
                                 Kurz, Hermann

                                 Der Sonnenwirt

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                                  Hermann Kurz

                                 Der Sonnenwirt

                        Eine Schwbische Volksgeschichte

                                  Erster Teil

                                       1

Nun, Meister Schwan, fr diesmal ist Er christlich durchgekommen, straf mich
Gott! Ohne Willkomm und Abschied! Herr Gott von Dinkelsbhl, tut mir fast leid,
da ich Ihm nicht ein paar aus dem ff auf Sein gesundes Leder aufmessen darf,
aus purer Freundschaft. Und dazu blo ein halb Jahr! Aber ich hoff, so ein
heigrtiger Bursch wie Er wird bald wieder das Heimweh nach unserer lustigen
Kartaus bekommen. Aufs Frhjahr sptestens, wenn die Bum ausschlagen, werden
wir wieder die Ehre haben. Ich will derweil ein paar tchtige Haselstcke ins
Wasser legen, damit sie den gehrigen Schwung und Zug kriegen zum Willkomm,
wenn's heien wird: des Ebersbacher Sonnen wirts sein Gutedel ist wieder da.
Adjes, Meister Schwan, glckliche Reise und nichts fr ungut.
    Es war unter dem Tore des Ludwigsburger Zucht-und Arbeitshauses, wo einer
der Aufseher einem jungen Menschen dieses spttische Lebewohl sagte. Dem
untersetzten stmmigen Burschen konnte niemand im Ernste den Meistertitel geben,
denn er schien kaum zwanzig Jahre alt zu sein. Auch sah er sehr sauer zu der
Ehrenbezeigung, die nicht gerade aus wohlwollendem Herzen kam; sein breites
rotwangiges Gesicht spannte sich zu einem trotzigen Ausdruck, den eine tiefe
Schramme auf der Stirne noch erhhte. Er hielt die Augen, wie aus Verachtung, zu
Boden geheftet, aber dann und wann scho er seitwrts einen Blick hervor, der
wie ein bloes Messer funkelte. Der Aufseher gab ihm statt des Abschieds, den
er ihm gerne zugedacht htte, einen derben Schlag auf die Schulter und ging
lachend hinweg. Der entlassene Strfling ballte die Faust und sah ihm mit
ingrimmigen Blicken nach.
    Eben wollte er mit einer Gebrde, welche ein nichts weniger als anstndiges,
aber um so aufrichtigeres Gesinnungsbekenntnis enthielt, dem Zuchthause den
Rcken kehren, als er, noch einmal umschauend, einen Gegenstand gewahrte, der
den Ha auf seinem derben lebhaften Gesichte pltzlich in das entschiedenste
Widerspiel verwandelte. Es war ein Greis, der in der Gebrechlichkeit des Alters
an einem Stabe ber den Hof gegangen kam; er trug schwarze Kleidung, und die
beiden weien berschlgchen, die ihm von der Halsbinde herabhngend auf der
Brust spielten, bezeichneten seinen geistlichen Stand. Seine Erscheinung machte
einen sichtlichen Eindruck auf alle Begegnenden; die ausgelassensten Zchtlinge
verstummten, als er im Vorbergehen einen Blick auf ihre Arbeiten warf; der rohe
Aufseher wich ihm von weitem aus. Jedem bot er seinen zuvorkommenden Gru; er
war immer der erste, der das schwarze Kppchen ber den sprlichen weien Haaren
lpfte, und doch sollte es ihm offenbar dazu dienen, sein greises Haupt vor der
Herbstluft zu schtzen; denn neben dem Kppchen trug er den dreieckigen Hut
unter dem Arm.
    Der junge Mensch war unter dem Tore des Zuchthauses stehengeblieben. In
seinen Mienen zuckte es wie Gewitter und Regenschauer; aber zum Weinen schienen
diese Zge zu derb. Unwillkrlich bewegte er den Fu, um dem alten Geistlichen
entgegenzulaufen; er besann sich jedoch wieder und blieb schchtern stehen. Als
jener nher kam, zog er die Mtze und trat ihn mit einer linkischen Verbeugung
an. Man konnte denken, wenn er ein Hund gewesen wre, so wre er mit freudigem
Winseln an ihm emporgesprungen und htte ihm Gesicht und Hnde geleckt. So aber
war er ein Wesen, um das der Zuchthausaufseher schwerlich seinen Pudel
hergegeben htte, ein entlassener Strfling, ein unbndiger Mensch, voll Trotz
und Roheit; und doch regte sich in seinem Herzen etwas, das wir auch in den
winselnden Tieren ahnen und das die Bibel mit den Worten bezeichnet: das Seufzen
der Kreatur.
    Mit Verlaub! stammelte er, - ich wollte nur dem Herrn Waisenpfarrer Adieu
sagen, weil der Herr Waisenpfarrer immer so gut gegen mich gewesen ist - ich
htt ja nicht fortgehen knnen ohne das.
    Der Waisenpfarrer - denn dieser war es, dem die Seelsorge im Zuchthause
oblag - neigte sich mit freundlichem Lcheln zu ihm. Er hatte aus den
verlegenen, halb verschluckten Worten des sonst sehr anstelligen Burschen den
rechten Kern herausgehrt. So ist Er denn also jetzt frei, Friedrich? sagte er
zu ihm. Ich wnsch Ihm von Herzen Glck. Nun gebrauche Er aber auch seine
Freiheit so, wie man eine Gottesgabe gebrauchen mu.
    Ich versteh schon, Herr Waisenpfarrer! erwiderte der Jngling, der mit der
ersten Anrede seine Beengung weggesprochen und sich in einen Ton bescheidener
Zutraulichkeit hineingefunden hatte. Ich versteh schon. Das ist wie mit dem
Wein. Der ist auch eine Gottesgabe. Wenn man aber solche Gottesgabe zu hart
strapaziert, so wirft sie den Menschen hin, da er gleichsam wie vierfig wird.
Dagegen, wenn man sie mit Ma geniet, so erfreut sie das Herz und macht helle
Gedanken im Kopf. Grade so ist's auch mit der Freiheit. Wenn man von der ber
Durst trinkt, so kann sie einen auch wohin werfen, wo zum Beispiel keine
Freiheit mehr ist.
    Bei diesen Worten wies er mit dem Daumen ber die Schulter nach dem Gebude,
das er soeben verlassen hatte, und seine weien Zhne blinkten lachend zwischen
den kirschroten Lippen hervor.
    Ja, so ist's, mein Freund, versetzte der Geistliche. Man pflegt wohl zu
sagen: ich nehme mir die Freiheit, das und das zu tun. Das ist nur so eine
hfliche Redensart. Mancher aber nimmt sich mehr Freiheit, als er einem andern
gnnt, und tut einem andern etwas, was er sich selbst nicht angetan wissen will.
Das aber ist zu viel Freiheit, und Er wei wohl, was zu viel ist, das ist vom
bel. Eigentlich sollten wir unsere Freiheit blo dazu anwenden, um einander
lauter Liebes und Gutes zu tun; denn wenn die Menschen alle einander dienen
wrden, dann wre ja ein jeglicher so wie ein Diener auch wieder ein Herr, und
dann wre die wahre Freiheit in der Welt.
    Ja, wenn alle so wren, wie der Herr Waisenpfarrer, dann wr's keine Kunst,
ihnen zu dienen. Aber so ist's nicht in der Welt. Da ist viel Herzenshrtigkeit
und Schlechtigkeit, nicht blo solche, die den Nebenmenschen bervorteilt,
sondern auch Bosheit, die ihm ohne allen Grund die Milch sauer macht, und wenn
man auf so einen Giftmichel trifft, so meint eben die Faust gleich, sie msse
ein Wrtlein mit ihm reden.
    Mein Sohn, sagte der alte Geistliche, man hat den Verstand dazu, da man
der Faust nicht ihren Willen lt. Und es kommt nur darauf an, da man einem
Menschen seine gute Seite abgewinnen lernt. Eine gute Seite hat auch der
Schlimmste. Wenn man aber einmal diese gefunden hat, so ist's, als htte man den
Schlssel zu einer sonst verschlossenen Tre, und wenn man hineingeht, so trifft
man oft auf Dinge, die man gar nicht hinter dieser Tre gesucht htte. Da ist
zum Exempel ein gewisser Friedrich Schwan. Den hat man mir geschildert als einen
rohen, verworfenen Burschen, dessen Herz keiner guten Regung fhig sei - Faust
in Sack! Die Leute urteilen eben nach der Auenseite - und wie ich ihn nun
selber kennenlernte, da fand ich in ihm einen Menschen, dessen Herz wie ein wild
aufgeschossenes Reis ist, trotzig und aufrhrisch gegen jedes rauhe Lftchen,
weich und geschmeidig gegen jeden freundlichen Sonnenstrahl, einen Menschen, der
gegen harte Worte und Behandlungen strrisch bleibt und den man mit Gte um den
Finger wickeln kann. Ist's nicht so?
    Ja, so ist's, Herr Waisenpfarrer, antwortete der junge Mensch verlegen und
gerhrt.
    Nun, das ist aber auch keine Kunst, gegen Gute gut zu sein. Wenn's weiter
nichts wre als das, so wrden wir ja durch die breite Pforte in den Himmel
eingehen, statt durch die schmale.
    Das ist wahr, Herr Waisenpfarrer, erwiderte der junge Mensch bedenklich.
Aber wenn alle Menschen unterdiensthaft gegeneinander wren, wie Sie vorhin
gesagt haben, so wre es gerade dasselbe Ding.
    Allerdings. Aber da die Menschen im allgemeinen bis jetzt nicht geneigt
sind, uns die Himmelspforte so breit und bequem zu machen, so drfen wir deshalb
der schmalen nicht untreu werden. Wir mssen gegen unsere Nebenmenschen gerade
so liebreich und dienstfertig sein, wie sie eigentlich gegen uns sein sollten,
unangesehen, ob sie es sind oder nicht. Vielleicht gewinnen wir sie dadurch und
bewegen sie, unser Beispiel nachzuahmen.
    Ja, ja, Herr Waisenpfarrer, fiel der junge Mensch lebhaft ein, das ist
gerade, wie wenn ein ungebautes Stck Feld umgebrochen werden soll. Da kommt es
nur drauf an, da einmal ein Anfang gemacht wird, der fr den Fortgang und frs
Fertigwerden Brgschaft gibt, und ist also ein kleines umgepflgtes Flecklein
fast schon so wichtig wie das ganze knftige Neubruchland.
    Er hat mich gar wohl gefat, versetzte der alte Herr mit freundlichem
Lcheln. Wenn das Reich Gottes auf Erden erscheinen und ihm die Sttte bereitet
werden soll, so tut es zuerst not, da ein Kern von guten Menschen gezogen wird,
von welchen die Gte und der Segen allmhlich auf die andern bergehen kann. Die
mssen aber festhalten wie ein Huflein Streiter, von denen der Ausgang einer
Schlacht abhngt. Ja, mein Sohn, fuhr er fort und legte ihm die abgemagerte
Hand auf dieselbe Schulter, welche vorhin der Aufseher so unsanft berhrt hatte,
da mu man den Pflug ber das trotzige Herz gehen lassen, da mu man eine
Beleidigung nicht mit Ttlichkeiten erwidern, die ins Zuchthaus fhren.
Vielmehr, wer zu jenen Kerntruppen gehren will, der mu gegen seinen Feind gar
noch ein gutes Wort und ein freundlich Gesicht aufzuwenden haben, und was noch
weit mehr heien will, es mu ihm sogar von Herzen gehen.
    Der Jngling, der irgendeinen Widersacher im Geiste vor sich stehen sehen
mochte, trat bei dieser Zumutung betreten einen Schritt zurck. Die Gre der
Aufgabe war ihm augenscheinlich schwer aufs Herz gefallen. - Aber, sagte er,
da wird mancher denken, wie es im Evangelium heit: das ist eine harte Rede,
wer kann sie hren?
    Der Greis lchelte. Mein junger Freund ist sehr bibelfest, versetzte er,
ich bemerke das heut nicht zum erstenmal. Die besten Kernsprche, die schnsten
Liederverse hat er fest im Kopfe behalten, aber ob auch in einem feinen Herzen?
Das ist nun die Frage. Diese schnen Stellen, welche die Jugend in den Schulen
auswendig lernt und oft recht gedankenlos dahersagt, sind Samenkrnern zu
vergleichen. Nun ist es zwar um ein Samenkorn ein edles Ding, aber der
aufgewachsene Baum und seine Frchte sind doch noch etwas ganz anderes. Oh, mein
lieber Friedrich, ich frchte - bei diesen Worten hob er liebreich den Finger
gegen ihn auf -, ich frchte, dieses trotzige Gemt mu noch durch Leiden
gebeugt und recht umgebrochen werden, wenn es ein Boden werden soll, darin der
Same zu Frchten aufgehen kann. Mein Sohn, habe Er immer den vor Augen, von dem
wir jene Sprche berkommen haben, der nicht schalt, da er geschlagen ward, und
nicht druete, da er litt. Ich will Ihm aber nicht mit einem Male ein Werk
auflegen, das fr manche zartere Seelen noch zu schwer ist. Fange Er im Kleinen
an, mein lieber Sohn. Strebe Er, sanftmtig zu werden. Denke Er immer zur
rechten Zeit daran, den aufquellenden Zorn zu bezhmen; denn der Zorn hat einen
bsen Urahn, den Mrder von Anbeginn, und wenn man ihn herauslt, so gleicht er
der Kugel, von der das Sprichwort sagt: wenn sie aus dem Rohr ist, so ist sie
des Teufels. Vor allem aber will ich Ihm eines ans Herz legen. Er ist
vermglicher Leute Kind, und in einem Wirtshause fallen manche Brocken ab.
Bentze Er diese Gelegenheit, um Gutes zu tun und nach Seinen Krften den
traurigen Unterschied, der in der Welt ist, ein wenig auszugleichen. Er kann,
ohne Seinen Vater zu bervorteilen - und das darf Er ja nicht tun! -, manchem
armen Schlucker etwas zuflieen lassen. Ich sage das nicht, da Er meinen soll,
Er knne sich ein Verdienst vor Gott damit erwerben. Aber der rechte Glaube wird
auch immer die rechten Werke gebren, und hinwiederum, wer die rechten Werke
tut, der setzt zugleich sein Inneres in die rechte Verfassung, wie sie vor Gott
sein soll; denn Gutes tun macht ein gelindes Herz. Deshalb, mein Sohn, beschlo
er mit einem unbeschreiblich heitern und scherzhaften Lcheln, will ich Ihm, da
Er noch so jung ist, nicht zumuten, da Er gleich als Flgelmann unter jene
Kerntruppen tritt, von denen ich gesprochen habe. Suche Er nur zuerst als
Marketender bei ihnen anzukommen, dann kann Er sich allmhlich weiter aufdienen,
bis -
    Ein Gerusch unterbrach ihn, das ihm den frommen Scherz aufs klglichste
verbitterte. Unzweideutige Schlge hallten von dem untern Stockwerk her, dem der
Geistliche und sein aufmerksames Beichtkind nahe standen. Sie folgten mit
unerbittlicher Regelmigkeit aufeinander, so da der Greis die schwache Hand
ausstreckte, als ob diese abwehrende Gebrde der Grausamkeit ein Ende machen
knnte. Man hrte kein Geschrei, sondern nur ein dumpfes Knurren, in welchem
jedoch der menschliche Ton zu unterscheiden war. Dieses Knurren, das sich in
Zwischenrumen wiederholte, machte den Vorgang weit unheimlicher, als wenn die
lautesten Wehklagen ihn begleitet htten.
    Der junge Friedrich ballte die Faust gegen das Gebude. Diese Prgelhunde!
rief er, es ist ihnen nur wohl, wenn sie zuschlagen knnen.
    Der Waisenpfarrer legte ihm wieder die Hand, die aber diesmal zitterte, auf
die Schulter. Mein Sohn, sagte er, die Menschen haben es mit der Snde
verdient, da der Schmerz und das Wehtum in die Welt gekommen ist. Wo aber
Strafe ist, heit es, da ist Zucht, und wo Friede ist, da ist Gott.
    Die Schlge hallten dazwischen fort. Der Greis brach mit einem tiefen
Seufzer die Unterredung ab. Nun lebe Er wohl, mein lieber Friedrich, sagte er.
Gott sei mit Ihm auf allen Seinen Wegen. Denke Er an das, was ich Ihm gesagt
habe, damit wir uns frhlich und ebendarum niemals mehr an diesem Orte
wiedersehen.
    Er drckte ihm die Hand und wankte, so eilig als er es vermochte, an seinem
Stabe dahin. Zwar hatte auch er die Meinung seinerzeit ausgesprochen, da durch
grausame Zchtigungen der Wille Gottes erfllt und sein Kommen vorbereitet
werde, aber er schien doch nicht gern dabei zu sein und hatte es in diesem
Augenblick wohl tief empfunden, da das Reich Gottes, so wie er es verstand,
noch sehr ferne sei.
    Der junge Friedrich aber blieb unter den Fenstern des Zuchthauses stehen und
lauschte dem Gerusch der Pein, vor welchem sein ehrwrdiger Beichtiger
entflohen war. Er fhlte zwar nicht geringe Entrstung ber die Gewalt, die hier
einem Menschen angetan wurde, aber der Schmerz des Armen verursachte ihm, der
selbst schon manchen derben Puff ausgehalten hatte, kein besonders zartes
Mitgefhl.
    Die Schlge hrten endlich auf. Bald hernach ffnete sich die Tre, und von
einer unsichtbaren Hand geschleudert, kam ein Mensch herausgeflogen. Der Sto
war nicht eben sanft gewesen, doch hie der Hinausgeworfene sich wie eine Katze
auf den Fen. Sein Gesicht zeigte trotz der zigeunerischen Farbe die Spuren
berstandener Anstrengung, es war dunkelrot, und ein schielendes Auge gab diesen
jugendlichen Zgen einen furchtbaren Ausdruck. Der junge Zigeuner, der soeben
einen rauhen Abschied durchgemacht hatte, schttelte sich am ganzen Leibe, er
kehrte sich gegen das Zuchthaus um, streckte die Zunge, so lang er konnte,
heraus und ging dann gemchlich seiner Wege.
    Ich glaub, sie haben dich mit ungebrannter Asche gelaugt, und das scharf,
sagte Friedrich, als er an ihm vorberkam.
    Ich glaub auch, war die trockene Antwort des Zigeuners, der einen Blick
aus seinem scheelen Auge ber den Frager hinlaufen lie und sich von dannen
machte.
    Friedrich, der auf den Burschen neugierig geworden war, folgte ihm von
weitem nach. Aber erst als sie Ludwigsburg mit seinen vornehmen regelrechten
Straen hinter sich hatten, wagte er, die Gesellschaft des verachteten Zigeuners
aufzusuchen. Dieser schien nachlssig vor sich herzuschlendern, und doch hatte
er Mhe, gleichen Schritt zu halten und ihn endlich einzuholen.
    He, wohinaus, Landsmann? schrie er ihn an.
    Dem Hohenstaufen zu, antwortete der Zigeuner seitwrts herber, ohne sich
in seinem Gange aufhalten zu lassen.
    Dann haben wir ja schier gar einen Weg, sagte Friedrich, an seiner Seite
gehend. Der meinige fhrt nach Ebersbach.
    Da knnen wir wenigstens eine Strecke weit beisammenbleiben, erwiderte der
Zigeuner.
    Die beiden jungen Burschen gingen nun mit wackeren Schritten durch die Ebene
und dann jenseits des Neckars ber die Anhhen hin, welche zwischen diesem und
der Rems liegen, und machten nach einer tchtigen Wanderung bei einem einsamen
Wirtshuschen halt, wo Friedrich seinen Gefhrten zu Gaste lud. Eine Flasche vom
Saft des Apfels und ein Rettich, der den Sommer berlebt hatte, war alles, was
ihm ein paar gesparte Pfennige aufzutischen erlaubten. Die vorgerckte
Jahreszeit lie sich so mild an, da die beiden Wanderer im Freien auf der
verwitterten Bank unter dem alten Apfelbaum ihr Mahl verzehren konnten. Hungrig
und durstig griffen sie zu und lieen sich's nach der Weise der Jugend
schmecken.
    Wie lustige Sperlinge genossen sie der wiedererlangten Freiheit, schalten
auf das Gefngnis, von dem sie herkamen, spotteten ber die Schwachheiten der
Aufseher und erzhlten sich lose Streiche, womit sie deren Wachsamkeit umgangen
hatten. Unter Plaudern und Lachen war die Flasche nur allzubald geleert. Sie
kehrten alle Taschen um, bis sie in der erdenklich kleinsten Mnze, aber auch
mit dem erdenklich grten Jubel die ntige Summe zusammengebracht hatten, um
eine zweite zu bestellen.
    Wie bist du denn eigentlich, fragte Friedrich unter dem Einschenken, in
den Gasthof zur Kardtsche geraten? Mit bloem Vagabundieren hast doch so jung
nicht so hoch in die Wolle avancieren knnen.
    Nein, erwiderte der Zigeuner unbefangen, ich hab krumme Finger gemacht.
    Pfui, rief Friedrich, Stehlen, das ist was Hundsgemeines, heit das, wenn
-
    Von z'wegen was seid Ihr hineingekommen? unterbrach ihn der Zigeuner etwas
rasch. Ungeachtet des rgers ber die biderbe Bemerkung verga er nicht, da
sein Genosse der herrschenden Nation angehrte und da er den greren Teil der
Zeche bezahlt hatte: Grund genug, ihn in der majesttischen Mehrzahl anzureden.
- Man wird Euch auch nicht blo um der Kostbarkeit willen hinter Glas und
Rahmen aufgehoben haben.
    Ich hab einen durchgeprgelt und das lederwindelweich. Der Heuchler gab
dann vor, er knne den Arm nicht mehr gebrauchen. Es war aber erlogen, und so
schickten sie mich eben auf ein halb Jahr an das rtchen, von dem man nicht gern
red't.
    Der Zigeuner machte ein unbefriedigtes Gesicht. Und habt Ihr Euch niemals
an fremdem Eigentum vergriffen, fragte er, da Ihr da so auf dem hchsten Gaul
sitzen knnt? Seid Ihr niemals einem andern in die pfel gegangen oder in die
Kirschen? Denn, setzte er eifrig hinzu, Stehlen ist Stehlen, das sag ich.
    Ja, meinem Vater bin ich wohl ber die Kirschen gegangen und auch ber die
Geldlade. Aber das ist was anderes, das geht ja vom eigenen und heit eben vor
der Zeit geerbt. Das ist nicht gestohlen. Stehlen heit, wenn man fremden Leuten
das Ihrige nimmt, und das ist eine Schmhlichkeit.
    Wenn bei uns einer, versetzte der Zigeuner hhnisch, seine Eltern
bestehlen wrde, so knnte seines Bleibens nicht mehr sein; der rgste Spitzbube
wrde ihn verachten und anspeien. Bei uns ist es Sitte, da man die Eltern ehrt
und liebt und da man ihnen eher zubringt, als da man sie bestiehlt. Dafr
lassen sie es aber auch an ihren Kindern nicht fehlen, sie geben ihnen den
letzten Bissen vom Munde weg, und deshalb ist es gar nicht mglich, da so etwas
bei uns vorkommt. Ist mir auch eine ganz besondere Lebensart, da ich einen
Fremden schonen soll, der mich nichts angeht, und soll mich dagegen an meinem
Vater vergreifen, der mir der Nchste ist in der Welt. Das bring mir ein anderer
in den Kopf, mir ist es zu hoch. Kommt mir gerade vor, wie wenn im Krieg einer
sich von den Feinden abwenden wollte und auf seine Freunde schieen.
    Friedrich war betroffen. Sein gesunder Verstand sagte ihm, da etwas Wahres
an dieser Ansicht sei, und doch konnte er sie nicht zugeben, da sie den Sitten
und Gewohnheiten, unter denen er aufgewachsen, vllig widersprach. Die beiden
jungen Leute stritten eifrig und konnten sich lange nicht verstndigen. Darin
waren sie zwar einer Ansicht, da auf die Herrschaft keine strengen Begriffe
von Eigentum anzuwenden, da die Tiere im Walde, die Fische im Wasser eigentlich
Gemeingut seien; aber ber den Rest des groen Kapitels vom Mein und Dein
konnten sie nicht einig werden.
    Stehlen und Stehlen ist zweierlei, rief Friedrich zuletzt. Geh du nach
Ebersbach und frag von Haus zu Haus, ob die Leut nicht einen Unterschied machen,
und die Leut mssen doch auch wissen, was sie tun. berall gilt's fr eine
grere Schande, wenn einer einem Fremden was stiehlt, als wenn er's den Eigenen
nimmt; denn da bleibt's ja in der Familie.
    Dann sollte man ihn auch in der Familie abmurxeln, sagte der hartnckige
Zigeuner, und jedem davon ein Stck zum Kochen geben, wenn eure Gesetze so
schlecht sind, da sie blo den einen Diebstahl strafen, den andern aber nicht.
    Oha, sagte Friedrich, umgekehrt ist auch gefahren. Selbiges ist anders.
Die Gesetze, die sind so berzwerch wie du, die behaupten auch, Stehlen sei
Stehlen. Wie es herauskam, da ich meinem Vater ein paar hundert Gulden genommen
hatte, die er mir nicht gutwillig geben wollte, um in die Fremde zu gehen, da
taten sie mich geschwind nach Ludwigsburg zum Wollkardtschen, ob ich gleich
erst ein unverstndiger vierzehnjhriger Bube war. Damals hab ich auch gelernt,
was der Willkomm und Abschied fr hfliche Komplimente sind, und hab empfunden,
wie es patscht, wenn Haselholz und Hirschleder zusammenkommen.
    Der Zigeuner schlug ein lustiges Gelchter auf. Aber nicht wahr, rief er
triumphierend, mit einem solchen Leibschaden noch stundenlang drauflos
marschieren und dann auf einem hlzernen. Bnkchen herumrutschen, das knnt auch
nicht ein jeder.
    Nun, nun, entgegnete Friedrich, man merkt's dessenungeachtet wohl, wo du
dermalen deine schwache Seite hast. Du sitzt ja so windschief da, als wenn das
Bnkchen unter dir brennte, die armen Seelen in der Hlle, die auf dem
Glufenhfelein sitzen, knnen nicht fter wechseln und nicht possierlicher den
Fu an sich ziehen. Aber das mu man dir lassen: mannlich hast du dich gehalten.
Wenn ich nur noch ein paar brige Kreuzer htt, so lie ich dir einen
Kirschengeist zum Einreiben kommen.
    Einreiben! Wer wird auch die Gottesgabe so sndlich verschwenden! Den
Kirschengeist mu man innerlich brauchen, von innen heraus kuriert er noch
einmal so schnell.
    Das glaub ich dir! lachte Friedrich. berhaupt hab ich schon oft gedacht,
ihr Zigeuner msset ein gutes Fell haben, stich- und kugelfest. Man knnt's,
schtz ich wohl, zum berzug fr ein schwaches Gewissen brauchen.
    Es dient oft auch dazu. Ja, eine gute Haut, die mu der Zigeuner haben, und
hartgesotten mu er sein, wenn er solch mhseliges Leben aushalten soll. Frost
und Hitze mu ihm gleichviel gelten. Halbnackt mu er gehen knnen, wenn ihm der
gefrorne Schnee unter den Fen kracht, und die schwerste Brde mu ihm wie ein
Flaum sein, wenn ihn die Sonne mittags auf die Glieder sticht. Sein Lager ist
unter Gottes freiem Himmel, und in bser Nacht hat er's nicht immer so gut, da
er auch nur im Hterhuschen unterkriechen kann. Oft hat er nur einen Baum zum
Obdach, unter dem schlft er zufrieden, wenn der Sturm durch die ste fhrt und
die Bltter schttelt, da ihm der kalte Regen auf die Stirne tropft.
    Herr Gott, rief Friedrich mit rauher Rhrung, ich kann doch auch was
vertragen, aber so ein Leben mu ja den besten Mann umbringen! Mut du nicht
selber sagen, da es vernnftiger wre, wenn ihr das Heidenleben aufgbet, eine
christliche Ordnung anfinget und lieet euch mit andern ehrlichen
Christenmenschen in Handel und Wandel ein? Wer ein paar tchtige Arme hat und
einen Kopf, der sie regiert, der wird nicht sobald mit leerem Magen ins Bett
gehen und nicht im kalten Regen schlafen drfen.
    Wir sind so gute Christen wie ihr, versetzte der junge Zigeuner eifrig,
es mag sich fragen, ob wir nicht besser sind? Aber wie wollten wir denn mit
euch leben? Ihr stot uns ja aus und wollt keine Gemeinschaft mit uns haben. Wie
kann der Zigeuner, dem ihr mit Verachtung die Tre weiset, sein ehrlich Brot bei
euch verdienen? Ich bin aus einer Familie, die schon seit zweihundert Jahren
hier im Wrttembergischen, dann im Deutschherrischen drunten und in den beiden
Markgrafschaften am Rheine drben hin und wieder zieht. Nun fehlt es uns zwar
dort nicht an Bekanntschaften, aber ich mchte doch auch in all diesen Landen
einen einzigen Menschen sehen, wenn unsereiner z.B. kme und ihm sagte: Ich will
ein ander Leben fhren und ein ordentliches Wesen anfangen, da bin ich, nimm
mich auf, teile dein Haus und dein Brot mit mir, soviel als dir meine Dienste
wert sein mgen - den Menschen mcht ich sehen, der darauf sagen wrde: Tritt
ein und bleibe bei mir. Auch unter den Unsrigen mcht ich den Menschen sehen,
dem es im Schlaf einfallen knnte, eine solche Bitte zu tun. Denn jeder wei die
Antwort im voraus und wei, wie man beiderseits voneinander denkt. Das ist jetzt
eben einmal von Anbeginn so und wird auch nicht mehr anders werden. Ich wei
wohl, ein mancher von den Meinigen ist eines bsen Todes gestorben, und wie
knnte es auch anders sein? Das Element, in dem einer lebt, ist natrlicherweise
auch zuletzt sein Tod. Das ist allenthalben so. Wer sein Leben lang im Hanfsamen
sitzt wie ein freier Spatz, der find't wohl auf die Lnge auch ein hnfenes
Ende. Man tt's wohlfeiler nehmen, wenn man's haben knnte. Ein paar fette
Kapitlchen verzinsen, essen und trinken, was gut schmeckt, mit vier
Schweifuchsen fahren oder auch nur mit zweien, - meint Ihr, der Zigeuner habe
zu einem solchen gemchlichen Leben nicht so viel Genie als irgend jemand in der
Christenheit?
    Mir zweifelt's gar nicht! lachte Friedrich. - Aber jetzt kann ich auch
auf einmal begreifen, warum du es fr so schandhaft hltst, wenn von euch einer
seinem eigenen Vater etwas nehmen wrde, und an diesem Beispiel wird mir's klar,
da du eigentlich Ehr im Leibe hast. Denn die Moral ist bei euch im Grund die
nmliche wie bei uns, nur da sie natrlicherweise umgekehrt ist.
    Mit diesen Worten, die zwar keine klare Anschauung des Standpunkts, aber
doch eine gewisse Ahnung desselben verrieten, suchte er die obschwebende
Streitfrage zu lsen. Aber es wird spt, fuhr er fort, und wenn wir die
Buttel auch auswinden wie ein Leintuch in der Wsche, so pressen wir doch keinen
Tropfen mehr raus. Weit was? Komm du mit mir ber Ebersbach, ich will dir einen
heidenmigen Kirschengeist einschenken zur inwendigen Kur. Ob du links am
Staufen vorbeigehst oder rechts, das ist gehopft wie gesprungen.
    Ja, es ist am End ein Ding, entschied sich der Zigeuner, und auf eine
Stunde soll mir's nicht ankommen.
    Die beiden jungen Burschen erhoben sich und stiegen die gelinden Anhhen
hinab, an deren Fue das Filstal sich gegen den Neckar ffnet. Wohlgemut
schlenderten sie die Strae an dem Flchen aufwrts; der Zigeuner pfiff
gellende Weisen, Friedrich aber schwieg still, und unter seiner breiten Stirne
schien ein mchtiger Gedanke zu arbeiten. Die Worte des Waisenpfarrers gingen
ihm im Sinne herum; das Vertrauen des ehrwrdigen alten Mannes hatte ihn stolz
gemacht, und es war ihm zumute, als ob er gar nichts ntig htte als ein bichen
guten Willen, um ein groes Werk zustande zu bringen.
    Sie waren wohl eine gute Stunde so zugeschritten, ohne ein Wort miteinander
zu reden, als Friedrich auf einmal stehenblieb und seinen Gefhrten krftig am
Arme fate. Und ich sag dir, rief er, du bleibst bei mir! Ich will dir
zeigen, da ich auch ein guter Christ bin. Wenn ich dein armes verstoenes Volk
in das Erbe einsetzen knnte, das von Gott und Rechts wegen einem so gut gehrt
wie dem andern - mit einem Schlag wollt ich das tun. Nun kann ich aber weiter
nichts, als an einem einzelnen, der mir unter die Hnde kommt, ein christlich
Werk verrichten. Du gehst mit mir, da ist keine Widerrede, die Sonne von
Ebersbach hat Raum fr viele! Da wird sich schon ein Pltzlein fr dich finden
im Haus und ein Stuhl am Tisch und ein Brocken in der Schssel. Zu tun gibt's
auch immer etwas, du dienst meinem Vater als Knecht, wie ich, und sollst es
nicht schlechter haben als ich. An Frost und Schneepatschen, an Last und Hitze
wird's zwar nicht fehlen, je nachdem die Jahreszeit ist; aber das Schlafen im
kalten Regen und alles andere, was dazu gehrt, das soll und mu ein Ende haben.
Komm her, schlag ein.
    Der andere hatte ihn anfangs mit seinem scheelen Auge verwundert angesehen;
die Zuversichtlichkeit seiner Rede schien aber jedes Bedenken bei dem Zigeuner
verwischt zu haben, und er tat, wie ihn sein Gefhrte hie. Friedrich erwiderte
seinen Handschlag mit einem noch krftigeren, und zufrieden, wie wenn sie einen
guten Markthandel abgeschlossen htten, setzten sie ihren Weg miteinander fort.
Der Tag begann sich eben zu neigen, da breitete sich das Ziel ihrer Reise, ein
betrchtlicher Flecken, in angenehmer Talweite zwischen den Anhhen wohlgelegen,
freundlich und heimatlich vor ihren Augen aus.

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Frau Sonnenwirtin, jetzt ist's an mir! rief der ltere von zwei Mnnern in
hellblauen Wmsern, die am Wirtstische saen. Bringt nur gleich zwei Bouteillen
auf einen Streich. Und wenn das Vermgelein draufgehen sollte, der Friede mu
stet und fest sein. Man sagt ja, ein Proze sei etwas Fettes. Nun gut, auf etwas
Fettes mu man brav trinken, damit's einem den Magen nicht verdirbt.
    Nach Befehl! erwiderte die Wirtin, eine groe schlanke Frau, aus deren
gelblichem Gesichte starke Knochen hervortraten; und die Flaschen auftragend
fuhr sie fort: G'segn's Gott, ihr zwei Mller, Ober und Unter! Das ist das
wahre Wasser auf eure Mhlen und wird sie besser treiben als das Haderwasser,
dem ihr einige Zeit her den Zugang verstattet habt. Ja ja, ich gratulier! Ein
fetter Vergleich ist besser als ein magerer Proze. Das Sprichwort sagt's zwar
umgekehrt, aber ich hab doch recht. Auch ist's gescheiter, das Geld in die Sonne
zu tragen, als zum Advokaten, denn bei dem wr't ihr doch nicht so 'ring
durchgekommen, wie mit so ein paar Bouteillen Zehner.
    Die beiden Zunftgenossen, welche einen ber ihre Gerechtsame entstandenen
Streithandel noch beizeit geschlichtet hatten, lieen ihrer guten Laune vollen
Lauf. Sie saen schon den halben Nachmittag hinter ihrer Friedensflasche und
hatten, wie das in solchen Fllen zu geschehen pflegt, die streitigen Punkte
sowie die Grnde, die zur Beilegung rieten, mehr als ein dutzendmal umstndlich
durchgesprochen. Lachend trank der jngere der Wirtin zu, der ltere aber
bedachte sie mit einer derben Liebkosung. - Was die Sonnenwirtin noch ein
fester Kerl ist! rief er, ich glaub, die wr Manns genug, um noch Zwillinge zu
bringen.
    Die Frau scho einen scharfen Blick aus ihren grauen Augen auf den Necker,
stie ihn mit einem halb scherzhaft, halb ernstlich gemeinten Scheltwort zurck
und verlie, ihren Geschften nachgehend, das Wirtszimmer.
    Ich glaub, Euch juckt's schon wieder nach einem Proze, Vetter! sagte der
jngere Mller lachend. Pat nur auf, die da versteht keinen Spa. Ihr werdet
wohl wissen, da man ihr kein gebrannteres Herzeleid antun kann, als wenn man
sie an ihre Kinderlosigkeit erinnert.
    Wei wohl, entgegnete der andere, und ebendarum hab ich's getan, weil ich
die neidige, gelbe, giftige Krte noch gelber sehen will, als unser Herrgott sie
geschaffen hat. - Komm her, Peter, unterbrach er sich, einem Eintretenden
zurufend, du hast treulich mit zum Frieden geraten, nun ist's billig, da du
auch mit uns trinkst. Ihr werdet nichts dagegen haben, Vetter, wenn ich meinem
Knecht einschenke? Hol dir ein Glas und geh her.
    Der Knecht tat, wie ihm geheien wurde, und setzte sich dann hinter einen
andern Tisch auf die Bank, die vorm Ofen lngs der Wand hinlief. Von dort aus
nahm er seinen wohlberechtigten Anteil am Gesprch, stellte sich auch in seinem
Reden und Benehmen vllig auf den Gleichheitsfu mit seinem Herrn und dessen
Gefhrten; nur dadurch, da er nicht unmittelbar bei ihnen Platz nahm,
beobachtete er den Standesunterschied.
    Der gelbe Neidteufel! fuhr der obere Mller fort. Man darf nur den
Sonnenwirt vergleichen, was er unter seinem ersten Weib fr ein Mann war, und
was er unter dem drren Rippenstck fr einer geworden ist. Damals war er
aufgeweckt und kameradschaftlich und gar nicht b'hb in Handel und Wandel und
Geldsachen. Jetzt ist er schwach und hat keinen eigenen Willen mehr, dabei aber
gegen andere Leute ein wahres Untier an Geiz und Hochmut. Der alte Kerl, er
trgt den Kopf wie ein Edelmann und meint wahrhaftig, er sei aus anderem Teig
gebacken als wie unsereiner.
    Das macht eben der Reichtum, sagte der Knecht von seiner Bank herber.
    Ja, er ist grausig reich, versetzte der untere Mller. Der Holzschlegel
rindert ihm auf der Bhne. Er wird wohl auf zwlftausend Gulden geschtzt. Aber
freilich, wie Ihr sagt, Vetter, so verhlt sich's: er ist b'hb und fat das
Tuch an fnf Zipfeln.
    Ja, und guckt in neun Hfen zumal, fiel der andere ein.
    Wo der gedroschen hat, darf man kein Korn mehr suchen, ergnzte der
Knecht.
    An all dem ist das vorteilhaftige bse Weibsbild schuldig! Sie will
alleweil oben hinaus; sie mcht's gern der Pfarrerin und der Amtmnnin
gleichtun, schmeichelt sich auch bei ihnen an und verlstert andere Leute, denn
das hren solche Frauen immer gern. Oh, die ist falsch wie Galgenholz. Und wie
ist sie nur mit ihren Stiefkindern umgegangen! Die hat sie von Anfang an
zurckgesetzt und verkrzt, in der Meinung, sie werde eigene bekommen, und wie
das nicht eingetroffen ist, so hat sie's ihnen aus Migunst noch rger gemacht.
Die lteste Tochter hat den kahlkpfigen, trockenen Krmer da drben geheiratet,
um nur aus der Hlle loszuwerden. Die andere, die Magdalene, tt, schtz ich
wohl, mit einem Frosch vorliebnehmen, wie die Prinzessin im Mrlein.
    Ihr trefft den Nagel auf den Kopf, Vetter? rief der jngere Mller mit
mrrischem Lachen. Wie? oder wit Ihr's nicht? Hat ein blindes Schwein eine
Eichel gefunden?
    Nun, was ist's denn?
    Habt Ihr den Laubfrosch noch nie aus und ein gehen sehen? Wit Ihr denn
nicht, was man fr Werg an der Kunkel hat?
    Der andere schttelte den Kopf.
    Das Ausrufungszeichen in dem froschgrnen Rock! fuhr der jngere hitzig
fort. Er sieht akkurat aus, wie Ihr ihn gestempelt habt. Seid Ihr denn heut
ganz auf den Kopf gefallen?
    Was, der Bartkratzer, der sogenannte Herr Chirurgus, der Heuchler, der
Kopfhnger, die magere Kuh Pharaonis? Jetzt wird mir's anders! Jetzt hab ich
eine Strkung vonnten! Kommt, Vetter, ich will's an Euch hinlassen.
    Damit erhob er sein Glas. Ich will's ausstehen, erwiderte der andere mit
sauerser Miene, kam ihm mit dem seinigen entgegen, und sie stieen miteinander
an. Nachdem der Knecht durch einen Wink beschieden worden war, den Dreiklang
voll zu machen, lehnte sich der ltere Mller in seinen Stuhl zurck und fuhr
verwundert fort: Ei so guck einer! Der Alte schlgt seine Mdchen doch recht
unterm Preis los, denn die paar Fubreit Grundherrschaft, die der grne
Darmfeger besitzt, werden justement einen Sack Erdbirnen ausgeben, und was er
jahraus, jahrein mit seiner Rasiererklinge aus den hiesigen Schweinsborsten und
Igelsstacheln heraussticht und schabt, das wird ihn auch nicht gerade fett
machen. Die Figur gibt's. Aber der Alte trifft zwei Fliegen mit einem Schlag. So
ein Schlucker darf kein gro Heiratgut fordern; da behlt der Schwh'rvater
seine Kronentaler brav in der Truhe und hat noch den Profit, da ihm der fromme
Schwiegersohn, so oft er den Morgen- und Abendsegen liest, um ein
baldsanftseliges Ende betet. Seine erste Tochter wird auch nicht viel
mitbekommen haben, wie er sie hinausgegeben hat; denn ich seh just nicht, da
ihr Eh'krppel sonderlich stark spekuliert, weder in Ks noch in
Schwefelhlzlen. Ekontrr, im Gegenteil, seine Firma geht einen sehr
bedchtlichen Gang und blht wie die spten Obstsorten; ich glaub, er hat's aufs
langsam reich werden angelegt. Aber es ist doch ein Herr Handelsmann, in
Stuttgart heien sie's gar Kommerzienrat, und das ist Numero zwei. Den neuen
Schwiegersohn kauft er vielleicht noch wohlfeiler, und das ist noch ein
kostbarerer Artikel, das ist gar ein halber Doktor. Die Frau Chirurgussin wird
sich natrlicherweise Flgel an die Haube machen lassen mssen, wenn sie mit der
langen froschgrnen Stange ranggem ber die Strae rudern will. Schad ist's
brigens um die Magdalene. Sie gb grad so einen Arm voll fr einen wackern
Junggesellen, wie Ihr z.B., Vetter. Aber so weit gibt sich der Hochmut nicht
herunter, unsereiner ist ihm nicht gut genug; so eine Rasierklinge ohne Handhab'
schneid't ihm immer noch besser. O blinde Welt! Die Hand vom Butten, Vetter, 's
sind Weinbeeren drin.
    Meinthalben Rosinen und Zibeben! fuhr der jngere auf. Habt Ihr mich auf
der Muck? Wollt Ihr mich ins Gered bringen? Ihr schwtzt mir da recht hinterfr
heraus, wie ein Mann ohne Kopf! Was will ich von dem Mdle? Habt Ihr wo luten
hren? Bin ich dem Sonnenwirt auf irgendeine Art oder Weise zu Hof geritten?
Zwar, es fragt sich noch, wenn er einen wohlfeilen Schwiegersohn finden will, ob
ihm nicht einer so gut ist wie der andere. Wenn's im Abstreicht geht, darf auch
ein Bettelmann zur Auktion kommen, und das ist doch just nicht meine Nummer, wie
Ihr selber am besten wit. brigens kann mir die ganze Sippschaft gestohlen
werden. Macht mir nichts vor! In dem Punkt versteh ich keinen Spa.
    Na, wollen den Geist ruhen lassen, versetzte der ltere. Aber soviel ist
gewi, wenn die erste Frau, die rechte Mutter, noch am Leben wr, so fiel die
Aussteuer ein wenig grer aus und der Hochmut ein wenig kleiner.
    Ja, und mancher bse Auftritt wr unterblieben und mancher Lrm und
Spektakel bei Tag und auch bei Nacht, der die Sonne mehr in Finsternis als in
Glanz brachte bei der Gemeinde. Und die Hauptsonnenfinsternis wr gewi auch
nicht so schwarz ausgefallen unter dem linden Regiment der rechten Mutter.
    Was meint Ihr damit? Ja so, jetzt geht mir auf einmal ein Licht auf. Ihr
sprecht vom Gutedel, vom jungen Sonnenwirtle. Mag leicht sein, da der mit
Verstand und Gte gradgebogen worden wre, der knorrige Hagbuchenstock. Zwar ist
es schwer zu sagen, ob das Mutterherz den rechten Weg gefunden htte nachmals,
wie es ntig wurde; denn die selige Sonnenwirtin war eben die gute Stunde selber
und den Stab Wehe hat sie nimmermehr zu fhren verstanden. Der Sonnenwirt sah
dem Frchtlein auch in allweg zuviel durch die Finger, solang sie lebte und
solang der Erbprinz die Nsse noch mit den Milchzhnen knackte. Er hielt ihn
zwar fleiig zur Schule an und sah auch sonst zum Rechten; aber ich wei nicht,
es hat eben doch an etwas gefehlt.
    Ja, lachte der jngere Mller, wohlgezogen, aber bel gewhnt, das war er
von Anfang an.
    Ist denn ein Sohn da? fragte der Mllersknecht von seiner Bank herber.
    Sein Dienstherr sah ihn verwundert an. Ja so, sagte er nach einer Weile,
du hast dich schon so bei mir insinuiert, da ich schier gar gemeint htte, du
seiest seit Jahr und Tag in meinem Haus, und bist doch erst eine Woche da.
Freilich auf die Art hast du den jungen Sonnenwirtle noch nicht zu Gesicht
kriegen knnen. Wundert mich brigens, da du in deinem Deizisau nichts von ihm
gehrt hast; denn er ist ein Gewaltiger vor dem Herrn, und wenn man ihm nicht
den Krattel beizeiten vertreibt, so kann er, schtz ich wohl, im ganzen Land
bekannt werden.
    Wo ist er denn? fragte der Knecht.
    Er ist an einem rtlein, wo du nicht gern hinkmst, war die Antwort, und
die beiden Mller brachen in ein Gelchter aus. Jetzt rat einmal.
    Die Tr ging abermals auf, und ein Mensch in hohen Wasserstiefeln trat
herein. Er trug einen Kbel, den er vorsichtig auf einen Stuhl setzte. Ist die
Frau nicht da? fragte er.
    So, du bist's, Fischerhanne? rief der obere Mller. Was hast denn da? Du
gehst ja mit dem Kbel so sachte um, wie wenn du Perlen in der Fils gefunden
httest.
    Guten Abend, ihr Mannen, sagte der Fischer. Tut's so? ist's schon
Feierabend? Nein, die Perlen geraten nicht hierzuland, auer in der Glasfabrik.
Forellen sind's, frisch aus dem Bach, ich hab sie nur geschwind im Kbel
hergetragen.
    Was meint Ihr, Vetter? Wie wr's, wenn wir so ein paar Silberfischlein in
die Kche schicken tten? Der Wein schmeckt noch so gut dazu. Wie, Fischerhanne,
gib her, la einmal sehen, was hast fr War?
    Ich kann keine davon hergeben, sagte der Fischer. Die Alte tt mich mit
dem Besen zum Haus hinausjagen. Sie hat morgen ein Pfarrerskrnzlein, und da
braucht sie die Fusch alle.
    So, so, die hochwrdigen Herren begngen sich nicht mit dem geistlichen
Fischzug und wollen daneben auch leibliche Grten beien?
    Ihr lebet ja auch nicht vom Wasser allein, obgleich Ihr Mller seid,
erwiderte der Fischer, indem er trotz seiner abschlgigen Antwort den Kbel
herberholte und mit seinen zappelnden Insassen auf den Tisch setzte.
    Pflanz dich nur her, sagte der andere. Du gehrst ja in ein Element mit
uns. Ein Glas Wein fr den Fisch! Willst nicht? Und meinethalb noch einen
Freitrunk drber, da der Weinkauf richtig ist.
    So macht nur geschwind, da die Alte nicht dazu kommt, erwiderte der
Fischer. Aber mehr als einen auf den Mann kann ich nicht hergeben, und hier
knnet ihr sie auch nicht essen, denn die Sonnenwirtin darf beileib nichts davon
wissen.
    Freilich, 's ist ein halber Kirchenraub! rief der ltere Mller lachend,
fuhr in den Kbel, griff mit sicherer Hand eine groe schne Forelle heraus, zu
welcher der Fischer gewaltig sauer sah, schlug sie mit dem Kopf gegen die
Tischecke und steckte sie eilig in die Tasche. Der jngere war ebenso schnell
seinem Beispiel gefolgt.
    So, Fischerhanne, sagte der ltere, nachdem sie den Handel beendigt
hatten, wir wollen das Element leben lassen, das unsere gemeinschaftliche
Nahrung ist. Nahrung, wohlverstanden! Denn fr den Hunger ist's zwar gut, aber
nicht fr den Durst. Der Eulenspiegel hat's allezeit den starken Trank geheien;
es treibe Mhlrder, sagte er, und deshalb sei es ihm zu stark fr seine Natur.
    Er klingelte am Glase, um noch eine Flasche zu bestellen. Aber jetzt ist's
recht, rief er, als die Tre aufging; jetzt kommt auch einmal die
Oberkellnerin, die Magdalene. Komm her, du Hbsche und du Feine, da gibt's
schmachtende Herzen zu laben.
    Das Mdchen, das auf den Ruf der durstigen Sturmglocke erschienen war,
konnte man nicht ansehen, ohne ihr freundlich gesinnt zu werden. Sie trug auf
einem wohlgewachsenen Krper ein rundes, unschuldiges, gutmtiges Gesichtchen,
ein weiblich mildes Abbild von den derben Zgen ihres Bruders und zugleich eine
Brgschaft, da auch hinter dieser rauhen Schale ein guter Kern verborgen sein
knnte. Hab ich's nicht gesagt? rief der ltere Mller, und es verlohnt sich
der Mh, es zweimal zu sagen; wiewohl wir nicht in der Mhle sind! Das Mdle gb
einen staatsmigen Arm voll, nicht zu viel und nicht zu wenig, fr einen braven
Junggesellen.
    Er blickte dabei mit einer Spavogelsmiene auf den andern. Wenn Ihr sie zu
Eurer Kther hin heiraten wollt, so mt Ihr eben ein Trk werden, erwiderte
dieser trocken. Aber jetzt ist's wieder an mir! Eine Buttel fr mich! rief er
barsch, auf die Flasche deutend, dem Mdchen zu und konnte es doch nicht lassen,
ihr nachzublicken, bis sie in der Tre verschwand. Sie war feuerrot geworden und
hatte die Flasche mit niedergeschlagenen Augen vom Tische genommen.
    Und wie sie so leibhaftig geht und steht! rief der erste, der nicht mde
werden konnte. O du Milch und Blut!
    Magdalene erschien nicht wieder. Statt ihrer kam die Hausfrau, stellte die
gefllte Flasche auf den Tisch und nahm die Forellen, die der Fischer indessen
auf den Stuhl zurckgebracht hatte, mit hinaus.
    Da trink, Fischer! rief der jngere Mller einschenkend. Der treibt die
Seelenmhle, vielleicht treibt er dir auch ein wenig Blut in die farblosen
Backen.
    Ja, das ist wahr, du siehst aus, wie wenn du's mit einer Wasserjungfer
httest, sagte der ltere.
    Und so alt bist du geworden, Kerl! fgte der jngere hinzu.
    Wenn man sich tagtglich im Wasser hetzen und verklten mu und hat magere
Bissen dabei, entgegnete der Fischer unmutig, so ist's kein Wunder, wenn der
Firnis abgeht.
    Wie alt bist denn, Fischerhanne? Du siehst aus, wie wenn du schon das
Schwabenalter erreicht httest, und bist doch, glaub ich, mit dem Sonnenwirtle
aus der Schul gekommen.
    Ja, den hat man aber auch sorgfltiger aufgehoben als mich, da ist's kein
Wunder, versetzte der Fischer mit hmischem Tone, und ein Strahl leuchtete
flchtig in seinen toten grauen Augen auf. Der ist ja so gut verwahrt, da ihn
kein rauhes Lftle anwehen kann. Wie lang sitzt er denn noch im Zuchthaus?
    Er wird seine Zeit jetzt so ziemlich abgesessen haben.
    Was, der Sonnenwirt hat einen Sohn im Zuchthaus? rief der Mllerknecht aus
voller Lunge herber. Er hatte die frhere Antwort nicht recht begriffen.
    Sachte, Peter, sachte mit der Braut! sagte sein Herr und hielt ihm die
Flasche hin, um einzuschenken. Mut nicht so laut schreien. Im Haus des
Gehenkten ist nicht gut vom Strick reden.
    Aber wie ist so was mglich? Guter Leute Kind im Zuchthaus! sagte der
Knecht leise, auf den uersten Rand seiner Bank vorrckend, die Hnde auf den
Knien und den Kopf soweit als mglich vorgestreckt.
    Es ist just kein Wunder, versetzte der Fischer.
    Er ist eben ein heigrtiger, unbndiger Bursch, sagte der jngere Mller.
    Ei, du kennst ihn ja am besten, Fischerhanne, rief der ltere. Gib acht,
Peter, der kann's dir sagen, der ist mit ihm in die Schul gangen.
    Da wirst du wenig Gut's von ihm zu hren bekommen, lachte der jngere
Mller. Wenn der Sonnenwirtle am Jngsten Tag dem Fischerhanne gegenber
gestellt werden tt, und es km auf sein alleiniges Zeugnis an, wie sein Urteil
in der andern Welt lauten sollt, ich glaub, der Frieder mt in die unterste
Hlle fahren.
    Wahr ist's, sagte der Fischer, ich kann ihn nicht leiden und hab ihn nie
leiden knnen. Wir sind einander von Anfang an spinnenfeind gewesen. Ich wei
eigentlich selbst nicht recht, wie's gekommen ist, 's ist weiter nichts
Besonderes zwischen uns vorgefallen. Die Buben hadern und raufen viel
miteinander und werden doch nachher oft die besten Freunde. Aber bei uns hat der
Ha immer tiefer gefressen; es ist, als ob's uns von Natur eingepflanzt gewesen
wre. Das erstemal, da wir einander zu Gesicht kriegten, sah er mich mit bsen
Augen an, und ich war wider ihn und er wider mich.
    Da ist auch kein Wunder dran, meinte der untere Mller. Ob seine Augen,
die er an dich hingemacht hat, so bs gewesen sind, das wei ich nicht, er ist
nicht gerade besonders gezeichnet in den Augen. Aber er war ein Muttershnchen,
hatte immer was zu beien und zu knacken; mit den Grschlein und Sechserlein von
den Dten und Dotinnen konnte er allzeit den groen Hansen machen; und in der
Schule sa er bestndig obenan, denn das Spruchbuch und den Katechismus lernte
er wie's Wasser.
    Ich wei schon, wo du hinauswillst, Georg, versetzte der Fischer, ohne
Gesicht oder Augen zu erheben. Es ist wahr, ich bin ein armer Teufel, und ein
Bub, der im Wachsen ist, hat einen starken Appetit, und es mag sein, da mir die
berflssigen guten Bissen, die man bei ihm sah, manchmal zu schaffen machten;
aber so gar mivergnstig bin ich doch nicht, und werd's auch damals nicht
gewesen sein. Seine Gelehrsamkeit hat mir's auch nicht angetan. Der Ehrgeiz hat
mich nie gestochen; meine Vorfahren sind arme Fischer gewesen, soweit man hier
in Ebersbach zurckdenken kann, und darum hab ich auch weder Vogt noch Professor
werden wollen.
    Aber womit hat er dir's denn angetan?
    Warum stellen sich Hund und Katze wider einander, wenn sie einander
ansichtig werden? Warum gibt's Leute, die manche Tiere nicht leiden knnen?
Gerade so geht's auch dem Menschen mit dem Menschen. Ein Gesicht gefllt einem,
ein anderes ist einem zuwider. brigens hat er's nicht an ttlichem Anla fehlen
lassen. Er war ein stolzer, bermtiger Bub, der keinen was neben sich gelten
lie. Beim Soldtlesspiel war er der General, und wenn man Ruberles spielte,
mute er der Hauptmann sein. Kommandieren und die andern herumpudeln, das war
sein Plsier. Die ihm recht untertnig waren, denen spendierte er, was er nur
aufbringen konnte. Mir hat er nie was geschenkt.
    Das mu man ihm lassen, sagte der ltere Mller, gutherzig und freigebig
ist er allezeit gewesen.
    Ja, aber da hat der Fischerhanne doch recht, fgte der jngere hinzu, am
gutherzigsten war er eben gegen solche, die seinem Stolze am besten hofieren
konnten.
    Gutherzig? rief der Fischer. Eine eigene Art von Gutherzigkeit hat er von
jeher gehabt. Er war noch nicht acht Jahre alt, so jagte er den Nachbarn zum
Spa die Hhner fort, aus purer guter Laune schlug er ihnen die Gnse tot,
hetzte die Hunde auf Weiber und Kinder und lachte wie ein kleiner Teufel ber
ihre Angst. Und wie er dann zu seinem Namenstag eine Flinte bekam, da hie es
erst: Hellauf! Da scho er mitten im Ort auf Hhner, Enten, Gnse, was er
erwischen konnte, und der Sonnenwirt bezahlte den Schaden und war stolz darauf,
da er ihn zahlen konnte!
    Und noch mehr darauf, da die Blitzkrte schon so ein guter Schtz war,
fiel der jngere Mller ein. Das war's ja eben! Durch die Nachsicht, die man
ihm schenkte, und durch den Beifall der Speichellecker, die bei den Eltern einen
Stein im Brett gewinnen wollten, wurde er immer noch mehr verhetzt, und so kam
er von einem Schabernack zum andern. Die rgsten Streiche erfuhr der Alte gar
nicht, die sind von der Mutter vertuscht worden. Da ist mancher Sechsbtzner,
mancher Krug Wein als Schmerzensgeld hinter seinem Rcken aus der Sonne
gewandert.
    Wenn man dem Ding nachdenkt, sagte der obere Mller, so hat es mit so
einem verzogenen Shnle eigentlich nicht anders kommen knnen. Ich glaub, ein
anderer war auch so geworden.
    Vielleicht lauft er sich die Hrner noch ab, versetzte der jngere.
Wiewohl, es wird schwer halten. Er ist eben einmal an die Gewaltttigkeit
gewhnt. Wenn man ihm irgendwie einen Riegel vor die Tr schiebt, so mu er mit
dem Kopf durch die Wand, das tut er nicht anders.
    Ja, und sein Hochmut wird ihn auch nicht anders werden lassen, sagte der
Fischer, denn das ist der Hauptteufel, der ihn reitet.
    Der steckt in der ganzen Sippschaft. Ist die Magdalene vorhin wieder
hereingekommen? Nein, weil man sich einen kleinen Spa mit ihr herausgenommen
hat, so hat sie den Wein durch die Mutter geschickt.
    Aha! sagte der ltere Mller leise, dem Fischer zuwinkend, hast ihn hren
trappen?
    Immer hat er sich fr was Besonderes gehalten, fuhr dieser fort, ohne auf
die Bemerkung achtzugeben. Ha, wenn ich nur daran denke, was er mir einmal fr
eine Zumutung gemacht hat! Das war das einzige Mal, da ich was Apartes in die
Schule mitbrachte, wo ich mir was drauf zugut tun konnte. Der Herzog war eben
vorher durch den Flecken gefahren, und da fand meine Mutter auf der Strae ein
kleines Stck hellblauen Sammet, Gott wei, woher und wie er auf den Boden
gefallen war. Meine Mutter wute nicht, was damit tun, nun zerschnitt sie's in
Lpplein und machte mir eine Windmhle, wit ihr, wie's die Buben an Stecken
haben; wenn sie damit springen, so dreht sich's herum. Das Ding sah hoffrtig
aus, und die ganze Schule hatte Respekt davor. Den Sonnenwirtle aber verdro es,
da er mir's zum erstenmal nicht gleichtun konnte; er lie sich aber nichts
anmerken, sondern verspottete mich und schalt mich den herzoglichen Windmller.
Da war's auch bei den andern aus, ich konnte mich allein an meiner Windmhle
ergtzen; sie sahen mich nicht mehr darum an. Ein paar Tage drauf ist meine
Windmhle weg. Ich hatte niemand anders im Verdacht als den Frieder und sagt's
auch den andern Buben. Wie der's aber hrt, so speit er Gift und Galle, pat mir
auf, und an der Rathausecke stellte er mich, wie ich mich unterstehen knne, ihn
zu bezichtigen, da er mich bestohlen habe. Jetzt, was meinet ihr, da er mir
zugemutet hat? Ein Messer nahm er in die Faust, und mir bot er ein anderes dar
und sagte, ich solle mich wehren. Natrlich hab ich mich dafr bedankt, und dann
fiel er ber mich her und prgelte mich durch; denn er war weitaus der Strkste
von uns allen.
    Und hatte er wirklich die Windmhle gestohlen?
    Nein, ich fand sie hernach wieder; ich hatte sie nur verlegt. Auch htt
ich's nicht so schwer genommen, nicht einmal die Prgel bekmmerten mich,
wiewohl er immer eine harte Tatze hatte. Nein, aber der Hochmut, da er den
frnehmen Herrn spielen wollte und sich duellieren, wie ein Edelmann, das hat
mir ihn zuwider gemacht. Und er war dazumal ein Bub von zehn Jahren. Wenn das am
grnen Holz so ist, wie wird's am drren werden?
    Duellieren hat er sich wollen, wie ein Offizier? rief der Knecht. Ei, so
verreck!
    Da hat sich das adelige Blut frhzeitig geregt, sagte der jngere Mller
lachend.
    Wenn die selige Sonnenwirtin nicht so ein kreuzbraves Weib gewesen wr,
versetzte der ltere Mller, so knnt man auf allerlei Gedanken kommen.
    Und was ist denn sein Vater Groes? fuhr der Fischer eifrig fort. Er mag
meinethalb fr ein paar Batzen hochmtig sein, aber alles hat seine Grenzen. Er
ist Wirt, mu den Leuten fr ihr Geld Kratzfe machen; er ist Viehhndler,
patscht jedem Rokamm in die Hand; er ist Metzger, mu den Ochsen und Suen im
Gedrm herumfahren.
    Es mt's nur das Metzgerhandwerk machen, sagte der ltere Mller, damit
bt er eine Art von Blutbann aus, und das ist doch was Adeliges.
    Ja, rief der andere, und darin stehst du ihm nach, Fischerhanne. Denn du
und die, ber deren Leben und Tod du Gewalt hast, haben kein Blut.
    Oder nur weies. Die andern lachten.
    Sorget nur nicht fr mich! sagte der Fischer etwas rgerlich. Meine
Untertanen haben auch Blut.
    Ja, und Galle.
    Ja, und beien knnen sie auch.
    Aber der Ochs hat Hrner.
    Wenn er zu hitzig stot, so brechen sie ab.
    Wenn sie nur schon abgebrochen wren! sagte der ltere Mller. Aus dem
Burschen knnt noch was Tchtig's werden. Ich wollt, man tt ihn mir
anvertrauen, ich zg ihn durchs Kammrad, da er geschlacht wrde.
    Nichts Gewisses wei man nicht, - heit's im Sprichwort, erwiderte der
jngere.
    Ja, es ist nicht so leicht, mit ihm fertig zu werden, sagte der Fischer.
Er ist ein bser Bub.
    Wenigstens mutwillig und unbndig, versetzte der ltere Mller. Unter
allen Streichen, die ich von ihm wei, hat mir einer immer am besten gefallen.
Da war vor ein Jahr sieben oder achten ein Hausknecht hier in der Sonne, wit
ihr, der Mathes - ich seh ihn heut noch vor mir, 's ist so ein persnlicher
langer Kerl gewesen, und etwas langsam im Geist. Der wollte gescheiter sein als
der Frieder, und das konnte mein Frieder nicht vertragen. Was tut er also? Um
Mitternacht schleicht er aus dem Bett, die Stiege hinunter, bricht den
Fuhrleuten in die Gterwagen vor dem Haus auf der freien Strae ein und bringt
den Raub seinem Vater bers Bett. Der Knecht, den andern Tag, der ist natrlich
schn ausgelacht worden ob seiner Wachsamkeit. Und das hat der stolze Bub mehr
als einmal getan, und der gute Mathes konnt ihn nie erwischen. Das Ding hat ihm
das Leben so sauer gemacht, da er's nicht in der Sonne aushalten konnte. Es
trieb ihn aus dem Dienst, ich glaub, er dient jetzt in Beutelsbach drben, das
alte Beuteltier.
    Der Mllerknecht hatte Mund und Augen aufgesperrt. Verfluchter Bub! sagte
er endlich. Das hat der Sonne gute Kundschaft bringen knnen. Ich wr auch
eingekehrt und htt mich zum Spa berauben lassen, pur aus Frwitz.
    Es ist doch eine gefhrliche bung, sagte der Fischer. Wenn die Katze das
Mausen verschmeckt hat, so lt sie nicht mehr davon, und was eine Distel werden
will, das fngt zeitig an zu brennen. Es ist nicht lang angestanden, da er
seine G'studiertheit an einer Geldkiste ausgelassen hat.
    Was? rief der Knecht. Ist er im Ernst eingebrochen?
    Pst, Peter, schrei leis! erwiderte sein Herr. Ja, aber nur bei seinem
Vater, und der hat's ja.
    Vierhundertunddreiig Gulden sind doch keine Kleinigkeit, sagte der
Fischer.
    Vierhundertunddreiig Gulden! rief der Knecht. Da wundert's mich nicht,
da er im Zuchthaus sitzt. Und sein eigener Vater hat ihn hineinsperren lassen?
    Er konnte es nicht vertuschen, wenn er auch gewollt htte. brigens ist's
nicht seine diesmalige Zuchthausstrafe, denn das ist schon die zweite. Damals
aber war er erst vierzehn Jahr alt.
    Das ist aber doch auch hart, meinte der Knecht, einen vierzehnjhrigen
Buben ins Zuchthaus zu schicken.
    Lat mich reden, ihr Mannen! sagte der jngere Mller, ich kann am besten
erzhlen, wie die Sach zugegangen ist, ich hab ja auch einen Spie in selbigem
Krieg getragen. Wahr ist's, und was wahr ist, das mu wahr sein, dem Frieder hat
sich das Blttlein bel gewendet, wie ihm Gott seine Mutter nahm. Von der Stund
an hatte alles, was er tat, eine andere Farbe.
    Das ist eben der Unterschied, fiel der ltere Mller ein, ob man etwas
mit Liebe ansieht oder mit Ha. Und den Ha, den hat das Ripp, die jetzige Frau,
ins Haus gebracht; die Liebe aber ist mit der ersten ins Grab gegangen.
    Verzogen war er, das ist richtig, fuhr der jngere fort. Aber es kommt
nur drauf an, was man dem Kind fr einen Namen gibt. Vormals hie man's artig,
witzig, aufgerumt; nachher hie man's bermtig, tckisch, boshaft. Und wo man
frher Anzeichen von Mannhaftigkeit gelobt hatte, da sah man jetzund nichts mehr
als den hellen lautern Teufelstrotz.
    Mir ist's von Anfang an so vorgekommen, selbiges Kind, sagte der Fischer.
    Da sind deine Augen just fr die Stiefmutter recht gewesen, Fischerhanne.
Ich glaub auch, sie hat dir die Augen abgekauft; ich will davon schweigen, aber
du hast immer einen Stein bei ihr im Brett gehabt, und ich wei nicht, ob die
Fische, die du ihr zugetragen hast, immer aus dem klaren Wasser gekommen sind.
    Selbige Augen, unterbrach ihn der andere Mller, hat sie dann auch dem
Sonnenwirt eingesetzt, und da hat der alte Esel seinen Sohn gleich in einem
andern Lichte gesehen.
    Freilich, weil er immer rger geworden ist, sagte der Fischer.
    Mach kein' so krummen Kopf! Narr, er ist rger geworden, weil man ihn rger
gemacht hat. Und das mu man sagen, fr seine Schwestern hat er sich ritterlich
gewehrt und hat nicht leiden wollen, da man sie wie Stallmgd behandle.
    Ja, und dann hat's eben wste Auftritte gegeben.
    Ja, und dann hat er seine Mutter geprgelt, sagte der Fischer.
    Wenn er ihr doch nur ein Dutzend Rippen eingeschlagen htte! versetzte der
ltere Mller. Brauchst 's ihr aber nicht wieder zu sagen, Fischerhanne,
setzte er etwas erschrocken hinzu, oder 's ist aus mit der Freundschaft. Du
weit, ein Mensch hat allezeit den andern ntig.
    Wie kam er denn aber zum Stehlen? fragte der Knecht.
    Ich will's dir sagen, fuhr der jngere Mller fort. Wie er sah, da er
doch immer den krzern zog, weil sein Vater auf seiten der Stiefmutter war, so
wollte er in die Fremde gehen und begehrte einen Zehrpfennig nach Amerika.
    Nach Amerika? rief der Knecht. Das ist ja ein Weltskerl!
    Der Alte aber, fuhr der Mller fort, war dazumal schon b'hb geworden und
behielt die Schlssel zur Geldtruhe fest im Sack; auch meinte er, der Bub, der
erst vierzehn Jahr alt war, sei noch zu jung zum Reisen, und darin hatte er
gnzlich recht, denn der Bub ist nachher richtig auch nicht gar weit gekommen
und nicht gar lang fortgeblieben. Der aber meinte, was man ihm nicht gutwillig
gebe, das knne er ja mit Gewalt nehmen, und beerbte seinen Vater vor der Zeit,
noch eh ihm der Alte aus der Helle gegangen war.
    Oder aber, sagte der ltere Mller, er hat als sein eigener Richter seine
Jahr und seine Taschen vollgemacht und eben sein Mtterliches eingesackt.
    Es ist just, wie man's ansieht. bers Geld zu kommen und die Schlsser
aufzumachen, war dem G'studierten, wie ihn der da heit, eine Kleinigkeit; er
hatte ja dem Alten schon mehrmals den Spa gemacht. Kurz und gut, er nahm ihm
vierhundert Gulden, brachte sie ihm aber nicht bers Bett.
    Vierhundertunddreiig! fiel der Fischer ein.
    Mein'twegen vierhundertunddreiig, wenn das Sndenregister voll sein mu.
Du mut's ja wissen, denn du bist der erste gewesen, Fischerhanne, der ihn des
Einbruchs zieh.
    Hab ich gelogen? fragte der Fischer.
    Ja, die Wahrheit hast du gelogen.
    Dann ist er durchgegangen? fragte der Knecht.
    Ja, aber er kam nicht nach Amerika, sondern blo bis Heilbronn. Dort lie
er sich bei den kaiserlichen Husaren anwerben als Freiwilliger. Pferd und Montur
bezahlte er flott von seinem eigenen Geld. Wenn er nur bei ihnen geblieben wr!
    Ist erst noch wahr! rief der ltere Mller. Der Kerl htt's zu was
bringen knnen. Der? der htt General werden knnen.
    Ist er denn desertiert? fragte der Knecht.
    Nein, aber nach zehn Wochen stach ihn der Frwitz, ob man ihn zu Ebersbach
vergessen habe, und da kam er mit einem Urlaubspa als Husar angeritten. Das war
ein Aufsehen! Dem Amtmann trotzte er ein Attestat ab, da er von ehrlichen
Leuten geboren sei. Beweisen konnte man ihm nichts, wiewohl das Geschrei und der
Verdacht wegen der vierhundert Gulden allgemein war, und niemand wagte, ihn zu
greifen, den kaiserlichen Husaren, bis er im Hecht bei der Zeche schwedische
Dukaten, auch halbe Gulden blicken lie. Diese verrieten ihn, denn sie waren von
seines Vaters Geld. Nun gab's Lrm im Ort. Der Frieder aber sprang in den
Sattel, jagte den Flecken auf und ab mit gezogenem Degen - den Fischerhanne htt
er schier gar erritten; er hieb nur einen Zoll zu kurz, so htt man sehen
knnen, ob du weies Blut hast oder rotes - und drohte mit sechzehn andern
Husaren, mit denen er den Flecken besetzen wolle. Die kamen aber nicht. Dem
Amtmann ritt er vors Haus, klopfte auf den Schenkel, hhnte und drohte. Von da
ging's vor die Sonne, wo er's ebenso machte. Kurz, er trieb allen erdenklichen
bermut, wie ein losgelassener Eber; denn natrlich, er war betrunken. Wie er
nun vollends seine Pistolen losscho und niemand seines Lebens mehr sicher war,
da mute die Brgerschaft ein Einsehen haben. Ich gesteh's, und es reut mich
jetzt noch nicht: ich lud meine Flinte mit Schrot, der Zeiger Frank und der
Spanner Eberhard, des Chirurgen Bruder, taten desgleichen - wer ihn eigentlich
getroffen hat, wei ich nicht. Aber er strzte vom Gaul wie ein Mehlsack. Das
Pferd war hin, er selbst hatte den linken Fu voll Schrot, und also war's leicht
mit ihm fertig werden.
    Das ist ja ein Mordkerl! rief der Knecht. Aber hat es Euch und den andern
Schtzen keine Ungelegenheit gemacht, fragte er weiter, da ihr der Obrigkeit
so mir nichts, dir nichts ins Handwerk gegriffen habt?
    Bewahr! lachte der Mller. Obrigkeit und Brgerschaft waren froh, da sie
die Belagerung berstanden hatten, und der Amtmann hat, glaub ich, dem Vogt
nichts davon berichtet, auf was Art der Sturm abgeschlagen worden sei.
    Und seitdem, fragte der Knecht, sitzt er im Zuchthaus?
    Ich hab dir's ja gesagt, erwiderte sein Herr, da er jetzt zum zweitenmal
drin ist.
    Was? Ist er seinem Vater abermals ber den Geldkasten gegangen?
    Nein, in dem Fach hat er ein Haar gefunden und hat ihm abgesagt.
    Man kann ihm nichts Bses nachsagen, versetzte der Fischer, bis auf das,
was man nicht wei. In einem Wirtshaus lt sich manches verschleppen, man kann
da nicht so nachrechnen, wo die Sachen hinkommen. Ich mcht doch auch wissen,
aus welchem Beutel er auf dem Tanzboden immer so dick getan hat.
    Ich glaub, er hat dem Herzog hier und da einen Hirsch weggebchst, sagte
der jngere Mller.
    Ja, ja, rief der Fischer, die Flinte, die er als Bub von seinem Vater
kriegte, hat ihre Frchte getragen. Das ist die zweite gefhrliche Kunst, die er
schon gelernt hat, eh er hinter den Ohren trocken war.
    Nu, wenn's weiter nichts ist, sagte der ltere Mller, so wollt ich nur,
er tat alles wegbchsen, was mit Geweih und Hauer in Wald und Feld spaziert. Das
wr ein Verdienst, fr das man ihm, wei Gott, bei allen Gemeinden im Lndle das
Brgerrecht geben drfte.
    Freilich, stimmte der Knecht ein, Wildern ist keine Snd, nur darf's
nicht herauskommen.
    Und gegen diesen festen Glaubenssatz wagte selbst der hartnckig grollende
Fischer nichts einzuwenden.
    Was hat ihn denn zum zweitenmal in das Ding da, das man nicht gern beim
Namen nennt, gebracht? fragte der Knecht weiter.
    Seine Gewaltttigkeit, antwortete der Fischer.
    Eine Prgelei, erwiderte der jngere Mller gleichmtig.
    Was die Prgelei betrifft, da kann ich nicht wider ihn sein, sagte der
ltere. Gib acht, Peter, das mut dir erzhlen lassen, das ist ein
Staatsstckle. Der Kreuzwirt - den kennst du ja, er hat seinen Namen nicht
umsonst, denn er ist gar ein frommer Kreuztrger und eine wahre Kreuzspinne
dabei - der hatte von jeher ein scheeles Aug auf den Frieder gehabt.
    Auf den Alten auch. Der verzeiht's ihm heut noch nicht, da er ihn beim
Kirchenkonvent angebracht, weil er einen Ochsen geschlachtet hatte am Sonntag.
Der Sonnenwirt wurde damals um ein Pfund Heller gestraft.
    Auch den Frieder, fuhr der ltere Mller fort, hat er einmal bei seinem
Vater verschwtzt, so da er Hiebe von ihm kriegte. Der Alte hat nachher selber
eingestanden, er habe dasmal seinem Sohn unrecht getan.
    Ja, fiel der jngere ein, ich hab's mit meinen eigenen Ohren gehrt, und
ich war dabei, wie er zum Frieder sagte, er solle es nur dem Kreuzwirt bei
Gelegenheit wieder eintrnken.
    Und dies ist auch gekommen, fuhr der ltere fort. Denn so eine
Teufelsgelegenheit bleibt niemals aus. Nun, was geschieht? Auf dem Heimweg vom
Kirchheimer Markt trifft der Frieder mit dem Kreuzwirt zusammen, und der fngt
an, ihn zu hnseln und zu rtzen, denn so gottselig er sich stellt, das Necken
und das Kratzen kann er nicht lassen. Zuletzt, wie er noch nicht genug hatte,
kommt er auch auf die Zuchthausstrafe, die der Frieder durchgemacht hatte, und
sagt zu ihm: Du bist ein ganz geschickter Kerl, dir kann's nicht fehlen, du
verstehst ja zwei Handwerk, das Metzgen und das Wollkardtschen; wenn dir's in
einem fehlschlgt, so kannst du dich auf das andere werfen. - Er das sagen, und
der Frieder ihn am Kragen nehmen und zu Boden werfen, das war eins. Der hat
Prgel gekriegt! Nun, der Fischer wei ja, was der Bub fr eine Tatze hat.
    Es ist ihm recht geschehen, sagte der jngere Mller. Einen Gefallenen
mu man aufheben undnicht noch tiefer niederdrcken.
    Pa nur auf, Peter, jetzt kommt erst der Hauptspa߫, fuhr der ltere fort.
Wie er ihn genug geprgelt hatte und ausschnaufen mute, so sagt er zu ihm, er
solle ihm jetzt versprechen, da er dessentwegen nicht klagbar werden wolle. Der
Kreuzwirt, am Boden, verspricht's mit Ach und Krach und schwrt's ihm hoch und
teuer. Der Frieder aber, wie er den Schwur hrt, fllt er abermals mit neuer
Kraft ber ihn her. Sieh, meineidige Kanaille, sagt er, ich wei, da du doch
nicht Wort hltst, und dafr will ich dich gleich im voraus prgeln.
    Das ist ja ein Fetzenkerl! rief der Knecht mit ungeheuchelter Bewunderung
aus.
    Der Kreuzwirt klagte auch richtig beim Amt, und da kam eben mein Frieder
noch einmal auf ein halb Jahr nach Ludwigsburg.
    Es heit von ihm wie vom Esau, sagte der Fischer: Seine Hand war wider
jedermann und jedermanns Hand wider ihn.
    Hast das fromme Sprchle vom Kreuzwirt gelernt? spottete der jngere
Mller. Nein, fuhr er fort, dem haben seine Prgel gebhrt, und ich bin dem
Frieder nicht feind darum. Wenn nur die Schand nicht wr, denn Zuchthaus ist
eben einmal Zuchthaus.
    Meint Ihr, Vetter? rief der ltere. Es kommt auch darauf an, von wegen
was man ins Zuchthaus kommt. Und wenn einer sonst guter Leute Kind ist, so kann
man so einen Unschick wieder vergessen. Wenn er jetzt unter eine tchtige Hand
km und gehobelt wrde - in zehn Jahren knnt er der angesehenste Mann sein und
tat kein Hahn mehr darnach krhen, da er in seinen jungen Jahren hat das
Wollkardtschen erlernen mssen.
    Ein rascher Hufschlag unterbrach das Gesprch. Der jngere Mller trat ans
Fenster. Was der Sonnenwirt noch stet auf dem Gaul sitzt, bemerkte er. Er mu
einen guten Handel gemacht haben; er sitzt so aufrecht und trgt die Nase so
hoch.
    Nun kam die Hausfrau herein mit einem weien Tuch auf dem Arm. Ihr folgte
Magdalene mit dampfenden Schsseln. Ein Tisch in der andern Ecke des Zimmers
wurde gedeckt und das Essen aufgetragen. Das Gesinde erschien, Knechte und
Mgde. Drauen hrte man die befehlende Stimme des Hausherrn. Endlich trat er
selber ein, untersetzt und etwas beleibt, in Gestalt und Angesicht seinem Sohne
hnlich. Aus seinen Gesichtszgen sprach derselbe Trotz, derselbe Eigensinn, nur
da dieser Ausdruck bei ihm, dem gebietenden Herrn des Hauses, mehr das
Bewutsein der anerkannten Rechtmigkeit und eben darum auch mehr herrische
Strenge hatte. Wenn man jedoch sein Gesicht nher prfte, so fand man, da die
innere Naturkraft nicht so gro war als das Ansehen, das er sich geben zu mssen
glaubte. Er grte die Gste kurz und setzte sich ohne viel Umstnde mit seinen
Hausgenossen zu Tische. Fr ihn wurde besonders aufgetragen, und ein Teller mit
Besteck lag vor ihm, whrend die andern alle, die Hausfrau nicht ausgenommen,
gemeinsam aus der Schssel speisten.
    Unter dem Geklirr der Lffel flsterten die Gste zusammen, und manche
bittere Bemerkung, manche boshafte Spottrede wurde den Essenden, ohne da sie es
hrten, als Tischsegen zugeworfen.
    Der Sonnenwirt meint, man msse es fr eine Gnad halten, wenn man nur in
seinem Haus noch trinken drfe, sagte der ltere Mller.
    Wenigstens ein anderer Wirt, erwiderte der jngere - wenn er auch noch so
hungrig und durstig ist, setzt er sich ein Vaterunser lang zu den Leuten hin,
und wenn er auch weiter nichts sagt als: Auch hiesig? und Tut's so beieinander?
und Wohl bekomm's! so sieht man doch, da er Lebensart hat, und dann kann er ja
wieder aufstehn und seinem Geschft nachgehen. Aber der! Ja, wenn wir Pfarrer
wren oder Schreiber, so wrd er sich eine Ehr draus machen. Aber wir sind eben
nicht weit her, wir sind ja blo seine Mitbrger.
    Seht nur die Alte, Vetter! sagte der ltere und stie ihn an. Seht, wie
sie ihren Leuten auf die Muler guckt, wie sie ihnen die Bissen zhlt, wie sie
dem Lffel, der aus der Schssel kommt, mit den Augen nachfolgt. Was sie fr ein
Gesicht macht, wenn sie meint, es hab eins zu vollgeladen oder komm zu oft
angefahren.
    Halt, jetzt ist die Sippschaft erst vollstndig, jetzt kommt der Freier!
unterbrach ihn der jngere, verstohlen mit dem Finger auf einen Mann mit
spitzem, knochigem Gesichte deutend, der, mit einem hellgrnen Leibrock angetan,
ins Zimmer trat und sich nach einer stattlichen Begrung an einen Tisch
zunchst dem Speisetisch setzte.
    Schau, schau! Der grne Chirurg! erwiderte der andere. Der macht
Kratzf! Was die Alte ihr Spinnengesicht umwandelt, als ob sie Honig und
Marzipan gefressen htt. Sogar der Sonnenwirt nickt ihm freundlich zu, die Sache
mu richtig sein. Aufgepat, Vetter! Seht Ihr, wie ihm die Alte ein Tellerlein
fllt, und zwar von des Sonnenwirts eigenem Essen. Ja, ja, mit Speck fngt man
Muse. Was er Komplimente macht! Er will's nicht annehmen, aber die Essensstunde
hat er sich wohl gemerkt, der Schmarotzer.
    Er will eben von der Gelegenheit profitieren, solang sie da ist. Er wei
wohl, da nicht alle Tag Kirchweih ist. Wenn er einmal ernstlich angebissen hat,
so wird man ihm das Gasthtlein schon herunterziehen, und dann kann er die
Finger darnach lecken.
    Ihr knnt die Leute recht heruntermachen, sagte der Fischer. B'ht Gott
beieinander, ich will nur heimgehen, sonst werd ich noch angesteckt.
    Gut Nacht, Fischerhanne, und halt reinen Mund.
    Wes Brot ich ess, des Lied ich sing! versetzte der Fischer etwas
zweideutig und wandte sich mit einem G'segn' Gott, das er dem Speisetische
zurief, nach der Tre.
    In diesem Augenblick ging die Tre auf, und herein trat der Sohn des Hauses.
Aus seinem von der Wanderung gerteten Gesichte leuchtete das verklrende Gefhl
einer guten Tat, einer Tat, welche dem Himmel die erste Genugtuung fr bisher
begangene Fehltritte darbieten sollte. Dieser Ausdruck gab seinem Gesicht eine
auffallende hnlichkeit mit den Zgen seiner Schwester. Da stie er unter der
Tre auf den Fischer, der ihm wie ein bses Vorzeichen entgegentrat, und sein
Gesicht verfinsterte sich. Einen Augenblick ma er ihn schweigend mit den Augen.
Du auch da, Giftmichel? sagte er, indem er an ihm vorberging. Der Fischer
fletschte die Zhne gegen ihn und machte sich hinaus.
    Friedrich blieb ein wenig stehen, um sich zu sammeln; dann nherte er sich
dem Tische und trat zu seinem Vater, der bereits durch einen Wink der Frau auf
ihn aufmerksam gemacht worden war und ihm schweigend entgegensah.
    Gr Gott, Vater! redete er ihn an. Da bin ich wieder und versprech Euch,
da es mit Gottes Hilfe nun anders werden soll, denn ich bin nun kein Kind mehr,
und wenn ich Euch bisher oft durch meinen Unverstand betrbt habe, so hab ich
mir jetzt vorgenommen, Euch hinfro ein treuer, gehorsamer Sohn zu sein.
    Mach nicht so viel Redensarten! sagte der Alte. Wenn dir's Ernst ist, so
tu's, ohne davon zu reden; aber versprich nichts, was du nicht halten kannst.
Setz dich und i.
    Ja, Vater, aber ich hab zuvor eine gromchtige Bitte, fuhr Friedrich
fort, ohne sich durch den Empfang irremachen zu lassen. Ich mcht eine Seele
vom Verderben retten, und das kann ich nicht, wenn Ihr mir nicht dazu helft.
    Der Alte erhob sein Gesicht. Die Stiefmutter sah ihn mit gespannter Neugier
und finsterer Miene an. Er hatte sie noch nicht gegrt, er hatte nur fr seinen
Vater Augen gehabt.
    Ihr meint gewi, Vater, sprach er weiter, da, wo ich herkomme, hab ich
nur lauter schlechtes Zeug gelernt. Aber so ist's nicht, vielmehr bin ich in
gute Hnde geraten und hab Christentum gelernt. Ich hab gelernt, da jeder gute
Christ und redliche Mensch seinen verachteten Mitbrdern aufhelfen msse. Weil
das aber nicht einer fr alle tun kann, so mein ich, es sei genug, wenn ein
Mensch oder eine Familie sich eines einzigen annimmt.
    Wo will denn das hinaus? fragte der Alte barsch.
    Vater, ich hab Euch einen Menschen mitgebracht, der keine Heimat hat, eine
vater- und mutterlose Waise, denn das ist er, und wenn auch seine Eltern noch
leben. Und ich bitt Euch, so lieb Euch Euer Sohn sein mag, der Euch freilich
schon Kummer und Verdru gemacht hat - so lieb es Euch sein mag, da der
ungeratene Sohn noch was Ordentliches in der Welt werde, so hoch bitt ich Euch,
Vater: lat den Menschen, den ich mitbringe, als Euren Knecht in Eurem Hause
sein.
    Wo ist er denn? fragte der Alte ungeduldig.
    Er wartet hinterm Haus am Garten.
    Die Stiefmutter gab dem Chirurgus einen Wink, und er schlich sich unbemerkt
hinaus.
    Wer ist er denn? fragte der Alte weiter.
    Friedrich schwieg eine Zeitlang in sichtlicher Verlegenheit; die siegesfrohe
Zuversicht, die er bei seinem Eintreten gezeigt hatte, war allmhlich von ihm
gewichen. Vater, hob er endlich an, Ihr werdet in Eurem Herzen nicht sogleich
die Stimme finden, die fr ihn spricht. Man hat gegen diese Leute manches
einzuwenden, und das ist auch kein Wunder, denn man behandelt sie auch danach.
    Mach's kurz und gut, rief der Alte und schlug auf den Tisch. Was ist das
vor eine Manier? Wenn's was Rechtes ist, so sag's frei heraus, und ist's was
Dummes, so halt das Maul! Was brauchst du mir durch die Rnkeleien da das Essen
zu verderben.
    Indessen war der Chirurg wieder eingetreten. Es ist ein Zigeuner, sagte er
langsam und nachdrcklich, indem er zu dem Tisch trat.
    Ein Zigeuner? rief die Stiefmutter und schlug ein gellendes Gelchter auf.
Die beiden Mller und der Knecht, welche aufmerksam zugehrt hatten, lachten aus
vollem Halse mit. Auch das Gesinde am Tische stimmte in das Gelchter ein, doch
nur allmhlich und schchtern, da der Sonnenwirt nicht mitlachte, sondern die
Stirne in druende Falten gelegt hatte. Magdalene war mit einem wehmtigen Blick
auf den Bruder hinausgegangen.
    Ich wei wohl, Vater, da es eine Zumutung ist, fuhr Friedrich
unerschrocken fort. Aber soll's denn der arme Teufel ben, da seine Eltern
Zigeuner gewesen sind?
    Der Chirurgus unterbrach ihn. Das hngt vielleicht, sagte er mit etwas
nselnder Stimme, das hngt vielleicht mit der Prdestination zusammen, die der
Herr Pfarrer predigt.
    Ich red mit meinem Vater und nicht mit Ihm! warf Friedrich stolz von der
Seite dem Chirurgus zu. Wie kann man denn verlangen, da diese Leute ehrlich
werden sollen, wenn man nicht endlich einen Anfang mit ihnen macht? Und wie kann
man denn anders anfangen, als mit dem christlichen Zutrauen, das man in einem
christlichen Hause einem von diesen armen Leuten schenkt? Wenn man dann in einem
Haus angefangen hat, so machen's die andern nach, und eben darum sprech ich zu
Euch, Vater, weil Ihr ein angesehener Mann seid und ein Beispiel geben knnt.
    Die Stiefmutter hatte inzwischen Blick und Winke mit dem Chirurgus
ausgetauscht. Wie sieht er denn aus? fragte sie jetzt mit dem Tone der
Neugier.
    Er schielt auf einem Aug' und sieht aus wie ein leibhaftiger Galgenvogel,
antwortete der Chirurgus.
    Was will denn Er? fuhr Friedrich erzrnt herum. Wenn man Ihn auf ein
Erbsenfeld setzen tt, so knnt man vor den Spatzen sicher sein.
    Der alte Sonnenwirt fuhr auf und versetzte seinem Sohne eine derbe Ohrfeige:
Ich will dir unartig gegen meine Gste sein. Man mu dir die ste abhauen, wenn
du zu krattelig wirst. Halt's Maul jetzt und pack dich. Ich will dich heut nicht
mehr vor Augen haben. Das km mir geschlichen, einen Zigeuner ins Haus zu
nehmen. Das wr eine Gesellschaft fr dich.
    Friedrich sah seinen Vater an. Einen Augenblick hatte seine Hand gezuckt;
dann aber wandte er sich ruhig nach der Tr. Ich glaub, ich wollt, ich wr
wieder im Zuchthaus, sagte er, whrend er hinausging.
    Die beiden Mller zahlten ihre Zeche und standen auf. Der Sonnenwirt, der
sich ebenfalls erhoben hatte, wnschte ihnen, freundlicher als zuvor, gute
Nacht. Der Bursch ist doch ziemlich mrb geworden, sagte er zu dem lteren,
er hat nicht gegen die Ohrfeige rebelliert, und es hat den Anschein, als ob er
jetzt das vierte Gebot in Ehren halten wollte.
    Der Mller, geschmeichelt durch diese vertrauliche Anrede, blieb etwas
zurck, whrend der jngere nebst dem Knecht die Wirtsstube verlie. Ja, sagte
er zum Sonnenwirt, der Frieder ist nicht so unrecht, man wird's noch erleben.
Was, die Zigeunergedanken werden ihm schon vergehen. Um den ist mir's gar nicht
angst. Man mu ihn eben jetzt noch ein wenig kurz aufzumen, dann wird er schon
gut tun. Und das bile Ungelegenheit, das er in seiner unverstndigen Jugend
gehabt hat, wird ihm unter vernnftigen und christlich denkenden Leuten ins
knftige nicht aufgerechnet werden. Er ist ja guter Leute Kind. Ja, ja, Herr
Sonnenwirt, der kann sich einmal seine Frau holen, wo er will. Wofern aber
jemals eins so tricht sein wollt und wollt ein Haar in der Partie finden, so
will ich nur so grob sein und will's frei heraussagen, Herr Sonnenwirt, fr mein
Gretle wr er mir immerhin gut genug. Jetzt habt Ihr gehrt, wo Ihr anklopfen
knnt, wenn Ihr keine bessere Schmiede wisset.
    In dem Gesicht des Alten, das erst ganz wohlgefllig ausgesehen hatte, zog
allmhlich der Ausdruck unendlichen Spottes auf. Er sah den Mller mit halb
zugekniffenen Augen an, so da dieser in Verlegenheit geriet und die Hnde aus
den Wamstaschen, wo sie whrend seiner Rede gesteckt hatten, hervorholte. So,
meint Ihr? erwiderte er trocken und stie dann ein hochmtiges Gelchter aus.
    Nichts hab ich gemeint! rief der Mller wtend. Ihr knnt meinethalben
Euren Galgenstrick verknpfeln und verbandeln, wo Ihr wollt. Er ging und schlug
die Tre hinter sich zu, da das Haus davon erdrhnte.
    Indessen war Friedrich zu dem Zigeuner hinabgegangen, der, verabredetermaen
seines Bescheides harrend, an dem Gartenzaune lehnte. Er reichte ihm ein
Flschchen, ein Brot, eine Wurst und ein Stckchen Geld. Das letztere hatte er
sich unterwegs von seiner Schwester geben lassen; bei den Lebensmitteln mochte
ihm in etwas uneigentlicher Form die Lehre des Waisenpfarrers vorgeschwebt
haben. Da nimm, i und trink, sagte er mit einer sonderbaren Hast und
Heftigkeit, und dann mach, da du zum Teufel kommst.
    Der Zigeuner griff gleichmtig zu, dann heftete er sein scheeles Auge auf
den Wohltter. Was, und mit dem Dienste ist's nichts? sagte er.
    Schweig still und mach mich nicht scheu! Ich bin so schon wild genug. Trink
deinen Kirschengeist! Sieh, ich hab dir Wort gehalten, soviel an mir gewesen
ist.
    Der Zigeuner schnitt eine hhnische Fratze: Blitz und Mord! rief er, so
wohlfeile Versprechen kann mir ein jeder tun und mich ein paar Stunden umfhren.
Ich seh schon, wie's steht. Das Christentum hat, scheint's, auf einmal ein Loch
gekriegt und, nach dem einen feurigen Backen zu schlieen, gar noch einen Pltz
auf das Loch.
    Friedrich stie einen Schrei aus, wie nur der tollste Jhzorn ihn eingeben
kann, warf sich ber den Zigeuner her und lie ihn seine Faust aus Leibeskrften
fhlen. Der Zigeuner war blo darauf bedacht, sein Flschchen vor Schaden zu
hten, brigens wehrte er sich nicht gegen die Schlge, die er in reichlichem
Mae bekam, sondern brach statt dessen in ein schallendes Gelchter aus.
    Bei diesem Lachen hielt Friedrich betroffen inne. Hund, was lachst? fragte
er zornig.
    Der Zigeuner schttelte sich. Herzensbruder, sagte er, ich mu lachen,
da dich das Mitleid und der Jammer zum Prgeln treibt. So was ist mir noch nie
vorgekommen.
    Er leerte das Flschchen auf einen Zug, schleuderte es mit einem Juhu hoch
empor, und whrend es klirrend zu Friedrichs Fen niederfiel, schallte das
Jodeln des Zigeuners schon aus einiger Ferne herber. Verblfft starrte ihm
Friedrich nach.

                                       3


Es war inzwischen dunkel geworden. Friedrich wollte eben ins Haus zurckkehren,
als er eine Gestalt herausschlpfen sah, in der er seine Schwester Magdalene
erkannte. Sie ging in das Grtchen, und er hrte sie dort am Brunnen Wasser
pumpen: denn es ist eine unlbliche Gewohnheit der Leute, das Wasser, das sie
morgens frisch haben knnten, abends zu holen und ber Nacht stehenzulassen.
Bald aber hielt sie in dieser Verrichtung inne und fing leise zu weinen an. Er
wollte zu ihr treten, da kam jemand aus dem Hause nachgegangen, horchte eine
Weile umher, fuhr, ohne ihn zu bemerken, ins Grtchen hinein, und die gellende
Stimme der Stiefmutter rief: Wo bleibst du denn, lahmes Mensch? Was drhnsest
da so lang?
    Magdalene antwortete mit stockender und gedrckter Stimme.
    Was? Ich will nicht hoffen, da du heulst! fuhr die Stiefmutter sie an.
    Das Mdchen schwieg.
    Was hast du denn? fragte die Alte hart und lieblos weiter. Als das Mdchen
abermals keine Antwort gab, rief sie: Das mu was Besonders sein. Der Herr
suche mich nicht so schwer heim und lasse mich's nicht erleben, da du dich am
End gar vergangen haben wirst.
    Oh, Mutter, rief Magdalene, die hier pltzlich ihre Stimme fand, wie
knnt Ihr mich so verschnden! Ihr solltet Euch der Snde frchten, so etwas so
laut vor der Nachbarschaft zu sagen, da Ihr doch wit, wie ungerecht Euer Gerede
ist. Ihr mt's ja selber am besten wissen, da ich Euch niemals aus den Augen
gekommen bin.
    Nun, nun, ich will ja weiter nichts gesagt haben, als da das Heulen und
Aunxen berflssig ist, wenn man ein gut Gewissen hat.
    Mein Gewissen ist gut, erwiderte Magdalene unmutig. Wenn nur auch alles
andere so gut wre.
    Ei was, es steht alles gut. Mach jetzt nur, da du ins Bett kommst. Du mut
morgen mit hellen Augen und roten Backen aufstehen, weit wohl, warum.
    Oh, Mutter, seid barmherzig und bringt den Vater auf andere Gedanken! Auf
meinen Knien wollt ich Euch anflehen, wenn ich wte, da es bei Euchanschlge.
    Still mit den Narreteien da!
    Mutter, ich hab einen Abscheu vorm Heiraten. Ichwill Euch bei den hchsten
drei Namen schwren, ledig zu bleiben mein Leben lang.
    Damit wr mir gedient! rief die Stiefmutter mithhnischem Lachen. Was ein
recht's Mdle ist, dashat eine wahre Begier aufs Heiraten und kann nichtbald
genug eine eigene Haushaltung berkommenwollen, um darin ttig und fleiig zu
sein nacheigenem Sinn. Ein recht's Mdle sucht seinen Elternvom Hals zu kommen,
sobald es kann, und willnicht als eine unntze Brotesserin zu Haus auf derfaulen
Haut liegen.
    Lieg ich auf der faulen Haut? entgegnete Magdalene vorwurfsvoll. Werd ich
nicht gepudelt vom frhen Morgen bis in die spte Nacht? Hab ich dasbile Essen
nicht so gut verdient, wie wenn ich Eure Magd wr?
    Nun, so sei froh, da du jetzt bessere Tage kriegst.
    Ich will keine bessere Tage, ich bin ja zufrieden. Ich will noch hrter
arbeiten, will Euer Kehrbesen sein und Eure Ofengabel, will schlumpen und
pumpen, nur lat mich bleiben wie ich bin.
    Das wr ein Kunststck! Bin ich eine Hex? Kann ich dich halten, da du
bleibst, heut wie gestern, und morgen wie heut? Kann ich's verhindern, da du
eine alte Jungfer wirst?
    Eine alte Jungfer kann auch in Himmel kommen.
    Ja, aber durchs Nebentrle. Und jetzt hr auf mit dem Geschwtz. Es ist
eine Ehr fr dich, da dich der Chirurgus nehmen will, so ein Herr! Wart, wenn
du an seinem Arm daher stratzen kannst, das wird eine Hoffrtigkeit sein! Du
verdienst's gar nicht, da es so hoch hinaus soll mit dir!
    Freilich verdien ich's nicht! Er soll eine andere nehmen, meinetwegen die
verwitwete Herzogin, die tt vielleicht besser fr ihn passen.
    Was hast du gegen den Chirurgus? rief die Sonnenwirtin zornig. Was kannst
du wider ihn sagen?
    O Mutter, begann das Mdchen nach einer Weile mit bebender Stimme, denkt
an Eure eigene Jugend zurck - er ist so alt - und so -
    Du wste Strunz du! rief die Sonnenwirtin. So, da liegt der Has im
Pfeffer? Der Ehstand ist eine christliche Anstalt, dem Herrn zum Preis, und
nicht fr ppigkeit und Fleischeslust. Wenn du so liederliche Gedanken hast, so
bet, da sie dir vergehen, oder behalt sie wenigstens bei dir und schm dich.
Wenn die Leut wten, da du so fleischlich denkst, sie tten mit Fingern auf
dich zeigen.
    Magdalene schluchzte: O Mutter, Mutter!
    Ja, Mutter! spottete jene. Ich wei wohl, was Jesus Sirach einer Mutter
einschrft im Sechsundzwanzigsten: Ist deine Tochter nicht schamhaftig, so halte
sie hart, auf da sie nicht ihren Mutwillen treibe, wenn sie so frei ist. Wie
ein Fugnger, der durstig ist, lechzet sie und trinket das nchste Wasser, das
sie krieget, und setzet sich, wo sie einen Stock findet, und nimmt an, was ihr
werden kann.
    Pat das auf mich? Ich will ja lieber gar keinen? rief Magdalene laut
weinend.
    Ohne sich irremachen zu lassen, fuhr die Sonnenwirtin fort: Ich bin auch
jung gewesen, aber in der Furcht Gottes, und so freches Zeug ist mir nicht im
Schlaf eingefallen, geschweige da es mir ber die Lippen gekommen wre. Dein
Vater, wie ich ihn genommen hab, ist auch kein heurig's Hsle mehr gewesen. Im
Gegenteil, dein Brutigam ist dir noch nher im Alter. Wo ist der Mensch, dem's
in der Welt nach seinem Kopf geht? Ein Christ mu sich in das schicken, was
unser Herrgott ber ihn verhngt. Jetzt heul, soviel du willst, heut
mein'thalben die ganze Nacht da unten. Aber morgen hat's ein Ende mit dem
Heulen, oder wenn's dich zu sauer ankommt, so wird dir dein Vater schon ein
freundliches Gesicht herausbringen helfen, du weit, er hat Mittel und Wege.
Jetzt gut Nacht, Jungfer Braut.
    Die Alte scho aus dem Grtchen in das Haus zurck, wie ein unheimlicher
Nachtvogel. Friedrich eilte, sich zu seiner Schwester zu gesellen, denn, dachte
er, die kann's brauchen. Sie wr in der Dunkelheit leicht zu finden; er durfte
nur dem Schluchzen nachgehen, das ihren jungfrulichen Busen zu zersprengen
drohte. Stillschweigend fate er ihre Hand.
    Sie hatte ihn nicht kommen hren; erschrocken und zornig ri sie die Hand
weg und rief: Wer ist da?
    Gut Freund, Schwesterle. Hat der gelbe Drach wieder Gift gespien? Was ist
denn das fr ein Brutigam, dem du die alten Knochen wrmen sollst?
    Ach Gott, der Chirurg!
    Was! der Zaunstecken? - Und nun folgte eine Flut von Scheltwrtern, die
immer drolliger wurden, so da das arme Mdchen zuletzt selbst darber lachen
mute. Pltzlich aber fiel sie in das vorige Weinen und Schluchzen zurck und
warf die Arme um den Hals des lustigen Trsters: O lieber Bruder! rief sie -
sie mochte nicht Frieder sagen wie die andern, und Friedrich klang ihr zu
vornehm, zu gewagt - lieber Bruder, ich wollt, ich wr bei unserer Mutter!
Sieh, ich bin dir die rmste Kreatur auf der ganzen Gotteswelt! Morgen soll der
Verspruch sein, und das ist mein Tod. Ich kann ihn nicht ansehen, er ist mir zu
arg zuwider!
    Soll ich ihn zerbrechen? fragte er grimmig durch die Zhne.
    Um Gotteswillen, fang keine Hndel an! Du wrdest mich nur aus dem Regen in
die Traufe bringen. Sie schwieg eine Weile und fuhr dann verzagend fort: Es
gibt nur ein einziges Mittel, um aus dem Jammer hinauszukommen.
    Vermutlich. Was denkst du?
    Ich spring in die Fils, und das noch heut nacht.
    Friedrich lachte berlaut. Du arm's Nrrle! Das mtest du knstlich
angreifen bei dem niedern Wasserstand. Nein, das ist nicht der Weg. Ich wei
einen andern - und der wr ganz sicher, sobald man sich fest darauf verlassen
knnte.
    Du bist ein leidiger Trster.
    Ja sieh, Kind, es steht ganz bei dir, und du hast's in der Hand, ob das
Mittel zuverlssig sein soll oder nicht. Kannst du dich auf dich selbst
verlassen?
    Er sprach diese letzten Worte mit besonderer Strke, und es lag dabei etwas
Geheimnisvolles in seiner Stimme, so da seine Schwester ihn verwundert ansah.
Ich wei nicht, wo du hinaus willst, sagte sie.
    Der Mensch kann alles, was er will, hob er an. Heit das, ich hab mich
nicht ganz richtig ausgedrckt. Der Mensch kann nicht alles, was er will, denn
ich mag wollen, so viel ich will, so kann ich z.B. nicht Tag aus Nacht machen.
Er schwieg eine Weile, um seine Gedanken auf der ungewohnten Spur zu sammeln.
    Ja, das kann ich auch nicht, sagte Magdalene dazwischen, mit einem Tone,
welcher deutlich verriet, da ihr das eine brotlose Weisheit dnke.
    Wart nur, ich bin noch nicht auf dem rechten Trumm. Ich htt eigentlich
sagen sollen: der Mensch kann alles, was er nicht will.
    Jetzt hr auf! rief Magdalene unwillig. Du bist dem Narren bers Sckle
kommen. Wenn du mir keinen bessern Rat weit als solches Kauderwelsch, so mu
ich ungetrstet ins Bett gehen.
    Ich schwitz wie ein Magister, sagte er. Ich mcht dir das Ding recht
glatt eingeben und bring's nicht richtig heraus. Aber halt, jetzt geht's. So
htt ich sagen sollen: was der Mensch nicht haben will, das kann er sich vom
Leib halten.
    Da, halt uns den Regen vom Leib, weil du so ein berstudierter Kopf bist,
sagte Magdalene spottend.
    Es fing nmlich soeben zu trpfeln an.
    Gegen den Regen sind Schirme gewachsen, oder auch zum Beispiel die Laube
dort. Komm, wollen uns drin bergen, denn es macht nicht blo na herunter,
sondern auch recht khl, und ich bin noch lang nicht fertig.
    Die beiden Geschwister gingen miteinander nach der Laube. Sie wr noch
sommerlich genug berrankt, um vor dem Regen zu schtzen, der jetzt in greren
Tropfen auf die Bltter niederschlug.
    Den Regen kann man sich allerdings vom Leib halten, wenn man irgendwo
unterzustehen vermag, fuhr Friedrich fort. Aber ich seh jetzt doch, da mein
Gleichnis nicht auf alles pat. Denn, wenn mich zum Beispiel ein Blitz trifft,
so kann ich ihn nicht -
    Beht uns Gott! unterbrach ihn seine Schwester. Unberufen, unberufen,
unberufen! - Nachdem sie sich beeilt hatte, diese Zauberformel gegen bse
Einflsse und Vorbedeutungen dreimal auszusprechen, machte sie ihm lebhafte
Vorwrfe wegen seiner sndlichen Rede.
    Das ist nur so figrlich gesagt, erwiderte er. Ich hab dir blo zeigen
wollen, da es Dinge in der Welt gibt, die man sich nicht vom Leib halten kann,
wo man kontrr wollen mu, man mag wollen oder nicht. Jetzt kann ich dir aber
auch um so besser beweisen, da es dafr andere Dinge gibt, die man sich vom
Leib halten kann, wenn man nur recht tchtig will. Zum Beispiel den Chirurgen -
    Gott Lob und Dank, endlich kommst du doch auf den rechten Text. Aber sag
nur einmal, wie?
    Du nimmst ihn eben nicht.
    Aber wenn der Vater sagt: du mut?
    Dann sagst du: ich will nicht.
    Kann ich mir dann auch die Streich vom Leib halten?
    Ja sieh, lieb's Kind, das ist's eben, darauf hab ich von Anfang an hinaus
gezielt, und jetzt ist der Text vollstndig. Vogel fri oder stirb! das ist der
Text. Wenn aber das Vgele nicht fressen will, und es will eben um keinen Preis
nicht, so mu es zwar sterben, aber die Sach ist doch nach seinem Schnabel
gegangen. Das Leben ist der hchste Preis, den ein Vogel oder ein Mensch
einsetzen kann, und mehr als das Leben kann man einem auch nicht nehmen. Wenn
einer nun seinen Sinn fest darauf richtet, da er denkt: die und die Nu will
ich nicht beien! so mu ihm zum allerersten das Leben wohlfeiler sein als der
Schnabel. Dann wird's aber auch ganz gewi nach seinem Schnabel gehen und wird
oft nicht einmal das Leben kosten. So sagst du jetzt, du mgest den Drren
nicht.
    Fr mein Leben nicht! rief das Mdchen leidenschaftlich.
    Just, wie ich sagen wollte! Du bekennst also selber, da dir dein Leben
nicht so lieb ist, als es dir lieb wr, des drren Stecken ohne zu sein, und
vorhin hast du ja gesagt, du wolltest lieber in die Fils springen. Damit
pressiert's brigens gerade nicht so sehr, nur mu es dein vlliger Ernst sein,
und zwar so, da du dich lieber totschlagen lieest. Sieh, dein Leben wird dir
doch lieber sein als eine trockene Haut oder ein heiler Rcken. Was ein heiler
Rcken wert ist, das wei ich aus Erfahrung, und ich kenn auch des Vaters
schwere Hand.
    Ja, ich auch.
    Du wirst sie aber doch nicht so frchten, wie den Tod.
    Nein, das gerade nicht.
    Nun sieh, jetzt kannst du an dir selbst die Probe machen, ob's ein Ernst
ist oder eine bloe Redensart mit dem, was du gesagt hast. Die Menschen brauchen
viel leere Redensarten. Da sagt einer: Das und das lass' ich mir ums Leben nicht
gefallen! Und nachher, wenn's drauf und dran kommt, lt er sich's gefallen um
des Esaus Linsengericht oder auch noch um weniger, oder weil er einen Buckel
voll Schlg frchtet. Nimm dir einmal die Sach genau in Augenschein. Was kann
dir der Vater tun? Umbringen wird er dich nicht, du bist ja sein eigen Fleisch
und Blut. Aber puffen wir er dich, dessen kannst du gewi sein, und mach dir nur
keinen blauen Dunst darber.
    Magdalene seufzte.
    Auch sonst wird's dir bel gehen; du wirst ein wahres Hundeleben haben,
mehr noch als bisher. So leid mir's tut, dir das fr gewi zu sagen, so mt ich
ja doch ein schlechter Ratgeber sein, wenn ich's verschweigen wollte.
    Magdalene seufzte abermals.
    Ich glaub's gern, fuhr er fort, da es dir schwer eingeht, aber dennoch
mut du's recht genau ins Aug fassen. brigens kannst du dir dabei voraus
denken, wie du bei jedem scheelen Blick, bei jedem Streich, an jedem Hungertag
sagen wirst: ist mir doch lieber, als wenn ich bei dem Zaunstecken sein mte,
den ich nicht mag. Und dann, wie lang wird's dauern? Nur so lang, als sie
meinen, da sie dich zwingen knnen. Wenn deine Geduld grer ist als ihre
Bosheit, so wird ihre Bosheit zunichte. Der schlanke Freiersmann macht am Ende
den Kuhhirten von Ulm, oder es find't sich unterdessen eine andere Gelegenheit,
die dem Vater in die Augen sticht, so da er ihm selber den Laufpa gibt. Zeit
gewonnen, ist alles gewonnen. Mit dem Teil Ungemach, das du dir nicht vom Leib
halten kannst, kaufst du dein junges Leben los von grerem Ungemach und
behltst es unverschandiert, so da dir der grne Schleicher sein Lebtag nicht
ins Bett kommen kann. Ich sag dir, Magdalene, was ich da gesprochen habe - es
ist zwar gar nichts Neues, und viele reden desgleichen, aber sie wissen nicht,
was sie sagen; denn es ist ein Geheimnis! Wer's aber recht versteht, der kann
Wunder damit tun, und Wunder sind auch schon damit getan worden! Mit drei
einfltigen Wrtlein: Ich tu's nicht! und ich tu's eben nicht! Damit kann ein
rechter Kerl - Mannskerl oder Weibskerl gilt gleich viel - einen Gterwagen
sperren, und wenn sechs Dutzend Mecklenburger vorgespannt wren. Jetzt wirst du
verstehen, warum ich gesagt hab: Das Mittel ist sicher, wenn man sich darauf
verlassen kann. Frag dich nun selber, ob es sicher ist.
    Die Schwester trat fest und aufrecht vor den Bruder hin. Und ich tu's eben
nicht! rief sie, seinen Ton nachahmend, indem sie dabei auf den Boden stampfte.
    So gefllst du mir, sagte er lachend. Komm, setz dich wieder. Sei nur
standhaft und la dir sonst weiter keine graue Haar wachsen. Ich bin ja um den
Weg. Wenn sie dir den Futterkasten gar zu arg versperren, so will ich dein Rabe
sein, und wenn des Alten Hand zu schwer wird ber dir, so will ich dazwischen
springen und die schwersten Streiche auffangen. Du weit ja, er ist leicht
abzuleiten: wenn er Hist tbert, so braucht man ihm nur mit einem ungben Wort
zu kommen, dann lt er Hist fahren und tobt Hott. La mich nur machen, ich will
dir den Regen mit dem Dachtrauf vom Leib halten, ich hab ja ein dickes Fell.
    Magdalene wurde vollends ganz zuversichtlich, whrend sie dieses Schutz- und
Trutzbndnis verabredeten. Verla dich nur auf mich, sagte sie, ich will zh
sein wie eine Katze.
    Recht so, erwiderte Friedrich. Was will das bile Ungemach heien, wenn
die Alte sich dafr das Gallenfieber an den Hals rgert. Es ist doch ein wst's
Weibsbild, und was sie fr abscheuliche Reden fhrt!
    Ach, ich hab mich so geschmt, sagte Magdalene, indem sie wieder zu weinen
begann und den Kopf auf ihres Bruders Schulter legte. Sie hat mir das Herz im
Leib herumgedreht mit ihren bsen Worten. Ich will ja dem Mann sonst nichts
Schlimmes nachgesagt haben, aber warum soll er mir denn mit's Teufels Gewalt
gefallen? Es ist ja doch wahr, da er alt ist und hlich, und soll ich denn das
nicht sagen drfen?
    Freilich darfst du's sagen, und ein recht's Mdle darf wohl ein Aug auf ein
Mannsbild haben und lugen, ob was Wohlgeflliges an ihm ist oder nicht. Die
Heuchlerin, die! Glaub mir nur, wenn eine so verdammlich und augenverdreherisch
redet und so den Willen Gottes vom Zaun bricht, die ist gewi ein fauler Apfel.
    Ach geh, du wirfst das Beil auch gleich zu weit hinaus. Nachsagen kann man
ihr nichts, und sie hat dem Vater immer genau Haus gehalten, nur gar zu genau.
    Meinetwegen, aber was sie da von ihrer Jugend schwtzt, das ist die lautere
pure Heuchelei, und eh ich's ihr glaube, eher glaub ich, da sie ein Hufeisen
verloren hat. Fr was braucht sie bei dir gleich auf so schandliche Gedanken zu
kommen? Es sucht keiner den andern hinterm Ofen, er sei denn selber dahinter
gesteckt. Bleib du bei deiner Art und schm dich nicht. Der lieb Gott hat nichts
dawider, wenn dir ein frischgrner Apfelbaum besser gefllt als eine drre
Pappel. Was, Dummheit! Gleich und gleich gesellt sich gern.
    Ja, du scheinst mir auch ein feiner Hecht zu sein!
    Mit den Alten werd ich's niemals halten, soviel ist gewi. Jetzt mcht ich
nur mein Schwesterle recht anstndig versorgt sehen. Wart einmal, wir haben ja
die Auswahl unter den jungen Burschen, wollen geschwind Musterung halten.
    Ach, schwtz nicht so berzwerch heraus.
    Mit welchem soll ich denn gleich anfangen? Ja, da ist zum Exempel heut
abend der untere Mller dagewesen, der Georg.
    Er bemerkte ein leichtes Zucken an seiner Schwester und drehte ihr Gesicht
zu sich herum. Was? rief er, hab ich gleich auf den rechten Busch geklopft?
Es ist nur schad, da ich in der Dunkelheit nicht sehen kann, wie du dazu
aussiehst.
    La mich zufrieden, sagte sie. Ich hab was Ntigeres zu tun jetzt, als
nach den jungen Burschen auszuschauen. Behalt deinen Spott bei dir.
    Wenn dir's Ernst mit ihm ist, morgiges Tages bring ich ihn herbei, und wenn
ich den Klberstrick dazu nehmen mte! Ich bin ihm ohnehin noch eine Rache
schuldig. Er hat mich einmal helfen liefern, und wiewohl ich ihm das nach
Gestalt der Sachen nicht sonderlich nachtrage, so wr mir's doch zweimal recht,
ihn zur gndigen Straf an eine lebenslange Kette zu legen.
    Still, still! rief sie und hielt ihm, brigens erst, nachdem er
ausgesprochen hatte, die Hand auf den Mund. Komm, es ist schon so spt, wir
mssen ins Bett. Der Vater knnt lrmen.
    Sie gingen leise in das Haus zurck und sagten einander gute Nacht.
Friedrich aber wartete, bis seine Schwester in ihre Kammer hinaufgehuscht wr,
und sagte: Ich mu doch probieren, ob man heut noch Wind und Wetter beobachten
kann. Er schlich ber den hrn, klinkte unhrbar die Tre zum Wirtszimmer auf,
wo ein Knecht in der Ecke schnarchte, durchma das Zimmer mit groen Schritten,
aber so lautlos, da ihm kaum der Sand unter den Fen knisterte, ging durch ein
zweites kleineres und legte das Ohr an die Tre, die ins Schlafgemach seiner
Eltern fhrte. Er hatte sich nicht getuscht, sie waren noch in einer
Gardinenunterredung begriffen.
    Auch wider den untern Mller htt ich eigentlich nichts einzuwenden, hrte
er seinen Vater sagen.
    Wie kommst du denn auf den? fragte die Sonnenwirtin dagegen.
    Mir deucht's seit einem Vierteljahr oder so etwas her, da er ein Aug auf
das Mdle hat. Er hat mir schon so eine Art Wink gegeben, freilich nicht mit dem
Holzschlegel, denn er hat gar einen besonderen Stolz. Aber er ist ordentlich,
bringt sein Schle vorwrts und tt auch sonst besser fr ein jungs Mdle passen
als so ein alter Krachwedel.
    Ei, Alterle, wie tust du doch so jung! erwiderte die Sonnenwirtin.
brigens hab ich ebenmig nichts wider den Mller, und dem knntest du
auerdem einen groen Gefallen erweisen. Ich hr, er will bauen, und da werden
ihm ein paar tausend Gulden eine Frau erst recht wert machen.
    Das geht nicht! brummte er dagegen. Von der Sonne kann ich nichts
weggeben. Die ist und bleibt der Grundstock in der Familie, die darf nicht einen
Strahl von ihrem Glanz einben.
    Dann wird er wenig Lust haben, sagte sie. Zum Bauen hat er das Geld
ntig. So wacker er ist, so ist er doch noch zu jung, als da ihm jemand so viel
leihen tt! Also mu er's erheiraten.
    Soll anders wohin gehen.
    Der Chirurgus dagegen sagt, es sei eine Schande fr einen Mann, wenn er
beim Heiraten aufs Geld sehe. Er begehrt nichts dazu, er sagt, deine Tochter wr
ihm lieb, und wenn sie nackt und blo zu ihm kme, er wolle sie schon ernhren.
    Nu, wenn sich kein anderer meldet, so kann er sie haben.
    Ja sieh, aber er pressiert eben und wird auch nicht gerad warten wollen,
bis es uns gefllig ist. Mit dem Probieren ist's so eine Sach. Die Mannsleut
sind nicht so uninteressiert heutzutag. Wenn nun kein anderer km, und der
Chirurgus ging sonstwo auf die Brautschau, so blieb eben das Mdle sitzen, und
das wr doch ein Spott und eine Schand.
    Hm! brummte der Sonnenwirt.
    Der Habich ist besser als der Httich, fuhr die Frau fort, und wenn man
einmal etwas tun will, so tut man's besser gleich, damit's nachher nicht zu spt
ist. Mir kann's zwar soweit einerlei sein; es ist dein Kind und nicht meins. Was
geht's mich an, wenn sie eine alte Jungfer werden will? Meinetwegen kann sie in
der Wirtschaft bleiben, solang sie mag. Deshalb ist mir's am liebsten, wenn ich
dabei ganz aus dem Spiel bleiben kann. Nichts Schwereres fr eine Stiefmutter,
als solcherlei Pflichten zu erfllen; denn wenn ich noch so gut sorge, so bin
ich doch eben die rechte Mutter nicht, und wird mir mein Sorgen noch obendrein
verdacht. Mach du die Sach mit deiner Tochter ab. Sprich mit ihr und frage sie,
was ihr gefllig sei.
    Fragen! brauste der Sonnenwirt auf. Man wird so ein Ding noch lange
fragen. Sie soll froh sein, wenn man sie versorgt. Nun ja, der Haue mu ein
Stiel gedreht werden. Also, wenn kein anderer um den Weg ist, so mag's
mein'thalben der Chirurgus sein. Aber da soll er sich nur das Maul abwischen:
bar Geld kriegt er keins von mir.
    Sei ganz ruhig. Bis wann soll denn die Sach jetzt richtig werden?
    Das la ich dir ber.
    Sieh, Schwan, hob die Sonnenwirtin mit einem freundlichen und
berzeugenden Tone an, ich hab das schon vorausbedacht, denn ich mu ja doch an
alles denken. Weit, morgen ist ja der Monatstag, da kommen die geistlichen
Herren wieder zusammen.
    Hm, brummte der Sonnenwirt.
    Der Amtmann wird auch dabei sein, vielleicht sogar der Vogt von Gppingen.
    Hm, ja.
    Und weil unser Haus eigentlich doch auch ein wenig ber den Leisten
geschlagen ist, so knnte man dem Ding einen Anstrich geben, da es ein recht
gesellschaftliches, frnehmes Aussehen bekme. Weit, auf so was verstehst du
dich! Wenn die Herren dann aufstehen mssen und Gesundheit trinken, so wird der
Verspruch zur Hauptsach, und die Herren mgen wollen oder nicht, sie sind dann
eigentlich nur um des Verspruchs willen da.
    Der Sonnenwirt hatte immer beiflliger gebrummt. Dabei soll's bleiben!
sagte er endlich. Aber jetzt la mich schlafen, hast mir die Zeit lang genug
gemacht.
    Auch Friedrich hatte genug gehrt. Leise, wie er gekommen wr, schlich er
hinaus und begab sich auf seine Kammer, wo er lange nicht schlafen konnte.
    Als er in der Frhe seiner Schwester auf der Treppe begegnete und sie ihm
guten Morgen sagte, klang ihre Stimme gar nicht so entschlossen wie vergangene
Nacht. Du machst ja ein Gesicht wie die Katz, wenn's donnert, raunte er ihr
zu; stell dich krank, Magdalene, stell dich krank und mach, da du nur ber den
Tag hinberkommst.
    Es wr keine Verstellung, erwiderte sie, wenn ich mich wieder legte.
    Tu's, tu's! rief er und sprang die letzten acht Staffeln mit einem Satz
hinab.
    Er ging den Fuweg am Bache hin, der mitten durch den Flecken luft. Die
Gnge der Mhle klapperten ihm eifrig entgegen. Von der Brcke aus sah er den
jungen Mller im Hofe beschftigt, allerlei Holz zusammenzusgen. Er blieb
unschlssig stehen, als aber jener aufblickte, setzte er sich in Bewegung, als
ob ihn der Weg zufllig hier vorberfhre.
    Guten Morgen, rief er in den Hof hinein.
    Schn Dank.
    Treibt's gut um?
    So so, la la, war die verdrossene Antwort.
    Ich glaub, an dir ist ein Zimmermann verloren gangen, sagte Friedrich,
indem er nher trat und sich gegen die Mauer lehnte.
    Hm, 's ist nur so ein wenig gebosselt.
    Man sagt ja, du wollest bauen, Georg?
    Willst mir dabei an die Hand gehen, Frieder?
    Ja, ich! Was htt'st du von mir? Soll ich dir Steine zutragen?
    Hm, ja, aber solche, wo der Karl Herzog drauf geprgt ist.
    Oder der alt Kaiser? Du hast's gut vor, Brderle, solche Bausteine sind mir
zu schwer, die mu ich liegen lassen.
    Die beiden sahen einander an, und ihre scheinbar gleichgltigen Mienen
spielten ein langes stummes Frag- und Antwortspiel.
    Ich mu eben sehen, wie ich ein Dukatenmnnle ins Haus krieg, sagte der
Mller endlich. Vielleicht wissen mir die Zigeuner eins.
    Oder ein Bettelmdle mit ein paar tausend Gulden, entgegnete Friedrich,
den Stich verbeiend.
    Weit mir eine? fragte der Mller und sah ihn forschend an.
    Friedrich schlug die Augen nieder und whlte mit dem Fu im Sgmehl, das am
Boden lag. Ist denn das Bauwesen so ntig? fuhr er endlich in seiner
Verlegenheit heraus.
    Justement so ntig, als dein Geschwtz unntig ist, war die Antwort.
    Oh, ich will nicht lang mit dir rnkeln, du zuckerigs Brschle, du. Bau du
mein'twegen so hoch, wie der babylonisch Turm gewesen ist.
    Dieses brummend, nahm er einen verdeckten Rckzug, das heit, er setzte den
eingeschlagenen Weg an der Mhle vorber fort, um in einem weiten Bogen wieder
nach Hause zu kommen.
    Der junge Mller sah ihm verwundert und rgerlich nach. Ich glaub, der hat
Maulaffen feil, brummte er, indem er wieder zur Sge griff.
    Die Katz maust links, die Katz maust links! sagte Friedrich zu sich, mit
bedenklichem Gesichte seine Schritte frdernd. Ich wollt nur, da der Tag im
Kalender durchgestrichen wr.
    Von Not und Eifer getrieben rannte er dahin, obgleich er eigentlich nicht
wute, warum er zu eilen habe; es wr eine Aufregung in ihm, die seinem Gesicht
in diesem Augenblick ein besonders krftiges Aussehen gab. Die Leute, die auf
der Strae oder an den Fenstern waren, muten ihn unwillkrlich mit Wohlgefallen
betrachten, und ein Mdchen, das ihm begegnete, grte ihn auf eine Weise, die
trotz seiner gedankenvollen Selbstvergessenheit nicht unbemerkt von ihm blieb.
Es wr ein schlankes Mdchen mit gelben Zpfen, noch sehr jung und von
auffallend hellen Gesichtszgen; in ihren Mienen lag eine eigentmliche Mischung
von Zutraulichkeit und Unschuld. Sie grte ihn mit dem gebruchlichen
Bauerngrue, das heit, sie wnschte ihm die Zeit, aber mit einem Blicke, der,
so schnell und schchtern er vorberglitt, eine Freundlichkeit, eine gewisse
Teilnahme und Hingebung aussprach, die nur in einem Blicke so ausgesprochen und
eben deshalb nicht weiter beschrieben werden kann. Genug, ihm wr, als htte
sich das junge Mdchen mit diesem Blicke ganz und voll und warm in seine Arme
gelegt, und er, fr einen solchen Eindruck nichts weniger als unempfnglich,
fhlte sich hingerissen, obgleich er sich erst einige Sekunden nach der
Begegnung bewut ward, da er gegrt worden sei, da er einen Blick dabei
wahrgenommen und da dieser Blick ihm gegolten habe. Jetzt erst blieb er stehen
und sah ihr nach. Sie wr schon ziemlich weit entfernt, und ihre Zpfe flogen
lustig hinter ihr her. Ich kenn doch jedes Kind hier, sagte er, ist's
vielleicht eine Fremde? Sie trgt sich brigens ganz Ebersbachisch. Aber das ist
ein blitznett's Schelmengesicht! - Er wre ihr gerne nachgegangen, aber er
scheute die Mhle. Auch fiel ihm nur allzubald die Sorge wieder aufs Herz, die
ihn aus dem Hause getrieben hatte. Er wandte sich, durchma einige Gchen, ging
weiter oben ber das Wasser zurck und kam unverrichteter Dinge nach Hause, wo
ihm ein vielsagender Duft aus der Kche entgegenstrmte.
    Nach dem Essen, als er Gelegenheit fand, einen Augenblick mit seiner
Schwester allein zu sein, fragte er sie: Ist dir's noch wie gestern?
    Magdalene versuchte zu lachen; es wollte ihr aber nicht recht gelingen. Ich
tu's eben nicht! flsterte sie, indem sie in der gestrigen Haltung auf den
Boden stampfte; aber ihre Stimme klang wie eine ohnmchtige Einsprache gegen das
Schicksal, und ber ihre Augen flog ein Nebel hin. Die Geschwister hrten des
Vaters Tritt; da stoben sie auseinander.
    Friedrichs Beklemmung stieg immer hher. Der Geist der Gewaltttigkeit
begann in ihm wach zu werden. Er ging unruhig durch das Haus und suchte ein
Brett, das ihm gerecht wre. Dann stieg er auf den Boden, um Erbsen zu holen. Er
wollte dem Chirurgus einen halsbrechenden Empfang bereiten. Wenn sie mich auch
wieder nach Ludwigsburg schicken, dachte er, was tut's! Als er aber mit
seinen Vorbereitungen fertig wr, fiel es ihm ein, da die geistlichen Herren,
die heute ihr Krnzchen in der Sonne hatten, mit nchstem anrcken wrden, und
er entsagte seinem Attentat. Vor der Klerisei hatte er einen wohlbegrndeten
Respekt. Denn, dachte er in seiner rohen Weise, statt des Chirurgen knnt mir
auch einer von den Pfarrern abe hageln, und das tt mir schlimmer gedeihen, als
wenn ich meinem Vater einen Strick um den Hals gemacht htt und htt ihn an den
Schild hinausgehenkt. Nicht lange, so erschienen die ersten der erwarteten
Ankmmlinge. Von ihren weitschigen schwarzen Rcken umrauscht, stiegen sie
ernsthaft die Treppe empor, und ihre weien Bffchen oder berschlgchen, wie
man dieses geistliche Wrdezeichen in Sddeutschland heit, begleiteten ihre
Unterredung, indem sie, beim Sprechen von den Halsmuskeln in Bewegung gesetzt,
taktmig ber der Brust auf und nieder klappten. Arglos berschritten die
Pastoren die verhngnisvolle Staffel, die, wenn Gedanke und Tat ein Ding wren,
ihnen ein Stein des Anstoes und gewi auch nicht geringen rgernisses geworden
sein wrde. Dem Chirurgus hatte es sein guter Geist eingegeben, da er die
Nachhut bildete, und so gelangte auch er wohlbehalten unter den Fittichen der
geistlichen Macht herauf. Die Herren verfgten sich in ihr besonderes Kabinett.
Die brigen Mitglieder der Gesellschaft lieen nun auch nicht lnger auf sich
warten; als die allerletzten kamen, um keine unschickliche Eile zu beweisen, der
Pfarrer und, Saul unter den Propheten, der Amtmann des Orts. Mittlerweile fanden
die dampfenden Schsseln ihren Weg aus der Kche ins Kabinett. Die Sonnenwirtin
und Magdalene trugen sie. Letztere hatte, als einen schwachen Versuch, sich mit
Krankheit zu entschuldigen, ein Tuch um den Kopf gebunden, das ihr aber noch
unterwegs von der sorgsamen Mutter abgerissen wurde. Morgen kannst Kopfweh
haben, soviel du willst, sagte sie, aber heut darfst nicht wehleidig sein.
Der Sonnenwirt begngte sich, die Herren zu empfangen, ins Kabinett hinein zu
komplimentieren und von Zeit zu Zeit nachzusehen, ob nichts fehle. Der Chirurgus
durfte die Flaschen auftragen helfen, was dem Amtmann und dem Pfarrer Anla gab,
ein wenig zu sticheln. Nachher hatte er die Ehre, einem von den Herren
Schnupftabak zu besorgen, und zuletzt, als man nichts mehr von ihm wollte, zog
er sich mit einer feinen Wendung zurck. Mit dem Hauptauftritt mute man
natrlich warten, bis die Herren ihre nchste Aufgabe, nmlich die teils
gebackenen, teils blau abgesottenen Forellen vom Tische verschwinden zu machen,
bereinigt haben wrden.
    Friedrich war mit der Aufwartung im gewhnlichen Wirtszimmer bei den
Fuhrleuten betraut worden, erhielt aber nach einiger Zeit durch Vermittlung
seiner Mutter, die ihm doch nicht recht traute, vom Vater den Befehl, in den
Stall zu gehen und die Pferde zu fttern. Die unschuldigen Tiere muten sich
dabei manchen Puff gefallen lassen. Als er wieder heraufkam, sah er, was ihm
sein Verstand schon gestern abend htte voraussagen knnen, seine Schwester als
glckliche Braut. Der Vater hatte sich inzwischen die Freiheit und die Ehre
genommen, sie als solche im Kabinett vorzustellen, das man, um der Sache mehr
ffentlichkeit und Ansehen zu geben, gegen das Wirtszimmer offengelassen hatte.
Die Herren wnschten Glck, stieen mit den Glsern an und machten etliche
versteckte skurrile Witze, alles das, wie es bei solchen Gelegenheiten zu
geschehen pflegt. Magdalene knixte mit ngstlichem Lcheln und zwang die Trnen
zurck, die freilich sehr nahe waren, aber wie htte sie vor so gewaltigen
Herren wagen knnen, einen Willen geltend zu machen? Der Chirurgus stand neben
ihr, ganz grn vor Seligkeit. Die Sonnenwirtin freute sich, da sie den
niederdrckenden Einflu, den die Herrengesellschaft auf das Mdchen ben wrde,
so sicher voraus berechnet hatte. Der Sonnenwirt schmunzelte und schwamm in
Wohlbehagen ber die honoratiorenschaftliche Haupt- und Staatsaktion. Friedrich
seinerseits lie im Wirtszimmer seine festliche Bewegung an einer Flasche aus,
die, als sie mit lautem Klirren am Boden zerbrach, die allgemeine Stimmung durch
Schrecken, Lachen, Zorn und Scheltworte hindurch in das gewhnliche Geleise
zurckbrachte. Die Tre des Kabinetts schlo sich wieder, die Wirtschaft ging
ihren Gang, und als die Herren abends ihre Sitzung aufhoben, blieb es ein
Geheimnis, was der Gegenstand ihrer Unterhaltung gewesen war, ob die Ewigkeit
der Hllenstrafen oder die Aufbesserung der Besoldungen. Nur eines hatte sich
entschieden und unabnderlich festgestellt, nmlich, da Magdalene jetzt das
wr, was sie vergangene Nacht um keinen Preis, selbst nicht um den Preis ihres
Lebens, hatte werden wollen.
    Friedrich redete den ganzen Abend kein Wort mit seiner Schwester. Als sie
ihn einmal lange schchtern und bittend ansah, antwortete er mit einem Blick,
der ihr deutlich sagte, da er, wenn er Gelegenheit htte, seinen tollen Jhzorn
ttlich an ihr auslassen wrde. Sie vermied es deshalb, allein mit ihm
zusammenzutreffen. Da man ihr jetzt keinen Zwang mehr antat und ihr Brutigam,
geduldig auf besseres Wetter wartend, sich beizeiten nach Hause gemacht hatte,
so ging sie noch vor dem Abendessen zu Bette.
    Auch diese Nacht konnte Friedrich die Augen lange nicht schlieen. Es war
ihm sehr bel zumute. Der Zorn ber das feige Benehmen seiner Schwester hatte
sich in eine seltsame Bangigkeit verwandelt. Er fhlte sich ganz im Stich
gelassen und begann zu ahnen, da ihm das Leben noch harte Nsse zu knacken
geben werde. Da die Menschen nicht seien, wie sie sein sollten, das war ihm
klar geworden; wie er aber selbst unter solchen Umstnden eigentlich sein
sollte, das wute er so wenig, da es ihm nicht einmal einfiel, auch nur die
Frage an sich zu stellen. Mitleid, Angst, Emprung wechselten auf die
wunderlichste Weise in ihm ab, und das Heimweh nach der sichern Umfriedigung des
Zuchthauses kehrte ihm aber und abermals zurck. Er hatte es mit angesehen, wie
neben den Verbrechern auch arme Waisen zu nicht schimpflicher Arbeit in dasselbe
aufgenommen wurden, und ihr Los wollte ihn wie ein neidenswertes Glck bednken.
Aber mitten unter diesen verschiedenen Regungen fand er noch Raum genug in
seinem Herzen, um mit vielem Behagen an das hbsche Mdchen zu denken, das ihn
heute auf der Strae gegrt hatte.

                                       4


Der Jngling, dessen groben, verworrenen Lebensfaden wir zu verfolgen
unternommen haben, war, als er die vterliche Schwelle wieder betrat, ber eine
jener unsichtbaren Grenzen geschritten, welche sich durch die Gesellschaft und
durch den einzelnen Menschen selbst hindurchziehen. Er empfand vor seinem Vater,
wo nicht Achtung, denn zu dieser gehrt ein ausgebildeteres Bewutsein, so doch
eine unbestimmte Scheu, ja sogar unter rauher Decke einen Rest kindlicher
Zuneigung; und dennoch sagte ihm ein unbestechliches Gefhl, da er durch den
bloen Rcktritt aus dem Kreise des Waisenpfarrers in den Kreis des
Sonnenwirtshauses um eine Stufe gefallen sei. Das Leben war hier ein ganz
anderes und wies mit seinen alltglichen und doch gebieterischen Zwecken so
manche Forderung der reifenden Seele zurck, welche dort, obwohl unter dem
einfrmigen Frondienst des Wollekrmpelns, von einem Geiste, den seine
Zeitgenossen apostolisch nannten, geweckt worden war; aber die fortgesetzte
Berhrung mit dem Alltagsleben mute auch zugleich die Wirkung haben, da dieses
Gefhl allmhlich wieder in ihm abgestumpft wurde. Sein blutiges Handwerk, wie
es das unendliche Weh, das aus den stummen Augen der Tiere jammert, zum
Schweigen brachte, so schlug es auch die verwandte Stimme in der Menschenbrust
nieder. Daneben waren die Gste, mit denen er tglich in der Wirtsstube zu tun
hatte, gewi lauter ehrliche Leute, aber wahrhaftig keine Tugendspiegel, und
er hatte nur zu viele Gelegenheit, die mehr oder minder klare Betrachtung
anzustellen, da Achtbarkeit und guter Ruf in dieser Welt sehr oft weniger von
einem streng ehrlichen und sittlichen Wesen, als von Klugheit und zuflligen
Umstnden abhngen. Je minder klar aber diese Betrachtung in ihm aufstieg, desto
gefhrlicher war sie ihm. berhaupt wute sein Kopf nichts von Nachdenken,
sondern nur von raschen Eindrcken, die sich unter lrmenden Zechgenossen und
auf dem Tanzboden entweder befestigten oder ebenso rasch wieder verdampften.
Dieses Bedrfnis, eine immer rege mibehagliche Unruhe zu verjubeln, shnte ihn
auch wieder mit seiner Schwester aus, bald nachdem sie dem aufgedrungenen
Brutigam angetraut worden war. Denn da sie von ihrem Manne ziemlich leidlich
behandelt wurde, so hatte sie dann und wann den Trost, dem geliebten Bruder
einen auf die Seite gebrachten Groschen zustecken zu knnen, und Friedrich, den
der Vater sehr kurz zu halten fr gut befand, verschmhte die klingenden Beweise
der Schwesterliebe nicht.
    Whrend er auf diese Weise teils gleichgltig, teils in dumpfer Lustigkeit
dahinlebte, kehrten auch seine ueren Umstnde ganz in das gewhnliche Geleise
zurck. Zu Hause ging er unangefochten aus und ein und stand mit der Stiefmutter
in jenem mrrischen Verkehr, wo Gewohnheit die Stelle der Liebe vertritt. Auch
in der Gemeinde wr er geduldet; niemand zeigte sich ihm widerwrtig, mancher
blickte ihn freundlich an, und des Makels, der auf ihm haftete, schien nicht
gedacht zu werden. Ihm selbst war nicht wohl und nicht wehe; mit dem Zuchthause
hatte er auch den Waisenpfarrer vergessen. Ein strenges Gesicht machte ihm
niemand mehr als der Amtmann. Aber dies hatte wenig zu sagen, denn der Amtmann
galt persnlich nicht sehr viel bei der Gemeinde und zu Hause gar nichts; auch
nahm der im Grunde gutmtige und schwache Mann eigentlich nur deshalb eine
Amtsmiene gegen ihn an, weil er ihn einmal in Untersuchung gehabt hatte und ihn
nun, wo nicht mit Worten und Werken, so doch mit Gebrden polizeilich berwachen
zu mssen glaubte. Dagegen war er bei der Frau Amtmnnin sehr gut angeschrieben,
und zwar zu seiner eigenen Verwunderung besser, als er es verdiente, denn er
hatte sich schon manche boshafte Bemerkung ber ihr Pantoffelregiment erlaubt.
Vielleicht wr ihr nichts davon zu Ohren gekommen; genug, die stolze, krftige
Frau empfand eine gewisse Teilnahme fr den jungen Burschen, der schon so frh
ber die Schranken der brgerlichen Ordnung gesprungen war. Es schien ihr nicht
unangenehm zu sein, wenn sie ihren Fleischbedarf von ihm ins Haus getragen
bekam, und der alte Sonnenwirt, der keine Art von Gnadenschimmer aus den Augen
lie, sorgte alsbald dafr, seinem Sohne dieses Ehrenrecht auf dem Wege des
Herkommens zu berweisen. Die gestrenge Frau pflegte ihn dabei sehr huldvoll zu
behandeln, sie reichte ihm manchmal ein Glas Wein, ermahnte ihn zu vernnftiger
Auffhrung, ergtzte sich aber besonders gerne an seinen eigentmlichen
freimtigen uerungen. An solchen lie es Friedrich selten mangeln; denn wenn
er einmal seine Schchternheit gegen Vornehmere berwunden hatte, so tat er
seiner Zunge, zumal wenn aufgemuntert, keine Gewalt mehr an. Die Gunst der
Amtmnnin ebnete ihm auch sonst noch seinen Pfad; der Schtz und die
Scharwchter, welche die Polizei im Flecken handhabten, lieen diese Stimmung
ihrer Gebieterin nicht unbeachtet und drckten bei manchen Unregelmigkeiten
des jungen Burschen, bei manchen kleinen Versten gegen die ffentliche Ordnung
alle ihre Augen zu.
    Unter diesen Umstnden wr er eines Morgens mit seinem Korbe ins Amthaus
eingetreten. Die Amtmnnin prfte den Inhalt und sagte wohlgefllig: Das gibt
ein schnes Brtchen, ich hab alle Konsideration vor Seines Vaters Geschmack,
sag Er ihm einen Gru, und ich sei wohl zufrieden.
    Oh, ich hab's selber ausgewhlt, Frau Amtmnnin, erwiderte Friedrich.
    Um so besser, so darf Er's auch selber in die Kche tragen. Geh Er, mein
Sohn, und bring Er's der Kathrine hinaus. Da Er sich aber nicht untersteht, dem
Mdchen zu flattieren; ich habe mir sagen lassen, da Er ein galanter Junker
sei.
    Friedrich lachte und trug das Fleisch in die Kche. Da, Jungfer, sagte er,
und die Frau hat mir einen Ku aufgetragen als Zugabe.
    Das Mdchen lie mit einem leisen Schrei den Korb fallen und flchtete sich
hinter den Herd. Sie hatte etwas Demtiges und Gedrcktes in ihrem Wesen und
sah, obwohl noch jugendlich und nicht unschn, doch bla und verblht aus. Sie
war eine Verwandte der Amtmnnin, die sie unter dem Namen einer Hausjungfer,
eigentlich aber als Dienstmagd, zu sich genommen hatte.
    Es ist nicht so ernstlich gemeint, Jungfer, lachte Friedrich. Nur sachte
mit der Braut! Das Fleischle da htt so sauber bleiben knnen, wie Ihre Tugend
von meinetwegen bleiben soll.
    Er hob das Fleisch vom Boden auf, warf es ihr auf den Herd und verlie die
Kche, indem er brummte: Was sich die nicht einbildet, und ist nur so ein
Flgel.
    Als er wieder ins Zimmer kam, um zu fragen, was die Frau Amtmnnin auf
morgen zu befehlen habe, fand er ein Glas Wein eingeschenkt, zu dem er sich
nicht lange ntigen lie.
    Hat's drauen was abgesetzt? fragte sie. Ich meinte einen Fall zu hren.
    Oh, der Jungfer ist nur ein kleiner Poss passiert. Darauf hab ich weiter
gar nichts gesagt als Sachte mit der Braut!, und da ist sie gleich ganz
schiefrig geworden.
    Die gestrenge Frau lachte recht gndig. Es kommt ja nur auf den Mosje
Friedrich an, sagte sie, ob er aus dem Sprichwort Ernst machen will. Das
Mdchen ist aus einer sehr guten, aber whrend der Minderjhrigkeit des Herzogs
unterdrckten und herabgekommenen Familie. Nun, dafr hat sie sich desto besser
in der Welt fortbringen gelernt; das ist auch eine Aussteuer. Sie ist schon bei
einem adeligen Geheimenrat in Diensten gewesen und wei, was Mores sind. Das gb
eine Wirtin, die den vornehmsten Gsten gewachsen wre.
    Sie sagte dies alles auf eine scherzhafte Weise, in welcher gleichwohl etwas
Aufmunterndes lag. Aber freilich, fgte sie hinzu, Wirte sehen mehr auf
ueres als auf inneres Metall, und bei Wirtsshnen wird man ohne Zweifel den
gleichen Gout antreffen.
    Kontrr, im Gegenteil, versetzte der junge Mensch, ich seh bei einem
Mdle aufs Herz und nicht auf die Batzen. Liebreich ist ber hbsch, und hbsch
ist ber reich. Aber Exkse, Frau Amtmnnin, mein Sinn steht darauf, da, wenn
ich einmal heiraten tu, so mu es ein freies Mdle sein. Ich will mein Weib
nicht aus der Dienstbarkeit holen. Arm darf sie wohl sein, aber keine solche,
die schon auf der Adelsbank herumgerutscht und in vornehmen Husern
herumgepudelt worden ist.
    Die Amtmnnin fuhr aus dem Armsessel auf, und ihre Kontusche von Perse
rauschte wie eine Windsbraut durch das Zimmer. Er Flegel, der Er ist! schrie
sie, meint Er denn, ich werde meine Perlen vor solche Schweine werfen! Eine
Zigeunerin wird Er noch kriegen oder des Seilers Tochter, wenn's hoch kommt,
wozu alle Aussicht vorhanden ist! Reis Er sich auf der Stelle, und la Er sich's
nicht beigehen, mir wieder unter die Augen zu treten.
    Friedrich hatte eben das Glas ergriffen, um zur Bekrftigung seiner Rede
einen herzhaften Schluck zu tun, als dieser unerwartete Sturm bei vermeintlich
heiterem Himmel ausbrach. Er setzte verblfft das Glas auf den Tisch, ergriff
seinen Korb und machte sich rcklings gegen die Tre, wobei er den eben
eintretenden Amtmann empfindlich auf den Fu trat. Dieser neue Fehltritt wr
nicht geeignet, ihm seine Fassung wiedergewinnen zu helfen; vielmehr gelangte er
strauchelnd und taumelnd zur Tr hinaus, von grimmigen Blicken und
unfreundschaftlichen Segenswnschen verfolgt.
    Aber die kann einem den Marsch machen! sagte er verwundert zu sich, als er
auf der Strae war. Er trug langsam seinen Korb nach Hause, ohne sich recht
erklren zu knnen, wodurch er die Frau so pltzlich gegen sich aufgebracht
habe. Desto deutlicher stand ihm die doppelte Tatsache vor Augen, da er um eine
nicht zu verachtende Gnnerschaft rmer und um einen furchtbaren Feind reicher
geworden sei. Er verabredete hinter dem Rcken seines Vaters mit einem Knecht,
da dieser knftig statt seiner das Fleisch ins Amtshaus tragen solle; aber
trotz dieser Auskunft machte ihm der Vorgang nicht wenig zu schaffen.
Verschttet l ist nicht gut aufheben, sagte er den ganzen Tag bedenklich mit
dem Sprichwort zu sich.
    Was konnte er unter dem Gewichte dieser Betrachtung Besseres vornehmen, als
die Flasche aufzusuchen, in welcher der Deutsche, der Jngling wie der Greis,
der gemeine Mann wie der vornehme, schon so manche Verlegenheit ersuft oder
erst recht grogezogen hat! Sein Vater war ausgeritten, Ochsen zu kaufen, und
wurde erst in spter Nacht zurckerwartet; die Stiefmutter aber stand nicht in
so hohem Ansehen bei ihm, um ihretwegen die Hausordnung einzuhalten. Er erlaubte
sich, das Nachtessen zu umgehen, und besuchte dafr ein Bckerhaus, wo er gerne
einzusprechen pflegte.
    Die Stube war halbdunkel, als er sie betrat. Auf einem Ofenbnkchen dmmerte
der Bcker, wie es ihm schien; die Wrme des Ofens lie sich bei der
vorgerckten Jahreszeit recht behaglich empfinden. Hinter dem erhellten Fenster,
das in die Kche ging, bewegte sich eine Gestalt, die er fr die Bckerin hielt.
Duselst, Beck? sagte er, dem Manne im Vorbergehen einen freundschaftlichen
Rippensto versetzend; 'n Schoppen Grillengift, Beckin! rief er dann, gegen
die Kche gewendet, und schlug ein paarmal mit der Faust auf den Tisch. Dann
setzte er sich und sttzte verdrielich den Kopf auf die Hand.
    Ein Licht wurde gebracht und vor ihn gestellt, ohne da er den Kopf erhob.
Gleich darauf stellte dieselbe Hand den begehrten Wein im Schoppenglase vor ihn
auf den Tisch. Ohne aufzusehen, wurde er doch der Hand gewahr, die mit dem Glase
vor seinen Augen erschien. Sie hatte, trotzdem da sie nichts weniger als glatt
und geschont aussah, etwas Zartes; die wohlgedrechselten Fingerchen schlangen
sich allerliebst um das Glas, und an die Hand schlo sich ein zierlicher,
runder, voller Arm. Eben wollte er verwundert fragen, wie die beleibte
Bckersfrau zu so anmutigen Gliedmaen komme, als ein fremdes feines Stimmchen
das in den Wirtshusern bliche Wohl bekomm's dazu sprach. Er tat die Hand von
den Augen, sah hin, lie den Arm auf den Tisch fallen, hob den Kopf und starrte
mit freudigem Schrecken die Erscheinung an. Es wr niemand anders als das
hbsche Mdchen mit den gelben Zpfen, das ihm neulich bei seinem unglcklichen
Werbungsversuch begegnet war, und das er seitdem nicht aus dem Sinn verloren
hatte.
    Ei, sagte er lustig, heut htt ich eigentlich einen schwarzen Strich in
den Kalender machen sollen, jetzt mach ich aber einen roten dafr. - Was ist
denn das, Beckin? rief er der eintretenden Frau entgegen. Habt Ihr Euch eine
Kellnerin aus dem himmlischen Reich verschrieben?
    Das ist keine Kellnerin, entgegnete sie, es ist mein Dtle (Patchen), das
mir ein bile im Haushalt und in der Wirtschaft aushilft.
    Wie hei'st denn, du Herzkferle? fragte er.
    Christine, antwortete das Mdchen mit schchternem Lcheln und trat einige
Schritte von ihm weg, indem sie zugleich jenen hingebenden Blick auf ihn fallen
lie, der ihm schon einmal durch die Seele gedrungen wr.
    Bist du von hier?
    Ja wger ist sie von hier, sagte die Bckerin, sie ist ja des
Hirschbauern Tochter.
    Da dich der Strahl! rief er. Ich htt geglaubt, ich sollt Kind und Kegel
im Flecken hier kennen. Ja, dort hinaus bin ich freilich in Jahr und Tag nicht
gekommen.
    Arme Leut sind unwert, versetzte die Bckerin, denen luft niemand nach.
    Oh, Beckin, redet nicht so! Ihr wit wohl, da es mir anders ums Herz ist.
Aber, wandte er sich zum Mdchen, wo steckst denn du, du Zuckerstengele, da
ich dich noch kein einzig's Mal ins Aug gefat hab? Man sollt dich ja wahrhaftig
fr eine Fremde halten.
    Sie ist nie viel unter die Leut kommen, antwortete ihre Patin fr sie.
Sie ist von Kind auf immer so ein Drftele gewesen.
    Es ist heut nicht das erst'mal, sagte Christine leise und freundlich.
    Ja, gelt? erwiderte er lebhaft, neulich sind wir einander auch begegnet?
    Das ist wiederum nicht das erst'mal gewesen.
    Ja, das Mdle hat Euch noch einen Dank abzustatten von lang her, fr etwas,
da Euer Herz nicht mehr dran denkt. Geh, erzhl's ihm, Christinele.
    Ich nicht! rief das Mdchen und zog sich kichernd hinter den Ofen zurck.
Erzhlet Ihr's, Dotel
    Mu ich das Maul fr dich auftun, du Dichele? sagte diese. Nun also! Ich
will anfangen, wie man ein Mrlein anfngt. Es ist einmal ein klein's Mdle
gewesen, hat Bcklein gehabt wie Milch und Blut, das Spruchbuch hat's unterm Arm
getragen, und ein groer Apfel, so rotbackig wie es selber, der hat ihm aus dem
Schrzentschle herausgeguckt. So ein Apfel unter der Schulzeit - Ihr werdet's
wohl noch wissen -, das ist fr ein Schulkind so viel oder noch mehr als fr
einen jungen Burschen ein Schoppen Wein im Beckenhaus. Kommt so ein barfiger
Flegel daher, ein paar Jahr lter als das Kind, und sagt: Gleich gibst mir dein'
Apfel, oder ich schlag dir ein paar Zhn in Hals! Mein Christinele schreit und
rennt, was gilt's, was hast! Aber der Bub hintendrein und fat sie am Fittich
und schttelt sie und will ihr den Apfel nehmen. Da kommt aber einer ber ihn,
und wer anders als der Sonnenwirtle, der Frieder, der nie kein Unrecht mit
miger Faust hat ansehen knnen. Der fat den groben Zolgen und schttelt ihn
ebenmig und steckt ihm ein paar, aber nicht wie's die Buben austeilen, sondern
wie's die Buben von einem Mann kriegen, wenn ein Markstein gesetzt wird.
    Gott's Blitz! rief er frhlich lachend, jetzt geht mir ein Licht auf. Das
ist ja der Fischerhanne gewesen, ja, ja, den hab ich einmal durchgeliedert, weil
er ein Kind mihandelt hat, wie ein Ruber und Buschklepper.
    Ja, und dann habt Ihr dem Kind noch ein Brot dazu gegeben. Da, nimm, habt
Ihr gesagt, damit dir der Apfel kein' den Magen macht.
    Kann sein, sagte er, das wei ich nicht mehr, jedenfalls ist's gern
geschehen. Was, und das Kind bist du gewesen, du Engele, du goldig's? rief er
hinter den Ofen.
    Freilich, erwiderte die Bckerin. Aus Kindern werden Leute und so weiter,
Ihr wit ja, wie das Sprichwort sagt. Aber die Guttat, die hat Euch mein
Christinele in einem feinen Herzen nachgetragen, beides, das Brot und da Ihr
meinen Apfel verteidigt habt, - denn von mir ist er gewesen.
    Er hatte nicht mehr ganz ausgehrt. Ist's wahr, rief er, indem er das
Mdchen, das sich strubte und anmutig lachte, hinter dem Ofen hervorzog, ist's
wahr, da du mich noch kennst und hast selbiges Stck im Herzen behalten?
    Ja, es ist wahr, antwortete sie, und ich htt gern -
    Was htt'st gern? Wieder ein Stck Brot?
    Sie lachte berlaut. Heimgegeben htt ich's gern.
    So, du mchtest mir die Laib heimgeben? Er schlang den Arm um ihre Hfte
und gab ihr mit einem Wink zu verstehen, da jetzt die beste Gelegenheit zu
einer ihm anstndigen Belohnung wre. Die Bckerin hatte den Kopf gewendet, der
Mann schlief auf der Ofenbank. Er drckte sie an sich und suchte mit dem Munde
ihre Lippen. Sie wich ihm lchelnd aus, ohne die vielverheienden Augen von ihm
abzuwenden, und wie er sie am Kinn fassen wollte, um das unbotmige Kpfchen in
festen Verwahrsam zu nehmen, kam sie ihm pltzlich mit den Lippen zuvor. Sein
Wunsch wr in Freiheit gewhrt, ehe er zu Zwangsmitteln schreiten konnte; ein
Ku, nicht lang, nicht voll, nicht feurig, aber blitzartig treffend wr ihm an
den Mund geflogen und fuhr ihm durch Mark und Bein. Ihre Lippen hafteten nur
einen Augenblick; im selben Augenblick war sie ihm unter dem Arm durchgeschlpft
und huschte in die Kche hinaus.
    Mit diesem Kusse wr der Wrfel ber sein knftiges Schicksal geworfen.
    In der ersten Aufwallung seiner Leidenschaft wollte er dem Mdchen
nacheilen, aber eine andere Regung hielt ihn zurck. Er glaubte in dem hellen,
freundlichen Gesichte, obgleich es fast noch unmndig aussah, einen Zug zu
erkennen, der keine Zudringlichkeit aufkommen lie, und besorgte, da er die
gute Meinung, die das Mdchen seit den Kinderjahren in ihrem dankbaren Herzen
von ihm behalten hatte, leicht verscherzen knnte. Diese Betrachtungen hllten
sich jedoch in das Gewand des Stolzes. Was, soll ich den Kchemichel machen?
sagte er zu sich und setzte sich trotzig wieder an den Tisch.
    Die Stube fllte sich allmhlich mit Gsten. Was auf dem Dorfe
Wirtshausbesucher sind, die bilden so ziemlich denselben unvernderten Kreis und
wechseln nur den Ort. Heute findet man sie in der Sonne, morgen geben sie dem
Dreiknig etwas zu lsen, bermorgen sind sie beim Becken, berbermorgen in
der Krone, donnerstags gehen sie zum, wtigen Esel', freitags kriechen sie zum
Kreuz, und am Sonnabend tut ihnen die Wahl weh zwischen dem Dutzend von
Wirtshusern, die noch brig sind.
    Friedrich nahm sich den Abend zusammen, um seinen Herzenszustand nicht zu
verraten. Er verriet ihn aber jeden Augenblick. Er trank ein Glas um das andere,
um Christinens Gegenwart zu genieen und etwa ihre Hand beim Darreichen zu
berhren. Hierzu mute er jedesmal den Augenblick whlen, wo sie gerade im
Zimmer anwesend war, und dies ntigte ihn, oft einen starken Rest mit einem
einzigen Zuge zu leeren. Die andern hatten sein Treiben schnell durchschaut und
gaben ihr mutwilliges Ergtzen bald durch einen Augenwink, bald durch ein
schiefgezogenes Maul zu erkennen. Die Glser, die er aus Christinens Hand
empfing, stiegen ihm nach und nach in den Kopf. Er sang, lachte, schwatzte viel
und lie- seine gute Laune an einem und dem andern der Anwesenden aus, endlich
aber auch an der abwesenden Frau Amtmnnin, die er sich nicht entbldete, eine
alte Kupplerin zu schelten. Wer wei, welch trichtes Zeug er noch angerichtet
haben wrde, wenn nicht Christine, vielleicht absichtlich zu seinem Besten, den
klugen Einfall gehabt htte, die Magnetnadel nach dem entgegengesetzten Pol zu
drehen. Sie wischte auf einmal mit einem Gut Nacht, das wenigstens deutlich auf
sein Ohr berechnet war, zur Tre hinaus. Er wagte ihr nicht seine Begleitung
anzubieten, aber nun war auch seines Bleibens nicht lnger mehr. Allen
Neckereien und Herausforderungen der andern zum Trotz machte er sich so schnell
als mglich los; er hoffte, sie noch unterwegs einzuholen. Da er aber bei all
seiner Aufregung doch so viel Rcksicht genommen hatte, um einigermaen den
Schein zu meiden, so gelang ihm sein Vorhaben nicht.
    Er ging mit eiligen Schritten ans Ende des Fleckens, wo etwas abgesondert
das Huschen ihres Vaters lag. Seine Tritte hallten durch die Nacht. Er umging
das Haus, aber kein Licht war zu sehen. Er lehnte sich lange an den Backofen,
der wie ein groer Bauch aus dem Hause hervorragte. Dann setzte er sich auf die
Deichsel des Wagens, der unter dem Schupfe stand. Im Hause war alles stille,
nirgends ein Laut, weder ein Tritt in einer Kammer, noch das Krachen einer
Treppenstufe zu vernehmen. Du leichtfig's Vgele du, sagte er, bist schon
ins Bett geschlupft und schlafst. Gut Nacht, Christinele, gut Nacht, Schatz!
Mein mut du werden, und wenn ich die Stern vom Himmel reien mt!
    Seine Zechgenossen, als er die Stube verlassen hatte, sahen einander erst
stillschweigend an, dann machten sie allerlei Bemerkungen, sowohl ber den
unerhrten trunkenen Freimut, mit dem er die Maria Theresia des Fleckens
anzutasten gewagt, als ber das pltzliche Feuer, das sich durch Flammen und
Rauch verraten hatte, und zwar kreuzten sich die Bemerkungen ber diese beiden
Gegenstnde.
    Ich glaub, der hat 'n Leibschaden unterm Hut, fing einer an.
    Schtz wohl, und unterm Brusttuch desgleichen, sagte ein anderer.
    Der hat dem Dr- 'n Ohrfeig geben! versetzte ein dritter.
    Reitet der das Maul spazieren, oder das Maul ihn?
    Ja, der reitet sich selber hinein.
    Und die Augen sind auch mit ihm durchgegangen.
    Ich glaub, die hat's ihm angetan.
    Beckin, ich glaub, Euer Dtle kann hexen. Sie gb brigens eine zierliche
Sonnenwirtin, heit das, wenn ihm der Alte, nach Gestalt der Sachen, die
Regierung bergibt.
    Oh, ihr Leut, redet doch nicht so gottlos! sagte die Bckerin lachend
dazwischen.
    Der wird ankommen, wie die S- im Judenhaus.
    Er ist und bleibt halt des Sonnenwirts sein Frieder.
    
