiger Strau in die Abreitenden
geworfen, dran allein an Sonnenblumen die Hlfte eines Dutzends prangte, der
Astern nicht zu gedenken, aber niemand fing ihn auf, und der Rosse Huf brauste
drber hin ...
    Im trockenen Graben vor dem Tor hatten sich die Schler der ueren
Klosterschule versteckt. Langes Leben der Frau Herzogin in Schwaben! Heil ihr!
... und sie soll die Felchen bald schicken! Heil! klang ihr Ruf gellend in der
Scheidenden Ohr.
    Wem fr ein ungezogen Benehmen drei Feiertage und die besten Seefische
bewilligt sind, der hat gut schreien, sprach Herr Spazzo.
    Langsam ging der Abt ins Kloster zurck; er lie Ekkehard, den Prtner, zu
sich rufen und sprach zu ihm: Es ist eine Fgung ber Euch ergangen. Ihr sollet
der Herzogin Hadwig einen Virgilius berbringen und ihr Lehrer werden.
    Die alten Lieder des Maro mgen mit lieblichem Sang die skythischen Sitten
besnften, heit's im SidoniusA1. Es ist nicht Euer Wunsch ...
    Ekkehard schlug die Augen nieder, seine Wangen rteten sich -
    Aber den Mchtigen der Erde drfen wir keinen Ansto geben. Morgen reiset
Ihr ab. Ich verliere Euch ungern; Ihr wret der brvsten und wrdigsten einer.
Der heilige Gallus wird Euch den Dienst gedenken, den Ihr seinem Stift leistet.
Verget auch nicht, aus dem Virgilius das Titelblatt wegzuschneiden mit der
Verwnschung gegen den, der das Buch dem Kloster verschleppt ...86
    Was des Menschen Herzenswunsch ist, dazu lt er sich gern befehligen.
    Des Gehorsams Gelbde, sprach Ekkehard, heit mich des Vorgesetzten
Willen sonder Zagen und Aufschub, sonder Lauheit und Murren vollziehen.
    Er beugte sein Knie vor dem Abte.
    Dann ging er nach seiner Zelle. Es war ihm, als htte er getrumt. Seit
gestern war ihm fast zu vieles begegnet. Es geht noch andern ebenso: lang'
einfrmig schleicht das Leben, - wenn des Schicksals Wendungen kommen, folgt
Schlag auf Schlag. Er rstete sich zur Reise. Was du begonnen, la unvollendet
zurck, zieh ab deine Hand vom Geschft, darin sie ttig war, zeuch aus im
Schritt des Gehorsams, es war ihm kaum Not, sich diesen Satz seiner Regel
vorzuhalten.
    Auf seiner Zelle lagen die Pergamente des Psalmenbuchs87, das Folkard mit
Meisterhand geschrieben und mit feinen Bildwerken verziert hatte. Ekkehard war
beauftragt, mit der wertvollen Goldfarbe, die der Abt jngst von venezianischen
Handelsleuten erkauft hatte, die Anfangsbuchstaben auszumalen und den Figuren
durch leisen Goldstrich an Krone, Scepter, Schwert und Mantelsaum die letzte
Vollendung zu geben.
    Er nahm Pergament und Farben und trug's seinem Gefhrten hinber, da er
statt seiner die letzte Hand ans Begonnene lege; Folkard war gerade daran, ein
neues Bild zu entwerfen, wie David vor der Bundeslade tanzt und die Laute
spielt, - er schaute nicht auf. Schweigend verlie Ekkehard seine Knstlerstube.
    Er wandte sich zur Bibliothek, den Virgil auszulesen. Wie er droben stand im
hochgewlbten Saal, einsam unter den schweigenden Pergamenten, da kam ein Gefhl
der Wehmut ber ihn; auch das Leblose stellt sich bei Abschied und Wiedersehen
vor den Menschen, als trg's eine Seele in sich und nhme Anteil an dem, was ihn
bewegt.
    Die Bcher waren seine besten Freunde. Er kannte sie alle und wute, wer sie
geschrieben; - manche der Schriftzge erinnerten an einen vom Tode schon
entfhrten Gefhrten ...
    Was wird das neue Leben bescheren, das von morgen fr mich anhebt? Eine
Trne stand ihm im Auge. Jetzt fiel sein Blick auf das kleine, in metallene
Decke gebundene Glossarium, in dem einst der heilige Gallus, der am Bodensee
blichen Landessprache unkundig, sich vom Pfarrherrn zu Arbon die notwendigsten
Worte hatte verdeutschen lassen88. Da gedachte Ekkehard, wie des Klosters
Stifter mit so wenig Ausrstung und Hilfe dereinst ausgezogen, ein fremder Mann
unter die Heiden, und wie sein Gott und sein unverzagt Herz in Not und
Fhrlichkeit ihn immerdar frisch gehalten ... sein Mut strkte sich, er kte
das Bchlein, nahm den Virgil aus dem Schrein und wandte sich, zu gehen. Wer
dies Buch wegtrgt, den sollen tausend Peitschenhiebe treffen und Lhmung und
Aussatz dazu! stand auf dem ersten Blatte. Er schnitt's weg.
    Noch einmal schaute er um, als wollten ihm von Brett und Kasten die Bcher
einen Gru zuwinken. Da hub sich ein Knistern an der Wand, der groe Bauri89,
den der Architekt Gehrung einst auf drei Schuh langer Tierhaut zu des Abt
Hartmuth neuem Klosterbau angefertigt hatte, lste sich von dem festhaltenden
Nagel und strzte nieder, da eine Staubwolke daraus emporstieg.
    Ekkehard machte sich keine Gedanken drber.
    Wie er den Gang des obern Stockwerks entlang schritt, kam er an einem
offenen Gemach vorber. Das war der Winkel der Alten. Der blinde Thieto90 sa
drin, einst des Klosters Abt, bis schwindendes Augenlicht ihn abzudanken
ntigte. Ein Fenster war geffnet, da der Greis sich der sonnenwarmen Luft
erfreue. Bei ihm hatte Ekkehard manche Stunde in traulichem Gesprch verbracht.
Der Blinde kannte ihn am Schritt und rief ihn zu sich. Wohin? frug er.
    Hinunter, - und morgen fort ins Weite. Gebt mir Eure Hand, ich komme auf
den hohen Twiel.
    Schlimm, sprach der Blinde, sehr schlimm!
    Warum, Vater Thieto?
    Frauendienst ist ein schlimm Ding fr den, der gerecht bleiben will,
Hofdienst noch schlimmer - was ist Frauen- und Hofdienst zugleich?
    Es ist mein Schicksal, sprach Ekkehard.
    Sankt Gallus behte und schirme Euch, sagte Thieto. Ich will fr Euch
beten. Gebt mir meinen Stab.
    Ekkehard wollte ihm seinen Arm bieten, den lehnte er ab; er erhob sich und
schritt zu einer Nische in der Wand, dort stund ein schmucklos Flschlein. Er
nahm's herab und gab's ihm:
    's ist Wasser aus dem Jordan, das ich selber einst geschpft. Wenn Euch der
Staub der Welt berflogen hat und Eure Augen trb werden wollen, so lutert Euch
damit. Meinen hilft's nicht mehr. Fahret wohl!
    Am Abend desselben Tages ging Ekkehard auf den Berg, an den sich das Kloster
anlehnt. Seit langer Zeit war das sein Lieblingsgang. In den Fischweihern, die
dort zur Spendung klsterlicher Fastenspeise knstlich angelegt sind, spiegelten
sich die Tannen; ein leiser Luftzug kruselte die Wellen, die Fische tummelten
sich. Lchelnd ging er vorber: Wann werd' ich wohl wieder einen von euch
verzehren?
    Im Tannwald oben auf dem Freudenberg war's feierlich still. Da hielt er an.
Ein weites Rundbild tat sich auf.
    Zu Fen lag das Kloster mit all seinen Gebuden und Ringmauern; hier sprang
der wohlbekannte Springquell im Hofe, dort blhten die Herbstblumen im Garten -
dort in langer Reihe die Fenster der Klosterzellen, er kannte jedwede und sah
auch die seinige: Beht' dich Gott, stilles Gela!
    Der Ort, wo Tage strebsamer Jugend verlebt wurden, wirkt wie Magnetstein
aufs Herz; es braucht so wenig, um angezogen zu sein, nur der ist arm, dem das
groe Treiben der Welt nicht Zeit vergnnt, sich rtlich und geistig an einem
stillen Platz niederzulassen.
    Ekkehard hob sein Auge. Hoch aus der Ferne, wie reiche Zukunft, glnzte des
Bodensees Spiegel herber, in verschwommenen Duft war die Linie des
anderseitigen Ufers und seiner Hhenzge gehllt, nur da und dort haftete ein
heller Schein und ein Widerschein im Wasser, die Niederlassungen der Menschen
andeutend.
    Aber was will das Dunkel in meinem Rcken? Er schaute sich um, rckwrts
hinter den tannigen Vorbergen reckte der Sntis seine Zacken und Hrner empor,
auf den verwitterten Felswnden hpfte warmer Sonnenstrahl unstet im Kampf mit
dem Gewlke und strahlte vorberfliehend auf die Massen alten Schnees, die in
den Schluchten neuem Winter entgegenharrten ... ber dem Kamor stand eine dunkle
Wolke, sie dehnte und streckte sich, bald war die Sonne verdeckt, grau und matt
wurden die Bergspitzen gefrbt, es schickte sich an, zu wetterleuchten ...
    Soll mir das ein Zeichen sein? sprach Ekkehard, ich verstehe es nicht.
Mein Weg geht nicht zum Sntis.
    Nachdenkend schritt er den Berg hinunter.
    In der Nacht betete er am Grabe des heiligen Gallus. Frhmorgens nahm er
Abschied. Der Virgilius und Thietos Flschlein waren in die Reisetasche
verpackt, sein brig Gepck kurz beisammen.
    Wem selbst nicht der Krper, die Wnsche und Begierden zu eigener Verfgung
stehen drfen, soll auch weder an fahrender Habe noch an liegendem Gut ein eigen
Besitztum ausben.
    Der Abt schenkte ihm zwei Goldschillinge und etliche Silberdenare als Zehr-
und Notpfennig.
    Mit einem Kornschiff des Klosters fuhr er ber den See, - die Segel von
gnstigem Wind, die Brust von Mut und Wanderlust geschwellt.
    Mittag war's, da rckte das Kastell von Konstanz und Dom und Mauerzinnen
immer deutlicher vor den Augen der Schiffahrer auf. Wohlgemut sprang Ekkehard
ans Land.
    In Konstanz htt' er sich verweilen, im Hof des Bischofs Gastfreundschaft
ansprechen mgen. Er tat's nicht. Der Ort war ihm zuwider, zuwider von Grund
seines Herzens; nicht wegen seiner Lage oder etwaiger Migestalt, denn an
Schnheit wetteifert er khnlich mit jeglicher Stadt am See, sondern wegen der
Erinnerung an einen Mann, dem er gram.
    Das war der Bischof Salomo, sie hatten ihn krzlich mit groem Prunk im
Mnster begraben. Ekkehard war ein schlichter, gerader, frommer Mensch. Im
Dienst der Kirche stolz und hochfahrend werden, schien ihm Unrecht, ihn mit
weltlichen Kniffen und Rnken verbinden, verwerflich, - trotz aller
Herzensverworfenheit ein weitberhmter Mann bleiben: sonderbar. Solcher Art aber
war des Bischofs Salomo Treiben gewesen. Ekkehard erinnerte sich noch wohl aus
den Erzhlungen lterer Genossen, mit welcher Zudringlichkeit sich der junge
Edelmann in das Kloster eingeschlichen, den Spher gemacht, sich beim Kaiser als
unentbehrlicher Mann darzustellen gewut, bis die Insul eines Abts von Sankt
Gallen mit der Mitra eines Bischofs von Konstanz auf seinem Haupt vereinigt war.
    Und vom groen Schicksal der Kammerboten sangen die Kinder auf den Straen.
Die hatte der rnkespinnende Prlat gereizt und gekrnkt, bis sie in der Fehde
Recht suchten und ihn fingen: aber wiewohl Herrn Erchangers Gemahlin Berchta ihn
in der Gefangenschaft hegte und pflegte wie ihren Herrn und den Friedensku von
ihm erbat und aus einer Schssel mit ihm a, war sein Gemt der Rache nicht
gesttigt, bis da des Kaisers Gericht zu Adingen seinen rauhen Feinden die
Hupter vor die Fe gelegt.
    Und die Tochter, die dem frommen Mann aus lustiger Studentenzeit erwachsen,
war itzt noch btissin am Mnster zu Zrich91.
    All das wute Ekkehard; in der Kirche, wo der Mann begraben lag, mocht' er
nicht beten.
    Es mag ungerecht sein, den Ha, der den Menschen gebhrt, auf das Stck Land
berzutragen, wo sie gelebt und gestorben, aber es ist erklrlich.
    Er schttelte den Konstanzer Staub von den Fen und wanderte zum Tor
hinaus; dem sich kaum dem See entwindenden jungen Rhein blieb er zur Linken.
    Von mchtiger Haselstaude schnitt er sich einen festen Wanderstab: wie die
Rute Aarons, da sie im Tempel Gottes aufgrnte, sein Geschlecht schied von den
abtrnnigen Juden, so mge dieser Stab, geweiht mit der Flle gttlicher Gnade,
mir ein Hort sein wider die Ungerechten am Wege, sprach er mit den Worten eines
alten Stocksegens92. Vergngt schlug ihm das Herz, wie er einsam frba zog.
    Wie hoffnungsgrn und beseligt ist der Mensch, der in jungen Tagen auf
unbekannten Pfaden unbekannter Zukunft entgegenzieht, - die weite Welt vor sich,
der Himmel blau und das Herz frisch, als mt' sein Wanderstab berall, wo er
ihn ins Erdreich einstt, Laub und Blten treiben und das Glck als goldnen
Apfel in seinen Zweigen tragen. Wandre nur immer zu! Auch du wirst einstmals
mden Fues im Staub der Heerstrae einherschleichen, und dein Stab ist ein
drrer Stecken, dein Antlitz welk, und die Kinder zeigen mit Fingern auf dich
und lachen und fragen: wo ist der goldene Apfel? ...
    Ekkehard war in der Tat vergngt. Wanderlieder zu singen, war fr einen Mann
geistlichen Standes nicht blich, aber der Gesang Davids, den er jetzt
anstimmte: Jehova ist mein Hirt, mir mangelt nichts. Auf grnen Triften lt er
mich lagern, zu stillen Gewssern fhrt er mich - mag ihm im Himmel in das
gleiche Buch des Verdienstes verzeichnet worden sein, in das die Engel der
Jugend fahrender Schler und wandernder Gesellen Lieder einzutragen pflegen.
    Durch Wiesen und an hohem Schilfgelnde vorber fhrte ihn sein Pfad. Lang
und niedrig streckte sich im See eine Insel, die Reichenau; Turm und Mauern des
Klosters spiegelten sich im ruhigen Gewsser; Rebhgel, Matten und Obstgrten
wiesen dem Auge den Flei der Bewohner.
    Vor zweihundert Jahren war die Au noch wst und leer gestanden, in feuchtem
Grunde die Herberge von Gewrm und bsen Schlangen. Der austrasische Landvogt
Sintlaz aber wies den wandernden Bischof Pirminius hinber, der sprach einen
schweren Segen ber das Eiland, da zogen Schlangen und Wrmer in vollem
Heereshaufen aus, die Tausendfler im Plnklerzug voran, Ohrklemmer, Skorpione,
Lurche und was sonst kreucht, in geordneten Sulen mit, Krten und Salamander in
der Nachhut: des Pirminius Spruch konnten sie nicht bestehen, zum Gestade, wo
spter die Burg Schopfeln gebaut ward, wlzte sich der Schwarm, dann hinab in
die grne Seeflut - und der Fisch weitum hat damals einen guten Tag gehabt ...
    Seither war des Pirminius Stift aufgeblht, eine Pflanzsttte, klsterlicher
Zucht von gutem Klang in deutschen Landen.

    Reichenau, grnendes Eiland, wie bist du vor andern gesegnet,
    Reich an Schtzen des Wissens und heiligem Sinn der Bewohner,
    Reich an des Obstbaums Frucht und schwellender Traube des Weinbergs:
    Immerdar blht es auf dir und spiegelt im See sich die Lilie,
    Weithin schallet dein Ruhm bis ins neblige Land der Britannen

hatte schon in Ludwigs des Deutschen Tagen der gelahrte Mnch Ermenrich93
gesungen, da ihn auf seiner Abtei Ellwangen Heimweh nach den schimmernden Fluten
des Bodensees beschlich.
    Ekkehard beschlo, dieser Nebenbuhlerin seines Klosters einen Besuch
abzustatten. Am weisandigen Gestad von Ermatingen stand ein Fischer im Kahn und
schpfte das Wasser aus. Da deutete Ekkehard mit seinem Stab nach dem Eiland:
Fhrt mich hinber, guter Freund!
    Mnchshabit verlieh damals jeder Aufforderung Nachdruck.
    Der Fischer aber schttelte verdrossen das Haupt: Ich fahre keinen mehr von
euch, seit ihr mich am letzten Ruggericht um einen Schilling gebt ...
    Warum haben sie Euch gebt?
    Wegen dem Kreuzmann!
    Wer ist der Kreuzmann?
    Der Allmann.
    Auch der ist mir unbekannt, sprach Ekkehard, wie sieht er aus?
    Aus Erz ist er gegossen, brummte der Fischer, von zweier Spannen Hhe,
und hlt drei Seerosen in der Hand. Der stund im alten Weidenbaum zu
Allmannsdorf, und 's war gut, da er dort stund, aber seit dem letzten
Ruggericht haben sie ihn aus dem Baum gehauen und ins Kloster verschleppt. Jetzt
steht er auf des welschen Bischofs Grab in Niederzell, was soll er dort? Toten
Heiligen Fische fangen helfen94?! ...
    Da merkte Ekkehard, da des Fischers Christenglaube noch nicht felsenfest
stand, und mochte sich erklren, warum das eherne Gtzenbild ihm die
Schillingsbue eingetragen - er hatte ihm ein Zicklein nchtlich als Opfer
geschlachtet, damit seine Fischzge mit Felchen, Forellen und Braxmannen
gesegnet wrden, und die Rugmnner hatten nach kaiserlicher Verordnung solch
heidnisch Rckerinnern geahndet.
    Seid vernnftig, alter Freund, sprach Ekkehard, und vergesset den
Allmann. Ich will Euch ein gut Teil Eures Schillings geben, so Ihr mich
bersetzet.
    Was ich rede, sprach der Alte, soll sich nicht drehen lassen wie ein Ring
am Finger. Ich fahre keinen von euch. Mein Bub kann's tun, wenn er will.
    Er pfiff durch die Finger, da kam sein Bub, ein hochstmmiger Ferge, der
fhrte Ekkehard hinber.
    Wie sie das Schifflein angelegt, ging Ekkehard dem Kloster zu, das zwischen
Obstbumen und Rebhgeln versteckt inmitten des Eilandes aufgebaut steht. Es war
die Zeit des Sptherbstes, alt und jung auf der Insel mit der Weinlese
beschftigt, da und dort hob sich die Kapuze eines dienenden Bruders dunkel vom
rotgelben Reblaub ab. Auf der Hochwarte standen die Vter der Insel truppweise
beisammen und ergtzten sich am Getrieb der traubensammelnden Leute; sie hatten
unter Umtragung eines mchtigen Marmorgefes, das fr einen Krug von der
kananischen Hochzeit galt, die Einsegnung des neuen Weines95 abgehalten.
Frhlicher Zuruf und fernes Jauchzen klang aus den Rebbergen.
    Unbemerkt kam Ekkehard zum Kloster, auf wenig Schritte war er ihm genaht, da
erst ragte der schwerfllige Turm mit seinen Vorhallen, deren Rundbogen
abwechselnd mit grauen und roten Sandsteinquadern geschmckt sind, vor ihm auf.
    Im Klosterhof war alles stumm und still. Ein groer Hund wedelte am fremden
Gast hinauf, ohne Laut zu geben, er bellte keine Kutte an; die Einwohner
allesamt hatte der linde Herbsttag hinausgelockt96.
    Da trat Ekkehard in die gewlbte Fremdenstube am Eingang. Auch des Pfrtners
Gela nebenan war leer. Offene Fsser standen aufgepflanzt, manche schon mit
sem Moste gefllt. Hinter ihnen war ein steinern Bnklein an der Wand;
Ekkehard war frisch ausgeschritten und die Seeluft hatte ihm zehrend ums Haupt
geweht, da kam ein Zug des Schlummers mchtig ber ihn, er lehnte den Wanderstab
an den Arm, streckte sich ein weniges und nickte ein.
    Derweil zog sich's mit langsamem Schritt in die khle Stube, das war der
ehrenwerte Bruder Rudimann, des Klosters Kellermeister. Er trug ein steinern
Krglein in der Rechten und ging seines Amtes nach, Mostprobe zu halten. Das
Lcheln eines mit der Welt und sich vershnten Mannes lag auf seinen Lippen und
sein Bauch war frhlich gediehen, wie das Hauswesen des Fleiigen, einen weien
Schurz hatte er darber geschlungen, gewichtiger Schlsselbund klapperte an
seiner linken Seite.
    Zum Kellermeister soll erwhlt werden ein weiser Mann von reifen Sitten,
nchtern und nicht vieler Speise gierig, kein Znker und kein Schelter, kein
Trger und kein Vergeuder, sondern ein Gottesfrchtiger, der der gesamten
Bruderschaft sei als wie ein Vater97 - und soweit es des Fleisches Schwche
hienieden mglich macht, war Rudimann bemht, sotane Kellermeisterseigenschaften
in sich zu vereinen. Dabei aber trug er das herbe Amt eines Strafvollziehers,
und wenn einer der Brder der Geielung sich schuldig gemacht, band er ihn an
die Sule und konnte sich keiner ber die Milde seines Armes beklagen. Da er
auerdem mit boshafter Zunge dann und wann boshaftige Gedanken aussprach und den
Abt mit Verdchtigung der Mitbrder zu unterhalten wute, wie das Eichhrnlein
Ratatskr der Edda98, - das auf-und abrennt an der Esche Yggdrasil und des
Adlers zrnende Worte im Wipfel herniedertrgt zu Nidhggr, dem Drachen in der
Tiefe: das war nicht seines Amtes, das tat er aus freien Stcken.
    Heute aber schaute er gar vergnglich drein, des trug die Gte der Weinlese
schuld. Und er tauchte sein Krglein in ein offenes Fa, hielt's gegen das
Fenster und schlrfte bedchtig den unklaren Stoff. Des schlafenden Gastes nahm
er nicht wahr.
    Auch dieser ist s߫, sprach er, und kommt doch vom mitternchtigen Abhang
der Hgel. Gelobt sei der Herr, der vom Notstand seiner Knechte auf dieser Au
eine billige Einsicht nahm und nach so viel magern Jahren ein fettes schuf, und
frei von Sure!
    Inzwischen ging drauen Kerhildis, die Obermagd, vorber, sie trug eine
traubengefllte Butte zur Kelter. Kerhildis, sprach der Kellermeister leise,
getreueste aller Mgde, nimm mein Krglein und fll' es mit dem - Neuen vom
Wartberg, der drben an der Kelter steht, auf da ich ihn mit diesem
vergleiche.
    Kerhildis, die Obermagd, stellte ihre Last ab und ging und kam und stand vor
Rudimann, reichte ihm das Krglein, schaute schalkhaft an ihm hinauf, denn er
berragte sie um eines Kopfes Lnge, und sprach: Wohl bekomm's!
    Rudimann tat einen langen, frommen, vergleichenden Zug, so da ihm der Neue
auf den Lippen schmelzen mochte wie Schnee in der Mrzensonne; alle miteinander
werden s und gut, sprach er, und seine Augen hoben sich gerhrt, und da sie
an der Obermagd strahlendem Antlitz haftenblieben, daran trug der Kellermeister
kaum Schuld, denn diese htte sich inzwischen auch zurckziehen knnen.
    Da fuhr er mit Salbung fort: So ich aber Euch anschaue, Kerhildis, so wird
mein Herz doppelt froh, denn auch Ihr gedeihet wie der Klosterwein in diesem
Herbst, und Eure Bcklein sind rot wie Granatpfel, die des Pflckenden harren.
Preiset mit mir des Jahrgangs Gte, so getreuste aller Mgde!
    Und der Kellermeister schlang seinen Arm um der schwarzbraunen Obermagd
Hfte99, die wehrte sich dessen nicht gro - was liegt an einem Ku im Herbste?
- und sie wute, da Rudimann ein Mann von reifen Sitten war und alles mig
tat, wie es einem Kellermeister geziemt.
    Da fuhr der Schlfer auf der Steinbank aus seinem Schlummer. Ein
eigentmlich Gerusch, das von nichts anderem herrhren kann als von einem
wohlaufgesetzten verstndigen Ku, schlug an sein Ohr, er schaute zwischen den
Fssern durch, da sah er des Kellermeisters Gewandung und ein Paar fliegende
Zpfe, die nicht zu diesem Habit gehrten ... er richtete sich auf, ein
ungestmer Zorn kam ber ihn, denn Ekkehard war jung und eifrig, und in Sankt
Gallen war strenge Sitte, und es hatte ihm noch nie als mglich vorgeschwebt,
da ein Mann im Ordenskleid ein Weib kssen mge.
    Sein wuchtiger Haselstock ruhte ihm noch im Arm; itzt sprang er vor und
schlug dem Kellermeister einen wohlgefgen Streich, der zog sich von der rechten
Schulter nach der linken Hfte und sa fest und gut wie ein auf Bestellung
gelieferter Rock - und bevor sich jener der ersten berraschung erholt, folgte
ein zweiter und dritter von gleichem Schrot ... er lie sein steinern Geschirr
fallen, da es am Pflaster zerschellte; Kerhildis entfloh.
    Beim Krug von der Hochzeit zu Kana! rief Rudimann, was ist das? und
wandte sich gegen den Angreifer. Jetzt erst schauten sich die beiden von
Angesicht zu Angesicht.
    Ein Gastgeschenk ist's, sprach Ekkehard ingrimmig, das der heilige Gall
dem heiligen Pirmin sendet100! und er erhub seinen Stab von neuem.
    Dacht' ich's doch, schalt der Kellermeister, sankt gallische Holzpfel!
Man kennt euch an den Frchten: Boden hart, Glaube roh, Leute grob101! Wartet
des Gegengeschenks.
    Er sah nach etwas Greifbarem um, ein namhafter Besen stand in der Ecke, mit
dem waffnete er sich und gedachte auf den Strer seines Friedens einzudringen
...
    Da rief's gebietend von der Pforte her: Halt! Friede mit euch! Und eine
zweite Stimme frug mit fremder Betonung: Was ist hier fr ein Holofernes aus
dem Boden gewachsen?
    Es war der Abt Wazmann, der mit seinem Freund Simon Bardo, dem ehemaligen
Protospathar102 des griechischen Kaisers, von der Einsegnung der Weinlese
zurckkehrte. Das Gerusch des Streits unterbrach eine gelehrte
Auseinandersetzung des Griechen ber die Belagerung der Stadt Hai durch Josua
und die strategischen Fehler des Knigs von Hai, da er mit seinem Heer auszog
wider die Wste. Der alte Griechenfeldherr, der die Heimat verlassen, um im
byzantinischen Ruhestand nicht an Mattigkeit der Seele zu ersterben, lag in
seinen Muestunden im deutschen Kloster eifrig dem Studium der Taktik ob; sie
hieen ihn scherzweise den Hauptmann von Kapernaum, wiewohl er das Ordenskleid
genommen.
    Gebt dem Streite Raum, sprach Simon Bardo, der mit Bedauern den Zweikampf
unterbrochen sah, zum Abte: ich hab' heut im Traume ein Sprhen von Feuerfunken
erschaut, das deutet Schlge ...
    Der Abt aber, in dessen Augen die Eigenmacht jngerer ein Greuel war, gebot
Ruhe und lie den Streitfall zur Schlichtung vortragen.
    Da hob Rudimann an zu erzhlen, was geschehen, und verschwieg nichts.
    Leichtes Vergehen, murmelte der Abt; Hauptstck sechsundvierzig: von dem,
was bei der Arbeit, beim Grtnen oder Fischfang, in Kche oder Keller gesndigt
wird - alemannisches Gesetz: von dem, was mit Mgden geschieht ... der Gegner
spreche!
    Da trug auch Ekkehard vor, wie er die Sache angeschaut und in gerechtem Zorn
dreingefahren.
    Verwickelt! murmelte der Abt, Hauptstck siebenzig: kein Bruder nehme
sich heraus, den Mitbruder sonder Ermchtigung des Abts zu schlagen, Hauptstck
zweiundsiebenzig: von demjenigen Eifer, der einem Mnch wohl ansteht und zum
ewigen Leben fhrt ... Wieviel Jahre zhlt Ihr?
    Dreiundzwanzig!
    Da sprach der Abt ernsthaft: Der Streit ist aus. Ihr, Bruder Kellermeister,
habt Eure Streiche als wohlverdient Entgelt Eurer Zerstreutheit aufzunehmen; -
Euch, Fremdling des heiligen Gallus, vermchte ich fglich anzuweisen, Eures
Weges weiter zu ziehen, denn es stehet geschrieben: Wenn ein fremder Mnch aus
anderweiten Provinzen ankommt, soll er zufrieden sein mit dem, was er im Kloster
vorfindet, sich nur einen demtigen Tadel erlauben und sich in keiner Weise
berflssig machen. In Erwgung Eurer Jugend und untadeligen Beweggrundes aber
mgt Ihr zur Shnung am Hauptaltar unserer Kirche eine einstndige Abendandacht
verrichten: dann seid als Gastfreund willkommen!
    Dem Abte erging es mit seinem Schiedsspruch wie manchem gerechten Richter.
Keiner der Beteiligten war zufrieden; sie gehorchten, aber unvershnt. Wie
Ekkehard in der Kirche sein Shngebet tat, mochten ihm allerlei Gedanken durch
die Sinne ziehen vom guten Herzen, vom rechtzeitigen Eifer und von andrer Leute
Urteil drber. Es war eine der ersten Lehren, die er im Zusammensto mit
Menschen erlitt. Durch eine Seitenpforte ging er - ins Kloster zurck.
    Was Kerhildis, die Obermagd, an jenem Abend den dienstbaren Frauen im
Nhsaal zu Oberzell erzhlte, allwo sie beim flackernden Scheine des Kienspans
ein Dutzend neue Mnchsgewnder zu fertigen hatten, war mit so beleidigenden
Ausfllen gegen die Jnger des heiligen Gallus untermischt, da es besser
verschwiegen bleibt ...

                                    Funoten


A1 Apollinaris Sidonius, etwa 430-480, gallisch-rmischer Dichter, Bischof von
Clermont.


                               Sechstes Kapitel.

                                    Moengal.

Um dieselbe Zeit, da Ekkehard in der Klosterkirche der Insel eine unfreiwillige
Andacht abhielt, war Frau Hadwig auf dem Sller von Hohentwiel gestanden und
hatte lange hinausgeschaut - aber nicht nach der untergehenden Sonne. Die ging
ihr im Rcken, hinter den dunkeln Bergen des Schwarzwaldes zur Ruhe. Frau Hadwig
aber schaute erwartungsvoll nach dem Untersee und nach dem Pfad, der von seinem
Ausgang sich dem Hohentwieler Fels entgegen zog. Die Aussicht schien ihr nicht
zu gengen; wie's dunkel ward, ging sie unwillig103 zurck, lie ihren Kmmerer
rufen und verhandelte lang' mit ihm ...
    Am frhen Morgen des andern Tages stund Ekkehard gerstet zu weiterer Fahrt
an der Schwelle des Klosters. Der Abt war auch schon wach und machte einen
Frhgang im Grtlein. Der Richterernst des gestrigen Tages lag nicht mehr auf
seiner Stirne. Ekkehard sagte ihm Valet. Da raunte ihm der Abt lchelnd ins Ohr:
Seliger, der du eine solche Schlerin die Grammatik lehren darfst! Das schnitt
in Ekkehards Herz. Eine alte Geschichte stieg in seiner Erinnerung auf, - auch
in den Klostermauern gab's bse Zungen und berlieferte Stcklein, die vom einen
zum andern die Runde machten.
    Ihr gedenket wohl der Zeit, heiliger Herr, sprach er hhnisch, da Ihr die
Nonne Clotildis in der Dialektik unterrichtet104?
    Damit ging er hinab zu seinem Schiffe. Der Abt htte lieber ein Bchslein
mit Pfeffer zum Frhmahl eingenommen als diese Erinnerung. Glckliche Reise!
rief er dem Scheidenden nach.
    Von dieser Zeit hatte Ekkehard es mit den Reichenauer Klosterleuten
verdorben. Er lie sich's nicht kmmern und fuhr mit seinem Ermatinger Fergen
den Untersee hinab.
    Trumerisch schaute er aus seinem Schifflein hinaus ins Weite. Im
durchsichtigen Duft des Morgens wogte der See, zur Linken hoben sich die
schlanken Trmchen von Eginos Klause Niederzell, - dort streckt das Eiland seine
letzten Spitzen ins Gewsser hinaus, eine steinerne Pfalz schaute aus den
Weidenbschen vor - aber Ekkehards Blick haftete auf der Ferne, der er
zusteuerte; gro, stolz, in steiler kecker Linie trat ein felsiger Bergrcken
aus dem Gehgel des Ufers vor, gleich dem Gedanken eines Geistesgewaltigen, der
wuchtig und tatenschwer flache Umgebung berragt, die Frhsonne warf helle
Streiflichter auf Felskanten und Gemuer. Fern zur Rechten hoben sich etliche
niedere Kuppen von gleicher Form, bescheiden, als wren sie Feldwachen, die der
Groe ausgesendet.
    Der Hohentwiel! sprach der Fhrmann zu Ekkehard. Der hatte das Ziel seiner
Fahrt in frheren Tagen noch niemals erschaut, aber es brauchte des Schiffers
Wort nicht, um's ihm zu sagen. So mute der Berg sein, den sie zu ihrem Sitze
erkoren. Eine ernste Stimmung kam ber Ekkehard. Zge des Gebirges, weite
Flchen, Wasser und Himmel, groe Landschaft wirkt jederzeit Ernst im Gemt, nur
des Menschen Getrieb ruft ein Lcheln auf des Beschauers Lippe. Er gedachte des
Apostel Johannes, wie der einst der Felseninsel Patmos entgegengefahren, und wie
ihm dort eine Offenbarung aufgegangen ...
    Der Fhrmann steuerte rstig vorwrts. Schon waren sie dem Ufervorsprung,
der die Zelle Radolfs und die wenig umliegenden Behausungen trgt, nahe. Da
trieb ein seltsam Schifflein im See, roh, ein hohler Baumstamm, aber ganz
verdeckt und berbaut mit grnem Gezweig und Schilfrohr, und war kein Ruderer zu
erschauen, der es lenkte. Der Wind schaukelte es dem Gerhricht am Gestade
entgegen.
    Ekkehard hie seinen Fergen das absonderliche Fahrzeug anhalten. Da stie
derselbe mit seiner Ruderstange in die grne Verhllung.
    Pest und Aussatz Euch ins Gebein! fluchte es mit tiefer Stimme aus der
Hhlung hervor, oleum et operam perdidi, Hopfen und Malz ist verloren. Wildgans
und Kriekente sind des Teufels!
    Ein Zug Wasservgel, der mit heiserem Geschnatter in der Nhe aufstieg und
landeinwrts flog, besttigte des Fluchenden Ausspruch.
    Im Buschwerk des Schiffleins aber knisterte es und hob sich auf, ein
wettergebruntes, runzeldurchfurchtes Antlitz schaute herber, um den Leib
schmiegte sich ein verblichen geistlich Kleid, das, an den Knieen mit unsicherem
Messerschnitt gekrzt, zerzaust herabhing; im Grtel stak ein Kcher statt des
Rosenkranzes, die gespannte Armbrust lag auf des Schiffleins Vorderteil.
    Pest und Aussatz - wollte des Fahrzeugs Insasse nochmals anheben, da
schaute er Ekkehards Tonsur und Benediktinergewand und nderte den Ton: Hoiho!
salve confrater! Beim Bart des heiligen Patrik von Armagh, so mich Euer Frwitz
noch eine Viertelstunde lnger ungehindert gelassen, knnt' ich Euch zu einem
weidlichen Bissen Seewildbret einladen. Mit Bewegung schaute er den in die
Ferne streichenden Wildenten nach.
    Ekkehard aber hob lchelnd den Zeigefinger: Ne clericus venationi incumbat!
Kein Geweihter des Herrn soll der Jagd pflegen105.
    Stubenweisheit, rief der andere, gilt nicht bei uns am Untersee. Seid Ihr
etwann gesendet, beim Leutpriester zu Radolfszelle Kirchenschau zu halten?
    Beim Leutpriester zu Radolfszelle? frug Ekkehard. Steht hier der Bruder
Marcellus vor mir? Er tat einen Seitenblick auf des Weidmanns rechten Arm, an
dem sich die Kutte zurckgestreift hatte; in rauhen Linien war ein von einer
Schlange umwundenes Heilandbild eingetzt und stund mit punktierten Buchstaben
drber Christus vindex106.
    Bruder Marcellus? lachte der Gefragte und strich mit der Hand ber die
Stirn, fuimus TroesA1, willkommen in Moengals Revier!
    Er stieg aus seinem hohlen Baum in Ekkehards Schiff hinber. Der heilige
Gallus soll leben! sprach er und kte ihn auf Wange und Stirn, lasset uns ans
Land fahren, Ihr seid mein Gast, wenn auch ohne Wildenten.
    Euch hab' ich mir anders vorgestellt, sprach Ekkehard. Das war kein
Wunder.
    Nichts gibt ein falscher Bild von Menschen, als nach ihnen an denselben Ort
kommen, wo sie einstens gewirkt, vereinzelte Reste ihrer Ttigkeit sehen und aus
dem Gerede der Zurckgebliebenen sich eine Vorstellung des Weggegangenen
schaffen. Tiefstes und Eigenstes bleibt dritten meist unbeachtet, auch wenn's
offen zutag' liegt, in der berlieferung schwindet's ganz. Als Ekkehard ins
Kloster trat, war der Bruder Marcellus schon nach der verlassenen Zelle Radolfs
als Pfarrherr abgegangen. Etliche zierlich geschriebene Urkunden, Ciceros Buch
von den Pflichten, und ein lateinischer Priscianus mit irischer Schrift zwischen
den Zeilen erhielten sein Andenken. Viel verehrt lebte sein Name noch an der
innern Klosterschule, er war der tchtigsten Lehrer einer gewesen, tadellos sein
Wandel. Seither war er in Sankt Gallen verschollen. Darum hatte sich Ekkehard
statt des Weidmanns im See einen ernsten, hagern, blassen Gelehrten erwartet.
    Das Gestad von Radolfs Zelle war erreicht; eine dnne, nur auf einer Seite
geprgte Silbermnze stellte den Fhrmann zufrieden107. Sie gingen ans Land.
Wenig Huser und schmucklose Fischerhtten standen um das Grabkirchlein, das
Radolfs Gebeine birgt.
    Wir sind an Moengals Pfarrhaus, sprach der Alte, tretet ein. Ihr werdet
hoffentlich dem Bischof zu Konstanz keinen Bericht von meinem Hauswesen
erstatten wie jener Dekan von Rheinau, der behauptete, er habe bei mir Krge und
Trinkhrner von einer jedem Zeitalter verhaten Gre erschauen mssen108.
    Sie traten in eine holzgetfelte Halle. Hirschgeweih und Auerochsenhrner
hingen ber dem Eingang, Jagdspiee, Leimruten, Fischgarne lehnten in
malerischer Unordnung an den Wnden, an das umgestrzte Flein im Winkel
schmiegte sich der Wrfelbecher: wre es nicht des Leutpriesters Behausung
gewesen, so htte fglich auch der Frster des kaiserlichen Bannwaldes hier
wohnen knnen.
    In kurzem stund ein Krug suerlichen Weines auf dem Eichentisch, auch Brot
und Butter lieferte die Vorratskammer. Dann kam der Leutpriester aus der Kche
zurck, hielt sein Gewand wie eine gefllte Schrze und schttete einen
Platzregen von gerucherten Gangfischen vor seinen Gast. Heu, quod anseres
fugasti antvogelosque et horotumblum! Weh, da du mir die Wildgnse verscheucht
und die Enten samt der Rohrdommel109! sprach er, aber wenn einer nur die Wahl
zwischen Gangfisch und gar nichts hat, greift er immer noch zum erstern.
    Glieder derselben Genossenschaft sind schnell befreundet. Ein lebhaft
Gesprch erhob sich beim Imbi. Aber der Alte hatte mehr zu fragen, als Ekkehard
beantworten konnte; von so manchem seiner alten Brder war nichts mehr zu
berichten, als da sein Sarg eingemauert stand bei dem der andern und ein Kreuz
an der Wand und ein Eintrag im Totenbuch die einzige Spur, da er gelebt; - die
Geschichten und Splein und Klosterfehden, wie sie vor dreiig Jahren erzhlt
wurden, waren durch neue ersetzt, und was seit damals geschehen, lie ihn
gleichgltig. Nur wie Ekkehard von dem Zweck und Ziel seiner Fahrt sprach, rief
er: Hoiho, Konfrater, was habt Ihr wider die Jagd gesprochen und ziehet ja
selber auf Edelwild aus!
    Aber Ekkehard lenkte ab. Habt Ihr noch nie Heimweh nach des Klosters Stille
und Wissenschaft versprt? frug er.
    Da flammte des Leutpriesters Aug': Ward Catilina von Heimweh nach den
Holzbnken des rmischen Senats geplagt, nachdem von ihm gesagt war: excessit,
evasit, erupitA2? Junges Blut versteht das nicht. Fleischtpfe gyptens?! ille
terrarum mihi praeter omnesA3... sprach der Hund zum Stall, in dem er sieben
Jahre gelegen.
    Ich versteh' Euch allerdings nicht, sprach Ekkehard. Was schuf Euch
solche nderung der Sinnesart? Er warf einen Seitenblick auf das Jagdgert.
    Die Zeit, gab der Leutpriester zurck und klopfte seinen Gangfisch auf dem
Eichentisch mrb, - die Zeit und wachsende Erkenntnis. Das braucht Ihr aber
Eurem Abte nicht zu berichten. Bin auch einmal ein Bursch gewesen wie Ihr,
Irland zieht fromme Leute, sie wissen's hierzulande. Eheu, wie war ich
untadligen Gemtes, wie ich mit Oheim Marcus von der Wallfahrt gen Rom zurckkam
110. Httet den jungen Moengal sehen sollen, die ganze Welt war ihm keinen
Grndling wert, aber Psallieren, Vigilien singen, geistliche bungen halten: das
war mein Labsal. Da ritten wir in Gallus' Kloster ein - einem heiligen Landsmann
zu Ehren macht ein braver Irlnder schon ein paar Meilen um, - ich aber bin ganz
dort hngengeblieben. Kleider, Bcher, Gold und Wissen, der ganze Mensch ward
des Klosters, und der irische Moengal ward Marcellus geheien und warf seines
Oheims silberne und goldene Pfennige zum Fenster hinaus, da die Brcke
abgebrochen sei, die zur Welt zurckfhrt. Waren schne Jahre, sag' ich Euch,
hab' gewacht und gebetet und studiert nach Herzenslust.
    Aber viel Sitzen ist schdlich dem Menschen, und viel Wissen macht
berflssige Arbeit. Manchen Abend hab' ich gegrbelt wie ein Bohrwurm und
disputiert wie eine Elster, nichts war unergrndlich: wo das Haupt Johannis, des
Tufers, begraben liege, und in welcher Sprache die Schlange zu Adam gesprochen
- alles klar errtert, nur daran war ich nicht zu denken geraten, da der Mensch
auch Knochen und Fleisch und Blut mit sich in die Welt bekommen. Hoiho,
Konfrater, da kamen bse Stunden, mgen sie Euch erspart bleiben! der Kopf ward
schwer, die Hnde unruhig, am Schreibtisch kein Bleiben, in der Kirche kein
Knieen - fort! hie es, nur fort und hinaus! Dem alten Thieto sagt' ich
dereinst, ich habe eine Entdeckung gemacht. Was fr eine? Da es jenseits
unserer Mauern frische Luft gebe ... Da versagten sie mir den Ausgang, aber
manche Nacht bin ich heimlich auf den Glockenturm gestiegen111 und hab'
hinausgeschaut und die Fledermuse beneidet, die in Tannenwald hinber flogen
... Konfrater, dagegen hilft kein Fasten und kein Beten, was im Menschen steckt,
mu heraus.
    Der vorige Abt hat billige Einsicht genommen und mich auf Jahresfrist
hierher geschickt, aber der Bruder Marcellus kam nimmer heim. Wie ich hier im
Schwei meines Angesichtes den Tannbaum fllte und den Nachen zimmerte und den
Strichvogel aus den Lften herunterholte, da ist mir ein Licht aufgegangen, was
gesund sein heit - Fischfang und Weidwerk beizen die unntzen Mcken aus dem
Kopf - so stehe ich seit dreiig Jahren der Zelle Radolfi vor, rusticitate
quadam imbutus, einer gewissen Verbauerung ausgesetzt, was verficht's? Ich bin
gleich der Kropfgans in der Wste, gleich der Eule, die in Trmmern nistet, sagt
der Psalmist, aber frisch und stark, und der alte Moengal gedenkt sobald noch
nicht ein stummer Mann zu werden und wei, da er wenigstens vor einem Unglck
sicher sein darf ...
    Was meint Ihr fr ein Unglck? frug Ekkehard.
    Da ihm Sankt Petrus dereinst den himmlischen Torschlssel vor die Stirn
schlgt und spricht: Hinaus mit dir, der du unntz und eitel Philosophie
getrieben!
    Ekkehard lie sich auf Moengals Herzensergieungen nicht nher ein. Ihr
habet wohl rauhen Dienst in Sorge der Seelen, sprach er, verstockte Herzen,
Heidentum und Ketzerei ...
    's geht an, sprach der Alte, im Mund der Bischfe und kaiserlichen Rte,
in den Kapitularien und Synodal beschlssen nimmt sich's haarstrubend aus, wenn
sie den heidnischen Irrwahn abzeichnen und mit Strafsatzung bedruen. 's ist
eben alter Glaube hierlands, im Baum und Flu und auf lustiger Bergeshhe der
Gottheit nachzuspren. Jeder auf der Welt muh seine Apokalypsis haben, die
Hegauer suchen sie drauen ... es lt sich auch etwas dabei denken, wenn der
Mensch frhmorgens im Schilfe steht und die Sonne ber ihm aufgeht ...
    Deshalb kommen sie am Tage des Herrn doch zu mir und singen die Messe mit,
und wenn der Sendbote ihnen nicht so manchen Strafschilling aus dem Sack
zwickte, wrden sie noch frhlicher sich zum Evangelium wenden. -
    Stot an, Konfrater, die frische Luft ...
    Erlaubt, sprach Ekkehard mit seiner Wendung, da ich das Wohl Marcellus',
des Lehrers an der Klosterschule, des Verfassers der irischen bersetzung des
Priscianus trinke.
    Mir auch recht, lachte Moengal. Was aber die irische bersetzung
betrifft, die mchte einen Haken haben112.
    In Ekkehard war das Verlangen gro, seinen hohen Twiel zu erreichen. Kurz
vor dem Ziele weiter Fahrt hat noch selten einer lange Rast gehalten. Der Berg
steht fest in der Erden, sprach zwar Moengal, der entfleucht Euch nimmer.
    Aber Moengals Wein und seine Lehre von der frischen Luft hatten fr den, der
einer Herzogin entgegen sollte, wenig Verstrickendes. Er brach auf.
    Ich geh' mit Euch bis an des Pfarrsprengels Grenze, sagte der
Leutpriester, heute drft Ihr mir noch zur Seite gehen, trotz meines
verblichenen Gewandes; wenn Ihr auf dem Berg droben festsitzet, dann werdet Ihr
meinen, die Verklrung sei ber Euch gekommen, und werdet ein vornehmer Herr
werden, und wenn Ihr dereinst an Frau Hadwigs Seite gen Radolfs Zelle geritten
kommet, und der alte Moengal steht an der Schwelle, so wird ihm eine gndige
Handbewegung als Almosen zugeworfen - der Welt Lauf! Wenn der Heuerling gro
geworden, heit er Felchen und frit die Kleinen seines Geschlechts.
    Das sollt Ihr nicht sagen, sprach Ekkehard und kte den irischen
Mitbruder.
    Da gingen sie zusammen, und der Leutpriester nahm seine Leimruten mit, im
Rckweg den Vgeln des Waldes Nachstellung zu bereiten. Es war ein langer Weg
durch den Tannenwald, lang und still.
    Wie sich das Gehlz lichtete, da stand in dunkler Masse der hohe Twiel und
warf ihnen seinen Schatten entgegen. Moengal aber schaute mit scharfem Aug' den
Waldpfad entlang durch die Lichtung der Tannen. Es streicht was durchs Revier,
sprach er.
    Sie waren wieder etliche Schritte gegangen, da griff Moengal seinen
Gefhrten am Arm, stellte ihn, deutete vorwrts und sprach: Das sind keine
Wildenten noch Tiere des Waldes!
    Es kam ein Ton herber, als wenn fernab ein Ro gewiehert ... Moengal sprang
seitwrts, schlich sich ein gut Stck im jungen Gehlz vorwrts, legte sich auf
den Boden und sphte.
    Weidmanns Torheit, sprach Ekkehard und wartete seiner. Jetzt kam er
zurck. Bruder, sprach er liegt der heilige Gall in Fehde mit einem der
Gewaltigen dieses Landes?
    Nein.
    Habt Ihr einen beleidigt?
    Nein.
    Sonderbar, sprach der Alte, es kommen drei Gewaffnete geritten.
    Es werden Boten der Herzogin sein, mich zu empfangen, sprach Ekkehard mit
stolzem Lcheln.
    Hoiho! brummte Moengal, fehlgeschossen! Das ist nicht herzoglicher
Dienstmannen Kleid, der Helm ist sonder Abzeichen. Und im grauen Mantel reitet
kein Twieler!
    Er hemmte seinen Schritt.
    Vorwrts! sprach Ekkehard. Wes Herz ohne Schuld, den geleiten die Engel
des Herrn.
    Im Hegau nicht immer! war des Alten Antwort. Es war keine Gelegenheit zu
weiterem Zwiegesprch, Hufschlag tnte, der Boden klirrte, drei Reitersmnner
kamen gesprengt, den Helm geschlossen, das Schwert gezogen ...
    Folgt mir, rief der Leutpriester, maturate fugamA4! Er warf seine
Leimruten zu Boden und wollte Ekkehard mit zur Seite ziehen. Der aber wandte
sich nicht. Da sprang Moengal allein ins Buschwerk hinber, die Dornen zogen ihm
zu den alten Rissen ins morsche Gewand etliche neue, er wand sich los, mit den
Sprngen eines Eichhorns setzte er ins Dickicht. Er kannte die Schliche.
    Er ist's! rief der vorderste der Reiter, da sprangen die andern von den
Rossen, stolz sah ihnen Ekkehard entgegen: Was wollt Ihr? - keine Antwort; er
griff zum Kruzifix, das ihm im Grtel hing. Im Namen des Gekreuzigten! ...
wollte er anheben, aber schon war er zu Boden geworfen, unsanfte Fuste hielten
ihn, ein Strick ward um seine Hnde geschlungen, bald lagen sie geknebelt auf
dem Rcken - eine weie Binde umschlo seine Augen knapp und fest, da es dunkel
um ihn ward - Vorwrts! die berraschung des Augenblicks beugte ihm die Kniee,
unsicher schritt er, da hoben sie ihn und trugen ihn ein Stck weit. Am Beginn
des Waldes stunden vier Mnner mit einer Snfte, in die warfen sie den
Betroffenen und weiter ging's durch die Ebene, am steten Hufschlag zur Seite
merkte Ekkehard, da die Reiter ihren Fang geleiteten.
    Derweil Moengal durch den Wald floh, hpften die Meisen so zutraulich auf
den Zweigen, und heller Drosselschlag umtnte ihn, da verga er der Gefahr, und
sein Herz krnkte sich, da er die Leimruten fahren gelassen.
    Wie er aber auch noch die Wachtel ihr: Quakkara! Quakkara113 rufen hrte,
klang ihm das geradezu herausfordernd, und er wandte seinen Schritt zum Platze
des berfalls. Es war still dort, als wre nichts geschehen. In der Ferne sah er
die Kriegsleute abziehen. Die Helme glnzten.
    Es werden aber viele, so die ersten waren, die letzten sein, sprach er
kopfschttelnd und las seine Leimruten zusammen. Zu einer Frstin Saal gedachte
er zu gehen und das Gefngnis nimmt ihn auf. Heiliger Gallus, bitt' fr uns!
    Weiter zerbrach sich Moengal den Kopf nicht. Derlei Vergewaltigung war
hufig wie Schlsselblumen im Frhling.
    Es schwamm einmal ein Fisch klaftertief unten im Bodensee, der knnt' sich's
gar nicht erklren, was den Kormoran zu ihm hinabfhrte, der schwarze
Tauchervogel hatte ihn schon im Schnabel und flog mit ihm hoch durch die Lfte
weg: noch war's ihm unbegreiflich. So lag Ekkehard in der Snfte, ein gebundener
Mann; je mehr er ber seines Geschickes Wendung nachsann, desto weniger mocht'
er's fassen.
    Druend stieg der Gedanke in ihm auf, es mchte wohl einer im Hegau sitzen,
ein Freund oder Blutsverwandter der Kammerboten, und jetzt am unschuldigen
Jnger des heiligen Gallus Rache nehmen, denn Salomo, der Urscher ihres
schmhlichen Todes, war zugleich Abt jenes Klosters gewesen. Fr den Fall mochte
sich Ekkehard auf das Schlimmste bereit halten, er wute, wie manchen
priesterlichen Standes nicht die Tonsur, nicht geistlich Gewand vor dem
Ausstechen der Augen oder Abhauen der Hnde geschtzt, wenn's um Rache ging.
    Er gedachte aus Sterben. Mit seinem Gewissen war er vershnt, der Tod trug
ihm kein Schrecknis zu, aber tief im Herzen klang doch eine leise Frage: Warum
nicht erst in Jahresfrist, nachdem mein Fu den Twiel betrat? -
    Jetzt gingen die Trger der Snfte langsamen Schrittes, es mochte einen Berg
hinan gehen. Auf welches der Felsennester dieses Landes schleppen sie mich?
Ein halb Stndlein mochten sie aufwrts gestiegen sein, da schlug der Huftritt
der Reiter rasselnd und hohl auf, wie wenn sie ber eine hlzerne Brcke ritten.
Noch blieb's still, kein Wchterruf, - die Entscheidung konnte nimmer fern sein.
Da kam ein starkes Vertrauen ber Ekkehard, die Worte des Psalms traten vor ihn:
Gott ist unsere Zuflucht und Strke, als Hilfe in Nten mchtig erfunden. Darum
frchten wir nichts, ob auch die Erde wechselte und die Berge wankten im Herzen
des Meers. Mgen brausen die Gewsser, die Berge beben bei seinem Ungestm.
Jehovah ist mit uns, unsere Zuflucht der Gott Jakobs, Sela ...
    ber eine zweite Brcke ging's. Ein Tor ward aufgetan, die Snfte stand. Da
huben sie ihren Gefangenen herfr, sein Fu berhrte den Boden, es war Gras -
ein Flstern schlug an sein Ohr, als wr' viel Volk in der Nhe versammelt, der
Strick um seine Hnde ward gelst. Nehmt Euch die Binde von den Augen! sprach
einer seiner Begleiter, er tat's - Herz, jauchze nicht! er stand im Schlohof
von Hohentwiel ... Frhlich rauschte es im! Gest der alten Linde, ein zeltartig
Getch war darein gespannt, Krnze von Eppich und Weinlaub hingen hernieder, der
Burg Insassen standen gedrngt herum, auf steinerner Bank sa die Herzogin, der
purpurdunkle Frstenmantel wallte von den Schultern, mildes Lcheln umspielte
die herben Zge - itzt erhob sich die herrliche Gestalt, sie schritt Ekkehard
entgegen: Willkommen in Hadwigs Burgfrieden! Er wute kaum, wie ihm geschah,
und wollte ins Knie sinken, huldreich hob sie ihn empor und winkte dem Kmmerer
Spazzo, der warf seinen grauen Reitermantel ab, ging auf Ekkehard zu und umarmte
ihn wie einen alten Freund: Im Namen unserer Gebieterin empfahet den
Friedensku!
    Flchtig zuckte in Ekkehard der Gedanke: Soll hier ein Spiel mit mir
gespielt werden? aber die Herzogin rief scherzend:
    Ihr seid mit gleicher Mnze bezahlt. Habt Ihr vor drei Tagen die Herzogin
in Schwaben nicht anders als getragen ber des heiligen Gallus Schwelle kommen
lassen, so war's billig, da auch sie den Mann von Sankt Gallen in ihr Schlo
tragen lie.
    Und Herr Spazzo schttelte ihm nochmals die Hand und sprach: Nichts fr
ungut, es war strenger Befehl so! - Er hatte erst den berfall befehligt und
wirkte itzt zum herzlichen Empfang, beides mit gleich unvernderter, gewichtiger
Miene, denn ein Kmmerer mu gewandt sein und auch das Widersprechende in Form
zu bringen wissen.
    Ekkehard lchelte: Fr einen Scherz, sagte er, habt Ihr's recht ernsthaft
ausgefhrt. Er gedachte dabei insbesondere, wie ihm einer der Reitersmnner, da
sie ihn in die Snfte warfen, mit erzbeschlagenem Lanzenschaft einen schweren
Sto in die Seite versetzt. Das stand freilich nicht in der Herzogin Befehl,
aber der Reitknecht war schon unter Luitfried, des Kammerboten Neffen, dabei
gewesen, wie sie den Bischof Salomo einstmals niederwarfen, und hatte sich von
dazumal die irrige Meinung eingeprgt, bei Niederwerfung geistlicher Herren
gehre ein fester Faustschlag, Sto oder Futritt unumgnglich zum Landbrauch114
.
    Jetzt fhrte Frau Hadwig ihren Gast an der Hand durch den Schlohof und wies
ihm ihre lustige Behausung und die stolze Fernsicht nach Bodensee und
Alpenkuppen, und der Burg Leute baten um seinen Segen - auch die Reitknechte
kamen und die Trger der Snfte, und er segnete sie alle.
    Dann geleitete ihn die Herzogin bis an den Eingang. Ein Bad war ihm
zurechtgemacht115 und frische Gewandung bereitet; sie hieb ihn sich pflegen und
ausruhen, und Ekkehard war frhlich und guter Dinge nach leicht erstandener
Gefahr ...
    In der Nacht, die jenem Tage folgte, trug sich's im Kloster Sankt Gallen zu,
da Romeias, der Wchter, ohn' allen Anla von seiner Matte auffuhr und grimmig
in sein Horn stie, so da die Hunde im Klosterhof anschlugen und alles wach
wurde und zusammenlief - und war doch weit und breit niemand, der Einla
begehrte. Der Abt schrieb's auf Rechnung bser Geister, lie aber zugleich des
Romeias Vespertrunk sechs Tage lang auf die Hlfte herabsetzen, - eine Maregel,
die jedoch auf Voraussetzung eines gnzlich unrichtigen Grundes beruhte.

                                    Funoten


A1 Gewesen sind wir Troer, sagt der Priester Panthus bei der Eroberung Iliums
(neis 2, 325).

A2 Cicero in der zweiten Catilinarischen Rede.

A3 Aus einer Ode des Horaz (II, 6): Dies Pltzchen gefllt mir vor allen ...

A4 Fliehet eiligst!


                               Siebentes Kapitel.

                         Virgilius auf dem hohen Twiel.

Wenn einer seine bersiedlung an neuen Wohnsitz glcklich bewerkstelligt hat,
dann ist's ein anmutig und reizend Geschft, sich wohnlich einzurichten.
    Ist auch gar nicht so gleichgltig, in was Stube und Umgebung einer haust,
und wessen Fenster auf die Heerstrae zielen, wo die Lastwagen fahren und die
Steine geklopft werden, bei dem halten sicherlich mehr graue und verstubte als
buntfarbige Gedanken Einkehr.
    Darber hatte sich nun Ekkehard keine Sorge zu machen, denn die Herzogsburg
auf dem Twiel lag luftig und hoch und einsam, - aber ganz zufrieden war er auch
nicht, als ihm Frau Hadwig tags nach seiner Ankunft seinen Wohnsitz anwies.
    Es war ein gro luftig Gemach mit sulendurchteiltem Rundbogenfenster, aber
an demselben Gang gelegen, an den auch der Herzogin Saal und Zimmer stieen. Der
Eindruck, den einer aus abgeschiedener Klosterzelle mitnimmt, lt sich nicht
ber Nacht verwischen. Und Ekkehard gedachte, wie er oftmals mge von seiner
Betrachtung abgezogen werden, wenn geharnischter Futritt und Sporenklang oder
leises Huschen dienender Mgde an seiner Tr vorberstreife, oder wenn er sie
selber, die Herrin der Burg, mge einhergehen hren - unbefangen wandte er sich
an Frau Hadwig: Ich hab' ein Anliegen, hohe Frau!
    Redet, sagte sie mild.
    Mchtet Ihr mir nicht zu sotanem Gela ein fern gelegen Stblein zuweisen,
- und wenn's unterm Dach oder in einem der Warttrme wre. Der Wissenschaft, wie
des Gebetes Pflege heischt einsame Stille, Ihr kennet ja des Klosters Brauch.
    Da legte sich eine leise Falte ber Frau Hadwigs Stirn, eine Wolke war's
nicht, aber ein Wlklein. Ihr sehnet Euch danach, oftmals allein zu sein? frug
sie spttisch. Warum seid Ihr nicht in Sankt Gallen geblieben?
    Ekkehard neigte sich und schwieg.
    Halt an, rief Frau Hadwig, es soll Euch geholfen werden. Seht Euch das
Gela an, in dem Vincentius, unser Kapellan, bis an sein selig End' gehaust hat,
der hat auch so einen Raubvogelgeschmack gehabt und war lieber der hchste auf
Twiel als der bequemste. Praxedis, hol' den groen Schlsselbund und geleite
unsern Gast.
    Praxedis tat nach dem Gebot. Das Gemach des seligen Kapellans war hoch oben
im viereckigen Hauptturm der Burg; langsam stieg sie mit Ekkehard die finstere
Wendeltreppe hinauf, der Schlssel knarrte schwer im lang' nicht gedrehten
Schlo. Sie traten ein. Da sah's gut aus.
    Wo ein gelehrter Mann gehaust, braucht's ein Stck Zeit, um seine Spuren zu
verwischen. Es war ein miger Geviertraum, weie Wnde, wenig Hausrat, Staub
und Spinnweb allenthalb; auf dem Eichentisch stand ein Bchslein mit
Schreibsaft, lngst war's eingetrocknet, im Winkel ein Krug, drin vielleicht
einst Wein gefunkelt, auf einem Brett der Wandnische glnzten einige Bcher,
aufgeschlagene Pergamentrollen lagen dabei, aber, o Leidwesen! der Sturm hatte
das Fensterlein zerschlagen, der Patz in Vincentius' Stube war seit seinem Tod
fr Sonne und Regen, Mcken und Vgel frei geworden; eine Schar Tauben war
eingezogen, in ungestrter Besitzergreifung hatten sie sich zwischen der
Bcherweisheit angesiedelt, auf den Briefen des heiligen Paulus und auf Julius
Csars Gallischem Krieg nisteten sie und schauten verwundert den Eingetretenen
entgegen.
    Der Tr gegenber war mit Kohle ein Sprchlein an die Wand geschrieben.
Martha, Martha, du machst dir um vielerlei Sorge und Unruh'! las Ekkehard;
soll das des Verstorbenen letzter Wille sein? frug er seine liebliche
Wegweiserin.
    Praxedis lachte: 's war gar ein behaglicher Herr, sprach sie, der Herr
Vincentius selig. Ruhe ist mehr wert als ein Talent Silbers116, hat er oft
gesagt. Die Frau Herzogin aber hat ihm arg zugesetzt, immer gefragt und was
anderes gefragt: heut von den Sternen am Himmel, morgen von Arzneikraut und
Heilmitteln, bermorgen aus der Heiligen Schrift und berlieferung der Kirche -
wozu habt Ihr studiert, wenn Ihr keinen Bescheid wisset? drute sie, und Herr
Vincentius hat einen schweren Stand gehabt -
    Praxedis deutete schalkhaft mit dem Zeigefinger nach der Stirn -
    Mitten im Land Asia, hat er meistens erwidert, liegt ein schwarzer
Marmelstein; wer den aufhebt, der wei alles und braucht nicht mehr zu fragen
... Er war aus Bayerland, der Herr Vincentius, den Bibelspruch hat er wohl zu
seinem Trost hingeschrieben.
    Pflegt die Herzogin so viel zu fragen? sprach Ekkehard zerstreut.
    Ihr werdet's wahrnehmen, sagte Praxedis.
    Ekkehard musterte die zurckgebliebenen Bcher. Es tut mir leid um die
Tauben, die werden abziehen mssen.
    Warum?
    Sie haben das ganze erste Buch des, Gallischen Kriegs' verdorben, und der
Brief an die Korinther ist mit untilgbaren Flecken belastet ...
    Ist das ein groer Schaden? frug Praxedis.
    Ein sehr groer!
    O ihr arme bse Tauben, scherzte die Griechin, kommt her zu mir, eh' der
fromme Mann euch hinausjagt unter die Hher und Falken.
    Und sie lockte den Vgeln, die unbefangen in der Bchernische verblieben
waren, und wie sie nicht kamen, warf sie einen weien Wollknuel auf den Tisch,
da flog der Tauber herber, vermeinend, es sei eine neue Taube angekommen, und
ging dem Knuel mit gemessenen Schritten entgegen, zwei vor und einen zurck,
und verbeugte sich und grte mit langgezogenem Gurren. Praxedis aber nahm den
Knuel an sich, da flog ihr der Vogel auf den Kopf.
    Da hub sie leise an, eine griechische Singweise zu summen; es war das Lied
des alten, ewig jungen Sngers von TejosA1:

Ei sieh, du holdes Tubchen,
Wo kommst du hergeflogen?
Woher die Salbendfte,
Die du, die Luft durchwandelnd,
Aushauchst und niedertrufelst?
Wer bist du? was beliebt dir?

    Ekkehard horchte hoch auf und warf einen schier erschrockenen Blick von dem
Kodex, den er durchbltterte, herber; wre sein Aug' fr natrliche Anmut
gebter gewesen, so htt' es wohl lnger auf der Griechin haften drfen. Der
Tauber war ihr auf die Hand gehpft, sie hielt ihn mit gebogenem Arm in die Hhe
- Anakreons alter Landsmann, der dereinst den parischen Marmorblock zur Venus
von Knidos umschuf, htte das Bild dauernd seinem Gedchtnis eingeprgt.
    Was singt Ihr? fragte Ekkehard. Das klingt ja wie fremde Sprache.
    Warum soll's nicht so klingen?
    Griechisch?!
    Warum soll ich nicht Griechisch singen? gab ihm Praxedis schnippisch
zurck.
    Bei der Leier des Homerus, sprach Ekkehard verwundert, wo in aller Welt
habt Ihr das erlernet, unserer Gelehrsamkeit hchstes Ziel?
    Zu Hause! ... sagte Praxedis gelassen und lie die Taube zurckfliegen.
    Da schaute Ekkehard noch einmal in scheuer Hochachtung herber. Bei
Aristoteles und Plato war's ihm seither kaum eingefallen, da auch zur Zeit noch
lebende Menschen griechischer Zunge auf der Welt seien. Wie eine Ahnung zog's
durch seinen Sinn, da hier etwas verkrpert vor ihm stehe, das ihm trotz aller
geistlichen und weltlichen Weisheit fremd, unerreichbar ...
    Ich glaubte als Lehrer gen Twiel zu kommen, sprach er wehmtig, und finde
meine Meister. Wollt Ihr von Eurer Muttersprache mir nicht auch dann und wann
ein Krnlein zuwenden?
    Wenn Ihr die Tauben nicht aus der Stube verjagt, sprach Praxedis. Ihr
knnt ja ein Drahtgitterlein vor die Nische ziehen, wenn sie Euch ums Haupt
fliegen wollen.
    Am eines reinen Griechisch willen ... wollte Ekkehard erwidern, aber die
Tre der engen Klause war aufgegangen. -
    Was wird hier von Tauben und reinem Griechisch verhandelt? klang Frau
Hadwigs scharfe Stimme. Braucht man so viel Zeit, um diese vier Wnde
anzuschauen? Nun, Herr Ekkehard, taugt Euch die Hhle?
    Er nickte bejahend.
    Dann soll sie gesubert und in Stand gesetzt werden, fuhr Frau Hadwig
fort. Auf, Praxedis, die Hnde gerhrt und vor allem das Taubenvolk verjagt!
    Ekkehard wollte es wagen, ein Wort fr die Tauben einzulegen.
    Ei so, sprach Frau Hadwig, Ihr wnschet allein zu sein und Tauben zu
hegen. Soll man Euch nicht auch eine Laute an die Wand hngen und Rosenbltter
in Wein streuen? Gut, wir wollen sie nicht verjagen; aber heute abend sollen sie
gebraten unsern Tisch zieren.
    Praxedis tat, als habe sie nichts gehrt.
    Wie war's mit dem reinen Griechisch? frug nun die Herzogin. Unbefangen
erzhlte ihr Ekkehard, um was er die Griechin angegangen, da zogen die
Stirnfalten wieder bei Frau Hadwig auf: Wenn Ihr so wibegierig seid, so mgt
Ihr mich fragen, sagte sie, auch mir ist die Sprache gelufig. Ekkehard
sprach nichts dagegen. In ihrer Rede lag meistens eine Schrfe, die das Wort der
Erwiderung im Munde abschnitt. -
    Die Herzogin war streng und genau in allem. Schon in den ersten Tagen nach
Ekkehards Ankunft entwarf sie, einen Plan, in welcher Art sie zur Erlernung der
lateinischen Sprache vorschreiten wolle. Da fanden sie es am besten, eine Stunde
des Tages der lblichen Grammatik zu bestimmen, eine zweite der Lesung des
Virgilius. Auf letztere freute sich Ekkehard sehr, er gedachte sich
zusammenzufassen und mit Aufbietung von Wissen, Schrfe und Feinheit der
Herzogin die Pfade des Verstndnisses zu ebnen.
    Es ist doch kein unntz Werk, sprach er, was die alten Poeten getan; wie
mhsam wre es, eine Sprache zu erlernen, wenn sie uns nur im Wrterbuch
berliefert wre, wie die Getreidekrner in einem Sack, und wir die Mhe htten,
Mehl daraus zu malen und Brot daraus zu backen ... Der Poet aber stellt alles
wohlgefgt an seinen Platz, da ist sein ersonnener Plan und Inhalt, und die Form
klingt lieblich drein wie Saitenspiel; woran wir uns sonst die Zhne auszureien
htten, das schlrfen wir aus Dichters Hand wie Honigseim, und es schmeckt
se.
    Das Herbe der Grammatik zu lindern, wute Ekkehard keinen Ausweg. Fr jeden
Tag schrieb er der Herzogin die Aufgabe auf ein Pergamentblatt, sie war des
Lernens begierig, und wenn die Frhsonne ber dem Bodensee aufstieg und ihre
ersten Strahlen auf den hohen Twiel warf, stund sie schon in des Fensters
Wlbung und lernte, was ihr vorgeschrieben war, leise und laut, bis zu Ekkehards
Saal klang einst ihr einfrmig Hersagen: amo, amas, amat, amamus ...
    Praxedis aber hatte schwere Stunden. Sich zur Anregung, aber ihr zu nicht
geringer Langeweile, befahl ihr Frau Hadwig, jeweils das gleiche Stck Grammatik
zu lernen. Kaum Schlerin, freute es sie, mit dem, was sie erlernt, ihre
Dienerin zu meistern, und nie war sie zufriedener, als wenn Praxedis ein
Hauptwort fr ein Beiwort ansah oder ein unregelmig Zeitwort regelmig
abwandelte.
    Des Abends kam die Herzogin hinber in Ekkehards Gemach. Da mute alles
bereit sein zur Lesung des Virgil, Praxedis kam mit ihr, und da in Vincentius'
nachgelassenen Bchern ein lateinisch Wrterbuch nicht vorhanden war, ward sie
mit Anfertigung eines solchen beauftragt, denn sie hatte in jungen Tagen des
Schreibens Kunst erlernt. Frau Hadwig war dessen minder erfahren: Wozu wren
die geistlichen Mnner, sprach sie, wenn ein jeder die Kunst verstnde, die
ihrem Stand zukommt? Schmieden sollen die Schmiede, fechten die Krieger und
schreiben die Schreiber, und soll kein Durcheinander entstehen. Doch hatte Frau
Hadwig sich wohlgebt, ihren Namenszug in knstlich verschlungenen groen
Buchstaben den siegelbehangenen Urkunden als Herrin des Landes beizufgen.
    Praxedis zerteilte eine Pergamentrolle in kleine Bltter, zog auf jedes
Blatt zwei Striche, also, da drei Abteilungen geschaffen wurden, um nach
Ekkehards Vortrag jedes lateinische Wort einzutragen, daneben das deutsche, in
die dritte Reihe das entsprechende griechisch. Letzteres war der Herzogin
Anordnung, ihm zu beweisen, da die Frauen auch ohne seine Beihilfe schon
lbliche Kenntnis erworben.
    So begann der Unterricht117.
    Die Tre von Ekkehards Gemach nach dem Gang hin hatte Praxedis weit
aufgesperrt. Er ging hin und wollte sie zulehnen, die Herzogin aber hielt ihn
zurck: Kennet Ihr die Welt noch nicht?
    Ekkehard wute nicht, was das heien solle.
    Jetzt las er ihnen das erste Buch von Virgilius' Heldendichtung. neas, der
Troer, hub sich vor ihren Augen, wie ihn siebenjhrige Irrfahrt
umhergeschleudert auf dem Tyrrhener Meer und wie es so unsglicher Mhsal
gekostet, des rmischen Volkes Grnder zu werden. Es kam der Zorn der Juno, wie
sie an olus bittweise sich wendet und dem Gebietiger von Wind und Sturm die
schnste ihrer Nymphen verspricht, wenn er der Troer Schiffe verderben wolle -
Gewitter, Sturm, Schiffbruch, Zerschellen der Kiele, ringsum schwimmen umher
sparsam in unendlicher Meeresflut Waffen des Kriegs und Geblk und troischer
Prunk durch die Brandung. Und der Wogen Gemurr dringt zu Neptunus hinunter, tief
in Grund, er kommt emporgestiegen und schaut die Verwirrung, des olus Winde
jagt er mit Schimpf und Schande nach Hause, wie der Aufruhr beim Wort des
verdienten Mannes legt sich das Toben der Wsser, an Libyens Kste landet der
Schiffe Rest ...
    Soweit hatte Ekkehard gelesen und erklrt. Seine Stimme war voll und tnend
und klang ein wohltuend Gefhl inneren Verstndnisses durch. Es war spt
geworden, die Lampe flackerte, da hob Frau Hadwig den Vortrag auf.
    Wie gefllt meiner Herrin des heidnischen Poeten Erzhlung? frug Ekkehard.
    Ich will's Euch morgen sagen, sprach sie. Sie htte es auch schon heute
sagen knnen, denn fest und bestimmt stand der Eindruck des Gelesenen ihrem
Gemte eingeprgt, sie tat's aber nicht, um ihn nicht zu krnken. Lasset Euch
was Gutes trumen, rief sie dem Weggehenden nach.
    Ekkehard aber ging noch hinauf in des Vincentius Turmstube. Die war sauber
hergerichtet, die letzte Spur vom Nisten der Tauben getilgt; er wollte sich
sammeln zu stiller Betrachtung, wie ehemals im Kloster, aber sein Haupt war
hei, vor seiner Seele stand die hohe Gestalt der Herzogin, und wenn er sie
recht ins Auge fate, so schaute auch Praxedis' schwarzugig Kpflein ber ihrer
Herrin Schulter zu ihm herber - was aus all dem noch werden soll? Er trat ans
Fenster, eine khle Herbstluft wehte ihm entgegen, ein dunkler eherner
unendlicher Himmel spannte sich ber das schweigende Land, die Sterne funkelten,
nah, fern, licht, matt; so gro hatte er das Himmelsgewlbe noch niemals
erschaut - auf Bergesgipfeln ndert sich das Ma der Dinge - lang' stand er so,
da ward's ihm unheimlich, als wollten ihn die Gestirne hinaufziehen zu sich, als
sollt' er leicht und geflgelt der Stube entschweben ... er schlo das Fenster,
bekreuzte sich und ging schlafen.
    Des andern Tages kam Frau Hadwig mit Praxedis, der Grammatik zu pflegen. Sie
hatte Wrter gelernt und Deklinationen und wute ihre Aufgabe. Aber sie schien
zerstreut.
    Habt Ihr etwas getrumt? frug sie den Lehrer, wie die Stunde abgelaufen
war.
    Nein.
    Gestern auch nicht?
    Nein.
    Ist schade, es soll eine Vorbedeutung in dem liegen, was einer in den
ersten Tagen am neuen Wohnort trumt ... Hret, fuhr sie nach einer Pause fort,
seid Ihr nicht ein recht ungeschickter Mensch?
    Ich? fuhr Ekkehard betroffen auf.
    Ihr geht mit Dichtern um, warum habt Ihr nicht einen anmutigen Traum
ersonnen und mir erzhlt; Dichtung ist soviel wie Traum, es htt' mir Freude
gemacht.
    Ihr befehlet, sprach Ekkehard, so Ihr mich wieder fraget, will ich einen
Traum erzhlen, auch wenn ich ihn nicht getrumt habe.
    Solcherlei Gesprch war fr Ekkehard neu, unklar.
    Ihr habt mir Eure Ansicht vom Virgilius gestern vorenthalten, sprach er.
    Ja so, sprach Frau Hadwig. Hret, wenn ich Herrin im Rmerland gewesen,
ich wei nicht, ob ich nicht die Gesnge verbrannt und den Mann fr immer
schweigen geheien htte ...
    Ekkehard sah sie starr verwundert an.
    Es ist mein Ernst! fuhr sie fort. Wit Ihr warum? - weil er die Gtter
seines Landes schlecht macht. Ich hab' gute Acht gehabt, wie Ihr der Juno Reden
gestern vortruget. Des Herrn aller Gtter Ehefrau - und trgt eine Wunde im
Gemt, da ein troischer Hirtenknab' sie nicht fr die Schnste erklrt, und ist
nicht imstande, aus eigener Macht einen Sturm zu befehlen, da die paar
Schifflein zertrmmert werden, und mu den olus durch Antragung einer Nymphe
verfhren ... und Neptun will Herrscher der Meere sein und lt sich von fremdem
Gewind Sturm und Wetter in sein Reich blasen und merkt's erst, wie es fast
vorbei ist - was ist all das fr ein Wesen? Als Herzogin sag' ich Euch, in dem
Reich, dessen Gtter gescholten werden, mcht' ich den Scepter nicht fhren.
    Ekkehard schien um eine Antwort verlegen. Was das Altertum an Schriftwerk
berliefert, stand ihm da als ein Festes, Unerschtterliches, wie altes Gebirg';
er war zufrieden, sich in Bedeutung und Verstndnis einzuarbeiten, - nun solche
Zweifel!
    Erlaubet, Herrin, sprach er, wir haben noch nicht weit gelesen, es steht
zu hoffen, da Euch die Menschen der neis besser gefallen. Wollet auch
bedenken, da zur Zeit, wo Augustus, der Kaiser, seine Untertanen aufzeichnen
lie, das Licht der Welt zu Bethlehem zu leuchten anhub; es geht die Sage, da
auch auf Virgilius ein Strahl davon gefallen, da mochten ihm die alten Gtter
nicht mehr gro sein ...
    Frau Hadwig hatte gesprochen nach dem ersten Eindruck. Mit dem Lehrer
streiten mochte sie nicht.
    Praxedis, sprach sie scherzend, was ist deine Meinung?
    Mein Denken geht nicht so hoch, sprach die Griechin. Mir kam alles so
natrlich vor, drum war mir's lieb. Und am besten hat mir gefallen, wie die Frau
Juno ihrer Nymphe den olus zum Ehgemahl verschafft; wenn er auch ein wenig alt
ist, so ist er doch ein Knig der Winde und sie ist gewilich gut bei ihm
versorgt gewesen ...
    Gewi! - sprach Frau Hadwig und winkte ihr, zu schweigen. Nun wissen wir
doch auch, wie Kammerfrauen den Virgilius lesen.
    Ekkehard war durch der Herzogin Widerspruch zu grerem Eifer gereizt. Mit
Begeisterung las er am Abend des weiteren, wie der fromme neas auf Ersphung
des libyschen Landes auszog und ihm seine Mutter Venus entgegentritt in Gewand
und Waffen einer Sparterjungfrau, den leichten Bogen um die Schulter, den
wallenden Busen kaum in des aufgeschrzten Gewandes Knpfung verborgen - und wie
sie des Sohnes Schritt der tyrischen Frstin entgegenlenkt. Und weiter las er,
wie neas zu spt die gttliche Mutter erkannte - vergebens ruft er ihr nach,
sie aber hllt ihn in Nebel, da er unerkannt zur neuen Stadt gelange ... wo die
Tyrerin zu Junos Ehren den mchtigen Tempel grndet, steht er und schaut, von
Knstlerhand gemalt, die Schlachten von Troja; am leeren Abbild vergangener
Kampfarbeit weidet sich seine Seele.
    Jetzt naht sie selber, Dido, die Herrin des Landes, antreibend das Werk und
die knftige Herrschaft:

    Und an der Pforte der Gttin, bedeckt vom Gewlbe des Tempels,
    Sah sie, mit Waffen umschart, auf des Thrones hochragendem Sessel,
    Urteil sprach sie den Mnnern und Recht, und die Mhen der Arbeit
    Teilte sie jeglichem gleich nach Billigkeit ...

    Leset mir das nochmals, sprach die Herzogin. Ekkehard wiederholte es.
    Steht's so geschrieben? frug sie. Ich htte nichts eingewendet, wenn
Ihr's selber so eingeschaltet httet. Glaubt' ich doch schier ein Abbild eigener
Herrschaftfhrung zu hren ... Mit den Menschen Eures Dichters bin ich wohl
zufrieden.
    Es wird wohl leichter sein, sie abzuzeichnen als die Gtter, sprach
Ekkehard. Es gibt so viel Menschen auf der Welt ...
    Sie winkte ihm, fortzufahren. Da las er, wie des neas Gefhrten herankamen,
der Knigin gastlichen Schutz anstehend, und wie sie ihres Fhrers Ruhm knden,
der, von der Wolke verhllt, nahe stand.
    Und Dido ffnet ihre Stadt den Hilfesuchenden, und der Wunsch steigt in ihr
auf: Wre doch selbst der Knig, vom selbigen Sturme gedrnget, euer neas
allhier! also, da sehnendes Verlangen den Helden treibt, die Wolke zu
durchbrechen ...
    Doch wie Ekkehard begonnen hatte:

Kaum war solches gesagt, als schnell des umwallenden Nebels Hlle zerreibt ...

da kam ein schwerer Tritt den Gang herauf: Herr Spazzo, der Kmmerer, trat ein,
er wollte die neuen Studien seiner Gebieterin beaugenscheinigen - beim Wein
mochte er auch gesessen haben: sein Aug' war starr, der Gru erstarb ihm auf den
Lippen. Es war nicht seine Schuld. Schon in der Frhe hatte er ein Brennen und
Zucken in der Nase versprt, und das bedeutet sonder Widerrede einen trunkenen
Abend.
    Bleibet stehen! rief die Herzogin, und Ihr, Ekkehard, leset weiter.
    Er las, ernst, mit Ausdruck:

    Siehe! da stand neas und strahlt' in der Helle des Tages,
    Hehr an Schulter und Haupt, wie ein Gott, denn die himmlische Mutter
    Hatt' anmutige Locken dem Sohn und blhender Jugend
    Purpurlicht und heitere Wrd' in die Augen geatmet:
    So wie das Elfenbein durch Kunst sich verschnet, wie Silber
    Prangt und parischer Stein in des rtlichen Goldes Umrandung.
    Drauf zur Knigin wandt' er das Wort und allen ein Wunder
    Redet er pltzlich und sprach: Hier schauet mich, welchen Ihr suchet,
    Mich, den Troer neas, gerettet aus libyscher Woge.

    Herr Spazzo stand verwirrt. Um Praxedis' Lippen schwebte ein verhaltenes
Kichern.
    Wenn Euch der Weg wieder herfhrt, rief die Herzogin, so whlet eine
schicklichere Stelle zum Eintritt, da wir nicht versucht werden, zu glauben,
Ihr seid neas, der Troer, gerettet aus libyscher Woge!
    Herr Spazzo trat seinen Rckzug an. neas, der Troer! murmelte er im Gang;
hat wieder einmal ein rheinfrnkischer Landfahrer sich einen erlogenen
Stammbaum gemacht? Troja!? - umwallender Nebel? ... neas, der Troer, wir werden
eine Lanze brechen, wenn wir uns treffen! Mord und Brand!

                                    Funoten


A1 Poten, pilh peleia
 Poten, poten petasai usw.


                                Achtes Kapitel.

                                    Audifax.

In jener Zeit lebte auf dem Hohentwiel ein Knabe, der hie Audifax. Er war
eigener Leute Kind, Vater und Mutter waren ihm weggestorben, da war er wild
aufgewachsen, und die Leute hatten sein nicht viel acht, er gehrte zur Burg wie
die Hauswurz, die auf dem Dach wchst, und der Efeu, der sich um die Mauern
schlingt. Man hatte ihm aber die Ziegen zu hten angewiesen. Die trieb er auch
getreulich hinaus und herein und war schweigsam und scheu. Er hatte ein bla
Gesicht und kurz geschnitten blondes Haupthaar, denn nur der Freigeborene durfte
sich mit wallenden Locken schmcken118.
    Im Frhjahr, wenn neuer Schu und Trieb in Baum und Strauch waltete, sa
Audifax vergnglich drauen und schnitt Sackpfeifen aus dem jungen Holz und
blies darauf; es war ein einsam schwermtiges Getn, und Frau Hadwig war einmal
schier eines Mittags Lnge oben auf dem Sller gestanden und hatte ihm
gelauscht, vielleicht, da ihre Stimmung der Melodie der Sackpfeife entsprach -
und wie Audifax des Abends seine Ziegen eintrieb, sprach sie zu ihm: Heische
dir eine Gnade! Da bat er um ein Glcklein fr eine seiner Ziegen, die hie
Schwarzfu. Der Schwarzfu bekam das Glcklein, seither war in Audifax' Leben
nichts von Belang vorgefallen. Aber er ward zusehends scheuer, im letzten
Frhjahr hatte er auch sein Pfeifenblasen eingestellt.
    Jetzt war ein sonniger Sptherbsttag, da trieb er seine Ziegen an den
felsigen Hang des Berges und sa auf einem Steinblock und schaute hinaus ins
Land; hinter dunkelm Tannenwald leuchtete der Bodensee, vorn war alles
herbstlich gefrbt - drres rotes Laub trieb im Winde. Audifax aber sa und
weinte bitterlich.
    Damals htete, was an Gnsen und Enten zum Hofe der Burg gehrte, ein
Mgdlein, des Name war Hadumoth, die war einer alten Magd Tochter und hatte
ihren Vater nie gesehen. Es war Hadumoth ein braves Kind, rotwangig, blauugig,
und lie das Haar in zwei Zpfe geflochten vom Haupt herunterfallen. Ihre Gnse
hielt sie in Zucht und guter Ordnung, sie reckten manchem den langen Hals
entgegen und schnatterten wie trichte Weiber, aber der Hirtin trotzte keine;
wenn sie ihren Stab schwang, gingen sie zchtig und sittsam einher und
enthielten sich jeglichen Lrmens. Oft weideten sie vermischt zwischen den
Ziegen des Audifax, denn Hadumoth hatte den kurzgeschorenen Ziegenhirten nicht
ungern und sah oft bei ihm und schaute mit ihm in die blaue Luft hinaus - - und
die Tiere merkten, wie ihre Hter zusammenstanden, da hielten auch sie
Freundschaft miteinand. Jetzt trieb Hadumoth ihre Gnse auf die Berghalde
herunter, und da sie der Ziegen Glcklein drben luten hrte, sah sie sich nach
dem Hirten um. Und sie erschaute ihn, wie er weinte, und ging hinber, setzte
sich zu ihm und sprach: Audifax, warum weinst du? Der gab keine Antwort. Da
legte Hadumoth ihren Arm um seine Schulter, wendete sein lockenloses Haupt zu
sich herber und sprach betrbt: Audifax, wenn du weinst, so will ich mit dir
weinen.
    Audifax aber suchte seine Trnen zu trocknen: Du brauchst nicht zu weinen,
sagte er, ich mu. Es ist etwas in mir, da ich weinen mu.
    Was ist in dir, da du weinen mut? frug sie. Da nahm er einen der Steine,
wie sie von den Twieler Felswnden abgelst dalagen, und warf ihn auf die
anderen Steine. Der Stein war dnn und gab einen Klang.
    Hast du's gehrt?
    Ich hab's gehrt, sagte Hadumoth, es klingt wie immer.
    Hast du den Klang auch verstanden?
    Nein.
    Ich aber versteh' ihn, und darum mu ich weinen, sprach Audifax. Es ist
schon viele Wochen her, da bin ich drben gesessen auf dem Felsen im Tale, da
ist's zuerst in mich gezogen, ich kann nicht sagen wie, aber es muh aus der
Tiefe gekommen sein, jetzt ist mir's oft, als wr' Aug' und Ohr anders geworden,
und in den Hnden flimmert's wie fliegende Funken; wenn ich bers Feld geh', so
hr' ich's unter meinen Fen rieseln, als flsse ein Quell unten; wenn ich am
Fels steh', so sehe ich durchs Gestein, da ziehen viel Arme und Adern hinunter,
und drunten hmmert's und pocht's, das mssen die Zwerge sein, von denen der
Grovater erzhlt hat, und von ganz unten leuchtet ein glhroter Schein empor
... Hadumoth, ich mu einen groen Schatz finden, und weil ich ihn nicht finden
kann, drum weine ich.
    Hadumoth schlug ein Kreuz. Dir ist was angetan worden, sprach sie. Du
hast nach Sonnenuntergang auf dem Boden geschlafen, da hat einer der
Unterirdischen Macht ber dich bekommen ... Wart', ich wei dir was Besseres als
Weinen.
    Sie sprang den Berg hinauf, in kurzem kam sie wieder herab und hatte ein
Tpflein mit Wasser und ein Stcklein Seife, das ihr Praxedis einst geschenkt,
und etliche Strohhalme. Und sie schlug einen hellen Schaum auf, nahm sich einen
Halm, gab dem Audifax einen und sprach: La uns mit Seifenblasen spielen wie
ehedem. Weit du noch, wie wir beisammen saen und um die Wette geblasen haben,
und zuletzt konnten wir's so schn, da sie gro und farbig bers Tal flogen und
glnzten wie ein Regenbogen, und 's war schier zum Weinen, wenn sie platzten
...
    Audifax hatte schweigend den Strohhalm genommen, duftig wie Tautropfen hing
der Seifenschaum am Ende, er hielt ihn in die Luft hinaus, die Sonne glnzte
drauf.
    Weit du auch, Audifax, fuhr die Hirtin fort, was du einmal gesagt hast,
wie wir unsern Schaum verblasen hatten und es war Abend und Nacht geworden, und
die Sterne zogen am Himmel auf? Das sind auch Seifenblasen, hast du gesagt, der
liebe Gott sitzt auf einem hohen Berge, der blst sie und kann's besser als wir
...
    Das wei ich nicht mehr, sprach Audifax.
    Er neigte sein Haupt zur Brust herab und fing wiederum an zu weinen. Wie
muh ich's anfangen, da ich den Schatz gewinne? klagte er.
    Sei gescheit, sprach Hadumoth, was wolltest du auch mit dem Schatz
beginnen, wenn er gewonnen ist?
    Dann kauf' ich mich frei, sprach er gelassen, und dich auch, und der Frau
Herzogin kauf' ich ihr Herzogtum ab und den ganzen Berg mit allem, was drauf
steht, und dir lass' ich eine gldene Krone machen und jeder Ziege ein glden
Glcklein und mir eine Sackpfeife von Ebenholz und lauterem Golde ...
    Von lauterem Golde - scherzte Hadumoth, weit du denn, wie Gold
aussieht?
    Da deutete Audifax mit dem Finger nach dem Mund: Kannst du schweigen? Sie
nickte bejahend. Gib mir die Hand drauf. Sie gab ihm die Hand. So will ich
dir zeigen, wie Gold aussieht, sprach der Hirtenknabe, griff in seine
Busentasche und zog ein Stcklein hervor, rund wie eine mige Mnze, aber
gewlbt wie eine Schale, und waren etliche unverstndliche verwischte Zeichen
darauf, es gleite und glnzte und war wirklich Gold. Hadumoth wog das Stck auf
dem Zeigefinger.
    Das hab' ich auf dem Feld gefunden, weit da drben, sprach Audifax, nach
dem Gewitter. Wenn der Regenbogen mit seinem Farbenglanz sich zu uns
niederwlbt, dann kommen zwei Engel, wo seine Enden sich auf die Erde senken,
halten sie ihm ein glden Schsselein unter, da er nicht auf dem verregneten
rauhen Boden aufstehen mu - und wenn er ausgeglnzt hat, dann lassen sie die
Schsselein im Felde stehen, zweimal drfen sie's nicht brauchen, das wrde der
Regenbogen belnehmen119...
    Hadumoth begann an den Beruf ihres Gespielen zum Schatzfinden zu glauben.
Audifax, sprach sie und gab ihm das Regenbogenschsselein zurck, das frommt
dir alles nichts. Wer einen Schatz finden will, mu den Zauber wissen - in der
Tiefe unten wird alles gut gehtet, sie geben's nicht los, wenn sie nicht
niedergezwungen werden.
    Ja, der Zauber, sagte Audifax mit trnendem Aug' - wer ihn wte ...
    Hast du den heiligen Mann schon gesehen? frug Hadumoth.
    Nein.
    Seit vier Tagen ist der heilige Mann in der Burg, der wei allen Zauber.
Ein groes Buch hat er mitgebracht, das liest er unserer Herzogin vor, da steht
alles drin geschrieben, wie man die in der Luft zwingt und die in der Erde und
die im Wasser und Feuer, die lange Friderun hat's den Knechten heimlich erzhlt,
die Herzogin hab' ihn verschrieben, da das Herzogtum fester werde und grer,
und da sie jung und schn bleibe und ewig zu leben komme ...
    Ich will zum heiligen Mann gehen, sprach Audifax.
    Sie werden dich schlagen, warnte Hadumoth.
    Sie werden mich nicht schlagen, sagte er, ich wei etwas, das biet' ich
ihm, wenn er mir den Zauber weist ...
    Es war Abend worden. Die Kinder standen von ihrem Steinsitz auf - Ziegen und
Gnse wurden zusammengerufen, wohlgeordnet, wie eine Heerschar, zogen sie den
Burgweg hinauf und rckten in ihren Stllen ein. -
    Desselben Abends las Ekkehard der Herzogin den Schlu des ersten Buchs der
neide, den Herr Spazzo tagszuvor unterbrochen: wie die Sidonierin Dido erstaunt
bei des Helden Anblick ihn und die Seinen unter ihr gastlich Dach einladet, und
beifllig nickte Frau Hadwig zu Didos Worten:

    Mich auch hat ein gleiches Geschick durch mancherlei Trbsal
    Umgeschttelt und endlich im Lande hier ruhen geheien;
    Fremd nicht blieb ich dem Kummer und lernt' Unglcklichen beistehn.

Jetzt sendet neas den Achates zu den Schiffen, da er's dem Sohn Ascanius
ansage, denn ganz auf Ascanius ruht die zrtliche Sorge des Vaters. Frau Venus
aber bewegt neue List im Busen, in Didos Herz soll der Liebe Flamme entzndet
werden, da entrckt sie den Ascanius weit in den Hain Idalia und wandelt den
Gott der Liebe in Ascanius' Gestalt, die Flgel legt er ab, an Schritt und Gang
ihm gleich stellt er sich mit den Troern in Karthagos Knigsburg und eilt zur
Knigin hin -

mit den Augen an ihm, mit der Seele
Haftet sie, oft auch im Scho erwrmt ihn Dido und wei nicht,
Welch ein Gott ihr genaht, der Elenden! Er, sich erinnernd
Dein, acidalische Mutter, vertilgt des Sichus Gedchtnis
Allgemach und mit lebender Glut zu gewinnen versucht er
Ihr lngst khleres Herz und der Seel' entwhnete Regung.

    Haltet ein, sprach Frau Hadwig. Das ist wieder recht schwach
ausgesonnen.
    Schwach? frug Ekkehard.
    Was braucht's den Gott Amor selber, sprach sie. Knnt' es sich nicht
ereignen, da auch ohne Trug und List und sein Einschreiten des ersten Gemahls
Gedchtnis in einer Witib Herzen zurckgedrngt wrde?
    Wenn der Gott selber das Unheil anstiftet, sprach Ekkehard, so ist Frau
Dido entschuldigt und sozusagen gerechtfertigt - das hat wohl der Dichter
andeuten wollen ... Ekkehard mochte glauben, er habe eine feine Bemerkung
gemacht. Frau Hadwig aber stand auf. Das ist etwas anderes, sprach sie
spitzig, sie bedarf also einer Entschuldigung. An das habe ich nicht gedacht.
Gute Nacht!
    Stolz ging sie durch den Saal, vorwurfsvoll rauschte ihr langes Gewand.
Sonderbar, dachte Ekkehard, mit Frauen den teuern Virgilius lesen, hat
Schwierigkeit. Weiter gingen seine Gedanken nicht ...
    Andern Tags schritt er durch den Burghof, da trat Audifax, der Hirtenknabe
zu ihm, hob das Ende seines Gewandes, kte es und sah fragend an ihm hinauf.
    Was hast du? frug Ekkehard.
    Ich mcht' den Zauber haben, sprach Audifax schchtern.
    Was fr einen Zauber?
    Den Schatz zu heben in der Tiefe.
    Den mcht' ich auch haben, sprach Ekkehard lachend.
    O, Ihr habt ihn, heiliger Mann, sprach der Knabe. Habet Ihr nicht das
groe Buch, aus dem Ihr unserer Herrin des Abends vorleset?
    Ekkehard schaute ihn scharf an, er ward mitrauisch und gedachte der Art,
wie er auf dem hohen Twiel eingefhrt worden. Hat dir's jemand eingegeben,
fragte er, da du so zu mir redest?
    Ja.
    Wer?
    Da fing Audifax an zu weinen: Hadumoth! sprach er. Ekkehard verstand ihn
nicht.
    Wer ist Hadumoth?
    Die Ganshirtin, sprach der Knabe schluchzend.
    Du redest Torheit, geh deiner Wege ...
    Aber Audifax ging nicht.
    Ihr sollt mir's nicht umsonst geben, sagte er, ich will Euch was Schnes
zeigen. Es mssen viele Schtze im Berg sein, ich wei einen, der ist aber nicht
der rechte. Ich mcht' den rechten finden.
    Ekkehard ward aufmerksam: Zeig' mir, was du weit! Audifax deutete
bergabwrts. Da ging Ekkehard mit ihm zum Burghof hinaus und die Stufen des
Burgwegs hinunter; auf des Berges Rckseite, wo der Blick zu des hohen Stoffeln
tannigem Haupt hinberstreift und zum hohen Hwen, bog Audifax vom Weg ab, sie
gingen durchs Gebsch, kahl, in verwittertem Grau strebte die Felswand vor ihnen
zur Himmelsblue empor.
    Audifax bog einen Strauch zurck und ri das Moos auf; in dem grauen
Klingstein, der des Berges Kern ist, ward eine gelbe Ader sichtbar; in eines
Fingers Breite zog sie durchs Gestein. - Audifax lste ein Stck ab, versteinten
Tropfen gleich sa der eingesprengte Stoff in der Spalte, strahlend, rundlich,
goldgelb, und in weirtlicher Druse hafteten Opalkristalle.
    Prfend sah Ekkehard auf das abgelste Stck. Der Stein war ihm fremd.
Edelstein war's nicht; die gelehrten Mnner haben ihn spter Natrolith getauft.
    Seht Ihr, da ich etwas wei! sprach Audifax.
    Was soll ich damit? fragte Ekkehard.
    Das wit Ihr besser als ich, Ihr knnt's schleifen lassen und Eure groen
Bcher damit verzieren - gebt Ihr mir jetzt den Zauber?
    Ekkehard mute des Knaben lachen. Du sollst Bergknappe werden, sprach er
und wollte gehen.
    Aber Audifax hielt ihn am Gewand.
    Ihr mt mich jetzt aus Eurem Buch lehren!
    Was?
    Den strksten Spruch ...
    Eine Anwandlung des Scherzes kam ber Ekkehards ernstes Antlitz. Komm mit
mir, sprach er, du sollst ihn haben, den strksten Spruch.
    Frohlockend ging Audifax mit ihm. Da sagte ihm Ekkehard lachend den
virgilianischen Vers:

Auri sacra fames, quid non mortalia cogis PectoraA1?

und mit eiserner Geduld sagte Audifax die fremden Worte her, bis er sie
sprachrichtig dem Gedchtnis eingeprgt.
    Schreibt mir's auf, da ich's auf dem Leib tragen kann, bat er ihn.
    Ekkehard gedachte den Scherz vollstndig zu machen und schrieb ihm die Worte
auf einen dnnen Pergamentstreif, der Knabe barg's in seiner Brusttasche; hoch
schlug sein Herz, wiederum kte er Ekkehards Gewand - in Sprngen, wie sie die
kletterfroheste Ziege nicht machte, sprang er aus dem Hofe.
    Bei diesem Kinde gilt Virgilius mehr als bei der Herzogin, dachte
Ekkehard.
    Des Mittags sah Audifax wieder auf seinem Steinblock. Aber es perlten keine
Trnen mehr in seinen scheuen Angen; seit langem zum erstenmal war die alte
Sackpfeife wieder mit ihm auf die Ziegenhut ausgezogen, der Wind trug die Klnge
ins Tal hinab. Vergngt kam seine Freundin Hadumoth zu ihm herber. Wollen wir
wieder Seifenblasen machen? frug sie ihn.
    Ich mache keine Seifenblasen mehr! sprach Audifax und blies auf seiner
Pfeife weiter. Dann stund er auf, sah sich sorgsam um, zog Hadumoth zu sich -
sein Auge glnzte seltsam: Ich bin beim heiligen Mann gewesen, raunte er ihr
ins Ohr, heute nacht heben wir den Schatz, du gehst mit. Hadumoth versprach's
ihm.
    Der dienenden Leute Nachtessen in der Gesindestube war zu Ende; gleichzeitig
standen sie alle von ihren Bnken auf und stellten sich in die Reihe; zu unterst
waren Audifax und Hadumoth gesessen, die junge Hirtin sprach den grobkrnigen
Menschen das Gebet vor, sie zitterte heut mit der Stimme ...
    Eh' der Tisch abgerumt war, huschte es wie zwei Schatten zu dem noch
unverschlossenen Burgtor hinaus, es waren die zwei Kinder, Audifax ging voran.
Die Nacht wird kalt sein, hatte er zu Hadumoth gesagt und ihr ein langhaariges
Ziegenfell umgeworfen. Da, wo der Berg jh nach Sden hin abfllt, war ein alter
Erdwall gezogen, dort machte Audifax halt - sie waren vor dem Herbstwind
geschtzt. Er streckte seinen Arm in gerader Richtung aus: Ich meine, hier
soll's sein! sprach er. Wir mssen noch lang' warten, bis Mitternacht.
    Hadumoth sprach nichts. Die beiden setzten sich dicht nebeneinander. Der
Mond war aufgegangen, sein Licht zitterte durch halbdurchsichtiges Gewlk. Auf
der Burg oben waren etliche Fenster hell, sie saen wieder ber dem Virgilius
droben ... am Berg war's still, selten strich der Schleiereule heiserer Ruf
herber. Nach langer Frist fragte Hadumoth schchtern: Wie wird's werden,
Audifax?
    Ich wei nicht, war die Antwort. Es wird einer herkommen und wird ihn
herbringen, oder die Erde tut sich auf und wir steigen hinunter, oder ...
    Sei still, sprach Hadumoth, ich frcht' mich.
    Und wieder war eine gute Frist vergangen, Hadumoth hatte ihr Haupt an
Audifax' Brust gelehnt und war eingeschlummert, er aber rieb sich den Schlaf aus
den Augen, dann schttelte er seine Gefhrtin. Hadumoth, sprach er, die Nacht
ist lang, erzhl' mir was.
    Mir ist was Bses eingefallen, sprach sie. Es war einmal ein Mann, der
ging pflgen ums Morgenrot, da pflgte er den Goldzwerg aus der Furche, der
stand vor ihm und grinste ihn freundlich an und sprach: Nimm mich mit! Wer uns
nicht sucht, dem gehren wir, wer uns sucht, den erwrgen wir ... Audifax, ich
furcht' mich.
    Gib mir deine Hand, sagte Audifax, da du mutig bleibest.
    Die Lichter auf der Burg waren erloschen. Dumpfer Hornruf des Wchters auf
dem Turm kndete Mitternacht. Da kniete Audifax nieder, und Hadumoth kniete
neben ihn, er hatte seinen Holzschuh vom rechten Fu gezogen, da er mit nackter
Sohle auf dem dunkeln Erdreich aufstand, den Pergamentstreifen hielt er in der
Hand, und mit fester Stimme sprach er die Worte, deren Sinn ihm fremd:

Auri sacra fames, quid non mortalia cogis Pectora?

er hatte sie wohl behalten. Und auf den Knien blieben die beiden und harrten
dessen, was da kommen sollte ... Aber es kam kein Zwerg und kein Riese und die
Erde tat sich auch nicht auf; die Gestirne glnzten zu ihren Hupten kalt und
fern, khl wehte die Nachtluft ... Doch ber einen Glauben so fest und tief, wie
den der beiden Kinder, soll niemand lachen, auch wenn damit keine Berge versetzt
und keine Schtze gefunden werden.
    Jetzt Hub sich ein unsicheres Leuchten am Himmelsgewlb', eine Sternschnuppe
kam geflogen, ein flimmernder Glanzstreif zeichnete ihre Bahn, viel andere
folgten nach - es kommt von oben, flsterte Audifax und prete krampfhaft das
Hirtenkind an sich, auri sacra fames ... rief er noch einmal in die Nacht
hinaus, strahlend kreuzten sich die Meteore, das erste erlosch, das zweite
erlosch - es war wieder ruhig am Himmel wie zuvor ...
    Lang' und scharf sah sich Audifax um. Dann stand er betrbt auf. Es ist
nichts, sagte er mit zitternder Stimme, sie sind in See gefallen. Sie gnnen
uns nichts. Wir werden Hirten bleiben.
    Hast du des heiligen Mannes Spruch auch recht gesagt? fragte ihn Hadumoth.
    Wie er ihn mich lehrte.
    Dann hat er dich nicht den rechten gelehrt. Er wird den Schatz selber
heben. Vielleicht hat er ein Netz dorthin gelegt, wo die Sterne fielen ...
    Das glaub' ich nicht, sprach Audifax. Sein Antlitz ist mild und gut, und
seine Lippen sprechen kein Falsch.
    Hadumoth sann nach.
    Vielleicht wei er den rechten Spruch nicht?
    Warum?
    Weil er den rechten Gott nicht hat. Er hat den neuen Gott. Die alten Gtter
waren auch stark.
    Audifax hielt seiner Gefhrtin den Finger auf die Lippen. Schweig! sprach
er.
    Ich frchte mich nicht mehr, sagte Hadumoth. Ich wei noch eine andere,
die versteht sich auch auf Sprche.
    Wen?
    Hadumoth deutete hinber, wo aus lang gestrecktem Tannensaum ein dunkler
Bergkegel steil aufstieg. Die Waldfrau! antwortete sie.
    Die Waldfrau? sprach Audifax erschrocken. Die, die das groe Gewitter
gemacht, wo die Schloen so gro wie Taubeneier ins Feld einschlugen, und die
den Centgrafen von Hilzingen gefressen hat, da er nimmer heimkam?
    Eben darum. Wir wollen sie fragen. Die Burg ist uns doch verschlossen und
die Nacht kalt.
    Das Hirtenmgdlein war keck und mutig geworden. Das Mitleid um Audifax war
gro in ihr; sie htte ihm so gern zu seiner Wnsche Erfllung verholfen.
Komm! sprach sie lebhaft, wenn dir's bange wird im Wald, so blas' auf deiner
Pfeife. Die Vgel antworten. Es geht dem Morgen entgegen.
    Audifax erhob keinen Einwand mehr. Da gingen sie miteinand durchs dichte
Gehlz nordwrts, es war ein dunkler Tannenwald, sie kannten den Pfad. Niemand
war des Weges. Nur ein alter Fuchs stand lauernd auf einem Rain, aber er war vom
Erscheinen der beiden Kinder so wenig befriedigt, als diese von den schnell
verflogenen Sternschnuppen.
    Auch bei Fchsen kommt oft etwas ganz anderes, als sie wnschen und
erwarten. Darum zog er seinen Schweif ein und schlug sich seitwrts.
    Sie waren eine Stunde weit gegangen, da stunden sie vor dem Fels
Hohenkrhen. Zwischen Bumen versteckt stund ein steinern Hauslein; sie hielten.
Der Hund wird Laut geben! sprach Hadumoth. Aber kein Hund rhrte sich. Sie
traten nher, die Tr stand offen.
    Die Waldfrau ist fort! sprachen sie. Aber auf dem Fels Hohenkrhen brannte
ein verglimmend Feuerlein. Dunkle Gestalten regten sich. Da schlichen die Kinder
den Felspfad hinauf.
    Schon stand ein heller Luftstreif hinter den Bergen am Bodensee. Es ging
steil in die Hhe. Oben, wo das Feuer glimmte, war ein Felsenvorsprung. Eine
breitgipflige Eiche breitete ihre dunklen ste aus. Da duckten sich Audifax und
Hadumoth hinter einen Stein und schauten hinber. Es war ein Tier geschlachtet
worden, ein Haupt, wie das eines Pferdes, war an den Eichstamm genagelt, Spiee
standen ber dem Feuer, Knochen lagen umher. In einem Gef war Blut.
    Am einen zugehauenen Felsblock saen viele Mnner, ein Kessel mit Bier stand
auf dem Stein120, sie schpften daraus mit steinernen Krgen.
    An der Eiche kauerte ein Weib. Sie war nicht so liebreizend wie jene
alemannische Jungfrau Bissula, die dem rmischen Staatsmann Ausonius einst trotz
seiner sechzig Jahre das Herz berckte, da er idyllendichtend auf seiner
Prfekturkanzlei einherschritt und sang: Sie ist von Augen himmelblau, und
golden das rtliche Haar, ein Barbarenkind, hoch ber allen Puppen Latiums, der
sie malen will, mu Rosen und Lilien mischen121. Das Weib auf dem Hohenkrhen
war alt und struppig.
    Die Mnner schauten nach ihr. Zusehends hellte sich der Himmel im Osten. In
die Nebel ber dem See kam Bewegung. Jetzt warf die Sonne ihre ersten Strahlen
vergldend ber die Berge, bald stieg der feurige Ball empor, da sprang das Weib
auf, die Mnner erhoben sich schweigend; sie schwang einen Strau von Mistel und
Tannreis, tauchte ihn in das Gef mit Blut, sprengte dreimal der Sonne
entgegen, dreimal ber die Mnner, dann go sie des Gefes Inhalt in das
Wurzelwerk der Eiche.
    Die Mnner hatten ihre Krge ergriffen, sie rieben sie in einfrmiger Weise
dreimal auf dem gegltteten Fels, da ein summendes Getn entstand, hoben sie
gleichzeitig der Sonne entgegen und tranken aus; im gleichen Takte setzte jeder
den Krug nieder, es klang wie ein einziger Schlag. Dann warf ein jeglicher
seinen Mantel um, schweigend zogen sie den Fels hinab122.
    Es war die Nacht des ersten November.
    Wie es still geworden auf dem Platz, wollten die Kinder vortreten zur
Waldfrau. Audifax hatte sein Streiflein Pergament zur Hand genommen - aber das
Weib ri einen Feuerbrand aus der Asche und schritt ihnen drohend entgegen.
    Da flohen sie in Hast den Berg hinunter.

                                    Funoten


A1 Grulicher Hunger nach Golde, wozu nicht zwingst du der Menschen nimmersattes
Gemt?


                                Neuntes Kapitel.

                                 Die Waldfrau.