    Ja, ja! riefen alle zusammen, und nachdem sie in solchen sprichwrtlichen
Redensarten dem Geist Luft gemacht hatten, gingen sie heim, um denselben fr
dieses Mal ruhen zu lassen.

                                       5


Der trotzigste Bursche in ganz Ebersbach war mit einem Schlage so umgewandelt,
da ihn sein eigener Vater nicht mehr erkannte. Er zeigte sich demtig,
dienstfertig und zu allem willig; seine angeborene Gutherzigkeit brach siegreich
hervor, wie wenn nach langem Unwetter der Himmel wieder blau erscheint. Sein
Vater wurde tglich zufriedener mit ihm: denn einmal ersparte ihm Friedrich ein
paar Knechte, so fleiig und anstellig war er jetzt; dann tat er der Kundschaft
sichtlichen Vorschub, sowohl in der Metzig, wo der weibliche Teil des Fleckens
die Fleischeinkufe am liebsten bei ihm besorgte, als auch in der Schenke, wo
seine heitere Laune an die Gste, whrend er selbst sich des Schlemmens
enthielt, manche Flasche mehr absetzte; und endlich konnte es dem Alten doch
auch nicht ganz gleichgltig sein, den einzigen Sohn, in dessen Hnde dereinst
die Sonne kommen sollte, so einschlagen und in sich gehen zu sehen. Von dem
Vorfall mit der Amtmnnin erfuhr er nichts, denn diese hatte ihre Pille
stillschweigend verschluckt; und als es ihm nach einiger Zeit auffiel, da
Friedrich kein Fleisch mehr ins Amthaus trug, so entschuldigte dieser sein
Wegbleiben damit, da die Amtmnnin nicht undeutlich die Absicht blicken lasse,
ihm ihre Kchin zu kuppeln, worauf der Alte sein Betragen hchlich billigte. Er
lie schon in der Stille sein Auge unter zwei oder drei Posthalterstchtern in
der Gegend umherschweifen, denn wie die alten Grafen von Wrttemberg auf den
Herzogshut, so war der Sonnenwirt mit allen erdenklichen Mitteln darauf bedacht,
der Sonne durch Verbindung mit einer Postgerechtigkeit, die durch Heirat am
wohlfeilsten zu erlangen war, einen hheren Aufschwung zu geben. Noch immer zwar
blieb er in Mienen und Worten streng gegen seinen Sohn, denn er hielt es, wie er
sagte, fr geraten, den Burschen in der Stange zu reiten; aber wenn er sich
von ihm unbeachtet glaubte, so schmunzelte er oft recht behaglich hinter ihm
her. Unter diesen Umstnden mute auch die Stiefmutter zu einer berechneten
Freundlichkeit auftauen, denn bei eintretenden Vernderungen wurde Friedrich, ob
es ihr nun gefallen mochte oder nicht, eine bedeutende Person fr sie. brigens
dauerte diese Konsideration, wie die Frau Amtmnnin es genannt haben wrde, nur
kurze Zeit: nachdem ihr der Fischer seinen heimlichen Bericht abgestattet hatte,
begann auf ihrem Gesichte ein zweideutiges Lcheln stehend zu werden, welches
hinter Friedrichs Rcken oft ebenso hhnisch als das seines Vaters wohlgefllig
war. Diesem hatte sie lngst seine Plne abgelauscht und wute ihn durch
gelegentlich hingeworfene Reden eifrig darin zu bestrken. Zu dem Fischer sagte
sie bei jener Gelegenheit: Ich hab mir's von Anfang eingebild't, da der Bub
nicht gut tun wird, es ist seine Art nicht. - So einem reichen Shnlein,
erwiderte der Fischer, htt man Zuchthaus und alles verziehen. Ich mcht nur
auch sehen, wie man selbigenfalls mit unsereinem umging; da wr kein Aufkommen
mehr. Wiewohl, der begehrt doch den Berg abe, er kann eben das Glck nicht
vertragen.
    Inzwischen waren Friedrichs Versuche, Christinen in den nchsten Tagen nach
jener Begegnung im Bckerhause wieder anzutreffen, vergeblich gewesen, und nach
einem unangenehmen Auftritt mit dem obern Mller, der aus Groll, da er ihn
nicht unter seine schwiegervterliche Aufsicht bekommen konnte, sich einige
Anzglichkeiten gegen ihn erlaubte, gab er diese Versuche vllig auf. Nicht da
er das Feld als Besiegter gerumt htte, denn der Mller war sowohl mit der
Zunge als mit der Faust zu kurz gekommen, aber er vermochte es nicht zu
ertragen, seine Herzensangelegenheit zum Gegenstand roher Scherze gemacht zu
sehen. Er htte der ganzen Welt verbieten mgen, ein Wort davon zu reden; wute
er doch nicht, da es fr die menschliche Zunge, wie sie nun einmal bei vielen
seiner Nachbarn beschaffen war, keinen kstlicheren Genu gab, als eine
Liebschaft zu verarbeiten, und da ihr solch ein Festmahl um so ser schmeckte,
je mehr Gift und Bitterkeit sie beimischen konnte.
    Da er Christinen nirgends zu Gesicht bekam und die Entfernung von ihr nicht
lnger aushalten zu knnen meinte, so beschlo er endlich, geradezu in die
Familie seiner Geliebten einzudringen, ein Unternehmen, das auf dem Lande meist
mit mehr Schwierigkeiten und Verlegenheiten verbunden ist als in der Stadt, weil
der Bauer den Dingen ohne Umschweif auf den Grund geht und ber den Zweck eines
Besuches nicht in entfernten Anspielungen und Feinheiten, sondern ganz rund und
glatt und grob belehrt sein will. Auch wird auf diesem Wege nicht leicht eine
Liebschaft, sondern nur eine schon vorher abgemachte Werbung ins Werk gesetzt.
Nun wrde zwar der Eintritt in das Haus des Hirschbauern nicht so viel
Kopfzerbrechens erfordert haben als anderwrts ein solcher Versuch, denn die
Leute waren bitterlich arm und hatten sogar schon whrend einer Krankheit des
Hausvaters Untersttzungen aus dem Kirchensckel genossen, der in den Gemeinden
fr Kirchenzwecke und Armenfrsorge gestiftet ist und gewhnlich der Heilig
genannt wird. Man konnte deshalb ohne groe Scheu voraussetzen, da sie einen
Zuspruch aus der Sonne wohl auch nicht verschmhen und die berbringung
desselben durch den Sohn des Hauses, statt durch einen Knecht, als eine
besondere Ehre aufnehmen wrden; allein der junge Mensch war trotz der Roheit,
in welcher ihn die herrschende Sitte seiner Umgebung erhielt, zumal wo es sich
um das Betragen des Vermglicheren gegen den Armen handelte, zartfhlend genug,
sich die Tre zu dem Mdchen seines Herzens nicht mit einem unumwundenen Almosen
erffnen zu wollen. Er erdachte sich vielmehr einen anderen Weg, der ihn ohne
Demtigung derselben, aber doch mit einer kleinen Strafe fr ihre Zurckhaltung,
zu dem ersehnten Ziele fhren sollte. Neben einer Kuh und einer Ziege, die dem
Hirschbauer als berreste eines ohnehin geringen Viehstandes geblieben waren und
so kmmerlichen Unterhalt gewhrten, da der Backofen am Hause nur noch wie ein
Spott ber die Nahrungslosigkeit aussah, besa die Familie ein Lamm, das aber
eigentlich Christinen gehrte, welche es einst als krank, aufgegeben und wertlos
vom Schfer zum Geschenk erhalten, durch ihre mitleidige Pflege jedoch sich
selbst und ihrem kleinen Bruder zur Freude davongebracht hatte. Alles dieses war
von Friedrich ausgekundschaftet worden, und so trat der junge Bewerber eines
Tages mit dem gleichgltigsten Gesichte unter dem Vorwande eines Handels in das
Haus. Christine, die ihn vom Fenster aus kommen sah, begab sich geschwind aus
der Stube, um ihre Bestrzung nicht merken zu lassen; aber sie mte kein
Mdchen gewesen sein, wenn sie nicht, nachdem der erste Schrecken vorber war,
das Herz in die Hnde genommen und sich wieder an ihre Kunkel gesetzt htte.
Gleichwohl konnte sie es nicht wehren, da, als sie eintrat und mit demtig
leisem Grue an dem Besuch vorberging, eine helle Rte ihr ins Antlitz scho.
Dieselbe wich jedoch schnell, als das Mdchen gewahr wurde, da ihr Schflein
dem jungen Metzger verkauft sei, da sie es verlieren und an die Schlachtbank
abgeben msse. Das Geld lag schon blank auf dem Tische, ein lockender Preis, dem
die Armut nicht wohl widerstehen konnte. Christine erblate und hob kindlich zu
weinen an; sie richtete ihre Augen mit einem so schmerzlichen Blick auf den
Beschtzer ihrer Kindheit, der ihr jetzt das antun konnte, da dieser, dem der
Stachel des stummen Vorwurfs durch das Herz ging, sein Spiel beinahe bereute und
es schneller, als er sich vorgenommen hatte, zu Ende fhrte. Es scheint, sagte
er, der Jungfer tut es and nach dem Tierlein; ich wrd mich ja der Snde
frchten, ihr so ins Herz zu schneiden; nun ist's aber einmal gekauft und
bezahlt, und da beit die Maus keinen Faden davon; also wird's, schtz ich, das
beste sein, ich geb's ihr derweil in Verwahrung und lass ihr's anbefohlen sein,
bis ich's einmal ntiger hab als just heut; mir ist's nicht so eilig damit, und
bei ihr kommt vielleicht einmal eine Zeit, wo sie ihr Herz von dem Tierlein
losmacht und an etwas anders hngt. - Er blickte ihr dabei listig lchelnd ins
Gesicht, wo durch die Regenschauer wieder ein Sonnenschein geschlichen kam, und
da dem Hirschbauer die Sache weder lieb noch leid zu sein schien, die Mutter
aber beifllig lachte, so fuhr er fort: So wren wir also handelseins, aber das
mu ich mir ausbedingen, da ich unterzwisperts nach meinem Lamm schauen darf,
ob's auch in guter Wartung steht, denn es ist und bleibt mein Eigentum, und ich
will's hier nur eingestellt haben; also von Zeit zu Zeit werd ich so frei sein
und anfragen, ob's brav gedeiht. Dabei krabbelte er kunstgerecht an dem
Lmmchen herum, wartete keine Antwort ab, sondern sprang gewandt wie ein
Kavalier auf andere Dinge ber, schwatzte von dem und jenem, streichelte und
neckte den kleinen Wollkopf, der, dem uern nach noch glcklicher als
Christine, sein gerettetes Lamm festhielt, fragte nach den beiden lteren
Shnen, welche ja seine Schulkameraden seien, und als die Mutter nicht
ermangelte, dieselben herbeizurufen, so lud er sie kurzweg ein, den Weinkauf
ber den abgeschlossenen Handel zu trinken, denn derselbe msse stt und fest
sein. Dabei fate er die beiden Bursche, die ungefhr in seinem Alter sein
mochten, an den Armen, trieb sie zur Tr hinaus, ohne ihnen Zeit zu einer
Widerrede zu lassen, nahm Abschied und war mit ihnen fort, ehe jemand etwas zu
tun oder zu sagen wute. Die Hirschbuerin allein war gefat genug, ihm
nachzurufen, er mchte so frei sein, ihnen bald wieder die Ehre zu schenken.
    Der Hirschbauer sah sein Weib eine Weile in stiller Verwunderung an, whrend
Christine sich wieder auf die Seite machte, um wenigstens dem ersten Anlauf
etwaiger Errterungen auszuweichen, wobei sie jedoch wohlweislich die Tre ein
wenig offen lie.
    Das htt'st du auch knnen bleiben lassen, sagte er endlich verdrielich,
es kommt mir grad vor, wie wenn man dem Marder den Schlssel zum Taubenschlag
ausliefert.
    Wenn du dich nur nicht auf Gesichter verstehen wolltest, entgegnete sie.
Hast ihm denn nicht in die Augen gesehen? Der meint's ehrlich.
    Ein Sohn aus einem frnehmen Haus!
    Ei, hat nicht auch der reiche Boas die Ruth geheiratet, die arme
hrenleserin?
    Man lebt jetzt nicht mehr im Alten Testament. Und wenn auch er aus der Art
geschlagen wr, was wird der Sonnenwirt dazu sagen? Wart, du wirst eine Ehr
aufheben.
    Kommt Zeit, kommt Rat.
    Die Zeit bringt nicht blo Rosen, sie bringt auch Disteln.
    Je nachdem man's pflanzt. Das Sprichwort sagt: Mdchen mssen nach einer
Feder ber drei Zune springen. Von den armen gilt das zweimal.
    Ich will mein Kind keinem nachwerfen, fuhr er auf.
    Davon ist auch nicht die Red, sagte sie. Nachwerfen und Versorgen ist
nicht einerlei. Wenn du das aber so sicher hast, wie den Weck auf'm Laden, so
kannst du freilich sitzen und warten, bis ein Freier aus Schlaraffenland
angeritten kommt, um sich die vollen Kisten und Kasten zu besehen.
    Schwtz du dem Teufel ein Ohr weg, sagte er, der Tre zugehend. Ich aber
will keine Unehr und keinen Unfrieden von der Sach haben.
    Du bist kurz angebunden, warf sie ihm nach, und aber, was du sagst, gibt
auch noch kein' langen Faden. Denk nur auch dran, da das frnehm Fllen einen
groen Fleck hat, der's nicht schner macht. Der Sonnenwirt mu ja selber
wissen, da er nicht mehr den hchsten Preis daraus lst. Aber was zum Reitpferd
verdorben ist, gibt oft noch ein gutes Ackerpferd, und einem geschenkten Gaul
guck ich nicht ins Maul.
    Der Alte blieb in der Tre stehen. Die letzten Bemerkungen seines Weibes
schienen ihm doch einigermaen einzuleuchten. Er antwortete nichts darauf,
dachte aber eine Weile nach und ging dann mit einem halb mrrischen, halb
zufriedenen Brummen hinaus.
    Die Mutter rief Christinen, die gar nicht weit gewesen war. Mach, da du an
die Kunkel kommst, Sonnenwirtin, sagte sie. Meinst du, es sei schon so weit
und du knnest Feierabend machen?
    Mutter, erwiderte das Mdchen, auf die grobe Fllung der Kunkel deutend,
ich wei wohl, das gibt kein Hochzeitskleid.
    Unser Herrgott hat die Welt aus nichts erschaffen und den Menschen aus
einem Erdenklo. Die Amtmnnin ist, just wie ihre Kathrine, eine arme
Hausjungfer gewesen bei einer groen Herrschaft, und jetzt ist sie eine
allmchtige Frau, die einen ganzen Flecken regiert, und wie! La du nur den
lieben Gott walten. Aber das sag ich dir, rief die alte Buerin mit erhobener
Stimme, indem sie dicht vor ihre Tochter trat und ihr die geballte Faust vor das
Gesicht hielt, das sag ich dir, da du mir keinen dummen Streich machst, sonst
lass ich kein ganzes Glied an dir.
    Christine antwortete nichts, sie spann emsig fort und lie die Spindel nur
leise auf dem Boden tanzen.
    Whrend dieser Zeit war es ihren Brdern im Bckerhause, wohin Friedrich sie
gefhrt, nicht wenig wohlgegangen. Wein war eine seltene Kostbarkeit fr sie,
und die Kameradschaft des Sonnen wirtssohnes schmeichelte ihnen, unerachtet des
Makels, der ihm anklebte, so sehr, da sie den Mund kaum zusammenbrachten und
jeden Spa, den er auftischte, mit lautem Gelchter begrten. Christinens wurde
mit keinem Wort erwhnt, aber beim Aufbruch gab er ihnen eine Flasche von seinem
Grillengift mit, damit die zu Hause, wie er sich ausdrckte, auch etwas davon
htten. Ohne Zweifel hatte er damit nicht blo die beiden Alten gemeint. Zur
Steuer der Wahrheit und Vollstndigkeit der Geschichte mu noch gesagt werden,
da er die Zeche schuldig bleiben und sich von der schmunzelnden Wirtin eine
Borgfrist von etlichen Tagen erbitten mute; denn der Schafhandel, so groe
Vorteile er ihm auch in der Zukunft versprach, hatte fr den Augenblick seine
Barschaft vllig erschpft.
    Im Weggehen wandte er sich an den einen von seinen beiden neuen Freunden.
Ttest mir einen Gefallen, Jerg?
    Zwei fr ein', Frieder.
    Ich hab eine schne Pirschbchse, sagte er lchelnd, die mir unwert
geworden ist. Sei so gut und trag sie morgen nach Rechberghausen zum
Krmerchristle; der wird dir dafr geben, was recht und billig ist. Erinnere
ihn, da er mir versprochen habe, sie wieder zurckzunehmen, wenn ich sie nicht
mehr wolle. Ich mu morgen meinem Vater einen Gang nach Elingen tun und kann's
also nicht selbst besorgen. Auf die Nacht, wenn's dunkel ist, geb ich dir das
Gewehr, und morgen abend, wenn ich von Elingen komm, knntest drauen auf der
Ruhbank auf mich warten.
    Gern.
    Der dreiugig Spitzbub! rief er am andern Abend, als er das Geld zhlte,
mit welchem ihn sein Freund vor dem Flecken an der Strae erwartete, der nimmt
ja einen Heidenprofit und milkt mich wie eine Kuh, aber ich will ihn schon dafr
kriegen. Was hat er denn gesagt?
    Er hat gesagt, er hab dir freilich versprochen, er wolle die Bchse
wiedernehmen, aber nur fr den Fall, da sie dir nicht gut genug sei, und das
knnest du selbst nicht sagen; aber da die Katze je vom Mausen lassen knnte,
das hab er nicht geglaubt und auch kein Versprechen darauf getan.
    Friedrich lachte beraus lustig. Der Galgenstrick! sagte er, so, der will
mich noch dafr strafen? Nun, setzte er mit ernstem Tone hinzu, ich hoff, das
soll meine letzte Strafe gewesen sein. Auf dem Weg, den ich geh, kann ich keine
Strafe mehr brauchen.
    Es war ein doppelter Zweck, den er mit diesem Geschft erreichen wollte.
Erstens hatte er nun wieder etwas Klingendes in der Tasche, denn es wre ihm
unertrglich gewesen, mit leeren Hnden zu lieben. Zweitens aber - und das war
der Grund, warum er Christinens Bruder mit dem Verkauf des Jagdgewehres
beauftragt - hatte er sein Mdchen in verdeckter Weise wissen lassen, da er um
ihretwillen nicht blo auf den Pfad der Tugend zurckkehren, sondern auch jeden
andern Weg meiden wolle, der, wenn auch nicht gerade brgerliche Verabscheuung
darauf ruhte, doch anderswohin als zu der Verbindung mit ihr fhren konnte.

                                       6


Immer hufiger wurden die Besuche und heimlichen Berichte, die der Fischer der
Sonnenwirtin abstattete und fr die er nicht nur manche Guttat aus Kche und
Keller nach Hause trug, sondern auch das Versprechen erhielt, da es ihm
dereinst, wenn sie durch allfllige Ereignisse zur ausschlielichen Herrschaft
im Hause gelangen wrde, noch viel besser gehen solle. Denn wer hinderte sie zu
hoffen, da, wenn der einzige Sohn aus der Art schlge und sich selbst um die
Erbschaft betrge, sie durch ein Testament ihres Mannes, dem sie im Alter
ziemlich weit nachstand, in die Fhrung der Wirtschaft eingesetzt werden knnte,
zu welcher sie sich fr tchtiger erkannte als die beiden Tochtermnner, den
Chirurgus und den Handelsmann.
    Aber auch unter den Mitbrgern des jungen Mannes erregte das neue Leben, das
ihm aufgegangen war, ein groes Gemurmel. Man konnte der Familie des
Hirschbauern nichts vorwerfen als ihre Armut, allein diese Eigenschaft gengte,
um den Umgang eines Wohlhabenden mit ihr fr die ffentliche Meinung des
Fleckens, und zumal in den Augen des stdtisch gekleideten Teils desselben,
hchst verwerflich zu machen. Gestern hatte man sie noch mit einer Mischung von
Mitleid und Geringschtzung arme Leute genannt, heute hie man sie schon
Gesindel, das mit Preisgebung der eigenen Ehre ein ungeratenes Frchtlein aus
gutem Hause einziehe; und Friedrich selbst, dem man seine bisherigen
Jugendstreiche beinahe so gut wie vergeben hatte, kam nun als Genosse dieser
Verachtung nur um so schlimmer weg, indem man alles Vergangene auffrischte, um
zu beweisen, da er von jeher nur Zuneigung zu schlechtem Volke und Hang zu
schlechten Streichen gehabt habe. Ihm wurde es als Verbrechen geachtet, da er
sich zu so geringen Leuten herunter gab; Christinen und den Ihrigen wurde es als
Schimpf angerechnet, da sie sich mit einem gewesenen Strfling einlieen, der
doch so manchem, wenn er seine Neigung anderswohin gewendet haben wrde, gut
genug gewesen wre. Das Gercht von abermaliger bler Auffhrung des jungen
Sonnenwirtle drang bald zu der Frau Amtmnnin, die es nach Krften verbreitete
und in den nchsten Tagen der Frau Pfarrerin, als diese auf einen
Nachmittagsbesuch zu ihr kam, erzhlte. Diese wute es schon, obgleich nicht so
vollstndig wie die Frau Amtmnnin. Beide Frauen lieen die Sonnenwirtin holen
und empfingen sie mit einem Strom von wetteifernden Zurufen: Denk Sie doch,
Frau Sonnenwirtin - und: Ei, was denkt Sie denn, da Sie Ihrem ungeratenen
Sohn so freien Lauf lt - Wei Sie denn auch -? Das sollt Sie seinem Vater
sagen, damit er dem Unfug ein Ende macht! Die Sonnenwirtin, als sie endlich das
Wort ergreifen konnte, versicherte zum grten Verdru der beiden vollgeladenen
Erzhlungshaubitzen mit Seufzen, da sie von allem bereits vollstndig
unterrichtet sei; dem Vater, setzte sie kopfhngerisch hinzu, habe sie bisher
nichts sagen mgen, teils um ihm einen so schweren Herzsto, teils um dem Sohn,
den sie vergebens in Gte herumzubringen gehofft, bse Tage zu ersparen; sie
sehe aber wohl ein, da sie endlich, obgleich ungern genug, den Mund auftun
msse. In diesem lblichen Vorsatze mit vereinten Krften von ihnen bestrkt,
ging sie in die Sonne zurck und machte ihrem Manne die schon lngst fr eine
passende Stunde aufgehobene Erffnung, da sein Sohn mit einem Lumpenmdchen,
mit einem Bettelmensch sich in eine Liebschaft eingelassen habe. Sie hatte aber
nicht den rechten Augenblick gewhlt, denn der Sonnenwirt antwortete ganz
trocken: Das ist seine Sache, Jugend will vertoben, man kann nicht nach allen
Mucken schlagen, die Kuh mu auch dran denken, da sie selbst ein Kalb gewesen
ist. - Ich wei gar nicht, wie du mir vorkommst, sagte die Sonnenwirtin, man
sollt ja meinen, du seiest in deiner Jugend rger gewesen als der Herzog
selbst. Der Sonnenwirt lachte pfiffig vor sich hin, denn es ergtzte ihn, seine
Frau an derartigen Vorstellungen, die sie rgerten, kauen zu sehen; dann sagte
er im Fortgehen: Ich will ihm brigens bei Gelegenheit ein wenig den Marsch
machen, damit er nicht meint, es werde ihm durch die Finger gesehen; wenn's
einmal Frhling ist, so kann man nicht alle Krutlein hten, aber man mu davor
sein, da nicht der ganze Salat schiet; auch wrd ich mich dafr bedanken,
nachher einen Schaden zu haben und noch einen Spott dazu. - Die Sonnenwirtin
sah ihm, als sie allein war, mit starkem Kopfschtteln nach und sagte giftig
hinter ihm drein: Du mut mir ein sauberes Kraut gewesen sein in deinem
Frhling. Sie brachte es auch mit wiederholten Vorstellungen nicht weiter, als
da der Alte einmal gegen seinen Sohn im Vorbergehen einige Worte hinwarf.
Sieh dich vor, du! bemerkte er ihm, du weit, das Sprichwort sagt, an ruigen
Kesseln wird man schwarz; wenn's zu Dummheiten kommt, so hoffe nicht, da du an
mir einen Helfer in der Not haben werdest. Die Bemerkung war eine von denen,
die keine Antwort verlangen, und Friedrich lie sie auch unerwidert, denn er
konnte sich wohl denken, da er durch eine Darlegung seiner wahren Absicht den
Vater nicht sonderlich begtigen, sondern eher einen Kampf mit ihm herbeifhren
wrde, den er solang als mglich hinauszuschieben gesonnen war. brigens schien
das Sprichwort, das jener angefhrt, seinen Inhalt an ihm bewhren zu wollen,
denn Friedrich wurde um diese Zeit in einen verdrielichen Handel verwickelt.
Der obere Mller, der ohnehin nachgerade einen groen Ha auf ihn geworfen
hatte, vermite eines Morgens einen Bienenkorb. Es hing von der Person und den
Verhltnissen des Tters ab, ob man diese Entwendung als eine Tat bbischen
Mutwillens oder als einen gemeinen Diebstahl betrachten wollte. Der Verdacht
fiel auf einen der Shne des Hirschbauern, dessen Armut und neuerliche
Verrufenheit fr die niedrigere Auffassung der jedenfalls unsauberen Handlung
entschied, und es fanden sich Augenzeugen, welche an dem der Entdeckung
vorhergegangenen Abend spt gesehen haben wollten, wie Friedrich auf der Brcke
unweit der Mhle seinem Gesellen pfiff. Es konnte jedoch nichts bewiesen werden,
und die Sache mute beruhen bleiben; aber das Gercht ruhte nicht, und die aus
vorsichtiger Ferne geschleuderten Schimpfreden des Mllers gaben dem
Verwerfungsurteil ber die Wahl des jungen Mannes neue Nahrung. Dieser hat
brigens, als er zehn Jahre spter ber ganz andere Dinge die umfassendsten und
rckhaltlosesten Bekenntnisse ablegte, jede Teilnahme an jenem verhltnismig
geringen Vergehen standhaft in Abrede gezogen.
    Die Sonnenwirtin wrde zweifelsohne nicht unterlassen haben, von diesem
Vorfall in tglichen und nchtlichen Gesprchen mit ihrem Manne erschpfenden
Gebrauch zu machen, allein sie mute es bei einer kurz und hart hingeworfenen
Mitteilung der Neuigkeit bewenden lassen, welche auf den Sonnenwirt diesmal
einen beinahe nur oberflchlichen Eindruck machte, weil ihm selbst ein viel
schlimmerer Handel auf den Hals gekommen war, infolgedessen zwischen den beiden
Eheleuten wochenlang auer dem Ntigsten nur wenig, und auch dieses Wenige nicht
in Gte gesprochen wurde. Gegen den Sonnenwirt hatte nmlich eine jener
liebreichen Basen, die es berall gibt und die niemals reichlicher blhten als
in der sogenannten guten alten Zeit, natrlich nur aus den hchsten und reinsten
Beweggrnden, nichts Geringeres als eine Ehebruchsanzeige vor das geistliche
Gericht gebracht. Die Denunziation war, ihrer Urheberschaft gem, von der
Angabe zahlloser Einzelheiten und haarkleiner Umstnde begleitet, so da der an
sich unwahrscheinliche Verdacht gegen einen Mann in den Sechzigen und eine zwar
rsche (noch frische), aber wohlberufene Witwe, denn eine solche war der
Mitgegenstand der Anklage, doch etwas Fleisch und Blut erhielt. Eine lange und
widrige Untersuchung wurde eingeleitet, bei welcher eine Reihe von Zeugen
erscheinen muten, ohne da jedoch der Bezicht zu jenem Grade erhrtet wurde,
der das Gericht gentigt htte, an eine Verschuldung zu glauben. Auch die beiden
Angeklagten gestanden nicht das mindeste Verdchtige ein, und die Angeberin, da
sie sah, da sie ihre Klage nicht beweisen konnte, zog dieselbe zurck. Sie
glaubte, mit einem Widerrufe davonzukommen, allein der Sonnenwirt verlangte fr
sich und seine mitangeklagte Gevatterin Satisfaktion, und so wurde sie wegen
Lgens und falschen Denunzierens zu einer brigens migen Geldstrafe, in welche
sich die Herrschaft (der Staat) und der Heilige teilten, sowie zur Abbitte
verurteilt. Aus Rcksicht auf den dem Honoratiorentum verwandten Stand des
Sonnenwirts wurde die Sache nicht auf dem Rathaus, sondern im Amthause
verhandelt, auch in das Kirchenkonventsprotokoll nur ein kurzer Auszug
aufgenommen und die Untersuchung selbst in einem Separatprotokoll niedergelegt,
welches man jedoch, um aller Verantwortung enthoben zu sein, an das Oberamt
einsendete, wo sodann, da die Akten keine bestimmten Verdachtsgrnde ergaben,
die Angelegenheit ohne weitere Folgen liegen blieb. Wie es jedoch in allen
solchen Fllen zu geschehen pflegt, so blieb genug davon an den Beteiligten
hngen, und in der Sonne schienen die Flecken ber den Glanz Meister zu werden,
zumal die Geistlichkeit in ihrer Abneigung vor jedem Skandal das
Monatskrnzchen, das berhaupt nur unter einem sehr nachsichtigen Vorgesetzten
im Wirtshause gehalten werden konnte, eingehen lie. Denn der
Spezialsuperintendent, dein sie untergeben war, stand seinerseits unter einem
Konsistorialrat, der das im Evangelium erzhlte Erscheinen seines obersten
Kirchenherrn auf der Hochzeit zu Kana mit den Worten verurteilte: Htt's auch
knnen bleiben lassen! Unter allen Nachwehen aber, die den Sonnenwirt trafen,
plagte ihn am empfindlichsten die Eifersucht seiner Frau; denn diese wollte ihn
nicht freisprechen, wie die Konventsrichter ihn freigesprochen hatten. Ihr
Schweigen und Trutzen veranlate ihn, sie geradezu zu fragen, ob sie denn etwas
von der Verleumdung glaube; worauf sie seufzend erwiderte, sie stelle die Sache
Gott anheim, der ins Verborgene sehe. Auf diese Weise wute sie jedem
unmittelbaren Wortwechsel auszuweichen, qulte aber ihren Mann teils durch
finsteres Stillschweigen, teils durch abgebrochene Redensarten, die ihn von
weitem her trafen und wehrlos stachen, weil er sie nach dem Wortlaut nicht auf
sich beziehen mute und doch dem Sinne nach auf niemand anderes beziehen konnte.
So erzhlte sie ihm spttisch, sein Sohn habe auch wieder einmal einen kleinen
Verdru gehabt, es sei nur schade, da die Sache werde weltlich vom Amt allein
abgemacht werden, denn wenn sie geistlich gerichtet wrde, so knnte man
immerhin hoffen, da die Konventsherren ein Einsehen haben wrden von wegen der
Sigkeit des Honigs; dann schimpfte sie auf den Hirschbauer und seinen Sohn und
bemerkte dabei, der Apfel falle eben nicht weit vom Stamme, es sei gemeiniglich
einer so liederlich wie der andere! Durch dieses Betragen, bei welchem die
Leidenschaft ihr Salz dumm gemacht hatte, trieb sie den Vater auf die Seite des
Sohnes und versuerte ihm die Neigung, gegen etwaige Irrgnge desselben
einzuschreiten. Friedrich hatte in dieser Widerwrtigkeit von Anfang an fest die
Partei seines Vaters genommen. Zu Hause schwieg er ber den kitzlichen
Gegenstand, wie jedermann dort darber schwieg. Auswrts aber wachte er ber
jedes Wort, das die Leute redeten, und wehe dem, der sich die geringste
Anspielung erlaubte! Die Ohrfeigen und Pffe, die er, oft nur im Vorbergehen
auf der Strae, austeilte, wurden sprichwrtlich; denn sein Eifer bedachte auch
manchen Unschuldigen, der mit seiner Rede etwas ganz anderes gemeint hatte.
Durch diese bestndige Kriegsbereitschaft wurde die Zahl seiner Freunde nicht
vermehrt. Sein Vater aber schien ihm, ohne jedoch viel mit Worten merken zu
lassen, so gewogen, da Friedrich oft dachte, er knne kaum eine gnstigere Zeit
finden, um sich die vterliche Einwilligung zur Heirat mit der Tochter des
Hirschbauers zu erbitten.
    Vielleicht wre sie ihm zuteil geworden und htte den Wildbach seines
Schicksals in ein fortan friedliches Bette geleitet. Doch wer kann dies sagen?
Vielleicht wre es auch dein Vater in dieser milden Stimmung gelungen, den Sohn,
der guten Worten so zugnglich war, andern Sinnes zu machen, bevor er sich
unwiderruflich gebunden htte. Allein der Sonnenwirt berhrte den Gegenstand
nicht mehr, weil er nach seiner Sinnesart nicht daran dachte, da es seinem
Sohne mit dieser Liebschaft Ernst sei, und diesem fehlte immer noch die
Hauptbedingung, die ihm die Zunge lsen konnte, nmlich das Jawort des Mdchens,
das er liebte. Er hatte von der Erlaubnis, nach seinem Lamm zu sehen, mglichst
fleiigen Gebrauch gemacht, er hatte Christinen durch Vermittlung ihrer Brder,
denen er das Geld dazu gab, in den Lichtkarz und auf den Tanzboden gebracht, er
hatte keine Gelegenheit versumt, mit ihr zusammenzutreffen, aber seine Wnsche
waren noch weit von ihrem Ziel. Beim Heimgehen von einem Tanze, wo er sie
begleitete und eine Strecke hinter ihren Brdern blieb, flsterte er ihr alles
Liebe und Schmeichelnde zu, was ihm sein Herz zu dieser Stunde eingab; sie ging
still und vor sich blickend neben ihm her, und als er heftig beteuerte, er msse
noch ihr Schatz werden, er tue es nicht anders, oder er gehe weit fort nach
Amerika, antwortete sie lachend: Mein Schatz, das kannst du schon sein, aber
damit bin ich der deine noch nicht; nach Amerika mut aber nicht gehen, denn da
geht niemand hin, der was recht's ist. Mit einem Sprung war sie bei ihren
Brdern und neckte ihn, da er so langsam nachkomme. Wie sie ihm aber an ihrem
Hause gute Nacht sagte, traf sie ihn wieder mit einem Blicke, wovon ihm das Herz
wirbelte. So hielt sie ihn, und lie ihn doch nicht nher kommen. Wenn sie
allein mit ihm war, benahm sie sich scheu, und vor den Leuten war sie
schnippisch gegen ihn. Er sagte sich, da sie als ein armes Mdchen gegen ihn,
den Sohn wohlhabender Leute, die sie nicht mit gnstigen Augen ansehen wrden,
doppelt auf ihre Freiheit zu halten berechtigt sei; deshalb ertrug er ihr Wesen
mit ungewohnter Geduld und begngte sich mit der halben Gunst, da sie unter
vier Augen du zu ihm sagte. Wenn er bei einer solchen Gelegenheit einen Ku
begehrte, so konnte sie ihm den Bescheid geben: Ich will mich noch besinnen,
bleibenlassen ist gut dafr. Wurde er dringender, so sagte sie: Soll ich mich
zu meinem Schafknecht so heruntergeben? und entsprang ihm lachend. Ihre Augen
aber fuhren fort, das Gegenteil von ihren Worten zu reden, und dies gab ihm
wieder eine Zuversichtlichkeit, die sie zu beleidigen und zu nur um so
bermtigeren Zurckweisungen zu reizen schien. Ja, ja, man darf nur knallen
und ausfahren! pflegte sie bei solchen Anlssen spttisch zu sagen. Endlich
aber erwachte der ungestme Zorn in ihm, den er so lange gebndigt hatte. An
einem sonnigen Dezembernachmittage kam er an ihrem Haus vorbei; sie hatte ihn
den Fuweg kommen sehen und stand hinter dem Hause, wo das freie Feld sich
ffnete und die Berge der Alb herunterschauten. Er tat, als fhre ihn der Weg
nur so vorbei; denn er hatte sich aus Unmut ein paar Tage nicht blicken lassen.
Als er sie sah, grte er und lud sie zum Mitgehen ein, sie schlug es ab, fragte
aber, warum er nirgends hinkomme. Bist brav? fragte er dagegen.. Freilich!
erwiderte sie. Gib mir einmal deine Hand, sagte er. Sie lie ihm die Hand, und
er versuchte, ihr schnell und verstohlen einen Silberring an den Finger zu
stecken. Du tust mir ja so weh! schrie sie, denn sie fhlte blo einen Druck
und Schmerz am Finger, ohne zu wissen, woher: Wer wird einem auch so weh tun!
Indem sie sich strubte und ihre Hand aus der seinen zu ziehen suchte, fiel das
Ringlein zu Boden. So! sagte er in ausbrechendem Grimme, ichhab's nicht
hingeworfen, ich brauch's auch nicht aufzuheben, und wenn du nicht anders wirst,
so kann meinetwegen der Handel zu Ende sein. Komm, Hansele! rief Christine
dem Lamme zu, das frei umherging und in diesem Augenblicke zu ihr gesprungen
kam, komm, dein Herr will dich mitnehmen, der Handel, sagt er, reue ihn.
Friedrich gab dem armen Tiere einen Sto, da es an die Wand flog, und ging ohne
Abschied fort. Bin ich mit dem Puff gemeint gewesen? rief ihm Christine nach.
Er hrte es nicht mehr, wenigstens gab er keine Antwort. Sie setzte sich zu dem
Lmmchen, das jmmerlich schrie, auf den Boden, streichelte und untersuchte es;
es hinkte ein wenig, hatte aber sonst keinen Schaden genommen. Nachdem sie es
beruhigt, suchte sie nach dem Ringlein, das sie bald im Grase fand; sie steckte
es an den Finger und sah eine Weile seufzend hinter dem Trotzkopf her, dann zog
sie es wieder ab und verbarg es sorgfltig an ihrer Brust.
    Friedrich strafte sie mit achttgigem Wegbleiben. Es kam ein groer Markttag
und mit ihm der letzte Tanz vor der geschlossenen Zeit, die von Weihnachten bis
Neujahr dauert. Sonst hatte er immer dafr gesorgt, da sein Mdchen zum Tanze
kam; diesmal tat er keinen Schritt. Auch er war entschlossen, nicht hinzugehen;
als er aber von weitem die bekannten Tne des Lndlers vernahm, spiegelte er
sich vor, er wolle seinen Unmut vertanzen und vertrinken. Gesagt, getan; aber
das erste, was ihm beim Eintritt in die Augen fiel, war Christine, die
anscheinend sehr wohlgemut mit einem jungen Burschen tanzte. Er htte laut
aufschreien und dreinschlagen mgen, aber er bezwang sich und whlte schnell
eine Tnzerin. Christinen zum Trotz tanzte er unaufhrlich, ohne sie ein
einziges Mal aufzufordern. Aber auch sie blieb nicht verlassen sitzen, denn die
Buben, wie man die jungen unverheirateten Mnner nennt, kmmerten sich wenig um
das, was man im Flecken ber ihre Familie sprach, und hatten Wohlgefallen an
ihrer Jugend und Schnheit. Sie war jedoch darauf bedacht, mit keinem zweimal
nacheinander zu tanzen, und auch er wechselte seine Tnzerinnen fleiig, denn so
gerne er ihr einen eiferschtigen Verdru bereitet haben wrde, so fand er doch
keine, mit der er durch lngeres Zusammenhalten in den Ruf einer Liebschaft
htte kommen wollen. Sonst hatte er, wie es bei verbundenen Paaren Sitte ist,
nur mit ihr und sie nur mit ihm getanzt; heute machten sie jedes fr sich die
Runde durch die ganze junge Welt, soweit sie nicht verliebt oder verlobt,
verbandelt oder verhandelt war. Einmal kamen sie beim Ausruhen nebeneinander zu
stehen. Tut's so? fragte Christine freundlich und gelassen zu ihm herber.
Ich mag mich nicht am Narrenseil herumfhren lassen, schnaubte er zu ihr
hinber und ri seine Tnzerin von neuem in die Reihe. Sein Herz kochte, das
Tanzen war ihm entleidet, und er setzte sich zum Wein, den er mit Heftigkeit in
sich go. Gleichgltig und dster sah er von hier aus der Lustbarkeit der andern
zu, oder vielmehr, er sah nur Christinen, die zwar keinem einzelnen besondere
Gunst erwies, aber sich von jedem schn tun lie und sich gar nicht um ihn zu
kmmern und ihn durch ihre Munterkeit und ihr helles Lachen, das ihn unsglich
beleidigte, fr seine Gleichgltigkeit strafen zu wollen schien. Da das Betragen
der beiden allgemein auffiel, deren Vereinigung schon zu so vielem Geschwtz
Anla gegeben hatte, so mute er ber die Trennung allerlei Bemerkungen und
Neckereien hinnehmen, die ihn innerlich wtend machten, und der Abend wrde ohne
Zweifel, wie so oft auf dem Lande geschieht, mit Raufhndeln geendet haben, wenn
die jungen Mnner, die ihn um seiner Leutseligkeit willen liebten, sich nicht zu
migen gewut htten und wenn nicht Christine, die sich ihrer Anziehungskraft
vollkommen bewut zu sein schien, pltzlich vom Tanzboden verschwunden wre. Als
er sie nicht, mehr sah, gab er zwar den Gedanken, ihr nachzugehen, mit stolzer
berwindung auf, aber die Lustbarkeit hatte allen Reiz fr ihn verloren, und die
eintnige Tanzmusik klang ihm wie ein ewig wiederkehrender Spott. Er blieb noch
eine Weile in dumpfem Brten sitzen, machte einige vergebliche Versuche, mit den
Lustigen lustig zu sein, und entfernte sich dann, um einen schweren Kopf und ein
noch schwereres Herz zur Ruhe zu legen.
    Den andern Tag wurde er zum Pfarrer beschieden. Er zerbrach sich vergebens
den Kopf, was die Ursache dieser Vorladung sein mge. Der Pfarrer, ein drres
kleines Mnnlein, kanzelte ihn heftig ab, da er sich der Kinderlehre entziehe
und dadurch so gttliche als frstliche Gebote bertrete; bis ins
vierundzwanzigste Jahr habe ein lediger Bursche die Kinderlehre zu besuchen,
schrfte er ihm ein und erffnete ihm, es sei vom lblichen Kirchenkonvent
beschlossen worden, knftig strenger auf die Befolgung der Vorschrift zu halten
und jedes Wegbleiben unnachsichtlich mit einem Sechser in den Heiligen, bei
lngerem verstockten Beharren aber sogar mit Einsperrung ins Zuchthuslen zu
bestrafen; wenn er sich wieder beigehen lasse, die Kinderlehre zu schwnzen, so
werde er, der Pfarrer, ihn unfehlbar aufschreiben lassen und bei dem Herrn
Amtmann und den Konventsrichtern den Fall zur Anzeige bringen. Damit hatte er
seinen Bescheid und durfte gehen. Kaum vermochte er sich zu halten, da er nicht
aufbrauste. Bei seinem Stolz und vollends in seiner jetzigen Stimmung konnte ihm
nichts so quer in den Weg kommen, als die Zumutung, in seinem Alter, noch drei
Jahre lang, zur Kinderlehre zu gehen und das tonlose Poltern des Pfarrers ber
die Rechtfertigung durch den Glauben anzuhren, whrend doch jetzt sein Dichten
und Trachten darauf gerichtet war, durch die Liebe von allem. bel erlst zu
werden. Das kommt mir geschlichen! sagte er zu sich, im Pfarrhofe noch einmal
grimmig nach dem Fenster emporblickend, wo ihm gepredigt worden war. Ebensogut
htt man mir die Rute andiktieren knnen, wenn ich noch ein Kind sein soll. Nun,
ich geh eben nicht hin und zahl jedesmal die Straf. Freilich wird sich's damit
auf die Lnge nicht abtun lassen: wenn er einen verstockten Snder in mir
erkennt, so gibt's wieder eine Predigt, und zwar vorm Konvent, und dann legt
sich auch der Amtmann drein. Man ist doch wie in einem Netz, aus dem man nicht
herauskommt. Am besten wr's eben, ich kam schnell unter den Pantoffel; wenn's
mit dem dummen Ledigsein aus ist, so hat das Kinderlehrgeluf von selbst ein
End.
    Hiermit war er in der Reihenfolge seiner Gedanken auf einen Gegenstand
geraten, der ihm, so wie die Sachen zwischen ihm und Christinen standen, wenig
Trost einflen konnte.

                                       7


Friedrich hatte traurige Feiertage, obgleich es ihm uerlich gar nicht bel
ging. Sein Vater bedachte ihn am Weihnachtsabend mit einem stattlichen
Geldgeschenk, zum sichern Zeichen, da alles wieder im alten Geleise sei. Er war
nie so reich gewesen, aber gerade dies machte ihn unglcklich, denn das Geld
erinnerte ihn nur daran, da er es jetzt nicht mehr zu dem Zwecke brauchen
konnte, zu welchem allein es ihm frher erwnscht gewesen wre, nmlich
Christinen seine Liebe durch Geschenke zu beweisen.
    Er wrde sich wohl schnell ber die Gesinnung des Mdchens beruhigt haben,
wenn er ein Gesprch angehrt htte, das eines Abends zwischen ihr und ihrer
Mutter stattfand, whrend er eben auf dem Wege von Hohenstaufen her, wohin sein
Vater ihn geschickt hatte, auf das Haus zugeschritten kam.
    Jetzt hab ich aber die stillen Seufzer berlei, sagte die Mutter. Du bist
selber schuldig, greifst dein Sach ganz verkehrt an.
    Mutter, habt Ihr nicht gesagt -?
    Wei wohl, was du meinst, aber man mu alles mit einer Art tun, nicht
oben'naus und nirgends'nein. Wenn eine arm ist, wie du, so soll sie nicht die
hochmtig Jungfer machen, sondern die kluge im Evangelium, die ihre Lampe mit l
fllt und dem Brutigam entgegengeht. Sie mu sich 'runtergeben knnen und mu
sich etwas gefallen lassen, aber freilich mit Ma. Zu ltzel und zu viel
verderbt allzeit das Spiel. Narr, ich hab deinen Vater am Schnrle gefhrt, er
hat mir nicht weiter gucken drfen, als ich ihm verstattet hab. Aber du bist
eben so ein Zimpferle, weit dich nicht umzutun, meinst, die gebratenen Tauben
mssen dir ins Maul fliegen.
    Was soll ich denn tun? fragte Christine.
    Tu, was du willst, sagte die Mutter zornig, steck mein'twegen der Katz
das Heu auf, dumm genug wr'st dazu, nur geh, da ich das Geseufz und Geheul
nicht lnger hren mu.
    Christine verlie die Stube und trat schauernd vor das Haus in die Nacht
hinaus, wo sie im gleichen Augenblick zu ihrem freudigen Schrecken beim Schein
der Sterne, die in der Klte hell funkelten, den Gegenstand der Unterredung und
ihres Kummers auf sich zukommen sah. Sie glaubte, es sei seine Absicht, in ihrer
Nhe umherzustreichen und zu sphen, und eine frohe Hoffnung zog in ihr Herz
ein. Wie er aber nher kam, so schien es, als ob ihn blo der Zufall diesen Weg
fhre, denn er sah sich nicht einmal um. Sie rief ihm einen Gru zu und fragte,
eingedenk der Lehre, die ihr so eben die Mutter gegeben: Willst nicht auch
einmal wieder nach deinem Lamm sehen? - Da der Schatz, wie sie ihm erlaubt
hatte, sich zu nennen, keine Antwort gab, obwohl er unschlssig stehengeblieben
war, so fuhr sie etwas vorschnell fort: Oder magst 's nicht wenigstens holen,
wenn du nichts mehr von uns willst?
    Friedrich hrte aus diesen Worten nichts als spttische Ablehnung heraus.
Es ist schon so gut wie abgestochen! erwiderte er, indem er den Fu zum
Weitergehen hob.
    Dieser starre Trotz verdro sie, und sie rief ihm nun mit nicht sehr
glcklichem Spotte nach: Da wird man dem Herrn wenigstens das Fell herausgeben
mssen und die Wolle.
    Sein Blut kochte, denn er glaubte eine Anspielung zu vernehmen, an die das
Mdchen entfernt nicht dachte. Von der Wolle hrte er nun einmal gar nicht gerne
reden. Das Fell behalt Sie, Jungfer, sagte er, und die Wolle kann Sie an die
vielen Drner stecken, an denen Sie letzt hangenblieben ist. Damit ging er
fort. Sie lehnte sich an den Trpfosten und blieb noch lange, bitterlich weinend
und vor Klte zitternd, stehen, bis die Tritte ihres Vaters und ihrer Brder,
die von einem Geschft nach Hause kamen, sie vertrieben.
    Mit den beiden letzteren setzte Friedrich den gewohnten Umgang fort. Wie
aber zwischen ihm und ihnen von der Herzensangelegenheit nie gesprochen worden
war und selbst die Verabredungen, wonach sie ihre Schwester da oder dorthin
bringen sollten, immer in gleichgltiger Form gemacht worden waren, so wurde
auch der Strung des Verhltnisses nicht erwhnt. Nur einmal sagte Friedrich mit
deutlicher Beziehung: Ich merk's eben wohl, man vergit mir meine Strafen
nicht, man sieht mich fr gezeichnet an. Worauf jene ruhig antworteten: Wird
doch das nicht sein.
    Unmut und Unruhe trieben ihn umher, und auch in ruhigeren Stunden, wenn dann
und wann der Schmerz der vermeintlich verschmhten Liebe ihn zu qulen ablie,
empfand er eine drckende Leere, und das Leben kam ihm schrecklich arm und de
vor. Er fhlte es, ohne es klar zu erkennen, da die Menschen um ihn her wie
Schatten waren, da keiner ihm etwas sein konnte, da niemand in seiner ganzen
Umgebung seinem wie in der Wildnis und Irre schweifenden Gemt, seinem
hungernden Geist eine Heimat und Erquickung zu geben vermgend war. Was er aber
hell bewut in sich trug, war eine malose rebellische Bitterkeit darber, da
er, statt ins Ehebett, in die Kinderlehre wandern sollte. Einen grausameren Hohn
ber seine verunglckte Bewerbung meinte er sich nicht erdenken zu knnen. Dazu
fhlte er sich nicht blo alt genug und den Kinderschuhen entwachsen, um vom
Leben noch eine andere Schule zu verlangen, als die Eintrichterung von
Bibelsprchen und Gesangbuchversen, sondern er hatte auch diese Sprche und
Verse samt der ganzen Schulbildung, worin er selbst Hhergestellten wenig oder
nicht nachstand, so vollkommen inne, da die Wiederholung des Unterrichts ihn
nicht einmal in diesem Fache mehr frdern konnte. Fr die Bildung seines
inneren Menschen aber, woran die Religionsschule, die diesen Ausdruck gern
gebrauchte, sich htte erproben lassen knnen, war das brgerliche und
gesellschaftliche Leben, in dessen Sche er sich tummelte, so inhaltsleer und
so sehr in die blinde Unterwerfung unter eine gewissenlos schwelgende
Herrschaft hineingepredigt, da es zu den Glcksfllen gerechnet werden mute,
wenn eine ber das gewhnliche Ma ausgestattete Natur in diesem Wesen eine
wohnliche Htte fand oder, was noch besser, auf gelindem Wege hinausgedrngt
wurde. Eine Htte aber, wohnlich nicht blo fr den Leib, sondern auch fr die
Seele, war kaum anderswo zu finden als bei den Pietisten, welche auf einem noch
ungebrochenen Glauben futen, dessen kindliche Kraft noch nicht durch die
Ausbreitung der Bildung und Wissenschaft verlorengegangen war, auf einem
Glauben, der ihnen in krperlicher Wirklichkeit vormalte, wie sie dereinst nach
der Erlsung aus diesem Tal des Jammers und der Snde in den Wohnungen der
Seligen ber dem blauen Himmelsgewlbe mit Kronen auf den Huptern und in weien
Gewanden einherwandeln wrden, der aber in seinen Beziehungen zum irdischen
Leben die drre streit- und herrschschtige Kirchenlehre, mit welcher er nur
ber das Jenseits einverstanden war, weit hinter sich lie und eine Liebe und
Gleichheit der Kinder Gottes predigte, woran trotz der Demut dieser Predigt die
Inhaber von Thron und Altar groes rgernis nahmen. Allein, es war nicht jedem
gegeben, ein Pietist zu werden, und nicht jeder, dem es gegeben gewesen wre,
hatte das freilich sauer erworbene Glck, sein Lebenlang unter den Flgeln eines
Mannes, wie der Waisenpfarrer im Ludwigsburger Zuchthause, geborgen zu sein.
    In dieser Verlassenheit und Vernachlssigung muten alle Richtungen einer so
krftig angelegten Seele in einen unbezhmbaren Willensdrang verschmelzen, der
in seiner dumpfen Ungeduld berall auf ebenso dumpfe Hindernisse wie auf Mauern
ohne Fenster stie und ziellos, zwischen Antrieben bald des Wohlwollens, bald
der Widerspenstigkeit umherirrend, zuletzt an einem einzigen Gegenstande haften
blieb, von welchem dieser noch durch den Stachel beleidigter Eitelkeit gespornte
Wille Befriedigung aller Sehnsucht und Heilung aller Schden fr das ganze Leben
forderte. Die Versagung dieses hchsten Wunsches, an den er zumal die besten
Vorstze fr sein knftiges Verhalten geknpft hatte, machte den Jngling an
sich und der Welt verzweifeln, und abermals wollte der wilde Geist ber ihn
kommen, den er schon so manches Unheil hatte vollbringen lassen.
    Das Jahr ging zu Ende. Am letzten Tage sa Friedrich in einer migen Stunde
am runden Tische in der groen Wirtsstube und las in der Bibel, die mit ihren
Heldensagen und Abenteuern der Phantasie des Volkes eine von der Kirche erlaubte
Unterhaltung und einen Ersatz fr die verschtteten heimischen berlieferungen
bot. Er las eigentlich nicht, sondern bltterte nur, denn er wute alle diese
Geschichten auswendig, die in der Predigt und Kinderlehre geistlich gedeutet
wurden, beim unbefangenen Lesen zu Hause aber mit ihren guten und bsen
Beispielen einen ganz natrlichen Eindruck machten. Da waren Geschichten von
Erzvtern, die sich betranken, Kebsweiber hielten und verstieen, durch
Schelmenstreiche reiche Familienhupter wurden oder in fremdem Hofdienste sich
gegen das Volk zu Finanzknsten hergaben, welche einen Wrttemberger sehr an den
erst zwlf Jahre zuvor in Stuttgart gehngten Jud S߫ erinnern muten.
Liebliche und heldenmige Zge wechselten da mit gar unheiligen: ein Volk zog
aus einem Lande auf das Gehei seines Fhrers, der einen Totschlag begangen, wie
eine Zigeunerbande fort, indem es die entlehnten silbernen und goldenen Gerte
behielt; ein khner Hirt und Ruber, durch treue Freundschaft ewig im Lied zu
leben wrdig, stahl als Hauptmann einer Schar loser Leute seinem Knig einen
Zipfel des Mantels vom Leibe weg samt Speer und Becher, diente als berlufer
dem Reichsfeind und mibrauchte, als er spter daheim die Krone trug, sein
knigliches Amt zu Lsternheit und Meuchelmord, wobei er sich von jenen
Erzvtern, wie auch von spteren Landesvtern, doch wenigstens dadurch
unterschied, da er ber seine Tat nachher Leid und Reue trug. Bedenkliche und
zweifelhafte Fragen ber diese Erzhlungen, die beinahe die einzige geistige
Speise des Volkes waren, konnte der junge Mensch, das wute er wohl, keiner
Seele in seiner Umgebung vorlegen. Hatte doch selbst der Waisenpfarrer einmal
einen leisen Versuch mit den Worten abgewiesen, man msse nicht gar zu viel
grbeln, Gott whle oft seine eigentmlichen Wege und Werkzeuge, um seine Plne
auszufhren. Am liebsten aber schlug er die beiden Bcher von den ritterlichen
Taten der Makkaber auf, und oft mute er unwillkrlich nach der nahen Alb
hinbersehen, wenn er las, wie diese Helden sich in das Gebirge warfen, um von
dort aus die Freiheit und das Gesetz ihres Landes zu verteidigen. Eben las er
wieder, wie sie beschlossen, sich durch die Heiligung des Sabbaths nicht vom
Kampfe abhalten zu lassen, gleich ihren Brdern, die sich wehrlos in der Hhle
schlachten lieen, da ertnte in der Strae die Schelle des Aufrufers, und er
ffnete das Fenster, um zu hren, was es gbe. Das lbliche Amt lie durch den
Fleckenschtzen ausschellen, die jungen Burschen sollen sich bei Strafe nicht
beigehen lassen, in der kommenden Neujahrsnacht zu schieen, ein Verbot, das
jhrlich eingeschrft und bertreten wurde. Die knnen nichts als verbieten!
brummte Friedrich, indem er das Fenster zuschlug, das Schieen ist nun einmal
ein alter Brauch, wiewohl, wenn man's dem Ungeschick berlie, die Jugend durch
Verlust von je und je ein paar gesunden Fingern zu kurieren, was ja sowieso
geschieht, so wr's wahrscheinlich lngst mit dem Knallen vorbei. Aber der Reiz
des Verbotenen zieht eben viel strker als die Furcht vor Schaden. Es ist mir,
als ob der Schtz beim Ausrufen ein Aug zu mir htt herauflaufen lassen. Umsonst
hat er wohl auch nicht g'rad vor meinem Haus geschellt. So? meint ihr? Dein
Amtmann und du, ihr habt, scheint's, ein besonderes Zutrauen zu mir? Ich will
euch Ehre machen. Wartet einmal, ob ihr mich kriegt.
    Er dachte nicht daran, wie oft er zu sich gesagt, da er die Knabenschuhe
vertreten habe, sondern schlich sich, als es dunkel wurde, zu einem Invaliden,
der nicht weit von der Sonne auf Leibgeding wohnte, und dem er schon manchen
Bissen und Trunk gespendet hatte. Von diesem entlehnte er sein altes
Schlachtgewehr, das schlecht scho, aber um so mchtiger knallte, und bald
unterschied man aus den Schssen, die im Flecken und um denselben losgingen,
einen, der alle anderen berdonnerte. Er hatte die Silvesternacht erffnet und
krachte regelmig in kurzen Pausen durch das Geknatter des jugendlichen
Mutwillens hindurch. Da und dort geschah ein Unglck, da und dort fiel einer der
Lrmmacher den hin und her rennenden Wchtern in die Hnde, und sein Puffer
verstummte; aber den Donnerknall hrte man ununterbrochen beinahe die ganze
Vormittnacht und jedesmal weit entfernt von dem Orte, wo der vorbergehende
Schu gefallen war und die Wchter angelockt hatte. Wer feuert denn so
kartaunenmig? fragten die Leute im Flecken. Wer sonst, als der
Sonnenwirtle, antworteten andere, er ist am besten an dem zu erkennen, da ihn
keiner von den Scharwchtern erwischt. Fr den Eingeweihten war das sicherste
Wahrzeichen wohl das, da der unsichtbare Donnerer berall, nur nicht an des
Hirschbauern Haus sich hren lie. Das htte ihm der Stolz und der Groll nicht
zugelassen. Doch lobte er die alte Muskete und verglich sie in seinem Sinn mit
Davids Saitenspiel, vor welchem der bse Geist von Saul entwich; denn mit jedem
Schusse, der aus dem schwergeladenen Laufe fuhr, meinte er um einen Teil seines
Unmuts erleichtert zu sein, und es war ihm, als ob er alle Hindernisse, die sich
ihm in dieser schnden Welt entgegenstellten, ber den Haufen schiee.
    Dazwischen ging er einmal in die Sonne, um nachzusehen, ob man seiner nicht
bei der Bedienung der Gste bedrfe. Die Einkehr war diesen Abend nicht so stark
wie sonst, weil sich die Neujahrsnachtgste in die vielen Wirtshuser des
Fleckens verteilten und weil man wute, da der Sonnenwirt auf eine zeitige Ruhe
mehr hielt als auf eine lange Silvesterfeier. Derselbe war jedoch heute
ungewhnlich aufgerumt, er trank, schwatzte, lachte und kneipte abwechselnd ein
paar junge Weiber, die mit ihren Mnnern zum Weine gekommen, in die Backen, so
da einer der Anwesenden dem Wirtssohne zuflsterte: Du, dein Gestrenger hat'n
Sturm. Da braucht's keine Brille, um das zu sehen, erwiderte Friedrich. Die
Sonnenwirtin, die vor den Leuten gute Miene zum bsen Spiele machen mute,
suchte ihrem Manne sein Betragen, womit er vielleicht blo den umlaufenden
Gerchten zu trotzen beabsichtigte, durch Spottreden zu verleiden: Du bist so
alt, sagte sie, da die Mnner da nicht einmal mehr eiferschtig auf dich
werden. Es ist auch ziemlich lang her, entgegnete der Sonnenwirt lachend,
da du ein junger Drach gewesen bist, und euer Gift ist doch nur s, so lang
die Drachen jung sind. Ich wei nicht, setzte er, gegen die Gesellschaft
gewendet, hinzu, meine Alte ist das Leben ziemlich gewhnt, sie ist verhrtet,
aber wenn sie unser Herrgott oben hielt und ich an den Fen, ich glaub, ich
lie schnappen und nahm mir eine Junge. Ich wollt auch, rief die
Sonnenwirtin, unser Herrgott nahm eins von uns beiden zu sich, dann ging ich
wieder nach Strmpfelbach. Das Gelchter, womit diese Reden aufgenommen wurden,
bezeugte, da an und fr sich nichts Feindseliges damit gesagt sein sollte, wie
man denn auch wute, da die Sonnenwirtin nicht von Strmpfelbach gebrtig war:
es waren uralte landlufige Witze, die man im Scherze von den vertrglichsten
Ehepaaren hren konnte. Hier aber war ihnen viel geheime Galle beigemischt, und
Friedrich nahm wahr, da sich zwischen dem Vater und der Stiefmutter eine Kluft
zu ffnen beginne, die, wenn sie nicht die belachte Ortsvernderung zur Folge
hatte, doch den Vater bald ganz auf die Seite des Sohnes bringen konnte. Jetzt
wr's gut Wetter fr mich, dachte er unwillkrlich, jetzt wrd ich vielleicht
meine Rechnung nicht ohne den Wirt machen. Der Fehler ist nur, da ich gar keine
zu machen habe. Die Hauptnummer, die Glcksnummer will nicht her, die mit den
gelben Zpfen und dem verstockten, trotzigen Herzen; was helfen mir alle
Anschlge ohne sie? Drauf! drein! Schlagt an! Feuer! drunter und drber!
    Und abermals krachten die schweren Schsse, in welchen der trichte Knabe
seinen Unmut und sein Pulver verscho.

                                       8


Eben hatte er wieder seine Davidsharfe brummen lassen und eilte in schnellen
Wendungen durch Zwischengchen vor den Wchtern davon; da fhrte ihn sein Weg
an dem Bckerhause vorbei, wo er Christinen zuerst gesehen hatte. Er hrte
lustige Stimmen hinter den Lden und blickte durch eine Spalte in die Stube, wo
er seinen Invaliden und andere Bekannte am Wirtstische sitzen sah. Christine war
nicht zu sehen, also konnte ihm sein trutziges Ehrgefhl den Eintritt nicht
verwehren. Whrend er sich noch ein wenig besann, wo er das Gewehr unterbringen
sollte, sah er in der schneehellen Nacht einen Mann nicht mit den sichersten
Schritten daherkommen, in welchem er den Fleckenschtzen erkannte. Der hat
schon einen Stich, sagte er zu sich, und will noch die Sicherheit des Orts
bewachen; da wird's heut Nacht noch zum Durchbruch kommen; ich will ihm
einstweilen eins aufspielen, damit er munter bleibt. Er schlich sich auf die
Seite und gab in der Geschwindigkeit seinem Gewehr eine verdoppelte Ladung; dann
kam er leise hinter den Schtzen herangeschlichen. Dieser hatte das Gerusch des
Ladstocks gehrt und lauschte vorgebeugt mit dem Finger an der Nase, ohne recht
zu wissen, wohin er sich wenden solle; auf einmal tat es hart an seinem Ohr
einen Knall, da er der Lnge nach mit der Nase in den Schnee fiel und sein
dreieckiger Hut weit hinausflog. Im Nu hatte der Tter das Gewehr versteckt und
sa drinnen in der Wirtsstube neben dem Invaliden, der ihn mit einem pfiffigen
Blinzeln bewillkommte. Nicht wahr, meine alte Lise ist noch gut bei Stimm?
flsterte er ihm ins Ohr, ich hab jeden Knall herausgehrt, und bei jedem hat
mir das Herz im Leib gelacht. Dann fuhr er in einer angefangenen Geschichte vom
Prinzen Eugen zu erzhlen fort, unter welchem er es bis zum Profosen gebracht
hatte. Friedrich wute seine Geschichten alle auswendig, versah ihn mit Wein und
lie ihn erzhlen und unterhielt sich indessen leise mit dem uns schon bekannten
Mllersknecht, der ihm seit jener Schilderung seiner Jugendbegegnisse eine Art
von Bewunderung zollte, seine Bekanntschaft teils in der Sonne, teils an anderen
Orten pflegte und auf den Ha seines Meisters gegen den mannhaften jungen
Burschen so wenig Rcksicht nahm, da er selbst durch den Verdacht des Mllers
wegen des Bienendiebstahls, nachdem Friedrich ihm mit der aufrichtigsten Miene
seine Unschuld versichert hatte, sich nicht im geringsten gegen ihn einnehmen
lie. Der Alte sollte jedoch seine Geschichte nicht zu Ende bringen, denn kaum
war er durch Friedrichs Eintritt unterbrochen worden, so erhob sich eine neue
Strung. Die Tr wurde heftig aufgestoen, und der Schtz kam in einer
bogenfrmigen Linie hereingeschossen. Da mu er herein sein, der Mordtter, der
mir nach dem Leben getrachtet hat! schrie er, indem er die glhenden Augen von
einem zum andern laufen lie. Die ganze Gesellschaft versicherte, sich mit den
Augen zuwinkend und durcheinander schreiend, hier sei niemand, der ihm etwas
getan habe, und alles fragte, was ihm denn geschehen sei. Er erzhlte sein
Abenteuer, wobei er den Oberkrper wiegte und dann wieder einen Schritt vorwrts
oder rckwrts geriet; dieses Schwanken wurde noch dadurch vermehrt, da er in
seiner ohnehin nicht festen Stellung bestndig argwhnisch in der Gesellschaft
umhersah, ob er nicht an irgendeinem Merkmal seinen Angreifer erkennen knne.
Das Gelchter, die Spottreden und schalkhaft verkehrten Fragen der ergtzten
Zechbrder machten ihn noch wilder; er schimpfte und fluchte und bestand darauf,
hier oder wenigstens in der Nhe herum irgendwo msse er versteckt sein, der
keinntzig Lump, der sich sogar an seiner ihm von Gott vorgesetzten Obrigkeit
vergreife.
    Jetzt hast genug hasseliert, Schtz! rief ein Mann mit verwogenem und
zugleich verfallenem Gesicht, das den Ausdruck einer grmlichen Lustigkeit hatte
und blutige Spuren trug, als ob es auf irgendeine Weise zerschunden oder
zerkratzt worden wre. Komm, schwenk dir die Gurgel aus, hast dich ja ganz
heiser geschrien. Hier hltst vor der unrechten Schmiede: von denen, die hier
sitzen, ist seit mindestens einer Stunde keiner aus der Stube kommen. Bist aber
auch ein rechter Leichtfu, heit das, du mut nicht besonders fest auf den
Fen sein, da dich ein blinder Schu gleich zum Purzeln bringen kann. Da sieh
den Profosen an, der ist ein anderer Kerl, den haben sie um einen Fu krzer
gemacht, und doch steht er auf seine anderthalb anders hin als du auf deine zwei
ganze. Den schmeit keiner so leicht um, weder mit einer blindgeladenen Kanone
noch mit einer scharfgeladenen Bttel. La das Hasselieren sein, sag ich, und
komm her, ich bring dir's. Es vertreibt dir den Schnapsgeruch.
    Der Invalide, der an der Tischecke sa, hatte alsbald zum Beweis fr das
Gesagte den Stelzfu auf dem Tisch und trommelte damit nach Wein. Zugleich
machte er Anstalt, seine Geschichte wieder aufzunehmen, aber es glckte ihm
nicht.
    Dein gut's Wohlsein, Kblerfritz! sagte der Schtz, das dargebotene Glas
annehmend und auf einen Zug leerend, mit einer Mischung von Freundlichkeit und
Spott, es scheint, du machst jetzt Feuerkbel und verlegst dich aufs Lschen.
Wnsch Glck dazu. Lsch aber nur zuerst den Brand in deinem eigenen Haus, du
Mann im Feuerofen. Wiewohl, dein Feuerteufel, deine Margret, ist heut abgekhlt
worden; sie hat ganz krumme Finger gehabt und hat laut geschnattert, wie ich sie
wieder aus dem Husle herausgelassen hab, wegen der groen Klte ist sie nur auf
ein paar Stunden dreingesprochen worden.
    Was? ist dein Weib heut eingesperrt worden, Kbler? fragte der Invalide.
    Der Kbler nickte mrrisch. Ihr wisset ja, wie sie ist und wie sie mein
Mdle von meinem ersten Weib plagt und den Waisen, den ich aus dem Heiligen in
der Kost hab. Zu dem sagt sie immer: Du Bettelhund! du Herrenhund! du
schlappohriger Hund! und schlgt ihn zwischen die Lffel, zwischen die am Kopf,
mein ich, wenn er den Lffel in der Schssel zu voll macht. Er it freilich
schier mehr, als er eintrgt, das Kostgeld ist so mager. Ihr knnt auch in
meinem Gesicht sehen, wie sie mich diese Feiertage gezeichnet hat. Vor
Weiberngeln ist auch der Strkste nicht sicher. Ich hab sie aber durchgewalkt,
da ihr die Knochen heut noch mrb davon sind, und htt eigentlich keine Hilfe
ntig gehabt vom Kirchenkonvent; ich kann gottlob allein mit ihr fertig werden.
    Hat sie dich denn verklagt?
    Nein, das lt sie wohl bleiben. Der Pfarrer hat eben von irgendeiner guten
Nachbarschaft gehrt, da es wieder einmal Hndel bei uns gegeben hat, und hat
dann die Sach vor Kirchenkonvent gebracht. Sie haben gemeint, sie mssen heut
noch eine Sitzung halten, die Herren, und das ganze Kutterfa vom alten Jahr
ausleeren. Es sind noch viele vorgeladen gewesen.
    Haben sie dich gestraft?
    Nein, wiewohl ich die Schlg nicht abgeleugnet hab, aber meines Weibes
Bosheit ist eben Gott und der Welt bekannt. Doch bin ich auch nicht ungerupft
davongekommen. Sie hat ber mich geklagt, ich sei ein Faulenzer und verdiene
nichts ins Haus. Jetzt sagt selbst, ihr Mannen, ob das wahr ist?
    Nein, nein! riefen alle zusammen, das kann man dir nicht nachsagen.
    Ich wei wohl, fuhr der Kbler fort, es geht knapp bei uns her, und Armut
ist eine Haderkatz. Wenn man vollauf hat, so kommt man viel leichter miteinander
im Frieden aus. Aber meine Schuld ist's nicht, wenn's manchmal sogar am Kreuzer
fehlt. Mein Weib mit ihrem abscheulichen Fluchen, wegen dessen sie gestraft
worden ist, und mit dem Spektakel, den sie immer mit meinem Kind hat, schreckt
die Leut ab, da sie nicht gern ins Haus kommen und lieber ihr Sach woanders
machen lassen. Aber man darf den Herren nur etwas an die Kunkel stecken, und
wenn's eitel Alteweiberfden wren, gleich machen sie ein Gespinst daraus. Mein
Weib hat mit keinem Wrtle beweisen knnen, da ich faul sei, und die Herren
haben ihr eigentlich auch nicht geglaubt; und doch hat mir da der Pfarrer eine
lange Predigt und Vermahnung geben, ich solle fleiig arbeiten, damit mein Weib
keine Gelegenheit habe, ber mich zu klagen. Ist das auch recht? Statt da er
mich in Schutz nimmt oder wenigstens meinem Weib aufgibt, sie solle beweisen,
was sie wider mich sage, hilft er noch auf eine gewisse Art dazu, als ob das
Geschwtz einen Grund htt, und er wei doch selber keinen.
    Ja, lachte Friedrich, wer vor Kirchenkonvent kommt, kriegt immer eine
Vermahnung auf den Weg und eine Salbung, wenn sie auch gar keine Heimat hat. Fr
was wren denn die Herren da?
    Das Ding hat mich so erzrnt, sagte der Kbler, da ich's gar nicht
loswerden kann. Ich wr vielleicht heut abend zu Haus geblieben, denn ich htt's
wohl ntig, bin nicht mehr der lustig und durstig Kblerfritz, der ich in meinen
ledigen Jahren und bei meinem ersten Weib gewesen bin. Aber der Pfarrer hat
mir's angetan, der ist schuld, da ich die Batzen in Wein aufgehen lass, anstatt
zu sparen. Ich spr's in allen Gliedern, heut nacht mu noch ein Rausch
getrunken sein. Juhu! Komm, Frieder, sto mit mir an. Du bist auf eine Art auch
im gleichen Spittel krank mit mir.
    Friedrich stie an. Alle bsen Weiber sollen mit dem alten Jahr hinfahren!
rief er.
    Du bist brigens heut noch nicht am schlecht'sten wegkommen, Kbler, sagte
der Schtz, der inzwischen, von dem Invaliden und dann von Friedrich gleichfalls
mit einem Glase Wein begrt, sich am Tische sehaft gemacht hatte, teils, weil
es ihm bednken mochte, hier sei's gut Htten bauen, teils, weil er im Sitzen
seine angehende Trunkenheit besser verbergen zu knnen glaubte. Dies gelang ihm
auch, und er wurde sehr gesprchig, wobei er freilich zuweilen stark mit der
Zunge anstie, auch seine Amtsstimme ber die Gebhr anstrengte, was jedoch auf
dem Lande, wo jeder im Reden ein wenig schreit, nicht besonders aufzufallen
pflegt. Dem Kfer da drben ist's nicht so gut gegangen, fuhr er fort, den
werdet ihr heut abend noch nirgends gesehen haben.
    Nein, er ist ein stiller Mann, sagte der Bcker, der sein Glas stehend am
Ofen trank und seine Frau dann und wann ein wenig in der Bedienung ablste; man
sieht ihn nie auerm Haus, als wenn ihn das Geschft hinausfhrt, und am Fenster
lt er sich auch selten blicken. Er ist eingezogen, wie nicht leicht einer.
    Absonderlich heut! lachte der Schtz. Da wr's eine Kunst fr ihn, sich
an seinem eigenen Fenster sehen zu lassen, und wo er jetzt ist, wird er freilich
nicht gern ans Fenster gehen.
    Was? Ich will nicht hoffen! rief der Invalide.
    Ist er denn -
    Eingezogen, wie der Beck bereits gesagt hat.
    Der Kfer ist eingesteckt? riefen alle zusammen.
    Ach, er sitzt eben ein wenig bei mir im Hauszins, sagte der Schtz, und
frieren tut's ihn nicht, denn ich hab ihm einen guten warmen Ofen gemacht; sonst
tt er's nicht aushalten die vierundzwanzig Stunden im Turm.
    Der Kfer im Turm! rief alles. Was hat er denn getan? fragte der Bcker.
Der tut ja keinem Hhnle weh und ist so ein ruhiger Mann, da es viel ist, wenn
man nur in der Nachbarschaft merkt, ob er zu Haus ist, oder nicht.
    Was hat er gebosget? fragte der Kbler.
    Er mu sein Weib doch sehr leis geschlagen haben, wenn Ihr nichts davon
gehrt habt, Beck, sagte der Schtz.
    Ja was, so hab ich's nicht gemeint, sagte der Bcker; natrlich, Stu
gibt's berall, auch in der stillsten Haushaltung.
    Ein Weib prgeln, das ist doch keine so besondere Sach, riefen die andern
durcheinander. Und die Kferin, meinte einer, hat's eben auch dann und wann
ntig.
    Die Weiber, bemerkte der Bcker, mssen iebott (zuweilen) Streich han,
sonst meinen sie, man hab sie nicht lieb.
    Aha, Beckin, riefen die Gste, hat er Euch seine Liebe auch schon
bewiesen?
    Nein, der Mein macht nur Spa߫, sagte sie, mich hat er noch nie
geschlagen.
    Und dessentwegen ist der Kfer in Turm kommen? fragte der Mllerknecht.
    Bewahre! antwortete der Schtz, blo vor Kirchenkonvent. Sein Schwher,
der Schneider, hat ihn beim Herrn Pfarrer verklagt, da er, wie der Herr Pfarrer
mir erzhlt hat, sein Weib um nichtswrdiger Ursachen willen jmmerlich
traktieret hab. Also hat mich der Herr Pfarrer zum Herrn Amtmann geschickt. Der
hat aber gleich gesagt, da werde es etwas setzen, denn der Kfer sei zwar in
seinem Handwerk fleiig und kein bler Haushlter, aber sonst ein eigensinniger,
hartnckiger Gesell. Es ging auch so, wie der Herr Amtmann gesagt hatte, denn
obwohl man mich zweimal zu ihm schickte, denn ich mu eben alles ausrichten,
weil der Herr Amtmann den Amtsknecht fast ganz ins Haus braucht, als seinen
Leibdiener, so kam er doch nicht, so da ich ihn zuletzt mit zwei Mnnern hab
holen mssen. Das hat er aber wohlweislich vorausgesehen und sich ins Sternwirts
Keller etwas zu schaffen gemacht, damit ihm der Spektakel nicht in seinem Haus
ber den Hals km.
    Und darum ist er in Turm kommen? wiederholte der Mllerknecht.
    Nein, er hat dann bse Reden gefhrt, denn so still er sonst sein mag, so
hat er vor Konvent das Maul weit aufgetan. Wie man ihm frgehalten hat, warum er
ungehorsam gewesen sei, hat er gesagt, er habe vor dem Kirchenkonvent nichts zu
schaffen, es sei ihm solches ein Schimpf, sein Weib hab die Schlg ntig, der
vorige Pfarrer und Amtmann haben ihm selber gesagt, er solle sie nur schlagen,
wenn sie's brauche. Wenn ihn der Herr Amtmann fr sich zitiere zum weltlichen
Amt, so komme er, und man brauche ihm nicht mit dem Holzschlgel zu winken, aber
auf kirchenkonventliche Zitation komme er nicht, sonderlich, wenn man ihm den
Bttel schicke - damit hatte er mich gemeint -; man solle ihm ein geschworen
Weib schicken oder die Hebamme, das seien des Pfarrers seine Amtsboten.
    Alles lachte zusammen.
    Zuletzt ist's dann vollends faustdick kommen, fuhr der Schtz fort. Da
hat er sich vernehmen lassen, es geh hier viel Unordnung vor, so nicht gestraft
werd, der Pfarrer melier sich mit hiesigen Weibern, die Leute reden ihm viel
nach. Ich hab vor der Tr nicht alles verstanden, denn vorher hat er ein wenig
geschrien, das Schrfst aber hat er nicht mehr so laut gesagt, er wird gedacht
haben, es schalle auch so noch deutlich in die Ohren. Den Herr Pfarrer aber hat
man nachher verstehen knnen, der hat ihn angeschrauen, er sei ein liederlicher
Gesell, was er denn von ihm sagen knne? Und man msse die Sache ans lbliche
Oberamt nach Gppingen berichten. Der Herr Amtmann aber hat ihn einstweilen in
Turm sperren lassen.
    Wenn er da bleiben mu, bis von Gppingen Bescheid kommt, sagte Friedrich,
dann kann er lang sitzen.
    Wird nicht so gefhrlich sein, sagte der Schtz, er behlt sein frei
Logis ein Tag oder zwei, bis die Sache ein wenig versaust ist, und dann darf er
heraus und abwarten, was vom Oberamt kommt.
    Was kann ihm denn blhen? fragte der Mllerknecht.
    Ich wollt eine Wette drauf eingehen, antwortete der erfahrene Diener der
Obrigkeit, er kriegt nicht mehr denn einen Ordinari-Frevel, und natrlich mu
er deprezieren. In Gppingen sieht man eben drauf, da es am Gehorsam und
schuldigen Respekt nicht mankiert, aber auf das Geschwtzwerk selber lt sich
der Vogt nicht ein, er nimmt's nur so berhaupt, wie der Teufel die Bauern.
    Alle lachten ber diese Bemerkung, welche besagen sollte, da der Oberbeamte
derlei Dinge in Bausch und Bogen abzumachen pflege.
    Vielleicht, uerte Friedrich, denkt er auch, das Geschwtz habe einen
Grund; denn um drei Gulden fnfzehn Kreuzer wr's billig geschimpft. Ist denn
was dran? Ich hab doch nie gehrt, da man dem Pfarrer mit Weibsbildern etwas
nachsagt.
    Nein, versetzte der Kbier, das hat auch der Kfer nicht sagen wollen von
dem alten Krattler. Aber das ist wahr, da er sich Schwtzereien zutragen lt
von jeder Magd am Brunnen und von jedem bsen Weibermaul. Die stecken sich
hinter die Pfarrerin und schleichen zu ihr in die Kche; von ihr erfhrt's dann
er, und auf die Art ist's eine bestndige Spionerei im Flecken, durch die eine
Menge nichtsnutziges, lppisches Zeug an die Obrigkeit gebracht wird und vieles,
was eher der Mh wert wr, unbeachtet bleibt. So ist eigentlich die Obrigkeit in
der Gewalt von etlich bsen Zungen, denn der Pfarrer meint, er mss nach allem
sehen, und weil er das nicht kann, auch berhaupt die Natur bei ihm zu kurz ist,
so behilft er sich mit dem Geschwtz. Und der Amtmann, der lt sich dann in
jeden Lauf laden, aus dem einer schieen will, ohnehin, wenn der Pfarrer den
Finger am Drcker hat oder auch die gestrenge Frau Amtmnnin. Die andern
Konventsmitglieder aber, die drinsitzen, sind der Garnichts, das wei man ja.
Dann braucht man nur bei den Herren was anzubringen, absonderlich, wenn man beim
Pfarrer ein paar gottselige Redensarten mit unterlaufen lt, dann sehen sie
nicht auf die Sache selber, sondern, da etwas angebracht ist, das ist ihnen der
Hauptpunkt, und daraus machen sie dann ein Protokoll und ein Geschft, wie wenn
sie dabei gewesen wren und alles besser wten, als der, den's doch angeht. -
Mit diesen Worten reichte er sein Glas dem Schtzen, der sich auch gleichmtig,
whrend ber seine Vorgesetzten losgezogen wurde, den Mund stopfen lie.
    Zu was wren sie denn sonst da? bemerkte Friedrich.
    Der Invalide stie ihn an und flsterte: Sei Er doch politisch und la Er
den Kbler allein das Maul brauchen. Der steckt in Schuhen, woran nichts mehr zu
flicken ist. Aber Ihm knnt's Schaden bringen, denn der Schtz ist ein
Kalfakter; er schmarotzt, soviel man ihm gibt, und nachher trgt er alles, was
er dabei gehrt hat, seinen Herren wieder zu.
    Was liegt mir dran? entgegnete Friedrich trotzig.
    Und was ist denn noch mehr heut vorgekommen bei der Kirchenzensur? fragte
der Invalide den Schtzen, um das Gesprch abzulenken.
    Oh, mehr als viel, sagte dieser, die Sitzung hat noch nie so lang
gedauert, es ist mir ganz schwach worden vom langen Warten im hrn. Zuerst,
begann er mit einer Amtsmiene, sind Kirchenstuhlstreitigkeiten unter den
Weibern abgemacht worden; das ist ja ein stehender Artikel bei allen
Konventssitzungen. Dann hat man junge Bursche vorgefordert, die aus der
Kinderlehre weggeblieben sind, und hat sie mit Vermahnung wieder springen
lassen.
    Friedrich bi sich auf die Lippen, sagte aber nichts, um nicht den Spott der
Gesellschaft gegen sich herauszufordern.
    Dann hat man eine Separatistin frgehabt, die in Jebenhausen drben bei der
gndigen Frau in die Stund gangen ist.
    Der Gesellschaft war dies so gleichgltig, da sie nicht einmal nach dem
Namen fragte.
    Ferner hat man die alte Anna frgenommen, die mit dem krummen Fu, die mit
ihren drei Waisen dreiig Kreuzer wchentlich hat. Der ist frgehalten worden,
da sie als ein altes bauflliges Weib gleichwohl etlichmal nach Zell hinunter
in die Kirche gegangen sei, mit Verachtung des hiesigen Gottesdienstes, und habe
sich deshalb die Brgerschaft ber sie beschwert.
    Ja, die Brgerschaft! rief der Kbler. Ein paar alte Weiber werden zum
Pfarrer geloffen sein, und vielleicht der Kreuzwirt, und werden ihm nach dem
Maul geredt han.
    Was ist ihr geschehen? fragte der wohlwollende Invalide, in der Absicht,
seinen Liebling nicht auch wieder in diesen Ton verfallen zu lassen.
    Sie hat sich verantwortet, sie hab's nur drei- oder viermal getan und sei
sie allweg von andern Leuten hinuntergeschickt worden, weil sie eben unerachtet
ihrer Gebrechlichkeit sehen msse, wie sie etwas verdiene, und dann sei sie, um
wenigstens das Wort Gottes zu hren, dort in die Kirche gegangen. Man hat dann
beschlossen, da man ihr von den dreiig Kreuzern, die sie aus dem Almosen hat,
zehn nehmen und knftig nur noch zwanzig geben wolle, und ihr bedeutet, wenn sie
ferner nach Zell in die Kirche gehe, so werde man ihr das Almosen gar nehmen.
Sie hat mich gedauert, denn sie hat schrecklich geheult.
    Predigt man denn in Zell ein anderes Wort Gottes als hier? rief Friedrich,
indem er wild mit der Faust auf den Tisch schlug. Das ist doch beraus, wenn so
ein - er besann sich vor dem Schtzen einen Augenblick -, wenn so ein Pfarrer
meint, man drf keinen anderen hren als ihn, und nimmt einem armen alten Weib
darum das Brot! Und was man in den Kirchen hrt, das ist doch meistens nur um
der Einknfte willen gepredigt. Wenn sie's umsonst tun mten, wie im
Evangelium, und dem Volk noch Brot dazu geben, ei, wie geschwind stnden die
Kanzeln leer.
    Ein Gemurmel durchlief die Gesellschaft; es schien aber keinen Widerspruch
anzudeuten. Der Invalide fragte schnell: Was hat's noch weiter geben? und
schob sein Glas dem Schtzen hin, der ihm bereitwillig Bescheid tat, ohne den
rebellischen Reden sichtliche Aufmerksamkeit zu schenken.
    Allerlei Sabbatentheiligungen sind abgergt worden, fuhr er fort. Einer
ist am Sonntag ins Feld gangen, ein anderer hat gedroschen, und des Khlers sein
Bruder ist auch vorgewesen, der hat am Sonntag eine Bettlade angestrichen, und
so noch andere mehr. Die sind ein jedweder um ein halb Pfund Heller in Heiligen
gestraft worden.
    Nchstens wird man am Sonntag nicht einmal mehr einen Bissen zu sich nehmen
drfen, murrte Friedrich.
    Ja, rief der Khler, du hast vielleicht gar nicht weit daran
vorbeigeschossen, denn der Pfarrer in Hattenhofen drben hat sich bereits
verlauten lassen, man sollt eigentlich den Tag des Herrn mit Fasten zubringen.
    Die Gesellschaft lachte unwillig.
    Die Obrigkeit macht aber doch auch billige Ausnahmen, sagte der Schtz zu
Friedrich. Wie Sein Vater verwichenes Jahr um Ostern angebracht worden ist, da
er am Sonntag mit einem Wagen Haber nacher Stuttgart gefahren sei, da ist ihm
nichts geschehen, weil er sich hat verantworten knnen, der Haber gehre der
Herrschaft und habe zur Gottesdienstzeit in Stuttgart sein mssen.
    Jawohl! lachte Friedrich bitter, wenn's fr die Herrschaft ist, dann
ist's keine Sund! Ich hab geglaubt, vor Gott sei alles gleich. Aber der Herzog
jagt auch am Sonntag, wenn's ihn ankommt, und fragt nach keinem Pfarrer nichts.
Ich hab ihn selber schon am Sonntag hier durchreiten sehen.
    Und letzten Sommer hat man Seinen Schwager auch entschuldigt, weil er an
einem Sonntag Garben eingefhrt hat, die von den wilden Schweinen bel
zugerichtet gewesen sind. Da hat der Konvent ein Einsehen gehabt und hat
judiziert, es sei ein Notwerk gewesen.
    Ja, was! sagte ein Bauer, bei so frnehme Leut hat man freilich ein
Einsehen.
    Ich will doch nicht hoffen, rief ein anderer, da der Kirchenkonvent auch
noch den wilden Suen den Kopf heben sollt, die uns das Feld verderben und die
beste Frucht wegfressen! Unsereins mu sich das ganze Jahr hindurch schinden und
plagen, damit man in Stuttgart in Saus und Braus leben kann, und man sollt nicht
einmal seine Frucht eintun drfen, eh die Beester sie vollends ruiniert haben?
    Man hat nicht blo mit dem Sonnenwirt und solchen Leuten ein Einsehen,
bemerkte der Schtz dem vorigen Redner, sondern auch mit dem gemeinen Mann. Wie
im Heuet das Gewitter auf unsere Markung geschlagen hat, Gppingen zu, und ein
Hochwasser zu befrchten gewesen ist, hat nicht da der Herr Amtmann am Sonntag
frh ausschellen lassen, die Leute sollen und mssen ihr Heu sogleich heimtun,
da und damit es nicht vom Wasser fortgenommen werde?
    Ei, ich wollt, er htt's drauen gelassen, erwiderte der Angeredete, das
Wasser ist nicht strker worden, wie man hat voraussehen knnen, und mit dem Heu
hat man nachher seine liebe Not gehabt. Htt man's liegenlassen drfen, so wr's
auf dem Feld trocken worden.
    Das war dazumal, sagte einer aus der Gesellschaft lachend, wo der Blitz
dem Ksbalthes sein Paar Ochsen erschlagen hat. Ich seh ihn noch immer, wie er
dagestanden ist und eine Faust gegen den Himmel gemacht und geschrien hat: Jetzt
soll aber auch unserm Herrgott sein bestes Paar Engel verr-.
    Ein schallendes Gelchter folgte auf diese Erzhlung. Das drft auch nicht
beim Kirchenkonvent vorkommen, bemerkte einer.
    Ei, so schlag! rief der Mllerknecht, immer von neuem in Lachen
ausbrechend und das verpnte Wort in unschuldigerer Wendung wiederholend: so,
unserm Herrgott soll sein bestes Paar Engel kapores gehn?
    Ja, und dem Herzog sein schnstes Paar Tnzerinnen! knirschte der Kbler,
indem er das Glas auf den Tisch stie.
    In der Wirtsstube wurde es pltzlich so still, da man eine Fliege summen
hrte, die sich in der Tag und Nacht gleichen Wrme des Bckerhauses lebendig
erhalten hatte.
    Oh, da ich knnte ein Schlo an meinen Mund legen und ein fest Siegel auf
mein Maul drcken! sagte die Bckerin mit biblischer Betonung.
    Was! rief der Khler wild, ist denn eine zerbrochene Fensterscheib in der
Stub, da man seine Wort hten mu?
    Friedrich sah unwillkrlich nach dem Schtzen hin.
    Vor Kirchenkonvent wenigstens drft so etwas nicht bekannt werden, sagte
der Mllerknecht, der soeben noch eine Verwnschung der Engel Gottes weit minder
verfnglich gefunden hatte als einen Fluch ber die Tnzerinnen des Herzogs.
    Der Schtz, dem der Blick des jungen Burschen nicht entgangen war,
versetzte: Ich denk, der Herr Amtmann und der Herr Pfarrer werden froh sein,
wenn sie nichts davon erfahren. Es ist besser, eine solche unverstndige Red
bleibt in der Gemeind, denn wenn sie weiter km, so knnt sie einen an Leib und
Seel zeitlebens unglcklich machen.
    Der Kbler, dem der Wein mehr und mehr in den Kopf stieg, brummte einiges
dagegen, und der Schtz, etwas steif von Trunkenheit und Autorittsbewutsein,
schien nicht geneigt, ihm eine Antwort schuldig zu bleiben, so da der Invalide
sich abermals ins Mittel legen zu mssen meinte. Ich hab die
Kirchenkonventsgeschichten satt bis oben herauf, sagte er leise zu Friedrich,
und doch wei ich dem Kerl das Maul nicht anders zu stopfen, denn da ich ihn
aus der Schul schwatzen la; das kitzelt seinen Hochmut. Und zum drittenmal
fragte er ihn, was sonst noch verhandelt worden sei. Ein Husarentanz, sagte
der Schtz.
    Was? riefen die andern und sperrten Maul und Augen auf.
    Die Konventsherren werden doch nicht getanzt haben, sagte der
Mllerknecht.
    Dummes Geschwtz! entgegnete der Schtz. Dem Herrn Amtmann war angezeigt
worden, da in einem Lichtkarz bei der kropfigen Lisabeth Kuchen gegessen worden
seien und da des Xanders Bsle, die bei ihm dient, den Husarentanz dabei
getanzt habe, wobei auch ledige Bursche zugegen gewesen seien. Die Tnzerin und
die Lisabeth, weil die den Karz ohne Erlaubnis gehalten, sind jede ein paar
Stunden ins Husle gesprochen und mit einem Weiberfrevel gestraft worden, und
von dem Weibsgeziefer, das im Karz Kuchen gessen hat, ist jede um elf Kreuzer
gestraft worden, so auch der Beck, der neben der Lisabeth wohnt und die Kuchen
backen hat.
    Friedrich horchte hoch auf: dies war der Karz, in welchen Christine durch
seine Vermittlung eingefhrt worden war. Er htete sich aber wohl zu fragen, ob
Christine unter den Gestraften gewesen sei.
    Der Husarentanz? fragte der Mllerknecht, was ist denn das fr ein Tanz?
    Kein besonders anstndiger, antwortete ihm Friedrich.
    Der Husarentanz, sagte der Schtz, nun, das ist eben der Husarentanz. Wer
wird denn den nicht kennen?
    Der Schtz, rief der Kbler, stellt sich doch, als ob er alles wt! Ich
bin euch gut dafr, da er ihn selber nicht kennt.
    Was, ich? erwiderte der Schtz und richtete sich stolz empor, ich soll
ihn nicht kennen?
    Nein, ich wett, was du willst.
    Ein Flasch Wein!
    Eingeschlagen!
    Und ohne an seine Amtswrde zu denken, sprang der Schtz vom Stuhl auf,
setzte den Hut verkehrt auf den Kopf, nahm die Rockzipfel zwischen die Zhne und
fhrte einen seltsamen Tanz mit plumpen Sprngen auf, die sich um so
abscheulicher ausnahmen, da er im wachsenden Rausche seines Krpers nicht mehr
mchtig war. Wenn das Mdchen, von dem er erzhlte, nur zum zehnten Teil so
hlich getanzt hatte, so hatte Friedrich mit seiner Bezeichnung vollauf recht
gehabt. Die Gesellschaft brllte vor Lachen, aber in den Augen der Mnner malte
sich zugleich die Verachtung, welche die Bckerin noch deutlicher ausdrckte,
indem sie, ohne lachen zu knnen, mitleidig nach dem Lustigmacher hinsah. Da
tanzt unsere Obrigkeit! sagte der Kbler.
    So, das ist der Husarentanz! keuchte der Schtz, indem er atemlos auf
seinen Stuhl zurckfiel. Jetzt eine Halbe dem Kblerfritz!
    Das Gelchter dauerte noch lange fort, whrend er sich schon den Preis
seiner Schaustellung schmecken lie. Er wurde mit zweideutigen und spttischen
Lobsprchen berschttet, und der Invalide sagte ihm, er sollte sich beim
Ballett in Stuttgart anstellen lassen, da wrde er am besten hintaugen.
    Diese Aufnahme seiner knstlerischen Produktion machte ihn wieder ein wenig
nchtern. Aber das Schnste hab ich noch gar nicht erzhlt! rief er, um den
ihm allmhlich klar werdenden Eindruck des Possenspiels, das er soeben
aufgefhrt hatte, zu verwischen. Ein Hexenproze ist heut noch zu guter Letzt
verhandelt worden!
    Ein Hexenproze? Was? Wird wieder einmal eine Hex verbrennt?
    Nein, dazu bietet die Obrigkeit nimmermehr die Hand. Aber doch ist's ein
Hexenproze gewesen, und das ein saftiger. Ich hab schon gemeint, die Sitzung
geh zu End, die Herren haben nur noch ein wenig von wegen der Kirche und Schule
diskuriert - der Wetterhahn ist lahm worden, und die Schulmeisterin will eine
Kche und mag sich nicht mehr mit dem schlechten Verschlag zum Kochen behelfen -
da kommt auf einmal der Franzos den Gang herangestiegen, wie ein welscher Hahn,
und den Hut hat er ganz schief aufgehabt, so da ich gleich gedacht hab, da sei
bs Wetter im Anzug.
    Wer ist der Franzos? fragte der Mllerknecht.
    Man heit ihn so, weil er ein Jahr im Elsa das Sattlerhandwerk gelernt hat
und davon ein wenig welscht. Er hat eine Hammelayin zum Weib. Ich hab ihn gleich
mssen bei Konvent anmelden, und weil ich neugierig gewesen bin, hab ich die Tr
ein wenig offengelassen. Da hat er schrecklich getan und immer mit den Hnden
dazu gefochten und hat den Schmiedhannes verklagt, da er heut in Gegenwart des
ganzen lblichen Magistrats, just vor der Konventssitzung, in einem Streit wegen
eines Gartenzaunes die Hammelayischen insgesamt Hexen gescholten habe. Das sei
ein Schimpf und eine Schande fr ihn und seine Gefreund'ten, und er klage im
Namen der ganzen Hammelayischen Familie, man mchte den Schmied zur gebhrenden
Strafe ziehen und ihm eine christliche Abbitte auferlegen. Ich hab gleich den
Schmiedehannes holen mssen, und der hat auch ohne weiteres bekannt, da er
diese Rede vor gesessenem Gericht ausgestoen hab, und es sei wahr, er bleibe
dabei, denn die alte Hammelayin sei ihm schon vor fnf Jahren einmal in aller
Frh ohne Haub im Hemd und Rock begegnet, hab auch eine schwarze Katz bei sich
gehabt, die so gro als ein Kalb gewesen sei. Der Herr Amtmann hat ihm drauf die
Sach ausreden wollen, er hab vielleicht einen starken Morgenschnaps getrunken
gehabt und die Katz durch eine zu groe Brill angesehen. Er aber ist dabei
beharrt, da er keinen Rausch gehabt habe, und wie ihm der Herr Amtmann
zugesetzt hat, so ist er zornig worden und hat sich verschworen, der Teufel
solle ihn zu Sgmehl verreien, wenn er weiter als fr sechs Kreuzer getrunken
gehabt hab. Auf das ist der Herr Pfarrer aufgefahren, und der Herr Amtmann hat
ihm gleich zwei Pfund Heller andiktiert, weil er sich mit Fluchen vermessen hab,
absonderlich in Gegenwart des Herrn Pfarrers. Das hat ihn denn etwas mrber
gemacht, und endlich hat er sich zureden lassen, da er den Hammelayischen
solche Gottlosigkeiten nicht beweisen knne, sondern aus Zorn und Unverstand
gered't hab. Er hat dann dem Franzosen fr die Hammelayischen Abbitte tun mssen
und ist als ein schlecht bemittelter Mann, den die zwei Pfund Heller schon sauer
ankommen, auf zweimal vierundzwanzig Stund in Turn gesprochen worden, heit das,
erst wenn das Quartier vom Kfer frei wird.
    So was mu man eben auch nicht auf seine Nebenmenschen bringen, wenn man's
nicht beweisen kann, bemerkte der Mllerknecht, das ist doch das Allerrgste,
was man einem nachsagen kann.
    Die Obrigkeit nimmt ja so etwas gar nicht mehr an, sagte einer der Bauern,
die in der Gesellschaft saen, verdrielich. Da knnen alle Greuel geschehen,
man fragt nichts darnach, und wenn einer das Maul drber auftut, so wird er noch
gestraft. Die Herren glauben's nicht oder tun wenigstens so, und man sagt, auch
der Herzog hab's nicht gern. Wer wei, was dabei im Spiel ist, da man dem
Teufel so den freien Lauf lt. Vorzeiten ist das anders gewesen.
    Also wenn's nach Euch ging, sagte Friedrich, so mt man die alten Weiber
wieder schwemmen und an der Leiter aufziehen und verbrennen. Saubere Zeiten sind
das gewesen! Wenn ich irgend etwas an der Obrigkeit lob, so ist es das, da sie
solchem dummen Geschwtz kein Gehr mehr gibt.
    Was? schrien die in der Gesellschaft anwesenden Bauern zusammen, das soll
dummes Geschwtz sein? Heit's nicht in der Bibel: Die Zauberer und Greulichen
sollst du mit Feuer verbrennen? Und das soll ein dummes Geschwtz sein? Soll's
denn keinen Teufel mehr geben? Wer das nicht glaubt, der glaubt auch nicht an
die Ewigkeit und glaubt nicht, da es selige und verdammte Geister gibt.
    Ich hab wenigstens noch keinen gesehen, bemerkte Friedrich kalt.
    Der glaubt gar nichts! rief einer, und die anderen sahen den Gegenstand
dieses Verwerfungsurteils mit einem gewissen Abscheu an.
    Oder, sagte ein anderer, ist er vielleicht -? Ich wei nur nicht, wie
ich's angreifen soll, denn man wird ja gleich gestraft, wenn man seine Wort
nicht auf die Goldwaag legt.
    Soll ich vielleicht selber ein Hexenmeister sein? lachte Friedrich. Nur
herzhaft raus mit der Farb! Ich lauf deswegen nicht sogleich vor Kirchenkonvent,
ich bin nicht so empfindlich, auch hat man seiner Lebtag keinen Esel einen
Hexenmeister gescholten, denn dumme Leut kann der Teufel, scheint's, nicht
brauchen.
    Was die alte Hammelayin betrifft, sagte der Invalide, um das Gesprch von
dieser Klippe ab wieder in ruhigeres Fahrwasser zu leiten, so ist es gewi und
wahrhaftig, da sie eine mchtige Raffel unter der Nas sitzen hat.
    Ja, sagte ein anderer, sie hat aber nicht blo ein bs Maul, sondern es
lie sich sonst noch allerlei ber sie sagen. Wit ihr noch, wie ihre ltere
Tochter, die jetzt den Schneider hat, wie die mit dem Diegelsberger hat Hochzeit
gehabt? Die Hochzeit ist im Hecht angestellt worden, und der Brutigam, dem's
schon um acht Uhr weh gewesen ist, nachts um zwlfe will er noch einen Tanz tun,
- pltzlich strzt er nieder und ist in Zeit einer Minut maustot. Es ist so
schnell gangen, da ein tanzendes Paar ber ihn zu Fall kommen ist; die haben
einen Greusel davongetragen, da sie's ein paar Tag lang geschttelt hat. Man
hat viel drber gesprochen.
    Nun ja, was wird's gewesen sein? sagte Friedrich, ein Steck- und
Schlagflu.
    Ja, so hat man bei Amt auch gesagt und hat ihn mit einer Leichenpredigt auf
dem Kirchhof begraben. Ich wei noch, wie sie angefangen hat: Hui, hui, sagt der
Tod, der starke Held, ich kann auch mittanzen. Aber es gibt Leut, die wollen's
besser wissen, die sagen - Nun, ich will nichts gesagt haben, aber so viel ist
gewi, da der Alten die Heirat von Anfang an nicht nach ihrem Gusto gewesen
ist. Die Junge hat erschrecklich getan und hat sich nicht trsten lassen wollen.
Nachmals aber hat sie den Schneider genommen; ich wei noch, auf ihrer Hochzeit
ist grad die Nachricht ankommen, da ihr Schwager, der Goldstein, der sein Weib
mit drei Kindern hier hat sitzen lassen, in Speier die Religion schangschiert
hab und eine Katholische geheiratet und sei mit ihr nach Pennsylvanien gangen.
    Von der Alten erzhlt man ein feines Stcklein aus ihren jungen Jahren, wo
sie bei Seines Pflegers Vater im Dienst gewesen ist, hob ein anderer, zu
Friedrich gewendet, an. Damals hat sie's mit einem Balbierersgesellen gehabt
aus Adelberg. Er hat ihr zu Familie verholfen, eine Tochter ist's gewesen, ich
glaub, eben die Schneiderin, die so unglcklich hat Hochzeit gehabt. Sie hat ihn
aber verschont und hat ihn nicht angegeben, da er der Vater zu ihrem Kind sei.
Er hat's ihr nachher schlecht gedankt und ist von ihr wegblieben. Jetzt, was hat
das leichtfertig Mensch getan, das nichtsnutzig? ber einmal, wie ihr Herr in
die Kche kommt, sieht er ein Paar Strumpf im Kamin hngen. Was sind denn das
fr Wrst, fragt er, sollen denn die geruchert werden? Die Magd, nicht faul,
reit die Strmpf geschwind herunter und gibt vor, die Strumpf gehren ihr, sie
hab sie schnell wollen trocknen, weil sie na geworden seien. Er aber, ebenso
flink, reit ihr noch einen aus der Hand und sieht, da es ein Mannsstrumpf ist.
Wie er ihr nun das frgehalten hat und sie hat nicht wollen weichgeben, so hat
er sie beim Pfarrer angezeigt, und da hat sie endlich nach vielem Leugnen
gestanden, ein Schfer hab ihr geraten (sie wird aber keinen dazu braucht
haben), sie solle sehen, da sie ein Kleid oder etwas, das der Mensch mit
Salvene auf'm bloen Leib getragen hab, zur Hand kriegen knne, und solle es in
den Rauch hngen, dann werd's dem Tter warm werden und immer wrmer und werd
keine Ruh haben, bis er wieder zu ihr komme.
    Die Frag ist nur, ob der Barbier auch richtig wiederkommen ist, bemerkte
Friedrich.
    Nein, kommen ist er nicht mehr, sagte der Erzhler.
    Dann will ich's gern glauben! rief Friedrich mit hellem Lachen. So kann
ich auch hexen. Ich sag nur: Kurrle, Murrle, dann mu der Krug dort auf dem
Schrank tanzen. Aber wenn ich nicht dazu den Schrank mit den Hnden schttle, so
tanzt der Krug eben nicht. Hexenwerk mag schon mancher und manche probiert
haben, das will ich zugeben, aber die Frag ist nur, ob was dabei herausgekommen
ist.
    Vielleicht ist der Balbierer doch innerlich verbronnen, stammelte der
Schtz.
    Friedrich lachte ihn aus. Ja, sagte er, wenn er Schnaps gesoffen hat.
    Mir hat doch einmal ein Zimmermann erzhlt, fiel der Mllerknecht ein, es
hab ihn nachts eine Hex gedrckt und gepeinigt, da er schier erstickt sei. Er
sei dann aufgewacht und hab die Unholdin in Gestalt einer schwarzen Katz auf ihm
liegen sehen. Da hab er mit der letzten Kraft nach der Axt neben seinem Bett
gegriffen und hab nach der Katz gehauen. Die sei mit einem lauten Schrei
davongefahren und hab ein Stck von der Vorderpfot dahinten gelassen. Morgens
sei zwar nichts mehr davon dagewesen, wohl aber Blut auf'm Bett und an der Axt.
Drauf hab er seine Gedanken auf ein altes Spittelweib geworfen und sei in den
Spittel gangen, um nach ihr zu sehen. Man hab ihm aber gesagt; er knn sie nicht
sehen, sie liege todkrank im Bett. Er sei aber dennoch zu ihr gedrungen und hab
sie mit Gewalt aufgedeckt, und da habe sich's gezeigt, da ihr die linke Hand
gefehlt habe, die sei ihr von seiner Axt abgehauen gewesen.
    Hu, mir gruselt's! rief einer um den anderen von der Gesellschaft, die
sehr andchtig zugehrt hatte.
    O Peter, glaub doch kein so Ding! sagte Friedrich. Was wird sich denn ein
Weib in eine Katz verwandeln knnen? Wenn du dir von jedem Zimmermann solche
Spn aus'm Verstand hauen lt, so wirst bald so dumm, da man Riegelwnd mit
dir hinausstoen kann.
    Der Streit gegen den hartnckigen Unglubigen brach abermals aus, und diese
Leute, die ein derbes Wort ber Pfarrer und Kirche ertrugen, wurden ganz wild
darber, da es mit Hexen und Gespenstern nichts sein sollte, und verteidigten
mit einer wahren Glaubenswut ihr Dogma, da der Teufel bsen Menschen die Macht
verleihe, auf wunderbare Weise Schaden zu tun, und da Gott abgeschiedenen
Geistern, guten wie bsen, von Zeit zu Zeit aus dem Grabe an die Oberflche der
Erde heraufzusteigen erlaube.
    Nun ja, sagte Friedrich endlich einlenkend, ich will ja nicht dawider
sein, da sich's andrer Orten vielleicht so verhlt, wie ihr saget, denn das
wei ich ja nicht. Aber hier bei uns gibt's keine Hexen und keine Geister, das
behaupt ich.
    Und warum denn nicht? rief einer.
    Weil mir noch keine Hex beikommen ist, und es gibt doch ganz gewi solche,
die mich zu Tod drcken tten, wenn sie knnten, aber sie knnen eben nicht.
    Und warum keine Geister? fragte ein anderer.
    Weil ich noch keine gesehen hab! Und was ihr von euch erzhlet, da euch
schon vorgekommen sei, das mu mir selber erst auch widerfahren sein, bevor und
da ich's glaub; denn ich kann doch nicht einsehen, warum ich ein anderer Mensch
sein soll als andere.
    Andere Leut sind aber doch anders beschaffen, sagte der Mllerknecht. Es
gibt Sonntagskinder.
    Ich bin auch am Sonntag geboren, erwiderte Friedrich, und hab zeit meines
Lebens nie was geschaut. Ich wei ganz gewi߫, fuhr er mit wachsender Wrme
fort, denn der Wein stieg ihm nach und nach in den Kopf, wenn ein Verstorbenes
wieder zu den Menschen kommen knnt, so wr ich so gut ein Geisterseher wie
irgendeiner in der Welt.
    Warum das? Woso?
    Meine Mutter, sagte der junge Mensch, indem er trotz seiner Lebhaftigkeit
die Stimme dmpfte, meine Mutter wrde sich's nicht nehmen lassen, nach mir zu
sehen, wenn das ihr gestattet wrde. Und warum sollt ihr's nicht verstattet sein
wie den andern Geistern? Aber eben das, da sie nicht zu mir kommt, ist mir ein
Beweis, da die anderen auch nicht knnen.
    Narr, sie will dich eben nicht erschrecken, lallte der Kbler, dessen
Augen allmhlich glsern wurden.
    Sie wei recht gut, da ich nicht an ihr erschrecken kann, mit welchem
Aussehen sie mir auch erscheinen mag. Oft, fuhr er nachdrcklich fort, nachdem
er einmal die Scheu berwunden hatte, von diesem Gegenstande zu reden, oft hab
ich um Mitternacht, wenn ich ganz allein gewesen bin, ihren Geist beschworen,
leis und laut, und hab sie gebeten, wenn es ihr mglich sei, so mcht sie den
Himmel auf einen Augenblick verlassen und zu mir kommen. Aber es hat sich nichts
darauf ereignet, ich bin allein gewesen nach wie vor, und hab auch nichts um
mich vernommen als das stille Sausen der Nacht, das aber nicht von Geistern
kommt, sondern von der Luft, weil die Nacht gar gehrsam ist.
    Gott steh uns bei! hatten die anderen whrend dieser Erzhlung gerufen,
die ihnen fremd und seltsam deuchte.
    Das ist ein grausamer Mensch! sagte der eine, womit er die
Grauenhaftigkeit dieses Treibens bezeichnen wollte.
    Der glaubt an gar nichts! wiederholte der andere. Der kommt einmal in den
Himmel, wo die Engel schwarz sind und Wauwau singen.
    Jetzt soll einmal die Beckin erzhlen, ob sie schon einen Geist gesehen
hat! rief der Invalide, fortwhrend bemht, das Gesprch in einem
ungefhrlichen Gange zu erhalten.
    Ja, die Beckin soll erzhlen! riefen ihm mehrere Stimmen nach.
    Die Bckerin richtete den Kopf im Sorgenstuhle auf, worin sie den ganzen
Disput verschlafen hatte. Man mute ihr erst erklren, um was es sich handle.
Ha, da es Hexen und Geister gibt, sagte sie ghnend, das leidet keinen
Zweifel, aber zu mir ist noch keine Hex gekommen, weder bei Tag noch bei Nacht,
und keinen Geist hab ich auch noch nie gesehen.
    Ihr habt eben ein ruhiges Gemt, Bas, sagte Friedrich lachend, auf Euch
knnt, glaub ich, eine Hex die ganze Nacht reiten, Ihr ttet nichts davon inn
werden. brigens ist's nicht recht, in der Neujahrsnacht zu schlafen und Eure
Gst mit Ghnen anzustecken. Morgen ist ja Kirch, da knnt Ihr's reinbringen,
was Ihr heut nacht am Schlaf versumet.
    Ja, ja! rief der Mllerknecht. Letzten Sonntag hab ich mich auch an der
Beckin ihrem ruhigen Gemt erbaut unter der Predigt. Der Herr Pfarrer hat
geschrauen, da man's in Reichenbach htt hren knnen, aber die Beckin hat sich
nicht verrhrt, sie hat ganz klein ausgesehen in ihrem Stuhl, und der Kopf ist
ihr zwischen den Achseln eingesunken gewesen wie ein Schnitz, der oben in einem
Hutzelbrot steckt.
    Ach was! entgegnete die Frau unschuldig, man mu sich die ganz Woch
leiden, wenn man auch noch das bile Kirchenschlaf nicht htt, so wr's ja nicht
zum Prstieren.
    Die Gesellschaft brach in ein wieherndes Gelchter aus, das lange kein Ende
nehmen wollte, bis endlich der Bcker seine Frau aufmerksam machte: Du, Weib,
da klopft's am Kchenfenster. Sie horchte hin, ohne da etwas zu hren war;
nach einer Weile aber klopfte es wiederholt und vernehmlich.
    Aha, das ist ein Geist! rief der Mllerknecht.
    Machet mir nicht angst, rief die Bckerin. Ich will's brigens mit ihm
aufnehmen, setzte sie hinzu und ging in die Kche.
    Ich glaub auch nicht an Hexen, sagte der betrunkene Schtz.
    Warum nicht? schrien die Bauern eifrig.
    Weil mein Glas schon eine ganze Ewigkeit leer dasteht und sich nicht fllen
will. Wenn's Hexenwerk gb, so mt's von selber voll werden.
    Der Kbler, der kaum mehr die ntige Kraft zum Reden besa, obgleich er
unermdlich zu trinken fortfuhr, schob dem Nimmersatt sein Glas hin.
    Jetzt mcht ich aber doch nchstens aus der Haut fahren ber die
Hungermuck, die einem da den ganzen Abend hinhockt! sagte der Invalide leise zu
seinem jungen Nachbar. Wenn ich doch nur auch ein Mittel wt, wie man ihn
fortbringen knnt, den Halunken.
    Da wird bald geholfen sein, flsterte Friedrich und wute sich vom Tisch
und zur Stube hinauszumachen, ohne da sein Weggehen jemand in die Augen fiel.
    Der Invalide, der nichts von seinem Vorhaben ahnte, erdachte inzwischen
gleichfalls einen Kunstgriff, um den beschwerlichen Schmarotzer fortzubringen.
In der Sonn ist's heut lustig, sagte er, der Sonnenwirt hat die Spendierhosen
an und lt eine Flasch um die andere springen; ich hab gehrt, er hab einen
Fahnen auf'm Hut wehen. - Friedrich hatte ihm anvertraut, da sein Vater den
Wein etwas spre und guter Dinge sei.
    Das kommt selten vor, da der Sonnenwirt 'n Spitzer hat, sagte der
Mllerknecht. Wahr ist's aber: wenn er angestochen ist, dann spendiert er.
Auerdem tut er's nicht.
    Auf den Schtzen wirkte die Mitteilung sichtbar beunruhigend. Er wute nicht
recht, wie er es angreifen solle, um alsbaldigen Gebrauch von ihr zu machen.
Endlich siegte doch die Lockung ber die Furcht, da man seine Absicht merken
knnte. Er behauptete stotternd, er msse im Flecken nachsehen, ob keine
Ungebhr vorgehe, wnschte umstndlich gute Nacht und schwankte zur Tre hinaus,
whrend der Invalide und der Mllerknecht einander heimlich anlachten.
    Der hat auch schwer geladen, sagte der Mllerknecht hinter ihm drein. Der
htt nicht noch mehr ntig.
    Kaum war er drauen, so kam Friedrich wieder herein. Alle Teufel!
flsterte er dem Invaliden zu, indem er sich geschwind wieder zu ihm setzte,
warum habt Ihr ihn fortgelassen? Wo ist er hin?
    Ist er Ihm denn nicht begegnet? fragte der Invalide, der das sonderbare
Benehmen seines jungen Freundes nicht begriff.
    Ich hab mich hinter die Tr versteckt. Wo ist er denn hin?
    Rechts hinunter, der Sonne zu.
    Ruft ihn, ruft ihn zurck! sagte Friedrich mit grter Hast, ohne zu
bedenken, da dazu ein hlzernes Bein nicht das tauglichste war. Es ist zu
spt, murmelte er in kalter Bestrzung, gebt acht, jetzt fliegt er.
    Dem Invaliden ging ein Licht auf. Es war aber keine Zeit mehr, etwas zu
ersinnen, das die Gefahr abwenden konnte, ohne den Tter zu verraten, denn in
demselben Augenblick erfolgte auf der Strae ein furchtbarer Knall, der das Haus
erschtterte. Alle sprangen vom Tisch auf, ausgenommen den Kbler, der stumm
verwundert um sich sah. Friedrich war der erste, welcher hinausstrmte, da er
glaubte, unmittelbar nach dem Knall, dessen Ursache ihm nur zu gut bekannt war,
einen Schrei von einer weiblichen Stimme vernommen zu haben, der ihm das Mark
durchschnitt. Drauen stand der Schtz unbeweglich wie eine Salzsule. Er
berlie es den andern, sich mit ihm zu beschftigen, und eilte mit klopfendem
Herzen weiter. Obgleich es hell war, sah er niemand und wollte eben wieder
umkehren, als er nicht weit von sich schluchzen hrte. Er ging dem Tone nach. Im
Schatten eines Hauses stand ein Mdchen angelehnt, das die Hnde vors Gesicht
hielt und heftig zitterte. Um Gottes Jesu willen! sagte er, ist ein Unglck
geschehen? Er eilte auf sie zu und zog ihr die Hnde vom Gesicht. Es war
Christine.
    Hat's dir etwas getan? fragte er verzweiflungsvoll.
    Nein, es ist nur der Schreck, antwortete sie. Es ist mir in alle Glieder
gefahren und hat mich so angegriffen, da ich weinen mu.
    Gott sei Lob und Dank! flsterte er. Da htt ich eine schne Dummheit
anrichten knnen.
    So? sagte sie, noch immer weinend, jetzt wei ich, wer mir das getan hat;
fr solche Streich bedank ich mich. Vor so einem Mutwillen ist man ja seines
Lebens nicht sicher.
    Der Brauskopf, der soeben noch bereit gewesen wre, sie fufllig um
Verzeihung seiner unsinnigen Torheit zu bitten, war pltzlich umgewandelt. Du
tust ja, wie wenn's dich mitten auseinandergerissen htt, sagte er kalt. Sei
du froh, da dir's nichts getan hat, und lauf nicht rum bei der Nacht, dann
widerfhrt dir nichts.
    Ich kann ja heimgehen, erwiderte sie tiefbeleidigt. Den Gang htt ich mir
ersparen knnen. Ich will mir's merken. Gut Nacht! Sie bog um das Haus und war
verschwunden.
    Er wandte sich trotzig und ging zurck. Die Gesellschaft hatte indessen den
Schtzen wieder in die Wirtsstube gebracht. Auch an ihm war die Gefahr glcklich
vorbergegangen, und nur der Knall hatte ihn anfangs bis zur Sinnlosigkeit
betubt. Doch fhrte er noch etwas verwirrte Reden und versicherte, er habe
einen Geist gesehen, einen weiblichen Geist, der ihn durch den Blitz des Feuers
mit groen Augen angestarrt habe. Es wurde lebendig in der Wirtschaft. Die
Scharwache kam, um vergebliche Untersuchungen nach dem Urheber der gefhrlichen
Mine anzustellen; auch hatte der Lrm Gste aus anderen Wirtshusern hergelockt.
Friedrich lie Wein heraufschaffen, zunchst fr den Schrecken, wie er sagte,
den der Schtz gehabt; aber es fanden sich auch noch andere Abnehmer. Man sprach
und schrie ber den Vorfall; die einen schimpften auf den Tter, die andern
lachten. Der Invalide spottete, da man ber einen Mordschlag ein so groes
Aufheben mache; in seinen Schlachten habe es anders gedonnert, sagte er und
machte einen neuen Versuch, seine Kriegsgeschichten zu erzhlen; aber die Leute
waren zu aufgeregt, um ihm zuzuhren. Gegen Friedrich wurde kein Verdacht laut;
die wenigen, die den wahren Tter erraten hatten, wuten zu schweigen.
    Mitten im Tumult zupfte ihn die Bckerin am Arm und gab ihm ein Zeichen. Er
folgte ihr in die Kche. Es ist ein absonderlicher Brieftrger dagewesen,
sagte sie und gab ihm einen Brief: Das Christinele hat gesagt, es hab den
ganzen Abend keinen Menschen finden knnen, der ihm den Brief fortgetragen htt,
und in die Sonne hab es nicht mit ihm gehen mgen; da hab es eben versucht, ob
das Briefle nicht hier an seinen Mann zu bringen wr, und richtig, es hat keinen
Metzgergang getan. Ich bin nur froh, da dem Kind nichts geschehen ist; denn
kaum ist es fortgewesen, so ist der teufelhftig Knall losgegangen. Die Jugend
wird immer schlimmer. Ich wollt, man tt den Malefizkerl, der den Mordschlag
gelegt hat, an den Ohren kriegen und tchtig schtteln, das wr ihm gesund.
    Dem Mdle ist nichts widerfahren, sagte Friedrich etwas verlegen, ich hab
drauen nachgesehen, es ist kein Mensch verunglckt. Was steht denn in dem
Brief?
    Wei ich das? entgegnete sie mit schlauem Lcheln, kann ich wissen, was
ihr fr Geschfte miteinander habt? Nun, ich will nicht neugierig sein.
    Sie ging in die Stube. Friedrich erbrach mit bebender Hand den Brief und las
ihn bei der trben Kchenampel. Christine bat ihn um Verzeihung und rief ihn zu
sich zurck! In seinem Entzcken dachte er nicht daran, da seit der Ankunft
dieses Briefes schon wieder eine neue Wolke zwischen ihn und sie getreten war,
er stand wie von einer Flamme umgeben, drckte den Brief ans Herz und jauchzte
laut auf. Zu gleicher Zeit erscholl auch in der Stube ein Jauchzen und
Glsergeklirr. Die Glocke vom Turm hatte den neuen Zeitabschnitt zu verkndigen
begonnen, der eigentlich mit jeder Sekunde eintritt, der aber da, wo zugleich
die Jahreszahl sich mit ihm verndert, einen tieferen Eindruck auf den Menschen
macht, und nach alter Sitte stieen die Leute mit den Glsern an und riefen
einander Glckwnsche auf das neue Jahr mit seinen noch verschleierten
Geschicken zu.
    Friedrich eilte in die Stube, ergriff sein Glas und stie mit an.
    Prosit's Neujahr! rief ihm der Invalide zu. Es lebe das Jahr
Siebenzehnhundertneunundvierzig! antwortete er.
    Siebenzehnhundertfnfzig! schrie man ihm von allen Seiten entgegen, und
der Rechnungsfehler wurde mit lautem Gelchter zurechtgewiesen. Der will das
Neujahr leben lassen und kann nicht hinein! spottete einer. Fnfzig schreibt
man jetzt, und das zehn Jahr lang, mut dich dran gewhnen, sagte ein anderer.
Kannst nicht aus der Zahl heraus, wo das Jahrhundert in sein Schwabenalter
gekommen ist? fragte ein dritter.
    Mag leicht sein, sagte Friedrich halblaut, so da nur der Invalide es
hren konnte, in dem Jahrzehnt, das sich mit vierzig schreibt, hat meine rechte
Mutter noch gelebt, und da ist es wohl zu begreifen, da mir die Zahl wie eine
alte Heimat ist, aus der man nicht gern heraus mag. Also das Jahr
Siebenzehnhundertfnfzig soll leben! rief er, nochmals das Glas erhebend, und
in seinem Herzen setzte er hinzu: das Jahr, das mir Ersatz geben soll! Es war
ihm, als ob er jetzt wieder eine Mutter htte. Er hielt es nicht lange in der
Gesellschaft mehr aus. Es war still und sanft in ihm geworden, und diese innere
Glckseligkeit taugte nicht zu dem, was um ihn her vorging. Das Lachen und
Johlen nahm berhand, und zwar um so ungestrter, als die Polizei sich selbst
daran beteiligte. Der Schtz, der durch den Schrecken ziemlich nchtern geworden
war, hatte die neue Gelegenheit zum Trinken nach Krften benutzt und machte
schon wieder Riesenfortschritte in der Trunkenheit. Der Kbler hatte von seinen
fnf Sinnen keinen einzigen mehr ganz beisammen und belustigte die Gesellschaft
durch die grunzenden Laute, die er von sich gab. Bringet die Noten im Kbel
her, die S- will singen! rief der Schtz, aber whrend er sich ber seinen
Genossen lustig machen wollte, strzte er auf einmal mitsamt dem Stuhl zu Boden
und stand nicht mehr auf. Das wilde Gelchter ber diesen Auftritt schallte noch
lange hinter dem Flchtling her, der die Herrlichkeit hinter sich lie, ohne
gute Nacht gesagt zu haben.
    Zu Hause fand er seinen Vater noch wach und noch immer von Gesellschaft
umgeben. Er brummte ber sein langes Ausbleiben, doch mehr, wie es schien, aus
vterlichem Wohlwollen, da er sich ihm an einem so heiteren Abend entzogen
hatte, als aus Mimut darber, da er seiner Pflicht nicht nachgekommen war.
Noch in spter Stunde waren Fuhrleute angelangt; sie fluchten wacker ber den
langen Aufenthalt, der ihnen durch verschiedene Zuflle und am meisten durch den
Elinger Zoll verursacht worden war. Friedrich widmete sich mit Eifer ihrer
Bedienung, und ihre Scherzreden bewiesen, da er von lange her bei ihnen wohl
angeschrieben sei. Er geht so leichtfig einher, als ob er in der Luft wandeln
tt, sagte einer derselben von ihm, und die Bezeichnung war richtig, denn das
Gefhl, das ihn seit dem Empfang von Christinens Brieflein beseelte, hatte ihm
gleichsam Flgel an die Sohlen geheftet.
    Er ging als ein glcklicher Mensch zu Bette, trunken von Liebe und auch ein
wenig vom Wein. Da er nicht sogleich einschlafen konnte, so hrte er noch den
Neujahrswunsch der armen Kinder, die, mit Lichtern umherziehend, vor den Husern
zu singen pflegten. Es war ein einziger Vers, der fr jedes Mitglied der
Familie, und wenn sich ihre Zahl noch so hoch belief, besonders wiederholt
wurde. Zuerst traf die Reihe den Hausvater, dann die Mutter; die Kinder, soviel
ihrer waren, wurden jedes einzeln angesungen, dann kamen die Mgde, dann die
Knechte und ganz zuletzt, wenn der Gratulationszug vor einem Wirtshause hielt,
die bekannteren Gste, die darin wohnten. Sie sangen, als die Reihe an Friedrich
kam:

Jetzt wnschen wir auch dem Herrn Johann Frieder ein gut's neu's Jahr,
Ein gesundes Jahr,
Ein glcklich's Jahr,
An Fried und Freud ein reiches Jahr.
Gott mach es wahr!
Gott gebe, da es werde wahr!

Gott gebe, da es werde wahr! sprach Friedrich in seiner Kammer nach.

                                       9


Der erste Gegenstand, mit welchem er sich bei seinem Erwachen am Neujahrsmorgen
beschftigte, war der Brief, der ihn gestern nacht so glcklich gemacht hatte.
Er zog ihn unter dem Kopfkissen hervor und las ihn aber und abermals. Dabei
konnte er freilich eine Wahrnehmung, die ihm im ersten Jubel so gut wie
entgangen war, nicht ganz unterdrcken. Der Brief war ziemlich abscheulich
geschrieben, sowohl was die Handschrift, als was die Rechtschreibung betraf;
jene stellte in Unbehilflichkeit und Verworrenheit das gerade Gegenteil von der
zierlichen Gestalt der Schreiberin dar, und die Gesetze der Rechtschreibung
hatte sie erbarmungslos mihandelt, mit ganzen Buchstaben gegeizt und andere am
unrechten Orte verschwendet, so da man, um den Sinn des Schreibens zu
verstehen, mehr dem Laut als den Schriftzeichen nach lesen mute. Friedrich
hatte, wie bereits bemerkt, alles gelernt, was ihm die Schule bieten konnte;
sein Vater hatte ihn nach der Konfirmation noch ein Jahr lang im Hause des
Schulmeisters untergebracht, um den durch den Tod seiner Mutter meisterlos
gewordenen und im Wirtshaustreiben der Verwilderung anheimfallenden Knaben unter
eine gleichmige Zucht zu bringen; und er schrieb seinen Brief oder Aufsatz,
der Bildung der Zeit gem, so gut als irgendein anderer. Ohne Zweifel
erblickten der Pfarrer und Amtmann zwischen ihrer und seiner Bildung eine breite
Kluft: wenn man aber auf der heutigen Bildungsstufe das, was von seiner Hand
aufbewahrt worden ist, mit den Bildungsurkunden von der Hand seiner Vorgesetzten
vergleicht, so merkt man kaum einen Unterschied; denn man findet bei ihm nicht
hufig Fehler, und auch sie schreiben keineswegs ganz fehlerfrei. Dagegen war
seine Art zu schreiben und Christinens Brief wie Tag und Nacht oder, wie eine
Hhnerpfote von einer menschlichen Hand absticht; und so gewi ein warmer
Krper, wenn man ihn mit kaltem Wasser bergiet, von einer unangenehmen
Empfindung befallen wird, so gewi ist es, da ein Liebender, der einigermaen
schulgerecht schreiben kann, im hchsten Feuer seiner Neigung wenigstens fr
einen Augenblick abgekhlt wird, wenn der Gegenstand derselben, den er doch
bewut oder unbewut als etwas Vollkommenes verehrt, die Erwiderung nur in eine
unschne und stmperhafte Form zu kleiden vermag. Aber die Liebe fhrt auch eine
gewaltsame Begeisterung mit sich, welche derlei ungleiche Gefhle, so wie sie
aufsteigen wollen, rasch wieder zu unterdrcken wei, zumal wo die Liebe die
Blte eines rauhen und krftigen Willens ist, der ohnehin keinen Widerspruch
duldet. Doch auch das Gewand der Demut mu sich dazu hergeben, den Miton
einzuhllen: wenn der Liebende entdeckt, da sein Inbegriff aller Vollkommenheit
auch einige Unvollkommenheiten in sich mitbegreift, so beruhigt er sich bei dem
Zugestndnis, da ja auch er nicht ganz untadelhaft sei und folglich nicht das
Recht habe, von seiner Geliebten vollendete Mangellosigkeit zu verlangen; und
diese Beruhigung dauert mit besonderer Festigkeit, solange, als die Sehnsucht
nicht erfllt ist, solange das frische Gesicht und die reizende Gestalt noch als
etwas Vorenthaltenes vor der Seele des Sehnenden schweben. Zudem liest ein
Liebender nicht blo den Schriftzeichen und dem Laute nach, er liest vornehmlich
auch mit dem Herzen, und diesem sagte das hbsche junge Mdchen in seinem armen
schlechten Briefe so herzliche und liebreiche Worte, da die kleine Abkhlung
bald wieder der zurckkehrenden ersten Flamme weichen mute.
    Christinens Brief ist infolge von Begebenheiten, zu welchen wir bald
gelangen werden, noch jetzt vorhanden; er lautet in verstndliches Deutsch
umgeschrieben so:
    Geliebter Schatz, es ist mir von Herzen leid, da ich dich so erzrnet
habe, ich bitte dich, verzeihe es mir wieder, ich will's nimmer tun. Wenn es
sein kann, so komm du noch einmal zu mir, da ich mndlich mit dir reden kann.
Weiter wei ich nicht zu schreiben, als da du seiest von mir zu tausendmal
gegrt und in den Schutz Gottes befohlen. Ich verbleibe dein getreuster Schatz
bis in den Tod. Meinen Namen will ich nicht nennen, wenn du mich lieb hast,
wirst du mich wohl kennen. Datum diesen Tag. Nehme frlieb mit dieser schlechten
Handschrift, ich kann vor Traurigkeit nicht besser schreiben.
    Gelieder Satz, du seie von mir zu tausendmal geschriet und in den Sutz
Gottes befohlen! wiederholte Friedrich halb entzckt, halb lachend, als wr das
Mdchen gegenwrtig und mte sich wegen ihres schlerhaften Schreibens von ihm
necken lassen. Dabei machte er eine Bewegung, wie wenn er ihre gelben Zpfe
fassen wollte, einer Glockenschnur hnlich, an der man lutet, damit oben jemand
zum Fenster heraussehe, um nachbarlichen Verkehr zu pflegen oder ein Almosen zu
spenden.
    Mitten in diesen zrtlichen Trumereien fiel es ihm jedoch ein, da er die
Schreiberin des Briefes fr ihre doppelte Mhe gar schlecht belohnt habe. Er
hatte ihr mit harten Worten ihr nchtliches Umherstreichen vorgeworfen, dessen
Zweck doch nur der gewesen war, ihre schlechte Handschrift an den rechten Mann
zu bringen, und whrend sie alle ihre wirklichen oder vermeintlichen Snden
durch ein Entgegenkommen, das ihn zu Dank verpflichten sollte, gutzumachen
bemht war, hatte er das so vielen Strungen ausgesetzte Verhltnis pltzlich
wieder auf den alten Traurigkeitsfu zurckgeschleudert. Und zwar hatte er sich
dies zuschulden kommen lassen in einem Augenblick, wo er durch einen
unverzeihlichen Knabenstreich, der gar nicht zu seinen auf ein ehrbares
Hausvatertum gerichteten Absichten pate, das Leben seiner Geliebten in Gefahr
gebracht hatte. Seine Reue war ebenso ungestm, wie der Ausbruch seines Zornes
gewesen war, und er schlug sich mit Macht vor die breite Stirne, hinter welcher
der Wein von gestern abend eine dumpfe Wolke zurckgelassen hatte, so da die
zwiefache Bue des Leibes und der Seele zusammentraf. Nachdem er sein
schuldhaftes Ich mit einer Flut nicht eben gelinder Schimpfworte berschttet,
tausend Gelbde der Besserung wiederholt und auf diese Weise in figrlichem Sinn
sich seihst den Kopf gewaschen hatte, ging er in den Hof hinab, um dieses Bad am
Brunnen in krperlicher Handlung zu wiederholen. Bald fhlte er sich auch so
erfrischt, da er ganz munter mit den Knechten und Mgden scherzte.
    Kaum hatte er sich aber diese Selbsterleichterung von der Beschwerde des
Krpers und den Vorwrfen der Seele verschafft, so berfiel ihn das Bedenken, ob
auch Christine ihn so schnell zu absolvieren geneigt sein werde. Alle
Zurckweisungen, die er von ihr hatte erdulden mssen, kamen ihm wieder in den
Sinn, und der Gedanke, da sie ihn heute heimgehen heien knnte, wie er sie
gestern heimgeschickt hatte, erfllte ihn nach der kurzen Anwandlung von
Heiterkeit pltzlich mit Wut und Verzweiflung. Im ersten Augenblick entschlo er
sich trotzig zum Dableiben, als ob sie ihm den gefrchteten Schimpf bereits
angetan htte; im nchsten trieb ihn sein kochendes Herz wieder zum Gehen an.
Aus diesen blitzschnell und gewaltsam abwechselnden Empfindungen der heftigsten
Leidenschaft und des mitrauisch aufgeregten Stolzes entsprang endlich eine
Liebeserklrung, die keiner Anleitung zur Kunst des Liebens entnommen war, auch
keineswegs ein Muster in derselben genannt zu werden verdient, aber als eine
glaubwrdig berlieferte und ihren Helden scharf zeichnende Begebenheit nicht
verschwiegen werden darf.
    Da er Christinen diesen Vormittag allein zu Hause finden wrde, hatte ihm
ihr Brief klar gesagt, obgleich es nicht mit Worten darin zu lesen stand: denn
wozu wrde sie sich gestern nacht so viele Mhe gegeben haben, den Brief noch in
seine. Hnde zu bringen, wenn sie nicht sicher gewesen wre, da die Ihrigen am
Neujahrsfeste alle in die Kirche gehen wrden.
    Die Glocke hatte schon das zweite Zeichen gelutet, als er die Sonne verlie
und mit einer Bedchtigkeit, welcher man seinen inneren Zustand nicht angesehen
haben wrde, verschiedene Seitengchen einschlug, um mglichst wenigen
Kirchengngern zu begegnen. Und doch konnte er sich berall sehen lassen: in dem
neuen Rock von dunkelblauem Tuch mit groen Knpfen und in den kurzen
Beinkleidern von schwarzem Samt - die hirschledernen, ber die er gegen den
Zigeuner gescherzt hatte, waren seit Weihnachten verbannt - trat seine
gedrungene Gestalt stattlich hervor; das scharlachene Brusttuch (Weste) pate zu
dem Stahl und Messer, die er in den Grtel gesteckt; der Dreispitz auf dem Kopfe
gab dem jugendlich krftigen Gesicht ein unternehmendes Aussehen, und die weien
Strmpfe ber den Schnallenschuhen umschlossen ein derbes Paar Beine, auf
welchen der Mann im Vollgefhl der Jugend wie auf festen Sulen wandelte. Er
wandte sich dem Felde zu, wo er zu dieser Stunde auf niemand treffen konnte und
wo die dicht fallenden Schneeflocken die Spuren seiner Tritte schnell wieder
ausfllten. Die Glocken luteten zusammen; als sie schwiegen und die Orgel
einfiel, die man bis aufs Feld heraus hrte, lenkte er die Schritte zu des
Hirschbauern Haus. Er fand die hintere Tre angelehnt, verschmhte es aber, sich
derselben zu bedienen, sondern stieg die auen an der Seite emporfhrende Treppe
hinauf, welche den rechtmigen Eingang ins Haus gewhrte. Im Hinaufsteigen
konnte er durch das Fenster sehen, und seine Auslegung der nchtlichen
Brieftrgerei hatte ihn nicht getuscht, denn Christine sa allein in der Stube
und las, so schien es wenigstens, ganz vertieft im Gesangbuch, auf dessen
aufgeschlagener Seite ein Blttchen mit einem flammenden, von einem Schwert
durchstochenen Herzen eingelegt war.
    Sie mute jedoch nicht so vertieft gewesen sein, als sie scheinen wollte,
denn als er zur Tre eintrat, sa sie nicht mehr am Tisch, sondern stand
aufrecht mit dem Buch in der Hand; allein so eifrig sie darin zu lesen schien,
so zeigte sich doch in ihren Mienen eine Spannung und Bewegung, welche deutlich
verriet, da ihre Gedanken ganz anderswo als bei einem geistlichen Liede waren.
Sie war ihm nie so schn vorgekommen: ihr helles Gesicht, obgleich heute nicht
so rotwangig wie sonst, blinkte von Morgenfrische, und die gelblichblonden,
streng gescheitelten Haare umschlossen es mit einem freundlichen Rahmen; ein
feuchter Schimmer schwamm in den niedergeschlagenen Augen; durch das schwarze
Gesangbuch, das in den gefalteten Hnden ruhte, erhielt das gleichfalls schwarze
Wams, das sonst ein alltglicher Anblick ist, etwas Feierliches, das den
lockenden Reiz der Erscheinung dmpfte; das rmliche Unterkleid war von einer
reinlichen weien Schrze beinahe ganz zugedeckt.
    Sein Herz klopfte, whrend er im langsamen Eintreten die liebreizende
Gestalt mit den Augen verschlang. Ist's erlaubt? sagte er, an der Tre stehen
bleibend.
    Ich kann's nicht verwehren, antwortete sie, und ihre Augen verirrten sich
von dem Liede, aber nicht weiter als bis an den Rand des Buches.
    Sie trutzt mit mir, dachte er.
    Beide schwiegen geraume Zeit still, dann begann er wieder: Ich hab
geglaubt, wenn man einen einlade, so vergnne man ihm auch ein gutes Wort. Wird
ja einer nicht vor Amt geladen, ohne da man ihm dort erffnet, warum er
vorgeladen ist.
    Das ist auch meine Absicht gewesen, sagte Christine, aber wie ich den
Brief geschrieben hab und bei Nacht ausgetragen, weil ich meine Brder nicht hab
drum wissen lassen wollen, und hab nicht frher fortkommen knnen, als bis alles
im Bett gewesen ist, da hab ich nicht gewut, da es mir so aufgenommen wird und
so ausgelegt. Es ist mich sauer genug ankommen, denn ich hab mir wohl sagen
knnen, da sich so etwas nicht schickt. Deswegen bin ich nun auch bitter
gestraft dafr und seh's jetzt vollends ganz ein, da ich's htt nicht sollen
tun.
    Der Brief gilt also nichts? fragte er.
    Sie sah in ihr Gesangbuch, ohne zu antworten. Abermals folgte ein langes
Stillschweigen.
    Wenn's so steht zwischen uns, hob er wieder an, so htt ich auch knnen
daheim bleiben.
    Sie legte das Buch auf den Tisch. Es ist nicht meine Schuld, sagte sie.
Ich hab's ja nicht so haben wollen. Aber ich mcht mich an keinen hngen, der
schlecht von mir denkt und mich eine Nachtluferin heit. Ich hab noch niemand
Anla geben, etwas Unrechts von mir zu glauben, am allerwenigsten - Sie
stockte, denn das Du wollte ihr nicht ber die Lippen.
    Hab ich denn wissen knnen, da du meinetwegen unterwegs bist? rief er.
    Das ist gleichviel, erwiderte sie. Niemand hat das Recht, wenn er mich
auch bei Nacht antrifft, mir das Rumlaufen vorzurcken, und das auf eine Art,
da man wohl versteht, wie's gemeint ist. Ich bin noch keinem nachgelaufen und
werd auch keinem nachlaufen mehr.
    Nun ja, versetzte er, wenn ich gewut htt, was fr einen Botengang du
tust, so htt ich ja gewi nichts dergleichen gesagt.
    Das glaub ich, bemerkte sie, unmutig ber diese leichte Entschuldigung.
    Jetzt la es aber gut sein! rief er, auf sie zugehend. Bis du austrutzt
hast und auspredigt, ist der Pfarrer mit der Predigt auch zu End.
    Nicht so geschwind! rief sie und wich rasch vor ihm zurck.
    So? da kann ich also heimgehen? sagte er, erbittert ber den ernstlichen
Ton, mit dem sie ihn zurckgewiesen hatte.
    Sie gab keine Antwort.
    So kann's nicht zwischen uns fortgehen! rief er, allmhlich wild werdend.
Jetzt sag's grad raus und la mich nicht lang warten: wie hast's mit mir?
    Ich wei nicht, sagte sie, ich glaub, wir taugen nicht recht zusammen,
wir zwei beide. Ich will nicht von den vielen Haken reden, die die Sach hat und
die mich schon oft traurig gemacht haben. Aber wer mein Schatz sein will, der
darf mich nicht so anfahren und darf mich nicht gleich beschuldigen, da ich auf
unrechten Wegen sei, eh er sich nur Zeit nimmt, die Augen aufzutun. Wenn einer
auf seinen Schatz nichts hlt, so tut's nicht gut zwischen ihnen. Mein Vater und
meine Mutter sind oft hart gegen mich; wenn mein Schatz auch so wr, was htt
ich dann gewonnen? Mit meinem Schatz will ich ein besseres Leben fhren, oder
lieber will ich bleiben, wie ich bin. Es ist mir ohnehin nicht so besonders drum
zu tun; ich kann allein sein, und ich glaub, ich will's auch.
    Obgleich er sich gestehen mute, da das Mdchen vollkommen recht habe, und
obgleich sie ihm in diesem Augenblicke mit ihrer ganzen Art zu denken und zu
reden unsglich gefiel, denn das war nicht mehr das schchterne, kindische
Wesen, das andere Leute fr sich reden lie, so gestattete ihm doch sein starrer
Trotz nicht, aus ihren Worten etwas anderes als einen bittern Bescheid
herauszulesen. Wenn man mir so ausbietet, sagte er, dann will ich nicht
berlstig sein.
    Sie schwieg, ohne aufzublicken.
    Es ist also Ernst? wiederholte er. Ich soll gehen?
    Wer mir's so macht, den werd ich nicht bleiben heien, antwortete sie
entschlossen, aber zugleich drangen ihr die Trnen in die Augen.
    Nein! rief er wild, und die seinigen rollten, whrend er das Messer zog.
So geh ich nicht fort! Hie auf dem Platz mu es sich zwischen uns entscheiden.
Sag ja oder nein, willst du mich, oder willst du mich nicht? Wenn du mich
willst, so versprech ich dir, da dergleichen Dummheiten, wie gestern nacht, von
nun an nicht wieder vorkommen sollen, du bist ohnehin ganz allein schuld daran
gewesen, weil du mich ganz wild und falsch gemacht hast die Zeit daher, und
unartig will ich auch nicht mehr gegen dich sein, will dich vielmehr auf den
Hnden tragen und ein Leben mit dir fhren, da ganz Ebersbach ein Exempel dran
nehmen soll. Willst du mich aber nicht, so verzeih mir's Gott, du kommst nicht
lebendig von der Stell. Sieh das Messer hier, das bis jetzt blo unvernnftigen
Geschpfen den Lebensfaden abgeschnitten hat, das soll dann ein edleres Blut
trinken. Sag nein, und ich stech dir's ins Herz, ich treff gut, darauf kannst
dich verlassen, und das auf den ersten Sto. Der zweite dann, der gilt mir, denn
wenn du nicht mein werden willst, so soll dich auch kein anderer haben, und wenn
du tot bist, so will ich auch nicht mehr leben. Dich will ich, auf der ganzen
weiten Welt nur dich, und wenn das nicht sein kann, so ist es zu dieser Stunde
mit uns beiden aus.
    Christine war einen Augenblick starr und bleich vor Schrecken dagestanden,
wie er mit dem funkelnden Messer auf sie zuschritt. Bald aber nderte sich ihr
Gesicht. Im Gegensatz zu ihm, der in ihren Reden nur Bitterkeit fand, sog sie
aus den seinigen nur den Honig heraus. Aufgelst durch das berma von Feuer und
Liebe, das aus dieser frchterlichen Liebeserklrung hervorbrach, und ohne sich
durch die rohe, gewaltttige Beimischung von neuem abstoen zu lassen, warf sie
sich ihm, als er geendet hatte, so heftig an den Hals, da sie ihm kaum noch
Zeit lie, die Spitze des Messers zu wenden. Er schleuderte es rasch zu Boden,
whrend sie ihn mit beiden Hnden umklammerte. Stich zu, wenn du das Herz
hast! rief sie laut weinend. Er schlug die Arme um sie und drckte sie fest ans
Herz. Sie machte die eine Hand los und hielt sie ihm vor die Augen. Da sieh, du
blinder Hess, du unglubiger Thomas, sagte sie, unter dem Weinen lachend, wie
kannst du so an der Wand hinauffahren und so ruchlos Zeug machen, siehst denn
nicht, da ich deinen Ring am Finger hab, seit du da bist? Ich hab dir doch
vorher mssen ein wenig schandlich tun, du unartiger Bub du!
    Ist's wahr? rief er. Willst mein sein? Sag'snoch einmal.
    Meinst du's auch ehrlich mit mir? fragte sie, indem sie den Kopf aufhob
und ihm in die Augen sah.
    Er schwur es mit tausend Eiden, wovon einer den andern an Kraft und Derbheit
bertraf. Bist jetzt mein? fragte er dann abermals.
    Ja! schrie sie unter dem Druck seiner Arme, die sie wie eiserne Klammern
preten.
    Ganz mein?
    Ganz! Du kannst mich sieden oder braten, nur erstick mich nicht.
    Er lie sie einen Augenblick los, aber nur, um sie im nchsten desto fester
in die Arme zu fassen, und die Sinne vergingen ihr unter dem Ungewitter der
Leidenschaft, das ber sie losbrach. Es war, als ob der Pfarrer mit den
Liebenden im Bunde wre, denn seine heutige Neujahrspredigt schien die lngste
werden zu wollen, die er je gehalten hatte.
    Jetzt will ich gern sterben, seufzte Friedrich, als er aus dem Rausche des
Entzckens endlich wieder zu sich kam. Noch einmal will ich dir's geschworen
haben, da ich nimmer von dir lassen will, was auch kommen mag, und will dir
treu sein bis in den Tod.
    Du mut jetzt nicht vom Sterben reden, sagte ihm Christine leise ins Ohr,
indem sie den Kopf verschmt an seine Schulter lehnte, ich hab's jetzt doppelt
ntig, da du fr mich lebst.
    Ja, ich will, und Mh will ich mir geben, da ich immer den richtigen Weg
geh und da du keine Unehr von mir hast und keine Sorgen um mich. Gelt, das ist
doch eigentlich Ursach gewesen, da du dich so lang besonnen hast? Gesteh's nur
frei heraus, ich nehm's dir nicht bel.
    Nein, sagte sie, ich hab mich nie zum Richter ber dich aufgeworfen und
hab's ja wohl gewut, wie gut du bist und da in deinem Herzen kein fauler
Butzen ist und kein falscher Blutstropfen in deinen Adern. Meinst du denn, sonst
htt ich dir so getraut?
    Warum hast du mich dann aber so lang zappeln lassen und hast mir soviel
bse Stunden gemacht?
    Ei, bin ich's nicht wert, da du dich ein wenig um mich hast verleiden
mssen?
    Freilich bist du's wert. Ich mein nur, wenn du so groe Stck auf mich
hltst, wie ich's in meinen Augen nicht verdien, und hast zugesehen, wie ich
mich verleiden mu, so hast du ja dir auch eine Qual mit angetan. Und hast du
nicht selber geschrieben, du seiest so traurig, da du vor lauter Leid schier
nicht schreiben knnest?
    O du! sagte sie und schlug ihn mit dem Finger auf die Lippen.
    Ich will den Baum nicht loben, der auf den ersten Streich fllt, aber du
hast mir's doch ein wenig gar zu arg gemacht, hast mich ja am ewigen Feuer
braten lassen. Httest's dir selber nicht zuleid tun sollen. Jetzt sag's nur:
warum bist so unbarmherzig gewesen gegen mich und dich?
    Ich kann's nicht sagen, kicherte Christine wie damals, als sie sich im
Bckerhause hinter dem Ofen versteckte.
    Ich kss dich so lang, bis du's sagst, denn ich merk jetzt schon, da es
was zu bedeuten hat.
    Da kannst lang kssen.
    Oder ich drck dich, bis dir der Atem ausgeht.
    Dann sterb ich in deinem Arm.
    Wart, ich will dir schon zeigen, wer Herr ist. Willst du Daumenschrauben
kennenlernen?
    Kaum hatte er ihre Finger etwas zwischen den seinigen gepret, so schrie
sie: Halt! La nach! Ich will ja alles gestehen! Sie legte den Mund an sein
Ohr und sagte: Sieh, meine Mutter hat zu mir gesagt, wenn ich einen dummen
Streich mache, so schlage sie mir alle Glieder entzwei, und -
    Ja? Und?
    Ach, du brauchst nicht alles zu wissen.
    Er erhaschte ihre Finger und wiederholte die vorige Folter. Und damit's
nicht zu dem kommen soll, was mir meine Mutter gedroht hat, bekannte sie
sthnend und lachend zugleich, hab ich dich und mich so plagen mssen.
    Er lachte aus vollem Herzen. So? sagte er, du hast also so ein gut's
Zutrauen zu mir gehabt, da du gleich gedacht hast, du werdest dich bei mir vor
einem dummen Streich nicht behten knnen?
    Ach, ich hab dich eben von Anfang an so lieb gehabt, du bser Bub du!
    O du mein lieb's Weible du! rief er, indem er sie in seine Arme zog und
ihren Kopf an sein Herz legte.
    Aber das hr ich gern! rief sie. Das tut mir wohl! Oh, sag noch einmal
so!
    Mein lieb's Weible! Und jetzt will ich dich auch recht um Verzeihung
bitten, da ich dir's so wst gemacht hab, absonderlich gestern nacht, wo du
meinetwegen ausgewesen bist und ich dir noch schnde Reden dafr geben hab.
Gelt, du verzeihst mir's? Sieh, es ist mir von ganzem Herzen leid.
    So, jetzt kommst endlich, du Hinterfrhhnle? Hast Ursach genug gehabt, das
gleich zu sagen, aber der hochmtig Herr hat sich nicht runter geben wollen.
    Ja, sieh, um Verzeihung bitt ich niemand, als einen recht guten Freund, und
von dir hab ich vorhin noch nicht gewut, ob du Freund oder Feind mit mir bist.
    Oh, geh du! Du hast wohl gewut, da ich dir nicht feind bin. Aber gelt,
jetzt glaubst, da du den besten Freund auf der Welt an mir hast?
    Er beteuerte ihr diesen Glauben mit wiederholten Liebkosungen.
    Was hast denn zu meinem Brief gesagt? fragte sie nach einer Weile. Gelt,
du hast gewi gesagt: jetzt kriecht sie endlich zu Kreuz?
    Ich hab denkt: so, jetzt ist sie endlich in sich gangen und bereut's, da
sie so unchristlich gewesen ist und sich und mir das Leben so sauer gemacht
hat.
    Was nicht sauret, das set auch nicht. Aber was hast du denkt, da ich so
wst geschrieben hab? Ich hab's schier im Finstern tun mssen.
    Schreib du, wie du willst, mir ist alles recht, was du schreibst. Wirst's
schon noch besser lernen, bis du Sonnenwirtin bist, und die Rechnungen und
Geschftsbriefe kann ich ja einmal selber schreiben.
    Ja, das glaub ich, da es noch eine gute Zeit anstehn wird, bis ich
Sonnenwirtin bin.
    Nun ja, du wirst doch meinem Vater nicht um den Tod beten?
    Gott beht und bewahr mich! rief Christine eifrig. Gelt, das ist nicht
dein Ernst? Nein, ich gnn ihm und wnsch ihm noch ein langes Leben -
    Und Enkel genug?
    Sie schlug ihn auf den Mund. Ich hab nur sagen wollen, es wird noch manches
Wsserlein den Bach hinunterlaufen, bis man uns zusammenlt. Ach, ich bin eben
ein gering's Mdle und von armen Eltern, und die deinigen sind reich und
hoffrtig; du kannst's dir selber sagen, da es da nicht so ganz glatt gehen
wird. Mir selber geht auch viel ab, was zu dem Stand gehrt. Wiewohl, ich will
dir versprechen, da ich's an nichts fehlen lassen will, und nichts versumen,
was ich noch lernen kann. Aber wenn auch du vielleicht mit einem solchen
Versprechen zufrieden bist, so ist's dein Vater noch lang nicht, denn er sieht
noch auf ganz andere Eigenschaften.
    Er ging mit starken Schritten vor ihr in der Stube hin und her. Ich will
dir nichts vormachen, was nicht wahr ist, sagte er. Ich kann zwar im jetzigen
Augenblick, glaub ich, viel auf meinen Vater bauen, aber so leicht wird's nicht
gehen, da ich sagen kann: ich darf nur blasen. Er wird vielleicht ein wenig
aufgucken, wenn ich ihm sag, was ich vorhab; sein Leibstckle ist's nicht, denn
das hat einen anderen Klang. Wir mssen uns also darauf gefat machen, da man
uns ein paar Berg in Weg wirft, und falsche Zungen knnen auch dazwischenkommen.
Aber, wie gesagt, ich steh jetzt mit meinem Vater so, da ich hoffen kann, wenn
er meinen Ernst sieht, so gibt er nach. Die Hauptsach aber ist: ich hab dich
lieb und will dich, und mir bist du recht, und darum mut auch allen anderen gut
genug sein. Ich will doch sehen, wer mir das ber den Haufen wirft, was ich mir
einmal frgenommen hab. Ich bin fest berzeugt und wei ganz gewi, wenn ein
Mensch seinen Willen ernstlich auf etwas setzt, und es ist nichts Unrechts, so
fhrt er's auch durch. Ich aber hab meinen Sinn fest darauf gerichtet, da du
mein Schatz und mein Weib werden sollst, und wie ich meinen Willen bei dir
erreicht hab, so werd ich ihn bei meinen Eltern und bei den deinigen erreichen.
    Christine beruhigte sich oder beschwichtigte wenigstens ihre Unruhe im
Anschauen und Anschmiegen an ihren Freund. Er gefiel ihr gar zu gut; er kam ihr
so mnnlich vor und war unter dem zuversichtlichen Reden gleichsam gewachsen.
    Nun hast du mein Herz und meine Hand und meinen Eid, fuhr er fort. Jetzt
mut du mir aber auch versprechen, da du mir treu sein willst, denn ich mu dir
nur gestehen, das Rumschwanzen und Lustigtun mit den ledigen Burschen auf'm
Tanzboden, das mu jetzt ein End haben, und die Husarentnz im Karz stehen mir
auch nicht an.
    Was, Husarentnz? Ich wei nicht, was du willst. Seit wir nicht mehr gut
miteinander gestanden sind, bin ich gar nicht in Karz kommen, und da ich
selbigsmal auf den Tanzboden gangen bin, das htt dir doch dein Herz sagen
sollen, warum das geschehen ist.
    Du hast ja aber gar nichts mit mir gemacht.
    Htt ich kommen und vor dich hinknien sollen?
    Aber gelacht und geschwtzt hast mit den andern, wie wenn ich gar nicht da
wr.
    Ich hab doch nicht schreien und heulen knnen, wiewohl mir das nah genug
gewesen ist; es ist mir schwer ankommen, mich so zu verstellen, nachdem ich
hingangen bin, blo um dich zu sehen, und du gar nichts von mir gewollt hast.
    Und unter den Karzgngerinnen, die gestraft worden sind, bist du nicht?
    Sie wute von nichts. Er mute ihr den Vorgang erzhlen. In ihrem
abgelegenen Huschen hatte sie von der Geschichte gar nichts gehrt.
    Jetzt ist's recht, sagte er lachend. Aber jetzt mcht ich erst einmal den
Husarentanz von dir sehen. Wie, mach mir ihn einmal vor.
    Sie sah ihn mit groen Augen an. Sag das nicht noch einmal, entgegnete sie
ernsthaft. Es wr mir leid, wenn's dein Ernst wr!
    Nein, sagte er und nahm sie in die Arme, ich hab dich blo ein wenig
necken wollen. Ich hab dich lieb und wert, und verla dich drauf, da ich dich
immer in Ehren halten werd. Aber das mit den ledigen Buben, das hast du mir noch
nicht versprochen.
    Du wirst mich noch bs machen! sagte sie. Was will ich von den ledigen
Buben! Aber ich will dir's schwren, damit die arm Seel Ruh hat. Da, sieh, ich
schwr's! Und jetzt wollen wir sehen, wer seinen Eid am lngsten hlt, du oder
ich.
    Auch er gab sich nun seinerseits zufrieden. Sie plauderten zutraulich
miteinander und malten sich ihr knftiges husliches Leben aus, wobei es nicht
an Scherzen und Neckereien fehlte. Whrend sie so Arm in Arm in der Stube
herumgingen, rief Christine auf einmal: Hu, wie kalt geht's an mich hin! Was
ist denn das? Auch er empfand jetzt den kalten Luftstrom, und beide
untersuchten, woher derselbe komme. Eine von den runden Fensterscheiben fehlte,
und durch die offene Lcke drang die kalte Winterluft ins Zimmer. Das ist
vorhin nicht gewesen! rief Christine erbleichend. Sieh nur, da liegen die
Glasscherben auf der Bank! Herr Jesus, da ist jemand vor dem Fenster gewesen und
hat uns zum Schabernack die Scheib eingedrckt. Ich hab doch nichts gehrt.
Ich auch nicht, sagte er, den Tatbestand in stummer Bestrzung prfend. Wir
sind verraten! rief sie weinend und verbarg das Gesicht an seiner Brust. Sei
ruhig, der Wind wird's getan haben, sagte er; aber er selbst war keineswegs so
ruhig, als er schien, denn er hatte noch eine andere Entdeckung gemacht, die
Christinens Argwohn nur zu sehr besttigte. Auf den Staffeln der Auenseite
waren im Schnee frische, scharfe Fustapfen wahrzunehmen. Dies konnten nicht
seine eigenen sein; denn zur Zeit seines Kommens hatte es ziemlich stark
geschneit, und seine Tritte muten daher bald wieder verwischt worden sein. Es
war ihm kaum zweifelhaft mehr, da, nachdem es zu schneien aufgehrt, jemand
sich die Stiege heraufgeschlichen und die Scheibe eingedrckt habe, worauf der
Tter, wahrscheinlich in der Meinung, durch das Klirren der Glser in der Stube
einen Schreck erregt zu haben, schnell wieder entflohen war. Von dieser
Wahrnehmung aber teilte er Christinen nichts mit; vielmehr suchte er sie, als
sie ihn darauf aufmerksam machte, da ja gar kein Wind gehe, auf den Glauben zu
bringen, die Katze werde es getan und vielleicht von auen durch das Fenster
hereingewollt haben. Dies war jedenfalls ein annehmbarer Grund, wenn die Eltern
bei ihrer Heimkunft der Sache nachfragten, und er hie sie inzwischen das Loch
mit einem Tuch verstopfen.
    Sie waren noch im Reden und Raten ber den Vorgang begriffen, und Christine
hatte ihre Verstrung noch keineswegs berwunden, als die groe Glocke auf dem
Turme anschlug. Horch, die Betglock! rief sie, die Kirch ist aus, jetzt mach,
da du fortkommst!
    Sie kten und herzten einander, whrend Christine ihn bestndig forttrieb.
    Heut abend kommen wir zusammen, nicht wahr? sagte er.
    Ja, sobald meine Leut im Bett sind, und das ist ziemlich frh.
    Ich treff dich hinterm Haus, und dann spazieren wir ins Feld. Der Boden ist
mit lauter Zucker bestreut. Meinst nicht, es werd dir zu kalt sein?
    Mich friert's nicht, wenn ich bei dir bin, aber jetzt mach dich fort.
    Sie wollte ihn bereden, das Haus durch die hintere Tre zu verlassen.
Nein, sagte er, vorn, wo ich herein bin, da will ich auch wieder hinaus. Ich
red ohnehin nchster Tag ganz frei und offen mit deinen Eltern.
    La es nur noch ein wenig anstehen, sagte sie, es ist mir so angst.
    Und wenn sie fragen, ob jemand unter der Kirch bei dir gewesen sei, so
sagst ohne weiteres ja, ich sei dagewesen.
    Sie versprach alles und trieb ihn wiederholt zur Eile an, so da er, als sie
sich voneinander losrissen, noch lange nicht genug gekt zu haben meinte.
    Er hatte seinen guten Grund, das Haus auf der Vorderseite zu verlassen. Es
sollten nicht doppelte Fustapfen hinterbleiben, die vielleicht ein endloses
Gewirr von Vermutungen wachgerufen haben wrden. Er trat sorgfltig in die
vorhandenen Spuren und folgte ihnen, um auf diese Weise etwa herauszubringen,
wer vor dem Fenster gewesen sein mchte. Die Spuren fhrten an den uersten
Husern des Fleckens hin und dann kreuz und quer durch einige Gchen, wo sie
sich aber bald mit anderen Fustapfen vermischten. Er mute seine Nachforschung
als fruchtlos erkennen und ging kopfschttelnd seines Weges. Die Leute kamen
eben aus der Kirche. Er konnte es nicht vermeiden, manchem verwunderten und
neugierigen Blick zu begegnen; da er sich aber ruhig in den Zug mischte, so
brachte dies viele, die sich mehr mit Anhrung der Predigt als mit Musterung der
Zuhrer beschftigt hatten, auf den Glauben, da er gleichfalls aus der Kirche
komme.