Audifax und Hadumoth waren in die Burg von Twiel zurckgekehrt. Ihres
nchtlichen Ausbleibens war nicht geachtet worden. Sie schwiegen von den
Begegnissen jener Nacht. Auch unter sich. Audifax hatte viel nachzudenken.
    In seiner Ziegen Hut war er sumig. Eine seiner Untergebenen verlief sich
nach den platten Hgeln hin, die den Lauf des dem Bodensee entstrmenden Rheines
umsumen. Da ging er, sie zu suchen; einen Tag blieb er aus, dann kehrte er mit
der Entronnenen zurck.
    Hadumoth freute sich des Erfolges, der ihrem Gefhrten Schlge ersparte. Der
Winter kam mhlich heran, die Tiere blieben im Stall. Eines Tages saen die
Kinder am Kaminfeuer in der Knechtstube. Sie waren allein.
    Du denkst noch immer an Schatz und Spruch? sagte Hadumoth. Da zog sie
Audifax geheimnisvoll zu sich: Der heilige Mann hat doch den rechten Gott!
sprach er.
    Warum? frug Hadumoth.
    Er ging in seine Kammer hinber; im Stroh seines Lagers hatte er allerhand
Gestein untergebracht, er griff einen heraus und brachte ihn herber: Schau
an! sprach er. Es war ein glimmeriger grauer Schieferstein, er umschlo die
Reste eines Fisches, in zartem Umri waren Haupt, Flossen und Grten dem
Schiefer eingedrckt. Den hab' ich drben am Schiener Berg123 mitgenommen, da
ich die Ziege suchen ging. Der mu von der Flut sein, von der der Vater
Vincentius einmal gepredigt hat, und die Flut hat der Herr Himmels und der Erde
ber die Welt gehen lassen, da er den Noah das groe Schiff bauen lie, davon
wei die Waldfrau nichts.
    Hadumoth wurde nachdenklich: Dann ist die Waldfrau schuld, da uns die
Sterne nicht in den Scho gefallen sind, wir wollen sie beim heiligen Mann
verklagen.
    Da gingen die beiden zu Ekkehard und berichteten ihm, was in jener Nacht auf
dem Hohenkrhen vorgegangen. Er hrte sie freundlich an. Des Abends erzhlte
er's der Herzogin. Frau Hadwig lchelte.
    Sie haben einen seltsamen Geschmack, meine treuen Untertanen, sprach sie.
berall sind ihnen schmucke Kirchen gebaut, sanft und eindringlich wird das
Wort Gottes verkndet, stattlicher Gesang, groe Feste, Bittgnge mit Kreuz und
Fahnen durch wogendes Kornfeld und Flur, - und doch ist's nicht genug. Da mssen
sie noch in kalter Nacht auf ihren Berggipfeln sitzen und wissen selber nicht,
was sie dort treiben, auer da Bier getrunken wird. Wir kennen das. Was haltet
Ihr von der Sache, frommer Ekkehard?
    Aberglaube! sprach der Gefragte, den der bse Feind noch immer in
abtrnnige Gemter set. Ich hab' in unsern Bchern gelesen von den Werken der
Heiden, wie sie im Dunkel der Wlder, an einsamen Wegscheiden und Quellen und
selbst an den dunkeln Grbern der Toten ihre zaub'rischen Listen treiben.
    Sie sind keine Heiden mehr, sagte Frau Hadwig. Ein jeder ist getauft und
seinem Pfarrherrn zugewiesen. Aber es lebt noch ein Stck alte Erinnerung in
ihnen, die ist sinnlos geworden und zieht sich doch durch ihr Denken und Tun,
gleich dem Rhein, wenn er in Winterszeit tief unter des Bodensees Eisdecke
geruschlos weiter fliet. Was wollt Ihr mit ihnen beginnen?
    Vertilgen! sprach Ekkehard. Wer seinen Christenglauben bricht und dem
Gelbde seiner Taufe untreu wird, soll fahren in die ewige Verdammnis.
    Halt an, junger Eiferer, sagte Frau Hadwig; meinen Hegauer Mannen sollt
Ihr darum das Haupt noch nicht abschlagen, da sie die erste Nacht des
Herbstmonats lieber auf dem kalten hohen Krhen sitzen, als auf ihrem Strohlager
schlafen; sie tun doch, was sie mssen, und schon im Heerbann des groen Kaiser
Karl haben sie dereinst gegen die heidnischen Sachsen gefochten, als wr' ein
jeder zum erlesenen Rstzeug der Kirche geweiht.
    Mit dem Teufel, rief Ekkehard hochfahrend, ist kein Friede. Wollet Ihr
lau im Glauben sein, Herrin?
    Im Regieren einer Landschaft, sprach sie mit leisem Spott, lernt sich
manches, das in Euren Bchern nicht steht. Wit Ihr auch, da der Schwache
wirksamer durch seine Schwche geschlagen wird als durch die Schneide des
Schwerts? Wie der heilige Gallus einst in die Trmmer von Bregenz drben einzog,
da lag der heiligen Aurelia Altar zerstrt, drei eherne Gtzenbilder stunden
aufgerichtet; um den groen Bierkessel, der niemals fehlen darf, so oft man
hierlands in alter Weise fromm sein will, saen sie und tranken. Der heilige
Gall hat keinem ein Leides getan, aber ihre Bilder hat er in Stcke geschlagen
und hinausgeschleudert, da sie zischend einfuhren ins grne Gewoge des Sees,
und in ihren Bierkessel hat er ein Loch gehaucht und das Evangelium gepredigt an
derselben Stelle; es fiel kein Feuer vom Himmel, ihn zu verzehren, sie aber
sahen, da ihre Sache nichts war, und bekehrten sich124. Verstndig sein heit
nicht lau im Glauben sein ...
    Das war damals ... begann Ekkehard.
    Und itzt - fiel ihm Frau Hadwig ins Wort, itzt steht die Kirche
aufgerichtet vom Rhein bis ans nrdliche Meer, strker als die Kastelle der
Rmer zieht sich eine Kette von Klstern durchs Land, Festungen des Glaubens;
bis in die Wildnisse des Schwarzwalds ist lngst das Wort christlicher Bekenner
gedrungen, was wollt Ihr mit den Nachzglern vergangener Zeiten so schweren
Kampf fechten125?
    So belohnet sie denn, sprach Ekkehard bitter.
    Belohnen? sagte die Herzogin. Zwischen entweder und oder fhrt noch
manches Strlein. Wir mssen einschreiten gegen den nchtlichen Unfug. Warum?
Kein Reich mag gut bestehen bei zweierlei Glauben, das fhrt die Gemter
gegeneinand in Schlachtordnung und ist unntig, solange drauen Feinde genug
lauern. Des Landes Gesetz hat ihnen das trichte Wesen untersagt, sie sollen
merken, da unser Gebot und Verbot nicht in Wind gesprochen ist.
    Ekkehard schien von dieser Weisheit nicht befriedigt. Ein Zug von Mimut
flog ber sein Antlitz.
    Hret, fuhr die Herzogin fort, was ist Eure Meinung von der Zauberei
berhaupt?
    Die Zauberei, sprach Ekkehard mit Ernst und schwerem Atemzug, der auf den
Vorsatz einer lngeren Rede zu deuten schien, ist eine verdammliche Kunst,
wodurch der Mensch sich die Dmonen, die allenthalb in der Natur walten und
nisten, dienstbar macht. Auch im Anlebendigen ruht Lebendiges verborgen, wir
hren es nicht und sehen es nicht, aber verfhrend weht es an unbewachtes Gemt,
mehr zu erfahren und mehr zu wirken, als ein treuer Knecht Gottes erfahren und
wirken kann - das ist das alte Blendwerk der Schlange und der Mchte der
Finsternis; wer sich ihnen zu eigen macht, kann ein Stck von ihrer Gewalt
erlangen, aber er herrscht ber die Teufel durch deren Obersten und verfllt
ihm, wenn seine Zeit aus ist. Darum ist die Zauberei so alt wie die Snde, und
statt da der eine wahre Glaube sei auf der Welt und die eine Mildigkeit der
Werke, anzubeten den dreieinigen Gott, gehen noch Weissager umher und
Traumdeuter und Traumscheider und Liedersetzer und Rtsellser, vor allem aber
sind unter den Tchtern Evas die Anhngerinnen solcher Knste zu suchen ...
    Ihr werdet artig, unterbrach ihn Frau Hadwig -
    Denn der Frauen Gemt, fuhr Ekkehard fort, ist allzeit neugieriger
Erforschung und Ausbung verbotener Dinge zugewendet. Wenn wir mit Lesung des
Virgilius fortschreiten, werdet Ihr den Ausbund der Zauberei in Gestalt des
Weibes Circe angedeutet sehen, die auf unzugnglichem Vorgebirg' singend haust,
lieblich duftender Span von Zedernholz erleuchtet die dunkeln Gemcher, mit
fleiigem Weberschifflein webt sie viel zartes Gezeug, aber drauen im Hof tnt
seufzendes Knurren von Lwen und Wlfen und der Schweine Gegrunz, die sie alle
aus Menschen durch zauberischen Trank in der Tiere Gestalt verwandelt ...
    Ihr sprechet ja wie ein Buch, sagte die Herzogin spitz. Ihr sollet Eure
Wissenschaft von der Zauberei weiter bilden. Reitet denn auf den hohen Krhen
hinber und untersuchet, ob die Waldfrau eine Circe, und regieret in unserem
Namen, wir sind neugierig, was Eure Weisheit ordnet.
    Es ist nicht meine Wissenschaft, erwiderte er ausweichend, wie man die
Vlker regiert und die Dinge der Welt gebietend schlichtet.
    Das findet sich, sprach Frau Hadwig, es hat noch selten einen in
Verlegenheit gebracht, am wenigsten einen Sohn der Kirche.
    Ekkehard fgte sich. Der Auftrag war ihm ein Beweis von Vertrauen. Andern
Morgens ritt er nach dem hohen Krhen. Den Audifax nahm er mit, da er ihm den
Weg zeige. Glckliche Reise, Herr Reichskanzler! rief ihm eine lachende Stimme
nach. Es war Praxedis.
    Bald kamen sie vor der Waldfrau Behausung. Auf einem Vorsprung, in halber
Hhe des steilen Felsens, stand ihre steinerne Htte, mchtige Eich- und
Buchstmme breiteten ihre ste darber und verdeckten den ragenden Gipfel des
hohen Krhen. Drei wie Stufen geschichtete Klingsteinplatten fhrten ins Innere.
Es war eine hohe dunkle Stube. Viel getrocknete Waldkruter lagen aufgehuft,
wrziger Geruch entstrmte ihnen; drei weigebleichte Pferdeschdel grinsten
gespenstig von den Pfeilern der Wand herab126, ein riesig Hirschgeweih hing
dabei. In den hlzernen Trpfosten war ein verschlungenes Doppeldreieck
geschnitten. Ein zahmer Waldspecht hpfte in der Stube umher, ein Rabe, dem die
Schwingen gekrzt, war sein Genosse.
    Die Inwohnerin sa am glimmenden Feuer des Herdes und nhte an einem Gewand.
Ein hoher behauener, halb verwitterter Stein stand ihr zur Seite. Von Zeit zu
Zeit bckte sie sich zum Herde und hielt ihre magere Hand ber die Kohlen;
Novemberklte lag auf Berg und Wald. Die Zweige einer alten Buche neigten sich
schier zum Fenster herein, ein leiser Windeshauch bewegte sie, das Laub war
herbstgelb und morsch und zitterte und brach ab, etliche welke Bltter wirbelten
in die Stube.
    Und die Waldfrau war einsam und alt und mochte frieren: Da liegt ihr nun
verachtet und welk und tot, sprach sie zu den Blttern, und ich gleiche euch.
Ein fremdartiger Zug umflog ihr runzlig Antlitz. Sie dachte vergangener Zeiten,
da auch sie jung und frhlingsgrn gewesen und einen Liebsten gehabt - aber den
hatte sein Schicksal weit hinausgetrieben aus dem heimischen Tannwald, raubende
Nordmnner, die einst mit Sengen und Brennen den Rhein herauffuhren, hatten ihn
und viel andere Heerbannleute gefangen mitgeschleppt, und er war bei ihnen
geblieben ber Jahresfrist und hatte den Seemannsdienst gelernt und war wild und
trotzig geworden in der Strandluft des Meeres, und wie sie ihn wieder frei
gaben, trug er die Nordseesehnsucht mit sich in schwbischen Wald, - die
Gesichter der Heimat gefielen ihm nimmer wieder, die der Mnche und Priester am
wenigsten, und das Unglck fgte es, da er in zornigem Aufbrausen einen
wandernden Mnch erschlug, der ihn gescholten, da war seines Bleibens nicht
frder.
    Der Waldfrau Gedanken hafteten heut immerdar auf jener letzten Stunde, die
ihn von ihr geschieden. Da hatten ihn die Gerichtsmnner vor seine Htte im
Weiterdinger Wald gefhrt, sechshundert Schillinge sollte er als Wehrgeld fr
den Erschlagenen zahlen, und wies ihnen statt dessen Haus und Hofmark zu und
schwur mit zwlf Eideshelfern, da er nichts unter und nichts ober der Erde mehr
zu eigen habe. Drauf ging er in sein Haus, sammelte eine Hand voll Erde, stand
auf die Schwelle und warf mit der Linken die Erde ber seine Schultern auf
seines Vaters Bruder, als Zeichen, da seine Schuld auf diesen seinen einzigen
Blutsverwandten bergehen solle, er aber griff einen Stab und sprang im leinenen
Hemde ohne Grtel und Schuhe ber den Zaun seines Hofes; das Recht der chrene
chruda127 schrieb's so vor, und damit war er seiner Heimat ledig und ging in
Wlder und Wsten - ein landflchtiger Mann, und ging wieder ins Dnenland zu
seinen Nordmnnern und kam nimmer zurck. Nur eine dunkle Kunde sagte, er sei
mit ihnen nach Island hinbergefahren, wo die tapfern Seefahrer, die ihren
Nacken nicht beugen wollten vor neuem Glauben und neuer Herrschaft, sich ein
kaltes Asyl gegrndet.
    Das war schon lange, lange her, aber der Waldfrau war es, als she sie ihren
Friduhelm noch, wie er ins Waldesdunkel sprang; sie hatte damals ins
Weiterdinger Kirchlein einen Kranz von Eisenkraut gehngt und viel Trnen
vergossen ... kein anderer hatte sein Bild aus ihrer Seele verdrngt. Die
traurige Jahreszeit gemahnte sie an ein altes Nordmnnerlied, das er sie einst
gelehrt; das summte sie jetzt vor sich hin:

Der Abend kommt und die Herbstluft weht,
Reifklte spinnt um die Tannen,
O Kreuz und Buch und Mnchsgebet -
Wir mssen alle von dannen.

Die Heimat wird dmmernd und dunkel und alt,
Trb rinnen die heiligen Quellen:
Du gtterumschwebter, du grnender Wald,
Schon blitzt die Axt, dich zu fllen!

Und wir ziehen stumm, ein geschlagen Heer,
Erloschen sind unsere Sterne -
O Island, du eisiger Fels im Meer,
Steig' auf aus nchtiger Ferne.

Steig' auf und empfah unser reisig Geschlecht -
Auf geschnbelten Schiffen kommen
Die alten Gtter, das alte Recht,
Die alten Nordmnner geschwommen.

Wo der Feuerberg loht, Glutasche fllt,
Sturmwogen die Ufer umschumen:
Auf dir, du trotziges Ende der Welt,
Die Winternacht woll'n wir vertrumen!

    Ekkehard war indes drauen abgestiegen und hatte sein Ro an eine Tanne
gebunden. Jetzt trat er ber die Schwelle; scheu ging Audifax hinter ihm drein.
Die Waldfrau warf das Gewand ber den Stein, faltete die Hnde in ihren Scho
und sah starr dem eintretenden Mann im Mnchsgewand entgegen. Sie stand nicht
auf.
    Gelobt sei Jesus Christ! sprach Ekkehard als Gru und Ablenkung etwaigen
Zaubers. Unwillkrlich schlug er den Daumen der Rechten ein und schlo die Hand,
er frchtete das bse Auge128 und seine Gewalt; Audifax hatte ihm erzhlt, die
Leute sagten von ihr, da sie mit einem Blick ein ganzes Grasfeld drre zu
machen vermge.
    Sie antwortete nicht auf den Gru.
    Was schafft Ihr Gutes? hub Ekkehard das Gesprch an.
    Einen Rock bessern, sprach die Alte, er ist schadhaft geworden.
    Ihr sucht auch Kruter?
    Such' auch Kruter. - Seid Ihr ein Krutermann? Dort liegen viele:
Habichtskraut und Schneckenklee, Bocksbart und Museohr, auch drrer
Waldmeister, so Ihr begehrt.
    Ich bin kein Krutermann, sprach Ekkehard. Was macht Ihr mit den
Krutern?
    Braucht Ihr zu fragen, wozu Kruter gut sind? sprach die Alte, Euer einer
wei das auch. Es stnd' schlimm um kranke Menschen und krankes Tier und schlimm
um Abwehr nchtiger Unholde und Stillung liebender Sehnsucht, wenn keine Kruter
wren.
    Und Ihr seid getauft? fuhr Ekkehard ungeduldig fort.
    Sie werden mich auch getauft haben ...
    Und wenn Ihr getauft seid, rief er mit erhobener Stimme, und dem Teufel
versagt habt und allen seinen Werken und allen seinen Gezierden, was soll das?
Er deutete mit seinem Stab nach den Pferdeschdeln an der Wand und stie einen
heftig an, da er herunterfiel und in Stcke brach; die weien Zhne rollten auf
dem Fuboden umher.
    Der Schdel eines Rosses, antwortete die Alte gelassen, den Ihr jetzt
zertrmmert habt. Es war ein junges Tier, Ihr knnt's am Gebi noch sehen.
    Und der Rosse Fleisch schmeckt Euch? frug Ekkehard.
    Es ist kein unrein Tier, sagte die Waldfrau, und sein Genu nicht
verboten.
    Weib! rief Ekkehard und trat hart vor sie hin - du treibst Zauberkunst
und Hexenwerk!
    Da stand die Alte auf. Ihre Stirn runzelte sich, unheimlich glnzten die
grauen Augen. Ihr tragt ein geistlich Gewand, sprach sie, Ihr mget mir das
sagen. Gegen Euch hat eine alte Waldfrau kein Recht. Es heit sonst, das sei ein
gro Scheltwort, was Ihr mir ins Antlitz geworfen, und das Landrecht bt den
Schelter129...
    Audifax war indessen scheu an der Tr gestanden. Da kam der Waldfrau Rabe
auf ihn zugehpft, so da er sich frchtete; er lief zu Ekkehard hin. Am Herde
sah er den behauenen Stein. An einem Stein herumzuspren, htte ihn auch die
Furcht vor zwanzig Raben nicht abgehalten. Er hob das Gewand, das drber
gebreitet war. Verwitterte Gestalten kamen zum Vorschein.
    Ekkehard lenkte seinen Blick darauf.
    Es war ein rmischer Altar. Kohorten, die fern aus ppigem asischem
Standlager des allmchtigen Kriegsherrn Gebot an den unwirtlichen Bodensee
versetzt, mochten ihn einst in diesen Hhen aufgestellt haben - ein Jngling in
fliegendem Mantel und phrygischer Mtze kniete auf einem niedergeworfenen Stier:
der persische Lichtgott Mithras, an den der sinkende Rmerglaube neue Hoffnung
anknpfte, als das andere abgenutzt war.
    Eine Inschrift war nicht sichtbar. Lang' schaute ihn Ekkehard an, sein Aug'
hatte auer der gldenen Vespasianusmnze, die Untergebene des Klosters einst im
Torfmoos bei Rapperswyl gefunden, und etlichen geschnittenen Steinen im
Kirchenschatz noch kein Bildwerk des Altertums erschaut, aber er ahnte an Form
und Bildung den stummen Zeugen einer vergangenen Welt.
    Woher der Stein? frug er.
    Ich bin genug gefragt, sagte die Waldfrau trotzig, schafft Euch selber
Antwort.
    ... Der Stein htte auch mancherlei antworten knnen, wenn Steine Zungen
htten. Es haftet ein gut Stck Geschichte an solch verwittertem Gebild. Was
lehrt es? Da der Menschen Geschlechter kommen und zergehen wie die Bltter, die
der Frhling bringt und der Herbst verweht, und da ihr Denken und Tun nur eine
Spanne weit reicht; dann kommen andere und reden in andern Zungen und schaffen
in andern Formen; Heiliges wird gechtet, Gechtetes heilig, neue Gtter steigen
auf den Thron: wohl ihnen, wenn er nicht ber allzuviel Opfern sich aufrichtet
...
    Ekkehard deutete das Dasein des Rmersteins in der Waldfrau Htte anders.
    Den Mann auf dem Stier betet Ihr an, rief er heftig.
    Die Waldfrau griff einen Stab, der am Herde stand, nahm ein Messer und
schnitt zwei Kerbschnitte hinein: Die zweite Beschimpfung, die Ihr mir antut!
sprach sie dumpf. Was haben wir mit dem Steinbild zu schaffen?
    So redet, sagte der Mnch, wie kommt der Stein in Eure Htte?
    Weil er uns gedauert hat, sagte die Waldfrau. Das mgt Ihr nicht
verstehen, die Ihr das Haupt kahl geschoren traget. Der Stein ist drau
gestanden auf dem Felsvorsprung, es war ein zugerichteter Platz und wird mancher
in alten Tagen dort gekniet haben, aber itzt hat sich keiner mehr um ihn
gekmmert, die Leute des Waldes haben Holzpfel drauf gedrrt und Spne drauf
gespalten, wie's kam, und des Regens Unbill hat die Bilder verwaschen. Der Stein
dauert mich, hat meine Mutter gesagt, er war einmal was Heiliges; aber die
Knochen derer, die den Mann drauf gekannt und verehrt haben und den Stein, sind
lngst wei gebleicht, - es wird ihn frieren den Mann mit dem fliegenden Mantel.
Da haben wir ihn ausgehoben und an Herd gestellt: er hat uns noch kein Leids
gebracht. - Wir wissen, wie es den alten Gttern zu Mut ist, unsere gelten auch
nicht mehr. Lat Ihr dem Stein seine Ruhe!
    Eure Gtter? fuhr Ekkehard in seinem Fragen fort - wer sind Eure Gtter?
    Das mt Ihr wissen, sprach die Alte. Ihr habt sie vertrieben und in See
gebannt: in der Fluten Tiefe liegt alles begraben, der Hort alter Zeit und die
alten Gtter, wir sehen sie nicht mehr und wissen nur noch die Pltze, wo unsere
Vter sie verehrt, eh' der Franke kam und die Mnner in den Kutten. Aber wenn
der Wind die Wipfel des Eichbaums droben schttelt, dann kommt's wie Stimmen
durch die Lfte, das ist ihr Klagen - und in gefeiten Nchten rauscht und
brauset es und der Wald leuchtet, Schlangen winden sich an den Stmmen empor, da
jagt's ber die Berge wie ein Zug verzweifelter Geister, die nach der alten
Heimat schauen ...
    Ekkehard bekreuzte sich.
    Ich sag's, wie ich's wei߫, sprach die Alte. Ich will' den Heiland nicht
beleidigen; aber er ist als ein Fremder ins Land gekommen, Ihr dienet ihm in
fremder Sprache, die verstehen wir nicht. Wenn er auf unserem Grund und Boden
erwachsen wre, dann knnten wir zu ihm reden und wren seine treuesten Diener,
und es stnd' besser ums alemannische Wesen.
    Weib! rief Ekkehard zrnend, wir werden Euch verbrennen lassen ...
    Wenn's in Euren Bchern steht, war die Antwort, da das Holz des Waldes
aufwchst, um alte Frauen zu verbrennen: ich hab' genug gelebt. Der Blitz hat
neulich Einkehr bei der Waldfrau genommen - fuhr sie fort und deutete auf einen
schwrzlichen Streif an der Wand - der Blitz hat die Waldfrau verschont.
    Sie kauerte am Herd nieder und blieb starr und unbeweglich sitzen. Die
glhenden Kohlen warfen ein scharfes Streiflicht auf die runzligen Zge.
    Es ist gut! sprach Ekkehard. Er verlie die Stube. Audifax war froh, als
er wieder blauen Himmel ber sich sah. Dort sind sie gesessen! sprach er und
deutete den Berg hinaus. Ich werd's ansehen, sprach Ekkehard. Du gehst zum
hohen Twiel zurck und bestellst zwei Knechte her mit Hacke und Beil und
Otfried, den Diakon von Singen, er soll eine Stola mitbringen und sein Mebuch.
    Audifax sprang davon. Ekkehard stieg auf den hohen Krhen.
    In der Burg zu Hohentwiel war indes die Herzogin an der Mittagstafel
gesessen. Sie hatte oft unstet herumgeschaut, als wenn ihr etwas fehle. Die
Mahlzeit war kurz. Wie Frau Hadwig mit Praxedis allein war, hub sie an:
    Wie gefllt dir unser neuer Lehrer, Praxedis?
    Die Griechin lchelte.
    Rede! sprach die Herzogin gebietend.
    Ich hab' in Konstantinopolis schon manchen Schulmeister gesehen, sprach
Praxedis wegwerfend.
    Frau Hadwig drohte mit dem Finger: Ich werd' dich aus meinen Augen
verbannen ob so unehrerbietiger Rede. Was hast du ber Schulmeister zu lstern?
    Verzeihet, sprach Praxedis, es ist nicht schlimm gemeint. Aber wenn ich
so einen Mann der Bcher sehe, wie der ernsthaft einherschreitet und einen
Anlauf nimmt, um aus seinen Schriften das herauszugraben, von dem wir ungefhr
auch ahnen, da es kommen mu, und wie er mit seinen Pergamenten
zusammengewachsen ist, als wr's ihm angetan worden, und seine Augen nur fr die
Buchstaben einen Blick haben und kaum fr die Menschen, die um ihn sind: so
steht mir das Lachen nahe. Wenn ich nicht wei, ob Mitleid am rechten Platze, so
lach' ich. Des Mitleids wird er auch nicht bedrfen, er versteht ja mehr als
ich.
    Ein Lehrer mu ernst sein, sagte die Herzogin, das gehrt dazu, wie der
Schnee zu unsern Alpen.
    Ernst, ja wohl! erwiderte die Griechin, in diesem Land, wo der Schnee die
Berggipfel deckt, mu alles ernst sein. Wr' ich doch gelehrt wie Herr Ekkehard,
um Euch zu sagen, was ich meine. Ich meine, man sollte auch im Scherz lernen
knnen, spielend, ohne den Schweitropfen der Anstrengung auf der Stirn - was
schn ist, mu gefallen und wahr zugleich sein. Ich meine, das Wissen ist wie
Honig, verschiedene knnen ihn holen, der Schmetterling summt um den Blumenkelch
und findet ihn auch, doch so ein deutscher weiser Mann kommt mir vor wie ein
Br, der schwerfllig in den Bienenstock hineingreift und, die Tatzen leckt -
ich hab' an Bren keinen Gefallen.
    Du bist ein leichtsinnig Mgdlein, sprach Frau Hadwig, und unlustig des
Lernens. Wie gefllt dir denn Ekkehard sonst - ich meine, er sei schn?
    Praxedis sah zu ihrer Gebieterin hinber: Ich hab' noch keinen Mnch drum
angeschaut, ob er schn sei.
    Warum?
    Ich hab's fr unntig gehalten.
    Du gibst heute sonderbare Antworten, sprach Frau Hadwig und erhob sich.
Sie trat ans Fenster und blickte nordwrts. Jenseits der dunkeln Tannenwlder
schaute in plumper Steile der Fels von Hohenkrhen zu ihr herber.
    Der Hirtenbub war vorhin da, er hat Leute hinber bestellt, sprach
Praxedis.
    Der Nachmittag ist mild und sonnig geworden, sagte die Herzogin, la die
Pferde rsten, wir wollen hinber, reiten und sehen, was sie treiben. Oder - ich
hab' vergessen, da du dich ber die Mhsal beklagt im Sattel zu sitzen, da wir
vom heiligen Gallus heimkehrten: ich werd' alleine ausreiten ...
    Ekkehard hatte sich auf dem Hohenkrhen den Schauplatz des nchtlichen
Gelages betrachtet. Wenig Spuren waren brig. Das Erdreich um den Eichbaum war
rtlich angefeuchtet. Reste von Kohlen und Asche deuteten auf den Feuerplatz. In
den sten der Eiche sah er mit Befremden da und dort kleine Wachsbilder von
menschlichen Gliedmaen versteckt hangen, Fe und Hnde, Abbilder von Pferden
und Khen, - Gelbnisse fr Heilung von Krankheit an Menschen und Tier, die der
buerliche Aberglaube damals noch am altersgeweihten Baume lieber lste als in
der Kirche des Tales.
    Zwei Mnner mit Haugerte kamen heran. Wir sind bestellt, sprachen sie.
Vom Hohentwiel? fragte Ekkehard. - Wir arbeiten der Herrschaft, unser Sitz
ist drben am Hohenhwen, wo der Rauch der Kohlenmeiler aufsteigt.
    Gut, sagte Ekkehard, ihr sollt mir die Eiche hier fllen. Die Mnner
sahen ihn verlegen an. Vorwrts, rief er, und sputet euch! Bis die Nacht
anbricht, mu sie umgehauen liegen.
    Da gingen die zwei mit ihren Beilen zu der Eiche hin. Mit offenem Munde
standen sie vor dem stolzen Baum. Einer lie sein Beil zur Erde fallen.
    Kommt dir der Platz nicht bekannt vor, Chomuli? frug er seinen Nebenmann.
    Warum bekannt, Woveli?
    Der Holzhacker deutete nach Sonnenaufgang, setzte die geballte Rechte an den
Mund, hob sie, als wenn er trinke und sprach: Darum, Chomuli.
    Da sah der andere nach Ekkehard hinunter und zwinkte mit dem Aug': Wir
wissen von nichts, Woveli! - Aber er wird's wissen, Chomuli, sprach der
erste. Abwarten, Woveli, sagte der andere.
    Es ist Snd' und schade, fuhr sein Gefhrte fort, um den Eichbaum, schon
an die zweihundert Jahre steht er und hat manch lustig flackernd Mai- und
Herbstfeuer erlebt. Ich bring's schier nicht bers Herz, Chomuli.
    Sei kein Tor, trstete der andere und tat den ersten Hieb, wir mssen
dran. Je schrfer wir dem Baum ins Fleisch hauen, desto weniger glaubt's der in
der Kutte dort, da wir selber in nchtlicher Andacht unter seinen Wipfeln
saen. Und der Strafschilling?! ... Klug mu der Mensch sein, Woveli!
    Das leuchtete dem ersten ein. Klug mu der Mensch sein, Chomuli! sprach er
und hieb auf den Baum seiner Verehrung. Zehn Tage vorher hatte er ein Wachsbild
dran gehngt, da ihm seine braune Kuh vom Fieber genese. - Die Spne flogen, in
dumpfem Takt krachten die einschlagenden Hiebe der beiden.
    Der Diakon von Singen war auch herbergekommen mit Mebuch und Stola.
Ekkehard winkte ihm, da er mit eintrete zur Waldfrau. Die sa noch starr an
ihrem Herde. Ein scharfer Windzug erhob sich, da die beiden durch die geffnete
Tr eintraten, und verlschte ihr Feuer.
    Waldfrau, rief Ekkehard gebietend, bestellt Euer Haus und schnret Euren
Bndel, Ihr msset fort.
    Die Alte griff nach ihrem Stab und schnitt den dritten Kerbschnitt ein. Wer
beschimpft mich zum drittenmal, sprach sie dumpf, und will mich aus meiner
Mutter Hause werfen wie einen herrenlosen Hund?
    Im Namen der Herzogin in Schwaben, fuhr Ekkehard feierlich fort, spreche
ich ber Euch wegen Hegung heidnischen Aberglaubens und nchtlichen
Gtzendienstes die Verweisung aus Haus und Hof und Gau und Land aus. Euer Stuhl
sei gesetzt vor die Tr Eurer Htte, ziehen sollt Ihr unstet, soweit der Himmel
blau ist, soweit Christen die Kirche besuchen, soweit der Falke fliegt am
Frhlingstag, wenn der Wind unter beiden Flgeln ihn dahin treibt. Kein gastlich
Tor soll sich Euch ffnen, kein Feuer am Herd brenne fr Euch, kein Wasser des
Quells rausche fr Euch, bis da Ihr Eures Frevels Euch abgetan und Euren
Frieden gefestet mit dem dreieinigen Gott, dem Richter der Lebenden und Toten.
    Die Waldfrau hatte ihm ohne groe Erregung zugehrt. Ein gesalbter Mann
wird dir dreimal Schimpf antun unter deinem eigenen Dach, murmelte sie, des
sollt du ein Zeichen in den Stab schneiden und mit selbem Stab sollt du
ausziehen gen Niedergang, denn sie werden dir nicht lassen, wo du dein Haupt
niederlegest. O Mutter, meine Mutter!
    Sie raffte ihren Plunder in ein Bndel zusammen, griff den Stab und rstete
sich zu gehen. Den Diakon von Singen kam eine Rhrung an. Rufet Gott durch
seine Diener um Verzeihung an, sprach er und tut eine christliche Pnitenz,
da Ihr in Gnade gesund werdet.
    Dafr ist die Waldfrau zu alt130, sagte sie und lockte ihren Specht, der
flog ihr um die Schulter, und der Rabe hpfte ngstlich hinter ihr drein; schon
war die Tr aufgerissen, noch einen Blick auf Wand und Herd und Kruter und
Pferdsschdel - sie stie den Stab auf die Schwelle, da die Steinplatten
erdrhnten: Seid verflucht, ihr Hunde! klang's vernehmlich den
Zurckbleibenden; sie wandte sich mit ihren Vgeln dem Walde zu und verschwand.

Und wir ziehen stumm, ein geschlagen Heer,
Erloschen sind unsere Sterne -
O Island, eisiger Fels im Meer,
Steig' auf aus nchtiger Ferne!

tnte leis murmelnder Gesang durch die entlaubten Stmme herber.
    Ekkehard aber lie sich vom Diakon die Stola umhngen und das Mebuch
vortragen, er hielt einen Umgang durch Stube und Kammer, die Wnde weihte er mit
dem Zeichen des Kreuzes, auf da das Getriebe bser Geister gebannt sei fr
immer, dann sprach er unter Gebeten den groen Exorzismus ber die Sttte.
    Das fromme Werk hatte lang' gedauert. Dem Diakon stand der Angstschwei auf
der Stirn, als er Ekkehard die Stola wieder abnahm, er hatte so groe Worte noch
nie gehrt. Jetzt tnte Pferdegetrab durch den Wald.
    Es war die Herzogin, von einem einzigen Diener geleitet. Ekkehard ging ihr
entgegen; der Diakon von Singen trat seinen Heimweg an. Ihr seid lange
ausgeblieben, rief die Herzogin gndig, ich mu wohl selber sehen, was Ihr
geschlichtet und gerichtet.
    Die zwei Holzhauer hatten indes ihre Arbeit beendigt und schlichen auf des
Berges Rckseite von dannen; sie frchteten die Herzogin. Ekkehard erzhlte ihr
der Waldfrau Wesen und Haushalt, und wie er sie ausgetrieben.
    Ihr seid streng, sprach Frau Hadwig.
    Ich glaubte mild zu sein, erwiderte Ekkehard.
    Wir genehmigen, was Ihr geordnet, sprach die Herzogin. Was fanget Ihr mit
dem verlassenen Hause an? Sie warf einen flchtigen Blick auf das steinerne
Gemuer.
    Die Kraft bser Geister ist gebannt und beschworen, sagte Ekkehard. Ich
will es zu einer Kapelle der heiligen Hadwig weihen.
    Die Herzogin sah ihn wohlwollend an: Wie kommt Ihr auf den Gedanken?
    Es ist mir so beigefallen ... Die Eiche Hab' ich umhauen lassen.
    Wir wollen den Platz besichtigen, sprach sie. Ich denke, wir werden auch
das Umhauen der Eiche genehmigen.
    Sie stieg mit Ekkehard den steinigen Pfad hinauf, der auf den Gipfel des
hohen Krhen fhrt. Oben lag die Eiche gefllt, schier sperrten ihre mchtigen
ste den Platz. Eine Felsplatte, wenig Schritte im Umfang, ist der Gipfel des
seltsam geformten Berges. Sie standen oben. Steil senkten sich die Felswnde
unter ihren Fen abwrts; es war eine schier schwindelnde Hhe, kein Stein oder
Baum zum Anlehnen; in die blaue Luft hinaus ragten die zwei Gestalten, der Mnch
im dunkeln Gewand, die Herzogin, den hellen farbigen Mantel faltig umgeschlagen,
Schweigend standen sie beisammen. Ein gewaltiger Anblick tat sich vor ihren
Augen auf. Tief unten streckte sich die Ebene, in Schlangenlinie zog das
Fllein Aach durch die wiesengrne Flche, Dcher und Giebel der Huser im Tal
waren winzig fern, wie Punkte auf einer Landkarte; drben reckte sich der
bekannte Gipfel des Hohentwiel dunkel empor, ein stolzer Mittelgrund; blaue
platte Bergrcken erhoben sich mauergleich hinter dem Gewaltigen, ein Damm, der
den Rhein auf seiner Flucht aus dem See dem Beschauer verdeckt. Glnzend trat
der Untersee mit der Insel Reichenau hervor, und leise, wie hingehaucht,
zeichneten sich ferne riesige Berggestalten im dnnen Gewlk, sie wurden
deutlicher und deutlicher, lichter Glanz sumte die Kanten ihrer Hhen, die
Sonne neigte zum Untergang ... schmelzend, duftig flimmerte die Landschaft ...
    Frau Hadwig war bewegt. Ein Stck groer weiter Natur sagte ihrem groen
Herzen zu. Die Gefhle aber ruhen nahe beieinander. Ein zarter Hauch zog durch
ihr Denken; ihre Blicke wandten sich von den schneeigen Huptern der Alpen auf
Ekkehard. Er will der heiligen Hadwig eine Kapelle weihen! so klang es immer
und immer wieder in ihr.
    Sie trat einen Schritt vor, als frchte sie den Schwindel, lehnte den
rechten Arm auf Ekkehards Schulter und sttzte sich fest auf ihn. Ihr Auge
flammte auf die kurze Entfernung in das seine hinber. Was denkt mein Freund?
sprach sie mit weicher Stimme.
    Ekkehard stand zerstreut. Er fuhr auf.
    Ich bin nie auf solcher Hhe gestanden, sprach er, bei dem Anblick mut'
ich der Schrift gedenken: Hernach fhrte ihn der Teufel auf einen sehr hohen
Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Pracht und sprach zu ihm: Dies
alles will ich dir geben, wenn du niederfllst und mich anbetest. Er aber
antwortete und sprach: Weg von mir, Satan! denn es steht geschrieben: Du sollst
den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen.
    Starr trat die Herzogin zurck. Das Feuer ihres Auges wandelte sich, als
htte sie den Mnch hinabstoen mgen in den Abgrund.
    Ekkehard! rief sie, Ihr seid ein Kind - oder ein Tor!
    Sie wandte sich und stieg schnellen, unmutigen Ganges hinunter. Sie ritt
allein zur Feste Twiel zurck, sausend, im Galopp; kaum mochte der Diener
folgen.
    Ekkehard wute nicht, wie ihm geschehen. Er fuhr mit der Hand ber die
Augen, als lgen Schuppen davor.
    Wie er in stiller Nacht auf seiner Hohentwieler Turmstube sa und den Tag
berdachte, flammte ein ferner Feuerschein herber. Er schaute hinaus. Aus den
Tannen am hohen Krhen schlug die feurige Lohe.
    Die Waldfrau hatte der knftigen Kapelle zur heiligen Hadwig ihren letzten
Besuch erstattet.

                                Zehntes Kapitel.



                                  Weihnachten.

Der Abend auf dem Hohenkrhen klang noch etliche Tage in der Herzogin Gemt
fort. Mitne werden schwer vergeben, zumal von dem, der sie selber
angeschlagen. Darum sa Frau Hadwig einige Tage verstimmt in ihrem Saal.
Grammatik und Virgilius ruhten. Sie scherzte mit Praxedis ber die Schulmeister
in Konstantinopel angelegentlicher denn frher. Ekkehard fragte an, ob er zur
Fortsetzung des Unterrichts sich einstellen solle. Ich habe Zahnweh, sprach
die Herzogin. Die rauhe Sptherbstluft werde schuld daran sein, meinte er
bedauernd.
    Er fragte jeden Tag etliche Male nach seiner Gebieterin Befinden. Das rhrte
die Herzogin wieder. Woher kommt's, sprach sie einmal zu Praxedis, da einer
mehr wert sein kann, als er selber aus sich zu machen wei?
    Vom Mangel an Grazie, sagte die Griechin. In andern Lndern hab' ich das
Umgekehrte wahrgenommen, aber hier sind die Menschen zu trge, mit jedem
Schritt, mit jeder Handbewegung, mit jedem Wort auszusprechen: das bin ich. Sie
denken's lieber und meinen, es mte dann die ganze Welt auf ihrer Stirn lesen,
was dahinter webt und strebt.
    Wir sind doch sonst so fleiig, sprach Frau Hadwig wohlgefllig.
    Die Bffel schaffen auch den ganzen Tag, htte Praxedis schier erwidert,
aber in diesem Falle begngte sie sich damit, es gedacht zu haben.
    Ekkehard war unbefangen. Es fiel ihm nicht ein, da er der Herzogin
ungeeignet geantwortet. Er hatte wirklich an das Gleichnis der Schrift gedacht
und bersehen, da es dem leisen Ausdruck einer Zuneigung gegenber nicht
zweckmig ist, die Schrift anzufhren. Er verehrte die Herzogin, aber mehr als
den verkrperten Begriff der Hoheit, denn als Frau. Da Hohes Anbetung fordert,
war ihm nicht eingefallen, noch weniger, da auch die hchste Erscheinung oft
mit einfacher Liebe zufrieden ist. Frau Hadwigs ble Laune nahm er wahr. Er
begngte sich, seine Wahrnehmung in dem allgemeinen Satz niederzulegen, da der
Umgang mit einer Herzogin schwieriger sei als der mit Ordensbrdern nach der
Regel des heiligen Benedikt. Aus Vincentius' nachgelassenen Bchern studierte er
die Briefe des Apostels Paulus. Herr Spazzo ging in jener Zeit hochmtiger an
ihm vorber denn frher.
    Frau Hadwig fand, da es besser sei, ins frhere Geleis zurckzukehren. Es
war doch ein mchtiger Anblick, sprach sie eines Tages zu Ekkehard, wie wir
vom hohen Krhen nach den Schneegebirgen schauten. Kennt Ihr aber das
Hohentwieler Wetterzeichen? Wenn die Alpen recht klar und nah am Himmel sich
abzeichnen, schlgt die Witterung um. Es sind wirklich schlechte Tage darauf
gefolgt. Wir wollen wieder Virgilius lesen.
    Da holte Ekkehard vergngt seinen schweren metallbeschlagenen Virgilius und
sie setzten die Studien fort. Er erklrte den Frauen der nede zweites Buch,
den Fall der hohen Troja, das hlzerne Pferd und Simons List und Laokoons
bittres Verderben, den nchtlichen Kampf, Cassandras Geschick und Priamus' Tod,
die Flucht mit dem greisen Anchises.
    Mit sichtbarer Teilnahme lauschte Frau Hadwig der spannenden Erzhlung. Nur
mit dem Verschwinden von neas' Ehegemahlin Kreusa war sie nicht ganz zufrieden.
Das braucht er vor der Knigin Dido nicht so breit zu erzhlen, sprach sie,
die Lebende hat sicher nicht gern gehrt, da er der Entschwundenen so lange
nachgelaufen. Verloren ist verloren.
    Indessen zog der Winter mit scharfem Schritt heran. Der Himmel blieb trb
und bleigrau, die Ferne verhllt; erst zogen die Berggipfel rings die weie
Schneedecke um, dann folgte Feld und Tal dem Beispiel. Junge Eiszapfen prften
das Geblke unter dem Dach, ob sie sich fr etliche Monate ungestrt dran
niederlassen mchten; die alte Linde im Schlohof hatte lngst wie ein
frsichtiger Hausvater, der die abgetragenen Gewandungen dem Hebrer berlt,
ihre welken Bltter dem Spiel der Winde hingeschttelt - es war ein groer
Bndel, sie zerzausten ihn in alle Lfte. An ihre ste kamen krchzend die Raben
aus den nahen Wldern geflogen, sphend, ob nicht aus der Burg Kche dann und
wann ein Knchlein fr sie abfalle. Einmal kam einer mit den schwarzen Brdern,
dessen Flug war schwierig, die Schwungfedern verstmmelt - da ging Ekkehard ber
den Schlohof, der Rabe aber flog schreiend auf und suchte das Weite, er hatte
den Mnchshabit schon frher gesehen und war ihm nicht hold.
    Des Winters Nchte sind lang und dunkel. Dann und wann blitzt ein Nordlicht
auf. Aber leuchtender als alles Nordlicht steht jene Nacht in der Menschen
Gemt, da die Engel niederstiegen zu den Hirten auf der Feldwacht und ihnen den
Gr brachten: Ehre sei Gott in der Hhe und Friede auf Erden allen, die eines
guten Willens sind.
    Auf dem hohen Twiel rsteten sie zur Feier der Weihnacht durch freundliches
Geschenk. Das Jahr ist lang und zhlt der Tage viel, in denen man sich
Freundliches erweisen kann, aber der Deutschen Sinnesart will auch dafr einen
Tag vorgeschrieben haben, darum ist bei ihnen vor anderem Volk die Sitte der
Bescherung eingefhrt. Das gute Herz hat sein besonder Landrecht.
    In jener Zeit hatte Frau Hadwig die Grammatica schier beiseite gelegt; es
wurde im Frauensaal viel genht und gestickt, Knuel von Goldfaden und schwarzer
Seide lagen umher, und wie Ekkehard einsmals unvermerkt eintrat, sprang Praxedis
vor ihn hin und wies ihm die Tr, Frau Hadwig aber verbarg ein angefangen Werk
der Nadel in einem Krblein.
    Da ward Ekkehard aufmerksam und zog nicht ohne Grund den Schlu, es werde
etwas zum Geschenk fr ihn hergerichtet. Darum sann er darauf, dasselbe zu
erwidern und alles aufzubieten, was ihm an Wissen und Kunstfertigkeit zu Gebot
stand; er schickte seinem Freund und Lehrer Folkard in Sankt Gallen Bericht, da
ihm der zusende Pergament und Farben und Pinsel und kstliche Tinte. Jener
tat's. Ekkehard aber sa manches Stndlein der Nacht in seiner Turmstube und
besann sich auf ein lateinisches Reimwerk, das er der Herzogin widmen wollte -
und sollten ihr darin etliche feine Huldigungen dargebracht werden. Es ging aber
nicht so leicht.
    Einmal hatte er begonnen und wollte in kurzem Zug von Erschaffung der Welt
bis auf Antritt des Herzogtums in Schwabenland durch Frau Hadwig gelangen, aber
es hatte ein paar hundert Hexameter gekostet, da war er noch nicht beim Knig
David angelangt, und das Werk htte wohl erst Weihnachten ber drei Jahre fertig
werden knnen. Ein anderes Mal wollte er alle Frauen aufzhlen, die durch Kraft
oder Liebreiz in der Vlker Geschichte eingegriffen, von der Knigin Semiramis
an mit Erwhnung der amazonischen Jungfrauen, der heldenmtigen Judith und der
melodischen Sngerin Sappho, aber zu seinem Leidwesen fand er, da, bis sein
Griffel zu Frau Hadwig sich durchgearbeitet htte, er unmglich noch etwas Neues
zu deren Lob und Preis vorzubringen vermchte. Da ging er sehr betrbt und
niedergeschlagen umher.
    Habt Ihr eine Spinne verschluckt, Perle aller Professoren? frug ihn
Praxedis einmal, wie sie dem Verstrten begegnete.
    Ihr habt gut scherzen, sprach Ekkehard traurig, - und unter dem Siegel der
Verschwiegenheit klagte er ihr seine Not. Praxedis mute lachen:
    Bei den sechsunddreiigtausend Bnden der Bibliothek zu Konstantinopolis!
sagte sie, - Ihr wollet ja ganze Wlder umhauen, wo es nur ein paar Blmlein
zum Strau erfordert. Macht's einfach, ungelehrt, lieblich - wie es Euer
geliebter Virgilius ausgedacht htte! - Sie sprang davon.
    Ekkehard setzte sich wieder auf seine Stube. Wie Virgil? dachte er. Aber
in der ganzen nede war kein Beispiel fr solchen Fall vorgezeichnet. Er las
etliche Gesnge. Dann sa er trumerisch da. Da kam ihm ein guter Gedanke. Ich
hab's! rief er, der teure Snger selber soll die Huldigung darbringen! Er
schrieb das Gedicht nieder, als wenn Virgilius ihm in seiner Turmeinsamkeit
erschienen wre, freudig darber, da in deutschen Landen seine Gesnge
fortlebten, der hohen Frau dankend, die sein pflege. In wenig Minuten war's
fertig.
    Das Gedicht wollte Ekkehard mit einer schnen Malerei verziert zu Pergament
bringen. Er sann ein Bild aus: die Herzogin mit Krone und Scepter auf hohem
Throne sitzend, ihr kommt Virgilius im weien Gewand, den Lorbeer in den Locken,
entgegen und neigt das Haupt; an der Rechten aber fhrt er den Ekkehard, der
bescheiden wie der Schler mit dem Lehrer einherschreitet, ebenfalls tief sich
verneigend.
    In der strengen Weise des trefflichen Folkard entwarf er die Zeichnung. Er
erinnerte sich an ein Bild im Psalterbuch, wie der junge David vor den Knig
Abimelech tritt131. So ordnete er die Gestalten; die Herzogin zeichnete er Zwei
Finger breit hher als Virgilius, und der Ekkehard des Entwurfs war hinwiederum
ein Betrchtliches kleiner als der heidnische Poet; - anfangende Kunst, der es
an anderem Mittel des Ausdrucks gebricht, spricht Rang und Gre uerlich aus.
    Den Virgilius bracht' er leidlich zuwege. Sie hatten sich in Sankt Gallen
bei ihren Malereien stets an berlieferung alten Bilderwerks gehalten und fr
Gewandung, Faltenwurf und Bezeichnung der Gestalt einen gleichmig sich
wiederholenden Zug angenommen. Ebenso gelang es ihm mit seinem eigenen Abbild,
sofern er wenigstens eine Figur im Mnchshabit, kenntlich durch eine Tonsur,
herstellte.
    Aber ein verzweifelt Probleme war ihm die richtige Darstellung einer
kniglichen Frauengestalt, denn in die klsterliche Kunst hatte noch kein Abbild
einer Frau, selbst nicht das der Gottesmutter Maria, Einla erhalten. David und
Abimelech, die er so gut im Zug hatte, halfen ihm nichts, bei ihnen brach der
Knigsmantel schon hoch ber dem Knie ab, und er wute nicht, wie den Faltenwurf
tiefer herabsenken.
    Da lagerte sich wiederum Kmmernis auf seine Stirn. Nun? fragte Praxedis
eines Tages.
    Das Lied ist fertig, sprach Ekkehard. Jetzt fehlt mir was anderes?
    Was fehlt denn?
    Ich sollte wissen, sprach er wehmtig, in welcher Weise sich der Frauen
Gewand um den zarten Leib schmiegt.
    Ihr sprecht ja ganz abscheulich, erlesenes Gef der Tugend, schalt ihn
Praxedis. Ekkehard aber erklrte ihr seinen Kummer deutlicher. Da machte die
Griechin eine Handbewegung, als wolle sie die Augenlider in die Hhe ziehen.
Macht die Augen auf, sagte sie, und seht Euch das Leben an. Der Rat war
einfach und doch neu fr einen, der seine ganze Kunst auf einsamer Stube
erlernt. Ekkehard schaute seine Ratgeberin lang' und abmessend an. Es frommt
mir nichts, sprach er, Ihr tragt keinen Knigsmantel.
    Da erbarmte sich die Griechin des zweifelerfllten Knstlers. Wartet,
sagte sie, die Frau Herzogin ist drunten im Garten, ich will ihren Staatsmantel
umlegen, da kann Euch geholfen werden. Sie huschte fort; in wenig Minuten war
sie wieder da, der schwere Purpurmantel mit goldener Verbrmung hing ihr
nachlssig um die Schultern. In gemessenem Schritt ging sie durch das Gemach,
ein eherner Leuchter stand auf dem Tisch, sie nahm ihn wie einen Szepter, das
Haupt auf die Schulter zurckgeworfen, trat sie vor den Mnch.
    Der hatte seine Feder ergriffen und ein Stcklein Pergament. Wendet Euch
ein wenig gegen das Licht, sprach er, und begann emsig seine Striche zu ziehen.
    Jedesmal aber, wenn er nach seinem anmutigen Vorbild scheute, warf ihm dies
einen blitzenden Blick zu. Er zeichnete langsamer. Praxedis schaute nach dem
Fenster: Und da unsere Nebenbuhlerin im Reich, sprach sie mit knstlich
erhobener Stimme, bereits den Burghof verlt und uns zu berfallen droht, so
befehlen wir Euch bei Strafe der Enthauptung, Eure Zeichnung in eines
Augenblicks Frist zu vollenden.
    Ich danke Euch, sprach Ekkehard und legte die Feder nieder.
    Praxedis trat zu ihm unb beugte sich vor, in sein Blatt zu sehen.
Schndlicher Verrat, sprach sie, das Bild hat ja keinen Kopf.
    Ich brauche nur den Faltenwurf, sagte Ekkehard.
    Ihr habt Euer Glck versumt, scherzte Praxedis im frheren Ton; das
Antlitz treu abgebildet und wer wei, ob wir in frstlicher Gnade Euch nicht zum
Patriarchen von Konstantinopel ernannt htten.
    Es wurden Schritte hrbar. Schnell ri Praxedis den Mantel von den
Schultern, da er auf den Arm niedersank. Schon stand die Herzogin vor den
Heiden.
    Wollt Ihr wieder Griechisch lernen? sprach sie vorwurfsvoll zu Ekkehard.
    Ich hab' ihm den edeln Sardonyx an meiner Herrin Mantel Agraffe gezeigt; es
ist so ein feingeschnittener Kopf, sagte Praxedis, Herr Ekkehard versteht sich
aufs Altertum. Er hat das Antlitz recht gelobt ...
    Auch Audifax traf seine Vorbereitungen fr Weihnachten. Seine Hoffnung auf
Schtze war sehr geschwunden. Er hielt sich jetzt an das wirklich Vorhandene.
Darum stieg er oft nchtlich ins Tal hinunter ans Ufer der Aach, die mit trgem
Lauf dem See entgegenschleicht. Beim morschen Steg stand ein hohler Weidenbaum.
Dort lauerte Audifax manches Stndlein, den erhobenen Rebstecken nach des Baumes
ffnung gerichtet. Er stellte einem Fischotter nach. Aber keinem Denker ist die
Erforschung der letzten Grnde alles Seins so schwierig geworden, wie dem
Hirtenknaben seine Otterjagd. Denn aus dem hohlen Ufer zogen sich noch allerhand
Ausgnge in den Flu, die der Otter wute, Audifax nicht. Und wenn Audifax oft
vor Klte zitternd sprach: Itzt mu er kommen!, so kam weit stromaufwrts ein
Gebrause hergetnt, das war sein Freund, der dort die Schnauze bers Wasser
streckte und Atem holte; und wenn Audifax leise dem Ton nachschlich, hatte sich
der Otter inzwischen auf den Rcken gelegt und lie sich gemchlich stromab
treiben ...
    In der Hohentwieler Kche war Leben und Bewegung, wie im Zelt des Feldherrn
am Vorabend der Schlacht. Frau Hadwig selbst stand unter den dienenden Mgden,
sie trug keinen Herzogsmantel, wohl aber einen weien Schurz, teilte Mehl und
Honig aus und ordnete die Backung der Lebkuchen an. Praxedis mischte Ingwer,
Pfeffer und Zimt zur Wrze des Teigs.
    Was nehmen wir fr eine Form? frug sie. Das Viereck mit den Schlangen?
    Das groe Herz132 ist schner, sprach Frau Hadwig. Da wurden die
Weihnachtlebkuchen in der Herzform gebacken, den schnsten spickte Frau Hadwig
eigenhndig mit Mandeln und Kardamomen.
    Eines Morgens kam Audifax ganz erfroren in die Kche und suchte sich ein
Pltzlein am Herdfeuer; seine Lippen zitterten wie in Fieberschauer, aber er war
wohlgemut und freudig. Rste dich, Bblein, sprach Praxedis zu ihm, du mut
heut nachmittag hinber in den Wald und ein Tnnlein hauen.
    Das ist nicht meines Amtes, sprach Audifax stolz, ich will's aber tun,
wenn Ihr mir auch einen Gefallen tut.
    Was befiehlt der Herr Ziegenhirt? fragte Praxedis.
    Audifax sprang hinaus, dann kam er wieder und hielt einen dunkelbraunen Balg
siegesfroh in die Hhe, das kurze glatte Haar glnzte daran, dicht und weich
war's anzufhlen.
    Woher das Rauchwerk? fragte Praxedis.
    Selbst gefangen, sprach Audifax und sah wohlgefllig auf seine Beute. Ihr
sollt eine Pelzhaube fr die Hadumoth daraus machen.
    Die Griechin war ihm wohlgesinnt und versprach Erfllung der Bitte.
    Der Weihnachtsbaum war gefllt; sie schmckten ihn mit pfeln und Lichtlein,
die Herzogin richtete alles im groen Saal. Ein Mann von Stein am Rhein kam
herber und brachte einen Korb, der mit Leinwand zugenht war. Es sei von Sankt
Gallen, sprach er, fr Herrn Ekkehard. Frau Hadwig lie den Korb unerffnet
zu den andern Gaben stellen.
    Der heilige Abend war gekommen. Die gesamten Insassen der Burg versammelten
sich in festlichem Gewand, zwischen Herrschaft und Gesind' sollte heut keine
Trennung sein. Ekkehard las ihnen das Evangelium von des Heilands Geburt, dann
gingen sie paarweise in den groen Saal hinber, da flammte heller Lichtglanz
und festlich leuchtete der dunkle Tannenbaum - als die letzten traten Audifax
und Hadumoth ein, ein Blttlein Goldschaum vom Vergolden der Nsse lag an der
Schwelle, Audifax bckte sich darnach, es zerging ihm unter den Fingern. Das
ist dem Christkind von den Flgeln abgefallen, sprach Hadumoth leise zu ihm.
    Auf groen Tischen lagen die Geschenke fr die dienenden Leute, ein Stck
Leinwand oder gewoben Tuch und einiges Gebck; sie freuten sich des nicht
allzeit so milden Sinnes der Gebieterin. Bei Hadumoths Anteil lag richtig die
Pelzhaube. Sie weinte, als Praxedis ihr freundlich den Geber verriet. Ich hab'
nichts fr dich, sagte sie zu Audifax. Es ist statt der Goldkrone, sprach
der. Knechte und Mgde dankten der Herzogin und gingen in die Gesindestube
hinunter.
    Frau Hadwig nahm Ekkehard bei der Hand und fhrte ihn an ein Tischlein. Das
ist fr Euch, sprach sie. Beim mandelgespickten Lebkuchenherz und dem Korb lag
ein schmuckes priesterliches Samtbarett und eine prchtige Stola, Grund und
Fransen waren von Goldfaden, dunkle Punkte waren mit schwarzer Seide drein
gestickt, einige mit Perlen ausgeziert, sie war eines Bischofs wert.
    Lat sehen, wie Ihr Euch ausnehmt, sprach Praxedis. Trotz der kirchlichen
Bestimmung setzte sie ihm das Barett auf und warf ihm die Stola um. Ekkehard
schlug die Augen nieder. Meisterhaft! rief sie, Ihr drft Euch bedanken.
    Er aber legte scheu die geweihten Gaben wieder ab, aus seinem weiten Gewand
zog er die Pergamentrolle und reichte sie schchtern der Herzogin dar. Frau
Hadwig hielt sie unentfaltet. Erst den Korb ffnen! das Beste - sprach sie,
freundlich auf das Pergament deutend, soll zuletzt kommen.
    Da schnitten sie den Korb auf; in Heu begraben und durch des Winters Klte
wohlerhalten, lag ein mchtiger Auerhahn drin, Ekkehard hob ihn in die Hhe, mit
ausgebreiteten Flgeln reichte er ber eines Mannes Lnge. Ein Brieflein war bei
dem stattlichen Stck Federwild.
    Vorlesen! sprach die Herzogin neugierig.
    Ekkehard ffnete das unkenntliche Sigill und las:

        Dem ehrwrdigen Bruder Ekkehard auf dem hohen Twiel durch Burkard, den
            Klosterschler, Romeias, der Wchter am Tor.

    Wenn es zwei wren, so wre einer fr Euch. Da es aber auf zwei nicht
geglckt hat, so ist der eine nicht fr Euch und Eurer kommt nach. Gesendet wird
er an Euch wegen Unwissenheit des Namens. Sie war aber mit der Frau Herzogin
damals im Kloster und trug ein Gewand von Farbe eines Grnspechts, den Zopf um
die Stirn geflochten.
    Derselben den Vogel. Wegen fortwhrender Gedenkung dessen, der ihn
geschossen, an stattgefundene Begleitung zu den Klausnerinnen. Er mu aber stark
eingebeizt und mrb gebraten werden, weil sonst zhe; bei Zuzug von Gsten soll
sie das weie Fleisch am Rckgrat selber verzehren, da dies das beste, und das
braune von harzigem Geschmack.
    Dazu Glck und Segen. Euch, ehrwrdiger Bruder, auch. Wenn auf Eurer Burg
ein Wchter, Turmwart oder Forstwart zu wenig, so empfehlet der Herzogin den
Romeias, dem wegen Verspottung durch den Schaffner und Verklagung durch den
Drachen Wiborad Vernderung des Dienstes wnschenswert. bung im Tordienst,
Einla und Hinauswerfung fremden Besuchs betreffend, kann bezeugt werden. Ebenso
was Jagd angeht. Und er schaut jetzt schon nach dem hohen Twiel, als zge ihn
ein Seil dorthin. - Langes Leben Euch und der Frau Herzogin. Lebet wohl.
    Frhlich Lachen schlo die Vorlesung. Praxedis aber war rot geworden. Das
ist ein schlechter Dank von Euch, sprach sie bissig zu Ekkehard, da Ihr
Briefe in anderer Leute Namen schreibt und mich beleidiget.
    Haltet ein, sprach er, warum soll der Brief nicht echt sein?
    Es wr' nicht der erste, den ein Mnch geflscht, war Praxedis' gereizte
Antwort. Was braucht Ihr Euch ber den groben Jgersmann lustig zu machen? Er
war gar nicht so bel.
    Praxedis, sei vernnftig, sprach die Herzogin. Schau' dir den Auerhahn
an, der ist nicht im Hegau geschossen, und Ekkehard fhrt eine andere Feder.
Wollen wir den Bittsteller auf unser Schlo versetzen?
    Das verbitt' ich mir, rief Praxedis eifrig. Es soll niemand meinen, da
...
    Gut, sprach Frau Hadwig mit Schweigen gebietendem Ton. Sie rollte
Ekkehards Pergament auf. Die Malerei am Anfang war leidlich gelungen, Zweifel
ber, deren Bedeutung beseitigte die Darberschreibung der Namen Hadwigis,
Virgilius, Ekkehard. Eine khne Initiale mit verschlungenem goldenen Geste
erffnete die Schrift.
    Die Herzogin war hchlich erfreut. Ekkehard hatte seither ber den Besitz
solcher Kunst nichts verlauten lassen. Praxedis schaute nach dem purpurnen
Mantel, den die gemalte Herzogin trug, und lchelte, als wte sie was
Besonderes.
    Frau Hadwig winkte, da Ekkehard sein Geschriebenes vorlese und erklre. Er
las.
    Verdeutscht lautet's also:

In ncht'ger Stille sah ich jngst allein
Und ziffert' an den Schriften alter Zeit,
Da flammte hell ein geisterhafter Schein
In mein Gemach. 's war nicht des Mondes Licht, -
Und vor mich trat ein leuchtend Menschenbild,
Unsterblich Lcheln schwebt' um seinen Mund,
In dunkler Flle wallte das Gelock,
Als Diadem trug er den Lorbeerkranz.

Hindeutend auf das aufgeschlagne Buch,
Sprach er zu mir: Sei guten Muts, mein Freund,
Ich bin kein Geist, der deinen Frieden strt,
Ich bringe dir nur Gru und Segenswunsch.
Was toter Buchstab' dort dir noch erzhlt,
Das schrieb ich selbst mit warmem Herzblut einst:
Der Troer Waffen, des neas Fahrt,
Der Gtter Zorn, der stolzen Rom Beginn.

Schon ein Jahrtausend schier ist abgerollt,
Der Snger starb, es starb sein ganzes Volk.
Still ist mein Grab. Nur selten dringt ein Klang
Zu mir herab von froher Winzer Fest,
Vom Wogenschlag am nahen Kap Misen.

Doch jngst hat mich der Nordwind aufgestrt,
Er brachte Kunde, da in fremden Gau'n
Man des neas Schicksal wieder liest,
Da eine Frstin, stolz und hochgemut,
Des Landes Sprache als ein neu Gewand
Um meine Worte gndig schmiegen heit.

Wir glaubten einst, am Fu der Alpen sei
Nur Sumpf des Rheins und ein barbarisch Volk;
Jetzt hat die Heimat selber uns vergessen
Und bei den Fremden leben neu wir auf.
Des Euch zu danken bin ich heute hier:
Das hchste Kleinod, was dem Snger wird,
Ist Anerkennung einer hohen Frau.

Heil deiner Herrin, der das seltne Gut
Der Strke und der Weisheit ward beschert,
Die gleich Minerva in der Gtter Reih'n,
In Erz gerstet eine Kriegerin,
Der Friedensknste Hort und Schutz zugleich.
Noch lange Fahre mg' ihr Szepter walten,
Es blh' um sie ein stark und sittig Volk,
Und kommt Euch einst ein fremd Getn gerauscht,
Wie Heldenlied und fernes Saitenspiel,
Dann denket mein, es grt Italia Euch,
Es grt Virgil den Fels von Hohentwiel.

Er sprach's und winkte freundlich und verschwand.
Ich aber schrieb noch in derselben Nacht,
Was er gesprochen. Meiner Herrin sei's
Als Festgeschenk itzt schchtern dargebracht
Von ihrem treuen Dienstmann Ekkehard.

    Eine kurze Pause erhob sich, als er die Lesung seines Gedichts beendet. Dann
trat die Herzogin auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Ekkehard, ich danke
Euch! sprach sie; es waren dieselben Worte, die sie einst im Klosterhof zu
Sankt Gallen zu ihm gesprochen, aber der Ton war noch milder wie damals, und der
Blick war strahlend und ihr Lcheln wundersam wie das zaubervoller Feyen, von
dem die Sage geht, ein Schneeregen blhender Rosen msse drauf folgen.
    Sie wandte sich dann zu Praxedis: Und dich sollte ich verurteilen, itzt
einen abbittenden Fufall zu tun, die du jngst so geringschtzend von den
gelehrten geistlichen Mnnern gesprochen. Aber die Griechin blickte schelmisch
drein, wohl wissend, da ohne ihren weisen Rat und Beistand der scheue Mnch
sich kaum zu seiner Dichtung erschwungen.
    In aller Zukunft, sprach sie, werde ich seinem Verdienste die gebhrende
Achtung zollen. Auch einen Kranz will ich ihm flechten, so Ihr gebietet.
    Als Ekkehard hinausgegangen war in seine Turmstube und die stille
Mitternacht herannahte, saen die Frauen noch beieinand. Und die Griechin
brachte eine Schale mit Wasser und etliche Stcklein Blei und einen metallenen
Lffel. Das Bleigieen vom vorigen Jahr ist gut eingetroffen, sprach sie, wir
mochten's uns damals kaum erklren, welch eine sonderbare Form das geschmolzene
Stck im Wasser annahm, aber ich meine itzt mehr und mehr, es habe einer
Mnchskapuze geglichen, und die ist unserer Burg geworden.
    Die Herzogin war nachdenkend. Sie lauschte, ob Ekkehard nicht etwa durch den
Gang zurckkehre.
    Es ist doch nur eitel Spielerei, sprach sie ...
    Wenn es meiner Herrin nicht gefllt, sagte die Griechin, so mag sie
unsern Lehrer beauftragen, uns mit Besserem zu erfreuen; sein Virgilius ist
freilich ein zuverlssiger Orakel der Zukunft als unser Blei, wenn er in
geweihter Nacht mit Segensspruch und Gebet aufgeschlagen wird. Ich wre fast
neugierig, welch ein Stck seiner Dichtung uns die Geschicke des nchsten Jahrs
offenbaren wrde ...
    Schweig, sagte die Herzogin. Er hat neulich so streng ber Zauberei
gesprochen, er wrde uns auslachen ...
    Dann werden wir beim alten bleiben mssen, sprach Praxedis und hielt den
Lffel mit dem Blei ber das Licht der Lampe. Das Blei schmolz und bewegte sich
zitternd, da stund sie auf, murmelte etliche unverstndliche Worte und go es
herab. Zischend sprhte das flssige Metall in die Wasserschale.
    Frau Hadwig wandte ihren Blick in scheinbarer Gleichgltigkeit. Praxedis
hielt die Schale aus Lampenlicht: statt in seltsame Schlacken zu splittern, war
das Blei zusammenhngend geblieben, ein lnglich zugespitzter Tropfen. Matt
glnzte es in Frau Hadwigs Hand.
    Das ist wiederum ein Rtsel, bis die Lsung kommt, scherzte Praxedis. Die
Zukunft sieht ja fr diesesmal fast aus wie ein Tannenzapfen.
    Wie eine Trne! sprach die Herzogin ernst und sttzte ihr Haupt auf die
Rechte133.
    Lauter Lrm im Erdgescho der Burg unterbrach das weitere Prfen der
Vorbedeutung; Gekicher und Aufschrei der dienenden Mgde, rauhes Gebrumm
mnnlicher Stimmen, schriller Lautenschlag: so tnte es verworren den Gang
herauf; ehrerbietig und schutzflehend hielt der fliehende Schwarm der
Dienerinnen an des Saales Schwelle, die lange Friderun unterdrckte mhsam ein
lautes Schelten, die junge Hadumoth weinte - tappend kam eine Gestalt hinter
ihnen drein, schwerflligen zweibeinigen Schritts, in rauhe Brenhaut gehllt,
eine bemalte hlzerne Maske mit namhafter Schnauze vor dem Antlitz; sie brummte
und murrte wie ein hungriger Braun, der auf Beute ausgeht, und tat dann und wann
einen ungefgen Griff in die Laute, die an rotem Band ber die zottigen
Schultern gehngt war - aber wie des Weihnachtssaals Tre sich auftat und der
Herzogin Gewand entgegenrauschte, machte der nchtliche Spuk kehrt und polterte
langsam durch den drhnenden Gang zurck.
    Die alte Schaffnerin ergriff das Wort und trug ihrer Gebieterin vor, da sie
frhlich unten gesessen und sich der Weihnachtsgaben erfreut, da sei das Ungetm
eingebrochen und habe erst zum eigenen Lautenspiel einen seinen Tanz aufgefhrt,
hernach aber die Lichter ausgeblasen und die erschrockenen Maiden mit Ku und
Umarmung bedroht und sei so wild und unersttlich geworden, da es sie alle zur
Flucht gentigt; dem rauhen Lachen des Bren aber sei mit Grund zu entnehmen,
da unter der Wildschur Herr Spazzo, der Kmmerer, verborgen stecke, der nach
einem scharfen Weintrunk hiemit sein Weihnachtvergngen beschlossen.
    Frau Hadwig beruhigte den Unwillen ihres Gesindes und hie sie schlafen
gehen. Vom Hofe aber tnte noch einmal verwunderter Aufruf; alle standen in
einer Gruppe beisammen und schauten unverrckt auf den Turm, denn der
schreckhafte Br war hinaufgestiegen und erging sich jetzo auf den Zinnen der
Warte und reckte sein struppiges Haupt nach den Sternen, als wolle er seinem
Namensgenossen droben, dem Groen Bren, einen Gru hinberwinken ins
Unermeliche.
    Die dunkle Vermummung hob sich in deutlichem Umri vom fahlen glanzerhellten
Himmelsgrunde, gespenstig klang ihr Brummen in die schweigende Nacht; doch
keinem der Sterblichen ward kund, was die leuchtenden Gestirne dem weinschweren
Haupte Herrn Spazzo, des Kmmerers, geoffenbart ...
    Um dieselbe Mitternachtstunde kniete Ekkehard vor dem Altar der Burgkapelle
und sang leise die Hymnen der Christmette134, wie es die bung der Kirche
vorschrieb.

                                Elftes Kapitel.



                          Der Alte in der Heidenhhle.

Der Rest des Winters ging auf dem hohen Twiel einfrmig, darum schnell vorber.
Sie beteten und arbeiteten, lasen Virgil und studierten Grammatik, wie es die
Zeit brachte. Frau Hadwig stellte keine verfnglichen Fragen mehr.
    In der Faschingszeit kamen die benachbarten Groen, der Herzogin ihren
Besuch abzustatten, die von der Nellenburg und von Veringen, der alte Graf im
Argengau mit seinen Tchtern, die sieben Welfen von Ravensburg berm See und
manch anderer135. Da wurde viel geschmaust und noch mehr getrunken.
    Dann ward's wieder einsam oben.
    Der Mrz kam heran, schwere Strme sausten bers Land, in der ersten klaren
Sternennacht stand ein Komet am Himmel136, und der Storch, der auf der Burg
Dachfirst wohlgemut hauste, war acht Tage nach seiner Rckkunst wieder von
dannen geflogen; die Leute schttelten den Kopf. Dann trieb der Schfer von
Eugen seine Herde am Berg vorber; der erzhlte, da er dem Heerwurm137
begegnet: das bedeutet Krieg.
    Unheimliche Stimmung lagerte sich ber die Gemter. Drohendes Erdbeben wird
auch in weiter Entfernung vorausgesprt; hier Ausbleiben einer Quelle, dort
scheuer Vogelflug: ebenso ahnt sich Gefahr des Krieges.
    Herr Spazzo, der im Februar tapfer hinter den Weinkrgen turniert hatte,
ging jetzo tiefsinnig umher. Ihr sollt mir einen Dienst erweisen, sprach er
eines Abends zu Ekkehard. Ich hab' im Traum einen toten Fisch gesehen, der auf
dem Rcken schwamm. Ich will mein Testament machen. Die Welt ist alt geworden
und steht nur noch auf einem Bein, das wird nchstens auch zusammenknacken. Gute
Nacht, Firnewein! Zum tausendjhrigen Reich ist's ohnedem nicht mehr weit; es
ist lustig gelebt worden, vielleicht werden die letzten Jahre doppelt gerechnet.
    Weiter kann's die Menschheit auch nicht mehr bringen. Die Bildung ist so
weit gediehen, da auf dem einen Schlo Hohentwiel mehr als ein halb Dutzend
Bcher aufgehuft liegen, und wenn einer blutrnstig geschlagen wird, so luft
er zum Gaugericht und klagt's ein, statt seinem Schdiger Haus und Hof berm
Kopf zusammenzubrennen. Da hrt die Welt von selber auf138.
    Wer soll Euer Erbe sein, wenn alle zugrunde gehen? hatte ihn Ekkehard
gefragt.
    Ein Mann von Augsburg kam nach der Reichenau, der brachte schlimme
Kundschaft. Der Bischof Ulrich hatte dem Kloster ein kostbar Heiligtum zugesagt,
den rechten Vorderarm des heiligen Theopontus, reich in Silber und Edelstein
gefat. Das Land sei unsicher, lie er vermelden, er traue sich nicht, das
Geschenk zu senden.
    Der Abt wies den Mann nach dem hohen Twiel, der Herzogin Bericht zu
erstatten.
    Was bringt Ihr Gutes? frug sie ihn.
    Nicht viel, mchte lieber was mitnehmen: den schwbischen Heerbann, Ro und
Reiter, so viel ihrer Schild und Speer an der Wand hngen haben. Sie sind wieder
auf dem Weg zwischen Donau und Rhein ...
    Wer?
    Die alten Freunde von drben herber; die kleinen mit den tiefliegenden
Augen und den stumpfen Nasen. Es wird wieder viel roh Fleisch unter dem Sattel
mrb geritten werden dieses Jahr.
    Er zog ein seltsam geformtes kleines Hufeisen mit hohem Absatz aus dem
Gewand: Kennt Ihr das Wahrzeichen? Kleiner Huf und kleines Ro, krummer Sbel,
spitz Gescho - blitzesschnell und sattelfest: schirm uns Herr vor dieser Pest!
    Die Hunnen139?! fragte die Herzogin betroffen.
    So Ihr sie lieber die Ungrer heien wollt oder die Hungrer, ist mir's auch
recht, sprach der Bote. Der Bischof Pilgrim hat's von Passau nach Freising
melden lassen, von dort kam uns die Mr'. ber die Donau sind sie schon
geschwommen, wie die Heuschrecken fallen sie aufs deutsche Land, geschwinde wie
geflgelte Teufel sind sie auch, eher fngst du den Wind auf der Ebene und den
Vogel in der Luft, heit's bei uns von frher her. Da Koller und Dampf ihre
kleinen Rosse heimsuchte! ... Mich dauert nur meiner Schwester Kind, die schne
Berta in Passau ...
    Es ist nicht mglich! sagte Frau Hadwig. Haben sie schon vergessen, wie
ihnen die Kammerboten Erchanger und Berchtold den Bescheid gaben: Wir haben
Eisen und Schwerter und fnf Finger in der Faust? In der Schlacht am Inn ward's
ihnen deutlich auf die Kpfe geschrieben ...
    Eben darum, sprach der Mann. Wer tchtig geschlagen worden, kommt gern
wieder, um das zweitemal selber zu schlagen. Itzt sind andere Zeiten. Den
Kammerboten hat man zum Dank fr ihre Tapferkeit spter das Haupt vor die Fe
gelegt, wer wird sich noch voranstellen?
    Auch wir wissen den Weg, auf dem unsere Vorgnger gegen den Feind geritten
sind, sprach die Herzogin stolz.
    Sie entlie den Mann von Augsburg mit einem Geschenk. Dann berief sie
Ekkehard zu sich.
    Virgilius wird eine Zeitlang in Ruhe kommen, sprach sie zu ihm und teilte
ihm die Nachricht von der Hunnen Gefahr mit. Die Lage der Dinge war nicht
erfreulich.
    Die Groen des Reichs hatten in langen Fehden verlernt, zu gemeinsamem
Handeln einzustehen; der Kaiser, aus schsischem Stamm und den Schwaben nicht
sonderlich hold, schlug sich fern von den deutschen Grenzen in Italien herum,
die Strae nach dem Bodensee stund den fremden Gsten offen. An ihrem Namen
haftete der Schreck. Seit Jahren schwrmten ihre Haufen wie Irrlichter durch das
zerrttete Reich, das Karl der Groe unfhigen Nachfolgern hinterlassen; von den
Ufern der Nordsee, wo die Trmmersttte von Bremen Zeugnis ihres Einfalls gab,
bis hinab an die Sdspitze Kalabriens, wo der Landeingeborene ihnen Mann fr
Mann ein Lsegeld fr seinen Kopf zahlen mute, zeichnete Brand und Plnderung
ihre Spur ...
    Wenn der fromme Bischof Ulrich keine Gespenster gesehen hat, sprach die
Herzogin, so kommen sie auch zu uns, was ist zu tun? In Kampf ziehen? Auch
Tapferkeit ist Torheit, wenn der Feind bermchtig. Durch Tribut und Goldzins
Frieden kaufen und sie auf der Nachbarn Grenzen hetzen? Andere haben's getan;
wir haben von Ehr' und Unehr' andere Meinung.
    Uns auf dem Twiel verschanzen und das Land preisgeben? Es sind unsere
Untertanen, denen wir herzoglichen Schutz gelobt. Ratet!
    Mein Wissen ist auf solchen Fall nicht gerstet, sprach Ekkehard betrbt.
    Die Herzogin war aufgeregt. O Schulmeister, rief sie vorwurfsvoll, warum
hat Euch der Himmel nicht zum Kriegsmann werden lassen? Es wre vieles besser!
    Da wollte Ekkehard verletzt von dannen gehen. Das Wort war ihm ins Herz
gefahren wie ein Pfeil und setzte sich tief darin fest. Es lag ein Stck
Wahrheit in dem Vorwurf, darum schmerzte er.
    Ekkehard! rief ihm Frau Hadwig nach, Ihr sollt nicht gehen. Ihr sollt mit
Eurem Wissen der Heimat dienen; und was Ihr noch nicht wit, sollt Ihr lernen.
Ich will Euch zu einem schicken, der wei Bescheid in solchen Dingen, wenn er
noch lebt. Wollt Ihr meinen Auftrag bestellen?
    Ekkehard hatte sich umgewandt. Ich war noch nie sumig, meiner Herrin zu
dienen, sprach er.
    Ihr drft aber nicht erschrecken, wenn er Euch sprd und rauh anlt, er
hat viel Unbill erfahren von frheren Geschlechtern, die heutigen kennen ihn
nicht mehr. Drft auch nicht erschrecken, wenn er Euch gar alt und fett
erscheint.
    Er hatte aufmerksam zugehrt: Ich verstehe Euch nicht ganz ...
    Tut nichts, sprach die Herzogin. Ihr sollt morgen nach dem Sipplinger Hof
hinber, drben am berlinger See, wo die Felswand sich steil in die Flut
herabsenkt, ist aus alten Zeiten allerhand Gela zu menschlicher Wohnung in den
Stein gehauen. Wenn Ihr den Rauch eines Herdfeuers aus dem Berg aufsteigen
sehet, so geht hinauf. Dort findet Ihr, den ich meine, redet mit ihm von wegen
der Hunnen ...
    Zu wem sendet mich meine Herrin? fragte Ekkehard gespannt.
    Zum Alten in der Heidenhhle, sagte Frau Hadwig. Man wei hierlands
keinen andern Namen von ihm. Aber halt! fuhr sie fort, ich mu Euch auch das
Wort mitgeben fr den Fall, da er den Einla weigert.
    Sie ging zu ihrem Schrank und stberte unter Schmuck und Gertschaften; dann
brachte sie ein Schiefertflein, drauf standen etliche Buchstaben gekritzelt:
Das sollt Ihr zu ihm sagen und einen Gru von mir.
    Ekkehard las. Es waren die zwei unverstndlichen lateinischen Worte: Neque
enim! sonst nichts. Das hat keinen Sinn, sprach er.
    Tut nichts, sagte Frau Hadwig, der Alte wei, was es ihm bedeutet ...
    Bevor der Hahn den Morgen anrief, war Ekkehard schon durchs Tor von
Hohentwiel ausgeritten. Khle Frhluft wehte ihm ums Antlitz; er hllte sich
tief in die Kapuze. Warum hat Euch der Himmel nicht zum Kriegsmann werden
lassen? Es wre vieles besser! Das Wort der Herzogin ging mit ihm wie sein
Schatten. Es war ihm ein Sporn zu mutigen Entschlssen. Wenn die Gefahr kommt,
dachte er, soll sie den Schulmeister nicht hinter seinen Bchern sehen!
    Sein Ro trabte gut. In wenigen Stunden ritt er ber die waldigen Hhen, die
den Untersee von dem See von berlingen trennen. Am herzoglichen Meierhof
Sernatingen grte ihn die blaue Flut des Sees, er lie sein Ro dem Meier und
schritt den Pfad voran, der hart am Ufer hinfhrte.
    An einem Vorsprung hielt er eine Weile, gefesselt von der weiten Umschau.
Der Blick flog unbegrenzt ber die Wasserflche bis zu den Rtischen Alpen, die,
eine kristallklare Mauer, sich als Ende der Landschaft himmelan trmen.
    Wo die Sandsteinfelsen senkrecht aus dem See emporstiegen, lenkte sich der
Pfad aufwrts. Stufen im Fels erleichterten den Schritt, gehauene
Fensterffnungen, mit dunkeln Schatten in der Tiefe die Lichte der Felswand
unterbrechend, wiesen ihm den Ort, dran einst in Zeiten rmischer Herrschaft
unbekannte Mnner sich in Weise der Katakomben ein Hhlenasyl eingegraben140.
    Das Aufsteigen war beschwerlich. Jetzt trat er auf einen ebenen Geviertraum,
wenig Schritte im Umfang, von jungem Gras bewachsen. Vor ihm ffnete sich ein
mannshoher Eingang in den Felsen, aber ein riesiger schwarzer Hund sprang
bellend hervor, zwei Schritte vor Ekkehard hielt er, zu Sprung und Bi bereit,
seine Augen starr auf den Mnch gerichtet; der durfte keinen Schritt vorwrts
machen, so fuhr ihm der Hund an den Hals. Die Stellung war nicht beneidenswert,
Rckzug unmglich, Waffen trug Ekkehard nicht. So blieb er seinem Gegner
gegenber eine Weile starr stehen; da schaute aus der Fensterffnung zur Seite
eines Mannes Angesicht: ein Graukopf war's mit stechenden Augen und rtlichem
Bart.
    Gebietet dem Tier Ruhe! rief Ekkehard.
    Dauerte nicht lange, so erschien der Graukopf unter dem Eingang. Er war mit
einem Spie bewaffnet.
    Rckwrts, Mummolin! rief er.
    Ungern gehorchte das groe Tier. Erst wie ihm der Graue den Spie zeigte,
zog sich's knurrend zurck.
    Man sollt' Euch den Hund erschlagen und neun Schuh hoch ber Euer Tor
hngen, bis er verfaulte und stckweis auf Euch herunterfiele141, sprach
Ekkehard zrnend, schier hat er mich ins Wasser gestrzt. Er sah sich um, in
senkrechter Tiefe rauschte der See zu seinen Fen.
    In den Heidenhhlen gilt kein Landrecht! gab der Graue trotzig zurck.
Bei uns heit's: Zwei Mannslngen vom Leib, oder wir schlagen Euch den Schdel
ein.
    Ekkehard wollte vorwrts gehen.
    Halt an! fuhr der Mann unterm Eingang fort und hielt den Spie vor, so
schnell geht's nicht. Wohin des Wegs?
    Zum Alten in der Heidenhhle, sprach Ekkehard.
    Zum Alten in der Heidenhhle? schalt der andere, habt Ihr kein
ehrerbietiger Wort fr ihren Inwohner, gelbschnbliger Kuttentrger?
    Ich wei nicht anders, sagte Ekkehard betroffen. Mein Gru heit neque
enim!
    Das lautet besser, sprach der Graue treuherzig und reichte ihm die Hand.
Woher des Wegs?
    Vom hohen Twiel. Ich soll Euch ...
    Halt an, ich bin nicht, den Ihr suchet, bin nur sein Dienstmann Rauching.
Ich werd' Euch anmelden.
    Angesichts der starren Felswnde und des schwarzen Hundes war diese
Frmlichkeit befremdend. Ekkehard stand harrend, es dauerte eine gute Weile,
schier als wenn Vorbereitungen zum Empfang getroffen wrden. Dann erschien
Rauching wieder: Wollet eintreten. Sie gingen den dunkeln Gang entlang, dann
weitete sich der Hhlenraum, ein Gemach war von Menschenhnden in den Fels
gehauen, hoch, stattlich, in spitzbogiger Wlbung; ein rohes Gesimse zog sich um
die Wnde, die Fensterffnungen weit und luftig; wie von einer Rahme umfat
glnzte ein Stck blauer See und gegenberliegendes Waldgebirge herein, eine
flimmernde Schichte Sonnenlicht drang durch sie in des Gemaches Dunkel. Spuren
von Steinbnken waren da und dort sichtbar, nah beim Fenster stund ein hoher
steinerner Lehnstuhl, hnlich dem eines Bischofs in alten Kirchen, eine Gestalt
sah drin. Es war ein fremdartig Menschenbild, mchtigen Umfangs, schwer sa das
schwere Haupt zwischen den Schultern, Runzeln durchfurchten Stirn und Wangen,
sprlich weies Haupthaar lockte sich um den Scheitel, schier zahnlos der Mund:
der Mann mute steinalt sein. Ein Mantel von unkenntlicher Farbe hing um des
Greisen Schulter, die Rckseite, die des Stuhles Lehne verdeckte, mochte stark
Fadenschein tragen, in Saum und Faltenwurf saen Spuren vergangener Flickung.
Seine Fe waren mit rauhem Stiefelwerk bekleidet, ein alter Hut, mit
verstubtem Fuchspelz verbrmt, lag zur Seite. Eine Nische der Felsvertiefung
trug ein Schachzabelbrett mit elfenbeingeschnittenen Figuren, es war eine Partie
zu Ende gespielt worden, noch stand der Knig matt gesetzt durch einen Turm und
zwei Lufer ...
    Wer kommt zu den Vergessenen? fragte der Greis mit dnner Stimme. Da
neigte sich Ekkehard vor ihm und nannte seinen Namen und wer ihn gesandt.
    Ihr habt ein bses Losungswort mit Euch gebracht. Erzhlen die Leute
drauen noch vom Luitward von Vercelli?
    Dessen Seele Gott verdammen mge! fiel Rauching ergnzend ein.
    Ich habe nichts von ihm gehrt, sprach Ekkehard.
    Sag's ihm, Rauching, wer der Luitward war, 's wr' schade, wenn sein
Gedchtnis ausstrbe bei den Menschen.
    Der grte Schurke, den je ein Sonnenstrahl beschienen, war Rauchings
Antwort.
    Sag' ihm auch, was neque enim heit.
    Es gibt keinen Dank auf dieser Welt, und von eines Kaisers Freunden ist
auch der beste ein Verrter!
    Auch der beste ein Verrter, sprach der Alte in Gedanken. Sein Blick fiel
auf das nahestehende Schachbrett. Jawohl! murmelte er leise, matt gesetzt,
durch Lufer und berlufer matt gesetzt ... er ballte die Faust, als wolle er
aufspringen, dann seufzte er laut und fuhr mit der welken Hand nach der Stirn
und sttzte sein schweres Haupt auf.
    Das Kopfweh! sprach er ... das verfluchte Kopfweh!
    Mummolin! rief Rauching.
    Mit groen Stzen kam der schwarze Hund vom Eingang her gesprungen; wie er
den Alten mit aufgestlptem Haupt gewahrte, trat er schmeichelnd heran und
leckte ihm die Stirn. Es ist gut, sprach der Greis nach einer Weile und
richtete sich wieder auf.
    Seid Ihr krank? fragte Ekkehard teilnehmend.
    Krank? sprach der Alte - 's mag eine Krankheit sein. Mich sucht's schon
so lang' heim, da mir's wie ein alter Bekannter erscheint. Habt Ihr auch schon
Kopfweh gehabt? Ich rate Euch, zieht niemals zu Felde, wenn Euch Kopfweh plagt,
und schliet keinen Frieden, es kann ein Reich kosten, das Kopfweh ...
    Soll Euch kein Arzt ... wollte Ekkehard fragen.
    Der rzte Weisheit ist erschpft. Sie haben's gut mit mir gemeint.
    Er wies auf seine Stirn; zwei alte Narben kreuzten sich darauf. Schaut her!
und wenn sie Euch das verordnen wollen, mt's nicht anwenden! An den Fen bin
ich aufgehangen worden in jungen Tagen, dann die Einschnitte im Kopf - ein Stck
Blut und ein Stck Verstand haben sie mir genommen: nichts geholfen!
    In Cremona - Zedekias hat der hebrische Weise geheien - haben sie die
Sterne gefragt und mich in dmmernder Mitternacht unter einen Maulbeerbaum
gestellt; 's war ein langer Spruch, mit dem sie das Kopfweh in den Baum hinein
verfluchten: nichts geholfen!
    In deutschen Landen gepulverte Krebsaugen verordnet, gemischt mit etlichem
Staub von des heiligen Markus Grab und einen Trunk Seewein drauf142: auch
nichts. Jetzt bin ich's gewhnt. Das rgste leckt des Mummolin rauhe Zunge
hinweg. Komm her, braver Mummolin, der mich noch nicht verraten hat ...
    Er schwieg atemschpfend und streichelte den Hund.
    Meine Botschaft ... hub Ekkehard an.
    Der Greis aber winkte ihm: Geduldet Euch, nchtern ist nicht gut reden. Ihr
werdet hungrig sein. Nichts ist niedertrchtiger und heiliger als der Hunger143!
hat jener Dekan gesagt, da sein Gastfreund von sechs Forellen fnf a und ihm
die kleinste zurcklie. Wer mit der Welt drauen zu tun gehabt, vergit den
Spruch nicht. Rauching, richt' unser Mahl!
    Der ging hinber in ein anstoend Felsengemach, das war zur Kche
hergerichtet; in etlichen Nischen stunden seine Vorrte; bald wirbelte aus dem
Hhlenschornstein eine weie Rauchwolke dem blauen Himmel entgegen, und das Werk
des Kochens war beendet. Eine Steinplatte mute als Tisch gelten. Als des Mahles
Krone prangte ein Hecht, aber der Hecht war alt und trug Moos auf dem Haupt,
sein Fleisch schmeckte zh wie Leder. Auch einen Krug rtlichen Weines brachte
Rauching herbei, aber der wuchs auf den Sipplinger Hgeln, und die erfreuen sich
noch heute des Leumunds, da ihr Wein der sauern sauerster am ganzen See144.
Rauching wartete auf und sa nicht zu ihnen nieder.
    Was bringt Ihr mir? frug der Alte, wie die schmale Mahlzeit beendet.
    Schlimme Botschaft; die Hunnen sind ins Land gebrochen, bald treten ihre
Hufe die schwbische Erde.
    Recht! sprach der Greis, das gehrt euch. Sind die Nordmnner auch wieder
auf der Fahrt?
    Ihr sprechet sonderbar, sagte Ekkehard.
    Des Alten Aug' ward glnzender. Und wenn euch die Feinde wie Schwmme aus
der Erde wachsen, ihr habt's verdient, ihr und eure Herren. Rauching, fll' dein
Glas, die Hunnen kommen ... neque enim! Nun soll euch die Suppe schmecken, die
eure Herren gesalzen haben. Ein groes stolzes Reich ist aufgerichtet gestanden,
vom Ebro bis an die Raab und bis hinauf an die dnische Mark, keine Rattmaus
htt' einschleichen drfen, ohne da treue Wchter sie gefangen, so hat's der
groe Kaiser Karl ...
    Den Gott segnen mge! fiel Rauching ein.
    ... gefestigt hingestellt; die Stmme, die dem Rmer einst zusammen den
Garaus gemacht, ein Ganzes, wie sich's gehrt, damals hat der Hunn scheu hinter
seinem Landhag an der Donau gelauert, 's war kein Wetter fr ihn, und wie sie
sich rhren wollten, ist von ihrer hlzernen Lagerstatt tief in Pannonien drin
kein Span mehr briggeblieben, so hat die frnkische Landwehr drein gewettert
...145 aber die Groen in der Heimat hat's gedrckt, da nicht ein jeder der
Herr der Welt sein kann; da hat's innerhalb des eigenen Zauns probiert sein
mssen - Aufruhr, Emprung und Reichsverrat, das schmeckt besser, den letzten
von Karls Stamme, der des Weltreichs Zgel fhrte, haben sie abgesetzt - das
Symbolum der Reichseinheit ist ein Bettelmann worden und mu ungeschmlzte
Wassersuppen essen - nun, und eure Herren, denen der Bastard Arnulf und ihr
eigener bermut lieber war, haben die Hunnen auf dem Nacken, und die alten
Zeiten kommen wieder, wie sie schon der Knig Etzel malen lie. Kennt Ihr das
Bild im Mailnder Palast?
    Dort war der rmische Kaiser gemalt, wie er auf seinem Thron sa und die
skythischen Frsten ihm zu Fen lagen; da kam der Knig Etzel des Wegs geritten
und sah die Malerei lang' an und lachte und sprach: Ganz recht; nur eine kleine
nderung! Und er lie dem Mann auf dem Thron sein eigen Antlitz geben, und die
vor ihm knieten und die Scke voll Zinsgold vor seinem Thron ausleerten, waren
die rmischen Csaren146...
    Das Bild ist heut noch zu schauen ...
    Ihr denkt an alte Geschichten, sprach Ekkehard.
    Alte Geschichten! rief der Greis: Fr mich hat's seit vierzig Jahren
nichts Neues gegeben als Not und Elend. Alte Geschichten! 's ist gut, wer sie
noch wei, da er sehen kann, wie der Vter Snden gercht werden an Kind und
Kindeskind. Wit Ihr, warum der groe Karl das einemal in seinem Leben geweint
hat? Solange ich lebe, sind's Narrenpossen, sprach er, da sie ihm der
nordmnnischen Seeruber Ankunft meldeten, aber mich dauern meine Enkel147!
    Noch haben wir einen Kaiser und ein Reich, warf Ekkehard ein.
    Habt ihr noch einen? sprach der Greis und trank seinen Schluck sauern
Sipplinger und schttelte sich: Ich wnsch' ihm Glck. Die Ecksteine sind
gesplittert, das Gebu ist morsch. Mit bermtigen Herren kann kein Reich
bestehen; die gehorchen sollen, herrschen, und der Herrschen soll, mu
schmeicheln statt gebieten. Ich hab' von einem gehrt, dem haben seine getreuen
Untertanen den Tribut in Kieselsteinen statt in Silber geschickt, und der Kopf
des Grafen, der ihn heischen sollte, lag dabei im Sack. Wer hat's gercht? ...
    Der Kaiser, sprach Ekkehard, zieht in Welschland zu Felde und erwirbt
groen Ruhm.
    O Welschland, Welschland! fuhr der Alte fort, das wird noch ein schlimmer
Pfahl im deutschen Fleische werden. Jenes einemal hat sich der groe Karl ...
    Den Gott segnen mge! fiel Rauching ein.
    ... einen blauen Dunst vormachen lassen. 's war ein schlimmer Tag, wie sie
ihm in Rom die Krone aufsetzten, und hat keiner gelacht, wie der auf Petri
Stuhl. Der hat uns ntig gehabt - aber was haben wir mit Welschland zu schaffen?
Schaut hinaus: ist die Gebirgsmauer dort fr nichts himmelan gebaut? Das
jenseits gehrt denen in Byzantium, und von Rechts wegen; griechische List wird
dort eher fertig als deutsche Kraft; aber die Nachfolgenden haben nichts zu tun,
als des groen Karl Irrtum ewig zu machen. Was er Vernnftiges gewiesen, haben
sie mit Fen getreten, in Ost und Nord war vollauf zu tun, aber nach Welschland
muh gerannt werden, als s' in den Bergen hinter Rom der groe Magnetstein. Ich
hab' oft drber nachgedacht, was uns in die falsche Bahn gewiesen; - wenn's
nicht der Teufel ist, kann's nur der gute Wein sein148.
    Ekkehard war betrbt geworden ob des Alten Reden. Der schien es zu merken.
Lat Euch nicht anfechten, was ein Begrabener sagt, sprach er zu ihm, wir in
der Heidenhhle machen's nicht anders, aber die Wahrheit hat schon manchesmal in
Hhlen gehaust, wenn drauen der Unsinn mit groen Schritten durchs Land ging.
    Ein Begrabener? sprach Ekkehard fragend.
    Deshalb knnt Ihr doch mit ihm anstoen, sprach der Alte scherzend. 's
war ntig, da ich vor der Welt gestorben bin, das Kopfweh und die Schurken
haben mich in Unehren gebracht. Braucht mich darum nicht so anzusehen,
Mnchlein. Setzt Euch her auf die Steinbank, ich will Euch eine schne
Geschichte erzhlen - Ihr knnt ein Lied zur Laute darber machen ...
    Es war einmal ein Kaiser, der hatte wenig frohe Tage, denn sein Reich war
gro und er selber war dick und stark und das Kopfweh plagte ihn, seit da er
auf dem Thron sah. Darum nahm er sich einen Erzkanzler, der war ein feiner Kopf
und konnte mehr denken als sein Herr, denn er war dnn und hager wie eine Stange
und hatte kein Kopfweh. Und der Kaiser hatte ihn aus dunkler Herkunft
emporgehoben, denn er war eines Hufschmieds Sohn, und erwies ihm Gutes und tat
alles, was er ihm riet; und schlo sogar einen elendigen Frieden mit den
Nordmnnern: denn der Kanzler sagte ihm, das sei unbedeutend, er habe wichtigere
Geschfte, als sich um ein paar Seeruber zu kmmern. Der Kanzler ging nmlich
in selber Zeit zu des Kaisers Ehgemahlin und berckte ihr schwaches Herz und
vertrieb ihr die Zeit mit Saitenspiel und lie nebenbei der edlen Alemannen
Tchter entfhren und verschwor sich mit seines Kaisers Widersachern. Und wie
dieser endlich einen Reichstag ausschrieb, um der Not zu steuern, stund sein
hagerer Kanzler dort unter den ersten, die wider ihn sprachen; mit neque enim
begann er seine Rede und bewies, sie mten ihn absetzen, und sprach so giftig
und schlangenklug gegen den Nordmnnerfrieden, den er selber geschlossen, da
sie alle von ihrem rechtmigen Herrn abfielen wie welke Bltter, wenn der
Herbstwind die Wipfel schttelt. Und sie schrieen, die Zeit der Dicken sei
vorbei und setzten ihn ab, mit dreifacher Krone auf dem Haupt war der Kaiser in
Tribur eingeritten, wie er von dannen zog, nannte er nicht Mehres sein, als was
er auf dem Leib trug, und sa zu Mainz vor des Bischofs Pfalz und war froh, da
sie ihm eine Suppe zum Schiebfenster herausreichten.
    Der brave Kanzler hat Luitward von Vercelli geheien - Gott lohn' ihm seine
Treue nach Verdienst und der Kaiserin Richardis auch und allen zusamm'149!
    Wie sie aber im Schwabenland sich des Verstoenen erbarmten und ihm ein
notdrftig Gtlein schenkten, sein Leben zu fristen, und wie sie dran dachten,
mit Heeresmacht fr sein gekrnktes Recht zu streiten, da sandte der Luitward
auch noch Mrder wider ihn. 's war eine schne Nacht im Neidinger Hofe, der
Sturm brach die ste im Forst und die Fensterladen klapperten, der abgesetzte
Kaiser konnte vor Kopfweh nicht schlafen und war aufs Dach gestiegen, da ihm
der Sturm Khlung zublase: da brachen sie ein und fahten auf ihn: 's ist ein
anmutig Gefhl, sag' ich Euch, mit schwerem Haupt auf kaltem Dach sitzen und
zuhren, wie sie drunten bedauern, einen nicht strangulieren und am Ziehbrunnen
aufknpfen zu knnen ...
    Wer das erlebt hat, der tut am besten, er stirbt.
    Und der dicke Meginhart zu Neidingen war grab zu rechter Zeit vom Baum herab
zu Tod gefallen, da man ihn auf den Schragen legen konnt' und im Land
verknden, der abgesetzte Kaiser sei des Todes verblichen. Es soll ein schner
Leichenzug gewesen sein, wie sie ihn in die Reichenau trugen; der Himmel tat
sich auf, ein Lichtstrahl fiel auf die Bahre, und sie haben eine rhrende
Leichenrede gehalten, da sie ihn einsenkten rechts vom Altar: da er seiner
Wrden entblt und seines Reiches beraubt ward, war eine Fgung des Himmels,
ihm zur Luterung und Probe, und da er's geduldig trug, steht zu hoffen, da ihn
der Herr mit der Krone des ewigen Lebens fr die belohnt, die er hienieden
verloren ... so predigten sie in der Klosterkirche150 und wuten nicht, da in
derselben Stunde der, den sie zu begraben meinten, mit Sack und Pack und einem
Fluch auf die Welt in der Einsamkeit der Heidenhhlen einzog.
    Der Greis lachte: Hier ist's sicher und ruhig, um an alte Geschichten zu
denken; stot an: die Toten sollen leben! Und der Luitward ist doch betrogen;
wenn sein Kaiser auch einen alten Hut trgt statt gldenem Reif und Sipplinger
trinkt statt goldigem Rheinwein, so lebt er doch noch: dieweil die Hageren und
ihr ganzes Geschlecht vom Tode gerafft sind. Und die Sterne werden ihr Recht
behalten, in denen bei seiner Geburt gelesen ward, da er im Tosen der
Reiterschlacht aus der falschen Welt abscheiden werde. Die Hunnen kommen ...
komm bald auch, du frhlich Ende!
    Ekkehard hatte mit Spannung zugehrt. Herr! wie wunderbar sind deine Wege!
rief er. Er wollte vor ihm niederknieen und seine Hand kssen, der Alte litt's
nicht: Das gilt alles nicht mehr! nehmt Euch ein Beispiel ...
    Deutschland hat Euch und Eurem Stamm groe Unbill angetan ... wollte
Ekkehard trsten.
    Deutschland! sprach der Alte, ich bin ihm nicht gram, mg' es gedeihen
und blhen, von keinem Feind bedrut, und einen Herrscher finden, der's zu Ehren
bringt und kein Kopfweh hat, wenn die Nordmnner wiederkommen, und keinen
Kanzler, der Luitward von Vercelli heit. Nur die, die seine Kleider unter sich
geteilt und das Los um sein Gewand geworfen -
    Mge der Himmel strafen mit Feuer und schwefligem Regen151! sprach
Rauching im Hintergrund.
    Welchen Bescheid bring' ich meiner Herrin von Euch? fragte Ekkehard,
nachdem er seinen Becher geleert.
    Von wegen der Hunnen? sagte der Greis. Ich glaube, das ist einfach. Sagt
Eurer Herzogin, sie soll in Wald gehen und sehen, wie es der Igel macht, wenn
ihm ein Feind zu nahe kommt. Er rollt sich auf wie eine Kugel und starrt in
Stacheln, wer nach ihm greift, sticht sich. Das Schwabenland hat Lanzen genug.
Macht's ebenso! Euch Mnchen kann's auch nichts schaden, wenn ihr den Spie
tragt.
    Und wenn Eure Herrin noch mehr wissen will, so sagt ihr den Spruch, der in
der Heidenhhle gilt. Rauching, wie heit er?
    Zwei Mannslngen vom Leib, oder wir schlagen euch die Schdel entzwei,
ergnzte der Gefragte.
    Und wenn von Frieden die Rede ist, so sagt ihr, der Alte in der Heidenhhle
htt' einmal einen schlechten geschlossen, er tt's nicht wieder, trotzdem ihn
sein Kopfweh noch plagt wie damals; er woll' itzt lieber selber seinen Gaul
satteln, wenn die Schlachtdrommeten blasen - lest eine Messe fr ihn, wenn Ihr
seinen letzten Ritt berlebt.
    Der Alte hatte gesprochen mit seltsamer Lebendigkeit. Pltzlich stockte die
Stimme, sein Atem ward kurz, fast sthnend, er neigte sein Haupt. Es kommt
wieder! sprach er.
    Rauching, der Dienstmanne, sprang ihm bei und brachte einen Trunk Wassers.
Die Beklemmung lie nicht ab.
    Wir mssen das Mittel anwenden, sprach Rauching. Er wlzte aus der
Hhlentiefe einen schweren Steinblock vor, von eines Mannes Hhe, der trug
Spuren von Bildhauerwerk; sie hatten ihn in der Hhle als unerklrtes Denkmal
frherer Bewohner vorgefunden. Er stellte ihn aufrecht an die Felswand; es war,
als sei eines Menschen Haupt dran angedeutet und eine Bischofsmitra. Und
Rauching griff einen gewaltigen knorrigen Stock und gab dem Alten einen zu
Handen und begann auf das Steinbild einzubrechen und sprach einen Spruch dazu,
langsam und ernst wie eine Litanei: Luitward von Vercelli: Reichsverrter,
Ehebrecher, neque enim! Nonnenruber, Machterschleicher, neque enim! ... Dicht
fielen die Streiche, da legte sich ein Lcheln um des Alten welke Zge, er erhob
sich und schlug mit matten Armen ebenfalls drauf.
    Es steht geschrieben: ein Bischof mu tadellos sein, sprach er in
Rauchings Ton, - das fr den Nordmnner-Frieden! das fr der Kaiserin Richardis
Verfhrung, neque enim! Das fr den Reichstag zu Tribur, das fr Arnulfs
Kaiserwahl! neque enim!!
    Die Hhle widerhallte vom dumpfen Klang; fest stand das Steinbild im Hagel
der Schlge, dem Alten ward's leicht und leichter, er hieb sich warm am alten
Ha, der ihm seit Fahren ein drftig Leben fristete.
    Ekkehard verstand den Hergang nicht ganz. Es ward ihm unheimlich. Er empfahl
sich und ging.
    Habt wohl schne Kurzweil gefunden beim alten Narren droben, sprach der
Meier von Sernatingen zu ihm, da er sein Ro gesattelt vorfhrte: vermeint er
immer noch, er hab' eine Krone verspielt und ein Reich? Ha ha152!
    Ekkehard ritt von dannen. Im Buchwald sprote das junge Grn des nahenden
Frhlings. Ein jugendlicher Mnch aus der Reichenau ging desselben Weges. Keck,
wie Waffenklirren, tnte sein Sang durch die Waldeinsamkeit:

O tapfre junge Landeskraft, nun halt' dich brav!
Mit Wchterruf und Feldgeschrei verscheuch' den Schlaf,
Und mach die Rund' zu jeder Stund' um Tor und Turm!
Der Feind ist klug und schleicht mit Trug heran zum Sturm.
Von Wall und Zinnen schalle laut dein: Halt! Werda!
Das Echo widerhalle: eia vigila153!!

    Es war das Lied, das die Nachtwachen zu Mutina in Welschland sangen, da der
Hunnen Heer vor der Bischofsstadt lag. Der Mnch hatte selber vor drei Jahren
dort Schildwache gestanden am Tor des heiligen Geminianus und kannte das Zischen
der hunnischen Pfeile: wenn die Ahnung neuen Kampfes durch die Luft zieht,
fallen einem die alten Lieder wieder ein. -

                               Zwlftes Kapitel.



                              Der Hunnen Heranzug.

Der Alte hat recht, sprach Frau Hadwig, als ihr Ekkehard Bericht von seiner
Sendung Erfolg erstattete. Wenn der Feind droht, rsten; wenn er angreift, aufs
Haupt schlagen, das ist so einfach, da man eigentlich keinen drum zu fragen
braucht. Ich glaube, das viele Bedenken und Erwgen hat der bse Feind als
Unkraut auf die deutsche Erde gestreut. Wer schwankt, ist dem Fallen nah, und
wer's zu sein machen will, der grbt sich selbst sein Grab: Wir rsten!
    Die bewegte und bald gefhrliche Lage schuf der Herzogin eine freudige
Stimmung: so ist die Forelle wohlgemut im rauschenden Giebach, der ber Fels
und Trmmer schumt, im stillen Wasser verkommt sie. Und Beispiel, fester
Entschlossenheit oben ist nie vergeblich. Da trafen sie ihre Vorbereitung zum
Empfang des Feindes. Vom Turm des hohen Twiel wehte die Kriegsfahne154 weit ins
Land hinaus; durch Wald und Feld bis an die fernsten in den Talgrnden
versteckten Meierhfe klang das Heerhorn, die Mannen aufzubieten; nur Armut
befreite von Kriegspflicht. Wer mehr als zwei Mansen LandA1 sein eigen nannte,
ward befehligt, beim ersten Ruf in Wehr und Waffen sich zu stellen. Der
Hohentwiel sollte der Sammelplatz sein, ihn hatte die Natur dazu gefestet. Boten
durchflogen das Hegau. Das Land hub an, sich zu rhren; hinten im Tannwald
standen die Khler beisammen, den schweren Schrhaken schwang einer berm Haupt
wie zum Einhauen. Es tut sich! sprach er, ich geh' auch mit!
    An die Tren der Pfarrherrn, der Alten und Bresthaften ward geklopft; wer
nicht ausziehen kann, soll beten; an alle Ufer des Sees ging die Kunde, auch
hinber nach Sankt Gallen.
    Auf die friedliche Insel Reichenau ging Ekkehard; die Herzogin gebot's. Der
Gang wr' ihm sauer gefallen, htt' es sich um anderes gehandelt. Er brachte dem
gesamten Kloster die Einladung auf den hohen Twiel fr die Zeit der Gefahr.
    Dort war schon alles in Bewegung. Beim Springbrunnen im Klostergarten
ergingen sich die Brder; es war ein linder Frhlingstag; aber keiner dachte
ernsthaft dran, sich des blauen Himmels zu freuen, sie sprachen von den bsen
Zeiten und ratschlagten; es wollt' ihnen schwer einleuchten, da sie aus ihren
stillen Mauern ausziehen sollten.
    Der heilige Marcus, hatte einer gesagt, wird seine Schutzbefohlenen schirmen
und den Feind mit Blindheit schlagen, da er vorbeireitet, oder das Grundgewelle
des Bodensees aufschumen lassen, da es ihn verschlinge wie das Rote Meer die
gypter.
    Aber der alte Simon Bardo sprach: Die Rechnung ist nicht ganz sicher, und
wenn ein Platz nicht sonst mit Turm und Mauern umwallt ist, bleibt Abziehen
rtlicher. Wo aber noch eines Schillings Wert zu finden ist, da reitet kein
Hunne vorbei; legt einem Toten ein Goldstck aufs Grab, so wchst ihm noch die
Hand aus der Erde und greift danach.
    Heiliger Pirminius! klagte der Bruder Grtner, wer soll den Kraut- und
Gemsgarten bestellen, wenn wir fort mssen?- Und die Hhner? sprach ein
anderer, dessen teuerste Kurzweil in Pflege des Hhnerhofes bestund, haben wir
die drei Dutzend welsche Hahnen fr den Feind ankaufen mssen?
    Wenn man ihnen einen eindringlichen Brief schriebe, meinte ein dritter;
sie werden doch keine solche Unmenschen sein, Gott und seine Heiligen zu
krnken.
    Simon Bardo lchelte: Werd' ein Lmmerhirt, sprach er mitleidig, und
trink' einen Absud vom Kraut Camvmilla, der du den Hunnen eindringliche Briefe
schreiben willst. O, da ich meinen alten Oberfeuerwerker Kedrenos mit ber die
Alpen gebracht! Da wollten wir ein Licht wider den Feind ausgehen lassen,
schrfer als der milde Mondschein ber dem Krautgrtlein, der dem seligen Abt
Walafrid155 so weiche Erinnerungen an seine Freundin in der Seele wach rief.
Dort an der Landzunge ein paar Schiffe versenkt, hier am Hafenplatz desgleichen,
- und mit den langen Brandrhren den Uferplatz bestrichen: hei, wie wrden sie
auseinanderstieben, wenn's durch die Luft flge wie ein feuriger Drache und
seinen Naphthabrandregen aussprhte! Aber was wei euer einer von griechischem
Feuer156?! O Kedrenos, Feuerwerker Kedrenos!
    Ekkehard war ins Kloster eingetreten. Er fragte nach dem Abt. Ein dienender
Bruder wies ihm dessen Gemcher. Er war nicht drinnen und auch anderwrts nicht
zu finden.
    Er wird in der Rstkammer sein, sprach ein Mnch im Vorbergehen zu ihnen.
Da fhrte der dienende Bruder Ekkehard in die Rstkammer; sie war auf dem hohen
Klosterspeicher, viel Harnisch und Gewaffen lag droben aufgehuft, mit denen das
Kloster seine Kriegsleute zum Heerbann ausstattete.
    Abt Wazmann stand drin, eine Staubwolke verhllte ihn dem Blick der
Eintretenden, er hatte die Rstungen von den Wnden abnehmen lassen und
gemustert. Staub und Rost waren Zeuge, da sie lange Ruhe gehabt. Beim Mustern
hatte der Abt schon an sich selber gedacht; sein Obergewand lag ausgezogen vor
ihm, der blonde Klosterschler hatte ihm einen Ringpanzer umgeworfen, er reckte
seine Arme, ob er ihm fest und bequemlich sitze.
    Tretet nher! rief er Ekkehard zu, andere Zeiten, anderer Empfang!
    Ekkehard teilte ihm der Herzogin Aufforderung mit.
    Ich htt' selber auf dem hohen Twiel drum nachgesucht, wenn Ihr nicht
gekommen wret, sprach der Abt. Er hatte ein langes Schwert ergriffen und
schlug einen Lufthieb, da Ekkehard etliche Schritte zurckwich; dem scharfen
Pfeifen der Luft war zu entnehmen, da es nicht der erste, den er in seinem
Leben fhrte.
    's wird Ernst, sprach er. Zu Altdorf im Schussental sind sie schon
eingekehrt; bald wird sich die Flamme von Lindau im See spiegeln. Wollt Ihr Euch
auch einen Harnisch auslesen? Der Mit dem Wehrgehenk dort fngt Stich und Hieb
so gut wie das feinste NothemdA2, das je eine Jungfrau spann.
    Ekkehard dankte. Der Abt stieg mit ihm aus der Rstkammer hinunter. Der
Ringelpanzer behagte ihm, er warf die braune Kapuze drber um; so trat er in den
Garten unter die zagenden Brder wie ein Riese des Herrn157.
    Der heilige Marcus ist heut nacht vor mein Lager, getreten, rief der Abt;
nach dem hohen Twiel hat er gedeutet; dorthin wollen meine Gebeine, da keines
Heiden Hand sie entweihe. Auf und rstet euch! In Gebet und Gottvertrauen hat
seither eure Seele den Kampf mit dem bsen Feind gekmpft, jetzt sollen eure
Fuste weisen, da ihr Kmpfer seid. Denn die da kommen, sind Shne der Teufel;
Alraunen und Dmonen in asischer Wste haben sie erzeugt; Teufelswerk ist ihr
Treiben, zur Hlle werden sie zurckfahren, wenn ihre Zeit um158!
    Da ward auch dem sorglosesten der Brder deutlich, da eine Gefahr im Anzug.
Beifllig Murmeln ging durch die Reihen, sie waren von Pflege der Wissenschaft
noch nicht so weich gemacht, da ihnen ein Kriegszug nicht als lbliche
Abwechslung erschienen wre.
    An einen Apfelbaum gelehnt stand Rudimann, der Kellermeister, bedenkliche
Falten auf der Stirn. Ekkehard ersah ihn, schritt auf ihn zu und wollte ihn
umarmen als Zeichen, da gemeinsame Not alten Zwist ausebne. Rudimann aber
winkte ihm ab: Ich wei, was Ihr wollet! - Aus dem Saum seiner Kutte zog er
einen groben hrenen Faden, warf ihn auf die Erde und trat darauf. Solang' ein
hunnisch Ro die deutsche Erde stampft, sprach er, soll alle Feindschaft aus
meinem Herzen gerissen sein, wie dieser Faden aus meinem Gewand159; berleben
wir den Streit, so mag's wieder eingefdelt werden, wie sich's geziemt!
    Er wandte sich und schritt nach seinem Keller zu wichtiger Arbeit. In Reih'
und Glied lagen dort den hochgewlbten Raum entlang die Stckfsser als wie in
Schlachtordnung, und keines klang hohl, so man anklopfte. Rudimann hatte etliche
Maurer bestellt; jetzt lie er einen Vorplatz, wo sonst Kraut und Frucht bewahrt
lag, herrichten, als wr' das der Klosterkeller; zwei Flein und ein Fa
pflanzten sie drin auf. Findet der Feind gar nichts vor, so schpft er Verdacht,
also hatte der Kellermeister bei sich berlegt, - und wenn die Sipplinger
Auslese, die ich preisgebe, ihre Schuldigkeit tut, wird manch ein hunnischer
Mann ein bs Weiterreiten haben.
    Schon hatten die Werkleute die Quadersteine gerichtet zu Vermauerung der
inneren Kellertr, - noch einmal ging Rudimann hinein; aus einem verwitterten
Fa zapfte er sein Krglein und leerte es wehmtig; dann faltete er die Hnde
wie zum Gebet: Beht dich Gott, roter Meersburger!! sprach er. Eine Trne
stund in seinen Augen ...
    Rhriges Treiben ging allenthalben durchs Kloster. In der Rstkammer wurden
die Waffen verteilt, es waren viel Hupter und wenig Helme, der Vorrat reichte
nicht. Auch war viel Lederwerk zerfressen und mute erst geflickt' werden.
    In der Schatzkammer lie der Abt die Kostbarkeiten und Heiligtmer
verpacken: viel schwere Truhen wurden gefllt, das gldne Kreuz mit dem heiligen
Blut, die weie Marmorurne, aus der einst die Hochzeitgste in Cana den Wein
schpften, Reliquiensrge, Abtsstab, Monstranz - alles ward sorglich eingetan
und auf die Schiffe verbracht. Sie schleppten auch den schweren, durchsichtig
grnen Smaragd bei, achtundzwanzig Pfund wog er. Den mgt ihr zurcklassen,
sprach der Abt.
    Das Gastgeschenk des groen Kaiser Karl? des Mnsters seltenstes Kleinod,
wie keines mehr in den Tiefen der Gebirge verborgen ruht? fragte der dienende
Bruder.
    Ich wei einen Glaser in Venezia, der kann einen neuen machen, wenn diesen
die Hunnen fortschleppen160, erwiderte leichthin der Abt.
    Sie stellten das Juwel in den Schrank zurck.
    Noch war's nicht Abend worden, da stund alles zum Abzug bereit. Der Abt hie
die Brder im Hofe zusammentreten, smtliche erschienen bis auf einen. Wo ist
Heribald? frug er.
    Heribald war ein frommer Bruder, dessen Wesen schon manchem den Ernst auf
der Stirn in Heiterkeit verwandelte161. In jungen Tagen hatte ihn die Amme
einmal aufs Steinpflaster fallen lassen, davon war ihm ein gelinder Bldsinn
zurckgeblieben, eine Kopfsinnierung aber er war guten Herzens und hatte an
Gottes schner Welt seine Freude, so gut wie ein Geistesgewaltiger.
    Da gingen sie, den Heribald zu suchen.
    Er war auf seiner Zelle. Die gelbbraune Klosterkatze schien ihm ein Leides
zugefgt zu haben, er hatte ihr den Strick, der sein Gewand zusammenhalten
sollte, um den Leib geschnrt und sie an einen Nagel an seines Gemaches Decke
aufgehngt; in die leere Luft herab hing das alte Tier, das schrie und miaute
betrblich, er aber schaukelte es snftlich hin und her und sprach Lateinisch
mit ihm.
    Vorwrts, Heribald! riefen die Genossen, wir mssen die Fusel verlassen.
    Fliehe, wer will! sprach der Bldsinnige, Heribald flieht nicht mit.
    Sei brav, Heribald, und folg' uns; der Abt hat's anbefohlen.
    Da zog Heribald seinen Schuh aus und hielt ihn den Brdern entgegen: Der
Schuh ist schon im vorigen Jahr zerrissen, sprach er, da ist Heribald zum
Camerarius gegangen, gib Mir mein jhrlich Leder, hat Heribald gesagt da ich
mir ein Paar Schuhe anfertige, da hat der Camerarius gesagt: Tritt du deine
Schuhe nicht krumm, so werden sie nicht reien, und hat das Leder geweigert, und
wie Heribald den Camerarius beim Abt verklagt, hat ihm der gesagt: Ein Narr, wie
du, kann barfu laufen! Jetzt hat Heribald kein ordentlich Fuwerk und mit
zerrissenem geht er nicht unter fremde Leute162 ...
    Solchen Grnden war keine stichhaltige Widerlegung entgegenzusetzen. Da
umschlangen ihn die Brder mit starkem Arm, ihn hinabzutragen; im Gang aber ri
er sich los und floh mit Windeseile hinab in die Kirche und die Treppen hinauf,
die auf den Kirchturm fhrten. Zu oberst setzte er sich fest und zog das
hlzerne Stieglein empor; es war ihm nimmer beizukommen.
    Sie erstatteten dem Abte Bericht. Lasset ihn zurck,. sprach der Abt,
ber Kinder und Toren wacht ein besonderer Schutzengel.
    Zwei groe LdinenA3 lagen am Ufer, die Abziehenden aufzunehmen:
wohlgerstete Schiffe mit Ruder und Segelbaum. In kleinen Khnen hatten sich des
Klosters dienende Leute und was sonst noch auf der Reichenau hauste, mit Hab und
Gut eingeschifft; es war ein wirres Durcheinander.
    Ein Nachen voll von Mgden und befehligt von Kerhildis, der Obermagd, war
bereits abgefahren; sie wuten selber nicht wohin, aber die Furcht war diesmal
grer als die Neugier, die Schnurrbrte fremder Reitersmnner zu sehen.
    Jetzt zogen die Klosterbrder heran; es war ein seltsamer Anblick: die
meisten in Wehr und Waffen, Litanei betend andere, den Sarg des heiligen Marcus
tragend, der Abt mit Ekkehard und den Zglingen der Klosterschule - betrbt
schauten sie noch einmal nach der langjhrigen Heimat, dann stiegen sie zu
Schiffe.
    Wie sie aber in den See ausfuhren, huben alle Glocken an zu tnen, der
bldsinnige Heribald lutete ihnen den Abschiedsgru; dann erschien er auf den
Zinnen des Mnsterturmes: Domonus vobiscum! rief er mit starker Stimme herab
und in gewohnter Weise antwortete da und dort einer: Et cum spiritu tuo!
    Ein scharfer Luftzug kruselte die Wellen des Sees. Erst vor kurzem war er
aufgefroren, noch schwammen viel schwere Eisblcke drin herum und die Schiffe
hatten groe Mhe, sich durchzuarbeiten.
    Geduckt sahen die Mnche, die den Sarg des heiligen Marcus hteten,
etlichemal schlug die Woge zu ihnen herein, aber aufgerichtet und keck stand Abt
Wazmanns hohe Gestalt, die Kapuze flatterte im Winde.
    Der Herr geht vor uns her, sprach er, wie er in der Feuersule vor dem
Volk Israel ging; er ist mit uns auf der Flucht, er wird mit uns sein auf
frhlicher Rckkehr! ...
    In Heller Mondnacht stieg der Reichenauer Mnche Schar den Berg von
Hohentwiel hinaus. Fr Unterkunft war gesorgt. In der Burg Kirchlein stellten
sie den Sarg ihres Heiligen ab; sechs der Brder wurden zu Wacht und Gebet bei
ihm befehligt.
    Der Hofraum ward in den nchsten Tagen zum frhlichen Heerlager. An
aufgebotenen Dienstmannen lagen schon etliche hundert oben, der Reichenauer
Zuzug brachte einen Zuwachs von neunzig streitbaren Mnnern. Emsig ward
geschafft an allem, was des baldigen Kampfes Notdurft heischte. Schon eh' die
Sonne aufstieg, weckte der Schmiede Gehmmer die Schlfer. Pfeile und
Lanzenspitzen wurden gefertigt; beim Brunnen im Hofe stand der groe
Schleifstein, dran wetzten sie die rostigen Klingen. Der, alte Korbmacher von
Weiterdingen war auch herausgeholt worden, der sa mit seinen Buben unter der
Linde, die langen, zu Schilden zugeschnittenen Bretter bersponnen sie mit
hartem Flechtwerk von Weidengezweig, dann ward ein gegerbtes Fell darber
genagelt: der Schild war fertig. Am lustigen Feuer saen andere und gossen Blei
in die Formen zu spitzem Wurfgescho fr die Schleuder, - eschene Knittel und
Keulen wurden in den Flammen gehrtet163: Wenn der an eines Heiden Schdel
anklopft, sprach Rudimann und schwang den Prgel, so wird ihm aufgetan!
    Wer frher schon im Heerbann, gedient sammelte sich um Simon Bardo, den
griechischen Feldhauptmann. Zu euch nach Deutschland mu einer gehen, wenn er
seine greisen Tage in Ruhe verleben will, hatte er scherzend zur Herzogin
gesagt. Der Waffenlrm aber strkte sein Gemt wie alter Rheinwein und richtete
ihn auf; mit scharfer Sorge lie er die Unerfahrenen sich in den Waffen ben,
des Burghofs Pflaster widerhallte vom schweren Schritt der Mnche, die in
geschlossenen Reihen des Speerangriffs unterwiesen wurden. Wnde knnt' man mit
euch einrennen, sprach der Alte Beifall nickend, wenn ihr einmal warm geworden
seid.
    Wer von den Jngern eines sichern Auges und beweglicher Knochen sich
erfreute, ward den Pfeilschtzen zugeteilt. Fleiig bten sie sich. Heller Jubel
klang einmal von des Hofes anderem Ende zu den Speertrgern herber: das lose
Volk hatte einen Strohmann angefertigt, eine Krone von Eulenfedern im Haupt,
eine sechsfltige Peitsche in der Hand, einen roten Lappen in Herzform auf der
Brust, war er ihre Zielscheibe.
    Der Hunnen Knig Etzel, riefen die Schtzen, wer trifft ihn ins Herz?
    Spottet nur, sprach Frau Hadwig, die vom Balkon herab zuschaute; hat ihn
auch in schlimmer Brautnacht der Schlag darnieder gestreckt, so geht sein Geist
fort und fort mchtig durch die Welt; die nach uns kommen, werden noch an ihm zu
beschwren haben.
    Wenn sie nur auch so scharf auf ihn schieen, wie die da unten! sagte
Praxedis - und Halloruf klang vom Hofe herauf, der Strohmann wankte und fiel,
ein Pfeil hatte das Herz getroffen.
    Ekkehard kam in den Saal herauf. Er war wacker mitmarschiert, sein Antlitz
glhte, der ungewohnte Helm hatte einen roten Streif auf der Stirn
zurckgelassen. In der Erregung des Tages verga er seine Lanze drauen
abzustellen. Mit Wohlgefallen sah Frau Hadwig auf ihn; es war nicht mehr der
zage Lehrer der Grammatik ... Er neigte sich vor seiner Gebieterin: Die
Reichenauer Mitbrder im Herrn, sprach er, lassen melden, da sich Durst in
ihren Reihen eingestellt.
    Frau Hadwig lachte. Lat eine Tonne khlen Bieres im Hof aufstellen; bis
die Hunnen wieder heimgejagt sind, soll unser Kellermeister keine Klage ber
Verschwinden seiner Fsser fhren.
    Sie deutete auf das strmische Treiben im Burghof:
    Das Leben bringt doch mannigfachere Bilder als alle Poeten, sprach sie zu
Ekkehard; - auf solchen Wandel der Dinge wart Ihr nicht vorbereitet?
    Aber Ekkehard lie seinem teuern Virgilius nicht zu nahe treten.
    Erlaubet, sprach er, auf seinen Speer gelehnt, es steht alles wortgetreu
in der ns vorgezeichnet, als wenn es nichts Neues unter der Sonne geben sollt!
Wrdet Ihr nicht glauben, Virgilius sei hier auf dem Sller gestanden und habe
hinabgeschaut ins Getmmel, wie er vom Beginn des Krieges in Latium sang:

    Dort wird gehhlt dem Haupte der Schirm - dort flechten sie wlbend
    Weidener Schilde Verband - dort ziehn sie den ehernen Harnisch,
    Dort hellblinkende Schienen aus zhem Silber gehmmert.
    Sichel und Schar wird jetzo entehrt, und die Liebe des Pfluges
    Weicht - um schmiedet die Esse verrostete Klingen der Vter.
    Hornruf schmettert durchs Land und es geht die kriegerische Losung164.

    Das pat freilich gut, sprach Frau Hadwig. Knnt Ihr auch den Gang des
Streites aus Eurem Heldenbuche vorhersagen? wollte sie noch fragen, aber in
Zeiten des Durcheinander ist nicht gut ber Dichtungen sprechen. Der Schaffner
war eingetreten. Das Fleisch sei aufgezehrt bis auf den letzten Bissen,
lautete sein Bericht, ob er zwei Ochsen schlachten drfe ...
    Nach wenig Tagen war Simon Bardos Mannschaft so geschult, da er sie der
Herzogin zur Musterung vorfhren konnte. Es war auch Zeit, da sie ihre Zeit
nutzten; schon waren sie die verflossene Nacht aufgestrt worden, eine helle
Rte stand am Himmel fern berm See, wie eine feurige Wolke hielt sich das
Brandzeichen etliche Stunden lang, es mochte weit in Helvetien drben sein. Die
Mnche stritten miteinand; es sei eine Erscheinung am Himmel, sagten die einen,
ein feuriger Stern zur Warnung der Christenheit. Es brennt im Rheintal, sprachen
andere: ein Bruder, der mit feinerer Nase begabt war, behauptete sogar den
Brandgeruch zu spren. Erst lang' nach Mitternacht erlosch die Rte.
    Auf des Berges sdlichem Abhang war eine mig weite Halde, die ersten
Frhlingsblumen blhten drauf, in den Talmulden lag noch alter Schnee; das
sollte der Platz der Musterung sein. Hoch zu Rosse sah Frau Hadwig, bei ihr
hielten wohlgerstet etliche Edelknechte, die zum Aufgebot gestoen waren, der
von Randegg, der von Hoewen und der drre Fridinger; der Reichenauer Abt sah
stolz auf seinem Zelter, ein wohlberittener Mann Gottes165; Herr Spazzo, der
Kmmerer, bemhte sich, es ihm an Haltung und Bewegung gleich zu tun, denn sein
Gebaren war vornehm und ritterlich. Auch Ekkehard sollte die Herzogin begleiten,
es war ihm ein Ro vorgefhrt worden; allein er hatte es abgelehnt, da kein
Neid entstnde unter den Mnchen.
    Jetzt tat sich das uere Burgtor knarrend auf, und die Scharen zogen herab.
Voraus die Bogen- und Armbrustschtzen; lustige Klnge erschallten, ernsten
Antlitzes schritt Audifax als Sackpfeifer mit den Hornisten, in geschlossenem
Zug ging's vorbei. Dann lie Simon Bardo ein Signal blasen, da lsten sich ihre
Glieder und schwrmten aus wie ein wilder Wespenschwarm und hielten Busch und
Hecken besetzt.
    Dann kam die Kohorte der Mnche, festen Schrittes, in Helm und Harnisch, die
Kutte drber, den Schild auf dem Rcken, den Spie gefllt: eine sturmgewaltige
Schar; hoch flatterte ihr Fhnlein, ein rotes Kreuz im weien Feld. Pnktlich
marschierten sie, als wr' es seit Fahren ihr Handwerk - bei starken Menschen
ist auch die geistige Zucht gute Vorbung zum Kriegerstand. Nur einer am linken
Flgel vermochte nicht Schritt zu halten, seine Lanze ragte uneben aus der
geraden Reihe der andern: 's ist nicht seine Schuld, sprach Abt Wazmann zur
Herzogin, er hat in Zeit von sechs Wochen ein ganz Mebuch abgeschrieben, da
flog ihm der Schreibkrampf in die Finger.
    Ekkehard schritt auf dem rechten Flgel; wie sie an der Herzogin
vorberkamen, traf ihn ein Blick aus den leuchtenden Augen, der kaum der ganzen
Schar gegolten.
    In drei Haufen folgten die Dienstmannen und aufgebotenen Heerbannleute;
mchtige Stierhrner wurden geblasen, seltsam Rstzeug kam zum Vorschein, manch
ein Waffenstck war schon in den Feldzgen des groen Kaiser Karl eingeweiht
worden, mancher aber trug auch einen mchtigen Knittel und sonst nichts.
    Herr Spazzo hatte indes scharfen Auges in das Tal hinuntergeschaut. 's ist
gut, da wir gerade beisammen sind, ich glaub', 's gibt Arbeit! sprach er und
deutete hinber in die Tiefe, wo die Dcher des Weilers Hilzingen hinter
hgeligen Grnden aufstiegen. Ein dunkler Streif zog sich heran ... Da hie Herr
Simon Bardo seine Heerschar halten und sphte nach der Richtung: Das sind keine
Hunnen, sie kommen unberitten. Zu grerer Frsicht aber hie er seine
Bogenschtzen den Abhang des Berges besetzen.
    Aber wie der fremde Zug nher rckte, ward auch in ihren Reihen des heiligen
Benedikt Ordensgewand sichtbar, ein glden Kreuz ragte als Standarte aus den
Lanzen, Kyrie eleison! klang ihre Litanei den Berg herauf ... Meine Brder!
rief Ekkehard, da lsten sich die Glieder der Reichenauer Kohorte, sie rannten
den Berg hinunter mit strmischem Jubelschrei - wie sie aneinander waren,
berall freudiges Umarmen: Wiedersehen in Stunde der Gefahr ringt dem Herzen ein
frhlicher Jauchzen ab denn sonst.
    Arm in Arm mit den Reichenauern stiegen die fremden Gste den Berg empor,
ihren Abt Cralo an der Spitze; auf schwerflligem Ochsenwagen in der Nachhut
fhrten sie den blinden Thieto mit. Gott zum Gru, erlauchte Frau Base, sprach
Abt Cralo und neigte sich vor ihr; wer htt' vor eines halben Jahres Frist
gedacht, da ich mit dem gesamten Kloster Euren Besuch erwidern wrde? Aber der
Gott Israels spricht: ausziehen la mein Volk, auf da es mir getreu bleibe!
    Frau Hadwig reichte ihm bewegt vom Rosse herab die Hand. Zeiten der
Prfung! sprach sie. Seid willkommen!
    Verstrkt durch die neuen Ankmmlinge zog die Hohentwieler Heerschar in der
Burg schirmende Mauern zurck. Praxedis war in den Hof heruntergestiegen. Bei
der Linde stand sie und schaute auf die einziehenden Mnner; schon waren die von
Sankt Gallen alle im Hofraum versammelt, unverwandt schaute sie nach dem Tor,
als msse noch einer nachkommen; doch der, den ihr Blick suchte, war nicht unter
denen, die da kamen.
    In der Burg ging es an ein Einrichten und Unterbringen der Gste. Der Raum
war sprlich gemessen. Im runden Hauptturm war eine lustige Halle, dort wurde
mit aufgeschttetem Stroh fr notdrftig Nachtlager gesorgt. Wenn das so
fortgeht, hatte der Schaffner gebrummt, der bald nicht mehr wute, wo ihm der
Kopf stand, so haben wir bald die ganze Pfaffheit Europas auf unserem Fels
beisammen.
    Kche und Keller gaben, was sie hatten.
    Unten saen Mnche und Kriegsleute bei lrmender Mahlzeit. Frau Hadwig hatte
die beiden bte und wer von edeln Gsten sich bei ihr eingefunden, in ihrem
Saale vereinigt; es war viel zu besprechen und zu beraten, ein Summen und
Schwirren von Frag' und Antwort.
    Da erzhlte Abt Cralo die Geschicke seines Klosters166.
    Diesmal, sprach er, ist uns die Gefahr schier bers Haupt gewachsen. Kaum
ward von den Hunnen gesprochen, so tnte der Boden schon vom Hufe ihrer Rosse.
Itzt galt's. Die Klosterschule hab' ich in die feste Verschanzung von Wasserburg
geschickt, Aristoteles und Cicero werden eine Zeitlang Staub ansetzen, die
Jungen mgen Fische im Bodensee fangen, wenn's nicht noch schrfere Arbeit gibt,
die alten Professoren sind zu rechter Zeit mit ihnen bers Wasser. Wir aber
hatten uns ein festes Kastell als Unterschlupf hergerichtet; wo der Sitterbach
durch tannbewaldet enges Tal schumt, war ein trefflich Pltzlein,
waldabgeschieden, als wenn keine heidnische Sprnase den Pfad jemals finden
sollt', dort bauten wir ein festes Haus mit Turm und Mauer und weihten es der
heiligen Dreieinigkeit - mg' sie ihm frder ihren Schutz leihen!
    Noch war's nicht unter Dach und Fach, da kamen schon die Boten vom See:
Flieht, die Hunnen sind da! und vom Rheintal kamen andere: Flieht! war die
Losung, der Himmel rot von Brand und Wachtfeuer, die Luft erfllt vom
Wehgeschrei flchtender Leute und Knarren enteilenden Fuhrwerks. Da zogen wir
aus. Gold und Kleinodien, Sankt Gallus' und Sankt Othmars Sarg und Gebein, der
ganze Schatz ward noch sicher geborgen, die Bcher haben die Jungen nach der
Wasserburg mitgenommen - aber an Essen und Trinken ward nicht viel gedacht, nur
schmaler Mundvorrat war in die Waldburg geschafft; eiligst flohen wir dorthin.
Erst unterwegs merkten die Brder, da wir Thieto, den Blinden, im Winkel der
Alten vergessen, aber keiner ging mehr zurck, der Boden brannte unter den
Fen. So lagen wir etliche Tage still im tannversteckten Turm, oftmals
nchtlich sprangen wir zu den Waffen, als stnde der Feind vor dem Tor, aber es
war nur der Sitter Rauschen oder des Windes Strich in den Tannenwipfeln. Einmal
aber rief's mit heller Stimme um Einla. Verscheucht und todmd' kam Burkard,
der Klosterschler. Aus Freundschaft zu Romeias, dem Wchter am Tor, war er
zurckgeblieben, wir hatten des nicht wahrgenommen. Er brachte schlimme Kunde;
vom Schreck, den er erlebt, waren etliche Haare auf dem jungen Haupte ber Nacht
grau geworden.
    Abt Cralos Stimme wollte zittern. Er hielt an und trank einen Schluck
Weines. Der Herr sei allen christglubigen Abgestorbenen gndig, fuhr er
bewegt fort, sein Licht leuchte ihnen, er lasse sie ruhen in Frieden!
    Amen! sprachen die Tischgenossen. Wen meint Ihr? fragte die Herzogin.
Praxedis war aufgestanden, sie trat hinter ihrer Gebieterin Lehnstuhl, lauschend
hing ihr Blick an des Erzhlers Lippen.
    Erst wenn einer tot ist, merken die Zurckgebliebenen, was er wert war,
sprach Cralo und nahm den Faden wieder auf: Romeias, der trefflichste aller
Wchter, war nicht mit uns ausgezogen. Will meinen Posten halten bis zum Schlu,
hatte er gesagt; des Klosters Zugnge verschlo er, schaffte in sichern
Versteck, was wegzuschaffen war, und machte die Runde um die Mauern, Burkard,
der Klosterschler, mit ihm; dann hielt er gewaffnet Wacht in seiner Turmstube.
Da kam der helle Haufen hunnischer Reiter vor die Mauern geritten, vorsichtig
schwrmend; Romeias tat die blichen Hornste, dann sprang er nach der
Ringmauer anderem Ende und stie abermals ins Horn, als wr' alles wohl gehtet
und besetzt: jetzt ist's Zeit zum Abzug! sprach er zum Schler. Einen alten
welken Strau hatte er an den Eisenhut gesteckt, erzhlte Burkard, da gingen die
zwei zum blinden Thieto hinber, der wollte den Winkel der Alten nimmer
verlassen, sie aber setzten ihn auf zwei Speere und trugen ihn fort - zum
hinteren Pfrtlein hinaus, das Schwarzatal aufwrts fliehend.
    Schon waren die Hunnen von den Rossen gestiegen und kletterten ber die
Mauern; wie sich nichts regte, schwrmten sie ein wie die Mcken auf den
Honigtropfen, aber Romeias ging gelassenen Schrittes mit seiner greisen Brde
bergan. Niemand soll vom Klosterwchter sagen, da er struppigen Heidenhunden
zulieb einen Trab angeschlagen - so sprach er seinem jungen Freunde Mut zu. Aber
bald waren ihm die Hunnen auf der Fhrte, wild Geschrei erscholl durch die
Talschlucht, - wieder ein Stck weit, da pfiffen die ersten Pfeile. So kamen sie
bis an den Felsen der Klausnerinnen. Dort aber staunte selbst Romeias. Als wr'
nichts geschehen, tnte ihnen Wiborads dumpfes Psalmodieren entgegen. In
himmlischer Erscheinung war ihr Not und Tod geoffenbart worden, selbst der
fromme Gewissensrat Waldram vermochte ihren Sinn nicht zur Flucht zu wenden.
Meine Zelle ist das Schlachtfeld, wo ich gegen der Menschheit alten Feind
gestritten, ein Streiter Gottes deckt's mit seinem Leibe167, so sprach sie und
verharrte in der Wildnis, als alles entwich.
    Die Waldburg war nimmer zu erreichen, da suchte Romeias das abgelegenste
Huslein aus. Auf den Fels tretend lie er den blinden Thieto sorglich durchs
Dach hinab, er kte den Greisen, eh' er sich von ihm wandte - dann hie er den
Klosterschler sich auf die Flucht machen: es knnt' mir was Menschliches
zustoen; sag' denen in der Waldburg, da sie nach dem Blinden sehen. Vergeblich
flehte Burkard zu ihm und zitierte den Nisus und Euryalus, die auch vor der
bermacht volskischer Reiter in nchtiges Waldesdunkel geflohenA4. Ich mt' zu
schnell laufen, sprach Romeias, Erhitzung ist ungesund und schafft
Brustschmerzen, ich mu ein Wrtlein mit den Shnen des Teufels reden.
    Er ging an Wiborads Zelle und klopfte an den Laden. Reich' mir die Hand,
alter Drache, rief er hinein wir wollen Friede machen! und Wiborad streckte ihm
ihre verwelkte Rechte hinaus ... dann wlzte Romeias etliche Felsblcke an des
steilen Pfades Ausgang, so da der Zutritt von der Schwarzaschlucht gesperrt
war, nahm den Schild vom Rcken und richtete die Speere; mit wehendem Haupthaar
stand er in der Umwallung und blies noch einmal auf dem groen Wchterhorn, erst
zrnend und kampfschnaubend, dann weich und snftlich, bis ein Pfeil in des
Hornes Krmmung hineingellte. Ein Regen von Geschossen berdeckte ihn und
spickte seinen Schild, er schttelte sie ab; da und dort klomm einer der Hunnen
auf die Nagelfluhfelsen, ihm beizukommen, Romeias' Speerwurf holte sie herunter,
- der Angriff mehrte sich, wild toste der Kampf, aber unverzagt sang Wiborad
ihren Psalm:
    Vertilge sie im Grimm, o Herr, vertilge sie, da sie nicht mehr sind, damit
man erkenne, da Gott ber Israel herrsche bis an die Grenzen der Erde, Sela ...
    Soweit hatte Burkard des Kampfes Verlauf mit angeschaut, dann wandte er sich
zur Flucht. Da wurden wir in der Waldburg sehr betrbt und schickten noch in der
Nacht eine Schar aus, nach dem blinden Thieto zu schauen. Es war still auf dem
Hgel der Klausnerinnen, wie sie heranschlichen; der Mond leuchtete auf die
Krper erschlagener Hunnen, da fanden die Brder ...
    Ein lautes Schluchzen unterbrach den Erzhler. Praxedis hielt sich mhsam an
der Herzogin Lehnstuhl und weinte bitterlich.
    ... Da fanden sie, fuhr der Abt fort, des Romeias verstmmelten Leichnam;
sein Haupt hatten die Feinde abgehauen und mitgeschleppt, er lag auf seinem
Schild, den welken Strau, seine Helmzier, krampfhaft geballt in der Rechten.
Gott hab ihn selig: wes Leib mit Treuen ein Ende nimmt, ein solcher dem
Himmelreich geziemt! An Wiborads Laden klopften sie vergeblich, die Ziegel am
Dach ihrer Klause waren zertrmmert, da stieg einer aufs Dach und schaute hinab,
vor dem kleinen Altar der Zelle lag die Klausnerin in ihrem Blut, drei
Schwerthiebe klafften auf dem Scheitel, der Herr hat sie gewrdigt, unter den
Streichen der Heiden des Martyriums Krone zu erringen.
    Die Anwesenden schwiegen bewegt. Auch Frau Hadwig war gerhrt.
    Ich hab' Euch der Seligen Schleier mitgebracht, sprach Cralo, geweiht vom
Blut ihrer Wunden, Ihr mgt ihn in der Kapelle der Burg aufhngen. Nur Thieto,
der Blinde, war unverletzt geblieben: unentdeckt vom Feind schlummerte er in der
Klause am Fels. Ich hab' getrumt, es sei ein ewiger Friede ber die Welt
gekommen, sprach er zu den Brdern, wie sie ihn weckten.
    Aber im abgelegenen Sittertal blieb's nimmer lang' still; die Hunnen fanden
den Weg zu uns: das war ein Schwrmen und Pfeifen und Grunzen, wie's der
Tannwald noch nie gehrt. Unsere Mauern waren fest und unser Mut stark, doch
hungrige Mnner werden des Velagertseins unlustig, vorgestern war unser Vorrat
aufgezehrt; wie es dunkelte, sahen wir die Rauchsule aufsteigen vom Brand
unseres Klosters; da brachen wir nchtlicherweile durch den Feind, der Herr war
mit uns und bahnte den Weg, unsere Schwerter halfen auch dazu: so sind wir zu
Euch gekommen ...
    Der Abt neigte sich gegen Frau Hadwig -
    ... heimatlos und verwaist wie Vgel, in deren Nest der Blitz geschlagen,
und bringen Euch nichts mit als die Kunde, da der Hunne, den Gott vernichten
mge, uns auf den Fersen nachfolgt ...
    Je eher er kommt, je besser! sprach der Reichenauer Abt trotzig und hob
seinen Becher.
    Sieg den tapfern Waffen der Streiter Gottes! sprach die Herzogin und stie
mit ihnen an.
    Und Rache fr den braven Romeias! sagte Praxedis leise mit Trnen im Aug',
wie der drre Fridinger sein Glas an das ihrige klingen lie.
    Es war spt geworden. Wilder Gesang und Kriegslrm erschallte noch im untern
Saal. Der junge Bruder, der von Mutina in Welschland nach der Reichenau gekommen
war, hatte sein Wchterlied wieder angestimmt.
    Die Gelegenheit zu ernster Tat sollte nicht lange mehr auf sich warten
lassen.

                                    Funoten


A1 Hufen Landes.

A2 Unverwundbar machendes Hemd, von reinen Jungfrauen in der Christnacht unter
besonderen Frmlichkeiten gesponnen.

A3 Bezeichnung fr groe Lastschiffe auf Bodensee und Rhein (gewhnlich Ldine,
Einzahl Ldi zu laden ).

A4 Nisus und Euryalus, durch hingebende Freundestreue ausgezeichnet, ziehen
sich, nachdem sie im Lager der Feinde Heldentaten verrichtet haben, zurck
(neis, Buch 9, Vers 366); spter wird Nisus von den Reitern des Volscens
gettet; Volscens erliegt dem rchenden Schwert des selbst tdlich verwundeten
Euryalus.


                              Dreizehntes Kapitel.

                           Heribald und seine Gste.

Auf der Insel Reichenau war's still und de, nachdem des Klosters Insassen
abgezogen. Der bldsinnige Heribald war Herr und Meister des Eilands. Er gefiel
sich in seiner Einsamkeit. Stundenlang sa er am Seeufer und warf flache
Kieselsteine ber die Wellen, da sie drauf tanzten. Wenn sie gleich anfangs
untersanken, schalt er sie.
    Mit den Hhnern im Hof pflog er manchen Zwiespruch, er ftterte sie
pnktlich. Wenn ihr brav seid, sprach er einmal, und wenn die Brder nicht
heimkommen, so wird euch Heribald eine Predigt halten. Im Kloster trieb er
allerhand Kurzweil - an einem Tag der Einsamkeit lassen sich gar mancherlei
ntzliche Gedanken aushecken - der Camerarius hatte ihn gergert, da er ihm
sein Leder zum Schuhwerk geweigert, da ging Heribald auf des Camerarius Zelle,
seinen groen steinernen Wasserkrug schlug er in Trmmer, die drei Blumentpfe
desgleichen und trennte den Strohsack auf des Camerarius Nachtlager entzwei und
fllte ihn mit den Scherben. Dann versuchte er, wie sich darauf liege: der harte
Inhalt war scharf zu verspren - da lchelte er zufrieden und ging in des Abt
Wazmann Gemcher.
    Auch dem Abte war er gram, dieweil er ihm manche Zchtigung zu verdanken
hatte, aber es war alles wohl aufgerumt und in Verschlu getan, da blieb ihm
nichts brig, als dem gepolsterten Lehnstuhl einen Fu abzuschlagen. Er fgte
ihn wieder knstlich an, als wre nichts geschehen. Das wird anmutig mit ihm
zusammenbrechen, wenn er heimkommt und sich bequemlich niederlassen will. Den
Leib sollst du zchtigen, sagt der heilige Benedikt. Aber Heribald hat den
Stuhlfu nicht abgeschlagen, das haben die Hunnen getan ...
    Gebet, Andacht und Psalmensingen verrichtete er, wie des Ordens Regel gebot.
Die sieben Tageszeiten hielt der Einsame ngstlich ein, als mcht' er gestraft
werden ob deren Versumnis, auch zur Vigilie stieg er nach Mitternacht hinunter
in die Klosterkirche.
    Zur Zeit, als seine Mitbrder auf der Herzogsburg mit den Sankt Gallischen
zechten, stand Heribald im Chor; unheimlich Grauen der Nacht lag ber der Halle,
dster flackerte die ewige Lampe: er aber stimmte unverdrossen und mit Heller
Stimme den Eingangsvers an: Herr, neige dich zu meinem Beistand! Herr, eile
heran zu meiner Hilfe! und sang den dritten Psalm, den einst David gesungen, da
er floh vor Absalom, seinem Sohn. Wie er an die Stelle kam, wo bung des
Psallierens gem die Antiphonie ertnen sollte, hielt er nach alter Gewohnheit
an und wartete des Gegengesangs, aber es blieb ruhig und stumm; da fuhr er mit
der Hand nach der Stirn. Ja so, sprach der Bldsinnige, sie sind fort und
Heribald ist allein ... Jetzt wollte er auch noch den vierundneunzigsten Psalm
singen, wie es die Vorschrift nchtlichen Horadienstes erheischte, da erlosch
die ewige Lampe, eine Fledermaus war drber hingestreift. Drauen Regen und
Sturm. Schwere Tropfen fielen auf das Dach der Kirche und schlugen an die
Fenster, da ward's ihm unheimlich zu Mut: Heiliger Benedikt, rief er, nimm
ein gndig Einsehen, da Heribald nicht schuld ist, wenn die Antiphonie
ungesungen blieb. Er schritt in der Dunkelheit aus dem Chor; ein schriller Wind
pfiff durch ein Fensterlein der Krypta unter dem Hochaltar, ein heulender Ton
kam heraus. Wie Heribald vorwrts ging, fate ein Luftzug sein Gewand: Bist du
wieder da, hllischer Versucher? rief er, mu wieder gefochten sein168?
    Unverzagt schritt er zum Altar und fate ein hlzern Kreuz, das der Abt
nicht hatte wegnehmen lassen: Im Namen der Dreieinigkeit, komm heran, Larve des
Satans, Heribald erwartet dich! Festen Mutes stand er an des Altares Stufen,
der Wind heulte fort, der Teufel blieb aus ... Er hat noch genug vom
letztenmal! sprach der Bldsinnige lchelnd. Vor Jahresfrist war ihm der bse
Feind erschienen in Gestalt eines groen Hofhundes und hatte ihn angebellt, aber
Heribald hatte ihn bestanden mit einer Stange und ihm mit so tapfern Hieben
zugesetzt, da die Stange zerbrochen war ...
    Da rief Heribald noch eine Auslese beleidigender Reden nach der Richtung
hin, wo der Luftzug sthnte; wie sich aber nichts nahte, ihn anzufechten,
stellte er das Kreuz wieder auf den Altar, beugte sein Knie und ging, Kyrie
eleison murmelnd, in seine Zelle zurck. Bis in den hellen Morgen hinein schlief
er dort den Schlaf des Gerechten.
    Die Sonne stand hoch am Himmel, da wandelte Heribald vergnglich vor dem
Kloster auf und nieder. Seit da er sich von den Schulbnken weg der Vakanz
hatte erfreuen mgen, war ihm wenig Gelegenheit zum Ausruhen mehr geworden. Ruhe
ist der Seele grte Feindin! hatte Sankt Benedikt gesagt und darum seinen
Schlern streng vorgeschrieben, die Stunden des Tages, die nicht der Andacht
galten, mit Arbeit der Hnde auszufllen. Heribald war keiner Kunst oder
Handwerksgriffe kundig, darum hatten sie ihn zum Holzspalten und hnlich
nutzbringender Ttigkeit angehalten - jetzt aber schritt er, die Arme gekreuzt,
an den aufgebeugten Scheitern vorber und schaute lchelnd nach einem
Klosterfenster hinauf: So komm doch herunter, Vater Rudimann! rief er, und
halte den Heribald zum Holzhauen an! Du hast ja so trefflich Aufsicht gehalten
ber die Brder und den Heribald so oft einen unntzen Knecht Gottes gescholten,
wenn er den Wolken nachschaute, statt die Axt zu fhren, warum tust du nicht,
was deines Amtes?
    Kein Echo gab dem Bldsinnigen Antwort; da zog er von den Scheitern der
untersten einige heraus, rasselnd strzte die hochgeschichtete Beuge zusammen:
Fallet nur, fuhr er im Selbstgesprch fort, Heribald macht Feiertag heut und
setzt nichts wieder auf. Der Abt ist durchgegangen, die Brder sind
durchgegangen, es geschieht ihnen recht, wenn alles zusammenstrzt.
    Nach solch lblicher Verrichtung wandte sich Heribald zum Klostergarten.
Eine anderweite Erwgung beschftigte seinen Geist: er gedachte ein paar
liebliche Stcke Salates zu seinem Mittagsmahl zu schneiden und sie feiner
zuzubereiten, als in Anwesenheit des Pater Kchenmeister je geschehen wre.
Lockend malte er sich die Arbeit aus, wie er das lkrglein sonder Schonung
angreifen und der grten Zwiebeln einige mitleidslos zerschneiden wollte: da
wirbelte drben am weisandigen Ufer eine Staubwolke auf, Gestalten von Ro und
Reitern wurden sichtbar ...
    Seid ihr schon da? sprach der Mnch und schlug ein Kreuz, seine Lippen
bewegten sich zu einem hastigen Gebete; aber bald lag die gewohnte Miene
zufriedenen Lchelns wieder auf seinem Antlitz.
    Fremden Wanderern und Pilgersmnnern soll am Tor des Gotteshauses ein
christlicher Bescheid erteilt werden169, murmelte er, - ich werde sie
erwarten.
    Ein neuer Einfall flog itzt durch sein Gemt; er fuhr mit der Hand ber die
Stirn: Bin ich nicht in der Klosterschule ber den Geschichten des Altertums
gesessen und hab' gehrt, wie die rmischen Senatoren der senonischen Gallier
Einbruch erwartet? Den Mantel umgeschlagen, den Elfenbeinszepter in der Faust,
saen die Greise in ihren Sthlen, unbewegten Auges, wie eherne Gtzenbilder:
der lateinische Lehrer soll uns nicht umsonst vorgepredigt haben, das sei ein
wrdiger Empfang gewesen! Heribald kann's auch!
    ... Gelinder Bldsinn ist dann und wann eine neidenswerte Mitgift frs
Leben: was andere, schwarz schauen, scheint ihm blau oder grn, zickzackig ist
sein Pfad, aber von den Schlangen, die im Gras lauern, merkt er nichts, und ber
den Abgrund, in den der weise Mann regelrichtig hineinstrzt, stolpert er
hinber sonder Ahnung der Gefahr ... Ein kurulischer Stuhl war zur Zeit im
Kloster nicht vorhanden. Heribald schob einen mchtigen Eichstamm an die Pforte,
die in Hof fhrte. Zu was Zweck und Nutzen haben wir die weltliche Geschichte
gelernt, so wir keinen guten Rat draus schpfen? murmelte er, setzte sich
gelassen auf seinen Block und wartete der Dinge, die da kommen sollten.
    Drben am nahen Seeufer hielt ein Trupp Reiter; die Zgel in Arm
geschlungen, den Pfeil auf der Bogensehne, waren sie sphend herangesprengt, der
hunnischen Heerschar Vortrab. Wie kein Hinterhalt aus dem weidenumbuschten Ufer
vorbrach, hielten sie die Rosse eine Weile an zum Verschnaufen; der Pfeil ward
in den Kcher gelegt, der krumme Sbel mit den Zhnen gefat, die Sporen
eingepret - so ging's in den See. Hurtig arbeiteten sich die Rosse durch die
blauen Wogen, - itzt war der vorderste am Land und sprang vom Gaul und
schttelte sich dreimal wie ein Pudel, der vom khlen Bad zurckkommt; mit
schneidigem Hurraruf zogen sie in der schweigenden Reichenau ein.
    Wie in Stein gehauen sa Heribald und schaute unverzagt den seltsamen
Gestalten entgegen. Nachdenken ber vollendete menschliche Schnheit hatte ihm
noch keine schlaflose Nacht verursacht, aber was jetzt auf ihn zukam, deuchte
ihn so hlich, da er ein langgedehntes: Erbarme dich unser, o Herr, nach
deiner Barmherzigkeit Gre! nicht zu unterdrcken vermochte.
    In den Sattel gebckt saen die fremden Gste, aus Tierfellen das Gewand,
hager, drr und klein die Gestalt, viereckig der Schdel, das Haar steif
struppig herabhngend; gelb glnzte das unfertige Gesicht, als wr' es mit Talg
gesalbt; - der vordersten einer hatte durch freiwilligen Einschnitt seinen
aufgeworfenen Mund um ein Erkleckliches nach den Ohren hin verlngert;
verdchtig schauten sie aus den kleinen tiefliegenden Augen in die Welt hinaus.
    Ebensogut knnt' man statt eines Hunnen einen Lehmklumpen halb viereckig in
den Hnden formen, etwas wie eine Nase dran aufstlpen und das Kinn einschlagen,
dachte Heribald: da standen sie vor ihm. Er verstand ihre zischende Sprache
nicht und lchelte ruhig, als ging' ihn die ganze Bande nichts an. Sie starrten
eine Zeitlang verwundert auf den nrrischen Gesellen, wie die Mnner kritischen
Handwerks auf einen neuen Poeten, von dem noch nicht klar, in welchem Schubfach
vorrtiger Urteile sie ihn unterbringen sollen. Itzt erschaute einer die
kahlgeschorene Stelle auf Heribalds Haupt und deutete mit dem krummen Sbel
drauf hin, sie erhoben ein grinsendes Gelchter, einer griff nach Bogen und
Pfeil und legte auf den Mnch an, da ging Heribalds Geduld aus, ein Anflug
germanischen Stolzes gegenber solchem Gesindel kam ber ihn: Bei der Tonsur
des heiligen Benedikt, rief er aufspringend, die Krone meines Hauptes soll
kein Heidenhund lstern! er fiel dem vordersten in die Zgel, ri ihm den
krummen Sbel von der Seite, kampfbereit wollte er sich aufpflanzen ... aber
schneller denn der Blitz hatte ihm der Hunnen einer eine starke Schlinge bers
Haupt geworfen und ri ihn nieder; sie strzten ber ihn her, knebelten seine
Hnde auf den Rcken: schon waren todbringende Waffen geschwungen - da hub sich
ein fernes Gesumm und Getse wie von einer mchtig heranrckenden Schar, das zog
die Reiter von dem Bldsinnigen ab, sie warfen ihn als wie einen Sack gebunden
zu seinem Eichstamm und jagten im Galopp zum Seeufer zurck.
    Der ganze Tro des hunnischen Heerhaufens war drben angelangt; die vom
Vortrab gaben durch gellend Pfeifen ein Zeichen hinber, da alles sicher; sie
ersphten an der Insel schilfbewachsenem Ende eine Furt, schier trocknen Fues
zu durchreiten, den Pfad wiesen sie ihren Gesellen. Itzt kam's herber gebraust
wie das wilde Heer, viele hundert Reitersmnner. An Augsburgs Wllen und des
Bischofs Gebet waren ihre vereinten Waffen zerstiebt170, itzt durchzogen sie
hordenweis das Land. An Gestalt, Antlitz und Art zu Pferd zu sitzen, glich einer
dem andern - bei rohen Nationen sind die Gesichtszge aller wie aus einem Gu,
da es der einzelnen Beruf, in der Masse aufzugehen, nicht von ihr sich
abzuheben.
    Da glnzten zwischen den Obstbumen und Gartenfeldern der Insel, wo sonst
der Mnch Brevier betend gewandelt, zum erstenmal des Hunnenheeres fremde
Waffen, schlangengleich wand sich der reisige Zug ber den schmalen Pfad vom
Festland herber, ein wildes Klingen, wie Zymbalschlag und Geigenton, zog mit
ihnen, es klang schrill und scharf wie Essig, denn der Hunnen Ohr war gro, aber
nicht feinfhlig, und zur Musika wurden nur die verwendet, die des Reiterdiensts
untchtig.
    Hoch ber dem Heerhaufen wallte die Fahne mit der grnen Katze im roten
Feld, bei ihr ritten etliche der Anfhrer, Ellaks und Hornebogs hervorragende
Gestalten.
    Ellak mit scharfer unhunnischer Nase, eine Cirkassierin war seine Mutter
gewesen, ihr dankte er das blasse, schier denkerartige Antlitz und den
durchbohrenden Blick; er war der leitende Verstand des Haufens; da die alte
Welt umgepflgt werden msse mit Feuer und Schwert, und da es besser Pflger
als Dung zu sein, seine Lebensberzeugung. Hornebog, schmal und schmchtig, das
schwarze Haupthaar auf beiden Seiten des Angesichts zu zwei groen einsamen
Locken zusammengedreht, drber einen glnzenden Helm mit weithin starrenden
Adlerflgeln, hunnischer Reiterkunst ein Vorbild; ihm war der Sattel Heimat,
Zelt und Palast, er scho den Vogel im Flug und trennte mit krummem Sbel ein
Haupt vom Rumpf im Vorbeisprengen. Im Halfter wiegte sich ruhig die sechsfltige
geknutete Peitsche, ein sinnig Symbol befehlshabender Gewalt.
    ber der Rosse Rcken hatten die Hauptmnner kstlich gewirkte Decken
hangen, auch Megewnder, ein lebendig Zeugnis, da sie schon anderwrts
Klosterbesuch abgestattet. In etlichen Wgen wurde die Kriegsbeute mitgefhrt;
groer Tro schlo den Zug.
    Auf maultiergezogenem Gefhrt bei den kupfernen Feldkesseln und anderweitem
Kchengert sa ein alt runzlig Weib. Sie hielt die Hand ber die Augen und
schaute gegen die Sonne, dort ragten die Bergkegel des Hegau herber, sie kannte
ihre Kuppen ... das Weib war die Waldfrau. Ausgetrieben von Ekkehard war sie in
die Fremde gezogen, Rache der Gedanke, mit dem sie des Morgens vom Schlafe
erwachte und des Abends sich niederlegte, so kam sie unstet wandernd vor
Augsburg, am Fu des Berges, drauf einst die Schwabengttin Zisa171 ihren
Holztempel gehabt, brannten der Hunnen Lagerfeuer: sie fand sich zu ihnen.
    Auf stattlichem Rappen ritt bei der Waldfrau ein Mgdlein, kurz
aufgeschrzt, in kecker Flle gesunden Reiterlebens, unter stumpfem Nslein ein
verfhrerisch Lippenpaar, die Augen funkelnd, das Haar zu einer wallenden
Flechte geschlungen, die von rotem Band durchwoben in der Luft flatterte wie
Wimpel eines Meerschiffs. ber das lose Mieder hing Bogen und Kcher, so
tummelte sie ihr Tier, eine hunnische Artemis. Das war Erica, das Heideblmlein,
sie war nicht hunnischen Stammes, in den Steppen Pannoniens hatten die Reiter
sie als ein verlassen Kind aufgelesen, und sie war mitgezogen und gro geworden,
ohne zu wissen warum: wen sie gern hatte, den streichelte sie, wer ihr mifiel,
den bi sie in den Arm. Botund, der alte Hunnenwachtmeister, hatte sie geliebt,
Irkund, der junge, schlug den Botund wegen des Heideblmleins tot, aber wie
Irkund sich ihrer Liebe erfreuen wollt' kam Zobolsu und tat ihm mit spitzer
Lanze denselben Dienst, den Irkund dem Botund ohne sein Ansuchen erwiesen - so
waren Ericas Schicksale mannigfalt, neue Wege, neue Lnder, neue Liebe, aber sie
war dem Reitertrupp zugewachsen, als wr' sie sein guter Geist, und stund in
aberglubischer Verehrung - solang' die Heideblume bei uns blht, besiegen wir
die Welt, sprachen die Hunnen, vorwrts!
    Bei der Klosterpforte lag indes Heribald, der Geknebelte. Seine
Betrachtungen waren traurig, eine groe Stechfliege summte um sein Haupt, mit
auf den Rcken gebundenen Hnden vermochte er nicht ihr zu wehren. Heribald hat
sich wrdig betragen, dachte er, wie ein alter Rmer ist er dagesessen, den
Feind zu empfangen, jetzt liegt er geknebelt auf dem Pflaster und die Fliege
sitzt ungescheut auf seiner Nase: das ist der Lohn fr das Wrdige! Heribald
wird zeitlebens nimmer wrdig sein! Unter Stachelschweinen ist Wrde ein gar
berflssig Ding!
    Wie ein Waldbach bei gehobener Schleuse wlzte sich jetzt der Hunnenzug in
den Klosterhof.
    Da ward's dem guten Heribald nimmer ganz geheuer: O Camerarius! fuhr er in
seinen Betrachtungen fort - und weigerst du mir das nchstemal auer dem
Schuhleder auch noch Hemd und Kutte, so flieh' ich doch, ein nackter Mann, von
dannen.
    Die vom Vortrab traten zu Ellak und meldeten, wie sie den einsamen Mnch
getroffen. Er winkte, ihn beizubringen, da lsten sie ihm den Strick, stellten
ihn aufrecht in den Hof und deuteten durch Faustschlge die Richtung nach dem
Anfhrer. Langsam schritt der Unglckliche vorwrts, er stie ein unwillig
Murren aus.
    Ein unsglich spttischer Zug flog ber des Hunnenfhrers Lippen, wie er vor
ihm stand; lssig lie er die Zgel ber des Rosses Hals hangen und wandte sich
rckwrts:
    Schau doch, wie ein Vertreter deutscher Kunst und Wissenschaft aussieht!
rief er zu Erica hinber. - Auf mehrfachen Raubzgen hatte Ellak notdrftig des
deutschen Landes Sprache erlernt. Wo sind die Bewohner der Insel? fragte er
gebieterisch.
    Heribald deutete nach dem fernen Hegau.
    Gewaffnet? fragte Ellak weiter.
    Die Diener Gottes sind stets gewaffnet, der Herr ist ihnen Schild und
Schwert.
    Gut gesagt! lachte der Hunne: Warum bist du zurckgeblieben? Heribald
ward verlegen. Den wahren Grund von wegen seiner zerrissenen Schuhe anzugeben,
gestattete ihm sein Ehrgefhl nicht, Heribald ist frwitzig, sprach er,
Heribald wollte schauen, wie die Shne der Teufel aussehen ...
    Ellak teilte seinen Gefhrten des Mnchs hfliche Worte mit. Ein wiehernd
Gelchter erscholl.
    Ihr braucht nicht zu lachen, rief Heribald verdrielich, wir wissen recht
wohl, wer ihr seid, der Abt Wazmann hat's uns gesagt.
    Ich werd' dich totschlagen lassen, sprach Ellak gleichgltig.
    Das wird mir recht geschehen! sprach Heribald, warum bin ich nicht
durchgegangen!
    Ellak musterte den strrischen Gesellen mit prfendem Blick, da fiel ihm ein
anderer Gedanke bei. Er winkte dem Bannertrger, da er nher trete. Der kam und
schwang die Fahne mit der grnen Katze. Die war einst dem Hunnenknig Etzel in
seiner Jugend erschienen: trumerisch sa er in seines Oheim Rugilas Zelt, er
war schwermutig und berlegte sich, ob er nicht ein Christ werden und Gott und
der Wissenschaft dienen solle, da kam die Katze. Unter Rugilas Kleinodien hatte
sie den goldenen Reichsapfel vorgeholt, ein Beutestck von Byzanz, sie hielt ihn
in den Krallen und spielte damit und rollte ihn hin und her. Und eine Stimme
sprach in Etzel: Du sollst kein Mnch werden, du sollst mit der Erdkugel dein
Spiel treiben wie dieses Tier!, und er merkte, da ihm der Hunnengott Kutka
erschienen war, ging hin, schwang sein Schwert nach den vier Weltteilen, lie
seine Fingerngel wachsen und wurde, was er werden sollte, Attila, Knig der
Hunnen, die Geiel Gottes! ...
    Knie nieder, elender Mnch, rief Ellak vom Ro - herunter, der hier
gemalt steht auf dem Banner, den, sollst du anbeten!
    Aber festgewurzelt stand Heribald.
    Ich kenne ihn nicht, sprach er mit dumpfem Lachen.
    Der Hunnen Gott! rief der Anfhrer zrnend. Auf die Knie, Kuttentrger!
oder ... er deutete auf sein krummes Schwert.
    Heribald lachte abermals und fuhr mit dem Zeigefinger nach der Stirn: Da
kennt Ihr Heribald schlecht, sagte er, wenn Ihr glaubt, da er sich das
aufbinden lasse. Es steht geschrieben: als Gott Himmel und Erde erschaffen und
Finsternis ber den Abgrnden lag, da sprach er: es werde Licht! Wenn Gott eine
Katze wre, htt' er nicht gesagt: es werde Licht. Heribald kniet nicht! ...
Ein hunnischer Reiter trat unbemerkt bei, zupfte den Mnch am Gewand und raunte
ihm leise, aber auf gut schwbisch ins Ohr: Landsmann, ich tt' knieen an
deiner Stell' es sind gar lebensgefhrliche Leut'. Der Warner hie eigentlich
Snewelin und war von Ellwangen im Riegau, seiner Geburt nach ein fester
Schwabe, aber im Lauf der Zeiten ein Hunne geworden und stand sich ganz gut
dabei. Und er sprach's mit etwas windigem Ton in der Stimme, denn es fehlten ihm
vier Vorderzhne und auch der Backenzhne etliche, und das war eigentlich die
Ursache, da er unter den Hunnen zu finden. In jungen Tagen nmlich, da er noch
als friedlicher Fuhrmann des Heimatlichen Salvatorklsterleins sein Dasein
fristete, war er mit einer Ladung schillernden Neckarweines unter guter
Bedeckung und kaiserlichem Schutz nordwrts geschickt worden auf den groen
Markt zu Magdeburg172. Dorthin kamen die Priester der heidnischen Pommern und
Wenden, ihren Opferwein zu kaufen, und er machte ein gut Geschft, da er seine
Ladung an den weibrtigen Oberpriester des dreikpfigen Gottes Triglaff173 fr
den groen Tempel bei Stettin losschlug. Aber dann blieb er mit dem weibrtigen
Heiden bei der Weinprobe sitzen, und dem schmeckte der schwbische Nektar, und
er kam in die! Begeisterung und hub an, ihm die Herrlichkeit seiner Heimat zu
Preisen, und sagte, bei ihnen zwischen Spree und Oder fange eigentlich, die Welt
erst an, und wollte ihn bekehren zum Dienste Triglaffs, des Dreikpfigen, und
des schwarzweien Sonnengottes Radegast und der Radomysl, der Gttin der
lieblichen Gedanken - da ward's dem Mann von Ellwangen zu bunt: Ihr seid ja ein
scheulicher wendischer Windmller! rief er und warf den Zechtisch um und fuhr
an ihn, gleichwie der junge Recke Siegfried, da er den langbrtigen wilden
Gezwerg Allberich anlief, und ward handgemein mit ihm und ri ihm mit starkem
Ruck seines Graubarts Hlfte aus. Jener aber rief Triglaff, den Dreikpfigen, an
und schlug ihm mit eisenbeschlagenem Opferstab einen Streich auf die Kinnlade,
der die Zier seiner Zhne fr immer zerstrte. Und ehe der zahnlose schwbische
Fuhrmann sich wieder erholte, war sein weibrtiger Widersacher von dannen
gefahren, und er konnte sich nimmer an ihm rchen; aber wie er zu Magdeburgs Tor
hinausging, ballte er seine Faust nordwrts und sprach: Wir kommen auch wieder
zusammen! In der Heimat lachten sie ihn wegen seiner Zahnlcke noch grblich
aus, da ging er im hellen Verdru unter die Hunnen und gedachte, wenn die einmal
gen Norden ritten, mit dem dreikpfigen Triglaff und allem, was ihm diente, eine
furchtbare Rechnung abzumachen ...
    Heribald hrte nicht auf den seltsamen Reitersmann. Die Waldfrau war von
ihrem Wagen heruntergesprungen und trat vor Ellak; grinsend schaute sie nach dem
Mnch: Ich hab' nach den Sternen geschaut, rief sie, von kahlgeschorenen
Mnnern droht uns Unheil. Ihr sollt zur Abwendung diesen Elenden an des Klosters
Pforte aufhngen lassen, mit dem Gesicht nach dem Gebirg' gewendet!
    Knpft ihn auf! riefen viele im Haufen, die der Waldfrau Gebrden
verstanden.
    Ellak hatte sich wieder zu Erica hinber gewendet: Dies Ungeheuer hat auch
Grundstze, sprach er hhnisch; es gilt seinen Tod und er weigert, das Knie zu
beugen. Lassen wir ihn aufknpfen, Blume der Heide?
    Heribalds Leben hing an schwachen Fden. Er sah rings die unheimlichen
Gesichter, sein blder Mut begann zu schwinden, das Weinen stand ihm nah, aber
ein richtiger Zug liegt auch im Trichtsten zur Stunde der Gefahr - wie ein
Stern glnzte ihm der Heideblume rotwangig Antlitz herber, da sprang er mit
angstvollen Schritten durchs Getmmel zu Erica. Vor ihr kam's ihm nicht schwer
zu knieen, ihr Liebreiz schuf ihm Vertrauen, mit ausgestreckten Armen flehte er
um Schutz.
    Seht, seht! rief die Heideblume, der Mann der Insel ist nicht so tricht,
als er ausschaut. Er kniet lieber vor Erica als vor der grnroten Fahne. Sie
sah gndig auf den Mitleidswerten, sprang vom Ro und streichelte ihn wie ein
halbwild Tier. Frcht' dich nicht, sprach sie, du sollst am Leben bleiben,
alter Schwarzrock! und Heribald las aus ihren Augen, da ihre Versicherung
ernst war. Er deutete nach der Waldfrau, die ihm am meisten bang gemacht; Erica
schttelte das Haupt: Die darf dir nichts tun! Da sprang Heribald wohlgemut an
die Mauer, Frhrosen blhten dort und Flieder, schnell ri er etlich Gezweig ab
und reichte es der hunnischen Maid. Schallender Jubel hob sich im Klosterhof174:
Der Heideblume Heil! riefen sie und klirrten mit den Waffen. Schrei mit!
raunte der Mann von Ellwangen dem Geretteten zu - itzt hub auch Heribald seine
Stimme und rief ein heiseres Heil! Trnen standen ihm im Aug'.
    Die Hunnen sattelten ab. Wie die Meute der Hunde am Abend der Jagd des
Augenblicks harrt, wo der ausgeweidete Hirsch ihnen als Beute vorgeworfen wird,
hier zerrt einer am haltenden Strick, dort bellt ein anderer laut vor Ungeduld,
so standen sie vor dem Kloster. Jetzt gab Ellak das Zeichen, da die Plnderung
beginnen mge. In wildem Ungestm strmten sie durcheinand, die Gnge entlang,
die Stufen hinauf, in die Kirche hinein. Verworren Geschrei erscholl von
vermeintlichem Fund und getuschter Hoffnung; die Zellen der Brder wurden
durchsucht, nur sprlicher Haushalt war drinnen.
    Zeig' uns die Schatzkammer! sprachen sie zu Heribald. Der tat's gern, er
wute, da das Kostbarste geflchtet war. Nur versilberte Leuchter und der groe
Smaragd von Glasflu waren noch vorhanden. Schlecht Kloster! rief einer,
Bettelvolk! und trat mit gewappnetem Fu auf den unechten Edelstein, da ein
mchtiger Sprung hineinklirrte. Den Heribald lohnten sie mit Faustschlgen, da
er betrbt hinwegschlich.
    Im Kreuzgang kam ihm der Hunne Snewelin entgegen: Landsmann, rief er, ich
bin ein alter Weinfuhrmann, sagt an, wo ist euer Keller? Heribald fhrte ihn
hinab, vergnglich lachte er, da er den Haupteingang vermauert sah, und nickte
dem frisch aufgetragenen Kalk vertraulich zu, als wisse er sein Geheimnis. Der
Mann von Ellwangen prfte nicht lang', er schnitt die Siegel von dem einen Fa,
stach den Hahnen drein und schpfte seinen Helm voll. Es war ein langer, langer
Zug, den er tat. O Hahnenkamm und Heidenheim! sprach er, sich schttelnd wie
ein Fieberkranker, von wegen dem Getrnk htt' ich nicht unter die Hunnen zu
gehen brauchen! - Er hie die Gefhrten die Fsser hinausschleppen, aber
besorgt trat Heribald vor und zupfte einen der Plnderer am Gewand: Erlaube,
guter Mann, sprach er mit wehmtigem Ausdruck, was soll ich denn trinken, wenn
ihr wieder abgezogen seid175?!
    Lachend erklrte Snewelin des Mnchs Besorgnis den andern. Der Narr mu
auch was haben! sprachen sie und legten ihm das kleinste von den drei Fssern
unangetastet zurck; er aber ward gerhrt ob solcher Rcksicht und schttelte
ihnen die Hnde.
    Droben im Hofe hub sich ein wilder Lrm; etliche hatten die Kirche
durchsucht, auch eine Grabplatte aufgehoben, da schaute ein verwitterter Schdel
aus dunkler Kutte zu ihnen empor: das schreckte selbst die Hunnen zurck. Zwei
von den Gesellen stiegen auf den Kirchturm, dessen Spitze nach herkmmlichem
Brauch ein vergoldeter Wetterhahn zierte. Mochten sie ihn fr den Schutzgott des
Klosters oder fr echtes Gold halten, sie kletterten auf das Turmdach, verwegen
saen die zwei Gestalten oben und stachen mit ihren Lanzen nach dem Hahn ... da
fate sie pltzlicher Schwindel, den gehobenen Arm lie einer sinken - ein
Schwanken - ein Schrei, er strzte herab, der andere ihm nach, gebrochenen
Genickes lagen sie im Klosterhof176.
    Schlimm Vorzeichen! sprach Ellak fr sich. Die Hunnen schrieen auf; doch
nach wenig Augenblicken war der Unfall wieder vergessen, das Schwert hatte schon
so manchen von seiner Genossen Seite gerafft, was war an zwei mehr oder weniger
gelegen? Sie trugen die Leichname in Klostergarten. Aus den Holzstmmen, die
Heribald in der Frhe umgeworfen, ward ein Scheiterhaufe geschichtet; aus des
Klosters Bcherei waren die briggebliebenen Codices in Hof heruntergeworfen
worden, die brachten sie als ntzlichen Brandstoff herbei und fllten damit die
Lcken am Holzstoe.
    Ellak und Hornebog schritten durch die Reihen. Eingeklemmt zwischen den
Scheitern, schaute eine sauber geschriebene Handschrift betrblich herfr, die
goldenen Initalen glnzten an den umgeknickten Blttern. Da zog Hornebog sein
krummes Schwert und stach das Pergament heraus: auf der Spitze der Klinge hielt
er's seinem Gefhrten entgegen.
    Zu was die Haken und Hhnerfe, Herr Bruder? sprach er.
    Ellak nahm das gespiete Buch und bltterte drin, er war auch des
Lateinischen kundig.
    Abendlndische Weisheit! sprach er. Einer namens Boethius hat's
geschrieben; es stehen schne Sachen drin vom Trost der Philosophie.
    Philo-sophie, Herr Bruder, sprach Hornebog, was ist das fr ein Trost?
    Ein schnes Weib ist's nicht, auch kein gebranntes Wasser, war Eklats
Antwort. Es ist auf hunnisch schwer zu beschreiben ... wenn einer nicht wei,
warum er auf der Welt ist, und sich auf den Kopf stellt, um's zu erfahren, das
ist ungefhr, was die im Abendland Philosophie heien. Den, der sich damit
getrstet in seinem Wasserturm zu Pavia, haben sie deswegen doch dereinst mit
Keulen totgeschlagen ...A1
    Mg's ihm wohlbekommen, sprach Hornebog. Wer den Sbel in der Faust und
das Ro zwischen den Schenkeln hat, wei auch, warum er auf der Welt ist. Und
wenn wir's nicht besser wten wie diejenigen, die solche, Haken auf Eselshaut
klecksen, so wren sie an der Donau uns auf den Fersen und wir trnkten unsere
Rosse nicht aus dem Schwbischen Meer.
    Wit Ihr auch, da es ein Glck ist, da solches Zeug angefertigt wird?
fuhr Ellak fort und warf den Bothius auf den Scheiterhaufen zurck. Warum?
fragte Hornebog.
    Weil die Hand, die die Rohrfeder fhrt, nimmer taugt, einen Schwerthieb zu
tun, der ins Fleisch geht, und ist der Unsinn, den der einzelne Kopf ausheckt,
einmal gebucht, so verbrennen sich noch hundert andere das Hirn dran. Hundert
Strohkpfe mehr, macht hundert Reiter weniger: das ist dann unser Vorteil, wenn
wir ber die Grenze brechen. Solang' sie im Abendland Bcher schreiben und
Synoden halten, mgen meine Kinder ruhig ihr so Zeltlager vorwrtsrcken! so
hat's schon der groe Etzel seinen Enkeln hinterlassen.
    Gelobt sei der groe Etzel! sprach Hornebog ehrerbietig.
    Da rief eine Stimme: Lasset die Toten ruhen! Tndelnden Schrittes kam
Erica zu den beiden. Sie hatte die Klosterbeute gemustert, eine Altardecke aus
rotem Seidenzeug fand Gnade vor ihren Augen, sie trug sie wie einen Mantel
umgeschlagen, die Enden leicht ber die Schultern geworfen.
    Wie gefall' ich euch? sprach sie und wandte ihr Haupt selbstgefllig.
    Die Heideblume braucht keinen Schmuck schwbischer Gtzendiener, um zu
gefallen, sprach Ellak finster. Da sprang sie an ihm hinauf, streichelte sein
straffes, schwarzes Haar und rief: Vorwrts, das Mahl ist gerichtet!
    Sie schritten zum Hofe. Den ganzen Heuvorrat des Klosters hatten die Hunnen
umhergestreut und lagerten drauf, des Mahles gewrtig. Mit gekreuzten Armen
stand Heribald und schaute zu ihnen nieder: Die Teufelsbrut kann nicht einmal
sitzen, wies einem Christenmenschen ziemt, wenn er sein tglich Brot verzehrt,
- so dachte er, doch sprach er's nicht aus. Erfahrung hufiger Schlge lehrt
Schweigsamkeit.
    Leg' dich nieder, Schwarzrock, du darfst mitessen, rief Erica und machte
ihm ein Zeichen, da er der andern Beispiel folge. Er schaute nach dem Mann von
Ellwangen, der lag mit verschrnkten Beinen, als htt' er's nie anders gelernt -
da machte Heribald einen Versuch, aber bald stund er wieder auf, das Liegen
deuchte ihm allzu unwrdig. Er holte sich im Kloster einen Stuhl und setzte sich
zu ihnen.
    Ein Ochse war am Spie gebraten. Was sonst der Klosterkche Vorrat bot, ward
gereicht; sie fielen hungrig drber her. Mit kurzem Sbel ward das Fleisch
herunter gehauen, die Finger der Hand vertraten bei den Schmausenden die Stelle
von Messer und Gabel. Aufrecht stund das groe Weinfa im Hofe, ein jeder
schpfte draus, soviel ihm beliebte, da und dort kam ein kunstgeformter Kelch
als Trinkgef zum Vorschein. Auch dem Heribald brachten sie Weines die Hlle
und Flle, wie er aber stillvergngt dran nippte, flog ihm ein halb genagter
Knochen an den Kopf - er schaute schmerzlich auf, aber er schaute, da noch
manchen der Schmausenden ein gleiches Schicksal ereilte; sich mit den Knochen
werfen, war hunnischer Brauch anstatt eines Nachtisches.
    Weinwarm begannen sie drauf ein ungefges Singen177. Zwei der jngern
Reitersmnner trugen ein altes Lied zum Preis des Knig Etzel vor; es hie drin,
da er nicht nur mit dem Schwerte, sondern auch durch Liebreiz ein Sieger
gewesen allenthalb, und kam eine hhnische Strophe ber eines rmischen Kaisers
Schwester, die ihm Hand und Herz aus verliebter Ferne entgegentrug, ohne da
er's annahm.
    Wie Eulenschrei und Unkenruf klang der Chorus; dann traten etliche auf
Heribald zu und machten ihm deutlich, da auch von ihm ein Gesang verlangt
werde. Er wollte sich weigern, es half nichts. Da stimmte er ernst und mit
schier weinender Stimme den Antiphon zu Ehren des heiligen Kreuzes an, der da
beginnt: Sanctifica nos! Staunend horchten die Trunkenen den langen ganzen
Tnen des alten Kirchengesangs, wie eine Stimme aus der Wste klang die fremde
Weise. Zrnend hrte es auch die Waldfrau beim kupfernen Kessel, mit ihrem
Messer schlich sie herber, fate Heribalds Haupthaar und wollte ihm das Gelock
verschneiden - der hchste Schimpf, der eines Geistlichen durch die Tonsur
geweihtem Haupte widerfahren konnte.
    Aber Heribald stie sie zurck und sang unverdrossen weiter. Das gefiel den
Versammelten, sie jauchzten auf, Zimbal und Geige fielen ein, itzt kam Erica auf
den Mnch zu, der einfrmige Sang war ihr langweilig geworden, mit schalkhaftem
Mitleid fate sie ihn. Nach Sang kommt Tanz, rief sie und ri ihn in den
Wirbel betubenden Reigentanzes178. Heribald wute nicht, wie ihm geschah. Der
Heideblume Busen wogte ihm entgegen: Ob Heribald tanzt oder nicht, es ist nur
ein kleiner Ring in der groen Kette des Greuls - da schwang er seine
sandalenschweren Fe wacker mit, die Kutte wirbelte um ihn her, fest und fester
prete er die hunnische Maid, wer wei, was noch geschehen wre ... mit
gerteten Wangen hielt sie endlich an, gab dem Bldsinnigen einen leichten
Schlag ins Antlitz und sprang zu den Heerfhrern, die ernst in den tobenden
Schwarm schauten.
    Der Jubel ging zu Ende, der Wein war verraucht, da gebot Ellak, die Toten zu
verbrennen. In eines Augenblicks Schnelle sa der Schwarm zu Rosse, in Reih' und
Glied ritten sie zum Scheiterhaufen. Vom ltesten der Hunnen wurden der Toten
Pferde erstochen und zu ihrer Herren Leichen gelegt; einen schauerlichen
Weihespruch rief der greise Hunn' ber die Versammelten, dann schwang er den
Feuerbrand und entzndete den Holzsto - Bothius' Trost der Philosophie,
Tannenscheiter Handschriften und Leichname wetteiferten in prasselndem
Aufflammen, eine mchtige Rauchsule stieg gen Himmel.
    Mit Ringkampf, Waffenspiel und Wettrennen ward der Toten Gedchtnis
gefeiert. Die Sonne neigte sich zum Untergehen. Die Hunnenschar verblieb die
Nacht im Kloster. -
    - Es war am Donnerstag vor Ostern, als dies auf der Insel Reichenau sich
zutrug. Die Kunde vom berfall kam schnell in die Fischerhtten um Radolts
Zelle. Wie Moengal, der Leutpriester, den Frhgottesdienst hielt, zhlte er
seiner andchtigen Zuhrer noch sechs in der Kirche, des Nachmittags waren's
drei, ihn mit eingerechnet.
    Zrnend sah er in der Wohnstube, drin er einst Ekkehard freundlich bewirtet.
Da stieg die Rauchwolke vom hunnischen Totenbrand auf, er trat aus Fenster ...
Es qualmte, als wenn das ganze Kloster in Flammen stnde, brandiger Geruch kam
ber den See. Hihahoi!! rief Moengal, iam proximus ardet Ucalegon! schon
brennt' es beim Nachbar UkalegonA2! So mu auch ich mein Haus bestellen. Heraus
itzt, alte Cambutta179!!
    Die Cambutta war keine dienende Magd, sondern ein nach irischer Weise
zugeschnittener riesiger Keulenstock, Moengals liebstes Handgewaffen.
    Er verpackte Mekelch und Ziborium in die rehfellene Jagdtasche; weiter war
an Gold und Geld nichts vorrtig. Dann versammelte er seine Jagdhunde, den zur
Reiherbeize gebten Habicht und die zwei Falken; was seine Vorratkammer an
Fleisch und Fischen bot, warf er ihnen vor. Fret euch satt, Kinder! da nichts
fr die gottverfluchten Landplagen brigbleibt!
    Das Fa im Keller schlug er entzwei, da der funkelnde Wein herausstrmte.
Nicht einen Tropfen Seeweins sollen die Teufel in Moengals Pfarrhaus zu
schlucken bekommen! Nur den Essig im Krug lie er unversehrt stehen.
    ber die kristallhelle Butter in der Holztonne schttete er eine Schicht
Asche. Angelhaken und Jagdgert vergrub er, dann schlug er die Fenster ein und
streute die spitzen Glasscherben sorglich durch die Gemcher, andere steckte er
zwischen die Spalten der Dielen, - die Spitze nach oben - alles den Hunnen zu
Ehren. Habicht und Falken lie er hinausfliegen: Lebt wohl, rief er, und
haltet euch gut in der Nhe, bald gibt's tote Heiden zu benagen!
    So war das Haus bestellt. Die Tasche umgeworfen, eine lederne hibernische
Feldflasche drber, zwei Spiee in der Faust, die Keule Cambutta auf den Rcken
geschnallt: so schritt Moengal, der Alte, aus seinem langjhrigen Pfarrsitz, ein
rechtschaffener Streiter des Herrn.
    Ein Stck Weges hatte er zurckgelegt; der Himmel war verdstert von Brand
und Rauch. Halt an! sprach er, ich hab' etwas vergessen!
    Er ging wieder zurck. Einen Gru zum Empfang ist das gelbgesichtige
Gesindel doch wert! Ein Stck Rtel zog er aus seiner Tasche und schrieb damit
in irischer Schrift ein paar Worte auf die graue Sandsteinplatte ber dem Portal
des Pfarrhofs. Gewitterregen hat sie spter verwaschen und niemand hat sie
entziffert, aber sicher war's ein inhaltschwerer Spruch, den Moengal, der Alte,
in irischen Runen zurcklie. -
    Er schlug einen scharfen Schritt an und wandte sich dem hohen Twiel zu.

                                    Funoten


A1 Boethius, der Verfasser des Werkes De consolatione philosophiae, wurde des
Hochverrats angeklagt und auf Befehl des Theodorich nach langer Einkerkerung 62
n. Chr. zu Pavia gettet.

A2 Aus Virgils neis, 2. Gesang, V. 311 f.


                              Vierzehntes Kapitel.

                              Die Hunnenschlacht.

Karfreitagmorgen war angebrochen. Des Erlsers Todestag ward heute auf dem hohen
Twiel nicht in der stillen Weise begangen, wie es der Kirche Vorschrift
heischte. Des alten Moengal Ankunft hatte alle Zweifel gelst, ob der Feind
herannahe; noch in spter Nacht hatten sie Kriegsrat gehalten und waren eins
geworden, den Hunnen entgegenzurcken und sie in offenem Feldstreit zu bestehen.
    Trb ging die Sonne auf, bald war sie wieder verhllt. Sturmwind zog bers
Land und jagte das Gewlk, da es sich ber den fernen Bodensee niedersenkte,
als wenn Wasser und Luft eins werden wollten. Dann und wann schlug ein
Sonnenstrahl durch; es war des Frhlings noch unentschiedener Kampf mit des
Winters Gewalten. Die Mnner hatten sich vom Lager erhoben und rsteten zu des
ernsten Tages Arbeit.
    In seiner Turmstube ging Ekkehard schweigsam auf und nieder, die Hnde zum
Gebet gefaltet. Ein ehrenvoller Auftrag war ihm geworden. Er sollte zum
versammelten Kriegsvolke die Predigt halten, bevor man auszge zum Streit: da
betete er um Strke und mutigen Flug der Gedanken, da sein Wort werde zum
glhenden Funken, der in aller Herz die Flamme der Streitlust entfache.
    Pltzlich tat sich die Tre seines Gemaches auf. Herein trat die Herzogin
ohne Praxedis' Begleitung; einen faltigen Mantel hatte sie ber das Morgengewand
umgeworfen als Schutz gegen die Khle der Frhstunde, vielleicht auch, da sie
den fremden Gsten unerkannt sein wollte, wie sie zum Turme schritt. Ein leicht
Errten berflog sie, wie sie allein ihrem jungen Lehrer gegenberstand.
    Ihr zieht heute mit in den Kampf? fragte sie.
    Ich ziehe mit, sprach Ekkehard.
    Ich wrd' Euch verachten, mt' ich eine andere Antwort hren, sprach die
hohe Frau, - und Ihr habt wohl vorausgesehen, da es nicht notwendig, Urlaub
von mir zu solchem Gang zu erbitten. Auch ans Abschiednehmen denkt Ihr nicht?
fuhr sie mit leis vorwurfsvollem Ton fort.
    Ekkehard stand verlegen. Es ziehen frnehmere und bessere Mnner heute aus
Eurer Burg, sagte er; die bte und die Edeln werden um Euch sein, wie konnt'
ich an besondern Abschied denken, auch wenn es ... seine Stimme stockte.
    Die Herzogin schaute ihn an. Beide schwiegen.
    Ich bring' Euch etwas, das Euch im Kampfe dienlich sein soll, sprach sie
nach einer Weile. Sie trug unter ihrem Mantel ein kostbar Schwert in reichem
Wehrgehng, ein milchweier Achatstein erglnzte am Griff. Es ist das Schwert
Herrn Burkhards, meines seligen Gemahls. Von allen Waffenstcken hielt er das am
hchsten. Mit der Klinge lassen sich Felsen spalten, sie splittert nicht, hat er
oft gesagt. Ihr sollt ihm Ehre machen!
    Sie reichte ihm die Waffe dar. Ekkehard nahm sie schweigend hin. Schon trug
er den Harnisch unter der Kutte, itzt schnallte er das Wehrgehng um und fuhr
mit der Rechten nach dem Schwertgriff, als stnd' ihm bereits der Feind
gegenber.
    Und noch etwas, sprach Frau Hadwig.
    An seidener Schnur trug sie ein goldgefat Kleinod um den Hals, das zog sie
aus ihrem Busen; es war ein Kristall, der einen unscheinbaren Splitter barg.
Wenn mein Gebet nicht ausreicht, so mg' Euch die Reliquie Schutz verleihen. Es
ist ein Splitter vom heiligen Kreuz, das die Kaiserin Helena einst aufgefunden.
Wo auch immer dies Heiligtum sein wird, da wird Friede sich einstellen und
Mehrung des Anwesens und Gesundheit der Luft180, so stand im Schreiben, mit dem
der griechische Patriarch die Echtheit beglaubigte. Mg' es auch im Krieg Segen
spenden!
    Sie neigte sich, dem Mnch das Kleinod umzuhngen. Er beugte sein Knie;
lngst hing's um seinen Hals, er kniete noch. Sie streifte leicht mit der Hand
ber sein lockig Haar, ein Zug von Milde und Wehmut lag ber ihrem strengen
Antlitz - Ekkehard hatte vor dem Namen des heiligen Kreuzes sein Knie gebeugt,
itzt war's ihm, als msse er sich ein zweitesmal niederwerfen, niederwerfen vor
ihr, die so huldvoll seiner gedachte. Aufkeimende Neigung braucht Zeit, sich
ber sich selbst klar zu werden, und in Dingen der Liebe hatte er nicht rechnen
und abzhlen gelernt wie in den Versmaen des Virgilius, sonst htte er sich
sagen mgen, da, wer ihn aus des Klosters Stille zu sich gezogen, wer an jenem
Abend auf Hohenkrhen, wer am Morgen der Schlacht so vor ihm stand, wie Frau
Hadwig, itzt wohl ein Wort aus der Tiefe des Herzens, vielleicht mehr als ein
Wort von ihm erwarten mochte.
    Seine Gedanken jagten sich, alle Pulse schlugen.
    Wenn frher etwas wie Liebe sich in ihm geregt, so war die Ehrfurcht vor
seiner Gebieterin herangetreten, es zurckjagend wie der Sturm, der dem scheu
zum Dachfenster herausschauenden Kind den Laden vor der Nase zuwirft. An die
Ehrfurcht dachte er jetzt nicht, eher daran, wie er die Herzogin einst mit
keckem Arm durch den Klosterhof getragen. Auch an sein Mnchsgelbde dachte er
nimmer, es regte sich in ihm, als sollt' er ihr in die Arme fliegen und sie
jauchzend ans Herz pressen - Herrn Burkhards Schwert brannte ihm an der Seite.
Wirf ab die Scheu, dem Khnen gehrt die Welt! War's nicht so in Frau Hadwigs
Augen zu lesen?
    Er stand auf, stark, gro, frei - so hatte sie ihn noch nie gesehen ... Aber
es war nur eine Sekunde, noch war kein Laut vom Sturm des Herzens ber die
Lippen geflohen, da fiel sein Blick auf das dunkle Kreuz von Ebenholz, das
Vincentius einst in seiner Turmstube aufgehngt: Es ist der Tag des Herrn, und
du sollst heute reden vor dem Volk! - die Erinnerung an seine Pflicht schlug
alles nieder ...
    Es kam einmal ein Frost am Sommermorgen und Halm und Blatt und Blten wurden
schwarz, bevor die Sonne drber aufging ...
    Zag wie ehedem, ergriff er Frau Hadwigs Hand.
    Wie soll ich meiner Herrin danken? sprach er mit gebrochener Stimme.
    Sie schaute ihn durchbohrend an. Der weiche Zug war vom Antlitz entflogen,
die alte Strenge lagerte wieder auf der Stirn, als wolle sie antworten: Wenn
Ihr's nicht wit, ich werd's Euch nicht verknden - aber sie schwieg.
    Noch hielt Ekkehard ihre Rechte gefat. Sie zog sie zurck.
    Seid fromm und tapfer! sprach sie, aus dem Gemache schreitend. Es klang
wie Hohn ...
    Kaum lnger als einer braucht, um das Vaterunser zu beten, war die Herzogin
bei Ekkehard gewesen, aber es war mehr geschehen, als er ahnen mochte.
    Er schritt wieder in der Turmstube auf und ab; Du sollst dich selbst
verleugnen und dem Herrn nachfolgen: so war's in Benedikts Regel in der Zahl
der guten Werke mit aufgezhlt - er wollte schier stolz sein auf den Sieg, den
er ber sich errungen, aber Frau Hadwig war gekrnkt die Stufen der Wendeltreppe
hinabgestiegen, und wo ein hochfahrend Gemt sich verschmht glaubt, da sind
bse Tage im Anzug.
    Es war die siebente Stunde des Morgens, da hielten sie im Hof von Hohentwiel
den Gottesdienst vor dem Auszug. Unter der Linde war der Altar aufgeschlagen,
die geflchteten Heiligtmer standen drauf zum Trost der Glubigen. Der Hof
erfllte sich mit Gewaffneten, Mann an Mann standen die Rotten der Streiter, wie
Simon Bardo sie abgeteilt. Wie dumpf Gewitterrollen tnte der Gesang der Mnche
zum Eingang. Der Abt der Reichenau, so das schwarze Pallium mit weiem Kreuz
bergeworfen, zelebrierte das Hochamt.
    Hernach trat Ekkehard auf die Stufen des Altars; bewegt gleitete sein Auge
ber die Hupter der Versammelten, noch einmal zog's ihm durch die Erinnerung,
wie er vor kurzer Frist im einsamen Gemach der Herzogin gegenbergestanden, dann
las er das Evangelium vom Leiden und Tod des Erlsers. Mhlich ward seine Stimme
klar und hell, er kte das Buch und gab's dem Diakon, da er's zurcklege auf
da seidene Kissen; sein Blick flog gen Himmel - dann hub er die Predigt an.
    Lautlos horchte die Menge.
    Schier tausend Jahre sind vorber, rief er, seit der Sohn Gottes sein
Haupt am Kreuzesstamm neigte und sprach: Es ist vollbracht! Aber wir haben der
Erlsung keine Sttte bereitet in unsern Gemtern, in Snden sind wir gewandelt
und die rgernisse, die wir gaben in unserer Herzenshrtigkeit, haben gen Himmel
geschrieen.
    Darum ist eine Zeit der Trbsal emporgewachsen, blanke Schwerter blitzen
wider uns, heidnische Ungeheuer sind in christliches Land eingefallen.
    Aber statt zrnend zu fragen: Wie gro ist des Herren Langmut, da er
solchen Scheusalen die liebreizende Heimaterde preisgibt? - klopfe ein jeglicher
an die Brust und spreche: Um unserer Verderbnis willen sind sie gesendet. Und
wollet ihr von ihnen erlset sein, so gedenket an des Heilands tapfern Tod.
Fasset den Griff eurer Schwerter, so wie er einst das Kreuz fate und hinaustrug
zur Schdelsttte, schauet auf und suchet auch ihr euer Golgatha!! ...
    Er deutete nach den Ufern des Sees hinber. Dann strmte seine Rede in
Worten des Trosts und der Verheiung, stark wie der Schrei des Lwen im Gebirge:
    Die Zeiten erfllen sich, von denen geschrieben steht: Und wenn die tausend
Jahre zu Ende gehn, wird Satan aus seinem Kerker losgelassen werden und ausgehn,
zu verfhren die Vlker in den uersten Gegenden der Erde - den Gog und den
Magog, und sie zum Streite versammeln. Ihre Zahl ist wie des Meeres Sand; sie
ziehen ber die weite Erde daher, umringen das Lager der Streiter Gottes und die
geliebte Stadt. Aber Feuer fhrt aus dem Himmel nieder und verzehrt sie, und der
Teufel, ihr Verfhrer, wird in den Schwefelsee geworfen, wo auch das Tier und
der Lgenprophet ist, und sie werden geqult werden Tag und Nacht bis in die
ewige Ewigkeit181.
    Und was der Seher auf PatmosA1 ahnend geoffenbart, das ist uns Brgschaft
und Gewhr des Sieges, so wir sndegelutert ausziehen zum Kampf. Lasset sie
anstrmen auf ihren schnellen Rossen, was verficht's? Zu Shnen der Hlle hat
sie der Herr gestempelt, darum ist ihr Antlitz nur die Fratze von eines Menschen
Antlitz, die Ernte unserer Felder knnen sie niedertreten und die Altre unserer
Kirchen schnden, aber den Arm gottesmutiger Mnner knnen sie nicht bestehen.
    Seid eingedenk also, da wir Schwaben allezeit vorfechten182 mssen, wo um
des Reiches Not gestritten wird; wenn es in andern Zeiten ein Greuel vor dem
Herrn wre, an seinem Feiertag den Harnisch umzuschnallen, - heute segnet er
unsere Waffen und sendet seine Heiligen zum Beistand und streitet selber mit
uns, er, der Herr der Heerscharen, der den Blitz vom Himmel schmetternd
niederfahren heit und die klaffenden Abgrnde der Tiefe auftut, wenn die Stunde
der Erfllung gekommen.
    Mit erlesenen Beispielen ruhmreicher Kmpfe feuerte dann Ekkehard seine
Zuhrer an, und manche Faust prete den Speer und mancher Fu hob sich
ungeduldig zum Abzug, wie er von Josuas Heerzug sprach, der unter des Herren
Schirm einunddreiig Knige schlug in der Landmark jenseits des Jordan, - und
von Gideon, der beim Schall der Posaunen ins Lager der Midianiter brach und sie
jagte bis Bethseba und Tebbath - und vom Ausfall der Mnner von Bethulia, die
nach Judiths ruhmreicher Tat die Assyrer schlugen mit der Schrfe des Schwerts.
    Zum Schlu aber rief er, was Judas, der Makkaber, zu seinem Volk gerufen,
da sie bei Emaus ihr Lager schlugen wider des Antiochus Heer: Umgrtet euch
drum und seid tapfere Mnner und seid bereit, gegen den Morgen frh wider die
Vlker zu streiten, die heranziehen, unser Heiligtum auszutilgen, denn es ist
uns besser, im Streit umzukommen, als das Elend sehen an unserm Heiligtum -
Amen!
    Eines Augenblickes Lnge blieb's still, wie er geendet; dann hob sich ein
Klirren und Klingen, sie schlugen Schwert und Schild aneinand, hoben die Speere
hoch und schwenkten die Feldzeichen - alte Sitte freudiger Zustimmung.
    Amen! scholl es tnend durch die Reihen, dann neigten sie die Kniee, das
Hochamt ging zu Ende; schauerlich klangen die hlzernen Klappern statt des
blichen Glockentones zur Feier. Wer sich noch nicht in sterlicher Andacht mit
dem Leib des Herrn gestrkt, trat vor zum Altar, ihn zu empfangen. Da rief's vom
Turm: Waffen! Waffen! Feindio183! - Vom See kommt's schwarz herangezogen, Ro
und Reiter, Feindio! - itzt war kein Halt mehr und keine Ruhe, sie strmten
nach dem Tor, wie vom Geist getrieben; kaum mochte Abt Wazmann den Segen
erteilen.
    So strmt in unsern Tagen der wendische Fischer aus der Sonntagskirche, die
am rgianischen Dnengestad' sein Geistlicher hlt, zur Zeit, wo des Herings
Heersulen im Anzug sind. Der Fisch kommt! ruft die schildwache am sandweien
Ufer, da wogt's und rennt's nach den Barken, verlassen steht der Prediger und
schaut ins Getmmel, da schneidet auch er der Andacht Faden ab und greift seine
Netze und eilt zum Schifflein, die Schuppentrger zu bekriegen ...
    Schlachtfroh rckten sie aus dem Hofe, in jedem Herzen jene Mark und Fibern
schwellende Spannung, da es einem groen Augenblick entgegengehe. Und waren der
Mnche von Sankt Gallen vierundsechzig, derer von Reichenau neunzig und an
Heerbannleuten mehr denn fnfhundert. Beim Feldzeichen der Sankt Gallischen
Brder schritt Ekkehard; es war ein florverhllt Kruzifix mit schwarzen Wimpeln,
da des Klosters Banner zurckgeblieben. Auf dem Sller der Burg stand die
Herzogin und lie ein weies Tuch in die Lfte wehen. Ekkehard wandte sich nach
ihr, aber ihr Blick mied den seinen und der Abschiedsgru galt nicht ihm.
    Ans untere Burgtor hatten dienende Brder den Sarg mit des heiligen Markus
Gebein getragen: Wer immer vorberschritt, berhrte ihn mit Schwert und
Lanzenspitze, dann ging's schweren Tritts den Burgweg hinab.
    In der weiten Ebene, die sich nach dem See hinstreckt, ordnete Simon Bardo
die Scharen seiner Streiter. Hei! wie wohlig war's dem alten Feldhauptmann, da
statt der Kutte wieder der gewohnte Panzer sich um die narbenbedeckte Brust
schmiegte. Zu fremdartig geformter, spitz zugehender Stahlkappe kam er geritten,
sein breiter, edelsteingeschmckter Grtel und der gldene Knauf des Schwertes
zeigten den ehemaligen Heerfhrer.
    Ihr leset die Alten der Grammatika halber, hatte er zu den bten gesagt,
die hoch zu Rotz bei ihm hielten, ich hab' mein Handwerk von ihnen gelernt. Mit
Frontinus' und Vegetius'A2 guten Ratschlgen lt sich noch heutigentages was
ausrichten. Fr den Anfang soll's heut mit der Schlachtordnung der rmischen
Legionen erprobt sein, dabei lt sich am besten abwarten, wie sich der Feind zu
erkennen gibt. Wir knnen dann noch immer tun, wie wir wollen, die Sache geht
nicht in einer halben Stunde zu End'.
    Er hie die leichte Mannschaft der Bogenschtzen und Schleuderer
vorausrcken; sie sollten den Waldsaum besetzen, vom Tannendickicht gegen
Reiterangriff geschtzt. Zielt nieder! sprach er, wenn ihr auch statt des
Mannes das Ro trefft, 's ist immer etwas!
    Beim Klang der Waldhrner schwrmte die Schar vorwrts, noch war kein Feind
zu sehen.
    Die Mnner des Aufgebots ordnete er in zwei Heersulen; dichtgeschlossen,
den Speer gefllt und langsam rckten sie vor, von der vordern Sule zur zweiten
ein Abstand weniger Schritte. Der von Randegg und der drre Fridinger fhrten
sie.
    Die Mnche hie er zu einem Haufen zusammentreten und stellte sie in die
Rckhut.
    Warum das? fragte der Abt Wazmann; er krnkte sich, da ihnen nicht die
Ehre des vordersten Angriffs zugeteilt ward.
    Da lchelte der Kriegserfahrene. Das sind meine TriarierA3, sprach er;
nicht, weil altgediente Soldaten, wohl aber, weil sie um Rckkehr ins warme
Nest streiten. Von Haus und Hof und Bett verjagt sein, macht die Hiebe am
schwersten und die Stiche am tiefsten. Habt keine Sorge, die Wucht des Streites
kommt noch frh genug an die Mannschaft des heiligen Benediktus!
    Die Hunnen hatten bei Tagesgrauen das Reichenauer Kloster gerumt. Die
Vorrte waren aufgezehrt, der Wein getrunken, die Kirche geplndert: ihr
Tagewerk war getan. Auf Heribalds Stirn ward manche Runzel glatt, wie der letzte
Reiter dem Tor entritt. Er warf ihnen ein Goldstck nach, das ihm der Mann von
Ellwangen im Vertrauen zugesteckt. Landsmann, hatte Snewelin zu ihm gesagt,
wenn du hrst, da mir ein Unglck zugestoen ist, so la ein Dutzend Messen
fr meine arme Seel' lesen. Ich hab's immer gut gemeint mit euch und euerm
Wesen, und da ich unter die Heiden geraten bin, geschah mir, ich wei selber
nicht wie. Der Ellwanger Boden ist leider zu rauh, als da Heilige darauf
erwachsen knnen.
    Aber Heribald wollte nichts von ihm wissen. Im Garten schaufelte er Knochen
und Asche der Verbrannten und ihrer Rosse zusammen und streute sie in den See,
whrend die Hunnen noch drben einherzogen. Kein Staub von einem Heiden soll
auf der Insel bleiben, sprach er. Dann ging er in den Klosterhof und schaute
sich tiefsinnig den Platz an, wo er gestern zum Tanz gezwungen wurde.
    Der Hunnen Ritt ging durch den dunklen Tannwald dem Hohentwiel entgegen.
Aber wie sie sorglos dahintrabten, prallte da und dort ein Ro auf; Pfeile und
Schleuderkugeln, von unsichtbaren Schtzen geschossen, fuhren in den Schwarm.
Der Vortrab wollte stutzig werden. Was kmmert euch der Mckenstich? rief
Ellak und spornte sein Ro, vorwrts, die Ebene ist das Feld, der
Reiterschlacht! Ein Dutzend seiner Leute hie er mit dem Tro zurckbleiben zum
Geplnkel mit denen im Wald. Die Erde drhnte vom Hufschlag der vorwrts
sausenden Horde; im Blachfeld breitete sich der Schwarm und sprengte mit Geheul
auf den anrckenden Heerbann. Weit voraus ritt Ellak mit dem hunnischen
Bannertrger, der schwenkte die grnrote Fahne ber ihm, er aber hob sich hoch
im Sattel und tat einen wilden Schrei und scho den ersten Pfeilschu ab, auf
da der Kampf nach altem Brauch erffnet sei184. Es begann das Morden der
Feldschlacht. Aber wenig frommte es den schwbischen Kriegern, da sie
unerschttert standhielten, ein starrender Lanzenwald; war der Reiter Angriff
abgeprallt, so kam aus der Ferne ein Pfeilregen geschwirrt; halb aufgerichtet im
Bgel standen die Hunnen trotz Rossestrab, den Zaum ber des Gauls Nacken
geworfen zielten sie, der Schu traf.
    Andere schwrmten von der Seite ein - weh dem Gefallenen, den seine Brder
nicht in die Mitte nahmen.
    Da gedachten die Leichtbewaffneten vom Walde den Hunnen in den Rcken zu
brechen. Hrnerruf rief sie zur Sammlung, sie rckten vor - aber mit eines
Gedankens Schnelle waren die feindlichen Rosse gewendet, Pfeilregen prasselte in
die Anrckenden, sie stutzten, wenige schritten weiter, auch sie wurden
geworfen, nur Audifax marschierte vorwrts, die Pfeile zischten um ihn, er
schaute nicht auf und nicht zurck, er blies die Sackpfeife zum Angriff, wie es
seines Amtes war; so kam er mitten ins Gewhl der feindlichen Reiter.
    Da stockte sein Blasen - im Vorbersprengen hatte ihm einer die Schlinge um
den Hals geworfen und ri ihn an sich; widerstrebend schaute Audifax um, kein
einziger seines Hufleins war hinter ihm zu ersphen - O Hadumoth! rief er
betrbt. Den Reiter jammerte des mutigen blonden Knaben, statt ihm das Haupt zu
spalten, hob er ihn zu sich aufs Ro und jagte mit ihm zurck. Von einem Hgel
gedeckt hielt der hunnische Tro. Hoch aufgerichtet stund die Waldfrau auf ihrem
Wagen und sphte hinaus in die wogende Schlacht, sie hatte die ersten
Verwundeten gepflegt und krftige Heilsprche gesungen ber das rinnende Blut.
    Ich bring' Euch einen, der kann die Feldkessel fegen! rief der hunnische
Reiter und warf den Hirtenknaben vom Ro hinber, da er der Alten vor die Fe
flog in den strohumflochtenen Korb des Wagens.
    Willkommen, du giftiges Krtlein, rief sie grimmig, du sollst den Lohn
empfahen dafr, da du den Kuttenmann auf meinen Fels gewiesen! Sie hatte ihn
erkannt, zerrte ihn an der Schlinge zu sich und band ihn an des Wagens Gestell.
    Audifax schwieg. Aber bittere Trnen perlten im Auge, er weinte, nicht ob
seiner Gefangenschaft, er weinte ob abermals getuschter Hoffnung. O Hadumoth!
seufzte er abermals. - Verwichene Mitternacht war er bei der jungen Hirtin
gesessen, versteckt am glimmenden Herdfeuer: Du sollst fest werden, hatte
Hadumoth gesagt, gefeyt gegen Hieb und Stich! Sie hatte eine braune Schlange
zerkocht und ihm mit dem Fette Stirn und Schulter und Brust bestrichen. Morgen
abend erwarte ich dich hier am selbigen Pltzlein, du kommst mir heil zurck.
Kein Eisen ist wider Schlangenfett!
    Und Audifax hatte ihr die Hand gegeben und war so wohlgemut mit seiner
Sackpfeife ausgerckt in den Kampf - und jetzt! ...
    Noch wogte der Feldstreit drauen im Talgrund. Schier wankten die
schwbischen Reihen, ermdet des ungewohnten Fechtens. Bedenklich schaute Simon
Bardo drber hin und schttelte das Haupt: Die schnste Strategie, brummte er,
ist vergeudet an diese Zentauren, - das sprengt ab und zu und schiet aus der
Ferne, als wr' meine dreifache Schlachtordnung fr nichts da; es tte wahrhaft
not, da man des Kaiser LeoA4 Buch ber die Taktik ein eigen Kapitel vom
Hunnenangriff zufgte!
    Er ritt zu den Mnchen und schied sie wieder in zwei Heerhaufen; die von
Sankt Gallen sollten zur Rechten, die Reichenauer zur Linken des
Heerbanntreffens vorrcken, dann schwenken, da der Feind, den Wald im Rcken,
in weitem Halbkreis eingeschlossen sei. So wir sie nicht einklemmen, halten sie
nicht stand, rief er und schwang sein breites Schlachtschwert; auf und drauf
denn!
    Wildes Feuer leuchtete aus aller Augen. Marschbereit standen die Reihen.
Jetzt warf sich noch ein jeglicher ins Knie, griff eine Scholle vom Boden auf
und streute sie rckwrts ber sein Haupt, da es geweiht und gefeit sei durch
die vaterlndische Erde185, - dann ging's in Kampf.
    Die von Sankt Gallen stimmten den frommen Schlachtgesang Media vita an.
Notker, der Stammler, war dereinst durch die Schluchten beim heimischen
Martinstobel gestiegen, sie wlbten einen Brckenbogen herber, ber
schwindelnder Tiefe schwebten die Bauleute, da stand es als Bild vor seiner
Seele, wie zu unserem Leben jeden Augenblickes des Todes Abgrund aufghnt, und
er dichtete das Lied. Jetzt galt's als Zaubersang, Schirm eigenen Lebens,
Untergang dem Feinde.
    Dumpf klang's von den anrckenden Mnnern in die Hunnenschlacht:

Ach, unser Leben ist nur ein halbes Leben!
Des Todes Boten stndig uns umschweben.
Wen mgen wir als Helfer uns erflehen,
Als dich, o Herr! den Richter der Vergehen?
Heiliger Gott!

und vom andern Flgel sangen die Reichenauer Mnche entgegen:

Dein harrten unsre Vter schon mit Sehnen,
Und du erlstest sie von ihren Trnen,
Zu dir hinauf erging ihr Schreien und Rufen,
Du warfst sie nicht von deines Thrones Stufen
Starker Sott!

und von rechts und links klang's zusammen - schon tnte Schwerthieb und dumpfer
Fall Getroffener dazwischen:

Verla uns nicht, wenn Unkraft uns befallen,
Wenn unser Mut entfleucht, sei Stab uns allen:
O gib uns nicht dem bittern Tod zum Raube,
Barmherz'ger Gott, du unser Hort und Glaube!
Heiliger Gott, heiliger starker Gott!
Heiliger barmherziger Gott, erbarme dich unser186!

    So standen sie im Handgemeng'. Staunig hatten die Hunnen die herannahenden
dunkeln Scharen erschaut, Geheul und der zischende teuflische Ruf: Hui! hui187
! war ihre Antwort auf die Media vita, auch Ellak teilte seine Reiter zum
Angriff und ringsum tobte der Kampf. Drein gespornte Rosse durchbrachen das
schwache Huflein derer von Sankt Gallen, grimmes einzelnes Streiten begann, es
rang die Kraft mit der Schnelle, germanische Ungelenkheit mit hunnischer List.
    Da trank die Hegauer Erde manch frommen Mannes Blut. Tutilo, der Starke, lag
erschlagen, er hatte eines Hunnen Ro unterlaufen, den Reiter an den Fen
heruntergerissen und schwang den Krummgesichtigen durch die Lfte, ihm das Haupt
an einem Feldstein zerschmetternd - aber ein Pfeil flog dem greisen Knstler
durch die Schlfe, wie Siegsgesang himmlischer Heerscharen ertnte es durchs
wunde Gehirn, dann sank er auf den erschlagenen Feind. Sindolt, der Bse, shnte
mit der Wunde auf der Brust manch schlimme Tcke, die er sonst an den Gefhrten
gebt; nichts frommte es dem Schotten Dubslan, da er sich dem heiligen
Minwaldius vergelbdet, barfu gen Rom zu wallfahren, wenn er ihn heut beschtze
- durchschossen trugen sie ihn aus dem Getmmel.
    Wie's von Hieben auf die Helme prasselte, gleich Hagelschlag auf lockres
Schieferdach, da zog Moengal, der Alte, die Kapuze bers Haupt, da er nicht zur
Rechten schaue und nicht zur Linken, sein Speer war verworfen: Heraus jetzt,
alte Cambutta! rief er ingrimmig und schnallte die Keule los, die ber den
Rcken gefestigt ihn begleitet, und stand im Gewhl wie ein Drescher in der
Tenne. Lang' schon war ein Reiter um ihn geschwrmt, Kyrie eleison! sang der
Alte und schlug des Rosses Schdel entzwei, mit gleichen Fen sprang der Reiter
zur Erde, ein leichter Hieb von krummem Sbel streifte Moengals Arm. Hoiho!
schrie er auf, im Lenzmonat ist gut Aderlassen, sieh dich fr, rztlein! und
er tat einen Keulenschlag, als wollt' er seinen Gegner klaftertief in die Erde
hineinschlagen. Der Hunnenkmpe bog dem Hieb aus, da fiel der Helm - ein
rotbackig Gesicht schaute zu dem Keulenschwinger hinber, wallendes Haupthaar
quoll drber vor, von rotem Band durchflochten; eh' er einen zweiten Hieb
fhrte, sprang's an Moengal hinauf wie eine Tigerkatze, das junge Gesichtlein
hob sich vor dem seinen, als sollt' ihm in alten Tagen noch eines Kusses
Gelegenheit beschert sein - da fuhr ein Bi in seine Wange, scharf und gut, er
umfate den Angreifer - das war wie weibliche Hften. Weiche von mir, Unhold,
rief er, hat die Hlle auch Teufelinnen ausgespien? da sa ein zweiter Bi auf
der linken Wange, gestrtes Gleichma herzustellen. Er fuhr zurck, sie lachte
ihn an, ein ledig Ro sprang vorber - eh' Moengal, der Alte, die Keule wiederum
gehoben, sa Erica im Sattel und ritt davon wie ein Traum der Nacht, wenn der
Hahn krht ...
    Beim Heerbann im Mitteltreffen focht Herr Spazzo, der Kmmerer, als Fhrer
einer Rotte. Das langsame Vorrcken hatte ihm behagt, wie der Kampf aber gar
kein Ende nehmen wollt' und alles ineinand verbissen war, wie Meute und Edelwild
auf der Hetzjagd, da ward's ihm schier zu viel. Eine idyllische Stimmung kam
ber ihn mitten unter Tod und Todesnot. Erst wie ihm einer im Vorbeireiten den
Helm als Beutestck abri, ward er aufgerttelt aus seiner Betrachtung, und wie
derselbe, den Versuch erneuernd, ihm auch noch den Mantel wegzerren wollte, rief
er unwillig: Ist's noch nicht genug, du Scharfschtz des Teufels? und tat
einen Stich nach ihm, da des Hunnen Schenkel von der langen Schwertklinge an
sein Ro angeheftet ward. Jetzt gedachte er, ihm den Todessto zu geben, doch
wie er sein Antlitz schaute, war es also hlich, da er beschlo, ihn als
lebendige Erinnerung des Tages seiner Gebieterin mitzubringen. Da machte er den
wunden Mann zum Gefangenen; er hie Cappan und schmiegte seinen Hals unter Herrn
Spazzos Arm, als Zeichen der Unterwerfung, und grinste mit den weien Zhnen,
wie ihm sein Leben geschenkt ward.
    Gegen die Brder der Reichenau fhrte Hornebog seinen Schwarm. Dort hielt
der Tod reiche Ernte. Des Klosters Mauern glnzten fern aus dem See herber zu
den Streitern, wie eine Mahnung zu wuchtigem Dreinschlag, und der Hunnen
mancher, der in Schwertes Bereich kam, merkte, da er auf schwbischem Boden
stund, wo der Streiche gediegenste wild wachsen wie die Erdbeeren im Wald. Doch
auch in der Brder Reihen ward's lichter: da ruhte Quirinus, der Schreiber, fr
immer vom Schreibkrampf, der die Lanze in seiner Rechten zittern gemacht, da
sank Wiprecht, der Sternkundige, und Kerimold, der Meister im Forellenfang, und
Wittigowo, der Bauverstndige - wer kennt sie alle, die Namenlosen, die
freudigen Todes starben?
    Nur einem gedieh ein hunnischer Pfeil zum Heile; das war der Bruder
Pilgeram. Zu Kln am Rhein war er geboren und hatte seinen Wissensdurst und
einen mchtigen Kropf auf Pirmins Eiland getragen, der frmmsten und
gelahrtesten Mnche einer, doch wuchs sein Kropf, und ber Aristoteles' Ethik
war er tiefsinnig geworden, da Heribald oft mitleidig zu ihm gesagt: Pilgeram,
du dauerst mich! Jetzt durchschnitt ihm ein Pfeil des Halses berhang: Fahr'
wohl, Freund meiner Jugend! rief er und sank. Doch war's keine schwere Wunde,
und wie er wieder erwachte, war's leicht am Hals und leicht im Kopf, und seinen
Aristoteles schlug er zeitlebens nimmer auf.
    Am das sankt-gallische Feldzeichen war ein erlesen Huflein geschart. Noch
flatterten die schwarzen Wimpel vom Bild des Gekreuzigten, aber der Kampf war
hart. Mit Wort und Tat feuerte Ekkehard die Genossen an, Widerpart zu halten; es
war Ellak selber, der gegen sie anritt. Leichen erschlagener Mnner und Rosse
lagen in wildem Durcheinander; wer berlebte, hatte seine Schuldigkeit getan,
und wo alle brav, ragt keine Einzeltat, besonderen Ruhm erheischend aus dem
Geschehenen herfr. Herrn Burkhards Schwert hatte in Ekkehards Hnden neue
Bluttaufe errungen, doch vergeblich war er auf Ellak, den Heerfhrer,
eingedrungen, nur wenig Hiebe wechselten sie, da trennte das Wogen der Schlacht
die Streitenden. Schon wankte das hochgehaltene Kreuz, von unablssigen
Geschossen umschwirrt - da ging durch die Reihen ein Schrei des Staunens: vom
Hgel, der den Turm von Hohenfridingen trgt, kamen zwei Reiter gesprengt, fremd
an Gestalt und Rstung. Schwerfllig und mchtigen Umfangs sa der eine zu Ro,
von veralteter Form war Schild und Harnisch, doch verblichene Vergldung zeigte
den vornehmen Kriegsmann. Ein goldner Reif schlang sich um den Helm, vom roten
Busch umwallt. Der Mantel flog im Wind; den Speer eingelegt, ritt er einher, ein
Bild aus alten Zeiten, wie der Knig Saul in Folkards Psalmenbuch, da er
ausreitet wider David188. Sorgsam ihm zur Seite ritt der andere, zu Schirm und
Deckung bereit als getreuer Dienstmann.
    Der Erzengel Michael! rief's in der christlichen Heerschar, und sie faten
zu neuer Kraft sich zusammen. Die Sonne leuchtete auf des fremden Reitersmannes
Gewaffen wie Verheiung des Siegs - itzt waren die zwei im Getmmel, als wollte
der Goldgerstete einen Gegner suchen. Der blieb ihm nicht aus. Wie ihn des
Hunnenfhrers scharfes Auge erschaut, war auch schon sein Ro ihm
entgegengewandt, des fremden Rittersmannes Speer fuhr an ihm vorber, schon hub
Ellak das Schwert zu tdlichem Hieb. Doch der Dienstmann warf sich dazwischen,
sein breites Schlachtschwert erreichte nur des Hunnen Ro, da beugte er sein
Haupt vor und fing den Schlag, der dem Gebieter galt; in den Hals getroffen ging
der treue Schildknappe in Tod.
    In klirrendem Fall rasselte Ellaks Pferd zu Boden, doch eh' der Schall
verhallt war, stund der Hunne wieder aufrecht, der unbekannte Kmpe schwang den
Streitkolben, ihn zu zerschmettern, Ellak, den linken Fu auf den erschlagenen
Renner gestemmt, prete ihm mit nerviger Faust den Arm zurck und strebte ihn
vom Saul zu reien: Mann an Mann hub sich ein Ringen der beiden Gewaltigen, da
die Kmpfer ringsum, die Schlachtarbeit einstellend, hinberschauten.
    Jetzt hatte Ellak in listiger Wendung das kurze Halbschwert gegriffen, das
ihm nach hunnischem Brauch zur Rechten hing, aber wie er zu neuem Sto ausholte,
senkte sich schwer und langsam seines Gegners Streitkolben auf sein Haupt - noch
fhrte die Faust des Getroffenen den Sto, dann fuhr sie zur Stirn, Blut
berstrmte sie, auf sein Streitro taumelte der Hunnenfhrer nieder und
verhauchte unwillig sein Leben.
    Hie Schwert des Herrn und Sankt Michael! scholl's brausend itzt von Mnch
und Heerbannleuten, zu letztem verzweifeltem Angriff drangen sie vor, noch war
der Goldgerstete der vorderste im Treffen. Des Anfhrers Fall schuf den Hunnen
panischen Schreck, rckwrts wandten sie sich, rckwrts in toller Flucht.
    Schon hatte die Waldfrau des Feldstreits Ausgang erspht, die Rosse standen
geschirrt, sie warf einen zornmtigen Blick auf die anrckenden Mnche und ihren
heimatlichen Fels, und scharfen Trabes fuhr sie dem Rheine zu, der Tro ihr nach
- zum Rhein! war die Losung der fliehenden Reiter; zuletzt und ungern kehrte
Hornebog mit den Seinen der Schlacht und dem hohen Twiel den Rcken. Auf
Wiedersehen bers Jahr! rief er hhnend zu den Reichenauer Mnnern.
    Der Sieg war errungen. Doch der, den sie als Erzengel whnten, vom Himmel
niedergestiegen aufs hegauische Blachfeld, neigte sein schweres Haupt auf des
Streitrosses Rcken, Zgel und Kolben entsanken den Hnden, war's des Hunnen
letzter Sto, war's Erstickung in Hitze des Kampfes - sie huben ihn als einen
Toten vom Ro. Sein Visier war gelftet, ein freudig Lcheln schwebte um das
runzelgefurchte mchtige greise Haupt ... von dieser Stunde hatte des Alten aus
der Heidenhhle Kopfweh ein End'. Er hatte in ehrlichem Reiterstod die Schuld
vergangener Zeiten geshnt, das schuf ihm ein frhlich Sterben.
    Ein schwarzer Hund lief suchend ber die Walstatt, bis er des Alten Leichnam
gefunden, und leckte ihm wehmtig heulend die Stirn, und Ekkehard stand dabei,
die Trne im Aug', und sprach das Gebet um's Heil seiner Seele ...
    Mit Tannenreis am Helm zogen die Sieger auf ihre Bergfeste zurck. Der
Mnche zwlf lieen sie unten im Tal, Totenwache auf der Walstatt zu halten; und
waren im Streit gefallen der Hunnen einhundertundachtzig, des schwbischen
Heerbanns sechsundneunzig, derer von der Reichenau achtzehn, derer von Sankt
Gallen zwanzig, der Alte und Rauching, sein Dienstmann.
    Mit verbundener Wange schritt Moengal bers Feld, auf seine Keule wie auf
einen Wanderstab sich sttzend. Er beschaute die Erschlagenen. Hast du keinen
Hunnen drunter getroffen, der eigentlich eine Hunnin ist? fragte er einen der
wachehaltenden Brder.
    Nein! war der Bescheid.
    Dann kann ich heimgehen! sprach Moengal.

                                    Funoten


A1 Auf der Sporaheninsel Patmos soll Johannes seine Offenbarung geschrieben
haben.

A2 Rmische Kriegsschriftsteller des 1. und 5. Jahrhunderts. -

A3 Das aus den erfahrensten Soldaten bestehende dritte Treffen.

A4 Leos VI., des Weisen, Kaisers von Byzanz 886-911.


                              Fnfzehntes Kapitel.

                                   Hadumoth.