                                       10


In der Sonne wurde der Neujahrstag mit einem Familienessen gefeiert. Die beiden
Schwiegershne hatten sich mit ihren Frauen nach der Kirche zur Gratulation
eingefunden und blieben nach hergebrachter Weise zu Tische da. Als Friedrich
nach Hause kam, fand er schon die ganze Familie versammelt. Da mu irgendwo ein
Rdle gebrochen sein, dachte er, denn der Empfang war in der Tat ein sehr
wunderlicher. Der Chirurg wute seinem Gesicht einen gewissen verlegenen
Ausdruck zu geben; der Handelsmann, ein kugelrundes Figrchen in hellgelbem
Rock, himmelblauer Weste und mit lang herabfallenden weien Halstuchzipfeln,
drckte seine kleinen uglein listig zusammen und lie dabei die vorspringenden
wulstigen Lippen offenstehen, so da sie gleichsam einen stummen, aber
sichtbaren Seufzer eines ehrbaren Verwerfungsurteils bildeten; die beiden Frauen
schlugen die Augen nieder und schienen sich kaum entschlieen zu knnen, dem
Bruder die Hand zu geben, als dieser mit einem treuherzigen Prosit 's Neujahr!
auf sie zugegangen kam. Der Sonnenwirt sah dieser gezwungenen Begrung etwas
verwundert zu; er kannte augenscheinlich den Grund derselben noch nicht, mochte
aber denken, sein Sohn werde es bei der Verwandtschaft durch irgendein nicht gar
zu bedeutendes Ungeschick verschttet haben; wenigstens lie er das, was vor
seinen Augen vorging, geschehen, ohne sich mit Fragen darein zu mischen.
Friedrich aber hatte sogleich an dem zuverlssigsten Wetterglase erkannt, da
etwas Schweres gegen ihn im Werke sein msse, nmlich an dem gelben Gesichte
seiner Stiefmutter, welchem ein offener triumphierender Hohn eine Art von Blte
verlieh. Es war ihm brigens jede Verlegenheit erspart, denn die Kinder des
Krmers, die dieser mitgebracht hatte, deckten mit ihrem jubelnden Empfange alle
Lcken in der Liebe der Erwachsenen zu: sie hatten dem Grovater geschriebene
Neujahrswnsche berreicht und als Gegengeschenk neue Kreuzer nebst mrbem
Gebck erhalten; jetzt sprangen sie im vollen Jubel ihres Glckes an dem
kinderfreundlichen jungen Oheim empor und nahmen ihn in Beschlag, bis das Essen
aufgetragen war.
    Solange das Gesinde, das diesmal an einem besonderen Tische speiste, sich in
der Stube befand, wurde von der Witterung und von der heutigen Predigt
gesprochen, welche sich der mit einem guten Gedchtnis begabte Chirurg sehr
ausfhrlich anzueignen gewut hatte. Nachdem aber Knechte und Mgde sich
entfernt und auch die Kinder auf Befehl ihres Vaters, jedes ein Stckchen Kuchen
in der Hand, die Stube verlassen hatten, begann dieser mit mutwilligem Blinzeln:
Ist der Schwager heut auch in der Kirche gewesen?
    Friedrich wurde rot. Ich hab Gott anders gedient, sagte er.
    Vielleicht zu Haus eine schne Predigt gelesen oder ein Stck in Arndts
Wahrem Christentum?
    Friedrich schwieg, der inquisitorische Ton, aus welchem eine geheime Bosheit
sprach, machte ihm das Blut, aber jetzt nicht aus Scham, nach dem Kopfe steigen.
    Der Sonnenwirt, der noch mchtig am Braten arbeitete, hielt einen Augenblick
inne, um zu schauen, wo die Sache hinaus wolle, und sah bald den Tochtermann,
bald den Sohn mit fragenden Blicken an.
    Die Sonnenwirtin hatte dem ersteren, der den Laufgraben mit so viel Geschick
erffnet, einen Blick der Zufriedenheit zugeworfen. Nun rckte sie selbst ins
Feld, um ihm zu Hilfe zu kommen. Wenn er's nicht sagen will, wo er gewesen ist,
so mu ich das Maul fr ihn auftun, sagte sie. Des Hirschbauern seiner Jungfer
Tochter hat er den Morgensegen vorgebetet, just unter der Kirch. Nun gibt's zwar
Freigeister, die alles auf die leicht Achsel nehmen - (dabei lie sie einen
Blick an ihrem Manne hinstreifen) - und Splwasser lscht auch den Durst, wie
das Sprichwort sagt; aber noch sagen, man hab Gott gedient, das ist eine Snd,
die unser Herrgott gewilich zu den anderen Missetaten mit aufhaspeln wird. Ich
hab mich's von deinem Hab und Gut kosten lassen, setzte sie gegen ihren Mann
hinzu, da die Person, von der ich die Sach wei, nichts weiter sagt, damit's
nicht vor den Pfarrer kommt, was dein christlich gesinnter Sohn unter
Gottesdienst versteht.
    Der Krmer kicherte und ri einige Witze, die Friedrich beinahe auer sich
brachten; aber er schwieg noch, denn die pltzliche Entdeckung, da er nicht
blo, wie ihm schon zuvor klar gewesen, verraten, sondern da sein Geheimnis in
die schlimmsten Hnde berliefert sei, hatte ihn etwas seiner Fassung beraubt.
    Wer hat dir denn die Sach hinterbracht? fragte der Sonnenwirt seine Frau.
    Das darf ich nicht sagen, antwortete sie, ich hab Stillschweigen
angeloben mssen, kannst dir wohl denken warum, aber die Person ist
zuverlssig.
    Und doch mcht ich raten, sagte der Chirurg mit einem wohlwollenden Blicke
auf seinen jungen Schwager, solchen unbekannten Personen nicht allzuviel zu
trauen. Man mu einen nicht gleich auf eine bloe Delation hin verdammen. - Der
Chirurg war weltklug: er wollte es mit der angegriffenen Partei nicht verderben;
auch hatte er, seit sein Ziel erreicht war, seiner Schwiegermutter mehrfach
gezeigt, da er nicht ganz und gar in ihr Hrnlein zu blasen gesonnen sei. Dabei
mochte er ein wenig von der Abneigung seiner Frau angesteckt worden sein, gegen
welche er sich oft ber die Unselbstndigkeit und Untertnigkeit des Krmers
lustig machte.
    Die Sonnenwirtin hatte inzwischen in dem Gesichte ihres Stiefsohnes gelesen.
Was brauchen wir weiter Zeugnis? rief sie. Er leugnet's ja selber nicht, da
er sich mit dem schlechten Mensch eingelassen hat.
    Der Sonnenwirt hatte eben die Gabel mit einem Stcke Braten erhoben; es war
aber in Gottes Ratschlu vorgesehen, da er dasselbe nicht in den Mund bringen
sollte, denn Friedrich fuhr auf, durch das bse Wort aus seiner Befangenheit
herausgerissen, und rief: ber mich kann man sagen, was man will, das will ich
alles geduldig tragen, aber auf das Mdle la ich nichts kommen, denn das Mdle
ist brav, und wer schlecht von ihr reden will, der kann sich vor mir in acht
nehmen; ich leid's von niemand, selbst von Vater und Mutter nicht! Es ist mir
leid, Vater, da die Sach so vor Euch gebracht worden ist, denn ich hab's ganz
anders frgehabt, wie Ihr Euch wohl selber einbilden knnt. Aber nun es einmal
ohne meine Schuld heraus ist, will ich's Euch frei bekennen: das Mdle ist mein
Schatz, und ich hab's treulich und ehrlich mit ihr und will keine andere
heiraten als das Christinele allein. Ich hab mir Eure Einwilligung zu einer
gelegeneren Zeit erbitten wollen, aber jetzt ist eben die Gelegenheit vom Zaun
gebrochen.
    Ein starres, sprachloses Staunen hatte sich der Familie auf dieses
unumwundene Gestndnis bemchtigt; der Sonnenwirt hatte die Gabel mit dem Braten
auf das Tischtuch fallen lassen, wo sie, ber den Rand hinausragend, keinen Halt
fand und, der Sonnenwirtin unterwegs das Taffetkleid beschmutzend, ihren Fall
auf den Boden fortsetzte. Die Anstifterin des Auftrittes konnte deshalb an dem
ersten Gerusche der Explosion keinen Anteil nehmen; sie scho mit einem
wtenden Blicke auf ihren ungeschickten Eheherrn hinaus, um die Flecken an ihrem
Kleide womglich zu vertilgen. Nachdem die bestrzten Geister sich wieder etwas
gesammelt hatten, machten sich die Gefhle ber das unerhrte Unterfangen des
jungen Menschen in verschiedener Weise Luft. Der Krmer stie ein schrillendes
Gelchter aus, das dem Geheul eines jungen Hundes nicht unhnlich klang, und
seine kleinen uglein verschwanden in den Fettbergen, womit sie umgeben waren.
Seine Frau, Friedrichs lteste Schwester, schlug die Hnde ber dem Kopf
zusammen und lamentierte. Der Chirurgus bewegte den seinigen gravittisch hin
und her und begngte sich, durch die stumme Gebrde seine ernste, aber
unvorgreifliche Mibilligung an den Tag zu legen, whrend seine Frau schmerzlich
ausrief: Ach Bruder, wirst denn gar nie gescheit werden?
    Der Sonnenwirt hatte gleichfalls einige Zeit gebraucht, um aus einer Art von
Erstarrung zu sich zu kommen. Als er sich erholt hatte, streckte er den Finger
gebieterisch gegen seinen Sohn aus. La dir im Hirn verganten! rief er, vor
allem aber reis dich, da ich dich heut nicht mehr sehen mu, und hrst? komm
mir ein paar ganze Tag gar nicht vors Angesicht.
    Friedrich stand gelassen auf, um dem Gebote seines Vaters zu gehorchen. Ihr
werdet noch besser von der Sach denken lernen, Vater, sagte er, indem er sich
zum Gehen anschickte.
    Still! rief der Alte, sei ganz still, red gar nichts, denn jedes Wort,
das aus deinem Munde geht, ist ein Nagel zu meinem Sarg.
    Der Sohn schwieg und ging schnell zur Tre hinaus.
    Es ist doch schrecklich, jammerte die Krmerin, da sich der Bub gar
nicht geben will. Kaum meint man, man hab ihn auf dem rechten Weg, so kommt
wieder ein rgerer Streich.
    Ja, sagte der Krmer, das gb eine Eh, die man aus dem Heiligen verhalten
mt.
    Freilich, wie die Lumpensippschaft, aus der das liederlich Ding abstammt,
ergnzte seine Frau.
    Ach Gott, ich will ihr ja sonst weiter nichts nachgered't haben, sagte
ihre jngere Schwester, die sich zur Heirat mit dem Chirurgen bequemt hatte,
aber sie hat eben gar nichts als 'n Gott und 'n Rock.
    Eine schne Partie fr uns! rief die Krmerin. Der Bub ist einmal im Kopf
nicht richtig. Bei seiner Tauf ist der vorig Amtmann zu Gevatter gestanden, und
jetzt will er uns ein solches Bauernmensch in die Familie bringen.
    Ich mcht nur wissen, mit was sie ihm's angetan hat! seufzte die
Chirurgin, die bisher seine Lieblingsschwester gewesen war.
    Pah! lachte der Krmer, sie handelt mit kurzer War, und da beit so ein
Unverstand gleich an.
    Ja, sagte seine Frau, Schwarz ist auch eine Farb.
    Fr den Liebhaber! fiel die Sonnenwirtin ein, die eben wieder in die Stube
getreten war. Der Geschmack verbirgt sich nicht. Es heit nicht umsonst: Sage
mir, mit wem du umgehst, so will ich dir sagen, wer du bist. Diese Liebschaft
bringt's einmal recht an den Tag. Da kann man wohl auch sagen: Hudel find't
Lumpen, Hutsch find't sein Htsch.
    Der Sonnenwirt, dem es bei all seinem eigenen Verdrusse doch durch die Seele
schnitt, seine Frau in seiner Gegenwart so von seinem Sohne reden zu hren,
sagte unmutig zu ihr: Das Zeugnis mu ich dir geben, da du mir da ein schnes
Zugems angerichtet hast. Httest's nicht besser anbringen knnen, als just
berm Essen. Wem du den Neujahrsschmaus bereitest, von dem darfst nicht
frchten, da er nichts briglassen werde.
    Da mu ich freilich sehr um Verzeihung bitten, entgegnete sie, wenn ich
gewut htt, da dir das Essen wichtiger ist als der Lebenswandel deines Sohnes,
so htt ich geschwiegen; aber ich hab eben gemeint, ich mss' reden, solang's
noch Zeit ist und eh er vollends ganz in den Abgrund taumelt. Wiewohl, ich hab's
auch frher nicht an Ermahnungen fehlen lassen, und die Sach ist dir schon lang
sehr nah gelegen; wenn's ein Wolf gewesen wr, er htt dich gefressen.
    Der Sonnenwirt trommelte am Fenster. Hab ich mir denken knnen, schnauzte
er nach einer Weile herum, da der Bub so aus der Art schlagen und mit der
dummen Liebschaft Ernst machen wrd? Jetzt mu man freilich mit ihm Ernst
machen, fuhr er gegen den Chirurgen fort, dem er noch am liebsten ein Wort
gnnen mochte, und wenn man zu den schrfsten Mitteln greifen mt, so ist das
Unglck nicht so gro, als wenn man der Sach den Lauf lt. Hier mu man mit der
Katz durch den Bach.
    Der Chirurgus, der bis jetzt das Reden den andern berlassen und sich
dadurch seine Meinung freibehalten hatte, rusperte sich und erwiderte: Das ist
gar kein Zweifel, Herr Vater, diese Liebschaft ist ein bel, eine Art Geschwr,
das man um keinen Preis aufkommen lassen und im Notfall mit Schneiden oder
Brennen beseitigen mte. Jedennoch mcht ich unmageblich raten, nicht
allsofort zum uersten zu schreiten, sondern erst gelindere und womglich
auflsende Mittel zu versuchen. Der Schwager ist zwar - hm, hm - kann's nicht in
Abrede ziehen - er ist ein wenig ein Springinsfeld, aber er hat doch, mit
Salvenia zu reden, kein so ungattiges Temperament, da man gleich die Beinsge
bei ihm in Anwendung bringen mu. Ich schmeichle mir, bereits eine Arznei
ausfindig gemacht zu haben, welche sich als probat erweisen drfte. Fr jetzt
wre es wohl nicht angemessen, den Herrn Vater lnger mit dem faulen Handel zu
behelligen, der, wie ich zu sagen mir erlauben mu, nicht zu ganz richtiger Zeit
an ihn gebracht worden ist; denn bei Reden und Mitteilungen, insonderheit wenn
ihnen etwas Bitteres beigemischt ist, sollte man, wie bei den Latwergen aus der
Apotheke, immer die passende Stunde beobachten. Zur Essenszeit beigebracht aber
kann eine unverhoffte und widrige Nachricht leicht eine Indigestion
effektuieren, woraus dann, je nach Beschaffenheit der Leibeskonstitution,
vielfache Infirmitten flieen knnen. Aus diesem Grunde wrde ich dem Herrn
Vater raten, sich jetzo eine kleine Bewegung in der frischen Luft zu machen,
damit die etwas gestrten Lebensgeister wieder erwecket werden. Was aber den
Schwager anbelangt, so mu man ihn mehr wie einen Patienten, denn wie einen
Delinquenten ansehen, und wenn man den rechten Punkt bei ihm trifft, so hoffe
ich, er werde noch zu kurieren sein. Man mu ihn nicht ganz wegwerfen.
    Ja, setzte seine Frau mit einem Seitenblick auf die Krmerin hinzu, und
seine Schwestern sollten's doch nicht so leicht vergessen, wie er sich ihrer
angenommen hat und ihnen immer ein guter Bruder gewesen ist.
    Die Sonnenwirtin hatte die anzglichen Bemerkungen ihres abtrnnigen
Tochtermannes mit einem giftigen Lcheln verschluckt und einen Blick mit dem
Krmer zu wechseln versucht, der aber, in der Erkenntnis, da er es aus zu
groer Dienstbarkeit gegen die Schwiegermutter mit dem Schwiegervater
verschttet habe, die Augen verlegen zu Boden schlug. Als jedoch ihre
Stieftochter daran zu erinnern wagte, da Friedrich seine Schwestern gegen sie
in Schutz genommen, fuhr sie auf. So? rief sie, das soll ihm noch als eine
Tugend angerechnet werden, da er den huslichen Frieden untergraben hat und
Hader angestiftet und hat seine ruchlose Hand gegen seine Mutter aufgehoben? Und
darob lobt man mir ihn ins Gesicht, wie wenn ich nicht die Frau im Haus mehr
wr?
    Still jetzt! rief der Sonnenwirt auf den Tisch schlagend, ich hab genug
an dem Neujahrsschmaus, will nicht auch noch einen Nachtisch dazu!
    Die Familie ging mit einem sauren Abschied auseinander. Der Sonnenwirt
lehnte eine Einladung des Krmers ziemlich trocken ab, nahm seinen Hut und
schlo sich im Weggehen dem Chirurgen an, der ihn ins Freie zu begleiten
versprach.

                                       11


Abends zur verabredeten Zeit traf Friedrich, mit Christinen zusammen. Hat's was
gegeben? fragte er. Sie verneinte es. Bei mir hat's schon eingeschlagen!
sagte er und erzhlte ihr den Auftritt, den es ber Mittag abgesetzt hatte,
wobei er jedoch die grellen Farben desselben sehr zu mildern Sorge trug.
Christine weinte und sagte: Ich hab's wohl vorausgesehen, da ich den Deinigen
nicht recht sein werd. Ach Frieder, wie wird's mir gehen? Da liegen viel Berg
und Tler dazwischen, bis wir zwei zusammenkommen.
    Reut's dich? fragte er. Mich reut's nicht.
    Solang du so gegen mich bist, wie jetzt, reut's mich auch nicht. Aber wir
werden eben viel zu leiden haben miteinander, das gibt schon der Anfang. Es ist
kein gut's Zeichen, da es uns gleich am ersten Tag so hinderlich gehen mu. Ich
mcht nur auch wissen, was fr ein Neidhammel uns bei deiner Mutter verraten
hat.
    Das mcht ich auch herausbringen, sagte er. Hat dich vielleicht einer von
den ledigen Buben gesehen gestern nacht, wie du den Brief ins Beckenhaus tragen
hast?
    Mit deinen ledigen Buben! spottete sie. Du meinst immer, das ganz ledig
Mannsvolk sei hinter mir auf dem Strich.
    Ich sag's nicht aus Eifersucht, entgegnete er. Aber es ist ja wohl
mglich, da dich einer auskundschaftet hat und hat dich vielleicht mit mir
reden sehen. Du sagst ja selber, der Neid werd ihn getrieben haben.
    Ich bin keinem begegnet, sagte Christine, und wenn mich je einer gesehen
htt, htt er mich nicht erkannt, so flink bin ich gewesen. Nur einer fllt mir
ein, der hat mir ins Gesicht gesehen und knnt mich mglicherweis erkannt haben.
Den rechnet man aber kaum zu den ledigen Buben, und er wird dich nicht
eiferschtig machen. Der Fischerhanne ist's gewesen; der ist vor seinem Haus
gestanden und hat, scheint's, auf das Schieen gehorcht, hat aber dabei
geschnattert vor Klte.
    Der Fischerhanne! rief Friedrich. Jetzt wei ich, wo ich dran bin. Der
weibltig Neidteufel hat mich von jeher verfolgt. Da ist gar kein Zweifel, der
ist dir gestern nacht nachgeschlichen - wenn ihn nur der Mordschlag troffen
htt! - und hat auch heut meinem Gang nachgeforscht. Dem mcht ich jetzt fr die
zerbrochene Scheib eins von seinen Gesichtsfenstern ausstoen oder ein Eck von
seinem siebeneckigen Kopf wegschlagen.
    Nein, du wilder, gewaltttiger Bub! sagte Christine, la du ihn lieber in
Frieden, sonst wrdest nur aus bel rger machen.
    Es ist auch wahr, erwiderte er. Und zudem, seit du mein bist, ist mir's
so wohl, da ich der ganzen Welt in Fried und Freundschaft die Hand geben mcht.
Ich mu mich eigentlich zwingen, dem Fischerhanne gram zu sein, wie er's ja doch
verdient. Auch meinem Vater hab ich heut kein bs Wort geben knnen, wiewohl's
nicht recht von ihm ist, da er sich gegen unser Verhltnis hat einnehmen lassen
und hat mich gar nicht anhren wollen.
    Bleib du immer so, sagte Christine, und wie du lieb gegen mich bist, so
sei's auch gegen deine Nebenmenschen. Wir mssen die Hindernisse, die man uns in
den Weg wirft, durch Liebe zu berwinden suchen.
    Aber dem Racker tu ich doch noch einmal einen Tuck, bemerkte Friedrich.
Es gibt Menschen, mit denen man in Liebe und Gte nicht fertig wird, sonst
fressen sie einen aufm Sauerkraut.
    Du solltest eher auf das denken, wie du ihn gewinnst, damit er uns nicht
weiter verschwtzt.
    Dafr ist schon gesorgt: meine Frau Mutter hat zu verstehen gegeben, sie
hab ihn abgefunden, damit er dem Pfarrer nichts zutrage. Der schreit schon, wenn
einer am Sonntag eine Bettlad anstreicht. Wie wrd er erst einen Lrm machen,
wenn er erfhre, was wir fr einen Gottesdienst miteinander gehalten haben.
    Red doch nicht so gottlos heraus! unterbrach ihn Christine. Es ist ja
eine Snd und eine Schand, wie du schwtzt!
    Was? Wenn ein Bub sein Mdle in Arm nimmt, die unser Herrgott freinander
geschaffen hat? Da mtest du ja Reu und Leid tragen fr jeden Ku, den du mir
heut unter der Kirch geben hast!
    Ach, Gott verzeih mir's! Ich hab dich eben so lieb, und darum hab ich's
getan. Aber recht ist's doch nicht, und so davon zu reden, das ist sndlich.
    Du Annemergele, du! Aber wir wollen nicht streiten. Komm, wollen lieber
kssen.
    Mein'twegen, die Kirch ist ja schon lang aus.
    Sie gingen, sich kssend und umschlingend, weit ins beschneite Feld, ohne
dem Frost eine Gewalt ber ihr Jugendfeuer zu gnnen; ja, sie warfen einander,
wenn sie sich mde gekt hatten, mit Schneeballen, und traf er sie mit einem
gar zu derben Wurfe, so gab dies wieder Anla zu Shnungsbitten und neuen
Liebkosungen. Dazwischen zerstreute er ihre stets auftauchenden Besorgnisse
wegen der Zukunft durch die bndigsten Versicherungen und Schwre. Der Mond sank
erblassend gegen Westen hinab, und die ersten Schauer der Morgenklte wehten
ber die Flur, als sie sich endlich trennten. Immer spter kam in den nchsten
Nchten die abnehmende Sichel auf den Schauplatz, und immer noch traf sie das
Paar und beleuchtete eine Glckseligkeit, die sich um die Welt nichts kmmerte.
Wenn aber je Christine wieder zu sorgen und zu zagen begann, so wute Friedrich
sie zugleich zu necken und zu trsten. Ich glaub, der Mut verfriert dir, sagte
er, wir werden uns in der Hterhtte bergen mssen. Sieh, du bist mein Weib vor
Gott, ich werd nicht von dir lassen und nicht eher ruhen, bis du es auch vor den
Menschen bist. Ich hab einmal gesagt: Ich will! und das Wollen in eigner Sach
ist viel strker, als das Nichtwollen in fremder Sach. Wenn ich eher den Kopf
hergeb als meinen Willen und mein Herz, und das darfst mir zutrauen, so wird das
Nichtwollen schon mrb werden. Merk dir nur eins und la dir's gesagt sein: Will
und Lieb, die stiehlt kein Dieb.

                                       12


Zu dem Gantverfahren, das der alte Sonnenwirt seinem Sohne angeraten hatte,
schien er ihm volle Zeit und Mue verstatten zu wollen; denn er lie ihn seine
Tage und Nchte ungestrt nach seinem Gutdnken hinbringen. Friedrich befolgte
das Gebot seines Vaters, ihm nicht vors Angesicht zu kommen, buchstblich, und
obgleich seine Stiefmutter tglich ber die gestrte Hausordnung seufzte, wenn
er sich das Essen durch die Dienstboten auf seine Kammer bringen lie, so wute
sie doch nichts dagegen einzuwenden, weil er sich auf den unmittelbaren
Ausspruch des Familienoberhauptes berufen konnte. Dabei lie er sich's jedoch
angelegen sein, mit seinen Dienstverrichtungen immer da einzugreifen, wo er den
Vater nicht gegenwrtig wute. Die Nchte widmete er den Zusammenknften mit
seiner Geliebten, und da er mit allen Gngen und Schlichen vertraut war, so
machte es ihm keine Schwierigkeit, beim Heimgehen wieder in das verschlossene
Haus zu kommen. Es schien ihm beinahe, als ob sein Vater, nachdem er einmal
seine Willensmeinung ausgesprochen, den Dingen ohne weiteres Einschreiten den
Lauf lassen wollte.
    Hierin tuschte er sich aber sehr. Der Sonnenwirt hatte, nach reiflicher
Beratung mit dem Chirurgen, seinen Plan und Entschlu gefat, und wenn die
Ausfhrung desselben sich gerade so lange verzgerte, um einen bereits
gesponnenen Schicksalsfaden vollends unabnderlich zu befestigen, so war ja dies
einer von den Fehlschlgen, welche die kurzsichtigen Ratschlge der Menschen so
hufig treffen. Der Sonnenwirt wollte sichergehen und seinen Plan grndlich
durchsetzen. Er schickte seine Frau, mit einem Brtchen aus der Metzig, ins
Amthaus, um durch sie der Amtmnnin zunchst mitteilen zu lassen, was er mit
seinem Sohne vorhabe. Hierzu hatte er einen doppelten Grund. Einmal beanspruchte
die Obrigkeit dieselbe unbedingte Gewalt ber den Brger, welche dieser ber das
Tun und Lassen seiner Kinder, selbst in ihren eigensten Angelegenheiten und noch
im erwachsenen Alter, auszuben sich berechtigt glaubte, und es wre sehr bel
vermerkt worden, wenn man in einem Hause auch nur eine Familiensache ins Werk zu
setzen gewagt htte, ohne sich vorher den Rat des gestrengen Herrn unter der
Leitung seiner noch gestrengeren Frau zu erbitten oder ihnen wenigstens der
ueren Form nach die Ehre der Gutheiung zu lassen. Auerdem aber wollte der
Sonnenwirt durch diese Unterwrfigkeit fr den Fall, da sein Sohn den
Widerspenstigen machen wrde, sich des amtlichen Beistandes versichern.
    Die Amtmnnin nahm das Geschenk und die Mitteilung der Sonnenwirtin mit
Wohlgefallen auf. Sie gestand ihr offen, da es ihr jedesmal bel werde, wenn
sie den ungeschliffenen Flegel nur von weitem sehen msse. Auch war sie der
Ansicht, da fr die Ruhe des Fleckens nicht besser gesorgt werden knne als
durch seine gnzliche Entfernung auf immer oder doch auf mglichst lange Zeit;
denn, meinte sie, ein so gewaltttiger Mensch, der kein Gesetz achte, knnte am
Ende, wenn nicht alles nach seinem Kopfe gehe, wohl noch imstande sein, Mord und
Totschlag zu verben oder gar den Leuten die Huser ber dem Kopfe anzuznden.
Sie verhehlte der Sonnenwirtin nicht, da gar mancherlei ber ihn gemurmelt
werde. Man sage, er habe an Silvester nicht nur beinahe die ganze Nacht auf
hchst gefhrliche Weise im Flecken geschossen, sondern auch seinen Feinden
einen Mordschlag gelegt, der so Menschen als Gebuden einen erheblichen Schaden
htte bringen knnen; anderer Greueltaten zu geschweigen. Alles dieses werde mit
leichten Stcken zu beweisen sein, sowie man ihm nur ernstlich zu Leibe gehen
wolle, und das Amt halte also bereits wieder neue Blitze gegen ihn in der Hand.
Es sei sonach eine wahre Wohltat fr den ungeratenen Jungen, wenn man ihn diesen
Blitzen noch zu rechter Zeit entziehe, und mge er dann fortbleiben oder, was
sie zwar nicht hoffe, spter geschult und gebessert zurckkehren, so sei
jedenfalls die Sonne vor dem Unglck behtet, durch eine so unanstndige Heirat
zu einem Pbelwirtshause zu werden, aus welchem ehrbare Leute wegbleiben mten.
Die Sonnenwirtin stimmte allen ihren Reden aus mtterlichem Herzen bei und
brachte dieselben, nachdem sie mit der Amtmnnin viel darber gespottet, welch
eine Wirtin das Bauernmensch geben wrde, freigebig mit Zustzen vermehrt, ihrem
Manne heim.
    Nach dieser vorlufigen Verlssigung begab sich der Sonnenwirt mit dem
Chirurgus zum Amtmann, dem er mit Hilfe des letzteren vortrug, er habe, wie dem
Herrn Amtmann wohl bewut sein werde, einen Sohn, der unerachtet aller
vterlichen Bemhungen und trotzdem da er viel Geld auf seine rechtliche und
christliche Erziehung verwendet, bis jetzt nicht habe einschlagen wollen und ihm
nun gar noch das Kreuz mache, in seiner Minderjhrigkeit an eine ganz ungleiche
Heirat mit einer Bauerntochter, die nichts sei und nichts habe, zu denken. Da
nun das Sprichwort mit Recht sage: Wohl aus den Augen, wohl aus dem Sinn, so
habe er sich resolviert, ihn in die Fremde zu schicken. Er habe in Frankfurt,
oder vielmehr in Sachsenhausen, welches gleich daneben berm Mainstrom liege,
einen leiblichen Bruder, der daselbst gleichfalls Wirt zur Sonne und in jungen
Jahren durch eine Glcksheirat mit einer Witwe in den Besitz derselben gekommen
sei. Dem wolle er seinen Sohn zuschicken, in der Hoffnung, da derselbe unter
einem fremden Himmel und bei andern Leuten seine Torheit vergessen und sich
vielleicht den Kopf auf eine zutrgliche Art verstoen und die Hrner ablaufen
werde. Er habe sich nun die Freiheit nehmen wollen zu fragen, was der Herr
Amtmann von der Sache denke. Der Amtmann erwiderte, der Gedanke habe seinen
ganzen Beifall, denn fremde Stdte und fremde Menschen sehen, das putze den Kopf
aus. In dem Frankfort, sagte er, bin ich auch schon gewesen, worauf der
Sonnenwirt und der Chirurgus ihre untertnige Verwunderung ausdrckten, da der
Herr Amtmann schon so weit gereiset sei. Die Amtmnnin, welche sich ungesumt im
Rate eingefunden hatte, sprach davon, wie wohlttig es berhaupt wre, wenn man
alle ungeschlachte junge Leute ein wenig in die weite Welt schicken knnte, um
dort gehobelt zu werden. Als sodann der Sonnenwirt die Mglichkeit zur Sprache
brachte, da sein Sohn es etwa an der gewnschten Reiselust fehlen lassen
knnte, hie ihn der Amtmann ganz auer Sorgen sein, denn er werde jedenfalls
mit seiner vollen Autoritt dazwischen fahren und gedenke, mit einem jungen
Trotz- und Querkopf schon noch fertig zu werden; er schreibe ohnehin heute noch
einen Bericht ber mehreres nach Gppingen und wolle in denselben einflieen
lassen, da der junge Mensch, der dem lblichen Oberamt auch schon mehr als
billig zu schaffen gemacht, mit seiner Erlaubnis in die Fremde gehe.
    Darauf empfahl sich der Sonnenwirt nebst seinem Schwiegersohne unter vielen
Danksagungen und berief zu Hause sogleich seinen Sohn zu einer Unterredung in
Ernst und Gte, nach welcher Friedrich mit vterlicher Einwilligung in das Haus
des Hirschbauern ging, um von Christinen Abschied zu nehmen. Nur unter dieser
Bedingung hatte er sich dem Willen seines Vaters gefgt. Bei dieser Fgsamkeit
waren allerdings die Drohungen des Amtmanns, von welchen ihn sein Vater in
Kenntnis zu setzen fr geeignet befunden hatte, der natrlichen Gutmtigkeit
seiner vom Glck der Liebe befriedigten und deshalb auch fr die Mahnungen der
Kindespflicht zugnglichen Seele zu Hilfe gekommen; aber keine Rcksicht hatte
ihn zur Nachgiebigkeit gegen den Wunsch seines Vaters bewegen knnen, sogleich
und ohne Abschied von Christinen abzureisen, und der Sonnenwirt war gentigt
gewesen, von diesem Begehren abzustehen, wenn nicht sein ganzes Vorhaben daran
scheitern sollte. Friedrich erklrte seinem Vater, da er morgen frh vor Tag
den Stab ergreifen wolle und sagte ihm deshalb auf der Stelle Lebewohl. Von der
Stiefmutter nahm er keinen Abschied. Dagegen verabschiedete er sich freundlich
vom Chirurgen, welchem er bei seiner Bewerbung und nachher seine Abneigung mehr
als einmal in nicht gar feiner Weise gezeigt hatte und in welchem er nun einen
gutgesinnten Schwager gefunden zu haben glaubte. Derselbe gestand ihm zwar
nicht, da er der Urheber dieser Trennung sei, in welcher er das auflsende
Mittel erblickte, das er dem Sonnenwirt empfohlen hatte; doch sagte er ihm
offen, er sei mit dem Entschlusse seines Vaters einverstanden und halte diese
Reise fr die beste Art, von einer Sache loszukommen, die nun eben einmal nicht
sein knne, worauf Friedrich erwiderte, es sei ihm zwar leid, da seine
Standhaftigkeit auf diese Probe gesetzt werde, aber es freue ihn auch wieder,
weil er hoffe, da er die Probe bestehen werde. Der Chirurgus und seine Frau
schttelten ber diese Erklrung den Kopf, lieen es aber hierbei bewenden, weil
sie der jugendlichen Festigkeit in Durchfhrung gefater Vorstze, vielleicht
eigener Erfahrung zufolge, kein groes Vertrauen schenkten. Wirst du auch den
weiten Weg finden? fragte Magdalene mit Trnen in den Augen. Bis nach
Heilbronn, antwortete er dster lachend, kenn ich ihn schon, und das wird
ungefhr halbwegs sein. Der Chirurgus holte mit Wichtigkeit eine Homannsche
Karte des Deutschen Reiches, die er besa, und demonstrierte ihm mit dem Zirkel,
da das noch nicht ganz den dritten Teil der Reise betrage. Dann mu ich eben
noch ein wenig weiter gehen, sagte Friedrich, das Frankfort wird ja nicht aus
der Welt liegen; ich geh eben der Nas nach; und die Leut an dem Main da drunten
werden die Nas auch grad berm Maul tragen, justement wie wir hie. Dann
schttelte er seinen Verwandten die Hnde und ging. Bei dem Schwager Krmer
klopfte er nur im Vorbergehen ans Fenster und rief seiner Schwester einen
kurzen Abschiedsgru zu, lockte aber ihre Kinder eine Strecke weit mit sich und
entlie sie gekt und beschenkt.
    Nachdem er diese gleichgltigeren Angelegenheiten abgetan hatte, trat er den
schweren Gang zu Christinen an. Diesmal suchte er keine Nebengchen, sondern
ging den geraden Weg bis ans Ende des Fleckens und sah dabei allen Begegnenden
herzhaft und freundlich ins Gesicht. Als er aber die Treppe soweit unter sich
hatte, um im Hinaufsteigen einen Blick durch das Fenster werfen zu knnen, stie
er einen Fluch aus, sprang den Rest der Stufen mit zwei Stzen hinauf und
strzte wtend in die Stube, wo der alte Hirschbauer seine Tochter soeben an den
Zpfen ergriffen hatte und die Hand aufhob, sie zu schlagen. Halt! rief
Friedrich, warf sich zwischen beide und ri die Tochter von dem Vater weg. Wenn
Euch Euer Leben lieb ist, rief er, so untersteht Euch nicht, ihr ein Haar zu
krmmen! Mir allein kommt das Recht zu, sie zu schlagen, wenn sie etwa gefehlt
hat.
    Das knnt ich brauchen, polterte der Hirschbauer, da mir einer meine
Tochter verfhrt und noch dazu in meinem Haus den Meister spielen will. Wei
wohl, wo die Hglein niedrig sind, da drber steigt man gern; aber mich soll
Armut und Niedrigkeit nicht so weit bringen, da ich Mutwillen mit mir und den
Meinigen treiben lass.
    Es ist von keinem Mutwillen die Red, sagte Friedrich, und ich bin kein
Verfhrer. Ich will Eurer Tochter alle Ehr und alle Treu erweisen, und meine
Absicht ist auf nichts anders gerichtet, denn da wir als Ehleut zusammen
kommen.
    Und dazu geht man in die Fremde? rief die Buerin mit zornigem Lachen.
Ja, ja, weit davon ist gut fr 'n Schu!
    So, das ist auch schon ausgeschwtzt? sagte Friedrich. Wer hat Euch denn
das hinterbracht?
    Seine Mutter ist dagewesen, erwiderte die Buerin, Er braucht nichts zu
leugnen.
    Ich will auch nichts leugnen, begreif's aber wohl, da Unsamen hier
ausgestreut worden ist. Wahr ist's, da ich gehen mu, weil mein Vater fr jetzt
nicht gut zu dieser Heirat sieht und weil er vielleicht meint, in einer andern
Luft wachse mir auch gleich wieder ein anderer Kopf. Aber alles hat seine zwei
Seiten. Mein Vater kann mir nichts befehlen, was fr mein ganzes Leben gelten
soll, denn ber die Zukunft mu ich selber Herr sein, und sein Vater springt
auch nicht mehr hinter ihm drein, um ihm die Fliegen abzuwehren oder ihn zu
hten, da er den Fu nirgends anstot. Aber wenn er mir jetzt in die Fremde zu
gehen befiehlt, so gehorch ich ihm und glaub ihn auch damit besser
herumzubringen als mit Ungehorsam und Trotz. Er wird dann schon sehen, da ich
in dem, was meine eigene Sach ist, mein Herz nicht ndere, und zuletzt wird er
mit seinem einzigen Sohn ein Einsehen haben und wird uns zusammen lassen. Damit
jedoch mein Schatz und die Ihrigen nicht an mir zweifeln, deswegen bin ich
herkommen, um den Verspruch vor meinem Fortgehen richtig zu machen und mit euch
darber zu reden.
    Der Hirschbauer und sein Weib sahen einander an; diese Erklrung lautete
ganz anders als das, was die Sonnenwirtin ihnen geringschtzig und spttisch
vorgesagt hatte, um sie gegen ihre Tochter und deren Liebhaber aufzureizen.
    Seine Mutter, hob der Hirschbauer wieder an, hat uns gesagt, da Er mit
leichtem Herzen fortgeh und selber froh sei, der Fessel wieder ledig zu werden.
Und wenn nun das auch nicht so ist und Er andere Absichten hat, so wird Er mir
doch nicht zumuten wollen, da ich meine Tochter einer Familie aufdringen soll,
die nichts von ihr wissen will.
    Lat das gut sein, Vetter, sagte Friedrich. Die Sach ist nicht mehr
anders zu machen. Das Mdle will mich, und ich will sie; uns zwei reit niemand
mehr auseinander. Also handelt, wie ein rechtschaffener Vater an seinem Kind
handeln soll, und tretet nicht auch noch zu unsern Feinden.
    Die beiden Alten eiferten und schalten heftig ber diese eigenmchtige Art,
eine Liebschaft anzufangen, und namentlich meinte die Hirschbuerin, ihre
Tochter htte wohl eine Zchtigung dafr verdient. Auch beteuerte sie, sie habe
nie daran gedacht, da er darum in ihr Haus gekommen sei, um durch ein
Liebesverhltnis mit ihrer Tochter seinen Eltern Verdru zu machen, und wlzte
jede Verantwortlichkeit dafr feierlich von sich ab. Allein ungeachtet des
polternden Tones waren beide sichtbar besnftigt durch die Offenheit, mit
welcher der junge Mann seine Gesinnung ausgesprochen hatte. Sie gaben sich
jedoch Mhe, dies nicht merken zu lassen, und der Hirschbauer sagte: Man
spricht aus, da Er so gewaltttig sei und da man von Ihm nichts als
Ungelegenheit haben werde; Er soll ja haben verlauten lassen, wenn Er Seinen
Willen nicht durchsetze, so werde Er alles ber einen Haufen stechen und den
Flecken anznden.
    Das ist nicht wahr! rief Friedrich entrstet, es ist kein solches Wort
aus meinem Mund gangen. Wer hat das gesagt? Er soll sich stellen und mich
berfhren.
    Der Hirschbauer schwieg.
    Ich wei schon, fuhr Friedrich fort. Meine Stiefmutter - Ihr mt sie
nicht meine Mutter heien -, die sucht mich auszurotten, sie gnnt mir das
Schwarze unterm Nagel nicht. Aber saget selber: wie stimmen ihre Reden zusammen?
Wie kann sie denn behaupten, ich mcht ber alle Berg und aus diesen Banden los
sein, wenn sie hinwieder von mir sagt, ich sei auf meinen Willen so versessen,
da ich sengen und brennen woll, wenn ich Eure Tochter nicht krieg? - Ohne die
htt ich bei meinem Vater ein leichteres Spiel. Wenn meine Schwester und ihr
Mann, der Chirurgus, nicht wren, so ging ich gar nicht fort, denn sie tt mich
in meiner Abwesenheit vollends ganz untergraben, aber ich hoff, die zwei werden
mich verteidigen.
    Vielleicht, sagte der Hirschbauer nach einigem Besinnen, lie sich ein
Wort mit Seinem Herrn Schwager reden und auch mit dem Herrn Pfarrer. Wenn die
beiden Herren etwas bei Seinem Vater ausrichten, so knnt man ja noch einmal von
der Sach reden. Aber so, wie's jetzt steht, kann ich nicht nur so ohne weiteres
meine Einwilligung geben, denn ich will mir nicht nachsagen lassen, da ich mich
mit den Meinigen in eine Familie eingedrungen hab, wo wir berlstig sind.
    Redet mit dem Pfarrer und dem Chirurgus, wenn ich fort bin, sagte
Friedrich, denn fort mu ich jedenfalls auf einige Zeit, das tut mein Vater
nicht anders. Und fget mir's dann zu wissen, wie die Unterredung ausgefallen
ist. Jetzt aber bin ich die lngst Zeit dagewesen, und Ihr werdet es nicht
anders als billig finden, da ich von meinem Schatz unter vier Augen Abschied
nehm, denn mein Schatz ist und bleibt sie, und wenn der Himmel einfllt. Nun
beht euch Gott, Vetter und Bas, und geb, da ich bald Schwhrvater und
Schwieger zu euch sagen kann. Haltet mir mein' Schatz gut; ich will nicht, da
sie euch zur Last fallen soll, und werd das Kostgeld fr sie bezahlen, solang
sie bei euch im Haus ist, denn ich seh sie als mein Eigentum an und will sie bei
euch eingestellt haben wie das Lamm, das ihr gehrt. - Hiermit legte er lachend
einen guten Teil des Reisegeldes, das ihm sein Vater gegeben hatte, auf den
Tisch; denn er hatte unter dem Reden wahrgenommen, da sich die zerbrochene
Scheibe noch in. dem Zustande, wie sie von Christinen verstopft worden war,
befand, und daraus den Schlu gezogen, da die Armut der Leute nicht einmal
gestattet habe, den Glaser zu holen. Ihr zwei aber, sagte er zu den beiden
Shnen, die ebenfalls in der Stube anwesend waren, sich aber sowenig wie
Christine ins Gesprch mischten, ihr zwei kommt in einer Stunde ins Beckenhaus,
wir mssen den Abend noch einen Abschiedstrunk miteinander tun.
    Er gab dem Bauer und der Buerin die Hand zum Lebewohl, und sie lieen es
schweigend geschehen, da er sein Mdchen am Arme nahm und mit sich aus der
Stube zog. Ein Seufzer der Buerin, den man verschieden auslegen konnte, und ein
Kopfschtteln des Bauern, das schon nicht so viele Deutungen zulie, war alles,
was nach seinem Weggehen geuert wurde.
    Christine fiel ihm drauen laut weinend um den Hals. Wenn mich nur mein
Vater geschlagen htt, schluchzte sie, vielleicht wr mir's leichter geworden.
Sieh, es hat mir Stich auf Stich durchs Herz geben, wie ich gehrt hab, da du
fortgehst; mein Herz hat sich ganz zusammengezogen, und seitdem tut mir's
fortwhrend weh. Ach Gott, was soll aus mir werden, wenn ich dich nicht mehr
hab!
    Mach mir das Herz nicht schwer, sagte er. Sieh, es ist mir ja
schrecklich, da ich von dir gehen mu, aber es kann nicht anders sein, und ich
bin bei dir und du bei mir, wo ich auch sein mag in der Welt. Es ist wohl weit
weg, aber doch nicht so gar weit, da wir nicht einander schreiben oder sogar
zueinander kommen knnten, wenn's nottut. Denk dir alle Mglichkeiten der Reih
nach, so mu es uns doch zuletzt nach Wunsch und Willen gehen. Entweder gibt
mein Vater nach, wenn er unsere Bestndigkeit sieht, dann ist ja alles recht und
gut; oder wir mssen warten, bis er das Zeitliche segnet, dann ist's zwar
schlimm, aber doch besser als gar nichts; oder er verstot mich, wenn er mir den
Sinn nicht brechen kann, dann kann er mir aber auch nichts mehr verbieten, und
heit's eben: Mann, nimm deine Hau, ernhr deine Frau; oder find ich vielleicht
in der Fremde bei meinem Vatersbruder oder sonstwo eine Heimat, man kann ja
nicht wissen, wie's geht in der Welt, dann la ich dich nachkommen; wenn's
vielleicht frs erst nur ein Dienst wr, den ich dir da drunten verschaffen
knnt, so wren wir doch nher beieinander und knnten's nach und nach
weiterbringen. Kurzum, ich mag mir ausdenken, was ich will, das End vom Lied ist
eben immer, da wir Mann und Weib werden.
    Ja, aber da drunten gibt's gewi schne Jungfern, die mich bei dir
ausstechen.
    Sorg du nicht fr mich, hab du vielmehr acht, da du mich nicht von den
Ebersbacher Buben aus deinem Herzen vertreiben lt.
    Ei, so la doch endlich das Geschwtz mit den Buben sein! sagte sie
schmollend.
    Was dir recht ist, mu mir billig sein, erwiderte er. Such du mich nicht
hinterm Ofen, dann guck ich auch nicht, ob du dahinter steckst. Jetzt la uns
aber die letzten Stunden nicht mit Zank und Trutz verderben, es ist ja doch
keinem von uns beiden Ernst damit.
    Nachdem sie noch lngere Zeit in solchen Wechselreden verbracht, sagte
Friedrich: Ich mu jetzt gehen, ich hab noch Geschfte mit meinem Pfleger. Ich
nehm aber jetzt nicht Abschied von dir, denn ich tu's nicht anders, ich komm
heut zu dir in deine Kammer, nachdem's jetzt mit deinen Eltern so gut wie
richtig ist.
    Sei aber vorsichtig, sagte sie, und mach kein Gerusch, sonst knntest
bald sehen, da es nicht so richtig ist, wie du meinst.
    Hab du keine Angst, erwiderte er.
    Er begab sich zu seinem Vormund, einem im Flecken angesehenen Ratsherrn, um
ihm einen Abschiedsbesuch zu machen und zugleich aus seinem mtterlichen
Vermgen einen Zuschu zu seinen Reisemitteln zu verlangen, welche soeben einen
betrchtlichen Ausfall erlitten hatten. Der Vormund aber schlug ihm sein
Ansinnen rundweg ab; er wute ihm haarklein vorzurechnen, was er von seinem
Vater zu Weihnachten und was er heute von ihm als Reisegeld erhalten habe,
schrfte ihm die Tugend der Sparsamkeit ein, machte ihm derbe Vorwrfe ber die
dumme Liebschaft, die ihn aus dem Vaterhause treibe, und ermahnte ihn
schlielich, sein Hab und Gut nicht an Menscher zu hngen. Ich wr nicht zu
Ihm gekommen, wenn ich nicht Geld braucht htt! sagte Friedrich und wetterte im
Fortgehen die Tre hinter sich zu. Mit tausend Verwnschungen kehrte er dem
Hause des Vormundes den Rcken und sagte dann zu sich: Ich darf mich wohl
zusammennehmen, wenn ich bis zu meinem Ziel kommen soll, ohne unterwegs zu
betteln oder zu stehlen; und zu meinem Vetter sollt ich doch wenigstens auch
noch ein paar Batzen mitbringen, sonst ist's ja eine Schand; und meiner
Christine mu ich doch auch was schicken, denn leerer Gru geht barfu. Der
Teufel hol den Hornabsger, den Kmmichspalter, der mir mein eigen Geld
vorenthlt. Ich darf, wei Gott, auf dem Weg kein einzigmal was Warms essen,
wenn ich mit meinem Zehrpfennig langen soll.
    Er lie aber im Bckerhause nichts von seiner Verlegenheit merken, sondern
plauderte treuherziger und frhlicher, als es ihm eigentlich um das Herz war,
mit seinen Schwgern, wie er sie offen vor den Leuten nannte, und als die
Bckerin teilnehmend bemerkte, sie sei nur noch begierig, was diese Geschichte
fr ein Ende nehmen werde, die sich in ihrem Haus angesponnen habe, rief er
leichtfertig lachend: Das wird eine schne Eh geben, wo der Mann die Hfen
verbricht und das Weib die Schsseln!
    Lachend gingen seine Gesellen mit ihm fort. Auf dem Wege erffnete er ihnen,
da er diese Nacht in ihrem Hause bei ihrer Schwester zuzubringen gesonnen sei.
Sie fanden das in der Ordnung und lieen ihn mit sich ein.

                                       13


Und nun den letzten Ku! sagte Friedrich, als kaum der Morgen graute. Das
Scheiden und Meiden ist ein schlechtes Handwerk, und der bs Gott woll's dem
behten, dem's zuerst eingefallen ist, aber es mu nun einmal sein.
    Wenn ich nicht Sorg htte, mein Vater oder Mutter knnt aufwachen, so lie
ich dich noch nicht fort, sagte Christine, unwillkrlich seinen Arm
umklammernd. Es hat sich ja noch nicht einmal ein Hahnenschrei hren lassen.
    Sie werden bald krhen, und dann whrt's nicht lang mehr, so wird's
lebendig im Ort, und ich kann nicht mehr unbeschrien fortkommen, was mir unlieb
wr, weil ich des Geschwtzes mit den Leuten berdrssig bin und nicht jedem auf
die Nas binden mag, warum ich in die Fremde soll. Fort mu ich ja doch einmal,
und so ist's eins, ob wir den bittern Kelch jetzt trinken, oder ein wenig
spter. Denk dir, wir seien verheiratet, was wir ja auch eigentlich sind, und
ich mss verreisen auf lngere Zeit. Wie mancher hat schon von Weib und Kind weg
in Krieg mssen und ist gar nicht wiederkommen.
    Wann wirst auch du wieder zu mir kommen? seufzte Christine.
    Am Sankt Nimmerlestag, wo die Eulen bocken. Frag nicht so schckig, weit
ja doch selber wohl, da ich komm, wenn ich kann und darf. Soll ich dir denn
alles wieder herleiern, was ich dir gesagt hab und worauf unsre Hoffnung steht?
Ich mt mich ja heiser predigen.
    Christine schluchzte berlaut. Mein Herz sagt mir, wir sehen einander nie
wieder, und ich werd in Schand und Not verlassen sein.
    Und mir sagt das mein das Gegenteil. Welches hat nun recht? Da bleibt
nichts brig, als da wir die zwei Herzen gegeneinander wetten. Gib acht, auf
die Art kannst keinsfalls in Nachteil kommen. Gewinn ich's, so sehen wir uns
wieder; wenn ich aber die Wett verlier, so bleibt dir doch mein Herz, und dann
kannst auch nie verlassen sein.
    An dir ist ein Advokat verloren gangen, sagte Christine, du machst, da
ich in all meinem Jammer wieder lachen mu.
    Zieh du dein Herz besser, erwiderte er, dann wird's dir auch bessere
Reden geben. Und wenn du nicht aufhrst, mich betrbt zu machen, so geh ich
hinunter und verklag dich bei deiner Mutter.
    O Jemine! rief Christine kichernd, die tt mir das Fell schn vergerben!
    Jetzt aber genug, versetzte er. Alles hat seine Zeit, sagt Jesus Sirach,
und alles mu ein End haben, sag ich. Lachen und Weinen, Reden und Kssen, alles
hat sein gesetztes Ma und Ziel, und wenn ich jetzt nicht endlich von dir geh,
so kann ich ja auch nicht wieder zu dir kommen. Also b'ht dich Gott,
herztausiger Schatz!
    Wart noch ein wenig! sagte sie. Wir mssen erst noch einen Denkzettel
voneinander haben. Hast dein Messer nicht bei dir?
    Willst mich abschlachten und einsalzen, da ich gleich ganz bei dir bleib?
    Nein. Ich hab vor etlich Wochen im Karz gehrt, wie man's machen mu, wenn
eins dem andern aus der Ferne ein Zeichen geben will, da man aneinander denkt.
Komm, streif dein linken Arm auf.
    Er entblte den Arm. Sie machte ihm mit dem Messer eine kleine Wunde daran
und sagte: Jetzt la mir geschwind an meinem Goldfinger ein wenig Blut heraus.
    Das kann ich nicht, sagte er, ich kann dir nicht weh tun.
    Es ist kein Wehe so gro als Herzeleid, sagt dein Jesus Sirach, erwiderte
sie. Wenn du aber nicht willst, so mu ich's eben selber tun. Sie tat's und
tropfte ihm ihr Blut in seine Wunde, die sie alsbald sorgfltig verband. Dann
ritzte sie sich gleicherweise an ihrem linken Arm, gab ihm das Messer und sagte:
Gib mir auch Blut von deinem Goldfinger - mach's aber nicht so arg, sei doch
nicht so grob gegen dich, ein paar Tropfen sind genug. Nachdem sie sich sein
Blut angeeignet, verband sie gleichfalls eilig ihren Arm.
    Jetzt sind wir ja ganz blutsverwandt, bemerkte er.
    Das ist's nicht allein, erwiderte sie. Wenn's wieder verheilt ist, so
brauch ich nur mit der Nadel drin zu stren, dann gibt's dir einen Stich in Arm,
da, wo du mein Blut drein empfangen hast, und ebenso umgekehrt, wenn ich einen
Stich da spr in meinem Arm, so wei ich, da du mir an dem deinigen ein Zeichen
gibst, und seh daraus, da mein Schatz in dem Augenblick an mich denkt.
    Er lachte. So lang die Narben frisch sind, sagte er, mag's wohl sein, da
sie hie und da ein wenig stechen. Aber ich werd auch ohne das oft genug an dich
denken.
    Wenn's nun aber sein mu߫, versetzte Christine, so mach in Gottes Namen,
da du fortkommst, und geh recht leis mein Katzenstiegele hinunter, damit
niemand im Haus aufwacht.
    Sie herzten und kten einander, da Friedrichs Ausspruch, alles msse ein
Ende haben, beinahe darber zuschanden geworden wre, und nachdem er manchen
vergeblichen Versuch gemacht, den Strom ihrer Trnen durch Abtrocknen zu hemmen,
schlich er so leise, da man kein Gerusch hren konnte, die schmale steile
Treppe hinab und kam mit Hilfe des hlzernen Riegels, der anstatt eines
Schlosses diente, leicht durch die hintere Tre aus dem Haus.
    Nachdem er sich noch mehrmals umgekehrt und manchen Blick nach dem
Schauplatze seines Glckes zurckgesendet hatte, ging er der Sonne zu, um sein
Reisebndel zu holen. Alles schlief noch; ungehrt betrat und verlie er sein
vterliches Haus. Aber auch von diesem, so wenig Gutes er in letzter Zeit
daselbst erlebt zu haben meinte, fhlte er sich noch eine geraume Weile
festgehalten und starrte mit feuchten Augen nach den Fenstern hinauf, hinter
welchen seine Mutter ihn geboren und mit so unendlicher Liebe aufgezogen hatte,
hinter welchen der Mann waltete, der doch immer sein Vater war. Sein rauhes Herz
war von einer unsglichen Wehmut ergriffen, in welcher die innerste Seele des
Volksstammes, dem er angehrte, sich spiegelte. Der Schwabe, obgleich er eines
der unsttesten Vlker ist und vielleicht sogar seinen Namen vom Schweben und
Schweifen hat, ist doch darum dem Heimtum nicht minder als dem Wandertriebe
verfallen. Whrend viele jahraus, jahrein entlegene Lnder durchziehen, kleben
andere an ihrer Heimsttte fest, als ob sie mit ihr verwachsen wren, - ja, man
erzhlt von einer alten Frau, die in Tbingen auf der Ammerseite wohnte, sie
habe nie in ihrem Leben den Neckar gesehen -, und selbst von jenen reit sich
mancher erst nach vergeblichen Versuchen und nur um den Preis des bittersten
Heimwehs von der heimischen Scholle los, mag aber auch freilich, wenn einmal das
Heimweh berwunden ist, an sich erleben, da die Heimat, die er nicht entbehren
zu knnen glaubte, jahrelang fern und tot und seinem Herzen etwas Fremdes hinter
ihm liegt. Doch wird es kaum einen geben, den nicht wenigstens im Alter wieder
die Sehnsucht nach den heimischen Bergen, Tlern und Gewssern befinge. Freilich
werden diese widersprechenden Triebe der Wanderlust und der Heimseligkeit, die
bei dem Schwaben nur mit besonderer Strke hervortreten, in jedem
Menschenschlage wahrzunehmen sein.
    Friedrich wischte sich die Augen mit der Hand aus, stie seinen
Wanderstecken hart auf den Boden und ging in entschlossenem Reiseschritt die
Strae hinab; da rusperte sich jemand ber ihm, und eine Stimme rief: Wo naus
schon, Frieder, wo naus?
    Er blickte rgerlich in die Hhe und erkannte seinen Invaliden, der nach der
Weise alter Leute nicht lange schlafen konnte und zu dieser frhen Stunde aus
seinem Ausgedingstbchen zum Fenster heraussah. In die Fremde, antwortete er,
einen mutigen Ton in seine Stimme legend.
    Wei schon, erwiderte der Invalide, und wei eigentlich auch, warum.
    Ja freilich! entgegnete Friedrich lachend, es gibt kein Warum, das nicht
auch sein Darum htt. brigens sagt man: die Fremde macht Leut.
    Ich streit's nicht. Wer nie hinauskommt, kommt auch nie hinein. Und was das
Heimweh betrifft, so hat selbiger Schwab in der Fremde gesagt: Schwaben ist ein
gut Land, ich will aber nit wieder heim: grob Brot, dnn Bier und groe
Stunden! Friedrich lachte und schlug ein paarmal mit dem Stab in die hart
gefrorne Schneebahn; dann machte er eine Bewegung, um seinen Weg fortzusetzen.
    Er hat aber doch 'n kuriosen Zwilch an Seinem Kittel, hob der Invalide
wieder an. Lt sich da um ein Weibsbild von Haus und Hof fortschicken. Ist sie
denn auch soviel wert?
    Friedrich schwang den Stecken um seinen Kopf, da es durch die scharfe
Morgenluft pfiff. Profos, sagte er, wenn ich Euch gut zum Rat bin, so redet
mit mehr Respekt von ihr, denn ich versteh kein' Spa in dem Punkt. Oder knnt
Ihr vielleicht etwas von ihr sagen, das nicht recht wr?
    Das kann ich nicht und will's auch nicht, erwiderte der Invalide. Nun
nicht so hitzig! Das Mdle kann brav sein, ich will ihr gar nichts tun, aber
darum fragt sich's doch noch zehnmal, ob sie zu Ihm taugt. In meinen jungen
Jahren, ach, was hab ich mich nicht verleiden mssen um mein Weib, bis ich sie
gehabt hab, und nachher, wiewohl ich nichts weniger als schlecht mit ihr
gehauset hab, hab ich oft denken mssen, ich htt grad ebensogut eine andere
nehmen knnen. Wenn man einander einmal innen und auen kennt, dann sieht man
erst ein, da man nicht blo fr die Krze, sondern auch fr die Lnge htt
sorgen und auf das und jenes htt sehen sollen, was nicht blo in die Augen
sticht; denn die Schnheit vergeht und die Jugend mit, und das Leben ist oft so
gar lang.
    Aber das Sprichwort sagt doch: Frhe Hochzeit, lange Liebe.
    Das Sprichwort hat nicht immer recht, sonderlich je nachdem die Hochzeit
gewesen ist.
    Friedrich grub nachdenklich mit dem Stecken im Schnee.
    Wenn ich Er wr, fuhr der Invalide fort, so wrd ich da drauen die Zeit
und die Vernunft walten lassen und meinem Vater nachgeben; auch blieb ich nicht
zu lang in der Fremde, denn viel Rutschen macht bse Hosen, das sieht Er an
meinem Fu.
    Ihr, ein alter Soldat, werdet mir doch nicht zumuten, da ich mein Wort
breche? fuhr Friedrich auf. Ich hab mich mit heiligen Eiden verschworen, und
dabei bleibt's.
    Wenn's so steht, erwiderte der Invalide, so will ich weiter nichts gesagt
haben als: 's wr eben gut, wenn alle junge Leut knnten vor alt werden, eh sie
jung wrden.
    Das mag sein, entgegnete Friedrich, weil's aber unser Herrgott anders hat
haben wollen, so kann ich nicht wider ihn streiten und mu eben der Natur ihren
Lauf lassen.
    Damit verabschiedete er sich von dem Invaliden, der ihm noch lange voll
Teilnahme nachsah, wie er ausschritt und der Schnee unter seinen krftigen
Tritten krachte.
    Er hatte die letzten Huser hinter sich und meinte nun recht einsam in die
Welt hinauszuwandern, als ihn auf einmal ein Wurf, nicht ganz sanft, an die
Schulter traf, da der Schnee ihm am Gesicht vorberstubte. Er kehrte sich
zornig um; da war es Christine, die ihn geworfen hatte.
    Ei! rief er, ich htt gute Lust, mit dir zu zanken. Ich hab geglaubt, du
stecktest tief im warmen Nest, und jetzt laufst hinter mir drein, erkltest dich
und verbitterst mir das Scheiden noch einmal.
    Schiltst schon wieder auf mein Geluf? sagte sie, sich an seinen Arm
hngend. Sei ruhig, ich kann nicht mehr weinen, die Klte treibt mir die Trnen
zurck. Ich werd doch auch mein' Schatz noch ein wenig begleiten drfen.
    Ein paar Schritt mein'twegen. Dann aber machst links um und lt mich in
den Schutz Gottes befohlen sein.
    Du Spottvogel! Ja, erst noch will ich dich in unsers Herrgotts Schutz
empfehlen und all Stund fr dich beten, da dir's gehen mg wie dem
Handwerksburschen, der in der Fremde so wunderbar behtet worden ist.
    Wie ist denn das gewesen?
    Hast nie was davon gehrt? Mir ist's einmal im Karz erzhlt worden. Ein
Handwerksbursch ist, weit von seiner Heimat weg, abends spt in eine fremde
Stadt kommen und hat nach der Herberg gefragt. Er ist arg md gewesen, und in
den vielen krummen und buckligen Gassen hat er sich auch noch die F auf dem
Pflaster verstoen mssen. Gelt? Ach Gott, so wird's dir auch gehen auf deiner
Wanderschaft.
    Mach nur fort.
    Bis er zur Herberg kommen ist, ist's schon ganz Nacht gewesen. Wie er nun
durch den finstern Hausgang an der Wand hintappt, da kommt pltzlich etwas wie
ein starker Mann ber ihn her und packt ihn fest um den Leib -
    Donnerwetter! unterbrach er sie, da htt ich aber dreingeschlagen!
    Nein! Wart nur, 's kommt ganz anders, du G'waltttle du! Der
Handwerksbursch hat vielleicht auch geflucht oder wenigstens im Schrecken einen
Laut von sich geben; denn auf einmal sieht er einen Lichtschein vor sich in der
Tiefe, und eine Stimme ruft von unten herauf: Um Jesu Christi willen, gehet
keinen Schritt weiter oder Ihr seid des Todes! Wie nun das Licht nher kommen
ist, da hat er erst gesehen, da er vor der Kellerffnung steht, und tief unter
ihm steht der Wirt mit dem Licht in der Hand und heit ihn warten, bis er
heraufkomme und die Falltr zumache. Drauf hat er sich umgesehen nach dem
Freund, der ihn vor dem jhen Sturz bewahrt hat, aber da ist niemand weit und
breit gewesen. Wer kann's also anders gewesen sein als der Engel, der ihn zu
seinem Schutz begleitet hat? Sieh, und einem solchen Engel mcht ich dich auch
anempfohlen haben, da er keinmal von dir wiche und liee dir kein Leid
geschehen.
    Wie der, der mit dem jungen Tobias auf die Wanderschaft gangen ist? Ich
lie mir's auch gefallen, wenn du der Engel wrst.
    Ach, wenn ich mit dir knnt! Ich wollt gewi nie ber Mdigkeit klagen.
    Das wr ein lustig's Reisen und ein trstlicher Reis'kamerad. Aber -

Weil's aber nicht kann sein,
Nicht kann sein, nicht kann sein,
Bleibst du allhier.

Oh, wenn ich dran denk, rief Christine, von einem pltzlichen Schauer
ergriffen, da ich dich nimmer sh - und alles, was dann ber mich km -, ich
tt mir einen Tod an.
    Wie meine Schwester? Die hat auch gesagt, sie spring in die Fils, und den
Tag drauf hat sie meinen Schwager genommen. Damit jedoch die arm Seel Ruh hat,
will ich dir jeden Trost und jede Hoffnung und jeden Schwur, alles von A bis Z
noch einmal runtersagen. Nachdem er dies unter wiederholten Liebkosungen getan,
schob er sie sanft einige Schritte in rckwrtsgekehrter Richtung auf der Strae
fort und sagte dann: Jetzt tu mir's zulieb und sieh dich nicht mehr um; ich
will mich auch nicht mehr umsehen.
    Er wandte sich und schlug rasch seinen krftigen Wanderschritt wieder an.
Kaum hatte er sich ein wenig entfernt, so rief sie: Frieder, nur noch ein
einzigen Blick!
    Er blieb stehen.
    Nur noch ein einzig's Wort! rief sie. Will und Lieb, die stiehlt kein
Dieb. Nicht wahr?
    Ja, lieb's Weible, antwortete er. Will und Lieb, die stiehlt kein Dieb.
Jetzt aber geh heim. Der Morgen kommt, es wird empfindlich kalt. Willst gleich
machen, da da fortkommst? wiederholte er und bckte sich, als ob er den harten
Schnee zu einem Wurfe ballen wollte.
    Sie lief lachend eine Strecke weit davon. Als sie haltmachte und sich nach
ihm umsehen wollte, war er schon hinter der nchsten Biegung der Strae
verschwunden, und schluchzend deckte sie die Augen mit der Schrze zu.

                                       14


Selten wohl hat ein deutscher Hausknecht dem Frsten Reichserbpostmeister in so
kurzer Zeit soviel zu verdienen gegeben als der junge Schwabe, der in der Sonne
zu Sachsenhausen eingetreten war. In Ebersbach fragte man sich noch, ob er jetzt
wohl sein Reiseziel erreicht haben werde, da kam schon ein Brief von ihm An die
ehrbare und bescheidene Jungfer Christina Mllerin, in beliebigen Hnden zu
erffnen, in Ebersbach, cito, cito, franco. Der Brief lautet so: Gott zum Gru
und Jesum zum Beistand. Hertzgeliebter Schatz, ich mu Dich mit einem betrbten
Hertzen beschreiben, und diese Zeilen werden Dich, wie ich in meinem Hertzen
glaub, betrbet antreffen. So will ich Dein Hertz erleichtern und Dich mit
ernsthaftem Hertzen berichten: Liebe Christina, glaube Du, da mein Hertz nicht
wanckhen wird und Dir noch jederzeit treu verbleiben, so lang noch Gott eine
Ader in meinem Leib lat. Wann Du andere Buben entlast und Dich ihrer entlst,
und ich erfahre, da Du Dich so haltst, wie es einem braven Menschen gehrt, so
soll mir keine Andere mehr an meine Seite kommen. Ich wollt Dir gern was
schicken, ich forcht, Du mchtest in dem Eberspcher Markt zu dem Tanz gehen und
Dich mit Einem einlassen; so will ich jetzt Dir noch nichts schicken, sondern
auf Deine Auffhrung warten. Wann Du Dich hltst, so will ich Deiner nicht
vergessen und Dich auch nicht lassen. Solltest Du Dir Dein Leben verkrzen, wie
Du gesagt hast, so schreibe ich mich aus der Schuld und gib es Dir und den
Deinigen ber. Was ich gesagt hab, das halt ich Dir und la Dir Deinen Willen.
Ich wnsche, da Gott der Allmchtige Dein Hertz regiere, und fhre Dich zu
allem Guten, und gebe Dir Glck und Segen, und regiere Dein Hertz, da es nicht
fallen noch irr gehen kann. Das wnsch ich Dir aus getreuem Hertzen. Noch Eins:
Ich verlange eine Nachricht von Dir. Ich will Dir die berschrift sagen, wie Du
an mich schreiben sollst. Weiter kann ich Dir nicht schreiben, als Du sollst mir
nicht bel nehmen, weil ich so s-mig geschrieben hab. Die Nacht ist mir auf
den Hal gekommen, und vor Betrbnus hats nicht sein knnen. Du und die Deinige
seynd tausendmal gegrt und in den Schutz Gottes befohlen, und bleibe Dir
getreu bis in den Tod. Joh. Fr. Schwan. - Dieser Brief zukomme an Joh. Friedrich
Schwahn, Hausknecht bei der Sonne in Sachsenhausen bei Frankfort a.M.
    Noch ehe Christine sich zu dem groen Unternehmen entschlieen konnte, einen
Brief von der Fils nach dem Main zu schreiben, der doch auch die Postgebhr
durch seine Lnge rechtfertigen mute, oder ehe sie vielleicht den Unmut ganz
berwunden hatte, den ihr ohne Zweifel das fortgesetzte Mitrauen in ihre Treue
verursachte, schickte er einen zweiten Brief, zwar krzer als der erste, aber
dafr um so zrtlicher und leidenschaftlicher, auch obendrein von einem
Geschenke begleitet, aus welchem sie bei einigem Nachdenken schlieen konnte,
da er ber ihre Auffhrung an dem gefrchteten Markttage, den erst die
nchste Woche brachte, schwerlich so unruhig war, als er sich gestellt hatte,
um, freilich nicht eben unter einem feingewhlten Vorwande, den bekannten
Zustand seiner Barschaft zu verbergen, den er in seinem ersten Briefe
einzugestehen sich geschmt hatte und der sich seitdem in etwas gebessert haben
mochte.
    In diesem zweiten Briefe schrieb er: Gottes Segen zum Gru und Jesum zum
Beistand. Hertzgeliebter Schatz, hertzgeliebte Christina, ich kann es nicht
unterlassen, vor lauter Sorgen und Bekmmernus und Gedanken Dich zu beschreiben,
und ich kann Tag und Nacht nicht ruhen, bis ich eine Antwort von Dir hab. Bitte
Dich um Gotteswillen, schreibe Du mir, wie es Dir geht und wie es mit Dir sey.
Ich kann Tag und Nacht nicht ruhen vor lauter Seuftzen und Sorgen. Wann Du mir
etwas zu melden hast, so schreib mir es gleich, ich will Dich nicht verlassen so
lang ich leb. brigens schick ich Dir hier einen kleinen Gru; wann Du mir
schreiben tust, so will ich Dir ein Mehreres schicken. Ich hab nicht Zeit, Dir
mein gantzes, mein gantzes Hertz zu schreiben; ich will Dich berichten, wann Du
mir wieder schreibst. Brich den Brief an Deinen Vater auf. Du bist tausendmal
grt. Ich verbleibe Dein getreuer Schatz bis in den Tod.
    Der eingelegte Brief an den alten Hirschbauer, den sie lesen sollte, erhielt
Versicherungen seiner unwandelbaren Gesinnung, wie folgt: An meinen Vetter
Mller. Ich kann nicht unterlassen, an Euch zu schreiben, weilen Er so viele Mh
an sich genommen und unterschiedliche Sachen wegen Seiner Tochter Namens
Christina mit mir geredt hat: so will ich Ihm redlich schreiben wie ichs gegen
ihr meine, da ich keine Andre mehr begehre als sie, und ich sobald ihrer nicht
vergessen kann. Wann es seyn kann, wie Er mit mir geredt hat, da Er mit dem H.
Pfarrer und mit dem Chirurgus reden knnt, da man uns zahmen (zusammen) lassen
will, so bin ich gleich resolvirt, sie zu nehmen, denn so leicht kann ich Sie
nicht lassen, und Sie mich nicht. Ich lasse auch mein Leben, eh ich sie
entlassen oder verlassen will: so bitte ich Ihn nur herzlich, die Christina ein
halb Jahr bei ihm zu behalten.
    Auch der Invalide erhielt einen Brief in beliebigen Hnden zu erffnen,
welcher seine Zweifel wegen des Verhltnisses zu Christinen nicht sowohl
widerlegen als einfach in folgenden Schluworten niederschlagen sollte: - So
lang ich einen Blutstropfen im Leib hab, so will ich mich ihrer annehmen. Hiemit
will ich beschlieen und schliee Euch in die Vorsorg Gottes.
    Der Hirschbauer sagte nach dem Empfang seines Briefes zu der glcklichen
Christine: Er hat doch ein bestndiges Gemt. Ich wollt's dir ja gern gnnen,
da ihr zusammen kmet, aber ich besorg mich eben, wenn er seinem Vater merken
lt, wie es ihm ums Herz ist, so lt ihn der nicht zurck. Ich will jetzt doch
einmal ins Pfarrhaus gehen, oder vielleicht noch lieber vorher zum Chirurgus.
Ich wei nicht, wo ich zuerst hin soll. - Christine wute es auch nicht. Ihre
Gedanken waren allein darauf gerichtet, wie sie es angreifen solle, um einen
recht groen Brief zu schreiben, mit dem ihr Schatz zufrieden sein mte,
obgleich sie ihn darin fr seinen unmanierlichen Argwohn recht heruntermachen
wollte. Sie dachte aber, sie wolle erst den Markttag vorbergehen lassen, um ihm
dann schreiben zu knnen, da sie nicht zum Tanze gegangen, sondern den ganzen
Tag und Abend daheim geblieben sei.
    Der Invalide schttelte zu Friedrichs Beteuerungen hartnckig den Kopf und
sagte beim Wein zu der Bckersfrau: Wenn so ein junger Mensch verliebt ist, so
meint er, es gebe in der Welt nichts als seinen Gegenstand, und wenn er einmal
zehn Jahr und drber verheiratet ist, so kann er oft gar nicht begreifen, warum
er grad die genommen hat, da's doch soviel andere gegeben htte.
    Bestndigkeit ist doch eine Tugend, erwiderte die Bckerin. Aber arg ist
mir's einmal, da der erste Funke zu dem Brand in meinem Haus hat angehen
mssen. Wenn ich das vorausgesehen htt, so htt ich mich lieber ohne mein Dtle
beholfen, und dann wr sie ihm vielleicht in Jahr und Tag nicht vors Aug kommen.
Mir schwant's, das Ding geht zu keinem guten End.
    Wider das Schicksal ist kein Kraut gewachsen, versetzte der Invalide. Das
ist im Leben wie in der Schlacht: an einem fhrt's vorber, und den andern
trifft's.
    Es kamen noch weitere Briefe von Friedrich, die sich alle um einen und
denselben Angelpunkt drehten. Von seinem eigenen Ergehen schrieb er kein Wort,
auch nicht von dem, was er im fremden Lande zu sehen und zu hren bekam. Dagegen
zeigten seine Briefe die Merkwrdigkeit, da er fortwhrend mit der Jahreszahl
auf gespanntem Fue stand. Seine Hand schien einen unbezwinglichen Widerwillen
gegen dieselbe zu empfinden. In allen diesen Briefen hatte er immer zuerst die
falsche Zahl hingeschrieben, dann ausgestrichen und die richtige darbergesetzt;
in einem war sogar das falsche Datum unberichtigt stehengeblieben. Allerdings
ein unerheblicher Umstand fr ein Mdchen, das kein andres Datum kannte als
diesen Tag, an welchem sie ihrem Liebsten schrieb.

                                  Zweiter Teil



                                       15

Christinens Brief war immer noch nicht fertig, und ihr Vater hatte den Weg zum
Pfarrer und Chirurgus gleichfalls noch nicht gefunden, da verbreitete sich eines
Tages im Flecken das Geschrei, des Sonnenwirts Frieder sei wieder da oder
wenigstens im Anzuge begriffen. Die Nachricht drang mit groer Schnelligkeit
selbst zu dem entlegenen Hause des Hirschbauers, und einer von Christinens
Brdern machte sich sogleich auf, um Kundschaft einzuziehen. Es verhielt sich
wirklich so, wie das Gercht sagte. Ein Fuhrmann, der in der Sonne einkehrte,
hatte den Erben derselben unterwegs, und zwar in ziemlich abgerissenem Zustande,
angetroffen; zur Besttigung, da er die Wahrheit sage, zeigte er ein Schreiben
vor, das ihm der Wanderer mitgegeben hatte, um es an denjenigen seiner beiden
Schwger, zu welchem er noch das meiste Vertrauen hatte, zu bestellen. Es ging
soeben sehr lebhaft in der Sonne zu, weshalb die Neuigkeit wie ein Lauffeuer
sich verbreitete. Der Fuhrmann erzhlte noch, er habe den Frieder aufsitzen
heien; derselbe habe sich aber geweigert, da er nicht nach Hause kommen wolle,
bis er wisse, wie er aufgenommen werde. Er gab den Brief einem Knechte, der ihn
zum Chirurgus hinbertrug. Dieser lie nach einer Weile dem Sonnenwirt sagen, es
sei endlich Nachricht von seinem Sohne da; wenn der Herr Vater aufgelegt sei,
sie zu hren, so wolle er mit dem Briefe herberkommen. Der Sonnenwirt
antwortete, er habe im Augenblick alle Hnde voll zu tun, und auf den Abend
wolle er Ruhe haben; morgen sei auch ein Tag, um von verdrielichen Dingen zu
reden.
    Auf den andern Tag wurde in der Sonne ein Familienrat zusammenberufen,
welchem der Chirurgus den Brief seines jungen Schwagers vorlas. Derselbe lautete
gleich eingangs so ber alle Maen niedergeschlagen und unterwrfig, da die
Sonnenwirtin einmal ber das andere in ein triumphierendes Gelchter ausbrach.
Geliebter Schwager, las der Chirurg, ich wei mir nicht mehr zu helfen, so
will ich Ihn um Gottes Willen gebeten haben, mir einen Rath zu ertheilen, denn
ich laufe in der Irr, als wie ein verlornes Schaf; so rufe ich zu Gott, er
mchte mir einen Hirten senden, der mich wieder auf den rechten Weg bringen
sollte. Meine Reise ist nicht bestanden, wie ich geglaubt hab: mein Herr Vetter
hat des Gerichtsschreibers Sohn von Boll zum Knecht, und hat ihn nicht
fortschicken knnen, weil er auch ein Freund von ihm sei. So bin ich diesesmal
in mich selber gangen und mut erst erkennen, was ich bei meinem Vater vor gute
Tag gehabt hab und ihm nicht gefolgt, so bitt ich nur noch diesesmal zu helfen
und mich nicht zu verlassen. Meine Eine Bitt an die Meinen ist, mir nur noch so
viel zu helfen, da ich nur einer von seinen Taglhnern sein mchte. Ich werde
gewi meinem Vater in allen Stcken gehorsam sein; wann ich es nicht tue und ihm
im Geringsten was anstelle, so sprich ich das Urteil wider mich und schreibe
meine eignige Hand unter, da ich auf den ewigen Arrest soll gesetzt werden. Ich
wei wohl, ich hab es gegen den Herrn Schwager nicht verdient, weil ich Ihn
schon in vielen Stcken erzrnt und beleidiget hab, es ist mir aber herzlich
leid, es wird insknftige nicht mehr geschehen. So mein ich nun, ob der Schwager
nicht eine Bitte vor mich bei dem Herrn Amtmann tun mchte. Man redt wider mich
in Eberspbach, es sollte einen Heiden erbarmen ber solche Reden: ich soll
gesagt haben, ich wolle alle Huser in Brand stecken und den und jenen todt
stechen. Mein Hertze hat noch niemal daran gedacht. Geliebter Herr Schwager, ich
gedenke auch noch an Gott, und gedenke bei mir selbst, ich mcht hinkommen wo
ich wollt, und Gott mchte mich auf das Krankenbette legen, ich gewi mein
Vaterland durch solche Streich nicht verschertzen will. So bitte ich den
Schwager mich auf diesesmal nicht zu verlassen und mir einen Rad zu geben und zu
helfen -
    Rad schreibt er, unterbrach sich der Chirurg im Lesen: er kann doch sonst
besser schreiben und hat das Wort weiter oben auch richtig geschrieben.
    Seine Hand wei mehr als er und hat das Rechte troffen, bemerkte die
Sonnenwirtin, der Weg, den er geht, fhrt wohl noch zu Galgen und Rad.
    Ist der Brief aus? fragte der Sonnenwirt.
    Ich hab das Vertrauen zu Ihm, fuhr der Vorleser fort, und glaub in meinem
Hertzen, da Er des Herrn Amtmanns sein Hertze am besten erweichen kann. Mein
Vater schickt einen Knecht fort auf Fastnacht; er erbarmet sich meiner gewi und
nimmt mich wieder an, wann ich befreit bin von dem Herrn Amtmann. Ich hab nicht
lngere Weil gehabt; wann ich mich sehen darf lassen, so will ich mndlich mit
Ihm reden. Er ist von mir viel tausendmal gegrt und schliee ihn in die
Vorsorg Gottes. Sein getreuer Schwager bis in den Tod.
    Es mu ein wenig konfus in seinem Kopf hergehen, fgte der Chirurg hinzu,
denn er lebt mit dem Datum noch im vorigen Jahr.
    Er kann eben in gar nichts ordentlich sein, bemerkte die Sonnenwirtin.
    Jetzt, was ist zu tun? fragte der Chirurg.
    Der Krmer, der nicht wieder die Migriffe von neulich begehen wollte, half
sich mit Achselzucken, Hndereiben und Lcheln nach allen Seiten hin.
    Die Sonnenwirtin sagte: Entweder ist er der Landstreicherei obgelegen, hat
sein Geld vertan und ist gar nicht bei dem Vetter gewesen, oder hat er drunten
gleich zum Einstand schlechte Streich gemacht und ist wieder fortgejagt worden.
Wenn sein Gewissen gut wr, tt er nicht so erbrmlich und so untertnig
schreiben. Das ist sonst sein Sach nicht.
    Soviel ist richtig, sagte der Sonnenwirt nach einigem Nachdenken, da der
Gerichtsschreiber in Boll drben einen Sohn in die Fremde geschickt hat, und das
erst ganz krzlich, denn ich hab's erst vor ein paar Tagen gehrt, nur hab ich
nicht sagen hren, wohin. Weil er aber allerdings zu unsrer Gefreundschaft
gehrt, und mein Bruder in Sachsenhausen also auch ein Vetter von ihm ist, so
ist's wohl mglich, da er ihn dorthin getan hat; denn seine Buben sind
dickkpfig und haben wenig Beruf fr die Schreiberei.
    Es kommt natrlich alles darauf an, ob die Angabe wahr ist, bemerkte der
Chirurg.
    Wenn's wahr ist, sagte der Sonnenwirt, so mssen die beiden schier
miteinander bei meinem Bruder drunten angekommen sein.
    Man mu eben hinunter schreiben, meinte Magdalene.
    Ja, aber was fangt man derweil mit dem Buben an, bis Antwort kommt? fragte
die Krmerin. In Plochingen, von wo er schreibt, kann man ihn doch nicht
liegenlassen, da er dort eine rechte Zech hinmacht.
    Und wenn man ihn ohne weiters wieder ins Haus nimmt, sagte die
Sonnenwirtin, so setzt er sich fest und fangt das alt Lied wieder an und ist
dann nicht mehr fortzubringen, wenn's auch zehnmal von Sachsenhausen kommt, da
all sein Vorgeben verlogen sei.
    In diesem Augenblicke hrte man ein Posthorn und gleich darauf den Knall
einer Peitsche. Der Postreiter hlt vorm Haus, der Hausknecht soll ihm das
Pferd halten, sagte der Sonnenwirt, der ans Fenster getreten war. Es freute ihn
jedesmal, wenn Briefe fr den Flecken in der Sonne abgegeben wurden oder wenn
Postpferde zur Einkehr gentigt waren, weil er den Beweis darauf zu grnden
hoffte, da eine Zwischenpost hier errichtet werden sollte. Nach einer Weile kam
der Postknecht herein und berreichte ihm einen Brief: An Herrn Hans Jerg
Schwan zur lblichen Sonne in Eberspbach. Der Sonnenwirt befahl einen Schoppen
und las den Brief bedchtig, whrend jener den Wein stehend trank; denn in
seinen hohen, steifen Stiefeln wrde ihm das Sitzen eine Arbeit gekostet haben,
die sich fr einen kurzen Aufenthalt nicht verlohnte.
    Der Sonnenwirt hatte den Brief erst zu Ende gelesen, als der Postknecht
schon wieder zu Pferde sa und blasend gen Gppingen weiter ritt. Der Bub hat
nicht gelogen, sagte er, es verhlt sich vielmehr alles so, wie er behauptet.
Mein Bruder schreibt mir da, er htt ihn gern behalten, aber er habe dem
Gerichtsschreiber in Boll fr dessen Sohn bereits zugesagt gehabt. Als Gast wr
er ihm willkommen gewesen, solang er htte bleiben mgen, auch habe alles im
Haus den Vetter gern gehabt; der aber habe sich nicht halten lassen, sondern sei
nach etlichen Tagen wieder fort.
    Und hat sich, Gott wei wie lang, in der Welt herumgetrieben, sagte die
Sonnenwirtin.
    Nicht gar lang, dem Datum nach, entgegnete der Chirurg, dem der Sonnenwirt
den Brief hingereicht hatte.
    Es ist zwar dumm von dem Buben, versetzte der Sonnenwirt, da er auf die
Einladung nicht lnger blieben ist; man htt sich unterdessen fr ihn umsehen
und ihn anderswo unterbringen knnen. Aber verdenken kann ich's ihm doch grad
auch nicht, da er seinen Verwandten nicht als unntzer Brotesser hat hinliegen
wollen, nachdem man ihn nicht zum Schaffen angenommen hat.
    Ja, bemerkte Magdalene, das Sprichwort sagt: Zwei Tag ein Gast, den
dritten ein berlast.
    Von seiner Liebschaft schreibt er gar nichts, sagte die Sonnenwirtin.
Soviel gute Wrtlein er sonst gibt, so spricht er doch nicht mit einer Silbe
davon, da er in dem Stck nachgeben wolle.
    Er schreibt aber, er wolle in allen Stcken gehorsam sein und nicht das
geringste mehr anstellen, entgegnete der Chirurgus. Man kann ihn also beim
Wort nehmen und ihm beweisen, da er auch das versprochen habe.
    Recht degenmig schreibt er, das mu man sagen, bemerkte die Krmerin.
Ich htt gar nicht glaubt, da der Strobelkopf, der strrig, so mrb werden
knnt.
    Der hat sich in der Fremde die Hrner verstoen, sagte der Sonnenwirt
behaglich lachend; das sieht man jedem Wort an, das er schreibt. Jetzt wei er
nimmer, wo aus und wo ein. Ja, ja, es ist eben ein ganz anders Leben da drunten
als bei uns. Die Leut sind dort viel alerter und aufgeweckter, und wenn auch bei
manchem nicht viel dahinter ist, so ist's eben doch unsereinem, wie wenn er der
Garnichts dagegen wr.
    Das glaub ich, sagte der Chirurg, das kann solch einem trutzigen,
stutzigen Schwabenkopf spanisch vorkommen.
    Ich bin ja selbst auch schon drunten gewesen, fuhr der Sonnenwirt fort.
Ja was! Bis unsereiner sich nur besinnt, was er sagen soll, haben die dem
Teufel ein Ohr weggeschwtzt. Es mag sein, da wir im Schreiben und sonst in
mancherlei Soliditt mehr sind als sie, wenigstens gibt man sich bei uns in der
Schul mehr Mh, aber nachher mssen wir ihnen weit nachstehen, sie sind viel zu
geschwind fr uns. Mein Sohn ist gewi keiner von den Langsamen im Geist, aber
ich steh dafr und kann ganz ins Feuer sehen, da sie ihm gleich ber den Kopf
gewachsen sind. Und dann machen sie gar keine Umstnd, wie man's bei uns macht.
Sie sind eigentlich doch auch wieder fadengrad wie wir, und noch mehr als wir.
Bei uns, da tut man einen Besuch jeden Tag, den er da ist, gleichsam mit dem
Seilstumpen anbinden, damit er ja sieht, da man ihn nicht fortlassen will. Mein
Bruder aber, der gar kein Schwab mehr ist und in dem Klima ganz die Art
angenommen hat, wie die andern auch sind, der hat wahrscheinlich ein einzigs Mal
gesagt: Du bist willkommen, Vetter, und bleib, solang du magst; und dann hat der
Bub natrlich bald gemeint, man sei seiner berdrssig, weil man's ihm nicht
zehn-und zwanzigmal gesagt hat. Es htt aber nichts zu sagen gehabt, denn wenn
sie einen loswerden wollen, so wissen sie schon den Schnabel aufzutun. Nun,
jetzt hat er auf einmal einsehen gelernt, da die Welt grer ist als sein Kopf,
und kommt aus der Fremde wie der Schneck, wenn er die Hrner einzieht und wieder
in sein Haus zurckgeht.
    Der Herr Vater ist also der Meinung, ihn wieder anzunehmen? fragte der
Chirurg.
    Was bleibt sonst brig? antwortete der Sonnenwirt. Ich wt nicht, wo ich
ihn in der Geschwindigkeit hinschicken sollt.
    Dann kann er gleich den alten Tanz wieder anfangen, sagte die
Sonnenwirtin.
    Dafr kann man ihm tun, entgegnete er. Eh er nicht ausdrcklich
versprochen hat, da er sich mit der Person weder mndlich noch schriftlich mehr
einlassen will, kommt er mir nicht ins Haus.
    Ich will ihm das nach Plochingen schreiben, erbot sich der Chirurg.
    Braucht nichts zu schreiben, versetzte der Sonnenwirt. Zuerst mu man ja
doch mit dem Amtmann reden, da der seiner Heimkunft keine Schwierigkeit in den
Weg legt, nachdem er nun einmal die Hand in der Sach hat. Dann ist's berhaupt
besser, man gibt dem Buben gar keine Antwort und lt ihn zappeln, er wird
dadurch nur um so mrber.
    Wart, du wirst eine schne Rechnung vom Plochinger Brenwirt kriegen,
lachte die Sonnenwirtin.
    Ich hab ihn nicht heien in den Plochinger Bren hinliegen.
    Irgendwo mu er aber doch sein, bemerkte die Frau des Chirurgen
schchtern.
    Warum ist er nicht gleich hierhergekommen? entgegnete der Sonnenwirt.
Wenn ich ihn auch nicht ohne weiters angenommen htt, so htt man doch dafr
sorgen knnen, da er eine Weile wo unterkommen wr.
    Mir scheint's auch das ntigste, da man sich zuerst mit dem Amt
verstndigt, sagte der Chirurg.
    Das brige wird sich finden. Er hat Verwandte hier und in der Gegend und
wird nicht im Bren bleiben, denn er wei, da das den Herrn Vater verdrieen
mu.
    Wenn nur auch der Herr Amtmann seinen Konsens gibt, bemerkte der Krmer,
der die Notwendigkeit fhlte, im Familienrat endlich etwas, das einer eigenen
Meinung glich, zu uern.
    Es liegt ja nichts Sonderliches wider ihn vor, versetzte der Sonnenwirt.
    Wenn's dem Herrn Vater geliebt, sagte der Chirurg, so bin ich erbtig,
ins Amthaus mitzugehen. Ich mu nur erst einen andern Kittel anziehen, damit ich
ein wenig amtsmiger aussehe.
    Ja, wir wollen die Sach lieber gleich abmachen, erwiderte der Sonnenwirt.
    Als der Chirurg mit seiner Frau nach Hause ging, um sich amtsmig
anzuziehen, sagte diese zu ihm: Wenn du nichts dagegen hast, so will ich meinem
Bruder nach Plochingen schreiben, will ihm auch etwas Geld schicken, da er
seine Rechnung dort zahlen kann, und will ihn nach Hattenhofen hinber zum
Vetter gehen heien; der behlt ihn schon etliche Zeit, und dort ist er auch
mehr abseits, da ihn nicht so viele Menschen sehen.
    Tu das meinetwegen, sagte ihr Mann.
    Die beiden Mnner gingen ins Amthaus und trugen dem Amtmann ihr Anliegen
vor. Derselbe machte ein bedenkliches Gesicht und sagte: Ich htte rebus sic
stantibus nichts Erhebliches dagegen einzuwenden, da der halb und halb
exilierte junge Mensch, selbstverstndlich unter der Bedingung knftigen
Wohlverhaltens und radikal gebesserter Auffhrung wie auch vlliger Vermeidung
aller Turbulenzen und Extravaganzen, aus dem Quasiexil in sein elterliches Haus
zurckkehre; allein da ich nun einmal ber seine Entlassung an das Oberamt
berichtet habe, so habe ich auch ber seine Wiederannahme die amtliche
Entscheidung nicht mehr in der Hand. Ich will jedoch an den Herrn Vogt in
Gppingen schreiben und wohldemselben vorstellen, da der junge Mensch gleichsam
als verlorner Sohn und reuiger Snder unter die ihm von Gott verordnete
Autoritt sich wieder zurckfgen wolle. Vielleicht drfen wir uns eines
gnstigen Bescheides versehen. Sobald solcher an mich herabgelangt, werde nicht
ermangeln, davon Meldung zu erlassen.
    Nach einigen Tagen kam der Amtsknecht, um den Sonnenwirt zum Amtmann zu
berufen. Der Sonnenwirt schickte nach seinem Beistand. Der Schwager hat schon
wieder geschrieben, sagte dieser, als sie miteinander nach dem Amthause gingen.
Diesmal schreibt er aus Hattenhofen, wohin er von Plochingen gegangen ist.
    Ich hab mir's wohl gedacht, da er sich's nicht getrauen wird, zu
Plochingen im Wirtshaus liegenzubleiben, versetzte der Sonnenwirt lchelnd.
Was schreibt er denn?
    Er schreibt beinahe noch lamentabler als das letztemal. brigens scheinen
ihm unterm Warten kuriose Gedanken aufgestiegen zu sein, und er traut dem
Landfrieden nicht recht; denn er schreibt im Verlauf des Briefes: Ich glaube,
der Herr Schwager wird mich nicht nur herzulocken, damit ich mchte in Arrest
gesetzt werden, sondern der Herr Schwager hat's noch jederzeit redlich und
getreu mit mir gemeint.
    Der Sonnenwirt lachte uerst behaglich. Er hat Angst, sagte er, und da
wird, hoff ich, auch die Zucht Eingang bei ihm finden.
    Gott geb's, erwiderte der Chirurg. Diesmal hat er auch das Datum richtig
geschrieben; vielleicht ist das ein Omen, da er auch sonst wieder in die
Ordnung kommen wird.
    Gott geb's, sagte der Sonnenwirt.
    Nun, Sein Gutedel ist ja wieder da, Herr Sonnenwirt, begann die Amtmnnin,
welche diesmal zugegen war, mit saurem Gesicht. Der hat nicht lang gut getan.
    Es ist bei meinem Bruder kein Platz fr ihn gewesen, mit Ihrem Wohlnehmen,
Frau Amtmnnin. Der hat einen halbstudierten Hausknecht angenommen. Will auch
sehen, was da noch draus wird. Aber was will ich jetzt machen? Es ist doch mein
eigen Fleisch und Blut, das ich nicht in der Irre laufen lassen kann. Ich nehm
ihn aber nicht eher an, als bis er versprochen hat, da er die unverstndige
Liebschaft aufgeben will.
    Meinetwegen, sagte die Amtmnnin. Aber mir soll der Grobian nicht wieder
ins Haus kommen, ich will mir keine Unverschmtheiten mehr von ihm machen
lassen, und wenn ich nicht eine Wsche gehabt htte an dem Tag, wo mein Mann
nach Gppingen schrieb, so wre die Sache vielleicht nicht so schnell gegangen.
    Der Sonnenwirt verlor einen guten Teil seiner Behaglichkeit beim Anblick
dieser fortdauernden Ungnade der Amtmnnin gegen seinen Sohn, obgleich er die
Ursache dieses Grolls in seinem Herzen gebilligt hatte.
    Die Antwort vom Herrn Vogt ist angekommen, sagte der Amtmann, der dieselbe
als eine Art Schutzwaffe gegen seine Frau betrachten mochte. Er nahm den Brief
zur Hand, entfaltete ihn langsam, rusperte sich mit Wichtigkeit und las,
whrend der Sonnenwirt und sein Schwiegersohn eine ehrerbietige Haltung
annahmen, mit nachdrcklicher Betonung wie folgt: Wohledler, insonders
vielgeehrter Herr Amtmann! Weilen mit einem jungen Menschen ich jedesmal viel
lieber berflssige Geduld haben als mit der uersten Strenge frgehen will,
solang noch Hoffnung vorhanden sein kann, es werde einer in sich gehen, mithin
in bessere Wege und so obrigkeitlichen als vterlichen Gehorsam zurcktreten: so
will ich nicht darwider sein, da den jungen Schwahnen sein Vater wieder auf-
und annehme. Es ist aber jenem mit allem Ernst zu bedeuten, da, so der
geringste neue Fehltritt wider ihn werde herauskommen, man solchenfalls Altes
und Neues zusammennehmen und wider ihn mit aller Schrfe verfahren werde. Ich
verharre damit unter gttlichen Schutzes Erlassung des Herrn Amtmanns
dienstwilligster etcetera. Also wonach sich zu achten! fgte der Amtmann der
Vorlesung bei. Da nun meine Frau Seinen Sohn nicht gerne im Hause sieht, so
will ich's unterlassen, solchen zu zitieren, mu aber dem Herrn Sonnenwirt die
Verpflichtung aufgeben, selbigem aufs ernstlichste einzuschrfen, unter welcher
Bedingung einzig und allein ihn wieder zu admittieren beschlossen worden ist,
und da ich bei dem geringfgigsten neuen Vorfall unverweilt gegen ihn
einzuschreiten mich bemigt sehen wrde.
    Der Sonnenwirt versprach, seinem Sohn das Ntige zu sagen, sowie auch dafr
zu sorgen, da er das Amthaus meide, es wre denn, da er besonders vom Herrn
Amtmann vorgeladen wrde. Der Amtmann pries die Milde und Menschenfreundlichkeit
des Vogts, wobei die Amtmnnin einflieen lie, die gutmtigsten Menschen seien
gemeiniglich diejenigen, die sich nicht gern viel zu schaffen machen. Hierauf
hielt der Chirurg in rednerischer Untersttzung des Sonnenwirts eine lange und
wohlgesetzte Danksagung fr die groe Mhewaltung, welche der Herr Amtmann auf
sich zu nehmen die Gte gehabt. Die Amtmnnin ermahnte den Sonnenwirt, knftig
den Stab Wehe zu gebrauchen, damit man von seinem Frchtlein nicht noch mehr
Mhe habe. Der Sonnenwirt versprach das beste, und die beiden Mnner empfahlen
sich in Unterwrfigkeit.
    So, schon alles im reinen? sagte die Sonnenwirtin, als sie Bericht ber
ihren Gang erstatteten. Nun ja, da kann man jetzt gleich den Verspruch mit der
Jungfer Hirschbuerin folgen lassen.
    Das hat gute Weg, entgegnete der Sonnenwirt. Wie ich gesagt hab, dabei
bleibt's. Wenn der Bub wieder mein Haus betreten will, so mu er zuerst heilig
versprechen, da er weder mndlich noch schriftlich mehr etwas mit ihr zu
schaffen haben will.
    Soll ich nach Hattenhofen schreiben? fragte der Chirurg.
    Wie wr's denn? sagte die Sonnenwirtin, die ihm zum Schabernack wenigstens
eine kleine Ungemchlichkeit aufladen wollte. Der Herr Sohn hat ja heut seinen
Schabes nicht. Wie wr's, wenn Er des Schuhmachers Rappen vorspannen tt und tt
sich selber nach Hattenhofen auf den Weg machen? Er kann's ja doch nicht
erwarten, bis Er Sein rudig's Schaf wieder in der Kur hat. brigens denket an
mich, ihr beide: solang man singt, ist die Kirch nicht aus. Ihr werdet's noch
erleben, das ich recht behalt.
    Ich hab ohnehin ein Geschft drauen, erwiderte der Chirurg, der ihr die
Befriedigung nicht gnnte, da er blo auf ihre Veranlassung einen Weg von ein
paar Stunden machen sollte. Ich mu eine Weibsperson dort schneiden, die ein
Geschwr im Munde hat. Fr bse Muler gibt's kein probateres Mittel als unsre
Instrumente.
    Der Sonnenwirt lachte und nahm sein Erbieten an, persnlich mit dem
Flchtling zu reden, ihm frmlich das von dem Vater ausbedungene Versprechen
abzunehmen und ihn dann gleich aus seinem Zufluchtsorte mitzubringen.
    Du bist doch recht brav, sagte seine Frau zu ihm, als er sich zu Hause
anschickte, ber Feld zu gehen. Sieh, es freut mich von ganzem Herzen, wie gut
du gegen meinen Bruder bist.
    Quod medicamenta non sanant -, murmelte der Chirurg vor sich hin und hielt
wieder inne. Dann wandte er sich zu seiner Frau: Solang man singt, ist die
Kirche nicht aus, hat deine Mutter gesagt, und mir hat ein Vgelein gepfiffen,
sie werde wohl recht haben. Zwar, wenn dein Bruder jetzt Vernunft annimmt, so
will ich ihm alles Gute gnnen und will gerne dazu geholfen haben. Aber die
Kugel, die bergab geht, rollt gemeiniglich so fort ohne Aufenthalt. Ohnehin,
wenn dein Vater heut stirbt, so nimmt er morgen sein Bauernmensch. Meinst du, du
wrdest nicht besser zu einer Sonnenwirtin taugen? Und sollt ich zum
Wirtschaften nicht so gut Geschick haben als zum Rasieren? Deine Mutter ist so
giftig und hhnisch, da sie meinen Rasiertag meinen Schabes heit. Ei, mir
stnde es gar wohl an, einen Ruhetag aus ihm zu machen, wenigstens was das
Bartschaben betrifft.
    Er ging, und Magdalene sah ihm seufzend nach. Dieser Seufzer mochte wohl
mancherlei zu bedeuten haben.

                                       16


Kaum war es am nchsten Tage Abend geworden, als im Bckerhause jemand eilfertig
in die Stube hereinschlpfte. Die Bckerin war allein; sie sa im
Grovaterstuhle und hatte die Hnde schlaff in den Scho gelegt. Sie blickte den
Eintretenden scharf durch die Dmmerung an. Wer ist's? fragte sie endlich, da
sie ihn nicht erkannte.
    Gr Gott, Bas, sagte eine bekannte Stimme.
    Herrjeses, der Frieder! rief sie. Was, schon wieder aus der Fremde da?
Was ist denn das? Wie geht denn das zu?
    Schrecklich ist's, erwiderte der Ankmmling, wenn man alt und jung, Kind
und Kegel immer auf die nmlich Frag Antwort geben soll. Wo ich geh und steh,
greift man mich mit Fragen an und verlangt Rechenschaft von mir, warum ich schon
wieder da sei. Ich will's Euch nachher alles haarklein sagen, aber zuerst hab
ich eine Bitt an Euch. Tut mir die Liebe, Bas, und gehet, so gro und schwer Ihr
seid, den Abend noch hinaus zum Hirschbauer und saget einem von der Christine
ihren Brdern, am liebsten dem Jerg, denn der ander ist hinter den Ohren nicht
trocken, da ich notwendig mit ihm zu reden hab. Ich kann mich keinem Menschen
sonst anvertrauen als Euch, denn der Profos hat's in den Gliedern, heit das,
soweit sie nicht hlzern sind.
    Ach Friederle, seufzte die Frau, ich tt's gewi gern, aber bei mir ist's
auch mit dem Springen vorbei. Ich kann dem Profosen mit seinem Gliederweh
Gesellschaft leisten: seit ein paar Tagen wei ich, warum ich immer so md bin,
ich hab geschwollene F.
    Wird doch das nicht sein. Sollen denn meine beste Freund in so kurzer Zeit
presthaft werden?
    Meine Mutter ist an der Wassersucht gestorben, sagte sie, und ich wei
jetzt auch, was mir blht. Eure Hochzeit erleb ich schon nicht mehr; wenn ihr
aber zusammenkommet und vergngt miteinander lebet, so soll mich's noch unterm
Boden freuen. Dem Jerg will ich durch den Beckenbuben entbieten, da er zu mir
herkommt; denn wenn ich auch die F nicht recht mehr brauchen kann, so ist das
Mundstck noch gut im Gang. Was soll ich ihm denn ausrichten?
    Ach, Bas, Ihr machet mir das Herz schwer. Es wird doch so schlimm nicht
sein.
    Wie Gott will. Wo soll sich der Jerg einfinden?
    Man pat mir auf jedem Schlich auf. Saget meinem Schwager und vergesset ja
nicht, ihn so zu heien, morgen um Vesperzeit oder etwas spter, wenn der Tag
sich neigt, woll ich ihn unter den Linden an der Schiemauer treffen. Den Grund,
warum ich nicht zu ihm ins Haus kommen kann, und alles andere will ich ihm
mndlich sagen.
    Kann mir's schon denken. Es soll pnktlich ausgerichtet werden. Heut abend
mu er noch zu mir kommen.
    Hierauf erzhlte er ihr, wie seine Reise abgelaufen und unter welcher
Bedingung er in sein vterliches Haus zurckgekehrt sei. Dann sprach er ihr von
den Vorstzen, an welchen er gleichwohl in betreff seiner Liebsten festhalten
werde, unterbrach sich aber bald mit den Worten: Ich seh wohl, Ihr habt Ruh
ntig, und ich darf nicht lang ausbleiben. Gott trst Euch, Bas, ich dank
vielmals fr die Freundschaft und will bald wieder nach Euch sehen.
    Die beiden Schwger, wie sie sich nannten, begrten sich den folgenden
Abend an dem verabredeten Orte aufs herzlichste. - Wir haben schon gewut, da
du wieder da bist aus der Welt, sagte Christinens Bruder, der nach Bauernart
nicht sogleich den eigentlichen Zweck der Zusammenkunft berhrte. Das
Christinele hat vor Freuden geweint. Jetzt sag mir nur auch, wie ist's dir denn
gangen da drauen?
    So so, la la, antwortete Friedrich. Die Leut wren schon recht, aber 's
ist eben alles ganz anders als bei uns. Da schnurrt jedermann nur so an einem
vorbei und lt einem das Nachsehen; und wenn einer so im Vorbeischieen was an
dich hinwelscht, - bis dir eine Antwort eingefallen ist, ist der schon ber alle
Berg. Dann knnen sie doch auch wieder recht gesellschaftlich sein, sonderlich
die in Sachsenhausen; und wenn sie dich gern haben, so geben sie dir die
grbsten Schimpfreden, ber die's bei uns zu Mordhndeln km. Bei ihnen aber ist
das aus Freundschaft gered't, und wenn sie dich ein schlechts Luder heien, so
ist das lauter Liebe und Gte. Die in Frankfort, die auch viel rber kommen
sind, und wir zu ihnen nber, die sind feiner, aber sie hnseln und fppeln
einen gern, und in ihrer schnellen, spitzigen Sprach kann dir das in die Nas
fahren wie ein Pfeil. Wiewohl, ich bin ihnen auch nichts schuldig blieben.
Einmal haben sie mich gefragt, wie man denn im Schwabenland die Holderkchle -
Holderkchelche sagen sie - macht. Ich hab aber gleich gemerkt, da sie blo
ihren Spott mit mir treiben wollen, und hab ihnen erzhlt, man mach das Feuer
und den Teig grad unter dem Holderbaum an und zieh dann einen Zweig um den
andern mit dem Blust nur in den Teig runter und la wieder schnappen, dann
hngen die Kchelche am Baum, wie wenn sie dran gewachsen wren.
    Jerg lachte unmig. Wenn sie das glaubt haben, so mssen sie rechtschaffen
dumm sein.
    Nein, dumm sind sie grad nicht. Sie haben eben arg drber gelacht. Jetzt
wollen wir aber von andern Dingen reden, Jerg, denn wir sind hier nicht zusammen
kommen, da ich dir Sp vormach, sondern mir ist's Ernst, und das bitterer.
Sieh, ich bin noch ganz der nmlich gegen euch, wie da ich gangen bin, aber die
Sach ist ein wenig anders worden. Zuerst, und vor allem andern mu ich dir
sagen, da ich der Christine mein Wort halt, der Schein mag sein, wie er will.
    Das kannst ihr ja selber sagen, Frieder, sagte Jerg mit schlauem Lcheln.
    Nein, Jerg, das ist's ja eben. Sieh, ich will und mu dir's frei heraus
bekennen, da ich hab versprechen mssen, mit deiner Schwester weder mndlich
noch schriftlich etwas zu haben.
    Das ist freilich ein ander Ding, sagte Jerg.
    Hr mich voraus. Wenn ich nichts mehr von ihr wollt, so htt ich mir's
ersparen knnen, mit dir zu reden; aber darum grad hab ich dich ja hieher
bestellt, denn mit dir ist mir's nicht verboten.
    So red, da man wei, wie man mit dir dran ist.
    Sieh, Jerg, wie ich die Stell bei meinem Vetter besetzt gefunden hab und
ist meines Bleibens nicht gewesen, da ist mir die Welt auf einmal vorkommen wie
ein gro Wasser, in das ich gestoen bin und untergesunken bis an Hals. Ich hab
auch die Welt erst kennenlernen und hab jetzt eingesehen, da es nicht so leicht
ist, in dem Wasser zu schwimmen, als ich vorher gemeint hab, und hab keine
Gelegenheit hinausgelassen, mit verstndigen Leuten drber zu reden, die in der
Welt herumgekommen sind. Sieh, berall ist alles znftig, und da kann man nicht
so hineinsitzen, wie man will. Das kann nur der, der ein Geschft ererbt oder so
viel Geld hat, um sich eins zu kaufen. Andere schlupfen hinein, indem sie eine
Meisterstochter oder Witwe heiraten, und dabei mu man oft ein Aug zudrucken und
dem Teufel ein Bein brechen, auch oftmals einen krummen Buckel machen, bis man
allen recht ist, die ein Wort mitzureden haben, oder man mu gar zum schlechten
Kerl werden, seinen Eid brechen und seinen Schatz sitzenlassen, vielleicht mit
dem Kind dazu. Wieder andere kommen gar nicht hinein und bringen's ihr Lebtag zu
nichts. Ich hab glaubt, wenn ich die Christine nachkommen lie und tt ihr einen
Dienst verschaffen, so knnten wir, jedes in seinem Dienst, nach und nach
einiges erbrigen und einander zuletzt heiraten. Aber Kutz Mulle, blas Gersten,
da knnten wir dienen und ledig bleiben unser Leben lang. Ja, wenn mein Vetter
mich htt bei sich behalten knnen und htt mich vielleicht liebgewonnen, der
htt mich auf die ein oder ander Art versorgen knnen, so da ich gar nicht mehr
zurckgekommen wr und die Christine auswrts geheiratet htt. So aber ist das
nichts gewesen, und ich bin auf einmal rat- und hilflos dagestanden in der
weiten Welt. Mein Vetter hat mich zwar liebreich gehalten und hat mich heien
als Gast bleiben; aber ich bin mir eben fremd vorkommen und hab ihm nicht in die
Lnge beschwerlich sein wollen. Ich sag dir, Jerg, ich bin dir ganz verzagt
gewesen und hab nicht mehr gewut, wo aus noch wo ein, grad wie ein Kind, das
aus seinem Bett gefallen ist, und tappt in der Nacht herum und kommt nicht mehr
zurecht, oder wie einer, der das Wasser am Kinn sprt und keinen Boden unter den
Fen mehr und in der Angst nach einem Strohhalm langt. Du magst vielleicht
denken, ich htt doch versuchen sollen, anderswo in der Fremde in einem Dienst
unterzukommen. Aber ich hab kein Glck: das hab ich gleich gesehen, wie's bei
meinem Vetter nichts gewesen ist. Und wenn ich bei fremden Leuten in Dienst
gangen wr, so htt ich damit eine groe Scheidewand zwischen mir und meinem
Vater aufgerichtet und htt ihm gezeigt, da ich ihm Trotz bieten will; wenn
mir's nachher in der Welt nicht geglckt wr, wie's wahrscheinlich ist, so wr
mir die Heimat zugeschlossen gewesen, und ich htt der Christine zweimal nicht
Wort halten knnen, was mir doch die Hauptsach ist. Auch ist mir's durch den
Kopf gefahren, beweisen kann ich's freilich nicht, da des Gerichtsschreibers
Sohn von Boll, der mich bei meinem Vetter verdrngt hat, weil er schon vor mir
Anwartschaft gehabt hab, da der vielleicht meinem Vetter einen Floh ins Ohr
gesetzt hat -
    Er stockte. Von wegen deiner Liebschaft? meinte Jerg.
    Nein, sagte Friedrich und lie die Stimme sinken, er hat's ihm vielleicht
gesteckt, ich sei nicht ganz hautrein und sei schon in Ludwigsburg gewesen.
    Das wr aber liederlich, das wr schlecht! sagte Jerg.
    Ich trau so einem Schreibersshnle nicht viel Guts zu; er hat vielleicht
besorgt, ich knnt ihm doch vielleicht noch den Rang ablaufen, und das wr auch
keine Kunst fr mich gewesen. Kurzum, ich bin auf einmal wie an der Welt End
gestanden, wo sie mit Brettern vernagelt ist, und hab mir sagen mssen, da da
eben nichts brigbleibt, als umkehren und gute Wort geben. Wie ich dann vollends
bedacht hab, was das einen Spott und ein Gelchter geben wird, wenn ich schon
wieder komm, und hab's doch nicht anders machen knnen, wenn ich nicht alle
Brcken zwischen mir und meinem Schatz hab abwerfen wollen, da ist mir der Mut
ganz und gar gesunken, und hab nichts mehr vor Augen gesehen, als da ich eben
jetzt alle Schmach mu auf mich nehmen und zu Kreuz kriechen. Herr Gott, wie ich
noch ein Bub gewesen bin und hab Schlg kriegt, da hab ich nicht gemuckst und
hab sagen knnen: Ich will noch mehr! da mein Vater schier verzweifelt ist. Und
jetzt, wo ich gro bin, hab ich dir Brief nach Haus geschrieben - Brief - ich
sag dir, Jerg, der jmmerlichst Bettler schreibt nicht erbrmlicher und
demtiger. Aber ich hab eben gar nichts anders mehr gewut, und - die Heimat ist
halt doch das Best in der Welt. Doch hab ich blo Gehorsam versprochen. Aber das
hat mich nichts genutzt. Wie man einmal gesehen hat, da ich gehrig mrb bin,
und das ist kein Wunder, denn ich hab den Amtmann noch auf'm Hals gehabt, da hat
man mich noch weiter trieben. Ich bin nicht eher angenommen worden, als bis ich
buchstblich versprochen hab - ich hab dir's ja schon gesagt und will's nicht
wiederholen.
    Und was soll ich ihr jetzt sagen? fragte Jerg.
    Was ich meinem Vater versprochen hab, das halt ich ihm, aber ich halt auch,
was ich deiner Schwester versprochen hab, und das geht vor, denn es ist ein
lteres Versprechen. Auch hab ich keineswegs geschworen, da ich sie in alle
Ewigkeit nicht mehr sehen, noch ihr schreiben wolle, und noch weniger hab ich
gesagt, ich wolle mein Herz von ihr abziehen und ihr mein Wort brechen. Zwischen
uns bleibt alles im alten Recht. Sag ihr nur, sie solle etliche Zeit Geduld
haben, wie ich mich auch gedulden mu. Ich mu erst wieder festen Boden unter
den Fen haben, damit ich in Ruh sehen kann, wie Has lauft, und kann Zeit und
Gelegenheit walten lassen. Vielleicht wchst der Axt von selber ein Stiel. Sag
ihr, jedenfalls nehm ich keine andere, und wenn ich Haus und Hof dahinten lassen
mt oder mt alt und grau mit ihr werden, bis wir vor den Altar kommen. Das
mu ihr fr jetzt genug sein. Und deinem Vater sag, es bleib bei unsrer Abred,
und er soll sie bei sich behalten, wie wir ausgemacht haben, bis etliche Zeit
verstrichen ist; sowie ich wieder ein wenig zu Krften komm, will ich ihn dafr
schadlos halten. Du aber versprichst mir, da wir uns je und je im Beckenhaus
treffen, damit ich Nachricht von meinem Schatz hab; denn du bist jetzt mein
Mndlich's und mein Schriftlich's mit ihr.
    Bleib's dabei, sagte Jerg.
    Und jetzt sag mir noch eins, offen, Aug in Aug: glaubst du meinen Worten
und willst du dich bei den Deinigen und bei deiner Schwester fr mich verbrgen,
da ich's noch so treulich mein wie sonst, trotzdem da der Schein gegen mich
ist? Die Hand drauf, Schwager, Bruderherz?
    Ja, ich glaub dir, da hast meine Hand.
    So, jetzt geh ich mit leichterem Herzen heim. Gut Nacht, und gr mir mein'
Schatz vieltausendmal.

                                       17


Bald genug sollte Friedrichs Ahnung, da der natrliche Gang der Dinge von
selbst zwischen zwei widerstreitenden Versprechen entscheiden werde, in
Erfllung gehen.
    In der Stellung des dienenden Sohnes, in die er zurckgetreten, waren ihm
ein paar Monate leer und trb dahingegangen, ohne da seine Herzensangelegenheit
einen weiteren Zusammensto zwischen ihm und seinem Vater verursachte. Diesem
gengte es, seinen Sohn der herrschenden Sitte gem ehrlich und christlich, wie
die stehende Redeweise der Zeit sich ausdrckte, erzogen zu haben, und er meinte
seine ganze Verantwortlichkeit abgetan, wenn er einem Irrweg desselben die
einfache Schranke des vterlichen Verbotes entgegensetzte. Er glaubte ihm weder
die Grnde, durch welche ein lterer Freund die unerfahrene Jugend manchmal von
einem Fehlgriff abzuhalten vermag, noch die Achtung vor der Freiheit des
menschlichen Willens schuldig zu sein, der ber sich selbst zu verfgen
berechtigt ist, und wenn er auch den Einsatz mit dem Preise der ganzen Zukunft
bezahlen mte. Was Wunder, wenn der Sohn fr dieses starre Nein, das er von
Anfang an vorausgesehen, ein ebenso starres Ja in Bereitschaft hatte, dessen
zeitweilige Hintanhaltung eben jenen Waffenstillstnden glich, die man im Kriege
nur deshalb schliet, um bei einer vorteilhaften Gelegenheit wieder losschlagen
zu knnen. Er hielt buchstblich Wort und vermied in dieser ganzen Zeit jedes
Zusammentreffen mit Christinen. Auch besuchte er keinen Tanz, denn er wute
wohl, da er sie nicht daselbst finden wrde. Ich will sie lieber so lang gar
nicht sehen, sagte er zu Jerg, denn einander sehen und nichts voneinander
haben, das tut viel weher; sag ihr nur, sie soll derweil fleiig an mich denken,
ich werd das im Arm oder noch besser im Herzen spren. Er traf hufig mit ihm
im Bckerhause zusammen; das eine Mal sprach er lustig mit ihm dem Grillengifte
zu und bekannte, da er erst jetzt einsehe, wie richtig er es getauft habe; das
andere Mal sah man die beiden lange Zeit miteinander flstern, wobei Christinens
Bruder Nachrichten von bedenklicher Art zu bringen schien, welche Friedrich
gelassen aufnahm und, nach seiner Miene zu schlieen, mit ermutigenden
Zusicherungen beantwortete. Die Bckerin, die krnkelnd im Sorgenstuhle sa,
beobachtete solche Unterredungen mit Kopfschtteln und sprach gegen ihren Mann
die nmliche Vermutung, die der Chirurg in einem lateinischen Zitat angedeutet
hatte, mit deutschen Worten aus.
    Allmhlich begann auch im Flecken ein neues Gemurmel umzulaufen, das zuerst
von den jungen Mdchen aufgebracht und bald auch durch die Pfarrmagd vom Brunnen
in den Pfarrhof berliefert wurde. Man stichelte und spottete, da Christine
nicht mehr aus dem Hause zu gehen wage, woran sie doch sehr klug tat, denn sie
hatte, als sie sich zuletzt auf der Strae blicken lie, bemerkt, da man mit
Fingern hinter ihr herdeutete. Der Fischer aber hatte niemals ein so reiches
Geschenk aus der Sonne heimgetragen, als an dem Tage, wo er der Sonnenwirtin
berichtete, was ber die Tochter des Hirschbauers gezischelt und gemunkelt
wurde.
    Eines Abends kam der Bckerjunge zu Friedrich in die Sonne und hinterbrachte
ihm heimlich, der Jerg sei im Bckerhause und lasse ihm sagen, da er doch
gleich hinkommen mchte, denn er habe etwas Dringendes mit ihm zu reden.
    Du, 's ist Feuer im Dach, - mit diesen Worten empfing ihn sein Geselle,
als Friedrich sich zu ihm setzte - meine Schwester ist auf morgen vor
Kirchenkonvent geladen.
    Gottlob! rief Friedrich, jetzt kommt's doch endlich zum Treffen! Sag ihr
nur, ich werd noch heut bei ihr sein.
    Er trank schnell aus und eilte nach Hause zurck. Da er seinen Vater mit
Essen beschftigt fand, so setzte er sich in eine dunkle Ecke, wo er wartete,
bis derselbe fertig sein wrde.
    Was hast? Was guckst? Hast Hunger? fragte dieser, den seines Sohnes auf
ihn gerichteter Blick beunruhigte.
    Nein, Vater, ich mu Euch etwas sagen und will Euch nicht berm Essen
stren, weil ich wei, da Ihr das nicht leiden knnt.
    Der Alte, der etwas neugierig war, beschleunigte seine Mahlzeit. Nun, was
ist's? fragte er dann vom Tische aufstehend.
    Friedrich stand gleichfalls auf. Vater, sagte er, ich hab Euch
versprochen, mit der Christine keinen Verkehr mehr zu haben, weder schriftlich
noch mndlich, und hab das auch streng gehalten bis daher. Jetzt aber ist an der
Sach ein anders Trumm aufgangen, die Christine ist vor Kirchenkonvent zitiert -
    Liederlicher Hund! schrie der Alte und hob die Hand auf, lie sie aber
alsbald wieder sinken, da er gewahrte, da sein Sohn, ohne einen Schritt vor dem
Schlage rckwrts zu weichen, in drohender, entschlossener Haltung vor ihm
stand. Es kam ihm erst jetzt klar zum Bewutsein, da er eigentlich immer eine
geheime Furcht vor ihm gehabt habe.
    Inkommodiert Euch nicht, Vater, sagte Friedrich, ber das bin ich
hinausgewachsen, und was das Schimpfen anbetrifft, so wei ich, da Ihr auch
jung gewesen seid - Ihr werdet mich verstehen.
    Sprichst du so mit deinem Vater? schrie der Sonnenwirt, der wtend und
zugleich in einiger Verwirrung durch die Stube hin und her lief. Seine Frau
hatte ihm von ihrer ausgekundschafteten Neuigkeit nichts mitgeteilt, sei es, da
sie eine fr den Stiefsohn besonders ungnstige Gelegenheit abwarten oder da
sie ihren Mann von dem amtlichen Verlauf der Sache berraschen lassen wollte.
    Mein Sprechen, sagte Friedrich, hat keine weitere Absicht, als da mein
Vater ein billig's Einsehen haben soll, und wenn auch nur in dem Punkt, da ich
notwendig mit dem Mdle reden mu, eh sie vor die Herren kommt, denn sonst wei
ich ja gar nicht, was sie dort aussagt.
    Der Alte hielt in seinem Toben inne. Wenn du das Mensch dahin bringen
kannst, da sie nicht auf dich aussagt, versetzte er, so kannst mit ihr reden,
so viel du willst. Aber das wiederhol ich dir und will dich erinnert haben, da
ich dir's schon einmal gesagt hab, glaub nur nicht, ich htt einen Kreuzer
brig, um dir aus solchen Streichen herauszuhelfen. Find du sie ab, wie du
kannst, und fri aus, was du mit ihr eingebrockt hast, - ich helf dir nicht
dabei.
    Frs Abfinden wr ja noch mein Mtterlich's da, erwiderte Friedrich, und
so braucht ich Euch nicht zur Last zu fallen.
    Da wird viel brig sein, hhnte der Alte, wirst weit damit springen nach
solchen Sprngen, die du schon gemacht hast.
    Ich will jetzt nicht darber streiten, sagte Friedrich, ich bin
zufrieden, da Ihr mir mein Wort zurckgegeben habt und da ich mit dem Mdle
reden kann, ohne wortbrchig zu werden.
    Er brach schnell ab, um weitere Errterungen zu vermeiden. Als er sich
entfernt hatte, erzhlte der Sonnenwirt seiner Frau, die aus der Kche kam, was
zwischen ihm und seinem Sohn verhandelt worden war.
    Du hast den Gaul am Schwanz aufgezumt, sagte sie, da du ihm sein Wort
zurckgibst. Jetzt geht das alt Luderleben wieder an. Und dazu den Schimpf und
die Schand! - Sie wute so gut zu lamentieren, wie er vorhin zu toben gewut
hatte.
    Er hat versprochen, das Mdle rumzubringen, da sie nicht auf ihn aussagt,
erwiderte der Sonnenwirt.
    Seine Frau trat voll Verwunderung einen Schritt zurck. Sie hatte besser von
ihrem Sohne gedacht und fhlte sich durch diese Mitteilung sonderbar berrascht.
Wr's mglich? sagte sie. Aber sieh zu, das sind am End faule Fisch.
    Gelogen hab ich nicht, murmelte Friedrich bei sich, whrend er den lange
nicht betretenen Weg zu Christinen einschlug. Was kann ich dafr, da mein
Vater mit so schlechten Gedanken umgeht.
    Es war, als ob er in ein Trauerhaus kme, als er in die Stube des
Hirschbauers trat. Die Alte heulte bei seinem Anblick laut auf und fuhr sich in
die Haare, als ob sie sie ausraufen wollte, und der kleine weikpfige Bube, der
sich an ihrem Rocke hielt, heulte vor Angst mit, ohne von dem Vorgang etwas zu
verstehen. Der Bauer, ohnehin von Alter und Mangel erschpft, sa ganz gebeugt
und gebrochen auf einem schadhaften Stuhl am Ofen; seine beiden lteren Shne
lehnten ernsthaft, doch ohne sichtbare Betrbnis neben ihm an der Wand.
Christine aber flog, gleichfalls laut weinend, dem Ankmmling entgegen. Mein
Frieder, mein Frieder! schrie sie an seinem Halse. Bist endlich da? Sieh, ich
kann mein Elend auf keinem Berg bersehen!
    So bleib im Tal, erwiderte er.
    Jetzt treibt er noch sein Gesptt mit uns, sagte der Alte mit dumpfer,
sinkender Stimme.
    Nein, alter Vater, erwiderte Friedrich, indem er, Christinen um den Leib
haltend, zu ihm trat und seine Hand mit Gewalt fate, 's ist mir jetzt eben
nicht spttisch zumut, aber ich seh nur nicht ein, was es fr ein Jammer sein
soll, da ich jetzt endlich vor den Herren und vor der ganzen Gemeinde erklren
kann, da ich mich mit der Christine in allen Treuen versprochen hab und sie
heiraten will. Und das sagst du morgen vor Kirchenkonvent, Christine, und gibst
alles an, wie's wahr ist, und sagst unverhohlen, ich sei der Vater zu dem Kind,
das du unterm Herzen trgst. Heulet doch nicht so, wandte er sich zu der Alten,
die bei diesen Worten wieder in ein lautes Geschrei ausbrach, das ist eine
natrliche Sach, wer A gesagt hat, mu auch B sagen, und mich wundert's nur, da
die Leut noch so ein Zetermordio drber verfhren knnen, da es doch so oft und
allerorten vorkommt. Es ist nur, bis das Krnzle verschmerzt ist. Sehet einmal
die Kinder an, die das Kyrie nicht abgewartet haben, und vergleichet sie mit den
andern, die rechtmig kommen sind. Ist ein Unterschied zwischen ihnen? Und
macht man noch einen Unterschied zwischen einer Frau, die vor zehn, zwanzig
Jahren am Mittwoch hat vor dem Altar stehen mssen, und einer, die ihr Krnzlein
in Ehren, wie sie's heien, vor den Menschen, aber vielleicht nicht vor Gott
getragen hat? Wenn einmal Gras drber gewachsen ist, so verzollt jedermann die
ein fr so gut wie die ander, und denkt keine mehr dran; ja, es ist schon oft
genug vorkommen, da eine, statt an ihre Vergangenheit zurckzudenken, ihre
jngeren Leidensschwestern aufs bitterste verfolgt hat, und ist noch liebloser
mit ihnen umgangen, als eine, der man nichts hat vorwerfen knnen. So darfst
du's einmal nicht machen, Christine, sonst halt ich dir einen Spiegel vor, in
dem du etwas schauen kannst, was dir solch ein unchristlich's Betragen verbieten
soll.
    Er ist doch ein sndhafter Mensch, sagte der Hirschbauer, den brigens
Friedrichs Reden sichtlich aufgerichtet hatten. Die Alte aber verharrte in ihrer
Trostlosigkeit und schalt ihn heftig, da er es mit einer so wichtigen Sache,
wie das Ehrenkrnzlein, so leichtfertig nehme.
    Von wem hab ich das gelernt? entgegnete er. Bei armen Leuten freilich,
die das Strafgeld nicht aufbringen knnen, ist's etwas Wichtig's, weil sie dann
einen Schimpf auf sich nehmen mssen, der nicht so bald wieder von ihnen abgeht.
Von den Vermglicheren aber steckt die Herrschaft das Geld dafr ein, und was
ich mit Geld bezahlen kann, das kann ich doch nicht so schwer nehmen. Jetzt
saget selber, wer handelt und redet leichtfertig, die Herren oder ich?
    Ja, wenn mein Kind schellenwerken mt, sagte der Bauer, das tat mich
vollends unter den Boden bringen.
    Dafr bin ich noch da, versetzte Friedrich. Ihr werdet doch nicht
glauben, solang ich noch einen Kreuzer hab, werd ich's zulassen, da mein
knftig's Weib die Straf mit dem Karren abverdienen mu.
    Wenn Er nur auch auf Seinem Sinn bleibt! seufzte die Alte, die sich nach
und nach gleichfalls ein wenig zufrieden gab.
    Er tat seine reiche Schatzkammer von Schwren und Beteuerungen auf und
spendete nicht karg daraus. Sein zuversichtliches Wesen beruhigte die Familie
allmhlich, wie seine Erscheinung Christinen schon lngst beruhigt hatte.
Ungescheut zog er sie zu sich nieder und sa am Tische, als ob er nach lngerer
Abwesenheit sich mit seinem Weibe auf Besuch bei den Schwiegereltern befnde. Er
lie Wein kommen und steckte mit Hilfe desselben alle durch seine muntere Laune
an. Der alte Hirschbauer, wenn er auch noch von Zeit zu Zeit den Kopf
schttelte, lie sich doch durch seine unbefangene Art, die Dinge anzusehen und
anzufassen, einmal bers andere zum Lcheln bringen; die beiden Shne aber,
durch Friedrichs herzhaftes Auftreten ganz und gar gewonnen, erfllten die Stube
mit Gelchter ber die lustigen Einflle, die er zum besten gab. Die Buerin,
nachdem sie den peinlichen Teil des Gesprchs einmal berstanden und hinter sich
liegen hatte, suchte ihre Neugier zu befriedigen und lie sich von seiner weiten
Reise erzhlen, wobei der kleine Wollkopf an seinen Lippen hing und mit
aufgerissenem Munde in die zunehmende Heiterkeit einstimmte, die er so wenig
begriff, als er zuvor den Jammer begriffen hatte. Christine aber lehnte sich
selig, und durch kein elterliches Verbot gestrt, an ihren Liebsten an; es war
ihr wie ein Traum, da er ihrer Unglcksahnung zum Trotze so bald wieder
zurckgekommen und dennoch so lange fr sie nicht auf der Welt gewesen war.
Jetzt aber war er ihr auf einmal wie ein Stern gerade in der schwrzesten Nacht
aufgegangen, und sie verga das Elend, das ihr vorhin so unbersehbar gedeucht
hatte, verga, da sie morgen vor dem geistlichen Gericht erscheinen sollte, um
sich zu verantworten wegen der Missetat, die sie aus Liebe zu ihm begangen
hatte.

                                       18


Morgens in aller Frhe war Friedrich schon wieder bei Christinen, um ihr die
Stunden der Angst bis zu dem Gange, den sie diesen Vormittag anzutreten hatte,
zu vertreiben, noch mehr aber, um vor der ffentlichen Erklrung, welche er zu
geben beabsichtigte, jeder Unterredung mit seinem Vater auszuweichen, der
wirklich zu glauben schien, er werde, in den Lauf der Welt sich fgend und von
der Unmglichkeit einer anderen Handlungsweise bermannt, sein Mdchen die ganze
Verantwortlichkeit fr das Geschehene allein tragen lassen.
    Die gefrchtete Stunde war endlich angebrochen. Er nahm Christinen an der
Hand und fhrte sie mit trstlichen Worten von ihren Eltern fort. Arm in Arm
ging er mit ihr durch den Flecken, und die lachende Frhlingssonne, die zu dem
Gange schien, bestrkte ihn in dem Glauben, da die himmlischen Mchte ob dieser
Liebe nicht zrnten. Er trat aufrecht wie ein Sieger neben Christinen einher,
die mit niedergeschlagenen Augen an seiner Seite ging, und die Leute, die ihnen
begegneten, machten zwar verwunderte Gesichter, wagten aber doch erst, nachdem
das Paar vorber war, die Kpfe zusammenzustecken und einander ihre spttischen
Bemerkungen mitzuteilen. Am Rathause lie er ihren Arm los: So, jetzt mut
dein' Strau allein ausfechten, sagte er, aber wenn ich gleich nicht dabei
sein darf, so hab nur guten Mut, du weit ja, da ich nicht weit bin und dir
nachher im Protokoll beispringen werd; hier unten will ich deiner warten. - O
Frieder, wie ist mir das Herz so schwer, und ich schm mich so vor den Herren,
erwiderte sie. - Htt fast was gesagt! rief er und trieb sie die Treppe
hinauf, schmt sich eine Braut auch, zur Hochzeit zu gehen? Sei du froh, da
wir endlich einmal wenigstens im Kirchenkonventsprotokoll miteinander kopuliert
werden!
    Er wartete lange unter dem Rathause. Da er sich den neugierigen Blicken der
Pfarrerin ausgesetzt sah, die von ihrem Fenster auf ihn herabschaute, so
wechselte er seinen Standort, doch so, da er immer die Tre des Rathauses im
Auge behielt. Allein er mute von manchem Vorbergehenden neugierige Fragen
aushalten, denn auf dem Lande steht man nicht ungestraft an einer Ecke ruhig
still, und beinahe hatte er die Geduld verloren, als nach einer vollen Stunde
Christine auf der Rathausstaffel erschien und sich nach ihm umsah. Er winkte
ihr. Du hast aber lang gemacht, sagte er verdrielich, ich glaub, du hast
alles, was sich seit deiner eigenen Geburt zugetragen hat, gebeichtet. - Was
kann denn ich dafr? erwiderte sie. Halt dich nur parat, der Bttel folgt mir
auf'm Fu, ich hab's noch gehrt, wie er Befehl erhalten hat, dich vorzuladen.
- Wart am Bach drben auf mich, sagte er, da gehen nicht so viel Leut. - Sie
eilte von ihm weg, froh, aus der Nhe des Rathauses zu entkommen. Kaum war sie
verschwunden, so kam der Schtz heraus und winkte ihm. Er erspart mir einen
Gang, sagte er. - Und einen Schoppen? lachte Friedrich. - In der, Sonne,
erwiderte der Schtz grinsend, htt ich, schtz wohl, heut keinen bekommen, das
Geschft trgt's nicht aus. brigens ist hier keine Zeit nicht zu verlieren, Er
ist vor lbliches Kirchenkonvent zitiert und hat ohne Aufenthalt zu erscheinen.
- Das kann geschehen, erwiderte Friedrich und ging die Treppe hinauf.
    Als er an der Tre des Rathauszimmers auf sein Klopfen keine Antwort
erhielt, trat er mutig ein und wnschte einen guten Morgen, blieb jedoch an der
Tre stehen. An dem Tische mit geschweiften Fen, ber welchem ein neugemaltes
Bild der Justitia hing, sa der Pfarrer obenan, neben ihm der Amtmann, dann der
Anwalt, der als Untergeordneter des Amtmanns die Schulzenstelle versah, nach
diesem ein Mitglied des Gemeindegerichts und zuletzt der Heiligenpfleger. Diese
zusammen bildeten das gemischte Kollegium der Kirchenzensur, dessen
vorherrschend geistlicher Charakter, ungeachtet der weltlichen Beimischung, in
seinem Namen und im Vorsitze des Pfarrers zu erkennen ist. Das
Magistratsmitglied, das ber dem Heiligenpfleger sa, blickte den Eintretenden
besonders finster an: es war sein Vormund, der sich nicht wenig schmte, seinen
Pflegesohn unter solchen Umstnden im Verhr zu erblicken. Der Pfarrer rusperte
sich. Tret Er nher daher, sagte er. Friedrich trat einige Schritte vor. Es
ist mir, begann der Pfarrer, von christlich denkenden Leuten, welchen rgernis
in der Gemeinde leid ist, frgebracht worden, wie da die Christina, des Hans
Jerg Mllers, Bauren, Tochter, im Geschrei sei, da sie mit einem Kinde gehe.
Als sie daher vor dieses lbliche Zensurgericht frgeladen worden, hat sie ihre
Schwangerschaft nicht leugnen knnen, und auf Befragen, mit wem sie sich
gttlichen und menschlichen Gesetzen zum Trotz vergangen, hat sie Ihn als Vater
zu ihrem Kind angegeben. Ist das wahr?
    Ja, Herr Pfarrer und ihr Herren Richter! sagte Friedrich mit fester
Stimme, so da alle einander betroffen ansahen und dann mit Abscheu auf den
jungen Menschen blickten, der mit einem so unerhrten Tone seine Schuld
bekannte. Die Freudigkeit, die aus seiner Stimme klang, wurde von diesen
Mnnern, die in den herkmmlichen Bruchen und Sitten aufgewachsen waren, als
eine schamlose Frechheit angesehen.
    Hat Er keinen Verdacht, fuhr der Pfarrer fort, da sie vielleicht noch
mit andern Burschen zugehalten hat?
    Nein, Herr Pfarrer, das hat meine Christine nicht getan.
    Seine Christine! sagte Friedrichs Vormund unwillig und hhnisch zum
Heiligenpfleger.
    Sie gibt an, fuhr der Pfarrer fort, Er habe ihr die Ehe versprochen. Ist
das wahr?
    Ja, Herr Pfarrer, und mit heiligen Eiden.
    Saubere Eide! sagte der Pfarrer und las aus dem vor ihm liegenden
Protokoll: Er habe ihr die Ehe mit vielen Verpflichtungen versprochen; wenn er
sie nicht behalte, so solle das erste Nachtmal ihm das Herz abstoen. Ist dem
so?
    Ja, Herr Pfarrer, akkurat so hab ich gesagt, antwortete Friedrich ganz
vergngt, da Christine durch diese Aussage seine redliche Absicht so klar
dargelegt hatte.
    Er Gotteslsterer! fuhr der Pfarrer auf, heit das ein heiliger Eid, wenn
man den Namen Gottes oder seines heiligen Sakramentes so unntz und ruchlos
fhrt? Ich mu es dem Herrn Amtmann anheimgeben, ob er es nicht seines Amtes
hlt, gegen diesen offenbaren Frevel vorzufahren.
    Fr Sein Fluchen und Schwren, nahm der Amtmann, gegen Friedrich gewendet,
das Wort, ist Ihm hiemit ein Pfund Heller angesetzt, unangesehen der andern
Strafe, die Ihn fr sein Vergehen trifft.
    Der Pfarrer beeilte sich, den Strafsatz ins Protokoll einzutragen und dem
Heiligenpfleger aufzugeben, da er das Geld von dem Kontravenienten richtig
einziehe.
    Ich mu es leiden, sagte Friedrich gelassen, aber mein Herz hat nichts
Bses dabei gedacht, ich hab nicht fluchen und nicht schwren wollen, sondern
blo ein recht festes Versprechen ablegen.
    Das tut man nicht in so ruchlosen Ausdrcken, die Gott betrben mssen,
versetzte der Pfarrer.
    Wie kannst du, Lump, fuhr jetzt sein Vormund gegen ihn auf, wie kannst du
ein Versprechen geben und ein Ehverlbnis eingehen ohne Einwilligung deines
Vaters, da du doch minderjhrig bist?
    Das wird sich auch bei der Strafe finden, Herr Senator, bemerkte der
Amtmann. Wenn sponsalia clandestina gewesen sind oder ein minderjhriger
Bursche sich vor erlangter Dispensation verlobt, so ist laut Resolution vom -
er bltterte eine Weile in den umherliegenden Gesetzen, Reskripten und Normalien
und fuhr dann rgerlich, die Stelle nicht gleich zu finden, fort: so ist laut
hochfrstlicher Resolution, die vor kaum vier Jahren emanieret, das Vergehen
nicht als ein zwischen Verlobten vorgefallenes, sondern als ein gemeines
delictum carnis anzusehen und demgem mit hherer Strafe zu belegen, und zwar
selbst dann, wenn nachtrgliche legitime Verlobung und Heirat erfolgt, was hier
alles noch im weiten Felde stehen drfte.
    Friedrich, der den Sinn dieser Rede ungeachtet der eingestreuten
lateinischen Brocken gar wohl verstanden hatte, nahm das Wort und sprach: Ihr
Herren, man kann mich strafen, so viel und hoch man will, darum la ich doch
nicht von meinem Schatz, und wenn man uns auch ansieht, als ob wir wie unehrbare
und verrufene Personen wider das sechste Gebot gesndigt htten, so wei ich
doch, da nichtsdestoweniger mein Schatz ein ehrlich's Mdle ist und so sittsam
wie nur einem von den Herren seine Frau sein kann.
    Die Konventsrichter hatten eine Weile ihren Ohren nicht getraut und ihn
deshalb ruhig sprechen lassen, dann aber entstand ein Aufruhr am Ratstische.
Will Er schweigen? rief der Pfarrer. Man hat Ihn vorgeladen, damit Er sich
verantworte, herrschte ihm der Amtmann zu, und nicht, damit Er sein bses Maul
brauche. Ich mcht dich zerbrechen, schrie sein Vormund, bist noch nicht
hinter den Ohren trocken und schwtz'st so frech's und ungesalzen's Zeug. So
einer ist mir noch gar nie vorkommen, so lang ich im Kirchenkonvent sitz, sagte
der Heiligenpfleger, die andern wagen die Augen kaum aufzuschlagen und schmen
sich der Snd, der aber pocht und will noch gut haben.
    Und lstert gttliche Gebote, hob der Pfarrer wieder an. Und frstliche
Verordnungen, fgte der Amtmann hinzu. Der Anwalt sagte gar nichts, der
unerhrte Auftritt hatte lhmend auf seinen Geist gewirkt.
    Friedrich wollte abermals sprechen. Still! riefen der Pfarrer und der
Amtmann. Still! schrien die andern Mitglieder hinterdrein.
    Friedrich bi die Zhne bereinander und schwieg.
    Wie kannst du's vor deinem rechtschaffenen Vater verantworten, fuhr ihn
sein Vormund an, da du dich hinter seinem Rcken in eine solche
Lumpenliebschaft eingelassen hast, und was glaubst du, da er dazu sagen wird,
da du ohne sein Wissen dich mit einem Ehversprechen gebunden hast, und willst
jetzt behaupten, du lassest nicht davon? Das will ich von dir hren.
    Es ist mir ja verboten zu reden, erwiderte Friedrich strrisch.
    Nein, nein! befahl der Pfarrer, darber darf und soll Er sich
verantworten, da Er den kindlichen Gehorsam so gnzlich hintangesetzt und sich
eigenmchtig in eine Verbndnis eingelassen hat, die ein junger Mensch, wenn der
Segen Gottes dabei sein soll, nur unter ausdrcklichem Konsens seiner Eltern
nach deren reiflicher Erwgung und in der Zucht Gottes schlieen soll.
    Herr Pfarrer, antwortete Friedrich, meine Meinung ist, wenn ein Mensch
heiraten soll, so kann's sein Vater nicht fr ihn versehen, sondern jeder mu
selber wissen, was sich fr ihn schickt. Wenn ich meinen Vater fr mich whlen
lie und es tt nachher bel ausfallen, so kann ich ihm doch die War nicht
heimschlagen, sondern mu sie behalten. Darum, weil ich die Verantwortlichkeit
dafr mein ganzes Leben lang, oder bis Gott anders verhngt, tragen mu, so halt
ich's auch fr recht und billig, da es dabei nach meinem Kopf geht und nicht
nach einem fremden. Hab ich mich dann vergriffen in meiner Wahl, so mu ich's
haben und geschieht mir recht, wenn ich's mein ganzes Leben durch ben mu,
darf mich auch ber keinen andern beklagen; mu ich aber einen fremden Fehler
ben, so widerfhrt mir gro Unrecht und hilft mich all mein Klagen und
Schelten doch nichts mehr.
    Das sind sndliche, eigenwillige, aufrhrerische Reden! rief der Pfarrer,
Er wird's noch an Galgen bringen, wenn Er so fortfhrt, nach Seinem Kopf zu
leben und elterliche, obrigkeitliche und gttliche Autoritt zu verachten.
    Herr Pfarrer, was werden wir uns lange mit dem rechthaberischen Tunichtgut
herumstreiten? sagte der Amtmann. Die Obrigkeit gibt sich viel zu sehr
herunter und bt an ihrem Ansehen ein, wenn sie sich mit den Untertanen in
Disputationen einlt, absonderlich mit einem Buben, der der Rute noch nicht
entwachsen ist. Hier liegen die Gesetze und Verordnungen. Unsere Sache ist es,
sie auszuben, seine, sich in das Gesetz und in die Welt zu fgen. Wenn er das
nicht in den Kopf bringt, so mag er dahinfahren.
    Ich glaube auch, da es verlorene Worte sind, die man an ihn verschwendet,
versetzte der Pfarrer.
    Ja, ich hab das d Geschwtz ganz satt, sagte der Anwalt, welcher
schwerlich damit die Reden des Pfarrers und des Amtmanns meinte, es aber doch im
Dunkeln lie, wem diese verdrieliche Bezeichnung galt.
    Fort mit ihm! Fort! schrien der Richter und der Heiligenpfleger.
    Einen Augenblick Geduld noch! rief der Pfarrer. Seine Aussage ist also,
da Er der Christina Mllerin die Ehe versprochen habe und sie heiraten wolle,
wenn Sein Vater das Jawort dazu gibt?
    Ja, antwortete Friedrich, mit der Einwilligung gleich jetzt, und ohne die
Einwilligung spter, wenn ich mein eigener Herr bin.
    Der Pfarrer wiederholte die vorigen Worte murmelnd, whrend er sie ins
Protokoll schrieb. Er kann gehen, herrschte er dann und klingelte. Den
Sonnenwirt! rief er dem eintretenden Schtzen zu.
    Christine stand am Bach und weinte, aber ihr Gesicht klrte sich alsbald
auf, als sie ihren Freund kommen sah. Es hat den Kopf nicht gekostet, sagte er
lachend. Sie haben mir zwar schandlich getan, und zuletzt haben sie mich gar
fortgejagt, weil sie nicht Meister ber mich worden sind, aber sie haben mir's
eben doch Schwarz auf Wei zu Protokoll nehmen mssen, da es zwischen uns
beiden richtig ist, und das ist die Hauptsach.
    Als er ihr dann erzhlte, da er wegen seines Schwures noch extra gestraft
worden, war sie sehr betreten und sagte: Ach Gott, wenn ich das gewut htt, so
htt ich dich nicht verraten.
    Sei nur zufrieden, entgegnete er, sie wissen jetzt um so gewisser, da
ich dir Wort halt.
    Oh, du bist brav, sagte sie, sich an ihn anschmiegend. Sieh, das richtet
mich immer wieder auf, wenn mich das Elend zu Boden drcken will. Aber das sind
wste Leut, die Herren, fuhr sie fort, ich htt gar nicht glaubt, da es so
herging bei ihnen. Hat der Pfarrer auch so wst's Zeug an dich hingeschwtzt?
    Dumm's Zeug g'nug, aber nichts Wst's. Was hat er denn gesagt?
    Sie drckte sich noch nher an ihn an und wagte ihm nur ins Ohr zu flstern.
Denk nur, sagte sie, Wann ist die bse Tat geschehen? Wo ist die bse Tat
geschehen? Wie ist die bse Tat geschehen? Das hat er mich alles nacheinander
gefragt, und es htt not getan, da ich ihm noch mehr gesagt htt, als ich
gewut hab. Ich bin schier in Boden gesunken, so hab ich mich geschmt. Auch hat
er wissen wollen, ob's an einem Sonntag geschehen sei? Du kannst dir aber wohl
denken, was ich darauf geantwortet hab.
    Man sollt's nicht glauben, sagte Friedrich, was so ein alter geistlicher
Hirt vor seinen Lmmern Sprung machen kann. Spricht der von der bsen Tat, wie
er's heit, mit einem Gesicht - so - gelt, voll Abscheu?
    Freilich, ein Gesicht hat er dazu gemacht, als wenn's ihm recht bel wr.
    Ja, aber protokolliert eine ganze Stund fort und kann gar nicht loskommen
von der bsen Tat und wrmet sich dran, wie der Knig David an der jungen Dirne,
von der in der Bibel geschrieben steht. Wenn er's fr eine Sund und ein Laster
hielt, so blieb er nicht so lang dabei stehen. Mich htt er so was fragen
sollen! Ich htt ihn an seine Frau verwiesen: die soll's ihm erzhlen, wenn er's
nicht mehr wisse. Etwas hnlich's hab ich ihnen ohnehin gesagt.
    Du bist aber keck! versetzte Christine. Hast du denn nicht auch Abbitt
tun mssen?
    Ich, abbitten? Ich will nicht hoffen, da du so schmhlich gewesen bist.
    Was hab ich denn machen knnen? Der Pfarrer hat immer auf mich
hineingefragt, ob mir die bse Tat nicht leid sei. Anfangs hab ich darauf
geschwiegen, dann hat er geschimpft und gepredigt, und zuletzt hab ich eben zu
allem Ja gesagt. Dann hat er unterm Protokollschreiben vor sich hingebrummelt:
Sie sagt, sie trage Reue und Leid vor Gott und den Menschen, und solle ihr gewi
nicht wieder frkommen, und bitte Gott und die liebe Obrigkeit um Verzeihung und
um eine gndige Straf! Du weit ja, er sagt das, was er schreibt, immer vor sich
hin, es ist dann so gut wie vorgelesen. Aber meine eigene Wort sind's nicht,
sondern er hat sich's eben aus meinem Ja herausgenommen, und Ja hab ich gesagt,
nur da es einmal ein End nimmt, denn sonst wr ich gar nicht fortkommen, und
dir selber hat's ja so schon zu lang gedauert, ich hab gemeint, du wollest mich
fressen, wie ich kommen bin.
    Geh, sagte er, das gefllt mir nicht, da du dich hast so runtertun
lassen. Httest besser hinstehen sollen.
    Du darfst mich auch noch schlecht machen, maulte sie. Wie du bist aus der
Fremde kommen und deines Vaters Haus ist dir verschlossen gewesen, gelt, da hast
dich auch runtertun lassen und hast brav versprochen, du wollest nichts mehr von
mir?
    Das hab ich nicht versprochen, entgegnete er, und der heutig Tag kann's
dir am besten beweisen, da ich's weder versprochen noch gehalten hab.
    Ja, das ist wahr, sagte sie und streichelte ihn.
    Recht hab ich aber doch, fuhr er fort, das spr ich in meinem Herzen.
Die's trifft und die vor Konvent kommen, mssen Bue tun und Strafe leiden, und
sind doch um nichts schlechter als die andern. Ich wei gewi, die wenigsten
sind sauber, und viele, die nicht vorgeladen und nicht gestraft werden, haben
noch viel rgere Sachen aufm Gewissen, und wenn vollends unser Herrgott Umgang
hlt und sieht nach den Gedanken, so mcht ich doch auch wissen, wer vor ihm
besteht. Wenn ich dann vollends an die Offizier und Hofkavalier und an den
Herzog selber denk - der treibt, was der Welt Brief ausweist, vor dem ganzen
Land, und das ganz Land wei, wer seine Damen sind, denn so heien sie's bei
Hof, wenn sie aber mit uns deutsch reden, dann erfahren wir, wie das Kind
getauft ist. Und zudem geht er noch manchem ehrlichen Mann ins Revier,
absonderlich in Stuttgart, wo man sich aber oft noch eine untertnige Ehr draus
macht. Der gemeine Mann denkt anders drber. Ganz krzlich ist mir noch erzhlt
worden, wie's ihm ein Bauer gemacht hat auf der Jagd. Da hat er eine
italienische Tnzerin, seine Hauptliebschaft, bei sich gehabt, die ist als ein
Bub verkleidet gewesen, Page heien sie's, und ist ihm hinausgekommen, da er
vielleicht geglaubt hat, sie woll ein wenig schwrmen, denn am Hof geht's her
wie in der Arch No, und wie er so im Wald rumjagt, um sie zu suchen, trifft er
einen Bauern und schreit ihm zu: Bauer, hast du den Pagen nicht sehen reiten in
Samt, blau und wei? Ja, sagt der Bauer, eben ist sie da abe. Drauf lacht der
Herzog, was er nur kann, und jagt den Berg hinunter, wie ihn der Bauer gewiesen
hat. Und so einer will Resolutionen erlassen, da zwei Leut, wie wir, die's
ehrlich miteinander haben, nach den Ehrennamen, die sie uns geben, sollen
gestraft werden. Und seine Mutter, die alt Herzogin, die er in Gppingen droben
gefangen hlt, die sagt von ihm aus, er sei nicht einmal seines Vaters rechter
Sohn. Und solche Leut, die sich selber des Ehbruchs beschuldigen, wollen ihre
Untertanen wegen bertretung des sechsten Gebots strafen. Da soll doch ein
siedig's Donnerwetter!
    Bitt dich um Gottes willen! sagte Christine, die ihm, obgleich sie ganz
allein waren, schon mehrmals den Mund zu stopfen gesucht hatte, du red'st dich
ins Unglck!
    Ich sag's ja nur dir, entgegnete er, und der Bach da wird's auch nicht
ausschwtzen. Aber der Pfaff soll einmal vor den Herzog treten und ihn fragen,
was er zu der bsen Tat sage und ob er nicht Gott und die liebe Obrigkeit um
Verzeihung bitten wolle.
    Ich mu jetzt heim, sagte Christine, begleit mich noch ein, wenig.
    Komm, Frau Friederin. Wenn du jetzt auch noch nichts weiter bist als das,
so bist du doch mehr als des Herzogs Damen alle miteinander. Kebsweiber, sagt
die Bibel, wenn sie's noch gndig macht. Aber der Salomo ist ein Judenknig
gewesen und kein Herzog Karl zu Wrttemberg und Teck samt seinen Resolutionen.

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Lausbub, liederlicher! schrie der Sonnenwirt seinem Sohne bei dessen Heimkunft
entgegen, lgst mich an, als ob du bemht wrst, Schimpf und Schand von mir
abzuwlzen, und tust in gleicher Zeit das Gegenteil, machst schlechte Anschlg
mit deiner Person zusammen, gibst bei Kirchenkonvent vor, du habest ein
Ehverlbnis eingegangen, um mich dadurch, wie du vermeinst, zu meiner
Einwilligung zu zwingen, und sprengst mich selber vor die Herren, da ich deine
Schandtaten ausbaden soll.
    Nur gemach, Vater, erwiderte Friedrich dem Wtenden, von Lgen kann gar
nicht die Rede sein, denn wie ich's mit der Christine hab, das hab ich Euch ja
schon von Anfang an ohne Umschweif und ganz unverrnkelt gesagt, und ausgemacht
hab ich mit ihr nichts anderes, als da wir bei der Wahrheit bleiben wollen.
Habt Ihr aber gemeint, ich werd sie berreden, da sie sich selber zum Nachteil
und zur Schmach eine Lge sagen solle, so seid Ihr eben schief dran gewesen,
denn ich hab Euch nichts dergleichen versprochen. Dessen ist Euer Sohn nicht
fhig. Zur Zeit Eurer Jugend mag's vielleicht Mode gewesen sein, ein armes Mdle
mitsamt ihrem Kind ins Elend zu strzen und sich von ihr rein zu schwren.
Jetziger Zeit aber hlt man so etwas fr eine Schlechtigkeit, ich wenigstens
halt's dafr, und ein rechtschaffener Vater sollt's auch dafr halten und sollt
seinem Sohn nicht zureden, da er's tue, sondern wenn er damit umgeht, das Mdle
zu verraten, das ihn lieb hat und auf ihn vertraut, und das unschuldig Wrmle -
sein eigen Fleisch und Blut, Vater! - zu verleugnen, so sollt er ihm vterlich
ins Gewissen reden und ihm vorstellen, da ein Mensch, der das tut, sein Leben
lang, und ob's ihm noch so gut ging, keine ruhige Stund mehr haben kann.
    Der Sonnenwirt tobte und ergo sich in Verwnschungen ber die
Zuchtlosigkeit und dazwischen in Klagen ber die unehrerbietige Auffhrung
seines Sohnes. Die Sonnenwirtin, welche zugegen war, freute sich innig ber
diese Stichelreden und schrte den Zank, so da es beinahe zu Ttlichkeiten kam.
Der Sonnenwirt brach jedoch endlich ab und sagte: Ich will nicht lnger mit dir
streiten, aber das erklr ich dir rundweg und hab's auch vor den Herren gesagt,
mein' Konsens geb ich nun und nimmer dazu.
    Dann steh ich wenigstens vor aller Welt gerechtfertigt da, wenn's ein
Unglck gibt, antwortete Friedrich.
    Und was das Rabenkind Geld kostet! wandte sich der Sonnenwirt zu seiner
Frau. Denk nur auch, der Amtmann tut's nicht anders, als da die Straf in Geld
bezahlt werden soll. Fnfundzwanzig Gulden fordert er fr den Fehltritt. Ich hab
gebeten, man soll's den Burschen abverdienen lassen, wie andere seines
Gelichters auch, die man in die herzoglichen Grten nach Stuttgart und
Ludwigsburg zum Arbeiten schickt; Schimpf und Spott ist er ja schon gewohnt.
Aber der Amtmann hat gesagt, es sei nicht zu machen, und hat mir eine Verordnung
vorgelesen, worin es heit, die Beamten sollen besser auf das herrschaftliche
Interesse sehen und, wo mglich, die Delinquenten knftig an den Beutel hngen,
statt sie ihre Strafen in ffentlichen Arbeiten abverdienen zu lassen; ja, wenn
auch nur die Terz, Quart oder die Hlfte der Strafe in Geld bezahlt werden
knne, so msse das geschehen und knne dann der Rest, wenn es absolut nicht
anders herauszuschlagen sei, in eine Arbeitsstrafe verwandelt werden; sogar wenn
einer nur eine Erbschaft zu erwarten habe, so msse darber an die Regierung
berichtet und der Bescheid abgewartet werden; und wenn je die Beamten sich nicht
danach achten und dadurch das frstliche Interesse Not leiden lassen sollten, so
werde man sich an sie selbst und an ihr eigenes Vermgen halten. Das, hat der
Amtmann gesagt, knn ich ihm nicht zumuten.
    Da ist's kein Wunder, bemerkte die Sonnenwirtin, da die Zucht immer mehr
aus der Welt verschwindet. In der guten alten Zeit, wo man noch auf Sittsamkeit
und Gottesfurcht gehalten hat, hat man die Snder zu einer schimpflichen Haft,
ja bei Wasser und Brot, verurteilt, damit sie auch gewut haben, wie's tut, und
nur in Ausnahmefllen bei gebrechlichen Personen hat man die Verwandlung der
Straf in Geld verstattet. Jetzt aber ist die Ausnahm zur Regel worden, und auch
wer nicht zahlen kann, der mu wenigstens der Herrschaft den Vorteil durch
Arbeiten einbringen, damit sie ja nichts verliert. Lieber Gott, was ist das fr
eine Welt! Der Reich legt das Geld hin und lacht dazu, und der Herzog, als ob's
an den Steuern nicht genug wr, lebt noch von den Snden seiner Untertanen.
    Und geht ihnen mit einem guten Beispiel voran, lachte Friedrich. Zrnen
wird er ohnehin keinem drber, denn es trgt ihm ja Geld ein, woran's ihm immer
fehlt.
    Schweig du still! gebot der Sonnenwirt. Ich hab dann den Amtmann bitten
wollen, fuhr er gegen seine Frau fort, er solle dem Buben attestieren, da er
abhngig sei und ber kein Vermgen zu verfgen hab. Der Amtmann aber hat mich
ausgelacht und hat mir geantwortet, da mte man allen Kindern bei Lebzeiten
ihrer Eltern Armutsattestate ausstellen, und berdies sei dies grad bei dem
Buben nicht wahr, da er ja sein Mtterliches besitze, wenn er auch nicht frei
darber verfgen knne.
    Und von dem Mtterlichen, sagte Friedrich, wird die Strafe bezahlt, dann
knnt Ihr Euch nicht beklagen, Vater, da ich Euch Unkosten verursach.
    Du wirst dein Mtterlich's bald eingebrockt haben, du Lump, wenn du so fort
machst, versetzte der Sonnenwirt.
    Vater, sagte Friedrich, gebet mir die Christine und gebet mir mein
Mtterlich's dazu, da ich 'n Anfang hab, dann will ich's Euch schriftlich
geben, da ich Euch nicht blo mit keiner weiteren Anforderung beschwerlich
fallen will, sondern will auf alles Erbteil an Euch verzichten.
    Du hast ohnehin kein Recht darauf, erwiderte der Sonnenwirt. Ich kann
erben lassen, wen ich will, und wenn du dich nicht besserst, so la ich dich
ganz aus meinem Testament.
    Vater, versetzte Friedrich, wenn's durch Eure Hrte dahin kommt, da ich
vielleicht noch vor Euch sterben mu, dann wird Euch gewi dieses Wort gereuen.
    Es wr dir vielleicht besser, du fhrst noch bei guter Zeit in die Grube,
eh das Unglck grer wird, entgegnete der Alte. Du kannst dich ja doch in
nichts schicken. Mach nur so fort und verschenk Erbschaften, eh du sie hast. Du
scheinst mir's mit dem Eigentum leichter zu nehmen, als billig ist. Freilich, du
hast ja schon Proben davon gegeben und hltst dich lieber nach Zigeuner- als
nach Christenart.
    Friedrich fuhr auf, und der Zank drohte noch heftiger auszubrechen, als man
ber die Strae ein groes Geschrei vernahm, das demselben ein Ende machte. Es
war ein Lrm und ein Zusammenlaufen, dessen Ursache man bald erfuhr. Whrend in
der Sonne Vater und Sohn in bsem Wortwechsel begriffen waren, hatte sich in der
Nachbarschaft noch ein rgerer Auftritt zugetragen. Der Kbler hat sich leiblos
gemacht! rief man von allen Seiten. So war es auch. Der Kbler, der schon lange
mit seinem Weibe im Unfrieden gelebt, hatte ihr zum Abschied Arndts Wahres
Christentum ein paarmal um den Kopf geschlagen und sich dann mit einem stumpfen
Messer den Hals abgeschnitten. Da solche extreme Begebenheiten unter der zahmen
Bevlkerung ziemlich selten waren, so geriet der ganze Flecken in Aufregung, und
jeder andere Handel schwieg ber dem unehrlichen Grabe des Selbstmrders, den
man nach Vorschrift bei Nacht in einer Waldklinge verscharrte.

                                       20


Wenige Tage nach diesem Vorgang traf Friedrich, der sich nun an kein Verbot mehr
gebunden fhlte, die Familie Christinens in groer Bestrzung an. Christine und
ihre Mutter weinten laut, als er eintrat, und der Alte, der sein husliches
Migeschick mit leidlichem Gleichmut ertragen hatte, schien heute ganz
zerschmettert zu sein. Auf Friedrichs Befragen erzhlte er, er sei vom Pfarrer
und auch vom Amtmann vorgefordert worden. Der Pfarrer habe ihm eine recht
bibelmige Predigt gehalten wegen der Snde, da er die standeswidrige
Liebschaft seiner Tochter geduldet, und ihn vermahnt, nunmehr in christlicher
Demut das Unglck derselben als eine Strafe Gottes fr seinen Hochmut
hinzunehmen, auch ihm erffnet, da, wenn er nicht seine Einwilligung zu ihrer
Heirat mit dem Sonnenwirtssohne entschieden versage, er in allen knftigen
Fllen von Not oder Krankheit auf eine Untersttzung aus dem Heiligen nicht mehr
rechnen drfe.
    Das kommt von meiner Frau Stiefmutter her, die hat sich hinter den Pfarrer
gesteckt, sagte Friedrich bitter. Aber wartet nur, Vetter, es kommt gewi noch
eine Gelegenheit, wo ich's dem Hllenpfaffen eintrnken kann, da er einem Vater
zumuten will, er solle dazu mithelfen, seine eigene Tochter um ihre Ehre zu
bestehlen.
    So lang's am Sonnenwirt fehlt, versetzte der Hirschbauer, ist's
eigentlich gleichgltig, ob ich meine Einwilligung geb oder nicht, und das hab
ich auch dem Pfarrer gesagt. Aber es hat mir schier das Herz
auseinandergerissen, da man arme Leut so unterdrckt. Ich soll aus Hochmut Ihm
die Tr zu meiner Tochter offengelassen haben, ich soll auf unrechten Wegen eine
vornehme Verwandtschaft gesucht haben, whrend ich von Anfang an gegen die Sach
gewesen bin! Ich will Ihm jetzt keinen Vorwurf mehr machen, seit Er sich gestern
vor'm Kirchenkonvent so wacker gehalten hat und hat Gott und der Wahrheit die
Ehr geben, was nicht ein jeder tut; aber das kann ich Ihm sagen, Er ist ein
Nagel zu meinem Sarg, und wenn das Ding sich nicht bald anders wendet, so wird
man sehen, wie tief mir's ins Herz gefressen hat. Armut und Niedrigkeit kann ich
tragen, aber der Schmach und Verachtung bin ich mein Leben lang aus dem Weg
gangen, und ich spr's am Verfall in meinen morschen Knochen, da mich auch
diesmal zuletzt der Sensenmann drber wegfhren wird.
    Ich hoff vielmehr, Ihr sollt auf die Trbsal noch Freud an uns erleben,
sagte Friedrich, dem die Worte des alternden, gebeugten Mannes ins Herz
schnitten.
    Da mt's gar anders kommen, erwiderte der Hirschbauer. Fr jetzt ist ein
Tag schwrzer als der ander. Nach dem Pfarrer hat mich der Amtmann erfordert und
hat gefragt, wie es denn mit der Christine ihrer Straf steh.
    Die zahl ich! unterbrach ihn Friedrich. Das versteht sich von selbst. Das
Geld kann ich freilich jetzt nicht geschwind herhexen, aber der Amtmann mu eben
ein Einsehen haben.
    Der tut arg pressant, sagte der Hirschbauer. Da ich das Geld nicht
aufbringen kann, hat er gleich von selber anerkannt und gesagt, ich msse eben
ohne Verzug um Strafverwandlung einkommen, damit sie's abverdienen knne, und
wenn ich vernnftig sein und versprechen wolle, dem Sonnenwirt nicht mit
ungeschickten Heiratsbegehren fr sie zur Last zu fallen, so wolle er sehen, da
die Strafe, weil es das erstemal sei, glimpflich ausfalle. Nach dem, was er mir
zu verstehen geben hat, soll's auf das hinauskommen: der Schtz und sein Weib
sind, scheint's, faul, und da soll meine Tochter bei Amt alles tun, was sie
nicht verrichten mgen, Botengnge, Ausputzen, den Gefangenen ihr Sach besorgen
-
    Das sind appetitliche Geschfte zum Teil, bemerkte Friedrich.
    Und auerdem soll sie dem Amtmann oder vielmehr der Amtmnnin im Feld und
Garten schaffen.
    Hat er das gesagt? rief Friedrich ganz erfreut.
    Wenn's nicht anders sein kann, fuhr der Hirschbauer fort, so wr das
freilich nicht das Schlimmst, wiewohl michs hart ankommt, das Mdle gleich von
jetzt an, sechs Wochen lang, denn so lang will's der Amtmann, in meinem bile
Feld entbehren zu sollen, so da ich mit meinen Buben nicht so viel wie sonst im
Taglohn verdienen knnt.
    Jetzt hab ich ihn! rief Friedrich voll Freude.
    Dem will ich's vertreiben, aus meiner Christine einen Fleckenstrfling zu
machen, der den Gefangenen ausmisten soll. Habt nur ein wenig Geduld, die
Trbsal soll schnell vorbergehen!
    Er strmte fort, ohne der erstaunten Familie zu erklren, was er vorhabe.
Hierauf begab er sich zu seinem Vormund, um das Geld zur Bezahlung seiner Strafe
von ihm zu fordern. Es ist Notsach, ich kann's dir nicht verweigern, sagte das
Gerichtsund Kirchenkonventsmitglied, aber nimm dich in acht, ich schick hinter
dir drein, ob du's auch gewi aufs Rathaus trgst und nicht anderswo vertust.
    Ich hab Ihm noch nichts unterschlagen, Herr Vetter, bemerkte Friedrich.
    Sollst's auch wohl bleiben lassen, erwiderte der Richter.
    Friedrich blieb einen Augenblick stehen und besann sich. Zwar sagte er sich
voraus, da ein Versuch, auch das Geld zur Bezahlung von Christinens Strafe zu
erlangen, ein ganz vergeblicher sein wrde, aber doch meinte er ihn machen zu
mssen. Der Unglaube, mit dem er seine Bitte vorbrachte, wurde jedoch vollkommen
gerechtfertigt, denn der Vormund hielt ihm eine derbe Strafrede und meinte, es
werde fr sie ganz gesund sein, wenn sie auf einige Zeit nach Ludwigsburg komme,
um sich alldorten alle dummen Gedanken vergehen zu lassen. Friedrich wnschte
ihm einige tausend Teufel auf den Hals und empfahl sich.
    Mit dem Gelde versehen, ging er in das Amthaus, wo er den Amtmann allein in
seinem Zimmer traf. Hier, sagte er, indem er das Geld auf den Tisch legte,
will ich dem Herrn Amtmann das Strafgeld fr mein' Schatz berbringen.
    Der Amtmann lachte. Und wo ist denn das Seinige? fragte er.
    Dazu hat's nicht gereicht, ich will's abverdienen.
    Er ist ein Querkopf, sagte der Amtmann, die Stirne schnell wieder in
Falten legend. Das sind Flausen, man kennt Seine Vermgensumstnde und die
ihrigen. Das ist ja, fuhr er sehr verdrielich fort, das Geld
auseinanderlegend, das sind ja dieselben Sorten, die ich Seinem Pfleger heut
geschickt habe. Es scheint, dem ist mein Geld nicht gut genug, da er die erste
Gelegenheit benutzt, es mir wieder zurckzuschicken; mit ein wenig Geduld und
Umsicht htt er's wohl loswerden knnen. Nun ja, das ist also die Strafe fr
Ihn, die Er ritterlicherweise fr Seine Amaryllis hat einsetzen wollen. Fr
diese htte es nicht soviel ausgemacht, ich taxiere sie nicht so hoch. Er
zhlte das Geld und sagte: Sein hochwohlweiser Herr Vormund mu den Beutel noch
einmal auftun, er hat im Rechnen manquiert. Das ist nur die Strafe; dazu gehrt
aber noch das Surplus, von jedem Gulden drei Kreuzer fr das Zuchthaus in
Ludwigsburg, ferner drei Kreuzer Tax vom Gulden und endlich von zehn Kreuzern
ein Kreuzer Schreibgebhr.
    Friedrich erbot sich, das Fehlende gleich zu holen. Das sind Blutigel!
sagte er unterwegs zu sich. Aber es ergtzte ihn, obgleich der Spa auf seine
eigenen Kosten ging, das lange Gesicht seines Vormundes zu sehen, als derselbe
sich eines Irrtums in der Rechnung berfhrt sah und noch einmal in die Kasse
greifen mute, was ihm sogar bei fremdem Gelde schwerzufallen schien.
    Als Friedrich den Nachtrag gebracht und der Amtmann das Geld gezhlt hatte,
nahm jener das Wort: Und jetzt, mit des Herrn Amtmanns Wohlnehmen, mcht ich
fragen, wie es mit der Christine werden soll.
    Was geht das Ihn an? sagte der Amtmann.
    Wir gehen einander nun doch einmal nher an, erwiderte Friedrich, und da
wird man's nicht anders als billig und christlich finden, wenn ich mich um sie
bekmmere. Ich hab gehrt, der Herr Amtmann wolle sie ihre Strafe hier bei Amt
und mit Feld- und Gartenarbeit abverdienen lassen.
    Und wenn dem so wre? sagte der Amtmann, nach und nach aufmerksam werdend.
    Es wr mir nicht lieb, wenn sie vor dem ganzen Flecken Strafarbeit
verrichten mt -
    Wer fragt denn darnach, ob's Ihm lieb ist oder nicht?
    Und zudem, Herr Amtmann, sind das keine herrschaftlichen Geschfte.
    Der Amtmann richtete sich hoch auf, und sein sonst gutmtiges Gesicht nahm
einen bsartigen Ausdruck an. Ich glaub, Er will den Advokaten machen! sagte
er.
    In dem Punkt wr ich nicht ganz untauglich dazu, antwortete Friedrich. Es
gibt nichts in der Welt, Herr Amtmann, das nicht seine gute Seite htte. So auch
das Zuchthaus. Dort bin ich mit einem zusammengewesen, der hat mir erzhlt, ein
Amtmann habe ihn, wie er einmal zum Schellenwerken verurteilt gewesen sei, statt
dessen in seinen eigenen Privatgeschften arbeiten lassen; es sei jedoch
herausgekommen, und man habe ihn, was ihm brigens nicht willkommen gewesen sei,
zu ffentlichen Arbeiten abgefhrt, der Amtmann aber - hierbei sah er dem
Amtmann scharf in die Augen - sei um zwanzig Reichstaler gestraft worden.
    Der Amtmann wurde blaurot im Gesicht, so da man bei seiner nicht eben
magern Gestalt einen Augenblick einen gefhrlichen Anfall befrchten konnte. Es
ging aber vorber, und er sagte verchtlich: Ihm, einem Zchtling, einem
vielfltigen Facinoroso, wird man viel Glauben schenken, wenn Er etwas wider
mich vorbringen will.
    Der Herr Amtmann, erwiderte Friedrich, vergit, da ich nicht allein
darum wei.
    Es ist wahr, versetzte der Amtmann, ich habe aus gutem Herzen dem alten
Mller angeboten, seine Tochter die Strafe auf eine leichte und gelinde Art
abben zu lassen. Dabei war es nicht sowohl mein als meiner Frau Gedanke, sie
in unserer Privatkonomie nebenher zu beschftigen; es ist aber nicht mit einem
Wort die Rede davon gewesen, da sie das im Strafwege tun solle, sondern sie
htte Geld dabei von uns verdient, das wir jetzt Wrdigeren zukommen lassen
werden. Die Amtsgeschfte aber, die ich ihr zur Abverdienung ihrer Strafe habe
auferlegen wollen, sind allerdings herrschaftliche Geschfte. Doch darber
brauche ich mit Ihm nicht zu streiten. Das Gesindel ist nicht wert, da man
humane Absichten mit ihm hat. Sein Weibsbild kommt jetzt nach Ludwigsburg in den
Herrschaftsgarten, mu dort sechs Wochen lang arbeiten, wird mit Wasser und Brot
gespeist, was sie jedoch abermals abverdienen mu, nachts ins Blockhaus
eingeschlossen, damit sie nicht dem Bettel und der Liederlichkeit nachziehen
kann, und auerdem mu sie den von neuem wieder eingefhrten ** karren ziehen.
Das hat Er mit Seiner ritterlichen Protektion fr sie herausgeschlagen.
    Es ist mir immer noch lieber, als wenn sie vor dem ganzen Flecken
Strafarbeit verrichten soll, erwiderte Friedrich trotzig. Was in Ludwigsburg
vorgeht, sieht man in Ebersbach nicht. brigens hat ihr Vater doch noch Freund,
da er vielleicht die Straf in Geld aufbringen kann. Und auch in dem Punkt bin
ich wieder ein Advokat: Ich wei, da der Herr Amtmann das Geld nicht
zurckweisen darf, weil er fr das frstliche Interesse besorgt sein mu.
    Es steht aber bei mir, wie lange ich zusehen will, entgegnete der Amtmann.
Meine Nachsicht wird nicht lange dauern. Und nun sorg Er, da Er mir aus den
Augen kommt. Es geht mir wie meiner Frau mit Ihm. La Er sich nicht wieder im
Amthaus betreten, ohne da ich Ihn verlangt habe.
    Den andern Abend spt erschien Friedrich beinahe atemlos in der Stube des
Hirschbauern. Hier ist das Geld fr die Straf, sagte er, die blanken Mnzen
auf den Tisch legend.
    Wie kommt Er zu dem Geld? fragte der Hirschbauer, sein Vater hat's Ihm
gewi nicht gegeben.
    Nein, antwortete Friedrich, aber ich hab's auf eine Art erworben, da
ich's verantworten kann, das heit, zwischen mir und dem, von dem ich's hab, ist
offene, ehrliche Sach.
    Er war nicht zum Gestndnis zu bewegen, wie er zu dem Gelde gekommen sei,
sondern wiederholte beharrlich seine vorige Versicherung, schrfte jedoch dem
Hirschbauer ein, er solle, wenn der Amtmann frage, nicht angeben, von wem er das
Geld habe, weil das nur neue Weitlufigkeiten zur Folge haben wrde; er solle
sagen, es sei ein fr den uersten Notfall gespartes Schatzgeld oder was ihm
sonst Gescheites einfalle.
    Als der Hirschbauer aus dem Amthause zurckkam, erzhlte er mit bedenklicher
Miene, der Amtmann habe das Geld zwar genommen, dabei aber bemerkt, das sei ein
bedenklicher Reichtum, nach dessen Quelle er bei Gelegenheit forschen wolle.

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Von der Sonne war aller Friede und alle Freude gewichen. Beinahe tglich gab es
zwischen Vater und Sohn stachlige Reden, Wortwechsel, Geschrei und heftige
Auftritte, und wenn Handlungen vermieden wurden, die das letzte Band der Liebe
in einer Familie zerreien, so kam dies blo daher, da der Sonnenwirt die
entschiedene Erklrung seines Sohnes, ein herabwrdigendes Schimpfwort gegen
Christinen werde ihn zu den uersten Schritten treiben, sich zu Herzen genommen
hatte. Auch wrde er der Achtung, welche der Mann dem Manne durch unbeugsames
Beharren auf seinem Willen und seiner Wahl einflt, schwerlich in die Lnge
widerstanden und vielleicht wrde mit der Zeit seine mrrische Einsprache die
Eigenschaft einer jener unangenehmen Gewohnheiten angenommen haben, die man
auszurotten oder wenigstens unschdlich zu machen vermag. Gibt es ja doch
Eltern, die noch immer ber die Heirat eines Kindes brummen, whrend sie schon
die Enkel auf den Armen tragen. Aber die Sonnenwirtin war mit Aufbietung aller
ihrer Mittel bemht, die mildernde Kraft der Zeit und der vollendeten Tatsache
zu bekmpfen und keine gelindere Wendung des Zwiespaltes aufkommen zu lassen.
Man konnte darber streiten, ob ihre Stelle - denn sie galt in ihrer Umgebung
fr eine vorzgliche Wirtin - von Christinen jemals wrdig ausgefllt werden
knne, ein Zweifel, der sie wenig kmmerte, auer insofern sie ihn als ein
Mittel gegen diese Heirat brauchen konnte; was jedoch fr sie als unzweifelhaft
feststand, war die Gewiheit, da sie sich mit dieser Schwiegertochter
nimmermehr vertragen wrde. Sie war in ihrer Verfolgung gegen sie zu weit und zu
offenkundig vorgegangen, als da sie, nach ihrer Sinnesart, eine Vershnung je
fr mglich halten konnte. Nach menschlicher Berechnung mute sie dereinst ihren
Mann geraume Zeit berleben, und wenn sie jetzt diese Heirat seines Sohnes
gtlich oder durch Ertrotzung zustande kommen lie, so glaubte sie, da der
Sonnenwirt dann nicht leicht zur Abfassung eines seinem Sohne feindseligen
Testamentes zu bringen war, voraussehen zu mssen, da ihr nach seinem Tod das
Schicksal bevorstehen wrde, von dem jungen Paare aus dem Hause getrieben oder,
was noch schlimmer, im Hause mit Fen getreten zu werden. Friedrich konnte ihr
vielleicht vergeben, Christine aber nie; diese berzeugung mute sie deshalb
hegen, weil sie sich sagte, da sie an Christinens Stelle ebenso handeln wrde.
So trieb sie denn tglich den Keil tiefer, um das Band zu sprengen oder gar die
Enterbung des Stiefsohnes durchzusetzen. Sie ging oft ins Pfarrhaus und Amthaus,
um dort die herrschende Ungunst zu schren und dann ihrem fr Eindrcke von oben
empfnglichen Manne wieder zu berichten, was man daselbst ber die ungleiche
Partie spreche; auch war sie nicht sparsam, ihm Drohungen und Schmhungen, die
sein Sohn ausgestoen, anmaende und verletzende Reden, die Christine gefhrt
haben sollte, zuzutragen. Hierbei war ihr der Fischer, der sie fleiig mit der
faulen Ware seiner Berichte versorgte, von groem Nutzen, und er selbst zog aus
dem Familienzerwrfnis nicht geringen Gewinn.
    Da die Sonnenwirtin sowohl ihren Mann als seinen Sohn sehr genau kannte, so
wute sie auch bessere Regungen, die eine endliche Ausgleichung des Zwistes
htten herbeifhren knnen, zu ihren Zwecken auszubeuten. So war es ihr gar
nicht unwillkommen, als ihr Mann eines Tages zu ihr sagte: Es ist mir doch
nicht lieb, da er mich drum ansieht, als ob ich ihm sein Mtterlich's
vorenthalten wollt. Wenn der dumm Bub absolut in sein Unglck rennen will, so
wei ich am End nicht, ob ich ihn halten soll. Es ist mir nur um die Sonne Ich
hab mich eben in Gedanken ganz drein hineingelebt, da er einmal eine
Posthalterserbin heiratet und die Sonne vollends recht in Flor bringt.
    Sie werden sich um ihn reien, bemerkte sie, er ist ein guter Brocken,
verschreit wie er ist.
    Ach was! entgegnete er, das wr bald vergessen, wenn er nur einmal nicht
mehr so herzwerch wr. Aber ich geb allmhlich die Hoffnung auf, da er wird
wie ein anderer Mensch. Er hat eben gar keine Ehr im Leib. So einem Lumpenmensch
zulieb auf sein Eigentum verzichten wollen und eine Zukunft in die Schanz
schlagen, um die ein anderer tausend Stunden weit auf'm Kopf lief - ich kann's
nicht begreifen. Aber wenn er mit Gewalt vom Herren zum Knecht werden will, so
kann ich ihn nicht anders machen. Des Menschen Will ist sein Himmelreich.
    Ja, sagte sie, man kann freilich am End nicht wissen, was unser Herrgott
mit ihm vorhat. Was einmal Gottes Will ist, da kann man nicht wider den Stachel
lecken. Und wenn er nun einmal durchaus drauf versessen ist, sich mit seinem
Mtterlichen abfinden zu lassen, wie er sagt, und dir und andern als Knecht zu
dienen, unter der Bedingung, da du ihm seine herzige Hirschkuh gibst, so wr
grad jetzt eine gute Gelegenheit vorhanden, wo man sie miteinander hineinsetzen
knnt. Du weit ja, des Kblers Husle will kein Mensch, und sein Weib sitzt im
Elend da und tt's schier umsonst hergeben.
    Ja, die hat auch nicht geruht, bis sie ihn unter dem Boden gehabt hat, und
jetzt hat sie das Nachsehen. Das Husle, ja, das wr freilich billig zu haben,
sie wird noch lang vergeblich auf einen Kufer warten, und das Wasser geht ihr
an den Hals. Aber meinst du, er werd keinen Abscheu davor haben? Das Haus ist
doch arg verschrien, neben dem, da es klein und schlecht ist.
    Was, der? Das ist ja ein Aufgeklrter. Der macht sich nichts draus, und
wenn der Teufel selber drin gehauset htt.
    Friedrich schien auch anfangs mit dem Vorschlage nicht unzufrieden zu sein,
als er, wie dies in solchen Fllen hufig geschieht, aus dem Munde der
Nachbarsleute erfuhr, mit welchem Gedanken sein Vater umgehe. Aber eine
Unterredung mit Christinen nderte seinen Sinn.
    So! rief sie, als er ihr den Plan mitgeteilt, ich soll in ein Haus
ziehen, wo sich einer den Hals abgeschnitten hat und als Geist laufen mu!
    Dummes Geschwtz! erwiderte er, der Kblerfritz schlft ruhig im Kirnberg
drauen und ist froh, da er vor seiner bsen Ripp Ruh hat. Der lauft nimmer.
    Das mag sein, wie's will, aber mir graust's davor. Und das Haus ist eben
einmal unehrlich. Was meinst, was die Leut sagen werden, wenn wir drin wohnen?
Da wird's heien: die beiden hat man hineingesetzt, weil das Haus fr jedermann
sonst zu schlecht gewesen ist und weil man glaubt, da es mit ihnen ein gleiches
End nehmen wird.
    Du hast den rechten Zipfel erwischt, sagte Friedrich. Jetzt seh ich auf
einmal in die Sach hinein. Das ist ein giftiger Gedank von der Frau Stiefmutter,
und der ganz Vorschlag soll gar nichts als ein Pasquill auf mich sein.
    Seit diesem Augenblicke sprach Friedrich von dem Gegenstande ganz anders.
Die wilden Reden, die er gegen die Nachbarn, wenn sie denselben berhrten,
fallen lie, wurden seinem Vater alsbald wieder hinterbracht, und die
Stiefmutter sorgte dafr, da sie eher gemehrt als gemindert wurden. Hieraus
erfolgten neue Auftritte zwischen Vater und Sohn, die sich um so bitterer
entluden, da die Verachtung, die der letztere gegen den Urheber seiner Tage
hegte, seit er ihn auf der Zumutung betreten hatte, sein Mdchen mit ihrem Kinde
im Stich zu lassen, durch den seinem Gefhl nach in herabwrdigender Absicht
gemachten Vorschlag, das Haus des Selbstmrders zu beziehen, noch geschrft
worden war. Auch wurde er in seiner Auffassung dieser elterlichen Absicht durch
die ffentliche Meinung im Flecken bestrkt, obgleich dieselbe, nach der Weise
einer unter jahrhundertlangem Drucke lebenden Bevlkerung, sich nur heimlich zu
seinen Gunsten aussprach. Einer um den andern lie sich verlauten: Es ist doch
nicht recht vom Sonnenwirt, da er seinen eigenen Sohn in die Htte des
Halsabschneiders setzen will, aber ich will nichts gesagt haben. Gleichwohl war
ein halbes Dutzend von denen, die so gesprochen hatten, nachher gleich bei der
Hand, um ber die unbesonnenen Reden des Jhzorns, die er bei solchen Anlssen
ausgestoen, Zeugnis gegen ihn abzulegen.
    Es war wieder einmal Kirchenkonventssitzung, und die Mitglieder, die etwa
insgeheim Freude am Skandal hatten, konnten diesmal ihre Lust wirklich ben.
Vor dem Konvent standen der Sonnenwirt als Klger und sein Sohn als Beklagter.
So weit hatte es die Stiefmutter durch ihre Verhetzungen gebracht. Beide wurden
konfrontiert. Der Pfarrer als Vorsitzender des Gerichts hielt dem Sohn in
Beisein des Vaters vor: Sein Vater klagt wider Ihn, da, nachdem er, wiewohl
ungern, sich erklrt, da er Ihm die Christina Mllerin, mit der Er sich
vergangen habe, lassen wolle, und vermeint, er knne bei Ihm dadurch etwas Gutes
zuweg bringen, so sei Er nur immer rger, brauche gegen ihn die allerschndesten
und schimpflichsten Reden, stoe allerhand gefhrliche Drohworte gegen ihn,
Seinen Vater, wie auch gegen Seine Mutter und andere Leute aus, also da er
niemals in seinem eigenen Haus sicher sei.
    Kann mein Vater sagen, da ich mich an ihm vergriffen habe? wendete
Friedrich ein.
    Schweig Er still, befahl der Pfarrer, ich werde die Punkte der Ordnung
nach vornehmen. Er kramte, durch die Einrede etwas aus dem Konzept gebracht,
eine Weile in seinen Notizen und fuhr dann fort: Pro primo, so sagt Sein Vater,
Er habe Geld von ihm gefordert, und da er Ihm gesagt, Er habe ja erst ein
Jahrmarktstrinkgeld von ihm bekommen, sechzehn Batzen, warum Er es vertrunken?
So habe Er gesagt, Er habe recht getan, und wenn Er ein greres Trinkgeld
bekommen htte, so htte Er's auch vertan. Ist dem so?
    Ich mu mich wundern, sagte Friedrich, da mein Vater so elende Hndel
vor Kirchenkonvent bringt. Er wei wohl, da ich mehr Geld von ihm verlangt hab
und nicht zum Trinken; statt dessen hat er mich mit einem Trinkgeld abfinden
wollen, und dem hab ich dann mit guten Freunden sein Recht angetan und htt's
mit einem greren auch so gemacht, weil mich ein Lumpengeld nichts geholfen
htt.
    So sagen alle Verschwender, bemerkte der Vormund halblaut.
    Item, fuhr der Pfarrer fort, wie Er erfahren hat, Sein Vater wolle Ihm
des Khlers Husle kaufen, habe Er gesagt, der Donner solle ihn erschlagen, wenn
er's Ihm kaufe, so znde Er es an, sollten auch der Nachharn Huser mit
verbrennen, und wenn Sein Vater Ihm nicht dazu helfe, da Er das Weib bekomme,
so wolle Er noch einen greren Tuck tun. Das gibt nicht blo Sein Vater an,
sondern ich kann Ihm eine stattliche Reihe von Zeugen stellen, die ich habe
kommen lassen und die mir solches bezeuget haben.
    Es sind vermutlich die nmlichen, die mich aufgesteifet haben, ich soll
mir's nicht gefallen lassen, antwortete Friedrich. Was ich im Zorn gesagt hab,
wei ich nicht mehr. Die Reden, die der Mensch im Zorn fhrt, mu man nicht
auflesen, sondern liegen lassen, dann sind's Funken, die schnell wieder
auslschen. Man hat mich schon viel bse Reden fhren lassen. Schon damals, wie
ich als ein junger Bub vom Gaul heruntergeschossen worden bin, hat man zur
Entschuldigung nachher gesagt, ich hab dem Flecken mit Mord und Brand gedroht,
und letzten Winter ist wieder so ein Geschrei gangen, und ist beidemal kein
wahr's Wort dran gewesen. Dasmal wird's vielleicht auch nicht viel besser sein.
Sollt ich aber je im Weindampf von den sechzehn Batzen, die mir mein Vater hier
vor Konvent vorrechnet, ein solches Wort haben ausgehen lassen, so ist's von da
bis zur Tat noch ein weiter Weg. Mein Vater hat mir des Kblers Husle noch
nicht kauft, und ich hab's noch nicht anznd't. Wenn jedes unntz Wort, das
einer im Zorn fallen lt, bei Kirchenkonvent angebracht wrd, so stnd am End
der ganz Kirchenkonvent da, wo ich jetzt steh.
    Frecher Bub, fuhr sein Vormund auf, du solltest froh sein, da dein Vater
hat fr dich sorgen wollen. Des Kblers Husle ist noch viel zu gut fr dich.
    So klein und schlecht es ist, sagte Friedrich, so wr ich fr meine
Person damit zufrieden gewesen. Aber der Herr Vetter wei wohl, in welchem
Geruch das Husle bei dem ganzen Flecken steht, und da ich mit meiner Christine
nicht hineinziehen kann. Ja, wenn mir die Herren den Kblerfritz im Wald wieder
ausgraben lassen und lassen ihn auf'm Kirchhof in ein ehrlich's Grab legen, dann
will ich in sein Husle einziehen. Das wr zudem ein Werk, das die Herren
verantworten knnten, denn was er auch mit Gottes Zulassung getan hat, er ist
frwahr kein schlechter Mensch gewesen.
    Natrlich! rief der Vormund, gleiche Brder, gleiche Kappen. - Der
Anwalt und der Heiligenpfleger brachen in ein Gelchter aus, das sie erst nach
einem Blick auf den Pfarrer und Amtmann wieder dmpften.
    Der Herr Vetter zeigt den richtigen Weg an, versetzte Friedrich. Wenn ich
in das Husle einzg, so tt mich mancher, wie jetzt der Herr Vetter, dann den
neuen Kbler heien. Nun bleib ich zwar dabei, da er besser gewesen ist, als
man ihn ausgibt, aber darum will ich doch nicht mit meiner Christine in dem
Husle wohnen und so angesehen sein wie der Kbler mit seinem Weib. So wird's
gewi jedem andern auch gehen, und daran knnen die Herren abnehmen, ob's mein
Vater ehrlich mit mir meint, wenn er sagt, er woll mir das Husle kaufen.
Wiewohl, ich glaub gar nicht, da der Gedank in seinem Kopf gewachsen ist.
    Item, hob der Pfarrer wieder an, soll Er gesagt haben, Sein Vater henke
sein Geld lieber an die Stallmgde, als da er Ihm helfe.
    Das ist verlogen! fuhr Friedrich auf. Mein Vater sollt sich schmen, da
er sich solche Flh in die Ohren setzen lt, da er doch recht gut wissen knnt,
woher sie kommen.
    Item, fuhr der Pfarrer fort, habe Er mit Gewalt von Seinem Vater Geld
haben wollen, da Er Dispensation wegen Seiner Minorennitt bekomme.
    Ja, das hab ich von ihm haben wollen, fiel Friedrich ein, und deswegen
ist mir das Trinkgeld, mit dem er mich hat abspeisen wollen, viel zu wenig
gewesen. Ich wei nicht, wie's mein Vater und mein Pfleger miteinander haben:
wenn ich von dem einen Geld will, so schickt er mich an den andern. Das aber
wei ich, da ich das Recht hab, meine Minderjhrigkeit abzukaufen, damit ich
nicht mehr bei meinem Vater um Heiratserlaubnis zu betteln brauch; und wenn ich
die Dispensation mit meinem eignen Geld bezahl, so wird niemand, hoff ich, was
dawider haben.
    Er soll dabei gesagt haben, wenn Er nur Geld habe, so brauche Er keinen
Pfarrer und keinen Amtmann dazu. Summa Summarum klagt Sein Vater, Er folge ihm
nicht, schaffe ihm nichts, gehe nur mig, sei in der Nacht drauen, und erst am
Sonntag habe Er gesagt, der Teufel solle das Geschft holen, Er wolle ihm keine
Arbeit mehr tun, er helfe Ihm ja nicht. Es bittet anbei sein Vater, weil er vor
Ihm niemals, weder Tag noch Nacht, sicher sei, so mchte man ihm Sicherheit
verschaffen vor Ihm und Ihn also verwahren, da Er sich an niemand vergreifen
und niemand schaden knne.
    Mein Vater ist kein Mann, wenn er das behauptet, erwiderte Friedrich. Ich
hab noch nie in meinem Leben Hand an ihn gelegt, ich hab mich nicht einmal, seit
ich aus den Bubenjahren herausgewachsen bin, soviel ich auch Ursach htt, an
meiner Stiefmutter vergriffen. Vom Schaffen sag ich gar nichts.
    Wie kannst du sagen, dein Vater sei kein Mann! rief der Vormund.
    Er ist kein rechter Mann, ich behaupt's noch einmal. Er hat mir zugetraut,
ich werd mein Mdle betrgen und mein leiblich's Kind verleugnen. Das tut kein
rechtschaffener Mann. Dann ist er in der Hand meiner Stiefmutter wie ein Rohr,
das im Wind hin und her schwankt: das eine Mal sagt er, er gebe nie seinen
Konsens zu meiner Heirat, das andere Mal will er mir des Kblers Husle dazu
kaufen.
    Hat Er das vierte Gebot ganz vergessen, rief der Pfarrer, da Er im
Beisein Seines Vaters und vor uns so verchtliche Reden wider ihn ausstt und
den kindlichen Respekt ganz hintansetzt? Aber freilich, Er macht's der Obrigkeit
auch nicht besser, Er sagt ja, wenn Er Geld habe, so brauche Er keinen Pfarrer
und keinen Amtmann, um Seinen Kopf durchzusetzen.
    Friedrich warf einen Blick ingrimmiger Verachtung auf den Pfarrer. Der Herr
Amtmann, sagte er, wird wohl wissen, da seine Macht nicht ber die ganze Welt
reicht und da auch noch eine Obrigkeit ber ihm ist. Was aber Sie, Herr
Pfarrer, anbelangt, so haben Sie meinem Schwh'rvater mit Drohungen das
Versprechen abgepret, da er seiner Tochter und mir die Einwilligung
verweigere. Sie nennen das, was zwischen zwei jungen Leuten vorgeht, die
einander lieb haben, eine bse Tat. Ist ein Seelsorger nicht dazu da, da er
bse Taten in der Gemeinde gutmachen hilft? Ist er nicht dazu da, da er die
Gefallenen wieder aufrichtet? Ist er nicht dazu da, da er den untersttzt, der
den guten Willen hat, das Geschehene ungeschehen oder doch wenigstens wett- und
ebenzumachen? Sie wissen von Amts wegen, da ich geschworen hab, meiner
Christine mein Wort zu halten und sie zu heiraten, und Sie wollen dahin
arbeiten, da ein Schaf aus Ihrer Herde mit Gewalt meineidig gemacht werden
soll? Sie schrfen von der Kanzel und in der Kinderlehre die Pflichten zwischen
Eltern und Kindern ein, und Sie muten einem Vater zu, da er seine Tochter soll
zur ** werden lassen?
    Er wollte fortfahren, aber der allgemeine Tumult bertubte ihn. Mit
Ausnahme des Amtmanns, der behaglich sitzen blieb, war der ganze Konvent
aufgestanden und donnerte auf den frechen Redner hinein. Besonders heftig
eiferte der Pfarrer, dessen kleine, magere Gestalt sich seltsam von dem
wohlbeleibten Umfange seines weltlichen Mitbeamten neben ihm unterschied. Da er
in dem Geschrei der brigen Mitglieder, welche ihn gegen die Lsterungen des
Angeklagten in Schutz nehmen zu mssen glaubten, mit seiner Stimme nicht
durchdringen konnte, so setzte er sich schnell wieder, ergriff die Feder und
schien sich heftig schreibend im Protokoll Recht verschaffen zu wollen.
    Als der Tumult verstummte, sagte der Amtmann zum Pfarrer: Haben Sie auch im
Protokoll angemerkt, Herr Pfarrer, wie rechtfertig er ist?
    Jawohl, Herr Amtmann, antwortete der Pfarrer mit groer Befriedigung und
zeigte ihm das Protokoll. Sehen Sie, hier steht's schon geschrieben: Bei aller
seiner uersten Bosheit will er immer noch recht haben.
    Ich hoff, es ist noch eine Gerechtigkeit ber uns, versetzte Friedrich.
Ebersbach ist noch nicht die Welt, ich will mich schon vor dem Herrn Vogt und
Spezial verantworten, Euer Protokoll und Bericht, Ihr Herren, ist nicht ntig.
    Schweig Er nur jetzt still, sagte der Amtmann ruhig. Sein Ma wird
nachgerade ziemlich voll sein. brigens bin ich der Meinung, Herr Pfarrer, da
der Klger zum Schlu aufgefordert werden solle, zu erklren, ob er denn seinen
Konsens zu der Heirat noch nicht geben wolle.
    Jawohl, sagte der Pfarrer, die Frage ist der Form wegen notwendig, und
ich stelle sie hiermit an den Herrn Sonnenwirt.
    Der Sonnenwirt war bestrzt darber, da die beiden Vorgesetzten, deren
Ansichten er doch hauptschlich bis jetzt gefolgt war, sich gegen ihn einer
Fragestellung bedienten, die ihn gleichsam im Stiche lie. Er kratzte sich
hinter dem Ohr und stotterte endlich: Ich wei nicht, was ich tun soll, ich
sehe eben nichts anderes voraus, als da es sein Verderben ist.
    Gut, sagte der Pfarrer. Es knnen nunmehro beide abtreten, und wird das
alles ans Oberamt berichtet werden.
    Vater und Sohn gingen miteinander vom Rathause fort und nach Hause, ohne
unterwegs ein Wort miteinander zu reden.
    Sie waren nicht mehr weit von der Sonne entfernt, als eine Stimme ber ihnen
rief: Herr Sonnenwirt, schmt er sich nicht, Seinen Sohn vor Kirchenkonvent zu
verklagen, wo die alten Weiber hinlaufen?
    Sie blickten in die Hhe. Es war der Invalide, der sich seit langer Zeit zum
erstenmal wieder am Fenster sehen lie.
    Auch wieder einmal unters Gewehr getreten? rief Friedrich hinauf.
    Und Er, sagte der Invalide zu ihm, htt's auch nicht so weit kommen
lassen sollen. Ich hab's Ihm schon einmal gesagt.
    Damals war's schon zu spt, lachte Friedrich. Auf Wiedersehen!
    Sein Vater war, ohne dem Invaliden zu antworten, vorausgegangen. Unter der
Haustre wartete er auf ihn. Willst du dein Mtterlich's nehmen und nach
Amerika gehen? sagte er zu ihm.
    Ich will mit meiner Christine drber reden, antwortete Friedrich und
machte sich unverweilt auf den Weg.
    Nach einer halben Stunde kam er heim und brachte die Antwort. Sie will
nicht, sagte er, sie erklrt, sie wolle sich in Ebersbach nicht nachsagen
lassen, sie habe so unrechte Dinge getan, da sie habe nach Amerika gehen
mssen, wo blo die schlechten Leute hinwandern. Ihr Wahlspruch sei: Bleibe im
Lande und nhre dich redlich.
    Es steht geschrieben, das Weib soll dem Mann folgen, sagte der Sonnenwirt.
    Das mt sie auch, wenn mir's Ernst wr, erwiderte Friedrich. Aber ich
bin mit mir selber nicht im klaren, wie's mit dem Amerika ist, ich wei nicht,
ob's Balken hat oder ob ich drin schwimmen kann. Wenn ich allein wr, ging ich
schon; so aber la ich's auf die Christine ankommen, weil ich selber nicht wei,
was besser ist.
    Da siehst du's: sie hngt wie ein Radschuh an dir und hindert dich berall
am Fortkommen.
    Und wenn sie mir jetzt schon ganz verleidet wr - ich hab ihr mein Wort
gegeben, und das halt ich ihr.

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Heu und Frucht waren eingetan, und alles ging seinen gewhnlichen Gang, nur in
Friedrichs Heiratsangelegenheit wollte keine Bewegung kommen. Alles, was er
bisher getan hatte, um dieselbe ins Werk zu setzen, war wie ein Schlag ins
Wasser gewesen. Lngst hatte er seine Supplik an die Regierung eingereicht und
als Minderjhriger um Heiratserlaubnis gebeten. Damals war er sehr vergngt von
Gppingen zurckgekommen und hatte Christinen erzhlt, der Vogt, dem er die
Schrift zum Beibericht gebracht, habe ihm zwar scharfe Vermahnungen gegeben,
aber den Ausspruch getan, wenn ein Bursche sein Mdchen ehrlich machen wolle, so
msse man ihn eher aufmuntern als abschrecken. Er hatte also nicht mit Unrecht
darauf vertraut, da die hhere Behrde sein Anliegen nicht aus dem engen
Gesichtskreise der Fleckenregierung betrachten werde. Leider aber wurde der Vogt
bald hernach auf ein anderes Oberamt versetzt, und sein Nachfolger lie die
Schrift liegen. Da braucht's nichts als Geld, sagte Friedrich, man mu eben
seine Schreiber schmieren, damit sie ihm die Sach im Andenken erhalten; wenn nur
das Geld nicht so rar wr! Die Zeit rckte immer nher, wo sein Kind unehlich
zur Welt kommen sollte, um nach der herrschenden Meinung sein Leben lang einen
Makel zu behalten, und Christine jammerte darber so, da sie oft mit ihren
Klagen seine eigene Verzweiflung betubte. Ihr Vater war bettlgerig geworden;
zwar verdienten seine herangewachsenen Shne ber die Sommerszeit durch Taglohn
so viel ins Haus, da er nicht wie frher bei dem Pfarrer um Untersttzungen
nachsuchen mute, aber bei jedem Bissen lie sich die Armut mitschmecken, und
Christine, die nach dem ordnungsmigen Gang der Dinge, statt dem elterlichen
Hauswesen zur Last zu fallen, einem eigenen htte vorstehen sollen, wurde von
den Ihrigen scheel angesehen. Sie machte sich ihnen schon dadurch als eine Brde
fhlbar, da sie durch Arbeiten wenig und zuletzt nichts mehr zur Erhaltung der
Familie, der sie doch zehren half, beitragen konnte. Macht man ja doch nicht
blo in jenen Kreisen des Lebens, welchen man das Vorrecht der Roheit zugesteht,
die Erfahrung, da die Not die Zartheit der Gesinnungen leicht verwischt und der
gefhrlichste Prfstein fr alle Liebe und Freundschaft ist. Christine hatte ein
Recht, ihr Elend am Halse des einzigen auszuweinen, der ihr zu Trost und Hilfe
verpflichtet war, und sie machte von diesem Rechte fleiigen Gebrauch; auch war
es natrlich, da die Beschwerden eines Zustandes, der selbst eine im Schoe des
ungetrbten Glckes lebende Frau zur Schwermut reizen kann, das oft von den
notwendigsten Hilfsmitteln entblte Mdchen malos unglcklich machten. All
dieser Jammer strmte auf Friedrich herein, der dem Gefhle seiner Hilflosigkeit
bald in stumpfem Hinbrten, bald in Ausbrchen einer wahnsinnigen Wut gegen die
herzlose Zhigkeit der Welt den Lauf lie. Auf den Schwager, dem er einst
vertraut hatte, konnte er schon lngst nicht mehr rechnen; derselbe hatte sich
von ihm losgeschlt und ihm erklrt, er wolle es nicht durch Parteimachen fr
eine Sache, die er von Anfang an getadelt, mit seinem Schwiegervater verderben,
auch hatte er seiner Frau untersagt, sich ihres Bruders ferner anzunehmen.
    Um diese Zeit lief die Sonnenwirtin eines Tages ins Amthaus, um der
Amtmnnin zu erzhlen, da ihre lteste Tochter, die Krmerin, wenn der Herr
Amtmann sie nur vernehmen wollte, Greueldinge von dem ungeratenen Bsewicht
aussagen knnte. Der Amtmann versammelte, von seiner Frau angetrieben, seine
beiden Urkundspersonen und lie die Krmerin rufen, welche weinend vor ihm
erschien. Ihr Bruder, gab sie zu Protokoll, habe drei Gulden gefordert, damit
er sein Memorial und Bericht zu Gppingen bekomme. Darauf habe sie ihm gesagt,
sie wolle nicht zum Vater gehen, weil sie wisse, da er sich blo darber
erzrne; er solle seinen Pfleger schicken. Nun habe er aber angefangen zu toben:
er sehe wohl, da er's verloren habe, morgen wolle er einen Rausch trinken und
sein Messer schleifen, in seines Vaters Haus hingehen und das Geld fordern, und
wenn er's nicht gebe, ihn niederstechen, und wenn seine Mutter etwas sage, ihr's
auch so machen. Dann habe er Geld genug und nehme alles, was vorhanden sei.
Dieses alles habe er mit einem recht unmenschlichen und bestialischen Grimm und
Eifer ausgesprochen; das Donnerwetter solle ihn in die Ewigkeit hinberschlagen,
wenn er das nicht tue; weshalb ihr so angst geworden, da sie nicht ruhig habe
zum heiligen Abendmahl gehen knnen.
    Nachdem der Amtmann das Protokoll aufgenommen und die Angeberin entlassen
hatte, sagte einer der beiden Gerichtsbeisitzer: Es wird doch ntig sein, da
man den Frieder auch verhrt.
    Wozu? versetzte der Amtmann. Ich wei schon zum voraus, was der sagen
wrde, der Advokat. Ich schicke eben einfach den Bericht nach Gppingen, und
wenn von dort wieder nichts kommt, wie auf die Kirchenkonventsverhandlung, so
kann mir's gleichgltig sein. Wiewohl, der neue Vogt wird es vielleicht mit
dergleichen komminatorischen und kalumnisen Redensarten etwas schrfer nehmen.
Vielleicht lt er auch die Sachen ad cumulum zusammenkommen; denn mir ahnt's,
da noch mehr bevorsteht und da ich noch weitere Protokolle und Berichte
schreiben mu.
    Indessen schien es doch, da Friedrichs Drohungen nicht auf unfruchtbaren
Boden gefallen seien, denn unerwartet gab ihm sein Vater, der etwa unruhig
geschlafen haben mochte, das Geld zu seiner Werbung in Gppingen, und bald hatte
er es dahin gebracht, da seine Supplik bei der frstlichen Regierung lag.
Nachdem aber seine Angelegenheit diesen Schritt vorwrts getan hatte, erfolgte
wieder ein langer Stillstand, und jeder vorberfliehende Tag mehrte ihm das
Gewicht der Klagen Christinens, die in der Ungeduld ihres Jammers meinte, wenn
sie nur einmal rechtmig die Seinige wre, dann wrde allen anderen Sorgen auf
immer abgeholfen sein.
    Abermals liefen die Weiber im Flecken zusammen und erzhlten sich von
grlichen Reden, die er ausgestoen haben sollte; ja man legte ihm die
Versicherung in den Mund, er wolle den nchsten besten, der ein paar Gulden im
Sack habe, ber den Haufen stechen, um mit dem Geld nach Stuttgart gehen zu
knnen. Allein ungeachtet dieser rohen Worte waren und blieben die Straen
sicher vor ihm, und er gelangte auf diesem Wege so wenig in den Besitz des
unentbehrlichen Geldes, als er es diesmal von der unstet hin und her
schwankenden Gesinnung seines Vaters herauszubekommen vermochte.
    Christine riet ihm, sich in dieser Verlegenheit an die Bckerin zu wenden;
sie selbst hatte nicht das Herz dazu. Mit der Geduld, welche eine fortwhrende
Vereitelung eines fieberhaft betriebenen Planes manchmal einflen kann, begab
er sich zu Christinens Base, deren Krankheit soweit fortgeschritten war, da sie
den ganzen Tag regungslos im Lehnstuhle sa, und sprach sie um ein Darlehen an.
Die Bckerin, die der leidvollen Entwickelung des Liebesverhltnisses stets mit
groer Teilnahme folgte, antwortete schmerzlich seufzend: Ich tt's gewi gern,
aber der Mein lt mir den Schlssel zum Geldkstle nicht ber, und Ihr wisset
ja selber, wie b'hb er ist. Sie sprachen noch miteinander, als der Knecht des
oberen Mllers in die Stube trat. Er hatte im Vorbeigehen durch das Fenster
Friedrichs Anwesenheit bemerkt und kam herein, um einen Schoppen mit ihm zu
trinken. Da, der Peter knnt vielleicht aushelfen, sagte die Bckerin, der
hlt sein' Lohn zusammen und hat doch auch zur rechten Zeit wieder eine offene
Hand; was gilt's, der tut sein Sparhfele auf? Der Knecht lie sich erklren,
um was es sich handle, und sagte, jawohl, die paar Gulden gebe er gerne her.
Friedrich konnte sich ohne Beleidigung nicht weigern, sie anzunehmen, und doch
drckte es ihn, da er, der Sohn des reichen Sonnenwirts, zu einem Knechte,
obwohl es sein guter Bekannter war, durch ein Darlehen von erspartem Lohne in
Verpflichtung und Abhngigkeit treten sollte; und zwar drckte es ihn um so
mehr, weil er wute, da der Knecht selbst, bei seiner gutmtigen aber
beschrnkten Sinnesart, sich ber diese Betrachtung nicht erheben konnte.
    Da er aber nun einmal die Mittel in der Hand hatte, seine Sache in Stuttgart
zu betreiben, so versumte er es nicht, davon schleunigen Gebrauch zu machen.
Christine war ihm an dem Abend, wo sie ihn zurckerwartete, einige Schritte vor
den Flecken entgegengegangen. An derselben Stelle, wo sie auf beschneitem Wege
einst von ihm Abschied genommen, sa sie nun unter einem Baume, von welchem
schon einzelne herbstlich rote Bltter zu fallen begannen, und erhob sich, als
sie ihn die Strae daherwandern sah. Er war sehr befriedigt von dem Erfolge
seiner Reise und erzhlte ihr, man habe ihm versprochen, die Resolution auf sein
Memorial solle ihm auf dem Fue nachfolgen. Du weit ja, sagte er, schmieren
und salben hilft allenthalben. Ohne Trinkgeld richtet man in Stuttgart nichts
aus. Aber sie brauchen's auch redlich. Das ist dir ein Wohlleben in den Tag
hinein, da ich dir's gar nicht beschreiben kann. Ich mcht nur wissen, wer das
ganz Nest verhlt, ich glaub, das Land mu sie eben verhalten, denn schaffen
sieht man keinen Menschen, als hchstens die Wirte und die Putzmacherinnen.
Schon am frhen Vormittag liegen die Mnner im Wirtshaus oder spielen in den
Kaffeehusern, und denk nur, die Weiber, hab ich mir sagen lassen, laufen des
Nachmittags zueinander in die Kaffeevisit und bleiben bis abends acht Uhr und
drber beieinander sitzen, und mit was meinst, da sie sich die Zeit vertreiben?
Mit Kartenspielen, und das so hoch, da erst vorgestern eine, wie ich gehrt
hab, mehr als hundert Gulden verloren hat. Und dabei treiben sie einen Luxus,
da es nicht zum sagen ist: Atlaskleider tragen sie und goldene Uhren, goldene
Armbnder, eine Menge Ringe mit kostbaren Steinen, und Perlen um den Hals
anstatt der Granaten.
    Christine seufzte.
    Und der Herzog vollends, fuhr er fort, der lebt wie der Vogel im
Hanfsamen. Er ist grad so alt wie ich, hab ich mir in Stuttgart sagen lassen. 's
ist doch eine konfuse Welt. Ich mu bei ihm einkommen und meine Minderjhrigkeit
wegsupplizieren, damit ich heiraten und ein Hauswesen fhren kann: und er ist im
gleichen Alter, hchstens ein Jahr lter, und ist schon zwei Jahr verheiratet
und regiert seit sechs Jahr ein ganz Land, da es blitzt und kracht.
    Versteht er denn sein Handwerk? fragte Christine.
    Was wei ich? Aber herrlich und in Freuden lebt er, und anderen verbietet
er, was ihm selber schmeckt. Denk nur, ich hab auch die Herzogin gesehen. Aber
die ist schn, und noch so jung, aber mchtig stolz. Mich wundert's nur, da sie
die ** leidet, die er neben ihr hlt, und was meinst, die baden im
Burgunderwein.
    Pfui, sagte Christine, da mcht ich nicht davon trinken.
    Oh, es gibt Leut, die ihn nachher kaufen, weil man ihn natrlich wohlfeil
haben kann. Und vor acht Tagen hat er in Ludwigsburg ein Feuerwerk geben und hat
dabei fr fnfmalhunderttausend Gulden in die Luft aufgehen lassen. Man spricht
noch heut in Stuttgart in allen Wirtshusern davon, aber sie schimpfen, weil's
in Ludwigsburg gewesen ist. Ich htt's doch auch sehen mgen.
    Ich nicht, sagte Christine. Es ist sndlich, das Geld so
hinauszuschmeien. Rechne nur auch einmal aus, wie lang arme Leut davon htten
leben knnen. Aber ich kann dir auch eine Neuigkeit sagen: Denk nur, dein Vater
hat uns heut eine Schssel Mehl geschickt.
    So, mein Vater? Es ist zwar nicht viel, aber es freut mich doch an ihm. Hat
er sie dir geschickt?
    Nein, er hat eben sagen lassen, da schick er's. Es ist mir um der Meinigen
willen lieb, denn du hast keinen Begriff davon, was ich von ihnen schlucken mu.
In deiner Gegenwart lassen sie's nicht so heraus, aber du wirst doch auch selber
schon gemerkt haben, was wir ihnen wert sind. Besonders meine Mutter und mein
Hannes, die haben gemeint, sie werden Ehr und Vorteil von uns ernten, und statt
dessen haben sie mich eben immer noch auf'm Hals. Meine Mutter hat gleich zu
brotzeln und zu backen angefangen, du weit ja, wie sie ist; sie hat gesagt, sie
mach's fr meinen Vater, aber der hat nichts davon gessen, und dann hat sie's
fr sich behalten und hat denkt: selber essen macht fett.
    Hab noch die paar Tag Geduld, sagte er. Jetzt kommt ja die Resolution,
und dann hat alles Jammern ein End! Dann werden wir zusammen getraut, und das
ist die Hauptsach, wenn's auch ohne Krnzle und am Mittwoch geschieht. Der
Mittwoch ist auch ein Tag. Und wenn ich mein Mtterlich's hab und Hnd und F
fr meine eigene Haushaltung regen kann, dann will ich dich schon wieder
rausfttern, dich und dein Kind.
    Ja, sagte Christine, und unser Herrgott wird weiter sorgen.

                                       23


Tag um Tag verging, aber keiner brachte die ersehnte herzogliche Resolution. Die
Tage wurden zu Wochen, und eine reihte sich an die andere, ohne dem Harrenden
das Versprechen zu erfllen, das er sich in Stuttgart mit fremdem Gelde erkauft
hatte. Trg und eilig zugleich ging ihm die unbarmherzige Zeit; whrend sie ihn
endlos auf die Gewhrung, die er von der Menschenwelt forderte, warten lie,
zeigte sie ihm jeden Tag den unaufhaltsamen Fortschritt, welchen die Natur
machte, um ihm ein Geschenk zu bringen, das jener Gewhrung nicht zuvorkommen
durfte, wenn es nicht den Stempel des Unglcks und der Schande tragen sollte.
    So kann die Sach nicht fortgehen, sagte Christine eines Tages zu ihm. Ich
mcht naus, wo kein Loch ist. Die Meinigen haben mir ausgeboten, der
Sommerverdienst sei zu End, und mit dem Winter geh das Hungerleiden vollends
ganz an. Sogar mein Jerg, der mir immer noch ein wenig den Kopf gehebt hat,
sagt, es sei in der ganzen Welt der Brauch, wer die Gais angebunden hab, der mg
sie auch hten.
    Wei wohl, bemerkte er finster, der Bauer tut alles gern, wenn er mu.
    Aber bedenk auch, wie sie auf'm drren Bumle sind. Ich selber schm mich,
da ich ihnen fort und fort hinliegen mu, und du solltest dich auch schmen.
Ich wei, was ich tu: wenn meine Zeit kommen ist, so trag ich dein Kind in
deines Vaters Haus und leg's ihm vor die Tr. Da, er soll's sugen, denn ich
werd ihm nichts geben knnen.
    Dieser bittere Spott der Verzweiflung schnitt ihm glhend ins Herz. Hat er
seitdem nichts geschickt, fragte er, kein Brot, nicht einmal eine Schssel
Mehl?
    Nichts, erwiderte sie, kannst dir wohl denken, da ich dir's gesagt
htt.
    Er knirschte mit den Zhnen. Wohl, wenn er's nicht sichtbar geben will, so
soll er's unsichtbarlich geben. Ruf deinen Jerg, er mu uns behilflich sein, ich
will mit ihm deines Vaters Wagen rsten, und du schaffst Sck her, wenn's dran
fehlt, so entlehnst du in der Nachbarschaft.
    Was willst denn auf dem Wagen fhren? fragte sie schchtern.
    Die Sck! rief er noch barscher als zuvor.
    Und was willst in die Sck tun?
    Fressen! antwortete er. Seine Augen funkelten, die Narbe in seinem Gesicht
war blutrot geworden, und sein ganzes Aussehen erschien so wild, da sie nicht
weiter zu fragen wagte.
    Jerg, der kein Mann von vielen Worten war und sich unbedingt an seinen
natrlichen Schwager anschlo, sowie er diesen tatkrftig auftreten sah, half
ihm den Wagen zurechtmachen, whrend Christine unter der hinteren Tre sa und
die Scke flickte, wo sie Lcher an ihnen entdeckte. Niemand fragte, was dieses
Vorhaben bedeuten solle. Der Vater lag oben im Bett und sah meist
stillschweigend an die Wand oder nach der Decke hinauf, und die Mutter befand
sich bei ihm. Der kleine Bube tummelte sich um den Wagen herum und sah den
beiden jungen Mnnern zu.
    Als es Nacht wurde, mute Jerg die Kuh aus dem Stalle fhren, und Friedrich
half ihm sie an den Wagen spannen. Dann befahl er Christinen, eine Laterne
anzuznden und mitzunehmen. Sie kam mit der Laterne, blieb aber stehen und
sagte: Um Gottes willen, Frieder, was hast vor? Mir ist's, als sei's nichts
Gut's.
    Hrst den Teufel schon Holz spalten? sagte er. So gut du dein Kind in
meines Vaters Haus tragen kannst, so gut kann ich ihm auch Futter draus holen.
    Ach Gott, seufzte sie, das ist eine unrechte und gewagte Sach. Ich will
nichts davon.
    Du lt mir ja keine Ruh! rief er, und der Grimm klang aus seiner
gedmpften Stimme heraus. Vorwrts!
    Er ergriff sie am Zopfbndel und zog sie fort. Sie verbarg die Laterne unter
der Schrze und folgte willig. Der Wagen fuhr langsam durch den Flecken. Es war
berall still, kein Mensch begegnete ihnen. Vor der Sonne hielten sie an. Auch
dort lag alles im Schlafe. - Ihr beide bleibt da unten, sagte Friedrich, fr
euch ist's ein fremdes Haus, man soll euch keinen Einbruch vorwerfen knnen. Ich
bin hier in meinem eigenen, das wei sogar der Hund, die unvernnftig Kreatur,
denn sehet, er rhrt sich nicht.
    Er ffnete einen Laden und verschwand mit einem Sack, den er bald schwerer,
als er zuvor gewesen war, wiederbrachte. So trug er mit starker Hand einen Sack
um den andern herab und bot ihn zu dem Laden heraus, wo ihn Jerg in Empfang nahm
und auf den Wagen lud. Ohne durch einen Laut im Hause gestrt zu werden, brachte
er endlich den letzten Sack. Nachdem das nchtliche Geschft beendigt war, gab
er Jerg einen Wink, mit dem Wagen umzukehren, wobei er die in Eile geladenen
Scke hielt, damit keiner herunterfiel. Vorwrts, marsch! kommandierte er
dann, und der Wagen setzte sich wieder in Bewegung.
    Christine, die sich in das Unternehmen gefunden zu haben schien und dem
seltsamen Tone Friedrichs entgegenwirken zu mssen meinte, bemerkte scherzend:
Du kommst mir vor, wie ein Ruberhauptmann, der ber seine Bande hinein
befiehlt.
    Was nicht ist, kann noch werden, murmelte er dumpf.
    Als sie den Wagen abluden, berzhlte er die ungleich gefllten Scke. Es
werden zirka sechs, sieben Scheffel sein, sagte er mit der Sicherheit des
Kenners.
    Was ist's fr Frucht? fragte Jerg.
    Dinkel und Haber.
    Da wr ja fr Menschen und Vieh gesorgt.
    Es ist an dem fr die Menschen genug. Den Haber betracht ich als bar Geld.
    Hab mir's wohl vorgestellt.
    Wollen's gleich auseinander tun. Die Scke da enthalten Dinkel, die
schlachtet ihr ins Haus, ihr brauchet nicht alle, knnt mir noch ein oder zwei
davon lassen.
    Ja, ist denn die Frucht fr uns? fragte Jerg.
    Nein, aber fr eure Muler. Zu was meinst denn, da ich sie da rausgefhrt
hab? Mach mir nur keine Umstnd. Den Rest davon und den Haber will ich in etwas
anders verwandeln, das noch mehr Brot geben soll.
    Jerg lachte verschmitzt.
    Merkst was? fragte Friedrich.
    Mir ist's immer, als mt ich wieder einen Gang fr dich nach
Rechberghausen tun, sagte Jerg.
    Hast's troffen.
    Zufllig wei ich, da der Christle morgen runter kommt.
    So nimm ihn zu dir da raus. Ich will dann auch kommen, da wir mit ihm
handelseins werden.
    Wenn nur dein Vater nicht erfhrt, was du ihm fr einen Besuch gemacht
hast! seufzte Christine, die nachgerade wieder unruhig wurde.
    Der erfhrt's freilich, erwiderte er. Der Knecht, der neben der Frucht
liegt, ist aufgewacht, hat sichein wenig auf'm Ellenbogen aufgerichtet und
hatmich anglotzt. Der schweigt nicht.
    Jesus, Jesus! Und das sagst du erst jetzt.
    Es kommt immer noch frh genug. Gut ist's aufalle Fll, wenn die Sach mit
dem Christle morgengleich ins reine kommt. Jetzt aber fort ins Bett undla dir
von vollen Schsseln trumen.
    Am folgenden Morgen gab es in der Sonne, sobaldder Sohn des Hauses sich
blicken lie, einen jenerstrmischen Auftritte, welche der Nachbarschaft sooft
verrieten, wie es um den Frieden desselbenstand. Sein Vater empfing ihn mit
einer Flut von Schimpfworten, warf ihm den nchtlichen Diebstahl vor und drohte,
ihn alsbald wieder ins Zuchthaus zu bringen. Der Knecht hatte ihn angegeben,
schon deshalb, um, wie er nachher entschuldigend zu ihm sagte, fr den Fall der
Entdeckung sich selbst von dem Verdachte zu reinigen; doch wollte er ihn nur
einen kleinen Sack mit Getreide haben fortschleppen sehen.
    Wenn Ihr mich ins Zuchthaus bringen wollet, Vater, so steht's Euch frei,
sagte Friedrich. Ihrhabt's ja schon einmal getan. Freilich haben die Leut
verschiedentlich drber geurteilt, da Ihr Eurem eigenen und einzigen Sohn zum
Anklger worden seid.
    Das ist nicht wahr, entgegnete der Sonnenwirt. Die Sach ist damals ohne
meine Schuld offenkundig worden, und ich hab's nicht hindern knnen, da sie vor
Amt kommen ist.
    Also wollt Ihr jetzt nachholen, was Ihr damals versumt habt?
    Gib raus, was du mir gestohlen hast.
    Es ist weit fort, Ihr findet's nicht, und wenn Ihr alle Eure Stallaternen
anzndet. Lat mich majorenn werden und gebt mir mein Mtterlich's heraus, dann
will ich mit Euch abrechnen und will Euch den Schaden ersetzen, da nicht ein
Kreuzer dran fehlen soll, und wenn der Fruchtpreis derweil anzieht, so soll der
Gewinn Euer sein. Dann knnt Ihr von Stehlen sagen, so viel Ihr wollt, 's glaubt
's Euch niemand.
    Hast du deinem Weibsbild davon gebracht?
    Ihr knnt in und unterm Bett bei ihr suchen, Ihr findet nichts. Es ist aber
eine rechte Schand fr Euch, Vater, da ein reicher Mann wie Ihr dem kranken
Hirschbauer ein einzigsmal eine Schssel Mehl schickt.
    Was? fuhr der Sonnenwirt auf, ich hab schon fter gesagt, da man
hinausschicken soll.
    Dann ist's unterwegs in irgendein Loch gefallen, versetzte Friedrich.
    Der Sonnenwirt schwieg unschlssig. Es machte ihn betroffen, obwohl er es
sich bei den bekannten Gesinnungen seiner Frau leicht erklren konnte, da seine
Befehle nicht vollzogen worden waren, und unter diesen Umstnden glaubte er, bei
seinem reichen Fruchtvorrate, den von dem Knecht angegebenen Verlust ohne
Geschrei ertragen zu sollen. Er ging zur Stube hinaus und lie seinen Sohn in
Ungewiheit, was er tun werde.
    Hast dein' Hausdieb im Verhr gehabt? fragte seine Frau drauen.
    Woher weit du's denn?
    Du schreist ja so laut, da man's in Gppingen hrt. Und jetzt willst immer
noch in deiner Langmut zusehen?
    Der Alte kratzte sich hinter dem Ohr. Das Stehlen will ich ihm vertreiben,
sagte er. Du aber sagst mir weder im Pfarrhaus noch im Amthaus ein Wort davon,
sonst ist's zwischen uns aus, und ich la ihn morgen heiraten und nehm alle
beide ins Haus zu mir.
    So hitzig? maulte sie.
    Erstens, erklrte er, htt ich ihn zwar gern in Numero Sicher, aber nicht
im Zuchthaus, und zweitens mcht ich mir nicht nachsagen lassen, da ich dem
Hirschbauer nichts als ein Schssele mit Mehl geschickt hab. Was sie jetzt
haben, das sollen sie behalten.
    Der Tag verging ruhiger als er begonnen hatte. Friedrich wute zwar immer
noch nicht, wessen er sich zu versehen habe; auch lieen ihn gewisse
Anspielungen seiner Stiefmutter, welche von der Notwendigkeit sprach, Schlsser
und Riegel ausbessern zu lassen, nichts Gutes ahnen; doch meinte er aus dem
Betragen seines Vaters schlieen zu drfen, da seine eigenmchtige Pfndung
ohne Folgen bleiben werde.
    Zur verabredeten Stunde ging er in des Hirschbauern Haus. Der Erwartete war
bereits da, ein Mann mit rundem, schelmisch lchelndem Gesicht und einem
sogenannten Hrn auf der Stirne, das in der Mitte ber beiden Augen sa und so
gro war, da Friedrich es im Scherz ein drittes Auge nennen konnte. Bist schon
da, Dreiugiger? sagte er, die Hand bietend. Die Alte hie ihn sehr freundlich
willkommen und bedankte sich bei ihm fr den stolzen Kchengru, den er gesandt
habe; sie vermied es klglich zu fragen, wie er eine so bedeutende Beisteuer
aufgebracht. Man schwatzte eine Weile von gleichgltigen Dingen, ohne da der
Hirschbauer, der in der Stube zu Bette lag, sich in das Gesprch mischte. Dann
gingen die drei miteinander fort, um unter dem Hause ihr Geschft miteinander
abzumachen.
    Was meinst, Christle? sagte Friedrich. Der Jerg ist doch ein
scharfsinniger Kopf, der hat's von selber gemerkt, da ich wieder einen Handel
mit dir machen will.
    Es ist gut merken gewesen, Frieder, sagte Jerg. Seit einiger Zeit hast du
immer das link Aug von Zeit zu Zeit zugedrckt und hast mit dem rechten grad vor
dich hingesehen, so da ich immer hab denken mssen: der tut in Gedanken zielen.
Es ist mir dabei eingefallen, was der Krmerchristle von dir gesagt hat: die
Katz lt das Mausen nicht.
    Alle drei lachten. Ich will dir beweisen, da ich noch ein scharfsinnigerer
Kopf bin als der da, sagte Christle. Tut's dir nicht and nach deiner schnen
Buchs?
    Ja, wenn ich die wiederhaben knnt! rief Friedrich.
    Bruderherz, kannst sie haben! Ich hab dir sie aufgehoben, weil ich wohl
gewut hab, da du wieder nach ihr fragen wirst.
    Sie lachten noch strker. Heit das, setzte Christle hinzu, bei der Hand
hab ich sie nicht, sondern ich hab sie in Gmnd versetzt, aber dort kann ich sie
jeden Augenblick wiederhaben. Und damit du siehst, da ich nicht blo
scharfsinnig, sondern auch ehrlich gegen dich bin - wie? unterbrach er sich, zu
Jerg gewendet, was hat er denn zu dem Geld gesagt, das ich ihm fr das Gewehr
geschickt hab? Hat er mich nichts geheien?
    Ei ja, 'n dreiugigen Spitzbuben.
    Siehst, um das nmlich Geld kannst dein Gewehr wiederhaben. Jetzt geh und
hei mich noch einmal 'n Spitzbuben.
    Bist ein Biedermann, sagte Friedrich.
    Was, du, der best Schtz weit und breit, hast dich zur Ruh setzen wollen?
Du knntest's ja vor den Bauern nicht verantworten. Und ein paar Fhrten hab ich
dir ausgewittert, ich sag nichts, aber das Herz wird dir im Leib lachen. Nun, du
kommst doch zu mir und holst die Bchs, dann gehen wir miteinander.
    Aber Geld hab ich keins, sagte Friedrich. Kannst Haber brauchen und etwas
Dinkel?
    Das fhr ich nach Gmnd, freilich, und bring gleich das Gewehr mit zurck.
    Da beim Jerg kannst die Frucht fassen, je eher, je lieber, aber in der
Stille mu es sein.
    Heut abend noch will ich sie holen. Auf Wiedersehen, du verlorner und
wiedergefundener Sohn.
    Der hat gut uneigenntzig sein, sagte Friedrich, nachdem jener sich
verabschiedet hatte. Wenn ich eine glckliche Hand hab, so hat er den Vorteil
davon und keine Gefahr. Er wei die beste Schlich im Wald und die beste Schlich
im Handel, aber den gefhrlichen Teil berlt er andern, und wenn's zum Klappen
kommt, so hat er nichts getan. Aber wo ist denn meine Christine?
    Im Beckenhaus, antwortete Jerg. Der Beckenbub hat sie in aller Eil
geholt. Ich wei nicht, was dort los ist. Da kommt sie ja!
    Christine kam atemlos herbei. Weit was Neu's, Frieder? rief sie schon von
weitem.
    Nu, was denn?
    Die Resolution ist da, du bist schon seit vierzehn Tag majorenn und weit
nichts davon.
    Was Teufel! Wie kommt denn das, und woher hast denn du's?
    Von der Dote; die hat mich holen lassen. Aber von wem's die hat, das
bringst du nicht raus, und wenn ich dich raten la, bis die Kuh 'n Batzen gilt.
    Nu, so sag's.
    Die Kathrine aus dem Amthaus ist's.
    Was! Das wr!
    Ja, die Kathrine ist zu der Dote geschlichen und hat sie ums
Tausendgott'swillen bittet, sie soll sie nicht verraten, aber seit vierzehn Tag
sei der Bescheid von Stuttgart da und lieg auf des Amtmanns Schreibtisch. Es hab
ihr schier das Herz abdruckt, da wir nichts davon wissen sollen. Du knnest
herzhaft auftreten und die Proklamation verlangen. Aber wenn's rauskm, da
sie's ausgeschwtzt hat, so wr sie unglcklich.
    Nein, nein, da mu man ganz still sein. Brav ist's von dem Mdle, das mu
ich sagen, aber so viel seh ich auch bei der Gelegenheit, da es keine einem
nachtrgt, wenn man sie einmal hat kssen wollen.
    So, du Lmple, was mu ich hren? Ist's beim Wollen blieben? Hat sie dich
heien um ein Haus weiter gehen?
    Ich hab mir nicht Mh gnug geben. Aber was denkt der Amtmann? Getraut sich
der, frstliche Resolutionen zu unterschlagen? Da steckt gewi die Frau
Sonnenwirtin mit unter der Decke. Ich mcht nur wissen, ob mein Vater etwas
davon wei.
    Ja, ja, sagte Jerg vergngt, man spricht 's ganz Jahr von der Kirbe
(Kirchweih), endlich ist sie. Er ging und lie die beiden allein.
    Wenn ich gestern gewut htt, was ich heut wei߫, sagte Friedrich, so htt
mein Vater seinen Dinkel und Haber noch. Jetzt darf ich mein Mtterlich's
fordern und brauch dich keine Not mehr leiden zu lassen. Wiewohl, ich will's ihm
bei Heller und Pfennig zahlen. Aber htt'st dein Geheul auch noch ein paar Tag
unterwegs lassen knnen.
    Wenn man eben alles wt, dann wr man reich, versetzte Christine.
    Und htt ich's nur eine Stund frher gewut, fuhr er fort, dann htt ich
den Handel mit dem Christle nicht gemacht.
    Was hast denn mit dem gehandelt?
    Meine Bchs will ich wieder von ihm zurckkaufen. Um deinetwillen hab ich
sie von mir getan, und um deinetwillen nehm ich sie wieder an mich. Es ist auch
so noch immer mglich, da ich sie einmal brauch, um Weib und Kind zu verhalten.
Doch ist's nur fr den uersten Fall, und besser wr's, ich htt sie ihm noch
gelassen, denn so ein Teufelshirsch kann einen bis ins Zuchthaus fhren.
    La du das Wildern sein, sagte Christine, und denk auf andere Weg, wie du
Weib und Kind ernhren willst. Wiewohl, es geht nicht immer so schlimm aus. Hab
ich dir's nie von unsrem Haus erzhlt? Es ist ein altes Sagen in unserer
Familie, ich hab meinen Vater schon davon reden hren, da sein Urururgrovater
ein arger Wilderer gewesen sei. Den hat der Herzog gefangen und hat ihn wollen
auf einen Hirsch schmieden lassen, hat sich aber anders besonnen, wie er schon
halb angeschmiedet gewesen ist, und hat ihn begnadigt, weil ihm seine Antworten
so gefallen haben, hat ihm auch das Haus da baut und ihn hergesetzt, um den
Wilderern aufzupassen, weil ihm alle ihre Schlich und Weg wohlbekannt gewesen
sind. Nach ihm ist sein Sohn auf dem Haus gesessen, und dann wieder dessen Sohn,
und so immer fort, so da das Haus seit Urgedenken unsrer Familie angehrt. Sie
hat sogar dem Herzog eine besondere Steuer draus zahlen mssen, die erst unter
meinem Vater in Abgang kommen ist.
    So? sagte Friedrich. Da kommt wahrscheinlich auch der Nam Hirschbauer
her?
    Mag sein, ich wei nicht, erwiderte sie.
    Jetzt aber la uns drauf denken, wie wir unser Haus bauen.
Majorennittserklrung, Proklamation, Kopulation, das mu wie Blitz und Donner
aufeinander gehen. Voran, voran, eh's der Teufel erfhrt und Unsamen streut!

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Gleich noch am nmlichen Abend ging Christine in das Pfarrhaus, um im Auftrag
ihres Verlobten, der auf sie wartete, den Herrn Pfarrer zu bitten, da er sie am
nchsten Sonntag proklamieren mge. Sie kam aber bald wieder zurck und
erzhlte, der Pfarrer habe gesagt, er wisse nichts von Majorennisation und
Regierungsresolutionen, sei auch nicht verpflichtet, den Amtmann zu fragen, ob
etwas Derartiges eingelaufen sei; so knnte ihm jeder kommen.
    Gleich morgen gehst zum Amtmann, sagte Friedrich, denn jetzt ist er auf
der Jagd. Es ist besser, du gehst, weil er mir gesagt hat, ich soll nicht
ungeboten vor ihn kommen.
    Ja, sagte sie, und wenn du kmst, knnt's leicht Hupeleien geben, weil
du so strobelig bist. Wir mssen jetzt trachten, da wir vollends im Frieden
durchkommen. Lieber geh ich, ich frcht mich nicht mehr so vor den Herren. Aber
was soll ich denn dem Amtmann sagen, woher wir wissen, da die Resolution da
ist? Die Kathrine drfen wir nicht verraten, die ist unser guter Engel.
    Sagst, ich wiss es von Stuttgart her, da die Resolution vor einigen Wochen
schon abgangen sei. Gib acht, das wird ihm F machen.
    Das ist der Red noch einmal wert, rief Christine und lachte; jetzt meint
er, du habest ihn verklagt, und kriegt Angst.
    La ihn nur nicht schlupfen, weder links noch rechts, sagte er. Bekennen
mu er. Morgen ist Samstag, und am Sonntag mssen wir das erstmal proklamiert
sein.
    Mit lachendem Munde kam Christine den andern Morgen aus dem Amthause. Ich
htt nicht glaubt, sagte sie, da so ein rundes Gesicht so in die Lnge gehen
knnt. Sieh, so lang ist's worden, wie ich mein Sprchlein aufgesagt hab. Er hat
sich dann aber gleich gefat und hat gesagt, die Resolution sei allerdings da,
und er wrd sie dir schon noch erffnet haben, es sei ja nichts Pressantes.
    So, nichts Pressantes? Ich wollt, das Wasser ging ihm einmal bis an Hals,
und ich stnd dabei und knnt sagen: 's pressiert gar nicht, Herr Amtmann, mit
Ihrem Wohlnehmen.
    Es hat ihm aber doch rechtschaffen pressiert, fuhr sie fort. Sieh, da ist
die Schrift, die soll ich dem Pfarrer bringen, da es mit dem Proklamieren
weiter kein' Anstand hab.
    Lauf, Christinele, lauf tapfer! Du arm's Weib du, mut dich halbtot
springen um unsere Heirat, und trgst doch den Ehkontrakt mit Brief und Siegel
an dir.
    Ich wollt, du mtest ihn tragen, maulte sie, damit du auch wtest, wie
das beschwerlich ist.
    Halt's der Pfarrer auch nicht fr pressant? fragte er, als sie wiederkam.
    Er hat gesagt, es sei eine Snd von dir, da du deinem Vater nicht
gehorchest, und er sag mir's ins Gesicht, da so eine ungleiche Heirat eine
rechte Dummheit sei und auch ein bs End nehmen werd, aber er hab jetzt sein
Gewissen salviert und uns gewarnt; morgen werd er uns proklamieren.
    Er soll uns ausrufen und einsegnen, nachher mag er schwtzen, soviel er
will. Jetzt ist's gewonnen.
    Als er von ihr wegging, begegnete er seiner Schwester Magdalene, die eben
ber die Gasse ging. Du, sagte er seelenvergngt, morgen werd ich von der
Kanzel runtergeschmissen. Du gehst doch auch in die Kirch?
    Ach Gott, ist's so weit? rief sie. Ja, wenn ich kann, will ich gehen.
    Knnen! sagte er, ich hab noch nie gehrt, da die Weibsleut nicht in die
Kirch gehen knnen, sonderlich, wenn's Neuigkeiten drin gibt.
    Wei 's denn der Vater schon? fragte sie. Grad will ich zu ihm.
    Er erfhrt's jetzt gleich. Wir haben einen Weg.
    So, du bist also jetzt majorenn, und ich hab dir nichts mehr zu befehlen?
sagte der Sonnenwirt, als sein Sohn ihm die Neuigkeit angekndigt hatte. Nun,
jetzt kannst du freilich tun, was du willst, aber ich bin jetzt auch nicht mehr
verantwortlich dafr.
    Vater, sagte die Chirurgin, der Bruder fragt, ob ich morgen in die Kirch
geh. Gehet Ihr?
    Es wr schon not, da man fr ihn beten tt, sagte die Sonnenwirtin, die
sich der Antwort bemchtigte; aber ich sorg nur, die Leut knnten's so ansehen,
als ob wir unsre Billigung dazu gben, und der Vater wlzt ja selber alle
Verantwortung von sich ab.
    Ich sag nicht, du sollest daheim bleiben, antwortete der Sonnenwirt seiner
Tochter, und dein Mann kann's dir auch nicht verbieten, in die Kirch zu gehen.
Auch wr's christlich, wenn's einmal sein soll, da wenigstens eins von der
Familie dabei wr.
    Aber ich kann mich nicht dazu entschlieen, ich tt mich ja selber aufs Maul
schlagen.
    Aus Christenpflicht ging ich auch gern dazu, nahm wieder die Sonnenwirtin
das Wort, aber ich knnt's nicht prstieren, den Blicken so ausgesetzt zu sein,
denn natrlich, die ganz Gemeind guckt uns an, wenn wir gegenwrtig sind. Ich
wei nicht, mit was ich die Straf verdient haben sollt, ich hab mich nicht
vergangen.
    Das ist wahr, seufzte die Chirurgin, ich knnt die Augen nicht auftun und
tt's doch spren, wie ich die Zielscheib wr, und alle Andacht wr mir
verdorben.
    Die Tre ging auf, und der Krmer trat mit seiner Frau herein. Ich mu um
Entschuldigung bitten, sagte er, da ich in meinen Hauspantoffeln komm, aber
es lt mir keine Ruh. Wei's denn der Herr Vater schon? Es ist im ganzen
Flecken herum, da der Schwager morgen mit seiner Jungfer Christine proklamiert
werd. Ist's denn wahr? Was, und die Familie erfhrt so was zuletzt?
    Das wird aber morgen ein Geluf sein! rief die Krmerin. Mein Mann, der
los Vogel, hat gesagt, wir knnten einen hbschen Profit machen, wenn wir unsern
Kirchenstuhl vermieten tten. Gebt acht, morgen gibt's am heiligen Ort Hndel,
denn's fehlt an Platz.
    Wir reden eben davon, ob wir auch gehen sollen, sagte die Sonnenwirtin,
aber die Chirurgussin und ich, wir meinen, wir knnten's nicht aushalten, wenn
einen alles so ansieht.
    Herr meine Snd! schrie die Krmerin. Ich wei nicht, was mir fr ein
Unglck passieren knnt, wenn alles um mich rum druckt und guckt und murmelt! Da
knnt mich ja was ankommen, wovon man in Ebersbach noch nach hundert Jahr reden
tt.
    Schad ist's aber doch, wenn wir drum kommen, sagte der Krmer. So ein
Paar sieht man nicht alle Tag. Er ist so mager und sie so dick.
    Sie wird mich schon pflegen, da ich wieder zu Krften komm, versetzte
Friedrich, der alle diese Stiche mannhaft verbi. Doch war er froh, sich mit
einem Scherzwort loskaufen zu knnen, und beurlaubte sich von der Familie, ohne
die Bitte, die er an ein sonst geliebtes Mitglied derselben gerichtet hatte, bei
den andern zu wiederholen.
    Er brachte den Rest des Tages bei seiner Braut und den Ihrigen zu, wo es
ungeachtet des Mangels und der Ungewissen Aussicht in die Zukunft sehr heiter
zuging. Der Hirschbauer sprach an diesem Tage zum erstenmal wieder seit langer
Zeit und konnte aufrecht im Bette sitzen. Aus jedem Worte aber, das der
Brutigam redete, gab sich das befriedigte Selbstgefhl zu vernehmen. Er konnte
jetzt seinem Mdchen und ihrer Familie Wort halten.
    Als er abends heimkam, nahm ihn sein Vater auf die Seite. La mit dir
reden, sagte er. Jetzt hast du alles noch in der Hand. Ein Wort beim Pfarrer,
und die Proklamation unterbleibt. Ich will dir was sagen: wenn du zurcktrittst,
so soll dein Diebstahl ungeschehen und begraben sein. Bis jetzt ist nicht davon
geschnauft worden, das hab ich in der Hand.
    Schwtzet doch nicht immer von Diebstahl, sagte Friedrich. Was ich aus
meinem Mtterlichen ersetzen kann, das ist mein'twegen genommen, aber nicht
gestohlen.
    Wie meinst du, da man's vor Amt ansehen werd?
    Wei ich das? Ich hab das Gesetz nicht gemacht, und Ihr auch nicht.
    Du hast's, scheint's, vergessen, wohin dich dein Husarengriff gefhrt hat.
    Nein, ich wei noch recht gut, da man mir damals erffnet hat, das
Einsacken knnt man vielleicht meiner Jugend und Unverstand nachsehen, aber nach
einem alten Reskript - ich wei nicht mehr, die Jahreszahl ist noch aus dem
vorigen Jahrhundert gewesen - sollen ungeratene, unartige Kinder, bei denen der
Eltern Zucht nicht anschlage, in Sprengen und eisernen Banden zu ffentlichen
Arbeiten angehalten werden, und sonach sei das Zuchthaus eigentlich eine
Begnadigung fr mich. Wenn Ihr es also meint, so knnt Ihr mich beim Amtmann und
Vogt verklagen, wie Ihr mich beim Kirchenkonvent verklagt habt. - Du schreckst
mich nicht, dachte er bei diesen Worten, mit festem; Auge den unsichern Blick
seines Vaters festhaltend.
    Sind das artige Kinder, fragte dieser, die ihren Eltern das Korn im Sack
aus dem Haus tragen?
    Wisset Ihr nicht, Vater? der Crispinus hat Leder gestohlen, um den Armen
Schuh draus zu machen, und hat's doch zum Heiligen gebracht, wiewohl er's, glaub
ich, sogar bei Fremden gestohlen hat.
    Wir sind lutherisch. Da gelten keine solche Sp.
    Nun, so machet doch endlich Ernst und bringet mich ins Zuchthaus. Dann mu
eben die Hochzeit aufgeschoben werden, bis ich wieder rauskomm.
    Ich sag noch einmal, tritt zurck, so lang's noch Zeit ist.
    Nein, eher will ich mich stocken und blocken lassen. Entweder setzt mich
ins Zuchthaus, wenn Ihr nichts Besseres wisset, oder gebet mir mein Mtterlich's
heraus, damit die Sach auf ein oder die ander Art endlich in Ordnung kommt.
    Zu deinem Hochzeitstag kannst's haben, wenn du von deinem Tugendspiegel
nicht lassen willst, und kannst dann gleich auch Tauf davon halten. Ich mcht
nur auch wissen, was du an ihr find'st. Ich will nicht weiter mit dir streiten,
ob du dich mit dem Crispinus vergleichen kannst, aber wenn du das sein willst,
so sag nur selber, was du von deiner Crispina hltst, die sich gestohlene Sachen
zutragen lt; denn das leid't kein Zweifel, da machst mir nichts wei.
    Angenommen, es sei so, wisset Ihr denn, ob sie's wei, woher ich's hab?
    Sie wird wohl denken, es sei dir in der Hand gewachsen?
    Vater, wenn sie reich war, so mcht sie tun, was sie wollt, Ihr wrdet
anders von ihr denken. Jetzt ist sie einmal mein, und das Kind, das sie unterm
Herzen trgt, ist mein Kind und mu zu seiner Mutter einen Vater haben, wie ich
zu meinem Vater eine Mutter haben sollt.
    So renn in dein Verderben, wenn du nicht anders willst, sagte der Alte,
nahm das Licht und ging in seine Kammer.

                                       25


Richtig, das mu man sagen, hatte die Krmerin prophezeit. Nie war seit Jahren
in dem doch so christlich gesinnten Flecken die Kirche so gefllt gewesen wie an
dem Sonntag, an welchem Friedrich mit Christinen proklamiert wurde. Auer den
Kranken und Gebrechlichen blieb niemand zurck, von den Gesunden fehlte nur die
Familie des Sonnenwirts. Der alte Hirschbauer hatte alle die Seinigen in die
Kirche geschickt: die Mucken werden mich derweil nicht fressen, hatte er
gesagt. Selbst der kleine Wollkopf hatte in dem Weiberstande neben seiner Mutter
und Schwester Platz gefunden und hrte andchtig der Predigt zu. Wohl gab es ein
Zischeln und Murmeln, und alles steckte die Kpfe zusammen, als der Pfarrer vor
dem Segen die Verlesung der Paare, die in den heiligen Stand der Ehe treten
wollten, begann, aber Friedrich blickte mutig nach der Kanzel und zugleich
aufmerksam, ob der Pfarrer in seiner Verkndigung nicht vielleicht irgendein
Zeichen seiner Abgunst einflieen lassen werde. Es geschah jedoch nichts
dergleichen, und er konnte es hchstens auffallend finden, da der Pfarrer unter
den zu verkndigenden Paaren ihm und seiner Braut die letzte Stelle angewiesen
hatte; diese Ordnung konnte aber der Reihenfolge der Anmeldung entsprechen,
somit eine zufllige sein. Der Pfarrer erteilte den Proklamierten und der
Gemeinde den kirchlichen Segen, und Orgel und Choral beschlossen den
Gottesdienst.
    Beim Herausgehen aus der Kirche stie Friedrich auf den Invaliden. Was, Ihr
seid auch in der Kirch gewesen, Profos? Htt nicht geglaubt, Eure mrbe Knochen
tten Euch so weit tragen. Aber 's ist mir eine Freud und eine Ehr. Nur
wundert's mich, denn Ihr habt ja auch Mus dagegen gehabt.
    Es bleibt dabei, da Er nicht recht gescheit ist, sagte der Invalide.
Aber zu Seiner Hochzeit soll nichtsdestoweniger meine alte Lise krachen.
    Friedrich drckte ihm die Hand und begab sich zu den Seinigen, die vor der
Kirchentr warteten. Er fhrte seine Braut am Arme, reichte dem kleinen Buben
die andere Hand, und die neue Familie setzte sich, die Mutter und beide Shne
voraus, das Brautpaar hinter ihnen, in Bewegung. Wer von der Gemeinde den
gleichen Weg hatte, ging spttisch lchelnd an ihnen vorbei: auch konnten sie
allerlei Bemerkungen hren. Doch schienen die Leute wenigstens das in der
Ordnung zu finden, da das Paar sich heute am Arme fhrte; da er, ohne gltig
verlobt zu sein, Arm in Arm mit ihr durch den Flecken zu der
Kirchenkonventsverhandlung gegangen war, hatte bei der herrschenden Sitte noch
greren Ansto gefunden als ihre vorzeitige Mutterschaft.
    So langsam sie wegen dieses Zustandes gingen, so gingen doch zwei von den
andern proklamierten Paaren noch langsamer hinter ihnen drein, um sich ber sie
lustig zu machen. Das ist ein Schwanenpaar! sagte der eine Brutigam. Im
Ludwigsburger Schlogarten, im See, hab ich auch einmal eins gesehen, die sind
grad so gewesen, nur anders, suberer.
    Die da sind wei wie ein Ofenloch, sagte seine Braut.
    Es gibt auch schwarze, fuhr der Brutigam fort. Ich hab's einmal von
einem Reisenden gehrt, dem ich den Weg auf den Staufen hab zeigen mssen. Ist
ein kurioser Herr gewesen und hat viel Kauderwelsch durcheinander geschwtzt.
Sie seien aber eine groe Raritt, hat er gesagt.
    Es wird gut fr den Flecken sein, bemerkte die Braut, wenn die da
gleichfalls eine Raritt bleiben.
    Kann denn der Schwan auf trockenem Boden laufen? fragte der andere
Brutigam.
    Freilich, versetzte der erste, aber es macht ihm Mh, er wackelt schier
gar so schwer daher, wie die da. Er deutete auf Christinen, und alle vier
brachen in ein rohes Gelchter aus.
    Friedrich machte seine Arme los und kehrte sich um. Ihr Spitzruten, sagte
er, ist ein Ehrentag ein Tag zum Gassenlaufen? Aber gut, wenn ihr's nicht
anders haben wollet, so mget ihr's haben. Du Michel, grner Tralle, wandte er
sich an den einen, du bist so dumm, da man Riegelwnd mit dir nausstoen knnt
und da dein Mdle zu dir hat in die Scheuer kommen mssen, statt du zu ihr,
aber wenn man euch erwischt htte, so htt's noch eine ganz andere
Konventsverhandlung geben als bei uns. Verstanden? Und du, Lorenz, sagte er zu
dem andern, du spitziger Gscheidle, so pfiffig du bist, so wei ich doch, da
du dich in Zebed drben hast nachts von den ledigen Buben mssen in Brunnentrog
tunken lassen, zur Abkhlung, wie sie gemeint haben, jedoch ohne alle Not, denn
an dir ist nichts Hitzig's als dein Geiz, der dich verfhrt hat, vom Herrn
Vikarius drben, dem reichen Prlatensohn, sein aushraucht's Spielzeug um ein
Draufgeld einzuhandeln, nachdem dein voriger Schatz gestorben ist, man wei
nicht einmal recht an was. Ich will's an dem gnug sein lassen, denn ich seh, da
eure Brut rot worden sind, und 's wr gut, sie tten sich der Heuchelei und
Splitterrichterei noch mehr schmen als der Sund. Euch zwei Lumpen aber htt ich
gute Lust, ber einen wackern Stecken tanzen zu lassen, wenn ich heut nicht so
vergngt wr. Wiewohl, ihr brauchet mir nicht viel gute Wort zu geben, wenn ich
euch soll den Gefallen tun.
    Die Hirschbuerin, die mit ihren Shnen etwas vorausgegangen war, kam eilig
zurck, um abzuwehren; aber weder ihre Ermahnung, noch das vielleicht krftigere
Einschreiten der beiden Shne war vonnten, denn die Getroffenen zogen
muschenstille ab und wagten erst in weiter Entfernung wieder zu schimpfen und
zu spotten.
    Friedrich aber sagte zu seiner Braut: Christine, bleib standhaft und mach
mir kein' Streich. Du kannst mein'twegen Hochzeit und Kindbett am gleichen Tag
halten, aber nur fein nacheinander, damit nicht ein Segen zu frh kommt und der
ander zu spt.
    Sei doch ruhig, erwiderte sie, das hat keine Not.
    Der Kuckuck hat's gesehen, fuhr er fort, da man sich dreimal
proklamieren lassen mu. Gleich das erst'mal sollt man von der Kanzel vor den
Altar kommen, damit einem die Welt keinen Prgel mehr in den Weg werfen knnt.
    Das wr doch nicht gut, meinte Christine dagegen. Da knnt ja kein arm's
Mdle mehr Einspruch tun, wenn ihr Schatz sie sitzen lie und lie sich mit
einer andern zusammengeben.
    Ist auch wahr, sagte er. Um der Untreu der Menschen willen mssen die
Treuen mitleiden. brigens mcht ich nichts mehr von einem, der mich einmal
verkauft und verraten htt, und was den Einspruch betrifft, so wird eine Arme
wunderselten dadurch ihr Recht erlangen, weil gleich alles zusammenhilft, da
sie geschweigt wird.
    Darum ist's eben das best, wenn man sich aufeinander verlassen kann, sagte
Christine, dann sind die drei Wochen Aufschub auch nicht zu lang.
    Gott geb's, erwiderte er, aber ich wollt, sie wren vorbei.
    Die zweite Proklamation, die am nchstfolgenden Sonntage stattfand, machte
schon nicht mehr so viel Aufsehen wie die erste; denn die Menschen fgen sich in
vieles, und manche neue Erscheinung, die sie im ersten Augenblick mit
Keulenschlgen empfingen, ist ihnen im Lauf der Zeiten vertraut und befreundet
oder, oft richtiger gesagt, zur Gewohnheit geworden.
    An diesem Tage begehrte Friedrich von seinem Vater eine Unterredung, die er
die ganze Woche schchtern aufgeschoben hatte. Er stellte ihm vor, da es jetzt
hchste Zeit sei, an die Einrichtung eines kleinen Hauswesens zu denken, und da
er zu diesem Zwecke sein mtterliches Vermgen heraushaben msse.
    Nun, nun, sagte der Alte, es hat ja noch Zeit. Ich seh berhaupt nicht
ein, wozu du so viel Geld brauchst. Du hast ja selbst gesagt, du wollest froh
sein, wenn du mir als Knecht dienen drfest.
    Ich bin's zufrieden, entgegnete der Sohn, aber ich mu doch wenigstens
eine Stube haben, wo ich mit meinem Weib drin wohnen kann.
    Als Knecht kannst du bei mir wohnen wie bisher.
    Ja, wollt Ihr denn mein Weib auch zu Euch ins Haus nehmen? fragte der Sohn
mit einem Freudenschimmer in den Augen.
    Das kommt noch aufs Wohlverhalten an, antwortete der Vater mit einem
spttischen Blick. Am End wr's freilich das best, ich nhm euch beide unter
Aufsicht; ihr knntet's vielleicht brauchen.
    Der Alte ging seinen huslichen Verrichtungennach, ohne sich zu einer
bestimmten Erklrung bringen zu lassen. Ein paar weitere Versuche seines Sohnes
liefen ebenso ab, und er erhielt nichts als ausweichende, rtselnde, stichelnde
Antworten, wobei der Alte jedesmal ein Geschft oder einen Besuch zu bentzen
wute, um das Gesprch abzubrechen. Friedrich verging beinahe vor Unmut und
Ungeduld, aber er hatte Christinen versprechen mssen, diese letzten Tage der
Prfung vollends in Ruhe auszuharren. - Sieh, ich hab Eselsgeduld, sagte er
oft zu ihr.
    Unterdessen war die Sonnenwirtin nicht mig gewesen, im Wege der Gunst wie
des Hasses auf ihre Gnnerin, die Amtmnnin, und durch diese auf den Amtmann
einzuwirken. Es wre ja doch schrecklich, sagte sie, wenn so ein
eigensinniger, gewaltttiger Trotzkopf vernnftige Leute abzwingen knnte. Der
Amtmann, der sich gleichfalls von ihm berrumpelt sah, hatte, nachdem die erste
kirchliche Handlung durchgesetzt war, doppelte Lust gewonnen, die Heirat doch
noch am Ziele zu hintertreiben. Er schalt auf die Regierung, welche viel zu
liberal sei und das junge Volk, wenn es nur brav Dispensgelder bezahle, ins
Blaue hinein heiraten und den Gemeinden zur Last fallen lasse; brigens, meinte
er, der Sonnenwirt brauche nur den Taugenichts aus dem Hause zu jagen und jede
Verbindung mit ihm abzubrechen, dann habe er allen Boden unter den Fen
verloren, und wenn ihn die Regierung zehnmal fr volljhrig erklre, so nehme
ihn eben die Gemeinde nicht an. Dafr la Sie nur mich sorgen, Frau
Sonnenwirtin.
    Wenn nur mein Mann nicht so schwach war! erwiderte die Sonnenwirtin
hierauf. Er will sich's nicht nachsagen lassen, da er seinen Sohn, der ihm als
Knecht zu dienen erbtig ist, von sich gestoen hab, und doch krnkt's ihn auch
wieder, da er ihm sein Mtterlich's hinauszahlen soll, denn die Zeiten sind
eben gar schwer. Die Eve Marget und die Magdalene haben ihren Anteil auch
stehenlassen mssen, mit Vorbehalt, da sie nachher am Vater mehr erben sollen.
Nun besorgt er, wenn der Bruder sein Sach ganz rauskriegt und auf einmal, so
knnten die Schwestern auch rebellisch werden. Er glaubt, er hab eigentlich die
Nutznieung davon sein Leben lang, aber er wei nicht gewi, ob man sie ihm
nicht vielleicht strittig knnt machen.
    Jedenfalls, bemerkte der Amtmann, liee sich dieser Streit in die Lnge
ziehen, ich sehe jedoch nicht ein, zu was das in der Hauptsache fhren sollte,
denn wenn der Sonnenwirt seinem ungeratenen Sohne die Existenz garantiert, so
kann ihn niemand am Heiraten hindern. brigens will ich mir die ganze Sachlage
noch einmal in Revision nehmen und sehen, ob noch etwas zu machen ist.
    Unter solchen Beratungen war die zweite Proklamation vorbergegangen, und
der Vorteil des unabnderlichen Laufes der Dinge schien ganz auf Friedrichs
Seite zu sein, als der Amtmann die Sonnenwirtin rufen lie. Gratuliere, Frau
Sonnenwirtin, sagte er, zur leibeigenen Schnur!
    Was? leibeigen? rief die Sonnenwirtin. Und davon hat das schlecht
Gesindel gar nichts gesagt? Das hebt ja alle Verpflichtungen auf!
    Vielleicht haben sie es selbst nicht mehr recht gewut, sagte der Amtmann,
denn die Sache ist etwas in Vergessenheit geraten. Tatsache aber ist es, da
der Hans Jerg Mller und die Seinigen zu gndigster Herrschaft im Verhltnis der
Leibeigenschaft stehen.
    Dann, rief die Sonnenwirtin mit einem Strahl von Hoffnung, ist's doch
mglich, da der stolz Bub sein Kopf noch ndert. Eine Leibeigene wird er nicht
zur Frau haben wollen.
    Diese Verhltnisse lieen sich ja mit Geld abkaufen, bemerkte der Amtmann,
denn dazu ist gndigste Herrschaft stets geneigt. Ohnehin bestund es, in
neuerer Zeit wenigstens, aber schon seit lange, in einer jhrlichen Geldabgabe.
Frher mgen schwerere krperliche Leistungen erfordert worden sein: da es mich
nicht interessiert hat, so habe ich auch nicht nachgeschlagen. Die prstierende
Abgabe wurde dem Hans Jerg Mller schon vor geraumer Zeit ob summam paupertatem,
wie er ja auch schon von der Gemeinde ex pio corpore Untersttzung genossen hat,
auf sein untertnigstes Ansuchen nachgesehen, daher es leicht mglich, da er
sich der Verhltnisse selbst nicht klar erinnert. Das einfltige Volk wei ja
niemals, wie es dran ist, noch auf welchen Fen es steht: die Beamten mssen es
ihm sagen, was es zu leisten schuldig ist, und mssen ihm zur Not noch
Bittschriften machen, wenn es einige Linderung seiner Lage erzielen mchte. So
habe ich auch diesem die betreffende Supplik aufgesetzt, um ihm das Geld zu
ersparen, das er einem Advokaten fr die Schrift htte geben mssen, und ihn vor
den Entenmaiern zu bewahren, den Winkeladvokaten, die der Leute Verderben sind.
Es ist recht undankbar von dem alten Habenichts, da er, indirekt wenigstens,
Ihren Stiefsohn in dessen Unfug und bler Auffhrung steift; aber auf Dank darf
man ja bei diesem Volke nicht rechnen. Ich selbst mu freilich von mir auch
gestehen, da ich die Sache bei mir mit den Jahren habe in Vergessenheit kommen
lassen; derlei verwickelte Materien tauchen einem allemal erst wieder auf, wenn
man die Akten nachschlgt. Summa Summarum ist jedoch soviel gewi: der
sogenannte Hirschbauer ist nebst seinen Deszendenten leibeigen, und zwar haftet
die Leibeigenschaft auf dem Haus. Ob nun, wie es bei diesem Volke nicht
ungewhnlich, die Vererbung des Besitzes samt der darauf haftenden Last seit
Generationen direkt vom Vater auf den Sohn stattgefunden hat, ob dabei Tchter
hinausgegeben worden sind und ob selbige durch die bloe Emanzipation vom
vterlichen Herde infolge des eingegangenen matrimonii - wobei sie ja blo den
Herren wechseln, wie der Frau Sonnenwirtin selbst wissend sein wird, ha, ha! -
ob sie schon hiedurch auch von der Leibeigenschaft emanzipieret sind oder ob sie
erst noch specialiter mit Gelde abgelset werden mssen, ja, darber knnte man
einen langen Proze fhren, und wehe dem, der die Kosten davon zu bezahlen
htte. Fr mich ist jedenfalls so viel klar, da, wenn auch die frstliche
Regierung diesem jungen Menschen die Majorennitt und die Heiratserlaubnis
gndigst bewilligt hat, ich, im frstlichen Interesse selbst, vorderhand auf der
baren Leibeigenschaftsablsung seiner, wenn auch proklamierten, doch immer nur
erst prtendierten sponsa bestehen mu, mu demnach namens gndigster Herrschaft
sowohl, als auch seitens dieser Kommune, deren Gericht und Rat ich mit
tunlichster Befrderung des nheren instruieren werde, beharren, da ein
gltiger Ehevollzug des Johann Friedrich Schwanen mit der Christina Mllerin
nicht eher ins Werk gerichtet werden kann, als bis und bevor gedachter
Ablsungsschilling entweder in barem erlegt oder eine durchaus satisfazierende
Kaution dafr geleistet ist; wobei, bewegender Grnde halber, berhaupt zu
erfordern sein drfte, da sotane Kaution sich auf den gesamten Nahrungsstand
des Nupturienten zu erstrecken habe, denn wenn auch, aus Rcksicht auf die
besonderen Verhltnisse und die bei Gericht und Amt notorische Vermglichkeit
des Sonnenwirts, hievon Umgang genommen werden knnte, falls er seinem Sohne zur
Seite zu stehen gesonnen ist, so mu doch im vorhandenen Zweifelsfall fr den
Nupturienten, unerachtet er ein hiesiger Brgerssohn, gengende Sicherheit
verlangt werden, da er erstlich seine ihm von gndigster Herrschaft
auferlegende praestationes richtig zu erfllen imstande sei, und zweitens, da
er, wo ihn sein Vater eventualiter auer Brot setzen sollte, gemeinem Flecken
nicht mit einem penurisen und armutseligen Hausstande, mit Ansprchen an das
pium corpus und endlich gar mit einem Heere von mangelhaften Kindern, die um
Brot und Kleidung schreien und deren wir hier schon genug und bergenug haben,
nicht wissend, wo sie unterzubringen, beschwerlich fallen werde.
    Der Amtmann wischte sich den Schwei von der Stirne; seine
Auseinandersetzung schien ihn etwas angegriffen zu haben. Doch lchelte er
zufrieden, denn der Vortrag war nunmehr hinlnglich zu Faden geschlagen, um mit
der ntigen Gelufigkeit vor dem Magistrat gehalten werden zu knnen. Die
Sonnenwirtin hatte zwar, trotz der Andacht, mit der sie der Rede zugehrt, schon
der eingestreuten lateinischen Brocken wegen, sehr viel davon nicht verstanden;
doch begriff sie vollkommen, da der Heirat ihres Stiefsohnes noch ein Riegel
vorgeschoben werden knne. Sie lie sich ber die beiden Hauptpunkte, auf die es
ankam, noch einmal belehren und verlie das Amthaus in vollem Triumphe, nachdem
sie es bernommen hatte, ihrem Manne und ihrem Sohne die amtliche Erffnung,
welche der erstere sich zu holen aufgefordert wurde, im voraus mitzuteilen.
Ihren Stiefsohn, rief ihr der Amtmann nach, lasse Sie mir nur aus dem Haus,
mein alter Anwalt sagt immer von ihm, und mit Recht, er fhre eben ein des
Geschwtz, das gar keine Heimat habe.
    Aus dem Munde der Stiefmutter erfuhr denn Friedrich, welches neue Gewitter
gegen ihn heraufbeschworen worden war. Zuerst nahm er die Nachricht, da
Christine leibeigen sei, mit Gleichmut auf und erklrte, dies ndere nichts in
seinen Gesinnungen; als er vollends hrte, da diese Abhngigkeit mit Geld
gelst werden knne, machte er sich gar keine Sorge mehr; aber er war wie aus
den Wolken gefallen, als er sehen mute, wie sein Vater die Sache nahm.
    Was! rief der Sonnenwirt, ich soll Brgschaft stellen fr die Bezahlung
einer Abgab, die mich mit Haut und Haar nichts angeht? Ich bin froh, wenn ich
meine eigene Schuldigkeit abgetragen hab, bin hoch genug besteuert, kann mich
nicht auch noch um anderer Leut ihre Abgaben annehmen.
    Vater, sagte Friedrich, den diese uerung zuerst nur rgerte, ich glaub,
Ihr werdet altersschwach. Es handelt sich ja gar nicht drum, da Ihr vom Eurigen
etwas zahlen sollet. Gebt mir mein Mtterlich's heraus, dann leg ich das Geld
dem Amtmann selber hin.
    Du tust immer, als ob du von deinem Mtterlichen die halb Welt kaufen
knntest, und hast doch schon genug davon vertan. Du wirst dich wundern, wenn
ich einmal mit dir abrechne.
    Nun, so rechnet ab, und wenn Ihr so viel Zeit brauchet, bis Ihr wisset, was
Ihr alles in die Rechnung schreiben wollet, so msset Ihr eben derweil die
Brgschaft leisten.
    Ich nicht. Das Sprichwort sagt: den Brgen soll man wrgen. Und wie kann
man denn von mir verlangen, da ich noch einen weiteren Revers ausstellen soll
von wegen deines Fortkommens? Ich hab dir zwar wohl versprochen, da ich dich
bei mir behalten will, und ich will auch dabei bleiben, wenn du dich hltst,
wie's recht ist, nmlich besser als bisher. Aber Hand und Fu will ich mir durch
einen Revers nicht binden lassen, denn sonst wrest ja du der Herr, und ich mt
mir zeitlebens gefallen lassen, was dir anstndig wr. Nein, der Sklav in meinem
eigenen Haus will ich. nimmermehr werden.
    Friedrich legte den Kopf eine Weile auf beide Hnde, die er auf dem Tische
liegen hatte. Als er das Gesicht wieder erhob, war alle Farbe daraus gewichen.
Jetzt seh ich erst, da es eine abgekartete Sach ist, sagte er mit einem Blick
auf die Stiefmutter und verlie die Stube.
    Christine weinte bitterlich ber dieses neue Hindernis. Das ist eine Welt!
sagte der Hirschbauer und kehrte sich nach der Wand. Die Buerin heulte und
schrie, da man arme Leute so unterdrcke, die Shne fluchten, und der kleine
Weikopf, der heute die Welt gar nicht verstand, sa bestrzt und furchtsam in
der Ecke. Friedrich aber glaubte zu bemerken, da der abermals in Zweifel
gestellte Erfolg seiner ehrlichen Bemhungen auf die Wrdigung seiner Absicht
oder wenigstens auf die Schtzung seiner selbst zurckwirke. Die Hirschbuerin
wenigstens schien ihn bereits mit minder gnstigen Augen anzublicken; als sie
ausgeheult hatte, machte sie ein Gesicht und gnnte ihm beim Abschiede kaum ein
Wort. Christine aber nahm ihm wiederholt das Versprechen ab, auch diese Prfung
womglich durch Geduld und Gehorsam zu berwinden.
    Schon die folgenden Tage zeigten ihm, da er sich in seinen Berechnungen
vllig getuscht habe und fr den nchsten Sonntag auf die letzte, besttigende
Proklamation verzichten msse. Er sprach nichts, war in seinen Verrichtungen
fleiiger denn je, aber seine wundgebissenen Lippen, seine mit Blut
unterlaufenen Augen verrieten den Sturm, der in ihm arbeitete. Die Narbe auf
seiner Stirne trat oft blutrot hervor. Die Leute steckten bei diesem Anblick die
Kpfe zusammen und murmelten einander zu, das sei ein Kerl, von dem man sich des
rgsten gewrtigen drfe.