Die Nacht ging zu Ende. Lang und bang war sie fr die gewesen, denen der
Walstatt Hut anvertraut worden. Unheimlich Grauen lag ber Erde und Menschen.
Der Herr sei ihrer Seele gndig! so tnte leiser Ruf des Wchters durch die
Stille des Gefildes. Und erlse sie von des Fegfeuers Pein, Amen! antwortete
es vom Waldessaum, wo die Gefhrten ums Wachfeuer kauerten. Schwere Schatten der
Nacht deckten die Erschlagenen, als wolle der Himmel mitleidig verhllen, was
der Menschen Hnde da unten geschafft. Dann jagten die Wolken von dannen, als
wren sie selber von Grauen getrieben ber den Anblick unter ihnen - andere
folgten, auch sie zogen fort, Gestalt und Formen wechselnd, verlierend, in neue
bergehend ... Alles ist unstet, nur im Tod ewige eherne Ruhe. Die auf dem
Blachfeld lagen still, Freund und Feind, wie das Wogen des Streits sie gebettet.
    Eine Gestalt sah der Wchter ber die Walstatt huschen, wie die eines
Kindes. Sie beugte sich nieder und ging weiter und beugte sich abermals und
wandelte auf und ab, aber es grauste ihm, sie anzurufen. Er stand wie gebannt.
Es wird der Engel sein, der die Stirn der Toten zeichnet mit dem Buchstaben, auf
da man sie erkenne, wann der Geist dereinst ihr Gebein anblst, da sie wieder
leben und auf den Fen stehen und ein Heer sind wie ehedem; so dachte er nach
dem Bild des Propheten, bekreuzte sich und schwieg. Die Gestalt verschwand aus
seinen Augen.
    Der Morgen graute, da kamen viel Mnner vom Heerbann, die Mnche abzulsen.
Die Herzogin sandte sie. Herr Simon Bardo war zwar nicht einverstanden. Sieg
ist nur halber Sieg, so er nicht benutzt wird, wir mssen den Fliehenden
nachrcken, bis der Letzte von ihnen getilgt ist, hatte er gesagt. Aber die
Mnche drangen auf Rckkehr, der Ostertage wegen, und die andern sprachen: Bis
wir die mit ihren schnellen Rossen einholen, mgen wir weit ziehen, sie sind
gekommen, wir haben sie gehauen, kommen sie wieder, sind neue Hiebe vorrtig -
die Arbeit von gestern ist ihrer Ruhe wert. Da ward beschlossen, die Toten zu
begraben vor Anbruch des Osterfestes.
    Die Mnner trugen Karst und Spaten und schaufelten zwei groe Grber. Es war
eine verlassene Kiesgrube seitwrts im Feld, die weiteten sie aus zu gerumigem
Ruheplatz. Dorthin trugen sie der Hunnen Leichname. Waffen und Rstung wurden
abgetan und gesammelt, viel Traglasten von Beutestcken. Und sie warfen die
Toten in die Grube, sonder Rcksicht, wie sie gebracht wurden - es war ein wild
verschlungener Knuel von Gliedmaen, Ro und Menschen durcheinander verstrickt,
ein Gewhl wie beim Hllensturz der abtrnnigen Engel. Die Tiefe fllte sich.
Einer der Schaufelnden kam und brachte ein einzeln Haupt; grimmig schaute es
drein, mit so zerspellter Stirn. Es wird auch zu den Heiden gehren und mag
seinen Rumpf suchen! rief er und schleuderte es zu den Leichen.
    Wie das ganze Feld abgesucht und kein hunnischer Mann mehr zu finden war,
scharrten sie die Grube zu; es war ein Begrbnis ohne Sang und Klang - nur
etliche Flche tnten als Nachruf hinab und Raben und Raubvgel krchzten heiser
drein; die in den Felsspalten des hohen Krhen nisteten, waren herbergeflogen,
und die im Tannwald horsteten, auch Moengals Habicht war dabei, sie wollten
Einsprache erheben, da die Beerdigung sie verkrze. Dumpf drhnten die
Erdschollen und Kieselgesteine in das weite Grab. Dann kam der Diakon von Singen
mit dem Kessel geweihten Wassers, den Geviertraum schritt er auf und nieder und
besprengte ihn zur Bannung der Dmonen und Niederhaltung der fremden Toten in
der fremden Erde.
    Ein verwittert Felsstck war vorzeiten vom Hohentwieler Berg abgelst zu Tal
gestrzt, das wlzten sie aufs Hunnengrab, dann wandten sie sich schauernd von
der Sttte und richteten das zweite Grab. Das sollte die gebliebenen Shne des
Landes empfangen. Fr die Erschlagenen geistlichen Standes war die Klosterkirche
auf Reichenau zum Ruheplatz bestimmt.
    Zur selben Stunde, in der gestrigen Tags der Kampf begonnen, stieg ein
dsterer Zug vom hohen Twiel hernieder. Es waren die Mnner, so die Schlacht
geschlagen. In derselben Ordnung rckten sie an, aber ihr Schritt war langsam
und ihre Banner trauerfarben. Auf den Zinnen der Burg war die schwarze Fahne
aufgezogen. Auch die Herzogin ritt mit hernieder, streng und ernst kleidete sie
der dunkle Mantel. Die toten Mnche trugen sie auf Bahren herzu und stellten sie
zu seiten des groen Grabes ab, auf da auch sie teilnhmen an der letzten Ehre
der Kampfgenossen. Wie die Litanei verklungen, trat der Abt Wazmann ans offene
Grab, er rief den sechsundneunzig, die bla und still drin geschichtet lagen,
den letzten Gru und Dank der berlebenden hinab: Ihr Gedchtnis sei gesegnet
und ihr Gebein grne an seinem Ort! Ihr Name bleibe in Ewigkeit und die Ehre der
heiligen Mnner komme auf ihre Kinder! so sprach er mit den Worten des
Predigers, dann tat er den ersten Erdwurf hinunter, die Herzogin nach ihm, dann
die andern der Reihe nach. Drauf feierliche Stille. Vom Grab der Brder hinweg
wollten die, so gestern vereint gestritten, auseinandergehen; manch hartes
Antlitz ward gerhrt, Ku und Handschlag gewechselt, dann zogen zuerst die von
der reichen Au nach ihrem Kloster. Die Bahren ihrer Toten wurden mit ihnen
getragen, Brder mit brennenden Kerzen schritten psalmsingend zur Seite, auch
des Alten aus der Heidenhhle kampfmden Leichnam fhrten sie mit sich,
gesenkten Hauptes ging das Streitro des ungekannten Kriegsmannes, mit schwarzem
Tuch umhangen, im Zug - es war ein dstrer Anblick, wie das Totengeleite mhlich
ins Waldesdunkel einbog.
    Dann nahmen die vom Heerbann Abschied von der Herzogin. Der drre Fridinger,
den Arm in der Binde, fhrte eine Schar landabwrts, nur der von Randegg mit
etlichen Leuten sollte als Besatzung des hohen Twiel zurckbleiben.
    Bewegt schaute Frau Hadwig den Abziehenden nach. Dann ritt sie langsam bers
Schlachtfeld. Sie war gestern auf dem Turm der Burg gestanden und gespannten
Auges dem Toben des Kampfes gefolgt. Itzt mute ihr Herr Spazzo noch vieles
erklren. Dem kam's auf etliche bertreibungen nicht an, aber sie war's
zufrieden. Mit Ekkehard sprach sie nicht.
    ... Wie auch sie heimgeritten, war's wieder still und de auf dem Plan, als
wr' nichts geschehen. Nur hufzerstampftes Gras, feucht rtliche Erde und die
zwei groen Grber gaben Zeugnis von der Ernte, die der Tod hier gehalten. Hat
nicht lange gedauert, so ist das Blut aufgetrocknet und das Gras neu gewachsen,
ber die Hgel der Toten hat sich Moos gesponnen und Gestrpp, Vgel und Wind
haben Samenkorn hingetragen und Busch und Bume sind ppig aufgespriet - wo
Tote so liegen, gedeiht der Pflanzen Wuchs. - Aber unverwischt lebt die Kunde
von der Hunnenschlacht in den nachgeborenen Geschlechtern189, den Heidenbuck
heit der Mann im Hegau den Hgel, den der Felsblock als Grabplatte deckt, und
in der Nacht vom Karfreitag geht keiner dort durchs Tal. Da gehrt Erde und Luft
den Toten; sie steigen aus dem alten Grab, hier schwrmen die kleinen Rosse
wieder, dort rcken im Keil die Streiter zu Fu an, und der Harnisch blitzt
unter verwittertem Mnchsgewand, Waffengelrm und wilder Kampfruf weht durch den
Sturm, tosend schwingt sich die Geisterschlacht durch die Lfte; da kommt
pltzlich von der Insel im See einer dreingesaust im gldenen Harnisch auf
schwarzem Ro, der jagt sie hinunter in khle Ruhe - noch will sich der
Hunnenfhrer gegen ihn wehren und schwingt zrnend sein krummes Schwert, da
fhrt ihm der Streithammer aufs Haupt, auch er mu hinab ... und alles ist still
wie zuvor, nur der Birke junges Laub zittert im Winde ...
    Ostersonntag ging trb und ernst vorbei. Des Abends sah Frau Hadwig im Saal
mit Ekkehard, Herrn Spazzo, dem Kmmerer, und dem von Randegg. Es ist zu denken,
was sie sprachen. Die groe Geschichte der letzten Tage klang in aller Reden
wider gleich dem Schall am Lurleifelsen: hat er an der einen Wand ausgehallt, so
hebt sich ein dumpfes Rollen an der benachbarten, und in ferner Schlucht
wiederholt sich's und will nirgend ein Ende nehmen.
    Der Abt von der Reichenau hatte einen Boten geschickt, zu vermelden, wie sie
das Kloster in miger Verwstung, doch vom Feuer unzerstrt, angetroffen, mit
geweihtem Wasser und Umtragung der heiligen Gebeine die hunnischen Spuren
getilgt, die Beisetzung ihrer Toten abgehalten.
    Und der zurckgebliebene Bruder? fragte die Herzogin.
    An dem hat Gott der Herr erwiesen, da seine Allmacht inmitten von Krieg
und Feindesschwert auch einfltiger Gemter nicht vergit. An der Schwelle stand
er bei unserer Rckkunft, als wr' ihm nichts begegnet. Wie haben dir die Hunnen
gefallen? rief ihm einer zu. Da sprach er mit dem wohlbekannten Lcheln: Eia,
sehr gut haben sie mir gefallen. Niemals hab' ich vergngtere Leute gesehen, und
Speise und Trank messen sie ganz menschenfreundlich zu - der Pater Kellermeister
hat zeitlebens meinen Durst Durst sein lassen, die gaben mir Wein die Hlle und
Flle - und wenn sie mich auch mit Faustschlag und Backenstreich geschdigt, so
haben sie's mit dem Wein wieder gutgemacht - und das tt' keiner von euch. Nur
die Disziplin fehlt ihnen, und sich still verhalten in der Kirche haben sie auch
nicht ganz gelernt ... Er wisse noch manches zum Preis der fremden Gste, hat
Heribald weiter gesprochen, aber nur im Beichtstuhl werd' er's offenbaren ...
    Frau Hadwig war noch nicht zur Heiterkeit gestimmt. Gndig entlie sie den
Boten. Sie gab ihm das geringelte Panzerhemd und den Schild des erschlagenen
Hunnenfhrers mit, auf da es in der Klosterkirche aufgehngt werde als ewiges
Wahrzeichen. Das Schiedsrichteramt bei Verteilung der Beute war ihr zugewiesen.
    Herr Spazzo, dessen Zunge seither nicht mig war, seine Kriegstaten zu
rhmen - und die Zahl der von ihm Erschlagenen wuchs mit jeder neuen Erzhlung
gleich einer Lawine - sprach wrdig: Ich habe auch noch ein Beutestck -
einzuliefern, es ist meiner gndigen Herrin bestimmt.
    Er schritt hinab zu den untern Kammern, dort lag Cappan, sein Gefangener,
auf dem Stroh, seine Wunde war verbunden und nicht gefhrlich. Steh auf, Sohn
des Teufels! rief Herr Spazzo und gab ihm einen unsanften Sto. Der Hunn' erhob
sich und schnitt ein zweifelhaft Gesicht, er schtzte seine Lebensdauer auf
keine allzulange Zeit mehr; an einem Krckenstock hinkte er durch die Stube.
Vorwrts! deutete ihm Herr Spazzo und fhrte ihn hinauf. Er marschierte in den
Saal ein. Halt! rief Herr Spazzo. Da stand der Unglckliche still und lie
verwundert seine Augen Umschau halten.
    Teilnehmend besah Frau Hadwig das fremde Menschenkind. Auch Praxedis war
herbeigekommen: Schn ist Euer Beutestck nicht, hatte sie zu Herrn Spazzo
gesagt, aber merkwrdig. Die Herzogin faltete ihre Hnde: - Und vor dieser
Nation hat das deutsche Land gezittert! sprach sie.
    Die Menge schuf den Schreck und ihr Zusammenhalten, sagte der von Randegg,
sie werden nimmer wiederkommen.
    Seid Ihr des so gewi? sagte sie spitzig.
    Der Hunn' verstand nicht viel vom Gesprch. Sein wunder Fu schmerzte, er
wagte nicht, sich niederzulassen. Praxedis sprach ihn griechisch an, er schwieg
scheu und schttelte sein Haupt. Sie begann durch Zeichen und Winke ein
Verstndnis anzuknpfen - er lie sich nicht darauf ein. Erlaubet, sprach sie
zur Herzogin, ich wei doch ein Mittel, ihm ein Lebenszeichen abzugewinnen, in
Konstantinopel hab' ich davon erzhlen gehrt. Sie huschte aus dem Saal und
erschien wieder, einen Becher tragend, spttisch kredenzte sie den dem stummen
Gefangenen.
    Es war ein stark Wasser, gebrannt aus Kirschen und Steinobst; der selige
Burgkaplan Vincentius hatte manch solches Essenzlein bereitet. Da verklrte sich
des Hunnen Antlitz, die stumpfe Nase sog den Duft ein, er leerte den Becher, als
ob er's fr einen Friedenstrunk ansehe, die Arme ber die Brust gekreuzt, warf
er sich vor Praxedis nieder und kte ihren Schuh.
    Sie gab ihm ein Zeichen, da die Huldigung der Herzogin gebhre, da wollte
er auch dort seinen Dank wiederholen, Frau Hadwig aber wich zurck und winkte
dem Kmmerer, da er seinen Mann abfhre.
    Ihr habt nrrische Einflle, sprach sie zu Herrn Spazzo, wie er
zurckkehrte, - doch war's artig, da Ihr in whrendem Streite meiner
gedachtet.
    Ekkehard sa whrenddem stumm am Fenster und schaute ins Land hinaus. Herrn
Spazzos Art verdro ihn. Auch Praxedis hatte ihm weh getan. Uns zu demtigen,
dachte er, hat der Herr die Kinder der Wste herbergesandt, - eine Mahnung zu
lernen und in sich zu gehen und auf den Trmmern des Vergnglichen dem sich
zuzuwenden, was mit dem Hauch des Ewigen gefeit ist; - noch liegt die Erde
frisch auf dem Grab der Gefallenen, und schon treibt das Vlklein wieder seine
Spe, als wr' alles nur Schaum und Traum gewesen ...
    Praxedis war zu ihm herangetreten. Warum habt Ihr uns nicht auch ein
Angedenken aus der Schlacht mitgebracht, Professor? sprach sie leicht. Es soll
eine sonderbare hunnische Amazone drin herumgetobt haben, so Ihr die gefangen,
htten wir jetzt ein Prlein. Ekkehard hat an Hheres zu denken als an
hunnische Frauen, sprach die Herzogin in bitterm Ton, und er wei zu schweigen
wie einer, der ein Gelbde getan. Was brauchen wir zu erfahren, wie es ihm in
der Schlacht erging?
    Die schneidige Rede krnkte den Ernsten. - Scherz zu unrechter Zeit wirkt
wie Essig auf Honigseim. Er ging schweigend hinaus, holte Herrn Burkhards
Schwert, entblte es seiner Scheide und warf's unwillig auf den Tisch vor Frau
Hadwig. Frischrote Flecken glnzten feucht auf der braven Klinge und junge
Scharten waren in den Rand gehauen. Ob der Schulmeister mig ging, sprach er,
mag der da bezeugen! ich hab' meine Zunge nicht zum Herold meiner Tat ernannt.
    Die Herzogin war betroffen. Sie trug noch einen Mimut auf dem Herzen, es
zuckte und drngte, ihm zrnend Luft zu schaffen - aber das Schwert Herrn
Burkhards weckte mannigfache Gedanken, sie hielt den Groll an sich und reichte
Ekkehard die Hand.
    Ich wollt' Euch nicht krnken, sprach sie.
    Die Milde der Stimme klang ihm vorwurfsvoll, er zgerte, die dargebotene
Rechte zu ergreifen. Schier htt' er um Verzeihung gebeten fr seine Rauheit,
aber das Wort stockte ihm; - da ging die Tre des Saales auf, es ward ihm alles
Weitere erspart.
    Hadumoth, das Hirtenkind, trat ein. Schchtern stand sie am Eingang,
bernchtig und verweint das Antlitz; sie getraute sich nicht zu reden.
    Was hast du, arm Kind? rief Frau Hadwig. Komm nher!
    Da ging die Hirtin vorwrts. Sie kte der Herzogin Hand. Dann ersah sie
Ekkehard, dessen geistlich Gewand ihr Scheu einflte, sie nahte sich auch ihm,
seine Hand zu kssen, sie wollte reden, Schluchzen hemmte die Stimme.
    Frcht' dich nicht, sprach die Herzogin trstend. Da fand sie Worte.
    Ich kann die Gnse nimmer hten, sprach sie, ich mu fortgehen. Du sollst
mir ein Goldstck schenken, so gro du eines hast. Wenn ich wieder heimkomm'
will ich zeitlebens dafr schaffen. Ich kann nichts dafr, da ich fort mu.
    Warum willst du fort, Kind? fragte die Herzogin, - haben sie dir was
Leides getan?
    Er ist nicht mehr heimgekommen.
    Es sind viele nicht mehr heimgekommen; darum mut du nicht fort. Die
drauen blieben, sind bei Gott im Himmel und sind in einem schnen lustigen
Garten und wohlauf und haben's besser denn wir.
    Aber das Hirtenkind schttelte sein junges Haupt. Audifax ist nicht bei
Gott, sprach's, er ist bei den Hunnen. Ich hab' nach ihm geschaut drunten im
Feld, er war nicht bei den toten Mnnern, und des Kohlenbrenners Bub' von
Hohenstoffeln, der auch mit den Schtzen zog, hat's gesehen, wie ihn einer fing
... Ich mu ihn dort holen, es lt mir keine Ruh' mehr.
    Wo willst du ihn holen?
    Das wei ich nicht. Ich will gehen, wo die andern hingeritten sind, die
Welt ist gro, am Ende find' ich ihn doch, das wei ich. Das Goldstck, das du
mir schenken sollst, will ich den Hunnen geben und sagen: Lat mir den Audifax
frei; und wenn ich ihn hab', kommen wir beide heim.
    Frau Hadwig hatte ihr Wohlgefallen am Auerordentlichen. Von diesem Kind
mgen wir alle lernen! sprach sie, hob die scheue Hadumoth zu sich empor und
kte sie auf die Stirn. Mit dir ist Gott, darum sind deine Gedanken gro und
khn und du weit nicht darum. Wer hat ein Goldstck von euch bei der Hand?
    Der von Randegg nestelte eines herfr. 's war ein groer Goldtaler, und war
der Kaiser Karl daraufgeprgt mit einem grimmen Antlitz und gro offenen
Schlitzaugen, und auf der Rckseite war ein gekrnt Frauenbild zu schauen und
eine Schrift. 's ist mein letzter! sprach der Randegger lachend zu Praxedis.
Die Herzogin gab ihn dem Kind: Zeuch aus im Herrn, es ist eine Fgung.
    Es ward ihnen feierlich zumute, und Ekkehard legte seine Hnde auf Hadumoths
Haupt wie zum Segen.
    Ich dank' euch! sprach sie und wollte gehen. Noch einmal wandte sie sich
um: Wenn sie mir aber den Audifax fr das eine Goldstck nicht herausgeben?
    Dann schenk' ich dir ein zweites, sagte die Herzogin.
    Da ging das Kind zuversichtlich von dannen.
    Und Hadumoth zog in die unbekannte Welt hinaus, das Goldstck ins Mieder
eingenht, die Hirtentasche mit Brot gefllt; - den Stab hatte ihr Audifax einst
aus, dunkelgrner Stechpalme geschnitzt. Ob Weg und Steg ihr unbekannt, ob
Speise und Obdach zweifelhaft, darum hatte sie nicht Zeit sich zu kmmern. Die
Hunnen sind gegen Sonnenuntergang gezogen und haben ihn mitgenommen, das war ihr
einzig Denken, der Lauf des Rheins und der Sonne Untergang ihr Wegweiser,
Audifax ihr Ziel.
    Mhlich ward ihr die Gegend fremd. Ferner und schmler glnzte der Bodensee
vor ihrem Blick, neue Bergrcken schoben sich vor und verdeckten ihr die
gewohnten stolzen Formen des heimatlichen Felsens: da schaute sie etliche Male
zurck. Noch einmal luegte die Kuppe des hohen Twiel mit Turm und Mauer und
Zinnen zu ihr herber, von blauem Duft umzogen, dann schwand sie.
    Ein unbekanntes Tal tat sich auf, weite schwarze Tannwlder zogen sich
drber hin, niedere Htten mit tief herabhangenden Strohdchern lagen versteckt
im Waldesdunkel - unverzagt ging Hadumoth weiter und winkte den Hegauer Bergen
den letzten Gru zu.
    Wie die Sonne jenseits der Wlder zur Ruhe gegangen war, hielt sie eine
Weile: Jetzt luten sie zu Hause den Abendsegen, sprach sie, ich will beten.
Und sie kniete in der Bergeinsamkeit und betete, erst fr Audifax, dann fr die
Herzogin, dann fr sich - und alles war still ringsum. Sie hrte nur ihr eigen
pochend Herz.
    Wie wird's meinen Gnsen ergehen? dachte sie beim Aufstehen; jetzt ist
die Stunde, sie einzutreiben. Dann trat wieder Audifax vor ihre Seele, an
dessen Seite sie so oft von der Weide zu Berg gefahren, und sie ging schneller.
    In den Meierhfen im Tal rhrte sich niemand. Nur vor einer Strohdachhtte
sa ein altes Weib. Du sollst mich heut nacht bei dir behalten, Gromutter,
sprach Hadumoth zutraulich. Die gab ihr keine Antwort, doch ein Zeichen, da sie
bleiben knne. Sie war taub und alleine zurckgeblieben, die Mnner fort ins
hhere Gebirg', der Hunnen wegen.
    Aber vor Tagesgrauen war Hadumoth wieder unterwegs. Und sie ging durch
lange, lange Wlder, drin wollte es kein Ende nehmen mit Tannen und war das
erste lautlose Weben des Frhlings im Walde, die ersten Blumen streckten ihre
Hupter aus dem Moos herfr, die ersten Kfer flogen leise summend drber, und
ein Harzgeruch, krftig und anmutend, zog wehend herum, als wr' er ein
Weihrauch, den die Tannen der Sonne hinaufschickten zum Dank fr alles, was sie
zu ihren Fen lustig hervorgetrieben.
    Der Hirtin gefiel's nicht. Hier ist's zu schn, sprach sie, hier knnen
die Hunnen nicht sein.
    Sie lenkte ihren Schritt vom Gebirg' abwrts und kam auf einen Platz, da war
der Wald licht und weite Umschau. Tief unten in der Ferne flo der Rhein
gekrmmt gleich einer Schlange, eingeklemmt zwischen doppelter Strmung trug
eine Insel viel stattliche Mauern wie von Kirche und Kloster, der Hirtin
scharfes Aug' sah, da das Mauerwerk geschwrzt und fleckig war und kein Dach
mehr trug. Eine blaue Rauchwolke stand unbeweglich drber.
    Wie ist's hier geheien? fragte sie einen Mann, der aus dem Walde kam.
    Schwarzwald! sagte der Mann.
    Und drben?
    Rheinau.
    Die Hunnen sind drben gewesen?
    Vorgestern.
    Wo jetzt?
    Der Mann hatte sich auf seinen Stab gestemmt und schaute das Kind scharf an.
Er deutete rheinabwrts. Warum? fragte er.
    Ich will zu ihnen. - Er hob seinen Stab und ging seines Weges weiter.
Heiliger Fintan, bitt' fr uns! murmelte er im Fortgehen.
    Und wiederum schritt Hadumoth unverdrossen weiter. Sie hatte von der Hhe
erschaut, da der Rhein in groem Bogen vorwrts strmte; da ging sie quer ber
das Gebirg', den Hunnen einen Vorsprung abzugewinnen, und war zwei Tage
unterwegs, die Nacht im Walde auf Moos gebettet, und schier keinem Menschen
begegnet. Aber viel wilde Talschluchten traf sie und rinnend Gewsser und alte
Stmme, die der Sturmwind gefllt; am Platze, wo sie sonst ihre Wipfel hoch gen
Himmel gereckt, faulten sie und leuchteten grauwei unheimlich im Dunkel. Sie
lie den Mut nicht.
    Das Gebirg' ward minder steil und flachte sich zu einer Hochebene ab, da
strich oft rauher Luftzug drber und Schnee lag in den Talmulden: sie ging
weiter.
    Das letzte Stck Brot war verzehrt, da kam sie auf einen Bergrcken und sah
wieder den Rhein in der Ferne. Jetzt wollte sie dem entgegen; aber wie ein Ri
im Erdreich tat sich eine enge Kluft diesseits des Berges auf, ein Waldstrom
schumte in der Tiefe. Junger Schu von Stauden und Brombeer und dornigem
Gestrpp hielt den Abhang dicht besetzt; sie bahnte sich einen Weg durch. Es
kostete Mhe und Schwei, die Sonne stand hoch am Himmel, die Dornen rissen am
Gewand. Wenn der Fu unwillig still stehen wollte, sprach sie: Audifax! und
hob ihn vorwrts.
    Jetzt war sie unten, zu Fen dunkler Felswnde. Das Wildwasser hatte sich
Bahn durch sie gebrochen und strzte in klarem Fall drber weg; die verwitterten
Steine glnzten im Wasserduft, rtliches Moos hatte sich dran festgenistet wie
eine Vergoldung; die Flut leckte hinauf und brauste wechselnd drber hin, bis
sie wenig Schritte davon in tiefgrn durchsichtigem Becken still hielt und
ausruhte, wie ein mder Mann, der sich und seines Lebens Tollheiten klar
beschauen will. ppige Pflanzen mit groen Blttern sprieten auf; der
Wasserschaum funkelte in farbigen Tautropfen drin. Blaugeflgelte Libellen
flogen auf und ab, als wren sie die Geister verstorbener Elfen.
    Trumerisch hallte das einsame Strzen des Bachs ins Herz des hungernden
Kindes. Mit dem Bach sollte sie weitergehen hinab zum Rhein. Alles war
verwachsen, wie wenn nie ein Mensch seinen Fu hieher getragen ... da lachte ein
trocken grnes Pltzlein zu Hadumoth herber, sie legte sich nieder. Es rauschte
so khl und lang', es rauschte sie in Schlummer. Den rechten Arm ausgestreckt,
da das Haupt drauf ruhte, lag sie da, Lcheln auf dem mden Antlitz. Sie
trumte. Von wem? - die blauen Wasserjungfern haben nichts verplaudert ...
    Ein leichter Wassergu aus hohler Hand scheuchte sie aus ihrem Traum. Wie
sie langsam die Augen aufschlug, stund ein Mann vor ihr mit langem Bart, in
grobzwilchenem TschobenA1, die Fe nackt bis bers Knie. Angelruten, Netz und
ein hlzern Legel, drin blaugetupfte Forellen schwammen, lagen im Grase bei ihm.
Er hatte die Schlferin lang' betrachtet. Zweifelhaft, ob sie ein Menschenkind,
ging er, Wasser zu schpfen, und weckte sie.
    Wo bin ich? fragte Hadumoth sonder Furcht.
    Am Wieladinger Strahl! sprach der Fischer. Das Wasser ist die Murg und
hat gute Forellen und geht in den Rhein. Wie kommst aber du auf den Wald,
Mgdlein? bist vom Himmel heruntergefallen?
    Ich komm' weither; bei uns sind die Berge anders und wachsen einzeln und
steil aus der Ebene auf und steht ein jeder fr sich, - und die Forellen
schwimmen im See und sind grer: Hegau heien's die Leute.
    Der Fischer schttelte das Haupt. Das mu weit weg sein, sprach er. Wohin
jetzt?
    Wo die Hunnen sind, sagte Hadumoth und erzhlte ihm treuherzig, warum sie
ausgezogen und wen sie suche.
    Da schttelte der Fischer sein Haupt noch strker denn zuvor. Beim Leben
meiner Mutter! sprach er, das ist ein bser Gang! Aber Hadumoth faltete die
Hnde und sagte: Fischer, du mut mir den Weg zeigen, wo sie sind.
    Da ward der Brtige weich. Wenn's sein mu߫, brummte er, gar fern sind sie
nicht. Komm mit!
    Er packte sein Fischgert zusammen und ging mit der Hirtin dem Lauf des
Waldbachs entlang. Wenn Baum und Busch zu dicht die Ufer sperrten oder
Felsblcke aufgetrmt lagen, hub er das Mgdlein auf den Arm und schritt durchs
schumende Wasser. Dann lieen sie die Talschlucht zur Rechten. Sie standen auf
einem der Vorberge, die sich zum Rhein hinuntersenken. Schau hin, Kind, sprach
er und deutete ber den Rhein hinber, wo ein flach abgeschnittener Gebirgszug
sich streckte: dort geht's ins Fricktal hinein, zum Btzberg hin. Dort steht
ihr Lager geschlagen. Gestern ist das Laufenburger Kastell ausgeflammt worden
... Aber weiter sollen uns die Mordbrenner nimmer traben, fuhr er grimmig fort.
    Sie gingen noch eine Weile, da hielt Hadumoths Geleitsmann an einem felsigen
Vorsprung. Warte! sprach er zu ihr. Er schleppte etliche Stmme drres
Tannenholz zusammen und schichtete sie auf, Reisig und Kienspne reichlich
dazwischen, doch lie er's unangezndet. Das gleiche tat er an andern Pltzen.
Hadumoth sah ihm zu; sie wute nicht, warum er's tat.
    Dann stiegen sie zu den Ufern des Rheins hinunter.
    Ist's dein Ernst mit den Hunnen? frug er noch einmal. Ja! sprach
Hadumoth. Da lste er einen im Gebsch verborgenen Kahn und fuhr sie ber. Am
andern Ufer war's waldig; er ging ein Stck einwrts und schaute sorgfltig um.
Auch dort lag ein Holzsto geschichtet und Kienfackeln dabei, von grnen Zweigen
verdeckt. Er nickte zufrieden und kam zu Hadumoth: Weiter geh' ich nicht mit,
dort ist Fricktal und Hunnenlager. Mach', da sie deinen Buben herausgeben, eher
heut als morgen, 's knnt' sonst zu spt werden. Behet' dich Gott! du bist ein
tapfer Kind.
    Ich dank' dir, sprach Hadumoth und drckte seine schwielige Hand. Warum
gehst du nicht mit?
    Ich komm' spter! sagte der Fischer mit bedeutsamem Ton und stieg in
seinen Kahn.
    Am Eingang zum Tal war der Hunnen Lager geschlagen, wenig Gezelte und
etliche groe Htten aus Buschwerk und Stroh, in Blockhusern von Tannstmmen
die Pferde. Es lehnte sich im Rcken an einen Berg, nach vorn war ein Graben
gezogen als Schutzwehr und mit Verhack, Pfhlen und dazwischen geworfenen
Felsblcken nach Art des hunnischen Landhags190 gesperrt. Bis weit hinaus ritten
die Vorposten auf und nieder: halb war es das Bedrfnis der Ruhe nach Ritt und
Kampf, halb ein Anschlag aufs Kloster des heiligen Fridolin drben, was sie dort
festhielt. Ein Teil der Mannschaft baute Schiffe und Fle am Rhein.
    In seinem Zelt lag Hornebog, der Fhrer seit Ellaks Fall. Decken und Polster
waren aufgetrmt, er freute sich keiner Ruhe. Erica, die Heideblume, sa bei ihm
und spielte mit einem gldenen Kleinod, das sie an seidener Schnur um den Hals
trug.
    Ich wei nicht, sagte Hornebog zu ihr, es ist sehr ungemtlich worden.
Die Kahlgeschorenen am See haben zu wtend dreingeschlagen. Wir mssen sachter
tun191. Hier trau' ich auch nicht; 's ist mir zu ruhig, und Ruhe geht vor dem
Sturm. Mit dir ist's auch nichts mehr, seit sie den Ellak erschlagen. Solltest
mich jetzt lieben wie ihn, als er der erste war - und bist wie ein ausgebrannt
Kohlenfeuer.
    Erica schnellte das Kleinod an seiner Schnur weit von sich, da es tnend an
die Brust zurckprallte, und summte was Hunnisches vor sich hin.
    Da trat ein wachehaltender Kriegsmann ins Zelt, Hadumoth, die Hirtin, mit
ihm und Snewelin von Ellwangen als Dolmetsch. Das Kind war ins Lager gekommen,
durch Vorposten und Wacheruf unverzagt durchschreitend, bis sie's festhielten.
Snewelin trug Hadumoths Begehr um den gefangenen Knaben vor; er war mitleidig
und weich gestimmt, als wr' er noch in der Heimat und begehe den
Aschermittwoch, denn er hatte heut smtliche Untaten im Lauf seines Hunnenlebens
berrechnet, die ausgebrannten Klster begannen ihm schwer auf dem Gewissen zu
lasten.
    Sag' ihm auch, da ich ein Lsegeld zahlen kann, sprach Hadumoth und
trennte des Mieders Naht auf, drin der Goldtaler war. Sie reichte ihn dem
Anfhrer dar. Der lachte. Auch die Heideblume lachte.
    Verrcktes Land! sprach Hornebog. Die Mnner scheren das Haupt, und die
Kinder tun, was Kriegern geziemte. Wren uns die Gewaffneten vom See nachgezogen
statt dieses Mgdleins, es htt' uns in Verlegenheit bringen mgen.
    Er sah das Kind mitrauisch an. Wenn sie zu sphen kme ...! rief er. Aber
Erica fuhr dazwischen und streichelte Hadumoths Stirn. Du sollst bei mir
bleiben, sagte sie, ich brauch' was zum Spielen, seit mein schwarzer Rapp' tot
und mein Ellak tot ...
    Schafft mir das Gezeug hinaus, rief Hornebog unmutig. Sind wir am Rhein,
um mit Hirtenkindern zu spielen?!
    Da merkte Erica, da beim Anfhrer ein Ungewitter im Anzug war; sie nahm das
Mgdlein bei der Hand und ging mit ihr.
    Wo das Lager sich an den Berg hinstreckte, war zwischen aufgehuften
Steinplatten die Feldkche errichtet. Dort schaltete die Waldfrau, Audifax
kniete beim grten der Kessel und blies das Feuer an, die Abendsuppe brodelte
drin. Jetzt sprang er auf und tat einen Schrei. Er hatte seine Gefhrtin
erschaut. Aber die Waldfrau reckte ihr Haupt hinter dem andern Kessel vor, das
war mehr als ein Haltruf. Er stand unbeweglich, griff nach einem geschlten Ast
und rhrte die Suppe, wie's ihm vorgeschrieben war; - ein Bild stummen Jammers,
er war bla und hager geworden, die Augen trb von Trnen, die niemanden
gerhrt.
    Da Ihr mir den Kindern nichts zuleide tut, alte Meerkatze! rief Erica der
Waldfrau zu.
    Da ging Hadumoth hinber. Der Hirtenknabe lie seinen kunstlosen Lffel
fallen und reichte ihr die Hand stumm und still, aber aus den tiefdunkeln Augen
blitzte es zu ihr hinber wie eine groe Geschichte von Gfangenschaft, Duldung
und schweifendem Wunsch des Befreitseins. Hadumoth stand unbeweglich vor ihm;
sie hatte sich viel Rhrendes gedacht vom Augenblick des Wiedersehens; das alles
schwand - die grte Freude jubelt schweigend ihr Lied himmelan. Gib mir eine
Schssel von deiner Suppe, Audifax, sprach sie, mich hungert!
    Die Waldfrau lie es geschehen, da er ihr eine hlzerne Schssel aus dem
Feldkessel fllte. Das hungrige Kind strkte sich dran und ward guten Mutes und
erschrak nicht ber die wilden Gesichter der hunnischen Reiter, die da kamen,
ihre Abendsuppe zu schpfen. Nachher setzte sie sich dicht zu Audifax hin. Er
war stumm und zurckhaltend, erst wie es dunkel ward und seine Druerin von
dannen ging, lsten sich die Fesseln seiner Zunge. O, ich wei viel, Hadumoth!
sagte er leise und sah sich scheu um - ich wei den Hunnenschatz! Die Waldfrau
hat ihn in Verwahrung, zwei Truhen stehen unter ihrem Lager im Zweighaus; ich
hab' selber hineingeschaut, es glnzt drin von Spangen und Vorhngkleinodien und
gldenem Geschirr. Auch ein silbern Huhn mit Kchlein und Eiern ist dabei, das
hat einer im Lombardenland mitgenommen, und viel Prchtiges sonst ... ich hab's
teuer gebt, den Schatz zu sehen ...
    Er lpfte seinen ledernen Schlapphut. Sein rechtes Ohr war halb
abgeschnitten.
    ... Die Waldfrau kam heim, eh' ich die Truhe zuschlagen konnte. Das sei
dein Lohn, sprach sie und zuckte die Schere wider mein Ohr. 's hat weh getan,
Hadumoth. Aber ich zahl's ihr heim!
    Ich helf' dir! sprach die Gefhrtin.
    Lange noch plauderten die beiden; der Schlummer floh die Augen der
Glcklichen. Der Lrm des Lagers schwieg. Dmmernde Schatten waren ber das Tal
gebreitet. Da sprach Hadumoth: Ich mu immer und immer denken, es sei jene
Nacht, wo die Sterne fielen.
    Audifax seufzte. Ich gewinn' meinen Schatz doch noch, sprach er; ich wei
es.
    Und wieder saen sie eine Weile, da schreckte Audifax zusammen, Hadumoth
sprte das Zittern seiner Hand. - ber dem Rheine auf dunkelm Berggipfel flammte
ein Feuerzeichen auf, es war wie eine Fackel, die ein Mann in kreisendem Bogen
schwingt und in die Lfte hinausschleudert.
    Jetzt ist's erloschen! sprach Audifax leis.
    Aber dort! sagte Hadumoth erschrocken und wies rckwrts.
    Von des Botzbergs Hhe schlug eine Lohe empor und kreiste feurig und sprhte
in Funken. Es war dasselbe Zeichen. Und drben auf dem Schwarzwald hub sich an
dem Platze, wo die Fackel geschwungen worden, eine hohe Flamme himmelan und
leuchtete durch die sternlose Nacht. Von der Wache im Tal drauen scholl ein
gellender Pfiff. Im Lager regte sich's. Die Waldfrau kam herein. Was trumst du
noch, Bub'! rief sie drohend, schirr' unser Gespann und rste das Saumro!
    Schweigend gehorchte Audifax.
    Der Wagen stand geschirrt, das Saumro an den Pfahl gebunden; vorsichtig
schlich die Alte heran und hing ihm zwei Krbe um und trug zwei Truhen herzu,
die packte sie in die Krbe und tat Heu drber. Sie sphte lauernd hinaus. Es
war wieder still. Der Fricktaler Wein schaffte den Hunnen einen festen Schlaf.
    Es ist nichts! brummte die Waldfrau, wir knnen die Gule wieder zur Ruhe
bringen. Da fuhr sie auf wie geblendet. Der Berg ber dem Lager war lebendig
geworden, es blitzte und sprhte von viel hundert Fackeln und Feuerbrnden192
und donnerte mit wtendem Schlachtruf dazwischen, - vom Rhein her wlzten sich
dunkle Massen, auf allen Gipfeln flammte es gen Himmel. - Heraus, ihr Schlfer!
... es war zu spt - schon flog der helle Brand ins Hunnenlager, - klagend
Gewieher der Rosse tnte auf - der groe Stall stand in Flammen dunkle Gestalten
brechen ein, fackelglanzbeschienen kommt heute der Tod; - das ist der alte
Irminger, Herr im Frickgau, der ihn bringt, er, der starke Vater sechs starker
Shne, der wie Mattathias mit seinen Makkabern das Elend seines Volkes nicht
lnger erschauen wollte; - und von ihnen gefhrt die Mnner von Hornussen und
Herznach und die aus dem Aartal und von Brugg und von Badens heien Quellen und
weit von der Giselaflueh her. In sicherm Waldversteck waren sie gelegen, bis auf
dem Eggberg drben die Fackel schwirrte, das war des Schwarzwalds nachbarliche
Hilfe - da ging's vorwrts zum Sturm.
    Graunvoll tnte der berfallenen Schrei in den Sturmruf. Blutigen Hauptes
sprengte Snewelin vorber, ein wohlgeschleuderter Pechbrand haftete an seiner
Gewandung und flackerte weiter, da er aussah wie ein feurig Gespenst: Die Welt
geht unter! rief er, das tausendjhrige Reich bricht an, Herr, sei meiner
armen Seele gndig!
    Verloren, alles verloren! sprach die Waldfrau vor sich hin und fuhr mit
der Hand ber die Stirn. Dann band sie das Saumro los, um es auch noch vor
ihren Wagen zu schirren. Im Dunkel stand Audifax, er bi die Zhne zusammen, um
nicht jubelnd hinauszujauchzen in das Geheul des nchtlichen berfalls;
zitternder Widerschein des Feuers spielte um sein Antlitz; es kochte in ihm.
Eine Weile schaute er starr ins Rennen und Wogen und Kmpfen der dunkeln Mnner
- jetzt wei ich's! sprach er leise zu Hadumoth; er hatte einen Feldstein
aufgerafft, katzenschnell sprang er an der Waldfrau hinauf und schlug sie
nieder, das Saumro ri er weg und hob mit Mannesstrke die knieende Hadumoth
hinauf. Halt' dich fest am Sattelknopf! - er sprang aufs Ro und griff die
Zgel, das fhlte die ungewohnten Reiter, scheu von Brand und Glanz sprengte es
davon in die Nacht. - Audifax wankte nicht, sein Herz pochte in lautem Schlag,
er schlo die Augen vor dem qualmenden Rauch - ber Erschlagene ging's und
durchs Gewhl streitender Mnner ... itzt tobte der Schlachtenlrm entfernter,
das Ro schlug langsameren Schritt an, dem Rheine entgegen trug es die Kinder -
sie waren gerettet.
    Und sie ritten die lange bange Nacht durch und schauten nicht um. Audifax
hielt schweigsam die Zgel, es war ihm oft, als wr' alles ein Traum gewesen; er
legte die Linke auf Hadumoths Haupt und klopfte an die Truhe im Hngkorb, es gab
einen Klang von Metall, da erst wute er wieder, da er nicht getrumt. Und das
Ro war brav und trug seine Last willig, ber Feld und Heide ging der Weg und
durch finstere Wlder, immer dem strmenden Rhein entgegen.
    Wie sie lang' und weit geritten waren, da kam ein khler Luftzug, da sie
zusammenschauerten: das war des Morgens Vorbote193. Hadumoth schlug die Augen
auf. Wo sind wir? fragte sie. Ich wei es nicht, sagte Audifax.
    Jetzt hrten sie ein Rauschen und Tosen wie fernen Donner, aber es war nicht
von einem Gewitter; der Himmel hellte sich, die Sternlein verblaten und
schwanden. Der Donner ward lauter und nher, sie ritten an einem Kastell
vorber, das sah stattlich in die Gewsser herunter, dann bog ihr Pfad um einen
Bergrcken, da kam der Rhein in breiter Strmung daher und strzte mit Hall' und
Schall und sprhendem Geschume ber dunkles zernagtes Gefels194; perlender
Wasserstaub stubte herber und alles stand in feuchtem Duft ... das Ro hielt
an, als wolle es den gewaltigen Anblick bedachtsam in sich aufnehmen; Audifax
sprang herab, hob die mde Hadumoth herunter, stellte die Hngkrbe zur Erde und
lie das brave Tier grasen.
    Und die Kinder standen vor dem Fall des Stromes, Hadumoth hielt ihres
Gefhrten Rechte in ihrer Linken, lang und lautlos schauten sie hinein. Und die
Sonne warf ihre ersten Strahlen ber die strzende Flut, die fing sie auf und
fgte sie zu farbigem Regenbogen zusammen und spielte mit dem schillernden Licht
...
    Audifax aber ging jetzt zu den Krben, nahm eine Truhe herfr und schlug sie
auf - es war eitel Gold und Geschmeide drin - der Schatz, der langersehnte, war
gehoben und war sein eigen, nicht durch Zauberformel und nchtige Beschwrung,
eigen durch krftig Rhren der Hnde und Dreinschlagen und Nutzung des gnstigen
Augenblicks. Er schaute in den gldenen Flimmer: Es berraschte ihn nicht, er
wute ja seit Monden, da ihm ein solches beschieden war ... Von jeglicher Art
der gldenen Stcke las er eines aus, von Gefen eines, von Ringen einen, von
Mnzen und Armspangen eine und trug sie vor ans Ufer.
    Hadumoth, sprach er, hier mu Gott sein, sein Regenbogen schwebt ber dem
Wasser. Ich will ihm ein Dankopfer bringen.
    Er trat vor auf einen Felsblock am Rande des Stromes und schleuderte mit
starkem Arm das Gef in die brausende Rheinflut und den Ring und die Mnze und
die Spange - dann kniete er auf die Erde und Hadumoth kniete zu ihm und sie
beteten eine lange Zeit und dankten Gott ...

                                    Funoten


A1 Jacke.


                              Sechzehntes Kapitel.

                            Cappan wird verheiratet.

Wenn das Gewitter vorber ist, kommen die Bche trb und erdfarbig daher
geflossen. So folgt auf landerschtternde Bewegung meist eine Zeit kleiner
verdrielicher Geschfte, bis das alte Geleise allenthalb wiederhergestellt
worden.
    Auch Frau Hadwig mute das erfahren.
    Es war viel zu richten und schlichten nach Vertreibung der Hunnen. Sie
unterzog sich dem gerne, ihr beweglicher Geist und die Freude am eigenen
Eingreifen erleichterten die Sorge des Regierens.
    Witwen und Waisen der gefallenen Heerbannmnner kamen, und wem der rote Hahn
aufs Dach der Htte geflogen und wem die junge Saat von Rosseshuf zerstampft
war: es ward Hilfe geschafft, so viel mglich! Boten an den Kaiser gingen ab mit
Bericht ber das Geschehene und Vorschlag knftiger Abwehr, der Burg
Befestigung, wo sie sich mangelhaft erwiesen, ward gebessert, die Waffenbeute
bemessen und verteilt, die Stiftung einer Kapelle auf dem Grabhgel der
christlichen Kriegsmnner beschlossen.
    Mit Reichenau und Sankt Gallen war viel Verhandlung; geistliche Freunde
vergessen niemals Rechnung zu stellen fr erwiesenen Dienst. Sie wuten
eindringlich zu jammern und wehklagen ber die Schdigung der Gotteshuser und
unerschwingliche Einbue an Hab' und Gut: da eine Schenkung von Grund und Boden
den bedrngten Gottesmnnern sehr erwnscht kme, ward der Herzogin tglich ins
Gehr getrufelt. Fern im Rheintal, wo der Berg von Breisach mit seinen dunkel
ausgebrannten Felsrcken der Strmung sich entgegenstemmt, war der Herzogin das
Hofgut Saspach195. Auf vulkanischem Boden gedeiht die Rebe, - das htte den
frommen Brdern auf der Aue wohl getaugt; schon um den Unterschied des
rheinischen Weines von dem am See erproben zu knnen, auerdem als geringer
Ersatz fr tapferes Streiten und die ntigen Seelenmessen um die Gebliebenen.
    Und wie sich Frau Hadwig eines Tages dem Vorschlag, es abzutreten, nicht
ganz abgeneigt erwiesen, kam schon des andern mit dem frhsten der Subprior
geritten und bracht' ein groes Pergament, drauf stund die ganze Formel der
Schenkung, und klang recht stattlich, wie alles dem heiligen Pirminius solle
zugewiesen sein, Haus und Hof und aller Zubehr, gerodet Land und ungerodet,
Wald und Weinberg, Weide und Wieswuchs und der Lauf der Gewsser samt
Mhlenbetrieb und Fischfang, und was von eigenen Leuten mnnlichen und
weiblichen Geschlechtes auf den Huben sehaft ... und fehlte auch die bliche
Verwnschung nicht: So sich einer vermessen sollt, hie es, die Schenkung
anzuzweifeln oder gar dem Kloster zu entziehen, ber den sei Anathema Maranatha
gesprochen, der Zorn des Allmchtigen und aller heiligen Engel treffe ihn, mit
Aussatz werde er geschlagen wie Namann, der Syrer, mit Gicht und Tod wie
Ananias und Sapphira, und ein Pfund Goldes zahle er zur Shne des Frevels dem
Fiskus196.
    Der Herr Abt hat seiner gndigen Herrin die Mhe sparen wollen, den
Schenkbrief selbst aufzusetzen, - sprach der Subprior, es ist freier Raum
gelassen, Namen und Grenzen des Gutes einzutragen die Unterschriften der
Parteien und Zeugen beizufgen, die Sigille dranzuhngen.
    Wisset ihr euch bei allen Geschften so zu sputen? erwiderte Frau Hadwig.
Ich werd' mir euer Pergament bei Gelegenheit ansehen.
    Es wre dem Abte ein liebsam und erwnscht Ding, so ich ihm heute schon die
Schrift von Euch gezeichnet und gesiegelt zurckbringen knnte. Es ist wegen der
Ordnung im Klosterarchiv, hat er gesagt.
    Frau Hadwig schaute den Mann von oben herab an. Sagt Euerm Abt, sprach
sie, da ich eben die Rechnung stellen lasse, um wie viel der Brder
Einlagerung auf dem hohen Twiel mich an Kche und Keller geschdigt. Sagt ihm
auerdem, da wir unsere eigenen Schreibverstndigen haben, so es uns zu Sinne
kommt, Hofgter am Rhein zu verschenken, und da ...
    Es lagen ihr noch etliche bittere Worte auf der Zunge. Der Subprior fiel
beschwichtigend ein und gedachte, eine Reihe von Fllen aufzuzhlen, wo
erleuchtete Herren und Frsten desgleichen getan, - wie die Knige in Francien
drben dem heiligen Martinus von Tours reichlichst den Schaden ersetzt, den er
durch der Normnner Plnderung erlitten, und wie erklecklich durch solche
Schenkung dem Heil der Seele Vorschub geleistet sei, denn wie das Feuer durchs
Wasser gelscht werde, so die Snde durchs Almosen ...
    Die Herzogin wandte ihm den Rcken und lie ihn samt seinen unerzhlten
Beispielen im Saale stehen. Zuviel Eifer ist vom bel! murmelte der Mnch;
langsam gefahren, sicher gefahren! Da wandte sich Frau Hadwig! noch einmal. Es
war eine unbeschreibliche Handbewegung, mit der sie sprach: Wollet Ihr mich
verlassen, so gehet auch gleich und ganz!
    Er trat seinen Rckzug an.
    Den Abt zu rgern, bersandte sie noch desselben Tages dem greisen Simon
Bardo fr glckliche Lenkung der Schlacht eine gldene Kette.
    Ein Mann, mit dessen Schicksal sich die Herzogin gern beschftigte, war der
gefangene Hunne Cappan. Der hatte anfangs bse Tage durchlebt; es war ihm noch
nicht klar, warum man ihn am Leben gelassen, er lief scheu umher wie einer, der
kein Recht auf sich selber mehr hat, und wenn er auf seinem Strohlager
schlummerte, kamen schne Trume ber ihn: Da sah er weite blumige Gefilde, aus
denen wuchsen Galgen ohne Zahl wie Disteln in die Hhe, und an jedem hing einer
seiner Landsleute, und am hchsten hing er selber und fand's ganz in der
Ordnung, da er dran hing, denn das war das Los Kriegsgefangener in selben Tagen
197. Es ward aber keiner fr ihn errichtet. Noch etliche Zeit schaute er
mitrauisch auf die Linde im Burghof, die hatte einen stattlichen kahlen Ast und
es deuchte ihm oftmals, als winke ihm der Ast herauf und sage: Hei! wie
taugtest du, mich zu schmcken!
    Allmhlich fand er jedoch, da die Linde ein schner schattiger Baum sei,
und ward zutraulicher. Sein durchstochener Fu heilte, er trieb sich in Hof und
Kche herum und schaute mit stumpfer Verwunderung in das Getrieb deutschen
Hauswesens. Er vermeinte zwar auf hunnisch, eines Mannes Heimat solle der Rcken
des Rosses sein und fr Weib und Kind genge ein fellumhangener Wagen, aber
wenn's regnete oder die Abendkhle kam, schien ihm das Herdfeuer und die vier
Wnde nicht zu verachten, ein Trunk Wein besser als Stutenmilch und ein wollenes
Wams weicher als ein Wolfspelz. So schwand die Sehnsucht des Fliehens; vor
Heimweh war er geschtzt, weil ihm ein Vaterland fremd.
    In Hof und Garten schaltete dazumal eine Maid, die hie Friderun und war
hoch wie ein Gebu von mehreren Stockwerken, drauf ein spitzes Dach sitzt, denn
ihr Haupt hatte die Gestalt einer Birne und glnzte nicht mehr im Schimmer
erster Jugend; wenn der breite Mund sich zu Wort oder Gelchter auftat, ragte
ein Stockzahn herfr als Markstein gesetzten Alters. Die bsen Zungen raunten
sich zu, sie sei einst Herrn Spazzos Freundin gewesen, aber das war schon lange
her; seit Jahren war ihre Huld einem Knecht zugewandt, den hatten in den Reihen
des Heerbannes die Hunnen erschossen - itzt stand ihr Herz verwaist.
    Groe Menschen sind gutmtig und leiden nicht unter den Verheerungen
allzuscharfen Denkens. Da lenkte sie ihre Augen auf den Hunnen, der sich einsam
im Schlohof umtrieb, und ihr Gemt blieb mitleidig an ihm haften wie der
funkelnde Tautropfen am Fliegenschwamm. Sie suchte ihn heranzubilden zu den
Knsten, die ihr selber gelufig, und wenn sie im Garten gejtet und gehackt,
geschah es, da sie ihre Hacke dem Cappan bergab; der tat, wie er's von seiner
Meisterin gesehen. Auch im Abschneiden von Bohnen und Krutern folgte er ihrem
Beispiel, - und nach wenig Tagen, wenn Wasser vom Brunnen beigeschafft werden
sollte, brauchte die schlanke Friderun nur auf den hlzernen Kbel zu deuten, so
hatte ihn Cappan aufs Haupt gehoben und schritt damit zum pltschernden Brunnen
im Hofe.
    Nur in der Kche ward am gelehrigen Schler keine Freude erlebt, denn wie
ihm einsmal ein Stck Wildbret zugewiesen war, da er's mit hlzernem Schlegel
mrb schlage, kamen alte Erinnerungen ber ihn und er zehrte ein Stck davon roh
auf samt Zwiebeln und Lauch, die zu des Bratens Wrze bereit standen.
    Ich glaub', mein Gefangener gefllt dir, rief ihr Herr Spazzo eines
Morgens zu, als der Hunn' fleiig mit Holzspalten beschftigt war. Dunkelrot
frbten sich die Wangen der hohen Gestalt. Sie schlug die Augen nieder. - Wenn
der Bursch deutsch reden knnt und kein verdammter Heidenmensch wr' ...  fuhr
Herr Spazzo fort.
    Die Schlanke schwieg verschmt.
    Ich wei, da du ein Glck verdienst, Friderun .... sprach Herr Spazzo
weiter. Da lste sich Frideruns Zunge: Von wegen des Deutschredens ... sagte
sie mit fortwhrend gesenktem Blick, auf die Sprache km' mir's gar nicht an.
Und wenn er ein Heide ist, so braucht er ja keiner zu bleiben. Aber ...
    Was aber?
    Er kann nicht sitzen beim Essen wie ein vernnftiger Mensch. Er liegt immer
den langen Weg auf dem Boden, wenn's ihm schmecken soll.
    Das wird ihm ein Ehegespons, wie du, sattsam austreiben. Habt ihr euch
schon verstndigt?
    Friderun schwieg abermals. Pltzlich lief sie davon wie ein gehetztes Wild,
die Holzschuhe klapperten auf dem Steinpflaster des Hofes. Da ging Herr Spazzo
zum holzspaltenden Cappan, schlug ihm auf die Schulter, da er aufschaute,
deutete mit gehobenem Zeigefinger auf die Fliehende, nickte mit dem Haupt
fragend und blickte ihn scharf an. Der Hunn' aber fuhr mit dem rechten Arm auf
die Brust, neigte sich, tat dann einen mchtigen Satz in die Hhe, da er sich
um sich selber herumdrehte, wie der Erdball um seine Achse, und verzog seinen
Mund zu frhlichem Grinsen.
    Da wute Herr Spazzo, wie es mit beider Gemt beschaffen war198. Friderun
hatte des Hunnen Luftsprung nicht erschaut. Zweifel lasteten noch auf ihrer
Seele, darum erging sie sich vor dem Burgtor; sie hatte eine Wiesenblume
gepflckt und zupfte die weien Blumenblttlein, eines nach dem andern: Er
liebt mich, er liebt mich nicht, er liebt mich. Wie sie alle ein Spiel der
Winde geworden bis aufs letzte, hrte ihr Gemurmel auf; sie sah den kahlen
Blumenrest mit dem einen kleinen weien Blttlein verklrt an199 und nickte
wohlgefllig lchelnd darauf nieder. Spazzo, der Kmmerer, aber trug die Sache
seines Gefangenen der Herzogin vor. Geschftigen Geistes gedachte sie sogleich
dessen Schicksal zu gestalten. Der Hunn' hatte im Garten Proben einer lblichen
Kunst abgelegt; er wute dem treulos unterirdischen Whlen der Maulwrfe Einhalt
zu tun - mit eingebogenen Weidenruten, dran er eine Schlinge festigte, hatte er
manchem der schwarzen Gesellen ein unerwnscht Lebensend' bereitet, aufgestellt
baumelten sie im gleichen Augenblick zu Sonnenlicht, Galgen und Tod empor. Auch
flocht er aus Draht treffliche Fallen der Muse und zeigte sich in allem, was
niedere und niederste Jagd angeht, wohlerfahren.
    Wir weisen ihm etliche Huben Landes drben am Stofflerberge zu, sprach
Frau Hadwig. Als Fron-und Felddienst soll er dafr den Krieg gegen alles
saatverderbende Getier fhren, so weit unser Twing und Bann reicht. Und wenn die
lange Friderun Gefallen an ihm hat, mag sie ihn nehmen; es wird schwerlich schon
eine andere aus den Jungfrauen unseres Landes ein Aug' auf ihn geworfen haben.
    Sie gab Ekkehard die Weisung, den Gefangenen vorzubereiten, da er seines
Heidentums ledig in die christliche Gemeinschaft aufgenommen werden mge. Der
schttelte zwar bedenklich das Haupt, aber Frau Hadwig sprach: Der Wille mu
fr das gut sein, was an der Einsicht abgeht! den Unterricht mget Ihr kurz
halten, so viel als den Sachsen, die der groe Karl in die Weser treiben lie,
wird ihm auch deutlich werden.
    Ekkehard tat, wie ihm geheien, und seine Lehre fiel auf gutes Erdreich.
Cappan hatte auf seinen Heerzgen manch ein deutsches Wort aufgelesen und hatte,
wie alle seine Landsleute, einen eigenen Sinn zu erraten, was anderer Absicht,
auch wenn die Sprache nicht ganz verstanden ward. Zeichen und Bild ergnzte
vieles; wenn Ekkehard vor ihm sa, das metallbeschlagene Evangelienbuch mit den
goldgemalten Buchstaben aufgeschlagen, und gen Himmel deutete, so wute der
Hunn', wovon die Rede, das Abbild des Teufels verstand er und gab in Gebrden
kund, da der zu verabscheuen sei, vor dem Zeichen des Kreuzes warf er sich, wie
er von andern gesehen, in die Kniee. So gedieh der Unterricht.
    Wie Cappan seinerseits sich auszudrcken vermochte, stellte sich freilich
heraus, da seine Vergangenheit eine sehr schlimme. Er nickte bejahend auf die
Frage, ob er Wohlgefallen an der Zerstrung von Kirchen und Klstern gehabt, und
an den ausgereckten Fingern war abzuzhlen, da er mehr denn einmal bei solchem
Frevel mitgewirkt.
    Unter Zeichen aufrichtiger Reue aber tat er zu wissen, da er in jngeren
Tagen zu Heilung von schlimmem Wundfieber ein Stck vom Herzen eines
erschlagenen Klerikers aufgezehrt200; zur Shne lernte er jetzt desto emsiger
die offene Schuld aussprechen, wenn ein Wort fehlte, half ihm Friderun, und bald
konnte Ekkehard erklren, da er mit ihm zufrieden, wenn auch nicht alles in
seinem Gemt Eingang gefunden, was der Kirchenvater Augustiuns in seinem Buch
von Unterweisung der im Glauben Rohen verlangt.
    Da ordneten sie einen Tag zu gleichzeitigem Vollzug von Taufe und Hochzeit.
Nach der Herzogin Gehei sollten ihm drei Taufpaten gegeben sein, einer vom
Kloster Reichenau, einer von Sankt Gallen und einer vom Heerbann, zum Gedchtnis
an die Schlacht, drin sie ihn gefangen. Die Reichenauer sandten Rudimann, den
Kellermeister; fr den Heerbann trat Herr Spazzo ein. Und weil die Paten sich
nicht einigen konnten, welch einen neuen Namen der Tufling fhren sollte, ob
Pirmin, zu Ehren der Reichenau, oder Gallus, brachten sie es vor die Herzogin
zum Austrag, die sprach: Heiet ihn Paulus, denn auch er ist schnaubend von Wut
und Mord gegen die Jnger des Herrn ins Land gezogen, bis da ihm die Schuppen
von den Augen fielen.
    Es war ein Sonnabend, da fhrten sie den Cappan, der whrend des ganzen
Tages gefastet, zur Kapelle der Burg und verbrachten abwechselnd die Nacht mit
ihm im Gebete. Der Hunn' war ergeben und fromm und trug sich mit ernsten
Gedanken und vermeinte, der Geist seiner Mutter sei ihm erschienen in
Lmmerfelle gehllt, und hab ihm zugerufen: Dein Bogen ist zerbrochen, duck'
dich, arm Reiterlein, die dich vom Ro gestochen, soll'n deine Herren sein!
    Zu stiller Sonntagsfrhe aber, als noch perlender Tau die Halme netzte und
kaum ein erstes Lerchlein sich zum reinen Morgenhimmel aufschwang, wallte eine
kleine Schar mit Kreuz und Fahne den Burgweg hinab - diesmal kein Trauerzug.
    Ekkehard voraus im violetten Priestergewand, inmitten seiner Paten der
Hunne, so schritten sie durch den ppigen Wieswuchs ans Ufer des Flleins Aach.
Dort pflanzten sie das Kreuz in weien Sandboden und traten im Halbkreis um den,
der heute zum letztenmal Cappan heien sollte; hell klang ihre Litanei durch die
Morgenstille zu Gott auf, da er gndig herabschaue zu dem, der jetzt seinen
Nacken vor ihm beuge und sich nach Befreiung sehne vom Joch des Heidentums und
der Snde.
    Dann hieen sie den Tufling sich entkleiden bis auf die Umgrtung der
Lenden. Er kniete im Ufersand, Ekkehard sprach die Beschwrung im Namen dessen,
den Engel und Erzengel frchten, vor dem Himmel und Erde erzittern und die
Abgrnde sich auftun, auf da der bse Geist die letzte Gewalt ber ihn
verliere, dann hauchte er ihn dreimal an, reichte geweihtes Salz seinem Munde,
als Sinnbild neuer Weisheit und neuen Denkens, und salbte ihm Stirn und Brust
mit heiligem le. Der Tufling war wie erschttert und wagte kaum zu atmen, so
schlug ihm die Wucht der Feier ins Gemt. Wie ihm darauf Ekkehard die Formel der
Abschwrung vorsprach: Versagst du dem Teufel und allen seinen Werken und allen
seinen Gezierden? antwortete er mit Heller Stimme: Ich versag' ihm! und
sprach, so gut er's vermochte, die Worte des Bekenntnisses nach, drauf tauchte
ihn Ekkehard in die khle Flut des Flleins, die Taufe war ausgesprochen, der
neue Paulus stieg aus dem Gewsser ... einen wehmtigen Blick warf er nach dem
frischen Grabhgel, der sich drben am Waldsaum trmte, dann zogen ihn die
Taufpaten herauf und hllten den Zitternden in ein blendend linnen Gewand.
Vergnglich stand er unter seinen neuen Brdern. Ekkehard hielt eine Ansprache
nach den Worten der Schrift: Der ist selig, welcher sein Gewand treu behtet,
damit er nicht nackend gehe201 und mahnte ihn, da er von nun an das makellose
Linnen trage als Gewand der Wiedergeburt in Rechtschaffenheit und Gte, wie es
die Taufe ihm verliehen, - und legte ihm die Hnde auf. Mit schallendem Lobsang
fhrten sie den Neubekehrten zur Burg zurck.
    In der gewlbten Fensternische eines Gemachs im Erdgescho sa indessen
Friderun, die lange. Praxedis huschte auf und ab wie ein unstetes Irrlicht; sie
hatte sich's von der Herzogin erbeten, die ungeschlachte Braut zu ihrem Ehrentag
zu schmcken. Schon waren die Haare eingeflochten in rote Strnge von Garn, der
unendlich faltenreiche Schurz wallte bis zu den hochabstzigen Schuhen, drber
prangte der dunkle Schappelgrtel mit seiner gldfadenen Einfassung - nur wer
die Braut erstreitet, darf ihn lsen - jetzt griff Praxedis die glitzernde
glasperlenbehngte Krone voll farbiger Steine und Flittergold: Heilige Mutter
Gottes von Byzanzium! rief sie, mu das auch noch aufgesteckt werden? Wenn du
mit dem Kopfschmuck einherschreitest, Friderun, werden sie in der Ferne glauben,
es sei ein Festungsturm lebendig geworden und wandle zur Trauung.
    Es mu sein! sprach Friderun.
    Warum mu es sein? fragte die Griechin. Ich hab' daheim manch schmucke
Braut gesehen, die trug den Myrtenkranz oder den silbergrnen Olivenzweig in den
Locken, und es war gut so. Freilich in euren harzigen ruigen schwrzlichen
Tannenwldern wchst nicht Myrte und nicht Olive, aber Efeu wr' auch schn,
Friderun?
    Die drehte sich zrnend im Stuhl. Lieber ledig bleiben, sprach sie, als
mit Blatt und Gras im Haar zur Kirche gehn. Das mgt Ihr hergelaufenem Volk
raten, aber wenn ein Hegauer Kind Hochzeit macht, mu die Schappelkrone sein
Haupt schmcken, das gilt von jeher, seit der Rhein durch den Bodensee rinnt und
die Berge stehen. Wir Schwaben sind all ein kniglich Geschlecht, hat mein Vater
immer gesagt.
    Euer Wille geschehe, sprach Praxedis und heftete ihr die Flitterkrone auf.
    Die groe Braut erhob sich, aber Falten lagerten ber ihrer Stirn wie ein
Schatten eilenden Gewlks, der sein vorbergehend Dunkel auf die sonnbeglnzte
Ebene wirft.
    Willst du jetzt schon weinen, fragte die Griechin, auf da dir in der Ehe
die Trnen gespart werden?
    Friderun machte ein ernst Gesicht und der unholde Mund zog sich betrbt in
die Lnge, da Praxedis Mh' hatte, nicht zu lachen.
    Mir ist so bang, sprach die Braut des Hunnen.
    Was soll dir bang machen, zuknftige Nebenbuhlerin der Tannen am
Stofflerberg?
    Ich frcht', die Burschen des Gaus tun mir einen Spuk an, da ich den
Fremden heirate. Wie der Klostermeier vom Schlangenhof die alte Witfrau vom
Bregenzer Wald heimgefhrt hat, sind sie ihm in der Hochzeitnacht vors Haus
gezogen und haben mit Stierhrnern und Kupferkesseln und groen Meermuscheln
eine Hllenmusik gemacht, wie wenn ein Hagelwetter weg zu drommeten wr'; und
wie der Rielasinger Mller am ersten Tag seines Ehestands vors Haus trat, stand
ein Maienbaum gepflanzt, der war kahl und drr, und statt Blumen hing ein
Strohwisch dran und ein zerlumpt grngelb Schrzlein.
    Sei gescheit! trstete Praxedis.
    Aber Friderun jammerte weiter: Und wenn sie mir's machen wie des
Bannfrsters Witib, da sie den Jgersknaben nahm? Der haben sie nachts das
Strohdach entzweigeschnitten oben auf dem Hausfirst, halb zur Rechten, halb zur
Linken ist's heruntergerollt, der blaue Himmel hat in ihr Hochzeitbett
geleuchtet, ohne da sie wuten warum, und die Krhen sind ihnen zu Hupten
geflogen202.
    Praxedis lachte. Du wirst doch ein gut Gewissen haben, Friderun? sprach
sie bedeutsam.
    Aber der stand das Weinen nher.
    Und wer wei߫, sprach sie ausweichend, was mein Cappan ...
    Paulus, verbesserte Praxedis.
    ... in jungen Tagen fr Streiche gemacht? Gestern nacht hat mir getrumt,
er habe mich fest in seinen Armen gehalten, da sei ein hunnisch Weib gekommen,
gelb von Gesicht und schwarz von Haar, und hab' ihn weggerissen. Mein gehrt er!
drohte sie, und wie ich ihn nicht lassen wollte, ward sie zur Schlange und
ringelte sich fest an ihm auf ...
    La die Schlangen und Hunnenweiber, unterbrach sie Praxedis, und mach
dich fertig, sie kommen schon den Berg herauf ... Vergi den Rosmarinzweig nicht
und das weie Tuch!
    Hell glnzte drauen im Burghof des Cappan weies Festgewand. Da gab
Friderun den trben Gedanken Valet und schritt hinaus; die Ehrenmgde empfingen
sie im Hof, der Neugetaufte lachte ihr frhlich entgegen, das Glcklein der
Burgkapelle lutete, es ging zur Hochzeit203.
    Die Trauung war beendet, mit strahlendem Antlitz verlie das neue Ehepaar
die Burg. Frideruns ganze Sippschaft war erschienen, stmmige Leute, die an Hhe
des Wuchses der Braut nicht nachstanden; sie saen als Meier und Bauern auf den
nachbarlichen Hfen; itzt zogen sie nach dem Gtlein am Fu des hohen Stoffeln,
das erste Feuer zur Einweihung des neuen Herdes anzuznden und das Hochzeitfest
zu feiern. Voraus im Zug wurde auf bekrnztem Wagen der Brautschatz gefhrt; da
fehlte die groe Bettstatt von Tannenbrettern nicht, Rosen und Trudenfe als
Abwehr von Alp und Wichtelmnnern und andern nchtlichen Unholden waren drauf
gemalt; - an Kisten und Kasten folgte ein mannigfacher Hausrat.
    Die Ehrenmgde trugen die Kunkel mit angelegtem Flachs und den schn
gezierten Brautbesen von weien Reisern, einfache Sinnbilder von Flei und
Ordnung frs knftige Hauswesen.
    An Jauchzen und Jubelruf lieen es die Geleitsmnner nicht fehlen; dem
Cappan aber war's zu Sinn, als htten die Fluten der Taufe in frher
Morgenstund' alle Erinnerung weggesplt, da er je streifend und schweifend ein
Ro getummelt, er schritt ehrsam und brgerlich mit Schwgern und Schwiegern,
als wr' er von Jugend ein Fronvogt oder Schulthei im Hegau gewesen.
    Noch war der Lrm der bergab Ziehenden nicht verklungen, da traten zwei
schmucke Bursche vor die Herzogin und ihre klsterlichen Gste, des Schaffners
auf der kaiserlichen Burg Bodmann Shne und Frideruns Gevattern. Sie kamen als
Hochzeitbitter, jeder eine gelbe Schlsselblume hinters Ohr gesteckt und einen
Strau am zwilchenen Gewand.
    Verlegen blieben sie unter des Saales Eingang stehen, die Herzogin winkte,
da traten sie etliche Schritte vor, dann noch etliche, und scharrten eine
Verbeugung und sprachen den altherkmmlichen Ladspruch zum Ehrentag ihrer Base
und baten, ihnen hinberzufolgen ber Weg und Steg, ber Gassen und Straen,
Brck' und Wasser zum Hochzeitshaus; dort werd' man auftragen ein Kraut und
Brot, wie selbes geschaffen der allmchtige Gott, ein Fa werd' rinnen und
Geigen drein klingen, ein Tanzen und Springen, Jubilieren und Singen. Wir
bitten Euch, lat zwei schlechte Boten sein fr einen guten, gelobt sei Jesus
Christ! so schlo ihr Spruch, und ohne den Bescheid zu erwarten, scharrten sie
die zweite Verbeugung und enteilten.
    Erweisen wir unserm jngsten christlichen Untertan die Ehre des Besuchs?
fragte Frau Hadwig heiter. Die Gste wuten, da auf Fragen, die sie so
freundlich stellte, keine Verneinung zieme. Da ritten sie des Nachmittags
hinber. Auch Rudimann, der Abgesandte von Pirminius' Kloster, ritt mit, er
hielt sich schweigsam und lauernd, seine Rechnung mit Ekkehard war noch nicht
abgemacht.
    Der Stoffler Berg ragt stolz und lustig mit seinen drei Basaltkuppen, von
dunkelm Tannwald umsumt, ins Land hinaus. Die Burgen, deren Trmmer itzt sein
Rcken trgt, waren noch nicht gebaut, nur auf dem hchsten stand ein
verlassener Turm. Auf dem zweiten Bergvorsprung aber war ein bescheiden Huslein
im Waldversteck - des neuen Ehepaars Sitz. Als Zins und Zeichen, da der
Einziehende der Herzogin Mann, war ihm gesetzt, alljhrlich fnfzig
Maulwurfsfelle einzuliefern und auf Sankt Gallus' Festtag einen lebenden
Zaunknig.
    Auf grner Waldwiese hatte die Hochzeitsippe ihr Lager aufgeschlagen; in
groen Kesseln ward gesotten und gebraten, wem keine Platte oder Teller zuteil
ward, der schmauste von tannenem Brett, wo die Gabel fehlte, ward zweizinkige
Haselstaude zu deren Rang erhoben.
    Cappan war mhsam zu Tisch gesessen und hielt sich aufrecht an seiner
Ehefrau Seite; aber in des Gemtes Tiefe bewegte er den Gedanken, ob er nicht
nach etlichen Tagen die Gewohnheit des Liegens zur Mahlzeit wieder zum alten
Recht erheben wolle.
    In den langen Zwischenrumen von einem Gericht zum andern - der Schmaus
begann mit der Mittagstunde und sollte zum Sonnenuntergang noch nicht beendet
sein - schuf der Hunne seinen vom Sitzen gequlten Gliedmaen durch Tanzen Luft.
    Von buerlicher Musika empfangen, kam die Herzogin angeritten. Sie schaute
vom Ro herab auf die Frhlichen, da zeigte ihr der neue Paulus seine wilde
Kunst. Die Musika gengte ihm nicht, er pfiff und jauchzte sich selber den Takt;
sein langes Ehgemahl drehte er in labyrinthischer Verschlingung, ein wandelnder
Turm und eine Katze des Waldes, so tanzte die Langsame mit dem Behenden, bald
beisammen, bald fliehend, bald Brust gegen Brust, bald Rcken gegen Rcken -
dann stie er seine Tnzerin von sich, die Holzschuhe im Schweben
zusammenklirrend, tat er sieben wirbelnde Luftsprnge, einen hher als den
andern, zum Beschlu lie er sich vor Frau Hadwig ins Knie fallen und beugte
sein Haupt zur Erde, als wollt' er den Staub kssen, den ihres Rosses Huf
berhrt. Es sollte sein Dank sein.
    Die Hegauer Vettern aber schpften ein Beispiel lblicher Anregung aus dem
ungewohnten Tanz. Es mag sein, da mancher spter sich nhere Unterweisung drin
erbat, denn aus fernem Mittelalter klingt noch die Sage herber von den sieben
Sprng oder dem hunnischen Hupfauf, der als Abwechslung vom einfrmigen
Drehen des Schwbischen und als Krone der Feste seit jenen Tagen dort landblich
ward.
    Wo ist Ekkehard? fragte die Herzogin, nachdem sie, vom Zelter gestiegen,
die Reihen ihrer Leute durchwandelt hatte. Praxedis deutete hinber nach einem
schattigen Rain. Eine riesige Tanne wiegte ihre schwarzgrnen Wipfel, ihr zu
Fen im verschlungenen Wurzelwerk sa der Mnch. Lauter Jubel und
Menschengewhl prete ihm beklemmend die Brust, er wute nicht weshalb - er
hatte sich seitab gewandt und schaute hinaus ber die waldigen Rcken in die
Alpenferne.
    Es war einer jener duftigen Abende, wie sie hernachmals Herr Burkart von
Hohenvels auf seinem riesigen Turm berm See belauscht hat, da die Luft mit
Sonnenfeuer getempert und gemischet204. Die Ferne schwamm in leisem Glanz. Wer
einmal hinausgeschaut von jenen stillen Berggipfeln, wenn bei blauem Himmel die
Sonne glutstrahlend zur Rste geht, purpurne Schatten die Tiefen der Tler
fllen und flssiges Gold den Schnee der Alpen umsumt, dem mu noch spt im
Nebeldunst seiner vier Wnde die Erinnerung tnen und klingen, lieblich wie ein
Sang in den schmelzenden Lauten des Sdens.
    Ekkehard aber sa ernst, das Haupt gesttzt in der Rechten.
    Er ist nicht mehr wie frher! sagte Frau Hadwig zur Griechin.
    Er ist nicht mehr wie frher! sprach Praxedis gedankenlos ihr nach. Sie
hatte auf die hegauischen Weiber zu schauen und ihren Festschmuck und berlegte
an diesen hohen Miedern und faartig gesteiften Rcken und der unnennbaren
Haltung beim Tanz, ob der Genius guten Geschmackes hnderingend fr immer dies
Land verlassen oder ob sein Fu es noch gar nie betreten habe.
    Frau Hadwig trat vor Ekkehard. Er fuhr auf seinem Moossitz empor, als wr'
ihm ein Geist erschienen.
    Einsam und fern von den Frhlichen? frug sie. Was treibet Ihr?
    Ich denke darber nach, wo das Glck sei, sprach Ekkehard.
    Das Glck? sprach Frau Hadwig, das Glck kommt von ohngefhr wohl ber
neunzig Stunden her, heit's im Sprichwort. Fehlt's Euch?
    Es wre mglich, sprach der Mnch und schaute ins Moos hinab. Erneute
Musik und Jauchzen der Tanzenden tnte herber.
    Die dort das Erdreich stampfen, fuhr er fort, und mit den Fen
auszusprechen wissen, was ihnen das Herz bewegt, sind glcklich; es gehrt wohl
wenig dazu, um's zu sein, vor allem - er deutete nach den schimmernden Huptern
der Alpen - keine Fernsicht auf Hhen, die unser Fu niemals erreichen darf.
    Ich versteh' Euch nicht, sagte die Herzogin trocken. Ihr Herz dachte
anders als ihre Zunge. Wie geht es Eurem Virgilius? sprach sie, die Rede
ablenkend; es hat sich wohl Staub und Spinnweb ber ihn gesetzt in der Not der
vergangenen Tage?
    In meinem Herzen ist er wohl geborgen, sprach Ekkehard, wenn das
Pergament auch modert. Erst vorhin sind mir seine Verse zum Lob des Landbaus
durch die Gedanken gezogen: Dort das waldumschattete Huslein, am Bergeshang der
Felder schwarzfettes Erdreich, ein neu vermhlt Paar mit Hacke und Pflug, der
Mutter Erde den Unterhalt abzwingend - neidig mut' ich des Virgilius Bild vor
mir sehen:

- ein truglos gleitendes Leben,
Reich an mancherlei Gut. Und Mue bei rumigen Feldern,
Grotten und lebende Teich', ein Khlung atmendes Tempe,
Rindergebrll und unter dem Baum sanft winkender Schlummer.

    Ihr wit sinnig zu erklren, sprach Frau Hadwig. Des Cappan
Lehenspflicht, ringsum den Maulwurf zu fahen und die nagende Feldmaus, hat Euer
Neid wohl bersehen. Und die Winterfreuden! wenn der Schnee mauergleich bis an
das Strohdach sich trmt, da der helle Tag sich verlegen umschaut, durch
welchen Spalt er ins Haus schlpfen soll ...
    Auch in solche Not wte ich mich zu finden, sprach Ekkehard. Virgilius
wei es auch:

    Mancher verbleibet dann lang' beim spten Geflimmer des Feuers
    Wach im Winter und schnitzt sich Fackeln mit schneidendem Eisen,
    Whrend sein Weib mit Gesang sich der Arbeit Weile verkrzend
    Rasch des Gewebs Aufzug durchschiet mit sausendem Kamme.

    Sein Weib? sprach die Herzogin boshaft. Wenn er aber kein Weib hat?
    Drben erscholl ein brausend Jubelgelchter. Sie hatten den hunnischen
Vetter auf ein Brett gesetzt und trugen ihn erhoben, wie einst den Heerfhrer
auf dem Schild bei der Knigswahl, ber die Wiese. Er tat etliche Freudensprnge
ber ihren Huptern.
    - und kein Weib haben darf? sprach Ekkehard zerstreut. Seine Stirn glhte.
Er deckte sie mit der Rechten. Wohin er schaute, schmerzte ihn das Aug'. Dort
das Gewirre des Hochzeitjubels - hier die Herzogin, fern die leuchtenden
Gebirge: es war ihm unendlich weh, aber seine Lippen blieben geschlossen. Sei
stark und still! sprach er zu sich selber.
    Er war in Wahrheit nicht mehr wie frher. Der stille Bcherfriede der
Mnchsklause war von ihm gewichen, Kampf und Hunnennot hatten sein Denken
geweitet, der Herzogin Zeichen von Huld sein Herz entzweit. Im Gang des Tages,
im Traum der Nacht verfolgte ihn das Bild, wie sie ihm Reliquie und Schwert des
Gatten umgehangen, und in bsen Stunden zogen Vorwrfe nebelgleich durch seine
Seele, da er's so schweigend hingenommen. Frau Hadwig ahnte nicht, was in ihm
kochte; sie dachte gleichgltiger von ihm, seit vermeintliches Nichtverstehen
ihres Zuvorkommens sie gedemtigt; aber wenn sie ihn wieder sah, Kummer auf der
hohen Stirn und fragende Schwermut im Aug', so erneute sich das alte Spiel.
    Wenn Ihr solche Freude am Landbau habt, sprach sie leicht, ich wt' Euch
Rat. Der Abt von Reichenau hat mich gergert, die Perle meiner Hofgter mir
abschwatzen wollen, als wr's eine Brotkrume, die man vom Tisch schttelt, ohne
umzuschauen!
    - Es rauschte im Gebsch, sie nahmen es nicht wahr. Ein dunkler Schimmer zog
sich durch die Bltter - war's ein Fuchs oder eines Mnchs Gewand?
    Ich will Euch als Verwalter drauf setzen, fuhr Frau Hadwig fort, da habt
Ihr all die Herrlichkeit vollauf, deren Anblick Euch heute schwermtig macht,
und noch mehr. Mein Saspach liegt frhlich am Rhein, der alte Kaiserstuhl rhmt
sich der Ehre, da er zuerst in all unsern Landen die Weinrebe trug, - und sind
ehrliche Leute dort, wenn sie auch eine unfeine Sprache sprechen.
    Ekkehard sah vor sich nieder.
    Ich kann's Euch auch ausmalen, ohne da ich zu schildern wei wie
Virgilius. Denkt Euch, es ist Herbst - Ihr habt ein gesund Leben gefhrt, mit
der Sonne heraus, mit den Hhnern zu Bett - jetzt kommt die Weinlese, von allen
Bergrcken steigen Knechte und Mgde zu Euch hernieder, den Hngkorb gefllt mit
Trauben, Ihr steht am Tor ...
    Es rauschte wieder im Gebsch.
    ... und denket darber nach, wie der Wein wird, und besinnt Euch, auf
wessen Wohl Ihr ihn trinken wollt, der Vogesenwald schaut so licht und blau zu
Euch herber, wie hier die Hrner der Alpen, da kommt's mit Ro und Wagen vom
alten Breisach her, die Heerstrae stubt, Ihr hebet das Haupt, nun, Meister
Ekkehard, wer wird angezogen kommen?
    Der Gefragte war kaum der Schilderung gefolgt. Wer? sagte er scheu.
    Wer anders als Eure Gebieterin, die sich ihr herzoglich Recht nicht
vergeben wird zu prfen, wie ihre Diener schalten.
    Und dann? fragte er weiter.
    Dann? dann werd' ich Erkundigungen einziehen, wie Meister Ekkehard seiner
Pflicht oblag, und sie werden alle sagen: Er ist brav und ernst, und wenn er
nicht so viel denken und sinnen und in seinen Pergamenten lesen wollte, wr' er
uns noch lieber ...
    Und dann? fragte er noch einmal. Sein Ton war seltsam.
    Dann werd' ich sprechen mit den Worten der Schrift: Wohl, du guter und
getreuer Knecht! Du warst treu ber weniges, ich will dich ber vieles setzen.
Zeuch ein zum Freudenmahl deines Herrn.
    Ekkehard stand gleich einem Betubten. Er hob seinen Arm, er lie ihn wieder
sinken, eine Trne zitterte in seinem Aug'. Er war sehr unglcklich.
    ... Zu selber Zeit schritt ein Mann vorsichtig aus dem Gebsch heraus. Wie
er wieder Wiesengrund unter den Fen fhlte, lie er die gehobene Kutte
niederfallen. Er schaute bedeutsam auf die beiden zurck und nickte mit dem
Haupte, wie einer, der eine Entdeckung gemacht. Er war auch nicht hingegangen,
um Veilchen zu pflcken.
    Das Hochzeitfest war in stufenweiser Entwicklung bis dahin gediehen, wo
Chaos einzubrechen droht. Der Met wirkte in den Gemtern. Einer hing sein
Obergewand an einen Baumast und fhlte unwiderstehliche Neigung, alles zu
zertrmmern, ein anderer hingegen strebte, alles zu umarmen, ein dritter, der
vor zehn Jahren manchen Ku von Frideruns Wangen gepflckt zu haben sich
erinnerte, sa trbsinnig am Tisch und hatte viel getrunken und sah den Ameisen
zu, die ihm zu Fen wimmelten, und sprach: Kling, klang, gloria! Keine ist was
nutz ... Die jungen Leute, die in der Frhe so verschmt als Hochzeitbitter bei
der Herzogin waren, fhrten mit ihrem hunnischen Anverwandten ein germanisches
Schalksspiel aus: sie hatten ein groes linnenes Laken aus einer der
Hochzeittruhen gerissen, den Cappan drauf, an den vier Ecken hielten sie's starr
und schleuderten den Unseligen von der prallen Decke empor, da er in die blauen
Lfte hinaufwirbelte wie eine Lerche205. Er hielt's fr den landesblichen
Ausdruck verwandtschaftlicher Hochachtung und schwang sich gewandt auf und
nieder.
    Da pltzlich tat die lange Friderun einen lauten Schrei. Alle Kpfe wandten
sich, schier lieen die Vettern den Aufgeschnellten hinab ins khle Erdreich
sausen, ein Freudenjubel brach aus, ungeheuer und drhnend, da es schien, als
wollten selber die verwitterten Basaltfelsen im Tannenwald verwundert umschauen,
und die hatten in Sturm und Wetter schon manch tchtigen Lrm gehrt. Audifax
und Hadumoth kamen auf ihrer Flucht aus hunnischer Hand des Wegs gezogen.
Audifax fhrte den Gaul mit der Schatztruhe am Zgel, glckselig gingen die
Kinder nebeneinand, sie hatten heut zum erstenmal den Gipfel des hohen Twiel
wieder erschaut und mit frohem Aufjauchzen begrt. Erzhl' ihnen nicht alles!
flsterte Audifax seiner Gefhrtin zu und flocht dichtes Weidengezweig um die
Krbe. Schon war die lange Friderun herbeigesprungen und trug die Hadumoth halb
auf den Armen weg: Gr Gott, verloren Shnlein! Trink Sackpfeifer, trink
Sturmlufer! rief's aus aller Mund dem Audifax zu - sie wuten von des Jungen
Gefangenschaft und reichten ihm die groen Steinkrge zum Willkomm.
    Die Kinder hatten unterwegs beredet, wie sie der Herzogin zu Haus
entgegentreten wollten. Wir mssen ihr schn danken, hatte die Hirtin gesagt,
und ich mu ihr den Goldtaler zurckgeben, ich hab' den Audifax umsonst
bekommen, werd' ich ihr sagen.
    Nein, hatte Audifax erwidert, wir legen vom Hunnengold noch die zwei
grten Mnzen darauf und bringen ihr die dar: sie mcht' uns gndig bleiben wie
bisher, das sei unser Dank und Bue in den Herzogsschatz, da ich die Waldfrau
erschlagen.
    Sie hatten das Gold schon gerstet.
    Jetzt sahen sie die Herzogin bei Ekkehard unter der Tanne stehen. Der
tobende Lrm der Mannen unterbrach das landwirtschaftliche Gesprch der beiden.
Praxedis kam gesprungen und kndete die wunderbare Mr. Jetzt kamen die jungen
Flchtlinge selber, sie fhrten sich. Vor Frau Hadwig knieten sie nieder,
Hadumoth hielt ihren Taler empor, Audifax zwei groe gldene Schaumnzen; er
wollte sprechen, die Worte blieben aus ... Da wandte sich Frau Hadwig mit
stolzer Anmut zu den Umstehenden:
    Die Narretei meiner zwei jungen Untertanen schafft mir Gelegenheit, ihnen
meine Gnade zu beweisen. Seid dessen Zeugen!
    Sie brach einen Haselzweig vom Strauch, tat einen Schritt vor, schttelte
dem Hirtenknaben und seiner Gefhrtin die Mnzen aus der Hand, da sie weit
hinberflogen ins Gras, und berhrte beider Scheitel mit dem Zweig: Stehet
auf, sprach sie, keine Schere soll von heut an euer Haupthaar mehr krzen, als
der Burg Hohentwiel eigene Leute seid ihr gekniet, als freigesprochene und freie
erhebt euch und behaltet einand so lieb in der Freiheit wie ehedem.
    Es waren die Formen der Freilassung nach salischem Recht206. Schon der
Kaiser Lotharius hatte seiner alten Magd Doda den gldenen Denar aus der Hand
und damit das Joch der Sklaverei vom Nacken geschttelt. Audifax aber war
frnkischer Abstammung, darum hatte sich Frau Hadwig nicht nach ihrem
alemannischen Landrecht gerichtet.
    Die beiden standen auf. Sie begriffen, was vorgegangen. Dem Hirtenknaben
wollte es schwarz vor den Augen werden, der Traum seiner Jugend, Freiheit,
Goldschatz ... alles Wahrheit geworden, dauernde Wahrheit fr jetzt und
immerwhrendes Immer! ... Er sah Ekkehards ernstes Antlitz und warf sich mit
Hadumoth vor ihm nieder: Vater Ekkehard, rief er, wir danken auch Euch, da
Ihr's wohl mit uns gemeint!
    Wie schade, da es schon zu spt worden, rief Praxedis herber, Ihr
knntet gleich noch ein Paar mit dem Band der Ehe zusammenschmieden oder
wenigstens feierlich verloben, die taugen so gut zueinand wie die zwei da
drben.
    Ekkehard lie sein blaues Aug' lange auf den beiden ruhen. Er legte ihnen
die Hand auf und machte das Zeichen des Kreuzes ber sie. Wo ist das Glck?
sprach er leise vor sich hin. - -
    In spter Nacht ritt Rudimann, der Kellermeister, in sein Kloster zurck.
Die Furt war trocken, er konnte zu Ro hinber. Von des Abts Zelle glnzte noch
ein Lichtschimmer in den See nieder. Er klopfte bei ihm an, ffnete die Tr halb
und sprach: Meine Ohren haben heute mehr hren mssen, als ihnen lieb war. Mit
dem Hofgut zu Saspach am Rheine wird's nichts! Sie setzt das Milchgesicht von
Sankt Gallen drauf ...
    Varium et mutabile semper femina! Wankelmtig und vernderlich stets ist
das Weib207! murmelte der Abt, ohne sich umzuschauen. Gute Nacht!

                              Siebzehntes Kapitel.



                             Gunzo wider Ekkehard.

Zu den Zeiten, da all das seither Erzhlte an den Ufern des Bodensees sich
zugetragen, sah fern in belgischen Landen im Kloster des heiligen Amandus sur
l'ElnonA1 ein Mnch in seiner Zelle. Tagaus, tagein, wenn die Pflicht der
Klosterregel ihn freilie, sa er dort wie festgebannt; Wintersturm war
gekommen, die Flsse zugefroren, Schnee, so weit das Auge reichte - er hatte
dessen keine Acht; der Frhling trieb den Winter aus - es kmmerte ihn nicht;
die Brder plauderten von Krieg und schlimmer Botschaft aus dem befreundeten
Land am Rhein - er hatte kein Ohr fr sie. Auf seiner Zelle lag Stuhl und
Schragen mit Pergamenten berdeckt, des Klosters ganze Bcherei war zu ihm
herabgewandert, er las und las und las, als wollt' er den letzten Grund der
Dinge ergrnden; - zur Rechten die Psalmen und heiligen Schriften, zur Linken
die Reste heidnischer Weisheit, alles ward durchwhlt; dann und wann machte ein
hhnisch Lcheln dem Ernst seiner Studien Platz, und er schrieb sich auf schmale
Streifen Pergamentes hastig etliche Zeilen heraus. Waren es Goldkrner und
Edelsteine, die er auf seiner Bergmannsarbeit aus den Schachten alten Wissens
grub? Nein.
    Was mag dem Bruder Gunzo widerfahren sein? sprachen seine Genossen,
ehedem ist seine Zunge gegangen wie ein Mhlrad, und die Bcher haben Ruhe vor
ihm gehabt: Sie knnen mir doch nur bieten, was ich lngst wei, hat er sich oft
gerhmt - und jetzt? Jetzt knarrt und scharrt seine Feder, da bis im vorderen
Kreuzgang der Widerhall ihres Kratzens gehrt wird. Gedenkt er des Kaisers
Protonotar und Erzkanzler zu werden? sucht er den Stein der Weisen oder schreibt
er seine italische Reise?
    Aber der Bruder Gunzo blieb an seinem Werk. Unverdrossen trank er seinen
Wasserkrug leer und las seine Klassiker, - die ersten Gewitter kamen und
mahnten, da der Sommer mit seiner Schwle vor der Tre stehe; er lie donnern
und blitzen und sa fest wie zuvor. Den Schlummer der Nacht brach er zuweilen
und sprang auf zu seinem Tintenfa, als htt' er im Traum Gedanken erhascht; oft
waren sie wieder verschwunden, bevor ihm das Niederschreiben gelang, aber sein
Sinn war fest aufs Ziel gerichtet. Kommen wird einstens der Tag ... mit der
homerischen Verheiung sich trstend, schlich er auf sein Lager zurck.
    Gunzo war im krftigen Mannesalter, eine mig groe, gedrungene Gestalt,
wohlbeleibt; wenn er des Morgens vor seinem fein geschliffenen Metallspiegel
stund und mehr als notwendig die Augen auf dem eigenen Abbild haften lie,
strich er oft seinen rtlichen Bart, als woll' er zu Fehde und fhrlichem
Streithandel ausreiten.
    Frnkisch Blut mit gallischem vermischt rollte in seinen Adern: das schuf
ihm ein Stck von jener Beweglichkeit und Immerlebendigkeit, die dem Germanen
reinen Stammes abgeht. Darum hatte er auch in whrender Schreibarbeit mehr
Federn zerbissen und Schnipfel zerzaust und Selbstgesprche gefhrt, als ein
Genosse in deutschem Kloster in gleicher Frist getan htte. Aber er hielt seines
Fleisches natrliche Unruhe nieder und zwang seine Fe mannhaft, unter dem
bcherschweren Tisch standzuhalten.
    Es war ein linder Sommerabend; wiederum war seine Feder wie ein Irrlicht
ber das geduldige Pergament gehpft, es knisterte vom Ziehen der Buchstaben -
da hub sie an, langsamer zu gehen, - itzt eine Pause, dann noch einige Zge -
und einen gewaltigen Schnirkel zog er ber den unbeschriebenen brigen Raum, da
die Tinte unfreiwillig einen Schwarm von Flecken gleich schwarzen Sternbildern
drber schwirrte. Er hatte das Wort Finis! geschrieben; mit langgedehntem
Atemzug erhob er sich vom Stuhl gleich einem Mann, dem ein Zentnerstein vom
Herzen gefallen, er berschaute, was schwarz auf wei vor ihm lag: Gelobt sei
der heilige Amandus! rief er feierlich, wir sind gercht!
    Er hatte in diesem erhebenden Augenblick - eine Schmhschrift vollendet,
eine Schmhschrift, zugeeignet der ehrwrdigen Bruderschaft auf der Reichenau,
gerichtet gegen - Ekkehard, den Prtner zu Sankt Gallen. Als der blonde Erklrer
des Virgilius Abschied nahm von seinem Kloster und zur Herzogin bersiedelte,
konnte es ihm unmglich zu Sinne kommen - und htt' er sein Gedchtnis auch
umgeschttelt bis in die verborgensten Falten, da ein Mann auf der Welt sei,
dessen Dichten und Trachten darauf ausging, an ihm Rache zu nehmen, denn er war
harmlos und sanft und tat keiner Mcke ein Leides. Und doch war es so; denn
zwischen Himmel und Erde und im Gemt eines Schriftgelehrten gehn viele Dinge
vor, davon sich der Verstand der Verstndigen nichts trumen lt.
    Die Geschichte hat ihre Launen im Erhalten wie im Zerstren. Die deutschen
Lieder und Heldensagen, die durch des groen Kaiser Karl Frsorge aufgezeichnet
standen, muten im Schutte der Zeiten untergehen, Gunzos Werk, das noch keinem
der wenigen, die es gelesen, Freude bereitet, ist auf die Nachwelt gekommen208.
Mag denn der ungeheuerliche Anla, der des welschen Gelehrten Rache aufrief, mit
seinen eigenen Worten erzhlt sein:
    Schon lange - also schreibt er seinen Reichenauer Freunden - betrieb es
der verehrungswerte teure Knig Otto bei den Frsten Italiens, da er mich in
seine Reiche herber berufe. Da ich aber keinem so untertan, noch auch so
niedrigen Standes war, da man mich htte zwingen mgen, wandte er sich an mich
mit bittender Anzeige, also da er mein Versprechen als Unterpfand des Kommens
empfing. So geschah es auch, als er Welschland verlie, da ich ihm folgte. Und
ich folgte ihm, gedenkend, da mein Kommen keinem zum Schaden, vielen zu Nutzen
gereichen mge, denn wozu treibt uns nicht die Liebe und der Wunsch, den
Mitbrdern genehm zu sein? Und ich zog meines Wegs, nicht wie ein Britanne
gespickt mit den Geschossen des Tadels, sondern im Dienste der Liebe und
Wissenschaft.
    ber steiles Joch der Gebirge und abschssige Schluchten und Tler kam ich
endlich vor des heiligen Gallus Kloster an, und zwar so erschpft, da die vom
eisigen Hauch der Bergluft erstarrten Hnde den Dienst versagten und fremde
Hilfleistung mich vom Saumtier heben mute.
    Des Ankommenden Hoffnung war friedlich Ausruhen am Ort klsterlicher
Niederlassung. Auch sah ich dort hufiges Neigen der Hupter, sittig geordnete
Kapuzen, sanftes Einherschreiten und seltenen Gebrauch der Rede, also da ich
keines Unheils gewrtig stund, nur da des Juvenalis Spruch gegen die falschen
Philosophen:

    Sprlich ist ihnen das Wort, - doch Bosheit steckt in dem Schweigen

heimlich an meinem Gemt nagen wollte. Und wer sollte glauben, da jenem Heiden
vorahnende Kenntnis von kuttentragender Verkehrtheit inwohnte?
    Doch freute ich mich harmlos meines Lebens, erwartend, ob nicht unter dem
sprlichen Gemurmel der Brder etliche Funken philosophischer Strebungen
aufblitzen mchten. Es blitzte aber nichts auf, sie rsteten am Rstzeug der
Hinterlist.
    Unter anderen war auch ein junger Schlerknab' anwesend und ein lterer, der
- - je nun! er war, wie er war; sie hieen ihn einen braven Lehrer des Klosters,
wiewohl er mir in die Welt zu schauen schien mit den Augen einer Turteltaube.
Von diesem schmachtend blickenden Gelehrten habe ich nunmehr zu reden. Hret
seine Tat. Ab- und zugehend machte er den Schler zum Gefhrten eines tckischen
Anschlages.

    Nacht war's, es nahte die Zeit des sorgenstillenden Schlummers,
    Wohlgesttigt des Mahls, zollten wir Bacchus sein Recht -

da verfhrte mich ein ungnstig Geschick, da ich im Hin- und Herreden
lateinischen Tischgesprches eines Verstoes im Gebrauch eines Kasus schuldig
ward und einen Akkusativus setzte, wo ein Ablativus sich geziemt htte.
    Nun ward offenbar, in welcher Art Knsten jener vielberhmte Lehrer den
ganzen Tag seinen Schler unterwiesen. Solch Verbrechen wider Sprache und
Grammatik verdiene die Schulgeiel! also spottete das benannte Studentlein mich,
den Erprobten, und kramte bei diesem Anla ein hhnisches Spottgedicht aus, das
ihm eben jener Lehrer eingeblasen, also da ein rauhes zisalpinisches Gelchter
ber den fremden Gastfreund durchs Refektorium erschallte.
    Wem aber ist unbekannt, welcher Beschaffenheit die Verse bermtig
gewordener Mnche sind? Was wei ein solcher von der inneren Haushaltung eines
Gedichtes, wo ein Stck Purpur ans andere zu setzen ist, auf da es glnze und
gleie? was von der Wrde der Dichtkunst? - er spitzt die Lippen und spuckt ein
Poem aus, gleich dem LuciliusA2, den Horatius brandmarkt, da er oftmals auf
einem Fu stehend zweihundert Verse diktierte und mehr noch, bevor ein Stndlein
abgelaufen. Ermesset nun, ehrwrdige Brder, welch ein Ma von Unrecht man mir
angetan, und was der fr ein Mensch sein mu, der seinem Nebenmenschen den
Irrtum eines Ablativus vorhlt!
    Der Mensch, der in harmlosem Scherz diesen Frevel begangen, war Ekkehard;
wenig Wochen bevor ihn seines Schicksals Wendung auf den hohen Twiel rief,
geschah die Untat. Mit des folgenden Morgens Frhrot war das Tischgesprch mit
dem bermtigen Welschen vergessen, aber in der Brust dessen, den sie des
falschen Akkusativus berwiesen, sa ein Groll, so herb und nagend, wie der ob
der Waffen Achills, der einst den Telamonier Aias in sein Schwert gejagt und
noch bei den Schatten der Unterwelt seitab zrnen lie; er zog aus dem Tal, das
die Sitter durchstrmt, nordwrts, er sah Bodensee und Rhein - und dachte des
Akkusativus; er ritt in den altersgrauen Toren von Kln ein und ritt hinber auf
belgische Erde, der falsche Akkusativus ritt hinter ihm auf dem Bug seines
Rosses wie ein Alp; die Klostermauern des heiligen Amandus taten ihm ihren
Frieden auf: im Psalmsingen der Frhmette, in der Litanei der Vesperandacht
stieg der Akkusativus vor ihm auf und heischte sein Shnopfer.
    Von allen unfrohen Lebenstagen prgen sich die am tiefsten der Seele ein, wo
durch eigen Verschulden eine Beschmung veranlat ward; statt mit sich selber
drber zu grollen, wird allen, die unfreiwillige Zeugen waren, eine bittere
Verstimmung zugewendet, das liebe Menschenherz gesteht sich so schwer, so schwer
die eigene Schwche, und manchem, der ruhig an Kampf und Totschlag zurckdenkt,
schiet alles Blut zu Haupte beim Gedanken an ein tricht Wort, das ihm an einer
Stelle entfuhr, wo er gern mit einem verstndigen geglnzt.
    Darum nahm Gunzo seine Rache an Ekkehard. Und er fhrte eine scharfe,
tapfere Feder und hatte vieler Monde Frist auf sein Werk verwandt, da es in
seiner Art ein Meisterstck ward, eine schwarze Suppe von viel hundert gelahrten
Brocken, reichlich gewrzt mit Pfeffer und Wermut und all den Bitterkeiten, die
den Streitschriften geistlicher Herren vor denen anderer so lieblichen Schmack
verleihen.
    Und ging ein wohltuender Zug von Grobheit durchs Ganze, also da dem Leser
zumut' werden kann, als hre er, wie in naher Scheune ein Mensch mit Flegeln der
Drescher gedroschen werde - was von der feinen Art neuerer Zeit, wo das Gift in
vergldeten Pillen gereicht wird und die Streiter den Hut voreinand abziehen,
eh' sie anheben, sich die Rippen einzuschlagen, rhmlich absticht.
    Es waren aber zwei Teile, der erste dem Ekkehard zum Nachweis, da nur ein
roher und unwissender Mensch sich an Verwechslung eines Kasus stoen knne, der
zweite der Welt zur berzeugung, da der Verfasser Gunzo der gelahrteste,
weiseste und frmmste der Zeitgenossen.
    Und darum hatte er im Schwei seines Angesichtes die Klassiker gelesen und
die heiligen Schriften, da er alle Stellen verzeichnen mge, in denen
gleichfalls dichterische Laune oder Nachlssigkeit einen flschlichen
Akkusativus gebraucht. Brachte auch der Beispiele aus Virgilius zwei, aus Homer
eines, aus Terentius eines, aus Priscianus eines, ferner aus Persius eines, wo
ein Vokativ statt eines Nominativ, und aus Sallustius eines, wo ein Ablativ
statt des Genitiv gesetzt ward - desgleichen aus den Bchern Moses und den
Psalmen. Und, wenn solches sogar in den Reihen heiliger Schriften zu finden,
wer ist so ruchlos, da er solche Weise des Sprechens zu tadeln wage oder zu
verndern? Mit Falschheit also glaubt des heiligen Gallus Mnchlein, da mir die
Kunst der Grammatik fern, mag meine Zunge auch dann und wann gehemmt sein durch
die Gewohnheit meiner heimischen Sprache, die der lateinischen nur verwandt ist.
Verste aber kommen vor durch Nachlssigkeit und menschliche Unvollendetheit im
allgemeinen, wie Priscianus sehr richtig sagt: Ich glaube nicht, da von
menschlichen Erfindungen etwas nach allen Teilen Vollendetes erfunden werden
mge. Auch hat schon Horatius Nachlssigkeiten der Schreibart und Sprache bei
bedeutenderen Mnnern entschuldigt: Zuweilen schlummert auch der gute Homer. Und
Aristoteles sagt in seinem Buch ber die hermeneiaA3: Alles, was unsere Zunge
ausspricht, ist nur ein Ausdruck fr das, was unserer Seele eingeprgt ist. Der
Begriff einer Sache aber ist frher vorhanden als der Ausdruck, und somit die
Sache hher zu schtzen denn das Wort. Wo aber der Sinn dunkel, sollst du ihm
mit Geduld und erluterndem Verstand behilflich sein, die wahre Meinung zu
ermitteln.
    Folgte sodann ein Schwall klassischer Beispiele von ungeschicktem und
nachlssigem Ausdruck des Gedankens, deren Reihe mit dem Spruch des Apostels
schliet, der sich selber ungeschickt im Reden, aber nicht ungeschickt an Wissen
genannt.
    Betrachtet man hienach das Benehmen meines sanktgallischen Widersachers, so
mchte man glauben, er sei einmal in den Garten eines weisen Mannes eingebrochen
und habe vom Mistbeet einen Rettich gestohlen, der ihm den Magen verdorben und
Galle angesetzt. Hte darum jeder sein Grtlein vor solchen Gesellen! Schlechte
Gesprche verderben gute Sitten.
    Mglich auch, da er durchaus nicht anders sich benehmen konnte. Er hat wohl
den ganzen Tag in den Schlupfwinkeln seiner Kutte nachgesucht, womit er den
Gastfreund bewirten mge, aber weil er nichts anderes als verborgene List und
Bosheit drin vorfand, setzte er eben davon ein Prbchen vor. Schlechte Menschen
haben schlechte Schtze.
    Mit solchem Wesen stimmt denn sein ueres Erscheinen, das wir sorgsam zu
mustern nicht unterlieen. Sein Antlitz trug einen fahlen Glanz wie schlechtes
Metall, das zur Flschung des echten dient, seine Haare gekruselt, die Kapuze
feiner und sauberer denn ntig, die Schuhe leicht - auf da alle Anzeichen
vorhanden, die dem heiligen Hieronymus rgernis gaben, da er schrieb: Leider
sind auch in meinem Sprengel etliche Kleriker, deren Sorge darauf gerichtet ist,
ob ihre Kleider herrlich duften, die Ngel ihrer Finger glnzen, das krause
Haupthaar mit Balsam gesalbt und gesnftigt sei und der gestickte Schuh knapp am
Flein sitze. Ein solcher Aufzug geziemt sich aber kaum fr einen Stutzer und
Brutigam, geschweige fr einen Geweihten des Herrn.
    Weiter hab' ich erwogen, ob nicht auch der Laut seines eigenen Namens mit
seiner Handlungsweise bereinstimme. Und wie? Ekkehard oder Akhar hie der Mann,
als wre ihm schon bei der Taufe der Name eines beltters vorahnungsvoll
aufgeprgt worden. Denn wer kennt nicht jenen Akhar, der aus der Beute von
Jericho einen purpurnen Mantel entwendet und zweihundert Beutel Silbers samt
einer gldenen Rute, also da ihn Josua hinausfhren lie in ein abgelegen Tal
und ganz Israel steinigte ihn, und alles, was er hatte, ward mit Feuer
verbrannt? Solchen Vorgngers hat sich der Akhar von Sankt Gallen wrdig
erzeigt, dieweil, wer die Gebote einer hflichen Lebensart verachtet, so bel
tut als ein Dieb: er veruntreut das Gold wahrer Weisheit.
    Wre es erlaubt, an die Seelenwanderung des Pythagoras zu glauben, so stnde
auer allem Zweifel, da die Seele jenes hebrischen Akhar in diesen Ekkhard
gefahren, und sie wre ernsthaft darob zu bedauern, denn besser den Krper eines
Fuchses zum Aufenthalt erwhlen als den eines hinterlistigen Mnches. All dies
sei brigens ohne Ha gesagt; mein Ha geht nur auf die dem Manne anklebende
Schlechtigkeit, also nur auf ein Akzidens, nicht auf die Substanz selbst, in der
wir ja nach den Worten der Schrift ein Ebenbild der Gottheit anzuerkennen
haben.
    Merket nun, so fuhr Gunzo in seines Buches zweitem Teile fort, wie
unsinnig mein Feind gegen Nutz und Frommen der Wissenschaft gehandelt. Mehr als
hundert geschriebene Bnde fhrte ich bei meiner Reise ber die Alpen mit mir,
Waffen des Friedens, darunter des Marcianus blumenreiche Unterweisung in den
sieben freien Knsten, des Plato unergrndliche Tiefe im Timus, des Aristoteles
zu unseren Zeiten kaum aufgehellte dunkle Weisheit im Buch von der hermeneia,
und Ciceros rednerische Wrde in der Topik. Wie ernst und fruchtbringend htte
die Unterhaltung gedeihen mgen, wenn sie mich ber solche Schtze befragt! Wie
konnte ich glauben, da sie mich, dem Gott so vieles verliehen, ob der
Verwechslung eines Kasus durchhecheln wrden, mich, der den Donat und Priscian
von innen und auen kennt! Es mag freilich jener Aufgeblasene whnen, da er die
ganze Grammatika in seiner Kapuze mit sich trage - teure Mitbrder! kaum ihren
Rcken hat er von ferne erschaut und wollte er eilen, einen Blick ihres hehren
Angesichts zu erhaschen, er wrde ber den eigenen tppischen Fu stolpernd zu
Boden sinken. Die Grammatik ist ein hohes Weib, anders erscheint sie
Holzhackern, anders einem Aristoteles.
    Soll ich euch aber von der Schwester der Grammatik, von der Dialektik reden,
die jener griechische Meister die Amme seines Geistes genannt? O edle Kunst, die
den Toren in ihren Schlingen fngt, dem Weisen aber zeigt, wie er die Schlinge
meide; die uns die verborgenen Fden aufdeckt, durch welche das Sein mit dem
Nichtsein verknpft ist! Freilich davon wei jener Kuttentrger nichts, - nichts
von jener subtilen Feinheit, die mit neunzehn Gattungen von Schlssen alles zu
erledigen versteht, was je gedacht und was denkbar. Gott ist gtig, er entzieht
ihm solches Wissen, weil er's doch nur zu Lug und Trug ntzen wrde ...
    In solcher Weise wies der gelahrte Welsche seine berlegenheit in allen
freien Knsten nach; der Rhetorik und ihren Herrlichkeiten war ein Abschnitt
gewidmet, worin wieder stark von solchen die Rede, denen die Gttin Minerva
einmal von weitem im Traum erschienen, und von Toren, die da glauben, Krze des
Ausdrucks sei Zeichen von Weisheit. Dann aber ging's auf Arithmetik, Geometrie
und Astronomie, mit Einschaltung tiefsinniger Abhandlungen ber die Frage, ob
die Himmelskrper mit Seele, Vernunft und Anspruch auf Unsterblichkeit begabt,
und ferner, ob damals, als Josua geboten: Bewege dich nicht, Sonne, gegen
Gabaon, noch du, Mond, gegen das Tal Aialon, gleichzeitig auch den andern fnf
Planeten Stillstand auferlegt worden, oder ob diese ihren Kreislauf fortsetzen
durften.
    Grndliche Prfung dieses Problems gab dann Anla, auf die Harmonie der
Sphren und damit auf die Musik, als letzte der sieben Knste, einzugehen, und
so konnte das Schifflein der Rache auf wogendem Schwall der Gewsser endlich dem
Ziele entgegensteuern.
    Wozu nun hab' ich all dies angefhrt? frug er zum Schlusse.
    Nicht um die Elemente der freien Knste darzutun, sondern um die Torheit
eines Unwissenden blozulegen, der da vorzog, grammatischen Schnitzern
nachzujagen, statt wahre Wissenschaft von seinem Gastfreund zu erlauschen. Wenn
ihm auch innerlich die Kunst fr ewig versagt ist, htt' er sich doch von auen
einen Widerschein von mir erwerben knnen. Aber ihn blhte allzu groer bermut,
da er vorzog, unter den Seinigen fr einen Weisen zu gelten, gleich dem
Frosche, der in seinem Sumpf zweifelsohne glaubt, da er an Gre den Stier
bertreffe. Ach, niemals ist der Mitleidwerte auf freien Hhen des Wissens
gestanden und hat die Stimme Gottes zu sich reden gehrt: in der Wildnis ist er
geboren, unter bldem Murmeln aufgewachsen, und seine Seele bewahrt die Sitte
der Tiere des Waldes; in ttigem Leben der Welt wollte er nicht beharren, zu
innerlicher Beschaulichkeit ist er verdorben, der Feind des Menschengeschlechts
hat ihm sein Zeichen aufgebrannt. Gern wrde ich euch ermahnen, ihm die Hilfe
heilender Arznei angedeihen zu lassen, aber ich frchte, ich frchte, seine
Krankheit ist zu tief eingewurzelt.

    Und auf verhrtetes Fell wirkt selber die Nieswurz vergeblich

sagt Persius.
    Mget ihr nun, ehrwrdige Brder, aus allem, was ich mitteile, ersehen, ob
ich ein solcher bin, der die Behandlung und das Gelchter jenes Toren verdient
hat. Euerem Urteil stell' ich ihn und mich anheim: Im Urteil der Gerechten
schwindet der Tor in sein verdientes Nichts. Finis!
    ... Gelobt sei der heilige Amandus! sprach Gunzo nochmals, als das letzte
Wort seines Werkes geschrieben vor ihm stand. Die alte Schlange htte sicherlich
ihre Freude an ihm gehabt, wenn sie ihn in seiner Gotthnlichkeit htte
belauschen knnen, da er den letzten Punkt anfgte. Und Gott sah alles, was er
gemacht hatte. Und es war sehr gut. Und Gunzo? - Er tat desgleichen.
    Dann schritt er zu seinem Metallspiegel und beschaute sich lange, als wr'
es ihm von uerster Wichtigkeit, das Antlitz dessen kennenzulernen, der den
Ekkehard von Sankt Gallen vernichtet. Er verneigte sich achtungsvoll vor seinem
Spiegelbild.
    Die Glocke im Refektorium hatte lngst zur Abendmahlzeit gerufen, Psalm und
Tischgebet waren gebetet, schon saen die Brder beim sanften Hirsebrei, da erst
trat Gunzo in den Saal. Sein Antlitz strahlte. Der Dekan deutete ihm schweigend
vom gewohnten Platz hinber in den Winkel, denn wer allzuoft versumte, sich
rechtzeitig einzufinden, der ward zur Bue von der Speisenden Gemeinschaft
gesondert und sein Wein den Armen verabreicht209. Aber ohne Murren setzte sich
Gunzo hinber und trank sein belgisch Brunnenwasser, sein Bchlein lag ja
vollendet oben, das trstete.
    Nach aufgehobenem Mahl zog er seiner Freunde einige zu sich auf die Zelle,
geheimnisvoll, als glt' es, verborgenen Schatz zu heben, er las ihnen das Werk
vor.
    Des heiligen Gallus Kloster mit seinen Bchern, Schulen, Gottesgelehrten war
in damaliger Christenheit viel zu gut beleumdet, als da die Jnger des heiligen
Amandus nicht mit leiser Freude das Zischen von Gunzos Geschossen vernommen.
Tchtigkeit und vorragender Wandel beleidigt die Welt oft noch tiefer als Frevel
und Snde.
    Darum nickten sie beifllig mit den grauen Huptern, wie Gunzo die
Kernstellen vortrug.
    Es wr' schon lang' an der Zeit gewesen, den Bren im Helvetierland einen
Tanz aufzuspielen, sprach der eine, bermut mit Grobheit gepaart verdient
keine andere Musik.
    Gunzo las weiter. Bene, optime, aristotelicissime! murmelten die
Versammelten, als er geendet. Vergngte Mahlzeit, Bruder Akhar, sprach ein
anderer, belgisch Gewrz zum helvetischen Kse der Alpen!
    Der Bruder Kchenmeister umarmte den Gunzo und weinte vor Rhrung. So
gelehrt und so tief und so schn sei noch nichts aus den Mauern des heiligen
Amandus in die Welt hinausgegangen. Nur ein einziger der Brder stand
unbeweglich an der Mauer.
    Nun? fragte Gunzo.
    Wo bleibt die Liebe? sprach der Bruder leise, dann schwieg er. Gunzo
fhlte den Vorwurf.
    Du hast recht, Hucbald! sprach er, es soll geholfen werden. Die Liebe
gebeut, fr unsere Feinde zu beten. Ich werd' noch ein Gebet fr den armen Toren
an den Schlu der Schrift setzen, das wird sich vershnlich ausnehmen und weiche
Gemter bestechen. Wie?
    Der Bruder schwieg. Es war spt in der Nacht geworden. Sie gingen auf den
Zehen aus der Zelle.
    Gunzo wollte den, der von der Liebe gesprochen, zurckhalten, es war ihm an
seinem Urteil gelegen, aber der wandte sich und folgte den andern.
    Matthus dreiundzwanzig, fnfundzwanzigA4! sprach er vor sich hin, wie
sein Fu die Schwelle berschritten. Niemand hrte ihn.
    Aber Gunzo, den Vielgelehrten, floh der Schlummer, wieder und wieder las er
die Bltter seines Fleies, er wute bald, an welchem Fleck jedes einzelne Wort
stand, und doch kamen seine Augen nicht los von den bekannten Zgen. Dann griff
er zur Feder: Einen frmmern Schlu! sprach er - sei es denn! Er besann
sich, dann durchma er die Stube mit bedachtsamem Schritt. Es sollen knstliche
Hexameter werden; wer hat je wrdiger eine Beleidigung vergelten sehen?
    Jetzt setzte er sich hin und schrieb. Ein Gebet fr seinen Feind wollte er
schreiben. Aber wider seine Natur kann niemand. Da las er seine Bltter noch
einmal durch - sie waren allzu gelungen. Dann schrieb er den Nachtrag. Der Hahn
krhte ins Morgengrau, da war auch dieser vollendet; prasselnder Mnchsverse
zwei Dutzend und ein halbes. Da seine Gedanken vom Gebet fr den Gegner auf ihn
selbst und den Ruhm seiner Arbeit zu reden kamen, ist bei einem Mann von
Selbstgefhl ein natrlicher bergang.
    Mit Salbung schrieb er die fnf letzten Zeilen:

    Zeuch nun hinaus in die Welt, mein Bchlein, und triffst du auf Leute,
    Die mit hmischem Zahn mein glorreich Leben benagen,
    Diesen zerschmettre das Haupt und wirf sie besiegt in den Staub hin,
    Bis dein Verfasser dereinst zur verheienen Seligkeit eingeht,
    Die dem Manne gebhrt, der sein Talent nicht verscharrt hat.

    Das Pergament war rauh und strubte sich, er mute die Rohrfeder breit
aufdrcken, da es die Buchstaben annahm.
    Anderen Tages verpackte Gunzo seine geharnischte Epistel in eine Kapsel von
Blech und diese in einen leinenen Umschlag. Ein Dienstmann des Klosters, der
seinen Bruder erschlagen, hatte das Gelbde getan, zu den Grbern von zwlf
Heiligen zu wallen, den rechten Arm an die rechte Hfte gekettet, und dort zu
beten, bis ihm ein himmlisch Gnadenzeichen werde210. Er pilgerte rheinaufwrts.
Dem hing Gunzo die Kapsel um; nach wenig Wochen ward sie richtig und unversehrt
an der Klosterpforte der Reichenau dem Prtner eingehndigt. Gunzo kannte seine
Leute dort. Darum hatte er ihnen die Schrift gewidmet.
    Der alte Moengal hatte dazumal auch Geschfte im Kloster. Im Gaststblein
sa der belgische Pilgersmann, sie hatten ihm ein Fischspplein gereicht, mhsam
arbeitete er sich dran ab, seine Ketten klirrten, wenn er den Arm hob.
    Geh' du wieder heim, Mordber, sprach Moengal zu ihm, und heirat' die
Witib des Erschlagenen, das wird eine bessere Shne sein, als mit klirrendem
Eisen einen Narrengang durch die weite Welt tun.
    Der Pilger schttelte schweigend das Haupt, als dchte er, das schfe ihm
noch schwerere Ketten, als die der Schmied geschmiedet.
    Moengal lie sich beim Abt melden. Er ist im Lesen vertieft, hie es. Doch
lie man ihn eintreten.
    Setzt Euch, Leutpriester, sprach der Abt gndig, Ihr seid ein Freund von
Gebeiztem und Gesalzenem - ich hab' was fr Euch.
    Er las ihm die frisch angekommene Schrift Gunzos vor. Der Alte horchte;
seine Augenbrauen zogen sich in die Hhe, die Nasenflgel traten weit und weiter
auf.
    Den Abt schttelte ein Lachen, wie er an die Schilderung von Ekkehards
krausem Haar und seinem Schuhwerk kam. Moengal sa ernst, es zogen drei Falten
auf der Stirn auf, wie Wolken vor dem Gewitter.
    Nun? sprach der Abt. dem Brschlein wird der Hochmut aus der Kutte
geklopft! Sublim! ganz sublim! Und eine Flle von Wissenschaft, das trifft.
Darauf gibt's gar keine Antwort.
    Doch! sprach der Leutpriester finster.
    Welche? fragte der Abt gespannt.
    Moengal machte eine schlimme Gebrde. Einen Stechpalmstock von der Hecke
schneiden, rief er, oder eine brave Hasel und rheinabwrts ziehen, bis
zwischen dem schwbischen Holz und des welschen Schreibers Rcken nur noch eine
Armslnge Entfernung ist! Dann aber ... er schlo seine Rede sinnbildlich.
    Ihr seid grob, Leutpriester, sprach der Abt, und habet keinen Sinn fr
Gelehrsamkeit. So etwas kann freilich nur ein eleganter Geist schreiben.
Respekt!
    Hoiho! fing Moengal, der Alte, an, er war fuchswild geworden,
Gelehrsamkeit? Aufgeblasene Lippen und dabei ein boshaftig Herz sind als wie
ein irden Gef mit Silberschaum berzogen, spricht Salomo. Gelehrsamkeit? So
gelehrt ist mein Pfarrwald auch mit seinen Hagebuchen, der schreit auch hinaus,
wie man in ihn hineingeschrieen, und ist wenigstens ein lieblich Echo. Wir
kennen die belgischen Pfauen! kommen anderwrts auch vor. Die Federn sind
gestohlen, und was sie selber krhen, trotz Rad und Schweif und Regenbogen am
Stei, ist heiser und bleibt heiser, da hilft kein Halskragenblhen. Vor meiner
groen Gesundkur hab' ich auch geglaubt, es sei gesungen statt gekrchzt, wenn
einer mit Grammatik und Dialektik die Backen aufblies, - aber jetzt: Gute Nacht,
Marcianus Capella! heit's bei uns in Radolfs Zelle!
    Ihr werdet wohl bald an Euren Heimweg denken mssen, sprach der Abt, es
zieht schon ganz schwarz ber Konstanz hin.
    Da merkte der Leutpriester, da er mit seinen Ansichten von Gesundsein und
von der Wissenschaft nicht an rechten Mann geraten war. Er empfahl sich.
    Htt'st auch in deinem Kloster Benchor auf der grnen Insel bleiben knnen,
irischer Hartknochen! dachte der Abt Wazmann und entlie ihn sehr khl.
    Rudimann! rief er dann in den dunkeln Gang hinaus. Der Gerufene erschien.
    Ihr gedenket noch der Weinlese, redete ihn der Abt an, und des Streiches,
den Euch ein gewisses Milchgesicht geschlagen, dem eine phantasiereiche Herzogin
itzt gewisse Grundstcke zuwenden will ...
    Ich gedenke des Streichs, sprach Rudimann, verschmt schmunzelnd, wie eine
Jungfrau, die nach dem Geliebten gefragt wird.
    Den Streich hat einer zurckgegeben, saftig und scharf, Ihr knnet
zufrieden sein. Lest. Er reichte ihm des Gunzo Pergamentbltter.
    Mit Erlaubnis! sprach Rudimann und trat ans Fenster. Er hatte schon
manchen braven Wein gekostet der Pater Kellermeister, seit da er sein Amt
fhrte, aber selbst damals, als ihm der Bischof von Cremona etliche Krge
dunkelbraun schumenden Asti bersendet, hatte sein Antlitz nicht so rtlich
froh gestrahlt wie jetzo.
    Es ist doch eine herrliche Gottesgabe um ein grndlich Wissen und einen
schnen Stil, sagte er. Das Ekkehardlein ist fertig. Es kann sich nimmer an
freier Luft sehen lassen.
    Noch nicht ganz, sagte der Abt, aber was nicht ist, kann werden. Der
gelehrte Bruder Gunzo hilft uns dazu. Seine Epistel darf nicht ungelesen
vermodern, lasset etliche Abschriften nehmen, lieber sechs als drei. Der junge
Herr mu von Hohentwiel weggebissen werden. Ich liebe die jungen Schnbel nicht,
die feiner singen wollen als die Alten. Schnee auf die Tonsur! das soll ihm gut
tun. Wir werden unserem Mitbruder in Sankt Gallen ein Brieflein schicken, da er
ihm die Rckkehr anbefehle. Wie steht's mit seinem Sndenregister?
    Rudimann hob bedchtig die linke Hand auf und begann mit den Fingern zu
zhlen. Soll ich's hersagen? Zum ersten: In whrender Weinlese den Frieden
unseres Klosters gestrt, indem er ...
    Halt! sprach der Abt, das ist abgetan. Alles, was vor der Hunnenschlacht
geschehen und anhngig worden, sei erledigt, ab und zur Ruhe! So haben's einst
die Burgunder in ihr Gesetz211 geschrieben, das soll auch bei uns noch gelten.
    Dann ohne Fingerzhlung, sagte der Kellermeister. Des heiligen Gallus
Prtner ist, seit er sein Kloster lie, dem Hochmut und der Anmaung untertan
worden, ohne Gru der Lippen geht er an Brdern vorber, deren Alter und
Verstand seine Reverenz fordern, er hat sich herausgenommen, am heiligen Tag, da
wir die Hunnen schlugen, die Heerpredigt zu halten, wiewohl ein so wichtig Amt
der Rede einem der hochwrdigen bte zugestanden wre; hat sich ferner
herausgenommen, einen heidnischen Gefangenen zu taufen, wiewohl die Taufe
vorgenommen werden soll vom ordentlichen Pfarrer des Bezirks, und nicht von
einem, der an die Pforte des heiligen Gallus gehrt.
    Was aber aus stetiger Berhrung des vorlauten Jnglings mit seiner neuen
Gebieterin noch werden mag, wei nur der, der Herz und Nieren prft! Bereits hat
man bei der Hochzeit jenes getauften Heiden wahrgenommen, wie er sich der
einsamen Unterredung mit jener Herrin in Israel nicht entzieht und etlichemal
geseufzt hat gleich einem angeschossenen Damhirsch. Auch hat man mit Betrbnis
gesehen, wie eine unstet irrlichtelnde griechische Jungfrau, genannt Praxedis,
um ihn her ihr Wesen treibt; was die Herrin unverdorben lt, mag die Dienerin
einreien, von der nicht einmal sicher ist, ob sie eines orthodoxen Glaubens
sich erfreue. Ein leichtfertig Weib aber ist bitterer denn der Tod, sie ist ein
Strick der Jger, ihr Herz ein Netz, ihre Hnde sind Bande, nur wer Gott
gefllt, mag ihr entrinnen.
    Es stund Rudimann, dem Beschtzer der Obermagd Kerhildis, wohl an, da er
die Worte des Predigers so getreulich im Herzen trug.
    Genug, sprach der Abt. Hauptstck neunundzwanzig: Von der Rckberufung
auswrts Weilender. Es wird durchschlagen. Mir ahnt und schwant, bald wird die
wetterwendische Herrin droben um ihren Felsen herumflattern wie eine alte
Schwalbe, der ihr Junges aus dem Nest gefallen, - Ade Herzkfer! ... und Saspach
wird des Klosters!
    Amen! murmelte Rudimann.

                                    Funoten


A1 Heute Saint-Amand-les-Eaux im franzsischen Departement Nord.

A2 Rmischer Satiriker, 180-102 v. Chr. Die angezogene uerung in Horaz'
Satiren, 1, 4, 9 f.

A3 D.h. Auslegung.

A4 Weh euch, Schriftgelehrte und Phariser, ihr Heuchler, die ihr die Becher
und Schsseln auswendig reinlich hattet, inwendig aber ist's voll Raubes und
Fraes!


                              Achtzehntes Kapitel.

                  Herrn Spazzo, des Kmmerers, Gesandtschaft.

An einem khlen Sommermorgen schritt Ekkehard den Burgweg entlang in die wehende
Frhluft hinaus. Eine schlaflose Nacht lag hinter ihm; er war auf seiner Stube
auf und nieder geschritten, die Herzogin hatte wilde Gedanken in ihm aufgejagt.
In seinem Kopf summte und schwirrte es, als streiche ein Flug Wildenten drin
herum. Er mied Frau Hadwigs Anblick und sehnte sich doch in jeder Minute, da er
fern, in ihre Nhe. Die alte frohe Unbefangenheit war verflogen, sein Wesen
zerstreut und fahrig geworden; jene Zeit, die noch keinem Sterblichen erspart
ward, die der brave Gottfried von Straburg hernachmals ein stetes Leid bei
stetiglicher Seligkeit geheien, brach ber ihn herein.
    Vor sinkender Nacht hatte ein Gewitter getobt. Er hatte sein Fensterlein
geffnet und sich der Blitze erfreut, wenn sie das Dunkel durchzuckten, da ein
greller Schein die Ufer des Sees hell heraushob, und hatte gelacht, wenn's
wieder finster ward und der Donner schtternd ber die Berggipfel rollte.
    Jetzt war sonniger Morgen. Auf dem Gras perlten tauige Tropfen,
zwischendrein im Schatten auch dann und wann ein ungeschmolzenes Eiskorn.
Schweigend lag Berg und Tal, aber die gebrunte Frucht der Felder lie ihre
Halme geknickt zu Boden hangen, Hagelschlag hatte in der hochstrebenden Ernte
gewtet. Aus den Felsen des Berges rieselten trbfarbige Bchlein talabwrts.
    Noch regte sich's nicht auf der Flur: es war kaum nach dem ersten
Hahnenschrei. Nur fern ber das Hgelland, das im Rcken des hohen Twiel sich
wellenfrmig ausdehnt, kam ein Mann geschritten. Das war der Hunn' Cappan. Er
trug Weidengerten und allerhand Schlingen und ging an seine Arbeit, den
Feldmusen nachzustellen. Frhlich pfiff er auf einem Lindenblatt, - das Bild
eines glcklichen Neuvermhlten, ihm war in der langen Friderun Armen ein neues
Leben aufgegangen.
    Wie geht's? fragte ihn Ekkehard mild, als er an ihm vorberschritt und ihn
demtig grte. Der Hunn' deutete in die blaue Luft hinauf: Wie im Himmel!
sagte er und drehte sich vergngt auf seinem Holzschuh. Ekkehard wandte sich.
Noch lang' tnte des Schermausfngers Pfeifen durch die Morgenstille, er aber
schritt zum Abhang der Felsen. Dort lag ein verwitterter Stein; ein Fliederbusch
wlbte sich drber mit ppig weien Blten. Ekkehard setzte sich. Lang' schaute
er in die Ferne, dann zog er ein von zierlicher Decke umfates Bchlein aus
seiner Kutte und hub an zu lesen. Es war kein Brevier und kein Psalterium. Das
hohe Lied Salomonis! hie die berschrift; das war kein gut Buch fr ihn. Sie
hatten ihn zwar einstens gelehrt, der lilienduftige Sang gelte dem brnstigen
Sehnen nach der Kirche, der wahren Braut der Seele; er hatte es auch in jungen
Tagen studiert, unangefochten von den Gazellenaugen und taubenweichen Wangen und
palmbaumschlanken Hften der Sulamitin; jetzt las er's mit anderem Sinne. Ein
ses Trumen umfing ihn.
    Wer ist die, welche hervortritt wie die aufgehende Morgenrte, schn wie
der Mond, erwhlet wie die Sonne und schrecklich wie eine wohlgeordnete
Schlachtordnung? Er schaute hinauf zu den Zinnen des hohen Twiel, die im
Frhrot glnzten, und wute die Antwort.
    Und wieder las er: Ich schlafe, aber mein Herz wachet. Da ist die Stimme
meines Geliebten, der anklopfet: Tue mir auf, meine Schwester, meine Freundin,
meine Taube, denn meine Stirn ist voll Taues und meine Haarlocken voll perlender
Tropfen. Ein Luftzug schttelte ihm die weien Fliederblten aufs Bchlein,
Ekkehard schttelte sie nicht ab, er neigte sein Haupt und sa regungslos ...
    Unterdes hatte Cappan wohlgemut sein Tagewerk begonnen. Es war ein
Grundstck drunten in der Ebene an der Grenze des Hohentwieler Bannes; dort
hatten die Feldmuse ihr Heerlager aufgeschlagen, die Hamster schleppten ganze
Wintervorrte des guten Korns in ihren Backentaschen von dannen, und die
Maulwrfe zogen ihre Schachte in den kiesigen Boden. Dahin war Cappan beordert.
Wie ein Staatsmann in aufruhrdurchwhlter Provinz sollte er ein geordnet
Verhltnis herstellen und das Land subern vom Gesindel. Die Fluten des
Gewitters hatten die verborgenen Gnge aufgesplt; leise grub er nach und schlug
manch eine Feldmaus im Frhrotscheine tot, ehe sie sich dessen versah, dann
stellte er sorgsam seine Schlingen und Weidenruten, an andere Orte streute er
ein giftig Lockspeislein, das er aus Aaronswurz und Einbeer zusammengekocht, und
pfiff frhlich zu seinem Mordwerk und ahnte nicht, was fr schwere Wolken sich
ber seinem Haupte zusammenzogen.
    Das Grundstck, wo er hantierte, stie an Reichenauer Feldmark. Wo der alte
Eichwald seine Wipfel regte, ragten etliche Strohdcher ins Waldesgrn hinein:
das war der Schlangenhof. Der gehrte dem Kloster zu mit viel Huben Ackerland
und Waldes; eine fromme Witfrau hatte ihn dem heiligen Pirminius zum Heil ihrer
Seele vergabt. Jetzt sa ein Klostermeier darauf, ein wilder Mann mit knorrigem
Schdel und harten Gedanken drin; er hatte viel Knechte und Mgde und Ro und
Zugvieh und gedieh wohl, denn die kupferbraunen Schlangen, die in Stall und Hof
nisteten, pflegte er rechtschaffen und lie die Milchschssel in der Stallecke
nie leer werden, also da sie ganz zahm und frhlich in dem Stroh herumspielten
und niemanden ein Leides taten. Die Schlangen sind des Hofes Segen, sprach der
Alte oftmals, das ist bei uns Bauern anders als an des Kaisers Hof.
    Seit zwei Tagen aber hatte der Klostermeier keine gute Stunde mehr gehabt.
Die schweren Gewitter schufen ihm Sorge fr Frucht und Feld. Als ihrer drei
sonder Schaden vorbergegangen waren, lie er anspannen und einen Sack
vormjhrigen Roggen aufladen und fuhr hinber zum Diakon am Singener Kirchlein.
Der lachte auf seinem Stockzahn, wie des Klostermeiers Gespann aus dem Walde
vorgefahren kam, er kannte seinen Kunden. Seine Pfrnde war mager, aber aus der
Menschen Torheit fiel ihm immer noch ein Hinlngliches ab, da er seine
Wassersuppen schmlzen konnte.
    Der Klostermeier hatte seinen Kornsack bei ihm abgeladen und gesagt:
Meister Otfried, Ihr habt Euer Sach' brav gemacht und von meinen ckern das
Wetter ordentlich weggebetet. Verget mich nicht, wenn's wiederum zu donnern
kommt.
    Und der Diakonus hatte ihm geantwortet: Ich denk', Ihr habt mich gesehen,
wie ich unter dem Kirchentrlein stand, nach dem Schlangenhof gewendet, und aus
dem Weihbrunn drei Kreuze gegen das Wetter gespritzt hab' und den Spruch von den
heiligen drei Ngeln dazu, der hat Schauer und Hagel landabwrts gejagt212. Euer
Roggen knnt' ein gut Brot geben, Klostermeier, wenn noch ein Stmplein
Gerstenkorn dazugefgt wre.
    Da war der Klostermeier wieder heimgefahren und gedachte just ein Scklein
mit Gerste zu richten als verdiente Zulage fr seinen Anwalt beim Himmel. Aber
schon wieder trmte sich ein giftschwarz Gewlk auf, und wie es tiefdunkel ber
dem Eichwald stand, kam ein weigrau Wlklein heraufgezngelt, das hatte fnf
Zacken, wie Finger einer Hand, und schwoll an und scho Blitze und war ein
Hagelwetter, fhrlicher als alles frhere. Der Klostermeier war zuversichtlich
unter seiner Einfahrt gestanden: Der von Singen sprengt mir's wieder weg,
hatte er gedacht; aber wie die schweren Eisgeschosse in sein Kornfeld
einschlugen und die hren umsanken wie pfeilerschossene Jugend im Feldstreit,
und alles geknickt lag, da schlug er mit geballter Faust auf den Eichentisch:
Verflucht sei der Lgner in Singen! In heller Verzweiflung wollt' er jetzt ein
althegauisches Hausmittel anwenden, nachdem des Diakon Zauber fruchtlos: Er ri
ein paar Eichenzweige vom nchsten Stamm und zupfte das Laub zu einer Streu
zusammen, das tat er in sein altehrwrdiges Hochzeitgewand und hing's an die
mchtige Hauseiche. Aber die Hagelkrner schlugen fort und fort in die Kornernte
trotz Hochzeitrock und Eichblattstreu. Wie festgebannt schaute der Klostermeier
auf den im Regen schwebenden Bndel, ob sich der Wind draus erhebe, der den
Regen verjagt: der Schnwetterwind blieb aus. Da zogen sich seine Augbrauen
grimmig zusammen, er bi sich die Lippen und schritt in seine Stube. Die Knechte
wichen ihm auf zehn Schritte aus, sie wuten, was es hie, wenn ihr Meister die
Lippen bi. Schier zusammengebrochen warf er sich an den eichenen Tisch und
sprach lang' kein Wort. Dann tat er einen frchterlichen Fluch. Wenn der
Klostermeier fluchte, war's schon besser. Der Groknecht kam schchtern herbei
und stellte sich ihm gegenber; er war ein riesiger Sohn Enaks, aber vor seinem
Meister stand er bld wie ein Kind.
    Wenn ich die Hexe wte! sprach der Meier, die Wetterhexe, die
Wolkentrude! Die sollte ihren Rock nicht umsonst ber den Schlangenhof
ausgeschttet haben ... Da ihr die Zunge im Mund verdorre!
    Braucht's eine Hexe zu sein? sagte der Groknecht. Seit das Waldweib am
Krhen drben landflchtig worden, lt sich keine mehr gespren.
    Schweig! schalt der Klostermeier grimmig, bis du gefragt bist.
    Der Knecht blieb stehen, er wute, da es noch an ihn kommen werde. Sie
schwiegen eine Zeit. Dann fuhr ihn der Alte an: Was weit?
    Ich wei, was ich wei߫, sagte der Knecht pfiffig.
    Sie schwiegen wiederum eine Weile. Der Klostermeier hatte zum Fenster
hinausgeschaut, die Ernte war vernichtet. Er wandte sich.
    Sag's! rief er.
    Habt Ihr die Wetterwolke gesehen, sprach der Knecht, wie sie bers Dunkel
hingefahren ist? Was war's? Das Nebelschiff war's! Es hat einer unser Korn den
Nebelschiffern verhandelt ...
    Der Klostermeier schlug ein Kreuz, als wollt' er ihm die weitere Rede
wehren.
    Ich kenn's von meiner Gromutter her, fuhr der Knecht fort. Die hat's im
Elsa drben oft erzhlen hren, wenn das Wetter ber den Odilienberg sauste.
Aus dem Land Magonia kommt's hergesegelt, das Nebelschiff, wei ber die
schwarzen Wolken, Fasolt und Mermuth sitzen drinnen, die hageln die Krner aus
den Halmen, wenn ihnen der Wetterzauberer Macht drber gegeben, und heben unser
Getreide ins Luftschiff hinauf und fahren wieder heim nach Magonia und zahlen
einen guten Lohn213. Das Nebelschiff rufen, trgt mehr ein, als Messe lesen; uns
aber bleiben die Hlsen.
    Der Klostermeier ward nachdenklich. Dann griff er den Knecht am Kragen und
schttelte ihn.
    Wer? rief er heftig.
    Der Knecht aber legte den Finger auf den Mund. Es war spte Nacht geworden.
    In der gleichen Frhstunde, da Cappan dem Ekkehard begegnet war, ging der
Klostermeier mit dem Groknecht ber die Felder, den Schaden zu beschauen. Sie
sprachen kein Wort. Der Schaden war gro. Aber das Land jenseits war minder
verheert, als ob die Eichen des Waldes eine Grenzscheide fr Einschlag des
Hagels gezogen. Auf dem nahen Grundstck trieb Cappan seine Arbeit. Er hatte das
Stellen der Fallen beendet und gedachte eine Weile zu ruhen. Er zog aus dem
Grtel ein Stck schwarz Brot und eine Speckseite, die glnzte weich und wei
wie frischgefallener Schnee, und war so schn, da er mit Rhrung seiner neuen
Ehefrau gedenken mute, die ihm solche Atzung zugesteckt. Und er dachte an
allerlei, was sich seit der Hochzeit zwischen ihm und ihr zugetragen, und
schaute sehnschtig zu den Lerchen empor, als sollten sie hinberfliegen zur
Kuppe des hohen Stoffeln und ihm Haus und Ehebett gren, und es ward ihm so
wohl zumut', da er wieder einen mchtigen Luftsprung tat. Weil sein schlankes
Ehgemahl nicht anwesend, gedachte er sich jetzt des langen Weges zur Erde zu
legen, um seinen Imbi zu verzehren, denn daheim hatte er sich immer noch zum
Sitzen bequemen mssen, so sauer es ihm auch ward. Da scho ihm durch den Sinn,
da ihm Friderun zu besserem Segen bei seiner Hantierung einen Spruch gelehrt,
das Ungeziefer zu beschwren, und ihm streng aufs Herz gelegt, solchen Spruch
nicht zu versumen.
    Sein Frhmahl htt' ihm nimmer geschmeckt, bevor er dem Befehl gehorchet.
    An des Feldes Grenze war ein Stein, drein ein Halbmond gehauen, Frau Hadwigs
Herrschaftszeichen. Er trat vor, zog seinen Holzschuh vom rechten Fu, trat
barfig auf den Grenzstein und hob die Arme nach dem Wald hin. Der Klostermeier
und sein Knecht gingen zwischen den Eichen; sie blieben stehen, er sah sie nicht
und sprach den Spruch, wie Friderun ihn gelehrt: Aius, sanctus, cardia
cardiani! Maus und Musin, Talp und Talpin, Hamster und Frau Hamsterin, lasset
das Feld, wie es bestellt; fahrt in die Welt! Fahret hinunter, hinber ins Moor,
Fieber und Gicht la euch nimmer hervor! Afrias, aestrias, palamiasit214!
    Der Klostermeier und der Groknecht hatten hinter den Eichen der Beschwrung
gelauscht; jetzt schlichen sie nher. Afrias, aestrias, palamiasit! sprach
Cappan zum zweitenmal, da fuhr ihm ein Schlag ins Genick, da er zu Boden
strzte, seltsame Laute klangen an des berraschten Ohr, vier Fuste arbeiteten
sich md auf seinem Rcken, wie Flegel der Drescher in der Scheune215.
    Gesteh's, Kornmrder! rief der Klostermeier dem Hunnen zu, der nicht
wute, wie ihm geschah, was hat dir der Schlangenhof fr Leids getan,
Wettermacher, Mausverhetzer, Teufelsbraten?
    Cappan hatte keine Antwort, ihm schwindelte. Das erzrnte den Alten noch
mehr.
    Schau ihm ins Aug'! rief er dem Knecht zu, ob's trieft und ob's dich
verkehrt abspiegelt, den Kopf nach unten. - Der Knecht tat, wie geheien. Aber
er war ehrlich: Im Aug' sitzt's nicht, sprach er.
    So lupf' ihm den Arm!
    Er ri dem Darniedergeschlagenen das Obergewand ab und prfte den Arm: Wer
mit bsen Geistern Verbindung pflog, war irgendwo am Leib gezeichnet. Aber sie
fanden kein Fehl an dem Mitleidswerten, nur etliche altvernarbte Wunden. Da
wren sie schier wieder zu seinen Gunsten gestimmt worden; die Menschen waren
dazumal, wie ein Geschichtschreiber sagt, in ihren Leidenschaften nach Art der
Wilden auffahrend und jh vernderlich. Aber des Knechts Blick fiel von ungefhr
aufs Erdreich, da kroch ein groer Hornschrter des Weges; violschwarz glnzten
die Flgeldecken und die rtlichen Hrner standen ihm stolz, wie ein Geweih. Er
hatte sich des Cappan Mihandlung angeschaut und wollte jetzt feldeinwrts, denn
er fand kein Wohlgefallen dran.
    Der Knecht aber fuhr erschrocken zurck.
    Der Donnergugi! rief er.
    Der Donnerkfer! rief der Klostermeier desgleichen. Jetzt war Cappan
verloren. Da er mit dem Kfer das Wetter gemacht, litt keinen Zweifel mehr,
Hornschrter zieht Blitz und Hagel nieder.
    Mach' Reu' und Leid, Heidenhund! sprach der Meier und griff nach seinem
Messer. Es fiel ihm etwas ein: Auf dem Grab seiner Brder soll er's ben,
sprach er weiter. Er hat das Wetter beschworen, die Hunnenschlacht zu rchen,
Art lt nicht von Art.
    Der Knecht hatte indes den Hornschrter zwischen zwei platten Feldkieseln
zermalmt und grub die Steine in den Boden216. Jetzt schleppten sie den Cappan
vorwrts bers Blachfeld und schleppten ihn zum hunnischen Grabhgel und
schnrten ihm mit Weidenruten Hand und Fu zusammen; dann sprang der Knecht zum
Schlangenhof hinber und rief seine Mitknechte. Wild und mordlustig kamen sie
heran, etliche davon hatten auf Cappans Hochzeit getanzt, das stand nicht im
Weg, da sie jetzt zu seiner Steinigung auszogen.
    Cappan fing an nachzudenken. Was ihm zur Last gelegt ward, begriff er nicht,
wohl aber, da Gefahr da. Darum tat er einen Schrei, der klang gell und
durchdringend durch die Luft, wie der Schrei eines wunden Rosses in der
Todesstunde; davon ward Ekkehard aus seinen Trumen unter dem Fliederbaum
aufgejagt, er kannte die Stimme seines Tuflings und schaute hinunter. Ein
zweites Mal klang Cappans Schrei auf, da verga Ekkehard sein hohes Lied und
eilte die Berghalde hinab.
    Er kam zu rechter Zeit. Sie hatten den Cappan an das Felsstck gelehnt, das
den Hgel deckte, und standen im Halbkreis dabei. Der Klostermeier tat kund, wie
er ihn auf handhafter Tat des Wettermachens betroffen, und fragte herum, da
sprachen sie ihn schuldig, gesteinigt zu werden.
    In die unheimliche Versammlung sprang Ekkehard. Die Mnner geistlichen
Standes waren dazumal minder verblendet, als etliche hundert Jahre spter, wo
Tausende unter gleich begrndeter Anschuldigung auf dem Scheiterhaufen verenden
muten und der Staat sein von Rechts wegen drunter setzte und die Kirche ihren
Segen dazu gab. Und Ekkehard, so sehr er sonst an zauberische Kunst glaubte,
hatte selber einstmals im Kloster des frommen Bischofs Agobard Schrift gegen
unsinnige Volksmeinung von Hagel und Wetter abgeschrieben; zrnender Unwille
schuf ihm Beredsamkeit.
    Was tut ihr, Unsinnige, die ihr richten wollet, wo euch zu beten geziemt,
da ihr nicht selber mget gerichtet werden! Hat der Mann gefrevelt, so wartet
bis zum Neumond, wenn der Leutpriester von Radolfszell das Sendgericht217 hlt,
dort mgen ihn die sieben Eidmnner verbotener Kunst zeihen, wie es des Kaisers
und der Kirche Vorschrift!
    Aber die Mnner vom Schlangenhof trauten ihm nicht. Ein drohend Murren erhob
sich.
    Da gedachte Ekkehard in den wilden Gemtern eine andere Saite anzuklingen.
    Und glaubt ihr wirklich, ihr, die Shne des Landes der Heiligen, der Gott
wohlgeflligen schwbischen Erde, da ein so arm hergelaufener Hunnenmensch
Macht haben knnte, unsere Wolken zu beschwren? Glaubt ihr, da die Wolken ihm
gehorchen? da nicht vielmehr ein guter Hegauer Blitz ihm das Haupt
zerschmettert htte zur Strafe des Frevels, da ein fremder Mann ihn angerufen?
    Wenig fehlte, so htte dieser Grund den heimatstolzen Gemtern
eingeleuchtet. Aber der Klostermeier rief: Der Donnerkfer! Der Donnerkfer!
Wir haben ihn mit eigenen Augen zu seinen Fen kriechen sehen! Da erscholl es
von neuem: Steiniget ihn! Ein Feldstein flog herber und schlug den Armen
blutrnstig. Da warf sich Ekkehard unverzagt ber seinen Tufling und schirmte
ihn mit seinem eigenen Leib. Das wirkte.
    Die Mnner vom Schlangenhof schauten einander an; allmhlich wurden sie
stumm, dann machte einer im Kreise kehrt und ging feldeinwrts, andere folgten,
zuletzt stand der Klostermeier allein: Ihr haltet's mit dem Landverderber!
rief er zrnend, aber Ekkehard antwortete nicht, da lie auch er den erhobenen
Stein zur Erde sinken und ging brummend von dannen.
    Cappan war bel zugerichtet. Auf einem Rcken, den alemannische Bauernfuste
durchgearbeitet, wchst jahrelang kein Gras. Der Steinwurf hatte eine Wunde in
den Kopf geschlagen, die blutete stark. Ekkehard wusch ihm das Haupt mit
Regenwasser und machte das Zeichen des Kreuzes drber, das rinnende Blut zu
stillen, dann verband er ihn notdrftig. Er gedachte ans Evangelium vom
barmherzigen Samariter. Der wunde Mann schaute dankbar aus den gekniffenen Augen
zu ihm empor. Langsam fhrte ihn Ekkehard zur Burg hinauf, er mute ihm zureden,
bis er's wagte, sich auf seinen Arm zu sttzen. Auch der Fu mit der Narbe aus
der Hunnenschlacht tat ihm weh, sthnend hinkte er bergaufwrts.
    Auf dem hohen Twiel gab's groen Lrm, wie sie ankamen. Alle waren dem
Hunnen gut. Die Herzogin kam in den Hof herunter, sie nickte Ekkehard freundlich
zu ob seiner Barmherzigkeit. Der Klosterleute Frevel an ihrem Untertan versetzte
sie in zrnende Aufregung.
    Das soll nicht vergessen sein, sprach sie; sei getrost, Mausfnger! Sie
sollen dir ein Wehrgeld zahlen fr den wunden Schdel, das einer Aussteuer
gleichkommt. Und fr den gestrten Herzogsfrieden setzen wir ihnen die hchste
Bue, zehn Pfund Silbers soll nicht genug sein. Die Klosterleute werden frech
wie ihre Herren.
    Am wildesten war Herr Spazzo, der Kmmerer. Hab' ich darum mein Schwert von
seinem Haupt zurckgezuckt, schalt er, wie er mit zerstochenem Schenkel vor
mir lag, da ihm's die Lmmel vom Schlangenhof mit Feldsteinen pflastern sollen?
Und wenn er auch unser Feind war, jetzt ist er getauft, und ich bin sein Pate
und hab' fr seiner Seele und seines Leibes Heil Sorge zu tragen. Sei vergngt,
Patenkind! rief er ihm zu und klirrte mit seinem Schwert auf dem Steinboden,
wenn deine Schramme geflickt ist, begleit' ich dich zum ersten Spaziergang, da
wollen wir mit dem Klostermeier rechnen, Hagel und Wetter, rechnen wollen wir,
da ihm die Spne vom Kopf fliegen! Mit den Meiern kann's so nicht mehr
fortgehen! Die Burschen fhren Schild und Waffen wie Edelleute, richten statt
ziemender Bauernjagd Hunde auf Wildschweine und Bren und blasen auf ihren
Weidhrnern, als wren sie die Knige der Welt. Wo einer den Kopf am hchsten
trgt, ist's ein Meier, man mag darauf wetten218!
    Wo ist der Frevel geschehen? fragte die Herzogin.
    
    Sie haben ihn von der Feldmark, wo der Halbmond ausgehauen steht, bis an
den hunnischen Grabhgel geschleppt, sagte Ekkehard.
    Also mitten auf unserem Grund und Boden, zrnte Frau Hadwig, das ist zu
viel! Herr Spazzo, Ihr werdet reiten!
    Wir werden reiten! sprach der Kmmerer grimmig.
    Und vom Abt auf der Reichenau noch heute Wehrgeld und Friedbruchbue und
volle Genugtuung verlangen. Unsern landesherrlichen Rechten soll durch
klsterliche Anmaung kein Eintrag geschehen!
    ... durch klsterliche Anmaung kein Eintrag geschehen! wiederholte Herr
Spazzo noch grimmiger denn zuvor.
    Selten war ihm ein annehmlicherer Auftrag geworden. Er strich seinen Bart.
Wir werden reiten, Herr Abt! sprach er und ging hinauf, sich zu rsten.
    Aber sein grnsamtnes Unterwams und seinen goldverbrmten Kmmerermantel
lie er geruhig im Kasten hngen; er suchte ein abgetragen grau Jagdgewand aus
und legte die groen Beinschienen an, mit denen er in die Schlacht geritten, und
die grten Sporen dran und probierte etlichemal einen festen Tritt. Auf den
Eisenhut aber steckte er der wallendsten Federn drei und tat sein
Schlachtschwert um.
    So kam er in den Burghof herunter.
    Schaut mich einmal an, holdselige Jungfrau Praxedis, sprach er zu dieser,
was mach' ich heut fr ein Gesicht? Er hatte den Eisenhut aufs linke Ohr
gerckt und sein Haupt hochfahrend ber die rechte Schulter gedreht.
    Sehr ein unverschmtes, Herr Kmmerer, war der Griechin Antwort.
    Dann ist's recht! sprach Herr Spazzo und schwang sich auf den Gaul. Er
ritt aus dem Burgtor, da die Funken stoben, mit dem erfreulichen Gefhl, da
heute Unverschmtheit Pflicht sei.
    Unterweges bte er sich. Das Wetter hatte eine Tanne niedergeworfen; im
Wurzelwerk haftete noch das vom Sturz mit aufgerissene Erdreich. Die schweren
ste sperrten den Pfad.
    Aus dem Weg, geistlicher Holzklotz! rief Herr Spazzo der Tanne zu. Wie die
sich nicht rhrte, zog er sein Schwert. Vorwrts, Falada! spornte er die Mhre
und setzte in khnem Satze ber den Baum. Im Drberspringen tat er einen
Schwerthieb ins Gest, da die Zweige herumflogen.
    Nach weniger denn anderthalb Stunden war er schon vor der Klosterpforte. Der
schmale Streif Landes, der bei niederem Wasserstand des Sees das Ufer mit der
Insel verbindet, war frei von berschwemmung und gestattete das Hinberreiten.
    Ein dienender Bruder tat ihm auf. Es war um Mittagszeit. Der bldsinnige
Heribald kam neugierig aus dem Klostergarten hergelaufen, zu schauen, wer der
fremde Reiter. Er drngte sich nah' ans Ro, wie Herr Spazzo absprang. Der
Hofhund tobte an seiner Kette mit Gebell dem Rappen des Kmmerers entgegen, da
er sich aufbumte. Schier htte Herr Spazzo Schaden genommen. Wie er mit beiden
Fen auf die Erde gesprungen war, griff er seine Schwertscheide und hieb dem
Heribald flach ber den Rcken.
    Es ist nicht fr Euch! rief er und strich seinen Bart, es ist fr den
Hofhund. Gebt's weiter!
    Heribald stand betroffen und griff nach seiner Schulter. Heiliger Pirmin!
jammerte er.
    Es gibt heute keinen heiligen Pirmin! sprach Herr Spazzo entschieden.
    Da lachte Heribald, als wenn er seinen Mann kennte. Eia, gndiger Herr, die
Hunnen sind auch bei uns gewesen, und war niemand da als Heribald, sie zu
empfangen, aber so gottlos haben sie nicht mit ihm gesprochen.
    Die Hunnen, sind keine herzoglichen Kmmerer! sprach Herr Spazzo mit
Stolz.
    In Heribalds bldsinnigem Gehirn begann der Gedanke aufzudmmern, die Hunnen
seien nicht die schlimmsten Gste auf deutscher Erde. Er schwieg und ging in den
Garten. Dort ri er ein paar Salbeibltter ab und rieb seinen Rcken.
    Herr Spazzo schritt ber den Klosterhof zum Tor, das durch den Kreuzgang ins
Innere fhrte. Er trat fest auf. Die Glocke zum Mittagsmahl lutete. Einer der
Brder kam schnellen Ganges ber den Hof. Herr Spazzo fate ihn am dunkeln
Gewand.
    Rufet mir den Abt herunter! sprach er. Der Mnch sah ihn verwundert an und
tat einen Seitenblick auf des Kmmerers abgetragen Jagdhabit.
    Es ist die Stunde der Mahlzeit, sprach er. Wenn Ihr geladen seid, was ich
aber ... er schaute wiederum etwas spttisch auf Spazzos Jagdrock; der Schlu
ward ihm erspart, der Kmmerer wrdigte den hungrigen Bruder eines gediegenen
Faustschlages, da er taumelnd von der Schwelle in den Hof hinausflog wie ein
wohlgeschleuderter Federball. Die Mittagssonne schien auf des Gefallenen Tonsur.
    Dem Abt war bereits gemeldet worden, welch einen Frevel der Klostermeier
sich an der Herzogin Mann erlaubt. Jetzt vernahm er den Tumult im Klosterhof.
Wie er an sein Fenster trat, erschaute er just den frommen Bruder Yvo
faustschlagbefrdert in den Hof hinausfliegen. Glcklich, wer der Dinge
geheimste Ursachen erkannt hat, singt Virgilius. Abt Wazmann erkannte sie, er
hatte aus dem Dunkel des Kreuzgangs Herrn Spazzos Helmzier drohend herbernicken
gesehen.
    
    Ruft mir den Abt herunter! rief's zum zweitenmal vom Hofe herauf, da die
Scheiben der Zellenfenster klirrten. Unterdessen ward die Reichenauer
Mittagssuppe kalt; die im Refektorium Versammelten griffen endlich zu, ohne des
Abts zu warten.
    Der Abt Wazmann hatte Rudimann, den Kellermeister, zu sich entboten. Das
alles, sprach er, hat uns der Grnspecht von Sankt Gallen wieder angezettelt.
O Gunzo, Gunzo! Keiner soll seinem Nchsten ein Leid wnschen, aber doch
berdenkt mein Gemt die Frage, ob unsere Hofbauern, das riesige Geschlecht vor
dem Herrn, nicht wohlgetan htten, dem Gleisner Ekkehard die Steine an den Kopf
zu werfen, die sie dem hunnischen Hexenmeister bestimmt ...
    Ein Mnch trat scheu in des Abts Gemach.
    Ihr sollt herunterkommen, sagte er leise, es ist einer drunten und tobt
und griesgramt wie ein Gewaltiger.
    Da wandte sich der Abt zu Rudimann, dem Kellermeister, und sprach: Es mu
schlecht Wetter sein bei der Herzogin; ich kenne den Kmmerer, der ist ein
sicher Wetterzeichen. Wenn seine Herrin ihren stolzen Mund zur Heiterkeit
zuspitzt, so lacht er mit dem ganzen Gesicht, und wenn Wolken ber ihre Stirn
ziehen, so geht bei ihm ein volles Donnerwetter los ...
    ... und schlgt ein, ergnzte Rudimann. Schwere Tritte klirrten durch den
Gang.
    Es ist keine Zeit mehr zu verlieren, sprach der Abt. Macht Euch schnell
auf den Weg, Kellermeister, reitet hinber und drckt der Herzogin unser
Bedauern aus; nehmt ein paar Silberlinge aus der Klostertruhe mit als
Schmerzensgeld fr den Zerschlagenen und saget, da man fr seine Genesung beten
wolle. Vorwrts, Ihr seid ja sein Pate und ein kluger Mann.
    Es wird schwer halten, sprach Rudimann. Sie wird recht giftig sein.
    Bringt ihr ein Geschenk mit, sprach der Abt. Kinder und Frauen lassen
sich gern die Augen blenden.
    Was fr eines? wollte Rudimann fragen, da ward die Tr aufgerissen. Herr
Spazzo trat ein. Sein Gesicht lag in den richtigen Falten.
    Beim Leben meiner Herzogin!! rief er, hat der Abt dieses Rattennestes
heute Blei in seine Ohren gegossen, oder ist ihm Gichtbruch in die Fe
gefahren? Was kommet Ihr nicht, Euern Besuch zu empfangen?
    Wir sind berrascht, sprach der Abt, lat Euch willkommen heien. Er hob
den rechten Zeigefinger, ihm den Segen zu erteilen.
    Brauch keinen Willkomm! gab ihm Herr Spazzo zurck. Der Teufel ist heute
Schutzpatron des Tages. Wir sind gekrnkt! schwer gekrnkt! Wir heischen Bue,
zweihundert Pfund Silbers zum mindesten. Heraus damit!! Mord und Weltbrand! den
landesherrlichen Rechten soll durch klsterliche Anmaung kein Eintrag
geschehen! Wir sind Gesandter.
    Er klirrte mit den Sporen auf dem Fuboden.
    Verzeihet, sprach der Abt, wir haben am grauen Jagdrock die Tracht des
Gesandten nicht zu erkennen vermocht.
    Beim kamelhrenen Kleid des Tufers Johannes! brauste Herr Spazzo auf,
und wenn ich im Hemd angeritten kme, so wr' die Gewandung noch stolz genug,
um vor euch schwarze Kutten als Herold zu treten.
    Er setzte seinen Helm auf. Die Federn nickten: Zahlet, damit ich weiters
kann. Es ist schlechte Luft hier, schlecht, sehr schlecht ...
    Erlaubet, sagte der Abt, im Zorn lassen wir keinen Gast von der Insel
reiten. Ihr seid scharf, weil Ihr noch nichts gegessen habt. Lasset Euch ein
Klostermahl nicht gereuen. Nachher von Geschften.
    Da einer fr seine Grobheit freundlich zum Mittagsmahl eingeladen wird,
machte dem Kmmerer einigen Eindruck. Er nahm seinen Helm wieder ab. Den
landesherrlichen Rechten soll durch klsterliche Anmaung kein Eintrag
geschehen! sprach er noch einmal, aber der Abt deutete hinber: da sah man die
offene Klosterkche, der blonde Kchenjunge drehte den Spie am Feuer und
schnalzte mit der Zunge, denn ein lieblicher Bratenduft war in seiner Nase
aufgestiegen - ahnungsvoll standen etliche verdeckte Schsseln im Hintergrund, -
ein Mnch wandelte mit riesigem Steinkrug vom Keller her durch den Hof. Das Bild
war allzu lockend.
    Da verga Herr Spazzo die amtlichen Stirnfalten und nahm die Einladung an.
    Bei der dritten Schssel strmten seine Grobheiten sprlicher. Wie der rote
Meersburger im Pokal glnzte, versiegten sie ganz. Der rote Meersburger war gut.
-
    Unterdes ritt Rudimann, der Kellermeister, aus dem Kloster. Der Fischer von
Ermatingen hatte einen riesigen Lachs gefangen, frisch und prchtig lag er im
khlen Keller verwahrt, den hatte Rudimann erlesen als Geschenk zur
Beschwichtigung der Herzogin. Auf dem Schreibzimmer des Klosters hatte er auch
noch zu schaffen, bevor er ausritt. Ein Laienbruder mute ihn begleiten, das in
Stroh verpackte Seeungetm quer ber sein Maultier gelegt. Herr Spazzo war
hochmtig herbergeritten, demtig ritt Rudimann hinber. Er sprach leise und
schchtern, wie er nach der Herzogin fragte. Sie ist im Garten, hie es.
    Und mein frommer Mitbruder Ekkehard? frug der Kellermeister.
    Der hat den wunden Cappan in seine Htte am Hohenstoffeln geleitet und
pflegt ihn, er kommt vor Nacht nicht heim.
    Das tut mir leid, sprach Rudimann. Hhnisch verzog er seine Lippen. Er
lie den Lachs auspacken und auf die Granitplatte des Tisches im Hofe legen; die
Linde warf ihren Schatten drber, die Schuppen des Seegewaltigen glnzten, es
war, als ob sein khles Auge noch Leben htte und schmerzlich stumm vom
Berggipfel nach den blauen Wogen drben schaute. Der Fisch war ber eines Mannes
Lnge; Praxedis hatte einen hellen Schrei getan, wie die Strohhlle von ihm
genommen ward. Er kommt vor Nacht nicht heim! murmelte Rudimann und brach
einen starken Lindenzweig und sperrte mit eingeschobenem Holze dem Lachs den
Rachen, da er weit aufgerissen hinausghnte. Mit grnem Lindenblatt verzierte
er das Fischmaul, dann griff er in seinen Busen, dort trug er die
Pergamentbltter von Gunzos Schmhschrift, er rollte sie suberlich zusammen und
schob sie in den offenen Rachen. Neugierig sah ihm Praxedis zu; das war ihr noch
nicht vorgekommen.
    Jetzt nahte die Herzogin. Demtig ging ihr Rudimann entgegen, er bat um
Nachsicht fr die Klosterleute, es tue dem Abt leid, er sprach mit Anerkennung
von dem Verwundeten, mit Zweifel vom Wetterzauber, mit Erfolg im ganzen. Und
mg' Euch ein unwrdig Geschenk wenigstens den guten Willen des Euch stets
getreuen Gotteshauses beweisen, schlo er und trat zurck, da der Lachs in
seiner vollen Pracht sichtbar wurde. Die Herzogin lchelte halb vershnt.
    Jetzt sah sie das Pergament dem Rachen entragen. Und das? sprach sie
fragend.
    Das Neueste der Literatur! ... sprach Rudimann. Er neigte sich mit
Anstand, ging zu seinem Saumtier und beeilte sich des Heimritts.
    Der rote Meersburger war gut. Und Herr Spazzo, nahm's nicht als eine leichte
Sache, beim Wein zu sitzen, er dauerte aus vor den Krgen wie ein
Stdtebelagerer und sa festgegossen auf seiner Bank und trank als ein Mann, der
sprudelnd Aufschumen den Knaben berlt, ernst aber viel.
    Der Rote ist die verstndigste Einrichtung im ganzen Kloster, habt Ihr noch
mehr im Keller? hatte er den Abt gefragt, wie der erste Krug leer war. Es
sollte eine Hflichkeit sein, ein Zeichen der Vershnung, da er weiter trank.
Da kam der zweite Krug.
    Unbeschadet der landesherrlichen Rechte! sprach er grimm, wie er mit dem
Abt anstie. Unbeschadet! antwortete der mit einem Seitenblick.
    Es war die fnfte Abendstunde, da schallte ein Glcklein durchs Kloster.
Verzeihet, sprach der Abt, wir mssen zur Vesper, wollet Ihr mit?
    Ich werd' Euch lieber erwarten, entgegnete Herr Spazzo und schaute in den
dunkeln Hals des Steinkrugs. Es wogte drin noch sattsamer Bedarf fr eine
Stunde. Da lie er die Mnche ihren Vespersang halten und trank einsam weiter.
    Wieder war eine Stunde abgelaufen, da besann er sich, weshalb er eigentlich
ins Kloster herbergeritten. Es fiel ihm nimmer deutlich ein. Jetzt kam der Abt
zu ihm zurck.
    Wie habt Ihr Euch unterhalten? fragte er.
    Gut! sprach Herr Spazzo. Der Krug war leer.
    Ich wei nicht ... begann der Abt.
    Doch! sprach Herr Spazzo und nickte mit dem Haupt. Da kam der dritte Krug.
    Inzwischen kehrte Rudimann von seinem Ausritt heim, die Abendsonne neigte
sich zum Untergehen, der Himmel frbte sich glhend, purpurne Streiflichter
fielen durchs schmale Fenster auf die Zechenden.
    Wie Herr Spazzo wieder mit dem Abte anstie, glnzte der Rotwein wie feurig
Gold im Pokal, und er sah einen Schein der Verklrung um des Abts Haupt
flimmern. Er besann sich. Beim Leben Hadwigs219, sprach er feierlich, wer
seid Ihr?
    Der Abt verstand ihn nicht. Was habt Ihr gesagt? fragte er. Da kannte Herr
Spazzo die Stimme wieder. Ja so! rief er und schlug mit der Faust auf den
Tisch, den landesherrlichen Rechten soll durch klsterliche Anmaung kein
Eintrag geschehen!
    Gewi nicht! sagte der Abt.
    Da fhlte der Kmmerer einen fliegenden Stich in der Stirn220, den kannte er
wohl und pflegte ihn den Wecker zu heien. Der Wecker kam nur, wenn er beim
Weine sa; wenn er durchs Haupt brauste, so war's ein Signal, da in Frist einer
halben Stunde die Zunge gelhmt sei und das Wort versage. Kam der Wecker zum
zweitenmal, so drohte die Lhmung den Fen. Da erhob er sich.
    Die Freude sollen die Kutten nicht erleben, dachte er, da vor ihrem
Klosterwein eines herzoglichen Dienstmannes Zunge stille steht! Er stand fest
auf den Fen.
    Halt an, sprach der Abt, des Abschieds Minne!
    Da kam der vierte Krug. Herr Spazzo war zwar aufgestanden, aber zwischen
Aufstehen und Fortgehen kann sich noch vieles zutragen. Er trank wieder. Wie er
seinen Pokal absetzen wollte, stellte er ihn bedchtig in die blaue Luft hinein,
da er auf die Steinplatten des Fubodens fiel und zerschellte. Da ward Herr
Spazzo grimmig. Verschiedenes rauchte und rauschte ihm durch den Sinn.
    Wo habt Ihr ihn? fuhr er den Abt an.
    Wen?
    Den Klostermeier! Gebt ihn heraus, den groben Bauer, der mein Taufpatenkind
hat umbringen wollen! Er ging drohend auf den Abt los. Nur einen einzigen
Fehltritt tat er.
    Der sitzt auf dem Schlangenhofe, sprach der Abt lchelnd. Er sei Euch
ausgeliefert. Ihr mt aber selber ausziehen und ihn holen.
    Mord und Weltbrand! wir werden ihn holen, polterte Herr Spazzo und schlug
ans Schwert, indem er nach der Tre schritt. Aus dem Bett werden wir ihn
greifen, den Brenhuter, und wenn er gegriffen ist, beim Tornister des heiligen
Gallus! wenn er ... dann ... sag' ich Euch ...
    Die Rede kam nimmer zum Schlu. Die Sprache stand ihm still wie die Sonne in
der Amorrhiter Schlacht, da Josua ihr gebot.
    Er griff nach des Abtes Becher und trank ihn leer.
    Die Sprache kam nicht wieder. Ein ses Lcheln lagerte sich auf des
Kmmerers Lippen. Er schritt auf den Abt zu und umarmte ihn.
    Freund und Bruder! vielgeliebter alter Steinkrug! wie wr's, wenn ich Euch
ein Aug' ausstche? wollte er mit kmpfender Zunge zu ihm sagen; es gelang ihm
nimmer, verstndlich zu sein. Er prete den Abt fest und trat ihm dabei mit dem
bespornten Stiefel auf den Fu. Abt Wazmann hatte bereits den Gedanken berlegt,
ob er dem Erschpften ein Nachtlager wolle anweisen, die Umarmung und der
Schmerz seiner Zehen nderte ihm den Sinn, er sorgte, da des Kmmerers Rckzug
beginne.
    Im Klosterhof ward sein Ro gesattelt. Der bldsinnige Heribald schlich sich
drauen herum, er hatte ein gro Stck Zunder in der Kche geholt und gedachte
dasselbe brennend des Kmmerers Ro in die Nstern zu legen, da es ihn rche
fr den flachen Hieb. Jetzt kam Herr Spazzo heraus, er hatte die Reste seiner
Wrde zusammengerafft. Ein Diener mit einer Fackel leuchtete.
    Der Abt hatte ihm an der obern Pforte Valet gewinkt.
    Herr Spazzo stieg auf seinen treuen Rappen Falada, ebenso schnell gleitete
er auf der rechten Seite wieder herab. Heribald sprang bei, ihn aufzufangen, der
Kmmerer fiel ihm in die Arme, des Mnchs Bart streifte stechend seine Stirn.
    Bist du auch da, Elbentrtsch221! weiser Knig Salomo! lallte Herr Spazzo,
sei mein Freund! Er kte ihn, da hob ihn Heribald aufs Ro und warf seinen
Zunder weg und trat darauf. Eia, gndiger Herr, rief er ihm zu, kommt recht
wohl nach Hause! Ihr seid anders bei uns eingeritten wie die Hunnen, darum
reitet Ihr aber auch anders von dannen wie sie, und sie haben sich doch auch
aufs Weintrinken verstanden.
    Herr Spazzo drckte den Eisenhut aufs Haupt, fest griff er die Zgel; es
prete ihm noch etwas das Herz, er kmpfte mit der lahmgewordenen Zunge. Itzt
kam ein Stck verlorener Kraft wieder, er hob sich im Sattel, die Stimme
gehorchte.
    Und den landesherrlichen Rechten soll durch klsterliche Anmaung kein
Eintrag geschehen! rief er, da es durch die stille Nacht des Klosterhofs
drhnte.
    Zu derselben Zeit berichtete Rudimann dem Abt ber den Erfolg seiner Sendung
zur Herzogin.
    Herr Spazzo ritt ab. Dem Diener, der mit der Fackel leuchtete, hatte er
einen gldenen Fingerring zugeworfen. Darum ging der Fackeltrger noch weit mit
ihm bis zum schmalen Pfad, der ber den See fhrte.
    Bald war er am jenseitigen Ufer. Khl wehte die Nachtluft um das heie Haupt
des Reiters. Er lachte vor sich hin. Die Zgel hielt er gepret in der Rechten.
Der Mond schien auf den Weg. Dunkel Gewlk ballte sich fern um die Hupter der
helvetischen Berge. Jetzt ritt Herr Spazzo in den Tannwald ein. Laut und
gemessen schallte des Kuckucks Stimme durch die Stille. Herr Spazzo lachte.
War's frhliche Erinnerung oder sehnende Hoffnung der Zukunft, die sein Lcheln
so s machte? Er hielt sein Ro an.
    Wann soll die Hochzeit sein? rief er zum Baum hinber, drauf der Rufer sa
222. Er zhlte die Rufe, aber der Kuckuck war heute unermdlich. Schon hatte
Herr Spazzo zwlf gezhlt, da begann seine Geduld auf die Neige zu gehen.
    Schweig', schlechter Gauch! rief er.
    Da tnte des Kuckucks Ruf zum dreizehnten Male.
    Der Jahre fnfundvierzig haben wir schon, und dreizehn macht
achtundfnfzig, sprach Herr Spazzo zornig. Das gb' spten Brautstand.
    Der Kuckuck rief zum vierzehnten. Ein anderer war vom Rufen wach geworden
und lie itzt auch seine Stimme erklingen, ein dritter stimmte ein, das hallte
und schallte neckisch um den trunkenen Kmmerer herum und war nicht mehr zu
zhlen.
    Da ging ihm die Geduld gnzlich aus.
    Lgner seid ihr und Ehebrecher und Bckerknechte alle zusammen! schalt er
die Vgel, schert euch zum Teufel!
    Er spornte sein Ro zum Trab. Der Wald schlo sich dichter. Fetzt zogen die
Wolken herauf, schwer und dunkel, sie zogen gegen den Mond. Es ward
stockfinster; geisterhaft ragten die Tannen, alles lag schwarz und still. Gern
htte Herr Spazzo itzt noch den Kuckuck gehrt, der nchtliche Ruhestrer war
fortgeflogen - da ward's dem Heimreitenden unheimlich; eine ungestalte Wolke kam
gegen den Mond geschlichen und hllte ihn ganz ein, da fiel Herrn Spazzo ein,
was ihm die Amme in erster Jugend erzhlt, wie der bse Wolf Hati und Managarm,
der Mondhund, dem leuchtenden Gestirn nachjagen, er sah wieder auf, da sah er
den Wolf und den Mondhund deutlich am Himmel; itzt hielten sie den armen Trster
der Nacht im Rachen ... Herr Spazzo schauderte. Er zog sein Schwert. Vince
luna! Siege, o Mond! schrie er! mit heller Stimme und rasselte mit Schwert und
Beinschienen, vince luna vince luna223!
    Sein Geschrei war laut und sein ehern Gerassel scharf, aber die
Wolkenungetme lieen den Mond nicht, nur des Kmmerers Ro ward scheu und
sprengte sausend mit ihm durch die Waldesnacht.
    Wie Herr Spazzo des andern Morgens erwachte, lag er am Fu des hunnischen
Grabhgels. Auf der Wiese sah er seinen Reitersmantel liegen, sein schwarzes
Rlein Falada erging sich fern am Waldessaum, der Sattel hing unten am Bauch,
die Zgel waren zerrissen; es fra die jungen Wiesenblumen. Langsam wandte der
schlafmde Mann sein Haupt und schaute sich ghnend um. Der Klosterturm der
Reichenau spiegelte sich so ruhig und fern im See, als wenn nichts geschehen
wre. Er aber ri einen Bschel Gras aus und hielt die tauigen Halme an die
Stirn. Vince luna! sprach er mit bittersem Lcheln. Er hatte schwer Kopfweh.

                              Neunzehntes Kapitel.



                          Burkard, der Klosterschler.

Rudimann, der Kellermeister, war kein falscher Rechner. Eine Rolle Pergament in
einem Lachsrachen mu Neugier erregen. Whrend Herr Spazzo den Reichenauer
Klosterwein getrunken, war seine Gebieterin mit Praxedis im stillen Closet an
Entzifferung der Gunzoschen Schrift gesessen; die Schlerinnen Ekkehards hatten
des Lateinischen genug gelernt, um die Hauptsachen zu verstehen; was grammatisch
unklar blieb, errieten sie, was nicht zu erraten war, setzten sie nach eigenem
Gutdnken zusammen.
    Praxedis war emprt: Ist denn die Nation der Gelehrten berall wie in
Byzanzium? sprach sie. Erst die Mcke zum Elefanten gemacht und dann einen
Feldzug gegen das selbstgeschaffene Ungetm begonnen! Das Reichenauer Geschenk
schmeckt essigsauer. - Sie verzog den lieblichen Mund wie damals, da sie
Wiborads Holzpfel kosten mute.
    Frau Hadwig war sonderbar bewegt. Ein unheimlich Gefhl sagte ihr, da in
Gunzos Blttern ein Geist sein Wesen treibe, der nicht vom Guten, aber sie
gnnte Ekkehard die Demtigung.
    Ich glaube, er hat die Zurechtweisung verdient, sprach sie.
    Da sprang Praxedis auf: Unser braver Lehrer verdient manche
Zurechtweisung, rief sie, aber das sollte unsere Sache sein. Wenn wir ihm
seine blde Schwerflligkeit wegschulmeistern, tun wir ein gutes Werk. Aber wenn
einer mit dem Balken im Aug' dem andern den Splitter vorwirft, das ist zu arg.
Die bsen Mnche haben das nur angebracht, um ihn anzuschwrzen. Darf ich's zum
Fenster hinauswerfen, gndige Herrin?
    Wir haben Euch weder um Ekkehards Erziehung noch um Werfung eines
Gastgeschenks zum Fenster hinaus ersucht, sprach die Herzogin bitter. Praxedis
schwieg.
    Die Herzogin konnte sich von der eleganten Schmhschrift lange nicht
trennen. Ihre Gedanken waren dem blonden Mnch nicht mehr zugewendet wie damals,
als er sie ber den Hof des heimischen Klosters trug. Im Augenblick
berschwenglichen Gefhls nicht verstanden werden, ist gleich der Verschmhung,
der Stachel weicht nicht wieder. Wenn sie ihn jetzt erschaute, pochte das Herz
nicht in hherem Schlag; oft war's Mitleid, was ihre Blicke ihm noch zufhrte,
aber nicht jenes se Mitleid, aus dem die Liebe aufspriet wie aus khlem
Grunde die Lilie - es barg einen bsen Keim von Geringschtzung in sich.
    Durch Gunzos Schmhschrift ward auch das Wissen, das die Frauen seither hoch
an ihm gehalten, in Staub gezogen, was blieb noch Gutes? Das stille Weben und
Trumen seiner Seele verstand die Herzogin nicht, zarte Scheu ist in anderer
Augen Torheit. Da er in der Frhe ausgegangen, das hohe Lied zu lesen, war zu
spt; er htte das im vorigen Herbst tun sollen ...
    Der Abend dunkelte.
    Ist Ekkehard heimgekehrt? fragte die Herzogin.
    Nein, sprach Praxedis, Herr Spazzo auch nicht.
    Dann nimm den Leuchter, befahl Frau Hadwig, und trage die
Pergamentbltter auf Ekkehards Turmstube. Er darf nicht ununterrichtet bleiben
von seiner Mitbrder Werken.
    Die Griechin gehorchte, aber unfroh. In der Turmstube droben war schwle
Hitze. Ungeordnet lagen Bcher und Gertschaften umher. Auf dem Eichentisch war
das Evangelium des Matthus aufgeschlagen: Am Geburtsfest des Herodes aber
tanzte der Herodias Tochter vor der Gesellschaft, und sie gefiel dem Herodes,
da er ihr mit einem Eidschwur verhie zu geben, um was sie bitten wollte, und
sie sprach: Gib mir auf einer Schssel den Kopf Johannes des Tufers! ...
    Die priesterliche Stola, Ekkehards Weihnachtsgeschenk von der Herzogin, lag
daneben, die goldgewirkten Fransen hingen ber das Flschlein mit Jordanwasser,
das ihm der alte Thieto einst mitgegeben.
    Da schob Praxedis alles zurck und legte Gunzos Epistel auf den Tisch; es
tat ihr leid, wie sie alles geordnet. Beim Fortgehen wandte sie sich, tat das
Fenster auf, ri ein Zweiglein von dem ppig am Turm sich emporschlingenden
Efeugerank und warf's drber hin.
    Ekkehard war spt heimgekommen. Er hatte den wunden Cappan gepflegt; noch
grere Arbeit war es ihm, des Hunnen langes Ehegemahl zu trsten. Nachdem das
erste Wehgeheul verstummt und ihre Trnen getrocknet, war bis nach
Sonnenuntergang ihre Rede nur ein einziger groer Fluch auf den Klostermeier,
und wenn sie ihren starken Arm gen Himmel hob und von Augauskratzen und
Bilsenkraut in die Ohren gieen und Zhneeinschlagen sprach, und ihre braunen
Zpfe wildbedrohlich im Winde flatterten, so bedurfte es eindringlichen
Zuspruchs, sie zu beruhigen. Doch war's gelungen.
    In der Stille der Nacht las Ekkehard die Bltter, die ihm die Griechin in
seine Stube gelegt. Seine Hand spielte mit einer wilden Rose, die er heimgehend
im Tannenwald gepflckt, whrend sein Auge die geharnischten Angriffe des
welschen Gelehrten aufnahm.
    Woher mag es kommen, dachte er und sog den Duft der Blume ein, da so vieles
der Tinte Entsprossenes seinen Ursprung nicht verleugnen kann? Alle Tinte kommt
vom Gallapfel und aller Gallapfel vom bsen Wespenstich ...
    Mit heiterem Antlitz legte er schlielich die gelben Pergamentbltter weg:
Eine gute Arbeit - eine recht fleiige gute Arbeit - o, der Wiedehopf ist auch
eine wichtige Person unter dem fliegenden Getier. Aber die Nachtigall hat kein
Ohr fr seinen Gesang ... Er schlief ausgezeichnet gut nach seiner Lesung.
    Wie er des andern Morgens von der Burgkapelle zurckschritt ber den Hof,
traf er auf Praxedis.
    Wie geht's Euch, Hunnentufer? sprach sie leicht, ich bin ernstlich um
Euch besorgt. Es hat mir getrumt, ein groer brauner Meerkrebs sei den Rhein
herauf geschwommen und aus dem Rhein in den Bodensee, und vom Bodensee sei er
auf unsere Burg gekrochen und htt' schneidige Scheren und htt' Euch drein
geklemmt und scharf ins Fleisch geschnitten. Der Seekrebs heit Gunzo. Habt Ihr
noch viel so gute Freunde?
    Ekkehard lchelte.
    Ich mifalle manchem Mann, der mir auch nicht gefallen kann, sprach er.
Wer an ruige Kessel anstt, kann leichtlich schwarz werden.
    Scheint Euch aber ganz gleichgltig zu sein - sprach Praxedis. Ihr
solltet Euch schon heut auf eine Antwort besinnen. Siedet den Krebs rot ab, dann
beit er nimmer.
    Die Antwort, erwiderte Ekkehard, hat ein anderer fr mich gegeben. Wer zu
seinem Bruder spricht: Rakka! wird des hohen Rates schuldig sein, und wer sagt:
du Narr! wird des hllischen Feuers schuldig sein.
    Ihr seid recht fromm und mild, sagte Praxedis, aber sehet zu, wie weit
Ihr damit in der Welt kommet. Wer sich seiner Haut nicht wehret, dem wird sie
abgezogen. Auch den schlechten Feind sollt Ihr nicht gering anschlagen: Sieben
Wespen zusammen stechen ein Ro tot.
    Die Griechin hatte recht. Stumme Verachtung unwrdigen Angreifers gilt
allzuleicht fr Schwche. Aber es war Ekkehards Natur so.
    Praxedis trat einen Schritt auf ihn zu, da er betroffen zurckwich. Soll
ich Euch noch einen guten Rat geben, Ehrwrdigster? sprach sie. Er nickte
schweigend.
    Ihr schreitet wieder viel zu ernst einher; es mchte einer glauben, Ihr
wollet mit Sonne und Mond Kegel schieben, wenn Ihr des Weges kommt. 's ist
heier Sommer jetzt, die Kapuze macht Euch schwl. Lasset Euch ein linnen Gewand
beschaffen und meinetwegen auch den Schlobrunnen bers Haupt rieseln, aber seid
frhlich und guter Dinge. Die Herrin mchte sonst recht gleichgltig fr Euch
werden.
    Ekkehard wollte ihr die Hand reichen; es deuchte ihm zuweilen, als sei
Praxedis sein guter Engel. Da kam langsamen Hufschlages Herr Spazzo in den
Burghof eingeritten. Sein Haupt senkte sich dem Sattelknopf entgegen, bleiernes
Lcheln war ber das mde Antlitz gegossen, halb schlief er.
    Euer Gesicht hat sich namhaft verndert seit gestern, rief ihm Praxedis
zu. Warum fliegen keine Funken mehr unter Faladas Huf?
    Er schaute mit stieren Augen zu ihr herab. Es flimmerte vor seinem Blick.
    Bringt Ihr auch ein erklecklich Schmerzensgeld mit, Herr Kmmerer? fragte
Praxedis.
    Schmerzensgeld? fr wen? fragte Herr Spazzo stumpf.
    Fr den armen Cappan! Ich glaube, Ihr habt eine Hand voll Mohnkrner
gegessen, da Ihr nimmer wisset, warum Ihr ausgeritten ...
    Mohnkrner? sprach Herr Spazzo mit dem gleichen Ausdruck, Mohnkrner?
Nein. Aber Meersburger, roten Meersburger, ungefgigen, hundertschlndig224 zu
trinkenden roten Meersburger! ja!
    Er stieg schwerfllig vom Ro und zog sich in seine Gemcher zurck. Der
Bericht ber seiner Sendung Erfolg blieb unerstattet. Praxedis schaute dem
Kmmerer nach, sie begriff den Grund seiner bleischweren Gemtstimmung nicht
ganz.
    Habt Ihr noch nie davon erzhlen gehrt, da einem gesetzten Manne Gras,
Blumen und Klee und aller Kruter Meisterschaft, die Wrze und aller Steine
Kraft, der Wald und alle Vgelein - nicht so zur Erquickung frommen als ein
alter Wein? sprach Ekkehard zur Ergnzung. Aber schon der jdische
Prophetenknabe sprach zum Knig Darius, da die Kriegsleute und Amtmnner aus
Morgenland um den Thron standen und stritten, wer der strkste sei: der Wein ist
der strkste, der berwltigt die Mnner, die ihn trinken, und fhrt ihre
Gemter in Irrtum.
    Praxedis hatte sich weggewendet und stand an den Zinnen der Mauerbrstung.
    Seht einmal hinunter, Sonne der Wissenschaft, sprach sie zu Ekkehard, was
kommt dort fr ein sauber geistlich Mnnlein gewandelt?
    Ekkehard beugte sich ber die Mauer und schaute an der senkrecht
aufstrebenden Felswand hinab. Zwischen den Stauden am Burgweg wandelte ein
braunlockiger Knabe; er trug ein Mnchsrcklein, das bis an die Knchel reichte,
Sandalen am nackten Fu, einen ledernen Ranzen auf dem Rcken, den
eisenbeschlagenen Wanderstab in der Hand. Ekkehard kannte ihn noch nicht.
    Nach einer Weile stand er am Burgtor.
    Er hielt die Hand vor die Augen und schaute in das weite schne Land hinaus.
Dann trat er in den Hof und ging gemessenen Schrittes auf Ekkehard zu.
    Es war Burkard, der Klosterschler, Ekkehards Schwestersohn, der von
Konstanz herberkam, seinem jungen Oheim einen Ferienbesuch abzustatten.
    Er machte ein feierlich Gesicht und sprach den Begrungsspruch, als htte
er ihn auswendig gelernt.
    Ekkehard kte den wohlerzogenen Schler, der in den fnfzehn Jahren seines
Lebens noch keinen einzigen dummen Streich begangen. Burkard richtete Gre von
Sankt Gallen aus und brachte eine Epistel Meister Ratperts, der sich behufs
vergleichender Studien von Ekkehard Auskunft erbat, in welcherlei Fassung und
Wortlaut er gewisse schwierige Stellen im Virgilius zu bersetzen pflege. Heil,
Gedeihen und Fortschritt in der Erkenntnis225! lautete des Briefes
Abschiedsgru.
    Ekkehard begann ein langes Fragen nach seinen dortigen Brdern. Aber
Praxedis fiel ihm in die Rede.
    Lasset doch den frommen jungen Mann ausruhen. Trockene Zunge erzhlt nicht
gern. Kommmit mir, Mnnlein, du sollst uns ein lieberer Besuch sein als der bse
Rudimann von der Reichenau.
    Vater Rudimann? sprach der Knabe, den kenne ich auch.
    Woher? fragte Ekkehard.
    Er ist vor wenig Tagen bei uns gewesen und hat dem Abt ein groes Schreiben
berbracht und eine Schrift; es soll vieles ber Euch drin stehen, liebwerter
Ohm, und nicht lauter Schnes.
    Hrt! sprach Praxedis.
    ... und wie er Abschied genommen, ist er nur bis zur Kirche gegangen; dort
hat er gebetet, bis da es dunkel war. Er mu aber alle Gnge und Schliche im
Kloster kennen, wie die Glocke die Schlafstunde angelutet, ist er heimlich und
auf den Zehen ins groe Dormitorium geschlichen, um zu lauschen, was die Brder
vor Einschlafen ber Euch und ber das, was in seiner Schrift stand, zusammen
sprechen wrden. Die Nachtkerze hat trb geflackert, da er im Verborgenen
niedersitzen konnte. Aber um Mitternacht ist der Vater Notker Pfefferkorn
gekommen, der hat die Runde gemacht, nachzuschauen, ob jeder seinen Grtel fest
ums Gewand geschlungen, und ob kein Messer oder schdlich Gewaffen im
Schlafgemach sei. Der hat den Fremden hervorgezogen aus seinem Versteck, und die
Brder sind aufgewacht, und die groe Abtslaterne ist angezndet worden, mit
Stecken und Stangen und der siebenfltigen Geiel aus der Geielkammer sind sie
herbeigesprungen und war ein groer Lrm und Geschrei, trotzdem da der Dekan
und die Alten abwinkten. Notker Pfefferkorn selber war hoch ergrimmt: Der Teufel
geht lauernd umher und sucht, wen er verschlinge, rief er wir haben den Teufel,
zchtiget ihn!
    Vater Rudimann aber ist noch recht hhnisch gewesen: Ich gestehe,
treffliche Jnglinge, hat er gesagt, wenn ich wte, wo der Zimmermann einen Weg
offen gelassen, so wrde ich auf Hnden und Fen von dannen gehen; nun aber, da
ich gern oder ungern euch in die Hnde fiel, so gedenket, da ihr eurem
Gastfreund keine Schande antuet226. Da wurden sie alle wild und schleppten ihn
in die Geielkammer; nur auf den Knien konnt' er sich losbitten, und als endlich
der Abt sprach: Wir wollen das Fchslein heimspringen lassen in seinen Bau, hat
er sich hflich bedankt.
    Ich bin gestern einem Fuhrwerk mit zwei groen Weinfssern vorbeigekommen:
der Kellermeister der Reichenau schicke das dem heiligen Gallus fr
freundschaftliche Aufnahme, hat der Fuhrmann zu mir gesagt ...
    Davon hat Herr Rudimann nichts gemunkelt, wie er gestern bei uns war,
sprach Praxedis. Fr die Geschichte verdienst du ein Stck Kuchen, Goldsohn, du
erzhlst ja wie ein Jubelgreis.
    O, sprach der Klosterschler halb beleidigt, es heit nichts. Aber ich
werde ein Gedicht darber machen: Des Wolfs Einbruch im Schafstall und Strafe, -
ich hab's schon halb im Kopf, das mu schn werden.
    Du machst auch Gedichte, junger Neffe? sprach Ekkehard heiter.
    Das wr' kein guter Klosterschler, gab der Junge zur Antwort, der
vierzehn Jahre alt wrde und keine Gedichte machen knnte. Meinen Lobgesang auf
den Erzengel Michael in doppelt gereimten Hexametern hab' ich dem Abte vorlesen
drfen; er hat meine Verse eine glnzende Perlenschnur geheien. Und meine
sapphische Ode zu Ehren der frommen Wiborad ist auch recht schn, soll ich sie
vortragen?
    Um Gottes willen! sprach Praxedis, glaubst du, man fllt bei uns nur zum
Burgtor herein und trgt gleich Oden vor? Wart' erst dein Stck Kuchen ab.
    Sie sprang zur Kche und lie den gelehrten Neffen Ekkehards im Gesprch mit
seinem Oheim unter der Linde zurck. Der plauderte denn ein Namhaftes von
Trivium und Quadruvium; weil gerade der Fels von Hohentwiel im Morgenlicht einen
feingezeichneten Schatten ber das flache Land warf, erging sich der
Klosterschler in einer weitlufigeren Disputation ber den Grund des Schattens,
als welchen er mit Sicherheit einen dem Licht entgegenstehenden Krper
bezeichnete und alle andere Definitionen in ihrer Nichtigkeit nachwies.
    Wie ein Springquell entstrmte dem jugendlichen Munde die Flut der
Wissenschaft. Auch in der Astronomie war er bewandert; das Lob Zoroasters von
Baktrien und des Knigs Ptolemus von gyptenland mute der Oheim geduldig
anhren, ber Form und Verwendung des Astrolabiums ward ihm scharf auf den Zahn
gefhlt227; auch begann der braungelockte Schwestersohn auseinanderzusetzen, wie
faselnd die Meinung derer sei, die da glauben, da auf der Rckseite des
Erdglobus das ehrenwerte Geschlecht der Antipoden228 hause - vor fnf Tagen
hatte er all' die schnen Sachen gelernt: aber schlielich erging es dem Oheim
wie dem tapfern Kaiser Otto, da der weltweise Bischof Gerbert von Reims und
Otrich, der Domschulmeister von Magdeburg, vor ihm und viel hundert gelahrten
bten und Scholastern ihren Wettkampf ber Einteilung und Grund der
theoretischen Philosophie229 abhielten - er ghnte.
    Jetzt kam Praxedis mit einem herrlichen Kirschkuchen und einem Krbchen
Frchte, das gab den Gedanken des fnfzehnjhrigen Weltweisen eine Wendung zum
Natrlicheren; als wohlerzogener Knabe sprach er erst den Hymnus230 vor dem
Essen, wie er in der Klosterschule blich, dann vertiefte er sich ganz in des
Kuchens Aufzehrung und berlie die Frage von den Antipoden einer spteren
Zukunft ...
    Praxedis wandte sich zu Ekkehard: Die Herzogin lt Euch kundtun, sprach
sie mit verstelltem Ernst, da sie gesonnen, zum Studium des Virgilius
zurckzukehren; sie ist begierig zu vernehmen, wie der Knigin Dido Geschicke
sich weiter abspinnen. Heute abend beginnen wir; Ihr sollt ein freundlich
Gesicht dazu machen, fuhr sie leiseren Tones fort, es ist eine zarte
Aufmerksamkeit, Euch zu beweisen, da trotz der Schriften gewisser Herren das
Vertrauen auf Euere Wissenschaft nicht geschwunden.
    Es war so. Ekkehard aber erschrak. Wieder in der alten Weise mit den zwei
Frauen zusammen sein: schon der Gedanke tat ihm weh. Er konnte noch immer nicht
vergessen, da einst ein Karfreitagmorgen gewesen.
    Da schlug er seinen Neffen auf die Schulter, da der zusammenfuhr. Du
kommst hier nicht in die Ferien zum Fischfangen und Vogelstellen, Burkard!
sprach er, heute nachmittag lesen wir Virgil mit der gndigen Herzogin, du
wirst dabei sein.
    Er gedachte den Knaben als schirmende Abwehr zwischen die Herzogin und seine
Gedanken zu stellen.
    Wohl! sprach Burkard mit kirschrotblauen Lippen, Virgilius ist mir lieber
als Jagen und Reiten, und ich werd' die Frau Herzogin bitten, mir von ihrem
Griechischen etwas zu lehren. Nach jenem Besuch, wo sie Euch mit fortgenommen,
haben die Klosterschler oftmals gesagt, sie wisse mehr Griechisch als alle
ehrwrdigen Vter des Klosters zusammen, sie habe es durch Zauberei erlernt. Und
wenn ich auch im Griechischen der erste bin ...
    Dann kann dir's nicht fehlen, da du in fnf Jahren Abt und in zwanzig
Jahren heiliger Vater zu Rom wirst, sprach Praxedis spottend. Einstweilen
fliet dort der Burgbrunnen, das Blau deiner Lippen zu tilgen ...
    Um die vierte Abendstunde harrte Ekkehard im sulengetragenen Gemach seiner
Gebieterin, die Lesung der nede wieder aufzunehmen. ber ein halb Jahr war
abgelaufen, da Virgilius Ruhe gehabt. Ekkehard war beklommen, er hatte die
Fenster weit aufgetan. Wohltuende Khle des Abends strmte herein.
    Der Klosterschler bltterte in der lateinischen Handschrift.
    Wenn die Herzogin mit dir spricht, sei fein artig, sprach Ekkehard.
    Er aber antwortete mit Selbstgefhl: Mit einer so vornehmen Frau red' ich
nur in Versen. Sie soll sich berzeugen, da ein Zgling der inneren Schule vor
ihr steht.
    Jetzt trat die Herzogin ein, gefolgt von Praxedis. Sie grte mit leichtem
Kopfnicken. Ohne da sie Ekkehards hoffnungsvollen Neffen zu bemerken schien,
lie sie sich im schnitzwerkverzierten Lehnstuhl nieder. Burkard hatte sich
zierlich verneigt und stand am Ende des Tisches.
    Ekkehard schlug den Virgilius auf. Da fragte die Herzogin gleichgltigen
Tones: Was soll der Knab'?
    Ein demtiger Zuhrer, sprach Ekkehard, dem die Sehnsucht, das
Griechische zu erlernen, Mut gibt, so erlauchter Lehrerin sich zu nahen. Er wird
glcklich sein, wenn er von Eueren Lippen ...
    Aber bevor Ekkehard seine Rede geendet, war Burkard vor die Herzogin
getreten, befangen und keck zugleich sprach er mit niedergeschlagenen Augen und
genauer Betonung des Silbenmaes:

Esse velim Graecus, cum vix sim, dom'na, LatinusA1, 231.

    Es war ein tadelloser Hexameter.
    Frau Hadwig hrte ihm halb erstaunt zu. Ein braunlockiger Knabe, der einen
Hexameter sprach, war in alemannischen Landen etwas Ungewohntes. Und er hatte
ihr zu Ehren die Daktylen und Sponden aus dem Stegreif ersonnen. Darum ergtzte
sie sich an dem jungen Verseschmied.
    La dich einmal nher beschauen, sprach sie und zog ihn zu sich. Er gefiel
ihr; es war ein lieblich Knabenantlitz, durchsichtig Rot auf den Wangen, so fein
und zart, da das blaue Geder in leichtem Umri drunter zu erschauen war, ppig
wallten die Locken um die Stirn, eine kecke Adlernase ragte ber den gelehrten
jungen Lippen wie ein Hohn auf das, was unter ihr gesprochen werde, in die Luft.
Da schlang Frau Hadwig ihren Arm um den Knaben, hob ihn empor und kte ihn auf
Lippe und Wange und tat schier kindisch mit ihm; dann schob sie den gepolsterten
Schemel hart an ihre Seite und setzte ihn drauf: Einstweilen sollst du von
meinen Lippen etwas anderes pflcken als Griechisch, sprach sie scherzend und
kte ihn noch einmal, - jetzt sei aber so brav wie vorhin und sag' schnell
noch ein paar leichthingleitende Verse.
    Sie strich ihm die Locken zurck. Der Klosterschler war errtet, aber seine
Metrik kam durch einer Herzogin Ku nicht aus der Fassung. Ekkehard war ans
Fenster getreten und schaute nach den Alpen, Burkard aber sprach, ohne sich zu
besinnen:

Non possum prorsus dignos componere versus,
Nam nimis expavi duce me libante suaviA2.

Es waren wiederum zwei tadellose Hexameter.
    Die Herzogin lachte laut auf: Du hast sicher schon das Licht der Welt mit
lateinischem Vers begrt; das klingt und strmt ja, als wre Virgil aus dem
Grabe gestiegen. Warum erschrickst du denn, wenn ich dich ksse?
    Weil Ihr so vornehm und stolz und schn seid, sprach der Knabe.
    Sei zufrieden, entgegnete die Herzogin, wer mit frisch glhendem Ku auf
den Lippen so regelrechte Verse aus dem rmel schttelt, dem hat der Schreck
nicht tief ins Herz geschlagen. Sie stellte ihn sich gegenber. Warum begehrst
du so eifrig, das Griechische zu erlernen?
    Sie sagen, wenn einer Griechisch versteht, kann er so gescheit werden, da
er das Gras wachsen hrt, war des Klosterschlers Antwort. Seit mein lterer
Mitschler Notker mit der groen Lippe sich gerhmt hat, er wolle dereinst den
ganzen Aristoteles auswendig lernen und verdeutschen, lt mir's keine Ruhe
mehr.
    Da lachte Frau Hadwig: Vorwrts denn! Weit du den Antiphon: Ihr Meere und
Flsse, lobet den Herren!
    Ja, erwiderte Burkard.
    So sprich mir nach: Thalassi ke potami, eulogite ton kyrion! Der Knabe
sprach's nach.
    Jetzt sing' es! Er sang es.
    Ekkehard schaute vorwurfsvoll auf die Gruppe herber. Die Herzogin verstand
den Blick.
    So, nun hast du bereits sechs Worte gelernt, sprach sie zu Burkard. Wenn
du wieder in Hexametern drum bittest, soll dir ein Mehreres verabreicht sein.
Setz' dich jetzo mir zu Fen und hr' andchtig zu. Wir werden Virgilius
lesen.
    Da begann Ekkehard mit der nede viertem Gesang und las die Sorgen der
Dido, wie immerdar der Gedanke an den edeln Trojaner Gast sie umschwebt und fest
im innersten Busen sein Antlitz haftet und Wort. Und sie klagt ihr Leid der
Schwester:

    Wenn's nicht fest in der Seele und unabnderlich stnde,
    Keinem wollt' ich hinfort durch ehliches Band mich gesellen,
    Seit mit dem Erstgeliebten mir Freud' und Hoffnung dahinstarb,
    Wenn nicht verhat Brautkammer und Hochzeitfackel mir wre:
    Dieser einen Versuchung vielleicht noch knnt' ich erliegen.
    Anna, ich will es gestehn: nachdem mein armer Sichus
    Sank, der Gemahl, und troffen in Bruderblut die Penaten,
    Hat er allein mir gewendet den Sinn und die wankende Seele
    Mir bewegt, ich erkenne die Spur vormaliger Flammen.

    ...
    Aber Frau Hadwig war wenig ergtzt von den Schmerzen der karthagischen
Knigswitwe. Sie warf sich in ihrem Lehnstuhl zurck und schaute zur Decke
empor. Sie fand keine Beziehungen mehr zwischen sich und der Frauengestalt des
Dichters.
    Haltet an! rief sie dem Vorlesenden zu, man merkt wieder, da ein Mann
das geschrieben. Er will die Frau demtigen. Alles falsch. Wer wird sich so in
einen fremden Gast vernarren?
    Das mag Virgilius verantworten, sprach Ekkehard. Die Geschichte wird's
ihm so berliefert haben.
    Dann lebt jetzt ein strker Frauengeschlecht, sagte die Herzogin und
winkte ihm weiterzulesen. Sie war fast beleidigt von Virgilius' Schilderung,
vielleicht da sie sich selber didonischer Anwandlungen erinnerte. Es war nicht
immer gewesen wie heute.
    Und er las, wie Anna der Schwester zusprach, nicht vergeblich wider
gefllige Liebe zu streiten, wie an der Gtter Altren Friede und Heil durch
Opfer erfleht wird, dieweil die geschmeidige Flamme fortzehrt im Mark und die
alte Wunde nicht vernarbt. Und wieder will die Betrte von den Kmpfen um Ilium
vernehmen und hngt am Mund des Erzhlers -

    Wenn sie darauf sich getrennt und ihr Licht die erdunkelnde Luna
    Jetzo gesenkt und zum Schlaf die sinkenden Sterne ermahnen,
    Trauert sie einsam im leeren Gemach - aufs verlassene Lager
    Wirft sie sich, jenen entfernt den Entferneten hrt sie und schaut sie.
    Oft den Ascanius auch, von des Vaters Bilde bezaubert,
    Hlt sie im Scho, um zu tuschen die unaussprechliche Liebe.

    Ein leises Kichern unterbrach die Vorlesung. Der Klosterschler war
aufmerksam zu der Herzogin Fen gesessen, schier angeschmiegt an ihr wallend
Gewand, jetzt hatte er gekmpft, ein aufsteigend Lachen zu unterdrcken, es
milang, er platzte heraus und hielt die Hnde vergeblich vors Antlitz, sich zu
decken.
    Was gibt's, junger Versemacher? sprach Frau Hadwig.
    Ich habe denken mssen, sprach der Junge verlegen, wenn meine hohe Herrin
die Knigin Dido wre, so wr' ich vorhin der Ascanius gewesen, da Ihr mich zu
herzen und kssen geruhtet.
    Die Herzogin schaute scharf auf den Knaben herab. Will man ungezogen
werden? Kein Wunder - schalt sie mit einem Fingerzeig auf seine Locken, die
junge Altklugheit trgt ja schon graue Haare auf dem Scheitel.
    ... Das ist von der Nacht, da sie den Romeias erschlugen, wollte der
Klosterschler sagen.
    Das ist vom Frwitz, der trichte Dinge redet, wo er schweigen sollte,
fuhr die Herzogin drein. Steh auf, Schlerlein!
    Burkard erhob sich vom Schemel und stand errtend vor ihr. So, sprach sie,
jetzt geh zu der Jungfrau Praxedis und melde ihr, es mten dir zur Strafe alle
grauen Haare abgeschnitten werden, und bitte schn, da sie dir's tue. Das wird
gut sein fr unzeitig Lachen.
    Dem Knaben standen die hellen Trnen in den Augen. Er wagte keine Widerrede.
Er ging zu Praxedis hin, die hegte Teilnahme fr ihn, seit sie gehrt, da er
des Romeias Gefhrte bei seinem letzten Gang gewesen: Ich tu' dir nicht weh,
kleiner Heiliger, flsterte sie ihm zu und zog ihn zu sich. Das junge Haupt in
ihren Scho gebeugt, mute er vor ihr knien, da griff sie eine mchtige Schere
aus ihrem strohgeflochtenen Nhkorb und vollzog die Strafe.
    Betrblich klang erst des Klosterschlers Schluchzen,- wer sein Haupthaar
von fremder Hand berhren lie, galt eigentlich fr schwer beschimpft232 - aber
Praxedis' weiche Hand fuhr ihm streichelnd ber die Wangen, nachdem sie das
Gelock zerzaust hatte, da ward ihm bei aller Strafe so seltsam zu Mut, da sein
Mund lchelnd die letzte niederrollende Trne auffing.
    Ekkehard sah eine Weile stumm vor sich hin. Das Spiel leichtfertiger Anmut
macht den Traurigen trauriger. Er war verletzt, da die Herzogin so sein Lesen
unterbrochen. Aus ihren Augen las er keinen Trost: sie spielt mit dir, wie sie
mit dem Knaben spielt, dachte er und schlug seinen Virgilius zu und erhob sich.
    Ihr habt recht, sprach er zu Frau Hadwig, es ist alles falsch. Dido
sollte lachen und neas sollte hingehen und sich ins Schwert strzen, dann wre
es richtig.
    Sie blickte unstet auf. Was habt Ihr? fragte sie.
    Ich kann nicht weiter lesen, erwiderte er.
    Die Herzogin war aufgestanden.
    Wenn Ihr nicht mehr lesen mget, sprach sie mit scheinbar gelangweiltem
Ausdruck, es gibt noch mannigfache Mittel und Wege, uns Kurzweil zu schaffen.
Wie wr' es, wenn ich Euch aufgbe, uns etwas Anmutiges zu erzhlen, - Ihr mget
dabei auslesen, was Euch gefllt, es gibt so viel Liebreizendes und Gewaltiges
noch auer Euerem Virgil. Oder gehet hin und dichtet selber etwas. Euch drckt
irgendeine Last, Ihr mgt nicht erklren, Ihr mgt nicht aufs Land gehen, alles
tut Euern Augen weh, Eurem Geist fehlt eine groe Aufgabe, wir wollen sie Euch
setzen.
    Was sollt' ich dichten? erwiderte Ekkehard. Ist's nicht schon Glck
genug, das Echo eines Meisters, wie Virgilius, zu sein? Er sah mit umflortem
Auge auf die Herzogin. Ich wte nur Elegien zu singen, sehr traurige.
    Sonst nichts? fragte Frau Hadwig vorwurfsvoll. Haben unsere Vorfahren
keine Kriegszge getan und ihr Heerhorn mit Sturmschall durch die Welt erklingen
lassen und Schlachten geschlagen, so viel wert wie die des Landfahrers neas?
Glaubt Ihr, der groe Kaiser Karl htte die uralten Lieder der Vlker sammeln
und singen lassen, wenn nur leeres Stroh darin steckte? Mt Ihr zu allem Eure
lateinischen Bcher haben?
    Ich wei nichts, wiederholte Ekkehard.
    Ihr sollt aber etwas wissen, sagte die Herzogin. Es stnde doch zu
verwundern, wenn nur wir Hausgenossen der Burg einen Abend zusammensen und von
den alten Geschichten und Sagen plauderten, ob da nicht mehr zusammenkme, als
in der ganzen nede steht? Des Kaiser Karl frommer Sohn hat freilich vom alten
Heldensang nichts mehr wissen wollen233 und lieber schnarrendem Psalmodieren
sein Ohr geliehen und ist an Leib und Seele verkmmert gestorben, aber uns allen
haften von Kindesbeinen noch jene Geschichten an. Erzhlet uns eine solche,
Meister Ekkehard, dann erlassen wir Euch den Virgil samt der liebesiechen
Knigin Dido.
    Aber Ekkehards Gedanken flogen weit anderwrts. Er schttelte sein Haupt wie
ein Trumender.
    Ich sehe, Ihr brauchet Ansto߫, sprach die Herzogin. Es soll Euch von
allen ein gut Beispiel gegeben werden. Praxedis, halt' dich bereit und knde es
dem Kmmerer Spazzo an, wir wollen uns morgen an Erzhlung alter Sagen erfreuen.
Ein jedes sei gerstet.
    Sie griff den Virgilius und warf ihn feierlich unter den Tisch, als Zeichen,
da eine neue ra beginne. Ihr Gedanke war gut und anregend. Nur dem
Klosterschler, der whrend der Herzogin Rede sein Haupt in Praxedis' Scho
hatte ruhen lassen, war es nicht ganz deutlich. Wann darf ich weiter Griechisch
lernen, gndige Herrin? sagte er. Thalassi ke potami ...
    Wenn die grauen Haare wieder gewachsen sind, sprach sie heiter und kte
ihn wiederum.
    Ekkehard ging mit groen Schritten aus dem Saal.

                                    Funoten


A1 Der ich kaum ein Lateiner bin, ein Grieche mcht' ich werden.

A2 Ich finde keinen Vers mehr, es stockt der Rede Flu,
 Zu tief hat mich erschreckt der Herrin ser Ku.


                              Zwanzigstes Kapitel.

                           Von deutscher Heldensage.

Auf dem Gipfel des hohen Twiel innerhalb der Burgmauern war ein zierlich
Grtlein angelegt; ein steiler Felsvorsprung, von Mauerwerk eingefat, umschlo
den migen Raum. Es war ein feiner Platz, als wie eine Hochwacht, denn steil
abwrts sprang der Fels, also, da man ber die Brstung gelehnt einen Stein
mochte hinabschleudern ins tiefe Tal, und wer sich am Aussphen erfreute, der
mochte Umschau halten ber Berg und Flche und See und Alpengipfel, keine
Schranke hemmte den Blick.
    Im Eckwinkel des Grtleins lie ein alter Ahorn vergnglich seine Wipfel im
Winde rauschen, schon war das beflgelte Samenkorn reif und gebrunt und
wirbelte auf die schwarze Blumenerde hernieder; - eine Leiter war an den
grngrauen Stamm gelehnt, zu Fen stand Praxedis und hielt die Enden eines
schweren langen Zeltgetchs, in den sten aber sa Burkard, der Klosterschler,
mit Nagel und Hammer und suchte das Tuch festzunageln.
    Achtung! rief Praxedis, ich glaube, du schauest dem Storch nach, der dem
Kirchturm von Radolfs Zelle entgegenfliegt. Pa auf, du Ehrenpreis aller
lateinischen Schler, und schlag' mir den Nagel nicht neben den Ast.
    Praxedis hatte das Tuch mit der Linken emporgehalten, jetzt lie es der
Klosterschler fahren, da zog sich's gewichtig herab, ri von dem lssig
eingeschlagenen Nagel und sank schwerfllig, so da die Griechin schier ganz
drein begraben ward.
    Warte, Pfuscher! schalt Praxedis, wie sie sich aus der groben Umhllung
vorgewickelt, ich werd' einmal nachsehen, ob es keine grauen Haare mehr
abzuschneiden gibt.
    Kaum war das letzte Wort gesprochen, so ward der Klosterschler auf der
Leiter sichtbar, er kletterte die Sprossen bis zur Hlfte nieder, dann sprang er
mit gleichen Fen auf das Tuch und stand vor Praxedis.
    Setzt Euch, sprach er, ich will mich gern wieder strafen lassen. Ich hab'
heut nacht getrumt, Ihr httet mir alle Haare ausgerauft und ich wr' mit einem
Kahlkopf in die Schule gekommen und es htt' mich gar nicht gereut.
    Praxedis schlug ihm leicht auf das Haupt.
    Werd' nicht zu ppig in den Ferien, Mnnlein, sonst wird dein Rcken ein
Tanzboden fr die Rute, wenn du wieder im Kloster bist.
    Aber der Klosterschler dachte nicht an den khlen Schatten seiner Hrsle.
Er stund unbeweglich vor Praxedis.
    Nun? sprach sie, was gibt's noch? Was begehrt man?
    Einen Ku! antwortete der Zgling der freien Knste.
    Hrt mir den Zaunknig an! scherzte Praxedis. Was hat Eure Weisheit fr
Grnde zu solchem Begehr?
    Die Frau Herzogin hat's auch getan, sagte Burkard, und Ihr habt mich
schon ber ein dutzendmal aufgefordert, ich soll Euch die Geschichte erzhlen,
wie ich mit meinem alten Freund Romeias vor den Hunnen geflohen und wie er als
ein tapferer Held gestritten hat. Das erzhl' ich Euch aber nur um einen Ku.
    Hre, sprach die Griechin mit ernst verzogener Miene, ich mu dir etwas
sehr Merkwrdiges mitteilen.
    Was? frug der Knabe hastig.
    Du bist der trichtste Schlingel, der je seinen Fu ber eine
Klosterschulschwelle gesetzt! ... sprach sie, verstrickte ihn schnell in ihre
weien Arme und kte ihn derb auf die Nase.
    Wohl bekomm's! rief eine tiefe Bastimme von der Gartenpforte her, wie sie
den Knaben schalkhaft von sich stie. Es war Herr Spazzo.
    Schnen Dank! sprach Praxedis unbetrbt. Ihr kommt gerade recht, Herr
Kmmerer, um bei Aufrichtung des Zelttuchs zu helfen. Mit dem trichten Knaben
bring' ich's heut nicht mehr zustand.
    So scheint es! sprach Herr Spazzo mit einem dreischneidigen Blick auf den
Klosterschler. Der hatte Angst vor des Kmmerers grimm gestrichenem Schnurrbart
und drehte sich einem Rosengebsch zu. Astronomie und Metrik, Aristoteles in der
Ursprache und rote Frauenlippen schwebten in tanzendem Durcheinander durch das
fnfzehnjhrige Gemt.
    Gibt's keine besseren Leute zu kssen im Hohentwieler Burgfrieden,
Jungfrulein? fragte Herr Spazzo.
    Wenn man je eine Sehnsucht htte, war Praxedis' Antwort, so sind die
besseren Leute ausgeritten und fahren in Nacht und Nebel herum und kommen erst
am hellen Tag in einem Aussehen wieder heim, da man meinen knnt', sie htten
Irrlichter einfangen wollen.
    Da hatte Herr Spazzo seinen Teil. Er hatte aber ein Gelbde getan, von
seinem nchtlichen Ritt samt Kuckucksruf und Vince luna kein Wrtlein zu
verplaudern. Wozu soll ich Euch helfen? fragte er demtig.
    Eine Laube herrichten! sprach Praxedis. In abendlicher Sommerkhle will
die Herzogin hier Hof halten - es sollen Geschichten erzhlt werden, alte
Geschichten, Herr Kmmerer, je wunderbarer desto besser! Unsere Herrin hat das
Lateinische satt bekommen, sie will was anderes, Ungeschriebenes, Einheimisches
... Ihr mt auch Euer Scherflein beitragen.
    Gott sei meiner Seele gndig! sprach Herr Spazzo, wenn unter einer Frauen
Herrschaftsfhrung nicht alles wunderbar herginge, so mcht' man sich noch
verwundern. Gibt's keine fahrenden Snger und Saitenspieler mehr, die um einen
Helm voll Weines und eine Hirschkeule die Kehle heiser singen von derlei Mren?
Da steigen wir hoch im Wert! Landflchtige Possenreier, Barden und derlei
mige Gesellschaft soll man mit Ruten aushauen, und wenn sie drum klagen, sei
ihnen der Schatten eines Mannes an der Wand234 verabreicht als Entgelt. Ich
dank' fr die Ehre.
    Ihr werdet tun, was befohlen wird, als getreuer Dienstmann, der noch
Rechenschaft schuldig ist ber gewisse Geschftsfhrungen beim klsterlichen
Weinkrug, sprach Praxedis. Es ist doch lustiger, als Latein buchstabieren.
Habt Ihr keine Lust, den gelehrten Herrn Ekkehard auszustechen?
    Der Wink leuchtete dem Kmmerer ziemlich ein. Gebt mir den Tuchzipfel,
sprach er, da wir das Zeltdach spannen. Er stieg zum Ahorn auf und festigte
die Enden im Gest. Gegenber waren hohe Stangen eingeschlagen, von blauer
Bohnenblte umrankt, dahin trug Praxedis das Getch an seinen andern Enden; in
kurzem hing die schattige Decke ber den luftigen Raum, die grauweie Leinwand
schimmerte anmutig zum Gelbgrn der Bltter und Ranken, es war eine lustige
Gartenfrische.
    Der Vesperwein mchte sich anmutig hier trinken lassen, sagte Herr Spazzo
halb betrbt ber das, was bevorstand. Praxedis aber ordnete Tisch und Sitze;
der Herzogin Polsterstuhl mit dem durchbrochenen Schnitzwerk lehnte sie an den
Stamm des Ahorns, niedrige Schemel fr die andern, ihre Laute holte sie herunter
und legte sie auf den Tisch, Burkard aber mute einen groen Blumenstrau
binden, der ward vor den Herzogssitz gestellt. Dann band die Griechin einen
roten Seidenfaden um den Baumstamm, zog ihn bis zur Bohnenhecke hinber und von
dort zur Mauer, so da nur ein schmaler Durchgang frei blieb. So! sprach sie
vergngt, jetzt ist unser Plaudersaal umgrenzt und umfriedet, wie Knig Laurins
Rosengarten235, die Mauern sind wohlfeil herzustellen.
    Die Herzogin freute sich ihres Einfalls und schmckte sich mit einer
gewissen Absicht. Es war noch frh am Abend, da stieg sie zur Laube hinab.
Blendend rauschte die stolze Erscheinung einher, sie hatte ein weites Gewand
umgetan, Saum und rmel mit schimmerndem Gold durchstickt, ein stahlgrauer
mantelartiger berwurf wallte bis zum Boden herab, von edelsteinbesetzten
Agraffen gehalten; bers Haupt trug sie ein schleierartig Gewebe, licht und
durchsichtig, von gldenem Stirnband anschmiegend zusammengefaltet. Sie griff
eine Rose aus Burkards Strau und heftete sie zwischen Band und Schleier.
    Der Klosterschler, der schon nahe daran war, Klassiker und freie Knste zu
vergessen, hatte sich die Gnade erbeten, der Herzogin Schleppe zu tragen, und
ihr zu Ehren ein Paar abenteuerliche Schnabelschuhe, an beiden Seiten mit Ohren
versehen, angelegt236 und machte sich verschiedene Gedanken ber das Glck,
einer solchen Gebieterin als frommer Edelknabe zu dienen.
    Praxedis und Herr Spazzo traten mit ein. Die Herzogin schaute sich flchtig
um: Ist Meister Ekkehard, zu dessen Belehrung wir den Abend geordnet,
unsichtbar?
    Er war nicht erschienen.
    Mein Oheim mu krank sein, sprach Burkard. Er ist gestern abend mit
groen Schritten in seiner Turmstube auf und nieder gegangen, und wie ich ihm
die Sternbilder vor dem Fenster erklren wollt', den Br und Orion und den
mattschimmernden Fleck der Plejaden, hat er mir keine Antwort gegeben. Dann hat
er sich angekleidet aufs Lager geworfen und im Schlaf gesprochen.
    Was hat er gesprochen? fragte die Herzogin.
    Meine Taube, hat er gesagt die du in den Spalten der Felsen dich verbirgst
und den Ritzen des Gesteines, zeig' mir dein Angesicht, la deine Stimme klingen
in meine Ohren, denn die Stimme ist s und dein Angesicht schn, und ein
andermal hat er gesagt: Warum kssest du den Knaben vor meinen Augen? was hoff'
ich und sum' ich noch in libyschen Landen?
    Da schaut's gut aus, flsterte Herr Spazzo der Griechin zu, habt Ihr das
auf dem Gewissen?
    Die Herzogin aber sprach zu Burkard: Du wirst selber getrumt haben.
Spring' hinauf und such' deinen Ohm, da er heruntersteige, wo wir seiner
warten.
    Sie lie sich anmutig auf dem thronartigen Sitz nieder. Da kam Ekkehard mit
dem Klosterschler in den Garten. Er sah bla aus; sein Blick war unstet und
trb. Er neigte sich stumm und setzte sich an des Tisches entgegengesetzt Ende.
Burkard wollte seinen Schemel zu Fen der Herzogin rcken wie gestern, da sie
Virgil lasen, aber Ekkehard stund auf und zog ihn an der Hand zu sich herber.
Hierher! sprach er. Die Herzogin lie ihn gewhren.
    Sie schaute in die Runde. Wir haben gestern behauptet, sprach sie, da
wir in unsern deutschen Sagen und Geschichten so viel schne Gelegenheit zu
Kurzweil besitzen, als weiland die Rmer in ihrem Heldenlied vom neas. Und
sicher wei ein jedes von uns etwas von schneller Helden Fechten und fester
Burgen Brechen, von treuer Liebsten Scheidung und reicher Knige Zergngnis; des
Menschen Herz ist mannigfach geartet, was der eine seitab liegen lt, mutet den
andern an. Darum haben wir die heutige Tagfahrt geordnet, da von jedem unserer
Getreuen, wie das Los entscheidet, ein anmutig Stck erzhlt werde, und behalten
uns vor, dem liebreizendsten einen Preis auszusetzen. Siegt einer von euch
Mnnern, so mg' er das uralte Trinkhorn gewinnen, das aus Knig Dagoberts
Zeiten her droben im groen Saal hngt; siegt meine treue Praxedis, so wird ein
Schmuckstck ihrer harren. Halmzug bestimme den Anfang!
    Praxedis hatte vier Grashalme von verschiedener Lnge geordnet und reichte
sie der Herzogin.
    Soll ich fr den jungen Versknstler auch ein Hlmlein beifgen? fragte
sie.
    Aber Burkard sprach mit weinerlicher Stimme:
    Ich bitt' Euch, verschonet mich. Denn wenn meine Lehrer in Sankt Gallen
erfahren mchten, da ich mich wiederum an unntzen Mren ergtzt, so wrd' ich
gestraft wie damals, als wir auf Romeias' Wchterstube die Geschichte vom alten
Hildebrand und seinem Sohn Hadubrand auffhrten. Der Wchter hat immer seine
Freude dran gehabt und hat uns selber die hlzernen Rosse geschnitzt und die
langen dreieckigen Schilde; ich bin der Sohn Hadubrand gewesen und mein
Mitschler Notker machte den alten Hildebrand, weil er eine so groe Unterlippe
hat wie ein alter Mann. Und wir sind aufeinand' eingeritten, da eine Staubwolke
zu des Romeias Fenster hinauswirbelte; just hatte Notker den Armring losgelst
und mir als Gabe gereicht, wie das Lied es vorschreibt237, und ich sprach zu
ihm:
    Du scheinst mir, alter Heune, doch allzu schlau; lockest mich mit deinen
Worten, willst mich mit deinem Speere werfen; bist du so zum Alter gekommen, da
du immer trogest? mir kndeten Seefahrende westlich ber den Wendelsee: hinweg
nahm ihn der Krieg, tot ist Hildebrand, Heribrands Erzeugter! -
    Da kam Herr Ratolt, unser Lehrer der Rhetorika, heraufgeschlichen und fuhr
mit seiner groen Rute so grimmig zwischen uns, da Ro und Schild und Schwert
den Hnden entfielen: den Romeias schalt er einen altvterischen Brenhuter,
der uns von ntzlichem Studium ablenke, und mein Kamerad Notker und ich sind
drei Tage bei Wasser und Brot eingesperrt gesessen und haben zur Strafe frs
Hildebrandspiel jeder hundertundfnfzig lateinische Hexameter zu Ehren des
heiligen Othmar anfertigen mssen ...
    Die Herzogin lchelte. Da sei Gott fr, da wir dich wiederum zu solcher
Snde verleiten, sprach sie.
    Sie fate die Halme in der Rechten zusammen und reichte sie anmutig den
andern zum Ziehen. Ekkehards Augen hafteten unverrckt auf der Rose am
Stirnband, wie er vor sie trat. Sie mute ihn zweimal auffordern, bis er zog.
    Mord und Brand und Weltende! wollte Herr Spazzo herausfahren; er hatte den
krzesten Halm gegriffen. Aber er wute, da keine Ausrede ihn loswinden knne,
und schaute betrblich ber die steile Felswand hinunter ins Tal, als ob sich
von dort ein Ausweg auftun msse. Praxedis hatte die Laute gestimmt und spielte
ein Prludium, das klang lieblich zum Rauschen der alten Ahornwipfel.
    Unser Herr Kmmerer hat keine Strafen zu frchten wie der Klosterzgling,
wenn er uns etwas Schnes bringt, sprach die Herzogin. Nun denn!
    Da neigte sich Herr Spazzo vorwrts, stellte sein Schwert mit dem breiten
Griff vor sich, so da er seine Arme drauf stemmen konnte, strich seinen Bart
und hub an:
    Wiewohl ich an alten Geschichten keine absonderliche Freude gewonnen und es
lieber hre, wenn zwei Schwerter aufeinanderklirren oder ein Hahnen ins volle
Fa geschlagen wird, so hab' ich doch einmal eine schne Mr aufgelesen. Mute
dereinst in jungen Tagen ins Welschland hinunterreiten, da ging mein Weg durchs
Tirol und ber den Brennerberg, und war ein rauher, steiniger Saumpfad, der ber
Kluft und Gefelse zog, also da mein Ro ein Hufeisen einbte. Und war Abend
worden, so kam ich an ein Drflein, heit Gothensa oder Gloggensachsen, so aus
den Zeiten Herrn Dietrichs von Bern dort inmitten alter Lrchenwlder wie im
Versteck steht. An Rcken des Berges gelehnt war zu uerst ein burgartig Haus,
davor lagen viel Eisenschlacken und sprhte ein Feuer drinnen und ward stark
gehmmert. Da rief ich den Schmied herfr, da er mein Ro beschlage, und wie
sich niemand rhrte, tat ich einen Lanzensto nach der Tr, da sie sperrweit
auffuhr, und tat dazu einen starken Fluch mit Mord und Brand und allem Bsen: so
stund pltzlich ein Mann vor mir mit zottigem Haar und schwarzem Schurzfell, und
war ich sein kaum ansichtig, so war auch schon meine Lanze niedergeschlagen, da
sie zersplitterte wie sprdes Glas, und eine Eisenstange ber meinem Haupt
geschwungen, und an des Mannes nackten Armen sprangen Sehnen herfr, als knnt'
er einen Ambo sechzehn Klafter tief in die Erde hineinschmettern.
    Da vermeinte ich, unter solchen Umstnden mcht' ein hflich Wort nicht vom
bel sein, und sprach daher: Ich wollt' Euch nur um die Gewogenheit ersuchen,
da Ihr mein Ro beschlaget. Drauf stie der Schmied seine Stange in den
Erdboden und sprach: Das lautet anders und schafft Euch Rat. Aber Grobheit gilt
nichts in Welands Schmiede, das mgt Ihr in Eurer Heimat weiter sagen.
    Er beschlug mein Ro und ich sah, da er ein ehrenwerter Schmied war, und
ward ihm gut befreundet und lie das Rlein in seinem Stall stehen und blieb
bei ihm in der Nachtherberge. Und wir tranken scharf bis in die Nacht hinein,
der Wein hie Terlaner und er schenkte ihn aus einem Schlauche. In whrendem
Trinken befrug ich den ruigen Gastfreund um Gelegenheit und Namen seiner
Schmiede. Da lachte er hell auf und erzhlte die Geschichte vom Schmied Weland.
Fein war sie nicht, aber schn.
    Herr Spazzo hielt eine Weile an und warf einen Blick auf den Tisch, wie
einer, der sich nach einem Trunk Weines umschaut, trockene Lippen zu feuchten.
Aber es war keiner zur Hand und man verstand den Blick nicht. Da fuhr er fort:
    Woher der Weland gekommen, sprach der Mann von Gothensa damals zu mir, ist
hierlands nicht bekannt. Sie sagen, in nordischen Meeren, im Land Schonen sei
der Riese Vade sein Vater gewesen, seine Gromutter aber eine Meerfrau, die kam
aus der Tiefe, wie er geboren ward, und sa eine lange Nacht auf der Klippe und
harfte: jung Weland mu ein Schmied werden! Da brachte Vade den Jungen zu Mimer,
dem Schmiedungsverstndigen, der hauste im dunkeln Tann zwanzig Meilen hinter
Toledo und lehrte ihn viel mannigfache Kunst. Wie er aber sein erst Schwert
geschmiedet, hie ihn Mimer selber weiter ziehen, auf da er die letzte
Meisterschaft bei den Zwergen erringe. Und Weland ging zu den Zwergen und gewann
viel Ruhm.
    Da brachen die Riesen ins Zwergenland, da Weland weichen mute, und blieb
ihm nichts als sein breites Schwert Mimung, das schnallte er ber den Rcken und
kam ins Land Tirol. Zwischen Eisack, Etsch und Inn aber sa dazumal der Knig
Elberich, der nahm den Weland freundlich auf und wies ihm die Waldschmiede zu am
Brenner, und Eisen und Erz und was sonst in des Gebirges Adern verborgen ruht,
sollte all des Weland sein.
    Und dem Weland ward's wohl und frhlich ums Herz in den Tiroler Bergen; die
Wildwasser rauschten zu ihm heran und trieben das Radwerk, der Sturm blies ihm
das Herdfeuer an und die Sterne sprachen: wir mssen uns anstrengen, sonst
glnzen die Funken, die Weland schlgt, heller denn wir.
    So gedieh Welands Arbeit wohl. Schildesrand und Schwert, Messer und Pokal
und was an Kleinod eines Knigs Hofburg ziert, wirkte der Sinnige, und war kein
Schmied, so weit die Sonne auf Alpenschnee glnzt, sich mit Weland zu messen.
Elberich aber hatte viel bse Feinde, die einten sich und setzten den einugigen
Amilias zu ihrem Fhrer und brachen ins Land ein. Und Elberich trug groes
Herzeleid und sprach: Wer mir des Amilias Haupt brchte, mein einzig
Tchterlein sollt' ihn dafr kssen als Ehgemahl! Da lschte Weland sein
Schmiedfeuer, schnallte sein breites Schwert Mimung um und zog aus gegen
Elberichs Widersacher. Und das Schwert war brav und schlug dem Amilias das Haupt
ab, da aller Feind ber Joch und Klausen heimlief. Weland aber brachte seinem
Knig das Haupt. Da sprach der zrnend: Was ich von meiner Tochter angelobet,
das hat der Wind verweht; ein Schmied kann nicht mein Sohn sein, des wrden
meine Hnde ruig, wenn er den Gru mir bieten wollt'. Aber als Lohn sollst du
drei Goldpfennige haben, dafr kann ein Mann turnieren und stechen, reigen und
tanzen, zieren und pflanzen und eine Dirne sich kaufen am Markt. Weland warf
ihm die drei Goldpfennige vor die Fe, da sie unter den Thron rollten, und
sprach: Beht' Euch Gott, auf Nimmerwiedersehen! und wandte sich, aus dem
Lande zu gehen. Der Knig aber wollte den Schmied nicht missen, darum lie er
ihn niederwerfen und die Sehnen am Fu durchschneiden, da er hinkend ward und
ungemut und des Fliehens vergessen mut'.
    Und Weland schleppte sich traurig in die Waldschmiede heim und zndete sein
Feuer wieder an, aber er pfiff und sang nimmer, wenn er mit schwerem Hammer das
Eisen schlug, und sein Gemt ward ingrimmig. Da kam einsmals des Knigs Sohn,
der war ein rotwangiger Knab' und war allein in den Wald gezogen und sprach:
Weland, ich will dir zuschauen. Da sprach der Schmied tckisch: Stell' dich
an Ambo, so schaust du alles am besten, - und zog die glhende Eisenstange aus
den Flammen und stie sie dem Knigsknaben durchs Herz. Sein Gebein bleichte er
und go um die Knochen viel Erz und Silber, da sie zu Sulen der Leuchter
wurden, um den Schdel aber fgte er einen Goldrand, da ward der Schdel zum
Becher. All dies aber sandte Weland dem Elberich, und wie die Boten geritten
kamen und nach dem Knaben fragten, sprach er: Ich sah ihn nimmer, er ist zu
Wald gerannt.
    Zu selber Zeit erging sich des Knigs Tochter in ihrem Garten, die war so
schn, da sich die Lilien vor ihr neigten. Am Zeigefinger trug sie einen Ring
von Gold, gestaltet wie eine Schlange, und ein Karfunkel blitzte im
Schlangenhaupt, den hatte Elberich selbst eingefgt und hielt den Ring teurer
als ein Knigreich und schenkte ihn seiner Tochter nur, weil sie in ihrer Schne
ihm ber alles lieb war. Dieweil sie aber eine Rose pflckte, sprang der Ring
von der Jungfrau Finger und hpfte mit hellem Schein ber das Gestein und
zerbrach; und der Karfunkel fiel aus der gldenen Fassung, da die Maid die
Hnde rang und bitterlich wehklagte und sich nicht traute heimzugehen, denn sie
frchtete ihres Vaters Zorn.
    Da sprachen die dienenden Frauen: Geh' heimlich zum Schmied Weland, der
wei Rat dafr. So trat die Knigstochter in Welands Schmiede und klagte ihre
Not. Der nahm den Ring und fgte ihn zusammen und schmolz Gold und Erz und der
Karfunkel blitzte wieder im Schlangenhaupt. Aber Welands Stirn war tief
gefurcht, und wie die Jungfrau ihm freundlich zulachte und gehen wollt', da
sprach er: Hei! wie kommst du mir geschlichen! und warf die feste Tr ins
Schlo und legte Riegel vor und griff die Knigstochter mit starker Hand und
trug sie in die Kammer, wo Moos und Farrenkraut geschichtet lag. Und wie sie von
dannen ging, weinte sie und raufte ihr seidenweich Haar ...
    Ein Gerusch unterbrach Herrn Spazzo. Praxedis hatte zur Herzogin
aufgeschaut, ob sie nicht etwa errtend aufspringen und Herrn Spazzo den Mund
schlieen solle; doch aus dem strengen Antlitz war nichts zu lesen. Darum
trommelte sie ungeduldig mit den Fingern auf ihrer Laute.
    ... und es war eine Gewalttat geschehen, fuhr Herr Spazzo unbeirrt fort.
Da hub Weland ein Singen und Jodeln an, wie die Waldschmiede es nimmer gehrt,
seit ihm die Sehnen zerschnitten worden. Dann lie er Schwerter und Schilde
unvollendet und schmiedete Tag und Nacht und schmiedete zwei groe Flgel und
war kaum fertig, so kam Elberich mit Heeresmacht den Brenner herabgeritten. Da
band sich Weland die Flgel an und hing sein Schwert Mimung um und trat auf die
Zinne, da die Leute riefen: Sehet, der Weland ist ein Vogel worden!
    Er aber rief mit starker Stimme vom Turm: Beht' Euch Gott, Knig Elberich!
Ihr werdet des Schmiedes gedenken. Den Sohn hat er erschlagen, die Tochter trgt
ein Kind von ihm. Ade, ich lass' sie gren! rief's und seine ehernen Flgel
hoben sich und rauschten wie Sturmwind, und er fuhr durch die Lfte. Der Knig
griff seinen Bogen und alle Ritter spannten in grimmer Eil', wie ein Heer
fliegender Drachen schossen die Pfeile ihm nach, doch Weland hob die Schwingen,
kein Eisen traf ihn nicht, und flog heim nach Schonen auf seines Vaters Schlo
und ward nicht mehr gesehen. Und Elberich hat seiner Tochter den Gru nicht
ausgerichtet. Sie aber genas noch in demselben Jahrgang eines Knaben, der hie
Wittich und ward ein starker Held, wie sein Vater.
    Das ist der Mr' von Weland Ende238!
    Herr Spazzo lehnte sich zurck und tat einen langen behaglichen Atemzug. Ein
zweites Mal werden sie mich in Ruhe lassen, dachte er. Der Eindruck des
Erzhlten war verschieden. Die Herzogin sprach sich lobend aus, des Schmiedes
Rache mutete sie an; Praxedis schalt, es sei eine rechte Grobschmiedsgeschichte,
man sollte dem Kmmerer verbieten, sich noch vor Frauen sehen zu lassen.
Ekkehard sprach: Ich wei nicht, mir ist, als htt' ich hnliches gehrt, aber
da hie der Knig Nidung und die Schmiedwerksttte stand am Kaukasus.
    Da rief der Kmmerer zrnend: Wenn Euch der Kaukasus vornehmer ist wie
Gloggensachsen, so mgt Ihr's dorthin verlegen; ich wei noch recht wohl, wie
mir mein Tiroler Freund den Ort genau gewiesen239. ber der Kammertr war eine
geknickte Rose von Erz geschmiedet und auf dem Turm ein eiserner Adlerflgel,
und stand eingegraben: Hie flog der Schmied von dannen. Dann und wann kommen
Leute hinabgewallfahrtet und beten und glauben, der Weland sei ein groer
Heiliger gewesen240.
    Lasset sehen, wer Herrn Spazzo den Preis jetzt streitig machen soll,
sprach die Herzogin und mischte die Lose. Sie zogen. Der kleinste Halm blieb in
Praxedis' Hand. Die tat weder verlegen, noch bat sie um Nachsicht; sie fuhr mit
der weien Hand ber die dunkeln Haarflechten und begann:
    Mir haben zwar die Ammen keine Wiegenlieder von alten Recken gesungen und
in Waldschmieden bin ich, Gott sei es gedankt, niemalen eingekehrt, aber selbst
in Konstantinopel geht die Rede von solcherlei Abenteuer. Und wie ich am
Kaiserhof unterwiesen ward in allen Knsten, die dienenden Maiden wohl anstehen,
da war eine alte Schlsselverwahrerin, die hie Glycerium, die sprach oft zu
uns:
    Hret, Mgdlein, so ihr je einer Prinzessin dienet, und ihr Herz ist in
heimlicher Minne entbrannt, und sie kann den nicht sehen, den sie begehrt, so
msset ihr schlau sein und bedachtsam wie die Kammerfrau Herlindis, da der Knig
Rother um des Kaiser Konstantinus Tochter geworben. Und wenn wir im Frauensaal
beisammensaen, da ward gewispert und geflstert, bis Glycerium, die Alte,
erzhlte vom Knig Rother.
    Vor alten Zeiten sa in der Meerburg am Bosporus der Kaiser Konstantinus,
der hatte eine wunderbar schne Tochter, und die Leute sprachen von ihr, sie sei
strahlend wie der Abendstern und leuchte unter allen Maiden wie der Goldfaden in
der Seiden. Da kam eines Tages ein Schiff gefahren, daraus stiegen zwlf edle
Grafen und zwlf Ritter und ritten in Konstantinus' Hof ein, und einer ritt
voran, der hie Lupolt. Und alles Volk der Hauptstadt staunte ber sie, denn
Mntel und Gewande waren schwer von Edelstein und JachantenA1 besetzt, und an
den Stteln der Rosse klang's von goldenen Schellen. Das waren die Boten des
Knigs Rother von Wikingland, und Lupolt sprang vom Ro und sprach zum Kaiser:
    Uns schickt unser Knig, geheien Rother, der ist der schnste Mann, der je
vom Weibe kam, ihm dienen die besten Helden und an seinem Hof ist Ball und
Schall und Federspiel, so viel das Herz begehrt. Er aber ist unbeweibt und sein
Herz steht einsam: Ihr solltet ihm Eure Tochter geben! Konstantinus aber war
ein zornmtiger Herr; grimm warf er seinen Reichsapfel zu Boden und sprach: Um
meine Tochter hat noch keiner geworben, der nicht den Kopf verloren, was bringt
Ihr mir solchen Schimpf ber das Meer? Ihr seid alle gefangen! Und lie sie in
einen Kerker werfen, da schien weder Sonne noch Mond drein, und bekamen nur
Wasser, sich zu laben, und weinten sehr.
    Wie die Kunde zum Knig Rother kam, da ward ihm sein Herz sehr traurig und
er sa auf einem Stein und sprach zu niemand. Dann fate er den Entschlu, in
Reckenweise ber Meer zu fahren, um seinen getreuen Sendboten beizuspringen. Und
er war verwarnt vor den Griechen, da man dort die Wahrheit berglden msse, so
man etwas beschaffen wolle, darum hie er seine Recken eidlich angeloben, da
sie alle vorgben, er heie nicht Rother, sondern Dietrich, und sei landflchtig
vor dem Knig Rother und gehre Hilfe bei dem Griechenkaiser. Also fuhren sie
ber Meer.
    Und Rother nahm seine Harfe an Schiffes Bord, denn bevor seine zwlf
Gesandten die Anker gelichtet, war er mit der Harfe an den Strand gekommen und
hatte drei Singweisen gegriffen, das sollte ihnen ein Angedenken sein: und
kommet ihr je in Not und hret die Weisen erklingen, so ist Rother helfend euch
nah!
    Es war ein Ostertag und der Kaiser Konstantin war nach dem Hippodrom
ausgeritten, da hielt Rother seinen Einzug. Und alle Brgersleute von
Konstantinopel liefen zusammen; das war noch nie erschaut, denn Rother brachte
auch seine Riesen mit sich: der erste hie Asprian und trug eine Stahlstange,
die war vierundzwanzig Ellen lang, der zweite hie Widolt und war so wildwtig,
da sie ihn in Ketten mitfhren muten, der dritte hie Abendrot.
    Und viel tapfere Degen kamen mit Rother geritten, und zwlf Wagen mit
Schtzen fuhren an, und war solche Pracht, da die Kaiserin sprach: O weh, wie
dumm sind, wir gewesen, da wir unsere Tochter dem Knig Rother versagten; was
mu der fr ein Mann sein, der solche Helden vertreibt ber die Meere!
    Knig Rother trug einen gldenen Harnisch und einen purpurnen Waffenrock und
zwei Reihen schner Ringe am Arm und beugte sein Knie vor dem Griechenkaiser und
sprach: Mich Frsten Dietrich hat ein Knig in Acht getan, der heit Rother,
nun ist alles, was ich gearbeitet, zu meinem Schaden. Ich biet' Euch meine
Dienste an.
    Da lud Konstantinus die Helden alle zum Hippodromushof und hielt sie in
hohen Ehren und hie sie zu Tisch sitzen. Es lief aber da ein zahmer Lwe herum,
der gewohnt war, den Knechten das Brot wegzufressen. Der kam auch an Asprians
Teller, ihn aufzulecken. Da griff Asprian den Lwen an der Mhne und warf ihn an
des Saales Wand, da er zerbrach. And die Kmmerer sprachen zueinand': Wer
nicht an die Wand fliegen will, lasse dieses Mannes Teller unberhrt.
    Knig Rother aber teilte den Griechen viel schne Geschenke aus; jedem, der
ihn auf der Herberge besuchte, hie er einen Mantel verehren oder ein Stck
Gewaffen. Es kam auch ein landflchtiger Grafe daher, dem schenkte er tausend
Mark Silber und nahm ihn in Dienst, also da viel hundert Ritter in sein Gefolge
traten. So war in aller Munde des vermeinten Dietrichs Preis, und unter den
Frauen hob sich ein Wispern und Raunen, es war keine Kemenate, da die Wnde
nicht Herrn Dietrich rhmen hrten.
    Da sprach die goldlockige Kaiserstochter zu Herlindis, ihrer Kammerfrau: O
weh mir! wie soll ich es anfangen, da ich desselben Herren ansichtig werde, den
sie alle preisen?
    Herlindis aber entgegnete: Nun bitte deinen Vater, da er ein Freudenfest
gebe am Hofe und den Helden dazu lade, so magst du ihn am besten ersehen.
    Die Kaiserstochter tat nach Herlindis' Rat und Konstantinus nickte ihr zu
und entbot seine Herzoge und Grafen zum Hippodromushofe und die fremden Helden
dazu. All' die Geladenen kamen, da hob sich ein unsglich Gedrnge um den, den
sie Dietrich nannten, und wie die Kaisertochter mit ihren hundert Frauen
eintrat, geziert mit gldener Krone und gold-und zyklatgesticktemA2 Mantel,
brach gerade ein ungefger Lrm aus: Asprian, den Riesen, hatte ein Kmmerer auf
seiner Bank rcken geheien, da andere Leute auch Platz bekmen, da schlug
Asprian dem Kmmerer einen Ohrschlag, da ihm der Kopf entzweibrach, und es gab
ein bs Durcheinander, so da Dietrich Ruhe stiften mut'.
    Darum konnte die Kaiserstochter des Helden nicht ansichtig werden und htte
ihn doch so gern gesehen.
    Da sprach sie daheime wieder zu Herlindis: O weh mir, nun hege ich Tag und
Nacht Sorgen und habe keine Ruh', bis meine Augen den tugendsamen Mann erschaut.
Der mcht' einen schnen Botenlohn verdienen, der mir den Helden zur Kammer
fhren wollt'.
    Herlindis aber lachte und sprach: Den Botengang will ich in Treuen tun, ich
geh' zu seiner Herberg'. Und die Vielschlaue legte ihr zierlichstes Gewand an
und ging zu dem Herrn Dietrich. Der empfing sie frmmiglich und sie setzte sich
viel nahe zu ihm und sprach ihm ins Ohr: Meine Herrin, des Kaisers Tochter,
entbeut dir viel holde Minne; sie ist der Freundschaft zu dir Untertan, du
sollst dich aufmachen und hingehen zu ihr.
    Aber Dietrich sprach: Frau, du sndigest dich. Ich bin in andern Tagen zu
mancher Kemenate gegangen, da es wohl sein mocht', was spottest du itzt des
heimatlosen Mannes? An des Kaisers Hofe ist edler Herzoge und Frsten eine groe
Zahl: nie gedachte deine Frau der Rede.
    Und als Herlindis ihm minniglich zuredete, sagte Herr Dietrich: Hier sind
der Merker so viele; wer seine Ehr' behalten will, mu wohlgezogen tun;
Konstantinus mcht' mir das Reich verbieten. Darum wr' es mihellig, so ich
deine Frau sehen wollte. Vermelde ihr das, so sehr ich ihr zu dienen begehre.
    Herlindis wollte von dannen gehen, da hie der Knig seine Goldschmiede zwei
Schuhe gieen von Silber und zwei von Golde, und schenkte ihr von jedem Paar
einen, dazu einen Mantel und zwlf gldene Spangen, denn er war artigen Gemtes
und wute, da man einer Frstin Kammerfrau, die in Sachen der Minne Botengang
tut, wohl ehren soll.
    ... Praxedis hielt eine Weile an, denn Herr Spazzo, der seit einiger Zeit
mit seines Schwertes Scheide viel gronasige Gesichter in den Sand gezeichnet,
hatte ein vernehmlich Ruspern erhoben. Da er aber keine weitere Einsprache tat,
fuhr sie fort:
    ... Und Herlindis sprang frhlich heim und sprach zu Hause zu ihrer Herrin:
Hart und fleiig pflegt der gute Held seiner Ehren, ihm ist des Kaisers Huld zu
lieb. Aber schauet her, wie er mir Liebes tat; die Schuhe, den Mantel, die zwlf
Spangen: o wohl wir, da ich zu ihm kam! Ich mag wohl auf der weiten Erde keinen
schneren Ritter erschauen. Gott verzeih' mir, da ich ihn angaffete, als wr'
er ein Engel.
    O weh mir! sprach die Kaiserstochter, soll ich denn nimmermehr selig
sein? So sollst du mir zum mindesten die Schuhe geben, die dir des edlen Degens
Huld verlieh, ich fll' sie dir mit Golde.
    Da ward der Kauf geschlossen: sie zog den gldenen Schuh an und nahm auch
den silbernen, doch der ging an denselben Fu. O weh mir! klagte die Holde,
es ward ein Migriff getan, ich bring' ihn nimmer an, du mut wiederum gehen
und Herrn Dietrich bitten, da er dir den andern gebe und selber komme.
    Das wird die Lsterer freuen, lachte Herlindis. Was tut's? Ich gehe -
und sie hob ihr Gewand schier bis ans Knie und schritt, als htte sie fraulichen
Ganges vergessen, ber den regenfeuchten Hof zu Dietrich. Und der werte Held
wute wohl, warum sie kam, er tat aber, als she er's nicht. Herlindis sprach zu
ihm: Ich mu noch mehr Botengnge tun, es ist ein Migriff geschehen: itzt
heit dich meine Herrin mahnen, da du den andern Schuh gebest und sie gesehest
selber. - Hei, wie tt ich's gerne, sprach er, aber des Kaisers Kmmerer
werden mich melden. - O nie! sagte Herlindis, die tummeln sich im Hof und
schieen den Speerschaft, nimm du zwei Diener und heb' dich leis mir nach, bei
Schall und Kampfspiel misset dich keiner.
    Jetzt wollte die Getreue von dannen gehen. Doch der Held sprach: Ich will
erst nach den Schuhen fragen. Da rief Asprian drauen: Was liegt an einem
alten Schuh? Viel tausend haben wir geschmiedet, die trgt das Ingesind; ich
will den rechten suchen. Und er brachte ihn, und Dietrich schenkte der
Kammerfrau wiederum einen Mantel und zwlf Spangen.
    Da ging sie voraus und kndigte ihrer Herrin die erwnschte Mre. Herr
Dietrich aber hie im Hippodromushofe einen groen Schall anheben und hie die
Riesen ausgehen; da fuhr Widolt mit der Stange heraus und gebrdete sich
schreckentlich, und Asprian schlug einen Purzelbaum in die blaue Luft, und
Abendrot warf einen ungefgen Stein von viel hundert Pfunden und ersprang ihn
zwlf Klafter weit, so da keiner der Merker Herrn Dietrich wahrnehmen mochte.
    Der ging zchtiglich ber den Hof. Am Fenster erschaute ihn die harrende
Kaisertochter, da schlug ihr Herz, und die Kemenate ward ihm aufgetan und sie
sprach zu ihm: Willkomm', edler Herr! wie seh' ich Euch gerne. Nun sollt Ihr
mir die schnen Schuhe selber anziehen.
    Mit Freuden! sprach der Held und setzte sich zu ihren Fen, und sein
Gebaren war gar schn, und sie stellte ihren Fu auf sein Knie, der Fu war
zierlich und die Schuhe paten wohl, da fgte sie Herr Dietrich ihr an.
    Nun sage mir, vieledle Jungfrau, begann drauf der Listige, dich hat
sicher schon gebeten manch ein Mann, du sollest zu seinem Willen stahn, welcher
unter allen hat dir am besten gefallen?
    Da sprach des Kaisers Tochter ernsthaft: Herr! auf die Seele mein, so wahr
ich getauft bin, so man alle Recken der Welt zusammenstehen hiee, es mchte
keiner wert sein, dein Genosse zu heien. Du bist der Tugend ein auserwhlter
Mann, - und doch, so die Wahl bei mir stnde, so nhme ich einen Helden, des mu
ich denken mit jedem neuen Tag; seine Boten hat er ausgeschickt, um mich zu
werben, die liegen itzt in tiefem Kerker. Er heit Rother und sitzt ber dem
Meer - wird mir der nicht, so bleib' ich eine Maid immerdar.
    Eia, sprach Dietrich, willst du den Rother minnen, den schaff' ich dir
zur Stelle. Wir haben als Freunde frhlich gelebt, er war mir gndig und gut,
wenngleich er dann mich Landes vertrieb.
    Da sprach die Kaisertochter: Hre, wie kann dir der Mann lieb sein, wenn er
dich vertrieben? Ich merke wohl, du bist ein Bote, hergesandt von Knig Rother,
nun sprich und verhehle mir nichts: was du mir heut auch sagest, ist wohl bei
mir vertaget bis an den Jngsten Tag.
    Da tat der Held einen festen Blick nach ihr und sagte: Nun stell' ich alle
meine Dinge Gottes Gnade und der deinen anheim. Wohl denn! es stehen deine Fe
in Knig Rothers Scho!
    Hart erschrak die Vielholde; den Fu zuckte sie auf und klagte: O weh mir,
nun war ich so ungezogen, mich trog der bermut, da ich den Fu gesetzt auf
deinen Scho. Hat dich Gott hergesendet, das wr' mir innig lieb. Doch wie mag
ich dir getrauen? So du die Wahrheit probtest, noch heute wollt' ich mit dir
meines Vaters Reich rumen; es lebet kein Mann, den ich nhme, so du Knig
Rother wrest genannt - aber vorerst bleibt's wohl ungetan.
    Wie soll ich's besser proben, erwiderte der Knig, als durch meine
Freunde im Kerker? So die mich erschauen knnten, dir wrde bald kund, da ich
wahr geredet.
    So will ich meinen Vater bereden, da er sie heraus lasse, sprach des
Kaisers Tochter. Aber wer wird Brge sein, da sie nicht entrinnen?
    Ich will sie ber mich nehmen, sprach er.
    Da kte des Kaisers Tochter den Helden und er schied mit Ehren aus ihrer
Kemenaten und ging auf seine Herberge und war ihm gar wonniglich zumute. Als
aber der Morgen graute, nahm die Jungfrau einen Stab und schlpfte in ein
schwarz Trauergewand und legte einen Pilgerkragen ber die Achsel, als wolle sie
aus dem Lande abscheiden, und sah bleich und betrbt drein und ging zum Kaiser
Konstantinus hinber, klopfte an seine Tre und sprach listig zu ihm: Mein
lieber Herr Vater, nun mu ich bei lebendem Leib ins Verderben. Mir ist gar
elend, wer trstet meine Seele? Im Traume treten die eingekerkerten Boten des
Knig Rother vor mich und sind abgezehrt und elend und lassen mir keine Ruhe;
ich mu fort, da sie mich nimmer qulen, es sei denn, Ihr lasset mich die Armen
mit Speisung, Wein und Bad erquicken. Gebet sie heraus, wenn auch nur auf drei
Tage.
    Da antwortete der Kaiser: Das will ich dulden, so du mir einen Brgen
stellest, da sie am dritten Tage wieder niedersteigen zum Kerker.
    Dieweil man nun zu Tische ging im Kaisersaal, kam auch der vermeinte Herr
Dietrich mit seinen Mannen, und als die Mahlzeit vollendet und man die Hnde
wusch, ging die Jungfrau um die Tische, als wolle sie unter den reichen Herzogen
und Herrn den Brgen suchen, und sprach zu Dietrich: Nun gedenke, da du mir
aus der Not helfest, und nimm die Boten auf dein Leben.
    Er aber sprach: Ich brge dir, du allerschnste Maid.
    Und er gab dem Kaiser sein Haupt zum Pfand, und der Kaiser schickte seine
Mannen mit ihm, da sie den Kerker ffneten.
    Drin lagen die Gesandten elend und in Unkrften; als man die Kerkertren
einbrach, schien der helle Tag ins Verlies, der blendete die Armen, denn sie
waren sein nicht mehr gewohnt. Da nahmen sie die zwlf Grafen und lieen sie aus
dem Kerker gehen; jedwedem folgte ein Rittersmann und das Gehen fiel ihnen
sauer. Voran schritt Lupolt, ihr Fhrer, der hatte ein zerrissen Schrzlein um
die Lenden geschlungen, und sein Bart war lang und struppig, der Leib aber
zerschunden. Herr Dietrich stund traurig und wandte sich zur Seite, da sie ihn
nicht erkenneten, und hielt mit Gewalt die Trnen an, denn noch niemals war ihm
das Leid so nah gestanden. Er hie sie zur Herberge fhren und pflegen und die
Grafen sprachen: Wer war der, der seitab stand? der will uns sicher wohl. Und
sie lachten in Freud' und Leid zugleich, aber kannten ihn nicht.
    Anderen Tages nun lud die Kaiserstochter die Vielgeprften zu Hofe und
schenkte ihnen gute funkelnde Gewnder und lie sie in die warme Badstube setzen
und einen Tisch richten, sie zu atzen. Wie nun die Herren saen und ihres Leids
ein Teil vergaen, nahm Dietrich seine Harfe und schlich hinter den Umhang und
lie die Saiten erklingen: er griff die Singweise, die er einst gegriffen am
Meeresstrand. Lupolt hatte den Becher erhoben, da entsank er seiner Hand, da er
den Wein niedergo auf den Tisch, und einer, der das Brot schnitt, lie sein
Messer fallen und alle horchten staunend: voller und heller erklang ihres Knigs
Singweise. Da sprang Lupolt ber den Tisch und alle Grafen und Ritter ihm nach,
als wr' ein Hauch alter Kraft pltzlich ber sie gekommen, und sie rissen den
Umhang nieder und kten den Harfner und knieten vor ihm und des Jubels war kein
Ende.
    Da wute die Jungfrau, da er treu und wahrhaft der Knig Rother von
Wikingland war und tat einen lauten Freudenruf, da Konstantinus, ihr Vater,
herzugelaufen kam - er mochte wollen oder nicht, so mute er sie zusammengeben,
und die Gesandten stiegen nimmermehr in ihren Kerker, und Rother hie nimmermehr
Dietrich und kte seine Braut und fuhr mit ihr heim bers Meer und war ein
glckseliger Mann und hielt sie hoch in Ehren, und wenn sie in Minne beisammen
saen, sprachen sie: Gelobt sei Gott und Mannesmut und kluger Kammerfrauen
List!
    Das ist die Mr vom Knig Rother241!
    ... Praxedis hatte lang' erzhlt.
    Wir sind wohl zufrieden, sprach die Herzogin, und ob der Schmied Weland
den Preis davontragen wird, scheint uns nach Knig Rothers Geschichte ein
weniges zweifelhaft.
    Herr Spazzo ward drob nicht bse. Die Kammerfrauen in Konstantinopel
scheinen die Feinheit mit Lffeln gegessen zu haben, sprach er. Aber sollt'
ich auch besiegt sein, der letzte hat noch nicht gesungen.
    Er sah auf Ekkehard hinber. Aber der sa wie ein Traumbild in sich
versunken. Er hatte vom Knig Rother wenig vernommen, der Herzogin Stirnband mit
der Rose war das Ziel seiner Augen gewesen, dieweil Praxedis erzhlte.
    ... brigens glaub' ich die Geschichte kaum, fuhr Herr Spazzo fort. Vor
Jahren bin ich im Bischofshof zu Konstanz drben beim Wein gesessen, da kam ein
griechischer Reliquienverkufer, der hie Daniel und hatte viel heilige Leiber
und Kirchenschmuck und knstlich Gerte bei sich. Dabei war auch ein
altertmlich Schwert mit edelsteinbesetzter Scheide, das wollt' er mir
aufschwatzen und sprach, es sei das Schwert des Knig Rother, und wren die
gldenen Taler bei mir nicht ebenso dnn geset gewesen wie die Haare auf des
Griechen Scheitel, ich htt' es gekauft. Der Mann erzhlte, mit dem Schwert hab'
Herr Rother mit dem Knig Ymelot von Babylon gestritten um des Kaisers Tochter,
aber von goldenen Schuhen und Kammerfrauen und Harfenspiel hat er nichts
gewut.
    Es wird noch vieles auf der Welt wahr sein, ohne da Ihr Kenntnis davon
habt, sprach Praxedis leicht.
    Der Abend dunkelte. Mit gelbem Schein war der Mond aufgestiegen, wrziger
Duft durchstrmte die Lfte, im Gebsch und am Felshang flimmerte es von
Leuchtkfern, die sich anschickten, auszufliegen. Ein Diener kam herab und
brachte Windlichter; von lgetrnktem Linnen wie von einer Laterne umfangen,
brannten die Kerzen. Es war lind und lieblich im Garten.
    Der Klosterschler sa vergngt auf seinem Schemel und hielt die Hnde
gefaltet wie in Andacht.
    Was meint unser junger Gast? fragte die Herzogin.
    Ich wollte mein schnstes lateinisches Buch geben, sprach er, wenn ich es
htte mit ansehen knnen, wie der Riese Asprian den Lwen an die Wand warf.
    Du mut ein Recke werden und selber auf Riesen und Drachen ausziehen,
scherzte die Herzogin.
    Aber das leuchtete ihm nicht ein: Wir bekommen mit dem Teufel zu streiten,
sagte er, das ist mehr.
    Frau Hadwig war noch nicht gestimmt, aufzubrechen. Sie knickte ein Zweiglein
vom Ahorn in zwei ungleiche Stcke und trat zu Ekkehard. Der fuhr verwirrt auf.
    Nun, sprach die Herzogin, ziehet! Ihr oder ich.
    Ihr oder ich! sprach Ekkehard stumpf. Er zog das krzere Ende. Es gleitete
ihm aus der Hand; er lie sich wieder auf seinen Sitz nieder und schwieg.
    Ekkehard! sprach die Herzogin scharf.
    Er schaute auf.
    Ihr sollet erzhlen.
    Ich soll erzhlen! murmelte er und fuhr mit der Rechten ber die Stirn.
Sie war hei; es strmte drin.
    Jawohl, - erzhlen! Wer spielt mir die Laute dazu?
    Er stand auf und sah in die Mondnacht hinaus. Verwundert schauten die
anderen sein Gebaren. Er aber hub mit klangloser Stimme an:
    Es ist eine kurze Geschichte. Es war einmal ein Licht, das leuchtete hell
und leuchtete von einem Berg hernieder und leuchtete in Regenbogenfarben und
trug eine Rose im Stirnband ...
    Eine Rose im Stirnband?! brummte Herr Spazzo kopfschttelnd.
    ... Und es war einmal ein dunkler Nachtfalter, fuhr Ekkehard in gleichem
Ton fort, der flog zum Berg hinauf und flog um das Licht und wute, da er
verbrennen msse, wenn er hineinfliege, und flog doch hinein, und das Licht
verbrannte den Nachtfalter, da ward er zur Asche und verga des Fliegens. Amen!
    Frau Hadwig sprang unwillig auf.
    Ist das Eure ganze Geschichte? fragte sie.
    Meine ganze Geschichte! sprach er mit unvernderter Stimme.
    Es ist Zeit, da wir hinaufgehen, sagte Frau Hadwig stolz. Die Nachtluft
schafft Fieber.
    Sie schritt mit verchtlichem Blick an Ekkehard vorber. Burkard trug ihr
die Schleppe. Ekkehard stand unbeweglich. Der Kmmerer Spazzo klopfte ihm auf
die Schulter: Der Nachtfalter war ein dummer Teufel, Herr Kaplan! sprach er
mitleidig. Ein Windsto kam und blies die Lichter aus. Es war ein Mnch!
sprach Ekkehard gleichgltig, schlafet wohl! -