                                       26


Rasselnd und donnernd fuhren eines Vormittags mehrere Jagdequipagen die Strae
herauf. Mitten im vollen Jagen hielt die vorderste vor der Sonne und ntigte
dadurch die andern zu einem ebenso pltzlichen Halt. In der Sonne gab es ein
Rennen und Jagen treppauf und -ab. Der Herzog Karl selbst war es, der in der
ersten Kalesche sa und im raschen Vorbeijagen nach dem Schurwald einen Trunk
vom Besten begehrte. Die Ehre war gro, noch grer aber die Eile, mit welcher
der Befehl ausgefhrt werden mute, denn es war bekannt, da der Herr nicht gern
wartete und weder im Groen noch im Kleinen ein Hindernis seines Willens gelten
lie. Der Sonnenwirt flog daher wie ein Jngling von achtzehn Jahren, und wenig
fehlte, so wre er die Treppe hinabgefallen; doch brachte er den alten
Familienpokal glcklich an den Wagen. Sein Sohn sah vom Fenster aus zu, wie ihn
der Herzog in Empfang nahm und nach einem guten Zuge wieder zurckgab; er sah,
wie der junge Frst gndig, aber immer hastig mit seinem Vater sprach, wie
dieser unter tausend freudigen Bcklingen sich weigerte, die Zeche zu machen,
aber von dem bei dem Herzog im Wagen sitzenden Hofherrn einen mit einem
gebieterischen Wink begleiteten Silbertaler annehmen mute. Neugierig
betrachtete er den von Jugend und Jagdlust strahlenden Landesherrn, dessen
Allmacht ihm die Zahl seiner Jahre voll machen und doch den Wunsch seines
Herzens nicht erfllen konnte: das vornehme, freie Gesicht mit den herrisch
umherschweifenden hellblauen Augen drckte eine machtbewute Sorglosigkeit aus,
welche die Freuden des Lebens in vollen Zgen schlrfte und sich dabei um
keinerlei Bedenken zu kmmern hatte. So mute es wenigstens einem jungen
Menschen erscheinen, dem die Kehrseite solcher Herrlichkeit verborgen blieb.
Nur ein Scherflein von dieser Freiheit und Ungebundenheit! seufzte er: ich
wollt es ja nur dazu benutzen, um an meinem Weib und Kind ein rechtschaffen Werk
zu tun!
    Wer wird denn dastehen und gucken, wenn's alle Hnd voll zu tun gibt! rief
eine Magd, die in die Stube strzte. Die Herren in den andern Kutschen wollen
auch Wein. Fort! im Hausgang drunten stehen schon Butellen g'nug, 's fehlt nur
an Hnden, um sie nauszutragen.
    Er eilte hinunter, ergriff mechanisch ein paar Flaschen und trug sie vor das
Haus, wo sein Vater soeben, trunken vor Glck von dem Wagen des abfahrenden
Herzogs zurcktrat und, bestndig komplimentierend, seinem Sohn rcklings in die
beladenen Arme taumelte. In diesem Augenblick erhob sich ein Angstgeschrei. Das
vordere Pferd am herzoglichen Wagen, durch die neugierig umherwogende Menge oder
vielleicht durch irgendeine mutwillige Untat der lieben Jugend scheu gemacht,
bumte sich so unversehens und heftig, da der Jagdpostillon die Meisterschaft
zu verlieren in Gefahr war und die andern Pferde gleichfalls unruhig wurden. Das
Geschrei der Menschen, besonders aus den hintern Kaleschen, steigerte die
Verwirrung der Tiere, der Postillon schwankte im Sattel, die umstehenden Mnner,
die zufllig keine Helden waren, wichen zurck und versperrten krftigeren
Hnden den Platz, so da nachgerade die Sicherheit des Herzogs an einem Haare
hing. Da lie Friedrich seine Flaschen fallen, da sie klirrend am Boden
zerbrachen, mit einem Sprung hatte er sich des ungebrdigen Rosses bemchtigt,
das ihn auf und nieder schleuderte, endlich aber seiner markigen Hand sich fgen
mute. Als der strkste Widerstand des Tieres gebrochen war, sprang noch ein
Knecht herbei, der es vollends bndigen half, und nun kam alles, was Hnde
hatte, um die berwundene Gefahr noch einmal zu berwinden. Der Herzog,
rgerlich, da seine Allgewalt vor den Augen der Sterblichen einen kleinen
Eintrag erlitten hatte, rief: Hat nichts zu sagen! Vorwrts! Keine Umstnde
weiter! nickte aber im Fortfahren dem jungen Menschen, der ihm diesen Dienst
erwiesen, gndig zu, griff dabei in die Westentasche und warf ihm ein Goldstck
hin, whrend der vordere Postillon, seine wiedergewonnene Haltung mit
verbissenem Grimm behauptend, die Peitsche gegen die herzudrngende Menge aufhob
und der Jagdzug in donnerndem Laufe davonbrauste. Ein Gelchter folgte den
unglcklichen Hofherren, die ber dem Abenteuer ihres Gebieters nichts zu
trinken bekommen hatten und sich ohne Zgern anschlieen muten, um ihren Durst
im Schatten der Wlder oder vielleicht im Blute des Ebers zu khlen. Noch einen
Augenblick, und die ganze stolze Erscheinung war verschwunden, und die Strae
mit den stdtisch groen, aber einfrmig grauen Gebuden sah wieder so
werktglich aus, als ob sich gar nichts zugetragen htte.
    Friedrich war sogleich in das Haus zurckgekehrt, whrend sein Vater noch im
Vollgenu der gehabten Ehre mit den Nachbarn sprach, wobei er nicht unterlie,
sie darauf aufmerksam zu machen, da der Flecken frher eine Post gehabt habe,
von welcher er behauptete, da sie mit der Sonne verbunden gewesen sei.
    Wo hast dein' Goldvogel? fragte er seinen Sohn vergngt, als er mit dem
Knechte heraufkam, um zu Mittag zu essen. Der Johann sagt, es sei ein Goldstck
gewesen, was dir der Herzog zugeworfen hab.
    Ich hab's nicht aufgehoben, antwortete Friedrich.
    Was? Bist von Sinnen? schrie der Sonnenwirt. Ich hab eine Menschen- und
Christenpflicht getan, sagte Friedrich, und dafr la ich mich nicht mit Geld
auszahlen. Zudem wei man wohl, fr was der Herzog die Dukaten in der
Westentasch trgt - frs Weibervolk. Das ist kein Geld fr mich.
    Hast's so brig? fragte der Vater, indem er den Lffel niederlegte, den er
mit dem besten Appetit zu handhaben begonnen hatte. Das Essen wollte ihm nicht
mehr recht schmecken. Du bist mir der Recht zum Obenaussein, setzte er hinzu.
    Dann htt das Geld wenigstens mir gehrt, maulte der Knecht, denn ohne
mein' Beistand kann man nicht wissen, wie das Ding ausgegangen wr.
    Warum hast's nicht genommen? sagte Friedrich. Ich htt's dir nicht
mignnt.
    Such, Johann, such! rief der Sonnenwirt. Aber der Knecht war schon
aufgesprungen, und man hrte ihn die Treppe hinunterpoltern. Nach einer guten
Weile kam er finster zurck und sagte: Ich htt mir's schon denken knnen, da
so was nicht lang liegenbleibt. Wer's aber genommen hat, ist ein Dieb. Der soll
mir kommen. Ich werd's schon rausbringen, wer den gelben Vogel im Kfig hat. Der
Fischerhanne, der ist, glaub ich, am nchsten dabei gestanden. Dem wassergrnen
Spitzbuben werd ich aufpassen.
    Schm dich, Johann, sagte Friedrich, da du dein' Nebenmenschen schlecht
machst, eh du weit, ob er's ist. Der Fischerhanne ist nicht mein Freund und
wird's auch nicht werden, aber ich tt mich doch zweimal besinnen, eh ich ihn
einen Dieb hie ohne allen Grund und Beweis. Und dir hat er nie was zuleid
getan. Esel, warum hast du das Geld nicht gleich aufgehoben?
    Der Knecht sah ihn giftig an und murmelte halblaute Flche in seine Suppe
hinein.
    Das Aufheben wr an dir gewesen, du hochmtiger Herr, sagte der Sonnenwirt
zu seinem Sohne. Du nimmst, wo du nichts anrhren sollt'st, und lt liegen,
was dein ist.
    Friedrich schwieg. Er hatte einem Advokaten in Gppingen geschrieben, ob er
sich nicht seiner annehmen und seine Sache gegen seinen Vater fhren wolle.
Inzwischen gedachte er jeden unntzen Streit mit diesem zu vermeiden und sich,
solange er ihm sein mtterliches Erbe nicht herausgab, als Kind von ihm ernhren
zu lassen, was er ihm durch seine Dienste hinlnglich zu vergelten glaubte; denn
wenn er auch mitunter, von Zorn und berdru ergriffen, in seiner Arbeit
nachlie, so meinte er sich doch das Zeugnis geben zu drfen, da sein Vater mit
Unrecht ber solche Unterbrechungen klage, die im Vergleich mit seinem sonstigen
Flei und Eifer kaum in Rechnung zu bringen seien.
    Der Sonnenwirt schwieg gleichfalls und beschftigte sich wieder mit dem
Essen. Im ganzen hatte er doch keinen Grund, sich den Appetit vergehen zu
lassen. Sein Sohn hatte dem Herzog einen nicht unbedeutenden Dienst geleistet,
der jedenfalls der Sonne zustatten kommen mute. Konnte dieses Ereignis aber
nicht vielleicht auch das Glck des jungen Menschen machen und ihn sogar aus
seiner verkehrten Richtung herausreien? Der Herzog war gegen seine Gewohnheit
weggefahren, ohne eine Wort zu verlieren; denn wenn er auch das Land wenig
schonte, so pflegte er doch den Leuten ein gut Gesicht zu machen und konnte mit
dem Geringsten im Volke freundlich reden. Nach einigen Tagen, auf der Rckfahrt,
oder auf einer spteren Durchreise, falls er diesmal einen andern Rckweg
einschlug, fragte er gewi nach dem Jngling, dessen krftiger Arm ihn vor einer
Gefahr bewahrt hatte, und je kleiner dieser sein Verdienst machte, desto hher
konnte er in der Gunst des Herrn steigen. Posthalter von Ebersbach! Der Alte
konnte diesen Gedanken nicht aus dem Kopfe bringen. Da war aber freilich immer
wieder diese fatale Liebschaft im Wege.
    Whrend der Sonnenwirt solchen Gedanken nachhing und dazwischen wieder dem
Essen zusprach, dachte sein Sohn an nichts, als da morgen der dritte Sonntag
sei, an welchem er htte proklamiert werden sollen, und da heute die Antwort
auf seinen Brief aus Gppingen eintreffen msse. Um dieselbe geheimzuhalten,
hatte er nicht die Post, sondern einen Bekannten bentzt, der in Geschften
droben war und zu dieser Stunde zurckkommen sollte. Er stand vom Essen auf und
ging die Strae hin, um den Brief in Empfang zu nehmen, mit welchem er sodann
unter die Erlen an dem Flchen eilte. Der Advokat schrieb, er mische sich nur
hchst ungern in Hndel zwischen Kindern und Eltern, zudem scheine ihm die Sache
sehr verwickelt, der Ausgang ungewi, und ohne einen Vorschu knnte er sich
nicht in diese Geschichte einlassen. Abermals eine vereitelte Hoffnung! Er
knirschte mit den Zhnen, schttelte einen alten Weidenbaum, da er in den
Wurzeln krachte, und ging kranken Herzens, denn jetzt wute er nicht mehr, womit
er Christinens tgliches Wimmern stillen sollte, in das vterliche Haus zurck.
    Er war dort heute nichts weniger als berflssig. Dieselbe Strae, auf
welcher des Herzogs leichte Kaleschen den Staub aufgewirbelt hatten, kamen jetzt
schwere Frachtwagen langsam vor die Sonne dahergefahren. Friedrich half die
Pferde ausschirren und versorgen. Dann ging es an die leibliche Pflege der
Fuhrleute, die keine geringen Ansprche machten und mehr Geld sitzenlieen, als
der Herzog samt seinem ganzen Hof. Hier war die Sonnenwirtin an ihrem Platze.
Sie wute nicht blo das Bedrfnis und den Geschmack der Gste zu befriedigen,
sondern auch eine Unterhaltung mit ihnen zu pflegen, bei welcher wenigstens der
Verstand nicht zu kurz kam, so da einst ein Fuhrmann zu seinen Gefhrten sagte:
So lieb mir Herz und Nieren sind, so mcht ich doch der Sonnenwirtin ihr Herz
nicht fressen, denn warum? Sie hat eben kein Kalbsherz, aber ihr Hirn, das tt
mir, glaub ich, schmecken, und bin doch dem Kalbskopf feind.
    Kaum waren die Fuhrleute bedient und zum Teil nach ihren Rossen zu sehen
gegangen, so kamen abermals Gste, und zwar diesmal zu ungewohnter Stunde aus
dem Flecken selbst. Es war der junge Mller Georg, den wir kennen, mit einem
Mdchen von nicht ungeflligem Aussehen, das er als seine Braut vorstellte, und
einem Schwarm von Sippschaft aus benachbarten Orten hinterdrein, worunter sich
auch der Knecht des anderen Mllers befand. Er gehrte, wie sich aus dem
Gesprch ergab, zur Verwandtschaft und hatte als Unterhndler dieses Verlbnis
zustande bringen helfen, daher er billig beim Brauttrunke sich mitfreuen durfte.
Die vergngte Miene des Mllers verriet es, und derbe Andeutungen der anderen
Verwandten sagten es noch lauter, da die Braut Batzen habe. Ehe die Gste
sich setzten, fand eine lange Begrung statt, bei welcher der Sonnenwirt in
ehrerbietigerem Tone als gewhnlich und die Sonnenwirtin mit sauersem Gesichte
dem Mller Glck wnschten. Ja ja, sagte diese, jetzt habt Ihr das recht
Wasser auf Eure Mhle gefunden; der Silberbach, nicht wahr, der wird sie besser
treiben als der Ebersbach? Die ganze Verwandtschaft lachte sehr geschmeichelt
zusammen. Nun trat auch Friedrich zu dem jungen Manne, den er trotz jener
Husarenjagd wohl leiden konnte, obgleich er in letzter Zeit mit ihm, der sehr
eingezogen lebte, nur selten in Gesellschaft gewesen war. Er schttelte ihm die
Hand, begrte die Braut gleichfalls und brachte seinen Glckwunsch mit wenigen,
aber herzlichen Worten an. Jetzt tu Wein her, Frieder, und das nur g'nug!
sagte der Mller. Heut la ich alle Gng los! Du mut auch mittun, wir haben
schon lang nicht mehr miteinander getrunken.
    Ja, ich will so frei sein, erwiderte er freundlich und eilte in den
Keller.
    Ihr habt heut 'n Glckstag gehabt, Herr Sonnenwirt, begann der Brutigam,
als die Gesellschaft, den Wirt und seine Frau mit eingeschlossen, an dem runden
Tische Platz genommen hatte. Ich bin nicht dabei gewesen, hab's aber gehrt.
Und der Frieder, das ist ja ein Kerl wie ein Lw! Nun, der hat die Wurst nach
der Speckseit geworfen; der Herzog wird sich's hinter die Ohren geschrieben
haben.
    Der Sonnenwirt erzhlte unmutig, wie sein Sohn das ihm zugeflogene Goldstck
verschmht habe. Die Gesellschaft hrte mit Verwunderung und Kopfschtteln zu.
Die junge Braut lachte berlaut. Dies rgerte zwar den Sonnenwirt ein wenig,
doch glaubte er darin ein Zeichen von vielem Menschenverstand erkennen zu
mssen.
    Ja, er ist sein Lebtag ein besonderer Kopf gewesen, sagte der Brutigam.
Aber das mu man ihm doch lassen, hilfreich ist er und meint's vielmals gut.
Denkt's Euch noch, wo er die Schramm her hat, die man immer noch auf seiner
Stirn sieht? Da ist einmal der Totengrber mit seinem Weib und seinem Mdle am
Burggarten runtergefahren, haben ein Wgele mit Heu, glaub ich, gefhrt, und wie
eben die Leut vergelich sind, oder vielleicht auch aus Armut, haben sie keine
Kette bei sich gehabt und ein mageres Khle vorgespannt, und haben die Weibsleut
den Radschuh machen mssen, wie's auch sonst im Leben oft vorkommt.
    Die Gesellschaft lachte. Ist auch oft ntig, rief eine rstige dicke Frau,
die fr die Braut den Mund auftat. Wenn ein Mann kopfber kopfunter bergabe
will, so tut's ihm wohl not, da er ein tchtig's Weib hat, das ihm den Rappen
anhlt und den Wagen sperrt.
    ber das, fuhr der Mller fort, ist das Wgele in Schu kommen, das Khle
hat's nicht mehr verheben knnen, und wer wei, wie's gangen wr, da kommt auf
einmal der Frieder des Wegs daher, sieht den Unstern und springt bei, er ist
schier kaum sechzehn Jahr alt gewesen. Anhalten hat er das Wgele auch nicht
mehr knnen, aber rum hat er's samt dem Khle gerissen, so da das Rad am
Muerle aufgefahren ist und am Vorsprung festgesessen. Kuh und Wagen und Leut,
keinem hat's was getan, aber den Frieder hat's mit der Stirn an die Mauer
hingeschlenkert, da man ihm htt mit einer Latern in Kopf hineinznden knnen.
    Ja, ich wei wohl noch, wie man mir den gottlosen Buben halbtot ins Haus
bracht hat, sagte der Sonnen wirt.
    Die Tre ging auf, und Friedrich erschien mit den Flaschen. Der Mller, der
sich entweder sehen lassen oder auch vielleicht das Gesprch noch lnger
fortsetzen wollte, rief: Was, das ist alles? Gleich wieder in Keller! Der ganz
Tisch mu vollgepfropft sein. Kann dir nicht helfen, Friederle, heut mu ich dir
mde F machen.
    Oh, ich tu's ja gern, rief Friedrich und eilte wieder in den Keller.
    Ich hab oft zu mir gesagt, hob der Mller wieder an, aus dem Buben kann
noch was werden.
    Im guten oder im bsen, erwiderte der Sonnenwirt. Ich hab's auch schon
gedacht, da er nichts Halb's werden will. Seit einiger Zeit aber hat er sich
ganz auf die eine Seit geneigt. Ihr wisset's ja selber, wie er mir Verdru und
Bekmmernis macht.
    Darin will ich ihm den Kopf nicht heben, sagte der junge Mller, indem er
seine Braut zrtlich ansah. Besser ist besser, das wei ich. Aber wenn die Sach
eben einmal so weit ist, wie bei dem Frieder - ich sag's ganz unmageblich, Herr
Sonnenwirt, ich red blo von mir - wenn ich 'n Sohn htt, und er ging in solchen
Schuhen und wollt eben um Gottes oder 's Teufels willen seinem Schatz Wort
halten und sein Kind vor Elend bewahren - ich wei nicht, was ich tt, aber
soviel mt ich mir doch immer sagen: das Kind, das ist dein Enkel.
    Unser Herrgott wird davor sein, da dir so was zustot, sagte die dicke
Frau, welche die Sprecherin machte, mit scharfbetonter Mibilligung. Htt'st
wenigstens gleich dazu sagen sollen: Unbeschrien! An einem Tag, wie der heutig,
mut kein so Ding reden.
    Der Brutigam wurde gewahr, da er einen groen Bock geschossen. Er wandte
sich zu seiner Braut, welche blutrot geworden war, und flsterte ihr
unausgesetzt gute Worte zu, ohne weiteren Anteil an dem Gesprch zu nehmen.
Anfangs schien sie etwas scheu und widerwillig zu sein, auch zog sie den Arm weg
und rckte ein wenig, wenn er sie berhren wollte; nach und nach aber lie sie
sich wieder begtigen.
    Das wr mir eine neue Erziehung, nahm die Sonnenwirtin nach der Tadlerin
das Wort, wenn des Menschen Eigensinn Gottes Will heien mt. Des Teufels
Will, ja, das ist recht gesagt. - Sie sah sich im Kreise um und begegnete,
wenigstens bei den weiblichen Mitgliedern desselben, lauter beiflligen
Gesichtern.
    Herr Sonnenwirt! begann ein alter Fuhrmann, der beinahe unbeachtet in der
Ecke am anderen Fenster sa und dem Gesprche sehr aufmerksam zugehrt hatte:
Lasset ein Wort mit Euch reden und gebet Eurem Sohn das Mdle, da das Geschrei
unter den Leuten einmal aufhrt. Bei Kannstatt drunten hab ich einen hnlichen
Fall erlebt. Da hat auch ein Wirtssohn eine arme Taglhnerstochter geheiratet,
und die ganz Verwandtschaft ist dagegen gewesen, aber er hat's durchgesetzt,
warum? Weil er Herr im Haus gewesen ist nach seines Vaters Tod. Es ist aber ganz
gut geraten. Anfangs, freilich, hat man auch dem Teufel ein Bein brechen mssen,
denn die jung Frau hat ein wenig hochmtig sein wollen auf ihr fein's Gesicht
und ihren neuen Stand und hat dabei natrlich von der Wirtschaft nichts
verstanden und der Schwieger nicht folgen wollen; aber der Mann ist gescheit
gewesen und hat zu seiner Mutter gehalten und sein Weib links und rechts hinter
die Ohren geschlagen, bis sie pariert hat. Jetzt geht's, und die Einkehr bei der
schnen Wirtin ist gro, und die Mutter, die frher am rgsten gegen die Heirat
gewesen ist, ja, die trgt jetzt ihre Tochter schier auf den Hnden.
    Das pat wie eine Faust auf ein Aug, lachte die Sonnenwirtin. Freilich,
wenn ein Vater tot ist, da kann ihm sein Sohn sein Sach und seinen Namen
verschimpfieren, und niemand fragt danach. Aber solang der Vater am Leben ist,
wird er doch auch noch dreinreden drfen, wenn ihm der Sohn Schimpf und Schand
ins Haus bringen will.
    Herr Sonnenwirt! sagte der hartnckige Fuhrmann, ohne die Einrede der Frau
zu beachten, Ihr msset ja doch einmal abfahren, und dann kutschiert Euer Sohn.
Wollet Ihr ihm auf dem Bock sitzen bleiben und ihn sein Leben lang spazieren
fhren? Das geht ja doch nicht an, drum gebet nach, so lang's noch Zeit ist und
eh's zum uersten kommt. Denn ich kenn euch beide: 's hat jeder von euch ein
Sperrholz im G'nick.
    Recht so! sagte die Sonnenwirtin, also soll der Sohn dem Vater das G'nick
brechen!
    Der Sonnenwirt, der eine Weile etwas unschlssig dreingeschaut hatte, fuhr
auf. Vom Sterben hrte er gar nicht gern reden, eine Rge war auch nicht nach
seinem Geschmack, und der etwas herbe Ton des alten Mannes, den er zwar seit
vielen Jahren kannte, reizte ihn so, da es nur einer kleinen Nachhilfe von
seiner Frau bedurfte, um ihn in Harnisch zu jagen. Ich brauch das Geschwtz
nicht, sagte er kurz angebunden, brauch mir in meinem Haus nichts befehlen zu
lassen. Hier bin ich Herr.
    Adje, Herr Sonnenwirt, antwortete der Alte, indem er sich mit gemessener
Eile erhob und der Tre zuging, 's gibt noch mehr Wirtshuser in Ebersbach.
    Mein'twegen! rief der Sonnenwirt.
    Der Alte ging hinaus, nachdem er der Gesellschaft Adje beisammen!
zugerufen hatte. Drauen traf er auf Friedrich, der die Treppe langsam und
nachdenklich heraufkam. Frieder, sagte er zu ihm und legte ihm die Hand auf
die Schulter, wir kennen einander schon lang, ich hab dich oft rumtragen, wie
du noch klein gewesen bist, und hab dich auf meine Gul sitzen lassen.
    Ha freilich, Bot! erwiderte Friedrich aufgeheitert. Wir sind immer gut
Freund gewesen. Wit Ihr's nimmer? Ich hab Euch ja einmal den Wagen ausplndert,
dem langen Mathes, dem Knecht, zum Torten.
    Wei wohl, Friederle, dir ist aber auch mancher Tort gespielt worden, und
mein kleiner Finger sagt mir, es stehen dir noch rgere bevor. Komm, Frieder,
komm du mit mir. Alt bin ich, kein Kind hab ich nicht, mein Handwerk kennst du -
ich will dich annehmen. Ich spr's, deines Bleibens ist nicht mehr in dem Haus
da, es tut nicht lang mehr gut. Komm mit mir, sag ich. Du kennst mich: ich halt
dich rauh, wie ich selber bin und wie's bei meinem Wesen hergeht, aber ich halt
dich wie ein Vater.
    Botenjakob! stammelte Friedrich betreten und zgernd, das ist ein Wort,
das alles Dankes wert ist - aber Ihr werdet mir's gewi nicht verargen, wenn ich
sag: es will berlegt sein. Was sollt denn aus meiner Christine werden?
    Mein Fuhrwesen, sagte der Alte, trgt dich und mich, aber ein Haus voll
Kinder trgt's nicht mehr, seit die Stra durchs Remstal verbessert ist, und du
kannst mir nicht zumuten, da ich in meinem Alter noch Hunger leiden soll.
    Wie knnt Ihr mein Fragen so auslegen? unterbrach ihn Friedrich tief
verletzt. Haltet Ihr mich im Ernst fr so undankbar und unverschmt?
    Nein, nein! versetzte der Alte mit sanfterer Stimme. Mut nicht gleich so
auffahren wie dein Vater. Man red't ja nur. Deine Christine wirst freilich nicht
mitnehmen knnen, aber wenn ich einmal sterb, so sitz'st in meinem ganzen Brot
und kannst sie holen. Sag dir's selber, ob du hier auch nur so viel voraussehen
kannst.
    Friedrich hielt seine Flaschen krampfhaft fest. Es arbeitete mchtig in ihm.
Der Vorschlag, das erkannte er wohl, war ein rettender Ausweg, aber er wurde so
pltzlich und unvorbereitet damit berrascht, da sein sonst schneller Geist wie
gelhmt war. Wohl hatte er mit leichter Zunge von Verzicht auf seines Vaters
Haus und Erbe gesprochen, aber jetzt, wo die Wirklichkeit ihn auf die Probe
stellte, schien ihm der Schritt doch ziemlich schwer.
    Der Alte, der seinen Kampf beobachtet hatte, fuhr fort: Wenn du nicht
willst, so hilf mir wenigstens meine Gul aus dem Stall bringen.
    Die sind aber noch lang nicht ausgeruht, sagte Friedrich, sie werden noch
nicht einmal ganz gefressen haben.
    Ich bleib auch noch im Ort, murrte der Alte.
    Was? rief Friedrich, der erst jetzt den Sinn der Rede begriff, Ihr wollet
die Sonne aufgeben, wo Ihr mehr als zwanzig Jahr lang Gast gewesen seid? Wer
vertreibt Euch denn?
    Die Sonne scheint mir zu hei fr meine alte Tag, ich will's im Stern
probieren. Mach nur vorwrts, ich will mir nicht zum zweitenmal ausbieten lassen
in dem Haus da. Ich schwtz viel zu lang, hab in acht Tag nicht soviel Wort
gemacht.
    Nein, Jakob, sagte Friedrich, so gern ich Euch in allem zu Willen wr,
das tu ich nicht. Hat mein Vater Euch beleidiget oder gar Euch das Haus
verboten, und vielleicht um meinetwillen, denn so was schwebt mir vor, so will
ich wenigstens keinen Finger dazu rhren, da mein Haus um einen Freund rmer
wird. Wenn Ihr durchaus fort wollet oder msset, was Ihr selber am besten
verstehen werdet, so msset Ihr den Knecht zu Hilf nehmen. Ich fhr Euch keinen
Gaul aus'm Stall - und Ihr werdet mir glauben, da mir's dabei nicht um den
Nutzen ist.
    Der Alte fuhr sich mit dem rauhen Rcken der Hand ber die Augen. So eine
abschlgige Antwort, sagte er, mu ich mir gefallen lassen. Aber ich
wiederhol's noch einmal: komm mit mir, und komm gleich. Nicht da mich's nachher
reuen knnt, aber ich spr, 's ist ein Unglck im Anzug. Du weit, in mir ist
ein Geist, der mir schon manchmal etwas vorausgesagt hat. Es kann auch nicht
anders sein: wenn's der ein hebt und der ander nicht fahren lt, so mu es
zuletzt ein Unglck geben. Schmei deine Butellen hin, setzte er hastig
drngend hinzu, und geh mit, wie du gehst und stehst. Komm, nimm die Hand, die
ich dir biet, so eine Gelegenheit kommt nicht zum zweitenmal.
    Friedrich lchelte ein wenig, denn er glaubte sich zu erinnern, da nicht
alle Unglcksprophezeiungen des Alten eingetroffen seien. Auch glaubte er kaum
zweifeln zu knnen, da zu der guten Gesinnung, die derselbe gegen ihn selbst
hegte, sich einige Rachelust gegen seinen Vater gesellt habe. - Jakob, sagte
er, in Stern mit Euch zu gehen, daraus wrd ich mir unter anderen Umstnden gar
nichts machen, denn der Stern ist mir ein ganz honett's Haus. Aber bedenket:
wenn ich Euch nach dem, was zwischen Euch und meinem Vater vorgefallen sein mu,
gleichsam aus der Sonne in den Stern ausziehen hilf und vom Stern aus mit Euch
fortzg, um meinem Vater und Vaterhaus gleichfalls Valet zu sagen - wie arg tt
man mir das rumdrehen! Euer Anerbieten, ich sag's noch einmal, ist tausend Danks
wert und verdient alle berlegung, und da ich gern bei Euch bin, das wisset Ihr
ja schon lang. Aber so im Hui kann ich nicht mit. Ich kann den Wein nicht auf
den Boden schtten, wie ich heut schon einmal getan hab, denn ich htt jetzt
nicht so viel Geld, um ihn zu zahlen, und mcht Euch doch auch nicht gleich zum
Anfang fr mich in unntige Kosten bringen. Und dann, wenn ich jetzt fortlief,
whrend noch der Georg mit seiner Braut da ist, so tten die Leut natrlich
sagen, ich hab mich dran gespiegelt und geschmt und hab's nicht ausgehalten
neben so einem vernnftigen, braven, rechtschaffenen, reichen Paar, und was
dergleichen Zeugs ist. Ich seh Euch ja fortfahren, denn wenn Ihr auch aus'm
Stern abfahret, so msset Ihr doch da vorbei, und dann geb ich Euch auf alle
Fll das Geleit wie einem Vater, und wir reden weiter miteinander. Darum sag ich
Euch jetzt auch nicht Adje.
    Er tut's nicht, brummte der alte Mann, whrend er die Treppe
hinunterstieg. Der Stolz lt's ihm nicht zu. Es ist einer wie der ander.
    Es war hohe Zeit, als Friedrich mit den Flaschen in die Stube geeilt kam;
denn der Vorrat von vorhin war bereits ausgetrunken. Doch fand er die
Gesellschaft in munterer Unterhaltung begriffen. Sein Vater hatte den
Familienpokal geholt, aus welchem der Herzog heute getrunken; derselbe ging von
Hand zu Hand und mute dann noch einmal gefllt die Runde machen, da jedes einen
gewissen Reiz dabei empfand, das Gef, das die landesherrlichen Lippen berhrt
hatten, an den Mund zu setzen. Von dem Herrn selbst sprach man in verdeckten
Wendungen und halben Andeutungen, wie jung er noch sei und wie lebenslustig, und
wieviel man noch von ihm hoffen knne, wenn er einmal lter sein werde; denn die
Menschen bauen ja stets auf die Zukunft: bei der Jugend bauen sie auf das Alter
und beim Alter auf die Jugend derer, die dem folgenden Geschlecht angehren
werden. Aber auch von der Gegenwart wurde gesprochen, von den Frucht- und
Brotpreisen und hnlichen Gegenstnden, die keinem gering scheinen drfen, weil
bei der allgemeinen Ernhrung alle beteiligt sind. Gleichwohl zeigte der
Sonnenwirt, der sich um diese Dinge sonst oft mehr bekmmerte, als um manche
andere noch wichtigere, heute auffallend wenig Sinn dafr. Die Brautschaft des
jungen Mllers und die Vergleichung derselben mit der Liebschaft seines Sohnes
war es, was ihm bestndig im Kopfe herumging. Die Braut gefiel ihm ber die
Maen wohl. Der herrschenden Sitte gem sprach sie uerst selten, beinahe nur,
wenn sie gefragt wurde; und es deuchte dem Sonnenwirt frh genug, wenn eine erst
als verheiratete Frau das Maul brauchen lerne. Was sie sprach, das schien ihm
eine Heimat zu haben; und es klang auch mitunter so rund wie ein harter Taler.
Bei lustigen Anlssen brach sie in ein schallendes Gelchter aus, das ihm zu
ihren weien Zhnen und derbroten Wangen ganz prchtig zu stehen schien. Von der
Braut mute er wieder auf den Brutigam blicken, der in der Flle seines Glckes
neben ihr sa und das eine Mal leise Liebesworte mit ihr wechselte, das andre
Mal wieder lebhaft zu der Unterhaltung der Gesellschaft beitrug, deren Bewirtung
er bernommen hatte. Der Sonnenwirt erinnerte sich, da er diesem jungen Manne
einst seine Tochter vorenthalten, und konnte gar wohl ermessen, da in der Ehre,
die er ihm mit seinem Besuch antat, auch eine kleine Bosheit verborgen sein
mochte, da er da, wo man ihn einst, wenn auch in noch so leiser und
unbestimmter Weise, verschmht hatte, sich jetzt als gemachter Mann zeigen
wollte; ja, die Zrtlichkeiten, die er seiner Braut erwies, gaben manchmal dem
Sonnenwirt einen Stich durchs Herz, als ob sie wie ein Spott auf ihn gemnzt
wren. Er dachte aber nicht daran, um wieviel besser er seine Tochter versorgt
haben wrde, wenn er ihr diesen nach seinem eigenen Gestndnis so wackern,
fleiigen und angenehmen jungen Mann htte zuteil werden lassen, und welch ein
gutes Beispiel fr seinen Sohn ein Schwager gewesen wre, der, gleichfalls jung
und der Lebensfreude nicht abhold, doch das Erfreuliche im Ntzlichen zu suchen
und bei seiner Wahl, wie es wenigstens schien, Liebreiz mit Verstand und
Reichtum vereinigt zu finden wute. Er dachte nur daran, da sein Sohn in allen
Stcken das Gegenteil von diesem jungen Manne, da dessen Braut, so sehr sie ihm
und eben weil sie ihm gefiel, ein wahres Spottbild auf die Wahl seines Sohnes
vorstelle. Friedrich indessen dachte an gar nichts, als an seine und Christinens
verzweifelte Lage, an den niederschlagenden Brief des Advokaten, von dem er kaum
hoffen konnte, da er reinen Mund halten wrde, und an den liebreichen Antrag
des alten Boten, der ihn so seltsam bestrmt hatte. Whrend ihn diese Gedanken
unaufhrlich beschftigten, mute er dazwischen, von Georg aufgerufen, der ihn
durchaus heiter sehen wollte, mit der Gesellschaft schwatzen, einmal ber das
andere Bescheid tun, auf das Gehei des splendiden Brutigams Wein aus dem
Keller holen, wieder schwatzen und lachen und immer wieder trinken, so da er
zuletzt kaum mehr wute, ob er seinen Kopf oder das Mhlrad seines Freundes auf
den Schultern habe.
    Wie es gerade in lebhafteren Gesellschaften nicht selten vorkommt, war nach
einer Reihe ernsthafter Gesprche und lustiger Spe auf einmal die
Unterhaltungsspule abgelaufen, und es entstand jene Stille, whrend welcher
jedes Mitglied sich den Kopf zu zerbrechen pflegt, um womglich einen neuen
Stoff zur Verarbeitung aufzutischen. Der Sonnenwirt, der den Wein gleichfalls
sprte, hielt sich vor allen als Wirt und Hausherr verpflichtet, in die Lcke zu
treten, und der Anla zu einer uerung lag ihm nur allzunahe. Hatte ihm der
Brutigam vorhin, mehr aus Hflichkeit als berzeugung, wie ihn deuchte, seinen
Sohn gelobt, so glaubte er diese schmeichelhaften Reden jetzt im
entgegengesetzten Sinne erwidern zu mssen. Das mu ich sagen, begann er, so
ein fein's Brautpaar hab ich lang nicht an meinem Tisch gehabt; da mu einem ja
das Herz im Leib drob lachen! Dann sprach er die vorteilhafte Meinung aus, die
er von den beiden jungen Leute hegte, und spendete besonders der Braut ein
derbes Lob, das sie mit Errten, jedoch keineswegs unwillig, hinnahm. Nun aber
wendete er sich gegen seinen Sohn. Da kannst jetzt sehen, sagte er zu ihm,
wieviel Freud, anstatt soviel Verdru, du mir htt'st machen knnen, wenn du
mir so ein brav's Weibsbild ins Haus bracht htt'st, statt dem Mensch, mit dem
du dich vergangen hast.
    Jetzt kommt's! dachte Friedrich, aber er hielt an sich und sah finster
schweigend vor sich hin.
    Es mu eben auch Schatten in der Welt geben, bemerkte die Sonnenwirtin
spttisch, sonst tt man ja - bei diesen Worten deutete sie auf die Braut -
das Licht nicht sehen.
    Lasset's gut sein, Herr Sonnenwirt und Frau Sonnenwirtin! sagte der
Brutigam begtigend. Wir sind ja so vergngt beieinander. Komm, Frieder, sto
an mit mir: dein Wohl und unser Leben lang lauter gut Ding!
    G'segn dir's Gott, Georg! erwiderte Friedrich. Obwohl du ein Kind des
Lichts bist, setzte er bitter lchelnd hinzu, so will ich doch in meiner
Finsternis auf dein und deiner Braut Wohl trinken und will dir wnschen, da sie
dir immer so lieb bleiben mg, wie meine Christine mir.
    Die Braut machte ein saures Gesicht. Die Sonnenwirtin stie ein grelles
Gelchter aus, in das der weibliche Teil der Gesellschaft halblaut einstimmte,
indem sie einander unwillig ansahen.
    Ich la meine Gst nicht beleidigen! fuhr der Sonnenwirt zornig auf.
    Ich hab niemand beleidiget, erwiderte sein Sohn mit kalter Stimme, whrend
seine blauen Augen immer wilder blitzten.
    So eine Vergleichung, rief die Sonnenwirtin mit aufreizendem Tone, die
soll keine Beleidigung sein! Die Weiber nickten ihr lebhaft zu. Der Brutigam
schwieg verlegen; er sah ein, da er den Freund, mit dem er soeben noch
angestoen, nur auf Kosten seiner Braut verteidigen knnte.
    Was! schrie der Sonnenwirt, so eine rechtschaffene Person vergleichst du
in meinem Haus mit einer -
    Vater! unterbrach ihn Friedrich mit dem Tone der Verzweiflung und stand
auf, ich bitt Euch um Gotteswillen, seht Euch vor und htet Eure Zung! Ich
hab's einmal fr allemal erklrt und geschworen, da ich sie nicht runtersetzen
und schlecht machen la, weder von Vater noch Mutter. Sie ist mein Weib vor
Gott, und was ich geschworen hab, das halt ich, mt man auch in Ebersbach etwas
erleben, dergleichen seit Menschengedenken nicht geschehen ist.
    O du blutrnstiger Heiland, er droht seinem leiblichen Vater! rief die
Sonnenwirtin, indem sie die Hnde zusammenschlug. Die Weiber stieen Laute des
Grauens und Entsetzens aus.
    Der Sonnenwirt, der sich gleichfalls erhoben hatte, stand in Ungewisser
Haltung an die Stuhllehne angeklammert, scho aber wtende Blicke nach seinem
Sohne. Er frchtete ihn, weil er ihn zu allem fhig glaubte, und eben diese
Furcht erhhte seine Wut.
    Vater, begann Friedrich wieder, nach der Wand deutend, wo neben dem Bilde
des Herzogs das Bild des Gekreuzigten hing, und seine Stimme, die er zu mildern
suchte, zitterte: Vater, sehet Ihr Ihn, der nicht schalt, da er geschlagen
ward, und nicht druete, da er litt? Ich will ihm ja gern nachfolgen, so gut
ich's kann. Wlzet Berg auf mich von Schimpf und Schmach, ich will nicht
widerbellen, will's tragen als Euer Sohn. Aber auf mein Weib la ich nichts
kommen, eh mag das grt Unglck draus entstehen. Und leset im Testament, Vater:
hat Er nicht seine eigene Verwandtschaft verleugnet und gesagt, die seien seine
Eltern, Brder und Schwestern, die sein Wort hren und den Willen Gottes tun?
Ist aber das Gottes Will, die Armut verachten und unterdrcken? Und ist er nicht
auch scharf gewesen? Hat er nicht mit der Geiel ausgefegt? Hat er nicht die
ewig hllisch Verdammnis ausgegossen ber die, so sein Volk betrbt und den
Armen und Witwen ihre Huser gefressen und langes Gebet vorgewendet haben? Und
was hat er gesagt, wie sie die Ehbrecherin vor ihn bracht haben, die doch gewi
eine grere Snderin gewesen ist als mein Weib? Wer unter euch ohne Snde ist,
hat er gesagt, der werfe den ersten Stein auf sie.
    Der kann predigen! zischelte die Braut mit unterdrcktem Kichern gegen
ihren Brutigam hin. Friedrich, der es gehrt hatte, warf ihr einen Blick der
Verachtung zu.
    Man sollt schier gar glauben, sagte die Sonnenwirtin mit tzendem Spott,
wir haben da den lieben unschuldigen Heiland in unserer Mitte - verzeih mir
Gott die Snd. Ich hab aber nirgend in der Bibel gelesen, da er so zu seinem
Vater geredt hat.
    Der Sonnen wir t war eine Zeitlang sprachlos und auer sich. Die Anrufung
der Religion, als Anklgerin wider ihn, machte ihn rasend; gleichviel ob sein
Sohn mit Recht oder Unrecht zu diesem Mittel gegriffen - es erschien ihm als
Bruch der letzten Schranke kindlicher Scheu. Ich brauch weder 'n Hauspfaffen,
noch 'n Hausdieb! schrie er, wenn ich eine Predigt brauch, so will ich sie in
der Kirch vom Pfarrer hren und nicht von so - so -. Die Stimme versagte ihm.
Der Brutigam und die anderen Mnner, die an der Haltung von Vater und Sohn
ersahen, da es Ernst wurde, sprangen dazwischen und suchten zu vermitteln,
indem alles zu gleicher Zeit zusammenschrie. Aber bei dem Vater hatte Wein und
Wut ber die Furcht gesiegt, und vielleicht gab ihm auch das Dazwischenspringen
der Mnner, das ihn von seinem Sohne trennte, ein Gefhl der Sicherheit. Er fuhr
in den hchsten Kehltnen, blaurot im Gesicht, zu toben und zu schimpfen fort,
und durch den ohrzerreienden Lrm der anderen drang von Zeit zu Zeit seine
Stimme vernehmlich durch. Ich la mir in meinem eigenen Haus von niemand
befehlen - - ich sag, was ich mag - und was ich sag, ist wahr - - - sie ist ein
schlecht's Mensch - er hatte sich Bahn zum Tische gebrochen und schlug mit der
Faust darauf, da Flaschen und Glser tanzten und umfielen - ein schlecht's
Mensch, sag ich - ein ganz schlecht's, schlecht's, schlecht's -
    Seine Stimme berschnappte, und zugleich erstarb ihm noch aus einer anderen
Ursache das Wort im Munde, denn mit weitgeffneten Augen zurckbebend, sah er,
da sein Sohn das Messer gezogen hatte und ihm mit der funkelnden Klinge
gegenberstand. Die Weiber kreischten frchterlich, die Mnner wogten hin und
her und wichen teils zurck. Mit wildrollenden Augen war der Unglckliche
vorgetreten, die Spitze des Messers nach seinem Vater gekehrt: - wenn man der
Leidenschaft in ihrem vollen Ausbruche zutrauen darf, da sie noch einen Rest
von Besinnung in sich birgt, so kann man wohl nicht zweifeln, da er froh
gewesen wre, sich durch ein dazwischenplatzendes Hindernis die Haltung seines
blinden Eides unmglich gemacht zu sehen. Auch wurde ihm dieser Wunsch, wenn er
vorhanden war, erfllt. Der Mllerknecht, hinter welchem die anderen allmhlich
zurckgewichen waren, sprang ohne weiteres auf ihn zu und packte ihn krftig am
Arme, um ihn zurckzuhalten. Messer weg! schrie er, gleichfalls entbrannt, mit
zornig gebietender Stimme und wildem Blick - aber ehe er vollenden konnte, hrte
man aus dem Munde des Wtenden einen tollen Schrei, sah seinen Arm mit dem
Messer zucken, und das Blut scho dem zurcktaumelnden Knechte am Arme herab.
Die Sonnenwirtin strzte aus der Stube: Feurio! Mordio! Feurio! Ein Dieb! Ein
Mrder! hrte man sie nach einem Augenblick auf der Strae schreien, da es
durch die ganze Nachbarschaft gellte. Unten und oben erschallte verworrenes
Geschrei. Die Gste, den Sonnenwirt in der Mitte, strzten der Frau vom Hause
nach. Die Braut lie sich, an ihrem Brutigam hngend, von diesem mit
fortschleppen und weinte berlaut ber die bse Vorbedeutung dieses
Unglckstages. Der Brutigam wollte den Getroffenen mit sich ziehen, aber dieser
ri sich los und blieb steif und starr vor seinem Angreifer stehen, whrend ihm
das Blut fortwhrend vom Arme niedertroff.
    Friedrich kam wie aus einer langen Betubung zu sich und gewahrte, da er
mit dem Knecht allein in der Stube war. Er hatte das Messer noch immer in der
Hand. Da nimm's, sagte er zu dem Opfer seines Jhzorns, und stich mich ber
den Haufen, du tust ein gut's Werk.
    Der Knecht wies das dargebotene Messer zurck. Ich bin kein Mrder wie du,
sagte er, whrend seine glsern gewordenen Augen sich nach und nach wieder
belebten.
    Peter! Um Gottes willen! Hat's dir was getan? rief Friedrich, dem seine
Tat erst jetzt zum klaren Bewutsein kam. La mich sehen, komm, ich will dich
verbinden, du verblut'st dich ja.
    Der Knecht stie ihn zurck. Ist schon recht, murmelte er, 's ist recht,
ja, ja - sein' Wohltter stechen - ist eine neue Art, seine Schulden zu zahlen -
's ist aber schon recht - ich will dich finden - ja, ja! 's ist recht, ist ganz
recht. - Er wiederholte diese Worte wohl ein dutzendmal, whrend er langsam aus
der Stube ging und erst jetzt daran dachte, seinen verwundeten Arm mit der
anderen Hand zusammenzuhalten.
    Friedrich blieb allein und wie verhext in der Stube zurck. Er blickte auf
den Tisch, der soeben noch voll Menschen gewesen war, dann auf das Messer in
seiner Hand, dann auf das Bild des Gekreuzigten, zu dem er vorhin emporgedeutet
und dem er nachzufolgen gelobt hatte. War das eine Nachfolge? sagte eine
Stimme in ihm. Er hatte gelobt, jede Schmhung zu dulden, die nur ber ihn
selbst ausgeschttet wrde, und dieser Arme hatte nicht einmal ihn, geschweige
Christinen geschmht. Wenn auch seine Zunge vielleicht Schmhworte beherbergt
hatte, die nur durch den Sto des Messers abgeschnitten worden waren, wenn auch
der herausfordernde berlegene Ton, womit er ihm Entwaffnung geboten, sich, wie
seine nachherigen Worte zu zeigen schienen, auf eine Geflligkeit berufen
wollte, die zwar eine Verpflichtung, aber keine Abhngigkeit begrndet, wenn
auch ein christliches Verzeihen ihm fremd und fern zu sein schien - was war das
alles gegen einen Mrderstreich? Stolz und Zorn - dies sagte ihm die innere
Stimme mehr oder minder klar - hatten ihn in einem Augenblicke zu dem Gegenteil
von dem gemacht, was er den Augenblick vorher zu sein sich vermessen hatte.
    Indessen blieb ihm wenig Zeit, solchen Gedanken nachzuhngen. Der Lrm vor
dem Hause wurde strker, und die Anzahl der Stimmen mehrte sich. Er hrte den
Knecht, dessen Betubung allmhlich in Wut berzugehen schien, aus den anderen
Stimmen herausbrllen: Er ist nicht blo ein Mrder, er ist auch ein Dieb! Sein
eigener Vater hat ihn 'n Dieb geheien! - Ja, schrie die gellende Stimme der
Sonnenwirtin, er hat seinem Vater Frucht gestohlen und an sein Mensch gehngt.
- Man mu seiner habhaft werden! rief eine neue Stimme, an weloher er den
Amtmann erkannte. - Ja! gellte die Summe der Sonnenwirtin, kriegen mu man
ihn und wenn man das Haus anznden mt! - Bald konnte er auch durch die offen
gebliebene Tre Tritte im Hausgang und auf dem unteren Treppenabsatz vernehmen.
Die Verfolger kamen. Das Bewutsein, da er es mit aufgebrachten, wtenden
Menschen zu tun habe, entflammte auch in ihm, der kaum zuvor einem Strahl der
Wahrheit und Demut Raum gegeben hatte, von neuem die mrderische Wut, zu welcher
sich nun ein unbestimmter Trieb, bevorstehenden beln zu entgehen, gesellte. Er
flog die obere Treppe hinauf auf den Boden, wo er sich rcklings auf einen
Kasten legte, sein Messer in eine danebenstehende Bettlade steckte und in dieser
Verfassung die Verfolger erwartete. Er mu auf der Bhne sein! rief's unten,
und die Schar drang herauf. Die vordersten waren der Amtsknecht, der
Fleckenschtz und der Fischer; hinter ihnen drngte es sich auf der Treppe Kopf
an Kopf. Komm mir keiner zu nah! rief der tolle Bursche und griff nach dem
Messer. Sie stutzten und wichen zurck. Holet ein Gewehr! rief einer. Da ist
schon eins! antwortete es vom Fu der Treppe. Her da! rief's oben, man mu
nach ihm schieen, bis ihm der Krattel vergeht! Er fuhr von seinem Lager auf,
lie das Messer stecken und strzte nach einem Dachladen, durch den er alsbald
verschwand. Ein Geschrei von unten erscholl. Er hat sich hinuntergestrzt!
schrie der Amtsknecht. Die einen warfen sich auf das Messer, um sich desselben
zu bemchtigen, die anderen rannten nach dem Dachladen. Der Fischer war der
erste, der daselbst ankam und den Kopf hinausstreckte. Er zog ihn aber alsbald
zurck und rief: Nein, er schiebt sich das Dach hinauf und hat mich mit einem
Ziegel auf den Kopf schlagen wollen. Das Dach aufgehoben! schrien einige und
machten Anstalt, am Sparrenwerk hinaufzuklettern; da flog durch eine Lcke ein
Ziegel herein, der zwar keinen traf, aber alle von dem vorgeschlagenem
Unternehmen abschreckte. Fluchend und schreiend verlieen sie den oberen Boden
und gingen auf die Strae hinunter, von wo sie nun sehen konnten, wie des
Sonnenwirts Frieder, dem ganzen Flecken zum Schauspiel, auf dem Dachfirst seines
vterlichen Hauses ritt. Es war lcherlich und jmmerlich zugleich anzuschauen,
obgleich er sich fest wie im Sattel eines Pferdes hielt, seine Verfolger hhnte
und heraufzukommen einlud. Der ganze Platz um das Haus war voll Menschen, und
aus den anstoenden Gassen drngten sich immer neue Zuschauer herbei. Was
gibt's? Was gibt's? riefen die einen; - 's ist e' Kuh fliegig worden! -
Nein, e' Stier! schrien andere. - Dem Sonnenwirt sitzt ein fremder Vogel aufm
Haus! - Schieet ihn vom Dache abe! - Holet ihn mit der Feuerspritz runter!
- So ging das Geschrei und Gelchter durcheinander. Ein Wagen, der auf; der
Strae herausfuhr, mute haltmachen, weil ihn das Gedrnge nicht durchlie. Bei
den Pferden stand der alte Fuhrmann und blickte, traurig den Kopf schttelnd,
nach dem verwahrlosten Jngling hinauf, den er hatte retten wollen. In seinen
gefurchten Zgen malte sich eine trbselige Befriedigung; er nickte ein paarmal
und sagte vor sich hin: Hab auch wieder einmal eine richtige Vorahnung gehabt.
    Der Sonnenwirt, der sich halbtot schmte, hatte sich mit dem verwundeten
Knechte zu seinem Schwiegersohne, dem Chirurgen, zurckgezogen und schickte
diesen, ob er dem schmhlichen Auftritte nicht auf irgendeine Weise ein Ende
machen knne. Der Chirurg, nachdem er die Wunde des Knechts untersucht und
verbunden, drngte sich durch die Menge, wurde von dem Amtmann, der ratlos, was
er befehlen sollte, in der Haustr der Sonne stand, herbeigewinkt und mit einem
heimlichen Auftrage versehen, drngte sich wieder in die Strae durch und gab
Zeichen nach dem Dache, um die Aufmerksamkeit seines jungen Schwagers auf sich
zu ziehen. Friedrich, der ihn mit seinen Falkenaugen schon lngst bemerkt und
angerufen hatte, ohne in dem Tumult vernommen zu werden, schrie mit einer
Stimme, die alle bertnte: Still da drunten! Ein zorniges Gelchter der Menge
antwortete ihm. Der Chirurg aber bat und beschwor die Umstehenden so lange, bis
wenigstens in der Nhe der Lrm sich etwas legte und eine notdrftige Stille
entstand. Herr Schwager! rief jetzt Friedrich herab, was macht der Peter?
    Er ist den Umstnden nach ganz wohl! antwortete der Chirurg durch die
vorgehaltenen Hnde, mit welchen er das etwas schwache Erzeugnis seiner Lunge zu
verstrken suchte. Die Wunde ist gar nicht gefhrlich!
    Gott sei Lob und Dank! rief Friedrich und schlug die Hnde erfreut
zusammen.
    Gib doch acht! Sei nicht so frech! schrien einige von denen, die ihm wohl
wollten.
    Das hat kein Not! antwortete er und drehte sich wie der Blitz herum, so
da er, die Knie schnell wieder an das Dach anstemmend, nach der
entgegengesetzten Seite gerichtet sa. Das tolldreiste Kunststck, das er in der
Freude seines Herzens machte, rief bei der Menge einen Schrei des Entsetzens
hervor, welchem ein schallendes Gelchter folgte. Grad wie ein Aff auf einem
Kamel! schrien sie.
    Schwager, geh Er herunter! rief der Chirurg.
    Wenn mir der Herr Schwager sicheres Geleit verspricht! antwortete
Friedrich, sonst tut sich's ganz wohl da oben!
    Ich gebe Ihm mein Ehrenwort, da Ihm nichts zuleid geschieht! rief der
Chirurg hinauf.
    Sein Ehrenwort?
    Mein Ehrenwort!
    Er verlie seinen luftigen Sitz mit einem leichten Ruck, der unten von einem
Schrei des Schreckens und zugleich der Bewunderung begleitet wurde. Der sitzt
vom Dachgrat ab wie ein Reiter von seinem Gaul! schrie die Menge. Im nchsten
Augenblick hatten sie Ursache, ihn mit einer Katze zu vergleichen, so leicht sah
man den behenden Burschen auf Hnden und Fen am Dach herabrutschen, bis er den
Laden wieder erreicht hatte, durch welchen er im Nu verschwand, noch einmal mit
einem Fue hinauszappelnd, gleichsam zu Ehren des versammelten Publikums, das
hierber in ein wieherndes Gelchter ausbrach.
    Nach wenigen Sekunden verriet eine Bewegung der in und vor der Haustre
stehenden Leute, da in dem verlassenen Hause sich etwas Lebendiges regte und
die Treppe herunterkam. Der Amtmann flchtete sich in den dichtesten Schwrm
heraus. Der Bursche hat heut vormittag schon gezeigt, was er fr ein
gefhrlicher Kerl sein kann! sagte er und versammelte alsbald eine Schar
handfester Mnner um sich, worunter der obere Mller nicht fehlte, der durch das
Geschrei, da des Sonnenwirts Frieder seinen Knecht gestochen habe,
herbeigezogen worden war. Jetzt erschien der Held des Tages, von niemand um
seinen Lorbeer beneidet, in der Haustre. Ruhig, als ob er nicht begreifen
knne, warum die Leute so zusammengelaufen, kam er heraus und suchte mit den
Augen seinen Schwager, auf den er sodann zuging. Man lie ihn vorbei. Da bin
ich, sagte er zu dem Chirurgen, ein Mann, ein Wort. - Ich halte, was ich
versprochen habe, entgegnete der Chirurg mit schlauem Lcheln. - Du bist kein
Mann, du bist ein Bub! schrie ihn der dabeistehende Richter an, dir braucht
man nicht Wort zu halten! - Greift ihn! befahl der Amtmann, und ehe der
zuversichtliche Bursche sich's versah, befand er sich unter der Gewalt von mehr
als zehn Fusten. Er wehrte sich wie ein Eber, schimpfte, tobte, schlug um sich,
aber zuletzt erlag er der bermacht und wurde zu Boden geschlagen. In diesem
Kampfe, der lange dauerte und an welchem seine Widersacher sich wetteifernd
beteiligten, erhielt er jeden bsen Gru, den er in Worten oder Werken unter
seinen Mitbrgern ausgeteilt hatte, mit Wucherzinsen heimbezahlt. Zuletzt banden
sie ihn mit Stricken, so da er ganz zusammengerollt am Boden lag und ihnen zu
den vielen Tierbildern, die sie heute schon an ihm erschpft hatten, auch noch
die Vergleichung mit dem verachteten Igel auf die Zunge legte. - Etwas hat ihm
gehrt, sagte der gleichfalls anwesende Heiligenpfleger, der sich als
Zahlmeister auf volle Summen verstand, jetzt wr's aber genug. - Kuh! Narr!
Jetzt geht's erst recht an, erwiderte der Richter lachend seinem Kollegen, den
er, im Range etwas hher stehend, dieser vertraulichen Anrede wrdigte. - Fort
mit ihm aufs Rathaus! rief der Amtmann. - Der Gebundene wurde aufgehoben und
fortgetragen. Ein Teil der Menge folgte. Andere blieben zurck und redeten noch
lange miteinander ber die Begebenheit, welche die alltgliche Ruhe des Fleckens
vllig unterbrochen hatte.
    Das ist aber ein Mensch, Kreuzwirt! sagte eine der auswrtigen Frauen von
der Brautgesellschaft, die sich jetzt dem Schauplatze nher wagte, zu einem dort
stehenden leibarmen Manne mit kleiner spitzer Nase, den wir aus der Unterredung
der beiden Mller bei ihrem Friedenstrunke als den geschlagenen Urscher von
Friedrichs zweiter Zuchthausstrafe kennen. Das ist ein Mensch, sag ich! Hat der
seinem Vater eine Predigt gehalten und hat ihm die Bibel ausgelegt, wie wenn er
der Pfarrer wrl Es ist mir ganz kalt aufgangen, und ich hab mich ganz drber
vernommen. Und kaum ist die Predigt ausgewesen, so hat man gesehen, wer ihn
regiert: der Teufel, der Mrder von Anbeginn!
    Ja, ja, Adlerwirtin, antwortete der Angeredete mit nselnder Stimme, das
hat man damals auch gesehen, wie er mich auf seines Vaters Anstiften, recht wie
ein Erzspitzbub und Mrder, auf dem freien Feld ohne eine einzige Ursach
angefallen hat und so behandelt, da ich auerstand bin, lebenslang einen Batzen
zu verdienen, ohne meine tgliche viele Schmerzen, wodurch ich und mein Weib und
Kind in die uerste Armut versetzt und samtlich verderbt worden sind.
    Nu, nu, Kreuzwirt, sagte die Adlerwirtin aus der Nachbarschaft, so gar
arg ist's doch grad nicht, wenn man die Leut hrt. Wei wohl, die Zeiten sind
hart; man kann sich auch ein bile verspekulieren, wenn man den Nagel gar zu
b'hb auf den Kopf treffen will. Und mit der Bresthaftigkeit ist's auch nicht so
schlimm: Ihr seid von jeher ein dnns Pappelbumle gewesen, und 's kann ja auch
nicht jeder ein Eichenbaum sein.
    Ja, aber mein Arm! klagte der Kreuzwirt. Der Mordbub hat mir ihn halb
auseinandergeschlagen. Da sehet selber, Adlerwirtin, wie er mir geschweint
(geschwunden) ist.
    Die Frau streifte ihm ohne Umstnde den schlotternden Rockrmel auf und
besah sich den Arm mit prfendem Blicke. Das ist nicht die Schweine, sagte
sie, seid nur ganz ruhig, das hat nicht viel zu bedeuten. Der Arm ist eben ein
wenig drrer als der ander. Das kommt oft vor, auch ohne Schlag. Waschet ihn
fleiig mit ein wenig Wein oder auch mit Kirschengeist, da er wieder zu Krften
kommt. Hundsschmalz drauf gebunden soll auch gut sein; ich hab's aber nie
probiert.
    Ihr seid ja ein ganzer Doktor, sagte der Kreuzwirt. Ja, ja, lenkte er
wieder in das vorige Gesprch ein, der Sonnenwirt hat heut ein' sauren Tag
erlebt. Dem sitzt gewi kein Storch mehr aufs Dach. Aber die Zuchtrut ist ihm
gesund, er soll nur fein demtiger werden, er hat's ntig. Das ist mir ein
Christentum, wenn man durch eigenntzige Konzession im Metzgerhandwerk seinen
Mitmenschen das Brot vom Maul wegnimmt, durch Geld und Arglist mehr Freiheit im
Handwerk an sich reit als ein anderer ehrlicher Meister. Nun zeigt sich's, was
das fruchtet. Der Gewinner, sagt das Sprichwort, mu einen Vertuner haben. Das
Auge Gottes siehet alles, hret alles, straft alles zu seiner Zeit. Das Wort des
groen Gottes geschhe zu dem Propheten Eli: Darum, da du nicht sauer gesehen
hast zu dieser deiner Kinder Bosheit, so soll die Missetat an dem Hause Eli
nicht vershnet werden, weder mit Speisopfer noch Rauchopfer ewiglich, im ersten
Buch Samuelis, im dritten. An den Frchten erkennet man den Baum. Kann man auch
Trauben lesen von den Dornen, oder Feigen von den Disteln? Jetzt hat er's und
mu zusehen, wie der Sohn seines Vaters ruhmwrdiges Wirtshaus blamiert. Ist's
nicht so, Adlerwirtin?
    's ist eben e' Welt, antwortete diese, welche sich nicht nher in
kitzliche Errterungen einlassen wollte. Jetzt kann ich mich aber nicht lnger
aufhalten, denn es will Abend werden, heit's im Evangelium, und der Tag hat
sich geneigt. Meine Leut werden ungeduldig, sie wollen fort. Ja, ja, ich komm
ja! winkte sie gegen ein Huflein der Umstehenden hin, worunter sich die
Ihrigen befanden. B'ht Gott, Kreuzwirt, Ihr wisset ja, der Mensch will eben
heim.
    Unterdessen hatte man den gefangenen Wildling in das Rathaus geschleppt, wo
man ihn gebunden, wie er war, in ein Gela warf und liegen lie. Der Bursche
scheint mir ziemlich betrunken zu sein, sagte der Amtmann, er mag seinen
Rausch ausschlafen, dann will ich ihn morgen vormittag verhren. Der Herr
Pfarrer wird nichts dagegen haben, wenn man einmal am Sonntag Justiz ausbt und
ein ntiges Exempel statuiert. Nun wollen wir aber gleich heute noch mit dem
Allerntigsten beginnen. - Er lie zwei Urkundspersonen rufen und begann sofort
eifrig zu amten; denn wie der Staat im Frsten, so war in ihm die Gemeinde
aufgegangen, ja noch weit mehr. Gleichwie ein absterbender alter Baum, dessen
Stamm nach unten schon mrbe und hohl geworden ist, doch in manchem Frhling
durch seinen grnen Wipfel zeigt, da die Wurzel noch frischen Saft nach der
Krone zu treiben vermag, so war von der alten wrttembergischen, aus
schwbisch-deutschem Recht erwachsenen Verfassung an der Spitze des Staatslebens
ein Rest zurckgeblieben, der, neben argem Scheinholz zwar, noch lebendige
Bestandteile enthielt und dem giftigen Pfropfreise der frstlichen
Alleinherrschaft empfindliche Hindernisse zu bereiten wute, whrend das
Gemeindeleben beinahe vllig vom Wurm zerfressen und erttet war. Die
Gemeindebehrde, bestehend in Gericht und Rat, den morschen berresten des
altdeutschen Gleichgewichts von Gewalt und Beschrnkung, war, in den greren
Ortschaften wenigstens, unter das Regiment eines frstlichen Beamten gestellt;
sie hatte zwar nicht ganz nichts, aber doch herzlich wenig zu sagen und war von
der Wurzel des Gemeindelebens losgerissen, denn sie pflanzte sich, wie der dem
Frsten zur Aufsicht beigegebene stndische Ausschu - aber nicht so wie dieser
von dem noch nicht ganz zugefallenen ffentlichen Auge berwacht - auf dem
verrotteten Wege der Selbstergnzung fort, welche noch obendrein in den meisten
Fllen ungescheut von dem Beamten selbst in die Hand genommen wurde. Von diesem
also, der die frstliche Herrschaft bei der Gemeinde und die Gemeinde bei der
Herrschaft zu vertreten hatte, hing es beinahe ausschlielich ab, welche der
beiden Vertretungen, die nur eine gesunde Zeit im Gleichgewichte halten konnte,
er bei sich berwiegen lassen wollte. Die eine versprach ihm von einem Volke,
dem sein eigenes Rechtsleben fremd geworden war, beinahe mehr Verwirrung als
Dank: die andere trug ihm von einem Hofe, der seinen Dienern unbedingt befahl
und bald so weit kommen sollte, da er sich ihre Stellen abkaufen lie, ja sogar
Gemeindedienste, ber die er gar nicht verfgen durfte, bis auf den niedrigsten
herunter um Geld vergab - lockenden Lohn oder wenigstens Ruhe vor Verfolgung
ein. Wenn es in solcher Zeit doch immer noch einzelne Beamte gab, die ihre
schwere Doppelstellung gegen oben zu kehren und dem stndischen Widerstnde
wider die frstliche Willkr Nachdruck zu geben vermochten, so mute dies dem
Lande, dessen Geschichte ihre Namen zum Teil aufgezeichnet hat, ein trstliches
Zeichen sein, da die alte gute Wurzel noch nicht vllig erstorben sei und in
besseren Tagen den kranken Baum vielleicht wieder zu erneuern vermgen werde.
Fr einen wilden Schling aber findet sich in einem selbst faulen Gemeindeleben
nicht immer so leicht ein Grtner, der ihn durch Strenge und Milde zugleich in
ein gesundes Reis zu verwandeln versteht. Statt die wilden Triebe, die sie mit
schlimmen Tiernamen brandmarken, einzudmmen und die Kraft, die sie mit dem
Bilde des Lwen bezeichnen, fr das kleinere oder grere Gemeinwesen brauchbar
zu machen, eilen sie, weil jeder mit sich selbst genug zu tun hat, ihn als einen
schdlichen Knorren auszureien und ins Feuer zu werfen. So war es, und so oder
hnlich wird es immer sein, wo - nicht ohne Schuld der Glieder, doch mehr noch
durch die zum Tode oder zu einer reicheren Zukunft fhrende
Entwickelungskrankheit - in dem Baume selbst die schaffende und heilende
Lebenskraft fr eine Zeit verkmmert ist.
    Die nmlichen, die in ihrem Feuereifer fr das Gesetz ihren verhaten Gegner
geschlagen, niedergeworfen und gebunden hatten, drngten sich jetzt bereitwillig
in das Verhr, um anzugeben, was sie Bses von ihm zu sagen wuten oder was
ihnen an ihm zuwider war. Jedes ungeschickte Wort, das er im Zorne ausgestoen,
wurde zum Anklger gegen ihn, und die gefhrliche Gesinnung, die in diesen
unbedachten Worten zu liegen schien, erhielt ihre ergnzende Besttigung durch
die Gewalttat, welcher er sich heute schuldig gemacht hatte. Der gestochene
Knecht, obgleich seine Wunde sich als unbedeutend erwies, schnaubte
unvershnliche Rache und war ber die Absicht, die er der Tat unterlegte, noch
weit mehr aufgebracht als ber diese selbst. Schon auf der Strae hatte sein
Geschrei zu vernehmen gegeben, da gegen den Gefangenen noch eine weitere Untat
vorliege, und auf Befragen des Amtmanns erzhlte er nun, die eigenen Eltern
desselben haben ihn mehr oder weniger unverblmt eines Diebstahls bezichtigt.
Hierauf verhrte der Amtmann den Sonnenwirt. Dieser entschuldigte sich, da er
die Tatsache teils um der Schande seines Hauses willen, teils wegen der
Geringfgigkeit des Betrages habe vertuschen wollen, gab aber, durch das heutige
Betragen seines Sohnes und durch das Zureden seiner Frau vollends aufgestachelt,
zu verstehen, da nach den neueren Aussagen des Knechtes der Diebstahl wohl
betrchtlicher gewesen sein mge. Der Amtmann lie sogleich den Knecht aus der
Sonne rufen, welcher, dem Strome des allgemeinen Unwillens folgend, angab, der
Besuch auf dem Kornspeicher sei in jener Nacht mehrmals wiederholt worden und
ein grerer Abmangel zu verspren, sodann auch noch, nach der Auffhrung des
Angeklagten berhaupt gefragt, zur Vermehrung seiner Schuldhaftigkeit erzhlte,
er sei einmal in die Worte ausgebrochen, wenn man ihm kein Geld gebe, so wolle
er solches nehmen und seine Stiefmutter whrend der Kirche an das Ofengerms
hinhenken. Auf diese Anzeige schickte der Amtmann Gerichtsmitglieder ab, um in
der Sonne und zugleich bei dem Hirschbauer Haussuchung zu halten. Friedrichs
Vormund, der die erstere vorzunehmen hatte, kam bald wieder; er brachte ein
Brieflein und ein bemaltes Blatt, von der Art der Heiligenbilder, ein mit einem
Schwert durchstochenes Herz darstellend. Auer dem Helgle, sagte er, ist
nichts aufzutreiben gewesen, was eine Auskunft gab, als vielleicht der Brief da.
Dem Inhalt nach ist er von einem Weibsbild, schtz wohl, von der Jungfer
Ohnekranz. Ist mir eine neue Mode, da ein Mdle einem Mannskerl etwas
Schriftlich's schreibt; das tut auch kein recht's Mensch; aber die Welt wird
alle Tag rger und die Jugend immer verdorbener. - Nun kam auch der
Augenschein vom Hirschbauer zurck, in dessen Hause man jedoch gar nichts
gefunden hatte als Not und Jammer ohne Ende. Der Lrm des ffentlichen
Schauspiels mochte den flinken Jerg beizeiten auf etwaige Gefahren aufmerksam
gemacht haben. Das ist ein Heulen und Schreien, da einem Hren und Sehen
vergeht! sagte der Heiligenpfleger, der zu dieser Verrichtung beordert worden
war, wenn so ein leichtfertiger Bub nur auch bedenken tt, was er fr Unglck
stiften kann, so ging er vielleicht vorher in sich und auf bessere Weg. Da ist
ein Bschel Brief von ihm, die Alt hat's gleich rausgeben; die Jung liegt aufm
Bett und ist ganz weg; und der Vater wird's auch nimmer lang treiben.
    Der Amtmann nahm die Briefe und legte sie zu den Akten, um hiermit sein
heutiges Tagwerk zu beendigen, welches mit einem Verhr der Sonnenwirtin schlo
oder vielmehr zu einer vertraulichen Unterredung mit derselben in Gegenwart der
Amtmnnin berging. Die Sonnenwirtin hatte es jetzt ganz in der Hand, die
Wetterwolke, die ihr Stiefsohn ber sein Haupt heraufbeschworen, in der
gewnschten Richtung zu entladen, und sie benutzte die Gelegenheit so eifrig,
da sie darauf bestehen wollte, auch gewisse verfngliche Reden, die ihr Sohn
gegen den jungen Herzog gefhrt haben sollte, ins Protokoll zu bringen.
    Hier machte jedoch der Amtmann ein sehr ernsthaftes Gesicht. Na, na, Frau
Sonnenwirtin, sagte er, man mu doch nicht ganz alle Bonhommie hinter sich
werfen. Zum cumulus brauchen wir das nicht, es ist cumulus genug da, ein Berg,
an dem er mindestens ein paar Jahre abzutragen haben wird. Die Sache hat aber
noch eine andere Seite. Wenn ich in meinem Bericht an die Herrschaft, denn vom
Oberamt geht er nach Stuttgart ab, dieses delikate Sujet berhre und wenn der
Herr selbst etwas davon erfhrt, so macht er sich Gedanken. Bei einem jungen
Menschen gilt der Grundsatz: leben und leben lassen! Wenn daher ein junger
Mensch auf anzgliche Weise moralisiert, so sagt man sich gleich: das hat er
nicht aus sich, das hat er von andern aufgegabelt. Da entsteht nun die Frage:
woher hat er's? von Vater oder Mutter? oder sollte gar der Amtmann oder der
Pfarrer, ich will nicht sagen in eigener Person, unvorsichtige oder
miverstndliche Ausdrcke gebraucht, aber vielleicht bei den Untergebenen
gewissem, einfltigem Geschwtz nachgesehen haben? Wenn man sich aber einmal
Gedanken macht, so kommt man an allem Mglichen und Unmglichen herum, und da
kann niemand wissen, was zuletzt noch fr Kalamitten daraus entstehen mgen.
Wollen's steckenlassen, Frau Sonnenwirtin, wollen's steckenlassen. Beruht!
    Und da wir just unter uns Pfarrerstchtern sind, wie man zu sagen pflegt,
setzte die Amtmnnin hinzu, so will ich erst noch den Herzog in Schutz nehmen.
Wenn eine Frau meint, sie habe sich ber ihren Mann zu beklagen, so fragt sich's
oft, ob nicht sie den ersten Anla gegeben hat. Die Hoffart, sagt das
Sprichwort, mu etwas leiden. Man mag von ihm sagen, was man will, er hat etwas,
das ihn von vielen anderen groen Herren unterscheidet: er neigt sich zur
Landesart, hat etwas Populres in seinen Manieren und schmt sich nicht, mit dem
Untertan auf einer espce von gleichem Fu zu stehen. Gerade das geht aber ihr
vllig ab, sie hlt es fr gemein und wird sich nie dareinfinden. Da ist's nun
kein Wunder: wenn sich die Kpfe nicht ineinander fgen, so bleibt auch zwischen
den Herzen eine Kluft. Dann hat sie an ihrem Bayreuther Hof sich an den hohen
Ton, den feinen Gout, an Oper und Ballett gewhnt, und er hat, ihrem Geschmack
zulieb, Hofdamen, Snger und Sngerinnen aus Italien, Tnzer und Tnzerinnen aus
Paris, alles hat er ihr angeschafft. Nun haben wir die Bescherung. Die Damen und
Demoisellen sind hbsch, sie ist vornehm, er leutselig und nicht von Stein - da
hat man leicht prophezeien knnen, wie es kommen wird.
    Jetzt seh ich erst, sagte die Sonnenwirtin listig lchelnd, welch ein
gro Zutrauen die Frau Amtmnnin zu ihrem Herrn haben mu, denn die Kathrine wr
doch kein ganz bler Bissen.
    Die Amtmnnin lachte aus vollem Halse. Ich bin nicht eiferschtig, rief
sie. Mein Mann ist ein groer Jger vor dem Herrn, ein Nimrod, der hat ein Herz
von Marmor und geht lieber auf was Wildes als auf was Zahmes aus.
    Dem Amtmann kam die Wendung des Gesprches gleichfalls hchst spahaft vor,
und unter lautem Gelchter wurde die Sonnenwirtin entlassen.
    Am Sonntagmorgen berief der Amtmann, innerlich vergngt ber diese gute
Gelegenheit, die Predigt seines geistlichen Mitbeamten zu schwnzen, seine
beiden Skabinen oder Gerichtsbeisitzer, welche als amtliche Zeugen bei dem
Untersuchungsverfahren, das sie bewachen sollten, aber hufiger beschliefen, den
faulsten berrest der alten Volksgerichtsbarkeit bildeten. Er befahl dem
Schtzen, den er als Diener der Gemeindebehrde benutzte, den Gefangenen
vorzufhren. Der Schtz fand denselben auf einer Bank ruhig schlafend und mute
ihn mit einigen Sten wecken. - Er hat, scheint's, alles vergessen, was
gestern vorkommen ist, brummte er ihn an. - Nein, sagte Friedrich, die Augen
ausreibend, es fllt mir alles wieder ein, auch da Ihr mich losgebunden habt
und ich Euch mein Wort gegeben hab, ber Nacht nicht durchzugehen. - Sein Wort
hat Er gehalten, das mu ich Ihm lassen, versetzte der Schtz, jetzt mu ich
Ihn aber wieder handfest machen, damit's der Herr nicht merkt, da Er ber Nacht
frei gewesen ist, sonst bin ich um den Dienst. - Friedrich streckte gutwillig
die Hnde hin, und der Schtz legte ihm Fesseln an, worauf er ihn nach dem
Amtszimmer fhrte.
    Er ist von dar ganzen Burgerschaft wie auch von Seiner eigenen Familie
wegen gemeingefhrlicher Auffhrung, dann auch wegen mrderischen Attentats
gegen einen Seiner Nebenmenschen und wegen Diebstahls an Seinem leiblichen Vater
angeklagt und hat sich allhier zu verantworten, begann der Amtmann, nachdem er
den Eingang des Protokolls geschrieben hatte.
    Friedrich blickte auf seine Ketten und schwieg.
    Der Amtmann, der ihn eine Weile aufmerksam betrachtet hatte, hielt ihm in
Krze die Hauptpunkte der Anklage vor und fragte: Was hat Er hierauf zu
erwidern?
    Der Gefangene verharrte in seinem strrischen Schweigen.
    Mu ich Ihn durch Prgel zum Gestndnis bringen? fuhr der Amtmann auf.
    Ein Zucken lief ber den Krper des Gefangenen, so da seine Kette klirrte,
aber er tat den Mund nicht auf.
    Dich sollt man im Mrser zerstoen! rief Friedrichs unvermeidlicher
Vormund, der neben einem kleinen Spezereigeschft allerlei mehr oder minder
eintrgliche mtchen bei der Gemeinde und darunter auch das eines
Gerichtsbeisitzers versah.
    Friedrich blickte ihn verchtlich an.
    La Er mich nur machen, sagte der Amtmann verweisend zu der eifrigen
Urkundsperson. Dann hielt er eine eindringliche Rede an den Gefangenen. Er
fragte ihn, wie er es vor seinem Vater, vor seiner Mutter, die sich im Grab
umkehren msse, vor seiner ehrbaren Verwandtschaft, ja vor ihm selbst, dem
Nachfolger seines Paten, verantworten knne, so viel Unruhe ber die Gemeinde zu
bringen und noch obendrein dem Gerichte durch seine Halsstarrigkeit zu schaffen
zu machen. Und was soll ich Seiner hochfrstlichen Durchlaucht antworten, fuhr
er fort, wenn Hochselbige sich herablt, sich nach dem jungen Menschen zu
erkundigen, der vor den hchsten Augen eine unleugbare Bravour bewiesen hat?
Wenn die Antwort lautet, er habe Verbrechen auf Verbrechen gehuft, endlich
sogar seinem Richter die schuldige Ehrerbietung verweigert und durch bsartigen
Trotz sich selbst noch tiefer in Schaden gestrzt, mu dann nicht der Herr, der
sonsten das Verdienst zu belohnen geneigt ist, sich beeilen, einen solchen Namen
wieder aus dem frstlichen Gedchtnis auszulschen?
    Ich hab kein' Lohn begehrt, erwiderte der Gefangene trotzig. Es waren die
ersten Worte, die er sprach.
    Nun, so vergrere Er wenigstens Seine Strafe nicht, sagte der Amtmann,
der das Eis gebrochen sah und rasch auf der gewonnenen Bahn fortfuhr. Er hat es
in der Hand, vielleicht schwerere Bezichte von sich abzuwlzen. Mir geschieht es
sauer genug, ein hiesiges Burgerskind criminaliter prozessieren zu mssen. Aber
so viel wird Er selbst einsehen: wenn die ganze Burgerschaft klagt, so kann ich
doch die Sache nicht vor Ohren gehen lassen.
    Friedrich lchelte bitter. Es mgen wohl viele hier sein, sagte er, die
mich gern am Galgen sehen mchten, aber alle nicht. Wenn's aber doch mit mir aus
soll sein, und ich soll kein ehrlicher Mann werden knnen - vor dem Flecken
drauen steht ja das Hochgericht, also machen Sie vorwrts, Herr Amtmann! Je
krzer der Proze, desto besser fr mich.
    Der Amtmann lachte. So kurzen Proze kann ich nicht machen, sagte er.
Stock und Galgen haben wir wohl noch, aber der Stab ist etwas abgekrzt. Der
Oberstab ist in Gppingen, wo Er Sein Urteil empfangen wird. Deshalb will ich
Ihn in Gte darauf hingewiesen haben, da Er sich nicht das Protokoll durch
weitere Hartnckigkeit selbst verdirbt. Denn das Sprichwort sagt bekanntlich:
wie man berichtet, so richtet man. brigens seh ich nicht ein, wie Er behaupten
kann, man wolle Ihn nicht ehrlich werden lassen. Wer verwehrt Ihm denn das? Im
Gegenteil, es handelt sich ja darum, Ihn auf den rechten Weg zurckzubringen.
    Ich hab meinem Schatz versprochen, da ich sie und ihr Kind zu Ehren
bringen will, murrte Friedrich mit einigem Unmut, da er nicht verstanden
worden war. Solang ich mein Wort nicht halt, bin ich auch kein ehrlicher Mann,
und man leid't's ja nicht, da ich's halten soll.
    Ja so, das ist's, versetzte der Amtmann. Das scheint die Ursache gewesen
zu sein, nicht wahr, da Er die verschiedenen Redensarten ausgestoen hat, die
ich Ihm jetzt vorhalten mu?
    Mit dem befriedigenden Bewutsein, durch seine Bonhommie dem trotzigen
Delinquenten das Band der Zunge gelst zu haben, zhlte ihm der Amtmann die
Snden dieser Zunge auf, welche seine Anklger zu Protokoll gegeben hatten.
Friedrich gab einige als mglich, andere als wirklich zu, wieder andere zog er
in Abrede. Das sind mir Klagen! sagte er. Dergleichen Redensarten kann man
von jedem Kind in Ebersbach hren. Aber man sollt meinen, der ganz Flecken red
franzsisch, und ich allein schwtz deutsch.
    Der Amtmann protokollierte, whrend seine Beisitzer ghnten und der
Gefangene gelangweilt das Bild der Justitia betrachtete. Nachdem der Amtmann
kunstgerecht das Gebude der Aussagen zusammengetragen hatte, aus welchen die
Bosheit der Gesinnung hervorleuchtete, nahm er eine neue Prise und ging sodann
zu dem Messerstich ber, in welchem der ttliche Ausbruch dieser Gesinnung
erblickt werden konnte.
    Es tut mir leid, sagte Friedrich, da der Peter so verbost auf mich ist.
Ich hab ihn um Verzeihung gebeten, wiewohl vergeblich, und wrd's gern noch
einmal tun, wenn ein guts Wort eine gute Statt bei ihm fnd. Ich seh wohl ein,
da es nicht recht gewesen ist, aber ich hab's, wei Gott, nicht so bs gemeint,
ich hab's eben in der Hitz aus Unvorsichtigkeit und bereilung getan, und wie
ich gehrt hab, da ihm's nichts geschadt hat, so ist mir's gewesen, als wr ich
aus Ketten und Banden erlst. Er sollt aber jetzt auch keinen solchen Kessel
berhngen. Was! das bile Aderla ist ihm gesund gewesen, er ist ja ein Kerl
wie ein Ochs.
    Nun ja, Er darf freilich Gott danken, da die Sache so gut abgelaufen ist,
sagte der Amtmann etwas zutraulich, mit Blutvergieen ist nicht zu spaen, da
geht's gleich um den Kopf. Aber, fgte er hinzu, wenn Er in der Rage
zugestoen hat, so hat Er doch nicht so gewi wissen knnen, ob der Sto nicht
tiefer oder bis ans Leben gehen werde.
    Ich bin freilich in der Rage gewesen, antwortete Friedrich, aber ich hab
ihm doch nicht viel tun knnen, denn er hat mich ja am Arm gepackt gehabt, und
also hab ich eigentlich gar nirgends anders hinstoen knnen als nach seinem
Arm.
    Glaubt Er, forschte der Amtmann, Er habe das so sicher berechnen knnen?
Es ist doch nicht wohl anzunehmen, da man im Zorn zugleich kalt und besonnen
zielt. Man stot eben zu, und dann kann der Sto ebensowohl am Arm vorbei und in
den Krper gehen.
    Ja, gezielt hab ich freilich nicht, erwiderte Friedrich, und hab mir auch
nicht frgenommen, wie tief es gehen soll. Ich hab ja schier nicht gewut, da
ich nur gestochen hab. Wenn ich kein Messer in der Hand gehabt htt, so htt ich
ihm eben die Faust zu Gemt gefhrt.
    Da htte Er ja aber auch das Messer vorher weglegen knnen, sagte der
Amtmann.
    Ja was! wenn man im Zorn ist, so denkt man an nichts und stot eben zu.
Wenn man je was denkt, so denkt man hchstens im Unsinn: Kerl, hin mut sein!
    Hin? fragte der Amtmann, die Gerichtsbeisitzer anblickend und rasch der
neuen Fhrte folgend.
    Das ist einem aber nicht Ernst, verbesserte der Gefangene, dem es
nachgerade schien, er sei im Begriffe, zu viel zu sagen. Man ist nachher heilig
froh, wenn's nichts getan hat.
    Der Amtmann protokollierte fleiig drauflos, whrend dem Gefangenen eine
dunkle Ahnung verraten mochte, seine Vorsicht komme zu spt und er habe wohl
schon viel zuviel gesagt. Auch reichte seine Vernehmlassung vollkommen hin, um
die Anklage wegen eines Attentats zu begrnden, bei welchem er eine Ttung, wo
nicht beabsichtigt, so doch auch nicht geflissentlich vermieden, jedenfalls aber
eine mehr oder minder lebensgefhrliche Verwundung vorausgesehen habe.
    Zufrieden mit dem bisherigen Erfolge der Untersuchung, legte der Amtmann die
Feder nieder und nahm das Verhr wieder auf. Jetzt kommen wir an den
Fruchthandel, sagte er. Er wird nicht in Abrede zu ziehen gemeint sein, da es
ein etwas einseitiger Handel ist, wenn man Frucht einsackt, ohne Bezahlung dafr
zu leisten. Pro primo aber, um die Aussagen unter sich in Einklang zu bringen,
mu ich fragen: wieviel ist's denn eigentlich gewesen?
    Herr Amtmann, antwortete Friedrich, ich hab meinem Vater gleich im ersten
Augenblick erklrt, da er durch den Handel um keinen Kreuzer kommen solle, und
wenn's jetzt an dem ist, da er aus meinem Mtterlichen schadlos gehalten werden
soll, so will ich kein Krnle verschweigen. Natrlich hab ich's in der Nacht und
in der Eil nicht so akkurat abzhlen knnen, auch ist in einem Sack mehr gewesen
und im anderen weniger, aber ich tu meinem Vater gewi nicht unrecht, wenn ich's
im ganzen auf ein Scheffel sechs oder sieben schtz, Dinkel und Haber, ungefhr
zu gleichen Teilen - ganz genau kann ich das natrlich jetzt nicht mehr sagen.
    Sechs bis sieben Scheffel Dinkel und Haber, sagte der Amtmann, den Kopf
auf die Hand sttzend. Ja, ja, das mssen wir so praeter propter berechnen. Wo
sind die pretia rerum? fragte er, in den auf dem Tische liegenden Akten
kramend. Ja so, meine Frau wird die Zeitung haben. Herr Senator, geh Er
geschwind zu meiner Frau hinber; ich lasse sie auf einen Augenblick um die
Wchentlichen Anzeigen bitten.
    Der Richter ging und brachte das amtliche Landesblatt, auf dessen Rckseite
die Frucht-, Wein-, Holz-und Salzpreise verzeichnet waren. Der Amtmann nahm das
Folioblatt, legte es vor sich auf den Tisch, strkte sich zuvor durch eine Prise
und suchte dann mit dem Finger im Schrannenzettel. Da steht's, sagte er,
Gppinger Schranne, Dinkel drei Gulden dreiig, Haber zwei Gulden dreiig.
    Ja, sagte der andere Gerichtsbeisitzer verdrielich, seit der Ernt hat
der Dinkel um dreiig Kreuzer abgeschlagen, im August hat er noch vier Gulden
kost't.
    Der Amtmann rechnete mit dem Bleistift auf einem Stck Sudelpapier. Vier
Scheffel Dinkel, murmelte er, tut vierzehn Gulden; drei Scheffel Haber, tut
sieben Gulden dreiig, beides nach jetzigem Preis. Zusammen also einundzwanzig
Gulden und dreiig Kreuzer. Ist Er mit der Taxation zufrieden?
    Herr Amtmann, antwortete Friedrich, ich hab zu meinem Vater gesagt, wenn
der Fruchtpreis bis zur Abrechnung anziehe, so solle das sein Nutzen sein; also
sollt's eigentlich mir zugut kommen, wenn der Preis unter der Zeit gefallen ist,
weil mein Vater ja doch damals nicht hat verkaufen wollen. Aber ich bin nicht so
interessiert. Machen Sie nur das Ungerade voll und rechnen Sie zweiundzwanzig
Gulden, da die Zahl rund ist.
    Ich wei nicht, was Er will, sagte der Amtmann. Ich habe ja nach dem
heutigen Preis, also zu Seinen Gunsten gerechnet.
    Richtig, Herr Amtmann, erwiderte Friedrich, aber Sie haben vier Scheffel
Dinkel und drei Scheffel Haber angenommen, und es knnen ebensogut vier Scheffel
Haber und drei Scheffel Dinkel gewesen sein, oder auch gradaus halb und halb.
    Ist mir das eine Strohhalmspalterei! rief der Amtmann verdrielich. Die
beiden Gerichtsbeisitzer lachten. Wenn's hoch kommt, so macht's 'n Gulden
Unterschied, und 'n halben Gulden will er ja selber dreingeben, sagte der eine.
Kommst endlich ins Rechnen? rief Friedrichs Vormund, 's wr wohl Zeit, da du
dran dchtest; htt'st aber schon frher anfangen sollen.
    Damit Er sieht, da Ihm kein Unrecht geschieht, so will ich's Ihm
vorrechnen, sagte der Amtmann und griff wieder zum Bleistift.
    Ach, mir ist's ja nicht ums Geld! sagte Friedrich zugleich rgerlich und
beschmt. Ihn hatte blo das verdrossen, da man von den mglichen Grundlagen
der Berechnung die ungnstigste angenommen hatte. Whrend der Amtmann noch
rechnete, hrte man vor der Tre, die der Schtz aus Neugier ein wenig offen
gelassen hatte, einen schweren Tritt, der von wiederholtem Ruspern des
Kommenden begleitet war, dann einen Wortwechsel mit dem Schtzen, welcher
endlich sagte: Wenn Er mit Gewalt nausgeschmissen sein will, so probier Er Sein
Glck. Darauf klopfte es an der Tre erst leise und demtig, dann etwas lauter.
Der Amtmann lie einen grimmigen Blick nach der Tre hinlaufen, rechnete aber
stillschweigend fort. Es klopfte wieder. Da dich das Wetter! rief der Amtmann
und warf den Bleistift hin, was ist das fr ein unverschmter Lumpenkerl?
Einer der Gerichtsbeisitzer ging auf den Zehen nach der Tre und ffnete. Ein
halb stdtisch, halb lndlich gekleideter Mann stand davor, der, da er sich auf
einmal dem Amtmann gegenber sah, ein paar tiefe Kratzfe machte. Mit Ihrem
Wohlnehmen, Herr Amtmann! wollte er beginnen. Zugleich rief der Gefangene, der
sich neugierig umgesehen hatte: Das ist ja der Vetter aus Hattenhofen! Gr
Gott, Vetter!
    Still! gebot der Amtmann. Hab jetzt keine Zeit! rief er dem Ankmmling
zu. Sieht Er denn nicht, da hier etwas Dringendes verhandelt wird? Und wie
kann Er sich unterstehen, am Sonntag zu kommen?
    Exkse, Herr Amtmann, sagte jener, schon halb auf dem Rckzuge begriffen,
's ist ja eben wegen der Sach.
    Halt! rief der Amtmann. Herein da! Hat Er etwas wider den Angeklagten
vorzubringen?
    Ach nein, Herr Amtmann, wenn Sie's erlauben, antwortete der Mann etwas
weinerlich, ich verklag ihn nicht, gewi nicht, und was er von mir hat, das hat
er aus gutem freien Willen, und ich will aber auch hoffen, da ich wieder zu
meinem Sach komm.
    Also eine Schuldklage! rief der Amtmann enttuscht. Dazu ist jetzt keine
Zeit, das ist nachher vorzubringen. Fort!
    Der ist pfiffig! sagte der Gefangene lachend, der wei den Pelz zu
waschen, ohne ihn na zu machen. Ich mcht aber nicht haben, da er in der Sorg
wr, er knnt durch mich um etwas kommen, und weil wir ohnehin just an der
Abrechnung von meinem Mtterlichen sind, so ist mir's lieber, wenn das auch
gleich dazugeschrieben wird.
    Ich hab's ihm aus gutem freien Willen gelassen, Herr Amtmann, wiederholte
der Vetter, erfreut ber die Willfhrigkeit des Gefangenen, indem er sich
zugleich, dem Befehl des Beamten gehorchend, aber so langsam, da er jeden
Augenblick zurckgerufen werden konnte, nach der Tre zurckzog.
    Gelassen? aus gutem Willen gelassen? sagte der Amtmann stutzend. Was ist
denn das?
    Der Mann zuckte die Achseln verlegen lchelnd und blieb an der Tre stehen.
    Der Amtmann sah den Gefangenen scharf an. Ich hab's ihm von meinem
Mtterlichen zurck versprochen, sagte dieser.
    Halt! rief der Amtmann. Er bleibt da! Bring Er Seine Sache vor! Ich mu
wissen, wie es sich damit verhlt.
    Ich will's selber sagen, nahm der Gefangene das Wort. Ich hab ja gleich
mit rausrcken wollen, sobald ich meinen Vetter gesehen hab. Also, wie sich's um
das Strafgeld fr meine Christine gehandelt hat, und der Herr Amtmann hat mir
die Hll hei gemacht und all die Unehr und Schmach frgestellt, die ber sie
htt ergehen sollen, da hab ich nicht gewut, wo hinaus und wo hinein, und weil
der Herr Amtmann mit dem Geld sehr pressiert hat, so bin ich noch in der
nmlichen Nacht gen Hattenhofen gesprungen und hab bei meinem Vetter da einen
Besuch gemacht.
    Und ist der Vetter bei dem Besuch auch selbst zugegen gewesen? fragte der
Amtmann, immer aufmerksamer werdend, den Vetter von Hattenhofen.
    Neinle, neinle, Herr Amtmann, ich bin nicht dabeigewesen, antwortete
dieser mit seinem verlegenen Lcheln.
    Das ist aber ein Galgenvogel! schrie der Richter auf. Also noch so ein
Stck! Wenn man dem die Schublad aufmacht, so springen lauter Einbrch 'raus!
    Still! befahl der Amtmann. Kann Er behaupten, da Sein Vetter Ihn
eingeladen oder aufgenommen habe, und was hat Er bei Nacht in dem fremden Haus
getan?
    Es ist mir kein fremdes Haus gewesen, Herr Amtmann, sagte der Gefangene,
und wenn mich auch mein Vetter selbigsmal nicht hat einladen knnen, weil er
just zu der Zeit geschlafen hat, so hab ich doch von frher gewut, da er sein
Haus nicht vor mir verschliet.
    Ja freile, freile! sagte der Mann von Hattenhofen eifrig bekrftigend.
Mir ist ja die Sonne auch nicht verschlossen, und ein Ehr ist der andern wert.
    Und was hat Er in dem Haus getan? wiederholte der Amtmann.
    Die Straf fr meine Christine geholt, wie ich ja schon von Anfang an hab
sagen wollen! antwortete der Gefangene etwas gereizt.
    Also hat er Ihm Geld genommen? fragte der Amtmann den Mann vom Lande.
    Beileib net, Herr Amtmann, b'ht uns Gott! sagte dieser, blo e bissele
Zwetschgen und e bissele Trilch und e bissele Garn und e bissele Flachs, und
aber ber alles das hat er mir eine Quittung geben.
    Hat Er die Quittung da?
    Ha freile, Herr Amtmann, rief der Nichtklger, dem die Freude, sein
Anliegen so geschickt anbringen zu knnen, aus den Augen blinzelte, und reichte
die Quittung mit weit vorgebeugtem Leib und ausgestrecktem Arm dem Amtmann hin.
    Hat Er die Quittung in jener Nacht zurckgelassen? fragte der Amtmann den
Gefangenen.
    Nein, Herr Amtmann, damals hat mir's zu arg pressiert. Ich hab dann gleich
den Tag darauf das Sach verhandelt und das Geld meiner Christine gebracht,
damit's mit der Straf in Richtigkeit kommen soll. In etlichen Tagen hernach bin
ich aber wieder hinaus und bin meinem Vetter abermals ins Haus kommen und hab
ihm die Quittung ehrlich und redlich auf den Tisch gelegt, er kann's selber
nicht anders sagen. Und wiewohl ich rechtschaffen Hunger gehabt hab, so hab ich
doch fr mich nichts angerhrt.
    Ja, der Frieder ist recht, das mu man ihm lassen, sagte der Vetter unter
fortwhrendem leisen Gelchter der beiden Gerichtsbeisitzer. Ich wr auch
zufrieden gewesen mit der Quittung, denn sein Wort ist mir so lieb wie bar Geld,
trag ihm auch gar nichts nach, und aber nur, weil ich gestern Nacht gehrt hab,
da er in Ungelegenheit kommen sei, so hab ich gemeint, ich m doch sehen, da
ich wieder zu mei'm Schle komm, eh jemand anders die Hand drauf deckt.
    Der Amtmann selbst konnte das Lachen kaum verbeien. Hat Er denn nach dem
ersten Besuch Sein Haus nicht besser verwahrt, da Ihm der ungeladene Gast noch
einmal hat hineinkommen knnen? fragte er.
    Freile, antwortete der Vetter vom Lande. Aber wo der nein will, da hilft
kein Verwahren nichts. Dem ist nichts zu hoch und nichts zu tief, er kommt eben
hin.
    Ein schnes Prdikat, bemerkte der Amtmann. Darauf fragte er beide, ob sie
mit der Quittung und der darin enthaltenen Schtzung der auf so ungewhnliche
Weise entlehnten Gegenstnde einverstanden seien. Friedrich erwiderte, er habe
mehr angesetzt, als er bei dem Verkaufe, mit dem es geeilt, erlst habe. Auch
der Vetter lie sich die Preise sehr gerne gefallen und erklrte: Wenn mir's
der Frieder abkauft htt, ich htt's ihm grad so geben. Wir sind ja immer ein
Kuch und ein Mu gewesen, gelt du, Friederle?
    Es will mir auch so vorkommen, sagte der Amtmann mit einer gewissen
Strenge. Er sucht mir da Seinem Konsorten behilflich zu sein und dem Streich
den Nimbus eines freiwilligen Anlehens zu geben. Wei Er, da ich Ihn beim Essen
behalten und etwan in puncto stellionatus prozessieren knnte!
    Der Mann von Hattenhofen erschrak ins Herz hinein: er glaubte, seine Sache
unbertrefflich gut gemacht zu haben, und sah sich jetzt dennoch in der Gefahr,
von einem der vielen Rdchen der Justizmaschine, dem er vielleicht zu nahe
gekommen, erfat zu werden. Doch nahm er sich zusammen und erwiderte: Wenn's
der Herr Amtmann nicht ungtig nehmen will, mein Herz wei nichts davon, und ich
versteh auch kein Wrtle, warum ich gestraft werden soll.
    Dafr, sagte der Amtmann, da Er Schleichereien macht und die Leute, ja
selbst die Obrigkeit irrefhren hilft.
    Mit Verlaub, Herr Amtmann, hob der vormundschaftliche Gerichtsbeisitzer
an, der einen Stein im Brett zu haben glaubte, whrend der Beamte ihm vielmehr
die Zurcksendung seiner Geldsorten nachtragen mochte. Wenn man fragen darf,
woher hat denn das Ding seinen Namen? Das Wort lautet sogar kurios und kommt
einem so oft vor. Ich hab schon etlichemal fragen wollen.
    Der Amtmann wurde etwas rot. Ich kann's Ihm schwarz auf wei zeigen, wenn
Er zweifelt, sagte er und ging nach einem Aktenstnder, auf welchem mehrere
seinen Inzipienten gehrige Bcher aufgestellt waren.
    Ich hab ja kein Zweifel, gewi nicht! rief der Gerichtsbeisitzer in wahrer
Verzweiflung. Ich glaub ja alles aufs Wort, wie mir's der Herr Amtmann sagt.
    Dieser aber, dem mit solcher Bereitwilligkeit im vorliegenden Falle nicht
sehr gedient sein mochte, zog ein Buch heraus und bltterte schnell darin.
Bestie! fluchte er halblaut, da er das Gewnschte nicht fand, stie das Buch
wieder hinein, ri ein dickeres heraus, schlug es auf, zeigte mit dem Finger auf
die Stelle und sagte beruhigt: Da steht's, da kann Er selber sehen! Stellio,
eine Art Eidechse, welches ein sehr listiges und rnkevolles Tier, daher
stellionatus, das Verbrechen, wo einer rnkevoll handelt, sonderlich mit
Schleichereien in Geldsachen, und das Verbrechen doch keinen Namen hat, daher
extra ordinem und secundum arbitrium zu bestrafen ist. Da brigens Inquisit
gestndig ist, wandte er sich an den bange harrenden Vetter, und da Er mehr
eine Art Gerechtmacherei als einen eigentlichen Vorteil bezweckt hat, so will
ich nicht den strengsten Mastab anlegen, sondern die Sache fr dieses Mal
hingehen lassen! Merk Er sich's aber fr die Zukunft, damit Er gewitzigt ist.
    Der Amtmann, dem eine stille Ahnung sagen mochte, da er mit seiner
Gesetzesanwendung denn doch bei den eigentlichen Juristen durchfallen knnte,
protokollierte nun ein langes und breites, lie dann den von Hattenhofen
unterschreiben und schickte ihn fort. Da dieser aus Respekt das Trschlo nicht
in die Klinke fallen zu lassen wagte, so hrte man, wie er drauen im Weggehen
leise vor sich hinpfiff. Denn dies ist die Art des Landbewohners: wenn er zu
einer Verhandlung mit Herren oder sonst zu einem wichtigen Handel kommt, so
ruspert er sich, als ob er einen Stein vom Herzen weghusten mte, und wenn er
fortgeht, so pfeift oder summt er bald mehr, bald minder zufrieden, entweder
weil es nach seinem oft sehr schlauen Kopfe gegangen ist oder weil er denkt, es
habe doch wenigstens den Kopf nicht gekostet und htte ja noch schlimmer gehen
knnen, als es gegangen sei.
    Wir kommen nun auf das vorige Chapitre zurck, begann der Amtmann wieder.
Er ist also gestndig, auer dem hier verhandelten, bei Seinem Vater einen
Diebstahl, den er auf zweiundzwanzig Gulden anschlgt, begangen zu haben?
    Herr Amtmann, sagte der Gefangene, ich kann mir's nicht gefallen lassen,
da man das einen Diebstahl heit. Ich bin in meinem Eigenen gewesen und hab ja
meinem Vater gleich geofferiert, da ich's ihm aus meinem Mtterlichen wieder
ersetzen will.
    Davon nachher, erwiderte der Amtmann. Wer sind Seine Helfershelfer
gewesen, und wo hat Er das Geld hingebracht?
    Ich hab die Frucht ganz allein auf meines Vaters Bhne geholt, es ist kein
Mensch mit mir droben gewesen, antwortete der Gefangene, den Sinn der Frage
durch den Wortlaut seiner Aussage umgehend. Man hat Verdacht, da Seine Person
und einer ihrer Brder Ihm dabei behilflich gewesen sein werden, inquirierte
der Amtmann.
    Friedrich wiederholte seine Versicherung und erbot sich, einen Eid zu
schwren, da keines von den beiden auf seines Vaters Speicher gekommen sei. Der
Amtmann belehrte ihn, da ein Angeklagter nicht zum Eide zugelassen werden
knne, und hielt ihm dann jenen bei dem Mller begangenen Bienendiebstahl vor,
dessen sich der eine seiner angeblichen Schwger mehr als verdchtig gemacht
habe; es sei beinahe so gut wie erwiesen, da er selbst bei jenem Vergehen mit
im Komplott gewesen sei, und man msse jenen mit allzu groer Nachsicht beiseite
gesetzten Fall jetzt hervorziehen, weil er auch auf den neueren Vorgang ein
Licht zu werfen scheine. Friedrich war nicht wenig froh, den Verdacht von seinem
Lieblingsschwager auf dessen fr ihn wie fr die Familie unbedeutenderen Bruder
abgelenkt zu sehen, beteuerte jedoch, er habe demselben an dem Abend, an welchem
er den Diebstahl begangen zu haben beschuldigt sei, unwissentlich und zufllig
auf der Brcke gepfiffen und sich lediglich hierdurch verdchtig gemacht. Der
Amtmann setzte ihm scharf mit Kreuz- und Querfragen zu, brachte aber nichts aus
ihm heraus, was einen Anhalt zum Einschreiten gegen seinen Mitbeschuldigten
darbieten konnte. Ebensowenig war ihm ber das aus der Frucht erlste Geld ein
Gestndnis abzupressen. Da er weder den dritten Genossen verraten, noch sich
einer Hilfe, die seinem Mdchen in der Not zustatten kommen konnte, entschlagen
wollte, so blieb er beharrlich dabei, er habe das Geld vollstndig ausgegeben
und sein Vater solle es eben an seinem eigenen Vermgen abziehen.
    Wie hat Er das Geld verwendet? fragte der Amtmann, immer schrfer in ihn
dringend.
    Ich hab's vertan, antwortete er, um der Untersuchung jeden Weg
abzuschneiden.
    Wie hat Er's vertan? rief der Amtmann wild.
    Versoffen! antwortete er trotzig.
    Du Hallunk! schrie sein Vormund, whrend der Amtmann erschpft in den
Sessel zurcksank. Nachdem dieser etwas Atem geschpft, richtete er sich wieder
auf und sagte gleichmtig: Ich mu und will annehmen, da Er die Wahrheit sagt;
in diesem Fall kommt eben zu Seinen anderen Reaten auch noch der Punkt des
asotischen Lebenswandels hinzu. Ich hab's Ihm ja erklrt, da es ganz bei Ihm
stehe, wie Sein Protokoll ausfallen werde.
    Der Amtmann war im ganzen nicht unzufrieden mit dem Ergebnis der
Untersuchung, das ihm ziemlich ausgiebig erschien. Er hielt dem Gefangenen seine
Hauptvergehen vor und ging schlielich in den Ton der Rge und Ermahnung ber.
Hat Er denn ganz vergessen, rief er, was ich Ihm damals so eindringlich
gesagt habe, als Er das erstemal auf seinen bsen Wegen betreten wurde, und was
ich Ihm dann wieder gepredigt habe, als Er von Seiner ersten Strafe zurckkam?
    Nein, Herr Amtmann, ich wei es noch, antwortete der Gefangene, Sie haben
gesagt, das Zuchthaus sei eine Schule des Lasters, und ich solle mich wohl in
Obacht nehmen, da ich nicht wieder hineinkomme.
    Und was hat Er von sich selbst denken mssen, da Er doch wieder
hineingekommen ist, und was mu Er heute von sich denken, da Er abermals, und
zwar tertia vice bei solcher Jugend, reif dafr geworden ist?
    Ich hab gedacht und denk, fr einen jungen Menschen, an dem noch nicht
alles verloren sein kann, sei es doch hart, wenn er in die Schule des Lasters
getan wird, wie Sie's ja selber nennen.
    So? rief der Amtmann zornig, wenn Ihm das Zuchthaus nicht gut genug ist,
so kann man ihn ja fr Seine Mord- und Diebstaten auf die Schandbhne und von da
auf die Galeere bringen, vermittelst des Vertrags, den gndigste Herrschaft mit
der Republik Venedig geschlossen hat!
    Den Gefangenen berlief es, da seine Kette klirrte. Ich mu freilich
ausessen, was man mir kochen will, sagte er, ich bin ja schon mehr dabei
gewesen und wei jetzt, wie man's macht, aber ich hab weder eine Mordtat, noch
einen Diebstahl begangen.
    Diebstahl mit nchtlichem Einbruch! rief der Amtmann, mit der Spitze des
Fingers auf das Protokoll klopfend.
    Da drinnen steht's vielleicht so, entgegnete Friedrich, aber in meinem
Herzen heit's anders, wenn ich Weib und Kind mit dem, was mir mein Vater schon
als Vater schuldig wr, vom Hungertod erretten mu.
    Der Amtmann milderte seinen Ton etwas. Wenn Er mit dieser Auslegung
durchzudringen hofft, so gratulier ich Ihm dazu, sagte er. Bei Gericht aber
nimmt man die Dinge nicht nach der Auslegung, sondern wie sie sind. Angenommen,
es habe einer einen Proze mit einem andern und es sei auch das Recht ganz auf
seiner Seite, so darf er darum doch nicht in seiner eigenen Sache den Exekutor
machen oder den Erretter, wie Er's heit, und sich selbst am Hab und Gut des
andern regressieren.
    Dawider will ich nicht streiten, Herr Amtmann, erwiderte Friedrich, 's
hat alles Hnd und F, was Sie sagen. Aber, nicht wahr? wenn ich meinen Vater
bei Ihnen verklagt htt, da er meiner Christine nichts zu ihrem Unterhalt gibt,
so htt sie lang verhungern knnen, bis ich htt Recht bei Ihnen gefunden.
    Halt Er Sein Maul, Er ewiger Rechthaber! schrie der Amtmann entrstet. Er
steht als Angeklagter hier und nicht als Advokat!
    Er griff wieder zu der Feder und schrieb eifrig und zornig fort. Friedrich
sah ihm eine Weile zu. Ich seh wohl, was Sie schreiben, sagte er dann:
Unerachtet seiner uersten Bosheit will er immer noch recht haben.
    Der Amtmann fuhr zurck, da ein Teil der Akten zu Boden fiel. Ist der Kerl
vom Teufel besessen? murmelte er vor sich hin. Die Gerichtsbeisitzer sahen ihn
erschrocken an. Friedrich lchelte. Ich kann mir's nmlich denken, fgte er
hinzu, da er die Worte von der Kirchenkonventsverhandlung her im Gedchtnis
behalten hatte.
    Heb Er mir die Akten auf, befahl der Amtmann dem einen Gerichtsbeisitzer.
Den Schtzen! rief er dem anderen zu. Er fhrt den Arrestanten vorlufig in
sein Loch zurck und holt mir den hannes Mller! wies er den eintretenden
Schtzen an. - Wo der Teufel nicht hinkommt, schickt er die Obrigkeit, murrte
der Gefangene halblaut, whrend er abgefhrt wurde. - Wird gleichfalls zu
Protokoll genommen! rief ihm der Amtmann nach.
    Das auf Grund der Akten von dem Vogt zu Gppingen eingeleitete Verfahren war
bald abgetan und endigte damit, da eine eingeholte hochfrstliche Resolution
dem jugendlichen bertreter der Gesetze wegen seiner verschiedenen Verbrechen -
puncto diversorum criminum, hie es in der amtlichen Anzeige - eine
anderthalbjhrige Zuchthausstrafe gndigst zuerkannte, wobei er allerdings die
Wahl hatte, ob er sich unter dem Zentnergewicht der Anschuldigungen fr die
gndige Strafe bedanken oder in dieser eine Verurteilung der Anklage erblicken
wollte. Zugleich mit ihm wurde der ltere Bruder Christinens nach dem Zuchthause
gebracht, bei welchem der halberwiesene Verdacht des Bienendiebstahls und der
unerwiesene Verdacht der Teilnahme an dem Fruchtdiebstahl zu einer Strafe von
einigen Wochen hingereicht hatte. Die Bewohnerschaft des Zuchthauses aber
bestand nach den gleichzeitigen ffentlichen Bekanntmachungen teils in
freiwilligen Armen ohne Strafe, teils in Zchtungen und Strflingen, und die
Gesellschaft der beiden letzten Ordnungen bildeten Ruber. Diebe, soviel ihrer
nicht gehenkt oder gerdert waren, Falschmnzer, Flscher, Betrger, Asoten,
Verschwender, Vaganten, Heiligenstrmer, verunglckte Selbstmrder, Ehebrecher,
Mdchen, die sich zum drittenmal vergangen, Kalumnianten, einer wegen bler
Auffhrung und irrespektuosen Bezeigens gegen Ober-und Unterbeamte, einer
wegen enorm ruchloser und sndlicher Reden, einer wegen
Soldatendebauchierens, einer puncto lasciviae, eine Magd wegen
feuergefhrlicher Verwahrlosung des Lichts, und endlich mehrere wegen
verschiedener Vergehen.
    Auf dem Wege nach Ludwigsburg benutzte Friedrich einen Augenblick, wo der
bewaffnete Begleiter, ein armer Brger von Gppingen, der einen Fluchtversuch
der beiden rstigen jungen Burschen zu verhindern unfhig gewesen wre, ein
wenig dahinten blieb. Hng kein so dummes Maul runter, sagte er zu seinem
Unglcksgefhrten, was kann denn ich dafr, da dich die Immen hintendrein
gestochen haben? Immenvater bist ja doch gewesen, das kannst nicht leugnen. Und
bedenk auch, Schwager, da die Deinigen dich leichter ein paar Wochen als den
Jerg ein Jahr und vielleicht drber missen, denn der ist doch am kleinen Finger
mehr als du am ganzen Leib.
    Der andere schwieg stckisch. Der Wchter kam wieder herbei, und die
Wanderung wurde fortgesetzt.
    Als sie in Ludwigsburg einzogen und sich dem Zuchthause nherten, fanden sie
den Weg durch eine groe Menschenmenge gesperrt. Ein Leichenzug kam daher,
umgeben von zahlreichen Zuschauern und Zuschauerinnen, die beinahe mehr Trauer
als Neugierde blicken lieen. Hinter dem Sarge ging zunchst eine Schar von
Waisenkindern in ihrer grauen Tracht; ihnen folgte eine lange Begleitung von
Mnnern, geistliche und weltliche Beamte an ihrer Spitze; nach einem greren
Zwischenraume kam ein Zug Strafgefangener in der Zuchthauskleidung, von
Aufsehern bewacht. Alle hatten die Haltung von Leidtragenden, und selbst in den
Reihen dieser vom Leben halb ausgestoenen Mnner sah man nasse Augen.
    Wen begrbt man hier? fragte der Fhrer der beiden einzuliefernden
Strflinge eine sich herzudrngende Frau.
    Den alten Waisenpfarrer, war die Antwort.
    Friedrich drckte die Hnde gegen die Brust. So manchmal, wenn es ihm in der
Welt weh und bange war, hatte er sich nach dieser Heimat, die man in der Welt
eine Schule des Lasters nannte, zurckgesehnt, und nun war der gute Geist, der
darin waltete, auf immer dahin. Die Welt schien ihm ausgestorben. Er kehrte sich
ab und weinte bitterlich. Niemand sah diesen Schmerz, welchen er bei seinem
Einzug in das Zuchthaus, obgleich ihn der Gedanke an sein Weib und sein Kind
beinahe zu Boden drckte, hinter einer dumpfen Gleichgltigkeit verbarg.

                                       27


Ein stiller Herbstabend breitete seinen Frieden ber die Welt. Vom Brunnen, wo
sie sich satt getrunken, wurden Pferde und Khe heimgetrieben, wobei einige
Fllen und Klber munter um sie her sprangen und wohl auch hie und da eine Kuh,
deren Alter ein gesetzteres Betragen erwarten lie, zu ein paar Bockssprngen
verfhrten. Nachdem das Vieh den Trog verlassen hatte, kamen Weiber und Mdchen,
um ihre Wassergelten unter dem Rohr zu fllen; sie plauderten und lachten unter
sich oder mit den Leuten, die vor den Husern Feierabend machten. Allmhlich
wurde es am Brunnen und auf der Strae leer, die Menschen gingen in die Huser,
da und dort hrte man das Vieh in den Stllen brllen, aber immer tiefer sank
das Dorf, schon whrend der Dmmerung, in die Stille der Nacht, so da endlich
der gesellige Brunnen fr sich allein murmelte, doch nicht ganz von den Stimmen
des Lebens verlassen, denn ihn begleitete das Pltschern des vorberziehenden
Flchens und das Rauschen des Neckars, der unfern ber seine Kiesel dahinzog.
Die Schatten verdichteten sich mehr und mehr, da kam noch eine Nachzglerin zum
Brunnen, um Wasser zu holen; entweder hatte sie sich ber huslichen Geschften
versptet, oder scheute sie die Gesellschaft, die zu einer frheren Stunde am
Brunnen nicht zu vermeiden war, denn ihre Tracht, die von der Tracht des Dorfes
abwich, bezeichnete sie als eine Fremde, die sich vielleicht unter den andern
nicht heimisch fhlte; das um den Kopf geschlungene dunkelblaue Tuch lie nicht
erraten, ob sie ein Weib oder Mdchen sei. Sie stand mit dem Leib ber die
nachlssig gefalteten Hnde bergebeugt am Brunnen und wartete in dieser
geduldigen Haltung, welche meist von berstandenen Leiden zeugt, auf das
Vollwerden ihres Gefes. Ein tiefer Seufzer sprach es aus, da sie in ihrem
Innern nicht unbeschftigt war. Whrend sie so am Brunnen trumte, erscholl ein
rascher, zuversichtlicher Schritt durch das schlummernde Tal. Er schien sich zu
verlieren, wenn die Strae sich senkte; dann schlug er wieder deutlicher an das
Ohr. Bald hatte der Wanderer das Dorf erreicht; er ging langsamer, verweilte hie
und da und setzte dann seine Schritte wieder fort. Wie er nher kam, ein
krftiger, untersetzter Mann, entdeckte er die Gestalt am Brunnen und trat, wie
um sie zu fragen, auf sie zu. Kaum aber hatte er sie voll ins Auge gefat, so
umschlang er sie und drckte sie heftig an sich. Mit einem leisen Schrei des
Schreckens und Unwillens suchte sie sich loszumachen, da sagte er mit
unterdrckter Stimme: Christine! Sie sah ihm in das Gesicht und strzte mit
einem zweiten Schrei an seine Brust, die Arme um ihn schlagend. Nach einer
langen Umarmung, in welcher sie zuweilen tief Atem holte, sagte sie weinend:
Mein Frieder, mein Frieder! Was fr ein Engel fhrt dich zu mir? Wo kommst denn
her?
    Von Hohentwiel, von Frankfurt, von Ebersbach, aus dem Gefngnis, aus der
Welt, aus der Heimat - woher du willst! antwortete er frhlich.
    Da du von Hohentwiel entkommen bist, sagte sie, ist das letzt, was ich
von dir wei.. Das hat einen solchen Lrmen durch's Land geben, da ich's sogar
im Zuchthaus erfahren hab. Kannst dir vorstellen, wie mich's gefreut hat.
    Im Zuchthaus! versetzte er. Ich wei, da sie dich dorthin getan haben.
Oh, 's ist scheulich! scheulich!
    Sie haben gesagt, sonst werd eine erst beim dritten Kind so gestraft, mir
aber m man's schon beim zweiten andiktieren, fr meinen Umgang mit dir, weil
du dich so aufgefhrt habest, da man dich lebenslnglich hab auf die Festung
sperren mssen.
    Er lachte wild.
    Sie fiel ihm abermals um den Hals; dann sah sie sich scheu um, ob niemand
ihr Tun bemerkt habe. Hierauf fragte sie hastig: Und von Ebersbach kommest,
sagst? Was machen meine Kinder?
    Sie sind ganz wohl, antwortete er: das Kleine hat all seine Zhn, du
mut's ja gesehen haben, wie du letzt dort gewesen bist, und lauft ganz allein;
und der Gro hat vorgestern zum erstenmal in die Schule drfen zum Zuhren. Er
hat mir aufgeben, ich solle die Mutter schn gren.
    Sie schluchzte. Aber ich verge mich ganz, sagte sie dann erschrocken.
Meine Herrschaft ist im Pfarrhaus, sie sind oft nach'm Nachtessen dort, und die
Kinder sind allein. Die Schulmeisterin tt mir's nicht verzeihen, und ich
mcht's ihr auch nicht zuleid tun, da einem von den Kindern etwas geschah.
    Hat die Kathrine Kinder? fragte er, sie aufhaltend.
    Ha, was meinst? antwortete sie, drei, und das ltest davon ist schier
fnf Jahr alt.
    Was man nicht erleben kann! sagte er: ist mir's doch, als htt sie erst
gestern noch im Ebersbacher Amthaus gedient, mit ihrem Bleichschnbele und ihrer
schmchtigen Gestalt, und jetzt hat sie schon ein fnfjhriges Kind.
    Es ist auch in die sechs Jahr, da sie den Schulmeister hier geheiratet
hat. O Frieder, das Weib hat den Himmel an mir verdient. Aber jetzt la mich,
nur 'n Augenblick la mich, ich komm wieder! Sieh, wenn den Kindern etwas
zustie, die sie mir anvertraut hat, es wr mein Tod.
    Gleich la ich dich gehen, sagte er und fate sie an der Hand. Wenn du
aber wiederkommst, bleibst dann bei mir und ziehst mit mir fort? Ich leid's
nicht, da mein Weib im Dienst ist. Sieh, blo um deinetwillen bin ich von
Frankfurt hergewandert, um dir zu halten, was ich dir versprochen hab. Meines
Bleibens ist im Lndle nicht, kannst dir wohl denken, warum, aber drauen knnen
wir das und jenes probieren, werden uns schon durchschlagen, und das ehrlich,
hoff ich. Auch ist jetzt leichter in der Welt fortkommen: es ist Krieg, und der
bringt manchen Verdienst unter die Leut. Der Knig von Preuen ist in Sachsen
eingefallen, es geht alles drunter und drber.
    Ja, man spricht hier auch davon, versetzte sie. Ach Gott, was ist das fr
eine Welt!
    Gehst mit mir? und das gleich? fragte er dringender.
    Soweit ich seh! rief sie, ihm noch einmal um den Hals fallend. Aber von
meiner Schulmeisterin mu ich Abschied nehmen, sie meint's so gut mit mir.
    Sie griff nach ihrer Gelte. Er wollte dieselbe tragen, aber sie gab es nicht
zu. Geh zwischen den Husern da den Fuweg naus, da dich niemand bemerkt. Bei
den drei groen Bumen sto ich wieder zu dir. Die Kathrine will ich von dir
gren, sie spricht oft von dir, aber was htt sie davon, wenn du in ihrem Haus
gefangen wrdest?
    Sie eilte mit dem Wasser fort. Er trank in gierigen Zgen am Brunnen, ging
dann den Fuweg hin und wartete an dem bezeichneten Orte. Nach einer
Viertelstunde kamen hastige Schritte. Sie war's; an ihrer Hand schwankte ein
kleines Bndelein, das er ihr sogleich abnahm. Ich hab nich! Abschied nehmen
knnen, sagte sie; sie sind noch im Pfarrhaus, es ist Besuch ankommen, und da
wird der Schulmeister immer eingeladen, denn er gilt beim Pfarrer viel. Weil du
nun so pressierst, so hab ich die Kinder einer Nachbarin bergeben und hab
meiner Frau sagen lassen, meine Mutter sei pltzlich krank worden, der Bot hab
mich am Brunnen troffen, und ich hab ohne Verzug mit ihm fort mssen. Sie wird
wohl von selber draufkommen, wie sich's in Wahrheit verhlt, und damit sie's um
so eher erraten kann, so hab ich mit dem Griffel auf die Schieferplatt im Tisch
geschrieben: Will und Lieb, die stiehlt kein Dieb.
    Das ist die rechte Parole, sagte er. Das hat mich auch wieder ins Land
gefhrt.
    Jetzt aber erzhl einmal, sagte sie. Wenn wir immer so durcheinander
schwtzen, so erfhrt kein's vom andern was recht's.
    Zuerst mssen wir den Marsch antreten, Frau Landfahrerin, entgegnete er.
Geh du voran und fhr mich den Weg auf die Strae hinaus. Dort knnen wir
nebeneinander gehen und erzhlen nach Herzenslust. Hier, so nah am Dorf, ist's
doch nicht recht geheuer.
    Ja, wo naus willst du, Herr Landfahrer? fragte sie.
    Das versteht sich doch: nach Ebersbach und die Kinder holen, denn ohne die
ziehen wir nicht in die Welt hinaus.
    Jetzt freut mich mein Leben erst! rief sie entzckt und schritt rstig in
der Dunkelheit voran. Er folgte. Mir ist's, als wrst du krftiger worden,
sagte er hinter ihr her, du trittst ja auf wie eine Burgemeisterin, auch kommst
du mir viel runder vor wie ehedem.
    Ich hab auch ein besseres Leben gehabt in der letzten Zeit, antwortete
sie, immer vorwrts eilend, kann sein, da ich mich wieder ein wenig
rausgemacht hab. Aber wenn du mich morgen bei Tag siehst, da wirst finden, da
ich nicht mehr das glatt Gesicht von ehedessen hab. Ach Frieder, Sorgen und Not
machen den Menschen alt vor der Zeit. Ich frcht, ich werd dir nicht mehr so gut
gefallen.
    Schwtz mir nicht so verkehrt raus! erwiderte er. Da du nicht siebzehn
Jahr alt bleiben kannst, das hab ich gewut, wie ich dich liebgewonnen hab, und
hab mir's auch sagen knnen, wie ich, gleichfalls aus dem besten Leben raus,
fort bin, um dir das Wort zu halten, das ich dir zugeschworen hab. Hast brigens
gar nicht so alt ausgesehen vorhin am Brunnen, wie ich zu dir kommen bin. Ich
hab dich just fragen wollen: Jungferle, wo ist das Schulhaus? da seh ich auf
einmal, da du's selber bist.
    Sie hatten unter diesen Gesprchen ein Gewirr sich kreuzender Feldwege,
welchen sie oft eine Strecke folgen muten, lngs des Dorfes hin durchschritten.
Hie und da bellte ein Hund, aber sie verfolgten unangefochten ihren Weg. Von
einem Rain, an welchem der Fusteig steil emporkletterte, flog sie mit einem
leichten Sprung auf die Strae hinab und er ihr nach. Er fate sie eng um den
Leib, sie ihn desgleichen, und so wanderten sie in der Nacht zusammen hin. Sie
drckte ihn noch einmal fester an sich: so, jetzt erzhl! sagte sie.
    Also! begann er. Wie ich vor drei Jahren nach Hohentwiel kommen bin, das
weit du. Ich wr aber doch begierig, ob du auch weit, was dein Hannes, mein
hochachtbarer Herr Schwager, dazu beitragen hat. Gelt, das wird er dir nicht
gesagt haben?
    Ich wei gar nichts, sagte sie, als da du den Tag, nachdem wir uns das
letztmal gesehen haben, in der Sonne bist gefangen genommen worden und da es da
wieder einen Kampf und ein Getmmel geben hab, wie vor sechs Jahr, wo du vom
Dach ins Zuchthaus geflogen bist, und da man dich dann weit fortgebracht hat,
nach Hohentwiel. Kannst dir selber sagen, was mir das gewesen ist, da ich dich
zeitlebens nicht mehr sehen soll, und dazu zwei unversorgte Kinder, von denen
eins noch nicht einmal auf der Welt gewesen ist. Aber von meinem Hannes wei ich
nichts.
    Der hat eine Pique auf mich gehabt, von damals her, wo er mit mir ins
Zuchthaus kommen ist, und du weit doch selber am besten, wie unschuldig ich
daran gewesen bin. Wie's nun Lrm geben hat wegen der Dummheit im Pfarrhaus -
    Du sagst recht, unterbrach sie ihn: freilich ist's eine Dummheit gewesen.
Weit noch, was ich zu dir gesagt hab, wie du mir nachts mit den Sachen bers
Bett kommen bist? Bist denn immer noch ein Bub? willst denn gar nie kein Mann
werden? hab ich gesagt. Und warum hast denn nicht, wie du mir doch versprochen
hast, den Kelch gleich wieder ins Pfarrers Garten geworfen? Ich hab dir doch
gesagt, das sei ja der Krankenkelch, werd wohl hundert Gulden wert sein, und
wenn's auf dich bekannt werd, so kommest an Galgen.
    Sei doch vernnftig! sagte er. Ich hab ja nicht knnen. Wie ich mich
wieder gegen das Pfarrhaus hingeschlichen hab, hat mich der Nachtwchter
gesehen, und da hab ich nimmer trauen drfen. Ich hab dann eben die Sachen zu
Haus im Stroh versteckt, und da hat's am Morgen der Knecht gefunden und meinem
Vater bracht, und der hat in der Todesangst alles dem Pfarrer geschickt. Er hat
gemeint, man knnt ihn selber als Hehler beim Kopf nehmen, und die Frau
Stiefmutter hat ihm natrlich die Hll noch heier gemacht.
    Httst aber auch den Spa knnen bleiben lassen! eiferte sie. Wenn du nur
ein klein bile Grtz im Kopf gehabt htt'st, so htt'st doch wissen mssen, da
ein Eidbruch in einem Pfarrhaus, sonderlich wenn Kirchensachen dabei wegkommen,
so laut schallt wie die Posaun von Jericho. Und wenn nur auch was dabei
rauskommen wr! Aber der ganz Bettel ist ja des Einsteigens nicht wert gewesen.
    Das ist wahr, versetzte er, auer der silbernen Sackuhr, dem goldenen
Ring und den paar Batzen Geld ist an der ganzen Lumperei nichts echt gewesen.
Das andere hrle war von Messing und zerbrochen, und dein kostbarer
Nachtmahlskelch, den du hast auf hundert Gulden taxieren wollen, was ist er
gewesen? von Kupfer und ein wenig verguld't.
    Drum eben! sagte sie noch eifriger. Und doch hast bei der Lumperei nicht
bedacht, da es um den Hals gehen oder, wie sich's nachher auch zeigt hat, eine
Lebenslnglichkeit dabei rausspringen kann.
    Du hast gut reden, entgegnete er verdrielich. Bin ich darum aus meiner
sichern Freistatt zu dir kommen, um mir gleich von dir vorpredigen zu lassen? Du
hast, scheint's, ganz vergessen, wie man's uns gemacht hat -
    Das htt freilich den besten Mann verzrnen knnen, unterbrach sie ihn
begtigend.
    Zuerst, fuhr er heftig fort, stecken sie mich um nichts und wieder nichts
auf anderthalb Jahr ins Zuchthaus. Wie ich das berstanden hab und ins
brgerliche Leben zurckkehren will, so nimmt kein Hund mehr ein Stck Brot aus
meiner Hand. Da hab ich erst gesehen, da meine beide frhere Zuchthausstrafen
fr nichts geachtet worden sind; aber die dritte, die hat dem Fa den Boden
ausgeschlagen. In meines Vaters Haus hab ich mehr wie ein Vagabund auf dem Heu
und Stroh als wie ein Kind im anererbten Bett geschlafen. Mein Mtterlich's, hat
mir mein Pfleger mit Lachen gesagt, sei ber den Proze- und Ersatz- und
Zuchthauskosten drauf gegangen, und so hat mir meine Volljhrigkeit nichts mehr
geholfen. Rechnung hat man mir gar nicht abgelegt, und mein Vater hat mich dabei
im Stich gelassen: mein Pfleger, hat er gesagt, sei eben einmal ein Herr auf dem
Rathaus, und mit diesem msse man delikat verfahren. Ich hoff ihm noch eine
besondere Delikatesse anzutun. Die Metzger, bei denen ich als Knecht hab herum
schaffen wollen, haben mehr oder weniger deutlich das Kreuz vor mir geschlagen.
Weil man mir nun von Haus aus gar keinen Vorspann geleistet, vielmehr noch
Fuangeln in den Weg geworfen hat, so hab ich um so mehr drauf pressiert, da es
zwischen uns beiden endlich einmal zum Heiraten kme; denn abgesehen davon, da
mir's ohnehin angelegen gewesen ist, so. hab ich gedenkt, wenn die Leute sehen,
da ich gegen meinen Schatz ehrlich bin und dem ledigen Leben mit seinen
Lumpenstreichen Valet sage, so werden sie mir nach und nach auch wieder
Vertrauen schenken. Aber ich brauch dir ja nicht lang vorzumalen, wie uns das
fehlgeschlagen hat. Der alte Pfarrer, der Eiferer und Polterer, steht mir jetzt
vergleichsweise als ein Ehrenmann da: der neue aber, den ich bei meiner
Zurckkunft von Ludwigsburg angetroffen, hab, ist vollends der ganz gemeine
Kanzelmelker, der blo rechnet, wieviel Gulden und Kreuzer ihm das Evangelium
trgt und was er aus seinen Verrichtungen fr Profit herauspressen kann. Die
dritte Proklamation haben wir mit Leichtigkeit von ihm erlangt - um Geld und
gute Worte; nur da ich um des spttisch mitleidigen Tones willen, mit dem er
unsere Namen ablas, ihm das Gesangbuch htt an den Kopf werfen mgen. Dann aber
hat wieder alles dran getrieben, da die Sache rckgngig worden ist, Vater und
Mutter, Amtmann und Pfarrer, und der Pfarrer hat meinem Vater noch ganz anders
zugeredet als sein Vorgnger, welch eine Torheit es fr ihn sei, eine
Schwiegertochter ohne Vermgen ins Haus zu nehmen. Weit noch, wie wir vier
Wochen lang herumgezogen sind zwischen dem Staufen und der Teck, von einem
Pfarrhof zum andern, ob wir nicht einen Geistlichen fnden, der uns um
Gotteswillen und aus christlichem Herzen kopulierte? War aber alles vergebens,
und wie wir heimkommen, so stecken sie uns wegen Entfhrung und Landstreicherei
vierzehn Tage lang ein und bringen mir dann eine Verzichtleistung von dir, die
mich so rappelkpfig macht, da ich erklrt hab, jetzt wolle ich auch nichts
mehr von dir wissen. Wie wir dann frei wurden, war's leicht, sich ber die
falsche Vorspiegelung zu verstndigen. Drauf klag ich in Gppingen, und der Vogt
sagt selber, das sei keine Art, eine angefangene Kopulationssache nach
dreimaliger Proklamation also zu hintertreiben, und gibt einen Bescheid fr den
Pfarrer, da er fortfahren solle. Wie ich dich nun damit ins Pfarrhaus schicke
und der Pfarrer an dich hin zankt und schimpft, das Oberamt solle ihm zuvor die
Tax bezahlen, wenn es ihm mit solchem Bettlerpack beschwerlich fallen wolle, was
hast du dann zu mir gesagt, du Biedermnnin, die mir jetzt predigen will? Hast
du nicht gesagt, der Geizhals von einem Pfaffen hab Uhr und Ring an der Wand
hngen, man sollt's ihm nur nehmen, dann htt ich Geld und knnte nach Stuttgart
gehen, um ihn zu verklagen und die Kopulation zu erzwingen?
    Ach freilich hab ich's gesagt, seufzte sie, aber ich bin eben auch ganz
auer mir gewesen vor Jammer und Verzweiflung und vor Zorn ber so ein
ungeistlich's Betragen gegen die Armen. Aber mein Herz hat nicht dran denkt, da
du das tun wrdest, was ich im Zorn rausgeschwtzt hab. Vom Gedanken bis zur Tat
ist doch noch ein weiter Weg, und besser htt'st doch getan, wie du jetzt selber
einsiehst, wenn du noch einmal ans Oberamt gangen wr'st.
    Geh mir weg mit dem Oberamt! murrte er. Das eine Mal hren sie einen an,
und das andre Mal jagen sie einen fort, sonderlich wenn man oft kommt. Was du
gedacht und gesagt hast, das hab ich getan; 's ist just so weit, wie der Weg vom
Weib zum Mann. Um Geld und Geldswert ist mir's weniger zu tun gewesen, als um
dem hartherzigen Pfaffen zu zeigen, da ich mehr kann als er und da er keine
Stunde in seinem eigenen Hause sicher ist, wenn ich's nicht haben will. Er mag
seine Tren und Lden so fest verschlieen, als er will, Angst soll er vor mir
haben, solang er lebt, und wenn's mich einmal gelstet, so schie ich ihn von
seiner Kanzel runter, wie den Vogel vom Ast. Ich hab ihm noch ein paar Hostien
mitgenommen, blo um ihm zu zeigen, was ich auf sein Handwerk halte, wenn's
einer um des bloen Gewinns willen treibt.
    Ich wei ja wohl, sagte sie, immer ihn zu besnftigen bemht, da das
alles ist, was man dir aus der ganzen traurigen Zeit vorwerfen kann. Du hast
leben mssen wie der Vogel aufm Zweig, nur mit dem Unterschied, da der Vogel
leicht sein Futter findet, und ich mcht wohl auch sehen, wie viel sich in so
einer Lag ehrlich durchschlgen, ohne sich am Eigentum des Nchsten zu
vergreifen. Denn das bile Gewildschieen mit dem Krmerchristle kann dir kein
Mensch als ein Verbrechen andichten, und 's ist ja auch nicht rauskommen. Der
einzig Streich mit dem Pfarrer hat dir den Hals brochen. Aber da mein Bruder
dabei gegen dich mitgeholfen haben soll, das will mir nicht ein. So viel denkt
mir allerdings noch, da er dazumal just in Ebersbach gewesen ist. Weit, er hat
sich ja gleich vom Zuchthaus aus unters Militr anwerben lassen und ist nicht
mehr heimkommen, bis unser Vater gestorben ist - ach Gott, wenn ich an den Tag
denk! - und vor drei Jahr, um die Zeit, wo man dich gesetzt hat, ist er wieder
im Urlaub dagewesen.
    Komm, sagte er, du wirst doch nicht im Freien ber Nacht bleiben wollen.
Ich wei auf unserem Weg einen kleinen Weiler, wo wir sicher sein werden. Wenn
die Leut noch auf sind, so mssen sie uns ein Nachtquartier geben, wir sind ja
Mann und Weib, und wenn sie schlafen, so wei ich auch zu helfen.
    Sie verlieen die harte, unebene Strae und schlugen einen gemchlichen
Waldpfad ein, auf welchem sie in der bisherigen Weise sich umschlingend
nebeneinander gehen konnten. Wie mein Vater am anderen Morgen dem Pfarrer seine
Sachen wieder geschickt hat, fuhr er fort, da hab ich gleich gemerkt, da
Mohren ist - ja so, das lautet bhmisch fr dich - ich will eben sagen, ich hab
gemerkt, da Feuer im Dach ist, da das Ding Lrm macht, hab mir also den Kopf
nicht lang zerbrochen, sondern hab ihn zwischen die F genommen und mich in der
Sonne verborgen, bis ich etwas Luft htt, um durchzukommen. Das war ein Rennen
und Laufen den ganzen Tag, ich hab alles von meinem Versteck aus angehrt und
mich nicht gerhrt. Mglich ist's, da die Frau Sonnenwirtin in ihrem witzigen
Hirn draufkommen ist, hinter den alten Fssern und dem Rumpelzeug im
hundertjhrigen Staub knnt was Lebendiges stecken, aber gradaus ist sie mir
nicht zu Leib gegangen, das ist berhaupt ihr Genie nicht. Gegen die Nacht,
whrend ich eben denk, jetzt knnt ich bald entschlpfen, hr ich an meinem
Versteck herumtappen, klopfen und Frieder! rufen. An der Stimm erkenn ich deinen
Hannes, geb aber nicht gleich Antwort. Drauf fhrt er fort, ich solle mich doch
nicht so verstellen, er sei mit etlichen Kameraden im Urlaub da, sie haben von
meinem Malheur gehrt und meinen's gut mit mir, ich solle nur herfrkommen, sie
wollen mich in die Mitte nehmen und mir durchhelfen; auch hab er mir von dir
etwas Ntiges auszurichten. Was htt ich ihm nicht trauen sollen? Mir ist's im
Schlaf nicht eingefallen, da er mir von frher her etwas nachtrgt, was mich
gar nicht einmal betrifft. Wie ich aber gutsmuts heraussteige, so fassen mich
die Soldaten und schreien: Arretiert! Ich htt mich vor denen pappeten
Herrgttern mit ihren Krautmessern und ihren gemalten Schnurrbrten nicht
geforchten, ich htt's mit allen aufgenommen, aber ich stand dir da, ganz steif
und starr ber die Verrterei, wenn man mich gestochen htt, ich htt kein Blut
geben, und so bin ich regungslos von ihnen gefangen und gebunden worden. Wenn
sie also nachher behauptet haben, es hab einen Kampf und ein Getmmel gekostet,
so haben sie schmhlich gelogen, um ihre Heldentat desto grer zu machen.
    Groer Gott! rief sie jammervoll: also mein eigener leiblicher Bruder hat
dich ans Messer geliefert, und ich hab kein Wort davon gewut! Es ist mir nur
lieb, da er jetzt weit weg in Garnison liegt. Und an mir willst du's nicht
auslassen, da mein Bruder so eine Schlechtigkeit an dir begangen hat?
    Wr ich sonst so weit her zu dir kommen? antwortete er.
    Sie gab ihm ihre Dankbarkeit durch warme Liebkosungen zu erkennen. Aber
gelt, sagte sie, ich hab auch nicht lang gefragt, wie ich dich gesehen hab? Du
hast nur sagen drfen: Geh mit! und gleich bin ich gangen.
    So ist's recht, versetzte er. Wir sind ja Mann und Weib. An Gottes Segen
ist alles, an der Pfaffen Segen gar nichts gelegen.
    Jetzt erzhl weiter, drngte sie.
    Auf Hohentwiel, fuhr er fort, hab ich keine gute Zeit gehabt. Harte,
schwere Arbeit und liederliche Kost tagaus tagein, immer das nmliche Leben zwei
Jahre lang, und dazu die Aussicht, da es in alle Ewigkeit so bleiben soll. Da
kann einem der Spa vergehen. Ich hab aber den Mut nicht sinken lassen, und
gleich ein paar Wochen nach meinem Eintritt hab ich mich zu salvieren versucht.
Das ist aber nicht so leicht wie im Zuchthaus, von wo mir's ein Kinderspiel war,
dich ein paarmal zu besuchen. Sie haben mich zum Festungsbau gebraucht, denn an
ihrer unberwindlichen und unbersteiglichen Festung, wie sie's heien, bauen
sie bestndig fort, wie am Turm zu Babel, um sie immer noch unberwindlicher und
unbersteiglicher zu machen. Wenn ich eine Armee gegen sie zu fhren htte, ich
wollt ihnen ventre  terre im Nest sitzen, eh sie's merkten, denn ich wei, wo
ihr berhmtes Kleinod schadhaft ist. Das erstemal ist mirs aber schlecht
geraten, da hab ich noch im Bubenunverstand und im Desperationsfieber gehandelt,
bin nur grad mitten in die Freiheit hineingesprungen, wo sie am breitsten und
aber auch am tiefsten war, von einer groen Hhe herunter, aber dann auch keinen
Schritt weiter mehr. Die Wachen haben gleich nach mir geschossen, aber von
obenher trifft man nicht so geschwind, und das Schieen war unntig, denn ich
blieb ganz ruhig liegen, weil ich den Fu gebrochen hatte. Nachdem ich geheilt
war, mute ich wieder arbeiten, und bei Nacht sperrten sie mich allein in ein'
Kfig, wo ich von lauter Quadern umgeben war. Nun war ich schon so gewitzigt, um
zu wissen, da das Verzweifeln zu gar nichts hilft, fra also allen Grimm und
allen Jammer um dich und allen Durst nach Befreiung in mich hinein, Tag und
Nacht, und hielt mich still, als ob ich ganz zufrieden wr und htte die Welt
vergessen. Geduld, sagt das Sprichwort, Geduld berwindet Sauerkraut; aber
freilich, man darf dabei nicht mig gehen. Zum Glck hatte ich schon im
Ludwigsburger Zuchthaus einige Brocken von der jenischen Sprache aufgeschnappt,
und die konnte ich auf Hohentwiel frtrefflich brauchen.
    Jenisch? unterbrach sie ihn. Was ist denn das?
    Pass auf! sagte er. Die Kochern scheften grandig in Kfer Mrtine,
schaberen bei der Ratte in Kitteren, fegen Schrenden, Klaminen und Hansel,
holchen auf Gschock, tschoren Sore, zopfen Kies aus Rande, kasperen Gasche,
achlen und schwchen toff mit nickligen Schicksen, josten im Flach um Jack,
schmusen und schmollen, aber kistig holchen Niescher, zopfen sie krank, kistig
schupfen sie Schiebes, wenn sie aber in der Leke scheften und ihre Massematte
maker werden, bestieben sie Makes Makoles, holchen kistig kapore, werden talcht,
an die Nelle geschniert, gekibeset oder getelleret.
    Hr auf, hr auf! sagte sie. Da wirds ja einem ganz dumm davon. Das ist
rotwelsch, da versteh ich kein einzig's Wort.
    Wie kannst du denn sagen, es sei rotwelsch, wenn du's nicht verstehst?
    Grad deswegen! Was man nicht versteht, das heit man so.
    Du weit nicht, da du ein wahres Wort gesprochen hast, denn rotwelsch und
jenisch, das ist die nmliche Zunge.
    Du mein Heiland! sagte sie betreten, das sprechen ja aber nur die -
    Kochem! ergnzte er, da sie stockte. Wenn du willst, kannst du sie auch
Jauner, Diebe, Spitzbuben und dergleichen heien, denn das sind ihre Namen bei
den andern Leuten; sie selbst aber nennen sich Kochem. Dies ist die
Gesellschaft, in die man mich zu Ludwigsburg und auf Hohentwiel getan hat.
    Ach Gott, ach Gott! seufzte sie. Ich bin doch auch im Zuchthaus gewesen,
aber ich hab gottlob keine Gelegenheit gehabt, das Jenische zu erlernen. Ich hab
meistens bei einer Aufseherin arbeiten mssen, die mich zu sich genommen hat,
und da hab ich, ich kann nicht anders sagen, manches Ntzliche gelernt, was ich
vorher nicht gewut hab.
    Das ist Glckssache, sagte er. Frher hat man mich in Ludwigsburg auch
etwas apart gehalten, der selige Waisenpfarrer hat's damals nicht anders
gelitten; das drittemal aber bin ich unter den groen Tro gestoen worden.
Wiewohl, es war mein Glck, denn htt ich nicht Jenisch gelernt, so s ich heut
noch auf Hohentwiel.
    Was heit denn das, was du da hergesagt hast? fragte sie.
    Es ist nur eine Probe, sagte er, und bedeutet so viel als: die Kochem
sind gro an Mannschaft im Schwabenland, brechen bei Nacht in die Huser, leeren
Stuben, Kammern und Ksten, gehen auf Mrkte, rapsen Ware, ziehen Geld aus
Taschen, schnellen die Leute, essen und trinken gut mit ihren hbschen,
tanzlustigen Weibsbildern (denn daran rhmen sie sich reich zu sein), liegen auf
dem Feld ums Feuer, schwatzen und lachen, aber oft kommen Streifer, nehmen sie
gefangen, oft machen sie sich davon, wenn sie aber ins Gefngnis geraten und
ihre Sachen an Tag kommen, kriegen sie Schlge und Prgel, mssen auch oft
sterben, werden gemalefitzt, an den Galgen gehenkt, gekpft oder gerdert.
    B'ht uns Gott! rief sie, und solche Reden gehen aus ihrem eigenen Mund?
    Das sind Dinge, von denen sie tglich reden, um sich recht an den Gedanken
zu gewhnen, gleichwie der Amalekiter Knig Agag zu Samuel sprach: Also mu man
des Todes Bitterkeit vertreiben.
    Fr 'n Amalekiter mag das schon recht sein, aber es sind doch schreckliche,
greuliche Ding, und man kann's nicht verantworten, da man dich so jung mit so
Leut zusammengepfercht hat. Ach, Frieder, ich bitt dich, la du sie links ziehen
und halt dich nicht zu ihnen.
    Nein, sagte er, ich hab allen Respekt vor ihnen und will mich auch nicht
mit ihnen einlassen. Deswegen gehen wir ja auer Lands, wo auch gut Brot essen
ist und wo mich keiner von ihnen kennt.
    Bei der Flucht von Hohentwiel also sind sie deine Kameraden gewesen? Ich
kann mir's jetzt schon denken.
    Mit Hilfe des Jenischen, fuhr er in seiner Erzhlung fort, brachte ich
bald heraus, welche von den Gefangenen die tauglichsten waren und meinem
Gefngnis am nchsten lagen. Zum grten Glcke hatte ich zwei Nachbarn, ganze
Kerls, mit denen ich den Teufel aus der Hlle schlagen wollte. Uns zu
verstndigen, das war uns eine Kleinigkeit. Im Vorbeigehen etwas hingemurmelt,
oder im Sprechen mit der Schildwacht oder dem Aufseher ein paar jenische Brocken
eingestreut und dabei dem eigentlichen Adressaten den Rcken zugekehrt - das ist
fr einen Kochem soviel wie ein ganzes Buch; aus zwei, drei Worten, die von
einem andern fast ohne Mundbewegung an ihn hergesuselt kommen, studiert er sich
alles raus, was er ntig hat. Freilich braucht's auch manchmal lngere
Verstndigungen. Da kommt man dann am besten mit Singen fort. Ein Gesetzlein aus
einem Gassenhauer, wenn die Schildwacht gutmtig und selber lustig ist, oder
wenn man nicht trauen darf oder gar einander ein langes und breites zu sagen
hat, ein Kirchenlied, das hilft einem weit. Wie hab ich's nicht meinem alten
Schulmeister gedankt, da er mir die Chorle so ferm eingetrichtert hat! Die
Soldaten haben oft ganz andchtig zugehrt, wenn ich ein langes Bulied nur so
halblaut vor mich hingesumset und dabei den Text zwischen den Zhnen zerdrckt,
nur hie und da ein deutsches Wort deutlich herausgehoben hab. Das Undeutliche
aber war alles jenisch und fr meine beiden Leidensgenossen deutlich genug. Das
hat dann dazu dienen mssen, noch eine zweite Sprache miteinander zu verabreden,
die unsre Hauptsprache werden mute. Die Quader nmlich waren viel zu dick, als
da wir uns bei Nacht htten unterreden knnen, und daran war uns natrlich am
meisten gelegen. Nachdem wir aber ein bequemes Alphabet fertig gebracht hatten,
so klopften wir einander ganze Nchte fort, und was wir klopften, das waren
lauter Worte und Stze. Gelt, du mut lachen? Aber die Klopfsprache war mir
damals die liebste in der Welt und hat sich auch viel besser bewhrt als die
Blutsprache, die du mir einmal im Arm auf die Wanderschaft hast mitgeben wollen.
Zu allem andern Glck kam dann noch ein kostbarer Fund, ein Nagel nmlich, der
mir eines Tags in die Hnde geriet, und dieses kleine Werkzeug hat den Grund zu
unserer Freiheit legen mssen.
    Was bist du fr ein Mensch! rief sie. Man sollt oft meinen, du seiest
mehr als ein Mensch.
    Du kannst dir denken, wie oft mir da die Finger geblutet haben, und dann
hab ich's sehr gefhlt, da ich ein Mensch bin, und wenn ich ans Freiwerden und
an dich und unsre Kinder gedacht hab, da hab ich auch wieder gewut, da ich
einer bin. Um es kurz zu machen, nach einer vierteljhrigen schweren
Nachtarbeit, neben den schweren Tagesarbeiten, war ein Loch durch die Mauer
glcklich gebrochen, das niemand entdeckte, aber dann dauerte es noch lang, bis
alle gnstige Umstnde zusammentrafen. Was irgend zum Knpfen und Binden
tauglich war, das hatten wir in den zwei Jahren wie die Hamster
zusammengescharrt, und das kleinste Flcklein Hanf war uns nicht zu schlecht
gewesen. Keine Seele kann sich eine Vorstellung machen, was das ein Stck Arbeit
gewesen ist und welche Attention, Diebesgeschicklichkeit und Spitzbberei es
erfordert hat, nach und nach die ntigen Stricke zusammenzubringen. Das war fast
noch mehr als die Arbeit an der Mauer. Viele Stunden lang mt ich erzhlen,
wenn ich dir alles ausfhrlich sagen wollte; aber wer diese Werke und diese
Felsen und diesen spitzen Wolkenkegel nicht gesehen hat, dem kann man doch
keinen Begriff von den Schwierigkeiten einer solchen Flucht beibringen. Ich
wrd's auch keinem bel nehmen, wenn er's nicht glaubte; aber die Tatsache steht
nichtsdestoweniger fest, denn ich war lebenslnglicher Gefangener und bin nicht
freigegeben worden, und geh jetzt dennoch hier an deiner Seite durch den freien
grnen Wald und hab ihnen den Stolz auf die Unberwindlichkeit ihrer starken
Feste Hohentwiel zuschanden gemacht. Und nun frag dich, wenn ich das zustand
gebracht hab, ob ich nicht auch imstand sein msse, dich und deine Kinder durch
Flei und Geschick irgendwie durchzuschlagen.
    Oh, du kannst alles, was du willst, sagte sie mit schmeichelndem und
zugleich neckendem Tone, bist ein halber Hexenmeister worden, und ich wei gar
nicht, du redst auch nimmer wie sonst in Ebersbach, dein Reden hat so eine
frnehme Art, und brauchst Ausdrck, wie ich's nie frher an dir gehrt hab.
    Natrlich! lachte er, drum bin ich in der Welt drein gewest, und das
doppelt. Einmal am Main und Rhein drunten lernt man einen ganz andern Schick,
und bei meinem Vatersbruder, obgleich in seinem Haus nichts Neumodisches zu
finden ist, kehren gar stattliche Kunden ein, weil er den Wein noch nach der
alten Mode schenkt, ungestritzt und wohlbehandelt und dabei billig, so da Wirt
und Gste bestehen knnen. Da kommen dir Leute von Welt hin, feine Kpfe, und
wenn man auf ihre Reden aufpat, so bleibt was an einem hngen. Sie haben mich
freilich auch manchmal ein wenig ins Gebet genommen und mir zu verstehen
gegeben, man merke mir den Schwaben an, eh ich nur den Mund auftue; aber aus
welchem Kfig der Vogel ausgeflogen war, das haben sie mit all ihrem Witz doch
nicht ergrndet. Dann aber ist auch das Zuchthaus und die Festung eine Welt, die
ihre Leute bildet, nicht blo, wie du meinst, zum Stehlen und Rauben - ei nein,
jedes Handwerk, ob es gut oder schlecht sei, erfordert Fertigkeiten und
Kenntnisse, die dem Menschen Ehre machen. So ein Stromer oder Jauner, der in den
Landen umherzieht, Fuchs und Has zugleich ist, der wei und kann dir Dinge, die
einem gewhnlichen Ofenhocker nicht im Traum vorkommen. Wenn's eine gute
Gelegenheit gegeben hat, da man hat eine Stunde ungestrt sich unterhalten
knnen, da hat man Neuigkeiten gehrt, da einem die Welt noch einmal so gro
und weit vorkommen ist und da sogar die Schmieren oder Launiger - will sagen,
die Aufseher oder die Soldaten, die die Wache gehabt haben - mit aufgerissenen
Augen und Mulern dabeigestanden sind und das Abwehren vergessen haben. Sie
wissen dir von jedem Land, gro oder klein, seinen Regenten und wie er gesinnt
ist, seine Gesetze und Einrichtungen, die Nahrungsweise des Volks, den
Wohlstand, die Eigenschaften fast jedes einzelnen Beamten, die Verhltnisse zu
anderen Lndern und ihren Regenten und Beamten, alles das wissen sie dir wie am
Schnrle herzusagen, denn es sind lauter Dinge, die zu ihrem Handwerk gehren
und nach denen sie ihr Tun und Lassen abmessen mssen. Ich hab aber oft denken
mssen, wie ntzlich es wr, wenn die Brgersleute, die sich doch zum Teil mit
Handel und Wandel zwischen so vieler Herren Gebiet, das absonderlich in unserem
Land unzhlbar ist, fortbringen mssen - ich will nur zum Beispiel von den
Wirten reden - sage, wenn sie solche notwendige Wissenheiten in den Schulen und
dafr meinetwegen ein paar Sprch und Vers weniger lernen wrden. Aber auch in
vielen anderen Dingen trifft man die schnsten Kenntnisse bei ihnen an. Da
stehen besonders die Felinger im ersten Rang, und unter diesen wiederum die
sogenannten Staatsfelinger. Das sind dir Leute, die frnehm gekleidet in Samt
und Seide, oft in eigenen Karossen mit Pferden und groer Dienerschaft als
Bergleute oder Doktoren das Reich durchziehen, treiben ihr Handwerk meistens in
den Stdten, fhrt mancher gar ein Privilegium von kaiserlicher Majestt mit
sich und wei sich eine Manier und ein Ansehen zu geben, da jeder Reichsgraf
ihn fr seinesgleichen erkennen mu. Aber auch die geringeren Felinger, die das
dumme Volk mit Quacksalberknsten, Schatzgrbereien und dergleichen kaspern und
brandschatzen, haben bei allem Betrug oft manche gute Wissenschaft in ihrer
Kunst. Wir selber haben einen solchen auf Hohentwiel gehabt, der in Krankheiten
sehr erfahren war und nicht nur mir und manchem anderen geholfen, sondern auch
den Festungsdoktor selbst mehr als einmal ausgestochen hat. Der hat ihm freilich
die Ehre nicht gnnen wollen, als wenn es recht kritisch hergangen ist, aber
just dann ist auch der Ruhm desto grer gewesen.
    Wenn aber so Leut so geschickt sind, wendete sie ein, dann sollt's ihnen
ein Leicht's sein, sich ehrlich und redlich zu nhren.
    Ist bald gesagt, erwiderte er. Diese Leute sind meistenteils von
Kindesbeinen auf heimatlos, gehren zu einem verachteten, verworfenen
Menschenschlag und wrden zu ehrlichen Hantierungen im brgerlichen Leben gar
nicht angenommen, sind auch, was ich zugeben will, teils schon durch ihre Eltern
dazu verdorben oder sie sind mit und ohne ihre Schuld aus dem brgerlichen Leben
hinausgestoen worden - denk nur dran, wie's uns gangen ist - und mssen froh
sein, da sie da drauen noch eine Welt finden, in der sie leben knnen. Das
sind Leute, wie zu Davids Zeit, da er vor dem Knig Saul in die Hhle Adullam
fliehen mute und sich allerlei Mnner zu ihm versammelten, von denen die
Schrift sagt: Mnner, die in Not und Schuld und betrbtes Herzens waren. Jetzt
ist's freilich nicht mehr Mode, da einer aus einem Obersten ber solche Mnner
ein Knig werden kann, und es deucht mir selber unbegreiflich, wenn ich dem Ding
nachdenke, zumal da von allen Kanzeln sein Lob gepredigt wird, da er doch
Stcke getan hat, die heutzutag mit Galgen und Rad bestraft wrden. So schickt
er zu dem Nabal hin und lt ihm sagen: Gib mir und meinen Leuten, was deine
Hand findet; wie aber der Nabal Faust in Sack macht, so heit er einen jeglichen
sein Schwert um sich grten und zieht, vierhundert Mann stark, gegen ihn, just
so wie sie jetziger Zeit manchmal aus den bhmischen Wldern hervorbrechen. Und
wiewohl die Abigail sich ins Mittel gelegt hat, da es nicht zum uersten
kommen ist, so hat er Speis und Trank genug ohne Zeche und Kreide gefat und hat
eigentlich doch den Nabal umgebracht, denn der hat aus Schrecken ber den
Anmarsch der vierhundert betrbten Herzen den Geist ausgeblasen und hat ihm erst
noch seine Witwe zum Weib lassen mssen. Die Schrift sagt wohl von ihm, der Mann
sei hart und boshaftig in seinem Tun gewesen; aber gibt's darum keine
seinesgleichen mehr, die, wie er, fast groen Vermgens sind und viele Schafe
und Ziegen haben? Ich mcht sehen, wenn ihnen einer heutigs Tags so was tt, was
weltliche und geistliche Obrigkeit dazu bemerken wrden. Von den Zigeunern sagen
sie, sie betteln zuerst, und wenn man's ihnen nicht gutwillig gebe, so nehmen
sie's mit Gewalt. Aber das hat noch kein Pfarrer als Muster aufgestellt.
Vielmehr hat mir schon in Ludwigsburg einer, der bei einem Generalstreif
aufgefangen wurde und in Gesetzen sehr bewandert und ein halber Gelehrter war,
der hat mir gesagt, es sei erst vor wenigen Jahren ein Kreispatent ausgegangen,
da man das gottlose und verruchte Jauner- und Zigeunervolk, auch wenn man es
nicht auf einer Missetat ergreife, - ich wei den gelehrten Ausdruck nicht mehr,
aber der Sinn ist: ohne eigentliches Verhr und Urtel, also da man ebensogut
einen Unschuldigen treffen kann - sage, ohne alle Umstnde solle man sie aufs
Rad legen und solle dabei nur das unbenommen sein, da man sie zum Schwert oder
Strang begnadigen knne.
    Das ist freilich schrecklich, seufzte sie. Es ist eben eine arge Welt und
eine bse Zeit. Aber so froh ich bin, da du mit ihnen von der Festung entkommen
bist, so ist mir's doch noch viel lieber, da du dich wieder von ihnen
losgeschlt hast. Ist's auch gewi wahr?
    Freilich ist's wahr, so gewi, als es von Hohentwiel einen Weg nach
Sachsenhausen gibt. Ich hab freilich nicht immer den gradsten genommen; 's ist
mir gangen wie bei der Erzhlung da, wo du mich fort und fort auf Um- und
Nebenwege drngst.
    Ich will dich nicht weiter unterbrechen. Erzhl gradaus.
    Wie wir mit unseren Vorbereitungen endlich fertig gewesen sind, haben wir
uns an den steilen roten Felsen hinabgelassen. War aber wenig davon zu sehen,
denn wie du dir denken kannst, haben wir eine strmische Regennacht gewhlt.
Einer voran, ich in der Mitte und einer zuletzt, wie wir eben drangekommen sind,
so sind wir an unserem armseligen Seil hinuntergerutscht. Wir zwei vorderen
haben uns nicht lang besonnen, haben's auch nicht geachtet, da unsere Hnde
halb durchgeschnitten wurden, sondern sind hinabgesaust wie der Teufel, wenn er
mit einer armen Seel zur Hlle fhrt. Dem letzten aber ging's nicht so gut. Hat
er sich zu schwer gemacht, die Hnde zu sehr geschont, oder ist das Seil durch
uns schon abgenutzt gewesen, ich wei es nicht: auf einmal kracht's, bricht, und
neben uns geschieht ein mchtiger Fall. Es war ein Glck, da er uns nicht auf
die Kpfe fiel. Ob er sich den Hals abgestrzt hat, wei ich heut noch nicht.
Gott trst ihn! aber fr uns war keine Zeit zu verlieren. Der Fall hatte die
Wachen oben rebellisch gemacht, man hrt zusammen schreien, und kaum sind wir
einen halben Bchsenschu seitwrts, so brummt schon die Lrmkanone durch die
finstere Nacht. Die stand uns aber treulich bei, und wir sagten lachend:
Kanoniert und trommelt ihr, soviel ihr da droben wollt, Gott befohlen,
Hohentwiel! Die Aussicht ist brigens schn fr den Liebhaber, besonders wenn er
sich nur ein paar Tage zu seinem Vergngen droben aufzuhalten braucht, wie ein
Schwager des Kommandanten, ein Professor, den wir einmal die herrliche
Perspektive, wie er's nannte, loben hrten. Wir hatten sie uns jedoch
gleichfalls zunutz gemacht und wie eine Landkarte studiert, das Hegau mehr als
den Bodensee. Das Hegau ist gar keine ble Gegend zur Flucht, das mu man ihm
lassen. Mit waldigen Kpfen oder kleinen Anhhen, Kopf an Kopf, best, so liegt
es um die Festung da. Sie sind uns nachher oft doch etwas hher vorkommen, als
man von oben meint; aber nichtsdestoweniger ein prchtiges Revier fr Gste, die
aus dem Luftschlo zur schnen Aussicht abgereist sind; denn es reicht ein Wald
dem anderen die Hand. Dazu hatten wir just die Zeit abgewartet, wo das Laub
ausschlgt; es deckt einen doch besser, und der Wald sieht so traurig aus, wenn
er nackt und kahl ist. Mein Kamerad - ja so, von dem hab ich dir noch gar nichts
gesagt; hab ich dir nie von dem jungen Zigeuner erzhlt, den ich einmal aus dem
Zuchthaus mit nach Ebersbach gebracht hab?
    Ja, sagte sie, du hast ihn bei deinem Vater als Knecht anbringen wollen,
und der hat dir dafr eine Ohrfeig hingeschlagen.
    Richtig, und der war mein Kamerad beim Ausfliegen. Ich hab ihn auf der
Festung wiedergefunden. Der ist aber unter der Zeit flgg worden; das ist ein
ganz Ausgelernter. Wiewohl, er war schon damals viel schlimmer, als ich ihn
dafr angesehen hab. Was meinst, da er zu mir gesagt hat? Es hab ihn hllisch
verdrossen, da es mit dem Dienstle nichts worden sei; er war ein paar Wochen
dageblieben, hlt unterdessen etliche Freunde herbeigezeiselt und in einer
schnen Nacht das Ebersbacher Sonnenwirtshaus ausgeplndert.
    Das ist aber ein schlechter Kerl! rief sie zornig. Dem hast mit deiner
Brenfaust eins gesteckt, gelt?
    Lieb's Weib, sagte er bedchtig, wenn man miteinander aus Numero Sieben
fortwill, so nimmt man's nicht so streng mit dem Glauben; da denkt man: du
hilfst mir, und ich helf dir. Ich hab gerlacht und hab ihm gesagt, den Gedanken
mit der Sonne soll er sich vergehen lassen, da seien viel Leute drin und viel
Leute in der Nachbarschaft, und an groen, starken Hunden sei auch kein Mangel -
ich hab noch ein paar dazugemacht. Der scheele Christianus, so heit man ihn,
hat's in seiner Art gut mit mir gemeint und hat mich mit Gewalt mitnehmen
wollen, hat mir auch das beste Leben versprochen und hat's nicht begreifen
knnen, da ich nach Ebersbach wolle, wo ich ja vogelfrei sei; aber ich bin fest
dabei blieben, und so hat er mich zuletzt, ich mu sagen, recht ungern ziehen
lassen, hat mir auch guten Rat und Anleitung geben zum Fortkommen, was ohne
einen Zehrpfennig keine Kleinigkeit ist, und endlich hat er mir noch seinen
Zinken, das heit, sein Wappen oder Wahrzeichen, dergleichen jeder von ihnen
sein eigenes fhrt, anvertraut. Es knnte ja doch sein, da wir einmal einander
brauchten, hat er gemeint, hat mir auch gesagt, wo ich ihn und die Seinen am
leichtesten finden knne; und daran hab ich gesehen, da er's treulich mit mir
meint und auch mir von ganzer Seele traut, denn mit dem Zinken, wenn er ihn
nicht ndert, hab ich ihn in der Hand und knnt ihn jeden Augenblick verraten.
Das werd ich aber nie tun, obgleich seine Wege nicht meine Wege sind.
Interessieren soll's mich aber doch, einmal sein Wahrzeichen zu sehen. Sie
schneiden's in Bume, selbst in Balken an den Husern, wo sie vorbeiziehen,
zeichnen's auch in den Staub oder in den Schnee; mit einem Strich dahinter
zeigen sie ihren nachkommenden Kameraden den Weg an, den sie nehmen wollen, und
mit kleineren Strichlein ber oder unter dem groen bezeichnen sie, wieviel
ihrer sind, Mnner, Weiber und Kinder.
    Das ist sinnreich, sagte sie, aber lieber ist mir's doch, du guckst nicht
nach den Wahrzeichen.
    Sei ruhig, erwiderte er, er wird nicht so leicht wieder ins Land kommen,
der Geschmack an Ludwigsburg und Hohentwiel ist ihm vergangen. Nachdem wir
auseinander waren, hab ich mich nach und nach Ebersbach zu geschlagen, um zu
hren, wie es um dich steht. Vom scheelen Christianus hatte ich Unterweisung,
da ich, soviel mglich, blo in einsamen Hfen und Husern einkehren solle,
denn dort seien sie gutwillig gegen fahrende Leute, frchten den roten Hahn von
ihnen aufs Dach gepflanzt. Ich hab aber nicht ntig gehabt, ihnen sonderlich
zuzusetzen, denn sie haben mir berall gern gegeben, und nur mit dem Nachtlager
haben sie sich ein wenig in acht genommen; aber es ist nirgends besser schlafen
als im Wald zur Frhlingszeit.
    Wei nicht, sagte sie.
    Hab nur noch ein wenig Geduld, versetzte er, wir sind bald am Ziel. Da
ich auf Lebenszeit verurteilt und von der Festung entsprungen sei, hab ich den
Leuten natrlich nicht sagen knnen, hab auch gedacht, sie werden's nicht grad
wissen wollen. Ich hab ihnen gesagt, ich sei am See in Arbeit gestanden, hab
wieder heim gewollt, sei von Spitzbuben ausgeraubt worden und msse jetzt eben
sehen, wie ich nach Weilerstadt zurckkomme, wo ich brgerlich sei; dort sind
sie nmlich auch katholisch. Das hat gezogen, und bis ich ins Lndle kommen bin
- das Hohentwiel liegt nmlich in fremdem Gebiet, was auch sehr bequem zum
Entkommen ist - da hab ich so viel Geld und Lebensmittel im Tuch gehabt, da es
gereicht hat bis Ebersbach. Dort bin ich vierzehn Tag in der Sonne gelegen und
hab leider gehrt, jetzt seiest du in Numero Sieben.
    Was? rief sie. In der Sonne? Hat man dir denn dort Unterschlupf geben?
    Ich hab mit dem Herrn Sonnenwirt Deutsch gesprochen und Fraktur mit der
Frau Sonnenwirtin; denn solches ist ntig bei einem Weib, das kein Kind hat und
nicht wei, wie man sich gegen seine Kinder verhalten soll. Mitten in der Nacht
bin ich ihnen vorm Bett gestanden, da sie vor Schrecken schier gestorben sind,
und hab ihnen gesagt, wo sie ein Gerusch machen oder mich verraten wrden, so
sollten sie meinen Ernst kennenlernen. Das hat denn auch gefruchtet, denn du
kannst dir gar nicht vorstellen, wie mir das Herz bergegangen war, zuerst aus
Freude, da ich wieder in Ebersbach bin, und dann vor Zorn. Da mir vollends
Hohentwiel nicht zu hoch gewesen ist, wo sie mich so sicher verwahrt glaubten,
wie das Kind in der Wiege, das hat sie ganz mrb und demtig gemacht. In der
ersten Nacht haben sie sich in eine kleine Kammer verkrochen, und ich hab mich
dann gutsmuts an ihrer Statt ins warme Bett gelegt, das mir, offen gestanden,
doch ein wenig besser geschmeckt hat als das Moos im Wald, und hab dem Teufel
ein Ohr weggeschlafen bis in den lichten Morgen hinein. Wie ich aufwach, ist
mein Vater ganz schchtern in die Kammer hereinkommen und hat sich zu allem
Guten offeriert: er wolle mich in einem mir anstndigen Versteck behalten, bis
ich ausgeruht sei, denn ich war fast hin vor Mhseligkeit und jahrelanger
Entbehrung, und meine Hnde waren bel zugerichtet; da ich in die Lnge nicht
bleiben knne, werde ich selber einsehen, weil's fr mich nicht sicher sei; aber
er wolle mir Geld geben zur Auswanderung nach Pennsylvanien, er hab's nur just
nicht parat - du weit, er hat's nie parat, wenn's ans Blechen gehen soll, mir
hat's aber auch nicht pressiert, weil ich ohne dich doch nicht gangen wr; ich
solle inzwischen nach Sachsenhausen zu seinem Bruder gehen, der mich schon
einmal gut aufgenommen habe und gern behalten htte; unter der Zeit knne man ja
weiter sehen. Dabei lie er einflieen, wenn er mit besserem Bedacht gehandelt
htte, so wre manches anders ausgefallen. Du kennst mich: wenn man mir gute
Wort gibt, so bin ich wie Butter. Zwei Wochen, wie ich dir sag, bin ich zu Haus
still gelegen und ist mir nichts abgangen. Dann hab ich aber selber dem
Landfrieden und der Frau Stiefmutter nicht mehr recht getraut, hab auch gedacht:
und wenn ein Mensch das Fliegen lernte, so wrd anfangs alles vor ihm
niederknien und ihn anbeten, aber in vierzehn Tag wr's ihnen allen ein gemeines
Wunder, um das sie nicht mehr viel gben; hab mich also auf den Schrecken ber
meine Hohentwieler Flucht nicht zu sehr verlassen mgen. Mein Vater hat mir
etwas Geld geben nach Frankfurt, und so bin ich fort, ohne da meines Wissens
der Amtmann nach mir gefragt hat. Wie ich bei deiner Mutter und den Kindern
gewesen bin, das hast du nachher zu Haus selbst gehrt. In Sachsenhausen ist
mir's ber die Maen wohl gegangen, ich bin bei meinem Vetter wie das Kind im
Haus gewesen, hab ihm geschafft, halb als Hausknecht, halb als Metzgerknecht,
halb als Kellner, wie und wo man mich hat brauchen wollen, und wenn kein
Ebersbach in der Welt wr, so htt ich mir gar keine bessere Heimat wnschen
mgen. Aber es hat mir fort und fort am Herzen genagt: da mein Vater von seinen
Anerbietungen gar nichts mehr hren lie, hat mich verdrossen, und endlich hab
ich von einem Landsmann erfahren, da deine unfreiwillige Badreise jetzt zu Ende
sei. ber das fgt sich's einmal, da ich Gste bedienen mu, und wie ich ihrem
Gesprch aus der Ecke zuhre, so braucht einer zufllig das Sprichwort: Ein
Mann, ein Wort, oder ein Hundsfott! Sieh, Christine, wie ich das gehrt hab, bin
ich eigentlich schon so gut wie fort gewesen. Mein Vetter hat sich ein wenig vor
den Kopf gestoen gezeigt, da ich nicht gut tun wolle; ich hab ihm aber gesagt,
es reie mich wie mit eisernen Haken nach Ebersbach, er solle mich in gutem
Andenken behalten und mir den Platz nur ein Tag acht offen lassen, denn ich
mchte gern wiederkommen. In Ebersbach aber war der Wind gnzlich umgeschlagen.
Mein Vater hat mich gar nicht vor sein Angesicht kommen, sondern durch seine
Frau bedeuten lassen, ich solle mich fortmachen, ich wrde ihn nur um Hab und
Gut bringen. Was ich mit ihm fr ein Abkommen treffen will, darber mu ich mich
noch besinnen. Bei deiner Mutter hab ich dann erfahren, du seiest wirklich frei
und im Schulhaus zu Neckardenzlingen im Dienst. Darauf hab ich gleich den Stab
weiter gesetzt. Wie ich gestern abend ber die Brcke gehe, seh ich Kinder da,
spielen. Ich will freundlich auf sie zugehen. Sie aber mich erblicken und mit
dem Geschrei: Der Sonnenwirtle! der Sonnenwirtle! wie das Mutisheer an mir
vorberstuben, das war eins. Es hat mir weh getan, ich kann's nicht leugnen, zu
sehen, wie mein Name den Weg vor mir fegt; aber ich hab's wieder abgeschttelt.
Meine Lagerstatt hab ich im Wald genommen, bin heut im Zickzack durch die Wlder
herbergewandert, und da bin ich jetzt bei dir. Und hier ist auch unser
Nachtlager, sieh, da tauchen die paar Huser im Halblicht auf. Es regt sich
nichts mehr, nicht einmal ein Hund, die Leut sind arm und haben nichts zu
bewachen. Jetzt fallen wir still und suberlich in die Scheuer ein, und da
sollst du im Heu ganz fein gebettet schlafen. Morgen ist dann das Erzhlen an
dir, denn fr heut ist genug erzhlt.

                                       28


In der ersten Frhe weckte Friedrich Christinen und las ihr das Heu aus den
Kleidern und aus den Haaren, wohin es da und dort unter dem Kopftuche
eingedrungen war. Nachdem er mit ihrer Hilfe sein ueres gleichfalls etwas in
Ordnung gebracht hatte, ermunterte er sie zum Fortgehen, ehe die Hausbewohner
erwachten; denn, sagte er, wenn man den Leuten nachts in die Scheuer einbricht,
und wr's auch nur, um ein wenig Nachtruh zu erbeuten, so hat man gleich den
Kredit bei ihnen eingebt. Sie verlieen den kleinen Weiler, der aus einigen
rmlichen Huschen bestand, und schlugen einen schmalen Waldsteig ein. Der
taufeuchte, frische Herbstmorgen machte Christinen vor Klte zittern. Friedrich
suchte einen freien Platz im Walde und hatte bald aus Reisern und drrem Holze,
das er hin und wieder abbrach, ein behagliches Feuer angemacht, neben welchem er
das Weib seines Herzens auf seine Knie zog und so ihr ein hequemes Lager
bereitete. Das Frhstck, sagte er, mssen wir uns freilich hinzudenken; ich
hab vor lauter Eifer und Heimweh nach dir vergessen, fr Mundvorrat zu sorgen.
Sie versicherte, sie sei nicht hungrig, und auch er meinte, er habe sich in
Sachsenhausen hinlnglich herausgegessen, um jetzt ein wenig fasten zu knnen.
    La dich einmal besehen, sagte sie, aufschauend und munter werdend.
Siehst ja ganz proper aus, man sollt dich fr 'n znftigen Meister in
irgendeinem Handwerk halten, das sein' goldenen Boden hat. Mut die schnen
Kleider schonen und nicht in Scheuern bernachten.
    Das kommt anders, versetzte er, wenn wir einmal zum Land drauen sind.
    Und recht mannhaft bist worden, fuhr sie fort. Hast ein gut's Gestell, so
postiert und voll und dabei doch nicht zu breit. Dem Gesicht freilich sieht man
an, da manches drberhin gangen ist wie ein schwerer Pflug. Man sollt dich fr
viel lter halten, als du bist. Wenn ich nicht wt, da du kaum ber
siebenundzwanzig sein kannst, ich tt dich mindestens auf sechsunddreiig
schtzen. Schad ist's, da du oft auf einmal ein bile wild und bs aussehen
kannst, so da man sich schier frchten knnt. Aber ich darf freilich gar nichts
sagen. Sieh mich an, was ich alt worden bin. Ach, ich mu oft denken, du knnest
an meinen Runzeln keinen groen Gefallen mehr haben.
    Er hatte sie bereits betrachtet und in der Stille die Vernderungen
wahrgenommen, die Zeit und Schicksal an ihr hervorgebracht hatten. Nicht eben
Runzeln, aber hart eingegrabene Furchen zogen sich unter dem nicht mehr so
weichen und hellgelben Scheitel quer ber die Stirne, und eine senkte sich wie
ein tiefer Einschnitt zwischen den Augen hinab. Doch lag in diesen Spuren nicht
die eigentliche Verwstung, die in dem einst so freundlichen Gesichte
vorgegangen war. Auch sah es an sich selbst nicht auffallend gealtert aus, und
in den treugebliebenen Zgen hatte keine hliche Entstellung, wie sie oft mit
den Jahren kommt, ihren Wohnsitz aufgeschlagen; aber die jugendliche Frische,
die lieblich malende Zuversicht und Lebenslust war aus ihnen verschwunden und
hatte sie verwandelt hinterlassen, wie das Morgenlicht, wenn es von einer
Landschaft Abschied nimmt, dieselbe Gegend zwar in unvernderter Gestalt, aber
arm, nchtern und verkmmert hinterlt.
    Du bist die Mutter meiner Kinder, sagte er, kannst nicht ewig jung
bleiben. Diese Furchen sind mein Werk, denn du hast viel um mich leiden mssen;
aber du siehst nicht so alt aus, wie du meinst, und wenn du einmal eine
glckliche Hausmutter bist, so wirst du wieder jnger werden.
    Gott geb's, erwiderte sie, denn so wie ich jetzt bin, bin ich doch zu alt
fr dich. - Ach, wenn ich dran denk, wie der Friederle auf die Welt kommen ist,
's sind jetzt bald sechs Jahr, wie bin ich damals in einem Umsehen so elend und
wieder so reich gewesen! Wie ich gemerkt hab, da mein Stndle kommen will, hab
ich meinem Jammer kein End gewut, bin allein auf der Bhne gelegen, mein Mutter
hat gesagt, sie knn vom kranken Vater nicht weg, und mein Jerg hat sich
verdingt gehabt nach Faurndau zum Dreschen. ber einmal hr ich auf'm Stiegle 'n
Mannstritt, so gibt's blo ein' auf der Welt, und wer kommt mir vors Bett und
nimmt mich in Arm, whrend ich ihn im Zuchthaus gemeint hab? Und wie du mir die
Hebamm hast geholt und die eine Kraftbrh fr mich verlangt hat, weil's hart
gehen werd und ich so von Krften sei, weit noch? da hat mein arm's Lmmle dran
glauben mssen, mit dem unsere Bekanntschaft angefangen hat. Ich hab nicht
einmal um das Tierle weinen knnen, und du hast recht prophezeit gehabt, es werd
eine Zeit kommen, wo mir etwas anders mehr am Herzen lieg. Und hart ist's auch
gangen, ich will's nicht vergessen, aber wie's geheien hat: Vater, hier ist
dein Sohn! ach Frieder, was ist das eine Seligkeit gewesen! Und nachher ist die
Kathrine kommen und hat gesagt, sie sei jetzt mit einem wackeren Mann
versprochen und mach sich nichts mehr aus der Amtmnnin ihrem Zorn, und hat mich
treulich gepflegt -
    Ja, sagte er, darum hab ich auch ruhig wieder in mein Ludwigsburger
Heimwesen zurckkehren knnen. Aber heut noch reut's mich, da ich mich in
Gppingen gestellt hab! Berichtet der Vogt nach Ludwigsburg, er habe den mittels
Ausbruchs echappierten Gefangenen wiederum gefnglich zur Hand gebracht und
schicke ihn hier wieder ein. Ausgebrochen war ich allerdings, das ist wahr, denn
man hat mir keine Brcke gebaut; aber da ich mich freiwillig bei ihm gestellt
hab, davon hat er kein Wort geschrieben, sondern hat die Ehr allein haben
wollen. So ein Vogt! was bild't sich der ein! es gibt auch Bettelvgte. Deswegen
hab ich mich nach meinem zweiten Ausflug nicht mehr bei ihm, sondern unmittelbar
in Ludwigsburg beim Kammerrat selbst gestellt. Der ist zwar rauhbauzig, wie
man's von einem Zuchthausverwalter nicht anders erwarten kann, aber er hat doch
gelacht und hat mir nun auch fr meine frhere Versicherung Glauben geschenkt,
so da mir weiter nichts geschehen ist, als da ich eben die paar Tag lnger hab
sitzen mssen.
    Dein zweiter Besuch, versetzte sie, ach, der ist traurig gewesen.
    Ja, sagte er, schon wie ich das Tal heraufkommen bin, bei Reichenbach,
ich wei nicht, ob du's einmal bemerkt hast, da ist in den Anhhen eine Lcke,
durch die der Staufen hereinschaut, und der hat damals so grau und trb
ausgesehen, da ich gedenkt hab: Alter, bist auch traurig und hast mir eine
Trauermr zu verknden? Wie ich aber nach Ebersbach kommen bin, hab ich deinen
Vater wenigstens noch am Leben gefunden, und das wird mir wohltun, so lang ich
leb. Christine! Respekt vor dem Mann! Der ist gestorben wie ein Patriarch! Er
ist sein Leben lang in Armut und Demut und im Staub dahergegangen und hat selber
nicht gewut, was in ihm steckt, aber in der Todesstunde ist ihm der Geist
mchtig auf die Zunge getreten.
    Weit noch, wie er uns gesegnet hat, rief sie, und dich absonderlich,
weil dein Will vor Gott gut sei und dein Herz aufrichtig, und wie er dir alles
vergeben hat, was ihm Leids durch dich geschehen ist?
    Und dann seine letzten Worte! rief er. Wo hat man vom alten Pfarrer, der
zu gleicher Zeit mit ihm gestorben ist, je etwas hnliches gehrt! Und vollends
vom jetzigen? Ja, wenn er nur ein einzigmal aus seinem Mund einen Hauch htte
gehen lassen von jenem Geist, ich htte ihn und seinen Kelch und seine Hostien
ungekrnkt gelassen!
    Nicht blo im Sonnenwirtshaus - so versuchte Christine aus der Erinnerung
nachzusprechen - auch unter der groen Weltsonn ist nicht alles, wie es sein
sollt, und Gottes unerforschlicher Ratschlu lt es zu, da sein Will auf Erden
nicht geschieht. Neid und Stolz regiert die Welt, und das Gericht wird
hereinbrechen -
    Sie nennen sich seine Kinder - unterbrach er sie, um die Erinnerung voller
wiederzugeben - und sind doch nicht Brder und Schwestern untereinander. Neid
und Gewalt, Stolz und Habsucht regiert die Welt, und Gottes Ebenbild wird in der
Armut unterdrckt. Die Welt liegt im argen, und ihr Ma steigt auf bis zum Rand,
und unversehens wird ein Gericht hereinbrechen, das den Unschuldigen samt dem
Schuldigen trifft, wie zur Zeit der groen Flut, wo der Menschen Bosheit gro
war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur bse war
immerdar.
    Ich aber - fiel Christine mit den Schluworten ihres Vaters ein - ich
fahr in meiner Arch, die mir der Schreiner zimmert, nach meinem Berg Ararat zu
meinem Vater und zu eurem Vater und will schauen, was jetzt dunkel und verborgen
ist, und will ihm sagen: Vater, segne, die hie nach mir bleiben, und fhr sie
endlich einmal snfter, wenn dir's mglich ist, und la sie deinen Frieden
schmecken. - Er hat das Wort nicht mehr ganz ausgesagt, fgte sie hinzu, ist
zurckgesunken und entschlafen.
    Eine bermchtige Rhrung berkam das so vieler Verwilderung preisgegebene
Gemt des Mannes, der sich nicht gescheut hatte, heilig gehaltene Gerte des
Gottes, zu dem er betete, anzutasten. Er lie sein Weib zur Erde gleiten, erhob
sich in die Knie und rief, die Arme gegen den blauer werdenden Morgenhimmel
ausgebreitet, unter strmenden Trnen: Himmlischer Vater, gib uns deinen Segen
um jenes Gerechten willen! Du bist ja mit den unvernnftigen Geschpfen, die
unter deiner Sonne wimmeln, und gibst ihnen Nahrung und Kleidung auf ihre Zeit.
Trag und erhalt auch uns, die wir deine Kinder sind, und gib uns unser Brot, uns
und unsern armen Kleinen. Fhr uns aus diesem Land, wo Vater und Mutter hart
sind, in ein milderes, das du uns verheien mgest, la uns vor dir wandeln und
behte uns, da wir nicht mehr in Anfechtung fallen.
    Christine kniete neben ihm und schluchzte laut. Nachdem er geendet hatte,
blieben beide noch lange auf den Knien liegen. Das Feuer sank allmhlich in
Kohlen und Asche zusammen, und durch die Gipfel der Bume lchelte das Gestirn
des Tages, das Wrme und Leben bringend ber den Bergen aufgegangen war.
    Jetzt komm, Christine, wollen aufbrechen, die Sonne ist herauf, und die
Klte lt nach, sagte Friedrich, ihr Bndel ergreifend. Sie zogen schweigend
und voll Gedanken durch die Wlder hin, die vom Fue der Alb zwischen dem
Neckar- und Filstal in das Land hineinlaufen. Hie und da fhrte der Pfad an
einem einsamen Hofe vorber, schlngelte sich aber gleich wieder dem Walde zu.
In einem dieser abgelegenen Gehfte wagten sie sich mit gestandener (saurer)
Milch und etwas Schwarzbrot zu erquicken, hielten sich aber, da sie von den
Leuten mitrauisch angesehen wurden, nicht lange auf. Als sie wieder auf der
Wanderschaft waren, sagte er endlich: Jetzt ist das Erzhlen an dir,
Christine.
    Das ist kurz beieinander, versetzte sie, mir ist nicht so viel vorkommen
wie dir. Nach deiner Gefangennehmung, wo du nach Hohentwiel kommen bist, hat man
mich auch ein wenig eintrmt.
    Aber nichts auf dich bringen knnen, das wei ich schon von deiner Mutter.
    Nachher ist's eben wieder das alt Lied gewesen. Sie haben mich vor
Kirchenkonvent zitiert und haben mich gefragt, wer der Vater zu dem Kind sei,
mit dem ich geh.
    Dann hast du gesagt, dein Mann?
    Durch solche Reden htt ich sie nur noch mehr wider mich in Harnisch
bracht, und 's ist mir so schon schlecht g'nug gangen. Mein Jerg, das mu ich
ihm nachsagen, hat wie ein Vater an mir gehandelt; er hat immer gegen mein
Mutter gesagt, wenn du da wrst, so wr's dein Sach, fr mich zu sorgen, aber
wenn einer lebendig begraben sei, so knn man ihm nichts mehr zumuten. Das
Wasser ist ihm aber selber oft bis an Hals gangen, und dann ist er oft fort
gewesen, um sein Brot auswrts zu suchen. Ich hab vor Kirchenkonvent kaum stehen
knnen, so schwach ist mir's gewesen. Der Schtz hat mich nachher mitgenommen,
und er und sein Weib haben mir ein bile zu essen geben; ich hab's auch
angenommen, denn ich hab vielmals denkt, ich werd das Kind nicht lebig zur Welt
bringen.
    Er ist ein versoffener Lump, sagte Friedrich, aber er ist doch besser als
mancher, der in der Tugend und in der Wolle sitzt. Wie's dem Armen zumut ist,
das begreift doch nur wieder der Arme, aber eben darum knnen sie einander nicht
viel helfen. Ich glaub, der Schlucker hat ein paar unerzogene Kinder.
    Viere! sagte Christine. Er hat aber gesagt, du habest ihm hie und da
einen Schoppen eingeschenkt, und das werd er dir gedenken. Die Herren haben mir
nichts geben als bse Wort. Sie haben mir bedeutet, ich drf mich nicht aus dem
Flecken entfernen, weil die Sach ans lbliche Oberamt berichtet werden mss',
von wegen deines bsen Lebens. Dort sind sie auch bald mit mir fertig gewesen.
Ich hab mein Kind vor drfen zur Welt bringen und ein paar Wochen pflegen, und
dann hab ich eben ins Zuchthaus wandern mssen.
    Auf zwei Jahr!
    Nein, denk nur, auf unbestimmte Zeit, bis die Aufseherin mir das Zeugnis
geben hat, ich sei jetzt so, da man mich entlassen knn, und das ist blo daher
kommen, da ich gehrt hab, du seiest von Hohentwiel ausgeflogen, denn unartig
bin ich zwar nie gegen sie gewesen, aber immer still, bis die Freud ber mich
reinbrochen ist, und dann hab ich ihr alles getan, was ich ihr an den Augen
abgesehen hab, und zuletzt ist sie fr mich gut gestanden, da man mich hat
springen lassen, weil ich jetzt ganz bessert sei.
    Die Art gefllt mir erst noch, bemerkte er. Wrd im Zuchthaus immer
vterlich und mtterlich regiert, so da das Haus seinen Namen verdiente und die
Leute darin zur Zucht gebracht wrden, so wr's das beste, sie auf unbestimmte
Zeit hineinzutun, bis der Zuchtvater oder die Zuchtmutter sie wieder
freisprechen wrden, und bekm das vielleicht manchem gut, der jetzt andere zum
Zuchthaus verdammt. Und dann mcht man einen, der nicht gut tut, meinetwegen auf
lebenslnglich drin lassen; nur wei ich keinen Menschen, dem ich ein solches
Urteil anvertrauen mchte, als hchstens meinem seligen Waisenpfarrer. Aber die
gewhnliche Art von Zuchthausstrafen - fr das und das Vergehen soundsoviel
Wochen oder Monate oder Jahre - das kommt mir immer vor wie ein Schneider, der
einem soundsoviel Ellen zu seiner leiblichen Lnge anmit, oder auch, weil ich
grad vom Wirtschaften herkomm, wie ein Speiszettel: Kalbsbraten tut soundsoviel,
Hammelsbraten soundsoviel, Schweinsbraten soundsoviel, Wein, Nachtlager,
Mittag-, Abendessen und Frhstck, alles zusammen einen Gulden und dreiig
Kreuzer. Dann gibt's auch wieder gelindere Richter, die machen's wie ein
sanftmtiger Wirt, der den Gast nicht mit einer runden Summe erschrecken will
und statt des Guldens blo neunundfnfzig Kreuzerle sagt. Bei einem Wirt ist das
schon recht, und er mag zusehen, wie er eins ins andere rechnet und fertig wird,
aber die Rechnung in Jahren, Monaten und Wochen nicht am Beutel, sondern an der
lebendigen Seele eines Menschen ausgemessen - das ist eine Vermessenheit, und
kann ich weder Sinn noch Verstand drin finden.
    Wie ich wieder aus'm Zuchthaus kommen bin, fuhr Christine fort, hab ich
gehrt, du seiest dagewesen, aber seiest wieder fort in die weit Welt. In der
Sonn hat man nicht davon geschnauft, wo du bist Ich hab selber einmal angefragt,
da hat mir die Sonnenwirtin ein Stckle Brot hingelegt und hat gesagt, du seiest
ganz verschollen, und 's tt fr mich und alle das best sein, du bliebest's
auch. Ich hab das Brot liegen lassen und bin fort. Mein Jerg ist grad dazumal
nicht zu Haus gewesen, und mein Mutter hat mich nicht behalten wollen, weil ich
ihr eine unntze Brotesserin sei, wiewohl sie eigentlich uns ihr Brot verdankt,
denn sie it's eben mit unseren Kindern, die man ihr in Verpflegung geben hat.
    Aus dem Heiligen?
    Nein, so spendabel ist der Heilig nicht. Da hat's geheien: Herr
Sonnenwirt, Er ist ein reicher Mann, und die Kommun kann da nicht eintreten,
also zahlt Er das Kostgeld fr Seine Enkel.
    Ist wahr, er hat mir einmal geklagt, die Kinder kosten ihn so viel Geld,
und deswegen knne er das Geld zur Auswanderung nicht so geschwind aufbringen.
    Solang mein Jerg dagewesen ist, hat's den Kindern an nichts gefehlt, seit
der aber mehr und mehr fort ist, hat man anders fr sie sorgen mssen. Wie nun
mein Mutter mir hat zu verstehen geben, da ich ihr berlstig sei, hab ich
meine Kinder mit tausend Schmerzen kt und hab das Herz in beide Hnd genommen
und bin nach Denzlingen gangen zur Schulmeisterin. Die ist zum Glck grad in der
grten Verlegenheit gewesen und hat gesagt, ich htt ihr nicht geschickter
kommen knnen, sie hab eben eine Magd aus'm Dienst gejagt, die ihr gestohlen
hab. Drauf hat sie zu ihrem Mann gesagt: Sieh, mit der uerlichen Frmmigkeit
sind wir angefhrt gewesen, jetzt folg mir und hilf mir's auch einmal mit dem
Weltkind da probieren; die ist kein Heilige und hat viel durchgemacht, aber
vielleicht wird ihr auch viel verziehen, und ehrlich ist sie auf alle Fll. Er
ist's dann zufrieden gewesen. Ob sie ihm alles von mir gesagt hat, wei ich
nicht, es ist nie zwischen uns die Red davon gewesen, aber ich hab in dem Haus
gelebt wie im Paradies. Die Leut sind fromm, nicht blo mit Morgenund
Abendsegenlesen, sondern reden auch den ganzen Tag von frommen Sachen, wie's
eben das Geschft erlaubt, denn darin versumen sie nichts; aber - ich wei
nicht recht, wie ich mich ausdrcken soll - in ihrem Christentum ist so etwas
Gegenwrtig's, das nicht blo hoch im Himmel droben oder weit fort im jdischen
Land, sondern mitten in Denzlingen drin ist und immer dem heutigen Tag und der
jetzigen Stund gilt, ganz anders als man's sonst in der Kirch und im Leben
trifft. Und grad so sind des Pfarrers auch, drum halten sie auch zusammen, wie
man's selten bei Pfarrer und Schulmeister find't. Dabei sind sie allweil guter
Ding und oft sogar recht lustig und zum Lachen aufgelegt, besonders der Pfarrer
macht gern allerlei Sple, und der Schulmeister antwortet ihm drauf, lassen
sich auch nichts abgehen, wiewohl sie gar nicht dick tun und ihr Sach reichlich
mit der Armut teilen. Aber freilich, sie haben's auch, und wer bei ihnen ist,
wird alle Tage satt. Ich hab oft nachts vorm Einschlafen dran denken mssen, wie
mir's so gut geht, und wo du jetzt auch umirren werdest, und ob meine arme
Kinderle satt ins Bett gangen seien, denn ich sag dir's ungern, aber 's ist hohe
Zeit, da wir nach ihnen sehen: meiner Mutter ist das Tischtuch lieber als das
Hungertuch, sie hat zwar nie viel gehabt, aber je rmer sie wird, desto
schleckiger ist sie, sie verschleckt alles, was sie kann.
    Das mu aufhren, sagte er. Heut abend sind die Kinder da, wo sie
hingehren: bei uns. Jetzt ist nur noch die Frage, wie ich mich mit meinem Vater
auseinandersetzen soll. Seine Antwort hat mich wenig kmmert, ich hab vorher mit
dir einig sein wollen. Httest du jetzt eher Lust, aus deinem Paradies heraus
mit mir nach Pennsylvanien zu gehen?
    In den Mond, wenn's nicht anders sein kann, erwiderte sie. Die Hauptsach
ist, da wir beieinander sind, wir und die Kinder, drum hat's mir auch kein'
Augenblick zweifelt, was ich tun soll. Aber hr, wenn's dein Vetter so gut mit
dir meint, wie du sagst, knnten wir denn nicht bei dem ein Pltzle finden, oder
tt er uns nicht zu einem verhelfen, da wir nicht so weit fliegen mssen und
unterwegs vielleicht die Flgel verstauchen?
    Ja sieh, antwortete er, der Vetter hat's freilich gut mit mir vor, aber
Welt ist berall Welt, er sieht auch aufs Greifbare und fragt nicht danach, ob's
Motten und Rost fressen. Darum htt ich ihm nicht meine ganze Absicht
anvertrauen mgen, weil er mir mit einem einzigen Wort dazwischen htt fahren
knnen. Wenn ich aber mit dir und den Kindern da bin, so kann er auf keinen Fall
verlangen, da ich euch wieder heimschicken soll; und wenn alle Strng brechen,
nun, dann ziehen wir eben weiter, bringen uns im Krieg mit Marketendern fort
oder gehen bers Meer.
    Sie sah ihn zweifelhaft an und schwieg, aber der heitere Schimmer von
Hoffnung, der ihr Antlitz neu zu beleben begonnen hatte, wich allmhlich wieder
aus ihm, und jener Zug leidender Geduld und Entsagung, der den Frauen aus dem
Volke einen so mitleiderregenden Gesichtsausdruck geben kann, nahm seine alte
Stelle ein.
    Der Wald ffnete sich, und vor den beiden Wanderern lag die Alb, an deren
Fue sich eine schmale Strae hinzog. Wollen uns dem Bergstrle da
anvertrauen, sagte er. Sie taten es, indem sie die Ortschaften, die ihnen in
den Weg kamen, auf den durch die Felder fhrenden Fupfaden umgingen. Die Sonne
begann fr einen Herbsttag ungewhnlich hei zu brennen, und ihre scheitelrechte
Stellung zeigte den Mittag an. Ich wollt, ich htt was zu trinken, seufzte
Friedrich, und wr's auch nur ein Schoppen Most oder ppelwein, wie sie am Main
drunten sagen.
    Und mir tt ein Lffele Warm's noch nter, seufzte Christine ebenfalls.
    Gelt, arm's Weible, sagte er, dir ist's ungewohnt, mit langem kalten
Magen zu wandern? Da hast Geld, geh du in das Ort da hinein und la dir eine
Suppe geben, kannst mir dann etwas zu trinken und ein Brot dazu herausbringen,
das gengt fr mich. Das Geld, das ich mir in dem halben Jahr zu Sachsenhausen
erspart hab, mu fr uns und die Kinder reichen. Ich will mich derweil unter den
Baum in Schatten legen.
    Meinst, es hab kein Gefahr, fragte sie.
    Ich kenn mich so weit in der Gegend aus, erwiderte er, da der Berg da
ber uns die Teck ist. Da herum sind wir ja ganz unbekannt. Du siehst aus, wie
wenn du aus der Nachbarschaft wrst, und wenn ich in meiner stdtischen Tracht
zurckbleibe, so fllst du niemand auf.
    Er gab ihr Geld und seine leere Feldflasche und streckte sich bequem unter
dem Baum aus, indem er sein dreieckiges Htchen neben sich legte. In diesem
Augenblicke kam ein Mann vorber, der den gleichen Weg mit ihnen zu haben
schien. Er blickte das fremde Paar mitrauisch an und migte seinen Gang, so
da er Christinen, die jetzt auf das Dorf vor ihnen zuschritt, immer auf dem
Fue folgte. Friedrich sah nach, und die Begegnung wollte ihm nicht recht
gefallen; doch schien sie auch keine ernste Besorgnis einflen zu knnen. Seine
Augen begleiteten Christinen, bis sie in dem Dorfe verschwunden war: auch ihren
Nachfolger verdeckten jetzt die Huser. Er legte sich auf den Rcken zurck, sah
in das falbe Laub und durch dieses zum blauen Himmel empor. Dabei
vergegenwrtigte er sich, wie Christine auf ihre Suppe wartete, wie sie dann
dieselbe empfing und wie sie sich endlich mit der gefllten Flasche auf den Weg
machte. Jetzt mute sie wieder an den uersten Husern erscheinen: er sah hin,
aber er hatte die Zeit zu kurz gemessen und sich verrechnet. Er legte sich
wieder zurck und wartete geduldig; er hatte ja das Warten gelernt; aber endlich
deuchte es ihm doch ziemlich lang. Er sah wieder hin: sie kam noch nicht. Nun
zhlte er bis auf eine bestimmte Zahl, die er sich vornahm, und da er zu schnell
gezhlt zu haben glaubte, so wiederholte er dieses Geduldspiel ein paarmal,
jedoch umsonst. Endlich zhlte er ununterbrochen und langsam, wie er meinte, bis
auf hundert fort: Christine kam nicht. Jetzt begann es ihm unheimlich zu werden.
Er stand auf und ging sachte auf das Dorf zu. Schon war er in die Nhe desselben
gelangt, als er eine betrchtliche Menge bewaffneter Mannschaft, welche bei der
Unsicherheit der Zeit in jeder Gemeinde schnell auf den Beinen war,
herausdringen sah. Die einen waren mit Flinten, die anderen mit Spieen oder
Prgeln versehen, und ihre Blicke lieen ihn nicht im Zweifel, wem dieser
Ausfall gelte. Whrend sie sich rasch gegen ihn in Bewegung setzten, entsprang
er in das Feld. Sie verteilten sich und suchten ihn einzukreisen, aber seine
Schnellfigkeit hatte ihn bald in dem Dickicht des Waldes am Teckberge ihrer
Verfolgung entzogen. Er schlug sich die Kreuz und Quere durch das Holz, bis er
von einer sicheren Stelle auf den Boden, den er hatte rumen mssen,
hinuntersphen konnte. Nicht lange, so sah er jenseits des Dorfes Bewaffnete,
die ein Weib in der von ihm und Christinen beabsichtigten Richtung in ihrer
Mitte fhrten. Er konnte nicht zweifeln, da sie es sei, und konnte sich's
ausmalen, wie der Mann, dem sie begegnet, die Anzeige gemacht hatte, sie gehre
zu einem verdchtigen Kerl, der sich nicht ins Dorf hereintraue. Seinen Namen
hatte sie gewi nicht angegeben, aber ohne Zweifel ihre Heimat, und wurde jetzt
bis nach Gppingen von einer Streifmannschaft der anderen bergeben.
    Er knirschte, bi sich in die Finger, da seine Zhne blutige Spuren
hinterlieen, und blickte anklagend gen Himmel. Also keine Ruh, keinen
Frieden! rief er, wiederum hast du mich in die Wste geworfen! Dann machte er
in Gedanken auch Christinen Vorwrfe, da sie so ungeschickt gewesen sei, sich
fangen zu lassen. Endlich schttelte er sich unmutig, als ob er alle
Gemtsbewegungen, mit welchen er sich vergebens peinigte, zu Boden werfen
wollte. Mit einer gewaltsamen Kraft arbeitete er sich durch die Gebirgswlder
hindurch, und das Gestrpp krachte unter seinen Hnden und Fen, bis er
endlich, halb erschpft, abgelegene Pfade einzuschlagen wagte, die ihn in weiten
Krmmungen seinem Ziele nher fhrten.
    Der Tag hatte sich tief geneigt, als er auf diesen verborgenen Umwegen,
todmde vor Hunger und Anstrengung, auf einer vorspringenden Hhe herauskam und
unter sich in der Breite des Tales die Stadt liegen sah, von wo aus er so oft in
die Gefangenschaft gesendet worden war und wo nun auch Christine abermals ihr
Schicksal erwarten sollte. Ihr freundlicher Anblick stimmte schlecht zu der
Unglcksbedeutung, die sie fr ihn und die Genossin seines irren Lebens
angenommen hatte. Seine Blicke, von Erschpfung verschleiert, schweiften unstt
in die dmmernde Landschaft hinaus. Pltzlich taumelte er zurck, von einem
Schreck ergriffen, der ihm das Blut in den Adern stocken machte. Was war es, das
ihm vor die Augen getreten war? Es sah aus wie der Schatten eines aufgehobenen
Riesenfingers. Mit einer wilden Aufraffung kmpfte er den Schrecken nieder, rieb
sich die Augen aus und sagte laut und zornig, whrend ihm doch die Stimme bebte,
vor sich hin: Dummes Zeug, es ist ja nichts als der Staufen.
    Der wunderschlanke Berg war ihm einen Augenblick zum Schreckgespenst
geworden. Auch mit ihm glaubte er in seinem anklgerischen Wahne rechten zu
drfen. Was willst du mich warnen? fragte er; bin ich denn auf bsen Wegen?
Ich will ja nur bei meinem Weib und meinen Kindern sein!
    Er lachte verchtlich. Ist just die rechte Zeit zum Gespenstersehen, sagte
er. Gespenster htten jetzt gute Gelegenheit, mir Gesellschaft zu leisten. Nur
herzu, wenn's beliebt.
    Er warf sich zu Boden und rang mit der Emprung seiner Pulse und seiner
Gedanken, bis endlich ein spter Schlaf sich des gehetzten Wildes erbarmte.