                                    Funoten


A1 D.i. Hyazinthen (Zirkon).

A2 Mittelhochdeutsch zyklat, sigelat (aus grisch.-lat. cyclas, das Rundkleid)
bedeutet einen golddurchwirkten Seidenstoff.


                           Einundzwanzigstes Kapitel.

                             Verstoung und Flucht.

Ekkehard war noch lang' in der Gartenlaube gesessen, dann war er hinausgerannt
in die Nacht. Er wute nicht, wohin der Gang gehen sollte. Des Morgens fand er
sich auf dem Fels Hohenkrhen, der ragte in stiller Einsamkeit seit der Waldfrau
Abzug. Die Trmmer des ausgebrannten Hauses lagen verwirrt bereinander; wo
einst die Wohnstube, stand noch der Rmerstein mit dem Mithras, Farrenkraut und
Riedgras war darbergerankt, eine Blindschleiche lief zngelnd an dem
wettergedunkelten Gtterbild hinauf.
    Ekkehard fuhr in hellem Hohn zusammen: Die Kapelle der heiligen Hadwig!
rief er und schlug sich mit der Faust an die Brust, so mu sie sein! Er stie
den Rmerstein um und stieg auf die Felskuppe; dort warf er sich nieder und
prete die Stirn ins khle Erdreich, das einst Frau Hadwigs Fu berhrt. Lange
blieb er dort; als die Sonne in der Mittagshhe herunterbrannte, lag er noch
oben und - schlief.
    Vor Abend kam er auf den Hohentwiel zurck, hei, verstrt, unsicheren
Ganges. Grashalme hafteten wirr in dem hrenen Geweb' seiner Kutte. Die Leute
der Burg wichen scheu vor ihm zurck, wie vor einem, dem des Unglcks Finger ein
Zeichen auf die Stirn geschrieben. Sonst pflegten sie ihm entgegenzugehen und
baten um seinen Segen.
    Die Herzogin hatte sein Fortsein wahrgenommen, aber nicht nach ihm gefragt.
Er ging in seine Turmstube hinauf; er griff ein Pergament, als ob er lesen
wolle. Es war Gunzos Schrift wider ihn. Gern wrde ich Euch ermahnen, ihm die
Hilfe heilender Arzneien angedeihen zu lassen, aber ich frchte, seine Krankheit
ist zu tief eingewurzelt, las er drin. Er lachte. Die gewlbte Decke gab einen
Widerhall, da sprang er auf, als wollt' er ersphen, wer gelacht. Dann trat er
ans Fenster und schaute in die Tiefe; es ging weit, weit hinab. Ein Schwindel
wollte ihn fassen, da wich er zurck.
    Des alten Thieto Flschlein stand bei den Bchern, das machte ihn wehmtig.
Er gedachte des Blinden. Frauendienst ist ein schlimm Ding fr den, der gerecht
bleiben will, hatte der einst zu ihm gesprochen, wie er Abschied nahm.
    Er ri das Siegel von dem Flschlein und go sich das Jordanwasser bers
Haupt und netzte die Augen. Es war zu spt. Auch die Flut heiliger Strme lscht
die Glut des Herzens nicht; nur dem, der sich hinunterstrzt, um nimmer
aufzutauchen ... Doch kam ein Anflug von Ruhe ber ihn. Ich will beten! sprach
er, es ist eine Versuchung. Er warf sich auf die Knie, aber bald war's ihm,
als schwirrten die Tauben um sein Haupt, wie damals, als er zuerst die Turmstube
betrat, aber sie hatten itzt grinsende Gesichter und einen hhnischen Zug um die
Schnbel.
    Er stand auf und ging langsam die Wendeltreppe hinunter zur Burgkapelle. Der
Altar drunten war Zeuge frommer Andacht an manchem guten Tag. In der Kapelle
war's wie ehedem, dunkel und still. Sechs schwere Sulen mit wrfelfrmigem
laubwerkverziertem Knauf trugen die niedere Wlbung; ein feiner Streif
Tageslicht fiel durchs schmale Fenster herein. Die Tiefe der Nische, wo der
Altar stund, war schwach erleuchtet; nur der Goldgrund um das Mosaikbild des
Erlsers glnzte in mattem Flimmern. Griechische Knstler hatten die Formen
ihrer Kirchenausschmckung einst auf den deutschen Fels getragen: in weiem
wallendem Gewand, goldroten Schein ums Haupt, hob sich des Heilands hagere
Gestalt, die Finger der Rechten segnend ausgestreckt.
    Ekkehard neigte sich vor den Stufen des Altars; seine Stirn ruhte auf den
Steinplatten - so blieb er, in sich versunken. Der du die Leiden der Welt auf
dich genommen, la ausgehn einen Strahl der Gnade auf mich Unwrdigen! Er hob
den Blick und schaute starr hinauf, als msse das ernste Gebild' aus der Wand
niedersteigen und ihm die Hand reichen. Ich liege vor dir, wie Petrus vom
Seesturm umbraust, die Wellen tragen mich nicht, Herr, rette mich! Rette mich
wie jenen, da du ber die Sturmflut wandelnd ihm die Hand gereicht und
gesprochen: Kleinglubiger, warum Zweifelst du?
    Aber es geschah kein Zeichen.
    Ekkehards Denken war zerrttet.
    Es rauschte durch die Kapelle wie Frauengewand. Er hrte nichts.
    Frau Hadwig war heruntergestiegen, eine seltsame Anwandlung trieb sie. Seit
sie dem Mnch gram geworden, stand das Bild ihres alten seligen Ehgemahls fter
vor ihrer Seele denn ehedem. Natrlich. Wenn sich dieser niederlegt, mu sich
jener heben. Das neuerliche Lesen im Virgilius hatte auch dazu beigetragen; es
war so mannigfach vom Gedchtnis an Sichus die Rede.
    Morgen neute sich der Todestag Herrn Burkhards. In der Kapelle lag der alte
Herzog mit Schild und Lanze begraben. Eine rohe Platte deckte sein Grab
seitwrts vom Altar. Matt brannte die ewige Lampe drber. Ein Sarkophag aus
grauem Sandstein stand dabei, unfrmliche kleine Halbsulen mit jonisch
gewundenem Knauf waren an den Ecken angefgt; sie ruhten auf fratzenhaften
Tiergestalten. Den Steinsarg hatte Frau Hadwig einst fr sich selber anfertigen
lassen. Jeweils an des Herzogs Gedchtnistag lie sie ihn mit Korn und Frchten
gefllt hinauftragen und verteilte seinen Inhalt den Armen - die Mittel zum
Leben aus der Ruhstatt der Toten: es war ein frommer Brauch so242.
    Sie wollte heute an ihres Gatten Grab beten. Des Ortes Halbdunkel deckte den
knieenden Ekkehard. Sie sah ihn nicht.
    Da schreckte sie auf aus ihrer Andacht. Halblaut, aber schneidig schlug ein
Lachen an ihr Ohr, sie kannte die Stimme. Ekkehard hatte sich erhoben, er sprach
itzt die Worte des Psalms: Beschirme mich, o Herr, unter dem Schatten deiner
Flgel, beschirme mich vor dem Antlitz der Gottlosen, die mich plagen. Meine
Feinde haben meine Seele umgeben; ihr Herz ist mir verschlossen, ihr Mund hat
Hochmut geredet. Er sprach's mit bsem Tone. Das war kein Beten mehr.
    Frau Hadwig neigte sich zum Sarkophag. Sie htte gern einen zweiten drauf
getrmt, da er sie verberge vor Ekkehards Blick. Sie wnschte kein Alleinsein
mehr. Ihr Herz schlug ruhig.
    Er ging zur Pforte.
    Da pltzlich wandte er sich; die ewige Lampe schwebte leise ber Frau
Hadwigs Haupt hin und her, das schwebende Dmmerlicht hatte sein Aug' getroffen
... mit einem Sprung, mchtiger als der, den der heilige Bernhard in spteren
Tagen durch den Dom zu Speier tat, da ihm das Marienbild gewinkt, stand er vor
der Herzogin. Er schaute sie lang' und durchbohrend an. Sie erhob sich vom
Boden, mit der Rechten den Rand des Steinsarges fassend, stand sie ihm
gegenber, an seidener Schnur wiegte sich die ewige Lampe ber ihrem Haupt.
    Glckselig sind die Toten, man betet fr sie! brach Ekkehard das
Schweigen.
    Frau Hadwig erwiderte nichts243.
    Betet Ihr auch fr mich, wenn ich tot bin? fuhr er fort. O, Ihr sollt
nicht fr mich beten! ... einen Pokal lat Euch aus meinem Schdel machen, und
wenn Ihr wieder einen Prtner holt aus dem Kloster des heiligen Gallus, so mt
Ihr ihm den Willkommtrunk draus reichen - ich lass' ihn gren! Drft auch
selber Eure Lippen dran setzen, er springt nicht. Aber das Stirnband mt Ihr
dabei ums Haupt tragen und die Rose drin ...
    Ekkehard! sprach die Herzogin, - Ihr frevelt!
    Er fuhr mit der Rechten an die Stirn: O! sprach er wehmtig - o ja! ...
der Rhein frevelt auch: sie haben ihm mit riesigen Felsen den Lauf verbaut, aber
er hat sie durchnagt und braust drber weg in Schaum und Sturz und Vernichtung,
Glck auf, du freier Jugendmut! ... Und Gott frevelt auch, denn er hat den Rhein
werden lassen und den hohen Twiel und die Herzogin von Schwaben und die Tonsur
auf meinem Haupt.
    Der Herzogin begann es zu grausen. Solchen Ausbruch zurckgepreten Gefhles
hatte sie nicht erwartet. Aber es war zu spt. Sie blieb gleichgltig.
    Ihr seid krank! sprach sie.
    Krank? sprach er - es ist nur eine Vergeltung. Vor Jahr und Tag am
Pfingstfest, da es noch keinen hohen Twiel fr mich gab, hab' ich beim
festlichen Umgang aus unserer Klosterkirche den Sarg des heiligen Gallus
getragen, da hat sich ein Weib vor mir niedergeworfen: Steh auf! hab' ich ihr
zugerufen, aber sie blieb liegen im Staub; schreit' ber mich, Priester, mit
deinem Heiltum, da ich gesunde! sprach sie, und mein Fu ging ber sie hinweg
244. Sie hat am Herzweh gelitten, die Frau. Jetzt ist's umgekehrt ...
    Trnen unterbrachen seine Stimme. Er konnte nicht weiter sprechen. Er warf
sich zu Frau Hadwigs Fen und umschlang den Saum ihres Gewandes. Der ganze
Mensch zitterte.
    Frau Hadwig wurde mild, mild gegen ihren Willen, als zucke es vom Saum des
Gewandes zu ihr herauf von unsglichem Herzeleid.
    Steht auf, sprach sie, und denkt an anderes. Ihr seid uns noch eine
Geschichte schuldig. Verwindet's!
    Da lachte Ekkehard in seinen Trnen.
    Eine Geschichte, rief er - o, eine Geschichte! Aber nicht erzhlen ...
kommt, lat sie uns tun, die Geschichte! Droben von des Turmes Zinnen schaut
sich's so weit in die Lande und so tief hinunter, so s und tief und lockend,
was hat die Herzogsburg uns zu halten? Keiner braucht mehr zu zhlen als drei,
der hinunter will ... und wir schweben und gleiten in den Tod, dann bin ich kein
Mnch mehr und darf den Arm schlingen um Euch -
    Er schlug mit der Faust auf Herrn Burkhards Grab: - Und der da unten
schlft, soll mir's nicht wehren! Wenn er kommt, der Alte: ich lass' Euch nicht,
und wir schweben wieder zum Turm empor und sitzen, wo wir saen, und lesen den
Virgil zu Ende, und Ihr mt die Rose im Stirnband tragen, als wr' nichts
geschehen ... Dem Herzog schlieen wir's Tor zu und ber alle bse Zungen lachen
wir, und die Menschen sprechen dann, wenn sie am Winterofen sitzen: Das ist eine
schne Geschichte vom treuen Ekkehard, der hat den Kaiser Ermanrich erschlagen,
da er die Harlungen aufhing, und dann ist er mit seinem weien Stab vor Frau
Venus Berg gesessen, viel hundert Jahr und hat gemeint, er wolle bis zum
Jngsten Tag die Leute warnen, die zum Berg wallen245; aber hernachmals ist's
ihm langweilig worden, und er ging durch und ward ein Mnch in Sankt Gallen und
fiel sich zu Tode, und jetzt sitzt er bei einer blassen Frau und liest Virgil,
und es klingt mitternchtig durchs Hegau: Den unsglichen Schmerz zu erneuen,
gebeutst du, o Knigin, mir! und sie mu ihn kssen, ob sie will oder nicht -
der Tod holt nach, was das Leben versumt!
    Er hatte gesprochen mit irrem Blick. Jetzt brach er zusammen in leisem
Weinen. Frau Hadwig war unbewegt gestanden, es war, als ob ein Flimmer von
Mitleid ihr kaltes Aug' durchleuchte, sie beugte sich nieder.
    Ekkehard! sprach sie, Ihr sollt nicht vom Tod sprechen. Das ist Wahnsinn.
Wir leben, Ihr und ich ...
    Er bewegte sich nicht. Da legte sich ihre Hand leicht ber das fieberheie
Haupt. Es strmte und flutete durch sein Gehirn. Er sprang auf.
    Ihr habt recht! rief er, wir leben. Ihr und ich! Tanzende Nacht legte
sich um seinen Blick; er tat einen Schritt vor, seine Arme schlangen sich um das
stolze Frauenbild, wtend prete er sie an sich, sein Ku flammte auf ihre
Lippen, ungehrt verklang der Widerspruch.
    Er hob sie hoch gegen den Altar, als wre sie ein Weihgeschenk, das er
darbringen wollte: Was hltst du die goldglnzenden Finger so ruhig und segnest
uns nicht? rief er zum dster ernsten Mosaikbild hinauf ...
    Die Herzogin war zusammengeschrocken wie ein wundes Reh; - ein Augenblick,
da ballte und bumte sich alles in ihr von gekrnktem Stolz; sie stie den
Rasenden mit starker Hand vor die Stirn und entstrickte sich seinem Arm.
    Noch hielt er ihre Hfte umschlungen, da tat sich die Pforte der Kirche auf;
ein greller Strahl Tageslicht drang ins Dster - sie waren nicht mehr allein.
    Rudimann, der Kellermeister von Reichenau, trat ber die Schwelle, Gestalten
erschienen im Grunde des Burghofs.
    Die Herzogin war entfrbt in Scham und Zorn, eine Flechte ihres dunkeln
Haupthaars wallte aufgelst ber den Nacken.
    Entschuldigt, sprach der Mann von Reichenau mit grinsend hflichem
Ausdruck, meine Augen haben nichts geschaut!
    Da rang Frau Hadwig sich von Ekkehard los. Doch - und doch - und doch!
Einen Wahnsinnigen habt Ihr geschaut, der sich und Gott vergessen ... Es wr'
mir leid um Eure Augen, ich mte sie ausstechen lassen, wenn sie nichts
erschaut ...
    Es war eine unsglich kalte Hoheit, mit der sie's dem Betroffenen
entgegenrief.
    Da erklrte sich Rudimann den seltsamen Vorgang.
    Ich habe vergessen, sprach er mit Hohn, da dort einer von denen steht,
auf die weise Mnner das Wort des heiligen Hieronymus gezogen: Ihr Gebaren ziemt
sich mehr fr einen Stutzer und Brutigam denn fr einen Geweihten des Herrn.
    Ekkehard stand an eine Sule gelehnt, die Arme in die Luft erhoben wie
Odysseus, da er den Schatten seiner Mutter umfahen wollte; Rudimanns Wort ri
ihn aus dem Fiebertraum. Wer tritt zwischen mich und sie? rief er drohend.
Aber Rudimann klopfte ihm mit unverschmter Vertraulichkeit auf die Schulter:
Beruhigt Euch, guter Freund, wir haben nur ein Brieflein an Euch abzugeben, der
heilige Gallus kann seinen weisesten Schler nicht lnger drauen lassen in der
wankenden, schwankenden Welt, Ihr seid heimgerufen! - Verget den Stock nicht,
mit dem Ihr die Mitbrder mihandelt, die im Herbst gern einen Ku pflcken,
keuscher Sittenrichter! flsterte er ihm ins Ohr.
    Ekkehard trat zurck. Sehnsucht, Wut der Trennung, glhend Verlangen und
daraufgegossener Hohn strmten in ihm; er rannte auf Frau Hadwig, aber schon
fllte sich die Kapelle. Der Abt von Reichenau war selber gekommen, die Freude
von Ekkehards Heimrufung zu erleben. Es wird schwer halten, da wir ihn
losbekommen, hatte er zum Kellermeister gesagt. Es ward leicht. Mnche und
Gefolgsleute traten mit ein.
    Sacrilegium! rief ihnen Rudimann entgegen, er hat vor dem Altar die
buhlerische Hand zu seiner Gebieterin erhoben!
    Da schumte Ekkehard auf. Der Herzens heiligst Geheimnis von frecher Roheit
entweiht, eine Perle vor die Schweine geworfen ... er ri die ewige Lampe
herunter, wie eine Schleuder schwang er das eherne Gef; das Licht darin
erlosch - ein dumpfer Schrei hallte auf, der Kellermeister lag blutigen Hauptes
auf den Steinplatten, die Lampe klirrte neben ihm ... Ringen, Zerren, wilde
Verwirrung ... es ging mit Ekkehard zu Ende.
    Sie hatten ihn berwltigt; den Grtel der Kutte rissen sie ihm ab und
banden ihn. Da stand er, die jugendschne Gestalt, jetzt ein Bild des Jammers,
dem flgellahmen Adler gleich. Einen matten, traurigen, fragenden Blick lie er
zur Herzogin hinbergleiten ... die wandte sich ab.
    Tut, was Eures Amtes ist! sprach sie zum Abt und schritt durch die Reihen.
    Eine Rauchwolke zog ihr entgegen. Lrm und Jubel schallte vor dem Burgtor,
ein Feuer brannte drauen, von harzigen Tannenscheitern geschichtet. Das
Ingesinde der Burg tanzte darum und warf Blumen drein, eben hatte Audifax die
Genossin seines Schicksals jubelnd in Arm gefat und war mit ihr durch die
hochaufschlagende Flamme gesprungen.
    Was soll der Rauch? sprach Frau Hadwig zur herbeigeeilten Praxedis.
    Sonnenwende246! antwortete die Griechin.

    Es war ein trber, verstimmter Abend. Die Herzogin hatte sich in ihr Closet
verschlossen und lie niemand vor sich, Ekkehard war von den Leuten des Abts in
ein Verlies geschleppt worden, in demselben Turm, in dessen luftigem Stockwerk
sein Stbchen eingerichtet stund, war ein feuchter finsterer Gewahrsam, Trmmer
alter Grabsteine, bei frherem Umbau der Burgkapelle dorthin verbracht, lagen
unheimlich umher. Man hatte ihm einen Bund Stroh hineingeworfen. Ein Mnch sa
vor dem Eingang und hielt Wache.
    Burkard, der Klosterschler, lief auf und nieder und rang klagend die Hnde,
er konnte seines Ohms Geschick nicht fassen. Die Leute der Burg steckten die
Kpfe zusammen und wisperten und fhrten trichte Reden, als ob die
hundertzngige Fama auf dem Giebel des Burgdaches gesessen und ihre Lgen
ausgestreut htte: Er hat die Herrin ermorden wollen, sprach der eine; er hat
des Teufels Knste getrieben mit seinem groen Buch, sprach ein anderer, heut
ist Sankt Johannistag, da hat der Teufel keine Macht und konnte ihm nicht aus
der Klemme helfen.
    Am Brunnen im Burghof stand Rudimann, der Kellermeister, und lie das klare
Wasser ber sein Haupt strmen; Ekkehard hatte ihm eine scharfe Schramme
gehauen, zh und unwillig rieselte sein Blut in den fremden Quell.
    Praxedis kam herunter, bla und trb; sie war die einzige Seele, die ein
aufrichtig Mitleid um den Gefangenen trug. Wie sie den Kellermeister ersah, ging
sie in den Garten, ri eine blaue Kornblume mit der Wurzel aus und brachte sie
ihm: Nehmet, sprach sie, und haltet sie mit der Rechten, bis sie drin
erwarmt, das stillet Euer Blut. Oder soll ich ein Linnen zum Verband bringen?
    Er schttelte das Haupt.
    Es wird von selber aufhren, wenn's Zeit ist, sagte er, es ist nicht mein
erster Aderla. Behaltet Eure Kornblumen fr Euch!
    Aber Praxedis gedachte den Feind Ekkehards milde zu stimmen. Sie holte
Leinwand. Da lie er sich verbinden. Er sprach keinen Dank.
    Lat Ihr den Ekkehard heut nimmer frei? fragte sie.
    Heut? sprach Rudimann hhnisch. Drngt es Euch, einen Kranz zu winden fr
den Bannertrger des Antichrist, den Vorspann am Wagen des Satan, den Ihr da
oben gehegt und geheckt, als wr' er der herzliebe Sohn Benjamin? Heut? fraget
einmal nach Monatfrist drben an.
    Er deutete nach den helvetischen Bergen. Praxedis erschrak. Was wollet Ihr
mit ihm anfangen?
    Was recht ist, sprach Rudimann mit finsterm Blicke. Buhlerei, Gewalttat,
Ungehorsam, Hochmut, Kirchenschndung, Lsterung Gottes: es gibt der Namen nicht
genug fr seine Frevel, aber Mittel zur Shnung, Gott sei es gedankt, gibt es!
    Er fuhr mit dem Arm aus wie zu einem Streich.
    ... jawohl, Mittel zur Shnung, wonnesame Jungfrau! Wir werden ihm einen
Denkzettel aufs Fell schreiben.
    Habt Mitleid, sprach Praxedis, er ist ein kranker Mann.
    Gerade deswegen heilen wir ihn. Wenn er erst an die Sule gebunden, den
Rcken krmmt und ein halb Dutzend Ruten drauf zerschlagen sind, das treibt
Grillen und Teufelswerk aus dem Kopf ...
    Um Gottes willen! jammerte die Griechin.
    Beruhigt Euch, es kommt noch besser. Ein entlaufen Schaf gehrt in seinen
Stall geliefert, dort sind gute Hirten, die besorgen das Weitere: Schafschur,
Jungfrulein, Schafschur! Dort schneiden sie ihm die Haare ab, das schafft dem
Haupte Khlung, und wenn Ihr einmal in Jahresfrist zum heiligen Gallus
wallfahren wollt, so wird sonn- und feiertags einer mit bloen Fen vor der
Kirchentr stehen und sein Kopf wird kahl sein wie ein Stoppelfeld und das
Bugewand wird ihn zierlich kleiden. Was meint Ihr? Die Heidenwirtschaft mit dem
Virgilius hat ein Ende.
    Er ist unschuldig, sagte Praxedis.
    O, sprach der Kellermeister spttisch, der Unschuld krmmen wir kein
Haar. Er braucht sie nur durchs Gottesurteil zu beweisen; wenn er mit heilem Arm
den goldenen Ring aus dem Kessel mit siedendem Wasser herausfngt, gibt ihm
unser Abt selber den Segen und ich werd' sagen, es war nur Nebelbild und
Teufelsspuk, da meine Augen in der Kapelle seine Heiligkeit den Bruder Ekkehard
sahen, wie er Eure Herrin umfangen hielt.
    Praxedis weinte. Lieber, ehrwrdiger Herr Kellermeister ..., sprach sie
bittend. Er senkte einen schiefen Blick auf sie, der blieb an der Griechin Busen
haften.
    So ist es! sagte er mit gekniffenen Lippen. Ich wollte brigens eine
Frbitte beim Abt einlegen, wenn ...
    Wenn? fragte Praxedis gespannt.
    Wenn Ihr heut abend geruhen wolltet, Eure Kammer nicht zu verschlieen, da
ich Euch Bericht bringen kann vom Erfolg.
    Er zog wie spielend die groen Falten seiner Kutte zusammen, da die
geschnrten Hften hervortraten247, und nahm eine selbstgefllige erwartende
Haltung an. Praxedis trat zurck. Ihr Fu stampfte die blaue Kornblume, die am
Boden lag.
    Ihr seid ein schlechter Mensch, Herr Kellermeister!, sprach sie und drehte
ihm den Rcken. Rudimann verstand sich auf Gesichter. Aus dem Zucken von
Praxedis' Augenlid und den drei bitterbsen Stirnfalten ward ihm klar, da ihre
Kammer fr alle Kellermeister der Christenheit jetzt und immerdar verschlossen
bleibe.
    Sie ging. Habt Ihr noch etwas zu befehlen? sprach sie im Fortgehen.
    Jawohl, griechisches Insekt, antwortete er mit khlem Ton, einen Krug
Essig, wenn es gefllig ist. Ich will meine Ruten drin einweichen, es schreibt
sich dann besser und vernarbt schwerer. Ich hab' noch keinen Erklrer des
Virgilius ausgehauen; der verdient schon eine besondere Ehre.
    Unter der Linde sa Burkard, der Klosterschler, und schluchzte noch immer.
Praxedis kte ihn im Vorbeigehen. Es geschah dem Kellermeister zuleid.
    Sie ging hinauf zur Herzogin und gedachte einen Fufall zu tun und fr
Ekkehard zu bitten. Aber das Closet blieb verschlossen. Frau Hadwig war tief
erzrnt; wenn die Mnche der Reichenau nicht dazu gekommen, htte sie Ekkehards
Khnheit verzeihen mgen, sie selber hatte ja den Keim zu allem gelegt, was
jetzt aufgewachsen war - aber jetzt war rgernis gegeben, das heischte Strafe.
Scheu vor bsen Zungen hat schon manch Ding gewendet.
    Der Abt hatte ihr das Schreiben von Sankt Gallen zustellen lassen.
Benediktus' Regel, so stand geschrieben, verlange nicht nur den ueren Schein
mnchischen Lebens, sondern ein Mnchtum mit Leib und Seele: Ekkehard sei heim
gerufen. Aus Gunzos Schrift war etliches wider ihn angefhrt.
    Es war ihr gleichgltig. Was ihm in den Hnden seiner Gegner bevorstehe,
wute sie. Sie war entschlossen, nichts fr ihn zu tun. Praxedis klopfte zum
zweitenmal an. Es ward nicht aufgetan. O du armer Nachtfalter! sprach sie
traurig.
    Ekkehard lag in seiner Kerkerhaft wie einer, der einen wirren Traum getrumt
hat. Vier kahle Wnde waren um ihn, von oben ein schwacher Lichtschimmer. Oft
zitterte er noch, als schttle ihn Frost. Allmhlich legte sich ein wehmtig
Lcheln der Entsagung um die Lippen; es blieb sich nicht gleich - mitunter
ballte er die Faust in heftiger Zorneserregung.
    Es ist mit des Menschen Gemt wie mit dem Meere. Hat der Sturm auch
ausgetobt, so wogt und brandet es noch lange strker als sonst und untereinmal
schumt wieder ein nachzgelnder Wellensturz gewaltig auf und jagt die Mwen vom
Fels.
    Aber Ekkehards Herz war noch nicht gebrochen. Dafr war es zu jung. Er
begann die Lage zu berdenken. Die Aussicht in die Zukunft war sehr
unerquicklich: er kannte seines Ordens Regel und geistlichen Brauch und kannte
die Mnner der Reichenau, da sie seine Feinde waren.
    Mit groen Schritten durchma er den engen Raum: Allmchtiger Gott, den wir
anrufen drfen in der Heimsuchung, wie soll das enden? Er schlo die Augen und
warf sich auf sein Lager. Wirre Bilder zogen an seiner Seele vorbei.
    Und er schaute mit dem inneren Gesichte des Geistes, wie sie ihn in der
Morgenfrhe hinausschleppten; auf hohem Steinstuhl sa der Abt und hielt seinen
Hakenstab, als Zeichen, da Gericht sei, und sie lasen eine lange Anklage vor
... Alles in demselben Burghof, in dem er einst jubelnden Herzens aus der Snfte
gesprungen, in dem er am dstern Karfreitag die Predigt wider die Hunnen
gehalten, - und die Mnner des Gerichts fletschten die Zhne wider ihn.
    Was werd' ich tun? dachte er weiter. Die Hand aufs Herz, den Blick zum
Himmel, werd' ich rufen: Ekkehard ist ohne Schuld! Aber die Richter sprechen:
Probe es! Der groe Kupferkessel wird vorgeschleppt, das Feuer unter ihm
angezndet, hoch wallt und zischt das Wasser, der Abt zieht den gldenen Ring
vom Finger, sie streifen ihm den rmel der Kutte zurck, Bupsalmen tnen dumpf
dazwischen: Ich beschwre dich, Kreatur des Wassers, da der Teufel weiche aus
dir und du dem Herrn dienest zu Offenbarung der Wahrheit gleich dem Feuerofen
des Knigs von Babylon, da er die drei Jnglinge hineinwerfen lie! Also
bespricht der Abt die kochende Flut, und tauch' ein den Arm und suche den Ring!
befiehlt er dem Angeklagten ...
    Gerechter Gott, wie wird dein Urteil sprechen? Wilde Zweifel nagten an
Ekkehards Gemt. Er glaubte an sich und sein gutes Recht; minder fest an die
schaurigen Mittel, in denen Priesterwitz und Gesetzgebung den Wahrspruch der
Gottheit zu finden meinten.
    Auf der Bcherei seines heimischen Klosters lag ein Bchlein, das die
Aufschrift trug: Gegen die ordnungswidrige Meinung derer, die da glauben, da
durch Feuer oder Wasser oder Zweikampf die Wahrheit gttlichen Gerichtes
geoffenbart werde. Das Bchlein hatte er einst gelesen und wohl behalten; es
war der Nachweis, da bei all diesen, uraltem Heidentum entstammenden Proben,
wie spter der treffliche Gottfried von Straburg es benamste: Der heilig
Christ windschaffen wie ein rmel ist.
    Und wenn kein Wunder geschieht??
    Sein Denken neigte sich zu kleinmtiger Zagnis. Verbrannten Armes und
schuldig gesprochen, den Staupenschlag erleiden mssen ... und sie steht oben
auf dem Sller und schaut drauf hernieder, als geschehe es einem wildfremden
Mann: Herr des Himmels und der Erde, sende deine Blitze!
    Aber die Hoffnung leuchtet auch dem Elendesten noch. Da ward's ihm wieder,
als tne in all den Jammer ein gelles Halt! sie strzt herunter in fliegendem
Gelock und rauschendem Herzogsmantel und treibt die Peiniger auseinander wie der
Heiland die Wucherer im Tempel und reicht ihm Hand und Lippen zum Ku der
Vershnung ... lang und schn und glhend malte er sich's aus, ein Hauch von
Trost kam ber ihn, er sprach mit den Worten des Predigers: Im Ofen werden die
Geschirre des Tpfers bewhrt und gerechte Menschen in Anfechtung der Trbsal248
: Wir wollen unbeirrt erwarten, was da kommt.
    Er hrte ein Gerusch im Gemach vor seinem Kerker. Ein Steinkrug ward
aufgesetzt. Ihr sollt tapfer trinken! sprach eine Stimme zum wachhaltenden
Klosterbruder, in Sankt Johannis Nacht gehen allerhand berirdische durch die
Luft und streichen an unserer Burg vorbei, macht, da Ihr Mut behaltet; es steht
noch ein zweiter Krug bereit. Es war Praxedis, die den Wein brachte.
    Ekkehard verstand nicht, was sie wollte. Auch sie ist falsch, dachte er.
Gott behte mich!
    Er schlo seine Augen zum Schlummer. Nach einer guten Weile ward er
aufgeweckt. Dem Klosterbruder drauen mute der Wein geschmeckt haben, er sang
ein Lied zum Preis der vier Goldschmiede249, die in Rom einst die Fertigung
heidnischer Gtzenbilder geweigert und das Martyrium erlitten, und schlug mit
dem sandalenbeschwerten Fu den Takt auf die Steinplatten. Ekkehard hrte, da
dem Mann ein zweiter Krug gebracht ward. Sein Gesang ward laut und strmisch.
Dann hielt er ein Selbstgesprch, worin viel von Welschland und guten Bissen und
der heiligen Agnese vor den Mauern die Rede war. Dann verstummte er. Sein
Schnarchen tnte vernehmlich durch die Steinwnde zum Gefangenen herber.
    Die Burg lag still. Es ging auf Mitternacht. Ekkehard ruhte in leisem
Halbschlummer, da ward's ihm, als wrde der Riegel sachte zurckgeschoben: er
blieb auf seinem Lager. Eine Gestalt trat ein, eine weiche Hand fuhr ber des
Schlummernden Stirn. Er sprang auf.
    Still! flsterte die Eingetretene.
    Wie alles zu schlafen ging, hatte Praxedis gewacht. Der schlechte
Kellermeister soll die Freude nicht haben, unsern schwermtigen Lehrer zu
zchtigen, das war ihr Denken. Frauenlist findet Mittel und Wege zu dem, was sie
ausgesonnen. Den grauen Mantel umgeschlagen, schlich sie herunter, es brauchte
keiner besonderen Tuschungen. Der Klosterbruder schlief als wie ein Gerechter.
Htte er nicht geschlafen, so htte ihn die Griechin durch einen Spuk scheu
gemacht, so war ihr Plan.
    Ihr mt fliehen! sprach sie zu Ekkehard. Sie drohen Euch das
Schlimmste.
    Ich wei es! sagte der berraschte wehmtig.
    Auf denn!
    Er schttelte das Haupt: Ich will dulden, sprach er.
    Seid kein Narr! flsterte Praxedis. Erst habt Ihr Euer Haus auf den
schimmernden Regenbogen gezimmert, und nun es zusammengefallen, wollt Ihr Euch
auch noch mihandeln lassen? Als wenn die ein Recht htten, Euch zu geieln und
fortzuschleppen! und wollt ihnen die Freude machen, Eure Erniedrigung zu sehen
... 's wr' freilich ein schnes Schauspiel, man wrde es Euch gnnen! Einen
braven Mann sieht man nicht alle Tage hinrichten, hat einmal in Konstantinopel
einer zu mir gesagt, wie ich fragte, warum er so springe.
    Wohin soll ich mich wenden? fragte Ekkehard.
    Nach der Reichenau nicht und nach Eurem Kloster auch nicht, sagte
Praxedis. Es gibt noch manchen Unterschlupf auf der Welt. Sie war ungeduldig
worden, ergriff Ekkehards Hand und zog ihn mit sich. Vorwrts! raunte sie ihm
zu. Er lie sich von ihr fhren. Sie schlichen am schlafenden Wchter vorber.
Jetzt standen sie im Burghof. Der Brunnen pltscherte hell. Ekkehard beugte sich
bers Rohr und trank einen langen Schluck des khlen Wassers250. Alles vorbei!
sprach er. Jetzt bergab!
    Es war eine strmische Nacht. Den Torweg knnt Ihr nicht hinunter, die
Brcke ist aufgezogen, sprach Praxedis, aber zwischen den Felsen an der
Morgenseite ist's mglich, unser Hirtenknab' hat den Weg auch schon versucht.
    Sie gingen in das Grtlein. Ein Windsto fuhr rauschend durch die Wipfel des
Ahorn. Ekkehard wute kaum, wie ihm geschah; er schwang sich auf die Brustwehr,
steil und zackig senkten sich die Klingsteinfelsen in die Tiefe, dunkler Abgrund
ghnte zu ihm herauf, am dstern Himmel jagten sich die Wolken, es waren
unheimliche plumpe Massen, fratzenhaft, als wenn zwei Bren einen geflgelten
Drachen verfolgten ... dann verschwammen die Gebilde ineinander, der Wind
peitschte sie zu dem matt in der Ferne schimmernden Bodensee. In dunklem Umri
lag die Landschaft.
    Gesegnet sei Euer Weg! sprach Praxedis.
    Ekkehard sa starr auf der niedern Mauerzinne, er zog seine Hand nicht von
der der Griechin, wehmtiger Dank durchwogte sein ausgestrmt Herz. Da schmiegte
sich ihre Wange an die seine, auf seinen Lippen zitterte ein Ku, eine Trne
perlte drauf nieder. Sanft wand sich Praxedis von ihm.
    Vergesset nicht, sprach sie, da Ihr noch eine Geschichte schuldig seid.
Mg' Euch Gott bald wieder zu diesem Gartenplatz geleiten, da wir sie aus Eurem
Munde vernehmen.
    Jetzt lie sich Ekkehard nieder; noch einmal winkte er mit der Hand, dann
schwand er aus ihren Augen. Die Stille der Nacht unterbrach ein Drhnen und
Klingen am Gefelse, die Griechin schaute hinab: eine Felsplatte hatte sich
losgelst und strzte schmetternd zu Tal, eine zweite folgte langsameren Falles,
oben auf der zweiten sa Ekkehard und lenkte sie wie ein Reiter sein Ro, so
ging's den schiefen Verghang hinunter ins Dunkel der Nacht ... Fahr wohl!
    Sie bekreuzte sich und ging zurck, lchelnd in aller Betrbnis. Der
Klosterbruder schlief noch immer. Im Vorbeigehen sah Praxedis den Aschenkorb im
Hofe stehen, den griff sie, schlich in Ekkehards Verlies und schttete ihn
inmitten des Gemaches aus, als wre das alles, was von des Gefangenen
sterblichem Teil briggeblieben.
    Warum schnarchst du so stark, Hochachtbarer? sprach sie und enteilte.

                          Zweiundzwanzigstes Kapitel.



                             Auf dem Wildkirchlein.

Jetzund, vielteurer Leser, umgrte deine Lenden, greif' zum Wanderstab und fahr'
mit uns zu Berge. Aus den Niederungen des Bodensees zieht unsere Geschichte ins
helvetische Alpenland hinber: dort ragt der hohe Sntis vergnglich in die
Himmelsblue, wenn er just' nicht vorzieht, die Nebelkappe ums Haupt zu hllen,
und schaut lchelnd in die Tiefen, wo der Menschen Stdte zu eines
Ameisenhaufens Gre zusammenschrumpfen; und um ihn steht eine Landsgemeinde
stolzer Gesellen versammelt von gleichem Schrot und Korn, die recken ihre kahlen
Scheitel einander entgegen und blasen sich Nebelwolken zu, ein Rauschen und
Sausen zieht durch ihre Schlfte, und was sie ber menschliches Dichten und
Treiben sich zuflstern, klang vor tausend Jahren schon ziemlich verchtlich und
hat sich seither nicht um vieles gebessert.
    Ohngefhr zehn Tage, nachdem die Mnche der Reichenau im Hohentwieler
Burgturm an Stelle eines Gefangenen ein Hufchen Asche vorgefunden und viel
Verhandlung gepflogen hatten, ob ihn in bser Mitternacht der Teufel bewltigt
und zu Asche verbrannt, oder ob er entwichen sei, schritt ein Mann lngs dem
weigrnschumenden Sitterbach ber sprieende Matten und Felsgestein
bergaufwrts.
    Er trug einen Mantel aus Wolfsfell ber ein mnchisch Gewand, eine lederne
Tasche, umgeschlagen, in der Rechten einen Speer. Oftmals stie er die eherne
Spitze ins Erdreich und stemmte sich am Schaft, die Waffe als Bergstock nutzend.
    Rings um ihn stille tiefe Einsamkeit. Langgestreckte Nebelstreifen lagen
ber dem wilden Tal, wo die Sitter dem Seealpsee entspringt, aber hoch drber
weg schauten grimmige Steinwnde, von sprlichem Grn umsumt, himmelan. Die
Berghalden, wo jetzt in schindelumhllten Htten ein frhlich Hirtenvolk
zahlreich nistet, waren damals zumeist de und sprlich bewohnt; nur fern in der
Niederung des Tals stund die Zelle des Abts von Sankt Gallen und wenig
Behausungen dabei. Nach der blutigen Feldschlacht bei Zlpich war eine kleine
Schar freiheitsliebender alemannischer Mnner, die dem Franken ihren Nacken zu
beugen nimmer erlernen mochten, in diese Einde gezogen251; in zerstreuten
Ansiedelungen saen ihre Nachkommen und trieben in Sommerszeit ihre Herden zur
Alp, krftig verstndige Bergbewohner, die unangetastet vom Lrm der Welt ein
einfach freies Leben genossen und den folgenden Geschlechtern vererbten.
    Steiler und rauher ward der Pfad, den der Mann einschlug. Jetzt stund er
unter senkrecht aufstarrender Felswand; ein schwerer Wassertropfen war aus dem
Kalkgestein auf sein Haupt niedergetrauft, da schaute er prfend empor, ob der
grauenhafte berhang noch anhalte mit dem Einsturz, bis er vorber. Aber
Felswnde vermgen lnger im schiefen Zustand zu verharren als das, was
Menschenhnde bauen; es strzte nichts herab als ein zweiter Tropfen.
    Mit der Linken am Gestein sich anlehnend, schritt der Mann vorwrts. Immer
schmler ward der Steig, der schwarze Abgrund zur Seite rckte nher,
schwindelnde Tiefe ghnte herauf ... jetzt schwand auch die letzte Spur eines
Pfades. Zwei mchtige Fichtenstmme waren als Brcke ber den Abgrund gelegt.
Es mu sein! sprach der Mann und schritt unverzagt drber. Er atmete hoch auf,
wie er drben wieder Boden unter den Fen versprte, und machte Halt, um sich
den grausigen Platz zu betrachten. Es war ein schmaler Felsvorsprung, ber und
unter ihm senkrechte gelbgraue Steinwand, in der Tiefe, kaum sichtbar, ein
Silberstreif im Grn des Tales, der Waldbach Sitter, und scheu versteckt im
Tannendunkel der meerfarbige Spiegel des Seealpsee. Genber gepanzert und
gewappnet die Schar der Bergesriesen - die Feder will zu frhlichem Sang
aufjodeln, da sie ihre Namen schreiben soll: der langgestreckte rtselvolle
Kamor, die gewaltigen Mauern der Boghartenfirst und Sigels Alp und Maarwiese,
auf deren Zinnen wie Moos auf den Dchern wrziger Graswuchs grnt, dann der
Hter des Seegeheimnisses, der alte Mann mit runzelgefurchter Steinstirn und
weiumschneitem Haupt, des hohen Sntis Kanzler und Busenfreund.
    Ihr Berge des Herrn, benedeiet den Herrn! sprach der Wandersmann,
ergriffen von der Wucht des Eindrucks. Viel hundert Bergschwalben flatterten aus
den Spalten des Gesteins. Ihr Flug soll gute Vorbedeutung sein.
    Er tat etliche Schritte vorwrts. Da war die Felswand mchtig zerklftet,
eine doppelte Hhle tat sich auf, aus rohem Schaft zusammengefgt stand ein
schmucklos Kreuz dabei, Tannenstmme an der einen Hhlenwand zum Blockhaus
geschichtet und nach Art der damals blichen Kriegsgerste oder Belagerungstrme
mit zusammengefgtem Flechtwerk berdacht, deuteten auf menschliches Anwesen.
Kein Laut unterbrach die Stille.
    Der Fremde kniete vor dem Kreuz nieder und betete lang.
    Es war Ekkehard, - der Ort, wo er betete, das Wildkirchlein.
    Unversehrt war er auf seinem Bergrutsch, als ihn Praxedis befreit, in die
Tiefe gefahren; der andere Morgen fand ihn erschpft beim alten Moengal in
Radolfzelle. Ach, da ich in der Wste ein Httlein der Wandersleute haben
knnte, so wollte ich mein Volk verlassen und mich von ihnen absondern, denn sie
sind Lgner und treulos zusammen, sprach er mit den Worten des Propheten252,
nachdem er dem Leutpriester sein Leid geklagt.
    Da wies ihm der Alte den Sntis.
    Hast recht, sprach Moengal. Der heilige Gallus hat's ebenso gemacht. In
der Einsamkeit will ich verharren und auf den warten, der meine Seele gesund
machen soll253; er wr' vielleicht kein Heiliger geworden, wenn er anders gesagt
und getan htte. Verbei' deinen Schmerz. Wenn der Adler siech wird und seine
Augen dunkeln und seine Federn zergehen wollen, steigt er himmelan, so weit ihn
seine Schwingen tragen254. Sonnennhe verjngt. Tue desgleichen. Ich wei dir
ein gut Pltzlein zum Gesunden.
    Er beschrieb ihm den Weg.
    Du wirst einen droben finden, fuhr er fort, der seit zwanzig Jahren nicht
mehr viel von der Welt gesehen hat, er heit Gottschalk. Gr ihn von mir; so
Gott will, sind seine Snden vergeben.
    Der Leutpriester verschwieg aber, um welcher Snden willen sein ehemaliger
Freund dort Bue tat. Den hatte in teuern Zeiten das Kloster einst ins
Welschland gesendet, Korn einzukaufen, da kam er gen Verona und ward gut
aufgenommen vom streitschtigen Bischof Ratherius, und tat seine Andacht in der
ehrwrdigen Kathedralkirche. Dort lag unverschlossen im gldenen Sarg der Leib
der heiligen Anastasia, und die Kirche war leer und den Gottschalk verfhrte der
Teufel, da er nach Deutschland wollte ein Angedenken mitbringen, da nahm er von
der Heiligen Leib soviel er unter seiner Kutte mitschleppen konnte255: einen Arm
und einen Fu und etliche Wirbelknochen, und fuhr heimlich von dannen256. Aber
seine Ruhe war verloren von jener Stunde, in Wachen und Traum stand die Heilige
vor ihm, sie ging an der Krcke verstmmelt und zerrissen und forderte ihren Arm
zurck und ihren Fu - ber Schluchten und Alpenpsse folgte sie ihm, an der
Schwelle des heimischen Klosters trat sie ihm druend entgegen; da warf er halb
wahnsinnig die Reliquienbeute von sich und floh auf die Hhen beim Sntis, den
Lebensrest bend zu verbringen, und schuf sich dort seine Klause.
    Zwei Tage hatte der alte Moengal seinen jungen Freund beherbergt, dann
schaffte er ihn nchtlich ber den See. Geh' mir nicht ins Kloster zurck,
sprach er beim Auseinandergehen, da dich das dumme Gerede nicht umbringt.
Spott schadet mehr als Strafe. Es gehrt dir ein Denkzettel, aber die frische
Luft soll dir ihn bringen, die hat ein Recht dazu, die andern nicht. Speer und
Wolfspelz schenkte er ihm zum Abschied.
    Scheu und heimlich zog Ekkehard von dannen. Es war eine bittere Empfindung,
da er nchtlich an seinem noch halb in Trmmern liegenden Kloster
vorberschlich; etliche Lichter glnzten zu ihm herber, er beflgelte seinen
Schritt. Auch an der Abtszelle im Gebirgsland zog er ohne Ankehr vorbei, er
wollte von des Klosters Leuten nicht erkannt sein.
    ... Jetzt war sein Gebet beendigt. Er schaute erwartungsvoll nach dem
Hhleneingang, ob Gottschalk, der Einsiedel, nicht heraustrete und den neuen
Ankmmling begre. Es regte sich nichts, die Hhle stund leer. Sancta
Anastasia, ignosce raptori! Heilige Anastasia, verzeihe deinem Ruber! war
mit eingetrocknetem Krutersaft an die lichte Felswand angeschrieben. Ein
steingehauener Trog fing das herabtropfende Felswasser; es lief ber den Rand
herab.
    Er trat in die Kammer. Etliche tnerne Schsseln standen bei einer
Steinplatte, die als Herd gedient haben mochte. Ein grobgarniges Fischnetz lag
in der Ecke, Hammer, Spaten, ein verrostet Beil dabei, auch viel zugeschnittene
Kienspne.
    Auf tannenen Scheitern war eine Streu geschttelt, von Moder und Gewrm
zerfressen. Zwei Ratten sprangen, vom Eintretenden verscheucht, in eine Spalte
des Bodens.
    Gottschalk! rief Ekkehard durch die hohle Hand. Dann tat er einen Schrei,
wie er unter Leuten im Gebirg' als Anruf blich ist. Aber niemand erschien.
Nhere Umschau zeigte, da der Einsiedel nicht erst seit heute die Klause
verlassen. In einem Krug war Milch zur Kruste eingetrocknet. Da trat Ekkehard
betrbt wieder auf den schmalen Streif Erdreich, der zwischen Hhle und Abgrund
das Stehen ermglichte. Sein Blick wandte sich zur Linken. In weiter Ferne
blaute ein Stck Bodensee ber den Bergrcken. Die Pracht der Gebirgswelt
vermochte nicht ein Gefhl von unendlichem Weh zu bannen. Einsam und
gottverlassen stand er auf der jachen Hhe. Er reckte sein Ohr, als msse er
eines Menschen Stimme erlauschen. Aber nur das einfrmig leise Rauschen des
Windes durch die Tannen der Tiefe tnte herauf.
    Seine Augen wurden feucht.
    Es war spt geworden. Wohin? ... Ein starker Hunger zerstreute seine
Gedanken. Er trug noch fr drei Tage Speise bei sich. Da setzte er sich vor die
Hhle und verzehrte unter Trnen seinen Abendimbi. Sein Berg warf lange blaue
Schatten auf die Wnde genber, nur die steinernen Gipfel glhten noch im
Sonnenlicht.
    Solang' das Kreuz am Felsen steht, werd' ich nie ganz verlassen sein!
sprach er. Er trug etliches Gras vom Abhang zusammen und richtete sich ein Lager
auf die Stelle des vermoderten. Khle Nachtluft zog herauf. Da hllte er sich in
Moengals geschenkten Mantel und legte sich nieder. Der Schlaf ist ein gutes
Heilmittel fr die Leiden der Jugend. Er kam auch ber Ekkehard trotz Herzeleid
und einsamer Felswildnis.
    Die erste Dmmerung des Morgens zog ber dem Haupte des Kamor auf, nur der
Tagstern257 schien noch in schner Farbe, da fuhr Ekkehard aus dem Schlummer. Es
war ihm, als hab' er ein lustig scharfes Hirtenjauchzen gehrt. Dann glnzte im
tiefen dunkeln Grund der Hhle ein Licht auf. Er glaubte zu trumen, als lg' er
noch im Kerker, und Praxedis nahe befreiend. Aber das Licht kam nher,
Fackelglanz brennenden Kienspans; eine hochgeschrzte Maid trug die einfache
Leuchte. Er sprang auf. Unerschrocken stand sie vor ihm und sprach: Gott
willkommen!
    Es war ein keck halbwildes Wesen von gelblicher Hautfarbe und sprhenden
Augen, aus den Flechten des dunkelschwarzen Haares glnzte eine schwere silberne
Nadel in Form eines Lffels, der geflochtene Korb auf dem Rcken und der
Alpstock in der Rechten bezeichnete die Bewohnerin der Berge.
    Heiliger Gallus beschirme mich vor neuer Versuchung! dachte Ekkehard, aber
sie rief vergngt: Gott willkommen noch einmal! Der Vater wird recht froh sein,
da wir einen neuen Bergbruder haben. Man merkt's an der wenigen Milch der Khe,
sagt er immer, da der alte Gottschalk tot ist.
    Es klang nicht wie die Stimme eines weiblichen Dmon.
    Ekkehard war noch schlaftrunken. Er ghnte. Vergelt's Gott! sprach die
Maid. Warum vergelt's Gott? fragte er.
    Weil Ihr mich soeben nicht verschluckt habt! lachte sie, und eh' er weiter
fragen konnte, woher und wohin, sprang sie mit dem Kienspan zurck und
verschwand in der Hhle.
    Bald kam sie wieder. Ein graubrtiger Senn, in eine Decke von Lmmerfell
gehllt, folgte ihr.
    Der Vater will's nicht glauben! rief sie Ekkehard entgegen.
    Bedchtig schaute der Hirt auf den fremden Gast. Er war ein rauher Mann, der
einst in grner Jugendzeit beim altherkmmlichen Kraftspiel des Steinstoens den
hundertpfndigen Feldstein wohl ber zwanzig Schritte weit von sich
geschleudert, ohne einen Fu zu verrcken; sein gebruntes Antlitz und seine
sehnigen nackten Arme waren itzt noch Denkzeichen alter ungeschwchter Kraft.
    Ihr wollt unser Bergbruder sein? sprach er gutmtig zu Ekkehard und
reichte ihm die Hand. Recht so!
    Ekkehard war verlegen ob der wilden Erscheinung.
    Ich gedachte den Bruder Gottschalk zu besuchen, erwiderte er.
    Beim Strahl! da kommt Ihr zu spt, sprach der Senn. Der hat sich
verfallen im vorigen Herbst258, es war eine bse Geschichte. Schaut auf! er
wies ihm eine Felswand in die Tiefe, - auf jenen Hang ist er ins Laubsammeln
gegangen, ich hab' ihm selber geholfen: da fuhr er auf einmal empor, als htt'
ihn eine Schlange gebissen, gegenber auf den hohen Kasten hat er gedeutet,
Heilige Anastasia, rief er, du bist wieder ganz und stehst auf beiden Fen und
winkst mit beiden Armen! ... auf und davon ist er gesprungen, als wr' zwischen
dem Fels unten und dem hohen Kasten drben kein Tal und kein Abgrund, mit kyrie
eleison! ging's in die greuliche Tiefe - Gott hab' ihn selig! Aber erst im
heurigen Frhjahr haben wir den Leichnam gefunden, zerklemmt in den Felsen, und
die Lmmergeier waren drber und haben einen Arm und ein Bein vertragen, kein
Mensch wei wohin ...
    Mach' ihm keine Angst! sprach die Maid und stie den Sennen an.
    Deswegen mgt Ihr Euch doch bei uns festsetzen, sprach der Senn. Ihr
bekommt, was wir dem Gottschalk gaben, Milch und Ks und drei Ziegen in den
Stall, die mgen grasen, wo sie wollen. Im Notfall mgt Ihr auch mehr heischen,
wir hier oben sind keine Geizkrgen und Musmehlspalter. Ihr predigt uns dafr an
den Sonntagen und sprecht den Segen ber Alm und Weiden, da Wetter und
Bergsturz kein Verderb bringen, und lutet die Tagszeit.
    Ekkehard sah zweifelhaft in den starren Hhlenraum. Es tat ihm wunderwohl,
Menschen in der Nhe zu wissen, aber rtselhaft war's, woher sie kamen. Sind
Eure Almen in des Berges Tiefe? fragte er lchelnd.
    Er wei nicht, wo die Ebenalp steht! sprach das Hirtenkind mitleidig. Ich
will's Euch zeigen!
    Ihr Kienspan brannte noch.
    Sie wandte sich dem Innern der Hhle zu, die Mnner folgten ihr. Da ging's
durch enge dunkle Wlbung ins Innere des Berges, niedergestrztes Gestein
sperrte den Pfad, oft muten sie gebckt weiter kriechen. Scharfe rtliche
Streiflichter zuckten auf den Kanten der Wnde, - dann fiel fahler Schimmer des
Tages herein. Es ging in die Hhe, dort ffnete sich ein Ausgang. Die Hirtin
stie ihren Span an die seltsam geformten Tropfsteingebilde, die von der Decke
niederhingen, da er erlosch ... noch etliche Schritte, und sie stunden auf
weiter herrlicher Alp.
    Wrziger Duft von Alpenpflanzen umstrmte sie, da blhte Mannstreu und
Knabenkraut und blauer Eisenhut, der prchtige Alpenschmetterling Apollo mit dem
rotleuchtenden Auge auf den Flgeln wiegte sich ber den Blumenkelchen - nach
enger Hhlennacht erquickte ein weites, unendliches Rundbild den Blick.
    Noch lag der Frhnebel in den Tlern, schwer, unbeweglich, zusammengeballt,
als htte berall ein gewaltiges Meer gestrmt, und wre im Augenblick, da es zu
sprhendem Schaum aufwogte, versteinert worden; aber klar und scharf schnitten
die Hupter der Berge ihren Umri in das tiefe Blau der Himmelsdecke, wie
riesige Inseln dem Scho des Nebelmeers entsteigend. Auch der Bodensee war
umnebelt, in leisem Duft trmten sich die Reihen der fernen Gebirge an rtischer
Landmark mit ihren zackigen Felshrnern bereinand. Friedlich tnte weidender
Herden Gelut von den Halden herauf. In Ekkehards Gemt klang es wie ein stolz
demtiges Morgengebet.
    Ihr bleibet bei uns, sprach der alte Senn, ich seh' Euch's an den Augen
an.
    Ich bin ein landfremder Mann, erwiderte Ekkehard traurig, mich hat der
Abt nicht gesendet.
    Das gilt gleich, rief der Alte. Wenn's uns recht ist und dem Sntis dort
droben, so hat niemand was drein zu reden. Des Abts Twing und Bann reicht nicht
in unsere Hhen, wir zahlen ihm den Herdenzins, wenn seine Vgte am
Milchprfungstag259 zur Schau unserer Senntmer heraufkommen, weil's alter
Brauch ist, aber sonst: Sein' Grund und Boden pflanz' ich nicht, nach seiner
Pfeife tanz' ich nicht260, heit's hierzulande.
    Schaut her! - er wies Ekkehard eine graue Bergspitze, die aus
langgestreckten Eisfeldern einsam aufragte - das ist der hohe Sntis, der ist
Herr in den Bergen, vor dem schwenken wir den Hut, sonst vor niemand. Dort zur
Rechten ist der blaue Schnee; da war frher Alm und Weide und sa ein
bermtiger Mann drauf, der war ein Riese und ihm wuchsen die Herden und der
Stolz, da er sprach: ich will Knig sein ber alles, was mein Auge umfat! Aber
in des Sntis Tiefen hub sich ein Donnern und Beben und der Felsgrund regte sich
und Eisstrme rannen hervor und deckten den Riesen samt Htte und Stall und Vieh
und Alm, und vom blauen Schnee weht's jetzt noch frierend herunter, - ein
Denkzeichen, da neben dem Alten der Berge keiner zur Herrschaft berufen!
    Der Hirt schuf Ekkehard Vertrauen. Trotzige Kraft und gutes Herz strmte in
seinen Worten. Sein Kind hatte einen Strau Alpenrosen gepflckt und reichte sie
Ekkehard dar.
    Wie heit du? fragte er.
    Benedicta, sprach sie.
    Das ist ein guter Name, sagte Ekkehard und steckte die Alpenrosen in den
Grtel seiner Kutte; ich bleibe bei euch!
    Da schttelte ihm der alte Senne die Rechte, da sie in ihren Grundfesten
erbebte, dann griff er das Alphorn, das er an rohhutigem Riemen auf der
Schulter trug, und blies ein seltsam klingendes Zeichen. Aus Hhen und Tiefen
klang's antwortend herber, die benachbarten Sennen kamen herbei, starke wilde
Hirten, und standen zu dem Alten, den sie in der Frhlingszeit seiner
Tchtigkeit halber zum Alpmeister und Aufseher ber die Bergweiden der Ebenalp
erwhlt.
    Wir haben einen Bergbrder berkommen, sprach er, es wird keiner von euch
dawider schelten und tosen261?
    Und sie erhoben alle die Hnde als Zeichen der Zustimmung und gingen auf
Ekkehard zu und hieen ihn willkommen, und er ward gerhrt und machte das
Zeichen des Kreuzes ber sie.
    So ward Ekkehard Einsiedel auf dem Wildkirchlein und wute eigentlich selber
nicht wie. Der Senn von der Ebenalp hielt Wort und half ihm, sich einzurichten,
und stellte ihm drei Ziegen ein und wies ihm den Pfad zwischen Kluft und Spalt
zum Seealpsee hinunter, wo die groen Forellen schwimmen, und schindelte ihm die
Lcken zu, die tropfend Gewsser und Unbill des Wetters in das Dach von
Gottschalks Blockhaus geschlagen. Mhlich gewhnte sich Ekkehard an die Enge des
Raumes vor seiner Behausung, und wie der nchste Sonntag kam, trug er das
hlzerne Kreuz ins Innere der vorderen Hhle, wand einen Kranz Blumen drum, zog
die Glocke, die aus Gottschalks Zeiten am Eingang hing - (sie trug das Zeichen
Tanchos, des tckischen Glockengieers von Sankt Gallen), und als seine Sennen
mit Buben und Mgdlein beisammen waren, hielt er der kleinen Gemeinde eine
Predigt ber das Evangelium von der Verklrung und sprach darber, da ein jeder
Mensch, der mit rechtem Sinn zu Bergeshhen steige, ein verklrter werde. Und
wenn auch Moses und Elias nicht zu uns herabtreten, rief er, so haben wir den
Sntis und den Kamor bei uns stehen, das sind auch Mnner eines alten Bundes und
es ist gut bei ihnen sein!
    Seine Worte waren gro und keck, und er wunderte sich, da sie ihm so
entstrmten, denn es war schier ketzerisch und er hatte in keinem Kirchenvater
solch Gleichnis gelesen. Aber den Sennen war's recht und den Bergen auch und
niemand tat Einsprache.
    Des Mittags kam Benedicta, das Hirtenkind; ein silbern Kettlein schmckte
das Sonntagsmieder, das wie ein Panzer die Brust umschlo. Sie brachte einen
saubern eschenholzenen Milchkbel, drauf war in kunstlosen Linien eine Kuh
geschnitzt. Den schickt Euch der Vater, sagte sie, darum, da Ihr so
auferbaulich geprediget und von den Bergen Gutes gesprochen - und wenn Euch
einer was Leides tun will, sollt Ihr wissen, wo die Ebenalp steht.
    Sie warf etliche Handvoll Haselnsse aus ihrer Schurztasche in das
Milchgef: die hab' ich fr Euch gepflckt, sagte sie, und ich wei noch
mehr, wenn sie Euch schmecken.
    Bevor sich Ekkehard bedanken konnte, war sie in der Hhlentiefe
verschwunden.

Schwarzbraun sind die Haselnss',
Und schwarzbraun bin auch ich,
Und wenn mich einer lieben will,
So mu er sein wie ich,

tnte verklingend ihr schalkhafter Gesang durch die Klause.
    Ekkehard lchelte wehmtig.
    Aber ganz war der Sturm in seinem Herzen noch nicht geschwichtigt; es hallte
und tnte in ihm nach wie der Donner des Alpengewitters, der an ferner Bergwand
zu neuem Drhnen sich zusammenrafft.
    Eine riesige Felsplatte war bei der Hhle niedergestrzt, schmelzendes
Schneewsser hatte sie im Frhling losgenagt, sie sah aus wie die Decke eines
Grabmals. Dort sa er oft, er nannte sie stillschweigend das Grab seiner Liebe;
oft kam's ihm vor, als ruhe die Herzogin und er selber in khlem Schlaf der
Toten darunter, und er sa drauf und schaute ber die tannumsumten grnen
Rcken nach dem Bodensee hinber und trumte. Es war ihm nicht gut, da er den
See von seiner Klause erschauen konnte, wunde Rckerinnerung durchschmerzte sein
Inneres. Oft wollt' er zornig aufbrausen, oft bog er sich abendlich um die Ecke
seines Felsens in der Richtung des Untersees und hauchte Gre hinaus262. Wem
galten sie?
    Der Traum der Nacht war wirr und bewegt. Er sah sich wieder in der
Burgkapelle und die ewige Lampe schwebte ber der Herzogin Haupt wie damals, und
wie er auf seine Gebieterin zustrzen wollte, hatte sie das Antlitz der Waldfrau
und lachte ihm hhnisch ins Gesicht; und wenn er frhmorgens von seinem
Streulager aufsprang, hrte er sein eigen Herz pochen und das Wort Frau Hadwigs:
O Schulmeister, warum bist du kein Kriegsmann worden? verfolgte ihn, bis die
Sonne hoch am Himmel stand oder der Anblick Benedictas es verscheuchte.
    Oft warf er sich ins kurze schwellende Gras am Abhang und berdachte die
letzten Monate; in luternder Schrfe der Alpenluft prgten sich Gestalten und
Ereignisse klar vor seinem Denken, es peinigte ihn das Gefhl, da er sich zag
und scheu und tricht benommen und nicht einmal die Aufgabe gelst, eine
Geschichte zu erzhlen, wie Herr Spazzo und Praxedis. Ekkehard, du bist
lcherlich geworden, sprach er hhnisch leise zu sich selber und vermeinte
dabei, er msse an den Felswnden sein Gehirn anrennen.
    Melancholisch Gemt zehrt lang' an erlittener Beschdigung und vergit in
seinem Brten, da tadelhafte Tat nur durch nachfolgende bessere im Gemt der
Menschen verwischt wird.
    Darum war Ekkehard noch nicht reif fr die klrenden Wonnen der Einsamkeit.
Der haftende Eindruck vergangenen Leids tat eine seltsame Wirkung; wenn er in
seiner Hhlenstille sa, glaubte er Stimmen zu hren, die spottend mit ihm
plauderten von trichten Hoffnungen und den Tuschungen der Welt, Flug und Ruf
der Vgel klang ihm wie kreischender Schrei der Dmonen und sein Gebet half
nicht dawider. Wenn Schauer der Wildnis den Geist erfllt, tuscht sich Ohr und
Auge und glaubt die alten Sagen, da alles von Mitte der Luft bis hernieder und
die Erde selber, da wo sie unbauhaft263, erfllt sei vom Reigentanz ewig
lebender Geister.
    Es war eine weiche wrzige Sptsommernacht, er wollte sich auf sein einfach
Lager werfen, da schien der Mond in scharfem Glanz die Hhle an, zwei weie
Wolken zogen langsam einander nach, er hrte, wie sie zueinander sprachen, und
die eine Wolke war Frau Hadwig, die andere Praxedis. Ich will doch sehen, wie
die Ruhestatt eines flchtigen Toren aussieht, sprach die vordere weie Wolke
und streifte eilend ber die Scheitel der wagrechten Wnde und stand gegenber
der Hhle ber dem Kamor, dann senkte sie sich nieder zu den Tannen, die talab
in unzhligen Reihen standen: Er ist's! rief die Wolke, greifet den Frevler!
und die Tannen wurden lauter Mnche, tausend und aber tausend, und wurden
lebendig und zogen wimmelnd aus und begannen die Abhnge des Wildkirchlein zu
ersteigen, psalmend und rutenschwingend - da sprang Ekkehard schauernd auf und
griff seinen Speer - itzt war's, als wenn Irrlichter aus der Hhlentiefe
vorhpften: hinaus aus den Alpen! rief's hinter ihm - alle Adern fieberten, da
rannte er fort ber den schmalen Steg an den druenden Felsberhngen hinaus in
die Nacht wie ein Verzweifelter. Noch stand die zweite Wolke beim Mond: Ich
kann dir nicht helfen, sprach sie mit Praxedis' Stimme, ich wei den Weg nicht
...
    Er rannte bergab, das Leben war ihm eine Qual, und doch tastete er am
abspringenden Boden und stemmte den Speer ein, um nicht hinabzustrzen und den
herankletternden Spukgestalten in die Hnde zu fallen.
    Der nchtliche Rutsch den Hohentwiel hinab war ein Kinderspiel gegen dieses
Klimmen; ber schwindelnden Abgrund, der Gefahr unwissend, kam er zur Tiefe. Die
Ziegen strzen dort in zerschmetterndem Fall zu Tale, wenn sie die Augen von
Gras und Berghang weg zur halsbrechenden Schlucht wenden.
    Jetzt stand er unten; da lag geheimnisvoll lockend der grne Seealpsee, vom
Mondlicht umzittert. Von den verfaulten Stmmen am Ufer ging ein gespenstig
Scheinen. Es ward trb vor Ekkehards Blick. Nimm du mich auf! rief er, mein
Herz will Ruhe!
    Er rannte hinein in die stille glatte Flut, - aber der Boden wich nicht
unter ihm, wohlttig khlend drang ihm des Bergsees Frische durch Mark und Bein.
    Schon stund er bis an die Brust im Wasser, da hemmte er seinen Schritt. Wirr
schaute er auf, die weien Wolken waren verschwunden, vom Mond in Duft zerlst,
traurig prchtig funkelte Stern an Stern ihm zu Hupten.
    In khn phantastischer Linie schwang die Mglisalp ihren bis zur hchsten
Hhe grasumwachsenen Gipfel mondaufwrts; ihr zur Linken ruhig und ernst das
durchfurchte Haupt des alten Mann, zur Rechten aus gedoppeltem Eisfeld sich
emportrmend die graue Pyramide des Sntis, Zacken und Felshrner ringsum wie
furchtbare Schrecken der Nacht. Da knieete Ekkehard auf den Steinboden des Sees,
da ihm die Flut ber dem Haupt zusammenschlug, dann tauchte er wieder auf und
stund unbeweglich, die Arme hoch erhoben wie ein Beter264.
    Der Mond ging ber dem Sntis unter, blulicher Schimmer leuchtete auf dem
alten Schnee der Gletscher, da zuckte ein stechender Schmerz durch Ekkehards
Gehirn, die Berge um ihn tanzten und schwankten, sausendes Getn strmte durch
die Wlder, aufschumte der See, viel tausend werdende Frsche in schwarzer
Kaulquappengestalt wimmelten in den Wogen ... Aber in tauiger Schne stieg die
Gestalt eines Weibes265 empor und entschwebte bis zum Gipfel der Mglisalp, dort
sa sie im samtweichen Grn und strich das Wasser aus dem langen triefenden Haar
und flocht sich einen Kranz aus Alpenblumen, in den Schluchten hob sich ein
Krachen, der Sntis reckte sich auf, der alte Mann zur Rechten nicht minder,
Gestalten himmelstrmenden Ursprungs tobten sie gegeneinand, der Sntis griff
seine Wnde und schleuderte sie hinber, und der alte Mann ri sich sein Haupt
ab und warf's auf die Sntispyramide - itzt stund der Sntis zur Rechten und der
alte Mann floh vor ihm zur Linken, aber die Jungfrau des Sees sa in lchelnder
Ruhe auf ihrer Alpe und spottete der steinernen Zweikmpfer und rang ihr
felsgelbes Gelock, draus entstrmte perlender Wasserfall und strmte strker und
strmte wilder und wirbelte die Maid mit den feuchten Augen rauschend hinab in
den See - da schwichtigte sich das Toben der Berge, der Altmann griff sein
weggeworfenes Haupt und setzte es auf und wandelte schmerztraurig jodelnd zurck
zur Kluft, in die er gehrte, und der Sntis stund wieder am alten Platz und
seine Schneefelder leuchteten wie vordem.
    ... Als Ekkehard des andern Tages erwachte, lag er in seiner Hhle, von
fiebrigem Frost durchschttelt - in den Knieen todmde Zerbrochenheit.
    Die Sonne stand in der Mittagshhe.
    Benedicta huschte drauen vorbei und sah ihn zitternd daliegen, den
Wolfspelz umgeschlagen. Die Kutte hing triefend und wasserschwer ber einem
Felsstck.
    Wenn Ihr wieder Forellen im Seealpsee fangen wollt, Bergbruder, sprach
sie, so lat mich's wissen, da ich Euch fhre. Der Handbub, der Euch vor
Sonnenaufgang begegnete, hat gesagt, Ihr seid den Berg heraufgewankt wie ein
Nachtwandler.
    Sie ging und lutete die Mittagglocke fr ihn.

                          Dreiundzwanzigstes Kapitel.



                                Auf der Ebenalp.

Sechs Tage lang war Ekkehard krank gelegen. Die Sennen pflegten ihn, ein Trank
aus blauem Enzian gekocht, schwichtigte das Fieber. Die Alpenluft tat das ihre.
Eine starke Erschtterung war ihm notwendig gewesen, um an Krper und Geist das
gestrte Gleichgewicht herzustellen. Jetzt war's in Ordnung. Er hrte keine
Stimmen und sah keine Phantasmen mehr. Lindes Gefhl von Ruhe und aufsprossender
Gesundheit durchstrmte ihn; es war jener Zustand sanfter Ankraft, der
schwermtigen genesenden Menschen so wohl ansteht. Sein Denken war ernst, aber
nimmer bitter.
    Ich hab' von den Bergen was gelernt, sprach er zu sich selber, Toben
hilft nicht, wenn auch die zauberreichste Maid vor uns sitzt, der Mensch mu von
Stein werden, wie der Sntis, und khlenden Eispanzer ums Herz legen, kaum der
Traum der Nacht soll wissen, wie es drinnen kocht und glht, das ist besser.
    Und mhlich ward ihm die Trbsal der letzten Vergangenheit in mildem Duft
verklrt; er dachte an die Herzogin und alles, was auf dem hohen Twiel
geschehen, es tat ihm nimmer weh. Und das ist das Frtreffliche gewaltiger
Natur, da sie nicht nur sich selber als ein mchtig wirkend Bild vor den
Beschauenden stellt, sondern den Geist berhaupt ausweitend anregt und
fernliegende verschwundene Zeit im Gedchtnis wieder heraufbeschwrt. Ekkehard
hatte lang' nimmer auf die Tage' seiner Jugend rckgeschaut, jetzt flchtete
sich sein Denken am liebsten dorthin, als wr' es ein Paradiesgarten, aus dem
ihn der Sturm des Lebens hinausgeweht. Er hatte etliche Jahre in der
Klosterschule zu Lorsch am Rheine verbracht; damals ahnte er nicht, was in der
Frauen dunkeln Augen fr herzverzehrende Glut verborgen glimmt, die alten
Pergamente waren seine Welt.
    Aber eine Gestalt stand ihm schon damals fest ins Herz geschrieben, das war
der Bruder Konrad von Alzey. An ihn, den wenig Jahre lteren, hatte Ekkehard die
erste Neigung junger Freundschaft geheftet; ihr Lebensweg ging auseinand, es war
Gras gewachsen ber die Tage von Lorsch, jetzt tauchten sie strahlend vor der
Betrachtung auf, gleich dem dunkeln Hgelland der Flche, wenn die Morgensonne
ihre Strahlen drauf geworfen.
    Es ist mit des Menschen Geist wie mit der Rinde der alten Erde; auf den
Anschwemmungen der Kindheit trmen sich in strmischer Hebung neue Schichten
auf, Fels und Grat und hohe Bergwand, die bis in den Himmel zu reichen whnt,
und der Boden, drauf sie ruht, ist mit Trmmern berschttet und vergessen, -
aber wie die starren Gipfel der Alpen oft sehnschtig zu Tale schauen und sich
heimwehbewltigt hinabstrzen in die Tiefe, der sie entstiegen, so fhrt die
Erinnerung zurck in die Jugend und grbt nach den Schtzen, die sie unbeachtet
beim tauben Gestein zurcklie.
    Jetzt flog Ekkehards Denken oftmals zu seinem treuen Gespan, er stund wieder
mit ihm, unter der rundbogigen sulengetragenen Vorhalle, er betete mit ihm an
den alten Knigsgrbern und am Steinsarg des blinden Herzog Thassilo, er
wandelte mit ihm durch die schattigen Gnge des Klostergartens und lauschte
seinen Worten, - und was Konrad damals gesprochen, war hehr und gut, denn er
schaute mit dem Aug' eines Dichters in die Welt, und es war, als mten Blumen
am Wege aufsprieen und die Vgel lustig begleitend drein schmettern, wenn sein
Mund sich auftat zu honigser Rede.
    Schau auf, Kind Gottes! hatte Konrad einmal zum jungen Freund gesagt, da
sie von der Warte des Gartens hinabschauten ins Land, dort, wo die weien
Sanddnen aus dem Feld aufragen, ist ehemals Flu gewesen und Strmung des
Neckar: so geht die Spur vergangener Menschengeschichten durch die Felder der
Nachkommen, und es ist schn, wenn sie des achthaben. Und hier am Rhein ist
heiliger Boden, es wre Zeit, da wir das sammeln, was drauf gewachsen, eh' uns
das leidige Trivium und Quadruvium den Sinn dafr abttet.
    Und an frhlichen Vakanztagen war Konrad mit ihm in den Odenwald gewandert,
da rieselte im grnen Birkental versteckt eine Quelle, draus tranken sie, und
Konrad sprach: Neige dein Haupt, hier ist der Totenhain und Hagens Buche und
Siegfrieds Bronn, hier ward dem besten aller Recken vom grimmen Hagen der Speer
in den Rcken gerannt, da die Blumen allenthalb von rotem Blut ertauten, dort
auf dem Sedelhof hat Chriemhildis um den Erschlagenen getrauert, bis des
Hunnenknigs Boten kamen, um die junge Witib zu werben - und er erzhlte ihm
all' die alten Mren von der Knigsburg zu Worms und vom Nibelungenschatz und
von Chriemhildis' Rache, und seine Augen sprhten: Schlag' ein! rief er dem
jungen Freunde zu, wenn wir Mnner sind und des Sanges gebt, wollen wir ein
Denkmal setzen den Geschichten am Rhein; es grt und braust schon in mir wie ein
gewaltig Lied von Heldentapferkeit und Not und Rache und Tod, und die Kunst des
hrnen Siegfried, sich zu festen und zu feyen, wei ich, wenn's auch keine
Drachen mehr zu erschlagen und kein Blut mehr abzukochen gibt: wer mit heiligem
Sinn die Waldluft schlrft und die Stirn mit dem Morgentaue netzt, dem geht das
gleiche Verstndnis auf, er hrt, was die Vgel von den Zweigen singen und was
der Sturmwind von alten Mren kndet, und wird stark und so fest, und wenn er
das Herz am rechten Fleck hat, schreibt er's nieder zu Nutz und Frommen der
anderen.
    Ekkehard aber hatte schier furchtsam den frhlich bermtigen angeschaut und
gesagt: Mir wird schier schwindlig, wenn ich dir zuhre, wie du ein anderer
Homerus zu werden gedenkst. Und Konrad sprach lchelnd: Eine Ilias soll keiner
singen nach Homerus, aber das Lied der Nibelungen ist noch nicht gesungen und
mein Arm ist grn und mein Mut ist stark, und wer wei, was die Folge der Zeiten
bringt!
    Und ein andermal gingen sie am Gestade des Rheines und die Sonne spiegelte
sich ber den Bergen des Wasgauwaldes herunter in den Wellen, da sprach Konrad:
Fr dich wt' ich auch einen Sang, der ist einfach und nicht allzu herb und
pat zu deinem Gemt, denn du horchst lieber dem Schalle des Jagdhorns als dem
Rollen des Donners. Schau auf! so wie heute hat einst die Zinne von Worms
herbergeglnzt, da der Held Walthari von Aquitanien aus der
Hunnengefangenschaft fliehend ins Frankenland ritt; hier hat ihn der Ferg'
bergefahren samt seiner Liebsten und seinem Goldschatz, nach dem Walde ist er
geritten, der dort blaudunkel ragt, das gab am Wasichenstein ein hartes Fechten
und Funkensprhen von Helm und Schilden, da ihm die Wormser nachrckten, aber
die Lieb' und ein gut Gewissen hat den Walthari stark gemacht, da er sie alle
bestand, den Knig Gunther und Hagen selbst, den Grimmen.
    Und er hatte ihm die Sage weitlufig erzhlt; um groe Riesenbume treibt
allerhand wilder Scho߫, sprach er, so ist auch um die Nibelungensage ringsum
viel ander Buschwerk aufgespriet, aus dem sich etwas zuschneiden lt, wenn
einer Freude dran hat; sing' du den Walthari!
    Aber Ekkehard lie damals Kiesel ber die Rheinflut tanzen und verstand
seinen Freund nur halb; er war ein frommer Schler und sein Sinn aufs nchste
gerichtet. Die Zeit trennte die beiden, und Konrad mute die Klosterschule
fliehen, weil er einst gesagt, des Aristoteles Logika sei eitel leeres Stroh,
und war in die weite Welt gegangen, niemand wute wohin, und Ekkehard kam nach
Sankt Gallen und hatte fort und fort studiert und war ein verstndiger junger
Mann geworden, den sie zum Professor tauglich fanden, und dachte an den Alzeyer
Konrad oft schier mit einem vornehmen Mitleid.
    Aber ein triebkrftig Samenkorn kann in des Menschen Herz lange verborgen
ruhen und geht zuletzt doch auf, wie der Weizen aus den Mumiensrgen
gyptenlands.
    Da Ekkehard jetzo freudig jener Erinnerungen pflegte, war ein Zeichen, da
er seither auch ein anderer geworden.
    Und es war gut so. Die Launen der Herzogin und Praxedis' unbefangene Grazie
hatten sein bldes, schwerfllig grndliches Wesen gelutert, die groe Zeit,
die er durchlebt, das Sausen der Hunnenschlacht hatten Schwung in seine
Gesinnung getragen und ihn das Getrieb kleinen Ehrgeizes verachten gelehrt,
jetzt trug er einen groen Schmerz in sich, der ausgetobt sein mute - so war
der Klostergelehrte trotz Kutte und Tonsur in der glcklichen Umwandlung zum
Dichter begriffen und schritt einher gleich der Schlange, die sich aus der alten
Umhutung losgerungen und nur der Gelegenheit wartet, ihre ganze Hlle wie einen
abgetragenen Rock an der Hecke abzustreifen.
    Tglich und stndlich, wenn er die allezeit schnen Gipfel seiner Berge
anschaute und die reine Luft mit vollen Zgen einsog, kam es ihm mehr als ein
Rtsel vor, da er seines Lebens Glck erst im Erklren und Deuten vergilbter
Schriften gesucht und hernachmals an einer stolzen Frau schier den Verstand
eingebt; la strzen, Herz, sprach er, was nicht mehr stehen mag, und bau'
dir eine neue Welt, bau' sie dir tief innen, luftig, stolz und weit, strmen und
verrinnen la die alte Zeit!
    Er ging wieder vergngt in seiner Klause umher, eines Abends hatte er die
Vesperzeit gelutet, da kam der Senn von der Ebenalp; er trug etwas sorgsam in
einem Tuch. Gott gr, Bergbruder! sprach er, es hat Euch ordentlich
geschttelt, hab' heut was fr Euch aufgelesen zur Nachkur, aber Eure Backen
sind rot und Eure Augen frhlich, da ist's nimmer ntig. Er ffnete sein Tuch,
es war ein wimmelnder Ameisenhaufen, alt und jung, samt trockenen Fichtennadeln;
er schttelte das fleiige Vlklein die Felswand hinunter.
    Ihr httet sonst heute nacht drauf schlafen mssen, sprach er lachend,
das beizt die letzte Spur von Fieber hinweg.
    Es ist vorbei, sprach Ekkehard, ich dank' Euch fr die Medizin.
    Aber macht Euch warm ein, sagte der Senn, es streicht eine schwarze Wolke
ber den Brlltobel her und die Krten schleichen aus den Steinritzen vor, das
Wetter will umschlagen.
    Am andern Morgen glnzten alle Gipfel in frischem blendendem Wei. Es war
ein starker Schnee gefallen. Aber fr Winters Anfang war's noch viel zu frh.
Die Sonne stieg lustig drber auf und peinigte den Schnee mit ihren Strahlen,
da es ihn schier gereute, gefallen zu sein. Wie Ekkehard abends beim
Kienspanlicht sa, schlug ein Krachen und Drhnen an sein Ohr, als wollten die
Berge einstrzen. Er fuhr zusammen und legte die Hand an die Stirn, ob das
Fieber nicht wiederkomme.
    Aber es war kein Spuk kranker Einbildung.
    Dumpfer Widerhall wlzte sich genber durch die Schluchten der Sigelsalp und
Maarwiese, dann klang's wie ein Zusammenbrechen mchtiger Baumstmme und
schtternder Fall - und verklang. Aber ein leis klagendes Brummen tnte die
ganze Nacht durch vom Tal herauf.
    Ekkehard schlief nicht. Seit er am Seealpsee herumgeirrt, traute er sich
nimmer. In aller Frhe ging er zur Ebenalp hinauf. Benedicta stand vor der
Sennhtte und warf ihm einen Schneeball in die Kutte. Der Senn lachte, als er
ihn ob des nchtlichen Lrms befragte.
    Die Musik werdet Ihr noch oft hren, sprach er, es ist eine Lawine zu Tal
gestrzt.
    Und das Brummen?
    Wird Euer eigen Schnarchen gewesen sein.
    Ich hab' nicht geschlafen, sagte Ekkehard. Da gingen sie mit ihm hinunter
und horchten. Es war ein fernes Sthnen im Schnee.
    Sonderbar, sprach der Senn, es ist was Lebendiges verschttet.
    Wenn der Pater Lucius von Quaradaves noch lebte - sagte Benedicta, der
hat so eine sanfte Brenstimme gehabt.
    Schweig, du wilde Hummel! drohte ihr Vater. Sie holten Schaufel und
Bergstock, der Alte nahm sein Handbeil mit, so stiegen sie mit Ekkehard den
Spuren der Lawine nach. Die war von der Felswand zum scher herabgefahren ber
Grund und Steingerlle und hatte die niedrigen Fichtenstmme geknickt wie
Strohhalme; drei mchtige Blcke, die gleich Schildwachen ins Tal hinabschauten,
hemmten den Sturz, dort hatte sich der wandernde Schnee zrnend aufgebumt,
weniges war auch ber diese Schranke weggesaust, der Kern, zerbrckelt von der
Wucht des Anpralls, lag in trmmerhafter Masse getrmt. Der Senn legte sein Ohr
an die Schneedecke, dann trat er etliche Schritte hinein, stie den Bergstock
ein und rief: Hier graben wir!
    Und sie gruben eine gute Weile und gruben einen Schacht, also, da sie tief
drinnen standen und ber ihren Huptern die Schneemauer sich erhob, und bliesen
oftmals in die Hnde bei der kalten Arbeit. Da jodelte der Senn hell auf und
Ekkehard tat einen Schrei - ein schwarzer Fleck kam zum Vorschein, der Senn
sprang zum Beil, noch etliche Schaufelste, da hob sich's in zottiger
Schwerflligkeit und richtete sich brummend auf und reckte seine Vordertatzen
weit empor gen Himmel, wie einer, der sich schweren Schlaf aus den Gliedern
bannen will, und stieg langsam zu dem Fels und setzte sich drauf.
    Es war eine mchtige Brin, die auf nchtlichem Gang zu den Forellen des
Seealpsees samt ihrem Ehgemahl dort berschttet worden. Aber der Br rhrte
sich nimmer, der war an ihrer Seite erstickt und lag in khlem Todesschlaf,
einen trotzigen Zug um die Schnauze, als wr' er mit einem Fluch auf allzu
frhen Schneefall vom sen Dasein geschieden.
    Der Senn wollte mit seinem Beil wider die Brin ausziehen, aber Ekkehard
hielt ihn zurck und sprach: Lasset ihr das Leben, wir haben genug an dem da!
und sie zogen ihn herfr und mochten ihn kaum selbander von der Stelle bringen.
Die Brin sa auf ihrem Stein und schaute betrbt herunter und brummte und warf
einen feuchten Blick auf Ekkehard, als habe sie ihn verstanden. Dann stieg sie
hernieder, aber nicht wie zum Angriff; die Mnner banden Fichtengezweig zu einer
Schlinge zusammen, die Beute fortzuschleifen, sie traten zurck, Beil und Speer
geschwungen, die Brenwitib aber beugte sich ber den toten Ehegespons und bi
ihm das rechte Ohr ab und fra es auf zu ewigem Angedenken an glckliches
Ehemals, dann wandte sie sich gegen Ekkehard, auf den Hinterfen
einherwandelnd. Er erschrak, als drohte ihm eine Umarmung, da schlug er ein
Kreuz und sprach den Brensegen des heiligen Gallus wider sie: Zeuch aus und
weiche von unserem Tal, du Ungetm des Waldes, Berg und Alpenschlucht seien dein
Revier, uns aber la in Ruh' und die Herden der Alm266. Und die Brin war still
gestanden, im Aug' einen bitter wehmtigen Blick, als wre sie gekrnkt ob der
Verschmhung ihres Gefhls, sie lie die Tatzen zur Erde sinken, drehte dem
Bannenden den Rcken und schritt auf allen vieren von dannen. Noch zweimal hatte
sie umgeschaut, ehe sie aus dem Blick der Bergbewohner verschwand.
    So ein Tier hat zwlf Mnner Verstand und sieht dem Menschen, an den Augen
an, was er will, sprach der Senn, sonst wrd' ich sagen: Ihr seid ein heiliger
Mann, da Euch die Vlkerschaften der Wildnis gehorchen.
    Er wiegte die Tatzen des Toten prfend im Arm:
    Juhuhu, das wird ein Festschmaus. Die verzehren wir am nchsten Sonntag,
Bergbruder, und ein Saltlein von Alpenkrutern dazu. Das Fleisch gibt
Wintervorrat fr uns zweibeide, ums Fell losen wir.
    Wie sie das Opfer der Lawine zum Wildkirchlein emporschleiften, sang
Benedicta:

Und wer Schneeglcklein graben will
Und hat das Glck dabei,
Der grbt wohl einen Bren aus
Und grbt auch ihrer zwei.

    Der Schnee war ein luftiger Flutterschnee267 gewesen und war in Blde wieder
zerschmolzen, Sptsommer zog noch einmal mit herzwrmender Kraft in den Bergen
ein, ein stiller Sonntagfriede lag ber dem Hochland.
    Ekkehard hatte des Mittags mit dem Senn und seiner Tochter die Brentatzen
verzehrt, eine lecker krftige Speise, rauh, aber stark, wie die Altvorderen
selber; dann war er hinaufgestiegen auf den Gipfel der Ebenalp und hatte sich
ins duftende Gras geworfen und schaute behaglich in die Himmelsblue, von
wohligem Hauch der Gesundheit erquickt. Um ihn weideten Benedictas Ziegen;
schier war's zu hren, wie das Alpengras zwischen den Zhnen der Kauenden sich
bog und zerbrach. Unstetes Gewlk zog an den Bergwnden herum, - auf weier
Kalksteinplatte, dem Sntis zugewendet, sa Benedicta; sie blies auf der
Schwegelpfeife. Einfach, melodisch wie ein Klang aus ferner Jugendzeit tnte die
Weise, mit zwei hlzernen Milchlffeln in der Linken schlug sie den Takt dazu.
Sie war Meisterin in dieser Kunst, und ihr Vater pflegte oftmals mit Bedauern zu
sagen: Es ist schade, sie verdiente Benedictus zu heien, - sie htt' wahrlich
einen tollen Handbuben gegeben.
    Wenn die Tonweise rhythmisch zu Ende ging, tat sie einen scharfen Jodelruf
zur benachbarten Alp, dann schallte von dort sanftkrftiges Blasen des Alphorns
herber, ihr Liebster, der Senn auf der Klus, stand unter dem zwergigen
Fichtenbaum und blies den Kuhreigen268 - jenen seltsamen Naturlaut, der, keiner
Melodei vergleichbar, erst dumpfes Gerusch scheint, als se eine Hummel oder
ein Kfer im Horn eingesperrt und suche summend den Ausweg, der aber mhlich und
mhlich das groe Lied von Sehnsucht, Liebe und Heimweh in alle Gnge des
Menschenherzens hinein drommetet, da es aufjubelt oder zerbricht.
    Ich glaube, Euch ist wieder ganz wohl, Bergbruder, rief Benedicta zu
Ekkehard herauf, da Ihr Euch so vergngt auf den Rcken strecket. Gefllt's
Euch?
    Ja, sprach Ekkehard, pfeif weiter.
    Er konnte sich nicht satt schauen an all' der Pracht. Zur Linken stund in
schweigender Gre der Sntis mit seiner Sippe, - er kannte schon all' die
einzelnen Hupter bei ihren Namen und hie sie seine lieben Nachbarn; vor ihm
breitete sich ein Gewimmel niedrigerer Berge und Hgel aus, grnes ppiges
Mattenland und dunkle Wlder, ein Stck Rheintal glnzte herauf, von den Hhen
des Arlbergs und fernen Rtischen Alpen umsumt, - ein dunstiger Streif Nebel
deutete das Becken des Bodensees an, das er umhllte - alles war weit und gro
und schn.
    Wer das Geheimnis erlauscht hat, das auf luftiger Berghhe waltet und des
Menschen Herz weitet und dehnt und himmelan hebt in freiem Schwung der Gedanken,
den fat ein lchelnd Mitleid, wenn er derer gedenkt, die drunten in der Tiefe
Ziegel und Sand zum Bau neuer babylonischer Trme beischleppen, und er stimmt
ein in jenes rechtschaffene Jauchzen, von dem die Hirten sagen, da es vor Gott
gelte wie ein Vaterunser.
    Die Sonne stund ber dem Kronberg und neigte sich zum Untergang und sprhte
ein glhgolden Feuer an den Himmel und scho lustig ihre Strahlen in den Nebel
ber dem Bodensee. Itzt ri die weie Umhllung, in leiser, ahnungsvoller Blue
lag der Untersee vor Ekkehards Blick; sein Auge schrfte sich im Glanz des
Abends, er sah einen verschwindenden dunkeln Punkt, das war die Reichenau, er
sah einen Berg, kaum hob er sich am Himmelsgrund, aber er kannte ihn - es war
der hohe Twiel.
    Und der Kuhreigen tnte ins Herdengelut und wrmer und wrmer frbte sich
alles auf der Alp, goldbraungrn leuchteten die Matten, leiser Abglanz der Rte
warf sich auf die grauen Kalksteinwnde des Kamor, da hub sich auch in Ekkehards
Seele ein Leuchten und Glnzen, - die Gedanken flogen hinber ins ferne Hegau
und weiter, es war ihm, als se er wieder bei Frau Hadwig auf dem Hohenstoffeln
wie damals, als sie des Hunnen Cappan Hochzeit feierten, als kme Audifax mit
Hadumoth aus der Hunnennot heimgeritten, als sh' er das Glck in Gestalt jener
zwei verkrpert, und aus dem Schutt vergangener Zeit tauchte auf, was der
sinnige Konrad von Alzey ihm dereinst von Walthari und Hiltgunde erzhlt, mit
Sang und Klang zog der Geist der Dichtung bei ihm ein, er sprang auf und tat
einen Satz in die Luft, da der Sntis seine Freude an ihm haben mochte: Im
Bild der Dichtung soll das arme Herz sich dessen freuen, was ihm das Leben
nimmer bieten kann, an Reckenkampf und Minnelohn, - ich will das Lied vom
Walthari von Aquitanien singen! rief er der scheidenden Sonne zu, und es war
ihm, als stnde drben in der Gemsenlucke zwischen Sigelsalp und Maarwies
glanzumwallt der Freund seiner Jugend, der Meister Konrad, und winke ihm mild
lchelnd herber und spreche: Tu's!
    Und Ekkehard ging frhlich ans Werk. Was bei uns geschieht, mu recht
geschehen oder gar nicht, sonst lachen uns die Berge aus - so hatte der Senn
eines Tages zu ihm gesprochen, und er hatte beifllig dazu genickt. Der Handbub
ward ins Tal geschickt, Eier und Honig zu holen, da bat ihn Ekkehard fr einen
Tag bei seinem Meister frei und gab ihm einen Brief nach Sankt Gallen an seinen
Neffen. Er schrieb ihn in damals blicher dort wohlbekannter Stabrunenschrift269
, damit ihn kein Unberufener lese. Darin aber stand:
    Dem Klosterschler Burkard Heil und Segen.
    Der du ein Augenzeuge von deines Oheims Leid gewesen, wisse zu schweigen.
Und wo er weilet, frage nicht - Gottes Hand reicht weit. Du hast im Procopius270
gelesen vom Vandalenknig Gelimer; da er im numidischen Gebirg' eingeschlossen
sa und sein Elend gro war, heischte er von den Belagerern eine Harfe, seinen
Schmerz zu versingen. Gedenke dabei deines Ohms und wolle dem berbringer eine
eurer kleinen Harfen mitgeben und etliche Bogen reinen Pergamentes samt Farbe
und Rohrfeder, denn mein Herz ist wohlgemutet zu singen in der Einsamkeit.
Verbrenne das Blatt. Die Gnade Gottes sei mit dir! Leb' wohl!
    Mut schlau und frsichtig sein, als wenn du eines Adlers Nest beschleichen
wolltest, um die Jungen auszuheben, sprach Ekkehard zum Handbuben. Erkunde den
Klosterschler, der mit dem Wchter Romeias war, da die Hunnen kamen, dem
entbiete den Brief. Sonst soll niemand drum wissen.
    Der Handbub legte den Zeigefinger auf die Lippen: Bei uns wird nichts
verplaudert! sprach er, Bergluft macht still.
    Nach zwei Tagen kam er wieder bergan gestiegen. Er packte den Inhalt seines
Tragkorbes vor Ekkehards Hhle aus. Eine kleine Harfe war unter grnen
Eichzweigen verborgen, dreieckig, der Gestalt des griechischen Delta
nachgebildet, mit zehn Saiten besaitet, Farbe und Schreibgert dabei und viel
Bltter saubern weichen Pergamentes, sorgsam waren die Linien drein punktiert,
da die Buchstaben gerade und eben drauf zu stehen kmen.
    Aber der Handbub sah finster und trotzig drein.
    Hast's brav gemacht, sagte Ekkehard.
    Ein zweites Mal lass' ich mich nicht mehr dort hinunterschicken, murrte
der Bub und ballte die junge Faust.
    Warum?
    Weil dort keine Luft geht fr unsereins. Im Stblein der Wandersleut' hab'
ich mir den Schler erkundet und hab' den Auftrag bestellt. Hernach aber wollt'
ich erschauen, was das fr eine heilige junge Zunft sei, die dort in Kutten zur
Schule geht, und bin in den Klostergarten gegangen, dort haben die jungen Herren
mit Wrfeln gespielt und Wein getrunken, es war ein Ergtzungstag271. Da hab'
ich zugesehen, und wie sie Steine nach dem Ziel warfen und das Stockspiel
trieben, hab' ich laut auflachen mssen, weil alles schwach und spottmig war.
Und sie wollten wissen, warum ich lache, da hab' ich einen Stein gegriffen und
hab' ihn zwanzig Schritt weiter geworfen als der beste von ihnen, und hab'
gesagt: Was seid ihr fr Wachholderdrosseln, wollt ein rechtschaffen Spiel
spielen und habt lange Kutten an, euch kann ich ja nicht einmal zum Hosenlupf
ausfordern oder zu einem gehrigen Schwingen: euer Sach' ist nichts! Da sind sie
mit Stcken auf mich los, aber den nchsten hab' ich gegriffen und durch die
Lfte geworfen, da er ins Gras flog wie ein flgellahmer Bergrabe; und sie
erhoben ein gro Geschrei und sagten, ich sei ein grober Bergbub, ihre Strke
sei Wissenschaft und Geist. Da hab' ich wissen wollen, was der Geist sei, und
sie sprachen: Trink' Wein, dann schreiben wir dir's auf den Rcken! Und der
Klosterwein war gut, ein paar Krge hab' ich ihnen weggetrunken, dann haben sie
mir etwas auf den Rcken geschrieben, ich wei nimmer, wie's zuging, aber andern
Morgens hab' ich nur einen schweren Kopf gehabt und wei von ihrem Geist im
Kloster so wenig denn vorher.
    Der Handbub streifte sein rauhes Flachshemd zurck und wies Ekkehard seinen
Rcken. Der trug in groem Lapidarstil mit schwarzer Wagensalbe aufgetragen die
Inschrift:

Abatiscellani, homines pagani,
vani et insani, turgidi villaniA1.