                                       29


Der Amtmann von Ebersbach sa im Armstuhl vor seinem Schreibtisch zurckgelehnt,
so da sein Schlafrock von Damast mit groen Blumen auseinandergefallen war und
die lange goldbordierte Weste nebst dem goldenen Uhrgehnge ber dem stattlichen
Leibe sehen lie. Er war bis zu den seidenen Strmpfen und den
Silberschnallenschuhen herab so vollstndig angekleidet, da er nur den
Schlafrock wegzuwerfen und in den Tressenrock zu schlpfen brauchte, um eine
Staatsvisite zu machen oder zu empfangen. Dieser Voraussetzung widersprach
jedoch sein Haarbeulel, der, entweder nachlssig gebunden, oder infolge
unruhiger Bewegungen des Kopfes wieder aufgegangen, in trauriger Unordnung ber
die Lehne herabhing und seinen Puder auf den Boden verstreut hatte, dabei aber
vollkommen zu dem Gesichte seines Trgers stimmte, in dessen Zgen der uerste
Verdru zu lesen war.
    Die Amtmnnin trat in der Hausjacke und Morgenhaube herein. Schauderhaft!
rief sie und beeilte sich, den anarchischen Haarbeutel wieder in die Schranken
der Ordnung zurckzubringen. Dann legte sie die Hand auf die Stuhllehne und
blickte ihren Gatten aufmerksam an. Du bist nicht gut bei Laune, mein Schatz,
begann sie endlich.
    Man kann nicht immer bei Laune sein, mein Schatz, erwiderte der Amtmann,
dem die Verbesserung seines Kopfputzes unbequem gewesen sein mochte, obgleich er
dabei stillgehalten hatte.
    Und dein Gesicht, fuhr sie fort, nimmt neuerdings eine gewisse
blaurtliche Frbung an, die mir Besorgnis einflt. Du solltest dir mehr
Bewegung machen, du steckst noch so tief in den Wintergewohnheiten. Der Schnee
ist weg, das Wetter macht sich leidlich: soll ich dir nicht deine Jagdstiefeln
bringen lassen?
    Der Amtmann wendete sich unmutig ab. Du knntest mich ebensogut vergiften,
Sibylle, sagte er, als mir einen solchen Rat geben.
    Ich kann dich nicht kapieren, Daniel! erwiderte sie befremdet und scharf,
denn sie war dieses Tones von ihrem Manne ungewohnt. Als Leute, die mit der Zeit
fortgeschritten waren, liebten beide die von ihren altmodischen Eltern ihnen in
der Taufe beigelegten Vornamen nicht sonderlich und pflegten sich deshalb nur
dann bei diesen Namen zu nennen, wenn sie von einer etwas stechenden Laune
gegeneinander befallen waren.
    Der Amtmann, der das Nachgeben mehr durch die Leitung als durch das eigene
Beispiel seiner Frau gelernt hatte, dmpfte seinen Ton ein wenig und sagte
erluternd: Du scheinst nicht daran zu denken, da der vermaledeite Bursche,
der Sonnenwirtle, in den Wldern haust. Sonst sollte mich der Winter nicht von
der Jagd abgehalten haben. Mein ganzer Chagrin rhrt ja einzig und allein von
diesem Lotterbuben her.
    Er hat noch niemand angefallen, sagte die Amtmnnin. Er holt sich hie und
da Viktualien, wo er sie findet. Das ist alles. Und du kannst ja Mannschaft
genug mitnehmen.
    Du bedenkst gar nicht, da er auf mich eine spezielle Pike hat, versetzte
der Amtmann.
    Ich halte ihn nicht fr so rachschtig, erwiderte sie. Bei seiner
Khnheit, Strke und Verschlagenheit htte er sonst hier, wo er doch manchen
hat, schon das grte Unheil anrichten knnen.
    Wer steht dir dafr, da es nicht noch geschieht? rief der Amtmann.
Solang seine Konkubine in Gppingen gefangen sitzt, wird er sich hten, die
Strenge des Gesetzes gegen diese Geisel herauszufordern. Wenn sie aber einmal
frei ist, und ewig behalten kann man sie nicht, weil sie nichts Erweisliches
pecciert hat, so wird er schon die Hrner herausstrecken. Ich seh es kommen, da
er das Handwerk, wenn's im kleinen nicht mehr geht, ins groe ausdehnt und sich
in den Orden der Jauner aufnehmen lt.
    Nun, diese gibt's wenigstens in unserer Gegend nicht.
    Sie sind berall und nirgends: wenn sie heute ausbleiben, so sind sie dafr
morgen da. Diese politischen Blutigel, die sich auf mehrere Tausende belaufen
mgen, scheinen eine inexstirpable Landeskalamitt zu sein. Sie kosten der
Gesamtheit der verschiedenen Dominien in Schwaben jhrlich Hunderttausende von
Gulden, teils an Erbetteltem und Gestohlenem, teils an Unkosten, die gegen sie
aufgewendet werden mssen. Ich glaube auch nicht, da man eher mit ihnen fertig
wird, als bis statt der ohnmchtigen General streifen des schwbischen Kreises
einmal das ganze Land in Masse wider sie aufsteht, sie auf einen Punkt
zusammentreibt und alles ber die Klinge springen lt. Und ich habe eine
Ahnung, dieses Scheusal von einem Menschen wird sie uns noch auf den Hals
ziehen, um sein Mtlein an uns zu khlen.
    So benutze die Zeit, eh sie kommen, zu einer Erholungsreise, wenn dir
kleinere Ausflge nicht zusagen.
    Hat sich was zu reisen! rief er rgerlich. Dieser Auswurf der Menschheit
hlt mich ja wie einen Hund an der Kette fest. Alles zittert vor ihm: wenn ich
fortginge, so liefe mir der ganze Flecken nach. Und dennoch knnte ich mich
bemigt sehen, ein wenig nach Stuttgart hinabzufahren und unseren Gnnern in
der Regierung aufzuwarten, um den blen Insinuationen des Vogts zu begegnen, der
seine Angst vor diesem Cartouche an mir Unschuldigem auslassen will und mich
unaufhrlich mit Vorschriften tormentiert und mit Vorwrfen berhuft. Frwahr,
der hat den Titel Expeditionsrat nicht umsonst. Er expediert einen Erla um den
andern daher und wird den Flecken, wenn es so fortgeht, noch an den Bettelstab
expedieren, aber der ganze Sto߫ - er warf bei diesen Worten den Haufen der vor
ihm liegenden Ausschreiben unwillig durcheinander - hat bis jetzt keinen Hund
aus dem Ofen gelockt.
    Er ist seinerseits in der nmlichen blen Lage wie du, bemerkte die
Amtmnnin, wenn der Wildfang sich sehen lt, so schreit der ganze Flecken
zusammen, dann bist du gentigt, einen Bericht nach Gppingen zu schicken, und
das ntigt dann wiederum den Vogt, sich den Kopf zu zerbrechen, um auf den
Bericht mit irgendeiner neuen Maregel zu dienen. Auf diese Weise macht man sich
gegenseitig das Leben sauer.
    Und wie! rief der Amtmann, der in seiner Erbitterung ber den Vorgesetzten
die vorbergehende Aufwallung gegen seine Frau verga und wieder zutraulich
wurde. Ich mag von den Wischen aufschlagen, welchen ich will, immer ist ein
Stich fr mich darin.
    Er gab ihr einen der Erlasse, und sie las halb mit Lachen, halb rgerlich:
Wohledler, vielgeehrter Herr Amtmann! Ich vernemme, da die Anstalten, welche
der Herr Amtmann bis dahero zur Beifahung des von der Festung echappierten
Bswichts Friedrich Schwanen gemachet, nicht die beste gewesen und da dardurch
nur groe Kosten gemachet, in der Hauptsach aber nichts gerichtet werde, wie es
auch der Effekt selbst gegeben, da es zumalen gut gewesen wre, wann die
Haussuchung unterblieben und dagegen das Mllerische Haus ex improviso
berfallen worden wre.
    Sapperment! rief der Amtmann dazwischen, wenn der Einfaltspinsel von
Fischerhanne ihm hinterbracht htte, der Schurke stecke drin, so wrde er eben
auch Haussuchung gehalten haben, bis er ihn gefunden oder - nicht gefunden
htte. Was hilft mich's aber, das Haus zu berfallen, wenn ich ihn nicht drinnen
wei.
    Es wolle dahero - fuhr sie fort zu lesen - der Herr Amtmann die bisherige
nchtliche Patrouille abgehen lassen und dagegen ein paar vertraute Mann als
Spionen bestellen, die etwan Nachbarn von dem Mllerischen Haus und in der
Stille auf des Schwanen Aus- und Eingang Achtung geben, und alsdann in tempore
davon Anzeige machen lassen. Da mir auch ferner bekannt, da sich der Schtz
fast tglich berausche - das ist wahr, bemerkte sie dazwischen - mit
versoffenen Leuten aber nichts zu richten, sondern durch deren
Ungeschicklichkeit alles, zumal bei einem solchen Bswicht, verraten seie, so
wolle der Herr Amtmann ihne Schtzen zur Nchternheit ermahnen und ihme dabei
bedeuten, da, wann ich noch ein einigsmal hre, da er sich voll trinke, ich
ihne ohne weiteres abschaffen werde. Mein Gott! bemerkte sie, was schreibt
der Mann mesquin! Dein Geschftsstil atmet zwar auch nicht gerade Rosen und
Lilien, aber mit dieser Diktion da verglichen, liest er sich wie ein
franzsischer Roman.
    Den Schtzen habe ich tchtig abgekapitelt, sagte der Amtmann. Bei einem
solchen Geschft knnte brigens der Solideste aus der Art schlagen lernen,
geschweige der alte Zapf von Haus aus. Da er noch von allen am meisten vertragen
kann, so wird er dazu gebraucht, in den Wirtshusern umherzuspionieren, ob man's
nicht irgendwo in der Stille mit dem Verbrecher halte. Da mu er nun berall pro
forma seinen Schoppen trinken - ich selbst hab ihm schon Geld dazu gegeben - und
so kommt er gewhnlich in einem Sarras und rapportiert, der Spitzbub sei just
vor ihm dagewesen, er habe ihn aber nicht mehr angetroffen.
    Die Amtmnnin nahm sich die Freiheit, in den Ausschreiben zu kramen und
einzelne Stellen halblaut zu lesen. Um den Flecken Posten ausstellen, las sie,
smtliche Metzger mit ihren Knechten dazu beordern, mit Gewehren in Hnden, wozu
insonderheit des Schwanenwirts zu ziehen.
    Sie blickte den Amtmann fragend an. Freilich! lachte dieser, weil der
Sonnenwirt Schwan heit, so schreibt er immer: der Schwanenwirt. - Er nahm
einen Erla aus dem Fache und deutete auf eine Stelle. Sieh, so schrieb er
damals, als der Fleckenschaden nach Hohentwiel verurteilt wurde: Es ist dem
Schwanenwirt zu bedeuten, da er cum venia ein paar Schuh und etliche Kleidung
schicken, brigens aber sich getrsten solle, da sein boshafter Sohn ihme
knftighin in seinem Leben keinen Verdru mehr machen werde.
    Darin ist er kein Prophet gewesen, sagte die Amtmnnin lachend. Sie las
weiter: Dafern sie etwas Verdchtiges vermerken, die Hunde laufen lassen, und
mit Behutsamkeit anhetzen. Das ist wirklich komisch! rief sie, und beide
brachen in ein schallendes Gelchter aus. Verspreche mir brigens wenigen
Effekt, las sie weiter und setzte hinzu: Ich auch.
    Natrlich, sagte der Amtmann, schon deswegen, weil der abgefeimte Schurke
mit allen Hunden im Flecken auf dem besten Fue steht. Ich wei nicht, was er
fr Jaunerknste dabei anwendet.
    Die Amtmnnin griff nach einem anderen Schreiben und las: Bei der geringsten
Spur wiedermalen Sturm schlagen lassen -
    Das ist nonsens! rief der Amtmann. Das tu ich nicht. Das brchte mir den
Flecken vollends bei der ganzen Umgegend in Mikredit. Sie kmen ja, wei Gott,
mit Spritzen angefahren, wenn sie die Sturmglocke hren wrden, und wenn sie
dann erfhren, da es sich um den einzigen Hllenbrand handelt, so wre des
Gelchters kein Ende.
    Allen Burgern, las sie weiter, bei hoher und Leibesstraf injungieren, sich
ohne Widersetzlichkeit dem Streif zu unterziehen, welcher Veranstaltung der Herr
Amtmann auch herzhaft vorangehen und zu hoffentlich mehrerer Autoritt selbsten
beiwohnen solle.
    Sehr obligiert! bemerkte der Amtmann und sah halb spttisch, halb wehmtig
nach dem Fenster, um welches milde Sonnenstrahlen spielten, die nach der
Wintergefangenschaft zum Genu der Freiheit einluden.
    Du solltest ihn auf eine Jagdpartie bitten, bemerkte die Amtmnnin. Was
schreibt er denn da? Das scheint mir lateinisch zu sein: more solito
negligiret.
    Er wirft mir vor, sagte der Amtmann im hchsten Unmut, als htte ich die
Sache in gewohnter Manier gehen und liegen lassen. Das ist nicht nur eine
Unwahrheit, das ist eine hmische Kalumnie. Er hat's ntig, dergleichen
Reprimanden einflieen zu lassen. Wer die Sache auf eine negligeante Art
behandelt, das ist er. Das eine Mal hat mir der Postillon geklagt, er sei abends
vor sechs Uhr in Gppingen eingetroffen, habe aber zwei Stunden warten mssen,
bis er vorgelassen worden sei. Ein andermal hab ich den Expressen um zwei Uhr
von hier abgefertigt und den Bescheid erst nachts nach neun Uhr erhalten. Ich
habe mir aber alle diese more-solito-Negligenzien in margine notiert, damit ich
mich gegen ihn rechtfertigen kann, wenn er mich zu Stuttgart ins schwarze
Register bringen will.
    Da haben sie jetzt an andere Dinge zu denken, sagte sie. Wie ich hre,
beginnt der landschaftliche Ausschu sehr schwierig zu werden und wird ihnen
wenig Zeit lassen, sich mit kleineren Hndeln abzugeben.
    Nein, nein! rief der Amtmann. Das verstehst du nicht, so spitzfindig du
bist. Gerade dann sind sie am aufgelegtesten, einen einzelnen Beamten als
Sndenbock zu massakrieren, um zu beweisen, da die Schreier unrecht haben.
    Da wrd ich doch zuerst trachten, mich mit dem Vogt in eine bessere entente
zu setzen, sagte sie. Ein Vorgesetzter behlt gar zu leicht das letzte Wort.
Ich kann ihn durchschauen und gebe dir vllig recht: hinter dem ganzen bruit von
Regieren und Ordonnieren steckt nichts als die Angst vor diesem Teufelsbraten,
dem Sonnenwirtle. Es ist ihm nicht wohl, solange er seine Chloe in Verwahrung
hat.
    So soll er sie ins Henkers Namen laufen lassen! polterte der Amtmann, der
in seinem rger sich nicht bewut war, wie sehr dieser Rat seiner kaum zuvor
ausgesprochenen Besorgnis widersprach. Wenn ich vorausgesehen htte, seufzte
er dann, da mir die Vereitelung dieser einfltigen Heirat solch ma- und
zahllose Inkommoditten zuziehen wrde, ich htte selbst den Brautfhrer oder
wenigstens den Vermittler beim Sonnenwirt gemacht. Vielleicht wre der Bursche
doch noch eingeschlagen.
    Sie wrden nie freinander gepat haben, versetzte die Amtmnnin mit
entschiedenem Tone. Sie ist zu schwerfllig fr ihn, und hoch hinaus htt er
jedenfalls immer gewollt.
    Wenn er's nur schon so hoch gebracht htte, wie ich's ihm wnsche! seufzte
der Amtmann.
    Bei alledem, fuhr die Amtmnnin fort, hat die unberwindliche
Anhnglichkeit an diese Person, die eigentlich das Unglck seines Lebens ist,
etwas Chevalereskes. Ich mu oft denken: Schade um den Menschen! Unter anderen
Umstnden wrde vielleicht etwas Importantes aus ihm geworden sein. Gestehen wir
uns nur: ein Bursche, der einen ganzen Flecken samt Amtmann und Vogt im Schach
hlt, der sich nicht blo in der Nacht, sondern am hellen Tag, wenn's ihm
konveniert, im feindlichen Lager blicken lt, in die Wirtshuser sitzt und
allen aufgewendeten Maregeln zum Hohne in keine Schlinge geht, der ist kein
gewhnlicher Mensch, der hat etwas von einem coeur de lion an sich.
    Wenn meine Frau Gemahlin jnger wre, bemerkte der Amtmann beiend, so
knnte mich nahezu der Argwohn befallen, sie wnschte seine Christine zu werden,
damit dann zwei hochstrebende Geister beieinander wren. Falls du brigens Lust
hast, den Lwen in seiner Hhle zu besuchen, so will ich nicht eiferschtig
sein, andererseits aber auch keine Verantwortung bernehmen.
    Es fragt sich, ob die Gefahr so gro wre, erwiderte sie scherzend.
    Man hrte einen Hufschlag, und bald darauf trat der Amtsknecht in das Zimmer
und bergab ein Schreiben mit den Worten: Von Gppingen durch Expressen.
    Schon wieder! seufzte der Amtmann verzweiflungsvoll. Er erbrach das Siegel
und las seiner Frau, nachdem der Diener sich entfernt hatte, das amtliche
Schreiben vor: Wohledler, insonders et caetera. Da ich vernemme, da der
Erzbswicht Schwan immerhin um Ebersbach herumschwrme und den Flecken in Sorgen
und ngsten setze, als wolle der Herr Amtmann, um einen Versuch zu machen, ob er
nicht durch Finessen wiederum zur Hand zu bringen, dessen Vater, den Sonnenwirt
- endlich schreibt er doch einmal den richtigen Titel - auf den Abend zu sich
berufen und ihm in der Stille die Anleitung geben, da er des Nachts die alte
Mllerin zu sich in ein besonderes Zimmer kommen lassen und simulieren solle,
als wann er aus groer Angst sich resolviert, seinem Sohn die versprochene
vierhundert Gulden, und zwar zweihundert Gulden bar, zweihundert aber, wenn er
in Pennsylvanien wirklich angekommen, zu geben, ihro auch wirklich, um es ihm zu
bringen, etlich Gulden behndigen, und tglich heimlich vor die Kinder essende
Waren zu schicken, und mit dem Geld guldenweis zu geben, um ihn sicher und in
die Wirtshuser der Nachbarschaft schwrmend und ihne vollsaufend zu machen,
kontinuieren solle, was sich aber so ein als andernfalls von Zeit zu Zeit darauf
ergebe, um die Messures - beide lachten - darnach nemmen zu knnen, dem Herrn
Amtmann zu hinterbringen. Sollte durch diesen Modum der Bswicht nicht zur Hand
gebracht werden knnen, werde ich inzwischen auf etwas anderes raffinieren -
raffinier du und der Teufel! bemerkte der Amtmann - und nicht nachlassen, bis
ich dessen habhaft geworden. Unterdessen ist alles mglichst geheimzuhalten. Mit
gttlichen Schutzes Erlassung verharrend et caetera.
    Das Raffinement ist brigens doch nicht so gnzlich aus der Luft
gegriffen, bemerkte die Amtmnnin, welche aufmerksam zugehrt hatte. Und zwar
knnten wir vielleicht noch einen Schritt weiter gehen. Da er seine Kinder bei
der Gromutter fleiig besucht, obgleich es bis jetzt nicht gelungen ist, ihn
daselbst aufzuheben, darber kann nach seinem ganzen Temperament und Charakter
kein Zweifel sein. Nun kme es nur darauf an, ob man nicht das alte Muster,
statt sie durch einen zweifelhaften Versuch mitrauisch zu machen, ins Komplott
ziehen sollte.
    Meinst du? fragte der Amtmann berrascht.
    Natrlich mte man da sehr reserviert zu Werke gehen. Wenn es aber
gelnge, so drften der Herr Vogt und Expeditionsrat alle ihre erlassenen Nasen
wieder einziehen, und sollte ihnen dero hohes Haupt darber zu einem Gebirg
anschwellen. ber die Hauptfrage kann vielleicht am besten der Schwanenwirt, wie
der gestrenge Herr sich sonst auszudrcken beliebt, Auskunft geben.
    So sende nach ihm.
    Auf den Abend.
    Whrend sie sprach, klopfte es schchtern an die Tre. Herein! rief der
Amtmann gebieterisch im Gefhl seiner Amtswrde und der erlittenen Strung.
Ah! sagte er, als die Tre aufging, wenn man den Teufel an die Wand malt, so
erscheint er auch sofort.
    Der Eintretende sah aber keinem Teufel, oder wenigstens, wenn das Bild auf
ihn passen sollte, einem armen Teufel hnlich, nicht nach seiner ueren
Erscheinung, denn diese zeigte den wohlhabenden Brger und Meister, wohl aber
nach seinem niedergeschlagenen, sorgen- und kummervollen Aussehen. Es war
niemand anders als der Sonnenwirt selbst. Er war alt, grau, dnnhaarig und gegen
seine Oberen womglich noch demtiger geworden. Wenn's der Herr Amtmann nicht
ungtig nehmen, begann er nach einer tiefen Verbeugung und angelegentlicher
Erkundigung nach dem beiderseitigen Wohlbefinden, so htte ich eine Beschwerde
wider den Kreuzwirt anzubringen. Es ist doch arg, wenn sich ein rechtschaffener
Burgersmann von seinem Mitbrger und Mitmeister so unrechte und ungebhrliche
Sachen sagen lassen soll, wie der Kreuzwirt in dem Brief da schreibt.
    Der Amtmann berflog den Brief, den ihm der Sonnenwirt reichte, und las
halblaut murmelnd einzelne Stellen ab: Es will hiermit Unterzogener gegen den
Sonnenwirt Schwanen nicht allein seine Grausamkeit erinnern, die er vor etlichen
Jahren durch seinen eigenen Sohn an meiner Person ausben lassen. - Das alte
Lied! bemerkte der Amtmann dazwischen.
    Er behauptet immer, er sei damals zum Krppel geschlagen worden, sagte der
Sonnenwirt, und es ist doch alles nicht wahr.
    Solch gottloses Anstiften, las der Amtmann weiter, legt sich desto
glaublicher wirklich an Tag, da der Vater aus einer sonderbaren Rachgier mich
noch obligieren will, Post zu reiten, da ihme doch bekannt, da ich weder mir
noch den Meinigen etwas zum Nutzen schaffen kann, so sucht er dannoch mir
aufzubrden, was er zu tun schuldig. Es ist bekannt, da nicht allein die
Metzger wegen seines bel erzogenen Sohnes viele Posten prstieren mssen,
sondern auch neben diesem mute die ganze Burgerschaft wegen einer solchen
schnen Frucht nicht allein fatigieret werden, sondern auch noch groen Schaden
leiden. Der Schwan hat immerdar nach einer Post getrachtet - - - jetzt hat er
das Postreiten, aber nicht nach seinem Sinn - - - eigenntzige Konzessionen im
Metzgerhandwerk - - - durch Geld und Arglist seinen Mitmeistern das Brot aus dem
Mund genommen -. Ein unverschmter Kalumniant! unterbrach sich der Amtmann,
was die Obrigkeit anordnet, das soll ihr durch Geld und Arglist abgedrungen
worden sein?
    Das murmelt er bestndig an alle Nachbarn hin, wie mir erzhlt worden ist,
sagte der Sonnenwirt.
    Dieses Postrittprstieren, las der Amtmann weiter, zeugt von seines
Herzens heimlicher Bosheit; der Sohn zeugt vom Vater; da dieser damals im
Beisein meiner sagen drfen, sein Sohn habe mir recht getan, so mchte ich nun
wissen, ob er auch recht getan, da er vor etlich Jahren seines Vaters Haus
bestiegen, sich noch rhmte, wie knstlich und geschickt er wre, jedoch ein
schlechtes Jubilum von den Zuschauern erhielte, sondern von mnniglich als ein
erschreckliches Exempel angesehen wurde - und so weiter. Dummes Zeug! Ich werde
den Briefschreiber fr seine unverstndigen Lsterworte um einen kleinen Frevel
strafen. Ist Er damit zufrieden?
    Aufzuwarten, Herr Amtmann, ich sag meinen gehorsamen Dank, antwortete der
Sonnenwirt und verbeugte sich.
    Hat Er ihn denn zum Reiten beordert?
    Da der Herr Amtmann befohlen haben, da ein fr allemal auf jeden Tag in
der Woche ein berittener Mann als Exprepostillon parat sein solle, so hab ich
als Obermeister dem Kreuzwirt den nchsten Ritt auferlegt.
    Da er eine wenig erbauliche Figur zu Pferd machen wird, so ist er dieser
Prstation zu entlassen, verfgte der Amtmann.
    Wenn's der Herr Amtmann nicht ungndig nehmen wollten, wagte der
Sonnenwirt einzuwenden, es ist auch das eine von meinen vielen Sorgen und
Verlegenheiten. Die ganze Metzgerzunft wird mir aufsssig wegen des bestndigen
Reitenmssens, so da ich nchstens nicht mehr wei, wem ich den Tag ansetzen
soll. Sie klagen, es koste sie so gar viele Zeit und bringe sie im Verdienst
zurck. Ein mancher kommt gar nicht mehr zu mir zur Zech, und das ist mir ein
empfindlicher Verlust.
    Es ist aber auch keine geringe Last fr die Leute, sagte der Amtmann. 
Darin hat der Kreuzwirt recht, da Sein entarteter Sohn dem Flecken einen
horrenden Schaden zufgt. Wenn alle leiden mssen, so darf Er am wenigsten
zurckstehen. Es wre vielleicht doch gescheiter gewesen, Er htte fnfe grade
sein lassen und die Mariage zugegeben.
    Der Sonnenwirt fhlte sich wie zu Boden geschmettert. Derselbe Mann der
Autoritt, der sich so durchgreifend gegen diese Heirat erklrt und seinen Arm
zu ihrer Hintertreibung hergeliehen hatte, machte ihm jetzt Vorwrfe, da er
seinem Sohne nicht den Willen gelassen habe. Er sah den Amtmann mit einer
flehenden Jammermiene an, verstummte aber unter der Brde, die ihn
niederdrckte.
    Die Amtmnnin kam ihm zu Hilfe und erinnerte ihren Mann, da, wenn sein
Vorwurf begrndet wre, er ihn nach seinem eigenen Gestndnis ebensogut und noch
strker treffen wrde als den Sonnenwirt.
    Ach Gott! sagte dieser, dankbar fr den Beistand, wenn Sie erlauben, Herr
Amtmann und Frau Amtmnnin, ich hab berhaupt schon lange Zeit keine gute Stunde
mehr in meiner Familie. Seit mein Sohn amtlich fr einen Erzbswicht erklrt
worden ist und jetzt natrlich nichts mehr an mir erben kann, wenn ich ihn auch
einsetzen wollt, seitdem ist der Hader zwischen meinem Weib und meinen
Tochtermnnern los. Sie liegt mir immer an, ich soll ein Testament zu ihren
Gunsten machen, und das mssen die beiden anderen, der Chirurgus voran, gemerkt
haben.
    Sie hat ja keine Kinder, bemerkte der Amtmann.
    Wohl 'geben, aber sie hat Verwandtschaft, die sie auf die Sonne bringen
mcht.
    Da wrde ich vor allen den Chirurgus bedenken, riet der Amtmann. Der Mann
hat savoir vivre, gibt einen gewandten Wirt und wre wohl am meisten geeignet,
die Sonne im Flor zu erhalten.
    Der Sonnenwirt versprach, diesen guten Rat in Erwgung zu ziehen, gegen
welchen die Amtmnnin keine Einsprache tat. Als er sich empfehlen wollte, hie
ihn der Amtmann noch bleiben und unterredete sich mit ihm ber den Hauptzweck,
wegen dessen er ihn hatte rufen lassen wollen. Er teilte ihm den Inhalt des
oberamtlichen Schreibens mit und forderte ihn auf, sich zuvrderst darber
auszusprechen, ob die Hirschbuerin wohl dazu zu bringen wre, einen Verrat an
ihrem Schwiegersohne zu begehen.
    Die ist eine Schmotzampel an Leib und Seel, antwortete der Sonnenwirt,
die verkauft ihren Herrgott, wenn sie nur Geld sieht. Das ist auch ein Grund
gewesen, warum ich meinen Sohn nicht hab in die Familie heiraten lassen wollen.
    Mir kommt da ein guter Einfall, sagte der Amtmann. Ich hatte neulich in
alten Akten und Urkunden zu stbern und machte dabei zufllig die Entdeckung,
wie es mit dem Leibeigenschaftsverhltnis der Hirschbauernfamilie bewandt ist.
Der erste des Namens hat das Haus als eine Art Wildhter zu Lehen erhalten mit
der ausdrcklichen Bedingung, Jagd auf die Wilderer zu machen. Da nun gar kein
Zweifel sein kann, da Sein Sohn neben anderen hnlichen Beschftigungen auch
diesem ehrsamen Gewerbe obliegt, so knnte man es ihr als eine Servitut
auferlegen, da sie die Hand zu seiner Beifahung zu bieten habe, widrigenfalls
die Herrschaft berechtigt wre, sie von Haus und Hof zu jagen.
    Fr den Notfall, erwiderte der Sonnenwirt, kann diese Drohung nichts
schaden, aber sie wird kaum vonnten sein. Auf den Abend will ich das alt Weib
zu mir kommen lassen und hoff, in kurzem dem Herrn Amtmann erwnschte Antwort zu
bringen.
    Er wnschte einen glckseligen Tag und ging, ohne sich zu fragen, ob das
Vorhaben, das er der Hirschbuerin gegen ihren Schwiegersohn zutraute und um
dessenwillen er sie verurteilte, ein anderes sei als das Vorhaben, das er gegen
seinen eigenen Sohn bereits auszufhren im Begriffe war.
    Auch der Amtmann und seine Frau dachten an eine solche Vergleichung nicht.
Wenn der Sonnenwirt die Sonne dem Chirurgus zuwendet, sagte der erstere
lachend, so stirbt die Sonnenwirtin, sobald sie etwas vom Testament erfhrt, am
Gallenfieber.
    Das wre dem Mann je eher je lieber zu gnnen, versetzte die Amtmnnin.
Er hat nicht zum besten mit ihr gelebt, und sie ist auch in der Tat, so wie man
sie nher kennenlernt, eine herzlose, neidische, malizise Kreatur.
    Der Himmel wei, womit die sonst so kluge Sonnenwirtin es bei der gestrengen
Frau verschttet haben mochte.
    Schon am nchsten Morgen ritt eine Staffette nach Gppingen mit der Meldung
des Amtmanns an den Vogt, da alles sich nach Wunsch anlasse, und mittags hatte
der Amtmann vom Vogt die Weisung, er solle, da die alte Mllerin versprochen
habe, den Bsewicht in ihr Haus zu locken, gengsame Mannschaft mit Gewehr und
Prgeln dahin verstecken und denselben achtzehn Gulden, der Mllerin aber, wenn
der Fang mit ihrer Beihilfe gelungen sein werde, - zwei Gulden als Belohnung
ausbezahlen.

                                  Dritter Teil



                                       30

Gesegnete Mahlzeit beieinander! Das ist ja schn, da man die Ahne und die
Kinder bei der Gottesgabe findet, die Leib und Seel zusammenhlt.
    Mit diesen Worten trat der Gechtete durch die Tre ein, deren Schwelle er
so manchmal in Glck und Leid berschritten hatte. Was speist man denn? fragte
er heiter.
    Rbelessupp und Grundbirn! antwortete der Knabe, der mit der Gromutter
und seinem kleinen Schwesterlein zu Tische sa und mit seinem Lffel der
gemeinsamen Schssel wacker zusprach.
    Will Er's nicht mithalten? fragte die Hirschbuerin, ohne sich in ihrer
eifrigen Beschftigung stren zu lassen.
    Danke! was fr drei gekocht ist, ist nicht fr vier; man mu keine Deichsel
an die Suppenschssel machen. Im Gegenteil bring ich hier ein paar Brtlein.
Wenn Ihr's nicht essen wollt, so knnt Ihr's unter der Hand zu Geld machen. Er
hielt ihr ein paar Hasen hin. Bei diesem Anblick legte sie schnell den Lffel
auf den Tisch, ergriff das Geschenk und trug es in eine Ecke der Stube, wo sie
einen leeren Korb darberdeckte.
    
    Der Ankmmling setzte sich an den Tisch, holte einen hlzernen Lffel aus
der Schublade und ftterte das Kleine, das erwartungsvoll nach der Gromutter
hinstarrte, aus der Schssel, ohne sich selbst einen Bissen zu gnnen. Bei dem
trben Schein der armseligen Ampel blickte er abwechselnd seine Kinder an und
freute sich, da es ihnen so gut schmeckte.
    Wo ist denn der Lobele blieben? fragte die Alte, sich wieder an den Tisch
setzend.
    Mein weikpfigs Schwgerle, erwiderte er, hab ich in Rechberghausen beim
Christle gelassen. Ich hab einen weiten Umweg machen mssen - er warf einen
Blick nach der Ecke, wo die Hasen lagen - wo ich ihn nicht hab mitnehmen
wollen, und ihn allein heruntergehen zu lassen, dazu ist mir's zu spt gewesen.
Morgen frh ist er wieder da. Ist's richtig, was er mir ausgerichtet hat? Mein
Vater will sich also zu einem gtlichen Abkommen mit mir verstehen?
    Ja, sagte sie, er hat mich kommen lassen und hat so mit mir geredt, da
ich glauben mu, es sei sein Ernst. Vierhundert Gulden will er Ihm geben, wenn
Er mit der Christine und den Kindern nach Pennsylvanien geht, die Hlfte bar und
die Hlfte drben, aber das Bare nicht eher, als bis mit der Abreis alles im
reinen sei. Bis dahin will er sorgen, da den Kindern nichts abgeht.
    Wenn nur die Christine frei wr, dann ging ich gleich, versetzte er. Wit
Ihr nichts von ihr?
    Nein.
    Einundzwanzig Wochen sind es jetzt, da ich ihr Gefngnis umschwrme,
sagte er. Was ich in dieser Zeit durchgemacht hab, wird nicht bald einem
Zigeuner vorgekommen sein, denn der hat doch noch die Wahl, in welcher Gegend er
sein Nachtquartier nehmen will, und wenn's auch nur in einer Hhle wr. Ich aber
bin wie ein bser Geist immer in das Revier da gebannt gewesen.
    Die Alte lchelte schlau. Beim Krmerchristle, sagte sie, hat's doch
gewi nicht an Loschement gefehlt.
    Beim Christle, sagte er, kann ich meinen kleinen Schwager unterbringen,
wenn er mir eine Botschaft tut und ich ihn nicht in der Nacht heimlassen will,
und vom Christle nehm ich's an, wenn er, wie ein paarmal geschehen ist, in
meiner Abwesenheit meinem Weib oder meinen Kindern etwas schickt, zumal wenn
das - er sah die Alte scharf an - nicht fr die Schleckerei, sondern fr die
bittere Notdurft ist. Beim Christle und sonst da und dort bin ich selber auch
ein paarmal ber Nacht gewesen, wenn man ein gemeinsames Geschft vorgehabt hat,
bei dem der Nutzen zum kleinsten Teil auf meiner Seite gewesen ist. Aber wenn
gleich Rechberghausen nicht dem Herzog von Wrttemberg, sondern dem Grafen von
Preysing gehrt, so htt ich doch dem Christle nicht zumuten mgen, einem
vogelfreien Menschen, wie ich bin, nach dem man ber jede Grenze streifen darf,
einen bestndigen Aufenthalt zu geben. Nein, Schwieger, ich bin in diesen
einundzwanzig Wochen das wenigste Mal unter Dach und Fach gekommen, und wenn ich
nur in einer Scheuer hab unterkriechen knnen, so ist das ein Festtag fr mich
gewesen. Die meiste Zeit aber hab ich tief im Wald, oft auch im freien Feld, auf
dem Schnee geschlafen, ein paar harte Felle von geschossenem Wild zur Decke und
den kalten, sternglitzernden Himmel ber mir. Wenn mir frher jemand behauptet
htte, das sei ein Mensch auszuhalten imstand, ich htt ihm nichts davon
geglaubt. Aber seht nur meine Kleider an: die zeugen am besten von meiner
Lebensart; im Herbst sind sie noch ganz neu gewesen, und jetzt hngen sie halb
in Fetzen an mir herum. Und wenn mir nicht der groe Bart gewachsen wr, so
knntet Ihr sehen, wie ich abgemagert bin - nichts als Haut und Knochen. Und
fasten hab ich gelernt, wie kein katholischer Heiliger; ich bin ordentlich mit
dem Hunger auf du und du zu stehen kommen.
    Der Knabe warf seinen Lffel auf den Tisch und a nicht weiter, whrend sein
Vater unter dem Reden den Lffel fleiig nach dem Munde des kleineren Kindes
fhrte.
    Da wr's in Pennsylvanien doch besser, bemerkte die Alte.
    Meint Ihr nicht, der Jerg ging mit? fragte er und setzte schnell hinzu:
da wir Euch nicht allein zurcklieen, versteht sich von selbst.
    O du mein Heiland, Er hat's gut mit mir vor, sagte sie. Sollt ich auf
meine alte Tag noch so weit bers Meer? Und der Jerg, der ist jetzt zu Stuttgart
im Dienst als Packer bei einem Kaufmann und meint, er knn's sein Leben lang
nicht besser kriegen. Nchstens will er mir all Woch ein Geldle schicken.
    Das Land da drben ist so gro, wie ich mir habsagen lassen, da wir ein
halbes Frstentum in Besitznehmen knnten. Das wr doch ein ander Leben.
    Mein letzte Sttz sollt ich hergeben oder gar selber mitgehen und
vielleicht unterwegs, wie der Jonas, von einem Fisch gefressen werden?
    Ahne, der Fisch hat ihn ja wieder ausgespien, bemerkte der Knabe
dazwischen.
    Und das Reis'geld, fuhr sie fort, ohne auf die Bemerkung zu achten, wr
fr uns alle zusammen nicht gnug.
    Ob mein Vater die vierhundert Gulden auf einmal hergibt oder auf zweimal,
kann ihm gleichgltig sein, wenn's ihm berhaupt mit dem Anerbieten Ernst ist.
Glaubt Ihr wirklich, Schwieger, da er's ehrlich meint?
    Da er's anders tut, als er gesagt hat, glaub ich nicht, dagegen das glaub
ich, da ihm zu trauen ist, denn warum? er mcht Ihn eben fort han, weil er sich
vor Ihm frchtet und weil der ganz Fleck in ngsten vor Ihm ist.
    Der Gechtete lachte stolz.
    Ich glaub ferner auch, fuhr sie zutraulich fort, da der Amtmann mit
unter der Sach steckt; denn dem wr's ebenmig wohl, wenn er nichts mehr mit
Ihm zu tun htt.
    Der Amtmann? sagte er. Wenn das der Fall ist, so mu man sich vor Finten
hten. Der arbeitet an einem doppelten Plan. Mag leicht sein, da er frlieb
nimmt, wenn er mich ber alle Berg wei, aber noch lieber ist's ihm, wenn er
mich wieder unter seine Klauen kriegen und einliefern und eine Belobung
davontragen kann. Nein, Schwieger, wenn ich gewut htt, da der Amtmann im
Spiel ist - seht ja zu, da Ihr die Hand nicht zu einem falschen Spiel bietet!
    Ich vermut's ja nur, sagte sie. Mein Herz denkt an nichts Args. Wer wird
denn auch gleich so ngstlich sein?
    ngstlich! rief der Gechtete, und sein ganzer Stolz flammte auf: wer
kann mir nachsagen, da ich jemals Angst hab blicken lassen?
    Nu, nu, man redt ja nur. Eins ist so wenig nutz wie das ander. Wer alle
Stauden will fliehen, kommt nie in Wald, und hinwiederum, dem Trauwohl hat man
den Gaul weggeritten. Fr heut hat's jedenfalls kein Gefahr, denn kein Mensch
wei, da Er da ist.
    Doch will ich nicht ber Nacht bleiben.
    Ja, und wenn sie dann wieder mitten in der Nacht Haussuchung halten wollen,
so lt Er ihnen wieder das Nachsehen. Denn besser in der Acht als in der Hacht,
besser der Nam als der Leib am Galgen.
    Wenn man durch meinen Vater mit dem Amtmann unterhandeln knnt, da die
Christine frei wrd, unter der Bedingung, mit mir nach Pennsylvanien zu gehen,
so knntet Ihr mir ja an einen sichern Ort Meldung tun. Aber ohne den Jerg ist's
nur halb gelebt. Ein Mann wie mein Schwager wr mir mehr wert als ein Kapital in
dem groen wsten Land, wo man Wlder ausstocken und mit den Wilden kmpfen
mu.
    Wenn die Kinder im Bett sind, so wollen wir weiter reden, sagte sie und
trug das Egeschirr hinaus.
    Vater, sagte der Knabe jetzt, der lange auf einen Augeinblick, wo er auch
etwas reden durfte, gewartet hatte, Vater, ich hab mich so lang drauf gefreut,
bis Er auch einmal wiederkommt.
    Die helle Stimme des Knaben tat dem Gechteten tief im Herzen wohl. So,
Friederle, sagte er, hast dich auf den Vater gefreut? Sieh, ich hab euch auch
was mitgebracht. Mit diesen Worten zog er aus der Tasche allerlei Spielzeug,
das er in migen Stunden knstlich geschnitzt hatte. Die Docken gehren deinem
Christinele, die gibst ihr morgen frh, wenn sie aufwacht. Er legte das Kind,
das in seinem Arme eingeschlafen war, auf das Bett und brachte aus seinen
anderen Taschen noch mehr der Herrlichkeiten hervor. Da sind fr dich Soldaten,
Fuvolk und Reiter, auch etliche Kanonen dabei, weil's jetzt Krieg ist, und
damit deine Schulkameraden nicht sagen knnen, du habest nicht so schne oder
nicht schnere Spielsachen als sie. Lernst auch brav? Erzhl mir einmal, was
heut in der Schule vorgekommen ist.
    Die Geschicht vom Simson ist gelesen worden, antwortete der Knabe.
    Hast du mitlesen drfen? fragte der Vater. Kannst lesen?
    Noch nicht ganz gut, sagte der Knabe, 's kommt nur hie und da ein kleiner
Vers zum Lesen an mich. Aber die Geschicht hat mir mchtig gut gefallen, wie der
Simson den Lwen zerrissen hat und wie er mit dem Eselskinnbacken tausend
Philister geschlagen hat und hat ihnen das Stadttor in der Nacht fortgetragen
und Fchs in ihre Felder trieben mit brennende Schwnz, und wie er zuletzt das
Haus eingerissen hat, da es auf ihn und alle Philister zusammengefallen ist.
    Du gibst ja recht acht, sagte der Vater freundlich. Mchtest vielleicht
auch ein Simson werden?
    Der Knabe sah ihn verwundert an.
    Gelt, das verstehst du nicht? Was mchtest denn werden?
    Ich mcht werden, was mein Vater ist.
    Was ist denn dein Vater?
    Der Knabe sah ihn starr an und antwortete auf wiederholtes Fragen: Ich wei
nicht.
    Warum sagst du denn, du mchtest werden, was dein Vater ist, und weit es
nicht?
    Ha, so sagt jeder Bub, wenn man ihn fragt, was er werden wll.
    So! Wie heien sie denn deinen Vater?
    Er sei sllig stark, so da alles Angst vor ihm haben m.
    So? und was sagen sie sonst von ihm?
    Der Knabe schwieg.
    Wie gehen denn deine Kameraden in der Schule mit dir um? Sag's, ich will's
wissen.
    Sie lassen mich nicht ins Buch neingucken, so da mir der Schulmeister
schon oft eine besondere Bibel geben hat, und einmal, wo sie wst gegen mich
gewesen sind, hat der Schulmeister zu ihnen gesagt, sie sollen mich gehen
lassen, ich sei ein unglcklich's Kind, ich knn nichts dafr.
    Fr was?
    Der Knabe schwieg.
    Ich befehl dir's, ich will wissen, was sie von deinem Vater gesagt haben.
    Er mute seinen Willen im gebietendsten Tone geltend machen, bis der Knabe
endlich schchtern und zgernd antwortete: Sie sagen - Er hab - gestohlen.
    Und wenn das wahr ist, so willst du dennoch werden, was dein Vater ist?
    Ja.
    Was ist einer, der stiehlt?
    Er bedurfte abermals der grten Anstrengung, um aus dem Knaben die Antwort
herauszubringen: Ein Dieb.
    Ein Dieb also willst werden?
    Ja.
    Wart, ich will dir einen Denkzettel geben! Ahne, wo ist die Rute?
    Er gewahrte nicht, da die Alte nach langer Abwesenheit erst in diesem
Augenblick wieder in die Stube trat und die Tre ein wenig hinter sich offen
lie. Sie bat fr den Knaben, als sie hrte, um was es sich handle, und suchte
dem unglcklichen Vater bemerklich zu machen, da das Kind sich nicht
auszudrcken vermge und da er ihm noch keine Unterscheidung zumuten drfe.
Nein, sagte er unerbittlich, man soll mir nicht nachsagen, da ich den Buben
zu solchen Gedanken angeleitet oder ihm's auch nur zugelassen hab, und wenn ich
keine Rute haben kann, so tut's auch die Hand.
    Er zog den Knaben zwischen die Knie und patschte ihn mit seiner krftigen
Hand so nachdrcklich, da derselbe mit offenem Mund schnaubte und schnappte;
doch gab er keinen Laut des Schmerzes von sich.
    Was heulst nicht, du Krott? fragte der Vater, in seinem wenig berlegten
Besserungsgeschfte innehaltend.
    Ich hab immer gehrt, mein Vater hab nie geheult, wenn man ihn auch noch so
arg geschlagen hab, antwortete der Knabe, nicht trotzig, aber mit entschiedenem
Tone und seinem Vater ruhig ins Auge sehend.
    Dieser lie die Hand sinken und zog den Knaben in seine Arme. Ach,
Friederle, mein Kind, mein lieb's Kind, rief er, ich htt dich ja gewi nicht
geschlagen, wenn ich allezeit bei dir wr und dich im Guten unterweisen knnt.
Aber ein Dieb sollst und darfst du mir nicht werden, das verbiet ich dir hoch
und teuer. Glaubst du, da ich's gut mit dir mein?
    Ja, sagte der Knabe, indem er ihn mit seinen blauen Augen aufrichtig
ansah.
    Willst mir's nachtragen, da ich dich geschlagen hab?
    Nein.
    Willst mir versprechen - er drckte ihn immer heftiger an sich und schrie
ihm die Worte ins Ohr: Werd brav! werd rechtschaffen! Du mut nicht meinen, es
msse dir auch gehen wie deinem Vater! Es geht nicht jedem so, es darf dir nicht
auch so gehen! Wenn du lter bist und mehr weit als jetzt, dann wirst du
einsehen, da du kein Dieb zu werden brauchst, wenn du deinem Vater anhnglich
sein willst. Dann wirst du aber auch verstehen, da dein Vater nicht so schlecht
gewesen ist, wie die Leut von ihm gesagt haben. Und deine Mutter, die du so
wenig gesehen hast, ist eine gute Mutter, Kind, und kann nichts dafr, da sie
nicht fter nach dir sieht, und wenn sie wieder bei dir sein kann - -
    Die Stimme brach ihm, er schlug die Hnde vor die Augen und legte den Kopf
auf den Tisch. Es wurde ganz still, nur da man tief aus seiner Brust herauf ein
unterdrcktes Schluchzen hrte. Die Alte sah sich einen Augenblick um, setzte
sich dann so, da sie dem Tische und der Tre den Rcken zukehrte, und begann
hierauf mit einer Stimme, die abscheulich lautete, das geistliche Lied zu
singen: Valet will ich dir geben, du arge falsche Welt.
    Der Gechtete hatte seinen Empfindungen eine kurze Zeit freien Lauf
gelassen, da weckte ihn ein durchdringendes Geschrei seines kleinen Sohnes:
Vater! Vater! Philister ber dir, Simson.
    Er fuhr auf und starrte, die Augen voll Trnen, in die Stube, aber die
Bewegung hatte nur dazu gedient, seinen Kopf einer Schlinge preiszugeben, die im
gleichen Augenblicke fest um seinen Hals zugezogen wurde. Die Stube war voll
bewaffneter Mnner. Er fuhr mit der Hand nach dem Halse, um sich von der
Schlinge freizumachen. Da schrie der Fischer, der unter den vordersten war:
Hand weg, oder du mut verworgen! Zugleich wurde die Schlinge noch fester
angezogen, so da er taumelte. Er lie ab vom Widerstande und war nach kurzer
Zeit an Armen und Beinen so fest geschnrt, da man ihn ohne Gefahr fortschaffen
konnte. Die Alte schickte sich heulend und schreiend an, mit ihrer trben Ampel
zum Haus hinauszuleuchten, und beteuerte ihm fortwhrend, da sie an dem Unglck
unschuldig sei. Mag sein, erwiderte er, sie mit ungewissen Blicken messend,
aber dir, Fischerhanne, ist's geschworen - und wenn ihr mir auch die Arm
fesselt, die Schwurfinger kann ich doch noch bewegen - der nchste Streich, den
du mir spielst, ist dein Tod. - Verhoffentlich wird kein weiterer ntig sein,
sagte der Fischer, und alle lachten zusammen. Whrend ein Teil der
Wachmannschaft den Gefangenen so eilig fortschleppte, da er nur noch mit den
Augen seinem Knaben ein Lebewohl zuwinken konnte, stberte ein anderer, den
Fischer an der Spitze, in der Stube herum. Die Alte, als sie dies bemerkte,
berlie den Fortgehenden die Sorge, wie sie sich ohne Licht zurechtfinden
wollten, und eilte in die Stube zurck, konnte es aber nicht verhindern, da die
Hasen, als offenbares Herrschaftseigentum, in Beschlag genommen wurden.
    Der Knabe war auer sich, und die Nachbarn, welche halb teilnehmend, halb
neugierig hinter den Hschern in die Stube gedrungen waren, versuchten ihn
umsonst zu trsten. Nachdem die Alte sich ber den Verlust ihres soeben zum
Geschenk erhaltenen Wildbrets einigermaen beruhigt hatte, schwatzte sie ihm
vor, sein Vater werde nur ein wenig zur Mutter nach Gppingen gebracht und werde
bald wiederkommen. Er lie sich nach und nach beschwichtigen; ber eines aber
konnte er sich nicht zufrieden geben: Mein Vater, sagte er, hat sonst nie
geheult, und jetzt haben sie ihn grad geholt, wo er geheult hat.
    In diesem Augenblicke kam der Schtz, zu spt, um an der Gefangennehmung, zu
welcher er beordert war, teilzunehmen, aber frh genug, um der Alten eine
Nachricht zu bringen, die sie ganz darniederschmetterte. Wisset Ihr auch,
Hirschburin, sagte er, da Euer zweiter Sohn in Stuttgart hat Soldat werden
mssen? Er hat einem Soldaten zur Desertion geholfen, und der Oberst Rieger, der
dem Herzog sein Kriegsvolk zusammenwirbt, hat darauf gemeint, er sei ihm als
Stellvertreter ebensogut oder noch lieber.
    Sie warf sich zu Boden und raufte ihre Haare. Diesmal war ihr Schreien und
Heulen ernstlich gemeint. Jetzt hab ich mein Stecken und Stab verloren!
jammerte sie.

                                       31


Pa auf, Beck! sagte der obere Mller, mit seinem Knecht eintretend, im
Hausgang zu dem Bcker, der mit einem groen Kruge Weins gelaufen kam: Pa auf,
heut kriegst das Haus voll Leut! Der halb Fleck ist auf'm Marsch zu dir und
will's probieren, ob dein Kesselfleisch so gut ist, wie's dein Weib selig hat
machen knnen. Wir sind die ersten und wollen gleich ein gut's Pltzle
besetzen.
    Der Bcker lachte und stie statt der Antwort die Tre auf, durch die man
die Stube bereits berfllt von Gsten sah. Der Mller meint, er sei der erst
zur Metzelsupp! rief er diesen zu. Ein allgemeines Gelchter empfing den
verspteten Gast. Mach nur, da du hersitzst! riefen einige, indem sie
zusammenrckten und ihm und dem Knechte Platz machten: 's ist eine Staatssau
gewesen, aber kannst froh sein, wenn du nur noch das Schwnzle von ihr triffst!
    Ungeachtet dieser Drohung, die nicht so ernstlich gemeint war, lieen sich's
der Mller und sein Knecht trefflich schmecken, whrend die Gste den Bcker
lobten, der seit dem schon lange erfolgten Tode seiner Frau keine Metzelsuppe
gegeben hatte, und sich zugleich darber freuten, da man bei den guten
Aussichten auf das heurige Jahr auch einmal wieder einen billigen Wein trinken
knne.
    Nachdem der Mller seinen Magen gefllt, sah er sich im Kreise der Gste um.
Was, der Profos ist auch da? rief er. Ich hab gemeint, Ihr lieget am
Gliederweh darnieder und knnet kein' Fu und nchstens kein' Zahn mehr regen.
    Die alten Knochen sind's Leben gewohnt, erwiderte der Invalide. Ich hab
auch glaubt, ich werd der Beckin Quartier machen, und jetzt ist sie mir lang
vorangegangen. Ich hab eigentlich kein Gliederweh, 's sind eben Fl, die mir im
Leib rumziehen, bald da, bald dort, ich mein manchmal, sie fahren mir bis in die
Krcken hinein, und oft werfen sie mich so bsartig ins Bett, da ich schier
nimmer aufstehen kann.
    Lasset nur den Wein tapfer durch die Gurgel laufen, alter Kriegsknecht, der
wird Euch die Fl schon 'naustreiben. Da dich! aber jetzt mu ich mich
verwundern, da der Fischerhanne auch so viel Courage hat und ins Wirtshaus
geht! Nun, du darfst dir heut schon was gnnen: hast gewi bei dem gestrigen
Fang etwas Schn's verdient, gelt?
    Der Fischer schmunzelte. Wenn man sich fr den Flecken in Gefahr begibt,
sagte er, so knnt man, denk ich, mehr ansprechen, als die paar Gulden, aber
doch ist's immer besser als gar nichts.
    Die Gefahr mu nicht so gro gewesen sein, bemerkte der Mller: wie ich
hr, habt Ihr ihn mit der Schling gefangen?
    Ja! rief ein anderer. Die Schling ist ein Einfall vom Fischerhanne
gewesen. Das ist das sicherste Mittel: wenn einer nicht weich geben will, so
zieht man eben zu, dann vergeht ihm die Kraft, und er wird zahm wie ein Lamm.
    Ich htt zugezogen, bis er hingewesen wr, versicherte der Fischer, denn
wenn der loskommen wr, so mcht ich doch auch sehen, wer mir behaupten knnt,
es hab kein Gefahr gehabt.
    Gottlob, sagte der Mller, da der Kerl aufgehoben ist. Jetzt kann man
doch wieder ruhig schlafen und ungengstigt leben. Ich hoff, dasmal werden sie
ihn fester verwahren, da man endlich sicher vor ihm ist. Warum schttelt Ihr
den Kopf, Profos? Meint Ihr, er werd doch wieder auskommen, oder wr's Euch
lieb?
    Nein, erwiderte dieser, fr ihn selber wr's das best, er blieb gefangen,
wie er ist. Was kann ihm die Freiheit wert sein, wenn die ganz Welt immer mit
Stecken und Stangen auf ihn aus ist, um ihn zu fangen? Ich mein nur, 's ist halt
doch kurios, da ein ganzer Flecken mit so viel starken Mnnern vor dem einzigen
Menschen zittert. Und was hat er eigentlich getan?
    Was er getan hat? schrie alles zusammen. Ist er nicht von Hohentwiel
ausbrochen?
    Nun ja, sagte der Invalide, das tt jeder von uns auch, wenn ihm das
Gefngnis entleidet wr, und er wr so geschickt wie er, um eine halbe
Unmglichkeit zu vollbringen.
    Und zweimal aus dem Zuchthaus! sagte der Mller.
    Und hat sich beidemal freiwillig wieder gestellt, entgegnete der Invalide.
Dazu gehrt doch ein gutes Gewissen.
    Ein unwilliges, hhnisches Gelchter war die Antwort auf diese Bemerkung.
    Der Profos hat immer ein wenig zu ihm gehalten, bemerkte der Fischer.
    Er hat auch immer eine gute Seit gehabt, versetzte der Invalide. Wenn man
brigens kein' anderen Grund hat, ihn zu frchten, so mt man eigentlich jeden,
der stark und verschlagen ist, umbringen, damit er einem nicht schaden kann,
wenn's ihm etwa einfallen sollt.
    Hat er denn sonst nichts getan? schrie der Mller. Ich will die
Diebsthl, die er bei seinem Vater begangen hat, nicht so hoch anschlagen: aber
ist er nicht erst kurz verwichen dem Lammwirt in Metzig und Keller einbrachen
und hat ihm Fleisch, Brot und Wein genommen?
    Requiriert, sagte der Invalide.
    Was? schrien die andern.
    Requirieren heit man das bei den Soldaten, erluterte der Invalide ruhig.
In der Kampagne, wenn's nichts zu beien und zu brechen gibt, kommt man zum
Bauern in die Visit und holt sich Fleisch, Brot, Wein, Hhner, Gns, Eier, kurz,
was man finden kann, und wenn das ein Verbrechen wr, so mt vom General bis
zum Gemeinen runter alles gehenkt werden. Der frnehmst Offizier schmt sich
nicht dran. Und da geht's oft zu, da mir's in der bloen Erinnerung weh tut.
Der Frieder ist noch bescheiden, nimmt nicht mehr, als er fr den Hunger und
Durst braucht, und hat dem Lammwirt doch nicht das brig Fleisch zu Fetzen
verhauen und den Wein in Keller laufen lassen, wie's der Soldat oft und viel
tut. Es ist jetzt ohnehin Krieg in der Welt; denket euch, der Feind komm in den
Flecken, oder auch der Freund, denn 's macht's einer wie der ander, dann ttet
ihr die Hundert oder Tausend gern gegen den einzigen Marodeur eintauschen und
ttet sagen: der hat's doch noch gndig gemacht.
    Das ist was anders, sagte der Mller. Der Krieg verlangt's eben einmal
so, er mu die Leut ernhren.
    Wenn man mich lebenslang auf die Festung setzt und mich nach meinem
Entkommen berall verfolgt und mein Weib einsperrt, das ist auch eine Art Krieg.
Sag jeder von euch, was er tt, wenn er so 'nausgestoen wr wie ein wild's
Tier. Man kann doch nicht immer Rben fressen, und im Winter wachsen nicht
einmal Rben. Und wenn er auch gar nichts nhm als eure Rben, so ttet ihr doch
auch sagen, es sei gestohlen.
    Seine Worte hatten, wenigstens vorbergehend, einen unverkennbaren Eindruck
gemacht. Der Invalide fuhr, auf denselben bauend, fort: Es ist, wie wenn die
Leut ein bs Gewissen htten, das sie an dem Menschen auslassen mten. Er raubt
nicht, er mordet nicht, und doch hat der Fleck eine Angst vor ihm, da es eine
wahre Schand ist. Noch eh er jemand auer seinem Vater ein Stckle Brot genommen
hat, ist ein Schreck von ihm ausgangen, und wenn's geheien hat: der
Sonnenwirtle kommt, oder er ist da, so ist alles auf und davon, wie man sich vor
einem wtenden Tier salviert. Und der Nam ist vor ihm hergangen wie ein
schwarzer Schatten, und mich sollt's nicht wundern, wenn er dem Schatten endlich
folgt und in seine Fustapfen tritt.
    In was fr Fustapfen, fragte der Fischer, ist er denn gangen, wie er
beim Pfarrer einbrechen ist und hat ihm den Kelch samt den Hostien gestohlen?
    Fr selbiges Stckle htt ich ihm das Fell recht brav vergerben mgen,
sagte der Invalide, und dennoch hat sich's anders damit verhalten als man's
nennt. Ich frag jeden, der das Ding mit seinen fnf Sinnen ansieht, ob etwas
Abgefeimt's dran ist, wie man's dafr ausgeben hat. Der Pfarrer verweigert ihm
die Kopulation, weil er sie nicht zahlen kann. Darber kann jeder andchtige, in
Jesu Christo geliebte Zuhrer, wie man uns von der Kanzel anredet, denken, wie
er will; ich find in der Bibel nichts davon, da das Reich Gottes und seine
Gerechtigkeit blo gegen Bezahlung zu haben sei und anders nicht; aber, wie
gesagt, das geht mich nichts an, das kann jeder mit sich selbst ausmachen. Der
Bub drauf - denn ein Bub ist er gewesen, wie mancher sonst, der im
dreiundzwanzigsten Jahr heiratet, ebenmig ein Bub ist und erst von seinem Weib
gezogen wird - der Bub, sag ich, bricht in der nchsten Nacht dem Pfarrer ein,
ohne allen Schlachtplan, rafft zusammen, was er erwischt, natrlich
Kleinigkeiten, lt auch noch den Kelch samt Hostien mitlaufen und steckt die
Sachen in seines Vaters Stroh, damit sie gleich am andern Morgen dem Knecht ganz
gewi in die Hand fallen mssen. Da er Grtz im Kopf hat, das leugnet ihm sein
rgster Feind nicht ab. Heit aber das Grtz, wenn man eine Tat tut, von der am
andern Tag jedes Kind sagen mu: das hat niemand anders getan, als des
Sonnenwirts Frieder! Heit das Grtz, wenn man den Raub so versteckt, da in der
nchsten Stund alles rauskommen mu? Entweder hat er's absichtlich getan, weil
er lieber wieder im Zuchthaus gewesen wr als in der Welt hauen, oder er ist
ganz rappelkpfisch gewesen und hat gar nimmer gewut, was er tut. Ein wster
Streich ist's gewesen, ja, das streit ich nicht, aber noch viel dmmer als wst.
Wo wird ein Dieb von Profession so wst und dumm und bubenmig sein' Mutwillen
ausben? Und doch hat man ihn zu einem Dieb und Ruber von Profession gestempelt
und hat ihn lebenslnglich auf die Festung geschickt. Htt man ihn mir geben,
ich htt ein paar Stecken an ihm verschlagen, und dann noch ein' drber, weil
ich immer auf den Bursch was gehalten hab.
    Auf die Art, bemerkte der Fischer mrrisch, kann man alles Lumpenpack in
Schutz nehmen, bis man zuletzt selber ihresgleichen wird. Grad so hat der
Sonnenwirtle auch angefangen: der hat zuerst sein'm Vater 'n Zigeuner ins Haus
schleifen wollen, und nachher hat er sich mit dem Hirschbauren und seiner
Tochter gemein gemacht, und so ist er von einem bsen Trappen auf den andern
kommen.
    Mir wird's ganz bel, rief der Invalide, wenn ich's mit anhren mu, wie
einer, der selber arm ist, arme Leut verwirft. Wenn ein paar Arme beieinander
sind, so klagen sie, man la die Armut nicht gelten, und in der Kirch singen Arm
und Reich miteinander, die Menschen seien alle gleich; sowie einer aber einmal
darnach leben will, so fallen arm und reich ber ihn her. Die Liebschaft htt er
unangefangen lassen knnen, ich hab's ihm mehr als einmal gesagt, wiewohl das
Mensch auch nicht so bel gewesen wr; aber da er sich zur Armut gehalten hat,
grad das mu ihm einmal 'n Stuhl im Himmel erwerben, mag's in der schnden Welt
noch mit ihm gehen wie's will.
    Whrend der Invalide so die einzelnen Einwendungen, die ihm gemacht wurden,
niederschlug, hrte er nicht, wie das Murmeln und Murren um ihn her immer
strker wurde. Von was fr einem Ausbund ist denn da die Red? rief der
Mllerknecht erbittert, man sollt meinen, das wr ein Muster, nach dem sich ein
jedes richten mt, und wenn man nach dem Namen fragt, so ist's ein Mrder, der
seinem Nebenmenschen ohne weiteres das Messer in Arm sticht!
    Das ist auch ein wster Streich gewesen, sagte der Invalide, der sich
nicht irre machen lie: aber mit'm Zuchthaus ist er doch, mein ich, hart genug
abbt worden. Zum Messer greifen freilich nicht alle, denn da gehrt schon ein
wenig mehr Mut dazu, aber mit'm Prgel oder mit'm Stuhlfu ist jeder gleich bei
der Hand, wenn der Wortwechsel hitzig wird, und es fllt ihm nichts Gescheit's
mehr ein, und da schlagen sie einander so ber die Kpf, da man sich nicht
wundern darf, da es so viel dumme Leut gibt. Streit und Certat mu sein in der
Welt, sonst ist's langweilig, aber wohl wr's besser, die Menschen tten witzig
miteinander fertig werden statt spitzig, einander tupfen statt stechen,
striegeln statt prgeln, mit dem Kamm lausen statt mit dem Kolben. Wenn aber
einer tut, was alle tun, und tut's meinthalb ein wenig rger, so sollt man ihn
doch nicht um 'n ganzen Stock hher henken, wie wenn er was ganz Besonders getan
htt.
    Es scheint, da mu sich die Obrigkeit verantworten! warf der Fischer
bissig dazwischen.
    Ich hab mein jhrlichs Gratial vom Haus streich, sagte der Invalide
stolz: die Obrigkeit kann mir nichts geben und nichts nehmen. Ich sag nichts
wider sie, aber ich red, wie mir der Schnabel gewachsen ist.
    Ja, fr'n wild's Tier, das dem Flecken tglich mit Mord und Brand droht
hat! schrie der Mller, der den Wein zu spren begann.
    Um dieser Reden willen htt ich auch wieder 'n Stecken fr ihn in
Bereitschaft, sagte der Invalide, der nach langer Krankheit wieder einmal
ausgegangen war und sich hinter dem Glase so behaglich fhlte, da er aufgelegt
war, seine Meinung standhaft gegen Feind und Freund durchzufechten. Und zwar
tt ich ihn darum zchtigen, weil er mit solchen Reden sich selber am meisten
schad't. Aber er hat sich nicht schlecht dagegen verantwortet schon vor sechs
Jahr, wie der Schtz einmal aus'm Verhr erzhlt hat. Reden denn die andern
franzsisch? hat er gesagt. Und das ist die Wahrheit. Wo man hinhrt, wie die
Leut voneinander reden, so hrt man: Den Kerl mach ich kalt, ich hau ihm 'n
Flgel vom Leib, hin mu er sein, nicht lebendig soll er mir vom Platz kommen,
oder: die ganz Familie mu mir ausgerottet sein, es soll keiner brigbleiben,
der an die Wand pit, mit Respekt zu melden, wie's in der Bibel heit. Ist's
denn viel rger, wenn einer droht, er znd den Flecken an, da den Leuten die
Huser ber'm Kopf abbrennen, und das Kind im Mutterleib drf ihm nicht
davonkommen? Ist nicht ein Geschwtz so dumm wie das ander, und ist aus'm einen
mehr worden als aus'm andern? Was hat er denn getan, frag ich.
    Das Murren war allmhlich zum Geschrei gestiegen, und einige Stimmen riefen
bereits: Schmeiet ihn 'naus!
    Redet ihr feiner? fuhr der Invalide mit erhobener Stimme fort. Ihr seid
auch grob wie ungespalten Holz, aber ihr wisset's nicht, weil ihr euch selber
vor eurem eigenen Schreien nicht hret. Ihn aber hret ihr, weil er mit seiner
Brenstimm Manns genug ist, euch alle ins Stroh zu schreien, und weil er noch
trotziger und wilder und wster als ihr reden kann, wenn er verzrnt ist. Das
nehmet ihr dann als bare Mnz, wiewohl er euch den Flecken noch lang nicht
anznd't hat, aber was Guts an ihm ist, das wollet ihr nicht fr bar gelten
lassen.
    Der Invalide blickte ruhig in den jetzt ausbrechenden Sturm, auf nichts als
seine Gebrechlichkeit vertrauend, obgleich wenig darauf zu wetten war, ob er mit
heiler Haut davonkommen wrde: denn nicht nur war das Geschrei gegen ihn zum
tobenden Gebrll geworden, sondern es hatten sich auch Fuste gegen ihn erhoben,
und darunter die beiden derben Schlagwerkzeuge des Mllerknechts, der es
durchaus nicht in seinen Kopf bringen konnte, da man einen Menschen in Schutz
nehme, der ihm, seinem Freund und Guttter, das Messer in den Arm gestoen
hatte.
    Mir scheint's, man mu den Flecken noch besser subern, schrie der
Fischer, dessen Stimme nur noch in der nchsten Umgebung zu verstehen war. Wenn
ein Fleckenruber so Freund im Ort selber hat, so ist's kein Wunder, da er sich
bei Tag und Nacht ohne Gefahr hier aufhalten kann.
    Er ist in der ganzen Zeit nicht ein einigsmal bei mir gewesen, entgegnete
der Invalide, der sich gleichfalls nur noch seinem Gegner und den
Zunchstsitzenden vernehmlich machen konnte. Er wei wohl, da ich ein alter
hilfloser Mann bin und da er mich nicht in Verlegenheit bringen will, wiewohl
er wei, da ich ihm nicht feind bin, das ist auch noch nobel von ihm.
    Nobel! schrie der Fischer giftig. B'ht uns Gott vor Gabelstich, dreimal
gibt neun Lcher!
    Der Aufruhr in der Gesellschaft hatte den hchsten Gipfel erreicht, als der
Schtz eintrat und durch sein Erscheinen wie ein Wetterableiter wirkte. Nicht
der Anblick des Stckes Obrigkeit, sondern sein Aussehen war es, was den Sturm
beschwor. Die listig zusammengekniffenen Augen, die blinzelnd auf der
rotglhenden Nase hafteten, und die schalkhaft herausgepreten Lippen verrieten
es, da ihn ein Geheimnis drckte, das neben einem Teil Verlegenheit viel
Spahaftes enthalten mute. Die Blicke der Anwesenden richteten sich
erwartungsvoll auf ihn, whrend er, zufllig neben dem Invaliden noch ein wenig
Platz findend, sich einen Stuhl zu diesem rckte und ihm ein paar Worte ins Ohr
sagte. Der Invalide schlug mit der Faust auf den Tisch und stie ein herzliches
Gelchter aus, das er zwei-, dreimal rasch nacheinander die Tonleiter
herabrollen lie.
    Was ist's? Was gibt's? schrien die andern.
    Im Amthaus hat man's seit heut vormittag schon gewut, fuhr der Schtz
halblaut, doch so, da die andern es hren konnten, gegen den Invaliden fort.
Dort ist ein Jubeln und Lachen drber, da dem gestrengen Herren so eine Eul
aufgesessen ist. Wer Nasen wachsen sehen will, der mu jetzt nach Gppingen
gehen, da ist eine ganze Kultur davon, wie ein junger Wald, alle so lang. Dasmal
hat man's durch kein' Expressen runter vermelden lassen, sondern durch eine
stille Gelegenheit.
    Was ist denn geschehen? fragte der Mller, dem Schtzen sein Glas
anbietend, da er dies fr das geeignetste Mittel hielt, ihn zum Reden zu
bringen.
    Der Schtz trank es vergnglich aus und antwortete dann: Man darf's
eigentlich noch gar nicht sagen, das Oberamt hat's bei Kopfabhauen verboten,
denn dort schmen sie sich schwarz.
    Andere folgten dem Beispiel des Mllers, da der Schtz entschlossen schien,
seine Neuigkeit so gut als mglich zu verwerten.
    Was ist denn los? fragte endlich der Fischer den Invaliden.
    Ein Vogel, antwortete dieser lachend.
    Der Schtz sah den Fischer, der seinen Wein an ihm gespart hatte, eine Weile
stillschweigend an, gleichsam um die Wirkung seiner Worte vorzubereiten. Er ist
durch! sagte er dann geheimnisvoll.
    Das blasse Gesicht des Fischers, der die Wahrheit bereits geahnt haben
mochte, wurde einen Augenblick kreidewei. Die andern begriffen noch nicht
recht, um was es sich handelte, und starrten den Schtzen mit aufgerissenen
Augen an. Wer ist durch? fragte der Mllerknecht.
    Wer? rief der Schtz. Gibt's denn zwei so? Der von Hohentwiel ber alle
Mauern und Felsen fortgeflogen ist, hat dem Gppinger Kfig die Ehr auch nicht
lassen wollen. Wie er gestern eingeliefert worden ist, schon spt in der Nacht,
hat man ihn auf die Hauptwacht gesetzt, hat ihm ein eisern Halsband und den
Hosentrger angelegt und hat ihn mit einer Kette an die Wand angefesselt, so da
er drei, vier Schritt hat in der Stub rumgehen knnen. Auch hat man ihm zween
Mann beigegeben, die ihn die ganz Nacht htten verwachen sollen. In der
Nachmittnacht ist der ein Wchter fort und hat eins geschrien; wie er aber
zurckkommt, find't er sein Kameraden eingeschlafen - der behauptet, es m ihm
angetan worden sein - und kein Sonnenwirtle ist nimmer dagewesen. Er hat den
Gppingern ihren Geschmuck mit fort, Halsband und Hosentrger, wahrscheinlich
hat er's zum Andenken behalten wollen. Und sein Christine wird jetzt auch wieder
bei ihm sein. Ich glaub, er hat sich extra deswegen fangen und nach Gppingen
liefern lassen, um sie dort abzuholen, aber er ist zu spt kommen, denn gestern
abend, noch vor seiner Ankunft, hat man sie losgelassen, weil man nicht gewut
hat, was man eigentlich mit ihr tun soll; und da wird er wohl denkt haben, er
sei jetzt berflssig, und ist also auch gleich wieder fort.
    Wie's Teufels ist er denn aber von der Kette kommen? fragte der Mller.
    Du hast schon den rechten Namen genannt, schrien ihm mehrere zu. Kannst
dir wohl denken, wer ihm allemal forthilft.
    Jetzt mu wieder der Teufel im Spiel sein! sagte der Invalide lachend.
    Wisset ihr nicht mehr, rief einer der Gste, wie er in der Stub da - an
dem Platz, wo jetzt der Peter sitzt, ist er gesessen - der Knecht rckte bei
diesen Worten etwas betreten den Stuhl - wie er da gesagt hat, er glaub an gar
nichts? Ich hab gleich bei mir denkt, es werd sein' guten Grund han, da er
nichts zugeben will. Denn sich aus Ketten und Banden nur so rausschlen und ber
Mauern und Felsen runterkommen - Mannen! das sind Ding, die nicht natrlich
zugehen.
    Der Redner sah sich unwillkrlich um, ob nichts Unheimliches hinter ihm sei.
Die andern murmelten: Gott sei bei uns!
    Der Invalide hatte inzwischen dem Schtzen zugehrt, der ihm erzhlte: Man
hat auf seiner Britsch 'n Nagel gefunden, den er draus rausgezogen haben mu,
und an der Kette ein schadhaftes Glaich, das er wahrscheinlich mit dem Nagel
vollends aufdruckt hat; denn dem ist ein Nagel mehr als einem andern ein ganzes
Handwerkszeug. So gibt's blo ein'.
    Wer htt' sich's auch trumen lassen, begann einer, da die Metzelsupp so
ausging! Sie hat so lustig angefangen.
    Es kann noch Blutwurst regnen, fiel ein anderer ein. Jetzt kann's der
Fleck ben mssen, da man ihm so nachgestellt hat und erst noch vergeblich.
    Es ist auch nicht recht, sagte ein dritter, da man einen Menschen zu
seinen Kindern lockt und bei ihnen berfllt. So was sollt man ja dem
unvernnftigen Tier nicht zuleid tun.
    Ja, 's ist wider die Natur, sagte ein vierter. Ich will nichts davon, und
wenn ich auch drunter mitleiden mu, so wei ich doch wenigstens, da mich's
unschuldig trifft.
    Er sagte dies so laut, da man es in jeder Ecke der Stube hren konnte.
Nun, wenn er etwa unsichtbar zugegen ist, bemerkte der Invalide lachend, so
hat er's sicherlich gehrt und wird sich darnach richten.
    Der Fischer, der bei der vernderten Lage der Dinge die ffentliche Meinung
von sich abfallen sah, sagte ingrimmig: Die Gppinger knnen warten, bis ich
ihnen wieder einen fang und mir fr sie die Finger verbrenn.
    Ja, versetzte der Mller, und meinen sie denn, ihr Unschick sei dadurch
ungeschehen gemacht, da man nicht davon reden soll?
    Auf die Lnge lt's sich natrlich nicht verbieten, sagte der Schtz.
Der Befehl ist aber, man solle vorderhand kein unzeitig Geschrei machen, wenn
er aber so verwegen sei, da er sich abermals in die hiesige Gegend ziehe, so
solle man unverweilt und mit der grten ffentlichkeit einen Preis von hundert
Gulden auf seinen Kopf setzen.
    Hundert Gulden? rief der Fischer. Auf sein' Kopf? rief der Mller.
    Hundert Gulden, wer ihn bringt, lebendig oder tot, antwortete der Schtz.
    Der Fischer schlug die flachen Hnde auf den Tisch. Den Preis will ich
verdienen, sagte er.
    Ich auch! rief der Mller.
    Und ich! rief der Knecht, dem die Gespensterfurcht zu vergehen schien,
seinem Meister nach.
    Die anderen Gste tranken schweigend aus, und ihre langen Gesichter
verrieten, da das Gelbde der drei sie nicht sonderlich im Glauben an die
Sicherheit des Fleckens befestigt habe. Bei dem allgemeinen Aufbruch waren der
Invalide und der Schtz die letzten. Gelt, Beck, hast auf eine grere Zech
abgehoben? sagte dieser zum Bcker, und jetzt ist auf einmal ein Haar in dein'
Wein gefallen. Ich will dich wenigstens einigermaen schadlos halten. Gib mir
ein paar Schoppen mit, das Amt soll's zahlen. Es mu heut nacht etliche
Mannschaft auf'm Rathaus wachen, fr alle Fll. Der Herr will ruhig schlafen
knnen, denn 's ist ihm doch nicht ganz wohl bei der Sach. Aber trotzdem bricht
er einmal ber's ander in ein Lachen aus, da ihm der Bauch wackelt, und sagt
vor sich hin: Ich vernemme, da die Anstalten des Herrn Vogts nicht die besten
sind.
    Er empfing den verlangten Wein und ging mit dem Invaliden fort. Der Bcker,
der jetzt allein war, zndete eine Kchenampel an, lschte die Lichter aus und
setzte sich in den hinterlassenen Lehnstuhl seiner verstorbenen Frau, um hier
die nahe Backstunde abzuwarten, vielleicht auch in der Hoffnung, an die
Wachmannschaft auf dem Rathause noch etwas von seinem Wein abzusetzen. Er
schlief ein, glaubte aber noch nicht lange geschlafen zu haben, als er, durch
ein Gerusch oder eine innere Beunruhigung erweckt, die Augen aufschlug. Mit
offenen Augen glaubte er zu trumen, denn am Wirtstische sa in dieser spten
Stunde eine Gestalt, die den groen Krug vor sich aufgepflanzt, eine Flasche
daraus gespeist hatte und den Wein aus dem gefllten Glase bedchtig kostete.
Der Bcker schlo die Augen und ffnete sie wieder, aber die Erscheinung war
noch immer da und schien greifbare Wirklichkeit zu sein. Durch den Wald von
Kopf- und Barthaaren, die das trotzige Gesicht beinahe ganz bedeckten und ihm
fr einen unter lauter glatten Gesichtern aufgewachsenen Menschen ein
frchterliches Aussehen gaben, erkannte er ihn bei dem armseligen Schein der
Ampel, den Gefrchteten, den Schrecken der Gemeinde, des Amtmanns und des Vogts.
Sein Blick ruhte mit spttischem Ausdruck auf dem Wirt. Hast wieder einmal
geduselt, Beck? begann er. Dein Wein ist nicht besonders. Wie dein Weib noch
gelebt hat, hast du einen besseren gefhrt. Gott hab sie selig, sie war ein
braves Weib, schlecht und recht, betete wenig Sprche, hatte aber Christentum im
Herzen und htte es fr eine Snde gehalten, einen guten Wein zu verderben. Ich
will nicht hoffen, da du ihn schmierst.
    Er steht schon den ganzen Abend im Krug, sagte der Bcker schchtern. Ich
will frischen holen.
    Tu das und komm bald wieder, denn ich hab eine Erquickung ntig.
    Der Bcker ging. Sowie die Tre sich hinter ihm geschlossen hatte, eilte der
seltsame Gast hinzu und horchte. Bald hrte er, wie die Haustre ging und der
Schlssel langsam und leise darin umgedreht wurde. Ich hab's von dem Schubjack
nicht anders erwartet, als da er mich verraten werde, sagte er und sah sich in
der Stube um. Der groe tiefe Wandschrank schien ihm zu gefallen: er schlo ihn
auf, leuchtete einen Augenblick hinein und stellte dann die Ampel wieder genau
dahin, wo sie gestanden war. Schlechte Maus, die nur ein Loch wei, aber es
wird gengen, sagte er, schlpfte in den Schrank und zog die Tre desselben
hinter sich zu. Er war noch nicht lange darin, als die Haustre mit dem Gerusch
aufgeschlossen wurde und die Wachmannschaft, den Bcker an der Spitze, in die
Stube strzte. Sie sahen sich um. Wo ist er denn? schrien alle wie aus einem
Munde. Da ist er gesessen, sagte der Bcker bestrzt. Geschwind, das Haus
durchsucht! schrien sie und verteilten sich nach allen Richtungen. Die Stube,
die angrenzende Kammer und Kche wurden sorgfltig durchgesucht, aber an den
Schrank dachte niemand. Nachdem sie hier und in den anderen Rumen des Hauses
mit den wieder angezndeten Lichtern in jeden Winkel geleuchtet und nichts
gefunden hatten, kamen sie zurck. Die einen schalten, die anderen hhnten den
Bcker, da er sie um eines leeren Traumes willen in Alarm gebracht habe.
Derselbe schwur hoch und teuer, der Sonnenwirtle sei in seinem Haus gewesen, auf
diesem Stuhle sei er gesessen und aus dieser Flasche habe er getrunken. Jetzt
glaub ich's auch, sagte er, da er mit dem Teufel im Bund ist, denn sonst
knnt ich nicht begreifen, wie er 'nauskommen ist, denn ich hab die Haustr
zugeschlossen, wie ihr selber wisset, und einen anderen Ausgang gibt's nicht.
Da er reinkommen ist, wundert mich weniger, denn es wr mglich, da ich vorher
nicht zugemacht htt', weil ich mir frgestellt hab, ihr werdet doch noch mehr
Wein wollen.
    Das ist noch das Vernnftigst, was dir den ganzen Abend durch den Schdel
gangen ist, sagte der Schtz. Und da wir einmal da sind, so wollen wir eben so
frei sein und des Sonnenwirtles sein Wein versuchen. Sein Wohl! Ich wnsch ihm,
da er weit von hier sein guts Brot finden und uns nichts mehr zu schaffen
machen mcht.
    Er trank und lie die Flasche weitergehen. Du bist gut laden, wie langs
Heu, sagte ein anderer zu ihm.
    Ja, du hast deine beste Zg im Hals, bemerkte ein dritter.
    Nachdem die Flasche geleert war, sprachen sie auch noch dem Kruge zu,
scherzten ber die Geisterseherei des Bckers und begaben sich endlich wieder
auf ihren Posten zurck. Der Bcker begleitete sie, schlo die Haustre hinter
ihnen sorgfltiger als jemals ab und ging wieder in seine Stube. Aber wer vermag
sein Entsetzen zu beschreiben, als er seinen furchtbaren Gast an derselben
Stelle und in der gleichen Haltung wie vorhin am Tische sitzen sah. Langsam und
ruhig, aber mit dem strengen Blicke eines Richters, wendete dieser sein Gesicht
nach ihm hin. Elender Hund, sagte er, hab ich dir je in meinem Leben etwas
zuleid getan? Kannst du's vor deinem Weib verantworten, da du den Verrter an
mir gemacht hast? Sie wrde dich nicht mehr ansehen, wenn sie noch lebte. Geh,
du bist nicht wert, in dem Stuhl zu sitzen, der so oft ihr Schmerzenslager
gewesen ist.
    Der Bcker zitterte und hatte alle Fassung verloren.
    Der Gast schlug ein Gelchter auf, das dem Wirt durch Mark und Bein ging.
Was seid ihr doch fr erbrmliche Dummkpfe! rief er. Ihr habt mich gesehen,
angerhrt und in der Hand gehalten und habt mich doch mit allen euren Lichtern
nicht gefunden.

Der Bcker starrte ihn mit irren Blicken an. Der Schreckliche erzhlte ihm
haarklein alles, was vorgegangen, und wiederholte ihm jedes Wort, das gesprochen
worden war. Dem Bcker wirbelte der Kopf.
    Dummer Tropf! da, in der Bouteille bin ich gesteckt! rief jener endlich
hhnisch.
    Der Bcker fiel auf die Knie, streckte die Hnde, wie um Gnade flehend, nach
ihm aus und war feig genug, zur Verminderung seines eigenen Kerbholzes, ihm zu
verraten, welches Gelbde der Fischer, der Mller und dessen Knecht getan.
    Jetzt hol mir frischen Wein, hast mich lang genug warten lassen. Ich will
dich noch einmal auf die Probe stellen, aber ich folge dir unsichtbar. Wenn du
mir einen falschen Tritt tust, so sitz ich dir im Nacken und will dich reiten,
da du nach Gott schreien sollst. Und misch mir den Wein nicht, Schuft, oder du
sollst mir keines natrlichen Todes sterben.
    Diesmal brauchte er nicht an der Tre zu lauschen, denn der Bcker hatte sie
weit offengelassen. Er hrte ihn den richtigen Weg nach dem Keller einschlagen,
aus welchem er bald wieder zurckkam, fast wahnsinnig vor Angst, die sich erst
etwas legte, als er das Gespenst nicht mehr hinter sich vermuten mute, sondern
leibhaftig vor sich am Tische sitzen sah. Der Unhold stellte ihm die miliche
Aufgabe, sich zu besinnen, welche Strafe er durch seinen Verrat verdient habe,
und trank, whrend der Bcker alle Qualen der Todesangst ausstand, seinen Wein
langsam und behaglich aus. Dann erhob er sich mit den Worten: Wenn ich
wiederkomme, so la dir keinen solchen Spa mehr einfallen, ich knnt ein
andermal ernsthafter aufgelegt sein. Was schaust denn so nach meinem Fu? fuhr
er ihn an, ja so, du bist neugierig, ob kein Pferdefu zum Vorschein komme.
Nein, dummer Kerl, das Ding sitzt nicht im Fu. Sieh, da sitzt's! Er klopfte
ihm mit dem Knchel des Fingers an den Kopf, wie man an ein Fa klopft, aber so
stark, da der Bcker beinahe zu Boden fiel. Dann verlie er das Haus, und der
Bcker schlo abermals die Tre, aber ohne den beruhigenden Glauben, da diese
Maregel ihm irgendeine Sicherheit zu gewhren vermge. Er dachte nicht mehr an
das Backen, sondern lschte schnell die Lichter und schlpfte angekleidet, von
Angst und Fieber geschttelt, in sein Witwersbett.
    Der Gechtete ging nach der einzigen Heimat, die er noch in seinem Vaterorte
hatte, obwohl auch diese fr ihn unzuverlssig geworden war. Er drckte den
Riegel der Hintertre, den Finger durch die Trspalte drngend, leise zurck,
und nach wenigen Augenblicken stand er vor dem Bette seiner Schwiegermutter.
Auch dieser drang ein eisiger Schreck durch die Gebeine, als sie, pltzlich
erwachend, in ungewissem Sternenlichte eine geisterhafte Gestalt mit
aufgehobenem Finger vor sich stehen sah und alsbald ihren verratenen
Schwiegersohn erkannte.
    Welchen Judaslohn habt Ihr fr die Auslieferung gekriegt? fragte er.
    Sie verma sich mit den hchsten Schwren, da sie weder etwas bekommen noch
etwas verdient habe und da der berfall ihr selbst ganz unversehens gekommen
sei. Er lie den Verdacht, der mehr in seinem Gemt als an bestimmten Beweisen
haftete, auf sich beruhen und weckte seinen Knaben. Der Kleine lchelte ihn mit
halboffenen Augen wie im Traume an.
    Da siehst, Friederle, da dein Vater frei ist. Brauchst dich nicht zu
grmen. Willst mit?
    Er wird doch nicht das Kind durch die Wlder rumschleifen wollen! rief die
Alte lebhaft. Ein Vater kann sein' Buben in dem Alter noch nicht pflegen.
    Er hat ja seine Mutter, antwortete er. Sie ist frei und wohl aufgehoben.
    Gott sei Lob und Dank! rief die Alte, sei es, da eine menschliche Regung
sie erfat hatte oder da sie ihn in guter Laune zu erhalten trachtete. Aber
wenn auch! fuhr sie fort, das ist kein Leben fr ein Kind, und mein Hhneraug
sagt mir, da noch einmal Schnee fllt. La Er mir nur den Buben da, ich geb ihn
nicht her.
    Sie kannte ihn wohl und hatte die rechte Saite getroffen. Wenn Ihr eine
gute Ahne seid, sagte er, so will ich fnfe grad sein lassen. Aber fahret mir
suberlich mit den Kindern, das sag ich Euch. Wo ich auch bin, mein Aug zielt
immer daher, und ich wei immer, wie's bei Euch steht, so gut als wenn ich
gegenwrtig wr.
    Er kte die Kinder, von welchen das kleinere ruhig fortschlief, und wandte
sich zum Gehen.
    Ich will noch einmal mit dem Sonnenwirt wegen der Auswanderung reden, rief
ihm die Alte nach. Wo Er sich mit der Christine aufhlt, will ich nicht fragen,
damit Er nicht wieder mitrauisch wird. Er kann sich ja von Zeit zu Zeit
erkundigen oder durch vertraute Leut anfragen lassen. Und halt Er sich nicht
hier auf, das Klima ist nicht gesund fr Ihn.
    Schon recht, aber erst tu ich noch einen Tuck, antwortete er und war
verschwunden. Die Alte fuhr unter die Decke und murmelte ein langes Dankgebet
fr ihr glckliches Entrinnen.
    Am anderen Tage geriet der Flecken in eine unaussprechliche Aufregung, als
man die Begebenheiten der verflossenen Nacht erfuhr. Auer dem Besuche bei dem
Bcker, der infolge der erlittenen Schrecknisse krank darniederlag, hatte der
Sonnenwirtle noch ein weit tolleres Stck verbt. Er war auf unerklrliche Weise
in das Haus seines Todfeindes, des Fischers, eingedrungen, hatte diesen nebst
dessen Frau aus ihrem zweischlfrigen Bette aufgescheucht, sich's auf demselben
bequem gemacht und das Ehepaar mit vorgehaltenem Gewehr gezwungen, ihm die ganze
Nacht Gesellschaft zu leisten. Kochend vor Wut, hatte der Fischer es gleichwohl
nicht wagen drfen, einen Fu zu rhren oder einen Laut von sich zu geben, und
war der Gewehrmndung des schwergereizten Feindes, so wie einem bitter hhnenden
Witze eine endlose Nacht hindurch preisgegeben gewesen, whrend nicht weit davon
auf dem Rathause fr die allgemeine Sicherheit gewacht wurde. Vor Tagesanbruch
hatte der Eindringling das Haus unter den grlichsten Drohungen und mit
feierlicher Wiederholung des Schwures, da er den nchsten Angriff
unnachsichtlich mit einer Kugel bestrafen werde, verlassen, ohne jedoch dem
Fischer ein Haar gekrmmt zu haben, und zufrieden mit der Angst, die er ihn
hatte ausstehen lassen. Im Fortgehen aus dem Flecken hatte er sich sodann noch
dem oberen Mller ins Andenken geschrieben, indem er ihn mit einem Schu durch
das Fenster begrte, der aber, da er von unten nach oben ging und in die Decke
schlug, nicht in gefhrlicher Absicht versendet sein konnte.
    Von diesem Tage an wurde der ausgestoene Sohn des Sonnenwirts von dem im
Banne des tiefsten Aberglaubens befangenen Volk zum Helden einer Sage erhoben,
welche sein wunderbares Entkommen aus Mauern und Banden dem Bunde mit der Hlle
zuschrieb. Der Amtmann war in Verzweiflung, da dieser Hexenglaube vollends alle
Tatkraft lhmte und den zur Rache entflammten Flchtling, dessen hellem Geiste
sich hier ein neues Schreckmittel darbot, zum unumschrnkten Herrn des Fleckens
zu machen drohte. Der Fischer und der Mller, dem sein Knecht blindlings folgte,
erholten sich zuerst von den Schrecken jener Nacht, indem bei ihnen die Wut ber
den Aberglauben siegte. Besonders wurde der Fischer durch die Spttereien des
von ihm herausgeforderten Invaliden aufgestachelt, welcher keine Gelegenheit
vorberlie, auf die heimlichen Gastfreunde, die der Sonnenwirtle im Flecken
habe, anzuspielen; und er beteuerte sich zu wiederholten Malen, da er einen
Schu an die ausgesetzten hundert Gulden rcken wolle, verschwor sich auch
frmlich mit den beiden anderen Teilhabern seiner Rache, dem Verhaten
aufzupassen und ihn lieber tot als lebendig dem Amte zu berliefern. Die brigen
Brger aber fhlten wenig Lust, es mit einem Zauberer aufzunehmen, der vor
seinen Verfolgern sich in eine Halbmaflasche verkriechen oder in Pudelgestalt
davonrennen konnte. So geschah es einst, da zehn mit Schaufeln bewaffnete
Mnner, die ihm nahe bei dem Flecken begegneten, ungeachtet des auf seinen Kopf
gesetzten Preises ihn nicht anzugreifen wagten. Sogar im Schlaf erweckte er
Furcht, da man glaubte, da er mit geschlossenen Augen zu sehen vermge. Zwei
Postknechte fanden ihn neben der Landstrae an einem Raine sorglos
eingeschlafen; einer hatte nicht das Herz, sich ihm zu nhern, und ritt davon;
der andere aber wagte, ihn zu wecken und ihm bemerklich zu machen, da er hier
nicht sicher sei. Ob jedoch bei solchen Vorgngen nur die Furcht und nicht auch
eine menschliche Teilnahme an dem Lose des Unglcklichen mitgewirkt habe, das
ist eine Frage, ber welche das menschliche Herz wohl kaum einen Zweifel haben
wird.
    Aber auch dem Gechteten konnten selbst seine erbittertsten Feinde mildere
Herzensregungen nicht absprechen. Es war eben um jene Zeit, da ein Elinger
Metzgerbursche, der auf den Einkauf von Schlachtvieh in die Drfer der Umgegend
ausgesandt war, abends spt noch halb tot vor Schrecken nach Ebersbach kam und
ein im Walde erlebtes Abenteuer erzhlte. Er hatte in einer Dorfschenke einen
Unbekannten getroffen, dessen offenes Gesicht ihm gefiel und dem er beim Wein
vertraute, da es ihm nicht wohl zumute sei, mit seinem vielen Gelde abends
allein durch die Wlder gehen zu mssen, wo der Sonnenwirtle hause. Sogleich
erbot sich der Unbekannte, ihm das Geleite zu geben. Sie tranken noch ein Glas
und machten sich auf den Weg. Als sie im dichtesten Walde ganz allein gingen und
traulich miteinander redeten, blieb der Fhrer auf einem den Platze am Saume
eines finstern Dickichts pltzlich stehen und hob an: So, jetzt will ich auch
sagen, wer ich bin - ich bin der Sonnenwirtle. Der Wanderer fuhr zusammen, wie
vom Donner gerhrt. Nachdem sich der Gechtete eine Weile an seiner Furcht
geweidet hatte, sagte er: Ich bin nicht so schlimm, wie die Leut sagen, ich hab
Euch mein Wort gegeben, und das halt ich Euch als Mann von Ehre, ob ich auch
noch so reich werden knnt durch Euer Geld; damit Ihr Euch aber nicht unntig
ngstiget, so will ich den ganzen Weg vollends vor Euch hergehen; folgt mir nur,
Ihr kommt mit einer ganzen Streifmannschaft nicht sicherer durch den Wald. Er
ging voraus, und der Metzger folgte ihm heimlich zagend; aber nach einer Stunde
sah er sich wohlbehalten an der Filsbrcke bei Ebersbach. Dort kehrten beide in
einem einsamen Wirtshause noch einmal miteinander ein; der Metzger wollte seinem
redlichen Fhrer ein Trinkgeld aufdrngen, dieser aber wies es mit Stolz zurck.
    Neben dieser verbrgten Tatsache erzhlt die Volkssage aus der gleichen Zeit
einen minder sanften Zug von ihm. Auf der Landstrae, die er ungescheut zu
betreten wagte, begegnete ihm einst eine arme Frau - die Sage behauptet, es sei
seine eigene Schwiegermutter gewesen - und klagte ihm ihre Not, da sie nicht
einmal imstande sei, fr ihre Kinder ein Spruchbuch zu kaufen. Er gab ihr
sogleich das ntige Geld, und sie entfernte sich unter tausend Danksagungen. Als
sie aber spter den Weg zurckkam, sah sie ihn, als ob er der Wchter der Gegend
wre, an der alten Stelle ihrer warten und erschrak nicht wenig, als er nach
ihrem Korbe griff, in welchem er statt des Spruchbuchs Eier fand, die sie um das
Geld gekauft hatte. Ergrimmt ber den Mibrauch seines Geschenkes, schalt er sie
eine Fresserin und machte sie zur Zielscheibe fr die Eier, indem er mit
sicherem Wurfe eines um das andere an ihr zerschellte, so da sie ber und ber
triefend nach Hause kam.
    Wie ein bser Geist schweifte er um seinen heimatlichen Flecken umher, und
wenn er Leute traf, so verhrte er sie, was man in Ebersbach von ihm sage, wobei
er niemals unterlie, die grausamsten Drohungen auszustoen, so da ihm die Sage
bereits eine Menge Greueltaten andichtete, ehe er eine einzige begangen hatte.
Sein von Groll und Rache umhergetriebenes Gemt sann die wildesten Taten aus;
aber das angeborene bessere Gefhl hielt seine Hand zurck.
    Auch der Vogt ermdete in seiner Verfolgung und schrieb an den Amtmann, da
mit Streifen auf dieses carcinoma doch nichts getan sei, so solle man nur noch
in der Stille Posten ausstellen und die Eingnge der Huser, denen etwa sein
Besuch bevorstehe, hinlnglich besetzen.

                                       32


Der letzte Schnee des Winters war gefallen und wieder gegangen. Der Frhling
hatte den Wald mit dem Jauchzen der Vgel erfllt und das Feld mit dem lichten
Meere seiner Blten berflutet; die Blten waren gefallen, und der Waldgesang
war immer dnner geworden. Die Sonne brannte strker, und der anbrechende Sommer
verhie der harrenden Welt die Flle seines Segens, so da es unmglich schien,
da inmitten des berall aufschieenden Reichtums Armut, Not, Hunger und Gier
nach der Habe des Glcklicheren in der Welt vorhanden sein sollte.
    Auf einem abgelegenen Hofe, der zwischen dem Hohenstaufen und dem Filstal
mitten in den Wldern von einem sprlichen Stck Feldes umgeben lag, sa eines
Tages der Erbe der Sonne von Ebersbach bei dem Weibe, um dessen Besitz er so
lange mit der Welt gestritten hatte, bis ihm selbst jeder Anspruch auf ein
Eigentum und eine Heimat in der Welt verlorengegangen war. Mit Hilfe des
Krmerchristle, der nach seinem Vornamen und einem kleinen Kramhandel so genannt
wurde, hatte er sie bei einer hier verheirateten Schwester desselben
untergebracht, zahlte ein kleines Kostgeld fr ihren armseligen Unterhalt und
kehrte von seinen Streifereien in der Gegend immer wieder zu ihr zurck. Die
Hofbewohner waren ihren Feldarbeiten nachgegangen, und das Paar befand sich
allein. Christine sa am Tische, wo sie ein paar rohe Lappen zusammengenht
hatte, und sttzte den Kopf auf den aufgelegten Arm. Friedrich hatte sich in die
Fensterecke gedrckt, wo er mit gekreuzten Armen dster vor sich hinbrtete. Die
rmliche Wohnung gewhrte ihnen einen vorbergehenden Schein von Haus und
Heimat, der aber freilich schnell wieder verschwand, sobald jemand von den
wirklichen Insassen in die Stube trat.
    Nach einem langen trben Stillschweigen warf sie einen Blick auf seinen
abgenutzten Rock, sah aufmerksam hin und rief: Da Gott erbarm! Du hast ja Blut
am rmel.
    Kann sein, erwiderte er, es hat dich schon einmal unntig erschreckt.
    Das ist aber im Winter gewesen. Frieder, Frieder, sag mir's, hast du jemand
erschossen?
    Just wie damals, wo du mich das erstemal gefragt hast. Damals hab ich
gesagt: Dumme Seel, freilich hab ich einen erschossen, drauen im Wald liegt er,
hat ein ledern Rcklein an und einen zackigen Hut auf'm Kopf; und dasselbe sag
ich dir heut wieder.
    Ja, ist denn schon wieder die Zeit, da man einen Hirsch schieen kann?
    Not bricht Eisen, sagte er. Sie sind noch erbrmlich drr, und es gehrt
ein guter Hunger dazu, um das Fleisch geniebar zu finden, aber im schlimmsten
Fall ist wenigstens die Haut zu brauchen. Das Handwerk hat berhaupt stark
nachgelassen, und ich seh kaum hinaus, wie's weiter werden soll. Ich hab den
Winter ber das gro und kleine Gewild rudelweis geschossen und die ganze
Umgegend von Boll bis Gmnd damit versorgt; und da fhrt mir der Teufel noch den
Hof daher, der mir nicht blo die Jagd, sondern noch vielmehr den Handel
verdorben hat, denn die machen dir in ein paar Tagen ein Schlachtfeld, da man's
schier verwesen lassen mu. Wildbret ist so wohlfeil und so unwert geworden, da
man mir einmal in einem Pfarrhaus ein bergelassenes Stck Hirsch vorgesetzt hat
von meiner eigenen Hand. Ich hatt's den Tag zuvor geschossen und durch den
Christle dahin verkaufen lassen, der's ihnen mit Mh und Not aufgeschwtzt hat
um ein Bettelgeld. Wie ich den Tag drauf vorberkomme, ruft mir die Pfarrerin
vom Fenster, ob ich nicht ums Warme ein wenig Holz spalten wolle. Ich hab's gern
getan, weil mich's gefroren und gehungert hat; und wie ich dann mit Hirschbraten
bin abgefttert worden, hab ich doch denken mssen: die War mu tief im Preis
stehen, wenn man sie dem billigsten Taglhner nachwirft. Hab auch bald meine
Rechnung richtig gefunden, denn beim Gretmeister in Gmnd, im dortigen
Barferkloster, wo sonst immer ein gutes Geschft zu machen war, und in allen
Pfarrhusern weit und breit - nirgends ist mehr was anzubringen gewesen. Drber
ist dann die Jagdzeit ohnehin vollends zu End gangen, aber ich besorg mich, wenn
sie auch wieder anhebt, so werden die Leut noch satt und voll vom Wildbret sein
und werden Rindfleisch vorziehen, das ich ihnen nicht schieen kann. Froh ist
freilich alles in den Drfern und auf den Hfen, wenn ich das Wild wegschiee,
aber niemand zahlt mir ein Schugeld dafr.
    Schlechte Aussicht! sagte sie. Und ich spr's hier wohl, da du nicht
viel ins Haus bringst.
    Sind sie wst gegen dich?
    Das grad nicht, sie sind freundlicher als auf den andern Hfen, wo du mich
hinbracht hast. Deine Verbindung mit dem Christle tut mir gut bei ihnen, aber
doch lassen sie mich's merken, da du das Kostgeld die Zeit her schuldig blieben
bist.
    Mach dich jetzt auf, Christine, mut mir die Hirschhaut den Wald
hinuntertragen, abgezogen hab ich sie schon, und in der Teufelskling verstecken,
damit sie der Christle mitnehmen kann. Er kommt morgen von Rechberghausen aus
dort hinab, und von da mut du mit ihm den Waldsteig nach Gmnd gehen.
    Das geschieht mir sauer, wendete sie weinerlich ein.
    Du kannst mir nicht vorwerfen, da ich dich plage, entgegnete er. Ich hab
dich ein einzigsmal diesen Winter zur Jagd mitgenommen und hab gemeint, du
knntest mir am Wald vorstehen und das Wild zurcktreiben. Wie du aber wehleidig
getan hast, hab ich dich gleich gehen lassen und nie wieder mitgenommen. Diesmal
aber mu es sein, die Haut wird dich nicht zu Boden drcken, und in Gmnd mut
mit beim Erls sein, damit mich der Christle, der abgefhrte Spitzbub, nicht
betrgt, denn sonst kann ich deine Schuld hier nicht bezahlen. Die Haut trgt
dir morgen der Christle, heut aber mut sie selber tragen, denn ich will derweil
sehen, ob ich nicht noch einen schieen kann. Komm!
    Sie seufzte. Du mut dich aber vor rasieren, sagte sie verdrossen. Jetzt
hast schon wieder ein achttgiges Stoppelfeld, und ich leid's nicht, da du dir
den Bart wachsen lt, denn du siehst so arg wild drin aus, und wenn dir jemand
begegnet, so mu er wunder was von dir denken.
    Meinetwegen! brummte er, griff ohne Umstnde nach dem Rasierzeug des
Hofbesitzers und kam ihrem Begehren nach, worauf sie den Hof verlieen und den
Weg nach dem Walde einschlugen.
    Ist denn gar keine Mglichkeit, aus dem Leben da fortzukommen? fragte sie
im Gehen mit kummervoller Miene. Du hast mir versprochen, du wollest mich nach
Frankfurt mitnehmen, oder in den Krieg, hast auch von Amerika gesagt. Ich ging
berall mit dir hin, wenn ich nur aus dem Leben drauen wr und die Kinder bei
mir htt'.
    Warum hast dich in Dettingen fangen lassen! versetzte er unwirsch.
Whrend deiner Gefangenschaft ist mein Erspartes von Sachsenhausen draufgangen,
mein Vater tut keinen Zug, um sein Versprechen zu halten, und wie kann ich denn
als ein vogelfreier Mensch etwas erwerben, damit wir zu Reisgeld kommen? Sag,
ich soll in Ebersbach einen hflichen Besuch machen, oder mit einem Rojuden,
beschnitten oder unbeschnitten, nach dem Markt ein Wort in Gte reden, dann
sollst du Geld genug haben.
    Um Gotts willen nur nichts so! rief sie.
    So sagst du immer, aber dabei willst in einem fort Geld und Lebensmittel
und bekmmerst dich nicht drum, wo ich's hernehmen soll. So hast du mich auch
geqult, bis ich meinem Vater die Frucht geholt hab, und dann wieder, bis ich
dem Pfarrer ins Haus gestiegen bin, und hintennach ist dir's dann doch wieder
nicht recht gewesen.
    Es ist auch nicht recht, sagte sie.
    Gelt, weil's zu bsen Husern fhren kann? Wenn du das nicht willst, so
schick dich eben in die Zeit, nur mach mir nicht den Kopf mit deinem Lamento
warm.
    Ach! seufzte sie, ich hab mir eben ein ganz anderes Leben frgestellt,
wie wir von Neckardenzlingen miteinander fort sind. Da hab ich schon gemeint,
ich werd wieder jung, und hab alles gern dahinten gelassen.
    Machst mir das zum Vorwurf? Bin ich nicht auch im Rohr gesessen und htt'
mir Pfeifen schneiden knnen, und hab ich nicht um deinetwillen auf alles
verzichtet?
    Wrst lieber blieben, bis sich etwas fr uns gemacht htt'. Htt'st mir ja
derweil schreiben knnen.
    Man kriegt ja keine Antwort von dir. Und hab ich gewut, wo ich
hinschreiben soll? Nach Ebersbach, wenn du nicht dort bist? Htt ich mir etwa
selber einen Pa von Sachsenhausen nach Hohentwiel schreiben sollen?
    Ich will nichts mehr sagen, versetzte sie, du wirst gleich so wild.
    Sie gingen lange Zeit stillschweigend hin. Was siehst du denn immer auf den
Boden? fragte sie, da ihr sein Benehmen auffiel.
    Da ist wieder einer! rief er, sich bckend und etwas aufhebend. Es war ein
frisch abgebrochener gabelfrmiger Zweig. Er betrachtete ihn von allen Seiten,
schttelte den Kopf, da er nichts weiter daran fand, und legte ihn sorgfltig
wieder auf den Boden. Dann sah er sich an den Bumen um, blickte scharf von
Stamm zu Stamm, schttelte den Kopf abermals, als fnde er nicht, was er
erwartete, und setzte den Weg wieder fort. Sie waren eine weitere Strecke
gegangen, da lag ein neuer Zweig von gleicher Form, den er aufmerksam
betrachtete, worauf er den eingeschlagenen Weg verlie und einen schmalen
Seitenpfad zur Rechten betrat. Christine folgte. Mit zufriedenem Kopfnicken fand
er dort bald wieder einen Zweig von der vorigen Art und weiterhin noch mehrere.
Sie waren einer wie der andere an der Seite des Weges schief hingelegt, so da
von den beiden Spitzen der Gabel, deren eine geknickt war, die andere
unversehrte in gleicher Richtung mit dem Wege vorwrts deutete.
    Das sind Zeichen, bemerkte Christine, welche den Zweigen und seiner
Beobachtung derselben eine gespannte Aufmerksamkeit zugewendet hatte. Gelt,
gesteh's nur, da sind deine Kocher, oder wie sie heien, um den Weg, und dein
scheeler Christianus will dir was zu wissen tun.
    Wenn er da wr, so htt' er mir seinen Zinken irgendwo hinterlassen,
versetzte er, es ist aber nirgends nichts zu sehen.
    Nachdem sie noch ein wenig fortgegangen, kamen sie auf einen freien Platz,
welcher sich nach einem Waldabhang senkte und einen weiten Blick ber endlose
Waldung tun lie, die in reicher Abwechslung von Hhen und Tiefen sich um den
Hohenstaufen lagerte, gegen das Remstal abwrts und nach den jenseitigen Hgeln
strich. Die Zeichen, wenn es solche waren, schienen hier aufzuhren. Christine
setzte sich mde auf den Boden. Friedrich schaute achtsam in die Waldgegend
hinein, als ob er in der Ferne hinter jedem Busch ein Wild oder etwas anderes
aufspren mte. Auf einmal blieb sein Auge an einer Waldecke unter dem
Hohenstaufen hngen. Ein leichter, blulicher Rauch ging dort kruselnd aus den
Spitzen der Bume hervor und schien sich hinter einigen hheren Wipfeln zu
verlieren. Er blickte unverwandt hin; der Rauch verschwand, kam wieder zum
Vorschein und verschwand wieder. Sein Entschlu war gefat. Er rief Christinen
vom Boden auf. Siehst dort den Waldspitzen herwrts von Wschenbeuren? sagte
er, dort kannst mich nachher treffen oder auf mich warten, dort will ich
anstehen, ob ich vielleicht noch einen glcklichen Fang tue.
    Er fhrte sie herauf zu der Stelle, wo er den erlegten Hirsch gelassen
hatte, packte ihr die Haut samt dem Geweih auf den Kopf, gab ihr genaue
Anleitung, wo sie ihre Last zu verstecken habe, und ging.
    Christine machte sich schwer seufzend auf ihren Weg. Wie anders htt'
ich's, wenn ich bei meiner Schulmeisterin blieben wr! sagte sie zu sich, und
meine Kinder wren nicht schlechter versorgt als jetzt auch.
    Unterdessen hatte er sich der ersphten Stelle wieder zugewendet und bald
fand er, da seine Vermutung richtig sein msse. Der eingeschlagene Pfad fhrte
ihn ber einen rauhen Fahrweg, auf welchem wieder ein Zweig von der
beschriebenen Gattung lag. Das Gabelende, das den Wegzeiger bildete, wies scharf
ber die Strae nach einer Waldfurche hin. Er folgte der Richtung und gewahrte
nach wenigen Schritten bei einem Durchblick, da sie gerade auf jene Waldecke zu
fhrte, wo jetzt ein strkerer Rauch aus den Bumen emporwirbelte. Nun suchte er
nach keinem weitern Zeichen am Boden mehr, sondern schritt rstig waldein,
waldaus nach der Stelle, zu der es ihn zog. Wenn er selbst nicht da ist, sagte
er zu sich, so treffe ich seinesgleichen, die mir sagen knnen, wo er ist; denn
solche Zeichen hat weder ein Bauer noch ein Jger ausgestreut. Ich bin fertig
mit der Welt, eine Staffel um die andere haben sie mich herabgestoen, jetzt bin
ich auf der letzten. Er hat mir richtig prophezeit: Wenn du keinen Aus- und
Eingang mehr weit, so kommen wir schon von selber wieder zusammen. Was bleibt
mir sonst brig?
    Die Sonne brannte glhend ber den den Gipfel des schlanken Berges herab,
als er an dessen Fu auf die Waldecke zuschritt. Er eilte in ihren Schatten. Das
geladene Gewehr mit gespanntem Hahn fr alle Flle zum Anschlagen fertig
haltend, sei es gegen ein Tier, sei es gegen einen Angriff von Menschenhand,
schlug er sich langsam durch die Bume vorwrts. Bald hrte er Stimmen und
Gelchter und ging dem Schalle nach. Steck mir vom Balo! hrte er sagen, als
er nher kam, und zu gleicher Zeit drang der Geruch eines gebratenen Schweines
zu ihm, um ihm den Ausdruck, wofern dies ntig gewesen wre, zu verdolmetschen.
Er hatte keinen Zweifel mehr: wo jenische Laute sich vernehmlich machten, war
weniger Gefahr fr ihn, als wo deutsch oder gar das rmisch-deutsche Rotwelsch
des Gesetzes gesprochen wurde. Wer auch die Schmausenden sein mochten, in seiner
verzweifelten Lage brauchte er weder ihre Feindschaft noch ihre Freundschaft zu
frchten. Er brachte den Hahn in Ruh, behielt aber die Bchse in der Hand und
ging entschlossen vorwrts. Auf einmal stand er, zwischen den Bumen
hervortretend, auf einer kleinen Waldwiese, wo eine lustige Gesellschaft um ein
Feuer lagerte. Sie bestand aus drei Mnnern und drei Frauen, welche smtlich so
anstndig gekleidet waren, da er, ein Miverstndnis besorgend, zurcktreten
wollte. Aber schon war er bemerkt worden und sah ein paar Gewehrlufe auf sich
gerichtet, als pltzlich ihm selbst und einem von der Gesellschaft der
gegenseitige Ausruf entfuhr: Da ist er ja! Zugleich sprang einer der Mnner
auf und lachend auf ihn zu. Das Gesicht des Zigeuners, mit welchem sich sein
Lebensweg heute zum drittenmal kreuzte, hatte seit der ersten Ludwigsburger
Bekanntschaft Vernderungen erlitten, die seinem Festungsgenossen nicht
unbekannt waren: die gelbe welke Haut war in unzhlige Runzeln und Falten
zerschnitten, die besonders an Mund und Augen das Geprge einer lchelnden
Verschlagenheit und groen bung in der Kunst, die Leidenschaften zu verbergen,
ausdrckten. Neu aber war ihm eine weitere Vernderung: ein Auge, in dessen
Besitz er ihn auf Hohentwiel noch gesehen, war ihm in der Zwischenzeit abhanden
gekommen; doch gereichte ihm dieser Verlust nicht eben zum Nachteil, da die
Laune des Zufalls das scheele Auge betroffen hatte, dessen Blick uerst
abschreckend gewesen war, so da er jetzt als Einugiger mit dem geschlossenen,
von lustigen Fltchen umspielten Augenlide nicht mehr so widrig aussah wie
frher, da er geschielt hatte.
    Willkommen! rief er und streckte ihm die Hand entgegen. Hab ich's nicht
gesagt, wir sehen unswieder?
    Gr dich Gott, Christianus! erwiderte Friedrich und schttelte ihm die
Hand. Hab da auf einen Hirsch anstehen wollen, und jetzt treff ich noch ein
ganz anderes Stck Hochwild. Du wrst aber schwer zu finden gewesen, wenn ich
dich htte suchen wollen, denn deinen Zinken hab ich nirgends gesehen.
    Der Zigeuner lchelte verschmitzt. Ich bin nicht allein mit den Meinigen,
sagte er, es haben sich Freunde zu uns gesellt, die auch wieder Nachzgler
erwarten, und da htten wir ja eine ganze Wappensammlung in die Bume schneiden
mssen.
    Was ist denn mit deinem Aug passiert? fragte Friedrich weiter.
    Ich hab eine kleine Ungelegenheit gehabt, antwortete der Zigeuner
ausweichend, und da hab ich den queren Scheinling eingebt. Aber komm,
unterbrach er sich, ich mu dich der Gesellschaft vorstellen.
    Er nahm ihn bei der Hand und fhrte ihn gegen das Feuer, an welchem ein
ganzes Schwein briet und einen Duft ausstrmte, der einen Hungrigen wohl in
Versuchung fhren konnte. Merkt auf, ihr Mnner, und spitzt die Ohren, ihr
Weiber! rief er, hier bring ich euch einen Freund, nach dessen Bekanntschaft
ihr euch schon lang gesehnt habt. Das ist, fuhr er mit erhobener, beinahe
feierlicher Stimme fort, das ist der Mann, dessen Name in jedem Walde zwischen
Rhein und Donau mit Hutabziehen genannt wird, obgleich er seinen eigenen Wert
nicht kennt, der Mann, vor dem ein ganzes Amt zittert, der Mann, dessen Genie
die Festungswerke von Hohentwiel zu einem Kinderkartenhuschen gemacht hat -
    Ah! riefen die drei weiblichen Mitglieder der Gesellschaft, die im
Begreifen den Mnnern vorauseilten.
    Mit einem Wort, vollendete der Zigeuner, indem er seinem Tone noch
strkeren Nachdruck gab, es ist der berhmte Sonnenwirt.
    Mit einem Schrei der freudigsten berraschung sprangen alle auf und
umringten den Ankmmling, der kaum wute, wie ihm geschah. Er glaubte zu
trumen. Ausgestoen, gehat und verachtet, wie er war, hatte er bis jetzt
hchstens die traurige Befriedigung genossen, sich gefrchtet zu sehen, und
durch seine Geschicklichkeit im Wildern hatte er sich bei den Hofbesitzern und
Bauern eine gewisse eigenntzige Teilnahme erworben; aber die Freundschaft,
Achtung, Bewunderung, ja Ehrerbietung, die ihm hier als einem jungen Manne, der
schon so Groes geleistet, erwiesen wurden, und zwar von Leuten, durch deren,
wie es ihm schien, ungewhnliche Bildung und Redeweise er sich zugleich gehoben
und gedemtigt fhlte, diese Erzeigungen waren ihm unbekannt, und whrend seine
Bescheidenheit sich gegen das berma des Lobes und Preisens strubte, tat doch
die ungeheuchelte Anerkennung, die sich darin uerte, nicht blo seiner
Eitelkeit, sondern auch seinem Herzen wohl.
    Nun will ich dir die Gesellschaft vorstellen, fuhr der Zigeuner fort. Er
deutete auf einen groen Mann, dessen freundliches Gesicht, untersttzt durch
einen feinen, weiblauen Rock, einen gnstigen Eindruck machte, nur da um den
lchelnden Mund ein spttischer Zug lauerte und die etwas gemeine Barchentweste
weder zu den silbernen Knpfen, mit welchen sie besetzt war, noch zu dem feinen
Rock recht passen wollte. Das ist mein Freund Bettelmelcher, sagte er, ein
sehr versierter Kopf, dessen glattem Gesicht man es nicht ansehen wrde, wie
viel Raffinement dahinter steckt.
    Der Mann mit dem abstoenden Namen reichte dem Gaste die Hand und
bewillkommte ihn mit so zierlich gesetzten Worten, da der widersprechende
Eindruck, den sowohl sein Gesicht als seine Kleidung hervorbrachten, bei einem
Neuling schnell ausgeglichen wurde.
    Und dieser, sagte der Zigeuner, indem er den andern am Arme nahm, ist
mein Freund Schwamenjackel, ein sehr ernsthafter Kerl, wenn er anfngt, denn da
heit's bei ihm: Nix Pardon! aber seinen Freunden treu und anhnglich; wenn er
einen einmal zum Freunde angenommen hat, so geht er durch's Feuer fr ihn - ein
grundehrlicher Kerl!
    Der also Geschilderte zerdrckte dem Ankmmling die breite, starke Hand, da
dieser das Blut in den Fingerspitzen fhlte, und sagte mit heiserer Stimme:
Wollen gut Freund sein. Dann rusperte er sich, als ob die paar Worte ihm die
Kehle angegriffen htten, und nickte stumm dazu.
    Er war eine kurze Gestalt, noch etwas unter Friedrichs Gre, aber dicker.
Sein Gesicht war leserlicher als das seines Gefhrten, aber es bedurfte einiger
berwindung, um darin zu lesen. Ein starker schwarzer Bart, an den unteren
Haaren ins Gruliche streifend, gab den groben Zgen den Ausdruck einer
ungeschlachten Verwogenheit; hinter den buschigen Augenbrauen lagen ein paar
bsblickende Augen wie in tiefen Hhlen; die niedrige Stirne deutete auf eine
harte Entschlossenheit, die wenig nach berlegung fragte, und das gleichfalls
ins Graue spielende schwarze Haar verriet, mit dem noch nicht alten Gesichte
verglichen, ein Leben voll Mhsal und wilder Leidenschaft. Trotz dieser Hrte
der Erscheinung hatte der Mann nichts Burisches in seinem Auftreten; seine
Bewegungen waren kurz und sicher, und sein Anstand blieb wenig hinter dem seiner
gewandteren Genossen zurck. Seine Tracht aber war noch ungleichartiger als die
des Bettelmelchers. Er trug ein graues Kamisol und gelbe hirschlederne
Beinkleider, die vollkommen zu seinem Gesichte, desto weniger aber zu einer
hchst stattlichen braunseidenen Kamelotweste paten. Eine bessere
bereinstimmung zeigte der Anzug des Zigeuners: sein grner geschlossener
Jagdrock schickte sich trefflich zu den weien Beinkleidern und zu einem
Hirschfnger, den er an der Seite trug; aber ein schrferes Auge konnte auch an
ihm eine Unvollkommenheit entdecken, denn der Schnitt der Kleider wollte nicht
ganz genau zu seinem Leibe passen. Der Gast aber nahm es mit seiner Musterung
nicht so streng, er dachte vielmehr nur an den Gegensatz, den er selbst unter
diesen wohlgekleideten Leuten bildete, und verglich beschmt seinen abgeschabten
Rock, der keine bestimmte Farbe mehr hatte, seine nufarbigen, einst
gelbledernen Beinkleider, seine schwarzen Strmpfe, die noch die gute
Eigenschaft hatten, da sie nicht so oft der Wsche bedurften, und seine
zerrissenen schmutzigen Schuhe mit den wohlhbigen Kleidern, den frischen weien
Strmpfen und den blankgewichsten Schnallenschuhen der andern.
    Hierauf stellte ihm der Zigeuner den weiblichen Teil der Gesellschaft mit
den Worten vor: Das ist meine Mutter Anna Maria, eine betagte Witwe, die viel
erlebt und erlitten hat, und das sind meine Schwestern Margareta und Katharina,
die sich dir schon selbst zu empfehlen wissen werden.
    Der Gast machte einen verlegenen Kratzfu; es war ihm in seinem Leben noch
nicht begegnet, da er so frmlich einer weiblichen Gesellschaft vorgestellt
wurde. Aber die Anwesenheit der beiden bildhbschen Mdchen, die er vom ersten
Augenblick an unwillkrlich immer wieder hatte ansehen mssen, erhhte den
anziehenden Eindruck des Empfanges nicht wenig fr ihn. Sie waren, wie ihre
Mutter, von Kopf bis zu Fu schwarz gekleidet und trugen, whrend jene ein
buntes Tuch um den Kopf geschlungen hatte, breitrandige Strohhte von
geschmackvoller Form, die ihnen ein freies, khnes Aussehen gaben. Die ltere
sah gar nicht wie eine Zigeunerin aus, sie hatte hellbraune Haare und ein
Gesicht wie Milch und Blut, aus welchem ein Paar hellgraue Augen keck und lustig
hervorblitzten; ber ihrer vollen Brust wogte eine silberne Kette auf und ab,
und ihre Finger strotzten von Ringen. Die jngere, die ihr Bruder Katharina
geheien, war ohne allen Schmuck, bis auf ein brennend rotes Halstuch, das der
Farbe ihres Gesichts und Halses verfhrerisch zu Hilfe kam; denn wenn sie auch
so wenig wie ihre Schwester einer Zigeunerin gleich sah, so lie doch ihre
Frbung den zigeunerischen Ursprung verraten; sie hatte dunkelbraune Haare, und
ihre Haut stach von dem hellen Aussehen ihrer Schwester mchtig ab, war aber
ebensoweit entfernt von jener schmutzigen Hautfarbe, die ihre Mutter und ihren
Bruder unverkennbar zu Zigeunern stempelte, sondern nherte sich dem reinen
Braun des Erzes, so da das Blut lebenswarm, gleichsam von der Farbe des
Halstuches angelockt, durch die Haut hindurchschimmerte. Beide Schwestern waren
von Gestalt untadelhaft. Auf den ersten Blick schien die ltere, solange sie
durch ihr entgegenkommendes Lcheln bezaubern konnte, die schnere zu sein; bald
aber muten einem unverdorbenen Blicke ihre Augen, die sie unntig zu erweitern
suchte, zu grell erscheinen, und das ewige Lcheln, das ihren Mund ins Breite
zog, fand ebenfalls bald seine Erklrung: er war von Natur etwas zu gro, und um
dies zu verbergen, liebte sie die Zhne zu zeigen, die freilich so blendend wei
waren, da man ihr das Auskunftsmittel nicht verargen konnte. Die Mutter war
eine alte hliche Zigeunerin mit unheimlich blitzenden Augen, einer
vorspringenden Nase, die das ganze Gesicht aufwog, und einem zahnlosen, von
tiefen Furchen umgebenen Munde darunter. Die drei ungleichen Kinder, die sie
ihre Mutter nannten, ein echter Zigeuner, eine vllige deutsche und eine
Halbzigeunerin, konnten unmglich von einem und demselben Vater stammen.
    Es ist uns eine groe Ehre, den Herrn Sonnenwirt bei uns zu sehen, sagte
die Alte, indem sie die Vorstellungsfeierlichkeit erwiderte, wir haben so
mchtige Dinge von Ihnen gehrt, da wir uns ber Ihren Besuch sehr glcklich
schtzen mssen; und ich wnsche nur, da es dem Herrn Sonnenwirt bei uns recht
lang gefallen mchte.
    Bitt Ihnen! stammelte der Gast verlegen und bescheidentlich. Ich bin
nicht Sonnenwirt. Mein Vater ist immer noch auf der Wirtschaft. Man hat mich in
meinem Ort eben den Sonnenwirtle geheien, wie man des Anwalts Sohn den Anwltle
heit, und wie man des Amtmanns seinen, wenn der nmlich einen htt, den
Amtmndle heien wrde. Weiter ist's nichts.
    Alle lchelten, und selbst der rauhe Schwamenjackel verzog den Mund ein
wenig.
    Nun sitz dich endlich, Bruder Sonnenwirt! sagte der Zigeuner lachend. Wir
sind freie Leute; was kmmern uns Rang und Titel in dieser einfltigen Welt!
Wenn's dir aber nicht genehm ist, deines Vaters Titel zu fhren, nach dem du
freilich kein groes Verlangen verspren wirst, so wollen wir dir seinen Namen
geben. Reicht dem Friedrich Schwan die Hnde, Mdels, und das mit Respekt, und
nun wieder zu unserm Geschft!
    Die beiden Mdchen nebst der Mutter gaben dem Gast die Hnde, wobei die
ltere Schwester ein warmes Fingerspiel mit unterlaufen lie, die jngere aber
sich auf einen kurzen Handschlag ohne irgendeinen Druck beschrnkte. Er wurde
zwischen die beiden Schnen gesetzt, und die Mahlzeit nahm ihren Fortgang, wobei
ein kstlicher Wein aus einem Fchen, dessen Handhabung Bettelmelcher
bernommen hatte, fleiig die Runde machte. Friedrich konnte dem Reiz der Speise
und des Getrnkes nicht widerstehen und entschuldigte seine durch lange
Entbehrung gesteigerte Begierde mit einer auf dem Anstande durchwachten Nacht.
Man sprach ihm eifrig zu, und die beiden Mdchen wetteiferten, ihn zu bedienen,
wobei die ltere ihn durch Schnelligkeit zu gewinnen suchte, die jngere aber
ihm seltener, jedoch ausgewhltere Bissen vorlegte. Mit Wein versah ihn die
ltere aufs reichlichste, und bald kreiste das Blut rascher durch seine Adern;
die jngere reichte ihm nur dann das Glas, wenn es lngere Zeit nicht an ihn
gekommen war und die ltere ihren Dienst im Schwatzen vergessen hatte. Die
Mahlzeit ging in munteren Gesprchen hin, die sich groenteils auf ihn selbst
bezogen und in welchen er bald mit grberen, bald mit feineren Schmeicheleien
berhuft wurde. Selbst seine Bchse wurde gelobt, und er glaubte zum erstenmal
in einer Welt zu sein, die alles an ihm vortrefflich fand. In diesem behaglichen
Zustande strte ihn nichts als das Benehmen der lteren Schwester Margareta, das
er auf die Lnge auffallend zudringlich fand: sie setzte ihm mit mehr als
herausfordernden Blicken und Reden zu und wute sich dabei auf eine Weise an ihn
anzuschmiegen, die ihn zugleich abstie und doch entzndete. Dies hatte zur
Folge, da er das Feuer, das sie in ihm anfachte, mehr und mehr ihrer jngeren
Schwester zuwendete, die nicht blo durch ihre Zurckhaltung gewann, sondern bei
lngerem Anschauen nach und nach eine Schnheit entfaltete, welche das Auge zu
immer hufiger wiederholten Besuchen einlud. Diese Schnheit bot weit mehr ein
Ganzes dar als die zusammengesetzten Reize ihrer buhlerischen Schwester. Auch
konnte der strenge Ernst, der in dem dunklen Gesichte mit der geraden
wohlgebauten Nase vorzuherrschen schien, einem warmen Lcheln weichen, die
festgeschlossenen Lippen konnten zu einem Scherzwort auftauen, das den freien
Ton der Unterhaltung berbot, und wenn ihr schwarzbraunes Auge einmal flchtig
ber den Gast hinstreifte, so war es ihm, als ob sie hinter diesem stillen Blick
eine Glut verberge, die sie pltzlich verzehrend auflodern lassen knnte. Er
sagte sich vor, er wolle sie nur ein wenig auf die Probe stellen, indem er,
durch Margaretens freches Strohfeuer erhitzt, sein Knie an das ihrige drckte;
sie rckte aber leise weg, und er beschlo, den Versuch nicht so bald zu
wiederholen.
    Der Balo war unter Scherzen und Erzhlungen verspeist, wobei die
Geschichte des Ausbruchs von Hohentwiel, der einem der drei Khnen das Leben
gekostet hatte, den Hauptgegenstand bildete, und das auf einem Baumstumpf
aufgelegte Fchen war schon geneigt, als der Zigeuner zum Beweise fr die
Schlechtigkeit der Welt die Lebensgeschichte des neuen Freundes zu erzhlen
begann und ihn dadurch zu Berichtigungen und Ergnzungen ntigte. Die Mitteilung
wurde mit der lebhaftesten Teilnahme aufgenommen, und selbst Schwamenjackel
bemerkte, es sei scheulich, so mit einem Menschen umzugehen. Wie knnte es mir
einfallen, sagte die alte Anna Maria, meine Kinder im Heiraten beschrnken zu
wollen! Ich hab ihnen stets ihren Willen darin gelassen, es ist ja ganz ihre
eigene Sache. Am strksten aber verurteilte die Gesellschaft das Benehmen der
Obrigkeit, die sich in Dinge gemischt habe, welche sie gar nichts angehen. Dabei
wurde Friedrichs Standhaftigkeit mit Bewunderung hervorgehoben, und das Gefhl
des erlittenen Unrechts, das schon zuvor an ihm zehrte, immer heftiger in ihm
angefacht, bis es zuletzt ihm wie den andern feststand, da die Welt aus lauter
Spitzbuben bestehe, die man mit allen Waffen zu bekmpfen berechtigt sei. Die
Weigerung des Pfarrers endlich, eine Trauung ohne Trinkgeld, wie es
Schwamenjackel nannte, vorzunehmen, rief eine Emprung hervor, welche, von
Leuten dieses Schlages ausgesprochen, einen besonderen Nachdruck erhielt und sie
selbst wiederum in den Augen des Neulings, besonders wenn er ihre
gesellschaftliche Stellung mit der Amtswrde des habschtigen Geistlichen
verglich, bedeutend heben mute. Sie bekannten sich smtlich fr gute
katholische Christen und versicherten mit nicht geringem Stolze, da ihre
Konfession an solchen abschreckenden Beispielen weit rmer sei.
    Wit ihr das Stckchen vom Leutnant Lw und seinem Louisd'or? fragte die
jngere der beiden Zigeunermdchen, und auf Verneinen der anderen erzhlte sie:
Eine arme Frau mit einem Kind steht weinend an der Kirche. Begegnet ihr ein Jud
und fragt, warum sie weine. Der Pfarrer will mein Kind nicht taufen, sagt sie,
weil ich die Taufgebhr nicht zahlen kann. Ei, sagt er, da ist bald geholfen,
und gibt ihr einen Sonnenlouisd'or, sie solle ihn dem Pfarrer bringen und sagen,
eine Christenseele habe ihr aus der Not geholfen. Darauf geht sie in die
Sakristei, und wie die Kirche aus ist, kommt sie ganz vergngt heraus. Nun! wie
hat's gegangen? fragte der Jude, der auf sie gewartet hat. Das Kind sei
glcklich getauft, sagte sie, sie htte freilich geglaubt, der Pfarrer solle ihr
auf das Gold herausgeben, was ihm nicht eingefallen sei; aber dennoch hat sie
dem Juden tausendmal gedankt. Gott's Wunder, sagt der Leutnant Lw, wenn der Pf
ff herausgegeben hlt, so war der Spa freilich noch grer, aber Dank's wert
ist's auf keinen Fall, denn der Luckedor war falsch.
    Die Gesellschaft brach in ein unbndiges Gelchter aus, in welchem sich
Schwamenjackels Stimme durch ein eigentmliches Grunzen unterschied.
Bettelmelcher lachte, da ihm die Trnen in den Augen standen.
    Leutnant Lw? fragte der Gast, als man sich mde gelacht hatte. Unter
welchem Militr gibt's denn jdische Offiziere?
    Das Gelchter brach von neuem so heftig aus, da er, in der berzeugung,
ungeschickt gefragt zu haben, mitlachen mute.
    Diese Art Militr, belehrte ihn der Zigeuner, ist bei Mergental zu Hause,
steht aber nicht im Dienste des deutschen Ordens, obwohl unter allen Lndern
dort am besten zu leben ist, denn der Deutschmeister hat gelobt, nie einen mit
einer Todesstrafe zu belegen und nie die Auslieferung eines Flchtigen zu
verlangen, und alle seine Untertanen vom Schultheien bis zum Nachtwchter
halten's mit uns; dort ist kein Bub und kein Mgdlein, das nicht Jenisch
versteht. Darum wird auch kein vernnftiger Koch um in jenem Gebiet etwas
anstellen, aber es ist ein sehr gnstiges Terrain, um von da aus in der Umgegend
mit Unternehmungen aufzutreten. Drei Leutnants haben dort Gesellschaften
gegrndet mit einer Einrichtung, die man sonst nirgends trifft. Jeder hat
ungefhr dreiig Mann unter sich, meist Juden, auch Zigeuner, und im Notfall
werben sie auch sonst taugliche Leute dazu. Wenn ein Koch unternommen werden
soll, so wird zuerst der Waldoberer ausgeschickt, der die Gelegenheit
auskundschaftet und dafr seine besondere Belohnung erhlt. Der kauft dann etwa
einem Bauern ein paar Ochsen ab und sieht, wo er das Geld hintut, damit man's
wieder holen kann und weiteres dazu. Dann schickt der Leutnant seine Knechte aus
und lt seine Leute von Ort zu Ort - bei den Judenschulen trifft man sie am
sichersten - auf einen Sammelplatz zusammenbieten, reicht ihnen auch, bis die
Sache ausgefhrt ist, was oft acht Tage und darber ansteht, allen ihr
regelmiges Taggeld nebst Unterhalt, und wenn das Unternehmen gut ausfllt,
noch obendrein jedem seine Portion. Nach der Verteilung der Beute stellt er sie
in einen Kreis, liest die Namen ab und heit sie dann einzeln auf verschiedenen
Wegen sich fortmachen, nicht trinken, nicht spielen, blo bei den Juden ber
Nacht bleiben und still zu Hause warten, bis er sie auf einen anderen Koch
zusammenberufen werde. Bei dem Unternehmen mssen sie streng Order parieren, und
es wird nicht jeder angenommen, sondern scharfe Auswahl gehalten. Der
Jgerkasperle - du wirst ihn kennenlernen, wir erwarten ihn tglich hier - der
hat einmal mitgehen wollen, aber der Leutnant Lw hat ihn bei der Musterung von
oben herab angesehen und gesagt, was man denn mit dem kleinen schlechten Kerl
tun wolle, es seien ohnehin Leute genug da, man solle ihm etwas geben und ihn
fortweisen. Darauf hat ihm ein Unterbefehlshaber einen Gulden geschenkt; der
Kleine ist heut noch wild darber.
    Das war auch nicht recht, bemerkte Bettelmelcher, denn der Jgerkasperle
ist zwar nicht gro, aber ein solch rahner, flchtiger, gewandter Bursch, da
er's mit dem Teufel aufnimmt, freilich mehr in List als Gewalt. Er lobt
besonders den Welzheimer Markt. Ich freue mich sehr auf den lustigen Brsten-und
Kehrwischhndler, der sich die Leute durch so hohe Preise vom Leib zu halten
versteht, da ihm gewi niemand seinen ntigen Vorrat abnehmen wird. Auch auf
sein kleines sauberes Frauele freu ich mich: sie ist eine treffliche Bemutter
und wird nicht leicht eine so geschickt einen Beutel wegzustibitzen wissen.
    Jawohl, sagte der Zigeuner. Diese Juden, fuhr er in seiner
unterbrochenen Rede fort, sind ganz verfluchte Kerls. Sie haben ein Regiment
und Staat errichtet, dergleichen zwischen Rhein und Donau nirgends ein hnliches
existiert, und die Sache wr wohl der Nachahmung wert. Sie mssen einen
unbegreiflichen Profit davon haben, denn sie zahlen nicht blo nobel aus,
sondern wenn ein Unternehmen miglckt, so fallen alle Kosten auf sie allein.
Und doch haben sie immer Geld genug, tragen goldene Uhren, gehen im feinsten
Tuch proper gekleidet, und die vornehmsten Juden halten es mit ihnen. Wollen
wir's nicht auch einmal probieren? setzte er lchelnd gegen den Gast hinzu.
    Da wird's fr einen Anfnger ntig sein, sich ein hebrisches Wrterbuch
anzuschaffen, bemerkte die alte Zigeunerin mit wohlmeinendem Tone gegen
denselben, denn das Jenische reicht bei ihnen nicht ganz aus, sie mischen mehr
hebrische Wrter darunter. brigens, wendete sie sich gegen ihren Sohn, sehe
ich nicht ein, warum man den Juden in ihren Sack arbeiten soll. Und wie lang
werden sie's noch mit ihren Gewalttaten treiben? Ich bin berhaupt nicht fr
diese Art von Arbeit. Diese Einbrche machen einen groen Lrm weit umher,
verderben das Terrain, milingen oft und tragen im besten Fall nicht viel ein,
weil der Gewinn in zu viele Teile geht. Ich lobe mir die stillen sichern
Marktunternehmungen, wie sie in unserer Familie bisher gebruchlich gewesen
sind. Kennt unser Gast die Fuhre? Ich denke, wir drfen ihn als einen Kochum,
das heit, wenigstens als einen vertrauten Mann betrachten?
    Ich brge fr ihn, rief der Sohn, whrend der Gast erwiderte, da die
Fuhre ihm bis jetzt ein unbekanntes Wesen sei.
    Die Fuhre, belehrte ihn die alte Zigeunerin, ist eine zweckmige
Kleidung fr den Marktgang - Ja, sie gehrt eigentlich ins Gebiet der Moden,
unterbrach Bettelmelcher lachend.
    Richtig, und ist. eine sehr sinnreiche Mode -
    Fr die Weiber, sagte Schwamenjackel. Die jungen Leute lachten zusammen.
    Fr die Weiber, fuhr die Alte geduldig fort, indem sie jedoch zugleich
einen stechenden Blick nach dem Unterbrecher sendete. Ober- und Unterkleid,
welche sehr weit und faltig sind, werden am unteren Saum rings mit einem Faden
zusammengezogen, der innen auf beiden Seiten bis zu den hohlen Taschenffnungen
heraufgeht. Auf diese Weise bildet das Kleid einen groen Sack, in den eine
tchtige Schottenfellerin zwei, drei Ballen von je zwanzig Ellen und mehr
nacheinander hineinpraktizieren kann, ohne da jemand eine Spur davon sieht. Ist
das Gepolster zu gro, so deckt man's mit dem breiten Strohhut zu. Der Krmer
mu sich's gefallen lassen, da man vor seine Bude tritt und seine Waren prft.
In der Regel htet er nur die kleineren Stcke und denkt nicht daran, da ihm so
ein groer Pack verschwinden kann. Wenn er aber etwas merkt, so zieht man nur
den Faden auf, da die Ware durch die Sume auf den Boden fllt, hebt sie auf,
als ob man sie zufllig vom Tische gestreift htte, und berreicht sie mit dem
grten Anstnde von der Welt, so da er noch hflich danken mu.
    Das Schottenfellen, bemerkte der Gast, scheint mir also blo ein Geschft
fr die Frauenzimmer zu sein. Da haben ja die Mnner das Zusehen.
    Ein rechtes Frauenzimmer wird sich's stets als ein Glck anrechnen, fr
ihren Geliebten arbeiten zu drfen, sagte die ltere der beiden Schwestern
zrtlich zu ihm.
    Die Weiber sind flinker und gescheiter als die Mnner, bemerkte die
jngere stolz. Was die mit ihren plumpen Fingern bei einem Einbruch
davontragen, reicht oft nicht, um einen Tag zu leben, whrend ich auf einem
guten Markt, wie sie am Rhein drben sind, ein paar hundert Gulden an einem
einzigen Tag verdienen will.
    Vom Weibsverdienst zu leben, das war nicht nach meinem Geschmack,
versetzte der Gast.
    Und ich, erwiderte sie, mcht mich nicht von einem Mann erhalten lassen.
Lieber will ich ihn erhalten, wenn mir einer gefllt.
    Die Mnner sind nicht so mig dabei, wie man meint, sagte die Alte. Sie
haben auf dem Markt einen wichtigen Dienst zu versehen. Einmal mssen sie ihren
Schottenfellerinnen die Waren in Sicherheit bringen, damit diese, wenn gerade
ein guter Tag ist, wieder ihrer Arbeit nachgehen knnen. Dann mssen sie den
Markt bewachen, nicht blo gegen die Fleischmnner, die dort Aufsicht halten,
sondern oft auch gegen Bekannte, die sich einen Anteil vom Ertrag nehmen wollen
und vorgeben, man habe ihnen den Markt verderbt. Ein Mann hat also oft alle
Hnde voll zu tun, wenn der Markt glcklich ausfallen soll, und einer allein ist
nicht immer Manns genug, denn wenn's Lrmen gibt, die Fleischmnner ber die
Weiber herfallen und sie gefangen nehmen wollen, so mssen die Mnner sie oft
mit Gefahr ihres Lebens befreien.
    Das lt sich eher hren, sagte der Gast.
    Ja, fiel der Zigeuner ein, da ist im Pflzischen drben so ein
vermaledeiter Kerl, der Kastor, der's mit der Kostenbrbel und ihrer Tochter
hlt. Der fhrt eine schne Polizei auf den pflzischen Mrkten, lt die beide
Canaillen unter seiner Aufsicht stehlen, soviel sie wollen; aber andern
ehrlichen Leuten, die ein Geschft machen wollen, pat er um so schrfer auf und
jagt ihnen alles wieder ab, nicht fr das Amt, sondern fr seinen eigenen Sack.
Auf dem Bruchsaler Markt, weit, Margarete, wie wir einmal miteinander dort
gewesen sind, da hat er mich auf einmal mit meinem Namen angeredet und hat mir
mit Verhaftung gedroht, wenn ich ihm nicht sechs Karolin gebe. Unser ganzes
Vermgen bestand damals in einem Schwerttaler und einem Stckchen Wollendamast.
Das hat er uns alles abgejagt und der Margarete noch obendrein ihre Haube mit
feinen Spitzen, die nicht einmal vom Markt und wenigstens fnf Guldenwert war,
und hat uns versprochen, da er's uns auf dem Germersheimer Markt wiedergeben
wolle, wenn wir uns gut halten und ihm die Hlfte unseres dortigen Ertrages
abtreten wollen. Htt ich einen einzigen entschlossenen Mann bei mir gehabt, wie
ihr drei seid, da htten dem infamen Kerl die Ohren sausen sollen.
    Bei einem Nachtgang, bemerkte Schwamenjackel, ist doch mehr
Mannhaftigkeit und auch mehr Spa.
    Die Mutter meint ja nicht, da man die Branche ganz aufgeben soll. Zur
Abwechslung kannst du dir immer wieder einen Spa machen. Aber recht hat sie: es
kommt nicht viel dabei heraus und macht ein Aufsehen, da gleich eine ganze
Gegend davon voll ist und da man viel Berg und Tler zwischen sich und den Ort
schieben mu. Warum haben wir Geld? Warum knnen wir herrlich und in Freuden
leben, heut und alle Tage? Weil wir auf den rheinischen Mrkten gute Geschfte
gemacht haben. Es ist nur schade, da man nicht immerfort in der einen Gegend
bleiben kann. Wenn aber vier zuverlssige Mnner, wie wir, mit unsern Weibern
zusammenstehen, dann knnen wir alle Mrkte im schwbischen und frnkischen
Kreis beherrschen. Keiner darf uns ins Handwerk pfuschen, weil die andern nicht
zusammenhalten, und gehen wir nach einem festen Plan zu Werke, so da immer eine
gute Zeit verstreicht, bis wir auf den nmlichen Markt zurckkommen, dann knnen
wir ungestrt fortarbeiten bis an unser seliges -
    hnfenes Ende! ergnzte Bettelmelcher.
    Das hat keine Gefahr, beim Schottenfellen am allerwenigsten, entgegnete
der Zigeuner.
    Nein, nein, das Projekt ist gut, versetzte Bettelmelcher.
    Wo aber die Kunden herbekommen, an die man die Waren absetzen mte?
fragte der Neuling. Den Kattun oder Damast kann man doch nicht essen oder
trinken.
    Das la deine geringste Sorge sein, erwiderte der Zigeuner lachend.
    In ganz Franken und Schwaben, sagte seine jngere Schwester, gibt's
Pfarrer, Schultheien, Wirte und sonst honette Leute genug, die bei einem
wohlfeilen Einkauf ein Auge zudrcken. Alle Welt verwnscht die Krmer, die auf
ihre Zunftrechte pochen, mit dem hundertfachen Profit nicht zufrieden sind und
das Publikum mit ihren Sndenpreisen betrgen. Wer diesen Schelmen ihren Raub
abjagt, ist den Kufern so lieb, wie den Bauern der Wildschtz, der ihre Felder
bewahrt. Und da wir einmal von einer festen Ordnung reden, so meine ich, man
knnte ebensogut einen planmigen Handel einrichten, feste Preise machen und
vertraute Leute zum Wiederverkauf aufstellen, damit man nicht christlichen und
hebrischen Juden preisgegeben und gentigt wre, jedes Stck gleich wieder zu
verschleudern.
    Davon hab ich eben reden wollen, versetzte die Zigeunermutter, aber meine
Christ - meine Katharine - verbesserte sie sich, kommt mir mit ihrem schnellen
Geist zuvor. Dieser Handel mte jedoch groenteils in Person betrieben werden,
da man von den meisten Unterkufern, wie wir aus Erfahrung wissen, doch nur
betrogen wird und sich nicht hinlnglich gegen sie schtzen kann. Ihr knnt euch
jetzt schon denken, wo ich hinaus will. Wir mten mit unsern Reisen zugleich
einen wandernden Kramhandel fr gemeinschaftliche Rechnung verbinden, der sich
ganz offen in die Karten sehen lassen und viel ehrlicher betrieben werden mte,
als es bei den honettesten Krmern der Fall ist: berall Patente gelst, jedes
Stckchen Ware aufs pnktlichste verzollt, gegen das Gesetz und das kaufende
Publikum durch und durch reell und dabei Preise, die jede Konkurrenz schlagen
mssen! Das knnen wir. Es fehlt gar nichts, als da wir in der Gesellschaft ein
Mitglied haben - Und dazu ist unser Freund Schwan wie gemacht! rief ihr Sohn
dazwischen.
    Das will ich ja gerade sagen! rief die Alte eifrig. Man darf unsern
Freund nur ansehen. Wenn er Sonnenwirt wre an seines Vaters Statt oder sonst
ein offenes Geschft htte, oder mit einer Kramkiste umherreiste, wie ja
frnehme Krmer mit den kostbarsten Waren hausieren - wer wrde einem Mann von
solch aufrichtiger Physiognomie, von solch leutseligem und bescheidenem Betragen
nicht sein Vertrauen schenken?
    Schnes Kompliment! rief Bettelmelcher lachend. Das heit mit andern
Worten: wir sehen aus wie Spitzbuben und er wie ein Biedermann.
    Alles in seiner Art, sagte die Alte, und jeder an seinem Platz! Was kann
unser Freund fr sein Gesicht? Er sagt, er sei um sein Mtterliches gebracht
worden. Oh, das ist ein groer Irrtum! Sein Mtterliches guckt ihm aus dem
Gesicht heraus. Die meisten Menschen sehen blo ihrem Vater hnlich, und die
Mnner verhrten sich im Leben, das kann nicht anders sein. Wenn aber einer
etwas von seiner Mutter hat, so braucht man die Frau gar nicht gekannt zu haben,
man sieht's auf den ersten Blick, und wenn er noch so finster und grimmig
dreinschaut. Ich verstehe mich auf Physiognomien. Das ist ein Gesicht, mit dem
es alle, die sich ehrliche Leute nennen, gern zu tun haben, denn man merkt ihm
gleich den Deutschen und, was noch mehr sagen will, den Schwaben an.
    Die Augen der Alten ruhten bei diesen Worten mit einer brennenden Wrme auf
ihm, als ob ihr altes Herz sich noch von jugendlichem Liebesfeuer durchglht
fhlte. Es belstigte ihn, es lcherte ihn, und dennoch tat es ihm wohl. Erst
als ihre ltere Tochter den Ausspruch der Mutter mit ttlichen Beweisen der
Zustimmung begleiten wollte, fhlte er einen wirklichen Widerwillen und rckte
von ihr weg, wie die jngere vorhin sich von ihm entfernt hatte.
    Die Mutter hat zwei Deutsche zu Mnnern gehabt, sagte der Zigeuner
lchelnd zu seinen Gesellen. Das verbirgt sich nicht. Aber ihr Vorschlag
scheint mir gut.
    Trs bon, sagte Bettelmelcher, das Projekt ist insidis.
    Schwamenjackel sagte nichts, sondern schaute gedankenvoll durch die leere
Flasche, die er sich vor die Augen hielt. Die stumme Kundgebung bewog seinen
Genossen, dem versumten Schenkendienste gewissenhaft wieder obzuliegen.
    Was sagst du zu dem Antrag, Bruder Schwan? wendete sich der Zigeuner an
den Gast.
    Ich rechne mir euer Zutrauen zur Ehre, antwortete dieser, aber ich wei
nicht, ob ich auf den Posten tauge.
    Zweifel und Bedenken ber deine Fhigkeit lassen wir nicht gelten, da gib
dir nur gar keine Mhe, erwiderte der Zigeuner. Es fragt sich blo, ob du Lust
und Liebe hast, dich zu einem gemeinsamen Geschftsbetrieb mit uns zu verbinden,
und ich denke, die Antwort sollte dir nicht schwer werden. Du weit, ich hab
dich schon von Hohentwiel aus mitnehmen wollen, und es hat mir nicht gefallen,
da du durchaus nach Ebersbach gewollt hast. Jetzt seh ich's noch viel
deutlicher ein, da dein Herumhocken in dieser Gegend zu nichts Gutem fhren
kann. Deine Hartnckigkeit bringt dich gewi noch an den Gppinger Galgen. Mach,
da du in eine andere Luft kommst; es ist allenthalben etwas zu verdienen. Und
was ist das fr eine Existenz, fr Leben und Sterben hier und da ein Stck
Fleisch oder Brot aus einem Haus zu holen und den Hals dabei zu riskieren, oder
einem Brenner aus Malice, weil er einen elenden Fusel hergegeben hat, den
Brennhafen fortzuschleppen, den man unterwegs liegen lassen mu! Das mag, wie
gesagt, zur Abwechslung dann und wann recht sein, wenn nicht viel dabei auf dem
Spiel steht, aber fr einen Mann von deinen Gaben - nimm mir's nicht bel,
Schwan, du weit, ich pflege offen zu reden, und als dein Freund und
Kriegskamerad brauch ich kein Blatt vor den Mund zu nehmen -, fr einen Mann,
der, wie du, zu etwas Besserem bestimmt ist, ist es ein erbrmliches Handwerk.
Ich sag dir, es ist unter deiner Wrde, und wieviel du Seide dabei gesponnen
hast, wirst du selbst am besten wissen.
    Der Gast warf einen unwillkrlichen Blick auf seine abgetragenen Kleider,
der dem Redner gestand, da er ihm recht geben msse.
    Hanf aber, fuhr dieser fort, kannst du dabei gerade so viel spinnen, wie
bei den schnsten Unternehmungen, die sich der Mhe und Gefahr wenigstens
verlohnen. Meinst du, wenn sie dich kriegen, so werden sie mit ihren
lateinischen Ausdrcken, die auf alles passen mssen, groe Unterscheidung
machen? Mich wundert's nur, da sie dich nicht schon lngst am Fittich haben,
und es geschhe dir recht; denn wie du ihnen unter der Nase herumvagierst, das
ist kein Mut, das ist Wahnsinn! Bei uns ist ganz anders fr deine Sicherheit
gesorgt. Wir wissen in aller Herren Lndern jedes Pltzchen, wo man sich ruhig
niederlassen kann.
    Ist denn das zum Beispiel hier der Fall? unterbrach ihn der Gast.
    Freilich! rief der Zigeuner. Die Frage beweist, wie wenig du die Welt
noch kennst. Hier sitzen wir auf edelmnnischem Boden und sind so sicher, wie
das Kind im Mutterleib, whrend du in deiner Unkenntnis mit ein paar Schritten
ins Wrttembergische taumelst, wo die Leute dumm sind und die Beamten, wie du
selbst erzhlst, sich kein Gewissen daraus machen, einem seine eigenen Kinder
als Lockwrmer an die Angel zu stecken, um den Fisch damit zu fangen. Auch haben
wir berall unsere vertrauten Leute, die uns Nachricht geben, wenn etwas gegen
uns los ist. Und wenn je einmal eins von uns den Fu bertritt und in die
unrechten Hnde gert, so gibt es auch Mittel und Wege, ihm wieder aus der Falle
zu helfen. Das alles geht dir ab, solang du wie ein Irrlicht allein und auf
eigene Faust umherflackerst Und was fr Ehre hast du davon, dein kmmerliches
Leben immer und ewig um dein einfltiges Ebersbach herum zu fristen, wo alles
schreit: Der Dieb, der schlechte Kerl, der Sonnenwirtle ist wieder einmal
dagewesen und hat dies und das gestohlen! Wenn du in unsere Gesellschaft
eintrittst, so hrst du ganz andere Titel, da bist du allen ein lieber werter
Freund, wirst wegen deines Mutes, wegen deines Verstandes, wegen deiner Treue
geliebt, geachtet, bewundert, auf den Hnden getragen. Du hast einmal auf einen
wunderlichen Adjutanten zu Hohentwiel das Bibelwort angewendet: Es ist dem
Menschen nicht gut, da er alleine sei. Das pat nicht blo darauf, da er eine
Gehilfin haben sollte, es pat auch auf das Handwerk, das er treibt, er mu auch
darin seinesgleichen um sich haben, bei denen er Beifall und Aufmunterung
findet, denn sonst ist's ein Hundeleben.
    Das ist sehr wahr! rief der Gast, von dieser Bemerkung ergriffen.
    Bei uns findest du keinen Brotneid, keine Unterdrckung, wie in der
honetten Welt drauen. Du bist uns mit deinem Kopf und Arm willkommen, und wir
bedrfen deiner, wie du unserer bedarfst. Unsern Ertrag teilen wir ehrlich und
redlich, und wenn einer vor den andern eine besondere Mhe auf sich genommen
hat, so wird ihm ein verhltnismig grerer Anteil zuerkannt. Einen Leutnant,
der das Beste an sich reit und die andern als seine Untergebenen behandelt,
gibt es nicht bei uns. Wer die beste Meinung geltend machen kann, dessen
Anschlag wird befolgt, und was gemeinsam beschlossen ist, wird in strenger
Ordnung ausgefhrt. Auerdem aber leben wir als freie Leute auf gleichem Fu
miteinander.
    Und immer in Floribus! fiel Bettelmelcher ein, indem er die Flasche
schwang und dem Gaste reichte.
    Leuchtet dir aber die Wahrheit deines Sprchleins auch im anderen Punkte
ein, hob der Zigeuner wieder an, und mchtest du eine Gefhrtin haben, die in
deinen neuen Lebenslauf pat, so hast du, ohne Ziererei gesprochen, zwischen
meinen Schwestern die Wahl. Du wirst sie, denk ich, beide nicht bel gefunden
haben. Eine abschlgige Antwort hast du nicht zu befrchten; ich brge dir nicht
blo fr die Freundliche, sondern auch fr die Trutzige, die mir ein herbes
Gesicht fr meine Rede macht. Auch findest du nicht einmal einen Nebenbuhler,
denn beide sind frei, Freund Bettelmelcher aber ist versehen und schwrt nicht
hher als auf seine Marianna, die zrtliche Taube, die auch mit uns fliegen
wird, und Freund Schwamenjackel macht dir nicht die mindeste Konkurrenz. Der hat
statt des Herzens eine zweite Leber, oder wenn's je ein Herz ist, so ist es fr
die Weiber unzugnglich: keine Schottenfellerin wird es einsacken, keine
Schrendefegerin wird hineinsteigen.
    Schwamenjackel grunzte, und die andern brachen in ein Gelchter aus.
    Sollten jedoch beide keine Gnade vor deinen Augen finden, setzte der
Zigeuner hinzu, so drfen sie dir kein saures Gesicht machen, wenn du eine
andere whlst. Ich hab dir's ja schon frher gesagt: in Bickesheim bei Rastatt,
am groen Wallfahrts- und Jahrmarktstage, da kannst du alles beisammen finden,
was zu unserer Verwandtschaft gehrt, und noch viel andere mehr, den Hannobel,
den Josephle, den Tonele, den Frischholz, die Bebe, das Suphile, die Lisa, den
Leopold, den Baron Stihl, den Buchdrucker und seine Hammelschwnzin, den Peter
Paul, den Jgerkasperle, fast alle mit Familie und Mdels genug. Da hast du eine
groe Auswahl, und welche dir gefllt, die mu uns recht sein. Ich kann dir aber
voraussagen, da dir auer meinen beiden Schwestern hchstens noch die Lisa
gefallen wird; denn diese drei gelten bei Freund und Feind fr die drei grten
Schnheiten zwischen Rhein und Donau. Die Marianna ist die vierte und sticht
vielleicht alle drei aus, aber die lt von ihrem Herzblatt nicht. Die Lisa hat
zwar einen Mann, dem sie aber lngst wegen seiner Schneidercourage den Laufpa
gegeben hat. Er ist ein Landsmann von dir, aus dem Maulbronner Oberamt gebrtig
und bei uns unter dem Namen Schneidermichel bekannt.
    Den kenn ich von Ludwigsburg her, sagte der Gast.
    Ja, sie haben ihn um etlicher Kalamitten willen ins Zuchthaus gesteckt und
seitdem, wie ich hre, unter ein Grenadierbataillon gestoen.
    Die Mdchen lachten.
    Der wird eine schne Figur machen, sagte die jngere.
    Er hat freilich weder das Pulver erfunden, noch wird er's gern riechen,
bemerkte der Gast. brigens ist er sonst ein guter Kerl.
    Die ltere begann ber die abwesende Lisa, in der sie eine Mitbewerberin
frchten mochte, hmische uerungen auszustoen, die aber von der jngeren
krftig abgewehrt wurden. Dieser trat auch die Mutter bei und erklrte mit
Lebhaftigkeit, die Geschmhte sei ihre Schwestertochter, sie habe sie so lieb
wie ihre eigenen Kinder und wnsche sie so gut wie diese mit einem wackeren
Manne, wie Herr Schwan, versorgt zu wissen.
    Das ist brav, sich der Abwesenden anzunehmen! sagte dieser, indem er
seiner jngeren Nachbarin auf den Nacken klopfte, wobei er sich beredete, da er
die viele Freundlichkeit, die ihm in Worten und Werken erzeigt werde, doch auch
in irgendeiner Weise erwidern msse. Die Zigeunerin aber schien nicht mit dieser
Art der Erwiderung einverstanden zu sein, sondern stie ihn heftig zurck, wozu
sie sich wohl noch mehr durch das zudringliche Betragen ihrer Schwester als
durch seine Khnheit herausgefordert fhlen mochte.
    Hoho! rief ihr Bruder, auf einen Puff gehrt ein Ku, das ist in den
Wldern so gut wie in Stdten und Drfern Sitte, und damit der Feuerteufel von
einem Weibsbild keinen Ausweg hat, so schlage ich vor, da wir jungen Leute mit
diesem Gaste Bruder- und Schwesterschaft trinken.
    Der Vorschlag fand allgemeinen Beifall, die Flasche ging in die Runde, und
der Freundschaftsbund wurde von den Mnnern mit einem Handschlag, von den beiden
Mdchen je mit einem Kusse besiegelt. So feurig aber die ltere diese
Gelegenheit benutzte, um ihre Wnsche kundzutun, so deuchte den Gast der rasche
Ku, mit welchem die jngere einen Augenblick seine Lippen zusammenprete, weit
inniger zu sein, und ein heier Strahl aus ihren dunkeln Augen sagte ihm, da
sie der Bezeichnung, die ihr Bruder ihr soeben gegeben, zu entsprechen vermge.
Doch ri sie sich gleich wieder von ihm los und setzte sich ruhig auf ihren
Platz.
    Eine solche Bue, sagte er, kann ich mir fr die Sprdigkeit wohl
gefallen lassen. Weil mir's aber doch scheint, da es der Jungfer schwer fallen
will, dieselbe gegen mich abzulegen, und weil ihr mich alle vorhin wegen meiner
Standhaftigkeit gelobt habt, so will ich nur gestehen, da mein Weib zu dieser
Stunde vor dem Wald, wo ich sie hinbestellt habe, auf mich warten wird. Mein
Weib hei ich sie, obgleich wir's mit aller Mhe nicht dahin gebracht haben,
miteinander vor den Altar zu kommen. Somit wei ich auf das liebreiche
Anerbieten weiter nichts zu antworten, als dieses: wenn's in eurer Gesellschaft
nicht vielleicht Sitte ist, da einer zwei und mehr Weiber hat, wie die alten
Erzvter in der Bibel, so mu ich eben danken, weil ich schon versehen bin.
    Er konnte es nicht unterlassen, diese Erffnung mit einem sphenden Blick
auf seine Nachbarin zu begleiten, und hatte die Genugtuung, zu sehen, da sie
ihr Gesicht nicht so vllig in der Gewalt hatte, um die unwillkommene
berraschung ganz verbergen zu knnen.
    Das ist freilich was anderes, versetzte der Zigeuner. Bis jetzt ist die
Vielweiberei bei uns nicht im Schwang gewesen. Die Mnner wrden sich vielleicht
gar nicht ungern dazu verstehen, aber die Weiber finden sie nicht nach ihrem
Geschmack. brigens ist es schade, da du uns nichts von der Ankunft deiner Frau
gesagt hast: wir haben ja beinahe nichts mehr brig, was man ihr anbieten
knnte. Da du unser Gast bist, so darfst du dich nicht bemhen. Freund
Bettelmelcher ist gewi gern so galant, sie abzuholen und in unsre Mitte
einzufhren.
    Wie sieht sie denn aus, damit ich nicht die Unrechte bringe? fragte dieser
neugierig lchelnd, indem er sich zum Fortgehen anschickte.
    Christinens Freund empfand eine seltsame Verlegenheit. Sie sieht aus, wie
die Leute aus der Umgegend, sagte er, nachdem er einen Augenblick vergebens
nach einer passenderen Beschreibung gerungen hatte.
    Geh nur, Schelm! rief der Zigeuner lachend. Meinst du denn, du werdest
einen Markt voll Weiber vor dem Walde finden? - Wir mssen eben einmal die Probe
mit ihr machen, wie sie sich bei uns gefllt, fuhr er fort, nachdem jener sich
entfernt hatte. Wir beweisen dir eine groe Rcksicht, Bruder, und gehen weit
von unseren gewohnten Grundstzen ab, wenn wir deine Frau in unsere Gesellschaft
aufnehmen. Was die Mnner betrifft, so halten wir's nicht gar streng mit den
Deutschen, selbst wir Zigeuner nicht, die wir uns noch am meisten abzuschlieen
pflegen. Meine Mutter ist, wie du weit, mit Deutschen verheiratet gewesen.
Unsre beiden Freunde hier sind gleichfalls Deutsche, wenigstens dem Aussehen
nach, denn ihr Stammbaum ist ihnen selbst nicht recht bekannt. Welche Aufnahme
du bei uns gefunden hast, das weit du selbst. Gegen die deutschen Weiber aber
besinnen wir uns dreimal, bis wir eine zulassen.
    Aber nicht, weil wir eiferschtig sind! rief seine jngere Schwester
trotzig dazwischen.
    Nein, das sind wir nicht! stimmte die ltere mit einem spttischen
Gelchter ein.
    Die deutschen Weiber, sagte die Alte, sind nicht zu unserem Leben erzogen
und taugen deshalb selten dazu.
    Sie sind, ergnzte ihr Sohn, einen Augenblick aus dem Tone guter Lebensart
fallend - sie sind in der Regel dumme Hunde, die zu nichts zu gebrauchen sind.
    Es rauschte im Walde, und man hrte das Zirpen einer Grille, das der
Zigeuner mit dem gleichen Laut beantwortete. Gleich darauf erschien
Bettelmelcher, eine Frau am Arme fhrend oder vielmehr nach sich ziehend. Es war
Christine, die ihm ngstlich und mit sichtbarem Mitrauen folgte. Sie machte
groe Augen, als sie ihren Frieder zwischen den beiden Schnheiten sitzen sah,
von welchen ihr Begleiter vermutlich nichts gesagt hatte. Dieser rechtfertigte
das Lob, das der Zigeuner ihm zuerkannt hatte: er fhrte seine Anbefohlene mit
fratzenhafter Galanterie herbei und sagte kratzfuend, indem ein leises, aber
unbeschreiblich boshaftes Lcheln in seinen Mundwinkeln stand: Habe die Ehre,
Madame Schwan der Gesellschaft zu prsentieren.
    Christine zog ihren Arm aus dem seinigen und trat zu ihrem Manne. Wo
steckst denn so lang? fragte sie weinerlich. Lt mich eine geschlagene Stund
vor'm Wald da warten, da ich schier am Umsinken bin,
    Nun, so setz dich, erwiderte er etwas unmutig, bist ja jetzt bei mir.
    Die jngere Zigeunerin rckte zuvorkommend und zog Christinen zu sich
nieder, so da sie zu ihrem Manne zu sitzen kam. Freilich war der Platz nach der
anderen Seite hin nicht sehr vorteilhaft fr sie, sofern sie die Vergleichung
mit ihrer jngeren, schneren und reizend gekleideten Nachbarin aushalten mute.
Friedrich wute, da die Gesellschaft stille Blicke unter sich wechselte, die
das Ergebnis dieser Vergleichung aussprachen. Er sah die Blicke nicht, aber er
fhlte sie.
    Aus Rcksicht auf den neuen Gast wurde die Unterhaltung, zu welcher man sich
bisher der jenischen Mischsprache, untermengt mit modischen Brocken, bedient
hatte, nun ganz deutsch gefhrt, wollte aber nicht recht in Gang kommen. Man bot
Christinen, deren schlaffe Zge Mdigkeit und Hunger verrieten, von den
berbleibseln des Essens an; sie geno einige Bissen, stie aber bald die Speise
zurck und klagte ber belkeit. Der dienstfertige Mundschenk bot ihr die
Flasche; sie trank gierig, fand aber den Wein zu stark, lehnte sich an ihren
Mann und klagte, der Kopf schwindle ihr. Der Zigeuner suchte ihr eine bequeme
Lagerstelle aus, breitete ein Tuch zur Unterlage fr den Kopf auf den Boden und
redete ihr zu, sich zur Ruhe zu legen. Sie betrachtete den Pfhl mit kaum
verhehltem Widerwillen, entschlo sich aber doch, sich seiner zu bedienen, legte
sich hin und war oder schien bald eingeschlafen.
    Du hast's also nicht zur Kopulation bringen knnen, Bruder? fragte
Bettelmelcher, als die Gesellschaft wieder vertraulich, wie nach einer
berstandenen Strung, beisammen sa.
    Nein, antwortete der Gast und erzhlte ausfhrlicher als vorhin die
Geschichte seiner vergeblichen Bemhungen um den kirchlichen und hiemit zugleich
brgerlichen Segen fr sein eheliches Band.
    Dafr wei ich Rat, sagte sein neuer Freund; wenn's dir immer noch darum
zu tun ist, so kann ich dir einen Pfarrer angeben, der dich um Geld und gute
Worte ohne Anstand kopuliert. Er ist ein Schulkamerad von mir, du brauchst ihm
nur einen Gru von mir zu sagen.
    Wo ist er? rief der Gast voll Feuer und Flamme. Das Wort hatte bei ihm
eingeschlagen wie ein Blitz, und ber der Aussicht auf ein Ziel, dem er so lange
umsonst nachgejagt, auf die Mglichkeit, dem ganzen Flecken Ebersbach nebst
Pfarrer und Amtmann zum Trotz den Eid zu halten, wegen dessen er einst vom
Kirchenkonvent gestraft worden war, und seine Heirat zu vollziehen, ber dieser
Aussicht verga er alle Reize, die ihn zum Eintritt in eine neue Welt lockten
und die unscheinbar gewordene erste Liebe verdunkelten. Wo ist der Pfarrer,
Bruder? fragte er wiederholt den Freund, der durch ein so nahes Verhltnis zu
einem Manne von ehrwrdiger Stellung in seinen Augen nicht wenig gestiegen war.
    Wurst wider Wurst! antwortete Bettelmelcher, den der Zigeuner still
angesehen hatte, mit schlauem Lcheln. Wenn du einmal der unsrige bist, so hab
ich kein Geheimnis mehr vor dir.
    Nein! rief der Zigeuner mit dem Tone der Billigkeit, man mu einem
Menschen nicht Hnde und Fe binden. Wir sind freie Leute, und wenn er zu uns
treten will, so soll es sein eigener freier Wille sein. Du mut deinen Preis
annehmlicher stellen.
    Wohlan also, sagte Bettelmelcher nach einem verstohlenen Blick auf
Christinen, die wirklich schlief, wenn du uns zu der ersten greren
Unternehmung, die wir ausfhren, deinen Kopf und deinen Arm versprichst, so
kannst du ber meine Zunge verfgen. Mehr verlang ich nicht.
    Es gilt! rief der Gast aufspringend, hier ist mein Wort und meine Hand!
    Die drei andern Mnner sprangen ebenfalls auf die Beine, und einer nach dem
andern empfing seine dargereichte Hand zu einem krftigen Druck.
    Und ich, rief der Zigeuner, leiste hiemit Brgschaft fr ihn, da er sein
Wort halten wird. Wenn das geschehen ist, wandte er sich zu ihm, so bist du
nicht weiter gebunden, und es steht ganz in deinem Belieben, ob du bei uns
bleiben willst oder nicht. Auch sollst du dich zu keinem Unternehmen
verpflichtet haben, das nicht nach deinem Sinn wre.
    Sie setzten sich wieder, und zur Besiegelung des Gelbdes kreiste noch
einmal die Flasche mit der Neige aus dem Fchen, das nun vllig auf dem Kopfe
stand.
    Den Pfarrer, von dem ich dir gesagt habe, vertraute nun Bettelmelcher dem
Gaste, als er bemerkte, da dieser ihn erwartungsvoll ansah, den triffst du in
Dinkeltheim bei Schwbisch Hall.
    Gut! Ich habe mit meinem Weib morgen einen Handel in Gmnd zu machen, und
von da wollen wir gleich den Stab weiter setzen. Sowie ich zurckkomme, steh ich
euch zu Diensten. Ob's ein Marktgang ist oder ein Unternehmen, wo man das Fell
einsetzt und die Haar davonfliegen, gilt mir gleich. Nur eins beding ich mir
aus: einem Unschuldigen will ich nichts zuleid tun, aber gebt mir eine
Gelegenheit, da ich dieser schnden, falschen Welt mit ihrem Geiz und Hochmut,
mit ihrer Unterdrckung und verlogenen Ehrbarkeit das Herz aus ihrem
eigenntzigen Leib herausreien kann - und wenn's den Kopf kostet, ihr sollt
mich kennenlernen.
    Bravo, Bruder Schwan! rief der Zigeuner. So denken wir auch!
    Die Gelegenheit sollst du haben! rief Bettelmelcher. Meinst du, du seiest
allein unterdrckt? Ich knnte jetzt so gut Pfarrer sein, wie der Pfaff, der dir
die Kopulation abgeschlagen hat, ich hatte schon ein wenig zu studieren
angefangen, da hat mich ein betrgerischer Vormund um all mein Hab und Gut
gebracht.
    Ich hab auch noch mit einem solchen abzurechnen! rief das halbgeworbene
Mitglied der Bande.
    Was sind Bedrckungen des einzelnen gegen die Verfolgungen, die mein ganzer
Stamm erfahren hat! hob die alte Zigeunerin an. Vor ein paar hundert Jahren
sind unsere Vorfahren aus fernen Landen weit im Osten durch Krieg und Not in
dieses Land gekommen, wo eine blssere Sonne scheint. Sie haben sich friedlich
in den Wldern aufgehalten, haben von den Leuten geheischen, was sie zu ihrer
Notdurft brauchten, und haben in guter Freundschaft mit ihnen gelebt. Dann haben
bse Menschen Mitrauen und Hader gest, und seit mehr als hundert Jahren wird
unser Stamm verfolgt, so da keins von uns sein Haupt ruhig auf den Boden legen
kann. Jedes friedliche Fortkommen ist uns abgeschnitten, als ob wir nicht auch
Christen und Kinder Gottes wren, die gelebt haben mssen, und wir mgen unsere
Nahrung suchen, wie wir wollen, so sind wir dafr von Mutterleib an zum Tod
verurteilt. Drei Mnner hab ich nacheinander gehabt, keinen lang: alle drei sind
am Galgen gestorben. Zwei Schwestern und ein Bruder sind den gleichen Todesweg
gegangen; die dritte Schwester hat sich zu Karlsruhe im Gefngnis erhenkt, denn
Freiheit ist unsere Lebensluft. Von zwei Mnnern meiner Schwestern ist einer
durch das Schwert, einer durch den Strang gestorben. Ein Sohn, zwei
Schwiegershne, eine Schwieger- und eine Schwestertochter sind gehenkt, zehn
Mnner, mit mir verschwgert oder verwandt, desgleichen gehenkt, gekpft,
gerdert, auf hundertundein Jahr auf die Galeere angeschmiedet. Einen Mann,
einen Bruder, einen Sohn und einen Tochtermann hab ich mit eigener Hand vom
Galgen geholt und unter heien Trnen und Gebeten begraben. Bei den andern hat's
nicht sein mgen. Und nun betrachtet mein Los und wagt noch ber euer eigenes zu
klagen.
    Mit niedergebeugtem Kopfe und gramdurchfurchtem Antlitz sa sie da, die
Hekuba eines gechteten Stammes. Der Gast konnte kein Auge von ihr wenden, wie
sie die Blicke vor sich in den Boden bohrte. Weit entfernt, in ihren Erlebnissen
ein abschreckendes Beispiel zu sehen, fhlte er eine tiefe Teilnahme fr sie und
die verwaisten Mdchen, die schon so frh den versengenden Frost des Lebens
kennengelernt. Freilich verschwieg sie weislich, da ihr Volk keineswegs ohne
eigene Schuld in den deutschen Landen Schutz und Gastfreundschaft verwirkt
hatte; da zwei ihrer Mnner diesem Volke nicht angehrt, berging sie
gleichfalls mit Stillschweigen; und durch welche Taten so viele der Ihrigen von
einer freilich rohen, aber zum Kampfe auf Leben und Tod gentigten
Staatsgesellschaft sich ein schauerliches Ende zugezogen, das schien sie gegen
ihre Erlebnisse nicht in die Waagschale zu legen.
    Lat mich reden! rief Schwamenjackel, seine Worte mit heiserer Stimme kurz
hervorstoend. Mein Vater, der mich erzogen und geboren hat -
    Ungeachtet des furchtbaren Ernstes, den die Unterredung angenommen, kmpfte
ein unterdrcktes Lachen in der Brust der Mdchen, die das Gesicht abwandten,
und die Mnner bissen sich auf die Lippen, um ihren Gefhrten nicht durch einen
unzeitigen Ausbruch zu stren.
    Mein Vater, fuhr Schwamenjackel fort, ist zu Alpirsbach auf dem
Schwarzwald gerdert worden, und ich hab als ein zwlfjhriger Bube hart dabei
zusehen mssen und bin nachher ins Zuchthaus gesteckt worden. In meinem ganzen
Leben verge ich's nicht und will's auch nie vergessen. Ich be mein Gedchtnis
mit Flei, da es mir die Ste des schweren, mit Blei ausgefllten Rades und
das Krachen der Glieder immer wieder als gegenwrtig vorstellen mu: erst den
rechten Fu und den linken Vorderarm, dann den linken Fu und den rechten
Vorderarm, dann den rechten Schenkel und den linken Oberarm, dann den linken
Schenkel und den rechten Oberarm, und endlich, wenn sie's leidlich machen, den
Gnadensto auf die Brust. Meinem Vater ist's aber nicht so gut geworden:
lebendig haben sie ihn aufs Rad geflochten, stundenlang chzen und sthnen
lassen in der greulichen Marter, bis sie ihm endlich den Kopf abgeschnitten und
auf den Pfahl gesteckt haben. Und dabei haben die Pfaffen immerfort in ihn
hineingeschrien und ihm ihre Kreuze unter die Nase gestoen. Das halt ich mir
tagtglich vor, damit mich kein dummes Mitleid bermannt -
    Ein entsetzlicher Schrei unterbrach ihn. Alle sprangen auf und sahen sich
um. Es war Christine, die unruhig geschlafen und, von der rauhen Stimme
Schwamenjackels erweckt, seine Worte noch halb gehrt hatte. Mein Herz! rief
sie, ihre Hnde auf der Brust zusammendrckend, mein Herz! Das ist ja zu
grlich! Es bringt mich um.
    Sei ruhig, Christine! rief Friedrich, der selbst etwas bleich geworden
war, und eilte zu ihr. Sie sah ihn wild an und erholte sich erst allmhlich. Es
ist ja nur von vergangenen Dingen die Rede, sprach er ihr zu. Sieh, ich bin
bei dir, und meine Freunde haben mir einen Pfarrer genannt, der uns trauen will.
Sei munter, jetzt geht's endlich zur Hochzeit!
    Hochzeit? sagte sie, ich hab gemeint, es sei - von etwas anderem die
Rede. Hab ich denn so schrecklich trumt?
    Er wiederholte ihr, da er gleich am nchsten Tage mit ihr zur Trauung
wandern werde. Ihr Angesicht belebte und erheiterte sich nach und nach. Ist's
denn wirklich wahr? sagte sie, soll ich endlich einmal mit dir vor den Altar
kommen?
    Sieben Jahre so lang wird's jetzt sein, da wir das erstemal miteinander
vor Kirchenkonvent gewesen sind - sieben Jahre hab ich mir's um dich sauer
werden lassen mssen, wie der Erzvater Jakob um die Rahel, und jetzt ist's
endlich gewonnen.
    Gelt, und darber bin ich zur Lea worden? sagte sie, einen scheuen Blick
um sich werfend. Sie starrte die Gesellschaft an, wie wenn sie sie noch nie
gesehen htte, und drngte ngstlich fort. Er erklrte sich bereit, mit ihr zu
gehen.
    Wir wollen jetzt auch zur Ruhe, versetzte die Alte.
    Der Hitzling ist hinab, sagte ihr Sohn, gen Himmel deutend, die Glanzer
sind aufgegangen.
    Und der Jaim ist geschwcht, setzte Bettelmelcher hinzu, indem er das
Fchen mit einem Futritt auf den Boden schleuderte.
    Beim Abschied wurde der Gast in jenischer Sprache aufgefordert, sich bald
wieder auf dieser Stelle einzufinden, wo er die Gesellschaft noch eine Zeitlang
gelagert finden werde. Er gab sein Wort. Der Zigeuner bot ihm Kleider an, da
ihre Garderobe reich versehen sei und er den kleinen Vorschu bei Gelegenheit
wieder erstatten knne. Er nahm das Anerbieten an und wurde alsbald mit einer
vollstndigen Kleidung versehen, die ihm fr die Hochzeitsreise sehr zustatten
kam. Christinen wurde nichts angeboten, und er scheute sich, etwas fr sie
anzusprechen. Bettelmelcher gab ihm noch genauere Anweisung ber den Pfarrer,
der ihn trauen sollte; er nannte ihm seinen Namen und beschrieb ihm seine
Wohnung so genau, da er nicht fehlen konnte.
    Als das Paar sich miteinander entfernt hatte, blickte sich die Bande eine
Zeitlang stillschweigend an; dann sagte der scheele Christianus: Er ist reif,
und dir, Frau Schwester, gratulier ich zu der Eroberung. La du ihn zur Hochzeit
und Kopulation gehen, er hlt's bei dem Bauernmensch keine acht Tage mehr aus.
    Woher weit du denn, da ich ihn will? fragte seine jngere Schwester.
    Er lachte.
    Was er fr einen groen Kopf hat! sagte sie.
    Das Bild der Tatkraft! rief er. Verstelle dich nur nicht, ich hab in
deine Augen gesehen und auch in die seinigen. Du mut das Band werden, das ihn
an uns fesselt.
    Eine Messe la ich lesen, wenn's gelingt und du wieder einmal versorgt
bist, sagte die Alte.
    Amen, erwiderte ihr Sohn und bekreuzte sich andchtig.
    Die Altmutter hat recht, bemerkte Bettelmelcher, er hat etwas Solides in
seinem Aussehen und knnte treffliche Geschfte fr uns machen.
    Ich bin ihm nicht feind, versetzte der Schwamenjackel, und doch ist in
seinem Gesicht etwas, das mir nicht ganz gefllt. Ich wei nicht, was in dem
Mtterlichen fr ein Vorzug liegen soll. Was die Deutschen von ihren Mttern
haben, das ist in der Regel eine butterherzige Dummheit, und ich will deshalb
nur wnschen, die Altmutter mge diesmal fehlgeschossen haben. Habt ihr's nicht
gesehen, wie er ber der Beschreibung des Rderns erblat ist?
    Ich kenne ihn, erklrte der Zigeuner mit entschiedenem Tone. Er steht am
Graben und besinnt sich. Wenn er nicht mehr rckwrts kann, so springt er und
fragt nicht, wie breit oder wie tief. Aber aus den Augen drfen wir ihn nicht
mehr lassen. An seinem Mut ist nicht zu zweifeln, er hat Mut wie der Teufel;
aber auch der Mut will gebt sein.
    Und ein tchtiges Probestck, versetzte Bettelmelcher, mssen wir ihm
vorlegen, da die Haar davon fliegen, wie er selber sagt. Ich wei nicht mehr,
welcher Knig es war, der ber Meer in ein fremdes Land einfiel: als er gelandet
hatte, verbrannte er seine Schiffe hinter sich, damit seinen Leuten das Heimweh
verging.
    Ja, auf diese Weise bringen wir ihn am besten aus der Gegend fort, dann
wird er lustiger anbeien.
    Um den Preis will ich mich zu einer Ausnahme von meiner Regel verstehen,
sagte die Alte. Hier herum werfen die Mrkte ohnehin nicht so viel ab, da ich
Lust htte, bald wiederzukommen und Sohn und Tochter zu riskieren, fr die hier
keine gesunde Luft ist.
    Whrend sie so miteinander redeten, fhrte der Gegenstand ihrer Gesprche
Christinen nach dem Hofe, wo er ihr einen Aufenthalt verschafft hatte. Er wute
sie unterwegs notdrftig ber die Gesellschaft, in der sie ihn getroffen, zu
beruhigen, was ihm diesmal leichter gelang, wie die Aussicht, endlich sein
rechtmiges Weib zu werden, in ihr alles andere berwog. Auch ihm gab dieser
Gedanke neue Schwungkraft: er konnte endlich sein Wort halten, seinen Willen
durchsetzen. Aber freilich, um welchen Preis!