    Es war ein Klosterwitz. Ekkehard mute lachen. La dich's nicht
verdrieen, sprach er, und denke, da du selber schuld bist, weil du zu tief
in den Weinkrug geschaut.
    Der Handbub war nicht beruhigt. Meine schwarzen Ziegen sind mir lieber als
all' die Herrlein, sprach er und knpfte sein Hemd wieder zu. Aber wenn mir so
ein Hasenfu, so ein Lappi auf die Ebenalp kommt, dem schreib' ich mit
ungebrannter Asche ein Wahrzeichen auf die Haut, da er zeitlebens dran denken
soll, und wenn's ihm nicht recht ist, kann er den Bergtobel hinabsausen wie ein
Schneesturz im Frhling.
    Brummend ging der Bub von dannen.
    Ekkehard aber nahm die Harfe und setzte sich unter das Kreuz vor die Hhle
und griff eine frhliche Tagweise; er hatte lange nimmer die Saiten gerhrt, es
tat ihm wundersam wohl, der mchtigen Einsamkeit gegenber in leisen Tnen
auszusprechen, was ihm im Herzen lebte, und die Musika war ein guter Verbndeter
dem Werke der Dichtung; das Waltharilied, das erst wie ferner Nebel ihm
vorgeschwebt, verdichtete sich und nahm Gestaltung an und zog in
lebendurchatmeten Bildern an ihm vorber; er schlo die Augen, um besser zu
sehen, da sah er die Hunnen anreiten, ein reisig frhlich Reitervolk und minder
abscheulich als die, gegen die er selber vor wenig Monaten in der Feldschlacht
gestanden, und sie nahmen die Knigskinder in Franken und Aquitanien als Geiseln
mit und jung Hiltgund, die Wonne von Burgund - und wie er strker die Saiten
anschlug, da erschaute er auch den Knig Etzel, der war ein leidlich
Menschenbild, zu Glimpf und Becherfreuden wohl aufgelegt -, und die Knigskinder
wuchsen an der Hunnen Hofburg auf, und wie sie gro geworden, kam ein stilles
Heimatsehnen ber sie, und sie gedachten, da sie von alters einand verlobt -
jetzt hub sich ein Klingen und Drommeten, die Hunnen saen beim Bankett und
Knig Etzel trank den groen Humpen und alle folgten seinem Vorbild, Schlummer
trunkener Mnner tnte durch die Hallen - jetzt sah er, wie im Mondschein der
junge Aquitaner Held das Streitro waffnete, und Hildegunde kam und brachte den
hunnischen Goldschatz, er hub sie in den Sattel - hei! wie prchtig entritten
sie der Gefangenschaft ...
    Und fern und ferner wogte es noch wie Fhrlichkeit und Flucht und Fahrt ber
den Rhein und schwerer Kampf mit dem habschtigen Knig Gunther: In groen
markigen Zgen stund die Geschichte vor ihm, die er in schlichtem Heldengesang
zu verherrlichen gedachte. Noch in derselbigen Nacht blieb Ekkehard beim
Kienspanlicht sitzen und begann sein Werk, und eine Freude kam ber ihn, wie die
Gestalten unter seiner Hand Leben annahmen, eine ehrliche groe Freude, denn in
frhlicher Arbeit der Dichtung erhebt sich der Mensch zur Tat des Schpfers, der
eine Welt aus dem Nichts hervorgerufen.
    Der nchste Tag fand ihn vergnglich ber den ersten Abenteuern, er konnte
sich selber nicht Rechenschaft geben, nach welchem Gesetz er die Fden seines
Gedichtes ineinanderwob, - es ist auch nicht ntig, von allem das Warum und Weil
zu wissen: der Wind wehet, wo er will, und du hrest sein Getse, aber du weit
nicht, woher er kommt und wohin er geht; so verhlt es sich auch mit jedem, der
im Geiste geboren ist - sagt das Evangelium Johannis272.
    Und wenn es zwischen ein wieder dunkelte vor den Augen des Geistes und
Zagheit ihn beschlich - denn er war ngstlich von Natur und vermeinte noch
manchmal, es sei kaum mglich, etwas zustand zu bringen ohne Hilfe von Bchern
und gelahrtem Vorbild -, dann wandelte er auf dem schmalen Fusteig drauen auf
und nieder und lie den Blick auf den Riesenwnden seiner Berge haften, die
gaben ihm Trost und Ma und er gedachte: Bei allem, was ich sing' und dichte,
will ich mich fragen, ob's dem Sntis und Kamor drben recht ist. Und damit war
er auf der rechten Spur: wer von der alten Mutter Natur seine Offenbarung
schpft, dessen Dichtung ist wahr und echt, wenn auch die Leinweber und
Steinklopfer und hochverstndigen Strohspalter in den Tiefen drunten sie
zehntausendmal fr Hirngespinst verschreien.
    Etliche Tage vergingen in emsigem Schaffen. In lateinischen Vers des
Virgilius go er die Gestalten der Sage, die Pfade deutscher Muttersprache
deuchten ihm noch zu rauh und zu wenig geebnet fr den gleichmig schreitenden
Gang des Heldenliedes. Mehr und mehr bevlkerte sich seine Einsamkeit; er
gedachte in ununterbrochenem Anlauf Tag und Nacht fort zu arbeiten, aber der
leibliche Mensch hat auch sein Recht. Darum sprach er: Wer arbeitet, soll sein
Tagwerk richten nach der Sonne. Und wenn die Schatten des Abends auf die
nachbarlichen Hhen fielen, brach er ab, griff seine Harfe und klomm durch die
Hhlenwildnis zur Ebenalp hinauf. Der Platz, wo der erste Gedanke des Sangs in
ihm aufgestiegen, war ihm vor allen teuer.
    Benedicta freute sich, wie er zuerst mit der Harfe kam. Ich versteh' Euch,
Bergbruder, sagte sie, weil Ihr keine Liebste haben drfet, habt Ihr Euch die
Harfe eingetan und sprechet zu der, was Euch das Herz schwellt. Aber umsonst
sollt Ihr kein Spielmann geworden sein.
    Sie pfiff durch die Finger und tat einen schnen Lockruf zu der niedern
Htte auf der Klus hinber, da kam ihr Liebster, der Senn, das Alphorn
umgehangen, ein frisches junges Blut, im rechten Ohr trug er den schweren
silbernen Ring, des Sennen Ehrenzeichen, die Schlange, die an silbernem Kettlein
den schwanken Milchlffel hlt, und um die Lenden glnzte der breite Grtel,
drauf in getriebenem Metall ein kuhhnlich Ungetm zu schauen war273; scheu
neugierig stund er vor Ekkehard, aber Benedicta sprach: Jetzt spielet uns einen
Tanz auf, Bergbruder; wir haben uns schon lang' gergert, da wir's nicht selber
knnen, aber wenn er das Alphorn blst, kann er mich nicht zugleich fassen und
lustig umschwingen, und wenn ich die Schwegelpfeife tnen lasse, hab' ich auch
keinen Arm frei.
    Und Ekkehard erquickte sich an der gesunden Frhlichkeit der Kinder vom Berg
und griff wacker in die Saiten, und sie tanzten im weichen Gras der Matten, bis
der Mond in gelber Schne sich ber die Maarwiese hob, den grten sie mit
Jauchzen und Zauren274 und tanzten weiter in vergnglichem Wechselgesang:

Und das Eis kam gewachsen
Bis zur Alpe daher,
Wie schad' um das Mgdlein,
Wenn's eingefroren wr'!

summte Benedictas Tnzer in den leichthinschwebenden Reigen;

Und der Fhn hat geblasen,
Kein Httlein mehr steht -
Wie schad' um den Buben,
Wenn's auch ihn htt' verweht!

sang sie antwortend in gleicher Tonart. Und wie sie mde vor dem angehenden
Dichter ausruhten, sprach Benedicta: Ihr sollt auch Euern Lohn berkommen,
herzlieber Harfeniste. Es geht ein alt Gerede auf unsern Bergen, da alle
hundert Jahr' auf kahlem Hang eine wundersame blaue Blume blhe, und wer die
Blume hat, dem steht pltzlich Ein- und Ausgang des Berges offen, drinnen glnzt
es mit hellem Schein und die Schtze der Tiefe heben sich zu ihm herauf, davon
mag er greifen, so viel sein Herz begehrt, und seinen Hut bis zum Rande fllen.
Wenn ich die Blume finde, bring' ich sie Euch, dann werdet Ihr ein steinreicher
Mann, ich kann sie doch nicht brauchen - sie schlang ihren Arm um den jungen
Senn - ich hab' den Schatz schon gefunden.
    Aber Ekkehard sprach: Ich kann sie auch nicht brauchen!
    Er hatte recht. Wem die Kunst zu eigen ward, der hat die echte blaue Blume:
wo fr andere Stein und Fels sich auftrmt, tut sich ihm das weite Reich des
Schnen auf, dort liegen Schtze, die kein Rost verzehrt, und er ist reicher als
die Wechsler und Mkler und Goldgewaltigen der Welt, wenn auch in seiner Tasche
oftmals der Pfennig mit dem Heller betrblich Hochzeit feiert.
    Ja, was fangen wir dann mit der Wunderblume an? sprach Benedicta.
    Gib sie den Ziegen zu fressen oder dem groen Stierkalb, lachte der Senn,
denen ist auch was zu gnnen.
    Und wiederum hoben sie die Fe zum Tanz und schwangen sich im Mondschein,
bis Benedictas Vater heraufgestiegen kam. Der hatte nach vollbrachtem Tagewerk
den seither von der Sonne gebleichten Schdel des Bren ber die niedere Tr
seiner Sennhtte genagelt275 und ihm mit einem Tropfstein den Rachen
aufgesperrt, da Ziegen und Khe scheu vor der neuen Wandverzierung davonliefen.
    Ihr gumpet und ruguset276 ja, da der Sntis zu wanken und schttern
anhebt, rief der alte Alpmeister schon von weitem, was ist das fr ein
Gelrme? Gutmtig scheltend trieb er sie in die Htte.
    Das Waltharilied schritt rasch vorwrts. Wenn das Herz erfllt ist von Sang
und Klang, hat die Hand sich zu sputen, dem Flug der Gedanken nachzukommen.
    Eines Mittags wollte Ekkehard seinen schmalen Felssteig entlang wandeln: da
kam ihm ein sonderbarer Gast entgegen. Es war die Brin, die er aus dem Schnee
gegraben, langsam stieg sie den Pfad herauf, sie trug etwas in der Schnauze. Er
sprang zur Hhle zurck und griff seinen Speer, aber die Brin kam nicht als
Feind, achtungsvoll machte sie Halt am Hhleneingang und legte auf die
vorspringende Felskante ein fettes Murmeltier, das sie beim Spielen im sonnigen
Gras erschnappt. War's ein Geschenk fr die Lebensrettung, war's Ausdruck
anderweiter Anwandlungen, wer wei es? Ekkehard hatte freilich mitgeholfen, die
sterblichen Reste des Ehgemahls der Verwitibten zu verzehren; - ob dadurch ein
Stck Neigung auf ihn bergelenkt werden konnte? - wir kennen die Gesetze der
Wahlverwandtschaft zu wenig. Die Brin setzte sich schchtern vor der Hhle
nieder und schaute unbeweglich hinein! Da ward Ekkehard gerhrt, er schob ihr,
immer den Speer in der Faust, ein hlzern Schsselein mit Honig in die Nhe,
aber sie schttelte gekrnkt das Haupt, der Blick aus ihren kleinen Augen, denen
das Augenlid fehlte, war traurig erheiternd, so da Ekkehard seine Harfe von der
Wand holte und anfing, den Reigen zu spielen, den sich Benedicta von ihm
erbeten. Das labte der Verlassenen Gemt, sie erhob sich und ging aufrecht in
rhythmischer Grazie bald vorwrts, bald zurck, und Ekkehard spielte schneller
und strmischer, aber da blickte sie verschmt zur Erde; zu tanzen gestattete
ihr dreiigjhriges Brengewissen nimmer, sie streckte sich wieder wie zuvor vor
der Hhle, als wollte sie das Lob verdienen, das der Verfasser des Hymnus zu
Ehren des heiligen Gall einst den Bren gezollt, da er sie Tiere von
bewundernswerter Bescheidenheit nannte277.
    Wir passen zueinand, rief Ekkehard, du hast dein Liebstes im Schnee
verloren, ich im Sturm, - ich will dir noch eines harfen. Er spielte eine
wehmtige Weise, des war sie wohl zufrieden und brummte beifllig; er aber,
immer seiner Dichtung gedenkend, sprach: Ich hab' mich heut eine lange Zeit auf
den Namen besonnen fr die Hunnenknigin, in deren Obhut jung Hiltgund zu stehen
kam, itzt wei ich ihn: sie soll Ospirin heien, die gttliche Brin278!
Verstehst du mich?
    Die Brin sah ihn an, als wre sie einverstanden, da griff Ekkehard seine
Pergamentbltter und fgte den Namen ein. Das Bedrfnis, einer lebenden Seele
die Schpfung seines Geistes mitzuteilen, war schon lange rege in ihm: hier in
der ungeheuern Bergwelt, dachte er, mag auch eine Brin die Stelle einnehmen, zu
der sonst ein gelehrtes Haupt erforderlich wre, und er trat an sein Blockhaus,
und auf den Speer gestemmt, las er der Brin die Anfnge des Waltharilieds, und
las mit lauter Stimme und begeistert, und sie lauschte mit lblicher Ausdauer.
    Da las er denn weiter und weiter, wie die Wormser Recken den Walthari
verfolgend im Wasgauwald nachritten und an seiner Felsburg mit ihm stritten -
noch horchte sie geduldig, aber wie des Einzelkampfes gar kein Ende ward, wie
Ekkefrid von Sachsen erschlagen ins Gras sank zu seiner Vorgnger Leichen, und
Hadwart und Patafrid, des Hagen Schwestersohn, das Los der Genossen teilten, da
erhub sich die Brin langsam, als wre selbst ihr des Mordens zuviel fr ein
lieblich Gedicht, und schritt wrdigen Ganges talab.
    Auf der Sigelsalp drben in einsamer Felsritze stund ihre Behausung; dorthin
entkletterte sie, sich zum Winterschlaf vorzubereiten.
    Das Heldenlied aber, das von allen sterblichen Wesen zuerst die Brin auf
der Sigelsalp vernommen, hat der Schreiber dieses Buches zur Kurzweil an langen
Winterabenden in deutschen Reim gebracht, und wiewohl sich schon manch anderer
wackerer Verdeutscher derselben Aufgabe beflissen, so darf er's doch im
Zusammenhang der Geschichte dem Leser nicht vorenthalten, auf da er daraus
ersehe, wie im zehnten Jahrhundert ebensogut wie in der Folge der Zeiten der
Geist der Dichtung sich im Gemt erlesener Mnner eine Sttte zu bereiten wute.

                                    Funoten


A1 Die bei des Abtes Zellen
 Sind heidnische Gesellen,
 Grobe, ungescheite,
 Hochmt'ge Bauersleute.


                          Vierundzwanzigstes Kapitel.

                              Das Waltharilied279.

Das war der Knig Etzel im frhlichen Hunnenreich,
Der lie das Heerhorn blasen: Ihr Mannen, rstet euch!
Wohlauf zu Ro, zu Felde, nach Franken geht der Zug,
Wir machen zu Worms am Rheine uneingeladen Besuch!

Der Frankenknig Gibich sa dort auf hohem Thron,
Sein Herze wollt' sich freuen, ihm war geboren ein Sohn,
Da kam unfrohe Kunde gerauscht an Gibichs Ohr:
Es wlzt ein Schwarm von Feinden sich von der Donau vor,
Es steht auf frnkischer Erde der Hunnen reisig Heer,
Zahllos wie Stern' am Himmel, zahllos wie Sand am Meer.

Da blaten Gibichs Wangen. Die Seinen rief er bei
Und pflog mit ihnen Rates, was zu beginnen sei.
Da stimmten all' die Mannen: Ein Bndnis nur uns frommt,
Wir mssen Handschlag zollen dem Hunnen, wenn er kommt;
Wir mssen Geiseln stellen und zahlen den Knigszins,
Des freuen wir noch immer uns greren Gewinns,
Als da, ungleiche Kmpfer, wir Land zugleich und Leben
Und Weib und Kind und alles dem Feind zu Handen geben.
Des Knigs Shnlein Gunther war noch zu schwach und klein,
Noch lag's an Mutterbrsten, das mocht' nicht Geisel sein;
Doch war des Knigs Vetter, Herr Hagen hochgemut
Von Trojer Heldenstamme, ein adlig junges Blut.
Sie richteten viel Schtze und fassen drauf den Schlu,
Da der als Pfand des Friedens zu Etzel ziehen mu.

Zur Zeit als dies geschah, da trug mit fester Hand
Den Szepter Knig Herrich in der Burgunden Land.
Ihm wuchs die einzige Tochter, benamst jung Hildegund,
Die war der Mgdlein schnstes im weiten Reich Burgund.
Die sollt' als Erbin einst, dem Volk zu Nutz und Segen,
So Gott es fgen wollt', der alten Herrschaft pflegen.

Derweil nun mit den Franken der Friede gefestigt war,
So rckt' auf Herrichs Grenzmark der Hunnen kampfliche Schar.
Voraus mit flinkem Zgel lenkt' Knig Etzel sein Ro,
Ihm folgt' im gleichen Schritte der Heeresfrsten Tro.
Von Rosseshuf zerstampft die Erde gab seufzenden Schall,
Die zage Luft durchtnte Schildklirren als Widerhall.
Im Blachfeld funkelte ein eherner Lanzenwald,
Wie wenn die Frhrotsonne auf tauige Wiesen strahlt,
Und so ein Berg sich trmte: er wurde berklommen,
Die Saone und die Rhone: es wurde durchgeschwommen.

Zu Chalons sa Frst Herrich, da rief der Wchter vom Turm:
Ich seh' von Staub eine Wolke, die Wolke kndet Sturm,
Feind ist ins Land gebrochen, ihr Leute, seht euch vor,
Und wem ein Haus zu eigen, der schliee Tr und Tor!

Der Franken Unterwerfung, dem Frsten war sie kund;
Er rief die Lehentrger und sprach mit weisem Mund:
Die Franken, niemand zweifelt's, sind tapfre Kriegesleute,
Doch mochte keiner dort dem Hunnen stehn zum Streite,
Und wenn die also taten, da werden wir allein
Dem Tode uns zu opfern auch nicht die Narren sein.
Ich hab' ein einzig Kind nur, doch fr das Vaterland
Geb' ich es hin, es werde des Friedens Unterpfand.

Da gingen die Gesandten, barhuptig, ohne Schwert,
Den Hunnen zu entbieten, was Herrich sie gelehrt.
Hflich empfing sie Etzel, es war das so sein Brauch,
Sprach: Mehr als Krieg taugt Bndnis, das sag' ich selber auch,
Auch ich bin Mann des Friedens, nur wer sich meiner Macht
Tricht entgegenstemmt, dem wird der Garaus gemacht.
Drum eures Knigs Bitte gewhret Etzel gern.
Da gingen die Gesandten, es kndend ihrem Herrn.
Dem Tor entschritt Frst Herrich, viel kstliches Gestein
Bracht' er den Hunnen dar, dazu die Tochter sein -
Der Friede ward beschworen, - fahr' wohl, schn Hildegund!
So zog in die Verbannung die Perle von Burgund.

Wie dort Vertrag und Bndnis geordnet war zum besten,
Entfhrte Knig Etzel sein reisig Volk gen Westen.
Im Land der Aquitanen herrscht Alpher, der strenge Mann,
Dem wuchs ein Sohn Walthari im Jugendschmuck heran.
Herrich und Alpher hatten sich manch einen Boten geschickt
Und sich mit feierlichem Eidschwur einand verstrickt:
Sobald die Zeit des Freiens dereinst sich stellet ein,
So sollen unsre Kinder ein frhlich Brautpaar sein.

Betrbt sa Knig Alpher itzt bei der Hunnen Not:
O weh mir, da ich Alter nicht finde Schwertes Tod -
Ein schlechtes Beispiel gaben Burgund und Frankenland,
Itzt mu ich gleiches tun, und ist doch eine Schand'.
Ich mu Gesandte schicken und Friede heischen und Bund,
Und mu den eignen Sprossen als Geisel stellen zur Stund'.
So sprach der strenge Alpher, und also ward's getan,
Mit Gold belastet traten die Hunnen den Rckzug an,
Sie fhrten Walthari und Hiltgund und Hagen in sichrer Hut
Und grten wildfroh jauchzend die heimische Donauflut.

Nachdem nun Knig Etzel der Heimat sich erfreut,
Pflegt er die fremden Kinder mit groer Biederkeit,
Wie seine eignen Erben lie er sie auferziehn,
Die Jungfrau anempfahl er der Knigin Ospirin.
Die jungen Recken aber behielt er scharf im Auge,
Da jeder zu des Krieges und Friedens Knsten tauge.
Die wuchsen auch an Jahren und Weisheit wohl heran,
Ihr Arm bezwang den strksten, ihr Witz den witzigsten Mann.
Derwegen liebt der Knig die beiden Knaben sehr
Und schuf sie zu den ersten in seiner Hunnen Heer.
Es ward mit Gottes Beistand auch die gefangene Maid
Der trutzigen Hunnenfrstin ein' wahre Augenweid',
An Tugend reich und Zchten, so ward Hiltgund zuletzt
Als Schaffnerin dem Schatze der Hofburg vorgesetzt.
Und wenig fehlte nur, so war sie in dem Reich
Die hchste - was sie wnschte, erfllt ward's allsogleich.

Derweil starb Knig Gibich, ihm folgte Gunther sein Sohn,
Der brach das Hunnenbndnis und weigert den Zins mit Hohn,
Die Kunde kam geflogen zu Hagen in der Fern',
Da nahm er nchtlich Reiaus und floh zu seinem Herrn.
Am Tag, da er verschwunden, erfreute sich nur wenig
Frau Ospirin und listig sprach sie zu Etzel dem Knig:
O knigliche Weisheit, habt Acht, habt scharfe Acht,
Da unsres Reiches Sule zu Fall nicht werde gebracht,
Ich frchte, auch Walthari, der Hunnen bester Held,
Sucht wie der schlaue Hagen, sein Freund, das weite Feld.
Ihr mt ihn sehaft machen, durch se Bande und Haft,
Ihr mt mit solchen Worten bereden Waltharis Kraft:

Du trugst in unserm Dienste viel Mh' und Fhrlichkeit,
Drum merk', wie dein Gebieter huldvollen Dank dir beut,
Der Hunnentchter beste sollst du zum Weib erkiesen
Und reich an Land und Ehren verdienter Ruh' genieen.
Und was du gehrst an Gute, umsonst nicht sei dein Bitten,
Gewhrt sei volles Ma dir, du hast es wohl erstritten.

Das Wort gefiel dem Knig, es deucht' ihm fein und schlau,
Es wei in derlei Dingen das Weiseste stets die Frau.

Der Knig jung Walthari mit solchem Rat empfing,
Doch dessen Dichten auf ganz andre Dinge ging,
Er merkte, da ihm Etzel die Wege wollt' verlegen,
Drum kam dem Prfenden ablenkend er entgegen:

O Frst, was ich getan, ist groen Ruhmes ledig,
Da Ihr so hoch es anschlagt, ist huldvoll zwar und gndig,
Doch mu ein Weib ich whlen nach Eurem Machtgebot,
Werd' ich umstrickt von Sorge und ser Minne Not.
Da mu ein Haus ich zimmern und mu den Acker baun,
Ich kann des Herren Auge nur selten wiederschaun.
Und wer der Lieb' gekostet, dem fehlet Kraft und Strke,
Mit Freuden obzuliegen dem edeln Kriegsgewerke.
Nichts Seres auf Erden, als hold gewrtig und treu
Dem Dienstherrn berall folgen, drum bitt' ich, lat mich frei.
So Ihr am spten Abend, so Ihr in Mitternchten
Befehl schickt, bin ich willig, wo Ihr nur wollt, zu fechten.
Mir soll im Schlachtenwetter nicht Sorg' um Kind und Weib
Die Blicke rckwrts wenden und lhmen meinen Leib.
Bei Eurem Leben fleh' ich, bei Eurem tapfern Land:
Lat mir die Hochzeitsfackel, o Knig, ungebrannt.

Da weichte Etzels Herze, das Wort behagt' ihm sehr,
Er sprach getrost: Walthari entfleucht mir nimmermehr.

Inzwischen hatte sich ein fernes Volk emprt,
Da ward des Schwertes Schneide gen diesen Feind gekehrt,
Da wurde jung Walthari zum Feldhauptmann gemacht,
Und dauerte nicht lange, so schlugen sie die Schlacht.
Vorwrts drang ihre Heerschar als wie ein spitzer Keil,
Es zitterten die Lfte von wildem Schlachtgeheul.
Hellauf klang die Drommete, die Speere flogen wild,
Aufleuchtet's wie ein Blitzstrahl von manch gespaltnem Schild,
Und wie bei Nordsturms Sausen ein dichter Hagel fllt,
So ward zahlloser Pfeilschwarm herber hinber geschnellt.
Dann ging's zum Handgemenge, gezogen ward das Schwert,
Da lag zerspellten Hauptes manch ein gewappnet Pferd,
Da lag zerspellten Hauptes beim Schild manch fester Ritter.
Hei, wie das Feld durchmhst du, Walthari, tapfrer Schnitter!
Als stnd' mit seiner Sense der Tod leibhaft im Streit,
So schauten ihn zag die Feinde bei seiner Blutarbeit.
Zur Linken und zur Rechten, wohin er sich gewendet,
Hub sich ein jhes Flchten, so ward der Kampf geendet,
Dem Hunnenvolke war ruhmvoller Sieg bereitet
Und von erschlagenem Feind manch preislich Stck erbeutet.

Drauf lie der Fhrer blasen zur Ruh' vom Waffentanz,
Er schmckte seine Schlfe mit grnem Eichlaubkranz,
Und Fahnentrger und Mannschaft, sie taten all' wie er,
So zog im Siegesschmucke bekrnzt nach Hause das Heer.
Jedweder suchte froh des Hauses gastlich Dach,
Zu Knig Etzels Hofburg Walthari schritt gemach.

Sieh da, wie eilig rannten die Diener aus dem Schlo,
Sie labten sich des Anblicks und hielten ihm das Ro;
Derweil aus hohem Sattel Walthari niederstieg,
So frugen sie neugierig: Gewannen wir den Sieg?
Er warf just fr die Neugier ein mig Brcklein hin
Und ging zum Knigssaale, gar md' war ihm zu Sinn.
Hiltgund traf er alleine, da kt' er sie und sprach:
Beschaff' mir einen Trunk, das war ein heier Tag.
Da fllte sie den Becher, er trank den Firnewein,
Jach, wie den Wassertropfen einsaugt der glhe Stein,
Dann schlo er in die seine der Jungfrau weie Hand,
Beid' wuten, da von alters verlobt sie seien einand.

Errtend stand und schwieg sie. Da sprach er zu der Maid:
Schon lange tragen wir der Fremde herbes Leid
Und sollten doch nach Rechten einander sein zu eigen:
Ich hab' das Wort gesprochen! nicht lnger mag ich's schweigen.
Die Jungfrau stand betrblich, als wr's nur Spott und Hohn,
Aufflammt ihr blaues Auge, sie sprach mit herbem Ton:
Was heuchelt deine Zunge, was nie dein Herz begehrt?
Viel besserer Verlobten hltst, Schlauer, du dich wert.

Da blickte treu und minnig, da sprach der tapfre Mann:
Fern sei, was du gedenkest, o hr' mich huldvoll an:
In meines Herzens Grunde haust weder Falsch noch Arg,
Niemal ich mit dem Munde den wahren Sinn verbarg.
Kein Spher weilt im Saale, nur wir zwei beid' allein,
Ich wt' ein s Geheimnis, wollt'st du verschwiegen sein.
Da strzte ihm zu Fen Hiltgund und weint' und sprach:
Wohin du mich berufest, o Herr, ich folge dir nach.
Er hob sie auf mild trstend: Ich bin der Fremde md',
Ein ses Heimatsehnen die Seele mir durchglht,
Doch ohne Hiltgund nimmer steht mir zur Flucht mein Sinn,
So du zurckebliebest, des schpft' ich Ungewinn.
Da lacht' sie in die Trnen: O Herr, du sprichst mit Fug
Das Wort, das ich seit Jahren geheim im Busen trug,
Gebiete denn die Flucht, mit dir will ich sie wagen,
Durch Not und Fhrlichkeit mu uns die Liebe tragen.

Und weiter sprach Walthari, doch flsternd nur, nicht laut:
Dieweil sie dir zu hten den Hunnenschatz vertraut,
So stell' des Knigs Helm mir und Waffenhemd zurck
Und seinen Riemenpanzer, des Schmiedes Meisterstck.
Dann flle du zwei Schreine mit Spangen und Gold zu Hauf,
Da du sie kaum vom Boden zur Brust magst heben auf,
Auch sollt du mir beschaffen vier Paare starker Schuh',
- Der Weg wird lang - gleichviele richt' fr dich selber zu;
Darber magst du weiter kostbar Gef verpacken,
Beim Schmiede aber heische krummspitze Angelhaken,
Du wirst auf unsern Fahrten erschauen deinen Gesellen,
Wegzehrung uns gewinnen mit Fischen und Vogelstellen.
Dies all sei vorbereitet heut ber sieben Tage,
Da sitzt mit seinen Mannen der Knig beim Gelage
Und schlafen weinbewltigt sie all' in trunkner Ruh' ...
Glck auf! dann reiten wir dem Land im Westen zu!

Die Stunde kam des Schmauses. Mit Tchern mannigfalt
Verhnget war die Halle. Eintrat Herr Etzel bald,
Er setzte auf den Thron sich, den Woll' und Purpur deckt,
Auf hundert Polstern rings die Hunnen lagen gestreckt.
Schier beugten sich die Tische den Speisen sonder Zahl,
Viel ser Labtrank dampfte im gldenen Pokal,
Mit bunten Fhnlein waren die Schsseln ausgeziert,
So hub die Mahlzeit an - Walthari machte den Wirt.
Und wie der Schmaus zu Ende, die Tische weggerumt,
Da sprach zu Knig Etzel Walthari ungesumt:
Nun, edler Herr und Knig, erteilt uns Euren Segen,
Da alle hier im Saale der Zechlust mgen pflegen.
Der Humpen allergrten reicht er ihm knieend dar,
Darauf aus alten Mren manch Bild geschnitzet war.
Da lacht' der alte Zecher: Frwahr, Ihr meint es gut,
Als wie ein Meer im Sturme entgegenschumt mir die Flut.

Doch sonder Zagen stand er, ein Fels am wogenden Strand,
Und lpft' den Riesenhumpen und wiegt' ihn in der Hand,
Und trank mit tapferm Zuge ihn bis zum Grunde leer
Und macht' die Nagelprobe. Da flo kein Tropfen mehr.
Itzt tut mir's nach, ihr Jungen! so rief der alte Held,
Da war ein lobwert Beispiel den andern aufgestellt.
Hurtig und hurtiger, dem Winde gleich, dem schnellen,
Sah man den Saal durchrennen den Mundschenk samt Gesellen.
Sie nahmen die Pokale, sie fllten sie aufs neu',
Da hub sich in dem Saale ein scharfes Weinturney.
Bald lallte manche Zunge, die sonst viel Ruhm gewann,
Bald wankte in den Knieen manch heldenkhner Mann;
Es kam die Mitternacht, noch zechten sie und sungen,
Dann sanken sie zur Beute dem Schlafe, weinbezwungen.
Und htt' Walthari itzt die Burg in Brand gesteckt:
Kein Mann war da so nchtern, da er ihn drob entdeckt.

Walthari rief Hiltgunden frsichtig nun zu sich:
Wohlauf bring' das Gerte, wohlauf und rste dich!
Dann fhrt er aus dem Stall sein Ro, der Lwe hie es,
Hufscharrend stand's und schumend in seine Zgel bi es.
Er wappnete mit Erze des Rosses Stirn und Seite,
Vom Bug hernieder hing er goldschwer die Schreine beide,
Dazu ein Krbchen Speise - dann gab er die wallenden Zgel
Der Jungfrau in die Hand und hob sie in den Bgel,
Er selber sa zu Rosse, vom roten Helmbusch umwallt,
Bepanzert und beschienet in riesiger Gestalt.
Zur Linken hing gegrtet ein Schwert, zur Rechten auch
Ein scharfer krummer Sbel nach hunnischem Gebrauch.
Jetzt schwang er Schild und Lanze, es ritten auf einem Ro
Walthari und Hiltgunde aus Knig Etzels Schlo.

Sie ritten aus dem Schlosse, sie ritten die ganze Nacht.
Die Jungfrau lenkt' das Streitro und hatt' der Schtze acht,
Und sorgsam auch zuhanden hielt sie die Fischergerte,
Dieweil das viele Gewaffen Walthari schier beschwerte.
Als nun die Morgensonne aufging mit lichtem Funkel,
Entbogen sie der Heerstra' zu tiefem Waldesdunkel,
Und htte Ha der Fremde und Heimweh nicht gedrngt,
So htte schier Hiltgunde das Ro nicht weiter gelenkt.
Wo nur ein Lftlein rauschte, wo ein Waldvogel sang,
Wo schrill ein Baumast knarrte, da seufzete sie bang.
So mieden sie der Menschen Behausung und Gehege
Und suchten in bahnlosem Gebirg' sich Weg und Stege.

Noch schwieg der Hunnen Hofburg. Es war schon hoch am Tag,
Da wurde Knig Etzel von allen der erste wach.
Er wiegt' in beiden Hnden sein Haupt, das nebelschwere,
Und schritt aus dem Gemach: Ruft mir Walthari here,
Er teile als Genosse heut seines Knigs Jammer,
Er soll den Frhtrunk reichen mir in der Waffenkammer.

Da rieben sich die Diener die Augen und liefen und sahn
Und suchten allerorten, sie trafen ihn nicht an.
Jetzund kam auch die Frstin Frau Ospirin gehinkt:
Wo sumt und trumt denn Hiltgund, da sie kein Kleid mir bringt?

Da flsterten die Diener, da ward's der Knigin klar,
Da Hiltgund mit Walthari nchtlich entflohen war.
Da hub sie an: O Fluch dem Gastmahl, und dreimal Fluch
Dem Wein, der meine Hunnen so schwer darnieder schlug!
Was ich den Knig warnte, liegt offen itzt zutag',
Von unsres Reiches Sttzen die stolzeste Sule brach!

Der alte Knig Etzel, von bsem Zorn entbrannt,
Zerri den Purpurmantel und warf ihn an die Wand,
Und wie der Staub vom Sturme gewirbelt wird zuhauf,
So wirbelte ihm im Herzen ein Schwarm von Sorgen sich auf.
Kein Wrtlein konnt er sprechen, zu mchtig war sein Grimm,
Und Speise und Getrnk stund unberhrt vor ihm.
Die Nacht kam angeflogen, noch fand er keine Ruh',
Er lag auf seinem Pfhle und schlo kein Auge zu,
Er warf sich bald zur Rechten, bald zu der Linken nieder,
Als htt' ein Pfeil durchschossen die stolzen Heldenglieder,
Dann sa er wieder aufrecht, der grambetrte Greis,
Dann sprang er aus dem Lager, er lief herum im Kreis.
So ward dem Hunnenknig der se Schlaf verleidet,
Derweil das Flchtlingspaar schweigsam dem Land entreitet.
Doch wie am andern Morgen aufstieg der lichte Tag,
Hie er der Hunnen lteste zusammenkommen und sprach:
Wer mir in Banden brchte, Walthari, den schlauen Fuchs,
Als wie vom Wald der Jger den hinterlistigen Luchs,
Dem schfe ich zur Stunde ein golddurchwirkt Gewand
Und wollt mit Gold ihn decken von Haupt zu Fu so sehr,
Da ihm von Goldeshaufen der Weg gesperret wr'.
Doch in den weiten Landen fand sich kein einz'ger Grafe,
Kein Heerfrst oder Ritter, kein Knappe oder Sklave,
Der sich verma, Walthari verfolgend nachzugehn
Und mit des Schwertes Schneide dem Zrnenden zu stehn.
Und was der Knig flehte, gesprochen war's in Wind,
Die hohen Goldeshaufen - sie blieben unverdient.

Walthari ritt bei Nachtzeit weiter und weiter in Hast,
Des Tags in dichtem Walde und Buschwerk hielt er Rast,
Nah flogen ihm die Vgel, lieblich klang sein Gelock,
Er fing sie mit Leimruten und mit gespaltnem Stock,
Und wo in krummem Laufe ein Strom vorberflo,
Eintaucht' er seine Angel und reiche Beute geno.
So krzten sich die Tage mit Fischfang und Gejaid,
Das schafft dem Hunger Stillung, dem Herzen Nchternheit,
Und auf der ganzen Fahrt hat nimmermehr begehrt
Die Jungfrau zu umarmen der Recke ehrenwert.

Schon vierzig Male war der Sonne Lauf vollendet,
Seit da er sonder Abschied von Etzel sich gewendet,
Da glnzt aus lichtem Waldsaum im Abenddmmerschein
Ein Flu zu ihm herber - das war der Vater Rhein,
Das war der Rhein, und jenseits am fernen Ufer stand
Die Knigsburg von Worms, Hauptstadt in Frankenland.
Ein Schiffer kam gerudert auf breitgebautem Kahn,
Die letztgefangnen Fische bot ihm Walthari an,
Da fuhr ihn jener ber, er war zufrieden der Gabe,
Und weiter flchtend spornt Walthari das Ro zum Trabe.

Der Fhrmann andern Tages nach Worms gegangen war,
Des Knigs Leib- und Mundkoch bracht' er die Fische dar,
Der wrzt' und salzte sie und setzte sie als Mahl
Dem Knig Gunther vor; erstaunt sprach der im Saal:
Seit da ich herrsche in Franken, nie sah ich einen Fisch
Von solcherlei Gestalt und Schmack auf meinem Tisch,
Der mu aus fremden Landen zu uns gekommen sein.
Sag' an, mein Koch, geschwinde, wer brachte den herein?

Da wies der Koch den Fergen, der Knig rief ihn her,
Genau verkndet' der dem Fragenden die Mr:
Ich sa am Rheinesstrande noch gestern abend spat,
Da kam ein fremder Mann geritten den Uferpfad,
Als km' er just vom Kriege, so schaut' er trutzig wild,
Er starrte ganz in Erze und fhrte Speer und Schild.
Schwer mocht' die Wucht der Rstung auf seinen Schultern lasten,
Doch ritt er scharfen Schrittes und mochte nimmer rasten.
Dem Mann folgt eine Maid, schn wie der Sonne Scheinen,
Sie sitzt auf gleichem Gaul, schier streift ihr Fu den seinen.
Die lenket mit dem Zgel das riesig starke Ro,
Von dessen Rcken hangen zwei Schreine mig gro.
Doch wie aufbumend es den Nacken schtteln wollte,
Da hrt' ich drin ein Klingen von Edelstein und Golde.
Den Mann hab' ich gefahren. Der gab mir solche Fische.
Das Wort erlauschte Hagen. Er rief am Knigstische:
Freut euch mit mir Genossen, die Sache wird klar und hell,
Aus Hunnenland heimreitet Walthari, mein Gesell.
Er rief's, da schallte Jubel hellauf im hohen Saal,
Doch bermtigen Sinnes der Knig Gunther befahl:
Freut euch mit mir viel lieber, der ich dies durft' erleben:
Den Schatz, den einst mein Vater den Hunnen mute geben,
Den hat ein guter Gott zurck mir jetzt gebracht! -
Sprach's, und gehobenen Fues umstie er den Zechtisch mit Macht,
Und hie die Rosse satteln und las aus seinem Volk
Erprobter Mannen zwlfe als starkes Heergefolg'.
Er whlt den Hagen auch, der bat vergeblich ihn,
- Des alten Freunds gedenkend - zu ndern seinen Sinn.
Doch Gunther polterte: Frisch vorwrts! drauf und drein!
Hllt eure Heldenknochen in Eisenrstung ein,
Schirmt mit dem Schuppenpanzer Rcken euch und Brust,
Des Frankenschatzes Ruber zu jagen ist mein Gelust!

Da rckte aus dem Tor die Schar, die wohlbewehrte.
Walthari, edel Wild - Feind ist auf deiner Fhrte!

Walthari ritt indessen landeinwrts von dem Rhein,
In einem schattig finstern Forste ritt er ein.
Das war des Weidmanns Freude, der alte Wasichenwald,
Wo zu der Hunde Bellen das Jagdhorn lustig schallt.
Dort ragen dicht beisammen zwei Berge in die Luft,
Es spaltet sich dazwischen anmutig eine Schluft,
Umwlbt von zackigen Felsen, umschlungen von Gest
Und grnem Strauch und Grase, ein rechtes Rubernest.
Er schaut' den festen Platz. Hier, sprach er, la uns rasten,
Des sen Schlafes mut' ich schon allzulange fasten;
Das war seit vierzig Nchten auf hartem Rosses Rcken
ber den Schild gelehnet, ein unerquicklich Nicken.

Ab tat er Wehr und Waffen und in der Jungfrau Scho
Lehnt' er sein mdes Haupt: Nun, teurer Fluchtgeno
Hiltgund, halt sorgsam Wacht! und steigt vom Tal herauf
Fahldunkle Staubeswolke, dann wecke leis mich auf;
Doch km' auch angeritten ein ganzes Heer von Recken,
So sollt' du doch, Vielteure, nicht allzu schnell mich wecken.
Ich traue deinen Augen. Die sind gar scharf und rein,
Die schaun weit in die Lande ... So schlief Walthari ein.

Im Sand sah Knig Gunther die Spur von Hufestritt,
Anspornend trieb den Renner er nun zu schnellerm Schritt.
Herbei, rief er, ihr Mannen! noch heute fahn wir ihn
Samt den gestohlenen Schtzen, er soll uns nicht entfliehn.
Umsonst entgegnet Hagen: Das geht so glatt nicht ab;
Manch einen tapfern Degen warf jener in das Grab.
Zu oft hab' ich erschauet Walthari in Schlachtenwut,
Ich wei, er handhabt Lanze und Schwert nur allzu gut.
Doch nimmer lie sich warnen der vielverstockte Mann:
Im Glanz des Mittags ritten sie vor der Felsburg an.

Vom Bergesgipfel schaute Hiltgund zum Tal hinab,
Da hub sich Staubeswirbel und ferner Rossestrab,
Sie strich mit leisem Finger des Schlfers braunes Haar:
Wach' auf, wach' auf, Walthari! es naht uns eine Schar.

Der rieb sich aus den Augen des sen Schlafes Rest
Und griff nach seinen Waffen und rstete sich fest,
Und durch die leeren Lfte schwang er den Speer mit Macht,
Das war ein lustig Vorspiel vor bitterernster Schlacht.

Hiltgund, wie sie von weitem Lanzen blitzen sah,
Warf klagend sich zu Boden: Nun sind die Hunnen da!
Nun fleh' ich, mein Gebieter, hau' ab mein junges Haupt,
Da, so ich dein nicht werde, kein andrer Mann mich raubt! -
Gebiete deiner Furcht, sprach mild der junge Recke,
Fern sei, da schuldlos Blut die Klinge mir beflecke.
Der in so manchen Nten ein starker Hort mir war,
Wird mich auch heute strken, zu werfen diese Schar.
Nicht Hunnen sind die Feinde, es sind nur dumme Jungen,
Die hier im Lande wohnen, sind frnkische Nibelungen.

Drauf deutet er mit Lachen nach einem Helm auf dem Plan:
Das ist frwahr der Hagen, mein alter Hunnenkumpan.

Nun trat zum Hhleneingang der Held und sprach von dort:
Vor diesem Tore knd' ich nunmehr ein stolzes Wort:
Kein Franke soll entrinnend sich rhmen seinem Weib,
Er hab' Waltharis Schtze gegriffen bei lebendem Leib,
Und ... doch die Sprache hemmt' er und kniete zum Gebete,
Gott um Verzeihung flehend fr solche Frevelrede.

Dann hub er sich und schaute prfend der Feinde Reihn:
Von allen diesen Kmpen frcht' ich den Hagen allein,
Der wei viel bse Listen und kennt den Brauch des Streits,
Doch auer ihm, o Hiltgund, tut keiner uns ein Leids.

Derweil Walthari druend Wacht hielt am Felsentor,
Sprach Hagen zu dem Knig: O Herr, noch seht Euch vor!
Schickt einen Boten ihm, und friedlich sei's geschlichtet.
Vielleicht da jener selber sich bittend an Euch richtet
Und Euch den Schatz ausfolgt. Die Antwort zeige den Mann,
Es ist noch immer Zeit, mit Waffen ihn zu fahn.

Da hie der Knig ausziehn Herrn Camelo von Metz,
Der dort als Frankenrichter verwaltet das Gesetz.

Der flog als wie die Windsbraut zu jung Walthari hin:
Wer bist du, fremder Degen, sag' an, woher, wohin?
Der Held ihm drauf erwidert: Erst knde du die Mr:
Kommst du aus eignem Willen, schickt dich ein andrer her?

Stolz sprach Herr Camelo: Mich hat hierher entsandt
Als Herold Knig Gunther, der Herr in Frankenland.
Walthari ihm entgegen: Frwahr, was ficht Euch an,
Zu sphn und auszuforschen den fremden Wandersmann?
Ich bin von Aquitanien Walthari hochgemut,
Als Geisel gab der Vater mich in der Hunnen Hut,
Dort mut' ich seit verweilen. Itzt wandt' ich mich zu gehn,
Ich will die se Heimat, die Eltern wieder sehn.

Da sprach der Bote trocken: Wohlan, so sei bereit,
Den Goldschrein mir zu liefern, dein Ro auch und die Maid.
Nur so du schnell dich sputest, dies alles herzugeben,
Will dir mein Herr belassen die Glieder und das Leben.

Da rief Walthari kecklich: Nie hrt' ich grern Toren!
Wie kann dein Knig bieten, was ich noch nicht verloren?
Ist er ein Gott denn, da er mich also will bercken?
Noch trag' ich nicht die Fuste gefesselt auf dem Rcken,
Noch duld' ich nicht, gewundet, des Kerkers Herzeleid -
Doch billig ist mein Denken: Und lt er von dem Streit,
Goldroter Spangen hundert will ich ihm gern gewhren,
Ich wei als fremder Mann des Knigs Namen zu ehren.

Der Bote ritt hinunter und brachte den Bescheid.
Da sprach zum Knig Hagen: O nimm, was er dir beut,
Ich ahne Unheil sonst, mir hat verwichene Nacht
Ein Traum um dich, Gebieter, viel schwere Sorge gebracht.
Sch sah selband uns reiten und jagen im Geheg,
Da trat ein groer Br dir, hoher Herr, in Weg;
Das war ein hitzig Streiten, es hat das Tier zuletzt
Das Bein dir bis zur Hfte zerhauen und zerfetzt.
Und wie gefllten Speeres ich beisprang dir im Strau,
Ri er mir selbst ein Auge mit scharfem Zahne aus.

Stolz schalt der Knig: Wahrlich, du bist des Vaters wert,
Auch der focht mit der Zunge viel lieber als mit dem Schwert!
Drob zog in Hagens Herzen ein bitter Zrnen ein:
Wohlan, sprach er, so mgt Ihr des Kampfes denn Euch freu'n.
Dort steht vor Euren Augen, des Euch gelustet, der Mann,
Ich will des Ausgangs harren und keine Beute ha'n.
Sprach's und zum nahen Hgel lenkt er sein Ro in Ruh',
Sprang ab und sah gelassen, im Grase sitzend, zu.

Der Knig Gunther winkte den Camelo nun her:
Zeuch aus und knde jenem: den ganzen Schatz ich gehr',
Und so er noch sich weigert, so bist du Manns genug,
Da du ihn kampflich angehst und niederwirfst mit Fug.

Von Metz, der Bischofstadt, Herr Camelo zog ab,
Fahl nickt' vom blauen Helme sein gelber Busch herab.
Von fern schon rief er laut: Heda! mein Freund - heraus!
Dem Frankenknig liefre den ganzen Goldschatz aus!
Walthari hrt's und schwieg. Da ritt er nher bei:
Den ganzen Goldschatz liefre! so rief er ihm aufs neu'.
Dem ri jetzt die Geduld: La ab dein Schrei'n und Johlen,
Hab' ich dem Knig Gunther den Schatz etwann gestohlen,
Hat er ein Darlehn mir geliehn habgier'gen Sinns,
Da er mir jetzo heischet so schnden Wucherzins?
Hab' ich das Land geschdigt und Huser weggebrannt,
Da Ihr mir Bue fordert mit bermt'ger Hand?
Das mu ein schbig Volk sein, das mir den Durchgang neidet
Und keinen fremden Mann auf seinem Boden leidet.
Ich will ums Wegrecht markten: Zweihundert Spangen wohlan
Biet' ich jetzt deinem Knig. Vernimm's und zeig's ihm an!

Du sollt noch mehr uns bieten! rief Camelo in Wut,
Des Redens bin ich satt. Itzt gilt's dein Gut und Blut.
Er deckte seinen Arm mit dem dreifltigen Schild
Und raffte seinen Speer und schttelte ihn wild
Und zielte genau und warf. Ihm bog Walthari aus,
Er fuhr in grnen Rasen mit schneidigem Gesaus.

Wohlan denn! rief Walthari, - es sei, wie's euch gefllt!
Und seine dunkle Lanze scho der junge Held.
Die fuhr zur linken Seite durch den Schildesrand
Und nagelt' an die Hfte Camelos rechte Hand
Und drang dem Gaul in Rcken - ausschlagend bumt sich der
Und htt' ihn abgeschttelt, doch fest hielt ihn der Speer.
Indes lie Camelo den Schild zu Boden sinken,
Und strebte sich des Speeres zu ledigen mit der Linken.
Doch jener strzt' heran und stemmt den Fu und tief
Stie er ihm in den Leib das Schlachtschwert bis zum Griff.
Zog's dann zusamt der Lanze aus der Todeswunde,
- Da sanken Ro und Reiter wohl in derselben Stunde.

So mut' ins grne Gras Herr Camelo dort beien.
Ihn sah sein Neffe Kimo, auch Scaramund geheien.
Ha! das traf mich! so rief er, zurck, ihr andern all',
Jetzt sterb' ich oder shne des teuern Blutsfreunds Fall.
Weinend sprang er hinauf, der Weg war hohl und enge,
Da ihm kein andrer konnt' beistehn im Handgemenge.
Er knirschte mit den Zhnen: Nicht will ich Schatz und Gut,
Ich komme als ein Rcher fr meines Oheims Blut.
Zwei Speere schwang er hoch, am Helm die Mhne zittert;
Doch fest stand dort Walthari und sagte unerschttert:
War ich des Kampfs Beginner, geb' ich mich gern verloren,
Es soll mich noch zur Stunde dein Lanzenwurf durchbohren!

Da warf in rascher Folge die Lanzen Scaramund,
Die eine traf den Schild nur, die andre flog in Grund.
Dann mit gezcktem Schwerte ritt er Walthari an,
Doch bracht' er's nicht zuwege, die Stirn ihm durchzuschla'n.
Der Hieb sa auf dem Helme, das drhnte und das klang,
Und Feuerfunken sprhten den dunkeln Wald entlang.
Jetzt fuhr ihm wie ein Blitz Waltharis Speer in Hals
Und hob ihn aus dem Sattel, da fiel er dumpfen Falls.
Nichts half ihm mehr die Bitte, sein Haupt hieb jener ab,
So sank bei seinem Ohme der Neffe frh ins Grab.

Vorwrts! rief Knig Gunther, und lat ihm keinen Frieden,
Bis da wir Schatz und Leben geraubt dem Kampfesmden.
Da kam als dritter Kmpe Werinhard gezogen,
Des Speerwurfs ein Verchter trug er nur Pfeil und Bogen.
Er richtet' auf Walthari von ferne manch Gescho,
Gedeckt vom riesigen Schilde gab der sich nirgends blo.
Und eh' der Schtz ihm beikam, war schon sein Kcher leer,
Des zrnend strmt er jetzo mit blankem Schwert einher:
Und sind dir meine Pfeile zu luftig und zu leicht,
Pa auf, ob nicht mein Hieb dir vollgewichtig deucht!

Schon lange wart' ich, da dem Kampf sein Recht geschehe,
Walthari rief's entgegen - und schleudert aus der Nhe
Den Speer. Der traf das Ro. Hufschlagend bumt sich's auf,
Warf in den Staub den Reiter und strzte oben drauf.
Dem Fallenden entri der Held sein Schwert in Hast,
Lst ihm den Helm - am blonden Gelock er stark ihn fat':
Zu spt kommt itzt dein Jammern, den Bitten bin ich taub!
Und abgeschlagnen Hauptes lag Werinhard im Staub.

Drei Leichen lagen schon. Des Streitens noch nicht md,
Entsandt' als vierten Kmpen Gunther den Ekkefrid.
Der hatt' im Sachsenlande den Herzog einst erschlagen
Und der Verbannung Leid am Frankenhof getragen.
Der trabte stolz einher auf rtlichbraunem Schecken,
Den kampfbereiten Mann tat er erst spttisch necken:
Bist du gefestet, Unhold? trgst du durch Luft und Wind?
Bist ein Waldteufel du? bist du ein Menschenkind? -
Hohnlachend rief Walthari: Ich kenne solches Welschen,
Ihr seid das rechte Volk zum Trgen und zum Flschen -
Heran denn! Deinen Sachsen sollt du erzhlen bald,
Was du dereinst fr Teufel erschaut im Wasichenwald!

Wir wollen es erproben, sprach Ekkefrid, und scharf
Schwang er die Eisenlanze am Riemen, holt' aus und warf,
Doch sie zerbrach am Schilde, der Schild war allzu hart,
Zurck warf sie Walthari und lachte in den Bart:
Schau' an, wie dir der Waldgeist heimgibt, was du geschenkt,
Sie mag wohl tiefer fahren, wenn meine Faust sie lenkt.
Gespalten von dem Wurf des Schildes Stierhaut klafft',
Der Rock zerri - es fuhr tief in die Lunge der Schaft,
Todwund sank Ekkefrid, ein Blutstrom sich ergo,
Als Beute nahm Walthari mit sich des Toten Ro.

Der fnfte Kmpe war Hadwart. Er lie zurck
Den Speer und hofft' allein vom scharfen Schwert sein Glck.
Erst sprach er zu dem Knig: So ich den Sieg gewinne,
Bela des Feindes Schild mir, nach diesem steht mein Sinne.
Zu Rosse drang er vor, doch seinen Pfad versperrten
Die Leichen der Erschlagenen. Da sprang er zu der Erden.
Des lobt Walthari ihn. Doch Hadwart rief und schalt:
Du liegst wie eine Natter im Kreis zusammengeballt
Und denkst, o schlaue Schlange, Pfeil und Gescho zu meiden -
Des sollt von meiner Rechten du herbe Schlge leiden.
Den schnbemalten Schild leg' ab jetzt unverweilt,
Als Kampfpreis ist er mir vom Knig zugeteilt,
Er soll nicht Schaden nehmen, gar wohl gefllt er mir.
Und wollt' sich's anders wenden, und unterlg' ich dir:
Dort stehen die Genossen. Du fristest nicht dein Leben,
Und wollt'st du auch als Vogel befiedert uns umschweben.

Furchtlos sprach da Walthari: Den Schild, den lass' ich nicht!
Dem bin ich als ein Schuldner zu groem Dank verpflicht't.
Der schirmte mich vorm Feinde gar oft in heien Tagen,
Die Wunden, die mir galten, lie er sich willig schlagen;
Du sollt noch heut erkennen, wie ntzlich dieser mir,
So ich den Schild nicht htte, ich stnde nimmer hier.

Drauf Hadwart: Unfreiwillig sollt du ihn balde missen
Und Ro und Gold und Jungfrau in unsern Handen wissen.
Noch einmal rat' ich dir: leg' ab, leg' ab die Last,
Die du so weiten Weges bis heut getragen hast.

Sprach's und vom Leder zog er. Das war ein Fechten schwer,
Er kmpfte mit dem Schwerte, Walthari mit dem Speer,
Im Wasichenwalde nimmer solche Blitze sprhten,
Staunend sahn die Franken auf den Nimmermden.
Das hat von Helm und Schilden geklungen und gegellt,
Wie wenn mit scharfem Beile ein Mann die Eiche fllt.

Aufsprang der Wormser Kmpe und schwang des Schwertes Schneide,
Auf da mit einem Hieb der Zweikampf sich entscheide.
Walthari fing den Streich und zwang ihm aus der Faust
Die Klinge, da sie weit seitab ins Buschwerk saust.
Dahin floh Hadawart. Doch Alphers Sohn, der schnelle,
Ihm nach: Wo fleuchst du hin? da, nimm den Schild, Geselle!
Sprach's und mit beiden Hnden hob er den Speer und stach,
Da ging der Kampf zu Ende. Der sank mit dumpfem Krach,
Ihm setzte auf den Nacken den Fu Walthari und dann
Spiet' an den Boden er zusamt dem Schilde den Mann.

Als sechster in den Kampf ging jetzo Patafrid,
Des Hagen Schwestersohn. Wie den sein Oheim sieht,
Gedachte er mit Bitten zu wenden ihm den Sinn:
Schau, wie der Tod dich anlacht! la ab, wo eilst du hin?
La ab, la ab, o Neffe, dich tuscht dein Jugendmut,
Zu zwingen den Walthari, braucht's andere Kraft und Glut.

Des Zuspruchs ungerhrt, der Jngling ging von hinnen,
Sein einzig Trachten war, sich Ehre zu gewinnen.
Bekmmert sa drum Hagen und seufzte tief und grollte:
O nimmersatte Habgier, o schnder Durst nach Golde,
O schlnge doch die Hlle das gldne Erz in Rachen,
Und gb' es statt den Menschen zur Hut den alten Drachen!
Niemand hat mehr genug. Sie schaffen und sie scharren
Sich tglich mehr zusammen und sind doch arme Narren!
Wie reitest in den Tod auch du mein Neffe so blind,
Was soll ich deiner Mutter fr Kunde bringen vom Kind?
Und was dem jungen Weibe, das traurig deiner harrt,
Dem noch zu schwachem Troste der erste Spro nicht ward?

Sprach's, und die Trne rollt' ihm langsam in Scho hinab:
Fahr' wohl auf lange! seufzt' er, fahr' wohl, du schner Knab'!
Aus weiter Fern' Walthari des Freundes Klage vernahm,
Gerhrt sprach er zum Kmpen, der itzt gestrmet kam:
Steh' ab, mein tapfrer Junge, ich mag dir's redlich raten,
Aufspare deine Kraft zu anderweiten Taten,
Schau' auf! hier liegt erschlagen manch ein gewalt'ger Held,
Ich mte Leides tragen, wenn du dich beigesellt.

Was kmmert dich mein Sterben? rief jener, steh' und ficht!
Zum Streit bin ich gekommen, zu losem Schwatzen nicht.
Und mit dem Worte flog auch die knorrige Lanze einher,
Zur Seite schlug Walthari sie mit dem eignen Speer;
Von Wurfs Gewalt getragen und von des Windes Kraft
Flog bis zur Felsenhhle zu Hiltgunds Fen der Schaft.

Aufschrie vor Furcht die Jungfrau; dann aus der Felsenspalte
Lugt' sie frsichtig, ob Walthari sich noch halte.
Noch einmal warnte dieser den ungestmen Mann,
Doch er, bedachtlos wtend, strmt mit dem Schwerte an.
Da schirmte sich Walthari und schwieg, doch mocht sein Schweigen
Dem Zhneknirschen des gehetzten Keulers gleichen.
Zu mchtigem Schwertstreich holte Patavrid itzt aus,
Da duckte sich Walthari ins Knie und bog ihm aus,
Da ihn des leeren Streiches Wucht zu Boden ri.
Auf sprang der Held mit Macht. Da war der Sieg gewi.
Zwar wollt' zu neuem Fechten auch Patavrid sich heben,
Umsonst. In Bauch getroffen lie er das se Leben,
Die Seele flog von dannen, es ward sein junger Leib
Dem wilden Waldgetiere ein Fra und Zeitvertreib.

Des Toten Fall zu rchen kam Gerwig itzt gesprengt,
Er sprengte ber die Leichen, die dort den Steg geengt!
Derweil des Toten Haupt vom Rumpf Walthari fllt,
Warf er die doppelschneidige Streitaxt nach dem Held,
- Die war in jenen Zeiten der Franken liebst Gewaffen. -
Schnell hob den Schild Walthari, sich Deckung zu verschaffen,
Rckspringend nach der Lanze, an sich die teure ri er,
Die blutige Schwertesklinge ins grne Riedgras stie er
Und stellte sich dem Angriff. Da fiel kein unntz Wort,
So grimmig nach dem Kampfe lechzten die beiden dort.
Der focht den Freund zu rchen, der schirmte Leib und Leben,
Viel schwere Hiebe wurden gehauen und rckgegeben.
Waltharis Speer war lnger, doch tummelte sein Pferd
Der Franke rings im Kreis, da jener mde werd'.
Zuletzt ersah Walthari, da er den Schild ihm hob,
Durch Gerwigs Weichen itzt das grimme Eisen schnob.
Hinsank er auf den Rcken, ein Schrei entfuhr dem Mund,
Des Todes unfroh stampfte er den durchfurchten Grund.
Auch diesem tt der Held das Haupt vom Rumpfe lsen,
- Er war ein stolzer Graf im Wormser Gau gewesen.

Nun stutzten erst die Franken und baten ihren Herrn,
Vom Streite abzustehen. Doch dem war Gunther fern,
He! zrnte er, ihr tapfre, ihr vielerprobte Seelen,
Schafft euch das Unglck Furcht, anstatt zum Zorn zu sthlen?
Soll aus dem Wasichenwalde ich so mich werfen lassen,
Und als geschlagner Mann durchziehn die Wormser Gassen?
Erst wollt' ich jenen Fremden des Goldes sehn verlurstig,
Jetzt drst' ich seines Blutes. Und ihr, seid ihr nicht durstig?
Den Tod shnt nur der Tod. Blut heischet wieder Blut!
Er sprach's, da wurden alle entflammt zu neuem Mut.
Als ging's zu lust'gem Spiele, zu Wettkampf und Turney'n,
So wollte jetzt ein jeder im Tod der erste sein.
Den Felspfad aufwrts ritten sie nacheinand' im Trab,
Indessen nahm Walthari den Helm vom Haupte ab
Und hing ihn an den Baum. Den wrz'gen Waldesduft
Sog er mit vollen Zgen und khlt' sich an der Luft.

Da rannt auf schnellem Rosse Herr Randolf jach heran,
Mit schwerer Eisenstange strmt' er Walthari an
Und htt' ihn schier durchbohrt. Doch auf der Brust zum Glck
Trug er ein schwer Geschmeide, Schmied Welands Meisterstck.
Leicht fate sich der Held und hielt den Schild bereit,
Den Helm sich aufzusetzen hatt' er nimmer Zeit.
Schon sauste Randolfs Klinge um Waltharis Ohren,
Da wurden dem Barhupt'gen zwei Locken abgeschoren.
Doch unverwundet blieb er. Es fuhr der zweite Hieb
So mchtig in den Schildrand, da er drin steckenblieb.
Dem Blitz gleich sprang Walthari zurck und wieder vor,
Und ri ihn von dem Gaule, da er das Schwert verlor,
Und pret' ihn auf den Boden, trat ihm die Brust mit Fen:
Jetzt sollt du fr die Glatze mir mit dem Scheitel ben
Und dieses Stckleins nimmer prahlen deinem Weibe!
Sprach's und hieb den Kopf von des Besiegten Leibe.

Als Neunter in den Kampf sprang Helmnod vor in Eile,
Er schleppte einen Dreizack an vielgewundnem Seile,
Das hielt zu seinem Rcken der Freunde kleiner Rest.
Sie dachten, wenn die Haken im Schilde sen fest,
Das Seil dann anzuziehen mit so gewaltiger Macht,
Da drob Walthari leicht zu Falle werd' gebracht.
Den Arm reckt Helmnod aus und warf den Zack im Bogen:
Pa auf, du kahler Mann! da kommt dein Tod geflogen!
Stolz durch die Lfte kam das Wurfgescho gesaust,
Als wie die Schlange zischend vom Baum herunter braust.
Gespalten ward der Nagel am Schild. Er war getroffen.
Scharf zerrten an dem Seil die Franken schweiumtroffen,
Im Waldgebirg' erscholl ihr siegesfroher Schrei.
Der Knig selbst gesellte den Ziehenden sich bei.
Doch festgewurzelt stund, als wie die Riesenesche,
Des Lrmens unbekmmert Walthari in der Bresche,
Er stund und wankte nicht. Da dachte dort der Schwarm,
Zum mind'sten ihm den Schild zu reien von dem Arm.

Von zwlf Gesellen so die letzten viere kamen
Zu ungestmem Streit. Der Sang nennt ihre Namen:
Der neunte war Herr Helmnod, Eleuther auch benannt,
Der zehnte Mann war Trogus, von Straburg hergesandt.
Von Speier an dem Rhein Herr Tannast war der elfte,
Und Knig Gunther war an Hagens Statt der zwlfte.

Solch eiteln Streitens ward Walthari endlich wild.
Barhuptig war er schon. Jetzt lie er auch den Schild
Und auf die Rstung nur und seinen Speer vertrauend,
Sprang er in Feind, zuerst nach dem Eleuther hauend.
Er spaltet' ihm den Helm und Haupt und Nacken zugleich,
Zerspaltet' auch die Brust mit einem einz'gen Streich.
Dann strmt' er auf den Trogus. Verwickelt in dem Seil
Hing der, ihm brachte nimmer das Flchten Glck und Heil,
Sie hatten bei dem Seilzug sich abgetan der Waffen;
Vergebens sprang er itzt, sich diese zu erraffen,
Walthari holt' ihn ein, und tiefe Wunde schlug er
In beide Waden ihm, und seinen Schild wegtrug er,
Bevor ihn Trogus griff. - In Wut ersah der Wunde
Sich einen riesigen Feldstein. Den hob er von dem Grunde
Und stemmte sich und warf ihn so sicher auf den Held,
Da er den eignen Schild inmitten ihm zerschellt'.
Im Grase kriechend Trogus sein Schwert dann wieder' fand,
Er nahm's, und durch die Lfte schwang er's mit starker Hand.
Zwar konnt' er seine Mannheit nicht mehr durch Taten weisen,
Doch kndet Herz und Mund sattsam den Mann von Eisen.
Und als die Todesgeister er noch nicht lachen sah
Rief er: O wr' ein Schild - o wr' ein Freund mir nah!
Zufall, nicht Tapferkeit hat dir den Sieg bereitet,
Noch hast zu meinem Schild das Schwert du nicht erbeutet.

Bald komm' ich! sprach Walthari, und flog den Weg herab,
Dem furchtlos Hauenden schlug er die Rechte ab;
Schon sollt' ein zweiter Streich der Seele ffnen das Tor
Zum ew'gen Abschied. Sieh, da sprang Herr Tannast vor.
Der hatte gleich dem Knig die Waffen aufgenommen
Und war den Freund zu schirmen mit seinem Schild gekommen.
Unwillig wandte sich Walthari gegen ihn,
Mit tief durchhauner Schulter sank Herr Tannast dahin
Und mit durchstochner Seite: Ich gr' dich tausendmal!
Noch leise murmelt er's, dann war er tot und fahl.
Verzweifelnd stie nun Trogus viel bittre Schmhung aus.
So stirb denn, rief Walthari, und meld' im Hllenhaus,
Wie du den Freunden warst ein Rcher und Vergelter! -
Rief's - und mit gldner Kette erdrosselt er den Schelter.

So lagen die Genossen erschlagen allzumal,
Da seufzte laut der Knig und floh hinab ins Tal,
Auf des bewehrten Rosses Rcken schwang er sich
Und ritt zu Hagen hin und weinte bitterlich.
Er strebt' ihn zu erweichen mit Bitten mannigfalt
Und ihn zur Schlacht zu stacheln. Doch jener sagte kalt:
Zu kmpfen hindert mich der Ahnen schnd Geschlecht,
Mir lhmt ja khles Blut den Arm zu dem Gefecht.
Bleich war ja schon mein Vater, wenn er die Lanzen schaute,
Und schwatzte feig, derweil ihm vor der Feldschlacht graute -
O Knig, wie du also geprahlt vor den Genossen:
Fr immer in die Scheide hast du mein Schwert gestoen!
Von neuem ging der Knig den Grimmen flehend an:
La ab von deinem Grolle - la ab und sei ein Mann!
Und schuf dir auch mein Schelten viel Zorn und Ungeduld,
Ich will mit reicher Gabe wettschlagen meine Schuld.
Zu viel des edeln Blutes ward heute schon vergossen,
Magst du das alles schauen so mig und verdrossen?
Frwahr den Schimpf wird nimmer das Frankenland verwinden,
Schon hr' ich unsre Feinde zischend die Mr verknden:
Es kam ein fremder Mann, man wute nicht woher,
Der tilgte ungestraft der Franken ganzes Heer.

Noch wollte Hagen zaudern. Er sa und bersann,
Wie ihm Walthari einst in Treuen zugetan.
Doch als sein Herr und Knig mit aufgehobnen Armen
Kniefllig zu ihm bat, - da fat' ihn ein Erbarmen,
Da brach das Eis im Herzen, sein Antlitz frbt' sich rot -
So er noch lnger sumte, die Ehre litte Not.

Wohin du auch mich rufest - o Frst, ich werde gehn,
Was nimmer sonst geschah, die Treue heit's geschehn!
Doch wer war je so tricht, da er ins offne Grab,
So wie es hier aufghnet, freiwillig sprang hinab?
Solang' Walthari dort die Felsburg innehlt,
Zieht auch ein Heer vergebens wider ihn zu Feld.
Und wenn die Franken all', Fuvolk und Reiterei,
An jenem Platze stnden, es km' ihm keiner bei.
Doch weil Beschmung dich und Schmerz darnieder drcken,
Ersinn' ich einen Weg, auf dem wird's besser glcken.
Frwahr, ich ginge nimmer, beschworene Treu' zu brechen,
Selbst nicht, - ich sag' es frank - des Neffen Tod zu rchen,
Fr dich nur, Herr und Frst, will der Gefahr ich stehn,
Drum auf und la uns erst von dieser Walstatt gehn.
Es mgen unsre Rosse dort auf der Warte weiden,
Dann whnt er uns gegangen - und wird von dannen reiten.
So er die enge Burg verlassen, dann wohlan,
Wir folgen ihm und greifen im offnen Feld ihn an.
Dann magst nach Herzenslust und mehr selbst, als dich freut,
Du mit Walthari fechten; nicht schenkt er uns den Streit.

Dem Knige gefiel des Hagen schlaues Wort,
Er snftigte ihn vollends mit einem Ku sofort,
Dann wichen beide und sphten sich sichern Hinterhalt,
Die Rosse lieen sie frei grasen in dem Wald.

Gesunken war die Sonne. Einbrach die dunkle Nacht.
Der mde Held Walthari stand prfend und bedacht':
Ob er in sichrer Felsburg schweigsam verweilen mge,
Ob er durch de Wildnis versuche neue Wege.
Er scheute blo den Hagen und ahnte bse List,
Da ihn der Knig dort umarmet und gekt.
Des frchte ich, so dacht' er, da sie zur Stadt entreiten
Und morgen frh den Kampf erneun mit frischen Leuten,
Wofern sie nicht schon itzt im Hinterhalte lauern. -
Auch schuf der wilde Wald ihm ein gelindes Schauern,
Als drut' es drin ringsum von Dorn und wilden Tieren,
Da er dort hilflos irrend, die Jungfrau mcht' verlieren.
Dies alles wohlgeprft und wohlerwogen sprach er:
Wie es auch gehen mag, hier sei bis mor'n mein Lager,
Da nicht der Knig prahle, ich sei dem Diebe gleich
Entflohn bei Nacht und Nebel aus dem Frankenreich.
Er sprach's, und Dorn und Strauchwerk hieb er sich rings vom Hag
Und schlo den engen Pfad mit stachligem Verhack.
Mit bitterm Seufzen wandt' er sich zu den Leichen dann.
Jedwedem Rumpfe fgte sein Haupt er wieder an;
Gen Sonnenaufgang warf er kniend sich zur Erde
Und sprach das Shngebet mit scharfentbltem Schwerte:
O Schpfer dieser Welt, der alles lenkt und richtet,
Gen dessen hohen Willen sich nichts hienieden schlichtet,
Hab' Dank, da heute ich mit deinem Schutz bezwungen
Der ungerechten Feinde Gescho und bse Zungen!
O Herr, der du die Snde austilgst mit starken Armen,
Doch nicht den Snder selbst - dich fleh' ich um Erbarmen:
La diese Toten hier zu deinem Reich eingehn,
Da ich am Himmelssitze sie mge wiedersehn.

So betete Walthari. Dann trieb er allsogleich
Der Toten Rosse ein und band sie mit Gezweig.
Noch sechse waren brig. Zwei waren umgekommen,
Drei hatte Knig Gunther mit auf die Flucht genommen.

Dann lst' er seine Rstung. Das war dem Hitzigen gut,
Mit frohem Zuspruch schpft' er der Jungfrau Trost und Mut,
Mit Speise und mit Trank labt' er die mden Glieder,
Und auf den Schild gelagert warf er zum Schlaf sich nieder.
Den ersten Schlummer sollte Hiltgunde ihm behten,
Denn allzusehr nach Ruhe gelstet's den Vielmden.
Er selbst behielt sich vor die Wacht am frhen Morgen,
Er wut', da drohten ihm erneuten Kampfes Sorgen.
Zu Haupt ihm sitzend wachte Hiltgund die Nacht entlang
Und scheuchte von den Augen den Schlaf sich mit Gesang.
Bald hub Walthari sich und brach des Schlummers Rest
Und hie die Jungfrau ruhen und griff zum Speere fest
Und wandelt' ab und auf. Bald schaut' er nach den Rossen,
Bald lauscht' er an dem Walle. So war die Nacht umflossen.
Der Morgen dmmerte. Es fiel ein linder Tau
Auf Busch und Blatt und Halm hernieder in die Au.
Zu der Erschlagenen Leichen schritt itzt Walthari hin,
Die Waffen und den Schmuck zu rauben war sein Sinn.
Die Panzer samt den Helmen, die Spangen nahm er zur Hand
Und Schwert und Wehrgehenk. Doch lie er das Gewand.
Er nahm der Rosse viere und lastet' sie damit,
Hiltgund aufs fnfte hob er, das sechste er selbst beschritt.
Erst ritt er aus dem Walle, die Gegend zu ersphn,
Und lie die Falkenaugen sich rings im Kreis ergehn.
Nach Wind und Lften hielt er das Ohr gereckt und lauschte,
Ob nichts geschlichen kme, ob nichts im Grase rauschte,
Ob nicht von schwerem Zgel sich hob' ein fernes Tnen,
Oder von Rosseshuf die Erde mcht' erdrhnen.

Doch rings lag alles still. Die Rosse schwer beladen
Trieb er itzt vor und sandte Hiltgund auf gleichen Pfaden,
Er selber fhrt den Gaul, der ihm den Goldschrein trug,
Und schlo in Wehr und Waffen als Hter den reisigen Zug.

Sie hatten tausend Schritte etwann zurckgelegt,
Da schaute Hiltgund um, sie war vor Furcht bewegt,
Da schaute sie vom Hgel herab zwei Mnner eilen,
Die ritten scharf des Weges und mochten nicht verweilen.
Und zu Walthari rief die Jungfrau schreckensbleich:
Das Ende kommt, o Herr! Zur Flucht itzt sputet Euch.
Walthari wandte sich. Die Feinde nahm er wahr:
Ich will ins Antlitz mir beschauen die Gefahr.
Und winkt mir auch der Tod: viel besser ist's, zu streiten,
Als Hab und Guts verlustig, einsam von dannen reiten.
Du, Hiltgund, nimm die Zgel und treib' das Goldro fort,
Der dichte Hain dort drben beut sichern Zufluchtsort.
Ich will am Bergeshang mir einen Stand erkiesen
Und harren, wer da kommt, und ritterlich sie gren.

Die Jungfrau tat sofort, wie sie Walthari hie.
Der machte unbefangen zurecht itzt Schild und Spie
Und ritt des Weges weiter als wie ein fremder Mann.
Da schrie ihn schon von ferne der Knig Gunther an:
Jetzt ist dein Unterschlupf benommen, grimmer Held,
Aus dem du zhneweisend als wie ein Hund gebellt.
Heraus ins offne Feld, dein warten neue Streiche,
Noch steht zu proben, ob das End' dem Anfang gleiche.
Du weisest ja Ergebung und Flucht so schnd zurck,
La sehn, ob du auch heute um Lohn gedungen das Glck!

Verchtlich tt Walthari kein Wort dawider sagen,
Als wr' er taub geworden. Er wandte sich an Hagen:
O Hagen, alter Freund, sag' an, was ist geschehn,
Da also umgewandelt ich dich mu wiedersehn?
Der trnend einst beim Abschied in meinen Armen lag,
Verrennt gewaffnet mir den Weg an diesem Tag?
Frwahr ich dachte einst, km' heimwrts ich gegangen,
Du wrdest grend mich mit offnem Arm umfangen,
Und gastlich mich bewirten und pflegen mich in Freuden
Und reich beschenkt den Freund ins Heimatland geleiten.
Ich zog auf fremden Wegen. Oft wollt' das Herz mir schlagen:
O wr' ich bei den Franken, dort lebt mein Freund, der Hagen!
Gedenkst du nimmermehr der alten Knabenspiele,
Wo wir einmtig einst gestrebt nach gleichem Ziele?
Nicht mehr der Freundschaft? O, wenn ich dein Antlitz sah,
So deuchten mir die Eltern, die teure Heimat nah.
Ich wahrte dir die Treue am Hof und vor dem Feind,
La ab drum von dem Frevel und sei mein alter Freund!
Des werd' ich hoch dich preisen, und bist du mir zu Willen,
Werd' ich mit rotem Golde den hohlen Schild dir fllen.

Mit finsterm Blick und zrnend sah ihn Hagen an:
Erst best du Gewalt und schwatzest listig dann;
Die Treu' hast du gebrochen. Du wutest mich zugegen,
War dir an meinen Freunden, am Neffen nichts gelegen?
Nicht magst du dich entschuld'gen, wenn ich auch ferne stand,
An Waffen und Gestalt war ich dir gut bekannt.
Und doch hat mir dein Schwert den zarten Spro gemht,
Den teuren blonden Jungen. Da war die Freundschaft wett.
Drum heisch' ich itzt von dir nicht Gold, nicht Bruderbund,
Von deiner Hand verlang' ich den toten Neffen zur Stund'!

Von Rosses Rcken schwang sich Hagen nun zur Erde,
Da lieen auch Walthari und Knig Gunther die Pferde.
Zum Fukampf standen sie, zwei wider einen Mann.
Die zweite Frhstund' war's, da hub das Streiten an.
Erst brach den Frieden Hagen und warf mit Macht den Speer,
Der flog in hohem Bogen mit Zisch und Zasch daher.

Walthari mochte nicht ausbeugen, doch er hielt
Zu schrger Richtung ihm entgegen seinen Schild;
Rckprallte das Gescho, als wie von Marmelstein,
Und whlte bis an den Nagel sich in den nahen Rain.

Dann warf auch Knig Gunther den schweren Eschenschaft,
Er warf ihn kecken Mutes, doch nur mit schwacher Kraft,
Den Schildrand traf er nur, und konnt' ihn nicht zerreien,
Walthari schttelte, da fiel das matte Eisen.
Das war ein schlimmes Zeichen. Itzt griffen sie zum Schwerte,
Doch grimmen Blicks Walthari sich mit der Lanze wehrte.
Die Klingen waren kurz, sie reichten nicht an ihn,
Da fuhr ein schlimmer Plan dem Knig durch den Sinn.
Sein abgeschoner Speer lag vor Waltharis Fen,
Den htt' er heimlich gern zu sich zurckgerissen -
Er winkte mit dem Aug', da Hagen vorwrts dringe,
Und stie zurck zur Scheide die goldgeschmckte Klinge,
Da ward die Rechte frei zum Diebsgriff - und den Schaft
Hielt er schon festgepackt - und htt' ihn auch errafft.
Doch auf den Hagen strmte Walthari pltzlich her
Und trat mit starkem Fu auf den gegriffnen Speer.

Der berraschung ward der Knig sehr erschrocken,
Die Kniee wankten ihm, sein Atem wollte stocken,
Schon war der Tod ihm nah. Doch sprang in schnellem Lauf
Ihm schirmend Hagen bei. Da stund er zitternd auf,
Es ward der bittre Kampf itzt ungesumt erneut,
Fest stand Walthari noch, doch ungleich war der Streit -
Er stand: so steht der Br, gejagt von wilder Hatze,
Unwillig vor der Meute und droht mit scharfer Tatze,
Und duckt das Haupt und knurrt. Weh dem, der an ihn schwirrt:
Er pret ihn und umarmt ihn, bis er sich nimmer rhrt,
Scheu flieht der Rden Schar mit heulendem Gebelle. -
So flutete die Schlacht schon auf der hchsten Welle,
Dreifache Not des Todes auf jeder Stirne stand:
Die Wut, die Last des Kampfes und glher Sonnenbrand.

Gepreten Herzens schaute bereits Walthari um,
Ob sich kein Ausweg ffne. Zu Hagen rief er drum:
O Hagdorn, grn im Laub, du magst so gern mich stechen
Und mir die Heldenkraft mit schlauen Sprngen brechen,
So schwerer Mhe satt, will ich mit dir itzt ringen -
Und bist du riesenstark, ich will dich nher bringen!
Er sprach's und hochaufspringend warf er die Lanze keck,
Sie traf und ri ein Stck ihm von der Rstung weg
Und streifte seine Haut, doch nur ein wenig, an,
Dieweil gar starken Panzer sich Hagen umgetan.
Walthari aber ri das Schwert aus seiner Scheide
Und strmt auf Gunther ein und schlug den Schild beiseite -
So wundersam gewalt'gen Schwertschlag tat er behende,
Da er ihm Bein und Schenkel ganz von der Hfte trennte.

Halbtot auf seinem Schilde lag Knig Gunther da,
Selbst Hagen wurde bla, wie solchen Schlag er sah.
Hoch schwang Walthari itzt die blutgefleckte Klinge,
Auf da der wunde Knig den Todesstreich empfinge,
Doch Hagen warf dem Hieb das eigne Haupt entgegen,
Da sprhte von dem Helm hoch auf ein Funkenregen;
Der Helm war hart geschmiedet. Drum brach das Schwert mit Klirren,
Durch Luft und Busch und Gras zahllose Trmmer schwirren.

Walthari, wie ihm so die Klinge war zersplittert,
Fuhr unwirsch auf, es ward sein Herz von Zorn durchschttert,
Wegwarf verchtlich er den Griff - was sollt' er ntzen,
Ob er auch kunstgefget von Golde mocht' erblitzen?
Doch wie er unbedacht die Hand zum Wurf ausreckte,
Tat Hagen einen Hieb, der sie zu Boden streckte.

Da lag die tapfre Rechte, so furchtbar manchem Land,
So siegespreisgeschmckt - nun blutend in dem Sand.
Ob zwar ein linker Mann - Walthari war noch nicht
Der Kunst des Fliehens kundig, starr blieb sein Angesicht,
Er bi den Schmerz zusamm' und in den Schild einschob er
Den blut'gen Stumpf, und schnell mit linker Faust erhob er
Das krumme Halbschwert, das er einst im Hunnenland
Als Notbehelf sich um die rechte Hfte band.

Das rchte ihn am Feind. Da ward dem grimmen Hagen
Sein rechtes Auge ganz aus dem Gesicht geschlagen,
Zersbelt war die Stirn - die Lippen aufgeschlissen,
Dazu sechs Backenzhne ihm aus dem Mund gerissen.

So ward der Kampf geschlichtet - wohl durften beide ruhn.
Laut mahnten Durst und Wunden, die Waffen abzutun.
Da schieden hochgemut die Helden aus dem Streit,
An Kraft der Arme gleich und gleich an Tapferkeit.
Wahrzeichen lie jedweder zurck von dem Gefechte,
Hier lag des Knigs Fu - dort lag Waltharis Rechte,
Dort zuckte Hagens Aug': so hob an jenem Platz
Sich jeder seinen Teil vom groen Hunnenschatz.

Die beiden setzten sich. Der dritte lag am Grunde.
Mit Blumen stillten sie den Blutstrom aus der Wunde.
Hiltgund, der zagen Maid, laut rief Walthari dann,
Die kam und legte guten Verband den Recken an.
Walthari drauf befahl: Jetzt misch' uns einen Wein,
Wir haben ihn verdienet, er soll uns heilsam sein.
Es sei der erste Trunk dem Hagen zugebracht,
Der war dem Knig treu und tapfer in der Schlacht.
Dann reich' ihn mir, der ich das Schwerste hab' erlitten,
Zuletzt mag Gunther trinken, der lssig nur gestritten.
Die Jungfrau folgt dem Winke, und bracht's dem Hagen dar,
Da sprach der Held, wie sehr er von Durst geqult auch war:
Walthari, deinem Herrn, sei erst der Trunk gereicht,
Braver als ich und alle hat der sich heut erzeigt!
Zwar md, doch frischen Geists sa itzt beim Wein geeint
Hagen, der Dornige, mit seinem alten Freund.
Nach Lrm und Kampfgets, Schildklang und schweren Hieben
Zum Becher dort die zwei viel Scherz und Kurzweil trieben.

Zuknftig, sprach der Franke, magst du den Hirsch erjagen,
O Freund! und von dem Fell den Lederhandschuh tragen,
Und so du dir mit Wolle ausstopfest deine Rechte,
So meint noch mancher Mann, die Hand sei eine echte.
O weh, auch mut fortan du allem Brauch entgegen
Am deine rechte Hfte das breite Schlachtschwert legen,
Und will Hiltgunde einst dir in die Arme sinken,
So mut du sie verkehrt umarmen mit der Linken,
Und alles, was du tust, mu schief und linkisch sein ...
Walthari ihm erwidert: O Einaug', halte ein!
Noch werd' ich manchen Hirsch als Linker niederstrecken,
Doch dir wird nimmermehr des Ebers Braten schmecken.
Schon seh' ich queren Auges dich mit den Dienern schelten
Und tapfrer Helden Gru mit scheelem Blick entgelten.
Doch alter Treu' gedenkend schpf' ich dir guten Rat:
Bist du der Heimat erst und deinem Herd genaht,
Dann la von Mehl und Milch den Kindleinbrei dir kochen,
Der schmeckt zahnlosem Mann und strkt ihm seine Knochen.
So ward der alte Treubund erneut mit Glimpf und Scherz,
Dann trugen sie den Knig, dem schuf die Wunde Schmerz,
Und hoben snftlich ihn aufs Ro und ritten aus,
Nach Worms die Franken zogen, Walthari ritt nach Haus.
Da ward mit hohen Ehren begrt der junge Held,
Und bald ward auch Hiltgunde dem Treuen anvermhlt.
Nach seines Vaters Tod tat er der Herrschaft pflegen
Und fhrte dreiig Jahre sein Volk mit Glck und Segen;
Noch in manch schwerem Kampfe gewann er Sieg und Ruhm,
Doch stumpf ist meine Feder und billig schweig' ich drum.
Hochweiser Leser du, schenk' meinem Werke Gnade!
Wohl gleicht mein rauher Reim dem Sang nur der Zikade,
Doch fr das Hchste ist mein junger Sinn erglht.
Gelobt sei Jesus Christ! - So schliet Waltharis Lied.

                          Fnfundzwanzigstes Kapitel.



                              Ausklingen und Ende.

So schliet Waltharis Lied. - Er hat brav gesungen, unser Einsiedel Ekkehard,
und sein Waltharilied ist ein ehrwrdig Denkmal deutschen Geistes, die erste
groe Dichtung aus dem Kreis heimischer Heldensage, die trotz verzehrendem Roste
der Zeit unversehrt der Nachwelt erhalten ward. Freilich sind andere Tne darin
angeschlagen als in den goldverbrmten Bchlein, die der epigonische Poet
ausheckt, - der Geist groer Heldenzeit weht drin, wild und fast schaurig, wie
Rauschen des Sturmes im Eichwald, es klingt und sprht von Schwerteshieb und
zerspelltem Helm und Schildrand ein Erkleckliches und ist von minniglichem
Fltenton so wenig zu verspren als von angegeistetem Schwatzen ber Gott und
die Welt und sonst noch einiges: riesenhafter Kampf und riesenhafter Spa, altes
Reckentum in seiner schlichtfrchterlichen Art, ehrliche fromme schweigende
Liebe und echter dreinschlagender Ha, das waren Ekkehards Bausteine; aber darum
ist sein Werk auch gesund und gewaltig worden und steht am Eingang der
altdeutschen Dichtung, gro und ehrenfest, wie einer jener erzgewappneten
Riesen, die die bildende Kunst spterer Zeiten als Torhter vor der Palste
Eingang zu stellen pflegt.
    Und wen die Herbigkeit alter, oft schier heidnischer Anschauung unlieblich
anmuten mchte, gleich einem rauhen Luftzug an den Dnen des Meers, draus der
frackumhllte Mensch Erkltung schpft und ein Hstlein, der mge bedenken, da
einer das Lied sang, der selber in der Hunnenschlacht gefochten, und da er's
sang, die Locken umsaust vom Winde, der ber die Schneefelder des Sntis
gestrichen, viel hundert Klafter ber den Niederungen des Tales, die Wolfshaut
zum Mantel, den Felsblock der Hhle zum Schreibtisch, die Brin zum Zuhrer.
    Es ist schade, da die neckenden Geister und Kobolde schon lange ihr
frohsames Handwerk eingestellt haben, sonst mcht' es manch einem Schreibersmann
unserer Tage nicht ungedeihlich sein, wenn ihn pltzlich unsichtbare Hnde vom
Mahagonitisch hinwegtrgen auf die grnen Matten der Ebenalp; - dort droben, wo
der alte Mann in seiner Berggewaltigkeit dem Poeten ins Konzept schaut, wo die
Abgrnde ghnen, der Donner zwlffltig durch die Schluchten rollt und der
Lmmergeier in einsam stolzem Kreisen dem Regenbogen zufliegt, dort mu einer
etwas Groes, Kerniges, Brenmiges singen oder reuig in die Kniee sinken wie
der verlorene Sohn und vor der gewaltigen Natur bekennen, da er gesndigt. - -
    Unsere Erzhlung neigt sich zum Ende.
    Es wr' ihr vielleicht ein Gefallen geschehen, wenn Ekkehard jetzt nach
Vollendung seines Sanges eines snftlichen Todes verblichen wre: das htte
einen gar rhrenden Schlu gegeben, wie er oben vor seiner Hhle gesessen, den
Blick nach dem Bodensee, die Harfe an den Fels gelehnt, die Pergamentrolle in
der Rechten, und das Herz wr' ihm gebrochen, und es htt' sich ein schn
Gleichnis daran geknpft, wie der Snger vom Lodern des Geistes in ihm
aufgezehrt ward und dahinstarb, gleich der Kerze, die zur Asche sich verzehrt,
eben da sie Licht gewhrt, - aber den Gefallen erwies Ekkehard seinem Angedenken
bei der Nachwelt nicht.
    Echte Dichtung macht den Menschen frisch und gesund. Und Ekkehards Wangen
hatten sich in whrender Arbeit strahlend gertet, und es war ihm so wohl
geworden, da er oftmals den Arm ausreckte, als woll' er einen Wolf oder Bren
mit einem Schlag der Faust niederschmettern. Wie aber sein Walthari durch Not
und Todeswunden glcklich zu Ende gefhrt war, da jubelte er, da die
Tropfsteine in seiner Hhle verwundert einander zublinzeln mochten, den Ziegen
im Stall warf er eine doppelte Atzung an Futter zu, dem Handbuben aber
bermachte er etliche Silberpfennige, da er hinbersteige als Botenknabe nach
Sennwald im Rheintal und einen Schlauch rtlichen Weines beschaffe. Es war
damals wie jetzt: Ist das Buch zu End' gebracht, der Schreiber einen Freudsprung
macht280.
    Darum sa er abends auf der Ebenalp beim alten Senn und trank ihm tapfer zu
und nahm ihm das Alphorn vom Nacken und trat auf ein Felsstck und blies nach
dem fernduftigen Hegauer Berggipfel hinber, frohgewaltig, als woll' er die
Herzogin herausblasen auf den Sller und Praxedis dazu, und wolle sie mit Lachen
begren.
    Wenn ich wieder auf die Welt kme, sprach er zu seinem Freund, dem
Alpmeister, und htte vom Himmel herniederzufallen und die Wahl wohin, ich
glaube, ich lie mich zum Wildkirchlein fallen und nirgend anders hin.
    Ihr seid nicht der erste, antwortete lachend der Alte, dem's bei uns wohl
behagt hat. Wie der Bruder Gottschalk noch lebte, sind einmal fnf welsche
Mnche heraufgekommen zum Besuch, die haben ein besseres Weinlein mitgebracht,
als das von Sennwald ist, und sind drei Tage oben geblieben und haben Sprnge
gemacht, da ihnen die Kutten zu Hupten flogen; erst wie es wieder bergab ging,
haben sie das Antlitz in die gehrigen Falten gelegt, und einer hat noch eine
lange Rede an unsere Herden gehalten: Ihr guten Ziegen, seid verschwiegen,
sprach er, der Abt von Novalese braucht nichts von unserer Geister Entrckung zu
wissen.
    Aber stehet mir einmal Rede, Bergbruder, was habt Ihr in diesen letzten
Tagen so geduckt in Eurer Hhle zu sitzen gehabt? Ich hab' Euch wohl gesehen,
wie Ihr viel Hakenfe und Runen auf Eselshaut gezeichnet, Ihr habt doch keinen
bsen Zauber vor gegen unsere Herden und Berge? Sonst ... er sah ihn drohend
an.
    Ich hab' ein Lied aufgeschrieben, sprach Ekkehard.
    Der Senn schttelte das Haupt.
    Das Schreiben! das Schreiben! brummte er. Mich geht's nichts an, und der
hohe Sntis wird, so Gott will, noch auf Enkel und Urenkel herabschauen, ohne
da sie wissen, wie man Griffel und Feder handhabt, aber das Schreiben kann
unmglich vom Guten sein. Der Mensch soll aufrecht einhergehen, wenn er ein
Ebenbild Gottes sein will, wer aber schreibt, mu sitzen und den Rcken biegen,
ist das nicht das Gegenteil von dem, was Gott angeordnet? Also mu es vom Teufel
kommen. Seht Euch vor, Bergbruder! und wenn Ihr mir noch einmal geduckt in Eurer
Hhle sitzen wollet wie ein Murmeltier und schreiben: beim Strahl! ich fahr'
Euch als Alpmeister dazwischen und rei' Euch Eure Bltter in Fetzen, da sie
der Wind verweht in die Tannenwipfel. Ordnung mu sein hier oben und einfach
Wesen, wir leiden nichts Ausgespitztes!
    
    Ich will's nicht wieder tun, sagte Ekkehard lachend und reichte ihm die
Hand.
    Der brave Alpmeister war am Sennwalder Rotwein warm geworden.
    Und bei Donner und Blitz, schalt er weiter, was soll das heien, ein Lied
aufschreiben? Narrenpossen! Schreibt's einmal auf, wenn Ihr knnt!
    Er hub einen Jodelgesang an in so unmoduliert grblichen Naturlauten, da
auch das gebteste Ohr einen mit Wort oder Schriftzug darzustellenden Ton
vergeblich darin zu entdecken vermocht htte.
    - - Zur selben Stunde sa zu Passau an der Donau im reblaubumrankten
Gartenstblein der Bischofspfalz ein Mann in der Frische sprossenden
Mannesalters vor einem steingehauenen Tisch. Ein unnennbar feiner Zug lag um den
von braunem Bart berdeckten Mund, ppige Locken wallten unter dem samtnen
Barett herfr, seine dunkeln Augen folgten dem Zuge der schreibenden Rechten.
Zwei blonde Knaben stunden neugierig an der hlzernen Armlehne seines Stuhles
und schauten ihm ber die Schulter ... es war schon manch ein Blatt beschrieben
von Fahrten und Strmen und Not und tapferer Helden Tod - er schrieb jetzo am
letzten. And dauerte nicht lang', so tat er die Feder weg und trank einen
langen, tiefen, ernsten Schluck ungrischen Weines aus dem spitzen Pokal.
    Ist's jetzt fertig? sprach der eine Knabe.
    Es ist fertig! nickte der Schreibersmann, alles fertig, wie es sich hub
und wie es kam und wie es ein bitter Ende nahm.
    Er reichte ihm die Bltter, und jubelnd sprangen die Knaben zu ihrem Ohm,
dem Bischof Pilgerim, und wiesen ihm die Schrift. Und du selber stehst auch
drin, teurer Oheim, riefen sie, der Bischof mit seiner Nichte ritt auf Passau
an' - zweimal stehst du drin und dreimal!
    Und Pilgerim, der Bischof, strich seinen weien Bart und sprach: Ihr drft
euch freuen, liebe Neffen, da euch der Konrad die Mr gebrieft, und wenn der
Donaustrom drei Tage und drei Nchte mit Gold flieen wollte, ihr mchtet nichts
Kostbareres drin fischen, denn diesen Sang; das ist die greste Geschichte, die
auf der Welt je geschah.
    Der Schreibersmann aber stund mit verklrtem Antlitz unter dem Rebgerank und
Geiblattgewinde des Gartens und schaute in die welken roten Bltter, die der
Herbst von den Zweigen geschttelt, und schaute hinab in die flutende Donau, und
im rechten Ohr hub sich ihm ein helles Klingen, denn zu derselbigen Zeit hatte
Ekkehard auf lustiger Alpenhhe eine hlzerne Schale mit Wein gefllt und zum
alten Senn gesprochen: Ich hab' einst einen guten Gesellen gehabt, einen
bessern findet man in keines Herren Land, der hie Konrad; und mit Frauenlieb'
und Weltruhm ist's nichts, aber der alten Freundschaft bleib' ich zu Dank
verpflicht't bis in den Tod, Ihr sollt mit mir sein Wohl trinken, das ist einer,
der wrde dem Sntis Freud' machen, wenn er hier wre! Und der Senn hatte die
Schale geleert und gesagt: Bergbruder, ich glaub's Euch. Er soll leben!
    Darum erklang dem Mann in Passau sein Ohr; er aber wute nicht warum. Und
sein Ohr klang noch, da kam der Bischof Pilgerim einhergewandelt, und hinter ihm
brachte der Stallmeister ein wei Rlein, das war altersschwach und schbig,
und wenn man ihm nher ins Gesicht schaute, war's auch am linken Aug' blind, und
der Bischof nickte mit seiner spitzen Inful und sprach gndiglich: Meister
Konrad, was Ihr meinen Neffen zuliebe geschrieben, sollt Ihr nicht umsonst
geschrieben haben, mein erprobtes Streitro sei Euer!
    Da zuckte der Meister Konrad wehmtig lchelnd die seinen Lippen und dachte:
Es geschieht mir schon recht, warum bin ich ein Dichter worden! laut aber
sprach er: Gott lohn's Euch, Herr Bischof, Ihr werdet mir wohl ein paar Tage
Urlaub schenken zum Ausruhen von der Arbeit.
    Und er streichelte das alte weie Rlein und schwang sich darauf, ohne eine
Antwort abzuwarten, und sa stolz und anmutsvoll im Sattel und brachte sein
demtig Tier noch zu einem leidlichen Trab und ritt von dannen.
    Ich will meinen besten Stofalken gegen ein Paar Turteltauben verloren
geben, sprach der ltere der Knaben, wenn er nicht wiederum nach Bechelaren
reitet zur Markgrafsburg. Er hat immer gesagt: So gut ich meinen gndigen Herrn,
den Bischof, ins Lied hereinsetze, kann ich auch der Frau Markgrfin Gotelinde
und ihrer schnen Tochter drin ein Denkmal aufrichten, die danken mir's doch am
feinsten!
    Derweil war der Meister Konrad schon dem Tore der Bischofspfalz entritten;
er schaute sehnschtig donauabwrts und hub an mit heller Stimme zu singen:

Da sprach unverhohlen derselbe Fiedelmann:
O Markgraf, reicher Markgraf, Gott hat an Euch getan
Nach allen seinen Gnaden, hat er Euch doch gegeben
Ein Weib, ein so recht schnes, dazu ein wonniglich Leben.
Und wr' ich nun ein Knig, fing er wieder an,
Und sollte Kronen tragen, zum Weibe nhm' ich dann
Eure schne Tochter, die wnschte sich mein Mut,
Sie ist so s zu schauen, so minniglich ...

aber bei diesen Worten wirbelte ihm eine Staubwolke entgegen, da seine Augen
unfreiwillig in Trnen standen und sein Gesang verstummte.
    Die Strophen waren aus dem Werke, wofr ihn der Bischof soeben gelohnt; das
war ein Heldenbuch in deutscher Sprache und hie: Der Nibelungen Lied281! ...
    - Mhlich ging's in den Herbst hinein. Und wenn der auch abendlich ein
glhender Rot an die Himmelswlbung malt als andere Jahreszeit, so kommen doch
khle Lfte in seinem Gefolg', da, wer festgesiedelt auf den Alpen, sich
anschickt, zu Tal zu fahren, und kein Wolfspelz vor frstelndem Klappern der
Zhne schtzt.
    Frischer Schnee glnzte auf allen Kuppen und gedachte fr dieses Jahr nimmer
zu zergehen. Ekkehard hielt den Sennen die letzte Bergpredigt. Hernach streifte
Benedicta an ihm vorbei. Jetzt ist's aus mit unserer Herrlichkeit da oben,
sprach sie, morgen zieht Mensch und Tier ins Winterfutter. Wo geht Ihr hin,
Bergbruder?
    Die Frage fiel ihm schwer aufs Herz.
    Ich bliebe am liebsten hier, sprach er. Benedicta lachte hell auf. Man
merkt, sagte sie, da Ihr noch keinen Winter oben versessen habt, sonst wrd'
es Euch nach keinem zweiten gelsten. Ich mcht' Euch wohl sehen, eingeschneit
im Bruderhuslein, und die Klte schleicht durch alle Ritzen, da Ihr zittert
wie ein Espenlaub, die Lawinen krachen ringsumher und die Eiszapfen wachsen Euch
in Mund herein ... Und wenn Ihr einmal zu Tal wollet und etwas zu essen holen,
da liegt der Schnee haushoch auf dem Pfad, ein Schritt - und Ihr sinkt bis ans
Knie ein, ein zweiter - traladibidibidib! so ragt nur noch die Kapuze hervor und
man sieht von der schwarzen Kutte nicht mehr als von einer Fliege, die in die
Milchsuppe gefallen ist ... And dieses Jahr hat's gar so viel Spiegelmeisen
gehabt, das gibt einen strengen Winter! Hu, wie freu' ich mich auf die langen
Abende, da sitzen wir beim Kienspanlicht um den warmen Ofen und spinnen Flachs,
das Rdlein knurrt, das Feuer brummt, und wir erzhlen die schnsten
Geschichten, und wer ein braver Bub ist, darf zuhren. Es ist schad', da Ihr
kein Senn geworden seid, Bergbruder, ich wrde Euch auch mitnehmen zur Stubeten
A1.
    Es ist schade, sprach Ekkehard.
    Folgenden Tages ging's in festlichem Zuge talab. Der alte Senn hatte sein
feinstes Linnen angetan und sah vergngt drein wie ein Patriarch; die rundliche
Lederkappe auf dem Haupt, den schnsten Melknapf ber der linken Schulter
schritt er voraus und sang den Kuhreihen jugendhell und tapfer, ihm folgten
Benedictas Ziegen, die Plnkler der groen Heerschar, die Hirtin mit ihnen, die
letzten Alpenrosen mit schon vergilbten Blttern ins dunkle Gelock geflochten.
Fetzt kam die schwarzgefleckte groe Susanna, die Knigin der Herde, als Zeichen
des Vorrangs die schwere Glocke um den Hals; ehrbar und stolz war ihr Gang, und
wenn eine der Nachfolgenden ihr vorauszuschreiten wagte, so warf sie ihr einen
verchtlichen hornstodrohenden Blick zu, da die Anmaende erschrocken
zurckwich. Schwerfllig schritten die anderen bergab: Ade, du schmackhaft
Alpengras, du frhlich Wiederkuen! dachte manch ein fettgeworden Khlein und
knickte sich im Vorbeistreifen noch die letzten Blumen am Pfade.
    Der Stier trug den einfigen Melkstuhl zwischen den Hrnern, auf des
Gewaltigen Rcken sa der Handbub verkehrt und hielt die ausgestreckten Finger
beider Hnde an seine nicht allzufein geformte Nase und rief zu den Berggipfeln
hinauf: Der Sommer ist gegangen und hat den Herbst gebracht, jetzt wnschen wir
einand eine gute, gute Nacht; ihr stille schneeige Herren, lebt wohl itzt
allerseit, ich wnsch' euch wohl zu schlafen die ganze Winterszeit! Ein
Schlitten mit der Sennhtte Geschirr und Ausrstung schlo den Zug.
    Und Sennen und Herde und Ziegen verschwanden im Tannenwald, verhallend tnte
Hirtensang und Schellengelut aus der Ferne, dann ward's still und einsam wie in
jener Abendstunde, da Ekkehard zuerst vor dem Kreuz des Wildkirchleins gekniet
war. Er trat in seine Klause. Es war ihm in seinem stillen Bergleben klar
geworden, da die Einsamkeit nur eine Schule frs Leben ist, nicht das Leben
selbst, und da wertlos verderben mu, wer in der grimmen Welt immerdar nur
mig in sich hineinschauen will.
    Es hilft nicht, sprach er, auch ich mu wieder zu Tale. Der Schnee weht
zu kalt, und ich bin zu jung, kann kein Einsiedel bleiben.

Fahr' wohl, du hoher Sntis, der treu um mich gewacht,
Fahr' wohl, du grne Alpe, die mich gesund gemacht!
Hab' Dank fr deine Spenden, du heil'ge Einsamkeit,
Vorbei der alte Kummer - vorbei das alte Leid.
Gelutert ward das Herze, und Blumen wuchsen drin:
Zu neuem Kampf gelustig steht nach der Welt mein Sinn.
Der Jngling lag in Trumen, dann kam die dunkle Nacht;
In scharfer Luft der Berge ist jetzt der Mann erwacht!

    Er griff seine Reisetasche und legte seine wenige Habe drein. Sein
Teuerstes, das Waltharilied, sorgsam umhllt, tat er oben drauf; ein Lcheln
umspielte sein Antlitz, wie er noch etliche Gertschaften umherstehen sah. Auf
dem Felsrand stund die halbausgeschriebene Flasche mit Schreibsaft, die griff er
und warf sie hinaus in die Tiefe, da sie in glitzernde Splitter zerschmettert
ward. Die dreieckige Harfe lehnte wehmtig an der Rasenbank vor der Hhle: Du
sollst zurckbleiben und dem, der nach mir kommt, seine stillen Stunden
versen, sprach er. Aber kling' ihm nicht matt und nicht s, sonst mg' es
aus den Tropfsteinen in deine Saiten trufeln, da sie einrosten, und der Sturm
von den Gletschern drber fahren, da sie bersten!
    Ich hab' ausgesungen.
    Er hngte die Harfe an einen Nagel.
    In whrender Klausnerzeit hatte er sich einen starken Bogen geschnitzt,
Kcher und Pfeile waren noch aus Gottschalks Nachla droben, die nahm er jetzt
als gut Gewaffen zur Hand, - gerstet, im Wolfsmantel stund er vor der Klause
und tat noch einen langen, langen Blick nach der Sttte glcklicher
Sommerfrische und hinber zu den vielteuern Gipfeln und hinunter, wo aus dem
Tannendunkel der Seealpsee meergrn aufglnzte. Es war so schn wie immer. Der
Mauerspecht, der die gleiche Bergritze zu seiner Behausung erkoren, flog ihm
traulich auf die Schulter und pickte ihm mit hmmerndem Schnabel die Wangen,
dann schwang er sein schwarzrot Gefieder hinauf in die blauen Lfte, als woll'
er dem hohen Sntis des Einsiedels Abzug vermelden.
    Aber Ekkehard stie seinen Speer auf und wandelte den gewohnten
schwindelnden Pfad hinunter. An der Felswand zum Ascher hielt er noch einmal und
winkte hinauf zu seiner Siedelei und tat einen Jodelruf, da es am Kamor erklang
und am hohen Kasten und rollender Widerhall an der Maarwiese vorbei zog bis in
die fernsten Winkel des Gebirges. Der kann's! sprach ein heimkehrender Hirt
unten im Tal zu seinem Gefhrten.
    Schier wie ein Geibub! sagte der andere, als Ekkehard jenseits der
Felswand verschwand.
    - - Der aufgehende Tag hatte schon etlichemal seine Strahlen auf das
Wildkirchlein geworfen, das traurig einem verlassenen Nest gleich ins Tal
hinunterschaute. Der Bergbruder kam nimmer zurck.
    Am Bodensee rstete man zur Weinlese. An einem milden Abend sa Frau Hadwig
im Grtlein ihrer Burg, die treue Praxedis zur Seite. Die Griechin hatte
unerquickliche Zeiten. Ihre Gebieterin war verstimmt, mizufrieden,
unzugnglich. Auch heute wollte ein Gesprch nicht gelingen. Es war ein
schlimmer Gedchtnistag.
    Heute ist's ein Jahr, hub Praxedis scheinbar gleichgltig an, da wir
ber den Bodensee fuhren und beim heiligen Gallus ansprachen. Die Herzogin
schwieg. - Es ist viel geschehen seitdem, wollte Praxedis beifgen - das Wort
verhauchte auf den Lippen.
    Wit Ihr auch, gndige Herrin, was die Leute von Ekkehard sagen? fuhr sie
nach geraumer Weile fort.
    Frau Hadwig schaute auf. Es zuckte um ihre Lippen. Was sagen die Leute?
sprach sie gleichgltig.
    Herr Spazzo hat neulich den Abt von Reichenau getroffen, erzhlte
Praxedis, der sagte: Wisset Ihr auch etwas Neues? Den Alpen ist Heil
widerfahren, das Joch des Sntis ertnt von Lyraklang und Dichtergezwitscher,
ein neuer Homer hat sich droben eingenistet, und wenn er wte, in welchen
Hhlen die Musen hausen, so knnt' er ihren Reigen anfhren wie ein cynthischer
Apollo282. Und wie Herr Spazzo kopfschttelnd erwiderte: Was geht das mich an?
da sprach der Abt: Es ist Euer Ekkehard, aus der Klosterschule von Sankt Gallen
hat's die Fama zu uns getragen. Herr Spazzo hat lachend dazu gesagt: Wie kann
der singen, der nicht einmal erzhlen kann?
    Die Herzogin war aufgestanden. Schweig! sprach sie, ich will nichts davon
wissen. Praxedis kannte das Zeichen ihrer Hand und ging betrbt von dannen.
    Frau Hadwigs Herz aber dachte anders, als ihre Zunge sprach. Sie trat an des
Grtleins Mauerwehr und schaute hinber nach den helvetischen Bergen. Dmmerung
war eingebrochen, schwerfllige lange stahlgraue Wolkenstreifen standen
unbeweglich ber dem Abendrot, wie darauf genagelt, das zitterte und flammte
wehmtig drunter vor. Im Rinnen und Zerrinnen des letzten Tagesstrahls ward auch
ihr Denken weich. Ihr Auge blieb drben auf dem Sntis haften, - es war ihr, als
htte sie eine Erscheinung, als tte sich der Himmel auf und seine Engel kmen
durch die Lfte gefahren und senkten sich hernieder zu jenen Hhen und brchten
einen Mann getragen im wohlbekannten Mnchsgewand - und der Mann war bla und
tot und ein Lichtglanz, schn und lauter, umschwebte das luftige Geleit ...
    Aber Ekkehard war nicht gestorben.
    Ein zischender leiser Ton schreckte die Herzogin auf, ihr Auge streifte an
dem Felsabhang vorber, ber den einst der Gefangene entronnen, eine dunkle
Gestalt entschwand im Schatten, ein Pfeil kam ber Frau Hadwigs Haupt geflogen
und sank langsam zu ihren Fen nieder.
    Sie hob das wundersame Gescho auf. Nicht Feindeshand hatte es dem Bogen
entschnellt, seine Bltter Pergamentes waren um den Schaft gewunden, die Spitze
umhllt mit einem Krnzlein von Wiesenblumen. Sie lste die Bltter und kannte
die Schrift.
    Es war das Waltharilied. Auf dem ersten Blatt stund mit blaroten Buchstaben
geschrieben: Der Herzogin von Schwaben ein Abschiedsgru! und dabei stund der
Spruch des Apostel Jakobus: Selig der Mann, der die Prfung bestanden!
    Da neigte die stolze Frau ihr Haupt und weinte bitterlich. -

    Hier endet unsere Geschichte.
    Ekkehard zog in die weite Welt, er hat den hohen Twiel nimmer gesehen, auch
sein Kloster Sankt Gallen nicht. Er hatte sich zwar berlegt, ob er nicht
bufertig wieder eintreten wolle, wie er von den Alpen niedersteigend den
bekannten Mauern nahe gekommen war. Aber es fiel ihm ein Sprichwort seines alten
Alpmeisters ein: Wenn einer lang' Senn war, wird er nimmer gern Handbub, und
er ging vorbei. Man hat spter am Hofe der schsischen Kaiser viel von einem
Ekkehard gehrt, der ein stolzer, trotziger, in sich gekehrter Mann gewesen, bei
frommem Gemt von tiefer Verachtung der Welt beseelt, aber lebensfrisch und
gewandt, in jeglicher Kunst erfahren. Er war des Kaisers Kanzler, erzog dessen
jugendlichen Sohn, sein Rat galt viel in des Reichs Geschften. In kurzem,
schreibt ein Geschichtschreiber von ihm, erschien er ihnen als ein so
Hervorragender, da es durch aller Mund ging, sein warte noch die hchste Wrde
der Kirche.
    Die Kaiserin Adelheid wandte ihm ihre volle Hochachtung zu283. Er war auch
einer der Haupturscher, da der bermtige Dnenknig Knut mit Heeresmacht
berzogen ward.
    Es ist unbekannt, ob dies derselbe Ekkehard war, von dem unsere Geschichte
erzhlte.
    Andere haben auch behauptet, es seien mehrere des Namens Ekkehard im Kloster
Sankt Gallen gewesen, und der den Walthari dichtete, sei nicht der nmliche,
der die Herzogin Hadwig des Lateins unterwies. Aber wer der Geschichte, die wir
jetzt glcklich zu Ende gefhrt, aufmerksam folgte, wei das besser. -
    Von den weiteren Schicksalen der brigen, die unsere Erzhlung in buntem
Wechsel der Gestalten vor des Lesers Auge gestellt hat, ist wenig zu berichten.
    Die Herzogin Hadwig vermhlte sich nicht wieder und erreichte in frommem
Witwenstand ein hohes Alter. Sie stiftete spter ein bescheidenes Kloster auf
dem hohen Twiel und vergabte ihm ihre Gter in alemannischen Landen. ber
Ekkehard durfte in ihrer Gegenwart nie mehr gesprochen werden; aber das
Waltharilied ward fleiig von ihr gelesen und war ihre stete Trsteinsamkeit;
nach einer unverbrgten Aussage der Mnche von Reichenau soll sie es sogar fast
ganz auswendig gewut haben.
    Praxedis diente ihrer Herrin noch etliche Jahre getreu, aber mhlich und
mhlich stieg eine unbezwingliche Sehnsucht nach ihrer sonnigen,
farbenprchtigen Heimat in ihr auf, und sie behauptete, die schwbische Luft
nimmer ertragen zu knnen. Reich beschenkt ward sie von der Herzogin
verabschiedet; Herr Spazzo, der Kmmerer, gab ihr ein ritterlich ehrsam Geleite
bis gen Venetia. Eine griechische Galeere trug die immer noch anmutige Jungfrau
von der Stadt des heiligen Markus gen Byzanzium. Die Erzhlungen, die sie dort
machte vom Bodensee und den wilden treuen Barbarenseelen284 an seinen Ufern,
wurden von smtlichen Kammerfrauen am griechischen Kaiserhof mit bedenklichem
Kopfschtteln aufgenommen, als sprche sie von einem verzauberten Meer und einem
Lande der Fabel.
    Moengal, der Alte, sorgte noch eine geraume Zeit fr das Seelenheil seiner
Pfarrkinder. Als die Hunnen wieder mit ruberischem Einfall drohten,
beschftigte er sich lange mit einem Plan zu ihrem Empfang. Er schlug vor, auf
dem Blachfeld etliche hundert tiefe Fallgruben zu graben, sie mit Baumzweigen
und Farrenkraut zu berdecken, und hinter ihnen in Schlachtordnung den
ansprengenden Feind zu erwarten, auf da Ro und Reiter in jhem Sturz
zuschanden wrden. Die schlimmen Gste lieen sich aber nicht wieder im Hegau
blicken und ersparten dem Leutpriester das Vergngen, ihnen mit wuchtigen
Keulenschlgen die Schdel zu zertrmmern. Ein sanfter Tod ereilte den alten
Weidmann, als er gerade von einer wohlgelungenen Falkenjagd auszuruhen gedachte.
    Auf seinem Grab im Schatten der grauen Pfarrkirche wuchs eine Stechpalme,
die ward so knorrig und gro, wie man frher keine gesehen, da die Leute
sagten, es msse ein Ableger von ihres Pfarrherrn braver Keule Cambutta sein.
    Audifax, der Ziegenhirt, lernte die Goldschmiedkunst und zog hinber nach
Konstanz an des Bischofs Sitz und schuf viel schne Arbeiten. Er fhrte die
Gefhrtin seines Abenteuers als angetrautes Eh'gemahl heim, die Herzogin war der
Taufpate ihres ersten Shnleins.
    Burkard, der Klosterschler, ward ein gefeierter Abt des sanktgallischen
Gotteshauses285 und verfertigte bei feierlichen Anlssen noch manches Dutzend
gelehrter lateinischer Verse, mit denen jedoch, dank der zerstrenden Unbill der
Zeit, die Nachwelt verschont geblieben ist.
    ... Und alle sind lngst Staub und Asche, die Jahrhunderte sind in raschem
Flug ber die Sttten weggebraust, wo ihre Geschicke sich abspannen, und neue
Geschichten haben die alten in Vergessenheit gebracht.
    Der hohe Twiel hat noch vieles erleben mssen in Kriegs- und
Friedensluften; zu manch einem tapferen Reiterstcklein ward aus seinen Toren
geritten und manch ein gefangener Mann trauerte in seinen Gewlben, bis auch der
stolzen Feste ihr Stndlein schlug und an einem schnen Maientag der Berg in
seinem Innersten zusammenschtterte und von Feindeshand gesprengt Turm und Mauer
in die Lfte flog.
    Jetzo ist's still auf jenem Gipfel, die Ziegen weiden friedlich unter den
riesigen Trmmerstcken, - aber ber dem glnzenden Bodensee grt der Sntis
aus blauer Ferne so anmutig und gro herber wie vor viel hundert Jahren, und es
ist immer noch ein vergnglich Geschft, ins schwellende Gras gelagert eine
Umschau zu halten ber das weite Land.
    Und der dies Bchlein niedergeschrieben, ist selber manch einen guten
Frhlingsabend droben gesessen, ein einsamer fremder Gast, und die Krhen und
Dohlen flatterten hhnisch um ihn herum, als wollten sie ihn verspotten, da er
so allein sei, und haben nicht gemerkt, da eine bunte und ehrenwerte
Gesellschaft um ihn versammelt war, denn in den Trmmern des Gemuers standen
die Gestalten, die der Leser im Verlauf unserer Geschichte kennengelernt, und
erzhlten ihm alles, wie es sich zugetragen, haarscharf und genau, und winkten
ihm freundlich, da er's aufzeichne und ihnen zu neuem Dasein verhelfe im
Gedchtnis einer sptlebenden eisenbahndurchsausten Gegenwart.
    Und wenn es ihm gelungen ist, auch dir, vielteurer Leser, der du geduldig
ausgehalten bis hieher, ein anschaulich Bild zu entwerfen von jener fernen
abgeklungenen Zeit, so ist er fr seine Mhe und einiges Kopfweh reichlich
entschdigt. Gehab' dich wohl und bleib' ihm frder gewogen!