                                       33


Querfeldein ber Berg und Tal schweifend, pilgerte gleich am nchsten Tage das
schon so lange verbundene und immer noch nach dem Segen der Kirche drstende
Paar dem Kochertale zu, in dessen Umgebung ihm sein Wunsch erfllt werden
sollte. Wem man aber gesagt htte, da die beiden auf einem Brautgang begriffen
seien, der wrde sie verwundert angeschaut haben: der Hochzeiter war, wenn auch
sein Gesicht von den Mhseligkeiten des Lebens zeugte, in der Blte der
Mannesjahre und schritt im blauen Rock, im rot-, blau- und grngestreiften
kalaminkenen Brusttuch (Weste), in den schwarzen Lederbeinkleidern, weien
Strmpfen und neuen Schuhen mit blanken, sthlernen Schnallen gar stattlich
einher, whrend aus der verschossenen, von Hause aus farblosen und rmlichen
Bauerntracht der Hochzeiterin ein verblhtes, mdes Gesicht hervorsah. Bald
waren sie wieder auf dem Rckwege von Thngenthal, denn so schreibt sich der
Name des Ortes, den der eigensinnige Volksmund in Dinkeltheim verwandelt hat,
gleichwie ihm umgekehrt die Residenz des deutschen Ordens, welche Mergentheim
geschrieben wird, zu einem Mergenthal geworden ist. Am Abend des ersten Tages,
da sie wieder in der Richtung nach der Rems wanderten, kehrten sie in einem
Dorfwirtshause ein, um daselbst ber Nacht zu bleiben. Sie waren die einzigen
Gste in der Wirtsstube, wo der Wirt ab- und zuging; im Kabinett saen drei
geistliche Herren, die miteinander tranken und redeten, ohne ihnen
Aufmerksamkeit zu schenken. Kaum hatten sie das Fleisch, das ihnen der Wirt
vorgesetzt, gegessen, so trat ein anstndiger Mann in einem braunen Anzug ein,
desgleichen die Gerber trugen, grte sie freundlich, setzte sich an ihren Tisch
und verlangte gleichfalls ein Nachtquartier. Christine erwiderte den Gru
gleichgltig; Friedrich aber, nachdem er ihn angesehen, mute den Mund zum
Lachen verziehen. Der andere gab ihm einen Wink, zu warten, bis der Wirt die
Stube verlassen; dann fragte er lachend: Nun, wie ist die Kopulation
abgelaufen?
    Erst jetzt blickte ihn Christine nher an und erkannte mit Staunen einen der
Mnner aus dem Walde von Wschenbeuren. Es war in der Tat Bettelmelcher.
    Ganz gut, antwortete Friedrich, aber sehr einfach. Es war eine
Hauskopulation, die dein Pfaff in seiner Stube vorgenommen hat, er wird wohl
wissen warum, und der ganze Akt bestand darin, da er uns geheien hat, wir
sollen einander die Hnde darauf geben, da wir einander in Lieb und Leid nicht
verlassen wollen.
    Nun, ist das nicht genug? versetzte Bettelmelcher mit gerhrter Stimme und
spitzbbischem Augenzwinkern.
    Dann hat er uns einen Kopulationsschein ausgestellt und hat ihn auf mein
Verlangen noch um ein Jahr weiter zurckdatiert, so da unsere Ehe jetzt schier
fr achtjhrig gilt. Der tut alles, was man haben will. Deinen Gru hab ich ihm
ausgerichtet. Drauf hat er gelacht und gesagt: So ist der Spitzbub immer noch
ungehenkt?
    Bettelmelcher lachte.
    Aber du! fuhr Friedrich fort, das ist mir ein sauberer Pfarrer, den du
mir rekommandiert hast, und mir kommen Bedenken, ob die Handlung und der
Trauschein nur auch etwas wert sind. Wir haben zuerst nach dem Pfarrhaus
gefragt, aber da sind wir schn angekommen.
    Ich hab dir ja seine Wohnung angegeben, unterbrach ihn Bettelmelcher,
immer noch lachend.
    Ja freilich, dann hat sich's herausgestellt, da er nicht der rechte
Pfarrer ist, sondern ein abgedankter. Er hat mir selber erzhlt, er hab nur ein
klein's Sple gemacht und sei deswegen gleich weggeschmissen worden. Nun mcht
ich doch wissen, ob ein abgedankter Pfarrer auch noch kopulieren kann.
    Willst du dich denn in Ebersbach huslich niederlassen und dem Amt deinen
Trauschein vorzeigen? fragte Bettelmelcher spttisch.
    Nein, das just nicht.
    Nun, so gib dich zufrieden und sei froh, da du's schwarz auf wei hast.
Das Papier kann dir unter Umstnden viel nutzen, es kann dir statt eines Passes
dienen, und wenn du dich mit deiner Frau einmal in einem fremden Lande irgendwo
setzen willst, so kannst du dich damit legitimieren. Meinst du denn, man frage
berall so genau darnach?
    Ja, wenn's nur ein bile etwas ist, bemerkte Christine, die es als eine
groe Genugtuung empfand, endlich einmal urkundlich, wie auch die Urkunde
beschaffen sein mochte, verheiratet zu sein.
    Friedrich beruhigte sich. Sie zahlten ihre Zeche und gingen bald darauf zu
Bette.
    Morgens fanden sie sich beim Frhstck wieder zusammen, wie Gste, die sich
zufllig in der gemeinsamen Herberge kennengelernt haben. Der hinzugekommene
Genosse machte dem Ehepaar keine Schande: er sah jetzt beim Tageslicht in seinem
braun- und blaumelierten Rocke sehr ehrbar und wohlhabend aus und benahm sich
uerst gesetzt. Man speiste eine Milchsuppe, zu welcher der Wirt silberne
Lffel auflegte. Christine schien sich bei dieser vornehmen Bewirtung behaglich
zu fhlen; sie trat ihrem Manne auf den Fu und flsterte ihm zu: Das ist ein
kostbarer Wirt!
    Beim Fortgehen schlug Bettelmelcher den entgegengesetzten Weg ein, gesellte
sich aber bald auf der Strae wieder zu ihnen. Nun mu man doch auch auf ein
Hochzeitsgeschenk fr die junge Frau mit dem achtjhrigen Kopulationsschein
denken, sagte er lchelnd. Was wr denn etwa nach ihrem Gusto?
    Christine lachte, nicht ungeschmeichelt, und erwiderte, man drfe sich
ihretwegen nicht in Unkosten strzen. Als er aber freundlich in sie drang, zu
sagen, ob sie in ihrem neuen Stande nicht irgend etwas wnsche, versetzte sie,
weniger gegen ihn als ihren Mann gewendet: E Bile erquickt en derle; ich
brauch nicht viel; wenn ich nur ein klein's Pfnnle htt, da ich mir hier und
da etwas Warm's machen knnt.
    Das ist ein bescheidener Wunsch! erwiderte Bettelmelcher lachend, und
doch mu man, wenn man sich auch nur bescheidentlich fortbringen will, die Augen
offen haben und in viele Sttel gerecht sein. Wer trumt und drselt, kommt
nicht weit. Mit silbernen Lffeln speisen, ist wohl angenehm, nicht wahr? Aber
das kann jeder, dessen Eltern so gescheit gewesen sind, ihm eine gute Erbschaft
zu hinterlassen. Wer keine so gescheiten Eltern gehabt hat, der mu selbst den
Verstand brauchen. Ich mchte wohl wissen, ob die junge Frau in dem Wirtshaus da
die Hlfte von dem bemerkt hat, was zu sehen und zu beobachten gewesen ist. So
ein Wirt meint wunder, wie klug er seine Sachen einrichte, und vergit alles
drber, wenn er drei Pfaffen im Kabinett sitzen hat.
    Oh, ich hab auch meine Augen, sagte Christine, die sich durch den Zweifel
an ihrer Beobachtungsgabe verletzt fhlte; ich habe wohl gesehen, wie der Wirt
seine Lffel in ein Schubldle getan hat, nachdem sie ausbraucht gewesen sind,
und wie er das Geld von uns und von den drei Herren in ein Glas in dem nmlichen
Schubldle getan hat, hab auch gesehen, da ein Goldstck in dem Glas gewesen
ist.
    Bettelmelcher sah sie erstaunt mit einem gewissen Ausdruck von Achtung an.
Wahrhaftig, die Frau ist nicht so - trumerisch, wie sie aussieht, sagte er,
sie kann noch brauchbar werden. Er schlug bald nachher einen anderen Weg ein,
um, wie er sagte, seinen Geschften nachzugehen.
    Das Paar setzte seine Wanderung bis in den Nachmittag fort, da stand ein
alter Bettler mit weiem Bart und lang herabhngenden weien Haaren am Wege und
bat um ein Almosen. Wir haben ja selber nichts! fuhr ihn Christine
verdrielich an, whrend ihr Mann nach einer Kupfermnze suchte. Wenn das der
Fall ist, sagte der Bettler, so soll mir's auf eine kleine Beisteuer nicht
ankommen. Mit diesen Worten zog er unter dem Wams eine kleine Pfanne hervor und
berreichte sie ihr. Sie ist zwar nicht mehr ganz neu, sagte er, aber ein
Schelm gibt's besser, als er's hat.
    Du Spitzbub! rief Friedrich lachend, diesmal hast du mich selbst
getuscht; ich htte dich an keinem Zug erkannt, nicht einmal an deinen
nichtsnutzigen Augen.
    Bettelmelcher stie ein lustiges Gelchter aus und sprach dann eine Weile
jenisch mit ihm, wobei Christine verwundert auf die fremden, seltsamen Ausdrcke
hrte. Hierauf entfernte sich Bettelmelcher, und die beiden gingen weiter, bis
sie ein einsames Wirtshaus am Saume eines Waldes erreichten, wo Friedrich etwas
Essen und Trinken kommen lie. Christine hatte sich schon mehrmals ber Ermdung
beklagt. Nachdem er einige jenische Worte mit dem Wirt gewechselt, erffnete er
ihr, sie knne hier der Ruhe pflegen, er werde die Nacht ber auf dem Anstande
sein und sie den andern Morgen wieder abholen.
    Ach, Frieder! sagte sie erschreckend, du gehst auf kein' Hirsch aus. Ich
seh's wohl, du bist nicht in den besten Hnden, du hast dich mit dem Spitzbuben,
dem Bettelmelcher, in etwas eingelassen.
    Wenn ich dir sage, ich geh auf den Anstand, so hast du nichts weiter zu
fragen, entgegnete er streng. Ich werd am besten wissen, was ich zu tun hab.
    Mein Herz sagt mir, du hast nichts Gut's vor!
    Und wenn es auch so wr - hast du eine Glckshenne, die mir goldne Eier
legt? Oder kannst du mir ein Haus oder Geschft in Ebersbach kaufen? Glaubst du,
der Wirt da, obwohl du sicher bei ihm aufgehoben bist, werde dich umsonst
beherbergen? Halt mich nicht unntig auf, ich kann die Zeit nicht mit Streiten
verlieren. Bleib ruhig hier, bis ich wiederkomme.
    Er trank sein Glas aus und ging rasch fort.
    Frieder! Frieder! rief sie, ihm auf die Strae nachlaufend.
    Er blieb unwillig stehen.
    Frieder, sagte sie ihm ins Ohr, wenn du etwas tun willst, was dir Gott
verzeihen mg, so tu doch wenigstens schwarze Strmpf an, deine weie Strmpf
machen dich sichtbar in der Nacht!
    Er lachte, hie sie ohne Sorge sein und entfernte sich auf dem Wege, den sie
hergekommen waren.
    Den andern Vormittag erschien er versprochenermaen wieder in dem
Wirtshause, zahlte die Zeche und fhrte Christinen weiter. Meine Freunde haben
mir ein Hochzeitsgeschenk fr dich verehrt, sagte er unterwegs und berreichte
ihr ein paar silberne Lffel nebst einem silbernen Besteck.
    Sie besah die Lffel aufmerksam. Die kenn ich! rief sie, das sind die
Lffel, mit denen wir gestern frh die Milchsupp gessen haben. Du, fr das
Geschenk dank ich, das ist nicht auf richtige Art in deine Hnd kommen. Oh,
Frieder, du bist bei dem Wirt zu Heseltal einbrochen!
    Ich hab ihm das Haus mit keinem Fu betreten, erwiderte er.
    Dann haben's deine Kameraden getan, sagte sie, und die werden ihm die
Lffel nicht abkauft haben.
    Heb mir die Sachen auf, entgegnete er mit einem Tone, der jede fernere
Errterung abschnitt. Wenn du sie nicht willst, so gehren sie mir. Du meinst
gleich, der Teufel hole dich darber; wenn du in Ebersbach wrest, so sprngest
du schon dem Amtmann zu.
    Sie nahm die Lffel und das Besteck in Verwahrung und sagte nichts mehr.
Nachdem sie stillschweigend bis gegen Mittag gewandert waren, sah Christine
einen Berg vor ihnen, auf dessen Gipfel eine Kirche stand, und nun fand sie sich
wieder in bekannter Gegend. Es war der Rechberg. Friedrich wandte sich demselben
zu und schlug den Weg nach der Hhe ein. Sie folgte ihrem Manne ohne zu fragen.
Als sie den Gipfel erstiegen hatten, begaben sie sich in das der Kirche
gegenber gelegene Pfarrhaus, mit welchem von jeher zum Besten der frommen
Wanderer eine Wirtschaft verbunden war. Beim Eintritt rief Christine berrascht:
Ei, da sind ja - Er stie sie in die Seite und bedeutete sie, zu schweigen. Um
den runden Tisch am Fenster saen drei Mitglieder der Gesellschaft vom Walde,
Bettelmelcher, Schwamenjackel und die jngere Zigeunerin, welche in aller Ruhe
miteinander zehrten. Der Wanderer begrte sie, wie man Fremde grt, mit
welchen man sich an einem einsamen Orte zusammengefhrt sieht, und entschuldigte
sein Weib, die sich von irgendeiner hnlichkeit habe hinreien lassen, einen
Augenblick Bekannte in ihnen zu sehen. Sie nahmen die Entschuldigung mit
gleichmtiger Hflichkeit auf, erwiderten, dergleichen Irrtmer kommen hufig
vor, und boten den Ankommenden Platz an ihrem Tische an. Dann fragte man sich
gegenseitig, woher und wohin, und tischte einander beliebige Auskunft darber
auf. Christine hrte sehr verdutzt auf diese Reden und konnte nicht begreifen,
wie ihr Mann sich so schnell in das angenommene Betragen finden konnte. Nach und
nach wurde man immer bekannter, indem der Wein die fremden Herzen gegeneinander
aufzuschlieen schien; und als die Gesellschaft zusammen aufbrach, um den
zufllig gemeinsamen Weg miteinander fortzusetzen, htte die Hauserin des
Pfarrers, welche die Wirtschaft fhrte, darauf schwren knnen, da hier Leute,
die sich in ihrem Leben zum erstenmal gesehen, auf dem freundlichen Berge recht
heiter und vertraulich miteinander geworden seien.
    Sie nahmen ihren Weg ber den schmalen Grat, der, einem Messerrcken
hnlich, vom Hohenrechberg nach dem Hohenstaufen fhrt. Friedrich und Christine
waren die vordersten in der wandernden Gesellschaft. Er zankte sie tchtig aus,
da sie in dem Pfarrhause so unvorsichtig herausgefahren sei, und gebot ihr, in
Zukunft ihre Zunge besser zu hten.
    Wie hab ich denn wissen knnen, da ich die Leut gar nicht kennen darf!
maulte sie. Da wei man ja gar nicht mehr, wie man sich betragen soll.
    So sei knftig ganz still und wart, bis man dich reden heit! sagte er
zornig.
    Sie verschluckte die Antwort, die sie im Unmute geben wollte, und schritt
immer strker zu, whrend er sich mit verdrossenem Gleichmut im bisherigen Gange
hielt. Auf diese Weise geriet sie, ohne sich umzusehen, ziemlich weit voraus.
Als sie eine Strecke von ihm entfernt war, sah er sich von Bettelmelcher und
Schwamenjackel eingeholt.
    Was? rief Bettelmelcher, ich will nicht hoffen, da es gleich nach der
Hochzeit zu Ehedissidien kommt.
    Das ist sehr oft der Fall, erwiderte er lachend, wenn der Pfaff einmal
die Garantie bernommen hat, so meinen die Leute gewhnlich, sie brauchen fr
sich selbst nichts mehr dazu zu tun. brigens ist's bei uns nicht so gefhrlich:
ich hab meiner Frau blo ein wenig Behutsamkeit im Weltleben eingeschrft, und
jetzt scheint sie ihren Katechismus ungestrt lernen zu wollen.
    Das wird sehr gut sein, versetzte Bettelmelcher. Soll ich ihr nicht ein
wenig dabei helfen?
    Kann nichts schaden.
    Dir fehlt's indessen nicht an Gesellschaft, setzte jener hinzu, auf die
herankommende Zigeunerin deutend, welche ganz allein die Nachhut bildete. Mit
diesen Worten ging er rasch seines Weges, und Schwamenjackel folgte ihm, so da
Friedrich nur die Wahl hatte, auf seine schne Freundin vom Walde, die den
Fingerzeig gesehen hatte, zu warten, oder mit sichtbarer Geflissenheit ihre
Gesellschaft zu meiden. Er fand keinen Grund, ihr diese Beleidigung zuzufgen,
wohl aber hundert Grnde, das Gegenteil zu tun.
    Komm, Katharina, sagte er, am Wege stehen bleibend.
    Ich heie nicht Katharina, erwiderte sie. Christina ist mein Name.
    Du heit also wie meine Frau? rief er erstaunt. Warum haben dir denn die
Deinigen einen falschen Namen gegeben?
    Um meiner Sicherheit willen, antwortete sie. Ich bin aller Lnder, auer
Frankreich, Sachsen und Ungarn, verbannt, hab berall Urfehde schwren mssen,
und wenn ich mich betreten liee, so ging mir's um den Hals.
    Noch so jung und schon so viel erlebt! sagte er.
    Von Kindesbeinen an bin ich in der Welt herumgehetzt und hab frh lernen
mssen auf eigenen Fen stehen, denn meine Mutter kann mir raten, aber nicht
helfen, sie ist eben eine uralte Frau.
    Wo ist sie jetzt?
    Sie betet ein Pater und Ave Maria ums andere, damit unser nchstes Vorhaben
gelingen mge.
    Das kommt mir sonderbar vor, bemerkte er. So gut stehen wir Lutheraner
nicht mit dem Himmel, da wir so frei wren, ihm zuzumuten, er solle uns bei -
solchen Dingen noch behilflich sein.
    Warum denn nicht? versetzte sie ruhig. Deine honetten Spiebrger, die
Ketzer wie die katholischen Christen, beten auch tglich zu Gott, da er sie in
ihrer Hantierung segnen mge, und was ist ihre Hantierung? Einander bestehlen,
betrgen, unterdrcken, den guten Namen morden. Geh in den Landen umher und
zhle die Leute, die im wahren Sinn des Wortes ehrlich sind und also allein zu
beten berechtigt wren. Du wirst keine groe Tafel zum Aufschreiben brauchen.
    Du hast recht, erwiderte er.
    Sie gingen einige Zeit stumm nebeneinander, whrend welcher er es nicht
unterlassen konnte, wiederholt ihre Augen zu suchen.
    Du scheinst mir nicht recht aufgerumt zu sein, begann sie nach einer
Weile. Es gefllt dir nicht bei uns.
    Was das betrifft, erwiderte er mit einem mehr als freundschaftlichen
Blicke, so glaubst du wohl selbst nicht, was du sagst. Aber wahr ist's, es hat
mich verdrossen, da ich nur als Schmarotzer mitlaufen und auen Wache stehen
soll, whrend die anderen die Gefahr auf sich nehmen. Das halbe Sndigen ist mir
in Tod zuwider: entweder ganz oder gar nicht! Auch liegt ein Mitrauen drin: ich
merk's wohl, man will mich nur probieren.
    Sie lchelte freundlich und zutraulich mit einem Ausdruck von Achtung, den
er tief empfand. Du irrst dich, versetzte sie. Es htte sich nicht geschickt
dich strker in Anspruch zu nehmen, wo es sich darum handelte, ein Geschenk fr
dich aufzutreiben. Auch hast du dich ja nur zu einem einzigen Unternehmen
anheischig gemacht, brauchst also das von heute nacht nicht zu rechnen. Wenn du
so ehrenhaft denkst, selbst Hand anlegen zu wollen, statt andere fr dich
arbeiten zu lassen, so soll's dir nicht lang an Gelegenheit fehlen.
    Nur zu! rief er, mit finsterer Entschlossenheit die Stirne faltend.
    Du scheinst mir aber doch nur mit halber Seele dabei zu sein, setzte sie
hinzu, denn du sprichst von sndigen und nimmst die Sache schrecklich
ernsthaft. Ich merke wohl, an was du klebst. Tor! Die Menschen sind alle von
einem Schlag, nur mit dem Unterschied, da die einen den Galgen andiktieren und
die anderen ihm davonlaufen. Wenn aber Stehlen todeswrdig ist, so gehrt den
einen so gut wie den anderen der Strang. Da die Spitzbuben mit Haus und Hof
ber die heimatlosen Spitzbuben herfallen und ihnen von jeher nichts haben
gnnen wollen, das ist eben eine ungerechte Verfolgung.
    Der berlegene Ton, der ihn von einem Manne abgestoen haben wrde, machte
aus diesem Munde einen mchtigen Eindruck auf ihn. Er fhlte sich gedemtigt und
angezogen zugleich.
    Wenn du aber der Snde, wie du's heit, ganz absagen willst, fuhr sie
lachend fort, so kann ich dir in meiner eigenen Familie ein Musterbild von
Tugend und Ehrbarkeit aufstellen. Lache nicht, es ist buchstblich wahr. Ich
habe noch eine zweite Schwester, die sich am Tode so vieler Verwandten ein
Exempel genommen hat und sich mit ihrem Manne, einem Scherenschleifer, ehrlich
und redlich fortbringt. Sie ist nicht besonders schn, dabei etwas schmierig und
schlampig, wie es auch bei ihrer armseligen Lebensart nicht anders sein kann.
Wir haben zwar keinen groen Geschmack aneinander, aber wenn du eine Empfehlung
willst, um das Scherenschleifen zu lernen, so steh ich zu Diensten.
    Es hat wohl eine Zeit gegeben, sagte er, wo mir dieses verachtete
Handwerk gut genug gewesen wre; aber jetzt bin ich freilich dazu verdorben. Du
hast keinen Begriff, von was ich mich losreien mu. Du sagst selbst, du seiest
von Kindesbeinen an hinausgestoen gewesen und habest dich gegen die Welt wehren
mssen. Aber denk dir einmal, du seiest der Sohn des vermglichen Sonnenwirts in
Ebersbach, der nicht zu rauben braucht, weil er Geld genug hat, und seiest von
einer liebevollen, sorgsamen Mutter, die alle Tage zu dir sagt: Mein Kind,
fliehe die Snde! zur Frmmigkeit und Rechtschaffenheit erzogen - dann wird's
dir nicht so leicht werden, den Rock vllig zu wenden, und wenn du auch schon
lang eingesehen httest, da Frmmigkeit und Rechtschaffenheit in dieser Welt
nur Lug und Trug sind. Ihr unterscheidet ja selbst zwischen den Deutschen und
den - anderen.
    Ich bin auch zur Hlfte deutsch, erwiderte sie. Mein Vater Schettinger,
den die deutschen Mordhunde vor zwanzig Jahren in Weingarten umgebracht haben,
ist so gut ein Deutscher gewesen wie sie und wie du.
    Nun, vielleicht ist's auch eine Zeitlang nachgegangen, versetzte er.
    Du kennst deine eigenen Landsleute nicht, sagte sie. Komm, ich will dir
sie zeigen. Wir haben noch Zeit genug, zu den anderen zu stoen.
    Sie winkte ihm und flog zur Linken den Berg hinunter. Er eilte ihr nach. Als
sie im raschen Laufe unten angekommen waren, sagte sie, weiter eilend: Du mut
dir's aber gefallen lassen, da ich dich fr meinen Mann ausgebe, sonst findest
du da, wo ich dich hinfhre, keinen Kredit.
    Das will ich gern annehmen! rief er lustig, ihr nacheilend. Du und keine
andere mtest mein Weib sein, wenn ich nicht schon eins htte. Aber flieg nicht
so, damit ich mein Recht auch ausben kann.
    La das! sagte sie, da er den Arm um sie zu schlingen suchte, dazu ist
jetzt keine Zeit. Den Arm kannst du mir geben, so, damit wir wie ein Ehepaar
aussehen. Verheiratete Leute sind bekanntlich nicht so zrtlich miteinander, du
scheinst mir das bereits aus eigener Erfahrung zu wissen.
    Nachdem sie eine Strecke im Walde zugeschritten, erreichten sie einen der
vielen dort hin und her zerstreuten Hfe. Derselbe war ihm nicht unbekannt, denn
er hatte ihm bei seinem Wilderersberufe mehr als einmal gnstige Aufnahme
gewhrt. Wie erstaunte er aber ber die Freudenbezeugungen, mit welchen seine
Begleiterin von der ganzen Familie aufgenommen wurde! Wie horchte er hoch auf,
als er hier, weit unverblmter, denn in ihrem eigenen Kreise, von dem Gewerbe
seiner neuen Freunde reden hrte! Die Leute drckten ihre Freude aus, seine
Begleiterin wieder verheiratet zu sehen, und bestrmten sie mit Fragen, ob ihr
neuer Mann auch so viel Geschick zeige als der vorige. Sie prangte mit ihm und
seinen Taten und bezeigte sich so glcklich in seinem Besitz, da ihm das Herz
flammte, whrend zugleich die letzten Reste brgerlicher Ehrbarkeit sich in ihm
emprten, ohne in dem verwandten brgerlichen Kreise, der ihn umgab, eine
gleichartige Stimme zu finden. Im Gegenteil sah er bald ein, da er, was er
frher nie geahnt, hier erst in die rechte Gaunergegend gekommen sei, denn die
Frau des Hauses zhlte ihm gelufig eine Menge berchtigter Namen her, die zu
verschiedenen Zeiten das Jahr ber in dieser von vielen Herrschaften und
Kondominaten zerschnittenen Landschaft ihre Heimat fanden. Solange er ein bloer
Wilddieb gewesen, hatte er hier kein Vertrauen gefunden; jetzt erst sprach sich
der Ha gegen die Obrigkeit und gegen die von Glck und Gunst getragene
Minderzahl der Mitbrger offen vor ihm aus, und seiner unbelehrten Seele drngte
sich mehr oder minder klar die Wahrnehmung auf, da das Volk so weit gekommen
sei, den Druck der Herrschaften und der hheren Brgerklassen durch Raub,
Diebstahl und Diebeshehlerei zu bekmpfen! Das angebliche Ehepaar verlie den
Hof, ungestm von den Leuten aufgefordert, ihnen auch wieder einmal fr billiges
Essen und billige Kleidung zu sorgen.
    Nun? fragte sie auf dem Rckwege.
    Es ist mir, als ob neben der Welt, die ich bisher gekannt habe, noch eine
andere Welt herginge und als ob diese Welt die wahre wre, antwortete er.
    Du kannst in dem Tal da, erwiderte sie, von Hof zu Hof, von Ort zu Ort
hinuntergehen, du triffst vertraute Leute genug, lauter Deutsche und keine
Vagabunden, lauter sehafte Leute.
    Er sprach lange kein Wort. Was er gehrt und gesehen, hatte sich ihm
offenbar tief eingeprgt, und sie htete sich wohl, die stille Arbeit dieses
Eindrucks zu stren.
    Du hast also schon einen Mann gehabt? fragte er nach einem langen
Stillschweigen.
    Ich hab ihm den Laufpa gegeben, antwortete sie, weil's ihm an Kopf und
Herz gefehlt hat; nachher hat er sich in ungeschickte Diebereien eingelassen,
die ihn an den Galgen gebracht haben. Wenn mir je wieder einer gefiele, so wrd
ich ihn vor einem solchen Schicksal zu bewahren wissen.
    Er schwieg. Die Entdeckung, da sie Witwe sei, war ihm nicht sehr nach
seinem Sinn, und doch mute er sich gestehen, da dieses Weib durch Schnheit
und Geisteskraft einen mchtigen Zauber auf ihn auszuben beginne.
    So, jetzt bist du aus dem Ehejoch entlassen! sagte sie, als sie den Fu
des Berges wieder erreicht hatten, und flog lachend hinan, da sie sah, da er
sich Mhe gab, sie einzuholen.
    Mir ist's nicht so eilig mit der Scheidung! rief er hinter ihr drein und
gab sich alle Mhe, an ihre Seite zu kommen, aber sie war immer einige Schritte
voraus.
    Und mir pressiert's nicht mit dem Heiraten! rief sie, als sie die Hhe
erreicht hatte, lustig gegen ihn hinab, und ihre Stimme spielte dabei so leicht
und ruhig, als ob die Anstrengung ihren Atem gar nicht bewegt htte; aber ein
sprhender Blick aus ihren schwarzbraunen Augen strafte ihre Worte Lgen.
    Mit einem heftigen Ansatz hatte er die letzte Hhe vollends erstiegen und
wurde dort von einem derben Gelchter mnnlicher Stimmen empfangen.
Bettelmelcher und Schwamenjackel lagen auf dem Boden und erwachten soeben aus
einem Schlafe, den sie sich zur Erholung von der berstandenen Nachtwache
gegnnt hatten.
    Es scheint, Freund Schwan hat eine neue Hochzeitsreise gemacht! rief
Bettelmelcher.
    Und gleichfalls mit einer Christine, antwortete er lachend, aber mit
einer schwarzen.
    So, sie hat dir ihren Namen gestanden? rief Schwamenjackel. Da mu es mit
der Vertraulichkeit schon ziemlich weit gekommen sein.
    In der Tat, sagte die Zigeunerin Christine, wir sind Mann und Weib
miteinander gewesen, aber nur vor den Leuten.
    Wo ist denn mein Weib, fragte Schwan.
    Auf und davon! antwortete Bettelmelcher. Der Eifersuchtsteufel hat sie
ergriffen. Obgleich ich mein uerstes aufgeboten habe, sie zu unterhalten, hat
sie sich doch nicht fesseln lassen. Sie hat mir nicht einmal bekannt, wo sie zu
finden sei. Ich geh dahin, wo ich herkommen bin, hat sie gesagt, und weg war
sie. Vermutlich denkt sie, du werdest wissen, wo du sie suchen mssest.
    Dummes Zeug! sagte er rgerlich.
    Neuigkeiten! rief eine bekannte Stimme von weitem, und der scheele
Christianus kam, den anderen wohl nicht unerwartet, von der entgegengesetzten
Seite herbeigeeilt. Es hat eine Soldatenmeuterei gegeben im Lager bei
Geislingen, der Herzog von Wrttemberg ist heut frh selbst hinaufgefahren und
hat achtzehn erschieen lassen.
    Eine Meuterei! rief der Brgerssohn von Ebersbach, das ist ja was
Unerhrtes im wrttembergischen Militr.
    Du hast eben in den letzten Wochen nicht viel erfahren, was im Land
vorgeht, sagte der Zigeuner. Es ist ja schon neulich ein Aufruhr in der
Kaserne zu Stuttgart ausgebrochen und mit Mhe gedmpft worden.
    Was Teufels!
    Dein Herzog, sagte die Zigeunerin, hat seine Soldaten an die Krone
Frankreich verkauft, gegen den Knig von Preuen, und nun wollen sie nicht
ziehen.
    Ja, setzte ihr Bruder hinzu, man ist den Leuten nachts in die Huser
eingebrochen und hat sie aus dem Bett gerissen, um die Regimenter vollzumachen,
aber in Stuttgart sind sie alle wieder auseinandergelaufen. Darauf hat ein
General, ich wei nicht, wie er heit, einen Generalpardon ausgeschrieben, und
auf diesen haben sich eine Menge Ausreier gestellt; aber der Herzog ist auf die
Nachricht aus dem Feld zurckgeeilt, hat den Pardon nicht gehalten und viele von
ihnen henken lassen. Jetzt ist der Teufel bei Geislingen wieder losgegangen, und
da hat er heut vor den Toren anderthalb Dutzend erschieen lassen. Es ist ein
Schrei der Wut im Lande.
    So hlt man Wort! So geht man mit den Leuten um! rief Schwamenjackel.
    Das geschieht in deinem gepriesenen Wrttemberg, sagte seine Fhrerin.
    Und uns heit man Spitzbuben! setzte Bettelmelcher hinzu.
    Ich besorge nur, die Gegend knnte fr uns unsicher werden, bemerkte
Christianus. Gewi haben sich viele Deserteurs in die Waldungen da herum
geworfen, und nach diesen wird jetzt vom Militr gestreift werden.
    Ich glaube nicht, da uns das in Verlegenheit bringen wird, versetzte
Christine. Der Herzog mu eilen, sein Volk auer Lands zu bringen, denn wenn er
mit ihnen liegen bleibt, so laufen sie ihm wie Quecksilber davon. Auf alle Flle
ist es aber gut, wenn wir auch nicht lange mehr dableiben; es sind ohnehin blo
noch ein paar Tage bis zum Schorndorfer Markt!
    Also nur nichts aufgeschoben! sagte der Zigeuner.
    Ja, ich mchte gleich ber das nchste Nest da herfallen und ihnen die
Hundeseelen austreiben! rief Schwamenjackel, seinen kurzen dicken Stock gegen
das an dem Bergkegel vor ihnen liegende Dorf schwingend.
    Das la du bleiben! lachte Bettelmelcher. Das ist das Dorf Hohenstaufen,
wo sie seit alter Zeit groe Freiheiten haben und wie Mnner zusammenstehen.
Wenn du einen angreifst, so hast du gleich den ganzen Schwarm auf dem Hals. Das
ist in den edelmnnischen Ortschaften anders: dort wohnt meist Bettelvolk, das
sich die Haut voll lacht, wenn einem vermglichen Nachbar ein Malheur passiert.
    In den alten Schlssern mag man doch sicherer gewohnt haben, bemerkte der
Zigeuner, nachdenklich auf die Steintrmmer blickend, die den naheliegenden
Gipfel des Berges bedeckten und die Abendsonne durch ihre Risse und Lcken
scheinen lieen. Das mag wohl auch schon lang her sein. Wer hat wohl vorzeiten
hier gehauset?
    Diese Frage war jedoch selbst dem gelehrten Bettelmelcher zu hoch. Ich wei
es nicht, sagte er, vermutlich Ruber, die, wie es in den alten Zeiten Mode
war, von ihrem Berg ins Tal hinuntersphten und die vorbeiziehenden Kaufleute
berfielen.
    Blitz! das war kein bles Geschft! rief Schwamenjackel: da kann man auf
einen Zug einen guten Fang tun. Mcht wohl auch einmal dabei sein.
    Gelt, wenn die reichen Augsburger und Ulmer auf die Frankfurter Messe
ziehen? fragte Bettelmelcher.
    Oho! lachte der Ebersbacher Brgerssohn. Da la dir nur die Lust
vergehen. Ich hab's oft mit angesehen, wie die mit ihrem Geleite das Filstal
herunterziehen. Von Ulm werden sie an Wrttemberg berliefert und von einer
stattlichen wohlbewaffneten Mannschaft in die Mitte genommen. Da knntest du dir
die Zhne ausbeien.
    Ja, ja, so ist es immer! bemerkte der Zigeuner. Den groen Dieben ist
nicht beizukommen.
    Es gibt auch mittlere, versetzte Bettelmelcher. Komm, sagte er, den
neuen Freund bei der Hand nehmend, und fhrte ihn auf die andere Seite des
Berges. Die brigen folgten und sammelten sich um sie. Du siehst das Dorf da
drunten, links ber Wschenbeuren hinaus?
    Wohl, das ist Brtlingen.
    Dort, fuhr Bettelmelcher fort, wohnt ein Schulthei, den du in dein Gebet
einschlieest, sooft du ber die Falschheit der Welt fluchst. Er ist ein
Heuchler, ein Kopfhnger, ein Wucherer, und das ist die beste Seite an ihm, denn
er hat brav Geld. Von seiner Lieblosigkeit gegen seine Nebenmenschen kann ich
selbst Zeugnis ablegen, denn ich hab einmal bei ihm gebettelt, was die beste
Gelegenheit zum Auskundschaften ist, und bin von ihm mit dem Bescheid
weggewiesen worden, ich sei ein fauler Tagdieb, solle sehen, da ich was zu
arbeiten bekomme. Bist du dabei, wenn wir ihm heut nacht einen Besuch machen?
    Ich halte mein Wort, erklrte Friedrich mit entschiedenem Ton, die Stirn
zusammenziehend.
    Das Haus steht in den Grten, es sind nur drei Personen drin, er, seine
Frau und seine Magd. Wenn man alert drauf losgeht, so ist wohl beizukommen. An
Hnden fehlt es nicht, fr den Fall, da im Dorf Lrm entstehen sollte. Wir sind
unsrer sieben Genossen, und einige Vornehme darunter, die du noch nicht kennst.
Ich darf dir nur einen verraten, das ist der Amtmann von Adelberg -
    Was? rief der Angeworbene lustig lachend. Den Brtlingern bricht ihr
eigener Amtmann ein? Das geht ja noch ber den Pfarrer von Dinkeltheim. Geh, es
wird auch wieder ein abgedankter sein.
    Es ist der abgekommene Amtmann Hallwachs von Adelberg, den man wegen eines
Rests oder so was abgesetzt hat. Du wirst ihn mit eigenen Augen sehen.
    Gleichviel, ich hab's einmal versprochen und bin dabei, wenn auch der
Amtmann von Ebersbach selber dazu kme.
    Um zehn Uhr heut nacht wollen wir im Walde beim Wschenschlchen
zusammenkommen und von dort den Zug antreten, sagte Bettelmelcher zu den
anderen. Ist's euch recht?
    Alle drei riefen: Ja! Der scheele Christianus zog den Hut ber das blinde
Auge herab und machte sich zum Aufbruch fertig. Ich will vorher noch ein wenig
schlafen, sagte er. Bettelmelcher und Schwamenjackel sprachen die gleiche
Absicht aus und redeten ihrem dritten Genossen zu, der Ruhe mit ihnen zu
pflegen. Dieser aber erwiderte, er habe noch einen Gang zu tun.
    Denk doch dran, da du die ganze Nacht aufgewesen bist, sagte die schwarze
Christine zu ihm. Gnn dir doch ein wenig Schlaf.
    Bettelmelcher witzelte ber diesen Zuspruch.
    Oh, ich wei wohl, wo er hingeht! rief sie.
    Die Liebe brennt hei߫, sagte Bettelmelcher, aber das Feuer der Eifersucht
ist noch weit grer.
    Ich eiferschtig? rief sie und war mit einem Sprung verschwunden. Man
hrte sie den Berg hinunter lachen.
    Um zehn Uhr sto ich zu euch, sagte er zu den drei Mnnern, welche hierauf
gleichfalls den Berg hinabstiegen.
    Er whlte einen Fuweg, der, ohne das unter dem Gipfel liegende Dorf zu
berhren, am Hohenstaufen hinfhrte und nach dem Walde hinablief. Unterwegs
mute er von Zeit zu Zeit unwillkrlich stehenbleiben und nach dem Orte
hinblicken, der diese Nacht der Schauplatz einer Tat sein sollte, welche sich,
das fhlte er wohl, von allen seinen bisherigen bertretungen stark unterschied.
Das bedrohte Dorf lag, von Obstbumen umgeben, wie im Schoe des Friedens
zwischen waldigen Anhhen, und der Rauch aus den Schornsteinen stieg nach dem
blauen Abendhimmel empor. Es war ein Bild vertrauensvoller Ruhe, die nicht
ahnte, da ein Ungewitter der grausamsten Art, von Menschen gegen Menschen
entladen, im Anzuge war.
    Er eilte am Berge hinab, durchma rasch den Wald und befand sich mit Anbruch
der Nacht auf dem Hofe, wo er die blonde Christine, jetzt nicht mehr die einzige
Christine, wute. An dem langen Wege, den er heute ohne der Rast zu bedrfen,
gemacht, konnte er am besten die innere Unruhe ermessen, die ihn trieb.
    Man war eben im Begriff, zu Bett zu gehen, als er eintrat. Christine war da,
wie er vorausgesetzt hatte. Er zahlte das schuldige Kostgeld, welches mit
freundlichen Augen angenommen wurde. Die Gegenwart der Familie lie keine
vertrauliche Unterredung aufkommen. Christine war heiter, aber ihre Laune schien
ihmerzwungen zu sein.
    Komm mit mir, sagte er, ich bin da, um dich zuholen.
    Sie entschuldigte sich mit Mdigkeit.
    Dann mu ich allein wieder fort, entgegnete er.
    Gehst zu deiner Zigeunerin? fragte sie.
    Versteht sich, antwortete er.
    Bist ein Kerle wie ein Pfund Lumpen! rief sie inihrer volkstmlichen
Scherzweise und bemhte sichzu lachen.
    Die Frau vom Hofe ging gleichfalls in diesen Ton ein und neckte sie, da sie
als neuverheiratete Frau schon mit ihrem Manne eifere.
    Wenn's so steht, sagte er endlich, so mu ich mich deiner doch
versichern. Unversehens hatte er ihre Mtze, Halstuch und Schrze weggenommen,
die sie neben sich auf die Bank gelegt. Sie schrie und griff danach, aber er war
schon entsprungen. Gute Nacht! rief er unter der Tre: wenn du deine Sachen
wieder willst, so weit du, wo du sie finden kannst und mich dazu.

                                       34


Schwan, kleb an! sagte Bettelmelcher pfiffig lchelnd zu Christianus, als
jener mit der schwarzen Christine den Waldversteck verlie, wo die sogenannte
Gesellschaft lagerte. Die Bande hatte das Lager im Walde unter dem Hohenstaufen
nicht mehr sicher gefunden und sich tiefer in die Wlder zurckgezogen.
    Christianus nickte und lchelte ebenfalls.
    Die beiden gingen zusammen fort, whrend jedes gegen das andere tat, als ob
es nur zufllig um diese Zeit und nach dieser Richtung aufgebrochen wre. Auch
sprachen sie lange nichts miteinander, bis endlich Friedrich, als es ihm schien,
die Zigeunerin trachte nach einem anderen Wege abzubiegen, das Stillschweigen
brach. Gelt, sagte er, dich hat's erzrnt, da ich deine Schwester brav
zerpeitscht habe?
    Bewahre, antwortete sie lachend, daran hast du ganz recht getan. Du
mut's ihr aber nicht nachtragen, da sie dich bei der Verteilung betrogen hat.
Weit, zuerst hat sie dich ganz haben wollen, und nun ihr dies miglckt ist,
hat sie sich auf andere Weise an dir schadlos zu halten gesucht. brigens tust
du gut, die Augen immer offen zu haben, denn es ist nicht alles Gold, was
glnzt.
    Du auch?
    Ich glnze ja nicht, ich bin dunkel. Meine Schwester glnzt, aber ich bin
ihr nicht gram drum. Doch mu ich immer denken, da sie gut zu dir passen wrde,
denn du hast ein feines weies Gesicht, wie sie.
    Sehr verbunden! Aber sie kommt mir vor wie die liebe Sonne, die offenbaret
ihr Feuer bald und scheinet ber Gerechte und Ungerechte.
    Sie lachte. Darin sind doch die deutschen Mnner alle einander gleich,
sagte sie, da sie von einem Weib verlangen, sie solle immer zu Boden schauen,
wie wenn sie nicht auch von Fleisch und Blut wre. Freie Augen wollen sie keinem
Weib verstatten, die wollen sie fr sich allein behalten. Du Narr, ich kann auch
frech sein, frecher vielleicht als meine Schwester - sie gab ihm eine Probe,
indem sie die Augen wie zwei Feuerstrme, die aus dunklem Schlunde
hervorbrechen, so bohrend auf ihn warf, da es ihn fieberhei durchzuckte -,
aber, fuhr sie fort, ich bin es nur gegen den einen, der mir gefllt, und
besinne mich lang, bis ich so ein nichtsnutziges Mannsbild in mein Herz kommen
lasse.
    Wrdest du einem trauen, der ein paar Tage nach der Hochzeit sein Weib
verlt, dir zu Gefallen?
    Warum nicht, wenn ich sehe, da sie nicht zusammen taugen, und besonders
wenn die Bekanntschaft vorher sieben, acht Jahr gedauert hat. Lnger will ich
auch nicht, da mir einer Wort halten soll, denn in sieben Jahren, sagt man,
werde der Mensch mit Haut und Haaren neu, dann ist er also ein anderer als der,
der das Wort gegeben hat.
    Er lachte laut. Du wrst imstande, einen bis in die Hlle zu fhren, sagte
er.
    Warum nicht, wenn ich ihn der Mh wert halte, erwiderte sie.
    Er blieb lange stumm. Wo willst du denn eigentlich hin? fragte sie. Es
sieht ja aus, als ob du wieder einmal nach Ebersbach wolltest.
    Ich htte wohl Lust dazu und zu fragen, was die Ebersbacher von mir sagen.
    Da wrdest du viel Schnes hren. Mein Weg fhrt brigens nicht dorthin,
ich mu dich allein ziehen lassen.
    Nein, bleib bei mir, wir wollen nur ein wenig umherschweifen, ich mu
Gesellschaft haben.
    Hast ja dein Gewehr, sagte sie, blieb ihm brigens zur Seite, whrend er
hastig lngs einer Schlucht hinanstieg.
    Sie waren auf einem kleinen, tief im Dickicht fortlaufenden Pfade lange
gegangen, als Christine in einer Vertiefung, durch die derselbe fhrte, den
Schritt anhielt und sich ber die schwle Luft beklagte. Sie bog die Zweige
auseinander und ging einem Pltschern nach, das sich seitwrts hren lie. Er
folgte ihr. Ein Bchlein rieselte durch den Wald und bildete, etwa mannshoch
ber Felsen springend, wenige Schritte vom Wege, aber tief verborgen, einen
kleinen Wasserfall, aus dessen moosigem Flecken es leise weiterflo. An dieser
khlen, dunklen, heimlichen Stelle lie sich die Zigeunerin nieder und whlte in
dem Moose, unter welchem Tropfsteine hervorblinkten. Er setzte sich ihr
gegenber auf einen umgefallenen Baumstamm.
    Du bist md, deine Augen brennen vor Schlaflosigkeit, sagte sie. Zwei
Nacht hast du jetzt nicht geschlafen und den ganzen Tag nicht geruht.
    Woher weit du das?
    Ich hab auf dich acht gehabt. Leg dich hier schlafen, hier ist Schatten und
Frische! Ich will bei dir wachen, da dich niemand strt.
    Ich kann nicht schlafen, sagte er.
    Sie spritzte ihm von dem Schaume des Wassers ins Gesicht.
    Das Wasser tut mir wohl, sagte er und tauchte gleichfalls die Hand ein, um
sich die Augen zu khlen.
    In dir geht etwas vor, sagte sie.
    Wenn sich der Mensch umkehren soll wie ein Handschuh, erwiderte er, so
ist das nicht auf einmal geschehen. Er sttzte den Kopf in die Hand und brtete
vor sich hin.
    Wie meinst du das? fragte sie.
    Er richtete sich wieder auf. Die Habsucht von ihrem berflu erleichtern,
hob er nach einer Weile an, gegen harte Menschen streng auftreten, dazu kann
sich der Mensch mit Leichtigkeit entschlieen. Aber die Leute qulen und
martern, wie die Henker, das geht mir wider die Natur. Es sind diese Nacht bei
dem Schultheien Dinge geschehen, die mir am Herzen nagen und die ich nicht aus
dem Gedchtnis bringen kann.
    Du redest recht schultheienmig, sagte sie. Mchtest du jetzt
vielleicht noch Schulthei von Ebersbach werden?
    Nein, ich rede keinem Schultheien das Wort, aber foltern soll man ihn
nicht.
    Hast du nicht selbst gesagt, da diese deutschen Henker das den Unsrigen
tun?
    Ich will's ihnen lassen.
    Was? Und man soll's ihnen nicht vergelten, den Ungeheuern? Weit du nicht
mehr, welche Reden du gegen deine Ebersbacher gefhrt hast? Hast du nicht
gesagt, dein Herz werde keine Ruhe finden, bis du den ganzen Flecken
zusammenbrennen shest, den Magistrat mit Pfarrer und Amtmann an der Spitze
mchtest du hinschlachten, deinen eigenen Vater nicht verschonen und den
schwangeren Weibern den Leib aufschneiden? Nun, die ungeborenen Kinder sind doch
gewi unschuldiger als der Schulthei von Brtlingen.
    Er starrte unmutig vor sich hin.
    Prahlst du mit Worten, fuhr sie fort, und schrickst recht deutsch und
feig vor einem bichen Gequiek und Geschrei zurck? Du Maulheld, geh zu deiner
Ebersbacherin und la dich mit ihr ins Zuchthaus sperren.
    Er sprang auf wie ein gereizter Tiger, und seine rotumsumten Augen
funkelten. Weibsbild! schrie er, ndere deine Zunge, oder du sollst den
Maulhelden spren, bis du mrb wirst.
    Sie war ebenfalls aufgesprungen und blickte ihm fest und keck ins Gesicht.
Glaubst du, da ich dich frchte? rief sie. Du kannst blo drohen, du bist
ein Weib.
    Mit einem Schrei der Wut strzte er sich auf sie und suchte sie zu
ergreifen, aber mit Erstaunen mute er sich bekennen, da ihm dieses Weib
gewachsen sei. Sie zeigte ihm eine unerhrte Muskelkraft und dabei eine
Behendigkeit, mit der sie ihm wie eine Flamme unter den Hnden durchschlpfte;
dann hielt sie ihm wieder beide Hnde fest, da er der uersten Anstrengung
bedurfte, um sich loszureien und den Kampf von neuem zu beginnen, wozu sie ihn
durch ein fortwhrendes Hohnlachen reizte. Lange hatten sie miteinander
gerungen, bis er sie endlich bemeisterte und zu Boden warf, da ihr die Glieder
knackten.
    Willst du degenmig werden? schrie er.
    Nein! antwortete sie und suchte sich wieder emporzuringen.
    Willst du mich fr deinen Herrn erkennen?
    Nein!
    Parieren mut du! schrie er, drckte sie zwischen seine Knie, da sie nach
Luft schnappte, und zog das Messer. Sie sthnte, aber nicht vor Angst. Ihre
Augen spien Feuer, ihr heier Atem durchglhte ihm die Wange, und ihre braune
Haut brannte von dem Blute, das ihr die Anstrengung in Gesicht und Hals
hervorgetrieben hatte. Er kmpfte bebend mit der Gewalt ihrer Schnheit, aber
entschlossen setzte er ihr das Messer auf die Brust und rief: Willst du dich
unterwerfen?
    Sie sah ihn mit groen Augen ruhig an. Vor einer Minute noch wr ich
freiwillig dein gewesen, sagte sie, aber eher will ich sterben, als gezwungen
einem Mann zu Willen sein.
    Was fllt dir ein? rief er stolz sich zurckbeugend. Du traust mir zu, an
was mein Herz nicht denkt.
    Was willst du denn? fragte sie.
    Respekt, sonst gar nichts! antwortete er mit seltsam strengem Tone. Du
mut versprechen, da du nie in deinem Leben mehr solche Ausdrcke wider mich
brauchen willst.
    Wenn's nichts weiter als das ist! rief sie lachend. Der Respekt ist schon
von selbst da, und ich will tun, was du haben willst. Aber erst steck dein
Messer ein, denn damit bringst du mich zu nichts, ich hab im Gefngnis schon den
ersten Grad der Tortur berstanden, und sie haben nichts aus mir
herausgebracht.
    Er stand auf und steckte sein Messer ein. Mit wunderbarer Schnellkraft scho
sie vom Boden auf: Ich habe meinen Meister gefunden, rief sie, so htte
keiner von den anderen gehandelt! Dafr will ich dich auch achten und ehren und
will dir leibeigen sein und mit meiner Hand dich ernhren mein Leben lang. Sie
lie sich zu Boden, umfate seine Knie und sah zrtlich zu ihm empor.
    Horch! sagte er. Ein Donnerschlag ging ber ihre Hupter und rollte
langhin durch den Wald. Ein zweiter folgte, und schwere Tropfen klatschten ber
ihnen auf die Bltter. Das schattige Pltzchen war dunkel geworden; das Stck
Himmel, das man sehen konnte, zeigte sich mit schweren schwarzen Wolken behngt.
Die Stelle gab guten Schutz gegen das ausbrechende Gewitter; denn dem jungen
Holzschlag drohte keine Gefahr vom Blitze, der Hochwald war fern, und unter
einem Felsen am Wasserfall befand sich eine leichte Vertiefung, wo man vor dem
Regen geborgen sitzen konnte.
    Das musiziert drauf los! sagte er behaglich, whrend das Gewitter mit
heftigen Schlgen sich entlud und der Regen auf den Wald niederrauschte. Hast
du Angst? fragte er, als Christine sich beim grellen Lichte eines Blitzes
unwillkrlich bekreuzte.
    Nein! sagte sie. berhaupt hab ich in meinem Leben keine Angst mehr als
vor dir und um dich.
    Sie schmiegte sich an ihn wie ein Lamm. Ihre Augen suchten die seinigen und
kehrten scheu in sich zurck; denn er sah unverwandt in die Hhe und seine Seele
schien sich an dem Aufruhr in der Welt umher zu laben.
    Das Gewitter hatte endlich ausgetobt, und der Regen hrte auf. Er erhob sich
und kehrte auf den verlassenen Pfad zurck. Christine schlich mit gesenktem
Kopfe traurig neben ihm her; noch gestern hatte er ihr leicht zu erkennende
Beweise seiner wachsenden Zuneigung gegeben, und heute war er still und kalt
gegen sie. Da sie seinen Jhzorn kennengelernt hatte, so wagte sie es nicht, ihn
durch neuen Trotz zu reizen.
    Sie waren lange nebeneinander hergegangen, da getraute sie sich endlich zu
fragen: Wo gehst du denn eigentlich hin?
    Nach meinem Weibe sehen, war die Antwort.
    Glaubst du, da sie mit dir zu uns gehen wird? fragte sie weiter.
    Ich zweifle, antwortete er, aber ich mu doch zuerst wissen, wie ich mit
ihr dran bin. Das mu alles ganz offen abgemacht werden.
    Sie atmete auf, und es fiel ihr wie ein Stein vom Herzen; denn jetzt begriff
sie sein Betragen.
    Wenn sie sich drein fgt und mitgeht, setzte er hinzu, so mu es
jedermann recht sein, und ich werd's nicht leiden, da man ihr etwas zuwider tut
oder sagt.
    Ich tu ihr gewilich nichts zuleid, versetzte sie schchtern. Wenn sie
aber nicht will, und du wirst doch auch nicht mit ihr nach Ebersbach zurck
wollen, so darfst du sie nicht nackt und blo von dir lassen.
    Wenn sie von mir geht, sagte er, so hat sie mit ihren Kindern nichts zu
beien und zu brechen.
    Ich will dir fr alle Flle was sagen, wendete sie sich zutraulich zu ihm.
Ich hab ein paar hundert Gulden im Zins stehen bei einem sicheren Mann im
Frnkischen. Nun will ich dir weder zu- noch abreden: ob sie zu uns taugt, das
ist deine und ihre Sache. Wenn's aber, wie du jetzt selbst fr mglich hltst,
zwischen euch zur Trennung kommt, so kannst du Geld von mir haben, soviel du
willst, damit du sie nicht entblt ziehen lassen mut und damit deine Kinder
nicht in Not verlassen sind.
    Sein Gesicht verwandelte sich, und er blickte sie so freundlich an, da es
ihr durch das Herz ging. Mit der Teilnahme an seinen Kindern, welchen er nicht
Vater sein konnte, hatte sie, mehr als mit dem brigen Anerbieten, das auf eine
Abfindung seines Weibes hinauslief, eine Saite in seinem Herzen berhrt, die
alsbald klang. Doch sagte er nur: Davon knnen wir noch reden.
    Sie kamen aus dem Walde heraus und hatten freies Feld vor sich, durch
welches mehrere Wege fhrten. Da er ohne Aufenthalt vorwrts ging, so legte sie
ihre Hand auf seinen Arm und fragte: Getraust du dir den Weg zu machen? Ein
kleiner Bogen durch den Wald wre besser. Die Gegend ist nicht sicher, und fr
dich am wenigsten.
    Bleib du zurck, sagte er. Ich gehe grad auf dem Weg hier fort nach dem
Waldsaum da drben.
    Wo du dich hintraust, versetzte sie, da geh ich mit. Ich begleite dich
bis an den Hof und berlasse dich dort deinem Stern oder deinem Unstern.
    Sie gingen zusammen weiter. Er befand sich allerdings in einer Gegend, die
fr ihn nicht sicher war, die er sehr gut kannte. Eine kurze Wanderung auf der
sich gegen den Talrand senkenden Anhhe wrde ihm sein Heimattal gezeigt haben.
Er erkannte es an dem jenseitigen Hhenzuge, von welchem der obere bewaldete
Teil zu sehen war. Er warf einen finsteren Blick nach der Stelle, wo unsichtbar
fr das Auge sein Vaterort drunten lag, und wandte sich zum Weitergehen, als er
bemerkte, da Christine, jeder Besorgnis Trotz bietend, auf einer steinernen
Ruhebank Platz genommen hatte. Ihre Augen flogen wie trunken ins Weite. Er
folgte mit seinem Blick und sah jetzt erst den wundervollen Anblick, der sich
ihnen bot. Der Albgebirg in seiner ganzen Ausdehnung stieg ber die niedrigeren
Hhen empor, die sich vor ihm lagerten. Das fliehende Gewitter hatte seine
letzten Wolken im Westen gesammelt, wo die Sonne unterging. Man sah sie nicht,
aber durch die Wolken sendete sie nach dem Gebirge ein zauberhaftes Licht, das
nach und nach die ganze Kette heimzusuchen kam. Im uersten Westen begann das
Schauspiel, und Achalm und Neuffen mit ihren Mauern und Felsen glnzten auf.
Dann lief das Licht am Gebirg herber und in die tiefsten Taleinschnitte hinein,
die sonst ununterscheidbar im Ganzen verschwammen, so da jetzt in ihrem
Hintergrunde die fernsten Felsen wie Diamanten blitzten und das Grn der Wlder
wie in einem warmen Rauche leuchtete. Nach einigen Augenblicken sank die
beleuchtete Stelle in eine graue Masse mit dem brigen Gebirge zurck, whrend
der wunderbare Strahl immer weiter wanderte, bis er endlich im letzten Osten der
Bergkette erlosch. Nun aber spiegelte sich hinter dem Staufen und Rechberg das
Dunstbild der unsichtbaren Leuchte, von welcher der Zauberschein herkam, so da
dort in einem dichten Purpurrauche eine zweite Sonne auf- und unterzugehen
schien.
    Er wute nicht, ob er wachte oder trumte; die Welt war ihm neu, und er
glaubte, sie, obgleich kaum eine Stunde von seinem Geburtsorte entfernt, zum
erstenmal zu sehen. Er heftete den Blick wieder auf seine Genossin, durch deren
Augen er dieses Liebesspiel der Sonne mit einem Fleck der Erde, den er seine
Heimat nannte, erschaut hatte, und siehe, auch sie hatte der Lichtstrahl in
seinen blendenden Bereich gezogen. Er hing bewundernd an ihrem Anblick, da
kehrte sie ihm das braune, in rtlichem Schimmer strahlende Antlitz zu und rief:
Du bist ja ganz von Glanz umflossen!
    Auch ich? fragte er verwundert.
    Wir sind bei der Frau Sonne zu Gaste, sagte sie, wir Kinder des Waldes
haben darin viel vor den anderen Menschen voraus. Aber komm, es mu nun einmal
sein.
    Sie gingen dem gegenberliegenden Walde zu und verfolgten einen durch
denselben gehenden Weg, bis sie in der Nhe des Hofes angelangt waren, wo er die
blonde Christine untergebracht hatte.
    Hier scheiden sich unsere Wege, sagte die schwarze Christine. Und nun hr
noch eins. Ich wei, da du mich lieb hast und dein Herz schwer von mir
losreien wirst; deshalb will ich dich nicht an mich locken, wie ich wohl
knnte. Aber dein Herz wird dir selbst sagen, wie es um uns steht. In ihr hast
du nur dich selbst geliebt, deinen eigenen Willen, in ihr hast du nur dir selbst
Wort gehalten. In mir liebst du etwas anderes.
    Ja, den Teufel! murmelte er. Und doch bist du mir soeben wie ein Engel
des Lichtes erschienen.
    Nenn's, wie du willst. Wenn du sie zu uns mitbringst, so wirst du bald
sehen, da du auf mich vor allen bauen kannst. Folgt sie dir nicht in das neue
Leben, dessen Tre du, wie dir selbst bewut sein wird, unwiderruflich
aufgestoen hast, folgt sie dir nicht, wie das Weib dem Manne folgen soll, und
du gibst deinem Herzen Gehr - wohlan, du weit genug und ich habe mich schon zu
viel angeboten. Unsere Tage hier sind gezhlt. Wenn du willst, kannst du uns
finden.
    Sie grte leicht mit der Hand und war im Wald verschwunden.

                                       35


Christine war nicht da. Sie sei diesen Nachmittag fortgegangen, hrte er von
ihrer Wirtin, und habe gesagt, sie msse nach ihrem Manne sehen und ihre
Kleidungsstcke holen. Sie habe vorher eine Zeitlang in der Bibel gelesen, und
sei dann auf einmal aufgebrochen. Er setzte sich verdrossen vor das noch
aufgeschlagene Buch und las mhselig in der Dmmerung: Ich suchte des Nachts in
meinem Bette, den meine Seele liebt; ich suchte, aber ich fand ihn nicht. Es
war das hohe Lied, das in dunkler, aber zndender Sprache von zwei verbundenen
Herzen, die sich suchen und wiederfinden, erzhlt. Obgleich die von der Kirche
hinzugefgten berschriften diesem berauschenden Klag- und Jubelliede eine ganz
andere Auslegung gaben, so schienen doch seine Flammenworte Christinens Herz in
der Einsamkeit ergriffen und mit jenem Weh angefllt zu haben, von welchem das
Lied selbst sagt: Liebe ist stark wie der Tod, und Eifer ist fest wie die
Hlle; ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn, da auch viel Wasser
nicht mgen die Liebe auslschen, noch die Strme sie ersufen. Er schlug
unruhig die wohlbekannten zwei Bltter hin und her, die auch fr ihn so manches
Wort enthielten, und das Herz klopfte ihm, als die Stelle vor seine Augen trat,
wo es heit: Ich bin schwarz, aber gar lieblich, ihr Tchter Jerusalems, sehet
mich nicht an, da ich so schwarz bin, denn die Sonne hat mich so verbrannt.
    Er legte das Buch wieder hin und ging, um sein Weib aufzusuchen. Er war in
dem schon nchtlich dunklen Walde noch nicht weit gegangen, als er eine
weibliche Gestalt gegen sich kommen sah, die bei seinem Anblick zaudernd
stehenblieb. Er erkannte sie erst, als er sich ihr bis auf wenige Schritte
genhert hatte. Es war die blonde Christine, die ihn vergebens im Walde gesucht
hatte und nun auf der Rckkehr begriffen war. Sie befand sich aber in einer
Laune, die nicht nach den Wrzgrten Salomos schmeckte. Deine Zigeunerin hat
mir schon gesagt, wo du seiest, warf sie mrrisch hin, sie ist mir begegnet.
    Sie wird dir gesagt haben, da ich dich hab besuchen wollen.
    Lt mich den halben Tag um dich 'rumlaufen.
    Nun, jetzt hast mich ja.
    Bist mit deiner Zigeunerin 'rumzogen?
    Ja.
    Gib mir nur mein Halstchle, mein Mffle und mein' Schurz wieder. Ich
brauch's.
    Gereizt durch ihren znkischen Ton, ffnete er den Bchsenranzen und gab ihr
die gepfndeten Gegenstnde zurck. Ich hab dir auch einen getpfelten Schurz
mitgebracht, setzte er verdrielich hinzu, wenn du aber so widerwrtig bist,
ist nichts mit dir anzufangen. Da!
    Ich brauch ihn nicht, sagte sie trutzig.
    Nein, du mut ihn nehmen, rief er. Man kann ja nirgends mit dir hin in
deinem schwarzen leinenen Schurz; wo du hinkommst, sehen dich die Leut fr ein
Baurenmensch an.
    Ich bin dir in meinen Kleidern lang gut gnug gewesen, sagte sie und zog
die Hand zurck.
    Er warf ihr das Geschenk ber die Schulter.
    Ich will nichts von deinen gestohlenen Sachen haben! rief sie und warf es
zu Boden.
    Wart, ich will dir so unartig sein! rief er zornig und hob die Hand gegen
sie auf. Ich sollt dich nur -
    Schlag mich nur in dem Zustand, in dem ich bin! rief sie, in Weinen
ausbrechend. Die Liebe ist dir ja doch vergangen. La du mich heim, ich kann
schaffen und dienen, ich hab nicht ntig, gestohlen Brot zu essen. Geh du, wo
dich dein Herz hinzieht, zu deinem Zigeunermensch.
    Wenn du mir's so machst, erwiderte er, so kann mir die Wahl nicht weh
tun. Aber bis jetzt hast du keinen Grund zur Eifersucht, das kann ich dir
schwren. brigens ist die Zigeunerin christlicher gesinnt als du. Sie sagt,
wenn du mit mir zu ihnen bertretest, so wolle sie dich wie eine Schwester
halten, und nur, wenn du durchaus nicht mit mir gehen wollest und nach Haus
begehrest, wolle sie mir Geld fr dich geben, damit du nicht Not leiden
mssest.
    Ich will kein Geld von ihr, um mich abfinden zu lassen, sagte sie heftig,
ich will mich und meine Kinder von meiner Hnde Arbeit ernhren.
    So schimpf wenigstens nicht ber sie, denn sie tut nichts, um dich zu
verdrngen, und meint's ehrlich mit dir. Da es aber zwischen uns endlich zu
einer Entscheidung kommen mu, das wirst du selbst einsehen.
    Whrend dieses unfreundlichen Wortwechsels ging Christine ohne Aufenthalt
immer vorwrts, und er folgte ihr.
    Bist du heut nacht mit dabei gewesen in Brtlingen? fragte sie nach einer
Weile.
    Woher weit du was von Brtlingen?
    Heut frh schon hat man's auf dem Hof gehrt, es sind Leut dort
vorbeikommen, und heut nachmittag sind mir Leut im Wald begegnet, denn wenn ich
allein bin, so brauch ich mich nicht zu frchten und kann die Stra gehen. In
der ganzen Gegend ist ein Geschrei: eine Ruberbande sei bei lichtem hellem
Mondschein zu Brtlingen eingefallen und der Sonnenwirtle sei ihr Hauptmann
gewesen und hab die Leut schwer mihandelt und den Schultheien am Feuer
gerstet.
    Und gefressen wie einen Schps! setzte er lachend hinzu. So arg ist's
nicht.
    Also in der Hauptsach ist's wahr?
    Dir leugn' ich's nicht, antwortete er.
    Sie waren bei diesen Worten wieder in der Nhe des Hofes angekommen. Wart
ein wenig, sagte sie, ich will nur geschwind meine Sachen holen, denn ich mu
eilen, wenn ich noch nach Ebersbach kommen will, vor's ganz Nacht wird.
Begleiten wirst mich wenigstens zu guter Letzt noch ein bile.
    Ist dir's Ernst? fragte er dster.
    Ich wei mir kein' andern Weg.
    Ich la dich nicht! rief er, und seine Stimme verriet, da es in ihm zu
kochen begann.
    Wir knnen ja unterwegs streiten, wenn du streiten willst, erwiderte sie
und ging hinein. Nach kurzer Frist kam sie mit ihrem kleinen Bndel zurck und
sagte: Da drinnen meinen sie auch, es sei das best fr mich, ich geh wieder
heim. Sie sind arg betrbt, da der Christle heut abend ins Ottenbacher Tal
'nber ist, um deine Kameraden aufzusuchen.
    Das ist das rechte Klima! versetzte er. Wenn er sie nicht antrifft, so
kann er sie dort jedenfalls erfragen. Was willst du aber machen, wenn dich deine
Mutter nicht behlt, wie sie schon einmal getan hat?
    Dann probier ich's wieder mit der Schulmeisterin zu Denzlingen, oder auch,
wenn alle Strng brechen, mit meiner Zuchthausaufseherin. Es ist hohe Zeit fr
mich, da ich wieder in ein anders Leben komm.
    Sie schritt unaufhaltsam dahin, so da er wohl oder bel mitgehen mute.
Wie ist's denn in Brtlingen gangen? fragte sie.
    Wir sind sieben Mann stark mit der Margarete dem Schultheien ins Haus
gedrungen. Einer, der eine dunkle Kappe mit Augenffnungen ber das Gesicht
gezogen hatte, ist unser Anfhrer gewesen; sie sagen, es sei der abgedankte
Amtmann von Adelberg. Es war noch ein zweiter Unbekannter dabei, in einem
schwarzen Kamisol und weien Zwilchkittel, mit ganz schwarzgefrbtem Gesicht.
Der mit der Kappe ist dem Melcher auf die Achsel und durch einen Laden
eingestiegen und hat uns die Haustr aufgemacht und davor Wache gehalten. Wir
sind hinein, haben bei fnfzehn Wachslichter teils unten und oben an die Wand
geklebt, teils in der Hand gehalten.
    Und mit den Lichtern habt ihr den Schultheien brennt?
    Ich hab ihm weiter nichts getan als ihn binden helfen, hab ihn am Hals und
um den Leib hart gehalten, einen alten Heuchler geheien und angeschrien, er
solle gestehen, wo er sein Geld habe, oder er msse sterben. Zugleich ist die
Magd in ihrem Schrecken nackend die Stege herunterkommen; der Christianus hat
ihr die Zpfe abgeschnitten, die Hnde und Fe damit zusammengebunden und sie
in der Frau Bett geworfen, weil sie geklagt hat, es friere sie so. Denn die Frau
ist auf dem Boden gelegen, der Melcher hat ein Deckbett ber sie geworfen. Die
Magd hat gewimmert: hier stehe der Kupferhafs, sie sei ein armer Wais, man solle
ihr nichts tun. Zugleich hat der Schulthei gesagt, es sei Geld genug in der
Kammer drin. Die anderen aber haben aus der Kammer gerufen: Wir haben das Mges
schon, nmlich das Geld. Auf einmal hat die Margarete, die vielleicht Leute auf
der Gasse gehrt, Gaif! Gaif! gerufen und hat mir zugeschrien, ich solle
hinunter und Feuer auf sie geben. Darauf hab ich unter dem Haus mit dem in der
Kappe Wache gehalten und mich an nichts mehr beteiligt.
    Dann haben die anderen den Schultheien mihandelt?
    Ja, erzhlte er zgernd, sie haben noch mehr Geld gewollt und deshalb
Torturen angewendet. Der Jgerkasperle, der dabei war, hat die Frau an den
Augenbrauen geritzt, und der Schwamenjackel, der wste Kerl, hat den
Schultheien geschlagen und mit einer am Licht glhend gemachten Nadel unter dem
Nagel in den Daumen gestochen.
    Jesus! Jesus! schrie Christine. Das ist ja schrecklich.
    Sie haben aber nichts mehr von ihm bekommen als den Nachtmahlskelch nebst
Zubehr. Er hat alles andere richtig angegeben und nur diese Sachen hat er
verheimlichen wollen, weil sie seiner Gemeinde gehren.
    Wie ist's denn bekannt worden, da du dabei gewesen bist? fragte sie.
Httest du dich nicht auch vermummen knnen?
    Der Bettelmelcher, erwiderte er, hat immerfort geschrien: Kennt ihr mich?
Ich bin der Sonnenwirtle.
    Die Spitzbuben! rief sie emprt: damit haben sie dich absichtlich
'neinreiten wollen! Und ich steh dafr, den gefhrlichsten Teil vom Raub, den
Kelch, haben sie sicherlich dir geben.
    Da sie alle Mittel anwenden, um mich vllig in ihre Gesellschaft zu
ziehen, ist natrlich, erwiderte er. Ich kann ihnen das nicht einmal
belnehmen. Und was bleibt mir sonst brig?
    In diesem Augenblicke kamen sie aus dem Walde auf das freie Feld heraus, das
noch vom letzten Tageslicht erhellt war. Sie sah ihm schmerzlich und schchtern
in das Gesicht, dessen starre Zge eine finstere Ergebung verkndigten. Mir
gruselt's vor dir! sagte sie.
    Du hast's ntig, so zu reden! rief er wild. Wer hat sich denn Essen und
Trinken und Kleider von mir bringen und das Kostgeld fr sich bezahlen lassen?
Wer hat vom Melcher ein Pfnnle verlangt? Hast du geglaubt, der Bettelmelcher
werde es kaufen? Und wer hat diesem Dieb und Ruber von Profession die
Gelegenheit in Heseltal beschrieben und ihm angegeben, wo der Wirt sein Geld
hingetan hat?
    Ach Gott! rief sie weinend, du hast freilich recht! Ich sag ja, es sei
hohe Zeit fr mich, in ein anders Leben zu kommen. Da siehst, wie man in der
Gesellschaft wird. Sie lachen ein' so spttisch aus und stellen ein' so
miserabel hin, da man's nicht aushlt und ihnen vor lauter rger zeigen mu,
da man auch Augen im Kopf hat, so gut wie sie. Ich glaub, wenn ich bei ihnen
wr, ich tt bald mit ihnen wetteifern, nur nicht in Brtlinger Geschichten,
denn so viel wird dir dein eigenes Herz sagen, da das etwas ganz anders ist,
als alles, was du frher getan hast. Die Leut sagen schon lang von dir, du
habest einen Bund mit dem Teufel. Ich hab's nie glaubt; auch mt er nicht
besonders spendabel sein, wenn's wahr wr. Aber bei so Unmenschen mut du dem
Teufel verfallen.
    Ich hab nur mitgetan, weil mich ein gegebenes Wort gebunden hat, erwiderte
er. Ich tu's nicht mehr. Es gibt andere Mittel und Wege.
    Sie waren an der Ruhebank angekommen. Sosehr Christine eilte, so erklrte
sie doch, sie msse ein wenig sitzen, denn die Knie zittern ihr vor Mdigkeit
und Bekmmernis. Nun sa sie an derselben Stelle, wo kurz zuvor ihre
Namensschwester gesessen. Welch ein ganz anderes Bild bot sich ihm jetzt in den
grauen Schatten des Abends dar! Die Waage mute zuungunsten des armen, bleichen,
vor der Zeit alternden Weibes hoch emporsteigen, wenn er sie mit jenem von
Schnheit und Jugend strahlenden Geschpfe der Wste verglich.
    Er fhlte dies und kmpfte dagegen an. Er wollte dem Weibe seiner Jugend
Wort halten, und wenn er die Unmglichkeit selbst berwinden mte.
Leidenschaftlich rang er mit ihrem Entschlusse, bat, drohte, tobte, fluchte. Sie
blieb fest. Du kannst mich erschieen, sagte sie, aber ich tu's meinem
rechtschaffenen Vater unter dem Boden nicht zuleid, da ich zu dem Gesindel
ging.
    Du weit, sagte er grollend, da mir die Welt nach allen anderen Seiten
hin verbaut ist, und jetzt auf dem einzigen Wege, den ich noch gehen kann,
willst du mich verlassen! Ist das deine Liebe zu mir?
    Sie fiel ihm laut weinend um den Hals und zog ihn auf die Steinbank zu sich
nieder. O Frieder! rief sie, ich hab dich liebgehabt wie kein' Menschen sonst
in der Welt und hab dich heut noch lieb. Sieh, ich wei wohl, ich bin dein
Unglck gewesen von Anfang an. Wenn ich nicht gewesen wr, so wrst nie auf die
Weg kommen. Aber deine Liebe und Treue zu mir hat dich ins Verderben gefhrt,
immer tiefer und tiefer. Wenn ich dir's damit lohnen knnt, da ich fr dich
strb, o wie gern! Aber mut mir nicht zu, da ich mit dir in die Welt gehen
soll, tu's um deinetwillen nicht. Du kannst mich nicht brauchen, ich wr auch da
eine Sperrkette fr dich, wie ich's immer gewesen bin, und da noch weit mehr. Da
wr's bald so weit, da du mich verstoen mtest und die andere nehmen, die zu
so Sachen mehr Schick hat als ich.
    Nie! rief er. Wenn du bei mir bleibst, so sollst du sehen, da mir keine
andere an die Seite kommt. Aber das erklr ich dir offen: wenn du von mir
abfllst, so schlag ich mich zu der anderen Christine, denn sie heit wie du und
hat mich lieber als du.
    Tu's nicht, Frieder, tu's nicht! rief sie ihn umklammernd. Ich sh dich
ebensogut in der Hand deiner Stiefmutter. Ich will nicht sagen, sie mein's nicht
in ihrer Art gut mit dir, aber wohin wirst du an ihrer Hand geraten? Sieh, wenn
du ein Schritt hundert oder zweihundert von der Bank da vorgehst, so siehst so
weit ins Tal, da du den Ebersbacher Galgen ins Aug fassen kannst. Wie lang
meinst du denn, da du's auf die Art treiben knnest? Eins, zwei, drei Jahr,
wenn's hoch kommt, und dann nimmt's ein schrecklich's End. Oh, Frieder! Frieder!
da ich das voraussehen mu! Gibt's denn gar sonst kein' Ausweg mehr fr dich?
    Sie fate seinen Kopf mit beiden Hnden und kte ihn unter fortwhrendem
Schluchzen, das ihr die Brust zu zersprengen drohte, so inbrnstig, wie er nie
einen Ku von ihr empfangen zu haben glaubte, und ihre Trnen brannten auf
seinen Wangen. Er war erschttert. Knnt ich einen finden, sagte er, ich
tt's dir zulieb. Er starrte gegen das Gebirge hin, das jetzt nur noch als eine
graue Linie zu erkennen war. Versuch's einmal, sagte er endlich, den
Bchsenranzen neben sie auf die Bank legend, ob du nicht die Sachen da drin
verkaufen und mir einen Lehrbrief dafr anschaffen kannst, mit dem ich mich
ausweisen knnte. Wenn ich unter eine Armee ginge, so wre vielleicht in
etlichen Jahren manches vergessen -
    Drauf! Drauf! schrie es hinter ihnen. Sie fuhren auf und sahen sich von
Streifmannschaft umringt, welche aus dem Walde hervorgebrochen war, und rechts
und links auf sie eindrang. Halt dich fest zu mir! rief er, hatte im Nu die
schwchste Seite der Angreifer, die ihm nach dem Walde zu entkommen erlaubte,
ausgespht und warf sich mit angeschlagenem Gewehr ihnen entgegen. Sie wichen
erschrocken auseinander, und er strzte mitten hindurch. Ein paar Schsse
knallten hinter ihm, die er verlachte. Als er aber den Schutz des Waldes
erreicht hatte und sich umsah, war keine Christine hinter ihm. Er brach tollkhn
wieder hervor und sah sie als leichte Beute in den Hnden der Streifer. Lat
sie los, schrie er, oder -! Ein Teil eilte mit ihr geradeaus den Berg hinab,
so da sie bald mit ihr verschwunden waren, ein anderer Teil stellte sich gegen
ihn auf. Und wenn der Teufel selber bei ihm wr, rief die Stimme des Fischers,
den er jetzt erkannte, so wird man doch mit ihm fertig werden knnen. Abermals
blitzte ein Schu gegen ihn durch die einbrechende Nacht. Er schlug auf den
Haufen an und drckte ab. Das Gewehr versagte. Nun hatte er keine andere Wahl,
als wiederum sein Heil in der Flucht zu suchen, die ihm schon so manchesmal
gelungen war. Sie gelang auch diesmal wieder, und nach wenigen Augenblicken
befand er sich, von keinem der nachgesandten Schsse berhrt, in dichter
Waldesnacht geborgen. Aber Christine war in den Hnden der Verfolger geblieben
und wurde nun mit Zwang dahin gefhrt, wohin sie freiwillig gewollt hatte. Mit
ihr war auch sein Bchsenranzen in Gefangenschaft geraten und hiemit nicht nur
der Ertrag der Untat, die sein Gewissen drckte, verloren, nicht nur die
Mglichkeit einer Rckkehr in die Schranken einer rechtmigen oder doch
wenigstens den Vorurteilen der Zeit entsprechenden Ordnung vernichtet, sondern
auch die schwerste Inzicht gegen Christinen in die Hnde ihres Richters
geliefert.

                                       36


Als er sich in Sicherheit wute, lie er es seine erste Sorge sein, die treulose
Begleiterin, die ihm den Dienst verweigert hatte, wieder instand zu setzen. Zu
diesem Behufe ging er nach dem Hofe zurck, von wo er mit Christinen gekommen
war, weckte die Leute, die schon zu Bette lagen, forderte Licht und erzhlte mit
verbissenem Grimme, was sich zugetragen. Man war ihm schweigsam zu Willen, wie
man eben in abgelegenen Wohnungen solche Besuche zu ertragen pflegte. Nachdem
sein Gewehr ausgebessert war, schlug er in seinem trotzigen Mute den Weg ein,
den die Streifer mit ihrer Gefangenen genommen hatten, nicht eben denselben Weg,
aber den Weg nach seiner fr ihn verschlossenen Heimat, wohin sie gefhrt worden
war. In sinkender Nacht kam er im Tale unten an, durchschnitt es und whlte sich
geradezu den gangbarsten Weg, die Gppinger Strae, weil er dachte, da man ihn
von dieser Seite am wenigsten erwarten wrde. Er wollte mitten in den Flecken
eindringen - er wute selbst nicht recht, was er wollte. Der Mond ging auf und
machte sein Wagestck um so gefhrlicher. Eben kam er an der Ziegelhtte
vorber, als pltzlich hinter einem dort liegenden Scheiterhaufen hervor drei
Schsse auf ihn fielen. Keiner hatte getroffen, doch war ihm auf der rechten
Seite ein Fetzen vom Rocke weggeschossen. Auf ihn! Auf ihn! schrien mehrere
Stimmen, und drei Mnner sprangen hervor. Ich hab ihn bezahlt, ich hab ihm
einen Flgel abgeschossen! rief der eine. Es war abermals der hartnckige
Fischer, der durchaus den ausgesetzten Preis verdienen zu wollen schien. Fat
ihn, den Fleckendieb, den Brtlinger Ruber! schrien die beiden andern, in
welchen er den ihm feindlichen Mller und dessen Knecht erkannte. Oho! schrie
er und schlug an, so weit ist's noch nicht. Bei dem Anblicke seiner
aufgehobenen Bchse flchteten sie sich zurck, er scho, hrte aber die Kugel
in das Holz einschlagen. Wenn ihr mir so ernstlich nach dem Leben trachtet, ihr
Wegelagerer! rief er, so knnt ihr euch auf mich verlassen, da ich den
ersten, der mir von euch begegnet, ber den Haufen schiee, und du,
Fischerhanne, weit ohnehin, was dir geschworen ist! - Da er sie jedoch hinter
ihrer Brustwehr wieder laden hrte, so zog er sich zurck, um der berzahl
auszuweichen und gleichfalls ungestrt laden zu knnen.
    Nach kurzer Zeit versuchte er von anderer Seite her eine Annherung an den
Flecken. Nicht weit vom Hochgerichte, vor welchem Christine ihn gewarnt hatte,
ging er zu der Htte eines Feldhters und gebot diesem herauszukommen. Es war
ein Schulkamerad von ihm, der als ein armer Mann das Amt bernommen hatte, bei
Nacht die Frucht zu hten. Erschrickst du vor mir? fuhr er ihn an.
    Nein, antwortete der Hter, ich hab nur so spt niemand erwartet, es ist
schon zehn Uhr vorbei.
    Wie steht's?
    Nicht zum besten. Der Hagel hat heut stark auf der Markung geschlagen.
Wenn's so fortgeht, wird bald nichts mehr zum Hten da sein.
    Weit du nichts von meiner Christine?
    Ja, eh ich heraus bin, hab ich gehrt, da sie gefnglich eingebracht
worden sei. Sie sitzt auf'm Rathaus und wird morgen mit dem frhsten nach
Gppingen geliefert. Alles sagt, sie werd ins Zuchthaus kommen.
    Er knirschte mit den Zhnen.
    Die alt Mllerin hat doch recht Unglck mit ihren Kindern. Weit du's mit
dem Jerg?
    Was?
    Weit du nicht, da bei Geislingen ein Aufruhr gewesen ist und da man
achtzehn Soldaten erschossen hat?
    Freilich wei ich's.
    Nun, und da ist deiner Christine Bruder auch darunter gewesen.
    Er stie einen Schrei des schmerzlichsten Zornes aus und wtete gegen die
ganze Welt, den Herzog an der Spitze.
    Nimm dich doch in acht! sagte der Hter, du kannst dich mit solchen Reden
um den Kopf bringen.
    Was liegt daran! erwiderte er.
    Man hrte Schritte, und im Mondlicht kamen Soldaten zum Vorschein.
    Wer da? rief er mit wilder Stimme, hervortretend und das Gewehr anlegend.
    Die tun dir nichts, sagte der Hter, die sind in Urlaub und lassen sich's
wohl sein, weil man wegen der unruhigen Zeit dem Soldaten ein wenig durch die
Finger sieht, haben den ganzen Tag viel getrunken und wollen den Geist
verluften; wenn sie vielleicht auch gesagt haben, da sie auf dich streifen
wollen, so ist's ihnen nicht Ernst damit.
    Ist des Jergs Bruder, der Hannes, unter ihnen?
    Nein, sagte der Hter und nannte ihm ihre Namen.
    Er trat den drei bewaffneten und mit Gewehren versehenen Reichskriegern
entgegen; mit der einen Hand hielt er sein Gewehr, mit der anderen klopfte er
auf die Lederhosen und rief: Nur her da, ich hab schon lang auf euch gewartet,
ich bin der Sonnenwirtle!
    Diese Worte und Tne schlugen wie ein Karttschenhagel in die Schar der
Helden ein, die vielleicht in nchster Zeit gegen den rebellischen Knig von
Preuen in das Feld rcken sollten. Sie machten Kehrt und liefen so schnell
davon, als ihre steifen Stiefeletten, die doch recht eigentlich ein Mittel gegen
das Fluchtfieber abzugeben geeignet waren, es gestatten wollten.
    Er lachte unbndig hinter ihnen her. ber dem spahaften Anblick und ber
der Befriedigung seines Stolzes hatte er, fr einen Augenblick wenigstens, alles
vergessen, was ihn drckte.
    Hab ich's nicht gesagt, die tun dir nichts? sagte der Feldhter. Die
knnt man mit keinem Pferd mehr einholen.
    Hol mir Wein.
    Gern, aber weit, damit ich vor Amt schwren kann, du habest mich
gezwungen, so mut mir's anders befehlen.
    Gut. Er klopfte an sein Gewehr. Du mut mit mir da hinein und zu trinken
holen, und wenn du nicht willst, so mut du.
    Sehr wohl.
    Sie gingen zusammen bis nahe an den Flecken. Dort gab er ihm Geld und
wartete mit angezogenem Gewehre auf seine Zurckkunft.
    Der Hter kam allein, denn er wute wohl, da eine Verrterei ihn auer
stand setzen wrde, je wieder seinen Dienst bei Nacht zu tun. Hierauf gingen sie
in das Feld zurck.
    Der Hter mute den Wein tragen und durfte dafr nachher mit ihm trinken.
    Was reden sie in Ebersbach von mir? fragte er, sich bequem auf den Boden
streckend.
    Sie haben gottstrflich Angst vor dir.
    Er lachte und lie nicht ab mit Fragen, bis ihm der Hter die gleiche
Antwort wohl sechsmal in verschiedenen Wendungen wiederholt gegeben hatte.
    Aber die Brtlinger Geschicht macht bs Blut, es wird allenthalben nach dir
gestreift, und es ist da herum nicht mehr gut wohnen fr dich.
    Er lachte noch lauter und fing nun mit diesem Einbruch, den er vor wenigen
Stunden mit manchem Gewissensbi erzhlt, heillos zu prahlen an. Dabei machte er
sich mit dem Amtmann von Adelberg und anderen vornehmen Personen gro, indem er
so das Mrchen, das vielleicht seine Genossen zu seiner eigenen Aufmunterung
ersonnen hatten, weiter verbreitete. Indessen erreichte er seine Absicht, denn
der Hter bemerkte, wenn solche Leute mit in der Verschwrung seien, so werde
der Schrecken in der ganzen Gegend um so grer werden. Hierauf befahl er ihm,
den Amtmann von ihm zu gren, er habe eine schne Flinte, die dem Herrn Amtmann
gewi anstndig wre, sie sei recht leicht; warum er denn gar nicht mehr auf die
Jagd komme? Zu diesen Hohnreden fgte er Drohungen gegen seine Verfolger, seinen
Vormund und den ganzen Flecken. Nach der Ernte, wenn die Scheuern voll seien,
sagte er, sei es besser, die Huser anzuznden, es brenne leichter und gebe eine
grere Freude. Der Hter wagte bescheidentlich einzuwenden, er gehe ja selbst
nach Brot und werde doch der Gottesgabe nicht so mitspielen wollen. Ei was!
erwiderte er kindisch, ob ich's verbrenne oder ob's der Hagel erschlgt, das
ist alles eins.
    Zuletzt kam er wieder auf den Schultheien von Brtlingen zu sprechen und
sich zu rhmen, wie er diesen fr seine Heuchelei und Ungerechtigkeit bestraft
habe. So mu man's machen, sagte er, ist's nicht recht so?
    Unser Pfarrer, sagte der Hter ausweichend, schimpft auch auf ihn und
sagt, jetzt habe er's, da er nicht mehr Vorsicht anwende und alles dem Himmel
berlassen wolle; er verderbe dem geistlichen und weltlichen Amt das Spiel,
verschmhe allen erlaubten Profit, hnge sein Geld an die Armen, die dadurch nur
immer begehrlicher werden, und opfere sich auf eine einfltige Art fr seine
Gemeinde auf, so da ihm's kein Pfarrer und niemand nachmachen knnte, der sich
nicht zugrunde richten wollte.
    So? sagte der Ruber und versank in stummes Nachdenken. So verwandelt und
entstellt sein ursprnglich gutes Gemt war, so konnte er sich doch dem
Eindringen der Wahrheit nicht entziehen, die aus diesen Worten hervorleuchtete:
die erste grere Rachetat, womit er die von der brgerlichen Gesellschaft
erlittenen Unbilden zu vergelten meinte, hatte einen Gerechten getroffen.
    Er sprach wenig mehr und berlie den Hter bald der ohne Zweifel
willkommenen Einsamkeit, indem er sich wieder in den Wald aufwrts zog.

                                       37


Ruhig lag die Welt, wie ein eingewiegtes Kind. Das Gewitter hatte den schwlen
Druck des Sommers hinweggenommen, und in der freundlichen Khle atmete alles
Wesen auf. Die Felder ruhten von des Tages Hitze, und durch die Bltter des
Waldes ging ein frischer, sanfter Hauch, da sie nur leise wie im Traume
zitterten. Die Menschen schlrften in bewutloser Wonne den Segen dieser milden
Nacht, die selbst dem Fieberkranken wieder einmal Ruhe und Frieden schenken
konnte.
    Einer aber schlief nicht. Er bettete sich unter dem dichtesten Gestruch, wo
nicht einmal ein Wild hinkam, legte den Arm ber eine Baumwurzel und bereitete
sich so sein Kopfkissen; aber der Schlaf, den er hundertmal auf rauherem Lager
gefunden hatte, wollte ihn nicht besuchen. Er drckte die brennenden Augen in
das feuchte Moos, aber sein von langer Schlaflosigkeit gequlter Kopf hrte
nicht zu summen und zu drhnen auf. Das Flstern der Bltter strte ihn; es war
ihm, als ob sie sich etwas von ihm erzhlten. Er brach wie ein gescheuchtes Wild
durch die Zweige, floh aus dem Walde heraus und irrte durch die cker und
Wiesen, die am Abhang der Anhhe lagen. An einer Stelle setzte er sich auf den
Markstein, an einer anderen legte er sich in das khle Gras, wo es noch nicht
von der Sense berhrt war, denn seine Glieder waren von Ermattung wie
zerschlagen; aber sein Krper fand die Ruhe nicht, die seiner Seele fehlte. Er
hrte vom Tale herauf den Schlag der Glocke und den Ruf des Wchters in
regelmigen Abstzen, die den unerbittlichen Gang der Zeit verkndigten. Er sah
den Mond ber den Himmel wandeln und seinem Ziele nher und nher sinken; an
seinem weiten Wege konnte er sehen, wie lange schon die Welt der Ruhe pflegte,
die ihn floh. Die Sterne glnzten in der herrlichen Sommernacht wie eine goldene
Schrift auf dunkelblauem Grunde; aber mit seinem stumpfen Blick konnte er sie
nicht lesen, und kopfschttelnd ging er nach dem Walde zurck.
    Sein ganzes Schicksal zog in dieser Nacht an seiner Seele vorber; die
Vergangenheit schmerzte, stachelte ihn, und die Zukunft hing wie eine
wetterschwangere Wolke vor seinem Auge. Es sah wst und wild in seinem Innern
aus. Vermge seiner Anlagen und seiner Erziehung wute er recht wohl zu
unterscheiden, was gut und bse sei, und diese Erkenntnis redete zu ihm in der
Sprache der berlieferten Religion, die er mit der Muttermilch eingesogen hatte.
Obwohl er mit der Kirche oder vielmehr mit dem Pfarrer haderte und das
Maulchristentum der meisten um ihn her verachtete, so war er doch kein
Freigeist; woher htte er auch, der ungeschulte Denker, das Zeug dazu nehmen
sollen? Er glaubte fest an seinen Heiland, wie alles um ihn her, und seine von
Not und Schuld gepeinigte Seele schrie oft gen Himmel auf; aber er war das Kind
eines aus hartem Stoffe geschaffenen Volkes, das oft das zarteste Gebet und den
rohesten Fluch beinahe in einem Atem auf die Lippen bringt. Ein beiender Witz,
ein Anreiz zur Lebenslust oder eine Wallung des Zornes konnte die
erschtterndste Wirkung des Heiligen im Nu verwischen, und seine Anklage gegen
die Welt, da sie nicht nach den Geboten des Glaubens lebe, lieh auch ihm die
Entschuldigung, da ein echtes Christentum die Krfte des Menschen bersteige.
Dennoch brannten ihn jene frommen Lehren, welche ihm am eindringlichsten von
seiner Mutter eingeprgt waren, wie mit Flammenschrift in seine Seele, die
verzagend ihr Verdammungsurteil in ihnen las. Er konnte es sich nicht bergen,
da er von einer verworfenen Tat herkam und einem verworfenen Leben
entgegenging, in welchem nicht mehr blo augenblickliche Not oder Leidenschaft
vorbergehend das Schiffchen mit einem mifarbigen Einschlag durch das Gewebe
trieb, nein, in welchem das Verbrechen als alltgliches Handwerk in seiner
kalten Gemeinheit waltete.
    In dieser schweren Nacht gedachte er an jene biblische Erzhlung von dem
Erzvater, der im Traume eine Leiter auf der Erde stehen sah, die mit der Spitze
bis an den Himmel reichte; die Engel stiegen daran auf und nieder, und Gott
selbst stand oben darauf. Ihm nahm das Traumgesicht die entgegengesetzte
Richtung: er sah endlose Stufen in die Tiefe fhren; der Weg hinab war leicht,
aber die Rckkehr abgeschnitten; schon war er weit hinuntergestiegen, und jetzt
reichten ihm seine Genossen die Hnde und tanzten lustig lachend immer tiefer
mit ihm hinab. Die verfhrerische Gestalt der Gefhrtin seines Verderbens winkte
ihm, die Tochter einer gesetzlosen Welt erschien ihm wie eine schne Tigerin,
die mit heier Zunge an seinem Herzen leckte. Mitten im Grausen der
Verworfenheit empfand er den Reiz, der ihn zu ihr hinzog, und seine Sinne riefen
ihm zu, die Lust des Lehens noch recht zu kosten, wenn er denn doch rettungslos
verloren sein solle.
    Er schweifte in weiten Kreisen vom Felde in den Wald und vom Walde in das
Feld zurck; aber weder im Feld noch Wald wuchs das Kraut, das den fieberischen
Aufruhr seines Blutes heilen konnte.
    Der Morgen kam, und endlich ging auch die Sonne ber den Bergen auf. Hher
steigend schien sie in das breite Tal hinein und trocknete den Tau von dem
gemhten Heu, das in groen Haufen auf dem Felde lag, so da bald ein ser Duft
sich mit den Morgenlften mischte, jener Duft, der vor allen anderen den
Menschen mit heimatlichen Empfindungen erfllt. Der Gechtete sog ihn gierig
ein, und Trnen traten in seine mden Augen. Wie oft hatte er da unten als Knabe
mit anderen Knaben, die jetzt sich verabscheuend von ihm wandten oder mit der
Mordwaffe seine Spur verfolgten, in dem aufgeschichteten Heu sich gewlzt und
vor Freude gejauchzt! Von dem Vorsprung, auf dem er stand, konnte er in seinen
Flecken hineinsehen und die Giebel der Huser erkennen, an welchen seine
Erinnerungen hafteten. Dort, von den Erlen des Flchens berragt, stand das
Haus, das ihn geboren, das nach dem rechten Laufe der Dinge ihn als Erben htte
behalten sollen. Hier, am Ende des Fleckens, stand das Haus der Armut, wo seine
Kinder waren, wo er den schwarzen Faden angeknpft hatte, der sich auf seinem
Lebenswege immer fester um seine Fe wand. Und dort weiterhin sah er den Giebel
des Rathauses, wo ihm aus diesem Faden die Stricke gedreht wurden, die ihn immer
weiter von der brgerlichen Gesellschaft losrissen. Dort war seine erste
Christine diese Nacht im Gefngnis gelegen und befand sich jetzt wohl schon auf
dem Wege, zu stark verwahrt, als da er sie htte befreien knnen. Und wenn ihm
auch ein khner Streich gelnge, er konnte ja doch den Kindern nicht die Mutter
wiedergeben, und der Vater war auf lange, vielleicht auf immer, von ihrer
Schwelle verbannt.
    Doch war es nicht dies allein, was seinen Blick an die grauen Giebel
fesselte: es war der wunderbare Zug nach der Heimat, den seine heimatlosen
Gesellen nicht verstanden. Seltsamer Drang des Herzens! Keine heimische
Geschichte, vom Mund des Grovaters auf den Enkel fortgepflanzt, keine alte
Volkssitte lebte in diesem nchternen Orte, woraus das Gemt des Knaben Nahrung
und dankbare Anhnglichkeit htte schpfen knnen, und doch zog es den reifenden
Mann aus der de der Verbannung immer wieder nach der kargen Heimat zurck. Sie
hatte ihn ausgestoen und von sich gespien, sie frchtete sich vor ihm wie vor
dem wilden Tiere, das aus den Wldern hervorbricht; er fluchte ihr und drohte
ihr mit Mord und Brand: und doch kam er immer wieder nach ihr zu schauen, und in
seiner kindisch unverdauten Weise war er mehr als auf jede Kriegs- oder
Friedensneuigkeit darauf erpicht, zu wissen, was man in Ebersbach von ihm sage,
obgleich er sich die Antwort selbst geben konnte, die ihn immer wieder mit Wut
und Ha gegen die Menschheit erfllte.
    Wut and Ha traten auch jetzt wieder an die Stelle der Wehmut; ohnmchtige
Racheblicke sendete er hinab, und sein abgehetztes Hirn begann zu wirbeln, so
da er sich dem Wahnsinn nahe fhlte und es geraten fand, sich mit der Jagd nach
Wild eine Beschftigung aufzuerlegen, um der Hetzjagd seiner Gedanken zu
entgehen. Auch war es Zeit fr ihn, das Feld zu rumen, denn die Mher kamen da
und dort aus dem Flecken gezogen, und ihre Sensen blitzten in der Sonne. Bald
gehrte die Welt, mit Ausnahme der Waldwinkel und Diebsherbergen, wieder den
Menschen, die in den Schranken des Lebens blieben und sich unter das Gesetz
beugten. Sein Platz war nicht mehr hier, und wenn er dem Lichte des Tages zu
trotzen wagte, so durfte er sich bald wieder auf das wilde Geschrei der
Menschenjagd gefat halten.
    Er ging in den Wald und zog aufmerksam sprend einen groen Bogen, der ihn
zuletzt wieder, eine gute Strecke unterhalb seines Vaterortes, gegen das Tal
herausfhrte. Er befand sich hier an einer steilen Bergseite ber einem ganz
engen Seitentlchen, das in der Urzeit nur eine Schlucht gewesen war. Ein dnnes
Bchlein rieselte durch den Grund nach dem greren Tale hinaus, und neben dem
Bchlein lief ein schmaler Weg hin, kaum fr kleine Fuhrwerke befahrbar. Das
Bchlein und der Weg fllten den Grund des kleinen Einschnittes vllig aus; ber
dem Bchlein hing der steile Bergwald, wie eine beinahe gerade Wand, und von dem
Rande des schmalen Weges an stieg die entgegengesetzte Wand, sich sanfter
zurcklehnend, nach der Anhhe empor, die das grere Tal begrenzte. Auf dieser
nicht so steil geneigten Seite zogen sich Wiesenstcke vom Tal herein und von
der Hhe herab bis an den Rand des Weges, aber von Wald unterbrochen, der sich
an einzelnen Stellen von der steilen Bergwand her ber das Bchlein auch auf die
andere Seite verbreitet hatte, so da der schmale Weg sich oft im Walde zu
verlieren schien. Das Tlchen war so still, da das Wild hier oft bis an den Weg
herunterkam, um aus dem Bchlein zu trinken.
    Er zog sich an der steilen Bergseite hin und geriet in eine Vertiefung, die
von oben nach dem Tlchen herablief, wie sie, vom Volke Klingen genannt, in den
vielfach eingeschnittenen Bergwldern sich hufig finden. Ein Erdaufwurf, mit
Moos und Waldgras bewachsen, hinderte seinen Schritt. Er blieb stehen und besann
sich. Richtig! sagte er, hier am Kirnberg, weit ab von ihrer Gemeinschaft,
haben sie dich eingescharrt, armer Kblerfritz! Wenn einer des Wegs daherkommt,
so geht er gewi scheu vorber und denkt in seinem Herzen: Herr, ich danke dir,
da ich kein, solcher bin. Bei Nacht wird sich vollends gar keiner herwagen, und
doch bleibst du sicherlich auf deinen trotzigen Ellbogen ruhig liegen, denn der
Kirnbach da drunten ist viel zu klein fr deinen Durst. Schlaf du ruhig fort im
khlen grnen Wald. Hier ist dir's wohler, als auf dem Kirchhof neben den
anderen mit ihrem Wahren Christentum. Htt ich dran gedacht, so war ich heut
nacht bei dir eingekehrt, alter Kamerad. Dafr will ich dir jetzt ein wenig
Gesellschaft leisten.
    
    Er setzte sich auf den verrufenen Hgel und pflog mit seinen Gedanken
Verkehr. Da sie ihm aber zu wild wurden, stand er wieder auf und ging weiter
vorwrts, bis er zu einer alten Buche kam, die ihm bequem zum Anstand schien.
Das Gewehr in den herabhngenden Hnden haltend, lehnte er sich an den Baum und
starrte in den blauen Himmel empor. Es war so still, da der Ton des Mhens von
drauen, wie er glaubte, in diese Einsamkeit zu ihm drang. Da weckte ihn ein
Gerusch in der Nhe. Er blickte hin und erhob leise das Gewehr. Auf einer
kleinen Lichtung, unter der Stelle, wo er seinen Stand genommen, war ein Hirsch
herausgetreten, der lauschend stehen blieb. Er legte an, zielte und wollte
abdrcken, zog aber in diesem Augenblicke das Gewehr zurck, da er die Ursache
entdeckte, die den Hirsch zurckgehalten und ihm so schugerecht gebracht hatte.
In der Richtung des Schusses, auf einer Wiese an der Bergseite gegenber sah er
zwei Mnner mhen; das Rauschen der Sensen hatte das scheue Tier stutzig
gemacht, ohne da es vor dem zu dieser Zeit gewohnten Tone floh. Diese Wiese war
so nahe, da ein Fehlschu den Mnnern Gefahr bringen konnte. Er hielt das
Gewehr unschlssig in den Hnden und blickte hinber - da spannten sich auf
einmal alle seine Muskeln und seine Augen traten hervor: der eine der beiden
Mher war der Fischer! Er dachte nicht daran, welche jmmerliche Armut diesen
Menschen getrieben haben mute, um eines elenden Taglohnes willen sich in dieses
abgelegene Tlchen zu wagen, whrend er in jedem Winkel der Gegend seinen
schwergereizten Feind, nach dem er soeben noch geschossen, zu vermuten hatte -
er dachte nur an seinen wiederholten Schwur, den ersten der drei gedungenen
Verfolger, der ihm vor die Mndung kommen wrde, zu bezahlen. Hab ich dich,
Mordhund! sagte er, die Lippen lautlos bewegend. Er legte das Gewehr wieder an
und richtete es seitwrts von dem Hirsche, der noch immer gegen die Wiese hinab
lauschte, gegen das in seinen Schu gekommene Menschenwild. Es bedurfte eines
leichten Drucks, und seine Rache war gekhlt, der Eid, zu dessen Sklaven er sich
machen wollte, war eingelst. Was hielt ihn zurck?
    Er zog das Gewehr wieder an sich und blickte lange auf den Menschen, der so
oft das feindliche Werkzeug gegen ihn abgegeben, der vor wenigen Stunden noch
aus Ha und Geldgier seine Kugel auf ihn abgeschossen hatte. In diesem
unbedeutenden Menschen sah er alle versammelt, die ihn gedrckt, die ihn aus dem
Geleise gedrngt und endlich von der Bahn seiner rechtmigen Ansprche
hinabgestoen hatten. Er sah die feige Unredlichkeit an der Tafel des Lebens
schmausen und sich selbst in die Wildnis hinausgestoen. Und waren die
Unschuldigen, welche seiner rettungslosen Verzweiflung noch zum Opfer fallen
sollten, von welchen einer bereits den Reigen begonnen hatte, waren sie nicht
eines Schuldopfers wert? Hier stand einer seiner Kugel preisgegeben, der sich
ber und ber mit Schuld an ihm bedeckt hatte. Wenn der Weg des Verbrechens, wie
auch der rohe und verworren denkende Mensch sich wnscht, durch den Gedanken der
Rache an der ungerechten Gesellschaft eine gewisse Weihe erhalten sollte, so
winkte ihm hier an der Pforte der Hlle eine Rachetat, bei welcher er sich, um
Recht und Gerechtigkeit betrogen, so hoch berechtigt fhlte, Richter in eigener
Sache zu sein, da er sein neues Leben nicht besser einweihen zu knnen meinte.
Warum zgerte sein Finger am Drcker?
    Viermal zielte er, und viermal setzte er wieder ab.
    Der Mensch, wer er auch sei, trifft Stunden in seinem Leben, wo er tief in
sich blicken kann und gewahr wird, da eine Stimme des Wahnsinns in ihm
schlummert, die zuzeiten erwacht. Es steht einer im Gebirge an einer jhen,
schwindelnden Felsenwand, da taucht pltzlich die Stimme in ihm auf und sagt
ihm: Spring da hinab. Oder er hat einen Freund bei sich, der ihm nie etwas
zuleid getan, der sich ihm als feuerfest erwiesen hat; die Stimme sagt: Gib ihm
einen Sto, da er hinunter fliegt. Die menschliche Gesellschaft, die fr ihren
Bestand zu sorgen hat, macht mit Recht den Menschen verantwortlich, damit er
dieser Stimme nicht gehorcht. Wer in seiner gesunden Kraft wandelt, der kmpft
sie leicht nieder und lchelt ber sie, wie der Mensch ber die Sprnge seines
tierischen Zerrbildes lchelt. Wo aber Leidenschaft, wo Ha und Rache die Stimme
beflgeln, da wird der Kampf schwerer. Und doch wird jeder, der in den
dunkelsten Stunden seines Lebens sein menschlich Teil gerettet oder verloren
hat, Zeugnis geben, da eine innere Bewegung mit der Gewalt einer unsichtbaren
Macht eingegriffen und seiner Hand ein Halt geboten hat. Selbst im Kriege,
besonders wenn der einzelne dem einzelnen gegenber steht, wird es oft der
mordgewohnten Hand schwer, einen neuen Mord zu begehen. Nur die Henker sind von
jener inneren Macht so frchterlich verlassen, da sie mit kaltem Blute die
Rache der Gesellschaft an einem rohen Verletzer einer rohen Ordnung vollziehen
knnen. Und oft selbst diese nicht!
    Kampf und Wut und Schrecken umnebelten den Geist des ausgestoenen Sohnes
der Gesellschaft, der sich vergebens beredete, da er mit kaltem Blute in dem
Kriege, welcher gegen ihn gefhrt wurde, seinen Feind niederschieen knne.
Seine Rachegedanken waren ihm wst und unklar durch die Seele gegangen; sie
schwanden hin, und gnzliche Verwirrung seiner Sinne blieb zurck, in welcher
nichts von Ha und Rache, nichts von Bewutsein mehr war, in welcher nur jene
dunkle Stimme fort und fort flsterte: Tu's! Tu's! Du mut es tun!
    Der Schu krachte ber das Tal hinber, der Hirsch war mit einem Satze
verschwunden, und der Rauch, der von dem Gewehr aufstieg, verhllte den
friedlich blauen Himmel einen Augenblick. Obgleich von oben nach unten
versendet, hatte der Schu nicht gefehlt. Der Mrder hrte und sah, whrend der
Rauch sich verzog, wie sein Opfer aus der gebckten Stellung sich aufrichtete,
die Hand auf den Unterleib drckte und ausrief: Oh, du verfluchter Hund - er
hat mich getroffen! Der Gefhrte des Fischers eilte hinzu und ri ihn, noch
erschrockener als der Getroffene, mit sich an den Weg hinab, auf welchem er,
bestndig den Kopf geduckt haltend, mit ihm fortrannte. Der Mrder schritt an
seiner Bergseite weiter vor gegen das Tal hinaus und sah mit stumpfer Teilnahme,
mit einer seltsamen Art von Neugier aus der Hhe zu, wie die beiden gegen das
offene Tal hinausliefen, wie der Fischer, den seine Eingeweide zu brennen
schienen, von seinem Genossen untersttzt aus dem Bache trank und wie den
Zusammensinkenden ein drauen vorbeikommender Wagen aufnahm. Die Leute liefen im
Tale von den Feldern zusammen, und er hrte in seiner waldigen Hhe das
Geschrei: Meuchelmord!
    
    Es wurde still in dem engen Tal des Todes, so still, da alle Hirsche des
Waldes sich darin htten versammeln knnen. Nach einiger Zeit kam eine Kuh
langsam aus dem Walde den Weg daher. Sie mochte sich von einer nahen, im Walde
gelegenen Weide hierher verloren haben. Sie lief auf die Wiese, wo der Fischer
den Todesschu erhalten hatte, und begann sich an dem von der Sense verlassenen
Grase zu ergtzen.
    Wieder verging einige Zeit, da kam ein Mann aus der Tiefe des Tlchens den
schmalen Weg dahergegangen, eine vom Alter gebeugte und gebrochene Gestalt. Es
war der Sonnenwirt, der in dieser frhen Stunde auf einem benachbarten Hofe
einen Viehhandel abgeschlossen hatte und jetzt dem Tale zuging, um auf den
Wiesen im Vorbergehen nach seinen Mhern zu sehen. Sein bleiches, mit tiefen
Furchen gezeichnetes Gesicht verriet, da seine guten Tage gezhlt waren.
    Er schritt, kummervoll zu Boden blickend, seinen Weg dahin. Da rief eine
Stimme ber ihm, wie mit Donnerton: Sonnenwirt von Ebersbach!
    Er fuhr zusammen und blickte in die Hhe. War das sein Sohn an dem steilen
Waldabhange ber ihm? Er stand auf einer Lichtung, so da die Bume unter ihm
nur bis an seine Brust reichten und ihn als eine Gestalt von bermenschlicher
Gre erscheinen lieen.
    
    Sonnenwirt von Ebersbach! rief er, auf sein Gewehr gesttzt, wo hast du
deinen Sohn?
    Dem Alten ging ein Schauer durch Mark und Bein.
    Sieh her, fuhr die Erscheinung fort, auf ein junges Bumchen deutend, das
ohne Sttze berhing, und dann auf einen knorrig verkrppelten Baum daneben:
sieh, wenn ich den jungen Schling in die Hhe ziehe und ihm eine Sttze gebe,
so wchst er aufrecht und lustig fort, aber an dem alten Knorren, der in seiner
Jugend versumt worden ist, ist alle Kunst verloren. Du hast deinem Sohn gesagt,
du wollest ihm die st abhauen, wenn er zu krattelig werde. An dem alten,
verwachsenen Knorren kannst du sehen, wie weit du es gebracht hast. Du hast
deinen Schling ppig aufwachsen lassen, da ihm strenge Zucht ntig war, und
zur Zeit des freien Wachstums hast du ihn zu Schanden geschnitten. Dein Bub ist
jetzt ein Mann geworden, ein Ruber und ein Mrder. - La dein Weib nicht fr
mich beten, wie sie einmal gesagt hat: ihr Gebet hat keine Kraft. Wenn du aber
glaubst, alter Mann, da du dir mit deinem Handel und Wandel eine Ansprache im
Himmel erffnet habest, dann bete du fr mich. - Meine Zeit ist um, Vater, Ihr
braucht keine Angst mehr vor mir zu haben, denn es riecht hier nach Blut. Der
Abgrund hat sich aufgetan, und ich fhl's, wie ich zusehends tiefer and tiefer
hineinsinke. Ich hre rufen: Komm! Und ich komme. Lebt wohl, Vater, mg Euch
Gott verzeihen - ich verzeihe Euch!
    Die Knie zitterten dem alten Manne, und er mute sich an dem Rande des Weges
zu Boden setzen. Erst nach langer Zeit wagte er in die Hhe zu blicken. Die
furchtbare Erscheinung war verschwunden. Ist das mein Sohn gewesen oder -? Was
er predigen kann! Htt ich ihn denn vielleicht einen Pfarrer werden lassen
sollen? Dummes Geschwtz! Wenn er ein Ruber und Mrder ist, wie er sagt, so ist
er ein schlechter Prediger. Aber ich hab's ja immer gesagt: er ist im Kopf nicht
recht.
    Mit diesen Worten hatte er sich wieder zurechtgefunden. Er erhob sich,
schttelte den Schrecken aus den Gliedern und schickte sich an, das Tlchen, in
welchem er von demselben berfallen worden war, eilig zu verlassen, als er die
Kuh bemerkte, die sich auf dem Eigentum eines Mitbrgers gtlich tat. Er jagte
sie aus dem Grase heraus und trieb das unvernnftige Tier sorgfltig auf dem
Wege vor sich her, whrend sein verlorener Sohn sich den Berg hinaufzog, um
unwiderruflich einem Leben zu verfallen, das ihm selbst als die Hlle erschien.