                                    Funoten


A1 Die Appenzeller Bezeichnung fr die erwhnten Zusammenknfte.


                                 AnmerkungenA1.

1 ... Purcardus autem, dux Suevorum, Sueviam quasi tyrannice regens. Ekkehardi
IV. casus S. Galli cap. 3 bei Pertz Monumenta Germaniae historica II. 104. hic
cum esset bellator intolerabilis. Witukind lib. I, c. 27.

2 ... cum jam esset decrepitus. Ekkeh. casus S. Galli cap. 10.

3 Hadawiga, Henrici ducis filia, Suevorum post Purchardum virum dux vidua, cum
Duellio habitaret, femina admodum quidem pulchra, nimiae severitatis cum esset
suis, longe lateque terris errat terribilis. Ekkeh. casus S. Galli cap. 10 bei
Pertz II, 122.

4 camisia clizana, pallium canum vel sapphirinum. Das Kostm der Vornehmen war
mannigfacher Vernderung durch die Mode unterworfen. Zu Karl des Groen Zeiten
trug man an den Fen Schuhe, um die Beine hohe, kamaschenartig zugeschnrte
Binden, ein hemdartig linnenes Unterkleid und ein wollenes Oberkleid oder einen
langen, von den Schultern bis zu den Abstzen reichenden Mantel, der durch
Ausschnitt an den Seiten den Armen freie Bewegung lie. Der lange Mantel wurde
aber bald gegen einen krzeren vertauscht, der sich indes auch nicht als
zweckmig bewhrte. Vergl. des monachus San Gallensis gesta Karoli M. lib. I,
c. 34 bei Pertz Mon. II, 747. Den Miniaturbildern sanktgallischer Handschriften,
z.B. des psalterium aureum, ist mannigfacher Aufschlu ber gleichzeitige
Trachten zu entnehmen.

5 Wehrgeld - nach mittelalterlichem Strafrecht, wonach fast alle Vergehen und
Verbrechen mit Geld zu shnen waren, ist ein dem Verletzten zu persnlicher
Genugtuung, Bue (Wette, fredum), ein zur Shne des gestrten Friedens dem Volk,
spter dem Landesherrn zu entrichtendes Strafgeld. Die alten Volksrechte
verzeichnen auch bei allen Gattungen von Tieren sorgfltig deren Wehrgeld, das
im Fall von Ttung oder Beschdigung der Eigentmer zu erheben hatte. Wenn
brigens der Schaden mehr durch Zufall zugefgt wurde, lag kein Friedbruch vor,
und es wrde Herrn Spazzo sehr schwer gefallen sein, die Verurteilung des fr
seinen Wolfshund verantwortlichen Herrn von Fridingen zu einer Bue
durchzusetzen.

6 Brautwerbungen zwischen dem byzantinischen Hofe und den deutschen Groen kamen
in dieser Zeit wiederholt und wechselseitig vor. Oft wurden deutsche Bischfe in
solcher Mission nach Konstantinopel gesendet, z.B. Bernward von Wrzburg fr
Kaiser Otto III., Werner von Straburg fr den Sohn Kaiser Konrads II. In einer
Notiz des sanktgallischen liber benedictionum wird es sehr getadelt, da die
vornehme Mnnerwelt sich mit Hintansetzung der deutschen Tchter Frauen aus
Italien und Griechenland holte. Die Vorliebe der deutschen Herren fr
byzantinische Damen begreift sich aber nach den Schilderungen derer, die
Augenzeugen des neuen Tones und der liebenswrdigen Geselligkeit waren, welche
durch Otto II. griechische Gemahlin Theophano an dem deutschen Kaiserhof
eingefhrt wurden. Sogar der ernsthafte Scholastiker Gerbert, nachmals Papst
Sylvester II., sah sich veranlat, dem Zauber byzantinischer Frauensitte seine
Anerkennung auszusprechen. Da mir diese gemtlichen Gesichter, sagt er, diese
sokratischen Unterhaltungen entgegenkamen, verga ich allen Kummer und mich
schmerzte nicht mehr der Gedanke meiner Auswanderung.

7 Einheimische Vgel, knstlich abgerichtet, nahmen in den Salons jener Tage die
Stelle ein, die heute den Papageien zukommt. Im Fragment VIII des lateinischen
Gedichts Ruodlieb wird sehr idyllisch erzhlt von solch wundersam zahmen Staren,
die es verstehen, ihr Futter selbst zu verlangen, und gelehrt sind:

        Nostratim fari Pater et noster recitare
        Usque qui es in coelis lis, lis, lis triplicatis.

S. Grimm und Schmeller, Latein. Gedichte des X. u. XI. Jahrhunderts, p. 174 u.
212.

8 Haec quondam parvula, Constantino Graeco regi cum esset desponsata, per
eunuchos eius ad hoc missos literis graecis adprime est erudita, sed cum
imaginem virginis pictor eunuchus domino mittendam uti simillime depingeret,
sollicite eam inspiceret, ipsa nuptias exosa os divaricabat et oculos, sicque
Graeco pervicaciter repudiato, literis post latinis studentem Purchart illam dux
multipliciter dotatam duxit usw. Ekkeh. casus S. Galli c. 10 bei Pertz Monum.
II, 123.

9 ... seu serpentes capitatae, oscula quae sibi dant. Ruodlieb, fragm. III, 335.
-

10 Rorschach wird oftmals erwhnt als Durchgangspunkt fr die nach Italien
Reisenden. Das Gotteshaus Sankt Gallen bte von des Reichs wegen die Vogtei
darber. S. ffnung zu Rorschach v. 1469 bei Grimm, Weistmer I, 233. Diplome
schsischer Kaiser besttigen den bten von Sankt Gallen das Markt-, Mnz- und
Zollrecht daselbst. S. Ildefons v. Arx, Geschichte des Kantons Sankt Gallen I,
221.

11 ... et clamativo illum cantu salutant: Heil herro! Heil liebo! et caetera.
Ekkeh. casus S. Galli bei Pertz Mon. II, 87.

12 silvarum avidus. Vita S. Galli.

13 de natione Scotorum, quibus consuetudo peregrinandi jam paene in naturam
conversa. Walafrid Strabo in der vita S. Galli lib. II. cap. 47 bei Pertz Monum.
II, 30.

14 Ascopam i.e. flasconem similis utri de coriis facta, sicut solent Scottones
habere. Glosse einer sanktgall. Handschrift des neunten Jahrhunderts bei
Hattemer, Denkmale des Mittelalters. Sankt Gallens altdeutsche Sprachschtze.
Bd. I, 237.

15 Und jetzt allerdings, rckblickend auf das wenige Gute, was die Nachwelt der
Sorge wohlmeinender Vorfahren zu verdanken hat, mag man einstimmen in das Lob,
das Herder s.Z. in seinem leider etwas hlzernen Poem Die Fremdlinge jenen
frommen Wandersmnnern erteilt:

 Die scotice mit altem Bardenflei
 Die Bcher schrieben und bewahreten.

16 Regula S. Benedicti cap. 48. - Accepit solitus fratres postt prandia somnus.
Annales. S. Gallenses majores bei Pertz Monum. I, 81.

17 ... in conclavi vase quodam argenteo mire figurato ad aquam inferendam
utebatur. Ekkeh. IV. casus S. Galli cap. 1 bei Pertz Mon II, 88.

18 Recalvaster est, qui in anteriori parte capitis duo calvitia habet medietate
inter illa habente pilos, ut est Craloh abbas et Wikram. Glosse einer
sanktgallischen Handschrift zum Buch Leviticus bei Hattemer, Denkmale etc. I,
240.

19 ... more hirundinis.

20 erat senatus reipublicae nostrae tunc quidem sanctissimus. Ekkeh. IV. casus
S. Galli, c. 1 bei Pertz Mon. II, 80.

21 enimvero hi tres, quamvis votis essent unicordes, natura tamen, ut fit, erant
dissimiles. S. die rhrende Schilderung der drei engverbundenen klsterlichen
Freunde in Ekkeh. IV. casus S. Galli cap. 3. Pertz Monum. II, 94 u. ff., wo auch
der bse Sindolt, ihr Widersacher, des Nheren gezeichnet ist. Ratpert ist auch
der Verfasser des Lobgesangs auf den heiligen Gallus in deutscher Sprache, von
dessen Bedeutsamkeit die lateinische bertragung Zeugnis gibt, die wir noch
besitzen. Hattemer, Denkmale etc. I, 337. Das von Tutilo als Deckelplatten fr
eine Evangelienhandschrift geschnitzte Diptychon wird in der sanktgallischen
Stiftsbibliothek aufbewahrt. Man bevorzugte bei kirchlichem Schmuck das
Elfenbein, da der Elefant nach einem Ausdruck Notker Labeos in seiner
Psalmenbersetzung fr ein keusches Vieh (chische fio) galt. Hattemer,
Denkmale etc. II, 159.

22 Den ganzen Kreis des Wissens am Schlu des 9ten Jahrhunderts vergegenwrtigt
uns das in Sankt Gallen aus der Schule Isos hervorgegangene, gemeiniglich nach
dem Abtbischof Salomo III. von Konstanz genannte enzyklopdische Wrterbuch
(glossae Salomonis) in lateinischer Sprache. Es gibt zwar manches aus dem
Schatze der alten Lexikographen, namentlich aus Isidorus, wrtlich wieder,
enthlt aber doch auch viele Eigentmlichkeiten zur Erluterung damaliger
Weltansichten und Verhltnisse und fhrt dabei die Mangelhaftigkeit der
damaligen Kenntnisse und Begriffsbestimmungen vor Augen. Stlin, Wirtemberg.
Geschichte, Bd. I, p. 405. Die von Sindolt erwhnte Glosse lautet: Rabulum =
thincman. qui semper vult ad unam quamque rem disputare. Sicut Ratolt facit. Es
war nicht ungewhnlich, da die von ihrer Ordensregel so vielfach zum Schweigen
veranlaten Mnche einem verhaltenen Groll durch Eintrge in die Handschriften
und Bcher Luft machten. So ist auf dem letzten Blatt des Codex 176 ein groes
Geschirr abgebildet, daneben mehrere grbliche Hexameter wider den
Klostergeistlichen Grimoald geschrieben sind, z.B.:

     Grimoald, fllt es dir bei, aus diesem Kruge zu schpfen,
    Mge sein Inhalt sofort sich in Sure des Essigs verwandeln
    Und ein unendlicher Husten samt brennendem Durst dir beschert sein!

Vergl. Hattemer, Denkmale I, 412. Die Schmhverse des Schotten Dubduin sind
mitgeteilt bei Ildefons v. Arx, Berichtigungen und Zustze zur Geschichte des
Kantons Sankt Gallen, p. 20, not. d.

23 ber Sintram, den fleiigen Schreibeknstler, vergl. Ekkeh. IV. casus S.
Galli c. I, bei Pertz Monum. II, 89.

24 Eine ganz hnliche Kur mit Umschlag einer frisch abgezogenen Wolfshaut und
Einreibung des Gehirns eines indischen Fisches schlgt in dem seltsamen
lateinischen Gedicht Ecbasis captivi v. 495 u. ff. der Fuchs dem kranken Knig
Lwen zur Stillung des Fiebers vor. S. Grimm und Schmeller, Latein. Gedichte des
X. Jahrh., p. 259.

25 mulieres ille et mala arborum naturali sibi quodam odio adeo execratus est,
ut, ubi in itinere utrumvis inveniret, mansionem facere nollet. Ekkeh. IV. casus
S. Galli c. 4 bei Pertz Mon. II, 104.

26 S.J.v. Arx, Berichtigungen und Zustze etc., p. 26.

27 S. vita Wiboradae, auctore Hartmanno in den acta Sanctorum. Mai. tom. I, p.
288.

28 Et quoniam hic locum aptum puto de Ekkehardo... rem arduam aggredior; quoniam
cum tales viri aut nulli aut nunc rarissimi sint, discredi mihi vereor. Erat hic
facie adeo decorus, ut inspicientes, sicut Josephus de Moyse scribit, gratia sui
detineret. Statura procerus, forti assimilas, equaliter grossus, oculis
fulgurosus; ut quidam ad Augustum ait: Quia fulmen oculorum tuorum ferre non
possum. Sapientia et eloquentia, maxime autem consiliis, nemini id temporis
postponendus. In aetate florida gloriae, ut talis facturae vir, humilitate
proximior, sed postea non ita; quia disciplina, cum qua nihil unquam participii
superbia habuit, in ipso erat spectaculo digna. Doctor prosper et asper. Nam cum
apud S. Gallum ambas scolas suas teneret, nemo praeter exiles pusiones quicquam
alteri nisi latine ausus est proloqui etc. Ekkeh. IV casus S. Galli c. 10 bei
Pertz Monum. II, 122.

29 ... saepe juniori Dominus revelat, quod melius est! Regula S. Benedicti c. 3.

30 ... melius claudicare reges quam regna.

31 Nemini unquam, ait, Benedicti cuculla decentius insederat! Ekkeh. casus S.
Galli c. 10.

32 Sankt Gallen war wegen der genauen Beobachtung klsterlicher Ordnung und dem
tugendhaften Lebenswandel seiner Glieder besonders gerhmt. Daher galt es fr
eine groe Ehre, in die Zahl der Verbrderten - fratres conscripti - aufgenommen
zu werden, zumal da man so das Verdienst frommer bungen erwarb, ohne sie doch
wirklich mitzumachen. Manche lieen sich deswegen vieles kosten. Das Verzeichnis
der fratres conscripti ist noch vorhanden. Es stehen darin Kaiser, Knige von
Deutschland, England, Frankreich, Prinzessinnen, Bischfe und Grafen. Ildef. v.
Arx, Geschichte des Kantons Sankt Gallen I, 181.

33 Vidi egomet comites aliosque potentes, loci quoque milites, festis diebus
crucem nobiscum sequendo, juvenes et senes quosdam ad cingulum barbatos
monachicis indutos roccis nobiscum, quaqua ivimus, ingredi. Ekkeh. IV. casus S.
Galli c. 16.

34 ... wil er zu nacht aber da buliben, so soll ieklich schuppose, die in den
hof hoeret, geben ein hun usw. Grimm, Weistmer I, 1.

35 ... canem seucem, quem leitihund vocant ... seucem, qui in ligamine
vestigium tenet, quem spurihunt dicunt ... Canem, quem bibarhunt vocant, qui
sub terra venatur. Lex Baiuvarior. tit. 19 de canibus. S. auch Lex Alamannor.
tit. 83 de canibus.

36 Der heber gt inltun
er trgit sper instun
sn bld llin
ne lzet in ullin.
Imo sint foze
fodermze,
imo sint brste
benh frste.
nde zne sne
zvvliflnge.

 Dies ehrwrdig alte Volkslied, das anscheinend entweder aus des Romeias
Jagdgeschichte entstand, oder von ihm seiner Jagdgeschichte zugrunde gelegt
ward, ist der Nachwelt erhalten durch die sanktgallische (vielleicht Notkersche)
Abhandlung ber die Rhetorik, allwo es als geeignetes Beispiel hyperbolischer
Redeweise (nam plus dicitur, sed minus intelligitur) aufgefhrt wird. Vergl.
Hattemer, Denkmale etc., Bd. III, p. 577.

37 S. Vita S. Galli bei Pertz Monum. II, 9.

38 Regula S. Benedicti, cap. 1.

39 In rauhen Zeiten sucht der Mensch seinem Gott auch in rauher Form zu dienen.
Das Klausnertum sagte damals weltabgewandten Gemtern zu, und Beispiele von
solchen, die ber zwanzig und dreiig Jahre lang solch eine freiwillig
auferlegte Einzelhaft trugen, beweisen, da das physische Leben durch einen
starken, vom Glauben, etwas Verdienstliches zu tun, beseelten Willen lang
gefristet werden kann. In der Handschrift der sanktgallischen annales maiores
ist ein Abbild des Priester Hartker enthalten, eine unterwrfige, krummgebeugte,
demtig kasteite Gestalt in faltigem Mnchsgewand mit groer Tonsur und der
berschrift: Hartkerus reclusus. S. Pertz Monum. I, 72. Diesem ist im liber
benedictionum folgender Nachruf gewidmet:

     Wer hat ein hrteres Los als Hartker, der Klausner, getragen,
    Der in beengender Haft sich dreiig der Jahre kasteite?
    Immerdar stand er gebckt, so niedrig war die Bedachung,
    Kissen des Kopfs war ein Stein. Auf diesem schlief und entschlief er,
    Und in Kreuzesgestalt die mageren Arme entbreitend
    Wandt' er zum Himmel den Blick und befahl dem Herrn seine Seele.

S.J.v. Arx, Geschichte etc. I, 232.
 Ein namhafter Reclausus frherer Zeit war der heilige Fintan ( 827), der das
Kloster Rheinau unweit Schaffhausen gestiftet. Ganze Nchte hindurch hrte man
ihn in seiner Zelle laut beten und in den fremden Lauten seiner irischen
Heimatsprache die Versuchung des bsen Feindes beschwren. S. vita S. Findani
confessoris. p. 57. ber die Zeremonien beim Akt der Einschlieung vgl. Martne
de antiqu. ecclesiae ritib. II, 177.

40 Wiborad ist ein altdeutscher Name und bedeutet Nat der Weiber. - Zwei
Mnche des Klosters Sankt Gallen, Hartmann und Hepidan, haben die
Lebensgeschichte dieser durch ihren tragischen Ausgang bedeutend gewordenen
Klausnerin verfat. Sie sind in die acta Sanctor. der Bollandisten (Monat Mai,
Bd. I, 284 u. ff.) aufgenommen. S. auch Pertz Monum. VI. 452.

41 ... magistra praedurata ...

42 Lucas IX. 62.

43 ... Castitatis, inquit, fili mi, tibi cingulum per hoc lineum meum a Deo
accipe, Continentiaeque cingulum per hoc lineum meum a Deo accipe,
continentiaeque strophio ab hac deinceps die per Wiboradam tuam te praecinctum
memento. Cave autem, ne ullis abhinc colloquiis vanis mulierculis miscearis. Et
si, ut facillime fit, aliquo carnis igne incensus fueris, loco in quo fueris,
mutato, Deus in adiutorium meum intende. Domine ad adiuvandum me festina mox
cantaveris. Sin autem sic pacem aliquo alio lapsu tuo vetante non habueris,
titionem sive candelam ardentem quasi aliud aliquid agas querens, digitum vel
leviter adure, eodemque versu dicto securus eris. Ekkeh. IV. casus S. Galli cap.
3. Pertz Mon. II, 107.

44 ... et accepit angelus folia lauri et scripsit in eis verba orationis et
dedit ea Pachumio dicens: manduca ea, et erunt amara in ore tuo sicut fel,
ventremque tuum implebunt obsecrationibus sapientiae, dabitur tibi forma
orationis sanae doctrinae. Et accipiens Pachumius manducavit et factum est os
ejus amarum, porro venter ejus dulcedine impletus est, et magnificavit Dominum
valde. Vita Pachumii Sti. abbatis in der Handschrift 310 der Karlsruher
Hofbibliothek.

45 de cilicio etiam, quo ipsa utebatur, cuius hodie asperitatem pro reliquiis id
habentes horrescimus... Ekkeh. IV. casus S. Galli c. 3. Pertz Mon. II, 107.

46 proferensque mala de silva acidissima, inhianti et de manibus ejus rapienti
reliquerat. At illa vix unum dimidium ore et oculis contractis vorans, caetera
projiciens: Austera es, inquit, austera sunt et mala tua. Et cum esset
literata: Si omnia, inquit, mala factor talia creasset, nunquam Eva malum
gustasset! Bene, ait illa, Evam memorasti; enimvero quomodo et tu sic
deliciarum avida erat, ideo in escula unius mali peccaverat. Ekkeh. IV. casus
S. Galli c. 10. Pertz Mon. II, 119.

47 Der Erzengel Michael war dem Mittelalter Gegenstand mannigfachen
Aberglaubens. Man glaubte, da er die Wache am Throne Gott Vaters halte, ja
sogar, da er Montags vor ihm die Messe zelebriere. Bischof Rather von Verona
eifert in seiner Predigt de quadragesima heftig gegen diese rohen sinnlichen
Vorstellungen: vgl. Vogel, Ratherius v. Verona und das 10. Jahrhundert, Bd. I,
293.

48 Hroswitha von Gandersheim hat die Geschichte von der Thais und dem
Anachoreten der Wste in ihrer naiven lateinischen Komdie Paphnucius behandelt.
S. Magnin, thtre de Hrotswitha, Paris 1845, p. 280 u. ff.

49 Quid mihi et inanibus hujus seculi vanitatibus? Audio in coelis signa
sonitusque campanarum ac dulcisonam angelicae modulationis harmoniam: illuc ire
desidero, his interesse delector. Vita Wiboradae auctore Hartmanno c. 2.

50 Frau Wendelgards Sehnsucht nach dem gefangenen Ehgemahl ward in anmutiger
Weise gestillt. Sie ging aus ihrer Klause jedes Jahr einmal nach Buchhorn, um
des Grafen Ulrich Angedenken mit einer feierlichen Jahrzeit zu ehren. Wie sie
einst nach derselben mit eigener Hand den Armen Almosen austeilte, stand einer
unter den Bettlern, zerrissen und entstellt, dem schenkte sie ein Kleid. Er aber
lie ihre Hand nimmer aus der seinen, zog sie zu sich und kte sie vor allem
Volk, strich sein Haar zurck und sprach: Erkenne deinen Gemahl. Da Frau
Wendelgard, unwillig ber solchen Gewaltstreich eines Fremden, sich abwenden und
ihn den Dienern zur Zchtigung berweisen wollte, wies er ihr eine alte Narbe,
und wie aus langem Schlaf erwachend fuhr sie auf: O mein Gebieter, du aller
Menschen mir der teuerste, sei gegrt, du mein Herr, sei gegrt, du immer
ser! und lag weinend in seinen Armen. Ekkeh. IV. casus S. Galli c. 10, Pertz
Mon. II, 120.

51 ... pelle ejus simulatae sanctitatis detracta ... Hepidan, vita Wiboradae
cap. II.

52 ... quia nondum in se mortificaverit phylargyriam, quae est omnium radix
malorum usw. Die Anklagen, wegen deren sich Wiborad einst vor dem Bischof in
Konstanz zu verantworten hatte, sind ausfhrlich nachzulesen in Hepidan, vita
Wibor. II. 11.

53 ... grave pondus auri Veronensis, Geschenk des Bischof Petrus. Die
Klostergeschichte ist reich an Aufzeichnungen der durch Frsorge der bte oder
die Huld fremder Gnner erworbenen Kostbarkeiten. S. Ekkeh. IV. casus S. Galli
cap. I. Pertz, Monum. II, 81.

54 ... magnum calicem ex electri miro opere. Casuum S. Galli contin. II, c. 7,
bei Pertz II, 157. An den Heilkrften des Bernsteins wurde nicht gezweifelt.
Quod vero medeatur multis vitalium incommodis, medentium docuit disciplina.
Sanktgall. Handschrift des X. Jahrhunderts bei Hattemer, Denkmale usw. I, 414.

55 Spichiarium novum solis feris et beluis, avibusque domesticis et domesticatis
juxta fratrum condi fecit et ipsum jam fieri jussit magnificum. Ekkeh. IV. casus
S. Galli cap. 16.

56 Simia nare brevi, nate murcaque cauda,
 Voceque milvina, cute crisa catta marina,
 In quibus ambabus nil cernitur utilitatis.

Ruodlieb fragm. III, 131 u. ff.

57 Diese Fabel von der Murmeltiere abenteuerlichem Fuhrwesen, die sich das
Mittelalter mit groer Behaglichkeit erzhlte und die z.B. noch Sebastian
Mnster in seine Cosmographey aufnahm (p. 498), hat ihren Ursprung in Plinius
historia naturalis.

58 ... Ein vogil heizit Caradrius, in dem buoche deuteronomio, da ist gescriben,
daz man in ezzen nescule. Dannan zellet physiologus unt cht daz er aller wiz
si. Ein mist, der von ime vert, der ist ze den tunchelen ougen vile get. Mit
disem vogile mach man bechennen, ob der sieche mann irsterben oder genesen scol.
Ob er sterben scol, so cheret sich der caradrius von ime. Ob er ave genesen
scol, so cheret sich der vogel zuo deme manne unt tuot sinen snabel uber des
mannes munt unt nimit des mannes unchraft an sich; sa fert er f zuo der sunnen
unte liuterit sich d: so ist der mann genesen. Physiologus, ein Weistum von
Tieren und von Vgeln, mitgeteilt von Wackernagel, Altdeutsches Lesebuch I, p.
166. Es ist nicht bekannt, was fr naturgeschichtliche Tatsachen zu dieser
tiefsinnig schnen Sage vom Caradrius Veranlassung gaben. In Sankt Gallen wurde
sie von verschiedenen verschieden erfat, denn whrend sich unter den Tiernamen,
die dem Wrterbuch des heiligen Gallus vorausgesetzt sind (s. Hattemer, Denkmale
etc. I, 9. 10), die bedeutsame Glosse findet: Cha-ra-drion: et ipsam non
habemus, sed tamen dicitur et ipsam volare per medias noctes in sublimitate
coeli, begngten sich sptere Handschriften damit, das Wort caradrius geradezu
mit lericha, Lerche, zu bersetzen, was auf ein Verschwinden der frher
bekannten Sage zu deuten scheint. S. Hattemer, Denkmale etc. I, 287. 313 u.a.

59 ... longum est dicere, quibus jocunditatibus dies exegerit et noctes, maxime
in processione infantum, quibus poma in medio ecclesiae pavimento antesterni
jubens, cum nec unum parvissimorum movere nec ad ea adtendere vidisset, miratus
est disciplinam. Ekkeh. IV. casus S. Galli c. I, Pertz Mon. II, 84.

60 Homo animal capax disciplinae Hroswitha v. Gandersheim.

61 Notker Labeo hat den Erwartungen, die der Abt auf ihn setzte, entsprochen. Er
erwarb sich den Ruhm des gelehrtesten Mannes seiner Zeit. Er war, wie aus seinen
Schriften erhellet, ein Gottesgelehrter, ein Musikant, ein Dichter, ein
Astronom, ein Mathematiker; in der Bibel, in den Kirchenschriftstellern, Vtern
und Klassikern wohl bewandert, der deutschen, lateinischen und griechischen
Sprache mchtig. J.v. Arx, Geschichte von St. Gallen I, 277. Seine noch
vorhandenen deutschen Werke bilden den zweiten und dritten Band von Hattemers
Denkmalen des Mittelalters. Es sind insbesondere die Auslegungen der Psalmen,
des Aristoteles, des Boethius, des Marcianus Capella und ein Aufsatz ber
Tonkunst. Notker, der Grolefzigte, starb in hohem Greisenalter an der Pest. Vor
seinem Tode legte er eine ffentliche Beichte ab, in der er u.a. seine Reue
darber aussprach, da er einst in klsterlichem Habit einen Wolf erschlagen.

62 Die Stelle ist aus Aristoteles' Kategorien, cap. 36. Notkers bersetzung s.
bei Hattemer III, 401.

63 Erat utique jus illorum, sicut adhuc hodie quidem est, quoniam exleges quidem
sunt, ut hospites intrantes capiant, captos, usque dum se redimant, teneant.
Ekkeh. IV. casus S. Galli I. Pertz Mon. II, 91.

64 ... enimvero si vixero, ait, me redimam et talem indolem remunerabo.
Collectisque quantotius ante januam scolarum fratrum primis, statuit pueris
illis et eorum perpetuo posteris pro testamento singulis annis ludi sui tribus
ab imperio statutis diebus in esidem scolarum aedibus carnibus vesci et de
abbatis curte singulos tribus donari aescis cottidie et potibus. Quod cum ipse
quidem annuatim praesens solvi juberet, postea ita solutum est usque ad
Ungrorum, de quibus loco suo dicturi sumus, invasiones. Ekkeh. IV. casus S.
Galli c.I.

65 Fehler wider die Ordensregel zogen die Strafe der Geielung nach sich, der
sich die Klostergeistlichen willig unterwarfen, wiewohl es eine knechtische
Zchtigung war und ein Freier, mit dieser Strafe belegt, nach den alten
Volksrechten seine Freiheit verlor. Der Schuldige ward an eine Sule gebunden
und nach Ausziehung der Oberkleider gegeielt. Eine noch erhaltene Geielkammer,
hnlich der hier beschriebenen, findet sich im wrttembergischen Kloster
Maulbronn. In den Klosterschulen bediente man sich der Rute. Da die
Buwerkzeuge von denen, die darunter zu leiden hatten, in gutmtigem Humor mit
eigenen Namen versehen wurden, beweist des Bischof Salomo Wrterbuch, wo die
anguilla (Schlange oder Aal) von der scutica (Riemenpeitsche) unterschieden
wird.

66 Tacitus German., cap. 8.

67 Pectines eburnei ... In Kmmen trieb das Mittelalter Luxus. Bekannt ist der
silbergefate steinverzierte Kamm der Longobardenknigin Theodolinde im
Domschatz zu Monza und der von Heinrich II. herrhrende Elfenbeinkamm in
Bamberg. Die Sitte, die gewhnlichsten und gleichgltigsten Verrichtungen des
tglichen Lebens mit einem Gebet einzuleiten, veranlate, da man auch fr
Schneiden und Kmmen des Haupthaars, Zustutzen des Barts usw. Gebetsformeln
aufstellte. Die Handschrift 395 der sanktgall. Bibliothek enthlt deren eine
Reihe, und da sich dieselbe mit einer benedictio ad omnia, quae volueris
schliet, darf man sich billig nicht mehr wundern, auch die benedictio ad barbam
comendam, ad capillos tondendos usw. vorzufinden.

68 Regula S. Benedicti cap. 38: de hebdomadario lectore.

69 Fr diejenigen verehrten Leserinnen, die mit dem Althochdeutsch noch weniger
vertraut sind als der Verfasser dieser Anmerkungen, und die sich vielleicht
dafr interessieren, wie dieser Psalm damals wirklich in Ekkehards Mund und
Sprechweise geklungen habe, sei hiemit die wenig Jahrzehnte sptere
Verdeutschung Notkers als Probe mitgeteilt: Psalmus XLIV. Kut wort irpfezta
mn herza. mniu werch sago ih dmo chninge. mn wort ist also stte also diu
scrift des sputigo scrbenten. Scne pist du fre allen mnniscon. knada ist
kebretet in dnen lefsen. fone di sgenta dih Got inwa. Crte dn swert umbe
dn deh: filo gewltigo. mit dnemo mnniscinen bilde unde mit dnero
gtelchun scni. Sih an nsih. unde frmspuotigo chum hra fone hmele unde
rcheso hir in dnero ecclesia. umbe warhet unde nmenti unde reht. Unde
letet dih wnderlicho dn zsewa. dne strla sind wasse, hrto mahtige. Under
dih sturzent die lute, in demo herzen des chuninges fiendo. din stul Got, unde
dn riche weret imer. Kerta gerihtennis ist dnes rches kerta usw. S.
Hattemer, Denkmale etc. II, 156 u. ff.

70 Dieses Musessen war in Sankt Gallen so gewhnlich, da Kero das Wort cibi
(Speisen) nicht besser als mit Mus, und das Wort coenare (speisen) nicht anders
als mit Abendmusen zu bersetzen wute. J.v. Arx, Gesch. I, 178.

71 Regula S. Benedicti, cap. 39: de mensura cibi.

72 Ilanch praecellat alemannicus et mala pellat. S. Hattemer, Denkmale etc. III,
599. (In der vorzugsweise als liber benedictionum bezeichneten Handschrift 393
ist eine so reiche Speisekarte von Fischen aufgezhlt [schen, Trischen,
Lampreten usw.], da man sie mit dem Gefhl vollkommener Befriedigung in betreff
des Zustands der Klosterkche an den Fasttagen aus der Hand legt. Mchte sie
durch vollstndige Ausgabe greren gastronomisch-philologischen Kreisen nicht
lnger vorenthalten bleiben!)

73 Sueton, im Leben des Augustus c. 77. brigens trank der Kaiser selbst an
jenem traurigen Tag nicht mehr als einen sextarius (etwa 1 Schoppen).

74 Regula S. Benedicti, c. 40: de mensura potus.

75 Ob der Abt recht gehabt, die deutsche Sprache, so wie sie damals gesprochen
ward, also anzufechten, mge dahingestellt sein. Sie hat sich seither von Grund
aus umgestaltet, die Mehrzahl der kernigen krftigen, einem steten Verkehr mit
der Natur entnommenen Worte, sowie die vollen tonreichen Formen sind
verschwunden und haben einer khleren gefirniten und abgeschliffenen Redeweise
Platz gemacht. Uns aber, wenn wir des alten Notker ungefg groartige deutsche
Schriften lesen, weht es jedesmal daraus an wie ein Hauch wrziger Bergluft und
echter ehrwrdiger Poesie, die von keinem Spatzengezwitscher und von keinem
Rabengekrchze durchschnarrt ist.

76 Vita S. Benedicti abbatis a Gregorio Magno romano Pontifice conscripta, c. 2:
de tentatione carnis superata.

77 ... de voluntate ipsius ipsa cum eo pridie secreta condixerat. Ekkeh. IV.
casus S. Galli, c. 10.

78 Tutilos Rubergeschichte s. Ekkeh. IV. casus S. Galli, c. 3, bei Pertz Monum.
II, 98.

79 ber die damaligen Musikinstrumente und den Zustand sanktgallischer Musik
gibt Notker Labeos Aufsatz - s. Hattemer, Denkmale etc. III, 586 u. ff. -
wichtigen Aufschlu. Die hier gegebene Beschreibung der Instrumente ist auf die
bildlichen Darstellungen in Notkers Psalmenbuch (Handschrift 21 der sanktgall.
Bibliothek) gesttzt. Das eine Blatt der beiden Federzeichnungen, die den
Eingang des Buches schmcken, stellt den Knig David vor, auf dem Throne sitzend
und mit einem Plektron die siebensaitige Leier spielend. In den vier Ecken
stehen vier Mnner mit Violine, Zither, Hackbrett und Harfe. Bei der
ngstlichkeit, mit welcher diese brigens fein gefhlten Gestalten ausgefhrt
sind, ist anzunehmen, da der Knstler nichts erfunden, sondern sich an
Vorhandenes gehalten hat.

80 ... quae autem Tutilo dictaverat, singularis et agnoscibilis melodiae sunt,
quia per psalterium seu per rohtam, qua potentior ipse erat, neumata (i.e. vocum
modulationes) inventa dulciora sunt. Ekkeh. IV. S. Galli, c. 3.

81 Quid vero dies illa consumpserit, Dominus solus novit...

82 Cigneo canore dulcior sonus.

83 Alpina siquidem corpora vocum suarum tonitruis altisone perstrepentia
susceptae modulationis dulcedinem proprie non resultant. Quia bibuli gutturis
barbara feritas, dum inflexionibus et repercussionibus mitem nititur edere
cantilenam, naturali quodam fragore quasi plaustra per gradus confuse sonantia
rigidas voces iactat. Ein sanktgallischer Musikfreund, der dies italische
Kunsturteil spter doch zu lesen bekam, schrieb an den Rand: vide jactantiam
romaniscam in teutones et gallos! d.h.: Siehe da wieder ein Stck romanischer
Unverschmtheit gegen die Deutschen und Franzosen! S. Hattemer, Denkmale etc.
I, 420.

84 Mit Geschenk, Ku und Scheidetrank nehmen nach mittetalterlicher Sitte
Gastfreunde voneinander Abschied. Diese Frmlichkeiten wurden streng
eingehalten. Bischof Salomo von Konstanz schenkte den zum Gastmahl geladenen
Kammerboten kostbare Glasgefe, und wiewohl sie, Groll im Herzen tragend, die
Glser zu Boden fallen lassen, da sie zerbrechen, kssen sie einand noch und
trinken des Abschieds Minne. Amoreque, ut moris est, osculato et epoto
laetabundi discedunt. Ekkeh. IV. casus S. Galli c. I, bei Pertz Mon. II, 84. S.
auch Ruodlieb fragm. III, v. 221. Eine anmutige Schilderung solcher Courtoisie
gibt des Nibelungenlieds siebenundzwanzigstes Abenteuer, da Knig Gunther mit
seinen Mannen sich beim Markgrafen von Bechelaren beurlaubt. Auch die Frauen
verschmhten nicht, sich mit minniglichem Kusse von ihren Gsten zu scheiden.

85 Ein solches Schaustck ist ausfhrlich beschrieben im Ruodlieb fr. III, v.
309 u. ff.

86 Eintrge dieser Art auf dem Titelblatt, wie sie jetzt noch die Kinder
herkmmlicherweise in ihre Schulbcher zu machen pflegen, kommen in damaligen
Handschriften hufig vor.

87 Dieses Psalmenbuch, der s.g. liber Sancti Galli aureus, ist jetzt noch ein
Kleinod der sanktgallischen Bibliothek. Die in frischen Farben glnzenden
Miniaturen sind in manchen Motiven noch vom nachwirkenden Geist der Antike
erfllt, gewandt, mit Verstndnis von Gestalt und Faltenwurf und einer gewissen
unbefangenen knstlerischen Sicherheit hingezeichnet und leicht koloriert. Die
mit reichen Arabesken gezierten Initialen und das die Bilder umrahmende
architektonische Beiwerk gewhren mannigfache Einsicht in die baulichen Formen
jener Zeit, deren monumentale Reste so selten geworden. - Auch Anfnge der
Wandmalerei zum Schmuck der kirchlichen Gebude kommen schon vor. Ein Abt Immo
lie in vielen an den Wnden der Mnsterkirche angebrachten Gemlden die
Lebensgeschichte des heiligen Gallus darstellen; von einem sptern Abt Manegold
wird berichtet, da er ein Bild de materia genealogiae Christi und auerdem ein
letztes Gericht in muro bonis coloribus herstellen lie. S. casuum S. Galli II.
continuatio, c. 8, Pertz Monum. II, 161. Ild. v. Arx, Geschichte des Kantons St.
Gallen I, 237. Die Wandmalereien des Kloster Reichenau sind besungen von
Burkhard bei Pertz, Monum. VI, 629.

88 Vocabularius Sancti Galli, dem Sprachforscher wichtig durch den Schatz
althochdeutscher Wrter, noch erhalten und vielfach abgedruckt, z.B. bei
Hattemer, Denkmale etc. I. 11-14.

89 Auch dieses wertvolle Denkmal aus der Zeit Kaiser Ludwig des Frommen wird
noch von der sanktgallischen Bibliothek bewahrt. Vgl. Keller, Der Bauri des
Klosters Sankt Gallen.

90 ... Thieto caminatam quandam veterum seniorum angulum vocatam introiit.
Ekkeh. IV. casus S. Galli cap. 6, Pertz Mon. II, 112. Vgl. auch II. 135.

91 Die Geschichten vom Bischof Salomo und seinem Hader mit den Kammerboten sind
nachgerade ein weniges abgedroschen und abgesungen. Den offenbar mannigfach zur
Sage gewordenen Tatbestand erzhlt Ekkeh. IV. casus S. Galli cap. 1; zu einer
Reihe Balladen zusammengeschmiedet hat ihn ein Snger der schwbischen Schule
etc.A2

92 Digneris, domine, et hos benedicere fustes ... Benedictio ad capsellas et
baculos ad iter agentes in der Handschrift 395.

93 Ermenrici coenobitae augiensis tentamen etc. bei Pertz, Mon. II, 32. Auch der
Verfasser der greren sanktgallischen Annalen nennt die Reichenau einen hortus
deliciarum. S. Pertz, Mon. I, 79.

94 Der Gegenstand religiser Verehrung, der den Fischer von Ermatingen in Strafe
brachte, scheint das Idol von Erz gewesen zu sein, das man fr einen hercules
alemannicus hielt und das nach Gallus Oeheims Bericht noch im XV. Jahrhundert
auf dem Grab des Egino stand. Es stach dem vornehmen Altertumsforscher Kaiser
Max I. so in die Augen, da er es, wie s.Z. den Neptunus vom Stadttor zu
Ettlingen (Bader, Das bad. Land und Volk I, 329), kurzerhand entfhrte und in
Innsbruck aufstellen lie. Nach einer Notiz in G. Schwabs Bodensee II, 293
befand es sich ums Jahr 1764 in der kurpflzischen Altertmerkammer.

95 Benedictio vini novi. Handschrift 395.

96 ... erant autem dies vindemiae, quibus fratres ad obedientias (i.e. labores
in agro) dimissi sunt per vineas. Ekkeh. casus S. Galli c. 3, Pertz Mon. II, 97.

97 Regula S. Benedicti cap. 31: de cellerario monasterii qualis sit.

98 S. die Edda bersetzt von Simrock, p. 14.

99 ... at illa de camera egressa salutans compatrem, hospitem illum dormire
putans, optulit viro mustum, quo ille impigre hausto vaseque reddito mammam
foeminae titillat assentientis. Ekkeh. IV. casus S. Galli c. 3.

100 ... hospes vero viso facinore exilit, illum scelestum inclamitans, comis
apprehensum in terram dejicit, flagelloque, quo ad eqquum usus est, adhuc in
manu habito acriter hominem cecidit adjiciens: hoc, inquit, tibi Sanctus
Gallus, S. Albani Frater, dedit! Ekkeh. IV. casus S. Galli cap. 3, Pertz Mon.
II, 97.

101 Dura viris et dura fide, durissima gleba! Notker.

102 Protospathar: Befehlshaber der Leibwache. S. Gibbon, Geschichte des rm.
Weltreichs, c. 53.

103 ... aegre exspectatus.

104 ... Fortunate, ait, qui tam pulchram discipulam docere habes grammaticam! Ad
quod ille, quasi caro assensu subridens, talia in aurem adversario reddit amico:
Siccut et tu, Sancte Domini, Kotelindam monialem pulchram discipulam caram
docuisti quidem dialecticam. Dictoque citius, cum ille nescio quid resibilare
vellet, ab eo divertens, equo ascenso indignanter abivit. Ekkeh. IV, casus S.
Galli c. 10, Pertz II, 124.

105 Die Ausbung des Weidwerks war eigentlich wider die geistliche Disziplin.
Eine Augsburger Synode von 952 (Pertz, Monum. IV. 27) verbietet den Bischfen
und der Geistlichkeit berhaupt das Wrfelspiel, die Jagdbelustigungen und das
Hunde- und Habichthalten zu diesem Behufe bei Strafe der Absetzung.

106 Sticmata: pictura in corpore, quales Scotti pingunt. Glosse einer sanktgall.
Handschrift bei Hattemer, Denkmale etc. I, 227 u. 233. Die Sitte des Bemalens
der Augenlider und des Ttowierens der Arme scheint den Scoten und Iren damals
gefallen zu haben. Die also eingetzten Bilder mgen von roher, schier
unverstndlicher Hlichkeit gewesen sein, wie dies aus den noch vorhandenen
Miniaturen irischer Herkunft in den Handschriften geschlossen werden darf.
Dieselben sind durch fremdartigen und - wenn das Wort noch erlaubt ist -
keltisch unschnen Ausdruck sowie durch gnzlich barbarische Art der Darstellung
sehr unvorteilhaft von den gleichaltrigen, von germanischer Hand gefertigten,
verschieden. Der Christus am Kreuze mit seinem hufeisenfrmigen arabeskenartigen
Bart und verzwicktem Munde und die als Tiergestalten gezeichneten Evangelisten
haben etwas Fetischartiges.

107 Das Silbergeld bestand lang in einem Bleche, das so dnn wie Laub und nur
auf einer Seite grob und tief geprget war (nummi bracteati). J.v. Arx,
Geschichten etc. I, 451.

108 Sie wollen lieber Jger als Lehrer, lieber khn als mild, lieber
verschlagen als herzenseinfltig heien ... Sie spielen Kreisel und meiden darum
auch das Wrfelspiel nicht. Sie gehen fleiig mit dem Spielbrett anstatt mit der
Schrift, mit der Wurfscheibe anstatt mit dem Buche um. Sie wissen besser, was
dich ein Fehlwurf kostet, als was die Heilswahrheit fordert, verbietet oder
verheit, besser was der Glckswurf bringt, als was sie Gott zu danken schuldig
sind ... Sie lassen sich silberne Schalen, Kannen von groer Kostbarkeit, Krge
(crateres), ja Trinkhrner (conchas) von bedeutendem Gewicht und einer jedem
Zeitalter verhaten Gre machen. Sie bemalen ihre Weinkrge und Schleifkannen,
whrend die nahe Basilica von Ru erfllt ist. Vogel, Ratherius von Verona und
das zehnte Jahrhundert I, p. 44.

109 Moengals Latein ist etwas verwildert. Wenn indes selbst Bischfe in der
Hofsprache sich klassischer Wendungen wie: sic omnes perriparii possunt bubus
agricolantibus vetrenere (So kann jeder Bauer am Pfluge seinen Ochsen was
vordrhnen) bedienten und Geschichtschreiber dies in ihren Text aufnahmen
(Monachus San. Gall. gesta Karoli I, 19 bei Pertz, Mon. II. 739), so darf dem
Latein eines Leutpriesters einiges zugut gehalten werden.

110 ... Moengal, postes a nostris Marcellus diminutive a Marco avunculo sic
nominatus, hic erat in divinis et humanis eruditissimus etc .... Siehe die ganze
Geschichte seines Besuchs und Verbleibens im Kloster bei Ekkeh. casus S. Galli
cap. 1. Pertz II, 78.

111 ... in campanarium S. Galli per gradus ad hoc quidem nobis paratos ascendere
incipit, uti oculis, quia gressu non licuit, montes camposque circumspiciens,
vel sic animo suo vago satisfaceret. Ekkeh. casus S. Galli c. 3. Pertz, Mon. II,
99.

112 Den Haken hatte sie. Kam vor kurzem ein schriftgelehrter Sohn der grnen
Erin in die Bcherei des heiligen Gall, sich seines frommen Vorfahren Werk genau
zu besehen und abzuschreiben. Da reichten sie ihm den in schwarzen Samt
gebundenen Kodex des Priscianus und er hub die Arbeit an; bald aber tnte ein
verhaltenes Lachen zu den Bcherbewahrern im groen Saal, und wie sie
herberkamen, verdeutschte ihnen der Rektor von Dublin die irischen Glossen zum
Latein, wie folgt:
 Gottlob es wird schon dunkel!
 Heiliger Patrik von Armagh, erlse mich von der Schreiberei!
 O da mir ein Glas alten Weines zur Seite stnde usw.
 Das war Moengals bersetzungswerk!

113 Der Wachtelruf scheint den Ohren mittelalterlicher Weidmnner etwas anders
geklungen zu haben als heutzutag, denn das Wort quakkara, womit der Mnch von
Sankt Gallen (... quakaras etiam et alia volatilia gesta Karoli I, bei Pertz
II, 739) anstatt des klassischen coturnix die Wachtel selbst bezeichnet, soll
offenbar den Eindruck des Wachtelschlags wiedergeben. Dieser brave
Schriftsteller, in welchem die Nachwelt einen Mitbegrnder des Jgerlateins zu
verehren hat, mag brigens den Wachteln und dem andern Geflgel auf eigenen
Weidmannszgen ebenso oft nachgezogen sein als irgendein Autor spterer Tage. In
Glossen sanktgallischer Handschriften wird indes die Wachtel auch quasquila und
quatala benannt. S. Hattemer, Denkmale etc. I, 246 u.a.

114 Nicht ohne Grund. Herr Luitfried drang damals mit gezcktem Schwert unter
Schmhreden auf den Bischof ein; nachdem ihn seine Oheime zurckgehalten und
Rates gepflogen, was mit dem Gefangenen beginnen, stimmte er dafr, ihm entweder
die Augen auszustechen oder die rechte Hand abzuhauen. Auf dem Weg zur
Thietpoldsburg zwang man den Kirchenfrsten, etlichen herbeigelaufenen
Schweinehirten die Fe zu kssen usw.

115 ... paratur citissime lavacrum, ut pulvere et lassitudinis tergeretur
sudore. Ekk. IV. casus S. Galli c. 1. Pertz Mon. II, 86.

116 Commoditas talentum valet! (alter geistlicher Spruch).

117 ... Duellium die condicto cum aegre exspectatus veniret, ultra quam ipse
vellet susceptum in conclave suo proximum, suum ut ipsa ait, manu duxit
magistrum. Ibi nocte et die cum familiari aliqua intrare solebat ad legendum
pedissequa, foribus tamen semper apertis, ut, si quis etiam ausus quid esset,
nihil quod diceret, sinistrum haberet. Illic quoque crebro ambos ministri et
milites, principes etiam terrae, lectioni aut consiliis invenerunt agentes.
Ekkeh. casus S. Galli c. 10, bei Pertz Mon. II, 123.

118 S. Grimm, Deutsche Rechtsaltertmer, 1. Aufl., p. 339.

119 S. Grimm, Deutsche Mythologie, 3. Ausg., p. 695.

120 ... vasque magnum, quod vulgo cupam vocant, quod viginti et sex modios
amplius minusve capiebat, cerevisia plenum in medio habebant positum. Vita S.
Columbani.

121 Ausonius Idyll. 7.

122 Das alemannisch-schwbische Heidentum beruhte auf einem einfachen Kultus der
Natur. Sie verehren Bume, Wasserstrme, Hgel und Bergschluchten. Pferden,
Rindern und vielen andern Tieren schneiden sie das Haupt vom Rumpf und bringen
sie diesen als Schlachtopfer dar, so schreibt der Grieche Agathias im sechsten
Jahrhundert von den Alemannen im Gegensatz zu den christlichen Franken. Betet
keine Gtzen an, weder an Felsen noch an Bumen, weder an abgelegenen Orten noch
an Quellen, auch nicht auf Kreuzwegen bringet eure Anbetung und eure Gelbde
dar, predigt der heilige Pirminius, Stifter der Reichenau, zwei Jahrhunderte
spter. Wer da wei, mit welcher Zhigkeit der Bauer in seiner Sitte die
berlieferung altersgrauer Vergangenheit bewahrt, und wie noch manche seiner
heutigen Bruche an die Opfer des Heidentums gemahnen, den wird es nicht
befremden, im zehnten Jahrhundert noch auf nchtliche biertrinkende Konventikel
zu stoen, die sich von denen zu des heiligen Columban Zeiten wenig oder gar
nicht unterscheiden. Ob brigens eine in hnlichen Formen, wie die hier
beschriebenen, sich bewegende Sitte des gemeinschaftlichen Trinkens auf den
deutschen Hochschulen, die unter dem Namen einen Salamander reiben bekannt,
aber von niemanden erklrt ist, nicht auch einen Anklang an altheidnische
Trankopfer enthalte, bleibe dahingestellt, wiewohl die Wissenschaft darber
einig ist, da durch die religise Bedeutung des Trinkens ein berraschender
Zusammenhang in mehrere andere Gebruche kommt.

123 Die Steinbrche am sog. Schienemer Berg, wie die im benachbarten ningen
sind spter berhmt geworden durch ihre Petrefakten, insbesondere durch die
seltenen berreste von Vgeln. Bekanntlich ward dort auch das Gebein eines
riesenmigen Salamanders aufgegraben, in welchem der gelehrte Naturforscher
Scheuchzer (1726) einen fossilen Menschen erkannte, bis da Cuvier die wahre
Organisation dieses Zeugen der Sndflut nachwies. Vgl. Burmeister, Geschichte
der Schpfung, 5. Aufl., p. 518.

124 Vita Sancti Galli lib. I, bei Pertz, Monum. II, 7.

125 Die Herzogin teilt hier dieselben Grundstze zweckmiger Bekehrungspolitik,
die der Papst Gregor der Groe seinerzeit in einem Schreiben an den Abt Mellitus
und den Erzbischof Augustinus von England ausgesprochen. Saget dem Augustinus,
heit es dort, zu welcher berzeugung ich nach langer Betrachtung ber die
Bekehrung der Englnder gekommen bin: da man nmlich die Gtzenkirchen bei
jenem Volk ja nicht zerstren, sondern nur die Gtzenbilder darin vernichten,
das Gebude mit Weihwasser besprengen, Altre bauen und Reliquien hineinlegen
soll. Denn sind jene Kirchen gut gebaut, so mu man sie vom Gtzendienst zur
wahren Gottesverehrung umschaffen, damit das Volk, wenn es seine Kirchen nicht
zerstren sieht, von Herzen seinen Irrglauben ablege, den wahren Gott erkenne
und um so lieber an den Sttten, wo es gewhnt war, sich versammle. Und weil die
Leute bei ihren Gtzenopfern viele Ochsen zu schlachten pflegen, so mu auch
diese Sitte ihnen zu irgendeiner christlichen Feierlichkeit umgewandelt werden.
Sie sollen sich also am Tag der Kirchweihe oder am Gedchtnistag der heiligen
Martyrer, deren Reliquien in ihren Kirchen niedergelegt werden, aus Baumzweigen
Htten um die ehemaligen Gtzenkirchen machen, den Festtag durch religise
Gastmhler feiern, nicht mehr dem Teufel Tiere opfern, sondern sie zum Lobe
Gottes zur Speise schlachten, dadurch dem Geber aller Dinge fr ihre Sttigung
zu danken, damit sie, indem ihnen einige uerliche Freuden bleiben, um so
geneigter zu den innerlichen Freuden werden. Denn rohen Gemtern auf einmal
alles abzuschneiden, ist ohne Zweifel unmglich, und weil auch derjenige, so auf
die hchste Stufe steigen will, durch Tritt und Schritt, nicht aber durch
Sprnge in die Hhe kommt. S. Mone, Geschichte des Heidentums etc. II, 105.

126 Das Aufnageln von Pferdeschdeln war uralte Gewohnheit deutscher Vlker.
Schon die rmischen Legionen, die Caecina in die Einsamkeit des Teutoburger
Waldes fhrte, um den Gefallenen der Varusschlacht die letzte Ehre zu erweisen,
erschraken, da von den Stmmen der Eichen die angenagelten Hupter geopferter
Rmerpferde auf das bleichende Gebein gefallener Krieger und die Schlachtaltre
herabnickten. Tacitus Annal. I. 61.

127 Den merkwrdigen Gebrauch, da durch Werfung der Chrene Chruda auf den
nchsten zahlungsfhigen Verwandten dieser in das durch Blutschuld verwirkte
Wehrgeld des zahlungsunfhigen Tters eintreten mute, beschreibt die lex Salica
(ed. Merkel), cap. 58. Der Name Chrene Chruda ist noch nicht hinlnglich
erklrt. Man hat es mit grnes Kraut oder nach Grimm, Rechtsaltertmer, p.
116, mit reines Kraut zu bersetzen gesucht, indem die Rumung eines Landes
oder die bertragung eines Grundstckes auf einen andern zu eigen oder zu Pfand
durch bergabe einer mit Gras bewachsenen Erdscholle, eines Stckes Wasen
symbolisch angedeutet wurde. Aber nach der lex Salica war das, was geworfen
wurde, die aus den vier Ecken der Stube, wo doch kein Kraut wchst,
zusammengeraffte Erde. S. Walter, Deutsche Rechtsgeschichte,  443. Da brigens
dieser Gebrauch nur bei den Salfranken urkundlich nachweisbar ist und auch dort
schon frhe aufgehoben war (lex Salica, nov. 262, 263, 264), so bleibt es
ziemlich unklar, wie derselbe hier als ein im zehnten Jahrhundert in Alemannien
geltender aufgefhrt werden kann.

128 Dem bsen Auge der Hexen wurden viel ble Wirkungen zugetraut; es kann
Suglinge schwindschtig machen, Kleider in Stcke reien, Schlangen tten,
Wlfe schrecken, Straueneier ausbrten, Aussatz erwecken etc. Als Schutz gegen
solche faszinierende Blicke pflegte man auch die Pfote des blinden Maulwurfs
zu tragen. S. Grimm, Deutsche Mythologie, p. 1053.

129 ... si quis mulierem stria clamaverit et non potuerit adprobare usw. lex
Salic, c. 64.

130 Dn got, der ist ein junger tr,
ich will glouben an den alten.

St. Oswald.

131 Folchardi codex aureus (Handschrift der sanktgallischen Bibliothek, p. 75).

132 Eine Geschichte der deutschen Kuchen und Semmeln liee sich nicht ohne
unerwartete Aufschlsse zusammenstellen. Grimm, Deutsche Mythologie, 3. Ausg.,
p. 56.

133 Bist du nicht auch schon, verehrte Leserin, in stiller Einsamkeit der Nacht
kartenschlagend oder bleigieend oder loswerfend damit beschftigt gewesen, den
knftigen Freier zu ergrnden? All diese Mittel zur Erratung kommender Dinge
sind Reste grauen Heidentums. - Auch des Kmmerer Spazzo Turmgang scheint
hnliches bezweckt zu haben. Es war nicht ungewhnlich, da man sich in der
Neujahrsnacht auf das Hausdach setzte, schwertumgrtet, um die Zukunft zu
erforschen. S. Grimm, Mythol., p. 1070.

134 ... Sacratos noctis venerabilis hymnos.

135 ber die in jenem Zeitalter hervorragenden alemannischen Grafen und
Herrengeschlechter s. Stlin, Geschichte von Wirtemberg I, 544 u. ff.

136 Nova stella apparuit insolitae magnitudinis, aspectu fulgurans et oculos
verberans non sine terrore. Annales S. Gellenses majores bei Pertz, Mon. I, 8.

137 S. Berthold, Der Heerwurm, gebildet aus Larven der Thomas-Trauermcke,
Gttingen 1854.

138 Der fromme Wahnglaube vom Hereinbrechen des Jngsten Tages und vom
bevorstehenden Ende der Welt war in karolingischer und spterer Zeit ein sehr
hufiger. Viele Vornehme und Geringere sahen sich dadurch behufs der Sicherung
ihres Seelenheils zu Schenkungen an die Kirche veranlat. Mundi terminum
appropinquantem ruinis crebrescentibus jam certa signa manifestant beginnt z.B.
ein in Mones Anzeiger 1838, p. 433 mitgeteilter Schenkungsbrief.

139 Seit Ausgang des neunten Jahrhunderts bis in die zweite Hlfte des zehnten
gehrten die Einflle der Ungarn in den deutschen Gauen zu den gewhnlichen
Landplagen; Nord und Sd wurden von ihnen heimgesucht. Die gleichzeitigen
Geschichtschreiber nennen sie bald Avaren oder Agarener, bald Ungarn (wobei der
Name in abenteuerlicher Etymologie vom Hunger abgeleitet wird, der sie aus den
Steppen Pannoniens vorwrts trieb ... innunmerabilis eorum crevit exercitus et a
fame, quam patiebantur, Hungri vocati sunt. Epistola Remigii, bei Mrtene,
collect. I. 234), noch fter aber Hunnen, wiewohl die Abstammung derselben von
dem Hunnenknig Attila keineswegs zu den erwiesenen Tatsachen gehrt. Letztere
altertmliche Bezeichnung ist in unserer Erzhlung beibehalten.
 Umstndlichere Schilderung dieses fremden Reitervolkes gibt schon Regino in
seinem Chronicon. ad. ann. 889 (Pertz, Mon. I, 600). Das Bild, das er von den
grausamen, alles zerstrenden, nie aus dem Sattel kommenden, von erschlagener
Feinde Herzen sich nhrenden Scheusalen entwirft, macht einen schauerlichen
Eindruck und wrde noch mehr zum Mitleid mit den von ihnen Heimgesuchten
stimmen, wenn es nicht meist aus der Historie des Justinus lib. 41. c. 2 u. 3
wrtlich abgeschrieben wre, der die Skythen in dieser Weise charakterisiert.
Die mehrfachen Verheerungen der alemannischen Lande sind erwhnt in den alaman.
Annalen bei Pertz, Mon. I, 54, der einst von den Kammerboten und dem
Argengaugraf Ulrich wider sie erfochtene Sieg am Inn in den Annales S. Gallenses
major. bei Pertz, Mon. I, 77.

140 S.G. Schwab, Der Bodensee nebst dem Rheintale. Teil II, p. 119.

141 Diese Worte Ekkehards enthalten einen Anklang an das den Sanktgaller Mnchen
wohlbekannte alemannische Landrecht, scheinen jedoch auf einer gewissen
Verwechslung zu beruhen. In tit. 99 no 22 (ed. Lindenbrog) findet sich nmlich
folgende Bestimmung:
 Wenn ein fremder Hund einen Mann gettet hat, soll dessen Eigentmer den
Hinterbliebenen das halbe Wehrgeld auszahlen. Verlangt die Familie des Getteten
das ganze Wehrgeld, so mu ihr dies zwar gewhrt werden, aber nur unter der
Bedingung, da alle Zugnge des Hauses bis auf einen abgeschlossen werden, da
sie allezeit durch dies eine Tor ein- und ausgehen, und da ber dieser Schwelle
der fremde Hund in einer Hhe von neun Fu aufgehngt werde und aufgehngt
bleibe, bis da er ganz verfault und seine Knochen stckweis herabfallen. Wrden
die Bewohner des Hauses den toten Hund wegzuschaffen oder durch eine andere Tre
einzugehen versuchen, so sollen sie auch des bereits empfangenen halben
Wehrgelds verlustig gehen und jeden weiteren Anspruch verlieren. Dieser aus
hohem Altertum stammenden Verfgung liegt das Motiv zugrund, den Verwandten, die
den vom Eigentmer des Tieres nicht verschuldeten Todesfall allzu geldgierig
auszubeuten suchen, eine gewisse Schmach anzuhngen und sie dadurch abzuhalten,
die uerste, nach dem damaligen Strafgesetz allerdings formell zustehende
Entschdigung zu beanspruchen. hnliches kennt das altnordische Recht. S. Grimm,
Rechtsaltertmer, p. 665.

142 Die Heilkunde unserer Tage wendet diese und hnliche Mittel nicht mehr an.
Sie beruhten zum Teil auf der Ansicht, da die Krankheiten dem Einflu der
Dmonen zuzuschreiben. Vieles brigens, was in jener Zeit offiziell verordnet
wurde, findet sich im Kreis der s.g. sympathetischen Mittel noch vor, die in
ununterbrochener berlieferung von den Bauersmnnern, Schfern und Schmieden,
die heutzutag noch trotzig daran glauben, bis in fernes Heidentum hinauf
reichen. Da eine hnliche Kur, wie die zuletzt erwhnte, von gutem Erfolg
begleitet war, meldet der frnkische Geschichtschreiber Gregor von Tours in
seiner Schrift ber die Wunder des heiligen Martinus aus eigener Erfahrung. Im
zweiten Monat nach seiner Ordination als Bischof erkrankte er an der Ruhr so
heftig, da man an seinem Leben verzweifelte. Da alle Arzneien fruchtlos
geblieben waren, lie er sich Staub vom Grabe des Heiligen bringen, nahm ihn in
einem Trank um die dritte Tagesstunde und wurde davon auf der Stelle so geheilt,
da er um die sechste zur Mahlzeit ging. Lbell, Gregor von Tours und seine
Zeit, p. 277.
 Manches Interessante in betreff ehemaliger Heilkunde wrde wohl ein
sachverstndiger Arzt in dem tractatus insignis medicinalis der sanktgallischen
Handschrift 105 vorfinden.

143 ... nihil fame improbrius et sacrius!

144 Wenigstens zhlt noch G. Schwab in seinem Werk ber den Bodensee unter den
Merkwrdigkeiten von Sipplingen sub Nr. 3 auf: der Sipplinger Wein als der
schlechteste am Bodensee. Neuerdings indes soll der dortige Rebensaft um ein
bedeutendes besser geworden sein als sein Ruf.

145 S. Einhardi vita Karoli Magni c 13, bei Pertz, Mon. I, p. 449.

146 S. Gibbon, Geschichte des rmischen Weltreichs, c. 35.

147 Scitis inquit, o fideles mei, quid tantopere ploraverim? Non hoc, ait,
timeo, quod isti nugae et nihili mihi aliquid nocere praevaleant; sed nimirum
contristor, quod me vivente ausi sunt litus istud attingere, et maximo dolore
torqueor, quia praevideo, quanta mala posteris meis et eorum sunt facturi
subjectis. Monachi S. Gallens. gesta Karoli II, 14 bei Pertz, Mon. II, 757.

148 Diese Auffassung der vielbesprochenen und folgenschweren Krnung Karl des
Groen in Rom am Weihnachtsfest 800 zum Kaiser und Schirmherrn der rmischen
Kirche entspricht der Ansicht, die die Zeitgenossen von der Sache hatten. Der
Papst, der dadurch das lstige Schutz- und Aufsichtsrecht seiner byzantinischen
Oberherrn loswerden wollte, hatte seinen bestimmten Plan, wenn er auch die
Tragweite und Folgen des Ereignisses nicht im Auge hatte. Seitens des
frnkischen Herrschers aber war die Annahme dieser Kaiserwrde ein Akt der
Usurpation den legitimeren Byzantinern gegenber, und es ist wohl zu erklren,
warum die Berichterstatter erzhlen, er wrde an jenem Tage keinen Fu ber die
Schwelle der Peterskirche gesetzt haben, wenn er des Papstes Absichten htte
erraten knnen, s. den Monachus San Gallensis und Einhardi vita Karoli M., cap.
16 und 28.

149 S. Hincmar von Rheims Annalen ad ann. 862 bei Pertz, Mon. I. 458.

150 S. Hermann des Lahmen von Reichenau Chronik ad. ann. 888 bei Pertz. Mon. V,
109.

151 ... vel, ut perturbatores reipublicae dignum est pati, usque ad cinerem
concremati et in omnem ventum dispersi cum nominibus vel potius ignominia et
memoria sua condemnetur in secula! Erchanberti breviarium ad ann. 880 bei Pertz,
Mon. II, 330.

152 Die Gestalt des Alten in der Heidenhhle mchte historisch etwas
anzuzweifeln sein. Alle Merkmale deuten auf Karl den Dicken, aber der war
eigentlich lngst gestorben, bevor die erste Stunde des zehnten Jahrhunderts
schlug. Indes, was die Geschichte trennt, fgt die Sage wieder zusammen, und wie
sie einst dem ostgotischen Dietrich von Bern im Nibelungenlied eine Stellung
verschaffte, auf die er seinen historischen Przedentien nach gar keine
nachzuweisenden Ansprche hat, so gefllt es ihr, den letzten Trger des
karolingischen Weltreichs an einen stillen Ort zu entrcken und ihm eine
Gerechtigkeit angedeihen zu lassen, die ihm die Mitlebenden versagten.
 Eines Gerchtes, da der alte Kaiser nicht gestorben, sondern von seinen
Feinden stranguliert worden sei, erwhnt der Mnch von Vaast in seinen
Jahrbchern bei Pertz, Mon. II, 203. Das Volk aber, das von ihm ein ganz ander
Bild im Herzen trug, als der Ha der Parteien, die ihn mit entstellten Zgen der
Nachwelt geschildert, und das in dem hereingebrochenen Jammer der nchsten
Jahrzehnte keinen Grund fand, seine Absetzung als den Anbruch besserer Zeiten zu
begren, hielt in Alemannien an dem Glauben fest, da er gar nicht gestorben
sei und noch, wie frher und spter manch ein anderer Held, in irgendeiner Hhle
verborgen sitze, um zu rechter Stunde wieder herauszutreten und die Zgel seines
Reiches zu Handen zu nehmen. Mehrere Aufstnde in Alemannien gegen den durch
Karl des Dicken Sturz emporgekommenen Kaiser gaben Zeugnis von dem Anteil, den
man fr seinen abgesetzten Vorfahr hegte.
 Auch die neuere Geschichtschreibung beginnt, die wahren Grnde der Absetzung
und das seither dem dicken Kaiser zugefgte Unrecht einzusehen, und es wird
zugegeben, da die Machinationen des hohen Klerus, der damals mit der Einfhrung
des pseudo-isidorischen Kirchenrechts in Deutschland beschftigt war und einen
seinen herrschschtigen Bestrebungen willfhrigen Kaiser bedurfte, guten Teils
an jener Absetzung schuld gewesen. S. Gfrrer, Geschichte der ost- und
westfrnkischen Karolinger II, 293.

153 Fortis juventus, virtus audax bellica,
Vestra per muros audiantur carmina,
Et sit in armis alterna vigilia,
Ne fraus hostilis haec invadat moenia.
Resultat echo comes: Eja, vigila!
Per muros eja dicat echo vigila!

 Gefahr lehrt Verse machen! Der Gesang der Nachtwachen von Modena, dessen ganzen
Text Muratori antiqu. Ital. III, 709 mitteilt, wetteifert an Wrme und
rhythmischem Schwung mit den Kriegsliedern aller Zeiten. - Einen Bittgesang an
den heiligen Geminianus um Schutz und Schirm wider die Hunnen in gleichem Metrum
s. bei Muratori antiqu. Ital. I, 22.

154 Mit Aufrichtung der Fahne wurde das Volk aufgeboten und versammelt. Nach
nordischem Brauch wurde im Fall feindlichen Einbruchs schnell ein Pfeil
herumgeschickt, das Volk zu entbieten, herr, der Heerpfeil. S. Grimm,
Rechtsaltertmer 161, 162.

155 Walafrid Strabo, Abt der Reichenau, ein gefeierter Dichter der
karolingischen Epoche. Manche seiner lateinischen Poesien sind von einem zarten
Hauch durchweht, der an die Elegiker des Altertums erinnert. Es finden sich
darunter eine Beschreibung seines Klostergartens sowie eine Elegie an seine
Freundin (ad amicam), und hierauf scheint sich Simon Bardos uerung zu
beziehen. Der Anfang der letzteren ist allerdings sehr weich:

     Wenn mildschimmernden Scheins der Mond den ther durchleuchtet,
    Dann durch die wehende Nacht, o Freundin, schaue zum Himmel,
    Eingedenk, wie von dort die reine Leuchte herabglnzt
    Und mit demselbigen Strahl uns beide freundlich umschlinget,
    Die wir leiblich zwar fern, doch geistig in Liebe uns nah sind.
    Darf auch nimmer mein Auge in dem der Geliebten sich spiegeln,
    Bleibt uns der Mond doch als Pfand von still glckseligem Ehmals etc.

Des mehreren von ihm ist nachzulesen bei: Canisius, Lect. ant. ed Basnage, pars
II, 183 u. ff.

156 Das griechische Feuer, eine Mischung von Naphtha, Schwefel und Pech, durch
Wasser nicht zu lschen, leistete seine Dienste schon bei der Belagerung
Konstantinopels im Jahr 716 wider die Sarazenen und rettete im Jahr 941 die
Hauptstadt vor einer russischen Flotte, die unter Igor, Ruriks Sohn, die schon
damals gangbare Prophezeiung zu verwirklichen drohte, da die Russen in den
letzten Tagen Herren von Konstantinopel werden wrden. Seine Verwendung wurde
zu einer frmlichen Artilleriekunst ausgebildet und von den griechischen Kaisern
als ein wichtiges Staatsgeheimnis bewahrt. Die franzsischen Kreuzfahrer, die
der heilige Ludwig in Orient fhrte, beschreiben mit aufrichtigem Entsetzen den
Anblick der zerstrenden Geschosse. S. Joinville. Histoire de St. Louis, Paris
1668. p. 39.

157 ... ipse velut Domini gigans lorica indutus, cucullam superinduens et
stolam, ipsos eadem facere jubet: Contra diabolum, ait, fratres mei, quam
hactenus animis in Deo confisi pugnaverimus, ut nunc manibus ostendere valeamus,
ab ipso petamus. Ekkeh IV. casus S. Galli, c. 3. Pertz II, 104.

158 Jornandes de rebus geticis, c. 24.

159 ... tollensque manu sua de pallio suo filum projecit in terram et dixit:
Ecce in testimonium perfectae remissionis filum de pallio meo projicio in
terram, ut cunctis pateat, quod pristina deinceps annulletur inimicitia. Vita
S. Sturmi, c. 18 bei Pertz, Mon. II, 374.

160 Der erwhnte Smaragd befindet sich noch im Kirchenschatz der Pfarrkirche
Mittelzell auf Reichenau. Er hat das Schicksal der berhmten Smaragdschssel von
Genua geteilt, die als sacro catino fr das unschtzbare Palladium der Stadt
galt und in den Napoleonischen Kriegen als solches nach Paris abgefhrt ward,
allwo die Untersuchungskommission des franzsischen Instituts (1809) sie fr
einen gefrbten Glasflu erkannte; - ein Mangel an Romantik, der die Zurckgabe
des Beutestcks an die Genuesen wesentlich erleichterte. Es war sehr
zweckmig, ein solches Schau- und Prachtstck im Kirchenschatz zu haben, um im
Fall der Not ein namhaftes Anlehen darauf aufnehmen zu knnen.

161 Erat tunc inter nostrates frater quidam simplicissimus et fatuus, cujus
dicta et facta saepe ridebantur, nomine Heribaldus... Ekkeh casus S. Galli, cap.
3.

162 ... enimvero, ait ille, fugiat, qui velit; ego quidem, quia corium meum ad
calceos camerarius hoc anno non dedit, nusquam fugiam! Ekkeh. 1. c.

163 Fabricantur spicula, piltris loricae fiunt, fundibula plectuntur, tabulis
compactis et wannis scuta simulantur, sparrones et fustes acute focis
praedurantur. Ekkeh. 1. c.

164 Aeneis VII, 631 u. ff.

165 ... equitans vir dei, vita Liutger. bei pertz, Mon. I, 412.

166 Ausfhrlich und sich gegenseitig ergnzend beschrieben bei Ekkeh IV. casus
S. Galli, cap. 3 und den Biographen der heiligen Wiborad (s. Note 40)
namentlich, bei Hepidan. vita Wiboradae, cap. VI, 24 (acta sanctor. Mai. I,
305).

167 ... locum enim, quem contra versutias antiqui hostis pugnatura elegi, Deo
juvante, spiritu redeunte ad eum qui dedit illum, etiam corpore tegam! Hepidan
1. c., p. 304.

168 ... quasi canem audierat mussitantem... et intellexit temptatorem: Esne tu,
inquit, iterum ibi? Quam bene tibi miser contigit nunc mussitanti et grunnienti
post gloriosas voces illas, quas in coelis habueras? Ekkeh. IV. casus S. Galli,
cap. 3. bei Pertz, Mon. II, 98.

169 Regula S. Benedicti, cap. 53: de hospitibus suscipiendis.

170 ... Augustaque diu obsessa precibus Uodalrici episcopi, sanctissimi quidem
inter omnes tunc temporis viri, repulsi... Ekkeh. casus S. Galli, cap. 3.

171 S. Grimm, Deutsche Mythologie, p. 269.

172 Schon unter Karl dem Groen bestand lebhafter Handelsverkehr mit Slaven und
Awaren (Capitulare von 803 bei Pertz, Mon. III. 133) und die nordischen Teile
des Reichs verschafften sich die Produkte des Sdens. Ermoldus Nigellus ( 836)
in seinen weinerlichen Gedichten nennt friesische Kaufleute als Ankufer des
elsassischen Weines, den sie auf dem Rhein fortfhrten. Auch am mittleren Neckar
waren dieselben wohlbekannt. S. Stlin, Wirtemberg. Geschichte I, 402.

173 ... In einer Kirchen war ein Abgott, Triglaff geheien, und neben dem hingen
viel Waffen und Harnisch, so sie im Kriege erworben und dem Abgotte geschenket
hatten, und gldene und silberne Becher, damit sie pflagen zu wicken und daraus
zu weissagen und zukhnfftige Dinck erfharen und daraus die Edelen pflagen zu
hohen Festen zu trinken; auch groe Urochenhrner in silber gefat und
Trommeten zum Kriege, schwerter und dolche und ander kstlich Zeug und Gerte,
das hbsch und kunstreich von Arbeit und zu der Gtzen geschmuck bescheret war
... Und der Gtze Triglaff war von Golde und hatte drei Kpfe, davon er auch so
genennet ist worden, denn triglafi auf wendisch heien drei kpfe, damit sie
haben bedeuten wollen, da er ein Gott were ber himmel, erde und helle. Den
nahm Sant Otto mit sich wegk, und schickte ihn dem Papst Honorio zu einem
triumpff und zu einer Anzeigung der Pommern Bekehrung. Thomas Kantzow, Pomerania
oder Ursprunck, Altheit und Geschicht der Vlcker und Lande Pommern, Cassuben,
Wenden, Stettin, Rhgen (ed. Kosegarten), p. 107.

174 ... fatuitatis monstrum ubi sentiunt, omnes illi risibiles parcunt. Ekkeh.
casus S. Gall., c. 3.

175 ... nam cum quidam illorum ascia vibrata unum retinaculorum succideret,
Heribaldus inter eos jam domestice versatus Sine inquit, vir bone, quid vis
vero, ut nos, postquam abieritis, bibamus? Ekkeh. 1. cit.

176 S. Ekkehards Erzhlung bei Pertz, Mon. II, 104.

177 Postquam vero mero incaluerant, horridissime diis suis omnes vociferabant
... 1. c. Das Lied mag sich auf Attilas Abenteuer mit der Prinzessin Honoria,
Schwester des Kaiser Valentinian, beziehen, die aus Rache dafr, da sie wegen
unstandesgemer Neigung zu ihrem Kmmerer Eugenius ins Kloster gesteckt worden,
den Barbarenmonarchen durch bersendung eines Ringes anflehte, sie als seine
Verlobte und Gattin heimzufhren. S. Gibbon, Geschichte des rm. Weltreichs,
cap. 35.

178 ... et effusa laetitia saltant coram principibus. Ekkeh. IV, 1. cit.

179 Cambutta, scottica vox, baculum significans. Nach dem Tode des heiligen
Columban wurde dem heiligen Gallus dessen Cambutta als Andenken berbracht. S.
vita Sancti Galli bei Pertz, Mon. II, 14, und J.v. Arx, Anmerkung. Man irrt wohl
schwerlich, wenn man sich eine solche Cambutta weniger elegant denn keulenartig
denkt, da schon vom gewhnlichen Spazierstock der Zeitgenossen Karl des Groen
eine wahrhaft schreckbare Beschreibung berliefert ist ... baculus de arbore
malo, nodis paribus admirabilis, rigidus et terribilis! Monachus San Gallensis
I, 34 bei Pertz, Mon. II, 747.

180 ... ubicunque autem hae reliquiae fuerint, illic pax et augmentum et lenitas
aris semper erit. Annales San Gallens. major bei Pertz, Mon. I, 71.

181 Offenbarung Johannis 20, 7. Allgemein hielt man den Gog und Magog der
Schrift in den Ungarn verkrpert und sah in ihnen die Vorlufer des Weltendes;
die Frage wurde ernsthafter theologischer Prfung unterzogen. S. Gibbon,
Geschichte des rm. Weltreichs, cap. 55 II.

182 Die Ehre des ersten Angriffs im deutschen Reichsheer galt fr ein von alters
her den Schwaben zustehendes Vorrecht. Nach dem Schwabenspiegel verleiht Karl
der Groe: swa man umbe des riches not striten solte, da sulen die swabe vor
allen sprachen striten. Landrecht,  32. - Eine Reihe anderer Stellen aus
Geschichtschreibern und Dichtern desselben Inhalts s. bei Stlin, Wirtemberg.
Geschichte I, 393.

183 Waffen, Feindio! der alte clamor ad arma, Alarm, Waffenschrei. S. Grimm,
Rechtsaltertmer, p. 876. Gleiche Sprachbildung - Verstrkung des Substantivs
durch einen angehngten Ausruf - liegt den Hilferufen Mordio, Feurio! usw.
zugrund.

184 Ich selbst, sprach Attila vor Beginn der Schlacht in den Katalaunischen
Feldern zu seinen Kriegern, werde den ersten Wurfspie schleudern, und der
Elende, der sich weigert, das Beispiel seines Frsten nachzuahmen, ist
unvermeidlichem Tode verfallen! S. Gibbon, a.a.O., cap. 35 (7).

185 Noch im sechzehnten Jahrhundert bewahrten die deutschen Landsknechte die
Sitte, sich rcklings Erde bers Haupt zu streuen, ehe sie ins Wogen des
Treffens rckten. So der tapfere Georg von Frundsberg vor der Schlacht von
Pavia.

186 Wir knnen uns nicht enthalten, den einfach groartigen Text des
Notkerischen Liedes media vita mitzuteilen, so wie ihn J.v. Arx seinen
Geschichten des Kantons St. Gallen I, p. 95 einverleibt hat.

    Media vita in morte sumus, quem quaerimus adjutorem, nisi te domine, qui
pro peccatis nostris juste irasceris.
    V. In te speraverunt patres nostri, speraverunt et liberasti eos.
        R. Sancte deus.
    V. Ad te clamaverunt patres nostri, clamaverunt et non sunt confusi.
        R. Sancte fortis.
    V. Ne despicias nos in tempore senectutis, cum defecerit virtus nostra, ne
derelinquas nos.
        R. Sancte et misericors salvator, amarae morti ne tradas nos.

Es fand so groen Anklang im Gemt frommer Streiter, da eine Synode zu Kln
sich gemigt sah anzuordnen, niemand solle ohne seines Bischofs Erlaubnis gegen
irgendeinen Menschen das media vita singen. In das evangelische Kirchenlied ging
es ber durch Luthers bersetzung: Mitten wir im Leben sind von dem Tod
umfangen etc.

187 ... haud mora, bellum incipitur atque ex Christianorum parte sancta
mirabilisque vox kyrie, ex eorum turpis et diabolica hui, hui! frequenter
auditur. Luitprand von Cremona de reb. imp. et regum lib. II, cap. 9.

188 Folchardi codex aureus (Bibliothek zu St. Gallen), p. 39.

189 S. Bernhard Bader, Volkssagen aus dem Lande Baden, p. 34.

190 Den merkwrdigen Landhag, mit dem die Ungarn zu Karl des Groen Zeit ihre
Grenzen gesperrt hatten, beschreibt nach Erzhlung eines Augenzeugen der Mnch
von St. Gallen, gesta Karoli lib. VI, cap. I bei Pertz, Mon. II, 748.

191 ... iam mitius agendum inter Teutones!

192 Nam et villani quidam preadocti ollas, prunas in proximo monte paratas
habentes, tumultu audito faces accensas levabant, et ut discretionem sociorum et
hostium nossent, quasi perlustrium fecerunt. Die anschauliche Darstellung dieses
berfalls des ungarischen Lagers im Fricktal durch Irminger, den Alten, mit
seinen sechs Shnen und ihrer Mannschaft gibt Ekkeh IV, casus S. Galli, cap. 3.
bei Pertz, Mon. II, 110. Im Schein der rings auf den Bergen flammenden
Feuerzeichen strmten ihre drei Heerhaufen in den sorglosen Feind. Wer nicht in
keckem Schwimmen ber den Rhein setzte, wurde erschlagen; die Beutestcke der
Schlacht weihte Irminger dem Mnster des heiligen Fridolin zu Sckingen. Eine
auf dem rechten Rheinufer gelagerte ungerische Schar zog sich auf die Nachricht
dieser Niederlage ins Elsa hinber.

193 Mir wird so khl im Harnisch, sprach der Fiedelmann,
 Drum glaub' ich, da der Morgen ziehet schon heran,
 Ich spr' es an der Khle, es wird wohl balde Tag ...

Nibelungenlied, Avent. 31.

194 ... Es ist ein grausam ding zu sehen. Dieser fall heit zu unsern Zeiten am
Lauffen. Es wirt das Wasser so es oben herab fallt, zu eim gantzen schaum, es
steubt ber sich gleich wie weisser rauch. Do mag kein Schiff herab kommen,
anderst es zerfiel zu stucken. Es mgen auch keine Fisch die Hhe dieses Felsen
bersteigen, wann sie schon so lange krumme zeen htten, wie das Mrthier
Rosmarus oder Mors genannt.

Sebastian Mnster. Cosmographey. 1574. S. 551.

195 Sahspach, Hadewigae beneficii villa. S. Ekkeh. IV, casus S. Galli, c. 10.
bei Pertz, Mon. II, 135.

196 Verfluchungen gegen etwaige Widersacher gehrten bei allen auf Vergabungen,
Eigentumsbertragungen, Stiftungen etc. bezglichen Urkunden zum Kanzleistil.
Man war in den verschiedenen Formen von erfindungsreicher Mannigfaltigkeit. Es
fhle der Leib in den Jahren ihres Lebens den Vorschmack der unendlichen
Hllenpein, wie Heliodor, welchen die Engel gestupt, wie Antiochus, welchen die
Wrmer gefressen, heit es z.B. im Stiftungsbrief des Klosters Peterlingen.
Wer mit bswilligem Gemt diese Schrift liest, wird anderswo gewnscht, mge
zur Stelle erblinden! S. Joh. v. Mller, Geschichte der Schweiz I, 253. Eine
Zeit, die sich so umfangreich aufs Segnen verstand, mute notwendig auch im
Fluchen Erkleckliches leisten.

197 ... et multi illorum comprehensi sunt cum rege eorum nomine Pulszi et
suspensi sunt in patibulis. Annales S. Galenses major. ad. ann. 955 bei Pertz,
Mon. I, 79.

198 Qui dubitans minime, huic illam nubere posse.
Ruodlieb fr. XVI, v. 15.

199 Mich macht ein kleines Hlmchen froh,
Es sagt, mir solle Gnade kommen;
Ich ma dasselbe kleine Stroh,
Wie ich's bei Kindern wahrgenommen.
Nun hret all und merkt, ob sie es tu':
Sie tut, tut's nicht, sie tut, tut's nicht, sie tut!
Wie oft ich ma, stets war das Ende gut.

Herr Walter von der Vogelweide (bersetzt bei Simrock, Altdeutsches Lesebuch
1854, p. 208).

200 ... corda hominum quos capiunt particulatim dividentes veluti pro remedio
devorant. Regino Chronicon ad ann 889 bei Pertz, Mon. I, 600.

201 ... Der ist slic der dri behttet sne gewate daz er nihet naccetne gange
usw. Predigt, mitgeteilt von J.v. Arx aus einem Pergamentblatt des XI.
Jahrhunderts und verbessert herausgegeben bei Hattemer, Denkmale etc. I, 326.

202 S. Grimm, Rechtsaltertmer, p. 723, s.v. Dachabdeckung.

203 Ungar baptizatus uxorem duxit, filios genuit. Ekkeh IV, casus S. Galli, c.
3.

204 Rdiger Manesses Sammlung I, 87.

205 S. Grimm, Rechtsaltertmer, p. 726, s.v. Prellen.

206 S. lex Ripuariorum, cap. 57. Der auf solche Weise Freigelassene hie homo
denariatus.

207 S. Ekkeh IV, casus S. Galli, cap. 10 bei Pertz, Mon. II, 135.

208 Wiewohl wir nicht hoffen, da einer der Leser sich versucht fhle, Gunzos
pomphaftes Werk nachzuschlagen, sei doch der Ort angegeben, wo es zu finden. Es
steht in der gelehrten Benediktiner Martne et Durand collectio veterum
scriptor. et monumentor, Tom. I, 294 als Epistola Gunzonis ad Augienses fratres;
- ein geschichtlicher Beweis, da auch vor Ehren-Gtze und allen, die
heutigentages auf den Pfaden gelehrter Injurie selbstgefllig lchelnd
einherschreiten, tapfere Mnner gelebt haben. hnliche Leistungen hat wohl
Baronius im Auge gehabt, da er das zehnte Jahrhundert ein bleiernes nannte.
Ein sachkundiges Urteil charakterisiert den Stil einiger Zeit- und
Gesinnungsgenossen von Gunzo als ein Latein, dessen Grundfarbe durch die
gehuften klassischen Floskeln und Schnrkel nicht verdeckt wird und in welchem
sie nur fremde Gedanken zu wiederholen wissen, wenn es ihnen berhaupt um
Gedanken zu tun ist. S. Vogel, Ratherinus von Verona I, 161.

209 Regula S. Benedicti, cap. 43: de his qui ad mensam tarde occurunt.

210 Schon die Lebensbeschreibung des heiligen Gallus (lib. II. cap. 34 bei
Pertz, Mon. II. 29) erwhnt die Sitte, da unvorstzliche Mrder mit schweren
Ketten, die oft aus dem eigenen Mordschwert geschmiedet wurden, oder mit
eisernen Ringen um den Leib oder die Arme belastet, Wallfahrten tun muten. S.
auch Uhlands schnes Gedicht Der Waller.

211 Lex Burgundionum tit. XVIII, 1.

212 S. Vita S. Liobae bei Mabillon Acta Benedict. saec. 3, pars 2, 229 (ed.
Venet. 1734).

213 ... plerosque autem vidimus et audivimus tanta dementia obrutos, tanta
stultitia alienatos, ut credant et dicant, quandam esse regionem, quae dicatur
Magonia, ex qua naves veniant in nubibus, in quibus fruges, quae grandinibus
decidunt et tempestatibus pereunt, vehantur in eandem regionem, ipsis videlicet
nautis areis dantibus pretia tempestariis et accipientibus frumenta vel ceteras
fruges. Agobard. contra insulsam vulgi opinionem de grandine et tonitruis I, 146
(ed Baluze).

214 Durch alle Vlker geht der Glaube, da im gebundenen feierlich gefaten Wort
eine zauberische Kraft verborgen ruhe, die zu Segen und Fluch gedeihlich
verwendet werden mge. Von dem rtselhaften rmisch-sabinischen Zauber gegen
Verrenkung, den schon der alte Cato (de re rustica 160) anfhrt, von den
nordischen Runen, von den echten ehrwrdigen Merseburger Heilsprchen bis auf
das unverstndliche Kauderwelsch, mit dem heutigestags, wenn just kein Arzt oder
anzeigedrohender Ortsdiener in der Nhe ist, der lndliche Viehdoktor den
suchtkranken Haushund oder das rudige Schaf beschwrt: berall derselbe
Grundgedanke von der Macht rhythmisch gebundener Rede. Man traute eben ehedem
der Poesie Greres und Praktischeres zu als jetzt. - Vieles an den Formeln ist
sinnlos geworden, namentlich die geheimnisvollen Worte am Beginn und Ausgang.
Sie haben einst, ihre Bedeutung gehabt; imposanter wurden sie, wie manches
andere, wohl von der Zeit an, wo man sie nicht mehr verstand. Wie feierlich
klingt das daries, dardaries, astaries, Disunapiter! mit dem Catos
Verrenkungsspruch sich einleitet, wie rtselvoll das alau, tahalaui, fugau! in
dem lateinischen Spruch, der die verirrten Klosterschweine segnend
zurckbeschwren soll! (Sanktgallische Handschrift 111 bei Hattemer, Denkmale
etc. I, 410) S. berhaupt Grimm, Mythologie, cap. 38.

215 Lex Alamannorum tit. 45, de rixis, quae saepe fieri solent in populo.

216 Dem Schrter, den es mit Donner und Feuer in Bezug setzt, mag das deutsche
Volk besondere Ehre angetan haben. Grimm, Mythologie (3. Ausg.), p. 657. S.
auch p. 167 ber die Bedeutung dieses und anderer Kfer.

217 ber die Einrichtung der Sendgerichte vgl. J.v. Arx, Geschichten des Kantons
St. Gallen I, 257.

218 Maiores locorum de quibus scriptum est, quia servi, si non timent, tument,
scuta et arma polita gestare incoeperant; tubas alio quam ceteri villani clanctu
inflare didicerant, canes primo ad lepores, postremo etiam non ad lupos sed ad
ursos et ad tuscos, ut quidam ait, minandos aluerant apros. Ekkeh IV, casus S.
Galli, cap. 3. bei Pertz, Monum. II, 103.

219 Per Hadewigae, ait, vitam! sic enim iurare solebat... Ekkeh IV, casus S.
Galli, c. 10.

220 ich hoere ein sueze stimme
in mnem huobet singen
die hoere ich gerne klingen ...

Der Weinschwelg, v. 268 u. ff.

221 Elpentrtsch, tlpentrtsch, trilpentrisch, hilpentritsch usw., ein
linkischer einfltiger Mensch, dem die Elbe (Elfen) etwas angetan haben. S.
Grimm, Mythol., 412.

222 Der Kuckuck ist bekannt als der Orakelverknder im frhlingsgrnen Walde.
Viel merkwrdige Traditionen ber ihn s. bei 25 Grimm, Mythologie, 640 u. ff.
Eine sehr alte Sage erzhlt, er sei ein verwnschter Bcker oder Mllerknecht,
der armen Leuten von ihrem Teig gestohlen, und trage darum fahles,
mehlbestaubtes Gefieder.

223 S. das Ausfhrliche ber die aberglubischen Vorstellungen bei Verfinsterung
des Mondes, die nach Tacitus Annal. I, 28 schon die Gemter der aufrhrerischen
pannonischen Legionen beunruhigten, bei Grimm a.a.O., p. 668. - Es ist ein
bemerkenswerter Zug der germanischen Vorzeit, da sie sogar dem Mond in seinen
vermeinten Nten durch Geschrei abzuhelfen bestrebt war.

224 d huob er f unde tranc
ein hundert slundigen trunc;
er sprach daz machet mich junc.

Der Weinschwelg, v. 197.

225 ... Salutem et profectum in doctrina! Brief Meister Ruodperts von St. Gallen
bei Wackernagel, Altdeutsches Lesebuch, p. 138.

226 ... si fugae, inquit, copiam haberem, iuvenum optimi, profecto fugerem, nunc
antem in vestris quia velim nolim sum manibus, mitius mecum quidem vos condecet
agere. S. die ganze Schilderung von Rudimanns nchtlichem Einschleichen und
Ertappung bei Ekkeh. IV, casus S. Galli, c. 10. Pertz, Mon. II, 124.

227 Die damaligen Studien erstreckten sich auch auf die Sternkunde. In der
sanktgallischen Handschrift Nr. 18, p. 43 findet sich das Bild eines Mnches,
der durch ein Fernrohr nach den Gestirnen schaut. Notker Labeo beschreibt
ausfhrlich einen im Kloster aufgestellten Himmelsglobus. Die astronomischen
Schriften der Alten, z.B. Aratus, kannte und las man. Vgl. J.v. Arx, Geschichten
etc. I, 265.

228 ... Antipodes nulla ratione credenti sunt, quia nec solitidas patitur, nec
centrum terrae, sed neque hoc ulla historiae cognitione firmatum, sed hoc poetae
quasi ratiocinando conjectant. Wrterbuch des Bischofs Salomo.

229 Diese berhmte Disputation beschreibt ausfhrlich der frnkische Mnch
Richer im dritten Buch seiner Geschichten, Kap. 65. Der Kaiser gab Befehl, das
gelehrte Turnier einzustellen, denn der Tag war darber beinah zu Ende gegangen
und die Zuhrer von den vielen und langen Reden ermdet.

230 Die klsterliche Disziplin war bemht, mit den mannigfachsten Akten des
gewhnlichen Lebens ein Gebet oder einen Hymnus zu verbinden. Die sanktgallische
Handschrift 134 enthlt eine Sammlung solcher Hymnen, z.B. Hymne beim ersten
Hahnenruf (ad gallicinium), beim Fasten, vor und nach dem Imbi, beim Anznden
der Nachtlampen usw. Vgl. Hattemer, Denkmale etc. I, 273 u. ff.

231 ... Altera dein die... magistrum lectura adiit. Et cum sedisset, ad quid
puer ille venerit, ipso astante inter cetera quaesivit. Propter Grecismum, ille
ait... domina mi! ut ab ore vestro aliquid raperet, alias sciolum vobis illum
attuli. Puer autem ipse pulcher aspectu, metro cum esset paratissimus, sic
intulit: Esse velim Graecus usw. Ekkeh. IV, casus S. Galli, c. 10 bei Pertz,
Mon. II, 125.

232 Grimm, Deutsche Rechtsaltertmer, p. 702, s.v. Scheren.

233 S. Thegani vita Hludowici imp. I, 19 bei Pertz, Mon. II, 594.

234 ... spillten und allen den, die gut fr ere nement und die sich ze aigen
geben hant, den gibt man ains mannes schaten von der sunnen etc. Landrecht des
Schwabenspiegels.

235 ... dabei ein schnes Grtelein,
Darumb gehet ein seiden Faden.

Laurins kleiner Rosengarten.

236 Was soll ich aber von ihren abenteuerlichen Schuhen sagen? Denn in dieser
Hinsicht sind die Mnche so unvernnftig, da ihnen der Nutzen einer
Fubekleidung groenteils entgeht. Sie lassen sich nmlich ihre Schuhe so eng
machen, da sie darin fast wie in den Stock geschlossen, am Gehen gehindert
sind. Auch setzen sie denselben vorne Schnbel, an beiden Seiten aber Ohren an
und tragen groe Sorge, da sie sich genau dem Fue anschlieen; halten auch
ihre Diener dazu an, da sie mit besonderer Kunst den Schuhen einen
spiegelhellen Glanz verleihen. Dritte Ereiferung des Primas auf der Synode zu
Mont Notre-Dame bei Richer III, 39.

237 Hildebrandslied, v. 70 u. ff. - Noch Prtorius ( 1680) in seiner
Weltbeschreibung erwhnt nrrische Gaukelerszelte, wo der alte Hildebrand und
solche Possen mit Docken gespielt werden, Puppenkomdien genannt.

238 Dieser fabelhafte Ahnherr aller Grobschmiede war seit alters her der
deutschen Volksberlieferung eine entschieden beliebte Gestalt. Bis ins vorige
Jahrhundert trug ein Haus in Wrzburg nach ihm den Namen zum groen Schmied
Wieland. Das alte deutsche Gedicht, welches ihn zum Helden erkor, ist uns nicht
mehr erhalten, die nordische Sage aber hat ihm die gebhrende Aufmerksamkeit
geschenkt. S. Wilkina-Sage, Kap. 19-30, bei von der Hagen, Altdeutsche und
altnordische Heldensagen I, 56 und ff.

239 S. Steub, Zur rhtischen Ethnologie, p. 103, s.v. Gossensa und Drei Sommer
in Tirol, p. 504.

240 Welandus ab aliquibus Sanctus dictus... Acta Sanctorum. Mart. tom. I, 364.

241 S. Mamann, Gedichte des XVI. Jahrhunderts, Band II. Das Heldengedicht, wie
es hier teilweise nacherzhlt ist, hat die Bearbeitung, in der es vorliegt, erst
im zwlften Jahrhundert erhalten; der Inhalt aber ist entschieden alt und weist
auf frhere Sagen zurck, die fglich zu Praxedis' Zeit ihren Weg an
griechischen Kaiserhof gefunden haben mochten.

242 Marmoreum sibi sarcophagum longe ante obitum jussit praeparari ob incerti
temporis momentum, quem duabus quotidie vicibus diversis alimentorum aliarumve
rerum impensis summotenus implevit et victu carentibus hilariter distribuit.
Vita S. Rimberti, c. 14 bei Pertz, Mon. II, 771.

243 ... moribus tamen illa suis severis et efferis sepe virum exasperans domi
interdum quam secum mansisse multo malle fecerat. Ekkeh. IV, casus S. Galli, c.
10 bei Pertz, Mon. II, 123.

244 S. Ekkeh. IV, casus S. Galli, c. 3. bei Pertz, Monum. II, 108.

245 Ekkehard verflicht hier sich und seinen Namen mit dem, was die Sage vom
getreuen Eckhart erzhlt. S. Grimm, Deutsche Heldensage, 141. 190, und Deutsche
Mythologie, p. 887.

246 In unserer alten Sprache wird die festlichste Jahreszeit, wo die Sonne
ihren Gipfel erlangt hat und nun wieder herabsinken mu, Sunnenwende
(solstitium) genannt. Grimm, Deutsche Mythologie, p. 583. Sie trifft mit dem
St. Johannistag (24. Juni) zusammen; die altherkmmlichen Oster- und Maifeuer
wurden durch den Einflu der Kirche auf diesen Tag verlegt. Man sprang durch die
Flammen und trieb das Vieh durch zu vermeintlicher Abwehr von Krankheit und
Migeschick.

247 Das Bestreben einiger Mnche, durch festes Schnren des faltigen Gewandes
eine elegante Taille zu gewinnen, veranlate auf der Synode zu Mont Notre-Dame
(972) eine zornsprhende Ereiferung des Primas. S. Richers Geschichte III, 37.

248 Sirach 27, 6.

249 Die Kirche der quattro coronati in Rom mit ihren alten Mosaikfubden und
Malereien aus dem 12. Jahrhundert ist bekannt.

250 Ein Trunk Wassers war Zeichen der Entsagung. Grimm, Rechtsaltertmer, 190.
Wer einmal in der letzten Stunde seines rmischen Aufenthaltes zur rauschenden
fontani Trevi geleitet wurde, um bei Sang und Trank den Scheidetrunk zu trinken,
kennt diese Symbolik.

251 Vgl. Zellweger, Geschichte Appenzells. - Es ist eine interessante Aufgabe,
die alemannische Sprache Appenzells, die auch so, wie sie heutzutage gesprochen
wird, noch mannigfache Anklnge an das Althochdeutsch aus Notkers Labeos Zeiten
enthlt, in ihren reichen dialektischen Formen und Wendungen zu verfolgen.
Grndliche Anleitung hiezu gibt Titus Tobler, Appenzellischer Sprachschatz,
Zrich 1837.

252 Jeremias IX, 1.

253 ... ecce elongavi fugiens et mansi in solitudine et exspectabam eum, qui me
salvum faceret. Vita St. Galli bei Pertz, Monum. II, 8.

254 S. Physiologus, ein Weistum von Tieren und Vgeln; von des aran geslhte,
bei Wackernagel, Altdeutsches Lesebuch I, 165.

255 ... quantum sub sua cuculla potuit portare ...

256 Es war etwa seit dem 8. Jahrhundert in Deutschland und Frankreich das
Verlangen heimisch geworden, die Kirchen mit irdischen berresten von Heiligen
so reichlich als mglich und um jeden Preis zu versorgen. Dieses Verlangen hatte
im zehnten Jahrhundert einen neuen Aufschwung genommen und erreichte seine
hchste Glut in dem schsischen Knigshause. Otto der Groe wute keine greren
Schtze zu sammeln als Reliquien und brachte besonders fr sein geliebtes
Magdeburg einen groen Vorrat zusammen ... Da sich Kirchen und Gemeinden nur
selten freiwillig zugunsten anderer ihrer Reliquien entuerten, so scheute man
sich nicht vor dem Mittel des Zwangs und Raubes, und als das Vaterland der
Heiligen, Italien, wo damals die Reliquien wenig geachtet wurden, sich den
Deutschen wieder auftat, da gehrte es zu den schnsten Aussichten der
letzteren, nun im reichen Mae, und zwar um Geld oder durch List oder auch mit
Gewalt ihr Verlangen erfllen zu knnen. Dieser Sehnsucht scheint auch der
heilige Metro zum Opfer gefallen zu sein. ... Da man aber, wenn man sich nicht
eines ganzen Heiligenkrpers bemchtigen konnte, auch damit zufrieden war, da
man ein mglichst groes Stck hinwegbrachte, das hat Verona noch einmal
erfahren mssen usw. Vogel, Ratherius von Verona und das zehnte Jahrhundert I,
255 ff.

257 ... s der tgostrno in scnero frewo sknet. Worte der Notkerischen
Paraphrase des Marcianus Capella.

258 Den 4. November 1853 mittag 11 Uhr ist der Eremit Anton Fler verunglckt
und ist totgefallen auf Pommen im Sail. Requiescat in pace. Eintrag im
Fremdenbuch des Wildkirchlein.

259 ... in visitatione lactis.
 Dantur de Coldaribus in Seealpe XXX. casei, meliores alpinis caseis (Rotulus
censuum sec. 13 in der sanktgallischen Handschrift 456). de Alpe Gamor tres
partes lacticinii, quae per duos dies a Vaccis ibidem compacte fuerint, Portarie
nomine. - Citatio Abbatis cellana bei J.v. Arx, Geschichten etc. I, 314. S. auch
Grimm, Weistmer I, 191, die Rechte von Appenzell.

260 Nec sua rura colo, nec sua jura volo!

261 Tosen: an der Volksversammlung murmelnd rauschen. Wenn ein Vorschlag der
Landesgemeinde sehr mifllt, so toset's gewhnlich. Tobler, Appenz.
Sprachschatz, p. 148.

262 ... dic illi nunc de me corde fideli
Tantundem liebes, veniat quantum modo luobes,
Et volucrum wunna quot sint, tot dic sibi minna,
Graminis et florum quantum sit, dic et honorum.

Ruodlieb fr. XVI, 11-15.

263 ... slbum dia rda, dr si nbhafte ist, hbent erfllet tero lnglbon
mnigin in-wlden, oh infrsten, ioh in-lhen, inswen, inhn, inbrnnn.
Notkers Paraphrase des Marcianus Capella lib. II, cap. 34, bei Hattemer Denkmale
etc. III, 356.

264 S. Grimm, Deutsche Mythologie, p. 29.

265 Auch der heilige Gallus war von solchen Erscheinungen dmonischer
Weibergestalten nude ad litus stantes, quasi ad balneum ingredi volentes,
turpitudinemque corporis sui ei monstrantes, heimgesucht. Vita S. Galli bei
Pertz, Mon. II. 9.

266 ... In nomine Domini mei Jesu Christi, recede ab hac valle. Sint tibi montes
et colles communes nec tamen hic pecus laedas aut homines. Vita S. Galli bei
Pertz, Monum. II, 9. Die Bren waren in jener Zeit hufige Besucher der
Appenzeller Alpen und einige Pltze tragen noch jetzt den Namen zur Erinnerung
an sie, z.B. Brenbach, Brental, Brenalp. Seit die Touristen in jenen Revieren
zahlreicher geworden, haben sie sich indes gnzlich zurckgezogen. - Die
Geschichtsquellen liefern, Bren betreffend, eine so reiche Ausbeute, da es
einem fleiigen Mann nicht schwer fallen wrde, sie in einer Abhandlung ber
die Bedeutung und soziale Stellung der Bren im Mittelalter zu verwerten. Wir
erinnern an den Bren des heiligen Gallus, der ihm wie ein getreuer Diener
Scheiterholz beitrug und Brot aus der Hand fra, - an die kunstreichen
Tanzbren, die im Ruodlieb Fr. III, 85 u. ff. besungen sind und mit ihrem
aufrechten Eimertragen und Reihentanz im Verein mit singenden Spielweibern den
Zuschauern ein Vergngen geboten haben mgen, von dem man begreift, da die
Geistlichkeit in besonderen Synodalbeschlssen dawider eiferte. (Regino de
eccles. disciplin. II, 213.) Die lex Alamannor. tit. 99, 12 schlgt das Wehrgeld
eines zahmen Hausbren auf 6 solidi an - alles Beweise, da man die Bren in
Deutschland zu schtzen wute, auch ehe ihr Stammverwandter aus den Pyrenen zum
Helden epischer Dichtung erhoben ward.

267 Flutterschnee, ein lockerer, leichter, nicht kompakter Schnee. S. Tobler,
Appenzell. Sprachschatz, 196.

268 Tubas alio quam ceteri villani clanctu inflare didicerant. Ekkeh. IV, casus
S. Galli, c. 3 bei Pertz, Monum. II, 103. Ein echter kanonischer Kuhreigen ist
brigens trotz der Untersuchungen der Gelehrten nicht festgestellt und im
Gebirge schwanken die Ansichten derer, die als geborene Sachverstndige ein
festes Urteil haben sollten, so, da die einen behaupten, der Kuhreigen werde
gar nie mit Worten begleitet, whrend andere einen - jedenfalls alten und
eigentmlichen Text mit dem Refrain loba! loba! zu geben wissen. Dem Verfasser
wurde am Sntis auf die Frage nach dem Kuhreigen dadurch geantwortet, da man
das Alphorn vom Rcken nahm und ihn blies, ohne ein Wort dazu zu singen oder zu
jodeln.

269 Ekkehardus autem, notularum peritissimus, paene omnia haec eisdem notavit in
tabula verbis etc. Ekkeh. IV, casus S. Galli, c. 16. Pertz, Mon. II, 140. Die
sanktgallische Handschrift 270 gibt nhere Auskunft ber die verschiedenen Arten
von Geheimschrift, deren man sich allgemein bediente. S.W. Grimm, ber deutsche
Runen, und Hattemer, Denkmale etc. I, 417, wo auch als Beilage in Steindruck
mehrere genaue Faksimile mitgeteilt sind. Es ist auffallend, wie eine gewisse
hnlichkeit zwischen diesen Charakteren und denen etruskischer Inschriften
stattfindet.

270 Procop. bell. Vand. II, 6.

271 Die noch ganz an antike Gymnastik erinnernden Ergtzungen der
sanktgallischen Schuljugend, wozu u.a. auch Wettrennen, Ringen mit gesalbten
Hnden, Stockfechten etc. gehrte, beschreibt Notker Labeo in seinem
lateinischen Vakanzlied, mitgeteilt von J.v. Arx, Geschichten etc. I, 259.

272 Ev. Joh. III, 8.

273 Die sehr ins Auge fallende innerrhodische Kleidungsart ist unzweifelhaft die
alte des appenzellischen Volkes. Tobler, Appenzell. Sprachschatz, p. 25.

274 Der Zaur ist ein einzelnes kurzes Gejauchze, das mit uh oder u bu hu hui
hui! bezeichnet werden kann. Tobler a.a.O., p. 453.

275 Appenzellischer Landbrauch. Noch vor wenig Jahrzehnten war die groe
Haustre des Amtmann Tanner von Herisau voll der Kpfe von Gewild, wodurch das
Volk ihm Liebe und Achtung erzeigen wollte.

276 Gumpen, gombela = hpfen, mutwillig springen, rugga (ru-jauchzen) = den
Ruggler singen, ein landeseigentmliches Hirtenlied in holperigen Reimen, aber
mit einer um so angenehmeren weicheren Weise, die zwischen den Worten aus dem
Gaumen bisweilen ppig spielt und ergtzt. S. Tobler a.a.O., p. 233 und 373.

277 Panem Gallus bestiae mirandae dat modestiae, mox ut hunc voravit, in fugam
festinavit usw. Ratperts Lobgesang auf St. Gallus in der lateinischen
bersetzung Ekkehards des Vierten bei Hattemer, Denkmale etc. I, 342.

278 Eigentmlich heit Attilas Gemahlin Ospirin, was gttliche Brin
bedeutet und in altdeutscher Form Anspirin lauten sollte. Der Name ist echt, alt
und auch sonst vorhanden. Grimm und Schmeller, Lat. Gedichte etc., p. 119, wo
auch eine Reihe anderer mehr auf sprachliche Grnde gesttzter Konjekturen ber
die Aufnahme des Namens Ospirin ins Waltharilied nachzulesen ist.

279 S. den Text des Waltharius bei Grimm und Schmeller, Lateinische Gedichte des
zehnten und elften Jahrhunderts, Gttingen 1838, p. 3 u. ff. Verdeutschungen von
anderen anders, Kommentar und Anmerkungen bei San-Marte, Walther von Aquitanien,
Magdeburg 1853.

280 Libro completo saltat scriptor pede laeto! Randbemerkung einer
sanktgallischen Handschrift, mitgeteilt von J.v. Arx, Berichtigungen und Zustze
etc., p. 30.

281 Es steht zu hoffen, da die Hirngespinste einer zerstrungsfrohen Kritik,
die sich wie am Homer so an den Nibelungen nicht eher erfreuen konnte, als bis
sie in eine Anzahl von verschiedenen Sngern an verschiedenen Orten verfater
Volkslieder auseinander genagt waren, seit Holtzmanns Untersuchungen ber das
Nibelungenlied (Stuttgart 1854) als beseitigt angesehen werden drfen. Der
Streit, der noch immer wider den guten Meister Konrad gefhrt wird, beweist, da
auf diesem wie auf andern Gebieten das Einfachste am schwersten Eingang findet.

282 ... Insuper et alpes philosophantur, sub quibus jugum Sambutinum Rihpertus
lyrico possidet sono, et si nosset antra musarum, esset et talis, ut Cynthius
Apollo. Aus einem Brief des Mnch Ermenrich von Reichenau, bei J.v. Arx a.a.O.,
p. 14.

283 Assumptus est interea in aulam Ottonum patris et filii ... Ekkehardus, ut
capellae semper immanens doctrinae adolescentis regis nec non et summis dexter
esset consiliis. Ibique in brevi tantus apparuit, ut in ore omnium esset, summum
eum aliquem exspectare pontificatum. Nam et Adelheida regina illum, nunc sancta,
per se diligebat. Ekkeh. IV, casus S. Galli, c. 10, bei Pertz II, 126.

284 ... barbarorum ferocia ac ferrea corda Nithard, lib. I, 1.

285 Domnus Purchardus abbas, elegantissimum sanctae ecclesiae speculum. Annales
San Gallenses majores bei Pertz, Mon. I, 83.


                                    Funoten

A1 Scheffels.

A2 Gustav Schwab, Gedichte, Bd. 2, S. 167 ff. (Stuttgart 1829).