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Obwohl frei ohne jedes andere Ma und Ziel, als das sie selbst sich setzt, folgt
doch die Dichtung gern dem Gefangenen in die Kerkerzelle und zum Schafott, aber
sie verstummt unter dem Gerusche der christlich-deutschen Justiz. Wie sie es
verschmht, ihm in die schmutzigen Hhlen des gewerbsmigen Verbrechens zu
folgen, so bleibt sie auch vor jenen verschlossenen Tren stehen, hinter welchen
das Leben des Menschen stckweise an die Paragraphen eines fremden, toten Rechts
gehalten wird. Sie lt an ihrer Statt ihre Schwester mit dem stillen,
unbewegten Auge, die Geschichtschreibung, eintreten und in dem Aktenstaube
whlen.
    Drei Jahre waren seit dem Tode des Fischers verflossen, der den Amtmann von
Ebersbach und den Vogt von Gppingen gegen den Meuchelmrder in Bewegung gesetzt
hatte. Es gab keine Vgte mehr im Lande, der Herzog hatte ihnen den
Oberamtmannstitel erteilt, weil man, wie er sich in seinem Reskripte ausdrckte,
den vorgesetzten Stabsbeamten zu ihrer Amtsfhrung, Erhaltung der frstlichen
Rechte und Vollziehung der Regierungsbefehle niemals zu viel amtliche Autoritt
und zu solcher niemals zu viel Mittel an die Hand geben knne, die bisherige
Benennung Vogt aber die wahre Dignitt und den groen Umfang ihres Amtes zu
wenig ausdrcke, dieses vielmehr in seinem Wert, besonders gegen Fremde, um ein
Groes herabsetze.
    So war auch der Vogt von Vaihingen an der Enz seit einem Jahre Oberamtmann
geworden, als er eine Reihe von Protokollen mit dem folgenden begann:
    Vayhingen. Actum den 7. Martii 1760, vor dasigem Oberamt, in Gegenwart der
beeden Gerichtsverwandten Mattheus Brechten und Joseph Luipoldten, als
Urkunds-Persohnen. Gestern Abends, um ungefhr 5 Uhr, geschhe es, da von dem
Brucken-Thorwart, Christian Freppe, ein unbekannter Kerl, nachdeme ihm jener
vorher die Psse abgefordert, auf dem Pferdt sitzend, vor die Oberamtey gefhrt,
und als er anfnglich von dem Oberamtsscribenten Heermann, und bald darauf auch
von mir, dem Oberamtmann selbsten, unter dem Hau gefragt wurde, wer er seye? wo
er herkomme? und wohin er wolle? darauff zur Antwort gab: da er ein Crmer: von
Pforzheim komme: bey dasigem Schwerdtwirth ein krankes Weib liegen habe, und
nun, um einen Doktor zu consuliren, nacher Schozach oder Hfen reutten wolle! da
aber Oberamtmann, seiner ganz unverdchtig geschienenen Psse ohngeachtet,
(deren 2 unter dem groen Stadtsigill von Straburg, under dem 10. April und 14.
Sept. 1759, der dritte aber von Comburg und unterm 16. Januarii 1760 datirt und
ausgefertiget waren) eine gewiee Alteration an ihm wahrgenommen zu haben
glaubte, und ihm dewegen in faciem befahl, da er absteigen und mit ihm in die
Amtsstube heraufgehen solle, alsogleich das Pferdt umwandte und in vollem Galopp
gegen dem Enzweihinger Thor zuritt, unter diesem Thor aber, auf das Rufen
gedachten Scribentens, der ihn durch einen nhern Weg coupirt und mit ihm vor
das Thor kam, von dem Pferdt abstieg, gegen den Schlosser Mathus Brechten auf
sein Zurufen: da er ihm den Schmidhammer in Kopf werfe, wann er nicht halten
wrde! eines seiner 2 unter dem Rock-Futher versteckt-gehabt-scharffgeladenen
Pisthlen hervorzog, solches, nachdem ihm Brecht hierauf auf den Leib sprang,
und von hinten her umfasset, demselbigen an den untern Leib drckete, auch, nach
seiner ungezweifelten Absicht, auf ihn abgefeuert haben wrde, wo er nicht den
Hahnen zu spannen vergessen, und durch Hlffe des bald darauff dazu gesprungenen
Mezgersjungen, Schemels, und dessen Meisters, Leonhardt Arlets, berwltiget
worden wre. Nach diesem Vorgang wurde er in die Oberamtey gefhret, stellte
sich daselbst ganz betrunken, beklagte sich ber das harte Tractament der
Leuthe, die ihn beygefangen, und lie weiter keine verstndliche Antwortt von
sich kommen, als da er sagte, er sei ein kaiserlicher Deserteur, heie Johannes
Klein, die Psse und das Pferdt gehren einem Mann, der ihm letzteres geliehen,
etliche Stund vorausgegangen und heute frh bey Heilbronn Seiner erwartten
werde; Weil man nun ber alles dieses nichts als: Kugeln, Pulver,
Schwefelhlzlen, Feuerstahl, Stein, Zundel, ein Fingerlanges Wax-Kerzlen und ein
hebrisches Wrterbuch bey ihm gefunden; So wurde selbiger die Nacht ber in dem
Blockhaus auf das schrf feste geschlossen und angefesselt, anheute aber
vorgefhret, und ihm oberamtlich zu erkennen gegeben, Da er, allen Umstnden
nach, ein Ruber, Mrder, und einer der gresten Spitzbuben seye, der den
Hnden der Obrigkeit nimmer entgehen, und weiter nichts brig haben werde, dann
da er, durch eine wahre Er- und Bekanntnu seiner begangenen grosen
Missethaten, seine Seele noch zu erretten suche, hisce praemissis aber befraget:
Q. 1. Wie er heie, woher und wie alt er seye? - R. Er sehe nun schon, da er in
die Hnde der Obrigkeit gefallen, wolle, durch Verlugnung seiner Persohn und
begangenen Missethaten, seine Verschuldung vor Gott und der weltlichen Obrigkeit
nicht noch grser machen, seine Snden unsrem Herrgott demthiglich abbitten,
den Landesfrsten um eine gndige Strafe anflehen, und hiemit frei bekennen, da
er der sogenannte Sonnenwirthle seye, eigentlich aber Friedrich Sehwahn heie,
von Eberspach, Gppinger Amts, gebrtig, 31 Jahre alt und von Profession ein
Mezger seye, auch nicht nur an dem sogenannten Fischerhanne zu Eberspach einen
Mord begangen, sondern auch sich sonsten hie und da auff vielerlei Arth
schwehrlich versndiget habe; welches er alles gewissenhaft bekennen und
darunter weder Seiner selbsten, noch derjenigen im Geringsten verschonen wolle,
welche an seinen Verbrechen Theil gehabt, und zum Theil in Garlsruhe und Stein,
Durlachischer Herrschaft, wirklich in Verhaft genommen seyen, und das um so
mehr, als ihm sein so sndliches als elendes Lehen (bei dem er unterdessen wenig
gute Tage gehabt, auch von Hunger, Klte, und seinen sich dabei gemachten
Strapazen entsetzlich viel erlitten) schon lange entlaidet, wie er dann aus
diesem Grund nicht nur an den Durlachischen Beamten zu Stain, erst vor 8 Wochen,
mit aigner Hand, unter dem Namen Gillch, ein weitlufiges Schreiben, so ihm auch
vermuthlich richtig werde belfert worden seyn, des Inhalts habe ergehen lassen,
da wann man ihm Gnade versprechen und erteilen wolle, er ihme, dem Herrn
Beamten, auf etlichen Jahrmrkten eine damals in der Nhe gewete Partie von
sechzig Mann, so lauter Juden gewet, und dann wiederum eine andere Partie
Spitzbuben von eben so gros- oder noch grserer Anzahl, welche sich die-und
jenseits dem Rhein, bei Gannheim, Mohardt und Oberacherach, in den Wldern
auffhalten, und ihre besondere Httinen darinn haben, ohne allen Anstand in die
Hnde lffern, und dadurch die ganze Gegend von diesem Gesindel reinigen wolle,
sondern auch, da er gehret, da seine Herzogliche Durchlaucht in der Retour aus
der letzten Campagne durch Mergenthal passiren werden, er sich zu dem Ende in
dem Orth begeben habe, um sich Hchstdemeselben zu Fen zu werffen, sich zu
erkennen zu geben und um Gnade zu bitten; Weil aber Seine Durchlaucht die Stadt
nicht passiret, so seye ihm die Gelegenheit dazu abgeschnitten worden. - Q. 2.
Ob seine beede Eltern noch im Leben? R. Sein Vatter sey noch im Leben, und
ohngefhr 75 Jahr alt, seine rechte Mutter aber schon vor 15 Jahren gestorben;
Nach ihrem Tod habe sich sein Vatter wiederum an eine Frau verheurathet, die
wenig Liebe vor ihne und seine Geschwistrigte bezeugt, sehr b und
vortheilhaftig, und eben dewegen viel daran schuld gewesen seye, da, da er
sich in ihren Kopf nicht schicken knnen, ein Excess aus dem andern bei ihm
darber entstanden, und er zuletzt auf die unglckseligste Abwege gerathen. -
Da vorstehende Aussage auf beschehenes Vorleen von dem Inquisiten nochmalen
besttiget worden, Ein solches bezeugen die Urkunds-Persohnen: Matheus Brecht,
Joseph Luypoldt. Der wichtige Fang wurde von dem Oberamtmann sogleich
untertnigst einberichtet und, da nach wenigen Tagen die Resolution einlief, da
die Untersuchung in Vaihingen, als in foro deprehensionis, gefhrt werden solle,
mit derselben fortgefahren.
    So war denn der Verbrecher aus verlorener gesellschaftlicher Stellung nach
kaum dreijhriger Laufbahn ein lebensmder Gefangener und Verrter seiner
Mitschuldigen geworden. Dieser letztere Zug darf am wenigsten bergangen werden,
denn es handelt sich hier nicht darum, durch den Aufputz eines Helden der
Vorstellung des Lesers zu schmeicheln, sondern die innere Welt eines Menschen
aus dem Volke darzulegen, damit, wer da will, sich daran spiegeln mge.
    Zum Glck ist das Protokoll des Oberamtmanns von Vaihingen nicht die einzige
Quelle hiefr. Er war, im Geiste seiner Zeit, ein gewissenhafter Beamter,
persnlich ein Menschenfreund und Ehrenmann, dessen Nachkommen noch heute stolz
darauf sind, da er nicht wie fast alle Regierungsdiener um ihn her, seine
Stelle vom Herzog erkauft habe, sondern eher den Dienst aufgegeben als sich zum
Schatullieren erniedrigt haben wrde; aber eine innerliche Auffassung des
Lebensbildes, das die Untersuchung vor ihm entrollte, in den Akten
niederzulegen, war nicht seines Amtes, und gleich das erste Protokoll zeigt, da
er Inquirent genug war, sich das berraschend freiwillige Entgegenkommen seines
Gefangenen - dem er nicht so leicht beigekommen wre, wenn dieser nicht selbst,
gebrochenen Gemts, ihm seine Seele in die Hnde gelegt htte - nach den
Quadrangeln des Inquisitionsprozesses zurecht zu machen; ein Verfahren freilich,
das ihm weniger als seiner Zeit und seinem Amte angehrt.
    Der Oberamtmann hatte einen Sohn, der den Verbrecher tglich, wenn er ins
Verhr gefhrt wurde, sah, die allgemeine Teilnahme der Stadt an den vielen
freundlichen Seiten im Wesen des Unglcklichen mitempfand und sich hufig mit
ihm unterhielt. Die Familiensage erzhlt von ihm, da er schon als Knabe, wie
spter noch im Mannesalter, fr Cato und Brutus, als die grten Mnner,
geschwrmt habe. Aus dem Munde dieses Knaben erfuhr der gefallene Sohn des
Volkes ohne Zweifel zum erstenmal in seinem Leben, da es in der Geschichte
Brger gegeben habe, welche die Retter oder Verderber ihres Vaterlandes wurden.
Als der Knabe ein Mann geworden war und an der hohen Schule seines Herzogs junge
Mnner bilden half, erinnerte er sich des armen Friedrich Schwan und zeichnete
nach der Erinnerung seine Geschichte auf, wie er sie aus seinem Munde und aus
der Nacherzhlung erwachsener Mnner vernommen hatte. Seine rmischen Helden
schwebten ihm auch bei dieser Aufzeichnung vor, und er beginnt die ersten Zeilen
derselben mit den Worten, der junge Friedrich sei mit auerordentlichen Anlagen
des Geistes ausgestattet gewesen, habe den Keim jeder groen Tugend und jedes
groen Lasters in sich getragen, und nur von der uerlichen Lage habe es
abgehangen, ob er Brutus oder Catilina werden sollte. Ach, die uerliche Lage
war, wie auch die Umstnde beschaffen sein mochten, jedenfalls von der Art, da
er das eine wie das andere nur in sehr beschrnktem Sinne werden konnte. Auch in
anderen Dingen ist diese Geschichte nach dem mangelhaften Geist und Geschmack
der Zeit geschrieben; doch verhlt sie sich zu den Akten wie ein farbiges
Gemlde zu einem grauen Umri; und nur aus beiden zusammen ist es mglich, ein
Bild von den letzten Lebensjahren des verlorenen Sohnes von Ebersbach zu geben.
    Der scharfsinnige Plan, der an der Waldecke bei Wschenbeuren gefat wurde,
war nur sehr unvollkommen ausgefhrt worden. Das Sprichwort, da nicht alles
Gold ist, was glnzt, hatte sich auch bei dem Eintritte Schwans in die
Genossenschaft der Gauner bewhrt. Es ist nicht wahr, da die Spitzbuben ehrlich
gegeneinander sind und da sich auf diese Eigenschaft eine feste gesellige
Ordnung unter ihnen grnden liee. Neid, gegenseitiger Betrug und nie ruhender
Verdacht, selbst unter Verwandten, verbitterten ihm das von Hause aus arglose
Gemt gegen diese neue Welt bald noch strker als gegen die alte, die ihn
ausgestoen hatte. Er zog meist mit der schwarzen Christine, die er sich
beigesellte, allein in den Landen umher. Dieses ungewhnliche Weib, von welcher
der Geschichtschreiber eines Rubers und einer Ruberin sagt, sie habe alle
Gaben der Natur in reichem Mae besessen und mit einer sehr schnen
Krperbildung eine groe Ttigkeit und Anlage des Geistes verbunden, hing an ihm
mit einer Leidenschaft, wie sie die alten Sagen jenen Hnenweibern beilegen;
aber sie qulte ihn durch eine unbndige Eifersucht, und als die blonde
Christine, trotzdem da es ihr geglckt war, in einem Dienste unterzukommen, dem
Zuge ihres Herzens folgend, ihn einst besuchte, so duldete die Zigeunerin sie
nicht, sondern trieb sie gegen seinen Willen nach kurzem Zusammensein wieder
fort. Dem Scharfsinn und der Gewandtheit dieses Weibes verdankte er seine
glcklichsten Tage, wenn man es ein Glck heien kann, von gestohlenem Gute zu
leben. Aber man trifft nicht jeden Tag einen Markt, um die Taschen zu fllen,
auch gelang nicht jeder Marktbesuch. Christine wurde mehrmals gefangen; auch die
Ehehndel trennten das Paar oft wochenlang. Wenn es gut ging, so zog er als
Krmer mit Pa und Kramkiste durch das Land, verkaufte seine Waren um billige
Preise von Haus zu Haus, mied jede verrufene Gesellschaft, herbergte in den
besten Gasthusern und war, wie er in der Untersuchung sagte, auf der ganzen
Strae von Mergentheim bis Straburg als der ehrlichste Kerl bekannt, so da die
Wirte, wie er hinzufgte, sich entsetzlich verwundern wrden, wenn sie erfhren,
da sie unter dem Namen des ehrsamen Krmers Johann Sigmund oder auch Hermann
den Sonnenwirtle aufgenommen haben. Da seine uere Erscheinung ihn hiebei aufs
beste untersttzte, gestand ihm nicht blo der Spiegel, sondern sogar ein
gedruckter Steckbrief, den zwei Schultheien einst in der Schenke miteinander
lasen, whrend er selbst ihnen, an ihrem Gesprche ber den Sonnenwirtle
teilnehmend, gemtlich ber die Schulter in das Papier blickte: Und ist
vorgemeldter Erz-Gauner, hie es darin, fnf Fu, sieben Zoll gro,
gedrungener Gestalt, hat gelbliches Haar, dicken Kopf, feines weies Gesicht,
dicke, runde Backen, volle Waden. Im Bewutsein dieses ehrbaren Aussehens wagte
er einst einem pflzischen Schultheien und zwei Jgern, die ihn im Spiel
betrogen und ihm seine Pistolen nehmen wollten, mit gerichtlicher Klage zu
drohen und dem Schultheien, als er sich hiedurch nicht schrecken lie, den
Hund, den dieser an ihn hetzte, niederzuschieen. Aber nicht immer liefen die
Abenteuer so lustig ab. Oft versiegten alle Erwerbsquellen, oder er wurde von
Diebshehlern, welchen er auf seinen Irrfahrten um die gefangene Christine seine
Kramkiste anvertrauen mute, um den Inhalt derselben bestohlen. In solchen
Zeiten mute er Hunger und Kummer leiden und, wie jeder, der sich dem Teufel
ergibt, die Erfahrung machen, da dieser ein Filz ist und da man mit der
Ehrlichkeit auch im schlimmsten Fall so weit kommt als mit dem Gegenteil. Dann
griff er zu gefhrlicheren Unternehmungen: er lie sich von den Judenbanden im
Gebiete des deutschen Ordens anwerben oder sammelte vorberziehende Genossen zu
Einbrchen unter seiner eigenen Hauptmannschaft, welche aber nie lnger dauerte
als das einzelne Unternehmen selbst. Auf der Strae hat er nie geraubt. Sein
Geschichtschreiber sagt, er habe sich gegen das Ende seiner Laufbahn
Grausamkeiten aus Raubsucht erlaubt; doch habe er auch in seinen schwersten
Verbrechen Spuren briggebliebener Menschlichkeit, Mitleiden gegen Arme und
Unterdrckte gezeigt, den Grundsatz, nie einen Drftigen zu berauben,
durchgefhrt, sehr groe Almosen gegeben, und den Armen geschenkt, was er den
Reichen gestohlen habe. Von wirklichen Grausamkeiten findet sich aber nichts in
den Akten, die sehr genau in seine Verbrechen eingehen. Wohl sind Grausamkeiten
von den Genossen seiner Taten angefhrt, nicht aber von ihm. Auch verdient
hervorgehoben zu werden, da Einbrche, die seine Genossen ohne ihn unternahmen,
mehrmals von scheulichen Mordtaten begleitet waren, wogegen bei berfllen, die
er leitete oder untersttzte, nie ein Mord begangen worden ist, mit einer
einzigen Ausnahme, an welcher er unschuldig war, welche aber seine Heimat noch
einmal in Furcht und Schrecken setzen sollte.
    Ein Jahr nach dem Tode des Fischers, um Ostern, wagte er sich wieder in die
Gegend von Ebersbach, schickte die schwarze Christine in die Sonne und trug ihr
auf, seinem Vater zu sagen, sie habe einen Unbekannten auf der Strae getroffen,
der ihn gren lasse. Als er in den folgenden Tagen wieder mit ihr zusammentraf,
erfuhr er von ihr, da sein Vater seine Kinder zu sich genommen habe. Inzwischen
aber hatte er sich selbst in Ebersbach zu Gaste geladen und hiedurch den Tod
eines Menschen veranlat, dem er nichts weniger als bel wollte. In der Gegend
umherschweifend, war er am Rechberg hinter einer Hecke hervor, unvermutet von
einem Kameraden, dem sogenannten Jgerkasperle, angeschrien worden, der ihm
klagte, er habe keinen Kreuzer hinter sich und vor sich, und ihn fragte, ob er
keine Gelegenheit wisse. Da fiel ihm sein Vormund ein, mit dem er noch ein
Hhnchen zu pflcken hatte. Schon die nchste Nacht fand die beiden
Spiegesellen in dessen Laden. Whrend aber Schwan die erste Beute in einem
benachbarten Gchen absetzte, kam der Fleckenschtz zu seinem Unstern des Weges
daher. Er hatte mit einem Bekannten bis ber Mitternacht im Branntweinhause
gezecht, sah den Laden offen und taumelte hinein, um zu sehen, was es gebe. Der
Ruber schrie ihn an, er solle sich packen. Da aber der Schtz ihn anstarrte und
noch nher auf ihn zuging, so gab der Ruber, der seinen Stock fr eine Flinte
hielt, ohne weiteres Feuer und sprang seinem Genossen zu. Ein Nachbar, der von
dem Schu erwachte, sah zum Fenster heraus und rief, da er jemand im Gchen
erblickte: Was ist das fr ein Schu? Hat man nach des Sonnenwirts Frieder
geschossen? Ja, ja! antwortete dieser und machte sich mit dem andern davon.
Da der Getroffene der Schtz war und da die Kugel ihm das Leben gekostet,
erfuhr er erst spter und prgelte seinen ungeschickten Kameraden dafr und fr
einen Einbruch bei einem Kaufmann in Winnenden, den er als einen ehrlichen Mann
nicht bestohlen wissen wollte, tchtig durch. Dieser, der die Schlge als
verdient anerkannte, lie den Verdru darber an einem Dritten aus, der ihn zu
dem Einbruch in Winnenden verleitet hatte, und hieraus entstand eine
Feindschaft, welche so tdlich wurde, da man einander mit Schssen zu Leibe
ging und da der Verfhrer des kleinen Kaspars, als geschworener Gegner des
Sonnenwirts, von den rheinischen Gaunern den Namen Konterwirt erhielt. Der
Tod des Schtzen aber wurde in Ebersbach als eine neue Meucheltat der
schdlichen bsen Wurzel angesehen, und der Vogt lie Sturm schlagen und alle
Brger unter das Gewehr rufen, als ob eine ganze Armee von Gaunern im Anmarsch
wre. Der Kirchenkonvent von Ebersbach, unter dem Vorsitze des Pfarrers und
Amtmanns, beschlo, dem jngsten Kinde des verunglckten Schtzen eine kleine
Untersttzung auszusetzen und zugunsten der brigen Hinterbliebenen desselben
ein untertniges Memorial bei der Herrschaft einzureichen, strafte aber zugleich
den Zechbruder des Erschossenen um ein Pfund Heller, weil er demselben beim
Schnaps Gesellschaft geleistet und dadurch mittelbar Gelegenheit zu dem Unfall
gegeben habe.
    Dennoch sollte der Ruber, so sehr er seine Hand rein von Blut zu erhalten
strebte, noch einen dritten Mord, den zweiten und letzten, den er selbst beging,
auf seine Seele laden.
    Im Lwen zu Jhlingen, einem Dorfe in der unteren badischen Markgrafschaft,
hatte er einst mit der schwarzen Christine nebst einem Knecht und einer Magd,
die das Paar bei sich im Dienste hatte, Herberge genommen. Sooft er seinen Stern
mit Christinens Stern verband, konnte er im Wohlstande leben. Der Knecht war ein
gelernter Gauner und in die Unternehmungen seiner Herrschaft eingeweiht; die
Magd aber, die anfnglich als Wrterin fr ein inzwischen wieder gestorbenes
Kind Christinens angenommen war, hatte blo husliche Dienste zu verrichten und
alles eigenmchtige Stehlen war ihr von ihrem Herrn strengstens untersagt
worden, weil sie, wie er sich ausdrckte, als ein Mensch von schlechter Kleidung
und Person leicht darber ins Unglck kommen knnte. Herrschaft und Gesinde
speisten ruhig miteinander und achteten nicht darauf, da zwei Mnner in die
Stube traten, sie eine kleine Zeit aufmerksam beobachteten und sich dann einer
nach dem andern wieder entfernten. Die Gesellschaft war aufgefallen, sei es, da
ihre jenische Sprache Verdacht erregt, oder da man sie auf einem benachbarten
Markte gesehen hatte. Pltzlich fiel auf der Strae ein Schu. Sie fuhren auf,
aber zu gleicher Zeit drangen die beiden Mnner wieder in die Stube und auf sie
ein. Schwan machte sich von ihnen los und strzte hinaus, sah aber die Treppe
mit Bewaffneten besetzt, unter welchen er den Ratsschreiber des Orts mit
angelegtem Gewehr erblickte. Die Not gab ihm Kraft, eine Tre auf dem Gange
einzudrcken und sich in eine andere Stube zu werfen, die aber keinen Ausweg
hatte. Einer seiner Verfolger kam herein und fate ihn an den Haaren. Er drohte
ihn niederzuschieen, wenn er nicht gehe, und da jener nicht ablie, so zog er
die im Rockfutter versteckte Pistole, die er stets vermittelst einer Schnur am
Arm hngen hatte, und jagte dem Angreifer die ttliche Kugel in die Seite.
Hierauf griff er nach der anderen Pistole und erschien an der Treppe mit dem
Ruf, wer ihn anrhre, den schiee er ber den Haufen. Der Schu und die drohende
Haltung des khnen Rubers schchterten die Brgerwachen vllig ein. Sie
drckten sich an die Wand und an das Treppengelnder, so da er mitten durch sie
hinunterkam. Erst als er aus dem Hause hinausstrzte, sendeten sie ihm einige
verlorene Schsse nach. Er war frei, aber Christine blieb mit der reichgefllten
Kramkiste und mit Knecht und Magd in den Hnden der Gerichte zurck, und diesmal
war sie unter Umstnden gefangen worden, die ihn nicht zweifeln lieen, da sie
einer schwereren Haft als gewhnlich entgegengehe. Auch sah er sie nicht eher
wieder als in der Vaihinger Gefangenschaft, die er schon ein halbes Jahr nach
dieser Verhaftung seiner Gefhrtin betrat.
    Arm an Hoffnung und bald auch an Barschaft schleppte er sich den Winter ber
hin und wagte whrend dieser Zeit nur einige wenige Unternehmungen, die ihm mehr
Gefahr als Beute brachten. Er war berall und nirgends, aber von seinen hastigen
Streifzgen kehrte er immer wieder nach einem vertrauten Hofe in der Nhe des
Amtsfleckens zurck, wohin Christine abgeliefert worden war. Auf und bei diesem
Hofe, der zugleich ein Vergngungsort fr die Honoratioren der Umgegend war,
hielt er sich wochenlang auf und erlauschte eines Tages von der Kche aus die
Kunde, die der Amtsschreiber den anderen Gsten im Wirtszimmer mitteilte, der
Knecht und die Magd werden bald loskommen, das Weib aber scheine ein tchtiger
Fang zu sein; neulich sei ihr das Spiel von den Fleischmnnern garstig versalzen
worden, sie habe ausbrechen wollen und dann dem Amtmann auf seinen Vorhalt
hierber zur Antwort gegeben, ein grner Wald sei ihr lieber als ein gemalter
Turm.
    In dieser Zeit wurde einst zu Steinbach bei Baden in einer Scheune eine
nchtliche Gaunerversammlung gehalten, zu welcher sich die Zigeuner, die in den
niederelsssischen Wldern in Htten hausten, von dem Sohne eines Fergen ber
den Rhein herberfhren lieen und zu welcher auch Schwan geladen war. Der
Leutnant der berrheinischen Zigeuner, Mockel, trat hier mit einem Vorschlag
auf, wobei es sich um nichts Geringeres handelte, als an dem Markgrafen Karl
Friedrich von Baden-Durlach ein Exempel zu statuieren. Dieser pflichteifrige
Frst, dessen Land den Angriffen der Gauner am meisten ausgesetzt und der durch
einen emprenden Einbruch des Konterwirts in Mhlburg (an dem nmlichen Orte, wo
ein frherer badischer Frst, der regierende Markgraf Eduard Fortunat von
Baden-Baden, als gemeiner Straenruber an einen westflischen Rokamm Hand
gelegt hatte) zu nachdrcklichen Maregeln gegen das Gesindel herausgefordert
war, hatte, sehr im Gegensatze gegen den Deutschmeister und andere Nachbarn, den
Grundsatz gefat, nicht nur gegen alle, die auf seinem Boden betreten wrden,
aufs schrfste zu verfahren, sondern auch die Gefangenen von anderen
Herrschaften, welche lssiger verfuhren, um Geld an sich zu kaufen. Infolge
dieser Maregel waren die Gefngnisse von Karlsruhe mit selbstgefangenen und
eingehandelten Gaunern berfllt. Die Versammlung, Mnner und Weiber, brach in
die entsetzlichsten Drohungen gegen den Markgrafen aus und wollte auf Mockels
Antrag den Beschlu fassen, das ganze Land anzuznden und einen Schrecken zu
erregen, der dem Frsten die Lust zur Ausrottung der Kochemer vertreiben sollte.
Sein Gestt bei Reichenbach sollte nebst den Orten Grtzingen und Wilfertingen
den Anfang machen, dann ein Einfall in das Frauenalbische folgen, und ber den
geeignetsten Zndstoff war man ebenfalls einig, als Schwan in diesem furchtbaren
Parlament als Hauptsprecher gegen den Antrag auftrat und es durch seine
Beredsamkeit und durch sein Ansehen unter den Rubern wenigstens dahin brachte,
da die Ausfhrung desselben verschoben wurde. Er bediente sich eines
Verwerfungsgrundes, der seine Wirkung bei der Versammlung nicht verfehlte, denn
er machte geltend, da die Gefangenen zu Karlsruhe und seine in Stein liegende
Frau selbst darunter leiden mten und nur eine desto hrtere Todesstrafe zu
gewarten haben wrden. Aber er glaubte nicht, da der Plan aufgegeben sei, und
in seinem Verhr zu Vaihingen sagte er, es werde gewi noch geschehen, und man
werde vielleicht deshalb an ihn gedenken, wenn er schon tot sei. Es geschah
jedoch nicht, denn sein Verrat verbreitete unter den Rubern denselben
Schrecken, den sie dem badischen Lande zugedacht hatten, und die vielen
Randzeichen des Vaihinger Untersuchungsprotokolls zeugen von den ebensovielen
Mitteilungen, welche der ttige Oberamtmann an die benachbarten mter und
Gerichte ausgehen lie, um ihre Arme gegen die noch auf freiem Fu befindlichen
Genossen seines Gefangenen in Bewegung zu setzen.
    Der Verbrecher, der seinen Vaterort tglich durch Drohungen mit Mord und
Brand gengstigt hatte, verlie mit Abscheu die Versammlung, die der Ausfhrung
solcher Taten fhig war, und enthllte in dem Briefe, den wir bereits kennen,
dem Amtmann von Stein den verruchten Mordbrennerplan. Freilich war die gute
Regung, die man nach seiner ganzen Beschaffenheit nicht an ihm bezweifeln kann,
mit sehr menschlichen Absichten vermischt: er wollte Gnade fr sich und hatte
unter den badischen Beamten den von Stein ausgewhlt, weil er durch seine
Unterhandlung mit diesem gnstig auf Christinens Schicksal einzuwirken hoffte.
Dennoch wrde selbst im Falle ausschlielicher Eigensucht seiner Enthllung ein
Verdienst nicht ermangeln; denn wenn jene politischen Blutegel, wie ein
zeitgenssischer Beamter und Schriftsteller die zu Tausenden umherstreifenden
Gauner nannte, Raum gefunden htten, als geschlossene Macht aufzutreten, so wre
bei dem Zustande des Reiches und der von Preuen geschlagenen Reichsarmee mehr
als viel auf dem Spiele gestanden.
    Er erhielt jedoch von dem Amtmann keine Antwort, merkte aber bald, da
derselbe ihm auf der Spur sei, denn als er nach dem Hofe bei Stein zurckkehrte,
vernahm er, da das Gercht von seiner Anwesenheit verbreitet sei, und hatte
Not, sich durch die aufgebotenen Streif wachen durchzuschleichen. Unstet und
flchtig irrte er nach anderen Gegenden.
    Nach dem vergeblichen Schritte bei dem Amtmann von Stein fate er den noch
abenteuerlicheren Gedanken, in der Residenz des Deutschmeisters, auf neutralem
Boden also, wie er meinte, vor seinem aus dem Felde heimkehrenden Herzog zu
erscheinen und zu versuchen, ob er nicht sein Herz rhren knne. Dieser Einfall
verrt eine Treuherzigkeit, die man einem Gauner und Ruber frwahr nicht
zutrauen sollte. Serenissimus kam aus der bekannten Schlacht von Fulda, die ein
Laufen, kein Schlachten zu nennen war und in der er seinem auf preuischer Seite
fechtenden Bruder nicht blo das Feld, sondern auch eine reichbesetzte Tafel
nebst einem Teile seiner Armee, whrend er mit dem Rest entrann, hinterlassen
hatte. In der Laune, die er mit diesen Lorbeeren heimbrachte, wollte ihn der
gefrchtetste Bsewicht seines Landes um den auerordentlichsten Sonnenschein
oberherrlicher Gnade ansprechen! Der Zufall ersparte ihm eine Enttuschung,
fhrte aber dafr einen Sendling der jdischen Leutnants in seinen Weg, der ihn
zu einer neuen Unternehmung anwarb und eine halbe Zusage von ihm erhielt.
    Zuerst aber drngte es ihn wieder nach dem Hofe bei Stein. Die Gegend schien
sicherer geworden zu sein, und er blieb wieder einige Zeit dort stille liegen,
bis die Not ihn aufscheuchte, um das Anerbieten der Juden bei herannahender
Frist anzunehmen. Von Christinen, nach welcher er sich in Gestalt eines
Hanfhndlers erkundigte, war nichts Trstliches zu vernehmen; vielmehr schien
das Gericht Verdacht gefat zu haben, da sie sein Weib sei, und in diesem Falle
mute er eine ewige Trennung von ihr gewrtigen. Seine geistige Kraft war noch
frher als die krperliche gebrochen, obgleich auch diese durch Entbehrungen
jeder Art auf eine harte Probe gesetzt war. Da er sich der nahen
wrttembergischen Grenze zuwandte, einer Gegend seines Vaterlandes, die ihm
unbekannt war und wo er sicher zu sein hoffte, beweist, da der trotzige Mut,
mit dem er allen Gefahren seines Bekanntseins in der Markgrafschaft die Stirne
geboten hatte, von ihm gewichen war.
    Im groen Hagenschiewalde, der sich von Pforzheim in das Wrttembergische
erstreckt, traf er unversehens auf einem abgelegenen Holzwege, wo ein einzelner
Soldat nicht leicht zu marschieren pflegt, einen herzoglichen Grenadier, der
noch berdies, um das Sonderbare der Erscheinung zu vermehren, zu Pferde sa und
seine weie Grenadiermtze tief ber das Gesicht gezogen hatte. Beide erkannten
sich sogleich. Der Grenadier war sein Landsmann durch Abstammung und sein
Verwandter durch Wahl, der sogenannte Schneidermichel, der eine Base Christinens
sich beigelegt hatte, von ihr aber wegen seines zu friedliebenden Gemtes
verlassen worden war. Dasselbe hatte ihn unter dem zweiten Grenadierbataillon,
in das man ihn aus dem Zuchthause gestoen hatte - der Ausdruck ist amtlich -
in die sogenannte Fuldaer Schlacht begleitet, in welcher er keinen Vorwurf auf
sich lud, da er das Schlachtfeld gleichzeitig mit der ganzen Armee, soweit sie
nicht gefangen war, und mit dem Kriegsherrn verlie. Nur hatte der Soldat der
Reichsarmee, whrend seine Kameraden in den Wintergarnisonen unterkamen, bis zu
diesem Tage die Flucht nicht eingestellt. Er bekannte seinem Freunde, da er
herzoglich wrttembergischer Deserteur sei, zu seinem besseren Fortkommen das
Pferd, das er reite, dem Adlerwirt in Flehingen aus dem Stall genommen habe, und
sich nach Hechingen zu wenden willens sei. Dies redete ihm der Sonnenwirtle aus
und sagte, er sei zu Hechingen nicht sicher, er solle lieber mit ihm in das
Deutschherrische gehen. Der andere willigte ein; da er aber als
wrttembergischer Deserteur sich auf wrttembergischen Boden so wenig sicher
fhlte als sein Freund auf badischem, so beredete er diesen, das Pferd zu
nehmen, mit welchem er sich gleichfalls nicht mehr durch das Badische getraute,
weil er es dort gestohlen hatte, in einem kleinen Orte oder auf einem einzelnen
Hofe bei Enzweihingen ber Nacht zu bleiben und den anderen Tag in Heilbronn mit
ihm zusammenzutreffen. Mit dieser Verabredung trennten sie sich. Eine
Aufmunterung, in Kriegsdienste zu gehen, woran er manchmal in seinem Leben
gedacht, konnten die Erzhlungen dieses der Fuchtel entlaufenen Soldaten fr ihn
nicht enthalten. Wenn dagegen der Grenadier den Ruber, wie ohne Zweifel
geschehen ist, nach dem Befinden der Bekannten fragte, so konnte dieser ihm eine
lange Unglcksliste erffnen. In der kurzen Zeit dieser drei Jahre hatte der Tod
eine reiche Ernte gehalten. Von der Gesellschaft, die er im Walde von
Wschenbeuren getroffen und mit der er sich noch am besten vertragen hatte,
lebten nur noch die weiblichen Mitglieder; der scheele Christianus war gehngt,
Schwamenjackel gekpft, Bettelmelcher von den Streif Wchtern erschossen; und
von den Weibern war nur noch eine einzige frei, seine freche Schwgerin, denn
Christine sa in Stein und die alte Anna Maria in Steinbach gefangen. Er selbst
hatte die Alte in Gestalt des wandernden Krmers, der oft von solchen
Marktdiebinnen betrogen worden, in ihrem Gefngnis aufgesucht und die
Gelegenheit bentzt, ihr verstohlen einen Teil seiner Barschaft in die Hand
gleiten zu lassen.
    Der Verfolg beweist, da er das Pferd, das er offenbar aus Gutmtigkeit
angenommen, um dem andern aus der Verlegenheit zu helfen, gar nicht angesehen
hatte, denn sonst wrde er es wohl schwerlich bestiegen haben. Seine sonst so
schnellen Augen wachten nicht fr ihn, und er mu an diesem verhngnisvollen
Tage ganz in schwere, tiefe Gedanken versunken gewesen sein.
    In einem Dorfe auf der Hhe hielt er an und trank ein Glas Wein. Als er
weiter ritt, neigte sich die Hochebene und der Weg teilte sich in drei Pfade,
die von keinem Wegweiser bezeichnet waren. Er whlte den mittleren geraden, der
ihn steil ins Tal hinunterfhrte. Eine Stadt mit Mauern und Toren, von einem
Schlosse berragt, lag vor seinen Augen, als das Ziel des Weges, den er ritt. Er
kann sie unmglich gesehen haben, denn der erste Blick htte ihm gezeigt, da es
vernnftiger sei, sie zu umgehen. Eine Brcke trug ihn ber die Enz - er befand
sich vor dem Tore. Nun stutzte er freilich einen Augenblick, aber der
Torwchter, dem die Langeweile an diesem selten betretenen Tore den Blick
geschrft haben mochte, hatte vom kleinen Fenster aus sein Stutzen bemerkt. Wre
er zu Fue gewesen, so wrde er jetzt noch unwillkrlich den Fu angehalten und
den Schritt gewendet haben. Des Reitens seit langer Zeit ungewohnt, lie er das
Pferd gehen, und so wurde dieses zum Werkzeug seines Schicksals, dessen Hand
lhmend auf seinem Geiste lag. Seine Uhr war abgelaufen, das Pferd trug ihn
blindlings durch das Tor, hinter welchem sich ein Gewirre von engen Gchen
auftat, das Gitter fiel hinter ihm und der Mann mit dem sprenden Blicke trat
aus dem Torhuschen heraus.
    Die Geschichte der Verhaftung selbst hat der Oberamtmann bereits erzhlt;
aber sein Sohn berichtet noch einige weitere Zge, die in Verbindung mit dem,
was aus sonstigen Stellen der Akten hervorgeht, aufbewahrt zu werden verdienen.
Derselbe erzhlt, sein Vater habe die Psse des Fremden, an welchen der
Torwchter gezweifelt, ganz richtig befunden, und Schwan sei nun schon so gut
wie frei gewesen, aber ein kleiner Umstand habe ihm Freiheit und Leben gekostet:
er sei nmlich auf einem sehr elenden Pf erde gesessen, das mit seinem eigenen
trotzigen und khnen Anstnde - und, wie aus den andern Quellen hervorgeht, mit
seiner durchaus ehrbaren Kleidung - einen hchst lcherlichen Widerspruch
gebildet habe, und dieser Umstand, sowie das auffallende Gesicht des Mannes,
habe gemacht, da der Oberamtmann mit Aufmerksamkeit bald auf dem Pferde, bald
auf ihm verweilt sei. Diese Aufmerksamkeit sei dem Reiter nicht entgangen, der
nun habe annehmen mssen, das gestohlene Pferd sei bereits steckbrieflich
geschildert, und deshalb, da der Oberamtmann eine Vernderung in seinem Gesichte
zu erblicken glaubte und ihm abzusteigen befahl, die Flucht zu ergreifen gesucht
habe.
    Gleichwohl wrden nach seiner Vergewaltigung durch einige mutige Vaihinger
Brger, die, wie der Vorgang von Jhlingen beweist, ihr Leben dabei wagten, die
Inzichten, die in seinem Benehmen und den bei ihm gefundenen allerdings
verdchtigen Gegenstnden lagen, noch nicht zu einem zuversichtlichen Verfahren
gegen ihn ausgereicht haben. Er hatte sich schon mehr in solchen Verlegenheiten
befunden und wute, wieviel man der Obrigkeit, selbst auf halbem Augenschein von
ihr ertappt, durch hartnckiges Leugnen abtrotzen konnte. Aber die erste
Gefngnisnacht in Vaihingen vollendete die Umwandlung, die schon lange in seinem
Innern begonnen hatte und durch die Strme des Lebens, die Foltern des Gewissens
so vorbereitet war, da sie nur noch eines ueren Anstoes bedurfte.
    Wer seinen Mutterwitz und seine offenherzige Leutseligkeit fr die einzigen
von seiner Mutter ererbten Eigenschaften hielt, hatte sich garstig in ihm
verrechnet, und teuer muten die Genossen seiner beltaten diesen
Rechnungsfehler ben. Das hauptschlichste Erbe, das er von seiner Mutter
berkommen, das heit, vermittelst ihres Einflusses sich in sein Herz eingeprgt
hatte, war die Religion, wie sie in den Liedern seiner Landeskirche, in den
Sprchen der Lutherschen Bibel und in den Fragen und Antworten des
protestantischen Katechismus niedergelegt war. Die Art, wie er diese Religion in
der Welt ausben sah, hatte ihn oft ber sie spotten machen, und der Beifall,
den seine Witze fanden, hatte ihn in seinen Spttereien bestrkt. Aber was sein
Geschichtschreiber aus seinem Mund erzhlt, beweist, da sie dennoch die Heimat
seines innersten Gemts geblieben war, und der nmliche Erzhler, dem es gar
nicht einmal einfiel, an der Wahrheit jener Mitteilung zu zweifeln, sagt bei
einer andern Gelegenheit von ihm, Aufrichtigkeit sei, selbst in seinen
ruchlosesten Jahren, ein Hauptzug in ihm gewesen. Oft, erzhlt derselbe bei der
Darstellung seines inneren Zustandes whrend seines Aufenthaltes unter den
Gaunern, oft sei er nachts im Traume aufgewacht, nachdem er vergebens durch
Berauschung sein Gewissen einzuschlfern gesucht, habe geschrien, geweint,
gebetet, bis sein Weib an seiner Seite ihn durch Spttereien ber seine Feigheit
wieder zum Schweigen gebracht habe. Oft sei er auf die Knie gefallen und habe
den Himmel um Gnade zu seiner Besserung angefleht. Oft sogar sei er unter dem
Galgen niedergekniet und habe Gott gebeten, ihn aus diesem Leben herauszufhren.
Dann habe er wieder sein Weib gentigt, auf die Knie zu fallen und mit ihm zu
beten, in der Hoffnung, da ihre, wie er gedacht, noch weniger befleckte Seele
eher Erhrung finden wrde. Oft sei er mit Schrecken aus dem Schlummer
aufgefahren, habe geseufzt und gebetet, und wenn sein Weib gefragt, was ihm
fehle, ihr allemal geantwortet, er denke an den Waisenpfarrer zu Ludwigsburg. O
Weib, habe er weinend und seufzend gesagt, wenn du wtest, was das fr ein
Mann war, was er mich gelehrt, wie er mich ermahnt hat - o Gott, wenn er recht
hat, so sind wir beide verloren, und ach, gewi, er hat recht! Als er einst zu
Offenburg gefangen gelegen, habe er mit einem von der Wand abgebrochenen
Stckchen Spei ein Kruzifix gemalt, dasselbe, um sich stets an den Gekreuzigten
zu erinnern, bestndig angeschaut, gekt und mit Trnen benetzt. Damals -
dies sind, sagt sein Geschieh tschreiber, seine eigenen Worte - versprach ich
vor dem Bilde meines Heilandes Besserung und nahm mir fest vor, eher mein Brot
zu betteln, als ihn weiter zu beleidigen. Ich netzte dieses Bild mit Trnen, ich
kte ihm die Hnde und bat um meine Befreiung. Sie erfolgte, ich war so
glcklich, da ich entrann, oder vielmehr so unglcklich, da ich Gelegenheit
bekam, meine vorigen Snden mit neuen zu vermehren. Einige Tage tat ich gut.
Aber ich konnte keine bsen Tage leiden. Nur allzubald war der vorige gute
Vorsatz verschwunden, und ich war zu meinem Schaden klug genug, Entschuldigung
fr meine Snden zu finden und mich manchmal gar zu bereden, da alles Torheit
sei, was man vielleicht blo um der Einknfte willen in den Kirchen predige. Das
ging nun freilich nicht ohne innerliches Widersprechen meines Gewissens ab, und
berhaupt hatte ich bestndig qulende Gewissensbisse. Nichts aber, setzt sein
Geschichtschreiber hinzu, habe seine Besserung so sehr gehindert, als sein Weib,
die seine Begierde nach derselben als Zuckungen eines Feigen belacht und, wenn
Spotten nichts mehr half, seine Frmmigkeit blo als einen Vorwand, sie zu
verlassen und zu seiner lutherischen Christine zurckzukehren, angesehen habe.
    Die schwarze Christine bekannte sich zu der katholischen Kirche. Sie hatte
mit ihrem Geliebten gleich nach ihrer Verbindung eine Wallfahrt zu der schwarzen
Maria von Einsiedeln gemacht, um sich trauen zu lassen, daselbst auch
Bereitwilligkeit gefunden, die jedoch, nicht zur Tat werden konnte, da keines
von beiden Brautleuten daran gedacht hatte, seinen Taufschein mitzubringen. Ihr
erstes Kind war in einem badischen Orte, dessen gaunerfreundlicher Schulthei
dabei zu Gevatter stand, von einem Jesuiten getauft worden. ber den Tod dieses
Kindes, das sie frhe wieder verlor, betrbte sie sich so bermig, da sie in
Verzweiflung verfiel und dem Wahnsinn nahe kam; sie wollte sich, durchaus nicht
von dem Kinde trennen und trug die verwesende Leiche in einem Kstchen mit der
grten Beschwerde acht Tage lang herum. ber ihr Verhltnis zu ihrer Religion
sagt der akademische Geschichtschreiber dieses Rubers und dieser Ruberin:
Niemand betete pflichtlicher das Paternoster. Niemand besuchte die Wallfahrten
so fleiig oder wohnte den Prozessionen so hufig bei. Schwan hat versichert,
da sie auf eine einzige solche heilige Feierlichkeit mehr als dreiig Gulden
aufgewandt, da sie aber auch fters das Geld dazu vorher gestohlen habe.
bereinstimmend hiermit sagt ein Schriftsteller des vorigen Jahrhunderts, der
ber die Gauner schrieb und sich durch seine Sprache als Protestanten zu
erkennen gibt, die Religion, zu der sich diese Menschenklasse bekenne, sei in
der Regel die katholische, man drfe immer hundert Katholiken auf einen oder
zweien Lutheraner, Reformierte oder Juden rechnen; diese Minderheiten bilden die
Ausnahme und seien allemal berlufer aus dem Brgerstande; die
Religionswissenschaft der Mehrheit bestehe in einigen auswendig gelernten
Formeln, in Legenden, in ungestalteten Ideen von Wallfahrten, Messelesen,
Rosenkranzbeten u. dgl., und mehr, fgt er mit protestantischer Hrte hinzu,
brauchen sie als Gauner auch nicht zu wissen, denn die Religion wrde ihnen,
wenn sie sie dem Wesen nach kenneten, nur beschwerlich sein.
    Die katholische Kirche, die sich die allgemeine nennt und es zu werden
strebt, macht dem Menschen den Eintritt in ihre allezeit offenen Tempel leichter
und legt ihm kein so schweres Opfer auf wie ihre Schwesterkirche. Da sie alles
unter ihre Flgel versammeln will, so mu sie wie eine gtige nachsichtige
Mutter verfahren, die dem Kinde je nach dem Mae seiner Gaben nicht das
Schwerste zumutet, sondern sich mit der Andeutung des guten Willens begngt.
Daher erklrt es sich, da ihre opferfreudigen Sendboten unter den kindlichen
Vlkern einer jngeren Welt, wie bei den aus Indien nach Europa eingewanderten
Zigeunern, welche groenteils den Grundstock der Heimatlosen des vorigen
Jahrhunderts abgegeben haben, im Pflanzen und Ernten glcklicher gewesen sind
als ihre Nebenbuhler von der anderen Kirche. Diese strengere Mutter weist die
blo uerliche Andeutung zurck, sie duldet es nicht, da der Mensch an seiner
Statt Gott einen guten Mann sein lasse, sondern legt ihm selbst, unter
Verheiung des gttlichen Beistandes zwar, die Riesenarbeit auf, sich die
Geheimnisse des Glaubens anzueignen und das eigene Ich zu berwinden. Da sie
selbst die Gre dieser Forderung sich nicht verbergen kann, so sagt sie, es sei
nur Auserwhlten mglich, dieselbe zu erfllen, whrend sie zugleich, da sie so
wenig wie die andere Kirche ihren Kreis zu beschrnken gemeint ist, hiedurch in
den Widerspruch gert, auch Nichtauserwhlten ihr Joch auferlegen zu wollen.
Hiezu kommt noch, da ihr seit mehr als hundert Jahren gerade unter ihren
begabtesten Shnen Gegner aufgestanden sind, die, statt sich als Auserwhlte zu
zeigen, den Grund des Glaubens mit der Schneide der Prfung und Verneinung
aufgewhlt und ihre unbegabteren Brder beunruhigt haben, so da die Kirche
selbst, im Kampf mit ihnen, so wie andererseits mit ihrer lteren Schwester
gentigt worden ist, um den Glauben zu streiten, das heit, die Breite, Hhe und
Tiefe der Gottheit auszumessen, was zwar den Weltkindern freistehen mag, der
Kirche aber durch ihre heiligen Urkunden nicht empfohlen ist. So weisen denn
beide Kirchen an ihren Bekennern Schattenseiten auf, welche die Gefahren der
einen wie der anderen anzeigen: dort Leichtsinn, hier Verwirrung. Beide aber,
die nachsichtige wie die strenge Mutter, geben dem Menschen fr das Leben die
gleiche Vorschrift: Liebe deinen Nchsten wie dich selbst; und wenn diese Lehre
befolgt wrde, wenn mit diesem Beispiel die Lehrenden selbst und unter ihnen die
heiesten Eiferer fr ihre Kirche und ihren Glauben zuerst vorangingen, so wre
unter den Flgeln der einen wie der anderen dem Menschen eine gute Wohnsttte
bereitet. Da auf der einen wie auf der anderen Seite von dieser Liebe nicht gar
viel zu spren ist, das ist wohl zunchst die Schuld des einzelnen Menschen,
noch weit mehr aber die Schuld und Not des ganzen Kreises, aus dem er stammt und
in dem er lebt. Die Liebe, ob sie schmeicheln oder zchtigen mag, ist ein Weib
und kann nicht dem Haushalte vorstehen, der neben der Mutter des Mannes, des
Vaters bedarf; und wenn das Volk, das in so vielen stolzen Shnen sich rhmt,
das zweite auserwhlte der Weltgeschichte zu sein, wenn dieses Volk am Ziele
seiner harten Arbeit und Mhsal die Gesetzestafeln findet, welche den
zerrtteten Haushalt der Vlkerwelt von neuem ordnen, jedem einzelnen Kinde des
Hauses sein Lebensrecht und seine Lebenspflicht in ungezwungenem menschlichen
Mae zuwgen, dann ist der Vater zu der Mutter gefunden, dann werden Recht und
Liebe nebeneinander, eins das andere beschrnkend, beschirmend, verklrend, in
dem neuerbauten Hause walten.
    Die schwarze Christine tat sich auf ihre pflichtmigen Religionsbungen
nicht weniger zu gut als die ehrbare Protestantin, welche sonntglich zur Kirche
geht, um die Predigt zu hren, vielleicht auch in der andchtigen Gemeinde
gesehen zu werden, und das mit einem gewissen Recht: denn unter den Leuten,
welche nicht durch die Schulen der Philosophen, sondern blo durch ihre
Konfessionsschule, unmittelbar oder mittelbar, gegangen sind, gilt es fr eine
Brandmarkung, keine Religion zu haben, weil diese eben das unverstandene, aber
eben darum desto mehr mit der Ahnung festgehaltene Wahrzeichen ist, da man
einem Menschen im Verkehr mit seinesgleichen trauen knne. Sooft sie auch sich
selbst und andere schon mit diesem Wahrzeichen getuscht haben, sie halten immer
wieder daran fest, nicht mit dem Verstande, der die geheimnisvolle Kammer der
Glaubensschtze als Prunkgemach fr hohe Feste das ganze Jahr verschlossen lt
und vorsichtig seinen Geschften nachgeht, sondern mit dem Herzen, welches
dunkel fhlt, da die Religion mit der dem Leben zugekehrten Vorschrift der
Liebe die Menschen aneinander bindet oder binden sollte. Da sie nach
vollbrachter Religionsbung sich mit ihrer Religion abfinden und dieselbe in den
menschlichen Verkehr nicht mitbringen, knnen sie einander von beiden Seiten mit
gleichem Recht vorwerfen; nur wird, die gleiche Innigkeit des Bekenntnisses bei
den einzelnen vorausgesetzt, die Abfindung bei dem strengeren Bekenntnisse
schwerer sein. Und doch finden sich hben wie drben bis zu einer gewissen
Grenze alle ab: denn wer befolgt die Vorschrift des Evangeliums, alles zu
verkaufen, was er hat, und es den Armen zu geben, oder nie fr den kommenden Tag
zu sorgen? Wer Rechtsverbindlichkeiten eingegangen hat, wer Weib und Kind
ernhren mu, wird, wenn er auch noch so kirchlich religis gesinnt ist, sich
mehr oder minder deutlich gestehen, da er solche Vorschriften als unerfllbar
betrachte. Dann bleibt zwar allerdings noch immer ein sehr groer Unterschied
zwischen ihm und einer Gaunerin, die das Geld zu einer Wallfahrt stiehlt, oder,
wie eine andere ihres Ordens, ein berhmtes Marienbild von gestohlenem Zeuge
kleiden, oder gar, wie gleichfalls vorgekommen ist, fr das Gelingen eines
Einbruches eine Messe lesen lt; aber die Nichtanwendung wie die nichtswrdige
Anwendung von Religionsvorschriften auf das Leben ist immer eine Abfindung, mit
welcher man bekennt, da die Religion das Leben nicht ganz zu leiten vermge.
Woher soll ihm aber eine ganze Leitung kommen, solang es an einem Rechte fehlt,
das jedem seinen Platz am Tische des Lehens sichert? Die Religion hat noch
selten einen christlichen Staat oder Frsten abgehalten, um eines wirklichen
oder vermeintlichen Rechtes willen einem anderen Menschen- oder Christenreiche
den Krieg zu erklren und selbst mit Grausamkeit zu fhren, ja nach erfochtenem
Sieg ber blutigen Leichen und rauchenden Wohnsttten dem Herrn der Heerscharen,
den dieselbe Religion auch den Vater der Liebe nennt, einen schrecklichen
Lobgesang anzustimmen. Auf ein Recht aber glaubte auch die Tochter eines
heimatlosen Stammes sich berufen zu knnen, die ber den Grbern ihrer
geschlachteten Verwandten im Kriege mit der Gesellschaft aufgewachsen war und
diesen Krieg mit dem gleichen Hasse fhrte, mit welchem ein Naturvolk seine
Wlder und Gebirge unter Raub und Mord gegen die Waffen und Gesetze des
eingeborenen oder eingedrungenen Beherrschers zu behaupten sucht. Gerade hierin
aber lag zwischen ihr und dem nicht von Kindesbeinen an, sondern erst in
spteren Jahren ausgestoenen Sohne des herrschenden Volkes ein Gegensatz, der
immer eine Kluft zwischen ihnen offen erhalten mute. Zehnmal mochte er ihr in
den Stunden der Leidenschaft beistimmen, da die Gesellschaft, die er verlassen,
aus lauter Spitzbuben, Heuchlern oder Trpfen bestehe: immer wieder sagte ihm
seine unbestechliche Erinnerung, da er auch ehrliche, gradsinnige und
verstndige Leute darin gefunden habe und da das nchste Opfer ihrer Raubzge
zu diesen gehren knne. Und diese lichten Erinnerungen und Eindrcke verbanden
sich bei ihm mit einer Religion, die ihn in dem friedlich-frommen Kreise seiner
Mutter mit dem unvertilgbaren Bewutsein erfllt hatte, da, wenn auch in der
Bibel und von ihren besten Helden gestohlen, geraubt und gemordet werde, da,
wenn auch eine christliche Obrigkeit sich fr die Fhrung ihres Racheschwertes
auf die Bibel berufe, doch der wahrhaft gute Mensch einen Abscheu davor haben
msse, das Eigentum seines Nchsten anzutasten oder, unter welchem Vorwande es
auch sei, sein Blut zu vergieen.
    Aber die innere Erkenntnis des Menschen hat ohne eine Untersttzung von
auen nicht so leicht die Gewalt, sein ueres Leben augenblicklich
umzugestalten, schon deshalb nicht, weil seinen schnsten und edelsten
Empfindungen immer wieder die menschliche Schwachheit sich anhngt und weil er
die besten Vorstze sehr oft in Stunden uerer Not und Bedrngnis fat, so da,
wenn diese vorber sind, das frohe Gefhl des Glckswechsels ihm auch den guten
Vorsatz nur als ein Erzeugnis der schwachen Stunde erscheinen lt. Hiefr
liefert gerade die Geschichte der Offenburger Verhaftung, wie sie Schwan ohne
den religisen Zwischenvorgang zu den Akten gegeben hat, einen so deutlichen
Beleg, da dieselbe, die auch sonst merkwrdige Zge darbietet, hier nicht
bergangen werden darf. Nach verschiedenen Abenteuern mit eigenntzigen
Polizeimnnern und nachlssigen Obrigkeiten, welche sich den Schutz der ihnen
anvertrauten brgerlichen Gesellschaft so schlecht angelegen sein lieen, da
diejenigen, die dem Markgrafen von Baden ihre etwaigen Gefangenen um Geld
verkauften, noch weitaus zu den besseren gehrten, hatte das Paar den Unstern,
auf dem Jahrmarkte zu Offenburg in seinen Geschften durch die Wachsamkeit
dortiger Brger gestrt zu werden, wie denn berhaupt in allen hnlichen
Geschichten jener Zeit die Gaunerherrlichkeit immer erst da ein Ende hat, wo
mutige und aufopfernde Brger, oft schmhlich im Stich gelassen, der Obrigkeit
zu Hilfe kommen. Dem Ruber gelang es in eine Kapelle zu entspringen, seine
beiden Terzrohre, wie der Sprachgebrauch der Zeit sie nannte, unter dem
Hochaltar zu verbergen und seine Barschaft von drei Karolins dem Chorrektor, der
mit mehreren Geistlichen sogleich herbeieilte, in die Hand zu drcken. Der
Chorrektor versprach, ihn nicht eher auszuliefern, als bis er vom Magistrat
einen Salvuskondukt in so bndiger Form ausgewirkt habe, da man ihm weder an
das Leben gehen, noch ein Glied verletzen, sondern, wenn er je eine Todesstrafe
verwirkt, ihn wieder hierher in die Kirche stellen msse; fr Schlge knne er
ihm freilich nicht stehen. Der Stadtmeister der katholischen Reichsstadt lag
nebst einigen anderen Personen soeben in der gleichen Kirche seiner Andacht ob
und sah die Unterhandlung zwischen dem Geistlichen und dem verdchtigen
Flchtling mit an. Als nun die Kirche denselben mit dem weiteren Versprechen,
da er das anvertraute Geld nach seiner Freigebung bei dem Pfarrer eines
benachbarten Ortes wieder abholen knne, der weltlichen Obrigkeit bergeben
hatte, so wollte diese mit aller Gewalt wissen, was er dem Geistlichen
zugestellt habe. Drei Tage hintereinander erhielt er jedesmal vierzig Streiche,
bekannte aber nichts, ungeachtet er nach seiner Erzhlung unleidliche Schmerzen
auszustehen hatte, und in der Nacht des vierten Tages gelang es ihm, die
Riegelwand von Backstein durchzubrechen und sich am Leintuche herabzulassen,
worauf er bei dem bezeichneten Pfarrer seine drei Karolins wieder abholte. Die
Kirche hatte im Kampfe mit dem Staat ihr Recht um jeden Preis behauptet und eher
einem Ruber, dessen Eigenschaft sie kaum bezweifeln konnte, durchgeholfen, als
sich ihr Asylrecht verletzen lassen. Nach diesem Hergang darf man sich jedoch
nicht wundern, wenn Christine ber die Geschichte der dreitgigen Bue vor einem
mit Spei gemalten Kruzifix, welche ihm jeden Tag durch die Aussicht, morgen
wieder vierzig Schlge zu erhalten, geschrft worden war, den vierten Tag aber
mit einem Ausbruch geendigt hatte, in ein hhnisches Gelchter ausbrach und die
lutherischen Anwandlungen um so unpassender fand, als ihre eigene Kirche ihn
soeben zu nicht geringem Danke verpflichtet hatte.
    Dennoch lieen diese Anwandlungen nicht von ihm ab, und jetzt wird es
begreiflich, wie sie in Vaihingen so pltzlich zum Durchbruch kommen konnten.
Zugleich aber lernt man auch deutlicher zwischen den Zeilen des Vaihinger
Protokolls lesen, wenn man sich den Auftritt von dem Sohne des Oberamtmannes
erzhlen lt.
    Den zweiten Tag, sagte er, erschien Schwan wieder. Der Beamte schlug nun
den entgegengesetzten Weg ein. Er wiederholte ihm zwar noch einmal, da er ihn
fr einen ausgemachten Bsewicht halte; aber nun forderte er ihn nicht mehr
durch Drohungen, sondern durch Darstellung der schrecklichen Folgen des Lasters,
durch Schilderung des Glcks eines ruhigen Gewissens, durch Bezeugung seiner
herzlichen Teilnehmung an seinem Schicksal und durch Verspruch, ihm dasselbe
durch alles, was nur in seiner Gewalt stehe, zu mildern, auf; kurz, er versuchte
nun durch Religion und teilnehmende Gte sein Herz zu rhren. Der Versuch
gelang. Der trotzige Blick milderte sich sichtbarlich, Traurigkeit trat an die
Stelle der Wut, eine Trne flo in dem wilden Auge. Ich habe meinen Mann
gefunden, rief er gerhrt, ich bitte Sie, lassen Sie diese Leute hinausgehen,
und ich will Ihnen alles gestehen. Der Oberamtmann, um diese Rhrung nicht zu
stren, lie alle nicht ganz notwendigen Personen hinausgehen, und in diesem
Augenblick stammelte Schwan mit bebendem Munde: Hren Sie in einem Wort alle
meine Verbrechen: ich bin der Sonnenwirtle. 
    Hisce praemissis ist das Bekenntnis des Rubers nicht mehr so sehr
berraschend, wie es in dem Protokoll des Oberamtmanns berrascht und wie dieser
selbst, der freilich im Protokoll dies wenig merken lt, nebst Stadt und Land
davon berrascht gewesen ist. Htte er sein Inquisitionsschema, wie er es in das
Protokoll schrieb, angewendet, so wrde er wohl lange auf diese berflieende
Offenheit haben warten drfen; denn dieses Schema, das auch den redlichsten
Beamten ohne seine Schuld zu einer gewissen Unwahrheit zwingt, ist dem Volke so
fremd wie die rmische Advokatur es seinen zungenausreienden Vorfahren war. Dem
Manne, der den Menschen und den Oberamtmann mit so gutem Erfolge fr sein
Protokoll zu vereinigen wute, soll hieraus kein Vorwurf gemacht werden: er hat
seinerzeit einen wichtigen Dienst geleistet, und sein Gefangener selbst hat ihm
die Abkrzung einer Laufbahn voll Schmach und innerer Verachtung, deren Ma
immer voller geworden wre, in der ganzen Aufrichtigkeit seines Herzens gedankt.
    Mit diesem Bekenntnis nun, das gleich in den ersten Worten den Stab ber
sein verwstetes Leben brach, halte er sich nicht blo in die Hand der
Obrigkeit, sondern auch in die Hand seiner Kirche ergeben, welche ihre Diener
sandte, um dieses Leben zu einem bufertigen und seligen Ende zuzubereiten. Ohne
Zweifel haben dieselben nach der Sitte der Zeit ausfhrliche Beschreibungen
dieses geistlichen Prozesses verffentlicht; aber unter den vielen Schwarten von
hochfrstlichen Geburts-, Hochzeits- und Leichenfeierlichkeiten in dem
ffentlichen Bcherschatze, den der Herzog spter anlegte, als er fr ein
gleichfalls verfehltes Leben Ersatz in der Erziehung der Jugend suchte, haben
jene Schriften keinen Platz gefunden, und das Lebensbild, aus welchem nicht ein
Zug htte verlorengehen sollen, mu auch auf dieser Seite halbvollendet bleiben.
Doch hat einer der beiden Geistlichen dem Sohne des Oberamtmanns einzelne Zge
aus jenem Bekehrungsgange mitgeteilt, welche uns in der Erzhlung desselben
aufbehalten sind. Bei seinem ersten Besuche begann dieser Geistliche von dem
Zorne Gottes zu reden, der diejenigen verfolge, welche die Mittel der Gnade zu
lange verschmht, von einer traurigen Ewigkeit und von den Schwierigkeiten einer
aufrichtigen Besserung nach einem so ruchlosen Leben. Hiemit hatte er zwar
untadelhaft nach seinem Schema gearbeitet, wie der Oberamtmann nach dem seinigen
ein regelrechtes Protokoll zuschreiben wute; aber seine Bemhung fand den
entgegengesetzten Erfolg. Der Ruber rief ihm aufgebracht entgegen, ob er nur
gekommen sei, ihn zu qulen? Der Geistliche bequemte sich, in die Schule des
Oberamtmanns, der diesen harten Stoff besser zu kneten verstand, zu gehen, und
stellte sich nun dem stolzen Verbrecher als ein Bote des Friedens dar, der dem
reuigen Snder im Namen Gottes - welcher ihm geboten habe, ihn in seinem Namen
sogar darum zu bitten - Gnade antrug; dann ging er zum Gebet ber, flehte Gott
um Vergebung ihrer beiden Snden an und dankte ihm fr die Langmut, die er
diesem seinem verirrten Schafe bewiesen habe. Jetzt war die rechte Saite
angeschlagen: der Verbrecher war bewegt von dem Gedanken an die Langmut Gottes,
sah den Geistlichen whrend seines Vortrags mit unverwandten Augen an und
zerflo in Trnen; auch gestand er, da ihn diese Langmut Gottes whrend seines
ruchlosen Lebens oft zu Trnen gerhrt habe. Von dieser Zeit an schlug der
Geistliche blo diesen Weg ein und fhrte seine Aufgabe siegreich durch. Der
stolze Wildling wollte auch von seinem Gott und dessen Dienern um die schwere
Arbeit, die er auf sich nehmen sollte, manierlich angesprochen sein. Es lt
sich jedoch denken, und wird auch ausdrcklich erzhlt, da dieselbe nicht ohne
Unterbrechung vonstatten ging, wobei besonders sein Stolz immer wieder den
schwer zu brechenden Kopf erhob. Einst besuchten ihn, nach der Art der Zeit,
welche uerst neugierig auf Verbrecher war, zwei Fremde in seinem Gefngnis.
Der eine betrachtete die berchtigte Gestalt und fragte, ob er der Unglckliche
sei, der so viele unglcklich gemacht habe? Meine Herren, antwortete er, den
mchtigen Kopf in den breiten Nacken werfend, wer ist unglcklicher, Sie oder
ich? Sie, die vielleicht mitten in Ihren Snden durch einen einzigen Schlag
dahingerissen werden, oder ich, der ich durch das Blut Jesu mit Gott vershnet
bin? Indessen tat er gleich wieder Bue und sagte zu seinem Beichtvater: Mein
Gott, was bin ich fr ein elender Mensch, da ich nicht einmal diese einzige
Rede habe erdulden knnen! Aber auch die lustigen Farben des Lebens strten ihm
das ernste Gewebe, an dem er wirkte. Die unanstndigen Witze und die
Religionsspttereien, die so oft den Beifall seiner Gesellen erregt hatten,
kehrten manchmal wieder zu ihm zurck und verdarben ihm durch irgendeine
unwillkrliche Gedankenverbindung das Gebet oder das Bibelwort, durch welches er
den glimmenden Docht seiner Leuchte anzufachen, das zerstoene Rohr seines
Lebens aufzurichten suchte. Ebensowenig, sagt sein Geschichtschreiber,
verlie ihn seine rohe Lustigkeit. Ein Glas Wein und ein gutes Essen machte ihn
auch in den letzten Tagen seines Lebens so lustig, da er die ganze
Gesellschaft, die bei ihm war, mit Scherzen unterhielt und Henker, Tod,
Bekehrung, alles verga. Desto grer aber war nachher immer wieder seine
Zerknirschung, so da er einst, als er bei ziemlichem Durste mehr Verlangen
nach einem Glase Wein als nach geistlichen Gesngen empfunden, aus Reue hierber
und aus Zorn ber sich selbst das Gesangbuch auf den Boden warf, was ihm dann
einen neuen ebenso groen Kummer verursachte. Da im Menschenleben zwischen dem
Kleinsten und Grten Gleichungspunkte sind, so drngt sich bei diesem Zuge von
selbst die Erinnerung an die Kmpfe des groen Reformators auf, in dessen
Geistesbande dieser schwierige Zgling sich gegeben hatte und dessen riesige
Gestalt die Nachwelt oft mit lchelndem Munde bewundert. Gleichwie seine
Kirchennderung die leichtfertige Welt seiner Tage mit Umsturz und Zerstrung
bedrohte, so geht auch der Lehrbegriff, den er von einem verwandten Geiste
erbte, dem natrlichen Menschen revolutionr und terroristisch zu Leib. Die
Lehre eines alten Kirchenvaters, der nach einem weltlich durchstrmten Leben
durchgreifende Bue und Selbstentuerung predigte, mu den Menschen erst an
allen Gliedern brechen, um ihn neu aufbauen zu knnen. Hieraus ergibt sich von
selbst, da sie bei der Jugend und bei allen jenen weichen, freundlichen
Gemtern, die in bereinstimmung mit sich durch das Leben gehen, seine
Widersprche nicht empfinden oder beiseite zu schieben wissen, nur oberflchlich
wirken kann. Wer aber durch Schuld und Not hindurchgegangen ist, wer sich in den
Netzen des Lebens verstrickt und sich selbst darin verloren hat, bei wem jener
Entuerung die grenzenlose Selbstverachtung vorgearbeitet hat, die sich nicht
mehr mit dem Splitter im Auge des Nebenmenschen zu entschuldigen vermag, und wer
auf allen seinen Irrwegen zugleich, wenn auch nicht ein geistesstolzes Denken,
doch ein geistiges Leben sich bewahrt hat, der ist reif, um jene Lehre mit ihrer
ganzen bermenschlichen Gewalt in sich aufzunehmen. Auf diesem Wege sind
vornehme und gemeine Snder, deren Lebensgeschichten unentbehrliche Bltter in
den Jahrbchern des menschlichen Geistes bilden, zu einer Umwlzung gekommen,
welche die Welt, die nach menschlichem Mae leben will, ja oft selbst die
Kirchenwelt, mit Staunen, wie ein verzehrendes Feuer aufflammen sah. Sie haben
Heil gestiftet, wo sie auf verwandten Boden seten; viele haben ihnen mit
zerstrtem Lebensglck geflucht: denn ihr Werk war, sich selbst und alles, was
sie vorher liebten, zu zerschmettern.
    An den Genossen eines verbundenen Lebens, wie es auch zugebracht worden sein
mag, zum Verrter zu werden, ist ein Malzeichen, vor welchem selbst der
Leichtfertigste ein wenig stutzt. Die Rechtfertigung dieser Tat wre in dem
Falle, der uns vorliegt, selbst fr die natrliche Betrachtung gar nicht schwer;
denn einer Bande, die arglosen Menschen nachts in die Huser bricht, die
Bewohner aus den Betten reit, mit glhenden Nadeln peinigt oder den Schlaf
mordet, ist niemand die Treue schuldig, die sie der Menschheit und sich selbst
nicht hlt. Aber es handelt sich ja hier nicht darum, eine Art Vorbild in so
gnstiger Beleuchtung aufzustellen, da der geschmeichelte Leser darin seine
eigene Menschenvortrefflichkeit erkennt. Vielmehr soll dieses Menschenleben mit
seinen Lichtern und Schatten, mit seinen Ehrenzeichen und Schandmalen ein
Gleichnis sein, in welchem jeder sich als gut und bs erkennen mag. Denn fremd
kann dem Menschen nichts bleiben, was menschlich ist. Die wilden Tiere, welche
seine Mitwelt in diesem Menschen sah, sie hausen alle in unserer Brust, und alle
haben wir am Bache des Ebers getrunken. Wir verabscheuen das Stehlen, Rauben und
Morden, aber auch er hat es verabscheut, und nicht erst nach der Tat; und, sei
es in den Buliedern frommer Zerknirschung oder in der Alltagssprache, mssen
wir uns schuldig bekennen, da wir oft unserm Nchsten das volle Lot, das ihm
gebhrte, nicht zugewogen, da wir sein Menschenrecht gekrnkt, sein
Menschenherz verletzt haben. Wer die Bue dieses Verbrechers als einen Ausflu
der Geistesgre bewundert, wird sich doch auch daraus die Wahrheit entnehmen,
da es besser ist, einen Lebensweg zu meiden, der mit Abfall oder gar Verrat an
den Genossen enden mu; und wer sie als die Schwche eines in der Bildung
verwahrlosten Geistes, den seine Zeit keinen Lessing werden lie, ansieht, der
mag sich sagen, da auch der unabhngigste Denker im Vollgefhle seiner Freiheit
ber Begriffe straucheln kann, die er mit der Muttermilch eingesogen hat. Keiner
steht so hoch, da er nicht fallen kann, und das einfltige Wort der
Menschenliebe und Menschenwrde in jenem Buche, worin sich die Sehnsucht des
Morgenlandes mit dem Geiste unserer alten Sprache und Dichtung vermhlt hat, ist
hher als alle.
    Der Kampf des Snders, von welchem seine Kirche eine werkttige Reue
forderte, die sich nicht einmal um den Preis des eigenen Lebens abfinden durfte,
war gro und schwer. Dieses zertrmmerte Lebensschiff hatte er mit raschem
Entschlsse preisgegeben, und doch kam ihn auch bei dieser Auslieferung das
Aufzhlen des Inhalts im einzelnen sauer an. Die groen Verbrechen, welche den
Kopf kosteten, gingen ihm ohne Widerstreben ber die Zunge; aber die kleineren
Vergehen suchte er solange als mglich zurckzuhalten, aus Furcht vor einer
schwereren Todesstrafe, wie er nachher behaupten wollte, in Wahrheit aber aus
Stolz und Scham, weil die Gemeinheit dieser kleinen Diebsthle und Einbrche ihm
unauslschlich auf der Seele brannte. Doch warf er endlich auch diesen Stolz als
ein verwerfliches berbleibsel seines alten Herzens weg. Der Oberamtmann, der
die weiche Seite dieses Herzens kennengelernt hatte, untersttzte ihn mit gutem
Bedacht; er ehrte ihn durch den offen kundgegebenen Glauben an seine
Aufrichtigkeit und Besserung, drckte ihm seine Freude aus, ihn nicht durch
Drohungen, Schimpf und gewaltsame Mittel zwingen zu mssen, sprach auch mitunter
von anderen Gegenstnden mit ihm, hrte seine Meinung und lie die Inquisition
den Ton einer vertraulichen Unterredung annehmen, wovon freilich das Protokoll
nichts enthlt. Zugleich schickte er ihm Essen und Trinken ins Gefngnis, und
da er fr diese freundliche Gabe in mehr als einem Sinne empfnglich war,
wissen wir bereits. Die Stadt ahmte das Beispiel ihres Oberbeamten nach. Die
Wchter lieen sich's gleichfalls gesagt sein, ihn menschlich zu behandeln; sie
gingen ganz vertraulich mit ihm um und lachten und beteten abwechselnd mit ihm.
Wieviel diese guten Tage dazu beigetragen, ihn auf dem eingeschlagenen Wege zu
erhalten, lt sich nicht unterscheiden; wohl aber ist nicht zu leugnen, da den
reinsten Gesinnungen immer menschliche Schwche anklebt. Indessen hatte die Gte
ihr strenges Ma. Er war gleich anfangs so hart geschlossen worden, da er gar
keine Bewegung machen konnte, und vier Mnner muten bestndig in seinem Zimmer,
vier auerhalb desselben wachen. Allein die Handlungsweise des Oberamtmanns, der
das Menschliche mit dem Amtlichen zu verbinden wute, gewann den Ruber vllig.
Mit Trnen erklrte er - und der Gewhrsmann fgt ausdrcklich hinzu, da dies
seine eigenen Worte seien - der Oberamtmann habe durch seine Gte mehr aus ihm
herausgebracht, als tausend Foltern nicht htten erpressen knnen. Er erklrte,
er danke der Vorsehung, da sie ihm gerade in dieser Stadt seinen Tod bestimmt,
und er mchte um keinen Preis, auch wenn er knnte, mehr entwischen. Weil er
sich aber selbst nicht traute, so wnschte er, bat sogar, man mchte ihn wie den
rgsten Bsewicht bewachen. Er nannte die Arten des Schlieens, die allein mit
Sicherheit bei ihm angewendet werden knnten, und zeigte andere, deren
Nutzlosigkeit er bewies. Besonders erinnerte er, da man an Markttagen wachsam
sein solle, weil da gewi einige seiner Kameraden sich einschleichen wrden, um
ihn zu retten. Infolge dieser Angaben mute die standhafte Erwartung des
Volkes, da der Schtzling des Teufels, wie in Hohentwiel und anderen festen
Orten, eines Tages durch Rauchfang oder Schlsselloch verschwinden werde,
unerfllt bleiben. Dagegen rief der Tod des Amtsdieners, der pltzlich whrend
der Untersuchung starb, die noch jetzt im Munde des Volkes lebende Sage hervor,
die verzweifelten Spiegesellen des Gefangenen haben, um seine gefhrlichen
Gestndnisse, die sich wie ein Lauffeuer in alle Lande verbreiteten,
abzuschneiden, ihm heimlich vergiftetes Backwerk zuzustecken versucht, und die
Konfiskation desselben sei dem Diener des Gesetzes bel bekommen. Whrend aber
im Volke sich geschftig eine Art Heldensage ber ihn bildete, stand er demtig
vor seinem Richter und bekannte sich fr den Verworfensten aller Sterblichen.
    Die strenge Folgerichtigkeit der Bue verlangte aber mehr von ihm. Die schon
in der Freiheit versuchten Enthllungen ber die mordbrennerischen Plne der
berrheinischen Zigeuner konnten ihm nicht besonders schwer werden, denn dieses
Gesindel ging ihn nicht nher an. Aber wenn seine Beichte vollstndig sein
sollte, so mute er nhere Genossen, mute er seine Nchsten in das Verderben,
wenigstens in das zeitliche, mit hineinreien. Nach seiner ganzen Beschaffenheit
mute ihn dies einen Kampf kosten, ber dessen Schwere man sich durch die bei
dem Naturmenschen in jeder Lage des Lebens mglichen Augenblicke der Lustigkeit
nicht tuschen lassen darf. Die beiden Haupttriebrder seiner ganzen
Lebensentwickelung, Liebe und Stolz, muten in diesem Kampfe berwunden werden.
Er war sein Leben lang seinen Freunden ein treuer Freund nicht blo gewesen,
sondern zur vollsten Befriedigung seines Selbstgefhls, als solcher auch stets
von ihnen anerkannt worden: und nun sollte er diesen einzigen, letzten Ruhm, an
dem er sich im Eisgange der Selbstverachtung noch aufrecht gehalten, von sich
werfen, sollte auch noch den Seinen verchtlich werden, wie er der brigen Welt
verchtlich war. Aber er war dem Bu- und Besserungsplan, welchen das weltliche
und geistliche Amt zusammen entwarfen, schon in seinem ersten Verhr
vorausgeeilt, in welchem er erklrt hatte, er wolle seiner Mitschuldigen so
wenig wie seiner selbst verschonen, und hatte damals schon auf die Gefangenen in
Stein, unter welchen seine zweite Christine war, hingewiesen. Nur fand er bald,
da die Ausfhrung eines Entschlusses nicht so leicht ist wie der Entschlu
selbst, und in den nchsten Verhren begann er zugunsten seiner beiden Weiber zu
lgen, so sehr, da er in der Erzhlung von der Zusammenkunft im Walde bei
Wschenbeuren eine Katharina statt der schwarzen Christine nannte. Er hatte
beide mit der ganzen Kraft seines Herzens geliebt. Wenn er sie aber liebte, so
mute er ihnen ja die gleiche bitterse Arznei reichen, der er seine Genesung
zu verdanken bekannte. Er entschlo sich dazu, und da dieser Entschlu der
uersten Selbstberwindung aus redlicher berzeugung flo, das haben ihm nicht
blo seine weltlichen Richter und geistlichen Trster bezeugt, das bezeugt ihm
nicht blo sein Geschichtschreiber, welcher versichert, da er mit der
unabnderlich gleichen Gesinnung auf der Lippe gestorben sei, sondern die
menschliche Natur selbst bezeugt es ihm, welche wei, da ein Mensch wie dieser
nicht mit einer Lge aus dem Leben gehen kann.
    Die Folge seiner Gestndnisse war, da beide Christinen an den Sitz des
Gerichts geholt wurden, die eine aus ihrer Gefangenschaft, die andere aus der
Dunkelheit ihres Dienstes, in welchem sie sich, wie ihr Geschichtschreiber sagt,
ordentlich aufgefhrt hatte.
    Die schwarze Christine, die ihn durch und durch kannte und sich ohne Zweifel
sagte, da sie verloren sei, wenn es der Oberamtmann verstanden habe, ihn an
seiner schwachen Seite zu fassen, leugnete hartnckig, schalt ber
Ungerechtigkeit und drohte - aber der Oberamtmann hatte sein gezhmtes Wild bei
der Hand und wute es zum Fang des ungezhmten zu gebrauchen. Er hatte seinen
Gefangenen hinter einer spanischen Wand verborgen und lie ihn, da sie einen
Sonnenwirtle jemals gesehen zu haben leugnete, pltzlich auf ein gegebenes
Zeichen hervortreten. Seine ganze Seele, erzhlt der Geschichtschreiber, ward
bei ihrem Anblick bewegt, er zerflo in Trnen der Liebe und des Schmerzes. Auch
sie war bei seinem unerwarteten Anblick erschttert, doch fate sie sich
pltzlich wieder und nahm die gleichgltigste Miene, wie gegen einen unbekannten
oder kaum einmal gesehenen Menschen an. Schwan lie sich nicht abschrecken. Er
nherte sich ihr mit den zrtlichsten Liebkosungen, die um so rhrender waren,
da sie sich zum erstenmal in einer so traurigen Lage und unter noch traurigeren
Aussichten wiedersahen. Aber sie verschmhte mit Unwillen seine Zrtlichkeit und
beschwerte sich ber die Vertraulichkeiten eines Unbekannten, da er noch
berdies allem Anschein nach ein groer Bsewicht sei und sie selbst in diesen
Verdacht bringen wolle. Noch lie er nicht nach. Er erklrte ihr, da das
Leugnen ihrer Verbrechen nun zu spt sei, da er lngst alles gestanden und da
sie selbst auch durch viele Umstnde sich schon verraten habe. Er versicherte
sie, da nun das Ende ihrer Freveltaten gewi gekommen, da er aber seinen
gegenwrtigen Zustand, wo er in Ketten und Banden schmachte und keine weitere
Aussicht als den Tod habe, dennoch fr viel glcklicher halte als jenen, da er
in der hchsten Freiheit Gottes und der Menschen gespottet. Nichts rhrte das
boshafte und verhrtete Weib; sie antwortete ihm nur mit Unwillen und
Verachtung. Nun konnte sich Schwan nimmer halten. Seine beiden groen
Leidenschaften, Zorn und Rachsucht, brachen pltzlich hervor, er tobte, raste,
fluchte und wnschte nichts mehr als die Verruchte mit eigener Hand ermorden zu
knnen. Doch auf diesen Ausbruch erfolgte sogleich wieder Ergieung sanfter
Liebe und Zrtlichkeit; er bat, flehte, weinte; aber auch seiner Bitten und
seiner Trnen spottete sie, bis er aufs neue in Wut ausbrach und so wechselweise
jetzt der Wut, jetzt der Zrtlichkeit sich berlie.
    So erzhlt der Sohn des Oberamtmanns, der jenen Vorgngen nahestand. Der
sptere Sammler der Vaihinger berlieferungen fgt aus unbekannter Quelle hinzu,
die wrttembergische Behrde habe es fr zweckdienlich gefunden, ihr den
neunwchigen Sugling wegzunehmen, den sie im badischen Gefngnisse geboren und
gestillt, worber sie in eine solche Raserei geraten sei, da sie sich das
Gesicht zerfleischt, das Holz des Fubodens mit den Ngeln aufgerissen und tage-
und nchtelang mit grlichem Geheul nach ihrem Kinde verlangt habe, bis ihre
Stimme in einem heisern Sthnen untergegangen sei; hierauf sei sie in eine
bedenkliche Krankheit verfallen, von der sie sich erst nach fnf Wochen wieder
erholt habe.
    Freilich hatte ihr Mitschuldiger seinem Richter vorausgesagt, da er einen
schweren Stand mit ihrem verstockten Herzen haben werde, da sie oft erklrt
habe, da sie sich lieber auf den Tod foltern, als zum Spektakel der Welt durch
den Henker hinrichten lassen wolle. Auch lie er sie durch die Wchter bitten,
zu gestehen und nicht sich und ihm nutzlos die Leiden der Gefangenschaft zu
verlngern. Sie lie sich endlich zum Gestndnis der leichteren Flle herbei,
die sie ihrer Jugend und der Verfhrung ihres Mannes zuschrieb; aber als sie zu
gestehen begann, war sie bereits lngst berwiesen, und die Waagschale ihrer
Verbrechen sank unter dem Druck der gebrochenen Urfehde, welche das christliche
Gesetz seinem heimatlosen Feinde bei dessen erster Betretung und Ausweisung
aufzuerlegen pflegte, um ihn bei der Wiederbetretung, die ihn ja dann des
Meineides schuldig zeigte, desto fester fassen und ntigenfalls am Leben strafen
zu knnen.
    Auch die blonde Christine ergab sich nicht gutwillig in das Schicksal, das
ihr umgewandelter Geliebter ihr bereitete. Der Sohn des Oberamtmanns beschreibt
das verhngnisvolle gerichtliche Wiedersehen dieser beiden in seiner Weise so:
Mllerin war seine erste Liebe, lange war er bis zur Raserei in sie verliebt,
und auch sie hing mit einem solchen Feuer an ihm, da sie Ehre, Freiheit und
alles ihm aufopferte, und was fr ihn vielleicht das wichtigste war, sie war die
Mutter seiner Kinder. Seit zwei Jahren waren sie gnzlich getrennt. Sie war die
erste Ursache seines Schicksals, und er des ihrigen. Alle diese Empfindungen
wachten in dem Augenblick des ersten Wiedersehens auf. Er zerflo in Trnen,
sobald er sie sah, und erst lange stumm, fragte er sie endlich aufs zrtlichste
nach ihrem Schicksal, nach ihren Kindern und Verwandten, bat sie um Verzeihung,
da er sie unglcklich gemacht, und versicherte sie seiner heftigsten Reue.
Mllerin ward durch seinen Anblick und seine Rede in die sonderbarsten
Empfindungen gesetzt: innigste Rhrung und Begierde ungerhrt zu scheinen,
kmpften in ihr, sie lie jetzt, wie man aus ihrer Miene schlo, ihren
Empfindungen freien Lauf, jetzt zwang sie sich, eingedenk der Folgen, sie
zurckzuhalten.
    Lange hatte er sich gegen das Bekenntnis der Vergehen gestrubt, an welchen
die Genossin seines fruchtlosen Kampfes mit der Gesellschaft in der Halbheit
ihres Umher seh Wankens zwischen Rat und Tat Anteil genommen; aber seiner
wachsenden Aufrichtigkeit kam der natrliche Verlauf der Dinge zu Hilfe: denn
nachdem das Gericht einmal seinen Namen wute, kannte es auch einen guten Teil
seiner Geschichte und wurde durch Mitteilungen aus seiner Heimat in den Stand
gesetzt, die einschlagenden Fragen an ihn zu stellen, welchen er in der
Gemtsverfassung, die wir kennen, nicht lnger auszuweichen vermochte. Nun
begann er unumwunden und rcksichtlos zu gestehen, und die Arbeit der
berwindung, die er auf seine Weiber ausdehnte, wiederholte sich in jedem
gemeinschaftlichen Verhr. Er redete ihnen zuerst sehr sanft und freundlich zu,
geriet dann in Wut, tobte und drohte, klagte, da er nie ein Wort um seinet-,
sondern nur um ihretwillen gelogen und da die Verruchten es ihm so vergelten,
bat sie dann wieder um Verzeihung und flehte sie liebreich an, ihre und seine
Schuld vor Gott und den Menschen nicht noch schwerer zu machen. Die blonde
Christine lie sich endlich erweichen, erklrte aber gleich nachher wieder, da
sie, durch sein schmeichelhaftes Zureden, wie sie sich ausdrckte, bewogen, viel
zu viel eingestanden habe. Auch sagte sie, nicht aus Bufertigkeit, sondern aus
kleinlicher Rache auf ihn aus, er habe einmal, wie sie wisse, ein paar Sgen
gestohlen. Bei dieser Gelegenheit konnte der Inquirent das Wesen seines
Inquisiten an einem neuen Zuge kennenlernen. Derselbe Mann, der seine
todbringenden Gestndnisse so willig und todesfreudig gemacht hatte, leugnete
den kleinen Diebstahl aufs hartnckigste, so da der Richter an ihm irre wurde.
Als er endlich berwiesen war und keinen Ausweg mehr finden konnte, so gestand
er das Vergehen und zugleich die Ursache seines Leugnens: er habe, sagte er, die
Sgen an einen ehrlichen, gewissenhaften Mann verkauft, der sich lange nicht
dazu bequemen wollte, bis er ihn versichert, sie seien nicht gestohlen, und sich
auf Seel und Seligkeit vermessen habe, da ihm sein Lebtag nichts ber den
Handel aus seinem Munde kommen solle, weswegen er auch so gewi als etwas von
der Welt wisse, da er seiner Christine nichts davon gesagt habe. Nun fand sich
der Richter wieder in ihm zurecht und schenkte ihm nach und nach so vollen
Glauben, da, wie sich aus dem Protokoll ergibt, der Unschuldsbeweis
hinsichtlich des an dem Schtzen zu Ebersbach begangenen Mordes lediglich auf
seine eigene Aussage gegrndet ist. Das Urteil wurde hierdurch freilich in
nichts abgendert, doch blieb dieser angebliche Meuchelmord, den ihm die
Ebersbacher aufbrdeten, aus der im Urteil aufgestellten Reihe seiner Verbrechen
weg. Der kleinliche Groll, dem die blonde Christine in ihrem der Schwachheit
ausgesetzten Gemte Zugang verstauet hatte, schwand wieder, denn sie kannte sein
Herz und glaubte an die Aufrichtigkeit seiner Zerknirschung, die ihm nicht
anders zu handeln erlaubte, obgleich sie sich die Rechnung machen konnte, da
sie dieselbe, nachdem es ihr geglckt war, aus dem Zuchthaus in einem Dienst
unterzukommen, mit einer abermaligen Zuchthausstrafe zu bezahlen haben werde.
    Allerdings ein harter Lohn fr so viel Liebe und Aufopferung, die in dem
Protokoll mit dem amtlichen Kunstausdruck praematurus concubitus abgefertigt
wird! In zwei brandmarkenden Worten die Geschichte eines siebenjhrigen Kampfes
voll Weh und Treue erschpft! Und dabei war der Oberamtmann noch billiger als
das Gesetz, das ein ohne elterliche Einwilligung geschlossenes Liebesband mit
einem noch hrteren Ausdrucke brandmarkte. Sein Angeklagter mu ihm in jenen
Stunden, wo die Inquisition einen vertraulichen Ton annahm, ergreifende
Erffnungen gemacht haben, die freilich nicht im Protokoll zu lesen sind, auf
die man aber daraus schlieen darf, da das Protokoll, da ja nicht die
Geschichte seines Schicksalsganges, sondern nur die Geschichte seiner Verbrechen
enthalten sollte, die Anklage gegen Stiefmutter, Vater, Pfarrer und Amtmann,
zwar kurz und drr, aber doch in wenigen Worten vollstndig aufgenommen hat, die
Anklage: nachdem er sich ehlich mit seiner Geliebten versprochen und seine
Minderjhrigkeit bei der Regierung wegsuppliziert, habe sein Vater, weil sie ihm
nicht reich genug gewesen, durchaus nicht darein willigen wollen, und es bei dem
Pfarrer und Amtmann dahin zu bringen gewut, da ihm aller Umgang mit derselben
verboten worden, ob man sie schon zum drittenmal miteinander ausgerufen gehabt,
und da hieraus die Exzesse entstanden seien, die ihn nach und nach auf den Weg
des Verderbens gefhrt. Auch die Weigerung des geistlichen Hirten, seinen
Schafen einen unentgeltlichen Dienst zu leisten, hat der Oberamtmann, ohne
Zweifel von dem stummen Gefhl des Ehrenmannes geleitet, gewissenhaft in sein
Protokoll eingetragen.
    Aber die Rachsucht, mit welcher der Unglckliche so oft ber diesen
Erinnerungen gebrtet hatte, war mit seinem Stolze gebrochen. Er selbst,
erzhlt der Sohn des Oberamtmanns, hielt die abgeschlagene Heirat mit Mllerin
fr die Ursache seines Unglcks, und brannte daher whrend seines ganzen Lebens
von Wut und Rache gegen seinen Vater. Dennoch redete er zuletzt mit groer
Migung von ihm. Er htte knnen anders mit mir verfahren, sagte er einst: doch
es ist auch wahr, da mein Eigenwille allzu gro war; ich selbst habe das Gute
verworfen und das Bse erwhlet. Ich will dahero gern alle Schuld auf mich
allein nehmen. Aber wenn er ja auch schuld sein sollte, so gedenke doch Gott
seiner Snden nicht. Er hat auf dieser Welt Trbsal genug an mir erlebt. Der
arme Mann, fuhr er ein andermal fort, mein Vater dauert mich. Ich will ihm keine
Vorwrfe machen. Ich wnschte mir noch seinen Segen. Der Eltern Segen baut der
Kinder Huser. Das schickt sich nun freilich nimmer auf mich. Aber sein Segen
wrde mir doch erquickend sein. Oh, da Gott seine Snden vergeben wollte, wie
er mir die meinigen vergeben hat!
    Diesem Hauche des Friedens entsprechend malt der Geschichtschreiber seine
ganze brige Gemtsstimmung. Nichts aber, sagt er, an das Vorige anknpfend,
war jetzt so lebhaft, als die niemals ganz verbannten Empfindungen der Liebe.
Sein ganzes Herz hing an seinen beiden Frauen, und vorzglich an seinem Kind.
Man schickte ihm nichts zu essen, von dem er nicht diesen mitteilte. Besonders
aber war er fr ihren Seelenzustand so bekmmert, da er ihnen, wo er nur
konnte, auf das nachdrcklichste zusprach, da er stets sich nach ihren
Gesinnungen erkundigte und sowohl dem Oberamtmann als den Geistlichen die
Methode anzugeben suchte, wie man ihren Herzen am besten beikommen knnte. Eine
solche Gemtsverfassung gab ihm Mut in Augenblicken und unter Umstnden, in
denen sich sonst Verzweiflung auch der Strksten bemchtigt; ja er erhob sich
durch dieselbe bis zu einem solchen Grad der Freudigkeit, die ihm selbst
bewunderungswrdig vorkam und die bisweilen so weit ging, da er selbst
befrchtete, ob sie nicht bloer Leichtsinn sein mchte.
    Unter allen diesen Stimmungen aber ging die Arbeit ununterbrochen fort,
nicht blo jene Arbeit der Bue, sondern die geistige Arbeit einer treuen
Zeichnung der Welt, in der er gelebt hatte. Diese Zeichnung ist in den
Untersuchungsakten niedergelegt. Wohl selten ist ein so dickes Protokoll in der
Zeit von so wenigen Monaten vollendet worden. So hohe Anerkennung man dem Fleie
und der Berufstreue des Beamten schuldet, der der Verwaltung und Rechtspflege
seines Bezirks zugleich vorzustehen hatte, mit der Person seines Gefangenen eine
in halb Sddeutschland verzweigte Untersuchung in die Hnde bekam, und neben den
fortdauernden Verhren einen durch diese veranla ten sehr ausgebreiteten
Verkehr mit einheimischen und auswrtigen Behrden fhren mute - so enthllt
sich doch zugleich aus diesen Akten das Bild eines Angeklagten, der ungezwungen
und in rasch flieendem Vortrage, gleichsam als die leitende Seele der
Untersuchung, seine Angaben diktiert, so da der Richter sich zusammennehmen
mu, um mit dem Geiste und mit der Feder zu folgen.
    Fr den prfenden Leser zerfllt das Protokoll somit in zwei Bestandteile
von nicht ganz gleichem Gehalte: der eine gehrt - sagen wir nicht dem
Oberamtmann, sondern dem Lebenskreise, dem er angehrte, und der Urlieber des
anderen ist der begabte Verbrecher selbst. Besonders verdient die lebendige
Kraft hervorgehoben zu werden, mit welcher er die Masse von Personen, um die
sich seine Aussagen drehen, zu schildern wute: mit wenigen Worten, die wie
breite Pinselstriche wirkten, entwirft er ein Bild nach Gestalt und Tracht, da
die geschilderte Person in anschaulicher Leibhaftigkeit aus dem Protokoll vor
das Auge springt und ebensogut dem Richter zu einem Steckbrief, als dem Dichter,
soweit dieser Lust hat unter die Ruber zu gehen, zu einem Gemlde in
Lebensgre dient. Und damit man nicht glaube, da einem ungebildeten Menschen
aus dem Volke hiermit des Guten gar zu viel geschehe, so mge an dieser Stelle
in andern Worten und anderer Auffassung die Brgschaft des jngsten Bearbeiters
der Geschichte des Sonnenwirts eintreten, der ihn nur aus dem Vaihinger
Inquisitionsprotokoll, also von seiner schwrzesten Seite kennt, und gleichwohl
den Eindruck, den ihm die Persnlichkeit des Inquisiten in den Akten machte, so
wiedergibt: Die Bekenntnisse des Verbrechers drngten sich vllig frei und
ungezwungen und in solcher Masse dem Verhrrichter entgegen, da der Bedarf
inquisitorischen Scharfsinns zu ihrer Erhebung sich ungleich geringer
herausstellte, als der Aufwand an Zeit und Mhe fr die juristische Digestion
des reichen Materials. Die Sprache, die er vor Gericht fhrte, war gewogen,
anstndig, zuweilen edel, und zeugte im allgemeinen von einem nicht geringen
Mae natrlichen Verstandes, namentlich aber wenn es galt, dem untersuchenden
Beamten das Unlogische mancher Unterstellungen verweisend unter die Augen zu
halten; ja in Fllen, wo sich der Richter dahin verga, ungerechte
Beschuldigungen mit Hartnckigkeit aufrechterhalten zu wollen, hatte die
besonnen kalte Rechtfertigung des Angeklagten etwas von der Ruhe eines Gerechten
an sich und glich in keiner Weise jenem hndischen Trotze verhrteter
Bsewichte, die, niedergedrckt vom Gewicht gegrndeter Beschuldigungen, den
kleinsten Bezieht, der sie unverschuldet trifft, willkommen heien, um darber
in die Klagen beleidigter Unschuld aufzubrausen.
    Er hat aber auer diesen mndlichen Angaben noch ein schriftliches Denkmal
hinterlassen, wozu er selbst die Feder oder vielmehr den Bleistift in die Hand
nahm und, unabhngig von dem Stil des Oberamtmanns, sich in seiner eigenen Weise
gehen lie. Er hatte schonungslos die Genossen seiner beltaten ans Messer
geliefert, als es ihm in der Einsamkeit seines Gefngnisses einfiel, da das
Werk nur halb getan sei, wenn er nicht auch die Hehler angebe, die das Bestehen
einer so weithin gegliederten Kette von Feinden der Gesellschaft mglich machten
und immer wieder ergnzten.
    Es treiben mich die Bewegungen meines Herzens - mit diesen Worten begann
er in carcere, wie der Oberamtmann in seinem Protokoll bemerkt, mit dem ihm
vergnnten Schreibmaterialien einen mehrere Bogen langen Aufsatz, mit krftiger,
klarer Handschrift, nach der Schreibweise seiner Zeit, in welcher sich die
Ungebildeten von den Gebildeten darin unterschieden, da jene den ererbten
Sprachschatz der Lutherschen Bibelbersetzung mit mehrerem oder minderem
Geschick handhabten, whrend diese ihrer nicht bei Luther erlernten Satzbildung
mit lateinischen Einschwrzungen je nach dem dritten deutschen Worte auf die
Beine zu helfen suchten. Diese Enthllungen eines Gauners und Gaunergenossen aus
der Zeit, die man als die gute, alte, sittliche, fromme rhmen hrt, stellen
alle angenommenen Vorstellungen von jener Zeit auf den Kopf, lassen es hchstens
begreiflich erscheinen, da einzelne Enkel einzelner Familien, die inmitten der
allgemeinen Verderbnis sich unter gnstigen Lebensumstnden rein erhielten, auf
ihre Vorfahren stolz sein knnen, zeigen aber die groe Mehrheit des Volkes,
trotzdem, da es sehr fleiig in die Kirche ging, in einer Fulnis, die einen
Leutnant Mockel, wenn er sich mit seinesgleichen zu dem Streiche, der ihm
aufgedmmert war, erhoben htte, auf einige Wochen oder Monate - schwerlich viel
lnger - zum Herrn von Sddeutschland htte machen knnen. Diese Enthllungen
sagen nicht blo von Wirten, Bauern, Hofbesitzern, ja von ganzen Drfern weit
und breit umher: hier ist ein Aufenthalt fr alle Ruber - nein, sie nennen
eine Masse von Ortsbehrden selbst, die mit den Gaunern im engsten Verstndnis
waren. Nicht von Husaren, Hatschieren, und wie sonst die niederen Beamten der
ffentlichen Sicherheit hieen, zu reden, die Schultheien selbst, und in
unglaublicher Anzahl, waren mit den Feinden der ffentlichen Sicherheit frmlich
verschworen. Da heit es auf jeder Seite dieser Denkwrdigkeiten, wo von diesem
oder jenem Orte die Rede ist: Vom Herrn Schultheien ist mir sehr und wohl
bekannt, da er ein guter Mann gegen die Ruber und Diebe ist, und soviel wei
ich, wenn einer verwahrt ist, er sei ein Ruber so gro als er will, so wird
Herr Schulthei ihm durchhelfen, und die Frau des Sohnes ist wohl zu brauchen
auf den Mrkten, wie ich selber aus ihrem Munde gehret, sie wolle mit meiner
Frau gehen, denn sie halte man nicht fr verdchtig; sie knne besser bei den
Krmerstnden brav zugreifen; wenn man ein Bekanntes dabei habe, so sei man
nicht so im Verdacht. Wieder gibt er in einem anderen Orte den Schwager des
Schultheien an, als einen Mann, der bestndig derlei Leute im Hause liegen und
auch mit ihnen zu schaffen hat. Dieser Mann, sagt er, ist aber anzusehen fr
einen frommen Mann, weil er fleiig in die Kirche gehet; aber doch hat er und
seine Frau schon lange und vieles mit den Rubern zu tun; der Schulthei tut ihm
alles zu wissen, wann eine Streife ergehen soll, denn er erhlt zuerst das
Schreiben des Oberamts, und wann eine ergehen soll, so tut man es den Rubern
gleich zu wissen, da sie fliehen sollen. Dieser Schulze, setzt er sofort in
seiner ganzen Gewissenhaftigkeit hinzu, als ob er sich nicht das Recht
zugestnde, demselben gerade zu Leibe zu gehen, kommt mir auch sehr verdchtig
vor: ich habe fters mit demselben getrunken in seines Schwagers Wohnbehausung,
und er hat alles von mir gesehen, Pulver, Blei und Pistolen, hat mir auch selber
ein Terzerol - im Inquisitionsprotokoll sagt er immer Terzrohr - an
Krmerwaren verhandeln wollen, was aber meine Frau nicht geschehen lie. Der
Schulthei lt es nur nicht so ffentlich an den Tag kommen, weil er ein sehr
vermglicher Mann ist, aber nach seinen eigenen Reden, die er getan, ist ihm -
von den Spitzbuben nmlich - wohl zu trauen. Was aber seinen Schwager und
Schwester anbelangt, so hat es seine Richtigkeit. Das Ort ist edelmnnisch.
Wiederum heit es von einem dergleichen Orte: Ich habe gesehen und aus ihrem
Munde vernommen, da ihnen sehr wohl gedient mit solchem Rubergesind ist; sie
haben auch viele mit Namen genannt, die mir selbiges Mal noch nicht bekannt
waren. Ferner haben sie gesagt, man solle doch nur zu ihnen kommen, man drfe ja
hier nichts frchten, die Ruber gehen viel mit den Leuten in die Kirche aus und
ein, man lege keinem etwas in den Weg, wenn man nur das Gestohlene wohlfeil von
denselben bekomme, so sei alles recht. Wieder in einem anderen Ort hat mich
der Wirt auch zu dem Burgermeister hingefhret und! da geredet so offenbarlich
vom Stehlen und Rauben, als wenn lauter Ruber und Zigeuner beieinander wren,
so da ich mich selber sehr verwundern mut, weil mir solche Orte und
Gelegenheiten noch nicht bekannt waren; habe auch gleich, einen besseren Mut zum
Stehlen bekommen, und da sie auch selbst die jenische Sprache reden, so gut wie
die Ruber selbst, so gedachte ich gleich: den Leuten ist zu trauen, und mssen
schon dergleichen Leute gehabt haben, sonst kennten sie die Sprache nicht. Es
ist aber auch wahr, denn die Sprache ist nicht leicht zu lernen, und in den
Schulen hat man sie nicht dazu angehalten - so kann ich ja leicht vernehmen, da
dergleichen Leute fters dagewesen seien und es wohl zu trauen war. Wo mich
meine Frau hingefhret, in den Husern reden die Leute die Sprache besser als
ich, und sie haben mich fters sehr ausgelacht und gesagt, wann ich die
Christine so lang hab als sie sie kennen, so werde ich schon besser mit der
Sprache fortkommen knnen. Ferner in einem Ort: Beim Kreuzwirt und seiner
Tochter, der Strauwirtin, sind die Ruber bekannt, und man wei auch alles von
denselben, und sie machen sich nichts daraus, da der Herr Stabsschulthei ein
sehr naher Freund zu ihnen ist, und sie verlassen sich darauf. In einem anderen
Ort: Der Schulz hat auch vieles mit den Rubern zu schaffen und ich bin dem
Schultheien wohlbekannt, er hat auch alles von mir gesehen und gewut, woher
und wer ich bin, und ist mein ganzer Lebenslauf demselben bekannt; aber er war
ein Liebhaber solcher Leute und sehr verschwiegen, sonderbarlich seine Frau, die
mit der alten Anna Maria vieles zu schaffen gehabt, sich auch hat brauchen
lassen und sich unterstanden, da damals der Anna Maria ihr Sohn in Verhaft
gekommen, und sich die Schultheiin viel Mhe gegeben, wie mchte zu helfen
sein, aber dabei gemeldet, um wenig Geld helfe sie nicht dazu, aber wenn man ihr
gebe was recht sei, so wolle sie es in Stand bringen, da sie gewi
hindurchkommen. Da die Weiber, wenn sie einmal die Scheu berwunden haben,
viel entschiedener als die Mnner auf das Ziel losgehen, zeigen auch sonst noch
manche Stellen dieser Denkwrdigkeiten, wie er denn von einer andern dieser
Gelegenheitsmacherinnen sagt, sie sei eine solche schlimme Frau, da er es
selbst nicht genug beschreiben knne, und habe ihm manchen Seufzer ausgepret,
weil sie einem keine Ruhe gelassen habe, bis man zum Stehlen fortgegangen sei.
Bemerkenswert und ein Zeugnis fr die schlechten Nahrungsverhltnisse ist, da
die Leute den Rubern bestndig in den Ohren liegen, sie sollen ihnen doch
Fleisch verschaffen; selbst in das Wirtshaus mssen sie, wenn sie dort nicht
Mangel daran leiden wollen, gestohlene Hammel mitbringen. Die Enthllungen
umfassen einen betrchtlichen Teil von Sddeutschland, und beinahe in jedem der
genannten Orte ist die Ortsbehrde in das Getriebe des Gaunerwesens
mitverwickelt. Was den Herrn Schultheien anbelangt, heit es bei solchen
Gelegenheiten, so werden seine Umstnde bald am Tag sein, wann man ihm sein
Zollbuch abfordert, denn er hat mir ein Zollzeichen gegeben, damit ich soll
richtig mit der gestohlenen Ware durchkommen, und in dem Zollbuch wird stehen
der Name Joseph Klein oder Sigmund Hermann. Andere Gemeindebehrden verhelfen
den Rubern zu Pssen, mit welchen sie die Lande unangefochten durchziehen
knnen. Da ist gar ein Brgermeister ein solch schlimmer Mann: wenn eine
Streife ergangen, hat er die Ruber selbst in sein eigenes Bett hineingelegt,
wie ich und meine Frau selbst einmal darinnen in der Verwahrung gewesen. Es
ergibt sich aus diesem allem, da die Zeit fr das Schwurgericht noch nicht reif
war, weil auf der Anklagebank die Stehler und auf der Geschwornenbank die Hehler
gesessen wren. Aber nicht blo das Brgertum bis zu seinen Vorstehern hinauf,
sondern auch der Adel, der einen so groen Teil von Land und Leuten in
unbedingter Abhngigkeit hielt, hat in einzelnen Mitgliedern, aus Furcht oder
Vorteil, an der Begnstigung dieses Raubwesens teilgenommen. Will man aber
vollends mit ganzem Mae messen, so mu man ferner nicht blo das Gehenlassen
der Regierungen, sondern auch den Zeitgeist selbst mit zur Anklage ziehen,
dessen sonderbare Vorliebe fr Erzhlungen von Ruberabenteuern, dessen
krankhaft zrtliche Teilnahme an den Helden derselben beweist, wie verkehrt und
widerspruchsvoll der Geist des Menschen werden kann, wenn er dunkel sprt, da
seine Zeit in Haushalt und Menschenrecht nicht wohl bestellt ist. Diese Bildung
schwelgte aasvogelartig in Lebensbeschreibungen berchtigter Ruber und bald
auch, da der Bedarf nicht zureichte, in erdichteten Rubergeschichten, deren
wirkliches Erleben sie jeden Augenblick in Haus und Hof ernstlich zu befrchten
hatte, und all dieser Angst zum Trotze stellte sie sich dennoch, sooft sie in
ihren Romanen von einem Kampfe der Ruber mit den Dienern des Gesetzes las, auf
die Seite der ersteren und bekannte hierdurch den Zwiespalt zwischen ihr und dem
Gesetz; ja als endlich ein zum Hchsten berufener Dichtergeist seine Jugendkraft
und seinen Jugendzorn ber die Zeit, die er so erbrmlich fand, in die Gestalten
jener Ruberwelt einkleidete, da jauchzte fast die ganze gebildete Welt auf und
ging mit ihm unter die Ruber und Mrder, obwohl ein kurzes Nachdenken sie
belehren konnte, da nicht jeden Tag ein verbrecherischer Reichsgraf durch die
bhmischen Wlder reist, um einen edlen Ruber als den Vollstrecker einer
hheren Justiz zu ernhren, sondern da dieser gar bald bei ehrlichen und
unschuldigen Menschen mit List oder Gewalt sein tgliches Brot holen mu.
    In diese Zeit, deren Sitte, Geist und Bildung sich so gnzlich vom
Bestehenden nicht nur, sondern auch vom Rechten abgewendet hatte, da nur eine
groe Vlkerumwlzung die Welt wieder in das verlorene Geleise zurckbringen
konnte, fielen die Enthllungen des Ebersbacher Brgersohnes wie ein
Wetterschlag - nicht in die Lesewelt, denn sie blieben bei den Akten des
Gerichts begraben und wrden den modischen Lesehunger schlecht befriedigt haben,
sondern in die alerte Welt des Verbrechens und in die schlaffe Welt des
Gesetzes. Sie haben nicht von Grund aus die Gaunerei ausrotten, nicht von Grund
aus die Redlichkeit im brgerlichen Leben zu Krften bringen knnen, aber sie
haben ein Groes zur Herstellung der ffentlichen Sicherheit getan, und beinahe
ein Menschen alter ist vergangen, bis wieder eine strkere Bande zwischen dem
Rhein und der Donau sich zu sammeln wagte. Die Gestndnisse des Rubers gaben
den Behrden nicht blo die Mittel an die Hand, den ersten jener planmigen
Schlge zu fhren, welchen die von der Hehlerei untersttzte Gaunerei,
wenigstens in der hochgefhrlichen Gestalt, die sie um die Mitte des
Jahrhunderts angenommen hatte, nach und nach erlag, sondern sie entdeckten ihnen
auch gewisse Fachgeheimnisse des Ruberhandwerks, die sie instand setzten, ihre
Angehrigen knftig zweckmiger zu schtzen. Denn auch dieses Gewerbe hatte
seinen Fortschritt und seine Erfindungen, und die Akten bewahren hievon Zge
menschlichen Scharfsinns auf, an dem man sich ergtzen knnte, wenn er besser
angewendet worden wre. Es ist ein hartes Urteil, das man der Zeit nicht
ersparen kann: dieser Mensch hat ihr dadurch, da er schuldig geworden ist,
unendlich mehr gentzt, als wenn er in den Schranken des Gesetzes geblieben
wre. Die eigentmliche Art seines Verdienstes mahnt zur Vergleichung mit einem
hnlichen Verdienste, das sich ein Hhergestellter um die Zeit erwarb, der Graf
Schenk von Castell, der, vom Eifer des Markgrafen von Durlach beseelt, auf
eigene Hand in Sddeutschland umher und bis nach Graubnden und Italien
hinabzog, um das Raubgesindel einzufangen, und den die Gauner um seiner Khnheit
und Strenge willen frchteten, als ob er vom Teufel gefeit und gefestet wre, so
da einst, als er allein im Walde ritt, ein Ruber einem anderen, der auf ihn
angeschlagen hatte, zurief: La, es ist der Graf von Castell! und es nur eines
Wortes von ihm bedurfte, um die beiden als Sprhunde in seinen Dienst zu ziehen.
Es ist die Frage, wer mehr getan hat, die Wlder zu subern und die
Diebesherbergen auszufegen, der hohe Reichsgraf zu Dischingen oder der in den
Staub getretene Metzgerknecht von Ebersbach. Ihm selbst wenigstens scheint sein
unbesiegbares Selbstgefhl zugeflstert zu haben, da er in seinem Gefngnis
eine nicht unwichtige Person geworden sei, und er braucht in seiner Aufzeichnung
mitunter Ausdrcke gegen die Obrigkeit, wie sie ein Vorgesetzter sich gegen
seine Untergebenen erlaubt. Wiewohl ich wei߫, sagt er an einer Stelle, da
viele Ruber gefangen zu Karlsruhe liegen, will ich nur desto eher zeigen, da
die Herren von Durlach oder Karlsruhe eine sehr liederliche Kenntnis Yon
denselben haben, und es ihnen gewi nicht geoffenbaret worden, wie ich es melden
werde. Dann nimmt er oft einen ganz befehlshaberischen Ton an. Nur diese in
Yerhaft genommen! ruft er, wo von einer Frau die Rede ist, die er erschrocken
und weichherzig im Gegensatze gegen ihre hartgesottene Familie nennt: von ihr
kann man alles herausbringen, wenn man derselben nur mit guten Worten begegnet.
Nur gefragt, wo er den blauen Mantel hergenommen, den er habe! kommandiert er
gegen einen Hehler, der sich wahrscheinlich mit der Furcht vor den Rubern
entschuldigen werde, was man ja nicht gelten lassen solle. Ein andermal schreibt
er genau das Verfahren vor, durch welches man einen gaunerfreundlichen Wirt zum
Gestndnis zu bringen habe: Man frage ihn auf Pflicht und Eid - wofern er etwas
ableugne, so solle er gewilich auf die Galeeren kondemniert werden - er solle
redlich sagen, wie es mit dem Raub zugegangen, er solle sagen, woher er den
Kattun, den er ber sein Bett gezogen, genommen habe, er solle sagen, was fr
Sachen der Jude, der im Ort wohnt, in seinem Hause gekauft habe u. dgl. mehr.
Auch darf nicht verschwiegen werden, da ihn an einigen Stellen die Liebe zum
Leben mit vielleicht nicht ganz unbestimmten Hoffnungen beschlichen zu haben
scheint. Wann ich in das Amt komme, will ich die Drfer schon melden, sagt er
an einer Stelle. Die Auslegung steht jedem frei. Gewi aber schickt sich Verrat
um hherer Zwecke willen am besten fr den Sterbenden, der keinen Lohn mehr
nehmen kann, und zum begnadigten Diebsfnger war wohl ein Konstanzer Hans, eine
leichter angelegte lustige Haut, gut genug. - Die Volkssage behauptet, der Karl
Herzog, wie sie ihn nennt, habe auf der Durchreise durch Vaihingen den
vielbesprochenen Ruber sich und seinem Gefolge vorstellen lassen, wie sie auch
versichert, da dieser seinem Frsten einst das Leben gerettet habe. Aber der
alte Frstenbrauch, wonach ein verfemter Mann, den sein Oberlehnsherr ber Leben
und Tod vor sich gelassen, das frstliche Antlitz nicht unbegnadigt schauen
durfte, war lngst abgekommen, und der Herzog konnte damals auch nicht gndiger
gestimmt sein als zur Zeit der Schlacht von Fulda, denn er war mit seiner
Landschaft in jenen verdrielichen Streit geraten, der ihn als Beklagten vor den
Richterstuhl des Kaisers stellte, und schon seit einem Jahre sa ihr ehrwrdiger
Konsulent, in dem er den Verfasser ihrer miliebigen Schriftstze vermutete,
ohne Urtel und Recht in summo squalore carceris, wie die landschaftliche
Klagschrift sich ausdrckt, auf derselben Festung, wohin einst eine in
verfassungsmiger Form ergangene hochfrstliche Resolution den nchtlichen
Besucher des Ebersbacher Pfarrhauses puncto furti tertia vice reiterati ad dies
vitae gerechtest condemniret hatte.
    Da bei der Aufzhlung jener schmutzigen Biedermnner, die den Ruber seinen
Hals wagen lieen und sich an ihm bereicherten, hie und da weltliche
Anwandlungen den geistlichen Frieden seiner Seele trbten, geht aus manchen
Stellen unleugbar hervor. Wann eine christlich gesinnte Obrigkeit, klagt er an
einer dieser Stellen, das Bse begehret abzustrafen und darinnen Ruhe zu
schaffen, wann das Bse soll gedmpft werden, so mu man solche Leute zuerst
angreifen. Denn ihr Zweck ist: stehlen, so da ein mancher in solchen Orten noch
zum Stehlen angetrieben wird. Denn der Ruber hat manchmal den wenigsten Nutzen
vom Stehlen, weil er es solchen Leuten um einen wohlfeilen Preis geben mu und
nichts daraus lset, und dieser, der es kauft, hat den besten Nutzen. Der Ruber
kommt darauf in Verhaft, man nimmt ihm das Leben, er hat kaum die Hlfte
genossen; der Kufer bleibt ein ehrlicher Mann und hat den besten Nutzen, und
gedenket: ob der eine tot ist - ich habe noch viele an mir, die mir gestohlene
Waren bringen. Solche Leute machen sich gar nichts daraus, ob sie schon die
grte Anleitung dazu geben, wenn sie nur allezeit sicher stehenbleiben. Aber
Gott der Allmchtige soll mein Zeuge sein, da ich, soviel ich wei, solche
Leute nicht zu verschonen gedenke; denn von meinen jungen Jahren an bin ich in
solche Huser verleitet worden und zum Stehlen angetrieben, da mein Verstand
noch nicht so weit gereicht htte, wenn man mich nicht dazu verleitet und
angetrieben, und man mich nicht gleich in meiner blhenden Jugend in die
verruchten Huser eingezogen htte. Mein ganzer Lebenslauf rhrt davon her, bis
in meinen Tod; ich kann nicht mit Ruhe absterben, bis ich mein Herz vor der
Obrigkeit von solchen Leuten genugsam ausgeleert habe, damit doch das Bse recht
gestraft wird. Man wird sich verwundern, wie lang da solche Leute mit den
Rubern zu tun gehabt, und wie viel Erhenkte ihnen bekannt, und wie viele
dermalen noch am Leben, mit denen sie noch zu tun haben. Mit der Hilfe Gottes
werde ich dieselben so berzeugen, da sie sich nicht mehr verantworten knnen.
    Man wird dieser Klage, welche auch auf der Nachtseite der alten Gesellschaft
- nach heutiger Weise gesprochen - die Arbeit vom Kapital unterdrckt zeigt, und
aus welcher man die Verwnschungen der Verfasser jener Ruberromane ber ihre
Verleger widerklingen zu hren meint, ihre menschliche Berechtigung um so
weniger absprechen, wenn man bedenkt, da der Unglckliche aus seinem eigenen
Beispiel sich die Aufforderung entnehmen mute, so manchen andern, der auf
Irrwegen wandelte, durch die Zerstrung dieser Diebsnester vor hnlichem
Verderben zu bewahren. Man wird zwar, seinen eigenen Worten zufolge, nicht ganz
unbedingt gelten lassen, was er bei seinem Geschichtschreiber, dem Sohne des
Oberamtmanns, ber diese Angaben sagt: Gott wei, da nicht der geringste Groll
darunter verborgen liegt, wenn ich jemand entdecke; ich habe im Gegenteil viele
von meinen Freunden, manche, die aus ihren Betten aufgestanden sind, um mich
darin liegen zu lassen -, nur um das Bse zu verhindern, verraten; ich gestehe
es, da mir dieses selbst sehr wehe tut.
    Es kann kein Zweifel sein, da diese Stimmung vor und nach dem Schreiben
aufrichtig war; unter dem Schreiben selbst aber, haben wir gesehen, berkam ihn
das Gefhl des leiblichen und geistigen Schadens, den ihm diese Leute getan, und
war strker als er. Ohne Rckhalt wird man jedoch glauben, was er hinzusetzt:
Wenn ich gedenke, da dadurch ihre Kinder abgehalten werden, den bsen Exempeln
ihrer Eltern zu folgen, da so viele Unschuldige gerettet, da manches Kind im
Mutterleibe werde erhalten werden, so bin ich berzeugt, da ich hieran recht
getan habe. - Um die Zeitbestimmung nicht mizuverstehen, wenn er klagt, da er
von seinen jungen Jahren an in solche Huser verleitet, in seiner blhenden
Jugend in die verruchten Huser eingezogen worden sei, mu man sich sagen, da
diese Jugend zu der Stunde, da er schrieb, noch blhte oder wenigstens nach
menschlicher Berechnung htte blhen sollen: denn er feierte seinen
einunddreiigsten Geburtstag in dem Gefngnis zu Vaihingen. Die eigentlichen
Diebsherbergen aber hat er nach seiner eigenen Angabe, wie sogleich die folgende
Stelle zeigen wird, erst durch seine Verbindung mit der schwarzen Christine
kennengelernt; und da diese nicht frher als drei Jahre vor seiner Vaihinger
Verhaftung angefangen hat, geht unwiderleglich aus den Akten hervor. Diese nicht
einmal vollen drei Jahre mssen ihm somit, als er die Klage niederschrieb, in
welcher er seine Jugend fern und lngst vergangen sah, wie eine Ewigkeit
erschienen sein. Wohl mag ihm auch eine Erinnerung an jenen Krmer in
Rechberghausen vorgeschwebt haben, dessen Bekanntschaft fr ihn jedoch nur eine
Vorstufe zu der Leiter in den Abgrund war. Auch hat er diesen sowohl, als den
Hof, auf welchen er der schwarzen Christine folgte, in seinen Enthllungen
genannt, ohne jedoch einen groen Verrat an der Freundschaft zu begehen, denn
der gute Freund arbeitete bereits seit zwei Jahren, wie aus dem Amtsblatt vom
28. Februar 1758 hervorgeht, puncto furti, receptationis et celationis
facinorosorum mit angehngter Kugel im Zuchthause. Bei diesem Anlasse mu noch
hervorgehoben werden, da durch die Enthllungen des Verbrechers kein
eigentlicher Landsmann desselben betroffen worden ist: denn die zuletzt
Genannten gehrten ritterschaftlichem Gebiete an. Aus seiner Heimat hat er
niemand verraten, als die Genossin seines Unglcks von Anfang an, die blonde
Christine. Wenn hienach das damalige Herzogtum Wrttemberg, obgleich sein
Zuchthaus stets gefllt war, doch im Vergleiche mit den umliegenden Herrschaften
und adeligen Besitzungen als der einzige gesunde Kern von Sddeutschland
erscheint, so kann man dies, da die Nachbarn mit ihm das Christentum gemein
hatten, nur dem Vorzuge zuschreiben, da dieser Bruchteil des schwbischen
Volkes, wenn auch in sehr verkmmerter Gestalt, allein noch einen kleinen Rest
von Freiheit und Selbstherrlichkeit besa.
    Dermalen - so schliet die merkwrdige Aufzeichnung - soll nun die
Obrigkeit betrachten, was ich in den kurzen etlichen Jahren schon an
Aufenthalten gemeldet habe, und das wird unter den tausend Aufenthalten kaum ein
Teil sein, was nmlich die, welche zeit- und taglebens schon mitlaufen, sagen
knnten, wenn sie eine bestndige Erkenntnis ablegen wollten. Ich sage an: wie
es denn mglich sei, Schelmen oder Diebe zu fangen, wenn man nicht solche
Aufenthalte zuerst ausrottet? Es gehet etwa ein Schreiben aus von den gndigsten
Herrschaften - so sind solche Leute da und machen es den Rubern zu wissen, oder
verbergen sie selbst gar. Wie will man dieselben dann bekommen? Es ist keine
Mglichkeit, wenn man solche Orte nicht verderbt; es entspringt der ganze
Ursprung von Stehlen und Rauben aus solchen Husern.
    Nur um eine kleine Andeutung zu machen, wie mir's in denen Husern selbst
gepassieret ist: als meine erste Frau, die Christina Mllerin, in Verhaft
gekommen, und mich diese Christina Schettingerin durch ihre liebliche
Redensarten zu sich gezogen und mir die Gelegenheit und solche Aufenthalte
gewiesen, die mir nicht bekannt waren, und wie ich nun von einem Haus in das
andere gegangen, und zum ersten kam, sprach er:
    Hat Christina wieder geheiratet? - Sie sprach: ja!
    Ist er aber auch ein so guter Ruber wie euer erster? - Sie antwortete: ja!
    Htte sie gesagt: nein, so war ich schon nicht wohl daran gewesen. Sie
sprach im Haus herum: er hat bald eine Sau geholet, bald ein Schaf, bald dies
bald das.
    Er hat uns sehr viel Gutes getan, wenn ihr nur auch so gut werdet. - Das
eine sprach: ich bin heut ber Feld gewesen, ich habe da und dort was von
Tierfleisch gesehen; ich habe auch die Schferpferche auf der Brache gesehen -
holet das Fleisch oder holt ein Schaf, da wir auch wieder Fleisch essen drfen!
- ferner: habt ihr nichts Gestohlenes bei euch? Ich brauche was von Kleidern,
mein Mann hat nichts und meine Kinder haben auch nichts; wir mssen gekleidet
sein - machet, da ihr was zu stehlen bekommet, und schaffet uns was an! Ich bin
nicht weit ber Feld hinausgekommen, sonst wollte ich euch etwas ausersehen
haben, wo ihr was erwischen knntet, aber bis ihr wiederkommet, will ich was
ausersehen!
    Und so sind alle diese Aufenthalte. Eine manche Weibsperson, die auf dem
Lande gehet, hat schon bis drei oder vier am Galgen; sie fhret noch einen aus
einem Dorf heraus, der nur ein Liebhaber des schnen Frauenzimmers ist; sie
bringt ihn an solche rter hin; er hret solche Reden; was dieses Mensch nicht
Bses genug an ihm vollbringen knnte, das wird ihm da vollends eingepflanzt und
er mit Gewalt zum Stehlen gereizet und gelocket.
    Bei mir aber, da war schon ein kleines Fnklein zum Stehlen aufgegangen
gewesen; aber bei einem solchen Menschen, die zeit- und taglebens nichts anderes
getan, und in solchen Husern, wo nichts als von Rauben und Stehlen geredet und
tglich an einem gepflanzt und geschret wird, da mu ein groes Feuer daraus
werden, und nicht mehr nachlassen, bis er dem Henker unter die Hnde fllt. Und
so geht es mit einem manchen. Das sind die rgsten Schelmen, die Aufenthalt
geben, und sie bleiben doch ehrliche Leute, haben auch den grten Nutzen und
Genu, und der Kleine wird gehenkt und die Groen lt man laufen - man
frchtet, sie mchten ausgerottet werden. Wann man aber einem Vogel das Nest
nimmt, so kann er keine Junge mehr liegen oder ziehen.

29. Juli 1760.
                                                         Arrestant in Vaihingen:
                                                                                
                                                           Joh. Friedr. Schwan.

Das gerichtliche Verfahren nahm unter dieser Zeit bestndig seinen Gang, ja es
wurde sehr beschleunigt, da man in Stuttgart frchtete, der Seelenzustand des
Gefangenen mchte nicht fr die Dauer haltbar sein. Nach geschlossener
Untersuchung trat jetzt eine andere Rechtsform ein, welche, in der Verfassung
und im Tbinger Vertrage begrndet, bei peinlichen oder sehr schweren Fllen,
deren sich ein Landesangehriger schuldig gemacht, angewendet wurde, und einen
Schatten der alten selbstherrlichen Volksgerichtsbarkeit enthielt. Der in Stadt
und Amt allmchtige Beamte, nachdem er an die Regierung berichtet und von ihr
die ntigen Weisungen erhalten, verwandelte sich jetzt in einen bescheidenen
Anklger, der bei der Stadtgemeinde, die er sonst regierte, als Fiskal im Namen
des Staates oder vielmehr des Herzogs gegen seinen Inquisiten Recht suchte. Als
solcher mute er den gewohnten Vorsitz in der obersten Gemeindebehrde, dem
Gerichtskollegium, abtreten und mit der Gemeinde, an die jetzt der Gerichtsstab
vorbergehend zurckgekommen war, erhielt auch ihr ursprnglicher Vorsteher, der
Brgermeister, ebenso vorbergehend seine alte Bedeutung wieder, indem er als
Stabhalter den Vorsitz im Stadtgerichte bernahm. Dieses lud nun die beiden
ungleichen Parteien vor und beraumte ihnen die Tagfahrt an. Da jedoch die
Dignitt des Beamten durch diese Stellung etwas gefhrdet erscheinen mochte
und er als Regent, Richter und oft auch Kellereibeamter des Bezirks, dazu als
Hauptvorsteher der Bezirksstadt sich mit Recht auf seine vielen Amtsgeschfte
berufen konnte, so war es ihm gestattet, sein Klgeramt einem Rechtsanwalt aus
der Zahl der beeidigten Hofgerichtsadvokaten zu bertragen. Dem gleichen
verpflichteten und vorrechtlich befhigten Stande mute auch der Verteidiger
oder vielmehr Defensor angehren, den sich der Angeklagte whlen durfte, oder
der ihm, wenn er von dieser Freiheit keinen Gebrauch machte, ex officio ernannt
wurde. Am Rechts tage versammelte sich das peinliche Gericht im Gerichtssaale
des Rathauses. Ein in der Gerichtstafel befestigtes bloes Schwert, das aufrecht
mit der Spitze nach oben stand, verkndigte, da hier der Stab und seine Gewalt
sich befinde. Oben an der Tafel sa der Stabhalter und neben ihm, in der Person
des Stadtschreibers, der Gerichtsaktuarius, der das Protokoll fhrte, beide
schwarz gekleidet. Die Gerichtsbeisitzer (aus deren Zahl der Oberamtmann bei der
Untersuchung seine zwei Skabinen genommen) saen innerhalb der Schranken auf
ihren Sitzen, alle in schwarzen Mnteln. Vor den Schranken rechts hatte der
Akkusator, links der Defensor seinen Platz. In der Mitte, vor dem Eingang der
Schranken, war eine schwarz angestrichene Schranne aufgestellt. Der brige Raum
des Saales auerhalb der Schranken war den Zuschauern und Zuhrern berlassen.
Der Stabhalter befahl dem Gerichtsdiener, den Angeklagten aus dem Gefngnis
vorzufhren, was sofort unter guter polizeilicher Bedeckung geschah. Whrend
dieses Ganges wurde auf dem Rathause das Malefiz-oder Armesnderglcklein
gelutet. Bei seiner Ankunft im Gerichtssaale wurde der Angeklagte in Fesseln
auf die schwarze Schranne gesetzt. Der Stabhalter erffnete die Verhandlung des
akkusatorischen Prozesses mit einer kurzen Rede und forderte dann den Fiskal
auf, die Anklage samt dem Petitum vorzutragen. Dieser verlas die
Akkusationsschrift mit der hinsichtlich der Straferkennung an das Gericht
gestellten Bitte. Dann wurde dem Defensor das Wort erteilt. Dieser bat
zuvrderst das Gericht, den peinlich Beklagten seiner Fesseln zu entlassen,
damit er auf freiem Fue verteidigt werden knne. Der Stabhalter entsprach der
Bitte und befahl dem Gerichtsdiener, dem Angeklagten die Fesseln abzunehmen, was
auerhalb des Saales geschah. Dann wurde er wieder eingefhrt und fesselfrei auf
seine schwarze Schranne gesetzt. Er befand sich nun als Freier vor seinem
eigentlichen Richter, aber alles dies nur scheinbar, denn der Angeklagte war
mundtot und sein Urteil wurde ihm nicht von dem Richter geschpft. Der Defensor
las seine Defensionsschrift ab, welche ebenfalls vorher, auf Grund der
Anklageschrift und etwaiger mit dem Gefangenen in Gegenwart zweier Skabinen
gehaltenen gtlichen Verhre, schriftlich gefertigt worden war. Nach Verlesung
derselben gab der Akkusator seine mndliche Replik, und der Defensor duplizierte
gleichfalls mndlich. Waren es, wie im vorliegenden Falle, mehrere Angeklagte,
so traten auch mehrere Defensoren auf, um die Verhandlung noch schleppender zu
machen Nach beendigter Akkusation und Defension erffnete der Stabhalter namens
des peinlichen Gerichts das ebenfalls im voraus fertige Interlokutorium, da der
Richter sich der Urtel Bedacht nehme und da die smtlichen Akten ad consulendum
an die Juristenfakultt in Tbingen versendet werden sollen. Mit diesem
Zwischenbescheide war die ganze leere Frmlichkeit der ffentlichen
Rechtsverhandlung geschlossen, und der oder die Angeklagten wurden aus dem Saal
entlassen, auen wieder gefesselt und in das Gefngnis zurckgefhrt. Nunmehr
wurden die Untersuchungsakten nebst den vom Anklger und Verteidiger
gewechselten Schriften und dem stadtgerichtlichen Protokoll ber den kurzen
mndlichen Rest der Verhandlung an die Juristenfakultt in Tbingen zur
Erteilung eines rechtlichen Gutachtens eingesandt. Diese war somit, da es in der
Regel bei ihrem Gutachten sein Verbleiben hatte, der eigentliche Richter, der
die peinlichen Prozesse entschied. Sie sandte ihr Gutachten unter Wiederanschlu
der Akten an das Stadtgericht zurck; aber auch jetzt waren diesem immer noch
die Hnde gebunden, und es mute das gutachtliche Erkenntnis nebst den Akten der
Regierung einschicken, welche es, mit ihrer Ansicht, dem Herzog zur Besttigung
oder begnadigenden Abnderung vorlegte. Wenn letztere eintrat oder der Spruch
berhaupt nicht an das Leben ging, so hatte das peinliche Gericht mit dem
Prozesse nichts mehr zu tun, sondern das Erkenntnis ging unmittelbar dem
Oberamtmann zur Vollziehung zu. Erfolgte aber ein Todesurteil, so wurde dasselbe
dem peinlichen Gerichte zugesendet und zugleich vorlufig dem Verurteilten im
Gefngnis durch den Regierungsbeamten einige Tage vor der Exekution bei
feierlicher Versammlung angekndigt. Zur Einfhrung in die christliche
Heilsordnung war ihm gleich im Beginne seiner Gefangenschaft das zu diesem
Behufe von einem Stuttgarter Stiftsoberhelfer verfertigte und laut allerhchster
Vorschrift vom 14. November 1753 durch den Buchbinder stark geleimte und
dauerhaft gebundene Malefikantengebetbuch in die Hand gegeben worden. Am Tage
der Hinrichtung wurde der zweite Rechtstag gehalten, bei welchem wieder die
Gemeinde als Richter in ihr Amt eintrat. Die Mitglieder des peinlichen Gerichts
erschienen schwarz gekleidet mit Degen an der Seite im Gerichtssaale, das
Schwert war aufgepflanzt, der Verurteilte wurde unter dem Luten des
Malefizglckleins vorgefhrt, der Stabhalter, mit dem ganzen Gerichte sich
erhebend, trat vor und erffnete ihm das Todesurteil mit dem Beifgen, da der
Herzog die Besttigung erteilt habe, brach den Stab mit den Worten: Gott sei
deiner armen Seele gndig! und bergab sodann den armen Snder dem
Regierungsbeamten, der die Vollstreckung zu leiten hatte.
    Das Urteil, das die Juristenfakultt gefunden und der Herzog besttigt
hatte, verhngte ber Friedrich Schwan die Todesstrafe in der schwersten Form,
welche die Zeit kannte, und ohne alle Milderung. Christine Schettinger wurde zum
Strang verurteilt. Die Magd, ein bitterarmes Geschpf auf der untersten Stufe
der gesellschaftlichen Rangordnung, dessen eigenmchtige Diebsthle sich auf
zwei Hemden, einige Tischmesser und Zinnlffel und eine Semmel beschrnkten, und
das dem Richter auf die Frage nach Stand und Beschftigung geantwortet hatte:
Schwefelhlzlen und Tragbusche machen, und bei Gott und guten Leuten mein Brot
ehrlich suchen - teilte das Schicksal der Frau. Den Knecht erreichte der Arm
des Richters nicht: er war aus dem Vaihinger Gefngnis entflohen. Christine
Mller wurde fr ihre Teilnahme an einigen Diebsthlen, noch mehr aber wegen
ihrer Verbindung mit dem Erzbsewicht berhaupt, zur Ausstellung am Hochgerichte
und hierauf zu erstehender vierjhriger Zuchthausstrafe verurteilt. Das
Verhltnis beider Weiber zu dem Hauptangeklagten wurde im Urteil ausdrcklich
als Unzucht bezeichnet. ber das Kind endlich, das Christine Schettinger im
Gefngnis geboren, wurde verfgt, da dasselbe bis zum zuchthausfhigen Alter
von neun Jahren, das heit, wie man es nicht anders deuten kann, bis zur
Aufnahme unter die sogenannten freiwilligen Armen, auf ffentliche Kosten
untergebracht werden solle.
    Schwan, sagt sein Geschichtschreiber ber die Verkndigung im Gefngnis,
hrte mit unvernderter Miene die schrecklichen Worte, keine Trne entflo
seinen Augen, kein unwilliger Seufzer seinem Munde. Wenn sie meine Beine in
tausend Stcke zerstoen, sagte er, so knnen sie mich doch nicht von meinem
Heiland reien. Allein diese Ermannung, fgte er hinzu, habe ihn die ganze
Anstrengung seiner Krfte, den ganzen Schwung seiner Seele gekostet, und sobald
diese nachlieen, sei Furcht an die Stelle des Mutes getreten und er habe sich
einige Stunden hernach beklagt, da sein Tod doch immer sehr hart sei. Man wird
ihm nicht zu nahe treten, wenn man vermutet, er habe von seiner so wirksam
ausgedrckten Reue wo nicht Begnadigung, doch wenigstens Milderung der Todesart
gehofft. Ob und was er ber die Verurteilung seiner Mitangeklagten bemerkte, ist
nicht aufgezeichnet; wenn er aber das Urteil ber die Magd ins Auge fate, so
konnte er sich sagen, da er aus einer Zeit von hinnen gehe, die des
Christentums und Rechtsbewutseins, dessen Mangel sie an ihren armen Sndern
bestrafte, sich selbst nicht hoch berhmen durfte.
    Indessen fuhr er mit unvernderter Gesinnung in seinen Denkwrdigkeiten
fort, die er an jenem Tage noch nicht beendigt hatte. Bald auch, sagt sein
Geschichtschreiber, habe er sich selbst wegen seiner Zaghaftigkeit bestraft und
seine vorige Strke wieder erlangt, und den folgenden Tag habe er dem ihn gleich
morgens besuchenden Geistlichen zugerufen: Nur noch einen einzigen Tag bis zur
Ewigkeit, und gottlob zur frohen Ewigkeit! Lange habe ich nicht so sanft
geschlafen als in dieser Nacht.
    An diesem Tage erfolgte zwischen ihm und der schwarzen Christine ein
Vershnungsauftritt, den ihr gemeinschaftlicher Geschichtschreiber sehr rhrend
nennt. Lange schon, erzhlt er in seiner Geschichte des Rubers, waren Schwan
und sein zweites Weib sehr gegeneinander erbittert, lange schon hatte die
letztere ihn der Lieblosigkeit, der Lgen und der Verrterei beschuldigt, jetzt
brannten sie beide vor Begierde, sich zu vershnen und dann auf ewig voneinander
Abschied zu nehmen. Es ward gestattet und sie wurden zusammengefhrt. Voll
innigster Bewegung fielen sie sich nun in die Arme, gaben sich dann die Hnde
mit gegenseitigem Versprechen, alle Mihelligkeiten, die bisher unter ihnen
entstanden, wechselsweise zu vergessen, und trsteten sich, da sie morgen in
dem Ort der Seligkeit wieder zusammenkommen wrden. So freudig sich Schwan
bezeugte, so versicherte doch sein Weib, da sie ihn an Freudigkeit im Sterben
noch bertreffen wolle, und so schieden, sie, sich Glck wnschend zum Kampf und
Sieg, vergngt voneinander.
    Aber die Wahrheit des Sprichworts, da nicht alles Gold ist, was glnzt,
bewhrte sich auch hier wieder an der Frage, ob Christine ihm in seinen Himmel
folgen wrde, wie er mit ihr in die Hlle gegangen war. Denn in seiner
Geschichte einer Ruberin beschreibt der Sohn des Oberamtmanns das Verhalten
der Zigeunerin vollstndig so: Schrecken und Wut durchdrang sie, da sie ihr
Todesurteil anhrte; sie stand eine Zeitlang starr vor Entsetzen, dann brach sie
in die frchterlichsten Flche aus und wtete so lange, bis sich ihre Krfte
gnzlich erschpft hatten. Man wird ohne Zweifel begierig sein, wie das boshafte
Weib nun, da sie ihrer Laster berwiesen war und nichts als gewissen Tod zu
erwarten hatte, sich betrug. Die katholischen sowohl, als die lutherischen
Geistlichen suchten, jeder auf seine Art, Reue ber ihre Verbrechen ihr
beizubringen und sie auf bessere Wege zu fhren. Schwan selbst gab sich die
uerste Mhe, und versuchte bald durch die zrtlichste Liebe, bald durch die
heftigsten Drohungen sie zu bekehren; sie blieb gnzlich ungerhrt. Auf alle
Ermahnungen antwortete sie mit Vorwrfen, und verwnschte sich selbst und alle
Menschen. Oft, wenn ihr der Geistliche vorhielt, da sie mit diesen Gesinnungen
gewi zur Hlle verdammt wrde, antwortete sie, da es ihr gleichgltig sei, in
den Himmel oder in die Hlle zu kommen, sie werde in beiden Kameraden finden.
Oft freute sie sich sogar darauf, einst in der Hlle geqult zu werden, weil sie
sich selbst Hoffnung mache, da auch ihre Richter mit ihr geqult wrden. Als
man ihr das Beispiel ihrer Magd vorhielt, die sich sehr aufrichtig bekehrt
htte, so spottete sie darber und schrieb ihre Bekehrung ihrer Dummheit zu, und
als man ihr auch Schwans Beispiel vorstellte, so antwortete sie, da Schwan das
Leben besser genossen als sie, und also sie sich nicht mit ihm vergleichen
lassen knne. Nur sie allein, fuhr sie fort, sei die unglcklichste aller
Menschen, da sie, noch so fhig die Freuden der Welt zu genieen, ihnen schon
entrissen werde. So verhielt sie sich mehrere Tage, aber auf einmal schien ihre
ganze Seele verndert. Sie gestand, da sie jene verzweiflungsvolle Sprache blo
angenommen, weil sie geglaubt, da man sie nicht in ihren Snden dahin sterben
lassen werde. Sie bekannte alle ihre Fehler, bezeugte die herzlichste Reue und
versprach, Schwan in der Freudigkeit beim Tode zu bertreffen. Auffallend war es
dabei, da sie sich gegen die lutherischen Geistlichen viel aufmerksamer als
gegen die katholischen bezeugte, mit jenen viel williger und herzlicher betete
und diesen sogar drohte, bei den lutherischen das Nachtmahl zu nehmen. Kurz,
auch diese schnelle Bekehrung sollte blo zum Mittel dienen, Mitleiden zu
erwecken und ihr vielleicht das Leben zu retten. Aber auch dieser Kunstgriff
half nichts, der Tag ihres Todes erschien, und nun zeigte sich bald, da ihr
letztes Betragen nur Verstellung gewesen. Sie fiel in pltzliche Ohnmacht, und
erholte sich aus derselben nur, um in Wut gegen alle Menschen, und selbst gegen
Schwan, der ihr Mut einzusprechen suchte, auszubrechen. Dieses ihr wahres
Gesicht behielt die Unglckliche, starr und wild, wie eine dem Volk der Ebene
fremde Gebirgswelt, von nun an unverndert bis zum letzten Augenblick bei.
    Ihr glcklicherer Genosse, der sein altes Kindesherz wiedergefunden hatte,
um sich in diesen schweren Tagen daran aufzurichten, fhlte sich durch das
Verlieren der kaum wiedergefundenen Geliebten in seinem Glcke schmerzlich
gestrt; allein ihm winkte nun der Pfad, den jeder Mensch fr sich allein
antreten mu, und er klammerte sich mit ganzer Kraft an den Stab, den er erwhlt
hatte, den ihm seine Kirche reichte. Er nahm das Abendmahl, von dem er einst,
wie seine Heimatsbehrde von ihm aufgezeichnet, gesagt hatte, es solle ihm das
Herz abstoen, wenn er nicht Wort halte. Er war dabei aufs innigste gerhrt und
erklrte berhaupt diesen Vormittag, wie sein Geschichtschreiber erzhlt, fr
einen der glcklichsten seines Lebens. Ich kann nicht aussprechen, so drckte
er sich selbst hierber aus, welch einen glcklichen Vormittag ich heute gehabt
habe. Mein Herz wallete vor Liebe zu meinem Heilande. Zu dem komme ich morgen,
schon morgen. Morgen um zwlf Uhr aufs lngste- bin ich bei ihm. Oh, wenn es
doch nur schon morgen wre! Der Geistliche Krippendorff, der zugegen und durch
die uerungen innigst bewegt worden war, rief voll Freude aus: O Tod, wo ist
dein Stachel? Hlle, wo ist dein Sieg? Gott sei Dank, fiel Schwan ein, der
mir den Sieg geben wird, und schon gegeben hat.
    An diesem christlichen Heldentum, das die Geschichte in unschuldigen
Mrtyrern wie in reuigen Verbrechern tausendfach als unverflschte Gesinnung
aufgewiesen hat, soll niemand mkeln. Wohl aber hat jedes Heldentum, nicht blo
fr die gemeine Anschauung, die es niedriggesinnt in den Staub zu ziehen sucht,
sondern auch fr eine wrdigere Betrachtung, die aber nicht anders als mit
menschlichem Mae messen mag, seine menschliche Seite, und es kann der
Menschenwrde des Bekehrten, den wir hier durch seine letzten Stunden begleiten,
keinen Eintrag tun, wenn wir aus den Worten, die seinen Beichtvater beseligten,
doch auch den menschlichen Seufzer heraushren, da die scheuliche, auch ein
frommes Herz mit den Krallen der Verzweiflung und der Hlle zerfleischende
Marter, die in den ersten Frhstunden beginnen sollte, um die Zeit, wo
glcklichere Menschen ihrem Schpfer danken und seine Gaben genieen, doch
hoffentlich berstanden sein werde.
    Man fhlt sich unwillkrlich von seinem verwahrlosten, aber darum nicht
minder lebendig grbelnden Verstande die Frage vorgelegt, warum denn die
Menschen einem Mitmenschen, der eine solche Hhe geistlicher Vollkommenheit
erreicht hat, da sein Beichtvater darber ein frommes Entzcken fhlt, in sein
Leben einbrechen, eben jetzt, da er reif wre, der so bedrftigen Menschenwelt
die schnsten Frchte zu bringen. Und wenn man aus dem Munde dieses Beichtvaters
antwortet, es stehe im Evangelium, da, wer das Schwert ziehe, durch das Schwert
umkommen msse, so hrt man ihn im Triumphe seiner Bibelfestigkeit
entgegenhalten, das Evangelium spreche dies nicht als Vorschrift aus, sondern
habe nur die jhzornigen Gemter jener Zeit warnend darauf aufmerksam machen
wollen, da dies die bestehende jdische Rechts- und Kirchenordnung sei. Oder
wenn der Geistliche erwiderte, es geschehe, damit der bereuende Snder in diesem
Leben nicht mehr rckfllig werde, sondern drben gleich zu noch hherer
Vollkommenheit fortschreiten knne, so mu es dem grbelnden Verstande, den wir
kennen und den das Evangelium nicht einschlfern konnte, weil es vielmehr die
Geister weckt, schwer geworden sein, die Folgerung zu unterdrcken, da man aus
dem gleichen Grunde jeden Gerechten zeitig vom Leben zum Tode bringen msse,
damit er nicht, als ein Mensch, aus dem Stande der Gerechtigkeit falle. Da
jedoch ber die uerungen oder Gesprche dieser Art sich nichts angemerkt
findet, so kann man auch schlieen, er habe das Abscheiden aus einem solchen
Leben und einer solchen Zeit, nicht blo im geistlichen, sondern selbst im
weltlichen Sinne des Wortes, fr einen so groen Gewinn gehalten, da er ber
den weltlichen Preis desselben kein Wort verloren habe.
    Den Nachmittag, erzhlt sein Geschichtschreiber nach dem Auftritte
zwischen ihm und dem Geistlichen weiter, verlor sich zwar diese Freudigkeit
ziemlich, weil ihn, wie er selbst sagte, die zu groe Menge von geistlichen
Zusprchen betrbt und zerstreut hatte; doch kehrte sie abends wieder zurck.
Endlich erschien der letzte Tag. Morgens frh um fnf Uhr kam Krippendorff zu
ihm und traf ihn im Gebet an. Er sah frisch und munter aus; dennoch hielt er,
weil seine Seele nicht so hochgeschwungen und furchtlos wie gestern war, sich
selbst fr verstockt, ein Gefhl, welches jedoch durch Hilfe des Gebets sich
bald wieder verlor.
    So erfuhr auch dieser Geist, was jeder Geist in seinem Ringen nach Klarheit
erfhrt, da die Seele den gewaltsam ergriffenen Besitz nicht ungestrt
festzuhalten vermag, da ihr die Stunden ruberisch in das Gut einbrechen, das
sie schon sicher geborgen zu haben glaubte. Denn die Seele des Menschen rollt
beweglich mit seiner groen Mutter dahin, die, wie uns die Himmelskundigen in
ihrer Sprache gelehrt haben, in bestndiger Revolution begriffen ist. Sie fat,
im Gebiet des Geistes umhersprend, einen Gedanken, eine Wahrheit, eine
Erkenntnis, die ihr pltzlich in blendendem Licht auftaucht, und will in alle
Welt hineinjubeln, jetzt sei die Wurzel gefunden, die alles Verschlossene
aufsprengen, alles Kranke heilen msse. Aber die Stunden bringen und nehmen.
Andere Erkenntnisse, andere Wahrheiten oder Irrtmer drngen sich in die Seele
ein und verdunkeln das erste Licht, und was die Seele festzuhalten glaubte, das
wird ihr so bla und farblos, da sie sich ermattet, bangend, zweifelnd davon
abwendet. Wieder erscheint jene geistige Gestalt vom Lichte der Erleuchtung
begleitet, sie zeigt sich der Seele von einer neuen Seite, und die Hoffnung, der
Glaube an die Sicherheit des Besitzes wchst. Aber Licht und Schatten wechseln,
die Sehnsucht wird zur wilden Glut, die das reine Licht der wahrheitsuchenden
Seele mit Qualm umdstert, und so, zwischen Licht und Schatten, zwischen Glauben
und Zweifel, zwischen Hhe und Tiefe dahinschwebend, gelangt die Seele unter
immer neuen Erleuchtungen zu der berzeugung, da das erste Licht das richtige
gewesen sei, zur Gewiheit, da die reine Wahrheit darin wohne. Aber die
berzeugung des Menschen, besonders wenn er sie mit Heftigkeit ergriffen hat,
wre fr ihn selbst nicht echt, wenn er sie seinen Brdern vorenthielte; denn
weit leichter als seine Herzens- oder Vorratskammer tut er ihnen die
Schatzkammer seines Wissens oder Glaubens auf. Aber seine Brder haben dasselbe
erlebt wie er, auch ihnen sind Lichter aufgegangen, auch sie sind zu Gewiheiten
und berzeugungen gekommen. Dann geraten die Geister aneinander: der Mann des
Wissens stt den Glauben des Frommen zurck, und der Mann des Glaubens
erschrickt vor der berzeugung des Denkers; ja, unter den Glubigen selbst, und
bis in ihre engsten Kreise hinein, ist Unterschied und Zwiespalt, weil keiner
die gemeinsame Wahrheit, zu der sie sich bekennen, ganz im Lichte des anderen
schauen kann. Dieser Kampf der Geister verwundet das Herz, das die ganze Welt in
Frieden wissen mchte, aber das Herz kann den Menschen nicht allein leiten, denn
es wrde ihn jeder herben Schule, die ihm ntig ist, entziehen. Der Kampf der
Geister ist gut, auch wenn er schmerzt: denn der Geist der Menschheit, nicht
ihrer bevorzugten Kinder nur, ist zur Erkenntnis berufen, und die Arbeit der
Geister wird der Welt eine Erkenntnis bringen, so hoch und tief, da der
stolzeste Geist sie nicht durchfliegen, so reich, da der mannigfaltigste Geist
nicht an ihr erlahmen, so klar, da der nchternste Verstand sie nicht antasten,
so einfach, da die kindlichste Seele sie erfassen, und so rein, da das fromme
Herz in ihr seine Wohnsttte finden kann. In der Schule dieser Erkenntnis wird
Friede und Kampf, Ruhe und Bewegung vereinigt sein. Darum meiden wir den Kampf
der Geister nicht, wenn er auch die Lebenden durch Nacht und Wunden zu diesem
Ziele fhrt! Aber den Sterbenden wird kein guter oder weiser Mensch durch die
Menge seines Zuspruchs betrben und zerstreuen, weder der Denker den Glubigen,
noch der Fromme den, der nicht in der Form des Glaubens denkt: denn der
Sterbende mu mit seinem Herzen Zwiesprache halten, dessen Schlge ihn im Laufe
der Stunden beseligt und verwundet haben, bis der letzte die fliehende Zeit fr
ihn stille stehen heit. Tragt ihn sanft aus der Schlacht, fernab vom Staube und
Gewhl der Kmpfenden, da er am Rande des Hgels durch die Abendrte der
Gegenwart hinausschaue in das Morgenrot der Zukunft, fr die wir kmpfen. Fr
ihn verstummt der Zank der Meinungen und der Vorwurf der Einseitigkeit: er fllt
ab von dem unvollkommenen Leben seiner Zeit und geht ber zu dem groen Heere
der Vollendeten, die im Frieden ruhen.
    Am Tage vor dem letzten hatte der Sterbende sein weltliches Vermchtnis fr
die Obrigkeit zu Ende geschrieben. Kein Lohn, nicht einmal mehr der arme Trost
einer Linderung winkte ihm, als er es hinterlie, und hierin liegt die
Brgschaft, da ihn, wenn auch unter menschlichen Schwchen, die reine Absicht
leitete, die Jugend knftiger Tage vor seinem Lose zu bewahren. Seine Bltter
enthalten nichts von seiner inneren Lebensfhrung, nichts von dem Gange seiner
Seele durch die Strme des Lebens, aus Tag in Nacht; denn dies war kein
Gegenstand fr seine Obrigkeit. Wohl aber darf die Nachwelt, die sich an der
Geschichte eines rohen Mannes aus dem Volke oft besser belehren knnte als an
verwickelten Staats- und Frstengeschichten, wohl darf sie den Pfarrer seiner
Heimat anklagen, da er, dem die Pflege der Geister vertraut war, keine Chronik
seiner Gemeinde, keine Aufzeichnung ber den Lebensgang des Jnglings
hinterlassen hat, der nach dem Zeugnis befhigter Zeitgenossen auerordentliche
Gaben des Geistes und Herzens besa, keine Rechtfertigung der mit mehr als
vterlicher Gewalt ausgersteten geistlichen und weltlichen Behrde, wie es
kommen konnte, da ein solcher Mensch aus dem Sche der Gesellschaft heraus, so
tief in Elend, Verbrechen, Schmach und jede Erniedrigung der Seele strzte. Und
doch hat jener Pfarrer sein ganzes Lebensschicksal mit angesehen und hat ihn
lange berlebt. Er fand nichts aufzuzeichnen ntig als die karge, schauerliche
Randbemerkung, die er auf einem Blatte des Taufbuches, wo der Name des am 4.
Juni 1729 geborenen Kindes Friedrich Schwan nebst den Namen seiner Eltern und
Taufpaten eingetragen ist, mit roter Tinte hinzugeschrieben hat: Wurde den 30.
Juli 1760 zu Vaihingen lebendig auf das Rad gelegt. Gott sei seiner armen Seele
gndig!
    Das war die Todesstrafe, die ein christlicher Staat unter dem Beistande
einer christlichen Kirche an einem Menschenbilde, das sie Gottes Ebenbild
nannten, vollzog, indem er sich fr so arm an leiblichen und geistigen Mitteln
bekannte, da er mit einem, wenn auch noch so tief gefallenen Menschen nichts
Menschlicheres, nichts Christlicheres zu tun wute, als ihm das Leben zu rauben,
und fr so beschrnkt in Menschenkenntnis, da er meinte, durch eine recht
ausgesuchte grausame Strafe werde er andere vom Wege des Verbrechens
abschrecken. Und doch htte gerade dieser ihn vor tausend anderen belehren
knnen, wie irrig eine solche Voraussetzung ist. Er war vor anderen mit Verstand
begabt, um sich zu sagen, wohin sein Leben zuletzt fhren msse, und wenn er es
je vergessen htte, so sagten es ihm seine schrecklichen Genossen, die sich
tglich auf den Gedanken an ein solches Ende einbten, verkleidet den
Hinrichtungen beiwohnten, einander den Hergang bei denselben beschrieben und bei
ihren Gelagen sich gegenseitig einen leichten Tod zutranken. Nicht einmal sein
Mut machte ihn zu einer Ausnahme, an der die Abschreckung verloren war, denn
sein Geschichtschreiber sagt ausdrcklich von ihm, bei aller natrlichen
Herzhaftigkeit habe er sich durch diese abschreckenden Gewohnheiten so
erschttert gefhlt, da er gnzlich unfhig gewesen sei, dieselben mitzumachen;
und man kann berhaupt sagen, da auch die Feigheit nicht hinlnglich
abschreckend wirkt, denn die Gerichtsverhandlungen zeigen feige Verbrecher
genug. So hat also weder sein Verstand noch die Abschreckung selbst, die bei ihm
nicht verloren war, ihn von dem finsteren Pfade abgeschreckt, hat weder seine
zwar rohe, aber zur Erkenntnis von Gut und Bse, von Wohl und bel, vllig
gengende Bildung, noch die vorsorgende Liebe der Gesellschaft ihn vor diesem
frchterlichen Ende bewahrt. Es gibt keine andere Milderung fr seine Todesart,
keine andere Beschwichtigung fr das emprte Gemt, als sich zu sagen, da das
Jahrhundert seitdem seine Speichen beinahe vllig umgewlzt hat, da jene
Mittagsstunde, um die er vollendet zu haben hoffte, lngst vorber ist, da jene
arme kranke Zeit ein besseres Jahrhundert, reicher an Geist und Herz und
Erkenntnissen, geboren hat. Ja, so vieles wir an unserer Zeit mit Recht
verwerfen, wir knnen ihr das Zeugnis nicht versagen, da ein Mensch wie dieser
besser von ihr durch das Leben getragen worden wre, da er keinen Pfarrer,
Amtmann und Vogt getroffen htte, die seine blhende Jugend fast gewaltsam unter
die Ruber stieen, da, wenn ihm auch der Lieblingswunsch seines jungen Herzens
versagt geblieben wre, das Leben ihm Befriedigung fr sein Gemt, fr seinen
Geist, fr seine Fhigkeiten nicht so ganz versagt haben wrde, wie die drre
Wste, mit der ihn seine Zeit umgab. Wohl ist noch eine schwere Arbeit zu
vollbringen, bis unsere Zeit aus dem dunklen Mutterschoe jenes Jahrhunderts,
worin sie mit ihren Tugenden und Fehlern, mit ihren Wahrheiten und Irrtmern
wurzelt, losgerungen ist, und darum kmpfen wir. Aber die Sonne, wie sie von
Osten nach Westen wandelt, sieht das Volk in der Mitte zwischen Ost und West
tglich mehr im stillen Ringen nach Licht und Recht begriffen, und sie wird die
Mhe seiner Geister nicht verloren finden, wenn sie oft auch tief wie
Grubenmnner in die Schachte unsrer Geschichte, unsrer Sprache, unsrer Dichtung
sich zu verlieren scheinen, von wo dieses Licht und Recht am reinsten zu holen
und nach dem Mae des heutigen Tages zu verteilen ist. Denn jetzt gilt es sich
selbst zu verstehen in der allgemeinen Bewegung, die schon mit wachsendem Getse
an die Pforten noch immer so vieler Schlfer pocht. Die Bewegung, die aus einem
Teil des Westens kam, hat uns verwirren mssen, denn sie bot uns Eigenes mit
Fremdem gemischt. Die Bewegung, die sich aus einem Teil des Ostens ankndigt,
wird uns aufklren helfen, denn man lernt sich besser selbst erkennen in einem
Spiegel, der uns gar keine hnlichkeit zeigt, sondern ein wildfremdes Gesicht.
Dann wird der Kampf auch nicht mehr verwandte Geister trennen, nicht mehr durch
das einzelne Menschenherz selbst hindurchgehen: die Scheidung zwischen dem
Wahren und dem Falschen, zwischen dem Guten und dem Bsen wird leichter sein.
Wer aus der allgemeinen Betrachtung, zu welcher jeder Tag so vielen Anla gibt,
zu der hier erzhlten Volksgeschichte zurckkehrt und vielleicht einmal,
zufllig das freundliche Filstal hinaufwandernd, nach ihren Spuren fragt, der
kann sich die Mhe und den Staub der Akten ersparen, denn er findet in der
Erzhlung jeden Zug, der aufbewahrt geblieben ist. Und dennoch mge er nicht
eine buchstblich wahre Geschichte in ihr suchen. Denn der geschichtliche
Buchstabe ist unwahr, solange nicht der Geist ihn lebendig macht und in das
gebrochene rckstrahlende Licht des Gleichnisses stellt. Selbst das alte
Wirtshaus zur Sonne wird der Wanderer vergebens suchen, und da ein solches Haus
mit stattlichem Giebel nicht so leicht aus der Reihe der Gegenstnde
verschwindet, so mag er vermuten, da er das Ebersbach dieser Volksgeschichte
anderswo zu suchen habe. Darin hat er auch gewissermaen recht: der Flecken, der
eine begabte Jugendkraft nicht zu ihrer Entfaltung kommen lie, erstreckte sich
noch vor weit krzerer Zeit als vor hundert Jahren ber ganz Deutschland und
besonders ber den Sden desselben, und der Berg unseres alten Reiches mit
seinem den Gipfel wurde viel weiter im Umkreise gesehen als er zwischen der
Rems und Fils in die Landschaft ragt. Der Erzhler, der aus Erfahrung wei, da
alte Huser nicht so schnell verschwinden und da alte Wahrzeichen von einer
neuen Zeit nicht so leicht auszurotten sind, hat in einem freundlichen Gasthause
eines ansehnlichen Fleckens in jener Gegend, wo man die alte Sonne mit vielen
Laternen nicht finden wrde, ein briggebliebenes Wahrzeichen von ihr entdeckt.
Aber er wird seinen Fund hier nicht verraten; denn der Beobachter ist nicht
berall angenehm, und der Knabe, der nicht weit davon im Zimmer an einem Tische,
worauf eine Rute lag, seine Aufgabe lernte, behauptete, das Rtlein sei nicht
fr ihn. Angelegenheiten eines einzelnen Hauses, die das ffentliche Recht und
Wohl nichts angehen, mu man beruhen lassen. Der Besitzer des Hauses, der nicht
Schwan heit, sondern einen anderen guten Namen fhrt, ohne sich jedoch des
armen Friedrich Schwan zu schmen, mag dem Wanderer von der alten Sonne selbst
erzhlen, soviel ihm beliebt. Da der Schild des Hauses gendert wurde, ist
schon lange her, wohl fnfzig Jahre, und fllt dem damaligen Besitzer nicht
einmal zur Last. Denke man sich, er habe vielleicht einen Sohn gehabt, den der
Volkswitz - man wei, wie die Leute sind und wie sie gar in frherer Zeit waren
- nach jenem berchtigt gewordenen Namen den Sonnenwirtle hie: bei dem besten
Bewutsein des Sohnes und der Eltern konnte die Bezeichnung, wie sie nun einmal
fr den Flecken klang, der keine Ehrenkrone darin zu sehen gewohnt war, auf die
Lnge so unleidlich werden, da man lieber den Namen des Hauses nderte. Eine
beschrnkte Umgebung hindert ja auch den Unbefangensten, das Leben frei
anzuschauen und frisch hineinzugreifen. In kleinen Verhltnissen ist dies nicht
so leicht zu ndern. Ein Volk aber soll seine Wahrzeichen nicht wegwerfen, und
ein Wahrzeichen ist ihm nicht blo sein Liebling, auf den es stolz ist, ein
Wahrzeichen ist ihm auch der Verbrecher, dessen es sich schmt. Wir mgen ihn
verwnschen und verfluchen, wir mgen ihn aus der Gesellschaft und aus dem Lande
stoen, wir mgen ihn in der Gruft des lebenslangen Kerkers begraben oder mit
der Maschine tten, die uns ein wenig von der Bildung und noch, mehr von der
selbstttigeren Kraft unserer Vorfahren unterscheidet - eines knnen wir ihm
nicht nehmen, ein Geprge knnen wir nicht an ihm vernichten. Wir mssen
bekennen:
    Er war unser.

Noch einmal den Vorhang auf und nun das letzte Bild.

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Rein und tiefblau, wie er nur in den Mittsommertagen ist, wlbte sich der
Morgenhimmel ber der alten winkeligen Stadt. Die Sonne brannte schon in den
ersten Morgenstunden und verkndigte einen heien Tag. Auf dem Marktplatz vor
dem Rathause stand die Menge dicht gedrngt, in gedankenloser Neugier ein
trauriges Schauspiel erwartend, das ihr Ersatz fr die geistigen Bedrfnisse
bieten sollte, die sie durch die sonntgliche Predigt und durch die sprlichen
brgerlichen Vorkommnisse nicht zureichend befriedigt fhlte. Sie konnte nicht
nach ihrer Weise hin und her wogen, denn es waren ihrer zu viele, die in
festgekeilter Masse geduldig ausharren muten und nach den Rathausfenstern
emporsahen. Endlich glaubte man an den Fenstern eine Bewegung wahrzunehmen, und
die Bewegung teilte sich alsbald der Menge mit, die nach der Tre des Rathauses
drngte. Ein Brger, der den Zuschauern im Saale droben vorausgeeilt war,
strzte heraus. Es wird gleich angehen, antwortete er auf die Fragen der
vordersten, die ihn bestrmten: aber das ist ein Mensch! Ihr httet ihn sehen
sollen, wie man ihm das Urteil vorgelesen hat. Alles hat gezittert, das ganze
Gericht ist erblat, nur er ist allein ruhig und unerschrocken dagestanden, und
wie's im Urteil geheien hat: der Erzbswicht! hat er mit lauter Stimme und
lchelnd gesagt: Der bin ich gewesen.
    Eine noch strkere Bewegung kam unter die Menge, welche das Gerusch der
Kommenden aus dem Innern des Rathauses vernahm. Sie wich zurck, denn die
ersten, die herauskamen, waren Gerichtsdiener, die sie barsch und grob auf die
Seite trieben. Auf diese folgte, von Wachen umgeben, gefesselt und gebunden, der
arme Snder, der aber nicht wie ein solcher aussah. Sein Gang war ruhig, wie der
eines Brgers, der seinen Geschften nachgeht, seine Haltung aufrecht, aber
nicht gezwungen, und nur die Blsse seines Angesichts und der eigentmliche
Glanz seiner Augen verriet, da etwas in ihm vorging, wovon die Menschenmenge,
die ihn neugierig betrachtete, nach ihrer Art kaum eine Ahnung haben mochte.
Fest und khn blickte er in die Augen der Kopf an Kopf geschichteten Menschen,
durch deren Reihen er den letzten dstern Weg zur Freiheit gehen sollte. Er
blieb stehen, um seine Schicksalsgenossen zu erwarten.
    Wiederum machte sich ein Gerusch von der inneren Rathaustreppe vernehmlich,
und die Blicke der Menschen lieen von ihm ab, um ber die neue Beute, die fr
die Schaulust kommen sollte, herzufallen. Es dauerte lange, und die Ungeduld
wuchs immer strker an. Endlich drngte es sich heraus, und zugleich gab sich
die Ursache zu erkennen, die das Schauspiel so lange verzgert hatte. Es war die
Zigeunerin, die um ihr Leben kmpfte. Obgleich ihre Hnde gebunden waren, so
stie sie doch die Schergen einmal ber das andere zurck, suchte in das Rathaus
zurckzukommen, als ob dieses ihr Schutz gewhren knnte, und noch unter der
Tre stemmte sie sich mit den Ellenbogen an den Pfosten an. Sie wurde aber immer
wieder ergriffen und endlich herausgebracht.
    Christine! rief Friedrich, dem bei dem jammerwrdigen Anblick das Herz
blutete, obgleich er Anla genug hatte, jetzt nur noch an sich selbst zu denken:
Christine, klammere dich nicht so fest an diese schnde Welt! Wende dein Herz
dem Himmel zu, der dir allein noch helfen kann!
    Sie fuhr zurck und sah ihn mit einem Blicke an, fr den es nur dann eine
Vergleichung gbe, wenn irgendwo in der Welt, wie im menschlichen Herzen, wo die
unmittelbarsten Gegenstze nebeneinander wohnen, glhendes Eis zu finden wre.
Verrter! sagte sie, finde du dich mit deinem Himmel ab, wie du dich mit der
Welt abgefunden hast. Ich hab dich geliebt und alles fr dich getan, und das ist
nun mein Lohn! Wenn ich's nur gewi wte, ob du in den Himmel oder in die Hlle
kommst! Sieh mich nicht so an mit deinen Augen - ich wr schwach genug, dir zu
folgen, aber ich kann es nicht! Meine Mutter hat sich im Gefngnis erhngt aus
Verzweiflung ber das Schicksal, das du mir bereitet hast, mir, der Mutter
deines Kindes! Mein armes, armes Kindl Aber es wird mich nicht lang berleben,
ich wei, es hat den Tod in sich, es wird dieser drren lutherischen Welt nicht
in die Hnde fallen. Schweig still! ich kann nicht mit dir gehen. Die Unsrigen
speien deinen Namen an, jede ehrliche Seele zwischen dem Rhein und der Donau
verflucht dich, dein Name wird der sprichwrtliche Name eines Verrters werden
-
    Auf einen Wink des Oberamtmannes, der indessen aus dem Rathause getreten
war, rissen sie die Henker herum.
    Sie wehrte sich. Ist denn kein Pardon da? rief sie.
    Der Oberamtmann gab keine Antwort. Nein! rief ein Henker.
    Wer hat denn nun recht? rief sie. Der eine sagt so, der andere anders.
Ihr Auge bohrte in die Menge hinein, ob dort nicht befreundete Hnde bereit
seien, sie zu retten. Ist denn kein katholischer Christ da? rief sie unter das
Volk. Wenn einer da ist, so gebe er mir doch ein Zeichen.
    Niemand gab ein Zeichen. Sie sank halb zusammen, und die braune Farbe ihres
Gesichtes wurde immer gelber. Noch einmal raffte sie sich empor, um mit der Wut
einer Tigerin, die ihre Freiheit und ihr Leben nicht freiwillig hergibt, eine
Kraftanstrengung zumachen.
    Fort! befahl der Oberamtmann, whrend man ihm sein Pferd vorfhrte, hinter
welchem die stdtischen Richter in ihren schwarzen Mnteln, vom Zwange ihrer
Amtswrde befreit, geschwind vorberschlpften, um auf dem Hauptschauplatze vor
der Stadt noch zu rechter Zeit den ihnen vorbehaltenen Standort einzunehmen.
    Die Henker griffen krftig zu und erffneten den Zug mit ihr. Sie warf noch
einen Blick auf ihren Todesgefhrten und wurde mehr geschleppt und getragen als
davongefhrt.
    Bitterer Kelch, geh vorber! sagte er, in den Boden starrend.
    Frieder! rief eine sanfte Stimme neben ihm.
    Er blickte auf und sah die blonde Christine, die den Zug beschlieen sollte.
    Die ganze Liebe seiner Jugend wallte in seinem Herzen auf. Meine
Christine! rief er: hast du mir auch gewi verziehen?
    Von ganzem Herzen und von ganzer Seel, antwortete sie, und ich hoff
gewi, da wir einmal in einer schneren Welt wieder zusammenkommen, wo uns
nichts mehr trennen wird. Sag mir auch noch einmal, da du mir verzeihst.
    Soll ich dir verzeihen, da du mich lieb gehabt hast? Was hab ich dir denn
auer Kleinigkeiten zu verzeihen? Die sind alle lngst vergeben.
    Kannst noch etwas von der Welt hren?
    Von unseren Kindern?
    Ja. Die beiden jngsten nimmt die Magdalene, die deinem Vater Haus gehalten
hat, in ihren neuen Ehstand mit. Sie heiratet den Mller, weit, den Georg. Sie
haben ja beide frher ein Aug aufeinander gehabt, aber es hat nicht sein mgen,
und keinem von beiden ist's gut gangen in der Eh. Jetzt sind sie beide frei. Den
Friederle haben sie auch nehmen wollen, aber dein Vater gibt ihn nicht her. Er
sagt, er sei so einsam in seinem Alter, und es sei so ein aufgeweckter Bub.
    Und du?
    Wenn ich's berleb, so soll ich deinem Vater Haus halten, und wenn's der
alt Mann nimmer so lang macht, so will mich die Magdalene auch zu sich nehmen.
    Nun sterb ich gern! rief er, nun wei ich doch dich und die Kinder
versorgt. Sag meinem Vater oder tu ihm's zu wissen, ich la ihn viel tausendmal
gren und um Gottes willen bitten, er solle dem Buben doch streng sein. Auch
den Georg und die Magdalene la ich gren, aber sie sollen darber wachen, da
der Grovater nicht zu viel in den Buben hineinsieht. Siehst du die vielen
Ebersbacher, Christine? unterbrach er sich. Sie sind heut herbeigestrmt, wie
damals zu unserer Proklamation.
    Und auch ich, auch ich soll zusehen! rief sie. Sie schlug die
freigelassenen Hnde vor das Gesicht und begann krampfhaft zu schluchzen.
    Brich mir das Herz nicht vor der Zeit! gebot er ihr. Sei stark,
Christine, und denke daran, da die Trbsal zeitlich und die Freude ewig ist.
    Sie nahm die Hnde von dem Gesicht und machte eine Bewegung, ihm um den Hals
zu fallen. Die Stadtknechte traten dazwischen.
    Friedrich suchte das Auge des Oberamtmanns, der sich an dem Zeuge seines
Pferdes zu schaffen machte, um die flchtige Zeitspanne dieser letzten
Unterredung zu verlngern. Der Oberamtmann verstand den Blick: Gebt einander
die Hnde, sagte er und wendete die Augen, in welchen verrterische Trnen
blinkten, nach einer andern Seite.
    Und nun vorwrts in Gottes Namen! rief Friedrich, als es geschehen war.
    Auch er sollte den Weg nicht gehend zurcklegen, denn fr ihn als einen
Hauptverbrecher stand die Schleife bereit. Er legte sich, und der Henker band
ihn an. Nun, der ist barmherzig, sagte er. Er htte mich hrter binden knnen
- er erspart mir doch einige Schmerzen. Selig sind die Barmherzigen.
    Der Zug setzte sich in Bewegung ber den Marktplatz. Das Opfer des
Verbrechens und des Gesetzes blickte mit seinen hellen Augen in die Menge,
welche der Zug durchschnitt, und lchelte da und dort einem bekannten Gesichte
zu. Dann erhob er die Augen und blickte still in den blauen Himmel hinein, bis
die zusammentretenden Huser und die mit Menschen besetzten Fenster der schmalen
Strae, in welche der Zug einlenkte, ihn daran verhinderten. Ein menschliches
Geschrei, oder vielmehr ein Geheul, schlug an sein Ohr. Er wute, was es
bedeutete, und sein Auge ward dster. Als er die Stelle erreichte, von wo der
Ton zu vernehmen gewesen war, blickte er an einem Hause empor, wo die Leute mit
einem in das Tragkissen gehllten Kinde am Fenster standen. Es war sein Kind,
das hier untergebracht war, und der Schrei von vorhin war der letzte Schrei des
Mutterherzens gewesen, das der verkmmernden kleinen Menschenpflanze jetzt
entrissen werden sollte. Er blickte mit inniger Rhrung zu dem Kinde empor, rief
ihm tausend Liebkosungen zu und segnete es.
    Die Fahrt ging langsam weiter durch die endlos lange Strae, die er in
vergeblichem Jagen durchritten hatte, und immer durch Massen von Menschen
hindurch, die sich zu beiden Seiten drngten oder aus den Fenstern sahen.
Endlich, wie nach Verflu einer Ewigkeit, war das Tor erreicht, wo er
gefangengenommen worden war. Er lchelte, da er es sah, und pries es gegen seine
Begleiter als den glcklichsten Ort, den er in seinem Leben betreten, da hier
seine Rettung aus Nacht und Grausen begonnen habe.
    Der Zug ging durch das Tor, und jetzt sah man die auerhalb im Freien
wogenden Menschen, eine zahllose Menge, wie wenn das ganze Herzogtum versammelt
wre, um eine Landesangelegenheit von hchstem Gewichte zu beraten und beraten
zu sehen.
    Vor dem Tore stand ein alter Mann, auf seinen Krcken lehnend. Die Trnen
flossen ihm in den Stoppelbart, und er sah dem Verurteilten, der eben gegen ihn
herankam, in das Gesicht. Auch dieser erblickte ihn jetzt und winkte freundlich
mit den Augen. Er hatte seinen Invaliden erkannt, von dem er sich wohl sagen
konnte, da er nicht aus bloer Neugierde den weiten und fr seinen
gebrechlichen Krper auch im Fahren beschwerlichen Weg hieher gekommen sei.
    Oh, wo 'naus, Frieder, wo 'naus? rief der Alte traurig.
    Dem Himmel zu! antwortete er mit der hellen Kommandostimme, die bei so
manchem Einbruch erschollen war.
